Gustav Schwab, die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Zweiter Theil. Mit einem Titelbilde. Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern von Gustav Schwab. Zweiter Theil. Mit einem Titelbilde. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1839. Die Sagen Troja's von seiner Erbauung bis zu seinem Untergang. Nach den Dichtern und Erzählern der Alten von Gustav Schwab . Mit einem Titelbilde . Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1839 . Vorwort. Auf den ersten Band dieser Sammlung der schönsten Sagen des klassischen Alterthums, der eine Mannigfaltigkeit kleinerer Mythen und Geschichten in sich schloß, folgt in gegenwärtigem zweiten Bande eine einzige Sage, aber die großartigste der alten Zeit, die Sage von Troja , und zwar von der Stadt Grün¬ dung bis zu ihrem Untergange, mithin in einer Vollständigkeit, wie sie als Erzählung aus den Quellen noch nie in dieser Gestalt zusammengefaßt worden ist. Der Bearbeiter wünscht und hofft, daß das Ganze, auf diese Weise überschaulich gemacht, nicht nur der Jugend neu und interessant erscheinen, sondern auch manchem ältern Leser der Ilias als eine im Geiste dieses unsterblichen Gedichts wenigstens versuchte Vervollständigung nicht unwillkommen seyn werde. Um so mehr hat er die Pflicht, sich darüber auszu¬ weisen, daß jene Ergänzung von ihm nicht willkührlich, sondern mit gewissenhafter Benützung der Alten selbst, deren Quelle ihrer¬ seits die epischen Darstellungen einzelner cyklischen Dichter waren, vorgenommen worden ist. Im ersten Viertel des vorliegenden Bandes mußte sich der Verfasser für den Strom der Erzählung mit den trübe fließenden Quellen jener rhetorischen Machwerke behelfen, die wir, aus spätester Zeit, unter den Namen des Dictys Cretensis, und des Dares Phrygius besitzen. Doch bildet ihr Bericht, aus welchem immer das mit Homer am leichtesten Vereinbare herausgesucht wurde, nur das historische Grundgewebe oder die Kette der Bege¬ benheiten, während die berühmtesten Dichter des griechischen und römischen Alterthums, Sophokles, Euripides, Horaz, Ovid u. A. den farbenreichen Einschlag ihrer Phantasie zu dem Gespinste beisteuerten. Den Kern der Sage bildet sodann die Ilias Homers , welchem der Erzähler auch für die beiden andern Theile dieses Bandes den allgemeinen Ton der Darstellung abzulauschen, und dessen Färbung er in demjenigen Theile, in welchem er der ein¬ zige Berichterstatter ist, so unverkümmert, als es in ungebundener Rede und doch dabei zusammengedrängtem Vortrage geschehen konnte, beizubehalten sich bestrebt hat. Die Homerische Geschichte der Ilias bildet auf solche Weise fast die Hälfte des zweiten Bandes. Täuscht den Verfasser dieses Buches seine Hoffnung nicht, so ist die innere Gestalt der unverderblichsten Dichtung auch unter Aufopferung der poetischen Form nicht verloren gegangen, und ihr Götterleib schimmert noch durch das prunklose Gewand der schlichtesten Prosa hindurch. Das letzte Viertel des Bandes ist wieder mehreren Dichtern entnommen: Pindar, Sophokles, Virgil sind wiederholt berücksich¬ tigt worden; doch ist hier der Darsteller so glücklich gewesen, in der Fortsetzung Homers durch den Dichter Quintus , dessen weiterer Name, Vaterland und Zeitalter in eine ungerechte Ver¬ gessenheit oder Unsicherheit gehüllt sind, und den nur die Gelehr¬ samkeit bald Calaber, bald Smyrnäus benannt hat, eine ächt poetische Grundlage, und Stoff wie Form zu fortlaufender Erzäh¬ lung vorzufinden. Die Paralipomenen dieses Poeten sind ein klassisches Kunstwerk und werden hoffentlich in ihrer Schönheit und Größe, gleich den Schöpfungen anderer Dichter, durch die treffliche metrische Uebersetzung des Herrn Professors Platz in Wertheim, der das Publikum in der Sammlung verdeutschter Klassiker entgegensehen darf, sich bald die Anerkennung aller Freunde ächter Poesie gewinnen. Der künstlerischen Uebertragung jenes Gedichtes, welche der Erzähler dieser Sagen im Manu¬ skripte zu benützen Gelegenheit gehabt hat, verdankt seine Dar¬ stellung an Farbe und lebendigem Ausdrucke nicht wenig, und der genannte Gelehrte möge den öffentlichen Dank, welcher ihm hier dargebracht wird, nicht verschmähen. Was die allgemeinen Grundsätze betrifft, nach welchen auch der gegenwärtige Sagenkreis vom Verfasser in der Erzählung behandelt worden ist, so sind sie dieselben, die bei Abfassung des ersten Bandes befolgt worden sind; und der Bearbeiter freut sich, daß ihre Anwendung den Beifall billiger und einsichtiger Richter erlangt hat. G. Schwab. Inhalts - Uebersicht . Erstes Buch. Seite Troja's Erbauung 3. Priamus, Hekuba und Paris 7. Der Raub der Helena 12. Die Griechen 19. Botschaft der Griechen an Priamus 25. Agamemnon und Iphigenia 29. Abfahrt der Griechen. Aussetzung des Philoktetes 46. Die Griechen in Mysien. Telephus 47. Paris zurückgekehrt 53. Die Griechen vor Troja 55. Zweites Buch. Seite Ausbruch des Kampfes. Protefilaus. Cygnus 65. Palamedes und sein Tod 71. Thaten des Achilles und Ajax 73. Polydorus 77. Chryses, Apollo und der Zorn des Achilles 84. Versuchung des Volkes durch Agamemnon 93. Paris und Menelaus 100. Drittes Buch. Pandarus 113. Die Schlacht. Diomedes 118. Glaukus und Diomedes 135. Hektor in Troja 137. Hektor und Ajax im Zweikampfe 143. Waffenstillstand 149. Sieg der Trojaner 153. Botschaft der Griechen an Achilles 160. Dolon und Rhesus 164. Zweite Niederlage der Griechen 172. Kampf um die Mauer 182. Kampf um die Schiffe 188. Seite Die Griechen von Poseidon gestärkt 198. Hektor von Apollo gekräftigt 204. Tod des Patroklus 215. Jammer des Achilles 237. Viertes Buch. Achilles neu bewaffnet 245. Achilles und Agamemnon versöhnt 252. Schlacht der Götter und Menschen 259. Kampf des Achilles mit dem Stromgotte Skamander 267. Schlacht der Götter 273. Achilles und Hektor vor den Thoren 277. Der Tod Hektors 282. Leichenfeier des Patroklus 289. Priamus bei Achilles 300. Hektors Leichnam in Troja 312. Penthefil é a 316. Memnon 332. Der Tod des Achilles 342. Leichenspiele des Achilles 349. Fünftes Buch. Seite Der Tod des großen Ajax 359. Machaon und Podalirius 369. Neoptolemus 375. Philoktetes auf Lemnos 384. Der Tod des Paris 392. Sturm auf Troja 398. Das hölzerne Pferd 402. Die Zerstörung Troja's 417. Menelaus und Helena. Polyxena 424. Abfahrt von Troja. Ajax des Lokrers Tod 431. Erstes Buch. Schwab , das klass. Alterthum. II . 1 Troja's Erbauung. In uralten Zeiten wohnten auf der Insel Samothrace, im ägäischen Meere, zwei Brüder, Iasion und Dardanus, Söhne des Jupiter und einer Nymphe, Fürsten des Lan¬ des. Von diesen wagte Iasion, als ein Göttersohn, seine Augen zu einer Tochter des Olymp zu erheben, warf eine ungestüme Neigung auf die Göttin Demeter [Ceres], und wurde zur Strafe seiner Kühnheit vom eigenen Vater mit dem Blitze erschlagen. Dardanus, der andere Sohn, ver¬ ließ, tief betrübt über den Tod seines Bruders, Reich und Heimath, und ging hinüber auf das asiatische Festland, an die Küste Mysiens, da wo die Flüsse Simois und Ska¬ mander vereinigt in das Meer strömen, und das hohe Idagebirge sich nach dem Meere abgedacht in eine Ebene verliert. Hier herrschte der König Teucer, Kretischen Ur¬ sprungs, und nach ihm hieß auch das Hirtenvolk jener Gegenden Teukrer. Von diesem Könige wurde Dar¬ danus gastfreundlich aufgenommen, bekam einen Strich Landes zum Eigenthum und die Tochter des Königes zur Gemahlin. Er gründete eine Ansiedlung, das Land wurde nach ihm Dardania und das Volk der Teukrer von nun an Dardaner genannt. Ihm folgte sein Sohn Erichthonius in der Herrschaft, und dieser zeugte den Tros, nach wel¬ chem die Landschaft nun Troas, der offene Hauptort des Landes Troja, und Teukrer oder Dardaner jetzt auch 1 * Trojaner oder Troer genannt wurden. Nachfolger des Köni¬ ges Tros war sein ältester Sohn Ilus. Als dieser einst das benachbarte Land der Phryger besuchte, wurde er von dem Könige Phrygiens zu eben angeordneten Kampfspielen eingeladen, und trug hier im Ringkampfe den Sieg davon. Er erhielt als Kampfpreis fünfzig Jünglinge und eben so viele Jungfrauen, dazu eine buntgefleckte Kuh, die ihm der König mit der Weisung eines alten Orakelspruches über¬ gab, wo sie sich niederlegen würde, da sollte er eine Burg gründen. Ilus folgte der Kuh, und da sie sich bei dem offenen Flecken lagerte, der seit seinem Vater Tros der Sitz des Landes und seine eigene Wohnung war, auch schon Troja hieß, so baute er hier auf einem Hügel die feste Burg Ilion oder Ilios, auch Pergamus geheißen, wie denn das ganze Wesen von nun an bald Troja, bald Ilion, bald Pergamus genannt wurde. Ehe er jedoch die Burg anlegte, bat er seinen Ahnherrn Zeus um ein Zei¬ chen, daß ihm die Gründung derselben genehm sey. Am folgenden Tage fand er das vom Himmel gefallene Bild der Göttin Athene, Palladium genannt, vor seinem Zelte liegen. Es war drei Ellen hoch, hatte geschlossene Füße, und hielt in der rechten Hand einen erhobenen Speer, in der andern Rocken und Spindel. Mit diesem Bilde hatte es folgende Bewandniß. Die Göttin Athene [Minerva] wurde nach der Sage von ihrer Geburt an bei einem Triton, einem Meergott, erzogen, der eine Tochter Namens Pallas hatte, die gleichen Alters mit Athene und ihre ge¬ liebte Gespielin war. Eines Tages nun, als die beiden Jungfrauen ihren kriegerischen Uebungen oblagen, traten sie zu einem scherzhaften Wettkampfe einander gegenüber. Eben wollte die Tritonentochter Pallas einen Streich auf ihre Gespielin führen, als Jupiter, für seine Tochter ban¬ gend, den Schild aus Ziegenfell, die Aegide, dieser vor¬ hielt. Dadurch erschreckt, blickte Pallas furchtsam auf, und wurde in diesem Augenblicke von Athene tödtlich verwundet. Tiefe Trauer bemächtigte sich der Göttin, und sie ließ zum dauernden Andenken ein recht ähnliches Bild ihrer gelieb¬ ten Gespielin Pallas verfertigen, legte demselben einen Brustharnisch von dem gleichen Ziegenfelle, wie der Schild war, um, der nun auch Aegispanzer oder Aegide hieß, stellte das Bild neben die Bildsäule Jupiters und hielt es hoch in Ehren. Sie selbst aber nannte sich seitdem Pallas Athene. Dieses Palladium nun warf, mit Einwilligung seiner Tochter, Jupiter vom Himmel in die Gegend der Burg Ilios herunter, zum Zeichen, daß Burg und Stadt unter seinem und seiner Tochter Schutze stehe. Der Sohn des Königes Ilus und der Eurydice war Laomedon, ein eigenmächtiger und gewaltthätiger Mann, der Götter und Menschen betrog. Dieser dachte darauf, den offenen Flecken Troja, der noch nicht befestigt war, wie die Burg, mit einer Mauer zu umgeben und so zu einer förmlichen Stadt zu machen. Damals irrten die Götter Apollo und Poseidon (Neptunus), die sich gegen ihren Vater Jupiter empört hatten und aus dem Himmel gesto¬ ßen waren, heimathlos auf der Erde umher. Es war der Wille des Zeus, daß sie dem Könige Laomedon an der Mauer Troja's bauen helfen sollten, damit die Lieblings¬ stadt Jupiter's und Athene's der Zerstörung trotzende Mauern hätte. So führte sie denn ihr Geschick in die Nähe von Ilios, als eben mit dem Bau der Stadtmauern begonnen wurde. Die Götter machten dem Könige Laomedon ihre Anträge, und da sie auf der Erde nicht blos müßig gehen durften, noch ohne Arbeit mit Ambrosia gespeist wurden, so bedingten sie sich einen Lohn aus, der ihnen auch ver¬ sprochen ward, und fingen nun an zu fröhnen. Neptu¬ nus half unmittelbar bei dem Bau; unter seiner Leitung stieg die Ringmauer breit und schön, eine undurchdringliche Schutzwehre der Stadt, in die Höhe. Phöbus Apollo weidete inzwischen das Hornvieh des Königes in den ge¬ wundenen Schluchten und Thälern des waldreichen Gebir¬ ges Ida. Die Götter hatten versprochen, auf diese Weise dem Könige ein Jahr lang zu fröhnen. Als nun diese Frist abgelaufen war, auch die herrliche Stadtmauer fertig stand, entzog der trügerische Laomedon den Göttern gewalt¬ sam ihren gesammten Lohn, und als sie mit ihm rechteten und der beredte Apollo ihm bittere Vorwürfe machte, so jagte er beide fort, mit der Androhung, dem Phöbus Hände und Füße fesseln zu lassen, beiden aber die Ohren abzu¬ schneiden. Mit großer Erbitterung schieden die Götter, und wurden Todfeinde des Königs und des Volkes der Trojaner, auch Athene kehrte sich von der Stadt, die bis¬ her ihre Schützlingin gewesen war, ab, und schon jetzt war, einer stillschweigenden Einwilligung Jupiters zu Folge, die eben erst mit stattlichen Mauern versehene Hauptstadt mit ihrem Königsgeschlecht und Volke diesen Göttern, zu welchen sich mit dem glühendsten Hasse in kurzer Zeit auch Juno gesellte, zum Verderben überlassen. Priamus, Hekuba und Paris. Das weitere Loos des Königes Laomedon und seiner Tochter Hesione ist schon von uns berichtet worden Erster Band, S. 252–254. . Ihm folgte sein Sohn Priamus in der Regierung. Dieser vermählte sich in zweiter Ehe mit Hekuba oder Hekabe, der Tochter des phrygischen Königes Drymas. Ihr erster Sohn war Hektor. Als aber die Geburt ihres zweiten Kindes herannahete, da schaute Hekuba in einer dunkeln Nacht im Traume ein entsetzliches Gesicht. Ihr war, als gebäre sie einen Fackelbrand, der die ganze Stadt Troja in Flammen setze und zu Asche verbrenne. Erschrocken meldete sie diesen Traum ihrem Gemahle Priamus. Der ließ seinen Sohn aus erster Ehe, Aesakus mit Namen, kom¬ men, welcher ein Wahrsager war, und von seinem mütterlichen Großvater Merops die Kunst Träume zu deuten erlernt hatte. Aesakus erklärte, seine Stiefmutter Hekuba werde einen Sohn gebären, der seiner Vaterstadt zum Verderben gerei¬ chen müsse. Er rieth daher, das Kind, das sie erwartete, auszusetzen. Wirklich gebar die Königin einen Sohn, und die Liebe zum Vaterland überwog bei ihr das Muttergefühl. Sie gestattete ihrem Gatten Priamus, das neugeborne Kind einem Sklaven zu geben, der es auf den Berg Ida tragen und daselbst aussetzen sollte. Der Knecht hieß Agelaus. Dieser that wie ihm befohlen war; aber eine Bärin reichte dem Säugling die Brust und nach fünf Tagen fand der Sklave das Kind gesund und munter im Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich, erzog es auf seinem Aeckerchen wie sein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris. Als der Königssohn unter den Hirten zum Jünglinge herangewachsen war, zeichnete er sich durch Körperkraft und Schönheit aus, und wurde ein Schutz aller Hirten des Berges Ida gegen die Räuber, daher ihn jene auch nur Alexander, d. h. Männerhilf, nannten. Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abweg¬ samsten und schattigsten Thale, das sich durch die Schluch¬ ten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und Stein¬ eichen, ferne von seinen Heerden, die den Zugang zu dieser Einsamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit ver¬ schränkten Armen hinabschaute durch den Bergriß, der eine Durchsicht auf die Palläste Troja's und das ferne Meer gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Eh er sich besinnen konnte, stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen getra¬ gen, Merkur der Götterbote, den goldnen Heroldsstab in den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkün¬ diger einer neuen Göttererscheinung: denn drei himmlische Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das weiche, nie gemähete und nie abgeweidete Gras einhergeschritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: „Lege alle Furcht ab; die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter: dich haben sie gewählt zu entscheiden, welche von ihnen Dreien die schönste sey. Jupiter befiehlt dir, dich diesem Richteramte zu unterziehen: er wird dir seinen Schirm und Beistand nicht versagen!“ So sprach Merkur und erhob sich auf seinen Fittigen, den Augen des Königssohnes ent¬ schwebend, über das enge Thal empor. Seine Worte hatten dem blöden Hirten Muth eingeflößt, er wagte es, den schüchtern gesenkten Blick zu erheben und die göttlichen Gestalten, die in überirdischer Größe und Schönheit seines Spruches gewärtig vor ihm standen, zu mustern. Der erste Anblick schien ihm zu sagen, daß eine wie die andere werth sey, den Preis der Schönheit davon zu tragen: doch gefiel ihm jetzt die eine Göttin mehr, jetzt die andere, so wie er länger auf einer der herrlichen Gestalten ver¬ weilt hatte. Nur schien ihm allmählig eine, die jüngste und zärteste, holder und liebenswerther als die andern, und ihm war, als ob aus ihren Augen ein Netz von Liebesstrahlen ausgehend, sich ihm um Blick und Stirne spänne. Indessen hub die stolzeste der drei Frauen, die an Wuchs und Hoheit über die beiden andern hervorragte, dem Jünglinge gegenüber an: „Ich bin Juno, die Schwe¬ ster und Gemahlin Jupiters. Wenn du diesen goldenen Apfel, welchen Eris, die Göttin der Zwietracht, beim Hoch¬ zeitmahle der Thetis und des Peleus unter die Gäste warf, mit der Aufschrift: „der Schönsten,“ mir zuerkennest, so soll dir, ob du gleich nur ein aus dem Königspallaste verstoßener Hirte bist, die Herrschaft über das schönste Reich der Erde nicht fehlen.“ — „Ich bin Pallas, die Göttin der Weisheit,“ sprach die andere mit der reinen, gewölbten Stirne, den tiefblauen Augen und dem jung¬ fräulichen Ernst im schönen Antlitz; „wenn du mir den Sieg zuerkennst, sollst du den höchsten Ruhm der Weisheit und Männertugend unter den Menschen ärnten!“ Da schaute die dritte, die bisher immer nur mit den Augen gesprochen hatte, den Hirten mit einem süßen Lächeln noch durchdringender an, und sagte: „Paris, du wirst dich doch nicht durch das Versprechen von Geschenken bethören lassen, die beide voll Gefahr und ungewissen Erfolges sind! Ich will dir eine Gabe geben, die dir gar keine Unlust bereiten soll; ich will dir geben, was du nur zu lieben brauchst, um seiner froh zu werden: das schönste Weib der Erde will ich dir als Gemahlin in die Arme führen! Ich bin Aphrodite, die Göttin der Liebe!“ Als Venus dem Hirten Paris dieß Versprechen that, stand sie vor ihm, mit ihrem Gürtel geschmückt, der ihr den höchsten Zauber der Anmuth verlieh. Da erblaßte vor dem Schimmer der Hoffnung und ihrer Schönheit der Reiz der andern Göttinnen vor seinen Augen, und mit trunkenem Muthe erkannte er der Liebesgöttin das goldene Kleinod, das er aus Juno's Hand empfangen hatte, zu. Juno und Minerva wandten ihm zürnend den Rücken und schwuren die Majestätsbeleidigung ihrer Gestalt an ihm, an seinem Vater Priamus, am Volk und Reiche der Trojaner zu rächen, und alle miteinander zu verderben, und Here [Juno] insbesondere wurde von diesem Augenblicke an die unversöhnlichste Feindin der Tro¬ janer. Venus aber schied von dem entzückten Hirten mit holdseligem Gruße, nachdem sie ihm ihr Versprechen feier¬ lich und mit dem Göttereide bekräftiget wiederholt hatte. Paris lebte seiner Hoffnung geraume Zeit als uner¬ kannter Hirte auf den Höhen des Ida; aber da die Wünsche, welche die Göttin in ihm rege gemacht hatte, so lange nicht in Erfüllung gingen, so vermählte er sich hier mit einer schönen Jungfrau Namens Oenone, die für die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe galt, und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Heerden glück¬ liche Tage in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König Priamus für einen ver¬ storbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er früher nie betreten hatte. Priamus setzte nämlich bei die¬ sem Feste als Kampfpreis einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Heerden holen ließ. Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war, und da er ihn seinem Herrn dem Könige nicht vorenthalten durfte, so beschloß er wenigstens den Kampf um denselben zu versuchen. Hier siegte er in den Kampf¬ spielen über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der tapferste und herrlichste von ihnen war. Ein anderer muthiger Sohn des Königs Priamus, Deiphobus, von Zorn und Schaam über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling niederstoßen. Dieser aber flüch¬ tete sich zum Altare Jupiters, und die Tochter des Pria¬ mus, Kassandra, welche die Wahrsagergabe von den Göttern zum Angebinde erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder. Nun umarmten ihn die Eltern, vergaßen über der Freude des Wiedersehens die verhäng¬ nißvolle Weissagung bei seiner Geburt, und nahmen ihn als ihren Sohn auf. Vorerst kehrte nun Paris zu seiner Gattin und seinen Heerden zurück, indem er auf dem Berge Ida eine statt¬ liche Wohnung als Königssohn erhielt. Bald jedoch fand sich Gelegenheit für ihn zu einem königlicheren Geschäfte, und nun ging er, ohne es zu wissen, dem Preis entgegen, den ihm seine Freundin, die Göttin Aphrodite, verspro¬ chen hatte. Der Raub der Helena. Wir wissen, daß, als König Priamus noch ein zarter Knabe war, seine Schwester Hesione von Herkules, der den Laomedon getödtet und Troja erobert hatte, als Sieges¬ beute fortgeschleppt und seinem Freunde Telamon geschenkt worden war. Obgleich dieser Held sie zu seiner Gemah¬ lin erhoben und zur Fürstin von Salamis gemacht, so hatte doch Priamus und sein Haus diesen Raub nicht verschmerzt. Als nun an dem Königshofe einmal wieder die Rede von dieser Entführung war und Priamus seine große Sehnsucht nach der fernen Schwester zu erkennen gab, da stand in dem Rathe seiner Söhne Alexander oder Paris auf und erklärte, wenn man ihn mit einer Flotte nach Griechenland schicken wolle, so gedenke er mit der Götter Hülfe des Vaters Schwester den Feinden mit Ge¬ walt zu entreißen und mit Sieg und Ruhm gekrönt nach Hause zurückzukehren. Seine Hoffnung stützte sich auf die Gunst der Göttin Venus, und er erzählte deswegen dem Vater und den Brüdern, was ihm, bei seinen Heerden begegnet war. Priamus selbst zweifelte jetzt nicht länger, daß sein Sohn Alexander den besondern Schutz der Himm¬ lischen erhalten werde und auch Deiphobus sprach die gute Zuversicht aus, daß, wenn sein Bruder mit einer stattlichen Kriegsrüstung erschiene, die Griechen Genugthuung geben und Hesione ihm ausliefern würden. Nun war aber unter den vielen Söhnen des Priamus auch ein Seher, Namens Helenus. Dieser brach plötzlich in weissagende Worte aus und versicherte, wenn sein Bruder Paris ein Weib aus Griechenland mitbringe, so werden die Griechen nach Troja kommen, die Stadt schleifen, den Priamus und alle seine Söhne niedermachen. Diese Wahrsagung brachte Zwiespalt in den Rath. Troilus, der jüngste Sohn des Priamus, ein thatenlustiger Jüngling, wollte von den Prophezeihun¬ gen seines Bruders nichts hören, schalt seine Furchtsamkeit und rieth, sich von seinen Drohungen nicht vom Kriege abschrecken zu lassen. Andere zeigten sich bedenklicher. Priamus aber trat auf die Seite seines Sohnes Paris, denn ihn verlangte sehnlich nach der Schwester. Nun wurde von dem König eine Volksversammlung berufen, in welcher Priamus den Trojanern vortrug, wie er schon früher unter Antenor's Anführung eine Gesandt¬ schaft nach Griechenland geschickt. Genugthuung für den Raub der Schwester und diese selbst zurückverlangt hätte. Damals sey Antenor mit Schmach abgewiesen worden, jetzt aber gedenke er, wenn es der Volksversammlung so gefalle, seinen eigenen Sohn Paris mit einer ansehnlichen Kriegsmacht auszusenden und das mit Gewalt zu erzwin¬ gen, was Güte nicht zuwege gebracht. Zur Unterstützung dieses Vorschlags erhub sich Antenor, schilderte mit Unwil¬ len, was er selbst, als friedlicher Gesandter, Schmähliches in Griechenland geduldet hatte, und beschrieb das Volk der Griechen als trotzig im Frieden und verzagt im Kriege. Seine Worte feuerten das Volk an, daß es sich mit lau¬ tem Zurufe für den Krieg erklärte. Aber der weise König Priamus wollte die Sache nicht leichtsinnig beschlossen wissen und forderte Jeden auf zu sprechen, der ein Beden¬ ken in dieser Angelegenheit auf dem Herzen hätte. Da stand Panthous, einer der Aeltesten Troja's, in der Ver¬ sammlung auf, und erzählte, was sein Vater Othryas, von der Götter Orakel belehrt, ihm selbst in jungen Jahren anvertraut hatte. Wenn je einmal ein Königssohn aus Laomedons Geschlechte eine Gemahlin aus Griechen¬ land ins Haus führen würde, so stehe den Trojanern das äußerste Verderben bevor. „Darum,“ schloß er seine Rede, „lasset uns den trügerischen Kriegsruhm nicht verführen, Freunde, und unser Leben lieber in Frieden und Ruhe dahinbringen, als auf das Spiel der Schlachten setzen und zuletzt mit sammt der Freiheit verlieren.“ Aber das Volk murrte über diesen Vorschlag und rief seinem Könige Priamus zu, den furchtsamen Worten eines alten Mannes kein Gehör zu schenken und zu thun, was er im Herzen doch schon beschlossen hätte. Da ließ Priamus Schiffe rüsten, die auf dem Berge Ida gezimmert worden, und sandte seinen Sohn Hektor ins Phrygerland, Paris und Deiphobus aber ins benach¬ barte Päonien, um verbündete Kriegsvölker zu sammeln; auch Troja's waffenfähige Männer schickten sich zum Kriege an, und so kam bald ein gewaltiges Heer zusammen. Der König stellte dasselbe unter den Befehl seines Sohnes Paris, und gab ihm den Bruder Deiphobus, den Sohn des Panthous, Polydamas, und den Fürsten Aeneas an die Seite; die mächtige Ausrüstung ging in die See und steuerte der griechischen Insel Cythere zu, wo sie zuerst zu landen gedachten. Unterwegs begegnete die Flotte dem Schiffe des griechischen Völkerfürsten und spartanischen Königes Menelaus, der auf einer Fahrt nach Pylos zu dem weisen Fürsten Nestor begriffen war. Dieser staunte, als er den prächtigen Schiffszug erblickte, und auch die Trojaner betrachteten neugierig das schöne griechische Fahr¬ zeug, das festlich ausgeschmückt einen der ersten Fürsten Griechenlands zu tragen schien. Aber beide Theile kannten einander nicht, Jeder besann sich, wohin wohl der Andere fahren möge, und so flogen sie auf den Wellen aneinander vorüber. Die trojanische Flotte kam glücklich auf der Insel Cythere an. Von dort wollte sich Paris nach Sparta begeben und mit den Jupiterssöhnen Castor und Pollux in Unterhandlung treten, um seine Vatersschwester Hesione in Empfang zu nehmen. Würden die griechischen Helden sie ihm verweigern, so hatte er von seinem Vater den Befehl, mit der Kriegsflotte nach Salamis zu segeln und die Für¬ stin mit Gewalt zu entführen. Ehe jedoch Paris diese Gesandtschaftsreise nach Sparta antrat, wollte er in einem der Venus und Diana gemein¬ schaftlich geweihten Tempel zuvor ein Opfer darbringen. Inzwischen hatten die Bewohner der Insel die Erscheinung der prächtigen Flotte nach Sparta gemeldet, wo in der Abwesenheit ihres Gemahls Menelaus die Fürstin Helena allein Hof hielt. Diese, eine Tochter Jupiters und der Leda, und die Schwester des Kastor und Pollux, war die schönste Frau ihrer ganzen Zeit und als zartes Mädchen schon von Theseus entführt, aber von ihren Brüdern ihm wieder entrissen worden Vergl. Bd. I , S. 306. 307. . Als sie, zur Jungfrau auf¬ geblüht, bei ihrem Stiefvater Tyndareus, König zu Sparta, heranwuchs, zog ihre Schönheit ein ganzes Heer Freier herbei, und der König fürchtete, wenn er Einen von ihnen zum Eidam wählte, sich alle Anderen zu Feinden zu ma¬ chen. Da gab ihm Odysseus von Ithaka, der kluge grie¬ chische Held, den Rath, alle Freier durch einen Eid zu verpflichten, daß sie dem erkohrenen Bräutigam gegen jeden Andern, der den König um dieser Heirath seiner Tochter willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand beistehen wollten. Als Tyndareus dieß vernommen, ließ er die Freier den Eid schwören, und nun wählte er selbst den Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaus den Argiverfürsten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und überließ ihm sein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege lag, als Paris nach Griechenland kam. Wie nun die schöne Fürstin Helena, die in ihrem Pallaste während des Gemahls Abwesenheit freudlose Tage ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen Ausrüstung eines fremden Königssohnes auf der Insel Cythere Kunde erhielt, wandelte sie eine weibliche Neu¬ gierde an, den Fremdling und sein kriegerisches Gefolge zu schauen, und um dieß Verlangen befriedigen zu können, veranstaltete auch sie ein feierliches Opfer im Dianen¬ tempel auf Cythere. Sie betrat das Heiligthum in dem Augenblicke, als Paris sein Opfer vollbracht hatte. Wie dieser die eintretende Fürstin gewahr ward, sanken ihm die zum Gebet erhobenen Hände und er verlor sich in Stau¬ nen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite selbst wieder zu erblicken, wie sie ihm in seinem Hirtengehöfte erschienen war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit längst zu seinen Ohren gedrungen, und Paris war begierig gewesen, ihrer Reize in Sparta ansichtig zu werden. Doch hatte er gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verhei¬ ßen hatte, müsse viel schöner seyn, als die Beschreibung von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die ihm versprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die Gattin eines Anderen. Jetzt aber, wo er die Fürstin von Sparta vor Augen sah, und ihre Schönheit mit der Schön¬ heit der Liebesgöttin selbst wetteiferte, ward ihm plötzlich klar, daß nur dieses Weib es seyn könne, das ihm Venus zum Lohne für sein Urtheil zugesagt hatte. Der Auftrag seines Vaters, der ganze Zweck der Ausrüstung und Reise schwand in diesem Augenblick aus seinem Geiste; er schien sich mit seinen Tausenden Bewaffneter nur dazu ausge¬ sendet, Helena zu erobern. Während er so in ihre Schön¬ heit versunken stand, betrachtete auch die Fürstin Helena den schönen asiatischen Königssohn mit dem langen locki¬ gen Haarwuchs, in Gold und Purpur mit orientalischer Pracht gekleidet, mit nicht unterdrücktem Wohlgefallen, das Bild ihres Gemahls erbleichte in ihrem Geiste und an seine Stelle trat die reizende Gestalt des jugendlichen Fremdlings. Indessen kehrte Helena nach Sparta in ihren Königs¬ pallast zurück, suchte das Bild des schönen Jünglings aus ihrem Herzen zu verdrängen und wünschte ihren noch immer auf Pylos verweilenden Gatten Menelaus zurück. Statt seiner erschien Paris selbst mit seinem erlesenen Volke in Sparta, und bahnte sich mit seiner Botschaft den Weg in des Königes Halle, obgleich dieser abwesend war. Die Gemahlin des Fürsten Menelaus empfing ihn mit der Gastfreundschaft, welche sie dem Fremden, und mit der Auszeichnung, welche sie dem Königssohne schuldig war. Da bethörte seine Saitenkunst, sein einschmeicheln¬ des Gespräch, und die heftige Gluth seiner Liebe das unbewachte Herz der Königin. Als Paris ihre Treue wanken sah, vergaß er den Auftrag seines Vaters und Volkes und nur das trügerische Versprechen der Liebes¬ göttin stand vor seiner Seele. Er versammelte seine Schwab , das klass. Alterthum. II . 2 Getreuen, die bewaffnet mit ihm nach Sparta gekommen waren, und verführte sie durch Aussicht auf reiche Beute, in den Frevel zu willigen, welchen er mit ihrer Hülfe aus¬ zuführen gedachte. Dann stürmte er den Pallast, bemäch¬ tigte sich der Schätze des griechischen Fürsten, und entführte die schöne Helena widerstrebend und doch nicht ganz wider Willen nach der Insel und seiner Flotte. Als er mit seiner reizenden Beute auf der See durch das ägäische Meer schwamm, überfiel die eilenden Fahrzeuge eine plötzliche Windstille: vor dem Königsschiffe, das den Räuber mit der Fürstin trug, theilte sich die Woge und der uralte Meeresgott Nereus hub sein schilfbekränztes Haupt mit den triefenden Haar- und Bartlocken aus der Fluth empor und rief dem Schiffe, welches wie mit Nägeln in das Wasser geheftet schien, das selber einem ehernen Walle glich, der sich um die Rippen des Fahrzeugs auf¬ geworfen hatte, seine fluchende Wahrsagung zu: „Unglücks¬ vögel flattern deiner Fahrt voran, verfluchter Räuber! Die Griechen werden kommen mit Heeresmacht, verschwo¬ ren, deinen Frevelbund und das alte Reich des Priamus zu zerreißen! Wehe mir, wie viel Rosse, wie viel Män¬ ner erblicke ich! Wie viele Leichen verursachst du dem dardanischen Volke! Schon rüstet Pallas ihren Helm, ihren Schild und ihre Wuth! Jahre lang dauert der blu¬ tige Kampf, und den Untergang deiner Stadt hält nur der Zorn eines Helden auf. Aber wenn die Zahl der Jahre voll ist, wird griechischer Feuerbrand die Häuser Troja's fressen!“ So rief der Greis und tauchte wieder in die Fluth. Mit Entsetzen hatte Paris zugehört, als aber der Fahr¬ wind wieder luftig blies, vergaß er bald im Arm der geraubten Fürstin der Prophezeihung und legte mit seiner ganzen Flotte vor der Insel Kranae vor Anker, wo die treulose und leichtsinnige Gattin des Menelaus ihm jetzt freiwillig ihre Hand reichte und das feierliche Beilager gehalten wurde. Da vergaßen beide Heimath und Vater¬ land und zehrten von den mitgebrachten Schätzen lange Zeit in Herrlichkeit und Freuden. Jahre vergingen, bis sie nach Troja aufbrachen. Die Griechen. Die Versündigung, die sich Paris als Gesandter zu Sparta gegen Völkerrecht und Gastrecht zu Schulden kom¬ men lassen, trug im Augenblick ihre Früchte und empörte gegen ihn ein bei dem Heldenvolke der Griechen Alles vermögendes Fürstengeschlecht. Menelaus, König von Sparta, und Agamemnon, sein älterer Bruder, König von Mycene, waren Nachkommen des Tantalus, Enkel des Pelops, Söhne des Atreus, aus einem an hohen wie an verruchten Thaten reichen Stamme; diesen beiden mächtigen Brüdern gehorchten außer Argos und Sparta die meisten Staaten des Peloponneses, und die Häupter des übrigen Griechenlands waren mit ihnen verbündet. Als daher die Nachricht von dem Raube seiner Gattin Helena den König Menelaus bei seinem greisen Freunde Nestor zu Pylos traf, eilte der entrüstete Fürst zu seinem Bruder Agamemnon nach Mycene, wo dieser mit seiner Gemahlin Klytämnestra, der Halbschwester Helena's, regierte. Dieser theilte den Schmerz und den Unwillen seines 2* Bruders; doch tröstete er ihn und versprach, die Freier Hele¬ na's ihres Eides zu gemahnen. So bereisten die Brüder ganz Griechenland und forderten seine Fürsten zur Theil¬ nahme an dem Kriege gegen Troja auf. Die ersten, die sich anschlossen, waren Tlepolemus, ein berühmter Fürst aus Rhodos, ein Sohn des Herkules, der sich erbot, neun¬ zig Schiffe zu dem Feldzuge gegen die trügerische Stadt Troja zu stellen; dann Diomedes, der Sohn des unsterb¬ lichen Helden Tydeus, der mit achtzig Schiffen die muthig¬ sten Peloponnesier der Unternehmung zuzuführen versprach. Nachdem diese beiden Fürsten mit den Atriden zu Sparta Rath gepflogen, erging die Aufforderung auch an die Dioskuren oder Jupiterssöhne Kastor und Pollux, die Brüder Helena's. Diese aber waren schon auf die erste Nachricht von der Entführung ihrer Schwester dem Räu¬ ber nachgesegelt und bis zur Insel Lesbos, ganz nahe an die trojanische Küste gekommen; dort ergriff ein Sturm ihr Schiff und verschlang es. Die Dioskuren selbst ver¬ schwanden; aber die Sage versicherte, sie seyen nicht in den Wellen umgekommen, sondern ihr Vater Jupiter habe sie als Sternbilder an den Himmel versetzt, wo sie als Beschirmer der Schifffahrt und Schutzgötter der Schiff¬ fahrenden ihr segenvolles Amt von Zeitalter zu Zeitalter verwalten. Indessen erhub sich ganz Griechenland und gehorchte der Aufforderung der Atriden; zuletzt waren nur zwei berühmte Fürsten noch zurück. Der eine war der schlaue Odysseus aus Ithaka, der Gemahl Penelope's. Dieser wollte sein junges Weib und seinen zarten Knaben Telemachus der treulosen Gattin des Spartanerköniges zu Liebe nicht verlassen. Als daher Palamedes, der Sohn des Fürsten Nauplius aus Euböa, der vertraute Freund des Menelaus, mit dem Sparterfürsten deswegen zu ihm kam, heuchelte er Narrheit, spannte zu dem Ochsen einen Esel an den Pflug und pflügte mit dem seltsamen Paare sein Feld, indem er in die Furchen, die er zog, statt des Sa¬ mens Salz ausstreute. So ließ er sich von beiden Helden treffen und hoffte dadurch von dem verhaßten Zuge frei zu bleiben. Aber der einsichtsvolle Palamedes durch¬ schaute den verschlagensten aller Sterblichen, ging, während Odysseus seinen Pflug lenkte, heimlich in seinen Pallast, brachte seinen jungen Sohn Telemachus aus der Wiege herbei und legte diesen in die Furche, über die Odysseus eben hinwegackern wollte. Da hob der Vater den Pflug sorgfältig über das Kind hinweg und wurde von den laut aufschreienden Helden seines Verstandes überwiesen. Er konnte sich jetzt nicht länger mehr weigern, an dem Zuge Theil zu nehmen, und versprach, die bit¬ terste Feindschaft gegen Palamedes in seinem listigen Her¬ zen, zwölf bemannte Schiffe aus Ithaka und den Nachbar¬ inseln dem Könige Menelaus zur Verfügung zu stellen. Der andere Fürst, dessen Zustimmung noch nicht erfolgt, ja dessen Aufenthalt man nicht einmal kannte, war Achil¬ les, der junge, aber herrliche Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis. Als dieser ein neugebornes Kind war, wollte seine unsterbliche Mutter auch ihn unsterblich machen, steckte ihn, von seinem Vater Peleus ungesehen, des Nachts in ein himmlisches Feuer und fing so an zu vertilgen, was vom Vater her an ihm sterblich war. Bei Tage aber heilte sie die versengten Stellen mit Ambrosia. Dieß that sie von einer Nacht zur andern. Einmal aber belauschte sie Peleus, und schrie laut auf, als er seinen Sohn im Feuer zappeln sah. Diese Störung hinderte Thetis ihr Werk zu vollbringen, sie ließ den unmündigen Sohn, der auf diese Weise sterblich geblieben war, trostlos liegen, entfernte sich und kehrte nicht mehr in den Pallast ihres Gatten zurück, sondern entwich in das feuchte Wellen¬ reich der Nereiden. Peleus aber, der seinen Knaben gefähr¬ lich verwundet glaubte, hub ihn vom Boden auf und brachte ihn zu dem großen Wundarzt, dem Erzieher so vieler Helden, dem weisen Centauren Chiron. Dieser nahm ihn liebreich auf, und nährte den Knaben mit Bärenmark und mit der Leber von Löwen und Ebern. Als nun Achilles neun Jahre alt war, erklärte der griechische Seher Kalchas, daß die ferne Stadt Troja in Asien, welcher der Untergang durch griechische Waffen bevorstehe, ohne diesen Knaben nicht werde erobert werden können. Diese Wahr¬ sagung drang auch zu seiner Mutter Thetis hinab zur See in ihr unsterbliches Ohr, und weil sie wußte, daß jener Feldzug ihrem Sohn den Tod bringen würde, so stieg sie wieder empor aus dem Meere, schlich sich in ihres Gatten Pallast, steckte den Knaben in Mädchenkleider, und brachte ihn in dieser Verwandlung zu dem Könige Lyko¬ medes auf der Insel Scyros, der ihn unter seinen Mäd¬ chen als Jungfrau heranwachsen ließ und in weiblichen Arbeiten großzog. Als aber dem Jüngling der Flaum um das Kinn zu keimen anfing, entdeckte er sich in seiner Ver¬ kleidung der lieblichen Tochter des Königes, Didamia. Die gleiche zärtliche Neigung vereinigte in der Verborgen¬ heit den Heldenjüngling mit der königlichen Jungfrau und während er bei allen Bewohnern der Insel für eine Ver¬ wandte des Königs galt und auch bei Didamia für nichts anderes gelten sollte, war er heimlich ihr Gemahl gewor¬ den. Jetzt, wo der Göttersohn zur Besiegung Troja's unentbehrlich war, entdeckte der Seher Kalchas, dem wie sein Geschick, so auch sein Aufenthalt kein Geheimniß geblie¬ ben, diesen letztern den Atriden. Und nun schickten die Fürsten den Odysseus und den Diomedes ab, ihn in den Krieg zu holen. Als die Helden auf der Insel Scyros ankamen, wurden sie dem Könige und seinen Jungfrauen vorgeführt. Aber das zarte Jungferngesicht verbarg den künftigen Helden, und, so scharfsichtig der Blick der beiden Griechenfürsten war, so vermochten sie doch nicht, ihn aus der Mädchenschaar heraus zu erkennen. Da nahm Odys¬ seus seine Zuflucht zu einer List. Er ließ, wie von unge¬ fähr, in den Frauensaal, in dem die Mädchen sich befan¬ den, einen Schild und einen Speer bringen, und dann die Kriegstrompete blasen, als ob der Feind heranrückte. Bei diesen Schreckenstönen entflohen alle Frauen aus dem Saale, Achilles aber blieb allein zurück und griff muthig zu dem Speer und zu dem Schilde. Jetzt ward er von den Fürsten entlarvt und erbot sich, an der Spitze seiner Myrmidonen oder Thessalier, in Begleitung seines Erzie¬ hers Phönix und seines Freundes Patroklus, welcher mit ihm einst bei Peleus aufgezogen worden war, mit fünfzig Schiffen zu dem griechischen Heere zu stoßen. Zum Versammlungsort aller griechischen Fürsten und ihrer Schaaren und Schiffe wurde die Hafenstadt Aulis in Böotien, an der Meerenge von Euböa, durch Aga¬ memnon ausersehen, den die Volkshäupter als den thätig¬ sten Beförderer der Unternehmung zum obersten Befehls¬ haber derselben ernannt hatten. In jenem Hafen sammelten sich nun außer den ge¬ nannten Fürsten mit ihren Schiffen unzählige andere. Die vornehmsten darunter waren der riesige Ajax, der Sohn des Telamon aus Salamis, und sein Halbbruder Teucer, der treffliche Bogenschütze; der kleine, schnelle Ajax aus dem Lokrerlande; Menestheus aus Athen, Askalafus und Jalmenus, Söhne des Kriegsgottes mit ihren Minyern aus Orchomenus; aus Böotien Peneleus, Arcesilaus, Klonius, Prothoenor; aus Phocis Schedius und Epistro¬ phus; aus Euböa und mit den Abantern Elephenor; mit einem Theile der Argiver und andern Peloponnesiern außer Diomedes, Sthenelus, der Sohn des Kapaneus, und Euryalus, der Sohn des Mekistheus; aus Pylus Nestor der Greis, der schon drei Menschenalter gesehen; aus Arkadien Agapenor, der Sohn des Ancäus; aus Elis und andern Städten Amphimachus, Thalpius, Diores und Polyxenus; aus Dulichium und den echinadischen Inseln Meges, der Sohn des Phyleus; mit den Aetoliern Thoas, der Sohn des Adrämon; aus Kreta Idomeneus und Me¬ riones; aus Rhodos der Heraklide Tlepolemus; aus Syma Nireus, der schönste Mann im griechischen Heere; aus den kalydnischen Inseln die Herakliden Phidippus und Antiphus; aus Phylake Podarkes, Sohn des Iphiklus; aus Pherä in Thessalien Eumelos, der Sohn des Admetus und der frommen Alcestis; aus Methone, Thaumacia und Meliböa Philoktetes; aus Tricca, Ithoma und Oechalia die zwei heilkundigen Männer Podalirius und Machaon; aus Orme¬ nium und der Umgegend Eurypylus, der Sohn des Euä¬ mon; aus Argissa und der Gegend Polypötes, der Sohn des Pirothous, des Theseusfreundes; Guneus aus Cyphos, Prothous aus Magnesia. Dieß waren nebst den Atriden, Odysseus und Achilles, die Fürsten und Gebieter der Griechen, die, Keiner mit wenigen Schiffen, sich in Aulis sammelten. Die Griechen selbst wurden damals bald Danaer genannt, von dem alten ägyptischen Könige Danaus her, der sich zu Argos im Peloponnese niedergelassen hatte, bald Argiver, von der mächtigsten Landschaft Griechenlands, Argolis oder dem Argiverlande; bald Achajer oder Achiver, von dem alten Namen Griechenlands, Achaja. Später heißen sie Griechen, von Gräcus, dem Sohne des Thessalus, und Hellenen, von Hellen, dem Sohne des Deukalion und der Pyrrha. Botschaft der Griechen an Priamus. Unterdessen, so lange die Ausrüstung der Griechen sich vorbereitete, ward von Agamemnon im Rathe seiner Vertrauten und der ersten Häupter des Volkes, um auch gütliche Mittel nicht unversucht zu lassen, beschlossen, daß eine Gesandtschaft nach Troja an den König Priamus abgehen sollte, um sich über die Verletzung des Völker¬ rechts und den Raub der griechischen Fürstin zu beschweren und die entrissene Gattin des Fürsten Menelaus sammt ihren Schätzen zurückzufordern. Es wurde hierzu in der Versammlung der Kriegshäupter Palamedes, Odysseus und Menelaus auserwählt, und obgleich Odysseus im Herzen der Todfeind des Palamedes war, so unterwarf er sich doch zum gemeinen Besten der Einsicht dieses Für¬ sten, der in dem griechischen Heere um seines Verstandes und seiner Erfahrung willen hoch gefeiert war, und über¬ ließ ihm willig die Ehre, am Hofe des Königs Priamus als Sprecher aufzutreten. Die Trojaner und ihr König waren über die Ankunft einer Gesandtschaft, die mit einer ansehnlichen Schiffs¬ rüstung erschien, in kein geringes Staunen versetzt. Sie wußten von der unmittelbaren Ursache der Sendung noch nichts, denn Paris verweilte noch immer mit seiner ge¬ raubten Gattin auf der Insel Kranae und war in Troja verschollen. Priamus und sein Volk glaubten deswegen nicht anders, als der trojanische Kriegszug, der die Gesandt¬ schaft des Paris und die Zurückforderung der Hesione unterstützen sollte, habe Widerstand in Griechenland gefun¬ den, und jetzt würden, nach Vernichtung desselben, die Griechen, übermüthig geworden, über die See herbeikommen, die Trojaner in ihrem eigenen Lande anzufallen. Die Nachricht, daß sich griechische Gesandte der Stadt nähern, versetzte sie daher in nicht geringe Spannung. Indessen öffneten sich Jenen die Thore willig, und die drei Fürsten wurden sofort in den Pallast des Priamus und vor den König selbst, der seine zahlreichen Söhne und die Häupter der Stadt zu einem Rathe zusammenberufen hatte, geführt. Palamedes ergriff vor dem Könige das Wort, beklagte sich bitter im Namen aller Griechen über die schändliche Verletzung des Gastrechtes, die sich sein Sohn Paris durch den Raub der Königin Helena zu Schulden kommen las¬ sen. Dann entwickelte er die Gefahren eines Krieges, die dem Reiche des Priamus aus dieser Unthat erwüchsen, zählte die Namen der mächtigsten Fürsten Griechenlands auf, die mit allen ihren Völkern auf mehr als tausend Schiffen vor Troja erschienen seyen, und verlangte die gütliche Auslieferung der geraubten Fürstin. „Du weißest nicht, o König,“ so schloß er seine zornige Rede, „was für Sterbliche durch deinen Sohn beschimpft worden sind, es sind die Griechen, die Alle lieber sterben, als daß einem Einzigen von ihnen durch einen Fremdling ungerächte Kränkung widerfahre. Sie hoffen aber, indem sie dieses Unrecht zu rächen kommen, nicht zu sterben, sondern zu siegen, denn ihre Zahl ist wie der Sand am Meere und Alle sind von Heldenmuth erfüllt und Alle brennen vor Begierde, die Schmach, die ihrem Volke widerfahren ist, in dem Urheber zu tilgen. Darum läßt euch unser ober¬ ster Feldherr, Agamemnon, König der mächtigen Landschaft Argos und der erste Fürst Griechenlands, und mit ihm lassen euch alle anderen Fürsten der Danaer sagen: Gebet die Griechin, die ihr uns gestohlen habt, heraus, oder seyd Alle des Untergangs gewärtig!“ Bei diesen trotzigen Worten ergrimmten die Söhne des Königes und die Aeltesten von Troja, zogen ihre Schwerter und schlugen streitlustig an ihre Schilde. Aber König Priamus gebot ihnen Ruhe, erhob sich von seinem Königssitze und sprach: „Ihr Fremdlinge, die ihr im Na¬ men eures Volkes so strafende Worte an uns richtet, gön¬ net mir erst, daß ich von meinem Staunen mich erhole. Denn wessen ihr mich beschuldiget, davon ist uns Allen nichts bewußt; vielmehr sind wir es, die wir bei euch uns über das Unrecht zu beklagen haben, das ihr uns andichtet. Unsre Stadt hat euer Landsmann Herkules mitten im Frieden angefallen, aus unsrer Stadt hat er meine un¬ schuldige Schwester Hesione als Gefangene mit sich geführt und sie seinem Freunde, dem Fürsten Telamon auf Sala¬ mis, als Sklavin geschenkt; und es ist der gute Wille die¬ ses Mannes, daß sie von ihm zu seiner ehrlichen Gemah¬ lin erhoben worden ist und nicht als Magd und Kebsweib dient. Doch konnte dieß den unehrlichen Raub nicht wieder gut machen, und es ist schon die zweite Gesandtschaft, die dießmal unter meinem Sohne Paris nach eurem Lande abgegangen ist, meine freventlich geraubte Schwester zurück¬ zuverlangen, damit ich wenigstens noch in meinem Greisen¬ alter mich ihrer erfreuen könne. Wie mein Sohn Paris diesen meinen königlichen Auftrag ausgerichtet, was er gethan hat, und wo er weilt, weiß ich nicht. In meinem Pallaste und in unserer Stadt befindet sich kein griechisches Weib, dieß weiß ich gewiß. Ich kann euch also die ver¬ langte Genugthuung nicht geben, auch wenn ich wollte. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väterlicher Wunsch ist, glücklich nach Troja zurück, und bringt er eine entführte Griechin mit sich, so soll euch diese ausgeliefert werden, wenn sie anders nicht als Flüchtlingin unsern Schutz an¬ fleht. Aber auch dann werdet ihr sie unter keiner andern Bedingung und nicht eher zurückerhalten, als bis ihr meine Schwester Hesione aus Salamis wieder in meine Arme zurückgeführt habt!“ Der Rath der Trojaner stimmte zu diesen Worten des Königs; aber Palamedes sprach trotzig: „Die Erfül¬ lung unserer Forderung, o König, läßt sich von keiner Bedingung abhängig machen. Wir glauben deinem ehr¬ würdigen Antlitz und der Rede deines Mundes, die uns versichert, daß die Gemahlin des Menelaus noch nicht in deinen Mauern angekommen ist. Sie wird aber kommen, zweifle nicht; ihre Entführung durch deinen unwürdigen Sohn ist nur allzu gewiß. Was zu unserer Väter Zeiten von Herkules geschehen ist, dafür sind wir nicht mehr ver¬ antwortlich. Aber was einer deiner Söhne uns jetzt eben von empörender Kränkung zugefügt hat, dafür verlangen wir Rechenschaft von dir. Hesione ist willig mit Telamon davongezogen und sie selbst sendet einen Sohn in diesen Krieg, der euch bevorsteht, wenn ihr uns nicht Genug¬ thuung gebet, den gewaltigen Fürsten Ajax. Helena aber ist wider Willen und freventlich geraubt worden. Danket dem Himmel, der euch durch eures Räubers Zögerung Bedenkzeit gegeben hat, und fasset einen Beschluß, der das Verderben von euch abwendet.“ Priamus und die Trojaner empfanden die übermüthige Rede des Gesandten Palamedes übel, doch ehrten sie an den Fremdlingen das Recht der Gesandtschaft: die Ver¬ sammlung wurde aufgehoben und ein Aeltester von Troja, der Sohn des Aesyntes und der Kleomestra, der verstän¬ dige Antenor, schirmte die fremden Fürsten vor allen Be¬ schimpfungen des Pöbels, führte sie in sein Haus und beherbergte sie dort mit edler Gastlichkeit bis zum andern Morgen. Dann gab er ihnen das Geleite an den Strand, wo sie die glänzenden Schiffe wieder bestiegen, die sie herbeigeführt hatten. Agamemnon und Iphigenia. Während nun die Flotte zu Aulis sich versammelte, vertrieb der Völkerfürst Agamemnon sich die Zeit mit der Jagd. Da kam ihm eines Tages eine herrliche Hindin in den Schuß, die der Göttin Artemis oder Diana gehei¬ ligt war. Die Jagdlust verführte den Fürsten: er schoß nach dem heiligen Wild und erlegte es mit dem prahlenden Worte: Diana selbst, die Göttin der Jagd, vermöge nicht, besser zu treffen. Ueber diesen Frevel erbittert schickte die Göttin, als in der Bucht von Aulis alles Griechenvolk gerüstet, mit Schiffen, Roß und Wagen beisammen war, und der Seezug nun vor sich gehen sollte, dem versam¬ melten Heere tiefe Windstille zu, so daß man ohne Ziel und Fahrt müssig in Aulis sitzen mußte. Die rathsbedürf¬ tigen Griechen wandten sich nun an ihren Seher Kalchas, den Sohn des Thestor, welcher dem Volke schon früher wesentliche Dienste geleistet hatte, und jetzt erschienen war, als Priester und Wahrsager den Feldzug mitzumachen. Dieser that auch jetzt den Ausspruch: „wenn der oberste Führer der Griechen, der Fürst Agamemnon, Iphigenia, sein und Klytämnestra's geliebtes Kind, der Artemis opfert, so wird die Göttin versöhnt seyn, Fahrwind wird kommen und der Zerstörung Troja's wird kein übernatürliches Hin¬ derniß mehr im Wege stehen.“ Diese Worte des Sehers raubten dem Feldherrn der Griechen allen Muth. Sogleich beschied er den Herold der versammelten Griechen, Talthybius aus Sparta, zu sich und ließ denselben mit hellem Heroldsruf vor allen Völkern verkündigen, daß Agamemnon den Oberbefehl über das griechische Heer niedergelegt habe, weil er keinen Kindesmord auf sein Gewissen laden wolle. Aber unter den versammelten Griechen drohte auf die Verkündigung dieses Entschlusses eine wilde Empörung auszubrechen. Menelaus begab sich mit dieser Schreckensnachricht zu seinem Bruder in das Feldherrnzelt, stellte ihm die Folgen seiner Eutschließung, die Schmach, die ihn, den Menelaus, treffen würde, wenn sein geraubtes Weib Helena in Feindes¬ händen bleiben sollte, vor, und bot so beredt alle Gründe auf, daß endlich Agamemnon sich entschloß, den Greuel geschehen zu lassen. Er sandte an seine Gemahlin Klytämnestra nach Mycene eine briefliche Botschaft, welche ihr befahl, die Tochter Iphigenia zum Heere nach Aulis zu senden, und bediente sich, um diesem Gebote Gehorsam zu verschaffen, des in der Noth erdichteten Vorwandes, die Tochter solle, noch bevor das Heer der trojanischen Küste zusegle, mit dem jungen Sohne des Peleus, dem herr¬ lichen Phthierfürsten Achilles, von dessen geheimer Ver¬ mählung mit Didamia Niemand wußte, verlobt wer¬ den. Kaum aber war der Bote fort, so bekam in Aga¬ memnons Herzen das Vatergefühl wieder die Oberhand. Von Sorgen gequält und voll Reue über den unüberlegten Entschluß, rief er noch in der Nacht einen alten, ver¬ trauten Diener, und übergab ihm einen Brief an seine Gemahlin Klytämnestra zur Bestellung; in diesem stand geschrieben, sie sollte die Tochter nicht nach Aulis schicken, er, der Vater, habe sich eines andern besonnen, die Vermäh¬ lung müsse bis aufs nächste Frühjahr aufgeschoben werden. Der treue Diener eilte mit dem Briefe davon, aber er erreichte sein Ziel nicht. Noch ehe er vor der Morgen¬ dämmerung das Lager verließ, ward er von Menelaus, dem die Unschlüssigkeit des Bruders nicht entgangen war, der ebendeßwegen alle seine Schritte überwacht hatte, ergriffen, der Brief ihm mit Gewalt entrissen und sofort von dem jüngern Atriden erbrochen. Das Blatt in der Hand trat Menelaus abermals in das Feldherrnzelt des Bruders. „Es gibt doch,“ rief er ihm unwillig entgegen, „nichts Ungerechteres und Ungetreueres, als den Wankelmuth! Erinnerst du dich denn gar nicht mehr, Bruder, wie begie¬ rig du nach dieser Feldherrnwürde warest, wie du vor übelverheimlichter Lust branntest, das Heer vor Troja zu führen? wie demüthig du dich da gegen alle griechischen Fürsten gebärdetest, wie gnädig du jedem Danaer die Rechte schütteltest? Deine Thür war stets unverschlos¬ sen; Jedem, auch dem Untersten des Volkes, schenktest du Zutritt, und alle diese Geschmeidigkeit bezweckte nichts Anderes, als dir jene Würde zu verschaffen. Aber als du nun Herr geworden warest, da war Alles bald anders; da warst du nicht mehr deiner alten Freunde Freund, wie vorher; zu Hause warst du schwer zu treffen, draussen bei dem Heere zeigtest du dich nur selten. So sollte es ein Ehrenmann nicht machen; er sollte am meisten dann sich unveränderlich gegen seine Freunde zeigen, wenn er ihnen am meisten nützen kann! Du hingegen, wie hast du dich betragen? Als du mit dem Griechenheere nach Aulis gekommen warest und, vom göttlichen Geschicke heimge¬ sucht, vergebens auf Fahrwind hofftest, und nun im Heere rings der Ruf sich hören ließ: laßt uns davonsegeln und nicht vergebens in Aulis uns abmühen! wie zerstört und trostlos blickte da dein Auge umher, und wie wußtest du mit sammt deinen Schiffen keinen Rath! Damals beriefst du mich, und verlangtest nach einem Auswege, deine schöne Feldherrnwürde nicht zu verlieren. Und als hierauf der Seher Kalchas befahl, anstatt eines Opfers der Artemis deine Tochter darzubringen, da gelob¬ test du nach kurzem Zuspruche freiwillig deines Kin¬ des Opferung, und schicktest Botschaft an dein Weib Klytämnestra, deine Tochter, scheinbar als Braut des Achilles, herzusenden. Und jetzt, o Schande, beugest du doch wieder aus und verfassest eine neue Schrift, durch welche du erklärst, des Kindes Mörder nicht werden zu können? Aber freilich, tausend Andern ist es schon so gegangen, wie dir. Rastlos, bis sie ans Ruder gelangt sind, treten sie später schimpflich zurück, wenn es gilt, das Ruder mit Aufopferung zu lenken! Und doch taugt keiner zum Heeresfürsten und Staatenlenker, der nicht Einsicht und Verstand hat, und dieselben auch in den schwierigsten Lagen des Lebens nicht verliert!“ Solche Vorwürfe aus dem Munde des Bruders waren nicht geeignet, das Herz Agamemnons zu beruhigen. „Was schnaubst du so schrecklich,“ entgegnete er ihm, „was ist dein Auge wie mit Blut unterlaufen? Wer beleidigt dich denn; was vermissest du denn? Deine liebenswürdige Gattin Helena? Ich kann sie dir nicht wieder verschaffen! Warum hast du deines Eigenthums nicht besser wahrge¬ nommen? Bin ich denn thöricht, wenn ich einen Mißgriff durch Besinnung wieder gutgemacht habe? Viel eher han¬ delst Du unvernünftig, der du aufs neue nach der Hand eines falschen Weibes trachtest, anstatt daß du froh seyn solltest, ihrer los geworden zu seyn. Nein, nimmermehr entschließe ich mich, gegen mein eigenes Blut zu wüthen. Weit besser stände dir selbst die gerechte Züchtigung deines buhlerischen Weibes an.“ So haderten die Brüder miteinander, als ein Bote vor ihnen erschien, und dem Fürsten Agamemnon die Ankunft seiner Tochter Iphigenia meldete, der die Mutter und sein kleiner Sohn Orestes auf dem Fuße folgten. Kaum hatte der Bote sich wieder entfernt, so überließ sich Agamemnon einer so trostlosen und herzzerreißenden Verzweiflung, daß Menelaus selbst, der bei Ankunft der Botschaft auf die Seite getreten war, jetzt sich dem Bruder wieder näherte und nach seiner rechten Hand griff. Agamemnon reichte sie ihm wehmüthig dar und sprach unter heißen Thränen: „Da hast du sie, Bruder; der Sieg ist dein! Ich bin Schwab , das klass. Alterthum. II . 3 vernichtet!“ Menelaus dagegen schwor ihm, von der alten Forderung abstehen zu wollen; ja er ermahnte ihn selbst jetzt, sein Kind nicht zu tödten, und erklärte einen guten Bruder um Helena's willen nicht verderben und nicht ver¬ lieren zu wollen. „Bade doch dein Angesicht nicht länger in Thränen,“ rief er. „Giebt der Götterspruch mir Antheil an deiner Tochter, so wisse, daß ich denselben ausschlage und meinen Theil dir abtrete! Wundre dich nicht, daß ich von der Heftigkeit meiner natürlichen Gemüthsart um¬ gekehrt bin zur Bruderliebe; denn Biedermanns Weise ist es, der bessern Ueberzeugung zu folgen, sobald sie in unserm Herzen die Oberhand gewinnt!“ Agamemnon warf sich dem Bruder in den Arm, doch ohne über das Geschick seiner Tochter beruhigt zu seyn. „Ich danke dir,“ sprach er, „lieber Bruder, daß uns gegen Verhoffen dein edler Sinn wieder zusammengeführt hat. Ueber mich aber hat das Schicksal entschieden. Der blutige Tod der Tochter muß vollzogen seyn: das ganze Griechen¬ heer verlangt ihn; Kalchas und der schlaue Odysseus sind einverstanden; sie werden das Volk auf ihrer Seite haben, dich und mich ermorden und mein Töchterlein abschlachten lassen. Und flöhen wir gen Argos, glaube mir, sie kämen, und rissen uns aus den Mauern hervor, und schleiften die alte Cyklopenstadt! Deßwegen beschränke dich darauf, Bru¬ der, wenn du in das Lager kommst, darüber zu wachen, daß meine Gemahlin Klytämnestra nichts erfahre, bis daß mein und ihr Kind dem Orakelspruch erlegen ist!“ Die herannahenden Frauen unterbrachen das Gespräch der Brüder, und Menelaus entfernte sich in trüben Gedanken. Die Begrüßung der beiden Gatten war kurz und von Agamemnons Seite frostig und verlegen; die Tochter aber umschlang den Vater mit kindlicher Zuversicht und rief: „O Vater, wie entzückt mich dein lange entbehrtes Ange¬ sicht!“ Als sie ihm hierauf näher in sein sorgenvolles Auge sah, fragte sie zutraulich: „Warum ist dein Blick so un¬ ruhig, Vater, wenn du mich doch gerne siehst?“ „Laß das, Töchterchen,“ erwiederte der Fürst mit beklommenem Her¬ zen, „den König und den Fürsten kümmert gar vielerlei!“ — „So verbanne doch diese Furchen,“ sprach Iphigenia, „und schlage ein liebendes Auge zu deiner Tochter auf! Warum ist es denn so von Thränen angefeuchtet?“ — „Weil uns eine lange Trennung bevorsteht,“ erwiederte der Vater. — „O wie glücklich wäre ich,“ rief das Mädchen, „wenn ich deine Schiffsgefährtin seyn dürfte!“ — „Nun, auch du wirst eine Fahrt anzutreten haben,“ sagte Aga¬ memnon ernst, „zuvor aber opfern wir noch — ein Opfer, bei dem du nicht fehlen wirst, liebe Tochter!“ Die letzten Worte erstickten unter Thränen, und er schickte das ahnungslose Kind in das für sie bereitgehaltene Zelt zu den Jungfrauen, die in ihrem Gefolge gekommen waren. Mit der Mutter mußte der Atride seine Unwahr¬ heit fortsetzen, und die fragende, neugierige Fürstin über Geschlecht und Verhältnisse des ihr zugedachten Bräutigams unterhalten. Nachdem sich Agamemnon von der Gemahlin losgemacht, begab er sich zu dem Seher Kalchas, um mit diesem das Nähere wegen des unvermeidlichen Opfers zu verabreden. Derweilen mußte der tückische Zufall Klytämnestra im Lager mit dem jungen Fürsten Achilles, der den Heerführer Agamemnon aufsuchte, weil seine Myrmidonen den längern Verzug nicht ertragen wollten, zusammenführen, und sie nahm keinen Anstand, ihn als den künftigen Eydam 3* mit freundlichen Worten zu begrüßen. Aber Achilles trat verwundert zurück. „Von welcher Hochzeit redest du, Fürstin?“ sprach er. „Niemals habe ich um dein Kind gefreit, nie ist ein Einladungswort zur Vermählung von deinem Gemahl Agamemnon an mich gelangt!“ So begann das Räthsel sich vor Klytämnestra's Augen aufzu¬ hellen, und sie stand unentschlossen und voll Beschämung vor Achilles. Dieser aber sagte mit jugendlicher Gut¬ müthigkeit: „Laß dich's nicht kümmern, Königin, wenn auch Jemand seinen Scherz mit dir getrieben hätte, nimm es leicht, und verzeih mir, wenn mein Erstaunen dir wehe gethan hat.“ Und so wollte er mit ehrerbietigem Gruße davon eilen, den Feldherrn aufzusuchen, da öffnete eben ein Diener das Zelt Agamemnon's, und rief mit verstörter Miene den beiden Sprechenden entgegen; es war der vertraute Sklave Agamemnon's und Klytämnestra's, den Menelaus mit dem Briefe ergriffen hatte. „Höre,“ sprach er leise, doch athemlos, „was dir dein treuer Diener zu vertrauen hat: deine Tochter will der Vater eigenhändig tödten!“ Und nun erfuhr die zitternde Mutter das ganze Geheimniß aus dem Munde des getreuen Sklaven. Kly¬ tämnestra warf sich dem jungen Sohne des Peleus zu Füßen, und seine Kniee wie eine Schutzflehende umfassend rief sie: „Ich erröthe nicht, so vor dir im Staube zu liegen, ich, die Sterbliche, vor dem Göttersprößling. Weiche, Stolz! vor der Mutterpflicht. Du aber, o Sohn der Göttin, rette mich und mein Kind von der Verzweif¬ lung! Dir, als ihrem Gatten, habe ich sie bekränzt hier¬ her geführt; zwar eitler Weise, dennoch heissest du mir meines Mädchens Bräutigam! Bei allem, was dir theuer ist, bei deiner göttlichen Mutter beschwöre ich dich, hilf sie mir jetzt retten. Sieh, ich habe keinen Altar, zu dem ich flüchten könnte, als deine Kniee! Du hast Agamemnon's grausames Unterfangen gehört; du siehest, wie ich, ein wehrloses Weib, in die Mitte eines gewaltthätigen Heeres eingetreten bin! Breite über uns deinen Arm aus, so ist uns geholfen!“ Achilles hob die vor ihm liegende Königin voll Ehr¬ furcht vom Boden und sprach: „Sei getrost, Fürstin! Ich bin in eines frommen, hülfreichen Mannes Haus aufge¬ zogen worden; am Heerde Chirons habe ich schlichte, red¬ liche Sinnesart gelernt. Ich gehorche den Söhnen des Atreus gerne, wenn sie mich zum Ruhme führen, aber schnödem Befehle gehorche ich nicht. Darum will ich dich schützen, so weit es den Armen eines Jünglings möglich ist, und nimmermehr soll deine Tochter, die einmal mein genannt wurde, von ihrem Vater hingewürgt werden. Ich selbst erschiene mir nicht unbefleckt, wenn meine erlogene Brautschaft dieses Kind verdürbe, ich käme mir wie der feigste Wicht im Heere und wie der Sohn eines Misse¬ thäters vor, wenn mein Name deinem Gemahl zum Vor¬ wand eines Kindesmordes dienen könnte.“ — „Ist das wirklich dein Wille, edler, mitleidiger Fürst,“ rief Kly¬ tämnestra, ausser sich vor Freude, „oder erwartest du vielleicht noch, daß auch meine Tochter deine Kniee als Schutzflehende umschlingen soll? Zwar ist es nicht jung¬ fräulich; aber wenn es dir gefällt, so wird sie züchtiglich nahen, wie es einer Freigebornen ziemt.“ — „Nein,“ ent¬ gegnete ihr Achilles, „führe dein Mädchen nicht vor mein Angesicht, damit wir nicht in Verdacht und üble Nachrede kommen, denn ein so großes Heer, das keine Heimat¬ sorgen hat, liebt faules Geschwätz; aber vertraue mir, ich habe nie gelogen. Möge ich selbst sterben, wenn ich dein Kind nicht rette.“ Mit dieser Versicherung verließ der Sohn des Peleus Iphigenia's Mutter, die jetzt mit un¬ verhehltem Abscheu vor ihren Gatten Agamemnon trat. Dieser, der nicht wußte, daß der Gemahlin das Geheim¬ niß verrathen war, rief ihr die zweideutigen Worte ent¬ gegen: „Entlaß jetzt dein Kind aus dem Zelte und über¬ gib es dem Vater, denn Mehl und Wasser und das Opfer, das unter dem Stahle vor dem Hochzeitsfest fallen soll, Alles ist schon bereit.“ — „Vortrefflich,“ rief Klytämnestra, und ihr Auge funkelte, „tritt selbst aus unserm Zelte heraus, o Tochter, du kennst ja gründlich deines Vaters Willen, nimm auch deinen kleinen Bruder Orestes mit heraus!“ Und als die Tochter erschienen war, fuhr sie fort: „Siehe Vater, hier steht sie dir zu Gehor¬ sam da, laß aber mich zuvor ein Wort an dich richten: sage mir aufrichtig, willst du wirklich meine und deine Tochter umbringen?“ Lange stand der Feldherr lautlos da, endlich rief er in Verzweiflung aus: „O mein Ver¬ hängniß, mein böser Geist! Aufgedeckt ist mein Geheimniß, Alles ist verloren!“ — „So höre mich denn,“ sprach Kly¬ tämnestra weiter, „ich will mein ganzes Herz vor dir ausschütten. Mit einem Verbrechen hat unsre Ehe begon¬ nen, du hast mich gewaltsam entführt, hast meinen frü¬ heren Gatten erschlagen, mein Kind mir von der Brust genommen und getödtet. Schon zogen meine Brüder Kastor und Pollux auf ihren Rossen mit Heeresmacht gegen dich heran. Mein alter Vater Tyndareus war es, der dich den Flehenden rettete, und so wurdest du wieder mein Gemahl. Du selbst wirst es bezeugen, daß ich tadellos in diesem Ehebunde war, deine Wonne im Hause und dein Stolz draußen. Drei Mädchen und diesen Sohn habe ich dir geboren, und nun willst du des ältesten Kin¬ des mich berauben, und frägt man dich warum, so ant¬ wortest du: damit dem Menelaus seine Ehebrecherin wie¬ der zu Theil werde! O zwinge mich nicht, bei den Göt¬ tern, schlecht gegen dich zu werden, und sey nicht schlecht gegen mich! Du willst deine Tochter schlachten? welch Gebet willst du dabei sprechen, was willst du dir beim Tochtermord erflehen? Eine unglückselige Rückkehr, so wie du jetzt schmählich von Hause wegziehst? Oder soll Ich etwa Segen für dich erbitten? Müßte ich doch die Götter selbst zu Mördern machen, wenn ich es thäte! Warum soll es denn dein eigenes Kind seyn, das als Opfer fällt? Warum sprichst du nicht zu den Griechen: „Wenn ihr vor Troja schiffen wollet, so werfet das Loos darüber, wessen Tochter sterben soll.“ Nun soll ich, deine treue Gattin, mein Kind verlieren, während er, dessen Sache ausgefochten wird, Menelaus, seiner Tochter Her¬ mione sich ohne Sorgen erfreuen darf, während seine treulose Gattin dieses Kind in Sparta's Pflege geborgen weiß! Antworte, ob ich ein einziges unrechtes Wort gesagt habe. Ward aber von mir dir Wahrheit gesprochen, o so tödte doch deine und meine Tochter nicht, thu es nicht, besinne dich!“ Jetzt warf sich auch Iphigenia zu den Füßen ihres Vaters und sprach mit erstickter Stimme: „Besäße ich den Zaubermund des Orpheus, o Vater, daß ich Felsen len¬ ken könnte, so wollte ich mich mit beredten Worten an dein Mitleid wenden. Jetzt aber sind alle meine Künste nur Thränen und anstatt des Oelzweigs umflechte ich dein Knie mit meinem Leibe, Verdirb mich nicht frühzeitig, Vater, lieblich ist das Licht zu schauen, nöthige mich nicht, das zu sehen, was die Nacht verbirgt! Gedenke deiner Liebkosungen, mit welchen du mich als Kind auf deinem Vaterschooße gewiegt hast. Noch weiß ich alle deine Reden, wie du hofftest mich in eines edlen Mannes Wohnung ein¬ zuführen, mich in Wohlergehen und Blüthe zu schauen, wenn du heimgekehrt wärest. Du aber hast das Alles vergessen; du willst mich tödten! O thu es nicht, bei dieser Mutter beschwöre ich dich, die mich mit Schmerzen geboren hat, und jetzt noch größeren Schmerz um mich empfindet! Was gehen mich Helena und Paris an? Warum muß ich sterben, weil er nach Griechenland gekommen ist? O blicke mich an; gönne mir dein Auge, deinen Kuß, daß ich doch sterbend noch ein Andenken von dir empfange, wenn dich mein Wort nicht mehr zu rühren vermag! Sieh deinen Knaben, meinen Bruder an, Vater; schweigend fleht er für mich. Er ist noch ein Küchlein; ich aber bin herangereift! So laß dich doch erweichen und erbarme dich meiner. Das Licht zu schauen ist für Sterbliche doch das Holdseligste! Elend leben ist besser, als der allerschönste Tod!“ Aber Agamemnons Entschluß war gefaßt, er stand unerbittlich wie ein Fels und sprach: „Wo ich Mitleid fühlen darf, da fühle ich Mitleid: denn ich liebe meine Kinder, ich wäre ja sonst ein Rasender. Mit schwerem Herzen, o Gemahlin, führe ich das Schreckliche aus, aber ich muß. Ihr sehet ja, welch ein Schiffsheer mich umringt, wie viele Fürsten im Kriegspanzer mich umstehen; diese Alle finden die Fahrt nach Troja nicht, Troja wird nicht erobert, wenn ich dich nicht opfere, Kind, nach dem Ausspruche des Sehers. Diese Helden alle wollen den Entführungen der Griechenfrauen ein Ziel stecken; sie sind es fest entschlossen; und bekämpfte ich nun diesen Götter¬ spruch, so mordeten sie euch und mich. Hier hat meine Macht eine Gränze, nicht meinem Bruder Menelaus, son¬ dern ganz Griechenland weiche ich.“ Ohne weitere Bitten abzuwarten, entfernte sich der König und ließ die jammernden Frauen allein in seinem Zelte. Da hallte plötzlich Waffenlärm vor diesem. „Es ist Achilles,“ rief Klytämnestra freudig. Vergebens suchte sich Iphigenia in tiefer Beschämung vor dem erheuchelten Bräutigam zu verbergen. Der Sohn des Peleus trat, von einigen Bewaffneten begleitet, hastig in das Zelt: „Unglückliche Tochter Leda's,“ rief er, „das ganze Lager ist im Aufruhr und verlangt den Tod deiner Tochter; ich selbst, der mich dem Geschrei widersetzte, wäre fast gestei¬ niget worden.“ — „Und deine Myrmidonen?“ fragte Klytämnestra mit stockendem Athem. „Die empörten sich zuerst,“ fuhr Achilles fort, „und schalten mich einen liebes¬ kranken Schwätzer. Mit diesem treuen Häuflein hier komme ich, euch gegen den anrückenden Odysseus zu vertheidigen. Tochter, klammere dich an deine Mutter; mein Leib soll euch decken, ich will sehen, ob sie es wagen, den Sohn der Göttin anzugreifen, von dessen Leben das Schicksal Troja's abhängt.“ Diese letzten Worte, die einen Schim¬ mer von Hoffnung enthielten, gaben der Mutter den Athem wieder. Jetzt aber machte sich Iphigenia aus ihren Armen los, richtete ihr Haupt auf und stellte sich mit entschlossenen Schritten vor die Königin und den Fürsten: „Höret meine Reden an!“ sprach sie mit einer Stimme, die alles Zit¬ tern verloren hatte, „vergebens, liebe Mutter, zürnst du deinem Gatten; er kann sich nicht gegen das Nothwendige stemmen. Alles Lob verdient der Eifer dieses Fremdlings, aber er wird es büßen müssen, und du wirst gelästert wer¬ den. Höret deßwegen den Entschluß, den mir die Ueber¬ legung eingegeben hat. Ich habe beschlossen, zu sterben, ich verbanne jede niedrige Regung aus meiner freien Brust und will es vollenden. Auf mir ruht jetzt jedes Auge des herrlichen Griechenlands, auf mir die Fahrt der Flotte und der Fall Troja's, auf mir die Ehre der griechischen Frauen. Alles dieses werde ich mit meinem Tode schirmen; mit Ruhm wird sich mein Name bedecken, die Befreierin Griechenlands werde ich heißen. Soll ich, eine Sterbliche, der Göttin Artemis in den Weg treten, weil es ihr gefällt, mein Leben für das Vaterland zu verlangen? Nein, ich gebe es willig dahin, opfert mich, zerstöret Troja, das wird mein Denkmal seyn und mein Hochzeitsfest.“ Mit leuchtendem Blicke, wie eine Göttin, stand Iphigenia vor der Mutter und dem Peliden, während sie also sprach. Da senkte sich der herrliche Jüngling Achilles vor ihr auf ein Knie und rief: „Kind Agamemnons! die Götter machten mich zum glückseligsten Menschen, wenn mir deine Hand zu Theil würde. Um dich beneide ich Griechenland, und um Griechenland, das dir angetrauet ist, dich. Liebessehnsucht ergreift mich nach dir, du Herr¬ liche, nun ich dein Wesen geschaut habe. Erwäg' es wohl! der Tod ist ein schreckliches Uebel, ich aber möchte dir gerne Gutes thun, möchte dich heimführen zum Leben und Glück!“ Lächelnd erwiederte ihm Iphigenia: „Män¬ nerkrieg und Mord genug hat Frauenschönheit durch die Tyndaridin Helena angeregt, mein lieber Freund, stirb nicht auch du für ein Weib, noch tödte Jemand um mei¬ netwillen. Nein, laß mich Griechenland retten, wenn ich es vermag!“ — „Erhabene Seele,“ rief der Pelide, „thue was dir gefällt, ich aber eile mit diesen meinen Waffen zum Altar, deinen Tod zu hindern. In deiner Unbeson¬ nenheit darfst du mir nicht sterben, vielleicht nimmst du mich noch beim Worte, wenn du den Mordstahl auf dei¬ nen Nacken gezückt siehst.“ So eilte er der Jungfrau voran, die bald darauf, der Mutter alle Klage verbietend und ihr den kleinen Bruder Orestes auf die Arme legend, im beseligenden Bewußtseyn, das Vaterland zu retten, dem Tode freudig entgegen ging. Die Mutter warf sich im Zelt auf ihr Angesicht und vermochte nicht, ihr zu folgen. Unterdessen versammelte sich die ganze griechische Hee¬ resmacht in dem blumenreichen Haine der Göttin Diana vor der Stadt Aulis. Der Altar war errichtet und neben ihm stand der Seher und Priester Kalchas. Ein Ruf des Staunens und Mitleids ging durch das ganze Heer, als man Iphigenien, von ihren treuen Dienerinnen begleitet, den Hain betreten und auf den Vater Agamemnon zuwan¬ deln sah. Dieser seufzte laut auf, wandte sein Angesicht zurück und verbarg einen Thränenstrom in sein Gewand. Die Jungfrau aber stellte sich dem Vater zur Seite und sprach: „Lieber Vater, siehe, hier bin ich schon! Vor der Göttin Altar übergebe ich mein Leben, wenn es der Göt¬ terspruch so gebeut, den Führern des Heeres zum Opfer fürs Vaterland. Mich freut es, wenn ihr glücklich seyd und mit Siegeslohn zur Heimat wiederkehrt. Berühre mich drum auch kein Argiver, muthig und still will ich den Nacken dem Opferstahle bieten!“ Ein lautes Staunen ging durch das Heer, als es Zeuge solchen Hochsinnes ward. Nun gebot Talthybius, der Herold, in der Mitte stehend, Stillschweigen und Andacht. Der Seher Kalchas zog einen blanken schnei¬ denden Stahl aus der Seite und legte ihn vor dem Altar in einem goldenen Korbe nieder. Jetzt trat Achilles in voller Waffenrüstung und mit gezücktem Schwerte vor den Altar. Aber ein Blick der Jungfrau verwandelte auch seinen Entschluß. Er warf das Schwert auf die Erde, besprengte den Altar mit Weihwasser, ergriff den Opfer¬ korb, umwandelte den Festaltar wie ein Priester und sprach: „O hohe Göttin Artemis, nimm dieses heilige, freiwillige Opfer, das unbefleckte Blut des schönen Jung¬ frauennackens, das Agamemnon und Griechenlands Heer dir jetzo weiht, gnädig an, gib unsern Schiffen glückliche Fahrt, und Troja's Sturz unsern Speeren!“ Die Atriden und das ganze Heer standen stumm zur Erde blickend. Der Priester Kalchas nahm seinen Stahl, betete, und faßte die Kehle der Jungfrau scharf ins Auge. Deut¬ lich hörte man den Fall seines Schlages. Aber, o Wun¬ der, in demselben Augenblicke war die Jungfrau aus den Augen des Heeres verschwunden. Diana hatte sich ihrer erbarmt und eine Hindin von hohem Wuchs und herrlicher Gestalt lag zappelnd auf dem Boden und besprengte mit reichlichem Opferblute den Altar. „Ihr Führer des ver¬ einten Griechenheeres,“ rief Kalchas, nachdem er sich von seinem freudigen Staunen erholt hatte, „sehet hier das Opfer, welches die Göttin Artemis gesandt hat, und das ihr willkommner ist, als die Jungfrau, deren edles Blut den Altar nicht besudeln sollte. Die Göttin ist versöhnt, gibt unsern Schiffen fröhliche Fahrt und verspricht uns die Erstürmung Troja's. Seyd guten Muths, ihr See¬ gefährten, denn noch an diesem Tage verlassen wir die Bucht von Aulis!“ So sprach er, und sah zu, wie das Opferthier allmählig vom Feuer verkohlt ward. Als der letzte Funke erloschen war, unterbrach die Stille der Luft ein Sausen des Windes, die Blicke des Heeres kehrten sich nach dem Hafen, und sahen hier die Schiffe im bewegten Meere schwanken. Mit lautem Jubelrufe ward aus Dianens Haine aufgebrochen, und alles Volk eilte nach den Zelten. Als Agamemnon in dem seinigen ankam, fand er seine Gattin Klytämnestra nicht mehr dort; ihr treuer Diener war ihm vorausgeeilt und hatte die ohnmächtig auf dem Boden Liegende mit der Nachricht von der Ret¬ tung ihrer Tochter erweckt und aufgerichtet. Mit einem flüchtigen Gefühl des Dankes und der Freude erhob die zur Besinnung gekommene Königin ihre Hände gen Him¬ mel, dann aber rief sie mit bitterem Schmerze: „Mein Kind ist mir doch geraubt! Er ist doch der Mörder mei¬ ner Mutterfreude! Laß uns eilen, daß meine Augen den Kindesmörder nicht schauen!“ Der Diener eilte, den Wagen und das Gefolge zu bestellen, und als Aga¬ memnon von dem Opferfeste zurückkam, war seine Ge¬ mahlin schon fern auf dem Wege nach Mycene. Abfahrt der Griechen. Aussetzung des Philoktetes. Noch an demselben Tage ging die Flotte der Griechen unter Segel, und der günstigste Fahrwind führte sie schnell auf die hohe See. Nach einer kurzen Fahrt landeten sie auf der kleinen Insel Chryse, um frisches Wasser einzu¬ nehmen. Hier entdeckte Philoktetes, der Sohn des Kö¬ niges Pöas aus Meliböa in Thessalien, der erprobte Held und Waffengefährte des Herkules, der Erbe seiner unüberwindlichen Pfeile, einen verfallenen Altar, welchen einst der Argonaute Jason auf seiner Fahrt der Göttin Pallas Athene, der die Insel heilig war, geweihet hatte. Der fromme Held freute sich seines Fundes und wollte der Beschirmerin der Griechen aus ihrem verlassenen Hei¬ ligthume opfern. Da schoß eine giftige Natter, dergleichen die Heiligthümer der Götter zu bewachen pflegten, auf den Herantretenden zu, und verwundete den Helden mit ihrem Biß am Fuße. Erkrankt wurde er wie¬ der zu Schiffe gebracht und die Flotte segelte weiter. Die giftige und stets weiter fressende Wunde aber pei¬ nigte den Sohn des Pöas mit unerträglicher Qual, und seine Schiffsgenossen konnten den übeln Geruch des eitern¬ den Geschwüres und sein beständiges Jammergeschrei nicht länger aushalten. Keine Spende, kein Opfer vermochten sie ruhig darzubringen; in Alles mischte sich sein unheiliger Angstruf. Endlich traten die Söhne des Atreus mit dem verschlagenen Odysseus zusammen, denn die Unzufrieden¬ heit der Begleiter des kranken Helden fing an, sich durch das ganze Heer zu verbreiten, welches fürchtete, daß der wunde Philoktetes das Lager von Troja ver¬ pesten und den Griechen mit seiner endlosen Wehklage das Leben verbittern möchte. Deßwegen faßten die An¬ führer des Volkes den grausamen Entschluß, als sie an der wüsten und unbewohnbaren Küste der Insel Lemnos vorüberfuhren, den armen Helden hier auszusetzen, und bedachten dabei nicht, daß sie mit dem tapfern Manne sich zugleich seiner unüberwindlichen Geschosse beraubten. Der schlaue Odysseus erhielt den Auftrag, diesen hinterlistigen Anschlag zu vollführen, er lud den schlafenden Helden sich auf, fuhr mit ihm auf einem Nachen an den Strand, und legte ihn hier unter einer nahen Felsengrotte nieder, nach¬ dem er so viel Kleidungsstücke und Lebensmittel zurück¬ gelassen hatte, als zur kümmerlichen Fristung seines Lebens für die nächsten Tage nöthig waren. Das Schiff hatte am Strande nur so lange angehalten, als es Zeit bedurfte, den Unglücklichen auszusetzen: dann segelte es, sobald Odysseus zurückgekehrt war, weiter, und vereinigte sich bald wieder mit dem übrigen Zuge. Die Griechen in Mysien. Telephus. Die griechische Flotte kam jetzt glücklich an die Küste von Kleinasien. Da aber die Helden der Gegend nicht recht kun¬ dig waren, ließen sie sich von dem günstigen Winde zuerst ferne von Troja an die mysische Küste treiben, und legten sich mit allen ihren Schiffen vor Anker. Längs des Gestades fanden sie zur Bewachung des Ufers allenthalben Bewaff¬ nete aufgestellt, die ihnen im Namen des Landesherrn verboten, dieß Gebiet zu betreten, bevor dem Könige ge¬ meldet wäre, wer sie seyen. Der König von Mysien war aber selbst ein Grieche, Telephus, der Sohn des Herkules und der Auge, der nach wunderbaren Schicksalen seine Mutter bei dem Könige Teuthras in Mysien antraf, des Königes Tochter Argiope zur Gemahlin erhielt, und nach dessen Tode König der Mysier geworden war. Die Griechen, ohne zu fragen, wer der Herr des Landes wäre, und ohne den Wächtern eine Antwort zu ertheilen, griffen zu den Waffen, stiegen ans Land und hieben die Küstenwächter nieder. Wenige entrannen und meldeten dem Könige Telephus, wie viel tausend unbekannte Feinde in sein Land gefallen seyen, die Wachen niedergemetzelt haben und sich jetzt im Besitze des Ufers befinden. Der König sammelte in aller Eile einen Heerhaufen und ging den Fremdlingen entgegen. Er selbst war ein herrlicher Held und seines Vaters Herkules würdig, hatte auch seine Kriegsschaaren zu griechischer Heereszucht gebildet. Die Danaer fanden deswegen einen Widerstand, wie sie ihn nicht erwartet hatten; denn es entspann sich ein blu¬ tiges und lange unentschiedenes Treffen, in welchem sich Held mit Helden maß. Unter den Griechen that sich in der Schlacht besonders Thersander hervor, der Enkel des berühmten Königes Oedipus und Sohn des Polynices, der vertraute Waffengenosse des Fürsten Diomedes, der schon als Epigone sich berühmt gemacht hatte S. Bd. I , S. 379 f. . Dieser raste in dem Heere des Telephus mit Mord und erschlug endlich den geliebtesten Freund und ersten Krieger des Königes an seiner Seite. Darüber entbrannte der König in Wuth und es entspann sich ein grimmiger Zweikampf zwischen dem Enkel des Oedipus und dem Sohne des Herkules. Der Heraklide siegte und Thersander sank, von einem Lanzenstiche durchbohrt, in den Staub. Laut seufzte sein Freund Diomedes auf, als er dieß aus der Ferne sah, und ehe der König Telephus sich auf den Leichnam werfen und ihm die Rüstung abziehen konnte, war er herzugesprungen, hatte sich den Leichnam des Freundes über die Schultern gelegt, und eilte mit Riesenschritten, ihn aus dem Kampfgewühle zu tragen. Als der Held mit seiner Last fliehend an Ajax und Achilles vorüberkam, durchfuhr auch diese Helden ein schmerzlicher Zorn, sie sammelten ihre wankenden Schaaren, theilten sie in zwei Haufen und gaben durch eine geschickte Schwenkung dem Treffen eine andere Gestalt. Die Griechen waren jetzt bald wieder im Vortheil und als Teuthrantius, der Halb¬ bruder des Telephus, von einem Geschosse des Ajax gefallen war und Telephus selbst, in der Verfolgung des Odysseus begriffen, dem sinkenden Bruder zu Hülfe kom¬ men wollte, strauchelte er über einen Weinstock; denn durch die Geschicklichkeit der Griechen waren die kämpfen¬ den Schaaren der Feinde in eine Weinpflanzung gelockt worden, in der die Stellung der Danaer die günstigere war. Diesen Augenblick ersah sich Achilles, und während Telephus vom Falle sich aufrichtete, durchbohrte sein Wurfspieß die linke Weiche des Mysiers. Dieser richtete sich dennoch auf, zog das Geschoß aus der Seite, und durch den Zusammenlauf der Seinigen beschirmt, entging er weiterer Gefahr. Und noch lange hätte das Treffen mit abwechselndem Glücke fortgedauert, wenn nicht die Nacht eingebrochen wäre und beide Theile, der Ruhe Schwab , das klass. Alterthum. II. 4 bedürftig, sich von dem Kampfplatze zurückgezogen hätten. Und so begaben sich die Mysier nach ihrer Königsstadt, die Griechen nach ihrem Ankerplatze zurück, nachdem von beiden Seiten viele tapfere Männer gefallen, viele ver¬ wundet waren. Am folgenden Tage schickten beide Theile Gesandte wegen eines Waffenstillstandes, damit die Leiber der Gefallenen zusammengesucht und begraben werden könnten. Jetzt erst erfuhren die Griechen zu ihrem Stau¬ nen, daß der König, der sein Gebiet so heldenmüthig ver¬ theidigt habe, ihr Volksgenosse und der Sohn ihres grö߬ ten Halbgottes sey, und Telephus ward mit Schmerzen inne, daß ihm Bürgerblut an den Händen klebe. Nun fand es sich auch, daß im griechischen Heere drei Fürsten waren, Tlepolemus, ein Sohn des Herkules, Phidippus und Antiphus, Söhne des Königes Thessalus und Enkel des Herkules, diese drei also Verwandte des Königes Telephus. Diese nun erboten sich, im Geleite der mysi¬ schen Gesandten vor ihren Bruder und Vetter Telephus zu gehen und ihm näher zu berichten, wer die Griechen seyen, die an seiner Küste gelandet, und in welcher Absicht sie nach Asien kämen. Der König Telephus nahm seine Verwandte liebreich auf und konnte sich nicht genug von ihnen erzählen lassen. Da erfuhr er, wie Paris mit seinem Frevel ganz Griechenland beleidigt hatte, und Menelaus mit seinem Bruder Agamemnon und allen verbünde¬ ten Griechenfürsten aufgebrochen sey. „Darum,“ sprach Tlepolemus, der, als ein leiblicher Halbbruder des Köni¬ ges, für die Uebrigen das Wort führte, „lieber Bruder und Landsmann, entzeuch dich deinem Volke nicht, für das ja auch unser lieber Vater Herkules an allen Orten und Enden der Welt gestritten, von dessen Vaterlandsliebe ganz Griechenland unzählige Denkmale aufzuweisen hat; heile die Wunden wieder, die du, ein Grieche, Griechen geschlagen hast, indem du deine Schaaren mit den unsri¬ gen vereinigst und als unser Verbündeter gegen das meineidige Trojanervolk ziehest.“ Telephus richtete sich auf seinem Lager, auf welchem, von der Wunde des Achilles darniedergestreckt, er die grie¬ chischen Helden empfangen hatte, mit Mühe auf und erwiederte freundlich: „Eure Vorwürfe sind nicht gerecht, liebe Volksgenossen; durch eure eigene Schuld seyd ihr aus Freunden und Blutsverwandten meine blutigen Feinde geworden. Haben doch die Küstenwächter, meinem stren¬ gen Befehle gehorsam, euch wie alle Landenden geziemend nach Namen und Abkunft gefragt und nicht nach roher Barbarenweise, sondern nach dem Völkerrechte der Grie¬ chen mit euch gehandelt. Ihr aber seyd in der Meinung, daß gegen Barbaren Alles erlaubt sey, ans Land gesprun¬ gen, ohne ihnen die verlangte Weisung zu geben, und habt meine Unterthanen, ohne sie anzuhören, niedergemacht. Auch mir habt ihr,“ hier zeigte er auf seine Seite, „ein Andenken hinterlassen, das mich, wohl fühle ich es, mein Lebenlang an unser gestriges Zusammentreffen erinnern wird. Doch grolle ich euch darüber nicht, und kann die Freude, Blutsverwandte und Griechen in meinem Reiche aufgenommen zu haben, nicht zu theuer erkaufen. Höret nun, was in Beziehung auf eure Anforderung mein Be¬ scheid ist. Gegen Priamus zu Felde zu ziehen, muthet mir nicht zu. Mein zweites Gemahl, Astyoche, ist seine Tochter, dazu ist er selbst ein frommer Greis und seine übrigen Söhne sind edelmüthig, er und sie haben keinen Antheil an dem Verbrechen des leichtsinnigen Paris. Sehet 4 * dort meinen Knaben Eurypylus; wie sollte ich ihm das Herzeleid anthun, und das Reich seines Großvaters zer¬ stören helfen! Wie ich aber dem Priamus nichts zu Leide thun will, so werde ich auch euch, meine Landsleute, auf keinerlei Weise schädigen. Nehmet Gastgeschenke von mir, und fasset Mundvorrath, so viel euch nöthig ist. Dann gehet hin und fechtet in der Götter Namen euren Handel aus, den ich nicht schlichten kann.“ Mit dieser gütigen Antwort kamen die drei Fürsten vergnügt in das Lager der Argiver zurück und meldeten dem Agamemnon und den andern Fürsten, wie sie Freund¬ schaft im Namen der Griechen mit Telephus geschlossen. Der Kriegsrath der Helden beschloß, den Ajax und Achil¬ les sofort an den König zu senden, daß sie das Bündniß mit ihm bestätigten und ihn wegen seiner Wunde trösteten. Diese fanden den Herakliden schwer an der Wunde dar¬ niederliegen und Achilles warf sich weinend über sein Lager und bejammerte es, daß sein Speer unwissentlich einen Landsmann und edlen Sohn des Herkules getroffen. Der König aber vergaß seine Schmerzen und bedauerte nur, von der Ankunft so herrlicher Gäste nicht unterrichtet gewesen zu seyn, um ihnen einen königlichen Empfang zu bereiten. Hierauf lud er die Atriden feierlich in seine Hofburg ein und empfing sie mit festlicher Pracht und köstlichen Geschenken. Diese brachten auf die Bitte des Achilles die beiden weltberühmten Aerzte Podalirius und Machaon mit, die Wunde des Königes zu untersuchen und zu heilen. Das letztere gelang ihnen zwar nicht, denn der Speer des Göttersohnes hatte seine eigene Kraft und die Wunden, die er schlug, widerstanden der Heilung; doch befreiten die Linderungsmittel, die sie auflegten, den König für den Augenblick von den unerträglichsten Schmerzen. Und nun ertheilte er von seinem Krankenlager aus den Griechen allerlei heilsame Rathschläge, versah die Flotte mit Lebensmitteln und ließ sie nicht eher abziehen, als bis der Winter, der im Anzuge war, da sie landeten, mit seinen härtesten Stürmen vorüber war. Darauf belehrte er sie über die Lage der Stadt Troja und über den Weg, den sie dahin zu machen hätten, und bezeichnete ihnen als einzigen Landungsplatz die Mündung des Flusses Skamander. Paris zurückgekehrt. Obgleich in Troja noch nichts von der Abfahrt der großen griechischen Flotte bekannt war, herrschte doch seit der Abreise der griechischen Gesandten Schrecken und Furcht vor dem bevorstehenden Kriege in dieser Stadt. Paris war inzwischen mit der geraubten Fürstin, der herr¬ lichen Beute und seiner ganzen Flotte zurückgekommen. Der König Priamus sah die unerbetene Schwiegertochter nicht mit Freuden in seinen Pallast eintreten und versammelte auf der Stelle seine zahlreichen Söhne zu einer Fürsten¬ versammlung. Diese ließen sich durch den Glanz der Schätze, die ihr Bruder unter sie zu vertheilen bereit war, und die Schönheit der Griechinnen aus den edelsten Fürstengeschlechtern, welche er im Gefolge Helena's mit¬ gebracht hatte und denjenigen seiner Brüder, die noch keine Frauen hatten, zur Ehe zu geben bereit war, leicht bethören, und weil ihrer viele noch jung und alle kampf¬ lustig waren, so fiel die Berathung dahin aus, daß die Fremde in den Schutz des Königshauses aufgenommen und den Griechen nicht ausgeliefert werden sollte. Ganz anders hatte freilich das Volk der Stadt, dem vor einem feindlichen Angriff und einer Belagerung gar bange war, die Ankunft des Königssohnes und seinen schönen Raub auf¬ genommen; mancher Fluch hatte ihn durch die Straßen verfolgt und hier und da war selbst ein Stein nach ihm geflogen, als er die erbeutete Gemahlin in des Vaters Pallast geleitete. Doch hielt die Ehrfurcht vor dem alten König und seinem Willen die Trojaner ab, sich der Auf¬ nahme der neuen Bürgerin ernstlich zu widersetzen. Als nun im Rathe des Priamus der Beschluß gefaßt war, die Fürstin nicht zu verstoßen, sandte der König seine eigene Gemahlin zu ihr in das Frauengemach, um sich zu überzeugen, daß sie freiwillig mit Paris nach Troja ge¬ kommen sey. Da erklärte Helena, „daß sie durch ihre eigene Abstammung den Trojanern ebensosehr angehöre als den Griechen: denn Danaus und Agenor seyen eben¬ sowohl ihre eigenen Stammväter als die Stammhalter des trojanischen Königshauses. Unfreiwillig geraubt, sey sie jetzt doch durch langen Besitz und innige Liebe an ihren neuen Gemahl gefesselt und freiwillig die seinige. Nach dem, was geschehen, könne sie von ihrem vorigen Gatten und ihrem Volke keine Verzeihung erwarten; nur Schande und Tod stände ihr bevor, wenn sie ausgeliefert würde.“ So sprach sie mit einem Strom von Thränen und warf sich der Königin Hekuba zu Füßen, welche die Schutz¬ flehende liebreich aufrichtete, und ihr den Willen des Kö¬ niges und seiner Söhne verkündete, sie gegen jeden Angriff zu schirmen. Die Griechen vor Troja. So lebte denn Helena ungefährdet am Königshofe von Troja und bezog darauf mit Paris einen eigenen Pal¬ last. Auch das Volk gewöhnte sich bald an ihre Lieblich¬ keit und griechische Holdseligkeit, und als nun endlich die fremde Flotte wirklich an der trojanischen Küste erschien, waren die Einwohner der Stadt minder verzagt, denn zuvor. Sie zählten ihre Bürger und ihre Bundesgenossen, die sie schon vorher beschickt und deren wirksamer Hülfe sie sich versichert hatten, und sie fanden sich an Zahl und Kraft ihrer Helden und Streiter den Griechen gewachsen. So hofften sie mit dem Schutze der Götter — denn außer Venus waren noch mehrere Götter, darunter der Kriegs¬ gott, Apollo und Jupiter der Göttervater selbst, auf ihrer Seite — die Belagerung ihrer Stadt abtreiben und die Feinde zum schnellen Rückzuge nöthigen zu können. Zwar war ihr Anführer, König Priamus selbst, ein nicht mehr kampffähiger Greis, aber fünfzig Söhne, worunter neunzehen von seiner Gattin, der Königin Hekuba, umringten ihn theils im blühenden, theils im kräftigsten Alter, vor allen Hektor, nächst ihm Deiphobus, und nach diesen als die ausgezeichnetsten Helenus, der Wahrsager, Pammon, Polites, Antiphus, Hipponous, Polydorus und der zarte Troilus. Vier liebliche Töchter, Kreusa, Lao¬ dice, Cassandra, die wahrsagende Jungfrau, und die in der Kindheit schon von Schönheit strahlende Polyxena umgaben seinen Thron. Dem Heere, das sich jetzt streit¬ fertig machte, stand als Oberfeldherr Hektor, der helm¬ umflatterte Held vor, neben ihm befehligte die Dardaner Aeneas, der Schwiegersohn des Königes Priamus und Gemahl Kreusa's, ein Sohn der Göttin Aphrodite und des greisen Helden Anchises, der noch immer ein Stolz des trojanischen Volkes war; an die Spitze einer andern Schaar stellte sich Pandarus, der Sohn des Lykaon, dem Apollo selbst seinen Bogen verliehen hatte; andere Schaa¬ ren, zum Theil trojanischer Hülfsvölker, führten Adrastus, Amphius, Asius, Hippothous, Pyläus, Akamas, Euphemus, Pyrächmes, Pylämenes, Hodius, Epistrophus; Chromis und Ennomus eine Hülfsschaar von Mysiern; Phorkys und Askanius eine gleiche der Phryger, Mesthles und Antiphus die Mäonier, Nastes und Amphimachus die Ka¬ rier, die Lycier Sarpedon und Glaukus. Auch die Griechen hatten inzwischen gelandet und sich längs dem Gestade des Meeres zwischen den beiden Vor¬ gebirgen Sigeum und Rhöteum in einem geräumigen Lager¬ platz angesiedelt, der einer ordentlichen Stadt nicht unähn¬ lich war. Die Schiffe waren ans Land gezogen worden und in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt, so daß sie sich, weil der Boden des Ufers aufwärts ging, stufen¬ förmig übereinander erhoben. Die Schiffszüge der einzel¬ nen Völkerschaften reihten sich in der Ordnung aneinander, wie sie gelandet waren. Die Schiffe selbst waren auf Unterlagen von Steinen aufgestellt, damit sie vom feuchten Boden nichts zu leiden hätten und luftiger ständen. In der ersten Reihe vom Lande aus hatten an den beiden äußersten Enden der Telamonier Ajax und Achilles, beide das Gesicht gegen Troja gekehrt, jener zur Linken, dieser zur Rechten ihre Schiffe aufgestellt, und ihre Lagerhütten aufgepflanzt, die wir nur uneigentlich und der Kürze halber Zelte nennen. Das Quartier des Achilles wenigstens glich beinahe einem ordentlichen Wohnhause, hatte Scheu¬ nen und Ställe für Mundvorräthe, Wagenpferde und zahmes Vieh; und neben seinen Schiffen war Raum zu Wettrennen, Leichenspielen und andern Feierlichkeiten. An Ajax schlossen sich die Schiffe des Protesilaus an, dann kamen andere Thessalier, dann die Kreter, Athener, Pho¬ cier, Böotier, zuletzt Achilles mit seinen Myrmidonen; in der zweiten Reihe standen unter andern die Lokrer, Duli¬ chier, Epeer, in der dritten waren minder namhafte Völ¬ ker mit ihren Schiffen gelagert; aber auch Nestor mit den Pyliern, Eurypylus mit den Orchomeniern, zuletzt Menelaus. In der vierten und letzten längs dem Meeres¬ gestade selbst standen Diomedes, Odysseus und Agamemnon, so daß Odysseus in der Mitte, zur Rechten Agamemnon, links Diomedes lagerte. Vor Odysseus befand sich die Agora, der freie Platz, der zu allen Versammlungen und Verhandlungen bestimmt war, und auf welchem die Altäre der Götter standen. Dieser Platz theilte auch noch die dritte Reihe, so daß sie den Nestor zur Linken, den Eury¬ pylus zur Rechten hatte. Der Raum nach dem Meere hin verengerte sich, und auch die Agora nahm viel Platz weg, so daß die dritte und vierte Reihe die wenigsten Schiffe enthielt. Das ganze Schiffslager war wie eine ordentliche Stadt von vielen Gassen und Wegen durch¬ schnitten, die Hauptstraßen aber liefen zwischen den vier Reihen durch; vom Lande nach dem Meere gingen Queer¬ gassen, welche die Schiffe jeder Völkerschaft von einander trennten; die Schiffe selbst waren von den Lagerhütten ihrer Völkerschaften wieder durch kleine Zwischenräume abgesondert, und jede Völkerschaft zerfiel wieder in kleinere Unterabteilungen nach den verschiedenen Städten oder Anführern. Die Lagerhütten waren aus Erde und Holz aufgebaut und mit Schilf bedeckt. Jeder Anführer hatte sein Quartier in der vordersten Reihe seiner Schaar, und ein jedes war nach dem Range des Bewohners mehr oder weniger ausgeschmückt. Die Schiffe dienten zugleich dem ganzen Lager zur Vertheidigung. Noch vor ihnen hatten die Griechen einen Erdwall aufgeworfen, der erst in der letzten Zeit der Belagerung einer Mauer Platz machte. Hinter ihm war ein Graben, vorn mit einer dichten Reihe von Schanzpfählen versehen. Zu allen diesen schönen Einrichtungen hatten die Grie¬ chen während der langen Zeit, da König und Rath von Troja über die beste Weise der Vertheidigung sich beriethen, Muße gefunden. Ihre Krieger verrichteten zugleich den Schiffs¬ dienst, und erhielten ihr Brod auf öffentliche Veranstaltung. Für die übrigen Lebensbedürfnisse hatte ein jeder selbst zu sorgen. Die gemeinen Streiter waren leicht bewaffnet und fochten zu Fuße. Die vornehmeren stritten auf Kriegs¬ wägen, so daß jeder streitende Held einen andern Helden als Wagenlenker bei sich hatte. Von Reiterei wußten die Völker jener alten Zeit noch nichts. Die Streit¬ wägen mit den größten Helden waren auch bestimmt, in der ersten Reihe zu kämpfen, und sollten immer das Vordertreffen bilden. Zwischen dem Schiffslager der Griechen und der Stadt Troja breitete sich, von den Flüssen Skamander und Simois eingeschlossen, die sich erst beim griechischen Lager zu Einer Mündung vereinigten, die blumigte skamandrische Wiese und die Troische Ebene vier Wegestunden lang aus, die zum Schlachtfelde bestimmt und wie geschaffen war, und hinter welcher sich mit hohen Mauern, Zinnen und Thürmen, die von Götterhand befestigte, herrliche Stadt und Burg Troja erhob. Sie lag auf einem Hügel weit hin sichtbar; ihr Inneres war uneben und bergicht und von vielen Straßen durchschnitten. Nur von zweien Sei¬ ten war sie leichter zugänglich, und hier befand sich auf der einen Seite das Skäische, auf der andern das Dar¬ danische Thor mit einem Thurme. Die übrigen Seiten waren höckricht und mit Gebüschen verwachsen, und ihre Thore und Thörchen kamen wenig in Betracht. In der obern Stadt oder Burg Ilium, auch Pergamus genannt, standen die Palläste des Priamus, des Paris, die Tempel der Hekate, der Athene und des Apollo, auf der höchsten Spitze der Burg ein Tempel des Jupiter. Vor der Stadt am Simois, den Griechen zur Linken, war der Hügel Kallikotone, zur rechten führte die Straße an den Quellen des Skamander und dann an dem hohen Hügel Batina vorbei, der umgangen werden konnte, und außen vor der Stadt lag. Hinter Troja kam das Ilische Feld, das sich schon bergan zog und die unterste Stufe des waldigen Idagebirges bildete, dessen höchster Gipfel Gargarus hieß, das bis in die Ebene hinablief, und des¬ sen beide letzte Aeste rechts und links von den Griechen das Sigeische und Rhöteische Vorgebirge bildeten.— Noch ehe der Kampf zwischen beiden Völkern seinen Anfang nahm, wurden die Griechen durch die Ankunft eines werthen Gastes überrascht. Der König Telephus von Mysien, der sie so großmüthig unterstützt hatte, war seitdem an der Wunde, die ihm der Speer des Achilles geschlagen, unheilbar krank gelegen und die Mittel, die ihm Podalirius und Machaon aufgelegt hatten, thaten schon lange keine Wirkung mehr. Gequält von den uner¬ träglichsten Schmerzen hatte er ein Orakel des Phöbus Apollo, das in seinem Lande war, befragen lassen, und dieses hatte ihm die Antwort ertheilt, nur der Speer, der ihn geschlagen, vermöge ihn zu heilen. So dunkel das Wort des Gottes lautete, so trieb ihn doch die Verzweif¬ lung, sich einschiffen zu lassen und der griechischen Flotte zu folgen. So kam denn auch er bei der Mündung des Skamander an, und ward in die Lagerhütte des Achilles getragen. Der Anblick des leidenden Königes erneuerte den Schmerz des jungen Helden. Betrübt brachte er sei¬ nen Speer herbei und legte ihn dem Könige zu den Fü¬ ßen seines Lagers, ohne Rath zu wissen, wie man sich desselben zur Heilung der eiternden Wunde bedienen sollte. Viele Helden umstanden rathlos das Bett des gepeinigten Wohlthäters, bis es Odysseus einfiel, aufs Neue die großen Aerzte des Heeres zu Rathe zu ziehen. Podali¬ rius und Machaon eilten auf seinen Ruf herbei. Sobald sie das Orakel Apollo's vernommen, verstanden sie als weise, vielerfahrene Söhne des Aeskulapius seinen Sinn, feilten ein wenig Rost vom Speere des Peliden ab, und legten ihn sorgfältig verbreitet über die Wunde. Da war ein Wunder zu schauen: sowie die Feilspäne auf eine eiternde Stelle des Geschwüres gestreut wurden, fing diese vor den Augen der Helden zu heilen an, und in wenigen Stunden war der edle König Telephus, dem Orakel zu Folge, durch den Speer des Achilles von der Wunde desselben Speeres genesen. Jetzt erst war die Freude der Helden über den großmüthigen Empfang, der ihnen in Mysien zu Theil geworden war, vollkommen. Gesundet und froh ging Telephus wieder zu Schiffe, und wie jüngst die Griechen ihn, so verließ jetzt er sie unter Danksagun¬ gen und Segenswünschen, in sein Reich Mysien zurück¬ kehrend. Er eilte aber, nicht Zeuge des Kampfes zu seyn, den seine lieben Gastfreunde gegen den eben so geliebten Schwäher beginnen würden. Zweites Buch. Ausbruch des Kampfes. Protesilaus. Cygnus. Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königes Telephus beschäftiget, als die Thore Troja's sich aufthaten, und die völlig gerüstete Heeresmacht der Trojaner unter Hektors Anführung sich über die Skamandrische Ebene ergoß, und ohne Widerstand gegen die Schiffe der sorg¬ losen Achiver anrückte. Die Aeußersten im Schiffslager, die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heran¬ ziehenden Feinden entgegeneilten, wurden von der Ueber¬ macht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschaar der Trojaner so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln, und auch ihrerseits in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konn¬ ten. Da gestaltete sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen die Trojaner die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten, drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen, der von der Hand des trojanischen Fürsten Aeneas in dieser ersten Schlacht fiel, war Protesilaus, des Iphiklus Sohn. Als verlobter Jüngling war er gen Troja gezogen, und der erste Grieche, der bei ber Landung ans Ufer sprang: so sollte er auch als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodamia, die holdselige Tochter des Argonau¬ ten Akastus, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Schwab , das klass. Alterthum. II . 5 Sorge in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken. Noch war Achilles vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite ans Meer gegeben, und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne Fluth vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklus auf ihn zugeeilt, faßte ihn bei der Schulter und rief: „Wo weilst du, Freund, die Griechen bedürfen deiner. Der erste Kampf ist entbrannt: des Königes Priamus ältester Sohn, Hektor, rast an der Spitze der feindlichen Schaaren, wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger umstellt haben. Aeneas, der Eidam des Königes, hat aus der Mitte unserer Fürsten den edlen Protesilaus, der an Jugend und Muthe dir glich, doch an Kraft dir nicht gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unsern Helden einreißen!“ Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achilles hinter sich, sah den mahnenden Freund, und in diesem Augenblicke drang auch der Hall des Kampfgetümmels in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwiedern, durch die Gas¬ sen des Schiffslagers seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme seine Myrmi¬ donen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht Stand. Zwei Söhne des Priamus erschlug er, und der Vater sah wehklagend von den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürch¬ terlichen Heldenjünglings Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Ajax, dessen Riesenleib alle andern Danaer überragte; vor den Streichen der bei¬ den Helden flohen die Trojaner wie eine Heerde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde die Flucht der Feinde allgemein, und die Trojaner schlossen sich wieder in ihre Thore ein. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen und fuhren in Vollendung ihres Lagerbaues gemächlich fort. Achilles und Ajax wurden von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere Helden zu Wäch¬ tern über einzelne Abtheilungen der Flotte. Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Prote¬ silaus, legten den Leichnam auf einen schön geschmückten und aufgethürmten Scheiterhaufen und begruben seine Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen, hohen Ulmbäumen. Noch waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Ueberfall die sorglos Feiernden erschreckte. In Kolonis bei Troja herrschte der König Cygnus, der, von einer Nymphe dem Meeresgotte Neptunus gebo¬ ren, auf der Insel Tenedos wunderbarer Weise von einem Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Cygnus, d. h. Schwan, bekommen hatte. Dieser war den Trojanern verbündet, und ohne besonders dazu von Priamus aufgefordert zu seyn, hielt er sich verpflich¬ tet, als er die Landung der fremden Kriegsvölker vor Troja gewahr wurde, seinen alten Freunden zu Hülfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreich einen ansehnlichen Heerhaufen, legte sich in der Nähe des grie¬ chischen Schiffslagers in einen Hinterhalt und war mit seiner Schaar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen aus dem ersten Treffen mit den Troja¬ nern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen Helden 5 * die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen Waffenrüstung um den Scheiterhaufen ge¬ schaart standen, sahen sie sich plötzlich von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten, ob der Boden die Streiter ausgespieen habe, oder woher sie sonst erschienen seyen, hatte Cygnus mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen angerichtet. Doch war nur ein Theil der Argiver bei der Leichen¬ feier des Protesilaus beschäftigt und zugegen. Die andern bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren Waffen näher und eilten den Ihrigen, den Peliden Achilles an der Spitze, bald in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hülfe. Ihr Anführer selbst saß auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze traf mit ihrem Stoße bald diesen, bald jenen Kolo¬ niten, bis er, in den Reihen der Schlacht nur den Feld¬ herrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühle an den gewaltigen Stößen erkannte, die auch er, auf einem hohen Streitwagen stehend, rechts und links an die Grie¬ chen austheilte. Dorthin lenkte der Held Achilles seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Cygnus gegen¬ über auf dem Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: „Wer du auch seyest, Jüngling! nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne der Göttin Thetis getroffen worden!“ Diesem Ausruf folgte sein Geschoß. Aber so sicher er die Lanze abgezielt hatte, so rüttelte sie dem Sohne des Nep¬ tunus doch nur mit dumpfem Stoße an der Brust; und mit staunendem Blicke maß der Pelide seinen unverwund¬ lichen Gegner. „Wundre dich nicht, Sohn der Göttin,“ rief dieser ihm lächelnd zu; „nicht mein Helm, den du anzustaunen scheinst, oder mein hohler Schild in der Lin¬ ken halten die Stöße von meinem Leibe ab; vielmehr trage ich diese Schutzwaffen als bloßen Zierrath, wie auch wohl der Kriegsgott Mars zuweilen zum Scherze Waffen anzulegen pflegt, deren er doch gewiß nicht bedarf, seinen Götterleib zu schirmen. Wenn ich alle Bedeckung von mir werfe, so wirst du mir doch die Haut mit deinem Speere nicht ritzen können. Wisse, daß ich am ganzen Leibe fest wie Eisen bin, und daß es etwas heißt, nicht etwa der Sohn einer Meernymphe zu seyn, nein der geliebte Sohn dessen, der dem Nereus und seinen Töch¬ tern und allen Meeren gebeut. Erfahre, daß du dem Sohne Poseidons selbst gegenüber stehst!“ Mit diesen Worten schleuderte er seinen Speer auf den Peliden, und durchbohrte damit die Wölbung seines Schildes, so daß derselbe durch das Erz und die neun ersten Stierhäute der göttlichen Waffe hindurchdrang: erst in der zehnten Lage blieb das Wurfgeschoß stecken. Achilles aber schüt¬ telte den Speer aus dem Schilde, und sandte dafür den seinigen gegen den Göttersohn ab. Aber der Leib des Feindes blieb unverwundet. Selbst das dritte Geschoß, das der Pelide absandte, blieb ohne Wirkung. Jetzt ge¬ rieth Achilles in Wuth, wie ein Stier im Thiergefechte, dem ein rothes Tuch vorgehalten wird und der mit den Hörnern in die Luft gestoßen hat. Noch einmal warf er die Lanze aus Eschenholz nach Cygnus, traf diesen auch wirklich an der linken Schulter, und jubelte laut auf, denn die Schulter war blutig. Doch seine Freude war vergeb¬ lich; das Blut war nicht Blut des Göttersohnes; es war der Blutstrahl des Menoetes, eines neben Cygnus fechtenden und von anderer Hand getroffenen feindlichen Helden. Knirschend vor Wuth sprang jetzt Achilles vom Wagen, eilte auf den Gegner zu und hieb mit gezücktem Schwerte auf ihn ein; aber selbst der Stahl prallte stumpf an dem zu Eisen gehärteten Körper ab. Da erhub Achilles in der Verzweiflung den zehnhäutigen Schild und zerpochte dem unverwüstlichen Feinde, ganz auf ihn eingedrungen, drei, viermal die Schläfe mit der Schildbuckel. Jetzt erst fing Cygnus an zu weichen, und Nebel schwamm ihm vor den Augen; er wandte seine Schritte rückwärts, strauchelte über einen Stein und darüber ergriff ihn Achilles mit der Hand im Nacken, und warf ihn vollends zu Boden. Dann stemmte er sich mit Schild und Knieen auf die Brust des Liegenden und schnürte dem Feinde mit seinem eigenen Helmbande die Kehle zu. Der Fall ihres göttlichen Führers nahm den Koloni¬ ten plötzlich den Muth; sie verließen den Kampfplatz in wilder Flucht und bald war von dem ganzen Ueberfalle nichts mehr zu sehen, als die vielen Leichen von Griechen und Barbaren, die auf dem Felde um den halbvollendeten Grabhügel des Helden Protesilaus zerstreut umherlagen und den um viele der Ihrigen trauernden Argivern neue Arbeit machten. Die Folge dieses Ueberfalls war, daß die Griechen in die Landschaft des erschlagenen Königes Cygnus ein¬ fielen und aus der Hauptstadt Metora die Kinder dessel¬ ben als Beute hinwegführten. Dann griffen sie das be¬ nachbarte Cilla an, eroberten auch diese feste Stadt mit unermeßlicher Kriegsbeute, und kehrten so beladen zu ihrem wohlbewachten Schiffslager zurück. Palamedes und sein Tod. Der einsichtsvollste Mann im griechischen Heere war Palamedes, thätig, weise, gerecht und standhaft; von zar¬ ter Gestalt, des Gesangs und Leierspiels kundig. Seine Beredsamkeit hatte den Atriden die meisten Fürsten Grie¬ chenlands für den Feldzug gegen Troja gestimmt, seine Klugheit selbst den schlauen Sohn des Laertes überlistet. Dadurch hatte er sich aber auch einen unversöhnlichen Feind in dem Heere der Danaer erworben, der Tag und Nacht auf Rache sann und nur um so finsterer darüber brütete, je mehr das Ansehen des verständigen Euböers unter den Fürsten zunahm. Nun wurde den Griechen durch ein Orakel Apollo's bekannt, daß sie diesem Gott als Apollo Sminthius — unter diesem Namen wurde er in der Landschaft Troas verehrt — eine Hekatombe an der Stelle opfern sollten, wo seine Bildsäule und sein Tempel stand, und Palamedes war von dem Gotte aus¬ erwählt worden, die stattlichen Opferthiere nach der heiligen Stätte zu führen. Dort wartete ihrer Chryses, der Priester des Gottes, der das feierliche Opfer vollbrachte. Die Verehrung des Gottes in dieser Landschaft hatte einen seltsamen Ursprung. Als die alten Teukrer, aus Kreta herüber mit ihrem Könige Teucer kommend, an dieser Küste Kleinasiens gelandet hatten, gab ihnen das Orakel den Befehl da zu bleiben, wo sie ihre Feinde aus der Erde würden hervorkriechen sehen. Als sie nun in Hama¬ ritus, einer Stadt dieser Landschaft, angekommen waren, benagten die Mäuse, aus der Erde hervorschlüpfend, in Einer Nacht alle ihre Schilde. Sie sahen auf diese Weise den Spruch des Gottes erfüllt, ließen sich in der Gegend nieder und erbauten dem Apollo eine Bildsäule, der eine Maus, was in äolischer Mundart Smintha bedeutet, zu Füßen lag. Diesem Apollo dem Sminthier, der seinen Tempel nicht weit von Chrysa auf einer Anhöhe stehen hatte, ward nun unter Palamedes Anführung von seinem Priester Chryses eine Hekatombe oder Hundertzahl heiliger Schafe geopfert. Die Ehre, die dem Palamedes durch die An¬ ordnung Apollo's selbst wiederfuhr, beschleunigte seinen Untergang. Denn in Odysseus sonst nicht unedlem Ge¬ müthe gewann jetzt ganz der Neid die Oberhand, und er sann auf eine fluchwürdige List, durch welche er dem edeln Manne den Untergang bereitete. Er verbarg eigenhändig in tiefster Heimlichkeit eine Summe Geldes in das Zelt des Palamedes. Dann schrieb er im Namen des Priamus einen Brief an den griechischen Helden, in welchem dieser von überschicktem Golde sprach und dem Palamedes sei¬ nen Dank ausdrückte, daß derselbe ihm das Heer der Griechen verrathen habe. Dieser Brief wurde einem phrygischen Gefangenen in die Hände gespielt, bei diesem sodann von Odysseus entdeckt und der unschuldige Träger auf seine Veranstaltung sofort auf der Stelle niedergemacht. Den Brief zeigte Odysseus vor der Fürstenversammlung im griechischen Lager. Palamedes wurde von den entrüsteten Häuptern der Danaer vor einen Kriegsrath gestellt, den Agamemnon aus den vornehmsten Fürsten zusammensetzte und in welchem Odysseus sich den Vorsitz zu verschaffen wußte; auf seine Veranlassung ward im Zelte des Be¬ schuldigten geforscht, endlich nachgegraben, und so die Summe Goldes, die der trügerische Odysseus dort versteckt hatte, unter seiner Lagerstätte aufgefunden. Die Richter, nichts vom wahren Vorgang der Sache ahnend, sprachen einstimmig das Todesurtheil aus. Palamedes würdigte sie keiner Selbstvertheidigung: er durchschaute den Trug, aber er hatte keine Hoffnung, Beweise seiner Unschuld, so wie der Schuld seines Gegners vorzubringen. Als daher das Urtheil gefällt war, das auf Steinigung lautete, brach er nur in die Worte aus: „O ihr Griechen, ihr tödtet die gelehrteste, die unschuldigste, die gesangreichste Nach¬ tigall!“ Die verblendeten Fürsten lachten über diese Ver¬ theidigung, und führten den edelsten Mann im griechischen Heere zum unbarmherzigsten Tode fort, den er mit hel¬ denmüthiger Standhaftigkeit ertrug. Als ihn schon die ersten Steinwürfe niedergeschmettert hatten, brach er noch in die Worte aus: „Freue dich, Wahrheit, du bist noch vor mir gestorben!“ Als er diese Worte gesprochen, fuhr ihm, von Odysseus rachsüchtiger Hand geschleudert, ein Stein an die Schläfe, daß er umsank und starb. Aber Nemesis, die Göttin der Gerechtigkeit, schaute vom Him¬ mel herab, und beschloß, den Griechen und ihrem Ver¬ führer Odysseus noch am Ziel ihrer Thaten die Missethat zu vergelten. Thaten des Achilles und Ajax. Von den nächsten Kriegsjahren vor Troja erzählt die Sage nichts Ausführliches. Die Griechen lagen nicht unthätig vor Troja, da aber die Bewohner dieser Stadt ihre Kräfte schonten und selten Ausfälle machten, so wand¬ ten die Danaer ihre Macht gegen die Umgegend. Achilles zerstörte und plünderte allmählig zwölf Städte mit seiner Flotte, eilf nahm er zu Lande ein. Dem Priester Chryses führte er auf einem Streifzuge nach Mysien seine schöne Tochter Astynome oder Chryseis, gefangen fort. Bei der Einnahme von Lyrnessus überfiel er den Pallast des Kö¬ niges oder Priesters Brises, der in der Verzweiflung den Strick um den Hals schlang und sich den Tod gab. Sein holdseliges Kind Briseis oder Hippodamia wurde dem Sie¬ ger zu Theil, und er führte sie als eine Lieblingsbeute ins griechische Lager mit sich davon. Auch die Insel Lesbos und die Stadt Thebe in Cilicien, am Fuße des Berges Placius gegründet, unterlagen seinen Angriffen. In der letztern Stadt herrschte der Eidam des Königes Priamus, der König Etion, dessen Tochter Andromache mit dem tapfersten Helden Troja's, mit Hektor, vermählt war. Sieben blühende Söhne wuchsen noch in seinem Königs¬ hause. Da kam Achilles, stürmte die hochragenden Thore der Stadt und erschlug den König mit den sieben Söhnen. Als der Leichnam des hohen Fürsten, der von herrlicher, Ehrfurcht gebietender Gestalt war, vor dem jungen Hel¬ den ausgestreckt lag, bemächtigte sich desselben ein Grauen und eine Scheu, und er wagte es nicht, den Liegenden der Waffen zu berauben, und sich dieselben als rühmliche Siegesbeute anzueignen. Er verbrannte daher den Leich¬ nam zur ehrlichen Bestattung im vollen kunstreich gearbei¬ teten Waffengeschmeide und thürmte ihm ein mächtiges Denk¬ mal auf, das noch lange, von hohen Ulmen umschattet, die Gegend schmückte. Die Gemahlin des Königes, die Mutter Andromache's, führte er mit sich fort in die Skla¬ verei, doch gab er sie später gegen ein reiches Lösegeld frei, und sie kehrte nach der Heimath zurück, wo ein Pfeil der Göttin Diana sie am Webestuhl traf und töd¬ tete. Aus dem Stalle des Königes führte Achilles sein treffliches Pferd, Pedasus genannt, mit sich fort, das, obwohl sterblich gezeugt, es doch an Kraft und Schnellig¬ keit seinen eigenen unsterblichen Rossen gleich that und mit ihnen in die Wette am Wagen einherlief; aus der Rüst¬ kammer des Königes Eëtion aber nahm er viel andere Herrlichkeiten mit, unter andern auch eine ungeheure eiserne Wurfscheibe, so groß, daß sie einem Bauer fünf Jahre lang Eisen zu seinem Ackergeräthe würde gege¬ ben haben. Nächst Achilles war der tapferste und riesigste Held unter den Griechen der Telamonssohn Ajax. Auch er feierte nicht. Er führte seinen Schiffszug nach der thraci¬ schen Halbinsel, wo die Königsburg Polymnestors prangte. Diesem hatte der König Priamus von Troja seinen jüng¬ sten Sohn Polydorus, den er mit der Laothoe, einem Kebsweibe, gezeugt hatte, zur Pflege übersandt und dadurch, weil er sein Liebling war, dem Waffendienst entzogen, auch dem thracischen Könige zur Beköstigung des Kindes Gold und Kostbarkeiten genug übergeben. Dieser Schätze und des ihm anvertrauten Unterpfandes bediente sich nun der treulose Barbar, als sein Land von dem Helden Ajax überfallen und seine Burg belagert wurde, den Frieden zu erkaufen; er verläugnete seine Freundschaft mit dem Könige Priamus, verfluchte ihn, theilte Geld und Ge¬ treide, das er zur Nahrung des Knaben von ihm empfan¬ gen, unter die griechischen Streiter aus; dem Ajax selbst aber überlieferte er das Gold und alle Kostbarkeiten seines Verbündeten und endlich den Knaben Polydorus selbst. Ajax kehrte mit seiner Beute nicht sogleich zum grie¬ chischen Schiffslager zurück, sondern wandte sich auf seinen Schiffen nach der phrygischen Küste. Dort griff er das Reich des Königes Teuthras an, tödtete den König, der ihm an der Spitze eines Heerhaufens entgegenzog, in der Schlacht, und schleppte die Tochter des Teuthras, die königliche Jungfrau Tekmessa, die edelgesinnt und von herrlicher Gestalt war, als Kriegsbeute mit sich fort. Doch ward sie ihm bald wegen ihrer Schönheit und ihres Edelsinnes lieb; er hielt sie hoch wie eine Gemahlin und hätte sich feierlich mit ihr vermählt, wenn es Grie¬ chengebrauch gewesen wäre, eine Barbarin zu freien. Achilles und der Telamonier trafen von ihren glück¬ lichen Streifzügen, ihre Lastschiffe voll Beute, zu gleicher Zeit im griechischen Schiffslager vor Troja wieder ein. Alle Danaer gingen ihnen unter Lobgesängen entgegen; bald umringte sie eine ganze Versammlung von Streitern; man stellte die Helden in die Mitte, und unter jubelndem Zuruf wurde ihnen als Lohn der Siege ein Olivenkranz aufs Haupt gesetzt. Alsdann hielten die Helden einen Rath, um über die mitgebrachte Beute, die von den Griechen als Gemeingut angesehen wurde, einen Beschluß zu fassen. Da wurden denn auch die gefangenen Frauen vorgeführt, und alle Danaer staunten über ihre Schönheit. Der Besitz der holden Briseistochter wurde dem Achilles, dem Helden Ajax der Besitz der königlichen Tekmessa bestätigt. Ueberdieß durfte der Pelide auch die Gespielin seiner Geliebten, die holde Jungfrau Diomedea, behalten, welche sich von der Königstochter nicht trennen wollte, mit der sie von zarter Kindheit an im Hause des Brises auf¬ gewachsen war; sie hatte sich, vor die griechischen Helden geführt, zu Achilles Füßen geworfen und flehte ihn unter Thränen an, sie nicht von ihrer lieben Herrin trennen zu lassen. Nur Astynome, die Tochter des Priesters Chryses, wurde dem Völkerhirten Agamemnon, seine Königswürde zu ehren, zugesprochen und von Achilles auch willig abge¬ treten. Die andre Kriegsbeute an Gefangenen und Mund¬ vorrath ward Mann für Mann unter das griechische Heer vertheilt. Dann brachte Ajax, von Odysseus und Diomedes aufgefordert, die Schätze des Königes Polymnestor aus seinen Schiffen herbei, und es wurde auch davon dem Könige Agamemnon ein schöner Theil an Gold und Sil¬ ber zugeschieden. Polydorus. Endlich beriethen sich die Helden über den allerkost¬ barsten Theil der Beute, über den Knaben Polydorus, den Sohn des Königes Priamus, und nach kurzer Rath¬ schlagung wurde einstimmig beschlossen, daß Odysseus und Diomedes als Gesandte zu König Priamus abgeordnet werden sollten, und ihm die Uebergabe seines jungen Soh¬ nes anbieten, sobald Helena den Gesandten Griechenlands ausgeliefert seyn würde. Den beiden Helden wurde der Gemahl der geraubten Fürstin, Menelaus, als dritter Ge¬ sandter beigegeben, und so machten sich alle drei mit dem jungen Polydorus auf den Weg, und wurden unter dem Schutze des Völkerrechts als heilige Gesandte von den Trojanern ohne Widerspruch in ihre Mauern aufge¬ nommen. Priamus und seine Söhne in ihrem Königspallaste, der fern auf der Burg der Stadt gelegen war, wußten noch nicht, was zu ihren Füßen vorging, als schon die Gesandtschaft auf dem Marktplatze Troja's stille hielt und, von trojanischem Volk umgeben, Menelaus das Wort ergriff und sich mit herzzerschneidenden Worten über die frevelhafte Verletzung des Völkerrechts beklagte, die sich Paris an seinem heiligsten und theuersten Besitzthum durch den frechen Raub seiner Gemahlin zu Schulden kommen lassen. Er sprach so beredt und eindringlich, daß die umstehenden Trojaner alle, und darunter die ältesten Häupter des Volkes, von seinen Worten ergriffen wurden und unter Thränen des Mitleids ihm Recht geben mußten. Als Odysseus ihre Rührung bemerkte, nahm auch er das Wort und sprach: „Mir däucht, ihr sollet wissen, Häup¬ ter und andre Bewohner von Troja, daß die Griechen ein Volk sind, die nichts unüberlegter Weise unternehmen, und daß sie schon von ihren Vorfahren her bei allen ihren Thaten darauf bedacht sind, Lob und nicht Schmach davon zu tragen. So wisset ihr denn auch, daß nach der unerhörten Beleidigung, die uns Allen eures Königes Sohn Paris durch die Entführung der Fürstin Helena angethan hat, wir, bevor wir die Waffen gegen euch erhoben, zur gütlichen Beilegung dieses Handels eine friedliche Gesandtschaft an euch geschickt haben. Erst als dieß vergebens war, ist der Krieg, und zwar noch dazu durch einen Ueberfall von eurer Seite, begonnen worden. Auch jetzt, nachdem ihr unsern Arm gefühlt habt und alle euch unterworfene oder mit euch verbündete Städte rings umher in Trümmer liegen, ihr selbst aber nach vieljähriger Belagerung in mannigfaltige Noth gera¬ then seyd, liegt ein glücklicher Ausgang unseres Streites immer noch in eurer Hand, ihr Trojaner! Gebet uns heraus, was ihr uns geraubt habt, und auf der Stelle brechen wir unsre Lagerhütten ab, steigen zu Schiffe, lich¬ ten die Anker, und verlassen mit der furchtbaren Flotte, die euch so vielen Schaden gethan hat, euren Strand für immer. Auch kommen wir nicht mit leeren Händen. Wir bringen eurem Könige einen Schatz, der ihm lieber seyn sollte, als die Fremde, die eure Stadt zu seinem und eurem eigenen Fluche beherbergen muß. Wir bringen ihm den Knaben Polydorus, sein jüngstes und geliebtestes Kind, den unser Held Ajax in Thracien dem Könige Polymnestor entrissen hat, und der hier gebunden vor euch steht und von eurem und eures Königes, seines Va¬ ters Entschlusse, seine Freiheit und sein Leben erwartet. Gebt ihr uns Helena heraus und liefert ihr sie heute noch in unsere Hände, so wird der Knabe seiner Fesseln ledig und bleibt im Hause seines Vaters. Wird uns Helena verweigert, so gehe eure Stadt zu Grunde und vorher noch wird euer König sehen müssen, was er für sein Leben nicht sehen möchte! Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der ihn umrin¬ genden Versammlung des trojanischen Volkes, als Odys¬ seus aufgehört hatte zu sprechen. Endlich ergriff der weise und bejahrte Antenor das Wort und sprach: „Lie¬ ben Griechen und einst meine Gäste! Alles was ihr uns saget, wissen wir selbst, und müssen in unserm Herzen euch Recht geben; auch fehlt uns der Wille, die Sache zu bessern, nicht, wohl aber die Gewalt. Wir leben in einem Staate, in welchem der Befehl des Königes Alles gilt; ihm sich zu widersetzen, erlaubt die Verfassung unsers Reiches, der Glaube, den wir von den Vätern ererbt, und das Gewissen des Volkes keinem von uns. Wir dürfen in allen öffentlichen Angelegenheiten nur alsdann sprechen, wenn der König uns zu Rathe zieht; und wenn wir gesprochen haben, so behält er noch immer freie Hand, zu thun, was er will; damit du aber erfahrest, was die Meinung der Besten im Volke über eure Angelegenheit ist, so werden sich die Aeltesten unseres Volkes versammeln, und vor euch ihre Meinung abgeben. Dieß ist, was uns zu thun übrig bleibt und unser König selbst uns nicht ver¬ weigern kann.“ Und so geschah es. Antenor veranstaltete einen Rath der Aeltesten und führte die Gesandten in denselben ein. Hier führte er den Vorsitz und befragte die Häupter des Volkes der Reihe nach über die Gewaltthat des Paris. Die vornehmsten Männer Troja's erklärten der Reihe nach, daß sie die That für einen fluchwürdigen Frevel hielten; nur Antimachus, ein kriegslustiger aber tückischer Mann, vertheidigte den Raub der griechischen Fürstin. Er war von Paris mit reichlichen Gaben bestochen wor¬ den, wo es immer Gelegenheit gäbe, sich seiner anzuneh¬ men und die Auslieferung Helena's zu verhindern. Auch dießmal arbeitete er für diesen Zweck und hinter dem Rücken der Helden ertheilte er den ruchlosen Rath, die Gesandten der Griechen, drei ihrer tapfersten und klügsten Helden, umzubringen. Als aber die Trojaner diesen Vor¬ schlag mit Abscheu von sich wiesen, rieth er, sie wenig¬ stens so lange zu behalten, bis sie den gefangenen Polydorus, ohne Lösegeld und Tausch, dem Priamus aus¬ geliefert hätten. Auch dieser Rath wurde als treulos ver¬ worfen, und da Antimachus nicht aufhörte, selbst öffentlich in der Versammlung die Helden zu schmähen, so wurde er von seinen Mitbürgern, welche den Griechen ihre Mi߬ billigung seines Betragens und seiner Grundsätze beweisen wollten, mit Schimpf aus der Versammlung gestoßen. Erbittert begab sich Antimachus auf die Burg und unterrichtete den König von der Ankunft der griechischen Gesandtschaft. Nun erhub sich im Rathe des Königes und seiner Söhne selbst eine lange zwiespältige Berathung, zu welcher auch ein Aeltester, der edle Panthous, der das volle Vertrauen des alten Königes genoß, gezogen wurde. Dieser wandte sich an den tapfersten, edelsten und tugend¬ haftesten aller Söhne des Königes, an Hektor, mit der flehentlichen Bitte, dem Rath aller bessern Trojaner nachzugeben und die unheilvolle Urheberin des Krieges auszuliefern. „Hat doch,“ sprach er, „Paris so viele Jahre lang Zeit gehabt, sich seines ungerechten Raubes zu erfreuen und seine Lust zu büßen! Jetzt sind alle unsre verbündeten Städte zerstört und ihr Untergang weissagt uns unser eigenes Schicksal; dazu haben die Griechen deinen kleinen Bruder Polydorus in ihrer Gewalt, und wir wissen nicht, was aus ihm werden wird, wenn wir den Griechen Helena nicht ausliefern!“ Hektor wurde schamroth und bis zu Thränen betrübt, als er der Unthat seines Bruders Paris gedachte. Den¬ noch sprach er sich im Rathe des Königes nicht für die Auslieferung der Fürstin aus. „Sie ist,“ antwortete er dem Panthous, „einmal die Schutzflehende unsres Hauses. Als solche haben wir sie aufgenommen, sonst hätten wir Schwab , das klass. Alterthum. II . 6 sie von der Schwelle des Königspallastes zurückweisen müs¬ sen. Statt dieß zu thun, haben wir ihr und dem Paris ein prächtiges Haus gebaut, und sie haben darin in Herr¬ lichkeit und Freuden lange Jahre verlebt, und ihr Alle habt dazu geschwiegen und habt doch diesen Krieg kommen sehen! Warum sollen wir sie jetzt vertreiben?“ — „Ich habe nicht geschwiegen,“ erwiederte Panthous, „mein Ge¬ wissen ist ruhig: ich habe euch die Prophezeiung meines Vaters mitgetheilt und euch gewarnt; ich warne euch zum zweitenmal. Komme was da will, ich werde die Stadt und den König mit euch getreulich vertheidigen helfen, auch wenn ihr meinen heilsamen Rath nicht befolget!“ Mit solchen Worten verließ er die Versammlung der Kö¬ nigssöhne. In dieser wurde zuletzt auf Hektor's Vorschlag beschlos¬ sen, zwar die Fürstin Helena nicht auszuliefern, wohl aber Genugthuung und Ersatz für Alles zu leisten, was mit ihr geraubt worden sey. An ihrer Statt sollte dem Me¬ nelaus eine der Töchter des Königes Priamus selbst, die weise Kassandra oder die in Jugendblüthe heranreifende Polyxena, mit königlicher Mitgift zur Gemahlin angeboten werden. Als die griechischen Gesandten, vor den König und seine Söhne geführt, diesen Vorschlag vernahmen, ergrimmte Menelaus und sprach: „Wahrhaftig, es ist weit mit mir gekommen, wenn ich, so viele Jahre des Ehegemahls meiner Wahl beraubt, am Ende von den Feinden mir eine Gattin auslesen lassen muß! Behaltet eure Barbarentöchter und gebt mir das Weib meiner Ju¬ gend zurück!“ Dagegen erhob sich der Eidam des Königes, der Gemahl Kreusa's, der Held Aeneas, und rief dem Fürsten Menelaus, der die letzten Worte mit verächtlichem Hohnlachen gesprochen hatte, mit rauher Stimme zu: „Du sollst weder das Eine noch das Andre erhalten, Elender, wenn es nach meiner Abstimmung geht, und nach der Meinung aller derjenigen, die den Paris lieben und es mit der Ehre dieses alten Königshauses halten! Noch hat das Reich des Priamus seine Beschützer! Und sollte auch der Knabe Polydorus, der Sohn des Kebs¬ weibes ihm verloren gehen, so ist Priamus dadurch nicht kinderlos geworden! Sollen die Griechen einen Freibrief von uns erhalten, Frauen zu rauben? Genug der Worte! Wenn ihr euch nicht auf der Stelle mit eurer Flotte davon macht, so sollet ihr den Arm der Trojaner fühlen! Noch haben wir streitlustiger Jugend genug und aus der Ferne kommen uns von Tag zu Tag mächtigere Verbündete, wenn auch die Schwachen in der Nähe erlegen sind!“ Diese Rede des Aeneas wurde von lautem Beifalls¬ ruf in der Trojanischen Fürstenversammlung begleitet und die Gesandten nur durch Hektor vor rohen Mißhand¬ lungen geschützt. Voll heimlicher Wuth entfernten sie sich mit ihrem Gefangenen, Polydorus, den der König Priamus nur aus der Ferne erblickt hatte, und kehrten zu den Schiffen der Griechen zurück. Als sich hier die Nachricht von dem verbreitete, was ihnen in Troja widerfahren war, von den Umtrieben des Antimachus, von dem Ueber¬ muthe des Aeneas und aller Priamussöhne, ausser Hektor, entstand ein Auflauf unter dem Heere, und alles Volk schrie mit wilden Gebärden um Rache. Ohne lange die Fürsten zu fragen, wurde in einer unordentlichen Krieger¬ versammlung der Beschluß gefaßt, den unglücklichen Kna¬ ben Polydorus büßen zu lassen, was seine Brüder und sein Vater verschuldet. Und auf der Stelle schritten sie 6* zur Ausführung des Beschlossenen. Das arme Kind wurde auf Schußweite unter die Mauern Troja's geführt, und als, durch den großen Heeresauflauf herbeigelockt, König Priamus selbst mit seinen Söhnen auf den Mauern erschien, tönte bald ein kläglicher Weheruf von den Zin¬ nen herab, denn mit ihren eigenen Augen mußten sie sehen, wie die Drohung des Odysseus an dem Knaben vollzogen ward. Steine flogen von allen Seiten gegen sein bloßes Haupt und seinen aller Beschirmung baaren Leib, und unter unzähligen Würfen starb er eines kläg¬ lichen und grausamen Todes. Den zerfleischten Leichnam gestatteten die Griechenfürsten dem flehenden Vater zum ehrlichen Begräbniß auszuliefern, und die Diener des Königes erschienen, von dem Trojanerhelden Idäus begleitet, und luden die Leiche des Kindes unter Thränen und Wehklagen auf den Trauerwagen, der sie dem trost¬ losen Vater zuführen sollte. Chryses, Apollo und der Zorn des Achilles. Unter diesen Begebenheiten war das zehnte Jahr des Krieges angebrochen, und der griechische Held Ajax von vielen glücklichen Streifzügen zurückgekehrt. Mit der Ermordung des Polydorus aber flammte der Haß zwi¬ schen beiden Nationen feuriger aus, als zuvor, und die Götter des Himmels selbst, die einen durch die Grausam¬ keit der Griechen den Trojanern zugeneigt, die andern zum Schutze der Danaer aufgeregt, nahmen thätigen Antheil an dem Kampfe: Juno, Minerva, Merkur, Neptun, Vulkan auf Seite der Griechen, auf der Gegen¬ seite Mars und Venus, so daß von diesem zehnten und letzten Jahre der Belagerung Troja's zehnmal mehr erzählt und gesungen wird, als von den neun andern. Denn jetzt hebt das Lied des Fürsten der Dichter, des Ho¬ merus, vom Zorne des Achilles an, und von allen Uebeln, die der Groll ihres größten Helden über die Achiver brachte. Die Veranlassung zum Zorne des Peliden war fol¬ gende. Die Griechen hatten nach der Rückkehr ihrer Ge¬ sandten die Drohung der Trojaner nicht vergessen, und bereiteten sich in ihrem Lager zu entscheidenden Kämpfen vor, als der Priester Apollo's, Chryses, dem seine Tochter von Achilles geraubt und dem König Aga¬ memnon überlassen worden war, den Lorbeer seines Got¬ tes um den goldenen Friedensstab geschlungen, mit reichen Lösegeldern im Schiffslager der Griechen ankam, seine Tochter freizukaufen. Mit dieser Bitte stellte er sich vor die Atriden und das gesammte Heer, und sprach: „Ihr Söhne des Atreus und andre Achiver, mögen euch die Olympischen Vertilgung Troja's und glückliche Heimkehr verleihen, wenn ihr, den fernhintreffenden Gott Apollo, dessen Priester ich bin, ehrend, mir gegen die Lösung, die ich bringe, die geliebte Tochter zurückgebet!“ Das ganze Heer gab seinen Worten Beifall und gebot, den ehrwürdigen Priester zu scheuen und die köstliche Lösung anzunehmen. Nur der König Agamemnon, der die liebliche Sklavin nicht verlieren wollte, wurde zornig und sprach: „Laß dich nicht mehr bei den Schiffen treffen, Greis, weder jetzt noch in Zukunft; deine Tochter ist und bleibt meine Dienerin und wird in meinem Königshause zu Argos bis ins Alter hinter dem Webstuhl sitzen! Geh, reize mich nicht, mache, daß du gesund in deine Heimath kommst!“ Chryses erschrack und gehorchte. Schweigend eilte er an den Meeresstrand; dort aber erhob er seine Hände zu dem Gotte, dem er diente, und flehte ihn an: „Höre mich, Sminthier, der du zu Chrysa, Cilla und Tenedos herrschest! Wenn ich je dir deinen Tempel zum Wohl¬ gefallen geschmückt, und dir auserlesene Opfer dargebracht habe, so vergilt jetzt den Achivern mit dem Geschosse!“ So betete er laut: und Apollo erhörte seine Bitte. Zorn im Herzen verließ er den Olymp, Bogen und Köcher mit den hallenden Pfeilen auf der Schulter; so wandelte er einher wie die düstere Nacht, dann setzte er sich in einiger Entfernung von den griechischen Schiffen nieder und schnellte Pfeil um Pfeil ab, daß sein silberner Bogen grauenvoll erklang. Wen aber sein unsichtbarer Pfeil traf, der starb den plötzlichen Tod der Pest. An¬ fangs nun erlegte er im Lager nur Maulthiere und Hunde, bald aber wandte er sein Geschoß auch gegen die Men¬ schen, daß einer um den andern dahinsank und bald die Todtenfeuer unaufhörlich aus den Scheiterhaufen loderten. Neun Tage lang wüthete die Pest im griechischen Heere. Am zehnten Tage berief Achilles, dem die Beschirmerin der Griechen, Juno, es ins Herz gelegt, eine Volksver¬ sammlung, nahm das Wort, und rieth, einen der Opfer¬ priester, Seher oder Traumdeuter im Heere zu befragen, durch welche Opfer der Eifer Phöbus Apollo's besänftigt und das Unheil abgewendet werden könne. Hierauf stand der weiseste Vogelschauer im Heere, der Seher Kalchas auf, und erklärte, den Zorn des fernhintreffenden Gottes deuten zu wollen, wenn ihm der Held Achilles Schutz zuspräche. Der Sohn des Peleus hieß ihn getrost seyn und Kalchas sprach: „Keine ver¬ säumten Gelübde oder Hekatomben haben den Gott erzürnt. Er ist ergrimmt über die Mißhandlung seines Priesters durch Agamemnon, und wird seine Hand zu unserm Verderben nicht zurückziehen, bis das Mägdlein dem erfreuten Vater zurückgegeben und ohne Entgeld mit einem hundertfachen Sühnopfer nach Chrysa heimgeführt wird. Nur auf diese Weise möchten wir die Gnade des Gottes wieder gewinnen.“ Im Busen des Königes Agamemnon schwoll die Galle bei diesen Worten des Sehers; sein Auge funkelte, und er begann mit drohendem Blicke: „Unglücksseher, der noch nie ein Wort gesprochen, das mir Gedeihen gebracht hätte, auch jetzt beredest du das Volk, der Fern¬ hintreffer habe uns die Pest gesandt, weil ich das Löse¬ geschenk für die Tochter des Chryses verworfen habe. Wahr ist's, ich behielte sie gern in meinem Hause, denn sie ist mir lieber, als selbst Klytämnestra, das Weib mei¬ ner Jugend, und stehet ihr an Wuchs, Schönheit, Geist und Kunst nicht nach! Dennoch will ich sie eher zurück¬ geben, als daß ich das Volk verderben sehe. Aber ich verlange ein anderes Ehrengeschenk zum Ersatze für sie!“ Nach dem Könige nahm Achilles das Wort: „Ich weiß nicht, ruhmvoller Atride,“ sprach er, „welches Ehren¬ geschenk deine Habsucht von den Achivern verlangt. Wo ist denn noch viel Gemeinschaftliches aufgespeichert? Alle Beute aus den eroberten Städten ist längst vertheilt, und den Einzelnen kann man doch das Ausgetheilte nicht wie¬ der nehmen! Darum entlaß die Tochter des Priesters! Wenn uns dereinst Jupiter die Eroberung Troja's gönnt, so wollen wir dir den Verlust drei- und vierfach ersetzen!“ „Tapferer Held,“ rief ihm der König zu, „sinne nicht auf Trug! Meinst du, ich werde deinem Befehle folgen und mein Geschenk hergeben, während du das deinige behältst? Nein. Geben mir die Griechen keinen Ersatz, so gehe ich hin, mir einen aus eurer Beute zu holen, sey es ein Ehrengeschenk des Ajax oder des Odysseus, oder auch das deinige, Pelide; möget ihr dann noch so sehr zürnen. Doch davon reden wir ein andermal. Jetzt aber immer¬ hin ein Schiff und die Hekatombe gerüstet; sie selbst, die rosige Tochter des Ehryses möget ihr einschiffen, und einer der Fürsten, meinethalben du, Achilles, mag das Schiff befehligen!“ Finster entgegnete Achilles: „Schamloser, selbstsüch¬ tiger Fürst! wie mag dir nur ein Grieche noch gehorchen! Ich selbst, dem die Trojaner nichts zu Leibe gethan haben, bin nur dir gefolgt, um deinen Bruder Menelaus dir rächen zu helfen. Und das achtest du nun nicht, sondern willst mir mein Ehrengeschenk entreißen, das ich mir mit meinem Schweiß errungen und die Griechen mir geschenkt haben! Bekam ich doch nach keiner Städteeroberung je ein so herrliches Geschenk, wie du; die schwerste Last des Kampfes hatte mein Arm stets zu tragen, aber wenn es zur Theilung kommt, trägst du das Beste davon, und ich kehre streitmüde und mit wenigem vergnügt zu den Schif¬ fen zurück! Jetzt aber gehe ich heim nach Phthia; ver¬ such' es, und häufe dir Güter und Schätze ohne mich!“ „Fliehe nur, wenn dir's dein Herz gebeut,“ rief ihm Agamemnon zu, „ich habe genug Helden ohne dich, du bist doch einer der Zanksüchtigsten! Aber wisse, die Tochter des Chryses erhält zwar ihr Vater wieder, ich dagegen hole mir selbst die liebliche Brisis aus deinem Zelte, damit du lernest, wie viel ich höher als du sey, und kei¬ ner mehr es wage, mir ins Antlitz zu trotzen, wie du thust!“ Achilles entbrannte, sein Herz rathschlagte unter seiner Männerbrust, ob er das Schwert ziehen und den Atriden auf der Stelle niederhauen oder seinen Zorn beherrschen solle. Da stand plötzlich unsichtbar hinter ihm die Göttin Athene, enthüllte sich ihm allein, indem sie ihn am braunen Lockenhaar faßte und sprach flüsternd: „Fasse dich, zücke das Schwert nicht, schelten magst du immerhin. Wenn du mir gehorchst, verspreche ich dir dreifache Gabe!“ Auf diese Mahnung hemmte Achilles seine Rechte am silbernen Hefte des Schwertes und stieß es in die Scheide zurück; aber seinen Worten ließ er freien Lauf: „Unwür¬ diger,“ sprach er, „wann hat dein Herz dir eingegeben, mit den Edelsten Griechenlands in einen Hinterhalt zu ziehen, oder in offener Schlacht zuvorderst zu kämpfen? Viel bequemer dünkt es dir, hier im Heereslager sein Geschenk dem zu entwenden, der es wagt, dir zu widersprechen! Aber ich schwöre dir bei diesem Fürstenscepter, so gewiß er nie wieder als Baumast grünen wird, hinfort siehest du den Sohn des Peleus nicht mehr in der Schlacht; umsonst wirst du Rettung suchen, wenn der Männer mor¬ dende Hektor die Griechen schaarenweise niederwirft; um¬ sonst wird alsdann an deiner Seele der Gram fressen, daß du den edelsten der Danaer keiner Ehre werth geach¬ tet hast!“ So sprach Achilles, warf seinen Scepter auf die Erde und setzte sich nieder. Vergebens suchte der ehrwürdige Nestor die Streitenden mit milder Rede zu versöhnen. Endlich rief Achilles, sich aus der Versamm¬ lung erhebend, dem Könige zu: „Thue was du willst, nur muthe mir keinen Gehorsam weiter zu. Nie werde ich des Mägdleins wegen gegen dich oder Andere die Arme zum Streit aufheben. Ihr gabet sie mir, ihr könnt sie mir auch wieder nehmen. Aber laß dir nicht einfallen, das Mindeste sonst bei meinen Schiffen anzutasten, wenn du nicht willst, daß dein Blut von meiner Lanze triefe!“ Die Versammlung trennte sich. Agamemnon ließ die Tochter des Chryses und die Hekatombe zu Schiffe bringen und Odysseus führte beide ihrer Bestimmung zu. Dann aber berief der Atride die Herolde Talthybius und Eury¬ bates und befahl ihnen, die Tochter des Brises aus dem Zelte des Peliden zu holen. Die Herolde gingen ungerne, jedoch dem drohenden Wort ihres Herrschers gehorchend, zum Schiffslager. Sie fanden den Achilles vor seinem Zelte sitzend; und er wurde ihres Anblickes nicht fröhlich; sie selbst aber wagten vor Scheu und Ehrfurcht nicht, zu verkündigen, weswegen sie kämen. Aber Achilles hatte es ihnen im Geiste schon abgelauscht. „Freude sey mit euch,“ rief er ihnen zu, „ihr Herolde Jupiters und der Menschen! Nahet euch immerhin; nicht ihr traget die Schuld eurer Forderung, sondern Agamemnon. Wohlan denn, Freund Patroklus, führe die Jungfrau heraus und übergib sie ihnen. Aber sie selbst sollen mir Zeugen seyn vor den Göttern, den Menschen und jenem Wütherich: wenn man je wieder meiner Hülfe bedarf, so ist es nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Atriden, wenn ich nicht erscheine.“ Patroklus brachte das Mädchen, die den Herolden widerstrebend folgte, denn sie hatte ihren milden Herrn lieb gewonnen. Achilles aber setzte sich weinend an den Strand, schaute hinunter in die dunkle Meerfluth und flehte seine Mutter Thetis um Hülfe an. Da ertönte ihre Stimme aus der Tiefe: „Wehe mir, mein Kind, daß ich dich gebar; so kurz, so gar kurz währet dein Leben; und nun sollst du auch noch so viel Thränen und Kränkung erfahren! Aber ich selbst gehe hinauf zum Donnerer und flehe für dich um Hülfe. Zwar ist er gestern zum Mahle der frommen Aethiopier an den Strand des Oceanus gegangen, und erst nach zwölf Tagen wird er wiederkehren; dann aber eile ich hinauf zu ihm und umfasse ihm die Kniee. So lange setze du dich zu deinen Schiffen, zürne den Danaern und enthalte dich des Krieges.“ Achilles verließ, mit der Antwort seiner Mutter im Herzen, den Strand und setzte sich grollend, mit verschlungenen Armen, in seinem Zelte nieder. Inzwischen war Odysseus mit dem Schiffe zu Chrysa angekommen und übergab dem freudig überraschten Vater sein holdseliges Kind. Dankbar hob Chryses seine Hände gen Himmel und flehte zu Phöbus um Abwendung der Plage, die er den Griechen zugesandt, und in diesem Au¬ genblicke hörte die Pest unter dem griechischen Heere auf, und als Odysseus mit dem Schiffe ins Lager der Griechen zurückkam, fand er diese des Uebels ledig. Der zwölfte Tag, seit Achilles sich in seine Lager¬ stätte zurückgezogen hatte, war angebrochen und Thetis hatte ihr Versprechen nicht vergessen. Im frühsten Morgennebel tauchte sie aus dem Meere und stieg empor zum Olymp. Hier fand sie auf der höchsten Kuppe des gezackten Ber¬ ges, abseits von den andern Göttern, den waltenden Ju¬ piter gelagert, setzte sich zu ihm, und mit der Linken seine Kniee umschlingend, mit der Rechten nach der Sitte Fle¬ hender sein Kinn berührend, sprach sie zu ihm: „Vater Zeus, wenn ich dir je mit Worten oder Thaten gedient habe, so gewähre mir mein Verlangen: Ehre meinen Sohn, der vom Geschicke so früh zu welken bestimmt ist; Agamemnon hat ihn jetzt eben aufs Tiefste gekränkt und ihm das Ehrengeschenk entzogen, das er selbst erbeutet hatte. Deswegen bitte ich dich, Göttervater, gib den Trojanern so lange Sieg, bis die Griechen meinem Sohne wieder die verdiente Ehre erweisen!“ Lange blieb Jupiter unbeweglich und schweigend. Aber Thetis schmiegte sich ihm immer fester ans Knie und flüsterte: „So gewähre mir doch meine Bitte, Vater, oder verweigere sie mir rund weg, damit ich es wisse, ob ich mehr als alle andere Götter einer Ehre von dir gewürdigt werde!“ So nöthigte sie endlich den Vater der Götter zu der unmuthigen Ant¬ wort: „Es ist nicht zum Heile, daß du mich zwingst, mit der Göttermutter Juno zu hadern, die ohnehin mir immer zuwider ist. Eile nur hinweg, daß sie dich nicht bemerke, und es genüge dir der Wink meines Hauptes, welcher der untrüglichsten Verheißung gleich ist.“ So sprechend nickte Jupiter mit seinen Augenbraunen und die Höhen des Olymps erbebten von dem Nicken seines Hauptes. Zufrie¬ den fuhr Thetis hinab zur Meerestiefe. Juno aber, welche die Rathschlagung ihres Gemahles mit der Göttin wohl beachtet hatte, trat heran zu Jupiter und reizte ihn mit Vorwürfen. Doch dieser antwortete der Göttin ruhig: „Getraue dir nicht einzusehen, was ich beschließe; schweig und gehorche meinem Gebote.“ Da erschrack Juno vor dem Wort ihres Gemahls, des Götter- und Menschenvaters, und wagte nicht weiter Einsprache gegen seinen Entschluß zu thun. Versuchung des Volkes durch Agamemnon. Jupiter gedachte des Winks, den er der Meeresgöttin Thetis zugenickt hatte. Er schickte den Traumgott in das Lager der Griechen und in das Zelt des schlummernden Königs Agamemnon. Dieser stellte sich in Nestors Gestalt, den der König vor allen andern Aeltesten ehrte, zu seinen Häupten und sprach zu ihm: „Schläfst du, Sohn des Atreus? ein Mann, der das ganze Volk berathen soll, darf nicht so lange schlafen. Höre mich, der ich als ein Bote Jupiters zu dir komme; er befiehlt dir, die Achiver zur Schlacht zu rüsten: jetzt sey die Stunde, wo Troja bezwungen werden kann. Die Himmlischen sind entschlos¬ sen und Verderben schwebt über der Stadt.“ Agamemnon erwachte vom Schlafe und sprang vom Lager. Er band sich die Sohlen unter die Füße, zog das Gewand an, hängte das Schwert über die Schulter, ergriff den Scepter und wandelte in der Frühe des Mor¬ gens nach den Schiffen. Die Herolde gingen auf sein Geheiß, das Volk zur Versammlung zu rufen, von einer Lagerstatt zu der andern; die Fürsten des Heeres aber wurden am Schiffe Nestors in einen Rath versammelt. Hier eröffnete Agamemnon die Berathung mit den Wor¬ ten: „Freunde, vernehmet! ein gottgesandter Traum, in Nestors Gestalt zu mir tretend, hat mich belehrt, daß, von Jupiter herabgesandt, über Troja Verderben schwebe. Laßt uns nun sehen, ob es uns gelingt, die durch den Zorn des Achilles entmuthigten Männer zur Schlacht zu rüsten. Ich selbst will sie zuerst mit Worten versuchen und ihnen den Rath ertheilen, zu Schiffe zu gehen und die trojanische Küste zu verlassen, dann sollt ihr euch, der eine da, der andere dorthin eilend, vertheilen, und die Völker zum Bleiben zu bewegen suchen.“ Nach Agamemnon erhob sich Nestor und sprach zu den Fürsten: „Wenn ein anderer Mann uns einen solchen Traum erzählte, so würden wir ihn der Lüge beschuldigen und uns verächtlich abwenden. So aber ist der, der diesen Traum gesehen hat, der erste Fürst aller Danaer; und darum glauben wir ihm und gehen ans Werk!“ Nestor verließ den Rath und alle Fürsten folgten ihm auf den Markt, wo das gesammte Volk sich schon wie ein Bienenschwarm versam¬ melte. Neun Herolde ordneten dasselbe, daß es sich im Kreise lagerte und allmählig der Lärm und das Flüstern der Redenden verstummte. Dann sprach Agamemnon, in der Mitte der Versammlung stehend und auf seinen Herrscherstab sich lehnend: „Lieben Freunde, versammelte heldenmüthige Streiter des Danaervolkes, der grausame Jupiter hat mich in schwere Schuld verstrickt, er, der mir einst so gnädig gelobt hatte, daß ich nur als Vertilger Troja's heimziehen sollte. Jetzt aber gefällt es ihm, der schon so viele Städte zu Boden geschmettert hat und in seiner Allmacht noch niederschmettern wird, mir zu befeh¬ len, daß ich, nachdem so viel Volkes umsonst erlegen ist, ruhmlos nach Argos zurückkehren soll. Auch ist es freilich schmählich, wenn ein späteres Geschlecht vernehmen soll, daß dieses große Griechenvolk in einem heillosen Streite gegen so viel schwächere Feinde fortkämpfe. Denn wahr¬ haftig, wenn wir die Zahl der Trojaner im Frieden mit der Zahl der Unsrigen messen wollten, so daß je ein Tro¬ janer einem Tische von zehn Griechen den Wein kre¬ denzte: viele Tische, däucht mir, würden des Weines ent¬ behren müssen. Aber freilich haben sie mächtige Bundes¬ genossen aus vielen Städten, deren Macht mir nicht erlaubt, ihre Stadt zu vertilgen, wie ich wohl möchte. Inzwischen sind neun Jahre herumgegangen, das Holz an unsern Schiffen wird anbrüchig, die Seile vermodern, unsere Weiber und Kinder sitzen zu Hause und schmachten nach uns, so ist es wohl das Beste, wir fügen uns in Jupiters Gebot, gehen zu Schiffe und kehren ins liebe Land der Väter zurück.“ Die Worte Agamemnons beweg¬ ten die Versammlung, wie schwellende Meereswogen. Das ganze Heer gerieth in Aufruhr; Alles stürzte den Schiffen zu, daß der Staub in die Luft wirbelte; einer ermunterte den andern, die Schiffe ins Meer zu ziehen; die Balken unter diesen wurden hinweggezogen, die Graben, die mit dem Meer in Verbindung standen, geräumt. Den Freunden der Griechen im Olymp selbst wurde bange, als sie den Ernst der Völker sahen, und Juno ermahnte Minerva, hinunter zu eilen ins Heer der Achi¬ ver und durch ihre schmeichelnde Götterrede die Flucht derselben zu hemmen. Pallas Athene gehorchte ihr und flog von den Felsenhöhen des Olymp hinab ins Schiffs¬ lager der Griechen. Hier fand sie den Odysseus mit gramvollem Herzen regungslos vor seinem Schiffe stehend, das er nicht zu berühren wagte. Die Göttin näherte sich ihm, und indem sie sich seinen Blicken offenbarte, sprach sie freundlich zu ihm: „Also wollet ihr euch wirklich in die Schiffe stürzen und fliehen? wollet dem Priamus den Ruhm und den Trojanern Helena lassen, die Griechin, um welche so viele Griechen, fern vom Vaterlande, dahin¬ gesunken sind? Nein, das wirst du nicht dulden, edler, kluger Odysseus! Eilig dich ins Heer der Danaer geworfen, nicht gezaudert! brauche deiner Beredsamkeit, ermahne, hemme sie.“ Auf den Ruf der Göttin warf Odysseus schnell seinen Mantel weg, den Eurybates, sein Herold, der ihm gefolgt war, aufnahm, und eilte unter das Volk. Stieß er nun auf einen der Fürsten und edlern Männer, so hielt er ihn mit freundlichen Worten an und sprach ihm zu: „Ziemt es dir auch, mein Trefflicher, zu verzagen wie ein Feigling? Du solltest vielmehr ruhig bleiben und auch die Andern beruhigen. Weißest du doch nicht, wie der Atride wirklich im Herzen gesinnt ist, und ob er die Griechen nicht hat versuchen wollen!“ Wenn er aber wo einen Mann vom Volke lärmend und schreiend antraf, den schlug er mit seinem Scepter und bedrohte ihn mit lauter Stimme: „Elender, rühre dich nicht; hör' du, was Andre sagen, du, den man weder im Kampf, noch im Rathe rechnen kann! Wir Griechen können doch nicht alle Könige seyn! Vielherrschaft ist nichts nütze, nur Einem hat Jupiter den Scepter verliehen, und diesem sollen die Andern gehorchen!“ So ließ Odysseus seine herrschende Stimme durchs Heer erschallen, und bewog endlich das Volk von den Schiffen auf den Versammlungsplatz zurückzuströmen. All¬ mählich wurde alles ruhig und verharrte geduldig auf den Sitzen. Nur eine einzige Stimme krächzte noch: es war Thersites, der sich, wie gewöhnlich, mit fordernden Schelt¬ worten gegen die Fürsten vernehmen ließ. Dieser war der häßlichste Mann, der aus Griechenland mit vor Troja gekommen war; er schielte mit dem einen Auge und war lahm am andern Fuße, hatte einen Höcker auf dem Rücken, die Schultern gegen die Brust eingeengt, einen Spitzkopf, dessen Scheitel nur mit dünner Wolle spärlich besäet war. Besonders war der Haderer dem Peliden und Odysseus verhaßt, denn gegen diese Helden lästerte er unaufhörlich. Dießmal aber kreischte er seine Schmähun¬ gen dem Völkerfürsten Agamemnon entgegen: „Was hast du zu klagen, Atride,“ schrie er; „wessen bedarfst du denn? Ist nicht dein Zelt voll von edlem Erz, und voll von Weibern? Du lässest es dir wohl seyn, und wir sollen uns von dir in allen Jammer hineinführen lassen? Viel besser thun wir, auf den Schiffen heimzusegeln, und diesen hier allein vor Troja sich mit Ehrengeschenken mästen zu lassen! Hat er doch jetzt selbst den mächtigen Achilles ver¬ unehrt und vorenthält ihm seine Ehrengabe. Aber der träge Pelide hat keine Galle in der Leber, sonst hätte der Tyrann heute zum letzten Male gefrevelt!“ Während Thersites so schalt, stellte sich Odysseus neben ihn und maß ihn mit finsterem Blick, dann hub er sein Scepter, bläute ihm Rücken und Schultern und rief: „Find' ich dich noch einmal im Wahnsinne toben, wie jetzt, du Schuft! so soll mein Haupt nicht auf meinen Schultern stehen, und Telemachus nicht mein Sohn seyn, wenn ich dir nicht die Kleider bis auf die Blöße vom Leibe ziehe, und dich mit Geißelhieben gestäupt nackt zu den Schiffen sende!“ Thersites krümmte sich unter den Streichen des Helden mit blutigen Striemen auf Schulter und Nacken, und lief dann tobend vor Schmerz und heu¬ lend vor Wuth von dannen. Im Volk aber stieß ein Nachbar den andern lachend an, und freute sich darüber, daß der ekelhafte Mensch die verdiente Strafe erhielt. Jetzt aber trat der Held Odysseus vor das Volk; neben ihm Pallas Athene, welche die Gestalt eines Herolds Schwab , das klass. Alterthum. II . 7 angenommen hatte, und den Völkern Stillschweigen gebot. Er selbst hob seinen Fürstenstab in die Höhe, daß die Umstehenden aufmerkten und sprach: „Sohn des Atreus! wahrhaftig, so weit ist es gekommen, daß die Griechen dir Schmach bereiten und ihren Verheißungen ungetreu werden, sie, die versprochen haben, nicht eher von dannen zu ziehen, als bis sie Troja vertilgt hätten. Nun jam¬ mern sie wie Weiber und kleine Kinder nach der Heim¬ kehr, und klagen einander ihr Leid! Aber welche Schande wäre es für uns, nachdem wir so lange hier verweilt, leer heimzukehren! Darum, ihr Freunde! geduldet euch doch noch ein weniges; erinnert euch an das Zeichen, das uns vor unserer Abfahrt nach Aulis zu Theil wurde, als wir auf geweihten Altären, um jenen Sprudelquell her, Hekatomben unter dem schönen Ahornbaume opferten. Mir ists, als wäre es erst gestern geschehen! Ein gräßlicher Drache mit dunkelfarbigen Schuppen schlüpfte unter dem Altar hervor, und fuhr schlängelnd an dem Ahornbaume hinauf. Dort hing ein Sperlingsnest mit nackten Jun¬ gen schwankend auf einem Aste: ihrer achte schmiegten sich in die Blätter, das neunte aber war die brütende Mutter der Vögel. Die umflog mit kläglichem Zwitschern die Kleinen, bis der Drache sein Haupt hindrehte und die jammernde am Flügel erhaschte. Nachdem er die Mutter sammt den Jungen verzehrt, verwandelte Jupiter, der den Drachen gesandt hatte, ihn zum offenbaren Wunderzeichen in einen Stein, und ihr Achiver sahet es mit staunendem Grauen. Kalchas aber, der Seher, rief euch zu: Was stehet ihr verstummt, ihr Griechen? Wisset ihr nicht, daß dieß Wunder eine Wahrsagung Jupiters ist? Die neun Sperlinge sind neun Jahre, die ihr um Troja kriegen werdet; im zehenten aber werdet ihr die prachtvolle Stadt erobern. So weissagte damals Kalchas. Nun aber wird ja Alles vollendet! Die neun Jahre des Kampfes sind vorüber, das zehnte Jahr ist erschienen und der Sieg muß mit ihm kommen. So harret denn die kleine Weile mit¬ einander noch aus, ihr Griechen! Bleibet, bis wir die Veste des Königes Priamus zerstört haben!“ Ein Jubel der versammelten Argiver beantwortete die Rede des Odysseus, der weise Nestor benützte die umgewandelte Stimmung der Völker und rieth dem Könige Agamemnon, sofort, wenn sich etwa noch einer unbändig nach der Heimkehr sehnte, einem solchen nicht zu verwei¬ gern, zu Schiffe zu gehen und von dannen zu fahren. Dann aber sollte er die Männer nach Stamm und Ge¬ schlecht absondern und kämpfen lassen: so würde er am sichersten erfahren, wer von Kriegern und Führern der Muthigere oder der Feigere sey, und ob Göttergewalt, oder Furcht, oder mangelnde Kriegserfahrung die Erobe¬ rung Troja's verhindere. Erfreut antwortete auf diesen Vorschlag der Völkerfürst: „Fürwahr, Nestor, du der Greis übertriffst unsere Männer alle durch Einsicht. Hätte ich im Rathe der Grie¬ chen noch zehen deines Gleichen, so sollte mir Troja's hochragende Burg bald zertrümmert in den Staub sinken! Ich selbst muß gestehen, daß ich unbesonnen gehandelt habe, mich mit Achilles wegen des Mädchens zu entzweien. Jupiter hatte mich damals mit Blindheit geschlagen. Ver¬ söhnen wir beide uns je wieder, so wird der Untergang Troja's nicht länger säumen! Doch nun wollen wir uns zum Angriffe rüsten, stärke sich jeder mit einem Mahl, bereite Schild und Lanze, füttre und tränke seine Rosse, 7 * besichtige den Streitwagen und gedenke der Schlacht, die bis zum Abend dauern wird. Bleibt mir einer absichtlich bei den Schiffen zurück, dessen Leib soll den Hunden und Vögeln nicht entgehen!“ Als Agamemnon ausgeredet, schrieen die Danaer laut auf, daß es tönte wie die Meerfluth, wenn sie sich beim Südwind am hohen Felsenstrande bricht. Das Volk sprang auf, jeder eilte zu seinen Schiffen und bald sah man den Rauch des Frühstücks aus den Lagerhütten dampfen. Agamemnon selbst opferte dem Jupiter einen Stier und lud die edelsten Achiver zum Mahle ein. Als dieß vor¬ über war, gebot er den Herolden, die Griechen zur Schlacht zu rufen, und bald stürzten die Haufen, Schaaren von Kranichen oder Schwänen gleich, die am Flußufer hin¬ flattern, auf die skamandrische Wiese. Die Führer, an ihrer Spitze der Atride, ordneten die Reihen. Herrlich war der Fürst der Fürsten Agamemnon anzuschauen, an Augen und Haupt dem Göttervater gleich, an breiter Brust dem Neptunus und gerüstet wie der streitbare Kriegsgott selbst. Paris und Menelaus. Das Heer, auf Nestors Rath nach Volksstämmen geordnet, stand in Schlachtordnung, als man endlich den Staub der aus ihren Mauern heranziehenden Trojaner gewahr wurde. Nun setzten sich auch die Griechen in Bewegung. Als beide Heere einander nahe genug waren, daß der Kampf beginnen konnte, schritt aus der Reihe der Trojaner der Königssohn Paris vor, in ein buntes Pantherfell gekleidet, den Bogen um die Schultern gehängt, sein Schwert an der Seite, und indem er zwo spitze Lan¬ zen schwenkte, forderte er den tapfersten aller Griechen heraus, mit ihm den Zweikampf zu wagen. Als diesen Menelaus aus den sich heranwälzenden Schaaren hervor¬ springen sah, freute er sich, wie ein hungriger Löwe, dem eine ansehnliche Beute, ein Gemsbock oder ein Hirsch, in den Weg kommt, und schnell sprang er in voller Rüstung von seinem Wagen zur Erde herab, den frevelhaften Dieb seines Hauses zu bestrafen. Dem Paris aber graute beim Anblick eines solchen Gegners und er entzog sich dem Kampfe erblassend und ins Gedränge seiner Landsleute zurückfahrend, als hätte er eine Natter gesehen. Als ihn Hektor so in die Menge der Trojaner zurücktauchen sah, rief er ihm voll Unmuth zu: „Bruder, du bist doch nur von Gestalt ein Held, in Wahrheit aber nichts, als ein weibischer schlauer Verführer. Wärest du lieber gestorben, ehe du um Helena gebuhlt! Siehst du nicht, wie die Griechen ein Gelächter erheben, daß du es nicht wagest, dem Manne Stand zu halten, dem du die Gattin gestoh¬ len hast? Du wärest werth zu erfahren, an welchem Manne du dich versündigt, und ich würde dich nicht bemitleiden, wenn du dich verwundet auf dem Boden wälz¬ test und der Staub dein zierliches Lockenhaar besudelte.“ Paris antwortete ihm: „Hektor, dein Herz ist hart und dein Muth unwiderstehlich, wie eine Axt aus Erz, mit der der Schiffszimmermann Balken behaut, und du tadelst mich nicht mit Unrecht; aber schilt mir nicht meine Schön¬ heit, denn sie ist auch eine Gabe der Unsterblichen. Wenn du mich aber jetzt kämpfen sehen willst, so heiß Trojaner und Griechen ruhen; dann will ich um Helena und alle ihre Schätze mit dem Helden Menelaus vor allem Volke den Zweikampf wagen. Wer von uns beiden siegt, mag sie heimführen; ein Bund soll es bekräftigen; ihr bauet alsdann das trojanische Land in Frieden und jene schiffen heim gen Argos.“ Eine freudige Ueberraschung hatte sich Hektors bei diesen Worten seines Bruders bemächtigt; er trat vor die Schlachtordnung heraus in die Mitte und hemmte, den Speer vorhaltend, den Anlauf der trojanischen Haufen. Als die Griechen seiner ansichtig wurden, zielten sie in die Wette mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen nach ihm. Agamemnon aber rief laut nach den griechischen Reihen zurück: „Haltet ein, Argiver, werfet nicht, der helmumflatterte Hektor begehrt zu reden!“ Die Griechen ließen ihre Hände sinken und verharrten in Schweigen rings umher; und nun verkündete Hektor mit lauter Stimme den Völkern den Entschluß seines Bruders Paris. Seine Rede beantwortete ein tiefes Stillschweigen. End¬ lich nahm Menelaus vor den Heeren das Wort: „Hört mich an,“ rief er, „mich, auf dessen Seele der allgemeine Kummer am schwersten lastet! Endlich, hoffe ich, werdet ihr, Argiver und Trojaner, nachdem ihr um des Streites willen, den Paris angefacht, so viel Schlimmes erduldet habt, versöhnt von einander scheiden! Einer von uns Zweien, welchen auch das Schicksal auserkohren hat, soll sterben; ihr Andern aber sollt in Frieden scheiden. Laßt uns opfern und schwören, alsdann mag der Zweikampf beginnen!“ Beide Heere wurden froh über diesen Worten, denn sie sehnten sich nach einem Ende des unseligen Kriegs. Auf beiden Seiten zogen die Wagenlenker den Rossen die Zügel an, die Helden sprangen von den Streitwagen, zogen die Rüstungen aus und legten sie, Feinde ganz nahe an Feinden, auf die Erde nieder. Hektor sandte eilig zween Herolde nach Troja, die Opferlämmer zu bringen und den König Priamus herbeizurufen, auch der König Agamemnon schickte den Herold Talthybius zu den Schif¬ fen, ein Lamm zu holen. Die Götterbotin Iris aber, in Priamus Tochter Laodice umgestaltet, eilte, die Botschaft der Fürstin Helena in die Stadt zu bringen. Sie fand sie am Webestuhl, ein köstliches Gewand mit den Kämpfen der Trojaner und Griechen durchwirkend, die Augen auf ihre Arbeit geheftet. „Komm doch heraus, trautes Kind,“ rief sie ihr zu, „du sollst etwas Seltsames schauen! Die Trojaner und Griechen, die noch eben voll Ingrimms zur Feldschlacht gegen einander heranrückten, ruhen stillschwei¬ gend, auf die Schilde hingelehnt, die Speere in den Bo¬ den gesteckt, einander gegenüber; aller Krieg ist beendigt; nur deine Gatten Alexander und Menelaus werden mit der Lanze um dich kämpfen, und wer seinen Gegner be¬ siegt, trägt dich als Gemahlin davon!“ So sprach die Göttin und erfüllte das Herz Helena's mit Sehnsucht nach ihrem Jugendgemahl Menelaus, nach der Heimath und nach den Freunden. Sie hüllte sich schnell in einen silberweißen Schleier, in welchen sie die Thräne verbarg, die ihr an den Wimpern hing, und eilte, von Aethra und Klymene, zweien ihren Dienerinnen ge¬ folgt, nach dem Skäischen Thore. Hier saß auf den Zin¬ nen König Priamus mit den ältesten und verständigsten Greisen des trojanischen Volkes, Panthous, Thymötus, Lampus, Klytius, Hiketaon, Antenor und Ukalegon; die beiden Letztern waren die verständigsten Männer von Troja; sie Alle ruhten zwar in ihrem hohen Alter vom Kriege aus; in der Rathsversammlung aber war ihr Wort das tüchtigste. Als diese von der Höhe des Thur¬ mes Helena herankommen sahen, flüsterten die Greise, die Gestalt der Fürstin bestaunend, einander leise zu: „für¬ wahr, Niemand soll Trojaner und Griechen tadeln, daß sie für ein solches Weib so lange im Elend ausharren. Gleicht sie doch einer unsterblichen Göttin an Herrlichkeit! Aber auch mit solcher Gestalt mag sie immerhin auf den Schiffen der Danaer heimkehren, damit uns und unsern Söhnen nicht der Schaden zurückbleibe!“ Priamus aber rief Helena liebreich herbei: „Komm näher heran,“ sprach er, „mein Töchterchen, setze dich zu mir her, ich will dir deinen ersten Gemahl, deine Freunde und deine Verwand¬ ten zu schauen geben; du bist mir nicht Schuld an diesem jammervollen Kriege; die Götter sind es, die ihn mir zu¬ gesendet haben. Nenne mir denn jenes gewaltigen Man¬ nes Namen, der dort so groß und herrlich über alle Danaer hervorprangt; an Haupt überragen ihn zwar hier und da noch größere Männer in dem Heere, aber von so königlicher Gestalt habe ich doch noch keinen unter ihnen gesehen.“ Ehrfurchtsvoll entgegnete Helena dem Könige: „Theu¬ rer Schwiegervater, Scheu und Furcht bewegen mich, in¬ dem ich dir nahe. Mir wäre der bitterste Tod besser gewesen, als daß ich, Heimath, Tochter und Freunde ver¬ lassend, deinem Sohne hierher gefolgt bin. In Thränen möchte ich zerfließen, daß es geschah! Nun aber höre: der dort, nach dem du fragst, ist Agamemnon, der treff¬ lichste König und ein tapferer Krieger; er war, ach er war dereinst mein Schwager!“ „Glücklicher Atride,“ rief Priamus aus, den Helden sich betrachtend, „Gesegneter, dessen Scepter zahllose Griechen gehorchen! Auch ich stand einst in männlicher Jugend an der Spitze eines gro¬ ßen Heeres, als wir die Horde der Amazonen von Phry¬ gien abwehrten; doch war mein Heer nicht so groß, wie das deinige!“ Dann fragte der Greis von Neuem: „Nenne mir nun auch noch jenen, Töchterchen, er ragt nicht so hoch empor, wie der Atride, aber seine Brust ist breiter, seine Schultern sind mächtiger; seine Wehr liegt zu Boden gestreckt; er selbst umwandelt die Reihen der Männer, wie ein Widder die Schaafe.“ „Das ist der Sohn des Laertes,“ antwortete Helena, „der schlaue Odysseus; Ithaka, die felsige Insel, ist seine Heimath.“ Jetzt mischte sich auch der Greis Antenor ins Gespräch: „Du hast Recht, Fürstin,“ sagte er, „ihn und Menelaus kenne ich gut; habe ich sie doch in meinem Haus als Ge¬ sandte einst beherbergt. Im Stehen überragte Menelaus den Helden Odysseus; wenn sie sich aber beide gesetzt, erschien Odysseus als der Herrlichere. Auch redete Mene¬ laus wenig, lauter hingeworfene inhaltsreiche Worte. Odysseus aber, wenn er reden wollte, stand da, die Augen zur Erde geheftet, den Stab unbeweglich in der Hand, anzusehen wie ein Verlegener; man wußte nicht, ist er tückisch oder dumm. Sandte er aber einmal die gewaltige Stimme aus der Brust, dann drängten sich seine Worte wie Schneeflocken im Winter, und kein Sterblicher konnte sich mit Odysseus an Beredtsamkeit messen.“ Priamus hatte sich indessen noch weiter umgeschaut. „Wer ist denn der Riese dort,“ rief er, „der so gar groß und gewaltig über alles Volk hervorragt?“ „Das ist der Held Ajax,“ antwortete Helena, „die Stütze der Achiver; und weiter drüben steht wie ein Gott unter seinen Kretern Idomeneus. Ich kenne ihn wohl; Menelaus hat ihn oft in unserer Wohnung beherbergt. Und ach, nun erkenne ich Einen um den Andern, die freudigen Krieger aus meiner Heimath; hätten wir Muße, so wollte ich dir sie Alle mit Namen nennen! Nur meine leiblichen Brüder Kastor und Pollux sehe ich nicht. Sind sie wohl nicht mit hierher gekommen? oder scheuen sie sich, in der Schlacht zu erscheinen, weil sie sich ihrer Schwester schä¬ men?“ Ueber diesem Gedanken verstummte Helena; sie wußte nicht, daß ihre Brüder schon lange von der Erde verschwunden waren. Während diese sich so unterredeten, trugen die Herolde die Bundesopfer durch die Stadt, welche aus zwei Läm¬ mern und aus einheimischem Weine zum Trankopfer, der in einen bocksledernen Schlauch gefüllt war, bestand. Der Herold Idäus folgte mit einem blinkenden Krug und gol¬ denen Becher. Als sie durchs Skäische Thor kamen, nahte dieser dem Könige Priamus und sprach zu ihm: „Mach dich auf, König, beide, die Fürsten der Trojaner und der Griechen rufen dich hinab ins Gefilde, damit du dort einen heiligen Vertrag beschwörest. Dein Sohn Paris und Menelaus werden allein um das Weib mit dem Speere kämpfen: wer im Kampfe siegt, dem folgt sie mit sammt den Schätzen. Alsdann schiffen die Danaer nach Griechenland zurück.“ Der König stutzte, doch befahl er seinen Gefährten, die Rosse anzuschirren, und mit ihm bestieg Antenor den Wagensitz. Priamus ergriff die Zügel und bald flogen die Rosse durchs Skäische Thor hinaus aufs Blachfeld. Zwischen den beiden Völkern angekom¬ men, verließ der König mit seinem Begleiter den Wagen und stellte sich in die Mitte. Aus dem griechischen Heere eilten jetzt Agamemnon und Odysseus herbei. Die Herolde führten die Bundesopfer heran, mischten den Wein im Kruge, und besprengten die beiden Könige mit dem Weih¬ wasser. Dann zog der Atride das Opfermesser, das ihm immer neben der großen Scheide seines Schwertes herab¬ hing, schnitt den Lämmern, wie bei Opfern gebräuchlich, das Stirnhaar ab, und rief den Göttervater zum Zeugen des Bündnisses. Dann durchschnitt er den Lämmern die Kehlen und legte die geopferten in den Staub nieder; die Herolde gossen unter Gebet den Wein aus goldnen Bechern und alles Volk von Griechenland und Troja flehte dazu laut: „Jupiter und ihr unsterblichen Götter alle! welche von uns zuerst den Eidschwur brechen, deren Gehirn fließe auf den Boden, wie dieser Wein, ihres und ihrer Kinder!“ Priamus aber sprach: „Jetzt, ihr Trojaner und Grie¬ chen, laßt mich wieder zu Ilions hoher Burg zurück¬ kehren, denn ich kann es unmöglich mit eigenen Augen ansehen, wie mein Sohn hier auf Leben und Tod mit dem Fürsten Menelaus kämpft; weiß doch Jupiter allein, welchem von beiden der Untergang verhängt ist!“ So sprach der Greis, ließ die Opferlämmer in den Wagen legen, bestieg mit seinem Begleiter den Sitz, und lenkte die Rosse wieder der Stadt Troja zu. Hierauf maßen Hektor und Odysseus den Raum des Kampfplatzes ab, und schüttelten in einem ehernen Helm zwei Loose, zu entscheiden, wer zuerst die Lanze auf den Gegner werfen dürfe. Hektor, rückwärts gewandt, schwenkte den Helm, da sprang das Loos des Paris heraus. Nun waffneten sich beide Helden und wandelten in Panzer und Helm, die mächtigen Lanzen in der Hand, mit drohendem Blicke in der Mitte der Trojaner und Griechen einher, von beiden Völkern angestaunt. Endlich traten sie einan¬ der in dem abgemessenen Kampfraume gegenüber und schwangen zornig ihre Speere. Durch das Loos berech¬ tigt, entsandte zuerst Paris den seinigen: der traf dem Menelaus den Schild, aber die Lanzenspitze bog sich am Erze und sank zurück. Dann erhob auch Menelaus seinen Speer und betete dazu mit lauter Stimme: „Zeus, laß mich den strafen, der mich zuerst beleidigt hat, daß man noch unter den späten Enkeln sich scheue, dem Gastfreunde Böses zu thun!“ Der entsandte Speer durchschmetterte dem Paris den Schild, durchdrang den Harnisch und durchschnitt ihm den Leibrock an der Weiche; nun riß der Atride sein Schwert aus der Scheide und führte einen Streich auf den Helm des Gegners, aber die Klinge zer¬ sprang ihm knitternd. „Grausamer Zeus, was mißgönnst du mir den Sieg?“ rief Menelaus, stürmte auf den Feind ein, ergriff ihn am Helm und zog ihn umgewendet der griechischen Schlachtordnung zu, ja er hätte ihn geschleift, und der beengende Kehlriemen hätte ihn erwürgt, wenn nicht die Göttin Aphrodite die Noth gesehen und den Riemen gesprengt hätte. So blieb dem Menelaus der leere Helm in der Hand; diesen schleuderte der Held den Griechen zu und wollte aufs Neue auf seinen Gegner eindringen. Den aber hatte Venus in einen schirmenden Nebel gehüllt und plötzlich nach Troja geführt. Hier setzte sie ihn im süß duftenden Gemache nieder, trat dann in Gestalt einer alten spartanischen Wollekrämplerin zu Helena, die auf einem der Thürme unter vielen trojani¬ schen Weibern saß. Die Göttin zupfte sie am Gewand und sprach zu ihr: „Komm, Paris ruft dich, er sitzt in der Kammer in reizendem Feierkleide; du solltest glauben, er gehe zum Reigen und nicht, er komme vom Zweikampf.“ Als Helena aufblickte, sah sie Venus in göttlichem Reize vor sich verschwinden. Unbemerkt von den Frauen schlich sie sich davon und eilte nach ihrem Pallaste. Dort fand sie im hohen Gemache den Gatten, von Aphrodite ge¬ schmückt, in einen Sessel gelagert. Sie setzte sich ihm gegenüber, kehrte die Augen weg und schalt ihren Ge¬ mahl: „So kommst du vom Kampfe zurück? Lieber sähe ich dich getödtet von dem Gewaltigen, der mein erster Gatte war! Noch kürzlich prahltest du, ihn im Lanzen¬ wurf und im Handgemenge zu besiegen! Geh nun, und fordere ihn noch einmal heraus! Doch nein, ich rathe dir, bleib in Ruhe, das zweite Mal dürfte er dir übler mitspielen!“ „Kränke mir das Herz nicht durch deine Schmähungen, Frau,“ erwiederte ihr Paris, „wenn Me¬ nelaus mich besiegt hat, so geschah es mit Athene's Hülfe. Ein andermal werde ich über ihn siegen; die Götter haben auch uns noch nicht vergessen.“ Da wandte Aphro¬ dite Helena's Herz, daß sie den Gatten freundlicher ansah und ihm versöhnt die Lippen zum Kusse reichte. Auf dem Kampfplatze durchstürmte Menelaus noch immer wie ein Raubthier das Heer, den verschwundenen Paris ausspähend: aber weder ein Trojaner, noch ein Grieche konnte ihm den Fürsten zeigen, und doch hätten sie ihn gewiß nicht verhehlt, denn er war beiden zu¬ wider, wie der Tod. Endlich erhob Agamemnon seine Stimme und sprach: „Höret mein Wort, ihr Dardaner und Griechen! Menelaus ist der offenbare Sieger. So gebet uns denn jetzt Helena sammt den Schätzen zurück und bezahlet uns für alle Folgezeit einen Tribut!“ Die Argiver nahmen diesen Vorschlag mit Jubel auf, die Trojaner schwiegen. Drittes Buch. Pandarus. Auf dem Olymp war große Götterversammlung: Hebe wandelte an den Tischen umher und schenkte Nektar ein. Die Götter tranken einander aus goldenen Poka¬ len zu und schauten auf Troja nieder. Da ward von Zeus und Here Troja's Untergang beschlossen. Der Vater der Götter wandte sich zu seiner Tochter Athene und befahl ihr, auf den Kampfplatz hinabzueilen und die Trojaner zu versuchen, daß sie die auf ihren Sieg stolzen Griechen wider den Vertrag zu beleidigen anfingen. Pal¬ las Athene mischte sich sofort unter das Getümmel der Trojaner, nachdem sie die Gestalt des Laodokus, der ein Sohn Antenors war, angenommen. In dieser Verhül¬ lung suchte sie den Sohn Lykaons, den trotzigen Pandarus, auf, der ihr zu dem Werke geschickt schien, das ihr der Vater aufgetragen. Dieser war ein Verbündeter der Trojaner und aus Lycien mit seiner Heerschaar hergekom¬ men. Die Göttin fand ihn bald, in der Mitte der Sei¬ nigen stehend. Sie trat nahe zu ihm, klopfte ihm auf die Schulter und sprach: „Höre, kluger Pandarus, jetzt könn¬ test du etwas thun, wodurch du bei allen Trojanern dir Preis und Dank verdientest, vor Allem von Paris, der dir gewiß mit den herrlichsten Geschenken lohnen würde. Siehst du dort Menelaus, den hochmüthigen Sieger stehen? Wage es, und drücke deinen Pfeil auf ihn ab.“ So sprach Schwab , das klass. Alterthum. II. 8 die verhüllte Göttin und das Herz des Thoren gehorchte ihr. Schnell entblößte er den Bogen, öffnete den Deckel des Köchers, wählte einen befiederten Pfeil, legte ihn auf die Sehne und bald sprang das Geschoß vom schwir¬ renden Horn. Athene aber lenkte den Pfeil auf den Leib¬ gurt, so daß er zwar durch diesen und den Harnisch drang, aber nur die oberste Haut ritzte, jedoch so, daß das Blut aus der Wunde drang, und den Menelaus ein leichter Schauer durchflog. Wehklagend umringten ihn Agamemnon und die Genossen. „Theurer Bruder,“ rief der König, „dir zum Tode hab ich das Bündniß geschlossen; die treu¬ losen Feinde haben es mit Füßen getreten. Zwar werden sie es büßen, und ich weiß gewiß, daß der Tag kommt, wo Troja mit Priamus und dem ganzen Volke hinsinkt; mich aber erfüllt dein Tod mit dem bittersten Schmerz. Wenn ich ohne dich heimkehre, und deine Gebeine auf trojanischem Boden am unvollendeten Werk dahinmodern, mit welcher Schmach würde mich das Vaterland empfan¬ gen; denn einem Andern, nicht mir ohne dich, ist beschie¬ den, Troja zu erobern und Helena fortzuführen; und die Trojaner werden spottend über deinem Grabe hüpfen! Thäte sich doch die Erde unter mir auf!“ Aber Menelaus tröstete seinen Bruder; „Sey ruhig,“ sprach er, „das Geschoß hat mich nicht zum Tode verwundet, mein Leib¬ gurt hat mich geschützt.“ „O daß dem so wäre,“ seufzte Agamemnon, und beschickte durch seinen Herold eilig den heilkundigen Machaon. Dieser kam, zog den Pfeil aus dem Gurt, löste diesen, öffnete das Blech des Harnisches und beschaute die Wunde; dann sog er selbst das quellende Blut heraus und legte ihm eine lindernde Salbe auf. Während der Arzt und die Helden so um den verwundeten Menelaus beschäftigt waren, rückten die Schlachtreihen der Trojaner schon heran; auch die Griechen hüllten sich wieder in ihre Wehren, und Agamemnon über¬ gab dem Eurymedon Rosse und Wagen mit der Weisung, ihm sie zu bringen, wenn er ihn vom Durcheilen der Schlachtordnung ermattet sehe. Dann flog er zu Fuß unter die Schaaren der Streiter und ermunterte sie zur Abwehr, die Muthigen belobend, die Saumseligen tadelnd. So gelangte er auf seinem Gange zu den Kretern, die gewappnet ihren Heerführer Idomeneus umringten. Die¬ ser stand an ihrer Spitze, kampflustig wie ein Eber. Die hinteren Reihen munterte sein Freund Meriones auf. Als Agamemnon diese Schaaren sah, wurde sein Herz fröhlich: „Du bist mir doch der Besten Einer, Idomeneus,“ rief er ihnen zu, „bei jedem Geschäfte, im Kriege wie beim Mahle, wenn man den funkelnden Ehrenwein in den mächtigen Krügen mischt. Wenn da die Andern ihr beschei¬ denes Maaß trinken, so steht dein Becher immer voll wie der meinige. Jetzt aber stürme mit mir in die Schlacht, wie du dich so oft gegen mich gerühmt.“ „Wohl bleibe ich dein treuer Genosse, König,“ erwiederte jener, „geh nur Andere anzuspornen, bei mir bedarf es dessen nicht. Möge Tod und Verderben die bundbrüchigen Trojaner treffen!“ Jetzt erreichte Agamemnon die beiden Ajax, hinter denen ein ganzes Gewühl von Fußvolk einherzog: „Wenn doch,“ rief ihnen der König im Vorübereilen zu, „ein Muth wie der eurige den Busen aller Danaer beseelte, dann sollte die Burg des Priamus bald unter unsern Händen in Trümmer fallen.“ Nun traf er weiterschrei¬ tend auf Nestor. Dieser ordnete gerade seinen Heerhaufen: 8 * voran die Helden mit Roß und Wagen, viele und tapfere Männer zu Fuße hinten, die Feigen in die Mitte gedrängt. Dazu ermahnte er sie mit weisen Worten: „Wage sich mir keiner mit seinem Streitwagen zu weit vor, weiche mir auch Keiner zurück; stößt Wagen auf Wagen, so strecket die Lanze vor.“ Wie ihn Agamemnon die Seini¬ gen so ermahnen hörte, rief er ihm zu: „O Greis, möch¬ ten dir die Kniee folgen und deine Leibeskraft ausreichen, wie dir der Muth noch den Busen füllt. Könnte doch ein Anderer dir die Last des Alters abnehmen, daß du zum Jüngling umgeschaffen würdest!“ „Wohl möchte ich jetzt der seyn, der ich einst war,“ antwortete ihm Nestor, „doch haben die Götter den Menschen nicht Alles zugleich ver¬ liehen. Mögen die Jüngeren Speere werfen, ich begleite meine Männer mit Worten und weisem Rathe, den auch das Alter geben kann.“ Freudig ging Agamemnon an ihm vorüber und stieß jetzt auf Menestheus, den Sohn des Peteus, um den die Athener geschaart waren, und neben welchem die Cephallener in dichten Schlachtreihen unter Odysseus standen. Beider Haufen ruhten in Er¬ wartung und wollten andere Züge voranstürmen lassen. Dieß verdroß den Völkerfürsten und er sprach mürrisch zu ihnen: „Was schmieget ihr euch so zusammen, ihr Bei¬ den, auf Andere harrend? Wenn wir Braten schmausen und Wein trinken, seyd ihr immer die Ersten; nun aber würdet ihr es nicht ungerne sehen, wenn zehn Griechen¬ schaaren vor euch in die Schlacht eindrängen!“ Odysseus aber sah ihn finster an und sprach: „Was denkst du, Atride? uns schiltst du saumselig? warte nur, wenn wir einmal losbrechen, ob wir die Wuth der Schlacht nicht gehörig gegen die Troer aufregen, und du mich nicht im vordersten Getümmel erblicken wirst. Drum schwatze mir nicht voreilig nichtige Worte!“ Als er den Helden so zürnen sah, erwiederte Agamemnon lächelnd: „Ich weiß es wohl, edler Sohn des Laertes, daß du weder Tadel noch Ermahnung bedarfst; auch bist du im Herzensgrund milde, wie ich; laß uns keine harte Worte wechseln.“ So verließ er ihn und eilte weiter. Da fand er den Sohn des Tydeus, den stolzen Diomedes, neben Sthenelus, des Kapaneus Sohn, seinem Freund und Wagenlenker, auf dem herrlichen Streitwagen harrend. Auch diesen versuchte er mit verdrießlichen Worten: „Weh mir,“ sprach er, „Sohn des Tydeus, du scheinst dich bange nach dem Treffen umzusehen; so blickte dein Vater nicht, als er gegen Thebe zog: den sah man immer mitten in der Arbeit!“ Diomedes schwieg auf den Verweis des Herr¬ schers, sein Freund Sthenelus antwortete für ihn: „Du weißt es besser, Atride,“ sprach er, „wir rühmen uns größerer Tapferkeit, denn unsere Väter, haben wir doch Theben erobert, vor dem nicht sie erlegen sind!“ Diome¬ des aber unterbrach seinen Genossen und sagte finster: „Schweige, Trauter, ich verarge es dem Völkerhirten nicht, daß er die Griechen zum Kampf anreizt; ihm wird der Ruhm zu Theil, wenn wir siegen; ihm unendlicher Gram, wenn wir überwunden werden! Darum auf, laß uns der Abwehr gedenken!“ So sprach Diomedes und sprang vom Wagen, daß ihm das Erz um die Brust klirrte. Indessen zogen die Danaer Haufen an Haufen rast¬ los in die Schlacht, wie sich Meereswogen ans Gestade wälzen. Die Völkerfürsten befehligten; die Andern gin¬ gen lautlos einher. Die Trojaner dagegen lärmten, wie eine Heerde Lämmer blöckt, und gemischte Sprache der mancherlei Völker tönte aus ihren Reihen. Auch der Schlachtruf der Götter hallte darein: die Trojaner ermun¬ terte Mars, der Gott des Krieges, die Reihen der Griechen feuerte Pallas Athene an. Die Schlacht. Diomedes. Bald begegneten sich die Heere in Einem Raum; Schild traf auf Schild, Speer kreuzte sich mit Speer und lautes Getöse, hier Wehklagen, dort Frohlocken, erhob sich ringsum. Wie sich im Spätling zwei geschwollene Bergströme im Hinabsturz vermischen, so vermählte sich das Geschrei der kämpfenden Heere. Der erste Held, welcher fiel, war der Trojaner Echepolus, der sich zu weit in den Vorkampf gewagt hatte. Diesem durchbohrte Nestors Sohn Antilochus mit der Lanzenspitze die Stirne, daß er umsank wie ein Thurm. Schnell ergriff Elephenor, der griechische Fürst, den Fuß des Gefallenen, um ihn den Geschossen zu entziehen und der Rüstung zu berauben. Aber wie er sich bückte, ihn zu schleifen, entblößte er sich die Seite unter dem Schild; dieß sah Agenor, der Troja¬ ner, und durchbohrte ihm die Seite mit dem zückenden Speer, daß der Grieche todt in den Staub sank. Ueber ihm tobte der Kampf beider Heere fort, und wie Wölfe erwürgten sie einander. Ajax traf den blühenden Simoeisius im Vorwärts¬ dringen rechts über der Brust, daß ihm der Speer zur Schulter herausfuhr und er in den Staub hintaumelte; dann stürzte er sich auf ihn, und beraubte ihn der Rüstung; gegen ihn warf der Trojaner Antiphus die Lanze; diese verfehlte ihn zwar, traf aber Leukus, den tapfern Freund des Odysseus, wie er eben den Todten hinwegschleifte. Das schmerzte den Odysseus und, vorsichtig umschauend, schleuderte er seinen Wurfspieß ab, vor dem die Trojaner zurückprallten; und er traf einen Sohn des Königes Priamus, den Bastard Demodokoon, so daß die Spitze von einer Schläfe zur andern durchdrang. Als dieser in dumpfem Falle hinstürzte, wichen die vordersten Käm¬ pfer der Trojaner rückwärts, und selbst Hektor mit ihnen. Die Griechen aber jauchzten laut auf, schoben die Leich¬ name bei Seite und drangen tiefer in die Schlachtreihen der Trojaner ein. Darüber zürnte Apollo und ermunterte die Trojaner von der Stadt aus, indem er ihnen zurief: „Räumet doch den Achivern das Feld nicht! Ist doch ihr Leib we¬ der von Stein noch von Eisen, und ihr bester Held Achilles kämpft nicht einmal, sondern grollt bei den Schif¬ fen.“ Auf der andern Seite trieb Minerva die Danaer in den Kampf, und so fielen von beiden Theilen noch viele Helden. Da rüstete Pallas Athene den Sohn des Tydeus, Diomedes, mit besonderer Kraft und Kühnheit aus, daß er vor allem Danaervolk hervorstrahlte, und sich unsterb¬ lichen Ruhm gewann. Helm und Schild machte sie ihm glänzend wie ein Gestirn der Herbstnacht, und trieb ihn hinein ins wildeste Getümmel der Feinde. Nun befand sich unter den Trojanern ein Priester des Vulkan, mit Namen Dares, ein mächtiger, reicher Mann, der zwei Söhne, Phegeus und Idäus, muthige Männer, in die Schlacht gesendet hatte. Diese sprengten aus den Reihen der Ihri¬ gen auf Diomedes hervor mit ihren Streitwagen, wäh¬ rend der griechische Held zu Fuße kämpfte. Zuerst sandte Phegeus seine Lanze ab; sie fuhr aber links an der Schulter des Tydiden vorbei, ohne ihn zu verwunden. Des Diomedes Wurfspieß dagegen traf den Phegeus in die Brust und stürzte ihn vom Wagen. Als sein Bruder Idäus dieses sah, wagte er es nicht den Leichnam seines Bruders zu schirmen, sondern sprang vom Wagen und entfloh, indem der Beschirmer seines Vaters, Vulkanus, Finsterniß um ihn her verbreitete; denn dieser wollte nicht, daß sein Priester beide Söhne verlöre. Jetzt nahm Athene ihren Bruder, den Kriegsgott Mars bei der Hand und sprach zu ihm: „Bruder, wollen wir nicht Troer und Griechen jetzt sich selbst überlassen und eine Weile zusehen, welchem Volke die Fürsehung unsers Vaters den Sieg zuwende?“ Mars ließ sich von der Schwester aus der Schlacht hinausführen und nun waren die Sterblichen sich selbst überlassen, doch wußte Minerva wohl, daß ihr Liebling Diomedes mit ihrer Kraft ausgerüstet streite. Nun fingen die Argiver an, den Feind erst recht hart zu bedrängen und vor jedem griechischen Führer sank ein Trojaner dahin. Agamemnon jagte dem Hodius den Speer ins Schulterblatt; Idomeneus durchstach den Phästus aus Tarne, daß er dem Wagen entstürzte; der kundige Jäger Skamandrius wurde von der spitzen Lanze des Menelaus durchbohrt; den kunst¬ vollen Phereklus, der dem Paris die räuberischen Schiffe gezimmert hatte, traf Meriones; und andere fielen von anderer Hand. Der Tydide aber durchtobte das Feld wie ein angeschwollener Herbststrom und man wußte nicht, gehörte er den Griechen oder den Trojanern an, denn bald war er da, bald dort. Wie nun der Kampf ihn so hin und her trieb, faßte Lykaons Sohn, Pandarus, sich ihn ins Auge, richtete seinen Bogen auf ihn, und schoß ihm mit dem Pfeil gerade in die Schulter hinein, so daß sein Blut über den Panzer herabströmte. Pandarus, solches sehend, jauchzte und rief hinterwärts zu seinen Genossen: „Drängt euch heran, ihr Trojaner, spornt eure Rosse! Ich habe den tapfersten Danaer getroffen! Bald wird er umsinken und ausgewüthet haben, wenn anders mich Apollo aus Lycien zum Kampfe selbst herbei¬ gerufen hat!“ Doch den Diomedes hatte das Geschoß nicht tödtlich getroffen; er stellte sich vor seinen Streit¬ wagen und rief seinem Freund und Wagenlenker Sthene¬ lus zu: „Steige doch vom Wagen, mein Geliebter, und zeuch mir den Pfeil aus der Schulter!“ Sthenelus sprang eilig herab und that also: das helle Blut spritzte dabei aus den Panzerringen. Da betete Diomedes zu Athene: „Blauäugige Tochter Jupiters! Wenn du je schon meinen Vater beschirmt hast, so sey auch mir jetzt gnädig! Lenke meinen Speer auf den Mann, der mich verwundet hat, und jetzt frohlockt, auf daß er nicht lange mehr das Licht der Sonne schaue!“ Minerva hörte sein Flehen und beseelte ihm Arme und Füße, daß sie leicht wurden wie der Leib eines Vogels, und er, unbeschwert von seiner Wunde, in die Schlacht zurück eilen konnte. „Geh,“ sprach sie zu ihm, „ich habe auch die Finsterniß von deinen Au¬ gen genommen, daß du Sterbliche und Götter in der Schlacht unterscheiden kannst; hüte dich darum, wenn ein Unsterblicher auf dich zugewandelt kommt, dich mit solchem in einen Kampf einzulassen! Nur Aphrodite, wenn sie dir naht, die magst du mit deinem Speere ver¬ wunden!“ Nun flog Diomedes in das vorderste Treffen zurück, mit dreifachem Muth und mit Kraft wie ein Berglöwe ausgerüstet. Hier hieb er den Astynous durch einen Streich ins Schultergelenke nieder; dort durchbohrte er den Hypenor mit der Lanze; dann erlegte er zwei Söhne des Eurydamas; dann zwei spätgeborne Söhne des Phä¬ nops, daß dem Vater nur der Gram zurück blieb; dann warf er zwei Söhne des Priamus, den Ehromius und Echemon zugleich aus dem Wagen mit Gewalt und beraubte sie der Rüstung, indeß die Seinigen den erbeu¬ teten Streitwagen nach den Schiffen abführten. Aeneas, der tapfre Eydam des Königes Priamus, sah, wie dünn die Reihen der Trojaner unter den Strei¬ chen und Stößen des Tydiden wurden. Deßwegen eilte er durch die stürmenden Geschosse hin, bis er den Pan¬ darus traf, den er so anredete: „Sohn Lykaons, wo bleibt dein Bogen und Pfeil, wo dein Ruhm, den bisher kein Lycier, kein Trojaner dir streitig machte? Sende doch dem Manne, der den Troern so viel Böses thut, noch ein Geschoß zu; wenn er nicht anders ein unsterb¬ licher Gott in menschlicher Gestalt ist!“ Ihm antwortete Pandarus: „Wenn es nicht ein Gott ist, so ist's der Tydide Diomedes, den ich erschossen zu haben glaubte. Ist er es aber, so hat sich ein Unsterblicher seiner erbarmt und steht ihm auch jetzt noch zur Seite! Dann bin ich wohl ein unglücklicher Kämpfer! Schon gegen zween grie¬ chische Heerfürsten sandte ich den Pfeil ab; verwundete beide, ohne sie zu tödten, und habe sie nur wüthender gemacht! Wahrhaftig, zur Unglücksstunde habe ich Köcher und Bogen genommen, und bin damit vor Troja gezogen! Kehre ich je wieder heim, so soll mir ein Fremdling das Haupt abschlagen, wenn ich nicht Bogen und Pfeile mit den Händen zerknicke, und diesen nichtigen Tand, der mich begleitet hat, ins lodernde Feuer werfe!“ „Nicht also!“ sprach ihn beruhigend Aeneas. „Be¬ steige vielmehr meinen Streitwagen, und lerne die Ge¬ wandtheit der trojanischen Pferde im Verfolgen und Ent¬ fliehen kennen. Verleiht Jupiter dem Diomedes durchaus die Siegesehre, so werden sie uns sicher nach Troja hin¬ eintragen! Ich selbst will indessen zu Fuße des Kampfes warten.“ Aber Pandarus bat ihn, die Rosse selbst lenken zu wollen, da er dieses Werkes nicht kundig sey, schwang sich zu ihm auf den Wagen, und so sprengten sie mit den hurtigen Thieren auf den Tydiden zu. Sein Freund Sthenelus sah sie herankommen, rief den Genossen an und sprach: „Sieh da, zwei tapfre Männer, die auf dich losstürmen, Pandarus und der Halbgott Aeneas, Aphro¬ ditens Sohn! Dießmal laß uns zu Wagen entfliehen; dein Wüthen dürfte dir nichts nützen gegen diese!“ Aber Diomedes blickte finster und erwiederte ihm: „Sage mir nichts von Furcht! Es liegt nicht in meiner Art, vor einem Kampfe zurückzubeben, oder mich zu schmiegen. Meine Kraft ist noch nicht erschöpft; es ver¬ drösse mich, unthätig im Wagen stehen zu müssen. Nein, wie ich hier zu Fuße bin, will ich ihnen entgegen wan¬ deln. Gelingt es mir, sie beide zu tödten, so hemme du unsre Pferde, den Zaum am Sesselrand befestigend, und führe mir die Rosse des Aeneas als Beute zu den Schiffen!“ Indem flog die Lanze des Pandarus dem Ty¬ diden entgegen, durchfuhr den Schild und prallte vom Panzer ab. „Nicht getroffen, gefehlt,“ rief Diomedes dem jauchzenden Trojaner entgegen, und sein, die Luft im Bogen durchsausender Speer fuhr dem Gegner unter dem Auge in den Kiefer, durch Zähne und Zunge hin¬ durch, daß die Spitze am Unterkinn wieder herauskam. Pandarus stürzte rasselnd vom Wagen und zuckte sterbend in der glänzenden Rüstung auf dem Boden. Seine Rosse rannten flüchtig mit dem Wagen auf die Seite; Aeneas aber sprang herab und umwandelte den Leich¬ nam wie ein trotziger Löwe, Schild und Speer vor¬ streckend, und Jeden zu erschlagen bereit, der ihn antasten würde. Jetzt ergriff Diomedes einen Feldstein, wie ihn zwei gewöhnliche Männer nicht aufheben konnten. Mit diesem traf er den Sohn des Anchises am Hüftgelenk, zermalmte dieses und zerriß ihm die Sehnen, daß der Held ins Knie sank, die Rechte gegen den Boden stem¬ mend, und ihm die Sinne vergingen; und er wäre gestor¬ ben, wenn nicht Venus ihren trauten Sohn mit den Lilien¬ armen umschlungen, ihn mit den Falten ihres silberhellen Gewandes umhüllt und aus der Schlacht getragen hätte. Sthenelus hatte inzwischen Wagen und Rosse des Aeneas, dem Befehle seines Freundes folgsam, zu den Schiffen geführt, und war auf dem eigenen Wagen bald wieder an der Seite des Tydiden angekommen. Dieser hatte mit seinen von Athene geöffneten Augen die Göttin Aphrodite erkannt, durch das Schlachtgetümmel verfolgt und mit ihrer Beute erreicht. Der Held stieß mit der Lanze nach ihr, und sein Speer drang durch die ambrosische Haut in die Handwurzel, daß ihr unsterbliches Blut zu rinnen begann. Die verwundete Göttin schrie laut auf und warf den Sohn zur Erde hin. Dann eilte sie ihrem Bruder Mars zu, den sie zur Linken der Schlacht, Wagen und Rosse in Nacht gehüllt, sitzen fand. „O Bruder,“ rief sie flehend, „schaff' mich weg, gib mir die Rosse, daß ich zum Olymp entkomme; mich schmerzt meine Wunde; Diomedes, der Sterbliche, hat mich verwundet: er wäre im Stande, selbst mit unserm Vater Jupiter zu kämpfen.“ Mars über¬ ließ ihr den Wagen, und Venus, auf der Höhe des Olymps angekommen, warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter Dione und wurde von ihr unter schmeicheln¬ den Trostworten vor den Göttervater geleitet, der sie lächelnd empfing und ihr entgegen rief: „Drum wurden dir nicht die Werke des Krieges verliehen, mein liebes Töchterchen, ordne du Hochzeiten und laß die Schlachten den Kriegsgott besorgen!“ Ihre Schwester Pallas und Juno aber sahen sie spöttisch von der Seite an, und sprachen stichelnd: „Was wird es seyn? wahrscheinlich hat die schöne falsche Griechin unsere Schwester nach Troja gelockt, da wird sie Helena's Gewand gestreichelt und sich mit einer Spange geritzt haben!“ Drunten auf dem Schlachtfeld hatte sich Diomedes auf den liegenden Aeneas geworfen, und holte dreimal aus, ihm den Todesstreich zu versetzen; aber dreimal hielt der zornige Gott Apollo, der nach der Schwester Verwundung herbeigeeilt war, ihm den Schild vor; und als jener das viertemal anstürmte, drohte er ihm mit schrecklicher Stimme: „Sterblicher, wage nicht mit den Göttern dich zu messen!“ Scheu und mit zauderndem Schritt entwich Diomedes. Apollo aber trug den Aeneas aus dem Schlachtgewühl in seinen Tempel nach Troja, wo Latona, seine Mutter, und Diana, seine Schwester, ihn in ihre Pflege nahmen. Auf dem Boden, wo der Held gelegen, schuf er sein Scheinbild, um das sich nun Trojaner und Griechen mit wilden Schlägen und Stößen zankten. Nun ermahnte Apollo den Mars, daß er den frechen Tydiden, der die Götter selbst bekämpfe, aus der Schlacht zu entfernen strebe. Und der Kriegsgott, in der Gestalt des Thraziers Akamas, mischte sich im Getümmel unter die Söhne des Priamus und schalt sie: „Wie lange gönnet ihr den Griechen das Morden, ihr Fürsten? wollt ihr warten, bis um die Thore eurer Stadt selbst gekämpft wird? wißt ihr nicht, daß Aeneas auf dem Boden liegt? Auf und retten wir den edeln Genossen aus der Hand der Feinde!“ So erregte Mars die Her¬ zen der Trojaner. Sarpedon, der Fürst der Lycier, näherte sich Hektor und sprach zu ihm: „Hektor, wohin ist dir dein Muth geschwunden? Rühmtest du dich doch jüngst, selbst ohne Verbündete, ohne Heeresmacht, mit deinen leiblichen Brüdern und Schwägern allein wolltest du Troja schirmen; nun aber sehe ich ihrer keinen in der Schlacht, sie schmiegen sich alle wie die Hunde vor dem Löwen, und wir Bundesgenossen allein müssen den Kampf auf¬ recht erhalten!“ Hektor fühlte den Vorwurf tief im Herzen, er sprang vom Wagen, schwenkte die Lanze, durchwan¬ delte ermahnend alle Heldengeschwader und erweckte den tobenden Streit auf's Neue. Seine Brüder und alle Trojaner kehrten die Stirne dem Feinde wieder zu. Auch den Aeneas, mit Gesundheit und Kraft erfüllt, sandte Apollo wieder in den Kampf, daß er sich plötzlich unver¬ letzt den Seinigen wieder zugesellte. Alle freuten sich, aber Keiner nahm sich Zeit, ihn zu fragen, sie stürzten nur miteinander in die Schlacht. Aber die Danaer, Diomedes, die beiden Ajax und Odysseus an der Spitze, erwarteten ruhig die Heranstür¬ menden, wie ein unbewegliches Gewölk; und Agamemnon durcheilte die Heerschaar und rief: „Jetzt seyd Männer, o ihr Freunde, und ehret euch selbst in der Schlacht, denn wo ein Volk sich selbst ehrt, da stehen mehr Männer, als fallen: aber für den Fliehenden gibt es keinen Ruhm und keine Rettung!“ So rief er, schickte selbst zuerst den Speer gegen die heranrückenden Trojaner ab, und streckte den Freund des Aeneas, den hochgeehrten Dikoon, der immer im Vorderkampfe stritt, nieder. Aber auch die gewaltige Hand des Aeneas tödtete zwei der tapfersten Danaer, Krethon und Orsilochus, Söhne des Diokles, die zu Pherä im Peloponnes wie zwei freudige Berg¬ löwen zusammen aufgewachsen waren. Um die Gefallenen trauerte Menelaus, schwenkte den Speer und warf sich rasch in das vorderste Gewühl. Mars selbst spornte sein Herz, denn er hoffte, daß ihn Aeneas fällen werde. Aber Antilochus, Nestors Sohn, um den Völkerhirten besorgt, stürzte gleichfalls hervor an seine Seite, während jene beiden schon voll Kampfgier ihre Lanzen gegeneinander gezückt hatten. Als Aeneas zwei Helden sich gegenüber sah, wich er zurück; Menelaus und Antilochus retteten die beiden Leichen aus den Händen der Feinde und übergaben sie den Freunden; sie selbst wandten sich dem Vorkampfe wieder zu. Menelaus durchstach den Pylämenes, Anti¬ lochus hieb seinem Wagenlenker Mydon das Schwert in die Schläfe, daß er auf den Scheitel gestellt in den Staub stürzte, bis ihn seine eigenen Rosse umwarfen, die Anti¬ lochus mit der Geißel den Griechen zutrieb. Jetzt aber jagte Hektor mit den tapfersten Heer¬ schaaren der Trojaner voran, und der Kriegsgott selbst wandelte bald vor, bald hinter ihm her. Als Diomedes den Gott kommen sah, stutzte der Held wie ein Wan¬ derer vor einem brausenden Wasserfalle staunt, und rief dem Volke zu: „Staunet nicht über die Unerschrockenheit Hektors, ihr Freunde, denn immer geht ein Gott neben ihm her und wehrt das Verderben von ihm ab. Darum, wenn wir weichen, so weichen wir den Göttern!“ Indessen stürmten die Schlachtreihen der Trojaner immer näher heran, und Hektor erschlug zwei tapfere Griechen auf Einem Streitwagen, den Anchialus und Menesthes. Ajax, der Telamonier, eilte herbei, sie zu rächen; er traf mit der Lanze den Amphius, einen Verbündeten der Trojaner, unter dem Gurte, daß er in dumpfem Falle zu Boden stürzte; dann stemmte er den Fuß auf den Leichnam und zog die Lanze heraus; ein Hügel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben. Auf einer andern Seite trieb ein böses Verhängniß den Herakliden Tlepolemus auf den Lycier Sarpedon zu, dem er schon von weitem zurief: „Was nöthigt dich, hier in Angst zu vergehen, weibischer Asiate, der du dich fälsch¬ lich rühmest, ein Jupiterssohn zu seyn, wie mein Vater Herkules! Du bist feige, und selbst wenn du ein Tapferer wärest, so solltest du jetzt dem Hades nicht entgehen!“ „Habe ich mir noch keinen Ruhm erworben,“ entgegnete ihm Sarpedon, „so soll dein Tod mir ihn verschaffen!“ Und nun kreuzten sich die Lanzen beider Helden; der Wurfspieß des Sarpedon traf den prahlerischen Gegner grade in den Hals, daß die Spitze hinten hervordrang und er entseelt zur Erde stürzte. Aber auch des Tlepole¬ mus Speer hatte den linken Schenkel Sarpedons bis auf die Knochen durchbohrt, und nur sein Vater Jupiter hemmte den Tod. Die Freunde führten den Bebenden aus dem Kampfe, so hastig, daß Keiner bemerkte, wie er die aus dem Schenkel hervorragende Lanze noch nach¬ schleppte. Auch die Leiche des Tlepolemus trugen die Griechen aus dem Kampfe zurück. Während Odysseus in der führerlosen Schaar der Lycier wüthete, und schon ganz nahe an dem flüchtenden Sarpedon war, erfreute diesen der Anblick des heranna¬ hen Hektors, und er rief ihm mit schwacher Stimme zu: „Priamus Sohn, laß mich nicht den Achivern zum Raube daliegen, vertheidige mich, daß ich mein Leben ruhig in dieser Stadt aushauchen mag, wenn ich doch das Land der Väter, mein Weib und mein Söhnlein nicht mehr sehen soll!” Ohne ein Wort zu erwiedern, drängte Hektor die verfolgenden Griechen unwiderstehlich zurück, so daß selbst Odysseus nicht wagte, weiter vorzudringen. Nun legten den Sarpedon seine Freunde unweit vom skäischen Thore unter der hohen Buche nieder, die seinem Vater Jupiter heilig war, und sein Jugendgenosse Pelagon zog ihm den Speer aus dem Schenkel. Einen Augenblick ver¬ ließ den Verwundeten die Besinnung, doch athmete er bald wieder auf, und ein kühler Nordwind wehte seinen matten Lebensgeistern Erfrischung zu. Mars und Hektor bedrängten jetzt die Griechen, daß sie allmählig rückwärts wichen zu ihren Schiffen. Sechs herrliche Helden fielen allein von Hektors Hand. Mit Schrecken überblickte vom Olymp herab Juno, die Göt¬ termutter, das Gemetzel, das die Trojaner unter dem Beistande des Mars anrichteten. Auf ihren Antrieb ward Athene's Wagen mit den ehernen, goldumfaßten Rädern, der silbernen Deichsel und dem goldenen Joche gerüstet, Schwab , das klass. Alterthum. II . 9 in welches Here selbst ihr schnellfüßiges Rossegespann fügte: Minerva aber hüllte sich in ihres Vaters Panzer, bedeckte das Haupt mit dem goldenen Helm, ergriff den Schild mit dem Gorgonenhaupte, faßte den Speer und schwang sich auf den silbernen Sessel, der in goldenen Riemen hing. Neben ihr sitzend, schwenkte Juno die Geißel und beflügelte die Rosse. Des Himmels Thor, das die Horen hüteten, krachte von selbst auf, und die riesigen Göttinnen fuhren an den Zacken des Olymp vorüber. Auf der höchsten Kuppe saß Jupiter, und ihr Gespann einen Augenblick zügelnd, rief ihm Here, seine Gemahlin, zu: „Zürnst du denn gar nicht, Vater, daß dein Sohn Mars das herrliche Volk der Griechen wider das Geschick verdirbt? Siehst du, wie sich Venus und Apollo freuen, die den Wütherich gereizt haben? Nun wirst du mir doch erlauben, daß ich dem Frechen einen Streich versetze, der ihn aus dem Kampfe hinausstößt!“ „Immerhin soll es dir gestattet seyn,“ rief ihr Jupiter von seinem Sitze zu, „sende nur frisch meine Tochter Athene gegen ihn, die am bittersten zu kämpfen versteht.“ Nun flog der Wagen zwischen dem Sternengewölbe und der Erde dahin, bis er sich am Zusammenflusse des Si¬ mois und Skamander mit sammt den Rossen auf den Boden niederließ. Die Göttinnen eilten sofort in die Männerschlacht, wo die Krieger wie Löwen und Eber um den Tydiden gedrängt standen. Zu ihnen gesellte sich Here in Stentors Gestalt und rief mit der ehernen Stimme dieses Helden: „Schämet euch, ihr Argiver, seyd ihr nur furchtbar, so lang Achilles an eurer Seite ficht? Der sitzt nun bei den Schiffen, und ihr vermöget nichts!“ Mit diesem Ruf erregte sie den wankenden Muth der Danaer. Athene aber bahnte sich durch das Gedränge einen Weg zu Dio¬ medes selbst. Sie fand diesen, an seinem Wagen stehend und die Wunde abkühlend, die ihm der Pfeil des Pan¬ darus gebohrt hatte. Der Druck des breiten Schildgehen¬ kes und der Schweiß peinigten ihn, und seine Hand fühlte sich kraftlos; mit Mühe lüftete er den Riemen und trock¬ nete sich das Blut. Nun faßte die Göttin Athene das Joch der Rosse, stützte ihren Arm darauf, und sprach, zu dem Helden gekehrt: „In Wahrheit, der Sohn des mu¬ thigen Tydeus gleicht seinem Vater nicht sonderlich; dieser war zwar nur klein von Gestalt, aber doch ein immer rüstiger Kämpfer; schlug er sich doch vor Thebe einmal ganz wider meinen Willen, und doch konnte ich ihm mei¬ nen Beistand nicht versagen. Auch du hättest dich meiner Obhut und meiner Hülfe zu erfreuen: aber ich weiß nicht was es ist — starren dir deine Glieder von der Arbeit, oder lähmt dich die sinnberaubende Furcht: genug, du scheinst mir nicht der Sohn des feurigen Tydeus zu seyn!“ Diomedes blickte bei diesen Reden der Göttin auf, staunte ihr ins Gesicht und sprach: „Wohl erkenne ich dich, Ju¬ piters Tochter, und will dir die Wahrheit unverhohlen sagen. Weder Furcht noch Trägheit lähmten mich, sondern der gewaltigsten Götter einer. Du selbst hast mir das Auge aufgethan, daß ich ihn erkenne. Es ist Mars, der Gott des Krieges, den ich im Treffen der Trojaner wal¬ ten sah; sieh hier die Ursache, warum ich selbst zurück wich, und auch dem übrigen Griechenvolke gebot, sich hier um mich zu sammeln!“ Darauf antwortete ihm Athene: „Diomedes, mein auserwählter Freund! hinfort sollst du weder den Mars, noch einen andern der Unsterblichen 9 * fürchten; ich selbst will deine Helferin seyn. Lenke nur muthig deine Rosse dem rasenden Kriegsgott selber zu!“ So sprach sie, gab seinem Wagenlenker Sthenelus einen leichten Stoß, daß er willig vom Streitwagen sprang, und setzte sich selbst in den Sessel zu dem herrlichen Helden. Die Axe stöhnte unter der Last der Göttin und des Stärk¬ sten unter den Griechen. Sofort ergriff Pallas Athene Zügel und Peitsche, und lenkte den Huftritt der Rosse Mars dem Kriegsgotte zu. Dieser raubte gerade dem tapfersten Aetolier, Periphas, den er erschlagen hatte, die Rüstung. Als er aber den Diomedes im Streitwagen auf sich zukommen sah, (die Göttin hatte sich in undurchdring¬ liche Nacht gehüllt,) ließ er den Periphas liegen und eilte auf den Tydiden zu, über Joch und Zügel seiner Rosse herausgelehnt, und mit der Lanze nach der Brust des Helden zielend. Aber Athene, unsichtbar, ergriff sie mit der Hand, und gab ihr eine andere Richtung, daß sie ohne Ziel in die Luft hinausflog. Nun erhub sich Dio¬ medes in seinem Wagensitze, und Athene selbst lenkte den Stoß seines Speeres, daß er dem Mars unter dem eher¬ nen Leibgurt in die Weiche fuhr. Der Kriegsgott brüllte, wie zehntausend Sterbliche in der Schlacht schreien, Tro¬ janer und Griechen zitterten, denn sie glaubten, bei hei¬ terer Luft den Donner Jupiters zu hören. Diomedes aber sah den Mars, in Wolken gehüllt, wie in einem Orkane zum Himmel emporfahren. Dort setzte sich der Kriegsgott neben den Donnerer, seinen Vater, und zeigte ihm das aus der Wunde herabtriefende Blut. Aber Ju¬ piter schaute finster und sprach: „Sohn, winsle mir hier nicht an meiner Seite! Von allen Olympiern bist du mir der Verhaßteste; immer hast du nur Zank und Fehde geliebt, mehr als alle Andere gleichest du an Trotz und Starrsinn deiner Mutter. Gewiß hat dieses Weh mir auch ihr Rath bereitet! Dennoch kann ich nicht län¬ ger mit ansehen, wie du leidest, und der Arzt der Götter wird dich heilen.“ So übergab er ihn dem Päan, welcher der Wunde wahrnahm, daß sie sich auf der Stelle schloß. Inzwischen waren auch die andern Götter in den Olymp zurückgekehrt, um die Feldschlacht der Troer und Danaer wieder sich selbst zu überlassen. Zuerst brach jetzt Ajax, der Sohn Telamons, in das Gedränge der Tro¬ janer, und machte den Seinigen wieder Luft, indem er Akamas, dem gewaltigsten Thrazier, die Stirne unter dem Helm durchbohrte. Darauf erschlug Diomedes Arylus und seinen Wagenlenker; vor Euryalus erlagen drei an¬ dere edle Trojaner, vor Odysseus Pidytes, vor Teucer Aretaon, vor Antilochus Ableros, vor Agamemnon Elatus, vor Andern Andere. Den Adrastus erhaschte Menelaus, als ihn die Rosse strauchelnd auf den Boden geworfen, und mit dem Wagen, unter andern herrenlosen Pferden, zur Stadt enteilten. Der liegende Feind umschlang die Knie des Fürsten und flehte jämmerlich: „Fange mich lebendig, Atride, nimm volle Lösung von Erz und Gold aus dem Schatze meines Vaters, der sie dir willig gibt, wenn er mich wieder lebendig umarmen darf!“ Menelaus fühlte sein Herz im Busen bewegt, da lief Agamemnon heran und strafte ihn mit den Worten: „Sorgst du so für deine Feinde, Menelaus? fürwahr, sie haben es um dich im Heimathlande verdient! Nein, Keiner soll un¬ serm Arm entfliehen, auch der Knabe im Mutterschooße nicht! Alles, was Troja groß gezogen hat, soll ohne Erbarmen sterben!“ Da stieß Menelaus den Flehenden mit der Hand von sich und Agamemnon durchbohrte ihm den Leib mit der Lanze. Unter den stürmenden Argivern hörte man Nestors hallenden Ruf: „Freunde! daß nur Keiner, zu Raub und Beute gewendet, dahinten bleibe! Jetzt gilt es nur, Männer zu tödten; nachher könnt ihr gemäch¬ lich den Leichnamen die Rüstung abziehen!“ Bald wären jetzt die Trojaner ihrer Stadt überwun¬ den zugeflohen, wenn nicht Helenus, der Sohn des Priamus, der kundigste Vogelschauer, sich zu Hektor und Aeneas gewendet und so zu ihnen gesprochen hätte: „Alles beruht jetzt auf euch, ihr Freunde, nur wenn ihr das flüchtige Volk vor den Thoren hemmet, vermögen wir selbst noch die Schaaren der Danaer zu bekämpfen. Dir, Aeneas, übertragen die Götter zunächst dieses Ge¬ schäft. Du aber, Bruder Hektor, eile gen Troja und sage unserer Mutter ein Wort. Sie soll die edelsten Weiber auf der Burg im Tempel Athene's versam¬ meln, ihr köstlichstes Gewand auf die Kniee der Göttin legen und ihr zwölf untadeliche Kühe geloben, wenn sie sich der trojanischen Frauen und Kinder und ihrer Stadt erbarmt, und den schrecklichen Tydiden abwehrt.“ Unverdrossen sprang Hektor vom Wagen, durchwan¬ delte ermahnend die Geschwader und enteilte nach der Stadt. Glaukus und Diomedes. Auf dem Schlachtfelde rannten jetzt der Lycier Glaukus, der Enkel des Bellerophontes, und der Tydide Diomedes aus den Heeren hervor und begegneten voll Kampfgier einander. Als Diomedes den Gegner in der Nähe sah, maß er ihn mit den Blicken und sprach: „Wer bist du, edler Kämpfer? noch nie bist du mir in der Feldschlacht begegnet, doch jetzt sehe ich dich vor Andern weit hervor¬ ragen, da du es wagest, dich meiner Lanze entgegenzu¬ stellen; denn mir begegnen nur Kinder, die zum Unglücke geboren sind. Bist du aber ein Gott, der sterbliche Ge¬ stalt angenommen hat, so begebe ich mich des Kampfes. Ich fürchte den Zorn der Himmlischen und verlange nicht ferner nach dem Streite mit unsterblichen Göttern. Doch wenn du ein Sterblicher bist, so komm immerhin heran, du sollst dem Tode nicht entgehen!“ Darauf antwortete der Sohn des Hippolochus: „Diomedes, was frägst du nach meinem Geschlecht? Wir Menschen sind wie Blätter im Walde, die der Wind verweht, und der Frühling wie¬ der treibt! Willst du es aber wissen, so höre: Mein Urahn ist Aeolus, der Sohn des Hellen, der zeugte den schlauen Sisyphus, Sisyphus zeugte den Glaukus, Glau¬ kus den Bellerophontes S. Bd. I , S. 271 ff. , Bellerophontes den Hippolo¬ chus, und des Hippolochus Sohn bin ich. Dieser schickte mich her gen Troja, daß ich Andern vorstreben und der Väter Geschlecht nicht schänden sollte.“ Als der Gegner geendigt, stieß Diomedes fröhlich seinen Schaft in die Erde und rief ihm mit freundlichen Worten zu: „Wahr¬ lich, edler Fürst, so bist du ja mein Gastfreund von Väter¬ zeiten her, Oeneus mein Großvater hat deinen Großvater Bellerophontes zwanzig Tage lang gastlich in seinem Hause beherbergt, und unsere Ahnen haben sich schöne Ehrengeschenke gereicht: der meine dem deinen einen purpurnen Leibgurt, der deinige dem meinen einen golde¬ nen Henkelbecher, den ich noch in meiner Behausung ver¬ wahre. So bin ich denn dein Wirth in Argos und du der meine in Lycien, wenn ich je dorthin mit meinem Gefolge komme. Darum wollen wir uns im Schlacht¬ getümmel beide mit unsern Lanzen vermeiden. Gibt es doch für mich noch Trojaner genug zu tödten, und für dich der Griechen genug! Uns aber laß die Waffen mit¬ einander vertauschen, damit auch die Andern sehen, wie wir uns von Väterzeiten her rühmen, Gastfreunde zu seyn!“ So redeten jene, schwangen sich von den Streit¬ wagen herab, faßten sich liebreich die Hände und gelobten einander gegenseitige Freundschaft. Jupiter aber, der Alles, was geschah, zu Gunsten der Griechen lenkte, ver¬ blendete den Sinn des Glaukus, daß er seine goldene Rüstung mit der ehernen des Diomedes wechselte; es war, wie wenn ein Mann gegen neun Farren hundert hergäbe. Hektor in Troja. Hektor hatte unterdessen die Buche Jupiters und das Skäische Thor erreicht. Hier umringten ihn die Weiber und Töchter der Trojaner und forschten ängstlich nach Gemahlen, Söhnen, Brüdern und Verwandten. Nicht Allen wußte er Bescheid zu geben, er ermahnte nur Alle, die Götter anzuflehen. Doch Viele hatten seine Nachrich¬ ten in Weh und Jammer versenkt. Jetzt war er am Pallaste seines Vaters angekommen. Dieser war ein herrliches Gebäude, ringsum mit weithin sich dehnenden Säulenhallen geschmückt, im Innern waren fünfzig Ge¬ mächer aus glattem Marmor, eins ans andere nachbarlich angebaut. Hier wohnten die Söhne des Königes mit ihren Gemahlinnen. Auf der andern Seite des inneren Hofes reihten sich zwölf Marmorsäle an einander, wo die Eidame des Königes mit seinen Töchtern hausten. Das Ganze war mit einer hohen Mauer umschlossen und bil¬ dete für sich allein eine stattliche Burg. Hier begegnete Hektor seiner guten Mutter Hekuba, die eben zu ihrer liebsten und anmuthigsten Tochter Laodice zu gehen im Begriffe war. Die Mutter eilte auf Hektor zu, faßte ihm die Hand und sprach voll Sorgen und Liebe: „Sohn, wie kommst du zu uns aus der wüthenden Schlacht? Die entsetzlichen Männer müssen uns wohl hart bedrängen, und du kommst gewiß, die Hände zu Jupiter zu erheben. So verziehe denn, bis ich dir vom lieblichen Wein bringe, daß du dem Vater Zeus und den andern Göttern ein Trankopfer darbringen kannst, und darauf dich selbst mit einem Labetrunk erquicken; denn der Wein ist doch die kräftigste Stärkung für einen müden Kämpfer!“ Aber Hektor erwiederte der Königin: „Laß mir keinen Wein reichen, geliebte Mutter, daß du mich nicht entnervest und ich meiner Kraft vergesse; auch dem Göttervater scheue ich mich, mit ungewaschener Hand Wein zu spenden; du hingegen geh, von den edelsten Frauen Troja's umringt, mit Räuchwerk zu Athenes Tempel, lege der Göttin dein köstlichstes Gewand auf die Kniee und gelobe ihr zwölf untadeliche Kühe, wenn sie sich unserer erbarmt. Ich aber will hingehen, meinen Bruder Paris in die Schlacht zu berufen. Schlänge ihn doch die Erde lebendig hinab, denn er ist zu unserem Verderben geboren!“ Die Mutter that, wie der Sohn sie angewiesen. Sie stieg in die duftende Kammer hinunter, wo die schönsten Seidengewande verwahrt lagen, die Paris selbst aus Sidon mitgebracht hatte, als er aus Umwegen mit Helena nach der Heimath schiffte. Eines davon, das größeste, schönste, mit den herrlichsten Bildern durchwirkte, das zu unterst von allen lag, suchte sie hervor und wandelte nun, von der Schaar der edelsten Weiber begleitet, nach der Burg, zu Athene's Tempel. Hier öffnete ihnen Antenors Gattin Theano, die trojanische Priesterin der Pallas, das Haus der Göttin. Die Frauen reihten sich um das Bild Athene's und huben mit Klagetönen die Hände zu der Göttin empor. Dann nahm Theano das Gewand aus den Händen der Königin, legte es auf die Kniee des Bildes und flehte zu der Tochter Jupiters: „Pallas Athene, Beschirmerin der Städte, erhabene, machtvolle Göttin, brich du dem Diomedes den Speer, laß ihn selbst, auf sein Angesicht gestürzt, vor unsern Thoren sich wälzen; erbarme dich der Stadt, der Frauen, der stam¬ melnden Kinder! In dieser Hoffnung weihen wir dir zwölf untadeliche Kühe.“ Aber Pallas Athene verweigerte ihnen im Herzen ihre Bitte. Hektor war inzwischen im Pallaste des Paris angekommen, der hoch auf der Burg, in der Nähe vom Königspallast und von Hektors Wohnung stand; denn beide Fürsten hatten von der Königswohnung abgesonderte Häuser. Er trug in der Rechten seinen Speer, der eilf Ellen lang und dessen eherne Spitze am Schaft mit einem goldenen Ring umlegt war. Er fand den Bruder, wie er in seinem Gemache die Waffen musterte und das Horn des Bogens glättete; seine Gemahlin Helena saß emsig unter den Weibern und leitete ihr Tagewerk. Wie Hektor jenen sah, schalt er ihn und rief: „Du thust nicht Recht, so im Unmuthe hier zu sitzen, Bruder, um deinet¬ willen schlägt sich das Volk vor der Stadt im Feldgetüm¬ mel! Du selbst aber würdest mit jedem Andern zanken, den du so saumselig zum Treffen sähest. Auf denn, ehe die Stadt unter den Feuerbränden unseres Feindes auf¬ lodert, hilf sie vertheidigen mit uns!“ Paris antwortete ihm: „Du tadelst mich nicht mit Unrecht, Bruder, doch bin ich nicht aus Unmuth, sondern nur aus Gram hier in der Unthätigkeit gesessen. Nun aber hat mir meine Gattin freundlich zugeredet, in die Schlacht hinaus zu gehen; so verziehe denn, bis ich meine Rüstung angezogen habe, oder geh: ich hoffe dir bald nachzufolgen.“ Hektor schwieg darauf, aber Helena redete ihn mit Worten der Beschämung an: „O Schwager, ich bin ein schnödes, unheilstiftendes Weib! Hätte mich doch die Meereswoge verschlungen, ehe ich mit Paris hier ans Land stieg! Nun das Uebel aber einmal verhängt worden: wäre ich doch wenigstens nur die Genossin eines besseren Mannes, der die Schmach und die vielen Vorwürfe, die er sich zuzieht, auch empfände; so aber hat er kein Herz im Leibe und wird keines haben, und die Frucht seiner Feigheit wird nicht ausbleiben. Aber du, Hektor, komm doch herein und ruhe von der Arbeit, die wegen meiner, des schändlichen Weibes, die wegen der Frevelthat meines Gatten doch zumeist auf deinen Schultern lastet!“ „Nein, Helena,“ sprach Hektor, „heiß mich nicht so freundlich sitzen, ich darf wahrlich nicht: mein Herz drängt mich, den Trojanern zu helfen. Muntere du nur diesen Menschen da auf, und er selbst treibe an sich, daß er mich bald noch innerhalb der Stadtmauern erreiche. Ich will zuvor noch in meine eigene Wohnung gehen und nach Weib, Söhnlein und Gesinde schauen.“ So sprach Hektor und enteilte. Aber er fand die Gattin nicht zu Hause. „Als sie hörte,“ sprach zu ihm die Schaffnerin, „daß die Trojaner Noth leiden und der Sieg sich zu den Griechen neige, verließ sie die Wohnung wie außer sich, um einen der Stadtthürme zu besteigen und die Wärterin mußte ihr das Kind nachtragen.“ Schnell legte Hektor den Weg durch die Straßen Troja's jetzt wieder zurück. Als er das Skäische Thor erreicht, kam seine Gemahlin Andromache, die blühende Tochter des cilicischen Etion von Theben, eilenden Laufes gegen ihn her, die Dienerin, ihr folgend, trug das unmün¬ dige Knäblein Astyanax, schön wie ein Stern, an der Brust. Mit stillem Lächeln betrachtete der Vater den Knaben, Andromache aber trat ihm unter Thränen zur Seite, drückte ihm zärtlich die Hand und sprach: „Entsetz¬ licher Mann! gewiß tödtet dich noch dein Muth, und du erbarmest dich weder deines stammelnden Kinds, noch dei¬ nes unglückseligen Weibs, das du bald zur Wittwe machen wirst. Werde ich deiner beraubt, so wäre es das Beste, ich sänke in den Boden hinab. Den Vater hat mir Achil¬ les getödtet, meine Mutter hat der Bogen Diana's erlegt, meine sieben Brüder hat auch der Pelide umgebracht, ohne dich habe ich keinen Trost, Hektor, du bist mir Vater und Mutter und Bruder. Darum erbarme dich, bleib hier auf dem Thurm; mach dein Kind nicht zur Waise, dein Weib nicht zur Wittwe! Das Heer stelle dort an den Feigenhügel: dort steht die Mauer dem Angriffe frei und ist am leichtesten zu ersteigen, dorthin haben die tapfer¬ sten Krieger, die Ajax beide, Idomeneus, die Atriden und Diomedes schon dreimal den Sturm hingelenkt, sey es, daß ein Seher es ihnen offenbarte, sey's daß das eigene Herz sie trieb!“ Liebreich antwortete Hektor seiner Gemahlin: „Auch mich härmt Alles dieses, Geliebteste; aber ich müßte mich vor Troja's Männern und Frauen schämen, wenn ich, erschlafft wie ein Feiger, hier aus der Ferne zuschaute. Auch mein eigner Muth erlaubt es mir nicht, er hat mich immer gelehrt, im Vorderkampfe zu streiten; zwar, das Herz weissagt es mir: der Tag wird kommen, wo die heilige Troja hinsinkt, und Priamus und all sein Volk; aber weder der Trojaner Leid, noch der eigenen Eltern und der leiblichen Brüder, wenn sie dann unter dem Schwert der Griechen fallen, geht mir so zu Herzen, wie das deine, wenn dich, die Weinende, ein Danaer in die Knechtschaft führen wird, und du dann zu Argos am Webestuhl sitzest oder Wasser trägst, vom harten Zwang belastet, und dann wohl ein Mann, dich in Thränen schauend, spricht: das war Hektors Weib! Decke mich der Grabhügel, eh ich von deinem Geschrei und deiner Ent¬ führung hören muß!“ So sprach er und streckte die Arme nach seinem Knäbchen aus; aber das Kind schmiegte sich schreiend an den Busen der Amme, von der Zärtlichkeit des Vaters erschreckt, und vor dem ehernen Helm und dem fürchterlich flatternden Roßschweif erbangend. Der Vater schaute das Kind und die zärtliche Mutter lächelnd an, nahm sich schnell den schimmernden Helm vom Haupte, legte ihn zu Boden, küßte sein geliebtes Kind und wiegte es auf dem Arm. Dann flehte er zum Himmel empor: „Zeus und ihr Götter! laßt dieß mein Knäblein werden wie mich selbst, voranstrebend dem Volk der Trojaner; laßt es mächtig werden in Troja und die Stadt beherr¬ schen, und dereinst sage man, wenn es beutebeladen aus dem Streite heimkehrt: der ist noch weit tapferer, als sein Vater, und darüber soll sich seine Mutter herzlich freuen!“ Mit diesen Worten gab er den Sohn der Gattin in den Arm, die unter Thränen lächelnd ihn an den Busen drückte. Hektor aber streichelte sie, inniger Wehmuth voll, mit der Hand, und sagte: „Armes Weib, traure mir nicht zu sehr im Herzen, gegen das Geschick wird mich Niemand tödten, dem Verhängniß aber ist noch kein Sterblicher entronnen. Auf, geh du zur Spindel und zum Webestuhl und befiehl deinen Weibern! den Männern Troja's liegt die Sorge für den Krieg ob, am meisten aber mir!“ Als er dieß gesagt, setzte sich Hektor den Helm auf und ging davon. Auch Andromache schritt dem Hause zu, indem sie wiederholt rückwärts blickte und herzliche Thränen weinte. Als die Mägde in der Kammer sie erblickten, theilte sich ihnen Allen ihr Gram und ihre Betrübniß mit, und Hektor wurde bei lebendigem Leib in seinem Pallast betrauert. Auch Paris hatte nicht gezaudert; in strahlenden Erz¬ waffen eilte er durch die Stadt, wie ein stattliches Roß die Halfter zerreißt und nach dem Strombade rennt. Er erreichte den Bruder, als dieser sich eben von seiner Gat¬ tin Andromache gewendet hatte. „Nicht wahr,“ rief ihm Paris von weitem zu, „ich habe dich, mein älterer Bru¬ der, durch mein Zaudern aufgehalten, und bin nicht da zur rechten Zeit!“ Aber Hektor antwortete ihm freundlich: „Mein Guter, billig zu reden bist du ein tapferer Strei¬ ter, nur säumst du oft gern und willst nicht, und sieh, da kränkt es mich dann innig, wenn ich unter dem Trojaner¬ volke, das so viel für dich erduldet, schmähliche Reden über dich hören muß. Doch, das wollen wir ein andermal ausmachen, wenn wir die Griechen aus Troja verjagt haben und um den Krug der Freiheit im Pallaste sitzen!“ Hektor und Ajax im Zweikampf. Als die Göttin Athene vom Olymp herab die beiden Brüder so zum Kampfe hineilen sah, flog sie stürmisch hinunter zur Stadt Troja. An Jupiters Buche begegnete ihr Apollo, der von der Zinne der Burg, von wo er die Schlacht der Trojaner lenkte, daher kam, und seine Schwe¬ ster anredete: „Welch ein heftiger Eifer treibt dich vom Olymp herunter, Pallas? bist du noch immer auf den Fall der Trojaner bedacht, Erbarmungslose? Wolltest du mir doch gehorchen, und für heute den Entscheidungskampf ruhen lassen. Ein andermal mögen sie die Feldschlacht erneuern, weil ihr, du und Here, doch nicht ruhet, bis ihr die hohe Stadt Troja verwüstet habt!“ Ihm antwortete Athene: „Fernhintreffer, es sey, wie du sagst; und in derselben Absicht bin auch ich vom Olymp herabgekommen. Aber sage mir, wie gedenkst du den Männerkampf zu stillen?“ „Wir wollen,“ sprach Apollo, „dem gewaltigen Hektor seinen Muth noch steigern, daß er einen der Da¬ naer zum entscheidenden Zweikampf herausfordert, laß uns denn sehen, was diese thun.“ Athene war das zufrieden. Das Gespräch der Unsterblichen hatte der Seher He¬ lenus in seiner Seele vernommen; eilig trat er zu Hektor und sprach: „Weiser Sohn des Priamus, wolltest du dießmal meinem Rathe gehorchen, der ich dein liebender Bruder bin? Heiß die andern Alle, Trojaner und Grie¬ chen, vom Streite ruhen; du selbst aber fordre den Tapfer¬ sten aller Achiver zur Entscheidung heraus. Du kannst es ohne Gefahr; denn, glaube meinem Seherworte, der Tod ist noch nicht über dich verhängt.“ Hektor freute sich dieses Worts. Er hemmte die tro¬ janischen Heerhaufen und trat, den Speer in der Mitte haltend, zwischen die kämpfenden Heere, und auf dieses Zeichen ruhte alsbald der Streit auf beiden Seiten, denn auch Agamemnon hieß seine Griechen sich lagern. Minerva und Apollo aber setzten sich beide in Gestalt zweier Geier auf Jupiters Buche und freuten sich des Männergewühls, bis beide Ordnungen, von Schilden, Helmen und hervor¬ ragenden Lanzen dicht umstarrt, gedrängt dasaßen, nur so viel sich regend, als das Meer, wenn das Gekräusel des Westes darüber hinschauert. In der Mitte beider Völker begann jetzt Hektor: „Trojaner und ihr Griechen, höret, was mir mein Herz gebietet! den Bundesvertrag, den wir jüngst geschlossen, hat Jupiter nicht genehmigt, viel¬ mehr beiden Völkern böse Entschlüsse eingegeben, bis ent¬ weder ihr selbst Troja erobert, oder vor uns erlieget bei euren Schiffen. Nun sind die tapfersten Helden Griechen¬ lands in eurem Heere. Welchem nun von solchen sein Herz gebeut, mit mir, dem göttergleichen Hektor den Vor¬ kampf zu wagen, der trete heraus! Die Bedingung, die ich stelle, ist diese, und Jupiter sey mein Zeuge: wenn mein Gegner mich mit dem Speer erlegt, mag er meinen Waffenraub zu den Schiffen hinabtragen, doch meinen Leib nach Troja senden, daß er der Ehre des Scheiterhaufens in der Heimath theilhaftig werde; wenn aber mir Apollo Ruhm gewährt und ich meinen Gegner erlege, so hänge ich seine Rüstung im Tempel des Phöbus zu Troja auf, und den Erschlagenen möget ihr bei euren Schiffen mit Pracht bestatten und ihm am Hellespont ein Mal auf¬ thürmen, von dem einst in späten Zeiten der Schiffer noch sage: Sehet, hier ragt der Grabhügel des längstverstorbe¬ nen Mannes, der einst im Streit mit dem göttergleichen Hektor erlag!“ Also sprach Jener, die Danaer aber schwiegen, denn es war schimpflich, den Kampf zu verweigern, und gefahr¬ voll, ihn anzunehmen. Endlich stand Menelaus auf und strafte seine Landsleute seufzend mit den Worten: „Wehe mir, ihr Prahler, Griechinnen und nicht Griechen. Wäre es doch eine unvertilgbare Schande, wenn kein Danaer dem Hektor zu begegnen wagte! Möchtet ihr euch Alle in Koth und Wasser verwandeln, wie ihr miteinander dasitzet, Jeder ohne Herz und ohne Ruhm! So will ich denn mich selbst zum Kampfe gürten und den Göttern den Schwab , das klass. Alterthum. II . 10 Ausgang anempfehlen!“ So sprach er und warf sich in die Rüstung; und sein Tod wäre bei den Göttern beschlos¬ sen gewesen, wenn nicht die Fürsten der Griechen auf¬ gefahren wären und ihn zurückgehalten hätten. Ja selbst Agamemnon ergriff seine Rechte und sprach: „Bruder, bedenke dich! was fällt dir ein, den stärkern Mann be¬ kämpfen zu wollen, vor dem selbst Andern, als du bist, graut, mit dem Achilles selber in der Feldschlacht sich zu messen gestutzt hat. Wir bitten dich Alle, tritt zurück und setze dich nieder!“ So wandte Agamemnon seinem Bruder das Herz. Und nun hielt Nestor eine strafende Rede an das Volk und erzählte seinen eigenen Zweikampf mit Ereuthalion dem Arkadier. „Wäre ich noch so jugendlich,“ endete er, „noch so ungeschwächter Kraft, wie damals, so sollte Hektor seinen Kämpfer bald gefunden haben!“ Auf seine Strafrede erhuben sich neun Fürsten in dem Heere: vor Allen Agamemnon, ihm zunächst Diomedes, drauf die beiden Ajax zugleich; dann Idomeneus, sein Genosse Meriones, Eurypylus, Thoas und Odysseus. Sie Alle erboten sich zu dem gefürchteten Kampf. „Das Loos soll entscheiden,“ begann von Neuem Nestor, „wen es auch trifft, freuen werden sich die Griechen, und der Erkohrene mit, wenn er aus dem erbitterten Streit als Sieger her¬ vorgeht.“ Nun bezeichnete sich Jeder selbst sein Loos; Alle zusammen wurden in den Helm Agamemnons gewor¬ fen; das Volk betete; Nestor schüttelte den Helm, und heraus sprang das Loos des Telamonssohnes Ajax. Ein Herold zeigte das Loos herumwandelnd den acht Helden vor Ajax, aber keiner erkannte es, bis die Reihe an den kam, der es sich selbst bezeichnet hatte. Freudig warf Ajax das Loos vor die Füße und rief: „Freunde, wahrlich, es ist mein Loos, und mein Herz ist froh, denn ich hoffe, über Hektor zu siegen. Ihr Alle betet in der Stille oder laut, während ich mich rüste.“ Das Volk gehorchte ihm und bald stürmte Ajax, den riesigen Leib in blinkende Erzwaffen gehüllt, zum Kampfe vor, dem ungeheuren Kriegsgott selber ähnlich. Ein Lä¬ cheln flog über sein finsterernstes Antlitz, wie er mächtigen Schrittes, die gewaltige Lanze schwingend, einherwandelte. Alle Danaer freuten sich ringsum seines Anblicks und Schrecken durchschauderte die Schlachtreihen der Trojaner. Ja dem gewaltigen Hektor selbst fing sein Herz im Busen an zu schlagen, aber er konnte nicht mehr ins Gewühl seiner Schaaren zurückfliehen, hatte er doch selbst den Zweikampf gefordert. Ajax näherte sich ihm, den ehernen siebenhäutigen Schild vortragend, den der berühmte Künstler Tychius ihm einst gefertigt. Als er ganz nahe vor Hektor stand, sprach er drohend: „Hektor, nun erkennst du, daß es im Danaer¬ volk auch außer dem löwenherzigen Peliden noch Helden gibt, und zwar ihrer genug. Wohlan denn, beginne den blutigen Kampf!“ Ihm antwortete Hektor: „Göttergleicher Sohn des Telamon, versuche mich nicht wie ein schwa¬ ches Kind oder ein unkriegerisches Weib. Sind mir doch die Männerschlachten wohl bekannt, ich weiß den Stier¬ schild rechts und links hinzuwenden, weiß den Tanz des schrecklichen Kriegsgotts zu Fuße zu tanzen, und die Rosse im Gewühl zu lenken! Wohlan, nicht mit heimlicher List sende ich den Speer nach dir, tapferer Held, nein öffent¬ lich, laß sehen, ob er dich treffe!“ Mit diesen Worten entsandte er in hohem Schwung die Lanze, und sie fuhr dem Ajax in den Schild, durchdrang sechs Schichten und 10 * ermattete erst in der siebenten Haut. Jetzt flog die Lanze des Telamoniers durch die Luft: diese durchschmetterte dem Hektor den ganzen Schild, durchschnitt seinen Leibrock und wäre ihm in die Weiche gedrungen, wenn nicht Hektor ihrem Fluge ausgebogen wäre. Beide zogen die Speere aus den Waffen und rannten wie unverwüstliche Wald¬ eber aufs Neue gegen einander an. Hektor zielte, mit dem Speere stoßend, dem Ajax auf die Mitte des Schilds, aber seine Lanzenspitze bog sich und durchbrach das Erz nicht; Ajax hingegen durchbohrte mit dem Speer den Schild seines Gegners und streifte ihm selbst den Hals, daß ihm schwarzes Blut entspritzte. Nun wich Hektor zwar ein wenig rückwärts; seine nervigte Rechte ergriff jedoch einen Feldstein und traf damit die Schildbuckel des Feindes, daß das Erz erdröhnte. Ajax hub einen noch viel größeren Stein vom Boden auf und sandte ihn mit solchem Schwunge dem Hektor zu, daß er den Schild ein¬ wärts brach und den Gegner ins Knie verletzte, so daß derselbe rücklings hinsank; doch verlor er den Schild nicht aus den Händen und Apollo, der ihm unsichtbar zur Seite stand, richtete ihn schnell vom Boden wieder auf. Beide wären jetzt mit dem Schwert auf einander losgegangen, um den Streit endlich zu entscheiden: da eilten die Herolde der beiden Völker, Idäus, der Troer, und Talthybius, der Grieche, herbei, und streckten die Stäbe zwischen die Kämpfenden. „Nicht weiter gekämpft, ihr Kinder,“ rief Idäus, „ihr seyd ja beide tapfer, beide von Jupiter geliebt; wir Alle haben das gesehen! Jetzt aber kommt die Nacht herbei, gehorchet der Nacht.“ „Ermahne du deinen eige¬ nen Volksgenossen!“ entgegnete dem Herold Ajax, „er ist es ja, der den Tapfersten der Griechen zum Kampfe hervorgerufen hat! Will er es so, so mag ich dir gehor¬ chen!“ Und nun sprach Hektor selbst zu seinem Gegner: „Ajax, ein Gott hat dir den gewaltigen Leib, die Kraft und die Speerkunde verliehen: darum, laß uns heute vom Entscheidungskampfe ausruhen; ein andermal wollen wir ihn erneuern und so lange fechten, bis ein Gott einem von beiden Völkern Sieg und Kriegsruhm verleiht! Nun laß uns aber auch noch einander rühmliche Gaben schen¬ ken, damit es einst bei Trojanern und Griechen heiße: sehet, sie kämpften mit einander den Kampf der Zwietracht, aber in Freundschaft sind sie von einander geschieden!“ So sprach Hektor und reichte dem Gegner sein Schwert mit dem silbernen Griff, sammt Scheide und zierlichem Wehrgehenk. Ajax aber löste seinen purpurnen Gurt vom Leibe und bot ihn dem Hektor dar. Dann schieden beide von einander. Ajax zog sich in die Schaar der Griechen zurück, Hektor ins Gewühl der Trojaner. Diese waren froh, ihren Helden unverletzt aus den Händen des furcht¬ baren Ajax zurückzuerhalten. Waffenstillstand. Die Fürsten der Danaer versammelten sich jetzt in dem Gezelte ihres Oberfeldherrn Agamemnon, wohin sie auch den seines Sieges sich hocherfreuenden Ajax jubelnd geführt hatten. Hier wurde dem Jupiter ein fünfjähriger fetter Stier geopfert, und beim Schmause der Sieger mit dem besten Rückenstücke geehrt. Als sie sich an Speise und Trank gesättiget, eröffnete Nestor den Rath der Fürsten mit dem Vorschlage, am andern Morgen den Krieg ruhen zu lassen und nach Abschluß eines Waffenstillstandes die Leichname der gefallenen Danaer auf Wagen mit Rindern und Maulthieren bespannt abzuholen, und abseits von den Schiffen zu verbrennen, damit, wenn sie wieder zum Va¬ terlande heimzögen, ein Jeder den Kindern seiner Ver¬ wandten den Staub der Ihrigen mitbringen könnte. Die Könige riefen ihm ringsumher Beifall. Auf der andern Seite kamen auch die Trojaner auf ihrer Burg, vor dem Pallaste des Königes, nicht ohne Schmerz und Verwirrung über den Ausgang des Zwei¬ kampfes zur Versammlung, und hier stand der weise An¬ tenor auf und sprach: „Höret mein Wort, ihr Trojaner und Bundsgenossen. So lange wir treulos gegen den heiligen Vertrag, den Pandarus gebrochen hat, kämpfen, kann unserm Volke keine Wohlfahrt blühen; deswegen berge ich meines Herzens Meinung und meinen Rath nicht, daß wir die Argiverin Helena mit sammt ihren Schätzen den Atriden ausliefern sollten.“ Dagegen erhub sich Paris und erwiederte: „Wenn du im Ernste so gere¬ det hast, Antenor, so haben dir wahrhaftig die Götter deinen Verstand geraubt; ich aber bekenne gerade heraus, daß ich das Weib nie wieder hergeben werde. Die Schätze, die ich aus Argos mitgeführt, mögen sie meinet¬ halben wieder haben, und ich will freiwillig von dem Meinigen noch hinzuthun, was sie als Buße verlangen können!“ Nach seinem Sohne sprach der greise König Priamus mit wohlmeinender Gesinnung: „Laßt uns heute nichts Weiteres mehr beginnen, ihr Freunde! vertheilet den Nachtimbiß unter das Heer, stellet die Wachen aus und überlasset euch, behutsam wie immer, dem Schlafe. Am andern Morgen aber soll Idäus, unser Herold, zu den Schiffen der Griechen gehen, und denselben das fried¬ same Wort meines Sohnes Paris verkündigen, zugleich sie erforschen, ob sie geneigt seyen, uns Waffenruhe zu gewähren, bis wir unsere Todten verbrannt haben. Kön¬ nen wir uns nicht vereinigen, so mag nachher die Feld¬ schlacht wieder beginnen.“ So geschah es. Am andern Morgen erschien Idäus als Herold vor den Griechen und meldete das Anerbieten des Paris und den Vorschlag des Königes. Als die Hel¬ den der Danaer solches hörten, blieben Alle lange stumm. Endlich begann Diomedes: „Laßt euch doch nicht einfallen, ihr Griechen, die Schätze anzunehmen, auch nicht, wenn ihr Helena dazu bekämet. Der Einfältigste wird ja wohl hieraus erkennen, daß die Trojaner bereits mit dem Unter¬ gang bedroht sind!“ Diesem Worte jauchzten die Fürsten alle Beifall zu und Agamemnon sprach jetzt zu dem He¬ rolde: „Du hast selbst den Bescheid der Griechen, was den Vorschlag des Paris betrifft, vernommen; die Ver¬ brennung der Todten aber soll euch keineswegs verweigert seyn; der Donnerer selbst soll diese unsere Zusage hören!“ Mit diesen Worten hub er den Scepter gen Himmel. Idäus kehrte nach Troja zurück und traf den Rath der Trojaner wieder versammelt. Auf die willkommene Bot¬ schaft wurde es schnell in der Stadt lebendig; die Einen holten die Leichname, die Andern Holz aus der Waldung. Und ganz dasselbe geschah im Schiffslager der Griechen. Friedlich begegneten im Strahl der Morgensonne Feinde den Feinden, und suchten ihre Todten, Einer an der Seite des Andern. Schwer war der Gegner vom Freunde zu erkennen, wie die Leichname blutig und der Rüstungen beraubt dalagen. Unter heißen Thränen wuschen die Tro¬ janer den Ihrigen, deren viel mehrere waren, das Blut von den Gliedern; aber alle laute Wehklage verbot Pria¬ mus. So huben sie sie verstummt auf die Wagen und thürmten unter großer Herzensbetrübniß die Scheiterhaufen auf. Dasselbe thaten die Griechen, gleichfalls mit trauri¬ gem Herzen, und als die Glut ausgelodert, kehrten sie zu ihren Schiffen zurück. Der Tag war über dieser Arbeit zu Ende gegangen und das Abendmahl begann. Gerade zur rechten Zeit waren aus Lemnos von Eunëus, dem Sohne Jasons und Hypsipyle's, Lastschiffe mit einer La¬ dung edlen Weines angekommen, den der Gastfreund den verwandten Griechen zum Geschenke sandte, viel tausend Krüge. Da ward ein lieblicher Festschmaus gerüstet, und als die Griechen ihre Beute bei den Schiffen untergebracht, setzten sie sich zum Mahle. Auch die Trojaner wollten sich beim Schmause von der Schlacht erholen. Aber Jupiter ließ ihnen keine Ruhe und schreckte sie die ganze Nacht hindurch mit Donner¬ schlägen, die sich von Zeit zu Zeit wiederholten und ihnen neues Unglück zu verkündigen schienen. Entsetzen faßte sie, und sie wagten den Becher nicht an den Mund zu führen, ohne dem zürnenden Göttervater ein Trankopfer auszugießen. Sieg der Trojaner. Für den Augenblick jedoch hatte es Jupiter anders in seinem Rathe beschlossen. „Höret mein Wort,“ sprach er zu den versammelten Göttern und Göttinnen am andern Morgen, „wer mir heute hingeht, den Trojanern oder den Griechen beizustehen, den fasse ich und schleudere ihn in den Abgrund des Tartarus unter das Erdreich, so tief hinunter, als tief unter dem Himmel die Erde drunten liegt; dann verschließe ich die eiserne Pforte, welche die eherne Schwelle der Unterwelt verwahrt, und der Misse¬ thäter kommt mir nicht mehr herauf. Und zweifelt ihr an meiner Allmacht, so versucht es: befestiget eine goldene Kette am Himmel, hängt euch Alle daran, und sehet zu, ob ihr mich auf den Erdboden herabzuziehen vermögend seyd. Vielmehr würde ich euch selbst mit sammt Erd' und Meer emporziehen, die Kette an der Felsenkuppe des Olymp festbinden und so das Weltall in der Schwebe tragen.“ Die Götter demüthigten sich unter dieses zor¬ nige Wort; Jupiter selbst bestieg seinen Donnerwagen und fuhr nach dem Ida, wo er einen Hain und Altar hatte. Dort setzte er sich auf die Höhe und überschaute mit freudigem Trotze die Stadt der Trojaner und das griechische Schiffslager. An beiden Orten warfen sich die Männer in die Rüstung. Der Trojaner waren zwar Wenigere, doch waren auch sie nach der Schlacht begierig, galt es doch den Kampf für ihre Weiber und Kinder. Bald öffneten sich bei ihnen die Thore, und ihr Kriegsheer stürzte, zu Fuß und zu Wagen, unter Getümmel heraus. Den Morgen über wurde mit gleichem Glücke gekämpft, und auf beiden Seiten strömte viel Blut auf den Boden. Als aber die Sonne hoch am Mittagshimmel stand, legte Zeus zwei Todesloose in seine goldne Waage, faßte sie in der Mitte und wog in der Luft. Da sank das Ver¬ hängniß der Griechen, daß ihr Gewicht sich bis zur Erde niedersenkte und das der Trojaner zum Himmel emporstieg. Mit einem Donnerschlage kündigte er die verwandelte Schickung dem Heere der Griechen an, indem ein Blitz¬ strahl mitten unter dasselbe herabfuhr. Bei diesem An¬ blicke durchschauderte ein ahnungsvoller Schrecken die Reihen der Griechen und die größten Helden fingen an zu wanken. Idomeneus, Agamemnon, die beiden Ajax selbst hielten nicht mehr Stand. Bald war nur noch der greise Nestor im Vorderkampf zu schauen, aber auch dieser nur gezwungen, denn Paris hatte sein Roß vorn am Mähnenbusch mit einem Pfeile tödtlich getroffen. Das Pferd bäumte sich angstvoll und wälzte sich bald mit seiner Wunde; während nun Nestor dem Nebenroß die Stränge mit seinem Schwert abzuhauen bemüht war, kam Hektor mit seinem Wagen, in der Verfolgung der Griechen be¬ griffen, auf ihn zugefahren, und jetzt wäre es um das Leben des edlen Greises geschehen gewesen, wenn nicht Diomedes herbeigeeilt wäre. Dieser schalt den mit umge¬ wandtem Rücken den Schiffen zufliehenden Odysseus und ermunterte ihn vergebens zur Abwehr; dann stellte er sich selbst vor die Rosse Nestors, überantwortete sie dem Sthe¬ nelus und Eurymedon und nahm den Greis auf seinen eigenen Wagen. Dann ging er mit ihm gerade dem Hektor entgegen, schickte seinen Speer ab und verfehlte zwar den Helden selbst, durchschoß jedoch seinem Wagenlenker Eniopeus die Brust, daß er dem Wagen entsank. So tief ihn der Tod des Freundes schmerzte, ließ ihn Hektor doch liegen, rief einen andern Helden herbei, die Rosse zu lenken, und flog dem Diomedes entgegen. Hektor wäre verloren gewesen, wenn er sich mit dem Tydiden gemessen hätte, und Jupiter wußte wohl, daß mit seinem Sturze sich die Schlacht gewendet und die Griechen noch an diesem Tage Ilion erobert hätten. Dieß wollte Zeus nicht, und schleuderte dicht vor dem Wagen des Dio¬ medes einen Blitzstrahl in den Boden. Nestor ließ vor Schrecken die Zügel aus den Händen fahren und sprach: „Auf, Diomedes, wende deine Rosse zur Flucht, erkennst du nicht, daß Jupiter dir heute den Sieg verweigert?“ „Du hast Recht, o Greis,“ erwiederte dieser, „aber es empört mir das Herz, wenn Hektor einst in der Versamm¬ lung der Trojaner sagen darf: der Sohn des Tydeus hat sich vor mir in banger Flucht den Schiffen zugewendet!“ Aber Nestor sprach: „Was denkst du, wenn dich Hektor auch feige schilt, werden ihm die Troer und Troerinnen glauben, deren Freunde und Gatten du in den Staub gestreckt hast?“ Mit diesen Worten wandte er die Rosse zur Flucht und Hektor, mit seinen Trojanern nachstürmend, rief: „Tydide, dich ehrten die Griechen in der Versamm¬ lung und beim Festmahl; künftig verachten sie dich, wie ein zagendes Weib! Du bist es nicht, der Troja erobern und unsere Frauen zu Schiffe wegführen wird!“ Da besann sich Diomedes dreimal, ob er die Rosse umlenken und dem Höhnenden entgegenfahren sollte, aber dreimal donnerte Jupiter fürchterlich vom Ida her, und so setzte er die Flucht und Hektor die Verfolgung fort. Vergebens wollte Juno, die dieß mit Kummer sah, Poseidon (Neptunus), den besondern Schutzgott Troja's, bewegen, seinem Volke beizustehen; er wagte es nicht, gegen das zornige Wort seines mächtigen Bruders zu handeln. Jetzt waren die fliehenden Griechen mit Roß und Mann am Wall und Graben vor den Schiffen ange¬ kommen, und gewiß wäre Hektor eingedrungen und hätte die Brandfackel ins Schiffslager der Griechen geworfen, wenn nicht Agamemnon, von Juno ermuthigt, die verstör¬ ten Griechen um sich gesammelt hätte. Er betrat das gewaltige Meerschiff des Odysseus, das in der Mitte stand und hoch über die andern hervorragte. Hier stand er auf dem Verdeck, den schimmernden Purpurmantel mit der nervigten Rechten sich über die Schulter schlagend, und rief, auf der einen Seite zu den Gezelten des salamini¬ schen Ajax, auf der andern zu denen des Peliden hinab, wo auf beiden Seiten das flüchtende Heer sich zusammen¬ drängte: „Schämet euch, Verworfene,“ rief er, „wo ist euer Heldenruhm jetzt, ihr Prahler bei den Krügen? Vor dem einen Hektor sind wir jetzt zu nichte geworden, bald wird er unsere Schiffe in Brand stecken. O Zeus, mit welchem Fluche hast du mich beladen! Wenn ich dich je mit Gebeten und Opfern geehrt, so laß uns jetzt wenig¬ stens entfliehen und entkommen, und nicht hier bei den Schiffen von der Macht der Trojaner erdrückt werden!“ So rief er unter Thränen, daß es den Göttervater selbst erbarmte, und er den Griechen ein heilvolles Zeichen vom Himmel sandte, einen Adler, der ein junges Reh in den Klauen trug und vor Jupiters Altar selbst niederwarf. Dieses Zeichen stärkte die Danaer und aufs Neue flogen sie vorwärts, dem Gewühl der eindringenden Feinde entgegen. Vor allen Andern sprengte Diomedes mit seinen Rossen über den Graben hervor, und stieß den Trojaner Agelaus, der vor ihm seinen Streitwagen zur Flucht wandte, mit dem Speere durch den Rücken. Nächst ihm drangen Agamemnon und Menelaus vor, ihnen zunächst die beiden Ajax; dann Idomeneus und Meriones; dann Eurypylos. Jetzt kam Teucer als der Neunte; dieser, hinter dem Schilde seines Halbbruders Ajax aufgestellt, schoß einen Trojaner um den andern mit seinen Pfeilen in den Staub. Schon hatte er ihrer achte zu Boden ge¬ streckt, als Agamemnon einen freudigen Blick auf ihn warf und ihm zurief: „Triff so fort, edler Freund, und werde ein Licht der Danaer! Gewähren uns Jupiter und Athene, Troja zu vertilgen, so sollst du der Erste seyn, dem ich ein Ehrengeschenk verleihe!“ „Du brauchst mich nicht lange zu ermahnen, König,“ antwortete ihm Teucer, „zaudere ich doch selbst nicht mit aller meiner Kraft! Nur den wüthenden Hund dort zu treffen, ist mir noch nicht gelungen!“ Damit sandte er einen Pfeil gerade auf Hektor ab; dennoch fehlte das Geschoß und traf nur einen Bastard des Priamus, den Gorgythion, der sein helm¬ beschwertes Haupt zur Seite neigte, wie ein Mohnhaupt unter dem Regenschauer des Frühlings sich beugt. Einen zweiten Pfeil des Teucer lenkte Apollo ab, doch durch¬ schoß er die Brust seines Wagenlenkers Archeptolemus. Auch diesen Freund ließ Hektor mit bitterem Schmerze lie¬ gen und rief einen Dritten auf den Wagen. Dann drang er in heißer Begier auf Teucer los und traf ihn, als er eben den Bogen wieder spannte, mit einem kantigen Stein am Schlüsselbeine, daß die Sehne ihm zerriß, die Hand am Knöchel erstarrte, und er ins Knie sank. Aber Ajax vergaß des Bruders nicht, er umging ihn und deckte ihn so lange mit dem Schild, bis zwei Freunde den schwer Aufstöhnenden nach den Schiffen getragen hatten. Nun aber stärkte Jupiter den Trojanern den Muth wieder. Wüthend und mit funkelnden Augen drang Hektor mit den Ersten voran, und verfolgte die Griechen, wie ein Hund den gehetzten Eber im Bergwalde verfolgt, in¬ dem er immer jeden Aeußersten, der ihm in den Wurf kam, niederstreckte. Die Griechen wurden wieder zu den Schiffen zusammengedrängt und beteten geängstet zu ihren Göttern. Das erbarmte Juno, und zu Athene gewendet sprach sie: „Wollen wir das sterbende Volk der Danaer immer noch nicht retten? Siehst du nicht, wie unerträglich Hektor dort unten wüthet, welches Blutbad er schon an¬ gerichtet hat!“ „Ja, mein Vater ist grausam,“ antwortete Minerva, „er hat ganz vergessen, wie getreulich ich seinem Sohne Herkules auf allen Abentheuern zur Seite gestan¬ den bin. Aber die Schmeichlerin Thetis hat ihn mit ihren Liebkosungen bestochen und nun bin ich ihm verhaßt geworden. Doch, denke ich, nennt er mich einmal wieder sein blauäugiges Töchterlein. Hilf mir den Wagen an¬ schirren, Here, ich selbst will zum Vater nach dem Ida hinabeilen!“ Aber Jupiter ergrimmte, als er dieß inne wurde, und seine windschnelle Botin Iris mußte den Wagen aufhal¬ ten, als er mit den beiden Göttinnen eben durch das vor¬ derste Thor des Olympus hindurchfuhr. Auf seine zornige Botschaft lenkten diese um, und bald erschien Zeus auf dem Donnerwagen selbst wieder, daß die Höhen des Götterbergs vor seinem Nahen erbebten. Aber er blieb taub gegen die Bitten der Gemahlin und der Tochter. „Noch größeren Sieg der Trojaner sollst du morgen schauen,“ sprach er zu Juno. „Nicht eher soll der gewal¬ tige Hektor vom Streite ruhen, bis die Griechen in schreck¬ licher Bedrängniß, um die Steuerruder ihrer Schiffe zu¬ sammengedrängt, kämpfen, und der zürnende Achilles sich wieder in seinem Zelt erhebt. So ist es der Wille des Verhängnisses.“ Juno ward traurig und verstummte. Bei den Schiffen hatte die Nacht dem Kampf ein Ziel gesetzt. Hektor berief seine Krieger, seitwärts von den Schiffen, bei den Wirbeln des Skamander, zu einer Rathsversammlung, und sprach: „Hätte uns die Nacht nicht ereilt, so wären die Feinde jetzt vertilgt. Aber auch so lasset uns nicht in die Stadt zurückkehren, sondern führet eilig aus derselben Hornvieh und Schafe herbei, auch Wein und Brod werde uns reichlich aus den Häusern herbeigeschafft; Wachtfeuer sollen uns rings vor einem Ueberfall der Feinde schützen, während wir des Mahles oder der Wunden pflegen. Mit Anbruch des Morgens erneuern wir den Angriff auf die Schiffe, dann will ich sehen, ob Diomedes mich zur Mauer hinwegdrängt, oder ich ihm selbst die Rüstung vom Leichnam abziehe!“ Die Trojaner rauschten ihm Beifall zu; es geschah nach seinem Rathe, die ganze Nacht über rasteten sie, im Schutze von tausend Wachtfeuern, je fünfzig und fünfzig, bei Schmaus und Wein; ihre Rosse standen beim Geschirr und labten sich an Spelt und Gerste. Botschaft der Griechen an Achilles. Im griechischen Lager hatte sich der Schrecken von der Flucht noch nicht gelegt, als Agamemnon die Fürsten Mann für Mann, doch nicht laut, zu einer Rathsversamm¬ lung rufen ließ. Tiefbekümmert saßen sie bald beisammen und unter schweren Seufzern sprach der Völkerfürst: „Freunde und Pfleger des Volkes, in schwere Schuld hat mich Jupiter verstrickt. Er, dessen gnädiger Wink mir verheißen hatte, daß ich als Sieger nach Vertilgung Tro¬ ja's heimgehen sollte, hat mich betrogen und befiehlt mir jetzt, so viele tapfere Männer auf der Wahlstadt zurück¬ lassend, ruhmlos nach Argos heimzukehren. Vergebens widersetzen wir uns dem Willen dessen, der schon so vie¬ len Städten das Haupt zerschmettert hat und noch zer¬ schmettern wird. Aber Troja sollen wir nicht erobern. So gehorchet mir denn, und laßt uns auf den schnellen Schiffen zum Lande der Väter fliehen!“ Lang blieben die bekümmerten Helden Griechenlands stumm, als sie das traurige Wort vernommen hatten, bis endlich Diomedes zu reden begann: „Zwar schmähtest du jüngst,“ sprach er: „meinen Muth und meine Tapferkeit vor den Griechen, o König! jetzt aber will mir bedünken, daß dir selbst Jupiter mit dem Scepter der Macht die Tapferkeit nicht verliehen hat. Glaubst du denn im Ernste, die Männer Griechenlands seyen so unkriegerisch, wie du geredet? Wohl, wenn dich das Herz so sehr nach der Heimath drängt, so wandre! der Weg ist frei, und dein Schiff steht bereit! Wir andern Achiver wollen bleiben, bis wir die Burg des Priamus zerstört haben. Ja, wenn sie Alle davon gingen, so blieben doch wir, ich und mein Freund Sthenelus, und kämpften fort, im Glauben, daß eine Gottheit uns hierher geführt!“ Die Helden jubelten bei diesem Worte und Nestor sprach: „Du könntest mein jüngster Sohn seyn, o Jüngling, und doch hast du lauter Verständiges gesprochen. Auf daher, Agamemnon, gib den Führern ein Mahl, du hast ja Weins genug in den Zelten; die Schaarenhüter sollen sich am Graben drau¬ ßen vor der Mauer lagern, du aber horche beim Mahl auf den Rath der Besten unter dem Volke.“ So geschah es. Die Fürsten schmausten bei Aga¬ memnon getrösteteren Muths, und nach dem Mahle sprach Nestor wieder in der Versammlung: „Agamemnon, du weißt, was seit dem Tage geschehen ist, an welchem du dem zürnenden Peliden die schöne Tochter des Brises aus den Zelten raubtest, wider unsern Sinn: denn ich habe dich mit großem Ernst abgemahnt. Jetzt ist es Zeit, daraus zu sinnen, wie wir das Herz des Gekränkten zur Versöhnung bewegen mögen.“ „Du hast Recht, o Greis,“ antwortete Agamemnon, „ich habe gefehlt, und läugne es nicht. Auch will ich es gerne gut machen, und dem Be¬ leidigten unendliche Sühnung bieten: zehn Talente Gol¬ des, sieben Dreifüße, zwanzig Becken, zwölf Rosse, sieben blühende lesbische Weiber, die ich selbst erobert habe, end¬ lich die liebliche Jungfrau Brisis selbst, die ich, obgleich ich sie dem Achilles entrissen, doch immer in Ehren gehal¬ ten habe, wie ich mit heiligem Eide beschwören kann. Erobern wir dann Troja und theilen den Siegsraub, so will ich ihm selbst sein Schiff mit Erz und Gold voll füllen, und er mag sich zwanzig Trojanerinnen, die schönsten Schwab , das klass. Alterthum. II . 11 nach Helena, zur Beute heraussuchen. Kommen wir nach Argos heim, so soll er sich eine von meinen Töchtern zur Gattin erwählen; er wird mir ein lieber Eidam seyn und meinen eigenen einzigen Sohn Orestes will ich nicht höher halten. Sieben Städte werde ich ihm zum Brautschatz geben. Solches Alles will ich thun, sobald er von seinem Zorn abläßt.“ „Fürwahr,“ antwortete ihm Nestor, „du bietest dem Fürsten Achilles keine verächtliche Gaben. Senden wir denn auf der Stelle auserlesene Männer, Phönix als Führer, dann den großen Ajax und den edlen Odysseus, und mit ihnen die Herolde Hodius und Eurybates nach den Zelten des zürnenden Helden.“ Nach einem feierlichen Trankopfer verließen wirklich die von Nestor ausgewählten Helden die Versammlung und gelangten in Kurzem zu den Schiffen der Myrmido¬ nen. Hier fanden sie den Achilles, wie er auf der schönen gewölbten Leyer mit silbernem Stege, einer Beute aus Eëtions Stadt, sein Herz erlabend spielte, und Sieges¬ thaten der Helden dazu sang. Ihm gegenüber saß sein Freund Patroklus und harrte schweigend, bis Jener den Gesang beendigt hätte. Als der Pelide die Abgesandten, Odysseus an der Spitze, kommen sah, erhub er sich bestürzt von seinem Sitze, die Leyer in der Hand behaltend. Auch Patroklus stand auf, sobald er ihrer ansichtig wurde; beide gingen ihnen entgegen, und Achilles faßte den Phö¬ nix und den Odysseus bei den Händen und rief: „Freude sey mit euch, ihr Theuren! Zwar führt euch gewiß irgend eine Noth zu mir her, doch ich liebe euch so sehr vor allen Griechen, daß ihr auch dem Zürnenden willkommen seyd.“ Schnell brachte jetzt Patroklus einen großen Krug Weines herbei. Achilles selbst steckte den Rücken einer Ziege und eines Schafes und das Schulterblatt eines Mastschweins an den Spieß und briet Alles mit Hülfe seines Gefährten Automedon. Nachdem sie sich nun, um das Mahl gelagert, an Speise und Trank gelabt hatten, winkte Ajax dem Phönix; Odysseus aber kam diesem zu¬ vor, füllte den Becher mit Wein und trank dem Peliden mit einem Handschlage zu; dann begann er: „Heil dir, Pelide, deinem Schmaus gebricht es nicht an Fülle; aber nicht das liebliche Mahl ist's, wornach uns verlangt; son¬ dern unser großes Unglück führt uns zu dir. Denn jetzt gilt es unsere Rettung oder unsern Untergang, je nachdem du mit uns gehest, oder nicht. Die Trojaner bedrohen den Steinwall und unsere Schiffe; Hektor, die Augen voll Mordlust, wüthet, auf Jupiter vertrauend. Erhebe dich denn, die Griechen, wenn auch spät, zu befreien; bän¬ dige den Stolz deines Herzens, glaube mir, freundlicher Sinn ist besser, als verderblicher Zank. Hat dir doch dein Vater Peleus selbst solche Ermahnungen mit auf den Zug gegeben!“ Dann zählte ihm Odysseus alle die herrlichen Gaben auf, die Agamemnon ihm zur Sühne anbieten ließ und noch weiter versprach. Aber Achilles erwiederte: „Edler Sohn des Laertes, ich muß deine schöne Rede von der Brust weg mit Nein beantworten. Agamemnon ist mir verhaßt, wie die Pforte des Hades, und weder er noch die Griechen werden mich bereden, wieder in ihren Reihen zu kämpfen, denn wann habe ich einen Dank für meine Heldenarbeit davongetra¬ gen? Wie eine Mutter den nackten Vögelchen den ge¬ fundenen Bissen darbringt, auch wenn sie selbst hungert, so habe ich unruhige Nächte und blutige Tage genug 11 * zugebracht, um jenen Undankbaren ein Weib zu erobern, und was ich erbeutet hatte, brachte ich dem Atriden zur Gabe dar; er aber nahm die Schätze, behielt das Meiste, und vertheilte davon nur Weniges; mir selbst hat er auch die lieblichste Beute entrissen. Darum will ich morgen schon Jupiter und den Göttern opfern; noch im Morgenrothe sollen meine Schiffe im Hellespont schwimmen und in dreien Tagen hoffe ich in Phthia zu Hause zu seyn. Ein¬ mal hat er mich betrogen, zum zweitenmale wird er mich nicht täuschen, er begnüge sich! Gehet und meldet den Fürsten diese Botschaft, Phönix aber bleibe, wenn es ihm gefällt, und schiffe heim mit mir ins Land der Väter!“ Vergebens suchte Phönix, sein alter Freund und Füh¬ rer, den jungen Helden auf andere Gedanken zu bringen. Er winkte dem Patroklus, dem alten Helden ein warmes Bette zurecht zu machen: da stand Ajax auf und sprach: „Odysseus, laß uns gehen, in der Brust des Grausamen wohnt keine Milde; den Unbarmherzigen bewegt nicht die Freundschaft der Genossen, er trägt ein unversöhnliches Herz im Busen!“ Auch Odysseus erhob sich nun vom Mahle, und nachdem sie den Göttern das Trankopfer dargebracht, verließen sie mit den Herolden das Zelt des Achilles, bei dem nur Phönix zurückblieb. Dolon und Rhesus. Als Odysseus die unwillkommene Botschaft aus dem Zelte des Peliden mitbrachte, verstummten Agamemnon und die Fürsten. Kein Schlaf legte sich die ganze Nacht über auf die Augenlieder der Atriden; in banger Angst erhoben sich beide noch vor Tagesanbruch und theilten sich in ihr Geschäft. Menelaus ging, die Helden Mann für Mann in den Zelten zu bearbeiten; Agamemnon aber wandelte nach der Lagerhütte Nestors. Er fand den Greis noch im weichen Bette ruhend; Rüstung, Schild, Helm, Gurt und zwei Lanzen lagen an der Seite des Lagers. Der Greis, aus dem Schlaf erweckt, stützte sich auf den Ellbogen, und rief dem Atriden zu: „Wer bist du, der in finsterer Nacht, wo andere Sterbliche schlummern, so einsam durch die Schiffe wandelt, als suchtest du einen Freund, oder ein verlaufenes Maulthier? So rede doch, du Schweigender, was suchst du?“ „Erkenne mich, Ne¬ stor,“ sprach Jener leise, „ich bin Agamemnon, den Jupi¬ ter in so unergründliches Leid versenkt hat; kein Schlaf kommt in meine Augen, mein Herz klopft; meine Glieder zittern aus Angst um die Danaer. Laß uns zu den Hü¬ tern hinabgehen, ob sie nicht schlummern. Weiß doch Kei¬ ner von uns, ob die Feinde nicht noch in der Nacht einen Angriff machen werden!“ Nestor zog eilig seinen wollenen Leibrock an, warf den Purpurmantel um, ergriff die Lanze und durchwandelte mit dem Könige die Schiffsgassen. Zuerst weckten sie Odysseus, der auf ihren Ruf sogleich den Schild um die Schultern warf und ihnen folgte; dann nahte sich Nestor dem Zelt und der Lagerstatt des Tydi¬ den, berührte ihm den Fuß mit der Ferse, und weckte ihn scheltend. „Unmüßiger Greis,“ antwortete der Held im hellen Schlafe, „du kannst doch nimmer von der Arbeit ruhen! Gäbe es nicht Jüngere genug, die das Heer bei Nacht durchwandern und die Helden aus dem Schlafe we¬ cken könnten? Aber du bist unbändig, Alter!“ „Du hast wohlziemend geredet,“ erwiederte ihm Nestor, „habe ich doch selbst Völker genug, dazu treffliche Söhne, die dieß Amt verrichten könnten. Aber die Bedrängniß der Achiver ist viel zu groß, als daß ich nicht selbst thun sollte, was das Herz mir gebietet. Auf der Schwertspitze steht bei ihnen Untergang und Leben, deswegen erhebe dich und hilf du selbst uns den Ajax und Meges, den Sohn Phy¬ leus, wecken!“ Diomedes warf sogleich sein Löwenfell um die Schultern und holte die verlangten Helden. Nun musterten sie zusammen die Schaar der Hüter, aber keinen fanden sie schlafend, alle saßen munter und wach in ihren Rüstungen da. Allmählig waren jetzt alle Fürsten vom Schlaf aufge¬ weckt worden, und bald saß die Rathsversammlung voll¬ ständig beisammen. Nestor aber begann das Gespräch: „Wie wär' es, ihr Freunde,“ sagte er, „wenn jetzt ein Mann die Kühnheit hätte, hinzugehen zu den Trojanern, ob er nicht etwa einen der Aeußersten erhaschen könnte, oder ihren Rath erlauschen, und erfahren, ob sie hier auf dem Schlachtfelde zu bleiben gedenken, oder mit dem Siege sich in ihre Stadt zurückzuziehen? Edle Gaben sollten den kühnen Mann belohnen, der solches wagte!“ Als Nestor ausgeredet, stand Diomedes auf und erbot sich zu dem Wagnisse, falls ein Begleiter sich zu ihm gesellen wollte. Da fanden sich Viele bereit: die Ajax beide, Meriones, Antilochus, Menelaus und Odysseus; und Diomedes sprach: „Wenn ihr mir anheim stellet, den Genossen selbst zu wählen, wie sollte ich des Odysseus vergessen, der in jeder Gefahr ein so entschlossenes Herz zeigt, und den Pallas Athene liebt. Wenn er mich be¬ gleitet, glaube ich, wir würden aus einem Flammenofen zurückkehren; denn er weiß Rath wie Keiner!“ — „Schilt und rühme mich nicht zu sehr,“ antwortete Odysseus, „du redest beides vor kundigen Männern! Aber gehen wir, denn die Sterne sind schon weit vorgerückt, und wir ha¬ ben nur noch ein Drittheil von der Nacht übrig.“ Darauf hüllten sich beide in furchtbare Rüstung und machten sich unkenntlich, Diomedes ließ Schwert und Schild bei den Schiffen, und entlehnte das zweischneidige Schwert des Helden Thrasymedes, so wie dessen Sturm¬ haube und Stierhaut, ohne Federbusch und Roßschweif. Dem Odysseus gab Meriones Bogen, Köcher und Schwert und einen Helm von Leder und Filz mit Schweinshauern. So verließen sie das griechische Lager und wandelten in der Nacht dahin. Da hörten sie einen Reiher von der rechten Seite schreiend vorüberflattern, wurden des Glückszeichens froh, das ihnen Pallas Athene sendete, und flehten zu ihr um Begünstigung ihres Unternehmens. So gingen sie durch Waffen, Blut und Leichen im Dun¬ kel dahin, an Muth zween wilden Löwen gleich. Während diese Auskundschaftung im griechischen Lager verabredet wurde, hatte in der Versammlung seiner Tro¬ janer Hektor denselben Vorschlag gemacht, und aus der griechischen Beute, die er hoffte, einen Wagen und zwei der edelsten Rosse dem Manne versprochen, der es über sich nehmen würde, den Zustand des griechischen Lagers zu erforschen. Nun befand sich unter dem trojanischen Volke der Sohn des Eumedes, eines edlen Herolds, Na¬ mens Dolon, ein an Geld und Erz wohlbegüterter Mann, von unansehnlicher Gestalt, aber ein gar hurtiger Läufer, neben fünf Schwestern der einzige Sohn. Diesen reizte die Kühnheit seines Herzens, daß er gegen das Versprechen, den Wagen und die Rosse des Achilles zu erhalten, es über sich nahm, das feindliche Kriegsheer zu durchwan¬ dern, bis er an Agamemnons Feldherrnschiff käme, um dort den Fürstenrath der Danaer zu belauschen. Er hängte eilend seinen Bogen um die Schulter, hüllte sich in ein graues zottiges Wolfsfell, setzte einen Otterhelm auf das Haupt, faßte den Wurfspieß, und ging mit Begier seinen Weg. Dieser aber führte ihn ganz nahe an den auf gleichem Gange begriffenen Griechenhelden vorüber. Odys¬ seus merkte den Tritt des Herannahenden und flüsterte seinem Gesellen zu: „Diomedes, dort kommt ein Mann aus dem trojanischen Lager herangewandelt; entweder es ist ein Kundschafter, oder er will die Leichname auf dem Schlachtfelde berauben; lassen wir ihn ein wenig vorüber¬ gehen, dann wollen wir ihm nachjagen und ihn entweder erhaschen, oder nach den Schiffen treiben.“ Nun schmieg¬ ten sich beide, abseits von dem Wege, unter die Todten, und Dolon lief sorglos vorüber. Als er einen Bogen¬ schuß entfernt war, hörte er das Geräusch der Helden und stand stille, denn er vermuthete, daß Hektor ihn durch befreundete Boten zurückrufen lasse; bald aber waren die Helden nur noch einen Speerwurf entfernt, und nun erkannte er sie als Feinde. Nun regte er seine schnellen Kniee und flog dahin, wie ein Hund, der einen Hasen ver¬ folgt. „Steh, oder ich werfe meine Lanze nach dir,“ donnerte Diomedes, und entsandte seinen Speer, jedoch mit Vorsatz fehlend, so daß das Erz über die Schulter des Laufenden hin in den Boden fuhr. Dolon stand, starr und bleich vor Schrecken, sein Kinn bebte und die Zähne klapperten ihm. „Fahet mich lebendig,“ rief er unter Thränen, als die herankeuchenden Helden ihn mit beiden Händen festhielten, „ich bin reich und will euch als Lösegeld Eisenerz und Gold geben, so viel ihr nur wol¬ let!“ „Sey getrost,“ sprach Odysseus zu ihm, „und mach dir keine Todesgedanken, aber sag' uns die Wahrheit, was dich diesen Weg führte.“ Als Dolon zitternd und bebend Alles gestanden, sprach Odysseus lächelnd: „Für¬ wahr, du hast keinen schlechten Geschmack, Bursche, daß deine Seele nach dem Gespann des Peliden gelüstet! Jetzt aber sage mir auf der Stelle: wo verließest du den Hektor, wo stehen seine Rosse, wo ist das Kriegsgeräthe? wo sind die andern Trojaner? wo die Bundesgenossen?“ Dolon antwortete: „Hektor beräth sich mit den Fürsten am Grabmale des Ilus; das Kriegsheer ist ohne beson¬ dere Wachen um Feuer gelagert, die fern herbeigerufenen Bundesgenossen aber, die für keine Weiber und Kinder zu sorgen haben, schlafen getrennt von dem Heere und unbewacht. Wenn ihr in das trojanische Lager wandeln wollet, so stoßet ihr zuerst auf die eben angekommenen Thrazier, die um ihren Fürsten Rhesus, den Sohn des Eoneus, hingestreckt ruhen. Seine blendend weißen Rosse sind die schönsten, größesten und schnellfüßigsten, die ich je gesehen habe; sein Wagen ist mit Silber und Gold köstlich geschmückt, er selbst trägt eine wundervolle goldne Rü¬ stung, wie ein Unsterblicher und nicht wie ein Mensch. Nun wißt ihr Alles, führet mich nun nach den Schiffen, oder laßt mich gebunden hier, und überzeuget euch, daß ich die Wahrheit gesagt habe.“ Aber Diomedes schaute den Gefangenen finster an und sprach: Ich merke wohl, Betrüger, du sinnest auf Flucht; aber meine Hand wird dafür sorgen, daß du den Argivern nicht mehr verderblich seyn kannst!“ Zitternd erhob Dolon seine Rechte, das Kinn des Helden flehentlich zu berühren, als schon das Schwert des Tydiden ihm durch den Nacken fuhr, daß das Haupt des Redenden in den Staub hinrollte. Hier¬ auf nahmen ihm die Helden den Otterhelm vom Scheitel, zogen dem Rumpfe das Wolfsfell ab, lösten den Bogen, nahmen den Speer des Getödteten zur Hand, und legten die ganze Rüstung zum Merkmale für den Heimweg auf einige Rohrbüschel; dann gingen sie vorwärts und stießen endlich auf die harmlos schlafenden Thrazier. Bei Jedem stand ein Doppelgespann von stampfenden Rossen, die Rüstungen lagen in schöner Ordnung und in dreifachen Reihen blinkend auf dem Boden. In der Mitte schlief Rhesus, und seine Rosse standen am hintersten Wagen¬ ringe, mit Riemen angebunden. „Hier sind unsre Leute,“ sprach Odysseus ins Ohr des Tydiden; „jetzt gilt es Thätigkeit; löse du die Rosse ab, oder besser, tödte du die Männer, und laß mir die Rosse.“ Diomedes antwortete ihm nicht, sondern wie ein Löwe unter Ziegen oder Schafe fährt, hieb er wild um sich her, daß sich ein Röcheln un¬ ter seinem Schwert erhub und der Boden roth von Blute ward. Bald hatte er zwölf Thrazier gemordet; der kluge Odysseus aber zog jeden Getödteten, am Fuß ihn ergreifend, zurück, um den Rossen eine Bahn zu ma¬ chen. Nun hieb Diomedes auch den Dreizehnten nieder, und dieß war der König Rhesus, der eben in einem schweren Traume stöhnte, den ihm die Götter gesendet hatten. Inzwischen hatte Odysseus die Rosse vom Wagen abgelöst, mit Riemen verbunden, und, indem er sich seines Bogens anstatt der Geißel bediente, sie aus dem Haufen hinweggetrieben. Dann gab er seinem Genossen ein Zei¬ chen durch leises Pfeifen: dieser besann sich, ob er den köstlichen Wagen an der Deichsel wegziehen, oder auf den Schultern hinaustragen sollte; da nahte ihm warnend Pallas, die Göttin, und trieb ihn zur Flucht. Eilend bestieg Diomedes das eine Roß, Odysseus trieb nebenher laufend beide mit dem Bogen an, und nun flogen sie dem Schiffslager wieder zu. Der Schutzgott der Trojaner, Apollo, hatte bemerkt, wie sich Athene zu Diomedes gesellte. Dieß verdroß ihn; er machte sich ins Getümmel des trojanischen Heeres und weckte den tapfern Freund des Rhesus, den Thrazier Hippokon, aus dem Schlaf. Als dieser die Stelle leer fand, wo die Rosse des Fürsten gestanden, und ermordete Männer am Boden zappelnd, rief er laut wehklagend den Namen seines Freundes. Die Trojaner stürzten im Aufruhr heran, und starrten vor Schrecken, als sie die entsetzliche That sahen. Unterdessen hatten die beiden Griechenhelden den Ort wieder erreicht, wo sie den Dolon getödtet hatten; Dio¬ medes sprang vom Rosse, schwang sich aber wieder hinauf, nachdem er die Rüstung den Händen des Freundes über¬ reicht, Odysseus bestieg das andere Thier und bald waren sie mit den rasch dahinfliegenden Pferden bei den Schiffen angekommen. Nestor hörte zuerst das Stampfen der Hufe und machte die Fürsten der Griechen aufmerksam; aber ehe er sich recht besinnen konnte, ob er geirrt oder Wirkliches vernommen, waren die Helden mit den Rossen da, schwangen sich vom Pferde, reichten den Freunden die Hände rings umher zum Gruße, und erzählten unter dem Jubel des Heeres den glücklichen Erfolg ihres Unterneh¬ mens. Dann trieb Odysseus die Rosse durch den Graben, und die andern Achiver folgten ihm jauchzend zur Lagerhütte des Tydiden. Dort wurden die Pferde zu den andern Rossen des Fürsten an die mit Waizen wohl gefüllte Krippe gebunden. Die blutige Rüstung Dolons aber legte Odysseus hinten im Schiffe nieder, bis sie bei einem Dankfest Athene's prangen könnte. Dann spülten sich beide Helden mit der Meerfluth Schweiß und Blut von den Gliedern, setzten sich zum warmen Bad in Wannen, salb¬ ten sich mit Oel, und genossen dann das Frühmahl beim vollen Kruge; und Pallas Athene ward mit dem Trank¬ opfer nicht vergessen. Zweite Niederlage der Griechen. Es war Morgen. Agamemnon befahl nun dem Volke sich zu gürten, und legte selbst die Rüstung an, den herr¬ lichen Harnisch, an dem zehn bläuliche Stahlstreifen mit zwölf aus funkelndem Gold und zwanzig aus Zinn wech¬ selten; die Halsbrünne bildeten drei Drachen, glänzend wie Regenbogen, der Panzer war ein Geschenk des Ciny¬ ras, Fürsten von Cypern; dann warf er sich das Schwert, mit goldenen Buckeln am Griff, in silberner Scheide, am strahlenden Goldgehenke befestigt, um die Schulter; darauf hob er den kunstreich gewölbten Schild, um den zehn Erz¬ kreise herliefen, und zwanzig weiße zinnerne Buckeln blink¬ ten; auf dem mittleren dunkelblauen Felde war das grä߬ liche Gorgonenhaupt abgebildet, das Schildgehenk hatte die Gestalt eines bläulichen Drachens mit drei gekrümm¬ ten Häuptern. Dann setzte er sich den viergipflichten, von Roßhaaren umwallten Helm, mit fürchterlich nickendem Helmbusch, aufs Haupt, ergriff zwei mächtige Lanzen mit strahlenden Erzspitzen, und schritt in die Schlacht. Juno und Minerva begrüßten vom Himmel herab den herr¬ lich gerüsteten König der Völker mit einem freudigen Donner. Zuerst drangen die Fußgänger mit den ehernen Waffenrüstungen über den Graben, ihnen folgten die Rei¬ sigen auf den Streitwagen, und mit lautem Getümmel eilte das ganze Heer vorwärts. Auf der andern Seite hielten die Trojaner einen Hügel des Feldes mit ihren Schaaren besetzt; ihre Führer waren Hektor, Polydamas und Aeneas; nächst ihnen Polybius, Agenor und Akamas, die drei tapfern Söhne Antenors. Wie ein Stern durch Nachtgewölk, wandelte Hektor bald durch den vordersten, bald durch den äußer¬ sten Zug, und ordnete die Schlachtreihen; in seiner Erz¬ rüstung leuchtete er wie ein Blitzstrahl des Donnerers. Bald stürmten nun Trojaner und Danaer mordend gegen¬ einander, wie Schnitter mähend in die Schwaden fahren, Alles drängte sich Haupt an Haupt zur Schlacht; in bei¬ den Heeren tobten die Streiter wie Wölfe. Endlich durch¬ brachen die Griechen mit ihrer Kraft die Schlachtreihen der Feinde, und Agamemnon stieß, voranstürmend, den Fürsten Vianor und seinen Wagenlenker nieder. Dann warf er sich auf zwei Söhne des Königes Priamus, den Antiphus und seinen Wagenlenker, den Bastard Isus; jenem durchschoß er die Brust mit der Lanze, diesen stürzte er mit einem Schwerthiebe vom Wagen, und den Getödteten entzog er eilig die Rüstung. Jetzt begegnete er zwei Söhnen des Antimachus, des Trojanerfürsten, der einst, von Paris Golde bethört, die Helena auszu¬ liefern verboten hatte. Vergebens flehten ihn die Knaben, in den Wagen hineingeschmiegt, um Schonung an. Ihres Vaters gedenkend, durchbohrte er den einen und hieb dem andern die Hände vom Leib und das Haupt von der Schulter. Immer tiefer drang die Verfolgung der Grie¬ chen ein, auf Fußvolk und auf Wagen, wie ein Feuer¬ brand unter Sturm durch unausgehauene Waldung sich verbreitet. Aus den Blutströmen und dem Getümmel entzog den Fürsten Hektor Jupiter selbst den Geschossen, daß er zum Denkmale des alten Königes Ilus, an dem Feigenhügel vorüber, mitten durch das Gefilde, sehnsüchtig nach der Stadt hin floh; aber Agamemnon, seine Hände mit Tro¬ janerblute besudelt, folgte ihm laut schreiend. Endlich an der Buche Jupiters, nicht fern vom skäischen Thore, stand Hektor, und mit ihm die ganze Flucht der Seinigen, ihm nachgedrungen, stille. Da sandte Jupiter die Götterbotin Iris zu ihm, und befahl ihm, so lange Agamemnon im Vordergewühl tobte, selbst zurückzustehen und dem andern Volke die Feldschlacht zu überlassen, bis der Atride ver¬ wundet würde. Dann wollte der Göttervater ihn selbst wieder zum Siege führen. Hektor gehorchte. Von der Hinterhut aus mahnte er die Seinigen zu neuem Kampfe. Aufs neue begann das Gefecht; Agamemnon stürmte voraus und fing wieder an, in den Schaaren der Trojaner und ihrer Bundesgenossen zu wüthen. Ihm begegnete zuerst Antenors Sohn, Iphidamas, ein großer gewaltiger Held, der in Thrazien bei seinem Ahn aufge¬ wachsen war, und neuvermählt zum Kampfe in die alte Heimath gezogen kam. Agamemnons Lanze fehlte; der Speer des Iphidamas verbog sich die Spitze am Leibgurt seines Feindes. Schleunig ergriff jetzt Agamemnon die Lanze des Gegners, riß sie ihm aus der Hand und durch¬ hieb ihm den Nacken mit dem Schwert. So sank der Arme, von der Gattin getrennt, im Kampfe für die Sei¬ nigen, bemitleidenswerth, in den ehernen Todesschlummer. Agamemnon entwaffnete ihn, und prahlte mit der herr¬ lichen Rüstung durch die Reihen der Achiver. Als ihn so der ältere Sohn des Antenor, Koon, einer der geprie¬ sensten trojanischen Kämpfer, einherschreiten sah, faßte ihn unaussprechlicher Gram um den gefallenen Bruder; doch raubte ihm der Schmerz die Besinnung nicht, son¬ dern, unbemerkt vom Atriden, stach er diesem seitwärts mit seinem Speere mitten in den Arm, dicht unter der Beugung. Agamemnon fühlte sich von einem plötzlichen Schauer durchdrungen; dennoch gönnte er sich keine Rast vom Kampfe, und während Koon seinen Bruder am Fuß aus dem Gewühl zu ziehen bestrebt war, durchstach ihn der Schaft des Atriden unter dem Schilde, so daß er entseelt auf den Leichnam des Bruders hinsank. So lange das Blut noch warm aus der offenen Wunde hervordrang, fuhr Agamemnon fort, mit Lanze, Schwert und Steinen in den Reihen der Trojaner zu morden; als aber das Blut in der Wunde zu erharschen anfing, da mahnte ihn ein scharfer zuckender Schmerz, das Gewühl der Schlacht zu verlassen. Schnell sprang er in den Sitz des Streitwagens, dem Rosselenker gebie¬ tend nach den Schiffen umzukehren, und bald trug der Wagen, mit Staub umwölkt, den von der Wunde hart gequälten König dem Schiffslager zu. Als Hektor sah, wie der Atride sich entfernte, gedachte er an den Befehl Jupiters, eilte in die Vorderschaar der Trojaner und Lycier, und rief laut aus: „Jetzt, ihr Freunde, seyd Männer und sinnet auf Abwehr! Der tapferste Mann Griechenlands ist ferne, und Jupiter ver¬ leiht mir Siegsruhm. Auf, mitten unter die Helden der Danaer hinein mit den Rossen, damit wir um so höheren Ruhm gewinnen!“ So rief Hektor, und stürzte sich wie ein Sturmwind zuerst in die Schlacht. Und in kurzer Zeit waren neun Fürsten der Griechen, dazu viel gemei¬ nes Volk, unter seinen Händen erlegen. Schon war er nahe daran, das fliehende Heer der Griechen in die Schiffe zu drängen; da ermahnte Odysseus den Tydiden: „Ist es möglich, daß wir der Abwehr so ganz vergessen? Tritt doch näher, Freund, und stelle dich neben mich, laß uns die Schande nicht erleben, daß Hektor unser Schiffs¬ lager erobere!“ Diomedes nickte ihm zu und durch¬ schmetterte die Brust des Trojaners Thymbräus mit dem Wurfspieß auf der linken Seite, daß er vom Wagen auf die Erde herabfiel; unter Odysseus sank Molion zu Boden, der Wagengenosse desselben. Weiter noch durchtobten die vorwärts Gewendeten den Feind, und die Griechen fingen an, wieder aufzuathmen. Jupiter, der noch immer vom Ida herabschaute, ließ die Schlacht im Gleichgewichte schweben. Endlich erkannte Hektor durch die Schlachtreihen hindurch die zwei rasenden Helden, und stürmte mit seinen Heerschaaren auf sie daher. Noch zur rechten Zeit sah sich Diomedes vor und schleuderte ihm die Lanze an die Helmkuppel. Zwar prallte sie ab, doch flog Hektor zurück in die Schaaren aufs Knie, seine Rechte stemmte sich gegen die Erde und vor seinen Blicken ward es Nacht. Bis jedoch der Tydide dem Schwung seines Speeres selbst nachgeeilt kam, hatte sich der Trojaner in den Wagensitz geschwungen und rettete sich vor dem Tod ins Gedränge der Seinigen. Unmuthig wandte sich Diomedes einem andern Trojaner zu, den er niederstreckte und der Rü¬ stung zu berauben sich anschickte. Diesen Augenblick ersah Paris, schmiegte sich hin¬ ter die Denksäule des Ilus, und schoß den knieenden Helden in die Ferse, daß der Pfeil, durch die Sohle ge¬ drungen, im Fleische festsaß. Dann sprang er lachend aus dem Hinterhalte, und spottete jauchzend des Ge¬ troffenen. Diomedes schaute sich um, und als er den Schützen erblickte, rief er ihm zu: „Bist du es, Weiber¬ held? du vermöchtest mit offener Gewalt nichts gegen mich, und prahlest jetzt, daß du mir den Fuß von hinten geritzt hast? das macht mir so wenig, als hätte mich ein Mädchen oder ein Knabe getroffen!“ Inzwischen war Odysseus herbeigeeilt und stellte sich vor den Verwundeten, der sich mit Schmerzen, doch in Sicherheit, den Pfeil aus dem Fuße zog. Dann schwang er sich in den Wagensitz zu seinem Freunde Sthenelus, und ließ sich heimgeleiten zu seinen Schiffen. Nun blieb Odysseus allein zurück im tiefsten Gedränge der Feinde, und kein Argiver wagte sich in die Nähe. Der Held besprach sich mit seinem Herzen, ob er weichen sollte oder ausharren. Doch sah er wohl ein, daß es demjeni¬ gen, der in der Feldschlacht edel erscheinen will, durchaus Noth thut, Stand zu halten, mag er nun treffen oder getroffen werden. Während er dieß erwog, umschlossen ihn die Trojaner mit ihren Schlachtreihen, wie Jäger und Jagdhunde einen stürzenden Eber umringen, der den Zahn im zurückgebogenen Rüssel wetzt. Er aber empfing entschlossen die auf ihn Einstürmenden, und es dauerte wenig Augenblicke, so waren fünf Trojaner vor seinen Schwab , das klass. Alterthum. II . 12 Waffen in den Staub gesunken. Da kam ein Sechster heran, Sokus, dem er eben den Bruder erstochen, und rief: „Odysseus, heute trägst du entweder den Ruhm davon, daß du beide Söhne des Hippasus, herrliche Män¬ ner, zu Boden gestreckt und ihre Waffen erbeutet hast, oder aber du verhauchst unter meiner Lanze das Leben!“ Und nun durchschmetterte er ihm den Schild und riß ihm die Haut von den Rippen; tiefer ließ Athene den Stoß nicht eindringen. Odysseus, der sich nicht zum Tode ge¬ troffen fühlte, wich nur ein Weniges zurück, stürzte dann auf den Gegner los, der sich zur Flucht wendete, und durchbohrte ihm den Rücken zwischen den Schultern, daß der Speer aus dem Busen vordrang und er in dumpfem Falle hinkrachte. Dann erst zog sich Odysseus die Lanze des Feindes aus der Wunde. Als nun die Trojaner sein Blut springen sahen, drängten sich erst recht Alle auf ihn zu, daß er zurückwich und dreimal einen lauten Hülferuf ausstieß. Menelaus vernahm das Geschrei zuerst, und rief sei¬ nem Nebenmanne Ajax zu: „Laß uns durchdringen durch das Getümmel, ich habe den Schrei des Odysseus gehört!“ Beide hatten in Kurzem den duldenden Kämpfer erreicht und trafen ihn, gegen unzählige Feinde seine Lanze schwin¬ gend. Als aber der Schild des Ajax wie eine gethürmte Mauer dem Streitenden vorgehalten ward, erzitterten die Trojaner. Da benutzte Menelaus den Augenblick, ergriff den Sohn des Laertes bei der Hand, und half ihm auf seinen eigenen Streitwagen. Ajax aber sprang jetzt auf die Trojaner hinein und wälzte Leichen vor sich her, wie ein Bergstrom im Herbste dorrende Kiefern und Eichen. Davon hatte Hektor keine Ahnung; er kämpfte auf der linken Seite des Treffens, am Gestade des Skamander, und richtete dort in den Reihen der Jünglinge, die den Helden Idomeneus umgaben, breite Verwüstung an. Den¬ noch wären die Helden nicht vor ihm gewichen, hätte nicht ein dreikantiger Pfeil des Paris dem großen Arzt des Danaerheeres, Machaon, die rechte Schulter verwundet. Da rief erschrocken Idomeneus: „Nestor! Hurtig dem Freund auf den Wagen geholfen! Ein Mann, der Pfeile ausschneidet und lindernden Balsam auflegt, ist hundert andere Helden werth!“ Schnell schwang sich Nestor auf seinen Wagen, der verwundete Machaon mit ihm, und beide flogen den Schiffen zu. Aber der Wagenlenker Hektors machte jetzt diesen auf die Verwirrung aufmerksam, in welcher sich der andere Flügel der Trojaner befand, wo Ajax das Gewühl der Feinde durchtobte. In einem Augenblicke waren sie mit ihrem Wagen dort, und Hektor fing an unter den Rei¬ hen der Griechen zu rasen. Nur den Ajax vermied er, denn Jupiter hatte ihn gewarnt, sich mit dem stärkeren Manne nicht messen zu wollen. Zugleich aber sandte der Göttervater in die Seele des Ajax Furcht, daß dieser beim Anblicke Hektors den Schild auf die Schulter warf, und, angstvoll um die Schiffe der Danaer besorgt, die Reihen der Trojaner, sich zur Flucht kehrend, verließ. Als die Feinde dieß gewahr wurden, schleuderten sie ihm die Lan¬ zen auf den vom Rücken herabhängenden Schild. Doch Ajax durfte sein Angesicht nur umwenden, so flohen sie wieder. Wo der Weg zu den Schiffen ging, stellte er sich jetzt auf, hielt den Schild vor, und wehrte die vor¬ dringenden Trojaner ab, daß ihre Speere theils in seinem siebenhäutigen Stierschilde hafteten, theils ohne den Leib 12 * zu berühren in die Erde fuhren. Als der tapfere Held Eurypylus ihn so von Geschossen bedrängt sah, eilte er dem Telamonier zu Hülfe, und durchbohrte dem Trojaner Apisaon die Brust. Doch während Eurypylus dem getöd¬ teten Feinde die Rüstung abzog, sandte ihm Paris einen Pfeil in den Schenkel, daß er sich schnell in das Gedräng der Freunde zurückzog, die ihn mit erhöhten Lanzen und vorgehaltenen Schilden deckten. Inzwischen trugen seine Stuten den Nestor mit dem wunden Machaon aus der Schlacht, vorbei an dem grollenden Achilles, der auf dem Hinterdecke seines Schif¬ fes saß und geruhig zusah, wie seine Landsleute von den Trojanern verfolgt wurden. Da rief er dem Patroklus, ohne zu ahnen, daß er das Unglück seines Freundes selbst vorbereite, und sprach: „Geh doch, Patroklus, und erforsche mir von Nestor, welchen Verwundeten er dort aus der Schlacht zurückführt: denn ich weiß nicht, welch Mitleid für die Griechen sich in meiner Seele regt!“ Patroklus gehorchte und lief zu den Schiffen. Er kam am Zelte Nestors an, als dieser eben aus dem Wagen stieg, seinem Diener Eurymedon die Rosse übergab, und ins Zelt hinein trat, mit Machaon der erquickenden Mahlzeit zu genießen, die ihnen seine erbeutete Sklavin Hekamede vorsetzte. Als der Greis den Helden Patroklus an der Pforte gewahr ward, sprang er vom Sessel, ergriff ihn bei der Hand, und wollte ihn freundlich zum Sitzen nöthigen. Doch Patroklus sprach: „Es bedarf dessen nicht, ehrwürdiger Greis! Achilles hat mich nur ausgesandt, zu schauen, welchen Verwundeten du zurückführest. Nun habe ich selbst in ihm den heilungskundigen Helden Machaon erkannt, und eile, ihm dieses zu melden. Du kennst ja den heftigen Sinn meines Freundes, der auch Unschuldige selber leicht beschuldigt.“ Aber Nestor antwortete ihm mit tiefer Ge¬ müthsbewegung : „Was kümmert sich doch das Herz des Achilles so sehr um die Achiver, die bereits zum Tode wund sind? Alle Tapferen liegen bei den Schiffen umher: Diomedes ist pfeilwund, Odysseus und Agamemnon sind lanzenwund; und diesen unschätzbaren Mann entführte ich so eben, vom Geschoß des Bogens verwundet, aus der Feldschlacht! Aber Achilles kennt kein Erbarmen! Will er vielleicht warten, bis unsre Schiffe am Gestad' in Flam¬ men lodern und wir Griechen Einer um den Andern der Reihe nach hinbluten? O wär' ich noch kräftig wie in meiner Jugend und in meinen besten Mannsjahren, damals, wo ich als Sieger im Hause des Peleus einkehrte! Da sah ich auch deinen Vater Menötius und dich und den klei¬ nen Achilles. Diesen ermahnte der graue Held Peleus, stets der erste zu seyn und allen Andern vorzustreben, dich aber dein Vater, des Peliden Lenker und Freund zu seyn, weil er an Stärke zwar der Größere, am Alter aber hinter dir sey. Erzähle davon dem Achilles; vielleicht rührt ihn auch jetzt deine Zurede.“ So sprach der Alte und mischte liebliche Erinnerungen aus seiner eigenen Heldenjugend in die Rede, so daß dem Patroklus das Herz im Busen be¬ wegt wurde. Als er auf der Rückkehr an den Schiffen des Odys¬ seus vorüber eilte, fand er hier den Eurypylus, der, vom Pfeil in den Schenkel verwundet, mühsam aus der Schlacht einhergehinkt kam. Es erbarmte den Sohn des Menötius, wie der wunde Held ihn so kläglich anrief, seiner mit den Künsten Chirons des Centauren, die er gewiß durch Achil¬ les gelernt habe, zu pflegen; so daß Patroklus endlich den Verwundeten unter der Brust faßte, ins Zelt führte, dort ihn auf eine Stierhaut legte und ihm mit dem Messer den scharfen Pfeil aus dem Schenkel schnitt; dann spülte er das schwarze Blut sogleich mit lauem Wasser ab, zer¬ malmte eine bittere Heilwurzel mit den Fingern und streute sie auf die Wunde, bis das Blut ins Stocken gerieth. So pflegte der gute Patroklus des wunden Helden. Kampf um die Mauer. Der Graben und die Mauer, welche die Griechen um ihre Schiffe her breit aufgethürmt hatten, war ohne ein Festopfer den Göttern zum Trotze von ihnen gebaut wor¬ den. Deßwegen sollte sie ihnen auch nicht zum Schutze dienen und nicht lange unerschüttert bestehen. Schon jetzt, wo Troja im zehnten Jahre seiner Belagerung schmachtete, beschlossen Poseidon (Neptun) und Apollo, den Bau dereinst zu vertilgen, die Bergströme auf sie hereinzuleiten und das Meer gegen sie zu empören. Doch sollte dieß erst nach der Zerstörung Troja's ins Werk gesetzt werden. Jetzt aber war Getümmel und Schlacht rings um den gewaltigen Bau entbrannt, und die Argiver drängten sich, bange vor Hektors Wuth, bei den Schiffen eingehegt. Die¬ ser rannte wie ein Löwe im Gewühl umher und munterte die Seinigen auf, den Graben zu durchrennen. Das aber wollte kein Rossegespann ihm wagen. Am äußersten Rande des Grabens angekommen, bäumten sich Alle unter lautem Gewieher zurück, denn dieser war zu breit zum Sprunge und zu abschüssig von beiden Seiten zum Durchgang, dazu mit dicht gereihten spitzen Pfählen bepflanzt. Nur die Fußvölker versuchten daher den Uebergang. Als dieß Polydamas sah, ging er mit Hektor zu Rathe und sprach: „Wir wären Alle verloren, wenn wir es mit den Rossen wagen wollten, und kämen ruhmlos in der Tiefe des Gra¬ bens um. Lasset deßwegen die Wagenlenker die Rosse hier am Graben hemmen, uns selbst aber in den ehernen Waf¬ fen eine Fußschaar bilden, unter deiner Führung über den Graben setzen und den Wall durchbrechen.“ Hektor billigte diesen Rath. Auf seinen Befehl stürm¬ ten alle Helden von den Wagen, mit Ausnahme der Len¬ ker; sie schaarten sich in fünf Ordnungen, die erste unter Hektor und Polydamas, die andere unter Paris, die dritte führten Helenus und Deïphobus, der vierten gebot Aeneas; an der Spitze der Bundesgenossen schritt Sarpe¬ don und Glaukus. Diese Fürsten alle aber hatten an¬ dere bewährte Helden zur Seite. Von den sämmt¬ lichen Streitern wollte nur Asius seinen Wagen nicht verlassen. Er wandte sich mit demselben zur Linken, wo die Achajer selbst beim Bau einen Durchgang für ihre eigenen Rosse und Streitwagen gelassen hatten. Hier sah er die Flügel des Thores offen, denn die Griechen harrten, ob nicht noch ein verspäteter Genosse käme, der dem Tref¬ fen entflohen, Rettung im Lager suchte. So lenkte Asius die Rosse gerade auf den Durchgang los, und andere Trojaner folgten ihm zu Fuße mit lautem Geschrei nach. Aber am Eingang waren zwei tapfere Männer aufgestellt, Polypötes, der Sohn des Pirithons, und Leonteus. Diese standen am Thore, hohen Bergeichen gleich, die, mit langen und breiten Wurzeln in den Boden eingesenkt, in Sturm und Regenschauer unverrückt aushalten. Plötzlich stürzten diese beiden auf die hereinstürmenden Trojaner vor, und zugleich flog ein Schwall von Steinen von den festen Thürmen der Mauer herab. Während Asius und die ihn Umringenden verdrießlich den unvermutheten Kampf bestanden und Viele erlagen, kämpften Andere, zu Fuß über den Graben stürmend, um andere Thore des griechischen Lagers. Die Argiver waren jetzt auf die Beschirmung ihrer Schiffe beschränkt, und die Götter, so viel ihrer ihnen halfen, trauerten herzlich, vom Olymp herabschauend. Nur die zahlreichste und tapferste Schaar der Trojaner, unter Hektor und Polydamas, verweilte noch unschlüssig am jenseitigen Rande des Grabens, den sie eben erstiegen; denn vor ihren Augen hatte sich ein bedenkliches Zeichen ereignet. Ein Adler streifte links über das Kriegsheer hin; er trug eine rothe zappelnde Schlange in den Klauen, die sich unter seinen Krallen wehrte, und den Kopf rückwärts dre¬ hend, den Vogel in den Hals stach; von Schmerzen ge¬ quält, ließ er sie fahren und flog davon; die Schlange aber fiel mitten im Haufen der Trojaner nieder, die sie mit Schrecken im Staube liegen sahen, und in diesem Ereigniß ein Zeichen Jupiters erkannten. „Laß uns nicht weiter gehen,“ rief Polydamas, der Sohn des Panthous, seinem Busenfreunde, dem Hektor, erschrocken zu, „es könnte uns ergehen, wie dem Adler, der seinen Raub nicht heimbrachte.“ Aber Hektor erwiederte finster: „Was küm¬ mern mich die Vögel, ob sie rechts oder links daher flie¬ gen, ich verlasse mich auf Jupiters Rathschluß! Ich kenne nur Ein Wahrzeichen, es heißt Rettung des Vaterlandes! Warum zitterst denn du vor dem Kampfe? Sänken wir auch Alle an den Schiffen darnieder, dir droht kein Todesschrecken, denn du hast kein Herz, in der Feldschlacht auszuhalten; doch wisse, wo du dich dem Kampf entziehest, so fällst du, von meiner eigenen Lanze durchbohrt!“ So sprach Hektor und ging voran, und alle Andern folgten ihm unter gräßlichem Geschrei. Jupiter aber schickte einen ungeheuren Sturmwind vom Idagebirge herab, der den Staub zu den Schiffen hinüber wirbelte, daß den Griechen der Muth entsank, die Trojaner aber, dem Winke des Donnergottes und der eigenen Kraft vertrauend, die große Verschanzung der Danaer zu durchbrechen sich anschickten, indem sie die Zinnen der Thürme herabrissen, an der Brustwehr rüttelten, und die hervorragenden Pfeiler des Walles mit Hebeln umzuwühlen begannen. Aber die Danaer wichen nicht von der Stelle; wie ein Zaun standen sie mit ihren Schilden auf der Brust¬ wehr und begrüßten die Mauerstürmer mit Steinen und Geschossen. Die beiden Ajax machten die Runde auf der Mauer und ermahnten das Streitvolk auf den Thürmen, die Tapfern freundlich, die Nachläßigen mit strengen Droh¬ worten. Inzwischen flogen die Steine hin und her wie Schneeflocken; doch hätte Hektor mit seinen Trojanern den mächtigen Riegel an der Wallpforte noch immer nicht durchbrochen, wenn nicht Jupiter seinen Sohn Sarpedon den Lycier, mit dem goldgeränderten Schilde, wie einen heißhungrigen Berglöwen gegen die Feinde gereizt hätte, daß er schnell zu seinem Genossen Glaukus sprach: „Was ist es, Freund, daß man uns im Lyciervolke mit Ehrensitz und gefüllten Bechern beim Gastmahle wie die Götter ehrt, wenn wir in der brennenden Schlacht nicht auch uns im Vorkampfe zeigen? Auf, entweder wollen wir den eige¬ nen Ruhm, oder durch unsern Tod den Ruhm Anderer verherrlichen!“ Glaukus vernahm es nicht träge, und beide stürmten mit ihren Lyciern in gerader Richtung voran. Menestheus, von seinem Thurme herab, stutzte, als er sie so wüthend herannahen und sich und die Seinigen dem Verderben ausgesetzt sah. Aengstlich schaute er sich nach der Unterstützung anderer Helden um: wohl sah er in der Ferne die beiden Ajax, unersättlich im Kampfe, dastehen, und noch näher den Teucer, der eben von den Zelten zurückkam; doch hallte sein Hülferuf nicht so weit, er prallte an Helmen und Schilden ab, und das Getöse der Schlacht verschlang ihn. Deswegen schickte er den Herold Theotes zu den beiden Ajax hinüber, und bat den Tela¬ monier durch ihn, wenn sie beide dieß könnten, sammt seinem Bruder Teucer ihm aus der Bedrängniß zu helfen. Der große Ajax war nicht säumig, er eilte mit Teucer und Pandion, der seines Bruders Bogen trug, der Mauer entlang, von innen dem Thurme zu. Sie kamen bei Menestheus an, als eben die Lycier an der Brustwehr emporzuklimmen anfingen. Ajax brach sogleich einen scharf¬ gezackten Marmorstein zu oberst aus der Brustwehr und zerknirschte damit dem Epikles, einem Freunde des Sar¬ pedon, Helm und Haupt, daß er wie ein Taucher von dem Thurme herabschoß. Teucer aber verwundete den Glaukus am entblößten Arme, während er eben den Wall hinan¬ stieg. Dieser sprang ganz geheim von der Mauer, um nicht von den Griechen erblickt und mit seiner Wunde ge¬ höhnt zu werden. Mit Schmerzen sah Sarpedon seinen Bruder aus der Schlacht scheiden, er selbst aber klomm aufwärts, durchstach den Alkmaon, den Sohn Thestors, mit der Lanze, daß dieser der wieder herausgezogenen taumelnd folgte, faßte dann mit aller Gewalt die Brustwehr, daß sie von seinem Stoß zusammenstürzte, und die Mauer, entblößt, für Viele einen Zugang gewährte. Doch Ajax und Teucer begegneten dem Stürmenden; der letztere traf ihn mit einem Pfeil in den Schildriemen; Ajax durchstach dem Anlaufenden den Schild: die Lanze durchdrang ihn schmetternd, und einen Augenblick zückte Sarpedon von der Brustwehr hinweg. Doch ermannte er sich bald wieder, und, gegen die Schaar seiner Lycier sich umdrehend, rief er laut: „Lycier, vergesset ihr des Sturmes? mir allein, und wäre ich der Tapferste, ist es unmöglich, durchzu¬ brechen! Nur wenn wir zusammenhalten, können wir uns die Bahn zu den Schiffen öffnen!“ Die Lycier dräng¬ ten sich um ihren scheltenden König und stürmten rascher empor; aber auch die Danaer von innen verdoppelten ihren Widerstand, und so standen sie, nur durch die Brustwehr getrennt, und über sie hin wild auf einander los hauend, wie zwei Bauern auf der Grenzscheide stehen und mitein¬ ander darum hadern. Rechts und links von den Thürmen und der Brustwehr rieselte das Blut hinab. Lange stand die Waage der Schlacht schwebend, bis endlich Jupiter dem Hektor die Oberhand gab, daß er zuerst an das Thor der Mauer vordrang und die Genossen theils ihm folgten, theils zu seinen beiden Seiten über die Zinnen kletterten. Am verschlossenen Thore, dessen Doppelflügel zwei sich begegnende Riegel von innen zusammenhielten, stand ein dicker, oben zugespitzter Feldstein. Diesen riß Hektor mit übermenschlicher Gewalt aus dem Boden, und zerschmet¬ terte damit die Angeln und die Bohlen, daß die mächti¬ gen Riegel nicht mehr Stand hielten, das Thor dumpf aufkrachte, und der Stein schwer hineinfiel. Furchtbar anzuschauen wie die Wetternacht, im schrecklichen Glanze seiner Erzrüstung, mit funkelndem Auge, sprang Hektor, zwei blinkende Lanzen schüttelnd, in das Thor. Ihm nach strömten seine Streitgenossen durch die aufgerissene Pforte, Andere hatten zu Hunderten die Mauer überklettert; Auf¬ ruhr tobte allenthalben im Vorlager, und die Griechen flüchteten zu den Schiffen. Kampf um die Schiffe. Als Jupiter die Trojaner so weit gebracht hatte, überließ er die Griechen ferner ihrem Elende, wandte, auf dem Gipfel des Ida sitzend, seine Augen von dem Schiffslager ab und schaute gleichgültig ins Land der Thrazier hinüber. Inzwischen blieb der Meergott Posei¬ don nicht unthätig. Dieser saß auf einem der obersten Gipfel des waldigen Thraziens, wo der Ida mit allen seinen Höhen, sammt Troja und den Schiffen der Danaer unter ihm lagen. Mit Gram sah er die Griechen vor Troja's Volk in den Staub sinken, er verließ das zackige Felsengebirg, und mit vier Götterschritten, unter denen Höhen und Wälder bebten, stand er am Meeresufer bei Aegä, wo ihm in den Tiefen der Fluth ein von unver¬ gänglichem Golde schimmernder Pallast erbaut stand. Hier hüllte er sich in die goldne Rüstung, schirrte seine goldmähnigen Rosse ins Joch, ergriff die goldene Geißel, schwang sich in seinen Wagensitz und lenkte die Pferde über die Fluth; die Meerungeheuer erkannten ihren Herr¬ scher und hüpften aus den Klüften umher, die Woge trennte sich freudig, und ohne die eherne Wagenaxe zu benetzen, kam Neptunus bei den Schiffen der Danaer, zwischen Tenedos und Imbros, in einer tiefen Grotte an, wo er die Rosse aus dem Geschirr spannte, ihnen die Füße mit goldenen Fesseln umschlang, und Ambrosia zur Kost reichte. Er selbst eilte mitten ins Gewühl der Schlacht, wo sich die Trojaner wie ein Orkan um Hektor mit brausendem Geschrei drängten, und jetzt eben die Schiffe der Griechen zu bemeistern hofften. Da gesellte sich Poseidon zu den Reihen der Griechen, dem Seher Kalchas an Wuchs und Stimme gleich. Zuerst rief er den beiden Ajax zu, die für sich selbst schon von Kampf¬ lust glühten: „Ihr Helden beide vermöchtet wohl das Volk der Griechen zu retten, wenn ihr eurer Stärke ge¬ denken wolltet. An andern Orten ängstet mich der Kampf der Trojaner nicht, so herzhaft sich ihre Heeresmacht über die Mauer hereinstürzt; die Vereinigten Achiver werden sie schon abzuwehren wissen. Hier nur, wo der rasende Hektor wie ein Feuerbrand vorherrscht, hier nur bin ich um unsre Rettung bange. Möchte doch ein Gott euch den Gedanken in die Seele geben, hierhin euren Widerstand zu kehren, und auch Andere dazu anzureizen.” Zu diesen Worten gab ihnen der Ländererschütterer einen Schlag mit seinem Stabe, davon ihr Muth erhöht und ihre Glie¬ der leicht geschaffen wurden; der Gott aber entschwang sich ihren Blicken, wie ein Habicht, und Ajax, der Sohn des Oleus, erkannte ihn zuerst. „Ajax,” sprach er zu seinem Namensbruder, „es war nicht Ralchas, es war Neptun, ich habe ihn von hinten an Gang und Schenkeln erkannt, denn die Götter sind leicht zu erkennen. Jetzt verlangt mich im innersten Herzen nach dem Entscheidungs¬ kampfe, Füße und Hände streben mir nach oben!” Ihm erwiederte der Telamonier: „Auch mir zücken die Hände ungestüm um den Speer, die Seele hebt sich mir, die Füße wollen fliegen, Sehnsucht ergreift mich, den Einzel¬ kampf mit Hektor zu bestehen!“ Während die beiden Führer dieß Gespräch wechselten, ermunterte Poseidon hinter ihnen die Helden, die vor Gram und Müdigkeit bei den Schiffen ausruhten, und schalt sie, bis alle Tapfern sich um die beiden Ajax schaar¬ ten und gefaßt den Hektor mit seinen Trojanern erwar¬ teten. Lanze drängte sich an Lanze, Schild auf Schild, Helm an Helm, Tartsche war an Tartsche gelehnt, Krie¬ ger an Krieger, die Helme der Sinkenden berührten sich mit den Zacken, so dicht stand die Heerschaar; ihre Speere aber zitterten dem Feind entgegen. Doch auch die Tro¬ janer drangen mit aller Kraft herein, Hektor voran, wie ein Felsstein von der Krone des Bergs, durch den herbst¬ lichen Strom abgerissen, im Sprunge herniederstürzt, daß die Waldung zerschmettert zusammenkracht. „Haltet euch, Trojaner und Lycier,“ rief er hinterwärts, „jene wohl¬ geordnete Heerschaar wird nicht lange bestehen, sie werden vor meinem Speere weichen, so gewiß der Donnerer mich leitet!“ So rief er, den Muth der Seinigen anspornend. In seiner Schaar ging trotzig, doch mit leisem Schritt, unter dem Schilde Dephobus, das andere Heldenkind des Priamus, einher. Ihn wählte sich Meriones zum Ziele und schoß die Lanze nach ihm ab; aber Dephobus hielt den mächtigen Schild weit vom Leibe vor, daß der Wurf¬ spieß brach. Erbittert über den verfehlten Sieg, wandte sich Meriones zu den Schiffen hinab, sich einen mächtige¬ ren Speer aus dem Zelte zu holen. Die Andern kämpften indessen fort und der Schlachtruf brüllte. Teucer traf den Imbrius, den Sohn Men¬ tors, unter dem Ohre mit dem Speer, daß er wie eine Esche auf luftigem Gebirgsgipfel hintaumelte. Den Leich¬ nam machte ihm Hektor streitig; doch traf er statt des Teucer nur den Amphimachus; als er diesem den Helm von den Schläfen ziehen wollte, traf ihn die Lanze des großen Ajax auf den Schildnabel, daß er von dem Erschlagenen zurückprallte, und Menestheus sammt Stichius den Leichnam des Amphimachus, den Imbrius aber die beiden Ajax, wie zwei Löwen die Ziege, die sie den Hun¬ den abgejagt, hinab ins Heer der Griechen trugen. Amphimachus war ein Enkel Neptuns und sein Fall empörte diesen. Er eilte zu den Zelten hinunter, die Griechen noch mehr zu entflammen. Da begegnete ihm Idomeneus, der einen verwundeten Freund zu den Aerzten geschafft hatte und jetzt seinen Speer im Zelte suchte. In den Thoas verwandelt, den Sohn des Andrämon, näherte sich ihm der Gott, und sprach mit tönender Stimme zu ihm: „Kreterkönig, wo sind eure Drohungen? Nimmer kehre der Mann von Troja heim, der an diesem Tag den Kampf freiwillig meidet; die Hunde sollen ihn zer¬ fleischen!“ „So geschehe es, Thoas,“ rief Idomeneus dem enteilenden Gotte nach, suchte sich zwei Lanzen aus dem Zelte hervor, hüllte sich in schönere Waffen, und flog, herrlich wie der Blitz Jupiters, aus dem Zelte hervor. Da begegnete er dem Meriones, dessen Speer an De¬ phobus Schilde zerbrochen war, und der dahin eilte, sich im fernen Zelt einen andern zu holen. „Tapferer Mann,“ rief ihm Idomeneus zu, „ich sehe, in welcher Noth du bist; in meinem Zelte lehnen wohl zwanzig erbeutete Speere an der Wand, hole dir den besten davon.“ Und als Meriones sich eine stattliche Lanze erkohren hatte, eilten sie beide in die Schlacht zurück, und gesellten sich zu den Freunden, die den eindringenden Hektor bekämpften. Ob¬ gleich Idomeneus schon halb ergraut war, ermunterte er die Griechen doch, sobald sie ihn in ihren Reihen wieder begrüßt hatten, wie ein Jüngling. Der Erste, dem er den Wurfspieß mitten in den Leib sandte, war Othryoneus, der als Freier der Kassandra, der Tochter des Königes Priamus, in den Reihen der Trojaner kämpfte. Froh¬ lockend rief Idomeneus, während er den Gefallenen am Fuß aus dem Schlachtgewühle zog: „Hole dir jetzt die Tochter des Priamus, beglückter Sterblicher! Auch wir hätten dir die schönste Tochter des Atriden versprochen, wenn du uns hättest helfen wollen Troja vertilgen! Folge mir nun zu den Schiffen, dort wollen wir uns über die Ehe verabreden, du sollst eine stattliche Mitgift erhalten!“ Er spottete noch, als Asius vor seinem Gespanne, das der Wagenführer lenkte, herangeflogen kam, den Getödte¬ ten zu rächen. Schon holte er den Arm zum Wurfe aus: da traf ihn der Speer des Idomeneus unter dem Kinn in die Gurgel, daß das Erz aus dem Nacken hervorragte, und er vor seinem Streitwagen der Länge nach darniederfiel. Sein Wagenlenker erstarrte, als er dieses sah, er ver¬ mochte das Gespann nicht mehr rückwärts zu lenken, und ein Lanzenstoß von Antilochus, dem Sohne Nestors, warf auch ihn vom Wagen herab. Nun aber kam Dephobus auf Idomeneus heran, und entschlossen, den Fall seines Freundes Asius zu rä¬ chen, schleuderte er die Lanze gegen den Kreter. Dieser aber schmiegte sich so ganz unter den Schild, daß der Wurfspieß über ihn hinwegflog, und den Schild nur klirrend streifte, dafür aber dem Fürsten Hypsenor in die Leber fuhr, der auch alsbald in die Kniee sank. „So liegst du doch nicht ungerächt, lieber Freund Asius,“ so frohlockte der Troer, „denn ich habe dir einen Begleiter gegeben, gleichviel welchen!“ Der schwer aufstöhnende Hypsenor wurde indessen von zwei Genossen aus dem Getümmel getragen. Doch war Idomeneus dadurch nicht muthlos gemacht, er erschlug den Alkathous, den edlen Eidam des Anchises, und rief jauchzend: „Ist unsre Rech¬ nung billig, Dephobus? ich gebe dir drei für einen! Wohlan, erprobe du selbst auch, ob ich wirklich von Jupi¬ ters Geschlechte bin!“ Es war aber Idomeneus ein Enkel des Königes Minos und ein Urenkel Jupiters. Dephobus besann sich einen Augenblick, ob er den Zwei¬ kampf allein bestehen, oder sich einem heldenmüthigen Trojaner gesellen solle. Der letzte Gedanke schien ihm der beste; und bald führte er seinen Schwager Aeneas dem Idomeneus entgegen. Dieser aber, als er die beiden gewaltigen Kämpfer auf sich zukommen sah, zagte nicht etwa vor Furcht, wie ein Knabe, sondern erwartete sie, wie ein Gebirgseber die Hetzhunde. Doch rief auch er seine Genossen herbei, die er in der Nähe kämpfen sah, und sprach: „Heran, ihr Freunde, und helfet mir Einzel¬ nem, denn mir graut vor Aeneas, der ein Gewaltiger in der Feldschlacht ist und noch in üppiger Jugend strotzt!“ Auf diesen Ruf versammelten sich um ihn, die Schilde an die Schultern gelehnt, Aphareus, Askalaphus, Depy¬ rus, Meriones, Antilochus. Indeß rief auch Aeneas seine Genossen Paris und Agenor herbei, und die Troja¬ ner folgten ihnen nach, wie Schafe dem Widder. Bald rasselte das Erz der Speere ans Erz, und aus dem Schwab , das klass. Alterthum. II . 13 Zweikampfe wurde ein vielfältiger Männerkampf. Aeneas schoß zuerst seinen Speer auf Idomeneus ab; aber er fuhr an dem Helden vorüber in den Boden. Idomeneus dagegen traf den Oenomaus mitten in den Leib, daß er stürzend und sterbend mit der Hand den Boden faßte; der Sieger hatte eben nur Zeit, den Speer aus dem Leichnam herauszuziehen, denn die Geschosse bedrängten ihn so, daß er sich zum Weichen entschließen mußte. Aber seine greisen Füße trugen ihn nur langsam aus dem Treffen, und Dephobus schickte ihm voll Groll die Lanze nach, die zwar ihn selbst verfehlte, aber den Askalaphus, den Sohn des Mars, dafür in den Staub warf. Der Kriegsgott, der durch den Rathschluß Jupiters mit andern Göttern in die goldenen Wolken des Olymp gebannt war, ahnte nicht, daß ihm ein Sohn gefallen sey. Diesem aber riß Dephobus den blanken Helm vom Haupte: da fuhr ihm der Speer des Meriones in den Arm, daß der Helm auf den Boden rollte. Meriones sprang herzu, zog den Wurfspieß aus dem Arme des Verwundeten, und flog ins Gedränge seiner Freunde zurück. Nun faßte Polites seinen verwundeten Bruder Dephobus um den Leib, und trug ihn aus der stürmenden Schlacht über den Graben hinüber zu dem harrenden Wagen, auf dem der Blutende, matt vor Schmerz, alsbald nach der Stadt geführt wurde. Die Andern kämpften fort. Aeneas durchstach den Aphareus; Antilochus den Thoon; der Trojaner Adamas verfehlte diesen, und verblutete bald am Speere des Me¬ riones. Dafür rollte Depyrus der Grieche, von Helenus mit dem Schwert über die Schläfe getroffen, die Reihen der Danaer entlang. Schmerzergriffen zuckte Menelaus seinen Speer gegen Helenus, der zu gleicher Zeit den Pfeil vom Bogen auf den Atriden abschnellte. Menelaus traf den Sohn des Priamus auf das Panzergewölbe; doch prallte der Wurfspieß ab; aber auch der Pfeil des Helenus war vergebens entflogen, und nun bohrte ihm Menelaus seine Lanze in die Hand, die den Bogen noch hielt, und Helenus schleppte den Speer, ins Gedränge seiner Freunde flüchtend, nach. Sein Kampfgenosse Agenor zog ihm die Waffe aus der Hand, nahm einem Begleiter die wollene Schleuder ab und verband damit die Wunde des Sehers. Jetzt führte sein böses Geschick den Trojaner Pisan¬ der dem Helden Menelaus entgegen. Der Atride schoß fehl mit der Lanze, sein Gegner stieß kräftig den Speer dem Menelaus in den Schild; aber der Schaft zerbrach am Oehre. Nun holte Menelaus mit dem Schwert aus; Pisander hob die lange Streitaxt unter dem Schilde und beide rannten aufeinander los, aber der Trojaner traf dem Gegner nur die Spitze des Helmbusches, indeß dieser ihm den Knochen über der Nase zerspaltete, daß die Au¬ gen ihm blutig vor die Füße hinab rollten, und er sich sterbend auf dem Boden wand. Menelaus stemmte ihm die Ferse auf die Brust, und sprach frohlockend: „Ihr Hunde, die ihr mein junges Weib und Schätze genug freventlich von dannen geführt, nachdem sie euch freundlich bewirthet hatte; die ihr nun auch noch den Feuerbrand in unsre Schiffe werfen und alle Griechen ermorden möchtet: wird man euch endlich zur Ruhe bringen, ihr nimmer¬ satten Fechter?“ So sprach er und zog dem Leichnam die blutige Rüstung ab, die er den Freunden übergab. Dann drang er wieder in den Vorderkampf und fing die geschwungene Lanze des Harpalion mit dem Schild auf; 13* den, der sie abgeschossen, traf Meriones rechts in die Weiche, daß er sterbend von seinem Vater Pylamenes auf den Wagen gerettet werden mußte. Das erbitterte den Paris und er schoß dem Korinthier Euchenor, der ihm eben in den Weg kam, den Pfeil durch Ohr und Backen, daß dieser entseelt zu Boden sank. So kämpften sie dort; Hektor ahnete indessen nicht, daß zur Linken der Schiffe der Sieg sich auf die Seite der Griechen hinneigte, sondern wo er zuerst durchs Thor hereingesprungen, und die Mauer am niedrigsten gebaut war, fuhr er fort, siegreich in die Schlachtreihen der Achiver einzubrechen. Vergebens wehrten ihn anfangs die Böotier, Thessalier, Lokrer, Athener ab: sie vermochten nicht, ihn hinwegzudrängen. Wie zwei Stiere am Pflug wandelten die beiden Ajax dicht aneinander: vom Tela¬ monier wichen die Seinigen nicht, lauter entschlossene Männer, aber die Lokrer, den stehenden Kampf nicht aushaltend, waren ihrem Ajax nicht auf den Fersen ge¬ folgt; denn voll Zuversicht waren sie ohne Helme, Schilde und Lanzen, mit Bogen und wollenen Schleudern allein bewaffnet, gen Troja gezogen, und hatten früher mit ihren Geschossen manche trojanische Schaar gesprengt. Auch jetzt bedrängten sie die Troer, sich verbergend und von ferne herschießend, mit ihren Pfeilen, und richteten selbst so keine geringe Verwirrung unter ihnen an. Und wirklich wären die Trojaner jetzt, von Schiffen und Zelten zurückgetrieben, mit Schmach in ihre Stadt geworfen worden, hätte nicht Polydamas dem trotzigen Hektor so zugeredet: „Verschmähest du denn allen Rath, Freund, weil du im Kampf der Kühnere bist? siehest du nicht, wie die Flamme des Krieges über dir zusammen¬ schlägt, die Trojaner sich theils mit den erbeuteten Rü¬ stungen aus dem Gefechte entfernen, theils, und dieß die Wenigeren, durch die Schiffe hin und her zerstreut käm¬ pfen? Weiche darum, beruf' einen Rath unsrer Edeln, und laß uns dann entscheiden, ob wir uns ins Labyrinth der Schiffe hineinstürzen, oder unbeschädigt von dannen ziehen wollen; denn fürwahr, ich besorge, die Griechen möchten uns die gestrige Schuld mit Wucher heimbezah¬ len, so lang ihr unersättlichster Krieger noch bei den Schif¬ fen auf uns harrt!“ Hektor war es zufrieden und beauf¬ tragte seinen Freund, die Edelsten des Volkes zu versam¬ meln. Er selbst eilte in die Schlacht zurück, und wo er einen der Führer traf, befahl er ihm, sich bei Polydamas einzufinden. Seine Brüder Dephobus und Helenus, den Asius und seinen Sohn Adamas suchte er im Vorder¬ kampfe, und fand die Ersteren verwundet, die Andern todt. Als er seinen Bruder Paris erblickte, rief er ihn zornig an: „Wo sind unsere Helden, du Weiberverführer? Bald ist es aus mit unserer Stadt, dann nahet auch dir das grause Verhängniß; jetzt aber komm in den Kampf, wäh¬ rend die Andern sich zum Rath versammeln!“ „Ich be¬ gleite dich mit freudiger Seele,“ erwiederte Paris dem Bruder, ihn beschwichtigend, „du sollst meinen Muth nicht vermissen!“ So eilten sie miteinander in das heftigste Gefecht, wo die tapfersten Trojaner wie ein Sturmwind im rollenden Wetter daherrauschten; und bald war Hektor wieder an ihrer Spitze. Doch erschreckte er die Griechen nicht mehr wie früher, und der mächtige Ajax rief ihn trotzig zum Kampfe heraus. Der Trojaner achtete sein Schelten nicht und stürmte vorwärts ins Getümmel der Schlacht. Die Griechen von Poseidon gestärkt. Während so draußen das Treffen tobte, saß der greise Nestor geruhig in seinem Zelte beim Trunk, den verwun¬ deten Helden und Arzt Machaon bewirthend. Als nun aber der Streitruf immer lauter hallte und näher in ihre Ohren drang, überantwortete er seinen Gast der Dienerin Hekamede, ihm ein warmes Bad zu bereiten, ergriff Schild und Lanze und trat hinaus vor das Zelt. Hier sah er die unerfreuliche Wendung, die der Kampf genommen hatte, und während er in Zweifeln stand, ob er in die Schlacht eilen, oder den Völkerfürsten Agamemnon auf¬ suchen sollte, mit ihm zu berathen, begegnete ihm, von den Schiffen am Meeresgestade zurückkommend, dieser selbst mit Odysseus und Diomedes, alle drei auf ihre Lanzen gestützt und an Wunden krank. Sie kamen auch nur, der Schlacht wieder zuzuschauen, ohne Hoffnung, selbst an dem Kampfe Theil nehmen zu können. Sorgenvoll traten sie mit Nestor zusammen und beriethen das Geschick der Ihrigen. Endlich sprach Agamemnon: „Freunde, ich hege keine Hoffnung mehr. Da der Graben, der uns so viele Mühe gekostet, da die Mauer, die unzerbrechlich schien, den Schiffen nicht zur Abwehr gereicht haben, und der Kampf längst mitten unter diesen wüthet; so gefällt es wohl dem Jupiter, uns Griechen alle, wenn wir nicht freiwillig abziehen, ferne von Argos, hier in der Fremde, ruhmlos umkommen zu lassen. Laßt uns deswegen mit den Schiffen, die wir zunächst am Meeresstrande aufge¬ stellt haben, auf der hohen See uns vor Anker legen, und die Nacht dort erwarten. Ziehet sich alsdann Troja's Volk zurück, so wollen wir auch die übrigen Schiffe in die Wogen ziehen und noch bei Nacht der Gefahr ent¬ rinnen.“ Mit Unwillen hörte Odysseus diesen Vorschlag. „Atride,“ sprach er, „du verdientest ein feigeres Kriegsvolk anzuführen, als das unsrige. Mitten im Treffen ermah¬ nest du, die Schiffe ins Meer hinabzuziehen, daß die armen Griechen in Angst umschauen, der Streitlust ver¬ gessen, und verlassen auf der Schlachtbank zurückbleiben?“ „Ferne sey das von mir,“ erwiederte Agamemnon, „daß ich wider Willen der Argiver und ohne sie zu hören sol¬ ches thun wollte! Auch gebe ich meinen Rath gerne auf, wenn Einer besseren vorzubringen weiß.“ „Der beste Rath ist,“ rief der Tydide, „daß wir sogleich in die Schlacht zurückkehren, und wenn wir auch nicht selbst zu kämpfen vermögen, doch die Andern als ehrliche Volks¬ führer zur Tapferkeit ermahnen.“ Dieses Wort hörte mit Wohlgefallen der Beschirmer der Griechen, der Meergott, der schon lange das Gespräch der Helden belauscht hatte. Er trat in Gestalt eines greisen Kriegers zu ihnen, drückte dem Agamemnon die Hand und sprach: „Schande dem Achilles, der sich jetzt der Griechenflucht erfreuet! Aber seyd getrost; noch hassen euch die Götter nicht so, daß ihr nicht bald den Staub von der Trojanerflucht aufwirbeln sehen solltet!“ So sprach der Gott und stürmte von ihnen weg durchs Ge¬ filde, indem er seinen Schlachtruf in das Heer der Grie¬ chen hineinschallen ließ, der wie zehntausend Männerstimmen brüllte und jedes Helden Herz mit Muth durchdrang. Auch die Himmelskönigin Juno, die vom Olymp herab den Kampf überschaute, blieb jetzt nicht unthätig, als sie Neptunus, ihren Bruder und Schwager, zu Gun¬ sten ihrer Freunde sich in die Schlacht mischen sah. Und wie sie ihren Gemahl Jupiter so feindselig auf dem Gipfel des Ida sitzend erblickte, zürnte sie ihm in der tiefsten Seele und sann hin und her, wie sie ihn täuschen und von der Sorge für den Kampf abziehen möchte. Ein glücklicher Gedanke stieg ihr plötzlich im Herzen auf. Sie eilte in das verborgenste Gemach, das ihr Sohn Hephä¬ stus im Götterpallaste ihr kunstreich gezimmert, und dessen Pforte er mit unlösbaren Riegeln befestigt hatte. Dieses betrat sie und schloß die Thürflügel hinter sich. Hier badete und salbte sie mit ambrosischem Oel ihre schöne Gestalt, flocht ihr Haupthaar in glänzende Locken um den unsterblichen Scheitel, hüllte sich in das köstliche Gewand, das ihr Minerva zart und künstlich gewirkt hatte, heftete es über der Brust mit goldenen Spangen fest, umschlang sich mit dem schimmernden Gürtel, fügte sich die funkeln¬ den Juwelengehänge in die Ohren, umhüllte das Haupt mit einem durchsichtigen Schleier, und band sich zierliche Sohlen unter ihre glänzenden Füße. So von Anmuth leuchtend verließ sie das Gemach und suchte Aphrodite, die Liebesgöttin, auf. „Grolle mir nicht, Töchterchen,“ sprach sie liebkosend, „weil ich die Griechen und du die Trojaner beschützest; und versage mir nicht, um was mein Herz dich bittet. Leihe mir den Zaubergürtel der Liebe, der Menschen und Götter bezähmt, denn ich will an die Gränze der Erde gehen, den Oceanus und die Tethys, meine Pflegeeltern, aufzusuchen, die in Zwistigkeiten leben. Ich möchte ihr Herz durch freundliche Worte zur Versöh¬ nung bewegen, und dazu brauche ich deinen Gürtel.“ Venus, die den Trug nicht durchschaute, erwiederte arglos: „Mutter, du bist die Gemahlin des Götterköniges, nicht recht wäre es, dir eine solche Bitte zu verweigern.“ Da¬ mit löste sie sich den wunderköstlichen buntgestickten Gür¬ tel, in dem alle Zauberreize versammelt waren. „Birg ihn,“ sprach sie, „immerhin in dem Busen, gewiß kehrst du nicht ohne Erfolg von dannen.“ Weiter ging nun die Götterkönigin nach dem fernen Thrazien in die Behausung des Schlafes, und beschwor diesen, in der folgenden Nacht dem Göttervater die leuch¬ tenden Augen unter seinen Wimpern tief einzuschläfern. Aber der Schlaf erschrack. Er hatte schon einmal auf Here's Befehl den Sinn des Gottes betäubt, damals als Herkules von dem verwüsteten Troja heimfuhr, und Juno, seine Feindin, ihn auf die Insel Kos verschlagen wollte. Damals hatte Jupiter, als er erwachend den Betrug inne wurde, die Götter im Saale herumgeschleudert und den Schlaf selbst hätte er vertilgt, wenn er nicht in die Arme der Nacht geflüchtet wäre, die Götter und Menschen bän¬ digt. Daran erinnerte jetzt der Schlafgott erschrocken die Gemahlin des Zeus, doch diese beruhigte ihn und sprach: „Was denkst du, Schlaf! Meinst du, Jupiter vertheidige die Trojaner so eifrig, als er seinen Sohn Herkules liebte? sey klug und willfahre mir: thust du es, so will ich dir die jüngste und schönste der Grazien zur Gemahlin geben. Der Gott des Schlummers ließ sie mit einem Schwure beim Styx dieß Versprechen bekräftigen, und versprach, ihr zu gehorchen. Nun bestieg Juno im Glanz ihrer Schönheit den Gipfel des Ida, und Inbrunst erfüllte das Herz ihres Gemahls, als er sie erblickte, so daß er auf der Stelle des Trojanerkampfs vergaß. „Wie kommst du hierher vom Olympus,“ sprach er, „wo hast du Rosse und Wagen gelassen, liebes Weib?“ Mit listigem Sinn erwiederte ihm Here: „Väterchen, ich will ans Ende der Erde ge¬ hen, den Oceanus und die Tethys, meine Pflegeltern, zu versöhnen.“ „Hegst du denn ewige Feindschaft gegen mich?“ antwortete Jupiter, „diese Ausfahrt kannst du auch später betreiben. Laß uns hier, sanft gelagert, und einmüthig an dem Kampfe der Völker uns ergötzen.“ Als Juno dieß Wort hörte, erschrack sie, denn sie sah, daß selbst ihre Schönheit und der Zaubergürtel Aphrodite's dem Gemahl die Sorge für den Kampf und den Groll gegen die Griechen nicht ganz aus dem Herzen zu scheuchen ver¬ mochten. Doch verhehlte sie ihren Schrecken, umschlang ihn freundlich und sprach, seine Wange streichelnd: „Vä¬ terchen, ich will ja deinen Willen thun.“ Zugleich aber winkte sie dem Schlaf, der ihr unsichtbar gefolgt war, und ihres Befehles gewärtig hinter Jupiters Rücken stand. Dieser senkte sich auf seine Augenlieder, daß er, ohne zu antworten, sein nickendes Haupt in den Schooß der Gemahlin legte, und in tiefen Schlummer versank. Eilig schickte jetzt die Himmlische den Gott des Schlafs als Boten nach den Schiffen zu Poseidon, und ließ dem Gotte sagen: „Jetzt laß, dir's Ernst seyn, und verleih den Griechen Ruhm, denn Jupiter liegt auf dem Gipfel des Ida durch meine Bethörung in tiefen Schlaf gesunken!“ Schnell stürzte sich Neptunus jetzt ins vorderste Ge¬ tümmel und rief dem Danaervolke zu: „Wollen wir dem Hektor auch jetzt noch den Sieg lassen, ihr Männer, daß er die Schiffe erobere und Ruhm einärnte? Zwar ich weiß, er verläßt sich auf den Zorn des Achilles, aber es wäre eine Schmach für uns, wenn wir ohne diesen nicht zu siegen vermöchten! Ergreifet eure gewaltigsten Schilde, hüllt euch in die strahlensten Helme, schwinget die mäch¬ tigsten Lanzen, wir wollen gehen und ich selbst voraus vor euch Allen; wir wollen sehen, ob Hektor vor uns besteht!“ Die Krieger gehorchten der gewaltigen Stimme des mächtigen Streiters, die verwundeten Fürsten selbst ordneten die Schlacht, vertauschten den Männern die Waffen, gaben dem Starken starke, dem Schwächeren schwache. Dann drang Alles vor; der Erderschütterer selbst, ein entsetzliches Schwert, wie einen flammenden Blitz, in der Rechten führend, war ihr Führer. Ihm wich Alles aus und Niemand wagte, ihm im Kampfe zu begegnen. Zugleich empörte er das Meer, daß es wo¬ gend an die Schiffe und Zelte der Danaer anschlug. Doch ließ sich Hektor durch dieses Alles nicht schre¬ cken. Er stürzte mit seinen Trojanern in die Schlacht, wie ein Waldbrand mit sausenden Flammen durch ein gekrümmtes Bergthal prasselt, und ein erneuter Kampf entspann sich zwischen beiden Heeren. Zuerst zielte Hektor auf den großen Ajax mit der Lanze und traf gut; aber Schild- und Schwertriemen, die sich ihm über dem Busen kreuzten, beschirmten den Leib, und Hektor, des Speeres verlustig, wich unwillig in die Reihen der Seinigen zu¬ rück. Ajax schickte dem Weichenden einen Stein nach, daß er in den Staub stürzte, Lanze, Schild und Helm ihm entflog und das Erz der Rüstung klirrte. Die Griechen jauchzten, ein Hagel von Speeren folgte, und sie hofften den Liegenden wegzuziehen. Aber die ersten Helden der Trojaner versäumten ihn nicht: Aeneas, Polydamas, der edle Agenor, der Lycier Sarpedon und sein Genosse Glaukus, Alle hielten die Schilde zur Abwehr vor, erhuben den Betäubten und brachten ihn ungefährdet auf den Streitwagen, der ihn zur Stadt zurückführte. Als sie den Hektor fliehen sahen, rannten die Grie¬ chen noch viel heftiger auf den Feind ein. Um Ajax erhub sich ein Getümmel, denn nach allen Seiten hin traf sein Wurfspieß und seine Lanze. Doch schmerzte auch die Griechen hier und dort ein in ihrer Mitte fallender Held. Den Sturz des Danaers Prothoenor, den Polydamas erlegt hatte, mußte dem Ajax der Sohn des Antenor, Archilochus, büßen; den Böotier Promachus, den der Bru¬ der des Archilochus, Akamas, mit dem Speere niedergestochen, rächte der Grieche Peneleus am Ilioneus; Ajax stieß den Hyrtius nieder; Antilochus den Mermerus und Falces; Meriones den Hippodion und Morys; Teucers Pfeil brachte den Prothon und Periphetes zu Falle; Agamemnon durchstach dem Hyperenor die Weiche, am allermeisten aber wüthete unter den Trojanern, die schon draußen vor der Mauer über den Graben und durch die Pfähle zu fliehen begannen, der kleine Ajax, der hurtige Lokrer, des¬ sen Augenblick jetzt gekommen war. Hektor von Apollo gekräftigt. Erst bei ihren Wagen machten die Trojaner wieder Halt, erschrocken und bleich vor Angst. Jetzt aber erwachte Jupiter auf dem Gipfel des Ida und erhob sein Haupt aus Juno's Schooße. Schnell sprang er empor und überschaute mit einem Blicke Griechen und Trojaner, diese in die Flucht getrieben, jene stürmisch verfolgend; mitten in ihren Reihen seinen Bruder Poseidon; er sah Hektorn auf dem Wege zur Stadt, mitten im Felde, aus dem Wagen gehoben, zu Boden liegen, die Genossen um ihn her; schwer athmete der Bewußtlose und spie Blut; denn kein Schwächerer hatte ihn getroffen. Voll Mitleid ruhte der Blick des Vaters der Götter und Menschen auf ihm, dann wandte er sich drohend zu Juno, sein Angesicht ver¬ finsterte sich und er sprach: „Arglistige Betrügerin, was hast du gethan? Fürchtest du nicht, die erste Frucht dei¬ nes Frevels selbst zu genießen? Denkst du nicht mehr daran, wie du, die Füße an zwei Ambose gehängt, die Hände mit goldner Fessel geschürzt, zur Strafe in der Luft schwebtest, und kein Olympischer dir zu nahen wagte, ohne von mir auf die Erde geschleudert zu werden, damals als du die Götter des Orkans gegen meinen Sohn Herkules aufgewiegelt? Verlangt dich darnach zum zweitenmale?“ Juno stutzte eine Weile schweigend, dann sprach sie: „Himmel und Erde und die Fluth des Styx sollen meine Zeugen seyn, daß nicht mein Geheiß den Erderschütterer gegen die Trojaner aufgehetzt hat, ihn wird die eigne Regung getrieben haben. Ja eher möchte ich ihm selbst freundlich zureden, daß er deinem Befehle, du wolkig Blickender, sich füge.“ Jupiters Stirne wurde heiterer, denn noch immer wirkte der Gürtel Aphrodite's, den Juno bei sich trug. Endlich sprach er besänftigt: „Hegtest du im Rathe der Unsterblichen gleiche Gesinnung mit mir, Gemahlin, so würde freilich Neptunus seinen Sinn bald nach unser beider Herzen umlenken. Wenn es dir aber Ernst ist, so geh und rufe mir Iris und Apollo herbei, daß jene meinem Bruder befehle, aus dem Kampf zum Pallaste heimzukehren, und Phöbus Apollo den Hektor heile, zur Schlacht aufmuntere und mit neuer Kraft be¬ seele!“ Mit erschrockenem Antlitze gehorchte Juno, und trat in den olympischen Saal ein, wo die Unsterblichen zechten. Diese sprangen ehrerbietig von den Sitzen em¬ por und streckten ihr die Becher entgegen. Sie aber ergriff den Becher der Themis, schlürfte vom Nektar, und mel¬ dete Jupiters Machtgebot. Windschnell fuhr Iris hinab auf das Schlachtfeld. Als Poseidon den Befehl seines Bruders aus ihrem Munde vernahm, sprach er zuerst un¬ muthsvoll: „Traun, das ist nicht brüderlich gesprochen! Auch soll er nicht mit Gewalt meinen Willen hemmen, denn ich bin, was er ist; hat gleich das Loos um die Herrschaft mir nur das graue Meer zugetheilt, dem Pluto die Hölle, und ihm den Himmel. Die Erde wie der Olymp ist uns Allen gemein!“ — „Soll ich diese trotzige Rede, so wie du sie gesprochen, dem Göttervater über¬ bringen?“ fragte Iris zögernd. Da besann sich der Gott, und das Heer der Danaer verlassend, rief er: „Nun wohl, ich gehe! Das aber wisse Jupiter, trennt er sich von mir und den andern olympischen Freunden der Grie¬ chen, und beschließt Troja's Vertilgung nicht, so entflammt uns unheilbarer Zorn!“ So sprach er, in die Fluthen tauchend; und augenblicks vermißten die Danaer seine Gegenwart. Seinen Sohn Phöbus Apollo sandte dagegen Jupiter zu Hektor vom Olymp hinab. Dieser fand ihn nicht mehr lie¬ gend auf dem Boden, sondern schon wieder aufgerichtet, und von Zeus gestärkt. Der Angstschweiß hatte nachgelassen, der Athem war leichter, ihn erfrischte wiederkehrendes Leben. Als Apollo sich ihm mitleidig näherte, blickte er traurig auf und sprach: „Wer bist du, Bester der Himmlischen, der nach mir fragt? Hast du es schon gehört, daß der gewaltige Ajax mich bei den Schiffen mit einem Stein an die Brust getroffen und mitten im Siege gehemmt hat? Glaubte ich doch noch an diesem Tage den schwarzen Hades schauen zu müssen!“ — „Sey getrost,“ antwortete ihm Apollo, „siehe, mich selbst, seinen Sohn Phöbus, sen¬ det dir Jupiter, dich ferner, wie ich wohl auch von selbst früher gethan habe, von nun an auf sein Geheiß zu schir¬ men, und ich werde das goldene Schwert, das du in meinen Händen siehest, für dich schwingen. Besteige dei¬ nen Wagen wieder, ich selbst eile voran, ebne euren Ros¬ sen den Weg, und helfe dir die Griechen in die Flucht jagen!“ Kaum hatte Hektor die Stimme des Gottes vernom¬ men, so sprang er, wie ein muthiges Roß das Halfter an der Krippe zerreißt, vom Boden auf und schwang sich in seinen Wagen. Die Griechen aber, als sie den Helden herbeifliegen sahen, standen starr und ließen plötzlich von der Verfolgung ab, wie Jäger und Hunde, die einem Hirsch ins Waldesdickicht nachfolgen, vor einem zottigen Löwen erschrecken, der ihnen plötzlich drohend in den Weg kommt. Der Erste, der Hektors ansichtig geworden, war der Aetolier Thoas, ein beredter Mann, der sogleich die ersten Fürsten der Griechen, in deren Mitte er kämpfte, aufmerksam machte und ausrief: „Wehe mir, welch Wun¬ der erblicke ich mit meinen Augen dort! Hektor, den wir Alle unter dem Steinwurfe des Telamoniers stürzen sa¬ hen, kommt aufrecht auf dem Wagen heran, freudigen Muthes dem Vorkampfe zueilend; gewiß ihm steht Jupiter der Donnerer zur Seite! So gehorchet denn meinem Rathe: heißt die Masse des Heeres sich auf die Schiffe zurückziehen; wir aber, die Tapfersten im Heere, wollen ihm mit Abwehr begegnen; und unsre Schaar zu durch¬ brechen wird er sich scheuen, wenn er auch noch so mör¬ derisch herantobt.“ Die Helden gehorchten dem vernünftigen Rathe; sie beriefen die edelsten Fürsten und Kämpfer und diese rei¬ heten sich schnell um die beiden Ajax, um Idomeneus, Meriones und Teucer her: hinter ihnen aber zog sich alles Volk auf die Schiffe zurück. Die Trojaner ihrer¬ seits drangen mit Heereskraft vor; sie führte Hektor, hoch auf seinem Streitwagen stehend; ihn selbst, in Gewölk eingehüllt, Apollo der Gott, den grauenvollen Aegisschild in der Hand. Die griechischen Helden harrten der Feinde in gedrängtem Häuflein; lautes Geschrei stieg aus beiden Heeren: bald sprangen die Pfeile und sausten die Speere; aber die Geschosse der Trojaner hafteten alle in Feindes¬ leibern, weil Phöbus Apollo mit ihnen war, und sobald dieser die gräßliche Aegide gegen das Antlitz der Danaer schüttelte, laut und fürchterlich aus seiner dunkeln Wolke dazu aufschreiend, bebte den Griechen das Herz im Busen und sie vergaßen der Abwehr. So erschlug denn Hektor zuerst den Führer der Böotier, Stichius, dann Arcesilaus, den edeln Genossen des Menestheus; Aeneas raubte dem Athener Jasus und dem Medon, dem Halbbruder des lokrischen Ajax, Leben und Waffen, vor Polydamas sank Mekistheus, vor Polites Echius, und Klonius vor Agenor; den Diochus aber, der aus dem Vorderkampfe floh, erschoß Paris durch den Rücken, daß die Lanzenspitze zur Brust herausdrang. Während die Trojaner diese alle der Rüstungen entblösten, flohen die Griechen in Verwirrung, dem Graben und den Pfählen zustürzend, bebten da und dorthin und manche retteten sich in der Noth auch schon über die Mauer. Hektor rief unter seine Trojaner hinein, daß es hallte: „Laßt die Leichname in ihren blutigen Rü¬ stungen liegen, und sprenget geradenwegs auf die Schiffe zu. Wen ich nicht auf dem Wege dorthin treffe, der ist des Todes!“ So rief er, geißelte seine Rosse über die Schultern und lenkte dem Graben zu, und ihm folgten alle Helden Troja's mit ihren Streitwagen. Apollo stampfte mit seinen Götterfüßen die emporragenden Rän¬ der des Grabens in der Mitte hinab und schuf ihnen so die Brücke eines Pfades, so lang und breit als der Schwung eines Wurfspießes reicht. Auf diesem Wege überschritt der Gott selbst zuerst den Graben, und mit einem Stoße seiner Aegide warf er die Mauer der Grie¬ chen über den Haufen, wie ein am Meeresufer spielendes Kind den Sandhaufen, den es aufgebaut hat, auseinander stört. Die Griechen waren jetzt wieder in den Schiffs¬ gassen zusammengedrängt und hoben ihre Hände flehend zu den Göttern empor. Auf Nestors Gebet aber donnerte Jupiter mit gnädigem Halle. Die Trojaner deuteten das Zeichen vom Himmel zu ihren eigenen Gunsten, stürzten sich mit Wuthausruf durch die Mauerbrücke mit Roß, Wagen und Mann und kämpf¬ ten von ihren Streitwagen herab, während die Griechen sich auf die Verdecke ihrer Schiffe flüchteten und von ihren Borden herab sich wehrten. Während Griechen und Trojaner noch um den Wall kämpften, saß Patroklus immer noch in dem schönen Zelte des Helden Eurypylus, und pflegte die Wunde desselben, lindernde Säfte darein träufelnd. Als er aber hörte, wie die Troer mit Macht an die Mauer rannten, und das Schwab , das klass. Alterthum. II. 14 Getümmel und Angstgeschrei der flüchtenden Danaer vor seine Ohren kam, schlug er sich die Hüfte mit der flachen Hand und rief laut aufjammernd: „Nein, Eurypylus, so gerne ich dich noch weiter pflegen möchte, länger darf ich nicht bei dir verweilen, denn draußen wird es zu laut! So behilf dich denn mit deinem Waffengenossen. Ich selbst aber eile zu meinem Freunde dem Peliden und ver¬ suche es, ob ich mit Hülfe der Götter und mit meinem Zuspruche ihn nicht zu bewegen vermag, an der Feldschlacht endlich wieder Antheil zu nehmen!“ Kaum hatte er aus¬ gesprochen, als seine behenden Füße ihn auch schon aus dem Zelte trugen. Inzwischen tobte der Kampf bei den Schiffen, ohne daß der Vortheil sich auf Eine Seite geneigt hätte. Um eines der Schiffe stritten sich Hektor und Ajax; aber jener vermochte diesen nicht vom Borde zu vertreiben, und den Feuerbrand in das Fahrzeug zu werfen; dieser nicht, jenen zu verdrängen. Der Speer des Telamoniers streckte Kaletor, den Verwandten Hektors, an dessen Seite nieder; die Lanze Hektors traf Lykophron, den Streitgenossen des Ajax. Auf seinen Fall eilte Teucer dem Bruder zu Hülfe, und schoß dem Wagenlenker des Polydamas, Klitus, einen Pfeil in den Nacken. Polydamas, der zu Fuße focht, hemmte die leer davon eilenden Rosse. Ein zweiter Pfeil Teucers flog auf Hektor, aber Jupiter ließ die Sehne zerreißen und das Geschoß seitwärts abirren; der Bogenschütze empfand schmerzlich die feindselige Gewalt des Gottes. Ajax ermahnte den Bruder, Bogen und Pfeil zu lassen, und zu Schild und Speer zu greifen; dieß that der Held und bedeckte sich mit einem stattlichen Helme. Hektor dagegen rief seinen Kämpfern zu: „Muthig fortgestritten, ihr Männer! Eben sah ich, wie der Don¬ nerer der tapfersten Griechen Einem das Geschoß zer¬ brochen hat! Drum auf mit Heereskraft zum Schiffs¬ kampfe. Mit uns sind die Götter!“ „Schande über euch, Argiver, rief auf der andern Seite Ajax, „nun gilts zu sterben, oder den Schiffen Rettung zu schaf¬ fen! Wenn der gewaltige Hektor diese mit Feuer zerstört, gedenket ihr zu Fuße über die Meerfluth heimzu¬ kehren? Oder meint ihr, Hektor lade euch zum Reigen¬ tanz und nicht zum Kampfe? Viel besser ist's, die Wahl des Todes oder Lebens zu beschleunigen, als in schmäh¬ licher Unentschiedenheit hinzuschmachten, von schlechteren Männern, die hinter dem Schirme der Götter fechten, ver¬ tilgt!“ So rief Ajax und streckte einen Trojanerhelden nieder, aber für jeden Fallenden vergalt ihm Hektor mit dem Fall eines Andern. Endlich entspann sich ein mör¬ derischer Kampf um die Leiche und Rüstung des Dolops, den Menelaus gefällt hatte. Hektor bot alle Brüder und Verwandte auf; Ajax und seine Freunde dagegen umzäun¬ ten die Schiffe mit einem ehernen Gehäge von Schilden und Lanzen. Da munterte Menelaus den schmucken Sohn des Nestor, Antilochus, auf und rief ihm zu: „Es ist doch keiner jünger und schneller im ganzen Heer, als du, und auch nicht tapferer, o Jüngling! Es wäre schön, wenn du hervorsprängest und einen der Trojaner erlegtest!“ So reizte er den Antilochus, der sofort aus dem Gewühle hervoreilte, sich umschaute und den blinkenden Wurfspeer absandte. Als er zielte, flohen die Trojaner auseinander, dennoch traf sein Geschoß den Melanippus, den Sohn Hiketaons, unter der Brustwarze, daß er zusammenstürzte und die Waffen um ihn prasselten. Herzusprang Antilochus, 14 * wie der Hund auf das Hirschkalb, das der Jäger auf der Lauer durchschossen; als ihm aber Hektor entgegenlief, entfloh er wie ein Wild, das Hund oder Hirten der Heerde zerrissen, und sich Böses bewußt davon flieht, wenn es eine Männerschaar herannahen sieht. Die Ge¬ schosse der Trojaner folgten ihm und Antilochus wandte sich erst wieder um, als er bei den Seinigen in Sicher¬ heit war. Nun stürzte Troja's Volk wie eine Schaar blutgieri¬ ger Löwen unter die Schiffe: Jupiter hatte beschlossen, den unbarmherzigen Wunsch der mit ihrem Sohne Achilles zürnenden Thetis ganz zu gewähren. Doch wartete er nur darauf, bis er die aufflackernde Lohe eines einzigen in Flammen gesetzten Schiffes erblickte, um alsdann wieder Flucht und Verfolgung über die Trojaner zu verhängen, und den Griechen aufs Neue Siegesruhm zu gewähren. Hektor wüthete unterdessen voll Grimm: der Schaum stand ihm um die Lippen, die Augen funkelten ihm unter den düsteren Brauen, und fürchterlich wehte der Busch von seinem Helme. Weil ihm nur noch wenige Lebenstage gewährt waren, so rüstete ihn Zeus vor allen Männern noch einmal mit Kraft und Herrlichkeit aus: denn schon lenkte ihm Pallas Athene das grause Todesverhängniß entgegen. Jetzt aber durchbrach er die Reihen der Feinde, wo er die dichtesten Haufen und die besten Rü¬ stungen sah. Aber er versuchte lang umsonst einzubrechen; die dichtgeschlossene Schaar der Danaer stand wie ein gethürmter Meerfels, an dem die Brandung umsonst in die Höhe schäumt; dennoch warf er sich auf die Heer¬ schaaren, wie im Sturm eine Woge sich in ein Schiff hineinstürzt, daß endlich ein Grauen sich der Griechen bemächtigte, und sie mit einander die Flucht ergriffen. Einem jedoch, der, als er zur Flucht sich umdrehte, unten am Schilde sich stieß und rückwärts fiel, — es war der Sohn des berüchtigten Kopreus, Periphetes aus Mycene, ein besserer Mann, als sein häßlicher Vater, — bohrte dicht bei seinen fliehenden Genossen Hektor die Lanze in die Brust. Schon wichen die Griechen von den vorderen Schiffen zurück, doch zerstreuten sie sich nicht durch die Gassen des Lagers, sondern Schaam und zugleich Furcht hielt sie bei den Zelten in Schaaren aufgestellt zusammen, und sie ermahnten einander gegenseitig, vor allen der greise Held Nestor, der mit seinem Schlachtruf die Herzen der Män¬ ner ermuthigte. Ajax der Telamonier aber umwandelte die Schiffsverdecke, ein zwei und zwanzig Ellen langes Ruder, mit Eisenringen gefügt, in seiner Rechten, und wie ein geschickter Rossespringer von einem Pferde aufs andre zum Staunen der Zuschauer hüpft, so sprang er von einem Schiffsgetäfel aufs andere und schrie mit schrecklicher Stimme zu den Griechen hinab, Schiffe und Zelte zu vertheidigen. Aber auch Hektor weilte nicht un¬ thätig im Haufen der Seinigen, sondern wie ein funkeln¬ der Adler auf die Schaaren von Kranichen oder Schwä¬ nen stürzt, die sich am Ufer eines Stroms gelagert haben, so drang er geradenwegs auf eines der Meerschiffe stür¬ mend los, Jupiter selbst gab ihm im Rücken einen Stoß, daß er voranflog und seine ganze Schaar ihm nachstürmte. Da erhub sich von Neuem um die Schiffe ein erbit¬ terter Kampf: die Griechen wollten lieber sterben als entfliehen, von den Trojanern aber hoffte ein Jeder, den ersten Fackelbrand in die Schiffe zu schleudern. Und nun faßte Hektor das Steuer-Ende des schönen Schiffes, das den Protesilaus gen Troja geführt hatte, aber nicht wie¬ der heimbringen sollte, weil er der erste war, der nach der Landung im Gefechte gegen die Trojaner gefallen war. Um dieses Schiff kämpften und mordeten jetzt Da¬ naer und Troer; da war keine Rede mehr von Bogen¬ schuß oder auch nur von Speerwurf: zusammengedrängt schwangen alle nur scharfe Beile, Aexte und Schwerter gegeneinander und führten Lanzen zum Stich. Manches gute Schwert stürzte dort aus der Hand in den Staub, oder von den Schultern der Streitenden herab, und der Boden schwamm in Blut. Hektor aber, nachdem er ein¬ mal das Schiff gefaßt, umklammerte es fest und rief: „Jetzt Feuer her und den Schlachtruf erhoben! Jetzt schickt uns Jupiter den Tag, der uns für alle andern schadlos hält! Jetzo die Schiffe erobert, welche uns so viel Jam¬ mer gebracht haben! Jetzt wird kein Aeltester uns hin¬ dern, den Sieg zu benützen, Jupiter selbst ermahnt und befiehlt uns jetzt!“ Auch Ajax vermochte Hektor's Andrange nun nicht mehr zu widerstehen, die Geschosse drängten ihn zu sehr, er wich ein wenig vom Verdecke des Schiffs und schwang sich auf die Bank des Steuermanns. Aber auch von hier aus spähte er umher, wo abzuwehren sey, und richtete seine Lanze gegen die mit Feuerbränden eindringenden Trojaner; zugleich donnerte er seine Volksgenossen an: „Freunde, jetzt seyd Männer! oder wähnet ihr, hinter den Schiffen stehen euch noch andere Helfer, noch ein stärkerer Wall, der euch schirmen könnte? Ihr habt keine Stadt, hinter deren Mauern ihr euch flüchten könntet, wie die Trojaner; auf Feindesboden, fern vom Lande der Väter, an den Meeresrand sind wir hingedrängt! Unser ganzes Heil beruht nur auf unserem Arme!“ So rief er, und empfing jeden Feind, der mit einer Fackel sich dem Schiffe näherte, mit einem Lanzenstich, daß bald zwölf Leichen vor ihm den Boden deckten. Tod des Patroklus. Indeß um das Schiff, auf welchem Ajax stand, auf Tod und Leben gekämpft wurde, war Patroklus, als er das Zelt des wunden Eurypylus verlassen, zu seinem Freunde Achilles geeilt, und als er in dessen Lagerhütte eintrat, stürzten ihm die Thränen aus den Augen, wie eine finstre Quelle, die ihr dunkles Wasser aus steilen Klippen gießt. Mitleidig sah ihn der Pelide an und sprach zu ihm: „Du weinst ja, wie ein kleines Mädchen, Freund Patroklus, das der Mutter nachläuft und nimm mich schreit, und sich lang an ihr Kleid anklammert, bis die Mutter es aufhebt! Bringst du meinen Myrmidonen, mir oder dir selbst schlimme Botschaft aus Phthia? Ich weiß doch, dein Vater Menötius lebt, mein Vater Peleus lebt! Oder beklagst du vielleicht das Volk von Argos, daß es so jämmerlich zu Grunde geht, zum Lohn seines eigenen Frevels? Rede nur immer ehrlich heraus und laß mich Alles wissen!“ Schwer seufzte bei dieser Frage Patroklus auf, und sprach endlich: „Zürne mir nicht, erhabenster Held! Aller¬ dings lastet der Gram der Griechen schwer auf meiner Seele! Alle Tapfersten liegen von Wurf oder Stoß ver¬ wundet bei den Schiffen umher; wund ist Diomedes; lan¬ zenwund Odysseus und Agamemnon; den Eurypylus traf ein Pfeil in den Schenkel: sie alle sind den Aerzten zur Heilung übergeben, statt daß sie in nnsern Reihen kämpfen sollten. Du aber bleibst unerbittlich; nicht Peleus und Thetis, der Mensch und die Göttin, können deine Eltern seyn; dich muß das finstre Meer oder ein starrer Fels geboren haben, so unfreundlich ist dein Herz! Nun denn, wenn die Worte deiner Mutter und ein Bescheid der Göt¬ ter dich zurückhalten: so sende wenigstens mich und deine Krieger ab, ob wir den Griechen nicht vielleicht Trost bringen. Laß mich deine eigene Rüstung anlegen: leicht mag es seyn, wenn die Trojaner mich sehen und dich zu erblicken glauben, daß sie vom Kampf abstehen und den Danaern Zeit lassen, sich zu erholen!“ Aber Achilles erwiederte unmuthig: „Wehe mir, Freund! Nicht das Wort meiner Mutter, auch kein Götterausspruch hindert mich; nur der bittere Schmerz, daß ein Grieche es gewagt hat, mich, den Ebenbürtigen, des Ehrengeschenks zu berauben, frißt mir an der Seele. Dennoch habe ich mir nicht vorgesetzt, ewig zu grollen, und war von jeher entschlossen, wenn das Schlachtgetüm¬ mel bis zu den Schiffen gelangen sollte, meinem Groll Abschied zu sagen. Selber Antheil am Kampfe zu nehmen, kann ich mich zwar noch nicht entschließen; du aber hülle immerhin deine Schultern in meine Rüstung, und führe auch unser streitbares Volk zum Kampfe. Stürze mit aller Macht auf die Trojaner, und treibe sie aus den Schiffen fort! Nur an Einen lege die Hände nicht, und dieß ist Hektor; auch hüte dich, daß du nicht einem Gott in die Hände fallest: denn Apollo liebt unsre Feinde! Wenn du die Schiffe gerettet hast, kehre wieder um. Die Andern mögen sich dann auf dem offenen Felde gegenseitig ermorden; denn eigentlich wäre es doch am Besten, wenn gar kein Trojaner von Allen und auch kein Danaer davon käme, und wir zwei allein der Vertilgung entgingen und Troja's Mauern niederreissen könnten!“ Bei den Schiffen athmete inzwischen Ajax immer schwerer: sein Helm rasselte von feindlichen Geschossen, die Schulter, vom aufliegenden Schilde beschwert, fing an, ihm zu erstarren: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern herab, und keine Erholung durfte er sich gönnen. Als nun vollends Hektors Schwert ihm die Lanze dicht am Oehre durchschmetterte, daß der verstümmelte Theil in seiner Hand blieb, und die eherne Spitze klirrend auf den Boden fiel, da erkannte Ajax, daß die Gewalt eines Gottes den Griechen entgegen sey, und entwich dem Ge¬ schoß. Und nun warf Hektor mit den Seinigen einen mächtigen Feuerbrand in das Schiff, und bald schlug die Flamme lodernd um das Steuerruder zusammen. Als Achilles von seinem Zelt aus das Feuer von dem Schiffe auflodern sah, da durchzuckte auch den unbeug¬ samen Helden der Schmerz. „Auf, edler Patroklus,“ rief er, „erhebe dich, daß sie die Schiffe nicht nehmen und den Unsrigen jeden Ausweg versperren! Ich selbst will hingehen, mein Volk zu versammeln.“ Patroklus war des Wortes froh, das er aus dem Munde seines Freun¬ des vernommen hatte; eilig legte er die Beinschienen an, schnallte den kunstvoll gearbeiteten Harnisch um die Brust, hing sich das Schwert um die Schulter, setzte den von Roßhaaren umwallten Helm aufs Haupt, griff mit der Linken zum Schilde, mit der Rechten faßte er zwei mächtige Lanzen. Gern hätte er den mörderischen Speer seines Freundes Achilles selbst genommen, der aus einer Esche des thessalischen Berges Pelion gezimmert war und den sein Erzieher, der Centaure Chiron, dem Vater Pe¬ leus geschenkt hatte; dieser aber war so groß und schwer, daß ihn ausser dem Peliden kein anderer Held schwingen konnte. Nun ließ Patroklus seinen Freund und Wagen¬ lenker Automedon die Rosse Xanthus und Balius anschir¬ ren, die unsterblichen Kinder der Harpyie Podarge und des Zephyrus, die Achilles einst aus der Stadt Thebe als Beute fortgeführt hatte: Achilles aber rief sein Myrmido¬ nenvolk unter die Waffen, und diese stürmten schlacht¬ begierig, hungrigen Wölfen gleich, herbei, je fünfzig Männer aus den fünfzig Schiffen; ihre Schlachtreihen führten fünf Kriegsobersten: Menesthius, der Sohn des Stromgottes Sperchius; Eudorus, der Sohn Merkurs und der Jungfrau Polymele; Pisander, der Sohn des Mämalus, nach Patroklus der beste Kämpfer in der Schaar; endlich der ergraute Phönix und Alcimedon, der Sohn des Laerkes. Den Abziehenden rief der Pelide zu: „Vergesse mir Keiner, ihr Myrmidonen, wie oft ihr während meines Zornes den Trojanern gedroht und unmuthig meine Galle gescholten habt, welche die Streitgenossen mit Zwang vom Kampfe zurückhalte. Endlich ist die Stunde, nach der ihr geschmachtet, erschienen: kämpfe nun, wem es das mu¬ thige Herz befiehlt!“ Als er so gesprochen, zog er sich in sein Zelt zurück und holte aus dem Kasten, den, voll von Leibröcken, Decken und Mänteln, auch andern kost¬ baren Dingen, seine Mutter Thetis ihm mit aufs Schiff gegeben hatte, einen kunstreichen Becher hervor, aus dem kein anderer Mann je den funkelnden Wein getrunken hatte, und kein anderer Gott Dankopfer empfangen hatte, als der Donnerer. Aus diesem spendete er auch jetzt, in die Mitte seines Hofes tretend, unter Gebete dem Vater Jupiter, und bat ihn, den Griechen Sieg zu verleihen, seinen Waffengenossen Patroklus aber unverletzt zu den Schiffen zurückzugeleiten. Zu der ersten Bitte winkte Zeus Gewährung, zur zweiten schüttelte er sein Haupt, beides von dem Helden ungesehen. Achilles ging in sein Zelt zurück, den Becher wieder aufzubewahren, dann stellte er sich wieder vor sein Zelt, um dem blutigen Kampfe zwischen Griechen und Trojanern zuzusehen. Die Myrmidonen zogen indessen, den Führer Patro¬ klus an der Spitze, wie ein Wespenschwarm am Heerweg. Als die Trojaner ihn kommen sahen, schlug ihnen das Herz vor Schrecken und ihre Geschwader geriethen in Verwirrung, denn sie glaubten, Achilles selbst habe sich, den Groll aus der Seele verbannt, von den Zelten auf¬ gemacht, und schon fingen sie an umherzublicken, wie sie dem Verderben entrinnen könnten. Patroklus benützte ihre Furcht und schwang seine blinkende Lanze gerade in ihre Mitte hinein, wo am Schiffe des Protesilaus das Getüm¬ mel am stärksten war. Sie traf den Päonier Pyrächmes, daß er, an der rechten Schulter durchbohrt, wehklagend rücklings auf den Boden taumelte, und die Päonier um ihn her, alle betäubt, vor dem gewaltigen Patroklus flüch¬ teten. Das Schiff blieb halbverbrannt stehen; angstvoll flohen alle Trojaner, die Danaerhaufen stürzten sich in die Schiffsgassen zur Verfolgung; allenthalben tobte der Aufruhr. Doch faßten sich die Trojaner bald wieder und die Griechen sahen sich genöthigt, Mann für Mann zu Fuß zu kämpfen: Patroklus durchschoß dem Arilycus den Schenkel; Menelaus bohrte dem Thoas die Lanze in die Brust; Meges, der Neffe des Odysseus, durchstach dem Am¬ phiclus die Wade; Antilochus, Nestors Sohn, durchstieß dem Atymnius die Weiche; da flog Maris, voll Zorn über den Fall des Bruders, auf Antilochus zu, stellte sich vor den Erschlagenen und drohte mit der Lanze; doch ihm durchbohrte Thrasimedes, Nestors andrer Sohn, Schulter und Arm-Ende mit dem Speer, daß er sterbend zusammen¬ sank. Als so Brüder die Brüder zu Boden gestreckt hat¬ ten, sprang auch der schnelle kleine Ajax hervor und hieb dem vom Gedränge gehinderten Kleobulus auf der Flucht das Schwert in den Nacken. Penelus und Lykon rann¬ ten, beide sich verfehlend, mit den Lanzen gegeneinander; aber im Schwertkampf siegte der Danaer; Meriones traf den Akamas, als er eben den Wagen bestieg, und durch¬ bohrte ihm unter dem Hirn das Gebein des Kopfes, daß ihm die Zähne einstürzten und er Blut zu Mund und Nase herausröchelte. Der große Ajax sann auf nichts anderes, als wie er mit dem Speere Hektorn treffen könnte: dieser aber, voll Kriegserfahrung, deckte sich mit seinem stierledernen Schilde, daß Pfeile und Wurfspieße daran abprallten. Zwar hatte der Feldherr bereits erkannt, daß der Sieg sich von ihm und den Seinen abgewendet habe, dennoch verweilte er unerschüttert in der Schlacht, und dachte wenigstens darauf, seine theuren Genossen zu beschützen und zu retten. Erst als der Andrang unwiderstehlich wurde, kehrte er mit sei¬ nem Wagen um und flog mit seinen vortrefflichen Rossen über den Graben. Die andern Trojaner waren nicht so glücklich; viele Rosse ließen hier und dort im Graben die Wagen ihrer Herren zerschmettert an der Deichsel zurück; doch was glücklich hinüberkam, stäubte in der eiligsten Flucht nach der Stadt zurück, und Patroklus sprengte mit tönendem Rufe den noch diesseits des Grabens Dahinflie¬ genden nach: viele stürzten kopfüber unter die Räder ihrer Wagen, und geborstene Sitze krachten. Endlich sprang das unsterbliche Rossegespann des Peliden auch über den Graben, und Patroklus trieb sie an, den auf seinem Wa¬ gen dahineilenden Hektor zu erreichen. Dabei mordete er zwischen Schiffen, Mauer und Strom, was er antraf. Pronous, Thestor, Eryalus und neun andere Troer waren auf seinem stürmenden Weg theils dem Speerschwunge, theils dem Lanzenstiche, theils dem Steinwurfe des Siegers erlegen. Mit Schmerz und Ingrimm sah dieß der Lycier Sarpedon, ermahnte scheltend seine Heerschaar und sprang gerüstet von seinem Wagen zur Erde. Patroklus that ein Gleiches, und nun stürzten sie schreiend gegeneinander wie zwei scharfklauige, krummschnäblige Habichte. Mit Er¬ barmen sah Jupiter auf seinen Sohn Sarpedon hernie¬ der vom Olymp; aber Juno schalt ihn und sprach: „Was denkst du, Gemahl! Einen Sterblichen willst du schonen, der dem Tode doch schon längst verfallen ist? Bedenke, wenn alle Götter ihre Söhne aus der Schlacht entführen wollten, was aus den Geschicken, die du selber zu vollführen beschlossen hast, alsdann würde. Glaube mir, es ist besser, du lässest ihn in der Feldschlacht um¬ kommen, übergibst ihn dem Schlaf und dem Tode und gestattest seinem Volk, ihn aus dem Getümmel zu tragen, und dereinst in Lycien unter Grabhügel und Säule zu be¬ statten!“ Jupiter ließ die Göttin gewähren und nur eine Thräne fiel aus seinem Götterauge herab auf die Erde, dem fallenden Sohne geweiht. Die beiden Kämpfer hatten sich jetzt einander auf Schußweite genähert. Patroklus aber traf zuerst den tapfern Genossen Sarpedons, Thrasymelus; Sarpedons Speer verfehlte zwar den Helden, stieß aber dafür dem Beirosse Pedasus, das sterblich war, den Speer in die rechte Schulter; bei dem Stürzen des röchelnden wären auch die zwei unsterblichen Rosse scheu geworden: das Joch knarrte schon, die Zügel verwirrten sich, und sie wären ausgerissen, wenn nicht der Wagenlenker Automedon schnell sein Schwert von der Hüfte gerissen und den Strang des getödteten Rosses zerhauen hätte. Ein zweiter Lanzenwurf Sarpedons verfehlte den Gegner wieder, der Speer des Patroklus aber traf die߬ mal den Lycier ins Zwerchfell und er fiel zu Boden, wie eine Bergtanne unter der Axt, knirschte mit den Zähnen und griff mit der Hand in den blutigen Staub. Sterbend rief er seinen Freund Glaukus auf, mit den Lycierschaaren sich um seinen Leichnam zu werfen, und verschied. Da betete Glaukus zu Phöbus Apollo, ihm die Armwunde zu heilen, die Teucer ihm bei Erstürmung der Mauer mit dem Pfeile beigebracht hatte, und die ihn noch immer quälte, und zum Kampf unthätig machte. Der Gott er¬ barmte sich seiner und stillte auf der Stelle den Schmerz. Nun durcheilte er die Reihen der Trojaner und rief die Helden Polydamas, Agenor und Aeneas, Sarpedons Leichnam zu schützen, auf. Die Fürsten trauerten, als sie den Tod des Mannes vernahmen, der, obwohl aus frem¬ dem Geschlechte, doch ihre Stadt wie eine Säule stützte, aber ihre Trauer war nicht feige. Wild drangen sie auf die Danaer ein, und ihnen allen flog Hektor voran. Die Griechen dagegen entflammte Patroklus und so rannten sie gegeneinander mit grauenvollem Geschrei, um die Leiche des gefallenen Sarpedon kämpfend. Als einer ihrer tapfer¬ sten Krieger, Epigeus, der Sohn des Agakles, von einem Steinwurfe Hektors gefallen war, fingen zuerst die Myrmi¬ donen an zu weichen. Patroklus aber, den der Tod des Freundes bitter schmerzte, stürzte sich ins vorderste Ge¬ wühl, zerschmetterte dem Troer Sthenelaus den Rücken, und brachte die Trojaner wieder zum Weichen. Endlich kehrte sich unter diesen Glaukus zuerst wieder um, und durchstach den Myrmidonen Bathykles mit der Lanze; da¬ gegen traf Meriones den Laogonus, dessen Vater Onetor Priester des idäischen Zeus war: den Meriones aber ver¬ fehlte der Speer des gewaltigen Aeneas. Während diese Hohnworte mit einander wechselten, rief Patroklus ihnen zu: „Was schwatzet ihr, Helden? Im Arme sucht der Krieg die Entscheidung!“ Und damit drang er an der Spitze der Seinigen auf den Leichnam ein, und die Troer erwehrten sich seiner, daß die Leiche bald vom Haupte bis an die Sohlen von Geschossen, Staub und Blut zu¬ gedeckt war. Jupiter, der dem Kampfe aufmerksam zuschaute, be¬ dachte sich eine Weile über den Tod des Patroklus, aber es däuchte ihm besser, diesem vorerst noch Sieg zu verlei¬ hen, und so drängte denn der Freund des Peliden die Trojaner sammt den Lyciern zurück und der Stadt zu. Die Griechen beraubten den gefallenen König der Rüstung, und eben wollte ihn Patroklus seinen Myrmidonen über¬ geben, als Apollo auf Jupiters Geheiß vom Gebirge in die Feldschlacht herunter fuhr, den Leichnam auf seine göttlichen Schultern nahm, und ihn fern an den Strom des Skamander trug. Hier spülte er ihn im Gewässer rein, salbte ihn mit Ambrosia und gab ihn den Zwillingen Schlaf und Tod hinwegzutragen. Diese flogen mit ihm davon und brachten ihn in sein lycisches Heimathland. Aber Patroklus, vom bösen Geschicke getrieben, mun¬ terte seinen Wagenlenker und seine Rosse auf, und rannte den Trojanern und Lyciern nach, ins eigne Unheil. Neun Troern zog er ihre Rüstungen vom erlegten Leichnam ab, und tobte so unaufhaltsam im Lanzenkampfe voran, daß er die gethürmte Stadt Troja selbst erobert hätte, wäre nicht auf dem festesten Thurme der Gott Apollo ge¬ standen, und hätte auf das Verderben des Helden und auf die Beschirmung der Trojaner gesonnen. Dreimal stieg der Sohn des Menötius zur hervorragenden Mauerecke heran, und dreimal verdrängte ihn Apollo mit unsterb¬ licher Hand, den leuchtenden Schild ihm entgegen haltend, und sein „Weiche!“ rufend. Da entwich Patroklus mit eilendem Schritte vor dem Befehl des Gottes. Am skäischen Thore hielt der fliehende Hektor mit seinen Rossen inne, und besann sich einen Augenblick, ob er sie ins Schlachtgetümmel zurücktreiben oder seinem Volke gebieten sollte, sich in die Mauern der Stadt ein¬ zuschließen. Während er so unentschlossen die Zügel an¬ zog, nahte sich ihm Phöbus in der Gestalt von Hecuba's Bruder Asius, der ein Oheim des Fürsten war, und sprach zu ihm: „Hektor, was entziehst du dich dem Kampfe? Wär' ich so viel stärker, denn du, als ich schwächer bin, ich wollte dich für deine Unthätigkeit zum Hades senden. Aber wohlan, wenn du nicht gern solche Worte hörst, lenke deine Rosse dem Patroklus zu; wer weiß, ob dir Apollo nicht den Sieg schenkt.“ So raunte ihm der ver¬ mummte Gott ins Ohr und verlor sich im Gewühl der Schlacht. Da ermunterte Hektor seinen Wagenlenker Kebriones, einen Bastard seines Vaters, die Rosse wie¬ der in die Schlacht zu treiben, und Apollo drang vor ihm her in die Reihen der Griechen ein und richtete Verwir¬ rung unter ihnen an. Hektor aber rührte keinen andern Achi¬ ver an, sondern ging geraden Laufes auf Patroklus allein los. Als dieser ihn herannahen sah, sprang er aus dem Wagen, in der Linken den Speer, mit der Rechten einen zackigen Marmorstein vom Boden auflesend, mit dem er sofort den Kebriones zum Tod an die Stirne traf, daß der Wagenlenker auf den Boden hinabstürzte. Patroklus sandte dem Fallenden beissenden Spott nach und rief: „Bei den Göttern, ein behender Mann! Wie leicht er sich in den Staub taucht! Hat er das Taucherhandwerk etwa auf dem Meere gelernt, und einen Austernhandel getrieben?“ Mit diesen Worten sprang er wie ein Löwe auf die Leiche des zu Boden Gesunkenen ein, und Hektor wehrte sich um seinen Halbbruder; dieser faßte das Haupt des Erschlagenen, Patroklus den Fuß, und von beiden Seiten schlugen Troer und Danaer drein, wie wenn Ost- und Südwind miteinander kämpfen. Gegen Abend ent¬ schied sich das Gefecht zu Gunsten der Achiver: sie ent¬ rissen die Leiche des Kebriones den Geschossen, und beraub¬ ten ihn seiner Rüstung. Und nun warf sich Patroklus mit verdoppelter Wuth auf die Trojaner und erschlug ihrer dreimal neune. Aber als er das viertemal angestürmt kam, lauerte der Tod auf ihn, denn Phöbus Apollo selbst be¬ gegnete ihm in der Schlacht. Patroklus bemerkte den Herannahenden nicht, denn er war in dichtes Nebelgewölk eingehüllt. Apollo aber stellte sich hinter ihn und versetzte dem Helden mit der flachen Hand einen Schlag auf Rücken Schwab , das klass. Alterthum. lI. 15 und Schulter: da schwindelte es ihm vor den Augen; alsdann schlug der Gott ihm den Helm vom Haupte, daß er weit hin in den Sand klingend unter die Pferdehufe dahin rollte und der Helmbusch mit Staub und Blut be¬ sudelt ward. Nun zerbrach er ihm die Lanze in der Hand, löste ihm den Schildriemen von der Schulter und den Harnisch vom Leibe, und betäubte ihm sein Herz, daß er vor sich hinstarrend dastand. Nun durchbohrte ihn Euphor¬ bus, der Sohn des Panthous, ein tapferer Krieger, der schon zwanzig Griechen gefällt hatte, von hinten mit der Lanze, und eilte in die Heerschaar zurück. Hektor aber rannte jetzt wieder aus der Schlachtreihe hervor, und stieß dem schon verwundeten von vorne den Speer in die Weiche des Bauchs, daß die Erzspitze hinten wieder her¬ vordrang. So bezwang er ihn, wie ein Löwe den Eber am Gebirgsquell bezwingt, wohin sie beide zu trinken gekommen sind. Er entriß ihm mit dem Speere zugleich das Leben, und rief frohlockend: „Ha, Patroklus! Du hattest im Sinn, unsre Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln, und unsre Weiber als Mägde auf den Schif¬ fen in eure Heimath zu führen! Nun habe ich ihnen den Tag der Knechtschaft wenigstens aufgeschoben, und dich werden die Geier fressen! Was hat dir nun dein Achilles geholfen?“ Mit schwacher Stimme antwortete ihm der sterbende Patroklus: „Frohlocke du immerhin nach Herzenslust, Hektor! Jupiter und Apollo haben dir Siegesruhm ge¬ währt ohne Mühe, denn sie sind es, die mich entwaffnet haben; sonst hätte meine Lanze dich und zwanzig deines Gleichen gebändigt! Vor den Göttern hat mich Phöbus, vor den Menschen Euphorbus bezwungen. Du nimmst mir nur die Rüstung ab! Aber Eines verkünde ich dir: du wirst nicht lange mehr so einhergehen: das Verhängniß steht dir schon zur Seite und ich weiß, durch wen du sin¬ kest!“ Er brachte mit Mühe diese Worte hervor, und die Seele verließ die Glieder des Leibes und entflog hinunter zum Hades. Hektor aber rief dem Gestorbenen noch zu: „Was willst du mir da für Verderben weissagen, Patroklus? Wer weiß, ob nicht Achilles selbst von meiner Lanze durch¬ bohrt, sein Leben aushauchen wird?“ Unter solchen Wor¬ ten zog er, die Ferse anstemmend, ihm den ehernen Speer aus der Wunde und schwang den Todten rücklings auf den Boden. Dann kehrte er die noch vom Blute des Patroklus triefende Lanze gegen seinen Wagenlenker Auto¬ medon. Doch diesen retteten die unsterblichen Rosse vor dem nachsprengenden Verfolger. Um die Leiche des Patroklus zankten sich derweil mit den Waffen Euphorbus der Trojaner, und Menelaus der Atride. „Du sollst es mir büßen,“ rief jener, „daß du mir den Bruder Hyperenor erschlagen und sein Weib zur Wittwe gemacht!“ Und damit rannte er mit der Lanze gegen den Schild des Atriden an, aber die Eisenspitze bog sich. Nun erhob auch Menelaus die Lanze und bohrte sie dem Feinde mitten in den Schlund, daß die Spitze zum Genicke herausdrang, und sein zierlich gelocktes, mit Gold und Silber durchringeltes Haar vom Blute trof. So sank er in den Staub, unter dem Klirren seiner Waf¬ fen, deren ihn sofort Menelaus beraubte; und er hätte die Rüstung fortgetragen, wenn ihn nicht Apollo darum beneidet hätte. Dieser aber spornte den Hektor, in Gestalt des Mendes, des Fürsten der Cikonen, an, von den un¬ sterblichen Rossen des Peliden, die Automedon entführte, 15 * als einer unerreichbaren Beute, abzulassen, und sich wieder der Leiche des Euphorbus zuzuwenden. Er kehrte um, und plötzlich ward er den Fürsten Menelaus gewahr, wie er sich die herrliche Wehre des Euphorbus, über den blutenden Leichnam hingebückt, zueignete. Dieser vernahm den schmetternden Weheruf des trojanischen Helden, und mußte sich erröthend gestehen, daß er dem mit seinen Troerschaaren heranstürmenden Hektor nicht Stand halten könne. So wich denn Menelaus, Leichnam und Rüstung zurücklassend, doch nur unwillig, schaute sich, zurückeilend, von Zeit zu Zeit um, stand still und suchte den großen Ajax in der Schlacht. Als er ihn endlich zur Linken im Gemenge des Treffens erkannte, eilte er auf ihn zu und forderte ihn auf, mit ihm selbst dem Kampf um die Leiche des Patroklus zuzueilen. Es war die höchste Zeit, als beide sich wieder dem Platze näherten, wo der Sohn des Menötius gefallen war. Denn Hektor beschäftigte sich eben damit, nachdem er dem Leichnam des Patroklus die Rüstung abgezogen, diesen an sich zu ziehen, um ihm mit dem Schwerte den Kopf von der Schulter zu hauen, und den geschleiften Leib den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Wie er aber den Ajax unter seinem siebenhäutigen Stier¬ schilde herannahen sah, ließ er von dem blutigen Vorha¬ ben ab, und flüchtete sich schnell in die Schaar seiner Streitgenossen zurück. Dort sprang er empor in seinen Wagen, und übergab die Rüstung des Patroklus den Freunden, damit sie ihm dieselbe zur Stadt trügen, wo sie als Denkmahl seines Ruhmes aufbewahrt werden sollte. Vor die Leiche selbst warf sich Ajax wie ein Löwe vor seinen Jungen hin, und neben ihm stellte sich Mene¬ laus auf. Glaukus der Lycier aber heftete einen finstern Blick auf Hektor und sprach zu ihm die strafenden Worte: „Umsonst erhebt dich der Ruf, Hektor, wenn du dich so zagend vor dem Helden flüchtest! Denke nur darauf, wie du allein die Stadt vertheidigest! Wenigstens ficht hinfort kein Lycier mehr an deiner Seite. Denn welchen geringeren Mann im Heere wirst du vertheidigen, nachdem du unsern Fürsten Sarpedon, deinen Gastfreund und Kampfgenossen, den Danaern und den Hunden preisgege¬ ben, hast liegen lassen? Wären die Trojaner an Kühn¬ heit uns gleich, so würden wir bald die Leiche des Pa¬ troklus in die Mauern Troja's hereinziehen; dann würden die Achiver auch bald den Leichnam Sarpedons abliefern, um nur wieder seine Rüstung zu erhalten!“ Es wußte nämlich Glaukus nicht, daß Apollo die Leiche Sarpedons den Griechen entführt hatte. „Du bist nicht klug, Freund Glaukus,“ erwiederte Hektor, „wenn du meinst, ich fürchte mich vor der Ueber¬ macht des Ajax. Noch kein Kampf je hat mir Grauen gemacht. Aber Jupiters Rathschluß ist mächtiger, als unsre Tapferkeit. Jetzt jedoch tritt näher, mein Freund, schau mein Thun an, und urtheile, ob ich so verzagt sey, wie du so eben gesprochen!“ Mit diesen Worten flog er seinen Freunden nach, welche die Waffen des Peliden, die Patroklus angethan hatte, als Beute der Stadt zu¬ trugen. Er vertauschte, bei ihnen angekommen, seine eigne Rüstung mit der Rüstung des Achilles, und zog die unsterb¬ liche Wehre an, welche die Götter des Himmels selbst dem Helden Peleus bei seiner Hochzeit mit der Meeres¬ göttin Thetis geschenkt hatten, und die der Vater dem Sohne übergeben, als er zu altern anfing. Aber der Sohn sollte nicht alt werden in den Waffen des Vaters. Als der Herr der Götter und Menschen aus der Höhe zuschaute, wie Hektor die Waffen des göttergleichen Helden Achilles anlegte, schüttelte er mit trübem Ernste sein Haupt und sprach in seines Herzens Tiefe: „Du Armer, du ahnest doch auch gar nichts von dem Todes¬ geschicke, das schon an deiner Seite geht. Du hast dem erhabenen Helden, vor dem auch Andere zittern, seinen geliebten Freund erschlagen, hast ihm von Haupt und Schultern die Rüstung abgezogen, und schmückst dich jetzt mit der unsterblichen Wehr des Sohnes der Göttin. Den¬ noch, weil dich keine Wiederkehr aus der Schlacht erwar¬ tet, und dir deine Gattin Andromache diese schönen Waf¬ fen nicht ablösen, und dich nie mehr begrüßen wird, so will ich dir zur Entschädigung noch Einmal Siegesruhm verleihen.“ Als Jupiter so sprach, schloß sich die Rüstung enger an Hektors Leib, der kriegerische Geist des Mars durchdrang ihn, seine Glieder strotzten ihm innerlich von Kraft und Stärke. Mit lautem Zuruf sprengte er zu den Bundesgenossen und führte sie ermunternd, mit erhöhten Lanzen, gegen den Feind. Da entbrannte der Kampf aufs Neue um des Patroklus Leiche, und Hektor wüthete so mit Morden, daß Ajax selbst zu Menelaus sprach: „Trauter Held, ich bin nicht mehr so sehr um unsern todten Patroklus besorgt, der nun einmal die Speise tro¬ janischer Vögel und Hunde werden muß, als um mein eigenes Haupt und um das deine. Denn Hektor umringt uns mit seinen Kriegsschaaren wie eine Wolke. Versuch es daher, ob die Helden der Danaer unsern Hülferuf nicht hören!“ Menelaus erhub seine Stimme, so laut er vermochte, und der Erste, der den Ruf hörte, war Ajax der Lokrer, des Oleus schneller Sohn; dieser flog zuerst herbei; dann Idomeneus mit seinem Streitgenossen Me¬ riones, und bald unzählige Andere, so daß die Griechen bald wieder den Leichnam mit ihren Erzschilden umzäunt hielten. Doch wurden sie von den Trojanern so bedrängt, daß diese schon die Leiche hinwegzuziehen anfingen; bald aber gelang es dem herrlichen Ajax, der Noth zu steuern, und während Hippothous der Pelasger, ein troischer Bun¬ desgenosse, die Sehnen des Leichnams unten am Knöchel mit Riemen umband, um ihn so fortzuschleppen, schlug ihm der Speer des Telamoniers durch die Kuppel des Helms, daß dieser zerborst und das Gehirn aus der Wunde blutig am Speer emporspritzte. Hektor zielte jetzt auf Ajax, aber er traf nur den Phocäer Schedius; Ajax durchstieß dafür Phorkys, dem Sohne des Phänops, der um den Leichnam des Hippothous kämpfte, den Panzer, daß die Spitze ihm schmetternd ins Eingeweide fuhr. Nun wichen die Trojaner und Hektor selbst, und gegen Jupiters Beschluß hätten die Griechen gesiegt, wenn nicht Apollo, in der Gestalt des Helden Periphas, des greisen Herolds, den gewaltigen Aeneas zum Kampf angetrieben hätte. Dieser erkannte den Gott, feuerte die Seinigen mit mäch¬ tigem Zuruf an, und focht selbst, weit voranspringend, bald als der Vorderste im Streite. Jetzt wandten die Trojaner die Stirne wieder dem Feinde zu. Aeneas durchstach den Leokritus, den Genossen des Lykomedes; dieser rächte den Tod des Freundes an Apisaon dem Päonier: und jetzt streckten die Griechen ihre Lanzen alle dem Leichnam wieder vor. So, während die Schlacht auch an andern Punkten nicht feierte, wetteiferten sie hier den ganzen Tag in im¬ mer wüthender Mordlust, und über Schenkel und Knie, bis zu den Füßen hinab, trof den Streitern der Schweiß. „Schlinge uns,“ riefen die Danaer, „lieber der Boden hinab, als daß wir diesen Leichnam den Trojanern über¬ lassen, und ohne Ruhm zu den Schiffen kehren!“ „Und müßten wir,“ schrien dagegen die Trojaner, „Alle mitein¬ ander bei diesem Manne sterben, so säume doch Keiner im Kampf!“ Während sie so stritten, standen die unsterblichen Rosse des Achilles abwärts vom Schlachtfeld. Als sie vernom¬ men, daß ihr Wagenlenker Patroklus, von der Hand Hektors ermordet, im Staube gestreckt liege, fingen sie an zu weinen, wie Menschen thun. Vergebens bemühte sich Automedon, sie jetzt mit der Geißel zu beflügeln, jetzt mit Schmeichelworten, jetzt mit Drohungen anzutreiben. Nicht heim zu den Schiffen wollten sie gehen, nicht zu den Griechen in die Feldschlacht, sondern wie die Säule, die unbeweglich über dem Grabhügel eines Verstorbenen steht, standen sie beide vor dem Wagensitze fest, ihre Häupter auf den Boden gesenkt; ihre Mähne sank wallend und mit Staub besudelt aus dem Ringe des Jochs hervor, und aus den Wimpern tropften ihnen heiße Thränen. Nicht ohne Mitleid konnte sie Zeus von seiner Höhe herab er¬ blicken. „Ihr armen Thiere,“ sprach er bei sich selbst, „warum haben wir euch ewig Junge, Unsterbliche, dem sterblichen Peleus geschenkt! etwa daß ihr mit den unseli¬ gen Menschen Gram ertragen sollet? Denn es gibt doch nichts Jammervolleres auf Erden von Allem, was athmet und sich regt, als der Mensch! Aber umsonst hofft Hektor, euch zu bändigen und an seinen Wagen zu spannen. Nim¬ mermehr gestatte ich dieses; ist es nicht genug, daß er in seiner Eitelkeit sich rühmt, des Peliden Waffen zu besitzen?“ Da beseelte Jupiter die Rosse mit Muth und edler Stärke. Plötzlich schüttelten beide den Staub von den Mähnen und sprengten mit dem Wagen rasch unter Trojaner und Griechen hinein. Automedon mußte sie gewähren lassen, und wehrte sich, so gut er konnte. Aber, allein auf dem hohen Wagensitze, war es ihm unmöglich, zugleich die Rosse zu lenken und die Lanze gegen den Feind zu schwin¬ gen. Endlich erspähte ihn sein Genosse Alcimedon, der Sohn des Laerkes, und wunderte sich, daß der Einsame mit dem leeren Wagen sich dem Schlachtgetümmel aus¬ setze. „Du bist, nächst meinem erschlagenen Freunde Pa¬ troklus, der beste Rossebändiger, Alcimedon,“ rief ihm jener zur Antwort zu; „wolltest du Peitsche und Zügel übernehmen, so überlasse ich dir die Rosse und warte des Kampfs.“ Wie sich Automedon aus dem Sitze schwang, bemerkte es Hektor und sprach zu seinem Nebenkämpfer Aeneas: „Schau, dort sprengen die Rosse des Achilles mit sehr unkriegerischen Lenkern in die Schlacht vor, ist es dir recht, so bestürmen wir sie: die Beute kann uns nicht fehlen!“ Aeneas winkte, und beide sprengten unter ihren Schilden heran, Chromius und Aretus ihnen nach. Aber Automedon betete zu Jupiter, und dieser erfüllte ihm sein Herz mit ungewohnter Kraft: „Halt mir die schnaubenden Rosse dicht am Rücken, Alcimedon!“ rief er, und: „Ajax herbei, Menelaus herbei, überlaßt den Gestorbenen andern Tapfern und wehret von uns Lebendigen das Verderben. Uns bedrängen Hektor und Aeneas, die tapfersten Helden Troja's!“ Mit diesen Worten schwang er die Lanze gegen Aretus, und diese durchstürmte den Schild und drang dem Helden ins Gedärm, daß der Vorspringende in den Staub zurücksank. Dann warf Hektor seinen Speer auf Autome¬ don, aber dieser fuhr über das Haupt des Gegners zitternd in die Erde. Und jetzt wären sie sich im Schwertkampfe begegnet, hätte nicht die Ankunft der beiden Ajax die Streitenden getrennt und die Trojaner zur Rückkehr nach der Leiche des Patroklus vermocht. Dort flammte der Entscheidungskampf wieder heftiger auf. Dem Jupiter hatte sich das Herz gewandt; in dunkler Wolke senkte sich seine Botin Athene hernieder, und stellte sich in des alten Phönix Gestalt, sichtbar ge¬ worden, neben Menelaus. Dieser sprach, den Helden erblickend: „Vater Phönix, möchte mir Athene heute Kraft verleihen, so wollte ich dem todten Freunde wohl helfen, denn ich verstehe den Vorwurf deines Blickes.“ Da freute sich die Göttin, daß er unwissend zu ihr selber vor allen Göttern gefleht, stärkte ihm Schultern und Kniee mit Kraft, und gab ihm ausdauernden Trotz ins Herz. Schnell eilte er, die Lanze schwingend, auf die Leiche zu, und als Hektors geehrtester Tischfreund, Podes, der Sohn des Etion, sich vor ihm zur Flucht wandte, traf ihn der Speer des Atriden durchbohrend am Gurt, daß er in dumpfem Falle zu Boden krachte. Jetzt trat Apollo in Phänops Gestalt zu Hektor und ermahnte diesen: „Ei Hektor, wer im ganzen Danaervolk wird dich künftig noch fürchten, wenn ein Menelaus dich zurückzuschrecken ver¬ mag? er hat dir deinen besten Freund erschlagen, und jetzt wird er, der Weichlichste unter allen Griechen, dir auch die Leiche des Patroklus entführen!“ Diese Worte versenkten das Herz Hektors in Schwermuth, und er eilte im Glanze seiner Erzrüstung voran. Jupiter aber schüt¬ telte die Aegide, hüllte den Ida in Wolken, und gab durch Blitz und Donner den Trojanern das Zeichen des Siegs. Der Böotier Penelus, dem der Speer des Poly¬ damas die Schultern gestreift, war der Erste, der zur Flucht umwendete. Den Letus machte Hektor kampfun¬ fähig, indem er ihm die Hand am Knöchel durchstach; ihn selbst verfehlte der Speer des Idomeneus; und statt diesen, der eben erst zu Fuße von den Schiffen angekom¬ men war, mit dem Gegenwurfe zu treffen, durchschmetterte Hektors Speer Ohr und Wange des Köranus, der mit Meriones und seinem Wagen dem Idomeneus zum Heile vorangefahren war. Der Speer stieß ihm die Zähne aus und durchschnitt die Zunge, und der Held entsank dem Wagen; Meriones hob die Zügel aus dem Staub auf und gab sie seinem Freund Idomeneus, der sich schnell in den Wagensitz schwang und das Gespann fliehend den Schiffen zu trieb. Als der herrliche Ajax dieß sah, brach er gegen seinen Nebenstreiter Menelaus in so lauten Jam¬ mer aus, daß Jupiter selbst Mitleid mit ihm fühlte, das Nebelgewölk zerstreute und die Schlacht wieder von der Sonne beleuchten ließ. „Sieh doch zu, Menelaus,“ sprach jetzt Ajax, „ob du nicht den Antilochus, den Sohn des Nestor, irgendwo noch lebend erblickst. Der wär' uns ein tauglicher Bote zu Achilles, ihm zu melden, daß sein Freund Patroklus todt im Staube liege.“ Menelaus ging mit spähendem Blicke, wie ein Adler nach dem flüchtigen Hasen späht, der im Laubgesträuch hingeduckt sitzt, und bald erkannte er ihn links im Gewühl des Treffens. „Weißest du noch nicht, Antilochus,“ rief er ihm zu, „daß ein Gott den Danaern Unheil und den Trojanern Sieg zugeschleudert? Patroklus ist gesunken, und alle Griechen vermissen ihren tapfersten Helden; nur Ein Kühnerer lebt noch, Achilles. Eile du zu diesem ins Zelt und bring' ihm die Trauerbotschaft; ob er nicht kommen wird, den nackten Leichnam zu retten, dem Hektor die Rüstung ausge¬ zogen hat.“ Ein Schauer durchfuhr den Jüngling, sein Auge füllte sich mit Thränen bei der Nachricht, und lange blieb er stumm und ohne Sprache. Endlich gab er seinem Wagen¬ genossen Laodokon die Rüstung und eilte fliegenden Laufes den Schiffen zu. Als Menelaus wieder bei der Leiche angekommen war, beredete er sich mit Ajax, wie sie beide den erschlagenen Freund hinwegziehen wollten, denn sie hofften selbst von Achilles Ankunft wenig, da dieser seiner unsterblichen Wehre beraubt war. Sie huben den Leich¬ nam mit Gewalt hoch von der Erde empor, und obgleich die Trojaner von hinten ein grauenvolles Geschrei hören ließen, und zuckend mit Schwertern und Lanzen folgten, so brauchte sich Ajax doch nur umzuwenden, daß sie erblaßten und ihnen die Bürde nicht streitig zu machen wagten. So trugen sie mit großer Anstrengung den Leichnam aus der Schlacht zu den Schiffen, und mit ihnen flüchteten auch die andern Griechen aus dem Treffen. Hektor und Aeneas waren ihnen auf den Fersen, und hier und dort entsank den Fliehenden ein Waffenstück, indem sie in wilder Un¬ ordnung über den Graben zurückgingen. Jammer des Achilles. Antilochus fand den Helden vorn an den Schiffen nachdenklich sitzend, im Geiste das Geschick übersinnend, dessen Vollendung er noch nicht kannte. Als er die Grie¬ chen aus der Ferne flüchtig herannahen sah, sprach er unmuthig zu sich selbst: „Wehe mir, was schwärmen doch die Achiver voll Angst durchs Gefilde den Schiffen wieder zu? Werden doch die Götter nicht, mir zum Grame, das Unglück verwirklichen, das meine Mutter mir einst ver¬ kündigt hat, daß der tapferste der Myrmidonen, so lang ich noch lebte, das Leben durch die Hand der Trojaner lassen müsse!“ Während er noch Solches erwog, kam Antilochus weinend mit der Schreckensbotschaft, und rief ihm schon von ferne zu: „Wehe mir, Pelide, möchte es doch nie geschehen seyn, was du jetzt vernehmen mußt. Unser Patroklus ist gefallen, sie kämpfen um seinen nackten Leich¬ nam, die Waffen hat ihm Hektor abgezogen.“ Nacht wurde es vor den Augen des Achilles, als er dieses hörte; mit beiden Händen griff er nach dem schwarzen Staube und bestreute Haupt, Antlitz und Gewand. Dann warf er sich selbst, so riesig er war, zu Boden, und raufte sich das Haupthaar aus. Jetzt stürzten auch die Sklavinnen, die Achilles und Patroklus erbeutet hatten, aus dem Zelte hervor, mit wankenden Knieen rannten sie herbei, als sie ihren Herrn zu Boden gestreckt sahen, und da sie inne wurden, was geschehen war, schlugen sie wehklagend an ihre Brust. Auch Antilochus schwamm in Thränen, jammernd und die Hände des Helden festhaltend, denn er fürchtete, dieser möchte sich mit dem Schwerte die Kehle abschneiden. Achilles selbst heulte so fürchterlich in die Lüfte hin¬ aus, daß seine Mutter im Abgrunde des Meeres, neben ihrem grauen Vater sitzend, die Stimme des Weinenden vernahm, und selber so laut zu schluchzen anfing, daß ihre silberne Grotte sich bald mit den Nereiden füllte, die alle zugleich an die Brust schlugen und die Wehklage mit der Schwester begannen. „Wehe mir Armen,“ rief diese ihren Geschwistern zu, „wehe mir unglücklicher Helden¬ mutter, daß ich einen so edeln, so tapfern, so herrlichen Sohn gebar! Er wuchs empor, wie eine Pflanze von Gärtnershand gepflegt, dann sandt' ich ihn zu den Schif¬ fen gen Troja; aber nie sehe ich ihn wieder, nie kehrt er in den Pallast des Peleus zurück; und so lange er das Sonnenlicht noch sieht, muß er solche Qual dulden, und ich kann ihm nicht helfen! Dennoch will ich mein geliebtes Kind zu schauen gehen, will hören, welcher Kummer ihn betraf, während er ungefährdet vom Kampfe bei den Schiffen sitzt!“ So sprach die Göttin, und stieg mit den Schwestern durch die gespaltenen Wogen hinan zum Ge¬ stade, tauchte bei den Schiffen ans Land und eilte dem schluchzenden Sohne zu. „Kind, was weinest du,“ rief sie, indem sie unter Wehklagen sein Haupt umschlang, „wer betrübt dir dein Herz? rede, verhehle mir nichts! Ist es doch Alles geschehen, wie du gewollt hast, die Männer Griechenlands sind um die Schiffe zusammen¬ gedrängt und schmachten trostlos nach deiner Hülfe!“ Endlich begann Achilles unter schweren Seufzern: „Mut¬ ter, was hilft mir das, seit mein Patroklus, der mir lieb war, wie mein eigenes Haupt, in den Staub gesunken ist! Meine eigenen köstlichen Waffen, das Ehrengeschenk, das dem Peleus die Götter bei deiner Hochzeit dargebracht, hat ihm sein Mörder Hektor vom Leibe gezogen. O wohn¬ test du doch lieber immer im Meere, und hätte Peleus ein sterbliches Weib, so müßtest du nicht unsterbliches Leid tragen um deinen gestorbenen Sohn; denn nie kehrt er zur Heimath wieder! Ja das Herz selbst verbietet mir, lebend umherzuwandeln, wenn mir nicht Hektor, von mei¬ ner Lanze durchbohrt und sein Leben aushauchend, den Raub meines Patroklus büßt!“ Weinend antwortete The¬ tis: „Ach nur allzubald verblüht dir das Leben, mein Sohn, denn gleich nach Hektor ist dir dein eigenes Ende bestimmt.“ Aber Achilles rief voll Unmuth: „Möchte ich doch auf der Stelle sterben, da das Schicksal mir nicht vergönnt hat, meinen gemordeten Freund zu vertheidigen. Ohne meine Hülfe, fern von der Heimath mußte er ster¬ ben; was hilft die Griechen nun mein kurzes Leben? Kein Heil habe ich dem Patroklus, kein Heil unzähligen erschla¬ genen Freunden gebracht. Bei den Schiffen sitz' ich, eine unnütze Last der Erde, so schlecht im Gefecht, wie kein anderer Achiver, im Rathe besiegen mich ohnedem andere Helden. Verflucht sey der Zorn bei Göttern und Men¬ schen, der zuerst dem Herzen süß eingeht, wie Honig, und bald wie eine Feuerflamme in der Mannesbrust empor¬ wächst!“ Und plötzlich fuhr er, sich ermannend, fort: „Doch, Vergangenes sey vergangen, ich gehe, den Mör¬ der des geliebtesten Hauptes zu haschen, den Hektor. Mag mein Loos mir werden, wann Zeus und die Götter es wollen, wird doch manche Trojanerin, über mir mit beiden Händen sich die Thränen des Jammers von der Rosen¬ wange trocknen, und zitternde Seufzer werden ihrer Brust entsteigen. Die Trojaner sollen merken, daß ich lange genug vom Kriege gerastet habe! Verwehre mir den Kampf nicht, liebe Mutter!“ „Du hast Recht, mein Kind,“ antwortete ihm Thetis, „nur schade, daß deine strahlende Rüstung in der Gewalt der Trojaner ist und Hektor selbst in ihr einherstolzirt. Doch soll er nicht lange darin frohlocken; denn in aller Frühe, sobald die Sonne aufgeht, bringe ich dir neue Waffen, die Hephästus selbst geschmiedet. Nur geh mir nicht früher in die Schlacht, als bis du mich mit eigenen Augen zurückkommen sahest.“ So sprach die Göttin und hieß ihre Schwestern in den Schooß des Meeres wieder hinabtauchen. Sie selbst eilte hinauf zum Olymp, den Gott der Feuerarbeit, Hephästus oder Vulkan, aufzusuchen. In dieser Zeit ereilte den Leichnam des Patroklus, den die Freunde davontrugen, der Kampf der Trojaner noch einmal, und Hektor kam ihm, gleich daherstürmendem Feuer, so nahe, daß er ihn dreimal hinten am Fuße faßte, um ihn wegzuziehen, und dreimal die beiden Ajax ihn von dem Todten hinwegstoßen mußten. Nun wüthete er seit¬ wärts durchs Schlachtengewühl, stand dann wieder von Neuem und schrie laut auf; zurückweichen wollte er nim¬ mermehr. Vergebens bestrebten sich die beiden gleich¬ namigen Helden, ihn von dem Leichnam abzuschrecken, wie Hirten bei Nacht umsonst eineu hungrigen Berglöwen vom Leibe des zerrissenen Rindes zu verscheuchen bemü¬ het sind. Und wirklich hätte Hektor zuletzt die Leiche ge¬ raubt, wäre nicht Iris auf Juno's Befehl mit der Bot¬ schaft zu dem Peliden geflogen, sich von Jupiter und den andern Göttern ungesehen, heimlich zu bewaffnen. „Aber wie soll ich zur Schlacht gehen?“ fragte erwiedernd Achil¬ les die Götterbotin, „da die Feinde meine Rüstung haben. Auch hat mir meine Mutter selbst alle Bewaffnung ver¬ boten, bis ich sie selbst mit einer neuen Rüstung von Hephästus zurückkehren sehen würde. Ich weiß Niemand, dessen Waffen mir gerecht wären, es müßte denn der Riesenschild des Ajax seyn; aber der hat und braucht ihn selber zum Schutze meines erschlagenen Freundes!“ „Wohl wissen wir,“ antwortete ihm Iris, „daß du deiner herr¬ lichen Waffen beraubt bist, aber nahe dich einstweilen nur so dem Graben, wie du bist, und erscheine den Trojanern, vielleicht stehen sie vom Kampf ab, wenn sie dich nur erblicken; und den Griechen ist Erholung gegönnt.“ Als Iris wieder entflogen war, erhub sich der gött¬ liche Achilles. Athene selbst hängte ihm ihren Aegisschild um die Schulter, und umgab sein Gesicht mit überirdischem Glanze. So trat er schnell durch Wall und Mauer zum Graben; doch mischte er sich, der mütterlichen Warnung eingedenk, nicht in den Kampf, sondern blieb von ferne stehen und schrie, und in seinen Ausruf mischte sich der Ruf Minerva's, daß er wie eine Kriegsposaune ins Ohr der Trojaner tönte. Als sie die eherne Stimme des Pe¬ liden vernahmen, füllte sich ihr Herz mit unheilvoller Ahnung, und Wagen und Rosse wandten sich rückwärts; mit Grauen sahen die Lenker um das Haupt des Peliden die Flamme brennen, und vor seinem dreifachen Schrei vom Graben her zerstob dreimal das Schlachtgewühl der Troer, und zwölf ihrer tapfersten Männer fielen in dem Gewühl, unter den Wagen und Lanzen ihrer eigenen Freunde. Jetzt war Patroklus den Geschossen entrissen, die Helden legten ihn auf Betten, und voll Wehmuth Schwab , das klass. Alterthum. II . 16 umringten den Leichnam die Freunde. Als Achilles sei¬ nen treuen Genossen, von den Speeren zerfleischt, auf der Bahre liegen sah, mischte er sich zum erstenmale wieder unter die Griechen, und warf sich mit heißen Thrä¬ nen über den Leichnam. Die untergehende Sonne beleuch¬ tete das jammervolle Schauspiel. Viertes Buch. 16 * Achilles neu bewaffnet. Beide Heere ruhten jetzt vom hartnäckigen Kampfe. Die Trojaner lösten ihre Rosse von den Streitwagen, aber noch ehe sie des Mahles gedachten, eilten sie zur Versammlung. Da standen Alle aufrecht im Kreis umher, Keiner wagte sich zu setzen, denn noch bebten sie vor Achilles und fürchteten sein Wiedererscheinen. Endlich sprach der Sohn des Panthous, der verständige Polyda¬ mas, der allein vorwärts wie rückwärts zu schauen ver¬ stand, und rieth, nicht auf die Frühe zu warten, sondern sogleich in die Stadt heimzukehren. „Findet Achilles der Gewappnete,“ sprach er, „uns morgen noch hier, dann werden diejenigen froh seyn, die ihm in die Stadt ent¬ rinnen, Viele aber werden den Hunden und Geiern zum Fraße dienen. Möge mein Ohr nie von solchem hören! Drum ist mein Rath, die Nacht auf dem Markte der Stadt mit aller Kriegsmacht zu halten, wo hohe Mauern und feste Thore uns ringsum beschützen. In aller Frühe sodann stehen wir wieder auf der Mauer; und wehe ihm, wenn er alsdann, von den Schiffen angestürmt, mit uns um jene zu kämpfen begehrt.“ Nun stand auch Hektor auf und begann mit finsterem Blick: „Mir gefällt keineswegs, was du da gesprochen hast, Polydamas. In dem Augenblicke, wo mir Jupiter den Sieg verliehen, daß ich die Achiver bis ans Meer zurückgedrängt habe, muß dein Rath dem Volke thöricht erscheinen, und kein einziger Trojaner wird dir gehorchen. Vielmehr befehle ich Haufen um Haufen, die Nachtkost unter das Heer zu vertheilen, und der Wachen nicht zu vergessen. Härmt sich Einer um sein Gut und Vermögen, der lasse es beim gemeinsamen Gastmahl aufgehen, besser daß die Unsrigen sich dran erlustigen, als daß die Grie¬ chen es thun. Am Morgen wiederholen wir sodann den Sturm auf die Schiffe; wenn wirklich Achilles wieder auferstanden ist, so hat er sich das schlimmere Loos erkoh¬ ren; denn nicht werde ich diesen gräßlichen Kampf ver¬ lassen, ehe mich oder ihn die Siegesehre krönt!“ Die Trojaner überhörten die heilsamen Worte des Polydamas, rauschten dem Unheilsworte Hektor's Beifall zu, und war¬ fen sich hungrig auf ihr Mahl. Die Griechen aber jammerten die ganze Nacht über der Leiche des Patroklus, und vor Allen erhub Achilles die Klage, während seine mörderischen Hände auf dem Busen des Freundes ruhten. „O eitles Wort,“ sprach er, „das mir damals entfallen ist, als ich, den alten Hel¬ den Menötius im Pallaste tröstend, ihm versprach, seinen Sohn nach Troja's Zerstörung, reich an Ruhm und Beute, nach Op û s in seine Heimath ihm zurückzubringen! Nun ward uns beiden bestimmt, dieselbe fremde Erde mit unserm Blute roth zu färben, denn auch mich werden mein grauer Vater Peleus und meine Mutter Thetis nimmermehr im Pallast empfangen, sondern hier vor Troja wird mich das Erdreich bedecken. Aber weil ich doch nach dir in den Boden sinken soll, Patroklus, so will ich dir nicht eher dein Leichenfest feiern, als bis ich dir die Waffen und das Haupt deines Mörders, Hektor's, gebracht habe; auch will ich dir zwölf der edelsten Söhne Troja's an deinem Scheiterhaufen opfern. Bis dieß ge¬ schieht, ruhe du hier bei meinen Schiffen, geliebter Freund!“ Hierauf befahl Achilles seinen Freunden, einen großen Dreifuß voll Wasser an das Feuer zu stellen, und den Leichnam des gefallenen Helden zu waschen und zu sal¬ ben. Alsdann wurde er auf schöne Betten gelegt, und köstliche Leinwand vom Haupte bis zu den Füßen über ihn gebreitet, auch ein schimmernder Teppich über den Todten geworfen. Derweil gelangte Thetis an den unvergänglichen, sternenhellen Pallast des Hephästus, den der hinkende Künstler sich selbst aus Erze gebaut. Sie fand ihn dort schwitzend und in voller Arbeit um seine Blasebälge be¬ schäftigt: er bereitete an zwanzig Dreifüße, und befestigte unter dem Boden eines jeden goldene Räder, mit welchen sie, ohne von fremder Hand getrieben zu werden, in den olympischen Sälen vor die Götter hinrollten, und dann wieder zu ihrem Gemache heimkehrten: wahre Wunder¬ werke anzuschauen; sie waren bis auf die Henkel fertig, und diese fügte er jetzt eben an, indem er mit dem Ham¬ mer die Nägel am gehörigen Ort einschlug. Seine Gat¬ tin, die holde Charis, eine der Huldgöttinnen, ergriff die Hand der hereintretenden Göttin, führte sie auf einen silbernen Sessel, rückte ihr einen Schemel unter die Füße, und rief ihren Gemahl herbei. Dieser rief, als er die Meeresgöttin erblickte, freudig aus: „Wohl mir, ist doch einmal die Edelste der Unsterblichen bei mir im Hause, die mich, den Neugeborenen, vom Verderben gerettet hat; denn weil ich lahm auf die Welt kam, warf mich die Mutter aus dem Schooße, und ich wäre elendiglich verkommen, wenn nicht Eurynome und Thetis mich in ihrem Schooße aufgefangen hätten, und in ihrer Meeresgrotte groß gezogen bis ins neunte Jahr. Dort schmiedete ich allerlei Kunstwerke, Spangen, Ringe, Ohrengehenke, Haarnadeln, Kettchen aller Art, in der gewölbten Grotte; und rings um uns her schäumte brau¬ send der Strom des Oceans. Diese meine Retterin be¬ sucht jetzt mein Haus! Bewirthe sie, holdselige Gattin, mich aber laß diesen Wust hier aus dem Wege schaffen.“ So sprach der rußige Gott, erhob sich hinkend vom Am¬ bos, und mühsam hin und herwankend, legte er die Blase¬ bälge vom Feuer weg, verschloß alle die mancherlei Ge¬ räthschaften in einen silbernen Kasten, wusch sich dann mit einem Schwamme Hände, Angesicht, Hals und Brust, und hinkte, in einen Leibrock eingehüllt, und von ge¬ schäftigen Mägden gestützt, wieder aus der Kammer; diese Dienerinnen aber waren keine geschaffene Wesen, doch lebenden gleich; voll Jugendreiz, alle von ihm aus Gold geschmiedet, mit Kraft, Verstand, Stimme und Kunsttrieb begabt. Sie eilten mit hurtigen Füßen von ihrem Herrn weg, er aber, nachwackelnd, nahm sich einen schmucken Sessel, setzte sich neben Thetis, faßte ihre Hand und sprach: „Ehrenwerthe, geliebte Göttin, was führt dich zu meiner Wohnung, die du sonst nur wenig besuchest, sage mir, was du verlangst: Alles wird dir mein Herz gewähren, was ich nur gewähren kann und was an sich gewährbar ist.“ Da erzählte ihm Thetis ihren ganzen Jammer, und bat ihn, seine Kniee umfassend, ihrem früh verwelkenden Sohne Achilles, so lang er den Griechen zum Schirm noch lebe, Helm, Schild, Harnisch, Beinschienen und Knöchelbedeckung neu gefertigt zu verleihen; denn die Rüstung der Unsterblichen, die er früher besessen, habe der gefallene Genoß ihm vor Troja verloren. „Muthig, edle Göttin,“ antwortete ihr Hephästus, „dein Herz kümmere sich darüber nicht; möchte ich deinen Sohn doch so gewiß aus der Gewalt des Todes retten können, wenn ihm dereinst sein Geschick herannaht, als ich ihm jetzt eine herrliche Rüstung fertigen will, die ihn erfreuen soll, und die noch mancher Sterbliche, der sie erblickt, anstaunen wird!“ So sprach er, verließ die Göttin, und in seine Feueresse hinkend, kehrte er die Blasebälge ins Feuer und ließ sie mit Macht arbeiten. Ihrer zwanzig schickten den glühenden Wind zugleich in die Oefen hinein, während in mächtigen Tiegeln Erz, Zinn, Silber und Gold auf der Gluth stand. Alsdann richtete er den Ambos auf dem Blocke zurecht, griff mit der Rechten nach seinem ge¬ waltigen Hammer, und faßte mit der Linken die Zange. Und nun fing er an zu schmieden, und formte zuerst den riesenmäßigen starken Schild aus fünf Schichten, mit einem Silbergehenk und dreifachem blankem Rande. Auf der Wölbung des Schilds bildete er die Erde, das wogende Meer, den Himmel mit Sonne, Mond und allen Gestir¬ nen ab; ferner zwei blühende Städte, die eine voll von Hochzeitfesten und Gelagen, mit Volksversammlung, Markt, hadernden Bürgern, Herolden und Obrigkeiten; die andere von zwei Heeren zugleich belagert: in den Mauern Wei¬ ber, unmündige Kinder, wankende Greise; die Männer der Stadt, vor dieser draußen in einen Hinterhalt gelagert, und den Hirten in die Heerden fallend. Auf einer andern Seite Schlachtgetümmel; Verwundete, Kampf um Leich¬ name und Rüstungen. Weiter schuf er ein lockres Brachfeld, mit Bauern und Ochsen am Pflug; ein wallendes Aehren¬ feld voll Schnitter; seitwärts unter einer Eiche die Mahlzeit bereit; weiter einen Rebgarten voll schwarzer schwellender Trauben, an Pfählen von lauterem Silber, ringsum ein Graben von blauem Stahl und ein Gehäge von Zinn; eine einzige Furche führte durch den Wein¬ garten, und eben war Lese: Jünglinge jauchzten, und rosige Jungfrauen trugen die süße Frucht in schönen Kör¬ ben davon; mitten in der Schaar ging ein Leierknabe, den andere umtanzten. Weiter schuf er eine Rinderheerde aus Gold und Zinn, längs einem wallenden Fluß, mit vier goldenen Hirten und neun Hunden; vorn in die Heerde waren zwei Löwen gefallen und hatten einen Farren gefaßt, die Hirten hetzten ihre Hunde, die bellend auf Sprungweite von den Löwen standen. Wiederum schuf er eine anmuthige Thaltrift, von silbernen Schafen durchschwärmt, mit Hirtengehägen, Hütten und Ställen; endlich einen Reigen von blühenden Jünglingen und Jungfrauen in glänzenden Gewanden; jede Tänzerin schmückte ein Kranz, die Tänzer hatten goldene Dolche an silbernen Riemen hangen; zwei Gaukler drehten sich im Kreise zur Harfe eines Sängers; Zuschauergedräng um¬ gab den Reigen. Um den äußersten Rand des Schildes schlang sich der Strom des Oceans wie eine Schlange. Als er den Schild vollendet, schmiedete er auch den Harnisch und gab ihm helleren Glanz, als das Feuer hat; dann den schweren prangenden Helm, den Schläfen ganz gerecht, mit goldnem Haarbusch; und zuletzt Beinschienen aus dem feinsten Zinn. Dieses ganze Geräthe legte er gehäuft vor die Mutter des Peliden hin. Sie aber warf sich auf die Rüstung, wie ein Habicht auf die Beute, dankte und trug das schimmernde Waffengeschmeide mit ihren Götterhänden von dannen. Mit dem ersten Morgenlichte war sie wieder bei ihrem Sohne, der noch immer weinend und von jammern¬ den Genossen umgeben, über seinen Freund Patroklus gestreckt lag. Sie legte die Waffen vor Achilles nieder, daß alle die Wunder zusammenrasselten. Die Myrmido¬ nen zitterten bei dem Anblicke, und keiner wagte, der Göttin gerade ins Gesicht zu schauen. Dem Peliden aber funkelten die Augen unter den Wimpern, wie Feuer¬ flammen, von Zorn und Freude; er hielt die herrlichen Gaben des Gottes, eine um die andere, in die Höhe, und weidete lange sein Herz an der Betrachtung. Dann brach er auf, sich damit zu waffnen. „Sorget mir dafür,“ sprach er im Weggehen zu seinen Freunden, „daß nicht Fliegen in die Wunden meines erschlagenen Streitgenossen schlüpfen und den schönen Leichnam entstellen!“ „Laß dieß meine Sorge seyn,“ sprach Thetis; und nun flößte sie dem Patroklus Ambrosia und Nektar in die halbgeöff¬ neten Lippen, und dieser Götterbalsam durchdrang seinen Leib, daß er blieb wie ein Lebender. Achilles aber ging an den Meerstrand, und seine Donnerstimme rief die Danaer herbei. Da lief zusam¬ men, was wandeln konnte; selbst die Steuermänner, die die Schiffe noch nie verlassen hatten, kamen herbei; herbei hinkten, auf ihre Lanze gestützt, Diomedes und Odysseus, die Verwundeten; alle Helden kamen, am spätesten erschien der Völkerfürst Agamemnon, auch er noch krank an der Wunde, die ihm Koon, der Sohn des Antenor, mit dem Speere gebohrt hatte. Achilles und Agamemnon versöhnt. Als die Versammlung vollzählig war, stand Achilles auf und sprach: „Sohn des Atreus, hätte lieber Diana's Pfeil an jenem Tage die Tochter des Brises bei den Schiffen getödtet, an dem ich sie mir aus dem zerstörten Lyrnessus zur Beute erlesen, ehe so viele Argiver, dieweil ich zürnte, von den Feinden gebändigt, den Staub mit den Zähnen knirschen mußten! Vergessen sey das Ver¬ gangene, wenn es uns auch in der Seele kränkt: mein Zorn wenigstens ist besänftigt. Auf nun zum Gefecht! ich will versuchen, ob die Trojaner noch Lust haben, bei den Schiffen zu ruhen!“ Unermeßlicher Jubel der Griechen erfüllte bei diesen Worten die Luft. Und jetzt erhub sich Agamemnon der Völkerfürst und sprach, aufgestanden von seinem Sitze, doch ohne, wie andere Redner, in den Kreis vorzutreten: „Bändiget eure Zungen! wer vermag bei solchem Getüm¬ mel zu reden oder zu hören? Ich will mich dem Sohne des Peleus erklären, ihr Andern merkt's und beherziget meine Worte. Oft schon haben mich die Söhne Griechen¬ lands über mein Betragen an jenem Unglückstage gestraft. Doch war die Schuld nicht mein: Jupiter, die Parze und die Erinnys schickten mir damals in der Volksversamm¬ lung die verderbliche Verblendung zu. So mußte ich feh¬ len. Aber so lange Hektor um die Schiffe her die Schaa¬ ren der Argiver vertilgte, ward ich unaufhörlich an meine Schuld gemahnt, und ich wurde es inne, daß Zeus mir die Besinnung hinweggenommen hatte. Nun will ich gerne büßen, was ich gefehlt, und biete dir Sühnung, Achilles, so viel du begehrst. Zieh in den Kampf, und ich bin erbötig, dir alle die Geschenke reichen zu lassen, die dir Odysseus, von mir in dein Zelt abgesandt, jüngst noch verheißen hat. Oder wenn du lieber willst, so bleib noch so lange, bis meine Diener aus dem Schiffe sie hergebracht haben, damit du mit eigenen Augen sehest, wie ich mein Versprechen erfülle.“ „Ruhmvoller Völkerfürst Agamemnon,“ antwortete der Held, „mag es dir gut dünken, mir die Geschenke, wie es ziemlich ist, zu reichen, oder sie zu behalten: es gilt mir gleich. Jetzt aber laß uns ohne Verzug der Schlacht gedenken, denn noch ist Vieles ungethan, und mich verlangt darnach, daß man den Achilles wieder im Vordertreffen gewahr werde!“ Aber der kluge Odysseus that Einrede und sprach: „Göttergleicher Pelide, treibe doch die Achiver nicht so ungespeist vor Troja hin! Laß sie sich vorher bei den Schiffen mit Speise und Wein erquicken, denn nur das gibt Kraft und Stärke! Inzwi¬ schen mag Agamemnon das Geschenk in unsern Kreis bringen, daß alle Danaer es mit Augen schauen, und dein Herz sich dran erfreue. Und darauf soll er selbst dich in seinem Gezelte feierlich mit einem köstlichen Mahl bewir¬ then.“ „Freudig habe ich dein Wort vernommen, Odys¬ seus,“ antwortete der Atride, „du aber, Achilles, wähle dir selbst die edelsten Jünglinge aus dem ganzen Heere, daß sie dir alle Geschenke aus meinem Schiffe herbeibrin¬ gen; und Thalthybius, der Herold, schaffe uns einen Eber herbei, daß wir Jupiter und dem Sonnengott opfern, und ohne Fährde den Bund der Eintracht beschwören.“ „Thut ihr, wie ihr wollt,“ sprach Achilles, „mir soll weder Trank noch Speise durch die Kehle gleiten, so lang mir der Freund zerfleischt im Zelte daliegt. Mich verlangt nur nach Mord und Blut und Geröchel der Sterbenden!“ Aber Odysseus sprach besänftigend zu ihm: „Erhabenster Held aller Griechen, du bist viel stärker als ich, und viel tapferer im Speerkampf; am Rathe jedoch möchte ich es dir vielleicht zuvorthun, denn ich habe länger gelebt und mehr erfahren. So füge sich denn dießmal dein Herz meiner Ermahnung. Die Danaer müssen ja ihre Todten nicht mit dem Bauch betrauern; wie einer gestorben, beer¬ digt man ihn, und beweint ihn einen Tag: wer aber ent¬ ronnen ist, der stärke sich mit Trank und Speise, damit wir um so rastloser kämpfen mögen!“ So sprach er, und wandelte, Nestors Söhne, dann auch den Meges, Meriones, Thoas, Melanippus und Lykomedes sich beigesellend, mit diesen der Lagerhütte Agamemnons zu. Dort nahmen sie die versprochenen Geschenke, sieben Dreifüße, zwölf Rosse, zwanzig Becken, sieben untadelige Weiber und die rosige Brisis als achte. Odysseus wog die zehn Talente Goldes dar und schritt mit ihnen voran, die Jünglinge mit den andern Geschen¬ ken folgten. So stellten sie sich in den Volkskreis; Aga¬ memnon erhub sich von seinem Sitze, der Herold Talthy¬ bius aber faßte den Eber, richtete ihn zum Opfer zu, betete und zerschnitt ihm die Kehle. Dann warf er den geschlachteten wirbelnd in die Meerfluth, den Fischen zum Fraß. Nun stand Achilles auf und sprach vor den Argi¬ vern: „Vater Jupiter, wie große Verblendung sendest du doch oft den Männern zu! Gewiß hätte mir der Sohn des Atreus nicht den Zorn so fürchterlich im Herzen auf¬ geweckt, oder nicht so unbeugsam mit Gewalt das Mädchen mir entführt, wenn du nicht den Tod vielen Danaern hättest bereiten wollen! Doch nun laßt uns zum Mahle gehen, und uns dann zum Angriffe rüsten.“ Nachdem der Held so gesprochen, trennte sich die Versammlung. Als die Tochter des Brises, holdselig wie Aphrodite, in das Zelt ihres früheren Gebieters trat, und den Helden Patroklus mit seinen tiefen Speerwunden auf den Teppichen ausgestreckt daliegen sah, zerschlug sie sich Brust und Wangen, und warf sich weinend über ihn. „Ach mein theurer Patroklus,“ rief sie, „der du mein lieb¬ reichster Freund im Elende warst, blühend verließ ich dich im Zelte, todt finde ich dich wieder! So verfolgt mich immer Unheil auf Unheil. Meinen Bräutigam sah ich vor unserer Stadt vom Speer getödtet, drei leibliche herz¬ lich geliebte Brüder riß mir derselbe Unglückstag von der Seite weg. Dennoch, als Achilles meinen Freund erschla¬ gen und meine Heimath verheert hatte, wolltest du mich nie weinen sehen; du versprachst, mich dem Peliden zu vermählen, sobald du mich auf den Schiffen nach Phthia gebracht hättest, und dort unter den Myrmidonen meine Hochzeit zu feiern. Nie werd' ich aufhören, dich zu be¬ weinen, du Freundlicher.“ So sprach sie weinend, und ringsum seufzten mit ihr die gefangenen Weiber, zum Schein um den Patroklus, im Grund aber jede über ihr eigenes Elend. Die edelsten Danaerfürsten umringten indessen den Peliden, indem sie ihn flehentlich baten, sich doch des Mahles zu erfreuen. Doch er weigerte sich dessen unter Seufzen. „Wenn ihr wirklich Liebe zu mir heget,“ sprach er, „so verlanget nicht, mir das Herz zu erfrischen, ihr Freunde, mein Kummer duldet es nicht. Laßt mich bleiben, wie ich bin, bis die Sonne ins Meer sinkt.“ Mit diesen Worten entließ er die andern Fürsten, und nur die beiden Atriden, Odysseus, Nestor, Idomeneus und Phönix blie¬ ben zurück. Sie Alle waren vergebens bestrebt, den Trauernden aufzuheitern, doch dieser blieb regungslos, und wenn er einmal sprach, so flog sein Athem schneller, und seine Rede galt dem todten Freunde. „Ach wie oft hast du mir,“ sagte er, „vordem selber, wenn das Heer der Griechen zur Schlacht hinausdrang, in geschäftiger Hast das labende Frühstück nach dem Zelte gebracht! jetzt liegst du erschlagen hier, und mich vermag von all dem reich¬ lichen Vorrath nichts zu erquicken; Herberes hätte mich nicht treffen können, selbst nicht die Botschaft vom Tode meines Vaters Peleus, oder meines lieben Sohnes Neoptolemus, der mir in Scyros erzogen wird, wenn er anders noch lebt. Früher tröstete mich immer noch die Hoffnung, ich würde allein hier sterben dürfen, du aber werdest nach Phthia heimkehren, und meinen Sohn von Scyros abholen, ihn in alle meine Habe einzusetzen; denn daß mein Vater Peleus, immer den schrecklichen Boten erwartend, der ihm meinen frühen Tod zu verkündigen käme, längst von Alter und Traurigkeit niedergebeugt ge¬ storben sey, das ahnt mir ja im Geiste.“ So sprach er weinend, und die Fürsten im Kreise seufzten mit, denn jeder dachte daran, was er im eigenen Hause von Ge¬ liebten zurückgelassen. Mitleidig sah Jupiter von seiner Höhe auf die Trauernden herab, wandte sich schnell zu seiner Tochter Pallas und sagte: „Kümmert sich denn dein Herz gar nicht mehr um den edlen Helden, trautes Töchterchen, der dort, während die Andern zum Früh¬ mahle hingingen, um seinen Freund wehklagend dasitzt ohne Speise und Trank zu berühren. Auf, labe ihm sogleich die Brust mit Nektar und Ambrosia, daß ihm in der Schlacht kein Hunger nahe!“ Wie ein Adler mit breiten Flügeln, schwang sich die Göttin, die längst darnach verlangt hatte, ihrem Freunde zu helfen, durch den Aether, und während das Heer sich eifrig zur Schlacht rüstete, flöste sie Nektar und Am¬ brosia sanft und unvermerkt in die Brust des Peliden, daß seine Kniee ihm nicht im Treffen von Hunger erstarr¬ ten. Dann kehrte sie zum Pallast ihres allmächtigen Va¬ ters heim. Inzwischen drangen, Helm an Helm, Schild an Schild, Harnisch an Harnisch und Lanzen an Lanzen, die Danaer aus den Schiffen hervor; das ganze Erdreich leuchtete von Erz, und dröhnte von Erz unter ihren Fu߬ tritten. Mitten unter den Dahineilenden bewaffnete sich Achilles, mit den Zähnen knirschend und Gluth in den Augen, wie feurige Lohe. Er ergriff das Göttergeschenk, legte zuerst Schienen und Knöchelbedeckung an, dann deckte er die Brust mit dem Harnisch, warf das Schwert um die Schulter und ergriff den Schild, der dem Vollmond ähnlich durch den Aether glänzte. Dann fetzte er den schweren Helm mit dem hohen goldenen Busch, strahlend wie ein Gestirn, aufs Haupt, und die Mähne flatterte aus gesponnenem Golde von ihm herab. Nun versuchte er sich selbst in der Rüstung, ob sie ihm auch genau anpaßte, und sich die Glieder ungehemmt bewegten: und siehe, seine Waffen däuchten ihm wie Flügel und schienen ihn vom Boden emporheben zu wollen. Jetzt zog er den schweren gediegenen Speer seines Vaters Peleus, den kein anderer Danaer schwingen konnte, aus dem schönen Gehäuse; Schwab , das klass. Alterthum. ll . 17 Automedon und Alkimus schirrten die Rosse ein, legten jedem den Zaum ins Maul, und spannten die Zügel über den Wagensitz. In diesen sprang Automedon, die blanke Geißel fassend, und in Waffen strahlend schwang sich hin¬ ter ihm Achilles auf. „Ihr unsterblichen Rosse,“ rief die¬ ser dem Gespanne seines Vaters zu, „ich sag' es euch, bringt mir, nachdem wir uns in der Schlacht gesättigt haben, die Helden, die ihr führet, anders ins Heer zurück, als Patroklus zurückgekehrt ist, den ihr todt im Gefilde liegen ließet.“ Wie der Held so sprach, ward ihm ein grauenhaftes Wunderzeichen zu Theil: sein Roß Xanthus neigte das Haupt tief zur Erde, daß die wallende Mähne ganz aus dem Ringe des Joches hervordrang und bis auf den Boden hinuntersank; und von der Göttin Juno plötzlich mit Sprache begabt, ertheilte es ihm unter dem Joch die traurige Antwort: „Wohl, starker Achilles, füh¬ ren wir jetzt dich, den Lebenden, rüstig dahin; aber der Tag des Verderbens ist dir nahe. Nicht unsere Säumniß oder Fahrlässigkeit, sondern das Verhängniß und die All¬ macht der Götter hat dem Patroklus das Leben geraubt, und dem Hektor Siegesruhm gegeben. Wir können mit Zephyrus, dem schnellsten der Winde, in die Wette lau¬ fen und ermüden nicht. Dir aber ist vom Geschicke be¬ stimmt, unter der Hand eines Gottes zu erliegen.“ So sprach das Roß und wollte noch weiter sprechen, aber die Macht der Rachegöttinnen hemmte seinen Laut, und Achil¬ les antwortete voll Unmuth: „Xanthus, was redest du mir da vom Tode? es bedarf deiner Weissagung nicht, weiß ich doch selbst, daß mich, ferne von Vater und Mut¬ ter, das Schicksal hier wegraffen wird. Doch auch so raste ich nicht, bis Trojaner genug vor mir im Kampfe erlegen sind!“ So sprach er und lenkte mit lautem Ruf die stampfenden Rosse vorwärts. Schlacht der Götter und Menschen. Im Olymp hatte Jupiter eine Götterversammlung berufen, in welcher er den Olympischen erlaubte, beiden Theilen, Trojanern und Griechen, zu helfen, wie einen jeden die Gesinnung triebe, denn wenn Achilles, ohne daß die Götter Antheil an der Schlacht nähmen, die Trojaner jetzt bekämpfte, so würde er selbst gegen das Schicksal Troja auf der Stelle erobern. Auf dieß Zugeständniß gingen die Götter sogleich zweierlei Wege: Here die Göttermutter, Pallas Athene, Poseidon, Hermes oder Merkur, und Hephästus eilten zu den Schiffen der Grie¬ chen; Mars ging unter die Trojaner und mit ihm Phöbus und Diana (Artemis), beider Mutter Latona, der Flu߬ gott Skamander, bei den Göttern Xanthus genannt, und Aphrodite. So lange die Götter sich noch nicht unter die heran¬ rückenden Heere gemischt hatten, trugen die Griechen das Haupt hoch, weil der schreckliche Achilles wieder in ihrer Mitte war. Den Trojanern zitterten die Glieder vor Angst, als sie von ferne den Peliden in seinen blinkenden Waffen erblickten, dem furchtbaren Kriegsgott ähnlich. Plötzlich aber erschienen die Götter in beiden Heeren, und drohten den Kampf wieder unentschieden zu machen. Da stand Athene bald außerhalb der Mauer am Graben, bald 17* am Meeresstrand, und ließ ihren mächtigen Ausruf hören. Auf der andern Seite ermahnte Mars bald von der ober¬ sten Höhe der Stadt die Trojaner brüllend wie ein Sturm, bald durchflog er die Reihen am Simoisfluß. Durch beide Schaaren tobte Eris, die Göttin der Zwie¬ tracht; dazu donnerte gräßlich vom Olymp herab Jupiter, der Beherrscher der Schlachten, Poseidon erschütterte die Erde von unten, daß die Häupter aller Berge und die Wurzeln des Ida wankten, und Pluto selbst, der Fürst der Nacht, erschrack und bebend vom Throne sprang, weil er fürchtete, ein Erdriß möchte sein geheimnißvolles Reich Sterblichen und Göttern offenbaren. Nun stellten sich die Götter einander unmittelbar im Kampf entgegen: dem Meergotte Poseidon begegnete Phöbus Apollo mit seinen Pfeilen, dem Kriegsgotte Pallas Athene, der Göttermutter Artemis mit dem Bogen, Hermes der Latona, dem Hephä¬ stus Skamander. Während so Götter auf Götter zurückten, suchte Achilles im Gewühle nur den Hektor auf, Apollo aber, schickte ihm, in den Sohn des Priamus, Lykaon, ver¬ kleidet, den Helden Aeneas entgegen, daß er von Muth beseelt, im schimmernden Erzpanzer, schnell in die vorder¬ sten Reihen vordrang. Doch blieb der Held im Getüm¬ mel der Heranziehenden nicht unbemerkt von Juno; schnell sammelte sie die ihr befreundeten Götter um sich und sprach: „Ueberleget ihr beide, du Poseidon und Athene du, wohin unsere Sache sich jetzt wende. Dort kommt, von Phöbus gereizt, Aeneas gegen den Peliden angestürmt: diesen müssen wir entweder verdrängen, oder muß einer von uns die Kraft des Achilles erhöhen, daß er spüre, die mächtigsten der Götter seyen mit ihm. Heute nur soll ihm nichts vom Trojanervolke geschehen, nur deswegen sind wir Alle ja vom Olymp herabgekommen. Künftig mag er erdulden, was die Parze ihm bei seiner Geburt gesponnen hat.“ „Sey besonnen, Juno,“ erwiederte Po¬ seidon, „ungerne möcht' ich, daß wir, ich und ihr Anderen, vereinigt gegen die Götter anrennten, es wäre nicht ziem¬ lich, denn wir sind die weit überlegenen: laßt uns viel¬ mehr abseits vom Wege dort auf die Warte uns nieder¬ setzen. Wenn aber Mars oder Apollo zuerst den Kampf anheben, wenn sie den Achilles hindern und sich nicht frei im Streite bewegen lassen, alsdann haben auch wir ein Recht, am Gefechte Theil zu nehmen, und gewiß kehren unsere Gegner dann, von unserer Kraft gebändigt, eilig in den Olymp zur Schaar der andern Götter zu¬ rück!“ Der Meergott wartete nicht auf die Antwort, sondern schüttelte seine finstern Locken, und ging voran auf den Wall des Herkules, den vor Zeiten Pallas und die Trojaner diesem zum Schutze gegen die Meerungeheuer aufgethürmt hatten S. Bd. I , S. 229. . Dorthin eilte Poseidon, die andern Götter folgten ihm, und hier saßen sie nun, die Schultern in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Gegenüber auf dem Hügel Kallikolone setzten sich Mars und Apollo, und so saßen die Unsterblichen säumend und sinnend, getrennt, aber kampfbereit und nicht ferne von einander. Unterdessen füllte sich ringsum das Gefilde und strahlte vom Erz der Streiter und der Wagen, und der Boden dröhnte vom Fußtritte der Herankommenden. Doch bald erschienen zwei Männer, Einer aus jedem Heere, kampfbegierig hervorgerannt: Aeneas, der Sohn des Anchises, und Achilles der Pelide. Zuerst schritt Aeneas heraus; vom schweren Helme nickte sein Federbusch, den riesigen Stierschild hielt er vor die Brust, und schwenkte seinen Wurfspieß drohend. Als der Pelide dieß sah, drang auch er wie ein grimmiger Löwe mit Ungestüm vor. Als sie ganz nahe an einander waren, rief er: „Was wagst du dich so weit aus der Menge hervor, Aeneas? Hoffst du etwa, das Volk der Trojaner zu beherrschen, wenn du mich erlegst? Thörichter, diese Ehre wird dir Priamus nie einräumen, hat er doch Söhne die Fülle, und er selbst, der Alte, gedenkt noch nicht vom Throne zu steigen. Oder versprachen dir vielleicht die Trojaner ein köstliches Landgut, wenn du mich erschlügest? Hab' ich dich doch, wie ich meine, im Beginne dieses Kampfes, schon einmal mit meiner Lanze verfolgt! Denkst du nicht mehr daran, wie ich dich, den Vereinzelten, dort von den Rinder¬ herden weg, die Höhen des Ida hinabjagte? Da schau¬ test du dich im Fliehen nicht einmal um, und bis nach der Stadt Lyrnessus trugen dich deine Füße. Ich aber warf sie mit Pallas und Jupiter in Trümmer, und nur die Barmherzigkeit des Letzteren rettete dich, während ich Weiber und Beute genug davon führte. Doch heute wer¬ den dich die Götter nicht zum zweitenmale retten, ich rathe dir, begieb du dich schleunig wieder unter die Menge zurück und hüte dich mir zu begegnen, daß dir kein Leid geschehe!“ Dagegen rief Aeneas: „Hoffe mich nicht mit Worten, wie einen Knaben, abzuschrecken, Pelide, herzzerschneidende Worte könnte auch ich dir zurufen. Kennt doch Einer vom Rufe des Andern Geschlecht wohl: daß dich die Meeresgöttin Thetis gebar, weiß ich; ich aber rühme mich, Aphroditens Sohn und Jupiters Enkel zu seyn. Auch werden wir nicht mit kindischen Worten von einan¬ der aus dem Schlachtfelde scheiden; laß uns deswegen nicht länger hier, gleich albernen Kindern, schwatzend in der Mitte des Getümmels stehen! die ehernen Kriegs¬ lanzen sind es, die wir einander zu kosten geben wollen.“ So sprach er und schwang den Speer zum Wurfe, von dem der entsetzliche Schild des Achilles ringsum nachhallte; doch durchstürmte das Geschoß nur die zwei äußeren Schichten von Erz; die beiden inneren waren von Zinn, und von der mittleren goldenen wurde die Lanze gehemmt. Jetzt schwang auch der Pelide seinen Speer; dieser traf den Schild des Aeneas am äußersten Rande, wo das Erz und die Stierhaut am dünnsten war; Aeneas duckte sich und streckte in der Angst den Schild in die Höhe: so sauste ihm die Lanze, die beiden Schildränder durchfahrend, über die Schulter hin und bohrte sich aufrecht dicht neben ihm in den Boden ein, daß den Sohn Aphroditens vor der To¬ desgefahr schwindelte. Und schon rannte Achilles mit gezücktem Schwerte, laut schreiend, herbei. Da ergriff Aeneas einen ungeheuren Feldstein, wie ihn zwei jetzige Sterbliche nicht aufheben könnten; er aber schwang ihn ganz behende. Hätte er nun mit dem Steine nur des Gegners Helm oder Schild getroffen, so wäre er unfehlbar dem Schwert des Peliden erlegen. Das erbarmte selbst die Götter, die, den Trojanern abhold, auf dem Herkuleswalle saßen. „Es wäre doch Schade,“ sprach Poseidon, „wenn Aeneas, weil er Apollo's Wort gehorcht hat, zum Hades hinabfahren sollte; auch fürchte ich, Jupiter könnte zürnen, denn haßt er gleich den Stamm des Priamus, so will er ihn doch nicht ganz ver¬ tilgen, und durch Aeneas soll das Herrschergeschlecht in Kindern und Kindeskindern fortdauern.“ „Thue, was du willst,“ erwiederte Juno, „ich und Pallas, wir haben es mit einem Eidschwure betheuert, daß wir kein Unglück, welches es auch sey, von den Trojanern abhalten wollen.“ Diese Unterredung war das Werk eines Augenblicks; Poseidon flog in den Kampf, zog unsichtbar den Speer aus dem Schilde des Aeneas und legte diesen dem Achil¬ les quer vor die Füße, nachdem er die Augen des Helden mit einem dichten Nebel umgossen hatte. Den Trojaner selbst schleuderte er, ihn hoch von der Erde aufhebend, über Wagen und Streiter hinweg, an die Gränzen der Schlacht¬ ordnung, wo das Volk der kaukonischen Bundsgenossen kampfgerüstet einherzog. „Welcher Gott,“ so schalt Nep¬ tunus hier den geretteten Helden, „verblendete dich, Aeneas, gegen den Liebling der Götter, den weit mächtigeren Pe¬ liden, kämpfen zu wollen? Weich in Zukunft zurück, so oft du ihm begegnest; hat ihn einmal das Schicksal erreicht, dann magst du dich getrost in den vordersten Reihen schla¬ gen!“ Jetzt verließ ihn der Gott, und zog vor Achilles Augen den Nebel hinweg, der verwundert seine Lanze an der Erde liegen und den Mann verschwunden sah. „Troll' er sich immerhin mit eines Gottes Hülfe,“ sprach er ver¬ drießlich, „ich bin sein Fliehen schon gewohnt.“ Dann sprang er in die Reihen der Seinigen zurück und ermun¬ terte sie zur Schlacht. Drüben aber feuerte Hektor die Seinigen an, und nun folgte ein wilder gemischter Angriff. Als Phöbus Apollo sah, wie gierig Hektor dem Peliden entgegenstrebte, flüsterte er ihm ein Warnungswort ins Ohr, vor welchem Hektor erschrocken in den Haufen seiner Streiter zurückwich. Achilles aber drang stürmend unter die Feinde ein, und sein erster Speerwurf spaltete dem tapfern Iphition das Haupt, daß er zu Boden fiel, und von den Wagenrädern der Danaer zermalmt, im vorder¬ sten Gewühle dalag. Dann stieß er dem Sohn Antenors, Demoleon, den Speer in den Schlaf, dem Hippodamas stach er, als er eben vom Wagen herabsprang, die Lanze in den Rücken; dem Pammon, dem Sohne des Priamus, bohrte er sie, wie er gerade an ihm vorüberflog, in den Rückgrath an der Spange des Gurtes, daß sie vorn her¬ ausdrang und der Jüngling heulend ins Knie sank. Als Hektor seinen Bruder auf der Erde gekrümmt sah, das eigene Gedärm in den Händen, wurde es Nacht vor seinen Augen; er konnte nicht länger entfernt vom Kampfe bleiben, und stürmte trotz der Warnung des Got¬ tes gerade auf Achilles los, seinen Speer wie einen Blitz¬ strahl zückend. Achilles frohlockte, als er ihn sah. „Dieß ist der Mann,“ sprach er, „der meinem Herzen in der tiefsten Tiefe wehe gethan hat. Wollen wir länger vor einander fliehen, Hektor? Näher heran, daß du auf der Stelle das Todesziel erreichest!“ „Wohl weiß ich, wie tapfer du bist,“ antwortete Hektor unerschrocken, „und wie weit ich dir nachstehe; doch wer weiß, ob die Götter mein Geschoß nicht begünstigen, daß es dir, obwohl vom schwä¬ cheren Manne abgesendet, dennoch dein grausames Leben raubt.“ Seinen Worten schickte er die Lanze nach. Aber Athene stand hinter dem Peliden und trieb sie mit einem leisen Anhauche gegen Hektor zurück, daß sie ihm kraftlos zu Füßen sank. Nun stürzte Achilles heran, den Gegner mit einem Speerstoße zu durchbohren: doch Apollo schlug einen Nebel um Hektor, entrückte ihn, und dreimal stach der heranstürmende Pelide in die leere Luft. Als er das viertemal vergebens anrannte, rief er mit drohender Stimme: „So entrannst du abermals dem Tode, du Hund, und hast gewiß zu deinem Phöbus gebetet; aber wenn anders ein Gott auch mich begleitet, entrinnst du künftig dem Verderben von meiner Hand nicht! Für jetzt gehe ich, Andere zu erhaschen.“ So sprach er, und stach dem Dryops die Lanze in den Hals, daß er ihm vor die Füße taumelte, durchbohrte dem Demuchus das Knie mit einem Speerwurf, stürzte den Laogonus und Dardanus, die Söhne des Bias, jenen mit einem Lanzenwurfe, den mit einem Schwerthiebe vom Wagen: dem Tros, dem Sohne Alastors, spaltete er die Leber, obgleich er ihm die Knie flehend umfaßte; dem Mulius fuhr seine Lanze durch ein Ohr bis zum andern; dem Sohne Agenors, Echeklus, schwang er das Schwert tief in den Schädel; den Deu¬ kalion traf seine Lanzenspitze unter dem Armbug, und sein Haupt flog vor seinem Schwerte mit sammt dem Helm in den Staub; Rhigmus, dem Thrazier, schoß er die Lanze in den Bauch, und seinen Wagenlenker Arithous warf er mit einem Speerstoße vom Sitz. So wüthete der göttergleiche Held, wie ein Wind im entsetzlichen Wald¬ brande; seine Rosse trabten stampfend über Schilde und Leichname dahin, die Axe seiner Wagenräder trof von Blut, und bis zu den schmucken Rändern des Sitzes spritzten die Tropfen empor. Kampf des Achilles mit dem Stromgotte Skamander. Als die Fliehenden und ihr Verfolger an die Flut des Wirbel drehenden Skamander gekommen waren, theilte sich die Flucht. Ein Theil warf sich stadtwärts auf das Blachfeld, wo am vorigen Tage Hektor als Sieger die Griechen getummelt hatte. Ueber sie breitete Juno ein dichtes Gewölk aus, und hinderte sie so, weiter zu fliehen. Die andern aber, hart an das Gewässer des Stromes gedrängt, stürzten sich in seine tosenden Wirbel hinab, daß die Gestade ringsumher wiederhallten. Dort schwam¬ men sie durcheinander wie Heuschrecken, die man mit Feuer ins Wasser gescheucht hat; so füllte sich mit einem Ge¬ wirre von Rossen und Männern der ganze Fluß. Da lehnte der Pelide seine Lanze an einen Tamariskenbaum des Ufers, und stürzte sich, das Schwert allein in der Hand, wie ein Gott ihnen nach. Bald röthete sich das Wasser von Blut, und unter seinen Streichen erhub sich hier und dort ein Röcheln aus den Wellen; er wüthete wie in einer Hafenbucht ein ungeheurer Delphin, der von den andern Fischen verschlingt, welchen er erhascht. Als ihm allmählig vom Morden die Hände starr wurden, ergriff er doch noch zwölf Jünglinge lebendig im Strome; er zog sie, der Sinne halb schon beraubt, heraus, und über¬ gab sie den Seinigen, um dort als Sühnopfer für den Tod seines Freundes Patroklus zu fallen. Als der Held nun wieder in den Strom stürzte, nach neuem Würgen sich sehnend, begegnete ihm, eben aus den Fluthen aufstrebend, Lykaon, der Sohn des Priamus, und Achilles stutzte bei dem Anblick. Ihn hatte einst bei einem früheren nächtlichen Ueberfalle der Pelide im Obsthaine seines Vaters Priamus überrascht, wo er gerade wilde Feigensprossen zu einem Sesselrande seines Wagens schnitt. Damals ent¬ führte ihn Achilles mit Gewalt, und sandte ihn zu Schiffe nach der Insel Lemnos, wo der Sohn des Jason, Eunus, ihn als Sklaven an sich kaufte. Als nun ein anderer Sohn des Jason, Etion, Fürst von Imbrus, seinen Halbbruder zu Lemnos besuchte, kaufte er den feinen Jüngling diesem um theures Geld ab, und sandte ihn nach seiner Stadt Arisbe. Als Lykaon hier einige Zeit gelebt, schlich er sich heimlich von dannen und rettete sich nach Troja. Es war der zwölfte Tag, daß er aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, und jetzt zum zweiten¬ male dem Achilles in die Hände fiel. Wie dieser ihn mit wankenden Knieen kraftlos aus dem Strome hervortauchen sah, sprach er staunend zu sich selber: „Wehe mir, welch Wunder muß ich erblicken! Gewiß werden jetzt auch die andern Trojaner, die ich erschlagen habe, aufs neue aus der Nacht hervorkriechen, da dieser wiederkommt, den ich vor langer Zeit nach Lemnos verkauft habe! Nun, wohlan, mag er die Spitze unserer Lanzen kosten, und es dann versuchen, ob er auch aus dem Boden zurückkehren kann!“ Doch ehe Achilles recht mit dem Speere zielen konnte, hatte sich Lykaon heraufgeschwungen, umschlang ihm mit der einen Hand die Kniee, und faßte mit der andern seine Lanze. „Erbarme dich meiner, Achilles,“ rief er, „war ich doch einst deinem Schutze anvertraut! Damals trug ich dir hundert Stiere ein, jetzt will ich mich dreimal so hoch lösen! Erst seit zwölf Tagen bin ich in der Heimath, nach langer Qual der Gefangenschaft, aber Jupiter muß mich wohl hassen, daß er mich von neuem in deine Hand gegeben. Doch tödte mich nicht; ich bin ein Kind Laothoe's, und kein leiblicher Bruder des Hektor, der dir deinen Freund gemordet hat.“ Aber Achilles faltete die Stirn, und mit umbarmherziger Stimme sprach er: „Schwatze mir nicht von Lösung, du Thor; ehe Patroklus starb, war mein Herz zu schonen willig, jetzt aber entflieht Keiner dem Tode. So stirb denn auch du, mein Guter; sieh mich nicht so kläglich an! Ist doch auch Patroklus gestor¬ ben, der viel herrlicher war, als du. Und betrachte mich selbst, wie schön und groß ich von Gestalt bin; dennoch, ich weiß es gewiß, wird auch mich das Verhängniß von Feindeshand ereilen, sey's am Morgen, am Mittag oder am Abend!“ Lykaon ließ zitternd den Speer fahren, als er ihn so reden hörte, saß mit ausgebreiteten Händen und empfing den Stoß des Schwertes in den Hals. Achilles faßte den Gemordeten am Fuße, schleuderte ihn in den Strudel des Flusses, und rief ihm höhnend nach: „Laß sehen, ob der Strom dich rette, dem ihr vergebens so viele Sühnopfer gebracht habt.“ Ueber diese Worte ergrimmte der Stromgott Ska¬ mander, der ohnedem auf Seite der Trojaner war, und erwog bei sich im Geiste, wie er den gräßlichen Helden in seiner Arbeit hemmen, und die Plage von seinen Schütz¬ lingen abwenden könnte. Achilles sprang indessen mit seiner Lanze auf Asteropäus den Päonier, den Sohn des Pele¬ gon ein, der, zwei Speere in den Händen, eben aus dem Strome stieg. Diesem hauchte der Flußgott Muth in die Seele, daß er mit Ingrimm das erbarmunglose Gemetzel des Peliden überblickte, und kühn auf den Mor¬ denden zueilte. „Wer bist du, der es wagt, mir entgegen zu gehen,“ rief Achilles ihm zu, „nur die Kinder unglück¬ seliger Eltern begegnen meiner Kraft.“ Ihm antwortete Asteropäus: „Was frägst du nach meinem Geschlechte? Der Enkel des Stromgottes Axius bin ich, Pelegon hat mich gezeugt; vor eilf Tagen bin ich mit meinen Päonen als Bundsgenosse Troja's erschienen. Jetzt aber kämpfe mit mir, hoher Achilles.“ Da erhub der Pelide seine Lanze; der Päonier aber warf zwei Speere zugleich, einen mit jeder Hand, denn er konnte die linke wie die rechte brau¬ chen: der eine brach das Schildgewölbe des Peliden, ohne den Schild selbst zu brechen, der andere streifte ihm den rechten Arm am Ellbogen, daß das Blut hervorrieselte. Jetzt erst schwang Achilles seine Lanze, aber sie verfehlte den Gegner und fuhr bis zur Hälfte ins Ufer. Dreimal zog Asteropäus mit seiner nervigten Hand an ihr, ohne sie aus dem Boden herausreißen zu können. Als er das viertemal ansetzte, überfiel ihn Achilles mit dem Schwert und hieb ihm in den Leib, daß alles Gedärme hervor¬ drang und er röchelnd auf die Erde sank. Der Pelide zog ihm jauchzend die Rüstung ab, und ließ den Leichnam den Aalen zur Uferbeute liegen; dann stürzte er sich unter die Päonier, die noch voll Angst an dem Flusse umher flogen. Ihrer sieben hatte sein Schwert erschlagen, und noch wollte er unter ihnen fortwüthen, als plötzlich Skamander, der zürnende Beherrscher des Stromes, in Menschenge¬ stalt aus dem tiefen Strudel emportauchte und dem Hel¬ den zurief: „Pelide, du wüthest mit entsetzlichen Thaten, mehr als ein Mensch! Meine Gewässer sind voll von Todten, mit Mühe ergießen sich meine Ströme ins Meer, laß ab!“ „Ich gehorche dir, denn du bist ein Gott,“ antwortete Achilles, „aber darum wird mein Arm nicht vom Morde der Trojaner rasten, bis ich sie in die Stadt zurückgejagt und meine eigene Kraft mit der Kraft Hektors gemessen habe.“ So sprach er und stürzte sich auf die flüchtigen Reihen der Trojaner, drängte sie aufs neue dem Ufer zu, und als sie sich ins Wasser retteten, sprang, den Befehl des Gottes vergessend, auch er wieder in den Strudel. Nun fing der Strom an wüthend zu schwellen, regte seine trüben Fluthen auf, warf die Getödteten mit lautem Gebrüll ans Gestade; seine Brandung schlug schmetternd an den Schild des Peliden. Dieser, mit den den Füßen wankend, faßte eine Ulme mit den Händen, riß sie aus den Wurzeln und klomm über ihre Aeste ans Ufer. Nun flog er über das Gefilde hin, aber der Flu߬ gott rauschte ihm mit der tosenden Welle nach, und erreichte ihn, so rasch er war. Und so oft er ihm widerstehen wollte, bespülten die Wogen ihm die Schultern, und raub¬ ten ihm den Boden unter den Füßen. Da klagte der Held gen Himmel: „Vater Jupiter, erbarmt sich denn keiner der Ewigen meiner, mich aus der Gewalt des Stroms zu retten? Betrogen hat mich meine Mutter, als sie weissagte, daß mir der Tod durch Apoll's edles Geschoß bereitet sey. Hätte mich doch Hektor getödtet, der Starke den Starken! So aber soll ich des schmäh¬ lichsten Todes in den Fluthen sterben, wie der Knabe eines Sauhirten, der im Winter durch den Sturzbach watet und fortgerissen wird!“ Wie er so jammerte, gesellten sich Poseidon und Athene in Menschengestalt zu ihm, faßten ihn bei der Hand und trösteten ihn, denn nicht sey ihm vom Schicksale bestimmt, in den Strom zu sinken. Die Götter schieden wieder, aber Athene füllte ihn mit Kraft, daß er hoch mit den Knieen aus der Fluth sprang, und das Gefilde wieder gewann. Aber noch immer ließ Skamander von seinem Zorne nicht ab; vielmehr bäumte er sich mit immer höherer Brandung und rief laut seinem Bruder Simois zu: „Komm Bruder, laß uns beide zusammen die Gewalt dieses Mannes da bändigen, sonst wirft er uns heute noch die Veste des Priamus in den Staub! Auf; hilf mir, nimm die Quellen des Gebirges auf, ermuntere jeden Gießbach, hebe deine Fluth hoch, rolle Steinblöcke daher! Nicht seine Kraft, nicht seine Rüstung soll ihn vertheidigen: tief im Sumpfe soll diese liegen, mit Schlamme bedeckt. Ihn selbst verschütte ich mit Muscheln, Kies und Sand, daß die Argiver selbst seine Gebeine in dem Wust nicht mehr auffinden können. So thürme ich ihm selbst sein Denkmal auf, und die Danaer brauchen ihm für kein Rasengrab zu sorgen!“ Unter diesem Zurufe rauschte er mit Schaum, Blut und Leichen auf den Helden daher, daß bald seine Welle sich über ihm bäumte, indeß auch der Strom Simois aus der Ferne sich aufmachte. Juno selbst, voll inniger Angst um ihren Liebling, schrie laut auf, als sie dieses sah. Dann sprach sie schnell zu Hephästus: „Lieber hinkender Sohn, nur deine Flam¬ men sind dem gewaltigen Strome gewachsen: bringe dem Pe¬ liden deine Hülfe; ich selbst will den West- und Südwind vom Meergestade erregen, daß sie die schreckliche Glut bis ins Heer der Trojaner hineintragen. Du aber zünde die Bäume am Gestade des Flusses an und durchlodere ihn selbst; laß dich durch keine Schmeichelei und durch keine Drohung zurückhalten, Glut muß die Vertilgung im Zaume halten!“ Auf ihr Wort durchflog die Flamme des Hephästus das Gefild, und zuerst verbrannte sie die Leichname der Troer, die von Achilles Hand gefallen waren. Dann wurde das Feld ganz trocken und das Wasser gehemmt. Am Ufer fingen die Ulmen, die Weiden, die Tamarisken und alles Gras zu brennen an; schon schnappten die Aale und an¬ dere Fische, angstvoll und matt von dem Glutanhauche, nach frischem Wasser. Endlich wogte der Strom selbst in lichten Flammen, und Skamander, der Gott, rief wimmernd aus seinen Fluthen hervor: „Gluthathmender Gott, ich begehre nicht, mit dir zu kämpfen, laß uns vom Streite ruhen; was geht mich die Fehde der Trojaner und des Achilles an!” So klagte er, während seine Ge¬ wässer sprudelten, wie Fett im Kessel über der Flamme brodelt. Endlich wandte er sich laut wehklagend an die Göttermutter, und rief: „Here, warum quält denn dein Sohn Hephästus meinen Strom so entsetzlich? Hab' ich doch nicht mehr verschuldet, als die andern Götter alle, so viel ihrer den Trojanern beistehen; jetzt aber will ich ja gerne ruhig seyn, wenn du es befiehlst, nur sollte auch er mich in Ruhe lassen!” Da begann Juno zu ihrem Sohne: „Halt ein, Hephästus, martere mir den unsterb¬ lichen Gott nicht länger um der Sterblichen willen!” Jetzt löschte der Feuergott seine Flamme, der Strom rollte in seine Ufer zurück, und der ferne Simois gab sich auch zufrieden. Schlacht der Götter. Den andern Göttern tobte dafür das Herz in unge¬ stümer Feindschaft, und im Sturme prallten sie aneinander, daß der Erdkreis dröhnte und die Luft rings wie von Schwab , das klass. Alterthum. II . 18 Posaunen erscholl. Jupiter, auf der Spitze des Olymp gelagert, vernahm es, und sein Herz erbebte vor Wonne, als er die Unsterblichen zum riesenhaften Kampf auf ein¬ ander losrennen sah. Zuerst drang Mars, der Kriegsgott, vor und stürmte mit seinem ehernen Speer auf Pallas Athene ein, indem er ihr schmähende Worte entgegenrief: „Du schamloseste Fliege, was treibst du voll stürmischer Dreistigkeit die Götter zum Kampfe? Weißt du noch, wie du den Tydiden gereizt, daß er mich mit der Lanze ver¬ wundete, ja wie du selbst mit dem strahlenden Speere mir den unsterblichen Leib verletzt? Jetzt wollen wir die Rech¬ nung miteinander abschließen, du Unbändige!“ So sprach er, schlug an seinen schrecklichen Aegisschild, und stieß mit dem Speer nach der Göttin. Diese wich aus, griff nach einem großen rauhen Markstein, der dort im Gefilde lag, und traf damit den Wütherich an den Hals, daß er klir¬ rend in seinen ehernen Waffen zu Boden sank, sieben Hufen Landes im Fall bedeckend, und sein göttliches Haar vom Staube besudelt ward. Da lächelte Athene, und sprach jubelnd: „Thörichter, du hast wohl nie bedacht, wie viel ich dich an Kraft übertreffe, da du es gewagt hast, dich mit mir zu messen! Büße jetzt ganz deiner Mutter Here Verwünschungen, die voll Zornes über dich ist, daß du dich den Griechen entzogen hast, und die übermüthigen Trojaner vertheidigen magst.“ So redete sie, und wandte ihre strahlenden Götteraugen ab. Den schwer aufstöhnen¬ den Kriegsgott, dem erst allmählig der Athem wiederkehrte, führte Jupiters Tochter, Aphrodite, aus der Schlacht; als aber Juno die beiden gewahr wurde, begann sie zu Athene: „Weh mir, Pallas, siehest du nicht, wie dreist dort die weichliche Liebesgöttin den wilden Mörder mitten aus dem entscheidenden Kampfe durchs Getümmel hinwegführt? Wirst du sie nicht schnell verfolgen?“ Nun stürmte Pallas Athene nach, und versetzte der zarten Göttin mit mächtiger Hand einen Schlag auf die Brust, daß sie zu Boden sank, und der verwundete Kriegsgott mit ihr. „Mögen alle so stürzen,“ rief Athene, „die es wagen, den Trojanern bei¬ zustehen! Wäre es jedem der Unsern gelungen, wie mir, so hätten wir längst Ruhe, und Troja wäre zum Schutt¬ haufen unter unsern Händen geworden.“ Ein Lächeln flog über Here's Gesicht, als sie dieses sah und hörte. Darauf sprach der Erderschütterer Poseidon, zu Apollo gewendet: „Phöbus, warum stehen wir so entfernt, da doch Andere den Kampf schon begonnen haben? Es wäre doch eine Schmach für uns, wenn wir beide zum Olymp zurückkeh¬ ren wollten, ohne unsere Kraft aneinander versucht zu haben. So hebe denn du an, bist du doch der Jüngere! Was säumst du? Hat dein Herz doch ganz vergessen, wie viel wir beide vor allen Göttern bereits Böses um Troja geduldet haben, seit wir dem stolzen Laomedon bei dem Bau der Stadtmauer fröhnten, und er unsere Dienste so schnöde vergalt? Du denkst wohl nicht mehr daran, sonst würdest du mit uns Andern auf die Vernichtung der Trojaner be¬ dacht seyn, und nicht dem Volke des trügerischen Laomedon willfahren!“ „Beherrscher des Meeres,“ antwortete ihm Phöbus, „ich selbst würde dir nicht bei Besinnung dünken, wenn ich, der Sterblichen wegen, die hinfällig sind, wie das Laub im Walde, mit dir, dem ehrfurchtgebietenden Gotte, kämpfen wollte.“ So sprach Apollo, und wandte sich, voll Scheu, wider den Bruder seines Vaters ge¬ waltsam den Arm aufzuheben. Da spottete seiner die Schwester Artemis und rief höhnend: „Fliehest du schon 18 * vor der Schlacht, du Fernhintreffer, und räumst dem prah¬ lerischen Poseidon den Sieg ein? Du Thor, was trägst du alsdann auf der Schulter den Bogen, das nichtige Kinderspiel? Aber Juno verdroß die Spottrede: „Ge¬ denkst du etwa, weil du dein Geschoß auf dem Rücken trägst, dich mit mir an Stärke zu messen, du Schamlose?“ sprach sie, „wahrlich, dir wäre besser, du gingst in die Wälder, einen Eber oder Hirsch zu erlegen, als frech gegen höhere Götter anzukämpfen! Und doch, weil du so trotzig bist, so magst du meine Hand fühlen.“ So schalt sie, ergriff mit der Linken beide Hände der Göttin am Knöchel, mit der Rechten zog sie ihr den Köcher sammt den Pfeilen von der Schulter, und versetzte damit der Zurückgewendeten schimpfliche Streiche um die Ohren, daß die Pfeile klirrend aus dem Köcher sanken. Wie eine schüchterne Taube, vom Habicht verfolgt, ließ Diana Köcher und Pfeile liegen, und floh unter Thränen davon. Ihre Mutter Latona wäre ihr zu Hülfe geeilt, wenn nicht Merkur in der Nähe auf der Lauer gestanden wäre. Als dieser das inne ward, sprach er zu ihr: „Ferne sey von mir, daß ich mit dir streiten wollte, Latona; gefahrvoll ist der Kampf mit den Frauen, die der Donnerer seiner Liebe gewürdigt hat. Deswegen magst du dich immerhin im Kreise der Unsterblichen rühmen, mir obgesiegt zu haben.“ So sprach er freundlich: da eilte Latona herbei, hub den Bogen, den Köcher und die Pfeile, wie sie wirbelnd da und dorthin in den Staub gefallen waren, sie sammelnd, auf, und eilte der Tochter nach, zum Olymp hinan. Dort hatte sich Artemis weinend auf die Kniee des Va¬ ters gesetzt, und ihr feines, von Ambrosia duftendes Gewand bebte ihr noch vom Zittern der Glieder. Jupiter schloß sie liebkosend in die Arme, und sprach unter freund¬ lichem Lächeln zu ihr: „Welcher von den Göttern hat es gewagt, dich zu mißhandeln, mein zartes Töchterchen?“ „Vater,“ antwortete sie, „dein Weib hat mir ein Leids gethan, die zornige Juno, die alle Götter zu Streit und Hader empört.“ Da lachte Jupiter, streichelte sie und sprach ihr Trost ein. Drunten aber ging Phöbus Apollo hinein in die Stadt der Trojaner, denn ihm war ernstlich bange, die Danaer möchten, dem Schicksale zum Trotz, noch heute die Mauer der schönen Veste niederreißen. Die übrigen Götter eilten, die einen voll Siegeslust, die andern voll Zorn und Gram, in den Olymp zurück, und setzten sich um den Vater, den Donnergott, im Kreise. Achilles und Hektor vor den Thoren. Auf einem hohen Thurme der Stadt stand der greise König Priamus, und schaute nieder auf den gewaltigen Peliden, wie er die fliehenden Trojaner vor sich hertrieb, ohne daß ein Gott oder ein Sterblicher erschien, ihn ab¬ zuwehren. Wehklagend stieg der König vom Thurme her¬ nieder, und ermahnte die Hüter der Mauer: „Oeffnet die Thorflügel und haltet sie, bis alle die fliehenden Völker sich in die Stadt hereingedrängt haben, denn Achilles tobt ganz nahe dem Schwarm, und mir ahnet schlimmer Aus¬ gang. Sind sie innerhalb der Mauer, so fuget mir die Flügel wieder wohl ineinander, sonst stürmt der Verderb¬ liche hinter ihnen durch das Thor zu uns herein! Die Wächter schoben die Riegel zurück, die Thorflügel thaten sich auseinander und eine Rettungspforte stand offen. Während aber die Trojaner ausgedörrt von Durst, bedeckt mit Staub, durch das Blachfeld flohen, und Achil¬ les mit seiner Lanze sie wie wahnsinnig verfolgte, verließ Apollo Troja's offenes Thor, die Noth seiner Schutzbe¬ fohlenen zu wenden. Er erweckte den Helden Agenor, den tapfern Sohn Antenors, und stand ihm, in dunkeln Nebel eingehüllt, an die Buche Jupiters gedrängt, selbst zur Seite. So geschah es, daß Agenor zuerst von allen Trojanern im Fliehen inne hielt, sich besann und schämte und zu sich selbst sagte: „Wer ist es, der dich verfolgt, ist nicht auch ihm der Leib mit spitzem Eisen verwundbar, ist er nicht auch sterblich, wie andere Menschen?“ So faßte er sich in Gedanken und erwartete den heranstürmen¬ den Achilles, streckte den Schild vor, und rief ihm, die Lanze schwingend, entgegen: „Hoffe nicht so schnell die Stadt der Trojaner zu verheeren, Thörichter; noch gibt es Männer unter uns, die für Eltern, Weiber und Kin¬ der ihre Veste beschirmen!“ Damit entschwang er den Speer, und traf die neugegossene zinnerne Knieschiene des Helden, von der die Lanze jedoch, ohne zu verwunden, ab¬ prallte. Achilles stürzte sich auf den Gegner, aber Apollo entführte diesen im Nebel, und wußte den Peliden selbst durch eine List von der Verfolgung abzulenken. Er selbst verwandelte sich nämlich in die Gestalt Agenors, und nahm seinen Weg durch das Waizenfeld, dem Skamanderflusse zu. Achilles eilte ihm fliegend nach und hoffte ihn bestän¬ dig im Laufe zu erhaschen. Indessen flüchteten die Tro¬ janer glücklich durchs offene Thor in die Stadt, die sich bald mit gedrängten Schaaren füllte: Keiner wartete auf den Andern, Keiner schaute sich um, zu sehen, wer gerettet, wer gefallen sey; alle waren nur froh für sich selbst, sich sicher hinter den Mauern zu wissen. Da kühlten sie den Schweiß, löschten den Durst und streckten sich längs der Mauer an der Brustwehr nieder. Doch die Griechen, Schild an Schulter, wandelten in dichten Schaaren auf die Mauer zu. Von allen Tro¬ janern war nur Hektor ausserhalb des skäischen Thores geblieben, denn sein Schicksal hatte es so geordnet. Achilles aber war immer noch auf der Verfolgung Apollo's begrif¬ fen, den er für Agenor hielt. Da stand plötzlich der Gott stille, wandte sich um, und sprach mit seiner Götter¬ stimme: „Was verfolgst du mich so hartnäckig, Pelide, und vergissest über mich die Verfolgung der Trojaner? Du meinest einen Sterblichen zu jagen, und ranntest einem Gotte nach, den du doch nicht tödten kannst.“ Da fiel es wie Schuppen von den Augen des Helden, und er rief voll Aerger aus: „Grausamer, trügerischer Gott! daß du mich so von der Mauer hinweglocken konntest! Fürwahr, noch viele hätten mir im Staube knirschen müssen, ehe sie in Ilion einzogen! Du aber hast mir den Siegesruhm geraubt und sie gefahrlos gerettet, denn du hast als ein Gott keine Rache zu fürchten, wie gerne ich mich auch an dir rächen möchte!“ Achilles wandte sich und flog trotzigen Sinnes auf die Stadt zu, wie ein ungestümes, sieggewohntes Roß am Wagen. Ihn erblickte zuerst der greise Priamus, von der Warte des Thurmes herab, auf der der König wieder Platz genommen hatte, und er erschien ihm leuchtend, wie der ausdörrende Hundsstern am Nachthimmel dem Land¬ mann verderbenbringend entgegenfunkelt. Der Greis schlug sich die Brust mit den Händen und rief wehklagend zu seinem Sohne herab, der ausserhalb des skäischen Thores stand und voll heisser Kampfgier auf den Peliden wartete: „Hektor, theurer Sohn! was weilest du draussen einsam und von allen Andern getrennt! Willst du dich denn muthwillig dem Verderben in die Hände geben, ihm, der mir schon so viele tapfre Söhne geraubt hat! Komm herein in die Stadt, beschirme hier Troja's Männer und Frauen, verherrliche nicht den Ruhm des Peliden durch deinen Tod! Erbarme dich auch meiner, deines elenden Vaters, so lange er noch athmet, meiner, den Jupiter verdammt hat, an der äußersten Schwelle des Alters in Gram hinzuschwinden, und so unendliches Leid mit anzu¬ schauen! Meine Kinder werde ich sehen müssen erwürgt, meine Töchter hinweggerissen, ausgeplündert die Kammern meiner Burg, die stammelnden Kinder zu Boden geschmet¬ tert, die Schwiegertöchter fortgeschleppt. Zuletzt liege ich wohl selbst, von einem Speerwurf oder Lanzenstich ermor¬ det, am Thore des Pallastes, und die Haushunde, die ich aufgezogen, zerfleischen mich und lecken mein Blut!“ So rief der Greis vom Thurme herab und zerraufte sein weißes Haar. Auch Hekuba, die Mutter, erschien an seiner Seite, zerriß ihr Gewand und rief weinend hinun¬ ter: „Hektor, gedenke, daß meine Brust dich gestillt hat; erbarme dich meiner! Wehre dem schrecklichen Manne hinter der Mauer, aber miß dich nicht mit ihm im Vor¬ kampfe, du Rasender!“ Das laute Weinen und Rufen seiner Eltern vermochte den Sinn Hektors nicht umzustimmen; er blieb unbeweg¬ lich auf dem Platze und erwartete den herannahenden Achilles. „Damals hätte ich weichen müssen,“ sprach er in seinem Herzen, „als mein Freund Polydamas mir den Rath gab, das Heer der Trojaner in die Stadt zurückzu¬ führen! Jetzt nachdem ich das Volk durch meine Bethö¬ rung verderbt habe, fürchte ich mich vor den Männern und Weibern Troja's, daß nicht einer der Schlechteren mir dereinst sage: im Vertrauen auf seine eigene Stärke hat Hektor das Volk preisgegeben. Viel besser ich siege oder falle im Kampfe mit dem Gefürchteten! — Oder wie? wenn ich Schild und Helm jetzt zur Erde legte, meinen Speer an die Mauer lehnte, ihm entgegen ginge, ihm Helena, alle Schätze, die Paris geraubt, zudem anderes Gut die Fülle anböte; wenn ich alsdann den Fürsten Troja's einen Eidschwur abnähme, nichts ingeheim zu entziehen; all unsre Schätze und Vorräthe in zwei Theile zu theilen ..... Doch, wehe mir, was für Gedanken kommen mir ins Herz? Ich mich ihm flehend nahen? Ohne Erbarmen würde er mich, den Entblößten, nieder¬ hauen, wie ein Weib! Fürwahr es würde schön lassen, wenn ich mich zu einem traulichen Gespräche ihm beige¬ sellen wollte, wie ein Jüngling wohl mit der Jungfrau plaudert! Besser, wir rennen auf einander an zum Kampfe, daß es sich bald entscheiden muß, welchem von uns beiden die Olympischen den Sieg verliehen!“ Solche Gedanken wog Hektor im Geiste ab und blieb. Der Tod Hektors. Immer näher kam Achilles geschritten, dem Kriegs¬ gott an furchtbarer Herrlichkeit gleich; auf der rechten Schulter bebte ihm entsetzlich seine Lanze aus Pelions Eschenholz, seine Erzwaffen schimmerten um ihn wie eine Feuersbrunst, oder wie die aufgehende Sonne. Als Hek¬ tor ihn sah, mußte er unwillkührlich zittern; er vermochte nicht mehr stille zu stehen; er wandte sich um, dem Thore zu, und hinter ihm her flog der Pelide, wie ein Falk der Taube nachstürzt, die oft seitwärts schlüpft, während der Raubvogel gradandringt in seinem Fluge. So flüchtete Hektor längs der Mauer von Troja über den Fahrweg hinüber an den beiden sprudelnden Quellen des Skaman¬ der vorbei, der warmen und der kalten, immer weiter um die Mauer: ein Starker floh, aber ein Stärkerer folgte. Also kreisten sie dreimal um die Stadt des Priamus, und vom Olymp sahen alle ewigen Götter dem Schauspiele mit gespannter Aufmerksamkeit zu. „Erwägt es wohl, ihr Götter,“ sprach Jupiter, „die Stunde der Entscheidung ist jetzt gekommen; jetzt fragt es sich: soll Hektor dem Tode noch einmal entfliehen, soll er, wie tapfer er auch seyn mag, fallen?“ Da nahm Pallas Athene das Wort und sprach: „Vater, wo denkst du hin? Einen Sterbenden, der längst dem Verhängniß anheimgefallen ist, willst du vom Tod erlösen? Thu', was dir gut dünkt, aber hoffe nicht, daß die Götter deinen Rath billigen werden!” Ju¬ piter nickte seiner Tochter Gewährung zu, und sie schwang sich wie ein Vogel von den Felsenhöhen des Olymp aufs Schlachtfeld hinab. Hier floh Hektor noch immer vor seinem Verfolger, der ihn, wie ein Jagdhund den aus dem Lager aufgejagten Hirsch, bedrängte, und ihm, wie dieser seinem Wild, keinen Schlupfwinkel und keine Rast gönnte. Auch winkte Achil¬ les seinem Volke zu, daß keiner sein Geschoß auf Hektorn werfen und ihm den Ruhm rauben sollte, der erste und einzige gewesen zu seyn, der den furchtbarsten Feind der Griechen erlegte. Als sie nun zum viertenmal auf ihrer Runde um die Mauer an die Quellen des Skamander gelangt waren, da erhub sich Jupiter auf dem Olymp, streckte die goldne Wage vor, und legte zwei Todesloose hinein, das eine für den Peliden, das andre für Hektor. Dann faßte er die Wage in der Mitte und wog: da sank Hektors Wag¬ schale tief nach dem Hades zu, und augenblicklich verließ Phöbus Apollo seine Seite. Zu Achilles aber trat Athene die Göttin und flüsterte ihm ins Ohr: „Steh' und erhole dich, während ich Jenem zurede, dich kühn zu bekämpfen.“ Achilles lehnte sich, der Göttin gehorchend, auf seinen eschenen Speer, sie aber, in der Gestalt des Deiphobus, trat ganz nahe zu Hektor und sprach zu ihm: „Ach, mein älterer Bruder, wie bedrängt dich der Pelide! Wohlan, laß uns Stand halten und ihn abwehren.“ Freudig auf¬ blickend erwiederte Hektor: „Du warst immer mein trau¬ tester Bruder, Deiphobus, jetzt aber muß dich mein In¬ nerstes nur um so mehr hochachten, daß du dich, sobald mich dein Auge wahrnahm, aus der Stadt gewagt hast, während die andern alle hinter der Mauer sitzen!“ Athene winkte dem Helden zu und schritt ihm, die Lanze gehoben, voran, dem ausruhenden Achilles entgegen. Diesem rief Hektor zuerst zu: „Nicht länger entfliehe ich dir, Pelide: mein Herz treibt mich, dir fest entgegen zu stehen, daß ich dich tödte oder falle! Laß uns aber die Götter zu Zeu¬ gen eines Eidschwures nehmen: wenn mir Jupiter den Sieg verleiht, werde ich dich nimmermehr mißhandeln, sondern, nachdem ich dir deine Rüstung abgezogen, die Leiche deinen Volksgenossen zurückgeben. Ein Gleiches sollst du mir thun!“ „Nicht von Verträgen geplaudert!“ erwiederte finster Achilles, „so wenig ein Hund zwischen Löwen und Men¬ schen Freundschaft stiftet, so wenig zwischen Wölfen und Lämmern Eintracht besteht, so wenig wirst du mich mit dir befreunden. Einer von uns muß blutig zu Boden stürzen. Nimm deine Kunst zusammen, du mußt Lanzen¬ schwinger und Fechter zugleich seyn. Doch du wirst mir nicht entrinnen, all das Leid, das du den Meinigen mit der Lanze angethan hast, das büßest du mir jetzt auf ein¬ mal!“ So schalt Achilles und schleuderte die Lanze: doch Hektor sank ins Knie, und das Geschoß flog über ihn weg in die Erde; hier faßte es Athene und gab es dem Peliden, unbemerkt von Hektor, sogleich zurück. Mit zor¬ nigem Schwung entsandte nun Hektor auch seinen Speer, und dieser fehlte nicht, er traf mitten auf den Schild des Achilles, aber prallte auch davon ab; bestürzt sah sich Hektor nach seinem Bruder Deiphobus um, denn er hatte keine zweite Lanze zu versenden. Doch dieser war ver¬ schwunden. Da wurde Hektor inne, daß es Athene war, die ihn getäuscht hatte. Wohl sah er ein, daß das Schick¬ sal ihn jetzt fassen würde; er dachte daher nur darauf, wie er nicht ruhmlos in den Staub sinken wollte, zog sein gewaltiges Schwert von der Hüfte, und stürmte, das geschwungene in der Rechten, wie ein Adler einher, der auf einen geduckten Hasen oder ein Lämmlein aus der Luft herabschießt. Der Pelide wartete den Streich nicht ab, auch er drang unter dem Schilde vor; sein Helm nickte, die Mähne flatterte, und sternhell strahlte sein Speer, den er grimmig in seiner Rechten schwenkte. Sein Auge durchspähte den Leib Hektors, forschend, wo etwa eine Wunde haften könnte. Da fand er Alles blank von der geraubten Rüstung umhüllt: nur wo Achsel und Hals das Schlüsselbein verbindet, erschien die Kehle, die gefähr¬ lichste Stelle des Lebens im Leib, ein weniges entblößt. Dorthin lenkte Achilles schnell besonnen seinen Stoß und durchstach ihm den Hals so mächtig, daß die Lanzenspitze zum Genick herausdrang. Doch durchschnitt ihm der Speer die Gurgel nicht so, daß der Verwundete nicht noch reden konnte, obgleich er in den Staub sank, wäh¬ rend Achilles laut frohlockte und den Leichnam Hunden und Vögeln preis zu geben drohte. Da begann der lie¬ gende Hektor, schon schwächer athmend, zu flehen: „Ich beschwöre dich bei deinem Leben, Achilles, bei deinen Knieen, bei deinen Eltern, laß mich bei den Schiffen der Danaer nicht die Hunde zerreißen! Nimm Erz und Gold so viel du willst zum Geschenk, und entsende dafür mei¬ nen Leib nach Troja, daß Männer und Frauen dort ihm die Ehre des Scheiterhaufens zu Theil werden lassen.” Aber Achilles schüttelte sein fürchterliches Haupt und sprach: „Beschwöre mich nicht bei meinen Knieen und meinen Eltern, du Mörder meines Freundes! Niemand sey, der dir die Hunde verscheuche von deinem Haupt, und wenn mir deine Landsleute zwanzigfältige Sühnung darwögen und noch mehr verhießen. Ja, wenn dich Pria¬ mus mir selbst mit Gold aufwägen wollte!“ „Ich kenne dich,” stöhnte Hektor sterbend, „ich ahnte, daß du nicht zu erweichen seyn würdest; dein Herz ist eisern! Aber denk' an mich, wenn die Götter mich rächen, und am hohen, skäischen Thore du vom Geschosse Phöbus Apollo's ge¬ troffen im Staube endest, wie jetzt ich!“ Mit dieser Weissagung verließ Hektor's Seele den Leib und flog zum Hades hinunter. Achilles aber rief der fliehenden nach: „Stirb du; mein Loos empfang' ich, wann Jupiter und die Götter wollen!“ So sprach er und zog den Speer aus dem Leichnam, legte ihn bei Seite, und zog die eigene, blutige Rüstung von den Schultern des Gemordeten. Nun kamen aus dem griechischen Heere viel Streiter herbeigelaufen und betrachteten den Wuchs und die hohe Bildung des todten Hektor bewundernd, und mancher sprach, ihn anrührend: „Wunderbar, wie viel sanfter ist doch der Mann nun zu betasten, als da er den Feuer¬ brand in unsere Schiffe schleuderte!“ Jetzt stellte sich Achilles mitten unter das Volk und sprach: „Freunde und Helden! Nachdem die Götter mir verliehen haben, diesen Mann hier zu bändigen, der uns mehr Böses gethan hat, als alle andern zusammen, so laßt uns in unserer Rüstung die Stadt ein wenig auskundschaften, um zu erforschen, ob sie uns wohl die Burg räumen werden, oder ob sie es wagen, uns auch ohne Hektor Widerstand zu leisten. Aber was rede ich? Liegt nicht mein Freund Patroklus noch unbestattet bei den Schiffen? Darum stimmet den Siegs¬ gesang an, ihr Männer, und laßt uns vor allen Dingen meinem Freunde das Sühnopfer bringen, das ich ihm geschlachtet habe!“ Mit solchen Worten wandte sich der Grausame dem Leichnam aufs Neue zu, durchbohrte ihm an beiden Füßen die Sehnen zwischen Knöchel und Fersen, durchzog sie mit Riemen von Stierhaut, band sie am Wagensitze fest, schwang sich in den Wagen, und trieb seine Rosse mit der Geißel den Schiffen zu, den Leichnam nachschleppend. Staubgewölk umwallte den Geschleiften, sein jüngst noch so liebliches Haupt zog mit zerrüttetem Haar eine breite Furche durch den Staub. Von der Mauer herab erblickte seine Mutter Hekuba das grauenvolle Schauspiel, warf den Schleier ihres Hauptes weit von sich und sah jam¬ mernd ihrem Sohne nach. Auch der König Priamus weinte und jammerte. Geheul und Angstruf der Trojaner und der fremden Völker hallte durch die ganze Stadt. Kaum ließ sich der alte König abhalten, selbst in seinem zornigen Schmerz zum skäischen Thore hinaus zu stürmen und dem Mörder seines Sohnes nachzueilen. Er warf sich zu Boden und rief: „Hektor, Hektor! Alle andern Söhne, die mir mein Feind erschlug, vergesse ich über dir: o wärest du doch nur in meinen Armen gestorben!“ Andromache, Hektors Gemahlin, hatte von dem gan¬ zen Jammer noch nichts vernommen, ja ihr war nicht einmal ein Bote gekommen, der gemeldet hätte, daß ihr Gatte sich noch draußen vor den Thoren befinde. Ruhig saß sie in einem der Gemächer des Pallastes, und durch¬ wirkte ein schönes Purpurgewand mit bunter Stickerei. Und eben rief sie einer der Dienerinnen, einen großen Dreifuß ans Feuer zu stellen, um ihrem Gemahl ein wärmendes Bad vorzubereiten, wenn er aus der Feld¬ schlacht käme. Da vernahm sie vom Thurme her Geheul und Jammergeschrei. Finstre Ahnung im Herzen rief sie: „Weh mir, ihr Mägde, ich fürchte, Achilles habe meinen muthigen Gatten allein von der Stadt abgeschnitten und bedrohe seine Kühnheit, die ihn niemals im Haufen wei¬ len läßt! Folget euer zwei mir, daß wir schauen, was es gibt!“ Mit pochendem Herzen durchstürmte sie den Pallast, eilte auf den Thurm und sah herab über die Mauer, wie die Rosse des Peliden den Leichnam ihres Gatten, erbarmungslos an den Wagen des Siegers ge¬ bunden, durchs Gefilde schleppten. Andromache sank rück¬ wärts in die Arme ihrer Schwäger und Schwägerinnen in tiefe Ohnmacht und der köstliche Haarschmuck, das Band, die Haube, die schöne Binde, das Hochzeitgeschenk Aphrodite's, flogen weit weg von ihrem Haupte. Als sie endlich wieder aufzuathmen anfing, begann sie mit gebro¬ chener Klage schluchzend vor Troja's Frauen: „Hektor! wehe mir Armen! du, elend wie ich, zu Elend geboren, wie ich! In Schmerz und Jammer verlassen, sitze ich nun im Hause, eine Wittwe mit unserem unmündigen Kinde, das des Vaters beraubt, die Augen gesenkt, mit immer bethränten Wimpern aufwächst! Betteln wird es müssen bei den Freunden des Vaters, und bald den am Rock, bald den am Aermel zupfen, daß er ihm das Schälchen reiche und zu nippen gebe! Manchmal auch wird ein Kind blühender Eltern es vom Schmause ver¬ stoßen und sagen: trolle dich, dein Vater ist ja nicht bei'm Gastmahl! dann flüchtet es sich weinend zu der Mutter, die keinen Gatten hat. Der aber wird die Hunde sätti¬ gen und die Würmer werden den Ueberrest verzehren! Was helfen mir nun die schmucken, zierlichen Gewande in den Kästen? Der Flamme will ich sie alle übergeben: was frommen sie mir? Hektor wird nicht mehr auf ihnen ruhen, nicht mehr in ihnen prangen!“ So sprach sie weinend und wehklagend und rings umher seufzten die Trojanerinnen. Leichenfeier des Patroklus. Sobald Achilles mit der Leiche seines Feindes bei den Schiffen angekommen war, ließ er diese am Bette des Patroklus aufs Antlitz in den Staub strecken. Derweil legten die Danaer ihre Rüstungen ab und setzten sich zu Tausenden am Schiffe des Peliden zum festlichen Leichen¬ schmause nieder. Stiere, Schafe und Schweine wurden geschlachtet und der Pelide ließ den Streitern eine köst¬ liche Mahlzeit zurichten. Den Helden selbst führten die Genossen widerstrebend von der Leiche seines Freundes weg in das Zelt des Königes Agamemnon. Hier ward ein großes Geschirr voll Wassers an die Gluth gestellt: ob sie nicht etwa den Peliden vermögen könnten, sich den blutigen Schlachtstaub von den Gliedern zu waschen. Er aber weigerte sich hartnäckig und schwur einen großen Eid: „Nein, so wahr Jupiter lebt, kein Bad soll meinen Scheitel netzen, ehe Patroklus von mir auf den Scheiter¬ haufen gelegt ist, ehe ich mein Haar geschoren und ihm ein Denkmal aufgethürmt habe! Meinetwegen mögen wir jetzt das traurige Festmahl abhalten. Morgen aber laß Holz im Walde fällen, Fürst Agamemnon, und beut Allem auf, was zur Leichenfeier meinem Freunde gebührt, daß das Feuer den Jammeranblick schnell von uns nehme und das Volk sich wieder zur Kriegsarbeit wende!“ Die Schwab , das klass. Alterthum . II . 19 Fürsten ließen ihn gewähren, setzten sich ans Mahl und schmausten. Dann ging ein jeder zur Nachtruhe. Der Sohn des Peleus aber, weil die Todten in seinem Zelte waren, legte sich, von seinen Myrmidonen umringt, am Meergestade nieder, wo der kiesige Strand von den Wel¬ len reingespült war. Lange seufzte er hier noch auf dem harten Lager um den erschlagenen Freund. Als ihn aber endlich der Schlum¬ mer umfangen hatte, da kam die Seele des jammervollen Patroklus im Traumbilde zu ihm, an Größe, Gestalt, Stimme und Augen jenem ganz ähnlich, den Leib einge¬ hüllt in Gewande. So trat der Schatten zu seinen Häup¬ ten und sprach: „Schläfst du, meiner so ganz vergessen, Achilles? Des Lebenden zwar hast du immerdar gedacht; aber nicht also des Todten! Gib mir ein Grab, denn mich verlangt sehr, durch das Thor des Hades einzuge¬ hen! Bis jetzt hab' ich es nur irrend umwandelt, und es sitzen als Wächter Seelen da, die mich zurückscheuchen! Ehe der Scheiterhaufen mir gewährt worden ist, kann ich nicht zur Ruhe kommen. Du mußt aber wissen, Freund, daß auch dir vom Schicksal bestimmt ist, nicht ferne von der Mauer Troja's zu fallen. Richte deßwegen mein Grab so ein, daß unser beider Gebein neben einander ruhen kann, wie wir zusammen in deines Vaters Woh¬ nung aufgewachsen sind.“ „Ich gelobe dir Alles, Bruder!“ rief Achilles und streckte die Hände nach dem Schattenbilde aus, da sank die Seele schwirrend zur Erde hinab, wie ein Rauch. Der Held sprang bestürzt vom Lager auf, schlug die Hände zusammen und sprach jammernd: „So leben denn die Seelen wirklich noch in der Behausung des Hades, aber ach! ein besinnungsloses Leben! Diese Nacht stand ja leibhaftig vor mir des Patroklus Seele, traurig und kla¬ gend, aber ihm in Allem gleich!“ Dadurch erregte Achil¬ les allen Helden die Sehnsucht nach dem Todten auf's Neue. Als aber die Morgenröthe anbrach, da verließen auf Agamemnons Befehl Männer und Maulthiere die Lager¬ zelte, Meriones an ihrer Spitze: die Thiere voran, die Männer mit Aexten und Seilen ihnen folgend. Da wur¬ den von ihnen auf den Waldhöhen des Ida die hoch¬ stämmigsten Bäume gefällt, das Holz zerschlagen und den Maulthieren aufgeladen. Diese trabten damit hinab nach den Schiffen; auch die Männer schleppten Holzklötze auf den Schultern, und am Meeresstrande wurde alles in Reihen niedergelegt. Nun befahl Achilles seinen Myrmi¬ donen, ihre Erzrüstung anzulegen und den Reisigen, die Wagen anzuspannen. Bald setzte sich der Leichenzug in Bewegung: die Fürsten, Kämpfer und Wagenlenker von den Rossen gezogen, voran; ein dichtes Gewölk von Fu߬ volk zu Tausenden hintendrein. In der Mitte trugen den Patroklus seine Streitgenossen und Freunde, der Leichnam war ganz mit geschorenen Locken bedeckt; sein Haupt hielt Achilles, der Leiche folgend, selbst in den Händen, in tiefe Trauer versenkt. Als sie den von diesem für das Grab seines Freun¬ des bezeichneten Ort erreicht hatten, setzten sie die Todten¬ bahre nieder und ein ganzer Wald von Bäumen wurde zum Scheiterhaufen herbeigebracht. Der Pelide stellte sich abgewandt vom Gerüste und schor sein braungelocktes Haar, dann schaute er in die dunkle Meeresfluth und sprach: „O Sperchius, thessalischer Heimathfluß, vergebens 19* gelobte mein Vater Peleus, ich sollte heimgekehrt dir mein Haar scheeren, und an deinen Quellen, wo du Hain und Altar hast, dir fünfzig Widder opfern! Du hast sein Flehen nicht gehört, Stromgott! du lässest mich nicht heim¬ kehren. So zürne mir auch nicht, wenn ich mein Locken¬ haar dem Freunde Patroklus mit in den Hades zu tragen gebe!“ Mit diesen Worten legte er sein Haupthaar in die Hände des Freundes, trat zu Agamemnon und sprach: „Heiß die Völker sich einmal sättigen am Gram, o Fürst! Gebeut ihnen, sich zu zerstreuen und das Mahl einzuneh¬ men, uns laß das Werk der Bestattung vollenden!“ Auf Agamemnons Befehl zerstreute sich das Krieger¬ volk zu den Schiffen, und nur die bestattenden Fürsten blieben auf der Stelle. Da fingen sie an ein ungeheures Gerüst aus den gefällten und behauenen Baumstämmen aufzuführen, je hundert Fuß ins Gevierte. Oben darauf legten sie mit betrübten Herzen den Leichnam. Dann zo¬ gen sie eine Menge Schafe und Hornvieh vor dem Scheiter¬ haufen ab; die abgezogenen Leiber wurden umhergehäuft, mit dem Fette der Leichnam bedeckt, gegen die Bahre Honig- und Oelkrüge gelehnt, auch vier lebendige Rosse ächzend auf das Gerüste geworfen; sodann zwei der neun Haushunde geschlachtet; endlich mit dem Schwert erwürgt zwölf tapfere trojanische Jünglinge, aus der Zahl der Gefangenen erlesen. Denn entsetzlich rächte Achilles den Tod seines Freundes. Und nun hieß er die Flamme wüthen, und rief, wäh¬ rend der Holzstoß angezündet wurde, dem Todten zu: „Möge dich noch in die Unterwelt Freude begleiten, Pa¬ troklus! Was ich gelobt habe, ist vollbracht. Zwölf Opfer verzehrt die Gluth. Nur den Hektor soll sie nicht verzehren; nicht der Flammen, der Hunde Raub soll er seyn!“ So sprach er drohend; doch die Götter fügten dieses nicht so: Tag und Nacht wehrte Aphrodite die heißhungrigen Hunde von Hektors Leichnam ab, und salbte ihn mit ambrosischem Balsam voll Rosenduft, daß auch keine Spur von der Schleifung übrig blieb. Apollo zog eine dunkle Wolke über die Stelle, wo er lag, daß die Sonne sein Fleisch nicht ausdörren konnte. Der Scheiterhaufen des Patroklus war nun zwar angezündet, aber die Gluth wollte nicht lodern. Da wandte sich Achilles abermals vom Gerüste, gelobte den Winden Boreas und Zephyrus Opfer, spendete ihnen Wein aus goldenem Becher, und flehte sie, das Holz mit raschem Hauche zum Brand anzufachen. Iris brachte den Winden die Botschaft; diese kamen mit grauenvollem Getöse über das Meer gestürmt, und stürzten sich in den Scheiterhaufen. Die ganze Nacht sausten sie um das Gerüst und durchwühlten es mit Flammen, während Achilles unaufhörlich aus goldnem Krug und Becher der Seele seines todten Freundes Opferspenden darbrachte. Mit der Morgenröthe ruhten Winde und Flammen, und der Holzstoß fiel in Asche. In der Mitte der Kohlen lag abgesondert das Gebein des Patroklus; am äußersten Rande lagen vermischt untereinander die Gebeine der Thiere und Männer. Auf den Befehl des Peliden lösch¬ ten die Helden den glühenden Schutt mit rothem Weine, sammelten unter Thränen das weiße Gebein ihres Freun¬ des, bargen es, mit einer doppelten Lage von Fett umge¬ ben, in eine goldene Urne, und stellten diese im Zelte auf. Alsdann nahmen sie im Umkreise das Maaß zu seinem Denkmal, legten rings um den abgebrannten Scheiterhaufen einen Grund von Steinen, und thürmten dann aufge¬ schüttete Erde zum Grabhügel. Auf die Bestattung folgten die Leichenspiele zu Ehren des gefallenen Helden. Achilles berief alles Griechenvolk zusammen, hieß es in weitem Kreise sich setzen, und stellte Dreifüße, Becken, Rosse, Maulthiere, mächtige Stiere, kunstfertige Weiber aus den Gefangenen, in köstlichen Ge¬ wanden, dazu lautres Gold, als verschiedene Preise auf. Zuerst kam das Wagenwettrennen an die Reihe. Er selbst nahm keinen Theil an diesem Kampfe; lag doch sein geliebter Wagenlenker im Grabe! Dagegen erhub sich Eumelus, der Sohn Admets, der wagenkundigste Held; Diomedes, der die dem Aeneas geraubten Rosse anschirrte; Menelaus mit seinem Hengste Podargus und Agamemnons Stute Aethe; dann als Vierter Antilochus, der junge Sohn Nestor's, dem sein Vater allerlei weise Ermahnun¬ gen für das Wettrennen ertheilte; als Fünfter endlich schirrte Meriones seine glänzenden Rosse an den Wagen. Alle fünf Helden bestiegen den Wagensitz, und Achilles schüttelte die Loose, in welcher Ordnung sie aus den Schranken fahren sollten. Da sprang zuerst das Loos des Antilochus aus dem Helme, dann kamen Eumelus, Menelaus, Meriones, zuletzt der Tydide. Zum Kampf¬ schauer ward der graue Phönix, der Kampfgenosse seines Vaters, von dem Peliden bestellt. Jetzt erhuben alle fünf Fürsten zumal ihre Geißel, schlugen mit den Zügeln, er¬ mahnten die Rosse und durchstürmten das Blachfeld; dicker Staub erhob sich, wild flatterten die Mähnen der Pferde, die Wagen rollten bald tief an der Erde, bald flogen sie in schwebendem Sprunge durch die Luft. Hoch standen die Lenker in den Sitzen, und jedem klopfte das Herz nach dem Sieg. Als sich die Rosse dem Ende der Lauf¬ bahn, die ans Meer gränzte, nahten, da schien jedes ganz Schnelligkeit zu seyn, und alle rannten in gestrecktem Lauf. Zuvorderst sprangen die Stuten des Eumelus, über Rü¬ cken und Schultern athmete ihm schon das Hengstgespann des Tydiden, als diesem Apollo zürnend die Geißel aus den Händen stieß, und so die Schnelligkeit seiner Rosse hemmte. Athene bemerkte die List, gab dem Helden die Geißel zurück, und zerbrach dem Eumelus das Joch, daß die Stuten auseinander sprangen, und der Lenker sich ne¬ ben dem Rade verwundet auf dem Boden wälzte. Der Tydide flog vorüber; ihm zunächst Menelaus, nächst ihm trieb Antilochus seine Rosse mit scheltendem Zuruf. An einem durchwühlten Hohlwege strauchelte Menelaus, Anti¬ lochus aber fuhr kühn durch den engen Paß an ihm vor¬ über. Während die zuschauenden Helden Rosse und Wa¬ gen durch den Staub zu erkennen strebten, und sich darüber stritten, war Diomedes, die Andern immer hinter sich las¬ send, mit seinem von Zinn und Golde schimmernden Wagen am Ziel angekommen. Den dampfenden Rossen strömte der Schweiß vom Nacken; der Held selbst sprang vom Sitz und lehnte die Geißel ans Joch. Sein Freund Sthenelus nahm den Kampfpreis in Empfang, ein schönes Weib und einen gehen¬ kelten Kessel, gab sie den Freunden wegzubringen, und schirrte die Rosse aus. Nächst ihm kam Antilochus an, und fast zu gleicher Zeit Menelaus. Speerwurfsweite davon fuhr etwas träger Meriones einher, und ganz zuletzt schleppte den ver¬ sehrten Wagen mit verrenkten Gliedern Eumelus daher. Dennoch wollte diesem Achilles, weil ihn unverschuldetes Unglück getroffen, und er der beste Wagenlenker war, den zweiten Preis ertheilen, aber Antilochus fuhr zornig auf: „Mir gehört der zweite Preis,“ sprach er, „die herrliche ungezähmte, sechsjährige Stute; bedauerst du jenen, so hast du Gold, Erz, Vieh, Rosse und Mägde genug im Zelte, gib ihm davon, was du willst!“ Achilles lächelte, sprach seinem lieben Altersgenossen das Roß zu, und schenkte dem Eumelus einen herrlichen Harnisch. Aber Menelaus beschuldigte nun seinerseits den Antilochus, ihm die Rosse mit List gehindert zu haben, und sann ihm einen Eid beim Schöpfer des Rosses, Poseidon, an. Der be¬ schämte Jüngling gestand sein Vergehen, und führte die gewonnene Stute dem Atriden zu. Dieß besänftigte den Zorn des Menelaus; er überließ dem Jünglinge das Roß und nahm sich den dritten Preis, das Becken. Zwei Talente Goldes als vierten Kampfpreis erhub Meriones; den übrigen fünften, einen vom Feuer noch unberührten Mischbecher mit Henkeln, überließ Achilles dem Nestor als Geschenk. Nun wurde zum Faustkampfe geschritten, und dem Sieger ein Maulthier, dem Besiegten ein Henkelbecher bestimmt. Sogleich erhub sich ein kraftvoller, gewaltiger Mann, Epus, der Sohn des Panopeus, faßte das Thier und rief: „Dieses ist mein, den Becher nehme wer will! Das aber verkünde ich: der Leib wird ihm von meiner Faust zerschmettert, und die Gebeine zermalm' ich ihm!“ Auf diesen Gruß verstummten alle Helden, bis sich Eurya¬ lus, des Mekistheus Sohn, ihm gegürtet und kampfbereit entgegenstellte. Bald kreuzten sich ihre Arme, die Fäuste klatschten auf den Kiefern, der Angstschweiß floß ihnen von den Gliedern. Endlich versetzte Epus seinem Geg¬ ner einen Streich auf den Backen, daß er zu Boden fiel, wie ein Fisch, der aus der Welle aufs Ufergras gesprungen ist. Epus hob ihn an den Händen empor, und seine Freunde führten ihn Blut speiend und mit hängendem Haupt aus der Versammlung. Hierauf stellte Achilles die Preise für den Ringkampf aus: dem Sieger einen großen Dreifuß, zwölf Rinder an Werth, dem Besiegten ein blühendes kunstfertiges Weib. Da umfaßten sich bald mit schmiegsamen Armen Odysseus und der große Ajax, ineinandergefugt, wie ein Zimmermann Sparren zusammenfügt; ihr Schweiß floß, ihr Rücken knirschte, an Seiten und Schultern wurden Blutstriemen sichtbar; schon murrten die Achiver, da hub Ajax den Odysseus in die Höhe, doch dieser gab dem Gegner mit gebeugtem Knie von hinten einen Stoß, warf ihn rücklings nieder und sank ihm von oben auf die Brust; doch vermochte er ihn nur ein Weniges zu bewegen, und beide rollten mit einander in den Staub. „Ihr seyd beide Sieger,“ rief Achilles, „und ich belohne euch mit gleichem Preise.“ Für den Wettlauf ward dem Sieger ein silberner, sechs Maaß haltender Krug voll Kunstwerk bestimmt; dem nächsten Läufer ein Stier, dem dritten ein halbes Talent Goldes. Hier erhoben sich der schnelle Lokrer Ajax, Odysseus und Antilochus. Achilles gab das Zei¬ chen; voran stürmte Ajax, ihm zunächst Odysseus, wie ein Webschiff an der Brust des Weibes dahinfliegt; schon wehte sein Hauch dem Ajax im Nacken, und alle Danaer ermunterten den Eilenden. Als sie dem Ziel ganz nahe waren, flehte Odysseus im Herzen zu seiner Schützerin Athene; die schuf ihm die Glieder leicht, und ließ den Lokrer über den Unrath der dem Patroklus geschlachteten Rinder straucheln, daß ihm Mund und Nase besudelt ward. Ein lautes Gelächter schallte, als Odysseus den Mischkrug, und bald darauf Ajax, Koth ausspeiend, den Stier faßte. Den letzten Preis ergriff Antilochus lächelnd und sprach: „Ehre verleihen die Götter ältern Menschen, zwar ist Ajax nur weniges älter, denn ich, aber er ist früheren Stammes.“ „Du sollst nicht umsonst so neidlos geredet haben,“ sprach Achilles zu dem holden Jüngling, „ich füge deinem Preis noch ein halbes Talent Goldes hinzu.“ Und nun trug der Pelide die herrliche Lanze des Sarpedon, die Patroklus jüngst erbeutet hatte, in den Kreis, und legte sie mit Schild und Helme nieder. Darum sollten zwei der tapfersten Helden in Waffen kämpfen, die Rüstung sollten beide gemeinschaftlich erhalten, und beide köstlich im Zelte des Achilles bewirthet werden, der Sie¬ ger aber das thrazische Schwert des Asteropäus voll Silberbuckeln davontragen. Mit drohendem Blicke rannten der Telamonier Ajax und Diomedes gegen einander, in Waffen dreimal auf einander losstürmend. Ajax durch¬ stieß den Schild des Tydiden, Diomedes aber zielte nach dem Hals. Die Achiver, um Ajax besorgt, trennten die Kämpfenden, doch das Schwert erhielt der Tydide. Noch wurde mit der eisernen Kugel, die vordem Etion, der König von Thebe, den Achilles erschlug, oft geworfen, in die Wette gestritten. Epus schwang sie im Wirbel und warf, doch so, daß die Danaer lachten; dann Leonteus, dann der gewaltige Ajax, daß sie über das Zeichen wegflog; aber weit über alle hinaus, wie ein Hirt Stecken über seine weidenden Rinder, schleuderte sie Poly¬ pötes, und trug sie als Preis davon. Zehn Aexte und zehn Beile von bläulich schimmerndem Eisen stellte Achilles dem Schützen aus. An den Mast eines Schiffes wurde an dünnen Fäden eine Taube ge¬ bunden; wer die traf, sollte die Aexte haben, der Besiegte sich mit den kleineren Beilen begnügen. Um den ersten Schuß loosten Teucer und Meriones. Teucers Loos sprang aus dem Helm, aber durch Apollo's Mißgunst ver¬ fehlte er den Vogel und durchschoß den Faden, daß die Taube sich in die Lüfte schwang. Dem verdrossen nach¬ blickenden Teucer entriß Meriones den Bogen, legte sei¬ nen Pfeil drauf, und durchschoß der Taube in der Luft den Flügel, denn er hatte in Eile dem Phöbus eine Dankhekatombe gelobt. Die Taube setzte sich verwundet auf den Mast, senkte den Hals und die Flügel, und bald fiel sie todt zur Erde nieder. Staunend jubelten die Völ¬ ker, Meriones faßte die Aexte; Teucer schlich mit den Beilen davon. Ein Speer und ein mit Blumen geziertes reines Becken ward als Preis des Speerwurfs zuletzt in den Kreis gebracht. Da stand zuerst der Völkerfürst Aga¬ memnon auf, und Meriones nach ihm. Aber Achilles sprach: „Atride, wir wissen Alle aus der Schlacht, wie weit du die Helden im Speerwurf besiegest, laß drum dem Helden Meriones den Speer, und nimm ohne Kampf das Becken.“ Agamemnon gehorchte dem Wunsch, reichte dem Kreter die Lanze und griff nach dem Becken. Und damit hatten die Spiele ein Ende. Priamus bei Achilles. Als sich die versammelten Völker getrennt hatten, sättigte sich Jeder mit Speise und Schlaf. Nur Achilles brachte eine Nacht ohne Schlummer im Andenken an sei¬ nen bestatteten Freund hin; er legte sich bald auf die Seite, bald auf den Rücken, bald aufs Angesicht; dann stand er plötzlich auf und schweifte am Meeresufer umher. Am frühen Morgen spannte er seine Rosse ins Joch, be¬ festigte den Leichnam Hektors am Wagensitz, und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklus; aber Apollo deckte diesen mit dem goldenen Schirm seiner Aegide, und sicherte den Leib vor allen Entstellungen. Achilles verließ den Leichnam, in den Staub auf das Antlitz gestreckt. Das erbarmte die seligen Götter im Olymp, mit Aus¬ nahme Juno's, und Jupiter beschickte die Mutter des Peliden, Thetis; er befahl ihr, schleunig zum Heere zu gehen und dem Sohne zu verkündigen, daß den Göttern insgesammt und Jupitern selbst das Herz von Zorne glühe, weil er Hektors Leib ohne Lösung bei den Schiffen zurückhalte. Thetis gehorchte, ging in das Zelt des Soh¬ nes, setzte sich nahe zu ihm, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, sprach sie: „Lieber Sohn, wie lange willst du mit Gram und Seufzern dir das Herz abzehren, des Schlafs und der Nahrung vergessen? Es wäre gut, wenn du dich der Freude des Lebens wieder zuwendetest, denn du wirst mir ja doch nicht lange mehr auf Erden einher¬ gehen, und das grausame Verhängniß lauert schon an deiner Seite. Höre denn die Worte Jupiters, die ich dir melde. Er und alle Götter zürnen dir, daß du Hektor's Leiche mißhandelst und bei den Schiffen zurückhältst. Wohlan, entlaß ihn, mein Sohn, gegen reiche Lösung.“ Achilles schaute auf, sah der Mutter ins Gesicht und sprach: „So sey es; was Jupiter und der Rath der Himmlischen gebietet, muß geschehen. Wer mir die Lösung bringt, soll den Leichnam empfangen.“ Zur selben Zeit schickte Jupiter die schnelle Götter¬ botin Iris in die Stadt des Priamus mit seinen Aufträ¬ gen. Diese, dort angekommen, fand nichts als Geheul und Wehklage. Im Vorhofe saßen, um den Vater im Kreise, die Söhne, sich die Gewande feucht weinend; in der Mitte der Greis, straff in den Mantel gehüllt, Staub auf Nacken und Haupt gestreut. In den Wohnungen la¬ gen Töchter und Schwiegertöchter auf den Knieen und jammerten um die gemordeten Helden. Da trat plötzlich die Botin Jupiters vor den König und begann mit leiser Stimme, daß ihm ein Schauer durch die Glieder fuhr: „Fasse dich, Sohn des Dardanus, verzage nicht, ich habe dir kein übles Wort zu verkündigen. Jupiter erbarmt sich deiner: er gebietet dir, zu Achilles zu gehen und ihm Ge¬ schenke darzubringen, womit du den Leichnam deines Soh¬ nes lösen sollst. Du allein sollst gehen, von keinem an¬ dern Trojaner begleitet, als von einem der älteren He¬ rolde, der dir den Wagen mit den Maulthieren lenken, und dich mit dem Todten wieder zur Stadt zurückführen kann. Fürchte weder Tod, noch einen andern Schrecken; Jupiter gesellt dir den mächtigen Argoswürger Merkurius zum Schutze zu, daß er dich geleite, zum Peliden führe, und auch dort beschirme. Doch ist Achilles selbst ja nicht vernunftlos, und kein blinder Frevler; er wird von selbst des Flehenden schonen, und alles Leid von dir abwehren.“ Priamus vertraute den Worten der Göttin, befahl seinen Söhnen, den Wagen mit dem Maulthiergespanne zu rüsten, und stieg dann in die duftige, mit Cedernholz getäferte Kammer hinab, in welcher viel Kostbarkeiten aufbewahrt lagen. Dorthin berief er seine Gemahlin Hekuba, und sprach zu ihr: „Armes Weib, wisse, daß mir Botschaft von Jupiter kam: ich soll zu Achilles nach den Schiffen wandeln, sein Gemüth mit Geschenken versöh¬ nen, und den Leichnam unseres lieben Sohnes Hektor ein¬ lösen. Wie däucht dir solches in deinem Herzen? mich selbst, ich berge dir es nicht, drängt ein heftiger Trieb nach den Schiffen zu gehen.“ So sprach der Greis; aber seine Gemahlin erwiederte ihm schluchzend: „Wehe mir, Priamus, wohin ist dir dein einst so gepriesener Verstand entflohen? Welch ein Gedanke, du, der Greis, allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln, und dem Manne vor Augen zu treten, der dir so viel tapfere Söhne er¬ schlagen hat! Meinst du, der Falsche, Blutgierige werde Mitleid mit dir haben, wenn er dich erblickt? Viel besser, wir beweinen ihn fern, zu Hause, ihn, dem das Geschick schon bei der Geburt bestimmt hat, von den Hunden ver¬ zehrt zu werden!“ „Halte mich nicht,“ antwortete Pria¬ mus entschlossen, „werde mir nicht selbst im Hause zum drohenden Unglücksvogel: und erwartete mich auch der Tod bei den Schiffen, der Wütherich mag mich ermor¬ den, wenn ich nur, mein Herz mit Thränen sättigend, den geliebtesten Sohn in den Armen halten darf.“ Unter die¬ sen Worten schlug er den Deckel von den Kisten, und wählte zwölf köstliche Feiergewande, zwölf Teppiche, eben so viel Schlafröcke, Leibröcke und prächtige Mäntel aus. Dann wog er zehn volle Talente Goldes dar, erlas wei¬ ter vier schimmernde Becken, zwei Dreifüße; ja selbst einen köstlichen Becher, den ihm die Thrazier geschenkt hatten, als er zu ihnen auf Gesandtschaft kam, sparte der Greis nicht. So begierig war er, seinen trautesten Sohn zu lösen! Dann scheuchte er sämmtliche Trojaner, die ihn aufhalten wollten, aus der Halle, und bedrohte sie: „Ihr Nichtswürdigen, habt ihr nicht Gram im Hause genug, daß ihr herkommet, um auch mich zu bekümmern? Achtet ihr es für etwas Kleines, daß Jupiter den Jammer über mich verhängte, meinen tapfersten Sohn zu verlieren? Doch, ihr werdet's schon erfahren. Möchte nur ich in den Hades hinuntergehen, eh' ich die Trümmerhaufen eurer Stadt schaue!“ So scheuchte er sie mit dem Stabe hin¬ aus; dann rief er scheltend seine Söhne: „Ihr Schändli¬ chen, Untüchtigen, lägt ihr mir doch alle an Hektors Statt getödtet bei den Schiffen. Alle guten sind todt, nur die Schandflecke sind übrig, Lügner, Gaukler, Reigentänzer, die im Fette des Volkes schwelgen! Werdet ihr mir nicht sogleich den Wagen ausrüsten, und alles dieses in den Korb hineinlegen, damit ich meinen Weg vollenden kann?“ Erschrocken gehorchten die Söhne dem murrenden Vater, spannten die Maulthiere vor den Lastwagen, und luden die Lösegeschenke auf. Alsdann spannten sie auch die sorglich gepflegten Rosse an den Wagen des Priamus, und der greise Herold, der ihn begleiten sollte, war auf der Stelle. Mit bekümmertem Herzen reichte Hekuba dem Könige den goldenen Becher zum Opfertrank; die Schaff¬ nerin nahte ihm mit Waschgefäß und Kanne, und als Priamus sich die Hände mit lauterm Wasser besprengt, empfing er den Becher, stellte sich in die Mitte des Ho¬ fes, spendete vom Weine, und betete mit erhobener Stimme zu Jupiter: „Vater Zeus, Herrscher vom Ida, laß mich Barmherzigkeit und Gnade vor Peleus Sohne finden! Gib mir auch ein Zeichen, daß ich getrost zu den Schiffen der Danaer gehen kann!“ Kaum hatte er ausgesprochen, so stürmte mit ausgebreiteten Fittichen ein schwarzgeflügel¬ ter Adler rechts her über die Stadt. Alle Trojaner sahen es mit Wonne, und der Greis schwang sich voll Zuver¬ sicht in den Wagensitz. Vor ihm her zogen die Maul¬ thiere den schwer bepackten vierrädrigen Wagen, den der Herold Idäus lenkte. Hinter diesem trieb der Greis mit der Geißel sein Rossegespann an; die Seinigen aber folg¬ ten ihm alle wehklagend, als ob es zum Tode ginge. Als die Wagen draußen vor der Stadt waren und Pria¬ mus und der Herold am Denkmale des alten Königs Ilius vorbeilenkte, hielten sie mit beiden Wagen ein we¬ nig, um die Rosse und Maulthiere unten am Strome zu tränken. Der Abend war eingebrochen, und das Gefilde lag rings in Dämmerung. Da bemerkte Idäus ganz in der Nähe die Gestalt eines Mannes, und erschrocken sprach er zu Priamus: „Merk auf, Herr, hier gilts Besonnen¬ heit! Sieh den Mann dort, ich fürchte, er steht auf der Lauer und sinnt auf unsern Tod. Wir sind unbewaffnet, dazu Greise; laß uns entweder umkehren und schnell in die Stadt zurückfliehen, oder seine Knie umfassen und ihn um Erbarmung flehen.“ Den Greis durchfuhr ein banger Schauer und seine Haare sträubten sich. Jetzt näherte sich die Gestalt; es war aber kein Feind, sondern der Abge¬ sandte Jupiters, Hermes oder Merkur, der Bringer des Heiles, der auserwählte Sterbliche auf ihren Wegen zu begleiten hat. Dieser faßte die Hand des Königes, ohne daß der ihn erkannte, und sprach: „Vater, wohin lenkst du in tiefer Nacht, wo andere Sterbliche schlafen, deine Rosse und Maulthiere? Fürchtest du dich denn gar nicht vor den erbitterten Achivern? Wenn dich einer davon so viel köstliche Habe durchs Dunkel führen sähe, wie würde dir wohl zu Muthe werden? Sorge jedoch nicht, daß Ich dir etwas zu Leide thue; vielmehr möchte ich dich auch vor Andern beschirmen; gleichst du doch meinem lieben Vater an Gestalt! Aber sage mir, führst du so viel aus¬ erlesene Güter, flüchtend, nach einem fremden Lande? oder verlasset ihr Alle bereits Troja, nachdem ihr den tapfersten Mann verloren habt, der keinem Griechen an Muthe wich?“ Priamus schöpfte leichter Athem und ant¬ wortete: „Wahrlich, jetzt sehe ich, daß die Hand eines Gottes mich beschirmt, da mir ein so liebreicher und ver¬ ständiger Gefährte auf meinem Wege begegnet, der so schön vom Tode meines Sohnes redet. Aber wer bist du, mein Guter, und welcher Eltern Kind?“ „Mein Vater heißt Polyktor,“ antwortete Hermes, „ich bin von sieben Söhnen der letzte, ein Myrmidone und Genosse des Achilles; daher ich denn oft mit meinen Augen deinen Sohn kämpfen und die Argiver zu den Schiffen treiben sah, während wir bei unserm zürnenden Herrn standen, und ihn aus der Ferne bewunderten.“ „Wenn du ein Genosse des schrecklichen Peliden bist,“ fragte Priamus jetzt voll Ungeduld, „o so verkündige mir, ob mein Sohn noch bei den Schiffen ist, oder ob Achilles ihn schon, in Stücke zerhauen, den Hunden vorgeworfen hat?“ „Nein,“ ant¬ wortete Hermes, „er liegt noch im Zelte des Achilles, von Moder unberührt, obgleich schon der zwölfte Morgen Schwab , das klass. Alterthum. II. 20 verflossen ist, und der Held ihn mit jedem Sonnenaufgang ohne Mitleid um das Grab seines Freundes schleift. Du wür¬ dest dich selbst verwundern, wenn du sähest, wie frisch und thauig er daliegt, vom Blute gereinigt, alle Wunden ge¬ schlossen. Selbst im Tode pflegen die Götter noch seiner.“ Voll Freude langte Priamus den herrlichen Becher hervor, den er bei sich im Wagen liegen hatte. „Nimm ihn,“ sprach er, „verleih' mir deinen Schutz dafür, und geleite mich zum Zelte deines Herrn.“ Merkurius, als scheute er sich, ohne Achilles Wissen Geschenke zu nehmen, wies die Gabe ab, schwang sich jedoch zu dem Helden in den Wagen, ergriff Zaum und Geißel, und bald hatten sie Graben und Mauer erreicht. Hier fanden sie die Hüter eben mit ihrem Abendmahle beschäftigt. Doch ein Wink des Gottes versenkte sie in tiefen Schlaf, und ein Druck seiner Hand schob den Riegel vom Thore. So gelangte Priamus mit seinem Lastwagen glücklich vor die Lager¬ hütte des Peliden, die hoch aus Balken gebaut, und mit Schilf bedeckt, auch mit einem geräumigen Hofe umgeben war, den eine dichte Reihe von Pfählen umschloß. Nur ein einziger tannener Riegel verschloß die Pforte, aber so schwer, daß nur drei starke Griechen ihn vor oder zurück schieben konnten; nur Achilles selbst brauchte keine Beihülfe dazu. Jetzt aber öffnete Hermes das Thor ohne Mühe, stieg vom Wagen, gab sich als Gott zu erkennen und ver¬ schwand, nachdem er dem Greis gerathen, des Helden Kniee zu umfassen, und ihn bei Vater und Mutter zu beschwören. Priamus sprang jetzt auch vom Wagen, und übergab dem Idäus Rosse und Maulthiere. Er selbst ging gera¬ den Weges auf die Wohnung zu, wo Achilles saß. Er traf ihn zu Hause, getrennt von den Seinigen, nur von den Helden Automedon und Alcimus bedient, eben von der Mahlzeit ruhend, und die Tafel stand noch vor ihm. Unbemerkt trat der erhabene Greis ein, eilte auf den Pe¬ liden zu, umschlang seine Knie, küßte ihm die Hände, die entsetzlichen, die ihm so viele Söhne gemordet hatten, und sah ihm ins Antlitz. Staunend betrachtete ihn Achilles und seine Freunde, da fing der Greis an zu flehen: „Göttergleicher Achilles, gedenke deines Vaters, der alt ist, wie ich, vielleicht auch bedrängt von feindlichen Nach¬ barn, in Angst und ohne Hülfe, wie ich. Doch bleibt ihm von Tag zu Tage die Hoffnung, seinen geliebten Sohn von Troja heimkehren zu sehen. Ich aber, der ich fünfzig Söhne hatte, als die Argiver herangezogen kamen, und davon neunzehn von Einer Gattin, bin der meisten in die¬ sem Kriege beraubt worden, und zuletzt durch dich des einzigen, der die Stadt und uns Alle zu beschirmen ver¬ mochte. Darum komme ich nun zu den Schiffen, ihn, meinen Hektor, von dir zu erkaufen, und bringe unerme߬ liches Lösegeld. Scheue die Götter, Pelide, erbarme dich mein, gedenke deines eigenen Vaters! Ich bin des Mit¬ leids noch werther: dulde ich doch, was noch kein Sterb¬ licher geduldet hat, und drücke die Hand an die Lippe, die meine Kinder mir getödtet.“ So sprach er, und erweckte dem Helden sehnsüchtigen Gram um seinen Vater, daß er den Alten sanft bei der Hand anfaßte und zurückdrängte. Da gedachte der Greis seines Sohnes Hektor, wand sich zu den Füßen des Peliden, und fing laut an zu weinen; Achilles aber weinte bald über seinen Vater, bald über seinen Freund, und das ganze Zelt erscholl von Jammer¬ tönen. Endlich sprang der edle Held vom Sessel empor, 20 * hub den Greis, voll Mitleid mit seinem grauen Haupt und Bart, an der Hand auf und sprach: „Armer, für¬ wahr, viel Weh hast du erduldet, und jetzt, welch ein Muth, so allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln, und einem Manne vor die Augen zu treten, der dir so viel und so tapfere Söhne erschlagen hat! Du mußt ja ein eisernes Herz im Busen tragen! Aber wohlan, setz dich auf den Sessel, laß uns den Kummer ein wenig be¬ ruhigen, so sehr er uns von Herzen geht, wir schaffen ja doch nichts mit unserer Schwermuth. Das ist nun einmal das Schicksal, das die Götter den elenden Sterblichen bestimmt haben, Gram zu erdulden, während sie selbst ohne Sorge sind. Denn zwei Fässer stehen an der Schwelle von Jupiters Behausung, das eine voll Gaben des Unglücks, das andere voll Gaben des Heils. Wem der Gott vermischt austheilt, den trifft abwechselnd bald ein böses, bald ein gutes Loos; wem er nur Weh aus¬ theilt, den stoßt er in Schande, der wird von herzzerfres¬ sender Noth über die Erde hin verfolgt. So schenkten die Götter dem Peleus zwar herrliche Gaben, Habe, Macht, ja selbst eine Unsterbliche zur Gattin; doch hat ihm ein Himmlischer auch Böses gegeben, denn ihm ward ein einziger Sohn, der frühe hinwelken wird, der des Alternden so gar nicht pflegen kann, denn hier in weiter Ferne sitze ich vor Troja und betrübe dich und die Deini¬ gen. Auch dich, o Greis, priesen die Völker vormals glückselig, jetzt aber haben die Olympischen dir dieses Leid gesandt, und seitdem tobt nur Schlacht und Mord um deine Mauern. So duld' es denn und jammere nicht unablässig, du kannst deinen edlen Sohn doch nicht wieder aufwecken!“ Da antwortete Priamus: „Heiß mich nicht sitzen, Liebling des Zeus, so lange Hektor noch unbeerdigt in deinem Zelte liegt. Erlaß ihn mir eilig, denn mich ver¬ langt, ihn zu schauen. Freue dich der reichlichen Lösung, schone meiner, und kehre heim in dein Vaterland!“ Achilles runzelte die Stirne bei diesen Worten und sprach: „Reize mich nicht mehr, o Greis! Ich selbst ja beabsichtige, dir Hektor zu erlassen, denn meine Mutter brachte mir Jupiters Botschaft: auch erkenne ich wohl im Geiste, daß dich selbst, o Priamus, zu unsern Schiffen ein Gott geführt hat. Denn wie sollte dieß ein Sterblicher, und wäre es der kühnste Jüngling, wagen, wie unsern Wächtern entschlüpfen, wie die Riegel der Thore zurück¬ schieben? Darum errege mir mein trauriges Herz nicht noch mehr, ich möchte sonst Jupiters Befehl vergessen und deiner nicht schonen, o Greis, so demüthig du flehst!“ Zagend gehorchte Priamus. Achilles aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte, und ihm nach seine Ge¬ nossen. Vor dem Zelte spannten sie die Thiere aus dem Joch und führten den Herold herein. Dann huben sie die Lösegeschenke vom Wagen, und ließen nur zwei Män¬ tel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig zu verhüllen. Dann ließ Achilles, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen, salben und bekleiden. Achilles selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager; rief, während die Freunde den Todten auf den mit Maulthieren bespannten Wagen hoben, den Na¬ men seines Freundes an und sprach: „Zürn' und eifere mir nicht, Patroklus, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und auch dir soll dein Antheil davon werden!“ Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem Könige wieder gegenüber, und sprach: „Siehe, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast; er liegt in ehrbare Gewande eingehüllt. Sobald der Morgen sich röthet, magst du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken, du hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt gebracht hast, denn wohl verdient er viele Thränen.“ So sprach der Held, erhub sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke, und brieten es sorg¬ fältig am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische: Auto¬ medon vertheilte in zierlichen Körben das Brod, Achilles das Fleisch, und Alle sättigten sich nun mit Speise und Trank. Staunend betrachtete Priamus Wuchs und Ge¬ stalt seines edlen Wirthes, denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achilles staunte vor Priamus, wenn er ihm in das Angesicht voll Würde schaute, und die weise Rede des Greisen vernahm. Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamus: „Bette mich jetzt, edler Held, daß wir uns am erquickenden Schlafe sättigen, denn seit mein Sohn gestorben ist, haben sich meine Augenlieder nicht mehr geschlossen, und das erstemal habe ich Fleisch und Wein gekostet.“ Sofort befahl Achilles seinen Genossen und den Mäg¬ den, ein Bett unter die Halle zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche drüber zu breiten, und zottige Män¬ tel als Decke darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager bereitet; und nun sprach Achilles freundlich: „Lagere dich jetzt draußen, lieber Greis, es möchte dich einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem Zelte zum Rath versammeln, durchs Dunkel hin¬ schleichen sehen, und es dem Völkerhirten Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig ma¬ chen. Jetzt sage mir aber auch noch: wie viel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen Sohnes zu verwenden? Damit ich so lange ruhe, und auch das Volk von jedem Angriff abhalte.“ „Wenn du mir es vergönnst,“ antwortete Priamus, „meinem Sohn eine Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind in die Stadt eingeschlossen, und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brau¬ chen wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möch¬ ten wir ihn bestatten und das Todtenmahl feiern, am elften ihm einen Ehrenhügel aufthürmen: am zwölften Tage, wenn es so seyn muß, wollen wir wieder kämpfen.“ „Auch dieses geschehe, wie du begehrst,“ erwiederte Achil¬ les, „ich werde das Heer so lange zurückhalten, als du gefordert.“ So sprechend, faßte er die Rechte des Grei¬ ses am Knöchel, um seinem Herzen alle Furcht zu beneh¬ men. Nun entließ er ihn zum Schlafe, und legte sich selbst im innersten Raume seines Zeltes nieder. Während so Alles schlief, blieb nur Hermes der Gott schlummerlos, und erwog im Geiste, wie er den König Troja's, von den Wächtern ungesehen, aus den Schiffen zurückführen möchte. Deswegen trat er zu dem Haupte des schlummernden Greises, und sprach zu ihm: „Alter, du schläfst fürwahr sehr unbesorgt bei feindlichen Männern, nachdem dich Alles verschont hat. Es ist wahr, du hast den Sohn theuer gelöst; aber wenn Agamemnon und die Griechen es wüßten, so müßten deine Söhne daheim dich, den Lebenden, mit dreimal größerem Lösegeld auskaufen!“ Der Greis erschrack und weckte den Herold; Merkur selbst spannte ihnen Rosse und Mäuler ein, und schwang sich zu dem König in den Wagen; Idäus lenkte die Maul¬ thiere mit dem Leichnam. So fuhren sie unbemerkt durch das Heer, und hatten bald das griechische Lager hinter sich. Hektors Leichnam in Troja. Merkur begleitete den König bis an die Furth des Skamander. Dort schied er aus dem Wagen, und entflog zum hohen Olymp. Priamus und der Herold aber trie¬ ben seufzend und wehklagend die Rosse mit dem Wagen des Königes, und die Maulthiere mit dem Leichnam in die Stadt. Es war früher Morgen, Alles lag noch im Schlummer, und Niemand sah sie herankommen; nur Kassandra hatte die Burg von Pergamus erstiegen, und erschaute von ferne ihren Vater im Wagensitze stehend, den Herold mit dem Maulthierwagen, und in diesem auf Gewanden ausgestreckt den Leichnam. Da begann sie laut zu wehklagen, und rief, daß es in der stillen Stadt wiederhallte: „Schaut doch hin, ihr Troer und ihr Troe¬ rinnen, dort kommt ja Hektor, ach nur der todte Hektor! Habt ihr euch jemals des Lebenden erfreut, wenn er sieg¬ reich aus der Feldschlacht zurückkehrte, so begrüßet jetzt auch den Gestorbenen!“ Auf ihren Ruf blieb kein Mann und kein Weib in der Veste, denn aller Herzen durch¬ drang eine gränzenlose Trauer. Am Thore begegneten Männer und Frauen, voran die Mutter und die Gattin Hektors, dem Führer des Leichenwagens; jene beiden rauften ihr Haar aus, stürzten sich auf den Wagen, und legten ihre Hände auf das Haupt des Erschlagenen; die Menge umringte sie in Thränen, und sie hätten den Wa¬ gen mit ihrem Wehklagen bis zum Abend aufgehalten, wenn nicht Priamus von seinem Wagensitz zu dem Volke geredet hätte: „Macht Platz und laßt die Maulthiere hin¬ durchgehen; wenn ich ihn ins Haus geführt, möget ihr euch satt weinen!“ Auf seinen Ruf wichen die Volks¬ haufen ehrfurchtsvoll dem Wagen. Sobald die Leiche am Pallaste des Königes ange¬ kommen war, wurde sie auf ein schönes Gestell gelegt, und Sänger zugeordnet, welche mit kläglichen Lauten den Trauergesang unter dem Nachseufzen der Weiber anstimm¬ ten. Vor Allen klagte die Fürstin Andromache, die, noch in der Blüthe ihres Lebens, vor dem Leichname stand und sein Haupt in Händen hielt. „Herrlicher Gatte,“ rief sie, „so verlorst du dein Leben, und lässest mich als Wittwe hier im Pallaste, und mit mir unser unmündiges Kind. Ach, schwerlich blüht dieses wohl zum Jünglinge heran! Denn vorher noch wird Troja zerstört, da du, der Stadt Vertheidiger, starbest, du Schutz der züchtigen Frauen und der stammelnden Kinder! Bald werden diese nun gefan¬ gen zu den Schiffen hinweggeführt, und ich mitten unter ihnen. Du aber, mein trauter Astyanax, wirst Schmach und Arbeit unter einem grausamen Frohnherrn mit deiner Mutter theilen. Oder es faßt dich ein Grieche am Arm und schmettert dich vom Thurme herab, weil ihm dein Vater Hektor Bruder, Vater oder Sohn getödtet; denn freilich schonte dein Vater auch nicht, wo es die Entscheidung galt: deswegen wehklagen auch jetzt die Völker um ihn rings umher in der Burg. Unaussprechlichen Gram hast du deinen Eltern bereitet, Hektor, endlose Verzweiflung mir selbst. Nicht von dem Sterbelager hast du die Hand mir gereicht, nicht ein Abschiedswort voll Weisheit mir zu¬ gerufen, dessen ich Tag und Nacht unter Thränen der Wehmuth gedenken könnte!“ Nach Andromache erhub Hekuba, die Mutter, klagend ihre Stimme. „Hektor, o du mein Herzenskind, wie lieb warest du selbst den Göttern, die deiner auch beim bitter¬ sten Tode nicht vergessen haben. Mit dem Schwert ge¬ tödtet und geschleift, ruhest du doch so frisch in unserm Hause, als hätte dich das linde Geschoß Apollo's vom silbernen Bogen unversehens hingestreckt.“ So sprach sie, sich selber tröstend, und vergoß eine Fluth von Thränen. Jetzt nahm auch Helena das Wort. „Hektor,“ klagte sie, „du mir lieber als alle Gebrüder meines Mannes, zwan¬ zig Lebensjahre sind mir entflohen, seit mich Unglückselige Paris gen Troja geführt hat, und nie in dieser langen Zeit hörte ich auch nur ein Wörtlein im Bösen von dir. Zwar König Priamus war immer auch milde gegen mich, wie ein Vater, aber wenn ein Anderer im Hause, Bruder oder Schwester des Gatten, Schwägerin oder Schwieger¬ mutter mich hart anließ, die besänftigtest du immer, und dein freundliches Herz redete mir zu gut. In dir ist mein Tröster und Freund gestorben; mit Abscheu werden sich jetzt Alle von mir abwenden!“ So sprach sie unter Thränen, und das zahllos ver¬ sammelte Volk seufzete. Da rief Priamus über das Ge¬ dränge hin: „Jetzt, ihr Trojaner, bringet Holz für den Scheiterhaufen zur Stadt her, und besorget nicht, daß etwa ein Hinterhalt der Danaer auf euch laure. Der Sohn des Peleus, als er mich von den Schiffen entließ, hat mir verheißen, uns keinen Schaden zu thun, bis der zwölfte Morgen gekommen wäre.“ Die Völker gehorchten; schnell wurden Lastwagen mit Stieren und Maulthieren bespannt, und Alles ver¬ sammelte sich vor der Stadt. Neun Tage lang führten sie Holz, eine ganze Waldung, herbei; am zehnten Mor¬ gen wurde die Leiche Hektors unter lauten Wehklagen hinausgetragen, auf das hohe Scheitergerüst niedergelegt, und dieses in Flammen gesetzt. Das ganze Volk stand um den brennenden Holzstoß versammelt; als er nieder¬ gebrannt war, löschten sie den glimmenden Schutt mit Wein, und die Brüder und Streitgenossen des Verstorbe¬ nen lasen das weiße Gebein unter Thränen aus der Asche zusammen. Mit weichen Purpurgewanden umhüllt, ward es in ein goldenes Kästchen gelegt, und in die hohle Gruft gesenkt. Dichte Quadern verschlossen diese, dann wurde der Grabhügel aufgeschüttet, und ringsum saßen Späher, damit nicht ein plötzlicher Ueberfall der Griechen sie störte. Als die Erde aufgeschüttet war, zog alles Volk in die Stadt zurück, und im Königshause des Priamus wurde das feierliche Todtenmahl begangen. Penthesil é a. Nach Hektors Bestattung hielten sich die Trojaner wieder hinter den Mauern ihrer Stadt, denn sie fürchteten sich vor der Kraft des unbändigen Peleussohnes, und scheuten sich in seine Nähe zu kommen, wie sich Stiere sträuben, dem Lager eines entsetzlichen Waldlöwen zu na¬ hen. In der Stadt herrschte Trauer und Klage über den Verlust ihres edelsten Bürgers und mächtigsten Beschützers, und der Jammer war so groß, als wenn Troja schon von den Flammen der Eroberer verzehrt würde. In dieser trostlosen Lage erschien den Belagerten eine Hülfe, von wannen sie nicht erwartet worden war. Vom Thermodonstrome, in der kleinasiatischen Landschaft Pontus, kam mit einem kleinen Haufen von Heldinnen die Amazo¬ nenkönigin Penthesil é a herangezogen, die Trojaner zu unter¬ stützen. Es trieb sie zu dieser Unternehmung theils die männliche Lust an Kriegsgefahren, die diesem Weibervolke eigen ist, theils eine unfreiwillige Blutschuld, die ihr auf dem Herzen lastete, und wegen der sie in ihrem Vater¬ lande übel angesehen war. Sie hatte nämlich auf einer Jagd, als sie nach einem Hirsche mit ihrem Speere zielte, ihre eigene geliebte Schwester Hippolyta mit dem Wurf¬ geschosse getödtet. Nun begleiteten sie die Rachegöttinnen auf allen Pfaden und kein Opfer hatte dieselben bis auf diese Stunde versöhnen können. Diesen Qualen hoffte sie am ehesten durch einen den Göttern wohlgefälligen Kriegs¬ zug zu entgehen, und so brach sie mit zwölf auserlesenen Genossinnen gen Troja auf, die alle, gleich ihr, nach Krieg und Männerkämpfen dürsteten. Doch gegenüber vor ihrer Königin Penthesil é a erschienen selbst diese herr¬ lichen Jungfrauen nur wie Sklavinnen. Wie unter den Sternen der Mond am Himmel hervorstrahlt, so über¬ ragte an Glanz und Schönheit die Fürstin alle ihrer Die¬ nerinnen. Sie war herrlich wie die Göttin der Morgen¬ röthe, wenn sie, von den Horen umgeben, aus den Hö¬ hen des Olympus zum Rande der Erde herniederfährt. Als die Trojaner von ihren Mauern herab an der Spitze ihrer Jungfrauen die zarte und doch gewaltige Königin, in Panzer und Schienen von Erz gehüllt, einer Göttin ähnlich, einherschreiten sahen, strömten sie von allen Seiten voll Bewunderung herbei, und konnten sich, als die Jungfrauenschaar näher heranzog, an der Schön¬ heit ihrer Fürstin mit Blicken nicht genug ersättigen, denn in ihren Zügen war das Schreckliche wunderbar mit dem Lieblichen verbunden: ein holdseliges Lächeln schwebte auf ihren Lippen, und wie Sonnenstrahlen leuchteten unter langen Wimpern ihre lebensvollen Augen; ihre Wangen bedeckte eine sittsame Röthe, und über das ganze Antlitz verbreitete sich mädchenhafte Anmuth, beseelt von kriegeri¬ schem Feuer. So betrübt das Volk Troja's vorher gewe¬ sen war, so fröhlich jauchzte es jetzt bei diesem Anblicke. Selbst das trauernde Herz des Königes Priamus wurde wieder etwas freudiger gestimmt, und als er die herrliche Penthesil é a ansah, da wurde ihm zu Muthe wie einem Halbverblendeten, dem ein wohlthätiger Lichtstrahl ins kranke Auge dringt. Aber seine Freude war nur mäßig und gedämpft durch die Erinnerung an den Verlust so viel trefflicher, nicht minder schöner Söhne. Doch führte er die Königin in seine Wohnung ein, ehrte sie wie eine eigene Tochter, und bewirthete sie aufs Köstlichste. Die auser¬ lesensten Geschenke wurden für sie auf sein Geheiß herbei¬ gebracht, und noch mehrere versprach er ihr für die Zu¬ kunft, wenn es ihr glücken sollte, die Trojaner der Gefahr zu entreißen. Die Amazonenkönigin aber erhub sich von dem Ehrenstuhl, auf dem sie Platz genommen, und ver¬ maß sich eines Schwures, der noch keinem Sterblichen in den Sinn gekommen war: sie verhieß dem Könige den Tod des göttergleichen Achilles: ihn und alle Schaaren der Argiver wollte sie vertilgen, und ihr Feuer sollte alle feindlichen Schiffe fressen! So schwur die Thörin, welche den lanzenschwingenden Helden und seinen furchtbaren Arm noch nicht kannte. Als Andromache, Hektors trauernde Wittwe, dieses Versprechen mit anhörte, da dachte sie bei sich selber: „O du Arme, du weissest nicht, was du ge¬ sprochen hast, und wessen du dich im Stolze vermissest! Wie sollte dir die Kraft zu Gebote stehen, die zum Kampfe mit dem männermordenden Helden erforderlich ist? Bist du von Sinnen, Verlorene, und siehest das Ziel des To¬ des nicht, vor dem du jetzt schon stehest? Schauten doch auf meinen Gatten Hektor, wie auf einen Gott, alle Trojaner hin, und doch hat der Speer des Peliden seinen Hals durchbohrt! O möchte mich die Erde verschlingen!“ So dachte Andromache bei sich. Indessen war der Tag zu Ende gegangen, und nachdem die Heldinnen sich vom Zuge erholt und mit Speise und Trank gelabt hatten, wurde der Fürstin und ihren Begleiterinnen von den Dienst¬ mägden des Pallastes ein behagliches Lager bereitet, auf welchem Penthesil é a bald in einen tiefen Schlummer sank. Da nahete ihr auf Minerva's Befehl ein verderbliches Traumbild. Ihr eigener Vater erschien ihr im Schlafe, und drang in sie, den Kampf mit dem schnellen Achilles zu beginnen. Der Jungfrau, wie sie das täuschende Ge¬ sicht erblickte, schlug das Herz im Busen, und sie hoffte noch am heutigen Tage das Ungeheure zu vollführen. Erwacht sprang sie vom Lager, und legte sich die schim¬ mernde Rüstung, die ihr Mars selbst geschenkt hatte, um die Schultern, paßte sich die goldenen Schienen an, um¬ hüllte sich mit dem strahlenden Panzer, und warf das Wehrgehäng, an welchem in einer Scheide von Silber und Elfenbein das mächtige Schwert hing, sich über die Achsel. Dann nahm sie ihren Schild, welcher schimmerte, wie der Mond, wenn er aus dem Spiegel des Meeres aufsteigt, und setzte den Helm aufs Haupt, von dem eine goldgelbe Mähne herabfloß. In die Linke nahm sie zwei Speere, und in die Rechte eine zweischneidige Axt, welche ihr einst die verderbliche Göttin der Zwietracht als Kriegs¬ waffe geschenkt hatte. Als sie so in der blinkenden Rü¬ stung zum Pallaste hinausstürmte, glich sie einem Blitz¬ strahle, den die Hand Jupiters vom Olymp auf die Erde herabschleudert. Jauchzend vor Lust eilte sie zu den Mauern Troja's hinaus, und ermunterte die Trojaner zum rühmlichen Kampfe. Um ihren Ruf versammelten sich auch sogleich die tapfersten Männer, die vorher dem Achilles nicht mehr entgegen zu gehen gewagt hätten. Penthesil é a selbst aber schwang sich im Drange der Kriegslust auf ein schönes, schnellfüßiges Pferd, ein Geschenk der Gemahlin des thra¬ cischen Königes Boreas, das so schnell flog, wie die Harpyien. Auf diesem Rosse jagte sie hinaus aufs Schlacht¬ feld, und alle ihre Jungfrauen, gleichfalls zu Rosse, ihr nach. Ganze Schaaren troischen Volkes begleiteten sie. König Priamus, der im Pallaste zurückblieb, hob seine Hände gen Himmel und betete zu Jupiter: „Höre, o Vater, und laß Achaja's Schaaren am heutigen Tage vor der Tochter des Mars in den Staub sinken, sie selbst aber glücklich in meinen Pallast zurückkehren. Thue es deinem gewaltigen Sohne Mars zu Ehren; thu es ihr selbst zu Liebe, die einem Gotte entstammt und euch un¬ sterblichen Göttern so ähnlich ist; thu' es auch um meinet¬ willen, der ich so vielfach gelitten, so viele schöne Söhne unter den Händen der Griechen habe dahinsinken sehen! Thu' es, so lange noch vom edeln Blute des Dardanus etwas übrig bleibt und die alte Stadt Troja noch unzer¬ stört ist!“ Kaum hatte er ausgebetet, so stürmte ihm zur Linken ein kreischender Adler durch die Luft, der eine zer¬ rissene Taube in den Krallen hielt. Ein Schauer der Furcht durchbebte das Gebein des Königes bei diesem Vor¬ zeichen, und die Hoffnung entsank seiner Brust. Inzwischen sahen die Griechen in ihrem Schiffslager die Trojaner, an deren Muthlosigkeit sie sich seit einigen Tagen gewöhnt hatten, zu ihrem Staunen heranziehen, wie reissende Thiere, die sich vom Gebirge herunter auf Schafheerden stürzen. Einer sprach voll Verwunderung zum Andern: „Wer hat doch wohl die Troer wieder ver¬ einigt, die seit Hektors Tode alle Lust verloren zu haben schienen, uns je wieder zu bekämpfen? Das muß wohl ein Gott seyn, der sich ihrer annimmt. Wohl! Sind wir doch auch nicht ohne Götter; und haben wir sie bisher bezwungen, so wird es uns auch heute gelingen!“ So warfen sie sich in die Waffen und strömten kampflustig von den Schiffen heraus. Bald begann die blutige Schlacht, Speer streckte sich gegen Speer, Harnisch stieß auf Harnisch, Schild prallte an Schild und Helm an Helm, der Bo¬ den Troja's färbte sich einmal wieder roth vom Blute; Penthesil é a wüthete unter den griechischen Helden, und ihre Kriegerinnen wetteiferten mit ihr in Tapferkeit. Sie selbst erlegte den Molon und sieben andere Helden; als aber die Amazone Klonia Menippes, den Freund des gewaltigen Podarkes, niederschlug, ergrimmte dieser und durchbohrte die Hüfte der Männin mit seiner Lanze; zu spät hieb ihm Penthesil é a die zum Stoß ausholende Hand ab; ihre Kriegerin war in den Tod gesunken und jenen retteten die entführenden Freunde. Jetzt wandte sich das Glück zu den Griechen; Idomeneus traf die Amazone Bremusa rechts in die Brust mit dem Speere, Meriones erschlug Evandra und Thermodessa, unter Ajax, des Oleus Sohn, sank Derione; der Tydide hieb Alcibia und Deri¬ machia nieder, indem sein Schwert beiden die Häupter mit samt dem Genicke von den Schultern trennte. Darauf kehrte sich der Kampf gegen die Trojaner. Sthenelus tödtete den Kabirus aus Sestus und vergebens schnellte Paris seinen Pfeil auf den Mörder ab. Er flog vorüber und traf, von den grausamen Parzen abgelenkt, einen andern Griechen, den Helden Evenor von Dulichium zum Tode. Sein Schicksal regte den Anführer der Dulichier, Meges, den muthigen Sohn des Königes Phyleus, auf; rasch wie ein Löwe sprang er heran, daß die Troer be¬ stürzt vor ihm flohen. Er erschlug zwei ihrer besten Bun¬ desgenossen, den Itymoneus und Agelaus von Milet, und auch Trojaner, soviel sein Speer erreichen konnte. Andre erlegten Andre, denn ein furchtbares Schlachtgetümmel durchtobte die Reihen, und von beiden Seiten sanken an diesem Tage viele Helden in den Staub. Schwab , das klass. Alterthum. ll . 21 Penthesil é a aber stürmte noch immer unbezwungen unter die Griechen, wie eine Löwin unter einer Rinder¬ herde wüthet, und diese wichen von Schrecken ergriffen zurück, wo sie nahte. Trunkenen Muthes rief ihnen die Siegerin entgegen: „Heute noch, ihr Hunde, sollet ihr die Schmach des Priamus mir büßen. Raubthieren und Vögeln sollt ihr zum Fraße modern und Keiner von Euch soll Weib und Kind zu Hause wieder schauen, kein Erd¬ hügel je über euren Gebeinen sich erheben! Wo ist Dio¬ medes, wo Ajax, Telamons Sohn, wo der Pelide Achil¬ les, die besten unter eurem Heere? Warum kommen sie nicht und messen sich mit mir? Aber freilich, sie wissen, daß sie vor mir zerschmettert und zu Leichen werden mü߬ ten!“ So rief sie und drang voll Verachtung auf die Argiver ein; bald wüthete sie mit der Art, bald mit dem Wurfspieß, und den Köcher voll Geschosse trug ihr, falls sie sein bedürftig wäre, ihr gelenkiges Roß. Ihr nach drängten sich die Söhne des Priamus und die ersten der Trojaner. Diesem Andrange vermochten die Griechen nicht zu widerstehen; wie Blätter im Winde oder wie Regentropfen fielen sie gedrängt nach einander, bald war das Gefilde mit argivischen Leichen bedeckt, und die Rosse der troischen Streitwagen zertraten verfolgend Ge¬ fallene und Todte wie gedroschenes Korn. Den Troja¬ nern war nicht anders zu Sinne, denn als ob eine der Unsterblichen sichtbar vom Himmel herab gestiegen wäre, um ihnen die Schaaren der Feinde bekämpfen zu helfen, und in der thörichten Freude ihres Herzens glaubten sie schon an deren gänzliche Vernichtung. Aber noch war das Getöse des Kampfes weder zu dem gewaltigen Ajax noch zu dem Göttersohn Achilles gedrungen. Beide lagen fern am Grabe des Patroklus, und gedachten hier ihres erschlagenen Freundes; so war es vom Geschicke verordnet, welches der Amazonenfürstin ein paar Stunden der Aernte gönnen wollte, und sie mit Ruhm bekränzt zum Tode trieb. Auf den Mauern der Stadt standen die trojanischen Frauen und bewunderten jubelnd die Heldenthaten ihrer Mitschwester. Eine von ihnen, Hippodamia, die Gattin des tapfern Trojaners Tisiphonus, fühlte sich plötzlich von Kampflust ergriffen: „Freundinnen, sprach sie, warum kämpfen nicht auch wir, unsern Männern gleich, fürs Vaterland, für uns und für unsere Kinder? Stehen wir doch nicht so ferne von dem kräftigen Geschlecht unserer Jünglinge: dieselbe Kraft wie ihnen ward auch uns verliehen: unsere Augen spähen nicht weniger scharf; unsere Kniee wanken so wenig, wie die ihrigen; Licht, Luft und Nahrung gehört uns wie ihnen; warum sollte nicht auch die Feldschlacht uns verliehen seyn? Seht ihr denn nicht dort das Weib, das hoch hervorragt vor allen Männern? Und doch ist es nicht einmal von unserem Stamme! Es kämpft für einen fremden König, für eine Stadt, die nicht seine Heimath ist, und thut es unbekümmert um die Männer, faßt sich einen Muth im Herzen, und sinnt auf Unheil gegen die Feinde. Wir aber hätten für unser eigenes Glück zu fechten und eigenes Unglück hätten wir zu rächen. Wo ist eine von uns, die in diesem unseligen Kriege nicht ein Kind, oder einen Gatten, oder einen Vater verloren hätte, oder um Brü¬ der oder andre nahe Verwandte trauerte? Und wenn unsre Männer unterliegen, was steht uns allen Besseres bevor, als die Knechtschaft? Darum lasset uns den Kampf nicht länger aufschieben; lieber wollen wir sterben, denn 21* als Beute von den Feinden hinweggeführt werden mit unsern unmündigen Kindern, wenn die Gatten todt sind und die Stadt hinter uns in Flammen steht!“ So sprach Hippodamia und erregte die Begierde nach Kampf in ihnen Allen. Sie legten Wolle und Webekorb zur Seite, zerstreuten sich wie ein Bienenschwarm in ihre Häuser, und griffen nach den Waffen. Unfehlbar wären alle ein Opfer ihres unsinnigen Eifers geworden, wenn nicht die Schwester der Königin Hekuba, Theano, die Ge¬ mahlin Antenor's, welche weiser war, als alle Andere, sich ihrem unsinnigen Beginnen widersetzt hätte. Diese suchte sie mit verständigen Worten zu beschwichtigen. „Was wollt ihr anfangen, ihr Unvernünftigen,“ rief sie den schon Ausziehenden entgegen; „gegen die Danaer wollt ihr ziehen, die in Waffen und im Kampfe geübten Män¬ ner? Wie möget ihr hoffen, euch mit ihnen messen zu können? Habt ihr denn je Kriegswerk getrieben, wie die Amazonen, habt Rosse tummeln gelernt und anderes Thun der Männer? Dazu ist jenes Wunderweib noch eine Tochter des Kriegsgottes, ihr aber seyd alle Kinder von Sterblichen. Deßwegen sollt ihr Weiber bleiben, euch ferne vom Schlachtgetümmel halten und im innern Haus¬ raume der Spindel pflegen; den Krieg aber mögt ihr den Männern lassen. Noch sind ja diese aufrecht und umrin¬ gen schirmend eure Stadt; noch ist es nicht so weit ge¬ kommen, daß sie der Hülfe ihrer Weiber bedürften und diese zur Vertheidigung der Stadt aufrufen müßten!“ Den klugen Worten der bejahrten Troerin schenkten die aufgeregten Frauen allmälig Gehör, kehrten auf die Mauer zurück, und sahen bald wieder, wie zuvor, von ferne der Schlacht zu. Indessen mordete Penthesil é a fort und die Schaaren der Argiver erbebten vor ihr; die Hel¬ den begannen zu fliehen und zerstreuten sich da und dort¬ hin, die Einen, nachdem sie die Wehre von den Schul¬ tern auf den Boden geworfen, die Andern in voller Waf¬ fenrüstung: Rosse und Wagen flogen hier und dorthin ohne Führer; überall hörte man Gewinsel der Sterbenden, denn Alles sank zusammen vor dem Schlachtspeer der Amazone. Immer vorwärts drangen die Trojaner; schon waren sie ganz nahe an den Schiffen der Griechen angekommen, und machten Anstalt, diese zu verbrennen. Da hörte end¬ lich Ajax, der gewaltige Sohn des Telamon, das Kriegs¬ geschrei, hob sein Haupt vom Grabhügel des Patroklus empor, und sprach zu Achilles: „Kampfbruder, mir drang ein unendliches Getöse zu den Ohren, gleich als hätte sich irgendwo ein gefährlicher Kampf erhoben! Laß uns gehen, daß die Trojaner uns nicht zuvor kommen, und doch einmal die Schiffe verbrennen!“ Diese Worte reg¬ ten den Peliden auf, und jetzt wurde auch sein Ohr von dem Jammergeschrei erreicht. Eilig warfen sich beide in ihre schimmernde Rüstung und gingen, in Waffen leuch¬ tend und von Streitlust brennend, der Gegend zu, von welcher der Hall des Kampfes ihnen entgegen lärmte. Durch die gebrochenen Reihen der Argiver zückte eine Freude, als sie die beiden tapfersten Männer heraneilen sahen. Diese aber stürzten sich sogleich mit brennendem Eifer in den Kampf, und fingen an, unter dem trojani¬ schen Heere zu würgen. Ajax warf sich auf die Männer und seinen ersten Speerstößen erlagen vier Trojaner. Achilles aber kehrte sich gegen die Amazonen, und vier der Jung¬ frauen erlagen unter seinen Streichen: dann stürzten sich beide miteinander auf die Masse des feindlichen Heers, und mit geringer Mühe waren die noch jüngst so dicht stehenden Reihen der Feinde gelichtet. Als Penthesil é a dieß inne ward, stürzte sie muthig ihren beiden mächtigsten Feinden entgegen, wie ein Pan¬ therthier den Jägern entgegen eilt. Jene aber reckten sich, daß ihre ehernen Panzer klirrten, und hielten ihre Lan¬ zen empor. Die Amazone warf ihren Speer zuerst auf Achilles. Der Schild des Helden fing ihn auf, daß er zersplitternd abprallte, als wäre er auf einen Felsen ge¬ stoßen. Mit der zweiten Lanze zielte sie jetzt auf Ajax, und zugleich rief sie beiden Helden zu: „Wenn auch mein erster Wurf mißlang, dieser zweite soll euch Prahlern Kraft und Leben rauben, die ihr euch rühmet, die Stärk¬ sten im Heere der Danaer zu seyn, aber jetzt nur herge¬ kommen seyd, um zu erfahren, daß ein Weib mehr ver¬ mag, als ihr beide zusammen!“ So rief sie, und brachte durch ihre Rede die Helden zum Lachen. Ihre Lanze aber erreichte die silberne Beinschiene des Ajax, und so gerne sie in seinem Blute geschwelgt hätte, vermochte sie doch nicht einmal seine Haut zu ritzen, denn die Waffe prallte von der ehernen Fußbekleidung ab. Ajax, ohne sich viel um die Amazone zu bekümmern, stürzte sich auf die Schlachtreihen der Trojaner, und überließ dem Achilles die Feindin, denn er zweifelte in seinem Geiste keinen Augenblick, daß dieser allein mit ihr fertig werden würde, so bald, wie ein Habicht mit der Taube. Penthesil é a, als sie sah, daß auch ihr zweiter Wurf ohne Erfolg geblieben, stieß einen lauten Seufzer aus; Achilles aber maß sie mit seinen Blicken, und rief ihr zu: „Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können, dich so übermüthig uns entgegen zu werfen, und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen, uns, die wir vom Blute des Donnerers selbst entsprossen sind, und vor welchen Hektor bebte und erlegen ist? Der Wahnsinn muß aus dir gesprochen haben, als dein Mund uns heute mit dem Tode bedrohte; denn siehe, dein eignes letztes Stündlein ist jetzt gekommen.“ Mit diesen Wor¬ ten drang er auf sie ein, die unbezwingliche Lanze, das Werk des Centauren Chiron, seines Erziehers, in der Rechten schwingend. Ihr Wurf traf die Kriegerin ober¬ halb der rechten Brust, so tief, daß alsbald das schwarze Blut aus der Wunde strömte und alle Kraft ihre Glieder verließ. Die Axt fiel ihr aus der Rechten, und ihr Auge hüllte sich in Finsterniß. Doch erholte sie sich noch einmal und sah ihrem Feinde, der eben heranstürmte, sie vom flücht'gen Rosse zu ziehen, fest ins Antlitz. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie ihr Schwert aus der Scheide ziehen und sich wehren, oder vom Rosse steigen und zu dem Sieger flehend ihm Gold und Erz genug für ihr Leben versprechen sollte. Aber Achilles ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen. Im Zorn über ihren Stolz durchbohrte er Roß und Reiterin mit Einem Stoße. Alsbald glitt diese herab und sank in den Staub und ins Verderben, am Speere zuckend und mit dem Rücken an das flüchtige Streitroß angelehnt, das sterbend auf den Knieen lag; sie selbst einer schlanken Tanne gleich, die der Nordwind geknickt hat. Als die Trojaner den Fall ihrer Heldin gewahr wur¬ den, stürzten sie voll Betäubung zurück nach den Tho¬ ren der Stadt, wehklagend über den Tod der Amazone und ihrer eigenen, vielen Stammesverwandten. Der Sohn des Peleus aber rief mit Frohlocken: „So liege du denn, du armes Geschöpf, den Raubvögeln und Hunden zur Waide! Wer hat dich auch mit mir kämpfen geheißen? Du hofftest wohl unermeßliche Gaben aus der Hand des Königs Priamus als Kampfpreis zu empfangen, dafür, daß du so viele Griechen erschlagen hast! Aber ein an¬ derer Lohn wurde dir zu Theil!“ So sprach er, und zog ihr und dem Pferde den Speer aus dem Leibe, und noch zückten beide. Dann nahm er ihr den Helm vom Haupte ab, und betrachtete das Antlitz der Verschiedenen. Obgleich von Blut und Staube bedeckt, waren doch ihre edeln Züge auch im Tode noch voll Anmuth, und die Griechen, die den Leichnam umringten, mußten alle über die über¬ irdische Schönheit der Jungfrau staunen, die, der nach heisser Gebirgsjagd schlummernden Diana ähnlich, in vol¬ ler Waffenrüstung dalag. Achilles selbst, als er sie länger betrachtete, fühlte sich von überschleichendem Schmerze bestrickt, und mußte sich gestehen, daß die Fürstin, anstatt von ihm getödtet zu werden, viel eher verdient hätte, als herrliche Gattin mit ihm in Phthia einzuziehen. In den tiefsten Schmerz aber versank der Vater der Amazone, der Kriegsgott, über ihrem Tode. Wie ein Blitz mit rollendem Donner stürzte er sich bewaffnet vom Olymp herunter auf die Erde, und schritt über die Gipfel und Schluchten des Berges Ida hin, daß Gebirg und Thal unter seinem Schritte erbebten. Und sicherlich hätte er den Griechen das Verderben gebracht, wenn ihn nicht Jupiter, der Freund der Danaer, durch ein furchtbares Gewitter gewarnt hätte, das sich Schlag auf Schlag über seinem Haupte entlud, und in welchem er die Stimme seines allmächtigen Vaters vernahm, so daß Mars, so sehr er sich nach dem Kampfe sehnte, es doch nicht sogleich wagte, dem Willen des Donnerers entgegen zu handeln, und mitten auf dem Wege nach dem Schlachtfelde stille stand. Er war unschlüssig, ob er zum Olymp zurückkehren sollte, oder dem Vater trotzend hingehen und seine Hände in das Blut des Achilles tauchen. Zuletzt gedachte er jedoch der vielen Söhne Jupiters selbst, die nach dem Rathschlusse des Vaters sterben müßten, und die er selbst nicht im Stande gewesen, vor dem Tode zu schützen. So besann er sich denn des Besseren; kannte er ja doch seinen allgewaltigen Vater und wußte, daß, wer sich ihm wider¬ setzt, vom Blitze gebändigt und zu den Titanen in die Unterwelt hinabgeschleudert wird. Um den Leichnam Penthesil é a's drängten sich inzwi¬ schen die Danaer, und fingen an, die Todten ihrer Waf¬ fen zu berauben. Achilles aber stand mit ganz verwan¬ deltem Gemüthe daneben, er, der noch so eben ihren Leib den Hunden und Vögeln zum Fraße hatte preis geben wollen. Mit tiefer Wehmuth blickte er auf die Jungfrau hernieder, und es nagte ihm keine geringere Qual am Herzen, als einst, da er um seinen liebsten Freund, den erschlagenen Patroklus, jammerte. Unter den herbeiströmenden Griechen näherte sich auch der häßliche Thersites, und fiel den Helden mit schmähen¬ den Reden an: „Bist du nicht ein Thor,“ rief er ihm zu, „daß du dich um die Jungfrau abhärmen magst, die uns Allen doch so vielfaches Unheil bereitet hat? Du zeigst dich fürwahr als einen weibischen Lüstling, daß dich eine Sehnsucht nach der Schönheit dieser Erschlagenen beschleicht! Hätte dich doch ihre Lanze in der Schlacht getödtet, du Unersättlicher, der du meinst, daß alle Weiber deine Beute werden müßten!“ Wüthender Zorn bemächtigte sich des Helden, als er aus dem Munde eines Elenden solche Schmähworte hören mußte. Er versetzte dem häßlichen Schelter mit der bloßen Faust einen solchen Streich auf die Wange, daß ihm die Zähne aus dem Munde fielen, ein Blutstrom hervorschoß, und Thersites, sich auf dem Boden krümmend, seine feige Seele aushauchte. Da war unter den Umstehenden keiner, der ihn bedauert hätte, denn sein einziges Geschäft war gewesen, Andere zu schmähen, indeß er selbst im Felde und im Rathe sich immer nur als einen armseligen Wicht bewies. Achilles aber sprach voll Unmuth: „Hier magst du denn im Staube liegen und deine Thorheit vergessen lernen! Denn Thorheit ist es, wenn der Schlechtere sich dem Bessern gleichstellen will! Wie mich, hast du schon früher den Odysseus gereizt, aber er war zu großmüthig, dich zu bestrafen. Jetzt erfuhrest du, daß der Sohn des Peleus sich nicht ungestraft schel¬ ten läßt. Geh jetzt, und schmähe bei den Schatten!“ Nur Einer war unter dem ganzen griechischen Heere, dem der Tod des Thersites die Galle aufregte: Diomedes, des Tydeus Sohn, und zwar deßwegen, weil der Er¬ schlagene aus Einem Blute mit ihm entsprungen war, denn sein Großvater Oeneus und des Thersites Vater waren Brüder gewesen. Darum zürnte jetzt Diomedes, und er hätte die Waffen gegen Achilles erhoben, wenn nicht die edelsten Danaer ins Mittel getreten wären, denn auch der Pelide war bereit, ihm für das Blut seines Vetters mit dem Schwerte Genugthuung zu geben. So aber ließen sich beide beschwichtigen. Die Atriden selbst erlaubten nun, voll Mitleid und Bewunderung für die getödtete Jungfrau, daß dem Könige Priamus, der durch eine feierliche Botschaft sich die Leiche erbeten hatte, um sie in der Gruft des Königes Laomedon zu bestatten, ihr Leichnam ausgeliefert werde. Priamus aber errichtetete ihr vor der Stadt einen mächtigen Schei¬ terhaufen, und legte den Leib der Jungfrau sammt vielen herrlichen Gaben darauf. Dann entzündete er den Scheiter¬ haufen, daß er hoch empor loderte, und als der Leichnam verzehrt war, löschten die umstehenden Trojaner den Brand mit süßduftendem Weine. Sodann sammelten sie die Ge¬ beine Penthesiléa's, legten dieselben in ein Kästchen und trugen sie wehklagend und in feierlichem Aufzuge in die Gruft des Königes Laomedon, die sich an einem hervor¬ ragenden Thurme der Stadt befand. Neben ihr wurden ihre zwölf Begleiterinnen, die alle ebenfalls in der Män¬ nerschlacht geblieben waren, beigesetzt, denn auch ihnen hatten die Söhne des Atreus diese Ehre gegönnt. Auf der andern Seite begruben auch die Griechen ihre Todten und bejammerten vor Allen den Podarkes, der seinem Bruder Protesilaus, welchen Hektor erschlagen hatte, nun im Schlachtentode gefolgt war. Abgesondert von den An¬ dern wurde ihm ein eigener Grabhügel erhöhet, der ein weithin sichtbares Denkmal bildete. Zuletzt scharrten sie auch den häßlichen Thersites ein, und nun kehrten sie wieder zu ihren Schiffen zurück, Alle voll Danks in ihrem Herzen gegen den gewaltigen Achilles, der auch dießmal der Retter der Griechen gewesen war. Als die Nacht einbrach, lagerten sich im geräumigen Zelte der Atriden die vornehmsten Helden zum Schmause, und auch die andern Griechen freuten sich, da und dort hingestreckt, des erquickenden Mahles, bis der Morgen wieder anbrach. Memnon. Die aufsteigende Sonne leuchtete in Troja über lau¬ ter Kümmerniß. Auf den Mauern umher saßen spähend die Trojaner, denn sie fürchteten jeden Augenblick, der gewaltige Sieger möchte nun auf Leitern über die Stadt¬ mauer setzen, und ihren alten Wohnsitz einäschern. Da erhub sich im Rathe der Bangenden ein Greis mit Na¬ men Thymötes, der sprach: „Freunde! vergebens sinnt mein Geist auf ein Mittel, das drohende Verderben von uns abzuwenden. Seit Hektor unter den Händen des unbezwinglichen Achilles erlegen ist, müßte, glaube ich, selbst ein Gott, wenn er sich unser annehmen wollte, im Kampfe erliegen. Hat er doch auch die Amazone, vor der alle andern Danaer bebten, bezwungen! Und doch war sie so furchtbar, daß wir alle in ihr eine Göttin zu sehen glaubten und Freude unser Herz bei ihrem Anblick durch¬ strömte. Aber ach, leider war sie nicht unsterblich! So fragt es sich denn nun, ob es nicht besser für uns wäre, wenn wir diese unglückselige Stadt, die doch zum Unter¬ gange bestimmt ist, verließen, und anderswo sichere Wohn¬ sitze aufsuchten, zu welchen die verderblichen Griechen nicht dringen könnten!“ So redete Thymötes. Nun stand Priamus in der Versammlung auf, ihm zu entgegnen: „Lieber Freund,“ sprach er, „und ihr alle Trojaner und gute Bundsgenos¬ sen! Laßt uns doch die geliebte Heimath nicht feige auf¬ geben, und uns größerer Gefahr preisgeben, wenn wir uns in offener Feldschlacht durch die umringenden Feinde durchschlagen sollten. Vielmehr wollen wir warten, bis Memnon da ist, der Aethiopier, aus dem Lande der schwarzen Männer, der wohl mit seinem unzähligen Volke schon unterwegs ist, uns Hülfe zu bringen! Es ist schon viel Zeit verflossen, seit meine Boten zu ihm gegangen sind. Deßwegen haltet nur noch ein Kleines aus; und müßtet ihr selbst im Kampfe Alle umkommen, so ist es doch besser, als bei Fremdlingen, von Schande gebeugt, sein Leben fristen zu müssen!“ Zwischen diese entgegengesetzten Meinungen trat ein bedächtlicher Mann unter den Trojanern, der Held Polydamas, und gab seinen Rath mit folgenden Worten: „Wenn Memnon wirklich kommt, so habe ich nichts dage¬ gen, König und Herr! Aber ich befürchte, der Mann wird mit sammt seinen Gefährten den Tod bei uns finden, und den Unsrigen nur noch mehr Unheil bereiten. Doch bin auch ich keineswegs der Meinung, daß wir das Land unsrer Väter verlassen sollten. Vielmehr wäre, wenn es auch jetzt spät ist, doch immer noch das Beste, wenn wir die Ursache dieses ganzen Krieges, die Fürstin Helena mit allem dem, was sie uns aus Sparta zugebracht hat, den Griechen wieder auslieferten, ehe sich die Feinde in unsre Habe getheilt und die Stadt mit Feuer verzehrt haben!“ Dieser Rede gaben die Trojaner zwar im Herzen stillen Beifall, doch wagten sie nicht, ihrem Könige laut zu widersprechen. Auf der andern Seite erhub sich Paris, Helena's Gemahl, und beschuldigte den Schutzredner der Griechen, wie er Polydamas nannte, der äußersten Feig¬ heit. „Ein Mann, der dazu rathen kann, würde im Felde der Erste seyn, der die Flucht ergriffe,“ sprach er. „Besinnet euch wohl, Trojaner, ob es klug gehandelt ist, dem Rathe eines Solchen zu folgen!“ Polydamas wußte wohl, daß Paris von Helena nicht lassen würde und eher einen Aufruhr im Heere erregen, ja selber sterben, ehe er auf sie verzichtete; darum schwieg er, und die ganze Versammlung mit ihm. Als sie noch sinnend im Rathe saßen, kam die frohe Botschaft, daß Memnon im Anzuge sey. Den Trojanern ward zu Mu¬ the, wie Schiffern, die, dem Tode schon im Rachen, nach dem furchtbarsten Sturme die Sterne wieder am Himmel schimmern sehen; vor Allen aber freute sich der König Priamus, denn er zweifelte nicht, daß es der Ueberzahl der Aethiopier gelingen müßte, die feindlichen Schiffe zu verbrennen. Als daher Memnon, der hohe Sohn Aurora's, ange¬ kommen war, ehrte der König ihn und die Seinen durch die herrlichsten Gaben und Festmahle. Das Gespräch wurde wieder heiter, und sie gedachten in Ehren der ge¬ fallenen Trojanerhelden. Memnon aber erzählte von sei¬ nem unsterblichen Elternpaare, Thitonus und Aurora; ein andermal vom endlosen Weltmeere und wiederum von den Grenzen der Erde, vom Aufgang der Sonne, und von dem ganzen weiten Wege, den er von den Ufern des Oceans bis zu den Höhen des Berges Ida und der Stadt des Königes Priamus zurückgelegt, und was für Heldenthaten er unterwegs verrichtet habe. Ihm lauschte der Trojanerkönig mit Wohlgefallen; voll Wärme ergriff er seine Hand und sprach: „Memnon, wie danke ich den Göttern, daß sie mir, dem Greise, gegönnet haben, dich und dein Heer noch zu erblicken, und dich selbst in meinem Pallaste zu bewirthen! Fürwahr, du gleichest mehr als irgend ein Sterblicher den Göttern, und deßwegen hege ich die Zuversicht zu dir, daß du unter unsern Feinden mit furchtbarem Gemetzel wüthen werdest!“ Mit diesen Worten hob der König einen Pokal aus gediegenem Golde und trank ihn dem neuen Bundesgenossen zu. Memnon betrachtete staunend ringsum den herrlichen Be¬ cher, der ein Werk Vulkans und ein Erbstück der trojani¬ schen Königsfamilie war; dann erwiederte er: „Nicht bei'm Schmause ziemt es sich zu prahlen und zuversicht¬ liche Verheissungen zu thun; ich antworte dir daher nicht, o König, sondern freue mich jetzt in Ruhe des Mahles, und will im Geiste das Nöthige vorbereiten. In der Schlacht muß es sich zeigen, ob ein Mann ein Held sey. Nun aber laß uns bald zur Ruhe gehen; denn dem, der die Entscheidung des Kampfes erwartet, schadet ein über¬ mäßiger Genuß des Weines und eine durchschwärmte Nacht!“ Damit erhob sich der besonnene Memnon vom Mahle und Priamus hütete sich, seinen Gast zu längerem Bleiben zu nöthigen. Auch die übrigen Gäste gingen zur Ruhe, und Alles überließ sich dem wohlthuenden Schlafe. Wäh¬ rend nun die Sterblichen auf der Erde schlummerten, saßen die Götter im olympischen Pallaste Jupiters noch beim Schmause und besprachen sich über den Kampf um Troja. Jupiter, der Sohn des Kronos, dem die Zukunft deutlich war, wie die Gegenwart, nahm zuletzt das Wort und sprach: „Es ist vergebens, daß ihr sorget, der eine für die Griechen, der andre für die Troer. Noch unzäh¬ lige Rosse und Männer werdet ihr auf beiden Seiten im Kampfe dahinsinken sehen. So sehr euch nun Mancher, der des Einen oder des Andern Freund ist, am Herzen liegen mag, so lasse sich doch Keiner von euch einfallen, sich mir deßhalb mit Bitten zu nahen, und für einen Sohn oder einen Freund zu flehen: denn die Schicksals¬ göttinnen sind unerbittlich, für mich wie für euch! Keiner der Unsterblichen wagte es, dem Göttervater zu widersprechen; schweigend verließen sie das Mahl und Jeder in seinem Hause warf sich traurig auf das Lager, bis auch der Götter sich der Schlaf erbarmte. Am andern Morgen stieg Aurora nur widerstrebend am Himmel auf, denn auch sie hatte das Wort Jupiters vernommen und ihr Herz sagte ihr voraus, welch ein Schicksal ihrem geliebten Sohne Memnon bevorstand. Dieser aber war schon in aller Frühe erwacht, als kaum die Gestirne bleichten; er schüttelte sich den Schlaf, den letzten auf Erden, von den Wimpern, und sprang vom Lager voll Sehnen, den entscheidenden Kampf für seine Freunde mit den Griechen zu beginnen. Auch die Trojaner warfen sich in ihre Rüstungen, und mit ihnen die zahllosen Gäste aus Aethiopien. Ohne sich lange zu verweilen, strömten die Schaaren Sturmgewölke gleich, das vom Winde ge¬ trieben wird, zu den Thoren hinaus aufs Blachfeld; die ganze Straße wogte von dichtem Gedränge, und der Staub erhob sich unter ihren Füßen. Als die Griechen sie aus der Ferne heranziehen sa¬ hen, staunten sie, waffneten sich in Eile und zogen aus: Achilles, auf welchen sie vertrauten, in ihrer Mitte, stolz auf seinem Wagen stehend, wie ein Titane und gleich einem Donnergeschoß in Jupiters Hand. Aber in der Mitte des trojanischen Heeres zog nicht minder herrlich Memnon einher, dem Kriegsgotte selber zu vergleichen; und sein unendliches Volk, gehorsam und kampflustig, hatte sich rings um ihn her geschaart. Nun begann der Kampf: wie zwei Meere wogten die Heere sich entgegen und schlugen aneinander Well' an Welle. Schwerter zischten und Speere sausten, lautes Getöse hallte durch die Schlachtreihen, und bald erhob sich in beiden Heeren Klagelaut um die Fallenden. Bald stürzte ein Troer um den andern vor den Stößen des Achilles nieder, wie vor einem Sturm, der Bäume aus den Wurzeln reißt und Häuser umwirft. Anderseits warf auch Memnon die griechischen Schaaren darnieder, wie ein böses Verhängniß, das den Sterblichen viel Jammer und Unheil bringt. Zwei edle Genossen Nestors fielen von seiner Hand, und jetzt nahte er dem Greise von Pylos selber, und es fehlte wenig, daß Nestor von der Lanze des Aethiopiers gefallen wäre. Denn eines seiner Wagenpferde war eben von einem Pfeile des Paris verwundet worden, und hemmte den Wagen seines Herrn, als Memnon mit seinem Speere auf den Greis herzugerannt kam. Erschrocken rief dieser seinen Sohn Antilochus zu Hülfe, und sein Wort verhallte nicht in den Lüften. Der fromme Jüngling eilte heran, stellte sich vor die Brust des Vaters und warf seinen Speer nach dem Aethiopier. Dieser wich dem Geschosse aus, aber es traf seinen Freund Aethops, den Sohn des Pyrrhasus. Darüber ergrimmte Memnon und, wie der Löwe auf den Eber losstürzt, warf er sich nun auf Anti¬ lochus. Dieser schleuderte einen Stein gegen den Toben¬ den, der jedoch an seinem dichten Helme abprallte. Nun stieß ihm Memnon die Lanze durchs Herz und Antilochus erkaufte so die Rettung seines Vaters mit dem Tode. Als die Achiver ihn sinken sahen, bemächtigte sich ihrer aller der Schmerz; den bittersten aber empfand der Vater, als Schwab , das klass. Alterthum . II. 22 um seinetwillen und ihm vor den Augen der Sohn er¬ schlagen wurde. Doch behielt er Besinnung genug, einen andern seiner Söhne, Thrasymedes, herbeizurufen, damit er den Mörder von dem Leichname seines Bruders hin¬ wegscheuche. Dieser vernahm den Ruf im Getümmel der Schlacht und zugleich mit ihm machte sich Pheres auf, den tobenden Sohn der Aurora zu bekämpfen. Memnon ließ sie voll Zuversicht nahen, und alle ihre Speere flo¬ gen an seiner, Rüstung vorüber, die ihm die göttliche Mutter gefeyet hatte. Doch erreichten sie immer ein Ziel, nur ein andres, als wofür sie bestimmt waren, und Beide trafen mit ihren Geschossen feindliche Helden. Wäh¬ rend dessen fing Memnon an, den getödteten Antilochus seiner Rüstung zu berauben, und die griechischen Streiter umkreisten den Gefallenen vergebens, wie heulende Scha¬ kale einen Hirsch, den der Löwe zerreißt. Nestor, als er dieß erblickte, jammerte laut auf, rief seinen übrigen Freun¬ den, ja sprang selbst vom Wagen herab und wollte mit schwindenden Greiseskräften für den Leichnam des Soh¬ nes kämpfen. Doch Memnon, als er ihn kommen sah, wandte sich freiwillig von ihm ab, ehrfurchtsvoll, als sähe er einen Vater nahen. „Greis,“ sprach er, „mir ziemt nicht den Kampf mit dir zu versuchen! Von ferne hielt ich dich für einen jungen kriegerischen Mann, darum zielte meine Lanze nach dir; nun aber sehe ich, daß du weit älter bist. Meide den Kampf, weiche, daß ich dich nicht mit widerstrebendem Herzen fälle und du zu deinem Sohne in den Staub sinkest! Würde man dich doch einen Tho¬ ren schelten, wenn du in so ungleichen Kampf dich gewagt hättest!“ Nestor aber antwortete: „Das sind nichtige Worte, die du da geredet, Memnon! Kein Mensch heißt den Mann thöricht, der, über den Tod seines Sohnes ergrimmt, zu kämpfen kommt, und den grausamen Mörder von seinem Leichnam vertreiben will! O hättest du mich als jung gekannt! Jetzt gleiche ich freilich nur einem alten Löwen, den jeder Hund von der Schafhürde abhal¬ ten kann! Doch nein, noch besiege ich viele Streiter, und nur Wenigen weicht mein Alter!“ So sprach Nestor und wich ein wenig rückwärts, indem er den Sohn im Staube liegen ließ. Zugleich zogen sich auch Thrasymedes und Pheres zurück; und nun wüthete Memnon mit seinen Aethiopiern ungehindert in der Schlacht fort, und die Argiver vermieden seinen Speer mit Schrecken. Nun wandte sich Nestor an Achilles. „Du Beschir¬ mer der Griechen,“ sprach er, „siehe dort liegt mein Sohn todt; Memnon hat ihm die Waffen geraubt; bald wird er eine Speise der Hunde seyn! Eile zu Hülfe, denn nur der ist ein wahrer Freund, der des erschlagenen Freun¬ des sich annimmt!“ Achilles horchte auf und tiefer Kum¬ mer bemächtigte sich seiner, als er sah, wie der Aethiopier die Danaer schaarenweise in den Staub streckte. Bisher hatte sich nämlich der Pelide unter den Trojanern herum¬ getummelt, und hier viele getödtet. Jetzt aber ließ er von ihnen ab, und wandte sich plötzlich Memnon entgegen. Als dieser ihn kommen sah, raffte er einen Markstein vom Boden auf und schleuderte ihn nach dem Schilde des Fein¬ des. Aber der Stein prallte ab, und Achilles, der seinen Streitwagen hinter der Schlachtreihe gelassen hatte, drang zu Fuße auf Memnon ein und traf ihn mit dem Speere rechts an der Schulter. Der Aethiopier achtete auf die¬ sen Stoß nicht, eilte vorwärts, und stieß dem Achilles seine mächtige Lanze in den Arm, daß das Blut des Helden 22* zur Erde floß. Nun brüstete sich Memnon in eitler Freude und rief: „Elender, der du so mitleidlos die Tro¬ janer erschlugest, jetzt steht dir ein Göttersohn entgegen, dem du nicht gewachsen bist, denn Aurora, meine Mutter, die Olympierin, ist mehr denn deine Mutter Thetis, die sich allein unter den Scheusalen des Meeres gefällt!“ Aber Achilles lächelte nur und sprach: „Der Erfolg wird leh¬ ren, welcher von uns von edleren Eltern abstammt! Ich fordre von dir jetzt Rache für den jungen Helden Antilochus, wie ich einst an Hektor Rache genommen für meinen Freund Patroklus!“ Damit faßte er seinen riesigen Speer mit beiden Händen, und dasselbe that Memnon. So stürzten sie auf einander los. Jupiter selbst machte sie in diesem Augenblick größer, stärker und unermüdlicher als Menschen sind, so daß kein Stoß des Einen den Andern fällte, und sie so nah an einander kamen, daß Helmbusch an Helm¬ busch streifte. Vergebens suchten sie einander bald über dem Schienbein, bald unter dem Panzer zu verwunden; ihre Rüstungen klirrten; das Kampfgeschrei der Aethiopier, Trojaner und Argiver stieg empor zum Himmel, der Staub wirbelte unter ihren Füßen auf, und während die Führer kämpften, feierte unter ihren Kriegern das Ge¬ metzel nicht. Die Olympier, die von der Höhe herab zu¬ schauten, hatten ihre Freude an dem unentschiedenen Kampfe, die einen an der Kraft des Peliden, die andern an Memnons unbesiegtem Widerstande, je nachdem sie dem Einen oder dem Andern verwandt oder befreundet waren. Und bald wären die Götter unter einander dar¬ über in Zwietracht gerathen, wenn nicht Jupiter plötzlich zwei der Parzen aufgerufen hätte und befohlen, daß die finstre sich zu Memnon, die lichte zu Achilles gesellen sollte. Laut schrieen die Bewohner des Olymps auf bei diesem Befehle, die einen vor Freude, die andern vor Leid. Die beiden Helden aber stritten fort, ohne die Schick¬ salsgöttinnen zu erblicken. Sie kämpften gegen einander bald mit der Lanze, bald mit Schwertern, bald mit Stei¬ nen; keiner erzitterte; fest standen sie wie die Felsen. Und eben so unentschieden zog sich rechts und links von ihnen der Kampf ihrer Genossen hin, Blut und Schweiß floß auf den Boden, und die Erde deckte sich mit Leichen. Endlich aber siegte das Geschick. Achilles stieß seinem Gegner die Lanze so tief in die Brust, daß sie zum Rü¬ cken herausfuhr, und er mit dumpfem Dröhnen in sein Blut auf dem Kampfplatz niedersank. Jetzt flohen die Trojaner, von dem verfolgenden Achil¬ les wie von einem Orkane gejagt, während er Memnons Leichnam seinen Freunden zum Berauben überließ. Aurora stieß am Himmel einen Seufzer aus und hüllte sich in Gewölk ein, daß die Erde Finsterniß bedeckte; ihre Kin¬ der, die Winde, flogen auf ihr Geheiß herunter auf die Ebene, ergriffen den Leib des Erschlagenen und entführ¬ ten ihn durch die Lüfte aus den Händen seiner Feinde. Nichts blieb von ihm auf der Erde übrig, als die Bluts¬ tropfen, die herabträufelten, während er von den Winden emporgetragen ward. Daraus wurde ein blutiger, un¬ versieglicher Strom, der in späten Tagen noch am Fuße des Ida jedesmal am Todestage des Memnon flüssig wurde und mit Modergeruch dahinfloß. Die Winde hiel¬ ten sich mit dem Leichnam nicht allzuhoch über der Erde und flogen mit ihm in der Quere dahin; die Aethiopier aber, die sich von dem erschlagenen Beherrscher nicht trennen wollten, folgten unten mit tiefem Stöhnen, bis sie den staunenden Troern und Argivern mit der Leiche aus den Augen schwanden. Die Winde setzten den Leich¬ nam am Fuße des Flusses Aesopus nieder, dessen Töchter, anmuthige Nymphen, ihm in einem lieblichen Haine ein Grabmal errichteten, wo ihn seine vom Himmel herab¬ gestiegene Mutter Aurora mit vielen andern Nymphen unter heißen Thränen bestatten half. Auch die Troer, in ihre Stadt zurückgekehrt, beklagten den hohen Memnon herzlich. Die Argiver selbst empfanden keine ungetrübte Freude: sie priesen zwar den Sieger Achilles, den Stolz des Heeres, aber sie weinten auch mit Nestor um seinen lieben Sohn Antilochus; und so durchwachten sie unter Schmerz und Lust die Nacht auf dem Schlachtfelde. Der Tod des Achilles. Am andern Morgen trugen seine Volksgenossen, die Pylier, den Leichnam ihres Königssohnes Antilochus unter Wehklagen hinweg zu den Schiffen, und bestatteten ihn dort an den Ufern des Hellespontes. Der greise Nestor aber blieb fest in seinem Gemüth und bewältigte den Schmerz durch Besonnenheit. Achilles jedoch rastete nicht. Sein Grimm über den Tod des Freundes jagte ihn mit Tages Anbruche unter die Trojaner, die auch schon kampflustig ihre Mauern verlassen hatten, obgleich sie vor dem Speere des göttergleichen Achilles bebten. Bald wurde der Kampf wieder allgemein, der Held erschlug eine Unzahl von Feinden, und verfolgte die Trojaner bis vor die Stadt. Hier, seiner übermenschlichen Kraft sich be¬ wußt, schickte er sich an, die Thorflügel aus den Angeln zu heben, die Riegel zu öffnen und den Griechen die Stadt des Priamus aufzuthun. Aber Phöbus Apollo, der vom Olymp herab den unermeßlichen Haufen Erschlagener überschaute, fing an ihm unerbittlich zu zürnen. Wie ein reißendes Thier stieg er vom Göttersitze hernieder, den Köcher mit den unheil¬ bar tödtenden Pfeilen auf dem Rücken. So trat er dem Peliden entgegen; Köcher und Pfeile klirrten, sein Auge flammte, unter dem Wandelnden erbebte der Boden. Und nun, dem Helden im Rücken, ließ er seine furchtbare Stimme erschallen: „Laß von den Dardanern ab, o Pelide, wüthe nicht so rasend! Hüte dich, daß nicht einer der Unsterb¬ lichen dich verderbe!“ Achilles kannte die Stimme des Gottes wohl; aber er ließ sich nicht einschüchtern, und ohne die Warnung zu beachten, rief er ihm laut entgegen: „Was willst du mich reizen, mit Göttern zu kämpfen, indem du immerdar die Frevler, die Trojaner, begünstigst? Schon einmal hast du mich in Zorn gebracht, als du mir zum erstenmal Hektorn entrissest. Nun rathe ich dir, ent¬ weiche fern zu den andern Göttern, daß dich mein Speer nicht treffe, obwohl du unsterblich bist!“ Mit solchen Worten wandte er sich von Apollo ab den Feinden wieder zu. Der zürnende Phöbus aber ver¬ hüllte sich in ein schwarzes Gewölk, legte einen Pfeil auf seinen Bogen und schoß aus dem Nebel den Peliden in die verwundliche Ferse. Ein stechender Schmerz durchfuhr auf der Stelle den Achilles bis ans Herz hinan, und wie ein unterhöhlter Thurm stürzte er plötzlich zu Boden. Liegend spähte er rings um sich her und schrie mit schneidendem, furchtbarem Tone: „Wer hat mir aus der Ferne den tückischen Pfeil zugeschickt? O daß er mir im offenen Kampf entgegenträte; wie wollte ich ihm sein Gedärm aus dem Leibe zerren, und all sein Blut vergie¬ ßen, bis seine verfluchte Seele in den Hades führe! Aber aus dem Verborgenen stellen die Feiglinge dem Tapfern immer nach! Wisse er dieß, und wenn es ein Gott wäre, der mir zürnt. Denn, wehe, mir ahnet, daß es Apollo sey. Auch hat mir Thetis, meine Mutter, einst geweissagt, daß ich am skäischen Thore dem verderblichen Pfeil des Phöbus erliegen werde, und wohl hat sie die Wahrheit gesprochen!“ So stöhnte der Held und zog den Pfeil aus der un¬ heilbaren Wunde. Zornig schleuderte er ihn weg, als er das schwarze Blut nachquellen sah, und Apollo hub ihn auf und kehrte mit ihm, verhüllt in die Wolke, zum Olym¬ pus zurück. Hier trat er aus dem Nebel hervor und mischte sich wieder unter die andern Olympier. Ihn be¬ merkte Juno, die Freundin der Griechen, und mit bitterem Unmuthe fing sie an ihn zu schelten: „Du hast eine ver¬ derbliche That gethan, Phöbus! Hast du doch an der Hochzeit des Peleus mit geschmaust und mit gesungen, wie die andern Götter, und, dem Peleus zutrinkend, ihm Nachkommen gewünscht. Und dennoch hast du die Troja¬ ner begünstigt, und ihm endlich den einzigen Sohn getöd¬ tet! Das hast du aus Neid gethan. Thörichter, mit wel¬ chem Blicke willst du künftig die Tochter des Nereus ansehen?“ Apollo schwieg und setzte sich seitwärts von den Göt¬ tern, den Blick zu Boden gesenkt. Die einen von den Olympiern zürnten, die andern dankten ihm im Herzen. Dem Achilles aber kochte das dunkle Blut in den unbän¬ digen Gliedern noch immer von Kampflust, und kein Trojaner wagte es, dem Verwundeten zu nahen. Noch einmal erhub er sich mit einem Sprunge vom Boden, stürzte, den Speer schwingend, unter die Feinde, und traf damit den Freund seines alten Gegners Hektor, Ory¬ thaon, an die Schläfe, daß die Spitze diesem ins Gehirn drang. Dann stieß er dem Hipponous den Speer ins Auge, durchbohrte dem Alkithous die Wange, und raubte noch vielen Fliehenden das Leben. Jetzt aber wurden seine Glieder kalt; er mußte stille halten und sich auf die Lanze stützen. Die Trojaner flohen noch immer vor ihm und seiner Stimme, denn er donnerte den Fliehenden nach: „Laufet nur davon; auch nach meinem Tode werdet ihr meinem Speere nicht entgehen, sondern meine Rache¬ götter werden Strafe an euch nehmen!“ Sie flohen zit¬ ternd, denn sie glaubten, er sey noch unverwundet. Ihm aber erstarrten die Glieder, und er sank hin unter die andern Todten, daß die Erde dröhnte und seine Waffen¬ rüstung einen dumpfen Klang von sich gab. Zuerst wurde seinen Fall Paris gewahr, sein Tod¬ feind. Mit einem lauten Freudenschrei ermahnte er die Trojaner, sich der Leiche zu bemächtigen, und nun ver¬ sammelten sich eine Menge Streiter um den Todten, die früher seine Lanze gemieden oder erfahren hatten. Aber der Held Ajax umkreiste die Leiche, und verscheuchte mit hochemporgehaltenem Speer alle Feinde, die sich nahten, und wenn sich einer zum Kampfe mit ihm herbeiwagte, so empfing er den Todesstoß. Endlich beschränkte sich Ajax nicht mehr auf den Vertheidigungskampf, sondern brach los gegen die Trojaner und richtete ein gräßliches Blutbad unter ihnen an. Hier fiel auch der Lycier Glaukus und der edle Trojanerheld Aeneas ward verwundet. An des Ajax Seite kämpften Odysseus und andre Danaer: doch leisteten die Trojaner immer noch hartnäckigen Wi¬ derstand; ja, Paris wagte es, mit dem Speere plötzlich auf Ajax zu zielen. Dieser aber nahm den Augenblick wahr, ergriff einen Feldstein, und zerschmetterte ihm damit den Helm, daß er in den Staub sank und die Pfeile aus seinem Köcher sich hier und dorthin zerstreuten. Kaum hatten seine Freunde Zeit, den schwach Athmenden auf den Wagen zu heben und mit Hektors Rossen nach Troja zurückzuführen. Als nun Ajax die Trojaner alle in die Stadt zurückgescheucht hatte, eilte er über Leichen, Blut und Rüstungen zurück zu dem Hellesponte. Derweil hatten die Könige den Leichnam des Achilles vom Schlachtfelde zu den Schiffen getragen, und umring¬ ten ihn in gränzenlosem Schmerze. Und am lautesten tönte jetzt die Klage des herzugekommenen Ajax, welcher in dem hinweggerafften Helden den theuren Sohn eines Oheims bejammerte. Auch der greise Fürst Phönix ergoß sich in die bittersten Klagen, indem er den riesigen Leib des gewaltigen Peliden umschlungen hielt. Er gedachte des Tages, da Peleus, der Vater des gefallenen Helden, ihm das Kind ans Herz legte, und ihm die Erziehung desselben übertrug; auch des Tages, da sein Zögling sich mit ihm aufmachte, gen Troja zu ziehen. Und nun mu߬ ten Vater und Erzieher das Kind überleben! Auch die Atriden beweinten ihn und alle Griechen; unaufhörlich stieg Klagegeschrei zum Himmel auf und tönte dumpf von den Schiffen wieder. Endlich machte der greise Nestor, seines eigenen, noch unbegrabenen Sohnes gedenkend, den Klagen ein Ende, indem er sie daran erinnerte, den Leichnam des Helden zu waschen, aufs Lager zu legen und ihm dann die letzte Ehre der Todten zu erweisen. Dieß geschah; der Leib des Peliden wurde mit warmem Wasser abgewaschen und mit schönen Gewändern umhüllt, die ihm seine Mut¬ ter Thetis mit auf den Zug gegeben hatte. Als er nun so im Zelte niedergelassen da lag, warf Minerva vom Olymp herab einen mitleidigen Blick auf ihren Liebling, und träufelte ihm aufs Haupt einige Tropfen Ambrosia's, von dem Götterbalsam, von dem es heißt, daß er die Todten vor Entstellung und Verwesung bewahre. Da¬ durch machte sie ihn frisch und einem Lebendigen ähnlich. Auf die Stirne legte sie ihm den schrecklichen Ausdruck, von dem sein Antlitz beseelt war, als er über den Tod seines geliebten Patroklus zürnte, und dem ganzen Leibe verlieh sie ein schönes und lebensvolles Ansehen. Alle Argiver, welche ihn zu sehen kamen, ergriff Staunen, wie der Held in riesiger Größe, schön und herrlich auf dem Lager ruhte, als läge er da in friedlichem Schlummer und würde nun bald wieder erwachen. Die laute Wehklage der Griechen um ihren größten Helden drang auch in die tiefe See zu seiner Mutter Thetis und den übrigen Töchtern des Nereus, die dort wohnen. Ungeheurer Schmerz durchdrang ihre Gemüther und sie stöhnten so jammervoll, daß der Hellespont wie¬ derhallte. Voll Begierde eilten sie nächtlicher Weile in Schaaren durch die sich vor ihnen theilende Meerfluth herauf an den Strand, wo die Schiffe der Griechen stan¬ den. Alle Ungeheuer des Meeres stöhnten mit ihnen; sie aber nahten wehklagend dem Leichnam und Thetis umschlang ihr Kind mit den Armen, küßte ihn auf den Mund und weinte, daß der Boden naß wurde von ihren Thränen. Die Danaer aber wichen mit ehrfurchts¬ vollem Grausen zurück vor den meerentstiegenen Göttinnen, und nahten sich dem Leichname erst wieder, als jene sich entfernt hatten und der Morgen anbrach. Da trugen sie unzählige Bäume vom Berge Ida herab, thürmten sie hoch auf, legten auf den Scheiterhaufen die Rüstungen vieler Erschlagenen, geschlachtetes Opfervieh, Gold und edle Metalle; die Helden der Griechen schnitten ihr Haar ab und auch Brisis, die geliebte Sklavin des Todten brachte die Locken als letztes Geschenk ihrem Gebieter dar. Dann gossen sie viele Krüge Oeles über das auf¬ geschichtete Holz als Trankopfer, stellten Schalen mit Honig und lieblichem Weine, welcher wie Nektar duftete, auch mit edlen Gewürzen gefüllt, in das Gerüste; zu oberst auf den Holzstoß wurde der Leichnam gelegt. Dar¬ auf machten sie in voller Waffenrüstung zu Roß und zu Fuß die Runde um den düstern Holzstoß. Nun wurde der Scheiterhaufen angezündet und die verzehrenden Flammen schlugen unter dem Wehklagen der Krieger empor. Aeolus aber sandte auf Jupiters Befehl seine schnellsten Winde, die mit Sturmhauch in die aufgeschichteten knisternden Bäume fuhren, daß die Gluth in wenigen Stunden den Holzstoß mit sammt dem Leichnam in Asche verwandelte. Die letzten Flammen löschten sie mit Weine. Da lagen die Gebeine des Helden wie die Knochen eines Giganten, getrennt von Allem, was zugleich mit ihnen verbrannt worden war. Seine Genossen sammelten dieselben seuf¬ zend und legten sie in einen geräumigen aus Silber und Gold gehämmerten Kasten, der auf der erhabensten Stelle des Gestades neben seines Freundes Patroklus Gebein in die Erde gesenkt und mit einem hohen Grabhügel überdeckt wurde. Auch die unsterblichen Rosse des Helden ahneten sei¬ nen Fall; sie rissen die Stränge los, mit welchen sie an¬ gebunden waren, und wollten nicht länger die Mühselig¬ keiten der Menschen theilen. Nur mit Mühe wurden sie von den Freunden des Gefallenen eingeholt und ihr Kum¬ mer beschwichtigt. Leichenspiele des Achilles. Auch zu Troja wurde in diesen Tagen eine Todten¬ feier begangen: der Lycier Glaukus, der treue Bundes¬ genosse der Trojaner, der im letzten Kampfe gegen die Griechen gefallen war, und dessen Leichnam seine Freunde aus den Händen der Feinde gerettet hatten, wurde ver¬ brannt und bestattet. Am folgenden Tage erhub sich Diomedes, der Sohn des Tydeus, in der Versammlung der griechischen Helden mit dem Rathe, jetzt im Augenblicke, ehe die Feinde Muth aus Achilles Tode schöpften, mit Wagen, Roß und Mann gegen die Stadt anzurücken und dieselbe zu erstürmen. Aber gegen ihn stand Ajax, der Sohn Telamons, auf: „Wäre es auch recht,“ sprach er, „die erhabene Meeres¬ göttin, die um den Tod ihres Sohnes trauert, ungeehrt zu lassen, und nicht vor allen Dingen herrliche Spiele um das Grabmal ihres Sohnes zu feiern? Sie selbst, als sie gestern an mir vorüber ins Meer zurück rauschte, gab mir einen Wink, den Sohn nicht ungeehrt zu lassen, indem sie selbst bei seiner Leichenfeier erscheinen werde. Was die Trojaner betrifft, so werden sie sich schwerlich mehr ermuthigen, obgleich der Pelide dahin ist, so lange nur du und ich und der Atride Agamemnon noch am Le¬ ben sind!“ — „Ich will mich in deine Meinung fügen,“ erwiederte der Tydide, „wenn Thetis wirklich selbst heute erscheint. Ihr Wunsch soll auch dem dringendsten Kampfe vorangehen.“ Kaum hatte Diomedes diese Worte gesprochen, als die Meereswellen am Strande sich theilten und die Ge¬ mahlin des Peleus, dem leichten Hauche des Morgens vergleichbar, aus den Fluthen heraufrauschte und in der Danaer Mitte hineintrat. Mit ihr kamen Nymphen als Dienerinnen, die aus den Umhüllungen ihrer Schleier herrliche Kampfpreise hervorzogen und vor den Augen der Achiver auf dem Felde ausbreiteten. Thetis selbst ermun¬ terte die Helden, mit den Kampfspielen den Anfang zu machen. Da erhub sich der Sohn des Neleus, Nestor, doch nicht um zu kämpfen, denn das hohe Alter hatte ihm die Glieder steif gemacht, sondern zur liebli¬ chen Rede, und pries die holde Tochter des Nereus. Er erzählte von ihrer Hochzeit mit Peleus, bei der die Un¬ sterblichen selbst als Gäste schmausten und die Horen göttliche Speisen in goldenen Körben herbeibrachten und mit ambrosischen Händen sie aufschichteten. Die Nymphen mischten den Göttertrank in goldene Becher, die Grazien führten ihren Reigen, und die Pieriden sangen. Der Aether und die Erde, Sterbliche und Unsterbliche, Alles nahm damals an der seligen Freude Theil. So erzählte Nestor und pries dann die ewigen Tha¬ ten des Peliden, der diesem Ehebund entsproßt war. Seine Rebe goß sanften Trost in die Seele der betrübten Mutter, und die Argiver, obwohl voll Kampflust, hörten doch mit Wonne zu und stimmten in sein Lob des Helden jubelnd ein. Thetis übergab dem Nestor als Vermächtniß zwei der herrlichsten Rosse ihres Sohnes; dann schied sie aus den mitgebrachten Gaben als Preis für den Sieg im Wettlaufe zwölf stattliche Kühe, jede mit einem saugenden Milchkalbe; sie waren eine Beute ihres Sohnes, der sie einst kämpfend von den Berghöhen des Ida hinweggetrie¬ ben. Nun erhuben sich unter den griechischen Helden Teucer, der Sohn des Telamon, und der Lokrer Ajax, des Oleus schneller Sohn, und entkleideten sich zum Laufe bis an den Gürtel. Agamemnon steckte das Ziel des Wettlaufs; wie Habichte stürmten sie dahin und rechts und links jauchzten ihnen die zuschauenden Grie¬ chen Beifall zu. Schon waren beide dem Ziele nah, als dem Teucer ein Tamariskengesträuch den Weg ver¬ sperrte, daß er strauchelte und fiel. Laut schrieen die Da¬ naer, der Lokrer aber stürmte an ihm vorbei, ergriff das Ziel und führte die Kühe triumphirend weg zu den Schif¬ fen; den Teucer führten hinkend die Seinigen davon, Aerzte wuschen ihm das Blut vom Fuße und wickelten ihn sorgfältig in ölgetränkte Binden ein. Zum Ringkampfe standen jetzt zwei andere Helden auf, Diomedes und der mächtigere Ajax der Telamous¬ sohn. Beide rangen vor den neugierigen Blicken ihrer Genossen mit gleicher Kraft und Erbitterung, endlich aber umstrickte Ajax den Tydiden mit den nervigen Händen und schien ihn erdrücken zu wollen. Dieser aber, eben so gewandt als stark, beugte zur Seite aus, stemmte die Schultermuskeln an, hob den gewaltigen Gegner in die Höhe, daß seine Arme abglitten und warf ihn mit einem Stoße des linken Fußes auf den Boden. Die Zuschauer jauchzten laut auf. Ajax aber raffte sich empor und be¬ gann den Kampf aufs Neue, und so wütheten sie, wie zwei Stiere im Gebirg ihre eisernen Köpfe gegeneinander stoßen; dießmal faßte Ajax den Diomedes an den Schul¬ tern und warf ihn wie einen Felsen mit unwiderstehlicher Kraft auf den Boden, daß er dahin rollte und die Helden umher Beifall jubelten. Doch auch Diomedes raffte sich empor und bereitete sich zum dritten Gange. Da stellte sich Nestor zwischen beide hinein und sprach: „Macht die¬ sem Ringen doch ein Ende, Kinder, wir Alle wissen auch ohnedem, daß ihr, seit wir den großen Achilles verloren haben, die Tapfersten unter allen Argivern seyd!“ Ein Ruf der Zustimmung hallte durch die Luft aus dem zu¬ schauenden Heere, die Ringer wischten sich den Schweiß von der Stirne, fielen einander in die Arme und küßten sich. Thetis beschenkte sie mit vier gefangenen Sklavin¬ nen, die sich durch Fleiß und Herzensgüte auszeichneten und die Achilles einst auf Lesbos erbeutet hatte. Die eine von ihnen verstand das Essen in der Küche zu besorgen, die andere kredenzte den Wein beim Mahle, die dritte reichte das Wasser am Schlusse desselben, die letzte trug die Speisen von der Tafel ab; und alle viere wurden nur von der schön gelockten Brisis an Reiz übertroffen. In diese vier theilten sich die beiden Kämpfer und sandten das liebliche Geschenk zu den Schiffen. Hierauf begann der Faustkampf, zu dem sich Ido¬ meneus erhob, der geübteste Kämpfer in allen Arten des¬ selben. Darum, und auch weil er einer der älteren Hel¬ den war, traten die Andern alle ehrfurchtsvoll vor ihm zurück und es fand sich Keiner, der den Wettstreit mit ihm versuchen wollte. Thetis gab ihm daher den Wagen des Patroklus zum Geschenke. Phönix und Nestor aber munterten die jüngeren Männer zu dieser Gattung des Kampfes auf. Da trat Epeus, der Sohn des Panopeus, und bald nach ihm Akamas, der Sohn des Theseus, her¬ vor; beide schnürten sich ihre Hände schnell mit trockenen Riemen und prüften sie, ob sie gelenkig seyen: dann er¬ hoben sie dieselben gegen einander und, indem sie sich mit lauerndem Blicke umschauten, näherten sie sich einander ganz leise auf den Zehen, Schritt für Schritt, bis sie plötzlich, wie vom Winde getriebene Wolken, aus denen es blitzt und donnert, auf einander losstürzten, und nun hallten vom Schlage der Riemen die Wangen und unter den Schweisse floß das Blut. Theseus Sohn wehrte den rastlos eindringenden Gegner, listig ausweichend, ab, und schlug ihn plötzlich mit der Faust über den Wimpern bis auf die Knochen, daß das Blut hervordrang; dafür traf ihn Jener an die Schläfe, daß Akamas taumelnd zu Bo¬ den sank. Doch er erholte sich wieder und der Kampf begann aufs Neue, bis die Freunde sich dazwischen war¬ fen und den Erbitterten begreiflich machten, daß hier ja nicht Grieche und Trojaner sich entgegen stehen. Thetis schenkte ihnen zwei herrliche Mischkrüge von Silber, die ihr Sohn als Ehrengeschenk von Lemnos gebracht hatte. Die Helden griffen freudig darnach, noch ehe sie an die Heilung ihrer Wunden dachten. Nun warben Ajax und Teucer, die sich schon im Wettlaufe gemessen hatten, auch um den Preis des Bogen¬ schießens. Als fernes Ziel stellte Agamemnon einen Helm mit flatternder Mähne auf: Sieger sollte der seyn, dessen Schwab , das klass. Alterthum. ll . 23 Pfeil das Roßhaar des Schweifes durchschnitte. Ajax schnellte zuerst seinen Pfeil von der Sehne: der traf den Helm, daß das Erz getroffen erklang. Eilig sandte Teu¬ cer auch seinen Pfeil ab; und siehe, seine Pfeilspitze durch¬ schnitt den Helmschweif, daß die zuschauenden Helden laut aufjauchzten, denn obwohl sein Fuß noch vom vorigen Kampfe halb gelähmt war, hatte er doch so zierlich und sicher zu zielen gewußt. Thetis beschenkte ihn mit der Rüstung des Troilus, des königlichen Jünglings aus Troja, den Achilles in den früheren Jahren des Kampfes erlegt hatte. Auf diesen Wettkampf folgte das Scheibenschießen; hierin versuchten sich viele der Helden, aber keiner ver¬ mochte die schwere Scheibe so kräftig zu werfen, wie Ajax, der Telamonier, der sie hinausschleuderte, als wäre sie ein verdorrter Ast. Ihn beschenkte Thetis mit der Rü¬ stung des Göttersohnes Memnon, die der Held auch so¬ gleich anlegte. Mit Staunen sahen die Danaer, wie Stück für Stück des riesigen Panzers sich um seine Glie¬ der schloß, als wäre er ihnen angegossen. Die Reihe kam jetzt an den Wettstreit im Sprunge, in welchem Agapenor der Speerschwinger siegte, und da¬ für die Waffen des von Achilles besiegten Cygnus erhielt. Im Jagdspeerwurf siegte Euryalus und empfing die sil¬ berne Schale, die Achilles einst zu Lyrnessus erbeutet hatte. Nun folgte der Wettstreit im Wagenrennen. Da schirrten fünf Helden zugleich ihre Rosse: der Atride Me¬ nelaus, Euryalus, Polypoetes, Thoas und Eumelus. Dann stellte sich jeder mit seinem Wagen vor den Schran¬ ken auf, schwang die Geißel, und auf ein gegebenes Zei¬ chen flogen alle fünf zugleich über das Blachfeld hin, und der Staub vom Sande wirbelte gen Himmel. Bald rannten weit vor den Uebrigen die Rosse des Eumelus, nach ihm kam Thoas, dann Menelaus; die beiden Andern blieben allmählig weit und immer weiter zurück: aber auch Thoas ermüdete, die Pferde des Eumelus strauchelten im allzuraschen Lauf, und als ihr Wagenlenker sie mit Gewalt zurechte bringen wollte, bäumten sie sich und war¬ fen den Wagen um, daß Eumelus in den Sand rollte. Ein Geschrei erhub sich aus dem Umkreise der Zuschauer, und nun flogen die ausdauernden Rosse des Atriden weit vor allen Andern dahin und hielten am Ziele. Der Sohn des Atreus freute sich im Herzen seines Sieges, ohne sich über die andern Helden zu überheben, und Thetis schenkte ihm den goldenen Becher, den ihr Sohn einst in Eetions Pallaste erbeutet hatte. 23 * Fünftes Buch. Der Tod des großen Ajax. So endigten die Leichenspiele zu Ehren des göttlichen Achilles. Von allen Fürsten des griechischen Heeres hatte nur Odysseus daran keinen Theil nehmen können, denn im Kampfe um den Leichnam des Peliden hatte er von dem Trojaner Alkon eine schmerzliche Wunde erhalten, an der er, obgleich wieder unter die Helden gemischt, doch noch immer krankte. Zuletzt stellte nun Thetis die unsterblichen Waffen ihres hochherzigen Sohnes vor den Griechen als Kampfpreis aus. Weithin schimmerte der Schild des Helden, auf welchem von Vulkans eigener Hand die kunstvollsten Ge¬ bilde in getriebener Arbeit glänzten. Neben ihm lag auf dem Boden der gewichtige Helm, dessen Wölbung das Bild Jupiters trug, wie er voll Zorns auf dem Himmels¬ gewölbe stand, und mit den Titanen kämpfte. Weiter lag auf der Erde der schöne gewölbte Harnisch, der schwarz und undurchdringlich die Brust des Peliden umschloß: dann die schweren und doch so bequemen Beinschienen, die er trug, als wären sie federleicht; nahe dabei glänzte sein unbezwingliches Schwert in silberner Scheide, mit goldner Kuppel und elfenbeinernem Griffe; ihm zur Seite lag der gewichtvolle Speer am Boden, einer gefällten Tanne ähnlich und noch roth von Hektors Blut. Hinter den Waffen stand Thetis, ihr Haupt mit einem dunkeln Trauerschleier bedeckt, und sprach tiefbetrübt zu den Danaern: „Die Siegespreise zur Leichenfeier meines Sohnes sind nun alle gewonnen. Jetzt aber trete der beste der Griechen auf, der den Leichnam rettete, daß ich ihm die herrlichen Waffen meines Sohnes verleihe, lauter Göttergeschenke, an denen die Unsterblichen selbst ihre Freude hatten.“ Da sprangen in plötzlichem Wortwechsel zwei Helden zugleich auf, Odysseus, der große Sohn des Laertes, und der riesige Ajax, Telamons Sohn. Strahlend, wie der Abendstern, schwang sich der letztere den Waffen an die Seite, und rief Idomeneus, Nestor und Agamemnon zu Zeugen seiner Thaten auf. Aber an dieselben Helden wandte sich auch Odysseus, denn es waren die Verständig¬ sten und Untadeligsten des ganzen Heeres. Nestor nahm die beiden andern Helden bei Seite, und sprach mit be¬ kümmerter Miene: „Ein großes Unglück steht uns Allen bevor, dadurch, daß die beiden besten Helden des Heeres um unsers Erschlagenen Waffenschmuck buhlen! Welcher auch von beiden zurückgesetzt werden mag, der wird beleidigt und grimmig sich vom Kampfe zurückziehen, und wir Alle werden seine Unthätigkeit schmerzlich zu empfinden haben. Deßwegen folget mir, dem erfahrenen Greise. Wir haben ja hier im Lager viele, erst vor Kurzem gefangene Tro¬ janer: lassen wir diese den Streit zwischen Ajax und Odysseus entscheiden; sie sind unpartheiisch und werden von beiden Helden keinen begünstigen!“ Einträchtigen Sinnes mit Nestor begaben sich nun auch die beiden an¬ dern Schiedsrichter ihres Amtes, und nun setzten sich die edelsten der Trojaner, obwohl sie nur Kriegsgefangene waren, zu Gerichte, und zuerst trat Ajax vor ihnen auf. „Welcher Dämon blendete dich, Odysseus,“ rief er voll Unmuths, „daß du dich mit ihm messen willst? Du stehst mir wahrhaftig nach, wie ein Hund dem Löwen, oder hast du schon vergessen, wie gerne du dich dem Zuge der Griechen gegen Troja entzogen hättest? O wärest du doch zurückgeblieben! Bist doch du es gewesen, der uns beredet hat, den ruhmvollen Sohn des Pöas, den Phi¬ loktetes, in seinem schrecklichen Jammer auf Lemnos zu¬ rückzulassen; hast doch du den Tod des Palamedes ver¬ schuldet, obgleich er dich sowohl an Stärke als an Klugheit übertraf! Und jetzt vergissest du auch alle die Dienste, die ich den Griechen geleistet; vergissest, daß ich dir selbst das Leben gerettet, als du, von allen Andern verlassen, dich allein im Schlachtgetümmel fandest, und vergebens dich nach der Flucht umsahest. Damals als um Achilles Leiche sich der Kampf erhob, bin nicht ich es gewesen, der den Leib samt den Waffen hinwegtrug? Du selbst aber hättest nicht einmal die Kraft gehabt, die Waffen des Helden davon zu tragen, geschweige denn ihn selber! Darum weiche mir, der ich überdieß nicht bloß stärker als du bin, sondern auch edlern Stammes und mit dem Helden selbst verwandt, um dessen Waffen wir hier streiten!“ So vereiferte sich Ajax. Odysseus aber erwiederte mit einem Lächeln des Spottes: „Wozu verlierst du so viel unnütze Worte, Ajax? Du schiltst mich feige und kraftlos, und bedenkst nicht, daß nur die Klugheit es ist, die wahre Stärke verleiht. Diese ist es, welche den Schiffer die Fahrt durch das empörte Meer lehrt, welche wilde Thiere, Panther und Löwen zähmt, welche die Stiere in des Menschen Dienst zwingt. Und deßwegen ist in der Noth wie im Rathe ein Mann mit Verstand mehr werth, als der Thörichte, der nur Körperstärke besitzt. Dieß war auch der Grund, warum Diomedes mich als den Listigsten sich zum Gefährten auslas, um in das Lager des Rhesus zu gehen; ja, meiner Klugheit hatten es die Griechen zu verdanken, daß der Sohn des Peleus, um dessen Waffen wir hier streiten, für den Feldzug gegen Troja gewonnen wurde. Und wenn je den Danaern irgend ein neuer Held von Nöthen wäre, glaube mir's, Ajax, nicht dein plumper Arm, auch nicht der Witz eines Andern im Heere wird denselben ihnen verschaffen, sondern ich allein werde es seyn, dessen Schmeichelworten er folgt. Zudem haben mir die Götter nicht nur Klugheit, sondern auch die nöthige Körperstärke verliehen, und es ist nicht wahr, daß du mich als Flüchtigen aus der Hand der Feinde errettet hast; vielmehr stellte ich mich dem Drange der Feinde entgegen, und tödtete, die mich an¬ griffen: du aber standest dort aufgepflanzt zu deiner eigenen Sicherheit!“ So stritten sie noch lange miteinander: zuletzt über¬ wogen bei den Trojanern, die zu Kampfrichtern gesetzt waren, die Gründe des Odysseus, und sie erkannten ihm einstimmig die herrliche Rüstung des Peliden zu. Im Innersten erbebte Ajax, als er diesen Spruch vernahm, das Blut in seinen Adern kochte vor Wuth und Galle vermischte sich damit: ein stechender Schmerz durchzückte sein Gehirn, und jede Faser an ihm zitterte. Lange stand er wie eine Bildsäule da mit zu Boden ge¬ hefteten Blicken. Endlich führten ihn seine traurigen Freunde begütigend und nur zögernden Schrittes zu den Schiffen. Inzwischen stieg die dunkle Nacht aus dem Meere. Ajax aber saß in seinem Zelte, rührte kein Mahl an und dachte nicht an den Schlummer, vielmehr warf er sich in seine volle Rüstung, faßte sein schneidendes Schwert und besann sich, ob er den Odysseus in Stücke zerhauen, oder lieber die Schiffe verbrennen, oder mit der Schärfe des Schwertes unter alle Griechen fahren solle. Und gewiß hätte er eins von den dreien ausgeführt, wenn nicht Athene, die Göttin, um ihren Freund Odysseus besorgt, und dem Trotze des Ajax und dem Uebermaße seines Leibes abhold, den Schlimmes brütenden Helden mit Wahnsinn geschlagen hätte. Den Stachel der Qual im Herzen, stürmte er aus seinem Zelte hervor und unter die Schafherden der Danaer, die er, von der Göttin ge¬ blendet, für die Heerschaaren der Griechen hielt. Die Schafhirten, die den Rasenden kommen sahen, versteckten sich, dem Tode zu entrinnen, in das Ufergebüsch des Xanthus. Er aber fuhr unter die Schafe und richtete rechts und links unter ihnen ein Gemetzel an. Zwei großen Widdern, auf die er stieß, rannte er nacheinander den Speer durch den Leib und rief dazu mit bitterem Hohn¬ lachen: „Lieget Ihr im Staub, den Raubvögeln zur Beute, ihr Hunde, ihr werdet keinen ungerechten Schiedsrichter¬ spruch mehr bestätigen, schändliche Atriden! Und du,“ fuhr er fort, „der du dich dort in der Ecke verbirgst, und aus bösem Gewissen deinen Kopf ins Gesträuche steckst, jetzt sollen dir die Waffen des Achilles, die du mir gestoh¬ len und in denen du prangest, nichts helfen, denn was nützt die Rüstung eines Helden, wenn ein feiger Mann sie trägt?“ Mit diesen Worten ergriff er einen andern großen Hammel, schleppte ihn mit sich fort in sein Zelt, band ihn hier an den Thürpfosten, zog eine Geißel aus dem Busen und fing an mit allen seinen Kräften auf das Thier loszuschlagen. In diesem Augenblicke trat Minerva von hinten zu ihm, berührte sein Haupt, und befahl dem Wahnsinne von ihm zu weichen. So fand sich der unglück¬ liche Held wieder, die Geißel in der Hand, vor sich den angebundenen Widder mit zerfleischtem Rücken; dieser An¬ blick sagte ihm genug. Das schmähliche Werkzeug entfiel seiner Hand, die Heldenkraft entschwand ihm, er sank zu Boden von der Ahnung getroffen, daß der Zorn der Göt¬ ter ihn heimgesucht habe. Unaussprechliche Schmerzen be¬ stürmten sein Herz. Als er sich wieder vom Staube erho¬ ben, vermochte er vor Unmuth den Fuß weder vorwärts noch rückwärts zu setzen, sondern stand lange unbeweglich da, wie ein Wartthurm, der in Felsen wurzelt; endlich holte er einen tiefen Seufzer und sprach: „Wehe mir, warum hassen mich die Unsterblichen, warum haben sie mich in so tiefe Schmach gestürzt, dem arglistigen Odysseus zu Liebe? Hier steh' ich, der Mann, dem kein Männer¬ treffen je Unehre gebracht hat, die Hände mit unschuldigem Lämmerblute besudelt, ein Gelächter dem ganzen Heere, ein Spott meiner Feinde!“ Während er so jammerte, suchte ihn im ganzen Lager und bei den Schiffen, seinen kleinen Sohn Eurysaces auf dem Arme, die phrygische Königstochter Tekmessa, die Ajax, da er ihr Vaterland überfallen, als Beute fortgeführt hatte, die er einer Gattin gleich hielt, und die ihn zärtlich liebte. Sie hatte seinen finstern Unmuth im Zelte beobachtet, ohne dessen Grund erforschen zu können, da ihr Ajax auf keine Frage Antwort gegeben hatte. Bald nachdem er das Zelt verlassen hatte, stieg ihr eine finstere Ahnung im Herzen auf, und sie fand endlich bei den Schafhürden das traurige Schlachtfeld, das Ajax sich dort geschaffen. In Ver¬ zweiflung eilte sie zu dem Zelte zurück und fand ihn hier beschämt und verzweifelnd, bald nach seinem Bruder Teucer und nach seinem Kinde Eurysaces rufend, bald nach einem edeln Untergange begehrend. Tekmessa nahte sich ihm unter Thränen, umfaßte seine Kniee und flehte ihn an, sie, seine Lebensgenossin, nicht allein zu lassen, als eine Ge¬ fangene unter Feinden; sie hieß ihn auch des greisen Va¬ ters und der Mutter in Salamis gedenken, streckte ihm seinen Knaben entgegen und erinnerte ihn daran, welches Loos das Kind treffen würde, wenn es von harter Vor¬ mundschaft gedrückt, der Jugendaufsicht beraubt, ohne Vater heranwachsen müßte. Der Held griff mit einer heftigen Bewegung nach seinem Sohne, herzte ihn und sprach: „O Kind, übertriff an Glück deinen Vater, in allem Andern gleiche ihm, so wirst du wahrlich kein schlech¬ ter Mann. An meinem Halbbruder Teucer hast du ge¬ wiß einen guten Pfleger, jetzt aber sollen dich meine Schildträger zu meinen Eltern Telamon und Eriböa nach Salamis bringen, wo du die Lust ihres Alters sein magst, bis auch sie zur Unterwelt hinabgehen.“ Damit reichte er das Kind den Dienern, empfahl durch sie auch seine ge¬ liebte Tekmessa dem Halbbruder, riß sich aus ihren Umarmungen los, zog das Schwert, das ihm einst sein Feind Hektor als Gastgenosse geschenkt hatte, und pflanzte es in den Boden seines Zeltes. Dann hob er die Hände gen Himmel und betete: „Um eine bescheidene Wohlthat flehe ich zu dir, Vater Zeus: sende mir meinen Bruder Teucer her, so bald ich gefallen bin, daß nicht mein Feind mich zuvor aufspüre, und mich den Hunden und Vögeln zum Fraß vorwerfe. Euch aber, ihr Furien, rufe ich an: wie ihr mich hier als Selbstmörder enden sehet, so lasset jene meuchelmörderisch, durch ihr eigenes, liebstes Blut dahingewürgt, fallen: kommet, schonet nichts, sättiget euch in die Runde am ganzen Heer! Du aber, o Sonnengott, der du leuchtend am hohen Himmel dahinfährst, wenn du mit deinem Wagen über meinem Vaterlande Salamis kreisest, so hemme die Zügel und verkünde meinem greisen Vater und meiner armen Mutter mein herbes Schicksal. Leb wohl, du heiliger Strahl, leb wohl Salamis, Hei¬ mathgefild; leb wohl mein Stammsitz Athen mit deinen Flüssen und Quellen, lebt auch ihr wohl, ihr trojanischen Gefilde, die ihr mich so lange gepflegt habt! Erscheine du jetzt, o Tod, und wirf einen Blick des Mitleids auf mich!“ Mit solchen Worten stürzte er sich in das Schwert und lag im Staube da, als hätte ihn der Blitz zer¬ schmettert. Auf die Nachricht von seinem Tode eilten die Danaer in Schaaren herbei, warfen sich zu Boden und streuten jammernd Staub auf ihre Häupter. Teucer, sein Halb¬ bruder, dem der Vater Telamon befohlen hatte, nicht ohne den Bruder von Troja heimzukehren, wollte sich an seiner Seite auch den Tod geben, und hätte es gethan, wenn die Griechen ihm das Schwert nicht genommen hät¬ ten. Dann warf er sich auf den Leichnam und weinte heftiger, als ein vaterloses Kind an dem Tage weint, der ihm seine Mutter geraubt hat. Doch faßte sich seine Hel¬ denseele, daß er sich von dem Leichnam emporraffte und sich an Tekmessa wandte, die in starrer Verzweiflung bei der Leiche saß, den Sohn, den ihr die Diener zurückgege¬ ben hatten, auf den Armen. Er versprach der Gefange¬ nen seinen Schutz, und dem Knaben, als zweiter Vater für ihn zu sorgen, wenn gleich er selbst, den Zorn seines Vaters Telamon fürchtend, sie beide nicht nach Salamis begleiten könne. Darauf schickte er sich an, den Leichnam seines ge¬ liebten Halbbruders zu bestatten. Aber hier trat ihm der Atride Menelaus wehrend in den Weg: „Untersteh dich nicht, diesen Mann zu bestatten,“ sprach er, „den wir schlimmer befunden haben, als unsere Feinde, die Trojaner. Um seines bösen Mordanschlags willen verdient er kein ehrliches Grab.“ Während Menelaus so mit Teucer um den Leichnam des Ajax haderte, kam auch Agamemnon herbei, trat auf die Seite seines Bruders und schalt in der Hitze des Streites den Teucer einen Sklavensohn. Umsonst erinnerte sie dieser an alle Wohlthaten, welche die Griechen dem gefallenen Helden zu danken hätten, an seine Rettung des Heeres, als die Flamme der Trojaner schon um die Schiffe der Danaer emporschlug und Hektor über den Graben in die Schiffsverdecke herniedersprang. „Und was scheltet ihr mich einen Sklaven,“ rief er, „ist doch mein Vater Telamon, der herrliche Griechenheld, meine Mutter Laomedons königliche Tochter! Soll ich, edel von den Edelsten abstammend, mich meiner Blutge¬ nossenschaft schämen? Wisset, daß ihr mit dem gefallenen Helden auch sein geliebtes Weib hier und seinen Sohn und mich, seinen Bruder, aus dem Lager hinauswerfet. Bedenkt ihr auch, welchen Ruhm bei den Menschen und welchen Segen von den Göttern euch dieses bringen wird?“ So haderten sie, als Odysseus, der kluge Held, mit¬ ten unter sie eintrat und, gegen Agamemnon gewendet, hastig fragte: „Darf euch ein treuer Freund die Wahrheit sagen, ohne übel darum angesehen zu werden?“ „So rede doch,“ erwiederte Agamemnon, indem er ihn mit Verwunderung anblickte, „wohl halte ich dich für meinen besten Freund im ganzen Argiverheere!“ — „Nun, so höre mich auch,“ sprach Odysseus. „Wirf bei den Göttern diesen Mann nicht ohne Erbarmen und ohne Bestattung hinaus! Laß dich durch deine Macht nicht zum ungerech¬ ten Hasse verleiten! Bedenke, wenn du einen solchen Helden schändetest, so würde nicht er dadurch herabgewür¬ diget, sondern das Recht und der Wille der Götter wür¬ den verachtet!“ Als die Atriden solches hörten, blieben sie lange vor Staunen sprachlos. Endlich rief Aga¬ memnon: „Und du, Odysseus, vermagst es über dich, zu Gunsten dieses Mannes mich zu bekriegen? Bedenkst du denn gar nicht, daß es dein Todfeind ist, dem du eine so hohe Gunst verschaffen willst?“ — „Wohl war er mein Feind,“ antwortete Odysseus, „und ich haßte ihn, so lange der Haß noch ziemlich war. Jetzt, wo er gefallen ist und wir über den Verlust eines so edlen Helden trauern müs¬ sen, kann und darf ich ihn nicht mehr anfeinden. Ich selbst bin bereit, ihn zu bestatten, und seinem Bruder bei dieser heiligen Pflicht an die Hand zu gehen.“ Als Teucer, der bei Odysseus Ankunft mit Abscheu auf die Seite getreten war, solches hörte, trat er auf den Helden zu, seinen Arm zum Handschlag ausgestreckt: „Edler Mann,“ rief er, „du, sein größter Feind, bist die einzige Stütze des Todten! Dennoch wage ich es nicht, dich zur Berührung dieses Todten zuzulassen, dessen un¬ versöhnt dahingeschiedenem Geiste solches unwillkommen seyn dürfte. In allem Andern sey mein Helfer; gibt es doch für deinen Edelmuth noch genug zu thun!“ Mit diesen Worten deutete Teucer aus Tekmessa, die noch immer sprachlos da saß. Odysseus kehrte sich ihr wohl¬ wollenden Sinnes zu: „Niemals, o Weib,“ sprach er zu ihr, „soll ein Anderer dich als Sklavin schauen. So lange Teucer und ich leben, sollst du mit deinem Kinde gepflegt und geborgen seyn, als stände euch Ajax selbst noch zur Seite, er, die Schutzwehr der Achiver. Die Atriden schämten sich, gegen die edlen Vorstellun¬ gen des Odysseus Einwendungen zu machen. Der riesige Leib wurde mit vereinter Heldenkraft vom Boden gehoben und nach den Schiffen getragen, dort von dem Blute ge¬ reinigt, das ihn zugleich mit der Rüstung und dem Staube umgab, und endlich auf einem nicht minder stattlichen Scheiterhaufen verbrannt, als Achilles selbst, der in seinem Tode noch die Ursache eines zweiten, unersetzlichen Ver¬ lustes für die Griechen geworden war. Machaon und Podalirius. Am andern Tage strömten die Danaer in die Volks¬ versammlung, welche der Völkerhirt Menelaus berufen hatte. Als Alle beisammen waren, stand er selbst auf und hub also an zu reden: „Höret mich an, ihr Fürsten des Volkes! Mir blutet das Herz, wenn ich unsre Schaaren so vor uns hinsinken sehe. Für mich ist das Volk in den Kampf gezogen, und nun soll am Ende Keiner mehr Hei¬ math und Verwandte begrüßen! Ehe dieß geschieht, laßt uns diesen unheilvollen Strand verlassen, und was noch übrig ist, mag mit den Schiffen, Jeder in sein Vaterland, zurücksegeln. Seit Achilles und Ajax dahingesunken sind, Schwab , das klass. Alterthum. II . 24 ist kein Erfolg unsrer Unternehmung mehr zu hoffen. Was mich betrifft, so bekümmert mich jetzt Helena, meine un¬ würdige Gemahlin, weniger, als Euch, mag sie mit dem weibischen Paris dahinfahren!“ So redete Menelaus; doch that er es nur, um die Griechen zu verführen, denn im Herzen wünschte er nichts sehnlicher, als die Vertilgung der Trojaner. Der Sohn des Tydeus aber, Diomedes, der gerade Lanzenschwinger, der seine List nicht merkte, fuhr unwillig von seinem Sitz empor und fing an zu schelten: „Unbegreiflicher! Welche schmähliche Furcht hat sich deiner Heldenbrust bemächtigt, daß du so sprechen magst? Doch bin ich ruhig. Nim¬ mermehr folgen dir die muthigen Söhne Griechenlands, bevor sie Troja's Zinnen zu Boden gestürzt haben! Ent¬ schlösse sich aber ein Einziger, dir zu folgen, so soll dieser blaue Stahl ihm das Haupt vom Rumpfe trennen!“ Kaum hatte sich Diomedes wieder auf seinen Sitz niedergelassen, als sich der Seher Kalchas erhob und mit einem weisen Vorschlage den scheinbaren Zwist vermittelte. „Ihr wisset Alle noch,“ sprach er, „wie wir vor mehr als neun Jahren, als wir zur Eroberung dieser verfluchten Stadt ausschifften, den herrlichen Helden Philoktetes, den Freund des Herkules, an einer giftigen und fressenden Wunde krank, auf der wüsten Insel Lemnos aussetzen und dort zurücklassen mußten. Zwar war der Geruch der eitern¬ den Wunde und das Jammergeschrei des Unglücklichen unerträglich. Dennoch war es unrecht und erbarmungslos von uns gehandelt, den Armen auf diese Weise Preis zu geben. Nun aber hat mir ein gefangener Seher geoffenbaret, daß nur mit Hülfe der heiligen und stets treffenden Pfeile, welche Philoktetes von seinem Freunde Herkules geerbt hat, so wie durch seine und des Pyrrhus, dieses jungen Achilles¬ sprößlings, Gegenwart Troja erobert werden könnte. Der Trojaner hat mir diese Weissagung wohl nur mitgetheilt, weil er die Erfüllung derselben für unmöglich hielt, denn so dachte er: wie sollte der Haß des Philoktetes gegen die Griechen, die ihn so schändlich verlassen haben, ihm erlauben, die Pfeile auszuliefern und selbst vor Troja zu erscheinen? Mein Rath ist daher, ohne Verzug den stärk¬ sten unsrer Helden, Diomedes, und den beredtesten, Odys¬ seus, nach dem Eilande Scyros zu senden, wo der Sohn des Achilles bei dem Vater seiner Mutter erzogen wird. Mit seiner Hülfe wollen wir dann auch den Philoktetes zu Lemnos bereden, sich mit uns wieder zu vereinigen und die unsterblichen Waffen des Herkules, durch welche Troja bezwungen werden soll, uns mitzubringen.“ Die Schaaren der Griechen jubelten diesem Vorschlage Beifall und die beiden Helden gingen zu Schiffe ab. Un¬ terdessen rüsteten sich die Heere wieder zum Kampfe. Den Trojanern war der Sohn des Telephus, Eurypylus, von Mysien mit einem Heere zu Hülfe gekommen, und so fühlten sich diese von neuem gestärkt und ermuthigt. Den Griechen dagegen fehlten ihre zwei besten Helden. So kam es, daß die wieder begonnene Schlacht sich ihnen zum Verderben wendete. Da wurde auch Nireus, der schönste unter den Danaern, von der Lanze des Eurypylus erreicht, und lag mit den andern Erschlagenen im Staube, wie ein blühendes Stämmchen vom zerbrechlichen Olivenbaume, das, vom Flusse aufgewühlt, mit der Wurzel entführt und wie¬ der ans Gestade getrieben wird, wo es nun mit Blüthen bedeckt daliegt. Eurypylus aber spottete sein, und wollte den Leichnam des schönen Harnisches berauben. Da stellte 24 * sich ihm Machaon, der Bruder des Podalirius, entgegen, der schon den Tod des Nireus voll Zorn mit angesehen hatte. Er stieß dem Räuber seinen Speer in die mäch¬ tige Schulter, daß das Blut herausströmte. Eurypylus aber drang, wie ein verwundeter Eber, auf Machaon ein; dieser suchte ihn mit einem Steinwurfe abzuwehren, aber der Helm schützte jenen, und nun stieß der Sohn des Telephus dem Griechen schnell wie der Blitz den Speer mitten in die Brust, daß die blutige Spitze bis zum Rück¬ grat durchdrang, und Machaon klirrend auf den Boden fiel. Eurypylus zog die Lanze aus dem Leibe des Er¬ schlagenen, und wandte sich höhnend wieder in die Schlacht. Teucer, der die beiden hatte fallen sehen, rief die Griechen auf, um ihre Leichname zu kämpfen. Zuletzt aber erlagen sie den Trojanern. Nachdem der Lokrer Ajax von Aeneas mit einem Steine hart verwundet und zu Boden gestreckt war, mußten die Achiver den schwach¬ athmenden Helden aus der Schlacht tragen, und zogen sich alle nach dem Schiffe zurück; die Trojaner richteten unter den Fliehenden eine große Niederlage an. Ja, sie hätten die Schiffe selbst durchs Feuer vernichtet, wenn die Nacht nicht dazwischen gekommen wäre. So aber zog sich der siegreiche Mysier mit den Seinigen vor dem ein¬ brechenden Dunkel zurück zu den Mündungen des Simois, wo er freudig sein Nachtlager aufschlug. Die Danaer dagegen, auf dem sandigen Ufer bei ihren Schiffen gela¬ gert, seufzten die ganze Nacht durch vor Schmerz, und beklagten das Loos der unzähligen Brüder, die sie im Kampfe verloren hatten. Aber kaum glühte die Morgenröthe am Himmel, als auch die Griechen schon wieder aufbrachen, voll Begierde, sich an Eurypylus zu rächen. Andre von ihnen legten bei den Schiffen den schönen Nireus und den hochbegabten Arzt und mächtigen Kämpfer Machaon ins Grab. Wäh¬ rend nun in der Ferne die Schlacht wieder tobte, lag Podalirius, der Bruder Machaons, und wie er be¬ rühmt als der trefflichste Arzt im Heere, Trank und Speise verschmähend, im Staub, unter lautem Stöhnen. Er wich nicht vom Grabe seines geliebten Bruders; brütend sann er in seinem Geiste auf Selbstmord, und legte bald die Hand ans Schwert, bald suchte er ein schnellwirkendes Gift, das er selbst gebraut hatte und immer bei sich trug, zu verschlingen. Seine Freunde aber wehrten ihm, und sprachen ihm Trost ein; doch hätte er sich endlich am fri¬ schen Grabhügel seines Bruders getödtet, wenn nicht der greise Nestor dem Verzweifelnden genaht wäre. Dieser traf ihn, wie er sich bald jammernd auf das Grab warf, bald wieder Staub auf sein Haupt streute, sich die Brust mit den nervigen Händen zerschlug und zugleich den Namen des getödteten Bruders ausrief. Schwer lag sein Kummer auf allen Dienern und Gefährten, die ihn um¬ gaben. Da fing Nestor an mit schmeichelnden Worten den Betrübten zu trösten: „Liebes Kind, mach doch dei¬ nem bittern Kummer ein Ende. Es ziemt einem verstän¬ digen Manne nicht, wie ein Weib an dem Grabe eines Todten zu jammern. Deine Klage ruft ihn doch nicht mehr ans Licht; das Feuer hat seinen Leib verzehrt und seine Gebeine ruhen in der Erde. Er schwand, wie er gekommen ist. Du aber trage deinen großen Schmerz, wie ich den meinigen getragen habe, als der Sohn Au¬ rora's mir den Knaben erschlug, der mein liebster war, und seinen Vater liebte, wie keiner meiner Söhne. Als er für mich gestorben war, nahm ich doch Nahrung zu mir, wie vorher; ich ertrug es, das verhaßte Tageslicht auch ferner noch zu schauen; denn ich dachte daran, daß wir ja Alle denselben Weg zum Hades wandeln müssen.“ Machaon hörte den Greis an, während ihm die Thrä¬ nen noch über die Wangen liefen, und sprach: „Vater, wie sollte der Gram um den erschlagenen Bruder mein Herz nicht beugen, der mich, der ältere, als unser Vater Aesculap zum Olymp entrückt wurde, wie das eigene Kind auf den Armen trug, mit mir an demselben Tische aß, sein Lager, seine Habe mit mir theilte, in seiner herrlichen Kunst mich unterrichtete? Nachdem er mir gestorben, mag ich das liebliche Tageslicht nicht mehr schauen!“ Doch der Greis ließ nicht ab mit seinem Troste: „Bedenke doch,“ sprach er zu dem Bekümmerten, „daß die Götter es sind, welche uns die Geschicke senden, gute wie schlimme, und daß über Allen die dunkle Parze wal¬ tet, welche dieselben blind auf die Erde hinabwirft: darum stürzt oft großes Unheil auf redliche Männer, und Keiner gehet ganz sicher einher. Das Leben gestaltet sich stets wechselnd; bald führt es zu großem Jammer, bald wieder zu Besserem. Dazu gehet ja auch die Sage unter den Menschen, daß der Gute zum seligen Himmel emporsteige, und der Frevler in die Schrecken des Dunkels. Dein Bruder aber war ein menschenfreundlicher Mann, dazu ein Göttersohn; darum hoffe, daß er zum Geschlechte der Götter emporgestiegen ist.“ Mit solchen Trostworten hub Nestor den lange Widerstrebenden vom Boden auf, und führte ihn von dem traurigen Grabe hinweg; dieser aber sah sich noch oft nach dem Grabhügel um. Unterdessen nahte Eurypylus der Mysier auf dem Schlachtfelde, und die Danaer flohen aufs Neue zu den Schiffen, und fochten hier bald vor diesen, bald vor der weithin reichenden Mauer. Neoptolemus. Während dieß vor Troja geschah, kamen die Gesand¬ ten der Griechen, Diomedes und Odysseus, glücklich auf der Insel Scyros an. Hier trafen sie den jungen Sohn des Achilles, Pyrrhus, der später von den Griechen Neoptolemus, das heißt Jungkrieger genannt wurde, vor dem Hause des Großvaters, wie er sich abwechselnd im Pfeilschießen und Speerschleudern übte, dann auch wieder zu Wagen schnelle Rosse tummelte. Sie sahen ihm eine Weile mit Wohlgefallen zu und lasen mit inniger Theil¬ nahme auf seinem Antlitze zugleich die Spuren der Trauer: denn der Tod des Vaters war dem Jüngling schon be¬ kannt. Als sie näher traten, mußten sie staunen, denn der Jüngling war an schöner und hoher Gestalt ganz und gar seinem Vater ähnlich. Pyrrhus kam ihnen mit seinem Gruße zuvor: „Seyd mir von Herzen willkommen, Fremd¬ linge,“ sprach er. „Wer seyd ihr und woher kommt ihr? Was wollt ihr von mir?“ Darauf erwiederte ihm Odys¬ seus: „Wir sind Freunde deines Vaters Achilles, und zweifeln nicht, daß wir zu seinem Sohne sprechen; so ganz ähnlich bist du ihm von Gestalt und Antlitz. Ich selbst bin Odysseus aus Ithaka, der Sohn des Laertes, mein Ge¬ nosse aber ist Diomedes, der Sohn des unsterblichen Ty¬ deus. Wir kommen der Weissagung unsers Sehers Kalchas gehorsam, dich auf den Kampfplatz vor Troja abzuholen, damit wir den Krieg glücklich beendigen können. Die Söhne der Griechen werden dir herrliche Gaben verleihen, ich selbst will dir die unsterblichen Waffen deines Vaters, die mir zugesprochen worden sind, abtreten.“ Freudig antwortete ihm Pyrrhus: „Wenn die Achiver mich rufen, der Stimme eines Gottes gehorsam, so laßt uns nur gleich morgen in die See stechen. Jetzt aber kommt mit mir in den Pallast meines Großvaters und zu seinem gastlichen Tische!“ In dem Königshause angelangt, fanden sie die Wittwe des Achilles, Deidamia, noch in tiefer Herzensbetrübniß, dahinschmelzend in Thränen. Der Sohn trat zu ihr und meldete die Fremden, verbarg ihr aber bis zum andern Morgen den Grund, um sie nicht noch mehr zu bekümmern. Die Helden wurden satt und ergaben sich getrost dem Schlummer. Aber Deidamia schloß ihre Augen nicht zum Schlafe. Ihr kam nicht aus dem Sinne, wie dieselben Helden, die sie jetzt unter ihrem Dache beherbergen mußte, es verschuldet hatten, daß sie jetzt ihren Gemahl als Wittwe beweinte, indem sie ihm sein kampflustiges Herz beredeten, hinauszuziehen in den Krieg. Und nun ahnete ihr, daß auch ihr Sohn in denselben Sturm würde hinausgerissen werden. Deßwegen erhob sie sich mit dem frühesten Morgenlichte, warf sich dem Sohn an die mächtig gewölbte Brust und erfüllte die Luft mit Wehklage. „O mein Kind,“ rief sie, „ich weiß es, auch ohne daß du es mir gestehest: du willst mit den Fremden nach Troja, dem Sitze der Thränen, ziehen, wo so viele Helden und auch dein Vater untergegangen sind! Nun bist du aber so jung und aller Kriegswerke noch so unkundig! Darum höre auf mich, deine Mutter, und bleibe zu Hause bei mir, damit nicht auch noch die Unheilskunde an mein Ohr schlage, daß mein Sohn in der Feldschlacht gefallen sey, wie sein Vater!“ Aber Pyrrhus erwiederte: „Mutter, laß doch die Unglücksworte seyn! Kein Mann im Kriege fällt wider des Schicksals Willen. Soll mein Loos der Tod seyn — nun, was könnte ich Besseres thun, als, werth meiner Abstammung, für die Achiver sterben?“ Da stand auch Lykomedes, sein Großvater, aus dem Ruhesessel auf, in welchem er zu schlummern schien, trat vor den Enkel und sprach: „Starkmüthiges Kind, wohl sehe ich, daß du deinem Vater ganz gleich bist. Aber wenn du auch glücklich von Troja heimkehrest, wer weiß, ob nicht auf dem Heimwege das Verderben noch auf dich lauert; denn die Seefahrt ist ein gefährlich Ding!“ So sagte er und küßte den Enkel, doch ohne ihn von dem Wege abzuhalten. Jener aber, dem ein holdes Lächeln sein junges Heldenangesicht verklärte, riß sich aus den Um¬ armungen der weinenden Mutter los, und ließ Vater¬ pallast und Heimath hinter sich. Wie ihn die rüstigen Glieder so hintrugen, glänzte er hell wie ein Gestirn des Himmels. Ihm folgten die beiden Griechenhelden und zwanzig entschlossene Männer, lauter vertraute Diener Deidamia's, und alle schifften sich am Strande der Insel ein. Neptun gab ihnen günstige Fahrt, und nicht lange, so lagen vor ihnen im Morgenlichte die Höhen des Ida¬ gebirges, Chrysa die Stadt, das Vorgebirge Sigeum, dann das Grab des Achilles. Odysseus sagte jedoch seinem Sohne nicht, wessen der Grabhügel sey, sondern schwei¬ gend fuhren sie an dem Eilande Tenedos vorüber, und weiter, bis in die Nähe von Troja. Sie kamen an den Strand, als gerade der Kampf gegen Eurypylus bei der Mauer, welche das Bollwerk der Schiffe bildete, am hef¬ tigsten war, und jetzt hätte sie der Mysier niedergerissen, wäre nicht der eben landende Diomedes über das Fahrzeug an den Strand gesprungen, und hätte die Schaar aus dem Schiffe mit muthigem Rufe nach sich gezogen. Ohne Verzug eilten sie nach dem Zelte des Odysseus, das dem Strande zunächst stand, und wo sich theils dessen eigene Waffen, theils viele erbeutete Rüstungen befanden. Von diesen wählte sich der Eine die, der Andere jene aus. Neoptolemus aber — so dürfen wir ihn von jetzt an heißen — hüllte sich in die Waffen seines Vaters Achilles, welche den andern Allen zu groß waren; ihn selbst aber drückte weder der Panzer noch der Helm; Speer, Schwert und Schild schwang er mit Leichtigkeit, und in Allem ähn¬ lich seinem Vater, stürzte er in den hitzigsten Kampf hinaus, und alle mit ihm gelandeten Helden ihm nach. Jetzt erst begannen die Trojaner wieder von der Mauer zu weichen, und drängten sich, von allen Seiten bestürmt und beschossen, um den Sohn des Telephus zusammen, wie furchtsame Kinder bei dem Rollen des Donners zu ihrem Vater fliehen. Aber jedes Geschoß, das aus der Hand des Neoptolemus flog, sandte den Tod auf die Häupter der Feinde, und die verzweifelnden Trojaner glaubten den riesigen Achilles selbst in seiner Rüstung vor sich zu sehen. Dieser blieb an seiner Seite, auch focht er unter dem Schirm der Göttin Athene, der Freundin sei¬ nes Vaters, und wie Schneeflocken den Felsen umfliegen, so flatterten die Geschosse um ihn her, ohne ihm die Haut zu ritzen. Ein Schlachtopfer um das andere brachte er dem gefallenen Vater dar. Zwei Söhne des reichen Meges, Zwillingsbrüder, raffte, wie Eine Stunde sie geboren, so jetzt Eine Stunde dahin, denn den Einen traf Neoptolemus mit dem Speere in das Herz, den Andern an das Haupt mit einem mächtigen Steine, so, daß der schwere Helm zertrümmert wurde, und im Schädel das Gehirn sich mischte. Noch unzählige andere Feinde fielen rings um sie her, bis endlich gegen Abend Eurypylus und das feind¬ liche Heer den Rückzug vor dem Sohne des Achilles an¬ traten. Als Neoptolemus nun vom Kampfe ruhete, kam auch der greise Held Phönix, der Freund seines Großvaters Peleus und der Erzieher seines Vaters Achilles, auf den jungen Helden zu, und betrachtete voll Verwunderung die Aehnlichkeit mit dem Peliden. Schmerz und Freude be¬ stürmten ihn zugleich, jener, bei der Erinnerung an den Tod seines Pflegsohnes, diese, weil er dessen kräftigen Sprößling vor sich sah. Ein Thränenstrom quoll aus den Augen des Greises, er umarmte den herrlichen Jüngling, küßte ihm Haupt und Brust, und rief: „O Sohn, mir ist, als wandle dein Vater, nm den ich mich täglich abhärme, wieder lebendig unter uns! Doch stille! es darf der Gram um den Vater dir jetzo den Muth nicht schwä¬ chen; vielmehr sollst du, das Herz voll Zornes, den Griechen zu Hülfe kommen, und den grimmigen Sohn des Telephus tödten, der uns so viel Schaden gethan. Uebertriffst du ihn doch an Kraft so weit, als dein Vater seinen Vater übertraf!“ Bescheiden erwiederte darauf der Jüngling: „Wer der Tapferste sey, werden erst Feld¬ schlacht und Schicksal entscheiden, o Greis!“ Mit diesen Worten wandte er sich nach den Schiffen und dem Lager zurück, denn die Nacht war eingebrochen, und die Helden kehrteu um vom Streite nach ihren Zelten. Bei Tagesanbruch begann der Kampf auf's Neue. Lanze mit Lanze, Schwert mit Schwert kreuzte sich, und ein Mann drang auf den andern ein. Lange war das Ge¬ fecht unentschieden, und auf beiden Seiten mordeten und fielen die Helden. Dem Eurypylus ward ein Freund er¬ schlagen; darüber verdoppelte sich seine Wuth, und er warf die Achiver nieder, wie man Bäume in dichten Wal¬ dungen zu Haufen fällt, so daß die Stämme zerrissene Schluchten anfüllen. Endlich aber trat ihm Neoptolemus entgegen, und beide schüttelten ihre mächtigen Lanzen in der Rechten. „Wer bist du, Jüngling, woher bist du ge¬ kommen, mich zu bekämpfen?“ rief zuerst Eurypylus sei¬ nem Gegner zu, „fürwahr, dich reißt dein Geschick zur Unterwelt hinab!“ Neoptolemus erwiederte: „Warum willst du meine Abstammung wissen, wie ein Freund, da du doch ein Feind bist? So wisse denn, ich bin der Sohn des Achilles, der einst deinen Vater niedergestreckt; die Rosse meines Wagens sind die windschnellen Kinder der Harpyien und des Zephyrus, die selbst über das Meer dahinrennen; die Lanze, vom Scheitel des hohen Berges Pelion stammend, ist die Lanze meines Vaters, die sollst du jetzt erproben!“ So sprach der Held, sprang vom Wagen und schüttelte den Speer. Von der andern Seite hob Eurypylus einen gewaltigen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem goldenen Schilde seines Feindes; doch der Schild erzitterte nicht einmal. Wie zwei Raub¬ thiere drangen beide jetzt auf einander ein, und rechts und links von ihnen wogte die Feldschlacht in langen Reihen. Jene aber zerstießen einander die Schilde, und trafen bald die Schienen, bald die Helme; ihre Kraft wuchs mit dem Kampfe, denn beide stammten von Unsterblichen ab. Endlich gelang es der Lanze des Neoptolemus, den Weg in die Kehle des Gegners zu finden: ein purpurner Blutstrom drang aus der Wunde, und, einem entwur¬ zelten Baume gleich, stürzte Eurypylus entseelt zu Boden. Nach seinem Falle hätten sich die Trojaner vor Neopto¬ lemus, wie Kälber vor dem Löwen, hinter ihre Mauer geflüchtet, wenn nicht Mars, der schreckliche Kriegsgott selber, der den Trojanern Beistand verleihen wollte, un¬ bemerkt von den andern Göttern, den Olymp verlassen und mit seinen feuerschnaubenden Rossen seinen Kriegs¬ wagen mitten ins Schlachtgetümmel hineingetrieben hätte. Hier schwang er seinen mächtigen Speer und ermahnte die Troer mit lautem Zurufe, den Feind zu bestehen. Diese staunten, als sie die göttliche Stimme hörten, denn den Gott selbst, den ein Nebel unsichtbar machte, sahen sie nicht. Der Sohn des Priamus, der gepriesene Seher Helenus, war der erste, dessen Scharfsinn den Gott erkannte, und der seinen Leuten zurief: „Bebet nicht! Euer Freund, der mächtige Kriegsgott, ist selbst mitten unter euch: habt ihr den Ruf des Mars nicht vernommen?“ Jetzt hielten die Trojaner wieder Stand und das Gemetzel begann auf beiden Seiten von Neuem. Mars hauchte den Trojanern gewaltigen Muth ein, und zuletzt wankten die Reihen der Griechen. Nur den Neoptolemus vermochte er nicht zu schrecken; dieser kämpfte muthig fort, und er¬ schlug jetzt diesen, jetzt jenen im Streite. Der Gott zürnte über seine Kühnheit, und schon war er im Begriffe, die Wolke, die ihn umgab, zerreissend, dem jungen Helden sichtbar im Kampfe entgegen zu treten, als Athene, die Freundin der Griechen, vom Olymp herunter auf das Schlachtfeld eilte. Die Erde und die Wellen des Xanthus erbebten vor ihrer Ankunft, leuchtende Blitze flogen um ihre Waffen, die Schlangen auf ihrem Gorgonenschilde hauchten Feuer. Und während die Sohlen der Göttin auf dem Boden standen, berührte ihr Helm die Wolken; sterb¬ lichen Blicken jedoch blieb sie verborgen. Und jetzt hätte sich ein Zweikampf zwischen den Göttern erhoben, wenn nicht Jupiter mit einem warnenden Donnerschlage sie ge¬ schreckt hätte. Beide erkannten den Willen des Vaters; Mars zog sich nach Thracien zurück, Minerva wandte sich nach Athen; das Schlachtfeld war den Sterblichen wieder überlassen, und jetzt wich die Stärke von den Trojanern: sie flohen in ihre Stadt zurück und die Griechen dräng¬ ten ihnen nach. Von den Mauern herab vertheidigten Jene tapfer ihre Stadt; dennoch hätten die Danaer die Thore erbrochen, wenn nicht Jupiter, der den Willen des Schicksals kannte, die Stadt in Gewölk eingehüllt hätte. Da rieth der weise Nestor den Griechen, sich zurückzuziehen, um ihre Todten zu bestatten und vom Kampf auszuruhen. Am folgenden Tage sahen die Danaer mit Staunen die Burg von Troja wieder unumwölkt in den blauen Morgenhimmel steigen, und erkannten in dem Nebel des gestrigen Abends das Wunder des Göttervaters. An die¬ sem Tage herrschte Waffenruhe. Die Trojaner benutzten dieselbe, um den Mysier Eurypylus feierlich zu bestatten. Neoptolemus aber besuchte das hohe Grab seines Vaters, küßte die zierliche Säule, die sich darüber erhob, und sprach unter Seufzern und Thränen der Wehmuth: „Auch unter den Todten sey mir gegrüßt, mein Vater, denn nie werde ich dein vergessen! O daß ich dich lebend bei den Griechen gefunden hätte! So aber hast du dein Kind nie gesehen, und ich den Vater nicht, so sehr ich mich im Her¬ zen nach dir gesehnt habe! Doch noch lebest du in mir, und lebst in deinem Speere; beide jagen in der Feldschlacht den Feinden Schrecken ein, und die Danaer sehen mich mit freudigen Blicken an und sagen, ich gleiche dir, Vater, an Gestalt und Thaten!“ So sprach er weinend und kehrte zu den Schiffen zu¬ rück. Den ganzen nächstfolgenden Tag wüthete der Kampf wieder um die Mauern von Troja; doch gelang es den Griechen nicht, in die Stadt einzudringen, und an den Ufern des Skamanders, wo Neoptolemus nicht war, fielen die Danaer sogar in Schaaren darnieder. Dort hatte der muthige Sohn des Priamus, Deiphobus, einen glücklichen Ausfall gewagt, und bedrängte die Belagerer. Auf die Nachricht davon hieß Neoptolemus seinen Wagenlenker Automedon die unsterblichen Rosse dorthin treiben. Stau¬ nend sah ihn der trojanische Königssohn nahen. Das Herz schwankte ihm zwischen dem Entschlusse zu fliehen, oder dem entsetzlichen Helden entgegenzutreten. Neoptole¬ mus aber rief ihm schon von Weitem zu: „Sohn des Priamus, wie wüthest du gegen die zitternden Danaer! Kein Wunder, wenn du dich für den tapfersten Helden der Erde hältst. Wohlan denn, so versuch' es auch mit mir!“ So rief er und stürmte auf ihn zu wie ein Löwe, und gewiß hätte er ihn mit sammt dem Wagenlenker dar¬ niedergestreckt, wenn nicht Apollo, in dunkles Gewölke gehüllt, aus dem Olymp herniedergeeilt wäre, und den Gefährdeten zur Stadt entrückt hätte, wohin auch die übri¬ gen Trojaner ihm nachflohen. Als Neoptolemus in die leere Luft mit dem Speere stieß, schrie er voll Unmuths: „Hund, du bist mir entgangen, doch nicht deine Tapfer¬ keit half dir, sondern ein Gott hat dich mir gestohlen!“ Dann warf er sich wieder in den Kampf. Aber Apollo, der in den Mauern Troja's war, schirmte die Stadt. Da ermahnte der Seher Kalchas die Danaer, zu den Schiffen zurückzuweichen und sich für eine Weile dem mühseligen Kampfe, zu entziehen. Hier sprach er: „Es ist vergeblich, ihr Freunde, daß wir uns im Streite gegen diese Stadt abmühen, wenn nicht auch der andere Theil der Weissagung, welche ich euch mitgetheilt habe, in Er¬ füllung geht, und Philoktetes mit seinen unwiderstehlichen Pfeilen von Lemnos herbeigeschafft wird.“ Sofort wurde beschlossen, den klugen Odysseus und den tapfern Jüngling Neoptolemus nach Lemnos abzu¬ senden, und diese gingen ohne Säumen zu Schiffe. Philoktetes auf Lemnos. Die Helden landeten an der unbetretenen, unbewohn¬ ten Küste der wüsten Insel Lemnos. Hier hatte vor mehr als neun Jahren, nach dem Ausspruche der Heer¬ führer, Odysseus den Sohn des Pöas, Philoktetes, dessen unheilbares Uebel den Griechen seine Gegenwart uner¬ träglich machte, in einer Höhle mit zwei Mündungen aus¬ gesetzt, wo er des Winters im Sonnenstrahle Schutz vor der Kälte, und des Sommers an einer andern Stelle Schatten und Kühlung finden konnte; in der Nähe rieselte eine lebendige Quelle. Die beiden Helden hatten diese Stelle bald wieder gefunden, und Odysseus traf noch Alles wie das erstemal. Aber die Wohnung war leer, nur eine breite Streu aus Laub, wie von einem Ruhen¬ den zusammengedrückt, ein kunstlos geschnitzter Becher aus Holz und etwas Feuergeräthe deuteten auf einen Bewoh¬ ner; und in der Sonne lagen Lumpen voll Eiters aus¬ gebreitet, die sie nicht zweifeln ließen, daß der kranke Philoktetes noch der Bewohner sey. Das Erste, was sie thaten, war, daß ein Diener auf die Lauer ausgesandt wurde, damit der Kranke sie nicht überraschen könnte. „Benützen wir,“ sprach Odysseus zu dem jungen Sohne des Achilles, „die Abwesenheit des Mannes, um unsern Plan mit ihm zu verabreden, denn nur durch Täuschung können wir uns seiner bemächtigen. Bei eurer ersten Zu¬ sammenkunft darf ich nicht zugegen seyn; haßt er mich doch tödtlich, und mit Recht! Sobald er dich nun frägt, wer du seyest und von wannen du kommest, sagst du ehrlich, du seyest der Sohn des Achilles. Dann aber dichtest du noch weiter hinzu, du habest dich zürnend von den Griechen abgewandt und seyest auf der Fahrt nach der Heimath begriffen. Denn diese, die dich von Scyros nach Troja flehend herbeigeholt, um ihnen diese Stadt erobern zu helfen, haben dir die Waffen deines Vaters verweigert und sie mir, dem Odysseus, gegeben. Häufe nur so viel Schimpf auf mich, als dir einfällt; mich kränkt es nicht, und ohne diese List bekommen wir den Mann und die Pfeile nicht. Darum mußt du darauf denken, wie du ihm dieß unbesiegbare Geschoß entwenden magst.“ Hier fiel ihm Neoptolemus ins Wort: „Sohn des Laertes,“ sprach er, „eine That, die ich ohne Abscheu nicht hören kann, vermag ich auch nicht zu thun, weder Schwab , das klass. Alterthum. II . 25 ich noch mein Vater sind zu so böser Kunst geboren wor¬ den. Gerne bin ich bereit, den Mann mit Gewalt zu fangen; nur erlaß mir die Arglist! Wie sollte auch der einzelne Mann, der dazu nur auf Einem Fuße stehen kann, uns, die Vielen, überwältigen?“ „Mit seinen un¬ entfliehbaren Pfeilen,“ erwiederte Odysseus ruhig. „Ich weiß wohl, mein Sohn, daß dir die Gabe der Täuschung nicht eingepflanzt ist, und auch ich selbst, der ich von einem redlichen Vater stamme, war in der Jugend mit der Zunge langsam und rasch mit der Hand. Erst die Erfah¬ rung mußte mich belehren, daß die Welt weniger durch Thaten, als durch Worte gelenkt wird. Wenn du nun bedenkst, daß der Bogen des Herkules allein Troja zu bezwingen vermag, und du durch diese That den Ruhm der Klugheit wie der Tapferkeit davontragen, auch durch den Erfolg vollkommen gerechtfertigt erscheinen wirst, so weigerst du dich gewiß nicht länger der kurzen Trugworte!“ Neoptolemus gab den Gründen seines älteren Freun¬ des nach, und dieser entfernte sich nun, wie verabredet war. Auch dauerte es nicht lange, bis aus der Ferne der Schmerzensruf des leidenden Philoktetes sich hören ließ. Dieser hatte nämlich von Ferne das Schiff am hafenlosen Strande erblickt und kam auf Neoptolemus und seine Be¬ gleiter herzugeeilt. „Wehe mir,“ rief er ihnen zu, „wer seyd ihr, die ihr an dieser unwirthbaren Insel gelandet? Zwar erkenne ich an euch die geliebte Griechentracht; doch möchte ich auch den Laut eurer Sprache vernehmen. Be¬ bet vor meinem verwilderten Aussehen nicht zurück, be¬ dauert vielmehr mich unglücklichen, von allen Freunden verlassenen, gepeinigten Mann, und antwortet, wenn ihr anders nicht mit feindlichen Absichten erschienen seyd!“ Neoptolemus antwortete, wie Odysseus ihn gelehrt hatte; da brach Philoktetes in ein Freudengeschrei aus: „O theuer werthe griechische Laute, wie nach so langer Zeit tönet ihr in mein Ohr! O Sohn des liebsten Va¬ ters! Geliebtes Scyros! Guter Lykomedes! Und du, Pflegekind des Alten, was sprichst du da? So haben dich die Danaer denn auch nicht anders behandelt, als mich! Wisse, ich bin Philoktetes, der Sohn des Pöas, derselbe, den die Atriden und Odysseus einst, ganz verlassen, von entsetzlicher Krankheit gequält, auf unsrem Zuge nach Troja, hier aussetzten. Sorglos schlief ich am Strande der See unter diesem hohlen Felsendache; da entflohen sie treulos, hinterließen mir nur kümmerliche Lumpen, wie einem Bettler, und die nothdürftigste Kost, wie sie einst ihnen aufgespart seyn möge. Wie meinst du, liebes Kind, daß ich aus meinem Schlaf erwacht sey? mit welchen Thränen, welchem Angstgeschrei, als ich von dem ganzen Schiffszuge, der mich hieher geführt, keine Seele mehr erblickte, keinen Arzt, keine Hülfe für mein Uebel; gar nichts mehr ringsum, außer meinem Jammer, aber diesen freilich im Ueberfluß! Seitdem sind mir Armen Tage um Tage und Jahre um Jahre verlaufen, und unter die¬ sem engen Dache bin ich mein einziger Pfleger gewesen. Mein Bogen hier verschaffte mir die nöthigste Nahrung; aber wie jammervoll mußte ich mich, wenn mir eine Beute aus den Lüften zufiel, nach der Stelle hinschleppen, den kranken Fuß nachziehend. Und so oft ich einen Trunk aus der Quelle suchen, so oft ich von Winter zu Winter zur Feuerung meiner Höhle mir Holz im Walde fällen wollte, das Alles mußte ich, mit Mühe aus meiner Höhle hervorkriechend, selbst besorgen. Wiederum fehlte es mir 25 * an Feuer; wie lange währte es, bis ich den rechten Stein fand, der, an Eisen geschlagen, den Funken sprühte, welcher mich bis diese Stunde erhalten hat. Denn, als ich einmal dieß Bedürfniß hatte, fehlte mir nichts mehr, mein Leben zu fristen, als Gesundheit. Jetzt höre aber auch von der Insel etwas, lieber Sohn! Wisse, es ist der armseligste Fleck auf der Erde: niemals nahet sich ihr freiwillig ein Schiffer; es fehlt an Landungsplätzen, fehlt an Gelegenheit Waaren umzutauschen, fehlt an allem Umgange mit Sterblichen. Wen die Fahrt hierher treibt, der landet nur gezwungen. Solcherlei Schiffer beklagen mich dann zwar wohl, reichen mir auch wohl etwas Speise oder ein Kleid, aber heimgeleiten will mich keiner, und so schmachte ich denn hier in Noth und Hunger schon ins zehnte Jahr; und das Alles haben Odysseus und die Atriden mir zu Leide gethan, denen die Götter mit Glei¬ chem vergelten mögen!“ Neoptolemus gerieth bei dieser Erzählung in wilde Bewegung seines Innern; doch drängte er dieselbe zurück, der Ermahnung des Odysseus eingedenk. Er berichtete dem jammernden Helden den Tod seines Vaters und was er sonst über Landsleute und Freunde zu hören wünschte, und knüpfte daran mit aller Wahrscheinlichkeit die Lüge, die Odysseus ihn gelehrt. Philoktetes hörte unter lauten Bezeugungen der Theilnahme und Ueberraschung zu; dann faßte er den Sohn des Achilles bei der Hand, weinte bitterlich und sprach: „Nun, liebes Kind, beschwöre ich dich bei Vater und Mutter, laß mich nicht in diesen meinen Qualen zurück. Ich weiß wohl, daß ich eine lä¬ stige Ladung bin! dennoch entschließe dich, nimm mich mit, wirf mich wohin du willst: ans Steuerruder, an den Schnabel, in den untersten Schiffsraum, wo ich deine Schiffsgenossenschaft am wenigsten quäle! Laß mich nur nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit; führe mich als Retter nach deiner Heimath: von dort bis zum Oeta und dem Lande, wo mein Vater wohnte, ist die Fahrt nicht mehr weit. Zwar habe ich oft schon Gelandeten manche herzliche Bitten an ihn mitgegeben, aber Niemand brachte mir Kunde von ihm und er ist wohl schon lange todt; nun, ich wäre froh, wenn ich nur an seinem Grabe ruhen dürste.“ Neoptolemus gab dem kranken Manne, der sich zu seinen Füßen warf, mit schwerem Herzen die unredliche Zusage, und rief: „So bald du willst, laß uns zu Schiffe gehen; möge nur ein Gott uns schnelle Fahrt aus diesem Lande verleihen, nach dem Ziele, das uns angewiesen ist!“ Philoktetes sprang auf, so schnell als das Uebel seines Fußes es ihm zuließ, und ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling bei der Hand. In diesem Augenblick er¬ schien der Späher der Helden, als ein griechischer Schiffs¬ herr verkleidet, mit einem andern Schiffer von ihrem Gefolge. Er erzählte, an Neoptolemus gewendet, die erheuchelte Kunde, daß Diomedes und Odysseus auf der Fahrt nach einem gewissen Philoktetes begriffen seyen, den sie, einer Weissagung des Sehers Kalchas zufolge, fan¬ gen und vor Troja bringen müßten, wenn die Stadt erobert werden sollte. Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Pöas ganz dem Neoptolemus in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des Herkules zusammen, übergab sie dem jungen Helden, der sich zum Träger er¬ bot, und schritt mit ihm unter das Thor der Höhle. Da vermochte sich Neoptolemus nicht länger zu halten, die Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über die Lüge, und ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er: „Philoktetes, ich kann es dir nicht län¬ ger verbergen: du mußt mit mir nach Troja zu den Atri¬ den und Griechen schiffen!“ Philoktetes bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid ganz die Oberhand über die Seele des Jünglings gewann, sprang Odysseus aus dem Gebüsche, das ihn verborgen hielt, hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden, der doch schon ihr Gefangener sey, zu fesseln. Philoktetes hatte ihn auf den ersten Laut erkannt. „O wehe mir,“ rief er, „ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist's, der mich ausgesetzt hat, der mich jetzt dahinschleppt, durch dessen Trug mir meine Pfeile gestohlen sind!“ „Gutes Kind,“ sprach er dann schmeichelnd zu Neoptolemus, „gib du mir Bogen und Pfeile wieder!“ Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: „Nie geschieht solches,“ rief er, „und wollte es der Jüngling auch; sondern du mußt mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen Heil und Troja's Untergang!“ Damit überließ ihn Odysseus den ihn fes¬ selnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemus mit sich fort. Philoktetes blieb mit den Dienern im Ein¬ gange der Höhle stehen, klagte über den schamlosen Betrug und schien umsonst die Rache der Götter anzu¬ rufen, als er plötzlich die beiden Helden, im Wortwechsel mit einander, zurückkehren sah, und aus der Ferne ver¬ nehmlich die Worte des jüngeren vernahm, welcher zür¬ nend ausrief: „Nein, ich habe gefehlt, ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt! Ich will sie ungeschehen machen, die schnöde That, und eh' du mich getödtet hast, führest du diesen Mann nicht gen Troja!“ Beide zogen die Schwerter, Philoktetes aber warf sich dem Sohne Achills zu Füßen. „Versprich mir, mich zu retten wie du willst: so sollen die Pfeile meines Freundes Herkules jeden Einfall von deinem Lande abwehren!“ „Folge mir,“ sprach Neoptolemus, und hub den alten Helden vom Boden auf, „wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimathland.“ Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern der rechtenden Helden; ihre Blicke kehrten sich nach oben, und Philoktetes war der Erste, der seinen Freund, den vergötterten Herkules, in einer dunkeln Wolke schwebend, erblickte. „Nicht weiter!“ rief dieser mit einer hallenden Götter¬ stimme vom Himmel herab. „Höre, Freund Philoktetes, aus meinem Munde den Rathschluß Jupiters, und gehorche! Du weißt, durch welche Mühsal ich Unsterblichkeit gewann, auch dir ist vom Schicksale bestimmt, aus dieser Trübsal verherrlicht hervorzugehen. Mit diesem Jünglinge vor Troja erscheinend, wirst du vor allen Dingen von deiner Krankheit erlöst; dann haben dich die Götter erwählt, den Paris, den Urheber alles Leids, zu vertilgen; dann stürzest du Troja; das Herrlichste der ganzen Beute wird dein Antheil; beladen mit Schätzen fährst du zurück zu deinem Vater Pöas, der noch lebt. Hast du etwas übrig von der Beute, so opfere es auf dem Scheiterhaufen bei meinem Denkmale. Leb wohl!“ Philoktetes streckte dem verschwindenden Freunde die Arme nach zum Himmel. „Wohlan,“ rief er,“ zu Schiff, ihr Helden, gib mir die Hand, edler Sohn des Achilles; und du, Odysseus, schreit' immerhin an meiner Seite: du hast gewollt, was die Götter wollen!“ Der Tod des Paris. Als die Griechen das ersehnte Schiff, das den Phi¬ loktetes mit den beiden Helden am Borde hatte, in den Hafen des Hellesponts einlaufen sahen, eilten sie schaaren¬ weise unter lautem Jubel an den Strand. Philoktetes streckte die schwächlichen Hände hinaus und wurde von seinen beiden Begleitern ans Ufer gehoben, welche müh¬ selig den Hinkenden in die Arme der harrenden Danaer führten. Diese jammerte seines Anblickes. Da sprang einer der Helden aus dem Haufen heraus, heftete einen forschenden Blick auf die Wunde, rief mit lauter Rührung seinen Vater Pöas bei Namen und versprach, ihn mit der Götter Hülfe schnell zu heilen. Laut jauchzten die Griechen auf, als sie seine Verheissung hörten. Es war Podali¬ rius, der Arzt, ein alter Freund des Pöas. Schnell schaffte dieser die nöthigen Heilmittel herbei, die Argiver aber wuschen und salbten den Körper des alten Helden. Die Unsterblichen gaben ihren Segen: das verzehrende Uebel schwand ihm aus den Gliedern und aller Jammer aus der Seele. Der sieche Leib des Helden Philoktetes blühte auf wie ein Aehrenfeld, das, am Regen dahin¬ welkend, von sommerlichen Winden erquickt wird. Die Atriden selbst, die Häupter des Volkes, staunten, als sie ihn so gleichsam vom Tode auferstehen sahen, und, nach¬ dem er sich an Trank und Speise gelabt, trat Agamemnon zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und sprach mit sicht¬ barer Beschämung: „Lieber Freund! Es ist in der Be¬ thörung unseres Geistes, aber auch nach göttlicher Fügung geschehen, daß wir dich vor Zeiten auf Lemnos zurück¬ gelassen haben; hege nicht länger Groll darüber im Her¬ zen, die Götter haben uns genug dafür gestraft und diese Versuchung über uns verhängt, um uns ihren Zorn fühlen zu lassen. Für jetzt nimm die Geschenke freundlich auf, die wir dir bereitet haben: sieben trojanische Jungfrauen, zwanzig Rosse und zwölf Dreifüße. Daran labe dein Herz und nimm in meinem eigenen Zelte Platz. Beim Mahl und allenthalben soll dir königliche Ehre erwiesen werden.“ „Lieben Freunde,“ erwiederte Philoktetes gütig, „ich zürne nicht mehr, weder dir, Agamemnon, noch irgend einem andern Danaer, sollte sich auch einer an mir ver¬ gangen haben. Weiß ich doch, daß der Sinn edler Män¬ ner beugsam ist und sich bald strenge, bald nachgiebig zeigen muß. Doch jetzt laßt uns schlafen gehen, denn wer sich nach dem Kampfe sehnt, thut wohler daran, sich des Schlummers zu freuen, als des Schmauses!“ So sprach er und eilte ins Gezelt seiner Freunde, wo er bis an den Morgen behaglich der Ruhe pflegte. Am andern Tage waren die Trojaner außerhalb der Mauer mit der Beerdigung ihrer Todten beschäftigt, als sie die Griechen schon wieder zum Streite heranrücken sahen. Polydamas, der weise Freund des gefallenen Hektor, rieth ihnen, im Gefühl ihrer Schwäche sich hinter die Mauern zurückzuziehen und sich dort getrost zu ver¬ theidigen. „Troja,“ sprach er, „ist das Werk der Götter und ihre Werke sind nicht leicht zu zerstören, auch fehlt es uns weder an Speise noch an Getränk, und in den Hallen unseres reichen Königes Priamus liegen noch Vorräthe genug, um dreimal so viel Volk zu sättigen, als wir sind.“ Aber die Trojaner gehorchten seinem Rathe nicht und jauchzten vielmehr dem Aeneas Beifall, der sie zu rühm¬ lichem Sieg oder Tod auf dem Schlachtfelde aufforderte. Bald stürmte der Kampf wieder in beider Heere Reihen. Neoptolemus erschlug zwölf Trojaner hintereinander mit dem Speere seines Vaters, aber auch Eurymenes, der Gefährte des kühnen Aeneas, und Aeneas selbst rissen blutige Lücken ins griechische Heer, und Paris tödtete den Gefähr¬ ten des Menelaus, den Demoleon aus Sparta. Dagegen rasete Philoktetes unter den Trojanern wie der unbezwing¬ liche Mars selber, oder wie ein tosender Strom, der breite Fluren überschwemmt. Wenn ein Feind ihn nur von ferne erblickte, so war er verloren; schon des Herkules herrliche Rüstung, die er trug, schien die Troer zu ver¬ derben, als stünde das Medusenhaupt auf seinem Panzer. Zuletzt aber wagte es doch Paris und drang auf ihn ein, Bogen und Pfeile muthig in der Luft schwenkend. Auch schnellte er bald einen Pfeil ab, doch der schwirrte an Philoktetes vorüber und verwundete seinen Nebenmann Kleodorus in die Schulter. Dieser wich, mit der Lanze fortkämpfend, zurück, aber ein zweiter Pfeil des Paris traf ihn zum Tode. Jetzt griff Philoktetes zu seinem Bogen und mit donnernder Stimme rief er: „Du troja¬ nischer Dieb, Urheber alles unsres Unheils, du sollst es büßen, daß dich gelüstet hat, in der Nähe dich mit mir zu messen. Wenn du einmal todt bist, so wird deinem Haus und deiner Stadt das Verderben mit schnellen Schritten heraneilen!“ So sprach er und zog die gedrehte Sehne des Bogens bis nahe an die Brust, so daß das Horn sich bog, und legte den Pfeil so auf, daß er nur ein weniges über den Bogen hervorragte. Mit einem Schwirren der Sehne flog der zischende Pfeil dahin und verfehlte aus der Hand des göttlichen Helden sein Ziel nicht, doch ritzte er dem Paris nur die schöne Haut, und auch dieser spannte seinen Bogen wieder; da traf ihn ein zweiter Pfeil des Philoktetes in die Weiche, daß er nicht länger im Kampf auszuharren vermochte, sondern entfloh, wie ein Hund vor dem Löwen, am ganzen Leibe zitternd. Der blutige Kampf dauerte noch eine Weile fort, während die Aerzte sich um die schmerzliche Wunde des Paris bemühten. Aber das Dunkel der Nacht war ein¬ gebrochen und die Trojaner kehrten in ihre Mauern, die Danaer zu ihren Schiffen zurück. Paris durchstöhnte die Nacht ohne Schlaf auf seinem Schmerzenslager. Der Pfeil war bis ins Mark des Gebeines eingedrungen und die Wunde durch die Wirkung des scheußlichen Giftes, in das die Pfeile des Herkules getaucht waren, ganz schwarz vor Fäulniß. Kein Arzt vermochte zu helfen, ob sie gleich Mittel aller Art anwandten. Da erinnerte sich der Ver¬ wundete eines Orakelspruches, daß ihm einst in der grö߬ ten Noth nur seine verstoßene Gattin Oenone helfen könne, mit welcher er, als er noch Hirte auf dem Ida war, glückliche Tage verlebt hatte. Aus dem eigenen Munde der Gattin hatte er damals, als er nach Grie¬ chenland zog, diese Wahrsagung vernommen. So ließ er sich denn jetzt ungerne, aber von der harten Qual ge¬ zwungen, dem Berge Ida, wo seine erste Gemahlin noch immer wohnte, zutragen. Von dem Gipfel des Berges herab krächzten Unglücksvögel, als die Diener mit ihm hinanstiegen. Ihre Stimme füllte ihn bald mit Entsetzen, bald trieb ihn wieder die Lebenshoffnung, sie zu verachten. So kam er in der Wohnung seiner Gattin an. Die Dienerinnen und Oenone selbst erfüllte der unerwartete Anblick mit Staunen; er aber stürzte sich zu den Füßen seines verschmähten Weibes und rief: „Ehrwürdige Frau, o hasse mich jetzt nicht in meiner Bedrängniß, weil ich dich einst unfreiwillig als Wittwe zurückließ. Denn sieh, es waren die unerbittlichen Parzen, die mich Helena entge¬ gengeführt. O wäre ich doch gestorben, ehe ich sie in den Pallast meines Vaters gebracht. Doch jetzt beschwöre ich dich bei den Göttern und unserer früheren Liebe, habe Mitleid mit mir und befreie mich von dem quälenden Schmerz, indem du auf meine Wunde die Mittel auflegst, die nach deiner eigenen Weissagung mich allein zu retten vermögen!“ Aber seine Worte erweichten den harten Sinn der Verstoßenen nicht. „Was kommst du zu der,“ sprach sie scheltend, „die du verlassen und dem bitteren Jammer preisgegeben hast, weil du an Helena's ewiger Jugend dich zu erfreuen hofftest? So geh' nun, und wirf dich ihr zu Füßen, ob sie dir helfen möge, meine Seele aber hoffe nicht mit deinen Thränen und Klagen zum Mitleid zu stimmen!“ So schickte sie ihn wieder aus ihrer Be¬ hausung fort, ohne zu ahnen, daß ihr eigenes Schicksal an das ihres Gatten gebunden sey. Paris schleppte sich, von den Dienern gestützt und getragen, kummervoll über die Höhen des waldigen Ida hin, und Juno vom Olymp herab labte sich an dem Anblicke. Noch war er nicht an den Abhang des Berges gelangt, als er der giftigen Wunde erlag und seinen Geist noch auf den Gipfeln des Ida selbst aushauchte, so daß seine Buhlin Helena ihn nicht wieder erblickte. Ein Hirte brachte seiner Mutter Hekuba die erste Kunde von seinem traurigen Tode. Ihr wankten die Kniee bei der Nachricht und sie sank bewußtlos nieder. Priamus aber wußte noch nichts davon, er saß klagend am Grabe seines Sohnes Hektor und wußte nicht, was draußen vorging. Helena dagegen ließ ihren strömenden Klagen bei der Botschaft ihren Lauf, wiewohl ihr Gemüth wenig davon wußte, denn sie war nicht sowohl über den Tod des Mannes betrübt, als über ihre eigene Schuld, an welche sie sich jetzt mit Zagen erinnerte. Unerwartete Reue bemächtigte sich der Seele Oeno¬ ne's, die ferne von allen trojanischen Frauen auf der Höhe des Ida im einsamen Hause lag, und der jetzt erst die Erinnerung an ihre mit Paris in Liebe verlebte Ju¬ gend zurückkehrte. Wie das Eis, das auf dem hohen Gebirge sich in den Wäldern angesetzt und die Schluchten umher deckt, unter dem lauen Hauche des Westwinds wie¬ der schmilzt und in strömende Quellen zerfließt: so schmolz die Härtigkeit ihres Herzens dahin vor dem Kummer; das Herz ging ihr auf und Ströme von Thränen quollen aus ihren lang vertrockneten Augen. Endlich raffte sie sich auf, öffnete mit Heftigkeit die Pforte ihres Hauses und stürzte wie ein Sturmwind hinaus. Von Fels zu Fels, über Schluchten und Bergströme trugen sie die flüch¬ tigen Füße durch die Nacht hin. Mitleidsvoll blickte Luna vom blauen Nachthimmel auf sie herunter. Endlich ge¬ langte sie an die Stelle des Gebirges, wo der Leichnam ihres Gatten auf dem Holzstoß flammte und von den Schafhirten des Berges umringt war, die dem Freund und dem Königssohn die letzte Ehre erwiesen. Als ihn Oenone erblickte, machte sie der heftige Schmerz ganz sprachlos; sie verhüllte ihr schönes Antlitz in die Gewänder, sprang rasch auf den Scheiterhaufen, und ehe die Umste¬ henden sie retten, ja nur beklagen konnten, war sie mit dem Leichnam des Gatten ein Opfer der Flammen. Sturm auf Troja. Während sich dieses auf dem Berg Ida ereignete, wurde der Kampf von Seiten beider Heere mit Erbitte¬ rung und wechselndem Erfolge fortgesetzt. Apollo hauchte dem Aeneas, dem Sohne des Anchises, und dem Eury¬ machus, dem Sohne Antenors, Muth und Stärke ein, daß sie die Achiver mit großem Verluste zurückdrängten, und Neoptolemus nur mit Mühe das Treffen wiederherstellen konnte. Doch wichen die Trojaner nicht eher, bis Pallas Athene selbst den Griechen zu Hülfe eilte. Nun mischte sich auch die Göttin Aphrodite in den Kampf, und, um das Leben ihres Sohnes Aeneas besorgt, hüllte sie diesen in eine Wolke, und entrückte ihn aus der Schlacht. Aus diesem unbarmherzigen Kampfe entrannen nur wenige Trojaner, müde und verwundet, in die Stadt. Weiber und Kinder lösten ihnen wehklagend die blutigen Waffen vom Leibe, und die Aerzte hatten vollauf zu thun. Auch die Danaer waren vom Kampfe geschwächt und ermüdet, denn erst nach langem Zweifel hatte sich der Sieg ihnen zugewendet. Doch waren sie am andern Morgen wieder munter und, nachdem sie eine gehörige Wache bei den Verwundeten zurückgelassen, zogen sie lustig und kriegerisch von den Schiffen den Mauern Tro¬ ja's wieder zu, und dießmal ging es zum Sturme. Die Griechen hatten ihre Schaaren vertheilt und eine jede hatte den Angriff auf eines der Thore übernommen. Die Trojaner aber kämpften auf allen Seiten von Mauern und Thürmen herab, und überall erhob sich ein gewaltiges Getümmel. An das skäische Thor wagte sich zuerst Sthenelus, der Sohn des Kapaneus, mit dem götterglei¬ chen Helden Diomedes. Ueber dem Thore aber wehrten der ausdauernde Dephobus und der starke Polites sammt vielen Genossen die Stürmenden mit Pfeilen und Steinen ab, daß Helme und Schilde von dem Wurfe klangen. Am idaischen Thore focht Neoptolemus mit allen seinen Myrmidonen, die in den Künsten der Bestürmung wohl erfahren waren. In der Stadt munterten hier die Tro¬ janer Helenus und Agenor auf und kämpften unermüdlich für die theure Heimath. An denjenigen Thoren, die zu der Ebene und zu dem Schiffslager der Griechen führten, waren Eurypylus und Odysseus in unaufhörlichem Kampfe; von der hochemporragenden Mauer aber hielt sie durch Steinwürfe der tapfere Aeneas entfernt. An dem Ge¬ wässer des Simois kämpfte unter mannigfaltigen Drang¬ salen Teucer, und so Andere anderswo. Endlich kam Odysseus auf seinem Posten auf den glücklichen Gedanken, seine Streiter die Schilde über ihre Häupter gedrängt aneinander emporheben zu lassen, so daß das Ganze wie das wohlgewölbte Dach eines Hauses erschien. Unter diesem Schilddache zogen die Schaaren der Danaer, eng geschlossen und wie zu einem einzigen Körper vereinigt, daher, und furchtlos hörten sie das Getöse der zahllosen Steine, Pfeile und Lanzen, die von der Mauer herab aus den Händen der Trojaner auf die Schilde herabprasselten, ohne einen einzigen Mann zu verwunden. So nahten sie sich, Keiner von dem Anderen getrennt, wie ein dunkles Wintersturmgewölk den Mauern, der Grund dröhnte unter ihren Tritten, der Staub wallte über ihren Häuptern, und unter dem Schilddache tönte vermischtes Gespräch durch¬ einander, wie Bienengesumse in den Körben. Freude erfüllte das Herz der Atriden, als sie das unerschütter¬ liche Bollwerk einherziehen sahen: sie drängten ihre Krie¬ ger alle den Thoren der Veste entgegen zum Sturm¬ angriff, und rüsteten sich, die Thore aus den Angeln zu heben, die Thorflügel mit zweischneidigen Beilen zu durch¬ brechen und niederzuwerfen, und bei der neuen Erfindung des Odysseus schien der Sieg unzweifelhaft zu seyn. Da stärkten die Götter, die auf Seiten der Trojaner waren, die Arme des Helden Aeneas, daß er einen unge¬ heuren Stein mit beiden Händen herbeibrachte und voll Wuth auf das Schilderdach hinunter schleuderte. Dieser Wurf richtete eine klägliche Niederlage unter den Stür¬ menden an, und sie sanken wie Ziegen des Berges, auf die ein losgerissener Fels herabrollt, zerschmettert unter ihren Schilden zu Boden. Aeneas aber stand auf der Mauer mit strotzenden Gliedern und seine Rüstung fun¬ kelte wie der Blitz; neben ihm stand unsichtbar in einer dunkeln Wolke der gewaltige Mars, der den Geschossen, die der Held dem Steine nachsendete, die rechte Richtung gab, daß Tod und Entsetzen unter die Reihen der Grie¬ chen fuhr. Laut ertönte von den Mauern herab der Ruf des Aeneas, der die Seinigen anfeuerte, laut von unten herauf der Ruf des Neoptolemus, der die Myrmidonen ermahnte, Stand zu halten, und so dauerte hier der Kampf den ganzen Tag fort ohne Erholung und Rast. An einer entfernteren Seite der Mauer waren die Griechen glücklicher. Dort säuberte der kühne Lokrer Ajax die Zinnen allmählig von Vertheidigern, indem er bald mit dem Pfeil einen wegschoß, bald mit dem Speer einen niederstieß. Und jetzt ersah sich sein tapfrer Waffen¬ gefährte und Landsmann Alcimedon eine ganz leer gewor¬ dene Stelle der Mauer, legte eine Sturmleiter an und stieg, auf sein muthiges Herz und seine Jugend vertrauend, voll Kriegslust mit behendem Fuße die Stufen empor, den Schild über dem Haupte haltend. So gedachte er den Seinigen den Weg in die Stadt zu bahnen. Aber Aeneas hatte aus der Ferne sein Beginnen beobachtet, und als Jener nun eben über die Mauer hinweg sah und zum ersten und letztenmal einen Blick in das Innere der Stadt warf, traf ihn ein Stein, aus der gewaltigen Hand des trojanischen Helden geschleudert, ans Haupt; die Leiter ward zertrümmert unter der Wucht des Stürzenden: wie ein Pfeil von der Sehne geschnellt, wirbelte er durch die Luft und hauchte die Seele aus, noch ehe er unten am Boden ankam. Die Lokrer seufzten laut auf, als sie den Zermalmten auf der Erde liegen sahen. Jetzt faßte Phi¬ loktetes den Sohn des Anchises, der wie ein reißendes Thier die Mauern entlang tobte, sich ins Auge und rich¬ tete sein gepriesenes Geschoß auf ihn. Auch verfehlte er sein Ziel nicht, ritzte jedoch nur ein wenig das Leder des Schildes und traf dann den Trojaner Menon, der von der Mauer herabfiel, wie ein Wild, das des Jägers Pfeil erreicht hat. Aeneas zertrümmerte dafür dem Toxächmes, einem wackern Gefährten des Philoktetes, Haupt und Kno¬ chen mit einem Steinwurfe. Grimmig blickte Philoktetes zu dem feindlichen Helden empor und rief: „Aeneas! du glaubst der Tapferste zu seyn, wenn du, wie schwache Schwab , das klass. Alterthum. II . 26 Weiber, von der Mauer herab deine Feinde mit Steinen bekämpfst. Wohlan, wenn du ein Mann bist, so komm in der Rüstung vor die Thore heraus und erprobe deinen Bogen und deine Lanze im Kampfe mit dem muthigen Sohne des Pöas!“ Der Trojaner hatte nicht Zeit ihm zu antworten, denn die Vertheidigung der Stadt rief ihn nach einer andern Stelle der Mauer, und auch Philoktetes wurde zu neuem rastlosen Kampfe hinweggerissen. Das hölzerne Pferd. Nachdem nun die Griechen lange erfolglos um Thore und Mauern von Troja gekämpft und der versuchte Sturm auf allen Seiten abgeschlagen worden war, rief der Seher Kalchas eine Versammlung der vornehmsten Helden zu¬ sammen und redete so vor ihnen: „Unterziehet euch nicht ferner den Mühseligkeiten eines gewaltsamen Kampfes, denn auf diesem Wege kommt ihr nicht zum Ziele: besin¬ net euch vielmehr auf irgend einen Anschlag, der euren Schiffen und euch selber zum Heile gereichen mag. Denn vernehmet, was für ein Zeichen ich gestern geschaut habe. Ein Habicht jagte einem Täubchen nach; dieses aber schlüpfte in die Spalten eines Felsen hinein, um seinem Verfolger zu entgehen. Lange verweilte dieser grimmig vor dem Felsenspalt, aber das Thierchen ging nicht her¬ aus; da verbarg sich der Raubvogel mit unterdrücktem Unmuth ins nahe Gebüsch: und, siehe da, jetzt schlüpfte das Täublein in seiner Thorheit wieder heraus, der Ha¬ bicht aber schießt auf das arme Thier nieder und erwürgt es ohne Erbarmen. Laßt uns diesen Vogel zum Muster nehmen, und Troja nicht fürder mit Gewalt zu erobern suchen, sondern es einmal mit der List versuchen.“ So sprach der Seher; aber keinem der Helden, ob¬ gleich sie hin und her sannen, wollte ein Mittel einfallen, wie dem grausamen Kriege ein Ziel gesetzt werden könnte; der einzige Odysseus kam endlich durch die Verschmitztheit seines Geistes auf ein solches. „Wisset ihr was, Freunde,“ rief er, freudig bewegt durch den glücklichen Einfall: „Laßt uns ein riesengroßes Pferd aus Holze zimmern, in dessen Versteck sich die edelsten Griechenhelden, so viele unser sind, einschließen sollen. Die übrigen Schaaren mögen sich inzwischen mit den Schiffen nach der Insel Tenedos zurückziehen, hier im Lager aber alles Zurückgelassene verbrennen, damit die Trojaner, wenn sie dieß von ihren Mauern aus gewahr werden, sich sorglos wieder über das Feld verbreiten. Von uns Helden aber soll ein muthiger Mann, der keinem der Troer bekannt ist, außerhalb des Rosses bleiben, sich als Flüchtling zu ihnen begeben und ihnen das Mährchen vortragen, daß er sich der frevelhaf¬ ten Gewalt der Achiver entzogen habe, welche ihn um ihrer Rückkehr willen den Göttern als Opfer schlachten wollten. Er habe sich nämlich unter dem künstlichen Rosse, welches der Feindin der Trojaner, der Göttin Pallas Athene, geweiht sey, versteckt und sey jetzt, nach der Ab¬ fahrt seiner Feinde, eben erst hervorgekrochen. Dieß muß er den ihn Befragenden so lange zuversichtlich wieder¬ holen, bis sie ihr Mißtrauen überwunden haben und ihm zu glauben anfangen. Dann werden sie ihn als einen bemitleidenswerthen Fremdling in ihre Stadt führen. Hier soll er darauf hinarbeiten, daß die Trojaner das hölzerne 26 * Pferd in die Mauern hineinziehen. Geben sich dann unsre Feinde sorglos dem Schlummer hin, so soll er uns ein zu verabredendes Zeichen geben, auf welches wir unsern Schlupfwinkel verlassen, den Freunden bei Tenedos mit einem lodernden Fackelbrande ein Signal geben und die Stadt mit Feuer und Schwert zerstören wollen.“ Als Odysseus ausgeredet, priesen alle seinen erfinde¬ rischen Verstand und zumeist lobte ihn Kalchas, der Se¬ her, dessen Sinn der schlaue Held vollkommen getroffen hatte. Er machte auf günstige Vogelzeichen und zustim¬ mende Donnerschläge Jupiters, die sich vom Himmel herab hören ließen, aufmerksam, und drängte die Griechen sogleich zum Werke zu schreiten. Aber da erhub sich der Sohn des Achilles unwillig in der Versammlung. „Kal¬ chas,“ sprach er, „tapfre Männer pflegen ihre Feinde in offener Feldschlacht zu bekämpfen; mögen die Trojaner, das Treffen vermeidend, von ihren Thürmen herab als Feige streiten; uns aber lasset nicht auf eine List sinnen oder auf irgend ein andres Mittel außer offenem Kampfe! In diesem müssen wir beweisen, daß wir die besseren Männer sind!“ So rief er, und Odysseus selbst mußte den hochsinnigen Jüngling bewundern; doch erwiederte er ihm: „O du edles Kind eines eben so furchtlosen Vaters, du hast dich ausgesprochen, wie ein Held und wackerer Mann. Aber doch konnte dein Vater selbst, der Halbgott an Muth und Stärke, diese herrliche Veste nicht zerstören. Du siehst also wohl, daß Tapferkeit in der Welt nicht Alles aus¬ richtet. Deßwegen beschwöre ich euch, ihr Helden, daß ihr den Rath des Kalchas befolget und meinen Vorschlag ohne Säumen ins Werk setzet!“ Alle andern Helden gaben dem Sohne des Laertes Beifall; nur Philoktetes stellte sich auf die Seite des Neoptolemus, denn er lechzte noch immer nach Kampf und Schlachtgetümmel und sein Heldenherz war noch nicht gesättigt. Am Ende hatten die beiden auch den Rath der Danaer zu sich herübergezogen. Aber Jupiter bewegte den ganzen Luftkreis, schleuderte Blitz auf Blitz unter krachendem Donner zu den Füßen der widerstrebenden Helden herab, und gab so hinlänglich zu verstehen, daß sein Wille sich mit den Vorschlägen des Sehers und des Laertiaden vereinige. So verloren die beiden Helden den Muth, sich länger zu widersetzen, und gehorchten, obgleich mit innerlichem Widerwillen. So kehrten denn alle mit einander zu den Schiffen zurück, und ehe ans Werk gegangen wurde, überließen sich die Helden dem wohlthätigen Schlaf. Da stellte sich um Mitternacht im Traume Minerva an das Haupt des griechischen Helden Epus, und trug ihm als einem kunst¬ reichen Manne auf, das mächtige Roß aus Balken zu zimmern, indem sie selbst ihm ihren Beistand zu schnellerer Vollendung des Werkes versprach. Der Held hatte die Göttin erkannt und sprang freudig vom Schlafe auf: alle Gedanken wichen in seinem Geiste dem Einen Auftrag, und der Geist seiner Kunst bewegte ihm die Seele. Mit Tagesanbruch erzählte er die Göttererscheinung in der Mitte alles Volkes, und nun schickten die Atriden in aller Eile in die waldreichen Thäler des Idagebirges und lie¬ ßen daselbst die hochstämmigsten Tannen fällen. Diese wurden eilig zum Hellespont hinabgetragen, und viele Jünglinge gingen ans Werk und halfen dem Epus: die Einen zersägten die Balken, die Andern hieben die Aeste von den noch unzersägten Stämmen, wieder Andere tha¬ ten Anderes, Ep ë us aber machte zuerst die Füße des Pferdes, dann den Bauch; über diesen fügte er sodann den gewölbten Rücken, hinten die Weichen, vorn den Hals; über ihn formte er zierlich die Mähne, die sich flatternd zu bewegen schien; Kopf und Schweif wurden reichlich mit Haaren versehen, aufgerichtete Ohren an den Pferdskopf gesetzt und gläserne leuchtende Augen un¬ ter der Stirne angebracht; kurz es fehlte nichts, was an einem lebendigen Pferde sich regt und bewegt. So voll¬ endete er mit Minerva's Hülfe das Werk in dreien Ta¬ gen, und das ganze Heer bewunderte die Schöpfung des Künstlers, so ausdrucksvoll hatte er Leben und Bewegung nachzubilden gewußt; man meinte jeden Augenblick, jetzt werde das Riesenpferd zu wiehern anfangen. Ep ë us aber hob die Hände gen Himmel und betete vor allem Heere: „Mächtige Pallas, erhöre mich, rette dein Pferd und mich selbst, hohe Göttin!“ Und alle Griechen stimmten in die¬ ses Gebet ein. Die Trojaner waren in der Zwischenzeit vom letzten Kampfe an scheu hinter ihren Mauern geblieben. Um so lauter tobte der Zwiespalt unter den Göttern selbst jetzt, wo Troja's Verhängniß erfüllt werden sollte. Sie fuhren in zwei getrennten Haufen, der eine den Grie¬ chen günstig, der andere ihnen abhold, auf die Erde herunter und stellten sich am Flusse Xanthus, den Sterb¬ lichen unsichtbar, in zwei Schlachtordnungen gegen einan¬ der auf. Auch die Meergottheiten schlossen sich der einen oder andern Seite an. Die Nereiden hielten es, als Verwandte des Achilles, mit den Griechen; andere Meer¬ götter waren auf der Seite Troja's, und diese empörten die Fluth gegen die Schiffe und trieben sie ans Land ge¬ gen das tückische Roß. Sie hätten beide zerstört, wenn das Schicksal es gestattet hätte. Unter den obern Göt¬ tern begann indessen der Kampf, und Mars stürzte der Minerva zum Kampf entgegen. Damit war das Zeichen des allgemeinen Streites gegeben, und die Götter warfen sich gegenseitig auf einander: bei jeder Bewegung klirrten die goldenen Rüstungen und das Meer rauschte mit seinen Wogen darein; unter den Füßen der Unsterblichen bebte die Erde und alle schrieen laut zusammen, so daß der Schlachtruf der Götter bis zur Unterwelt hinabdrang und die Titanen im Tartarus davor erbebten. Es hatten aber die Himmlischen sich zum Kampf eine Zeit ersehen, wo Jupiter, der Vater der Götter und Menschen, fern auf einer Reise an den Ocean begriffen war, wohin die Re¬ gierung der Erde ihn gerufen hatte. Doch seinem scharf¬ sichtigen Geiste entging auch aus der Ferne nichts von dem, was auf der Oberfläche des Erdbodens sich ereignete. Und so wurde er kaum den Götterkampf inne, als er schnell von der Fluth des Oceans mit seinen geflügelten Wind¬ rossen auf dem Donnerwagen, den Iris leitete, in den Olymp zurückkehrte und von dort aus seine Blitze unter die kämpfenden Götter warf. Da erbebten die Unsterb¬ lichen und hielten inne mit Kämpfen. Themis, die Göt¬ tin des Rechts, die allein dem Streite ferne geblieben war, trat ein unter die Götter und schied sie von einan¬ der, indem sie ihnen verkündigte, daß Jupiter die gänz¬ liche Vernichtung der Himmlischen beschlossen hätte, wo¬ fern sie nicht gehorchten. Jetzt ward den Göttern bange für ihre Unsterblichkeit, sie unterdrückten die Erbitterung ihrer Herzen und kehrten zurück aus dem Kampfe, die einen zum Olymp, die andern in die Tiefe des Meers. Das Pferd im griechischen Lager war indessen in vollkommene Bereitschaft gesetzt und Odysseus erhub sich in der Versammlung der Helden. „Jetzt gilt es,“ sprach er, „ihr Führer des Danaervolks! jetzt beweise es, wer wirklich durch Kraft und Muth hervorragt. Denn jetzt ist's Zeit, in dem Bauche des Rosses, der uns beherbergen wird, der dunkeln Zukunft entgegen zu gehen! Glaubet mir, es gehört mehr Muth dazu, in diesen Schlupfwinkel zu kriechen, als dem Tode in offener Feldschlacht zu tro¬ tzen! Darum, wer sich am tapfersten fühlt, der entschließe sich zu diesem Wagestück. Die Andern mögen vorerst nach Tenedos schiffen! Ein wackerer Jüngling aber bleibe in der Nähe des Pferdes und thue, wie ich gerathen habe. Wer will sich diesem Auftrag unterziehen? Die Helden zögerten. Da trat ein tapferer Grieche, Namens Sinon, auf und sprach: „Sehet mich bereit, das verlangte Werk zu thun! Mögen mich die Trojaner mi߬ handeln, mögen sie mich lebendig ins Feuer werfen: mein Entschluß steht fest!“ Die Völker jubelten ihm Beifall zu, und mancher alte Held sprach bei sich im Herzen: „Wer ist doch dieser junge Mensch? Wir haben seinen Namen nie gehört; noch keine tapfre That hat ihn ausgezeichnet. Ihn treibt gewiß ein Dämon, entweder den Trojanern oder uns selbst Verderben zu bringen!“ Nestor aber erhub sich und sprach ermunternd zu den Danaern: „Jetzt, liebe Kinder, bedarf es wackern Muthes, denn jetzt legen die Götter das Ziel zehenjähriger Mühseligkeiten in unsre Hände: darum rasch hinein in den Bauch des Pferdes. Ich selbst fühle noch die jugendliche Kraft in meinen Greisengliedern, von der ich beseelt war, als ich mit Ja¬ son das Argonautenschiff besteigen wollte, und es auch bestiegen hätte, wenn ich nicht von dem Könige Pelias abgehalten worden wäre!“ So rief der Greis und wollte sich vor allen Andern durch die geöffnete Seitenthüre in den Bauch des hölzer¬ nen Rosses schwingen, aber Neoptolemus, der Sohn des Achilles, beschwor ihn, diese Ehre ihm, dem Jünglinge ab¬ zutreten, und seines Greisenalters eingedenk, die Führung der übrigen Griechen nach der Insel Tenedos zu über¬ nehmen. Mit Mühe ließ sich Nestor überreden, und nun stieg der Jüngling in voller Rüstung zuerst in die geräu¬ mige Höhle. An ihn schlossen sich Menelaus, Diomedes, Sthenelus und Odysseus, dann Philoktetes, Ajax, Ido¬ meneus, Meriones, Podalirius, Eurymachus, Antimachus, Agapenor, und so viele sonst noch der Bauch des Rosses fassen mochte. Zuletzt stieg der Verfertiger des Rosses, Epus selbst, hinein. Dann zog er die Leitern zu sich herauf in die Höhlung, verschloß dieselbe von innen fest, und setzte sich vor den Riegel; die Uebrigen harrten im Bauche des Rosses in tiefem Schweigen, und saßen in dunkler Nacht zwischen Tod und Sieg. Die andern Griechen aber, nachdem sie die Zelte und alles Lagergeräthe in Brand gesteckt hatten, brachen, von Agamemnon dem Völkerfürsten und dem Könige Nestor befehligt, mit den Schiffen auf und segelten der Insel Tenedos zu. So war es von den Danaern bestimmt worden, welche den beiden Helden nicht gestattet hatten, sich dem Pferde anzuvertrauen, dem ersten um seiner Würde, dem andern um seines Alters willen. Vor Tenedos warfen sie die Anker aus, stiegen ans Land und sahen mit sehnendem Herzen dem Feuerzeichen entgegen. Die Trojaner bemerkten es bald, wie am Hellespont der Rauch in die Lüfte emporwirbelte, und als sie von den Mauern aufmerksamer nach dem Gestade hinabspäh¬ ten, waren auch die Schiffe der Griechen verschwunden. Voll Freuden strömten sie in Schaaren dem Ufer zu; doch vergaßen sie nicht, sich in ihre Rüstungen zu hüllen, denn sie waren der Furcht noch nicht ganz los. Als sie nun auf der Stelle des alten feindlichen Lagers das glatte hölzerne Pferd gewahr wurden, stellten sie sich staunend rings um dasselbe her, denn es war ein gar gewalti¬ ges Werk. Während sie noch darüber stritten, was mit dem seltsamen Wunderdinge anzufangen sey, und die Einen der Meinung waren, es in die Stadt zu schaffen und als Siegesdenkmal für alle Zukunft auf der Burg aufzustellen, die Andern das unheimliche Gastgeschenk der Griechen in die See zu werfen oder zu verbrennen rie¬ then, eine Berathung, der die im Bauche des Pferdes eingeschlossenen griechischen Helden zu ihrer Qual zuhören mußten: da trat mit eiligen Schritten Laokoon, der troja¬ nische Priester des Apollo, in die Mitte des gaffenden Volkes, und rief schon von weitem: „Unselige Mitbürger, welcher Wahnsinn treibt euch? Meinet ihr, die Griechen seyen wirklich davongeschifft, oder eine Gabe der Danaer verberge keinen Betrug? Kennet ihr den Odysseus so? Entweder ist irgend eine Gefahr in dem Rosse verborgen, oder es ist eine Kriegsmaschine, die von den in der Nähe lauernden Feinden gegen unsre Stadt angetrieben werden wird! Was es aber auch seyn mag, trauet dem Thiere nicht!“ Mit diesen Worten stieß er eine mächtige eiserne Lanze, die er einem neben ihm stehenden Krieger entriß, in den Bauch der Maschine. Der Speer zitterte im Holz und aus der Tiefe tönte ein Wiederhall wie aus einer Kellerhöhle. Aber der Geist der Trojaner blieb verblendet. Während dieß vorging, zogen einige Hirten, welche die Neugierde dicht an das hölzerne Pferd herangelockt hatte, unter dem Bauche desselben den schlauen Sinon her¬ vor, und schleppten ihn, als einen gefangenen Griechen, vor den König Priamus, und bald sammelte sich das trojanische Kriegsvolk, das bisher um das Pferd herum¬ gestanden hatte, um dieses neue Schauspiel. Er aber, waffenlos und zagend, spielte die Rolle, die ihm von Odys¬ seus aufgegeben war. Flehend streckte er die Arme gen Himmel und dann wieder nach den Umstehenden aus, und rief unter Schluchzen: „Wehe mir, welchem Lande, wel¬ chem Meere soll ich mich anvertrauen, den die Griechen ausgestoßen haben und die Trojaner niedermetzeln wer¬ den!“ Diese Seufzer rührten die Jünglinge selbst, die ihn anfangs als einen Feind gepackt und roh behandelt hatten. Alle Krieger traten theilnehmend herzu und hie¬ ßen ihn sagen, wer und woher er sey, auch guten Muthes seyn, wenn er nichts Feindliches im Schilde führe. Jener ließ die erheuchelte Furcht endlich fahren und sprach: „Ich bin ein Argiver, das will ich ja nicht läugnen; wenn Sinon auch unglücklich ist, so soll er doch nicht zum Lüg¬ ner werden. Vielleicht habt ihr etwas von dem euböischen Fürsten Palamedes gehört, der von den Griechen auf Odysseus' Anstiften abscheulicher Weise gesteinigt wurde, weil er den Feldzug gegen eure Stadt mißrieth: als sein Verwandter zog ich in diesen Krieg, arm und nach seinem Tod ohne Stütze. Und weil ich es wagte, mit Rache für die Ermordung meines Vetters zu drohen, zog ich den Haß des falschen Laertiaden auf mich und wurde diesen ganzen Krieg über von ihm geplagt. Auch ruhte er nicht, bis er mit dem lügnerischen Seher Kalchas meinen Unter¬ gang verabredet hatte. Als nämlich meine Landsleute die oft beschlossene und wieder aufgehobene Flucht endlich ins Werk setzten, und dieses hölzerne Pferd hier schon aufge¬ zimmert stand, schickten sie den Eurypylus zu einem Orakel des Apollo, weil sie am Himmel bedenkliche Wunder¬ zeichen beobachtet hatten. Dieser brachte aus dem Heilig¬ thum des Gottes den traurigen Spruch mit: „„Ihr habt bei eurem Auszuge die empörten Winde mit dem Blut einer Jungfrau versöhnt: mit Blut müßt ihr auch den Rückweg erkaufen und eine Griechenseele opfern.““ Dem Kriegsvolke lief ein kalter Schauder durch die Gebeine, als es dieses hörte. Da zog Odysseus den Propheten Kalchas mit großem Lärm in die Volksversammlung und bat ihn, den Willen der Götter zu offenbaren. Fünf Tage lang schwieg der Betrüger und weigerte sich heuch¬ lerisch, einen Griechen für den Tod zu bezeichnen. End¬ lich, wie gezwungen durch das Geschrei des Odysseus, nennt er meinen Namen. Alle stimmten bei, denn jeder war froh, das Verderben von seinem eigenen Haupte ab¬ gewendet zu sehen. Und schon war der Schreckenstag erschienen, ich wurde zum Opfer ausgeschmückt, mein Haupt mit den heiligen Binden umwunden, der Altar und das geschrotene Korn in Bereitschaft gehalten. Da zerriß ich meine Bande, entfloh und versteckte mich, bis sie abge¬ segelt waren, im Schilfrohr eines nahen Sumpfes. Dann kroch ich hervor und suchte ein Obdach unter dem Bauch ihres heiligen Rosses. In mein Vaterland und zu meinen Landsleuten kann ich nicht zurückkehren. Ich bin in eurer Hand, und von euch hängt es ab, ob ihr mir großmüthig das Leben schenken, oder mir den Tod geben wollt, der mich von der Hand meiner eigenen Volksgenossen bedroht hat.“ Die Trojaner waren gerührt, Priamus sprach gütige Worte zu dem Heuchler, hieß ihn die argen Griechen vergessen, und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wolle, was für eine Beschaffenheit es mit dem hölzernen Rosse habe, dem er so eben den Beinamen eines heiligen gegeben. Sinon hob seine, der Fesseln entledigten Hände gen Himmel und betete mit trügerischer Andacht: „Ihr Götter, denen ich schon geweiht war, du Altar und du verfluchtes Schwert, das mich bedrohte, ihr seyd mir Zeugen, daß die Bande, die mich an mein Volk bisher knüpften, zerrissen sind, und daß ich nicht frevle, wenn ich ihre Geheimnisse auf¬ decke! Von jeher war alle Hoffnung der Danaer in die¬ sem Kriege auf die Hülfe der Göttin Pallas Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel, den sie bei euch zu Troja hat, ihr Bild, das Palladium, entwendet worden — und zwar, was ihr Trojaner wohl zum erstenmal erfahret, durch die Hände schlauer Griechen, — ging Alles rückwärts, die Göttin war erzürnt, und das Glück hatte die Waffen der Da¬ naer verlassen. Da erklärte Kalchas, der Seher, auf der Stelle müßte man mit den Schiffen umkehren, um im Vaterlande selbst neue Befehle der Götter einzuholen. Ehe das Palladium an seine Stelle zurückgebracht sey, dürften sie auf keinen glücklichen Ausgang des Feldzuges hoffen. Dieß bewog die Danaer, die Flucht zu beschließen, welche sie nun auch wirklich ausgeführt haben. Zuvor aber er¬ bauten sie noch, auf den Rath ihres Propheten, dieses hölzerne Riesenpferd, das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn zu versöh¬ nen. Diese Maschine ließ Kalchas so unermeßlich in die Höhe bauen, wie ihr sehet, damit ihr Trojaner sie nicht durch eure Thore führen und in eure Stadt bringen könn¬ tet, weil auf diese Weise der Schutz der Minerva Euch zu Theil werden würde. Wenn hingegen eure Hand sich an dem geheiligten Pferde, als einem Ueberbleibsel eurer Feinde, vergriffe — dieß war es, was sie zu hoffen wag¬ ten — dann wäre euer und eurer Stadt Verderben gewiß. Und in dieser Zuversicht gedenken sie in kurzer Frist, sobald sie zu Argos die Götterbefehle vernommen, zurückzukehren, und hoffen, das Palladium der Göttin eurer eroberten Stadt zurückgeben zu können.“ Das Lügengewebe war so wahrscheinlich ersonnen, daß Priamus und alle Trojaner dem Betrüger Glauben schenkten. Minerva aber wachte über das Geschick ihrer Freunde, die in dem Rosse noch immer in banger Erwar¬ tung eingeschlossen saßen und seit der Warnung des Lao¬ koon in beständiger Todesangst schwebten. Die Helden wurden aus dieser Gefahr durch ein entsetzliches Wunder befreit. Eben jener Laokoon, der Priester des Apollo, hatte nach dem Tode des Neptunuspriesters auch diese Würde durchs Loos erhalten und opferte jetzt gerade am Meeresgestade dem Gott einen stattlichen Stier am Altare. Siehe, da kamen von der Insel Tenedos aus durch die spiegelglatte Meerfluth zwei ungeheure Schlangen gerudert und nahmen ihren Weg nach dem Ufer: ihre Brust und die blutrothe Mähne ragten aus dem Wasser hervor, der übrige Theil ihrer Leiber ringelte sich unter den Fluthen fort. Die See plätscherte unter ihrer Spur, und jetzt waren sie am Lande, züngelten und zischten und sahen sich mit feurigen Augen um. Die Trojaner, die noch immer in Menge um das Roß herum standen, wurden todtenblaß und ergriffen die Flucht, die Thiere aber nahmen ihre Rich¬ tung nach dem Uferaltare des Meergotts, wo Laokoon mit seinen zwei jungen Söhnen beim Opfer beschäftiget war. Zuerst wanden sie sich um die Leiber der beiden Knaben und bohrten ihren giftigen Zahn in ihr zartes Fleisch. Als die Verwundeten laut aufschrieen und der Vater selbst ihnen mit gezogenem Schwerte zu Hülfe kommen wollte, schlangen sie sich mit mächtigen Windun¬ gen auch diesem zwiefach um den Leib und überragten ihn bald mit ihren aufgerichteten Hälsen und zischenden Häup¬ tern. Seine Priesterbinde trof von Eiter und Gift. Ver¬ gebens bestrebte er sich, die Schlingen mit seinen Händen loszumachen, und inzwischen entfloh der schon getroffene Stier blutig und brüllend vom Altar und schüttelte das Beil aus dem Nacken. Laokoon erlag mit seinen beiden Kindern den Schlangenbissen, und nun schlüpften die Thiere in langen Krümmungen dem hochragenden Tempel der Minerva zu und bargen sich dort unter den Füßen und dem Schilde der Göttin. Das Trojanervolk sah in diesem gräßlichen Ereigniß eine Bestrafung der frevelhaften Zweifel seines Priesters. Ein Theil eilte der Stadt zu und riß die Mauern nieder, um dem unheilvollen Gaste den Weg zu bahnen, ein ande¬ rer fügte Räder an die Füße des Rosses, wieder andere drehten gewaltige Seile aus Werg und warfen sie dem hölzernen Riesenthier um den Hals. Dann zogen sie es im Triumphe nach der Stadt; Knaben und Mädchen, die Hand an die Seile gelegt, sangen in Chören feierliche Hymnen dazu. Als die Maschine über die erhöhten Thor¬ schwellen rollte, stockte viermal ihr Lauf und viermal dröhnte ihr Bauch wie von Erze. Aber die Trojaner wa¬ ren mit Blindheit geschlagen, und führten das Unge¬ heuer jubelnd auf ihre heilige Burg. Mitten unter der Raserei der öffentlichen Freude blieb nur das Gemüth und der Geistesblick der Seherin Kassandra, der gottbegabten Königstochter des trojanischen Hauses, ungetrübt. Nie sprach sie ein Wort aus, das nicht erfüllt worden wäre. Aber sie hatte das Unglück, niemals Glauben zu finden. So hatte sie auch jetzt unheilvolle Zeichen am Himmel und in der Natur beobachtet, und stürzte mit flatternden Haa¬ ren, vom Geiste der Weissagung getrieben, aus dem Königs¬ pallaste hervor: ihre Augen starrten in fieberischer Gluth, ihr Nacken wiegte sich hin und her, wie ein Zweig im Windhauche, sie holte einen tiefen Seufzer aus der Brust herauf und rief durch die Gassen der Stadt: „Ihr Elen¬ den, sehet ihr nicht, daß wir die Straße zum Hades hin¬ unterwandeln? daß wir am Rande des Verderbens stehen? Ich schaue die Stadt mit Feuer und Blut erfüllt, ich sehe es aus dem Bauche des Rosses hervorwallen, das ihr mit Jauchzen auf unsere Burg hinaufgeführt habt. Doch, ihr glaubet mir nicht, und wenn ich unzählige Worte spräche. Ihr seyd den Erinnyen geweiht, die Rache an euch neh¬ men wegen Helena's frevelhafter Ehe.“ Wirklich wurde die weissagende Jungfrau nur ver¬ lacht oder geschmäht, und hier und da sprach einer der Begegnenden zu ihr: „Hat dich denn die jungfräuliche Schaam ganz verlassen, Kassandra, bist du ganz irre ge¬ worden in deinem Geiste, daß du dich öffentlich auf den Straßen herumtreiben magst, und nicht siehest, wie die Menschen dich verachten, thörichte Schwätzerin? Kehre zurück in dein Haus, daß dich nicht Schlimmes treffe!“ Die Zerstörung Troja's. Die Trojaner überließen sich die halbe Nacht hindurch der Freude bei Schmaus und Gelage; Syringen und Flöten ertönten, Tanz und Gesang lärmten rings um her und dazwischen die bunt durcheinander schallenden Stimmen der Schmausenden. Die Becher wurden einmal über das andere bis zum Rande mit Wein gefüllt, mit beiden Händen erfaßt und leer getrunken, bis die Trinkenden zu stammeln anfingen und ihr Geist in dumpfe Betäubung versank. Endlich lagen sie Alle in tiefem Schlafe begraben, und die Mitternacht war herangekommen. Jetzt erhub sich Sinon, der mit andern Trojanern im Freien geschmaust und sich zuletzt schlafend gestellt hatte, von seinem Polster, schlich hinaus zu den Thoren, zündete eine Fackel an und ließ, dem Strande und der Insel Tenedos zugekehrt, den Schiffen der Griechen zum verabredeten Zeichen, ihren lodernden Brand in die Lüfte wehen. Dann löschte er sie wieder, schlich sich zu dem Pferde hin und pochte leise an den hohlen Bauch, wie ihn Odysseus geheißen hatte. Die Helden vernahmen den Laut; alle aber kehrten ihre Häupter lau¬ schend dem Odysseus zu: dieser ermahnte sie, leise und mit aller möglichen Vorsicht auszusteigen; er hielt die Un¬ geduldigsten zurück, öffnete ganz leise, nach dem Rathe des Epus, den Riegel der Thüre, streckte den Kopf ein wenig hinaus, und sandte seine spähenden Blicke 27 Schwab , das klass. Alterthum. ll . allenthalben umher, ob nicht einer der Trojaner erwacht sey. Dann, wie ein heißhungriger Wolf mit aller Vorsicht zwischen Hirten und Hunden hindurch in den Pferch schleicht, stieg er die Sprossen der Leiter herab, die Epus zugleich mit dem Pferde verfertigt und jetzt herunter gelassen hatte, und ein Held um den andern folgte ihm mit klopfendem Herzen. Als die Höhlung des Rosses sich ganz entleert hatte, schüttelten sie ihre Lanzen, zogen ihre Schwerter, und verbreiteten sich durch die Straßen und in die Häuser der Stadt. Ein gräßliches Gemetzel entstand unter den schlaftrunkenen und berauschten Trojanern; Feuerbrände wurden in ihre Wohnungen geschleudert und bald loder¬ ten die Dächer über ihren Häuptern. Zu gleicher Zeit trieb ein günstiger Fahrwind die Flotte der Griechen, die auf Sinons Fackelzeichen von Tenedos aufgebrochen war, in den Hafen des Hellespontes, und bald stürzte sich das ganze Heer der Danaer durch die breite Mauerlücke, durch welche Tags zuvor das Roß hereingezogen worden war, in die Stadt, von Kampfbegierde schnaubend. Jetzt erst erfüllte sich die eroberte Stadt recht mit Trümmern und Leichnamen, Halbtodte und Verstümmelte krochen zwischen den Leichen umher, nur hier und dort ward noch einem aufrecht Fliehenden die Lanze in den Rücken gestoßen. Das winselnde Heulen geängsteter Hunde scholl in den Straßen und mischte sich ins Stöhnen der Verwundeten und in die Wehklage der jammernden Frauen und un¬ mündigen Kinder. Doch war der Kampf für die Griechen selbst auch nicht unblutig, denn obgleich die meisten Feinde waffenlos waren, so wehrten sie sich doch so gut sie konnten. Die Einen schleuderten Becher, die Andern Tische, noch Andere frisch von dem Herde genommene Feuerbrände auf die eingedrungenen Danaer; Andere waffneten sich mit Bratspießen, Beilen und Streitäxten, was ihnen gerade unter die Hände kam; und so stießen die Griechen selbst, während sie mit Feuer und Schwert in der Stadt wüthe¬ ten, auf genug Todte und Sterbende der Ihrigen. Manche zerschmetterte auch ein Steinwurf von den Dächern, An¬ dere wurden von den Flammen der brennenden Häuser ergriffen, oder von zusammenstürzenden zerschmettert. Und als sie endlich die Burg des Priamus selbst stürmten, in welche sich viele Trojaner geflüchtet, und wo sich diese mit Rüstungen, Lanzen und Schwertern versehen hatten, kamen ihrer Viele im ordentlichen Kampfe durch die Hand der Feinde, die sich verzweifelt vertheidigten, ums Leben. Während des Kampfes wurde es in der Stadt mitten in der Nacht immer heller, denn der wachsende Brand der Häuser und Palläste und die vielen Fackeln, die hier und dort von den Achivern geschwungen wurden, leuchteten dem Kampfe; dadurch wurde aber auch dieser immer siche¬ rer und erbitterter, denn die Sieger fürchteten jetzt nicht mehr, den befreundeten Mann mit dem Feinde zu ver¬ wechseln, und nun traf ihr Racheschwert erst recht mit Auswahl die edelsten Helden der Trojaner. Diomedes schlug zum Tode den Koröbus, den Sohn des gewaltigen Mygdon, indem er ihm die Lanze in den Schlund stieß; dann den Eidam des greisen Trojaners Antenor, den gewalti¬ gen Speerschwinger Eurydamas. Hierauf kam ihm Ilio¬ neus, einer der ältesten Troer, entgegen; dieser sank vor dem gezückten Schwerte des griechischen Helden in die Kniee, und mit der einen Hand sein eigenes Schwert emporhebend, mit der andern das Knie des Siegers 27 * umfassend, rief er mit bebender Stimme: „Wer du auch seyest von den Achivern; laß von deinem Zorne! Kann ja dem Manne nur der Sieg über den Jüngeren, Kräftigeren Ruhm bringen! Darum, so gewiß du selbst dereinst ein Greis werden willst, schone des Greisen!“ Einen Augen¬ blick hielt Diomedes sein Schwert zurück und besann sich, dann aber stieß er es dem Gegner in die Kehle, mit den Worten: „Freilich hoffe auch ich mich des Alters zu freuen; jetzt aber brauche ich meine Kraft und sende alle meine Feinde zum Hades!“ So ging er hin und erschlug noch einen nach dem andern. Auf gleiche Weise wütheten Ajax der Lokrer und Idomeneus. Neoptolemus aber suchte sich die Söhne des Priamus aus und tödtete ihrer drei, dazu den Agenor, der einst mit seinem Vater Achilles den Kampf gewagt hatte. Endlich stieß er auf den König Priamus selbst, der an einem unter freiem Himmel errichteten Al¬ tare Jupiters in Gebeten lag. Gierig zückte Neoptolemus sein Schwert und Priamus blickte ihm furchtlos ins Auge: „Tödte mich,“ rief er, „Kind des tapfern Achilles; nach¬ dem ich so vieles ertragen, und fast alle meine Kinder sterben sah, wie möchte ich länger das Licht der Sonne schauen? O hätte mich schon dein Vater getödtet! So labe denn du dein muthiges Herz an mir, und entrücke mich allem Jammer!“ — „Greis,” erwiederte Neoptole¬ mus, „du ermahnest mich zu dem, wozu mich mein eigenes Herz antreibt!“ Und damit trennte er leicht das Haupt des ergrauten Greises vom Rumpfe, wie ein Schnitter in der Sommerhitze die Aehre auf dem trockenen Saatfelde abmäht: es rollte zu Boden weit hin und der Rumpf lag mit andern trojanischen Leichen vermischt. Grausamer noch verfuhren die gemeinen Krieger des griechischen Heeres; sie hatten im Pallaste des Königs den Astyanar auf¬ gefunden, Hektors zarten Sohn, rissen ihn aus den Armen der Mutter und schleuderten ihn, aus Haß gegen Hektor und sein Geschlecht, von der Zinne eines Thurmes hinab. Als er der Mutter entrissen wurde, rief diese den Räu¬ bern entgegen: „Warum stürzet ihr nicht auch mich von der schrecklichen Mauer herab, oder in die lodernden Flam¬ men? Seit mir Achilles den Gatten getödtet, lebte ich nur noch in unserm Kinde; befreit auch mich von der Qual eines längeren Lebens!“ Aber die Mörder erhörten sie nicht und gingen davon. So fand sich der Tod bald in diesem Hause ein, bald in jenem, und nur ein einziges verschonte er. Dieß war die Wohnung des greisen Trojaners Antenor, der einst den Menelaus und Odysseus, als sie nach Troja gekom¬ men waren, am Leben erhalten und gastfreundlich bewir¬ thet hatte. Dafür schenkten ihm jetzt die Danaer dankbar Leben und Besitzthum. Aeneas, der herrliche Held, der jüngst noch mit un¬ verwüstlicher Kraft beim Sturme der Stadt von den Mauern herab gekämpft hatte, als er die Stadt brennen sah, und nach langer, vergeblicher Gegenwehr dem Feinde, den er auch jetzt seinen Sieg theuer bezahlen ließ, weichen mußte, handelte, wie ein muthiger Schiffer im Sturm, der, nachdem er das Schiff lange gelenkt, endlich das hoffnungslos Verlorene den Wellen überläßt, und sich in ein Boot rettet. Er nahm den Vater Anchises auf die breiten Schultern, seinen Sohn Askanius an die Hand, und eilte davon. Der Knabe drängte sich dicht an den Vater und streifte mit den Füßen kaum die Erde; Aeneas aber sprang mit schnellem Fuß über unzählige Leichen hinweg, indem er den Sohn auf dem besseren Wege leitete; und Venus, seine Mutter, war mit ihm: denn wohin er seinen Fuß setzte, wichen ihm die Flammen aus, die Rauchwolken zertheilten sich, Pfeile und Wurfspieße, welche die Danaer gegen ihn schleuderten, fielen ohne zu treffen auf die Erde nieder. An andern Stellen raste der Mord. Menelaus fand vor den Gemächern seiner treulosen Gemahlin Helena den Diphobus, den Sohn des Priamus, der seit Hektors Tode die Stütze des Hauses und Volkes war, und welchem, nach dem Tode des Paris, Helena als Gemahlin zu Theile geworden war, noch in die Betäubung des nächt¬ lichen Freudengelages versenkt. Bei seiner Annäherung taumelte dieser vom Boden auf und flüchtete in die Gänge des Pallastes. Menelaus aber ereilte ihn, und stieß ihm den Speer in den Nacken. „Stirb du vor der Thüre meiner Gattin,“ rief er mit donnernder Stimme: „hätte doch meine Lanze den Unheilstifter, den Paris, also getroffen! Nun ist dieser schon längst geschlachtet; und du solltest dich meiner Gattin erfreuen, du Frevler? Wisse, daß kein Verbrecher dem Arme der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit, entgeht!“ So sprechend, stieß Menelaus den Leichnam auf die Seite, und ging hin, den Pallast zu durchforschen, denn sein Herz, von widerstreitenden Empfindungen bewegt, begehrte nach Helena, seiner Ge¬ mahlin. Diese hielt sich, vor dem Zorn ihres rechtmäßi¬ gen Gatten zitternd, in einem dunkeln Winkel des Hauses verborgen, und erst spät gelang es ihm, sie zu entdecken. Bei ihrem ersten Anblicke trieb ihn die Eifersucht, sie zu ermorden: aber Venus hatte sie mit holdem Liebreize ge¬ schmückt, stieß ihm das Schwert aus der Hand, verscheuchte den Grimm aus seiner Brust und erweckte in seinem Her¬ zen die alte Liebe. Es war ihm unmöglich, bei dem An¬ blicke ihrer überirdischen Schönheit das Schwert auf's Neue zu erheben; die Stärke brach ihm zusammen, und einen Augenblick vergaß er Alles, was sie verschuldet hatte. Da hörte er die den Pallast durchtobenden Argiver hinter sich, und ein Gefühl der Schaam ergriff ihn, indem er bedachte, daß er vor seinem treulosen Weibe nicht wie ein Rächer, sondern wie ein Sklave dastehe. Wider Wil¬ len raffte er das Schwert, das er auf die Erde geworfen, wieder auf, bezwang seine Neigung, und drang von Neuem auf die Gattin ein. Doch im Herzen war es ihm nicht Ernst, und willkommen erschien ihm daher sein Bruder Agamemnon, der, plötzlich hinter ihm stehend, die Hand auf seine Schulter legte, und ihm zurief: „Laß ab, lieber Bruder Menelaus! es ziemt sich nicht, daß du dein eheliches Weib, um welches wir so viele Leiden erduldet haben, erschlagest! Lastet doch die Schuld weniger auf Helena, wie mir däucht, als auf Paris, welcher so schnöde das Gastrecht gebrochen hat. Dieser aber, sein ganzes Geschlecht, sein ganzes Volk sind ja jetzt bestraft und vernichtet!“ So sprach Agamemnon, und Menelaus gehorchte ihm zögernd, aber mit Freuden. Während dieß auf Erden vorging, beklagten die Un¬ sterblichen, in dunkle Wolken eingehüllt, den Fall Troja's. Nur Juno, die Todfeindin der Trojaner, und Thetis, die Mutter des frühe dahingesunkenen Achilles, jauchzten im Herzen vor Lust auf. Pallas Athene selbst, der doch durch Troja's Untergang ihr Wille geschehen war, konnte sich der Thränen nicht enthalten, als sie sah, wie Ajax, der wilde Sohn des Oleus, in ihrem Heiligthum es wagte, die fromme Kassandra, ihre Priesterin, die sich in Athene's Tempel geflüchtet hatte, und ihre Bildsäule schutzflehend umarmt hielt, mit rohen Händen anzutasten und sie an den Haaren zerrend herauszuschleppen. Zwar durfte die Göttin die Tochter ihrer Feinde nicht unterstützen; aber die Wangen glühten ihr vor Schaam und vor Zorn; ihr Bildniß gab einen Ton, der Boden ihres Heiligthums dröhnte und den Blick vom Frevel abgekehrt, schwur sie in ihrem Herzen, die Frevelthat zu rächen. Lange noch dauerte der Brand und das Gemetzel. Die Flammensäule Troja's stieg hoch in den Aether hinauf und verkündete den Untergang der Stadt den Bewohnern der Inseln und den Schiffen, die hin und her das Meer besegelten. Menelaus und Helena. Polyxena. Bis zum Morgen waren sämmtliche Bewohner der Stadt niedergemacht oder gefangen. Die Danaer fanden nirgends mehr Widerstand, konnten sich der unermeßlichen Schätze der Stadt nach Behagen bemächtigen und brachten ihre Beute, aus Gold, Silber, Edelgesteinen, mannich¬ faltigem Hausrath, gefangenen Weibern, Mädchen und Kindern bestehend, an den Strand zu ihren Schiffen. Mitten unter dieser Schaar führte Menelaus seine Ge¬ mahlin Helena, nicht ohne Schaam, und doch im Herzen zufrieden über ihren wiedererlangten Besitz, aus dem bren¬ nenden Troja hinweg. Ihm zur Seite ging Agamemnon, sein Bruder, mit der hohen Kassandra, die er den wilden Armen des Ajax entrissen hatte; Hektors Gattin, Andro¬ mache, wurde vom Sohne des Achilles, Neoptolemus, fortgeführt; Hekuba, die Königin, die mühselig wandelte und unter lautem Jammer ihr graues, mit Asche bestreu¬ tes Haar ausraufte, schleppte Odysseus in die Gefangen¬ schaft. Unzählige Frauen der Trojaner folgten, junge und alte, hinter ihnen Mädchen und Kinder, und vermischt gingen die Mägde mit den Fürstentöchtern: den ganzen Weg entlang hallte Jammer und Schluchzen. Nur Helena stimmte nicht mit ein in die Klage, denn tiefes Schaam¬ gefühl hielt sie ab; sie heftete die dunkeln Augen auf den Boden, und ihre Wangen färbte ein fliegendes Roth. Im Innersten ihres Busens aber bebte ihr das Herz und eine entsetzliche Furcht ergriff sie, wenn sie an das Schick¬ sal dachte, das ihrer bei den Schiffen wartete; Todesblässe überzog ihre eben noch purpurrothen Wangen, schnell zog sie den dichten Schleier über das Haupt und wandelte zit¬ ternd an der Hand des Gatten. Aber als sie bei den Schiffen angelangt waren, staun¬ ten alle Danaer über die liebliche Schönheit der untadel¬ haften Gestalt, und sagten bei sich selbst, daß es wohl der Mühe werth gewesen sey, dem Völkerhirten Menelans um eines solchen Kampfpreises willen vor Troja zu folgen, und dort zehnjährige Mühseligkeiten und Gefahren auszu¬ halten. Und Keinem kam in den Sinn, Hand an das schöne Weib zu legen: sie ließen ihrem Führer den fried¬ lichen Besitz der Gattin, und das Herz des Fürsten Me¬ nelaus selbst hatte Aphrodite längst zur Verzeihung gestimmt. Bei den Schiffen herrschte jauchzende Lust: alle Helden saßen beim fröhlichen Mahle umher, in der Mitte saß ein des Cytherspiels kundiger Sänger, und rief dem Heere die Thaten seines größten Helden, des Achilles, in das Gedächtniß zurück. So dauerte die Fröhlichkeit bis in die Nacht; dann brachen sie auf, ein Jeglicher in sein Zelt. Als nun Helena mit ihrem Gemahl Menelaus allein in seinem Feldherrnzelte war, warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Kniee und sprach: „Ich weiß wohl, daß du ein Recht hättest, deine treulose Gattin mit dem Tode zu bestrafen! Aber bedenke, edler Gemahl, daß ich deinen Pallast zu Sparta nicht freiwillig verlassen habe; gewalt¬ sam entführte mich der trügerische Paris, als du eben ab¬ wesend von Hause warest und mir deinen männlichen Schutz nicht angedeihen lassen konntest. Und als ich selbst Hand an mich zu legen gedachte, und den Strick um mei¬ nen Hals zu winden, oder mir das Schwert in den Busen zu stoßen, da hielten mich die Dienerinnen des Hauses zurück, und beschworen mich, deiner selbst und unseres blühenden kleinen Töchterleins eingedenk zu seyn! Thue nun nach deinem Willen mit mir; ich liege als Reumü¬ thige und Schutzflehende zugleich zu deinen Füßen!“ Menelaus hob sie liebreich vom Boden auf und ant¬ wortete mit verständiger Mäßigung: „Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger Furcht: was geschehen ist, sey in die Nacht der Vergangenheit versenkt, und keines früheren Fehlers hinfort von mir gedacht.“ Damit schloß er sie in seine Arme und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte die Thräne süßer und wehmüthiger Rührung. Neoptolemus, der Sohn des Achilles, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe. Da trat zu ihm im Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz, wie er einst im Leben war, der Schrecken der Trojaner und die Freude der Griechen, küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen, und sprach: „Gräme dich nicht im Gemüthe, lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft mit den seligen Göttern, sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel im Kampfe wie im Rath: im Kampf sey immer der Erste; in der Rathsversammlung aber schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen. Im Uebrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater gethan, freue dich des Glückes und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne, wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind; denn das ganze Menschengeschlecht gleicht den Frühlings¬ blumen; die Einen wachsen, die Andern vergehen. Nun aber sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen Beute mir opfern, da¬ mit mein Herz sich auch am Untergange Troja's laben könne, und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle!“ Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl ertheilt hatte, verschwand der selige Geist aus dem Traume des Neopto¬ lemus wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser er¬ wachte und seinem freudig bewegten Gemüthe war, als hätte er mit dem lebendigen Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am andern Morgen sprangen die Danaer un¬ geduldig von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres Sinnes, und gerne hätten sie Augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre, und ihren Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte. „Höre, Volk der Danaer,“ rief er mit seiner jugend¬ lichen Kraftstimme, „was in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr sollet das Edelste und Beste der trojanischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten Stadt auch sättigen könne, und er des Siegerpreises nicht ver¬ lustig gehe. Eher sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den Todten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Troja's verdanket. Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmer¬ mehr so weit gekommen!“ Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu befolgen, und Neptunus, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Fluth zu mächtigem Sturme auf, so daß das Meer in thurmhohen Wellen aufbrauste, und die Griechen, auch wenn sie es gewollt hätten, nicht im Stande gewesen wären, den Strand zu verlassen. Als die Völker aber die empörte See erblickten und stür¬ men hörten, da flüsterten sie sich gegenseitig zu: „Ja, wahrhaftig stammte Achilles vom höchsten Jupiter ab: denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!“ Und so zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen, und ström¬ ten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Mee¬ resstrand hoch überragte, zu. Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste und Edelste der ganzen Beute Troja's? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber Alles musterte, da erbleichte Gold, Silber, Edelstein sammt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit der Jung¬ frau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königes Pria¬ mus, und nur Ein Ruf ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der ganzen trojanischen Beute sey. Die Jungfrau, als Aller Blicke sich auf sie richteten, erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekuba, der sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt. Polyxena hatte den herrlichen Helden Achilles manchesmal von den Mauern herab im Kampfe erblickt, und obgleich er ein Feind ihres Volkes war, so hatte seine göttliche Gestalt und seine herrliche Heldenkraft ihr doch das In¬ nerste bewegt. Ja, auch Achilles, so ging die Sage, habe, als er einst im Kampfe bis dicht vor die Thore der bela¬ gerten Stadt gedrungen, die holdselige Jungfrau auf den Zinnen der Mauer erblickt, und ihm sey das Herz in Nei¬ gung zu ihr entbrannt, daß er ausrief: „Priamus Tochter, würdest du mir zu Theile, wer weiß, ob ich deinem Vater nicht den Frieden mit den Danaern zu Wege zu bringen mich anheischig machen wollte!“ Zwar reute den Helden das Wort, so wie es der Zunge entflohen war: denn ihm fiel ein, was er Griechenland schuldig sey. Aber Polyxena, so erzählte das Gerücht, habe die Worte sich tief ins Herz gefaßt, und seitdem in geheimer Liebe für den Feind ihres Volkes gebrannt. Sey dem, wie ihm sey: die Jungfrau erblaßte nicht, als Aller Blicke, auf sie gerichtet, nur sie als das Opfer bezeichneten, das als der edelste Theil der trojanischen Beute dem größten Helden dargebracht zu werden allein würdig wäre. Der Altar vor dem Denkmale des Peliden stand aufgerichtet, und es fehlte nicht an Opfergeräthen aller Art. Da sprang die Königstochter aus der Schaar der gefangenen Frauen hervor, ergriff einen scharfgeschliffenen Stahl, der unter den andern Geräth¬ schaften bereit lag, und, wie ein Opfer vor dem Altare stehend, stieß sie sich den Dolch, ohne ein Wort zu spre¬ chen, ins Herz, und sank, ohne einen Seufzer aus der Brust, zu Boden. Ein Schrei der Wehklage ließ sich aus dem ganzen Argiverheere vernehmen. Hekuba, die greise Königin, warf sich laut weinend auf die Leiche der Tochter, und von Neuem hallte das laute Schluchzen unter der Schaar der gefangenen Trojanerinnen. In dem Augenblicke, wo Polyxena zusammensank und der purpurne Blutstrahl ihr aus der durchbohrten Brust drang, wurde das Meer ruhig, und seine Wellen ebneten sich in spiegelglatte Fläche. Neoptolemus eilte voll Mit¬ leid herbei, half die geopferte Jungfrau vom Altare weg¬ bringen, und sorgte dafür, daß sie mit königlichen Ehren bestattet wurde. In der Versammlung der Argiver aber erhub sich Nestor und sprach herzerfreuende Worte: „End¬ lich,“ rief der Greis, „ihr lieben Landsleute, ist die er¬ laubte Stunde der Heimkehr genaht; der Beherrscher des Meeres hat die Wogen gebändigt, nirgendsher erhebt sich die Fluth; Achilles ist zufrieden gestellt; er nimmt das Opfer Polyxena's an. Auf denn, lasset uns ernstlich an den Aufbruch denken, und ziehet die Schiffe ins Meer!“ Abfahrt von Troja. Ajax des Lokrers Tod. Es geschah unter Jubelruf, wie Nestor gerathen hatte; die Schiffe wurden fertig gemacht, sämmtliche Güter an Bord gebracht, die Gefangenen zuerst, weinend und weh¬ klagend, eingeschifft, alsdann folgten die Danaer selbst. Nur der Seher Kalchas schloß sich ihnen nicht an, er¬ mahnte sie vielmehr, die Fahrt noch nicht zu beginnen, denn sein wahrsagender Geist ließ ihn ein großes Un¬ heil ahnen, das die Griechen an den kapharischen Fel¬ sen bedrohe, welche ein Vorgebirge der Insel Euböa umgaben, an dem die Flotte auf ihrer Heimkehr nach Griechenland vorübersegeln mußte. Aber ihm folgte Kei¬ ner; das Verlangen nach der süßen Heimath hatte alle Herzen bethört; endlich zog Amphilochus, der Sohn des berühmten Sehers Amphiaraus, den der Boden vor Thebe verschlungen hatte, den Fuß, den er schon ins Schiff ge¬ setzt hatte, zurück. In seinem Geiste dämmerte die Se¬ hergabe seines Vaters auf, und er wurde sich gleicher Ahnung bewußt, wie Kalchas. So blieb er bei diesem zurück. Ihnen beiden war vom Schicksal bestimmt, das griechische Heimathland nicht wieder zu erblicken, sondern sie sollten in den cilicischen und pamphylischen Städten Kleinasiens sich ihre Wohnsitze gründen. Alle andern Achiver lösten indessen die Taue, mit welchen die Schiffe ans Land gebunden waren, und hoben eilig die Anker empor. Bald umspülte das freie Meer die Dahinsegelnden. Auf den Vordertheilen der Schiffe lagen überall Waffen erschlagener Feinde; unzählige Siegeszeichen hingen von den Masten herab; die Schiffe selbst waren bekränzt; Kränze hatten sich die Sieger um Schilde, Lanzen und Helme geflochten; so standen sie auf den Vorderver¬ decken und gossen Trankopfer goldenen Weines ins Meer, indem sie voll Inbrunst zu den Göttern um eine Zurück¬ kunft flehten, mit der ihnen kein Unheil verbunden wäre. Aber ihr Gebet war nichtig; Lust und Winde trugen es fort von den Schiffen, und zerstreuten es in die Lüfte, bevor es sich in den Olymp emporschwingen konnte. Wie die Helden nun voll Hoffnung und Sehnsucht vorwärts blickten, so schauten die gefangenen trojanischen Frauen und Jungfrauen mit bekümmertem Herzen rückwärts nach dem rauchenden Troja und verstohlener Weise seufz¬ ten und weinten sie den verhaltenen Schmerz aus. Die Mädchen hatten die Hände in den Schooß gefaltet, die jungen Frauen hielten Kinder in den Armen. Diese aber dachten nur an die Mutterbrust und fühlten ihr Unglück noch nicht. In der Mitte anderer Gefangenen stand Cas¬ sandra, und ihr edler Wuchs ragte hoch über die Andern hervor. Aber ihr Auge war thränenlos und sie spottete der Klage, die rings um sie her ertönte, denn jetzt war geschehen, was sie geweissagt hatte, und worüber sie von den Jammernden verlacht worden war. Nun höhnte wohl ihr Mund die Mitgefangenen, aber ihr Herz blutete heimlich über dem Unglücke der zerstörten Vaterstadt. Unter den Trümmern Troja's irrten wenig übrig¬ gebliebene Einwohner, schwache Greise oder verwundete Männer, Antenor an ihrer Spitze, einher. Dieser führte sie zu dem schmerzlichen Werke der Leichenbestattung an, das nur langsam vor sich ging, denn der Todten waren so viele und der Lebenden nur wenige. Diese Wenigen bauten an einem unermeßlichen Holzstoße, und als er fer¬ tig war, legten sie alle Leichen der Ihrigen mit einander darauf und zündeten den Scheiterhaufen unter Thränen und Wehklagen an. Die Danaer hatten indessen bald das Grabmal des Achilles und die trojanische Küste im Rücken. Obwohl sie aber immer fröhlicheren Muthes wurden, mischte sich doch auch die Wehmuth in ihre Freude, wenn sie an die vielen gefallenen Freunde dachten. Eine Küste und eine Insel um die andere flog an ihrem Blicke vorüber: Tenedos, Chrysa, das Orakel des Phöbus, die heilige Cilla, Lesbos die Insel, das Vorgebirge Lektos, endlich der äußerste Vorsprung des Vorgebirges. Die Winde sausten in die Segel, die Fluth rauschte, schwarz rollten die Wellen daher und weiß dehnte sich über das Meer hin ihr schäumender Pfad, wenn sie an den Schiffen sich gebrochen hatten. Die Sieger hätten auch wirklich die Küste Griechenlands glücklich erreicht, wenn nicht Pallas Athene über der Unthat des Lokrers Ajax ihnen gegrollt hätte. Als sie nun an die stürmische Küste von Euböa gelangt waren, sann die Göttin darauf, dem Sohne des Oleus ein trauriges, unbarm¬ herziges Loos zu bereiten. Sie hatte dem Göttervater im Olymp den Frevel geklagt, den er in ihrem eigenen Tem¬ pel an ihrer Priesterin Cassandra begangen hatte, und begehrte Rache an dem Verbrecher zu nehmen. Und Ju¬ piter, der Verwalter der Gerechtigkeit auf Erden, setzte sich ihren Wünschen nicht entgegen; er legte vielmehr neben die Jungfrau die frischesten Donnerkeile der Cyklopen, die eben aus der Esse gekommen waren, und erlaubte seiner Tochter, den Griechen einen verderblichen Sturm zu erregen. Alsbald waffnete sich Minerva, legte den schimmernden Schwab , das klass. Alterthum. II . 28 Aegispanzer an, in dessen Mitte das Gorgonenhaupt mit den feurigen Schlangenhaaren starrte, und faßte eines der Geschosse des Vaters, die zu ihren Füßen lagen, wie es ausser dem großen Jupiter sonst kein Gott aufzuheben ver¬ mag. Dann ließ sie den Olymp von Donnerschlägen er¬ beben, goß Wolken rings um die Berge, und hüllte Meer und Land in Finsterniß. Hierauf schickte sie ihre Botin Iris zu Aeolus, dem Gott der Winde, hinab, da, wo in den Abgründen der Erde die Höhle der Winde sich befindet, an welche die Wohnung des Aeolus stößt. Die Botschafterin Athene's traf den Fürsten der Stürme bei seiner Gemahlin und seinen zwölf Kindern daheim; er vernahm den Befehl, und gehorchte auf der Stelle. Mit rüstigen Händen stieß er den großen Dreizack in den Berg ein, wo die Behau¬ sung der tosenden Winde ist, und riß den Hügel mit Ge¬ walt auf. Die Stürme stürzten, wie Jagdhunde, sogleich aus der Oeffnung hervor; er aber befahl ihnen, sich sofort zu einem einzigen, finstern Orkane zu vereinen, und nach der Brandung der kapharischen Felsen zu fliegen, welche die Küste von Euböa umlagern. Noch ehe sie vollständig das Wort ihres Königes vernommen, machten sich die Winde auf den Weg; die Meerfluth stöhnte unter ihnen; wie Berge wälzten sich die Wogen einher, und den Argivern brach der Muth im Herzen zusammen, als sie den Meerschwall thurm¬ hoch gegen sich anrücken sahen. Bald war nicht mehr an das Rudern zu denken; die Segel hatte der Sturm zerrissen, daß Fetzen herunter hingen; zuletzt erlahmte auch die Kraft der Steuermänner; die finsterste Nacht brach ein, und mit ihr verschwand jede Hoffnung der Rettung. Auch Poseidon half seiner Bruderstochter Pallas, und diese raste ohne Erbarmen vom Olymp mit Blitzen daher, die vom krachendsten Donner begleitet waren. Wehklagen und Stöhnen scholl von den Schiffen; hier und dort borst das Gebälke eines Fahrzeuges, wenn es vom Sturme gewaltsam an ein stärkeres geschleudert worden war, und diejenigen, die dem Stoße herstürzender Schiffe durch Rudern zu entgehen versuchten, wurden vom Wind in die Tiefe ge¬ rissen. Endlich schleuderte Athene den schärfsten Donner¬ keil, den sie zu diesem Gebrauche besonders aufgespart hatte, in das Schiff des Ajax, daß es auf der Stelle hierhin und dorthin in Splitter sprang; Erde und Luft hallten von dem Knall, und die Wogen umkreisten das berstende Schiff. Schaarenweise stürzten aus diesem die Menschen in die Fluth und wurden von den Wellen ver¬ schluckt. Ajax selbst jedoch schwamm bald auf einem der Balken des Schiffes, die auf den Wellen hier und dort zerstreut daher fuhren: bald zertheilte sein nervigter Arm die Woge, die sich vor dem kräftigen Schwimmer spaltete; jetzt trug ihn eine mächtige Welle wie zum Gipfel eines himmelhochragenden Berges, jetzt schleuderte sie ihn wieder hinab in den tiefsten Abgrund. Von allen Seiten fuhr der Blitz neben ihm einschlagend und zischend in die Flu¬ then, aber noch war es Athene's Wille nicht, daß der Tod sich über ihn erbarme. Auch war sein Muth noch nicht erschöpft; er ergriff ein aus den Wellen hervorra¬ gendes Felsstück und vermaß sich, wenn auch alle olym¬ pische Götter herangezogen kämen, und die Fluthen gegen ihn aufreizten, so sollte ihm doch die Rettung nicht mi߬ lingen. Diese Prahlerei hörte der Erderschütterer Neptunus, dessen Gottheit dem Ringenden am Nächsten war, mit Unwillen. Im heftigsten Zorn erschütterte er Meer und 28 * Erde zugleich; die Felsabhänge des Vorgebirges Kaphareus erbebten und die Gestade donnerten ringsumher unter der Peitsche des Herrschers. Da wurde zuletzt der mächtige Felsblock, an welchen sich Ajax mit den Händen ange¬ klammert hielt, vom Grunde losgerüttelt, und mit ihm der Lokrer wieder ins Meer hinausgestoßen, daß der an¬ spülende Schaum ihm Haupt und Barthaar weiß färbte. Auf den Versinkenden stürzte Neptunus noch einen losge¬ rissenen Erdhügel des Vorgebirges, daß der Scheitel des¬ selben den Lokrerfürsten, wie einst der Aetna den Enceladus, deckte. So unterlag er, von der Erde und vom Meere zugleich bezwungen. Die Schiffe der Danaer irrten indessen schwankend und leck auf der stürmenden See umher; viele waren ge¬ borsten, viele von den Wogen verschlungen; die Meer¬ fluth tobte fort und der Regen strömte herab, als drohte dem nahen Lande eine zweite deucalionische Fluth. Jetzt wurde auch noch die Steinigung des Palamedes an den unglücklichen Griechen gerächt. Auf Euböa herrschte näm¬ lich noch immer der Vater dieses Helden, Nauplius. Als dieser an seiner Küste die griechische Flotte erblickte, die mit dem fürchterlichen Sturme rang, gedachte er der hin¬ terlistigen Ermordung seines geliebten Sohnes, um welchen er nun so viele Jahre trauerte. Die Rachelust war in seinem Herzen nie eingeschlummert, und jetzt endlich hoffte er sie büßen zu können. Er eilte an den Strand, ließ längs des kapharischen Vorgebirges, den gefährlichsten Klippen gegenüber, brennende Fackeln aufstecken, und machte dadurch in den Griechen den Glauben rege, daß es Rettungszeichen seyen, welche mitleidige Uferbewohner für sie aufgepflanzt hätten. In dieser Hoffnung steuerten die Danaer mit Begierde auf die Klippen zu, und viele ihrer Schiffe fanden hier den Untergang. Zugleich ergoß sich das Meer vor Troja, auf des grollenden Poseidon Befehl, über sein Gestade, und zer¬ störte alle Bollwerke und Mauern, welche die Griechen bei ihren Schiffen und vor der belagerten Stadt aufgeführt hatten. Und so war bald von der ungeheuren Unterneh¬ mung nichts mehr übrig, als der Schutthaufen Troja's und einige Schiffe voll zurückkehrender Helden und gefan¬ gener Trojanerinnen, die, vom Sturme da und dorthin zerstreut, mit Mühe und nach langen und mannichfaltigen Drangsalen die Küsten Griechenlands wieder erreichten, wo nur weniger Sieger ungetrübte Glückseligkeit wartete. Gedruckt auf einer Schnellpresse von König und Bauer in der J. B. Metzler ’schen Buchdruckerei. Der erste Theil des vorliegenden Werkes, 27 Bogen stark, mit einem Titelbilde nach Paul Veronese, enthält in sechs Büchern folgende Sagen: l . Prometheus. Die Menschenalter. Deukalion und Pyrrha. Jo. Phaethon. Europa. Kadmus. Pentheus. Perseus. Jon. Dädalus und Ikarus. II . Die Argonautensage. III . Meleager und die Eberjagd. Tantalus. Pelops. Niobe. Salmoneus. IV . Die Herkulessage. V . Bellerophontes. Theseus. Die Sage von Oedipus. VI . Die Sieben gegen Thebe. Die Epigonen. Alkmäon und das Halsband. Die Sage von den Herakliden. und ist zu dem Preise von 1 Thlrn. — fl. 2. 20. für geheftete Exemplare, und 1 Thlrn. — fl. 2. 40. für ge¬ bundene Exemplare auf feinem Velinpapier, durch alle solide Buchhandlungen stets zu erhalten. Die Verlagshandlung .