Christian Thomasens / JCti, Chur-Brandenburgischen Raths un d Professoris zu Halle/ Von D er A rtzeney Wider die unvernuͤnfftige Liebe und der zuvorher noͤthigen Erkaͤntnuͤß Sein Selbst . Oder : Ausuͤbung Der S itten L ehre Nebst einem Beschluß / Worinnen der Autor den vielfaͤltigen Nu - tzen seiner Sitten-Lehre zeiget/ und von seinen Begriff der Christlichen Sitten-Lehre ein aufrichtiges Bekaͤntnuͤß thut. HALLE / Druckts und verlegts Christoph Salfeld Churfl. Brandenb. Hof- und Reg. Buchdr. 1696 . Allen Warheit-Liebenden/ Alten und Jungen/ Hier und anderswo/ Dem kleinen unsichtbaren und ver- achteten Hauffen/ Die nach der wahren Weis- heit streben/ Welche einig/ und nicht in viel Kuͤnste zertheilet ist/ Welche von oben herab kommt/ Welche keusch/ friedsam/ gelinde und voller Barmher- tzigkeit ist; Denen/ Die sich der Tꝛinckstuben/ Kam- mern und Unzucht enthalten/ )( 2 Die Die allen Zanck und Hader mei- den/ und sich in Gedult uͤben/ Die der Verschwendung so wohl als der Undanckbarkeit feind sind/ Die mit Salomo dieselbe Weisheit zufoͤrderst taͤglich von GOtt erbitten/ Und ihr Vertrauen nicht auf Menschen setzen/ noch sich fuͤr ihnen fuͤrchten; Denen Nuͤchternen und Maͤßigen/ Denen Demuͤthigen und Sanfftmuͤthigen/ Denen Barmhertzigen und Gutthaͤtigen/ Die diese Weisheit eintzig und allei- ne in denen Heil. Schrifften Von Von GOttes Geist getriebener Maͤnner/ Nicht aber aus denen gottlosen Buͤchern der Heyden suchen/ Die auch in dem heutigen Heydni- schen Christenthum/ Ehrgeitzige/ Geldgeitzige und wohlluͤstige Lehrer fliehen/ Und sich zu denen Fuͤssen gottseliger wahrer Christen/ in allen vier Facultæt en/ setzen/ Deren guten Exempeln folgen/ Und ihre Lehre nicht zu einer auf- blasenden Wissenschafft/ Sondern zu ihrer eigenen Bes- serung nutzen/ )( 3 Wuͤn- Wuͤnschet der Autor Den Geist der Liebe GOttes und des Hasses ihrer selbst/ Den Geist der Furcht des HErrn/ und der draus entspringenden Hoffnung der wahren Gluͤckseligkeit/ Den Geist der Goͤttlichen Trau- rigkeit/ die da wuͤrckt Friede und Freude im Heili- gen Geist/ Und schreibet ihnen in hertzlicher Lie- be dieses Buͤchlein zu. Den grossen und geehrten Hauf- fen aber/ Der Pharisaͤer/ Schꝛifftgelehꝛ- ten/ Herodianer/ und ihrer Juͤnger/ War- Warnet er/ daß sie es unge- lesen lassen/ Weil sie nur zur Verbitterung/ confiscir en/ Wuͤten und To- ben moͤchten veranlasset werden. GOtt segne jene/ und erbarme sich dieser/ Jedoch geschehe allenthalben GOt- tes heiliger Wille/ Wie im Himmel/ also auch auf Erden. Jm Nahmen GOttes! Ausuͤbung Der S itten- L ehre. Erstes Hauptstuͤck. Von denen Ursachen des all- gemeinen und durchgehen- den Ungluͤcks. Jnnhalt. Connexion und Summari scher Jnnhalt des ersten Theils n. 1. Alle Menschen trachten nach einen gluͤcklichen Le- ben/ n. 2. Die allermeisten aber sind sehr ungluͤcklich n. 3. weil Sie unruhig/ n. 4. und ohne vernuͤnfftige Liebe sind/ n. 5. Es ist keine Leutseeligkeit/ n. 6. keine Warhafftigkeit/ n. 7. noch Bescheidenheit/ n. 8. noch V ertraͤgligkeit/ n. 9. noch Gedult unter den Men- schen anzutreffen. n. 10. Man findet keine wahre Freundschafft/ keine sorgfaͤltige Gefaͤlligkeit/ n. 11. kei- ne vertrauliche Gutthaͤtigkeit/ n. 12. keine Gemein- schafft des Vermoͤgens/ und alles vernuͤnfftigen Thun und Lassens. n. 13. Ja nicht einmahl eine recht- schaffene Liebe gegen uns selbst/ n. 14. vielwenigre A aber Das 1. Hauptst. von denen Ursachen aber eine vernuͤnfftige Liebe in den Menschlichen Ge- sellschafften/ n. 15. weder in der Ehelichen n. 16. 17. 18. noch in der Vaͤterlichen/ n. 19. noch in der Ge- sellschafft des Herrn und Gesindes/ n. 20. noch in Buͤrgerlicher Gesellschafft/ n. 21. Also ist Ungluͤck und Elend uͤberall. n. 22. Weder GOtt noch die andern Creaturen/ n. 23. sondern der Mensch ist schuld da- ran/ n. 24. D er Ursprung alles Ungluͤcks ist nicht so wohl in dem Verstande des Menschen/ n. 25. als in seinem Willen zu suchen/ n. 26. und in denen verborge- nen Neigungen d esselben/ n. 27. massen denn auch alle V orurtheile des V erstandes aus dem Willen ih- ren Ursprung nehmen. n. 28. Weswegen auch das thun des Willens und nicht des Verstandes straffbar ist/ n. 29. auch nach der gemeinen Meynung (die doch verbessert wird/) der Verstand uͤber den Willen herr- schen soll. n. 30. D as Ungluͤck und der Ursprung des- selbigen bestehet nicht in schlechten Mangel der Ge- muͤths-Ruhe und der vernuͤnfftigen Liebe n. 31. son- dern in einer Liebe n. 32. aber in einer unvernuͤnffti- gen Liebe und Gemuͤths-Unruhe. n. 33. Beschrei- bung der Gemuͤths-Unruhe n. 34. Sie ist ein unruhi- ges Mißvergnuͤgen n. 35. in welchen sich der Mensch mit andern unruhigen Dingen zuvereinigen trachtet n. 36. auch diese V ereinigung nicht allemahl auff an- dere Menschen Jhr Absehen richtet. n. 37. Beschrei- bung der unvernuͤnfftigen Liebe/ n. 38. Die unver- nuͤnfftige Liebe ist veraͤnderlich/ n. 39. Sie verlan- get das/ was der Menschliche Verstand nicht fuͤr gut erkennet hat. n. 40. Zwey Haupt-Vorurtheile des Willens. n. 41. Erstlich das Vorurtheil der Unge- dult n. 42. durch welches das gute fuͤr das boͤse/ und das boͤse als was gutes begehret wird. n. 43. Fuͤr der natuͤrlichen Veraͤnderung hat der Mensch einen E ckel. n. 44. Veraͤnderung bringet Lust was die Siñ- lig- des allgemeinen Ungluͤcks. ligkeiten betrifft/ n. 45. und wird auch in denen an- dern Guͤtern nur alleine fuͤr was gutes gehalten. n. 46. Hernach das Vorurtheil der N achahmung. n. 47. Was fuͤr ein Betrug in diesem V orurtheil ste- cke? n. 48. Daß dieses V orurtheil allgemein sey. n. 49. 50. GOtt ist nicht Ursache an diesen Vorurtheilen/ ob Er gleich eine Nachahmung den Menschen einge- pflantzet/ n. 51. vielweniger die andern Creaturen/ n. 52. auch nicht hauptsaͤchlich andere Menschen n. 53. 54. sondern der Saame ist in einem jedweden selbst/ ja die Bestien werden von uns/ und wir nicht von Jhnen verfuͤhret n. 55. Das Vorurtheil der Nachahmung ist aͤlter als das Vorurtheil der Unge- dult/ n. 56. und deswegen auch schwerer loß zu werden/ n. 57. jedoch sind sie mehrentheils mit einan- der vermenget. n. 58. Gemeine Ursachen/ warumb Sie so schwerlich koͤnnen getilget werden/ n. 59. 1. W Jr haben in dem ersten Theil gesehen/ daß die groͤßte zeit- liche Gluͤckseeligkeit des Menschen in der Gemuͤths-Ruhe oder Be- lustigung des Gemuͤthes bestehe/ diese aber aus der vernuͤnfftigen Liebe Jhren Ursprung nehme/ und selbige hinwiederumb wuͤrcke. Wir haben die vernuͤnfftige Liebe in eine allgemeine und absonderliche eingethei- let/ und der allgemeinen Fuͤnff Tugenden/ die Leutseeligkeit/ Warhafftigkeit/ Beschei- denheit/ V ertraͤgligkeit/ und Gedult zuge- eignet. Wir haben gesagt/ daß die absonder- liche vernuͤnfftige Liebe eine wahre æstim und A 2 Hoch- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen Hochachtung zum Grunde præsupponi re/ daß aus dieser eine sorgfaͤltige Gefaͤlligkeit/ aus der Gefaͤlligkeit eine vertrauliche Gut- thaͤtigkeit/ und endlich wenn die Liebe vollkom- men sey/ eine voͤllige Gemeinschafft alles Ver- moͤgens/ und alles vernuͤnfftigen Thun und La- sens erwachse. Wir haben ferner gewiesen/ daß der Mensch umb der vernuͤnfftigen Liebe willen durch Maͤßigkeit/ Reinligkeit/ Ar- beitsamkeit und Tapfferkeit sein Leben zu er- halten bemuͤhet seyn/ und endlich in allen Vier allgemeinen Gesellschafften des Menschli- chen Geschlechts die vernuͤnfftige Liebe zum Grunde setzen solle. 2. Wenn man nun erweget/ daß kein Men- sche in der Welt ist/ dem GOtt nicht seine Ver- nunfft verliehen habe/ und der nicht alleine sich wuͤndschet/ sondern auch in allen seinen Thun und Lassen sein vornehmstes Absehen dahin rich- tet/ wie Er sich gluͤckseelig machen moͤge; so sol- te man gar bald meynen/ es koͤnne nicht fehlen/ es muͤsten auch/ wo nicht alle/ doch der groͤßte Theil der Menschen in einem gluͤckseeligen Zustande leben . 3. Gleichwohl aber wenn wir mit unparteyi- schen Augen uns selbst/ andere Menschen umb und neben uns/ ja das gantze Menschliche Ge- schlecht/ so weit dasselbe uns bekant ist/ betrach- ten/ so finden wir leider in der That/ daß wir/ andere/ ja fast alle Menschen die ungluͤcksee- lig- des allgemeinen Ungluͤcks. ligsten Leute von der Welt seyn/ und desto un - gluͤcklicher/ je weniger wir und andere gestehen wollen/ oder erkennen/ daß wir ungluͤcklich sind/ sondern unsern ungluͤcklichen Zustand gegen Uns und andere fuͤr das gluͤckseeligste/ oder doch zum wenigsten fuͤr ein nicht ungluͤckliches Leben aus- geben; Da wir doch gantz leichtlich zu uͤberfuͤh- ren seyn/ daß wir von der wahren Gluͤckseelig- keit in der That wenig oder gar nichts besitzen. 4. Denn wo sind diejenigen/ die sich einer wahren Ruhe oder Vergnuͤgung des Gemuͤths glaubwuͤrdig ruͤhmen koͤnnen/ und derer Jhre innerliche Unruhe nicht aus allen ihren aͤusserli- chen Thun und Lassen/ von waserley Art auch dasselbige seyn moͤge/ hervor leuchte/ indem auch ihr Eßen und Trincken/ ja Jhr Schlaff/ die doch die Ruhe zu Jhren Gebrauch an meisten erfor- derten/ mit lauter Unruhe angefuͤllet ist. 5. Wo wolte aber auch die Gemuͤths-Ruhe unter denen Menschen herkommen/ nachdem wir oben gewiesen/ daß Sie eine Wuͤrckung und Gebaͤhrerin der vernuͤnfftigen Liebe sey/ die taͤgli- che Erfahrung aber bezeuget/ daß die vernuͤnff- tige Liebe wo nicht gar aus der Welt verban- net/ doch bey denen allerwenigsten Menschen an- zutreffen sey; Ja daß die Tugenden/ aus wel- chen die vernuͤnfftige Liebe zusammen gesetzet ist/ an allen Orten und Staͤnden durch die Jhnen entgegen gesetzte Laster vertrieben worden. 6. Wo findet man Leute/ die durch eine A 3 hertz- Das Hauptst. von denen Ursachen hertzliche Dienstfertigkeit andern Menschen ihre Leutseeligkeit erkennen zugeben sich angele- gen seyn lassen. Alle Welt ist interessi ret/ und wo man nicht groͤssere Dienste zu wuchern trach- tet/ oder ein eiteles Lob zu erwerben sich getrau- et/ solten sich wohl die meisten Menschen zu gut achten/ umb anderer willen sich von der Stelle zubewegen/ oder etwas von Jhren Uberfluß ihnen mit zutheilen; So gar hat die Unbarm- hertzigkeit uͤber Hand genommen. 7. Wie lange hat man ferner geklagt/ daß keine Treue und Glaube in der Welt sey? Und wie lehret die taͤgliche Erfahrung jederman/ daß/ wegen der Seltenheit derer Leute/ die Sclaven von Jhren Worten seyn/ man einem andern fuͤr eine sonderliche Gutthat anrechnet/ wenn man Jhm freywillig das einmahl gegebene Wort haͤlt/ und seine Schuld abtraͤget; Hingegen- theil ist Betrug/ Luͤgen und Vervortheilung an allen Orten zufinden. 8. So ist auch ein bescheidener Mensch/ der andere Leute gleiches Recht neben sich geniessen laͤst/ und sich nicht mehr hinaus nimmet/ als Jhm von Rechtswegen gebuͤhret/ ein rares Wildpret/ indem der meiste Theil der Menschen dahin tich- tet/ wie er entweder plumper oder bauerstoltzer weise sich fuͤr andern erheben und groß machen/ oder aber heimlicher und tuͤckischer Weise ande- re unterdruͤcken und geringer machen moͤge. 9. Und des allgemeinen Ungluͤcks. 9. Und solten wohl die Zaͤncker und gewalt- thaͤtigen Menschen die vertraͤglichen und friedfertigen an der Zahl nicht uͤbertreffen? Da auch an denen Orten/ wo kein Krieg ist/ so viel- faͤltiges Klagen uͤber Gewalt und Unrecht ge- fuͤhret wird? 10. Mit der Gedult endlich ist es leider da- hin kommen/ daß dieselige fuͤr ein Laster/ und ge- dultige Leute fuͤr ein Scheusaal anderer Men- schen/ ja diejenigen/ die diese Tugend ein wenig mehr als der verderbte Zustand des Menschli- chen Geschlechts ertragen will/ einschaͤrffen/ ent- weder fuͤr Narren/ oder wohl gar fuͤr Meytma- cher und boßhafftige Ubelthaͤter gehalten wer- den; Geschweige denn/ daß diese zu der Ge- muͤths-Ruhe hoͤchstnoͤthige Tugend/ davon wir etliche wenige Exempel der alten Heyden mit erstaunen lesen/ unter uns uͤblich seyn solte. 11. Weil dannenhero so wenig allgemeine Liebe gefunden wird/ diese aber die Thuͤre zu der absonderlichen Liebe und Freundschafft ist; so ist leichte zu erachten/ daß auch wenig wahre F reundschafft unter denen Menschen in Schwange gehe. Der Grund vernuͤnfftiger Liebe und Freundschafft/ die Hochachtung tu- gendhaffter Leute ist ein fast unbekantes Wesen/ indem die Tugend verachtet und ausgelachet/ und im Gegentheil die offenbaresten Laster/ oder zum wenigsten die Schein-Tugenden æstimi ret und vorgezogen werden; Weswegen auch bey A 4 de- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen denen gemeinen Freundschafften/ die auff Eigen- nutz oder ungeziemende Belustigung ihr abse- hen richten/ an statt der Sorgfaͤltigen Gefaͤl- ligkeit entweder eine viehische plumpe Grob- heit/ oder eine mißtrauische und von falschheit angefuͤllete Hoͤffligkeit den Anfang zu denen- selben machen. 12. Und wie es gemeiniglich bey dieser Hoͤff- ligkeit zu bleiben pfleget/ welches wir im ersten Theil fuͤr ein Kennzeichen einer noch sehr unvoll- kommenen Liebe angegeben/ indeme so lange dieselbe noch im Schwange gehet/ die Ver- trauligkeit nicht empor kommen kan; Also wird man auch unter tausend Gutthaten kaum eine einige finden/ die den Nahmen einer warhaff- tigen Gutthat verdiene/ und nicht vielmehr auff den Eigennutz und eigenes Vergnuͤgen hauptsaͤchlich abziele/ oder als ein Koͤder ge- braucht werde/ andere Gemuͤther unsern Willen unterwuͤrffig zu machen. 13. Gesetzt aber/ man trifft ja noch dann und wann Exempel wahrer Gutthaten an/ so weiset doch der allgemeine Mangel voͤlliger Gemeinschafft aller Guͤter und alles vernuͤnff- tigen Thun und Lassens/ daß wir kein Exempel einer vollkommenen Freundschafft/ an der es doch vor Alters so nicht gemangelt/ auffweisen koͤnnen; Ja wir sind disfalls noch elender dran als die Heyden/ die doch zum wenigsten diese Gemeinschafft als eine Frucht der vollkommen- sten des allgemeinen Ungluͤcks. sten Freundschafft hoch hielten/ da hingegen un- ter uns viele/ die die Weißheit und Tugend jun- gen Leuten bey zubringen trachten/ eine derglei- che Gemeinschafft anfeinden/ und jedermann bereden wollen/ als wenn ohne das Eigenthumb keine Gluͤckseeligkeit/ ja keine Tugend bestehen koͤnte/ auch diejenigen/ die fuͤr die Gemeinschafft sprechen/ als Meytmacher und die alle Laster- und Buben-Stuͤcke in das gemeine Wesen ein- zufuͤhren bemuͤhet waͤren/ angesehen werden muͤ- sten/ worauf aber aus dem ersten Theil gar leicht- lich geantwortet werden mag. 14. Derowegen darff man sich nicht wun- dern/ daß/ weil es mit der Liebe anderer Men- schen so schlimm beschaffen/ auch die Liebe ge- gen uns selbst ins gemein wenig oder nichts tauge. Umb die Ausbesserung und das Wohl- seyn der Seelen bekuͤmmert sich ja fast kein Mensche/ sondern jedermann sorget nur fuͤr den Leib/ und zwar auff die thoͤrichste Weise. Deñ da ein jedweder sein Leben zuverlaͤngern sich wuͤndschet/ thun wir doch fast durchgehends an- ders nichts/ als daß wir mit Eßen/ Trincken/ und allerhand Bewegung des Leibes gleichsamb in unsere Natur einstuͤrmen/ als wenn wir Sie mit Gewalt zu ruini ren Vorhabens waͤren. An statt guter Diæt und eines keuschen Lebens le- ben wir in sauße und fraß/ und schaͤndlichen Wolluͤsten; an statt der Reinligkeit und Sau- berkeit in Kleidung und Wohnung/ befleißen A 5 wir Das 1. Hauptst. von denen Ursachen wir uns entweder eines zaͤrtlichen Uberflußes/ oder einer sauischen und ungesunden Unflaͤterey; an statt der angenehmen und gesunden Arbeit/ haͤngen wir dem faulen und uns verderbenden Muͤßiggang nach/ und an statt einer Tapfferkeit sind wir entweder tollkuͤhne oder furchtsam. 15. Und weil mit solchen verderbten Leuten die Menschlichen Gesellschafften besetzet sind/ so muͤssen dieselben auch nothwendig verderbet seyn. Da keine Gesellschafft ohne Liebe seyn solte/ aber wohl ohne Befehl und Zwang seyn koͤnte/ oder da zum wenigsten der Zwang solte der Liebe an die Hand gehen/ kehret es sich in unsern Gesellschafften umb/ indem die liebreiche Gleich- heit in allen Gesellschafften unter gedruͤcket wird/ und eines uͤber das andere mit Ge- walt zu herrschen trachtet/ auch vergnuͤgt ist/ wenn es von andern gleich gehaßt wird/ wenn es sich nur fuͤr Jhm fuͤrchtet. 16. Die natuͤrlichste unter allen/ die Eheliche Gesellschafft/ hat mit nichten/ wie sie wohl ha- ben solte/ zu Jhren Entzweck die Vereinigung der Gemuͤther/ sondern entweder die Belusti- gung der Sinnen/ oder Befoͤrderung/ oder Geld. Derowegen gehet auch bey denen aller- wenigsten Heyrathen eine Sorgfaͤltige Gefaͤl- ligkeit vorher/ als von der man nur in denen Romanen zulesen pfleget; sondern man heyra- thet abwesend/ oder mit anderer Leute Augen/ oder des allgemeinen Ungluͤcks. oder kaum nach einer oder zweyen/ und zwar ent- weder kaltsinnigen/ oder verschmitzten und affe- ctir ten Conversation en/ oder man beredet sich und andere/ daß wenn die Gemuͤther gleich ein- ander offenbahr zuwieder seyn/ die Liebe sich doch wohl vermittelst des Beyschlaffes finden werde/ und betrachtet nicht/ daß eine solche Lie- be nicht anders als bestiali sch seyn koͤnne. 17. Noch viel weniger aber pflegen die Ge- muͤther des Brautigams und der Braut einan- der durch die vertrauliche Gutthaͤtigkeit vor der voͤlligen Verbindung Jhrer auffrichtigen und vernuͤnfftigen Liebe zuversichern; und die Beschenckungen/ die zwischen Jhnen vorge- hen/ sind allzu vortheilhafft/ als daß sie vor Gut- thaten koͤnten ausgegeben werden/ wie denn auch bey denen Ehestifftungen so viel mißtrauische Cautelen in acht genommen werden muͤssen/ daß dieselbigen viel eher betruͤgerischen Beredungen/ alß gutthaͤtigen Liebes-Bezeugungen aͤhnlich sind. 18. Ja ob schon die eheliche Gesellschafft von jedermann fuͤr die genaueste und unauffloͤßlichste Freundschafft ausgegeben wird/ so findet sich doch die Wuͤrckung wahrer und vollkommener Freundschafft die Gemeinschafft der Guͤter nicht unter Jhnen. Und wenn gleich dieselbige dem Nahmen nach bey etlichen Voͤlckern einge- fuͤhret ist/ so gebieret dieselbige doch nichts als Zanck/ weil die Leute wieder ihren Willen darzu A 6 ge- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen gezwungen werden; Ja sie hat mehrentheils keine Wuͤrckung/ zum wenigsten auff der einen Seite/ indem nicht alle beyde Ehegatten solcher gemeinen Guͤter nach ihren Gefallen gebrauchen/ sondern gemeiniglich der eine den andern dahin bringet/ daß Er ohne seine Einwilligung nicht das geringste gebrauchen darff/ welches denn dem Wesen der wahren Gemeinschafft der Guͤ- ter schnur stracks zu wieder und viel aͤrger ist/ als wenn ein jedes seine Guͤter eigenthuͤmblich be- saͤße. Zugeschweigen/ daß die continuir liche Eyffersucht und Mißtrauen der Ehe-Leute ge- gen einander/ oder die viel zu kaltsinnige gefaͤlli- ge Sorgfaͤltigkeit/ die in dem Ehestande von vie- len gepriesen wird/ genugsamb zuverstehen ge- ben/ daß auch keine rechtschaffene G emein- schafft des vernuͤnfftigen T hun und Laßens unter Ehe-Leuten anzutreffen sey. 19. Jn der Vaͤterlichen Gesellschafft ver- derben entweder die Eltern ihre Kinder mit ei- ner unvernuͤnfftigen Affen-Liebe/ und da sie die- ser Thun und Laßen vernuͤnfftig moderi ren solten/ sind sie Sclaven auch ihrer unverstaͤndigsten Kin- der; oder aber sie empfinden auch nicht einmahl eine vernuͤnfftige Liebe gegen ihre Kinder/ son- dern tracti ren Sie viel haͤrter als die Leibeige- nen. Beyderley Weise verursachet/ daß auch die Kinder/ sonderlich wenn Sie erwachsen sind/ wiederumb Jhre Eltern entweder nichts achten/ oder des allgemeinen Ungluͤcks. oder wohl gar hassen/ und sich uͤber Jhren Tod erfreuen. 20. Jn der Gesellschafft der Herrschafft und des Gesindes ist die allgemeine Klage/ daß das Gesinde untreu/ unbescheiden/ zaͤnckisch und undiensthafft sey; aber ich halte auch dafuͤr/ daß auff Seiten der Herrschafft auch vielfaͤltig wie- der die Regeln der Leutseeligkeit/ Bescheiden- heit/ Warhafftigkeit und Vertraͤgligkeit (die doch nur Tugenden allgemeiner Liebe sind/) ab- sonderlich aber wieder die Gedult/ darinnen Sie dem Gesinde mit guten Exempeln vorgehen sol- ten/ angestoßen wird/ und solcher Gestalt nicht zu verwundern ist/ daß die Frage/ daruͤber Seneca so ernstlich streitet: An Servus Domino possit da- re beneficium? heut zu Tage unter diejenigen zurechnen sey/ die im gemeinen Leben nicht fuͤr- kommen. 21. Was wollen wir aber endlich von der Buͤrgerlichen Gesell s chafft sagen? Suchen denn die Obern zufoͤrderst ihrer Unterthanen Wohlstand und Auffnehmen? und bemuͤhen sich diese wohl anders Theils ihren Fuͤrsten die Re- gierungs-Last durch freywillige submission und Huͤlffe/ ohne Mißtrauen/ Neid und Zwang leich- ter zu machen? Lebet der Adel/ die Buͤrger und Bauern mit einander in guten Vernehmen/ o- der suchet nicht immer eines dem andern allen moͤglichsten Tort und Verdruß anzuthun? Es mag ein jeder/ der in die Welt ein wenig geschau- et/ Das 1. Hauptst. von denen Ursachen et/ diese Fragen nach eigner Erfahrung in seinem Hertzen selbst beantworten; Jch getraue mir es nicht genugsamb außzudruͤcken/ so schlimm habe ich es befunden. 22. So ist demnach an statt Menschlicher Gluͤckseeligkeit uͤberall Ungluͤck . Elend bey Regenten/ Elend bey Lehrern/ Elend bey den Hauß-Vaͤtern/ Elend bey Hoffe/ Elend in der Kirche/ Elend im Hause und auff dem Lande; ja uͤberall und an allen Orten Elend. 23. Was ist aber nun wohl die Ursache die- ses allgemeinen Ungluͤcks? GOtt ist es nicht/ der Geber und die Brunqvell alles guten. So sind es auch die andern Creaturen nicht/ die an sich selbst mehr gut als boͤse seyn/ und die durch den schlimmen Gebrauch/ den die Menschen da- von machen/ boͤse werden. Sondern es sind die Menschen unter einander selbst die nicht nur andern/ sondern leider auch sich selbst/ den groͤß- ten Verdruß anthun. Eben die Menschen/ die sich so eyffrig bemuͤhen/ vergnuͤgt und gluͤckseelig zu leben. 24. Dieses ist ja nun wohl recht erstaunens wuͤrdig/ daß die armen Menschen wider ihre ei- gene Intention disfalls arbeiten/ und ihres eige- nen Ungluͤcks Meister seyn; und kan es dan- nenhero nicht anders seyn/ es muß auch in dem Menschen selbst eine wunderliche und thoͤrichte Ursache dieser rasenden Thorheit stecken. 25. Zwar des allgemeinen Ungluͤcks. 25. Zwar werden wir nicht gaͤntzlich irren/ wenn wir den Ursprung dieses Ubels auff gewis- se Maße in dem verderbten Verstande des Menschen und in denen Vorurtheilen der Uebereylung und Menschlicher Autori taͤt (von denen wir zu Ende des Ersten Theils der Ver- nunfft-Lehre ausfuͤhrlich gehandelt) suchen wol- len. Denn gleichwie aus diesen beyden Brun- qvellen der Thorheit alle Jrrthuͤmer entstehen; also verfehlen wir auch durch dieselben der War- heit in der Erkaͤntnuͤs des guten und boͤsen. Und ob wohl das gute und boͤse mehr zu dem Willen als zu dem Verstande des Menschen gehoͤret; so ist doch der Verstand und der Wille allezeit mit einander verknuͤpfft/ und der Wille verlanget wohl nach gemeiner Lehre das gute/ aber der Verstand beurtheilet dasselbige/ und der Wille begehret dasjenige niemahls/ wovon der Ver- stand gar nicht weiß. Woraus abermahl zu- fließen scheinet/ daß der urspruͤngliche Anfang alles Elendes daher komme/ daß der Verstand des Menschen durch die Vorurtheile verleitet/ in Erkaͤntnuͤs des guten und boͤsen irre/ und indem Er das boͤse fuͤr gut/ und das gute fuͤr boͤse aus- giebet/ den unschuldigen Willen verleite/ jenen nachzutrachten/ und dieses von sich zustoßen. 26. Jedoch wenn wir die Natur des Men- schen ein wenig genauer betrachten/ und den Un- terscheid/ den wir zwischen dem wahren und fal- schen an einem/ und dem guten und boͤsen am an- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen andern Theil/ (den wir im ersten Capitel des er- sten Theils der Sitten-Lehre gemacht haben/) mit bessern Nachdencken erwegen/ so werden wir bald gewahr werden/ daß zwar in denen Specula- tivi schen Warheiten/ oder in Erkaͤntnuͤs des We- sens der Dinge/ ohne Absicht/ was dieselbigen uns fuͤr Vortheil oder Schaden bringen/ der Ursprung aller Jrrthuͤmer denen Vorurthei- len des Verstandes zugeschrieben werden moͤge/ aber in der Erkaͤntnuͤs des guten und boͤsen der Ursprung alles uͤbels dem Willen selbst oder einer gewissen Beschaffenheit dessel- bigen muͤsse zugeeignet werden/ und daß zum we- nigsten hierinnen mehr der Verstand durch den Willen/ als der Wille durch den Verstand verleitet und verderbet werde. 27. Jch will zu Erlaͤuterung dieses parodoxi nur etliche wenige Exempel geben. Jst es nicht wahr? Wenn ein Mensch in grosser Hitze zum Exempel in einer Badstube schmachtet/ wird er ein Verlangen nach frischer Lufft/ oder nach einen frischen Trunck/ und bey geniessung der- selben je mehr Vergnuͤgen finden/ je frischer die Lufft oder der Trunck ist/ ob schon Jhm die Ver- nunfft sagt/ daß diese allzuempfindliche Ab- wechselung/ nach Anleitung des ersten Haupt- Stuͤcks des ersten Theils nicht anders als schaͤd- lich seyn kan. Und wie wir/ wenn wir einen Menschen hojanen sehen/ einen starcken Zug bey uns finden dergleichen zuthun/ daß wir alle Kraͤff- te des allgemeinen Ungluͤcks. te anwenden muͤssen/ uns davon abzuhalten; Al- so wird ein jeder Mensch einen gleichmaͤßigen starcken Zug bey sich befinden/ dasjenige (z. e. eine Speise) als was gutes zu begehren/ was er siehet/ daß andere Menschen/ in derer Gesell- schafft er ist/ darnach als was gutes trachten/ ob er schon keine andere Erkaͤntnuͤs von der Guͤte desselben hat/ oder wohl gar zuvor her dieselbige Sache alß nicht gut eingebildet hatte. 28. Wollen wir nun ferner die gantze Lehre von denen Vorurtheilen des Verstandes hier wiederhohlende mit einiger Auffmerckung bese- hen/ werden wir noch weiter gehen/ und gewahr werden/ daß auch die Vorurtheile des Ver- standes in der Erkaͤntnuͤs des Wesens der Din- ge oder des wahren und falschen uͤberhaupt/ von der Verderbnuͤs des Willens herstammen . Wir haben gelehret/ daß das Vorurtheil men- schlicher Autori taͤt aus einer unvernuͤnfftigen Lie- be anderer Menschen/ und das Vorurtheil der uͤbereilung aus einer unvernuͤnfftigen Selbst-Lie- be/ oder deutlicher zureden/ aus einer ungedulti- gen Begierde herruͤhre/ und daß hierdurch die Leichtglaubigkeit des Verstandes gar leichtlich gefangen werde. Nun sind aber Liebe/ Be- gierde/ Ungedult/ u. s. w. nicht Beschaffenheiten des Verstandes/ sondern des Willens. 29. So sind alle Gelehrten (wenn Sie nicht durch eigenes interesse diese Warheit zubestrei- ten veranlasset werden) darinnen einig/ daß B zwar Das 1. Haupst. von denen Ursachen zwar die Thaten des Mnschlichen Willens der Bestraffung unterworffen/ aber die Er- kaͤntnuͤße des Verstandes/ wenn Sie gleich irrig seyn/ keine Bestraffung zu befahren ha- ben. Welches beydes hoͤchst unbillig seyn wuͤr- de/ wenn der Verstand den Willen/ und nicht der Wille den Verstand verfuͤhrete. 30. Und sagt nicht jedermann/ es solte der Menschliche Wille sich von dem Verstande regieren und leiten lassen ; Welches abge- schmackt seyn wuͤrde/ wenn der Ursprung des boͤsen im Verstande/ und nicht im Willen saͤße. Denn es waͤre unbillig/ daß das boͤseste dasjeni- ge regieren solte/ das nicht so schlimm waͤre/ und wenn der Verstand den Willen verderbete/ muͤste der Wille vielmehr uͤber den Verstand herrschen: Welche Meynung zwar viele von de- nen Weltweisen ihren Lehrlingen beybringen/ wenn Sie den Willen als einen Koͤnig/ und den Verstand als einen Rathgeber darstellen; Aber dadurch eben zuverstehen geben/ daß ihre Lehren nicht zusammen haͤngen/ sondern vielen Dun- ckelheiten und Zweiffeln unterworffen sind. Deñ der Verstand muͤste auff diese Weise vielmehr mit dem Koͤnige/ und der Wille mit dem Rath- geber verglichen und gesaget werden/ daß/ wie der Koͤnig durch diesen Rathgeber/ wenn er boͤse ist/ verfuͤhret wuͤrde; Also wuͤrde er auch/ wenn dieser Rathgeber gut ist/ seine Kraͤffte vermeh- ren/ indem ein gutes Hertz den Verstand eben so sehr des allgemeineinen Ungluͤcks. sehr erlaͤutert/ als ein boͤses denselben verfinstert/ wie wir zu seiner Zeit weisen wollen. Wie wohl/ als wir anderswo schon gelehret/ viel accura ter vorgegeben wird/ daß die Vernunfft/ das ist/ der durch den guten Willen erlaͤuterte Verstand das unvernuͤnfftige/ das ist/ den durch den boͤ- sen Willen verderbeten Verstand beherrschen sol- le/ als daß man den Verstand als einen Koͤnig des Willens/ oder den Willen als einen Koͤnig des Verstandes vorstellen will. 31. So last uns dannenhero nunmehr in dem Willen des Menschen so zu sagen den Ursprung aller Jrrthuͤmer und alles Elendes auff suchen. Wir werden es auff die allereinfaͤltigste Weise am ersten finden/ weil alle Warheit einfaͤltig ist. Die groͤste Gluͤckseeligkeit ist die Gemuͤths-Ruhe/ und die Mutter und Tochter derselben ist die ver- nuͤnfftige Liebe. Gluͤck und Ungluͤck/ Wohlseyn und Elend sind einander entgegen gesetzt/ so muͤs- sen auch ihre Wesen und Ursachen einander ent- gegen gesetzet seyn. Wolten wir nun gleich vorgeben/ daß das allgemeine Ungluͤck in dem Mangel der Ruhe/ und der Brunqvell dessel- ben in dem Mangel vernůnfftiger Liebe be- stehe/ wuͤrden wir zwar der Warheit ziemlich nahe kommen/ aber doch noch zu wenig gesaget haben. Aller Mangel bestehet in einer Entle- digung: Diese Entledigung aber deutet wohl eine Beraubung des Gluͤcks/ aber deswegen noch kein Ungluͤck oder Elend/ sondern nur einen B 2 Zu- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen Zustand an/ darinnen weder Gluͤck noch Ungluͤck waͤre. So bestehet auch das Wesen des men- schlichen Willens in einer Neigung oder Bewe- gung. Der Mangel vernuͤnfftiger Liebe aber saget nicht mehr als eine Beraubung der Bewe- gung welche/ weñ sie nicht mit einer andern Be- wegung vergesellschafftet waͤre/ den Willen des Menschen/ ja den Menschen selbst gaͤntzlich ver- nichtigen wuͤrde. 32. Was halten wir uns lange auff? Der Brunqvell alles Guten ist die Liebe: Der Brunqvell alles Elendes ist die Liebe : Ohne Lie- be kan ein Mensch/ er sey beschaffen wie er wolle/ nicht einen Augenblick seyn/ denn es gehet kein Augenblick dahin/ in welchen der Mensch nicht etwas als was gutes verlanget/ oder dessen Dauerung begehret und wuͤndschet. 33. Aber diese beyden Lieben muͤssen nothwen- dig unterschiedenes/ ja wiederwaͤrtigen Wesens seyn/ weil sie so wiederwaͤrtige Wuͤrckungen ver- ursachen. Der Brunqvell alles guten ist die vernuͤnfftige Liebe/ so muß demnach nothwendig der Brunqvell alles boͤsen die unvernuͤnfftige Liebe seyn. Und hier hastu nun den Ursprung des allgemeinen Ungluͤcks/ die unvernuͤnfftige Liebe; Ja hier hastu das allgemeine Ungluͤck selbst: nemblich die Unruhe des Gemuͤthes . 34. Die Betrachtung der Wiederwaͤrtigkeit/ die zwischen der Gemuͤths-Ruhe und Unruhe/ zwischen der vernuͤnfftigen und unvernuͤnfftigen Lie- des allgemeinen Ungluͤcks. Liebe ist/ wird uns bald helffen/ die Beschrei- bungen der Gemuͤths-Unruhe und der unver- nuͤnfftigen Liebe zufinden/ wenn wir nur ein we- nig auff die Beschreibungen der Gemuͤths-Ru- he und der vernuͤnfftigen Liebe in vorigen Theile reflecti ren wollen. Die Gemuͤths-Unruhe ist ein unruhiges Mißvergnuͤgen des Men- schen/ welches darinnen bestehet/ daß der Mensch bald Schmertzen/ bald Freude uͤber etwas empfindet/ und in diesem Zustande sich mit andern Creaturen/ die gleichfalls keiner Gemuͤths-Ruhe faͤhig sind/ noch die- selbige verschaffen koͤnnen/ zu vereinigen trachtet. 35. Sie ist ein Mißvergnuͤgen/ denn sonst waͤre sie nichts boͤses/ weil die Belustigung alle- zeit von der Genießung des guten herruͤhret. Und ob wohl auch in diesem Mißvergnuͤgen Freude mit Schmertzen umbwechselt/ und es solcher gestalt das Ansehen gewinnen moͤchte/ als ob zum wenigsten so lange die Freude daure- te/ dennoch ein Vergnuͤgen/ und folglich etwas gutes dabey seyn muͤsse; So ist doch diese Freude an sich selbst unruhig/ weil sie allzu em- pfindlich ist/ und wird durch die bald darauff fol- gende dauerhafftigere Schmertzen aus den Clas- sen des guten heraus gestossen/ weil das gute dau- erhafftig seyn muß. Deswegen wir Sie auch ein unruhiges Mi ß vergnuͤgen genennet ha- ben/ und weil Sie eben wegen der laͤngeren B 3 Daue- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen Dauerung des Schmertzens dem Schmertzen naͤher als der Freude ist/ Sie auch nicht unter die Belustigungen rechnen wollen. 36. Mitten in dieser Gemuͤths-Unruhe su- chet der Mensch/ wiewohl vergebens/ bey an- dern Creaturen Ruhe. Deñ wie die Gemuͤths- Ruhe sich mit andern Menschen/ die diese Ge- muͤths-Ruhe besitzen/ zuvereinigen trachtet/ und dadurch der Mensch seine Gemuͤths-Ruhe im- mer mehr und mehr vermehret; Also vermehret sich auch die Gemuͤths-Unruhe dadurch/ daß ein ungluͤcklicher Mensch von seinen Neigungen zu seines gleichen gezogen wird. Denn unglei- che Dinge koͤnnen sich nicht lieben. Zwey un- ruhige Sachen aber/ oder die zum wenigsten keiner Ruhe faͤhig sind/ koͤnnen auch durch Jhre Vereinigung keine Ruhe wuͤrcken/ sondern vermehren vielmehr die Unruhe. 37. Und ist auch hiernaͤchst noch dieser Unter- scheid zwischen der Gemuͤths-Ruhe und Unru- he/ daß jene sich mit andern Menschen zuverei- nigen trachtet/ diese aber Jhre Vereinigung nicht allemahl mit Menschen/ sondern nach Ge- legenheit der Umbstaͤnde auch mit geringern Creaturen sucht/ wie wir bald mit mehrern er- klaͤren wollen. 38. A lso ist nun desto leichter zubegreiffen/ daß die unvernuͤnfftige Liebe nichts anders sey/ als ein Verlangen des menschlichen Willens/ sich mit demjenigen/ was der menschli- des allgemeinen Ungluͤcks. menschliche Verstand nicht fuͤr gut erken- net hat/ sondern allerdings/ wenn Jhn der Wille nur darumb zu rathe ziehen wolte/ fuͤr boͤse erkennen wuͤrde/ zuvereinigen/ und in dieser Vereinigung sich immer zuveraͤn- dern. 39. Deñ wie die vernuͤnfftige Liebe allezeit be- staͤndig ist/ also ist die unvernuͤnfftige Liebe allezeit ihrem Wesen nach veraͤnderlich und unbestaͤn- dig/ indem sie ordentlich durch den genuß desjeni- gen was sie zuvoꝛ noch so embsig verlanget hat/ ei- nen Eckel uͤberkommet/ ob sie schon uͤberhaupt begehret/ daß ihr Vergnuͤgen/ das sie in dieser Veraͤnderung/ oder in denen Dingen/ darauff fie faͤllet/ suchet/ ewig dauren moͤge. 40. Es ist zwar der gemeinen Meynung der Philosophen zuwieder/ daß ich gesagt: Die un- vernuͤnfftige Liebe verlange sich mit denen Din- gen zu vereinigen/ die der menschliche Ver- stand nicht fuͤr gut erkant/ indem sie der Mey- nung sind/ daß der Wille bey der unvernuͤnfftigen Liebe ja so wohl als bey der vernuͤnfftigen nichts anders verlange/ als was der Verstand zu vor- her fuͤr gut angesehen/ und daß disfalls die Schuld dem Verstande zuzuschreiben sey. Wie wir aber diese Meynung nur itzo bestritten; Al- so haben wir auch hierdurch einen von den vor- nehmsten Unterscheiden zwischen vernuͤnfftiger und unvernuͤnfftiger Liebe gefunden. B 4 41. Weil Das 1. Hauptst. von denen Ursachen 41. Weil dannenhero ausgemacht ist/ daß in Erkiesung des guten und boͤsen der Wille ja so wohl seine Vorurtheile habe als der Ver- stand in Erkaͤntnuͤs des wahren und falschen; so wird es nicht undienlich seyn/ daß wir dieselben numehr etwas deutlicher betrachten/ und gegen die Vorurtheile des Verstandes halten. Wir koͤnnen sie gleichfalls zu zweyen Classen bringen/ deren das eine das Vorurtheil der Unge- dult ist/ welches dem Vorurtheile der Uberey- lung in dem Verstande sehr nahe koͤmmet; Das andere aber ist das Vorurtheil der Nachah- mung/ welches eine ziemliche Gleichheit mit dem Vorurtheil menschlicher Autori taͤt im Verstande hat. 42. Das Vorurtheil der Ungedult verlei- tet den menschlichen Willen dahin/ daß Er allen demjenigen als was guten nachstrebet/ was sei- ne Sinnligkeiten und Gemuͤths-Kraͤffte augenblicklich und empfindlich ruͤhret/ fuͤr demjenigen aber als fuͤr was boͤsen/ oder doch ei- nen geringern Gut einen Eckel hat/ das nicht so empfindlich/ oder dessen Wuͤrckung nicht augen- blicklich sondern zukuͤnfftig und entfernet ist. 43. Daß durch dieses Vorurtheil der men- schliche Wille in der That nach dem boͤsen trachte/ und fuͤr dem guten fliehe/ ist aus dem/ was wir in dem ersten Capitel des 1. Theils gelehret haben/ gnugsam zu sehen. 44. Das des allgemeinen Ungluͤcks. 44. Daß aber dieses Vorurtheil das Mensch- liche Geschlecht durchgehends beherrsche/ wei- set die Erfahrung. Die Natur hat durchgehends zwar in allen Geschoͤpffen eine Veraͤnderung/ auch in dem Menschen eingefuͤhret/ alleine diese Veraͤnderung hat ihre langsame Maße/ daß man sie nicht ehe mercket/ als wenn Sie schon ge- schehen ist/ und kan Jhr Wachsthum nicht alle Augenblicke anzeigen/ sondern gleichet einer Uhr/ die in 12. Stunden ein klein schrag gelegtes Bret herunter laͤufft/ wie aus dem Exempel der vier Jahres Zeiten und des Alters der Menschen ab- zusehen ist. Diese Veraͤnderung gleichwie sie warhafftig gut ist; Also solte sie auch den Menschen/ indem Er sie genießet/ belustigen/ o- der vergnuͤgen. Aber Sie ist allzu ruhig/ und der Mensch gewinnet wo nicht gar einen Eckel/ doch zum wenigsten kein Vergnuͤgen drob/ je langsamer/ je ruhiger/ und folglich auch je besser dieselbe ist; ja Er haͤlt es nicht fuͤr eine Veraͤn- derung/ weil Er dieselbe nicht alle Augenblick ge- wahr wird. 45. Dannenhero hat Er dem sonst guten Sprichwort: Veraͤnderung bringet Lust/ eine gantz andere Deutung gegeben/ indem Er diese Veraͤnderung auff eine augenblickliche und empfindliche applici ret. Wenn Er z. e. auff der Post fortfaͤhret und wachet/ wird Er es fast nicht gewahr/ wenn aus Nacht Tag wird/ und hat kein solch Vergnuͤgen/ als wenn Er bey Nacht B 5 ein- Das 1. Hauptst. von denen Ursachen eingeschlaffen/ und bey hellen Tage wieder auff- wacht. Schwartz auff weiß belustiget das Ge- sichte mehr/ als schwartz und braun/ oder grau und weiß. Je tieffer man in den Gesange faͤllet/ und je hoͤher man steiget/ jemehr gefaͤllet es den Ohren . Die unschmackhafftesten/ das ist die gesundesten Speisen/ werden mit Verdruß und Eckel gegessen/ aber die gewuͤrtzten/ suͤßen/ sau- ren/ eckelen (z. e. die Rebhuͤner) werden als gros- se Delicatessen gehalten. Der penetran te Schnup- Toback/ der starcke Blumen Geruch/ oder von durchdringenden Raucherwerck belustiget die Nase . Wir werden der gleich temperir ten Lufft bald uͤberdruͤßig/ aber empfindlich frisch oder warm das ziehet uns vielmehr zu sich. Und die allgemeine Lustseuche/ derer Empfindligkeit eben deswegen/ weil Sie keine andere Sinnlig- keit hat/ die ihr gleich koͤmmt/ auch/ wenn sie ein- mahl von dem Menschen empfunden worden/ mit einer Begierde/ der keine andere gleichet/ be- gehret wird/ weiset genugsam/ daß dieses Vor- urtheil allgemein sey/ und den Verstand aller Menschen vergifftet habe. 46. Und so ist es auch mit allen Guͤtern des Leibes/ Gemuͤths und andern beschaffen. Eine gleiche Gesundheit halten wir nicht ehe fuͤr was gutes/ als wenn wir von einer Kranckheit zu ge- nesen angefangen/ denn alsdenn ist sie erst emp- findlich worden. Wir empfinden mehr Ver- gnuͤgen/ wenn man uns auf einmahl 100. Thlr. schenckt/ des allgemeinen Ungluͤcks. schenckt/ als wenn man uns taͤglich 1. Thlr. ver- ehrt; Wenn man uns per saltum befoͤrdert/ als wenn wir durch die gewoͤhnlichen Staffeln zu Ehren kommen. Ein gemacht Gedaͤchtnuͤs/ ein fruͤhzeitiger Verstand wird fuͤr was sonder- lich gutes gepriesen; Ja die Tugend selbst wird nicht fuͤr Tugend gehalten/ wenn wir nicht em- pfindliche Veraͤnderung bey einem Menschen ge- wahr werden. 47. Das Vorurtheil der Nachahmung verleitet den menschlichen Willen dahin/ daß Er begierig ist diejenigen Dinge zu erlangen/ und den Verstand mit sich hinziehet/ daß Er Sie fuͤr was gutes halte/ welche er siehet/ daß andere die Er liebet/ und hochhaͤlt/ darnach als nach was gutes trachten/ und die Dinge/ die von Jhnen verachtet und fuͤr was boͤses haͤlt/ auch fuͤr denenselben einen Eckel und Abscheu hat/ ob er schon dieselbigen noch nicht versucht und ge- pruͤffet/ oder wenn Er seinen Verstand nur ein wenig recht gebrauchen wolte/ gar bald begreif- fen wuͤrde/ daß jene oͤffters boͤse/ diese aber gut waͤren. 48. Daß durch dieses Vorurtheil der men- schliche Wille/ und durch Jhn der Verstand groͤblich betrogen werde/ daß Er wo nicht al- lezeit das gute fuͤr das boͤse/ und das boͤse fuͤr das gute ergreiffe/ dennoch zum wenigsten in Gefahr stehe/ mehrentheils sich mit nicht geringen Scha- den zuvergreiffen/ ist daraus leichtlich abzuneh- B 6 men/ Das 1. Hauptst. von denen Ursachen en / weil Er hierinnen die Art und Weise nach den guten zutrachten und das boͤse zufliehen gaͤntzlich umbkehret. Der Grund seiner Liebe gegen andere M e nschen solte seyn/ weil Er sie schon gepruͤffet und erkennet haͤtte/ daß sie so wei- se und tugendhafft waͤren/ daß Sie in Jhrem Thun und Laßen nach warhafftig guten Dingen strebeten/ und die boͤsen meideten. So aber verleitet Jhn dieses Vorurtheil dahin/ daß Er das vor gut und boͤse haͤlt/ was die Leute/ auff die er seine Liebe unvernuͤnfftiger Weise geworffen/ thun oder laßen. 49. Daß aber dieses Vorurtheil das gantze menschliche Geschlecht in allen Alter und Staͤnden eingenommen habe/ weiset aber- mahls die taͤgliche Erfahrung. Ein Kind wird angetrieben die Hand in das Feuer zuhalten/ wenn ein anderer Mensch Jhm darinnen vorge- het/ ja wenn es sich gleich etwas gebrañt hat/ und ein erwachsener Mensch faͤhret mit d̕ Hand durchs Feuer/ wird man doch gewahr werden/ wie die- se Begierde mit der Furcht gleichsam streite/ auch nach Gelegenheit der Umbstaͤnde zuweilen uͤber- winde. Die Erwachsenen essen und trincken dasjenige begierig/ was sie sehen/ daß andere in Gesellschafft mit Begierde essen und trincken/ und wenn sie schon zuvor einen Eckel und keinen Appetit haͤtten/ wird doch der Appetit dadurch erwecket. Wenn ein beruͤhmter Gelehrter/ oder ein erfahrner Buchfuͤhrer ein Buch kauf- fet/ des allgemeinen Ungluͤcks. fet/ folgen viel hauffen weise nach/ und bilden sich ein/ was sie fuͤr ein gut Buch haben; Wenn ein vornehmer oder reicher Mann/ oder ein vornehmer Theologus einen Menschen lobet/ o- der tadelt/ sehen die Clien ten alsobald eine Men- ge Tugenden oder Laster an dem gelobeten/ oder getadelten Menschen/ die sie zu vor nicht gesehen hatten/ auch andere unpartheyische nicht sehen koͤnnen. Wenn der Buͤrgermeister in einer Stadt einen Medicum brauchet/ oder eine vor- nehme Frau denselben/ oder seine Artzney fuͤr dem Wochen-Bette ruͤhmet/ ist es schon bey den meisten Buͤrgern und andern Weibern ausge- macht/ es muͤsse ein guter Medicus , oder eine herr- liche Latwerge seyn. Wenn ein alter Mann verliebet ist/ wird Er seiner Liebste zugefallen ihre Lieberey wehlen/ wenn es gleich gruͤn und geel seyn solte: Andere unzehlige Exempel zu ge- schweigen. 50. So bezeigen auch dieses allgemeine Elend unterschiedene allgemeine Redens-Arten: Wie der Koͤnig ist/ so sind die Unterthanen. Boͤ- se Exempel verderben gute Sitten/ u. s. w. 51. Wer ist aber nun Schuld an diesem E- lende/ an dieser unvernuͤnfftigen Liebe/ und an diesen Vorurtheilen des menschlichen Willens? Wir haben schon oben gesagt: Daß GOtt nicht Ursache seyn koͤnne/ weil das dritte Hauptstuͤck des Ersten Theils klaͤrlich weiset/ daß GOtt nichts als Gutes dem Menschen ge- be Das 1. Hauptst. von denen Ursachen be und verleihe. Und ob schon nicht zu laͤugnen/ daß GOtt dem Menschen eine Nachah- mung in das Hertze geleget/ weil Er Jhm ei- ne Liebe eingepflantzet/ die Liebe aber ohne Nach- ahmung nicht begriffen werden mag; So hat doch GOtt nicht gewolt/ daß dieser Trieb zur Nachahmung den Verstand zum boͤsen verlei- ten solte/ weil die Liebe die vernuͤnfftig ist/ von GOtt kommet/ diese aber erst durch die Regeln gesunder Vernunfft die zuliebenden Personen kiesen soll/ ehe sie durch die Nachahmung sich mit Jhnen zuvereinigen trachtet/ da hingentheil das Vorurtheil der Nachahmung dieses alles/ als nur jetzo gemeldet worden/ umbkehret. Und wenn ja der Mensch die Nachahmung nicht las- sen kan; Warumb ahmet er nicht lieber tugend- hafftigen Exempeln/ als lasterhafften oder naͤr- rischen nach/ zumahl da die tugendhafften Exem- pel bey tugendhafften Leuten ja so einen starcken Zug haben/ als die schaͤdlichen bey thoͤrichten? 52. Die andern Creaturen an sich selbst koͤnnen es auch nicht thun/ denn Sie neigen das menschliche Hertz nimmer zu sich/ wenn sich sol- ches nicht zu erst zu ihnen neiget. Dahero ge- schiehet es/ daß eine Creatur von einem geliebet/ von dem andern gehasset/ von dem dritten aber mit einer Gleichguͤltigkeit angesehen wird; zu- geschweigen/ daß die andern Creaturen eigent- lich zureden wegen Mangel der Vernunfft auch einen vernuͤnfftigen Menschen nicht an sich ziehen koͤn- des allgemeinen Ungluͤcks. koͤnnen. Denn was mich an sich ziehet/ muß eine Gleichheit mit mir haben. 53. Ja sprichstu/ die unvernuͤnfftigen Ge- schoͤpffe sind freylich nicht Ursache an diesem all- gemeinen Ungluͤcke. Was wollen wir die Ur- sache desselben lange suchen/ das Vorurtheil der boͤsen Exempel gibt sie uns ja handgreifflich zuverstehen. Waͤren die boͤsen Exempel nicht/ und verfuͤhreten uns nicht andere Menschen/ auch die am meisten uns zum guten halten solten/ so wuͤrden wir so elend und ungluͤcklich nicht seyn. Die boͤse Aufferziehung verderbet die besten Ge- muͤther/ und ein unartiges Kind wird durch gute Zucht noch zu rechte gebracht: Selbst das Vor- urtheil der Ungedult scheinet von den boͤsen Exempeln her zuruͤhren . Die Kinder haben fuͤr sich keine Lust zu sauern und suͤßen/ herben o- der eckeln oder scharffen Getraͤncke und Speise/ wenn Sie nicht die Eltern oder andere Men- schen/ die umb Sie sind/ darzu angewehneten/ oder Sie durch Jhre eigene Exempel darzu ver- leiteten. Selbst der Kitzel/ welcher nichts an- ders ist als eine empfindliche Beruͤhrung der Sinnen/ ist insgemein der menschlichen Natur zuwieder/ und ruͤhret es wieder von einer Ge- wohnheit her (die manchen anfangs ja so sauer eingehet/ als z. e. das Toback trincken/ welches bey gegenwaͤrtiger Anmerckung ein neues Exem- pel geben kan) wenn ein Mensch den Kitzel ver- lohren hat. 54. Aber Das 1. Hauptst. von denen Ursachen 54. Aber mein liebster Freund/ betreug dich nicht. Dieses ist eben ein neues anzeigen deines grossen Elendes das in dir selbst steckt/ daß du die Ursache desselben so gerne von dir abweltzen/ und auff andere schieben wilst/ und dir einbildest/ du habest noch so herrliche Gruͤnde vorgebracht/ die doch gar nichts nuͤtze sind/ wie du selber wirst ge- stehen muͤssen/ wenn du sie nur ohne Partheylig- keit ansehen willst. Denn anfaͤnglich weistu wohl/ daß man dadurch seine Unschuld nicht vertheydiget/ wenn man andere anklaget/ sondern daß man nur dadurch andere zu Gesellen seiner Schuld oder Thorheit macht. So weistu dich auch nicht wenig/ wenn du von dem Vorurtheil der boͤsen Exempel schwatzest. Die boͤsen Exempel geben wohl Gelegenheit zur Ver- fuͤhrung/ aber sie wuͤrcken das Vorurtheil nicht/ daß selbiges von Jhnen muͤsse benennet werden. Hastu schon vergessen/ daß wir dieses Vorur- theil nicht ein Vorurtheil boͤser Exempel/ son- dern ein Vorurtheil der Nachahmung ge- nennet? Hastu schon vergessen/ daß wir nur jetzo gesagt/ daß der Mensch auch gute Exempel vor sich habe? Daß dasjenige/ was uns zu sich zie- het/ eine Gleichheit mit uns haben muͤsse? Wa- rumb folgestu also nicht vielmehr diesen guten Exempeln? Und warumb giebestu dadurch zu- verstehen/ daß in dir der Saame des Ungluͤcks stecke/ nemblich die Gleichheit/ die sich frey- willig und gerne nach diesen boͤsen Exempeln zie- hen des allgemeinen Ungluͤcks. hen laͤßt. Siehestu nicht taͤglich/ daß ein Mensch den andern durch allerhand Liebes Bezeugungen sich zum Freunde zu machen trachtet/ und doch der andere diesen Zug nicht folget/ sondern eine Kaltsinnigkeit/ wo nicht gar einen Haß gegen den andern bey sich empfindet? Warum? weil er keine gleiche Neigung in sich heget. Waͤre in denen Gemuͤthern der Menschen/ ja der klei- nen Kinder nicht eine starcke Wurtzel des Un- gluͤcks und der unvernuͤnfftigen Liebe/ so koͤnten Jhnen die boͤsen Exempel nichts anhaben. Ja wo die Unart auch bey denen Kindern starck her- fuͤr kaͤumet/ da will die gute Zucht nicht aller- dings zulaͤnglich seyn. Und warumb ist dieses ein Theil des gemeinen Ungluͤcks: daß hun- dert gute Exempel kaum so starck die Men- schen ziehen als ein boͤses/ ja daß die Men- schen gute Exempel nicht leiden koͤnnen/ sondern unter allerhand prætext dieselben auf das aͤrg- ste verfolgen? Es ist falsch/ daß das Vorurtheil der Ungedult bloß von der Verfuͤhrung herruͤh- re. Die Kinder haben ordentlich Lust zu suͤssen und eckelen Sachen/ auch wol nach Gelegenheit zu starcken Getraͤncke/ daß sie aber in der zarten Jugend etwas fuͤr den sauern eckelt/ ist die Ge- wohnheit der Mutter-Milch Ursache dran/ und daß sie zum herben und bittern keine Lust haben/ eine Anzeigung der Verderbnuͤß/ weil das Bit- tere insgemein gesund und gut ist. Von dem Kitzel waͤre es zu weitlaͤufftig/ desselben Natur C und Das 1. Hauptst. von denen Urs. und die Ursachen/ warumb etliche Menschen denselben nicht vertragen koͤnnen/ alhier genau zu untersuchen. Es ist gnung/ daß der allgemei- ne Zug zur Lust-Seuche/ auch ohne vorherge- hende Exempel/ und die Begierde nach der ihr anklebenden nur einmahl gekosteten empfindli- chen Wollust deinen Einwurff weit uͤberwe- get. 55. Mit einem Worte/ deine Gemuͤths- Unruhe/ deine unvernuͤnfftige Liebe/ die bey dir/ an dir/ und in dir ist/ die das gantze Wesen deines Willens durcharbeitet hat/ wie der Sau- erteig den Teig/ die ist deines Ungluͤcks Ursa- che/ nicht eine so genaue sinnliche Begierde/ die von denen Bestien herruͤhrete/ oder die nur ein Rathgeber des Willens als eines Koͤni- ges waͤre. Denn wie wir diese Fabel von der unter diesem Gleichnuͤß vorgestelleten sinnli- chen Begierde/ die der Mensch mit denen Be- stien gleich haben solle/ schon oͤffters wiederle- get; also wirstu gar bald gewahr werden/ daß du mehr Bestie seyst als die Bestien selbst/ ja daß du die armen Bestien mehr nach deiner verderbten Natur verderbest/ als daß du von ihnen verderbet werden soltest . Das Vieh isset und trincket nicht mehr als die Natur erfordert/ es kan Hitze und Frost vertra- gen/ es hat seine gewissen Zeiten zur Vermi- schung/ es weiß nichts von eiteler Ehre und von Geitz. Der eintzige Affe affet alles nach/ weil er dir des allgemeinen Ungluͤcks. dir am nechsten koͤm̃t. Und die zahmen Thiere die unter dir leben/ als absonderlich der Hund/ werden von dir zur Zaͤrtligkeit und Geilheit/ durch die wiedernatuͤrliche Speise und Tranck/ die du ihnen giebest/ und durch andern Miß- brauch/ der nicht noͤthig zu sagen ist/ verleitet. 56. Wir haben oben gesagt/ daß das Vor- urtheil der Ungedult dem Vorurtheil der Uber- eylung/ und das Vorurtheil der Nachahmung dem Vorurtheil menschlicher Autoritaͤt sehr gleich sey/ welches unter andern auch aus denen gleichen Beschaffenheiten/ und wenn wir das erwegen/ was wir in dem letzten Capitel des er- sten Theils unserer Vernunfftlehre §. 45. u. s w. von jenen beyden Vorurtheilen gesaget haben/ zuerkennen seyn wird. Das Vorurtheil der Nachahmung ist aͤlter/ als das Vorur- theil der Ungedult . Denn bey den Kindern spuͤret man alsobald die aͤffische Nachahmung; aber die Ungedult/ die durch unsere Verfuͤhrung entstehet/ laͤsset sich viel spaͤter spuͤren. 57. So ist demnach die Nachahmung tief- fer eingewurtzelt/ als die Ungedult/ (denn je- ne gehoͤret auch zum Wesen der unvernuͤnffti- gen Liebe/ diese aber ist nur eine Frucht davon/) und folglich kan man auch die Ungedult eher daͤmpffen und loß werden/ als die boͤse Nach- ahmung. 58. Jedoch sind diese beyde Vorurtheile bey dem Menschen mehrentheils mit einan- C 2 der Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. der vereiniget/ und die Ungedult bietet der boͤsen Nachahmung/ und diese hinwiederumb jener die Hand. Denn die Ungedult hindert uns/ daß wir die Thaten/ die andere/ so wir lie- ben/ verrichten/ nicht uͤberlegen/ ehe wir sie nach- ahmen/ und die Nachahmung staͤrcket unse- re Ungedult/ weil lauter empfindliche Beruͤh- rungen uns nachzuahmen gegeben werden. 59. Ja die Nachlaͤßigkeit und die unver- nuͤnfftige Liebe/ und abermahls die boͤsen Exem- pel anderer hindern uns alhier eben wie bey denen Vorurtheilen des Verstandes/ daß wir so uͤbel dran zu bringen seyn/ uns aus diesem E- lende heraus zu reissen. Das 2. Hauptstuͤck. Von denen Gemuͤths-Nei- gungen des Menschen uͤberhaupt und anfaͤnglich von der Verwirrung die die unterschiedenen Meinungen der Gelehrten hiervon ge- machet. Jnnhalt. Connexion n. 1. Nutzen der Lehre von denen Gemuͤths Nei- gungen/ n. 2. dieses Nutzens gemeine Hindansetzung und V erachtung/ n. 3. Maͤngel der Gelehrten die von denen Gemuͤths-Neigungen geschrieben/ n. 4. der selben unterschiedene und widerwaͤrtige Meinungen uͤberhaupt n. 5. V on denen Platonicis n. 6. des Aristo- telis nach denen untersch. Mein. der Gelehr. telis Nachfolger die Peripatetici sind unter einander selbst nicht einig/ n. 7. ob die affect en in der sinnli- chen oder vernuͤnfftigen Seelen sind? n. 8. wie die zwey Arten der Sinnlichen N eigung/ die begieri- ge und zornige zu entscheiden seyn? num. 9. Jhre Be- schreibung der Affect en n. 1 0. die Affect en sind nach ihrer Meinung weder gut noch boͤse/ num. 11. die Be- stien haben auch Affect en. n. 1 2. Aristoteles erzehlet bald acht/ bald eilff Affect en n. 13. der Peripatetico- rum unterschiedene Meinung hiervon/ absonderlich des Thomæ von Aqvino n. 14. Me i nung der Stoicker von denen Affect en. Dererselben Beschreibung der unterschiedenen Grade des menschlichen Thuns n. 15. Die Affect en sind ihnen durchgehends boͤ s e/ und sollen von einem Weisen gantz ausgereutet werden. n. 16. Die Bestien haben keine Affect en n . 17. Vier Haupt affect en und denenselben drey entgegen ge- setzte Bewegungen bey einem Weisen. num. 18. Die Nahmen der aus den vier Haupt affect en herruͤhren- den Neben affect en n. 19. und Gemuͤths-Kranckhei- ten n. 20. Meinung des Epicuri , das Gemuͤthe/ die Sinnligkeit und der Affect sind unterschieden. n. 21. Beschreibung der Affect en n. 22. sind indifferent n. 23. Auf waserley Weise die Seele von denen Affect en beweget werde? n. 24. Die Bestien haben auch Af- fect en n. 25. Affect en. sind zweyerley/ des Leibes und der Seelen n. 2 6. Von denen Affect en des Leibes n. 2 7. Von denen Affect en der Seelen n. 2 8. Von de- nen uͤbrigen Affect en n. 29. Cartesii Meinung. An- faͤnglich von denen vielen Arten der Leidenschafften der Seelen n. 30. Beschreibung der Affect en num. 31. Jhr Sitz ist nicht im Hertzen/ sondern in der glandu- la pinealin. 3 2. Cartesius haͤlt die Affect en mehr vor gut als boͤse. n 33. und daß man sie m aͤ ßigen aber nicht austilgen koͤnne 34. ingleichen daß die Bestien keine C 3 Affe- Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. Affect en haben. n. 35. Sechs Haupt- Passiones nach Cartesii Meinung n. 36. mit denen daraus entsprin- genden Gemuͤths-Neigungen n. 37. 3 8. 3 9. 40. Car- tesii Fehler/ daß er die Bewunderung unter die Af- fect en setzet n. 41. Gegen einander Haltung der Stoi- cker und Peripateticorum n. 4 2. 1. W Jr haben im vorhergehenden Hauptstuͤck gemeldet/ daß die unver- nuͤnfftige Liebe ein Verlangen des menschlichen Willens sey. Gleichergestalt ha- ben wir im ersten Theil erwehnet/ daß die ver- nuͤnfftige Liebe auch ein Verlangen menschli- ches Willens sey: Und kommet dannenhero die vernuͤnfftige und unvernuͤnfftige Liebe diß- falls mit einander uͤberein/ daß sie beyde eine außerordentliche Bewegung in dem mensch- lichen Hertzen erwecken/ und unter die Zahl der Gemuͤths-Neigungen gerechnet werden muͤssen. Wie wir aber allbereit im vorigen Hauptstuͤck die Unterschiede dieser beyden Lie- bes-Arten gezeiget haben/ also ist auch ein gar mercklicher Unterscheid darunter/ so ferne sie Gemuͤths-Neigungen sind/ indem der Zug unvernuͤnfftiger Liebe viel staͤrcker und unru- higer ist als der vernuͤnfftigen/ und also auch unter denen Gemuͤths-Neigungen selbst ein Un- terscheid gemachet werden muß. Wannenhero damit derselbe desto besser erkannt werden moͤ- ge/ hoͤchstnoͤtig seyn will/ daß wir von denen Ge- muͤhts- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. muͤths-Neigungen/ oder wie sie die Lateiner nennen/ affect en/ uͤberhaupt und insonderheit ausfuͤhrlich handeln/ zumahlen da diese Lehre in der Gelahrheit ihren vielfaͤltigen und unbe- schreiblichen Nutzen hat/ und doch von denen Gelehrten gemeiniglich entweder gantz kaltsin- nig/ oder nicht am rechten Orte/ oder aber mit der groͤsten Verwirrung und Uneinigkeit geleh- ret wird. 2. Ohne die Lehre von denen Gemuͤths-Nei- gungen kan man keinen autorem recht verste- hen/ andere rechtschaffen unterweisen/ oder sie zu etwas bereden/ weder sich selbst noch andere erkennen/ nichts rechtschaffenes und fruchtba- res in Heilung derer Kranckheiten ausrich- ten/ ja in geistlichen Dingen weder in Bestraf- fung noch Trost geschickt und weißlich verfah- ren; andern Nutzen anitzo zugeschweigen. 3. Und dennoch ist hoͤchlich zubetauren/ daß fast niemand sich bemuͤhet/ in Auslegung eines autoris auf seinen affect zu sehen/ in Unterwei- sung der Jugend nach ihꝛen Gemuͤths-Neigun- gen sich zu richten/ seinen eigenen Haupt affect zu suchẽ/ oder um den Haupt affect eines Men- schen/ den wir doch gerne kennen wolten/ be- kuͤmmert zu seyn; bey Heylung eines Patien- ten umb Artzneyen fuͤr seine affect en sich um- zuthun/ oder in geistlichen Dingen die Be- straffung oder den Trost nach denen unterschie- C 4 denen Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. denen Affect en der Leute/ die man vor sich hat/ einzurichten. 4. Aber wo wolte man doch auch hierzu ge- langen/ in dem man nicht einmahl weiß/ was und wie vielerley die Gemuͤths-Neigungen seyn/ ja indem man das wenigste davon an de- nen Oertern wo dieses hingehoͤrete/ nemlich in der Natur-Kunst oder Sitten-Lehre/ sondern wenn es hochkoͤm̃t in der Rhetoric, nnd zwar obenhin handel t / und entweder den Aristote- lem oder Cartesium getreulich ausschreibet/ und sich nicht bekuͤmmert/ daß diese beyde gantz offenbahre Jrrthuͤmer mit untergemischet/ auch man ihre Lehren so hoch eben nicht nutzen koͤnne/ wenn man sie zu seiner Selbst-Erkentnuͤß oderzu Erkentnuͤß anderer nutzen will/ weshalb auch der Franzose de la Chambre, nach dem er nach Anleitung der alten Philosophen viel von de- nen Affect en geschrieben/ dennoch in dem Tra- ctat von der Kunst sich selbst zuerkennen die mei- ste Zuflucht zu der Physiognomi e nimmet/ und den Nutzen der Lehre von denen Gemuͤths- Neigungen nicht zeigen kan; welches auch an- dern Scribenten wiederfahren/ die zu unsern Zeiten von denen Gemuͤths-Neigungen ge- schrieben/ als Senault und andere. Denn wenn sie gleich viel subtile Dinge von denen Affect en schwatzen/ so kan man doch die wenigsten sich zu Nutze machen; wiewohl unter diesen allen mei- nes Erachtens des Petri Molinæi Tractat vom nach denen untersch. Mein. der Gelehr. vom Seelen-Frieden und Gemuͤths-Ver- gnuͤgung noch am meisten verdienet recommen- di ret zuwerden. 5. Und zwar dieses alles entstehet dahero/ daß man die Affect en nicht fein einfaͤltig und deutlich beschrieben/ und den Qvell derselben herfuͤr gesuchet/ sondern so wohl in der Beschrei- bung als Eintheilung derselben gekuͤnstelt/ nur damit man desto mehr mit einander zancken/ und dadurch ein eiteles Ehransehen erwecken koͤnte; weswegen auch allemahl unter denen Gelehrten gestritten worden: Ob die unver- nuͤnfftigen Thiere derselben theilhafftig waͤren? Ob die Gemuͤths-Neigungen an sich selbst gut oder boͤse waͤren? Ob man sie ausreuten oder nur maͤßigen solte? Ob die- ses oder jenes unter die Affect en zurechnen sey oder nicht ? u. s. w. dergestalt daß es Muͤ- he und sauren Schweiß kostet/ bey so vielen wi- drigen Meinungen durchzubrechen/ und eine rechte/ wahre und deutliche Beschreibung zu fin- den. Wir wollen im gegenwaͤrtigen Haupt- stuͤcke zu desto mehrer Bekraͤfftigung nur kuͤrtz- lich die Meinung derer beruͤhmtesten Secten entwerffen/ und hernach im folgenden uns be- muͤhen/ vermittelst der Einfaͤltigkeit uns aus die- sem Labyrinth zuwickeln. 6. Es ist bekant/ daß vor Alters vier der vor- nehmsten Philosophi schen Secten gewesen/ des Plato, Aristoteles, Zeno und Epicurus. Von des C 5 Plato Das 2. H. von den Gemuͤths-Neig. Plato Lehre was die Affect en betrifft/ finden wir in seinen Schrifften nicht viel/ und scheinet auch/ daß in diesem Stuͤcke Aristoteles nicht eben von denen Platonicis weit abgewichen sey . Dero- wegen wollen wir an statt des Plato nach Erzeh- lung derer andern drey Secten/ die Meinung des Cartesii , der sonst viel mit dem Plato gemein hat/ vorstellen. 7. Von des Aristoteles seinen Nachfolgern darff man sich auch nicht wundern/ wenn sie nicht eben allzu einig sind in dieser Lehre. Denn weil Aristoteles selbsten/ ob er wohl in denen Buͤ- chern von der Rede-Kunst lib. 1. Rhetoric. ziemblich viel von denen Affect en gehandelt/ dennoch mehr von ih- ren Wuͤrckungen und dergleichen/ als wie man sie accurat beschreiben und eintheilen solte/ er- klaͤret/ Cicero Tusc. qv. l. 4. c. 5. p. m. 1087. Peripatetici ad placandos a nimos multa afferunt, spinas partiendi \& definiendi præter- mittunt. so hat es nicht fehlen koͤnnen/ die Peri- patetici haben auch hierinnen nicht in allen koͤn- nen mit einander uͤberein kommen. 8. Derohalben weil die Peripatetici drey Seelen oder drey Kraͤffte einer Seelen (denn sie sind auch hierinnen nicht einig/) statui ren/ eine vernuͤnfftige/ sinnliche/ und wachsthuͤmli- che/ so halten etliche dafuͤr/ die Affect en haben ihren Sitz nur in der sinnlichen Seele/ c ) et- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. Hornejus Ethic. l. 2. c. 6. p. 2. 11. 216. etliche aber raͤumen ihnen auch die vernuͤnf- tige ein. Vid. Pa- trem tab. 9. Philosopo. Pract. conf. annot. 43. 9. Die sinnliche Neigung ( appetitus sensiti- vus ) darinnen die Affect en ihren Sitz haben sol- len/ ist zweyerley/ eine begierige/ ( concupisci- bilis ) und zornige ; ( irascibilis ) wiewohl sie hier wieder in der Beschreibung dieser Arten nicht einig seyn/ indem etliche die Begierige auf das Gute/ und die zornige auf das boͤse richten wollen; andere aber die begierige auf das gu- te und boͤse uͤberhaupt/ die zornige aber so fer- ne sich Hinderung und Schwuͤrigkeit dabey be- findet/ ausdeuten. Pater Tab. 4. annot. 20. \& tab. 9. an. 44. Conf. Hornejus d. l. 10. Andere beschreiben die Affect en/ daß sie seyn Veraͤnderungen des Gemuͤthes/ die mit Wollust und Schmertzen vergesellschafftet seyn/ Hornejus p. 212. 214. ex Aristo- tele II. Rhet. 1. andere: es waͤren Neigungen des Menschen/ die aus Erkaͤntnuͤß des guten und boͤsen entstuͤnden. Pater Tab. 9. 11. Dieses lehren sie gemeiniglich/ daß die Gemuͤths-Neigungen an sich selbst weder boͤse noch gut seyn/ Arist. II. Ethic. c. 5. und dannenhero nicht ausgetilget/ sondern nur gemaͤßiget werden sollen; Das 2. H. von den Gemuͤths-Neig. sollen; weshalben auch die Stoicker Seneca de Ira passim. offte mit ihnen disputi ren; aber gleichwohl aͤngsten sie sich/ wie sie mit dieser Meinung zusammen brin- gen wollen/ daß ihr Meister auch den Neid und dergleichen unter die Affect en gezehlet. Horn. p. 223. sq. putat regulam valere saltem de summis generibus, non de mixtis. 12. Nach der gemeinen Meinung der Peripa- teticorum sind die Affect en denen Bestien mit dem Menschen gemein/ weil sie denen Thie- ren eine sinnliche Seele zuschreiben; Fluit hæc assertio ex dictis n. 8. Conf. Horn. p. 222. \& Aristotelicos passim. wiewol diejenigen/ die etliche Affect en in die vernuͤnfftige Seele logi ren/ de quibus vide n. 8. nothwendig dieselben auch denen Menschen alleine zueignen muͤssen. 13. Der gute Aristoteles hat die Affect en nir- gends in genaue Classen und Arten eingetheilet/ sondern bald achte dererselben gezehlet: l. 1. de anima, c. 1. den Zoru / die Gedult/ die Furcht/ die Barmher- tzigkeit/ das Vertrauen/ die Freude/ die Liebe/ den Haß ; bald eilffe : l. 2. ad Nicom. c. 5. die Begierde/ den Zorn/ die Kuͤhnheit/ den Neid/ die Freu- de/ die Freundschafft/ den H aß/ das Verlan- gen/ die Æmulation und die Barmhertzigkeit . Deswegen ist es auch abermahls geschehen/ daß seine Nachfolger hierinnen nicht einig sind. 14. Et- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. 14. Etliche behalten die vier Haupt Affect en der Stoicker/ etliche folgen der Entheilung der Schul-Lehrer ; etliche haben noch eine andere Erfindung . Vid. Patris Physicam cap. 48. qv. 107. sq. Des Thomæ von Aqui- no seine Eintheilung ist unter ihnen in grossen Ansehen/ der hiervon also spricht: I. 2. qv. 23. c. 4. Weil die Beruhigung des Gemuͤths aus Erkentnuͤß des angenehmen und verdrießlichen/ des guten und boͤsen entstehet/ und zu der sinnlichen Begierde gehoͤret/ so neiget sie sich entweder schlechter dings zum guten/ oder boͤsen/ oder sie betrach- tet selbige als etwas schweres/ und das mit viel Verhindernuͤssen umbgeben ist. Wenn sie schlechter Dings zum guten und boͤsen ihr Absehen richtet/ entstehen daraus die Gemuͤths- Neigungen/ die zur begierigen Neigung gehoͤ- ren. Wenn sie aber damit als mit schweren Dingen zu thun hat/ gehoͤret sie zum zornigen appetit , und entstehen daraus die Gemuͤths- Neigungen/ die sich vor denselbigen appetit schi- cken. Was jene betrifft/ so neiget sich der menschliche Wille entweder zum guten/ oder zum boͤsen/ jenes zu erlangen/ dieses zu meiden/ daraus entspringet die Liebe des guten/ und der Haß des boͤsen/ oder er beweget sich nach seinem Gegenstand/ woraus das Verlangen entstehet/ welches eingetheilet wird in die Be- gierde des guten und die Flucht des boͤsen/ oder Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. oder er ruhet indem erhaltenen Gut oder Ubel/ und entspringet daraus Freude und Traurig- keit . Und dieses sind die sechs Gemuͤths-Nei- gungen des begierigen Willens. Jm Gegen- theil wenn der appetit seinen Gegenwurff als was schweres betrachtet/ gehoͤret es zu dem zorni- gen Willen/ worinnen man nicht die Neigung des affects betrachtet/ weil die Neigung das gu- te zuverlangen und das boͤse zufliehen vorher- gehet/ und zum begierigen Willen gehoͤret. De- rowegen wird in dieser Classe nur der affect gegen den nicht erhaltenen Gegenwurff betrachtet/ und wenn man ihn gegen das gute haͤlt/ wird er Hoffnung oder Verzweiffelung genennet/ gegen das boͤse aber F urcht und Vertrauen . So wird auch in dem zornigen appetit keine Ge- muͤths-Neigung in Ansehen des erhaltenen Guten betrachtet/ weil es so dann nicht mehr einige Schwerigkeit hat/ sondern nur die Schwerigkeit/ indem man es erhaltẽ/ betrachtet wird. Aber aus dem gegenwaͤrtigen Ubel/ wenn der appetit wider dasselbige sich zuerheben bemuͤhet ist/ entstehet der Zorn/ wenn er aber ruhet/ die Gedult/ welche aber kein affect oder Verunruhigung des Gemuͤths ist/ sondern viel- mehr eine Beraubung oder Benehmung der Bewegung. 15. Laßt uns auch der Stoicker Mei- nung besehen. Dieselbe beschreibet Cicero, s ) Se- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. Cicero lib. 4. Tuscul. qv. c. 6. usque ad c. 15. Seneca, In scriptis suis passim maximè in libris de Ira. Conf. Epist. 75. 85. \& 116. Lipsius Manuduct. ad Philos. Stoic. p. 278. sqq. und ein ungenanter Fran- tzoͤsischer Autor in tractatu cujus titilus: l’ Homme sans passions p. 79. sqq. ausfuͤhrlich. Wir wollen nur die Summa davon kuͤrtzlich zusammen zie- hen. Zeno der Großvater der Stoicker be- schreibet den Affect, daß er sey eine unvernuͤnff- eige Bewegung des Gemuͤths wider die Na- tur/ oder ein unmaͤßiger Trieb des Gemuͤths. Diog. Laërt. l. 7. in vitâ Zenonis p. m. 249. Cicero IV. Tuscul. 6. Denn die Stoicker nennen nicht die Leiden- schafft des Gemuͤths/ die ihr von dem Leibe zu- gefuͤget wird/ sondern das Thun des Gemuͤths/ und wenn es dieser Leydenschafft wider die ge- sunde Vernunfft Beyfall giebet/ einen Affect. Seneca de Ira lib. 2. c. 2. 3. 4. Der Process des menschlichen Thuns wird von ihnen folgender Weise fuͤrgestellet: 1. Jst ein ohngefaͤhrer Antrieb des Gemuͤthes/ wel- ches dasselbe vom Leibe leidet/ uñ welches einem Menschen wider seinen Willen wieder faͤhret/ als z. e. wenn auch der hertzhaffteste Mann beym Erschrecken verblasset/ wenn der gedultig- ste feurige Augen krieget/ da ihm was zuwider geschicht. Dieses ist nach ihrer Meinung kein Affect, sondern eine Leidenschafft des Gemuͤ- thes . 2. Hierauff folget der erste Wille/ aber der Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. der nicht halsstarrig ist: als wenn ein behertz- ter fliehen/ ein gedultiger sich raͤchen will/ aber als bald vermittelst der Vernunfft diese Bewe- gung hintertreibet. Dieses nennen sie eine Ge- muͤths Bewegung/ und ist noch kein Affect. 3. Der andere unbaͤndige Wille/ wenn durch die folgende Bewegung die Vernunfft uͤber- schritten/ und gleichsamb mit hingerissen wird. Als wenn ich fliehen und mich raͤchen will/ wo es mir nicht vergoͤnnet ist. Dieses ist nach ihrer Meinung erst die G emuͤths-Beunruhigung oder der Affect, (denn es ist ihnen nichts ge- woͤhnlicher/ als daß sie den Affect eine Gemuͤths- Beunruhigung perturbationem animi. nennen/) dieses ist erstlich der Zorn und die Furcht. 4. Hieraus wird endlich eine G emuͤths-Kranckheit oder das Laster/ wenn der Affect lange continui ret worden. Denn sie erkennen keinen andern Unterscheid zwischen dem Affect und zwischen dem Laster/ als zwi- schen einer schlimmen That/ und derselben Gewohnheit. inter dispositionem \& habitum. vid. de Processu isto Senecam Epist 75. p. m. 301. 16. Nach dieser ihrer Meinung aber war es gantz offenbahr/ daß sie die Affect en insge- sambt fuͤr etwas boͤses halten musten/ weil sie der Anfang der Gemuͤths-Kranckheiten waren/ und einen kleinen Affect auch fuͤr ein klein Ubel hielten. Seneca l. 1. de im c. 16. Jngleichen daß sie dafuͤr hielten/ die Affe- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. Affect en koͤnten nicht alleine/ sondern muͤsten auch von einem weisen und tugendhafften Mann bezaͤumet/ und gaͤntzlich ausgereutet werden; Seneca lib. 2. de ira c. 12. \& epist. 85. p. m. 336. sq. wiewohl sie demselben noch eine leichte und geringe Bewegung zuliessen/ die sie mit einer Narbe vergliechen/ und kleine Vermu- thungen oder Schatten der Affect en zu nennen pflegten. Seneca lib. 1. de Ira c. 16. 17. So konte es auch nicht anders seyn/ sie musten auch sagen/ daß die unvernuͤnfftigen Thiere keines Affect s theilhafftig waͤren/ son- dern nur einige denen Affect en gleichende Trie- be des Leibes haͤtten. Seneca lib. 1. de Ira cap. 3. 18. Sie hatten vier Haupt- Affect en/ zwey gegen das Gute/ und zwey gegen das Boͤse/ zwey die auf das gegenwaͤrtige/ und zwey die auf das zukuͤnfftige zielen. Die Begierde/ ( Cupi- ditas, Libido ) die Frende oder Wollust/ ( Læ- titia, voluptas ) die Furcht (Metus) und der Kummer oder Schmertz . ( Ægritudo) diesen setzten sie bey einem weisen Manne drey gute Leidenschafften oder Bewegungen entgegen: Den Willen/ (Voluntatem ) das Vergnuͤgen ( Gaudium ) und die Behutsamkeit ; ( Cautio- nem ) durch den Willen verstunden sie ein ver- nuͤnfftiges Verlangen des abwesenden Guten/ welches sie der Begierde entgegen setzten; durch D das Das 2. H. von den Gemuͤhs Neig. das Vergnuͤgen eine sittsame und bestaͤndige Bewegung/ die der Freude entgegen gesetzet war: Durch die Behutsamkeit eine kluge Vermeidung des kuͤnfftigen Ubels/ die der Furcht entgegen gesetzet wird. Von dem ge- genwaͤrtigen Ubel wurde der Weißheit gar kei- ne Bewegung/ der Thorheit aber der Schmertz zugeleget. Vid. Cicer. \& Laërt. dd. ll. 19. Aus diesen vier Brunnqvellen leiteten sie viel andere Affect en her/ 14. aus dem Schmertz/ 8. aus der Furcht/ 3. aus der Wollust/ und 7. ans der Begierde. Wir muͤssen selbe/ weil es uns dißfalls an eigenen deutschen Worten ge- bricht/ zu foͤrderst mit Lateinischen Nahmen nen- nen/ wie sie beym Cicerone stehen. Die 14. Zweige des Schmertzens sind: Invidentia, die Beneidung/ 2. Æmulatio, die Mißgunst/ 3. Obtrectatio , die Eyffersucht/ 4. Misericordia die Erbarmung/ 5. Angor , die Angst/ 6. Luctus die T raurigkeit/ 7. Mœror das Weinen/ 8. Ærumna der Kummer/ 9. Dolor das Creutz/ 10. Lamentatio das Heulen/ 11. Sollicitudo das Bekuͤm m ernuͤß/ 12. Molestia der Verdruß/ 13. Afflictatio das Graͤmen/ 14. Desperatio die Verzweiffelung . Die acht Toͤchter dex Furcht sind: 1. Pigritia die F aulheit/ 2. Pudor die Bloͤdigkeit/ 3. Terror das Erschrecken/ 4. Timor die Furcht/ 5. Pavor das Entsetzen/ 6. Ex- von denen untersch. Mein. der Gelehr. 6. Exanimatio die Verblassung/ 7. Conturba- tio das B estuͤrtzen/ 8. Formido die Furcht- samkeit . Die 3. Affect en zur Wollust gehoͤrig sind: 1. Malevolentia , der S chadenfroh/ 2. Delectatio das Sanfftethun/ 3. Jactatio das Kaͤlbern . Endlich die 7. Arten der Begierde sind: 1. Ira der Zorn/ 2. Excandescentia die Hi- tze/ 3. Odium der Haß/ 4. Inimicitia die Feind- schafft/ 5. Discordia die Uneinigkeit/ 6. Indi- gentia der Nimmersatt/ 7. Desiderium die Sehnsucht . Die Beschreibungẽ sind alle beym Cicerone anzutreffen/ wiewohl ich mich befliessen/ so viel es moͤglich gewesen/ in den teutschen Na- men mehr auf die Beschreibung als auf die La- teinischen Titel zu sehen. 20. Den Brunnqvell aller Affect en machen sie nach der Lehre Ciceronis, die Unmaͤßigkeit/ und die eingewurtzelten Affect en oder Ge- muͤthskranckheiten/ wie sie Cicero herrechnet/ sind folgende: 1. Avaritia der Geldgeitz/ 2. Gloriæ cupiditas, Ehrgeitz/ 3. Mulierositas, Weichheit/ Weibischheit/ 4. Misogyniæ Weiberhaß/ 5. Misanthropia keines Men- schen Freund s chafft/ 6. Inhospitalitas, Filtzig- keit/ 7. Pervicacia Hartnaͤckigkeit/ 8. Ligu- ritio Schleckerey/ 9. Vinolentia Nimmer- nuͤchternkeit/ 10. Cupedia, Kinderey . 21. Bißhieher von den Stoickern. Dem- nach des Epicuri Philosophie von dem Gassendo wieder aufgewaͤrmet/ und von Bernier in einen D 2 kur- Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. kurtzen Extract gebracht worden; als wollen wir aus besagten beyden Autoribus kuͤrtzlich die Leh- re des Epicuri von denen Affect en entwerffen. Die Seele des Menschen hat nach des Epicuri Meinung zwey Theile/ einen vernuͤnfftigen/ nemlich das Gemuͤth/ und einen unvernuͤnffti- gen/ die Sinnligkeit/ und den Affect oder ap- petit; Gassendus in Philos. Epicur. Syntag. f. m. 404. das Gemuͤthe soll mitten in der Brust/ die Sinnligkeit am gantzen Leibe/ der Affect theils in der Brust/ theils an andern Theilen des Leibes seinen Sitz haben. Gassendus d. l. fol. 404. 410. 411. 22. Die Affect en sind nach dieser Meinung Bewegungen der Seelen/ die in der Brust oder einem andern Theile des menschlichen Leibes entweder aus einer Meinung von guten und boͤ- sen/ (z. e. der Zorn) oder aus Empfindung des- selben/ (z. e. der Schmertz) entstehen. Bernier dans l’ Abrege de la Phil. de Gassendi Tom. VII. p. 487. 23. Sie halten dafuͤr/ daß man in der Be- schreibung der Affect en nicht gedencken solle/ ob der Affect der Natur zuwider sey oder nicht/ denn dieses gehoͤre vielmehr zur Sitten-Lehre/ als zur natuͤrlichen Betrachtung der Affect en. Id. ibid. p. 488. Und scheinet also doch daß sie den Affect an sich selbst weder fuͤr gut noch boͤse/ sondern fuͤr indiffe- rent achten. 24. Die B ewegungen der Seele bestehen in einer Niederlassung und Erhebung/ in einer Zu- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. Zusammenziehung und Ausbreitung. Die Wollust ist eine Erhebung und Ausbreitung oder Ausgiessung der Seelen/ und dannenhero der Natur gemaͤß. Der Verdruß ist ihr zu- wider/ als der die Seele erniedriget und in die Enge treibet. Die Ausspannung der Seele soll geschehen/ wenn die Sachen so in die Sinne fallen/ durch die Atomos gleichsam mit angeneh- men Liebreitzungen das Gemuͤthe anlocken/ und zu der angenehmen Sache ziehen. Die Z usam- menziehung hingegen/ wenn die Atomi eines unangenehmen Dinges das Gemuͤthe gleich- sam stechen/ daß es sich zuruͤcke ziehet. Id. p. 488. 489. Sie vergleichen das ruhige Gemuͤthe mit einen stil- len Wasser/ und das durch die Affect en beweg- te Gemuͤthe mit einem Wasser/ darinnen man einen Stein geschmissen: Id. p. 491. sq. Wiewohl es viel- leicht ihrer Lehre gleichfoͤrmiger kommen doͤrff- te/ wenn sie dieses letzte Gleichnuͤß nur auf die Ausbreitung des Gemuͤthes und die Wollust zoͤgen/ und die Einschraͤnckung bey dem Ver- druß etwan mit einem Wuͤrbel oder sonsten verglichen. 25. Die Bestien haben nach ihrer Mei- nung eben so wohl Affect en als die Menschen/ indem sie die Loͤwen fuͤr zornig/ die Hirsche fuͤr furchtsam/ und das Rindvieh von einen Mittel Affect halten/ Gassen- dus in Synt. p. 404. auch denen Bestien ausdruͤck- D 3 lich Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. lich Affect en und auch eine Rede zueignen. Id. ibid. c. 20. p. 413. 26. Die Eintheilung derer Affect en ist fol- gende; Etliche Affect en gehen mehr die See- le an/ die nemlich in der Brust zuerst aus der Meinung gutes und boͤsen entstehen/ etliche den Leib/ die in den andern Theilen des Leibes ohne Unterscheidung/ ob etwas gut/ und boͤse sey/ ih- ren Ursprung nehmen. Bernier T. VII. p. 495. 27. Die Haupt- Affect en des Leibes sind zwey/ Wollust und Freude uͤber eine ange- nehme/ und S chmertzen und Verdruß uͤber eine unangenehme Sache. Der Verdruß und Schmertzen entstehet daraus/ wenn etliche Theile des Leibes außer ihren ordentlichen Zu- stand durch Eisen/ Feuer/ Blutauslassung/ u. s. w. gesetzet sind. Die Wollust aber/ wenn man empfindet/ daß diese Theile wieder in ihren na- tuͤrlichen und ordentlichen Stand gebracht wor- den. Woraus folget/ daß eigentlich keine Wol- lust sey/ wenn nicht ein Schmertz vorhergegan- gen. Denn der ordentliche Stand des Leibes bestehet nach ihrer Meinung in Mangel des Schmertzens: ( indolentia ) Zwischen dem Schmertzen und der Wollust ist ein Mittel- Affect des Verlangens oder der Begierde/ wel- ches nichts anders ist/ als ein Verlangen von dem Schmertzen befreyet/ und wieder zum vo- rigen Mangel des Schmertzens gebracht zu seyn. Diese Begierde gleichwie sie nach Ge- legen- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. legenheit der Umstaͤnde in allen Gliedmassen ist; also laͤßt sie sich fuͤrnehmlich in denen Thei- len des Leibes spuͤren/ die durch den Mangel der Nahrung oder durch die Menge des S aamens befchweret werden/ welches deswe- gen scheinet zugeschehen/ weil diese Begierden nicht wie die uͤbrigen nur auf die Erhaltung ei- nes Gliedmassens/ sondern jene auf die Erhal- tung des gantzen Menschens/ diese aber auf die Erhaltung des gantzen menschlichen Geschlechts abzielen. So haben auch diese beyden Begier- den dieses wieder fuͤr andern besonders/ daß ei- ne Wollust mit der Benehmung des Schmer- tzens vergefellschafftet ist/ welche Lust doch nur als etwas beyfaͤlliges muß betrachtet werden/ das die Natur verordnet/ damit der Mensch und andere Thiere desto geschwinder veranlas- set werden moͤchten/ den Verdruß von Halse zu schaffen/ nicht aber als ein Entzweck der Be- gierde/ weil so bald der Mensch dieser Verdrieß- ligkeit loß worden/ die Lust aufhoͤret/ und der bloße Mangel des Schmertzens uͤbrig bleibet. Es gedaͤchten zwar die Thiere dieser einmahl empfundenen Lust/ und trachteten dieselbe als ihren eintzigen Zweck zu wiederholen; iedoch we- cke sich diese Wollust gleichsam selbst wiederum auf/ und sey darzu kein Gedaͤchtnuͤß noch Ur- theil vonnoͤthen/ sondern die Gegenwaͤrtigkeit des Verdrusses sey gnung hierzu. Derowegen waͤren diese Begierden gleichsam blind/ welche D 4 nichts Das 2. H. von den Gemuͤths-Neig. nichts nach den kuͤnfftigen frageten/ sondern bloß wie sie die gegenwaͤrtige Beschwerung loß werden moͤchten. Derohalben waͤren der Schmertz/ das Verlangen/ und die Wollust drey Affect en diekeinen Verstand und Ur- theil erforderten/ und die von denen unver- nuͤnfftigen T hieren und kleinen Kindern auch empfinden wuͤrden/ als welche alsbald nach der Geburt die Kaͤlte empfinden/ und be- gierig sind/ daß sie warm werden/ hernach hun- gern/ und an der Muttermilch ihr Vergnuͤgen haben/ und u. s. w. Bernier d. l. p. 496. usque ad p. 500. 28. Nun folgen die Affect en/ die hauptsaͤch- lich das Gemuͤthe angehen/ und die in der Brust oder im Hertzen entstehen/ nach einer vorhergegangenen Einbildung und Beur- theilung des guten und boͤsen/ davon auch hernach die andern Theile des Leibes/ iedoch mit diesem Unterschied beweget werden. Diese Beurtheilung gebeut gleichsam die Bewegung der andern Gliedmassen/ welche auch derhalben fuͤr willkuͤhrlich gehalten wird/ aber sie schreibet denen Gedancken und dem Willen des Her- tzens nichts vor/ sondern der Wille wird natuͤr- licher Weise durch die Gegenwart dieser Ein- bildung erweket. Solchergestalt wird die Bewe- gung der Einbildung in Ansehen des Hertzens mit einem Feuer am duͤrren Holtze/ in Ansehung der nach denen untersch. Mein. der Gelehr. der andern Gliedmassen mit einem Feuer am gruͤnen Holtze verglichen. Jm Hertzen sind auch zwey hauptsaͤchliche Affect en/ die W ollust und der S chmertz/ jener entstehet aus der Einbil- dung eines gegenwaͤrtigen guten/ und dieser aus der Einbildung eines gegenwaͤrtigen Ubels. Derowegen waͤre die Wollust ein lauteres Gut/ weil man es wegen sein selbst begehre/ und der Schmertz waͤre ein purlauteres Ubel/ weil man es wegen sein selbst meide; das andere Gute und Ubel waͤren nur dafuͤr zu achten/ wie weit sie Wollust oder Schmertzen machten. Bernier p. 500. sqq. 29. Die andern Affect en koͤnten alle zu denen ietztbesagten gebracht werden/ denn sie entstuͤn- den nicht alleine uͤbergegenwaͤrtige Dinge/ son- dern auch uͤber vergangene und zukuͤnfftige. Solchergestalt nun hiessen die beyden Affect en/ die alle diese drey Zeiten in sich begriffen/ die Lie- be und der Haß/ denn die Liebe betrachte nicht alleine die gegenwaͤrtige Belustigung/ sondern auch die Sache/ die uns belustiget habe/ und kuͤnfftig belustigen koͤnne; welches ebenmaͤßig auch von dem Haß zuverstehen. Wenn das gute gegenwaͤrtig oder vergangen sey/ so ruhe die Seele gleichsam in seiner Geniessung/ und wenn es zukuͤnfftig oder abwesend ist/ werde das Gemuͤthe durch das Verlangen oder H off- nung nach demselben beweget/ unter welchen D 5 bey- Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. beyden Affect en dieser Unterscheid sey/ daß das Verlangen ohne Einbildung sey/ ob man es uͤ- berkommen werde/ die Hoffnung aber mit einer dergleichen Einbildung vergesellschaffet sey. Diesen beyden Affect en wird bey dem Ubel ent- gegen gesetzt/ dem Verlangen zwar die Flucht ohne Einbildung/ ob mir das Ubel auf den Hals kommen werde/ und die F urcht/ die sich zugleich das Ubel einbildet; Wiederum aus der Hoff- nung entstehet ein Vertrauen/ aus der Furcht eine Verzweiffelung . Ferner aus dem Ver- trauen eine Kuͤhnheit/ und aus der Verzweif- felung eine Kleinmuͤthigkeit . Zuletzt koͤnne man den Zorn/ als einen Affect, der aus allen vorhergehenden zusammen gesetzet sey/ rechnen/ und ihm/ daß das Paar voll werde/ die Gedult an die Seite setzen. Bernier p. 504. sqq. 30. Nun wollen wir noch des Cartesii Lehre von denen Affect en entwerffen; Cartesius raison- ni ret von denenselben also: Der Mensch beste- het aus Leib und Seele. Die Waͤrme und Be- wegung ruͤhren vom Leibe/ die Gedancken aber von der Seelen her. Cartes de Passion. Part. 1. art. 2. 3. 4. Die Gedancken des Menschen find zweyerley/ etliche sind T haͤtig- keiten der S eelen/ nemlich alles was der Mensche will/ weil wir erfahren/ daß dieses al- les gerade von der Seelen herkoͤm̃t/ und von ihr allei- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. alleine herzuruͤhren scheinet/ etliche sind die Lei- denschafften der Seelen/ oder ihre Affect en/ wohin man uͤberhaupt alle Empfindungen ( perceptiones) und Erkentnuͤsse der Seelen brin- gen kan. Cartes. art. 17. Diese Empfindungen sind zwey- erley/ etliche entspringen von unserer S eele/ etliche von unserm Leibe. A n denen die S ee- le Ursache ist/ sind die Empfindungen unseres Willens/ und aller Einbildungen und anderer Gedancken/ die von der Seele herkommen. Denn es ist gewiß/ daß wir nichts wollen koͤn- nen/ daß wir nicht zu gleich empfinden solten/ daß wir dasselbige wollen. Und obwohl in Anse- hen unserer das Wollen ein Thun der Seelen ist/ so kan man doch auch sagen/ daß in derselben eine Leidenschafft sey/ wenn sie empfindet/ daß sie etwas will. Dieweil aber dieses empfinden und dieser Wille warhafftig ein Ding ist/ so be- nennet man es nach dem edelsten/ und also nen- net man es nicht eine Leidenschafft/ sondern ei- ne Thaͤtigkeit/ Id. art. 19. welches auch ebenmaͤßig von denen Einbildungen und anderen Gedancken/ die von der Seele formi ret werden/ gesaget wer- den muß. Id. art. 20. Die Empfindungen/ die vermit- telst des Leibes verursachet werden/ ruͤhren meistentheils von denen Senn-Adern her; et- liche aber sind Einbildungen/ die von denen auf unterschiedene Art bewegten Geistern des Leibes wider den Willen des Menschen her- kom- Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. kommen/ als die T raͤume und die Phantasi en/ wenn wir wachende unsere Gedancken nicht an etwas gewisses hafften/ sondern herumb schwaͤr- men lassen. Ob nun wohl etliche von diesen Einbildungen Leidenschafften oder Affect en der Seele sind/ wenn man dieses Wort in einer ei- generen und sonderlichern Bedeutung nimmt; ja ob dieselben alle in einem weitlaͤufftigeren Verstande dafuͤr ausgegeben werden koͤnten; dieweil sie aber doch keine so merckwuͤrdige und determini rte Ursache haben/ als die Empfind- lichkeiten der Nerven/ sondern dieser ihre Schat- ten und Gemaͤhlde gleichsam sind; also ist noͤ- thig/ daß man dieser ihre unterschiedene Arten erwege. Id. art. 21. Denn etliche dererselben werden von uns aͤuserlichen Dingen die unsere Sinne beruͤhren/ etliche unserm Leibe/ und etliche un- serer Seele zugeschrieben. art. 22. Zu der ersten Classe gehoͤren die Empfindungen dieses Klan- ges/ dieses Lichts/ welches wir der Glocke oder dem Wachslicht/ als wenn es davon herkaͤme/ zuschreiben. art. 23. Zu der andern Classe gehoͤren die Empfindungen des Hungers und Dursts/ des Schmertzens/ der Waͤrme/ die wir empfin- den/ als wenn sie in denen Gliedmassen unsers Leibes waͤren. art. 24. Zu der letzten Classe gehoͤren alle die Einbildungen/ derer Wuͤrckungen man gleichsam in der Seele selbst empfindet/ und von welchen der gemeine Mann nicht weiß/ was er ihnen nach denen untersch. Mein. der Gelehr. ihnen fuͤr eine Ursache zuschreiben solle/ als die Empfindungen der Freude/ des Zorns und an- derer dergleichen Dinge/ die manchmahl in uns durch aͤuserliche Dinge welche unsere Nerven bewegen/ manchmahl aber auch aus andern Ursachen erwecket werden. Ob nun wohl alle unsere Empfindungen/ so wohl diejenigen/ die denen aͤuserlichen Dingen/ als die/ so unserm Leibe zugeschreiben werden/ warhafftig in weit- laͤufftigeren Verstande Leidenschafften in Ansehen unserer Seele sind; So pfleget man doch das Wort der Leidenschafften in engern Gebrauch auf diejenigen einzuschrencken/ die der Seelen selbst zugeschrieben werden. Und diese werden auch alhier unter dem Nahmen der Affect en oder Leiden s chafften der See- len verstanden . art. 25. Jedoch ist hierbey zumer- cken/ daß alle Empfindungen/ die die Seele ver- mittelst der Senn-Adern leidet/ auch durch die von denen bewegten Geistern des Leibes ge- ruͤhrten Einbildungen als Schatten gleichsam entworffen werden koͤnnen/ wiewohl mit diesem Unterscheid/ daß die Einbildungen derer Leiden- schafften/ die denen aͤuserlichen Dingen und dem Leibe selbst zugeschrieben werden/ z. e. des Klangs/ des Geruchs/ des Hungers/ der Ver- wundung u. s. w. uns oͤffters betriegen/ aber die Einbildungen der Leidenschafften die der Seele zugeschrieben werden/ koͤnnen uns nicht be- Das 2. Hauptst. von den Gemuͤths N. betriegen; denn wenn wir im Schlaffe uns eine Freude oder Traurigkeit/ oder einen andern Aff- fect einbilden/ ist es alle Zeit wahr/ daß unsere Seele diese Leidenschafft in der That gefuͤh- let. art. 26. 31. Biß hieher hat Cartesius die materiali en zu Beschreibung der Affect en angeschaffet. Aus denenselben formi ret er nun dieses Gebaͤude. Die Affect en oder Leidenschafften der See- len sind Empfindungen/ oder Sinnligkeiten/ oder Bewegungen der Seelen/ die der Seelen absonderlich zugeschrieben werden/ und welche durch eine Bewegung der Geister entstehen/ erhalten und verstaͤrcket werden. art. 27. Er nennet die Affect en Empfindungen/ weil alle Gedan- cken des Menschen/ auser seinen Willen/ Em- pfindungen genennet werden koͤnnen. Er nen- net sie S inn l igkeiten/ weil sie von der Seele eben so wie die Dinge so in die aͤusere Sinne fallen/ begriffen werden. Er nennet sie Bewe- gungen/ weil keine Gedancken die Seele mehr hin und wieder treiben und exerci ren/ als eben die Affect en. art. 28. Daß er saget/ sie werden der S eele absonderlich zugeschrieben/ ist gesche- hen/ daß er sie von Empfindungen des Klanges/ der Farben/ des Hungers/ Dursts/ u. s. w. ent- scheiden moͤchte. Daß er aber erwehnet/ sie wuͤrden durch die Bewegung der Geister ernehret/ hat er gethan/ sie von dem Thun un- sers nach denen untersch. Mein. der Gelehr. sers Willens zuentscheiden/ weil dieses nicht nur zu der Seelen gerechnet/ sondern auch von der- selben warhafftig vorgebracht/ und gewuͤrcket wird. art. 29. 32. Hieꝛnaͤchst weiset Cartesius weitlaͤuftig/ daß die Leidenschafften der Affecten nicht nach der gemeinen Meynung im Hertzen/ sondern in dem Gehirne/ und zwar in der glandula pineali ih- ren Sitz haben/ da er zugleich auch seine Ge- dancken eroͤffnet/ auff was Weise die Affect en in der Seele pflegen erwecket zu werden. art. 30. usque ad art. 39. 33. Die vornehmste Wuͤrckung aller Affe- ct en ist/ daß sie die Seele antreiben und disponi- ren das zu wollen/ was dem Menschen zu seiner Erhaltung nuͤtzlich ist. art. 40. Conf. Part. 2. art. 52. Und also haͤlt Carte- sius die Affect en mehr fuͤr gut als fuͤr boͤse . 34. Hernach handelt er von dem Vermoͤgen des Willens uͤber die Affect en/ und ist der Mey- nung/ daß die Affect en von unserm Willen nicht gleich zu koͤnten erwecket oder benom- men werden/ sondern gleichsam seitwerts durch Vorstellung solcher Dinge/ die die Affe- ct en erwecken/ welche wir haben wollen/ und die denjenigen zu wieder seyn/ welche wir daͤmpf- fen wollen. Dieses kan aber unsere Seele also balde gerade zu thun/ daß sie die Geister/ die die Sennadern auffspannen die Glied- massen zu bewegen/ zuruͤck und an sich halte. o ) Wo- Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. Art. 45. 46. Woraus offenbar ist/ daß Cartesi9 dafuͤr halte/ man solle und koͤnne die Affect en wohl daͤmpf- fen aber nicht austilgen ; Welches er auch verstehen will/ wenn er anderswo Art. 50. saget: daß die allerschwaͤchsten Seelen vermoͤgend waͤren/ die absolute ste und groͤste Gewalt uͤber alle ihre Leidenschafften zuerlangen/ wenn sie nur genug Fleiß anwendeten dieselbe zuerwe- cken und zu dirigi ren. 35. Von denen Bestien sagt er ausdruͤcklich eod. art. 50. daß ob sie wohl keine Vernunfft/ und vie- leicht (wiewohl ich dieses viel l eicht nicht verste- he/ und gerne von einem Cartesianer dessen Erklaͤ- rung hoͤren moͤchte) keine Gedancken haͤtten/ dennoch die Bewegungen ihrer Geister und der glandulæ, die in uns die Affect en erregeten/ gleich- fals bey Jhnen waͤren/ und darzu dieneten/ daß zwar nicht/ wie in uns die Affect en/ aber dennoch die Bewegungen der nerven und musculen er- halten und gemehret wuͤrden; Womit er de- nen Besti en die Affect en gar deutlich a b- spricht . 36. Cartesius machet Sechs Haupt Affect en/ 1. die Bewunderung/ 2. die Liebe/ 3. den Haß/ 4. die Begierde/ 5. die Freude und 6. die Traurigkeit ; vid. art. 69. aus welchen er alle andere Ge- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. Gemuͤths-Neigungen/ und zwar auf folgende Weise herleitet: 37. Die Bewunderung ( Admiratio) ent- stehet aus Betrachtung eines Dinges/ das wir fuͤr neu und ungewoͤhnlich halten; hieraus ent- stehet die Hoch s chaͤtzung (Existimatio ) oder Ge- ringschaͤtzung/ ( Contemptus, ) nachdem wir die Groͤsse oder die Kleinigkeit der Sache bewundern. Wenn wir uns nun selbst hoch oder gering schaͤ- tzen/ entstehen daraus eines theils Großmuͤthig- keit (Magnanimitas , ) oder Hochmuth ( Superbia ) anders theils Demuth ( Humilitas) oder Nieder- traͤchtigkeit ( Abjectio. ) Wenn wir aber damit auff andere Menschen fallen/ heisset der affect Verehrung ( Veneratio ) oder Verachtung ( Despectus) art. 53. 54. 55. 38. Die vorigen affect en alle koͤnnen bey uns ohne Betrachtung ob die Sache gut oder boͤse sey/ erweget werden. Wenn uns aber etwas als was gutes/ oder was boͤses und schaͤdliches vorgestellet wird/ erwecket es in uns Liebe/ und Haß ( Amorem \& Odium. ) art. 56. 39. Von eben dieser Betrachtung des guten und boͤsen entstehen die andern affect en alle/ und zwar was die Dinge betrifft/ die zukuͤnfftig sind/ entspringet die Begierde ( Cupiditas ) so wohl das gute zu erlangen/ als dem boͤsen zu entgehen. Die- se Begierde wird Hoffnung ( Spes ) genennet/ wenn E man Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. man sich vorstellet/ es werde das Vorhaben leichte ins Werck zu richten seyn/ und Furcht/ ( Timor ) wenn man Schwerigkeit dabey befin- det; Zu der Furcht kan man die E yfersucht (Ze- lotypiam ) als eine gewisse Art derselben rechnen. Die groͤßte Hoffnung wird Sicherheit oder Vertrauen/ ( Securitas vel Fiducia) uñ die groͤßte Furcht Verzweiffelung ( Desperatio) genennet. Betrachten wir aber insonderheit/ daß die Sache von uns selbst koͤnne ins Werck gerichtet werden/ und wir befinden Schwerigkeit dabey in Erweh- lung der Mittel/ so nennet man denselben affect Wanckelmuth ; (Animi fluctuationem) Jst aber die Schwuͤrigkeit in der Ausuͤbung/ so wird der- selben Hertzhafftigkeit (Animositas ) oder Kuͤhn- heit ( Audacia ) zu welcher man die Æmulation rech- nen koͤnne/ entgegen gesetzt. Die Kleinmuͤthig- keit (Pusillani mitas ) sey der Hertzhafftigkeit/ und das Schrecken ( Terror ) oder die Bestuͤrtzung ( Consternatio) der Kuͤhnheit zuwider. Und wenn man endlich eine action entschlisse/ da man noch wanckelmuͤhtig ist/ so ruͤhre daher das boͤse Ge- wissen ( Synteresis, Conscientiæ morsus ) die doch nicht wie die vorhergehenden affect en auf das Zu- kuͤnfftige/ sondern auf das Gegenwaͤrtige und Vergangene ziele. art. 57. 58. 59. 60. 40. Die Betrachtung des gegenwaͤrtigen guten und boͤsen erwecket in uns Freude und Be- truͤb- nach den untersch. Mein. der Gelehr. truͤbniß [ Gaudium \& Tristitiam ] wenn das boͤse und gute uns angehet; Wenn aber das boͤse und gute andere angehet/ so halten wir sie entweder dessen wuͤrdig/ welches nichts anders als Freude bey uns erwecket/ nur daß die Freude uͤber des andern Ungluͤck so dann mit einem Spotten [ cum Irrisione ] vergesellschafftet ist: Oder wir halten dafuͤr/ daß sie es nicht verdienet haben/ so heisset der affect in ansehen des guten Neid/ [ Invi- dia ] und in ansehen des boͤsen Erbarmniß/ [ Com- miseratio ] welches Arten der Betruͤbniß sind. Fer- ner wenn wir uns selbst als Ursachen des erhalte- nen guten oder boͤsen betrachten/ entspringet die Zufriedenheit mit sich selbst/ [ Acquiescentia in se ] uñ die Reue . [ Pœnitentia ] Jenes ist der suͤsseste: dieses der bitterste affect. Wenn aber andere des- sen Ursache sind/ entstehet in Betrachtung des gu- ten Gewogenheit/ [ Favor ] oder Danckbarkeit/ [ Gratitudo ] nach dem das gute andern oder uns selbst wiederfahren; in Betrachtung aber des boͤ- sen U ngewogenheit/ [ Indignatio ] die der Gewo- genheit/ und Zorn/ [ Ira ] der der Danckbarkeit entgegen gesetzet ist. Und wenn wir darauff re- flecti ren/ daß andere Menschen uns fuͤr Ursachen des guten und boͤsen halten/ wird der Ruhm [ Gloriatio ] oder die Scham [ Pudor ] dadurch er- wecket. Gleichwie aber die lange Daurung des Ubels die Traurigkeit vergeringert; also entstehet aus der Dauerung des guten eine Saͤttigung oder Eckel. [ Satietas vel Fastidium ] Wenn das E 2 gute Das 2. H. von den Gemuͤths Neig. gute und boͤse vergangen ist/ machet es ein Verlangen [ Desiderium ] welches eine Art der Traurigkeit/ und dieses eine F roͤligkeit/ ( Hila- ritatem ) welches eine Art der Freude ist. art. 61. usꝗ ad 67. 41. Dieses ist nun der Grund der Lehre des Cartesii von denen affecten, bey welcher/ wie er gantz offenbahrlich von denen Meinungen aller andern Philosophen außer dem Epicuro darinnen abgehet/ daß er die Erkaͤntniß des guten und boͤsen als eine Ursache derer Gemuͤhts-Bewe- gungen/ nicht fuͤr ein nothwendiges Stuͤck in der Beschreibung der affect en haͤlt/ von allen aber/ daß er die Bewunderung mit denen dahin ge- hoͤrigen Arten/ als einen sonderlichen affect, der von guten und boͤsen abstrahire, vorstellet; Also wird wie er hierinnen g ar vielfaͤltig geirret/ folgen- des Capitel mit mehren zeigen. Jetzo wollen wir nur anmercken/ daß Cartesius vielleicht zu dieser irrigen Meinung dadurch verleitet worden/ daß er die affect en nicht zum Willen des Men- schen rechnet sondern zu dem Verstande; vid. suprà §. 30. ex art. 17. 19. item §. 31. ex art. 29. (denn die Bewunderung ist in dem Verstande.) Welcher Jrrthumb wahrscheinlich daher ent- sprossen/ daß er alle Thaͤtligkeiten der Seelen zu dem Willen rechnet/ vide suprà §. 30. ex art. 17. da also nothwendig dem Verstande nichts uͤbrig bleibet als lauter Lei- den- nach denen untersch. Mein. der Gelehr. denschafften; da doch der Verstand so wohl seine thaͤtigen Gedancken hat/ wenn nemlich der Mensch mit Vorsatz was mediti ret/ als der Wille seine leidenden/ wenn er nemlich von affect en an- getrieben ist. vide Einleitung zur Vernunfft-Lehre cap. 3. num. 67. 68. 42. Was wir sonsten bey denen Meinungen des Cartesii, der Gassendi sten/ der Stoicker und der Peripateticorum zu erinnern haben/ werden wir fuͤglicher bey folgenden Capiteln in Formirung einer deutlichen Beschreibung und accurate ren Eintheilung der affect en an gehoͤrigen Orte erin- nern. Nur dieses wollen wir noch mit wenigen erinnern/ daß es sehr laͤcherlich heraus komme/ wenn z. e. die Stoicker und Aristotelici mit einan- der von denen Fragen: Ob die affect en boͤse seyn? Ob sie ausgetilget werden koͤnnen? Ob die Be- stien affect en haben? u. s. w. disputi ren/ weil sie nicht von einerley Sache streiten/ indem sie die affect en gantz auf eine entschiedene Weise be- schreiben/ und so zusagen einer von Aepffeln/ der andere von Birnen redet. Wiewohl auch diesen Fehler Seneca zum oͤfftern begehet. Jedoch ist auch nicht zu laͤugnen/ daß der Stoicker Lehre besser aneinander haͤnget als der Peripateticorum, als die man mit ihrem eigenen Schwerdte schla- gen und weisen kan/ daß die Bestien keine affect en haben . E 3 Das Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. Das 3. Hauptstuͤck. Wie die Affect en oder Ge- muͤths-Neigungen eigentlich beschrieben werden muͤsseu. Jnnhalt. Was in Beschreibung der Affect en in acht zu nehmen n. 1. Exempel etlicher Affect en. n. 2. Die Affect en sind Be- wegungen des Gemuͤths n. 3. Bey denen Affect en ist auff viererley Bewegungen acht zu haben n. 4. (1) auff die aͤußerliche n. 5. (2) auff die innerliche Bewegung des Leibes/ die vor dem Affect vorher gehen aber der Affect selbst nicht sind n. 6. (3) auff die erste Bewegung in dem Willen/ welches schon der Affect ist wider die Stoicker n. 7. (4) auff die andre unruhige Bewegung des Wil- lens/ welche der Fortgang/ und nach den Stoickern der Anfang des Affects ist. n 8. Wann der Affect eine Gemuͤhtsneigung genennet wird n. 9. wird durch die Nei gung mehr ein Thun als Leiden des Willens ver- standen n. 10. jedoch kan der Affect auch eine Gemuͤths- leidenschafft genennet werden. n. 11. Die Affect en sind im Willen und nicht im V erstande n. 12 Was Cartesium bewogen daß er den Affect nicht im Willen gesucht n. 13. [1.] weil er dem Willen lauter Thaͤtligkeiten zuschreibet n. 14. da doch so wohl der Wille als Verstand Thaͤtlig- keiten und Leidenschafften hat n. 15. Ohne die Leiden- schafften sind die Thaͤtligkeiten nichts wuͤrckliches n. 16. Verstand und Wille sind enge mit einander verknuͤpfft. n. 17. aber sie sind nicht ein Ding n. 18. Das Empfinden des Verstandes ist im Gehirue/ die Neigung im Hertzen n. 19. Die Neigung und der Trieb des Willens sind kei- ne Gedaucken n. 20. Derowegen bestehet das Wesen des Menschen mehr in der Reigung der Seelen als in Gedan, eigentlich beschrieben werden muͤssen. Gedancken n. 21. Was der Wille sey? n. 22. Aus diesen Betrachtungen wird die Beschreibung des Menschen suppli ret n. 23. V erwirrung der Cartesischen Lehre von Unterscheid der Affect en und andern Leidenschafften der Menschlichen Seelen n. 24. [2] Weil er die Bewun- derung unter die Affect en setzet. n. 25. Dieser letzte Jrrthumb ist noch mit mehrern vergesellschafft [ a ] daß Cartesius das/ worauff die Affect en folgen mit dem Affect selbst vermischt. n. 26. [ b ] Daß er die Großmuͤthigkeit und Niedertraͤchtigkeit als Arten der Bewunderung ausgiebet n. 27. [c] Daß er vermeinet/ die Toͤchter der Bewunderung waͤren Affect en ohne Betrachtung des guten und boͤsen/ und koͤnten weder zur Liebe noch dem Haß gebracht werden n. 28. Jrrthumb der N ach- folger des Epicuri und Aristotelis d, aß sie denen Bestien Affect en zugeschrieben n. 29. Der Menschliche Wille beweget sich allezeit von dem Wiedrigen zu dem Ange- nehmen/ oder von dem Augenehmen zu dem Wiedri- gen. Warumb der eintzige Cartesius hierinnen Neue- rungen gesucht? n. 30. Warumb man sich an statt des guten und boͤsen der Woͤrter: des angenehmen und unangenehmen bedienet? n. 13. D er Wille neiget und wendet sich nicht allemahl zu oder von dem/ was der Verstand des Menschen zuvor fuͤr gut und boͤse gehal- ten n. 32. sondern nur zuwellen n. 33. Unter dem gu- ten und boͤsen werden auch die unvollkommenen Arten verstanden n. 34. Alle Gemuͤthsneigungen bewegen sich gegen etwas zukuͤnfftiges oder abwesendes n. 35. wie alle Bewegungen. n. 36. D eßwegen ist die Lust und der Schmertz nicht unter die Zahl der Gemuͤthsneigungen zu rechnen n. 37. zumahl sie mehr zum V erstande als dem Willen gehoͤren n. 38. Uber dem vergangenen und zukuͤnfftigen empfindet man keinen Schmertz noch Lust/ es sey denn daß man sich solches als gegenwaͤrtig vor- stellet n. 39. 40. Auch die V erzweiffelung gehet auff das Zukuͤnfftige n. 41. Die D anerung oder Vermeh E 4 rung Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. rung des gegenwaͤrtigen ist auch zukuͤnfftig n. 42. und muß mit dem gegenwaͤrtigen nicht wermischet werden. n. 43. Ursprung der Affect en n. 44. Sie kommen von denen Sinnligkeiten her n. 45. Zu diesen gehoͤret auch die Empfindung unserer Neigungen n. 46. Diese Sinnligkeiten werden durch eußerliche Dinge die außer dem Hertzen des Menschen seyn/ geruͤhrt/ n. 47. (Warumb die Aristotelici den Hunger/ Durst/ u. s. w. nicht zu denen Sinnligkeiten gerechnet? n. 48.) Zu die- sen eußerlichen Dingen ist auch das Gehirne zu rech- nen n. 49. Die starcke Bewegung aͤußerlicher Dinge wird hier im Hertzen empfunden n. 50. Welcher Lehre nicht zuwider ist/ daß das Hertz ein Musculus ist n. 51. Die Empfindung des Hertzens entstehet aus dem Blu- te n. 52. und ist zu weilen eher als die Empfindung in den Spann-Adern des Gehirnes n. 53. Die starcken Eindruͤckungen sind entweder natuͤrliche oder eigen- willige n. 54. Die natuͤrlichen haben entweder verbor- gene oder offenbahre Ursachen. n. 55. Diese letzten ent- stehen entweder aus einer hefftigen Bewegung/ n. 56. oder empfindlichen V eraͤnderung. n. 57. Wie diese beyden Arten unterschieden wil? n. 58. 59. Der eigenwilligen Eindruͤckungen Beschreibung n. 60. Falsche Entschei- dungen der natuͤrlichen und eigenwilligen E indruͤ- ckungen n. 61. 62. Auff diese starcke Eindruͤckung folget eine außerordentliche Bewegung des Gebluͤts n. 63. D iese Bewegung des Gebluͤtes wird nicht von den Bewegungen der Nerven des Gehirnes verur- sacht: Unterscheid des Erschreckens und der Furcht. n. 64. 65. Die Bewegungen der Nerven sind wohl zu weilen mit den Gemuͤthsneigungen vergesellschafftet/ aber nicht allemahl n. 66. Beantwortung etlicher Aus- fluͤchte n. 67. Was eine außerordentliche Bewegung heisse? n. 68. 69. Sie bestebet entweder in einer Aus- dehnung oder einziehung n. 70. Vorstellung der Be- schreibung der Affect en aus dem gantzen Hauptstuͤck zusammen gezogen n. 71. 1. Nach eigentlich beschrieben werden muͤssen. 1. N Achdem wir imvorhergehenden Capitel so viel unterschiedene wiederwaͤrtige Meinungen von dem Wesen der Affe- cten vernommen/ muͤssen wir uns nunmehro be- muͤhen zu suchen/ ob wir nicht selbst eine genaue B eschreibung derselben finden moͤgen/ derge- stalt/ daß wir eines theils ohne Ansehung auff einige Menschliche Autori taͤt dem jenigen was wir selbsten erkennen/ folgen/ anders theils aber das von jederman fuͤr einen Affect gehalten wird/ nicht einen Affect zu seyn verlaͤugnen und nur aus Liebe zu Neuerungen/ alten Dingen neue Nahmen zu geben/ oder blosse Wortstreite zu erregen uns befleißigen. 2. Derowegen lasset uns aufangs umb eini- ge Exempel bekuͤmmert seyn/ die von allen Philosophen fuͤr Affect en gehalten werden/ damit wir desto eher die Warheit untersuchen moͤgen. Liebe. Haß. F urcht. Hoffnung . 3. Alle Philosophi haben sich die Affect en un- ter dem Concept einer Bewegung eingebildet/ und also wollen auch wir nichs neues machen/ sondern uns die Affect en als B ewegungen des Gemuͤths vorstellen. Dieweil aber bey einem jeden Affect mehr als eine Bewegung vorgehet/ so wollen mir nur in zwey Exempeln die Sache etwas deutlicher vorstellen/ damit alle confusion destobesser vermieden werde. E 5 4. Wenn Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. 4. Wenn ich mich in was verliebe oder fuͤr etwas fuͤrchte/ so beweget 1. eine aͤußerliche Sache die zun Sinnligkeiten gehoͤrige Theile meines Leibes/ und durch dieselbigen 2. die Geistergen des Leibes so in denen Nerven oder dem Gebluͤte sich auffhalten/ deren jene so dann sich ausbreiten oder zusammen ziehen/ diese aber das Gebluͤte geschwinder oder langsamer bewe- gen. Auff diese Bewegung folget 3. eine unbe- staͤndige und zwischen dem Wege der Vernunfft und Thorheit gleichsam wanckende Bewegung des Willens/ nach welcher endlich 4. eine ru- higere oder unruhigere B ewegung des Wil- lens erfolget. 5. Die erste B ewegung der Sinnligkei- ten durch die aͤußerlichen Dinge gehet zwar allezeit fuͤr denen Affect en vorher/ ist aber meines er- achtens von niemand vor den Affect selbst ausge- geben worden. Wir wollen selbige umb bessern Unterschieds willen: Die aͤußerliche Bewegung des Leibes nennen. 6. Und weil die andre Bewegung der Gei- stergen in den Spann-Adern und Gebluͤte gleich- falls eine Bewegung des Leibes ist/ die zum Unter- scheid der ersten eine innerliche Leibes- B ewe- gung kan genennet werden/ gleichwohl aber kein Philosophus die Affect en fuͤr Leibes-Bewe- gungen gehalten/ sondern der Seele oder Ge- muͤthe zugeschrieben/ so ist auch diese Bewegung nicht der Affect selbst/ sondern nur etwas das vor eigentlich beschrieben werden muͤssen. vor dem Affect vorher gehet . Und muß man sich nicht confundi ren lassen/ daß die Stoicker die- se Bewegung haben Passionem animi vid. cap. 2. n. 15. p. 47. eine Lei- denschafft des Gemuͤths genennet/ indem solches daher geschehen/ weil diese innerliche Leibes-Be- wegung das Gemuͤthe des Menschen gleichsam beruͤhret und an dasselbe anstoͤsset/ aber doch noch wuͤrcklich außer dem Gemuͤthe ist. 7. Die dritte Bewegung so die Seele an- gehet/ und die erste B ewegung in derselben ist/ wird von den Aristotelicis vor den Affect ge- halten/ und/ wo ich mich nicht irre/ so sind disfalls auch die Epicurei und Gassendi sten/ wie nicht we- niger die Cartesianer damit einig. Die eintzigen Stoicker haben dieses nicht fuͤr den Affect ausge- ben wollen/ vid. cap. 2. §, 15. p. 48. wiewohl sie leicht widerleget wer- den koͤnnen. Denn weil sie wollen/ daß in der Beunruhigung des Gemuͤthes der Affect bestehen solle; ibid. So haben sie wenig Ursache gehabt in diesen Stuͤck von denen andern Philosophen abzu- weichen. Sie erkennen ja kein Mittelding zwi- schen der Beunruhigung der Seelen und ihrer Ruhe. Wie wollen sie aber diese Bewegung fuͤr eine Ruhe oder ruhige Bewegung ausgeben/ da sie doch sagen/ daß in derselben ein Behertzter flie- hen/ und ein Gedultiger sich raͤchen wolle/ aber alsobald durch die Vernunfft solches hintertreibe? d) Siehe Die 3. H. wie die Gemuͤths Neig. ibid. Siehe da zwey alsobald auf einander folgende widrige Bewegungen/ welche ohne Unruhe nicht koͤnnen betrachtet werden: Und ob sie schon sa- gen/ daß dieser Wille gleichwol nicht halstarrig sey/ so thut doch dieses nichts zur Sache/ weil ei- ne wanckende Unruhe eben so wohl eine Unruhe ist als eine halstarrige/ nur daß diese einen hoͤhern Grad fuͤr jener hat. 8. Die vierdte Bewegung/ so ferne die- selbe in der Unruhe fortfaͤhret/ wird von allen/ auch von den Stoickern selbst fuͤr einen Affect ge- halten; ibid. nur daß die Stoicker hier erst den An- fang des Affects suchen/ da hingegen mit bessern Recht die Aristotelici mit denen andern die dritte Bewegung fuͤr den Anfang/ und diese vierdte fuͤr den Fortgang des Affects halten. Wir wollen zu desto besserer Entscheidung die dritte eine Ge- muͤthsneigun g/ und die vierdte einen Gemuͤths- trieb nennen. 9. Jedoch ist bey dem Wort der Gemuͤths- neigung dieses zu beobachten/ daß dasselbe zu zweyerley Betrachtungen Anlaß giebet/ eines thuns und eines leidens . Denn indem der Wil- le des Menschen von der innerlichen Leibes-Be- wegung zur Neigung angetrieben wird/ leidet er etwas; in dem er aber des Vermoͤgens das er hat/ sich nicht bedienet/ oder dem Trieb des Lei- bes nachgiebet/ und das aͤußerliche Thun und Lassen eigentlich beschrieben werden muͤssen. Lassen nach demselben dirigi ret/ thut er et- was. 10. Wenn man aber den Affect eine Gemuͤths- neigung nennet/ sieht man mehr auff das Thun als das Leiden des Willens. Und muͤssen wir uns dannenhero huͤten/ daß wir den Affect nicht mit Cartesio fuͤr ein bloßes Leiden oder Empfin- den/ oder Sinnligkeit der Seele ausgeben/ cap. 2, n. 31. f. 62. denn er verstehet nur hierdurch die Empfindung der Leibes-Bewegung/ oder der Gemuͤths- Bewegung ; so ist dieses der Affect nicht/ weil die Empfindung im Verstande/ der empfindende Affect aber im Willen ist. 11. Nichts destoweniger aber koͤnnen wir den Affect wohl in einen gewissen Verstande eine Ge- muͤthsleidenschafft nennen/ weil das Gemuͤthe/ als obgemeldet/ bey dem Affect sich nicht von sich selbst beweget/ sondern von der innerlichen Lei- bes-Bewegung an g etrieben wird . Jn diesem Verstande haben wir auch in der Vernunfft Leh- re etliche Gedancken des Menschen leidende ge- nenet/ ob schon das Dencken uͤberhaupt ein thun ist. 12. Weil nun der Affect eine Bewegung/ Neigung und Leidenschafft der Menschlichen Seelen ist/ so folget nun ferner/ daß wir erwegen/ ob er in dem Menschlichen Verstande oder Wil- len sey? Alle Philosophi setzen Jhn in den Willen oder Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. oder eine dem Willen nahe kommenden Be- gierde/ bis auff Cartesium der Jhn im Verstande/ oder doch zum wenigsten nicht in Willen einlogi- ret; cap. 2. n. 30. 31. Welche Meinung wie sie gantz paradox ist/ und von eines jeden Menschen Empfindligkeit/ absonderlich aber durch die Exempel der Liebe/ Furcht/ Hoffnung u. s. w. wiederleget wird/ die offenbahre Neigungen des Willens sind; also wollen wir nur ein wenig betrachten/ was Carte- sium verfuͤhret/ daß er auf diese gantz irrige Meinung gefallen . 13. Es scheinet solches aus zweyerley Ursachen hergekommen zuseyn: 1. Weil er alle Thaͤtlig- keiten der Menschlichen S eelen dem Willen/ und das Leiden derselben dem Verstande zuge- schrieben. 2. Weil er die Verwunderung fuͤr einen Affect gehalten/ welches doch beydes ja so fasch ist/ als daß der Affect nicht im Willen seyn solle. 14. Die erste falsche Meinung erhellet daraus/ wenn er oben suprà cap. 2. n. 30. 31. gesagt: Daß alles was der Mensche wolle/ Thaͤtligkeiten der Seele waͤ- ren/ das andere aber alles waͤren Leiden- schafften und Empfindungen der Seelen/ da doch einem jeden seine eigene Empfindung zeiget/ daß so wohl der Menschliche Verstand/ als der M enschliche Wille seine Leidenschafften und Thaͤtligkeiten habe . 15. Die eigentlich beschrieben werden muͤssen. 15. Die Leidenschafft des Verstandes ist die sinnliche Empfindung; Sein Thun heißt die innerliche Nachdenckung und Raisoni rung. Die Leidenschafft des Willens heißt Nei- gung/ die Thaͤtligkeit/ Wahl und Willkuͤhr/ oder der willkuͤhrliche Trieb. 16. Ohne die vorhergehenden Leiden- schafften sind die Thaͤtligkeiten der Seelen nichts wuͤrckliches. Denn wer kan etwas nach- dencken/ das er nicht zuvorhero sinnlicher Weise empfunden; und wer kan etwas erwehlen/ wenn er gar keine Neigung dazu bey sich gespuͤhret. 17. Jedoch ist der Verstand und Wille en- ge mit einander verknuͤpfft/ daß immer eines das andere treibet. Dem Verstand/ wenn ihm was in die Sinnen faͤllt/ hilfft der Wille/ daß er sich zu einer Nachdenckung bequemet/ oder der- selben zu entgehen bemuͤhet ist. Und wenn der Wille zu etwas geneiget wird/ hilfft ihm der Ver- stand dasselbe/ und die Mittel und Wege darzu betrachten. 18. So wenig aber als bey dem Zucker die Vereinigung des suͤssen Geschmacks und der weißen Farbe macht/ daß das weiße und suͤsse ei- nerley ist; So wenig kan auch die Vereinigung des Verstandes und Willens in der Seele des Menschen verursachen/ daß Verstand und Wille einerley sey. Weßwegen Cartesius aber- mahl verstossen/ wenn er gesagt: Daß dieses ei- ne Leidenschafft des Willens sey/ wenn die Seele Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. Seele empfinde/ daß sie etwas wolle/ und daß dieses Empfinden und dieser Wille warhaff- tig ein Ding sey. d. n. 30. p. 59. Denn wenn es ein Ding waͤre/ so muͤste nach Cærtesii Meinung Leiden und Thun eins seyn/ welches absurd ist. Und wenn die Seele empfindet/ daß sie etwas will/ so ist dies Wollen im Willen/ und das Empfinden davon im Verstande/ und dieses beydes kan auch des- halben nicht eines seyn/ [ob es schon in einer See- len ist] weil es in unterschiedenen Theilen des Menschlichen Leibes gefuͤhlet wird. 19. Denn das Empfinden [ perceptio ] daß ich etwas wil/ wird wie alle andere Gedan- cken gefuͤhlet [ sentitur ] daß es im Gehirne des Menschen geschiehet; aber ein jeder Mensch wird bey sich fuͤhlen/ daß die Neigung und der Trieb des Willens in seinem Hertzen vorge- he/ ob er schon dieselbe im Gehirne und mit dem Verstande empfindet/ eben als wie wenn ich das eine Ende von einer Saite zwischen die Zaͤhne neh- me/ und auff das andere Ende darauff schlage/ der aͤusere Schlag warhafftig am andern Ende geschiehet/ ob ich gleich denselben zwischen denen Zaͤhnen empfinde/ und also der Schlag und das Empfinden nicht einerley seyn kan. 20. Aus dieser Betrachtung aber folget noth- wendig/ daß das Thun und Leiden des Wil- lens dem Wesen nach von denen Gedancken des eigentlich beschrieben werden muͤssen. des Menschen entschieden sey/ und daß also Cartesius, wenn er spricht: Homo dum vult, cogitat, der Mensch dencke wenn er etwas wolle/ zwar in so weit recht habe/ daß das Dencken und Wol- len in der Menschlichen Seele vereinigt sey/ und zu einer Zeit vorgehe/ aber keines weges/ wann er mit denen andern Philosophen insgemein vorgiebet daß das Wollen und Dencken ein Ding sey; oder deutlicher: daß das Wollen in Gedancken bestehe. Denn die Gedancken gehoͤren nur zu dem Ver- stande. 21. Und also ist es ebenmaͤßig falsch/ daß das Wesen des Menschen/ wodurch er von den un- vernuͤnfftigen Thieren unterschieden wird/ ein- tzig und alleine in Gedancken bestehe; Denn die Neigung und der Trieb des Willens ist eine viel edlere Krafft der Menschlichen Seelen als das Dencken des Verstandes/ wel- che solchergestalt von denen Heydnischen Philoso- phen und ihren Nachsolgern auf Universitaͤten insgesamt gaͤntzlich uͤbersehen/ oder doch mit dem Verstande und dessen Gedancken vermischet worden. 22. So ist demnach der Wille eine Krafft der Menschlichen Seelen/ vermoͤge welcher der Mensch zu etwas geneiget wird/ und her- nach sich selbsten antreibet etwas zu thun oder zu lassen. 23. Und weil wir in der Einleitung zur Ver- F nunfft- Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. nunfft-Lehre c. 3. n. 60. nach der gemeinen Meinung die Gedancken in Beschreibung des Menschen in so weitlaͤufftigen Verstande genommen/ daß auch das Thun des Menschlichen Willens darunter begriffen worden/ so kan dieselbe Unzulaͤngligkeit also emendi ret werden. Der Mensch ist ein Coͤrperliches Wesen/ das sich bewegen/ ge- dencken/ und sich zu etwas neigen und antrei- ben kan. Wiewohl die Unvollkom̃enheit besagter definition in der Vernunfft-Lehre kein groß præju- dicium wird erwecket haben/ weil dieselbe haupt- saͤchlich nur mit der Ausbesserung des Verstan- des zu thun hat/ und zu demselbigen Ende genung gewesen/ den Menschen von den Thieren durch die Gedancken zu entscheiden. 24. Lasset uns nun wieder zum Cartesio kom- men. Wenn selbiger in die falsche Meinung/ daß das Wollen in lauter Thaͤtligkeiten bestehe/ und die Leidenschafften der Seelen außer dem Wil- len gesuchet werden muͤssen/ nicht gefallen waͤre/ haͤtte er sich eine grosse Muͤhe ersparen koͤnnen/ durch welche er sich bearbeitet/ die Leiden- schafften der Affect en von denen andern Em- pfindungen der Menschlichen Seele zu ent- scheiden/ vide suprà c. 2. n. 30. p. 59. sq. durch welche er doch den Leser mehr verwirret/ als daß erihm einen deutlichen Concept von diesen Unterschiede machen solte. 25. Daß eigentlich beschrieben werden muͤssen. 25. Daß ferner Cartesius die Bewunderung unter die Affect en rechne/ und aus selbiger die Hochhaltung und Geringschaͤtzung/ auch noch andere Arten der Affect en herrechne/ ist gleichfalls oben c. 2. n. 36. 37. p. 65. deutlich angefuͤhret worden. Ob es nun wohl hier keiner neuen Widerlegung bedarff/ in- dem die Bewunderung nach eines jeden eige- ner Empfindung nicht im Willen sondern im Verstande ist/ und also kein Affect seyn kan; So hat doch Cartesius vielleicht zu diesen Jrrthum auch daher Gelegenheit bekommen/ daß er die auf die Bewunderung zuweilen folgende Affect en fuͤr sonderliche Arten der Bewunderung gehalte/ da er doch deren etliche mit untergemischet/ d. c. 2. n. 38. als die Großmuͤthigkeit/ Niedertraͤchtigkeit/ ꝛc. die gar nichts mit der Bewunderung gemein ha- ben; ingleichen daß er dafuͤr gehalten/ daß selbi- ge Affect en alle ohne Betrachtung/ ob die Sa- che gut oderboͤse sey/ erreget wuͤrden/ und also nicht aus Liebe und Haß hergeleitet werden koͤnten; Welches abermahl neue Jrrthuͤmer sind. 26. Denn anfaͤnglich folget nicht: Weil auf die Bewunderung Affect en folgen und daraus entstehen so ist die Bewunderung auch ein Affect. Denn sonst muͤsten die erste und andere Leibes-Bewegung auch Affect en seyn/ weil die Affect en daraus entstehen. F 2 27. Sonst Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. 27. So entstehet auch die Großmuͤhtig- keit und Niedertraͤchtigkeit nicht daraus/ daß wir uns fuͤr was neues und ungewoͤhnliches halten/ wie er die Bewunderung beschreibet/ sondern vielmehr aus einer vernuͤnfftigen und un- vernuͤnfftigen Liebe. 28. Dergleichen koͤnnen aus diesen beyden auch die uͤbrigen Affect en/ die Cartesius aus der Bewunderung herfuͤhret/ geleitet werden/ und weil Cartesius selbst gestehet/ d. n. 38. daß Liebe und Haß ohne Vorstellung des guten und boͤsen nicht seyn koͤnne; so faͤllet von sich selbst hinweg/ daß er meinet/ es wuͤrden dieselbige bey uns ohne Be- trachtung/ ob die Sache gut oder boͤse sey/ er- reget. Das uͤbrige was noch bey der Bewun- derung und ihren Toͤchtern zu erinnern ist/ wollen wir bey denen Eintheilungen der Affect en mit nehmen. 29. So sehr aber Cartesius verstossen/ daß er die Affect en auser dem Willen des Menschen suchet/ so sehr haben sich die Epicurei verirret/ wann sie denen Bestien Affect en zugeschrie- ben/ weil sie denen Thieren so wohl als dem Men- schen einen Willen zugeeignet; ingleichen die Aristotelici, wenn sie die Affect en in einen sinn- lichen Appetit gesetzet/ der dem Menschen mit den Thieren gemein waͤre. Wir haben diesen sinn- lichen Appetit schon offte verwiesen/ und wissen/ daß eigentlich beschrieben werden muͤssen. daß die Thiere weder Vernunfft noch Willen haben/ und daß dannenhero die unvernuͤnfftigen Thiere wie sie nur Bildnisse der Vernunfft ha- ben; also auch nur Bildniße der Gemuͤths-Nei- gungen bey ihnen zu spuͤhren sind/ nemlich die Eindruͤckungen im Gehirne und daraus entstehen- de Bewegungen des Gebluͤts und der bewegenden Geistergen/ welches alles blosse Leibes-Bewe- gungen sind/ die wir schon oben von denen Ge- muͤths-Neigungen abgesondert. 30. Gleich wie aber bey einer jeden Bewe- gung von noͤthen ist/ auff die Sachen/ woher oder wohin die Bewegung geschiehet/ acht zu haben; also ist bey denen Bewegungen der Gemuͤths- Neigungen gleichfalls zu beobachten/ daß der Menschliche Wille sich allezeit bemuͤhe/ von einem Dinge das ihme zuwider ist/ und denen Gedancken boͤse fuͤrkoͤm̃t/ sich zu einer Sache die ihm angenehm ist/ und dem Verstande gut zu seyn duͤncket/ zu bewegen/ und dieses zu ergreiffen/ jenes aber zu sliehen/ oder von dem angenehmen das er besitzet/ sich zu dem un- angenehmen zu wenden/ das er befuͤrchtet/ sel- biges zu vertreiben. Dieses haben Aristoteles, Æpicurus, die Stoicker, und wo mir recht ist/ alle Philosophi gelehret/ bis auff den eintzigen Carte- sium, vid. cap. 2. 31. 38. der aber solches aus keiner andern Ursache gethan/ als daß er die Bewunderung unter F 3 die Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. die Affect en rechnen koͤnnen/ weil er wohl ge- sehen/ daß man bey derselben nicht betrachte/ ob die Sache gut oder boͤse sey. Weil wir diese aber allbereit aus der Classe der Affect en heraus ge- worffen/ und solches aus dem/ was wir kuͤnfftig bey denen Arten der Affect en erinnern wollen/ noch mehr erhellen wird; als wollen wir uns itzo diß- falls nicht weiter aufhalten. 31. Jch habe aber mit Fleiß gesagt/ daß der Wille sich von dem was ihm zuwider ist/ und dem Verstande boͤse vorkoͤmmt/ zu dem was ihme angenehm ist/ und dem Verstand gut zu seyn duͤnckt u. s. w. bewege. Denn ob wohl die andern Philosophi insgemein sagen/ daß der Wille allezeit von dem boͤsen sich zu dem guten oder von dem gu ten zu dem boͤsen bewege; dieweil aber der Wille des Menschen sich sehr offte von dem warhaftig guten zu dem warhafftig boͤsen/ und sol- chergestalt von einem Scheinuͤbel zu einẽ Schein- gute und wechselsweise sich wendet; So hoffen wir/ daß unsere Redens-Art geschickter sey/ der Sachen wahre Beschaffenheit auszudruͤcken. 32. Und hierdurch entfernen wir uns zugleich von der gemeinen aber irrigen Redens-Art/ wenn man vorgiebet/ daß der Wille sich allezeit von de- nen Dingen/ welche der Verstand fuͤr boͤse er- kennet/ zu dem jenigen/ was der Verstand fuͤr gut angesehen/ sich kehre/ wodurch man al- lemahl die Schuld/ daß ein Scheinuͤbel fuͤr ein warhafftiges uͤbel/ und ein Scheinguth fuͤr ein war- eigentlich beschrieben werden muͤssen. warhafftiges guth Genommen werde/ dem Ver- stande des Menschen auff den Halß zu schieben trachtet. Denn ob wir wol nicht laͤugnen/ daß der Verstand/ wenn er einmahl von dem Willen ver- derbet worden/ nicht den Willen wiederumb an- treiben/ und weiter hinein fuͤhren solle; So haben wir doch allbereit oben cap. 1. n 25. sq. dargethan/ daß der Ver- stand urspruͤnglich von dem Willen verderbet werde/ und daß der Wille ja so wohl seine eigene Vorurtheile habe als der Verstand des Menschen. 33. Weil wir aber auch im vorhergehenden gelehret/ vid. cap. 1. n. 40. daß bey der vernuͤnfftigen Liebe der Wille allemahl auf das jenige/ was der Ver- stand zuvorhero reifflich erwogen/ und fuͤr ein warhafftiges Guth erkennet/ sich zu lencken pflege/ und dannenhero in Beschreibung des Affects uͤberhaupt so wohl auff die vernuͤnffti- ge/ als unvernuͤnfftige Liebe reflecti ret werden muß; So hoffen wir gleichergestalt/ daß die Worte derer wir uns bedienet/ also beschaffen seyn/ daß sie auf beyderley Liebe applici ret werden moͤgen. 34. Und ist dannenhero leicht zu verstehen/ daß allhier das gute und boͤse in einem so weiten Verstande genommen werde/ daß alle Arten des guten/ die wir in dem ersten Theil vid. Einlei- tung zur Sittenlehre cap. 1. erzehlet ha- ben/ auch die unvollkommeneren darunter be- griffen werden. F 4 35. Es Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. 35. Es erhellet aber zugleich aus dem/ was wir bishero gesagt/ daß der Wille allemahl von dem boͤsen oder unangenehmen/ das er leidet/ sich zu dem angenehmen das er noch nicht hat/ keh- ret/ oder von dem angenehmen das er geniesset/ sich zu dem unangenehmen wendet das er fuͤrch- tet/ selbiges abzuhalten/ daß er es nicht uͤberkom- me/ worinnen auch die alten Philosophi eins sind. Woraus aber folget/ daß alle Gemuͤthsnei- gungen auf ein zukuͤnfftiges uͤbel oder Gut ih- ren Zweck richten/ nicht aber auff ein gegen- waͤrtiges oder vergangenes. 36. Welches auch daraus abzusehen ist/ weil die Affect en Beweg n ngen sind; sintemahl alle Bewegungen zu etwas sich wenden/ das sie noch nicht haben/ und also fuͤr zukuͤnfftig oder abwesend zu achten/ ob wohl die gegenwaͤrtigen Dinge und derselben Empfindungen die Bewe- gung erwecken und verursachen. 37. Hieraus aber ist offenbahr/ daß der Schmertz und die Lust von denen Peripateticis zwar gar recht davor ausgegeben werden/ daß sie die Affect en begleiten/ und mit ihnen vergesellschaff- tet sind; cap. 2. §. 10. aber von etlichen derselben/ d. c. 2. n. 14. ab init. p. 45. so wohl auch von denen Stoickern/ d. c. 2. n. 18. und den Nach- folgern des Epicuri d. c. 2. n. 27. 28. ohne Grund zu gewissen Arten der Gemuͤthsneigungen gemacht wer- den eigentlich beschrieben werden muͤssen. den. Denn die Lust/ Wollust oder Freude/ in- gleichen der Schmertz und Betruͤbniß/ sind nichts anders als Geniessungen oder Empfindungen des gegenwaͤrtigen gutes oder uͤbels. 38. Zugeschweigen/ daß/ wie oben h. cap. n. 12. sq. er- wehnet/ die Gemuͤthsneigungen in dem Wil- len und Hertzen des Menschen ihren Sitz haben/ da hingegen der Schmertz und die Wollust solche Empfindungen seyn/ die im Verstande und Gehirne des Menschen vorgehen; Die Wollust als eine Empfindung des guten/ und der Schmertz als eine Empfindung des boͤsen. Wes- halben auch dieselbigen/ so ferne sie aus einer war- hafftigen Ursache/ (als z. e. Kuͤtzelung und Ver- wundung) und nicht aus blosser Einbildung (als z. e. schimpfflicher Worte) herruͤhren/ nicht in der Willkuͤhr des Menschen seyn/ noch gebaͤndiget/ vielweniger getilget werden koͤnnen. 39. Und ob wohl zuweilen ein Mensch durch vergangene oder zukuͤnfftige Dinge Schmer- tzen und Wollust empfindet/ so ist doch hierinnen folgender Unterscheid wohl zu beobachten. Die vergangenen Dinge stellet sich der Mensch ent- weder vor als gegenwaͤrtig/ so empfindet er auch dadurch bey sich warhafftig Freude/ wenn sie gut; oder Schmertzen/ wenn sie boͤse gewesen; oder er betrachtet solche als vergangen/ so erwecken die Gedancken des vergangenen uͤbels/ und zugleich F 5 des Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. des durch die Endschafft desselben entstandenen gegenwaͤrtigen Guten Freude/ und im Gegentheil erwecken die Gedancken des vergangenen Guten/ und des durch dessen Endigung erfolgten gegen- waͤrtigen uͤbels Betruͤbniß; oder aber er stellet sich das vergangene als wiederumb zukuͤnfftig vor/ so dann entstehen erstlich Gemuͤths-Bewegun- gen/ die sich nach diesen zukuͤnfftigen oder von demselben neigen/ nemlich nach Gelegenheit der Umbstaͤnde Hoffnung/ Furcht/ Verlangen/ Ver- zweiffelung/ u. s. w. 40. Eine fast gleiche Bewandniß hat es mit dem zukuͤnfftigen. Denn so ferne der Mensch solches als zukuͤnfftig betrachtet/ werden da- durch jetzt besagte Gemuͤths-Bewegungen rege gemacht; Wenn er aber das Zukuͤnfftige sich als allbereit gegenwaͤrtig vorstellet/ ruhet die See- le gleichsam darinnen/ und freuet sich oder ist be- truͤbet. 41. Woltestu nun gleich sagen/ daß man gleichwohl an der Verzweiffelung ein Exempel eines Affects geben koͤnte/ der nicht gegen das zukuͤnftige sich bewegte/ weil ich in der Verzweif- felung mir zuweilen ein vergangenes und verlohr- nes gute vorstellete/ daß ich nim̃er wieder kriegen kan; So ist doch dieses leicht zu beantworten. Du betriegest dich. Die Verzweiffelung ist allezeit ein Verlangen das uͤbel loß zu werden/ das al- lezeit kuͤnftig zu seyn geglaubet wird; und weñ schon im besagten Fall durch die Betrachtung des ver- eigentlich beschrieben werden muͤssen. verlohrnen guten dieselbe erwecket wird/ so ma- chet doch der Mangel dieses guten etwas boͤses/ und weil ich dieses boͤse als stets daurhafft anse- he/ wird dadurch die Verzweiffelung gewuͤrcket. 42. Aber du must hierbey dieses mercken/ daß ich durch das zukuͤnfftige gute und boͤse allhier auch die Daurung und Fortsetzung des ge- genwaͤrtigen oder Vermehrung/ wenn es auch schon augenblicklich zukuͤnfftig/ und also sehr nahe ist/ verstehe/ welches man insgemein wegen des gar geringen Grads seiner Abwesenheit oder Zu- kunfft fuͤr gegenwaͤrtig haͤlt. 43. z. e. Wenn ein Delinquente in der Marter grosse Schmertzen empfindet/ so er- wecket dieser Schmertz die Furcht der kuͤnfftigen laͤngeren Dauerung uñ schaͤrfferern Empfindung/ welche Furcht dem Menschen Angst machet/ und zur Bekaͤntniß seiner Missethaten bringet. Also erwecket das Vergnuͤgen uͤber die Gegenwart eines Weibesbildes/ so man liebet ein Verlan- gen/ daß die conversation noch laͤnger dauren solle/ oder mehrere Liebes- Pro ben zu erlangen. Und da bildet man sich nun insgemein irrig ein/ daß die- se Affect en Schmertz und Freude waͤren/ und ge- gen das gegenwaͤrtige boͤse oder gute sich neigten/ da doch nur durch dieses und dem Schmertz und Freude die Furcht und Verlangen erreget wird. 44. Aber lasset uns von dem Ursprung aller Ge- Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. Gemuͤthsneigungen etwas mehrers reden. Alle Affect en entspringen aus einer starcken Ein- druͤckung/ oder Bewegung aͤußerlicher Din- ge in das Hertz des Menschen/ und der dar- aus erfolgten außerordentlichen Bewegung der Lebens-Geister im Gebluͤte. 45. Alle Leidenschafften der Seelen kommen von denen Sinnligkeiten her. Und wie die Philosophi insgemein sagen/ es sey nichts im Ver- stande/ das nicht zuvorhero in die Sinne gefal- len; also koͤnnen wir auch mit fuge sagen/ es sey nichts im Willen/ das nicht zuvorhero in die Sinne gefallen; Denn wir moͤgen nun die ver- nuͤnfftige oder unvernuͤnfftige Liebe vor uns neh- men/ so wird jene urspruͤnglich sich auff Sinnlig- keiten resolvi ren/ weil dieselbe von dem Verstan- de regiret wird. Diese aber weil sie von dem Vor- urtheil der Ungedult und Nachahmung entsprin- get/ kan gleichfalls ohne Sinnligkeiten nicht seyn/ weil wir oben c. 1. n. 42. 47. gewiesen/ daß beyde Vorurtheile aus Sinnligkeiten herfliessen; Zugeschweigen/ daß wir in diesem Hauptstuͤcke h. cap. n. 4. schon deutlich gewiesen/ daß alle Gemuͤhts-Bewegungen von denen Bewegungen des Leibes urspruͤnglich herruͤhren. 46. Wir muͤssen aber allhier wiederholen/ was wir in der Einleitung der Vernunfftlehre c. 3. n. 32. gesagt/ eigentlich beschrieben werden muͤssen. gesagt/ daß zu denen Sinnligkeiten auch die Empfindung unserer Gedancken gehoͤre; Dem aus der Lehre dieses Capitels auch die Empfin- dung unserer Neigungen selbst beyzufuͤgen ist. Denn wenn du uns gleich woltest die Begierde zu mediri ren in tieffsinnigen Menschen vorwerffen/ daß dieselbe nicht durch die Sinnligkeiten des Lei- bes erwecket werde/ so koͤnnen wir doch gar leich- te antworten/ daß die Lust/ die aus der sinnlichen Empfindung des mediti rens entstehet/ auch zu den Sinnligkeiten gehoͤre. 47. Eben also mustu durch die aͤußerlichen Dinge allhier diejenigen verstehen/ die auser dem Hertzen des Menschen seyn/ als wie wir in der Vernunfftlehre/ so viel die den Verstand regen- den Sinnligkeiten betrifft/ alle aͤußerliche Dinge genennet haben/ die auser dem Gehirne seyn c. 3. n. 27. dergestalt/ daß auch hier unter die aͤußerlichen Dinge die jenigen gehoͤren/ die sonst innerliche Theile des Menschlichen Leibes sind/ damit man uns nicht etwa den Hunger/ Durst/ und die aus der Menge des Saamens herruͤhrende Begierde vorwerffe. 48. Und vielleicht haben die Aristotelici des- wegen den Hunger/ Durst/ und das geile Ge- fuͤhle nicht unter die Sinne gerechnet/ weil sie die Affect en und Sinne/ nicht mit einander ver- mischen wollen; Denn sie haben ohne allen Zweiffel Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. Zweiffel diese drey Arten unter die Classen der Begierden/ oder der Luͤste/ oder der Schmertzen gerechnet/ welches alles nach ihrer Lehre Affect en sind. Aber dieses sey nur als ohngefehr ange- mercket. 49. So rechne ich demnach auch das Ge- hirne selbst in Ansehung des Willens unter die aͤußerlichen Dinge/ wie ich das Hertze in An- sehung des Verstandes unter die aͤußerlichen Dinge gerechnet habe. Denn gleich wie die Be- jahung oder Verneinung/ wenn z. e. dem Hertzen was wohl oder wehe thut/ im Gehirne vorgehet; also gehet auch/ wenn in dem Gehirne was beja- het oder verneinet wird/ die Begierde oder das Verlangen/ mit einem Wort/ der Zug zu oder von diesem Dinge im Hertzen vor. 50. Jch habe ferner gedacht/ daß die Ein- druͤckung in das Hertze starck seyn muß/ wenn ein Affect daraus entstehen sol. Durch diese starcke Eindruͤckung verstehe ich nicht eben alle- mahl eine solche/ die zugleich mit einer starcken Ein- druͤckung in das Gehirne geschiehet/ als wenn der Donnerschlag oder Blitz uns erschrecket; sondern auch eine solche/ die wir mehr oder alleine in dem Hertzen empfindeu/ ob schon in dem Gehirne des Menschen oder in dem Verstande davon keine Empfindung hauptsaͤchlich geschicht; als wenn zum Exempel etlichen Menschen der Angst- Schweiß ausbricht/ wenn eine Katze in der Stube ist/ die sie nicht sehen/ hoͤren/ oder riechen. eigentlich beschrieben werden muͤssen. riechen. Und also siehet man zugleich/ daß das Hertze eine viel subtilere Empfindung habe als das Gehirne/ und also ein jeder bey sich selbst warnehmen muͤsse/ was eine starcke Bewegung des Hertzens sey/ die ihn nemlich zu etwas ziehet. Denn wenn deren keines geschiehet/ ist der Wille ruhig/ indifferent, und von keinen Affect ge- trieben. 51. Jch weiß ja wohl/ daß viel von denen Her- ren Medicis sich sehr bemuͤhen zu erweisen/ das Hertze sey nur ein Musculus, und ich wil auch sol- ches nicht wieder sie bestreiten/ vielweniger das jenige verfechten/ daß sie daraus folgern/ es koͤnne deswegen die Seele/ so ferne sie dencket/ nicht im Hertzen ihren Sitz haben. Aber ich sehe auch nicht/ daß diese doctrin unserer Lehre zuwider sey. Denn wenn gleich das Hertze tausendmahl ein Musculus ist/ so ist es doch genung/ daß daselbst das centrum ist/ in welchem das Gebluͤte des Menschlichen Leibes seinen Zu- und Abfluß hat/ und daß durch die Affect en das Gebluͤte im Hertzen eine geschwindere oder langsamere Be- wegung erhaͤlt. 52. So ist demnach auch die Leidenschafft des Verstandes von den Leidenschafften des Willens dadurch entschieden/ daß der Verstand durch die Bewegungs-Geistergen in den Senn-Adern/ der Wille aber durch die Le- bens-Geister in dem Gebluͤte geruͤhret wird. 53. Wenn Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. 53. Wenn dannenhero der Affect erst durch die Gedancken rege gemacht wird/ so ruͤhren die im Gehirne befindliche Spann-Adern das Hertze. Wenn aber der Affect vor denen Ge- dancken vorher gehet/ ruͤhret das Hertz die in oder an denselben befindlichen Span-Adern. Und weil wir oben gewiesen/ daß urspruͤnglich der Wille den Verstand antreibe/ haben wir oben gedacht/ daß auff die Ruͤhrung des Hertzens das Gebluͤte beweget werde/ und der Spann-Adern/ als die zum Wesen der Affect en nicht gehoͤren/ gar nicht gedacht. 54. D ieweil aber die Erfahrung giebet/ daß etliche D inge das Hertze aller Menschen auf glei- che/ etliche auf ungleiche Weise bewegen/ so ist zuwissen noͤthig/ daß die starcke Eindruͤckung entweder von der Natur und Beschaffenheit der Dinge gegen die Menschlichen Coͤrper/ oder von einer Beschaffenheit/ die nur mit der Seele/ oder der Angewohnheit der Men- schen uͤberein koͤmmt/ oder demselben zuwider ist/ herruͤhre. Wir wollen jene natuͤrliche/ und die- se zu bessern Unterscheid eigenwillige Eindruͤ- ckungen nennen. 55. Die natuͤrlichen ruͤhren entweder aus Umbstaͤnden her/ davon wir eben keine deutliche Ursache geben koͤnnen; als wenn z. e. ein Mensch keine Katzen/ Rosen/ Kaͤse/ u. s. w. leiden kan: Oder aber die Umbstaͤnde sin d gar leichte zu be- greiffen. D enn entweder entstehen sie aus einer allzu- eigentlich beschrieben werden muͤssen. allzuhefftigen Bewegung der aͤuserlichen Coͤrper/ oder aus einer gar zu empfindlichen Veraͤnderung der empfindlichen Dinge. 56. Aus einer allzuhefftigen Bewegung entstehen die Affect en/ die z. e. auff die Sehung des Blitzes/ auff das Anhoͤren des Donners/ auff den Geruch scharffer distillir ter Sachen/ auff den Geschmack dergleichen Dinge/ und auff das Gefuͤhle brennender Dinge/ oder der geilen Lust folgen. 57. Durch die allzuempfindliche Ver- aͤnderung empfindlicher Dinge wird das Her- tze geruͤhret/ wenn z. e. man einen allzufinstern mit einem allzuhellen Ort/ oder Wechsels-weise verwechselt/ wenn man eine Music hoͤret/ unge- wohnten Geruch/ er sey nun lieblich oder stin- ckend/ riechet/ in Geschmack der Speise und Trancks/ und im Gefuͤhl der Hitze und des Fro- stes allzuempfindliche Abwechselung treibet. 58. Diese beyden Arten der natuͤrlichen Ein- druͤckungen sind darinnen unterschieden. Bey einer jeden hefftigen Bewegung ist auch eine em- pfindliche Veraͤnderung empfindlicher Dinge/ aber bey einer jeden empfindlichen Veraͤnderung empfindlicher Dinge ist nicht allemahl eine heffti- ge Bewegung. 59. So sind sie auch in Ansehung ihrer Wuͤrckungen unterschieden. Die allzuheffti- ge Bewegung erwocket bey allen Menschen G Ge- Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. Gemuͤthsleidenschafften/ weil der Eindruck bey allen Menschen starck ist/ und zwar gleiche oder einerley Gemuͤthsleidenschafften/ weil die Sinn- ligkeiten bey allen Menschen auff einerley Art ge- ruͤhret werden/ ob wol die Gemuͤthsleidenschaften bey allen nicht einerley Grad und Daurung ha- ben/ welches man sich leichte mit dem Exempel des Blitzes einbilden kan. Aber die empfindli- che Veraͤnderung empfindlicher Dinge gibt nicht bey allen Menschen eine starcke Eindruͤckung/ sondern ist nach Gelegenheit der unterschiedenen temperamenten und Angewohnheiten unterschie- den/ deshalben erwecket sie auch nicht bey allen Menschen Gemuͤthsneigungen/ oder weñ sie ja derer welche erwecket/ so erwecket sie doch nicht einerley/ weil nach Unterscheid des tempemments, oder der Angewohnheit die Sinnligkeit des Her- tzens auch unterschieden ist. Also kan z. e. eine Music bey dem einen Verdruß/ bey dem andern Vergnuͤgen/ und dadurch bey allen beyden un- terschiedenes Verlangen erwecken. Also wird eine Music in dem/ der ihrer schon gewohnet ist/ die Eindruͤckung nicht machen/ als in dem/ der sie zum ersten mahl hoͤret/ u. s. w. 60. Die ei genwilligen Eindruͤckungen sind diejenigen/ derer starcke Eindruͤckung nicht aus der Natur derer eingedruckten Dinge/ son- dern aus der Natur der unterschiedenen Be- schaffenheiten des menschlichen Hertzens/ oder aus eigentlich beschrieben werden muͤssen. aus der Einbildung einer gewissen Bedeutung/ die von andern Menschen ihren Ursprung nim- met/ herruͤhret. Z. e. wenn ein Spielsuͤchtiger einen Scherwentzel/ ein Wolluͤstiger ein Glaß Wein oder eine delicate Speise auch von ferne/ ein Schamhafftiger oder Geiler ein saͤuisch Wort/ ein Ehrgeitziger oder Zorniger ein schimpfliches Wort/ ein Geitziger einen Thaler klingen/ oder nur von ferne schimmern siehet/ oder hoͤret; Denn der blossen Angewohnheit kan man die Wuͤrckung dergleichen Dinge allemahl nicht zuschreiben/ weil man auch bey den kleine- sten Kindern gewahr wird/ daß etliche sich zum Weine/ etliche zum Gelde/ etliche zum Lobe u. s. w. neigen. 61. So sind demnach die eigenwilligen und natuͤrlichen Eindruͤckungen dadurch nicht von einander entschieden/ daß die na- tuͤrlichen bey allen Menschen/ und die eigenwilli- gen nur bey etlichen die Gemuͤthsneigungen zu wege braͤchten. Denn dieses letzte haben die ei- genwilligen mit denen natuͤrlichen/ die aus em- pfindlicher Veraͤnderung empfindlicher Dinge entstehen/ als nur gemeldet worden/ gemein. 62. Es scheinet zwar/ daß man zwischen die- sen beyden Arten einen handgreiflichen Unter- scheid darinnen machen koͤnte/ wenn man spraͤche/ daß das natuͤrliche Eindruͤckungen waͤren/ de- ren Beyspiele man an denen Bestien mercken koͤn- G 2 te/ Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. te/ und hergegen willkuͤhrliche/ deren Beyspie- le man bey denen unvernuͤnfftigen Thieren nicht antꝛaͤffe. Alleine wenn man die Sache einwenig recht betrachtet/ so wird man bald gewahr wer- den/ daß dieser Unterscheid nicht durchgehends ist/ sondern seine Abfaͤlle hat. Weise einem Hund nur von ferne ein Stuͤck Braten/ oder sonst etwas das er gewohnet ist/ du wirst bald eine den Gemuͤthsneigungen gleiche Bewegung bey ihme spuͤren. Man kan auch etliche Bestien mit Lobe und Schmeichelungen besaͤnfftigen/ hergegen ist dem Menschen nichts so natuͤrlich/ als daß seine vernuͤnfftige Liebe durch ein tugendhafftes Hertz erwecket werden soll/ und dennoch findet man da- von kein Beyspiel unter den unvernuͤnfftigen Thieren. 63. Wenn ich ferner oben gesagt/ daß aus der starcken Eindruͤckung aͤuserlicher Dinge ins Hertz eine ausserordentliche Bewegung des Gebluͤtes erfolge/ so ist dieses bey allen Affecten zuspuͤren/ ja man spuͤret auch dergleichen Bewe- gung in dem Beyspiel der Affecten bey den Thie- ren. 64. Diese Bewegung des Gebluͤtes/ ob sie schon jezuweilen von der starcken Eindruͤckung/ die im Gehirne geschiehet/ scheinet herzukommen; Z. e. wenn der Blitz einen Menschen erschrecket; Ja obschon Cartesius alle ausserordentliche Be- wegung des Gebluͤts denen durch die Nerven zer- eigentlich beschrieben werden muͤssen. zerstreueten und angetriebenen Geistergen zu- schreibet; so muͤssen wir doch abermahls die Em- pfindungen des Verstandes uñ Bewegungen der Geistergen in den Senn-Adern von den Neigun- gen des Willens/ und Bewegungen des Gebluͤts wohl entscheiden. Es ist kein Zweiffel/ daß z. e. der Blitz durch seine Eindruͤckung ins Gehirne nicht solte alsobald auch durch diese Eindruͤckung aus dem Gehirne in die andern Nerven des Lei- bes/ auch in die Nerven des Hertzens fortfahren/ und ein allgemeines Zittern der Glieder und Hertz- klopffen verursachen koͤnnen/ welches man Er- schrecken nennet. Aber gleichwie dieses Er- schrecken nichts anders als eine Erschuͤtterung des Leibes ist/ die der Mensch mit den Thieren ge- mein hat; also ist die Empfindung desselben im Verstande der Seelen und nicht im Willen. Ja das Erschrecken ist so wenig eine Gemuͤths- leidenschafft/ als die Wollust oder Schmertzen/ weil sie eben auch so wenig auff das zukuͤnfftige und abwesende ihr Absehen hat/ als die Lust und Schmertzen: ob sie schon einen affect zu erwecken pfleget/ z. e. Furcht oder Zorn u. s. w. Denn daß die Furcht mit dem Erschrecken nichts ge- mein hat/ ist daher abzunehmen/ daß auch der hertzhaffteste Mann sich des Erschreckens nicht erwehren kan/ der doch Meister der Furcht ist/ und bey dem an Statt der Furcht das Schrecken den Zorn erreget. G 3 65. So Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. 65. So sehen wir demnach daraus/ daß ei- ne starcke Eindruͤckung ins Gehirne/ und aus dem Gehirne in die andern Gliedmassen/ auch in die Nerven des Hertzens/ bey einem hertzhafften und furchtsamen Menschen einerley Erschuͤtte- rung und concussion des Gebluͤts macht/ aber doch nicht einerley affect, sondern zwey gantz widriege Gemuͤthsleidenschaften daraus folgen. So kan demnach die starcke Eindruͤckung ins Gehir- ne/ oder die Bewegung der Geister in Ner- ven die Ursache der affecten nicht seyn. 66. Und ob sie wol jezuweilen mit den Gemuͤthsneigungen vergesellschafftet ist/ so ist doch dieses nicht bey allen Gemuͤthsneigungen; und dannenhers wenn wir die Art und Weise der Bewegung des Gebluͤts uns einbilden wollen/ muͤssen wir solche Exempel fuͤr uns nehmen/ da keine Eindruͤckung/ oder zum wenigsten kei- ne starcke Eindruͤckung vorgehet. Z. e. wenn eine Katze einem Menschen angst machet/ der sie nicht siehet/ noch hoͤret/ noch riechet; oder wenn ein Mensch gleiches temperaments, nebst einen an- dern Menschen ungleiches temperaments und mir in einem Zimmer ist/ und wann beyde von mir an- gesehen werden/ auff das Ansehen des einen Lie- be/ auff das Ansehen des andern aber bey mir Haß erfolget. 67. Woltestu nun gleich sagen/ daß das Exempel mit der Katze was ausserordentli- ches eigentlich beschrieben werden muͤssen. ches sey/ und von der Regel abweiche/ in dem letzten Exempel aber ja die Liebe und der Haß durch das Auge/ und folglich durch die Ner- ven eingehe und erreget werde; so waͤre doch gar leicht zu antworten/ daß in natuͤrlichen Dingen diese Regeln nicht viel taugen/ die nicht durchge- hend sind/ und daß/ ob schon die Liebe und Haß in dem letzten Exempel durch die Augen ins Hertz kommen/ so kommen sie doch deswegen nicht durch die Nerven hinein. Denn es sind auch Blut-Adern an denen Augen/ die ihren Zufluß ins Hertze haben/ und wie das Bild des Gegen- standes aus den Augen in die Nerven faͤllet/ also kan dasjenige/ was in dem Gegenstande mit uns gleichfoͤrmig ist/ (es sey nun solches ein geistiges oder coͤrperliches Wesen) auch durch die Augen in die Blut-Adern fallen/ ob wir gleich die Art und Weise nicht genauer begreiffen koͤnten. Wie- wohl sie auch so unbegreiflich nicht ist/ wenn man nur erst einen wahren und genauen Unterscheid zwischen coͤrperlichen und uncoͤrperlichen Dingen gemacht hat; Wovon an andern Orte mit meh- rern. 68. Endlich indem ich einer ausserordent- lichen Bewegung erwehne/ und aber etwas ausserordentliches allezeit gegen was ordentliches gehalten werden muß/ die ordentliche Vewegung des Gebluͤts aber/ in Betracht des gantzen menschlichen Geschlechts/ nicht biß auff einen ge- G 4 wissen Das 3. H. wie die Gemuͤths Neig. wissen Punct abgemessen werden kan; so muß doch ohne allen Zweiffel diejenige Gemuͤths-Be- wegung fuͤr einen affect gehalten werden/ welche auff eine solche Bewegung des Gebluͤts erfolget/ die ein jeder Mensch als was ausserordentli- ches bey sich empfindet. 69. Aber huͤte dich/ daß du diese Anmer- chung nicht umbkehrest/ und sagest/ daß die Be- wegung des Gebluͤts/ die der Mensch nicht empfinde was ausserordentliches zu seyn/ auch vor keinen Affect gehalten werden doͤrf- fe; Denn die Menschen die ihren Leidenschaften am meisten nachhaͤngen/ die halten gemeiniglich ihre oberste Gemuͤthsneigung wegen der steten Angewohnheit fuͤr keinen Affect, weil durch die Gewohnheit die Bewegung derselbigen ihnen gleichsam was ordentliches worden. Es ist uns aber genug/ daß so wohl sie/ wenn sie nur rechten Fleiß anwenden wollen/ als auch andere Menschen gar leichte erkennen koͤnnen/ daß ihre Bewegung mit der ordentlichen Bewegung der menschlichen Natur nicht uͤbereinkomme/ weil sie allzuempfindlich von einer ruhigen Bewegung entfernet sind. 70. Es ist aber diese ausserordentliche Be- wegung gleichsam zweyerley/ deren die eine von denen Nachfolgern des Epicuri c. 2. n. 24. nicht unfuͤglich mit einer Ausdehnung/ die andere aber mit einer Einzie- eigentlich beschrieben werden muͤssen. Einziehung verglichen wird. Wiewohl beyder- ley Arten wieder ihre unterschiedene Classen ha- ben/ und z. e. eine andere Ausdehnung bey einer schlechten Begierde/ eine andere bey einer Sehn- sucht zu spuͤren ist; im uͤbrigen aber alle diese Ver- gleichungen nur als Bilder von der Sache/ nicht aber als die Sache selbst anzusehen. Denn die Gemuͤths-Bewegungen werden wie alle Leiden- schafften deutlicher empfunden als beschrieben. 71. Jedoch wollen wir nunmehro die Be- schreibung der Gemuͤthsneigungen dergestallt/ wie sie ein jeder Mensch bey sich empfinden kan/ aus dem gantzen Hauptstuͤck zusammen lesen. Die Gemuͤthsneigungen sind Bewegungen n. 3. seq. des menschlichen Willens n. 12. seqq. zu angeneh- men oder wiedrigen Dingen/ n. 30. seq. die abwesend oder zukuͤnfftig sind/ n. 35. seq. welche von denen starcken Eindruͤckungen n. 54. seq. aͤuserlicher Din- ge n. 47. seq. in das Hertze des Menschen/ n. 50. seq. und der daraus erfolgten ausserordentlichen n. 68. seq. Bewegung des Gebluͤts n. 63. seq. entstehen. G 5 Das Das 4. H. wie vielerley Gem. N. Das 4. Hauptstuͤck. Wie vielerley Gemuͤhts-Neigungen seyn/ und welche die Vornehmsten darunter. Jnnhalt. Cannexion n. 1. 2. Es ist nur ein Haupt- Affect n. 3. nemlich das Verlangen n. 4. welches nicht gar fuͤglich in Be- gierde und Grauen eingetheilet wird n. 5. 6. fuͤglicher aber in Liebe und Haß n. 7. unter welchen die Lie- be allezeit der vornehmste Affect ist. n. 8. 9. 10. Beant- wortung derer Haup- Affect en des Epicuri, n. 12. der Stoicker/ n. 13. des Thomæ von Aquino, n. 14. und des Cartesii. n. 15. Was die Verwunderung sey? n. 16 -- 22. Cartesii Beschreibuug der V erwunderung taugt nicht viel/ n. 23. 24. 25. und er vermischt die Verwunderung mit der Bestuͤrtzung. n. 26. 27. D ie Verwunderung ist keine Gemuͤthsneigung. n. 28. 29. Sie ist nich die erste L eidenschafft der Seelen. n. 30. Cartesius vermischet die Gleichguͤltigkeit des Ver- standes mit der Gleichguͤltigkeit des Willens. n. 31. 32. 33. Es ist nicht allgemein/ daß V er- wunderung und Hochachtung oder Verachtung mit einander vergesellschafftet sind. n. 34. 35. Hochach- tung und Verachtung entstebel nicht aus der Verwun- derung uͤber die Groͤsse und Kleine eines Dinges/ n. 36. sondern aus dem/ worvon wir meinen Ehre und Schande zu haben. n. 37. Hochachtung und Liebe/ inglei- chen Hochachtung und Begierde/ und Verachtung und Kuͤhnheit muͤssen nicht miteinander vermischt werden. n. 38. 39. Cartesius. irret vielfaͤltig in denen Un- terscheiden/ die er zwischen der Großmuͤthigkeit und Demuth/ Stoltz u. Niedertraͤchtigkeit setzet/ n. 40. 41. inglei- seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. ingleichen in dem Unterscheid zwischen der Ehr- furcht und Gerin g schaͤtzung/ und zwischen denen vor- hergehenden Toͤchtern der Verwunderung/ n. 42. auch in Beschreibung der Ehrfurcht. n. 43. Die Men- schen lieben die Verwunderung mehr als die Wissen- schafft/ n. 44. und die Unwissenheit mehr als die Weißheit/ n. 45. weil sie insgesamt in Lastern stecken. n. 46. Waruͤmb ein Wolluͤstiger/ n. 47. Ehrgeitziger/ n. 48. und Geldgeitziger die Verwunderung und Un- wissenheit Ueben? n. 49. Junge Leute gehen der Verwunderung nach/ weil sie lustig ist. n. 50. Die Lebrer beschuͤtzen die V erwunderung/ weil sie ihnen Ehre und Geld eintraͤgt. n. 51. 1. N Achdem wir in vorhergehenden Haupt- stuͤck eine richtige Beschreibung der Ge- muͤths-Neigungen gefunden/ und also aus der schweresten Verwirrung/ in welche uns die widersinnigen Lehren der Philosophen verwi- ckelt hatten/ uns ausgewickelt haben/ wird es uns nun nicht mehr schwer seyn/ die Einthei- lung der Gemuͤths-Neigungen zu finden/ und bey so vielfaͤltigen Arten und Nahmen der Gemuͤths- Neigungen die Vornehmsten zu suchen/ aus welchen die andern alle hergeleitet oder zu de- nenselben gebracht werden koͤnnen. 2. Zwar wenn wir wiederumb auff die un- terschiedenen Meinungen der Philosophen hier sehen solten/ wuͤrde es uns vielleicht ja so schwer werden/ als bey Erfindung der Beschreibung/ massen Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. massen dann Cartesius sechs Arten Vid. cap. 2. n. 36. seq. Epicurus uñ die Gassendisten dreye ibid. n. 27. seq. die Stoicker viere ibid. n. 18. zehlen/ die Peripatetici aber selbst nicht mit sich einig sind/ ob sie viere oder achte oder eilffe u. s. w. und was fuͤr welche fuͤr Haupt- Affect en ausgeben sollen. ibid. n. 13. 14. Alleine weil wir schon in der Beschreibung der Gemuͤths-Neigungen eine Richtschnur gefunden haben/ daran wir uns auch in Eintheilung der Affect en halten muͤssen/ so wollen wir uns bloß nach derselbigen wenden/ und daraus auch die widriegen Meinungen der Philosophen beurtheilen. 3. Jch weiß nicht/ warumb keiner von denen Philosophen darauff gekommen ist/ daß er nur einen Haupt- Affect und nicht drey und mehr ge- sucht haͤtte; es sey denn/ daß sie dadurch hierzu verleitet worden/ weil so vielfaͤltige widrige Ge- muͤths-Neigungen seyn/ die geschienen/ daß sie nicht wohl fuͤglich unter einen Hut gebracht/ oder aus einen Qvell hergeleitet werden koͤnten. Nichts destoweniger wollen wir es versuchen. Kan der Mensch aus einem Munde warmes und kaltes herfuͤr bringen/ warumb solten nicht auch aus einem Affect widrige Dinge entstehen koͤnnen? 4. Wie waͤre es/ wenn wir sagten: das Verlangen ( desiderium ) oder die Begierde ( cupi- seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. ( cupiditas ) sey der eintzige Haupt- Affect, dahin alle andere Affect en gebracht werden koͤnnen? Es ist wohl solches sehr paradox, aber gleichwohl duͤnckt mich solte es wohl angehen koͤnnen. Denn ich kan nicht alleine die general - Beschreibung der Gemuͤths-Neigungen cap. præced. n. ult. gantz und gar von dem Verlangen sagen/ sondern ich kan auch von allen Affect en sagen/ daß sie ein Verlan- gen seyn. Von denen vieren/ die wir in vor- hergehenden Hauptstuͤck n. 2. Exempels weise an- gefuͤhret/ ist es ausgemacht. Liebe ist ein Ver- langen des geliebten Dinges habhafft zu werden/ oder solches zu behalten. Haß ist ein Verlangen das gehaßte Ding von sich abzuhalten/ oder dasselbe loß zu werden. Furcht ist ein Ver- langen dem boͤsen zu entfliehen. Hoffnung ist ein Verlangen das gute zu erlangen. Von de- nen uͤbrigen wird es in folgenden Hauptstuͤck mehrere Gelegenheit geben/ solches darzuthun. Aus diesen Ursachen haben wir das Verlangen so wohl in der Beschreibung der vernuͤnfftigen part. I. c. 4. n. 7. als unvernuͤnfftigen Liebe suprà cap. 1. n. 38. als beyden Ge- muͤths-Neigungen etwas gemeines ( conceptum genericum ) gesetzet. 5. Dieweil man nun so wohl gegen das gute als gegen das boͤse ein Verlangen traͤgt/ je- nes zu erlangen und dieses loß zu werden/ oder dem- Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. demselben zu entgehen/ so haben auch die Philo- sophen zweyerley Arten des Verlangens ge- macht/ eine gegen das gute/ welches sie eine Begierde nennen (cupiditatem, concupiscentiam,) und eine gegen das boͤse/ welches sie eine Flucht oder Grauen nennen ( fugam, aversionem. ) Es ist aber sehr schwer diese beyden Arten zu unterschei- den. Denn wir haben oben part. 1. c. 1. n. 122. das gute und boͤ- se eingetheilet/ daß es entweder positivè oder privativè genommen werde/ und daß das gute nicht allein in Erlangung einer angenehmen Sache/ sondern auch in B eraubung einer boͤsen/ und das boͤse nicht nur in Erhaltung ei- ner unangenehmen/ sondern auch in Beraubung einer angenehmen Sache bestehe. Derowegen wird es uns sehr schwer werden zu entscheiden/ ob das Verlangen das gute zu erhalten/ und das boͤse zu verlieren/ zu der Begierde oder zu dem Grauen gerechnet werden solle. Zu geschwei- gen/ daß man sehr subtil wuͤrde untersuchen muͤs- sen/ was z. e. unter der Begierde das gute zu erhalten/ und unter dem Grauen dasselbe zu verlieren fuͤr Unterscheid sey. 6. Dieweil dann diese zwey Arten so subtil zu begreiffen seyn/ und sonsten keinen grossen Nu- tzen haben/ auch die Flucht ( Fuga ) die der Begier- de entgegen gesetzt wird/ bey uns Teutschen gantz was anders als eine Gemuͤths-Neigung bedeu- tet/ seyn/ u. welche die Vornehmst. drunter. tet/ als wollen wir diese Eintheilung des Verlan- gens uͤbergehen/ und haben dannenhero auch kurtz zuvor die Begierde und das Verlangen als gleichguͤltige Worte gebraucht. 7. Wir wollen lieber an dessen Stadt die Liebe und den Haß setzen/ weil diese beyde Ge- muͤthsneigungen am allerdeutlichsten durch das angenehme und unangenehme/ oder durch das gute und boͤse entschieden werden/ und die Liebe ein Verlangen ist/ das Gute nicht allein zu erhalten/ sondern auch zubehalten und nicht zu verlieren/ und gleichfalls der Haß ein Ver- langen ist das boͤse nicht alleine loß zu wer- den/ oder nicht zubehalten/ sondern auch demselben sich zu enthalteu. 8. Und also haͤtten wir zwey Haupt-Arten und Brunnqvellen aller andern Gemuͤths-Nei- gungen. Die Liebe und den Haß/ wiewohl auch unter denenselben die Liebe die vornehmste ist: daß wir fast sagen koͤnnen: die Liebe sey der ein- tzige Affect und Liebe und Verlangen sey einer- ley. 9. Denn bey den Haß wendet man sich al- mahl von dem unangenehmen zum angenehmen/ und das angenehme liebe ich allezeit. Bey der Liebe wende ich mich zwar allemahl zum ange- nehmen/ aber nicht allezeit von den unangeneh- men/ sondern manchmahl von einem angeneh- men zum andern/ oder von dem gegenwaͤrtigen ange- Das 4. H. wie vielerley Gem. N. angenehmen zu dem zukuͤnfftigen. Und also ist zwar allemahl auch Liebe/ wo Haß ist/ aber nicht allemahl Haß/ wo Liebe ist. 10. Ja wenn schon das Verlangen alle- mahl von dem boͤsen sich zum guten wendete/ (denn von dem guten wendet es sich niemahls zum boͤsen/ als wenn es selbiges bestreitet/ cap. præced. n. 39. und also mit einem Fliehenden/ der in der Flucht strei- tet/ gar fuͤglich verglichen werden kan) und sol- cher Gestalt allemahl Liebe und Haß beysammen waͤren/ so waͤre doch das Verlangen viel fuͤgli- cher nach dem angenehmen/ dazu es sich wendet/ eine Liebe/ als von dem unangenehmen/ dem es entfliehet/ ein Haß zu nennen. Denn man nen- net die Bewegungen lieber nach dem Ort wor- zu/ als wovon dieselbe koͤmpt z. e. der Leipzigische und Haͤllische Weg. 11. Zugeschweigen daß der Mensche zum lieben/ nicht aber zum hassen geschaffen ist/ und also das vornehmste Wesen des Menschen in seinem Willen/ dieser aber gaͤntzlich im lieben be- stehet. Denn alles was der Mensch wil/ das verlanget er/ und das liebet er. Weßwegen auch vielleicht schon zu seiner Zeit Augustinus die Liebe in allen Affecten gesucht de Civ. Dei XIV. 7. und mag der Einwurff des Frantzoͤsischen Autoris de la Mothe le Vayer Tom. 6. p. 224. wider diese Meinung des Angustini, daß man zwey sehr un- ter- seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. terschiedene Dinge den Haß und die Liebe nicht fuͤglich unter eine Classe ein logi ren koͤnte/ auß dem was wir itzo angefuͤhret/ gar leicht beantwortet werden. 12. Wann wir nun unter denen Meinun- gen der Philosophen den Epicurus zu erst fuͤr uns nehmen/ der Freude/ Schmertzen und Verlan- gen/ als drey Haupt- Affecten zehlete/ cap. præced. n. 27. so weiset das vorhergehende Hauptstuͤck alsobald/ war- umb wir die Freude und den Schmertzen aus- gelassen/ weil wir nemlich daselbst bewiesen ha- ben/ c. præced. n. 37. seq. daß diese beyde gar keine Gemuͤthsneigun- gen eigentlich seyn/ und also bleibet nur noch das Verlangen uͤbrig. 13. Ja es gehen ebenmaͤßig von der Stoi- cker ihren vier Gemuͤths-Neigungen ibid. n. 18. die Freude und der Schmertz aus eben selben Ur- sachen abe. Von denen uͤbrigen zweyen/ der Begierde und Furcht/ bleibet die Begierde uͤbrig/ weil die Furcht gleichfals eine Begierde ist das boͤse loß zu werden. 14. Die sechs Gemuͤthsneigungen/ die nach des Thomæ von Aquino Meinung in der begieri- gen Neigung sind/ ibid. n. 14. brauchen auch nicht vie- ler Anmerckungen/ massen davon Freude und Traurigkeit eben so wohl wieder abgehen/ die Begierde des guten aber und die Flucht des H boͤsen Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. boͤsen selbst von ihm unter dem Verlangen be- griffen wird/ und von uns schon beantworte t ist/ n. 56. auch endlich die Liebe und der Haß als nur gemeldet/ nicht fuͤglich von dem Verlangen abgesondert werden. 15. Solchergestalt aber sind unter denen sechs Gemuͤths-Neigungen des Cartesii, (nemlich der B ewunderung Liebe/ Haß/ Begierde/ Freude/ Traurigkeit ) die 2. 3. 4. 5. und 6. be- antwortet. Von der Bewunderung haben wir allbereit in vorigen Haupt-Stuͤck n. 25. 30. Erinne- rung gethan/ wir wollẽ aber versprochener massen allhier den Rest von den Jrrthuͤmern/ die Carte- sius in diesen Stuͤck begehet/ kuͤrtzlich zeigen. Die- ses aber wird nicht besser geschehen koͤnnen/ als wenn wir erst kurtze und wahre Lehr-Saͤtze von der Bewunderung geben. 16. Die Verwunderung ist eine Toch- ter der Unwissenheit/ die die Menschen ange- trieben/ die Warheit zu untersuchen/ weß- halben das bekante Lied saget: Von wegen der Verwunderung fingen die Menschen an zu phi- losoyhiren. 17. Derowegen hoͤret auch die Ver- wunderung auff/ so bald wir die Sache/ so wir zu vorhero wegen unserer Unwissenheit be- wundert haben/ wissen/ z. e. wenn man die Kuͤnste eines Taschenspielers weiß. 18. Je- seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. 18. Jedoch gebieret nicht eine jede Unwissen- heit Verwunderung/ ja man verwundert sich oͤffters umb nichtswuͤrdige und leichte Din- ge/ und umb schwere und bewundernß wuͤrdige Dinge bewundert man sich nicht? z. e. Wer bewundert nicht die eitele Kunst eines Gaucklers/ der in einen Sack Eyer macht. Wer bewun- dert aber die Geburt und Wuͤrckung des Feuers/ die Empfaͤngnuͤß und Zeugung eines Kindes/ u. s. w. 19. Die Ursache dieses Unterscheids ist/ daß wir etliche Dinge selten sehen/ etliche aber stets waͤhrend vor uns haben. Denn was wir stets vor uns haben/ verwundern wir nicht/ wenn wir es schon nicht begreiffen. 20. So gehoͤren demnach zwey Stuͤcke zur Verwunderung/ 1. die Unwissenheit/ her- nach 2. die Seltenheit. Und ist dannenhero die Verwunderung nichts anders als die Un- wissenheit der Ursache eines Dinges/ das sel- ten vorkommt. 21. Und zwar so pflegen sich die Menschen uͤber viererley zu verwundern. 1) uͤber die Groͤsse/ 2) uͤber die Kleine/ oder 3) sonst uͤber eine unvermuthete Gestalt/ und 4) uͤber die Wuͤrckung eines Dinges z. e. uͤber einen Rie- sen/ Zwerg/ Mißgeburt/ Seiltaͤntzer. 22. Unwissenheit ist kein Affect, also ist auch die Bewunderung kein Affect. H 2 23 Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. 23. Cartesius sagt/ Cartes. part. 2. de pass. anim. art. 53. daß so offt uns ein ungewoͤhnliches Ding vorkomme/ oder das von demjenigen/ das wir sonst kennen/ sehr unterschieden sey/ oder daß es anders sey/ als wir dafuͤr gehalten/ daß es seyn solte/ so ver- ursache solches/ daß wir es verwunderten und davon geruͤhret wuͤrden. Hierbey habe ich eben nicht viel zu erinnern; ausser daß ich dieses zwar fuͤr einen kleinen Entwurff der Verwun- derung/ nicht aber fuͤr eine rechte accurate Be- schreibung halten kan/ weil selbige nicht auff alle Verwunderung kan applici ret werden/ auch an- dern Leidenschafften der Seelen/ die keine Ver- wunderung seyn/ gemein ist. 24. Wenn man einen Taschenspieler gleich offt hat spielen sehen/ bleibt doch die Verwun- derung so lange/ als wir die Kunst nicht wissen/ ob schon das Taschenspielen kein ungewoͤhn- liches Ding mehr ist/ wir auch solches nicht mehr fuͤr etwas neues halten/ sondern zuvorher wis- sen/ daß es der Taschenspieler so machen solle. Man kan auch ein ander Exempel nehmen: Weñ man etliche mahl schon einen Magnet hat sehen Eisen an sich ziehen. 25. Wiederumb wenn mir einer jehling auff den Halß faͤhret/ und mich erschreckt/ werde ich davon geruͤhret/ weil mir solches als unge- woͤhnlich vorkommt/ und ich es fuͤr was anders halte/ sen/ u. welche die Vornehm. drunter. halte/ als ich vermuthet/ daß es seyn sollen/ und doch ist hier keine Verwunderung sondern eine Bestuͤrtzung. 26. Diese beyde vermischt dannenhero Car- tesius da doch unter ihnen ein grosser Unterscheid ist. Jene ist im Verstande und kein Affect, diese ist ein Affect und im Willen. 27. Diese confusion entstehet daraus/ weil Cartesius, nur die Seltenheit/ nicht aber auch die Unwissenheit vid. n. 20. hujus capitis. in die Beschreibung der Ver- wunderung gesetzt/ und solchergestalt die Leiden- schafften des Verstandes und Willens noch eher zu vermischen Anlaß bekommen. 28. Cartesius faͤhret fort: d. art. 53. Weil nun die- se Ruͤhrung geschehen kan/ ehe wir auf ein- tzige Weise erkennen/ ob uns dasselbige Ding gut sey oder nicht/ so scheinet es/ daß die Ver- wunderung die allererste sey von allen Ge- muͤths-Leidenschaffcen/ die auch keine wie- derwaͤrtige Leidenschafft habe. Denn wenn das Ding/ das uns vorkommt/ nichts unge- woͤhnliches an sich hat/ werden wir keines weges dadurch beweget und betrachten es ohne Leidenschafft. 29. Das jenige/ was wir in vorhergehen- den Hauptstuͤck n. 25. \& 30. behauptet/ macht/ daß mir die Herren Cartesianer verzeihen werden/ wenn H 3 ich Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. ich das raisonnement des Cartesii gerade umb- kehre. Eben deswegen/ weil wir uns uͤber etwas verwundern ohne Ansehen/ ob es gut sey oder nicht/ so ist zwar die Verwunderung eine Lei- denschafft des Verstandes/ die zuweilen vor denen Leidenschafften des Willens und vor der Liebe vorgehet/ aber sie ist niemahls eine Ge- muͤths-Leidenschafft. 30. Und ob wol hiernechst nicht zu laͤugnen ist/ daß die Verwunderung der Seelen sich also- bald bey denen kleinsten Kindern hervor thut/ in- dem sie bald nach der Geburt die Geschoͤpffe/ oder vielmehr das Licht gleichsam erstaunend an- sehen/ und disfalls einem Trunckenen gleichen/ der aus dem ersten Schlaff erwachet; bey dieser Bewandniß aber die Verwunderung die al- lererste Leidenschafft wo nicht des Gemuͤths/ doch der Menschlichen Seelen zu seyn scheinet; So ist doch ausgemacht/ daß wenn wir die Na- tur des Menschen ein wenig genauer betrach- ten wollen/ die Gemuͤths-Neigungen sich eher als die Verwunderung blicken lassen/ indem entweder der Mangel der Nahrung/ oder die Empfindung wegen Veraͤnderung der Lufft/ oder der Schmertz wegen der Geburt denen Kindern Zeichen eines Verlangens auspreßet. 31. So ist auch Cartesius darinnen irrig/ wenn er saget/ daß die Bewunderung/ (so fer- ne nemlich dieselbige vor der Liebe eines Dinges vorher seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. vorher gehet) keine entgegen gesetzte Bewe- gung habe/ und daß wenn die Sache uns nicht ungewoͤhnlich vorkommt/ wir keines weges dadurch beweget werden/ sondern dieselbe ruhig betrachten. Denn hier wirfft er wieder zweyerley Arten von der Gleich- guͤltigkeit unter einander. 32. Gleichguͤltigkeit ( indifferentia ) ist ent- weder im V erstande und wird der Verwunde- rung entgegen gesetzt/ oder im Willen und ist so viel als ein Mangel der Liebe. 33. Nun kan aber wohl etwas in dem Ver- stande gleichguͤltig seyn (das man nicht bewun- dert) uñ doch nicht ohne Leidenschafft betrach- tet. Jch will nicht anfuͤhren/ daß weñ es uns dem Willen nach gleichguͤltig waͤre/ wir uns nicht die Muͤhe nehmen wuͤrden/ solches zu betrachten/ sondern wil nur Exempel anfuͤhren von einem Saͤuffer/ Spieler/ Hurer/ Geldgeitzigen/ Ehr- geitzigen/ dem man ein Glaß Wein/ einen Scher- waͤntzel/ ein gemeines und nicht schoͤnes Weib- stuͤck/ einen Ducaten/ einen gnaͤdigen aber nicht ihm ungewoͤhnlichen Blick zeiget. 34. Der folgende Artickel art. 54. d. part. 2. beym Cartesio lau- tet also: Die Hochachtung oder Verachtung sind mit der Verwunderung vergesellschaff- tet/ nachdem wir die groͤsse oder kleine eines Dinges verwundern. Eben auff diese Weise koͤnnen wir uns selbst entweder hoch achten/ H 4 oder Das 4. H. wie vielerley die Gem. N. oder verachten/ woraus die Leidenschafften und folglich die Gewohnheiten (Habitus) der Großmuͤthigkeit oder des Stoltzes/ und der Demuth oder der Niedertraͤchtigkeit entste- hen. So viel Zeilen so viel Jrrthuͤmer. 35. Erstlich ist es nicht allgemein/ daß die Verwunderung mit der Verachtung oder Hochachtung vergesellschafftet sey. Denn ich kan mich uͤber etwas verwundern/ das ich weder hoch achte noch verachte. z. e. Wenn ich einen Charlatan sehe aus dem Sack Eyer machen/ und weiß nicht wie es zugehet. Wiederum kan ich etwas hochachten oder verachten/ das ich nicht verwundere/ z. e. Ein Versoffener und Nuͤchterner ein Glaß Wein/ ein Ehrgeitziger und Tugendhaffter den freundlichen Blick und ge- schmuͤckte Worte eines Maͤchtigen/ ein Geitziger und Freygebiger einen Thaler ꝛc. 36. So ist auch falsch/ daß die Hochach- tung und Verachtung daraus entstehe/ nach- dem ( prout ) wir die groͤsse oder kleine eines Dinges verwundern. Denn dieses: nachdem ( prout ) wil so viel sagen/ daß die Hochachtung aus der Verwunderung uͤber die groͤsse eines Dinges/ und die Verachtung aus der Verwun- derung uͤber die Kleinheit desselben entstehe. Aber was ist gewoͤhnlicher/ als daß man z. e. ein klein Uhrwerck mehr æstimi ret als ein grosses/ und einen grossen Bengel veraͤchtlicher haͤlt/ als einen kleinen Kerl. 37. Die seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. 37. Die Menschen gruͤnden ihre Hochach- tung und Verachtung auff so unterschiedene wie- derwaͤrtige Dinge/ daß man fast darinnen keine gewisse Beschreibung geben kan/ jedoch werden wir verhoffentlich nicht vom Zweck uns entfernen/ wenn wir sagen/ daß Verachtung und Hoch- haltung solche Beschaffenheiten sind/ die haupt- saͤchlich von denen Menschen gesagt werden/ so ferne dieselbe als Ehrbegierig angesehen werden. Wir achten dasjenige hoch/ von dem wir Ehre/ und dasjenige verachten wir/ wovon wir Schande zu haben meinen. 38. Und also kan ich wol was hoch ach- ten/ das ich nicht liebe. Also æstimiret man sei- nen Feind/ von dessen Aberwindung man Ehre zu haben scheinet. Wiederum kan man wohl was lieben/ das man nicht æstimiret ; Als ein Ehrgeitziger/ bey dem Wollust doch passio domi- nans ist/ eine gemeine Vettel liebet. 39. Wiederum muß man Hochachtung und Begierde/ ingleichen Verachtung und Kuͤhnheit nicht mit einander vermischen. Ein Hurer und Spieler tragen z. e. starcke Begierde zu einer Vettel und Wuͤrffeln/ aber es ist abusivè geredt/ wenn man sagt/ daß sie eine Vettel und die Wuͤrffel hochhielten. Wiederum ein Kuͤh- ner achtet zwar der Gefahr nicht/ denn er haͤlt es fuͤr keine Gefahr/ aber es ist eigentlich keine Ver- achtung. Wiewohl wegen Gebrauchs der H 5 Worte Das 4. H. wie vielerley Gem. N. Worte wollen wir nicht zancken/ wenn wir nur einander deutlich verstehen. 40. Was endlich Cartesius von der Groß- muͤthigkeit und Stoltz/ Demuth und Nieder- traͤchtigkeit einmisebt/ ist dunckel. Denn ich sehe wohl wie die Großmuͤtigkeit von der De- muth und der Stoltz von der Niedertraͤchtigkeit entschieden seyn sollen/ daß jene aus der Hochach- tung/ diese aber aus der Verachtung unserer selbst entstehen sollen; Aber ich sehe nicht/ was Cartesius unter der Hochachtung und Stoltz/ wiederum unter der Demuth und Niedertraͤch- tigkeit fuͤr einen Unterscheid mache/ er wolle denn sagen/ daß Großmuͤhtigkeit und Demuth waͤre/ wann wir uns der Gebuͤhr nach hochhielten o- der verachteten/ und Stoltz oder Niedertraͤchtig- keit/ wenn wir uns uͤber die Gebuͤhr hochhielten oder verachteten. 41. Hierwider aber habe ich unterschiede- nes zu erinnern. Daß ichs kurtz mache: Groß- muͤthigkeit ist keine Hochachtung sein selbst/ sondern eine standhaffte Erwartung und gedulti- ge Ertragung derer Dinge/ die denen Menschen insgemein verdrießlich sind. Von der wahren Demuth weiß der sich selbst gelassene Mensch gar nichts. Was er aber davon weiß/ bestehet die Demuth mehr oder doch ja so wohl in anderer ihrer Hochachtung/ als in Verach- tung seiner. Und der Stoltz bestehet eben- maͤssig seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. maͤssig ja so wohl in anderer Verachtung als in Hochachtung seiner selbst. Ein Nie- dertraͤchtiger heist derjenige/ der etwas oh- ne Scham thut/ davon er Schande hat. Man sol sich gar nicht hoch achten. Man kan sich uͤber die Gebuͤhr nicht verachten u. s. w. 42. Aus diesen Anmerckungen nun koͤnnen wir gar bald sehen/ daß dasjenige/ wormit Carte- sius seine meditation von der Bewunderung be- schliesst/ den Stich nicht halte/ weil selbiges sich auff das/ dem wir bißher widersprochen haben/ sich gruͤndet. Er saget also: art. 55. part. 2. Jn Gegentheil/ wenn wir andere Dinge hochhalten oder verachten/ die wir betrachten als Sachen die einen freyen Willen haben/ und faͤhig sind gu es oder boͤses zu thun/ so entstehet aus der Hochachtung eine Ehrfurcht ( venera- tio ) und aus der schlechten Kleinhaltung ( ex simplici parvi æstimatione ) eine Geringschaͤtzung ( Despectus. ) 43. Wir haͤtten derowegen nicht noͤthig et- was weiter hiebey zu erinnern. Jedoch wollen wir nur noch diesen mercklichen Fehler anmercken. Cartesius beschreibet die Ehrfurcht/ daß sie sey eine Verwunderung uͤber einen Menschen und dergleichen/ der faͤhig sey sehr viel boͤses oder Das 4. H. wie vielerley Gem. N. oder gutes zu thun. Aber wer hat Cartesio ge- sagt/ daß man gegen einen Ertzboͤsewicht und Moͤrder eine Ehrfurcht oder veneration trage? Cartesius vermischet hier gantz augenscheinlich Ehrfurcht und Furcht. 44. Wir hoffen solcher Gestalt/ Cartesio und denen die es mit ihm halten/ sattsames Ge- nuͤgen gethan zu haben/ so viel die Verwunde- rung mit ihren Toͤchtern betrifft/ und bleibet also nochmahln dabey: Verwunderung ist keine Gemuͤthsneigung. Lasset uns aber/ ehe wir noch weiter gehen/ eine noͤthige Betrachtung an- mercken/ daß die Menschen insgemein die Verwunderung mehr lieben als die Wissen- schafft. So lange wir ein Ding oder die Ursa- che eines Dinges nicht wissen/ halten wir es ent- weder hoch/ oder lieben es und belustigen uns da- mit/ oder sind begierig solches zu wissen z. e. eine masquirte Weibes-Persohn/ das Taschenspie- len u. s. w. Wenn wir aberunsern Zweck erreicht haben/ faͤllet entweder die Hochachtung/ oder die Lust vergehet uns/ oder wir kriegen einen Eckel davor/ oder die Begierde vermindert sich doch zum wenigsten umb ein merckliches. 45. Daraus folget/ daß die Menschen insgemein die Unwissenheit mehr lieben als die Weißheit. Denn Verwunderung und Un- wissenheit sind allzu genau verknuͤpfft/ daß wer jene liebet/ auch diese lieben muß. 46. Aber seyn/ u. welche die Vornehm. drunter. 46. Aber was ist wohl die Ursache/ warum die Menschen/ die doch so unterschiedene Begier- den haben/ in dieser naͤrrischen Begierde einig sind/ daß sie von Natur die Verwunderung mehr lieben als die Wissenschafft. Keine an- dere/ als daß die Menschen von Natur zu denen Lastern geneigt sind/ die Unwissenheit aber ja so genau mit allen Lastern verknuͤpfft ist/ als die wahre Weißheit mit der Tugend. 47. Ein Wolluͤstiger liebet die Verwun- derung und Unwissenheit deßhalben/ weil es so ein huͤpsches/ artiges und belustigendes Ding ist/ wenn man was seltzames siehet/ und weil die Dinge wormit man taͤglich umbgehet/ von Natur einen Eckel machen. 48. Ein Ehrgeitziger ist ein Patron der Unwissenheit. Denn wenn er sich selbst kenne- te und die eitele Ehre/ wuͤrde er entweder diesel- be nicht begehren/ oder andere nicht so thoͤricht achten/ daß sie ihn ohne gnugsame Ursach andern vorziehn solten. Ja es muͤssen andere nicht klug seyn/ die einen ehrgeitzigen Narren veneriren. Also ist einem Ehrgeitzigen sehr viel daran ge- legen/ daß diese Leute nicht aus ihrer Unwissen- heit gebracht werden. 49. Ein Geldgeitziger ist ein Patron der Unwissenheit/ weil man wahre Weißheit mit nichts/ aber verwunderns-wuͤrdige Dinge mit vielen Gelde bezahlet. Wenn man also denen Das 4. H. wie vielerley Gem. N. denen Leuten die Verwunderung benehme/ wuͤr- de denen Geldgeitzigen ihr Handel verder- bet. 50. Was wollen wir uns dannenhero wundern/ daß junge Leute und Studen ten die falsche Weißheit/ darbey viel zu verwundern ist/ und die Lehrer deroselben hoͤher halten als die wahre Weißheit? Junge Leute ha- ben die staͤrckeste Versuchung von der Wollust. Es ist aber gar eine lustige Sache/ Dinge lernen die niemand verstehet/ und viele verwundern/ und selbige durch andere Dinge die noch weniger ver- staͤndlich und also wundersamer sind/ zu erklaͤ- ren. 51. Was wollen wir uns wundern/ daß viel Lehrer auff denen Cantzeln und in denen Schulen die verwunderns-wuͤrdige Unwis- senheit schuͤtzen und vertheydigen/ und die wahre Weißheit anfeinden und verfolgen? Ehrgeitz und Geldgeitz versucht die Lehrer am meisten. Wenn nun jungen Leuten die Augen recht auffgethan wuͤrden/ wuͤrden diese jene nicht so ins Angesicht loben/ ihren Speichel lecken/ ihre dictata fuͤr Edelgesteine halten/ und die Un- wissenheit so theuer be- zahlen. Das Das 5. Hauptstuͤck. Daß alle andere Gemuͤths-Neigun- gen gar fuͤglich zur Liebe und Haß gebracht werden koͤnnen. Jnnhalt. Connexion n. 1. 2. Ob ein Affect zur Liebe oder Haß gehoͤre/ muß aus dem vornehmsten Verlangen desselben geur- theilet werden. n 3. Aus was fuͤr Gruͤnden die Affe- cten eingethei et werden koͤnnen/ und unterschiedene Benennungen bekommen n. 4. 1. in Ansehung der Naͤhe oder Ferne des guten oder boͤsen n. 5. 2. in An- sehen der Mittel das gute und doͤse zu erhalten n. 6. 3. in Ansehung der starcken oder schwachen Bewe- gung der Lust oder des Schmertzens. n. 7. 4. in Anse- hen ob wir ohnmittelbahr oder in Betracht anderer Persohnen geruͤhret werden n. 8. 5. in Ansehen der Dauerung n. 9. Daß alle diese unterschiedene Arten zur Liebe und Haß geboͤren. n. 10. Liebe und Haß werden entweder betrachtet in Ansehen des End- zwecks der Menschen. n. 11. Woraus vier paar Affe- cten entstehen. 1. Menschen Liebe und irrender Laster Haß. 2. Stoltz oder Ehr-Liebe/ und Bescheidenheit oder Schande Haß. 3. Unmaͤssiger Lust Liebe/ und Maͤssigkeit Haß. 4. Geld Liebe und Menschen Haß. n. 12. Oder in Ansehen der Mittel: und zwar anfaͤng- lich in Ansehen der allgemeinen Mittel/ entweder so ferne der menschliche Wille angetrieben wird nach denselben zu trachten n. 13. Hieher gehoͤret Hoffnung/ Vertrauen/ Kuͤhnheit/ Mißtrauen/ Furcht/ Ver- zweisselung. n. 14. Oder so ferne der menschliche Wille Das 5. H. daß alle andere Gem. N. Wille angetrieben wird/ dieselben zu erhalten. n. 15. Hieher gehoͤret Freude und Traurigkeit. n. 16. nicht aber zum Endzweck. n. 17. Hernachmals in Ansehen der absonderlichen Mittel/ oder derer Beschaffenhei- ten der vier Haupt-Paare. n. 18. Hieher gehoͤren: Sanfftmuth und Großmuth/ Barmhertzigkeit/ Rach- gier/ Zorn/ Schaden/ Freude/ Neid/ Unbarmher- tzigkeit/ Grausamkeit/ Faulheit/ Arbeitsamkeit/ Æmulation u. s. w. n. 19. seq. Gemischle Affecten von Liebe und Haß/ unter denen die Eyfersucht die vor- nehmste n. ult. 1. W Jr haben im vorhergehenden Capitel Vertroͤstung gethan cap. præced. n. 4. zu erweisen/ daß alle andre Gemuͤths-Neigungen gar fuͤglich zur Liebe und Haß gebracht wer- den koͤnnen. Hier waͤre wohl zu wuͤnschen/ daß die Gelehrten erst darinnen einig waͤren/ wie viel denn Gemuͤths-Neigungen noch ruͤckstaͤndig waͤren/ die zur Liebe und Haß gebracht werden solten/ und wie dieselben zu beschreiben waͤren. Aber es ist dieses wenig zu hoffen/ sondern es ist fast keine Gemuͤths-Neigung/ die nicht von einem anders als von dem andern beschrieben wird/ oder die doch zum wenigsten in vielerley Bedeutungen genommen wird. Man kan nur die vielen Arten der Affecten, die die Stoicker machen vide cap. 2. n. 19. seqq. und de- ren Beschreibungen aus dem Cieerone IV. Tuscul. 6. mit des Cartesii gar fuͤgl. zur Liebe und Haß gebr. werd. koͤn. Cartesii seinen Arten suprà cap. 2. n. 39. seq. gegen einander halten/ und demselben beyfuͤgen/ was die Scholastici darvon zu raisonni ren pflegen/ conf. c. 2. n. 14. ingleichen worinnen Seneca Lib. 1. de irâ. und Lactantius de ira DEI. wegen der Beschreibung des Zorns von einander entschieden sind. 2. Alle diese unterschiedene Meynungen zu untersuchen/ wuͤrde viel zu weitlaͤufftig fallen; Wir wollen an dessen statt etliche Anmerckun- gen geben/ nach derer Anleitung diese Lehre ge- bessert/ und die unterschiedenen Bedeutungen derer sonderlichen Gemuͤhs-Neigungen deutlich bezeichnet werden koͤnnen. 3. Anfaͤnglich/ ob wir wohl oben cap. præced. n. 8. seqq. ange- mercket/ daß Liebe und Haß gemeiniglich verge- sellschafftet sind/ weil kein gutes ist/ das nicht ein entgegen gesetztes Ubel haben solle/ so koͤnnen doch die menschlichen Gedancken nicht zugleich auff zwey wiederwaͤrtige Dinge fallen/ sondern man muß in Beschreibung der affect en sie nach dem/ was am meisten darinnen bedeutet wird/ zur Liebe oder Haß bringen. Also gehoͤret zum Exempel der Geld-Geitz mehr zur Liebe des Geldes/ als zum Haß der Armuth. Also beste- het der Zorn mehr in einem Haß des jenigen/ so uns was zu leide gethan hat/ als in der Liebe der Rache u. s. w. J 4. Hier- Das 5. H. Daß alle and. Gem. Neig. 4. Hiernechst sind unterschiedene affect en/ als Hoffnung/ Furcht/ Kuͤhnheit/ Verzweiffe- lung/ die dem ersten Ansehen nach gar nichts mit der Liebe oder dem Haß gemein zu ha- ben scheinen/ weil sie ihre Benennungen bekom- men haben von den unterschiedenen Betrachtun- gen des Guten oder Boͤsen/ Wohllust oder Schmertzens (die mit allen Gemuͤhts-Neigun- gen vergesellschafftet seyn/) vid. cap. 3. n. 30. seq. item n. 37. seq. \& cap. 4. n. 7. und solcher gestalt auff vielerley Weise benennet und eingetheilet werden koͤnnen. Wir wollen etliche davon er- zehlen. 5. Anfaͤnglich (1) ist das Gute und Boͤse entweder sehr weit entfernet und zukuͤnfftig/ oder es ist sehr nahe/ worunter ich auch die con- tinui rung des gegenwaͤrtigen begreiffe. Nach dieser Betrachtung kan ich einen mercklichen Un- terscheid in Ansehen des Guten unter dem Miß- trauen/ Hoffnung/ Vertrauen und Freude; und in Ansehen des Boͤsen unter dem Vertrau- en/ Hoffnung/ Fur cht und Betruͤbnuͤs ma- chen. M ißtrauen und Fur cht sind Begierden/ das entfernete Gute zu erlangen/ und das nahe Boͤse loß zu werden. H offnung ist eine Begier- de das Gute und Boͤse/ so nicht allzufern und nicht allzu nahe ist/ zu erlangen und zu fliehen. Ver- trauen ist eine Begierde das nahe Gute zu erlan- gen/ und dem entferneten Ubel zu entgehen. Freu- de ist gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. de ist eine Begierde/ das gegenwaͤrtige Gute zu erhalten; B etruͤbnuͤs eine Begierde das gegen- waͤrtige Ubel vom Halse loß zu werden. 6. (2) So sind auch die Mittel das Gute zu erlangen und dem Boͤsen zu entfliehen unter- schieden. Denn entweder kan das Gute und Boͤse leichtlich oder schwerlich erhalten oder ge- meider werden. Also entstehet Fr eude/ wenn ich mir einbilde/ daß ich das Gute balde und leicht- lich erhalten/ und dem Boͤsen entgehen werde: Hoffnung oder Vertrauen/ wenn ich mir ein- bilde/ das Gute nicht unschwer und nicht lange hinaus zu uͤberkommen/ und des Boͤsen zu entge- hen: Furcht oder Mißtrauen/ wenn ich mir einbilde/ das Gute schwerlich und lange hin zu erhalten/ oder dem Boͤsen zu entgehen: Betruͤb- nuͤs und V erzweiffelung/ wenn ich mir einbil- de/ das Gute gar nicht zu uͤberkommen/ und dem Boͤsen zu entgehen. Und hieraus kan man sehen/ wie nach unterschiedenen Betrachtungen/ die Ge- muͤths-Neigungen bald diese bald jene Benen- nung oder Beschreibung bekommen/ und in was Verstande z. e. die Hoffnung bald eine Pein/ bald ein V ergnuͤgen genennet wird. 7. Wir haben zwar oben cap. 3. n. 68. seq. gedacht/ daß al- le Gemuͤths-Bewegungen den Menschen auff ei- ne ausserordentliche Weise bewegen. Jedoch ist unter denenselben eine Bewegung staͤrcker oder unversehener/ als die andere. Dannenhero (3) J 2 nach Das 5. H. Daß alle andere Gem. Neig. dem die Lu st oder S chmertz den Menschen stark oder ploͤtzlich ziehet/ nach dem kriegt auch die Ge- muͤhts-Neigung einen andern Nahmen; Also ist Freude und Bestuͤrtzung/ Furcht und Er- schrecken unterschieden. Bestuͤrtzung ist nichts anders als eine starcke und unversehene Freu- de (oder Hoffnung/) und Erschrecken ist nichts anders als eine starcke und unversehene Furcht (oder Schmertz.) Conf. tamen dictæ cap. 3. n. 64. 8. So beruͤhret auch hiernechst (4) die Lust oder der Schmertz uns unmittelbar oder vermit- telst anderer Personen/ die wir lieben oder has- sen. Also ist ein anders Geld-Ehr- uud Wohl- lust-Liebe/ ein anders Æmulation und N eid. Denn Æmulation ist nichts anders als die Be- gierde eines Gutes/ das ein anderer/ den wir nicht lieben/ gerne haben will: Und der Neid ist die Begierde/ daß ein anderer/ den wir nicht liebẽ/ seines Gutes beraubet werden moͤge. Al- so ist Zorn ein anders/ ein anders Aergernuͤs/ ( indignatio ) ein anders Barmhertzigkeit. Zorn entstehet daraus/ wenn mir selbst etwas zu Leide geschiehet; A ergernuͤs und Barmher- tzigkeit uͤber dem Schmertz eines andern/ und zwar Aergernuͤs mit der intention an dem Be- leidigenden ihn zu raͤchen. Barmhertzigkeit mit der intention dem Beleidigten zu helffen. 9. Die Dauerung der Gemuͤhts-Neigun- gen macht auch (5) unterschiedene Benennun- gen gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. gen derselben. Ein anders ist Geld-Begierde/ ein anders Geld-Geitz/ ein anders Luͤsternheit/ ein anders Geilheit/ ein anders Ehr- und Lob- Be gierde/ ein anders Ehr-Geitz/ Stoltz und Hochmuth. 10. Ob nun wohl die bißhero erzehlten affe- ct en nicht alle mit Liebe und Haß etwas gemein zu haben scheinen/ so moͤgen sie doch insgesammt gar leicht darzu gebracht werden/ massen sie denn nichts anders sind/ als entweder unterschie- dene Arten/ oder unterschiedene Grade/ oder un- terschiedene B eschaffenheiten der Liebe und des Hasses. Dieses desto besser zu begreiffen/ ist zu wissen/ daß die Liebe und der Haß auff unter- schiedene Weise betrachtet werden koͤnnen. Ent- weder/ so ferne selbige nach dem Zweck der Men- schen/ oder aber nach den Mitteln/ besagten Zweck zu erlangen/ gerichtet sind/ welche Mittel so dann auch auf gewisse masse fuͤr neue/ aber doch nach dem ersten trachtende Zwecke gehalten wer- den koͤnnen. 11. Wenn die Menschen vernuͤnfftig und Menschen waͤren/ solte billich nur ein einiger Zweck seyn/ nachdem das gantze menschliche Ge- schlecht sein Thun und Lassen richten solte/ nehm- lich die durch die vernuͤnfftige/ und allen Men- schen gleich durch erweißte Liebe erhaltene Gemuͤths-Ruhe. Aber die allermeisten suchen diese Ruhe vergebens in der Unruhe und in ei- ner Ungleichheit/ die der menschlichen Na- tur hoͤchlich zu wider ist. Wir haben oben part. I. c. 6. J 3 ge- Das 5. H. Daß alle andere Gem. Neig. gesagt/ daß die wahre Liebe aus drey Tugenden bestehe; aus einer 1. sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit/ 2. vertraulichen Gutthaͤtigkeit/ und 3. voͤlligen Gemeinschafft alles Vermoͤgens und alles ver- nuͤnfftigen Thun und Lassens. Die Unruhe/ die die gleichgenaturte Menschen angetrieben/ in der Ungleichheit ihre Ruhe zu suchen/ hebt entweder die Leutseligkeit/ und folglich auch die sorgfaͤl- tige Gefaͤlligkeit auff/ wenn sich ein Mensch bes- ser zu seyn duͤnckt/ als andere Menschen/ oder von andern fuͤr besser gehalten zu werden trach- tet: Oder sie leitet die Menschen zu falschen Schein Gutthaten/ wenn man sich bey andern durch sinnliche und empfindliche Luͤste zu in- sinui ren bemuͤhet ist/ und dieselben dadurch an sich zu ziehen trachtet: Oder sie ist der Gemein- schafft der Guͤter und der Frucht vernuͤnfftiger Liebe am meisten zu wieder/ und treibet die Men- schen an/ daß sie an statt der Menschen-Liebe/ alle ihre Lust und Freude an Gelde/ und was Gel- des werth ist/ suchen. 12. Solcher gestalt aber entstehen vier paar affect en/ die auff vier Haupt-Zwecke des menschlichen Geschlechts gerichtet sind/ oder viel- mehr vier unterschiedene Arten der Liebe und des Hasses/ 1. die vernuͤnfftige Menschen-Liebe/ und der Haß der Jrrthuͤmer und Laster/ (nicht der irrenden und lasterhafften;) 2. Liebe der stoltzen Ehre und Ruhms/ oder Ehr-Gier- de; und Haß der Beschetdenheit und Schan- de. gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. de. 3. Liebe der sinnlichen Luͤste oder Wol- lust; und Haß der muͤhsamen Enthaltung. 4. Liebe des Geldes und der Creaturen/ die unter den Menschen sind/ oder Geld-Gierde/ und Haß des menschlichen Geschlechts. 13. Die Gemuͤhts-Neigungen/ die mit den Mitteln umbgehen/ haben entweder mit denen- selben uͤberhaupt zu thun/ und bedeuten anfaͤng- lich die unterschiedenen Grade des Antriebs/ dadurch der menschliche Wille beweget wird sich derselben zu bedienen. So ferne nun dieser An- trieb in Zunehmen oder Abnehmen ist/ kriegen sie auch unterschiedene Nahmen. Der erste Grad des Zunehmens heist Hoffnung; Der andere Vertranen/ der dritte Kuͤnheit. Der erste Grad des Abnehmens heist Mißtrauen/ der andere Furcht/ der dritte Verzweiffelung. 14. Diese Gemuͤths-Neigungen nun/ gleich wie sie denen viererley Arten der Liebe und des Hasses zu Diensten stehen; Also springen sie auch in so weit aus der Liebe und Haß her/ weil die unterschiedenen Grade der Liebe und des Hasses/ absonderlich aber jener/ auch unterschie- dene Grade der Furcht und Hoffnung wuͤr- cken. Jch will das bekante Sprichwort nicht an- fuͤhren: Lust und Liebe zu einem Dinge/ macht alle Muͤh und Arbeit geringe/ sondern man kan diesen Lehr-Satz gar leicht mit Exempeln an- fuͤhren. Jemehr man seinen Freund liebet/ ie mehr Hoffnung hat man seine Gegen-Liebe zu er- J 4 hal- Das 5. H. Daß alle andere Gem. Neig. halten/ ie mehr Vertrauen hat man/ ihm was an- genehmes zu erweisen/ und ie kuͤhner ist man das jenige/ wornach er verlangt/ auszurichten. Jst aber diese Liebe laulicht/ oder fast erloschen/ so findet man bald Ursache/ ein Mißtrauen in ihn zu setzen/ und ihn zu fuͤrchten/ auch alles was er begehret/ ihm mit Vorschuͤtzung vieles Zweiffels abzuschlagen. Ein anderer/ der von der Liebe einer Weibesperson starck gefesselt ist/ steiget uͤ- ber Mauren/ und waget mit grosser Kuͤnheit sein Leben/ seine Lust zu buͤssen/ ja er waget verzweiffel- te Thaten/ die ein anderer/ der mindere Liebe haͤt- te/ aus Furcht und V erzweiffelung wohl blei- ben liesse. Ein Ehrgeitziger ie mehr Ehrgeitz er hat/ ie mit mehrer Hoffnung und V ertrauen/ ja ie mit mehrer Kuͤnheit braucht er die Mittel seinen Ehrgeitz zu stillen. Aber ein poltron un- terlaͤsset diese Mittel aus Mißtrauen/ Furcht und V erzweiffelung. Der Geld-Geitz hat die Menschen angetrieben ihr Leben durch die kuͤhneste That einem Bret im Wasser anzuver- trauen. Wer aber nicht geldgierig ist/ unter- laͤsset solche Gefahr/ fuͤrchtet sich davor/ oder ste- het von der Erhaltung des Gewins aus Ver- zweiffelung abe/ u. s. w. Aus diesem Grunde kan man auch die Frage eroͤrtern/ ob die Hoff- nung ein Vergnuͤgen oder Schmertzen ist. 15. Andere Gemuͤhts-Neigungen/ die uͤber- haupt mit denen Mitteln zu thun haben/ kriegen ihre Benennungen von dem A ntrieb des mensch- lichen gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. lichen Willens/ die erlangte Mittel zu behalten/ oder denen sich ereigenden Widerwaͤrtigkeiten/ die denen Mitteln zu wieder sind/ Widerstand zu thun/ und heissen Freude und Leid. 16. Diese dependi ren abermahls gantz offen- bahrlich von der Liebe und Haß. Denn ie groͤs- ser die L iebe zu einem Dinge ist/ ie groͤsser ist auch die Freude dasselbe zu behalten/ und ie groͤsser ist die B etruͤbnuͤs selbiges zu verliehren. Gleicher- gestalt ie mehr ich etwas hasse/ ie groͤsser ist die Freude solches loß zu werden/ und ie staͤrcker die Betruͤbnuͤs dasselbe zu behalten. Man kan hiervon gar leichte wiederum aus allen vier Paa- ren der Liebe und des Hasses Exempel geben. 17. Hier mustu dich aber nicht irren/ daß ich in vorhergehenden cap. 3. n. 37. seqq. die Freude und Leid aus den Class en der Gemuͤhts-Neigungen ausgemertzet/ anietzo aber dieselbigen selbst dar- unter rechne. Die Freude und Leid/ die nichts anders als eine Empfindung gegenwaͤrtiger Din- ge/ und also im Verstande ist/ ist kein affect; Aber die Begierde das erlangte Gute zu behalten/ und das Ubel/ das man auf dem Halse hat/ davon loß zu werden/ sind allerdings Gemuͤths-Neigungen/ und koͤnnen gar wohl Freude und Schmertz ge- nennet werden: Denn die Freude ist nichts an- ders/ als wenn diese Begierde voll Hoffnung ist; Betruͤbnuͤs/ wenn sie mit Furcht und Verzweif- J 5 felung Das 5. H. Daß alle andere Gem. Neig. felung vergesellschafftet ist. So habe ich auch Freude und Leid unter die Gemuͤhts-Neigungen gerechnet/ die mit denen Mitteln zu thun haben/ nicht mit dem Endzweck. Denn wenn man sei- nen Zweck erreichet hat/ hoͤret die Freude und Be- truͤbnuͤs auff/ und entstehet an deren statt die Ru- he des Gemuͤths/ oder ein Eckel und Antrieb oder Durst zu einer neuen Unruhe/ nachdem der End- zweck vernuͤnfftig oder unvernuͤnfftig ist. 18. Endlich sind auch gewisse affect en/ die mit solchen Mitteln zu thun haben/ die abson- derlich zu diesen oder jenen Endzweck aus de- nen viererley Arten der Liebe gehoͤren/ wie- wohl auch dieselben eben so wohl als die unter- schiedenen Liebes-Arten selbsten sehr offt von der Vernunfft abweichen. Man koͤnte auch diese Gemuͤhts-Neigungen als sonderliche Beschaf- fenheiten und gewisse Kennzeichen der vierer- ley Arten der Liebe/ und jene als Haupt- diese a- ber als Neben - affect en ansehen/ weil im̃er einer unter denenselben mehr aus dieser als aus jener Art der Liebe herruͤhret/ mit demselben vergesell- schafftet ist/ und nachdem ein solcher Neben- af- fect sich sehr starck bey einem Menschen blicken laͤst/ auch Kennzeichen giebet/ ob dieser oder jener Haupt- Affect bey einen Menschen starck anzutref- fen sey. 19. Wiewohl nun dieses zu seiner Zeit deut- licher begriffen werden wird/ wenn wir ieden von denen unvernuͤnfftigen Haupt- Affect en absonder- lich gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. lich betrachten werden/ so wollen wir doch ietzo nur einen kleinen Vorschmack und Entwurff davon geben. 20. Alles was T ugend heisst/ sind Neben- Affect en oder Baͤchlein/ die aus der vernuͤnffti- gen Liebe als aus einem Brunnqvell ausfliessen/ vornehmlich aber gehoͤren hieher: S anfftmuth/ Großmuth und B armhertzigkeit/ als welche sich am wenigsten durch eine Heucheley bey einen lasterhafften verstellen oder simuli ren lassen/ daß ein tugendhaffter kluger Mann die falsche Schmuͤncke nicht durchsehen solte. 21. Sanfftmuth ist ein Haß zukuͤnfftiger Rache/ die aus der Gedult der vernuͤnfftigen Lie- be entstehet. Großmuth entspringet eben da- her/ und ist ein Haß gegenwaͤrtiger Rache/ da ich gnugsame Gelegenheit habe/ mich an meinem Feinde zu raͤchen/ (wiewohl auch Großmuth son- sten/ als wie oben cap. 4. n. 41. erinnert/ vor die standhaffte Gedult uͤberhaupt genommen wird.) B arm- hertzigkeit ist eine Betruͤbnuͤs wegen des Un- gluͤcks eines andern/ die mit einer Begierde/ und zwar mit einer ernstlichen und wuͤrcklichen Be- gierde dem andern dieses Ubel von Halse zu schaf- fen/ vergesellschafftet ist. 22. Aus der unvernuͤnfftigen Liebe flies- sen solche Affect en her/ die denen vorigen gantz ent- gegen gesetzt seyn. Denn gleichwie unvernuͤnff- tige Das 5. H. Daß alle andere Gem. Neig. tige Liebe gantz keine Gedult hat/ sondern unge- dultig ist/ also fliesset aus dieser Ungedult Zorn/ oder ein Verlangen nach Rache wieder das jeni- ge das wir uns einbilden/ daß es uns beleidiget ha- be. Dieser Zorn hat zwey Arten. Die eine ist Rachgier/ welche ein Affect ist/ der der Sanfft- muth entgegen gesetzt ist/ der andere Grausam- keit/ die der Großmuͤthigkeit zu wider ist. 23. Der B armhertzigkeit sind vier Affe- ct en hauptsaͤchlich entgegen. So ferne sie eine Betruͤbnuͤs ist uͤber eines andern Ubel/ werden ihr der Schadenfroh/ das ist/ Freude uͤber eines andern Ungluͤck; und N eid/ das ist Betruͤbnuͤs uͤber eines andern Wohlseyn entgegen gesetzt. So ferne sie aber begierig ist/ dem Leidenden zu helffen/ giebt es zwey ihr widerwaͤrtige Gemuͤths- Neigungen; Unbarmhertzigkeit/ welche nicht anders/ als ein Mangel der Begierde ist/ nothlei- denden zu helffen/ uñ der hoͤchste Grad der G rau- samkeit/ welche in einer Begierde bestehet/ an- dern/ die mir nichts gethan/ absonderlich aber/ die schon von andern Noth leiden/ Schaden zu thun und ihre Noth zu vermehren. Beyde koͤnnen fuͤglich mit dem Nahmen der Unmenschlichkeit beleget werden/ zumahln dieses Wort bey uns ei- ne haͤrtere Bedeutung hat/ als der Lateiner ihre inhumanitas. 24. Es werden aber die Haupt-Laster duꝛch ihre Neben- Affect en nicht alleine von der ver- nuͤnfftigen Liebe/ sondern auch von sich selbst ent- gar fuͤgl. zur Liebe u. Haß gebr. werd. koͤn. entschieden. Faulheit/ Waschhafftigkeit u. s. w. sind Neben- Affect en der Wollust: Arbeit- samkeit und Verschwiegenheit des Ehrgei- tzes: Neid und Unbarmhertzigkeit des Geld- geltzes u. s. w. 25. So sind auch endlich gewisse Gemuͤths- Neigungen/ die aus Liebe und Haß zusammen gesetzet sind/ unter welchen die Eyffersucht die vornehmste ist. Sie ist nichts anders/ als ein Haß derer jenigen/ die das lieben/ was wir lieben/ oder von demselben geliebet werden/ oder ein Haß der Person/ die wir lieben/ wenn sie von andern geliebet wird/ oder sich lieben laͤst. So wieder- waͤrtig nun diese Gemuͤths-Neigung ist/ so un- vernuͤnfftig ist sie auch/ und entspringet nothwen- dig aus unvernuͤnfftiger Liebe/ absonderlich a- ber aus Geld-und Ehrgeitz/ und nachdem diese Haupt- Passiones gemischt seyn/ nach dem sind auch unterschiedene Arthen der Eyffersucht/ oder unter- schiedene Grade der Furcht/ Zorns/ Neides/ Be- truͤbnuͤs/ aus derer Mischung die Eyffer- sucht zusammen gese- tzet ist. Das Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neigung. Das 6. Hauptstuͤck. Ob die Gemuͤths-Neigungen et- was Gutes oder Boͤses sind? Jnnhalt. Connexion n. 1. Streit der Stoiker und Aristoteliker von die- ser Frage n. 2. Es muß ein Unterscheid unter denen Gemuͤhts-Neigungen uͤberhaupt/ und unter deren un- terschiedenen Arten gemacht werden. n. 3. Ursachen/ warum die Gemuͤths-Neigungen uͤberhaupt boͤse zu seyn scheinen. n. 4. Der Mensch haͤnget von Jugend auff durch das Vorurtheil der Ungedult und Nachah- mung am boͤsen/ n. 5. und durch die drauff folgende Gewohnheit wird solches bey ihm zur andern Natur. n. 6. Von dieser Unruhe kan er ordentlicher Weise nicht wieder anders als durch wenlgere Unruhe zuruͤcke. n. 7. Die Gemuͤths-Neigungen sind uͤberhaupt indifferent; Die Arten aber sind entweder gut oder boͤse. n. 8. Die guten Gemuͤths- N eigungen sind ausserordentlich gut/ n. 9. und die vernuͤnfflige Liebe ist nicht allemahl eine Gemuͤths-Neigung. n. 10. Man muß auch trachten/ die guten Gemuͤths- N eigungen zu vermindern/ und gar auszutilgen. n. 11. Doch ist ein mercklicher Unter- scheid unter Austilgung guter und boͤser Affect en. n. 12. Die indifferenz der Gemuͤhts- N eigungẽ uͤberhaupt ist dem Boͤsen etwas naͤher als dem Guten. n. 13. Jn der Erkaͤntuuͤs der guten und boͤsen Affecten muß man auf das Ziel und die proportion ihrer Bewegung sehen. n. 14. Gleichuuͤs von zweyerley Bewegung in einem Creysse. n 15. Jn Beurtheilung der guten und boͤsen Assecten siehet man nur auff den Ort wohin/ n. 16. nicht wo- etwas Gutes oder Boͤses sind? woher n. 17. oder wodurch sie gehen n. 18. Die erste Regel gute und boͤse Affecten zu erkennen; Die den Menschen ausser sich selbst fuͤhren/ sind boͤse/ die in sich selbst/ sind gut. n. 19. Z wey thun einerley/ und ist doch solches bey dem einen boͤse/ bey dem andern gut. n. 20. 21. Eine unruhigere That ist manchmahl besser als ei- ne ruhigere. n. 22. 23. Aliter Philosophi judicant, ali- ter Leges n. 24. Die andere Regel: Die allzuem- pfindliche Bewegung ist boͤse; die gemaͤßigtere ist gut oder nicht so boͤse. n. 25. 26. Die andere R egel ist der ersten nachzuordnen/ n. 27. und hat in Erkaͤntnuͤs der unterschiedenen Grade guter Affect en ihren Nutzen/ n. 28. Etliche Affecten haben Nahmen/ die auff was Gutes oder Boͤses reflecti ren n. 29. welches mit dem Exempel veruuͤnfftiger L iebe/ der Liebe eines tu- gendhafften Mensche n / der Liebe eines Menschen/ des Verlangens nach Geld und Ehre/ des Zorns/ Neids/ Geldgeitzes/ Ehrgeitzes/ Grausamkeit/ Hoff- nung/ Furcht/ Barmhertzigkeit erwiesen wird. n. 30. Judicium von dem Streit der Stoicker und Aristote- licorum von dem Zorne/ ob es ein indifferenter oder boͤser Affect sey? n. 31. 32. 33. und von des Lactantii Buch von Zorne GOttes n. 34. 1. N Unmehro ist es Zeit/ die unter den alten Philosopbis, sonderlich denen Stoickern und Peripateticis auffgeworffene Frage: Ob die Gemuͤths-Neigungen was gutes oder boͤses seyn? vorzunehmen. Denn es kan dieselbe nicht eroͤrtert werden/ wenn man nicht erst mit der Beschreibung und der daraus fliessenden Eintheilung der Gemuͤths-Neigun- gen richtig ist. Und diese Eroͤrterung ist noͤthig/ damit Das 6. H. Ob die Gemuͤhts-Neig. damit wir sehen/ ob die vernuͤnfftige Liebe die Ei- genschafft einer Gemuͤhts-Neigung mit der un- vernuͤnfftigen Liebe gemein habe/ oder ob wir ge- irret/ daß wir in einer Gemuͤths-Neigung die hoͤchste Gluͤckseligkeit des Menschen gesetzet. 2. Zwar was der Stoicker und Aristoteli- corum ihren Streit betrifft/ bestehet derselbe mehr in Worten/ als in der Sache selbst/ weil die Sto- icker nicht die ersten ausserordentlichen Beweg- ungen der Seelen/ wie die andere Secten tha- ten/ fuͤr Gemuͤhts-Neigungen hielten/ sondern den unbaͤndigen und von der unvernuͤnfftigen Begierde uͤberwaͤltigten Willen. Wir haben solches schon oben Cap. 2. n. II. 15. 16. 23. 33. angemerckt/ derowegen wol- len wir uns dißfalls nicht auff halten. 3. Wir wollen uns dannenhero an sie nicht kehren/ sondern dieweil wir in Beschreibung und Eintheilung der Affect en auff keine derer alten Secten hauptsaͤchlich reflecti ret; Als wollen wir auch nunmehro diese Frage aus unsern principiis decidi ren. So ist demnach zufoͤrderst noͤthig/ daß wir dariñen zwey unterschiedene Dinge nicht mit einander vermischen/ (1.) Ob die Gemuͤhts- Neigung uͤberhaupt gut oder boͤse/ oder indiffe- rent sey? (2) Ob auch alle Arten der Gemuͤths- Neigungen/ die nach denen gemeinen Meynun- gen darunter gerechnet werden/ indifferent oder boͤse sind? 4. Zwar etwas Gutes oder Boͤses sind? 4. Zwar/ wenn wir anfaͤnglich betrachten/ daß das Wesen des menschlichen Willens in der Freyheit bestehe/ und daß wir in dem ersten Theile gelehret haben/ part. 1. c. 1. n. 6. daß alles das jenige gut sey/ was das Wesen eines Dinges erhalte/ und seine Kraͤffte vermehre/ ingleichen d. c. 1. n. 52. 53. 54. daß alle ru- hige und ordentliche Bewegung der Dinge gut sey; anderseits aber erwegen/ daß wir in Beschreibung der Gemuͤths-Neigungen gedacht/ daß diese den Willen durch ihre Neigung aus sei- ner Freyheit setzen/ cap. 3. n. 3. seq. n. 12. seq. und aus starcken Ein- druckungen in die Sinnlichkeiten d. c. 3. n. 47. seqq. und einer ausserordentlichen Bewegung des Gebluͤtes d. c. 3. n. 63. 68. entstehen/ scheinet es nach dem ersten Ansehen/ daß die Gemuͤths-Neigungen ohne Unter- scheid boͤse waͤren/ und daß man sie nicht maͤßi- gen/ sondern gar ausrotten muͤsse. 5. Aber die Wichtigkeit der Sache verdie- net wohl/ daß wir sie ein wenig genauer erwegen/ und daß wir der Gemuͤths-Neigungen Anfang bey denen Menschen mit gehoͤrigem Fleiß unter- suchen. Alle Menschen sind von Jugend auff so geartet/ daß sie an denen Dingen/ die ihr We- sen in einer ordentlichen Bewegung halten/ kein Veranuͤgen finden/ hingegen allezeit empfindli- che Ruͤhrungen ihrer Sinnlichkeiten/ die doch K boͤse Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neig. boͤse sind/ mit grossen Verlangen begehren. Wiederum sind alle Menschen so beschaffen/ daß sie von Jugend auf eine Neigung bey sich empfin- den/ eher das Boͤse an andern Menschen nach- zuahmen/ als das Gute. Mit einem Wort/ das Vor-Urtheil der Ungedult und der Nachah- mung/ davon wir oben c. 1. n. 42. seq. mit mehrern gehandelt/ ist bey allen Menschen. 6. Solcher gestalt aber kan es nicht fehlen/ es muͤsse der Mensch durch solche Triebe in vielen unzehlichen Stuͤcken von dem Guten abwei- chen/ seine Freyheit des Willens immer mehr und mehr verliehren/ und also viel tausend aus- serordentliche und unruhige Bewegungen sich angewehnen/ die solcher gestalt gleichsam zur andern Natur bey ihm werden. 7. Dieser Zustand des Menschen ist nun wohl unstreitig sehr boͤse/ er kan aber von diesen unruhigen und ausserordentlichen Bewegungen/ wenn er sein Wesen nicht ruiniren will/ zu denen ruhigen und ordentlichen nicht anders wieder/ als Stuffenweise gelangen; Ein Gichtbruͤchtiger lernet nach und nach seine Glieder wieder brau- chen/ und ein Geblendeter wird durch das ge- woͤhnliche Licht/ dazu er nicht nach und nach di- sponi ret wird/ mehr geblendet. So ist es dem- nach noͤthig/ daß man von denen ausserordentli- chen und unruhigen Gemuͤths-Bewegungen zu denen etwas Gutes oder Boͤses sind? denen ruhigen durch weniger unruhige ge- lange. 8. Aus diesen folget aber/ daß die Gemuͤths- Neigungen uͤberhaupt indifferent, d. i. weder gut noch boͤse seyn/ in Ansehen ihrer Arten aber sind sie entweder gut/ die uns zur Ruhe/ oder boͤ- se/ die uns zur Unruhe fuͤhren. 9. Zugleich siehet man das hieraus/ daß die guten-Gemuͤths- Neigungen nicht unter das ordentliche/ sondern das ausserordentliche Gu- te vid. part. 1. c. 1. n. 114. 118. gehoͤren/ denn sie sind nichts anders/ als ei- ne Artzney der Seelen. Woraus ferner folget/ daß die guten Gemuͤths-Neigungen in Ansehen der Gemuͤths-Ruhe/ als des hoͤchsten Guts selbst/ zu der sie uns fuͤhren/ viel geringere Guͤter seyn. 10. Und also wird ein mercklicher Unter- scheid unter der vernuͤnfftigen Liebe/ die ein Ur- sprung der Gemuͤhts-Ruhe/ und unter der Lie- be/ die eine Wuͤrckung derselben ist/ part. 1. c. 2. n. 71. zu finden seyn. Jene ist ein affect. Diese aber ist keiner/ denn sie liebet ohne alle Unruhe und ausserordent- liche Bewegung/ und liebet nichts desto weniger viel staͤrcker als jene. Conf. part. 1. c. 7. n 4. 14. 11. Es folget ferner daraus/ daß die guten Ge- muͤths-Neigungẽ/ durch welche wir vonder Un- ruhe durch weniger Unruhe zur Ruhe uns begebẽ/ nicht in ihrer ausseroꝛ dentlichẽ Bewegung unter- K 2 hal- Das 6. H. Ob die Gemuͤhts-Neig. halten/ oder dieselbe gemehret werden muͤssen/ sondern daß vielmehr der Mensch immer darnach trachten solle/ wie sie immer der ausseꝛordentlichen Bewegung nach/ so viel als moͤglich/ vermin- dert werden muͤssen. Und also soll der Mensch auch auf die Austilgung der guten Affect en be- dacht seyn/ nicht anders/ als ein Mensch/ der Artz- ney braucht/ und auff Kruͤcken geht/ bedacht ist/ nach erhaltener Gesundheit der Artzney sich zu enthalten/ und die Kruͤcken weg zu schmeissen. 12. Jedoch ist ein grosser Unterscheid zu ma- chen/ unter der Austilgung der boͤsen und guten Affect en. Die boͤsen Affect en sind manchmahl so gar boͤse/ daß der Mensch die Bewegung der- selben gar nicht mehr fuͤhlen soll/ z. e. die Be- wegung des Zorns zur Rache/ die Bewegung des Neides. Alleine wenn man sagt/ daß auch die guten Affect en ausgetilget werden muͤssen/ muß man dieses nicht verstehen/ daß man in sel- ben die Bewegung gar nicht mehr empfinden solle/ sondern es soll nur der ausserordentliche grad der Bewegung nachbleiben/ daß selber nicht mehr unruhig/ sondern stille sey. 13. Wiederumb ist auch dieses zu mercken/ daß die indifferenz oder Gleichguͤltigkeit der Gemuͤths-Neigungen uͤberhaupt/ so zu sagen nicht genau im Mittel stehe/ zwischen dem Guten und Boͤsen/ sondern daß er dem boͤsen etwas naͤher sey als dem guten. Denn die boͤsen Affe- ct en neigen sich gar nicht zu dem guten/ und die gu- ten etwas Gutes oder Boͤses sind? ten Affect en sind kein ordentliches/ sondern ein aus- serordentliches Guth. Ja wir werden nicht ir- ren/ wenn wir sagen/ daß sie kleinere Ubel/ und nach Gelegenheit der Umstaͤnde/ dem boͤsen bald naͤher/ bald entferneter seyn. 14. So giebts demnach gute oder boͤse Af- fect en. Woran soll ich aber erkennen/ ob sie gut oder boͤse sind? Du must auff zweyerley Regeln Achtung geben/ deren eine von dem Ziel der Bewegung/ die andere von dem grad oder proportion derselben hergenommen ist. 15. Dieses desto besser zu begreiffen/ kanstu dir die Sache durch das Gleichnuͤs eines runden Creysses/ dessen Graͤntzen nicht leicht begrif- fen werden moͤgen/ mit seinem Mittelpunct gar fein einbilden. Der Mittelpunct mag die Gemuͤhts-Ruhe/ das uͤbrige die Gemuͤths- Unruhe/ bedeuten. Bilde dir aber auch hierbey zweyerley Bewegungen ein/ die eine von dom Mittelpunct zu den Graͤntzen des Creyses/ die andere von den Graͤntzen des Creyses zu dem Mittelpunct. 16. Nun ist zwar an dem/ daß bey einer ie- den Bewegung auff dreyerley acht zu geben ist/ auff den Orth woher/ wodurch und wohin die Bewegung gehet. Nichts desto weniger ist bey Erkaͤntnuͤs der guten oder boͤsen Gemuͤths-Nei- gungen nicht so wohl darauff/ woher oder wo- durch die Bewegung geschiehet/ zu sehen/ als auff derselben ihr Ziel/ wohin sie sich wende. K 3 17. Der Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neig. 17. Der Orth/ woher die Bewegung kompt/ ist niemahln der Mittelpunct oder die Ge- muͤths-Ruhe selbst/ sondern allemahl ein Punct in denen andern Theilen des Creyses. Denn der Mensch ist/ so bald er gebohren wird/ aus dem Ort des Mittelpuncts heraus geschmissen/ und kehret von dar gleichsam sein Gesichte von dem Mittelpunct zum Creyß/ biß er her- nach einmahl die Unruhe/ dahin er sich wendet/ gewahr wird/ und von dar umbkehret. 18. Der Orth/ wodurch man muß/ ist auch an sich selbst einerley/ nehmlich an sich selbst Un- ruhe und boͤse. Jedoch weilein geringeres Ubel/ durch das man zum guten gelanget/ fuͤr was gutes gehalten wird; So wird auch der Mittel-Orth der Bewegung nach dem Ziele fuͤr gut oder boͤse gehalten. Jst die Bewegung zu dem Mittelpunct/ so nennet man den Mit- te Orth gut/ ist sie na ch dem Creyse zu/ so heist sie boͤse; Wiewohl die Gutheit oder Boßheit des Mittels auch von der andern Regel oder der proportion der Bewegung mit her zu nehmen ist/ und ob die Beweaung in gerader Linie oder durch Umschweiffe geschehe. 19. Die erste Regul ist folgende: Alle Gemuͤths Neigungen die den Menschen aus- ser sich selbst (von dem Mittelpunct) fuͤhren/ und ein ander Ziel haben/ als die Vereinig- ung mit andern Menschen/ die nach der Ge- muͤths-Ruhe trachten/ (dessen Ziel nach dem Crey- etwas Gutes oder Boͤses sind? Creyse zugehet) ist boͤse. Und: alle Gemuͤths- Neigungen/ die den Menschen in sich selbst fuͤhren/ und mit andern ruhigen Menschen vereinigen/ sind gut. 20. Nach dieser Betrachtung kan es ge- schehen/ daß ihrer zwey einerley thun/ und die- ses doch bey dem einem boͤse/ bey dem andern was guts ist/ eben als wie wenn ich mir einbilde/ daß in dem Creyse ihrer zwey einander in einem gewis- sen Punct begegneten/ deren der eine zum Mittel- punct/ und der andere zum Creyse zugehet. 21. Also ein junger Mensch/ der aus einer genauen Zucht in die Freyheit koͤmmt/ und dem Sauffen nachhaͤngt/ wird von seiner boͤsen Neigung geleitet/ wenn er schon nur woͤchent- lich sich einmahl vollsaͤufft. Aber ein anderer/ der fuͤr diesem in der Voͤllerey stacke/ und keinen Tag ohne Sause und Fraß leben konte/ wird von einer guten Neigung gefuͤhret/ wenn er fein lie- derliches Leben schon so weit verlassen hat/ daß er nur die Woche einmahl sich berauschet. E- ben als wie der Medicus dieses fuͤr ein boͤses Zei- chen oder fuͤr eine Kranckheit auffnimmt/ wenn ein gesunder Mensch eine Stunde in Abwech- selung Hitze und Frosts ist; wenn aber ein febri- citante, der wohl ehe dessen paroxysmos von 12. Stunden gehabt/ nur einen Schauer und Hitze eine Stunde lang fuͤhlet/ sagt der Medicus, dieses sey gut/ weil die Kranckheit abnimmt. 22. Ja es kan nach dieser Betrachtung ge- K 4 sche- Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neig. schehen/ daß eine unruhigere That fuͤr besser gehalten wird/ als eine ruhigere: eben als wenn ich mir einbilde/ daß in dem Creiß ihrer zwey sich bewegen/ deren der eine zwar dem Mittelpunct naͤher ist/ aber sich von demselben entfernet/ der andere aber von dem Mittelpunct mehr entfer- net ist/ aber sich demselben nahet; 23. Also wenn ein Ehrgeitziger/ der im Ehr- geitz ersoffen gewesen/ und sein Elend zu erkennen angefangen/ hertzliche Neigung hat/ z. e. seinen Zorn zu baͤndigen/ ist diese seine Neigung gut/ ob er schon anfaͤnglich bey ereigneter Gelegenheit seinen Zorn sehr wenig maͤßigen kan: da im Gegentheil ein Mensch/ der aus der Niedrigkeit erhoben/ die Ehre zu schmecken und sich zn uͤber- heben anfangt/ eine boͤse Neigung hat/ ob er sich schon seinen Zorn noch nicht so sehr uͤbermei- stern laͤst/ als jener. Also ist der paroxysmus von drey Stunden eines im Wachsthum begrif- fenen Fiebers schlimmer/ als der paroxysmus von 6. Stunden eines Fiebers/ das abnimmt. 24. Jedoch must du dich entsinnen/ daß die- se Wuͤrdigung des Guten und Boͤsen nur in der Sitten Lohre angehet/ nicht aber in der Rechts- Gelahrheit. Nach dieser Richtschnur richtet sich ein Lehrer oder Freund; Sie gilt aber nicht viel bey der Obrigkeit oder einem Zuchtmeister. Dieses ist es/ was/ duͤnckt mich/ Cicero gesagt hat: Aliter Philosophi judicant, aliter leges. Also heißt nach der Politischen Welt eine Hure/ ein Men- etwas Gutes oder Boͤses sey? Mensche/ das von einem geilen Betrieger wohl mit Versprechung der Ehe/ ist geschwaͤngert wor- deg/ die jenige aber/ die ihre geilen Luͤste/ nach de- nen Regeln der Huren-Kunst/ meisterlich zu ver- bergen weiß/ heißt die Politische Welt eine ehr- liche Dame. Ein Philosophus aber judici ret gantz anders von solchen Dingen. 25. Die andere Regul ist: Ein ieder Af- fect, der mit einer so empfindlichen Beweg- ung vergesellschafftet ist/ daß davon entwe- der der Leib an seinen Kraͤfften auch nur einẽ Augenblick mercklich geschwaͤcht wird/ oder der Wille seine Freyheit verlieret/ oder mit grosser Muͤhe zuruͤcke gehalten wird/ ist boͤ- se. Wo aber die ausserordentliche Beweg- ung solche schaͤdliche Wuͤrckungen nicht hat/ ist die Bewegung wo nicht gut/ doch nicht so boͤse. 26. Also ist der Eyffer auch uͤber das Un- recht/ das dem andern geschiehet; Also ist die allzuhitzige Begierde einem andern Tugend- hafften zu dienen/ boͤse. Hingegen ist der ge- maͤßigte Zorn eines Ehrgeitzigen nicht so boͤse/ als die grausame Wuth eines Tyrannen. 27. Jedoch ist diese Regul nicht von der ersten abzusondern/ sondern derselben nachzu- ordnen. Denn aus dem Ziel wird das vor- nehmste Absehen genommen/ die Affect en zu unterscheiden/ weil auch ein maͤßiger Affect boͤse ist/ wenn er auffs boͤse geneigt ist/ und ein hitziger K 5 Affect Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neig. Affect, als nur erwehnet/ schon unter die guten ge- rechnet wird/ wenn er zum guten Ziel gekehret ist. 28. Jedoch wenn man die unterschiede- nen Grade derer guten Affect en gegen einander haͤlt/ hat die andere Regul ihren guten Nutzen; Das ist der beste Affect, der zum guten Ziel ge- richtet ist/ und der auch wegen seiner maͤßigen Be- wegung dem Ziel am naͤchsten ist/ nehmlich (nach dem Gleichnuͤs) die Bewegung/ die von dem Creyß zum Mittelpunct zugehet/ und dem Mittelpunct am naͤhesten ist. Und in diesem An- sehen heissen die Gemuͤths-Neigungen alle boͤse/ nicht alleine die den Menschen von dem Mittel- punct wegbewegen/ sondern auch/ die auff den Mittelpunct sich zuwenden/ aber davon noch gar weit entfernet sind. 29. Nach diesen beyden Regeln kan man nunmehro nicht nur von denen Gemuͤths-Nei- gungen uͤberhaupt/ sondern auch von einer ieden Art derselben urtheilen. Jedoch muß man bey diesen Vorhaben noch anmercken/ daß etliche Affect en solche Titel fuͤhren/ in derer Beschrei- bung gar deutlich die Meldung des guten oder boͤsen gebracht werden muß; oder aber man hat nicht noͤthig/ des guten oder boͤsen darinnen zu ge- dencken. Jene sind allemahl gut oder boͤse: Diese aber koͤnnen nach Anleitung obiger zwey Regeln gut oder boͤse werden. 30. Also ist vernuͤnfftige Liebe allezeit ein guter Affect. Denn ich kan sie nicht vernuͤnff- tig etwas Gutes oder Boͤses sind? tig nennen/ wenn sie nicht nach allen beyden Re- geln eingerichtet ist. Die Liebe eines Tugend- hafften ist an sich selbst indifferent, denn sie kan nach der andern Regul allzuhitzig seyn. Die Lie- be eines Menschen ist noch mehr indifferent, denn sie kan nach Gelegenheit der ersten oder andern Regel gut oder boͤse seyn. Das Verlangen nach Geld und Ehre ist indifferent, kan aber nach den Umbstaͤnden der ersten oder andern Regel gut o- der boͤse werden. Zorn ist allezeit ein boͤser Af- fect wegen der ersten Regel/ und Neid desselbi- gen gleichen. Geldgeitz/ Ehrgeitz sind boͤse Affect en/ so wohl nach Anleitung der ersten/ als auch absonderlich der andern Regel. Eine eben- maͤßige Bewandnuͤs hat es mit der Grausam- keit. Hoffnung/ Furcht/ Barmhertzigkeit sind indifferent, so wol wegen der ersten als andern Regel; und also auch mit den uͤbrigen. 31. Diese Anmerckung ist deswegen wohl zu mercken/ damit man sich nicht mit denen Peri- pateticis verirre. Diese schreiben denen Affect en uͤberhaupt gar recht eine indifferenz zu/ daß sie weder gut noch boͤse waͤren; aber wenn sie her- nach zu denen absonderlicheu Arten der Affect en schreiten/ wollen sie zu dieser indifferenz auch sol- che Gemuͤhts-Neigungen ziehen/ die an sich selbst gantz boͤse seyn. 32. Dahero ist sonderlich der Streit zwi- schen ihnen und den Stoickern wegen des Zorns/ der in des Senecæ Buͤchern vom Zorne offte fuͤr- koͤmmt. Das 6. H. Ob die Gemuͤths-Neig. koͤmmt. Wir halten es zwar nicht mit denen Stoickern/ die alle Affect en fuͤr boͤse ausrieffen/ weil sie die Affect en nicht recht beschrieben. Aber was den Zorn betrifft/ koͤñen wir auch der Nach- folger des Aristotelis Parthey wider die Stoi- cker nicht beypflichten. Denn der Zorn ist seinem Wesen nach/ und weil er eine Begierde ist/ sich zu raͤchen/ oder dem Beleidiger etwas boͤses zu zufuͤgen/ boͤse. Und haͤtten dannenhero die Aristo- telici besser gethan/ sie haͤtten den Zorn gar nicht unter die Affect en gerechnet/ welches die Stoicker wohl thun konten/ die alle Affect en fuͤr boͤse hielten. Oder weñ die Peripatetici den Zorn fuͤr indifferent halten/ warumb halten sie nicht auch den Geld- Geitz oder den Neid fuͤr indifferent ? Denn es ist mir niemand unter denen Philosophis bekant/ der den Neid nicht fuͤr eine boͤse Gemuͤths-Neigung halte. 33. Wolte man gleich sagen/ es haͤtten die Peripatetici die guten und boͤsen Affect en nur nach der andern Regel unterschieden/ und die jenigen fuͤr boͤse gehalten/ in denen eine allzuhefftige Be- wegung gewesen/ diese fuͤr gut oder doch indiffe- rent, darinnen die Bewegung maͤßig; so wuͤrde sie doch diese Entschuldigung wenig helffen/ weil eines theils die Nothwendigkeit der ersten Regel/ in Beurtheilung guter und boͤser Gemuͤths-Nei- gungen/ oben allbereit erwiesen worden/ anders theils aber das Exempel des Neides abermahl im Wege stehet/ dessen Bewegung an sich selbsten mehr langsam und heimlich/ als hefftig ist. 34. etwas Gutes oder Boͤses sind? 34. Wenn du diese Anmerckung recht beob- achtest/ kanst du auff des Lactantii Buch vom Zorne GOttes mit leichter Muͤhe antworten/ als welches hauptsaͤchlich auff diesen Jrrthum des Aristotelis, den er fuͤr denen andern Philoso- phen ziemlich æstimir te/ gegruͤndet ist. Das 7. Hauptstuͤck. Gegeneinanderhaltung der vier Haupt-Leidenschafften/ Vernuͤnff- tiger/ Ehr-Geld-und Wohl- lust-Liebe. Jnnhalt. Connexion. n. 1. Warumb eine vernuͤnfftige/ und viel un- vernuͤnfftige Liebes-Arten? n. 2. Die vier Liebens- Acten aus den unterschiedenen Classen geliebtet Din- ge hergeleitet. n. 3. Jngleichen die drey Haupt-Laster aus der Politic. n. 4. Aus denen drey principiis: Saltz/ Schweffel und Qvecksilber. n. 5. Bildnuͤsse der 4. Haupt-Neigungen in Feuer/ Wasser/ Erde/ Lusst/ n. 6. Jhr Grund in denen 4. humoribus, sangvine, Cholera, Melancholiâ, phlegmate, n. 7. und der 3. Laster in denen 3. Ventribus. Grund der 4. Virtutum Cardinalium. n. 8 Gegene nanderhaltung der 3. La- ster nach dem dreyfachen Alter des Menschen. n. 9. Nach dem Lehr-Wehr- und Nehr-Stand. n. 10. Jn dem Lehr-Stand nach denen Studenten und Profel- sor en in Philosophia. n. 11. auch derer drey obern Facul taͤten. n. 12. Jn dem Wehr-Stand nach denen Versuchungen des Fuͤrsten/ n. 13. der Edelleute/ Buͤrger und Bauren. n. 14. Jn dem Nehrstand nach der Das 7. H. Gegeneinanderh. der 4. Haupt- der Nahrung der Feder/ der Elle/ des Hammers/ und des Degens. n. 15. Gegeneinanderhaltung der vernuͤnfftigen Liebe/ mit denen drey Haupt-Lastern in Ansehen der ihr beywohnenden Tugenden n. 16. 21. durch welche Laster die Wollust/ Ehrgeitz und Geld- Geitz fuͤrnehmlich der raisonabl en Liebe entgegen ge- setzt sind. n. 22. 23. 24. Mixtur des Geldgeitzes und Ehrgeitzes/ ingleichen des Geldgeitzes und Wollust. n. 25. Mixtur des Ehrgeitzes und Wollnst siehet der vernuͤnfftigen Liebe ziemlich gleich. n 26. Toͤchter der 3. Haupt-Laster/ und Gegeneinanderhaltung aller 4 Haupt- Passion en nach denenselben/ nehm̃lich nach der Faulheit/ Rachgler/ Neid. n. 27 ‒ 31. Alterationes des Menschlichen Verstandes nach denen vier Haupt- Passion en. n. 32. Vorstellung der gantzen Lehre in Tabellen. n. 33. 1. W Jr haben im vorhergehenden gesagt/ daß die vernuͤnfftige Liebe ein guter Af- fect sey/ die Wollust aber/ Ehr-und Geld-Geitz boͤse Affect en-Wiewohl nun unsers Vorhabens nicht ist/ weiter von der vernuͤnfftigen Liebe zu handeln/ in dem solches ausfuͤhrlich in dem ersten Theile geschehen/ son- dern vielmehr bedacht seyn/ die unvernuͤnfftige Liebe kennen zu lernen/ und Anleitung zu geben/ wie man dieselbe daͤmpffen solle; So wird es doch nuͤtzlich seyn/ wenn wir anfaͤnglich umb desto deutlichern Begriffs willen/ nicht alleine die ver- nuͤnfftige Liebe gegen die drey Arten der un- vernuͤnfftigen/ sondern auch diese drey Arteu gegen einander selbst halten. 2. Die Leid. Vernuͤnfftiger/ Ehr-Geld-u. Wol. L. 2. Die vernuͤnfftige Liebe ist nur einerley Art/ die unvernuͤnfftige aber hat unterschiedene Arten. Es ist eine Wahrheit/ viel Jrrthuͤmer; eine gerade Linie/ viel krumme; ein einig Gut/ viel Boͤses; eine einige Tugend/ viel Laster. Die Aristotelici schwatzen viel von ihrer Gerechtigkeit/ daß alle Tugenden darinnen stecken. Wir ha- ben im ersten Theile c. 4. n. 64. seqq. \& cap. 5. n. 104. seqq. allbereit gewiesen/ daß die Liebe viel weiter gehe als die Gerechtigkeit/ und also kan dieses mit bessern Fug von der raisonnab- len Liebe gesagt werden/ daß sie alle Tugenden in sich begreiffe; und daß/ wer sie nicht alle besi- tzet/ gewiß seyn kan/ daß er die vernuͤnfftige Liebe nicht habe/ ja daß er nicht einmahl eine Tugend recht besitze/ sondern daß es nur ein falscher Schein derselben sey. 3. Warumb nun eben drey Haupt-Nei- gungen der unvernuͤnfftigen Liebe seyn/ haben wir allbereit kurtz zuvorhero cap. 5. n. 11. aus denen drey zur vernuͤnfftigen Liebe gehoͤrigen Tugenden herge- leitet. Aber es kan auch auff eine andre Art er- wiesen werden. Ein ieder Mensch liebet et- was. Alles/ was nach dem Begriff der Ver- nunfft geliebet werden kan/ ist entweder GOtt/ o- der der Mensch/ oder die Creaturen unter den Menschen. Von der Liebe GOttes weiß die sich selbst gelassene Vernunfft nichts anders/ als Das 7. H. Gegeneinanderhaltung als daß man selbige alleine in der Liebe des Men- schen suchen muͤsse. Also bleibet die Liebe des Menschen und der Geschoͤpffe unter den Men- schen noch uͤbrig. Der Mensch ist entweder ru- hig oder unruhig. Vernuͤnfftige Liebe liebet ruhige Menschen; Ein unruhiger Mensch will entweder die Menschliche Natur unterdruͤ- cken/ und aus dem Menschen ein unvernuͤnfftig Thier machen/ indem er seine Ruhe vergebens in denen sinnlichen Luͤsten suchet. Solche Leute sind fuͤr die Wollust recht; oder er will die Menschliche Natur uͤber ihre von GOtt gesetz- te Sphære erheben/ und sucht seine Ruhe in eite- ler Einbildung. Diese Art Menschen sind fuͤr den Ehrgeitz. Wer keinen Menschen liebet/ muß nothwendig an geringern Creaturen/ als Hunden/ Pferden/ Pflantzen/ Steinen/ u. s. w. sein Vergnuͤgen haben. Diese koͤnnen alle mit Gelde angeschaffet werden/ und concentri ren sich gleichsam im Gelde. Derowegen wird diese Lie- be Geldgeitz genennet. 4. Aber man kan auch aus andern Wissen- schafften diese drey Haupt-Laster herleiten. Die Staats-Weißheit kan uns folgendes an die Hand geben. Der scharffsinnige Autor der Histo- rie der Sevarambes hat sehr deutlich dargethan/ daß der Bruñqvell alles Ubels im gemeinen We- sen daher entstanden/ daß man den Unterscheid zwischen Adel und Unadel durch die Geburt ein- gefuͤhret/ und die Gemeinschafft der Guͤter auff- geho- der vier Haupt-Leidenschafften. gehoben. Aus jenem ist der Ehrgeitz in sein voͤlliges Wachsthum kommen. Die Einfuͤh- rung des Eigenthumbs hat Arme und Reiche ge- macht. Reichthum hat die Wollust/ und Ar- muth den Geldgeitz genehret. 5. Die natuͤrliche Wissenschafft zeiget uns eben dieses aus einem andern fundament. Es ist kein Zweiffel/ daß unsere Seele/ so wohl was den Verstand/ als die Neigungen des Willens betrifft/ von der Beschaffenheit des Leibes sehr geaͤndert wird. Unser Leib ist aus denen Urspruͤn- gen zusammen gesetzet. Diese Urspruͤnge sind mit Erlaubnuͤs derer Aristotelicorum und der Cartesi- aner keine andere/ als Saltz/ Schweffel und Qvecksilber. Waͤren diese Dinge in ihrer rech- ten temperatur, so waͤre der Mensch in seiner Ru- he/ und die vernuͤnfftige Liebe waͤre das Wesen seiner Seelen. Aber in dem bald der feurige und hitzige Schweffel prædomini ret/ wird die Seele zum Ehrgeitz geneiget; Bald aber das fluͤchti- ge und fliessende Qvecksilber die Oberhand be- haͤlt/ wird die Seele nach der Wohllust gezo- gen/ ja endlich das schwere und zur Erde ziehende Saltz uͤberwieget/ haͤnget das Hertz des Men- schen an dem Gelde. 6. Wolten wir die Sache auch aus denen vier gemeinen Elementen herleiten/ wuͤrde es von der vorigen Anmerckung nicht weit entfernet seyn. Das alles verzehrende Feuer correspondi- ret mit dem grimmigen Ehrgeitz. Das unbe- L staͤn- Das 7. H. Gegeneinanderhaltung staͤndige und alle Gestalten annehmende Was- ser/ mit der veraͤnderlichen Wohllust; die kalte und harte Erde/ mit dem unbarmhertzigen und neidischen Geldgeitz; und die reine und heitere Himmels- Lufft/ mit der reinen und heitern Liebe. 7. Ja die Natur des Menschen selbst zei- get uns diese vier Haupt-Leidenschafften. Die Physici moͤgen von denen vier humoribus zancken wie sie wollen/ so zeiget doch die taͤgliche Erfah- rung/ daß sonderlich viererley Arten und Leute sind/ die von viererley unterschiedenen Humeu ren und Gemuͤhts-Neigungen sind. Die vollbluͤ- tigen Sangvinei haben starcke Versuchungen von der Wohllust/ die hitzigen Cholerici vom Zorn des Ehrgeitzes/ die tieffsinnigen Melancholici von der Liebe der irrdischen Creaturen. Und weñ wir ein recht temperirt phlegma haͤtten/ wuͤrden wir auch Leute finden/ die einen natuͤrlichen An- trieb zur geduldigen weichhertzigen Liebe em- pfinden wuͤrden. Aber nachdem das jenige/ was wir phlegma heissen/ entweder eine Mixtur aus Melancholie und Cholera, ich will sagen aus denen saltzigten und schwefelichten Theilen ist/ oder weñ die Menge des Gebluͤtes bey denen Sængvineis schleimig und rotzig wird/ duͤrffen wir uns nicht wundern/ daß oͤffters der edle Nahme der Phleg- maticorum von haͤmischen schaͤdlichen Leuten/ oder von faulen nichts taugenden Schlingeln gemiß- brauchet wird. 8. Es der vier Haupt-Leidenschafften. 8. Es ist bekant/ daß man dem Menschen drey Baͤuche zuschreibet. Jn dem Kopffe herr- schet der Ehrgeitz/ im Hertzen der Geldgeitz/ und im Unterleibe die Wollust. Aus dieser Anmerckung sind der alten Philosophen ihre vier Cardinal - Tngenden entstanden/ die Klugheit/ die im Kopffe dem Ehrgeitz/ die Tapfferkeit/ die dem zaghafften Geldgeitz in der Brust/ und die Maͤßigkeit/ die der unmaͤßigen Wollust im Unterleibe/ Widerstand thun solte. Diese drey Tugenden zusammen werden mit dem Nahmen der Gerechtigkeit/ (von uns aber/ als nur er- wehnet/ mit bessern Fug mit dem Nahmen ver- nuͤnfftiger Liebe) beleget. 9. Wir werden zwar zu seiner Zeit weisen/ daß die drey Haupt-Laster bey allen Menschen/ von waserley Condition sie sind/ angetroffen wer- den/ und bey denenselben bald dieses bald jenes herrschet/ nichts desto weniger weiset es die Er- fahrung/ daß bey der Jugend die Wollust/ bey dem maͤnnlichen Alter der Ehrgeitz/ und bey hohen Alter der Geldgeitz sich am meisten bli- cken laͤst/ und die staͤrcksten Versuchungen und Gelegenheit zu suͤndigen giebt. Die vernuͤnff- tige Liebe hat bey keinem Alter nichts besonders/ weil in keinem Alter dieselbige zur Haupt- passion natuͤrlicher Weise wird. 10. Die Menschen werden ihren Staͤnden nach eingetheilet in den Lehr-Stand/ Wehꝛstand/ Nehrstand. Der Nehrstand leidet das meiste L 2 von Das 7. H. Gegeneinanderhaltung von der Wollust/ der Wehrstand von dem Ehrgeitz/ und der Lehrstand von dem Geld- geitz. 11. Jn dem Lehrstand haben sich Stu- denten sehr fuͤr der Wollust in acht zu nehmen. Die Professores aber der disciplinarum theoretica- rum, als Physicæ, Matheseos u. s. w. fuͤr Geldgeitz/ und derer Practicarum fuͤr Ehrgeitz zu huͤten. 12. Jn denen hoͤhern Facul taͤten stellet die Wollust denen Medicis, der Ehrgeitz denen JCtis, und der Geldgeitz denen Theologis sonder- lich nach. 13. Nach dem Wehrstand sind die Men- schen entweder Fuͤrsten oder Unterthanen. Ein Fuͤrst ist starcken Versuchungen von allen drey Seiten unterworffen/ und muß sich so wohl fuͤr den liebkosenden Schmeichlern huͤten/ daß sein Ehrgeitz/ als fuͤr den Kuplern und Tellerle- ckern/ daß seine Wollust; als auch endlich fuͤr dem gifftigen Unkraut/ der die Unterthanen aus- saugenden Blutegeln; daß sein Geldgeitz nicht irrit ret werde. 14. Die Unterthanen sind Edelleute/ Buͤr- ger oder Bauern. Den Adel druͤckt der Ehr- geitz/ die Buͤrger der luxus, und die Bauern der Geldgeitz. 15. Bey dem Nehrstand hat sich die Fe- der vor dem Ehrgeitz/ die Elle fuͤr dem Geld- geitz/ und der Hammer fuͤr der Wollust zu huͤ- ten. Der Degen ist abermahls allen drey Ver- suchungen starck unterworffen. 16. A- der vier Haupt-Leidenschafften. 16. Aber nun last uns auch die vernuͤnfftige Liebe nach ihren beywohnenden Tugenden gegen die drey Laster halten. Die vernuͤnfftige Lie- be ist verschwiegen und offenhertzig/ sie saget was zu sagen ist/ und schweiget was zu schweigen ist. Die Wollust ist klaͤtzschicht und unbe- dachtsam und saget alles heraus. Der Ehr- geitz ist stoͤckisch/ und macht aus allen Sachen Geheimnisse. Der Geldgeitz ist tuͤckisch und saget anders als es ihm ums Hertze ist/ mit einem Wort/ er leuget und simuli ret. 17. Die vernuͤnfftige Liebe ist gegen an- dere gutthaͤtig und freygebig/ die Wollust und der Ehrgeitz auff liederliche und eitele Weise verschwenderisch/ der Geldgeitz filtzig/ un- barmhertzig und knickerig. 18. Die vernuͤnfftige Liebe ist gleichmuͤ- thig/ und bezeiget sich gegen ieden wie sie soll; Die Wollust ist knechtisch/ der Ehrgeitz hochmuͤthig/ und der Geldgeitz bald naͤrrisch stoltz oder auffgeblasen/ bald Schalcksnaͤrrisch/ Schmarotzerisch. 19. Die vernuͤnfftige Liebe ist empfind- lich/ aber hertzhafft/ sedoch geduldig/ die Wol- lust ist gar zu weichhertzig/ ungeduldig und verzagt/ der Ehrgeitz grimmig und tollkuͤh- ne/ der Geldgeitz haͤmisch und grausam. 20. Die vernuͤnfftige Liebe ist nuͤch- tern/ maͤßig und erbar/ die Wollust fraͤßig/ versoffen und geil/ der Ehrgeitz befleisset sich L 3 einer Das 7. H. Gegeneinanderhaltung einer Stoischen Faste und achtet keine Schoͤn- heit; Der Geldgeitz ist Schindhuͤndisch und hasset das Weibliche Geschlechte. 21. Die vernuͤnfftige Liebe ist sparsam gegen sich selbst/ die Wollust verschwende- risch/ der Ehrgeitz genau/ und der Geldgeitz lausicht. 22. So ist demnach die vernuͤnfftige Liebe der Wollust hauptsaͤchlich durch die Maͤs- sigkeit und Sparsamkeit entgegen gesetzet/ und ihr zu wieder. Jn der Auffrichtigkeit und Freyge- bigkeit/ ingleichen in der gleichmuͤtigen Freund- ligkeit und Empfindligkeit koͤmmt die Wollust der vernuͤnfftigen Liebe schon etwas naͤher/ weil sie gar zu offenhertzig/ gar zu freygebig/ gar zu freund- lich/ und gar zu empfindlich ist. 23. Von dem Ehrgeitz ist die vernuͤnffti- ge Liebe hauptsaͤchlich durch die Gleichmuͤtigkeit und generosi taͤt entschieden: Jn der Verschwie- genheit/ Freygebigkeit/ Maͤßigkeit und Spar- samkeit tritt der Ehrgeitz der vernuͤnfftigen Liebe schon etwas naͤher/ weil er allzuverschwiegen/ all- zufreygebig/ allzumaͤßig und allzusparsam ist. 24. Der Geldgeitz hat gar nichts/ das der vernuͤnfftigen Liebe gleich waͤre/ (weil der Geld- geitz keinen Menschen liebet) iedoch ist sein fal- sches Hertz und seine Unbarmhertzigkeit der vernuͤnfftigen Liebe noch mehr zu wieder/ als sei- ne Schindhuͤndigkeit und Lauserey gegen sich selbst. Durch diese aber ist er mehr von der Wol- lust der vier Haupt-Leidenschafften. lust als von dem Ehrgeitz abgesondert/ wie denn auch durch die haͤmische und falsche Unbarmher- tzigkeit er der Wollust in gewissen Faͤllen noch mehr zu wider ist/ als der vernuͤnfftigen Liebe. Durch die furchtsame Grausamkeit aber/ inglei- chen den knechtischen Stoltz und naͤrrische schma- rotzerische Sclaverey/ vereiniget er auf eine wun- derliche Weise bey sich die Leidenschafften der Wollust uñ des Ehrgeitzes/ die sonst einander sehr zu wider feyn. 25. Dannenhero gleich wie vernuͤnfftige Liebe nicht wohl mit den Lastern vermischt wird; Also siehet die Vermischung des Ehrgeitzes mit dem Geldgeitz schon nicht so laͤcherlich aus/ als des Geldgeitzes und der Wollust/ weil da- durch iederman die Entfernung von wahrer Tu- gend gar zu sehr erkennet. 26. Ja die mixtur der Wollust und des Ehr- geitzes macht denen nicht scharffsehenden einen falschen Anstrich/ als ob es vernuͤnfftige Lie- be waͤre/ weil immer eines von beyden Lastern et- was hat/ das des andern seine Entfernung von der vernuͤnfftigen Liebe daͤmpffet. Die Plaude- rey der Wollust wird durch die Stoͤckischheit des Ehr-Geitzes/ und die Stoͤckischheit wie- derumb durch die Plauderey gemaͤßiget/ daß sie der Verschwiegenheit und Offenhertzigkeit der vernuͤnfftigen Liebe sehr nahe koͤmmt. Die Verschwendung in wolluͤstigen Dingen/ und die Verschwendung in Eitelkeiten der Ehre/ wird durch Vermischung auff beyden Seiten derge- L 4 stalt Das 7. H. Gegeneinanderhaltung stalt gedaͤmpffet/ daß es der Freygebigkeit der vernuͤnfftigen Liebe nahe koͤmmt/ auch wohl gar fuͤr eine magnificenz gehalten wird. Die Ver- mischung des Hochmuths und der knechtischen submission siehet der Gleichmuͤthigkeit und Leut- seligkeit nicht ungleich/ und der tollkuͤhne Grim̃/ weñ er mit furchtsamer Weichhertzigkeit gemischt ist/ uͤberkoͤmmt die Larve einer warhaffjig weich- hertzigen Tapfferkeit: Die Stoische Faste und Genauigkeit mit der verschwenderischen Unmaͤs- sigkeit vermischt/ siehet der maͤßigen Sparsam- keit ziemlich gleich/ u. s. w. 27. Wie aber die vernuͤnfftige Liebe ihre Kennzeichen hat/ dadurch sie von ieden Laster hauptsaͤchlich gesondert ist; Also haben auch die Laster ihre Keñzeichen/ durch die sie sich unterein- ander selbst entscheiden: Muͤßiggang und Faul- heit ist die Tochter der Wollust; Zorn und Rachgier des Ehrgeitzes; Neid und Un- barmhertzigkeit des Geldgeitzes. 28. Die Wollust ist zu aller Arbeit faul und verdrossen: Der Ehrgeitz hingegen ist arbeit- sam/ der Geldgeitz zu muͤhsamer Esels Arbeit nicht ungeneigt/ die vernuͤnfftige Liebe munter und geschaͤfftig/ aber erqvicket sich auch. 29. Der Ehrgeitz ist zornig und rach- gierig; die Wollust jaͤhzornig aber weich- hertzig/ der Geldgeitz verbeißt den Zorn und traͤgt ihn lange nach/ die vernuͤnfftige Liebe ist geduldig und verzeihet bald. 30. Der der vier Haupt-Leidenschafften. 30. Der Geldgeitz ist neidisch und un- barmhertzig/ die Wollust bemuͤhet sich andern faule Wollust-Dienste zu erweisen/ der Ehr- geitz dienet andern in Zorn und Rachgier. Die vernuͤnfftige Liebe freuet sich uͤber anderer Gluͤcke und ist dienstfertig. 31. Auch hieraus ist zu sehen/ wenn die wol- luͤstige Faulheit und Ehrgeitzige Arbeitsamkeit/ oder die Ehrgeitzige Rachgierde und wolluͤstige Weichhertzigkeit gemischt werden/ daß sie ei- nen Schein veꝛnuͤnfftiger Liebe bekom̃en koͤñen. 32. Wir haben oben angemerckt/ daß der Wille den Verstand/ nicht aber der Verstand den Willen regieret; Also wollen wir auch die alterationes des menschlichen Verstandes nach denen vier Haupt-Leidenschafften betrachten. Der Geldgeitz giebt ein gut Gedaͤchtnuͤs ohne guten ingenio und judicio ; der Ehrgeitz ein gut Ju- dicium ohne guten Ingenio und Gedaͤchtnuͤs/ die Wollust ein gut ingenium ohne guten judicio und Gedaͤchtnis. Veꝛnuͤnfftige Liebe besizt alles drey- es in gehoͤriger masse/ und die mixtur des Ehr- geitzes und Wollust giebt wiedeꝛ ein schoͤnes An- fehen. Denn wo ingenium und judicium sind/ kan man endlichdas Gedaͤchtnuͤs zur Noth entbehren. 33. Siehe hier hastu uͤberhaupt einen kur- tzen Begrieff der vornehmsten Lehren von denen Gemuͤhts-Neigungen/ und weñ du selbige gruͤnd- lich verstehest/ hastu den Schluͤffel zu der Er- kaͤntnuͤs dein selbst und anderer Menschen. Wir wollen uns befleißigen solches in folgenden L 5 zu Das 7. H. Gegeneinanderhaltung zu demonstri ren/ und damit du alles desto besser ge- gen einander halten koͤnnest/ haben wir dir zu gu- te folgende Tabell en verfertiget. I. Vernuͤnfftige Liebe. Wollust. Ruhige Menschen. Die Menschliche Natur unterdruͤckende. - - Reichthum. - - Qvecksilber. Lufft Wasser. Phlegma. Sangvis. - - Venter infimus. Justitia. Temperantia. - - Jugend. - - Nehrstand. - - Studenten. - - Medici. - - Prin- - - Buͤrger. - - Handwercksleute. - - Sol- Ehr- der vier Haupt-Leidenschafften. I. Ehrgeitz. Geldgeitz. Die menschliche Natur all- zusehr erhebende. Andre Creaturen unter den Menschen. Adel/ Un-Adel. Armuth. Schwefel. Saltz. Feuer. Erde. Cholera. Melancholia. Cerebrum. Cor. Prudentia. Fortitudo. Maͤnnlich Alter. Hohes Alter. Wehrstand. Lehrstand. Philosophi practici. Philosophi theoretici. JCti. Theologi. ci- pes. Edelleute. Bauren. Gelehrte. Kauffleute. da- ten. Ver- Das 7. H. Gegeneinanderhaltung II. Vernuͤnfftige Liebe. Wollust. 1. Verschwiegene Offenhertzigkeit. 1. Unbedachtsame Klaͤtzscherey. 2. Gutthaͤtige Freygebigkeit. 2. Liederliche Verschwendung. 3. Gleichmuͤthige Freundligkeit. 3. Knechtische Submission. 4. Gedultige Hertz- hafftigkeit. 4. Ungeduldige Zaghafftigkeit. 5. Nuͤchterne/ maͤßi- ge Keuschheit. 5. V ersoffene/ fraͤßi- ge Geilheit. 6. Sparsamkeit. 6. Verschwendung. 7. Geschaͤfftige Mun- terkeit. 7. Fauler Muͤs- siggang. 8. Geduldige Großmuth. 8. Gaͤhzornige Weichhertzigkeit. 9. Freudige Dienst- fertigkeit. 9. Kupler- und Spiel- manns-Dienste. 10. Gemaͤßigt Ge- daͤchtnuͤs. 10. Ingenieu se Er- findung. Ingenium. Judicium. Ehr- der vier Haupt-Leidenschafften. II. Ehrgeitz. Geldgeitz. 1. Hartnaͤckigte Stoͤckischheit. 1. Tuͤckische Luͤgen und Simuli rung. 2. Eitele Verschwen- dung. 2. Unbarmh. Filtzig- keit und Knickerey. 3. V eraͤchtlicher Hochmuth. 3. Naͤrrische Auffgebla- senh. Schmarotzerey. 4. Grimmige Toll- Kuͤhnheit. 4. Haͤmische Grau- samkeit. 5. Stoische Faste und Unempfindligkeit. 5. Schindhuͤndisch. Haß des weibl. Geschlechts. 6. Genauigkeit. 6. Lauserey. 7. Wachsame Arbeit- samkeit. 7. Muͤhsame Esels- Arbeit. 8. Zornige Rach- gier. 8. Verbeissende Nach- tragung. 9. Banditen- Dienste. 9. Neidischer Scha- denfroh. 10. Judicio se Entscheidung. 10. Ungemein Ge- daͤchtnis. Das Das 8. H. Aus der vernuͤnfftigen Liebe Das 8. Hauptstuͤck. Aus der vernuͤnfftigen Liebe kom- men alle wahre Tugenden. Jnnhalt. Connexion. n. 1. Ruhe des Gemuͤths erfordert eine harmo- nie der Kraͤffte der Gedancken. n. 2. Unterscheid zwi- schen dem Gedaͤchtnuͤs/ ingenio \& judicio. n. 3. Die vernuͤnfftige Liebe bedienet sich dieser drey Kraͤffte in gleicher proportion/ n. 4. und erhaͤlt dieselbe in einer gemaͤßigten Ubung. n. 5. Vernuͤnfftige Liebe ist ver- schwiegen/ n. 6. offenhertzig/ n. 7. Freygebig. n. 8. gegen iedweden freundlich/ n. 9. Hertzhafftig. n. 10. (der Tod ist nicht das erschreckligste/ und das wenigste woran die Hertzhafftigkeit erwiesen wird/ n. 11.) maͤs- sig und keusch n. 12. Sparsam/ n. 13. Geschaͤfftig und munter. n. 14. Gedultig und Großmuͤthig. n. 15. Dienstfertig n. 16. 1. W Jr haben im vorhergehenden Haupt- stuͤck gesaget/ daß alle Tugenden un- ter der vernuͤnfftigen Liebe begrif- fen sind. Wir haben dieselbigen ge- nennet und gegen die Beschaffenheiten der Laster gehalten. Laßt uns nunmehro solches etwas deutlicher erweisen/ weil es viel thun wird die denen Tugenden entgegen gesetzte Beschaffen- heit bey denen Lastern hernach desto besser zu be- greiffen. 2. Die vernuͤnfftige Liebe ist die Gemuͤths- Ruhe. kommen alle wahre Tugenden. Ruhe. Wo ein ruhig Gemuͤth ist/ muͤssen auch ruhige Gedancken seyn. Die Gedancken koͤn- nen nicht ruhig seyn/ wenn nicht eine vollkomme- ne harmonie zwischen denen Kraͤfften des Ver- standes ist. Denn wo eine Ungleichheit unter ih- nen waͤre/ und eine Krafft die andere uͤbertraͤffe/ so koͤnte keine Ruhe seyn/ weil es eben so gewiß ist/ daß/ wo Ungleichheit ist/ auch Unruhe sey; als es gewiß ist/ daß eine gerade und ungerade Zahl ohnmoͤglich in der Vereinigung eine gerade machen koͤnnen. 3. Diese drey Kraͤffte haben wir genennet Gedaͤchtnuͤs/ Ingenium, Judicium. Das Ge- daͤchtnuͤs stellet uns eine abwesende Sache in der Gestalt und Ordnung vor/ als wir solche ge- genwaͤrtig empfunden haben. Das Judicium unterscheidet nicht allein gegenwaͤrtige von an- dern oder von Natur vermischte Dinge/ sondern es verhindert auch/ daß der Mensch nichts zu einer andern Sache vorbringe oder setze/ die sich nicht wohl dazu schicke. Das Ingenium leichtert den Menschen/ daß er geschickt ist etwas zu erfinden/ und das/ was er in seinem Gedaͤchtnuͤs hat/ zu- sammen zu setzen/ oder das/ was in gegenwaͤrti- gen Dingen einander gleich ist/ bald anzumer- cken. 4. Diese drey Kraͤffte sind bey dem Ver- stande eines Menschen/ der vernuͤnfftig liebet/ deswegen in gleicher Harmonie, weil die ver- nuͤnfftige Liebe sich in keine Dinge mischet/ die sie nichts Das 8. H. Aus der vernuͤnfftigen Liebe nichts angehen/ sondern mit Ausuͤbung der all- gemeinen Liebe und Verbindung in der abson- derlichen beschaͤfftiget ist. Beyde Lieben brau- chen nicht viel Muͤhe oder Kopffbrechens/ und al- so darff man dabey das Judicium nicht sehe oder scharff angreiffen. Ja weil man dabey nicht auff viel Dinge/ die garzu sehre von einander entschie- denwaͤren/ zu sehen hat/ so braucht auch das Ge- daͤchtnuͤs keine garzu grosse Ausspannung/ und weil man in der vernuͤnfftigen Liebe nicht mit boͤ- sen Tuͤcken umgehet/ oder durch sonderliche Erfin- dung sich bey denen Geliebten sehen zu lassen/ o- der in Ansehungzu bringen/ nicht von noͤthen hat/ braucht auch das Ingenium keine ungemeine explo- rir ung. 5. Gleichwohl darff man nicht meynen/ als ob bey der vernuͤnfftigen Liebe diese drey Kraͤffte der Gedancken gar nichts zu thun faͤnden/ son- dern weil man ihrer nicht von noͤthen habe/ gantz verrosten muͤsten. Tumme und albere Leute sind nicht tugendhafft/ ob schon die Tugendhafften nicht eben subtil, listig/ excellente Poeten u. s. w. seyn/ oder ungemeine Exempel herrlicher Ge- daͤchtnuͤs abgeben. Die vernuͤnfftige Liebe findet genug zu thun/ das Gedaͤchtnuͤs/ Judicium und Ingenium in gemaͤßigter Arbeit zu erhalten/ wenn sie so wohl die Tugenden allgemeiner Liebe ausuͤ- bet; als auch in Erkiesung und Erforschung/ deñ auch in Gewiñung und Erhaltung eines wahren Tugend-Freundes/ zu mahl wenn selber noch mit Schwach- kommen alle wahre Tugenden. Schwachheiten umbgeben/ ihren Witz/ Ge- daͤchtnuͤs und Erfindung nuͤtzlich anwendet. Ja weil die Warheit alleine bey der vernuͤnffti- gen Liebe anzutreffen ist/ die Untersuchung aber derselben ohne Judicio, Gedaͤchtnis und Inge- nio nicht seyn kan/ gleichwohl aber dieselbe haupt- saͤchlich bemuͤhet ist/ die Vielfaͤltigkeit der Jrrthuͤ- mer von der eintzigen Warheit abzusondern; Als ist auch gar leicht hieraus abzunehmen/ daß die vernuͤnfftige Liebe diese drey Kraͤffte allemahl in einer gemaͤßigten Harmonie gebrauche. 6. Vernuͤnfftige Liebe ist verschwiegen/ iedoch mehr in anderer Leute/ als in ihren eige- nen Dingen. Das Judicium lehret ihr solches/ weil sie sonst mit unzeitiger Plauderey leichte ih- rem Freunde schaden koͤnte. Jedoch macht sie nicht aus allen Dingen ein Geheimnis/ weil auch ihr Freund eben/ weil er tugendhafft ist/ nie- mand zu schaden/ und dannenhero wenig actio- nes zu verbergen trachtet. Die Leutseligkeit erfodert solche Verschwiegenheit/ damit durch die Plauderey der Feind nicht Ursach nehme ihren Freunde zu schaden. Die Warhafftigkeit er- fodert solches/ wenn sie stille zu schweigen verspro- chen. Manchmahl will es auch die Bescheiden- heit haben/ (denn wir verstehen durch die Ver- schwiegenheit uͤberhaupt eine Tugend/ die schweiget/ da sie schweigen soll/ ) daß man z. e. das grosse Maul nicht alleine hat in der Gesell- schafft/ oder die Vertraͤglichkeit/ damit man M durch Das 8. H. Aus der vernuͤnfftigen Liebe durch ein picquan tes Wort niemand beleidige/ am allermeisten aber die Gedult/ damit man durch stillschweigen eine kleine Ungelegenheit ver- trage/ und durch Wiederantwortung nicht Oehl in das Feuer giesse. Daß wir von der abson- derlichen Liebe nicht viel erwehnen: Deñ durch schweigen und Verschwiegenheit lernet man an- dere kennen/ man macht sich ihnen gefaͤllig; Schweigen gehoͤret zuweilen unter die groͤsten Gutthaten; und endlich/ weil schweigen ein vernuͤnfftiges Thun ist/ gehoͤret es auch unstrei- tig zur Gemeinschafft des vernuͤnfftigen Thun und Lassens. 7. Vernuͤnfftige Liebe ist offenhertzig/ und saget heraus/ wie es ihr umb das Hertz ist. Of- fenhertzigkeit ist eine Tugend/ die redet/ wenn zu reden ist. Denn sie suchet niemand zuschaden/ und also hat sie nicht Ursach einige Tuͤ- cke zu verbergen/ ja sie siehet vielmehr und verste- het/ daß durch das reden auch grosser Nutze ge- schaffet werde. Die Leutseligkeit treibt sie an/ den andern fuͤr einen bevorstehenden Schaden zu warnen; Die Warhafftigkeit fodert solches von ihr/ wenn sie offenhertzig etwas zu sagen ver- sprochen; Die Bescheidenheit will gleichfalls haben/ daß man in Gesellschafft was Gutes mit redet/ und nicht als ein Verraͤther auff andrer Leute Reden laure; ingleichen die Vertraͤglich- keit/ daß man uͤberall zum Frieden rede/ und zu weilen die Gedult/ daß man durch gute Worte den kommen alle wahre Tugenden. den Beleidiger abhalte/ in seinem Zorn nicht fort zu fahren. So lernet man auch in der absonder- lichen Liebe durch offenhertziges Reden andere kennen/ und macht sich ihnen angenehm. Zu rechter Zeit reden ist eine grosse Gutthat/ und gehoͤret gleichfalls wiederum zur Gemeinschafft des vernuͤnfftigen Thun und Lassens. 8. Wir koͤnten auch die andern in der an- dern Tabelle angefuͤhrten Tugenden/ aus denen Theilen der allgemeinen und absonderlichen Lie- be herleiten/ denn eine Tugend bietet der andern immer in etwas die Hand; Jedoch wollen wir umb Kuͤrtze willen nur zeigen/ aus welcher fuͤr- nehmlich dieselbigen herruͤhren. Die gutthaͤtige Freygebigkeit ist ein Baͤchlein/ das aus der all- gemeinen Leutseligkeit und vertraulichen Gut- thaͤtigkeit absonderlicher Liebe herfliesset/ auch nach Anleitung derer Lehren und Anmerckungen/ nach denen wir im ersten Theil diese beyde Tu- genden erklaͤret haben/ verstanden werden muß/ damit keine Verschwendung und Schein Gut- that daraus werde. Denn die gutthaͤtige Freygebigkeit ist nichts anders/ als eine Tu- gend/ die iedweden aus Heꝛtzens-Grunde von ihren Uberfluß mittheilet/ und denen Freun- den auch mit Kostbarkeit/ ihren wahren Nutzen zu befoͤrdern/ dienet. 9. Die gleichmuͤthige Freundligkeit ist eine Tugend/ die iedweden/ absonderlich aber Freunden/ freundlich begegnet/ und ied- M 2 we- Das 8. H. aus der vernuͤnfftig en Liebe weden gleiches Recht auch mit Nachlassung/ eigenes Rechtens/ nach Gelegenheit der Um- staͤnde/ geniessen laͤst. Daß diese Tugend noth- wendig bey der vernuͤnfftigen Liebe seyn muͤsse/ wird das jenige beweisen/ was wir eben von der Leutseligkeit und Bescheidenheit gelehret/ weil sie aus diesen beyden zusammen gesetzet ist. 10. Die geduldige Hertzhafftigkeit ist eine Tugend/ die alle Wiederwaͤrtigkeit und zugefuͤgtes Hertzeleid mit standhafften Ge- muͤthe ohne Furcht ertraͤget/ und sich daruͤ- ber nicht beklaget. Diese Tugend ruͤhret da- her/ daß die vernuͤnfftige Liebe das natuͤrliche Vertrauen auff GOtt ins Werck zu uͤben/ und dadurch die Furcht vor denen Creaturen hinter sich zu legen bemuͤhet ist/ wovon wir gleichfalls im ersten Theile P. 1. c. 3. n. 28. 30. geredet haben. Zu geschwei- gen/ daß die Vernunfft sattsam bezeuget/ daß die Furcht fuͤr einem Dinge/ dem man nicht entge- ben kan/ nichts als Unruhe verursache/ und eine Begierde zu unmoͤglichen Dingen; das Klagen aber diese Unruhe bezeuge und selbige vermehre. Nun ist aber solche Unruhe nicht in der ver- nuͤnfftigen Liebe. 11. Hierbey aber koͤnnen wir nicht umb hin/ den gemeinen Fehler der Philosoph en anzumer- cken/ die den Todt mit ihrem Aristotele fuͤr das erschrecklichste unter allen erschrecklich- sten ausgeben/ welches eine recht absurde Mey- nung kommen alle wahre Tugenden. nung ist/ und von mehr/ als weibischen Gemuͤ- thern erdichtet worden. Wir haben schon im ersten Theile P. 1. c. 1. n. 40. gewiesen/ daß auch nach der Philosophie der Todt was gutes sey. Und wer ein wenig die Sache nach dem Maaß der ei- nem ieden Menschen beywohnenden gesunden Vernunfft ermessen will/ wird befinden/ daß der Todt fast das wenigste sey/ woran die gedul- dige Hertzhafftigkeit ihre Tugend-Haͤrte er- weiset. Und daß es leichter sey dem Todte/ zu dem man ohne dauerhafften Schmertzen gelan- gen kan/ entgegen zu gehen/ als z. e. mit dem Mu- tio Scævola seine Hand geduldig ins Feuer zu halten. 12. Die nuͤchterne maͤßige Keuschhei t ist eine Tugend/ die wenige/ und wenig schmackhaffte Dinge/ so wenig derer vor des Leibes Unterhalt von noͤthen seyn/ isset und trincket/ und dadurch eine solche Zeugungs- Krafft zu gewinnen trachtet/ die durch ihren Uberfluß und Hitze nicht zu verbotener/ und den Menschen aus den Graͤntzen seiner Ver- nunfft setzender Lust reitze. Zu dieser fuͤhret uns die Liebe gegen uns selbst/ P. 1. c. 8. n. 27. seqq. und daß die gesunde Vernunfft weiset/ wie die Natur mit wenigen vergnuͤgrsey/ ingleichen/ daß ein Mensch mit Wasser und Brodt das ruhigste Leben fuͤh- ren koͤnne/ auch durch Meidung hitziger und vie- lerley Speisen und Getraͤncks/ auch vielerley gei- M 3 le und Das 8. H. aus der vernuͤnfftigen Liebe le und unruhige Hitze zu vermeiden vermoͤ- gend sey. 13. Hieraus folget aber die Sparsamkeit/ welches eine Tugend ist/ die nicht viel auf sich selbst wendet/ sondern nur das jenige an- schafft/ was zu noͤthigen Unterhalt der Ge- sundheit erfordert wird/ das uͤbrige aber zu Diensten andrer Menschen anwendet/ und zu diesem Zweck den Uberfluß verwahret. 14. Diese Tugenden nun insgesamt wol- len ausgeuͤbet seyn/ und erfordern Auffmerck- samkeit/ weswegen gar deutlich zu verstehen ist/ daß die geschaͤfftige Munterkeit auch ein noth- wendiges Stuͤck vernuͤnfftiger Liebe sey: Die- ses ist eine Tugend/ die zu allen fuͤrfallenden Liebes-Diensten munter und bereit ist/ auch allezeit etwas zu thun hat/ das zu Nutzen der Menschen und der Freunde gereichet. 15. Die geduldige Großmuth ist eine Tugend/ die die zugefuͤgte Beleidigung nicht zu Hertzen nimmt/ viel weniger sich zu raͤ- chen suchet/ wenn sie gleich solches zu thun Gelegenheit findet. Wiewohl nun diese Tu- gend von denen wenigsten fuͤr vernuͤnfftig oder fuͤr ein noͤthiges Stuͤck der vernuͤnfftigen Liebe ge- halten wird/ weil die jenigen/ die fuͤr die vernuͤnff- tigsten unter den Menschen gehalten werden/ Ehrgeitzig sind/ die vernuͤnfftige Liebe aber durch nichts mehr/ als durch diese Tugend/ von dem Ehrgeitz unterschieden ist; so haben wir doch all- bereit kommen alle wahre Tugenden. bereit im ersten Theile ausfuͤhrlich die Vernuͤnff- tigkeit und den Adel dieser Gedult weitlaͤufftig und gruͤndlich behauptet. 16. Endlich so ist die freudige Dienstfer- tigkeit eine Tugend/ die nicht nur von Her- tzen-Grunde anderen Menschen und denen Freunden zu dienen bereit ist/ sondern sich auch freuet/ wenn es andern wohl gehet. Diese ist so nothwendig zu der vernuͤnfftigen Lie- be/ daß iedermann gar leicht begreiffet/ daß Lie- be ohne dieselbe nicht Liebe seyn wuͤrde/ daß Liebe ohne L iebes-Dienste nicht seyn koͤnne/ und daß ich den gewiß nicht liebe/ uͤber dessen Wohlseyn ich mich nicht freue. Das 9. Hauptstuͤck. Von der Wollust und denen daraus fliessenden Untugenden. Jnnhalt- D er Wollust vielerley Bedentung. n. 1. Was sie sey? n. 2. Welche Bedentung bleher gehoͤre. n. 3. Was die Wol- lust mit der vernuͤnfftigen Liebe/ auch Ehr- und Geld- Geitz gemein habe. n. 4. Daß ein leder Walluͤstiger nach Ruhe trachte. n. 5. D aß ein ieder Wolluͤstiger seine Ruhe in der Veraͤnderung suche. n. 6. Daß er sich mit seines gleichen wohlluͤstigen Menschen zu vereinigen trachte. n. 7. Daß seine Lust von Menschen berruͤhre. n. 8. Daß er seine Ruhe tergebens in der Veraͤnderung suche. n. 9. Daß in der Veraͤnderung eine nuendliche Unruhe sey. n. 10. Daß ein Wolluͤstiger an keiner end- M 4 lichen Das 9. H. Von der Wollust lichen Veraͤnderung sich belustigen koͤnne. n. 11. Daß auch der Verdruß daher entstehe/ weil eine solche Ver- aͤnderung nicht allemahl in des Menschen Vermoͤgen ist/ n. 12. sondern er wohl gar gezwungen wird/ mit D in- gen/ die denen belustigenden entgegen gefetzt sind/ vor lieb zu nehmen n. 13. Unterscheid der Wollust von dem Ehr- und Geld-Geitze. n. 14. Belustigung des Ge- schmacks und Gefuͤhls. n. 15. Der Mensch suchet seine Lust in allzuschmackhaffter S peise und Trauck/ n. 16. und in dererselben mannigfaltigung/ n. 17. wodurch er zum Uberfluß angewehnet wird. n. 18. Lust des Bey- schlaffs ist zwar ihrer Natur nach allzuempfindlich und anreitzend/ n. 19. aber es wird doch selbige durch das Essen und Trincken sehr gestaͤrcket. n. 20. Wohlluͤstige ziehen die Lust des Geschmacks und Gefuͤhles aller an- dern vor. n. 21. Und zwar suchet ein Wolluͤstiger in bey- den sein Vergnuͤgen/ n. 22. ob wohl etliche Menschen seyn/ die mehr von Fressen und Sauffen/ n. 23. andere aber/ die mehr von Bedienung des Frauenvolcks schei- nen prefession zu macheu. n. 24. Die Belustigungen der andern Sinnen beziehen sich bey einen Wohlluͤstigen in- gesamt auf die Wohllust des Geschmacks und fleischlicher L ust/ n. 25. nehmlich die Belustigung des Gesichts/ n. 26. Gehoͤrs n. 27. und des Geruchs. n. 28. D er Mensch braucht sehr wenig zu seinem Unterhalt. n. 29. Ein Wohlluͤstiger schaffet sich alles zum uͤberfluß an. n. 30. Un- terscheid zwischen dem V orrath eines Tugendhafften und Wolluͤstigen. n. 31. 32. Worinnen eigentlich die Verschwendung eines Wohlluͤstigen bestehe. n. 33. Be- weiß/ daß die Zartheit keine V ollkommenheit/ die Zaͤrt- ligkeit aber ein Kenn-Zeichen der Wollust sey. n. 34. 35. Wie Gedaͤchtuuͤs/ Judicium und Ingenium von einan- der unterschieden sey? n. 36. Daß ein Wohlluͤstiger zwar kein gut Gedaͤchtnuͤs/ n. 37. auch kein gut Judicium, n. 38. aber doch ein gut Ingenium habe. n. 39. Ein Wol- kuͤstiger hat Lust zum Studiren. n. 40. 41. 42 Wie das Stu- und denen daraus fliessenden Untug. Studiren eines Wohlluͤstigen beschaffen sey. n. 43. 44. Ein Wolluͤstiger ist faul und zum Muͤßiggange geneigt/ n. 45. ein unbedachsamer Waͤscher/ n. 46. Ein lieder- licher Verschwender. n. 47. Einknechtischer Schmeich- ler. n. 48. Ein ungedultiger Verzagier. n. 49. Ein jaͤhzorniger Weichhertziger. n. 50. Ein K upler und Lu- stigmacher. n. 51. 1. D Je Wohllust wird auff vielerley Art ge- nommen/ 1. figuͤrlicher Weise vor das ruhige Vergnuͤgen des Gemuͤths/ o- der die vernuͤnfftige Liebe selbst/ wie etwann des Epicuri Grund-Lehre von denen/ so ihn vertheidi- diget/ pfleget ausgeleget zu werden. 2. Vor die unvernuͤnfftige Belustigung uͤberhaupt der- gestalt/ daß das Vergnuͤgen eines Ehr- und Geld- geitzigen darunter begriffen wird. 3. Vor die unvernuͤnfftige Belustigung/ die zwar dem Ehr- geitz und Geldgeitz entgegen gesetzt wird/ aber doch auch die unvernuͤnfftige Belustigung des dichtenden Verstandes unter sich begreifft. 4. Vor die unvernuͤnfftige Belustigung aller aͤusserlichen Sinne des Leibes/ nehmlich des Gesichts/ Gehoͤrs/ Geruchs/ Geschmacks und Gefuͤhls. 5. Vor die Wohllust des Ge- schmacks und Gefuͤhls. 2. Hieher gehoͤret eigentlich der f uͤnffte/ iedoch auch auff gewisse Masse der dritte und vierdte Verstand/ und ist dannenhero die Wol- lust nichts anders/ als eine Gemuͤths-Neig- ung/ die ihre Ruhe in stetswaͤhrender Ver- M 5 aͤn- Das 9. H. von der Wollust aͤnderlichen Belustigung des Verstandes und der aͤusserlichen Sinne/ hauptsaͤchlich aber des Geschmacks und geilen Gefuͤhles vergebens suchet/ und dieser wegen sich mit gleichgearteten Menschen zu vereinigen trachtet. 3. Wenn wir bißher von der Wohllust ge- redet haben/ haben wir allemahl dadurch ein zur unvernuͤnfftigen Liebe gehoͤriges/ aber von Ehr- und Geld-Geitz entschiedenes Laster verstanden/ dannenhero der erste und andere Gebrauch sich nicht hieher schicket/ aber wohl der dritte/ als der in seiner Weitlaͤufftigkeit den vierdten und fuͤnff- ten/ als mehr eingeschraͤnckte unter sich begreifft; Absonderlich aber der fuͤnffte/ als auff welchen die Wollust in dritten und vierdten Verstande fuͤrnehmlich ihr Absehen richtet. 4. Daß die Wollust eine Gemuͤths-Nei- gung sey/ das hat sie mit der vernuͤnfftigen und unvernuͤnfftigen Liebe gemein. Daß sie ihre Ruhe in stetswaͤhrender Veraͤnderung ver- gebens suchet/ und dieser wegen sich mit ih- res gleichen zu vereinigen trachtet/ das ist gleicher gestalt auch beym Ehꝛgeitz und Geldgeitz/ und als wir schon oben vid. c. 1. §. 34. \& 38. erwehnet/ bey aller Gemuͤths-Unruhe und unvernuͤnfftigen Liebe an- zutreffen. 5. Ein ieder Wohlluͤstiger suchet Ru- he/ und trachtet darnach. Ein nach seiner Her- und denen daraus fliessenden Untug. Hertzens-Lust studierender bildet sich ein/ er wolte ruhig seyn/ wenn er diese oder jene Biblio- thec durchsehen/ oder diese und jene Wissen- schafft sich zu wege gebracht haͤtte/ oder endlich in der gantzen Weißheit erfahren waͤre. Ein in de r Belustigung seiner Sinne sein Vergnuͤgen su- chender Mensch bildet sich ein/ wie er wolle ruhig seyn/ wenn er nur so viel Jahr/ nach aller Lust die- selben vergnuͤget/ oder dieser und jener Weibes- Person Gegen-Liebe erhalten haͤtte/ oder er trach- tet darnach/ wie er Geld oder Dienst bekommen moͤge/ daß er nach seiner Meynung ein fein ruhig und gemaͤchlich/ das ist ein wohlluͤstig und faules Leben fuͤhren moͤge. 6. Ein ieder Wohlluͤstiger suchet seine Ruhe in Veraͤnderung. Es ist ein gemeines Sprichwort: Veraͤnderung bringt Lust. Ein nach seiner Lust Studierender vergnuͤget sich/ wenn er in Actis Eruditorum und andern Journal en der Gelehrten immer was anders in allen Facult aͤten antrifft/ wenn er bald hie bald da was erfindet/ und hat das eine noch nicht voll- bracht/ wenn er dasselbige wieder ligen laͤst/ und was anders anfaͤngt. Ein die aͤusserlichen Sinne Belustigender sucht seine Ruhe bald in der Belustigung des Gesichts/ bald des Gehoͤrs/ u. s. f. bald in sehung einer Comœdie, bald ei- nes schoͤnen Bildes/ bald bey den Klopff-Fech- tern/ bald bey den Seil-Taͤntzern/ bald beym P ol- licinello, bald bey einen auslaͤndischen Thier/ u. s. f. und Das 9. H. Von der Wohllust s. f. und weñ er einer Weibes-Person Liebe nur in einen geringen Grad erhalten/ siehet er sich schon nach einer andern umb: Er bemuͤhet sich/ seine Zunge mit unzaͤhlicher veraͤnderten Speise und Tranck zu kuͤtzeln u. s. w. 7. Ein Wohlluͤstiger trachtet darnach/ wie er sich stetswaͤhrend mit gleichgearteten Menschen vereinigen moͤge. Es ist kein gesel- liger Thier als ein Wohlluͤstiger/ und wird keinen Menschen ohne Gesellschafft die Zeit laͤnger als einen Wohlluͤstigen; aber er gesellet sich zu nie- mand lieber als zu seines gleichen. Einer der im studiren seine Lust suchet/ bemuͤhet sich immer in Gesellschafft gelehrter Leute zu seyn/ da von al- lerhand discurri ret wird/ er studi ret mit mehr Lust wenn er bey Leuten/ als wenn er alleine ist/ und wenn er gleich alleine studi ret/ so thut er es doch entweder darumb/ daß ihm die Zeit nicht lang wird/ oder daß er etwas bey der Compagnie wie- der vorbringen moͤge/ und bringet also seine mei- ste Zeit mit auff und nieder gehen zu. Ein ande- rer sucht von fruͤh biß auff den Abend seines glei- chen compagnie auff der Comœdie, den Ball- Hause/ der Truck-Taffel u. s. w. am meisten aber im Trinck-Hause/ und wo Personen von andern Geschlecht gegenwaͤrtig sind. 8. Ja ich halte dafuͤr/ daß ob wohl ein Mensch seine Sinnen und Verstand auff vieler- ley Weise und mit allerhand todten und lebenden Creaturen belustigen koͤnne; ein Wohlluͤsti- ger und denen daraus fliessenden Untug. ger dennoch als wolluͤstig keine Lust habe als unter Menschen/ oder die von Menschen her- komme. Also hat/ wie erwehnet/ einer der à son aise studi ret keine Lust/ wenn man ihm Biblio- theqv en verschliessen wolte/ sondern bey discurri- renden Gelahrten; ein anderer siehet lieber Co- mœdi en als Bilder/ oder doch beyde lieber als ei- ne schoͤne Wiese oder Garten/ er hoͤret lieber vo- cal- als instrumental Music, oder doch beyde lie- ber als das singen der Voͤgel und Nachtigallen; er riecht solche Dinge am liebsten/ wie er bey Leu- ten mit denen er umgehet und æstimi ret/ gewoh- net ist; Er kriegt einen Geschmack von Dingen/ die der Gesellschafft gut schmecken/ und schmecket ihm kein Bissen alleine: Er belustiget auch sich in seiner geilen Lust mehr mit der Lust einer andern wohlluͤstigen Person/ als mit seiner eigenen/ und hat also von stummen Suͤnden gleichsam einen natuͤrlichen Abscheu/ wann er nicht durch boͤse Gesellschafft von andern darzu verfuͤhret wird. 9. Ein Wohlluͤstiger suchet aber ver- gebeus die Ruhe in solcher Veraͤnderung und Vereinigung. Die Ruhe ist einig und in cen- tro. Also kan in dem Umkreiß und in der Veraͤn- derung nicht anders als Unruhe seyn. 10. Und zwar eine unendliche Unruhe. Denn die Veraͤnderung ist unendlich/ und also siehet sich das Auge nimmer satt/ das Ohre hoͤret sich nimmer satt. Wer will alle Buͤcher ausle- sen? es koͤmmt alle Tage was neues heraus. Wer will Das 9. H. Von der Wohllust will alle neuen Erfindungen ausdencken? Alle Tage neue Oper en/ neue inventiones von Bil- dern/ neue ari en/ neue Taͤntze/ neue Balsam und parfumen, neue Art von Schnupff-Toback/ neue Getraͤncke/ neue Erfindungen von Speisen/ neue manier en die boͤse Lust zu reitzen/ neue charmen an Personen von anderen Geschlechte. 11. Ein Wohlluͤstiger kan auch in einer endlichen Veraͤnderung keine Lust noch Ruhe finden/ sondern muß sich dieser unendlichen Un- ruhe ergeben. Alle sinnliche Belustigung/ wenn sie continui ret wird/ macht natuͤrlicher weise ein Unvermoͤgen/ wenn man mit einerley Belu- stigung continui ret/ oder einen Eckel/ wenn man mit einerley Sache sich belustiget. Wer stets studi ret/ verderbet den Verstand/ wer stets siehet oder hoͤret/ u. s. w. verderber das Gesicht/ Gehoͤr/ Geruch/ Geschmack/ Gefuͤhl. Uber das curieu- seste Buch/ die schoͤnste Comœdie, die artigste melodie, den lieblichsten Geruch/ die delicate ste Speise/ das schoͤnste Frauenvolck/ kriegen wir einen Eckel/ wann wir solche taͤglich geniessen o- der gebrauchen/ und darinnen unsere Belusti- gung suchen. 12. Zu geschweigen/ daß eine solche Ver- aͤnderung nicht allemahl in des Menschen vermoͤgen ist/ sondern nothwendig entweder we- gen Schwaͤchung der natuͤrlichen Kraͤffte/ oder wegen Mangel der Gelegenheit mit vielen Ver- druß und Unruhe vergefellschafftet seyn muß. Ein und denen daraus fliessenden Untug. Ein zur Lust Studirender hat nicht allemahl Gelegenheit neue Buͤcher oder Conversation wie er sie begehret/ zu erlangen. Ein anderer hat den groͤsten Verdruß/ wenn keine Comoͤdianten/ kein Sauff- oder Spiel-Compan/ keine Frauens- Person da ist/ bey denen er sich vergnuͤgen koͤnte. Aber der Verdruß ist noch groͤsser/ wenn wegen allzu vielen Gebrauchs der Speisen/ des Trancks/ der Fleisches-Lust/ der Wohlluͤstige durch Kranckheit sich lustig zu machen gehindert wird/ sonderlich wenn er weiß/ daß eine lustige und annehmliche Gesellschafft beysammen ist/ der er nicht beywohnen kan. 13. Jch will davon nicht viel erwehnen/ daß ein Wohlluͤstiger vielen Verdruß un- terworffen ist/ den ein andrer nicht fuͤr Ver- druß halten wuͤrde/ wenn ihm nehmlich durch Gewalt und Armuth verboten wird/ seiner Wol- lust nachzuhengen; Wenn man ihn aller seiner Buͤcher und Locorum communium, seiner MSCtorum beraubet/ wenn er in einen rauchrich- ten Zimmer seyn/ auffharter Erde liegen/ die E- sel oder den Eseltreiber schreien hoͤren/ Mist rie- chen/ Pumpernickel essen muß/ und keine Gesell- schafft hat/ als etwan des Stockmeisters. 14. Die Wollust ist aber von dem Ehrgeitz und Geldgeitz darinnen unterschieden/ daß sie ih- re Ruhe in Belustigung des Verstandes oder der aͤusserlichen Sinnen/ absonderlich aber des Geschmacks und fleischlicher Liebe suchet. Und Das 9. H. Von der Wollust Und zwar so viel dieses letzte betrifft/ ist wohl kein grosser Zweiffel/ daß dadurch nicht solten Ehr- und Geld-Geitz von Wollust entschieden wer- den; Aber das scheinet etwas harte/ oder doch zum wenigsten ungewoͤhnlich geredet zu seyn/ daß man die Belustigung des Verstandes durch studiren und mediti ren zur Wollust rechnet/ da doch selbige vielmehr scheinet zur veꝛnuͤnfftigen Liebe/ oder doch zum Ehrgeitze viel fuͤglicher ge- bracht werden zu koͤnnen. Derohalben ist es noͤ- thig/ daß wir das eigene Wesen der Wohllust ein wenig genauer betrachten. Wir wollen a- ber nach den Regeln guter Ordnung von dem leichtesten anfangen. 15. Jedermann nennet die Leute/ die mit Essen und Trincken und Weibesvolck sich lu- stig machen/ wohlluͤstig/ und bestehet hierin- nen wohl das fuͤrnehmste Stuͤck des Wesens der Wohllust/ welches die andern Theile dersel- ben nach sich ziehet. Bey beyden faͤllet der Mensch auff eine Kuͤtzelung der Sinnligkeiten des Geschmacks und Gefuͤhles/ und henget das Hertz daran/ ob schon sein Verstand ihm deutlich saget/ daß alles das jenige/ was die Sinnen kitzelt/ nicht gut/ sondern schaͤdlich sey/ weil es von einer gar zu empfindlichen Bewegung herruͤhret. 16. Die unschmackhafftesten Speisen und Tranck sind wohl die gesuͤndesten/ und ver- ursachen weder Eckel/ noch Anreitzung zu uͤber- fluͤßigen Gebrauch. Aber der Mensch verach- tet und denen daraus fliessenden Untug. tet dieselben muthwillig/ und bemuͤhet sich entweder suͤsse oder saure/ anziehende delicate Speise und Tranck zu geniessen/ welche nichts anders als Eckel/ wenn sie stetig gebraucht wer- den/ wuͤrcken koͤnnen/ auch zu uͤberfluͤßiger Ge- nuͤssung anreitzen. 17. Des Menschen Magen ist so beschaf- fen/ daß er sich mit einer einigen Speise und Tranck saͤttigen kan/ so wohl als andere Thiere. Aber seine Unvernunfft treibt ihn an/ daß er durch Vielfaͤltigung seine Begierde zum Uberfluß reitzet. 18. Diese Zubereitung gekuͤnstelter Spei- sen und Trancks/ und die Mannigfaltigung der- selben gewoͤhnen den Menschen an/ daß er im- mer mehr und mehr isst und trinckt/ als seine Natur erfordert/ auch dem sonst unumgaͤnglichen Eckel zu entgehen/ immer auff neue Erfindun- gen und Vermannichfaltigung bedacht ist/ worzu ihm die exempel anderer Menschen sei- nes gleichen/ und die wechselsweisen Anreitzun- gen noch mehr anfrischen. 19. Was aber die Lust betrifft/ mit der das Kinderzeugen vergesellschafftet ist/ begreif- fet zwar die Vernunfft des Menschen wohl/ daß die Gedancken/ die in einem Augenblick solche Lust als ein grosses Gut vorstellen/ falsch/ und von de- nen ruhigen Gedancken der Vernufft/ wenn die Lust gebuͤsset ist/ gantz entfernet sind. Aber sie weiß ihr doch nicht so zu rathen/ als wie bey N der Das 9. H. von der Wollust der Speise und Tranck/ indem sie keinen natuͤr- lichen Beyschlaff ohne dergleichen empfindliche Ruͤhrung weiß/ als wie sie unschmakhaffte Spei- sen weiß/ und muß also hierinnen dieser Mangel der Vernunfft aus einem hoͤhern Liecht ersetzet werden. 20. Gleichwohl kan der Mensch dessen leicht vergewissert werden/ wenn er nur auff sich selbst Achtung geben will/ daß diese Empfind- lichkeit und die Ursache derselben durch allzu schmackhaffte und mannigfaltige Speise und Tranck/ ingleichen durch die conversation, mit wohlluͤstigen Leuten und das Exempel und Anreitzung derselben mehr und mehr gestaͤr- cket werde/ und also er selbst guten theils Ursa- che an der Reitzung zu dieser Lust sey; Auch wenn er sich in Essen und Trincken in acht naͤhme/ umb ein merckliches diese Reitzung daͤmpffen koͤnte. Wannenhero in so weit die fleischliche Wohl- lust aus der Wohllust des Geschmacks her- stammet. 21. Ob nun wohl alle Menschen bey sich eine Neigung zu guten Essen und Trincken/ in- gleichen zu fleischlicher Vermischung finden; So giebt es doch etliche/ die alle andere Belustig- ung und Vergnuͤgen umb diese geben solten/ und also ihre Ruhe darinnen suchen/ da doch an- dere dißfalls anders Sinnes sind/ und dieses sind nun die Wohlluͤstigen. 23. Und zwar wird die Verknuͤpffung des wohl- und denen daraus fliessenden Untug. wohlluͤstigen Essens und Trinckens mit der fleisch- lichen Begierde/ die wir nur ietzo gezeiget haben/ gar leicht zu verstehen geben/ daß ein Wohlluͤ- stiger zugleich in beyden seine falsche Ruhe suche/ und also solche nicht wohl von einander ge- sondert/ oder die Wohlluͤstige etwa in zweyerley Classen getheilet werden koͤnten/ als ob etliche in Essen und Trincken/ oder Fressen und Sauffen/ etliche aber in fleischlicher Lust oder Hurerey ihr Vergnuͤgen suchten. 23. Jch bescheide mich zwar/ daß ein wohl- luͤstiger Mensch/ der profession von taͤglichen Fressen und Sauffen macht/ wenig Venerati- on fuͤr das Weibliche Geschlechte habe/ auch weñ er sich taͤglich voll saͤufft/ sehr unvermoͤgend und ungeschickt sey/ grosse Liebes-Haͤndel zu en- treteni ren; Aber daraus folget nicht/ daß er sein Vergnuͤgen nicht an Hurerey suche; Sondern wie sein Fressen und Sauffen durch taͤgliche U- bung mehr bestialifch worden/ also wird auch sei- ne Geilheit dergleichen/ daß er ohne Venerati- on gegen das Frauenvolck/ und ohne grosse in- trigv en seine viehische Brunst gleich zu in Hur- Haͤusern u. d. g. zu loͤschen sucht. Solte aber ja bey einen solchen Menschen mit seinen Schwel- gen eine warhaffte Verachtung des weibli- chen Geschlechts vergesellschafftet seyn/ wuͤrde solches nicht von der Wollust/ sondern von dem Geldgeitz/ der mit der Wollust vermischt waͤre/ herruͤhren/ als wir zu seiner Zeit deutlicher zeigen wollen. N 2 24. Das 9. H. Von der Wohllust 24. Wiederumb ist mir wohl bekant/ daß es viel wohlluͤstige Leute gebe/ die Profession ma- chen auch das keuscheste Weibes-Volck in Versuchung zu bringen/ und bey allen sich durch hoͤfliche und verschlagene Weise zu insinu- iren wissen/ das Frauenvolck mit grosser Venera- tion bedienen/ und viel verwirrte Haͤndel verbor- gener und verbotener Lust auff dem Halse haben/ dabey aber sich nicht leicht voll sauffen/ und fuͤr dem bestialischen Schwelgen der andern einen Abscheu haben/ und sich mit denenielben am wenigsten comporti ren koͤnnen. Aber des- halben folget wiederumb nicht/ daß sie ihre Lust nicht im Essen und Trincken haben solten. Die- se Lebens-Art/ die sie fuͤhren/ kom̃t nicht von der Wollust/ sondern von dem Ehrgeitz her/ der mit ihrer Wollust starck gemischt ist. Sie fres- sen und sauffen ja so gerne was gutes als die er- sten; Aber sie fressen und sauffen es nicht in so grosser Menge/ und so ohne Scheu als jene/ die wegen Mangel des Ehrgeitzes keinen Heel ihres bestialischen Wesens haben. Dannenhero auch dieser ihr Ehrgeitz den Sachen andere Nahmen giebt. Sie fressen nicht/ sondern sie schmausen und essen zu Gaste; Sie sauffen nicht/ sondern trincken sich ein klein und erbar Raͤuschgen/ wie sie denn auch nicht huren/ sondern das Frau- enzimmer bedienen/ oder caressi ren. Aber ein Philosophus kehret sich nicht an den Hoff- stylum, sondern siehet denẽ Sachen in ihr Wesen/ wie sie sind/ nicht wie sie genennet werden. 25. und denen daraus fliessenden Untug. 25. Ob nun wohl in der Belustigung des Geschmacks und fleischlicher Lust das vornehm- ste Wesen der Wollust bestehet; so ziehen doch diese beyde Luͤste auch die Belustigung der an- dern Sinnen nach sich/ iedoch so ferne sie nach jenen als nach ihren centro gerichtet sind/ in wel- chen Ansehen sie auch den Nahmen der Belusti- gung der Sinnen bekommen haben. 26. Also belustiget ein Wolluͤstiger sein Ge- sicht mit comœdi en/ weil er daselbst was siehet/ dadurch er andere in der Sauff- compagnie lu- stig machen kan/ weil durch die daselbst vorgestell- te verliebte min en seine Geilheit gereitzet wird/ weil er daselbst gemeiniglich lustige/ oder com- pagnie von andern Geschlechte antrifft/ und off- ters unter denen Zuschauern mehr warhaffte co- mœdi en gespielet werden/ als auff dem theatro. Er belustiget sein Gesichte mit der Schoͤnheit und Niedligkeit der Speisen uñ des Trancks/ mit der Schoͤnheit des Frauenvolcks/ und mit ansehen solcher Dinge/ die keuschen Augen verboten sind/ mit dem Ansehen schoͤner Kleider/ mobili en u. s. w. so ferne dieselben die Lust des Geschmacks/ und der Hurerey delicater und an- genehmer machen. Da hingegen ein Ehrgei- tziger und Geldgeitziger ihr Gesichte mit einen blancken Schwerd/ Koͤniglichen Purpur/ schoͤ- nen Gelde/ Pferden/ Hunden/ Viehe u. s. w. be- lustigen/ welches aber an sich selbst fuͤr keine Lust gehalten wird. Denn man sagt wohl/ man ha- N 3 be Das 9. H. Von der Wollust be sich in der comœdie erlustiget/ nicht aber in Pferde- und Kuͤhstall. 27. Gleicher weise belustiget ein Wolluͤsti- ger sein Gehoͤr mit comœdi en/ fast aus gleichen Ursachen/ als wir beym Gefichte angefuͤhret/ er hoͤret gerne verliebte Lieder singen/ und solche Instrumental Music, die ihm entweder das Hertz zur weichen Lust/ oder zur Freude beym Wein anreitzen/ oder toll und voll machen helffen. Er zittert hingegen fuͤr dem donnernden Geschuͤtze/ und fuͤr denen Trompeten und Paucken/ wenn sie Zeichen des Krieges sind/ uͤber welchen sich ein Ehrgeitziger/ ingleichen uͤber dem Lob das man ihm giebet/ erfreuet. Ein Geldgeitziger aber vergnuͤgt sich/ wenn er seine Thaler klingen/ oder sein Vieh bloͤcken/ oder seine Hunde heulen hoͤret. 28. Ein Wohlluͤstiger labet sich/ wenn er ei- nen Braten oder andere zugerichtete Speise rie- chet/ er biesamt und pudert sich ein/ daß er den Weibern gefalle. Ein Ehrgeitziger ist nicht ungerne wo es nach Pulver dampfft/ und einen Geldgeitzigen wird das Geld gut anriechen/ wenn er es auch aus einen heimlichen Gemach ausklauben solte/ wie er dann auch in dem Mist von seinen Viehe ein sonderlich Vergnuͤgen fin- det. 29. Ehe wir aber weiter zu der Belustig- ung des Verstandes eines Wolluͤstigen fort ge- hen/ wird es sich am fuͤglichsten schicken/ daß wir vorher auch von seiner Verschwendung etwas reden/ und denen daraus fliessenden Untug. reden/ als welche unmittelbar aus seiner versoffe- nen und fraͤßigen Geilheit herruͤhret/ und durch selbige/ nach Anleitung der hinter dem 7. Haupt- stuͤck befindlichen Tabelle, auch hauptsaͤchlich von der vernuͤnfftigen Liebe entschieden wird. Durch die Verschwendung wird all- hierverstanden/ was der Mensch auff sich selb- sten unnoͤthig wendet. Die Natur ist mit wenigen vergnuͤget: Wer zur Noth Was- ser/ Brodt oder Wurtzeln zu essen/ ein gantz Kleid/ auch von geringen Tuch auff dem Leibe hat/ und in einen maͤßigen und reinlichen Huͤttgen/ wenn es auch von Leimen ist/ sich wieder Frost und Hi- tze schuͤtzen kan/ hat nicht Ursache zu klagen/ daß ihm GOTT nicht seinen Unterhalt verschaffe. Und wem kan es daran mangeln/ wenn er gesund ist und arbeiten will/ wenn er auch schon Weib uñ Kind hat? Also hat er das uͤbrige alles nicht noͤthig. Und also ersparet ein solcher Mensch Ausgaben fuͤr Bier/ Wein/ Fleisch/ Vorrath an Kleidern/ kostbare mobili en/ praͤchtige und ge- maͤchliche Wohnungen/ und andere uͤberfluͤßige Dinge/ welches die Welt mit vielerley Nahmen/ als galanteri en/ Gerade/ Bibliotheqv en/ Kunst- Kammern u. s. w. beleget. 30. Ein Wolluͤstiger hingegen ist mit der Gemaͤchligkeit/ die ihm GOtt nach seinen Stan- de und Vermoͤgen vergoͤnnet/ nicht zu frieden/ sondern er verschwendet das Geld unnoͤthig/ und schaffet sich oͤffters alles zum Uberfluß und N 4 zu sei- Das 9. H. Von der Wollust zu seiner Verzaͤrtelung/ auch folglich zu sei- nen Verderben an. Allerhand delicate Wei- ne und Biere in Keller/ tausenderley unnoͤthigen Vorrath in die Speise-Kammer/ so vielerley Ar- ten schoͤner Glaͤser und Trinck-Geschirr/ so vieler- ley Schuͤsseln und Teller u. s. w. in die Kuͤche/ so viel Tutzt Karten zu spielen/ so viel Pfund To- back/ so viel Schock Toback-Pfeiffen/ so viel Klei- der/ so viel wohlriechende Sachen/ so viel kostba- re Bilder und meublen, und noch andere viel tausend Dinge/ die nicht alle zu erzehlen sind/ zu welchen allen anzusthaffen/ er augenscheinlich durch seine Lust zum Essen/ Trincken und Wei- besvolck angetrieben wird. 31. Jch bescheide mich zwar abermahls/ daß man nach dem Zustand der Menschen/ in wel- chen sie leben/ die Sparsamkeit vernuͤnfftiger Liebe nicht so genau an das jenige binden koͤn- ne/ was der Mensch zur hoͤchsten Noth be- duͤrfftig ist/ sondern daß auch ein Tugendhaffter einen reichen Vorrath an allerhand Dingen haben koͤnne. Aber es ist doch ein grosser Unter- scheid an den Vorrath eines Tugendhafften/ und an den Vorrath eines Wohlluͤstigen. Der Vorrath eines T ugendhafften bestehet nie in Dingen deren fuͤrnehmster oder einiger Ge- brauch in der Verzaͤrtelung und Wollust gegruͤn- det ist/ sondern die auch hauptsaͤchlich zu einen guten Zweck genutzet werden koͤnnen: Er braucht denselben nicht fuͤr sich/ sondern andern Gutes zu thun/ und denen daraus fliessenden Untug. thun/ oder zu verhandeln/ daß er mit dem/ so er daraus loͤset/ andern Gutes thun koͤnne. Er haͤngt das Hertz nicht dran/ sondern braucht es wegen des einmahl unter den Menschen einge- fuͤhrten Unterscheids/ und daß sein Geld unter die/ so in der Buͤrgerlichen Gesellschafft ihr Brod mit Arbeit suchen/ ausgetheilet werde/ und nicht an einem Orte bleibe/ oder denen muͤßigen Land- Bettlern auffgehangen werde. 32. Ein Wolluͤstiger aber hat einen Vor- rath mehrentheils von solchen Dingen/ die ihn verzaͤrtlen/ und zur Wollust anreitzen/ er braucht dieselben fuͤrnehmlich fuͤr sich/ und haͤnget das Hertz dran/ dergestallt/ daß er sich fuͤr sehr ungluͤk- lich schaͤtzt/ wenn er dessen beraubt wird/ und wenn er davon andern mittheilet/ geschiehet es entweder zu ihren Verderb/ oder sie sind dessen mehrentheils unwerth. 33. So ist demnach die der Sparsamkeit entgegen gesetzte Verschwendung ein Laster/ da der Mensch viel unnuͤtzliches auf sich selbst wendet/ und das jenige anschafft/ was die Gesundheit verderbet/ und eine Zaͤrtligkeit erwecket/ das uͤbrige aber an unwuͤrdige Personen/ und zu deren warhafftigen Ver- derb anwendet. 34. Die Zaͤrtligkeit/ deren wir etliche mahl gedacht/ erinnert uns/ daß wir bey derselben ein wenig stille stehen. Wir rechnen dieselbe unter das Laster/ und zu der Wollust: Aber der gemei- N 5 ne Das 9. H. Von der Wohllust ne Gebrauch scheinet uns zu widersprechen. Weñ man was loben wil/ nennet man es zart und de- licat. Wer wolte nicht ein zartes und delicat es Frauenzimmer/ einer Weibesperson vorziehen/ die grob von Gliedern und Haut ist. Eine vor- nehme Person hat gantz eine andere Natur als gemeine und grobe Leute. Sie hat zaͤrtere Fuß- Sohlen/ und kan nicht auff dem Pflaster auch nur von einen Hause zu dem andern gehen/ son- dern muß fahren; Sie hat einen zaͤrtern Ruͤcken/ und kan nicht ruhen/ wenn auch unter drey Unter- Betten eine kleine Erbse ihr Ungelegenheit macht; Sie hat zaͤrtere Haͤnde/ und kan keine Lufft/ viel weniger kalt Wasser vertragen; Sie hat eine zaͤrtere Nase/ und wuͤrde kranck werden/ wenn an statt des gewoͤhnl. eingebisamten sie den gering- sten verdruͤßlichẽ Geruch leiden solte; Sie hat ei- nen zaͤrteren Geschmack und Magen/ uñ kan keine grobe Speise noch Tranck vertragen; Da her- gegen ein grober baͤurischer Mensch wegen seiner groben Fuͤsse gantze Tage barfuß gehen/ wegen seines harten Ruͤckens auff harter Erde sanff- te schlaffen/ wegen seiner plumpen Haͤnde in rau- her Lufft und kalten Wasser in die dauer arbeiten/ wegen seines baͤurischen Gehirnes und unflaͤtigen Nasen keinen guten Geruch leiden/ und wegen seines gemeinen Geschmacks die schlechteste Speise und Tranck vertragen kan. Woraus zu folgen scheinet/ daß die Zartheit und Zaͤrt- ligkeit kein Laster/ sondern eine sonderliche Vor- und denen daraus fliessenden Untug. Vortrefflligkeit sey/ entweder des Weibes- volcks/ oder der Vornehmen/ und sonderlich Hoff-Leute/ die sie fuͤr andern gemeinen Leuten haben. 35. Aber ein Philosophus urtheilet nicht nach der galanterey des Hofes/ und denen ge- meinen Vorurtheilen. Die Laster haben ins ge- mein den Nahmen der Tugend/ und die Unvoll- kommenheiten werden von iederman/ die mit be- hafftet sind/ bemaͤntelt/ und wohl gar fuͤr was sonderliches ausgegeben. Es ist leider wahr/ daß zaͤrtliche Leute ihrer Zaͤrtligkeit wenig heel ha- ben/ sondern sie als eine sonderliche prærogativ und Natur fuͤr andern Leuten ruͤhmen; Aber de- sto schlimmer fuͤr sie. Hiermit geben sie zu er- kennen/ daß sie ihr Elend selbst nicht kennen/ und eine wohlluͤstige Angewohnheit fuͤr eine Natur ausgeben/ da doch GOtt zum oͤfftern durch lieb- reiches Ungluͤck/ sie gehen/ schlaffen/ arbeiten/ es- sen und trincken/ u. s. w. lehret/ und also ihnen ih- re wahre Natur zu verstehen giebet. Jch will das gemeine Sprichwort nicht anfuͤhren: Was grob ist/ ist auch starck. Gemeiniglich ist es ge- sund. Zart seyn ist entweder eine Schwachheit der Glieder/ oder ein Ansatz zu einer Kranckheit/ und folglich eine grosse Unvollkom̃enheit mensch- licher Natur. Sich zart machen oder zaͤrt- lich seyn/ ist nichts anders/ als zu erkennen geben/ daß man wohlluͤstig sey/ und daß das Hertz starck an der Wollust haͤnge/ und allbereit in ei- nen hohen Grad darinnen verdorben sey. 36. Das 9. H. Von der Wollust 36. Nun wird es wohl Zeit seyn/ die ge- lahrte Wohllust zu beleuchten. Solches wird nicht fuglicher geschehen koͤnnen/ als wann wir zeigen/ was die Wohllust fuͤr einen Antheil an den Menschlichen Verstande und dessen Beschaffenheit habe. Ein ieder Mensch/ er sey so tumm als er wolle/ kan seinen Verstand durch attent es Nachdencken helffen/ und gleichsam aus poli ren. Wann der Mensch eine starcke Gemuͤths-Neigung zu etwas hat/ dem denckt er eiffrig nach. Die Gedancken des Menschen ha- ben entweder mit vergangenen Dingen/ oder mit gegenwaͤrtigen/ oder zukuͤnfftigen zu thun. Die vergangenen und abwesenden stellen die Ge- dancken sich gemeiniglich fuͤr/ wie und in was fuͤr Ordnung sie gewesen sind/ als sie gegenwaͤrtig waren. Dieses heisset Gedaͤchtnuͤs. Die ge- genwaͤrtigen halten die Gedancken mehren- theils gegen einander/ und beobachten ihren ge- nauen Unterscheid/ auch die Ursachen ihres Ur- sprungs und Wuͤrckung. Dieses heisset die Ur- theilungs-Krafft oder Judicium. An die zu- kuͤnfftigen wird fuͤrnehmlich gedacht/ wie sie ohn gefehr mit einander verknuͤpfft seyn/ und wie im- mer eines aus dem andern folgen werde/ da denn an die Gleichfoͤrmigkeit der Dinge/ und wie sie sich zusammen schicken/ gedacht wird. Dieses beist Ingenium, und was man so denckt/ eine Er- findung/ Gedichte u. s. w. 37. Ein Wolluͤstiger denckt nicht viel an ver- und denen daraus fliessenden Untug. vergangene Dinge/ in was fuͤr Ordnung sie ge- wesen sind/ sondern wie sie gut geschmeckt haben/ u. s. w. Und hierzu braucht es eben kein groß Gedaͤchtnuͤs/ weil die starcke Kuͤtzelung sich dem Gehirne des Menschen/ ohne dem so feste ein- druckt/ daß man viel eher umb die Vergessenheit derselben/ als dero Gedaͤchtnuͤs besorget seyn muß. Zu geschweigen der offtern Wiederhohlung der- selben/ durch welche sie immeꝛ mehr und mehr dem Verstande eingepraͤget werden/ wie nicht weni- ger/ daß ihr wesen so unterschiedẽ nicht ist/ daß dießfalls ein groß Gedaͤchtnuͤß von noͤthen waͤre/ sondern es laͤufft hauptsaͤchlich auff wenig Umb- staͤnde/ als suͤsse/ sauer/ anmuthig/ scharff/ u. s. w. und in dem Grund auff fressen/ sauffen und geile Vermischung hinaus; Ja die Ordnung ist eben bey der Wollust nicht von noͤthen/ sondern ie un- ordentlicher es mit Speise und Tranck u. s. w. un- tereinander gehet/ ie mehr Lust bildet sich ein wohl- luͤstiger Mensch ein/ daß er habe. 38. Ein Wohlluͤstiger denckt nicht viel an gegenwaͤrtige Dinge/ sie genau zu unterschei- den/ oder umb ihren Ursprung und Wuͤrckung be- kuͤmmert zu seyn. Er ist nicht eckel/ wenn nur der Magen gefuͤllet/ und die Begierde gestillet wird. Er ist wie ein Schwein/ das die Eicheln auff der Erden frisst/ und sich nicht bekuͤmmert/ ob sie aus der Erden gewachsen/ oder von der Hoͤhe des Baums herunter gefallen seyn. Ja er siehet bloß auff die gegenwaͤrtige Wollust/ und bekuͤm- mert Das 9. H. Von der Wohllust mert sich wenig darumb/ das zu sehen/ was etwa daraus erfolgen werde/ so gar auch/ daß er nicht gerne von denen unvermeidlichen schaͤdlichen Wuͤrckungen seiner Wohllust reden hoͤret. Also excoli ret er nun sein Judicium schlecht. Und wie im uͤbrigen seine Ungedult ihn verhindert/ daß er so wohl im Gedaͤchtnuͤs als Judicio nicht viel zunehmen kan; Also treibt ihn die naͤrrische Liebe zu seiner Wohllust an/ daß er die schaͤdlichen Wuͤr- ckungen derselben (die sich gemeiniglich eher als beym Ehr- und Geldgeitz einstellen/ auch hand- greifflicher sind) fuͤr sich selbst zu verbergen/ aller- hand liederliche Ursachen und prætexte hervor su- chet/ auch die dem allgemeinen Verstand gantz zu wider sind/ und also muthwillig sein Judicium verderbet. 39. Ein Wolluͤstiger denckt aber im̃er auf zukuͤnfftige Dinge. Seine ungeduldige Be- gierde treibt ihn an/ daß er die gegenwaͤrtigen gleichsam verschluckt/ und allezeit nach mehrern trachtet. Ein Wohlluͤstiger ist am capablest en/ so zu sagen/ Schloͤsser in die Lufft zu bauen/ und mit eitelen Gedancken von zukuͤnfftigen Dingen sich was zu gute zu thun. Die feste Eindruͤckung der gegenwaͤrtig genossenen Dinge/ macht ihn bey natuͤrlicher Erinne. ung derselben begierig/ wieder- umb solche zu geniessen; Und weil es unmoͤglich ist/ daß er sie allemahl wuͤrcklich geniessen koͤnne/ so stellet er sich indessen die Umbstaͤnde der zukuͤnff- tigen conversation fuͤr/ wie er sie gerne saͤhe/ und setzet und denen daraus fliessenden Untug. setzet in solcher Betrachtung tausend angenehme. Dinge zusammen. Weil nun dieses offte/ auch oͤffters in der Conversation selbsten/ wenn sie lan- ge dauert geschiehet/ so schaͤrfft so ein Mensch da- durch am allermeisten sein Ingenium, uñ macht sich zu allerhand artigen Erfindungen/ Maͤhrgen/ Gedichten u. s. w. umb so viel mehr geschickt/ umb so viel mehr ein solch offters Nachdencken bey ei- nem Wohlluͤstigen zu wege bringet/ daß er wuͤrck- lich mehr Lust bey seiner zwar sinnreichen aber ei- telen Vorstellung geniesset/ als bey dem Genuß selbsten. 40. Was nun die Gelehrheit oder die Er- lernung vieler unbekandten Dinge aus anderer Gelehrtẽ ihren Buͤchern oder Discurs en betrifft/ so ist es wol an dem/ daß die Zuneigung zum studi- ren uͤberhaupt weder absonderlich zur Wollust/ noch zum Ehrgeitz/ noch zum Geldgeitz/ sondern zu allen dreyen gehoͤre/ oder auff gewisse masse ge- bracht werden koͤnne; iedoch ist kein Zweiffel/ daß ein Wolluͤstiger natuͤrlicher Weise ja so wohl Begierde habe etwas zu lernen/ als ein Ehr- geitziger und Geldgeitziger/ nur daß sie anders ge- artet ist. Denn ein ieder Mensch will gerne ver- borgene Dinge wissen. Beym studiren aber er- faͤhret man verborgene Dinge. 41. Und ob wohl wohlluͤstige Kinder und wohlluͤstige Student en in niedern und hohen Schulen wenig lernen/ und uͤber sie allenthal- ben geklagt wird/ so muß man doch wohl betrach- ten/ Das 9. H. Von der Wollust ten/ daß hieran die Lehrer guten theils schul- dig seyn/ indem sie die Kinder oder Auditores mit auswendig lernen solcher Dinge/ die diese nicht verstehen/ placken/ (da doch hierinnen keine Ge- lahrheit bestehet) und dadurch/ so wol auch durch ihre Unfreundlichkeit/ auch manchmahl Feindse- ligkeit diesen einen Haß gegen das studi ren erwe- cken/ welches alles nicht wuͤrde geschehen seyn/ wenn man die Sache mit Freundligkeit tractire- te/ ex Ludo Literario nicht Carnificinam mach- te/ und an statt des auswendig lernen und ver- druͤßlichen Worte (zu der sich die Ungedult wohl- luͤstiger Leute nicht schickt/) mit einer anmuthigen Conversation realia tractir te. 42. Hiernechst ist zwar an dem/ daß weil ein Wohlluͤstiger wegen seiner Ungedult und Nach- laͤßigkeit nicht leichte an eine Ordnung sich bindet/ freylich kein Mensche geneigter sey hinter die Schule zu gehen/ Collegia zu versaͤumen/ o- der (wenn es ein Lehrer ist) nicht zu absolvi ren/ und offters propter pocula auszusetzen/ als ein Wol- luͤstiger. Aber deswegen folget nicht/ daß er nicht Lust koͤnne haben etwas zu lernen. Das studi ren ist eben nicht an eine gewisse und ordent- liche Stunde gebunden. 43. So hat demnach das studi ren eines Wohlluͤstigen diese Beschaffenhet/ daß es nicht mit viel Kopffbrechen und subtil en abstrahi ren zu thun habe/ sondern auff Dinge falle/ die mit aͤu- serlichen Sinnen leichte begriffen werden; daß und denen daraus fliessenden Untug. daß es schwer zu gehe eine Sache ordentlich und in Grund aus zu untersuchen/ sondern daß es fein oben hin geschehe und mehr in Conclusioni- bus als fundamentis sich auffhalte; daß es sehr gerne varire und nicht leicht uͤber einer ma- terie bestaͤndig bleibe/ und wenn eine kaum an- gefangen ist/ dieselbe balde wieder liegen lasse/ daß es mehr sein Vergnuͤgen in conversation aber in einer freyen und lustigen mit gelehrten Leuten als in Buͤchern suche; daß es dennoch auff diese falle wenn es jene nicht haben kan/ damit dem Wolluͤstigen die Zeit nicht lange werde; daß es bloß geschehe den Wolluͤstigen zu vergnuͤgen/ und in einer Conversation sich der Gesellschafft angenehm zu machen/ nicht aber andern Menschen dadurch zu dienen/ zumahl wenn diese Dienste muͤhsam seyn. Da- hero wird kein Wolluͤstiger leichte zum sitzefleisch oder zu tieffsiinniger meditation, oder zu weit- laͤufftigen Schrifften/ oder zur information der Jugend zu bringen seyn oder sich schicken; Son- dern wenn es hoch koͤmmt/ wird er geschickt seyn ein festin, comœdie, opere u. s. w. zu dirigi- ren/ ein Gedicht sonderlich in verliebter ma- teria zu machen/ schmeichlende Lob-Reden zu verfertigen u. s. w. 44. So folget demnach dieses hieraus/ daß ein Wolluͤstiger nicht nothwendig muͤsse seine Lust am studiren haben/ sondern daß er auch koͤnne alle sein dichten und trachten auff O conti- Das 9. H. Von der Wollust continuir liches fressen/ sauffen u. s. w. legen/ und dem studiren und gelehrter Conversation feind seyn; Aber es folget auch daraus/ daß Lust am studiren haben der Wollust nicht eben zuwider sey/ sondern der Lust des essens und trinckens subordinirt seyn koͤnne/ und daß dannenhero der jenige/ der zur Lust auff die Wei- se/ als wir im vorigen §. beschrieben/ studiret/ un- ter die jenigen zu rechnen sey/ die von der Wol- lust das meiste bey sich empfinden/ oder empfin- den solten. 45. Lasset uns auch nun die andern Neben- Affecten betrachten/ die wir oben im 7. Haupt- stuͤck der Wollust zugeeignet haben. Der vor- nehmste unter ihnen ist die Tochter der Wollust die Faulheit und Muͤßiggang. Dieses ist ein Laster/ das den Menschen antreibet fuͤr allen thun/ das dem Menschlichen Ge- schlecht zu Nutz gereichen koͤnte/ einen Ab- scheu zu haben/ und entweder mit schlaffen/ oder/ da man nicht allzeit fressen sauffen und huren kan/ mit eiteler und unnuͤtzer Belu- stigung der Sinnen die Zeit und lange Weile zu vertreiben. Sie folget nothwendig aus der Wollust/ weil es natuͤrlich ist/ daß die Er- fuͤllung des Magens mit hitziger oder vielerley Speise/ und die Entgehung der Geister bey der Hurerey/ mehr Schlaff als sonst erfordern/ oder doch schlaͤffrig und verdrossen mache. Nun ist offenbahr/ wenn ich so verdrossen und ge- und denen daraus fliessenden Untug. geschwaͤcht bin/ daß ich mich ohnvermoͤgend be- finde der Lust des Leibes zu bedienen/ ich auch nothwendig muͤsse verdrossen/ ja noch viel ver- drossener seyn zu Dingen/ die dem Menschlichen Geschlecht nutzen/ als wozu eine Munterkeit des Leibes und der Seelen erfordert wird/ ich sey nun in was fuͤr einen vernunfftmaͤßigen Stand ich sonst lebe. Es ist ferner offenbahr/ daß keinen Menschen die Zeit laͤnger werde als einen Wolluͤ- stigen. Weil er nun dieselbe durch nuͤtzliche Din- ge/ als itzt gedacht/ zu vertreiben incapabel ist/ und ferner der Zeit-vertreib eines Ehr- und Geldgeitzi- gen/ als noch viel muͤhsamer/ ihme noch mehr ver- drießlich ist/ so ist ihm nichts uͤbrig als dieselbe mit eitelen und unnuͤtzen Dingen hinzubringen/ die die Sinne nicht eben so empfindlich belustigen/ als das fressen und sauffen u. s. w. aber doch belusti- gen/ in dem sie die Gedancken von dem Verdruß/ den sie ob langer weile empfinden auff eben so nichtswuͤrdige Dinge ziehen daß sie darinnen ihre Ruhe suchen/ z. e. Spielen/ Tantzen/ Spatzie- rengehen/ Schwatzen/ Possen treiben u. s. w. Und dieses heist Muͤßiggang davon unten mit mehrern. 46. Uber dieses ist ein Wolluͤstiger auch ein unbedachtsamer Klaͤtscher. Die unbe- dachtsame Klaͤtscherey ist ein Laster/ das den Menschen antreibet alles/ was er weiß/ so wohl von sich als andern/ ohne Bedenckung der Zeit/ Gelegenheit/ Ort/ und ob es ihm O 2 oder Das 9. H. Von der Wollust oder einen andern schaden moͤge oder nicht/ zu sagen. Also ist nun ein Wolluͤstiger gantz nicht verschwiegen/ sondern gar zu offenhertzig/ er traͤgt sein Hertz in seinen Munde/ und es bren- net ihn alles was er weiß/ daß es ihn recht aͤng- stet/ bis er sich dessen durch das plaudern ent- schuͤttet hat. Die taͤgliche Erfahrung bezeuget solches/ und die Betrachtung des Wesens der Wollust lehret/ daß es nicht anders seyn koͤnne. Beym fressen und sauffen haͤlt man einander nichts vor uͤbel/ und man redet allda/ auch noch ehe man voll wird/ in Tag hinein/ alles unter einander/ ohne Erbarkeit und Bedachtsamkeit. Die Hurerey gewehnet den Menschen an/ erst- lich in verborgenen von unflaͤtigen Dingen zu re- den/ hernach wenn er siehet/ daß seines gleichen Unflaͤter viel seyn/ auch daselbst mit ihnen umb die Wette sich seiner Schande zu ruͤhmen/ und kein Geheimniß daraus zu machen. Zu ge- schweigen/ daß Wein und delicate Speise/ indem die Duͤnste davon unsern Kopff einnehmen/ auch unser Judicium und Bedachtsamkeit schwaͤchen/ auch so lange wir voll sind/ uns dessen Gebrauch gar berauben; Zu geschweigen/ daß wenn das Menschliche Heꝛtz an Huren Liebe haͤnget/ es duꝛch das Liebkosen derselben zerschmeltzet/ daß es sich angewehnet nichts vor derselben zu verbergen. Daraus wird nun eine Gewohnheit. Und weil der Wolluͤstige mehrentheils seines gleichen Leute umb sich hat/ auch ohne dem ein jeder la- sterhaff- und denen daraus fliessenden Untug. sterhaffter Mensch denckt/ ein anderer werde seyn gleich wie er/ so platzt er auch mit seiner un- bedachtsamen Klaͤtscherey aus/ wann er in ande- re Gesellschafft kom̃t. Wenn er nun schon sei- nes Jrrthums gewahr wird/ so kan er doch we- gen der Gewohnheit/ die zur andern Natur worden/ sich nicht aͤndern. Uber dieses/ weil er fuͤr sich mit allen Leuten wolluͤstige Freundschafft zu machen bereit ist/ und jemand an seinen Leibe oder Guͤtern Schaden zu thun/ abhorri ret/ so denckt er auch/ andere seyn eben so gesinnet/ und bedenckt also den Schaden nicht/ der ihm aus seiner Plauderey entstehen koͤnne. Und gesetzt/ daß er solchen erfaͤhret/ rechnet er doch den Feh- ler nicht sich/ sondern andrer Leute Boßheit zu/ und verwundert sich druͤber/ wie sie so lasterhafft seyn und auff alle Worte so Achtung geben/ und daraus als Spinnen Gifft saugen moͤch- ten. Wer nun selber seine eigene Schande nicht zu verbergen weiß/ und sein eigen Ungluͤck durch Unbedachtsamkeit befoͤrdert/ wie wolte der geschickt seyn/ seines Freundes Schande zu ver- bergen/ und sein Ungluͤck durch noͤthige Ver- schwiegenheit zu verhuͤten? 47. Ein Wolluͤstiger ist ein liederlicher verschwendischer Mensch. Liederliche Ver- schwendung die der Gutthaͤtigen Freygebig- keit vernuͤnfftiger Liebe entgegen gesetzet wird/ ist von der der Sparsamkeit entgegen gesetzten Verschwendung/ davon wir oben n. 33. gehan- O 3 del/ Das 9. H. Von der Wohllust delt/ also entschieden/ daß die obige von dem zu verstehen sey/ was ein Wolluͤstiger auf sich selbst wendet/ die itzige aber was er auff andere und seine Freunde wendet. So ist demnach die lie- derliche Verschwendung ein Laster/ das den Menschen antreibet/ andern Wolluͤstigen Leuten oder die ihn zu Befoͤrderung seiner Wollust dienen/ mit seinen Vermoͤgen wil- lig und gerne an die Hand zu gehen/ auch ihnen solches uͤberfluͤßig anzubieten/ daß sie sich dessen zu ihren Verderb und Schaden in Befoͤrderung ihrer Wollust bedienen. Ein Wolluͤstiger haͤnget sein Vermoͤgen an Freß- und Sauff-Bruͤder/ Kupler/ Huren/ Wein- schencken/ Spielleute/ Comoͤdianten u. s. w. auch wenn er selbst von der Ausgabe des Geldes keine Lust zu gewarten hat. Ein Wolluͤstiger ist leichtglaͤubig/ und bildet sich ein/ daß alle Menschen/ die ihn schmeicheln/ und in seiner Wollust dienen/ es gut mit ihm meinen/ und weil er sie als vor seines gleichen haltende und sei- nen eingebildeten Nutzen befoͤrdernde liebet/ und die Verwahrung des Geldes ihm gar zu muͤhsam vorkommt/ er auch warhafftig alle Creaturen unter den Menschen/ folglich auch das Geld we- niger liebet als Menschen/ so kan es nicht fehlen er muß selbiges auff obbesagte Weise ver- schwenden. 48. Ein Wolluͤstiger ist zur Knechtischen submission geneigt. Die Knechtische submis- sion und denen daraus fliessenden Untug. sion ist ein Laster/ das den Wolluͤstigen an- treibt/ andern Menschen/ als ein Sclave/ oder Hund zu schmeicheln/ und sich ihren Willen zu unterwerffen/ damit sie seine Wollust befoͤrdern oder doch dieselbe nicht verhindern. Ein Wolluͤstiger schmeichelt einen Reichen und erweiset ihm alle ersinnliche Ehrer- bietung umb ein Glaß Wein oder einen Braten. Und was fuͤr huͤndisches liebkosen braucht ein Mensch nicht/ dessen Hertz an einer Huren henget/ oder wenn er das Hertz einer Weibes- Person zur Hurerey bereden wil. Daß aber dieses Laster aus der Wollust fliesse/ ist offenbahr. Ein jeder Mensch trachtet/ das seiner Einbildung nach hoͤchste Gut/ durch solche Mittel zu erlangen die darzu befoͤrderlich sind/ und daran nicht hindern. Nun giebts aber die Natur und Er- fahrung/ daß solche huͤndische submission zwar schaͤdlich ist/ grosse Ehre und Geld zu verdienen/ aber befoͤrderlich zu Erhaltung unserer Lust; also muß ein Wolluͤstiger auch zu diesem Laster ge- neigt seyn. 49. Ein Wolluͤstiger ist ungeduldig und verzagt. Ungeduldige Zaghafftigkeit ist ein Laster/ das einen Wolluͤstigen antreibet/ alles/ was der Belustigung seiner Sinnen ein wenig zuwider ist/ vor einen Schmer- tzen und Ungluͤck zu halten und druͤber zu murren/ auch sich zubeklagen/ und die zu Ab- wendung desselben dienliche Mittel aus O 4 Furcht/ Das 9. H. Von der Wollust Furcht/ als ob der Schmertz dadurch ver- mehret oder verlaͤngert werden duͤrffte/ zag- hafftig und mit zittern zu gebrauchen/ oder gar von sich zu stossen. Also wird ein Wol- luͤster ungeduldig/ wenn er durch allerhand Zufaͤl- le dahin gebracht wird/ daß er auff der Erden schlaffen/ Wasser und Brod geniessen/ zu Fusse gehen muß u. s. w. Also ist ein Wolluͤstiger verzagt/ wenn er ein Geschwuͤr sich soll lassen auffstechen/ einen Zahn ausreissen u. s. w. Er schreyet/ wenn der Artzt nur sich reget/ und thut/ als wenn er ihn angreiffen wolle. Dieses Laster fliesset auch aus der Wollust her. Alle unge- wohnte Bewegung und Beruͤhrung unsers Lei- bes erwecket uns Verdruß. Alle Zufaͤlle/ dabey die Sinnen nicht gekuͤtzelt und ver- zaͤrtelt werden/ sind einen Wolluͤstigen unge- wohnet/ wie solten sie ihn dann nicht verdrießlich und ungeduldig machen/ und was solte ihn ver- hindern/ daß er nicht daruͤber murren und sich beklagen solte/ ihm/ der alles zu sagen gewohnt ist/ wie es ihm umb das Hertz ist. Ja wie solte er nicht zittern/ wenn er die Lancette eines Barbierers siehet/ und die Gedancken von den Schmertzen seines Geschwuͤres angefuͤllet hat/ der doch bey gefunden Tagen schreyet/ wenn man ihn ein wenig harte anruͤhret/ und leichte erachten kan/ daß bey Auffschneidung seines Geschwuͤres eine Bewegung in seinem allzuweichen Gehirne ent- und denen daraus fliessenden Untug. entstehen werde/ die viel empfindlicher seyn wer- de/ als die so er allbereit empfindet. 50. Ein Wolluͤstiger ist zwar Jaͤchzornig aber weichhertzig. Die Jaͤchzornige Weich- hertzigkeit ist ein Laster/ das einen Wolluͤsti- gen antreibet/ die zugefuͤgte Beleidigung/ uñ angethanen Schmertzen bald zu Hertzen zu nehmen/ und auf Mittel zu dencken sich zu raͤchen aber von diesen Gedancken und Vor- satz bald wieder ablaͤßt/ theils wegen Man- gel des Zorns/ theils wegen Furcht der Ge- fahr theils wegen guter Worte und andern lubmission des Beleidigenden. Die Em- pfindligkeit und jaͤhe Zorn eines Wolluͤstigen fliessen aus eben der Ursachen her/ die wir bey der Ungedult in vorigen n. gesetzt haben. Wer nun den Wolluͤstigen dißfalls zum Verdruß reitzet/ den hasset er/ und folgbar ist er bemuͤhet/ so lange der Verdruß und Zorn waͤhret/ sich an ihn zu raͤchen. Aber sein Hertz ist weibisch/ und er hat keine Kraͤffte/ wegen seiner Wollust; also ist sein Zorn ohnmaͤchtig/ und die in erster Hitze zusam- men getriebenen Geisterzertheilen sich natuͤrlicher Weise bald wieder. Also hoͤret der Zorn auff; Also entstehet Furcht/ daß nicht durch Wieder- setzung des Beleidigenden noch groͤsserer Ver- druß erwecket/ und er an Belustigung seiner Sin- nen noch mehr gehindert werde. Rachgier laͤsset nicht essen/ schlaffen u. s. w. das ist einem Wolluͤstigen ungelegen/ daß z. e. wegen einmahl O 5 durch Das 9. H. Von der Wollust durch einen andern ihm verderbten Schlaffs/ entzogenen Bissens/ er taͤglich seinen Schlaff und essen abbrechen solte. Also laͤsset er den Zorn fahren. Ja wenn er auch in erster Hitze sich raͤchen wolte und koͤnte/ und der Feind giebt gute Worte/ oder weinet gar/ so laͤsset der Zorn eines Wolluͤstigen nach und veraͤndert sich. Lachen machet wieder lachen/ und Traͤhnen zie- hen Thraͤnen. Weil nun ein Wolluͤstiger viel Wasser in seinen Leibe hat/ kan es nicht fehlen/ es muß das Wasser des bittenden/ auch das Wasser des Wolluͤstigen rege machen/ und da- mit das Feuer seines Zorns ausloͤschen. 51. Ein Wolluͤstiger ist endlich zu Kupler und andern wolluͤstigen Diensten geneigt. Diese wolluͤstige und liederliche Dienstfertigkeit ist ein Laster/ die den Wolluͤstigen antrei- bet/ andern Leuten seines gleichen mit seinen thun und lassen also zu dienen/ daß dadurch ihre Wollust gefoͤrdert und gemehret wird/ wenn er gleich bey diesen Dienst selbst der Wollust nicht wieder geniesset. Ein Wolluͤstiger wird gerne einen andern mit Ver- kuppelung/ Runda singen/ zurichtung delica ter Speise/ Spielen/ Music u. s. w. dienen/ ob er schon keinen Gewinst davon hat. Ein Wol- luͤstiger wuͤnschte/ daß alle Leute so waͤren wie er/ also sucht er/ diesen Wundsch zu erfuͤllen/ so viel zu thun als erkan/ und bildet sich ein/ es wer- den und denen daraus fliessenden Unt. den so auch andere ihm wieder dergleichen thun/ wodurch dann seine Wollust umb ein grosses vermehret werden wuͤrde. Das 10. Hauptstuͤck. Von dem Ehr-Geitz und denen da- her ruͤhrenden Untugen- den. Jnnhalt. Beschreibung des Ehr-Geitzes. n. 1. worinnen er mit andern Lastern uͤberein stimmet/ und von denselben ent- schieden wird. n. 2. Ein Ehr-Geitziger sucher K uhe n. 3. in der Veraͤnderung n. 4. und Vereinigung gleichgesinnter Menschen/ n. 5. 6. 7. aber vergebens/ n. 8 indem er dadurch in eine unendliche Unruhe ge- raͤth n. 9. auch die Veraͤnderung/ nach der er trach- tet/ unendlich ist n. 10. und an endlichen Veraͤnde- rungen kein V ergnuͤgen findet/ n. 11. diese V eraͤnde- rung selten in seinen V ermuͤgen ist n. 12. und er uͤber Dinge empfindlich ist/ die einen andern keinen Verdruß erwecken wuͤrden. n. 13. Ein Ehr-Geitzi- ger trachtet nach der Hochachtung anderer Leute n. 14. und zwar einer solchen/ daß sie sich nach ihm richten n. 15. und achtet dieselbe hoͤher als Geld n. 16. E in Ehr-Geitziger/ so ferne er Ehr-Geitzig ist/ trachtet nicht nach Gelde n. 17. Unterscheid zwischen der Hochachtung anderer Leute/ die ein Tugend- haffter und Ehrgeitziger verlangen. n. 18. Ein Ehr- geitziger trachtet nach aͤußerlichen Ehrbezeugungen n. 19. und zwar fuͤrnemlich nach aͤußerlichen Gehor- sam Das 10. H. von dem Ehrgeitz sam n. 20. Ein Tugendhaffter trachtet nach Freyheit/ ein Ehrgeitziger aber nach Botmaͤßigkeit. n. 21. Ein Tugendhaffter verlanget Auffeichtigkeit/ ein Ehr- geitziger Ceremonien/ n. 22. jedoch Gehorsam mehr als C eremonien n. 23. Oderint dum metuant hat einen andern V erstand in dem Munde eines Tu- gendhafften/ als eines Ehrgeitzigen. n. 24. Ein Ehr- geitziger wil die Hochachtung anderer Leute durch Hochachtung sein selbst erhalten n. 25. 26. und durch kluge und kuͤhne Thaten. n. 27. Ein Ehrgeitziger hat ein gut Judicium n. 28. aber kein sonderlich Inge- nium n. 29. und Gedaͤchtniß n. 30. Wie das studie- ren eines Ehrgeitzigen beschaffen sey? n. 31. 32. Der veraͤchtliche Hochmuth eines Ehrgeizigen n. 33. ist mit einem Worte ein ertraͤglicher Stoltz n. 34. der nicht leichte in oͤffentliche Verachtung ausbricht n. 35. und nicht hoͤfflich/ aber auch nicht grob ist. n. 36. Die grimmige Tollkuͤhnheit eines Ehrgeizigen n. 37. ist auf eine andere Art ungedultig als ein Wolluͤstiger n. 38. Die zornige K achgier eines Ehrgeizigen entsprin- get aus dem Hochmuth und Tollkuͤhnheit/ n. 39. und ist von dem Jaͤh-Zorn eines Wolluͤstigen mercklich entschieden n. 40. Die hartnaͤckigte Stoͤckischheit eines Ehrgeizigen. n. 41. ruͤhret aus seinem Hoch- muth/ Kuͤnheit und Zorn her. n. 42. Die eitele V er- schwendung eines Ehrgeizigen/ worinnen selbige bestehe? n. 43. 44. ingleichen seine S toische Faste und Unempfindligkeit/ n. 45. Seine Genauigkeit/ n. 46. Seine wachsame Arbeitsamkeit n. 47. und sei- ne Banditen-Dienste n. 48. 1. D Er Ehrgeitz ist eine Gemuͤths-Neigung die ihre Ruhe in stetswaͤhrender veraͤnderlicher Hochachtung und Gehor- und denen daher ruͤhrenden Unt. Gehorsam anderer/ sonderlich aber gleich- gesinnter Menschen/ durch Hochachtung sein selbst und Unterfangung theils verschmitz- ten theils gewaltsahmer Thaten/ vergebens sucht/ und dieser wegen mit gleichgearteten Menschen sich zu vereinigen trachtet. 2. Der Ehrgeitz hat abermahls dieses mit denen andern Lastern gemein/ daß er seine Ruhe in stetswaͤhrender Veraͤnderung vergebens suchet/ und deswegen sich mit seines gleichen zu vereinigen trachtet. Daß er aber diese Ruhe in der Hochachtung und Gehorsam an- derer Menschen suchet; daß er dieselbe durch Hochachtung sein selbst und Unterfangung gewaltsamer Thaten zu erhalten trachtet/ dadurch wird er von Wollust und Geld-Geitz entschieden. 3. Ein jeder Ehrgeitziger suchet Ruhe und trachtet darnach: Er denckt/ wenn er nur dieses oder jenes Ampt/ diese oder jene Macht erhalten haͤtte/ wolte er ruhig seyn/ wenn er nur aus dem Stande/ darinnen er lebet/ heraus kommen und was mehrers werden koͤnte: oder er denckt dieses oder jenes Ampt zu erlangen/ daß er hernach der Arbeit entuͤbriget seyn und ruhi- gere Tage haben moͤchte: Oder wenn er gleich so thoͤricht ist/ daß er nach der Herrschafft der gantzen Welt trachten solte/ wuͤrde er sich doch bereden/ daß er alsdann ruhig seyn wuͤrde/ wenn er solches wuͤrde erlanget haben/ und solcher Ge- stalt Das 10. H. von dem Ehrgeitz stalt doch in der Herrschafft der gantzen Welt seine Ruhe suchen. 4. Ein jeder Ehrgeitziger suchet seine Ruhe in der Veraͤnderung. Jst die eine Ar- beit gethan/ es ist ihm ohnmoͤglich/ er kan nicht muͤßig gehen/ so muß er nohtwendig eine andere anfangen/ oder er hat gemeiniglich so grosse Lust zur Veraͤnderung/ daß er mit einerley Arbeit auf einmahl nicht zu frieden ist/ sondern vielerley zu- gleich anfaͤngt/ auch so bald die eine fertig/ wie- derumb was anders an deren statt vornimt/ ob schon die andern noch nicht vollendet sind. Also ist es auch mit der Macht und Aemptern/ ist er Kuͤster/ so wil er Diaconus, dann Archi-Diaco- nus, dann Pastor, dann Superintendent, dann General Superintendent, dann Generalissimus, dann Ober-Hoff-Prediger/ dann Pabst u. s. w. seyn. Jst er Schreiber/ so wil er Secretarius, dann Geheimer Secretarius, dann Rath/ dann Cantzler/ dann Geheimer Rath/ dann Premier Ministre u. s. w. seyn; 5. Ein Ehrgeitziger trachtet darnach wie er stetswaͤhrend gleich geartete Men- schen mit sich vereinigen moͤge. Er ist zwar nicht in allen Gesellschafften wie ein Wolluͤsti- ger/ er ist geschickt die Zeit mit Dencken zu ver- treiben wenn er allein ist/ aber sein Zweck gehet doch dahin/ diese Gedancken in Gesellschafft an- derer Menschen seines gleichen an zu wenden. Er besucht seine Collegia fleißig/ er wartet fleißig seinem und denen daher ruͤhrenden Unt. seinem F uͤrsten oder Patronis auff/ er suchet die Gesellschafften vornehmer/ gelehrter/ oder sonst beruͤhmten Leute/ und außer diesem ist er am iiebsten wo er andern was befehlen kan/ und in Gesellschafft solcher Leute/ die ihm wieder auffwarten/ und wuͤrde man einen Ehrgeitzigen so wohl als Wolluͤstigen einen grossen Tort an- thun/ wenn man sie beyde etliche Tage von aller Gesellschafft Leuten ihres gleichen absonderte. 6. Aber darinnen ist zwischen einen Wol- luͤstigen und Ehrgeitzigen ein grosser Unter- scheid. Ein Wolluͤstiger weil er gar zu com- plaisant ist/ suchet mehr mit andern als andere mit sich zu vereinigen/ ein Ehrgeitziger herge- gen ist mehr bemuͤhet andre mit sich als sich mit andern zu vereinigen. Das ist: ein Wolluͤstiger laͤst sich gerne von andern regieren und folget lie- ber nach als daß er vorgehet/ ein Ehrgeitziger hin- gegen wil allezeit/ daß andere ihm nachgehen und sich von ihm regieren lassen sollen/ und wenn er schon mit hoͤhern Leuten umbgehet/ ihnen allen ersinnlichen respect erzeiget/ so strebet er doch darnach/ daß er sich ihnen necessair und unent- behrlich mache/ oder auf eine andere Weise Mei- ster uͤber ihre Hertzen werde. 7. Ferner gleich wie einen Wolluͤstigen die Zeit schrecklich lang wird/ wenn er in Gesell- schafft Ehrgeitziger Leute seyn/ daselbst er- bar thun/ arbeiten/ oder von nichts als ernst- hafften und hohen Dingen reden hoͤren soll. Also wuͤrde Das 10. H. von dem Ehrgeitz wuͤrde es einem Ehrgeitzigen unertraͤglich seyn/ wenn er etliche Tage in Gesellschafft recht liederlicher wolluͤstiger Leute zubringen soll. 8. Ein Ehrgeitziger suchet aber verge- bens die Ruhe in solcher Veraͤnderung und Vereinigung. Die Leute mit denen er am lieb- sten umgehet/ sind gemeiniglich eben so Ehrgei- tzig als er/ und also bemuͤhen sich diese auf gleiche Weise uͤber sein Hertz zu herrschen als er uͤber das Jhrige/ woraus dann nichts anders als Unruhe auf beyden theilen erfolgen kan. Es zeuget sol- ches die taͤgliche Erfahrung. Man betrachte nur/ was zwey Ehrgeitzige Gemuͤther von unterschiedenen Geschlechte/ wenn sie sich in einander verlieben/ durch jalousie, Kaltsinnig- keit und andere Fuͤndgen/ dadurch immer einer Meister von des andern Hertzen zu werden trach- tet/ einander taͤglich fuͤr Marter anthun; ja man erwege nur/ was z. e. bey Hofe ein Ehrgeitziges Gemuͤthe fuͤr Verdruß/ nicht nur von seinen Be- foͤrderern/ denen er es selten recht machen kan/ sondern die immer etwas an seinen Thun zu mei- stern finden/ sondern auch von seinen Clien ten (dann bey Hofe hat auch der Kuͤchen-Bube sei- ne Clien ten/) die/ wenn sie geschickter seyn als andere/ oͤffters allzuwohl wissen/ daß ihr Befoͤr- derer ihrer nicht wohl entbehren koͤnne/ und also vielfaͤltig ihren Kopff wider seinen Willen auff- setze/ einfressen muß. 9. Ja und denen daraus fliessenden Untug. 9. Ja/ es findet ein Ehr-Geitziger in seinem Ehr-Geitz eine unendliche Unruhe. Man sagt zwar/ daß die Eyfersucht dergleichen verliebter Leute ihre Liebe noch staͤrcker mache/ und ist nicht zu laͤugnen/ daß solche Gemuͤther/ wenn sie wieder Friede gemacht/ eben deßwegen/ weil ihre vorige Qvaal durch gegenwaͤrtiges Ver- gnuͤgen versuͤsset worden/ desto mehr Freude em- pfinden/ ingleichen daß eines Ehr-Geitzigen Freu- de durch die Abwechselung desto groͤsser ist/ wenn ihm sein Befoͤrderer/ da er ihn vonnoͤthen hat/ wieder liebkoset/ oder wenn er seinen Clienten, da er ihn befoͤrdern soll/ oder sonst seiner begeh- ret/ das Leben wieder sauer machen kan; Aber das ist eine Haupt-Verwirrung des Verstandes der Ehr-Geitzigen/ daß sie in solcher empfindli- chen Abwechselung/ als welches ein wesentli- ches Stuͤck der Unruhe ist/ ihre Ruhe suchen/ oder sich einbilden/ durch diese Unruhe endlich zur Ruhe zu gelangen: Ehr-Geitzige Verliebte vertragen sich des Tages zwantzigmahl/ aber sie verzuͤrnen sich auch wieder zwantzigmahl mitein- ander. Und die Patron en bey Hoffe rechnen die caressen, die sie ihren Clienten zur Zeit der Noth thun muͤssen/ theuer genug an; ja es schreiben die Clienten hinwiederum es fleißig hinter das Ohr/ wenn ihr Befoͤrderer ihnen die Befoͤrde- rung sauer gemacht; und sehen also beyderseits den geleisteten Dienst nicht als eine Gutthat/ son- P dern Das 10. H. von dem Ehrgeitz dern als eine Rach-verdienende Beschimpffung an. 10. Zu geschweigen/ daß die Veraͤnderung/ darinnen ein Ehr-Geitziger seine Ruhe suchet un- endlich ist. Es giebt alle Tage was neues zu thun/ sich einen grossen Nahmen in der Welt zu machen/ und wer allezeit viel Geschaͤffte zu- gleich auf dem Halse hat/ auch da eines sich en- det/ alsobald ein anders wieder anknuͤpfft/ der darff sich nicht wundern/ daß dieselbe sich Zeit seines Lebens nicht enden: So sind auch die Eh- ren Staffeln und der Ruhm/ darnach ein Ehr- geitziger Mensch trachtet/ unendlich/ zum wenig- sten in Ansehen seiner: Es darff niemand mit Alexandro wuͤnschen/ daß noch mehr Welte waͤren/ damit er nach seines Vaters Tode seinen Ehr-Geitz zu vergnuͤgen etwas zu thun finden moͤchte; Die groͤsten Monarchen und Helden sind von Bezwingung der gantzen Welt iederzeit noch so weit entfernet blieben/ daß das ehrgei- tzigste Gemuͤthe noch allemahl mehr Arbeit und Veraͤnderung fuͤr sich findet/ als es jemahls aus- zufuͤhren vermoͤgend ist. 11. So ist auch abermahls das Hertz eines Ehr-Geitzigen so geartet/ daß er an einer end- lichen Veraͤnderung kein Vergnuͤgen finden kan. Sein Verlangen st e het nach eitelen Din- gen/ und das Gute/ das er darunter sucht/ beste- het in blosser Einbildung: Die Einbildung der- gleichen Dinge stellet uns allemahl ein Ding/ das und denen daraus fliessenden Untug. das wir nicht besitzen/ groͤsser vor/ als es ist/ oder doch ohne die Verdrießligkeit damit alle Dinge vergesellschafftet sind. So erwecket dan- nenhero hernach die Besitzung desselben nicht al- leine durch den taͤglichen Gebrauch/ sondern auch durch die Erkaͤntnuͤß/ daß der Genuß so an- genehm nicht ist/ als wir uns solchen eingebildet/ und durch den daher entstehenden Widerwillen/ daß wir uns betrogen haben/ der nicht/ als er wohl solte/ auf uns selbst/ sondern auf die un- schuldige Sache faͤllt/ und endlich durch das Ko- sten der mit verknuͤpfften Bitterkeit/ nothwendig einen Eckel/ daß wir unsere Begierde veraͤn- dern. 12. Zu geschweigen/ daß diese Veraͤnde- rung/ die ein Ehr-Geitziger verlanget/ nicht al- lemahl/ ja gar selten in seinem Vermoͤgen ist. Wolluͤstige sind noch einander behuͤlfflich/ ihre Lust zu buͤssen/ und finden so offte eben bey an- dern keine grosse Hinderung. Aber Ehr-Gei- tzige muͤssen auch von Leuten/ die ihnen gleich- geartet seind/ die groͤste Hinderung gewaͤrtig seyn/ und wenn ein Ehrgeitziger den Kummer/ Muͤhe/ Arbeit/ Zorn und Verdruß/ die er vor Erhaltung einer geringen eitelen Ehre ertragen muß/ mit dieser auff eine Wagschale legen solte/ wurde er befinden/ daß er mehrentheils einen Centner verdruß umb ein Loth Ehre in sich fressen muͤsse/ wer wolte dann sagen/ daß P 2 bey Das 9. H. Von dem Ehrgeitz bey seiner Begierde ein solcher Mensch einige Ru- he finden koͤnte. 13. Zumahlen da ein Ehr-Geitziger vie- ler verdrießligkeit unterworffen ist/ daruͤ- ber ein anderer sich nicht bekuͤmmern wuͤr- de/ wenn ihm nemlich die Leute nicht so viel Ti- tel mehr geben als zuvor/ wann sie sich nicht mehr so tief vor Jhn buͤcken/ nicht so viel Staͤndgen bringen/ nicht mehr gehorchen/ wenn sein Haus/ das sonst von Aufwaͤrtern an- gefuͤllet war/ und der Platz vor denselben/ da man sonst wegen der vielen Carossen/ kaum ge- hen konte/ bey Veraͤnderung seines Gluͤcks ledig und Raum genug wird/ wenn er seines Ehren- diensts erlassen/ wenn er von andern veraͤcht- lich gehalten/ seine Schrifften/ sein Schild und Helm durch den Hencker verbrennet und zubrochen/ oder sein Nahme an den Galgen angeschlagen wird. Dieses sind alles Dinge/ die einem Ehr-Geitzigen (wenn er schon dieselbe unschuldig leidet/) das Hertze abfressen/ da hin- gegen/ ich wil nicht sagen/ ein Tugendhaffter hieruͤber ruhig bleibet/ sondern auch ein Wohl- luͤstiger und Geld-Geitziger sich hieruͤber/ so viel die Ruͤhrung des point d’ honneur betrifft/ we- nig Unruhe machen. 14. Der Haupt-Unterscheid zwischen dem Ehr-Geitz und denen andern Lastern bestehet dar- innen/ daß der Ehr-Geitzige seine groͤste Gluͤck- seligkeit darinnen suchet/ daß andere Leute ihn und denen daraus fliessenden Untug. ihn hochhalten/ das ist/ von ihm eine bessere Meinung als von andern Menschen hegen/ und ihn vortrefflicher halten/ als andere/ auch die- se ihre Hochachtung mit aͤusserlicher Ehr-Be- Bezeugung am allermeisten aber mit aͤusserli- chen Gehorsam bezeigen. Es beweiset zwar solches die taͤgliche Erfahrung/ ader es wird den- noch nicht schaden/ wenn wir die Sachen ein we- nig genauer uͤberlegen. 15. Ein Wohlluͤstiger siehet wohl gerne/ daß andere mit ihm lustig sind/ seine Thaten loben/ auch wenn er was angiebet/ mit machen; aber er prætendir et eben keinen Gehorsam von ih- nen/ und singet z. e. mit ja so grossen Vergnuͤgen ein Sauff-Lied andern nach als vor/ er aͤrg er t sich nicht/ wenn man ihm z. e. nicht einschencken/ oder sonst nicht pariren wil/ wenn er nur was hat/ daß er sich selbst einschencken kan. Was andere Leute von ihm sagen/ ob sie ihn loben oder schelten/ dar- umb bekuͤmmert er sich wenig/ sondern wann man ihm vorsaget: Was werden die Leute dazu sa- gen/ beantwortet ers mit einem liederlichen Lirum Larum. Aber ein Ehrgeitziger ist da- mit nicht zu frieden/ wann andere Leute einen Wohlgefallen an seinen Thaten haben und selbige loben/ sondern er wil eine solche Hoch- achtung von ihnen haben/ daß sie auch nach sei- nen Thun sich richten/ und zwar nicht in Din- gen die gemeine sind/ und die Menschen veraͤcht- lich machen/ als Z. E. Sauff- und Buhlen-Lieder P 3 singen Das 10. H. von dem Ehrgeitz singen u. s. w. sondern in solchen die aus einen sol- chen Grunde herruͤhren/ daß ein Mensch zum regieren tuͤchtig sey/ welche Tuͤchtigkeit aus wohlluͤstlgen Thaten nicht pfleget hergeleitet zu werden. 16. Gleichergestalt so achtet es ein Geld- geitziger nicht was die Leute von ihn sagen/ und lacht wohl daruͤber/ wenn sie ihn einen Schelm heissen/ wenn sie ihn nur den Beutel lassen. Er achtet auch die Ehrbezeigungen anderer nicht/ er nimt lieber einen Groschen/ als daß man sich viel fuͤr ihm buͤcket/ oder ihm viel Titel giebet/ ja er wird sich zur Erde niederlegen wenn er nur Geld krieget. Da hingegen einen Ehrgeitzi- gen z. E. ein Staͤndgen/ eine Lob-Schrifft und s. w. lieber ist als wenn man ihm viel Geld schenckete. 17. Es scheinet zwar/ daß der Ehrgeitz un- terschieden sey/ indem viele Ehrgeitzige sich nicht mit blosser Hochachtung und ehrerbietigen Ge- horsam abspeisen lassen/ sondern von denen die ihnen gehorchen grosse Summen Geldes erpressen/ und also nicht an blosser Ehre sich be- gnuͤgen lassen. Aber wir muͤssen nicht dieses alles was Ehrgeitzige Leute thun dem Ehrgeitz zu- schreiben/ sondern auff die Passion acht haben die mit dem Ehrgeitz vermischt ist. Sind sie Geldgeitzig neben dem Ehrgeitze/ so muß man diese Geld-Pressung dem Geldgeitze zuschreiben. Sind sie aber Wohlluͤstig dabey/ so wird ent- weder und denen daher ruͤhrenden Unt. weder solches von ihnen nicht geschehen/ oder da es geschiehet/ wird dieses auffgebrachte Geld ge- wiß zum point d’honneur an andere verwendet werden/ und also selbiges von dem Ehrgeitzigen als ein blosses Mittel zu seinen Verlangen das ist zu anderer Leute Hochachtung zu gelangen/ nicht aber als das Verlangen selbst betrachtet werden. 18. Aber was ist fuͤr ein Unterscheid zwi- schen einen Tugendhafften und Ehrgeitzigen/ in- dem ein Tugendhaffter eben/ weil er nach anderer tugendhafften Leute Liebe trachtet/ noth- wendig nach derselben Hochachtung trachten muß/ massen wir in vorigen Theil gewiesen/ daß die Hochachtung allemahl vor der vernuͤnfftigen Liebe vorher gehen muͤsse? Aber hierunter ist ein mercklicher Unterscheid. Jn der vernuͤnfftigen Liebe werden Hertzen durch Hertzen gesucht/ und die Hochachtung ist nur die Bahne dadurch man gehet/ nicht aber das Ziel. Ein Tugend- haffter sucht nur die Hertzen gleich gesinnter Leu- te/ und diese weiß er gewiß/ daß er sie erhalten werde/ weil es nothwendig ist/ daß tugendhaffte Leute andere Tugendhaffte lieben muͤssen/ also verlanget er ein Gut das in seinen Vermoͤgen ist. Ein Ehrgeitziger aber trachtet nach der Hoch- achtung anderer Menschen uͤberhaupt/ ob schon diese zu erhalten nicht in seinem Vermoͤgen/ ja absolut unmoͤglich ist/ massen kein Mensch aller Menschen Hochachtung erhalten mag. Ein P 4 Hoffaͤr- Das 10. H. von dem Ehrgeitz Hoffaͤrtiger betruͤbet sich eben nicht sehr/ wenn tugendhaffte/ wohlluͤstige und Geldgeitzige Leute ihn nicht æstimi ren/ jedoch kan er auch nicht vertragen/ daß sie ihn verachten/ oder sich seinen Willen widersetzen. Absonderlich aber sucht er sein Vergnuͤgen in der æstim und veneration anderer Ehrgeitzigen Leute/ die doch zu erlangen am allerwenigsten in seinen Vermoͤgen ist/ in dem natuͤrlicher weise ein ehrgeitziges Gemuͤthe sich fuͤr dem andern fuͤrchtet; Wo Furcht ist ist keine Liebe/ und wo keine Liebe ist/ ist keine warhafftige Hochachtung. 19. Ein Tugendhaffter kan die Schmeich- ler nicht wohl vertragen/ die anders reden als es ihnen ums Hertze ist/ weil er nicht Worte und eußerliche Bezeugungen sondern das Hertze su- chet. Ein Ehrgeitziger aber zweiß wohl daß die wenigsten die ihm Ehre bezeigen es von Her- tzen meinen; Aber er ist zu frieden/ wenn sie ihn nur mit Worten schmeicheln und mit eußerlichen Thaten sich anstellen als wenn sie ihn hoch ach- teten; und deswegen gehet er allemahl lieber mit seines gleichen falschen Leuten als mit auff- richtigen umb. 20. Ein Tugendhaffter prætendi ret von einen andern Tugendhafften keinen Gehorsam/ sondern Liebe/ daß ist eine Wechselgefaͤlligkeit und Vereinigung der Hertzen/ da keines dem an- dern zu befehlen/ und doch beyde einander zu ge- horchen trachten. Aber ein Ehrgeitziger suchet sein und denen daher ruͤhrenden Unt. sein groͤstes Vergnuͤgen darinnen/ daß er andern Leuten befehlen moͤge/ und ist ihm zuwider wenn er andern was zu gefallen thun soll. Jch weiß ja wohl/ daß ein Ehrgeitziger denen Leuten die uͤber ihn sind viel Dinge zu gefallen thut/ und man mehr mit ihm als mit Wohlluͤstigen und Geld- geitzigen ausrichten kan; Aber es gehet diese Dienstleistung nicht von Hertzen/ wie bey einem Tugendhafften/ sondern sie ist allemahl interessi- ret/ und ein Ehrgeitziger trachtet allemahl darnach durch solche Dienstleistungen entweder eine sol- che Befoͤrderung zu erlangen/ daß er andern Leuten befehlen kan/ oder aber das Hertz des jenigen selbst/ den er Dienste leistet zu uͤbermei- stern/ daß er hernach selbiges desto enger in sei- nen Befehlen erhalten moͤge. 21. Es ist zwar die Freyheit/ wenn man nach der sich selbst gelassenen Vernunfft davon reden wil/ ein Gut das nicht zu verachten/ son- dern in seinen Werth zu lassen ist/ und ist zum wenigsten kein Zweiffel/ daß/ wenn ein weiser Mann die Wahl hat zur Freyheit oder Knecht- schafft zu greiffen/ er nicht lieber zu jener greiffen werde; weil er andere Ursachen zu geschweigen/ in der Freyheit meherer Proben seiner venuͤnff- tigen Liebe durch ungezwungene Thaten erwei- sen kan als in dem er in gehorsam stehet/ und man also nicht allemahl sehen kan/ ob er ein Ding freywillig oder aus Gehorsam und Furcht ge- than. Und pflegen sich offte Ehrgeitzige Leute P 5 damit Das 10. H. von dem Ehrgeitz damit zu liebkosen oder bey andern zu entschuldi- gen/ daß es vernuͤnfftig sey nach hohen Ehren zu trachten damit man durch diese Frey- heit seine gute Thaten desto besser moͤge zu erkennen geben: Aber es ist auch hierinnen ein Unterscheid zwischen einen Tugendhafften und Ehrgeitzigen: Jener verlanget sich aus der Sclaverey zu erledigen/ daß er nicht unter anderer Gewalthaͤtigkeit und Gebot leben moͤ- ge: Dieser aber trachtet andere unter seine Gewalt zu bringen. Jener ist mit Freyheit zu frieden/ und fliehet nur die Sclaverey/ kan aber wohl eine vernuͤnfftige Unterthaͤnigkeit mit der Freyheit vereinigen: Dieser aber verachtet Freyheit ohne Botmaͤßigkeit/ und will keinen Menschen unterthaͤnig seyn. 22. Also ist auch ein Unterscheid zwischen einen Tugendhafften und Ehrgeitzigen/ was die eußerlichen Bezeugungen anderer betrifft. Ein Tugendhaffter ist zu frieden wenn andere fein auffrichtig und ohne ceremoni en/ jedoch nicht grob mit ihm umgehen/ und er muthet de- nen Leuten nicht gerne etwas zu thun zu; Aber ein Ehrgeitziger kan dergleichen offenhertzige con- versation nicht vertragen/ sondern je mehr Ceremoni en man ihn erweiset/ je lieber ist es ihm/ und sein Vergnuͤgen wuͤrde zunehmen/ je- mehr er Leuten zugleich was anbefehlen und ih- nen zu thun geben koͤnte. 23. Ja und denen daher ruͤhrenden Unt. 23. Ja unter denen eußerlichen Zeichen der Hochachtung wird ein Ehrgeitziger am aller- meisten auf den eußerlichen Gehorsam fallen. Und wie sich ein Geldgeitziger durch reverenze nicht abspeisen laͤst/ sondern man muß ihn Geld geben: Also laͤsset sich auch ein Ehrgeitziger nicht mit andern Bezeignungen abweisen/ sondern man muß ihn gehorchen/ und wenn er ja eines wehlen soll/ wird er lieber gehorsam ohne Ehr- erbietung als Ehrerbietung ohne Gehorsam sich wuͤndschen. 24. Doch fragt er nach dem Hertzen nicht viel. Wenn man nur seine Befehle aus- richtet wie er verlanget/ und ihme Ehre erweiset/ wenn man ihm schon in Hertzen feind ist. Ode- rint dum metuant ist der Leib-Spruch eines Ehrgeitzigen/ und zwar in einer gantz anderen Bedeutung/ als wenn ein Tugendhaffter sich dessen bediente. Bey diesem wuͤrde es so viel heissen. Gottlose boͤse Leute moͤgen mich immer hassen/ wenn ich nur so viel tugendhaffte Freunde habe/ daß meine Feinde sich scheuen ihr Muͤthlein an mir zu kuͤhlen. Aber bey einem Ehrgeitzigen wil es so viel sagen: Alle Welt mag mich hassen/ wenn ich nur so viel Macht und Gewalt habe/ daß sich alle Welt fuͤr mir fuͤrchten muß. 25. So unterschieden nun das Absehen eines Tugendhafften und Ehrgeitzigen ist/ so unterschieden sind auch die Mittel derer sich beyde Das 10. H. von dem Ehrgeitz beyde bedienen/ ihr Absehen zu erhalten. Ein Tugendhaffter braucht eine freundliche Leut- seligkeit und Bescheidenheit gegen jederman/ und wenn er sich schon nicht schlimmer haͤlt als andere/ so ziehet er sich doch auch andern nicht vor/ sondern beobachtet allenthalben die Gleich- heit Menschlicher Natur als das beste Band des Friedens. Aber ein Ehrgeitziger hat diese maxime, die man ihm auch zum oͤfftern andern zur Lehre geben hoͤret: Wer auff sich selbst nichts haͤlt/ auff den halten andere Leute wieder nichts. Man muß/ spricht er/ sich nicht mit allen Leuten gemein machen. Man muß sei- nen Character in acht nehmen. Es muß gleich- wohl ein Unterscheid unter den Leuten seyn. Lie- derliche Gemuͤther oder Geldgeitzige machen sich mit andern Leuten gemein: und die all zu grosse Gemeinmachung gebieret nothwendig eine Verachtung. 26. Aber O eitele Schluͤsse! Elender Mensch! wer hat dich beredet/ daß andere Leute dich nach deinen Augen schaͤtzen und nicht die ihrigen brauchen werden. Kanstu kein Mittel unter stoltz und gemein machen/ unter der Lie- derlichkeit der Wolluͤstigen oder Sclaverey der Geldgeitzigen und der tugendhafften Bescheiden- heit machen. Gemeinmachung bringet Ver- achtung/ aber Einbildung bringet Haß. Je vornehmer der Character deines Standes ist/ jemehr wird derselbe durch Bescheidenheit und Leut- und denen daher ruͤhrenden Unt. Leutseligkeit gezieret/ und jemehr wird er durch Hochmuth verunehret. 27. Welcher Mensch wolte so naͤrrisch seyn und einen andern umb nichts hoch achten/ nur weil er selbst viel auff sich haͤlt? Dieses be- greifft nun auch ein Ehrgeitziger wohl/ drumb be- muͤht er sich nebst seiner Hochachtung gegen sich/ andere Leute durch seine Thaten zu verblen- den. Denn er kan an den Fingern abzehlen/ daß der jenige den man als einen ungemeinen Menschen hoch achten solle/ auch ungemeine Thaten thun muͤsse. Was sol nun ein Ehrgei- tziger fuͤr Thaten thun; Ungemeine Liebe hat er nicht/ aber er hat einen ungemeinen Verstand/ und ungemeinen Muth; also trachtet er dar- nach wie er durch selbigen sich bey andern Men- schen in Hochachtung bringen moͤge: Seine Anschlaͤge seyn scharffsinnig und voll Witze/ seine Thaten kuͤhne und gewaltthaͤtig/ er scheuet keine Gefahr und waget sein Leben so zu sagen umb nichts/ und dadurch erlanget er den Nahmen eines klugen und Hertzhafften Men- schen/ bey denen die die wahre Klugheit und Hertzhafftigkeit nicht kennen/ das ist bey den meisten Menschen. Dieses beredt sie/ daß sie einem Ehrgeitzigen eußerlichen respect und Ge- horsam erweisen/ entweder aus Furcht fuͤr seiner Kuͤhnheit/ wenn sie Wohlluͤstig/ und Ver- schlagenheit/ wenn sie Geldgeitzig/ oder aus Hoff- Das 10. H. von dem Ehrgeitz Hoffnung seiner Klugheit und Kuͤhnheit sich zu bedienen/ wenn sie Ehrgeitzig sind. 28. Nun wollen wir den Ehrgeitz/ nach sei- nen Vortheilen und Maͤngeln betrachten/ die wir in der Tabelle des 7. Hauptstuͤcks ihm zu- geeignet haben. Wir wollen von letzten/ nem- lich von Verstande anfangen. Ein Ehrgeitzi- ger hat ein ungemein Judicium, aber keine son- derliche ingenieuse Erfindung/ auch kein sonderliches Gedaͤchtniß. Ehrgeitz hat das Decorum in die Welt gebracht. Dieses hat keinen festeren Grund/ als die Willkuͤhr Ehrgei- tziger oder solcher Leute die von andern geehret und gefuͤrchtet werden. Und weil derselbige auff Eitelkeit gestuͤtzet und hoͤchst veraͤnderlich ist/ so kan man auch das decorum durch unbetruͤgliche Grund-Regeln nicht erlernen/ sondern es gehoͤ- ret eine continuir liche und genaue Auffmer- ckung und zwar auff die geringsten Kleinig- keiten dazu/ weil das decorum alle Tage sich aͤndert/ und an allen Orten anders ist. Will sich nun ein Ehrgeitziger bey andern Ehrgeitzi- gen insinui ren/ so muß er sich des Decori be- fleißigen/ sonst hoͤret er das bekante Sprichwort: Qui proficit in literis \&c. Wer noch so ge- lehrt ist/ und keine gute Sitten (denn die Welt heißt nicht die tugend/ sondern die Eitelkeit des Decori, oder die mode gute Sitten) an sich hat/ den kan man zu nichts brauchen. Und wo wolten auch sonst die mora ten Leute herkom- men! nnd denen daher ruͤhrenden Unt. men! Ein Wohlluͤstiger fragt nichts darnach/ sondern er ist vielmehr ein Meister von indeco- ro, welcher bey uns Teutschen mit einen Worte pfleget ein Grobianus genennet zu werden. Ein Geldgeitziger hat die Gedult nicht seine Sin- nen auff das decorum zu wenden/ und darauff Achtung zu geben/ weil sein Kopff mit Rechnun- gen angefuͤllet ist. So kann es dann nicht feh- len/ weil ein Ehrgeitziger stets auff den Unter- scheid der geringsten Dinge in dem gegenwaͤr- tigen decoro (denn das vergangene oder das studium antiquitatis hilfft ihn hierbey wenig) Achtung giebet/ er sein judicium dadurch uber- aus exerci ren und schaͤrffen muͤsse. Und wenn nun sein Judicium in solchen Dingen die keinen gewissen Grund haben geschaͤrffet ist/ so ist leichte zu gedencken/ daß er auch geschickt seyn werde/ in Wissenschafften/ die einen gewissen Grund ha- ben fuͤr andern damit zu advanci ren/ wenn er sich nur darauff applici ren wil. 29. Ein Ehrgeitziger ist zwar nicht gantz ungeschickt zu ingenieusen Erfindungen: Denn weil er in dem decoro auff alles Achtung giebet/ so muß er auch darauff Achtung geben/ was sich zusammen schickt. Ja uͤberhaupt/ wer den Unterscheid eines Dinges genau weiß/ der weiß auch nothwendig die Gleichfoͤrmigkeit die es mit etlichen andeꝛn Dingen hat. Aber es kan doch ein Ehrgeitziger auch nicht sagen/ daß er ein ungemein Ingenium habe/ oder daß er an inge- nieu- Das 10. H. von dem Ehrgeitz nieu sen Erfindungen den Wohlluͤstigen gleich komme: Denn seine Arbeitsamkeit und all zu grosse Hitze laͤsset ihn so viel Zeit nicht uͤbrig seine Gedancken auff ingenieuse Crfindungen zu le- gen. Und also wann ein Ehrgeitziger z. e. ein Gedicht machen wil/ komt es so lustig/ artig oder Anmuthig nicht heraus/ als wenn ein Wohlluͤsti- ger dergleichen macht/ sondern es klingt gemei- niglich etwas Spanisch/ massen dann man sich den Unterscheid zwischen einen Ehrgeitzigen und einen Wohlluͤstigen in diesen Stuͤck nicht besser einbilden kan/ als wenn man die Spani- schen und Frantzoͤsischen Gedichte und Erfin- dungen oder Romanen, oder unter denen Fran- tzosen die Brieffe des Balzac und des Pays sich zum Exempel etwa fuͤrstellete. 30. So hat auch ein Ehrgeitziger nicht eben ein schlim̃ Gedaͤchtniß/ sonderlich in de- nen Sachen die zum Ehrgeitz gehoͤren. Er ver- gist die gethane Schmach und Beleidigung nicht leichte. Er wird die Stunde ja den Augen- blick nicht leicht vergessen da er seine Auffwar- tung thun soll. Und ist ein Mensche punctuel zu nennen/ so ist es ein Ehrgeitziger/ da hingegen ein Wohlluͤstiger nicht punctuel seyn kan/ weil er nicht dran denckt/ ein Geldgeitziger aber nicht punctuel seyn wil/ sondern auff eine ver- drießliche Weise auff seine Schuldigkeit und Schuldleute gedencket. Aber es hat doch auch ein Ehrgeitziger nicht ein ungemein Gedaͤchtniß/ und und denen daher ruͤhrenden Unt. und tuht es in diesen Stuͤck den Geldgeitzigen bey weiten nicht gleich. Denn er uͤbt sein Ge- daͤchtniß nicht so sehr als der Geldgeitzige/ der mit Rechnung in seinen Kopffe Tag und Nacht umb- gehet: da ein Ehrgeitziger so viel mit dem Gegen- waͤrtigen zu thun hat/ daß er auf die vergange- nen Dinge und derer Ordnung nicht eben so offte dencken kan. 31. Hieraus kan man nun leichtlich schlies- sen wie das studieren eines Ehrgeitzigen be- schaffen sey. Wir haben in vorhergehenden Capitel allbereit erinnert/ daß das studie ren an sich selbst weder zur Wohllust noch Ehrgeitz/ noch Geldgeitz gehoͤre/ sondern daß es bey allen Din- gen seyn koͤnne. Also ist es nun nicht eben noͤthig/ daß ein Ehrgeitziger studie re/ oder an den studie ren fuͤr andern Geschaͤfften seine Freu- de suche: sondern nach dem die Gelegenheit sich ereignet/ oder er aufferzogen wird/ fuͤrnem- lich aber/ nach dem er siehet/ daß die Leute/ bey denen er sich fuͤr andern zu insinui ren suchet/ das studie ren æstimi ren/ nachdem legt er sich auff das studie ren/ denn man kan so wohl in Kriege/ als bey Hofe auch ohne studie ren seinen Ehr- geitz zu vergnuͤgen Gelegenheit bekommen. De- rowegen achtet ein Ehrgeitziger niemahls das studie ren an sich selbsten/ das ist er studie ret nicht zur Lust/ sondern braucht es allemahl als ein Mittel durch welches er seinen Ehrgeitz zu vergnuͤgen trachtet. Q 32. Wenn Das 10. H. von dem Ehrgeitz 32. Wenn er aber studie ret/ so gehet ihm alles wegen seines guten judicii wol von statten. Er begreifft ein Ding bald/ wenn es auch andern noch so schwer scheinet. Er ist fleißig und wird nicht leicht seine Lectiones oder Collegia versaͤumen: Er hat Gedult eine Sache die er angefangen hat nach der Ordnung aus zu studie ren. Er hat kein groß belieben an solchen studiis, die in die Sinnligkeit fallen und von je- derman leichte begriffen werden koͤnnen/ ob sie schon dem Menschlichen Geschlecht noch so viel Nutzen bringen solten. Er liebt vielmehr solche studia, die tieffsinniges Nachdencken erfordern/ subtil und abstractiv seynd/ und von den wenig- sten oder gar niemand deutlich begriffen werden moͤgen/ sondern derer Vortreffligkeit nach ihrer Danckelheit pfleget gerechnet zu werden/ wenn sie schon dem Menschlichen Geschlechte we- nig oder gar nichts nutzen: Er ist nicht alleine fuͤr sich fleißig uͤber seinen Buͤchern/ sondern er suchet auch die conversation scharffsinniger und ge- lehrter Leute/ damit er bey denenselben sich auch mit seiner Gelahrheit sehen lassen moͤge: Er ist geschickt allerhand disciplin en zu begreif- fen und sich auch in selben mit guten succes in Schrifften sehen zu lassen/ jedoch schreibt er mehr ernsthafftig und hoch/ als anmuthig. 33. Die beyden Haupt-Laster/ dadurch Ehrgeitz von der vernuͤnfftigen Liebe entschieden wird sind veraͤchtlicher Hochmuth und grim- mige und denen daher ruͤhrenden Unt. mige Tollkuͤhnheit. Der veraͤchtliche Hochmuth ist ein Laster welches einen Ehr- geitzigen beweget sich selbsten hoͤher als alle andere Menschen zu achten und also andere Menschen geringer zu achten/ auch diese seine Verachtung zwar nicht eben allemahl und bey jeden durch eußerliche Verachtun- gen/ aber doch gemeiniglich durch Unterlas- sung gleichmuͤthiger freundlichkeit zu erken- nen zu geben. 34. Dieses heist mit einem Worte stoltz/ und zwar ein solcher stoltz/ der von der Welt nicht fuͤr so gar irraisonnable gehalten wird/ weil Ehrgeitzige Leute insgemein einen grossen Ver- stand und ungemeines Hertze haben/ und also auch von Wohlluͤstigen und Geldgeitzigen/ weil diese ihrer Huͤlffe benoͤthiget sind/ pflegen hochgeachtet zu werden/ und weil andre Ehrgei- tzige ob sie sie schon warhafftig nicht hoch halten/ (weil sie sich allemahl an hoͤchsten æstimi ren/) sie doch hoͤher als andre (Wohlluͤstige/ Geldgeitzige/ auch nach Gelegenheit Ehrgeitzige) æstimi ren. 35. Dieser stoltz pfleget selten in eine offentliche Verachtung ohne gegebene Ur- sache aus zu brechen/ theils weil diese gemei- niglich Ursache zur collision giebt/ ein Ehrgei- tziger aber nicht leichte einen jeden so gut achtet/ daß er sich mit ihm collidi ren solte/ zumahl da nach den Regeln des Ehrgeitzigen auch hierinnen eine Ehre bestehet/ wenn man sich mit einem Q 2 an- Das 10. H. von dem Ehrgeitz andern schlaͤget; theils weil man von solchen Leuten/ die andere ohne Ursache beschimpffen/ in der Welt nicht viel zu halten pfleget/ indem solches einen schlechten Verstand anzeiget/ und also ein Ehrgeitziger sich hierdurch mehr schaden wuͤrde. 36. Aber ein Ehrgeitziger laͤst seinen Stoltz darinnen blicken/ daß er nicht jederman durch- gehends freundlich und hoͤfflich tracti ret/ sondern seine Freundlichkeit und Hoͤfflichkeit so zu sagen Ellenweise nach Unterscheid der Leute/ deren er zu seinen Ehrgeitz benoͤthiget ist/ aus- misset und abschneidet. Derowegen er nicht eben unter grobe Leute/ sondern nur unter die jenigen/ die nicht hoͤfflich sind/ mag gerechnet werden. Und in diesen Ansehen ist er zwar der vernuͤnfftigen Liebe und der gleichmuͤthigen Freundlichkeit sehr/ aber der wohlluͤstigen knechtischen submission noch mehr entgegen ge- setzt. Weswegen auch ein Ehrgeitziger in die- sen Stuͤck einen Tugendhafften eher leiden mag als einen Wohlluͤstigen. 37. Die grimmige Tollkuͤhnheit ist ein Laster welches den Ehrgeitzigen antreibet uͤber alles was seinen Ehrgeitz zuwider ist sich ungeduldiger weise zu aͤrgern und dar- uͤber zu ergrim̃en/ und alle auch die gefaͤhr- lichsten Mittel ohne bedacht ob sie moͤglich oder unmoͤglich/ dienlich oder schaͤdlich seyn/ zu gebrauchen/ selbiges von Halse loß zu werden. und denen daher ruͤhrenden Unt. werden. Durch dieses Laster ist der Ehrgeitzi- ge von vernuͤnfftiger Liebe und von der Wol- lust entfernet/ indem ein Tugendhaffter nur das jenige was Widerwaͤrtigkeit ist/ z. e. recht em- findlichen Schmertz/ vor Widerwaͤrtigkeit haͤlt/ uñ daran seine gedultige Heꝛtzhafftigkeit ausuͤbet/ uͤber die Entziehung aber eiteler Ehre/ oder zaͤrt- licher Dinge gar nicht beweget wird/ ein Wohl- luͤstiger hingegen uͤber Entziehung eiteler Ehre sich wenig beweget/ wenn er nur seine Sinne belustigen kan/ ein Ehrgeitziger aber aͤrgert sich eben nicht/ wenn er nicht delicat leben kan/ ja er traͤgt auch wohl die groͤsten Schmertzen mit Gedult/ wenn er sich beredet daduꝛch einen merck- lichen Zusatz von eiteler Ehre zu erlangen/ wenn aber seine eingebildete Ehre nur auf das geringste verletzet wird/ will er aus Ungedult aus der Haut fahren. 38. Darinnen kommet der Ehrgeitz zwar mit der Wohllust uͤberein und ist von der Tu- gend entschieden/ daß er uͤber die ihm entstehende Widerwaͤrtigkeiten ungedultig ist/ aber darin- nen ist er von der Wohllust unterschieden/ daß die Ungedult den Wolluͤstigen zu einer groͤssern Empfindlichkeit antreibet/ bey einen Ehrgeitzigen aber verursachet/ daß er uͤber die Widerwaͤrtigkeit ergrimmet. Dannenhero ob schon die Unge- dult auff beyden Seiten den Wohlluͤstigen und Ehrgeitzigen ihres Verstandes und der Bedacht- samkeit beraubet die Mittel wohl zu uͤberlegen/ Q 3 die Das 10. H. von dem Ehrgeitz die zu Abwendung der Widerwaͤrtigkeit dienlich sind/ und also beyde hierinnen von der ver- nuͤnfftigen Liebe entscheiden sind/ so verursachet doch die Ungedult eines Wohlluͤstigen ein Zit- tern und Zagen/ daß er der Sache zu wenig thut/ der Grimm aber bey einen Ehrgeitzigen/ daß er mehr thut als nuͤtzlich waͤre/ oder die Mittel zur Anzeit brauchet/ oder sich solcher Mittel un- ternimt/ die er nicht vermoͤgend ist auszufuͤh- ren/ oder die auszufuͤhren keine Zeit ist. 39. Gleich wie aber der veraͤchtliche Hoch- muth und grimmige Tollkuͤhnheit die Seele des Ehrgeitzigen sind/ also gebaͤhren sie nothwendig eine heßliche Mißgeburt den Zorn/ oder zorni- ge Rachgier. Dieses ist ein Laster/ das einen Ehrgeitzigen die zugefuͤgte Beleidigung empfindlich und schmertzend machet/ und ihn antreibet durch Gewaltsamkeit u. durch Zufuͤgung groͤsserer Schmertzen sich an den Beleidiger zu raͤchen auch nicht eher ruhen laͤsset/ als bis er diese Rache ausgeuͤbet. Der veraͤchtliche Hochmuth gebieret nothwen- dig die Emfindligkeit der Beleidigung. Denn wer sich hoͤher haͤlt als andere/ muß hefftig em- pfinden/ wenn ihm andere beleidigen/ weil die Beleidigenden deutlich bezeigen/ daß sie ihn ge- ringer als sich halten/ oder/ wenn die Beleidi- gung aus Versehen geschehen/ dennoch so hoch nicht halten/ als er durch bedachtsame Hochach- tung nnd denen daher ruͤhrenden Unt. tung gehalten zu werden prætendi ret/ und die grimmige Tollkuͤhnheit gebieret die hitzige Be- gierde/ dieses Ubel von Halse loß zu werden/ beyde aber/ so wohl der Hochmuth als die Kuͤhnheit gebaͤhren die Lust sich zu raͤchen. 40. Wie nun vernuͤnfftige Liebe durch die gleichmuͤthige Freundlichkeit und gedultige Hertzhafftigkeit dem Hochmuth und Tollkuͤhn- heit des Ehrgeitzes hauptsaͤchlich entgegen ge- setzet wird/ also ist kein Zweiffel/ es sey auch die zornige Rachgier des Ehrgeitzes der geduldigen Großmuth vernuͤnfftiger Liebe gantz und gar zu- wider/ in dem diese weder die Beleidigungen empfindet/ noch deswegen dem anden was uͤbels zuzufuͤgen trachtet. Der Wohlluͤstige ist zwar empfindlich/ aber diese Empfindlichkeit dauret nicht lange/ da hingegen ein Ehrgeitziger we- gen seines hitzigen und feurigen temperaments, wenn dasselbe einmahl in Brand geraͤth/ solches nicht leicht wieder loͤschen kan/ als durch das Blut oder die Schmertzen des Beleidigers: Ei- nen Wohlluͤstigen vergehet die Rachgier leich- te wegen seiner Furchtsamkeit/ und wenn er siehet/ daß wegen des Widerstandes des andern er die- selbe schwerlich werde ausuͤben koͤnnen. Aber ein Ehrgeitziger weiß von keiner Furcht/ und je mehr der Beleidigte ihm Widerstand thut/ je sauerer und schwerer ihm die Rache wird/ je suͤßer ist sie ihm/ und je mehr wird dadurch sein Zorn durch Hochmuth und Tollkuͤhnheit auffgeblasen. Q 4 Er Das 10. H. von dem Ehrgeitz Er wuͤtet wie ein Loͤwe/ und thut in seinem Zorn nach dem stylo der Ehrgeitzigen uͤber menschliche/ nach der Warheit aber uͤberthierische Thaten/ weil sein Zorn schwerlicher zu beguͤtigen ist als der Zorn eines wilden Thieres. 41. Die uͤbrigen Laster des Ehrgeitzes sind nunmehro aus denen drey fuͤrnehmsten leichte herzuleiten. Die hartnaͤckigte Stockischheit ist ein Laster/ durch welches ein Ehrgeitziger angetrieben wird so wohl von sich als an- dern alles zu Geheimnussen zu machen/ und ohne Betrachtung der Zeit und Ort/ oder ob ihm seine Verschwiegenheit Nutzen oder Schaden bringen werde/ das geringste nicht zu offenbahren/ auch sich von diesen Schweigen weder durch Bitte noch Furcht abwendig machen zu lassen. Hierinnen ist der Ehrgeitzige dem Wohlluͤstigen haupt- saͤchlich zu wider/ indem dieser alles saget/ jener aber gar nichts offenbahret/ und wenn also in Betrachtung der offenhertzigen Verschwiegen- heit der Tugend der Wohlluͤstige gar zu offen- hertzig ist/ und Mangel an Verschwiegenheit hat/ so hat der Ehrgeitzige Mangel an Offenhertzigkeit und ist gar zu verschwiegen. 42. Ein Ehrgeitziger macht aus allen seinen Sachen ein Geheimniß/ weil er Nie- mand was gutes zuthun begehret/ und sich also befahret/ daß andere aus indifferen ten Umstaͤn- den/ die Meinung seines Vorhabens erlernen moͤchten/ und denen daher ruͤhrenden Untug. moͤchten/ weil er gewohnet ist mit seiner Scharff- sinnigkeit aus solchen Umstaͤnden anderer Leute ihr Vorhaben zu erlernen: Er sagt auch von andern Leuten wenig/ sie moͤgen nun seine Freunde oder Feinde seyn. Sind es seine Feinde/ damit man nicht spuͤren moͤge was er gegen sie gesinnet sey/ oder weil er weiß/ daß wenn er sich stellet/ als wisse er ihre Anschlaͤge nicht/ daß sie fuͤr ihm sich nicht so in acht nehmen. Sind es seine Schein-Freunde/ so thut er es zwar nicht aus Liebe zu ihnen/ sondern weil er entweder weiß/ daß man von einen Klaͤtscher nichts haͤlt/ und ihn nicht æstimi ret/ oder weil sein interesse, das mit seinen Schein-Freunden verknuͤpfft ist/ dadurch nur verrathen wuͤrde: Bittet man ihn nun gleich/ diese seine Geheim- nuͤsse zu offenbahren so wird ihm doch solches nicht bewegen/ weil er wohl siehet/ daß die so ihm bitten/ gemeiniglich Wohlluͤstige oder Geld- geitzige seyn/ und er sich von ihrer Verschwiegen- heit wenig versprechen koͤnne/ oder weil er seine Hartnaͤckigkeit fuͤr eine Tugend der Verschwie- genheit und Bestaͤndigkeit haͤlt/ und dadurch sich eine Hochachtung bey andern zu erwerben ge- dencket. Durch Bedrohung kriegt man noch viel weniger von ihm heraus/ wegen seiner Toll- kuͤhnheit und Zornes/ und wuͤrde er sich eher die Zunge abbeissen und seinen Feinden ins Ange- sicht speyen/ als daß er sich durch ihre Pein zwin- gen lassen solte/ nach ihren Willen zu leben. Dan- Q 5 nen- Das 10. H. von dem Ehrgeitz nenhero darff man darauff/ daß Leute sich mar- tern lassen/ ehe sie dem Begehren ihrer Feinde gewillfahret/ keinen Beweißthumb einer sonder- lichen Tugend machen/ weil man so viel Exem- pel boßhafftiger Leute anfuͤhren kan/ als tugend- haffter/ die durch Marter zur Bekaͤntniß derer Dinge die sie gewust nicht zu bringen gewesen/ und weil das temperament eines hitzigen und zum Ehrgeitz neigenden Gebluͤts/ natuͤrlicher Weise faͤhig ist einen Menschen zu einer Ver- schwiegenheit zu disponi ren/ dazu das waͤsse- richte Wesen des Gebluͤts eines Wohlluͤstigen gantz ungeschickt/ und ihm unmoͤglich ist. 43. Die eitele Verschwendung ist ein Laster das den Ehrgeitzigen antreibet/ sein Vermoͤgen willig und da noͤthig/ uͤberfluͤßig an Leute zu wenden/ die ihm zu Befoͤrde- rung der Hochachtung und Stillung seiner Herrschsucht scheinen befoͤrderlich zu seyn. Ein Tugendhaffter giebt sein Vermoͤgen den Duͤrfftigen und Tugendhafften ohne Ansehen ob er von denenselben wieder was zu hoffen habe/ und ohne Begehren uͤber selbige zu herrschen. Aber ein Ehrgeitziger laͤst solches wohl bleiben/ und denckt/ er habe nichts davon/ wenn er allen Halluncken was geben solle. Sein Hertz ist eher zur Unbarmhertzigkeit als Barmhertzigkeit ge- neigt wegen der Hitze seines Gebluͤts/ es waͤre denn/ daß er sich es fuͤr eine Schande achtete/ Leute und denen daher ruͤhrenden Unt. Leute die ihm umb etwas ansprechen/ ohn bega- bet von sich gehen zu lassen/ und sich befahrete/ daß sie ihm uͤbel nachreden moͤchten/ oder wolte nach gewissen Umstaͤnden wegen seiner Freyge- bigkeit gelobet seyn/ als wenn er z. e. in einen Stande lebete/ fuͤr dessen Zierath Freygebigkeit gehalten wuͤrde; wiewohl er so dann in diesen Stuͤck zweiffels ohne seine Freygebigkeit oͤffent- lich/ oder doch so/ daß solches durch seine Creaturen offenbahr gemacht wuͤrde/ ausuben wuͤrde. Ein Wohlluͤstiger wendet sein Geld an Sauff-Bruͤder/ Huren-Wirthe u. s. w. Ein Ehrgeitziger hat einen Abscheu von solchen de- pensen, jedoch weil er sich befuͤrchtet/ daß solche liederliche Leute/ durch ihre uͤbel Nachrede ihm an seiner renommee schaden koͤnten/ huͤtet er sich doch/ da er in dergleichen Gesellschafft ge- raͤth/ daß er auch gegen solche Leute sich nicht genau und knickicht erweise/ und bedienet sich wohl dieses/ als einer Politischen Regul: Ein honnet homme muͤsse keiner Hure/ keinen Wirthe und keinen Spielmann was schul- dig bleiben/ oder mit solchen Leuten dingen. 44. So pfleget demnach ein Ehrgeitziger sein Vermoͤgen entweder ohn mittelbahr dahin anzuwenden/ Ehren-Aempter zu erkauffen/ oder er wendet und hazardi ret solches an andere Menschen/ entweder als wir jetzo erwehnet/ daß sie ihn bey andern Leuten nicht schaden und ihn nicht verachten/ ob er schon nach ihrer Hochach- tung Das 10. H. von dem Ehrgeitz tung eben nicht fraget; oder daß er durch diese seine Freygebigkeit ihre Hochachtung und Be- foͤrderung erhalte. Und so eitel die Ehre ist/ die er durch seine Geschencke sucht/ so eitel sind auch die præsente ob sie gleich kostbahr sind: Kostbahre Galanterien, Staͤndgen/ Gold/ Meublen, praͤchtige Gastereyen/ u. s. w. wo- durch das Geld offenbahrlich verschwendet/ nicht aber zu der jenigen auff die man solche præ- sente wendet/ ihren wahren Nutzen angebeget wird. 45. So bereit aber und willig ein Ehrgeitzi- ger zu grossen depensen ist/ wenn es an den point d’honneur gehet/ so genau ist er hinge- gen wenn es auff ihn selbst gehet. Denn weil ihn sein Ehrgeitz antreibet/ grosse thaten zu thun/ und in der Welt von jedermann gefuͤrchtet zu werden/ hieran aber die Unmaͤßigkeit die Leute mercklich hindert/ indem die Wolluͤstigen Scla- ven ihrer Zechgesellen und eines Weibes sind; als faͤllet ein Ehrgeitziges Gemuͤth in das ande- re extremum, und da ein Tugendhaffter seines Leibes wartet/ doch also/ daß er nicht geil wer- de/ ißet sich ein Ehrgeitziger nicht satt/ nicht zwar aus Kargheit/ sondern entweder aus all zu grosser Sorgfalt/ daß er nicht Wohlluͤstig wer- den sondern vielmehr wegen seiner Strengheit in essen und trincken von denen Leuten hoch geachtet werden moͤge/ oder weil die vielen Gefchaͤffte und intrigven, die er auff dem Halse und in Kopffe hat/ und denen daher ruͤhrenden Unt. hat/ ihm nicht Zeit lassen daß er seinen Leib er- quicken moͤge. Sein herrsch suͤchtiges Gemuͤthe fliehet das weibliche Geschlecht/ und betrach- tet die Liebe der Personen anderes Geschlechts/ als eine weibische Zaghafftigkeit/ die seiner Ehren einen Schandflecken anhaͤngen werde. Und wenn ja eine Weibes-Person sein Hertze bruͤn- stig machen sol/ muß sie von hoͤhern Stande und so Ehrgeitzig seyn als er ist/ daß er durch sie Macht und Ansehen zu erlangen hoffet/ oder auch darinnen seiner Ambition gnug zu thun trach- tet/ wenn er uͤber derselben Ehrgeitziges Hertz triumphiren/ und desselben sich bemeistern/ das ist einer solchen ambitieusen Weibes-Person thun und lassen/ nach seinen Augenwerck dirigi- ren koͤnne. Und diese Neigung haben wir oben in der Tabelle eine Stoische Fasten und Un- empfindlichkeit genennet/ weil die Stoische Philosophi der Maͤßigkeit nach den eußerlichen thun und lassen sehr ergeben/ in Hertzen aber voller Stoltz und Hochmuth angefuͤllet waren. 46. Hieraus folget nun nothwendig/ daß ein Ehrgeitziger in Ansehen der Ausgaben auff sich selbst und auff seinen Leib einer Genauigkeit ergeben sey/ das ist: Er ist von der wohlluͤsti- gen Verschwendung nicht allein in diesen Stuͤck weit entfernet/ sondern er uͤbertrifft auch die tugendhaffte Sparsamkeit. Nicht daß er sich saͤuisch halten und als einen Lauser auffuͤh- ren Das 10. H. von dem Ehrgeitz ren solte/ sondern so viel als zu Ehren noͤthig ist/ hat er/ und haͤlt sich auch selbst reinlich/ aber er wendet doch noch weniger auff sich als ein Tu- gendhaffter/ er hat wohl Silber-Geschirr und andere meublen nach seinem Stande/ aber fuͤr seine Gaͤste und Frembde die ihn besuchen; Er alleine speiset und haͤlt sich in einen andern Zim- mer auff und bedienet sich schlechteren Hauß- raths und Geschirrs. Seine Gaͤste tracti ret er herrlich/ er aber fuͤr sich vergnuͤgt sich mit gebratenen Ruͤben; Er kleidet seine Diener praͤchtig/ er aber selbst traͤgt ein unansehnlich Kleid/ daß die travaillen die er thut aushalten kan/ wenn er nemlich nicht bey andern zu Ehren erscheinen muß. 47. Dieses alles verursacht auch/ daß ein Ehrgeitziger zu wachsamer Arbeitsamkeit geneigt sey. Wo viel essen und trincken ist/ da ist auch viel schlaffen und dieses verursachet Faulheit. Es ist ein sicher remedium ohne die geringsten Kosten zu gebrauchen/ wider die Un- maͤßigkeit und Faulheit als den radicem vieler Kranckheiten: Claude os \& aperi oculos. Wer das erste thut/ dem kom̃t das andere nicht sauer an/ weil nun ein Ehrgeitziger wenig ißt und trinckt/ so kan er auch desto eher wachsam seyn. Diese Wachsamkeit macht ihn geschickt und lustig viele Geschaͤffte mit Lust zu verrich- ten. Seine Arbeitsamkeit unterhaͤlt wechsels- weise die Wachsamkeit/ weil seine Arbeitsamkeit fast und denen daher ruͤhrenden Untug. fast mehr in denen travaillen der Gedancken/ als in muͤde machender Bewegung des Lei- bes bestehet/ und weil die Vielfaͤltigkeit der Ge- dancken/ als die Augenscheinliche Erfahrung bezeiget/ den Schlaff hindert/ wiewohl auch die all zu grosse Vielfaͤltigkeit dergleichen Arbeit/ durch all zu vieles Wachen den Leib schwaͤchet/ und solcher Gestalt in excess pecci ret/ weß- halb wir auch die dem wolluͤstigen Muͤßigang entgegen gesetzte Tugend bey der vernuͤnfftigen Liebe geschaͤfftige Munterkeit/ den excess aber derselben bey dem Ehrgeitz wachsame Arbeitsamkeit genennet haben. 48. Gleichfals ist ein grosser Unterscheid zwischen der freudigen Dienstfertigkeit tu- gendhaffter Liebe und der Dienstfertigkeit eines Ehrgeizigen. Es ist wahr/ ein Ehrgeitziger neidet zwar andere die uͤber ihn oder ihn gleich sind/ so ferne sie seinen Begierden zuwider sind/ und freuet sich/ wenn sie an ihren Ehransehen ei- nen Abbruch leiden: Aber er beneidet doch nicht alle Menschen wegen alles guten/ und freuet sich doch nicht uͤber aller Ungluͤck/ ja er ist in eußer- lichen thun und lassen dienstfertig/ und wenn man seinen Ehrgeitz recht zu menagi ren weiß/ kan man ihn wegen seines Veꝛstandes zu grossen/ auch nach Gelegenheit zu guten Dingen brau- chen/ in betracht seine Dienstfertigkeit nicht auff liederliche Lust und Kuplerey wie eines Wohl- luͤstigen/ Das 10. H. von dem Ehrgeitz luͤstigen/ sondern auf ernsthaffte erbare Dinge/ die zum guten koͤnnen angewendet werden/ wenn ein Tugendhaffter solche dirigi ret/ gerichtet ist. Aber gleichwohl ist nicht zu leugnen/ daß man sich auff seine Dienstfertigkeit nicht viel ver- lassen kan/ noch ihr den Zuͤgel zu lang lassen muß/ weil man seinen Ehrgeitz leicht erzuͤrnen kan/ und weil er so dann denselben zu vergnuͤgen nichts in der Welt schonet und an keine Treue sich bindet. Und wie sein gantzes thun mit Gewaltsamkeit durchwuͤrcket ist; Also sind seine Dienste auch zu nichts fuͤglicher/ als zu unbarmhertzigen Mor- den/ Brennen/ Dragoner-Bekehrungen und dergleichen Banditen Diensten zu gebrauchen/ weshalben wir selbigen auch diesen Nahmen in der Tabelle beygelegt haben. Wiewohl der Jnnhalt dieses gantzen Capitels leichtlich zeigen wird/ daß man sich seiner auch zu nicht so offen- bahr gewaltsamen/ sondern gemaͤßigten und scharffsinnigen Dienstleistungen bedienen koͤnne; Nachdem die Person gesinnet ist/ bey der sich ein Ehrgeitziger durch seine Dienste zu insinui ren oder angenehm zu machen trachtet. Das Das 11. Hauptstuͤck. Von dem Geld-Geitz/ und denen da- her ruͤhrenden Untugenden. Jnnhalt. Geld-Geitz wird allhier nicht fuͤr die blosse Liebe zum Gelde/ sondern fuͤr die Liebe aller Creaturen unter den Men- schen/ als die Geldes werth sind/ genommen. n. 1. 2. 3. Er wird beschrieben. n. 4. Bey Erkennung des Geld-Geitzes muß man gute Aufmercksamkeit haben. n. 5. Was er mit der Wohllust und Ehr- Geitz gemein habe oder nicht. n. 6. Ein Geld-Gei- tziger trachtet nach Ruhe/ und kan von der Unruhe anderer seines gleichen gar vernuͤnfftig raisonnir en. n. 7. Er sucht seine Ruhe in der Veraͤnderung. n. 8. und in der Vereinigung mit dem Gelde und anderen Creaturen. n. 9. Er sucht aber in dieser Veraͤnderung und Vereinigung die Ruhe vergebens. n. 10. Er geraͤth vielmehr in eine unendliche Unruhe. n. 11. Kan auch in einer endlichen Veraͤnderung keine Ru- he finden/ sondern kriegt uͤber die Sachen/ die er be- sitzt/ einen Eckel/ wiewohl sein Eckel von gantz an- derer Art/ als der Eckel eines Ehr-Geitzigen und Wohlluͤstigen. n. 12. Die von einem Geitzigen ge- suchte Veraͤnderung ist selten in seinem Vermoͤgen/ und mit vielem Verdruß vergesellschafftet. n. 13. Er hat auch Verdruß an Dingen/ daran andere Men- schen keinen Verdruß haben wuͤrden. n. 14. Ein Geitziger hat gar keine Begierde sich mit andern Menschen zu vereinigen. n. 15. Am wenigsten aber mit einem Geitzigen seines gleichen. n. 16. und ist Ehr-Geitzigen und Wohlluͤstigen nicht angenehm. n. 17. Ein Geld-Geitziger ist von andern Menschen R darin- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ darinnen wesentlich unterschieden/ daß er von aller Menschen-Liebe entbloͤsset ist. n. 18. Und sein Hertz an allen andern geringen Creaturen haͤnget/ n. 19. absonderlich aber an Gelde/ denn wenn ein Geitzi- ger an andern Creaturen mehr haͤnget/ als am Gel- de/ koͤmmt solches aus der Mischung eines andern affects her. n. 20. Unterschiedene Arten des Gei- tzes. Wo kein Geld ist/ faͤllet ein Geitziger auf den Ackerbau und Viehzucht. Ob von Natur das Hertz eines Geitzigen mehr auf Gold als andere Metallen falle. n. 21. Das Eigenthum ist gleichsam die Seele des Geld-Geitzes/ und einem Geld-Geitzigen ist die Gemeinschafft der Guͤter am meisten zu wider. n. 23. 25. Da hingegen ein Tugendhaffter/ ja auch ein Wohlluͤstiger und Ehr-Geitziger das Eigenthum der Guͤter so sehr nicht achten. n. 23. Diese Vereini- gung kan einem Geitzigen ehe genommen werden/ als die Vereinigung/ darnach andere Menschen trach- ten. n. 24. Ein Geitziger hat ein sehr gutes Gedaͤcht- nis/ und weiß alles sein Vermoͤgen. n. 26. Aber ein schlecht judicium n. 27. und noch ein schlechter in- genium. n. 28. Wie eines Geitzigen studir en be- schaffen sey. n. 29. Ein Geitziger ist Tuͤckisch/ und kan wohl simulir en und luͤgen. Er ist weder ver- schwiegen noch offenhertzig. n. 30. Er ist unbarm- hertzig und geitzig gegen andere Menschen/ wenn sie schon noch so elende sind. n. 31. Er ist im Gluͤck naͤr- risch aufgeblasen/ und im Ungluͤck als ein Bettler submils. n. 32. Er ist in Widerwaͤrtigkeit haͤmisch und grausam. n. 33. Sein Zorn ist furchtsam/ ver- borgen/ und traͤgt dem/ der ihn beleydiget hat/ die Sache lange nach. n. 34. Er ist ein Schind-Hund in Essen und Trincken/ und hasset das Weibliche Geschlecht. n. 35. Jn denen Unkosten auf sich selbst ist er ein Lauser. n. 36. Ein Geitziger ist zwar indif- ferent und denen daher ruͤhrenden Tugenden. ferent zum Muͤßiggang und Arbeit/ und inclinir et zum Betteln und Stehlen; Aber wenn er aus Noth ar- beitet/ faͤller er auf muͤhsame Esels-Arbeit. n. 37. Das Kind des Geitzes ist der Neid. Er hindert alle an ihrem Gluͤcke/ und vergnuͤget sich/ wenn sie nur ungluͤcklich sind. n. 38. 1. D Er Geld-Geitz wird im gemeinen Ge- brauch fuͤr die Liebe zum Gelde ge- nommen. Aber wer unsere bisherige Lehr-Saͤtze genau uͤberlegen wird/ kan leicht be- greiffen/ daß wir durch den Geld-Geitz etwas mehrers verstehen/ und solcher Gestalt in et- was von dem gemeinen Gebrauch abweichen muͤssen. Denn weil wir den Geld-Geitz zu einer der drey Haupt-Begierden gemacht haben/ die alle Menschen beherrschen/ und ausgemacht ist/ daß keine Creatur auf der Welt ist/ die die Men- schen nicht lieben solten/ und gleichwohl z. e. die Liebe eines Pferdes/ Hundes/ zu Gaͤrten/ Haus- bauen ꝛc. zu der Wohllust und Ehr-Geitz/ wie wir selbige im vorigen Capitel beschrieben/ nicht gebracht werden moͤgen; So wuͤrde unser Grund- Satz grossen Anstoß leiden/ wenn wir den Geld- Geitz nur fuͤr die Liebe zum Gelde nehmen wol- ten/ indem sich auf diese Art viele Begierden fin- den wuͤrden/ die zu keiner von denen drey boͤsen Begierden gebracht werden koͤnten. 2. So ist auch offenbar/ daß die drey Haupt- R 2 La- Das 11. H. von dem Geld-Geitz Laster zu allen Zeiten gewesen. Aber das Geld ist nicht allezeit gewesen/ sondern erst bey Zu- nehmung des Uberflusses entstanden/ wie dann auch deswegen/ da schon Geld in der Welt ge- wesen/ viele Voͤlcker/ die die falsche Politic Barbarisch nennet/ so lange sie in der Einfalt blieben/ und mit denen nothwendigen Dingen zu frieden gewesen/ damit GOtt alles Land ver- sorget hat/ von keinem Gelde gewust/ sondern sich mit Tauschen und Vertauschen in ihrem Handel und Wandel beholffen/ und moͤgen viel- leicht auch noch wohl solche Voͤlcker wo stecken. Bey diesen nun ist gar nicht zu zweiffeln/ daß nicht auch Begierde zu dem Laster/ das wir Geld-Geitz nennen/ solte mit geherrschet haben/ und kan demnach auch in dieser Betrachtung Geld-Geitz nicht bloß oder eben hauptsaͤchlich von der Begierde zum Gelde gesagt werden. 3. Gleichwohl muͤssen wir auch hierbey in acht nehmen/ daß wir nicht gar zu weit von dem gemeinen Gebrauch des Worts abweichen/ und ohne Noth neue Bedeutungen einfuͤhren/ oder Dinge mit solchen Namen benennen/ die gantz von dem Gebrauch anderer Menschen entfernet oder demselben entgegen gesetzet sind. Denn dieses thun entweder Sophisten/ oder doch zum wenigsten Leute/ die die Methode fuͤg- lich und deutlich zu lehren nicht wohl verstehen. 4. So werden wir demnach verhoffentlich nicht besser thun koͤnnen/ als wenn wir nach An- lei- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. leitung dessen/ was wir allbereit oben cap. 5. §. 11. und cap. 7. §. 3. gelehret den Geld-Geitz beschreiben; Daß er sey eine Gemuͤths-Neigung/ die ihre Ruhe in stets- waͤhrender veraͤnderlicher Besitzung aller- hand Creaturen/ die unter den Menschen sind/ und mit Gelde koͤnnen angeschaffet werden/ vergebens suchet/ und dieserwe- gen mit solchen Creaturen/ oder wenn die Begierde in einem hohen Grad ist/ alleine mit Gelde/ durch eigenthuͤmliche Erlan- gung und Verwahrung derer- oder dessel- bigen sich zu vereinigen trachtet. Oder mit kurtzen: Geld-Geitz ist eine Begierde nach Gelde oder Geldes werth. 5. So deutlich nun als diese Beschreibung verhoffentlich ist/ so vielmehr erfordert die etwas genauere Betrachtung derselbigen/ Aufmerck- samkeit/ weil theils kein schaͤdlicherer und ge- faͤhrlicherer Feind fuͤr uns selbst ist/ theils (als wir vielleicht unten weiter ausfuͤhren werden/) kein affect sich durch tausend Griffe und Verstel- lungen/ so fuͤr uns zu verbergen sucht/ als eben der Geld-Geitz. Wir wollen dannenhero die Sache nach der in denen vorigen zwey Hauptstuͤ- cken gebrauchten methode wohl uͤberlegen. 6. Der Geld-Geitz hat abermahls dieses mit der Wohllust und Ehr-Geitz gemein/ daß er seine Ruhe in stetswaͤhrender Veraͤnde- rung vergebens sucht/ und deswegen sich mit de- R 3 nen Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ nen geliebten Dingen zu vereinigen trachtet; Aber darinnen ist er von der Wohllust und Ehr-Geitz gaͤntzlich unterschieden/ daß er diese Ruhe durch Besitzung geringerer Creatu- ren als der Mensch ist/ nemlich Geld oder Gel- des werth/ und zwar durch eigenthuͤmliche Be- sitzung derselben zu erhalten bemuͤhet ist. 7. Ein jeder Geld-Geitziger suchet Ru- he/ und trachtet darnach. Er denckt/ wenn du nur entweder fuͤr die gantze Zeit deines Lebens/ oder jaͤhrlich so viel Einkommen am Gelde oder Geldes werth haben soltest/ woltest du ruhig und zu frieden seyn. Wenn du nur einmahl ein eigen Haus/ ein Ritter-Gut/ eine eigene Heerde Schaffe/ ein huͤbsches Pferd/ wohl abgerichtete Jagt-Hunde/ ein silbern Servis, und so in inde- finitum weiter/ eigenthuͤmlich haben soltest/ wol- test du hernach nichts mehr begehren. Ja ein Geld-Geitziger weiß so wohl als ein Ehr-Geitzi- ger und Wohlluͤstiger uͤber die Unruhe ande- rer seines gleichen gar vernuͤnfftig zu raison- nir en. Sie sprechen offters: dieser Mensch ist in seiner Wohllust/ Ehr-Geitz/ Geld-Geitz gar nicht zu ersaͤttigen. Dieser hat eine schoͤne liebe Frau/ und gehet den Huren nach/ dieser hat so einen guten Tisch/ und liegt Tag fuͤr Tag in Wein- und Bier-Haͤusern: Dieser hat so ein ehrlich Amt/ er ist in kurtzem so hoch gestiegen/ und ist doch schon seines Ehren-Amts uͤberdruͤßig und nicht damit zu frieden: Dieser hat jaͤhrlich so und denen daher ruͤhrenden Untugenden. so viel hundert/ so viel tausend Thaler Einkom- men/ so viel Guͤter/ so viel Haͤuser/ so viel Vieh/ so viel baar Geld in Kasten/ und ist doch des Gei- tzens kein Ende. Jst es nicht ein elend Ding um die Wohllust/ um den Hochmuth und Geitz. Wenn meine Frau nur den dritten Theil so schoͤ- ne waͤre/ als seine ist; Oder: Wenn Gott mich einmal so gluͤcklich machen und mir so eine schoͤne Frau geben solte; Wenn ich es in andern Din- gen so gut haͤtte als dieser Mann; oder/ wenn meine Sonntags-Tractamenta nur so gut waͤ- ren/ als dieses sein Sonnabend; Wenn ich nur in der Welt so geehret waͤre/ als des Mannes seine Bedienten/ wenn ich nur den zehenden Theil so viel Einkommens/ und so viel Guͤter haͤtte/ wie wolte ich mir gute ruhige Tage machen. Jch wolte nach keinen andern Weibe oder nach deli- cater en Bißgen mich sehnen; Jch wolte wohl Hof lassen Hof seyn; Jch wolte fein von meinen Zinsen leben/ oder von meinem jaͤhrlichen Ein- kommen/ den Armen so und so viel geben/ und noch ein ehrlich Stuͤcke Geldes zu einem Noth- und Ehren-Pfennige beylegen. 8. Aber wie der Ehr-Geitzige und Wohlluͤ- stiae von seinem Hertzen betrogen wird; Also der Geld-Geitzige noch vielmehr: Er sucht gleicher Gestalt Anfangs seine Ruhe in der Veraͤnderung: Hat er einen Sack voll Dreyer/ wil er auch versuchen/ wie es doch thaͤte/ wenn man einen Sack voll Groschen/ hernach von vier R 4 Gro- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Groschen-Stuͤcken/ Dritteln/ Zwey Dritteln/ harten Thalern/ Ducaten/ Rosenobeln/ Por- tugalesern u. s. w. haͤtte: Hat er zehen Thaler ge- sammlet/ rechnet er den 11. schon auf 100. von hundert auf 1000. u. s. w. hat er ein eigen Haus/ so wil er auch ein Gaͤrtgen/ denn einen Garten/ dann ein Land-Gut/ denn ein Ritter-Gut/ Herr- schafft und so weiter haben; Hat er ein Gespann Pferde/ wil er zwey/ drey/ vier Gespanne/ end- lich gar eine Stuterey haben/ Reit-Pferde/ Kutsch-Pferde/ Pferde zur Zucht/ zur Schule/ zum Handel/ Rappen/ Schimmel/ Fuͤchse/ Pfer- de aus Teutschland/ aus Littau/ aus Spanien u. s. w. faͤllt sein Hertz auf Hunde/ bald wil er ei- nen Hund haben/ der hohlet/ bald der ins Was- ser gehet/ bald der sich zum Jagen schickt/ bald einen Daͤnischen/ bald ein Bologneser Huͤnd- gen: bald hat ergar eine Menge Hunde beysam- men/ daß man eine gantze Stadt mit versehen koͤnte/ u. s. w. 9. Ein Geitziger sucht ferner stetsweh- rend seine Ruhe in der Vereinigung mit de- nen geliebten Dingen. Faͤllet sein Hertz auf Geld/ so koͤnte er ja ruhig seyn/ wann er sein taͤg- lich Auskommen haͤtte/ und wuͤste/ daß im Lan- de/ in der Stadt/ oder dem Orte/ wo er sich auf- haͤlt/ Geld genug bey seinen Freunden und an- dern Menschen waͤre/ die ihme im Fall der Noth behuͤlfflich seyn koͤnten. Faͤllet sein Hertz auf Haͤu- ser/ Gaͤrten/ Hunde/ Pferde u. s. w. so koͤnte er sich und denen daher ruͤhrenden Untugenden. sich ja genung belustigen/ wenn er in einem feinen Hause zur Miete saͤsse; Wann er in einem schoͤ- nen Garten genug Gelegenheit haͤtte spatzieren zu gehen/ wann er auf einem gemieteten oder gelie- henen Pferde spazzieren ritte/ wenn er zu jemand ins Haus zoͤge/ oder sich in dessen Dienste begaͤ- be/ der viel Hunde haͤtte u. s. w. Alleine ein Gei- tziger findet in dergleichen Dingen die groͤste Un- ruhe: Er kan nicht ruhen/ bis die geliebte Sache sein eigen worden/ und trachtet durch dieses Eigenthum sich mit dem Gelde oder dersel- ben Sache zu vereinigen. Kleine Kinder/ wenn sie was lieben/ drucken sie/ ihre Vereinigung zu bezeigen/ ihre Puppen an die Brust/ sie kuͤssen sie/ sie nehmen sie mit zu Bette. Gewißlich/ wenn ein Geitziger es thun koͤnte/ er naͤhme gerne sein Haus/ sein Pferd u. s. w. mit zu Bette; Wie kuͤsset er nicht mit hertzlichen appetit auch einen stinckenden Hund? Wie gerne truͤge er seinen Geld-Kasten am Halse/ wenn es moͤglich waͤre? Weil er aber denselben nicht mit sich schleppen kan/ haͤnget er sich an den Kasten/ und koͤmmet/ seine Vergnuͤgung zu bezeigen/ nicht von demsel- bigen/ sondern bewachet ihn Tag und Nacht. 10. Ein Geitziger sucht aber vergebens seine Ruhe in solcher Veraͤnderung und Ver- einigung. Es ist mit allen unsern Begierden so beschaffen/ wie mit einem Durstigen/ der nichts anders zu trincken hat/ als z. e. Spanischen Wein/ oder andere dergleichen suͤsse/ dabey aber R 5 hitzi- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ hitzige Getraͤncke. Er intendirt, indem er trinckt/ seinen Durst zu stillen; aber je mehr er trinckt/ je mehr durstet ihn/ und je mehr Begierde bekom- met er zu trincken. Eben weil ein Mensch in der Veraͤnderung Ruhe suchet/ so suchet er dieselbe vergebens: Wenn Veraͤnderung nicht immer veraͤndert/ duͤnckt es uns keine Veraͤnderung. Fruͤhling/ Sommer/ Herbst/ Winter/ Tag und Nacht sind ja Veraͤnderungen genung; aber weil sie stets auf einander folgen/ und in ihrer Folge keine Veraͤnderung oder was neues ist/ so halten wir solches fuͤr keine Veraͤnderung. Ver- aͤnderung wird der Ruhe entgegen gesetzt/ und also ist offenbar/ daß/ wer seine Ruhe in der Ver- aͤnderung sucht/ selbe in der Unruhe suche/ das ist/ selbe vergebens suche. Gleich wie ein Gei- tziger/ wenn er zehen Thaler hat/ auf hundert/ von dar auf tausend u. s. w. denckt; Also wuͤrde er auch/ wenn er 100000. Millionen haͤtte/ auf eine neue Multipsication derselben dencken: Wenn er alles Gold in der Erde haͤtte/ wuͤrde er doch trachten/ durch den Lapidem Philosophi- cum alles wie Midas zu Golde zu machen. 11. Und also findet auch ein Geitziger in seinem Geitz eine unendliche Unruhe. Sein Leben reichet nicht zu/ wann er gleich Methusalæ Alter haben solte/ nur das baare Geld/ das in der Welt ist/ ja nicht einmahl nur die Species und Arten von denen alten und neuen Muͤntz- Sorten/ Schaustuͤcken u. s. w. zu zehlen oder in Rech- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. Rechnung zn bringen. Hat er alles beysammen/ so mangelt ihm doch noch etwan z. e. an denen neuern Muͤntzen etwan ein Thaler von Schwei- tzer Bund/ oder ein Mansfelder/ oder ein Got- tes Freund der Pfaffen Feind/ oder ein Vica- riats- Thaler/ da Deo \& Patriæ bey des Pferdes Schwantz anfaͤhet u. s. w. zumahl da nicht leich- te eine Zeit hingehet/ darinnen nicht neue Arten/ die man fuͤr merckwuͤrdig haͤlt/ herfuͤr kommen. Ja weil ein Geitziger auch auf alle Creaturen ausser den Menschen faͤllet/ als ist die Unendlich- keit seiner Unruhe desto handgreifflicher. Wenn Adam zu unsern Zeiten noch lebete/ und vom An- fang biß hieher in der Welt herum gereiset waͤre/ wuͤrde er nicht fertig worden seyn/ die unterschie- dene Arten der Creaturen/ die nur uͤber oder auf dem Erdboden sind/ nur zu zehlen/ und ihre aͤus- serliche Gestalt wohl zu betrachten/ schweige dann die Geschoͤpffe unter der Erden/ im Wasser/ und die in der gantzen Welt sind. 12. So kan auch ein Geitzigeꝛ bey eineꝛ endli- chen Veraͤnderung kein Veꝛgnuͤgẽ finden. Deꝛ Eckel uͤber die Sachẽ/ die wir besitzẽ/ ist bey einem Geitzigen ja so natuͤrlich als bey einem Wohlluͤ- stigen oder Ehr-Geitzigen: Die Raritæt eines Dinges machet allen Sachen den Preiß. Was wir im Uberfluß und taͤglich haben/ achten wir nicht; und was ein Geitziger eigenthuͤmlich hat/ das hat er taͤglich. Wir moͤgen noch so wenig Geitz haben/ als wir wollen/ und mit unserer Be- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Begierde auf was fuͤr eine Sache es wolle/ fal- len/ so werden wir befinden/ daß/ so hitzig/ als wir darauf seyn/ wann selbige anzuschaffen und einzukauffen/ so laulicht werden wir/ wann wir solche etliche Tage gehabt haben/ biß sich endlich auch diese Lauligkeit in eine Kaltsinnigkeit verwandelt. Wann wir z. e. mit grosser Be- gierde wohl perfumir te Handschuh gekaufft ha- ben/ riechen wir etliche Tage immer daran/ her- nach achten wir solches nicht mehr/ wenn wir des Geruchs gewohnt sind/ ob schon andere Fremde ein grosses Belieben tragen daran zu riechen/ und selbige des lieblichen Geruchs wegen zu loben. Wir sind in diesem Stuͤck fast wie die Kinder/ die ihren Puppen/ die sie zwey Tage mit zu Bette genommen/ den dritten Tag den Kopff abreifsen . Jedoch ist der Eckel eines Geitzigen von dem Eckel eines Wohlluͤstigen und Ehr-Geitzi- gen darinnen entschieden/ daß diese die belu- stigende und vergnuͤgende Sache uͤber die sie ei- nen Eckel haben/ gerne bey ihrer Veraͤnderung quittir en/ und gegen eine andere fahren lassen/ da hingegen ein Geld-Geitziger alle die Dinge/ die er einmal sich eigenthuͤmlich erhalten hat/ ob er schon keine Freude mehr daran findet/ dennoch bey Erwerbung anderer neuen Dinge so viel als moͤglich beyzubehalten/ sich angelegen seyn laͤsset. 13. Hiernaͤchst kan auch deswegen das Ver- langen eines Geitzigen die begehrte Ruhe nicht erlan- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. erlangen/ weil diese Veraͤnderung/ die er su- chet/ gar selten in seinem Vermoͤgen ist/ son- dern nothwendig mit vielem Verdruß ver- gesellschafftet seyn muß. Es giebt niemand gerne etwas umsonst weg. Viel Leute trachten darnach/ wo etwas zu gewinnen ist/ und findet ein Geitziger immer einen andern/ der ihm an Er- haltung eines Dinges hinderlich ist/ und ob wir schon oben c. 10. §. 12. erwehnet/ daß die Ehr-Geitzigen dergleichen Hinderung einander einstreuen/ so fin- det man doch auch/ daß Ehr-Geitzige zuweilen einander helffen. Aber Geitzige werden wegen bald zu meldenden Ursachen niemalen einander befoͤrderlich seyn/ sondern einander allezeit hindern/ oder/ wenn sie schon einander zu helffen Geselchafften machen/ dennoch in der Er- werbung selbst oder Theilung u. s. w. allemahl einander zu betriegen suchen: Wenn ein Geitzi- ger seine Muͤhe/ Schweiß und Arbeit gegen sei- nen Erwerb rechnen wolte/ wuͤrde er gleichfals finden/ daß er mehrentheils einen Centner Ver- druß um ein Loth Gewinst in sich fressen muͤ- ste/ zumalen die Beschaffenheiten des Geld-Gei- tzes bald zeigen werden/ daß ein Ehr-Geitziger viel eher geschickt sey reich zu werden/ als ein Geld-Geitziger/ und daß der Geld-Geitzige wegen seiner Furcht/ Mißtrauen u. s. w. nicht capabel sey etwas zu wagen; Wer aber nicht wagt/ der gewinnt nichts. Zu geschweigen der Sor- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Sorge und Kummer/ die ein Geitziger hat/ oder sich macht/ sein Vermoͤgen zu erhalten/ und zu bewahren. 14. Wiewohl sich auch der Geitzige selbst viel Verdruß und Unruhe macht/ die ein Wohlluͤstiger und Ehr. Geitziger/ schweige denn ein vernuͤnfftiger Mensch/ nicht ein- mal fuͤr Verdruß halten wuͤrden. Wenn er gleich gesund/ und ihm sein ehrlicher Name von niemand gekraͤncket wird/ auch keinen Mangel leidet oder darben darff/ und es wird ihm ein Beutel Geld/ das er nicht nothwendig braucht/ auch wohl schon etliche Jahr im Kasten stille gele- gen hat/ gestohlen/ oder es stirbt ihm sein Vieh/ oder etwa gar nur ein Hund/ oder es bleibt ihm ein eingebildeter Vortheil aussen/ oder es lebt ihm einer zu lange/ dem er zu erben verhofft/ so ist er druͤber betruͤbt/ und graͤmet sich; Trifft es aber gar/ daß ihm Haus und Hof abbrennt/ oder ihm der groͤste Theil seiner Guͤter geraubet wer- den/ wird er bey nahe verzweiffeln. Ein Wohl- luͤstiger hingegen und Ehr-Geitziger alterir et sich uͤber die ersten Faͤlle sehr wenig/ oder gar nicht; uͤber die letzten aber gehet die daruͤber geschoͤpffte Bekuͤmmernuͤß doch bald uͤberhin/ weil jener bald Freunde findet/ die ihm unter die Armen greiffen/ dieser aber Gelegenheit suchet/ sich wie- der heraus zu reissen/ und aufzuhelffen. Ein tu- gendhaffter aber siehet alles dieses an/ als Din- ge/ und denen daher ruͤhrenden Untugenden. ge/ die ihm nicht angehen/ und die er leicht ent- behren kan. 15. Und ist solcher Gestalt zwischen einem Geld-Geitzigen und anderen Menschen ein grosser Unterscheid/ daß/ da Wohlluͤstige und Ehr-Geitzige sich mit andern Menschen/ oder an- dere Menschen mit sich zu vereinigen trachten/ cap. 9. §. 7. 8. c. 10. §. 5. seq. Geitzige hingegen von dieser Vereinigung und deren Begierde gar nichts wissen. Ein Geitziger ist am aller vergnuͤgtesten/ wenn er al- lein bey seinem Geld-Sack/ Pferde/ oder Hun- de ist/ und hat daselbst mehr Vergnuͤgen/ als bey der lustigsten oder vornehmsten Gesellschafft. Sein melancoli sch temperament liebet die Ein- samkeit: Er sitzt stille in der Gesellschafft/ und ist sich und andern eine Last darinnen. 16. Und da andere Menschen am liebsten bey ihres gleichen seyn/ auch die Wohlluͤstigen und Ehr-Geitzigen/ so ist ein Geld-Geitziger am aller unnothensten bey einem andern Gei- tzigen/ sondern feindet denselben mehr an/ als andere Menschen/ denn er ist gewiß versi- chert/ daß gleichwie er gerne alles alleine haben wil/ also der andere dergleichen intendire, und al- so sie beyde nothwendig einandeꝛ in ihrem Voꝛha- ben hindern muͤssen; Da hingegen ihm die Ge- sellschafft eines Wohlluͤstigen und Ehr-Geitzigen noch ertraͤglicher ist/ weil er sie vor Narren haͤlt/ bey denen etwas zu verdienen ist/ indem der Wohl- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Wohlluͤstige entweder mit guten Worten; oder durch Betrug sich leichte was abschwatzen laͤst/ der Ehr-Geitzige aber fuͤr einen point d’ honneur haͤlt/ Leuten die ihn venerir en/ fuͤr ihre Reve- renze und Schmeicheleyen baar Geld zu ge- ben. 17. Jedoch ist kein Geitziger bey Wohlluͤ- stigen und Ehr-Geitzigen angenehm/ wenn sie ihn kennen lernen. Denn obwohl ein Wohlluͤ- stiger nicht gerne in der Conversation Ehr-Gei- tziger Leute ist/ und ein Ehr-Geitziger gleichfals an der Lust der Wohlluͤstigen keinen Gefallen hat/ so werden sie doch bey habender Wahl lie- ber mit einander als mit Geitzigen umgehen/ und tragen fuͤr diesen einen rechten Abscheu; Ein Wohlluͤstiger wegen des Geitzigen Lauserey/ Schindhuͤndigkeit und Melancholischen Art/ ein Ehr-Geitziger aber theils wegen seiner irresolu- tion und Furcht/ theils gleichfals wegen seiner Lauserey. 18. So bestehet demnach der wesentliche Unterscheid des Geld-Geitzes von der raison- nablen Liebe/ Wohllust und Ehr-Geitz darin- nen/ daß ein Geitziger von aller Menschen- Liebe gaͤntzlich entbloͤsset ist. Wo unseꝛ Schatz ist/ da ist unser Hertz. So wenig wir an zwey Dinge zugleich gedencken koͤnnen/ so wenig koͤn- nen wir auch zwey Dinge zugleich lieben/ son- dern es muß nothwendig deren eines dem andern weichen/ so ferne sie einander zuwider sind. Nun ist und denen daher ruͤhrenden Untugenden. ist aber in der Welt/ es sey nun aus was Ursache es wolle/ immer eine Creatur der andern zu wider/ absonderlich aber ist zwischen den Menschen und andern Creaturen eine solche Un- einigkeit/ oder zum wenigsten keine solche har- monie, daß man sich einbilden koͤnne/ man moͤ- ge wohl ohne Abbruch der Menschen-Liebe sein Hertz an die andern Creaturen haͤngen. Es sind tausenderley Faͤlle/ die taͤglich vorkommen/ da- bey ein Mensch/ der andere Menschen vernuͤnff- tig liebet/ Gelegenheit findet/ denenselben zu gut und zu ihrer Erhaltung alles sein Geld und anderes Vermoͤgen insgesamt/ das aus denen geringeren Creaturen bestehet/ zu wagen/ und in die Schantze zu schlagen. Ein Wohlluͤsti- ger und Ehr-Geitziger waget zwar alle sein Geld und Vermoͤgen hauptsaͤchlich an seine Lust und Ehre/ und niemahls an den wahren Nutzen anderer Menschen/ ja er ziehet auch seine Lust und Ehre allen Menschen vor/ dergestalt/ daß er allen Menschen darum giebet/ weswegen auch seine Liebe unvernuͤnfftig ist; aber es geschiehet doch zum oͤfftern/ daß bey seiner Lust und Ehre viel andere Menschen interessir et sind/ denen zu gute er nicht nur sein Geld und Gut/ sondern auch wohl seine Gesundheit/ Leib und Leben in die Schantze schlaͤgt. Da hingegen ein Geitzi- ger/ seines Gelds und Guts wegen/ nicht alleine alle Menschen im Stiche laͤsset/ sondern auch selbiges zu erlangen/ wenn es ihm schon war- S haff- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ hafftig nichts nuͤtze/ sondern offenbahr uͤberfluͤs- sig ist/ Vater und Mutter/ Weib und Kind/ und alle andere Menschen so zu sagen verraͤth/ und in dieser Betrachtung zu dem gemeinen aͤus- serlichen Frieden in Menschlicher Gesellschafft viel untuͤchtiger ist/ als wohlluͤstige und Ehr-geitzige Menschen. 19. Daß aber ein Geld-Geitziger mit dem Hertzen an allen andern geringern Crea- turen hange/ ist theils aus der eigenen Erfah- rung/ theils auch aus der Sache selbst/ wenn man gleich den Geld-Geitz nur in der Liebe des Geldes suchen solte/ zu erweisen. Gib einem Geitzigen/ was du wilst/ er nim̃t alles an/ Haus/ Hof/ Acker/ Vieh/ Waaren/ Mobilien/ kuͤnstliche Arbeit/ ja er sucht auch im Miste Haderlumpen auf/ Obst-Schalen/ Papiergen und andere nichtswuͤrdige Dinge/ die die Leute wegwerf- fen/ und mit Fuͤssen treten. Er spricht: Ein gu- ter Haus-Wirth soll uͤber drey Zaͤune nach ei- ner Stecknadel klettern u. s. w. Alle andere Creaturen ausser dem Menschen sind Geldes werth/ (gleichwie des Geldes Gebrauch darin- nen bestehet/ allerhand andere Creaturen da- durch zu kauffen/ bis auf den Menschen/ ob wohl die Boßheit der Menschen diesen Gebrauch zum Mißbrauch gemacht hat/ daß man auch Men- schen/ und zum wenigsten ihre Hertzen oder aͤus- serliche Thaten damit erkauffet.) Und also liebt ein und denen daher ruͤhrenden Untugenden. ein Geld-Geitziger alle andere Creaturen/ weil er Geld daraus machen kan. 20. Ja sprichst du/ es sind doch gleichwohl viel Leute/ die z. e. Hunde/ Katzen/ Pferde hoͤ- her lieben als Geld/ und denen man einen groͤs- sern Gefallen erweiset/ wenn man ihnen einen Hund und dergleichen verehret/ als wenn man ih- nen viel Geld gaͤbe. Aber hier must du wohl mer- cken/ daß anfaͤnglich nicht alles wahr ist/ was die Leute von sich selbst sagen. Offt giebt ein Geld-Geitziger solches vor/ daß er nicht wil vor Geld-geitzig angesehen seyn: Aber ver- suche es nur/ und gieb ihm so viel Geld dafuͤr/ als die Sache warhafftig auf das hoͤchste werth ist/ und siehe/ ob er nicht die Sache wieder ums Geld vertauschen wird. Hiernaͤchst must du einen Unterschied machen unter einem Geld- Geitzigen/ der wenig Wohllust und Ehr- Geitz hat/ und unter einem Geld-Geitzigen/ der zugleich eine starcke Mischung von Wol- lust und Ehr-Geitz hat. Jst es wahr/ daß du einem Geitzigen einen groͤssern Gefallen thust mit dem Præsent eines Hundes/ Pferdes u. s. w. als mit baarem Gelde/ so geschiehet solches/ seine beywohnende Wohllust und Ehr-Geitz zu ver- gnuͤgen; Aber eine geitzige Wohllust/ und ei- nen geitzigen Ehr-Geitz/ nicht nur in dieser Be- trachtung/ daß du ihm solche Creaturen schenckst/ und er dafuͤr kein Geld ausgeben darff/ da ein Wohlluͤstiger und Ehr-Geitziger hingegen solche S 2 Din- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Dinge lieber bezahlet; sondern auch deswegen/ daß er solche zu einer solchen Wohllust oder Ehr- Geitz/ anzuwenden gesinnet ist/ darfuͤr haupt- saͤchlich ein Wohlluͤstiger oder Ehr-Geitziger ei- nen Abscheu haben wuͤrde. Die Erbarkeit ver- bietet mir/ daß ich nicht deutlicher schreiben kan/ so wohl auch die Vorsichtigkeit/ weil viel Men- schen/ die vor der blinden Welt in Ehr-Anse- hen stehen/ und meinen/ ihre Laster auch bey klu- gen Leuten zu verbergen/ mit solchen Dingen behafftet sind. Aber liese nur dieses gantze Ca- pitel mit Fleiß durch/ so wirst du schon begreiffen/ was ich meine. 21. Gleichwohl ist nicht noͤthig/ daß wir deswegen den Geld-Geitz an und fuͤr sich selb- sten solten in so viel unterschiedene Arten eintheilen/ als Creaturen nach dem Men- schen sind; sondern es ist die Liebe derselben/ wenn sie staͤrcker ist/ als die Liebe der Menschen/ nur eine Anzeigung/ daß ein Mensch viel Geld- Geitz habe. Eigentlich aber concentrir et sich doch aller Geitz auf das Geld/ weil man da- durch alle Sachen erlangen kan/ und weil sel- biges also das centrum ist/ in dem alle andere Creaturen dem Werthe nach zusammen lauf- fen. Weswegen nicht alleine diese Gemuͤths- Neigung den Namen des Geitzes bekom- men/ sondern auch bey denen Menschen/ da der Geld-Geitz die andern Passiones in einen ho- hen Grad uͤbertrifft/ zu spuͤren ist/ daß sie bloß und denen daher ruͤhrenden Untugenden. bloß auf das leidige Geld erpicht sind/ das- selbige bewahren/ und dabey Frost/ Hunger und Durst ausstehen/ und von andern Guͤtern entbloͤsset seyn. Wo aber kein Geld ist/ und wo man des Tauschens an Statt des Kauffens und Verkauffens sich bedienet/ da faͤllet wohl das Hertze eines Geitzigen auf die Erde/ daraus das Gold genommen ist/ und was man zu deren Gebrauch vonnoͤthen hat/ nemlich auf den Ackerbau und Vieh-Zucht. Wiewohl ich die Natur des Goldes und Silbers nicht so ge- nau verstehe/ daß ich darinnen etwas gewisses sagen solte; Ob nicht das Gemuͤth eines Geld- Geitzigen von Natur auf Gold und Silber mehr als auf andere Creaturen/ oder auch als auf ander Metall oder Materialien/ als Leder/ Baum-Rinden u. s. w. derer man sich an Statt Goldes und Silbers ehedessen und anderswo bedienet hat/ und noch bedienet/ fal- len solte; So viel ist gewiß/ daß ein Mensch/ er habe nun so wenig Geitz als er wolle/ dennoch Muͤntze von feinem Silber und Golde lieber ha- be/ als andere: Und daß ein klein Kind/ das auf andere Art die bey- affect en des Geld-Geitzes spuͤren laͤst/ bey Ansehung Goldes und Silbers fuͤr Freuden zappeln werde; Aber ich kan doch nicht gewiß sagen/ ob dieses nicht dem Glantz und polirt en Schein dieses Metalls mehr zuzuschreiben sey/ als einen natuͤr- S 3 lichen Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ lichen verborgenen Zuge des Wesens selbsten: Man muͤste sehen/ ob kleine Kinder nicht nach polirt en Zahlpfennigen ja so lieb greiffen wuͤr- den/ als nach Golde/ aber auch andere Umstaͤn- de mehr dabey in acht nehmen/ damit man sich ja in seinem Urtheil nicht uͤbereilete/ als wie die Richter in einer Stadt in Griechenland gethan/ die/ als ein klein Kind eine guͤldene Crone vom Altar genommen/ um zu pruͤffen/ ob es das Kind aus Boßheit gethan/ ihm unter andern Spielzeuge auch die Crone fuͤrgeleget/ und als es nach dieser fuͤr andern Puppen-Werck ge- griffen/ dasselbige als einen Kirchen-Raͤuber mit der ordentlichen Straffe des Kirchen-Rau- bes beleget. 22. Wie soll ich aber nun einen Wohlluͤsti- gen und Ehr-Geitzigen von einem Geld-Geitzi- gen noch genauer unterscheiden? indem gleich- wohl offenbar ist/ daß ein Wohlluͤstiger und Ehr-Geitziger auch meistentheils gerne nach Gelde trachten. Jch halte/ daß man unter denen Dieben und Spitzbuben/ wo nicht mehr/ doch zum wenigsten/ ja so viel Wohlluͤ- stige und Ehr-Geitzige/ als Geld-Geitzige an- treffen solte. Diese Entscheidung zeiget uns/ daß wir oben gesagt/ ein Geitziger bemuͤhe sich/ seine Ruhe durch eigenthuͤmliche Besitzung Geldes und Gutes zu erlangen. Demnach ist eigentlich das Eigenthum die Seele und das und denen daher ruͤhrenden Tugenden. das Leben des Geld-Geitzes. Die genaue Vereinigung einer Sache mit der andern erfor- dert ein Eigenthum: Denn was Vielen ( NB. unterschiedenen und nicht unter sich allbereit ver- einigten Dingen) gemein ist/ das kan ohnmoͤglich mit denenselbigen vereiniget seyn. Die Liebe leidet deswegen keine unterschiedene und widrige Ne- ben-Buhler. Alles was wir lieben/ nach dessen Vereinigung mit uns trachten wir. Ein Gei- tziger liebet alle geringere Creaturen/ derowegen suchet er sich mit ihnen zu vereinigen. Ein Gei- tziger liebet keinen Menschen/ derowegen kan er nicht leiden/ daß die Creaturen/ die er liebet/ mit andern Menschen gemein seyn. Deswegen huͤtet er seinen Schatz/ seine Guͤter/ und bewa- chet dieselben/ daß ihnen kein Mensche zu nahe komme/ und durch den geringsten Gebrauch sich nur einer Gemeinschafft anmasse: Wird er aber derselben gar beraubet/ schmertzt es ihn mehr als einen vernuͤnfftigen Menschen/ wenn ihm durch Verwundung z. e. ein Arm oder Bein abgeloͤset wird. 23. Ein Tugendhaffter hergegen kan wohl leiden/ daß alle seine Guͤter mit andern Menschen gemein seyn/ denn er liebet die Guͤter nicht/ und also ist er nicht mit ihnen vereiniget: Und wenn er sie schon nicht hasset/ so ist er doch mit andern Menschen durch die Liebe vereiniget/ und siehet also gerne/ daß seine Guͤter mit denen S 4 ihm Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ ihm vereinigten Menschen gemein seyn. Ein Wohlluͤstiger und Ehr-Geitziger ist gleich- fals nicht mit Geld und Gut vereiniget/ weil er solches nicht liebet. Ob er nun schon auch dem- selben nicht gram ist/ weil er Gelds und Guts offt vonnoͤthen hat/ so erfordert doch dieser Ge- brauch eben kein Eigenthum/ so wenig als der gemeine Gebrauch z. e. eines Gartens zwischen sechs und mehr Bruͤdern/ die einander lieben. Wenn einem Wohlluͤstigen und Ehr-Geitzigen gleich das Seine gestohlen wird/ geben sie sich doch bald zu frieden/ wenn sie wissen/ daß ihre maitresse, ihr guter Bruder/ ihr Fuͤrst noch Es- sen und Trincken oder andere Guͤter in Vorrath hat. Ja/ weil sie von andern Wohlluͤstigen und Ehr-Geitzigen Lust und Ehre hoffen/ berau- ben sie sich hertzlich gerne des Eigenthums ihrer Guͤter/ und geben selbige denen andern Perso- nen zu eigen/ von denen sie ihre Lust und Ehre zu erlangen vermeinen. 24. Jedoch ist ein Geld Geitziger auch in dieser gesuchten Vereinigung und Eigen- thum noch elender dran/ als alle andere ver- nuͤnfftige und unvernuͤnfftige Menschen. Ein Tugendhaffter weiß/ daß es ohnmoͤglich ist/ daß ein ander tugendhafftes Gemuͤth ihm koͤnne von einem andern Menschen/ der nicht tugendhafft ist/ entrissen werden: Er weiß/ daß ein Tugendhaffter nicht trachten werde/ die Ver- einigung zwischen ihm und seinen geliebten Freun- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. Freunde zu trennen/ sondern vielmehr durch Ver- einigung seines eigenen Hertzens mit ihnen bey- den zu bekraͤfftigen. Ein Wohlluͤstiger und Ehr-Geitziger duͤrffen zwar eben kein groß Ver- trauen auf die Hertzen ihrer wohlluͤstigen und Ehr-geitzigen Freunde setzen; Aber es weiß doch ein Wohlluͤstiger/ daß ein anderer Wohlluͤsti- ger nicht leichte das Band ihrer Freundschafft trennen/ sondern vielmehr sich mit ihnen beyden als Wohlluͤstigen vereinigen werde/ ein Ehr- Geitziger und Geld-Geitziger aber sich nicht groß bekuͤmmere/ ihm seinen wohlluͤstigen Freund ab- spenstig zu machen/ auch sein wohlluͤstiger Freund selbst wenig Lust haben werde/ ihn zu quittir en/ und einem Ehr-Geitzigen/ am wenigsten aber ei- nem Geld-Geitzigen anzuhangen. Es weiß ein Ehr-Geitziger/ daß ein Geld-Geitziger und Wohlluͤstiger sich nicht bekuͤmmern werde/ das Hertz seines Ehr-Geitzigen Freundes von ihm ab- zureissen; Er weiß/ daß sein Ehr-geitziger Freund nicht von ihm zu einen Wohlluͤstigen und Geld- Geitzigen uͤbergehen werde. Und also hat er sich nur fuͤr einen andern Ehr-Geitzigen in acht zu nehmen/ und seine List dahin zu poussir en/ daß dieser seinen Zweck nicht erreiche. Aber ein Geld- Geitziger kan anfaͤnglich gar kein Vertrauen auf seinen Geld-Sack/ auf sein Pferd/ auf sei- nen Hund u. s. w. setzen. Denn sein Hertz haͤn- get zwar an dem Geld und Gut/ aber das Geld und Gut hat kein Hertz das wieder an ihm hienge: S 5 Und Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Und ob schon ein Hund/ Pferd u. s. w. koͤnnen ge- wehnet werden/ daß sie einen Schein einer Treue annehmen; So mangelt es doch einem Geld- Geitzigen daran/ daß er die Dinge aus Kargheit nicht darzu gewehnet. Hiernaͤchst so hat er sich nicht unbillig zu befahren/ daß seinem Geld und Gut von Wohlluͤstigen/ Ehr-Geitzigen und Geld- Geitzigen aus unterschiedenen Ursachen nachge- trachtet werde/ und ist doch wenig geschickt/ sich wider selbige zu schuͤtzen/ daß ihn ein andrer Geld- Geitziger nicht bestehle/ ein Ehr-Geitziger nicht uͤberliste/ und ein Wohlluͤstiger z. e. seinen Hund/ dem er nichts als Knochen zu fressen giebt/ nicht mit einem Stuͤck Fleisch an sich locke. 25. Was noch mehr zu Bekraͤfftigung der Betrachtuna/ daß die Seele des Geld-Gei- tzes in der Begierde des Eigenthums beste- he/ koͤnte angefuͤhret werden/ haben wir schon im ersten Theile/ da wir von der voͤlligen Ge- meinschafft alles Vermoͤgens P. 1. c. 6. §. 82. seq. gehandelt/ wei- ter abgehandelt. Wie dann auch zu desto meh- rerer Bekraͤfftigung dessen/ was wir daselbst de- monstrir et/ daß solche voͤllige Gemeinschafft ein nothwendiges Stuͤck vernuͤnfftiger Liebe sey/ ge- genwaͤrtige Anmerckung/ daß der Geld-Geitz das Eigenthum ausgeheckt/ viel contribuir en wird. 26. Wir haben nur jetzo gesagt/ daß ein Geld- Geitziger uͤbel dran sey/ und wenig Geschicke ha- be/ sich fuͤr andern/ sonderlich fuͤr Wohlluͤstigen und und denen daher ruͤhrenden Untugenden. und Ehr-Geitzigen zu huͤten. Denn sein judi- cium und ingenium ist schlecht/ indem alles/ worinnen er im Verstande avantage fuͤr andern hat/ auf ein sonderlich gut Gedaͤchtnuͤs hin- aus laufft. Nun pflegen aber kluge Leute so zu sagen/ ein Loth judicii im Nutzen des gemeinen Wesens hoͤher zu æstimir en/ als ein Pfund Ge- daͤchtnuͤs. Ein Geld-Geitziger denckt mehr auf vergangene als gegenwaͤrtige und zukuͤnfftige Dinge. Durch die vergangene Dinge verstehe ich hier diejenigen/ die er schon (in præterito) er- langet hat/ ob er gleich dieselbige gegenwaͤrt i g noch besitzet. Denn er kan nicht immer auff seinem Geld-Sack sitzen/ vielweniger/ wenn er vielerley Guͤter besitzt/ an allen Orten zugleich gegenwaͤrtig seyn/ und also kan es nicht fehlen/ er muͤsse oͤffters dem Leibe nach denensel- ben abwesend seyn. Nun werden aber in der Philosophie abwesende Dinge auf gewisse Masse bald dem Vergangenen/ bald dem Zukuͤnfftigen gleich gerechnet/ zum wenigsten dem Gegenwaͤr- tigen entgegen gesetzt/ gleichwohl gedenckt der Geitzige/ wegen der geistlichen Vereinigung mit seinem Geld und Gute stets an das Abwesende; Er verlanget bald leiblicher Weise auch bey de- nenselbigen gegenwaͤrtig zu seyn/ wie man bey allen Dingen gerne ist/ die man liebet/ er be- fuͤrchtet sich/ man werde ihm dieselbigen rau- ben/ und also/ wenn es moͤglich waͤre/ so hienge er sie gerne allesamt an den Hals/ und truͤge sie mit Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ mit sich herum/ oder theilte sich in so viel Theile/ als er Guͤter haͤtte/ daß er allenthalben seyn koͤn- te. Weil es aber nicht moͤglich ist/ so druͤckt er sich dererselben Summe/ Beschaffenheiten und Ordnung feste in sein Gedaͤchtnuͤs. Was sein Geld betrifft/ ist sein Kopff ein lebendig Re- chenbuch/ darinnen er weiß/ was er in diesem Sacke fuͤr species und Summen hat/ wie viel er diesem/ wie viel ihm jener schuldig sey/ daß es also schwer ist/ ihn um einen Dreyer zu besteh- len/ oder zu vervortheilen/ daß er es nicht mer- cken solle. Wegen seiner unbeweglichen Guͤ- ter weiß er perfect, wie viel Gemaͤcher/ ja wie viel Loͤcher und Winckel in seinem Hause seyn. Sein Kopff ist ein lebendig inventa- rium, es sey nun fundi instructi, oder cum instrumento: Es sind keine Mobili en so geringe/ kein Buch so klein/ das er in seinem Hause oder Bibliotheque nicht wissen solle. Und damit sein Gedaͤchtnuͤs nicht turbir et werde/ muß alles von solchen Dingen in seiner Ordnung stehen oder liegen/ und wenn man es gebraucht/ (wiewohl dieses selten geschicht/) gantz accurat wieder hingebracht werden. Er weiß alle Ru- ten Landes von seinem Acker/ alle Graͤntzen/ alle seine Schaffe/ Laͤmmer/ und ander Vieh: Und weil dieses so ordentlich nicht immer bleiben kan/ als die Dinge/ die sich nicht selbst bewe- gen/ so druͤckt er sich die Dinge/ durch welche er sie von andern unterscheiden kan/ feste in sein Ge- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. Gedaͤchtniß ein/ z. e. die Gestalt/ die Groͤsse/ die Farben derselben/ und wo er keine solche Merck- Zeichen in der Natur findet/ macht er sich subsidia mnemonica selbst durch gewisse Zeichen und seine Begierde giebt ihn artem Lullisticam selbsten ein. Durch diese Ubung wormit er stets umgehet/ exerci ret er sein Gedaͤchtniß uͤberaus sehr und bringet es zu einer sonderlichen Vortrefflig- keit. 27. Hingegentheil ist sein judicium das beste nicht: Jemehr dem gedaͤchtniß zuwaͤchst/ je we- niger nimt das judicium zu/ weil es nicht exco- li ret wird/ und ein Mensch nicht zu gleich an zwey Dinge dencken kan. Sein judicium bestehet hauptsaͤchlich darinnen/ daß er weiß/ daß 2. mal 4. mehr ist als 2. mahl 2. und daß er den Unter- scheid seiner Sachen weiß die er besitzet: Aber auff gegenwaͤrtige Dinge und deren Unter- scheid genau acht zu haben laͤst ihm sein Geldgeitz nicht zu. Ein Geitziger kaufft nicht gerne/ son- dern laͤst sich gerne was schencken. Einem ge- schenckten Gaul aber darff man/ nach dem ge- meinen Sprichwort/ nicht ins Maul sehen/ und wenn man bey geschenckten Dingen das beste allemahl wehlen wolte/ wuͤrde es nicht nur grob heraus kommen/ woruͤber sich endlich ein Geld- geitziger wenig bekuͤmmern wuͤrde/ sondern er wuͤrde sich befahren muͤssen/ daß man ihm entwe- der die begehrte Sache abschluͤge/ oder aber andre Das 11. H. von dem Geld-Geitz andre Leute ihm nicht leicht was schencken wuͤrden. Kaufft er ja was/ so kaufft er nicht nach dem besten/ sondern nach dem wohlfei- lesten/ und wird also allenthalben wenig Ge- legenheit seinen judicio geben/ sich in Handel und Wandel zu uͤben. Andere subti le Dinge/ daran ein Ehr-Geitziger sein judicium schaͤrffet/ cap. 10. §. 28. und nuͤtzliche Dinge/ daran ein Tugend- haffter sein judicium uͤbet/ cap. 8. §. 5. kommen einem Geitzigen fast nicht in die Gedancken. Jndem er mit keinem Menschen Freundschafft zu ma- chen/ und dessen Hertz zu gewinnen trachtet/ uͤbet er sein Judicium nicht in Ausuͤbung derer zu wahrer Freundschafft gehoͤrigen Tugen- den/ und in Erforschung derer aus Besitz der Tugend vorqvellenden Wahrheiten/ noch we- niger aber in dem ihm muͤhsamen Decoro, und achtet die Menschen viel zu wenig/ daß er sich solte darum bekuͤmmern/ wie er durch die Gleichfoͤrmigkeit seines Thun und Lassens mit dem Jhrigen sich ihnen gefaͤllig machen moͤge. 28. Das ingenium eines Geldgeitzigen ist auch nicht sonderlich/ ja fast noch schlech- ter als sein Judicium. Er uͤbt selbiges nur darinnen/ daß er z. e. die Geld-Muͤntzen sorti- ret/ und gleich und gleich zusammen leget. Jn denen uͤbrigen Guͤtern findet er nicht einmahl so und denen daher ruͤhrenden Untugenden. so viele Gelegenheit gleiches und gleiches zusam- men zu setzen/ ausser daß er etwan verstehet/ was fuͤr Saame sich zu diesem Erdreich besser schicke/ was zu jenem/ was fuͤr Viehe auff diesem Strich Landes bessere Weyde habe/ was auf jenem u. d. g. Zu Erfindung artiger Dinge/ die das Gemuͤthe des Menschen auf tugendhaffte oder wohlluͤstige Weise belusti- gen/ ist er gantz ungeschickt/ weil er seinen Verstand niemahls darinnen uͤbet. Und ist also gantz natuͤrlich/ daß ein Geldgeitziger sich zu nichts weniger schicke/ als zu einem gu- ten Gedichte/ oder ungezwungenem Poëma- te: Daher es kommt/ daß/ wenn ein Geitzi- ger in einer Gesellschafft den Discours unter- halten wil/ er mehrentheils Dinge vorbringt/ die sich gantz nicht dahin schicken/ oder zum we- nigsten mit den Haaren dazu gezogen/ und schrecklich weit gesucht sind/ ob er sich schon der gemeinen particulæ connectendi: Als wie einmahl ꝛc. oder: Es faͤllet mir hierbey ein ꝛc. zu bedienen pfleget: Wodurch dann alle Annehmligkeit verdirbet/ wenn es auch schon sonsten an und fuͤr sich selbsten eine merckwuͤrdi- ge/ nuͤtzliche oder curieuse Sache waͤre/ indem das Leben der Conversation in der Gleichfoͤr- migkeit der Gedancken/ und einer fast nicht zu merckenden Veraͤnderung bestehet: Mann muͤ- ste dann in der Verwunderung uͤber der unge- meinen Gezwungenheit und inimitabl en Alber- heit Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ heit ein Vergnuͤgen finden/ als z. e. in des P. Abr. de S. C. Schrifften. 29. Aus diesen erhellet nun leichtlich/ daß ein Geldgeitziger an und fuͤr sich selbst keine Lust eben zum studi ren habe/ aber doch auch dem studir en nicht feind noch selben zuwideꝛ sey. Er studi ret aber nicht zur Lust/ noch in der Welt groß/ sondern reich zu werden/ und wenn er hoffet Geld mit zu verdienen/ so laͤsset er sich es sauer werden und hat gut Sitze-Fleisch. Er schickt sich aber zum mediti ren wegen Mangel des judicii und ingenii nicht wohl/ sondern auswendig zu lernen/ locos communes zu machen/ Collegia abzuschreiben/ viel zu lesen u. s. w. Er ist geschickt/ seine lectiones dem Wort-Verstande nach herzusagen/ und was er lieset leicht zu behalten/ in allen Facult aͤten/ Spꝛuͤ- che/ Leges, Recepte, Sententias und ganze Plaͤtze aus denen Autoribus zu mercken/ capitel/ ver- sicel, titel/ leges denen Zahlen nach ohne Ver- wirrung fertig zu mercken/ in Chronologia und Genealogia Jahrzahlen/ und Nahmen/ was zu dieser Zeit geschehen sey/ wie die Famili en auf einander folgen/ und durch Schwaͤgerschafft mit einander verknuͤpfft sind/ mit Verwunderung zu wissen. Wenn er Buͤcher schreibet/ ist er weit- laͤufftig/ und kan sie mit digressionen und vielen Allegatis, Sententiis Poetarum, Oratorum, Patrum, Philosophorum \&c. aus- zieren. Doch ist er bey seiner Menge und Weit- laͤufftig- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. laͤufftigkeit offt obscur und kein guter methodicus u. s. w. 30. Was nun die Laster und Untugenden anbelanget/ wodurch der Geld-Geitz von der wahren Tugend/ und von denen Beschaffen- heiten der Wohllust und des Ehr-Geitzes ent- schieden wird/ so ist bey einem Geitzigen an Statt der verschwiegenen Offenhertzigkeit der Tugend/ Tuͤckisches Wesen und Simuli- rung anzutreffen. Hierdurch verstehe ich ein Laster/ durch welches ein Geitziger ange- trieben wird/ sich gegen andere Menschen freundlich und treu anzustellen/ seinen Haß und Feindschafft zu verbergen/ die Wahr- heit zu verkehren/ und an Statt derselben sich die Luͤgen anzugewehnen. Ein Geitzi- ger liebet keinen Menschen/ also trauet er auch keinem/ sondern fuͤrchtet ihn/ und dencket ihn mit seiner Verstellung zu betriegen/ und dadurch Geld und Gut von ihm zu erlangen. Er liebet alle andere Creaturen/ und denckt/ andere sind wie er/ und trachten auch darnach. Diese Furcht nun und das Mißtrauen treiben ihn zur Simulation, Dissimulation und Luͤgen an/ und der Mangel der Menschen-Liebe giebt ihm Kraͤffte/ solchen Vorsatz auszuuͤben. Ein Tugendhaff- ter ist verschwiegen aus Liebe; Ein Ehr-Geitzi- ger aus Furcht fur der Schande: Ein Wohlluͤ- stiger wolte es wohl zuweilen gerne seyn/ aber seine Wohllust hindert ihn am Vermoͤgen/ wel- T ches Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ ches die Tugend denen Tugendhafften und die Ehrgierde dem Ehrgeitzigen giebet. Ein Geldgeitziger aber findet keine Liebe bey sich die ihn zur Verschwiegenheit der Geheim- nuͤsse anderer Menschen antriebe oder Kraͤffte gaͤbe. Sein Geld und seine Sachen ver- schweiget er/ und wenn er anderer Leute Din- ge schweigen soll muß man ihm die Verschwie- genheit mit Geld abkauffen. Wer nun mehr bietet oder giebt/ dem vertrauet er solche Ge- heimnisse/ und wird zum Verraͤther. Man kan also auff seine Treue nicht bauen/ weil er keine hat. Ein Tugendhaffter ist offenher- tzig aus Liebe/ ein Wolluͤstiger aus Unbedacht- samkeit und Unverstand/ ein Ehrgeitziger wird durch seinen Ehrgeitz gehindert nicht offenher- tzig zu seyn/ weil er diese Tugend fuͤr eine Schwachheit haͤlt/ also dissimuli ret er und kann die Warheit verhalten. Ein Geldgeitzi- ger aber/ in dem er glaubet/ daß ihm die Offenhertzigkeit Schaden bringe/ und ihn seines Geldes und Guts beraube/ oder an des- sen Erwerbung hindere/ geht er noch weiter als ein Ehrgeitziger/ (und ist also auch der Tugend und Wollust in diesen Stuͤck noch mehr entgegen gesetzt) weil er uͤber die dissi- mulation auch noch simuli ret und uͤber die Verschweigung der Warheit noch der Luͤgen sich ergiebet/ welches ein Ehrgeitziger fuͤr unge- ziemend und schaͤndlich haͤlt. 31. Ein und denen daher ruͤhrenden Untugenden. 31. Ein Tugendhaffter theilet seinen Freunden sein Geld und Gut gerne mit: Ein Wolluͤstiger wendet selbiges auff seine Sauff- Bruͤder und Huren: Ein Ehrgeitziger will damit seine Hochachtung bey andern Men- schen erkauffen. Ein Geitziger ist filtzig und knickericht/ und wird durch diese unbarm- hertzige Filtzigkeit angetrieben/ mit seinem Geld oder Gut keinem Menschen/ er sey so elend und duͤrfftig als er wolle/ umsonst und ohne entgeld zu Huͤlffe zu kommen. Einem Tugendhafften bricht das Hertze/ wenn er auch einen fremden Menschen in Elend und Duͤrfftigkeit siehet: Ein Wolluͤstiger wird zwar nicht gerne ohne Unterscheid Allmosen geben/ aber er giebt sie doch jungen und nicht heßlichen Weibs-Persohnen/ verwundeten/ abgebrenneten Leuten u. s. w. nicht unger- ne/ weil diese seine wohlluͤstige Weichher- tzigkeit ruͤhren/ oder giebet sie doch auch end- lich andern/ damit er ihr Gepinsele und Kla- gen nicht mehr hoͤren darff. Ein Ehrgeitzi- ger wird zwar durch anderer Elend nicht leicht zum Mitleiden bewegt werden: Aber er ist doch nicht unbarmhertzig und giebt All- mosen/ gelobet oder nicht geschmaͤhet zu werden. Aber ein Geldgeitziger findet keine Bewegung in seinem Hertzen uͤbeꝛ das gꝛoͤste Un- T 2 gluͤck Das 11. H. von dem Geld-Geitz gluͤck anderer Leute weil er keine Liebe fuͤr sie drinnen hat. Was fragt er darnach/ ob ihn die Leute loben oder schelten? Er weiß/ daß das Geld adelt/ und das denen Reichen auch die Gelehrten schmeicheln/ und wenn er gleich noch so filtzig ist/ doch die Erbschlei- cher umbs Maul gehen/ und caressi ren. Er kan wohl einen verwundeten/ einen abge- brenneten/ einen krancken und den misera- ble sten Menschen ohne eintzige Bewegung se- hen und anhoͤren/ aber wenn sein Geld-Sack verbrennet/ wenn sein Hund ein Bein bricht/ wenn sein Pferd einen Schaden hat u. s. w. da leidet er Hertzens-Angst/ denn seine See- le henget an diesen Dingen. Er weiß/ daß sich doch Schmeichler finden/ die ihn deswe- gen loben/ und ihn fuͤr einen Tugendhafften ausruffen/ der sich auch seines Viehes erbar- me: Er giebet nichts umsonst weg/ und wa- get nichts/ und hindert also seine eigene Be- gierde damit/ daß er nichts gewinnt. Und wer wolte einem Geitzigen viel schencken/ den man nicht eher als nach seinem Tode nuͤtzen kan. Ja er leihet auch nichts weg ohne gnugsame Versicherung und Verzinsung. Er ist der groͤste Wucherer und Betrieger/ der die aͤrm- sten und bedraͤngtesten Leute die in Noth stecken umb ihre Pfande und wenn sie ihm was gelie- hen und denen daher ruͤhrenden Untugenden. hen/ um capital und Zinse zu betriegen bemuͤ- het ist. 32. Die Tugend ist freundlich gegen jeder- man. Die Wohllust excedir et in einer Knech- tischen submission, und der Ehr-Geitz achtet viel Leute zu geringe/ ihnen Freundligkeit zu erwei- sen/ weil er von sich am meisten haͤlt. Ein Geldgeitziger ist in diesem Stuͤcke beydes dem Laster der Wohllust und des Ehrgeitzes/ aber auf eine andere Manier/ unterworffen. Wie wolte eine gleichmuͤthige Freundligkeit bey ihm seyn/ da er keinen Menschen liebet. Seine Freundligkeit faͤllet auf Hunde und dergleichen Creaturen. Wie caressir en diese Bestien ein- ander/ wenn ein Geitziger seinen Hund z. e. etli- che Tage nicht gesehen hat/ wie lecken sie einan- der s. v. den Speichel? Gleich und gleich liebet sich. Gehet es einem Geitzigen gluͤcklich; Jst er in Reichthum; Was hat er fuͤr eine naͤrri- sche Aufgeblasenheit? Er giebet keinen Men- schen ein gut Wort. Er meinet/ es koͤnne ihm nicht fehlen. Er thut alles/ er macht alles/ er hat alles. Es mangelt ihm nichts/ weil er sein Hertz in steter Abwechselung mit seinen vielen Guͤtern belustigen kan. Jst er aber in Ungluͤck/ brennet ihme sein Haus und Hof weg; Wie laͤst er die Fluͤgel haͤncken? Wie biegt er sich fuͤr denen Leuten/ bey denen er etwas bettelt. Jst ein Ehr-Geitziger in seinem Gluͤck hochmuͤthig/ so ist es ein Geitziger noch mehr. Jst ein Wohl- T 3 luͤsti- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ luͤstiger auf knechtische Art submiß, so ist diese Submission bey einem Geitzigen gar Bet- teley. 33. Denn es mangelt einem Geitzigen auch die gedultige Hertzhafftigkeit eines Tugendhaff- ten/ und er ist ungeschickt/ dem Ungluͤck beheꝛtzt ent- gegen zu gehen/ noch dasselbige gedultig zu ertra- gen: Koͤmmt ihm das Ungluͤck auf den Hals/ ist er so zaghafft und ungedultig/ als ein Wohl- luͤstiger; Kein Geitziger hat courage, die Furcht ist eine gemeine Beschaffenheit der Wohllust und des Geitzes. Aber die Simula- tion eines Geitzigen verbirget diese Furcht/ und laͤsset sie nicht in Klagen und Worten heraus brechen/ als wie ein Wohlluͤstiger. Er veraͤn- dert nur die Farbe/ und verblasset: Seine Un- gedult verbirget er unter seinen gewoͤhnlichen Stillschweigen. Er erzuͤrnet sich uͤber dem Ubel ja so wohl als ein Ehr-Geitziger. Aber sein Grimm bricht nicht so in sein aͤusserstes herfuͤr. Wallet gleich sein Hertz voll Ergernuͤß und Furcht/ so lachet doch sein Mund wohl/ und stellet sich freundlich/ und also ist die Eigen- schafft eines Geitzigen/ daß er haͤmisch sey. Kan er aber sein Ubel vom Halse loß werden/ so bricht die bißher hinterbaltene und verborgene Wut herfuͤr. Ein Wohlluͤstiger freuet sich/ wenn er das Ubel vom Halse loß ist/ und be- muͤhet sich nur/ daß er solches abhalte/ damit es und denen daher ruͤhrenden Untugenden. es nicht wieder komme/ attaquir et es aber nicht. Ein Ehr-Geitziger gehet voller Grimm und Tollkuͤhnheit auf das Boͤse loß/ so lange es ihm widerstehet: Wenn er aber dessen Mei- ster worden/ wuͤrde er es sich fuͤr eine Schande achten/ dawider zu wuͤten. Aber ein Geld-Geitziger begegnet allem Ubel mit fal- schem Liebkosen/ kan er es aber unter sich brin- gen/ so laͤsset er alsdenn seinen Gifft ausbre- chen/ er raset auch in Holtz und Steine/ in unvernuͤnfftige Thiere u. s. w. 34. Wie er nun bey aller Gefahr beschaf- fen ist/ also ist er auch mit seinem Zorn gegen einen Menschen/ der ihn beleidigen wil/ oder beleidiget hat/ von der Tugend/ Wohllust und Ehr-Geitz entfernet. Ein Tugendhaffter er- zuͤrnet sich gar nicht/ sondern gehet der zuzufuͤ- genden Beleidigung hertzhafft entgegen/ und wendet dieselbige/ ohne sich zu alterir en/ so viel moͤglich ab. Geschiehet sie dennoch/ so leidet er sie gedultig/ und ist auf keine Rache bedacht/ seine Großmuth treibet ihn vielmehr an/ seinem Beleidiger nicht nur nicht zu schaden/ wenn er gleich koͤnte/ sondern auch Gutes zu thun/ wenn er schon von ihm nicht darum er- sucht wird. Aber ein Geld-Geitziger ist furchtsam bey ereignender Beleidigung/ er weiß sich nicht wohl zu helffen/ dieselbe ab- zuwenden/ er empfindet sie/ und verdriesset T 4 ihn/ Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ ihn/ wenn man ihn beleidiget/ und da er zuvor- her keine Liebe zu einigen Menschen hatte/ kan es nicht fehlen/ es muͤsse die Beleidigung/ so man ihm anthut/ einen Verdruß und Haß bey ihm erwecken/ er trachtet nach Rache/ und weil er seinen so genanten Freunden nicht Gutes thut/ wie solte er gegen seinem Beleydiger Großmuth erweisen. Ein Wohlluͤstiger ist em- pfindlich/ und kan auch seine Empfindligkeit nicht wohl bergen/ aber es vergehet ihn bald wie- der/ und was er nicht in der ersten Hitze thut/ das bleibet hernach wohl. Aber ein Geitziger er- zuͤrnet sich zwar nicht eben so leichte uͤber alles/ jedoch wenn er sich erzuͤrnet/ verbirget er sei- nen Zorn meisterlich/ und huͤtet sich/ daß er nicht in der ersten Bewegung etwas blicken lasse/ und gedencket es dabey desto laͤnger. Ein Ehr- Geitziger ist feurig in seinem Zorn/ und ruhet nicht eher/ bis er sich mit offenbarer Gewalt gerochen hat. Aber ein Geld-Geitziger hat ein stilles verborgenes Feuer/ das nicht flammet/ sondern nur glimmet/ und gleichsam mit Asche stets bedeckt ist. Offenbare Gewalt zu uͤben ist er viel zu furchtsam. Aber mit Freundligkeit und guten Worten seinen Feind sicher zu ma- chen/ ist er/ wegen seiner angewehnten Simu- lation, sehr geschickt. Und dieser Beschaffen- heit haben wir oben in der Tabelle den Nah- men der verbeissenden Nachtragung gege- ben. 35. Der und denen daher ruͤhrenden Tugenden. 35. Der Wohllust ist der Geld-Geitz noch mehr entgegen gesetzt/ als die Tugend und der Ehr-Geitz. Denn erstlich ist die Wohllust ver- soffen/ fraͤßig und geil. Ein Tugendhaffter ist zwar nuͤchtern/ maͤßig und keusch/ aber er isset doch seinen Bissen in Freude/ und trincket mit Vergnuͤgen zu Erqvickung seines Leibes. Und gesetzt/ er haͤtte eben kein Belieben zum Ehstan- de/ so ist er doch kein Feind des weiblichen Ge- schlechts/ und erweiset demselben nach Gele- genheit aufrichtige Freundschafft: Ein Ehr-Gei- tziger gehet zwar weiter/ er strapuzir et sich/ er bricht sich Essen und Trincken ab/ seinem Ehr- Geitz gnug zu thun/ aber er ist doch auch zuwei- len froͤlich/ er haͤlt zwar die Geilheit des Wohl- luͤstigen fuͤr schaͤndlich/ und insgemein den Ehe- stand fuͤr schaͤdlich und hinderlich/ aber er ist doch einer Ehr-suͤchtigen Liebe faͤhig. Hinge- gen ein Geitziger isset sich nicht satt/ er na- get die Knochen wie ein Hund/ seine Me- lancolie laͤsset ihm nicht zu/ daß er einen Trunck recht mit Freuden thaͤte. Die Menschen uͤber- haupt liebet er nicht/ aber das Weibes-Volck hasset er/ weil er sich befuͤrchtet/ entweder/ daß sie ihn mit ihrer Liebe von der Liebe anderer Creaturen abziehen/ oder ihn um sein Gut und Geld bringen moͤchten. Und weil ihm ein Hund und ander Vieh lieber ist/ als ein Mensche/ so kanst du auch leicht ermessen/ daß ein Geitziger T 5 mehr Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ mehr zu denen abscheulichsten Suͤnden/ als zu der Hurerey geneigt sey. 26. Eine gleiche Bewandnuͤs hat es auch mit denen Ausgaben/ die man auf sich selbst wendet. Die sparsame Tugend wendet we- nig auf sich/ sondern brauchet ihren Vorrath gegen arme Nothleidende. Die verschwende- rische Wohllust ist uͤbermaͤßig in Kosten auf sich selbst und andere. Der genaue Ehrgeitz wendet zwar wenig/ jedoch mehr auf sich/ als die Tugend/ und braucht es bey andern/ sich groß damit zu machen. Aber ein Geld-Geitziger/ wie er ge- gen alle Menschen unbarmhertzig/ filtzig und knickericht ist/ also ist er auch gegen sich ein Lauser/ der sich selbst nichts zu gute thut/ kein gut Kleid sich auf den Leib schaffet/ keinen Hausrath anschaffet/ auch seinem Vieh/ das er liebet/ nicht viel von dem Seinen zu fressen giebt/ und wenn er einen guten Braten ge- schenckt kriegt/ ihn zu Gelde macht/ mit denen Seinigen uͤber der Mahlzeit von nichts mehr als der Maͤßigkeit discurir et/ alle dicta, die von der Maͤßigkeit handeln/ heraus streichet/ sehr eyffrig auf die Verschwendung ist/ und die Schaͤndligkeit eines Wohlluͤstigen mit lebendi- gen Farben abzumahlen weiß u. s. w. 37. Ob wir nun wohl hiernaͤchst auch oben in der Tabelle dem Geld-Geitz muͤhsame Esels- und denen daher ruͤhrenden Untugenden. Esels-Arbeit zugeleget haben/ so muß doch die- ses wohl und mit gewisser Bedingung verstan- den werden. Ein Tugendhaffter temperir et seine Arbeit mit maͤßiger Erqvickung/ ein Wohl- luͤstiger ist ein Feind der Arbeit/ und ein Ehr-Gei- tziger arbeitet gar zu viel. Der Geld-Geitz aber ist an und fuͤr sich selbst indifferent, daß nach der Passion, wormit er gemischet wird/ er sich so wohl zum Muͤßiggang als Arbeit schickt. Hat er Geld und Gut schon erworben/ so ist die- ses eben keine grosse Arbeit/ bey seinem Gel- de zu sitzen/ selbiges zu zehlen/ auf seinen Guͤ- tern von einem Ort auf den andern zu gehen/ und zusehen/ ob alles noch da ist/ und wohl verrich- tet wird. Es ist aber doch auch kein Muͤßiggang eines Wohlluͤstigen. Hat er aber noch kein Geld und Gut fuͤr sich gebracht/ oder er haͤtte dessen gerne mehr/ so hat ein Geitziger noch andere Mittel reich zu werden/ oder etwas zu erlangen/ als eben arbeiten. Ein Tugendhaff- ter/ ja ein Ehr-Geitziger schaͤmet sich/ etwas von andern zum Geschencke zu begehren. Ein Wohlluͤstiger giebt gerne weg/ und schaͤmet sich eben so sehr nicht/ wieder was zu betteln/ wenn er es braucht. Ein Geitziger hat auch keine Scham zu betteln/ wenn er nur Hoff- nung hat/ was zu erlangen/ ja ein Geitziger schaͤmet sich auch nicht zu stehlen/ oder durch Unrecht was an sich zu bringen. Wann er demnach im Gluͤcke/ Macht und Ansehen sitzet/ weiß Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ weiß er gar wohl seinen Client en zu verstehen zu geben/ was er von ihnen wil geschencket ha- ben/ er ist ein groͤberer Dieb/ als die/ die man haͤnckt/ er bestielet seinen Fuͤrsten/ oder das gemeine Wesen/ er macht falsche Muͤntze/ oder doch Compagnie mit dergleichen Gesinde. Jedoch hindert ihm oͤffters seine Furcht/ daß er das Betteln und Stehlen bleiben laͤst. Das Betteln gehet ihn nicht allemahl wohl von stat- ten. Wer wil einem Menschen/ der nieman- den nichts umsonst giebt/ viel umsonst geben? Er hat nicht allezeit Macht und Ansehen/ und da haͤlt ihn seine Furcht/ weil er keine courage hat/ ab vom Stehlen und filoudir en/ sein Leben ist ihm gar zu lieb. Also treibt ihn die Noth zur Arbeit an/ das zu gewinnen/ das er nicht hat/ und doch so hefftig liebet: Hier faͤllet er nun bey seiner Arbeitsamkeit gantz auf eine andere Art/ als ein Ehr-Geitziger. Ein Ehr-Geitziger ar- beitet wohl auch mit dem Leibe/ indem er selbi- gen mit vielen Wachen/ Maͤßigkeit/ Reisen u. s. w. travaillir et/ aber seine meiste Arbeit thut der Kopff/ seine wenigste die Haͤnde/ und in- dem er mehr Ehre als Geld zu erwerben trachtet/ und solcher Gestalt viel hazardir et/ gewinnet er auch durch dergleichen hazard oͤffters grosse Summen und Guͤter mit Wucher wieder. Ein Geitziger aber kan ob defectum judicii \& inge- nii nicht viel mit dem Kopffe arbeiten/ son- dern er muß es sich mit Hand-Arbeit oder doch mit und denen daher ruͤhrenden Untugenden. mit anderer dergleichen geringer und muͤhsa- mer Arbeit sauer werden lassen/ und weil er aus all zu naͤrrischer Liebe gegen sein Geld und Gut nichts hazardrr et/ gewinnet er auch wenig/ und selten mehr als ein Tageloͤhner/ biß er mit Scharren und Schaben was fuͤr sich bringt/ und sich solcher Gestalt oder durch andere ausseror- dentliche Zufaͤlle in Macht und Ansehen setzet. Und dieses ist es demnach/ was ich muͤhsame Esels-Arbeit genennet habe. 38. Endlich/ gleich wie Wohllust und Ehr- Geitz ihre so zu reden eigene Geburten haben/ die aus ihrem Wesen gezeuget werden/ jene die Faulheit und Muͤßiggang/ dieser die zornige Rachgier; Also ist das Kind des Geitzes der neidische Schadenfroh. Ein Geitziger liebet keinen Menschen: Er haͤtte gern alles Geld und Gut/ wenn er es gleich nicht bedarff oder brau- chen kan/ denn er brauchet es ohne dem wenig oder nichts. Nun aber ist der Neid eine Be- gierde/ die Betruͤbnuͤs erwecket uͤber eines andern Menschen seinem Gluͤcke/ wenn man gleich dasselbe selbst nicht brauchet noch ge- niesset. Alles was uns betruͤbet/ das verhin- dern wir/ wann es noch zukuͤnfftig ist/ und wann es gegenwaͤrtig ist/ suchen wir es vom Halse loß zu werden/ damit die Betruͤbnuͤs aufhoͤre. Also ist nun die erste Wuͤrckung des Neides/ daß ein Geitziger jederman/ auch seine guten Freun- Das 11. H. von dem Geld-Geitz/ Freunde/ hindere/ Geld und Gut zu erlangen/ ob er schon durch seine Simulation dem aͤusserli- chen Scheine nach ihm darzu behuͤlfflich zu seyn sich anstellet. Und also ist er noch aͤrger als ein Hund/ der auf dem Heu lieget/ das er nicht ge- niessen kan/ und den Ochsen verhindert/ daß er nichts davon fressen kan. Denn der Hund bel- let doch den Ochsen an/ daß er sich fuͤr ihm huͤten kan. Die andere Wuͤrckung ist/ daß ein Gei- tziger sich uͤber dem Ungluͤck eines andern/ sonderlich wenn es uͤber Geld und Gut gehet/ z. e. wenn ihm sein Haus abbrennt/ wenn er bestoh- len wird/ in so weit/ daß ihme dadurch seine nei- dische Betruͤbnuͤs benommen wird/ freuet. Und also ist die Freude eines Neidischen uͤber des andern seinen Schaden keine huͤpffende Freu- de/ als die Freude eines Wohlluͤstigen/ oder auch als seine eigene Freude uͤber die Erlangung eines guten/ sondern eine stille Freude/ wie alle dieje- nige ist/ die man uͤbeꝛ die Benehmung eines Ubels/ z. e. einer schmertzhafften Kranckheit/ schlimpfli- cher Unehre/ u. s. w. empfindet. Er haͤtte wol lieber alles Gut und Geld; Aber weil dieses nicht moͤg- lich ist/ troͤstet er sich schon zur Helffte/ wenn es nur der andere nicht hat. Er ist wie die Hure/ die fuͤr dem Salomon uͤber das lebendige Kind zanckte/ und sich troͤstete: Es sey weder mein noch dein. Das Das 12. Hauptstuͤck. Von denen Beschaffenheiten der Affect en/ die aus Vermischung der drey Haupt-Laster ent- stehen. Jnnhalt. Einleitung zu der Lehre dieses Hauptstuͤcks/ durch ein Bey- spiel von denen Farben und derer Mischung. n. 1. welches uͤberhaupt auf die Mischung der Begierden applicir et wird. n. 2. Aus starcker Mixtur der Wohllust und des Ehr-Geitzes entstehen lauter Schein-Tugenden/ die denen Wahrhafftigen aus vernuͤnfftiger Liebe herruͤhrenden Tugenden allent- halben nachaffen. n. 3 Was es fuͤr ein Ansehen habe/ wenn Wohllust oder Ehr-Geitz in der Mix- tur die Oberhand bekommen. n. 4. Jngleichen wenn der Geld-Geitz in einer ziemlichen Dosi zu dem vermischten Ehr-Geitz und Wohllust eintrete. n. 5. Was aus der Mixtur des Ehr- und Geld- Geitzes/ es herrsche nun jene oder diese am staͤrcke- sten/ ingleichen/ wenn die Wohllust etwas merck- lich in die Mixtur kommet/ fuͤr affect en entstehen/ und wie sie von der Welt pflegen genennet zu wer- den/ nemlich eine sonderliche Verschwiegenheit und dissimulation. n. 6. Eine Magnisicenz. n. 7. Eine Reputation und Kunst sich zu insinui- ren. n. 8. Ein ungemein phlegma und loͤbliche Großmuth. n. 9. Eine nuͤchterne und maͤßige Keusch- Das 12. H. von der Vermischung Keuschheit. n. 10. Eine gute Haußwirthligkeit. n. 11. Eine arbeitsame Munterkeit. n. 12. Eine kluge an sich Haltung des Zorns/ bis es Zeit ist aus- zubrechen. n. 13. Eine geschickte Dienstfertigkeit. n. 14. Eine Welt-beruffene Gelahrheit. n. 15. Aus der Mischung endlich der Wohllust und des Geld-Geitzes entstehet ein sehr elendes und misera- bles temperament, welches durch alle Classen beschrie- ben wird. n. 16. Diese Vermischungen alle fallen gantz anders in die Augen/ nach dem unterschiede- nen Alter des Menschen. n. 17. und der daraus ent- stehenden Gelegenheit der con v ersation, welche auch die geringsten passiones starck irritir et. n. 18. Was fuͤr ein Unterschied zwischen der herrschenden nnd der durch die Gelegenheit starck irritirt en untersten passion sey. n. 19. Viel Gelegenheiten machen eine Gewohnheit. Diese wird nach Gelegenheit zur an- dern Natur/ oder verdoppelt dieselbe. n. 20. Stand und Auferziehung thut das meiste bey der Gewohn- heit. Jedoch ist zwischen der aus Gewonheit entste- henden andern Natur und der rechten ersten Natur ein grosser Unterscheid. n. 21. Die Veraͤnderung der Gluͤcks-Guͤter giebet auch denen Mischungen der Gem uͤth s-Neigungen ein gantz ander Ansehen. n. 22. Das Gluͤck des Menschen dependir et nicht von sei- ner unterschiedenen/ aus der unterschiedenen Mi- schung entstehenden Geschickligkeit und Verstand des Menschen. n. 23. Jndem die wenigsten sich Gele- genheit zu ihren Begierden nach Willen verschaffen koͤnnen/ da hingegen anderen solche gleichsam zu- fliesset/ oder sie selbige nicht gebrauchen. n. 24. Wie- wohl jeder Mensch augenblicklich genung Gelegen- heit hat/ seinen und seines Naͤhesten wahren Nutzen zu befoͤrdern. n. 25. Daß ein Mensch sich sein Gluͤck der drey Haupt-Laster. Gluͤck und Ungluͤck selbst mache/ ist in gewissen ob wohl gemeinen Verstande falsch/ und auf ge- wisse Masse wahr.. n. 26. Unterschied zwischen dem Heydnischen Gluͤck und Goͤttlicher Fuͤrsehung/ ingleichen zwischen dem Gluͤck und Ungluͤck nach dem Heydnischen Verstande heutiger Schein-Chri- sten/ und nach dem vernuͤnfftigen Verstande der Heyden. n. 27. Aus dem aͤusserlichen Scheine muß man nicht so fort von den herrschenden Gemuͤths- Neigungen urtheilen. n. 28. Aus unterschiedenen Ansehen Leute von unterschiedener condition muß man nicht allemahl unterschiedene Mixturen schliessen. n. 29. Die Politische Regeln vom kuͤnfftigen Gluͤck und Ungluͤck eines Menschen sind nicht uni v ersal und unstreitig. n. 30. Aus dem Gluͤck und Ungluͤck eines Menschen kan man von seiner Gemuͤths-Mischung nicht urtheilen. n. 31. Eines Menschen Gemuͤths-Mischung endet sich na- tuͤrlicher Weise die Zeit seines Lebens nicht. Præ- judicia , aus denen die gegenseitige Meinung ent- stehet. n. 32. Ob die vernuͤnfftige Liebe nicht auch mit Wohllust/ Ehr-Geitz und Geld-Geitz in eine Mixtur koͤnne gebracht werden? n. 33. Jeder Mensch hat etwas vernuͤnfftige Liebe bey sich. n. 34. Vernuͤnfftige Liebe kan mit denen Lastern nicht ge- mischet werden. n. 35. Jeder Mensch hat von Wohllust/ Ehr-Geitz und Geld-Geitz etwas an sich. n. 36. Die vernuͤnfftige Liebe wird bey allen Men- schen von denen drey Haupt-Lastern gefangen ge- halten/ und unterdruckt. n. 37. Also ist kein eini- ger recht tugendhaffter Mensch in der Welt. n. 38. Bey allen Menschen ist die vernuͤnfftige Liebe der unterste und geringste affect. Ursachen/ warum ich sonsten anders gelehret. n. 39. Kein Mensch thut was rechtschaffen Gutes/ dabey Wohllust/ U Ehr- Das 12. H. von der Vermischung Ehr-Geitz oder Geld-Geitz nicht interessir et sey. n. 40. Bey einem jeden Menschen herrschet eines von denen drey Haupt-Lastern. n. 41. und raget entweder sehr mercklich fuͤr denen andern beyden lasterhafften Gemuͤths-Neigungen empor/ da sie gar leichte von jederman erkennet wird. n. 42. oder sie ist mit der nachfolgenden starck gemischt/ da sie schon schwerer zu erkennen ist. n. 43. Noch schwerer aber/ wann auch die dritte Paßion sehr starck mit denen ersten beyden gemischet ist. n. 44. Gegeneinanderhaltung derer drey Haupt-Laster und derer draus entstehenden Mixturen in Anse- hung der Erkaͤntnuͤß sein selbst und anderer Men- schen. n. 42. 43. 44. Es sind uͤberhaupt sechser- ley Classen/ dahin die affect en aller Menschen ih- rer Ordnung nach gebracht werden koͤnnen. Jede von denenselben hat wiederum unzehlige Arten un- ter sich in Betracht der unterschiedenen Proportio- nen von der Mixtur. n. 45. Diese Proportion en koͤnnen fuͤglich in Praxi durch das Exempel der Eintheilung der Erbschafften in 12. Untzen bey denen Juristen/ das ist/ durch die Proportion zwischen 1. und 12. n. 46. oder durch die Proportion zwischen 5. und 60. welche fast eben das ist/ und nur in ge- wissen Faͤllen einen Vortheil giebet/ gesuchet wer- den. n. 47. Nutzen der Ausrechnung der unter- schiedenen Ordnung und Proportion en deren drey Haupt-Paßionen/ so wohl in Erkaͤntnuͤß sein selbst/ als in Erkaͤntnuͤß anderer Menschen. n. 48. Dieses letzte wird durch ein ausfuͤhrliches Exem- pel illustrir et. n. 49. Die Politischen Regeln sind zwar nuͤtzlich/ aber nicht unbetruͤglich. n. 50. Man muß bey denen Politischen Lebens-Regeln sehr genau auf die von Goͤttlicher Pro v idenz ge- mach- der drey Haupt-Laster. machten exception en acht haben. n. 51. Die Er- kaͤntnuͤß sein selbst ist die eintzige Pforte zu der Er- kaͤntnuͤß anderer Menschen/ und Goͤttlicher Pro- videnz. n. 52. Beweiß/ daß die Ordnungen Menschlicher Gemuͤths-Neigungen sich niemahlen aͤndern. Die Gemuͤths-Neigungen sind Geistig- keiten. Anmerckungen von dem Wesen der Gei- stigkeiten und ihren Kraͤfften in allen Coͤrpern uͤber- haupt. n. 53. Absonderlich in denen Thieren und aͤusserlichen Sinnen. n. 54. noch mehr aber durch die Sinnligkeiten der Menschen. n. 55. Der Mensch kan durch seine Gedancken die Geistigkei- ten seiner Begierden eine Zeitlang erhalten/ staͤr- cken und vermehren. n. 56. Die all zu starcke Vermehrung der Geistigkeit eines Coͤrpers rumi- ret denselben. Und der Mensch rumir et augen- blicklich seinen Coͤrper durch Mehrung seiner Wohl- lust/ Ehr-Geitzes und Geld-Geitzes. n. 57. Aus diesen Anmerckungen wird der Schluß von stets- waͤhrender gleicher Ordnung der affect en eines Menschen gemacht. n. 58. Antwort auf die Obje- ction , daß die Gelegenheit manche affect en hindere/ mache aber antreibe. n. 59. Gemeiner Jrrthum wider diesen Lehr-Satz/ und Bestaͤtigung desselben/ durch das Exempel Sixts V. n. 60. Judicium von des Theophrasti characteribus morum , und Barelaji icone animorum. n. 61. U 2 1. Es Das 12. H. von der Vermischung 1. E S sind nach derer/ die von denen Far- ben geschrieben haben/ ihrer Meinung fuͤnff Haupt-Farben/ aus derer Mi- schung andere Farben/ und aus dieser ihrer Mi- schung wieder andere unzehlige entstehen/ die ein jeder guter Mahler wohl verstehen und ac- curat von einander entscheiden muß. Hierbey aber ist es nicht noͤthig/ daß man ihm in der Un- terweisung alle mixtur en zeige/ sondern es ist genug/ daß er erstlich die fuͤnff Haupt-Farben/ weiß/ gelb/ roth/ blau und schwartz/ wohl begreiffe/ hernach aber erkenne/ wie aus deren unterschiedenen mixtur weißlich/ Fleisch-Far- be/ grau/ dunckelgrau/ braun/ dunckel- braun/ dunckelroth/ dunckelblau/ gruͤn/ Gold-gelb/ Purpur-Farbe entstehe; Jm uͤbrigen aber durch eigenes Nachdencken und Proben erfinde/ was aus der Mischung dieser 15. Farben untereinander/ und so weiter/ fuͤr Farben entstehen; auch dabey wohl beobachte/ daß aus zweyer Farben unterschiedener Mi- schung/ nach proportion der mixtur auch un- terschiedene Farben entstehen koͤnnen/ (als z. e. aus weiß und schwartz/ unterschiedene Arten von grau und braun/ nachdem mehr weiß oder mehr schwartz in der mixtur gebraucht worden/ in- glei- der drey Haupt-Laster. gleichen in der mixtur von weiß und blau/ bald gruͤn/ wenn wenig blaues/ bald Himmel- blau/ wenn wenig weisses in die mixtur kom- men/) wie nicht weniger/ daß zuweilen einer Art Farben aus Mischung unterschiedener Far- ben herfuͤr kommen/ als z. e. grau aus weiß und schwartz/ item aus weiß und blau/ braun aus schwartz und weiß/ item aus schwartz und gelb/ u. s. w. 2. Eine fast gleiche Bewandnuͤß hat es mit Erkaͤntnuͤß der unterschiedenen Arten der af- fect en. Ob wohl drey Haupt- affect en sind/ deren unterschiedene Beschaffenheit schon wie- derum Namen neuer affect en erlanget; so entstehen doch aus der unterschiedenen mixtur dieser drey affecten untereinander/ und aus der unterschiedenen proportion, die bey der Mi- schung selbst in acht zu nehmen/ unzehlige affe- cten. Alle zu zeigen ist unmoͤglich/ sondern es ist wieder genung/ wenn wir die vornehmsten/ und so zu sagen ersten alterationes deren mix- tur en ein wenig bemercken/ und hernach die uͤbri- ge Betrachtung dem eigenen Fleiß und atten- tion eines Warheit begierigen Menschen uͤber- lassen/ auch ihn bald anfaͤnglich erinnern/ daß wie z. e. Furcht so wohl eine Frucht des Geld- Geitzes als der Wohllust ist/ Verschwen- dung so wohl aus Ehr-Geitz als Wohllust U 3 her- Das 12. H. von der Vermischung herruͤhren kan/ und Grausamkeit so wohl von einem Ehr-Geitzigen als Geld-Geitzigen kan gesaget werden/ und also die Laster etliche af- fect en mit einander gemeine haben; also auch aus unterschiedener proportion der Mischung der Haupt- Passion en unterschiedene affect en herfuͤr kommen/ z. e. aus der Mischung der Wohllust und Ehr-Geitz bald eine Sittsam- keit/ wenn die Wohllust schwaͤcher ist/ bald eine Froͤligkeit/ wenn die Wohllust staͤrcker ist/ u. s. w. 3. Was nun anfaͤnglich die Mischung der Wohllust und des Ehr-Geitzes betrifft/ so verursacht selbige/ wenn die Mischung fast in gleicher proportion ist/ daß hieraus ein sehr vernuͤnfftiges temperament dem Scheine nach entstehet/ so gar/ daß man sich gar leichte betriegen kan/ diese mixtur fuͤr die vernuͤnff- tige Liebe selbst zu halten/ weil der vernuͤnff- tigen Liebe diese beyden passiones auf eine fast widerwaͤrtige Art entgegen gesetzt sind/ durch die Mischung aber diese Entgegensetzung auf bey- den Seiten gedaͤmpfft wird/ daß sie ein Bild der Tugend von aussen vorstellen/ wie z. e. bey denen Mahlern die wohl proportionir te mixtur vom Licht und Schatten das Tages-Licht ab- bildet/ oder uͤberhaupt die Nachaffung der Natur manche Sachen/ als wenn sie lebe- ten/ der drey Haupt-Laster. ten/ vorstellet. Die unbedachtsame Klaͤtsche- rey eines Wohlluͤstigen ist gar zu offenher- tzig/ und die hartnaͤckigte Stoͤckischheit ei- nes Ehr-Geitzigen gar zu verschwiegen. Wenn aber Wohllust und Ehr-Geitz miteinander ver- mischet werden/ wird die wohlluͤstige Klaͤt- scherey von der Ehr-geitzigen Stoͤckischheit und diese von jener hinwiederum gedaͤmpffet/ daß sie der verschwiegenen Offenhertzigkeit der vernuͤnfftigen Liebe aͤhnlich wird. Die lie- derliche und eitele Verschwendung der Wohl- lust und des Ehr-Geitzes/ sind zwar beyde von der Frepgebigkeit vernuͤnfftiger Liebe in all zu vielen Geben entfernet/ jedoch ist die Freyge- bigkeit auch der Verschwendung naͤher/ als der Filtzigkeit/ und ist nur darinnen noch ein Unterschied/ daß die Freygebigkeit und Gut- thaͤtigkeit auf alle Menschen gehet/ da hinge- gen die Wohlluͤstige Verschwendung mehren- theils auf liederliche/ die Ehr-geitzige aber auf Ehr-geitzige Leute gewendet wird. Wenn aber Wohllust und Ehr-Geitz gemischet sind/ so kommen sie der gutthaͤthigen Freygebig- keit ziemlich nahe/ weil so dann die Ver- schwendung etwas kluͤger/ und nicht so in Tag hinein/ auch nach der Welt Stilo auff honnett er Frauen-Zimmer/ auf vornehmere Gesellschafft/ ingleichen mehr auff duͤrffti- ge und nothleidende gewendet wird. Die U 4 Knech- Das 12. H. von der Vermischung Knechtische Submission der Wohllust/ und der veraͤchtliche Hochmuth des Ehr-Geitzes haben abermahls die gleichmuͤthige Freund- lichkeit vernuͤnfftiger Liebe mitten inne. Bey der Mischung aber dieser beyder verursachet die Mixtur des Ehr-Geitzes/ daß die Sub- mission der Wohllust nicht so Knechtisch/ und die Mixtur der Wohllust/ daß der Hochmuth des Ehr-Geitzes nicht so mercklich/ sondern freundlicher aussiehet/ eben als wie die Zaghafftigkeit der Wohllust die Tollkuͤhn- heit des Ehr-Geitzes etwas zahmer/ und die Tollkuͤhnheit des Ehr-Geitzes die wohl- luͤstige Zaghafftigkeit etwas hertzhaffter macht/ daß sie der geduldigen Hertzhafftigkeit vernuͤnfftiger Liebe mehr naͤheru/ so ist auch leichte zu begreiffen/ daß die Mixtur der Wohlluͤstigen zwar gaͤhzornigen/ aber auch nicht lange daurenden Weichhertzigkeit mit der zornigen Rachgier des Ehr-Geitzes ein aͤusserliches Ansehen geduldiger Großmuth der vernuͤnfftigen Liebe gewinne. Und wenn ein Mensch die versoffene fraͤßige Geil- heit seiner Wohllust/ mit der Stoischen Faste und Unempfindligkeit seines Ehr-Gei- tzes daͤmpffet/ siehet es fuͤr denen Leuten aus als wie die nuͤchterne maͤßige Keusch- heit/ ferner die gemischten wolluͤstige Ver- schwendung und Ehr-geitzige Genauigkeit/ wie der drey Haupt-Laster. wie Tugendsame Sparsamkeit/ und die un- tereinander temperir ten Laster des wolluͤstigen faulen Muͤßiggangs und des Ehrgeitzigen wach- samen Arbeitsamkeit/ wie die geschaͤfftige Munterkeit vernuͤnfftiger Liebe. Ein halb Wolluͤstiger/ halb Ehrgeitziger Mensch/ ist ge- schickt zu gemaͤßigten Lust und Ernst/ und in Freud und Leid capable Dienste zu leisten/ wodurch er der freudigen Dienstfertig- keit nachaͤffet. Er hat endlich ein gutes Ingenium und Judicium , und bey dieser Be- wandniß consideri ret man eben nicht sehre/ ob das Gedaͤchtniß so vortrefflich sey oder nicht. 4. Jst nun bey dieser Mischung der Ehr- geitz staͤrcker als die Wollust/ wird er mehr verschwiegen/ weniger freundlich/ mehr hitzig/ mehr nuͤchtern und retirè , ingleichen genauer/ arbeitsamer/ empfindlicher und nicht so leich- te zu besaͤnfftigen/ ernsthaffter/ und subtiler seyn/ in gegentheil aber wenn die Wollust staͤr- cker ist/ so redet er mehr/ er ist freundlicher/ behutsamer in Eyffer/ lustiger/ galanter, magnifiquer, commoder , vertraͤglicher/ gut- hertziger/ artiger/ und ingenieuser was an- zugeben. 5. Tritt aber auch endlich der Geldgeitz U 5 nahe Das 12. H. von der Vermischung nahe an die beyde domini renden Begierden der Wollust und des Ehrgeitzes/ aut vice versâ, so kriegt die scheinbare verschwiegene Offen- hertzigkeit eine ziemliche tinctur von dem falsi- loquio oder Unwarheit und dissimulation des Geitzes/ welches aber die Welt bald mit der Larve einer verstaͤndigen Klugheit und cir- cumspection zu bedecken suchet: Die schein- bare gutthaͤtige Freygebigkeit wechselt zuweilen mit etwas Unbarmhertzigkeit und Knickerey/ und die scheinbare Sparsamkeit mit einer ziem- lichen dosi der Lauserey ab/ welches die Poli- tische Welt/ sorgfaͤltige Haußhaͤltigkeit nen- net: Die scheinbare gleichmuͤhtige Freundligkeit/ ist in Gluͤck ziemlich intonirt, und in Ungluͤck etwas sclavisch/ welches der Menschlichen Natur so dann zugeschrieben wird. Die schein- bare geduldige Hertzhafftigkeit hat etwas von der couleur der haͤmischen Grausamkeit/ und die scheinbare geduldige Großmuth etwas von ver- beissender Nachtragung angenommen/ welches man eine generose Verschlagenheit nennet. Die scheinbare nuͤchterne u. maͤßige Keuschheit krieget noch einen scheinbarern Anstrich durch die stren- ge Nuͤchternheit und Haß weibliches Ge- schlechts. Die scheinbare geschaͤfftige Mun- terkeit bekommet mehr Arbeitsamkeit/ aber die scheinbare freudige Dienstfertigkeit verlieret ein ziemliches von ihren falschen lustre durch den An- der drey Haupt-Laster. Anstrich des neidischen Schadenfroh. Der Verstand aber verlieret hierbey nicht viel/ sondern bekom̃t zum guten Ingenio und Judicio noch einen Zusatz von einen guten Gedaͤchtniß. 6. Wie aber die mixtur des Ehrgeitzes und der Wollust viel admiratores und æstim er- wecket/ also entstehet aus der Mischung des Ehr und Geldgeitzes mehr Furcht und aͤußer- licher respect , auch Vermoͤgen grosse so wohl gewaltige als listige Dinge in der Welt zu thun. Die Mischung der hartnaͤckigten Stoͤckischheit des Ehrgeitzes/ mit der Tuͤckischen simuli rung und Luͤgen des Geldgeitzes/ gewinnet das An- sehen einer fuͤr der Welt sonderlich klugen Ver- schwiegenheit/ die man haben muß/ wenn man grosse Dinge ausrichten will. Es macht diese mixtur solche Leute die sich an Hofe zu geheimen Sachen wohl schicken/ die sich ruͤhmen koͤnnen/ daß wenn ihr Hembde ihre Geheimnuͤße wissen solte/ sie es nicht am Leibe leiden wolten; die in Gesellschafften nichts als wohlbedachte Worte reden; die alle Worte gleichsam auff die Wage legen/ was sie reden wollen; die ihre Begierden nicht in Worte lassen ausbrechen/ sondern sich meisterlich zu verbergen wissen; die zur simula- tion und dissimulation sich vortrefflich und also nach der Politicorum gemeinen Regeln sich uͤberaus wohl zum herrschen schicken. Hat nun der Ehrgeitz zu der mixtur ein klein wenig mehr Das 12. H. von der Vermischung mehr contribui ret/ so ist ihre Verschwiegenheit mit mehr gravi taͤt vergesellschafftet/ und die dissimulation bey ihnen in einen hohen Grad/ daß sie so zu sagen/ einerley Mine behalten/ in Freud und Leid/ Gluͤck und Ungluͤck/ oder wenn ja ein wenig Roͤthe oder Blaͤße die Wangen oder Stirne uͤberziehet/ dennoch die Augen sich fast nichts veraͤndern/ am wenigsten aber mit Wor- ten ein Zeichen der innerlichen Freude/ Zorns oder Betruͤbniß geben/ es muͤsse denn der Zorn starck beweget worden seyn/ daß etliche wenige Worte entfuͤhren. Mit der Simulation aber des Gegentheils was man in der Seelen fuͤhlet/ wird es schon so in einen hohen Grad nicht von statten gehen. Jst aber der G eldgei tz ein wenig staͤrcker/ so wird man mehr aͤußerliche Freund- ligkeit in Minen und mehr Simulation , die doch allemahl mit einer Gravi taͤt angestrichen ist/ spuͤren. Solte auch endlich die Wollust unter diese beyde fast gleichgemischte Gemuͤths-Nei- gungen des Ehr- und Geldgeitzes/ in einer star- cken aber doch geringern dosi mit untergemischet werden/ wuͤrde die dissimulation und Verschwie- genheit mehr temperi ret werden und einen sol- chen Mann mohr annehmlich in Gesellschafft machen/ anders theils aber auch die Simuli rung mehr natuͤrlich und treuhertzig scheinen. 7. Ein halb Ehr- und halb Geldgeitziger hat ferner durch die Mischung der Ehrgeitzigen eite- len der drey Haupt-Laster. len Verschwendung und der Geldgeitzigen un- barmhertzigen Filtzigkeit und Knickerey/ ein solches temperament erlanget/ daß er zwar genau ist/ aber zu Ehrnn nichts sparet/ daß er mit wenig Geld weiß propre und magnifiqve zu seyn/ daß er weiß zu rechter Zeit zu geben/ und wo wieder etwas zu gewinnen ist/ daß er sein Geschencke an Leute zu wenden weiß/ die er wieder nuͤtzen kan. Jst nun der Ehr-Geitz oben/ so wird er den Nah- men eines magnifiqv en freygebigen Mañes bey Hofe oder beym gemeinen Mann und in seinem Hause haben. Jst aber der Geld-Geitz oben/ wird der Ruhm von seiner magnificen tz außer seinen Hause schon groͤsser seyn als unter seinen Bedien- ten und Gesinde. Koͤmmt noch uͤber dieses eine starcke dosis von der Wollust darzu/ wird der Ruhm von seiner Magnificen tz noch mehr ver- mehret werden/ absonderlich beym weiblichen Geschlecht. 8. Die Mischung des Ehrgeitzigen veraͤcht- lichen Hochmuths/ und der Geldgeitzigen naͤrri- schen Auffgeblasenheit und Schmarotzerey wuͤr- cket bey einem halb Ehr- und halb Geldgeitzigen/ daß er im Gluͤck niemand groß achtet oder gute freundliche Mine macht/ sonderlich den der unter ihm ist/ wenn er nicht etwa seines Diensts vonnoͤthen und ihm nichts zu befehlen hat. Sei- ne Mine ist alsdenn ernsthafft/ und das nennet man in der Welt/ seine Reputation sehr wohl in Das 12. H. von der Vermischung in acht zunehmen wissen. Aber in Ungluͤck und gegen Obere/ bey denen er groß werden und was gewinnen kan/ ist ein solcher Mensch freundlich und submiß, zwar nicht auf Bett- ler Art/ wie ein sehr Geitziger ohne Ehrgeitz/ son- dern nach Hoff- manier. Er kan einen Gewal- tigen trefflich umb das Maul gehen/ und sich zu- thun/ auch auf eine solche Art schm e icheln/ daß er sich dabey anzustellen weiß/ als ob er ein Feind der Schmeicheley sey. Jst der Ehrgeitz oben an/ so wird diese seine Reputation und Kunst sich zu insinui ren mit mehr Scharffsinnigkeit und dissimulation vergesellschafftet seyn. Jst der Geldgeitz oben an/ wird die Schmeicheley et- was mercklicher und die affectir te reputation etwas unangenehmer sein. Tritt noch eine mixtur von der Wollust nahe hiezu/ wird seine affectir te Freundligkeit der gleichmuͤthigen Freundligkeit vernuͤnfftiger Liebe noch naͤher kommen/ und sein Stoltz noch weniger zu spuͤren seyn. 9. Die grimmige Tollkuͤnheit des Ehrgeitzes und die haͤmische Grausamkeit des Geldgeitzes/ wenn sie fast gleich gemischet sind/ kriegen eben- fallß fuͤr der Welt ein vornehmes Ansehen/ indem der Ehrgeitzige Grimm durch die Geldgeitzige Furcht gedaͤmpffet wird/ daß er nicht mit Unbe- dachtsamkeit ausbricht/ sondern an sich haͤlt/ das wodurch ihm wehe geschicht verbeisset/ und sich froͤlich dabey anstellet/ wenn gleich sein Her- tze der drey Haupt-Laster. tze blutet/ bis er seine Gelegenheit ersiehet/ daß er das ihn druͤckende Ubel vom Halse loß werden kan/ da er dann sich anstellet/ als wenn er wenig dabey interessi ret waͤre/ und durch die dritte oder vierdte Hand solches nachdruͤcklich von sich weltzet/ und seine daruͤber geschoͤpffte Freude so wenig als moͤglich ist bezeiget/ wiewohl ihm den- noch einige Zeichen davon wo nicht in Worten/ doch in Minen mehrentheils entfahren. Jst nun der Ehrgeitz oben an/ so ist mehr Grimm und offenbahre Gewalt/ bey mehreren Geld- geitz aber mehr haͤmische Verstellung zu spuͤren. Jedoch nennet die Welt eine solche mixtur ein sonderlich ungemein phlegma oder loͤbliche Großmuth: Und sind diese Gemuͤther sehr tuͤchtig bey Hofe die grossen Pillen/ daran ein ander Gemuͤthe erworgen moͤchte/ zu verdauen. Koͤm̃t nun Wollust noch mit einer guten dosi in die mixtur, wird die Furcht vergroͤssert/ und die kuͤhne Ausbrechung eher gemindert/ die Ver- stellung ist gleichfalls nicht so groß/ man spuͤret aber auch die Grausamkeit daß sie in offenbah- rere Zeichen ausbreche. 10. Grosse Leute in der Welt sind dem fressen und sauffen feind/ und spotten der Liebe des Weibesvolcks. Jhr Gemuͤthe ist viel zu hoch gesinnt/ als daß es von der Wollust solte beflecket werden koͤnnen. Diese opinion erwecket bey denen Unverstaͤndigen die starcke mixtur der Stoischen Faste und Unempfindligkeit des Ehr/ geitzes- Das 12. H. von der Vermischung geitzes/ mit dem Schindhundischen Haß des Weiblichen Geschlechts/ und wird diese mixtur gemeiniglich fuͤr das wahre Original der nuͤch- teren und maͤßigen Keuschheit vernuͤnfftiger Liebe gehalten. Die Zeit/ die andere Menschen auff Froͤligkeit oder Liebes intrigv en anwenden/ wenden solche Gemuͤther alle auff Erweiterung des gemeinen Wesens oder Kirchen-Staats an. Man haͤlt sie fuͤr halbe Goͤtter/ die von der Thor- heit und Schwachheit anderer Menschen nichts an sich haben/ und macht Helden oder Heilige aus ihnen. Aber wenn die Wollust mit in mixtur trit/ sehen sie etwas menschlicher aus/ und sind in froͤlicher Gesellschafft oder beym Frauenzimmer nicht so gar ernsthafft/ sondern ertraͤglicher und leutseeliger/ wiewohl mit grosser Erbarkeit. 11. Nun solte man wohl meinen/ daß wenn/ so viel die Ausgabe fuͤr sich selbst betrifft/ bey ei- nen solchen Menschen die Genauigkeit des Ehr- geitzes und die Lauserey des Geldgeitzes in eine mixtur treten/ dieselbe bey andern Menschen ein garstiges Ansehen geben wuͤrden. Dieweil aber ein solcher Mensch dennoch mehr auff sich und die seinigen wegen seines beywohnenden Ehrgeitzes wendet/ als ein pure geitziger Lauser/ hernach die Tugend selbst/ die doch so freygebig gegen andre ist/ den Menschen gegen sich zu wenig Unkosten antreibet/ auch das gemeine Volck der drey Haupt-Laster. Volck mehr umb das/ was ein solcher Mensch aͤußerlich thut/ sich bekuͤmmert/ als wie er in sei- nen Hause lebet; und wir oben erwehnet/ daß er von außen magnifiqves ansehen habe/ so feh- let es so viel/ daß diese mixtur fuͤr der Welt solle ein garstiges Ansehen haben/ daß vielmehr we- gen der beywohnenden andern Umstaͤnde ein solcher Mann auch hierinnen als ein guter Haußhalter gepriesen/ und als eine Idea eines diligentissimi patrisfamilias vorgestellet/ oder auch wohl fuͤr einen Heiligen/ der sein Fleisch recht zu casteyen wisse/ gehalten wird. Jst nun der Ehrgeitz oben an/ so wird dieses aͤußer- liche Ansehen noch vernuͤnfftiger scheinen/ und der Geitz nicht so durch gucken/ auch so dann die Ge- nauigkeit mehr auff sich selbst/ als auff die Seini- gen fallen. Jst aber der Geldgeitz oben an/ wird es mehr gespuͤret werden koͤnnen/ daß die Liebe zum Gelde die wahre motive zu dergleichen be- zeigen sey. Tritt aber Wollust mit dazu/ so wird die Verschwendung derselben/ die Genau- igkeit und Lauserey so artig temperi ren/ daß die meisten Leuthe dafuͤr halten werden/ derselbe Mensch wisse seines Leibes zwar zu warten/ doch in comparaison anderer auff eine solche Art/ daß er nicht geil werde. 12. So kan man sich auch leicht einbilden/ daß ein solcher Mensch wegen der Mischung der wachsamen Arbeitsamkeit des Ehrgeitzes/ und der muͤhsamen Esels-Arbeit des Geldgeitzes/ der ge- X schaͤff- Dar 12. H. von der Vermischung schaͤfftigen Munterkeit vernuͤnfftiger Liebe naͤher kommen werde/ als ein fauler wolluͤsti- ger Muͤßiggaͤnger. Jn diesen Ansehen macht seine mixtur daß er fuͤr allen andern in gemei- nen Wesen zu grossen Dingen kan gebraucht werden. Der Ehrgeitz macht/ daß seine Ar- beitsamkeit nicht auff so geringe Dinge faͤllet/ als eines purè Geldgeitzigen/ und sein Geldgeitz macht/ daß er nebst dem interesse seines Herren/ auch sein eigenes nicht vergißt/ und daß seine Arbeitsamkeit nicht in allzu subtil en und specu- lativi schen Dingen bestehet/ die sich nicht pra- ctici ren lassen/ oder daß er seine Anschlaͤge zur Arbeit auch selbsten mit zu exequi ren weiß; Er ist geschickt mit dem Kopffe als ein Ehr- geitziger/ und mit der Hand als ein Geldgei- tziger zu arbeiten. Er ist geschickt zu commen- di ren und commendi ret zu werden; Er ist ge- schickt mit der Feder/ mit dem Degen/ und mit dem Spaten zu arbeiten. Solchen Leuten setzt man zu ihren emblemate ein brennendes Licht mit der inscription: Aliis inserviendo con- sumor. Jst nun Ehrgeitz oben an/ so haben solche Leute ein groß talent, z. e. zu Hofe fuͤr Geheimde- und Kriegs-Raͤthe/ wenn aber der Geldgeitz oben an ist/ zu Cammer-Raͤthen und also nach proportion auch in denen Staͤdten und auff den Lande gebraucht zu werden. Ein solcher Mensch wird nicht leichte ein Bettler. Denn es ist gewiß/ daß der jenige in der Welt zu der drey Haupt-Laster. zu thun bekommt/ der nur arbeiten will/ und daß dieses ein infallibel Zeichen eines fau- len Schlingels sey/ wer gesund ist/ und unter dem prætext, daß er nichts zu arbeiten bekom- men koͤnne/ betteln gehet. Wenn demnach die Wollust mit ihren Muͤßiggang in ein solch temperament mit einer starcken dosi einge- mischet wird/ so wird zwar ein solcher Mensch nicht stets/ auch nicht so starck arbeiten/ aber doch auch nicht unter die Muͤßiggaͤnger koͤnnen ge- rechnet werden/ sondern so viel diesen Punct betrifft/ wird er zur Lust und Ernst zu gebrauchen seyn. 13. Was den Zorn betrifft/ verursachet die Mischung zorniger Rachgier des Ehrgeitzes/ mit des Geldgeitzes verbeissender Nachtragung/ daß die meisten Menschen auch in diesem Stuͤck die conduite eines solchen Menschen bewundern/ und hoch halten/ daß er nicht alles so genau nimt/ sondern viel vertraͤgt/ und wenn er sich gleich beleidigt befindet/ doch nicht alsobald ausbricht/ sondern an sich haͤlt/ mit seinen Zorn sich nicht prostitui ret/ seine Zeit und Gelegenheit erwar- tet/ und wenn dieselbe koͤmmt/ sich so geschickt und mit Nachdruck zu revangi ren weiß/ daß nicht leicht jemand ihn vergebens beleidiget. Mit ei- nem Wort/ solche Leute sind abermahls recht fuͤr den Hoff/ fuͤr die Clerisey/ fuͤr die Staͤtte/ und auffs Land. Jst nun der Ehrgeitz oben an/ so bricht ihr Zorn eher aus/ kan aber auch eher X 2 m@ Das 12. H. von der Vermischung mit submission versoͤhnet werden. Jst der Geldgeitz oben an/ so ist er zwar heimlicher aber auch desto schaͤdlicher und gefaͤhrlicher/ zumahl weil solche Leute am meisten gute mine zu ma- chen pflegen/ wenn sie am naͤchsten sind zu scha- den. Wenn aber diese beyden passiones domi- nantes eine starcke mixtur von der gaͤhzornigen Weichhertzigkeit der Wollust bekommen/ wird ihr Zorn noch eher in Anfang ausbrechen/ und abermahls viel leichter zu besaͤnfftigen seyn. 14. Endlich was eines solchen Menschen Dienstfertigkeit betrifft/ so gibt derselben die mix- tur von dem Schadenfrohen Neid des Geitzes/ und der gewaltsamen oder Banditen-artigen Dienstfertigkeit des Ehrgeitzes ein solches Anse- hen/ daß/ ob es wohl in der That in nichts an- ders bestehet als andern Leuten zu schaden/ und dieselbe mit scheinfreundlicher Argelist/ oder tuͤ- ckischer Gewalt zu betruͤgen; Dennoch/ weil offters durch des einen Menschen Schaden ei- nem andern ein Dienst geschihet/ und ein Vor- theil daraus entstehet/ ein solcher Mensch fuͤr der Welt auch in diesen Stuͤck fuͤr einen tugend- hafft dienstfertigen Menschen pflegt gehal- ten zu werden/ in dem er durch seine sinceration bey dem jenigen/ dem er seines eigenen Vortheils halber solche erweiset/ solche in hochachtung brin- get/ durch die Verschlagenheit/ durch die er sel- bige ausuͤbet sich necessaire macht/ und den darunter hervor blickenden Neid/ Schaden- froh der drey Haupt-Laster. froh oder Gewalt mit dem Schein eines heiligen Eyfers fuͤr Gottes Ehre/ oder fuͤr das gemeine Wesen zu verbergen weiß/ oder wohl gar den je- nigen/ dem der Schade geschiehet/ in dem er ihn zum oͤfftern durch andere thun laͤst/ beredet/ daß er sein bester Freund sey/ und indem er ihn hin- terwerts mit der einen Hand ertolchet oder nie- derreisset/ von fornẽ her mit der andern die Hand bietet/ oder sich anstellet/ als ob er ihn beschuͤtzete. Jst nun der Ehrgeitz oben an/ so haben solche Dienstleistungen mehr das Ansehen offenbahrer aber doch verschlagener Hertzhafftigkeit. Jst aber der Geldgeitz oben an/ so sind sie heimlicher und listiger. Jst aber endlich die Wollust in einer starcken mixtur unter diesen beyden passio- nen vereinbaret/ so ist die dabey affectirte Offen- hertzigkeit natureller, aber desto gefaͤhrlicher/ aber auch dabey nicht so listig/ oder gewaltsam. 15. So mangelt es auch einem solchen Men- schen endlich an Verstande nicht. Jst er gleich nicht geschickt zu lustigmachenden und artigen Erfindungen/ so machet doch die mixtur der judiciö sen Entscheidung des Ehrgeitzes/ und des guten Gedaͤchtniß des Geldgeitzes/ daß solche Leute in ernsthafften Dingen fuͤr halbe Oracula und Wunderwercke der Welt gehalten werden/ bey denen man z. e. die Bibel, das Corpus Juris, die Genealogien des gantzen Roͤmischen Reichs u. s. w. nach Gelegenheit/ wenn sie solten ver- X 3 loh- Das 12. H. von der Vermischung lohren werden/ wider finden koͤnte/ und bey denen sich jederman Raths erholet. Mit einem Wort/ diese mixtur ist das temperament der von der Welt geachtesten gelehrtesten/ hei- ligsten/ und groͤsten L eute. Jst der Ehrgei tz oben an so ist das Judicium schaͤrffer als das Gedaͤchtniß: dieses aber uͤbertrifft jenes/ wenn der Geldgeitz oben an ist. Jst endlich viel Wol- lust dabey/ so macht die ingenieuse Erfindung derselben/ daß in diesen Stuͤck solche Leute das Ansehen der Tugendhafftesten desto eher erlan- gen/ weil alsdenn Judicium, Gedaͤchtniß und Ingenium in einer ziemlichen proportion mit einander vereiniget sind. 16. Nun ist die Mischung der Wollust und des Geldgeitzes uͤbrig. Dieses ist ein recht elend und miserabel temperament , welches sich nicht die Muͤhe belohnet/ daß man es so ausfuͤhr- lich als vorhergehende erwegen solte. Denn man kan es sich leicht einbilden was es fuͤr ein Ansehen gewinnen muͤsse/ wenn unbedachtsame Klaͤtsche- rey mit tuͤckischer Luͤgen und simuli rung/ lieder- liche Verschwendung mit unbarmhertziger Fil- tzigkeit und Knickerey; Knechtische submission mit naͤrrischer Auffgeblasenheit und Schmaro- tzerey; Ungeduldige Zaghafftigkeit mit haͤmi- scher Grausamkeit; versoffene fraͤßige Geilheit/ mit Schindhundischem Haß des Weiblichen Geschlechts; Verschwendung mit Lauserey; Fauler Muͤßiggang mit muͤhsamer Esels-Arbeit; Gaͤh- der drey Haupt-Laster. Gaͤhzornige Weichhertzigkeit mit verbeissender Nachtragung; Kupler- und Spielmans-Dien- ste mit Neid und Frolocken uͤber andrer Leute Schaden; Ingenieuse Erfindungen ohne ju- dicio mit guten Gedaͤchtniße vermischet sind. Ein solcher Mensch wolte gerne luͤgen und simuli ren/ aber er ist zu unbedachtsam und verschnapt sich leicht: Er wolte gern ver- schweigen und hinterm Berge halten; aber seine Klaͤtscherey laͤßt es nicht zu: Er wendet alles was er ausgiebet auff fressen/ sauffen und huren/ nichts auff Ehre und reputa- tion, auch auff keinen duͤrfftigen Menschen: Jn Gluͤck ist er ein Praler und Auffschneider/ der unertraͤglich ist/ der keinen honnêten Men- schen achtet; Jn Ungluͤck ist er der verzag- teste Mensch/ der auf die Knechtischte Art sich submitti ret und Speichel lecket; aber der dennoch in der Grausamkeit keine Maße zu halten weiß/ wenn er das Ubel das ihn druͤckt/ kan vom Halse loß werden. Er frißt/ saufft und hurt gerne/ wenn es nicht viel/ oder zum wenigsten ihn nicht viel kostet/ oder sucht sei- ne Wollust mit alten Vetteln/ die ihn Geld zugeben/ zu buͤssen: Seine Kleider und was er sonst an sich wendet kostet ihm nicht wenig und hat doch keine Art/ weil er kein judi- cium hat/ und an einen Ort es mit Lauserey ein- bringen will/ was an dem andern auffgangen. Er ist nicht propre sondern ein Schwein; Ein X 4 Muͤßig- Das 12. H. von der Vermischung Muͤßiggaͤnger/ und zu witziger Arbeit nicht ge- schickt. Er faͤhret in Zorn bald auff/ aber steckt die Pfeiffe bald wieder ein/ wenn er siehet daß man nichts darauff giebt; er vergißt die Beleidigung nicht bald/ aber wenn er gleich Gelegenheit hat/ sich zu raͤchen/ kan man ihn doch leicht entweder mit Ernst/ oder Ge- schenck davon abhalten: Man kan ihn zu nichts ernsthafftes brauchen als zu bouffonerien, oder Sauzoten zu reiffen/ andern Leuten unflaͤtige und irraisonnable Possen mit Fenster aus- werffen/ u. s. w. zu erweisen. Tritt ja noch der Ehrgeitz in einer nicht geringen dosi mit in die mixtur/ so kriegt ein solch temperament noch ein Ansehen/ daß doch nicht so gar irraisonna- ble ist; denn sonst wo dieses nicht geschiehet und der Geldgeitz ist passio dominans, wird ein sol- cher Mensch noch verachteter und unertraͤg- licher seyn/ als wo Wollust oben an ist. 17. Jedoch muß man bey allen diesen Mi- schungen dieses wohl in acht nehmen/ daß sie nach Unterscheid der Gelegenheit/ des Alters/ des Standes/ des Gluͤcks/ auch andere Ansehen machen/ ob es gleich einerley Mischung ist/ und darff man also aus denen unterschiedenen Ge- stalten/ durch welche sie in die Augen fallen/ nicht schliessen/ daß auch eine andere Mischung sey. Z. e. ein Mensch der viel Wollust und Geldgeitz hat/ wird in seiner Jugend die von denen Wolluͤstigen Versuchungen den groͤsten An- der drey Haupt-Laster. Anstoß leidet/ in der Welt eher mit durchlauffen/ als wenn er alt worden/ da ein alter Ehebre- cher jederman ein Greuel ist/ weswegen die je- nigen/ so farcen vorstellen wollen/ nichts laͤcher- licher zu præsenti ren wissen/ als von einen al- ten Geitzhalß der verliebt ist. Wiederumb wenn ein junger Mensch Geldgeitz zur passione do- minante hat/ ob schon dieser Geldgeitz mit Ehr- geitz temperi ret ist/ wird er seines gleichen jun- gen Leuten laͤcherlich und verdrießlich vorkom- men/ und gar leicht in grosse Ungelegenheit ge- rathen koͤnnen/ die eine Verachtung nach sich ziehet/ da doch hingegen bey reiffen oder hohen Alter diese mixtur, als wir kurtz vorher erin- nert/ grosse admiration und Ehrerbietung er- wecket. Das Maͤnnliche Alter wie es zwi- schen der Jugend und dem hohen Alter zwischen innen ist/ also ist bey selbigen keine passion gar zu unertraͤglich. 18. Und weil in der Conversation der Men- schen doch aus natuͤrlichen Ursachen sich immer gleich zu gleichen am liebsten gesellet/ jung zu jung/ alt zu alt/ so giebet diese Conversation immer Gelegenheit einen Affect mehr zu irriti ren als den andern. Die Jugend ist unbedachtsam/ unerfahren/ und doch neugierig. Man braucht sie nicht groß zu wichtigen affai ren/ oder Geld zu verdienen. Also ist Wollust/ die ihnen die mei- ste Gelegenheit giebt zu excedi ren. Und diese Gelegenheit ziehet auch die jenigen jungen Leute X 5 an Das 12. H. von der Vermischung an sich/ derer passio dominans Geldgeitz oder Ehrgeitz ist. Das maͤnnliche Alter ist schon retiré er/ mehr erfahren/ und hat die Neugierig- keit schon ziemlich gebuͤsset. Man macht in sel- bigen die beste figur in der Welt/ und wird zu allerhand Dingen gebraucht/ die mehr ein An- sehen machen/ als viel eintragen. Also ist der Ehrgeitz das irritamentum des maͤnnlichen Alters/ das auch die jenigen antreibet/ sich etwas herfuͤr zu thun/ die sonsten wegen der Faulheit ihrer domini renden Wollust/ oder wegen des Mißtrauens und Furchtsamkeit des domini ren- den Geldgeitzes solches wohl unterlassen wuͤrden. Endlich das hohe Alter hat an den Thorheiten der Wollust einen Eckel bekom̃en/ und die Boß- heiten des Ehrgeitzes kennen lernen. Die ju- gendliche Menge und die maͤnnliche Hitze des Gebluͤths hat sich in Wenigkeit und Kaͤlte ver- wandelt. Also muͤssen sie nothwendig viel Aus- gaben ersparen: Und der Geldgeitz ist also das meiste/ das bey ihnen im Schwange gehet/ ob es gleich alte giebet die Wollust oder Ehrgeitz zu passionibus dominantibus haben. Wer nun dieses nicht wohl erweget/ und das aͤußerliche thun junger/ maͤnnlicher und alter Leute nur oben hin ansiehet/ wird meinen/ daß sich die passiones bey Veraͤnderung des Al- ters aͤnderten/ und bald diese bald jene die Oberhand bekomme/ welches doch nicht ist/ indem die mixtur immer in einerley Ordnung blei- der drey Haupt-Laster. bleibet/ ob wohl die Gelegenheit eine passiones mehr irriti ret als die andere. 19. Denn es zeiget die taͤgliche Erfahrung und allgemeine Natur des Menschen/ daß durch die Gelegenheit auch die allerunterste Ge- muͤths-Neigung des Menschen dergestalt irriti ret werden koͤnne/ daß sie auff eine Zeitlang und so lange die Gelegenheit da ist/ uͤber ihn herrscht/ zumahl wenn die sonst do- mini rende passion nichts dabey verlieret/ und also nicht interessi ret ist: Und ist so dañ unter der domini renden und der untersten/ aber auf solche Art irritir ten passion, der Unterscheid: Daß die domini rende den Menschen antreibt Ge- legenheit zu suchen/ und bey der geringsten sich ereignenden Gelegenheit den Menschen starck anreitzet; da hingegen die unterste Gemuͤths- Neigung nicht eben Gelegenheit zu ihrer Nah- rung eyffrig sucht/ und wenn auch eine Ge- legenheit sich præsenti ret/ starck beweget wer- den muß/ das ist/ dergestalt/ daß die domini ren- de passion keine Bewegung leide/ die derselben zuwider sey/ oder daß sie der untersten wohl gar zu Huͤlffe kommen: weswegen auch die un- terste passion bey Entfernung der Gelegenheit bald wieder besaͤnfftiget oder geloͤschet wird/ wie etwan ein durch einen Brenn-Spiegel angezuͤndetes und brennendes Holtz bey Weg- nehmung Das 12. H. von der Vermischung nehmung des Brenn-Spiegels zu brennen auf- hoͤret. z. e. Wenn ein Mensch von starcker mixtur des Ehr und Geldgeitzes und der nur in geringsten Grad Wollust hat/ sich auff der Reise/ auff welcher er incognito lebet/ bey einen schoͤnen Weibesbilde des Nachts alleine/ eine geraume Zeit/ befinden solte/ und von ihr zu unzulaͤßlicher Liebe gereitzet wuͤrde/ schweige denn/ wenn es eine vornehme Dame waͤre/ die ihn noch darzu beschenckte: oder wenn ein Wolluͤstiger und Geldgeitzi- ger/ der den wenigsten Ehrgeitz haͤtte/ durch langwieriges vexi ren zum Zorn und despera- tion gebracht: und nach dem gemeinen Sprich- wort ex patientia nimis læsa furor wuͤrde: oder wenn ein Ehrgeitziger und Wolluͤsti- ger/ der den wenigsten Geldgeitz haͤtte/ durch Versprechung einer sehr grossen summe zu ei- ner heimlichen Verraͤtherey angereitzt wuͤrde/ geschweige denn/ wenn ihm dabey eine hohe Ehrenstelle oder eine Heyrath einer schoͤnen Person versprochen wuͤrde. 20. Wenn nun solche Gelegenheiten offt kom- men/ wird endlich eine Gewohnheit daraus. Die Gewohnheit aber wird nach der gemei- nen Redens-Art zur andern Natur: Jedoch ist von solcher oder vielfaͤltigen Gelegenheiten dieses in der Erkaͤntniß der Menschlichen Ge- muͤths-Neigungen zu mercken/ daß wenn die Ge- wohn- der drey Haupt-Laster. wohnheit und Gelegenheit auf die domini rende passion falle/ selbige so zu sagen die Natur gleich- sam verdoppele und den Menschen dergestalt in derselben Begierde ersoffen mache/ daß man sich hernach aus der Sclaverey solcher Begierde am allerwenigsten loßreissen kan. z. e. Wenn ein wolluͤstiger Mensch lange Zeit unter lieder- licher/ ein Ehrgeitziger unter arbeitsamer und tieffsinniger/ und ein Geldgeitziger unter arglisti- ger und betriegischer Gesellschafft ist. 21. Am allermeisten aber thut der Stand und die Aufferziehung dabey. Ein Kind/ das einen reichen wolluͤstigen Vater hat/ wird von Jugend auff der Wollust/ des Uberflußes und Verschwendung angewehnet/ wenn es gleich von Natur Ehr-oder Geldgeitz/ zu passio- nibus dominantibus haͤtte. Bey Hofe wird gemeiniglich der Ehrgeitz von Jugend auff in die Kinder gebracht. Bey Handels Leuten die Gewinnsucht und der Geld-Geitz u. s. w. Trifft es nun/ daß ein Kind ohne dem zu solchen Begier- den von Natur starck inclini ret/ so wird so zu sagen seine verderbte genie von jugend auff ge- nehret/ daß er bey seinen Alter einen vollkomme- nen habitum, aber nach der Sittenlehre viel- mehr desto groͤsser Elend/ erworben und gelernet hat. Trifft es sich aber/ daß ein Kind eine an- dere inclination hat als der Zustand seiner Aufferziehung ist/ so wird dennoch auch die Ge- Das 12. H. von der Vermischung Gewohnheit dergestalt zur andern Natur/ daß einem Menschen nicht sauer ankoͤmmt/ in der Art derselben Begierde etwas geschicklich vor- zunehmen; Aber es wird doch alsdenn diese an- dere Natur nimmermehr passio dominans werden/ und der Mensch leichte durch nicht all- zu starcke irritir ung seiner rechten Natur diesel- bige andere Natur zu aͤndern disponir et werden koͤnnen/ zum wenigsten wird es ihm nicht so sauer ankommen/ die Gewohnheit/ als die rechte Natur zu aͤndern. Welches die Alten unter der Fabel von des Marcolphi Maͤusen und Sa- lomons Katze haben vorstellen wollen. Die- ses siehet man/ wann z. e. ein von seinen El- tern scharff erzogener und von Jugend auf zu aͤusserlicher Modestie gehaltener Mensch ploͤtz- lich liederlich wird/ wenn er in seine Freyheit koͤmmt: Oder wenn Nero fuͤnff Jahr wohl re- gieret/ und hernach tyrannisir et/ wenn ein in Wohlluͤsten erzogener junger Mensch ploͤtzlich modest und sparsam wird. 22. So sehr aber die Gewohnheit derer Ge- muͤths-Neigungen aͤusserliches Ansehen aͤndert/ so sehr aͤndert auch die Veraͤnderung der Gluͤcks-Guͤter die aͤusserliche Gestalt derersel- ben/ ob schon die Mischung einerley ist. Wenn es einem Geld-Geitzigen und Ehr-Geitzigen wohl gehet/ daß er in Reichthum uud Ehre ist/ da ist von seinen ruͤhmlichen und grossen Tha- ten die gantze Welt voll: Jst er aber noch nicht zu der drey Haupt-Laster. zu solchen Gluͤcke gelanget/ sondern sucht erst den Schluͤssel dazu/ so haͤlt er sich mit einer Schein- Modestie und Submission in der Stille/ und lebt mehr in obscuro, als daß er sich herfuͤr thun solte. Ein Wohlluͤstiger und Geldgei- tziger ist im privat- Stande der miserable ste und elendeste Mensch/ der niemand mehr scha- det/ als sich selbst/ und der von jederman ver- lacht wird. Laß aber einen Koͤnig mit diesem temperament versehen seyn/ so wirst du be- finden/ daß daraus die unertraͤglichsten Ty- rannen als Caligulæ, Domitiani, Helioga- bali, Vitellii u. s. w. werden. Ein Koͤnig von Ehrgeitzigen und Wohlluͤstigen fast gleich gemischten Begierden wird/ grossen Ruhm und Liebe zu erwerben/ geschickt seyn: Faͤllet aber dieses temperament auf eine privat- Person/ so wird ein solcher offters mehr Neider und Feinde als Freunde haben/ und bey seinem Leben von de- nen meisten aͤusserst gescholten und verachtet/ von wenigen aber geliebet und gelobet werden. 23. Dannenhero/ ob wir gleich oben ge- sagt/ daß die Mixtur von Wohllust und Ehr- geitz der Tugend am naͤchsten komme/ die Mi- schung vom Ehr- und Geldgeitz und Wohllust miserable Leute mache; So muß man doch nicht dafuͤr halten/ daß dergleichen Mixtur en auch von jederman mit diesen Augen angesehen werden/ oder daß die Gluͤcks-Guͤter bey dem wuͤrdigsten temperament allezeit waͤren/ und sich Das 12. H. von der Vermischung sich also der Mensch allezeit sein eigen Gluͤck selbsten machte. Zwar mehrentheils wird es so seyn/ daß Geld- und Ehrgeitzige ihr Gluͤck und Ruhm weit poussir en/ Wohlluͤstige und Geld- geitzige wenig Ehre und Reichthum erlangen/ Ehrgeitzige und Wohlluͤstige/ von vielen Fein- den gehindert werden/ daß sie nicht hoch steigen koͤnnen/ und von Freunden doch secundir et wer- den/ daß sie die Feinde nicht gantz unterdruͤcken; Aber diese Anmerckung trieget offt/ indem das Gluͤck nicht allemahl von der Beschaffenheit der Gemuͤths-Neigungen/ sondern von der Ge- burt/ Auferziehung/ Gelegenheit/ hazard u. s. w. dependir et/ nachdem GOtt mit seiner Vorse- hung in die Politischen Lebens-Regeln exceptio- nes macht/ denn das Gluͤck ist nichts anders als ein Zufall/ der denen Regeln Menschli- cher Klugheit und Verstandes nicht kan zu- geschrieben/ noch von Menschlichem Ver- stande darunter gebracht werden/ und also blind genennet wird/ weil wir blind sind/ die Wege Goͤttlicher Vorsehung nicht zu begreif- fen. 24. Zwar suchet ein jedweder Mensch Ge- legenheit seine Begierden auszuuͤben/ und sich in einen Stand zu setzen/ darinnen er selbige nach Wunsch ausuͤben moͤge: Aber die taͤgliche Er- fahrung zeiget/ daß es in eines Menschen Macht nicht stehe sich Gelegenheit zu schaf- fen/ und daß mancher kl uger Mensch so zu sagen durch der drey Haupt-Laster. durch eine außer denen Regeln der Menschli- chen Vernunfft schwebenden fatali taͤt gehin- dert werde sein Gluͤcke zu machen/ und seine Geschicklichkeit der Welt zu zeigen; Da hinge- gen einen andern verwegenen oder thoͤrichten so zu reden immer eine Gelegenheit nach der an- dern die Hand bietet/ oder da selbiger die schoͤn- ste Gelegenheit/ groß/ reich und vergnuͤgt zu wer- den aus den Haͤnden gehen laͤßt/ die ein anderer/ wenn er nur den geringsten Theil davon haͤtte/ besser brauchen wuͤrde: Dannenhero saget man insgemein. Dieser hat mehr Gluͤcke als Recht. Dieser ist ungluͤcklich. Dieser weiß seine Gelegenheit nicht recht zu nutzen. u. s. w. Die Gelegenheit zu Gluͤck/ Ehre/ Reichthum ist oͤffters wie das Crocodil/ welches vor einem Men- schen so es jaget/ fliehet/ aber einem der es fliehet nachjaget. 25. Und dieses koͤm̃t wohl mehrentheils von der unvernuͤnfftigen Liebe mit her/ daß wir durch derselben Antrieb nicht die Gelegenheit brauchen die uns Gott giebet/ und die uns wohl nuͤtze waͤre/ oder zu anderer Menschen Nutzen koͤnte angefuͤhret werden: sondern daß wir durch unsere Begierden auff Gelegenheiten fallen/ die uns schaͤdlich sind oder andern Leuten schaden. Wir sind insgemein so geartet/ daß wir andere Geschoͤpffe und andere Menschen/ inglei- chen dero thun und lassen/ nach uns einrichten wollen/ da es doch unmoͤglich und thoͤricht ist/ Y sol- Das 12. H. von der Vermischung solches zu prætendi ren/ und da wir vielmehr uns solten nach denen Umstaͤnden richten. Es ist kein Mensch in der Welt/ er sey so geringe und schlecht als er wolle/ der nicht taͤglich ja augen- blicklich die schoͤnsten Gelegenheiten hat/ wo nicht andern Menschen zu dienen/ doch sich felbsten zu bessern/ und die Wiederwaͤrtigkei- ten zu Tilgung seiner Begierden zu brauchen. Aber gleich wie alle unsere Begierden nach Din- gen trachten die sie noch nicht haben/ und an Din- gen die wir besitzen einen Eckel bey uns erwecken; Also gaffen wir nach anderer Leute Gelegenheit/ und lassen die fahren die uns gegeben wird. 26. So unvernuͤnfftig nun als es ist/ vorzu- geben/ daß ein jeder Mensch sein eigen Gluͤck oder Ungluͤck sich selbsten mache/ so vernuͤnff- tig ist es auch/ nach dem das Wort Gluͤck oder Ungluͤck genommen wird. Nim̃t man es dafuͤr/ daß man seine Begierden saͤtigen oder seines Her- tzens Wunsch erlangen koͤnne/ wenn man es nur recht anfange/ so ist diese Rede falsch. Ob wohl nicht zu laͤugnen daß viel gelehrte und grosse Leute dieselbe im Munde und in der Feder zu fuͤh- ren pflegen/ auch gantze Buͤcher davon geschrie- ben seyn/ die man jungen Leuten recommendi- ret als grosse wichtige Geheimnuͤße: Hieher ge- hoͤren Bessels Schmiede des Politischen Gluͤcks: Des Herrn de Calliere von Gluͤck fuͤrnehmer Herren und Edelleute/ Gratians Heros und Homme de Cour \&c. Die bishe- rigen der drey Haupt-Laster. rigen Anmerckungen erweisen das Gegentheil. Und dieses ist der naͤchste Weg zur Atheisterey wenn man ohne Anmerckung auff die taͤglichen Exempel Goͤttlicher Vorsehung das Gluͤck und Ungluͤck eines Menschen/ oder vielmehr/ ob es ihm nach seinem Willen gehe oder nicht/ Menschlichem Witz zuschreiben wil/ wiewohl solche Atheisten die groͤste figur in der Welt machen. Wenn es aber so verstanden wird/ daß wenn sich ein Mensch in die Zeit schicket/ seinen Willen in Gottes Willen stellet/ und den guten Tag froͤlich ist/ aber mit boͤsen Tagen auch vor- lieb nimt/ und also nichts vor Ungluͤck annimt/ was ihn Gott zuschickt/ da hingegen ein anderer mit dem was ihn vorfaͤllet nie zu frieden ist/ so kan man wohl sagen/ daß nichts Warhafftiger sey/ als daß sich die Menschen ihr Gluͤck und Un- gluͤck selbsten (so ferne dieses selbst nicht Gotte sondern andern Menschen entgegen gesetzet wird) machen. Ein vergnuͤgter Mensch kan sich mit guten Fug ruͤhmen/ wie jener Hofmann. Sein Fuͤꝛst mache alles nach seinem des Dieneꝛs Kopfe: Denn er lasse sich alles gefallen wie es sein Fuͤrst mache. 27. Und dieses giebt uns gute Gelegenheit an- zumercken/ daß ob wol unter denen die sich Chri- sten nennen/ man gemeiniglich darinnen einig ist/ daß durch das Gluͤcke der Heyden bey denen Christen nichts anders als die Goͤttliche Vor- sehung verstanden werde; dennoch die Nah- Y 2 men Das 12. H. von der Vermischung men-Christen insgemein in der application Gluͤcks oder Ungluͤcks offt schlimmer als Heyden/ zum wenigsten als viele heydnische Philosophi sind. Gehet es einen Menschen nach Hertzens Wunsch/ daß er reich und geehret in der Welt wird/ haͤlt man solches vor ein grosses Gluͤcke. Will es aber mit einem weder hinter sich noch vor sich fort/ sondern er findet allenthalben Hin- dernuͤß/ wird offters mit Kranckheit heimgesucht/ koͤmmt durch allerhand Zufaͤlle umb das seine u. s. w. sagt man/ er sey ein ungluͤcklicher Mensch. Da doch ein Heyde auch aus gesunder Ver- nunfft begreiffen kan/ daß der warhafftig un- gluͤcklich sey/ dem alles in seinen Begierden nach Hertzens Wunsch gehet/ weil er dadurch von seiner selbst Erkaͤntnuͤß abgehalten und immer mehr und mehr ein Sclave seiner Begierden wird/ und daß der jenige gluͤcklich oder doch zum wenigsten nicht ungluͤcklich sey/ dessen Begier- den die Goͤttliche Vorsehung Widerstand thut/ und ihm die Gelegenheiten dieselben zu stillen ent- ziehet/ oder durch Beraubung derer Dinge/ daran er mit seinen Hertzen henget/ seine Begierden mortifici ret. Wie mancher wuͤrde seinen Be- gierden nach der Liederlichste und debouchante- ste Mensch worden seyn/ wenn ihm GOtt nicht durch Armuth oder Kranckheit/ scharffe Erzie- hung u. d. g. widerstanden/ und dadurch zu Be- trachtung u. Erkaͤntniß seiner Thorheit gebracht. Wie mancher wuͤrde seinem Ehrgeitze nach in die groͤsten der drey Haupt-Laster. groͤsten intrigv en des Hofes verwirret und ein grosser Mann in der Welt worden seyn/ wenn ihm GOTT nicht die Gelegenheit entzogen haͤtte nach Hofe zu kommen/ oder bey einem Fuͤrsten oder Staats- Minister acceß zu haben/ oder wenn ihm GOtt nicht von Ju- gend auff Verdruß und Widerwaͤrtigkeit ge- nung zugesendet haͤtte/ die ihn gehindert/ empor zu kommen/ und ihm Gelegenheit gegeben die Eitelkeit weltlicher Ehre und Ruhms desto besser zu begreiffen u. s. w. 28. Dieses/ was wir bishero ausfuͤhrlich be- trachtet/ lehret uns viel noͤthige Anmerckungen/ die wir in der Beurtheilung von der Veꝛmischung der drey Haupt-Laster in Erkaͤntniß unserer selbst/ oder anderer Menschen wohl gebrauchen koͤnnen. 1. Daß wir aus dem aͤußerlichen Schein/ und was die Menschen in ihren thun u. lassen von sich blicken lassen/ oder uns in einer That von ihnen in die Augen faͤllet/ nicht so fort von der herr- schenden Gemuͤths- passion urtheilen/ theils weil viel Mischungen den Schalck artig bergen und andre Gestalten annehmen koͤñen/ theils weil die geringste passion so starck kan irriti ret werdẽ/ daß sie einen Menschen sehr mit sich reißt/ theils weil die Gelegenheit/ Gesellschafft/ Gewohnheit mehr an solchen aͤußerlichen Schein Ursach ist als die Natur u. s. w. 26. 2. Daß wir aus dem unterschiedenen Ansehen der Leute von unterschiedenen Y 3 Stan- Das 12. H. von der Vermischung Stande oder unterschiedenen Gluͤck/ Reich- thumb und Ehre nicht meinen/ daß auch al- lemahl unterschiedene Vermischungen waͤ- ren/ oder das eben dieser einige Mensche/ dessen Begierden mit Enderung des Standes auch an- ders in die Augen fallen/ seine Mischung geaͤndert habe. Denn wir haben gewiesen/ daß gar leichte einerley Mischung bey unterschiedenen Stand und Gluͤcke auch unterschiedenes Ansehen gewiñe. 30. 3. Daß ob wohl eine Mischung derer Ge- muͤths-Bewegungen einen Menschen kluͤger und witziger macht als die andern/ und wir dannen- hero daraus wohl so viel schlessen koͤnnen/ daß wenn es nach Witze und Vernunfft gehen solte/ auch ein Mensch in aͤußerlichen Gluͤck weiter a- vanci ren muͤsse als der andere; wir auch aus sol- chen Anmerckungen nicht unvernuͤnfftige Politi- sche Ursachen aus der Gemuͤths-Mischung inter- essir ter Personen geben koͤnnen/ worumb dieses oder jenes in der Welt so und so geschehen; den- noch solche politische Regeln niemahlen we- der in Betrachtung oder Beurtheilung un- serer oder anderer Menschen ihres thun und lassens fuͤr universal und untruͤglich gehal- ten werden muͤssen/ daß man darauff fussen oder sich verlassen koͤnte; weil das Gluͤck oder viel- mehr goͤttliche Fuͤrsehung gar offte einen Strich durch solche Regeln macht. 31. 4. Woraus ferner folget/ daß wenn man von der Mischung derer affect en urtheilen wil/ man der drey Haupt-Laster. man nicht sicher gehen/ sondern sich sehr betrie- gen wuͤrde/ so man aus dem Gluͤcke und Un- gluͤcke eines Menschen von seinem Gemuͤthe urtheilen wolte/ wiewohl dergleichen unver- nuͤnfftige Judicia taͤglich vorgehen/ und die Men- schen durch ihr e unterschiedene affect en angetrie- ben aus den en Zufaͤllen anderer von ihrer Klug- heit oder Mangel des Verstandes/ von ihrer Boßheit oder Tugend urtheilen. Gehet es einem widrig in einer Sache/ die er doch nach denen Regeln der Klugheit vernuͤnfftig angefangen hat- te/ finden sich bald seine Feinde/ die von ihm ur- theilen/ man habe den Mann immer vor klug ge- halten/ nun sehe man es/ wie seine Sachen so fein ablieffen: oder/ es muͤsse dieser Mensch ein boͤser Mensch/ oder von verborgener Boßheit seyn/ weil ihm dieses oder jenes wider seine intention ablieffe. Wiederumb wenn es einem Menschen wohl bey tollgewagten Dingen gluͤcklich gehet/ finden sich leicht Panegyri sten/ Poe ten uñ andere Schmeichler/ die diesen Ausgang andern Men- schen als eine Probe seines herrlichen Verstandes oder sonderbaren Froͤm̃igkeit vorzustellen wissen. 32. 5. Daß man sich in der Erkaͤntnuͤß des Menschlichen Geschlechts wohl huͤten muͤsse/ daß man nicht schliesse/ als ob eines Menschen Ge- muͤths-mischung sich aͤndere. Denn wenn man die Natur des menschlichen Geschlechts wie auch eintzeler Menschen genau betrachtet/ wird man gar deutlich befinden/ daß wie die Gemuͤths- Y 4 Mischnng Das 12. H. von der Vermischung Mischung der Menschen und die Ordnung ihrer affect en einmahl ist/ also bleibe sie auch natuͤr- licher weise/ und wenn GOtt/ durch uͤbernatuͤr- liche geistliche Mittel keine aͤnderung macht/ die Zeit ihres gantzen Lebens; und daß die Mei- nung/ als habe sich ein Mensche gantz geaͤn- dert/ entweder dem geistlichen Werck der Busse und Bekehrung zu zuschreiben sey/ (wiewohl in dergleichen Dingen Welt-kluge Menschen am seltensten eine aͤnderung des Hertzens spuͤren und glaͤuben) oder viel offters aus diesen gemeinen und vorigen præjudicio entstehe/ daß wir nach dem aͤußerlichen Ansehen/ aus der Gewohnheit/ Aufferziehung/ offters irritir ten auch geringsten Neigung/ aus der aͤußerlichen Beschaffenheit eines Menschen in ungluͤcklichen niedrigen unver- moͤgenden Zustand/ aus dem Ausgang seiner Anschlaͤge/ oder seines thun und lassens von dem innerlichen Zustand seiner Gemuͤthsmischung/ entweder sein voriges oder folgendes Wesen ir- riger Weise beurtheilet haben oder beurtheilen. 33. Ehe wir noch weiter in dergleichen zu der Erkaͤntniß des Menschlichen Geschlechts gehoͤ- rigen Anmerckungen fortfahren: muͤssen wir Ur- sache anzeigen/ warumb wir in diesen Hauptstuͤck/ da wir von Vermischung der Gemuͤths-Neigun- gen handeln/ nur von denen Arten wie drey Haupt-Laster untereinander gemischt werden/ ge- handelt habẽ. Es scheinet nicht vernuͤnfftig gethan zu seyn. Wir haben ja oben in etlichen Capiteln er- der drey Haupt-Laster. erwiesen/ daß vier Haupt-Leidenschafften sind/ vernuͤnfftige Liebe/ Wollust/ Ehrgeitz/ Geld-Geitz. Nun erfordert aber die Lehre von Vermischung der Dinge/ (de combinatione rerum) daß vier Dinge auf vier und zwantzigerley unterschiedene Art und Weise gemischet oder geordnet werden koͤnnen. Wir aber haben im gegenwaͤrtigen Ca- pitel nur von der sechsfachen Vermischung derer drey Haupt-Laster geredet/ und die vernuͤnff- tige Liebe/ und derer Mischung mit denen drey Haupt-Lastern gar ausgesetzet/ wel- ches nicht vertheydiget werden kan/ es waͤre denn/ daß die Menschen gar keine vernuͤnfftige Liebe besaͤssen/ oder daß die vernuͤnfftige Liebe mit denen Lastern in keine Mixtur gebracht wer- den koͤnte. 34. Wenn der Mensch gar keine ver- nuͤnfftige Liebe oder Zuneigung zu einer ru- higen und friedlichen Gesellschafft in seinem Hertzen haͤtte/ so waͤre nicht moͤglich/ daß er jemalen ein Verlangen nach demselben haben/ oder nur begreiffen koͤnte/ daß die Ruhe und Friede etwas Gutes fuͤr ihn waͤre. Nun wei- set aber eines jeden Menschen eigene Erfahrung das Gegentheil. Es stecket uns die Erkaͤntnuͤs/ daß die vernuͤnfftige Liebe/ und alles das/ davon wir in der Einleitung zur Sittenlehre geredet ha- ben/ was Gutes sey/ so tieff in dem Hertzen/ wir begreiffen so gar leichtlich die Thorheit des Verlangens/ den Frieden und Ruhe in der Wol- Y 5 lust/ Das 12. H. von der Vermischung lust/ Ehr-Geitz/ und Geld-Geitz zu suchen/ da- von wir in gegenwaͤrtiger Ausuͤbung in denen Capiteln von denen drey Haupt-Lastern ge h an- delt haben/ daß wir von uns selbst leyder mehr als zu geschickt seyn/ nach dieser Erkaͤntnuͤs und Begriff anderer Menschen ihr Thun und Lassen zu kluͤgeln und zu meistern. Daß aber auch in uns selbst dieses Verlangen wuͤrcklich sey/ zeiget nicht alleine das blinde und eitele uns anklebende Verlangen/ Krafft welches wir diese Ruhe und diesen F r ieden in Wohllust/ Ehr-Geitz und Geld-Geitz vergebens suchen/ und der selbst-Be- trug/ durch welchen wir/ wenn es uns nach un- serm Willen gehet/ vermeinen/ und uns liebko- sen/ wir besaͤssen solche Friede und Ruhe/ (mas- sen wir uns nicht freuen wuͤrden/ wenn wir nach Friede und Ruhe kein Verlangen truͤgen/) son- dern es wird auch ein jeder Mensch bey sich be- finden/ daß dieses Verlangen oder die vernuͤnff- tige Liebe zuweilen/ und bey manchen gar offte/ bey allen aber doch zum wenigsten einmahl/ durch eine ausserordentliche Bewegung rege worden/ und ihm die Thorheit seiner herrschenden Begier- den dergestalt zu erkennen gegeben/ daß er Ver- langen getragen/ derselbigen loß zu werden/ auch sich wohl solches ernstlich vorgenommen; es sep nun/ daß diese selbst-Bestraffung/ welches man die Aufwachung des Gewissens nennet/ aus dem Ungluͤck/ daß uns unsere herrschenden Begier- den uͤber den Hals gezogen/ als Schmertzen/ Kranck- der drey Haupt-Laster. Kranckheit/ Bevorstehung der Straffe/ u. s. w. oder auch aus einer Ursache/ die wir selbst nicht sagen koͤnnen oder begreiffen/ entstanden. 35. Also ist nur noch uͤbrig/ daß wir zu un- serer Defension, wegen unterlassener Lehre von der Mischung vernuͤnfftiger Liebe/ sagen muͤssen/ daß sich die vernuͤnfftige Liebe mit der un- vernuͤnfftigen nicht mischen lasse. Und zwar so ist die Warheit dieses Satzes leichte zu begreif- fen. Widerwaͤrtige Dinge koͤnnen niemalen gemischet werden/ sondern wenn sie zusammen kommen/ vertreibet/ verzehret/ oder unterdruͤckt eines das andere. Licht und Finsternuͤs vertrei- bet eines das andere. Tag und Nacht vermi- schen sich nicht. Das Wasser leschet das Feuer wohl aus/ und das Feuer lecket das Wasser auf/ aber Feuer und Wasser mischen sich nicht. Mi- sche nur saure und Alcali sche Saͤffte in einander/ und siehe/ wie sie miteinander werden zu streiten anfangen/ und eines das andere/ oder wohl gar einander alle beyde verzehren. Wir haben oben in der ersten Tabelle die vernuͤnfftige Liebe mit Lufft/ die Wohllust mit Wasser/ den Ehr-Geitz mit Feuer/ und den Geld-Geitz mit Erde ver- gleichen. Nun lassen sich wohl waͤsserichte/ schwefelichte und irdene Coͤrper miteinander ver- mischen/ z. e. in einem fetten und schleimichten liquore. Aber die Lufft/ als was geistiges/ wird mit diesen dreyerley Arten Materien nie gemischt/ sondern bewegt dieselben/ oder wird von denen- selben Das 12. H. von der Vermischung selben gefangen/ welches man wahrnehmen kan/ wenn man durch ein Roͤhrgen in einen solchen li- quor starck blaͤset/ und in acht nim̃t/ was fuͤr Blasen daraus entstehen. Es wird auch dieser Satz aus der andern Tabelle bewiesen/ und aus dem darauf folgenden achten Hauptstuͤck. Alle Tugenden entstehen aus der vernuͤnfftigen Liebe/ und alle Untugenden aus denen drey andern Ge- muͤths-Neigungen. Tugend und Laster sind nie gemischt. Wenn ein einig Laster unter die Tugend koͤmmt/ hoͤret sie auf Tugend zu seyn/ oder sie muß dasselbige Laster verzehren. Und wem eine einige Tugend mangelt/ der ist nicht warhaff- tig tugendhafft/ sondern nur zum Schein/ wel- ches/ wie es geschehen koͤnne/ wir oben bey der Vermischung der Wollust und des Ehrgeitzes/ it. des Geldgeitzes und des Ehrgeitzes gezeiget ha- ben: Siehe die gantze Tabelle durch/ du wirst unter der vernuͤnfftigen Liebe nichts finden/ das nicht allen dem/ was unter denen andern dreyen affect en stehet/ entgegen gesetzet waͤre. Aber betrachte die Laster unter sich selbst. Ob sie schon viel widerwertige Dinge unter sich haben/ wirst du doch etwas gleiches finden. Die Verschwen- dung/ der Zorn und die Dienstfertigkeit verknuͤpfft Wollust und Ehrgeitz: Die Verstellung/ die unveꝛ- nuͤnfftige Castigir ung des Leibes/ die allzugrosse Genauigkeit/ die Arbeitsamkeit/ vereiniget Ehr- geitz und Geldgeitz: Die Unbedachtsamkeit/ Unbe- staͤndigkeit/ Furcht und das Liebkosen ist der Wol- lust der drey Haupt-Laster. lust und dem Geldgeitz gemein/ und macht/ daß sie vermischet werden koͤnnen. 36. Aus diesen allen ist nun offenbar/ daß alle Menschen alle vier Gemuͤths-Neigun- gen bey sich haben. Von der vernuͤnfftigen Liebe haben wir nur kurtz vorher solches erwiesen. Von denen drey lasterhafften Haupt - affect en beruffen wir uns auf eines jeden seine eigene Erfahrung/ wenn er sich nur nicht muthwillig selbst betriegen wil. Ein Ehrgeitziger und Geld- geitziger habe noch so wenig Wollust als er wol- le: Getrauet er sich wohl eine Stunde unter na- ckenden Weibes-Personen ohne Empfin- dung fleischlicher Begierden auszuhalten? Oder eine Stunde laͤcherliche Narrenpossen anzuhoͤ- ren/ ohne nicht mit zu lachen? Ein Wolluͤstiger und Geldgeitziger habe noch so wenig Ehrgeitz als er wolle/ er wird doch gerne sehen/ wenn er gelobet wird; Und wenn er hoͤret/ daß alle Leute/ wegen seines Geitzes/ Ubels von ihm reden/ wird er/ wie man zu reden pflegt/ seiner Seelen ein- mahl einen Stoß geben/ und durch eine affectirte Fꝛeygebigkeit/ sie komme nun so laͤcherlich heraus/ als sie wolle/ Ehre einzulegen trachten. Ein Ehr- geitziger und Wolluͤftiger mag noch so wenig Geldgeitz haben als er wil/ so wird er doch bey sich befinden/ daß er/ um grosses Geld zu gewin- nen/ wohl ein wenig Ehre hazardir en solte. 37. Wenn nun alle Menschen vernuͤnfftige und unvernuͤnfftige Liebe haben/ und gleichwohl diese Das 12. H. von der Vermischung diese beyden Liebens-Arten nicht miteinander vermischet werden koͤnnen/ so kan es nicht feh- len/ es muͤssen dieselben entweder miteinander streiten/ oder die eine die andere unter sich ge- fangen halten/ oder gantz vertilgen. Daß die unvernuͤnfftige und vernuͤnfftige Liebe im Streit miteinander seyn/ empfindet der Mensch oͤffters in seinem Hertzen/ und die Gedancken/ die ein- ander verklagen/ bezeigen solches: Jedoch wird die vernuͤnfftige Liebe von der unvernuͤnff- tiegen gefangen gehalten/ daß sie nicht empor kommen kan/ und daß der Mensch das thut/ was er nicht wil/ wiewohl sie nicht gaͤntzlich vertil- get wird/ sondern/ ob sie schon von denen drey Lastern eingeschlaͤffert wird/ dennoch sich immer reget/ und aus ihrer Gefangenschafft sich loß machen wil/ zum wenigsten/ so zu sagen/ mit ih- ren Ketten und Banden rasselt/ und ein Getoͤse erwecket. Denn man muß sich in der Erkaͤntnuͤs des menschlichen Geschlechts wohl huͤten/ daß man nicht meine/ ob waͤre ein Unterscheid dißfals unter denen Menschen/ dergestalt/ daß bey ei- nigen die vernuͤnfftige Liebe uͤber die unver- nuͤnfftige/ bey andern aber diese uͤber jene herrschete. Sondern die Natur aller Menschen koͤmmet darinnen uͤberein/ daß die unvernuͤnfftige die vernuͤnfftige unterdruͤckt. 38. Es ist zwar dieser Lehr-Satz ziemlich harte/ und laufft wieder die gemeinen Lehren/ in- dem daraus nothwendig folget/ daß kein einiger tugend- der drey Haupt-Laster. tugendhaffter Mensch in der Welt sey/ wel- ches eine gar zu derbe Injurie wider das gantze Menschliche Geschlecht zu seyn scheinet/ da doch alle Historien voller Exempel tugendhaffter/ tapf- ferer/ maͤßiger/ keuscher/ sanfftmuͤthiger/ gerecht- liebender/ freygebiger u. s. w. Leute sind. Aber hierauf ist leichte zu antworten: Das ist keine In- jurie, wenn man sagt/ daß ein Mensch mit an- dern Menschen einerley Beschaffenheit habe/ son- deꝛn weñ ein Mensch fuͤꝛ den andern einen Vorzug haben wil/ und deßhalben den andern verachtet. Es ist nur eine/ nicht viel Tugenden/ sie heisse nun vernuͤnfftige Liebe aller Menschen/ oder Bezaͤu- mung seiner affect en u. s. w. Diese bekoͤmmt nur in Ansehen ihres unterschiedenen aͤusserlichen Thun und Lassens unterschiedene Namen/ wie die einige Majestaͤt in Betrachtung der vielfaͤlti- gen Regalien. Waͤren die Menschen wahrhaff- tig tugendhafft/ so besaͤssen sie alle Tugenden/ und beduͤrfften nicht/ daß man sie von einer be- nennete/ und weil sie nur von einer benennet wer- den/ sind sie eben verdaͤchtig/ daß sie die andern nicht besitzen. Der Tapffere ist z. e. nicht maͤs- sig/ der Maͤßige nicht keusch/ der Keusche nicht sanfftmuͤthig/ der Sanfftmuͤthige nicht gerecht/ der Gerechte nicht freygebig/ der Freygebige nicht tapffer/ u. s. w. Also folget nothwendig/ daß diese Titel nur von Schein-Tugenden hergenommen sind/ z. e. daß der grausame und verwegene Tapf- fer/ der Geitzige und Schindhuͤndische maͤßig und keusch/ der Verzagte sanfftmuͤthig/ der Ehr- geitzig- Das 12. H. von der Vermischung geitzig-Zornige gerecht/ der Verschwenderische freygebig genennet werden; Ein Philosophus fraget bey dieser seiner wohlgegruͤndeten Mei- nung nichts darnach/ ob die Hof-Leute oder die Gelehrten auf Universitæt en/ absonderlich Poë- ten/ Oratores, Jurist en u. s. w. daruͤber die Stir- ne runtzeln oder nicht. 39. So duͤrffte nun wohl das facit in der Erkaͤntnuͤs sein selbst und anderer Menschen da- hinaus kommen/ daß bey allen Menschen die vernuͤnfftige Liebe unten an stehe/ und am geringsten sey/ und daß die drey Haupt-La- ster bey allen Menschen viele Grade die ver- nuͤnfftige Liebe uͤbertreffen. Wir koͤñen nichts darwider sagen/ wenn wir uns selbst recht pruͤf- fen/ und uns nicht schmeicheln wollen. Jch neh- me daher Gelegenheit/ meine bisherige Meinung zu corrigir en und zu verbessern. Jch habe an- derswo von dieser Materie gesagt: Daß jeder Mensch zum wenigsten zwey lasterhafte Passiones dominantes habe/ und daß vernuͤnfftige Liebe/ wo nicht die allerunterste sey/ dennoch nur uͤber eine lasterhaffte Passion den Vorzug habe. Jch habe zu dem Ende in dem Discurs von des Da- vids und Salomons temperament en der ver- nuͤnfftigen Liebe eine starcke Dosin und einen mercklichen Vortheil uͤber den Geld-Geitz gege- ben/ und dergleichen kan vielleicht auch bey an- dern casibus geschehen seyn. Aber nun erkenne ich deutlich/ daß die vernuͤnfftige Liebe natuͤrli- cher Weise nicht koͤnne uͤber eine von denen laster- haff- der drey Haupt-Laster. hafften Begierden seyn. Denn wenn der Mensch alle drey Lasterhaffte Begierden hat/ dieselbigen aber alle wider die Tugend sind/ und alle/ wie wir nur jetzo gezeiget/ viele tertia haben/ dadurch sie sich unter einander verknuͤpffet haben/ und gleich- wohl offenbahr/ daß zum wenigsten eine Laster- haffte Begierde den Menschen beherꝛsche/ und die Tugend unterdruͤcke/ so kan es nicht fehlen/ es muͤsse auch diese herrschende Begierde/ der ge- ringern oder der allergeringsten von denen laster- hafften/ wegen ihres gemeinen interesse wider die Tugend zu Huͤlffe kommen/ und die Tugend noch unter der untersten lasterhafften Begierde halten helffen/ ob sie gleich deshalben die unterste lasterhaffte Begierde nicht uͤber sich hinauf ruͤcken laͤst: Was die Exempel des Davids/ Salomons/ u. d. g. betrifft/ so hatten mich damahls zwey Ur- sachen verfuͤhret/ daß ich bey ihnen vernuͤnfftige Liebe uͤber den Geldgeitz gesetzt/ theils weil es schwer ist/ bey denen Thaten Davids und Sa- lomons/ Natur und Gnade allenthalben zu ent- scheiden/ und es also leicht geschehen koͤnnen/ daß man der natuͤrlichen dosi vernuͤnfftiger Liebe ei- nen Umstand zugeschrieben/ welches der Gnade Gottes zu zuschreiben gewesen; theils weil ich da- mahls noch nicht so eigentliche und deutliche Er- kaͤntniß hate/ was fuͤr ein nahes Ansehen der Tu- gend die mixtur von dem Ehrgeitz und Wollust machen koͤnte/ als ich nun gewahr worden und bey Anfang dieses Capitels gezeiget/ und also der Z ver- Das 12. H. von der Vermischung vernuͤnfftigen Liebe zugeschrieben/ was Wuͤr- ckunge dieser Mischung gewesen. 40. Jch kan leicht zuvorher sehen/ daß diese Mei- nung denen wenigsten wird in Kopff wollen/ und daß sie denen meisten als hoͤchst absurd wird vor- kommen. Denn werden sie sagen/ sie ist der taͤg- lichen Erfahrung zuwider: denn wo die Laster stetswaͤrend uͤber die Tugend herrscheten/ wuͤrde folgen/ daß kein Mensch jemah l en etwas gu- tes gethan sondern daß lauter schandbare und lasterhaffte Thaten vorgingen/ welches doch nicht geschiehet. Aber es wird ein Warheit liebender diese objection leicht beantworten koͤn- nen. Man sagt in gemein: Wer Schelmen fan- gen wil/ muß Schelmen darzu brauchen. Oeffters vertreibt man einen boͤsen Buben durch den an- dern. Es folget nicht: Der Mensch thut nicht au- genblicklich schaͤndliche und straffbare Thaten/ Ergo thut er was gutes/ sondern er kan auch was thun daß nur nicht so schaͤndlich und so straffbar ist/ zumahl ausgemacht ist daß nicht alle laster- haffte T haten von der Obrigkeit gestrafft werden/ oder gestrafft werden koͤnnen. Wir koͤn- nen nicht leugnen/ wir haben alle Begierden zu nichts gutes. Warumb lassen wir aber die Be- gierden nicht ausbrechen? Entweder aus Furcht fuͤr der Straffe/ welche die Wollust und Geldgeitz bey uns erreget/ oder aus Furcht fuͤr der Schande/ die eine Wirckung des Ehrgeitzes ist. Schmeicheln wir uns aber/ daß wir der drey Haupt-Laster. wir gleichwol offters aus eignen Triebe etwas gutes ohne Furcht thaͤten/ so betriegen wir uns hoͤchlich/ und werden gewahr werden/ so wir die Falten unsers Hertzens nur ein wenig aus einan- der legen/ daß es geschehe/ z. e. entweder aus Begierde nach Lobe und Ehrgeitz/ oder uns den andern zur reeller Danckbarkeit zu verbinden/ welches Geldgeitz ist/ oder etwa einer Weibes- Person Gunst zu erlangen/ welches Wollust ist. Kanstu aber so weit nicht hinter die Tuͤcke deines Hertzens kommen/ ist es eine Anzeigung/ daß du dich selbst noch gar nicht kennest. 41. So herrschen demnach bey allen Menschen alle drey lasteꝛhaffte Begierden uͤber die veꝛnuͤnff- tige Liebe. Wir muͤssen aber nicht meinen/ daß die mixtur dererselben bey allen Menschen gleich sey/ oder/ daß auch nur bey zweyen Menschen diese mixtur so zu sagen in gleicher dosi sey/ sondern man wird bey allen Menschen finden/ daß immer eine passion staͤrcker sey als die andre/ und daß auch bey keinen Menschen die mixtur præcisè als wie bey dem andern sey. So unter- schiedene Gestalten der Angesichter seyn/ (in wel- chen allerdings auch Kenzeichen sind des Ge- muͤths/) so unterschiedene Arten der Mixtu ren sind auch bey denen Menschen/ und kommen sie in nichts uͤberein/ als daß bey allen Menschen ver- nuͤnfftige Liebe nur so gering ist als ein kleiner Funcke oder als ein Saamen Koͤrngen/ das von dem umstehenden Unkraut gehindert wird/ daß es nicht aufwachsen kan. Die andern drey laster- Z 2 haff- Das 12. H. von der Vermischung hafften Begierden die zwar bey allen Menschen uͤber die vernuͤnfftige Liebe herrschen/ und wider dieselbe allezeit als einen gemeinen Feind verei- niget sind/ vari ren bey denen Menschen auff fol- gende Weise. Es ist allezeit eine von denen drey lasterhafften Begierden/ die uͤber die andern beyden herrschet: Bey diesen Menschen die Wollust/ bey jenen der Ehrgeitz/ und wieder bey einen andern der Geldgeitz. Diese herrschen- de Begierde macht aller Menschen ihren Haupt- zweck alles ihres thuns und lassens/ darnach alle ihre actiones die Zeit ihres Lebens eingerichtet sind/ ob sie schon andern/ die solches nicht wis- sen/ noch so wunderlich scheinen/ oder ob sie schon dieselben zu bemaͤnteln und denen Leuten einen blauen Dunst fuͤr denen Augen zu machen/ noch so viel dissimulationes und simulationes vor- nehmen. Wer diese passion bey sich selbst ge- funden hat/ der hat so viel gethan/ als wenn er sei- nen groͤsten Feind den er bisher fuͤr seinen Freund gehalten/ entdecket haͤtte. Und wer sie bey einen andern entdecket hat/ ist ihm hinter sein groͤstes Geheimniß kommen/ denn wenn er diese Wissen- schafft recht zu gebrauchen weiß/ kan er des an- dern sich kluͤglich zu seinen und anderer Leute Vortheil bedienen/ wil er sie aber mißbrauchen/ so weiß er/ wordurch er dem andern (bis auf Goͤtt- liche Vorsehung/ die allemahl hierbey aus zu nehmen/) schaden koͤnne/ und weiset die taͤgliche Erfahrung/ daß der jenige/ dessen herrschende passion ein arglistiger Mensch (beyderley Ge- schlechts der drey Haupt-Laster. schlechts) wohl innen hat/ des andern sein rech- ter armer Mann sey/ und dieser mit jenen mache was er wolle. 42. Diese herrschende Begierde aber raget entweder uͤber die andern beyden passiones in einer mercklichen dosi herfuͤr/ oder aber hat die andere und naͤchste nach ihr in einer starcken mixtur nahe bey sich. Jn dem er- sten Fa ll e sind unsere Lehr-Saͤtze so handgreiff- lich gewiß/ daß auch unwi ss ende und unachtsame Leute an andern die diese Beschaffenheit haben/ dero herrschenden passiones zu erkennen wissen/ und die Laster/ die wir oben in der Tabelle jeden Haupt-Laster zugeeignet/ bey ihnen antreffen. Jederman saget dann: Dieses ist ein liederlicher Mensch/ die Hurerey siehet ihm aus den A ugen/ er siehet einen versoffenen Bruder so aͤhnlich als ein Ey dem andern u. s. w. Jener siehet aus als wenn er der Geitz und Neid selber waͤre/ die gan- tze Stadt kan nicht genug von seiner Lauserey sa- gen u. s. w. Wieder ein anderer hat eine Spa- nische mine, alle seine Gebehrden zeigen seinen Stoltz u. s. w. Jedoch sind diese drey Laster in sol- chen Ansehen dergestalt unterschieden: Die Wollust wil und kan sich nicht bergen/ so wohl bey uns selbst als bey andern. Sie ist unver- schaͤmt und leichte zu kennen. Der Geldgeitz wolte sich wohl gerne bergen/ und mag sich auch gar leichte fuͤr uns selbst bergen/ indem nichts so schwer an uns selbst zu erkennen ist/ aber fuͤr an- Z 3 dern Das 12. H. von der Vermischung dern Menschen kan er sich sehr wenig bergen/ sondern diese werden ihn balde gewahr/ denn wir haben gewiesen/ daß der Geldgeitz kein judicium habe. Der Ehrgeitz hat keine grosse Lust sich zu bergen/ indem sein thun und lassen in der Welt fuͤr Tugend gehalten wird/ jedoch sein Gifft bemuͤhet er sich zu verbergen/ und vermag auch solches bey denen/ die ihm nicht genau A ch- tung auf seine Boßheit geben/ und seine Tuͤcke wissen/ wohl ins Werck zu setzen/ es sey nun daß er sich fuͤr uns selbst oder fuͤr andern bergen wolle. Jedoch ist diese List so kraͤfftig nicht/ daß ein Mensch der sich selbst wohl kennet/ nicht bald dieselbe solte zu schanden machen/ er moͤge sich nun so sehr masqui ren als er wolle. Jch entsinne mich/ daß/ sint dem ich die Lehre von Erkaͤntniß anderer Menschen ein wenig kund gemacht/ mir die ob- jection offtmahl gemacht worden: Wie ich denn einen wolte kennen lernen/ bey dem ich etliche Tage waͤre/ und er redete und thaͤte gar nichts/ schwiege gantz stille in der Gesellschafft und hoͤ- rete nur zu. Alleine das waͤre nicht gut/ wenn nicht in dieser Wissenschafft auch das Vermoͤ- gen zu schweigen ein unfehlbares datum waͤre/ die Menschen wider ihren willen zu erkennen. Wer sich das bisherige recht zu Nutze gemacht hat/ der weiß schon was ich sagen wil. 43. Wenn aber die herrschende passion mit der andern/ die folget/ starck vermischet ist der drey Haupt-Laster. ist/ so ist zwar die E rkaͤntniß solcher mixtur wegen der aus der mixtur auff beyden theilen entstehenden alterationen, die beyderley Lastern ein ander Ansehen geben/ schon schwerer als wenn die herrschende Gemuͤths-Neigung sehr starck fuͤr denen andern herfuͤr raget/ es sey nun in der selbst Erkaͤntniß oder in der Erkaͤntniß an- derer Menschen. Jedoch weñ man nur mit Gedult offt in Gedancken erweget/ was wol aus der Mi- schung deren einem jeden Haupt- affect anhan- genden Gemuͤths-Neigungen fuͤr eine passion entstehen muͤste/ und hernach die meditation, die wir bey Anfang dieses Hauptstuͤcks hiervon zum Beyspiel und Exempel/ so gut es sich schicken wollen/ gegeben haben dagegẽ haͤlt/ ehe man diese Erkaͤntniß bey sich selbst oder andern zu pactici- ren trachtet/ wird man endlich auch in dieser Wis- senschafft nicht unfertig werden. Die Erkaͤntniß der weit herfuͤr ragenden herrschendẽ passion kan gar wohl mit Begreiffung deren einfachen spe- cierum in der Rechen-Kunst/ die Erkaͤntniß aber zwey starck gemischter Gemuͤths-Neigungen mit der extractione radicis qvadratæ aut cubicæ verglichen werden. Ein Ehrgeitzig und Wol- l uͤ stig temperament ist gar leicht geschickt so wohl sich selbst als andere zu erkennen/ iedoch eher sich selbst/ wenn Wollust uͤber den Ehrgeitz ist: und eher andere als sich selbst/ wenn Ehrgeitz uͤber die Wollust ist. Ein Ehrgeitzig und Geldgei- tzig temperament ist gar leichte geschickt andere Z 5 zu Das 12. H. von der Vermischung zu erkennen/ aber sich selbst zu erkennen gehet es schwer her. Ja es ist dieses temperament geschickt/ sich arglistig fuͤr denen Augen derer/ de- nen die selbst Erkaͤntniß mangelt/ zu verbergen/ wiewohl in concursu zweyer dergleichen tem- peramente, das jenige so mehr Ehrgeitz hat/ or- dentlicher Weise das jenige da Geldgeitz uͤber den Ehrgeitz ist/ eher aus Listen und uͤber den Toͤl- pel werffen wird. Ein Wolluͤstig und Geld- geitzig temperament aber wird weder sich noch andere leicht zu erkennen/ oder sich zu ver- bergen geschickt seyn/ und ob wohl jederman solche Leute in so weit bald kennen lernet/ daß man sie nicht sehr æstimi ret/ eben deshalben weil sie sich leichte in die Karte gucken lassen/ so wird doch wegen der allzu grossen Unbestaͤndig- keit dererselben/ und wegen der widerwaͤrtigen Thaten/ zu denen sie die widerwaͤrtigen Laster der Wollust und Geldgeitzes nach Gelegenheit hinreissen/ der groͤste Theil der Menschen/ und jedermann/ der die Kunst sich selbst zu kennen nicht wohl gelernet hat/ sich in ihre Weise we- nig oder nicht finden koͤnnen/ sondern ihnen alles wunderlich und uͤbel connecti rend fuͤrkommen. Deswegen ich auch in Anfang der Untersuchung dieser Disciplin, als mir etliche dergleichen Menschen unter die Hand kommen/ solche mixtur fuͤr ein Miracul gehalten/ und sie als ein schwe- res problema auffgegeben/ wiewohl die nach- folgenden Betrachtungen mir gezeiget/ daß der- gleichen der drey Haupt-Laster. gleichen mixtu ren leider in der Welt mehr sind/ als gut ist/ ob sie gleich nicht alle auff gleiche und so wunderbare Weise in die Augen fallen. 44. Endlich wenn auch die dritte laster- haffte passion nicht allzuweit unter denen andern beyden stehet/ sondern gleichfals mit derselben starck vermischet ist/ so ist zwar von dieser Mischung leichtlich ein Urtheil in ab- stracto zu faͤllen/ wie wir dann auch solches im Anfang dieses Hauptstuͤcks allemahl mit beruͤh- ret haben/ allein in praxi gehet es sehr schwer zu so wohl sich selbst als andre disfals zu ken- nen/ und kan mit dergleichen mixtu ren in der Rechen-Kunst die Algebra gar wohl verglichen werden. Jedoch wird einen Menschen/ der sich selbsten kennet/ so schwer nicht fallen/ auch dieser- ley Mischungen wohl zu unterscheiden. Alles hier auszufuͤhren leidet unser Vorhaben nicht/ und wer in der Erkaͤntniß des Menschlichen Geschlechts bis so weit kommen ist/ kan die Handgriffe hierzu leichte vollend selbst suppli- ren. Die Regeln der Kunst von Vermischungen zeigen/ daß sechserley Arten heraus kommen: 1. Ehrgeitz/ Geldgeitz/ Wollust/ 2. Geldgeitz/ Ehrgeitz/ Wollust/ 3. Wollust/ Geldgeitz/ Ehrgeitz/ 4. Geldgeitz/ Wollust/ Ehrgeitz/ 5. Wollust/ Ehrgeitz/ Geldgeitz/ 6. Ehrgeitz/ Wollust/ Geldgeitz/ Z 5 Alle Das 12. H. von der Vermischung Alle sechs Arten kommen darinnen uͤberein/ daß sie sehr schwer zu ihrer selbst Erkaͤntniß zu bringen seyn/ sehr schwerlich andere genau und wohl erkennen/ auch ob sie wohl nicht in einen hohen Grad dissimuli ren koͤnnen/ sondern ih- nen das Verstellen sauer ankoͤmmt/ sie dennoch auch von andern nicht leichte deutlich begriffen werden koͤnnen/ sondern es kostet hierzu die mei- ste Muͤhe. Si e koͤnnen insgesamt eher zu was boͤsen als zu was guten gebraucht werden/ mas- sen man denn in Freundschaffts-Sachen sich am allerwenigsten auff solche Leute zu verlassen/ aber am meisten fuͤr ihnen in acht zu nehmen und zu huͤten hat. Aber darinnen sind sie mercklich unterschieden. Leute von der 1. und 2. Mi- schung sind mehrentheils Leute/ die wenn ihnen das Gluͤck nicht zu wider ist/ eine zeitlang und sonderlich bey ihren Leben/ beruͤhmt und gꝛoß sind/ aber mehr gefuͤrchtet als gelibet werden. Es ist das temperament zu grossen Tyrannen/ die doch ihre Thaten so einrichten/ daß sie einen Schein des guten haben/ derer Thorheit auch einen starcken Anstrich von Schein-Weißheit hat. Leute von 3. und 4. temperament sind entwe- der grosse Narren oder grosse offenbahre Ty- rannen/ oder wohl beydes zusammen. Und end- lich Leute von der 5. und 6. Mischung sind zwi- schen denen beyden ersten gleichsam mitten. Sie sind viel kluͤger als die von der 3. und 4. Classe/ aber nicht so arglistig als die von der 1. u. 2. Sie sind der drey Haupt-Laster. sind nicht so boßhafftig als die von denen andern 4. Sorten/ sondern ehrlicher und auffrichtiger/ und man kan sie eher zu was guten als grossen Boßheiten brauchen/ jedoch ist auch eben ein groß vertrauen nicht auff ihre Treue und affe- ction zu setzen/ und doͤrfften sie eine starcke Pro- be der Freundschafft nicht wohl aushalten. 45. Es koͤnnen zwar eigentlich die Gemuͤths- Neigungen aller Menschen ihrer Ordnung nach zu einer von denen sechs in vorigem n. erzehleten Classen gebracht werden/ indem wir oben er- wiesen/ daß bey allen Menschen die vernuͤnfftige Liebe unten an stehe. Derowegen wenn wir bey einer jeden obbesagter Classen die vernuͤnff- tige Liebe anhencken/ werden wir die tempera- mente des gantzen Menschlichen Geschlechts nach Ordnung des herrschenden und schwaͤche- ren affect en haben/ nemlich I. 1. Ehrgeitz. 2. Geldgeitz. 3. Wollust. 4. Vern. Liebe. II. 1. Geldgeitz. 2. Ehrgeitz. 3. Wollust. 4. Vern. Liebe. III. 1. Wollust. 2. Geldgeitz. 3. Ehrgeitz. 4. Vern. L. IV. 1. Geldgeitz. 2. Wollust. 3. Ehrgeitz. 4. Vern. Liebe. V. 1. Wollust. 2. Ehrgeitz. 3. Geldgeitz. 4. Vern. Liebe. VI. 1. Ehrgeitz. 2. Wollust. 3. Geldgeitz. 4. Vern. L. Alleine es ist doch ein grosser Unterscheid zwischen denen 6. Classen des gegenwaͤrtigen/ und des vori- Das 12. H. von der Vermischung vorigen paragraphi . Dort betrachteten wir die- selben/ so ferne die drey lasterhafften passiones eine starcke und ein ander zwar nicht/ aber doch der proportion nach fast gleichkommende Mi- schung mit einander hatten. Allhier aber be- trachten wir sie uͤberhaupt ihrer blossen Ordnung nach und ohne Absehen auff die proportion der Mischung/ durch welche die folgenden mit der herrschenden passion verknuͤpft sind/ nach welcher proportion eine j ede von denen sechs Classen wieder in unzehlige andere getheilet wer- den mag/ ob gleich alle Menschen/ als obgedacht/ darinnen uͤberein kommen/ daß die vernuͤnfftige Liebe nur gleichsam als ein Funcken und in der geringsten dosi bey ihnen sey. Denn man kan sich leicht einbilden/ daß ein grosser Unterscheid unter einen Menschen sey der z. e. 12. Untzen Ehr- geitz/ 11. Untzen Geldgeitz und 10. Untzen Wol- lust hat/ und unter einen andern der z. e. 12. Un- tzen Ehrgeitz/ 8. Untzen Geldgeitz und 3. Untzen Wollust hat/ u. noch unter einen dritten der z. e. 12. Untzen Ehrgeitz/ 6. Untzen Geldgeitz und 5. Untzen Wollust hat und also ferner in andern Exempeln. Man kan von denen Farben leicht ein Gleichnuͤß geben: Waserley vielfaͤltige Arten koͤnnen nicht aus gelb/ blau/ und roth/ oder weiß/ schwartz und roth durch unterschiedene proportion heraus gebracht werden. 46. Dieweil aber diese proportion mehr mit dem Verstande als denen Sinnen begriffen wird/ der drey Haupt-Laster. wird/ und also nicht wohl ad punctum gebracht werden kan; auch zum Gebrauch des Mensch- lichen Geschlechts solches nicht eben noͤthig ist/ in Ansehen ohne dem die genauen subtili taͤten des Verstandes in allen Discipli nen/ in gemei- nen Leben und Wandel nichts nuͤtzen/ und allbe- reit ein gemeines Sprichwort worden/ daß ein punct, ein Haar/ ein Augenblick u. s. w. in der Sitten-Lehre eine ziemliche Groͤsse/ Laͤnge und Breite zu lasse; Gleichwohl aber in der Lehre von der Erkaͤntniß sein selbst/ damit einer den andern verstehen koͤnne/ eine gewisse hypothesis angenommen werden muß; Als stehet zwar ei- nem j eden frey/ disfa l s eine proportion zu nehmen welche er wil; Jch habe mich aber bisher bey der proportion, die die Juristen in Eintheilun g der Erbschafften gebraucht und die auch sonsten nicht unbekant ist/ nicht uͤbel befun- den. Nemlich bey der proportion zwischen 1. und 12. dergestalt/ daß ich bey Erkaͤntniß meiner selbst/ und aller andern Menschen/ der gering- sten passion, die wir oben bewiesen haben/ daß es allemahl vernuͤnfftige Liebe sey/ eine (1) Untze/ der hoͤchsten aber/ es sey nun Ehrgeitz/ Geldgeitz oder Wollust zwoͤlff (12) Un tz en gegeben/ daß also hernach bey Erkaͤntniß der beyden Mit- tel- passionum alles auff die proportion ankoͤm̃t/ die zwischen 1. und 12. ist; und auch in praxi in Suchung dieser proportion die groͤste attention und Gemuͤths-Ruhe erfordert wird. 47. Und Das 12. H. von der Vermischung 47. Und darff sich niemand hierbey irren/ wenn er in meinen Schrifften und in denen speci- minibus, die ich von dieser Wissenschafft publi- ci ret/ finden wird daß ich der untersten passion zum wenigsten 5. Grad oder Untzen und der obersten 60. Untzen oder Grad gegeben habe. Denn wenn ich zwischen 5. und 60. nur alle- mahl die proportion in acht nehme/ daß 5. proportio duplicandi, u. s. w. bleibt/ ist es in der That eine proportion zwischen 1. und 12. und zwischen 5. und 60. Und koͤmmt es also auff eines hinaus/ man mag sich unter die- sen beyden Arten bedienen welcher man wolle. Jedoch hat die proportion zwischen 5. und 60. darinnen einigen Vortheil/ wenn ich mich selbst oder eintzele Menschen und deren Re- lation gegen mich/ was und worinnen ich ihnen oder sie mir dienen und schaden koͤnnen/ betrach- te/ da ist die proportion zwischen 1. und 12. schon genung ihre Eigenschafften und ihre Begierden zu erlernen. Wenn ich aber viel Menschen nach den Regeln dieser Kunst examini ren und son- derlich die jenigen/ die einander dem Gemuͤthe nach sehr nahe zu kommen scheinen/ etwas ge- nauer gegen einander halten wil/ da kan ich die proportion zwischen 5. und 60. besser nutzen. Als z. e. es kan kommen/ daß einer/ der seinem Ampte und Verrichtungen nach mit viel Leuten umzu- gehen hat/ unter denenselben 3. oder mehr Per- sonen antrifft/ deren jede/ wenn er einen fuͤr sich wol betrachtet/ fol g endes temperament zu habẽ schei- der drey Haupt-Laster. scheinen: 60. Grad Ehr-Geitz/ 40. Grad Geld- Geitz und 30. Grad Wohllust/ oder nach der an- dern Computation : 12. Untzen Ehr-Geitz/ 8. Un- tzen Geld-Geitz und 6. Untzen Wohllust. Haͤlt man aber dieser Personen ihr temperament ge- nau gegen einander/ wird man gewiß aus ih- rem Thun und Lassen befinden/ daß unter ihnen doch eine merckliche Differenz sey/ und daß z. e. der eine etwan 43. Grad Geldgeitz/ der andere 39. Grad Geldgeitz/ und der dritte etwan 32. Grad Wollust habe; Welches ich in dem andern Modo durch die gantze Zahlen nicht wohl wuͤrde expri- ren koͤnnen/ sondern wuͤrde mich gebrochener/ und bey dem ersten 8⅗ Untzen Geldgeitz/ bey dem andern 7⅘ Untzen Geld-Geitz/ und bey dem dritten 6⅖ Untzen Wohllust u. s. w. bedienen muͤssen/ wel- ches etwas unfoͤrmlich heraus kommen wuͤrde. Wiewol auch nicht zu leugnen ist/ daß dieser Nu- tzen in praxi sehr selten vorkommen/ und mehr in speculation en bestehen/ als in der That grossen Nutzen haben moͤchte. 48. Denn der Nu tz en dieser Kaͤntnuͤß der Ordnung und proportion der dꝛey Haupt-La- ster bey denen Menschen bestehet darinnen/ daß/ so viel meine selbst-Erkaͤntnuͤß betrifft/ ich vor allen Dingen die herrschende Passion suche/ und selbe zu daͤmpffen trachte/ und wenn ich finde/ daß die andern beyden nachfolgenden/ oder eine da- von Das 12. H. von der Vermischung von mit der herrschenden in starcker Mixtur sey/ ich dieselben beyde/ oder alle drey als Tyrannen meiner Seele und meine groͤste Feinde betrachte/ und um derer Austilgung bemuͤhet bin. So viel aber die Erkaͤntnuͤß andrer Menschen angehet/ daß ich vielerley erwege/ (denn der Nutzen so wohl als der Mißbrauch ist hierbey vielfaͤltig/) z. e. ob sie wohl nach ihrem temperament eine na- tuͤrliche Zuneigung zu mir tragen koͤnnen/ oder ob ihre Freundschafft nur zum Schein oder inter- essir et sey? Wie weit ihr Vermoͤgen gehe/ mir oder andern zu dienen? Worzu sie sich/ etwas Er- wuͤnschtes auszurichten/ schicken oder nicht? Jn was fuͤr Stuͤcken ich Ursache habe/ ihnen mißzu- trauen/ und mich fuͤr ihnen in acht zu nehmen? Worinnen und auf was Weise sie mir leichtlich schaden koͤnnen oder nicht? Wie ich durch Be- streitung ihrer Haupt- Passion ihren Fallstricken leicht entgehen koͤnne? u. s. w. 46. Z. e. Einer der von einem temperament ist/ das erstlich Wollust/ jedoch mit Ehr-Gei tz starck vermischet hat/ und mit drey Leuten offt und viel zu thun/ deren einer Ehrgeitz mit Wol- lust/ der andre Ehrgeitz mit Geldgeitz/ der dritte Wohllust und G eldgei tz hat/ wird aus obi- gen Lehr-Saͤtzen gar leicht begriffen/ daß unter diesen dreyen der erste die staͤrckste Zuneigung von Natur zu ihm trage/ daraus eine ziemliche particular- Freundschafft/ (wie sie in der Welt sind/) werden kan/ von denen andern beyden aber der der drey Hauptlaster. der andere wegen seines Ehrgeitzes/ und der drit- te wegen seiner Wollust etwas an sich haben/ da- durch sie ihm und er ihnen in Conversation nicht unertraͤglich fallen/ aber wegen der starcken Mixtur von Geldgeitz/ so denenselben beywohnet/ er ihnen wenig zutrauen/ sondern sich fuͤr ihnen wohl in Acht zunehmen hat/ und zumahl wenn sie ihn mehr als sonst gewoͤhnlich caressi ren/ weil es so dann entweder mehr umb ihres eigenen Inter- esse willen geschiehet/ oder aber man ihm durch solche Liebkosungen eine Falle zubereitet. Wie- wohl er auch auff den ersten sich nicht gar zuviel zu verlassen hat/ sonderlich wenn es eine Sache betrifft/ da sie etwan beyde zugleich wegen ihres Ehrgeitzes interessi ret sind. Der erste kan ihm und andern wohl gute Dienste thun/ wenn er nur will. Jhn aber hierzu zu disponi ren muß er sich huͤten/ daß er sich nicht zu gemeine mit ihm mache/ sondern gegen selbigen eine solche Offen- hertzigkeit bezeige/ die mit einer starcken Ehrer- bietung vergesellschafftet sey/ auch so viel moͤglich desselben Ehrgeitz dabey so weit interessi re/ daß selbiger von denen begehrten Diensten/ Lob/ Ruhm/ und Ehre habe/ und sich dadurch Clien- ten oder Freunde erwerbe. Was den andern anlanget/ wird selbiger ordentlich trachten daß er ihn unter sich erhalte/ und durch einen ihm oder seinen Freunden geleisteten Schein-Dienst der- gestalt an sich ziehe/ daß er sie zwischen Furcht und Hoffnung haltende mehr von ihnen zuge- Aa war- Das 12. H. von der Vermischung warten habe/ als sie von ihm/ wiewohl es nicht leichte an sinceratio nen und Ver- sprechungen auch großgemachten Hoffnungen mangeln wird. Der dritte wird zu wenig din- gen/ dabey ein Judicium erfordert wird/ zu ge- brauchen seyn/ wenn er auch schon gerne einen dergleichen Dienst leisten wolte. Jedoch wird man seldigen darzu brauchen koͤnnen/ zu erfah- ren/ was etwan andre unserm interesse zuwider in Weg legen wollen/ wenn er davon Wissen- schafft hat/ weil er nicht schweigen kan/ wiewohl auch dißfals gute Behutsamkeit zu gebrauchen ist/ das Wahre/ von denen Luͤgen/ die sich der dritte wegen seines temperament s angewoͤhnet hat/ zu entscheiden. Wolte man ihn aber darzu gebrauchen daß man zu Befoͤrderung seines Nu- tzens/ iemand/ mit dem der dritte bekant ist/ et- was verdrießliches/ damit man sonsten gute Freunde nicht gerne beschwehret/ wolte wissen lassen/ wird er entweder seine Dienste selbst an- bieten/ weil er gestalten Sachen nach mit derglei- chen Klaͤischereyen gerne zu thun hat/ oder man daꝛf es ihm nur vertrauen/ und bitten dem andern nicht wieder zu sagen/ dabey aber gewiß veꝛsichert seyn/ daß er es so dann am ersten offenbahren wird/ massen dann ihm uͤberhaupt nicht mehr zu vertrauen ist/ auch wenn es seinen selbst eigenen Nutzen betrifft/ als was iedermann wissen darf/ in dem es ihm ohnmoͤglich ist/ seine eigene Schan- de zu verschweigen/ und man niemand leichter als der drey Hauptlaster. als ihm ein Geheimniß abfragen kan. Was den Schaden angehet/ den er von diesen dreyen zugewarten hat/ so hat er zwar den dritten/ wenn er nicht maͤchtig ist/ am allerwenigsten zu fuͤrch- ten/ aber doch auch nicht zu verachten/ ist er aber maͤchtig/ hat er sich/ nach Gelegenheit der Um- staͤnde fuͤr selbigen noch mehr als fuͤr denen an- dern zweyen in acht zu nehmen: der erste und an- dre sind zwar geschickt genung/ ihm Schaden zu- zufuͤgen/ doch hat er sich fuͤr dem ersten/ so lange er selbigen nicht irriti ret/ oder selbiger eine grosse Ehre dadurch zu erlangen gereitzet wuͤrde/ nicht eben gar zu mißt r auisch zu huͤten Ursach/ theils weil derselbe noch fuͤr denen andern beyden am raisonable sten ist/ theils weil er auch des Leibes und Gemuͤths-Mischung nach ihm mit natuͤrli- cher Liebe noch am meisten zugethan ist/ und gute Dienste von ihm hinwieder zu gewarten hat: Fuͤr dem andern aber hat er sich sehr wohl zu huͤten/ weil selbiger gar leicht wider ihn auffgebracht werden kan/ es auch so dann selbigem an Arglist nicht mangeln wuͤrde/ ihm ein Ungluͤck zuzube- reiten/ zumahl wenn er sich treuhertzig machen laͤst/ und dessen sincerationen trauet. Wiewohl auch niemand leichtlich/ (auch nach denen blossen Regeln der Klugheit/) einen andern Menschen offendi ren soll/ so hat doch absonderlich in gegen- waͤrtigen Exempel ein Wohlluͤstiger der mit/ Ehrgeitz die Wohllust temperi ret/ sich wohl fuͤr- zusehen/ daß er den ersten und andern nicht of- A a 2 fen- Das 12. H. von der Vermischung fendi re/ sondern so viel moͤglich in gerechter Sa- che nur defensive gehe/ weil bey dem ersten die groͤssere dosis des Ehrgeitzes uͤber die Wohllust/ bey dem andern aber die haͤmische Arglist/ seine nicht allzubedachtsame und vielleicht allzusichere Offenhertzigkeit leichtlich uͤberwinden doͤrfften. Bey dem dritten doͤrffte er wohl offte obsiegen/ aber auch dabey wenig Vortheil und Ehre er- langen/ weil es eine schlechte Kunst ist/ einem sol- chen Menschen Schaden zu thun/ und selbiger als ein alt Weib das ihm zugefuͤgte (auch nur eingebildete) Unrecht iedermann zu klagen ge- wvhnet ist/ theils auch wenn er unverhoffte Ge- legenheit findet/ sich zu raͤchen/ desto unvernuͤnff- tiger und bruta ler sich zu raͤchen pfleget. Solte er aber mercken/ daß diese drey Leute wider ihn irriti ret ohne sein verschulden ihm Schaden thun wolten/ wird es ihm nicht eben schwer fallen/ Ge- legenheit zu finden/ den dritten zu diverti ren/ daß er diesen Schaden nicht ausuͤbe/ oder doch zum wenigsten etwas auffschiebe/ und die beste Gele- genheit außn Haͤnden gehen lasse/ durch aller- hand seine Wohllust und Geldgeitz reitzende und solcher gestalt seinen ohne dem bloͤden Verstand und wanckelmuͤtigen Sinn verwirrende Dinge. Bey dem ersten und andern aber wird es ihm schon mehr Muͤhe kosten/ indem bey dem ersten die Geschencke wenig thun moͤchten/ bey dem an- dern aber wohlluͤstige Reitzungen nicht viel haff- ten duͤrfften/ und bey diesen auch die Geschencke von der drey Hauptlaster. von zimlicher Kostbarkeit seyn muͤßten. Bey bey- den wuͤrde eine un affectir te submission wohl das meiste thun u. s. w. 50. Bey denen in gemeinen Leben vorkom- menden Faͤllen laͤsset sich dieses alles besser zeigen/ als wenn man nur so in abstracto sich selbsten Exempel macht. Und muß man in dem ange- fuͤhrten Exempel nicht dafuͤr halten/ als ob der jenige/ so Wohllust mit Ehrgeitz starck vermischet hat/ von allen Maͤngeln befreyet und kein Miß- trauen u. d. g. in ihm zu setzen waͤre/ sondern es sind bey ihm eben dergleichen Anmerckungen und caute len vorzunehmen als bey den andern. Man muß auch nicht meinen daß diese Regeln seine Lebens-Art einzurichten unbetrieglich waͤren/ und man sich darauff zu verlassen haͤtte. Sondern es ist damit also beschaffen/ wie wir anderswo Einleitung zur Sittenlehre. cap. 8. §. 6. seq. von denen Regeln der Gesund- heit gemeldet. GOTT hat selbige dem Men- schen geordnet darnach zu leben/ nicht aber sich selbsten dadurch zu verbinden. Und wenn dem- nach der Mensch dieselbigen nicht beobachtet und in seine Gesundheit hinein stuͤrmet/ hat er kein gut Gewissen daß er die ihm von GOtt in der Natur gesetzte Mittel nicht gebrauchet und muthwillig sein Leben verkuͤrtzet. Lebet er aber darnach/ so muß er sich nicht einbilden/ als ob er dadurch sein Leben verlaͤngern muͤsse/ und daß es ihm nicht feh- len koͤnte. Sondern er muß bloß auff Gott sein Aa 3 Ver- Das 12. H. Von der Vermischung Vertrauen setzen/ und stets gewaͤrtig seyn/ daß ihm derselbe mitten in seinen Lebens-Regeln alle Augenblicke von dieser Welt fordern koͤnne. Gleichergestalt wenn ein Mensch die politischen Regeln die Erkaͤntnuͤß anderer Menschen zu seinen und anderer Menschen Nutzen an- zuwenden/ und seinen Schaden zu vermeiden gebrauchet/ soll er es mit keiner andern intention thun/ als derer Mittel/ die GOtt in die vernuͤnff- tige Natur gesetzet hat/ sich zu bedienen/ nicht a- ber sich darauff zu verlassen oder zu vermeinen/ daß wenn er sich derselben so und so gebrauchte/ es ihm nicht fehlen koͤnte/ sondern/ daß er dadurch sein Gluͤck nothwendig befoͤrdern und die Gefahr abwenden muͤsse. Weßhalben abermahl Gele- genheit gegeben wird anzumercken/ wie nicht al- leine vor eine gottlose/ sondern auch fuͤr eine sehr unvernuͤnfftige Lehre es zu halten ist/ wenn die allzunaseweisen Politici lehren/ daß ein Mensch sich sein eigen Gluͤcke mache und desselben Meister sey. 51. Denn daran kan man eben G ottes Pro- viden tz und seine Gerichte erkennen/ wenn ein Mensch entweder wider die Regeln der Klugheit etwas anfaͤnget und gehet ihm doch gluͤcklich von statten/ oder wenn er so zu sagen auff ein Haar nach denen Regeln des Menschlichen Witzes sein Thun und Lassen eingerichtet und ge- het ihm doch alles den Krebsgang: Oder GOtt laͤsset es zuweilen ihm eine zeitlang so wohl nach denen der drey Hauptlaster. denen Regeln der Vernunfft als nach Willen gehen/ und wenn er denckt/ er ist seinem Zweck am allernaͤchsten/ macht ihm GOtt ohnversehens ei- nen Strich durch/ (welches ich ohnlaͤngst anders- wo mit dem Exempel Caroli V. Mauritii und Philippi Hassiaci erklaͤhret:) Woran man denn recht mercken kan/ wie GOtt die groͤste Weiß- heit dieser W elt/ wenn man sich auff selbi- ge verlaͤst und von ihm abweichet zur groͤ- sten Thorheit werden laͤst/ und es nicht an- ders macht/ als etwan ein sehr kluger Vater zuweilen seinem Sohne/ der ihn durch eine arg- listige intrigue betriegen will. Da sich dann zu- weilen der Vater anstellet/ als wenn er des Sohns Vorhaben nicht merckte/ und laͤsset dem- selben seine Partirerey biß bald zu Ende so hinge- hen/ daß derselbige immer mehr und mehr Hoff- nung sich macht/ seinen Zweck zu erreichen/ ie naͤ- her er siehet daß derselbige ist. Wenn er aber denckt selbigen in Haͤnden zu haben/ macht der Vater/ ohne daß er sich auch etwas noch mercken laͤst/ ob wuͤste er des Sohns intention, gleich- sam par hazard \& tanquam aliud agendo et- was darzwischen/ dadurch der Sohn in seiner Hoffnung betrogen wird/ da er dann sein Un- gluͤck anklaget und ungeduldig wird. 52. Gleich wie aber nichts gewoͤhnlicher ist/ als daß man von goͤttlicher Vorsehung und denen goͤttlichen Gerichten nach seinen Vorur- theilen und passio nen ein Urtheil faͤllet/ daher Aa 4 dann Das 12. H. Von der Vermischung dann andre uͤberweise Kluͤglinge Anlaß nehmen denen goͤttlichen Gerichten und Versehung we- nig oder gar nichts zuzuschreiben/ indem GOtt mehrentheils auch durch natuͤrliche aber unver- sehene Umbstaͤnde zu wuͤrcken pfleget/ welche wenn sie geschehen/ von denen Menschen dafuͤr gehalten werden/ als haͤtten sie selbe vorher se- hen sollen/ und man insgemein zu sagen pfleget: Haͤtte man es so und so gemacht/ so waͤre es auch anders abgelauffen; oder/ wenn dieses mir wie- derfuͤhre/ ich wolte es viel anders machen. Also kan man diese beyden extrema nicht besser mey- den/ als wenn man sich bey zeiten befleißige t seine selbst Erkaͤntnuͤß fuͤr die Hand zu neh- men. Denn ie mehr man in dieser erlernet und practici ret/ ie mehr wird man seines Elendes und Thorheit gewahr/ und ie mehr erkennet man die Wuͤrckung goͤttlicher Weißheit/ Versehung und Gerichte. Ja man darff sich nur gewiß versichern/ daß ie mehr man sich selbsten in praxi kennen lernet/ ie geschickter wird man auch andre zu kennen/ und auff seiner Hut zu seyn. Jn Gegentheil aber/ ie mehr man sucht andre zu kennen (darzu das Menschliche Hertz von Natur obne dem mehr als zuviel geneigt ist/) und will doch nicht zu dieser Wissenschafft durch die Pforte der selbst Erkaͤntniß eingehen/ ie weni- ger wird man darinnen fortkommen koͤnnen/ sondern sich heßlich verrechnen/ und fast taͤglich prostitui ren. 53. Ehe der drey Hauptlaster. 53. Ehe wir dieses Hauptstuͤcke endigen/ erfordert die Nothdurfft/ daß wir noch mit we- nigen Worten beweisen: Daß das jenige/ was wir hierinnen offte erwehnet/ man solte ja nicht meinen als ob bey einen Menschen die Ordnung seiner einmahl erlangeten natuͤrlichen pas- sio nen/ durch das Alter/ Gelegenheit/ Gluͤck/ o- der sonsten sich enderte/ sondern vielmehr dafuͤr halten/ daß sie natuͤrlicher Weise stetswaͤh- rend in einer Ordnung verbleibe/ nicht an- ders seyn koͤnne/ sondern eine so gewisse und un- streitige Warheit sey/ als das zwey mahl dreye fechse sind. Dieses zu verstehen ist zu wissen/ daß alle B egierden so wohl zum guten als boͤsen et- was thaͤtliches sind/ derer Wesen an und fuͤr sich selbst in lauter Thun besiehet/ die die Materie des Leibes antreiben/ so und so etwas zu verrich- ten/ die derselben so zu sagen nach ihren Willen sich gebrauchen/ und die also/ weil der Materie Wesen in lauter Leiden bestehet/ sie aber der Ma- terie schnur stracks ihren Wesen nach entgegen gesetzet sind/ nothwendig etwas geistliches seyn muͤssen/ die uͤber die Materie des Leibes herr- schen/ mit welcher sie in dem Leibe durch eine zwar empfindliche und gewisse aber dem Verstande nach unbegreifliche Weise vereiniget sind. Die- se Vereinigung der Geistigkeiten mit der Materie, machet daß diese jenen ihr Leiden und jene dieser ihre Thaͤtligkeiten mittheilen oder vielmehr beydes von den gantzen Coͤrpern gesagt Aa 5 wird/ Das 12. H. Von der Vermischung wird/ und weil alle Coͤrper mit Geistigkeit ange- fuͤllet sind/ und in den grossen Weltgebaͤude durch eine stetige Bewegung gleichsam circuli- ren/ als kan es nicht fehlen/ daß durch diese con- tinuir liche Bewegung nicht solten an einen je- den Coͤrper absonderlich aber an Thieren und Menschen augenblicklich etliche kleine Theilgen mitgenommen oder hinzu gesetzet werden. Nachdem aber unterschiedene feurige/ lufftige/ waͤsserige und irrdische Coͤrper sind/ die zwar ih- rer Materie nach einander nicht zu wider/ aber gleichwohl Krafft derer ihnen allerseits beywoh- nenden Geistigkeiten viele widrige Dinge in der Welt verursachen; als bestehet das Wesen al- ler Geistigkeiten darinnen/ daß iede die Kraͤf- te und das Wesen ihrer selbst und der Coͤr- perlein mit denen sie vereintget ist zu erhal- ten sucht/ solcher gestalt aber/ den durch die stete circulation in der Welt verursachten Abgang wieder durch Annehmung anderer dergleichen Coͤrperlein zu ersetzen trachtet. Hieraus entste- het eine continuir liche Bewegun g der G eistig- keiten/ theils in an sich Ziehung und Verei- nigun g gleicher G e istigkeiten/ theils in Wegstossung oder Z erstoͤrung derer widri- gen. Gl ei ch wie nun offenbar/ daß z. e. ein ieder Coͤrper/ an welchen die Materie dichte und feste an einander gesetzet ist/ faͤhig ist/ eine lockerern Coͤrper zu zerschneiden oder zu zermalmen; Also ist auch offenbahr und eben so gewiß/ daß ein Coͤr- der drey Hauptlaster. Coͤrper fuͤr dem andern mit mehrerer G eistig- keit begabet sey/ und daß die mehrere Gei- stigkeit in dem einen/ die mindere Geistigkeit des andern uͤberwaͤltige/ es sey nun/ daß solche mehrere Geistigkeit die ihr gleiche mindere Gei- stigkeit des andern an sich ziehe und gleichsam verschlinge/ oder daß diese mehrere Geistigkeit die mindere widrige Geistigkeit des andern zerstoͤ- re und vertreibe/ und auff beyderley Weise den Coͤrper von minderer Geistigkeit in gantze kleine Partickelgen gleichsam zermalme/ hernach aber entweder dieselben nebst der gleichen Geistigkeit mit seinen Coͤrper vereinige/ und selben dadurch nehre/ oder solche nebst der widrigen Geistigkeit von sich stosse. Daferne aber in zweyen Coͤr- pern Geistigkeiten von gleicher Krafft oder Gewalt anzutreffen sind/ wird die Streitig- keit der beyden widrigen Geistigkeiten so lange als diese Gleichheit dauret gleichsam in der bilance stehen/ biß die eine von beyden durch ih- res gleichen Vereinigung staͤrcker wird/ nicht an- ders als wie z. e. zwey Klopfffechter von gleicher Krafft/ wenn sie mit uͤber den Kopff erhabenen Armen sich fest an einander drucken in dieser po- situr so lange zu rammeln pflegen/ biß des einen Staͤrcke mehrere Kraͤffte als des andern gewin- net/ oder als wie zwey Steine von gleicher Groͤs- se/ wenn sie mit gleicher force gegen einander ge- stossen werden/ zusammen stille liegen bleiben/ biß dem einen ein neuer Druck von aussen gege- ben Das 12. H. Von der Vermischung ben wird. Sind es aber gleiche Geistigkeiten/ die sich mit einander zu vereinigen trachten/ wird zwar die gleiche Krafft bey beyden Coͤrpern die Verschlingung der einen von der andern so lange verhindern biß gleichfalls eine vor der andern ei- ne staͤrckere Krafft bekommen; aber sie werden nichts destoweniger durch wechsels-weise Auß- hauchungen und Anziehung beyde Coͤrper/ zu- mahl wenn diese gleiche Krafft lange dauren sol- te/ mercklich abzehren/ nicht anders/ als wenn z. e. zwey in einander verliebte Ehrgeitzige Ge- muͤther/ derer keines dem andern nachgeben will/ und doch beyderseits durch allerhand Griffe ein- ander zur Liebe reitzen/ ihre Coͤrper so lange ab- zehren/ biß eines uͤber das andere die Oberhand behaͤlt. 54. Ob nun wohl die Betrachtung aller Geschoͤpffe/ wenn sie ohne præjudiciis geschiehet/ die Wahrheit obiger Lehrsaͤtze sattsam bezeiget/ und dergleichen Vereinigungen und Streitt g- keiten in allen Coͤrpern/ sie seyn nun feurig/ waͤs- sericht/ lufftig oder irrdisch/ gnungsam angemer- cket/ auch durch unzehliche experimenta so wohl mechanica als chymica und zwar viel besser und deutlicher/ als durch die hypotheses Carte- sianas, Gassendisticas, oder Peripateticas (de- nen es allen an einer wahrhafften oder deutlichen Erkaͤntniß des der Materie entgegen gesetzten geistigen Wesens mangelt/ und die dannenhero nothwendig sich vieler absur den und einander selbst der drey Hauptlaster. selbst widersprechenden chimæ ren von elastici- tatibus, vacuitatibus, qvalitatibus occultis die Nichtigkeit ihrer Lehrsaͤtze fuͤr denen Augen der ihnen anhangenden und von præjudiciis autori- tatis eingenom̃enen Lehrlinge zu bemaͤnteln her- fuͤr suchen muͤssen) bekraͤftiget werden mag: so ist doch hiernaͤchst noch ferner wohl zu erwegen/ daß in denen Coͤrpern der Thiere und Menschen fuͤrnemlich (denn daß auch in denen andern Coͤr- pern dergleichen experimenta, wiewohl nicht so haͤuffig und deutlich anzutreffen/ und deßwe- gen des Campanellæ und anderer hypothe- sis de sensu universi so absurd eben nicht ist/ kan das experiment des Mannes bezeigen/ der durch einen gewissen Thon die Glaͤser zerspreng- te/ davon Morhofius, als bekant/ eine absonder- liche Dissertation geschrieben) anzumercken/ was die Gleichfoͤrmigkeit und Widrigkeit der Geistigkeiten anderer Coͤrper fuͤr alterationes anzurichten geschickt sey/ indem keine Sinn- ligkeit ist/ bey welcher hiervon nicht taͤglich un- zehliche experimenta koͤnten genommen werden. Von dem durch den gantzen Leib zerstreueten G efuͤhle der Waͤrme und Kaͤlte/ Rauhigkeit und Glaͤtte anitzo gar nichts/ sendern nur etwas weniges von denen andern Sinnen zu melden/ was Wuͤrckung thut nicht z. e. die rothe Farbe bey wuͤtenden Ochsen oder Jndianischen Hah- nen/ der Trompeten- Klang bey mutigen Pfer- den/ das Blitzen und Donnern des Geschosses bey Das 12. H. Von der Vermischung bey scheuen Pferden/ der Geruch der Speise o- der des Luders und der Geschmack einer einmahl gekosteten suͤssen oder sauren Speise bey denen meisten Thieren. u. s. w. 55. Und wie wir Menschen selbst denen Sinnligkeiten leider mehr ergeben sind als die Bestien/ auch die Begierden bey uns staͤrcker und empfindlicher sind; Also koͤnnen wir auch bey uns mehr und deutliche Exempel hiervon ge- ben/ derer etliche bey denen Bestien fast gar nicht anzutreffen. Man findet wohl z. e. in denen Au- gen eines mutigen oder traͤgen Pferdes einen mercklichen Unterscheid der darinnen geschaͤffti- gen Geistigkeit; Aber betrachte die Augen des Viehes/ wie du wilt/ so wirstu in Gegeneinan- derhaltung mit denen Augen der Menschen so zu sagen etwas todtes drinnen antreffen. Was hat aber nicht die Geistigkeit/ ich will nicht sagen ei- nes rothen oder trieffenden/ sondern eines sehnen- den/ brennenden/ verliebten/ zornigen/ weinenden/ schamhafften/ neidischen Auges fuͤr maͤchtige und zwar unterschiedene Wirckungen/ nach dem der herrschende Geist des Auges/ den es trifft/ be- schaffen ist. Was fuͤr unterschiedene widerwaͤr- tige Regungen und Begierden erwecket oder staͤrcket nicht der unterschiedene Thon allerhand Seitenspiele. Was fuͤr Unruhe oder Ungluͤck haben nicht die Minen oder der Gesang eines Comœdian ten oder einer Saͤngerin/ zornige o- der liebkosende Worte/ und das schmeichelude Lob der drey Hauptlaster. Lob angerichtet? Wie wird der Geist unserer Begierden durch den Geruch gewuͤrtzter war- mer Speise und hitzigen Getraͤnckes nicht ge- reitzet. Wieviel mehr aber wird er durch den G eschmack derselbigen nicht zum Uberfluß ge- staͤrcket/ oder nach Gelegenheit alsbald geschwaͤ- chet oder bestritten. u. s. w. 56. Ferner/ weil der Mensch uͤber die Sinnlig- keiten die er mit den Thieren gemein hat/ abson- derlich mit der S innligkeit seiner G edancken begabet ist/ durch welche er abwesende Dinge sich als gegenwaͤrtig vorstellen kan/ als ist auch hierinnen an dem Menschen als was sonderli- ches zu mercken/ daß er vermittelst deren Ge- dancken fuͤr andern Thieren faͤhig ist/ seine Geistigkeiten (eine zeitlang/ denn auff eine lan- ge Zeit ohne von aussen zugebrachte Nah- rung doͤrffte solches wohl schwerlich geschehen) zu erhalten/ zu staͤrcken/ und zu vermehren. Jch will nichts erwehnen von denen durch tieffes Nachsinnen neu erfundene Wahrheiten/ (wel- che allerdings auch nach der Philosophie der Cartesianer und Peripateticorum nichts als neue von dem Geist der Seelen gleichsam gezeu- gete Geistigkeiten seyn koͤnnen) sondern nur mich auff eines jeden Menschen eigene Erfahrung be- ziehen/ wie/ durch die Gedancken des empfange- nen Schimpffs oder der vorhabenden Rache ein Ehrgeitziger den Geist seines Zorns und der Rachgierde/ ein Wohlluͤstiger hingegen durch nach- Das 12. H. Von der Vermischung nachdencken der genossenen oder gehoffeten Lust/ den Geist seiner Freßgierde oder naͤrrischen Liebe/ und durch tieffsinniges Nachdencken eines zu verhoffenden grossen Profits ein Geldgeitziger den Geist seiner Gewinnsucht staͤrcke und nehre. 57. Dieses alles bezeuget die taͤgliche Er- fahrung dergestalt/ daß sie uns auch hierneben noch einen andern Unterscheid zwischen den Men- schen und andern Creaturen zeiget. GOtt der alles nach Zahl/ Maß und Gewicht in dieser Welt verordnet/ hat auch zu Unterhaltung und Bewegung eines ieden Coͤrpers/ so zu reden eine gewisse dosin des Geistes zuge- ordnet/ welche/ wenn sie gemehret oder gemin- dert wird/ die Materie des Leibes vielmehr ver- derbet als erhaͤlt. Also wenn durch die Anthliam pnevmaticam in ein Gefaͤß mit Gewalt mehr Lufft gepumpet wird als GOtt zu desselben Er- fuͤllung verordnet/ wird diese vermehrte Geistig- keit/ (denn in meiner Philosophie sind Lufft und Licht was geistiges/) dasselbige umbgebende Ge- faͤß/ das ihre freye Bewegung gleichsam ge- fangen haͤlt/ zu zerstossen und zu zersprengen/ und sich solchergestalt aus der Gefaͤngniß zu erloͤsen trachten/ wie solches an dem mit Gewalt zuruͤck gestossenen stoͤpsel der anthliæ zu sehen ist. Wie- derumb/ wenn die Lufft aus einem Glase herauß gepompet wird/ wird die zuruͤck gebliebene und verminderte Geistigkeit durch ein circkelrundes anzie- der drey Hauptlaster. anziehen desselbigen umgebenden Glases entwe- der die darine enthaltene oder selbiges von aussen umgebende Geistigkeit/ heraus oder an sich zu zie- hen trachten/ da es dann leicht geschehen kan/ daß dieses lang anhaltende oder allzustraffe anziehen solche Coͤrper zerbricht/ wie man z. e. sehen kan/ weñ man aus einen metallenen Becher/ dem man an statt des Bodens eine runde aber flache Glaß- scheibe mit Wachse angemacht hat/ die Lufft pumpet: indem die zuruͤck gebliebene wenige Luft die umbgebende Coͤrper so starck anziehet/ daß das Glaß zerbricht. Nun ist aber unter allen Creaturen keine so sehr verdorben/ daß die denenselben beywohnende G eistigkeit sich mit ruin des ihr zu egebenen Coͤrpers zuver- mehren trachten solte/ als die Thiere/ und unter den Thieren der Mensch. Ein Thier wird sich zwar auch zuweilen uͤberfressen daß es platzen moͤchte. Aber ein Mensch thut fast nichts als daß er durch taͤgliche V ermeh- rung der Geister seiner Ehrsucht/ Wohllust und G eldgeitzes seinen Leib verzehre/ schwaͤ- che und abnuͤtze/ und also durch seine Begierden in sein Wesen hinein stuͤꝛme/ und die ihm von Gott erlaubte Dauerung verkuͤrtze/ daß also bey dieser Bewandnuͤß nicht mehr so sehr zu verwundern/ wie es komme/ daß der Mensch die edleste Crea- tur/ und die Thiere ein kuͤrtzeres Leben und Daue- rung haben/ als die Baͤume/ Steine u. s. w Besiehe das 8. H. des ersten Theils n. 4. Bb 58. Aus Das 12. H. Von der Vermischung 58. Aus diesen allen aber kan einem gantz augenscheinlich dargethan werden/ daß die Gei- sti g keiten der Begierden natuͤrlicher und ordentlicher W eise bey dem Menschen die Zeit seines Lebens in der Ordnung bleiben/ in der sie bey seiner Geburt gewesen Ein Geist von groͤsserer Krafft ist auch faͤhig mit groͤs- serer Krafft gleiche Geistigkeiten von andern ih- me annahenden Coͤrpern an sich zu ziehen und widrige Geistigkeiten von sich zu stossen/ als ein Geist von minderer Krafft. Durch diese An- ziehung und von sich Stossung naͤhret und erhaͤlt sich die Begierde des Menschen. Und weil die- se Nahrung durch alle Sinnligkeiten und tau- senderley andere Wege geschehen kan/ ja/ wenn es auch an andern Nahrungen mangeln solte/ es dem Menschen doch niemahlen an Gedancken mangelt/ seine Begierden daduꝛch zu nehren/ auch diese Gedancken als stete Sclaven der Begier- den sich nie denenselben widerspenstig erzeigen koͤnnen; Als haben die Begierden des Men- schen stetige Gelegenheit sich in ihrer proportion zu erhalten. Denn die Begierden des Men- schen sind durch alle Sinnligkeiten ausge- streuet und erlangen von gleichen Geistigkeiten in andern Coͤrpern ihre Nahrung. Ein Ehrgei- tziger wird schon andere Couleu ren lieben/ und an andren Dingen seine Augen weiden als ein Wohlluͤstiger und Geldgeitziger: Er wird Freu- de an andrer Music und an andern Geruch ha- ben der drey Hauptlaster. ben als jene. Er wird mehr Begierde haben das jenige zuessen/ woran Geldgeitzige und Wohlluͤ- stige nicht so guten Geschmack finden. Mit einem Wort/ nach dem Unterscheid der Vermischun- gen der Begierden/ sind auch der Magen und anderes Eingeweide der Menschen nach ihren Beschaffenheiten/ ja das Blut selbst unterschie- den. Und weil demnach der Mensch durch alles sein Thun/ durch sein sehen/ hoͤren/ riechen/ essen und trincken/ dencken/ ja so zusagen durch sein O- them hohlen seine Begierden nehret/ und keine euserliche Gewalt ausser GOtt so starck ist/ daß sie dieselben/ so lange der Mensche sein Leben hat/ solte verringern oder vermehren koͤnnen; als blei- bet unser Satz feste/ daß die Mixtur der Mensch- lichen Begierden in stetwaͤhrender proportion und Ordnung bleibe/ als er selbige mit auff die Welt gebracht. 59. Zwar kan die Gelegenheit und Ge- wohnheit wohl eine kleine Weile verursachen/ daß die herrschenden Gemuͤths-Neigungen ge- hindert werden/ durch euserliches Thun und Lassen auszudunsten z. e. Wenn ein Ehrgeitziger seinen Zorn aus respect seiner Obern oder aus Furcht der Straffe verbeissen muß/ oder daß die geringste Gemuͤths-Neigung starck an g efeuret wird/ als wenn eben derselbige Ehrgeitzige durch eine Gelegenheit starck zur Wohllust gereitzet wird: Aber dadurch werden die W urtzein oder der S aame der Gemuͤths-Neigungen und Be- Bb 2 gier- Das 12. H. Von der Vermischung gierden selbst nicht gemindert oder gemehret/ son- dern es gehet auff die erste Weise so zu/ als wie wann das Wasser in seinen Lauff gehindert wird/ und doch steten Zufluß hat/ und durch diese Hin- derung dessen Gewalt destomehr waͤchset/ daß es hernach mit desto groͤsseren Ungestuͤm ausbricht/ auff die andere Art aber/ als wie wenn man in ei- ne hohle Kugel mehr Lufft mit Gewalt hinein gebracht als hinein gehoͤret/ so blaͤset hernach die uͤbrige Lufft/ so bald als eine Oefnung geschiehet/ sich selbst wieder weg/ und die vorige Lufft bleibt in voriger proportion . Und dieses ist es eigent- lich/ was man in gemeinen Sprichwort zu sagen pfleget: Naturam expellas furcâ, tamen usq; recurret, und was die Alten in denen Fabeln des Æsopi von der in eine Jungfer verwandelten Katze haben andeuten wollen. 60. Jch habe mich in Erweisung dieses Lehrsatzes mit Fleiß etwas lange auffgehalten/ weil das Gegentheil/ als ob der Mensch seine Gemuͤths-Neigungen nach dem Alter oder der Gelegenheit aͤndere insgemein vor wahr gehal- ten/ auch von denen meisten Gelehrten/ so viel mir bewust behauptet wird/ wie ich denn auch selbsten in diesem Jrrthum eine g ute Zeit ge- stecket/ auch da ich allbereit denselben erkennet/ doch nicht sofort die falschen Saͤtze/ die aus selbi- gen hergeleitet werden/ erkennet. Und wird es folgendes/ was wir nunmehr noch zu sagen ha- ben klaͤrlich weisen/ wie viel dran gelegen sey/ die- sen der drey Hauptlaster. sen Jrrthum/ der wohl einer von denen Haupt- Jrrthuͤmern/ durch welchen die Heydnische Philosophie von der Wahrheit der wahren Weißheit abgegangen/ mag genennet werden/ gruͤndlich und deutlich zu begreiffen/ und sich nicht betriegen zu lassen/ daß man aus dem euserlichen Thun und Lassen eines Menschen sofort von der innerlichen Beschaffenheit seines Hertzens urtheile/ und entweder aus einer action, wenn die geringste Ge- muͤths-Neigung durch eine nicht gesuchte Gele- genheit starck irriti ret worden/ alsbald schliesse/ daß diese passion die herrschende passion eines Menschen sey: oder aus denen eine zeitlang von aussen gehinderten/ oder mit Fleiß dissimulir ten Gemuͤts-Neigungen deren geringe Kꝛafft in dem Hertzen eines Menschen beurtheile. Dieses ist die groͤste Kunst in der Erkaͤntniß sein selbst und anderer Menschen/ den euserlichen Schein von dem Hertzen des Menschen zu entscheiden. Gre- gorius Leti hat in dem Leben des Pabsts Sixti V. gar ein artiges Exempel fuͤrgestellet eines Mannes/ der von der untersten Staffel eines Sautreibers biß auff die hoͤchste Staffel der er- langten Pabst-Wuͤrde steigende/ allezeit eine grimmige/ rachgierige Herrschsucht oder Ehrgeitz zur obersten Gemuͤths-Neigung gehabt/ ob wohl dieselbe gantz auf eine andre Art sich bey ihm als einen Sautreiber/ hernach als einen Muͤnch/ u. s. w. und endlich als einen Pabst von aussen Bb 3 bli- Das 12. H. von der Vermischung blicken lassen/ ja von ihm als Cardinal durch eine affectir te Demuth und Einfalt etliche Jahr lang so artig dissimuli ret worden/ daß er gantz Rom und die sonst schlauen und arglistigen Cardinaͤle insgesamt listig betrogen. 61. Ja ich duͤrffte fast sagen/ daß die unter- lassene Erkaͤntniß dieser zwey einfaͤltigen Wahr- heiten/ daß alle Laster aus diesen dreyen alle Men- schen beherrschenden Gemuͤths-Neigungen/ Wohllust/ Ehrgeitz und Geidgeitz einig und allei- ne herstammen/ und daß natuͤrlichet Weise in dem Hertzen des Menschen einige Enderung von der Ordnung derer ihn beherrschenden Gemuͤts- Neigungen nicht zu hoffen/ Ursache sind/ daß wo nicht alle/ doch die meisten Philosophi, die von de- nen Gemuͤths-Neigungen geichrieben/ und die insgemein/ als ob sie was sonderliches und sehr gelehrtes geschrieben/ hochgehalten worden/ so gar sehr verstossen haben/ daß man bey nun- mehriger einfaͤltiger Erkaͤntniß/ sich nicht genung verwundern kan/ wie man so albern gewesen/ und Schrifften oder Lehren/ die voller absurdi taͤten und Widersprechungen stecken/ admiri ren koͤn- nen. Daß ich ietzo nur ein paar Exempel an- fuͤhre/ wer macht nicht aus des Theophrasti Cha- racteribus morum, und aus des Barclaii Icone Ani- morum ein grosses Werck? Wer allegi ret diese Autores nicht/ als ob ihre Saͤtze Oracul waͤren/ wenn von denen Kennzeichen der Affect en oder von Abbildung Menschlicher Gemuͤther gehan- delt der drey Hauptlaster. delt wird? Und ich bin doch versichert/ daß wenn du nicht von Haß oder andern præjudicio wider mich eingenommen/ die Warheit der bißher er- wiesenen Lehrsaͤtze wohlbedaͤchtig wirst erkennet und verstanden haben/ du in allen Capiteln be- sagter zweyen Scribenten so viel falsche Lehrsaͤtze und Widersprechungen antreffen werdest/ daß du unter zehen Propositionibus kaum zwey wirst zehlen koͤnnen/ die mit der Wahrheit uͤberein kommen. Das 13. Hauptstuͤck. Von denen euserlichen Kennzeichen der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen uͤberhaupt/ insonderheit aber von denen Kindern der drey Haupt-Laster/ dem Muͤßiggang/ dem Zorn und dem Neid/ ingleichen von der Æmulation, Indignation, und der Ey- fersucht. Jnnhalt. Daß man in Erkaͤntnis anderer Menschen sich den euserli- chen S chein nicht soll betriegen lassen/ das hebet die Kunst selbst andere Menschen durch enserliche Zei- chen zu kennen nicht auff. n. 1. Welches mit dem Exempel der Kunst die Guͤte der Edelgesteine zu er- kennen/ erklaͤhret wird. n. 2. Kurtze Hauptsaͤtze zu Erkaͤntnis anderer Menschen dienlich: (1) Diese Bb 4 Kunst Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen Kunst wird deutlicher mit Exempeln/ als mit blos- sen Lebrsaͤtzen gezeiget. n. 3. (2) Willstu andre Lente kennen lernen/ must du dich erst selbst kennen. n. 4. (3) Jn Erkaͤntnis anderer lege alle Affecten beyselt. n. 5. (4) Lerne das affectir te Thun und Lassen von dem natuͤrlichen wohl entschelden. n. 6. (5) Halte unterschiedenes Thun und Lassen eines Menschen gegen einander. n. 7. (6) Gieb ihm acht auf das was er nicht verbergen will/ oder nicht verbergen kan. n. 8. (7) Gieb sonderlich acht auff der Menschen Muͤßig- gang/ Zorn/ und Neid. n. 9. Warumb die Men- schen entweder diese Affect en nicht bergen/ oder un- ter was fuͤr Prætext sie solche zu entschuldigen suchen. n. 10. Der Muͤßiggang bestehet nicht in schlaffen. n. 11. Auch nicht darinnen/ daß ein Mensch nichts oder wenig thaͤte. n. 12. Auch nicht darinnen/ daß einem die Arheit sauer werde. n 13. 14. Auch nicht darinnen/ daß ihm die Zeit zu lang wird. n. 15. 16. 17. 18. Die unruhige Ungedult ist Ursache/ daß denen Menschen die Z eit zu lang oder zu kurtz wird. Hand- greifliche Thorheit dieser Ungedult. n. 19. Das Wesen des Muͤßiggangs bestehet darinnen/ daß der Mensch in seinen Thun und Lassen bloß auff seine Lust siehet. n. 20. Dꝛeyerley Classen des Menschlichen Thun und Lassens in ansehen des Muͤtziggangs und der Ar- beitsamkeit. n. 21. Etliches gehoͤret allezeit zum Muͤßiggang. n. 22. etliches mehrentheils/ n. 23. et- liches selten. n. 24. Nutzen dieser C lassen/ zu Ent- scheidung des groben und subtil en Muͤßiggangs. n. 25. Ein gelahrter/ ja auch ein sehr gelahrter Mann kan doch auch in ausehen dieser seiner Ge- lahrheit ein grosser Muͤßiggaͤuger seyn. n. 26. Die groͤsien Polyhistores und Helluones librorum sind die groͤsten Muͤßiggaͤnger n. 27. 28. Aus solchem studi renden Muͤßiggang kan man von eines Men- schen der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen. schen oder seiner eigenen Wohllust urtheilen. n. 29. Gemeiner aber sehr schaͤdlicher/ und aus der Heyd- nischen Philosophie herruͤhrender Jrrthum/ daß das otium eruditum was indifferentes oder loͤbliches sey. n. 30. Aus was fuͤr unterschiedeuen Ursachen und Absehen der Zorn fuͤr einen indifferen len Affect gehalten werde. n. 31. Die Begierde sich zu raͤchen ist ein warhafftiger Zorn/ und auch nach der gemei- nen Meinung gelehrter und frommer Leute fuͤr sich selbst boͤse. n. 32. Wenn der Zorn fuͤr das Verlan- gen das Boͤse von Halse loß zu werden genommen wird/ so ist er an sich selbst nicht boͤse. n. 33. Aber ein solch Verlangen kan mit dem Zorn von der er- sten Art unter keine gemeine definition gebracht werden/ n. 34. und also ist der Z orn von dieser letz- ten Art eigentlich und warhafftig kein Z orn/ n. 35. sondern eigentlich eine Angst oder Schmertz. n. 36. Diese confusion des Zorns und der Angst ist aus der Aristoteli schen Phil o sophie und Eintheilung des sinnlichen appeti ts in concupiscibilem \& irascibilem entstanden. n. 37. Unter zuͤrnen und zornig seyn/ ist ein grosser Unterscheid. Z uͤrnen heist eigentlich so viel als verdriessen/ oder schmullen/ maulen/ mit ei- nem nicht freundlich reden. n. 38. Und also kan man von der indifferenz des zuͤrnens auff die indifferenz des Zorns nicht schlieffen. n. 39. V on Gottes Zorn kan so wenig auff die indifferenz des Menschlichen Zorns geschlossen werden/ als von Gottes R ache. Der Satz/ daß die Schrifft GOtt nichts zueigne/ daß bey den Menschen eigentlich eine Suͤnde sey/ ist nicht universal. n. 40. Urtheil von Lactantio und seiner S chrelbart. n. 41. Lactantii Meinung von dem Zorn und dessen indifferenz. n. 42. Unterschie- dene contradictiones oder petitiones principii, so Lactantius darinnen begangen n. 43. Lactantii Jrr- thumb/ daß der Zorn zur Bestraffung noͤtig sey/ wird Bb 5 mit Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen mit denen Worten des Seneca beantwortet. n , 44. Durch den Unterscheid unter Eyffer und Z orn/ wird der S treit nicht gehoben. Die Meinung/ als ob der Zorn unrecht/ der E yffer aber was gutes sey/ ist gefaͤhrlich. n. 45. Was eigentlich der Neid sey/ und wie er von denen drey Hauptlastern zu entschei- den. n. 46. Man pflegt den Neid gemeiniglich unter den Nahmen etlicher Scheintugenden zu bedecken. n. 47. Hinter der Æmulation steckt ein Neid. Ge- faͤhrlicher Jrrthum/ daß man junge Leute zur Æmu- lation gewoͤhnet. n. 48. Indignation ist entweder mit dem Zorn/ oder mit dem Neid/ Geschwister- Kind/ Cartesii und Henrici Mori Jrrthumb/ dasz dieser N eid was indifferentes oder gar was gutes sey. n. 49. E yfersucht ist eine Art des Neides/ ob sie schon insgemein zu einer Frucht oder Kennzei- chen vernuͤnfftiger Liebe gemacht wird/ n. 50. weil man gelesen/ dasz GOTT eyfere. n. 51. Die Eyferfucht scheinet aus Wohllust/ Ehrgeitz und Geldgeitz herzuruͤhren. n. 52. aber eigentlich ent- springet sie nicht aus der Wohllust/ n. 53. auch nicht aus dem Eyrgeitz. Beschaffenheit der Eyffersucht Ehrgeiziger Leute. n. 54. Die Eyfersucht ist ein formaler Neid/ und entspringet aus dem Geldgeitze. Leute von wohlluͤstiger und ehrgeitziger mixtur sind nicht sehr eyserfuͤchtig. n. 56. Leute von Ehrgeitzi- ger und Geldgeitziger mixtur sind sehr eyfersuͤchtig. Beschaffenheit dieser Eyffersucht. n. 57. Leute von wohlluͤstiger und geldgeitziger Mischung/ haben eine naͤrrische Eyfersucht. Beschaffenheit derselben. n. 58. 1. J Ch habe im vorigen Capitel offte Erweh- nung gethan/ daß man in Erkaͤntniß des Menschlichen Geschlechts sich durch den Schein der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen. S chein des euserlichen T hun und Lassens nicht solle betruͤgen lassen/ aus dem euserlichen von dem Hertzen zu urtheilen/ und kan dannenhe- ro leicht begreiffen/ daß ihrer viele/ wenn sie die- ses lesen/ hieraus einen Schluß machen werden; als ob die Erkaͤntniß anderer Menschen ein blos- ses pralerichtes Vorgeben von mir sey. Denn/ werden sie sagen; Wir sollen in Beurtheilung der Gemuͤths-Neigungen nicht auff den euserli- chen Schein sehen/ wie sich nemlich die Men- schen in ihren euserlichen Thun und Lassen anstel- len/ und dennoch sollen wir andere Menschen ken- nen lernen. Jn das Hertze koͤnnen wir ihnen ja nicht unmittelbahr sehen/ sondern muͤssen uns an ihr euserliches T hun und Lassen/ das aus dem Hertzen herruͤhret/ als euserliche Kennzeichen des Hertzens halten. Wenn nun diese euserliche Kennzeichen betrieglich sind/ und wir nicht drauff fussen koͤnnen/ so ist auch deine gantze geruͤhmte Kunst betrieglich/ und du/ der du solche betriegli- che Sachen den Leuten einschwatzen willst/ kanst selbst nicht leugnen/ daß du folglich nicht auch ein Betrieger seyn soltest. 2. Aber gemach meine Freunde. Jch glau- be ihr werdet zugeben es sey eine Kunst und Wis- senschafft in der Welt die Guͤte der E de l gestei- ne und Perlen kennen zu lernen/ auch zu ler- nen/ die echten und unechten zu entscheiden. Die Kentnisse wird aus euserlichen Z eichen/ die in das Gesichte fallen/ genommen. Und nichts desto- Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen destoweniger ist die vornehmste Lehre in dieser Kunst/ daß man sich durch das euserliche A nse- hen nicht betriegen lassen/ und falsche Steine fuͤr gute anschmieren lassen solle. Solte deßhalben die Kunst dieser Erkentniß zur Betriegerey ge- macht oder die Kuͤnstler fuͤr Betrieger gehalten werden. Viermehr bestehet in dergleichen Sa- chen die gantze oder vornehmste Kunst darinnen/ daß man auff die euserliche Z eichen wohl und genau Achtung habe/ dieselbigen wohl und at- tent unterscheide/ wo in der Erkaͤntniß mehr als ein Kennzeichen vonnoͤthen ist/ nicht nur aus ei- nen eintzigen Urtheile u. s. w. Daß ihr demnach sehet/ daß ich kein Betrieger sey/ will ich die gan- tze Kunst in wenig Saͤtze zusammen fassen/ und zu desto besserer Deutlichkeit das Gleißnuͤß von Erkaͤntniß der Edelgesteine allezeit beybehalten. 3. Die Kunst andere Menschen kennen zu lernen/ kan deutlicher in lebendigen Exem- peln als in blossen Lehrsaͤtzen gezeiget wer- den. Denn sie ist auff solche Dinge und Zei- chen gegruͤndet/ derer viele mehr mit denen Sin- nen unmittelbahr/ als mit dem Verstande be- griffen werden. Wer will zum Exempel ein verhurtes/ falsches/ neidisches zorniges A uge mit Worten abbilden/ wenn man es nicht zeigen kan. Wer will die Minen eines Menschen mit Wor- ten ausdruͤcken/ aus welchen man urtheilet/ ob in seinen Thun und Lassen was natuͤrliches oder affectir tes sey/ die doch durch die Sinnligkeit bald der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen. bald gefasset werden? Also welcher Gelehrter will sich unterstehen das unterschiedene Wasser und Feuer der Edelgesteine/ dadurch man sel- bige unterscheidet/ auch in der subtile sten disser- tation deutlicher zubeschreiben/ als ein Jubilirer selbige in einer kurtzen Zeit an denen Edelgestet- nen selbst zeigen kan. 4. Wilst du aber andre Leute kennen lernen/ mustu ein gut Auge haben. Denn dieses kan dir dein Lehrmeister so wenig geben als ein J u bilirer dem/ so Edelgesteine will ken- nen lernen. Dieses gute A uge bestehet darin- nen/ daß du deinen Verstand von Vorurthei- len gesaubert habest/ und dich selbsten zu vor- hero kennen lernen. Denn sonst wirstu in der Erkaͤntniß anderer Menschen dich oͤffter betrie- gen/ als wohl urtheilen/ zum wenigsten nie etwas gegruͤndetes in dieser Wissenschafft præsti ren. Jch habe es schon offte erfahren/ daß viele die Kunst andere Menschen zu kennen/ gerne lernen wollen/ wenn sie aber vernommen/ daß sie durch diesen Weg eingehen muͤsten/ habe ich ihrer noch wenig gefunden/ die nicht mit Verdruß oder Betruͤbniß wieder zuruͤcke gangen waͤren. 5. Bringstu aber auch gleich ein gut Auge mit/ so bemuͤhe dich doch/ daß du in dem Urtheil von andern Menschen al- le Affect en beyseite legest/ so wohl Haß als Liebe u. s. w. Was ich gerne haͤtte/ das betrachte ich schon nicht allemahl so bedachtsam/ als Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen als wenn ich von dieser Begierde entfernet bin/ und wenn ich einem feind bin/ werde ich mich leicht uͤbereilen/ und seine Edelgesteine fuͤr unecht halten/ eines grossen Fuͤrsten seine Edelgesteine aber leichte fuͤr gut aus Ubereilung ansehen/ wenn sie gleich falsch sind. Also scheinen die Ge- muͤths Neigungen u nserer Freunde uns schon nicht so schlimm als unserer Feinde. Und wir halten unserer Freunde Thaten allezeit mehr fuͤr natuͤrlich und un affectirt, wenn sie gleich gekuͤn- stelt sind/ und die offenhertzigsten Thaten unserer Feinde halten wir fuͤr Verstellungen. 6. Bistu nun/ so viel dich selbst betrifft/ zu dieser Kaͤntniß wohl præpari ret/ so bestehet das vornehmste Stuͤck dieser Kunst darinnen/ daß du das falsche Licht/ das etwan ein Edelge- stein aus dem einsetzen eines Kuͤnstlers be- kommen/ oder auch selbst von sich blicken laͤst/ von dem wahren entscheidest. Das ist: gieb wohl acht auf das Thun und Lassen eines Menschen/ daß du in selbigen das jenige/ was von Hertzen gehet von dem was er affecti ret/ und das fa l sche Tugendlicht von wahrer T u- gend und vernuͤnfftiger Liebe wohl entscheidest. Denn hierinnen ist gleichsam das centrum der gantzen Wissenschafft. 7. Hierzu aber mustu mit Gedult unter- schiedenes Thun und Lassen eines Menschen gegen einander halten/ u nd dich nicht uͤber- eilen/ alsobald aus einem eintzigen zu urthei- len. der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen. len. Es wird dieses in Beurtheilung derer Dinge die in die euserliche Sinne fallen/ uͤber- haupt erfordert/ daß wir solche sinnliche Sachen durch mehr als einen Sinn pruͤfen sollen; Wie vielmehr in denen Dingen/ da wir wissen/ daß mehrentheils man einen falschen Schein pflege von sich zu geben. Ein Juhiliter hat seine un- terschiedene Proben gute Steine von falschen zu entscheiden/ und wenn ja bey dieser Regel das Exempel von Edelgesteinen nicht deutlich genung seyn solte/ so nimm ein deutlichers von der Pro- be des Silbers und der Muͤntze/ da man nicht nur den Klang und den Strich in acht nimmt/ sondern es auch auff die Capelle fuͤhret. 8. Endlich so gieb in dieser Betrachtung wohl acht auf dasjenige/ was ein Mensch nicht zu verbergen suchet/ oder nicht verbergen kan/ und daraus nim die vornehmsten Gruͤnde deiner Erkaͤntniß. Wenn ein falscher Edelge- stein alle Qvali taͤten eines guten haͤtte/ waͤre er nicht falich. Und also hat er allezeit etwas das ihn verraͤth. Ein Mensch berge seine Begierden noch so sehr als er will/ es wird ohnmoͤglich seyn/ daß er allemahl so auff seiner Hut seyn koͤnne/ nicht ein unversehenes Wort/ oder einen Blick oder eine andere Mine fahren zulassen/ welches in seiner Erkaͤntniß uns mehr Nachricht giebt von seinen Begierden/ als alle die Gauckeley/ die er sich bemuͤhet uns fuͤr zu machen. Ja weil ein jeder Mensch seine passion fuͤr was gutes haͤlt/ Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen haͤlt/ so wird er sich niemahlen bemuͤhen/ diesel- bige durchgehends bey allen Menschen gantz und gar zu verbergen/ sondern entweder nur bey denen/ fuͤr welchen er sich fuͤrchtet/ oder doch bey denen andern nur das groͤbste von solcher Gemuͤths-Neigung/ weil er findet/ daß die aller- meisten Menschen auch die lasterhafften Begier- den/ wenn sie gemaͤßiget werden/ fuͤr was gutes oder doch fuͤr was Menschliches halten/ und weil die jenigen die von der gaͤntzlichen Ausrottung derselbigen sagen/ entweder fuͤr Heuchler/ oder fuͤr Narren gehalten werden. 9. Und gleich wie die falschen Edelge- steine ihre sonderliche Kennzeichen haben/ indem ein Boͤhmischer Demant z. e. schon anders aussiehet als ein Dreßdenischer/ also haben auch die Laster ihre eigene Kennzeichen/ auff welche fuͤr allen Dingen zu reflecti ren. Wir haben solches oben in der Tabelle ausgedruͤckt/ da wir der Wohllust den Muͤßiggang/ dem Ehr- geitz den Z orn/ und dem Geldgeitz den Neid zu- geignet haben. Diese gleich wie sie g ewisse und unfehlbare A nzeigungen seyn obbesagter Affe- cten, also pflegen diejenigen/ so damit behofftet sind/ dieselbigen weniger zu bergen/ als die Haupt- Affecten daraus sie entspringen. Wenn ein W ohlluͤstiger gleich seine Lust zu Essen und Trincken/ oder zum Weibesvolck verbirget/ so wird er doch sich nicht so bemuͤhen seine Lust zum Muͤßiggang/ oder zur Beqvemligkeit zu verber- gen. der Menschlichen Gemuͤths-Neigungen. gen. Wenn ein Ehrgeitziger gleich verbirget/ daß er gerne gelobet und geschmeichelt seyn wol- le/ oder daß er sich bemuͤhe/ uͤber den andern zu herrschen/ so wird er doch nicht so scharff darauff bedacht seyn/ seinen Eyffer und Zorn gantz zu verbeissen. Wenn ein Geldgeitziger seine Be- gierde zu Gelde/ und daß er gerne alles haben moͤchte/ verbirget/ so wird er doch so gar behut- sam in Verbergung seine s Neides nicht seyn/ sondern zum oͤfftern beklagen/ daß dieser oder je- ner/ dieses oder jenes habe/ daß er nicht werth/ o- der ihm selbiges nicht nuͤtze sey/ oder daß er es nicht zu gebrauchen wisse/ und sey Schade daß solche Sachen nicht ein anderer haben solle/ der solche besser gebrauchen koͤnne. 10. Und dieses geschiehet dessentwegen/ daß man sich und andere beredet/ entweder die Affe- cten des Muͤßiggangs/ Zorns/ und Neides seyn indifferente Affecten , und habe man also nicht Ursache/ sich derselben gantz zu schaͤmen/ oder sie gantz zu verbergen; oder man meinet/ es sey nicht alles das jenige was doch eigentlich dahin gehoͤ- ret/ mit dem Nahmen eines so boͤses Affects zu belegen/ und gewoͤhnet sich also von jugend-auff an/ Dingen/ die wuͤrcklich zum Muͤßiggang/ Z orn oder Neid gehoͤren/ tugendhaffte Nahmen zu geben/ die doch ein Philosophus wohl weiß/ daß sie solche Nahmen nicht verdie- nen/ und also aus Erblickung derselben/ wenn man sie nicht verbirget/ grosse data zu Erkaͤntniß Cc ande- Das 13. H. Von denen euserl. Kennzeichen anderer Menschen daraus hernimmt. Den Muͤßiggang wird niemand loben/ aber was ein Muͤßiggaͤnger sey/ darinnen ist man nicht ei- nig/ und wer wolte nach der gemeinen Redens- Art einen Menschen/ der zur Lust fleißig studi- ret/ fuͤr einen Muͤßiggaͤnger achten/ der es doch wahrhafftig ist. Z orn ist eine boͤse Eigenschaft und die an einen Menschen nimmer gut ist/ nichts destoweniger/ weil von GOtt gesagt wird/ daß er zornig sey/ an GOtt aber nichts boͤses seyn kan/ sucht der Mensch immer dadurch seinen Zorn auch zu was guten oder doch zum wenigsten zu was indifferen ten zu machen. Wer wolte sagen daß der Neid gut waͤre. Aber gleichwohl wird die Eyffersucht von vielen fuͤr was gutes und fuͤr das Kennzeichen rechtschaffener Liebe ge- halten/ da doch bey aller Eyfersucht der Neid ein wesentliches Stuͤcke mit ist. 11. Damit man nun diese drey Gemuͤths- Neigungen desto besser kennen moͤge/ als an de- nen das meiste bey der Kentniß des Menschlichen Geschsechtes zu thun ist/ wollen wir etwas aus- fuͤhrlich davon handeln/ und zwar anfaͤnglich von Muͤßiggang. Was ist doch wohl eigent- lich der Muͤßiggang fuͤr ein Ding? Jnsgemein giebt man zur Antwort: Wenn man nichts thut/ sondern faullentzet. Nun ist das wohl etwas gesagt/ aber es ist noch sehr dunckel gere- det. Denn was ist faullentzen ? Heist es schlaffen/ so wuͤrde folgen/ daß alles Schlaffen unrecht des Muͤßiggangs. unrecht sey. Heist es lange schlaffen/ so wuͤrde es grossen Streit geben; Wie lange denn ein Mensch schlaffen muͤsse/ wenn er fuͤr einen Faul- lentzer zu halten sey/ zu geschweigen/ daß so dann alle die wenig schlieffen und fruͤh auffstaͤnden fuͤr keine Muͤßiggaͤnger zu halten waͤren/ da es doch deßhalben Muͤßiggang zu heissen scheinet/ daß derselbige mehr in gehen als liegen kan be- gangen werden. 12. Ferner/ wo ist der Mensche anzutref- fen der gar nichts thun solte Mens hominis semper cogitat aliquid . Zum wenigsten wird also auch ein Muͤßiggaͤnger dencken/ und den- cken macht nicht allemahl Muͤßiggang/ denn es kan ein gelehrter Mann in der Stille etwas gutem und nuͤtzlichen nachdencken/ dem man un- recht thaͤte/ wenn man ihn vor einen Muͤßiggaͤn- ger halten wolte. Jener sagte/ er schlieffe deß- halb so lange/ daß er was thaͤte/ und nicht muͤßig gienge/ und gewiß der S chlaff gehoͤret auch zum Thun des Menschen. Wenn es auff das Thun ankaͤme/ duͤrffte wohl ein Muͤßiggaͤnger offt in T hun einen andern uͤbertreffen. Z. E. es haͤtte einer den gantzen Tag nichts gethan als studi ret oder Act en durchlesen/ der andre aber haͤtte des Morgends auff dem Ballha us e etliche Stunden gespielet/ hernach sich fein abtrucknen und mit warmen Tuͤchern reiben lassen/ ein gut Fruͤhstuͤcke zu sich genommen/ hernach biß zu Tischzeit in einen Roman gelesen/ bey der Mu- Cc 2 tags. Das 13. H. Von denen Kennzeichen tags. Mahlzeit einem Gast frisch helffen zutrin- cken/ nach der Mahlzeit auf der Drucktaffel oder Kegelplane sich wieder eine Bewegung gemacht/ in die Comœdie, oder zun Klopffechteꝛn/ Seiltaͤn- tzern/ von dar auff die Pfaͤnnerstube gegangen; auff den Abend bey Tische wieder seine gute Mahlzeit gethan/ drauff in Coffee Hause die uͤ- berfluͤßigen Duͤnste mit etlichen Schaͤlgen Thee und einer Pfeiffe Toback zerstreuet/ auch damit er was dabey verrichtet/ mit grossen Nachsinnen etwa l’hombres gespielet u. s. w. Mein/ wer hat unter diesen beyden wohl das meiste gethan? und wer ist unter diesen beyden der Muͤßiggaͤnger? 13. Das begreiffen wir zwar wohl/ daß Muͤßiggang und Arbeitsamkeit einander ent- gegen gesetzet wird/ aber deßhalben wissen wir nicht so fort/ was Muͤßiggang sey/ weil sich bey der Arbeitsamkeit so viel Scrupel ereignen/ als bey jenen. Jn vielen oder wenig thun/ als schon erwehnet/ duͤrffen wir den Unterscheid nicht suchen. Vielleicht steckt es in der Art und Wei- se des Thuns? Die Arbeit wird mir sauer/ und ich gehe gerne muͤßig. So wird wohl die Arbeit in dem Thun/ das einem Menschen sauer wird/ bestehen/ und der Muͤßiggang in dem Thun das dem Menschen leichte und mit Lust ankoͤmmt. Und wie wolte es auch anders seyn. Deßhalben ist ja auch der Muͤßiggang ein Kind der Wohllust/ weil man Lust an muͤßiggehen hat. 14. Aber des Muͤßiggangs. 14. Aber uͤbereile dich nicht. Denn du bist noch nicht auf den rechtem Wege. Einem arbeitsamen Menschen wird es saͤuerer/ (das ist/ es ist ihm verdrießlicher) muͤßig zu gehen als zu arbeiten; und die gewohnte Arbeit koͤmmt ihm nicht sauer an. Wird es einen Muͤßiggaͤn- ger nicht offte blutsauer/ wenn er mit Leib- und Lebens-Gefahr uͤber wohl verwahrte Mauern seiner unzulaͤßlichen geilen Lust nachgehet; Wenn er sich selbst forci ren muß/ die Sauff-Kunst mit seinen grossen. Verdruß und Ungelegenheit zu lernen; wenn er in Kegel oder Ballspielen sich so sehr abmattet als ein Tageloͤhner/ wenn er dri- schet oder holtzhauet; Wenn er halbe Todes- Angst ausstehet/ ehe er den Toback vertragen ler- net; Wenn ihm die Zeit lang und verdrießlich wird/ wenn er keine Gesellschafft hat/ wie er sie wuͤnschet; Da hingegen einem arbeitsamen Menschen die Zeit bey seiner Arbeit gleichsam unter den Haͤnden weggehet. Und also siehest du/ daß das sauer werden kein wesentlich Stuͤck des Muͤßiggangs sey/ sondern bloß von der Un- gewohnheit herruͤhre. 15. Jst denn etwan der Unterscheid zwi- schen den Muͤßiggang und der Arbeitsamkeit/ in der langen W eile ? Vielleicht. Denn einen Muͤßiggaͤnger wird die W eile schrecklich lang/ wenn er nicht bey andern Muͤßiggaͤngern ist/ und wenn er schon bey ihnen ist und nicht offte veraͤnderte Lust haben kan/ wird sie ihm doch lang. Cc 3 Dan- Das 13. H. Von denen Kennzeichen Dannenhero ist bey solchen Leuten das Compli- ment gar gewoͤhnlich: Was fangen wir doch an/ daß uns die Zeit nicht so lang wird: Jtem: Der Herr hat lange Weile bey mir/ ich habe nichts angenehmes/ wormit ich ihm die Zeit ver- treiben koͤnte. Hingegen arbeitsamen Leu- ten/ denen wird die Zeit zu k u rtz/ und die klagen immer/ daß sie nicht wissen/ wo ihnen die Zeit hinkoͤmmt. Nun ist dieses wohl etwas/ und kan man nicht leugnen/ daß keinen Menschen die Zeit pflege laͤnger zu werden/ als denen Muͤßig- gaͤngern/ und daß hingegen arbeitsamen Leuten die Zeit mehrentheils kurtz wird. Aber es beste- het doch gleichwohl noch lange nicht das Wesen des Muͤßiggangs in langer/ und das Wesen der Arbeitsamkeit in kurtzer Weile. 16. Denn ein Muͤßiggaͤnger klaget auch offte daruͤber/ daß ihm die Zeit allzugeschwin- de weggehe. Jst er bey lustiger Gesellschafft in einen Spiele/ oder in einen Schmause begriffen/ oder hat ihm seine maitresse ein rendezvous ge- geben/ so duͤnckt ihm eine Zeit von vielen Stun- den/ als kaum eine Stunde/ und eine Stunde kaum als ein Augenblick zu seyn. Er beklagt sich/ wenn er von seiner lustigen Gesellschafft scheiden soll/ daß die Zeit so geschwinde weggan- gen/ ja er klagt wohl/ noch eher sie gantz verlauf- fen/ wenn er noch eine halbe oder viertel Stunde uͤbrig hat/ daß der groͤste Theil seiner Lust so ge- schwinde vergangen/ und daß nun bald sein uͤber der des Muͤßiggangs. der Beraubung seines eingebildeten Gutes ver- ursachte Schmertz wieder angehen werde. 17. Wiederum so kan auch einem arbeit- samen die Zeit lang werden. Allerhand Arbeit ist daruͤmb nicht so fort einem Men- schen angenehm/ ob er schon arbeitsam ist. Wenn ein Gelehrter dreschen/ oder ein Drescher uͤber den Buͤchern sitzen/ ein Drechsler Gaͤrtner- Arbeit verrichten/ und ein Gaͤrtner drechslen/ ein Handlungs- Factor einen Curri rer abgeben/ und ein Curri rer Handlungs-Rechnung fuͤhren solte u. so w. ich meine es wuͤrde allen diesen/ wenn sie gleich noch so arbeitsam waͤren/ uͤber ih- rer Arbeit die Zeit lang genung werden. Ja wenn die lange Weile ein wesentliches Stuͤcke des Muͤßiggangs/ und die kurtze Weile der Ar- beit waͤre/ so wuͤrde man sich zwar nicht verwun- dern duͤrffen/ warumb den Arbeitsamen die Zeit lang wuͤrde wenn er muͤßig gehen solte/ aber es wuͤrde so dann auch dem Muͤßiggaͤnger bey der Arbeit die Zeit nicht mehr lange werden duͤrffen/ welches doch falsch ist/ und sich in der That an- ders befindet. 18. Ja es ist auch die lange und kurtze Weile eine Beschaffenheit gantz anderer D inge als des Muͤßiggangs und der A rbeit- samkeit. Die Zeit wird nicht alleine einem Wohlluͤstigen/ sondern auch einen Ehrgeitzigen und Geldgeitzigen lang/ ehe er das verlangte Gut zu besitzen krieget/ und wenn diese Besitzung Cc 4 nur Das 13. H. Von denen Kennzeichen nur eine zeitlang waͤhret/ wird die Zeit des Besi- tzes allen denen/ die mit diesen dreyen passio nen behafftet sind/ gemeiniglich zu kurtz. 19. Die Zeit ist an sich selber einmahl wie das andre/ eine Stunde ist nicht groͤsser als die andre/ und ein Tag nicht laͤnger als der an- dre. Die M enschliche Einbildung aber stellet dem Menschen die Zeit lang oder kurtz fuͤr. Die- se Einbildung aber stehet aus der Unruhe her. Denn wenn ein Mensch nur halbweg in einen ruhigen Zustande ist/ so wird ihm die Zeit weder zu lang noch zu kurtz. Diese Unruhe aber entste- het aus der Ungedult/ die ein Mensch empfindet/ entweder wegen eines ungedultigen Verlan- gens/ des abwesenden Guten/ oder der Befrey- ung des Boͤsen/ oder aus einer ungedultigen Furcht des herannahenden Boͤsen/ oder der End- schafft des Guten. Das ungedultige Ver- langen macht uns die Zeit laͤnger/ und die un- gedultige Furcht kuͤrtzer/ als sie ist. Die Ap- plication kan leicht aus denen bißher angefuͤhr- ten Exempeln gemacht werden. Und ist dißfals die Thorheit der M enschlichen Ungedult wohl zu beobachten. Je naͤher wir dem seyn/ was wir fuͤr gut halten/ oder der Befreyung des Ubels/ und ie gedultiger wir dannenhero ver- nuͤnfftiger Weise seyn solten/ ie mehr waͤchst un- sere Ungedult/ und je laͤnger wird uns die Zeit. Ein Gefangener/ der wenig Hoffnung hat loß zu kommen/ wird endlich durch die Gewohnheit zim- lich des Muͤßiggangs. lich gedultig. Und wenn er Hoffnung hat in ei- nem halben Jahre loß zu kommen/ wird er so zusagen eine gedultige Freude die ersten Monate empfinden. Der letzte Monat ist ihm schon laͤn- ger als die ersten fuͤnffe/ und der letzte Tag so lang als ein Monat. Wenn ein Braͤutigam lange Zeit von seiner Braut abwesend gewesen/ wird ihm die letzte viertel Meile bey seiner Wieder- kunfft laͤnger scheinen als etliche Meilen. Wie- derumb wenn das Ende eines guten oder die Zu- kunfft eines verdrießlichen Dinges annahet/ da wir vernuͤnfftiger Weise die Zeit wohl anlegen/ und eben weil sie kurtz ist uns mit der Gegenwaͤr- tigkeit des Guten belustigen/ oder mit der Abwe- senheit des Boͤsen troͤsten solten/ machet die naͤr- rische Ungedult abermahl/ daß uns die Zeit viel kuͤrtzer vorkoͤmmt als sie ist/ und daß wir uns fuͤr der Zeit ungluͤcklich machen. Ein furchtsamer Febricitante empfindet sein Fieber eine Stunde eher/ als es wuͤrcklich koͤmmt/ und ein toͤrichter Verliebter/ der noch eine halbe Stunde uͤbrig hat bey seiner Geliebten zu seyn/ faͤngt schon an zu klagen/ als wenn er schon wuͤrcklich den aus der Scheidung entstehenden Schmertzen empfaͤnde/ und eben diese Furcht macht/ daß er ihn auch war- hafftig empfindet. 20. Aber wir muͤssen uns wieder zu dem Muͤßiggang wenden. Wir moͤgen sein und der Arbeitsamkeit Wesen auff allen Enden uͤberle- gen/ so duͤrfte wol das W esen des Muͤßiggangs Cc 5 in Das 13. H. Von denen Kennzeichen in nichts naͤher gesucht werden/ als in der Wol- lust selbst/ die den Muͤßiggang gebieret. Denn ein ieder Wohlluͤstiger ist ein Muͤßiggaͤn- ger/ und ein ieder Muͤßiggaͤnger ist wohlluͤstig. Und wie nun die W ohll u st in unmittelbarer Belustigung des Essens/ Trinckens/ und Vene- ri schen Thuns bestehet/ also bestehet der Muͤßig- gang in solchen Thun und Lassen/ das dahin gerichtet ist/ daß der Mensch wieder tuͤch- tig wird seiner Wohllust zu pflegen/ oder das/ wenn er hier zu untuͤchtig ist/ ihm selbst die Zeit vertreibet/ daß sie ihm nicht so ver- drießlich ist Mit einem Wort/ der Muͤßig- gang bestehet in einen solchen Thun und Las- sen des Menschen/ in welchen der Mensch nichts anders als seine Lust oder Z eitver- treib intendi ret/ und also weder auff seinen noch anderer Menschen Nutzen/ sondern bloß auff die Lust des gegenwaͤrtigen Genusses siehet. De- rowegen wie ohne dem sonsten in der Sittenleh- re das meiste Absehen auff den Endzweck eines Menschen muß gerichtet werden/ also auch in Be- urtheilung des Muͤßiggangs. Wenn ein Hauß- Vater auf sein Feld gehet nach seinem Acker und Arbeitern zu sehen/ gehet er nicht muͤßig/ ob er schon nichts thut/ und ein Patiente der spazieren gehet/ weil es ihm der Medicus gerathen hat/ ge- het nicht muͤßig/ aber ein anderer der es thut die Zeit zu passi ren/ oder durch die Bewegung den Leib wieder zum Schmausen geschickt zu machen/ gehet des Muͤßiggangs. gehet muͤßig. Der Tantz-Meister der Lectio- nes giebt/ und der Scholar der Lectiones in tan- tzen nimmt/ sich in diesen exercitio zu perfectio- ni ren/ oder selbige durch tantzen exerci ret/ sind eigentlich keine Muͤßiggaͤnger/ aber der da tantzt sich zu belustigen/ oder die Zeit zu vertreiben/ geht muͤßig. Wer da Kegel schiebet oder den Ball spielet daß z. e. ein Schweiß-Pulver daß ihm der Medicus verordnet/ desto besser operi ren koͤnne/ oder durch den Schweiß eine befahrte Kranck- heit hintertrieben werde/ gehet nicht muͤßig/ aber wer seine Lust in Ballenspielen suchet/ gehet muͤs- sig u. s. w. 21. Dieweil dannenhero unter dem Thun und Lassen des Menschen etliches so beschaffen/ das ausser der Lust und Zeitvertreib gar nichts nutzet/ etliches aber mehrentheils von denen Menschen zur Lust grbraucht wird/ ob es schon auch zum Nutzen und Erhaltung der Menschlichen Guͤter kan angewendet werden/ etliches aber von denen Menschen mehrentheils zur Nutzbarkeit gebraucht wird/ ob es schon auch dann und wann zu blosser Lust geschiehet; So muß man auch in Beurtheilung des Mensch- lichen Thun und Lassens/ ob solches zum Muͤßig- gang gehoͤre oder nicht/ behutsam damit verfah- ren/ daß man nicht alleine die erste C lasse zum Muͤßiggang rechne/ sondern auch die andre/ so ferne man nicht auff diesen oder jenen Me u schen sein Absehen richtet/ sondern nur uͤberhaupt fra- get/ Das 13. H. Von denen Kennzeichen get/ ob es zum Muͤßiggang oder Arbeitsamkeit gehoͤre/ denn solche Dinge rangi ret man in die Classe/ dahin man die meiste Exempel bringen kan; ( à potiori fit denominatio .) Was die dritte Art belanget/ gehoͤren zwar solche Thaten mehrentheils zu der Arbeitsamkeit/ aber weil sie doch koͤnnen zum Muͤßiggang mißbrau- chet werden/ muß ich so behutsam gehen/ daß ich ein solches Thun nicht bey allen Menschen anneh- me als ein Zeichen/ daß keine Wohllust daselbst verhanden sey. 22. Z. E. Fressen und S auffen/ das ist uͤberfluͤßig Essen und Trincken/ oder wie die politi sche Welt redet/ Schmausen/ Fastnach- ten halten/ ein Raͤuschgen/ oder noch hoͤflicher ein Glaß W ein mit einander trincken/ Jtem courtesi ren u. s. w. sind gar nichts nuͤtze/ denn es sind unmittelbare Actus der Wohllust/ und nutzen weder andern Menschen/ noch dem jeni- gen selbst/ der sich mit belustiget/ weil er sein Le- ben nur dadurch verkuͤrtzet. Und also kan man selbige nimmer zu einer Arbeitsamkeit bringen/ wenn gleich ein Kerl fraͤsse und soͤffe daß er schwitzte/ oder es ihm sonst blut-sauer wuͤrde; sondern wo man solche data findet/ darff man sie nur kuͤhnlich fuͤr data der Wohllust/ und den jenigen der so gerne schmauset oder mit Frauen- zimmer galanisi ret/ kuͤhnlich fuͤr einen W ohl- luͤstigen/ und wenn er selbst solche Dinge offte angiebet/ oder damit/ so zusagen/ wie weit kan gelo- des Muͤßiggangs. gelocket werden/ fuͤr einen sehr wohlluͤstigen Menschen halten/ geschweige denn/ wenn er fast gar nichts thaͤte/ als in solchen Sachen variir te. 23. Aber T antzen/ Ballspielen/ Kar- ten und B retspiele/ und die meisten andern Spiele/ koͤnnen zwar wohl zu weilen zu Erhal- tung der Gesundheit/ oder zu Erfrischung des durch Arbeit abgematteten Leibes oder Gemuͤths/ oder auch wohl zur Gewinnsucht angewendet werden; aber mehrentheils sind es doch nur Mittel denen Wohlluͤstigen die Zeit zu vertrei- ben/ und sie zu verwahren/ daß sie ja nicht was nuͤtzliches thun. Derowegen muß ich mich in acht nehmen/ daß ich nicht so fort aus einem Actu, wenn ich einen Menschen tantzen oder spielen sehe/ schliesse/ daß er wohlluͤstig sey/ son- dern acht gebe/ wie er sich sonst verhalte. Wenn ich aber doch gleichwohl sehe/ daß er gar ger- ne und offte solch Thun vornimmt/ werde ich mich selten betriegen/ wenn ich ihn fuͤr ei- nen Muͤßiggaͤnger und wohlluͤstigen Menschen halte. 24. D reschen/ H oltz hacken/ Drechs- len u. s. w. sind zwar ordentlich schlechte Zeit Vertreibungen fuͤr einem Wohlluͤstigen/ und werde ich also von Leuten/ die ich dergleichen Hand-Arbeit fleißig verrichten sehe/ mich nicht betriegen/ wenn ich sage/ daß sie nicht viel Wohl- Das 13. H. Von denen Kennzeichen Wohllust haben. Aber es ist doch nichts so naͤr- risch in der Welt/ das nicht geschiehet/ und nichts so ordentlich/ das nicht ausser ordentlich zu was andern gebraucht wird/ Kegel und Ballspielen braucht ja eine so starcke Bewegung als Dre- schen und Holtzhauen. Wie wenn nun ein stat- cker gesunder wohlluͤstiger Kerl auff der Kirmse eine Stunde zur Lust dresche oder Holtz hack- te/ oder solches thaͤte/ daß er desto besser fressen koͤnte? Wie wenn ein Kerl sich in eine Magd verliebt haͤtte/ und deshalben eine Stunde mit ihr draͤsche/ daß er Gelegenheit kriegte/ sie zu sei- nen Willen zu bereden; Jch wuͤrde ja wohl deß- wegen nicht das Dreschen und Holtzhauen fuͤr sich ( in abstracto ) zu dem Muͤßiggang rechnen: Aber ich wuͤrde doch nicht unrecht thun/ wenn ich das Dreschen oder Holtzhauen dieses Kerls/ als eines Muͤßiggaͤngers/ welches er sich in sei- nen Muͤßiggang bedienete/ unter das muͤßig ge- hen rechnete. Derowegen wie einer unrecht thun wuͤrde/ wenn er aus dem Dreschen dieses Menschen/ den er sonst nicht kennete/ von seiner Wohllust urtheilen wolte/ so unrecht wuͤrde er aber doch auch thun/ wenn er daraus/ daß er ihn auff diese Weise dreschen sehen/ und ihn sonst nicht kennete/ schliessen wolte/ er waͤre nicht wohl- luͤstig. 25. Mit einem Worte/ es ist ein grober und subti ler Muͤß iggang. Die ersten beyden Classen gehoͤren zum groben/ und koͤnnen wir uns des Muͤßiggangs. uns derselben gar wohl als unbetruͤglicher oder doch als selten berruͤglicher Kennzeichen des Muͤßiggangs und folglich der Wohllust bedie- nen. Die dritte A rt gehoͤret zu einem subti- len Muͤßiggang/ und ist selbige zu nichts mehr nuͤtze/ als daß wir uns huͤten/ daß er uns nicht be- triege/ und ein wohlluͤstiger Mensch sich darhin- ter verberge. Wie aber unterschiedene Arten und gleichsam Grade des groben M uͤßiggangs sind; A lso sind auch viel unterschiedene Gra- de des subti len/ die alle dahin zu brauchen/ daß wir sonderlich in der Erkaͤntniß unserer selbst/ oder auch anderer Menschen denselben nicht et- wan fuͤr eine Tugend ansehen/ zu mahl wenn die selbst Liebe das Menschliche Geschlecht all- bereit verleitet/ daß auch die Gelehrtesten insgemein denselben als eine T ugend ruͤh- men. 26. Also hat die eigene Liebe fast alle Ge- lehrte bethoͤret/ daß sie sich schwerlich bereden koͤnnen/ daß auch in dem Studieren ein M uͤs- siggang stecke; ja den fuͤr einen Fantasten halten/ der sich solches zu behaupten unterfangen solte. Das gestehet man ja wohl/ daß man das Studieren zum Ehrgeitz und Rachgier/ zum Geldgeitz und Gewinnsucht mißbrauchen koͤn- ne. Aber daß man es zum Muͤßigg an g e miß- brauchen solle/ will ihnen nicht in Kopff. Zwar wird auch keiner leugnen/ daß nicht ein Muͤßig- gaͤnger etwan einmahl und sehr selten das studi- ren Das 13. H. Von denen Kennzeichen ren eben so zur Lust brauchen koͤnne/ als wie wir von Dreschen und Holtzhauen gesagt: Aber daß ein M ensch/ der fleißig uͤber den Buͤ- chern ist oder doch die meiste Z eit mit Ge- lehrten Leuten umbgehet/ ein M uͤßiggaͤn- ger seyn solte/ das scheinet vielen so irraisona- ble, als wenn ich den der fleißig draͤsche oder Holtz hauete/ fuͤr einen Muͤßiggaͤnger halten wolte. 27. Nichts desto weniger ist es die pure Warheit/ es kan auch ein sehr gelehrter M ann/ der viel gelesen/ der eine grosse Er- kaͤntniß hat/ der mit der That fuͤr einen Po- lyhistor passi ren kan/ ein M uͤßiggaͤnger seyn. Gieb nur Achtung/ ob er mit seinen Studieren sich oder anderen Leuten einen Nutzen schaffe; oder ob er es nur zu seiner Belustigung thue. Nicht anders als ein guter Ballspieler/ der Tag fuͤr Tag auff den Ballhause liegt/ ein Muͤßig- gaͤnger ist/ weil er seine Lust in dieser Bemuͤhung buͤsset/ auch durch die Gewohnheit mehr Lust als Bemuͤhung empfindet; Also kan auch ein Mensch/ dem durch die Gewohnheit das studi ren nicht mehr sauer ankoͤmmt/ und der dadurch sei- ne Begierde immer mehr und mehr zu wissen/ nur angefeuret hat/ auff das studie ren/ als auff einen der angenehmsten Zeitvertreibe fallen/ und Tag fuͤr Tag nichts anders thun/ als aus einer Bibliotheqv in die andre/ aus einen Buchla- den in andern gehen/ und in omni scibili herumb- des Muͤßiggangs. herumstanckern/ und nach demgemeinen Sprich- wort ein helluo librorum werden/ und doch ein Muͤßiggaͤnger seyn. Ja welches noch mehr paradox ist: Die groͤsten helluones librorum, und die in studi ren nichts thun/ als immer was neues lesen/ sind die groͤsten Muͤßiggaͤnger unter denen Gelehrten: Denn sie nutzen sich und an- dern am wenigsten/ eben damit/ daß man sie nicht figi ren kan/ sondern daß sie stets als nim- mer satt und trunckene ihren Kopff von tausend Dingen angefuͤllet haben/ und immer noch mehr nachschuͤtten. 28. So mustu demnach solche Leute mit denen/ die Profession von D reschen und Holtz- hauen machen nicht vergleichen. Denn ob zwar wohl ein Drescher und Holtzhacker durch die Gewohnheit es dahin bringet/ daß ihm das Dreschen oder Holtzhauen nicht eben allzusauer und verdrieslich faͤllet/ sondern er selbiges nicht groß mehr achtet; So ist doch dieses Thun so be- schaffen/ daß es zur Lust von Natur nicht so ge- schickt ist/ indem es weder denen Sinnen noch dem Verstande ein Vergnuͤgen und kuͤtzelnde delectation geben kan/ auch hauptsaͤchlich darzu gebraucht wird/ andern Leuten zu nutzen/ und sich zu nehren. Woltestu auch gleich sagen/ ein solcher Polyhistor bessere doch seinen Verstand/ und schaͤrffe sein Judicium , und mache sich also Dd faͤhig Das 13. H. Von denen Kennzeichen faͤhig andern Leuten zu dienen/ so wird doch die- ses wenig wider unsere Lehre thun. Allzu viele Præparation kan eher ungeschickt als geschickt machen. Was hilfft es/ wenn ich ein Messer et- liche Stunden lang schleiffe? Jch schleiffe die Schaͤrffe mit weg/ und bleibet endlich gar nichts dran. Ein wenig geschlieffen und eine zeitlang geschnitten/ und hernach wieder geschlieffen/ so erfordern es die Regeln der Klugheit. Ja das ist desto schlimmer fuͤr solche Muͤßiggaͤnger/ daß sie dem Menschlichen Geschlecht dienen koͤnnen/ und darzu geschickt genung seyn/ und thun es doch nicht. Was woltestu von einem sagen der Tag fuͤr Tag in dem S chachspiel sich uͤbete/ und nichts nuͤtzliches fuͤrnehmen wolte/ sondern sich damit zu entschuldigen suchte/ er schaͤrffe taͤg- lich sein Judicium damit/ und lernete doch gleich- wohl denen die mit ihm spielten/ wie sie ihr Judi- cium gleichfals schaͤrffen solten. Denn wenn diese Kerl ihr Judicium in Ewigkeit schaͤrffen/ so bleiben es doch Muͤßiggaͤnger/ und die Conver- sation eines solchen Mannes macht nur Muͤßig- gaͤnger/ eben wie die Conversation solcher ge- lehrter Leute/ die ihr Pfund vergraben/ und bloß zu ihrer Lust studieren. 29. Derowegen wird man sich nicht oder selten truͤgen/ wenn man aus solcher Leuthe stu- di ren von dieser Art/ ihre Wohllust kennen ler- net/ des Muͤßiggangs. net/ ja man wird auff dieses Kennzeichen umb so viel mehr acht zu geben haben/ weil solche Leute zu weilen/ (nicht alle/ denn bey vielen ist sie hand- greiflich genung:) ihre Wohllust zimlich zu verbergen wissen/ oder weil ein Mensch dadurch sich selbst pruͤfen kan/ daß er seine eigene Wol- lust nicht gering halte/ wenn er in einer solchen studier- Art stecket. Solche Leute/ wenn sie schon nicht oͤffentlich fressen und sauffen/ so essen sie doch heimlich und mit enger Gesellschafft ger- ne was guts: Ob sie gleich nicht dem Weibes- Volcke groß nachgehen/ so sind sie doch auch so ehrenveste nicht. Sie brauchen das Studie- ren zum Z eit vertreib/ weil sie hierzu nicht eben anderer Gesellschafft vonnoͤthen haben/ und weil sie sich nicht befahren doͤrffen/ daß sich der Autor mit ihnen zancken werde; wenn sie ihn auslachen oder eines Jrrthumbs beschuldigen/ oder wenn sie ihn qvitti ren und einen andern vornehmen so ihnen besser anstehet. Diesen Zeitvertreib su- chen sie auch bey der Conversation ihres glei- chen/ und finden wuͤrcklich mehr Lust uͤnd weni- ger Verdruß darbey/ als beym spielen oder tan- tzen/ zu mahl wenn bey solcher Conversation ein Glaß W ein/ Erfrischungen/ oder ein Pfeiffgen Toback/ oder eine angenehme Music ist/ wenn man die Gazett en lieset/ und darvon discuri ret u. s. w. Dd 2 30. So Das 13. H. Von dem Muͤßiggang. 30. So ausgemacht aber diese Sache ist/ und so leichte sie von unpartheyischen Gemuͤ- thern begriffen wird/ so wohl muß man dieselbe beobachten/ und die gegenseitige Meinung/ als wenn das otium eruditum was gutes waͤre/ nicht fuͤr eine nichts zu bedeutende Lehre halten. Man scheuet sich ja freylich nicht/ mit dem otio erudito zu pralen/ und solches jungen Leuten als was herrliches vorzustellen; man macht solche Muͤßiggaͤnger zu halben Goͤttern/ und stel- let sie andern als Muster tugendhaffter/ fried- fertiger und fast allwissender Leute vor/ denen sie nachahmen solten. Warum? denn die Heydni- sche Philosophie, sie heisse nun Aristote lisch oder Cartesia nisch/ oder sonsten/ bildet sich ein/ G ott sey ein solches muͤßiges W esen/ das mit tau- send Gedancken spiele/ und sich damit belustige/ und weil die Philosophie den Menschen dahin bringen solle/ daß er Gott gleich werde/ so koͤnne es nicht fehlen/ ein solcher Muͤßiggaͤnger sey ein halber Gott/ weil er auch sein Vergnuͤgen in speculi ren habe u. s. w. Wie nun dieses eine zwar auch unter denen Evangelischen leyder allzuge- meine/ aber dabey auch schaͤdliche und von der Atheisterey nicht weit entfernete Meinung ist; Also hat man sich desto mehr dafuͤr zu huͤten/ und gewiß zu versichern/ daß wenn man diesen Jrr- thumb nicht ernstlich absaget/ man gantz unge- schickt sey/ sich selbst/ oder andre zu kennen. 31. Las- Von dem Zorn des Menschen. 31. Lasset uns nun aber auch von dem Z orne als dem Kind des Ehrgeitzes etwas melden. Es ist unmoͤglich/ daß aus einem boͤsen Affect ein guter herkommen koͤnne. Und dero- wegen habe ich bald anfangs gesagt/ daß der Zorn allezeit ein boͤser Affect sey/ c. 6. n. 30. n. 32. seq. auch her- nach solches in meinen Oster-Gedancken etwas weitlaͤufftiger ausgefuͤhret. Dieweil mir aber wohl bewust/ daß an diesen Lehrsatz sich auch fromme Leute zu weilen stossen/ die den Zorn/ wie etwan andere indifferente Affecten, fuͤr indiffe- rent halten; andern aber entweder die autori taͤt des Aristotelis oder des Lactantii im wege lieget; noch andere die Boßheit des Menschlichen Her- tzens noch nicht recht kennen/ welches seinen un- rechtfertigen Zorn gerne unter der indifferenz mit verbergen wolte/ und also in der Lehre der selbst Erkaͤntniß sehr viel dran gelegen ist/ daß man dem Ehrgeitz/ der ohne dem allzulistig ist/ nicht ein Haar breit einraͤume/ als will ich mich befleissen/ die Wahrheit meiner Lehre so deutlich als moͤglich vorzustellen. Und moͤgen meine Gegner wohl versichert seyn/ daß ich durch die Erkaͤntniß der Wahrheit gezwungen/ nicht so wohl wider einigen andern Menschen/ in dieser und der vorigen Materie (nehmlich von dem ge- lehrten Muͤßiggang) als wider mein eigenes Dd 3 Hertz Das 13. H. Von dem Zorn des Menschen Hertz schreibe/ und nach meinen natuͤrlichen Be- gierden so zusagen was drumb geben wuͤrde/ wenn das zur Lust studi ren etwas gutes/ oder der Zorn indifferent waͤre. 32. So ist demnach ausgemacht/ daß der Zorn wie wir ihn oben c. 10. §. 39. beschrieben/ oder mit einem Wort/ die Begierde sich zu raͤchen/ von allen oder doch denen meisten/ so wohl Ge- lehrten als Ungelehrten/ vor einen warhaffti- gen und eigentlich so genanten Z orn gehal- ten werde. Denn man verstehet nicht allein in gemeinen Leben/ wenn man von Zorn redet/ diese Rachbegierde/ sondern es haben auch die Philo- sophi insgemein den Zorn also beschrieben. c. 2. §. 19. \& 40. Lactant. de Irâ Dei c. 17. p. m. 809. Senec. de Ira Lib. 1. Pater Phil. Pract. Tab. 4. \& 9. ibique annot. 20. \& 44. Lactantius gestehet auch selbst/ daß diese Be- schreibung einen warhafften Zorn andeute/ nur daß er saget/ diese Art des Zorns sey an sich selbst boͤse Lactant. d. l. und darinnen sind wir auch mit ihm ei- nig/ nur daß wir nun zu untersuchen haben/ ob denn ausser diesen Zorn noch eine andere Art sey/ die gut sey. 33. Die daß er nie indifferent sey. 33. Die nun solches bejahen/ sagen gemei- niglich/ daß der Z orn nichts anders sey als eine G emuͤths- B ewegung/ die das B oͤse empfin- det/ und nach dieser Empfindung den Menschen antreibet/ dasselbe von Halse loß zu werden. Und diese Begierde/ sagt man/ hat ja G Ott den Menschen in das Hertze gepflantzet/ so wohl als einen andern indifferen ten Affect, so kan sie also an und fuͤr sich nicht boͤse seyn. Denn es ist das Verlangen das Boͤse von Halse loß zu werden so vernuͤnfftig wo nicht vernuͤnfftiger/ als das Gute zu erlangen. 34. Nun geben wir gar gerne zu: Wenn man den Zorn auff diese Art beschreiben will/ daß der Zorn etwas indifferentes sey. A ber diese Beschreibung redet von einem gantz andern Affect, als der Zorn der ersten Bedeutung/ und kan mit der vorigen Bedeutung nicht leichte un- ter eine allgemeine Art ( sub genere ) eines Zorns/ der diese beyde unter sich begriffe/ gebracht wer- den. Denn diese beyde Arten sind gar zu sehr von einander entschieden. Jener verlanget nach Rache als was guten/ und hat die Beleidi- gung oder das Boͤse schon uͤberstanden; D ieser aber will nur das gegenwaͤrtige Boͤse von Halse loß werden/ ohne Verlangen nach Rache. Je- ner gehet offensivè, dieser defensivè . Wenn nun diese beyden Arten unter einem gemeinen Dd 4 Z orn Das 13. H. Von dem Zorn des Menschen Z orn warhafftig begriffen waͤren/ ( si compre- henderentur tanquàm species univocæ sub irâ tanquam genere univoco ) wie wolte man denselben Z orn beschreiben ? Es wuͤrde noth- wendig seyn/ daß derselbe general- Zorn eine Ge- muͤths-Neigung waͤre/ die so wohl auff das gute als das boͤse/ so wohl auff das Gegenwaͤrtige als Zukuͤnfftige ihr Absehen richtete: Welches doch kein Mensch sagen wuͤrde: Weil so dann der Zorn kein absonderlicher Affect mehr seyn wuͤr- de/ sondern man wuͤrde auff diese Weise alle Ge- muͤths-Bewegungen uͤberhaupt Zorn nennen/ welches abermahls unfoͤrmlich waͤre. 35. Koͤnnen nun diese zwey unterschiedene Zorn Bedeutungen nicht unter eine gemeine Be- schreibung gebracht werden/ sondern haben gantz unterschiedene und einander entgegen gesetzte B eschreibungen/ so gehoͤren sie unter die zwey-deutigen und dunckelen W oͤrter ( inter æquivoca ) und muß dannenhero von die- sen Bedeutungen zum wenigsten nur eine die ei- gentliche/ die andre aber eine uneigentliche Redens- A rt seyn. Nun geben aber alle zu/ daß der Zorn/ so ferne er eine Rachbegierde ist/ ein eigentlicher Zorn sey; Ja die Schrifft selbst/ wenn sie von Zorn des Menschen redet/ verstehet sie die Begierde sich zu raͤchen; derowegen muß die andre Bedeutung nothwendig uneigentlich seyn/ daß er nie indifferent sey. seyn/ und haben dannenhero die jenigen/ die zwar gestehen/ der Zorn der Rachgierde sey etwas boͤ- ses/ aber doch sey auch ein Zorn der das Boͤse su- che loß zu werden/ was gutes/ nichts weiter er- halten/ als daß der Zorn in uneigentlichen V erstande nichts boͤses sey/ welches fast so viel ist/ als wenn einer behauptete: Die Rose roͤche gut/ und der andere wolte behaupten: die Rose haͤtte gar keinen Geruch/ und verstaͤnde hernach durch die Rose die Kranckheit die man also nen- net. Denn gewiß/ dieser wuͤrde einen Streit ver- gebens wider den ersten anfangen. 36. Es ist ja bey dem eigentlich so genan- ten Zorn/ und der Rachgierde allemahl ein Schmertzen wegen eines warhafften oder eingebildeten Ubels vorher gangen/ darauf her- nach die Begierde selbiges Ubel loß zu werden/ und nach derselben (oder auch manchmahl zu gleich) die Begierde dem Beleydigenden wieder Wehe zu thun/ zu folgen pfleget. Nun erfor- dert aber die Vernunfft/ daß man unterschie- dene Dinge auch mit unterschiedenen Nah- men nenne/ und daß man Dingen/ die schon ihren eigenen Nahmen haben/ nicht des andern Dinges eigenen Nahmen gebe/ da- mit nicht eine confusion muthwillig verursachet werde. Die Begierde sich zu raͤchen heisset mit consens aller/ eigentlich Zorn. Die Empfin- Dd 5 dung Das 13. H. Von dem Zorn des Menschen dung eines Ubels heißt S chmertz. Die Be- gierde das Ubel von Halse loß zu werden/ heisset nach Gelegenheit der Umbstaͤnde/ Furcht/ Angst/ u. s. w. Was soll mich nun bewegen/ daß ich die Angst auch Zorn soll heissen? zumahl da mich niemand verstehet/ was ich haben will. Wer wolte mich verstehen/ oder zum wenigsten nicht spuͤren/ daß ich unfoͤrmlich geredet haͤtte: Wenn ich spraͤche: Gestern kriegte ein Kind et- was in die unrechte Kaͤhle/ und waͤre bald er- stickt. Es wurde Kirschbraun und so zor nig/ daß es fuͤr Z orn mit Haͤnden und Fuͤssen strampelte. Wenn ich aber an statt des Zorns Angst sage/ verstehet mich iederman. 37. Woher ist nun aber dieses Gewirre e ntstanden/ daß man die Begierde das Boͤse loß zu werden/ oder die Angst/ hat mit dem Z orn ver- mischt? Gewiß nirgend anders her als aus der Aristoteli schen Philosophie. Nach selbiger lehret man/ daß der sinnliche Appetit zweyerley Kraͤff- te habe/ eine begierige und eine zornige ( concupi- scibilem \& irascibilem ) und daß die zornige ent- weder mit dem Boͤsen/ oder Hinderung des Gu- ten/ oder das Boͤse loß zu werden (welches also auf eines hinaus koͤmmt: Denn die Hinderung des Guten oder das Boͤse loß zu werden/ ist doch was boͤses) zu thun habe. cap. 2. n. 9. Dieser Redens-Art nun daß er nie indifferent sey. nun zu ehren/ haben unsere Gelehrte sich ange- wehnet/ die Begierde das Boͤse loß zu werden/ Zorn zu nennen/ da doch Aristoteles selbst den Zorn zu der begierigen Krafft der sinnlichen Nei- gung die der zornigen entgegen gesetzet ist/ ge- bracht/ Pater. d. Tab. 4. \& 9. \& ibi annot. 20. \& 44. und also selbst gleich sam eingeraͤumet/ daß die zornige Krafft in uneigentlichen Ver- stande genommen werde. Zu geschweigen/ daß wir schon oben erwiesen/ daß die Eintheilung de- rer Gemuͤths-Neigungen/ nach dem Verlangen gegen das Gute oder Boͤse/ oder nach diesen zwey- en Kraͤften in der Lehre von denen Affect en mehr Confusion als Vortheil bringe. cap. 4. n. 5. \& 6. 38. So muß man auch ferner einen Unter- scheid unter dem Wort Z orn und dem Wort zuͤrnen machen/ weil dieses/ ob es gleich der Grammatic nach mit dem Z orn eine Verwand- schafft hat/ doch in der S itten-Lehre seiner Bedeutung nach von dem Zorn entschieden ist. Zorn ist die Begierde sich zu raͤchen. Das Auß- uͤben oder ausbrechen dieser Begierde heisset zornig seyn. Zuͤ rnen aber heist nicht den Zorn außuͤben/ auch nicht einmahl ein Ubel suchen vom Halse loß zu werden/ sondern einen Schmertz o- der Das 13. H. Von den Zorn des Menschen der Verdruß uͤber etwas empfinden. Also ver- droß es dem Jonas/ daß sein Kuͤrbis verwelckte/ und er zuͤrnete druͤber. Jonas ward nicht zor- nig weder uͤber den Kuͤrbis/ noch den Wurm/ noch Gott: sondern es that ihm wehe. Oder a- ber es heißt zuͤrnen/ sich nicht freundlich gegen ei- nen Menschen anstellen/ nicht mit ihm reden/ wel- ches wir sonst im Teutschen Schmullen/ M au- len nennen: Welche Bedeutung zwar in etwas dem Zorn naͤher koͤmmt/ weil ein Zorniger/ wenn er seine Rachgier nicht birget/ mit seinen Feind auch maulet/ aber doch auch wohl von dem Zorne kan separi ret seyn. Z. E. Wenn ein frommer Mensch/ dem ein Boͤser/ mit dem er zuvor freund- lich und vertraulich umbgegangen waͤre/ eine boͤse Tuͤcke bewiesen haͤtte/ welches dem From- men wehe thut/ und so lange als der Boͤse in sei- nen Tuͤcken fortfaͤhret/ seine Vertrauligkeit ge- gen ihn/ iedoch ohne Rachgier und Feindschafft einziehet. 39. Und wie man dannenhero auch sonsten in andern Redens-Arten nicht allemahl von de- nen verbis auff die verbalia schliessen kan/ Ita carnes facit lanio, sed tamen non est carnifex. also kan man auch nicht zu Behauptung/ daß der Z orn indifferent sey/ von der indifferenz des zuͤr- nens daß er nie indifferent sey. nens etwas schliessen. Man pflegt ja gemei- niglich den Spruch anzufuͤhren: Z uͤrnet und suͤndiget nicht/ Eph. 5. v. 26. oder wie es in Psalm stehet: Z uͤrnet ihr so suͤndiget nicht/ Psalm. 4. und merckt dabey an: Daß das zuͤrnen/ als was indiffe- rentes wohl zugelassen sey/ wenn man es nicht zu grob mache und daruͤber suͤndige. So hat auch ein frommer und Christlicher Theologus, den ich ehrenthalber nicht nenne/ angemercket/ daß Matth. V. v. 22. wo unsere deutsche Dol- metschung Lutheri hat: W er mit seinen Bruder zuͤrnet/ in dem Griechischen noch dar- bey stehet freventlich/ oder ohne Ursach/ und also ein Unterscheid unter zuͤrnen und freventlich oder vergebens zuͤrnen/ gemacht werde. Aber darauff ist nun kuͤrtzlich meine Antwort/ daß dieses alles nur die indifferenz des zuͤrnens/ nicht aber des Z ornes oder des zornig seyns darthue. 40. Daß aber von GOtt gesaget wird/ daß er Z orn habe und zornig sey/ das rechtfer- tiget des Menschen Zorn so wenig/ als die Rache die sich GOtt vorbehaͤlt/ des Menschen Rache rechtfertiget. Und koͤnnen wir zugleich daraus/ daß GOtt dem Menschen die Rache verbeut/ und doch Das 13. H. Von dem Zorn des Menschen doch sagt/ daß die Rache sein sey/ gar deutlich se- hen/ daß der Lehrsatz nicht richtig sey/ sondern vielleicht aus der Scholasti schen Metaphysic o- der Pnevmatic herruͤhre/ wenn man vorwendet: Daß zwar die Schrifft/ wenn sie GOTT Affect en beyleget/ auff Menschliche Weise rede/ aber es wuͤrde doch der Heiligkeit sei- ner Majestaͤt zu wider seyn/ wenn man GOtt einiges Wort beylegen wolte/ das bey uns in seiner eigenen Bedeutung etwas suͤndliches einschloͤsse. Denn dieser Satz fliesset offenbahr aus der anderswo weitlaͤuss- tig wiederlegten Meinung der S cholasticker her/ daß Gottes heiliges Wesen die Richt- schnur des Menschlichen Thun und Lassens sey/ so ferne selbiges nach dem Recht der Na- tur einzurichten ist. Da doch zwischen Gottes Natur und der Menschen Natur/ auch in An- sehen der Tugend und Laster/ dieser merckli- che Unterscheid ist/ daß gleich wie der Mensch etliche Tugenden hat/ die nicht einmahl Mensch- licher Weise von GOtt koͤnnen gesagt werden: als der Gehorsam/ die Danckbarkeit u. s. w. also auch etliche Dinge sind/ die bey dem Men- schen Laster seyn (weil sie der durchgehends gleichen Menschlichen Natur zu wider sind) die doch von GOTT/ weil er weit uͤber den Menschen ist/ gar wohl koͤnnen gesagt werden; unter welchen vornehmlich die Rache und Z orn ist/ daß er nie indifferent sey. ist/ und was ferner daraus fliesset. Denn was ist lasterhaffter als ein grausamer Mensch? Ein Grausamer aber ist/ der einem andern Menschen Wehe thut/ und sich druͤber freuet. GOtt aber sagt selbst von sich/ daß er sich in einen Grausamen verwandeln wolle/ daß er der G ottlosen spotten wolle in ihren Elend. 41. Was endlich Lactantius von der in- differenz des Menschlichen Zorns in seinen Buͤchern hin und wieder/ absonderlich aber in dem Buch von Zorn Gottes angefuͤhret/ dawi- der koͤnte viel gesagt werden: Kurtz: Lactantius ist wohl ein guter Orator gewesen/ der zierlich Latein geschrieben/ und seine Sachen fein Rhe- tori sch vorzubringen gewust/ aber durchgehends ein schlechter Philosophus . Er hat zwar in seinen Buͤchern eine gute Intention gehabt/ die Christliche Lehr dem Heydenthumb vorzuzie- hen/ und die Lehrsaͤtze der Heydnischen Philoso- phie zu refutiren; aber es haben schon andere gewiesen/ und kan es ein ieder/ der ein wenig in Historia Philosophicâ erfahren ist/ noch selost sehen/ wie offte Lactantius die Meinun- gen derer Philosophorum, wider die er dispu- ti ret/ nicht recht eingenommen/ sondern ihnen alienam mentem angedichtet/ oder wie offte er sie nicht aus dem einfaͤltigen Grund Heili- ger Das 13. H. Von dem Zorn des Menschen ger Schrifft/ sondern aus denen Lehr-Saͤ- tzen anderer Heyden hergenommenen gekuͤn- stelten Scheingruͤnden widerleget; oder wie offte er durch Rhetori sche Griffgen den Leser zwar mit geschminckten oder praͤchtigen Wor- ten suche an sich zu ziehen/ die aber/ wenn man sie ohne Schmincke ansiehet/ den Leser entwe- der ihren Ungrund bald zu verstehen geben/ o- der mehr verwirren/ als er zuvor war. Und dieses koͤnten wir auch weitlaͤufftig darthun/ wenn wir alles das jenige untersuchen wolten/ was er von der indifferenz des Menschlichen Zorns anfuͤhret. Aber wir wollen nur das vor- nehmste anfuͤhren/ nemlich/ wie er seine Mei- nung wegen Beschreibung des Zorns ent- decket. „ 42. Hievon sagt er also De irâ Dei cap. 17. daß die Phi- „losophi nicht verstanden haben/ was das We- „sen des Zorns sey/ kan man aus ihren Be- „schreibungen sehen/ die Seneca in seinen Buͤ- „chern vom Zorne erzehlet hat. Er spricht: der „Zorn ist eine Begierde das angethane Unrecht „zu raͤchen. Andere/ wie Possidonius sagt: „der Zorn ist eine Begierde/ den zu straf- „fen/ von dem du dir einbildest/ daß er „dich unrechtmaͤßiger Weise beleidiget habe. „Etliche daß er nie indifferent sey. Etliche haben ihn also beschrieben: Der Zorn„ ist ein Antrieb des Gemuͤths/ demjenigen zu„ schaden/ der uns entweder hat Schaden ge-„ than/ oder Schaden thun wollen. Aristote-„ lis Beschreibung ist nicht weit von der unsrigen„ entschieden. Denn er spricht: Der Zorn sey„ eine Begierde den Schmertz wieder zu vergel-„ ten. Alleine dieses ist der Zorn/ den wir oben„ schon gesagt haben/ daß er unrecht und„ boͤse sey; Der auch bey dem Viehe ist/ und in„ dem Menschen muß gebendiget werden/ daß er„ nicht aus Raserey ein grosses Ungluͤck anrichte.„ Dieser Zorn kan in GOtt nicht seyn/ weil man„ GOtt nicht beleydigen kan; Aber in Menschen„ ist er anzutreffen/ weil er zerbrechlich ist. Denn„ die Beleydigung erregt den Schmertzen/ und„ der Schmertz bringt die Begierde sich zu raͤ-„ chen hervor. Wo hat man demnach den ge-„ rechten und guten Zorn gelassen/ durch welchen„ der Mensch bewogen wird wider die Ubelthaͤ-„ ter? Dieser ist ja keine Begierde sich zu raͤchen/„ weil keine Beleydigung vorher gegangen. Jch„ rede nicht von denen jenigen/ die wider die Ge-„ setze suͤndigen/ uͤber die sich der Richter auch„ ohne Suͤnde erzuͤrnen kan. (Oder auch gesetzt/„ daß er ruhig im Gemuͤthe seyn solle/ weñ er einen„ Ubelthaͤter strafft/ weil er so dann ein Diener„ der Gesetze/ nicht aber seines Gemuͤths oder„ seiner Gewalt ist: denn so sprechen die/ die den„ Zorn gern austilgen wollen/) Sondern ich rede„ E e von Das 13. H. von dem Zorn des Menschen/ „von denenjenigen/ sonderlich die in unserer Ge- „walt seyn/ als die Knechte/ die Kinder/ die Ehe- „weiber/ und die Schuͤler/ derer Missethaten „uns zur Straffe antreiben. Denn es ist noth- „wendig/ daß einem ehrlichen und frommen „Manne dasjenige mißfalle/ was unrecht ist/ „und daß derjenige/ dem das Unrecht mißfaͤllet/ „sich aͤrgere/ wenn er solches sehen muß. De- „rohalben stehen wir auf zur Rache/ nicht weil „wir beleydiget seyn/ sondern/ daß gute Disci- „plin erhalten/ boͤse Sitten gebessert/ und der „Mißbrauch der Freyheit gehemmet werde. Die- „ses ist der rechtmaͤßige Zorn/ der/ wie er in „Menschen noͤthig ist/ die Boßheit zu straffen/ „so ist er auch in GOtt/ und der Mensch nim̃t da- „von ein Exempel. Denn gleichwie wir dieje- „nigen bestraffen sollen/ die unserer Botmaͤßig- „keit unterworffen sind/ also soll auch GOtt die „Suͤndenaller Menschen straffen: Dieses aber „zu thun ist noͤthig/ daß er zornig werde; weil es „eines Frommen Natur gemaͤß ist/ uͤber des an- „dern seine Missethat beweget und erhitzet zu „werden. Derohalben haͤtten sie den Zorn also „beschreiben sollen. Der Zorn ist eine Ge- „muͤths-Bewegung desjenigen/ der sich „erhebet die Laster zu straffen. Denn des „ Ciceronis seine Beschreibung/ daß der Zorn „eine Lust sich zu raͤchen sey/ ist nicht weit von de- „nen vorhergehenden unterschieden/ welchen „wir koͤnnen eine Tollheit oder eine Rachgier nen- daß er nie indifferent sey. „nennen. Dieser soll nicht einmahl im Men- „schen seyn/ weil er gantz und gar lasterhafft ist. „Aber der Zorn/ der zur Bestraffung der Boͤ- „sen gehoͤret/ soll weder dem Menschen noch Gott „genommen werden/ weil er den Menschlichen „Geschaͤfften nuͤtzlich und nothwendig ist. 43. Nun betrachte nur die vornehmsten un- foͤrmlichen und zum Theil sich selbst wiederspre- chenden Saͤtze oder petitiones principii, die La- ctantius hier vorgebracht: 1. Der Zorn ist nach etlicher Meinung eine Rachgier wieder diejeni- gen/ die uns beleydiget haben/ oder doch beley- digen wollen. Dieser Zorn kan in GOtt nicht seyn/ weil niemand GOtt beleydigen kan. 2. Weil der Mensch zerbrechlich ist/ so hat er Rachgier/ denn sie koͤmmt natuͤrlicher Weise aus dem Schmertz des Boͤsen her: Und gleichwohl ist sie unrecht. 3. Der Mensch soll den unrechten Zorn bendigen/ daß er kein groß Ungluͤck an- richte/ und soll doch gar nicht im Menschen seyn/ weil er gantz und gar lasterhafft ist. 4. Wenn man gleich setzet oder zugiebet/ daß der Richter sich nicht erzuͤrnen solle/ so kan doch der Zorn/ der zur Bestraffung der Boͤsen gehoͤret/ dem Menschen nicht genommen werden. 5. Der Richter soll sich deswegen nicht erzuͤrnen/ weil er ein Diener der Gesetze ist/ und seine Gewalt nicht nach seinen Gefallen brauchen soll; Aber ob wir schon unsere Kinder/ Knechte u. s. w. nach dem natuͤrlichen Gesetze beherrschen sollen/ E e 2 koͤn- Das 13. H. von dem Zorn des Menschen/ koͤnnen wir uns doch wohl uͤber sie erzuͤrnen. 6. Der Zorn eines Mannes uͤber die Boßheit seiner Kinder ist was recht Gutes: Denn ein gerechter Mann soll sich druͤber erzuͤrnen. 7. Der Mensch nim̃t in seinem rechtmaͤßigen Zorn das Exempel von G Ott/ und GOtt soll die Boͤsen bestraffen/ wie sie der Mensch bestraffen soll. 8. Der Zorn ist was gerechtes/ denn es ist eines Gerechten Natur gemaͤs/ sich zu erzuͤrnen u. s. w. 44. Es braucht es derowegen nicht/ daß wir uns in Refutir ung des Lactantii aufhalten. Denn weil es bey ihm hauptsaͤchlich auf die Fra- ge ankoͤmmt/ ob der Zorn zur Bestraffung der Missethaͤter noͤthig sey; Und aber Se- neca gar schoͤne Gedancken davon hat/ wollen wir nur aus demselben hiervon etwas hieher se- „tzen. Er spricht: Man giebt zwar fuͤr/ ein ge- „rechter ehrlicher Mann koͤnne es nicht lassen/ daß „er sich nicht uͤber der Menschen Boßheit erzuͤr- „nen solte? Aber dieses Vorgeben haͤlt den „Stich nicht. Denn eben dieser gerechte und „ehrliche Mann erzuͤrnet sich auch/ wenn bey „dem Essen was versehen ist/ wenn ein Glas zer- „bricht/ wenn ihm einer im Vorbeygehen seine „Schuh mit Kothe bespritzt. Die Gerechtigkeit „ist nicht Ursache an seinem Zorn/ sondern seine „Schwachheit. Er ist wie die Kinder/ die wei- „nen nicht alleine/ wenn sie ihre Eltern verlieren/ „sondern auch uͤber ihre Puppen oder Nuͤsse. Senec. de ira lib. 1. c. 12. Und daß er nie indifferent sey. „Und anderswo: ibid. c. 14. seqq. Theophrastus spricht/ es „koͤnne nicht anders seyn/ ein frommer Mann „muͤste sich uͤber die Boͤsen erzuͤrnen. Auf diese „Weise wuͤrde der Zornigste der Froͤmste seyn/ „da doch vielmehr der Glimpflichste und der des „Zorns gantz entuͤbrigt ist/ und keinen Haß auf „jemand hat/ dafuͤr zu halten. Warum solte „er aber die Missethaͤter hassen/ indem sie der „Jrrthum zu ihren Lastern verleitet. Nun pflegt „aber kein kluger Mann Jrrende zu hassen/ denn „sonst muͤste er sich selbst hassen. Er mag nur „bedencken/ wie viel er thue/ das nicht recht ist/ „und wie vielmahl er wegen seiner Thaten Ver- „gebung vonnoͤthen gehabt. Wil er sich denn „auch uͤber sich selbst erzuͤrnen? Denn ein rechter „Richter muß ein gleiches Urtheil von seiner und „einer fremden Sache faͤllen. Es ist viel billiger „gegen die/ so suͤndigen/ sich sanfftmuͤthig und „freundlich zu bezeugen/ und sie nicht zu verfol- „gen/ sondern auf den rechten Weg zu bringen. „Wenn sich einer auf meinen Acker verirret hat/ „ist es besser/ ihm den rechten Weg zu zeigen/ als „mit Ungestuͤmm davon zu jagen. Derohalben „soll man den Ubelthaͤter bessern theils mit Ver- „mahnen/ theils mit Gewalt/ theils mit Gelin- „digkeit/ theils mit Schaͤrffe/ und man muß ihn „endern/ daß er fuͤr sich selbst und fuͤr andre Leute „besser wird/ welches zwar nicht ohne Bestraf- „fung/ aber doch ohne Zorn abgehen kan und soll. E e 3 Denn Das 13. H. von dem Zorn des Menschen/ „Denn wer wolte sich uͤber seinen Patienten/ den „er curir en soll/ erzuͤrnen? Ja sprichst du: Die „boͤsen Leute lassen sich nicht mehr endern/ es ist „alle Hoffnung zur Besserung an ihnen verloh- „ren. Je nun/ so schaffe man solche boͤse und mit „ihrer Boßheit andere Menschen ansteckende „Leute aus der Welt/ und brauche dieses noch „uͤbrige eintzige Mittel/ dadurch man machen „kan/ daß sie aufhoͤren boͤse zu seyn. Aber ohne „Haß. Denn warum solte ich denjenigen has- „sen/ dem ich seinen groͤsten Nutzen schaffe/ in- „dem ich ihn von ihm selbst und seiner eigenen „Boßheit befreye. Denn hasset man seine Glie- „der wohl/ die man sich abloͤsen laͤst? Dieses ist „eine erbaͤrmliche Cur/ kein Zorn. Tolle Hun- „de/ stoͤßige Ochsen/ ansteckendes Vieh schlaͤ- „get man todt/ und schaffet es fort. Dieses ist „kein Zorn/ sondern Vernunfft/ das Unnuͤtze „von dem Guten und Gesunden scheiden. Ei- „ner der andere straffet/ muß nichts weniger „thun/ als sich erzuͤrnen. Denn je mehr die „Straffe zur Besserung dienen soll/ je mehr muß „sie mit ruhigem Verstande ausgeuͤbet werden: „Dannenhero sagte Socrates zu seinem Knechte: „Jch wolte dich pruͤgeln/ wenn ich nicht zornig „waͤre. Er hat die Bestraffung seines Knechts „bis auf eine vernuͤnfftigere Zeit ausgesetzt/ zur „selben Zeit aber sich selbst bestrafft. Wer wolte „nun seines Zorns Meister seyn/ wenn Socrates „sich nicht getrauet/ in seinem Zorn was anzu- fan- daß er nie indifferent sey. fangen. Derowegen ist zur Bestraffung der„ Gottlosen kein zorniger Mensch vonnoͤthen. Der„ Zorn ist ja eine Suͤnde/ wie wolte es sich nun„ schicken/ daß ein Suͤnder den andern straffte.„ Was? sagst du/ soll ich mich nicht uͤber einen„ Moͤrder/ uͤber einen Hexen-Meister erzuͤrnen?„ Nein. Denn ich erzuͤrne mich ja nicht uͤber„ mich/ wenn ich zur Ader lasse. Alle Straffen„ sind an Statt der Artzney-Mittel u. s. w. De-„ rowegen/ wenn ich als Richter einen zum Tode„ verurtheilen soll/ wenn der Blutschreyer Zeter„ uͤber ihn ruffet/ setze ich mich aus den Richter-„ Stul/ nicht wie ein rasender oder feindseliger„ Mensch/ sondern mit einem sanfftmuͤthigen Ge-„ sichte/ und publici re ihm sein Todes-Urtheil/„ zwar mit einer ernsthafften aber nicht mit einer„ tollen Stimme/ und breche den Stab uͤber ihn/„ nicht im Zorn/ sondern im Ernst. Wenn ich„ einem den Kopff abhauen lasse/ wenn ich einen„ Vater-Moͤrder saͤcken lasse/ wenn ich einen Ver-„ raͤther bestraffen lasse/ so thue ich solches ohne„ Zorn mit eben dem Gemuͤthe und Gesichte/ mit„ welchem ich eine Schlange oder andere gifftige„ Thiere toͤdte. Sprichst du: Man muß doch„ zornig seyn/ wenn man straffen soll: was duͤnckt„ dich? Erzuͤrnet sich denn auch das Gesetz/ das„ die Straffe dictirt, uͤber die/ die es nicht ken-„ net/ die es nicht gesehen hat/ die es glaubt/ daß„ sie nicht suͤndigen werden ? Also must du eben„ so ein Gemuͤthe in Straffen haben/ wie der„ E e 4 Ge- Das 13. H. von dem Zorn des Menschen/ „Gesetzgeber/ der ohne Erzuͤrnen anordnet. „Denn wenn es einem ehrlichen Manne zukaͤme/ „uͤber die Boßheiten der Menschen sich zu erzuͤr- „nen/ so wuͤrde es auch nothwendig seyn/ daß „er das Gluͤcke boͤser Leute beneidete. Denn was „ist unbilliger/ als daß die Gottlosen gruͤnen und „bluͤhen/ und ihres Gluͤcks so schaͤndlich miß- „brauchen/ fuͤr die kein Ungluͤck gefunden wer- „den koͤnte/ das sie nicht verdienet haͤtten? Aber „nichts desto weniger wird ein weiser Mann so „wohl ihr Gluͤcke ohne Beneidung/ als ihre „Schelmstuͤcken ohne Zorn ansehen. 45. Derowegen wolte ich auch lieber/ daß man in gegenwaͤrtiger Frage von der Unzulaͤßlig- keit des Zorns sich der Distinction unter Zorn und Eiffer nicht bedienete/ welches etliche zu thun pflegen/ und den Zorn verwerffen; aber den Eiffer fuͤr gut und zugelassen ausgeben. Denn ich fuͤrchte immer/ Zorn und Eiffer sey ei- nes/ und der Eiffer sey eben auch eine Rach- gierde. Und das Menschliche Hertz erfinde nur diese Distinction anderer Leute Eiffer als einen unzulaͤßlichen Zorn zu schelten/ seinen eigenen Zorn aber als einen zulaͤßlichen Eiffer zu entschul- digen/ oder zu loben. Jch weiß ja wohl/ daß man sagen koͤnne/ der Eiffer sey keine Rachgier- de/ sondern eine Betruͤbnuͤs uͤber das Unrecht/ oder die Beleidigung/ die einem Frommen an- gethan wird/ mit dem ernstlichen Vorsatz den Beleidigenden davon abzuhalten/ oder ihn da- hin daß er nie indifferent sey. hin zu halten/ daß er dem Beleidigten Satisfa- ction gebe/ (quod non sit ira, sed indigna- tio,) solcher Gestalt aber sey der Eiffer mit kei- nem Haß des Beleidigenden vermischt/ sondern nur ein Trieb der Liebe gegen den Beleidigten. Gleichwie aber erstlich selten geschiehet/ daß mei- ne Liebe zu dem Beleidigten so vernuͤnfftig ist/ als ich dencke/ so gehoͤret doch sehr viel darzu/ daß wir bey diesem Eiffer in der Defendir ung unsers Freundes so gar ohne Zorn und Haß gegen den Beleidigenden bleiben solten/ wenn es uns auch gleich unser Hertz bereden solte. Ja es kan ein jeder leicht begreiffen/ daß solcher Gestalt fast aller Zorn unter der Larve des Eiffers oder indignation durch passir en wuͤrde. Jch bescheide mich auch wohl/ daß Pinehas Eiffer gelobet wird. Aber dieses war ein Goͤttlicher und uͤbernatuͤrlicher Eiffer/ der eben so gut ist als ein Goͤttlicher Zorn. Aber da gehoͤret noch mehr zu/ sich zu pruͤffen/ ob die affect en in uns von GOtt erreget werden/ zu dessen Pruͤffung und Erkaͤntnuͤs die Sitten-Lehre nicht zulaͤng- lich ist. 46. Nun ist der Neid noch uͤbrig. Jch ent- sinne mich nicht gelesen zu haben/ daß ein Philo- sophus den Neid fuͤr einen indifferent en Af- fect gehalten/ ausser Cartesius, de Passion. Part. 3. art. 182. conf. §. 49. und die ihm folgen. Denn die Natur zeiget an/ daß es gantz unvernuͤnfftig sey/ uͤber eines andern Men- E e 5 schen Das 13. H. von Neid und desselben schen sein Gluͤck betruͤbt zu seyn/ zumahl uͤber ein solch Gluͤck/ das uns eben nicht nuͤtze ist/ wir auch nicht verlangen/ oder durch welches uns nichts entzogen wird. Denn wenn wir betruͤbt seyn uͤber des andern sein Gut/ das wir gerne haͤtten/ oder gehabt haͤtten/ so ist es nicht so wohl ein Neid/ als eine Wohlluͤsti- ge oder Ehr-geitzige Begierde/ oder der for- male Geld-Geitz/ nicht sein Kind. Und wir be- truͤben uns alsdenn nicht so wohl wegen des Gu- ten/ das der andere besitzt/ als wegen des Ubels/ daß wir der Sachen beraubet seyn/ in der wir unsere Gluͤckseligkeit suchen. 47. Nichts destoweniger haben die Mensch- lichen Begierden die Menschen/ wie in andern lasterhafften affecten also auch in diesem ver- leitet/ daß sie diesen schaͤndlichen affect unter dem Nahmen der Tugend verborgen. Und weil er seinem Wesen nach gar zu weit entfernet war/ von dem/ was sonst den Nahmen der Tugend fuͤhrte/ (denn sonsten nach der obigen Anmer- ckung die Mischung von Wollust und Ehrgeitz dem aͤußerlichen Schein nach sehr nahe kam/) so haben die Menschen neue Nahmen erdacht etlicher Bastard-Tugenden/ damit sie den Nahmen des Neids zu bemaͤnteln getrachtet/ und diese Bastard-Tugenden so wohl als den Neid selbst unter der vernuͤnfftigen Liebe zu ver- bergen getrachtet. 48. Und dieses ist auff vielerley Weise ge- sche- Tochter der Eyfersucht. schehen. Die so genante Æmulation gehoͤret auff gewisse Masse mit hieher. Denn ob wohl in derselben ihrer zwey oder mehr umb eine Sache dergestalt streiten/ daß es ein jeder gerne haben wolte/ und also in der Æmulation mehr Begierde zum Guten/ als Betruͤbniß uͤber des andern sein Gutes zu seyn scheinet/ so steckt doch gemeiniglich hinter der Æmulation eine heimliche Anfein- dung dessen/ mit dem man æmuli ret/ und folg- lich auch ein Neid. Es war ja eine Æmulation zwischen den beyden Huren fuͤr dem Gericht des Salomo uͤber das lebendige Kind: Und den- noch brach endlich der hinter dieser Æmulation bey der einen Huren steckende Neid herfuͤr/ mit ihren: Es sey weder mein noch dein/ dadurch sie zu verstehen gab/ daß ihr viel weher thaͤte/ wenn die andre das lebendige Kind besitzen/ als wenn sie es selbst missen solte. Nichts destowe- niger wird die Æmulation gemeiniglich fuͤr eine schoͤne und loͤbliche Tugend gehalten. Man sagt nicht alleine von erwachsenen Leuten; Es ist ei- ne honnete Æmulation zwischen diesen und diesen; sondern die Leute/ die denen Kindern den Saamen der Tugend beybringen solten/ ich meine die Præceptores und Professores auff hohen und niedern Schulen/ gewehnen junge Leute in ihrer zarten Jugend zur Æmulation, und vermahnen sie wohl dazu. Daß ich von der brutali taͤt des so genanten oerti r ens nichts erwehne/ als welches noch schaͤnd- Das 13. H. von Neid und desselben schaͤndlicher und doch auff Schulen fast noch freqven ter ist. Mich duͤnckt/ daß der Herr Weigel in seinem Wurtzelzug der auf den Schu- len in schwang gehenden Laster schon davon aus- fuͤhrlicher gehandelt/ welches Buͤchlein von de- nen/ die die Warheit lieben/ wohl meriti rt ge- lesen zu werden. 49. Hernach ist ein anderer Affect, den man indignation zu nennen pfleget. Dieser ist uͤberhaupt nichts anders meines Erachtens/ als was die Teutschen Verdruß nennen/ und ein kleiner Anfang von dem Schmertzen/ oder der Schmertz in einen geringen Grad. Wie aber wegen vieler Dinge ein Mensch verdrieß- lich seyn kan; Also wird auch die Indignation bey denen Morali sten bald so bald anders ge- nommen. Jnsonderheit aber pfleget sie dann und wann von der Verdrießlichkeit uͤber das Boͤse daß unsern Freunden von andern wie- derfahren ist/ oder von der Verdrießlichkeit uͤber das Gute/ das unverdiente Leute be- sitzen/ da hingegen Wohlverdiente dessen man- geln/ genommen zu werden. Die erste Art ist Geschwister Kind mit dem Zorn/ und ist nur so weit von ihm entschieden/ daß die Indignation ein Zorn ist uͤber das Unrecht/ das andern wieder- faͤhret/ der Zorn aber eine Indignation uͤber das uns angethane Unrecht. vide c. 2. §. 40. p. 67. Die andre Art aber ist Geschwister Kind mit dem Neid/ und nur von sel- Tochter der Eifersucht. selbigen darinnen entschieden/ daß der Neid gar nicht auff andre reflecti ret/ die das Gut/ so wir beneiden/ nicht haben/ sondern nur auff den/ den wir beneiden/ die Indignation aber ist ein Neid in den Mantel der Liebe eingehuͤllet/ weil unser Hertz seine Boßheit dadurch zu bedecken sucht/ daß es uns bereden wil/ wir beneideten den andern nicht/ sondern wir betaureten viel- mehr den dritten/ daß er das Vermoͤgen oder das Gute nicht haͤtte/ das wir an den andern mit scheelen Augen ansehen. Wir sprechen: Der arme Mann laͤsset es sich so blut-sauer werden/ und muß Noth leiden/ und der faule liederliche Kerl da/ der Muͤßiggaͤnger/ hat Geld/ er moͤchte es fressen/ und thut keinen Menschen nichts zu Gute. Weñ ich so viel Geld haͤtte/ wie wolte ich andern Leuten Gutes thun/ u. s. w. Unter dieser Schein- Liebe ist nichts als Neid/ wo nicht gar der for- male Geitz. Waͤre es Liebe/ so wuͤrden wir uns bemuͤhen/ dem/ den wir zum Scheine nach betauren/ Gutes zu thun von dem unsrigen. Aber wir lassen es wohl bleiben/ und unser Hertz trach- tet nur hauptsaͤchlich darnach/ daß der andre sei- nes Guts qvit seyn soll/ oder daß wir solches ger- ne haͤtten. Und wenn es der/ den wir bedauren/ haͤtte/ wuͤrde unser Neid eben auch etwas an ihm finden/ daß wir tadelten/ und ihn seiner Guͤter unwuͤrdig achteten. Und aus diesen kan man leicht erkennen/ was von des Cartesii Cartes. de pass. Part. 3. art. 183. Mei- nung Das 13. H. vom Neid und desselben nung zu halten sey/ wenn er spricht/ daß der Neid nicht allemahl was Boͤses sey/ son- dern/ so ferne derselbe indifferent zum guten und boͤsen sey/ sey es ein Affect von Trau- rigkeit und Haß gemischt/ wegen der Guͤ- ter des Gluͤcks/ die die jenigen besitzen/ so wir vor unwuͤrdig halten. Und dieser Affect werde durch die natuͤrliche Liebe zur Gerechtigkeit bey uns erweckt/ und sey ein Eyfer uͤber die unrechte Austheilung solcher Guͤter/ welche wohl zu entschuldigen sey/ zu- mahl wenn es solche Guͤter seyn/ als z. e. ein Ehren-Ampt/ durch deren Mißbrauch solche Leute Schadenthun koͤnnen. Ja es sey dieser Neid auch wohl zu entschuldi- gen/ wenn wir gerne dieselbigen Guͤter ge- habt haͤtten/ die andern Unwuͤrdigen zu Theil worden/ wenn nur alsdann unser Haß auff die unrechte Austheilung des be- neideten Guts/ und nicht auf die Personen/ so solche Austheilung macht/ und die d ie- se Guͤter besitzen/ falle. Henricus Morus Henr. Morus Enchir. Eth. l. 1. c. 11. f. m. 35. nennet diesen N eid gar eine von den be- sten Gemuͤths-Neigungen/ die uns GOtt gegeben/ welches alles aus der jetzigen Anmer- ckung leichte beantwortet werden kan. 50. Aber die Eyfersucht ist wohl das allerlieb- ste Kind des Neides/ indem derselbe durch die- se vollend zur Liebe selbst gemacht wird. Die Schrei- Tochter der Eyfersucht. Schreiber verliebter Buͤcher haben sich umb die Wette bemuͤhet/ die Eyfersucht zu canonisi- ren/ und nicht nur durch Exempel sondern auch durch Schein-Gruͤnde und falsche demonstra- tiones dieselbe zu einer nothwendigen Frucht vernuͤnfftiger Liebe und zu derer K ennzei- chen zu machẽ/ da sie doch in deꝛ That nichts als ein N eid mit falschẽ Faꝛben angestrichen ist. Die Morali sten sind nicht einig/ was sie aus der Ey- fersucht machen sollen. Jnsgemein sagt man wohl/ die Eyfersucht sey ein gemischter Affect. Aber woraus er eigentlich gemischt sey/ ist man entweder nicht einig/ oder man erklaͤret die Sache nicht deutlich genung. 51. So viel ist unstreitig/ daß die Eyfer- sucht/ so ferne dieselbe von einem absonderlichen Affect genommen wird/ sey eine Pein/ die ein Mensche daruͤber empfindet/ daß die gelieb- te Person einen andern liebet/ oder von einem andern geliebet wird. Nur ist da- von die Frage/ woraus diese Pein entstehe/ und zu welchem Haupt- Affect sie zu bringen sey. Wir haben schon in dem ersten Theile mit vielen Ursachen dargethan/ daß Eyfersucht zu vernuͤnfftiger Liebe nicht gehoͤre/ sondern daß es unvernuͤnfftig sey/ jemand deswegen zu hassen/ daß er liebet/ was wir lieben/ oder neben uns jemand anders liebet. (a) Part. 1. c. 6, n. 19. seqq. Und mag wohl die gegenseitige gemeine Meinung/ als ob die Eyfersucht aus allzugrosser Liebe herruͤhre/ daher Das 13. H. vom Neid und desselben daher entstanden seyn/ daß man gesehen/ wie GOTT oͤffters von sich melde/ daß er eyfe- re: Woraus man denn geschlossen/ weil man das Wesen der Suͤnde mehr in der Hal- tung gegen GOttes unbegreiffliches Wesen/ als gegen das Wesen des Menschen selbst gesuchet/ es muͤste die Eyfersucht eines Menschen nichts Boͤses oder Suͤndliches/ sondern ein Mittel- Affect seyn. Wir haben aber nur vorher ange- deutet/ und durch das Exempel der Grausam- keit bewiesen/ daß der Mensch sein Thun nicht allenthalben nach GOttes Thun richten muͤsse/ und daß GOtt viel Dinge seiner Heiligkeit unbe- schadet thun koͤnne/ an die der Mensch ohne Suͤnde nicht gedencken darff. Und wenn man genau und deutlich verstanden haͤtte das Ge- heimnuͤß Christi/ und der Kirche seines Brant/ das GOtt in Einsetzung des Ehestandes vorbil- den wollen/ wuͤrde man geistliche Dinge nicht anf weltliche oder Philosophi sche Weise erklaͤret haben. 52. Wann dann die Eyfersucht eines Men- schen aus einer unvernuͤnfftigen Liebe entsprin- get/ als fraget sichs nun/ ob dieser Ursprung aus der Wohllust/ Ehr-Geitz oder Geld-Geitz geschehe. Zwar scheinet es dem ersten Ansehen nach/ als wenn alle dreye ihren A ntheil dar- bey haͤtten. Der Eyfersuͤchti ge beneidet ja seinen Mitbuhler (welches aus dem Geld-Geitz herruͤhret/) er erzuͤrnet sich uͤber ihn und die ge- liebte Tochter der Eyfersucht. liebte Person/ (dieses ist eine Wuͤrckung des Ehr- Geitzes/ ) er fuͤrchtet sich/ er werde ihre Liebe verlieren. Dieses letzte scheinet eine Wuͤrckung der Wohllust zu seyn. Zu geschweigen/ daß die Eyfersucht wegen Dinge/ darinnen das for- male der Wohllust bestehet/ am staͤrcksten aus- bricht/ nemlich in der Liebe mit Personen von un- terschiedenem Geschlechte. 53. Alleine ob ich wohl nicht leugnen wil/ daß zur Eyfersucht alle drey Haupt- Affect en et- was contribuir en solten; Auch dafuͤr halte/ daß kein Mensch auf der Welt sey/ der nicht von die- sem Affect, wo nicht offt/ doch zuweilen etwas ausstehen muͤsse/ er moͤge nun von einer Mixtur seyn/ von was er wolle; so halte ich doch dafuͤr/ weiset es auch der Augenschein/ daß ein Mensch von diesem Ungeheuer mehr geplaget werde/ als der andere. Und wenn man dannenhero nach- forschen wil/ welcher Haupt- Affect das mei- ste/ und welcher das wenigste zur Eyfersucht contribui re? So duͤrffte wohl auf die Wohl- lust das wenigste kommen. Es ist wohl wahr/ die Eyfersucht wuͤtet bey der Wohllust am heff- tigsten/ aber deswegen entspringt sie nicht eben aus derselbigen/ indem sie nicht bey aller Wohl- lust ist. Ein Wohlluͤstiger ist wanckelmuͤthig/ und also achtet ers nicht groß/ wenn man ihn mit gleicher Muͤntze bezahlet/ ja er laͤsset denen Per- sonen/ die er liebet/ selten Zeit/ unbestaͤndig zu werden/ oder ihm Gelegenheit zur Eyfersucht zu F f geben/ Das 13. H. vom Neid und desselben geben/ sondern koͤmmet ihnen gemeiniglich mit seiner Unbestaͤndigkeit zuvor. Ein Wohlluͤstiger ist nach seiner Natur vielmehr zu einer Kuppe- ley als der neidischen Eyfersucht geneiget/ und hat mehr Begierde/ auch sein eigen Weib und Kind zu verkuppeln/ wenn er nur darbey was Gutes zu essen und zu trincken erlangen/ oder sich damit von seines Weibes Eyfersucht befreyen kan/ als daß er solte die Leute deshalben benei- den/ oder sich deswegen uͤber eines oder das an- dere erzuͤrnen. So gehoͤrete auch hiernaͤchst noch eine grosse Untersuchung darzu/ ob ein Ey- fersuͤchtiger warhafftig sich fuͤrchte/ die Gunst der geliebten Person zu verlieren/ oder ob er nicht dieses sich selbsten nur berede/ oder als einen prætext brauche/ wenn ihm die Eyfersucht ver- wiesen wird/ seinen Neid damit zu bergen. Ge- setzt aber/ daß die Furcht das Geliebte zu verlie- ren/ bey einem Eyfersuͤchtigen wahrhafftig waͤre/ so wuͤrde doch diese Furcht mehr dem Geldgeitz als der Wohllust zuzuschreiben seyn/ theils weil wir oben gewiesen haben/ daß ein Geldgeitziger auch sehr furchtsam sey: theils weil die Wohlluͤ- stige Brutalitæt die Liebe dieses individui und al- so auch deren Verlust/ so lange noch andre da sind/ eben nicht sonderlich achtet. 45. Was den Zorn des Ehr-Geitzes be- trifft/ so ist derselbe wohl allemahl bey der Eyfer- sucht/ aber er ist doch nicht die Eyfersucht selb- sten/ sondern er folget auf selbige/ und die Ey- fersucht Tochter der Eyfersucht. fersucht gehet vor dem Zorn vorher. Jedoch ist ein Ehrgeitziger sehr zur Eyfersucht geneigt/ weil er nicht wohl leiden kan/ daß man andre ne- ben ihn venerir et/ sondern er wil ein Hertz allein besitzen/ und also auch sucht er in seiner Liebe Meister uͤber der geliebten Person ihr Hertze zu seyn. Er kan ja wohl leiden/ daß andere sie lieben/ wenn sie ihm nur den Vorzug laͤsset/ und die andern peiniget: Das ist ihm eine grosse Freude. Aber wenn die geliebte Person an- dere neben ihn liebet/ so betrachtet er dieses als eine Rebellion/ und erzuͤrnet sich uͤber diesel- be mehr als uͤber seinen Mitbuhler/ zumahl/ wenn der Mitbuhler ihm seine Liebste nicht abspenstig gemacht hat/ sondern vielmehr von derselben gereitzet worden/ als daß er sie gereitzet haͤtte. Daferne er aber/ der Mitbuhler/ sich bemuͤhet/ das Hertze seiner Liebsten zu gewinnen/ wird er zwar zum Haß und Zorn gegen ihn beweget wer- den/ aber nicht so wohl aus Eyfersucht/ als daß der andre sich unterstehe/ sich ihm gleich zu schaͤ- tzen/ oder das/ was er nach den Regeln der Eh- re nicht theilen koͤnne/ mit ihm zu theilen. Und wird dieser Haß oder Zorn schon so starck und ge- waltig nicht seyn/ wenn der Mitbuhler so zu re- den durch seine meri ten das Hertz zu gewinnen sucht/ als wenn er sich bemuͤhet/ durch Luͤgen und Verleumdung seiner solches zu wege zu brin- gen. Ja wenn er selbst das Hertz der geliebten Person noch nicht erhalten hat/ und einen Mit- F f 2 buhler Das 13. H. vom Neid und desselben buhler kriegt; So geschiehet es gar offte/ daß sich die zwey Rival en/ wenn sie beyde Ehrgeitzig/ vergleichen/ daß ein jeder sein Bestes thun soll/ ohne Verunglimpffung des andern/ durch Be- zeigung der staͤrcksten Liebe/ das Hertze der Per- son/ so sie lieben/ zu gewinnen. Ob nun wohl zwischen Mitbuhlern nie eine Freundschafft ist/ so ist doch auch nicht allemahl eine Feindschafft zwischen ihnen/ ja es kan auch der Zustand Ehr-geitziger Mitbuhler nicht gar zu wohl Eyfersucht genennet werden/ indem die bis- herigen Umstaͤnde weisen/ daß sie keine Pein die- serwegen empfinden/ daß die geliebte Person von einem andern geliebet wird/ oder denselben lie- bet; Sondern wenn noch keiner von ihnen bey- den geliebet wird/ ist mehr eine Æmulation, als Eyfersucht unter ihnen. Wenn aber ein Ehr- Geitziger schon das Hertze gewonnen hat/ und hernach einen Mitbuhler kriegt/ entstehet die Pein/ die er deswegen empfindet/ nicht so wohl aus der Liebe/ die man gegen die Person traͤgt/ die er liebet/ oder die diese Person gegen einen andern traͤgt/ als aus der Einbildung/ daß sei- ne Ehre dadurch verletzet werde/ oder daß man sich aus seiner Botmaͤßigkeit loß reissen wolle. 55. Derowegen bleibt nunmehr fuͤr die Ey- fersucht eigentlich nichts uͤbrig/ als der Geld- Geitz und Neid. Wir haben oben gesagt: Daß der Geld-Geitz warhafftig gar niemand liebe/ und hingegen alles eigen haben wolle/ auch das Ei- gen- Tochter der Eyfersucht. genthum von dem Geld-Geitz erfunden sey. Also wil er nun auch die Wollust eigen haben/ oder die Person/ die er vorgiebt/ daß er sie liebe. Er fraget darnach nichts/ ob er ihr Hertz besitze/ und sich ihr angenehm mache/ wenn nur ein anderer dasselbe nicht besitzt. Und wie er ihr sein Hertze nicht geben kan/ als welches an geringern Crea- turen haͤnget/ also hat er viel zu wenig Liebe zu ihr/ daß er leiden koͤnte/ daß ein anderer ihr sein Hertz gebe. Und also ist die Eyfersucht bey ihm nichts als Neid/ die ihme sein Hertze abfrist. Liebet seine Frau oder sein Fuͤrste einen andern/ so beneidet er den andern wegen dieser Liebe: Lie- bet ein anderer seinen Fuͤrsten oder seine Frau/ so beneidet er den Fuͤrsten und die Frau/ wegen dieser Liebe; Er hasset den andern als einen Dieb/ der ihm dasjenige nehmen wolle/ welches ihme nach der Einbildung seines Geitzes alleine zustehen solte. 56. Dannenhero/ wo Geld-Geitz ist/ da ist auch Eyfersucht/ und wo wenig Geld- Geitz ist/ ist auch wenig Eyfersucht. Und wie wir oben gezeiget haben/ daß bey der Mi- schung der Wohllust und des Ehr-Geitzes kein so boͤses Ansehen sey als bey denen andern Mischungen; Also hat auch diese Mixtur wegen des wenigen Geld-Geitzes wenig Eyfersucht. Jst die Wollust staͤrcker bey ihm als der Ehr- Geitz/ so wird er zwar Eyfersuͤchtig werden/ wenn ein liederlicher Mensch von seiner Maitresse ge- F f 3 liebet Das 13. H. vom Neid und desselben liebet wird/ aber wenn es jemand ist/ der ihn lie- bet/ und sein guter Freund ist/ auch fast gleiches humeurs mit ihm/ wird er mit selbigem viel eher ad communionem als wider ihn zur Eyfersucht inclinir en. Jst der Ehr-Geitz staͤrcker als die Wohllust/ wird er zwar nicht wohl einen Mitbuhler leiden koͤnnen/ aber doch mehr eyfer- suͤchtig wider die geliebte Person seyn/ als wider die/ so selbige liebet/ ja wenn er spuͤret/ daß sein Mitbuhler ein liederlicher oder geitziger Mensch ist/ der wenig Ehr-Geitz hat/ wird ihm dieses leicht verleiten/ daß er die geliebte Person nicht mehr æstimir et/ und sie fahren laͤst. 57. Ein Ehr Geitziger und Geld-Geitzi- ger hat starcke Eyfersucht. Jst der Ehr- Geitz staͤrcker/ wird derselbe mehr auf die ge- liebte Person/ und wenn der Geld-Geitz staͤr- cker/ mehr auf den Mitbuhler fallen. Der Ehr-Geitz wird die Eyfersucht mehr zu verbeissen trachten/ und der Geld-Geitz eher eclatir en/ wenn aber die resolution zur Verbergung einmahl ge- fasset ist/ wird der Geld-Geitz zur simulation ge- schickter seyn als der Ehr-Geitz/ der Ehr-Geitz wird sich suchen mit Gewalt zu raͤchen/ und sei- nen Zorn hefftiger wider die geliebte Person aus- lassen/ der Geld-Geitz wird tuͤckischer seyn/ und mehr auf den Mitbuhler fallen u. s. w. 58. Ein Wohlluͤstiger und Geld-Geitzi- ger hat eine naͤrrische Eyfersucht. Jetzo bil- det er sich gewiß ein/ daß er die groͤste Ursache ha- be Tochter der Eyfersucht. be zu eyfern/ und daß es unmuͤglich sey/ daß die geliebte Person ihre Unschuld retten koͤnne. Bald giebt er sich wider das groͤste Unrecht/ und wun- dert sich/ wie er so leichtglaubig gewesen. Jetzo nimmt er sich vor/ mit seiner Liebsten zu brechen/ und verschweret sich/ er wolle sie nicht mehr lie- ben: Ja er schilt sie wohl mit den empfindlichsten Worten aus; Bald nimmt ihn die Liebe wieder ein/ und wird verliebter als er zuvor war/ und wenn sie sonderlich ein wenig protzig thut/ und ihm nicht viel gute Worte giebet/ bittet er es ihr wieder ab/ und faͤllet ihr wohl gar zu Fuͤssen. Je- doch wenn solcher Leute Eyfersucht sehr irritir et wird/ zumahl wann sie Gewalt haben/ richtet sie offters grausame aber doch dabey bizarre Ex- empel an. Und gehoͤret zu dieser Classe/ was Seneca saget: Ira amorem ardentissimum vin- cit: Transfoderunt itaque amata corpora, \& in eorum, quos occiderant, jacuere complexi- bus. Seneca de ira lib. 2. in fine. Der Zorn (oder die Eyfersucht) uͤber- windet die hefftigste Liebe. Solche Leute haben wohl ehe das/ was sie am liebsten ge- habt/ umgebracht/ und hernach die ermor- deten Coͤrper wieder umarmet/ daß man sie kaum wieder davon brin- gen koͤnnen. F f 4 Das Das 14. Hauptstuͤck. Von der Artzney wider die unver- nuͤnfftige Liebe/ die von der sich selbst ge- lassenen Vernunfft dargeboten wird/ oder von der vernuͤnfftigen Kunst boͤse Affect en zu daͤm- pfen. Jnnhalt. Connexion. Die drey herrschenden boͤsen Begierden sol- len gedaͤmpffet und getilget/ die vernuͤnfftige Liebe aber in die Hoͤhe gehoben werden. n. 1. Man muß so wohl auf die Tilgung unvernuͤnfftiger/ als auf die Erhebung vernuͤnfftiger Liebe reflexion machen. n. 2. Man muß von Tilgung der boͤsen Affect en/ und unter denenselben von der herrschenden Passion den Anfang machen. n. 3. Die Menschen stossen gemeiniglich wider diese Erinnerung an. n. 4. Jn- dem sie ihre geringsten Passiones mehr hassen als die herrschende/ und die Daͤmpffung der herrschen- den als ihrer Natur fuͤr unmoͤglich halten. n. 5. Hierdurch aber ist alle Besserung vergebens und umsonst/ und die herrschende Begierde wird viel- mehr gestaͤrckt. n. 6. Der Mensch staͤrckt durch taͤgliches Thun und Lassen seine herrschende Be- gierde. Also muß er Gewohnheit und Natur nicht miteinander vermischen. n. 7. Man muß genau untersuchen/ welche Passion bey uns selbst die herr- schende sey/ zumahl weil diese zu finden schwer ist. n. 8. Zumahl wann selbige mit einem andern Affect Das 14. H. von der vern. Kunst/ boͤse Affect. ꝛc. Affect starck gemischet ist. Es ist ein grosser Unter- scheid unter dem Cogito, ergo sum: und unter dem Cogito taliter, ergo sum talis. n. 9. Zu Unter- suchung der herrschenden Neigung wird eine auf- richtige intention, und genaue attention erfodert. n. 10. Handgriff/ die herrschende Passion zu un- tersuchen/ durch Vorstellung einer Wahl unter drey- en unterschiedenen Weibes-Personen/ deren eine schoͤn/ die andere vornehm/ die dritte reich/ eine zu heyrathen. n. 11. Bey Formirung der Exempel muß man die proportion wohl in acht nehmen. n. 12. Und zu dem Ende nach andern dergleichen Exem- peln mehr sich pruͤffen. n. 13. Jedoch sind auch diese Proben so sicher und gewiß nicht. n. 14. Der beste Handgriff ist/ zu betrachten/ mit was fuͤr Gedan- cken wir uns in unsern verlohrnen Einfaͤllen belu- stigen. n. 15. Nach der Erkaͤntnuͤs der herrschen- den Passion soll ein Mensch die Vorurtheile des Wil- lens bey sich aufsuchen und ablegen. n. 16. Zu Ablegung des Vorurtheils der Nachahmung wird viel contribuir en/ wenn ein Mensch erweget/ daß nichts angenehmers/ geehrteres und nuͤtzlichers sey als die Tugend. n. 17. Und daß ein Wohlluͤsti- ger/ Ehr-Geitziger und Geld-Geitziger ohnmoͤg- lich ein wahres Vergnuͤgen habe. n. 18. Zu Able- gung des Vorurtheils der Ungedult muß er erwe- gen/ daß es nicht moͤglich sey/ die Besserung auf einmahl und auf einen Tag zu erlangen/ und daß er nicht verdrießlich werde/ wann ihm die Besse- rung erst nicht allzumercklich von statten gehet. n. 19. Hernach muß er die herrschende Begierde durch Ent- ziehung der Nahrung/ das ist durch Meidung boͤ- ser Gesellschafft und Entziehung der Gelegenheit/ b estreiten. n. 20. Die vernuͤnfftige Liebe aber durch F f 5 gute Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ gute Gesellschafft und Ubung in tugendhafften Dingen/ erheben. n. 21. Nach diesen muß man/ jedoch nach gnugsamer Pruͤfung seiner Kraͤff- te/ versuchen/ wie weit man gekommen sey/ sich wider die Reitzungen der boͤsen Exempel und Gele- genheit/ zu vertheydigen. n. 22. Nach diesem Ver- such muß man sich examiniren/ wie die Sache abge- lauffen. n. 23. Wie sich ein Mensch verhalten sol- le/ wenn er befindet/ daß er leichte oder mit Muͤhe uͤberwunden/ n. 24. oder andern Theils nach lan- gem Widerstand/ oder leichte uͤberwunden worden. n. 25. Applicir ung dieser General- Lehren/ abson- derlich auf einen Wohlluͤstigen. n. 26. einen Ehr- Geitzigen/ n. 27. und einen Geld-Geitzigen. n. 28. Zu diesen Lehren kan alles gebracht werden/ was die Philosophi von der Daͤmpffung der Affect en und Besserung des Menschen geschrieben. n. 29. Jrr- thum/ daß ein Juͤngling sich zur Sitten-Lehre nicht schicke. Je eher man anfaͤngt sich zu bessern/ je bes- ser/ und je spaͤter/ je schlimmer gehet es von statten. n. 30. 1. N Achdem wir also bisher die Natur u. Be- schaffenheit alleꝛ Menschẽ uͤberhaupt an- gesehẽ und gezeiget haben/ daß bey allen Menschen drey lasterhaffte herrschende Passiones sind/ die die in geringer Krafft stehende veꝛnuͤnftige Liebe gleichsam gefangen halten/ wollen wir nun auch sehen/ was uns die Vernunfft fuͤr Mit- tel an die Hand gebe/ die unvernuͤnfftige Liebe zu daͤmpffen. Die Philosophi sind sehr unei- nig: Ob die Affect en sollen gedaͤmpffet oder gaͤntz- boͤse Affect en zu daͤmpffen. gaͤntzlich ausgetilget werden? Doch entste- het diese ihre Uneinigkeit mehr aus der Be- antwortung einer Præjudicial- Frage: Ob die Affect en gut/ boͤse/ oder indifferent sind? Denn es wird keiner so unvernuͤnfftig seyn/ daß er sagen solte/ man muͤsse das Gute daͤmpffen oder austilgen/ oder der da vorgeben solte/ man solte das Boͤse nicht ausrotten/ sondern ja etwas davon behalten. Sondern diejenigen/ die die Affect en ausgetilget wissen wolten/ hielten die- selbe alle vor boͤse; Und die sie alle nur gemaͤßigt wissen wollen/ halten sie alle vor indifferent. Demnach wir aber oben cap. 6. n. 8. gezeiget/ daß etli- che Affect en gut/ etliche aber boͤse waͤren/ so fol- get nothwendig daraus/ conf. d. c. 6. n. 11. \& 12. daß die B ewe- gung der Boͤsen gantz ausgetilget werden solle/ die Bewegung aber der guten Affe- ct en immer mehr und mehr zunehmen muͤs- se/ zwar nicht in der ausserordentlichen Empfin- dung derselben/ sondern in der continuir lichen Bewegung zum Guten. Ferner/ weil nun ein Mensch drey boͤse und einen guten Affect in sich hat/ so folget von sich selbst/ daß der Mensch nach denen Regeln der Klugheit alle seine Kraͤffte dran strecken solle/ die drey boͤsen Passiones zu daͤmpffen/ oder zu tilgen/ und die vernuͤnff- tige Liebe in die Hoͤhe zu heben. 2. Ob nun wohl durch die Tilgung der un- vernuͤnfftigen Liebe die vernuͤnfftige schon an und fuͤr Das 12. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ fuͤr sich selbst sich in die Hoͤhe heben wuͤrde/ in- dem sie von denen drey lasterhafften Passionibus, als obgemeldet/ gleichsam gebunden und gefan- gen gehalten wird; So uͤberzeuget doch einen ie- den Menschen der innerliche Kampff/ und die Gedancken/ die einander verklagen/ daß weil der boͤse und gute Affect mit einander kaͤmpffen/ man ja so wol die unvernuͤnfftige Liebe durch die Erhebung der vernuͤnfftigen tilgen/ als durch Tilgung der unvernuͤnfftigen die ver- nuͤnfftige erheben koͤnne/ und daß man also so wohl auf die T ilgung unvernuͤnfftiger/ als auf die Erhebung vernuͤnfftiger Liebe reflexion ma- chen muͤsse. 3. Was die Tilgung unvernuͤnfftiger Liebe angehet/ muß wohl von derselben der Anfang gemachet werden. Wenn ein Medicus einen gefaͤhrlichen Patienten fuͤr sich hat/ denckt er eher auf Wegschaffung der Kranckheit durch dienliche Medicamenta als auf Staͤrckung der Gesundheit/ durch ein gutes und heilsamliches Diæt. Und wo er einen Patienten hat/ der an drey Kranckheiten zugleich darnieder liegt; Jst er ja wohl darauf bedacht/ daß er diejenige/ die am tieffsten eingewurtzelt ist/ als bey diesen Pa- tienten die gefaͤhrlichste/ daͤmpffe oder tilge/ die andern aber/ die sich noch nicht so feste gesetzet haben/ und also nicht so gefaͤhrlich sind/ indessen hindere/ daß sie nicht mehr einreissen. Wohl- lust/ Ehr-Geitz und Geld-Geitz ist eines fuͤr den Men- boͤse Affect en zu daͤmpffen. Menschen so gefaͤhrlich als das andere/ weil ei- nes so wohl die vernuͤnfftige Liebe bestreitet als das andere. Demnach wil noͤthig seyn/ daß man in der Artzeney wider diese drey Affect en/ zufoͤrderst auf die Cur der herrschenden Ge- muͤths-Neigung bedacht sey; Zumahl diese ohne dem/ so lange sie mit denen andern beyden concurrir et/ ordentlicher Weise dieselbe unter sich zu halten pfleget. Wenn nun der herrschen- de Affect gedaͤmpffet worden/ alsdann muß man den nachfolgenden/ und endlich den dritten und schwaͤchsten ausrotten. 4. Dieses/ so vernuͤnfftig als es auch ist/ muß man sich doch desto besser und deutlicher im- primir en/ je mehr entweder ein jeder Mensch durch seine Begierden verfuͤhret/ dar- wider anzustossen pfleget/ und je mehr die gemei- ne Philosophie diese Verfuͤhrungen zuweilen mit ihrer Autoritæt befestiget hat. Denn weil ein jeder Mensch Gebrechen bey sich empfin- det/ und weil ihm die Vernunfft saget/ daß er die Gebrechen abschaffen solle/ so betreugt ihn die Selbst-Liebe zu der bey ihm herrschenden Passion, daß er in seiner Besserung gemeiniglich nicht die herrschende Passion angreifft/ sondern auf die ohne dem geringste unter denen drey lasterhafften Begierden faͤllet/ es sey nun/ daß solches geschehe/ weil die Menschen aus allzu naͤrrischer Liebe gegen ihre herrschende Passion dieselbige fuͤr was Gutes/ oder zum wenigsten doch Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ doch nicht so gar fuͤr schlimm halten/ als die un- terste/ oder aber/ daß/ wenn sie auch schon die Boßheit des herrschenden Affects erkennen/ sie dennoch dafuͤr halten/ es sey naͤrrisch/ an die Daͤmpffung derselben zu gedencken/ weil diese Passion die Natur selbst sey die Natur aber zu aͤndern sey unmuͤglich. 5. Denn man wird taͤglich anmercken koͤn- nen/ daß viel Menschen einen solchen Haßge- gen die Passiones haben/ die bey ihnen die un- tersten sind/ daß sie auch an andern Menschen dieselben am hoͤchsten zu tadeln wissen. Zumahl wenn sie in denenselben im hoͤchsten Grad sind. Also werden geile/ oder nach dem Politischen Stylo der Welt/ sehr verliebte Menschen auf un- verliebte Ehrgeitzige/ und diese hinwieder auf jene/ die Wohlluͤstigen auf die Geld-Geitzigen/ und diese hinwieder auf jene/ verfoffene Men- schen auf die/ so das Frauenvolck fleißig bedie- nen/ und diese hinwieder auf jene schelten. Jm Gegentheil wird man sehen/ daß/ wo wir nicht aus Special- Ursachen etwa eines Hasses uns an- ders bezeigen/ wir gemeiniglich die Laster des uͤber uns herrschenden Affects auch bey andern/ auch wenn diese uns indifferent sind/ wenn sie schon groͤber ausgebrochen/ als bey uns/ in etwas zu entschuldigen suchen. Also geben obgedachte verliebte Leute uͤber Hurer und Ehebrecher; Geld- geitzige/ die dabey eine Wohlluͤstige Barmher- tzigkeit haben/ uͤber Diebe oder falsche Muͤntzer/ offters boͤse Affect en zu daͤmpffen. offters nicht gar zu gerechte Richter ab. Und das macht es hernach eben auch/ daß wenn man einem Ehr Geitzigen/ wenn er auf die Wohl- luͤstigen schilt/ vorsaget/ er solle doch seinen Zorn und Hochmuth daͤmpffen/ daß er zur Ant- wort giebet/ es sey ihm unmoͤglich. Er spricht: Wie koͤnte ich doch eine Freude an Fressen und Sauffen und Huren haben. Es ist ja dieses ein offenbahr Bestialisch und saͤuisch Wesen. Jch dancke GOtt/ daß er mir von Jugend auf einen Sinn gegeben/ daß ich mich vor solchen Suͤn- den gehuͤtet/ auch von diesen schwere Versuchun- gen gluͤcklich uͤberstanden. Jch wolte ja auch wohl den Zorn gerne lassen/ und ist mir leid/ daß ich mich erzuͤrne; Jhr koͤnnet auch leicht dencken/ daß ich wenig Freude dran habe/ denn ich thue meinem Leibe so viel Schaden. Aber wer kan es denn lassen/ wenn er siehet/ daß es so unrecht zugehet? Wer wolte sich nicht eyffern/ wenn ei- nem sein Gesinde/ oder so liederliche Leute/ de- nen man nicht gerne seine Hunde vertrauete/ so grob begegnen; Wenn der kahle Kerl/ der nicht werth ist/ daß er Brodt frißt/ uͤber mich/ der ich mich um das gemeine Wesen so wohl verdienet habe/ gehen wil ? Es ist ein Amts-Zorn/ den ich habe: Jch achte es nicht/ ob ich oben oder unten an gehe/ aber ich kan meinen Nachkommen nichts vergeben u. s. w. Ein Wohlluͤstiger macht es eben so/ wenn er auf den Hochmuth und Zorn schilt/ und man wirfft ihm seine Wohllust fuͤr. Er Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ Er spricht: Es ist doch gar so ein naͤrrisch und thoͤ- richt Wesen/ daß die Menschen um einen eitelen Blick/ um einen Wind voll Lob/ um ein Knie- beugen andrer Leute/ so viel Verdruß und Unge- mach/ ja Sclaverey ausstehen/ daß sie sich dar- uͤber erzuͤrnen/ wenn ihnen jemand keine gute Mine macht/ oder nicht wohl von sie redet. Das nimmt ihnen ja weder an ihrer Gesundheit/ noch an ihrem Vermoͤgen etwas. Aber die Wohl- lust ist doch gaꝛ zu eine suͤsse Suͤnde. Deꝛ Wein sie- het so schoͤn/ es ist so eine edle Gabe GOttes/ wer wolte sich nicht druͤber freuen? Die Liebe ei- nes Geschlechts gegen das andere steckt in der Natur/ wer wil die aͤndern? Saͤsse mir die Wohllust in meinem kostbarsten Kleide/ oder in dem theuersten Edelgesteine/ ich wolte sie aus- schneiden oder ausreissen. Aber so steckt mir die- selbe in meinem wesentlichen Fleische und Blute. Mit dem Geld-Geitzigen ist es eben so beschaf- fen/ der weiß so viel wider die Wohllust und den Ehr-Geitz zu sagen/ und seine luͤsternde Begierde zu entschuldigen/ und sie zu der Na- tur zu machen/ auch deswegen ihre Ausbes- serung als unnoͤthig oder unmoͤglich zu unter- lassen. 6. Hiermit aber ist alle Besserung/ das ist/ alle Vermeidung der Laster und Strebung nach der Tugend vergebens. Denn der Mensch thut alsdenn stets nach seinem herrschenden boͤ- sen Affect, und thut nichts mehr/ als daß er sich huͤtet/ boͤse Affect en zu daͤmpffen. huͤtet/ daß er die Gelegenheit meide/ dadurch der ohne dem geringe lasterhaffte Affect irritir et werden moͤge/ oder daß er/ wenn er darzu ohn- gefehr eine Gelegenheit uͤberkoͤmmt/ sich bey zei- ten davon abreisse/ oder selbige mit seiner herr- schenden Passion bestreite/ wodurch dann die herrschende Begierde trefflich gestaͤrcket wird/ und also der Mensch nothwendig in sei- nem Elend sich immer mehr und mehr vertieffet/ das Laster nicht daͤmpffet/ auch vernuͤnfftige Liebe nicht erhebet/ weil doch die herrschende Be- gierde dieselbe nach wie vor unterdruͤckt. 7. Es ist ja wohl an dem/ daß die herr- schende Begierde zur Natur des Menschen mit gehoͤret/ weil sie aus dem Wesen seines Gei- stes und seines Gebluͤtes/ ingleichen aus der structur seines Leibes mit bestehet. Aber der Mensch solte auch bedencken/ daß er von Ju- gend auf durch alle sein Thun und Lassen diese seine Begierde taͤglich gestaͤrcket habe/ und daß also seiner Gewohnheit/ wo nicht mehr/ doch ja so viel/ als seiner Natur zuzuschreiben sey/ und daß dannenhero durch Unterlassung des gewoͤhnlichen oder durch Angewohnheit eines andern Thun und Lassens/ das dem bishe- rigen sehr zu wider sey/ er diese herrschende Be- gierde/ wo nicht gaͤntzlich tilgen/ doch mercklich daͤmpffen koͤnne. 8. Dieweil dann die herrschende Begierde theils als jetzt gemeldet/ sich bey uns unter dem G g Na- Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ Namen der Natur/ oder etwas Guten fuͤr uns selbst zu verbergen pfleget/ theils auch/ wenn sie mit der andern oder den uͤbrigen beyden starck vermischet ist/ auch in andern Menschen/ schwei- ge dann in uns selbst/ schwer zu kennen ist; Als muß der Mensch/ der sich von der unvernuͤnffti- gen Liebe entreissen wil/ fuͤr allen Dingen allen Fleiß anwenden/ diese herrschende Passion in sich selbst wohl und genau zu suchen/ daß sie ihm nicht entwische/ indem ein jeder Mensch bey sich befinden wird/ daß es zwar sehr leichte sey/ anderer Menschen ihre herrschende Be- gierden zu erkennen/ zumahl/ wenn selbige die andern Gemuͤths-Neigungen mercklich uͤber- treffen/ aber sehr schwer im Gegentheile zuge- he/ bey sich selbst dieselbe zu erkennen. Denn man siehet taͤglich/ daß grobe Vollsaͤuffer/ Hu- rer/ Ehrsuͤchtige und Geld-Geitzige zwar von andern ihres gleichen gar vernuͤnfftig urtheilen koͤnnen/ wie dieselben sich von ihren Affect en zu ihrem eigenen/ und anderer Leute Ungluͤck beherr- schen lassen; Aber wenn es an sie selbst gehet/ sind sie gemeiniglich blind/ weil sie oͤffters auch/ in- dem sie eben dergleichen Dinge thun/ andere be- urtheilen. 9. Und weil dann diese Verblendung durch den herrschenden Affect dem Menschlichen Geschlechte auch in dem Fall/ da derselbe sonst fuͤr den Augen aller andern Menschen entbloͤsset ist/ zu wiederfahren pfleget/ so kan man leicht ge- den- boͤse Affect en zu daͤmpffen. dencken/ daß wenn der herrschende Affect mit dem andern/ oder auch wohl mit dem andern und dritten zugleich sehr vermischt ist/ er sich fuͤr uns selbst noch mehr zu bergen und uns zu ver- blenden werde angelegen seyn lassen. Denn ist er so geschickt/ daß er sich fuͤr denen Augen vie- ler andern Menschen/ die taͤglich auf uns Acht haben/ durch seine Tuͤcke und die grosse Mixtur mit denen andern beyden Affect en verstecken kan/ daß er sehr schwer ist/ ihn auszuforschen/ als wir oben angemercket haben/ cap. 12. §. 43. 44. was wird er nicht erst thun/ fuͤr uns selbst? Denn bey der Erkaͤntnuͤs des Hertzens gehet es gantz anders zu als bey der Erkaͤntnuͤs unserer Gedancken im Gehirne. Dieser sind wir uns ja viel bes- ser bewust/ als andere Menschen/ oder als de- rer Gedancken anderer Menschen/ und mag in dieser Betrachtung des Cartesii sein Principium, Cogito ergo sum, wo nicht pro primo princi- pio, oder pro primo cognito, doch zum wenig- sten pro certissimo cognito gehalten werden. Aber der Neigungen unsers Hertzens werden wir spaͤter als andere gewahr/ und es gehet nicht so schwer her/ so schwer es auch ist/ anderer ihre Neigungen zu begreiffen/ als seine eigene/ und die Beschaffenheit dererselben/ und das Cogito taliter, ergo sum talis ist das schwerste axioma oder Schluß/ daran wir die Tage unsers Lebens zu lernen haben. G g 2 10. Und Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ 10. Und wie dannenhero zufoͤrderst eine aufrichtige ernstliche intention erfordert wird/ sich selbst kennen zu lernen/ und sich selbst fuͤr sich selbst nichts unter die Banck zu stecken; Also gehoͤret hernach eine genaue attention da- zu/ die Betruͤgerey unsers Hertzens zu untersu- chen/ und die herrschende Passion aus dem Schlupffwinckel und unter der Larve der Schein- Tugend hervor zu ziehen. Solcher Gestalt aber wird wohl gethan seyn/ wenn wir dasjenige/ was oben in dem gantzen zwoͤlfften Haupt- stuͤck/ und in denen ersten 9. §§ is des dreyze- henden/ von der Erkaͤntnuͤs anderer Menschen/ und von denen unterschiedenen Beschaffenheiten der unterschiedenen Mixtur en ausfuͤhrlich geleh- ret worden/ nachdem wir solches zuvorher wohl und deutlich begriffen haben/ mit bedaͤchtiger Achthabung auf uns selbst applicir en/ und uns darinnen gleichsam als in einem Spiegel bespie- geln. 11. Und wann ja bey dieser Bespiegelung die herrschenden Gemuͤths-Neigungen noch nicht deutlich und gewiß erblicket werden koͤnten/ wird es nicht undienlich seyn/ noch andre Handgriffe zu gebrauchen. Jn dem Ehestande solte die groͤ- ste Abbildung und das deutlichste Exempel ver- nuͤnfftiger Liebe seyn: Nichts destoweniger ist derselbe fast durchgehends eine Abbildung derer drey Haupt-Laster. Die Ehen werden leider entweder wegen Buͤssung einer fleischlichen Lust und boͤse Affect en zu daͤmpffen. und Begierde/ oder wegen Standes und Be- foͤrderung/ oder wegen Geldes gemacht/ und also koͤnnen wir auch wohl dieselben zu Proben brauchen/ unser Gemuͤthe zu erforschen. Man erwege dannenhero z. e. und pruͤfe sich/ was man wohl thun wuͤrde/ wenn man heyrathen solte/ und haͤtte die Wahl unter drey Weibes- Personen/ deren die eine sehr schoͤne/ aber da- bey auch sehr arm und von sehr niedrigem Stan- de waͤre; Die andere aber waͤre sehr vorneh- men Standes und Ansehens/ dabey aber gantz nicht schoͤn/ und gantz nicht reich/ und endlich die dritte waͤre sehr reich/ aber dabey sehr heßlich und von sehr niedrigem Stande. Gesetzt nun/ man muͤste eine von diesen dreyen Weibes-Per- sonen heyrathen/ und haͤtte nur zwey Stunden Bedenck-Zeit; So brauche man dergleichen Zeit/ und uͤberlege die Sache wohl und reifflich/ wenn einem dieser casus vorfiele/ zu welcher von diesen dreyen man alsdann greiffen wolte. Und wann die Resolution gefast/ so kan man leicht sehen/ ob die wohlluͤstige Schoͤnheit/ oder der Ehrsuͤchtige Stand/ oder die Geld-Gierde die Oberhand bey uns habe. 12. Man muß sich aber hierbey wohl in acht nehmen/ daß man erftlich bey Formirung der Exempel bey allen dreyen Personen die gehoͤrige Proportion wohl in acht nehme/ nemlich/ daß wenn wir von einer Person gesagt/ daß sie sehr reich/ die andere sehr vornehm/ und die dritte G g @ sehr Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ sehr schoͤn sey/ die Schoͤnheit/ der Stand und das Reichthum in gleicher Proportion oder Voll- kommenheit vorgebildet werde/ ingleichen/ daß ebenfalls bey dem Mangel der andern Guͤter eine gleichmaͤßige Proportion in acht genommen wer- de/ und daß z. e. die eine Person so heßlich als die andere geringen Standes/ und die dritte arm sey. Denn wo dieses nicht beobachtet wird/ wird z. e. ein Wohlluͤstiger sich leicht betriegen/ und nicht meinen/ daß die Wohllust bey ihm Passio dominans sey/ weil er sich die vornehme oder reiche zu nehmen determinir et/ wenn er bey diesen sich einen Mangel der Schoͤnheit impri- mir et/ der doch fuͤr keine Heßligkeit eben zu ach- ten; sondern etwan eine solche Gestalt ist/ die zwar nicht zur Schoͤnheit/ aber doch zur Artig- keit kan gerechnet werden/ wie dann dißfalls in der Frantzoͤsischen Sprache ein mercklicher Un- terscheid entre une fille belle \& jolie gemachet wird. 13. Dieweil aber diese Proportion recht zu beobachten/ Kunst und Muͤhe erfordert/ und man also gar leichte solches versehen kan; Als wil noͤthig seyn/ daß ein Mensch dergleichen Exempel sich mehr vorstelle/ und z. e. pruͤfe/ was er thun wolte/ wenn er entweder eine schoͤne Weibes-Person/ die er liebte/ fahren lassen/ oder die Gnade eines Fuͤrsten entbehren/ oder eine reiche Erbschafft/ die er hoffte/ verlieren solte/ bey welchem Verlust er sich am meisten troͤ- boͤse Affect en zu daͤmpffen. troͤsten wuͤrde. Ja man kan auch von denen Guͤ- tern/ die man allbereit wuͤꝛcklich besitzet/ in gleicher Proportion aus allen dreyen Classen einige/ die uns lieb seyn/ sich vorstellen/ und sein Hertze pruͤ- fen/ bey welches Verlust man den groͤsten Schmertz und Widerstand empfinden wuͤrde. Spuͤret er dann/ daß in diesen vielen Exempeln die Decision nicht allemahl auf einen Affect fal- len solte/ so wuͤrde ihm das ein Zeichen seyn/ daß er in Formirung derselben die gehoͤrige Propor- tion nicht allemahl in acht genommen/ oder sich sonsten auf eine andere Weise uͤbereilet haͤtte. Daferne aber allemahl die Decision auf einen Affect fallen solte/ wuͤrde er ehe hoffen duͤrffen/ daß er den herrschenden Affect gefunden. 14. Jedoch kan ich nicht leugnen/ daß meh- rentheils bey Vorstellung dergleichen Exem- pel der herrschende Affect, eben weil wir solches mit der intention thun/ denselben zu entdecken/ und doch gleichwohl mit dem Hertzen an ihn han- gen/ entweder uns verfuͤhren werde/ daß wir in Vorstellung der Exempel die jetzo erforderte Proportion nicht genau observir en/ oder doch/ daß wir in der Decision selbst/ weil die Sache nur fingir et ist/ dieselbe nicht so decidir en wer- den/ als solches geschehen wuͤrde/ wenn uns die- selbe in der That betraͤffe/ oder wenn man uns die Exempel vorlegte/ da wir nicht des Sinnes waͤren/ uns selbst zu erkennen. Derowegen ist noch zuletzt uͤbrig/ daß wir unsere Grund-Nei- G g 4 gung Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ gung erforschen zu einer solchen Zeit/ da sie nicht auf ihrer Hut ist/ und da sie nicht ver- meinet/ daß man achtung auf sie giebet/ und sol- ches kan auf folgende Weise geschehen. 15. Ein jeder Mensch ist gerne bey dem/ was er sehr liebet. Ein Wohlluͤstiger bey sei- nen Sauff-Bruͤdern/ oder Maitresse, ein Ehr- Geitziger bey Hofe/ und ein Geld-Geitziger bey seinem Geld-Sack. Jst er mit dem Leibe nicht gegenwaͤrtig/ so ist er doch mit denen Gedan- cken da/ die sich dergestalt an die geliebte Sa- chen hefften/ daß unsere Seele/ so zu reden/ fast drein verwandelt/ und/ wie ein frommer und ge- lehrter Mann unter andern das Exempel anfuͤh- ret/ die Seele eines Algebraist en zu einem x † a -- b. wird. So ist auch kein Mensch/ der sich nicht/ wo nicht zum oͤfftern/ doch wenig- stens zuweilen in seinen Gedancken auf seine Hand was zu gute thun/ und chateaux d’Espa- gne, oder Schloͤsser in der Lufft/ oder verlohrne Einfaͤlle bauen/ und damit viele edle Zeit verder- ben solte. Diese Sucht/ die zu stillen uns keine Muͤhe noch Geld kostet/ klebt uns feste an/ daß wir gantz leicht darein verfallen/ und gleichsam als ein Mensch/ der in Gedancken gehet/ uns auch bey unseren noͤthigen Meditation en dahin verirren. Wil nun ein Mensch seine herrschende Passion kennen/ so betrachte er nur/ zu welcher Classe die Objecta gehoͤren/ die ihn zu solchen verlohrnen Einfaͤllen verleiten/ ob darinnen wohl die boͤse Affect en zu daͤmpffen. die Wohllust/ oder der Ehr-Geitz/ oder der Geld-Geitz/ oder zwey gemischte Affect en/ oder endlich alle dreye zugleiche den staͤrcksten Antheil haben. 16. Wenn er nun seinen herrschenden Af- fect gefunden/ erfordert die Regel guter Ord- nung/ daß er noch/ ehe er selbigen attaqui re/ sich feste setze/ die V orurtheile aus dem Wege zu raͤumen/ durch die er ist verleitet worden/ bis- her seinen herrschenden Affect zu staͤrcken/ gleich- wie etwan ein Krancker sich in Speise und Tranck in acht nim̃t/ daß seine Kranckheit dadurch nicht gestaͤrcket werde. Derowegen wird er wohl uͤberlegen/ was in dem ersten Theil von der Na- tur des wahren Guten und Boͤsen/ cap. 1. inglei- chen im andern von denen beyden Vorurtheilen des Willens cap. 1. n. 4 1. seq. gemeldet worden/ und sein Thun und Lassen erwegen/ wie er bißher sich durch das Vorurtheil der Nachahmung und der Ungedult taͤglich verfuͤhren lassen/ thoͤricht zu handeln/ und zu Vermeydung kuͤnfftiger con- tinuation etliche nuͤtzliche Betrachtungen ernst- lich und offte vornehmen. 17. Das Vorurtheil der Nachahmung reitzet die meisten Menschen in ihren Lastern sich zu vertieffen/ weil sie sehen/ daß diejenigen/ so sie lieben/ und von derer Autoritæt sie dependi- ren/ ihre boͤse Neigung darinnen staͤrcken/ daß eine gemeine Meinung ist/ die Tugend sey was G g 5 bit- Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ bitteres/ schimpffliches und unnuͤtzliches/ und hingegen sey ein wahres Vergnuͤgen bey vielem Gelde/ hohen Ehren und Gebrau- chung der Wohllust. Hier muß nun ein Mensch/ der seine Affect en daͤmpffen wil/ aus der bißher genug erwiesenen Lehre taͤglich erwe- gen/ daß die wahre Tugend nichts anders als Liebe sey/ daß nichts angenehmers sey als die Liebe aller Menschen/ weil ihr Wesen in stets- wehrenden innerlichen Frieden und Ruhe beste- het/ bey deren Empfindung uns die aͤusserliche Unruhe wenig Verdruß erwecken kan/ und daß die Bitterkeit der Tugend nur eine Einbildung sey/ die aus der thoͤrichten Liebe und Angewohn- heit der Laster herruͤhre; Er muß erwegen/ daß ausser der Tugend kein einiger Grund einer rech- ten Ehre seyn koͤnne/ und daß die Verachtung derselben/ und derer/ die die Tugend suchen/ nur von liederlichen und lasterhafften Leuten her- ruͤhre/ derer æstim einem Tugendhafften mehr ein Verdruß als Ehre sey/ ob sie schon fuͤr der Welt noch so ansehnlich/ gewaltig und vermoͤ- gend waͤren; Daß die Tugend das allernuͤtz- lichste sey/ weil sie uns lerne/ bey sehr wenigen vergnuͤgt zu seyn/ und uns geschickt mache/ an- dern Leuten rechtschaffen zu dienen. 18. Er muß sich ferner wohl und taͤglich imprimir en/ daß aus der Beschreibung der Wohllust/ Ehr-Geitzes und Geld-Geitzes noth- wendig folge/ daß es unmoͤglich sey/ daß ein Wohl- boͤse Affect en zu daͤmpffen. Wohlluͤstiger/ Ehr-Geitziger und Geld- Geitziger ein Warhafftiges Vergnuͤgen ha- be/ sondern daß er durch seine Begierden taͤg- lich sein Vergnuͤgen ruini re/ indem er durch die- selben auf unterschiedene Art sich untuͤchtig ma- chet/ die Gesundheit seines Leibes zu erhalten/ einen warhafftig guten Namen und Nachruhm zu erwerben/ und die Freyheit seiner Gemuͤths- Ruhe zu maintenir en/ sondern ein Sclave sei- ner ihn jaͤmmerlich hin und her reissenden Be- gierden/ ein Abscheu aller tugendhafften Leute/ und ein armer ungesunder Mensch werde/ ja daß er selbst in dem Stande des Gebrauchs seiner Wohllust/ Ehre und Reichthums/ voller Elend/ Unruhe und Verdruß sey/ ob er schon dieses Elend aus naͤrrischer Liebe zu seinen Begierden nicht empfindet/ oder wohl gar als ein Mittel ansiehet/ desto mehr Lust zu haben/ aus dem thoͤrichten Principio, daß Veraͤnderung rechte Lust mache. 19. Das Vorurtheil der Ungedult hin- dert auch den Menschen sehr in seiner Besserung. Er ist in seinem Verderben gewohnet/ daß er nichts fuͤr angenehm haͤlt/ als was fein empfind- lich und sensibel ist. Diese Ungedult wird ihn auch verleiten/ wenn er sich bessern wil. Denn er wird entweder seine Besserung/ so zu sagen/ auf einmahl und auf einen Tag vornehmen wollen/ oder wird laß und verdrießlich werden/ wenn er nicht alsbald empfindliche und merckli- che Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ che Besserung an sich spuͤren wird. Beydes ist unvernuͤnfftig gehandelt/ und dannenhero muß er diese Unvernunfft taͤglich wohl uͤberlegen. Ein Patiente/ der etliche Jahr zu seiner Kranckheit eingesammlet hat/ kan dieselbe nicht auf einen Tag loß werden/ und je gefaͤhrlicher er darnie- der lieget/ je behutsamer muß er damit verfah- ren. Alles Gute/ wie wir Anfangs gezeiget/ gruͤndet sich auf einer langsamen Bewegung. Man kriegt in denen Lastern nicht auf einen Tag einen habitum, sondern es geschiehet solches durch unterschiedliche Gradus, vielmehr aber in der Tugend. Ein Mensch/ der sein Elend erken- net/ und sich platter Dinge vornim̃t/ aller Wol- lust/ Ehrgierde und Geldsucht abzusagen/ der sich zu dem Ende einschliesset/ oder in Wald laufft/ der macht es wie ein Patiente/ der ge- faͤhrlich kranck ist/ und da er die Kranckheit er- kennet und gesund werden wil/ alsobald aus dem Bette aufstehet/ sich ankleidet/ und seine gewoͤhnliche Arbeit verrichtet. Nemlich/ es machen beyde Ubel aͤrger. Gut Ding wil Weile haben. Eine ploͤtzliche durch natuͤrliche Mittel hergebrachte Veraͤnderung in denen Sitten ist eine Heucheley und Verstellung/ wie die Kinder/ wenn sie/ das Weinen zu verbeissen/ sich zum Lachen forcir en. Man muß das Gute deshal- ben nicht unterlassen/ weil es Anfangs schwer hergehet/ und einen sauer wird. Schwere Din- ge sind deshalben nicht unmoͤglich. Und wenn wir boͤse Affect en zu daͤmpffen. wir durch Fortfahren in schweren Dingen nichts mehr gewinnen/ so uͤben wir uns doch zum we- nigsten in der Gedult/ und erlangen etwas da- von. Die Gedult aber ist die vornehmste Tu- gend der vernuͤnfftigen Liebe/ und vielleicht nichts anders als die Ruhe selbst u. s. w. 20. Nach diesem ist es vernuͤnfftig/ daß der Mensch seine herrschende Begierde selbst an- greiffe/ und das Fuͤnckgen seiner vernuͤnfftigen Liebe anzufeuern sich angelegen seyn lasse/ wie etwan ein kluger Krancker solche Artzneyen nim̃t/ die die Kranckheit schwaͤchen und die Natur staͤr- cken. Und dieses ist es/ wenn die alten Philo- sophi, sonderlich die Stoicker/ die Regeln eines tugendhafften Lebens in zwey Worten einge- schlossen: Sustine \& abstine. Das Laster der herr- schenden Begierde wird dadurch geschwaͤchet/ wenn man denen beyden Vorurtheilen des Wil- lens/ die dasselbige taͤglich staͤrcken/ die Nah- rung entziehet. Die Nahrung des Vorur- theils der N achahmung sind boͤse Exempel/ und die Nahrung des Vorurtheils der Unge- dult ist die Gelegenheit/ oder die Gegenwaͤr- tigkeit der Sache/ die die Begierde reitzet. Da- her entstehen die Sprichwoͤrter: Boͤse Exempel verderben gute Sitten: Jngleichen/ Gelegen- heit macht Diebe. Derowegen wird er sich nach und nach der Gesellschafft solcher Leute/ die mit gleichem Laster behafftet sind/ und mit denen er bisher umgegangen/ entziehen/ und sie mei- Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ meiden. Er wird nach Gelegenheit der herr- schenden Passion auch delicate Speise und Tranck/ Weibliches Geschlechte/ Lob der Menschen/ und solche Geschaͤffte/ dabey grosse Ehre oder viel Geld zu erwerben ist/ fliehen. 21. Die vernuͤnfftige Liebe muß durch entgegen gesetzte Mittel erhaben werden. Gu- te Exempel reitzen gute Sitten/ und Ubung eines Dinges macht geschickt. Derowegen ist es vernuͤnfftig/ daß ein Mensch/ der sich bessern wil/ die Gesellschafft tugendhaffter Leute sucht/ die dem Laster/ das uͤber ihn herrschet/ nicht ergeben sind/ ingleichen/ daß er Gelegen- heit sucht etwas vorzunehmen/ dadurch er zur Arbeit sich nach und nach angewehne/ die Leute mit Liebe/ ohne grosse Ehre und Herr- schafft zu prætendir en/ sich verbinde/ und ar- men duͤrfftigen L euten/ die ihm solches nicht vergelten koͤnnen/ Dienste thue. 22. Gleichwie aber ein Patiente/ wenn er Artzney gebraucht hat/ nicht stets auf seinem Krancken-Lager liegen bleibet/ sondern nach und nach versucht/ ob er sich vom Bette aufmachen/ die frische Lufft vertragen/ und die gewoͤhnliche Arbeit gesunder Leute verrichten koͤnne: Gleich- wie einer/ so fechten lernet/ nicht stets lectiones nimmet/ sondern dann und wann versucht/ ob er auch die lectiones sich zu defendir en bey Ge- legenheit anwenden koͤnne: Also muß auch ein Mensch/ der seine Affect en daͤmpffen wil/ an- fan- boͤse Affect en zu daͤmpffen. fangen zu versuchen/ ob er in der Daͤmpffung zugenommen habe oder nicht/ und wie weit er geschickt sey/ sich wider die Reitzung boͤ- ser Exempel und anderer Dinge/ die mit sei- ner Gemuͤths Neigung eine Gleichfoͤrmig- keit haben/ zu vertheydigen: Wiewohl er auch hier zufoͤrderst erst sein innerstes wohl zu pruͤfen hat/ damit er sich nicht durch allzuzeitige Ausmachung und Wagnuͤs in Gefahr begebe. Wie etwan ein Patiente sich pruͤfet/ ob ihm in- nerlich so wohl sey/ daß er sich getraue aus dem Bette zu machen/ und ein Scholar, der fechten lernt/ thoͤricht seyn wuͤrde/ wenn er nach etwan achttaͤgigem Gebrauch der lection en contra fech- ten/ und mit staͤrcksten auf dem Boden anbinden wolte. Also muß auch ein Mensch/ der sich bes- sern wil/ wohl sich pruͤfen/ ob ihm die Meidung boͤser Gesellschafft und derer sonst angenehmen Dinge noch sauer werde/ oder ob er derer Man- gel leicht ertrage; Ob ihm die Ausuͤbung derer Dinge/ die seiner herrschenden Gemuͤths-Nei- gung zu wider sind/ verdrießlich/ und die Gesell- schafft tugendhaffter Leute Eckelhafft sey; Oder ob er bey sich anhebe eine Zuneigung darzu zu empfinden. 25. Hat er nun Gelegenheit gehabt/ seine Kraͤffte zu pruͤfen/ wie weit er im Boͤsen ab/ und im Guten zugenommen habe/ muß er nach voll- brachtem Thun und nach quittir ung der Gesell- schafft sich wohl und genau examinir en/ wie es mit Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ mit dieser Probe abgelauffen/ ob er oben oder unten gelegen? Ob er sich wider die Reitzungen der Exempel und der seinem Affect angenehmen Dinge/ gut defendir et habe/ oder ob dieselben Meister uͤber ihn worden. Ob das Hertz den zuvorher vor dieser Gelegenheit empfundenen Grad der Ruhe noch besitze/ oder ob es wieder in Unruhe gesetzet worden? Und kan dißfalls dem Exempel und denen Lehren etlicher Philoso- ph en folgen/ und alle Abend/ ehe er sich zu Bette leget oder einschlaͤfft/ dasjenige alles auf diese Weise uͤberlegen/ was er den gantzen Tag uͤber gethan. 24. Befindet er nun/ daß er sich wohl vertheydiget/ und die Versuchung wohl uͤberstanden hat/ so ist ihm entweder diese Vertheidigung leichte oder sauer ankommen. Jn dem ersten Fall wird er deshalben nicht also- bald aufhoͤren/ seine Begierde durch obige Re- geln ferner zu daͤmpffen/ und die vernuͤnfftige Liebe zu staͤrcken; sondern er wird vielmehr dar- innen fortfahren/ und etwan sich hernach an staͤr- ckere Reitzungen versuchen/ wie etwan einer/ der contra zu fechten anfaͤnget/ und sich wohl haͤlt/ nicht alsobald aufhoͤret/ lectiones weiter zu neh- men/ sondern darinnen noch ferner continuir et/ dabenebẽ aber sich in contra fechten auch uͤbt/ und zuweilen es nach und nach mit staͤrckern versucht. Jst ihm aber die Vertheydigung sauer worden/ wird er noch mehr Ursache haben die Reitzungen seines boͤse Affect en zu daͤmpffen. seines Affects zu meiden/ und die Ubung der tu- gendhafften Wuͤrckungen/ so demselben zu wi- der sind/ vor die Hand zu nehmen/ oder zu ver- suchen/ ob es ihm mit einem Dinge/ das seine Affect en nicht so starck reitzet/ besser gelingen wolle. Wie etwa ein Mensch/ deme es sauer worden/ sich wider denjenigen zu vertheidigen/ mit welchem er das erstemahl contra gefochten/ desto emsiger lectiones nim̃t/ und es mit einem Schwaͤchern im contra fechten versucht/ oder wie ein Patiente/ der sich das erstemahl in die frische Lufft gemacht/ und ihm solches nicht eben allzu- wohl bekommen/ sich wieder im Bette ein wenig innen haͤlt/ oder seine Artzneyungen continuir et/ und etwan versuchet/ wie es ihm bekomme/ wenn er sich ausser dem Bette/ doch aber in einem ver- schlossenen Gemache aufhaͤlt. 25. Befindet er aber/ daß er bey diesem Versuch unten gelegen/ und von der boͤsen Gesellschafft oder der seiner Gemuͤths- N ei- gung gefaͤlligen Sache hingerissen worden/ und er hiebey doch lange/ oder laͤnger/ als er sonst gewohnt gewesen/ widerstanden/ hat er eben dasselbe zu beobachten/ was wir nur jetzo von deme gesagt haben/ der mit grosser Muͤhe die Versuchung uͤberwunden. Daferne er aber leichtlich uͤberwunden worden/ dergestalt/ daß er bey sich keine Krafft fast gefunden/ Wider- stand zu thun/ so hat er sich wol in acht zu nehmen/ dergleichen Gelegenheit noch eine Zeitlang zu H h mei- Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ meiden/ und sich vielmehr in denen lection en/ die wir ihm vorgeschrieben/ zu uͤben. Wie ein Patient/ der sich zu zeitlich ausgemachet/ und bey nahe ein Recidiv davon getragen/ sich desto behutsamer innen haͤlt/ und seine Artzney mit mehrer Attention gebrauchet. Oder wie ein Scholar/ der bey dem ersten contra fechten nichts als Stoͤsse davon traͤget/ das contra fechten noch etwa einen Monat lang gar bleiben laͤst/ und fleißiger im lection nehmen ist. Merckt er aber/ daß er gar wohl haͤtte Widerstand thun koͤnnen/ wenn er sich nur haͤtte in acht genom- men/ oder daß die Unterliegung nicht so wohl durch die Reitzung der Gesellschafft/ oder der angenehmen Sache/ als durch seine eigene Unvorsichtigkeit und præcipitanz oder Unge- dult geschehen/ wird er befinden/ daß der Man- gel daran lieget/ daß er noch nicht ernsthafft ge- nung denen Betrachtungen obgelegen/ die wir ihm oben im 17. 18. und 19. Paragrapho gleich- sam zu seiner Diæt vorgeschrieben/ und wird dannenhero kuͤnfftig in denenselben sich fleißiger uͤben. 26. Es wird nun nicht schwer seyn/ diese Haupt-Reguln auf eine jede von denen herr- schenden Gemuͤths-Neigungen insonder- heit zu applicir en. Und wie dieses zu eines jeden ausfuͤhrlicher Deduction, nachdem er sich gearthet befindet/ billig uͤberlassen wird/ also wollen wir nur in etwas kuͤrtzlich auch hierinnen An- boͤse Affect en zu daͤmpffen. Anleitung geben. Ein Wohlluͤstiger Mensch hat vonnoͤthen/ 1. Die grosse Eitelkeit der Lust/ die aus Essen und Trincken oder Conversa- tion mit Frauen-Volcke und lustiger Gesell- schafft entstehet/ zu erwegen/ und wie hierbey viel Dinge/ mehr in einer naͤrrischen Einbildung und seinen eigenen Gedancken bestehen/ als in der That selbsten. 2. Muß er wohl betrachten/ daß nach denen Grund-Regeln der Sitten-Lehre/ in einem nuͤchternen und keuschen Leben eine viel warhafftigere und groͤssere/ zwar nicht so empfind- liche/ aber viel dauerhafftere Belustigung bestehe. 3. Muß er rechtschaffen uͤberschlagen/ was das unmaͤßige wohlluͤstige Leben vor vielen Verdrieß- ligkeiten unterworffen sey/ auch im Gebrauch und Geniessung der Wohllust selbst. 4. Muß er alsdann reifflich bedencken/ was noch fuͤr groͤssern Verdruß und Unlust das wohlluͤstige Leben/ als seine Fruͤchte nach sich ziehe. 5. Her- nach muß er sich vornehmen/ nicht allein die Ge- sellschafft lustiger und versoffener Bruͤder und geiler oder verloͤffelter Weibes-Personen und Coquetten, sondern auch sonst erbare Gaste- reyen oder Schmaͤuße/ ingleichen alles delicate Essen und Trincken/ nicht weniger die Gesell- schafft auch ehrlicher Weibes-Personen/ zu- mahl wann selbige artig und schoͤn sind/ zu meyden. 6. Wird er sich vielmehr angelegen seyn lassen/ die Gesellschafft keuscher und maͤßi- ger Mannes-Personen zu suchen: Er wird sich H h 2 uͤben/ Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ uͤben/ wenig oder gar nicht delicate Speise und Tranck zu gebrauchen/ der Faullaͤntzerey sich zu entschlagen/ und so wohl den Leib als das Ge- muͤthe nach und nach zu maͤßiger Arbeit zu ge- woͤhnen/ biß er sich getrauet/ der Reitzung lu- stiger Gesellschafft oder delicater Speise und schoͤnes Weibes-Volcks Widerstand zu thun. 27. Wenn der Ehr-Geitz die herrschende Gemuͤths-Neigung ist/ muß der Mensch 1. wohl betrachten die Eitelkeit desjenigen/ was von der Welt Ehre genennet wird/ und wie wenig rea- les und warhafftig Vergnuͤgendes darunter sey? 2. Wird er uͤberlegen/ wie bey dem mittel- oder geringen Stande mehr Freyheit und weniger Unruhe sey/ und wie ein Mensch in einem jeden Stande Gelegenheit genung habe/ tugendhafft sich gegen andere zu erweisen/ woriñen der Grund der wahren Ehre bestehet. 3. Daß bey dem Ehr- suͤchtigen Leben nichts als wuͤrcklicher Verdruß und aͤusserste Unruhe sey/ und daß/ je groͤsser die Ehre sey/ je groͤsser auch der Verdruß werde/ dergestalt/ daß z. e. die groͤste Ehre bey Hofe mit einer uͤberaus grossen und der Sclaverey nicht unaͤhnlichen Muͤhseligkeit vergesellschafftet sey. 4. Und daß ein Ehr-Geitziger endlich noch mehr Verdruß/ ja aͤusserste Schmach und Schande/ als die Fruͤchte seines Ehr-Geitzes zu gewarten habe. 5. Wird er nicht allein die Gesellschafft Ehrgeitziger Leute/ sondern auch grosse und Lob- wuͤrdige Thaten meyden/ und sich der Gelegen- heit boͤse Affect en zu daͤmpffen. heit hierzu/ als z. e. dem Hof-Leben immer je mehr und mehr entziehen. 6. Wird er Freunde suchen/ die an der aͤusserlichen Ehre nicht han- gen/ sondern leutselig und gedultig seyn/ und er wird sich uͤben/ mehr Leuten die seines gleichen seynd/ oder geringern/ und von denen er keine Befoͤrderung oder Ruhm zu gewarten hat/ als Vornehmen und Maͤchtigen zu dienen u. s. w. 28. Endlich ein Geld-Geitziger wird be- trachten 1. Was vor ein eiteles und muͤhseliges Vergnuͤgen in Besitzung vielen Geldes und Gu- tes bestehe: Und daß ein Mensch sehr wenig Vermoͤgen vonnoͤthen habe/ vergnuͤgt zu leben/ wie nicht weniger/ daß die Lust/ die am Geld sel- ber haͤngt/ sehr unvernuͤnfftig sey. 2. Daß viel mehrers Vergnuͤgen und viel weniger Sorge und Bekuͤmmernuͤß bey einem solchen Zustand sey/ da man nicht viel Geld besitzet. 3. Daß das Leben derer/ die reich werden wollen/ voller Sorge/ Arbeit und Kuͤmmernuͤß sey. 4. Daß endlich der Geld-Geitz noch mehrere Unruhe und Sclaverey/ ja Schand und Schmach nach sich ziehe. 5. Wird er die Gesellschafft geitziger Leu- te und solche Gewerbe/ da man grossen Profit machen kan/ meyden. 6. Vielmehr die Gesell- schafft freygebiger- und uninteressirt er Leute suchen/ und solche Gewerbe vor die Hand neh- men/ dabey nicht viel zu verdienen ist/ auch sich uͤben freygebig zu seyn/ und solche Dienste zu H h 3 lei- Das 14. H. von der vernuͤnfft. Kunst/ leisten/ wovon er keine Vergeltung zu hoffen hat u. s. w. 29. Diese wenige Regeln werden viel- leicht vielen gar zu schlecht und einfaͤltig schei- nen. Und ich muß bekennen/ wenn ich betrach- te/ was etwan andere alte und neue Philosophi von Verbesserung der Affect en geschrieben/ daß mir diese meine Arbeit dagegen selbst gar zu sim- pel vorkomme. Aber dieses ist desto besser/ weil alle Wahrheit von Natur simpel ist/ und je bunter und krauser ein Ding gemacht ist/ je weniger ist gemeiniglich dahinter. Ein guter Methridat in einer schlechten Buͤchse/ ist nuͤtzlicher als die suͤsseste Latwerge in dem zierlichsten und mit dem buntesten und artigst geschnittenen Pa- piergen ausgeziereten Gefaͤß. Hat ein Mensch aufrichtigen Vorsatz sich zu bessern/ so wird ihm dieses wenige gnug seyn/ und er wird ver- hoffentlich alles das/ was andere aus gesunder Vernunfft angefuͤhret haben/ zu diesen wenigen Regeln bringen koͤnnen. Hat er aber diesen Vorsatz nicht/ so werden ihm alle weitlaͤufftige und mit denen schoͤnsten Exempeln und Spruͤ- chen angezierete Lehren wenig oder nichts nuͤtze seyn. Denn den Vorsatz sich zu bessern und die Aufmercksamkeit in der Erforschung der War- heit kan weder ich noch ein andrer Mensch ihm geben/ sondern er muß dieselbe mitbringen. 30. Jedoch ist dieser Vorsatz und diese At- tention an kein Alter gebunden. Es ist ja Er- bar- boͤse Affect en zu daͤmpffen. barmungs-wuͤrdig/ daß/ da Aristoteles sagt: Ein Juͤngling sey kein geschickter Zuhoͤrer der Sitten-Lehre; Da seine Nachfolger denen jungen Leuten dieses gemeiniglich bey Anfang derer Collegiorum einschaͤrffen; dennoch jene mit so grossem Ernst jungen Leuten solche Col- legia halten/ und diese mit so grosser Bestaͤndig- keit und æstim diese Collegia besuchen/ derge- stalt/ daß ich nicht weiß/ welcher unter ihnen beyden am thoͤrigsten handele. Sind junge Leu- te waͤchsern/ und koͤnnen leicht zu denen Lastern verleitet werden/ so sind sie auch waͤchsern/ zu der Tugend angefuͤhret zu werden. Sind sie gleich unbestaͤndig/ so sind sie doch noch nicht ver- haͤrtet/ und ihre boͤsen Begierden haben noch so grosse Wurtzel nicht gefaßt. Wenn das maͤnn- liche Alter fuͤr sich etwas zum tugendlichen Le- ben contribuir te/ so duͤrffte die Sitten-Lehre weder von jungen Leuten studir et werden/ weil sie nach derselben Meinung hierzu unge- schickt waͤren/ noch von Maͤnnern/ weil ihnen das Alter fuͤr sich gute Sitten beybraͤchte/ wenn sie nur vorher in ihrer Jugend/ wie man zu reden pfleget/ recht verraset haͤtten. Aber wenn ein Mensch in seiner Jugend nicht morat wird/ wird es viel schwerer im Alter zugehen. Je eher man anfaͤngt/ seine Thorheit zu betrachten/ und sich das Gute anzugewehnen/ je eher und leichter gehet es von statten. Ein wohl gezo- gen Kind von sechs oder sieben Jahren kan die/ H h 4 so Das 15. H. von der Unzulaͤgligkeit so in den Lastern veraltet sind/ beschaͤmen: Jn der Jugend oder in dem Alter der Juͤnglinge ist es hohe Zeit auf seine Besserung mit Ernst zu dencken. Wer vor dem dreyßigsten Jahr sei- ne Begterden nicht daͤmpffet/ wird hernach sehr schwerlich was fruchtbarliches ausrichten. Und wer solches fuͤr dem viertzigsten Jahre nicht thut/ an dem ist fast alle vernuͤnfftige Hoffnung verlohren. Das 15. Hauptstuͤck. Von der Unzulaͤngligkeit der ver- nuͤnfftigen Kunst/ die Affect en zu daͤm- pfen/ und wie weit selbige zu gebrau- chen sey. Jnnhalt. Lutheri Meinung von der Ohnmaͤchtigkeit des freyen Wil- lens. n. 1. Ob hierinnen Lutherus von denen andern Reformatoribus sehr unterschieden sey? n. 2. Auch auf denen Evangelischen Universit aͤten ist heut zu Tage die Lehre von den Kraͤfften des freyen Willens in der Sitten-Lehre verderbet. n. 3. Welches theils durch den extract von des Cartesii Lehre aus seinem Buch von denen Gemuͤths-Bewegungen/ n. 4. theils aus denen gemeinen Lehren der Aristoteli schen Philosophie erklaͤret wird. Unzulaͤngligkeit der Distinction der Philosophi schen und geistlichen Tu- genden. n. 5. Das natuͤrliche Vermoͤgen ist unzu- laͤng- dervernuͤnfft. Kunst/ boͤse Affect. zu daͤmpff. laͤnglich den Menschen gluͤcklich zu machen. Aber es muß doch auch der Mensch die Regeln des vori- gen Hauptstuͤcks nicht gantz aus den Augen setzen. n. 6. Es gehet dem Menschen sehr schwer ein/ und ist ihm bey nahe unmoͤglich sich selbst kennen zu ler- nen/ und seine herrschende Begierde zu erforschen/ weil er sich den darzu gehoͤrigen Vorsatz/ und die ge- buͤhrende attention nicht geben kan/ auch seine herrschende Begierde seinen Verstand verblendet. n. 7. Schwierigkeit/ die Regeln wider die Vor- urtheile der Nachahmung und Ubereilung/ auf sich selbst und seine herrschende Begierde zu applici- ren. n. 8. Schwierigkeit/ die Regel von Erkie- sung der Gesellschafft tugendhaffter Leute rechtschaf- fen zu nutzen. n. 9. Jngleichen die andere Regel von Ubung tugendhaffter Thaten. n. 10. Der Mensch kan die Gelegenheit/ dadurch seine herr- schende Passion irritir et wird/ nicht nach Gefallen meiden/ und kan in denen aͤusserlichen Ubungen nicht weiter kommen/ als daß er die herrschende Passion mit Anfeurung des naͤchsten Affects daͤmpfe. n. 11. Und also wuͤrde er nicht mehr/ als aus ei- nem Laster in das andre fallen/ oder sich eine Heu- cheley und Schein-Tugend zu wege bringen. n. 12. Wiewohl auch dieses kaum zu hoffen. n. 13. Sol- cher Gestalt aber wird der Mensch allezeit ungeschickt seyn mit seinen Begierden zu kaͤmpffen. Jrrthum des Cartesii und der gemeinen Lehre/ von der Frey- heit des Willens. n. 14. Erweisung der Unzulaͤng- ligkeit der Philosophi schen Regeln/ so viel inson- derheit die Wohllust/ n. 15. den Ehr-Geitz/ n. 16. und den Geld-Geitz betrifft. n. 17. Doch muß man diese Regeln nicht gar verachtẽ/ und aus den Augen setzen/ n. 18. sondern dieselbige so weit es moͤglich ist/ gebrau- chen. n. 19. Damit die schaͤdliche Meinung/ als wenn H h 5 der Das 15. H. von der Unzlaͤngligkeit der Mensch alles Boͤse aus einer unwiedertreiblichen Nothwendigkeit verrichte/ vermieden werde/ wo- durch alle imputationes und Straffen uͤber den Hauffen geworffen werden. n. 20. Einer verdienet nie ein Lob/ wenn er gleich was Gutes thut/ wider den gemeinen Jrrthum der Gelehrten in allen Facul- tæt en. n. 21. Die Lehr-Saͤtze unserer Sitten-Lehre lei- ten den Menschen zur wahren Theologie durch Vor- stellung des natuͤrlichen Unvermoͤgens sich zu bes- sern. n. 22. Sie ist fuͤr junge Leute. n. 23. Wie- wohl nicht fuͤr kleine Kinder/ sondern fuͤr erwach- sene Verfuͤhrte oder Verfuͤhrer geschrieben. n. 24. 1. E S haben die meisten Philosophi, so die Sitten-Lehre auf hohen Schulen zu erklaͤhren pflegen/ darinnen gefehlet/ daß sie zwar alle viel von der Tugend geschwatzt/ und daß man ihr nachstreben/ oder die Laster meiden solle/ gelehret/ aber ihrer sind gar wenig gewesen/ die die Mittel hierzu zu gelangen ge- zeiget haben, Aber diesen Mangel halte ich nicht fuͤr so gefaͤhrlich/ als denjenigen/ der von der Krafft und Vermoͤgen die Mittel zu ge- brauchen/ fast durchgehends begangen wird. Die groͤste Ursache der Absonderung der Evan- gelischen von denen Catholischen war/ die unter- schiedene Lehre/ von denen Kraͤfften des freyen Willens/ zu einem tugendhafften Leben zu gelangen/ in dem die Catholischen dem Mensch- lichen Vermoͤgen fast alles zuschrieben/ da hin- gegen der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. gegen die Evangelischen von beyderley Religion der Gnade GOttes und der Krafft des Glau- bens die Hervorbringung guter Wercke in de- nen Menschen zueigneten. Es ist bekant/ was dißfalls Lutherus fuͤr ein herrlich Buch de servo arbitrio wider den sonst gelehrten und beredten Erasmum geschrieben. Jn diesem Buch setzet er unter andern: p. m. 68. Edit. Schmidianæ in 8tav. 1664. Die Erfahrung bezeiget„ es/ wie die Leute/ die mit ihrem Affect an et-„ was haͤngen/ nicht davon zu bringen. Wenn„ sie ja nachgeben/ so muß man sie mit Gewalt„ oder Vorstellung eines groͤssern Nutzens davon„ bringen/ sie weichen niemahls freywillig. Wo-„ zu sie aber nicht geneiget sind/ da lassen sie alles„ gehen/ wie es gehet/ und bekuͤmmern sich nichts„ drum. Und ferner: p. 82. 83. Jch wil euch gerne ge-„ wonnen geben/ wenn ihr mir unter allen denen/„ die den freyen Willen vertheydigen/ nur einen„ einigen zeigen koͤnnet/ der so viel Krafft und„ Vermoͤgen hat/ daß er durch die Tugend sei-„ nes freyen Willens/ nur einen Pfenning ver-„ achte/ oder denselben entbehre/ nur ein einig„ schlimmes Wort oder veraͤchtliche Mine vertra-„ ge/ denn von Verachtung grossen Vermoͤgens/„ ehrlichen Namens und des Lebens wil ich nicht„ einmahl reden. Ein solches Exempel seyd ihr/„ die ihr so ein Geschrey von der Krafft des freyen„ Willens habt/ uns zu geben schuldig/ oder„ jeder- Das 14. H. von der Unzulaͤngligkeit „jederman wird erkennen/ daß ihr nicht klug seyd. „Und wiederum: pag. 84. Es ist nicht genug/ daß „ihr saget: Der freye Wille ist eine Krafft/ eine „Krafft/ eine Krafft. Es ist keine Kunst/ solches „zu sagen/ dieses kan ein jedweder Mensch thun/ „und man braucht nicht so schrecklich gelehrte/ hei- „lige und so viel hundert Jahr her approbir te „Leute dazu. Jhr muͤsset das Kind bey seinem „Namen nennen/ und fein teutsch heraus sagen/ „was es fuͤr eine Krafft sey/ was sie thue/ was „sie leide/ was ihr sonst widerfahre. Zum Ex- „empel/ daß ich es sein handgreifflich sage/ es „wird gefragt: Ob denn diese Krafft beten/ oder „fasten/ oder arbeiten/ oder den Leib muͤde ma- „chen/ oder Allmosen geben/ oder sonst derglei- „chen etwas thun koͤnne/ oder sich zu thun unter- „stehe. Denn wenn es eine Krafft ist/ so muß „sie ja sich etwas zu thun vornehmen? Aber hier „seyd ihr viel stummer als die Hunde. 2. Jch halte dafuͤr/ daß mit unserm Luthero dißfalls die ersten Reformatores, die GOtt in der Schweitz und anderswo gebraucht/ und de- rer Nachfolger heute die andere Parthey unter denen Evangelischen machen/ ziemlich einig sind/ ob wohl Herr D. Sebastian Schmidt in denen Anmerckungen uͤber besagtes Buch Lutheri sich ex Professo vorgenommen/ zu zeigen/ daß Lu- therus es mit ihnen nicht halte. Und wie ich die Theologos von beyden Secten untereinander ausmachen lasse/ wie weit sie sich dißfalls mit ein- der vern. Kunst/ boͤse Affect. zu daͤmpffen. einander vereinigen/ oder wider einander streiten wollen: Also wuͤrde ich doch/ wenn von mir als einem einfaͤltigen Layen mein videtur uͤber der quæstione facti \& historica, was Lutheri Mei- nung gewesen/ und wie nach denen Grund-Re- geln der Philosophie Herr D. Schmidt das Buch Lutheri erklaͤret habe/ begehret wuͤrde; Eine solche Antwort geben/ daß mir die Sache der- gestalt vorkomme/ als ob entweder man der Re- formirten Lehrer ihre Meinung allzu hart er- klaͤre/ und die Spaltung mit denenselben gar leichte gehoben werden koͤnte/ wenn man nach der Liebe die Behutsamkeit in Auslegung ihrer Schrifften in acht naͤhme/ und die Distinctiones, mit denen man sich bemuͤhet/ die harten loca Lu- theri zu maͤßigen/ auch auf etlicher Reformirter ih- re harten Redens-Arten applicir te: Oder aber/ daß man in unserer Kirchen heut zu Tage an vie- len Orten von der Meinung Lutheri dißfalls ab- gegangen sey/ und sich vergebens bemuͤhe/ mit aͤngstlich zusammen gesuchten Distinctionibus diesen Unterscheid zu bedecken/ und Lutherum auf diesen Theil zu zwingen/ dergestalt/ daß ein unpartheyischer Leser/ der nur die Logicam ver- stehet/ und die Regulas interpretandi wohl inne hat/ gar leichte diese Unzulaͤngligkeit und diesen Zwang begreiffen kan. 3. Damit man aber nicht meine/ als wolte ich hiermit der Reformirten Parthey vor andern schmeicheln/ so glaub ich doch/ daß man gar of- fen- Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit fenbar beweisen koͤnne/ wie auf denen Evange- lischen Universitæt en von beyderley Religion insgemein/ (und ohne Reflexion, was etwa ein und anderer Warheit-liebender Mann von bey- den Theilen wegen dieses Verfalls allbereit an- gemercket/) in der Sitten-Lehre solche Princi- pia denen Studir enden beygebracht werden/ durch welche in denen Hertzen derselben/ wo nicht ein grobes doch ein subtiles Pabstthum von der Zulaͤngligkeit der natuͤrlichen Kraͤffte zu einem tugendhafften Leben zu gelangen/ einwurtzele/ welches der natuͤrliche und scharff- sinnige Hochmuth derer Spitzfindigen hernach zu nichts anders gebrauchet/ als daß er sich und seine Lehren mit vielen ausgekuͤnstelten Erklaͤh- rungen zu beschoͤnen/ hingegentheil aber andere zu verketzern und zu verdammen suchet. Daher kommts/ daß man zwar allenthalben wider den Spinosismum, Stoicismum und Pelagianismum schreibet/ und disputir et/ und einander weidlich verketzert/ auch aus einer Muͤcken in anderen Meinungen einen Elephanten machet/ aber selbst des Balckens in dem eigenen Auge nicht gewahr wird. 4. Damit nun ein jeder deutlich begreiffen moͤge/ daß ich denen Academischen Lehren nicht unrecht thue/ so behaupte ich meinen Satz fol- gender Gestalt: Man treibet auf Universitæt en die Sitten-Lehre/ entweder nach Cartesii oder der der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. der Aristotelischen Lehr-Art. Wo Cartesius herrschet/ da haͤlt man sein Buch von denen Ge- muͤths-Neigungen in grossem Werth/ und rich- tet die Lehr-Saͤtze nach demselben ein. Nun leh- ret aber Cartesius folgendes: Er untersuchet„ erstlich/ De Pass. part. 1. Art. 45. \& 46. woher es doch komme/ daß unsere„ Seele nicht allemal vermoͤgend sey/ sich die Ge-„ muͤths-Neigung nach ihrem Gefallen zu erwe-„ cken/ oder zu tilgen/ und gestehet/ daß sie zwar„ geschickt sey/ geringe Bewegungen zu uͤberwin-„ den/ aber nicht solche/ bey welchen das Gemuͤ-„ the nebst dem Gebluͤte und denen Geistigkeiten„ sehr starck und gewaltsam rege gemacht wor-„ den/ bis diese starcke Bewegung sich gestillet„ habe. Jedoch setzt er darzu/ daß der Wille„ aufs hoͤchste Zeit wehrender dieser Bewegung„ verrichten koͤnne/ daß er in ihre Wuͤrckungen„ nicht einwillige/ und die meisten von denen Be-„ wegungen des Leibes/ zu welchen die Ge-„ muͤths-Neigung den Leib antreibet/ hindern„ koͤnne. Z. E. wenn der Zorn verursache/ daß„ die Hand zum Schlagen aufgehoben werde/ so„ koͤnne der Wille ordentlich dieselbe zuruͤcke hal-„ ten: Wenn die Furcht unsere Fuͤsse die Flucht„ zu nehmen antreibe/ so koͤnne der Wille diesel-„ be bewegen/ daß sie stille stehen/ u. s. w. An-„ derswo d. l. part. 2. Art. 148. sagt er: Daß alle tumultuir ende„ Bewegungen/ die anders woher entstuͤnden/„ unse- Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit unserer Seelen nicht schaden koͤnten/ wenn sie„ nur so viel Vorrath bey sich selbst habe/ daß sie„ damit vergnuͤgt seyn koͤnte/ sondern daß da-„ durch vielmehr das Vergnuͤgen der Seelen ge-„ mehret werde/ wenn sie merckte/ daß sie von„ ihnen nicht verletzet werden koͤnne/ indem ihr„ solches diene/ ihre Staͤrcke und Vollkommen-„ heit zu erkennen; Es brauchte aber die Seele„ zu dieser ihrer Vergnuͤgung nicht mehr/ als daß„ sie der Tugend rechtschaffen nachstrebe. Denn„ wer also gelebet habe/ daß ihm sein Gewissen„ nicht vorwerffen koͤnne/ daß er jemals unter-„ lassen habe/ das zu thun/ was er vor das Beste„ gehalten/ (welches eben die Nachstrebung der„ Tugend sey/) der empfinde ein solches Ver-„ gnuͤgen/ welches kraͤfftig genung sey/ ihn gluͤck-„ lich zu machen. Dergestalt/ daß auch die sehr„ starcken Bewegungen der Affect en niemalen„ vermoͤgend genung waͤren/ seine Gemuͤths-„ Ruhe zu turbir en. Anderswo part, 1. Art. 15. wil er gar„ behaupten/ daß keine Seele so schwach sey/ die„ nicht koͤnne so gut angefuͤhret werden/ daß sie„ eine vollkommene Gewalt uͤber ihre Affect en„ erlange/ so wohl dieselbe zu erregen/ als zu di-„ rigir en. Und zu Ende des Tractats part. 3. Art. 211. giebt Cartesius eine General- Regel wider den Exceß aller Gemuͤths-Neigungen: Daß wenn man„ eine starcke Bewegung in seinem Gemuͤthe em-„ pfinde/ man sich versichern muͤsse/ daß alles„ das der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. dasjenige/ was alsdann der Einbildung vor-„ komme/ auf nichts anders/ als den Betrug„ der Seelen ziele/ und daß zur selbigen Zeit alle„ Ursachen/ die den Menschen reitzen/ staͤrcker/„ diejenigen aber/ die ihn abhalten/ schwaͤcher„ scheinen/ als sie wuͤrcklich sind. Deßhal-„ ben muͤste der Mensch alsdann sein Urtheil alle-„ zeit suspendir en/ und seine Gedancken woanders„ hin lencken/ bis die Zeit und Ruhe die Bewe-„ gung im Gebluͤthe gestillet habe. Und dieses„ koͤnte ein jeder thun/ der nur auf sein Thun und„ Lassen Achtung zu geben gewohnet sey/ daß„ nemlich/ wenn er z. e. von Furcht eingenommen„ werde/ er sich bemuͤhe/ seine Gedancken von„ Betrachtung der Gefahr wegzuwenden/ und„ die Ursachen zu erwegen/ weshalben mehr Si-„ cherheit und Ehre von dem Widerstand/ als„ von der Flucht zu gewarten sey. Hingegen/„ wenn ein Mensch empfinde/ daß er von Rach-„ gier und Zorn angetrieben werde/ auf diejeni-„ gen/ die ihn schaden wollen/ blindlings loßzu-„ gehen/ muͤste er gedencken/ daß es eine Thor-„ heit sey/ sich selbsten zu verderben/ da er doch„ sich ohne Schande retten koͤnte/ und daß es„ besser sey/ bey ungleichen Kraͤfften ehrlicher„ Weise zu weichen/ oder sich zu ergeben/ als wie„ eine Bestie in einen gewissen Tod hinein zu ren-„ nen u. s. w. 5. Was die Aristotelische Lehre aber be- trifft/ so ist ja bekant/ was in allen Aristoteli- J i schen Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit schen Sitten-Lehren von der doppelten Frey- heit des Menschlichen Willens in Bestrei- tung der Affect en/ (de libertate Contradictio- nis \& contrarietatis,) von ihnen vorgegeben und gelehret wird/ daß durch diese Freyheit der Mensch von denen unvernuͤnfftigen Thieren hauptsaͤchlich entschieden werde: Daß in dieser Freyheit sich alle Imputation gruͤnde/ krafft welcher man einen Menschen vor den Urheber seines Thun und Lassens halte/ und ihn deswe- gen nach Gelegenheit lobe oder straffe: Daß in dem Proceß des Menschen Thun und Lassens der Wille gleichsam auf einem Throne sitze/ und nachdem ihn die sinnliche Begierde zum Boͤsen angetrieben/ die Vernunfft hingegen ihn davon abgehalten/ allemahl aus freyer Willkuͤhr sich zum Guten oder Boͤsen determini re. Und was dergleichen Lehren mehr seyn moͤgen/ die/ ob- wohl nicht mit Worten doch in der That eben dasjenige sagen/ was wir zuvorher aus dem Cartesio angefuͤhret/ wodurch dann ein Mensch schnur stracks/ er mag es nun gestehen wollen oder nicht/ zum Stoicismo, und Pelagianismo verleitet wird. Jch weiß ja wohl/ daß man ins- gemein diese Schande zu dedecken sich unter den Mantel der Distinction unter Philosophi schen und geistlichen Tugenden zu verbergen suchet/ dergestalt/ daß man in jenen zwar den Menschen einen freyen Willen zulaͤsset/ in diesen aber das natuͤrliche Unvermoͤgen bekennet. Aber zu ge- schwei- der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. schweigen/ daß diese Distinction mit denen oben angefuͤhrten Worten aus des Lutheri Buch klar streitet/ in dem Lutherus dem Menschen auch in dem aͤusserlichen und geringen Philosophi schen Thun und Lassen keinen freyen Willen einraͤu- met; so wird man gar bald gewahr werden/ daß diese guten Leute insgesamt in der Application ihrer Distinction auf die vorkommende Exem- pel dergestalt uneinig sind/ und ihre Bloͤsse je- derman zeigen/ daß sie den rechten Unterscheid unter dem Philosophi schen und geistlichen Thun/ oder unter Natur und Gnade/ (als worinne der Grund wahrer Weisheit bestehet/) nicht verstehen/ und daß entweder die Dinge/ die sie fuͤr Philosophi sche Tugenden ausgeben/ auch nach der Vernunfft eines unpartheyischen Heyden begriffen werden koͤnnen/ daß sie nichts weniger als Tugenden sind/ indem wir schon oben c. 12. n. 38. seq. aus der Vernunfft-Lehre gewiesen ha- ben/ daß kein einiger Mensch nach seiner Natur tugendhafft sey/ und daß nur eine eintzige Tu- gend seyn muͤsse/ auch derjenige/ der nicht al- lenthalben nach der vernuͤnfftigen Richtschnur derselben lebe/ sich nicht tugendhafft nennen koͤnne; Oder wohl gar/ daß dasjenige/ was sie vor geistliche Tugenden ausgeben/ nicht einmahl nach der unvartheyischen Vernunfft vor Tugend und vernuͤnfftig/ sondern fuͤr eine Heuch- lerische Mixtur des Ehr- und Geld-Geitzes/ oder J i 2 wenn Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit wenn es hoch koͤmmt/ fuͤr eine Mischung des Ehr- Geitzes und Wohllust muͤsse gehalten werden/ wie solches aus Gegeneinanderhaltung dessen/ was wir oben c. 12. n. 3. seq. u. 6. seq. von diesen beyden Mischun- gen gelehret haben/ kan dargethan werden. 6. Dieweil aber unsere Intention nicht ist/ uns in Widerlegung irriger Lehren aufzuhalten/ sondern die Ungruͤnde so wohl der Cartesiani- schen als Aristoteli schen Lehr-Art einen jeden/ der die Demonstrationes unserer bisherigen Leh- ren deutlich eingenommen hat/ von sich selbst in die Augen leichten wird/ also wollen wir nur im gegenwaͤrtigen Hauptstuͤck unsere Meinung aus denenselben deutlich und gegruͤndet herleiten/ und Summarisch behaupten/ daß zwar das natuͤr- liche Vermoͤgen e i nes Menschen seine Be- gierden zu daͤmpffen/ sehr schlecht und ge- ringe/ auch viel zu unzulaͤnglich sey/ den Menschen aus seiner Unruhe heraus zu reis- sen/ und zur wahren Gluͤckseligkeit der Gemuͤths- Ruhe und vernuͤnfftigen Liebe zu bringen/ aber daß doch nichts destoweniger die vernuͤnfftigen Lehr-Saͤtze von der Daͤmpffung der Ge- muͤths-Neigungen des vorigen Hauptstuͤcks nicht gantz und gar muͤste aus d en Augen ge- setzet werden. 7. Was das erste betrifft/ so wird ein jeder Mensch bey sich befinden/ daß/ so leichte und rai- sonable ihm die Lehr-Saͤtze des vorigen Capitels vor- der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. vorkommen/ wenn er andern ihre Fehler cor- rigir en und ihnen Rath geben soll/ so zweiffel- hafft oder schwer sie ihm vorkommen werden/ wenn er solche soll auf sich selb- sten applicir en. Was hilfft es einen Pa- tienten/ wenn er gleich fuͤhlet/ daß er sehr kranck ist/ wenn er gleich begreifft/ daß die Artzney wi- der seine Kranckheit dienlich ist/ wenn er dabey einen Eckel fuͤr derselbigen hat/ oder wenn seine Kranckheit so starck ist/ daß sie die Artzney nicht bey ihm leidet/ sondern ihn zwinget/ sie wieder von sich zu brechen? Zu geschweigen/ daß es noch schlimmer ist/ wenn er zwar die Medicin wohl verstehet/ aber sich durchaus beredet/ er sey nicht der Patient/ sondern er sey gesund/ und der Medicus, der ihn curir en wolle/ sey kranck. Denn es werden ja insgemein solche Patienten fuͤr die gefaͤhrlichsten gehalten/ die ihre Kranck- heit nicht fuͤhlen. Nun haben wir aber im vorigen Cap. n. 10. \& 29. in sine. gesagt/ daß ein Mensch/ der seine Begier- den daͤmpffen wolte/ einen Vorsatz sich zu bessern/ und eine rechtschaffene attention mitbringen muͤste/ und daß ihm diese kein Mensch geben koͤnne. Wer wil ihm aber diese attention und Vorsatz geben/ wenn ihm kein anderer Mensch dieselbe geben kan/ und wie wil er dannenhero sich anschicken/ die herrschende Passion zu daͤmpffen/ und sie aufzusuchen/ wie wir im vorigen Haupt- stuͤck n. 3. 4. \& seqq. zufoͤrderst præsupponirt haben? Er selbst J i 3 ist Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit ist ja unmoͤglich geschickt hierzu/ indem es sehr schwer hergehen wird/ daß er fuͤr sich erkenne/ daß ein boͤser Affect seine herrschende Passion sey/ oder daß das/ was ihn beherrschet/ durchgehends boͤse sey. Denn wir ja oben c. 1. n. 26. seq. weitlaͤufftig ge- wiesen/ daß bey den Menschen der Verstand nicht den Willen/ sondern der Wille den Ver- stand regiere. Und weil demnach dasjenige/ was in seinem Willen herrschet/ boͤse ist/ und aber den Verstand einnim̃t/ daß derselbe solches vor gut haͤlt/ wie wil der Verstand die Kraͤffte kriegen/ dieses sein herrschendes Wesen anzu- feinden/ und fuͤr schlimm zu halten? Wo wil er attention hernehmen/ dasselbe auszuspuͤren? Es ist nicht genung/ daß man ihn aus dem vori- gen Capitel n. 7. convincir et/ wie er durch boͤse Gewohnheit seine Natur noch schlimmer ge- machet/ wenn seine herrschende Begierde/ die nichts anders als sein Wille selbst ist/ eben/ weil sie ihn beherrschet/ ihn hindert/ daß er nimmer- mehr dieses sein boͤses Wesen in dem Grund fuͤr so boͤse halten wird/ als es andere anse- hen. Alles was wir lieben/ das halten wir fuͤr gut/ wenn wir gleich zuweilen nach der Abkuͤh- lung unserer Begierden dessen Heßligkeit erken- nen. Denn es verschwindet diese Erkaͤntnuͤß bald wieder/ wenn die Begierde durch innerli- che oder aͤusserliche Reitzungen wieder zu herr- schen anfaͤngt. Denn da muß die vorige Erkaͤnt- nuͤß der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. nuͤß so lange als die Begierde tobet/ vor thoͤricht/ und die gegenwaͤrtige/ so von dem boͤsen Affect dirigir et wird/ vor klug und weise gehalten wer- den. Und also ist alles vergebens/ was wir im vorigen Hauptstuͤck n. 8. \& seqq. weitlaͤufftig von der A usfor s chung der herrschenden Passion, fuͤr Lehr-Saͤtze gegeben haben/ indem der Mensch selten/ oder niemahlen geschickt seyn wird/ selbi- ge zu practicir en/ zumahl wir selbst oben cap. præced. n. 14. ge- standen haben/ daß in Untersuchung des herr- schenden Affects derselbe uns leichtlich hinterge- hen werde/ und stehet also dahin/ ob die Regel von der gewoͤhnlichen Belustigung unserer Ge- dancken ibid. n. 15. ihm zu seinem Vorhaben viel helffen werde. 8. Gehet es aber so schwer mit der blossen Erkaͤntnuͤs im Verstande zu/ den herrschenden Affect zu untersuchen/ wie wil es erst mit der Attaque desselben selbst werden/ und wie wil ein Mensch/ der von seinen Begierden beherr- schet wird/ vermoͤgend seyn/ sich eines solchen zu unterfangen? Wie wil er die Regeln/ die wir wider die Vorurtheile der Nachahmung und Uberlegung gegeben haben/ cap. præced. n. 17. \& seqq. recht- schaffen ins Werck setzen? Muß er nicht allemal gewaͤrtig seyn/ daß er denenselben nicht weiter Statt geben werde/ als/ so ferne dieselbi g en nur andere Menschen/ aber ihn nicht selbst an- J i 4 ge- Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit gehen? Oder muß er sich nicht befahren/ dafer- ne er ja dieselbigen gute Betrachtungen auch auf sich applicir en moͤchte/ daß dennoch solches nicht weiter geschehen werde/ als so ferne dieselbe nur seine geringeren Begierden/ nicht aber die herr- schenden angehen/ und daß sich diese allemahl unter den Deckmantel einer Schein-Tugend verkriechen werde? 9. Gesetzt aber/ daß auch dieses angehen moͤchte/ so ist es doch nur alles noch eine Vorbe- reitung der Bestreitung des herrschenden Affects, und gehet auch noch dem Verstand mehr als dem Willen an. Wenn es zum Werck selbst koͤmmt/ und wenn er nach Anleitung der obigen Lehr- Saͤtze/ cap. præced. n. 20. 21. der herrschenden Begierde durch Meidung boͤser Gesellschafft und anderer Gelegenheit die Nahrung entziehen/ und durch Befleißigung gut e r Gesellschafft und Ubung tugendhaffter Thaten die vernuͤnff- tige Liebe erheben soll; Wie wil es da wer- den? Wille muß durch Wille bestritten werden/ und wenn wir tugendhafft werden wollen/ muß ein guter Wille den boͤsen Willen bestreiten. Wo wil er aber den guten Willen hernehmen/ in- dem er noch in dem Stande ist/ daß er den herr- schenden boͤsen Willen fuͤr was Gutes haͤlt/ und da der gute Wille von dem boͤsen annoch ge- fesselt gehalten wird? Wie wil er boͤse Gesell- schafft und die Reitzungen seines herrschenden Af- der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. Affects fliehen/ da er noch mit dem Hertzen an derselben Gesellschafft und an denenselben Reitzungen haͤngt? Wir haben zwar oben c. 12. n. 19. gelehret/ daß auch ein geringer Affect durch ein Object so starck koͤnne gereitzet werden/ daß er/ so lange die Reitzung dauret/ den gerin- gen Affect starck anfeure/ und wir nach selbigen unsere Thaten einrichten. Aber auch dieses wird der Daͤmpffung des herrschenden Affects wenig schaden. Denn wo wollen wir tugend- haffte Leute finden/ die das kleine Fuͤnckgen der vernuͤnfftigen Liebe/ das bey uns ist/ starck anfeuren solten/ da wir oben c. 12. n. 38. seqq. gelehret haben/ daß kein Mensch auf der Welt recht tugend- haft sey? ja wie wollen wir tugendhafte Leute fin- den/ wenn selbige gleich in der Welt wehren/ in- dem wir sie nicht kennen koͤnnen/ weil wir ihnen so ungleich sind? Wir werden sie in diesem Zu- stande fuͤr Thoren und Narren halten/ weil sie so gar weit von unsern Begierden entfernet seyn m uͤss en. Wir werden sie vor Verfuͤhrer und Betruͤger halten muͤ ss en/ und wenn es hoch kommt/ werden wir diejenigen/ die unserm Af- fect sehr nahe kommen/ an Statt unserer vo- rigen Gesellschafft erkiesen/ indem es natuͤrlich und gewiß ist/ daß wir das Lieben/ was uns gleich koͤmmt/ und das Hassen/ was von unse- Begierden entfernet ist. Also wird es dahinaus lauffen/ daß wir diese vor tugendhafft halten J i 5 wer- Das 14. H. von der Unzulaͤngligkeit werden/ bey denen der uns beherrschende Af- fect zwar auch die Oberhand hat/ aber diesel- ben solchen nicht in so aͤusserlich grobe Thaten/ vielleicht wegen einer andern Mixtur ausbrechen lassen. Oder wenn es hoch kommt/ werden wir auf solche Gesellschafft fallen/ bey denen unser anderer lasterhaffter Affect die Oberhand hat/ und un s er Oberster die andere Stelle ver- tritt. 10. Ja wie wollen wir vermoͤgend seyn/ durch Ubung tugendhaffter Thaten die vernuͤnfftige Liebe zu erheben/ da wir noch nicht tugendhafft sind/ sondern von denen La- stern beherrschet werden/ und durch solche Tha- ten erst tugendhafft werden/ und den herrschen- den Affect dadurch bestreiten wollen. Dieses heisset ja die Pferde hinter den Wagen gespan- net. Wer wolte den Rath eines Medici fuͤr ver- nuͤnfftig und practicabel halten/ wenn er einem Patienten/ der an dem Podagra starck laborire- te/ rathen wolte/ er solte immer allmaͤhlig sich uͤben/ daß er auf seine Fuͤsse trete/ und in der Stuben herum gehe/ oder der einem Krancken/ der einen sehr verderbten Magen haͤtte/ riethe/ er solte noch bey herrschender Kranckheit sich im- mer nach und nach angewehnen/ z. e. ein gut Stuͤcke Rindfleisch oder rohen Schincken zu essen? Wuͤrde er nicht dadurch uͤbel aͤrger ma- chen/ und alle gute Cur verderben? 11. Dan- der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. 11. Dannenhero wuͤrde ein Mensch/ der nach der Vernunfft seine herrschende Begierde daͤmpffen wolte/ nicht weiter kommen koͤnnen/ als daß er dann und wann etwan die Gele- genheit/ die herrschende Begierde auszu- uͤben/ meidete/ und zuweilen eine Gelegenheit etliche Thaten/ die der s elben entgegen gese- tzet weꝛden/ auszuuͤbẽ suchte. Aber zu geschwei- gen/ daß auch dieses ihn offte truͤgen wuͤrde/ indem wir oben c. 12. n. 24. seq. gelehret/ daß ein Mensch sich selbst die Gelegenheit nach seinem Gefallen nicht ver- schaffen koͤnne/ sondern daß wir oͤffters in Gele- genheiten fallen/ die wir nicht suchen/ und die- jenigen/ so wir suchen/ nicht finden/ s o wuͤrde doch alles aufs hoͤchste dahinaus lauffen/ daß ein Mensch seinen herrschenden boͤsen Affect und de ss elben Thun und Lassen/ durch Anfeurung des andern oder dritten lasterhafften Af- fects, ein wenig milderte/ und z. e. den Neid seines Geld-Geitzes durch die Weichhertzig- keit seiner Wohllust/ oder die unvernuͤnfftige Unverschamheit des Geld-Geitzes/ durch die spitzfuͤndige Erbarkeit des Ehr-Geitzes/ oder die Grausamkeit des Ehr-Geitzes/ durch die Furcht der Wohllust/ oder die Unverscham- heit der Wohllust/ durch die Ehrgeitzige Furcht der S chande/ oder endlich die Thaten beyde der Wohllust und des Ehr-Geitzes durch die miß- traui- Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit trauische Furcht des Geld-Geitzes mildern/ oder auf eine Zeit lang verbergen. 12. Was wuͤrde nun dieses aber einem Men- schen/ der die Tugend suchte/ helffen? indem er hierdurch nichts anders zu wege bringet/ als daß er von einem Laster in das andere fiele. Oder wenn es hoch kaͤme/ wuͤrde aus aller Phi- losophi schen Besserung und Applicir ung ver- nuͤnffti g er Kunst-Regeln nichts anders als eine Heucheley entstehen/ und er mit aller seiner Muͤhe sich nicht mehr als aufs hoͤchste eine Schein-Tugend zu wege bringen. Denn wir haben oben c. 12. n. 3. seq. n. 6. seq. deutlich gezeiget/ daß die starcken Mixtur en des Ehr-Geitzes und der Wol- lust/ oder des Ehr- und Geld-Geitzes/ solche Schein-Tugenden und Heucheley zu wege bringen. 13. Wiewohl auch unsere obige Lehren uns dieses nicht ein m ahl bestaͤndig hoffen lassen/ indem wir gezeiget haben/ c. 12. n. 19. daß die Reitzung einer geringeren Passion nicht laͤnger daure/ als so lange das Object, so solche anfeuret/ gegen- waͤrtig sey/ und daß alsdann/ wenn dieses Ob- ject nicht mehr gegenwaͤrtig ist/ die sonst herr- schende Passion widerum unser Hertz/ Sinn und Gedancken regiere. Ja/ ob schon unsere herr- schende Passion nicht allemahl sich Gelegenheit schaffen moͤchte/ ihre unendliche Begierde nach Wunsch zu saͤttigen/ so weisen doch gleichfalls obige der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. obige Lehren/ c. 12. n. 58. 59. daß es ihr niemahlen oder gar selten an Gelege n heit ermangeln werde/ sich zu staͤrcken/ und in der Herrschafft so wohl uͤber die vernuͤnfftige Liebe/ als uͤber die geringern la- sterhafften Gemuͤths-Neigungen zu erhalten. 14. Weil nun so wenig Hoffnung da ist/ daß ein Mensch die Regeln der Artzney wider die unvernuͤnfftige Liebe sich applicir en/ oder recht- schaffene lectiones, die Laster zu bestreiten/ er- lernen/ und sich darinnen uͤben koͤnne/ so folget daraus fuͤr sich selbst/ daß er nimmer in einem Stand seyn werde/ die Regeln der vernuͤnff- tigen Kunst auszuuͤben/ die wir oben c. 14. n. 22. seq. gegeben haben/ wie ein Men s ch nach ge- brauchter Artzney und geuͤbten Lectionibus, sich bemuͤhen und pruͤfen solle/ ob er s einen vorigen Reitzungen Widerstand zu thun vermoͤgend sey. Denn wie wil derjenige fech- ten/ der sich so ungeschickt erkennet/ daß er keine Lection erlernen kan? Und wie wil derjenige sich wagen/ das zu thun/ was gesunde Leute thun/ der von Geburt an eine gantz verderbte Leibes- Constitution gehabt/ die ihn verhindert die Artzney zu gebrauchen? Zudem haben wir dabey erwehnet/ daß ein Mensch im Gebrauch dieser Pruͤfung sich wohl in acht nehmen muͤsse/ daß er sich an sehr starcke Reitzungen nicht wage/ sondern nur an solche/ die nicht viel staͤrcker sind als sein Vermoͤgen: Wie etwan einer/ der con- tra Das 15. H. von der Unznlaͤngligkeit tra fechten wil/ sich nicht alsobald an einen macht/ der der Staͤrckste auf dem Boden ist/ sondern an einen/ der ihm fast gleich ist/ und ein Patien- te nicht so fort bey verspuͤreten Kraͤfften/ starcke Arbeit verrichtet/ sondern erst z. e. mit spatziren gehen sich an die Lufft macht. Wo wil aber ein Mensch in der Probe seiner Kraͤffte das Object nach seinen Gefallen waͤhlen koͤnnen/ da wir gelehret/ c. 12. n. 24. daß er sich die Gelegenheit nicht machen koͤnne/ wie er wolle/ und daß er augen- blicklich auf unzehlige Art und Weise mit Rei- tzungen seines Affects umgeben sey? c. 12. 58. 59. Und also wird er sich niemahlen getroͤsten koͤnnen zu uͤberwinden/ sondern allemahl unten liegen. Ja wenn er schon etwan durch irritir ung seines an- dern Affects den herrschenden eine Zeitlang im Zaum gehalten haͤtte/ wird er sich doch vernuͤnff- tiger Weise befahren muͤssen/ daß bey erfolgter Probe oder bey der sonst wider seinen Willen sich ihm præsentir enden Gelegenheit/ er noch staͤr- cker an dasselbige Object, daran er sich pruͤfen wil/ hangen und in desselben Fessel gerathen werde/ eben deshalben/ weil seine Begierde bisher angehalten worden. Alle Begierden sind gleichsam ein Hunger und Durst der Seelen. Je mehr man aber seinen Hunger und Durst anhaͤlt/ je mehr faͤllet er hernach die Spei- se und Tranck an/ und je weniger kan er sich her- nach darinnen maͤßigen. Es weisen es die taͤg- lichen der vern. Kunst/ die Affect. zu daͤmpffen. lichen Exempel/ daß eben deshalben naͤrrisch verliebte Leute manchmahl miteinander brechen/ weil die Enthaltung auf eine Zeitlang ihre Be- gierden desto bruͤnstiger macht. Und also ist es hoͤchst falsch und ein handgreifflicher Jrrthum/ wenn Cartesius lehret: daß dieses eine Gene- ral- Regel wider alle Gemuͤths-Neigungen sey/ daß ein Mensch bey Empfindung der- selben sein Urtheil suspendir en/ und die T hat bis zur Zeit der Ruhe aufschieben solle/ in- gleichen/ daß nach der gemeinen Lehre der Wille des Menschen seinem Wesen nach/ indif- ferent sey zum Guten und Boͤsen/ und er einen freyen Willen habe. conf. suprà §. 4. 5. 15. Nunmehr aber ist gar leicht zu zeigen/ wie die herrschende Passion den Menschen hinde- re/ daß er die auf jede Passion insonderheit applicir te Regeln des vorigen Hauptstuͤcks nicht ausuͤben koͤnne. Wenn die Wohllust bey ihm herrschet/ conf. cap. præced. n. 26. wird dieselbe ihn stets an- treiben/ daß er die Nuͤchternheit und Keuschheit/ wo nicht fuͤr Laster/ doch fuͤr Narrheit halte/ und die empfundene Suͤßigkeit und Lust wird ihn hin- dern/ das Boͤse der Wohllust nie gruͤndlich zu erwegen. Ja/ er wird eben deshalben die Ver- drießligkeit die mit Empfindun g der Wohllust ohnmittelbar vergesellschafftet ist/ nicht vor Ver- drießligkeit halten/ sondern sich bereden/ es sey ein Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit ein noͤthiges Stuͤck derselben/ indem Veraͤnde- rung Lust bringe/ und zum Exempel verliebte Leute durch ihr oͤffteres Zancken ihre Liebe/ ihrer Einbildung nach/ nur immer verneuren. Er wird ja wohl endlich die Gefahr seiner Gesund- heit erkennen/ aber er wird entweder auf eine thoͤrigte Weise verlangen/ der Gefahr zu entge- hen/ ohne die Ursache derselben zu meiden/ oder aber/ er wird sich bereden/ daß es bey ihme kei- ne Gefahr habe/ indem er sich entweder verge- bens troͤstet/ daß er es nicht so grob machen/ oder in Zukunfft eine Zeit setzet/ in welcher er seine Begierde unterlassen wolle. Er hat keine Ge- dult zu einiger reiffen Uberlegung/ geschweige denn zu derjenigen/ die seine Lust angreiffen sol- te. Er kan die Gesellschafft nicht meiden/ son- dern wird kranck/ und stehet grosse Marter aus/ wenn er sich derselben entziehen wil. Die Ge- sellschafft anderer Menschen/ als Ehrgeitziger und Geldgeitziger/ ist ihm verdrießlich. Er kriegt geschwinde Blasen/ wenn er arbeiten wil. Er ist wanckelmuͤthig. Er trauet durch seine natuͤr- liche Præcipitanz seinen Kraͤfften zu viel zu/ und wird/ so bald er wieder dazu koͤmmt/ ploͤtzlich ge- fangen. 16. Wo Ehr-Geitz herrschet/ cons. c. præced. n. 27. wird selbiger den Menschen hindern/ daß er die Eitel- keit der Menschlichen Ehre/ das Vergnuͤgen des Mittel-Standes/ den Verdruß bey der Ehre/ und der vern. Kunst/ boͤse Affect. zu daͤmpffen. und die schaͤdlichen Wuͤrckungen der Ehr-Sucht nicht erkennen/ oder durch seine Scharffsinnig- keit und List dieselben zu vermeiden/ sich bereden wird. Wohlluͤstige und Geldgeitzige Leute kan er nicht leiden/ und ohne Gesellschafft anderer Ehrgeitziger zu seyn ist ihm ohnmoͤglich/ ja er wuͤrde lieber/ ich weiß nicht was/ thun/ als den Hof meiden. Und wenn er schon geringen und unvermoͤgenden Menschen dienen solte/ wuͤrde doch sein Ehr-Geitz in deren Ruhm sein Vergnuͤ- gen suchen. 17. Endlich dem Geld Geitzigen conf. c. præced. n. 28. wird sein ohne dem schlechtes judicium nicht einmahl zulassen/ daß er sich fuͤr Geldgeitzig halte/ wie dann kein Laster die eigene Erkaͤntnuͤß mehr hin- dert/ als der Geitz/ da die Wohllust fein unver- schaͤmt ihr Thun und Lassen gestehet/ der Ehr- Geitz aber gar dieselbe vor Tugend ausgiebet. Und wenn er ja dessen beredet werden solte/ wird ihn doch sein temperament noch mehr hindern/ die Eitelkeit des Reichthums und die Vergnuͤg- samkeit bey wenigem/ die Verdrießligkeit der Geitzigen/ und ihr elendes Ende zu behertzigen. Er hat zwar auch an der Gesellschafft geitziger Leute keinen Gefallen/ und sucht lieber Wohl- luͤstige und Ehr-Geitzige; Aber er kan die Gesell- schafft der Geitzigen nicht missen/ weil die am meisten schachern/ und wenn er sich dem Gewer- be entziehen wolte/ wuͤrde es eben so viel seyn/ K k als Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit als wenn ein Fisch ausser dem Wa ss er leben wol- te. Freygebige Thaten zu uͤben/ wuͤrde eben so viel seyn/ als ihn zu foltern/ und Dienste zu lei- sten/ wovon er keine Vergeltung zu hoffen hat/ wuͤrde eben seyn/ als wenn ein contracter Mann aufgerichts gehen wolte. 18. So unzulaͤnglich aber als die vernuͤnff- tige Kunst auch ist/ so muß man doch dieselbi- ge nicht gaͤntzlich verachten/ und aus denen Augen s etzen. Denn es weiset die taͤgliche Er- fahrung/ daß der noch bey einem jeden Menschen verhandene Funcken der vernuͤnfftigen Liebe denselben offt und taͤglich erinnert/ und ihn we- gen seines Thun und Lassens bestrafft. Und ob wohl ein Mensch nicht vermoͤgend ist/ die herr- schende Begierde zu daͤmpffen/ auch gar selten capabel ist/ der starcken Reitzung Widerstand zu thun/ daß sie nicht in aͤusserliches Thun und Lassen heraus brechen solte/ wenn ihn nicht die Furcht einer andern lasterhafften Passion zuruͤcke haͤlt/ so ist er dennoch vermoͤgend/ aus freyem Willen immer mehr Boͤses zu thun/ und durch muthwillige Suchung der Gelegenheit/ und freywillige Neigung zu denen Thaten/ die seinen Affect noch mehr staͤrcken/ denselben mehr zu reitzen/ und also schlimmer zu werden; Jngleichen/ daß/ wann er schon offte vorher sie- het/ daß er was thun werde/ das ihm hernach selbst leid ist/ und daß er wohl manchmahl Ge- legenheit zu verfallen meiden koͤnte/ wenn er sich der- der vernuͤnfft. Kunst/ boͤse Affect. zu daͤmpff. derselben in Zeiten/ und da seine Passion noch nicht so sehr gereitzet worden/ enthielte/ er den- noch oͤffters ohne starcken Antrieb sich resol- vir et/ wider diese vernuͤnfftige Begreiffung zu thun; Daß er/ wenn ihm GOtt Gelegenheit entziehet/ nach seinen herrschenden Begierden zu thun/ und oͤffters durch seine Goͤttliche Gna- de und Vorsorge den geringen Funcken der ver- nuͤnfftigen Liebe anfeuret/ die herrschende Pas- sion mit gutem Success zu bestreiten/ er entwe- der zornig druͤber wird/ und dieses sein von Gott ihm zugeschicktes Gluͤcke fuͤr ein Ungluͤcke haͤlt/ und die Wege der Goͤttlichen Vorsehung/ die doch nach der obigen Lehre/ cap. 12. n. 27. \& n. 50. seq. von vielen Hey- den erkennet/ und aus gantz vernuͤnfftigen Ur- sachen demonstrir et worden/ nicht betrachtet/ sondern derselben widerstehet/ oder sie denen Kraͤfften seines gantz verderbten Willens zuschrei- bet u. s. w. 19. Wie ihm nun dieses alles zu erkennen giebet/ daß er fuͤr sich selbst zwar nicht vermoͤ- gend sey/ besser zu werden/ als er von Jugend auf gewesen; Aber doch/ daß er durch muth- willige Unachtsamkeit und freyen Willen schlim- mer worden/ als er in seiner Jugend gewesen/ und also auch vermoͤgend sey/ diese muthwilli- ge und freywillige Widerstrebung zu un- terlassen/ und nicht ferner/ so zu reden/ gleich- sam Sporen-streichs in noch ein groͤsseres Un- K k 2 gluͤck Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit gluͤck hinein zu rennen; Also wird er doch die Sitten-Lehre darzu gebrauchen koͤnnen/ daß er erkennet/ wie er hierdurch zu solcher Erkaͤntnuͤß kommen/ und also noch liederlicher als vorher/ und noch muthwilliger seyn wuͤrde/ wenn er nun- mehro noch ferner in dieser seiner erkanten Un- achtsamkeit und Boßheit/ derer er convincir et worden/ fortfahren wuͤrde. Ein Krancker/ dem alle Medici sein Leben absagen/ und daß er es etwan uͤber drey Jahr nicht treiben koͤnte/ wenn er sich diæt halte/ daferne er es aber nicht thue/ ihm sein Prognosticon kaum auf einen Monat setzen/ wird doch thoͤricht handeln/ wenn er in seine Natur hinein stuͤrmen/ und keine gute Diæt brauchen wolte/ und ein anderer Patiente/ dem ein Fieber so feste eingewurtzelt waͤre/ daß er sich Zeit seines Lebens mit schleppen muͤste/ wuͤrde doch unvernuͤnfftig seyn/ wenn er die Recepte nicht gebrauchen wolte/ durch die ihm ein Medi- cus verspraͤche/ entweder die taͤglichen Paroxy- smos zu verwandeln/ daß sie uͤber den andern oder dritten Tag erst kaͤmen/ oder doch zum we- nigsten dererselben Hefftigkeit zu mindern. 20. Solcher Gestalt aber wird eine andre schaͤdliche und gefaͤhrliche Meinung gemie- den/ die alle fundamenta imputationis facto- rum, und alle Gerechtigkeit derer Straffen auf- hebet/ und behaupten wil/ daß der Men s ch al- les/ was er thue/ aus einer unw i edertreib- lichen Nothwendigkeit verrichte/ und ihm schlech- vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. schlechter Dings unmoͤglich sey/ anders zu thun/ daraus dann entweder hernach ein fatum Stoi- cum, oder doch ein schrecklicher Concept von GOttes Wesen/ als ob selbiges tyranni s ch oder unvermoͤgend sey/ formir et wird/ der den naͤchsten Weg zur Atheister ey bahnet. Denn nach denen bisherigen Demonstration en siehet man gantz offenbar/ daß denen Menschen/ wegen ihres freyen Muthwillens/ ihr Thun und Lassen gar wohl imputir et werden/ und sie deshal- ben bestraffet werden koͤnnen/ und daß die von denen Gesetzen ihnen gesetzte Straffen ihnen eine Furcht einjagen/ durch deren Betrachtung ih- nen/ wo nicht der Wille/ doch die Gelegenheit zuweilen benommen wird/ nach ihren herrschen- den Passion en zu thun/ wie etwan ein Medicus einen ungezogenen Patienten/ der alles schaͤdli- ches essen und trincken wil/ oͤffters durch eine er- regte Furcht der Gefahr oder Todes von diesen seinen boͤsen Begierden abhaͤlt. Wiewohl of- fenbar/ daß durch diese Furcht kein Mensche fromm oder tugendhafft gemacht wird/ son- dern im Grunde boͤse bleibet/ und daß alle diese Furcht nicht zulaͤnglich ist/ wenn ein Mensch ver- leitet wird/ und sich beredet/ er wolle sein Thun heimlich machen/ oder es werde der Richter ihn nicht straffen: Daß also auch die Straff-Ge- setze und aller Zwang nichts mehr als Heuchler zu machen geschickt seyn. Es waͤre zwar auch hierbey von denen Menschlichen Straff-Ge- K k 3 setzen Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit setzen und derer Ausuͤbung viel zu erinnern/ indem auch dieser Theil der Jurisprudenz von der Fussolen bis auf das Haupt verdorben ist; Aber weil dieses mehr zu einer andern Disciplin als zur Sitten-Lehre gehoͤret/ als wollen wir uns dabey nicht aufhalten. 21. Doch kan ich den gemeinen Jrrthum der Sitten-Lehre/ wie solche uͤberal getrieben wird/ unerinnert nicht lassen; Daß nemlich auch die gesunde Vernunfft/ und die obigen Demon- strationes weisen/ daß zwar dem Menschen sein Thun und Lassen zur Straffe koͤnne imputir et werden; Aber daß er gantz und gar nicht ein L ob verdienen koͤnne/ wenn er etwas Gutes thue. Denn (1.) thut er nach seiner Natur nichts Gutes/ sondern lauter Boͤses/ nur daß ein Boͤses nicht so schaͤdlich scheinet als das an- dere. (2.) Wenn er seinen Willen also gebraucht/ daß er seinem Muthwillen nicht folget/ und nicht so gar schlimm ist/ als er wohl seyn koͤnte/ da- durch verdienet er so weni g Lob/ als ein Dieb/ der nur hundert Thaler gestohlen/ da er tau- fend zu stehlen Gelegenheit gehabt. Conf. Henr. Morus in Schol. ad lib. 3. c. 1, Sect. 2. Enchir. Ethic. So verdienet auch (3.) der Wohlluͤstige kein Lob/ wenn er nicht so Ehrgeitzig ist als der Ehrgeitzige/ noch der Ehr-Geitzige/ wenn er nicht so Geld- geitzig ist als der Geld-Geitzige/ noch der Geld- Geitzige/ wenn er nicht so wohlluͤstig ist als der Wohl- der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. Wohlluͤstige; Weil keiner von diesen aus Will- kuͤhr so ist/ sondern nach dem Trieb seiner herr- schenden Passion. (4.) Wenn durch die Goͤtt- liche Vorsehung ein Mensch gehindert worden/ daß er die Gelegenheit nicht gefunden zu suͤndi- gen/ die er wohl gesucht/ ist wiederum kein Grund da/ warum man ihn loben/ und nicht vielmehr GOTT preisen wolte. (5.) Haͤtte er gleich in einem geringen Grad etwas Gutes ge- than/ so haͤtte er doch noch lange nicht alles ge- than/ was ihm auch die Vernunfft sagt/ daß er zu thun schuldig sey. Wer wolte nun aber sa- gen/ daß ein boͤser Schuldner ein Lob verdiene/ der etwan den tausenden Theil seiner Schuld ab- zutragen anfaͤngt. (6.) So nutzet auch das Menschliche Lob zu nichts anders/ als die Leute hoffaͤrtig zu machen/ und ihren Ehr-Geitz zu staͤr- cken/ oder ihre Wohllust und Geld-Geitz durch die Anfeurung ihres Ehr-Geitzes zu verhindern/ daß sie nicht allemahl so starck ausbrechen. Diese Anmerckung aber ist so viel mehr noͤthig/ weil diejenigen/ die auf hohen und niedern Schulen/ oder auch auf einer heiligen Catheder dieselbe einschaͤrffen solten/ die gegenseitige schaͤdliche Lehre mit Worten und Wercken vertheidigen/ und weil man in einem Seculo lebet/ da alles/ absonderlich aber die Schulen/ mit mehr als Heydnischen schmeichlerischen Panegyricis an- gefuͤllet seyn/ und da sich Evangelische Theolo- gi, ja gantze Ministeria nicht schaͤmen/ in oͤffent- K k 4 lichen Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit lichen Schrifften zu lehren/ daß diese unsere Leh- re/ damit man doch einen erbaren Heyden con- vincir en koͤnte/ gottloß und Anti- Christisch sey. 22. Wann nun also der Men s ch/ der sein Elend/ darinnen er steckt/ gewahr worden/ und auch erkennet/ daß er unvermoͤgend sey/ die Mit- tel des vorigen Hauptstuͤcks zu practicir en/ fleis- sig auf sich Achtung giebet/ und sich huͤtet/ nicht so in Tag/ wie vorhin geschehen/ hinein zu ren- nen/ auch manchmahl/ wenn er versucht/ ob er es nicht weiter bringen koͤnne/ seines Elendes und Unvermoͤgens immer mehr und mehr wuͤrcklich convincir et wird; So kan man leicht gedencken/ daß er daran wenig Freude haben werde/ son- dern nothwendig betruͤbt werden muͤsse/ und daß die Philosophie oder die Sitten-Lehre ihn nicht troͤsten koͤnne. Aber dieses ist de- sto besser/ zu erweisen/ daß man die Lehr-Saͤtze des vorigen Hauptstuͤcks nicht veraͤchtlich halten muͤsse/ eben weil sie uns zwar zeigen/ wie die Menschlichen Affect en gedaͤmpfft werden solten/ aber zugleich auch dahin fuͤhren/ daß sie durch unser natuͤrlich Vermoͤgen nicht gedaͤmpfft wer- den koͤnnen/ sondern daß wir dieses Vermoͤgen und den Trost auf unser Betruͤbnuͤs von einer hoͤhern und heiligern Wissenschafft erwarten muͤsten. Und dieses ist nun auch unter andern ein Kennzeichen mit/ daß unsere Sitten- Lehre die rechte Probe aushalte. Alle wah- re Philosophie soll nichts anders seyn/ als daß sie der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. sie den Menschen gleichsam mit der Hand zur wahren Theologie leite/ und das Licht der Natur ist gleichsam wie ein Wachs-Licht/ das ein in einem finstern Keller versperrter Mensch (der sich in der Finsternuͤß felbst sehr verirret/) hat/ sich damit an eine starcke verriegelte Thuͤre zu leiten/ durch die das Tages-Licht/ wiewohl sehr dunckel/ durchscheinet/ und das er hernach nicht mehr braucht/ sondern von sich wirfft/ wenn er durch die Gnade des Thuͤrhuͤters an das Ta- ges-Licht gelanget ist: Wo demnach die Sit- ten-Lehre aufhoͤret/ da supplir et die Goͤttli- che Weisheit dero Defect und Mangel. Die Sitten-Lehre gehet nicht weiter/ als daß sie den Stand der Bestialit aͤt dem Menschen zu er- kennen giebt/ und ihn von dar zu dem Stand der Menschheit leitet. Wie er aber von der Mensch- heit und blossen Vernunfft ab- und zum wahren Christenthum geleitet werden solle/ das zeiget die Heilige Schrifft/ und darzu hilfft ihm die Goͤttliche Gnade. 23. Zum wenigsten wird doch diese Sitten- Lehre auch in diesem Hauptstuͤcke so beschaffen seyn/ daß sie auch den j ungen Leuten nuͤtze/ und zwar um so viel desto mehr/ weil sie nicht weiter gehet/ als das Elend und das Unver- moͤgen des Menschen zu erkennen zu geben. Je juͤnger die Leute sind/ je weniger Præjudicia haben sie/ und je weniger Reitzungen und Practi- cir ungen ihrer boͤsen natuͤrlichen Neigung ha- K k 5 ben Das 15. H. von der Unzulaͤngligkeit ben sie erfahren/ und je weniger ist dieselbe ein- gewurtzelt/ da es hingegen durch die boͤse Ge- wohnheit noch schwerer wird/ je aͤlter man ist/ sein Elend/ geschweige dann/ das natuͤrliche Un- vermoͤgen zu begreiffen. Je juͤnger man ist/ je schwerer gehet man hernach von der sich selbst ge- lassenen Vernunfft ab/ und je unschmackhaff- ter wird einem die in der Schrifft verborgene Goͤttliche Weisheit. 24. Aber waͤre es denn nicht besser/ daß man die Kinder von Jugend auf unmittel- bar an die Heilige Schrifft in Einfalt wiese/ und ohne weitlaͤufftiges und subtiles raisonir en in aller Kuͤrtze die bisherigen Lehren daselbst ih- nen zeigete und einschaͤrffte? Ja freylich. Aber das geschiehet leider nicht/ sondern das uͤberall unter denen Christen/ auch unter denen Evan- gelischen/ herrschende Heydenthum steckt in dem Haupt-Jrthum/ als wenn die Heilige Schrifft nicht Philosophi sche/ sondern Theologi sche Dinge tractir ete/ gleich als ob zweyerley unter- schiedene Weisheiten waͤren/ oder gleich als wenn die Erkaͤntnuͤß der Creaturen uns nicht auch nach dem Fall zu der Erkaͤntnuͤß des Schoͤpffers leiten solte/ andre handgreiffliche Absurditæt en zu geschweigen. Solcher Gestalt aber wird die zarte Jugend auf Heydnische Scribenten gefuͤh- ret/ und also auch auf Heydnische Weise von GOtt abgefuͤhret/ bis etwa GOtt sich uͤber die- sen und jenen erbarmet/ und ihn aus dem Elend aus der vern. Kunst/ die Affect en zu daͤmpffen. aus Gnaden heraus ziehet. Derowegen ist auch diese meine Ethic nicht fuͤr die zarte Ju- gend/ sondern fuͤr die Erwachsene/ theils Ver- fuͤhrte/ theils Verfuͤhrer geschrieben. Fuͤr jene/ daß sie in sich gehen/ und fuͤr denen gemei- nen schaͤdlichen Lehren sich huͤten; Fuͤr diese/ daß/ wenn sie aus Unwissenheit bishero gesuͤn- diget haben/ sie diese ihre Unwissenheit bessern/ und GOtt die Ehre geben/ ihr Elend zu erkennen/ wie ich denn hierbey selbst GOtt die Ehre gebe/ und bekenne/ daß ich fuͤr weniger Zeit/ da ich schon eine gute Zeit an diesem andern Theil zu arbeiten angefangen hatte/ in dem Vorurtheile noch gesteckt/ daß ich mich die gemeine nichts be- deutende Distinction unter Philosophi schen und Theologi schen Tugenden verleiten lassen/ und das natuͤrliche Unvermoͤgen auch in Philosophi- schen Tugenden nicht gesehen/ sondern gemei- net/ wunder wie weit es ein Mensch darinnen bringen koͤnte; Weshalben ich auch meinen da- mahligen Auditoribus diesen Jrrthum beyge- bracht/ und ihnen zwar einen Entwurff von dem vorhergehenden Hauptstuͤck gegeben/ aber die Demonstrationes des gegenwaͤrtigen/ als mir selbst noch unwissend/ unterlassen/ weshalben ich um Vergebung bitte/ auch hoffe. Wil man aber die gemeinen Jrrthuͤmer nicht erkennen/ son- dern mit Heydnischen und mehr als Papistischen Sitten-Lehren und Ruͤhmung der Kraͤffte des freyen Willens/ der ordentlichen Selbst-Liebe/ der Beschluß. der gemaͤßigten Trachtung nach Ehre/ Geld und Freude/ noch ferner fortfahren: So hat doch gegenwaͤrtige Sitten-Lehre/ durch Verley- hung Goͤttlicher Gnade/ auch diesen Nutzen/ daß sie geschrieben ist zu einem Zeugnuͤß uͤber sol- che Leute. Beschluß. Jnnhalt. Nutzen und Gebrauch gegenwaͤrtiger Sitten-Lehre. n. 1. Ubereinstimmung der vornehmsten Lehren derselben mit der Heiligen Schrifft/ nemlich daß die Liebe das hoͤchste Gut sey/ daß alle andere Tugenden/ ab- sonderlich aber die vier Haupt-Tugenden der Alten dahin gebracht werden koͤnnen. n. 2. Daß Wohl- lust/ Ehr-Geitz und Geld-Geitz die allgemeinen drey Haupt-Laster seyn. n. 3. Daß der Mensch nicht vermoͤgend sey/ sich selbst gluͤckselig zu machen; Daß auch in der Erkaͤntnuͤß dieses Unvermoͤgens eine Gnade GOttes sey. Nothwendige Anmerckung von denen Graͤntzen der Natur und Gnade. n. 4. Connexion der Philosophi schen Sitten-Lehre mit der Sitten-Lehre Christi. Begriff von denen acht Seligkeiten aus Christi Berg-Predigt. Busse. Glaube. Liebe. Drey Wege der Reinigung/ Er- leuchtung und Vereinigung. Die Daͤmpffung der drey Haupt-Laster/ Erlangung anderer ihnen entge- gen gesetzter Tugenden/ und Erhebung der ver- nuͤnfftigen Liebe zur Liebe GOttes. Odium Theo- logi- Beschluß. logicum das schaͤdlichste Gifft. n. 5. Es ist nur ei- ne Gluͤckseligkeit des Menschen/ die hier in diesem Leben anfangen muß. Die wahre Bekehrung auf dem Tod-Bette ist gefaͤhrlich/ und mit wenig Ex- empeln bestaͤrckt. Der Schaͤcher am Creutz ist ver- muthlich so gar gottlose nicht gewesen. Man lieset eher von seinem guten Wercke/ als von seinem Gleu- bens-Bekaͤntnuͤß. Jrrthum/ daß das Philosophi- sche und Theologi sche hoͤchste Gut dem Wesen nach entschieden sey. n. 6. GOtt/ Christus und der H. Geist sind Ursacher der Menschlichen Gluͤckseligkeit. Glaube/ Liebe/ Hoffnung/ Weisheit zusam̃en und kei- nes ohne dem andern machen den Menschen selig. Vortheil dieser Lehre bey deren so lange gedaureten Streit: Ob der Glaube oder die Liebe mit ihren Wercken selig mache. Eitelkeit derer/ so hieruͤber streiten. n. 7. Vortheil dieser Sitten-Lehre/ in Beurtheilen der Streit-Frage von der Vollkommen- heit in diesem Leben/ in Erkaͤntnuͤß der unterschie- denen Wege der Busse und Bekehrung/ des aͤusser- lichen Ansehens der Bekehrten/ der unterschiedenen Versuchungen/ und des unterschiedenen Raths fuͤr die Angefochtenen/ ingleichen derer vielfaͤltigen Secten. n. 8. Vortheil dieser Sitten-Lehre in der Physic. Fehler Lutheri in einer Glosse uͤber das Buch der Weisheit. n. 9. Vortheil dieser Sitten- Lehre in der wahren Politic und Lehre von dem De- coro, Jrriges Urtheil der Apologie der A. C. vom Aristotele. n. 10. Warum der Autor auf etliche Zeit die Feder niederlegen/ und kuͤnfftig einen Sele- ctum Auditorum machen werde. n. 11. 1. Es Beschluß. 1. E S wird Zweiffels ohne ihrer vielen wun- derlich vorkommen/ wenn sie in meiner Sitten-Lehre viel Lehren finden werden/ die vielleicht allen andern Sitten-Lehren contra- dicir en/ oder doch zum wenigsten dem Grunde nach von der L ehr-Art der andern Sitten- Lehren sehr entfernet sind. Gleichwie aber ich vor meine Person sie versichern kan/ daß ich dieses nicht aus Ehr-Gierde gethan/ auch mir deßwegen keine Ehre zuschreibe/ oder selbige su- che/ indem ich aus Uberzeugung so schreiben muͤs- sen/ wie mich die Goͤttliche Warheit der Heili- gen Schrifft einfaͤltig geleitet; Also werden auch sie meine Sitten-Lehre gegen GOttes Wort halten/ und dadurch Gelegenheit nehmen/ deutlich zu erkennen/ wie die allgemeine Heyd- nische L ehr-Art von GOttes Wort abfuͤh- re/ und so wenig mit selbigem als die Finsternuͤß mit dem Lichte koͤnne vermischet werden/ auch die Heilige Schrifft in allen vier Facultæt en hoͤher halten/ als leider j etzo geschiehet. Solten sie auch uͤber Verhoffen befinden/ daß ich in dieser meiner Sitten-Lehre etwas gelehret haͤtte/ das mit GOttes heiligem Worte nicht uͤbereinkaͤme/ so wollen sie solches kuͤhnlich ver- werffen. Denn ich bin ein Mensch/ und die noch taͤgliche Enderung und Ausbesserung mei- ner Meinungen weiset mir ja wohl/ daß meine Leh- Beschluß. Lehren nicht infallibel seyn/ und daß man diesel- bigen n i emand aufdringen muͤste/ ( QVIA ) weil sie mit GOttes Wort uͤbereinkommen/ son- dern nur die s elben zu dulden oder anzunehmen seyn/ ( QVATENUS ) so ferne sie mit GOttes Wort uͤbereinstimmen. Und wie das vorige Capitel weiset: daß meine Sitten-Lehre haupt- saͤchlich vor die Verfuͤhrte geschrieben sey; Also werden diejenigen/ die schon einen lebendigen Geschmack am Wort GOttes finden/ und mit einer lebendigen Erkaͤntnuͤß desselben begabet sind/ wohl thun/ wenn sie diese meine Sitten- Lehre nicht lesen; Denn sie werden so wenig Geschmack daran finden/ als ein Erwachsener/ wenn er in einer Banck eingesperret gehen solte/ darinnen man Kinder gehen lernet: Die vorhin Verfuͤhrten aber/ und absonderlich meine bishe- rigen Auditores, muͤssen ebenfalls nach der Er- kaͤntnuͤß der hierinnen demonstrirt en Warhei- ten/ dieses mein Buch wegschmeissen/ und sich einig und alleine an GOttes Wort halten: Wie etwan ein Krancker die Kruͤcken/ durch die er sich das Gehen angewehnet/ hernach weg- wirfft. Denn alle meine Lehre gehet nicht wei- ter/ als die Gelahrten und Studir enden zu uͤber- zeugen/ wie alles voll Mist und Unflat in der uͤberall herrschenden Gelahrheit sey/ und wie dieser weggeschafft werden solle. Wie er aber weggeschafft werden koͤnne/ und wie was Gutes an dessen Statt angeschafft werden muͤsse/ Beschluß. muͤsse/ das zeiget eine hoͤhere Schule/ darinnen ich nicht Professor, sondern in ultima classe nur Auditor bin. 2. Jch hoffe aber doch/ daß der Grund die- ser meiner Sitten- L ehre mit der Heiligen Schrifft uͤbereinkommen/ und nichts anders/ wiewohl nicht so vollkoͤmmlich/ lehren solle/ als die Heil. Schrifft mit klaren Worten thut. Daß die L iebe das hoͤchste Gut sey/ ist auch aus der Schrifft offenbahr/ welche nicht alleine sagt/ daß GOtt die Liebe selber sey/ sondern auch so wohl im Alten als Neuen Testament/ gewaltig ein- schaͤrfft/ daß das Gebot der Liebe GOttes und des Naͤchsten der Mittel-Punct sey/ daran das gantze Gesetz und die Propheten hangen. Und warum nicht auch das Evangelium? Nachdem Christus dieses einige Gebot seinen Juͤngern zu guter letzt gelassen/ daß sie sich untereinander lie- ben sollen/ und sein lieber Juͤnger in seinem Send-Schreiben dieses letzte Gebot auf das lieb- reichste treibet/ und die Verknuͤpffung der Liebe GOttes und des Naͤchsten augenscheinlich wei- set. So weiset auch die Schrifft/ daß in jenem Leben zwar Glaube und Hoffnung/ als nur Mit- tel-Tugenden aufhoͤren/ aber die Liebe alleine/ als das Centrum, bleiben solle. Es waͤre ja auch leichte zu beweisen/ daß die im ersten Theil angefuͤhrte Tugenden/ die wir zur gemeinen und absonderlichen Liebe/ ingleichen zu denen Pflichten des Menschen gegen sich selbst erfor- dert/ Beschluß. dert/ wie nicht weniger diejenigen/ derer wir in der Tabelle des andern Theils/ da wir die ver- nuͤnfftige Liebe gegen die drey Haupt-Laster ge- halten/ Erwehnung gethan/ auch allesamt in der Heil. Schrifft inculcir et wuͤrden/ wenn jemand daran zweiffelte; Aber es ist genung/ daß wir jetzo nur Paulum anfuͤhren/ der in der schoͤnen Lob-Rede/ die er der Liebe gehalten/ wei- set/ daß alle Tugenden/ sie moͤgen so viel seyn als sie wollen/ aus der Liebe als aus ihrem Cen- tro heraus strahlen. Und wie man etwan in ei- nem Circul die aus dem Centro gehende Strah- len/ wegen ihrer grossen Vielfaͤltigkeit nicht zeh- len kan/ sondern billig einem jeden frey gelassen werden muß/ in wie viel Theile er den Circel ein- theilen wolle/ ob durch den Diameter nur in zwey/ oder durch das Creutz in vier/ oder auch nach de- nen Umstaͤnden in drey/ fuͤnff und mehr Theile; Also weiset die Schrifft in Erzehlung derer aus der Liebe herflie ss enden Tugenden/ die bald so/ bald anders erzehlet werden/ daß man sich an keine gewisse Anzahl binden/ und also nicht strei- ten muͤsse/ ob nach der alten Philosoph en Mei- nung fuͤr Aristotele vier Haupt-Tugenden/ oder nach Aristotele eilffe/ oder nach vielen derer beu- tigen Scribenten eine andere Zahl/ und ob es diese oder jene seyn? Wiewohl ich zweiffle/ ob die Aristotelici einen so deutlichen Spruch aus Heil. Schrifft fuͤr ihre Tugenden finden duͤrff- ten/ als fuͤr die vier Haupt-Tugen d en der Al- L l ten/ Beschluß. ten/ (die wir auch in der ersten Tabelle des an- dern Theils mit unsern hypothesibus concilii ret haben/) aus des Salomo Schrifften angefuͤhret werden kan/ wenn er von der Weish e it spricht: Hat jemand Gerechtigkeit lieb? Jhre Ar- beit ist eitel Tugend. Denn sie lehret Zucht/ Klugheit/ Gerechtigkeit und Staͤrcke/ welche das allernuͤtzeste sind im Menschen- Leben. 3. Zu dem Erkaͤntnuͤß der drey Haupt- Laster hat mich gebracht die Betrachtung der alten Lehre von denen sieben Haupt-Lastern/ die man noch im Pabstthum unter dem Wort SA- LIGIA dem Gedaͤchtnuͤß eingepraͤget/ und die Gegeneinanderhaltung derselben gegen den Spruch Johannis/ da er alles/ was in der Welt und nicht vom Vater i st/ zu den drey Classen bringet/ Augen-Lust/ Fleisches-Lust und hoffaͤrtiges L eben. Und je mehr ich die- ser Sachen in Demuth und in der Furcht des HErrn nachgedacht/ je mehr hab ich dererselben Deutligkeit in Gegeneinanderhaltung mit dem Fall und der Natur der Menschen nach demsel- ben nach allen Geschichten/ begriffen/ und sehe noch taͤglich mehr Warheiten/ die mit dieser schoͤn connectir en/ und in vielen Stuͤcken ein grosses Licht geben. Jch habe anderswo in le- ctionibus privatis uͤber die Kirchen-Historie ge- wiesen/ daß in der Beschreibung de s Falls Evaͤ und ihres Gespraͤchs mit der Schlan- ge Beschluß. ge gar deutlich enthalten sey/ wie durch die drey Haupt-Laster das Ebenbild GOttes zer- nichtet/ ingleichen wie unter dem Jabal, Jubal und Thubalkain, diese drey Haupt- L aster in formam artis gebracht/ und dadurch unzehlige Unordnung und Abweichung von GOtt in das gemeine Wesen eingefuͤhret worden/ u. s. w. 4. Zu dem Erkaͤntnuͤs des natuͤrlichen Unvermoͤgens und Unzulaͤngligkeit der Menschlichen Kraͤffte haben mich endlich so viel klare Spruͤche/ die fast in allen Buͤchern Heil. Schrifft stehen/ und die fast in allen Pre- digten hergesaget werden/ durch GOttes Gna- de gebracht/ und gewiesen/ wie die mir noch im- mer anklebende gemeine L ehre unserer L eute von dem freyen Willen des Menschen u. s. w. damit nicht bestehen koͤnne. Wil es jemanden noch nicht in Kopff/ der nehme nur das Buch der Weisheit in Demuth fuͤr sich/ oder dencke dem eintzigen Spruch: Die Furcht des HErrn ist der Weisheit Anfang: Jn der Furcht des HErrn/ und nicht in der Furcht der Menschen/ nach/ so wird er bald befinden/ in was Jrrthuͤ- mern noch die gantze Welt stecke. Und ob wohl die Demonstrationes meiner Sitten-Lehre verhof- fentlich so beschaffen seyn werden/ daß sie auch einen Heyden oder Irregenitum, er sey nun un- ter was fuͤr einer Secte er wolle/ convincir en koͤnnen/ indem dieselbige aus denen Principiis der allgemeinen und auch denen Heyden in das L l 2 Her- Beschluß. Hertze gepflantzten Vernunfft gegruͤndet sind; So wuͤrden doch die beyden letzten Capitel zeigen/ daß es gar leicht sey/ nach der blossen und sich selbst gelassenen Vernuufft zuletzt in die groͤsten und s chaͤdlichsten Jrrthuͤmer zu fallen/ und daß dan- nenhero auch dieses zu erkennen/ und sich dafuͤr zu huͤten/ nicht blosse Natur/ sondern ein e Gnade von GOtt sey/ wie denn Salomo gar deutlich lehret/ daß/ ob er gleich ein Kind guter Art gewesen/ und eine feine Seele bekommen/ (welches gar leichte verstanden werden mag aus dem/ was wir oben von Mischung der Wohl- lust und des Ehr-Geitzes gesagt/) und ob er gleich hierbey wohl erzogen worden/ und zu ei- nem unbefleckten Leibe erwachsen/ habe er doch erfahren/ daß er n icht anders koͤnnen zuͤchtig seyn/ es gaͤbe es ihm dann GOtt/ und da s- selbige sey auch eine grosse (und nicht natuͤrli- che) Klugheit gewesen/ zu erkennen/ weß solche Gnade ist/ derowegen habe ich anders- wo meine Bekaͤntnuͤß gethan/ daß in Erkaͤnt- nuͤß des Unvermoͤgens natuͤrlicher Kraͤffte/ die erste Beruͤhrung Goͤttlicher Gnade und de s L ichts der Natur bestehe. Und also/ wenn gesagt worden/ daß/ wo die Sitten- L ehre au f hoͤre/ allda die Theologie anfange/ so muß solches nicht also verstanden werden/ als wie die Graͤntzen zweyer Soliden aneinander liegenden/ nicht aber miteinander vereinigten Coͤrper/ sondern wie die Graͤntzen zweyer Fluͤs- se/ Beschluß. se/ derer unterschiedenes Wasser man auch dem Gesichte nach bey ihren Graͤntzen erkennet/ ob sie schon in attactu und der Beruͤhrung der Gestalt miteinander vereinigt sind/ daß man bey denen Graͤntzen/ die man doch siehet/ so zu sagen/ nicht einen Tropffen heraus nehmen kan/ darinnen nicht beyde Fluͤsse concurrirt en. 5. Wie aber nunmehro die Goͤttliche Gnade die Defectus der Sitten- L ehre suppli- re/ bin ich zu lehren untuͤchtig/ weil ich davon noch nicht allenthalben eine lebendige Erkaͤntnuͤß in voͤlliger Krafft habe/ hoffe aber doch/ es solle dieselbe/ ob sie schon noch sehr schwach ist/ dennoch nicht gar todt seyn. Und damit jederman erken- nen und pruͤfen moͤge/ was daran sey/ und ob er mich nach denen Laͤsterungen meiner Feinde als einen Atheisten oder Ketzer zu meiden/ oder einen die Wahrheit mit Eyffer suchenden Menschen anzusehen habe/ wil ich dißfalls mein Symbo- lum fidei aufrichtig sagen. Selbiges aber hat kein Mensch/ auch nicht ein Prophet oder Apo- stel gemacht/ sondern der mehr ist als alle Pro- pheten und Apostel/ nemlich unser Heyland/ der deshalben in die Welt kommen ist/ daß er die Menschen von allem Ubel erloͤsen/ und zu dem hoͤchsten Gut/ (dessen Erlangung keine Sitten- Lehre geben kan/) bringen moͤge. Es ist solches enthalten in der Berg-Predigt/ und in denen acht Seligkeiten/ damit der Heyland seine Berg-Predigt anhebet. Darinnen habe ich die L l 3 gantze Beschluß. gantze Christliche Sitten- L ehre gefunden/ und begreiffe sie also: Seelig sind erstlich/ die ihr geistliches Armuth und Unvermoͤgen/ sich zu helffen/ erkennen/ denn hier faͤngt/ als ich jetzo erwehnet/ die Gnade an/ wo es die durch sie beruͤhrte Natur laͤsset. Und das bedeutet/ das gesagt wird/ daß das Himmelreich ihr sey/ welches die Natur nicht erlangen kan. Seelig sind/ die uͤber dieser Erkaͤntnuͤß betruͤbet wer- den/ und nicht alleine L eide tragen uͤber die Thorheit/ die sie getrieben/ sondern auch uͤber das Unvermoͤgen/ daß sie noch niemanden se- hen/ zu dem sie ein Vertrauen haͤtten/ der ihnen helffen koͤnte oder wolte; Aber doch dabey mit Cornelio anfangen GOtt zu fuͤrchten/ Allmosen zu geben u. s. w. Denn GOtt wil sie in dieser ihrer Betruͤbnuͤß nicht verlassen/ sondern sie troͤ- sten. Selig sind die bey ihrer Betruͤbnuͤs im Geist stille seyn/ und nicht weiter fortfahren zu versuchen/ sich selbst zu helffen/ sondern mit Cor- nelio beten/ und in Gedult der Gnade GOttes erwarten. Diese drey Grade gehoͤrenzur Busse/ und begreiffen zugleich in sich viam purgativam. Denn bey Erweckung der geistlichen Armuth greifft GOtt zugleich in ihr Hertz/ und reiniget solches von dem Geld-Geitz/ daß sie Guͤter be- sitzen/ als haͤtten sie keine. Bey Entstehung der Betruͤbnuͤß und des Le i detragens reiniget GOtt ihr Hertz von der Wohllust/ und giebt ihnen an Statt der vorigen saͤuischen und unruhigen Lust Beschluß. Lust mit seinem Tꝛoste einẽ Vorschmack der ruhigẽ und reinen Freude in dem HErrn. Bey Erweckung der Sanfftmuth greifft GOtt ins Hertz/ und rei- niget uns von dem zornigen Hoffart. Er giebet ihnen dabey zu erkennen/ daß die Hoffart untuͤch- tig sey/ das Erdreich zu besitzen/ das ist/ die Hertzen der Menschen in der Welt zu gewinnen/ und daß alleine die Sanfftmuth solches vermoͤge/ daß keine Gewalt/ keine bittere oder hoͤnische Worte die Hertzen der Menschen ruͤhre/ sondern daß Liebe/ Sanffimuth und Gedult solches thun muͤssen. Wenn nun solcher Gestalt der Mensch im Stand der Busse gestanden/ wird sein Hertz zum Glauben angefeuret/ daß er mit einer festen Zuversicht bey dem vierten Grad der Seligkeit duͤrstet und hungert nicht nach guten Tagen/ sondern daß er in Christo die Gerechtigkeit und die Fruͤchte derselben erlangen moͤge/ und ist ver- fichert/ daß diefer sein Durst gesaͤttiget werden soll. Denn GOtt pflantzet nach vorher gegan- gener Reinigung und Ausrottung des Unkrauts/ den Garten der Gerechtigkeit/ oder Liebe in sei- nem Hertzen. An statt des Geld-Geitzes giebt er ihnen die Barmhertzigkeit/ und erwecket in ihren Hertzen noch staͤrckere Versicherung der taͤglich geschmeckten Goͤttlichen Barmher- tzigkeit. An statt der Wohllust giebt er ihnen ein reines Hertz/ in welchem sie den unsichtba- ren GOtt/ der ein unsichtbares reinestes Licht ist/ auf eine geistliche Weise mit den Augen ih- L l 4 res Beschluß. res Hertzens schauen. An statt des gewaltsa- men Ehr-Geitzes giebt Er ihnen uͤberschwenckli- che Krafft der wahren Gemuͤths-Ruhe und Frie- dens/ daß sie nicht alleine dieselbe in ihren Hertzen durch die Beywohnung GOttes reichlich empfin- den/ sondern auch von Friede reden/ zum Frieden reden/ andere nebẽ sich dulten/ u. Fr i ede machen/ wo sie nur koͤnnen/ und also von allen Fried-Lie- benden GOttes Kinder genennet werden/ in- dem GOtt ein GOtt des Friedens ist/ der den Kriegen steuret in aller Welt/ der Bogen zu- bricht/ Spiesse zuschlaͤgt/ und Wagen mit Feuer verbrennet. Jn der vierten Seligkeit verstehe ich die Verknuͤpffung des Wegs der Reini- gung mit dem Wege der Erleuchtung/ viæ purgationis cum via illuminationis, oder die Aufsteigung von diesen zu jenen/ und in denen drey folgenden Seligkeiten die drey Gradus des Wegs der Erleuchtung. Die letzte Seligkeit stellet entweder den Weg/ der Ver- einigung/ oder die hoͤchste Staffel der Gluͤckse- ligkeit/ die in dieser Welt erlanget werden kan/ oder/ (da man durch die Vereinigung diejenige/ so im kuͤnfftigen Leben seyn wird/ verstehet) die Aufsteigung zu derselben und die Verknuͤpf- fung des Weges der Erleuchtung mit dem Wege der Vereinigung/ vor. Ein vollko m- mener Christ/ der durch den Geist GOttes an- getrieben ist/ allerhand schoͤne Fruͤchte der Liebe zu zeugen/ und sein Licht leuchten zu lassen/ der- selbe Beschluß. selbe kan der Welt nicht verborgen bleiben. Denn ob schon sein stiller sanfftmuͤthiger Wandel jeder- man/ auch seinen Feinden/ Gutes thut/ so leuch- tet doch sein Thun und Lassen der Welt so starck in die Augen/ daß/ wenn er auch schon stille schwiege/ doch sein Exempel ihre Boßheit jeder- man fuͤr Augen legete/ nicht anders/ als wie/ wenn z. e. ein liederlicher und ein modester jun- ger Mensch in einer Gesellschafft seyn/ auch kleine Kinder die Liederligkeit des Ersten/ durch die Mo- destie des Andern von sich selbst zu unterscheiden und zu beurtheilen wissen. Und wie dannenhe- ro ein solcher liederlicher Mensch einen modest en nicht leicht um sich leiden kan/ sondern geschwind eine Ursache vom Zaune bricht/ und Haͤndel mit ihm anfaͤngt/ also kan auch die Welt keinen Friede mit Frommen haben/ und je mehr sie in der Weisheit/ Glauben und Liebe wachsen/ je mehr feindet sie dieselbe an/ und diese Feindschafft ist toͤdtlich/ weil sie auf Ehre/ Gut und Blut/ Leib und Leben gehet/ und wegen des hoͤchsten Guts von dem hoͤchsten Ubel angefangen wird/ auch der Ursprung dieser Feindschafft/ die viel giff- ger ist als alle Politische Feindschafften/ und de- nenselben destomehr entgegen zu setzen, odium Theologicum, von denen vornehmsten Werck- Zeugen des Satans und der Welt/ denen fal- schen Propheten und Theologis genennet wird. Diese Feindschafft nun und die quintessenz gleichsam aller Boßheit/ mit Gedult/ De- L l 5 muth Beschluß. muth und Sanfftmuth zu ertragen/ und mit dem Heyland bereit zu seyn/ auch fuͤr die Gottlo- sen und fuͤr die Feinde das Leben zu lassen/ dazu gehoͤret der groͤste Grad der gluͤckseligen Ru- he/ der ein Mensch in dieser Welt theilhafftig wer- den kan/ denn die noch schwach seyn/ ruffen bil- lig aus: Ab odio Theologico libera nos Domi- ne. Dieser starcke Grad aber bestehet darinnen/ daß die Goͤttl. Gnade den Funcken vernuͤnffti- ger Liebe so starck angefeuret/ und zur Goͤttli- chen Liebe gemacht/ daß er nicht nur uͤber die sonst herrschenden suͤndlichen Gemuͤths-Neigun- gen erhaben wird/ und sie zu beherrschen an- faͤngt/ sondern auch/ daß er durch die Gnade GOttes dieselben dergestalt entkraͤfftet/ und durch taͤgliche Creutzigung seiner Luͤste und Be- gierden dergestalt vollkommen worden/ daß er den ihm in diesem Leben zwar noch beywohnenden S aamen der S uͤnde dennoch/ weil ihn die Gnade GOttes gefangen haͤlt/ bey nahe nicht fuͤhlet/ wie etwan ein unwiedergebohrner/ roher und im hoͤchsten Grad boͤser Mensch/ den ihm beywohnenden Funcken der vernuͤnffti g en Liebe eine Zeit lang fast nicht empfindet. Und also/ da der innerliche Feind gedaͤmpffet ist/ sind die aͤus- serlichen Feinde unvermoͤgend ihm Schaden zu thun. Die Beraubung der Guͤter und die Lan- des-Verjagung thut ihm nichts/ denn sein Geld- Geitz liegt zu Boden/ und er ist mit der Armuth seines Heilandes gewaffnet: Die Beschim- pfung Beschluß. pfung/ die man ihm anthut/ wenn man ihn sei- ner Ehren beraubet/ degradir et/ seine Buͤcher confiscir et/ verbrennet/ ihn als einen Ketzer aus- ruffet/ u. s. w. thut ihm nichts/ denn sein Ehr- Geitz liegt zu Boden/ und er ist mit der Sanfft- muth und Demuth seines Heylandes gewaffnet; Ja/ endlich die Thraͤnen seines Weibes/ das Heulen seiner Kinder/ die Pein/ die man seinem Leibe durch boͤses Gefaͤngnuͤß/ Marter und Tod anthut/ ruͤhret ihn nicht/ denn seine Wohllust liegt zu Boden/ und er ist gewaffnet mit Friede und Freude im Heiligen Geist/ u. s. w. Was hat aber nun dieser hoͤchster G rad vor Privilegia fuͤr denen andern? Keinen. Denn das Him- melreich ist ihr/ dieses ist die Verheissung so wohl des ersten als des letzten Grads/ damit kei- ner einen Vorzug vor den andern prætendir en/ und also die geistliche Hoffarth als das schaͤd- lichste Gifft vermeiden solle u. s. w. 6. Sehet/ dieses ist meine Erkaͤntnuͤß und Bekaͤntnuͤß von der Christlichen Sitten-Lehre und denen acht Seligkeiten. Und wie aus die- sem allen erhellet/ daß/ ob zwar acht Seligkei- ten hier gezehlet werden/ doch nur wuͤrcklich und in der T hat eine S eligkeit sey: Die nur etwa ihre unterschiedene Grade/ nicht aber wesentlich voneinander unterschiedene Arten ha- be; Also glaube ich auch/ daß nur eine S elig- keit des Menschen sey/ die in dieser Welt an- gefangen und nach die s em vollendet werden muͤsse. Beschluß. muͤsse. Wer die wahre Gluͤckseligkeit und kei- nen von den acht Graden derselben in dieser Welt lebendig schmeckt/ der wird sich warhafftig der ewigen Seligkeit nach diesem Leben nicht zu ge- troͤsten haben. Wie der Baum faͤllet/ so wird er liegen. Wenn die Seligen den Er- denkreiß besitzen sollen/ wenn sie Friede ma- chen sollen/ wenn sie Verfolgung leiden sollen/ so muß die Seligkeit in diesem Leben an- fangen/ denn in jenem werden die Menschen nicht herrschen/ noch zancken/ noch einander verfol- gen. Derowegen wenn einer die Zeit seines Le- bens durch/ (wie es bey denen Meisten in allen Staͤnden auch bey unsern Evangelischen Chri- stenthum hergehet/) nach seiner Wohllust/ Ehr- und Geld-Geitz offenbahr liederlich/ grausam/ und rauberisch/ oder nach denen unterschiedenen Mixtur en dieser Passion en/ scheinheilig/ oder nach der Welt erbar und tugendhafft gelebet/ so glaub ich/ daß es ( mehrentheils ) zu spaͤte sey/ wenn er auf seinem Lager wil an die ewige Gluͤck- seligkeit gedencken: Jch glaube/ daß er seinen ungluͤckseligen Stand/ darinnen er gelebet/ in und nach seinem Tode continuir en werde: wenn er schon noch so viel Geld zu Kirchen und Schu- len vermacht/ noch so viel beten und singen laͤst/ mit noch so vieler Widerholung bekennet/ daß er seinen HErrn JEsum im Hertzen hat/ mit noch so grossem Lobe von denen Cantzeln und in denen Leichen-Predigten geruͤhmet wird/ daß er selig gestorben/ er beichtete mit eben den Worten bey Beschluß. bey den herrschenden Begierden in seinem Leben/ und ruͤhmte sich bey seinem Leben/ auch wenn er seinen Begierden folge leistete/ daß er sei- nen Heyland im Hertzen haͤtte. Er muß ja wohl auff seinen Todt-Bette so sagen/ denn sonst wuͤrde man ihm harte zureden oder er muͤste sich eines Esels Begraͤbniß besorgen. Man findet in der Heil. Schrifft nur ein einig Exempel ei- nes Menschen der sich am Creutz bekehret. Und dazu werden uns die Umstaͤnde seines Zu- standes so deutlich nicht gesagt. Wer weiß ob er denn in seinem Leben so gar gottloß gewe- sen? Die Christliche Sitten-Lehre richtet den Menschen nicht nach der weltlichen Rechts-Ge- lahrheit. Ein arm einfaͤltig Mensch/ das durch Beredung sich hat schwaͤngern lassen/ ist offters nicht im tausenden Grad so verhurt als manche vornehme Dame/ die ein Ehebrecherisch oder ver- hurt Leben lange Jahr gefuͤhrt hat/ ob schon jene eine Hure heisset und Kirchen-Bu sse thun muß/ diese aber mit grossen Titeln beleget wird und wohl in der Kirche einen sehr vornehmen Sitz hat. Ein armer Soldat/ den man zum Kriege gezwungen hat/ und der hernach durch Noth oder boͤse Gesellschafft ist verleitet worden auff der Strasse zu rauben/ ist wohl nicht in tausen- den Grad so lasterhafft als mancher vornehmer Mann/ der bey diesen Zeiten mit Muͤntz-Par- tierereyen sich groß/ ansehnlich/ und reich machet: Ob gleich jener als ein Schelm auff dem Rade stirbt/ Beschluß. stirbt/ dieser aber pro Patre Patriæ in seinem Leben ausgeruffen und nach seinem Tode mit Leich- Predigten/ Parentationen, Carminibus, Ehren- Gedaͤchtnißen und so weiter geehret wird. Dar- zu wird insgemein vergessen bey dem Exempel des Schaͤchers zu sagen/ daß die Liebe zuerst sich bey ihm in aͤußerlichem Thun blicken lassen/ ehe er sein Glaubens-Bekaͤntniß ge- sagt/ in dem er den andern freundlich gestrafft und seine Suͤnde f uͤr Augen gestellet/ welches eines von den groͤsten Liebes-Wercken ist. Jch glaube hierbey/ daß die gemeine Meinung/ (die durchgehends in den Hertzen der heutigen Chri- sten ihnen was gar anders vorsagt/ ob sie schon vielleicht nicht in Worten damit ausbrechen) da- her mit ent s tehe/ daß man das hoͤchste Gut als ein Genus oder ein Ding das vielerley wesent- lich-unterschiedene Arten unter sich beg r eifft in der gemeinen Lehr-Art ansiehet/ und hernach vorgiebt/ es sey das hoͤchste Philo s ophische Gut/ von der hoͤchsten Theologischen Gluͤck- seligkeit gantz dem Wesen nach unterschieden/ und eine absonderliche Art der wahren Gluͤckse- ligkeit/ zum wenigsten nichts boͤses Daraus denn gar leichtlich folget/ daß der Mensch/ weil er siehet/ daß die Lehrer selbst so leben/ als ob bey dem wahren Gut die Ehrgierde/ Geldgierde und Wollust in gemaͤßigten Grad bestehen koͤnte/ hin- gegen aber ihm vorgesagt wird/ daß das Theo- logische und ewige Gut von der Verleugnung sein Beschluß. sein selbst anfange/ dahin gefuͤhret wird/ daß er nicht vor noͤthig haͤlt sich umb das ewige Gut hier in diesem Leben zu bekuͤmmern/ sondern ver- meinet/ es sey am besten/ wenn er sein nach sei- nen natuͤrlichen Begierden hier lebe/ nach diesen Leben werde es sich mit der andern Gluͤckseligkeit auch schon finden/ und wie er dieses zeitliche Le- ben mit dem kuͤnfftigen verwechsele/ also werde er auch diese zeitliche Philosophische Gluͤckselig- keit mit der Theolog. und ewigen verwechseln. 7. Weil ich einmahl darauff kommen mei- ne Confession zu thun/ wil ich ferner fortfahren/ und bekenne/ daß ich glaube/ daß Gott alleine der Uhrheber und der Anfaͤnger und Vol- lender dieser hoͤchsten Gluͤckseligkeit sey/ und daß der Mensch hierzu nichts als nur Hinder- niß und Widerstand/ und etwa wenns hoch koͤmmt/ Unterlassung dieses Widerstands contribuire. Jch glaube dannenhero/ daß der Mensch seelig werden muͤsse mit Furcht und Zittern/ weil GOTT nach seinem Wolge- fallen in ihm wirckt beyde das Wollen und das vollbringen. Jch glaube daß der Heyland des- halben in die Welt kommen/ alle Menschen/ die es von Jhm verlangen/ seelig zu machen. Jch glaube daß Gottes Heiliger Geist/ der Geist der Weißheit und der Erkaͤntniß/ das Hauchen der Goͤttlichen Krafft/ und der Strahl der Herr- ligkeit des Allmaͤchtigen/ den Menschen gebe die Weißheit durch die sie selig werden. Wenn mich jemand Beschluß. jemand fragen wolte/ was ich dann glaubte/ ob der Mensch durch den Glauben oder durch die L iebe seelig werde? wuͤrde ich ihn bitten er solle mich mit dieser Frage verschonem. Wenn ich weiß daß mich die Sonne erwaͤrmet/ ist es eine unnoͤthige Frage zu forschen ob es das Licht oder die Bewegung thue/ ob gleich eine Meinung von beyden vielleicht der Warheit naͤher kommen koͤnne. Nicht alles was Warheit ist/ ist auch nuͤtzlich. Und wie wenn ich mit Salomo ant- wortete: daß die Weißheit seelig mache? Weißheit/ Glaube und L iebe muͤssen beysam- men seyn. Paulus sagt/ man werde seelig durch den Glauben/ Jacobus durch die Wer- cke/ S alomo durch die Weißheit. Keiner widerspricht den andern. Denn Paulus erfor- dert einen Glauben der durch die L iebe thaͤtig ist/ und verwirfft die Liebe nicht/ oder setzt selbige dem Glauben entgegen/ sondern die aͤußerlichen Heuche l werck e der suͤndlichen Begierde. Ja- cobus erfordert L iebeswercke die aus dem Glauben kommen und schleust den Glauben nicht aus/ sondern erfodert die Liebeswercke als eine Probe des todten und lebendigen Glaubens. S alomon erfordert keine Weißheit die dem Glauben oder der Liebe entgegen gesetzt waͤre/ in- dem er sagt daß sie einig sey und thue doch al- les/ daß sie alles verneue/ und doch bleibe was sie ist: Eben die Weißheit von der Jaco- bus sagt/ daß sie sey/ keusch/ friedsam/ gelinde/ voller Beschluß. voller Barmhertzigkeit/ da hingegen die na- tuͤrliche Weißheit sey Jrrdi s ch (nach dem Geld- geitz) Menschlich (nach der Wollust ) und Teuffelisch (nach dem Ehrgeitz. ) Man kan ja wol und soll auch von denen Dingen/ die in der Schrifft zu weilen als unterschieden vorge- stellet werden/ sich unterschiedene concepte ma- chen; Aber man muß nicht Dinge von einander sondern/ die nicht von einander zu sondern sind/ o der meinen/ daß diese unterschiedene concepte auff alle Fragen muͤsten applici ret werden/ und daß d aran die Seligkeit haͤnge. Mir duͤnckt/ wenn man bey Anfange des Streits/ an statt daß man gestritten haͤtte: ob der Glaube oder die Liebe seelig machte? einander gezeiget haͤtte/ daß man auf einer Seite die wahren L iebes Wer- cke/ auf der andern aber den lebendigen und durch die Liebe thaͤtigen Glauben haͤtte/ oder da es hier und da gemangelt/ ein ander fein beyder- seits auf das innerste gefuͤhret/ und auf das R eich Gottes in uns/ so wuͤrde es vielleicht besser stehen. Wie wenn nun einer heute auff- stuͤnde und machte die dritte Parthey? Wie wenn er sagte/ die Hoffnung machte seelig. Was wuͤrde da fuͤr ein neu Lermen werden. Meine Sitten-Lehre sagt mir: Glaube/ Liebe/ Hoffnung machen seelig/ auch die Weißheit. Wo eines mangelt/ da ist das andre auch nicht. Und also habe ich ein groß compendium, daß ich die vielen grossen Buͤcher und Streit-Fragen/ M m die Beschluß. die von Anfang der Reformation hieruͤber ge- macht worden nicht lesen darff/ so wenig als ich lesen wuͤrde/ wenn hundert volumina uͤber der quæstion geschrieben waͤren: ob die Bewegung oder das Licht der Sonnen waͤrmete? oder ob das Licht der Sonnen die Ursache der Bewe- gung/ oder die Bewegung die Ursache des Lichts sey? Jch wuͤrde mich in Einfalt des Lichts und der Waͤrme der Sonnen brauchen/ und andre in dessen etwan bey einen Camin-Feuer und Wachs-Licht daruͤber disputi ren lassen. Ein hungeriger Wandersmann ißt im Gasthofe die Speise/ die ihm vorgesetzt ist/ und saͤttiget sich damit/ und laͤst indessen Philosophos von unterschiedenen Sect en disputi ren/ ob der Ge- schmack in der Speise oder in der Zunge stecke? 8. Jch finde auch bey meiner Sitten-Lehre ein grosses Compendium uͤber die heutige schwere Streit-Frage/ von der vollkommenheit in dieser Welt. Wer die subordination der von mir demonstrir ten Sitten-Lehre wohl in- nen hat/ und meine Paraphrasin der acht von Christo recommendir ten Seligkeiten begreifft/ wird leichtlich und deutlich erkennen/ daß die/ so wider die Vollkommenheit streiten/ in ihrer Lehre und Leben nichts als Ehr- und Geld-Geitzige auch Wolluͤstige Schein-Tugenden inculci ren/ und als Blinde der Blinden Leiter sind. Er wird erkennen/ daß die von C hristo erfoderten und auch in diesem L eben versprochene Grade der Beschluß. der Vollkommenheit bey wenig zu finden seyn/ weil so wenig/ von denen falschen Lehrern verfuͤhrt/ und von eigenen Luͤsten gereitzet/ dar- nach streben. Er wird erkennen/ daß die Voll- kommenheit der Christen darinnen bestehe/ daß durch den in uns wirckenden Geist Christi/ der Funcke vernuͤnfftiger Liebe in die Hoͤhe uͤber die drey Lasterhafften Affect en gehoben werde/ und dieselben immer mehr und mehr unterdruͤcke/ und beherrsche/ aber weil sie von unserm Wesen selbst herruͤhren so lange wir mit dem Lei- be dieses Todes umbgeben sind/ nicht gantz aus- rotte/ sondern nur ihre herrschende Krafft beneh- me/ bis endlich dermahleins in einem andern Le- ben/ Glaube Liebe und Hoffnung durch die wir hier kaͤmpffen/ auffhoͤren/ und auch der Saame aller boͤsen Begierden mit Entnehmung des Fleisches und Gebung eines verklaͤhrten Leibes weggenommen/ und also die Liebe alleine uͤbrig bleiben wird. Ja er wird durch Gottes Gnade noch mehr sehen: Wie unterschieden nem- lich Gottes Wege sind in ordentlicher Be- kehrung der Menschen/ nach Unterscheid ih- rer untersch i edenen temperamen ten/ und wie nach der Bekehrung auch unterschiedenes aͤußerliches Ansehen der Glaͤubigen ist/ und wie sich immer einer mehr fuͤr dieser Versu- chung/ ein ander fuͤr jener zu huͤten hat. Wel- ches er dann theils darzu brauchen wird/ daß er in andre nicht so fort ein Mißtrauen fetze/ wenn M m 2 gleich Beschluß. gleich GOtt mit denselben nicht mit der Art/ wie er ihn angreifft/ verfaͤhrt/ sondern ihn als seinen Bruder dulden lerne/ und die unterschiedene Ga- ben Gottes und den unterschiedenen Nutzen/ da- zu GOtt seine Wercke gebraucht/ in demuth be- wundere und GOtt daruͤber preise; Jngleichen daß er in Rathgebung derer Angefochtenen oder die die Warheit suchen/ nicht so wohl auf sein/ sondern auf ihr temperament sehe/ und seine Anschlaͤge darnach einrichte. Er wird fer- ner durch die Gnade Gottes sehen/ wie die viel- faͤltigen Streitigkeiten und Sect en die heut zu Tage seyn/ (und wenn ihrer noch mehr waͤ- ren) mit leichter Muͤhe/ (und nicht anders als ein in einem rundfoͤrmig gebauten Garten in cen- tro desselben stehender/ alle die in denen aus der peripherie in das centrum sich kehrenden sehr vielen alléen gehende Leute/ mit leichten herumb drehen sehen kan) koͤnnen begriffen und was gutes an ihnen sey/ auch woran es ihnen mangele/ erkant werden/ ob schon denen in denen Sect en selbst stehenden solches blut- sauer wird/ wenn sie einander verstehen wollen. Wie etwa denen in den alléen gehenden Menschen/ die nicht ins centrum, son- dern durch unterschiedene kuͤnstliche Jrrgaͤnge zusammen wollen. Er wird sehen daß es thoͤ- richt gehandelt sey/ wenn er diese arme Leute nicht dulden oder aus seinen centro weichen wolte und sich in ihr Katz-gebalge einlassen. Er wird Beschluß. wird doch dabey lernen die Kunst Pauli allen al- lerley zu werden/ daß er viel gewinne. 9. Er wird auch in der natuͤrlichen Wissen- schafft ein grosses Licht kriegen/ und wenn er sich kennen und das gute erhalten wird/ wird es ihm nicht fehlen/ aus dieser Wissenschafft der kleinen Welt/ auch in die grosse zu sehen/ und/ wie es Salomo ruͤhmet/ zu lernen/ wie die We l t gemacht sey/ und die K raͤffte der Ele- mente; der Zeit A nfang Ende und Mittel/ wie der Tag ab- und zunimt/ wie die Zeit des Jahrs sich aͤndert/ und wie das Jahr herumb laͤufft/ wie die Sterne stehen/ die Art der zahmen und der wilden Thiere/ wie der Wind so stuͤrmet/ und was die L eute im Sinn haben/ mancherley Art der Pflantze n und Krafft der Wurtzeln/ ja alles was heimlich und verborgen ist. Er wird gar deutlich begreiffen/ worinnen es unser lieber Lutherus ver s ehen hat/ wenn er zu diesen Worten des Salomo anmerckt: daß alle Welt diese Dinge des mehrern Theils kenne/ aber daß allein die Glaͤubigen wissen daß sie GOttes C reatur/ und durchs Wort und GOttes Weisheit geschaffen sind. 10. Er wird noch mehr erkennen/ wie er durch die Christliche Sitten-Lehre den Haupt- M m 3 Schluͤs- Beschluß. Schluͤssel zu der wahren Politic erlanget/ und das wohl mercken/ was Salomon sagt: Daß die Weisheit lehre/ was die Leute im Sinn haben. Dieses ist der Grund der Politic, da- hin sich alle Gesetze/ ja alle Regalia richten muͤs- sen/ daraus ein jeder Mensch den Grund nim̃t/ seinen Nutzen zu befoͤrdern/ und seinen Schaden zu verhuͤten. Dieses ist eine Koͤnigliche Wis- senschafft/ wohl zu regieren/ und die tuͤchtigen Personen von den untuͤchtigen/ die treuen Die- ner von den Schmeichlern zu entscheiden. Diese Wissenschafft zeiget den Menschen/ wie er sich selbst in sonst indifferent en Dingen und aͤus- serlicher Erbarkeit kluͤglich verhalten solle. Er wird erkennen/ daß es falsch sey/ wenn die Apologie der Augspurgischen Confession sagt/ daß vom aͤusserlichen erbaren Leben nicht leicht jemand besser schreiben werde/ als Aristoteles, und wird es vielmehr mit Luthero halten/ daß das Buch Ethicorum Aristotelis (ja alle Heydnische Ethi cken und Politi cken) aͤr- ger seyn als keine Buͤcher/ weil sie stracks der Gnade GOttes und Christlichen Tugenden ent- gegen sind. 11. Jedoch werde ich wohl schwerlich con- tinuir en/ ferner in Schrifften dißfalls etwas weiter heraus zu geben. Zum wenigsten werde ich etliche Jahr meine Feder aus vielen Ur- sachen Beschluß. sachen niederlegen. Unter denen ist auch diese: Man muß die Perlen nicht fuͤr die Saͤu werffen. Wer Warheit aufrichtig sucht/ der hat in die- sem Theil der Sitten-Lehre schon den Schluͤssel weiter fortzugehen/ und durch diese Saͤtze das- jenige selbst zu finden/ was ich etwan schreiben oder sagen wuͤrde. Wer aber die Warheit nicht aufrichtig sucht/ sondern nur aus Curiositæt, oder andere Leute tadeln zu lernen/ seinen Ver- stand zu schaͤrffen/ aber nicht seinen Willen zu bessern/ meine Buͤcher oder Information sucht/ dem schadet nur alles mehr/ als daß es ihm nu- tzet/ weil alle Erkaͤntnuͤß der Warheit durch die Boßheit oder Eitelkeit seines Hertzens nur zu Giffte gemacht wird/ und also wird mich auch niemand verdencken/ daß ich kuͤnfftig einen Se- lectum Auditorum machen/ und von denen/ die was rechts lernen wollen/ gewisse Postulata und Proben/ ob sie solches nicht unwuͤrdig seyn/ er- fordern werde/ davon anderswo mit mehrern. Endlich die Feinde der Warheit und Laͤsterer derselben haben ja schon an meinen bisherigen Schrifften auf etliche Jahr genung zu verdauen/ und die Koͤpffe daran braun und blau zu zerlauf- fen. Nichts destoweniger wollen sich die Studi- renden nicht einbilden/ daß ich mit meinen Po- stulatis und Proben ihnen oder ihrem Beutel die Sache schwer und sauer machen/ und meine Schultern der Bereitwilligkeit ihnen zu dienen ent- Beschluß. entziehen wolle. Jch werde mich durch GOttes Gnade befleißigen/ meine Lectiones also einzu- theilen/ daß ein jeder nach seinem Zustande mit Liebe und Sanfftmuth zur Warheit gelocket/ und nicht abgeschrecket werden soll. Jndessen sey dem Vater und Brunnquell aller Weisheit Lob/ Preiß und Ehre/ von Ewigkeit zu Ewigkeit. Angefangen den 12. Junii 1693. Geendiget den 11. May 1696.