Gustav Schwab, die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Erster Theil. Mit einem Titelbilde. Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern von Gustav Schwab. Erster Theil. Mit einem Titelbilde. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1838. Vorwort . Es ist eine schöne Eigenthümlichkeit der Mythen und Heldensagen des klassischen Alterthums, daß sie für die Blicke des Forschers und für das Auge der Einfalt einen zwar verschiedenartigen, aber doch gleich mächtigen Reiz haben. Während der Gelehrte in ihnen den Anfängen alles menschlichen Wissens, den Grundgedanken der Religion und Philosophie, der ersten Morgendämmerung der Geschichte nachgeht, entzückt den unbefangenen Betrachter die Entfaltung der reichsten Ge¬ stalten, das Schauspiel einer gleichsam noch in der Schöpfung begrif¬ fenen Natur und Geisterwelt; er sieht mit Lust und Bewunderung die Erde mit Göttern und Göttersöhnen aus dem Chaos emporsteigen und in raschen Bilderreihen den Prometheusfunken im Menschen den Kampf mit der Barbarei beginnen, die Cultur der Wildniß, die Bildung der Barbarei, die Vernunft oder die Nothwendigkeit der Leidenschaft den Sieg abringen. Die innere lebendige Kraft dieser Bilder ist auch so groß, daß dieselbe nicht von der vollendeten Kunstgestalt abhängig erscheint, in welcher wir einen guten Theil jener Gebilde von den größten Dichtern verarbeitet besitzen, sondern daß die schlichteste Darstellung genügt, ihre Größe auch vor denjenigen zu entfalten, für welche die Kunstform eher ein Hemmniß als eine Förderung des Verständ¬ nisses seyn muß. In diesem Fall ist die Jugend im Beginn ihrer klassischen Bildung. Die Heroensage, von der ihre Phantasie mit dem ersten Unterrichte in den Sprachen der Alten Bruchstücke auf¬ nimmt, übt einen Zauber über ihren Geist, lang ehe sie im Stande ist, dieselbe in den Schöpfungen der Dichter zu fassen. Nähere Be¬ kanntschaft mit diesen Mythen wird sogar als Vorschule für die höhere Bildung ein frühzeitiges Bedürfniß, das auch unsre Literatur längst gefühlt hat und dem sie durch Hülfsbücher aller Art bald in wissen¬ schaftlich belehrender, bald in unterhaltender Form abzuhelfen gesucht hat und noch sucht. In vorliegendem Buche nun wird der Versuch gemacht, die schön¬ sten und bedeutungsvollsten Sagen des klassischen Alterthums den al¬ ten Schriftstellern und vorzugsweise den Dichtern einfach und vom Glanze künstlerischer Darstellung entkleidet, doch, wo immer mög¬ lich , mit ihren eigenen Worten nachzuerzählen. Man ist längst von der Ansicht zurückgekommen, daß diese auf mythischem Boden spie¬ lende und von Mythen durchwobene Geschichten zum Mittel dienen könnten, der Jugend gelegentlich historische, geographische und natur¬ wissenschaftliche Kenntnisse beizubringen und daß man sie gar zum Vehikel eines moralischen Lehrkurses gebrauchen dürfe. Die Moral, die auch der antiken Weltanschauung nicht fehlte, muß in der Dar¬ stellung selbst empfunden werden, und auf das Einseitige und in wesentli¬ chen Stücken Irrthümliche derselben, auf ihre Unzulänglichkeit gegen¬ über der Offenbarung des Christenthums, wird eine mündliche Unter¬ weisung des Vaters oder Lehrers den jungen Leser besser aufmerksam machen, als das Buch selbst, das von demselben zunächst nur mit der Absicht, sich eine angenehme und doch würdige Erholung zu ver¬ schaffen, in die Hand genommen werden soll. Nur dafür hat der Verfasser gesorgt, daß alles Anstößige entfernt bleibe, und deßwegen unbedenklich alle diejenigen Sagen ausgeschlossen, in welchen unmensch¬ liche Greuel erzählt werden, die nur eine symbolische Erklärung gewis¬ sermaßen entschuldigt, die aber als Geschichte dargestellt — als welche der Jugend diese Sagen doch gelten müßen — nur einen empörenden Eindruck auf sie machen könnten. Wo aber unsern höheren Begriffen von Sittlichkeit widerstrebende oder auch schon im Alterthum als unsittlich und widernatürlich anerkannte Verhältnisse (wie in der Oedipussage) in einer ihrer Totalrichtung nach hochsittlichen Mythe nicht verschwiegen werden konnten, glaubt solche der Bearbeiter dieser Sagen auf eine Weise angedeutet zu haben, welche die Jugend weder zum Ausspinnen unedler Bilder noch zum Grübeln der Neu¬ gier veranlaßt. Vorausgesetzt wird bei diesem Buche nur die allge¬ meinste Kenntniß der griechisch-römischen Mythologie und Vorzeit, wie sie die Schulbildung unsrer vaterländischen Jugend bei Zeiten verschafft. Das ganze Werk ist auf drei Bände berechnet, wovon der zweite die Geschichten von Troja, der dritte und letzte die Sagen von Ulysses und Aeneas enthalten wird. Stuttgart, im Septbr. 1837. G. Schwab. Inhalts-Uebersicht. Erstes Buch. Seite. Prometheus 3. Die Menschenalter 11. Deukalion und Pyrrha 15. I o 20. Phaethon 29. Europa 35. Kadmus 44. Pentheus 49. Perseus 58. Ion 67. Dädalus und Ikarus 82. Zweites Buch. Seite. Die Argonautensage . Jason und Pelias 91. Anlaß und Beginn des Argonautenzuges 93. Die Argonauten zu Lemnos 96. Die Argonauten im Lande der Dolionen 101. Herkules zurückgelassen 10. Pollux und der Bebrykenkönig 106. Phineus und die Harpyien 108. Die Symplegaden 112. Weitere Abentheuer 114. Jason im Pallaste des Aeetes 119. Medea und Aeetes 122. Der Rath des Argos 126. Medea verspricht den Argonauten Hülfe 130. Jason und Medea 132. Jason erfüllt des Aeetes Begehr 138. Medea raubt das goldene Vließ 144. Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea 148. Weitere Heimfahrt der Argonauten 154. Neue Verfolgung der Kolchier 160. Letzte Abentheuer der Helden 162. Jasons Ende 170. Drittes Buch. Seite. Meleager und die Eberjagd 179. Tantalus 185. Pelops 187 Riobe 191. Salmoneus 198. Viertes Buch. Aus der Herkulessage . Herkules der Neugeborne 201. Die Erziehung des Herkules 203. Herkules am Scheidewege 204. Des Herkules erste Thaten 208. Herkules im Gigantenkampf 210. Herkules und Eurystheus 214. Die drei ersten Arbeiten des Herkules 215. Die vierte Arbeit des Herkules bis zur sechsten 220. Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herkules 225. Die drei letzten Arbeiten des Herkules 229. Herkules und Eurytus 238. Herkules bei Admetus 240. Herkules im Dienste der Omphale 248. Die späteren Heldenthaten des Herkules 252. Herkules und Deanira 256. Herkules und Ressus 258. Herkules, Jole und Deanira. Sein Ende 260. Fünftes Buch. Seite. Bellerophontes 271. Theseus . Seine Geburt und Jugend 277. Seine Wanderung zum Vater 280. Theseus in Athen 283. Theseus bei Minos 285. Theseus als König 290. Der Amazonenkrieg 293. Theseus und Pirithous. Lapithen- und Centaurenkampf 294. Theseus und Phädra 299. Theseus auf Frauenraub 306. Theseus' Ende. 308. Die Sage von Oedipus . Des Oedipus Geburt, Jugend, Fluch, Vatermord 312. Oedipus in Theben, heirathet seine Mutter 316. Die Entdeckung 318. Jokaste und Oedipus strafen sich 324. Oedipus und Antigone 326. Oedipus auf Kolonos 328. Oedipus und Theseus 333. Oedipus und Kreon 335. Oedipus und Polynices 337. Sechstes Buch. Seite. Die Sieben gegen Thebe . Polynices und Tydeus bei Adrast 345. Auszug der Helden. Hypsipyle und Opheltes 348. Die Helden vor Thebe angekommen 352. Menökeus 355. Der Sturm auf die Stadt 359. Der Brüder Zweikampf 363. Kreon's Beschluß 368. Antigone und Kreon 371. Hämon und Antigone 372. Kreon's Strafe 375. Bestattung der Thebanischen Helden 377. Die Epigonen 379. Alkmäon und das Halsband 382. Die Sage von den Herakliden . Die Herakliden kommen nach Athen 386. Demophoon 388. Makaria 393. Die Rettungsschlacht 395. Eurystheus vor Alkmene 399. Hyllus, sein Orakel und seine Nachkommen 401. Die Herakliden theilen den Peloponnes 406. Merope und Aepytus 408. Erstes Buch . Prometheus. — Die Menschenalter. — Deuka¬ lion und Pyrrha. — Io. — Phaethon. — Europa. — Kadmus. — Pentheus. — Perseus. — Ion. — Dädalus und Ikarus. Schwab, das klass. Alterthum. I . 1 Prometheus. Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Thieren. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Woh¬ nung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten Göttergeschlechtes, das Jupiter entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranussohnes Japetus, kluger Erfindung voll. Dieser wußte wohl, daß im Erdboden der Same des Himmels schlummere; darum nahm er vom Thone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde, nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Diesen sei¬ nen Erdenkloß zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Thierseelen gute und böse Eigenschaften und schloß sie in die Brust des Menschen ein. Unter den Himmli¬ schen hatte er eine Freundin, Minerva, die Göttin der Weisheit. Diese bewunderte die Schöpfung des Titanen¬ sohnes und blies dem halbbeseelten Bilde den Geist, den göttlichen Athem ein. So entstanden die ersten Menschen und füllten bald vervielfältigt die Erde. Lange aber wußten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und des empfangenen Götterfunkens bedienen sollten. Sehend sahen sie umsonst, 1 * hörten hörend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher, und wußten sich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbe¬ kannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem ge¬ fällten Holze des Waldes zu zimmern, und mit allem die¬ sem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnen¬ losen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von bewegli¬ chen Ameisen: nicht den Winter, nicht den blüthenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten sie an sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrich¬ teten. Da nahm sich Prometheus seiner Geschöpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne be¬ obachten, erfand ihnen die Kunst zu zählen, die Buchsta¬ benschrift; lehrte sie Thiere ans Joch spannen und zu Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Rosse an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben sorgte er den Men¬ schen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zuträglich sey, kannte kein Salböl zur Linderung seiner Schäden; sondern aus Mangel an Arzneien starben sie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung mil¬ der Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er sie die Wahrsagerkunst, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau. Fer¬ ner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ sie hier das Erz, das Eisen, das Silber und das Gold entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten und Künste des Lebens leitete er sie ein. Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit Kur¬ zem Jupiter, der seinen Vater Kronos entthront, und das alte Göttergeschlecht, von welchem auch Prometheus abstammte, gestürzt hatte. Jetzt wurden die neuen Götter aufmerksam auf das ebenentstandene Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen sie demselben angedei¬ hen zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Grie¬ chenland ward ein Tag gehalten zwischen Sterblichen und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Men¬ schen bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Pro¬ metheus als Anwalt seiner Menschen, dafür zu sorgen, daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzulästige Gebühren auferlegen möch¬ ten. Da verführte den Prometheus seine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen seiner Geschöpfe einen großen Stier, davon sollten die Himmli¬ schen wählen, was sie für sich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerstückelung des Opferthieres zwei Hau¬ fen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefaßt, auf die andere die kahlen Knochen, künstlich in das Unschlitt des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieser Haufen war der größere. Jupiter der Göt¬ tervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und sprach: „Sohn des Japetus, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich hast du die Theile getheilt!“ Pro¬ metheus glaubte jetzt erst recht, daß er ihn betrogen, lä¬ chelte bei sich selbst und sprach: „Erlauchter Jupiter, größter der ewigen Götter, wähle den Theil, den dir dein Herz im Busen anräth zu wählen.“ Jupiter er¬ grimmte im Herzen, aber geflissentlich faßte er mit bei¬ den Händen das weiße Unschlitt. Als er es nun aus¬ einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, stellte er sich an, als entdeckte er jetzt eben erst den Be¬ trug und zornig sprach er: „Ich sehe wohl, Freund Ja¬ petionide, daß du die Kunst des Truges noch nicht ver¬ lernt hast!“ Jupiter beschloß sich an Prometheus für seinen Betrug zu rächen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer . Doch auch dafür wußte der schlaue Sohn des Japetus Rath. Er nahm den langen Stängel des markigen Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬ gen, und setzte so den Stängel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬ schen emporsteigen sah. Sofort formte er, zum Ersatz für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für sie. Der sei¬ ner Kunst wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen; Minerva selbst, die, auf Prometheus eifersüchtig, ihm ab¬ hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, schim¬ merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Gesicht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬ theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit frischen Blumen und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬ falls Vulkanus seinem Vater zu lieb kunstreich verfertigt und mit bunten Thiergestalten herrlich verziert hatte. Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Also hatte Jupiter unter der Gestalt eines Gutes ein blendendes Uebel geschaffen, und nannte sie Pandora , das heißt die Allbeschenkte , denn jeder der Unsterblichen hatte dem Mägdlein irgend ein unheilbringendes Geschenk für die Menschen mitgegeben. Darauf führte er die Jung¬ frau hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Göttern lustwandelten. Alle mit einander bewunder¬ ten die unvergleichliche Gestalt. Sie aber schritt zu Epi¬ metheus, dem argloseren Bruder des Prometheus, ihm das Geschenk Jupiters zu bringen. Vergebens hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom Olympischen Jupiter anzunehmen, damit dem Menschen kein Leid dadurch widerführe, sondern es sofort zurück¬ zusenden. Epimetheus, dieses Wortes uneingedenk, nahm die schöne Jungfrau mit Freuden auf, und empfand das Uebel erst als er es hatte. Denn bisher lebten die Ge¬ schlechter der Menschen, von seinem Bruder berathen, frei vom Uebel, ohne beschwerliche Arbeit, ohne quälende Krankheit. Das Weib aber trug in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel zurück, und alsbald entflog dem Gefässe eine Schaar von Uebeln und verbreitete sich mit Blitzesschnelle über die Erde. Ein einziges Gut war zu unterst in dem Fasse verborgen, die Hoffnung; aber auf den Rath des Götter¬ vaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe sie her¬ ausflattern konnte und verschloß sie für immer in dem Gefäß. Das Elend füllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei Tag und bei Nacht unter den Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Jupiter hatte ihnen keine Stimme gege¬ ben; eine Schaar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen be¬ schleichend, beflügelte seinen Schritt. Darauf wandte sich Jupiter mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Vulkanus, und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Diese mußten ihn in die scythischen Einöden schleppen und hier, über einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Caucasus mit unauflöslichen Ketten schmieden. Ungerne vollzog Vul¬ kanus den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Tita¬ nensohne den verwandten Abkömmling seines Urgroßva¬ ters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling. Unter mitleidsvollen Worten, und von den roheren Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen. So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht, schlaflos, niemals im Stande, das müde Knie zu beugen. „Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden,“ sagte Vulkanus zu ihm, „denn Jupiters Sinn ist unerbittlich und alle die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen Jupiter hatte den Kronos (Saturn) seinen Vater, und mit ihm die alte Goͤtterdynastie, gestuͤrzt und sich des Olymps mit Ge¬ walt bemaͤchtigt. Japetos und Kronos waren Bruͤder, Pro¬ metheus und Jupiter Geschwisterkinder. , sind hartherzig.“ Wirk¬ lich sollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtausend Jahre dauern. Obwohl laut aufseufzend, und Winde, Ströme, Quellen und Meereswellen, die All¬ mutter Erde und den allschauenden Sonnenkreis zu Zeu¬ gen seiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten Sinnes. Was das Schicksal beschlossen hat, sprach er, muß derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Nothwendigkeit einsehen gelernt hat.“ Auch ließ er sich durch keine Drohungen Jupiters bewegen, die dunkle Weissagung, daß dem Götterherrscher durch einen neuen Ehebund Mit der Thetis. Verderben und Untergang bevorstehe, näher auszudeuten. Jupiter hielt Wort; er sandte dem Gefes¬ selten einen Adler, der als täglicher Gast an seiner Le¬ ber zehren durfte, die sich, abgewaidet, immer wieder er¬ neuerte. Diese Qual sollte nicht eher aufhören, bis ein Ersatzmann erscheinen würde, der durch freiwillige Ueber¬ nahme des Todes, gewissermaßen sein Stellvertreter zu werden sich erböte. Jener Zeitpunkt erschien früher, als der Verurtheilte nach Jupiters Spruch erwarten durfte. Als er dreißig Jahre an dem Felsen gehangen, kam Herkules des Weges, auf der Fahrt nach den Hesperiden und ihren Aepfeln begriffen. Wie er den Götterenkel am Caucasus hängen sah, und sich seines guten Rathes zu erfreuen hoffte, er¬ barmte ihn sein Geschick, denn er sah zu, wie der Adler, auf den Knieen des Prometheus sitzend, an der Leber des Unglückseligen fraß. Da legte er Keule und Löwen¬ haut hinter sich, spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und schoß den grausamen Vogel von der Leber des Ge¬ quälten hinweg. Hierauf löste er seine Fesseln und führte den Befreiten mit sich davon. Damit aber Jupiters Bedingung erfüllt würde, stellte er ihm als Ersatzmann den Centauren Chiron, der erbötig war an Jenes Statt zu sterben; denn vorher war er unsterblich. Auf daß jedoch Jupiters Urtheil, der den Prometheus auf weit längere Zeit an den Felsen gesprochen hatte, auch so nicht unvollzogen bliebe, so mußte Prometheus fortwäh¬ rend einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen von jenem Caucasus-Felsen befand. So konnte sich Jupiter rühmen, daß sein Feind noch immer an den Caucasus angeschmiedet lebe. Die Menschenalter Diese Sage ist unabhaͤngig von der vorigen, und stimmt nicht mit ihr uͤberein. . Die ersten Menschen, welche die Götter schufen, wa¬ ren ein goldenes Geschlecht. Diese lebten, so lange Kro¬ nos (Saturnus) dem Himmel vorstand, sorgenlos und den Göttern selbst ähnlich, von Arbeit und Kummer entfernt. Auch die Leiden des Alters waren ihnen unbekannt; an Händen, Füßen und allen Gliedern immer rüstig, freuten sie sich, von jeglichem Uebel frey, heiterer Gelage. Die se¬ ligen Götter hatten sie lieb und schenkten ihnen auf rei¬ chen Fluren stattliche Heerden. Wenn sie verscheiden sollten, sanken sie nur in sanften Schlaf. So lange sie aber lebten, hatten sie alle möglichen Güter, das Erdreich gewährte ihnen alle Früchte von selbst und im Ueberflusse, und ruhig mit allen Gütern gesegnet, vollbrachten sie ihr Tagewerk. Nachdem jenes Geschlecht nach dem Beschlusse des Schicksals von der Erde verschwunden war, wurden sie zu frommen Schutzgöttern, welche, dicht in Nebel ge¬ hüllt, die Erde rings durchwandelten, als Geber alles Guten, Behüter des Rechts, und Rächer aller Vergehungen. Hierauf schufen die Unsterblichen ein zweites Men¬ schengeschlecht aus Silber; dieses war schon weit von jenem abgeartet, und glich ihm weder an Körpergestal¬ tung, noch an Gesinnung. Sondern ganze hundert Jahre wuchs der verzärtelte Knabe noch unmündig an Geist unter der mütterlichen Pflege im Aelternhause auf, und wenn einer endlich zum Jünglingsalter herangereift war, so blieb ihm nur noch kurze Frist zum Leben übrig. Un¬ vernünftige Handlungen stürzten diese neuen Menschen in Jammer, denn sie konnten schon ihre Leidenschaften nicht mehr mäßigen und frevelten im Uebermuthe gegen einander. Auch die Altäre der Götter wollten sie nicht mehr mit den gebührenden Opfern ehren. Deßwegen nahm Jupiter dieses Geschlecht wieder von der Erde hin¬ weg, denn ihm gefiel nicht, daß sie der Ehrfurcht gegen die Unsterblichen ermangelten. Doch waren auch diese noch nicht so entblößt von Vorzügen, daß ihnen nach ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum Antheil geworden wäre, und sie durften als sterbliche Dämonen noch auf der Erde umherwandeln. Nun erschuf der Vater Zeus (Jupiter) ein drittes Geschlecht von Menschen, dieses nur aus Erz. Das war auch dem silbernen völlig ungleich, grausam, gewaltthä¬ tig, immer nur den Geschäften des Krieges ergeben, im¬ mer Einer auf des Andern Beleidigung sinnend. Sie verschmähten es von den Früchten des Feldes zu essen und nährten sich vom Thierfleische; ihr Starrsinn war hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau; Hände wuchsen ihnen von den Schultern, denen niemand nahekommen durfte. Ihr Gewehr war Erz, ihre Woh¬ nung Erz, mit Erz bestellten sie das Feld; denn Eisen war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre eigenen Hände gegen einander; aber so groß und entsetzlich sie waren, so vermochten sie doch nichts gegen den schwar¬ zen Tod und stiegen, vom hellen Sonnenlichte scheidend, in die schaurige Nacht der Unterwelt hernieder. Als die Erde auch dieses Geschlecht eingehüllt hatte, brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geschlecht hervor, das auf der nährenden Erde wohnen sollte. Dieß war wieder edler und gerechter, als das vorige. Es war das Geschlecht der göttlichen Heroen, welche die Vorwelt auch Halbgötter genannt hat. Zuletzt vertilgte aber auch sie Zwietracht und Krieg, die Einen vor den sieben Thoren Thebe's wo sie um das Reich des Königes Oedipus kämpften, die Andern auf dem Gefilde Troja's, wohin sie um der schönen Helena willen zahllos auf Schiffen gekommen waren. Als diese ihr Erdenleben in Kampf und Noth beschlossen hatten, ordnete ihnen der Vater Zeus ihren Sitz am Rande des Weltalls an, im Ocean, auf den Inseln der Seligen. Dort führen sie nach dem Tode ein glückliches und sorgenfreies Leben, wo ihnen der fruchtbare Boden dreimal im Jahre honig¬ süße Früchte zum Labsal emporsendet. „Ach wäre ich,“ so seufzet der alte Dichter Hesio¬ dus, der diese Sage von den Menschenaltern erzählt, „wäre ich doch nicht ein Genosse des fünften Menschen¬ geschlechtes, das jetzt gekommen ist; wäre ich früher ge¬ storben, oder später geboren! denn dieses Menschenge¬ schlecht ist ein eisernes! Gänzlich verderbt, ruhen diese Menschen weder bei Tage noch bei Nacht von Kümmer¬ niß und Beschwerden, immer neue nagende Sorgen schi¬ cken ihnen die Götter. Sie selbst aber sind sich die größte Plage. Der Vater ist dem Sohne, der Sohn dem Vater nicht hold, der Gast haßt den ihn bewirthenden Freund, der Genosse den Genossen; auch unter Brüdern herrscht nicht mehr herzliche Liebe, wie vor Zeiten. Dem grauen Haare der Aeltern selbst wird die Ehrfurcht versagt, Schmachreden werden gegen sie ausgestoßen, Mißhand¬ lungen müssen sie erdulden. Ihr grausamen Menschen, denket ihr denn gar nicht an das Göttergericht, daß ihr euren abgelebten Aeltern den Dank für ihre Pflege nicht erstatten wollet? Ueberall gilt nur das Faustrecht; auf Städteverwüstung sinnen sie gegeneinander. Nicht der¬ jenige wird begünstigt, der die Wahrheit schwört, der ge¬ recht und gut ist; nein, nur den Uebelthäter, den schnö¬ den Frevler ehren sie; Recht und Mäßigung gilt nichts mehr, der Böse darf den Edleren verletzen, trügerische, krumme Worte sprechen, falsches beschwören. Deßwegen sind diese Menschen auch so unglücklich. Schadenfrohe, mißlautige Scheelsucht verfolgt sie und grollt ihnen mit dem neidischen Antlitz entgegen. Die Göttinnen der Scham und der heiligen Scheu, welche sich bisher doch noch auf der Erde hatten blicken lassen, verhüllen trau¬ rig ihren schönen Leib in das weiße Gewand, und ver¬ lassen die Menschen, um sich wieder in die Versammlung der ewigen Götter zurückzuflüchten. Unter den sterblichen Menschen blieb nichts als das traurige Elend zurück, und keine Rettung von diesem Unheil ist zu erwarten.“ Deukalion und Pyrrha. Als das eherne Menschengeschlecht auf Erden hauste und Jupiter, dem Weltbeherrscher, schlimme Sage von seinen Freveln zu Ohren gekommen, beschloß er selbst in menschlicher Bildung die Erde zu durchstreifen. Aber allenthalben fand er das Gerücht noch geringer als die Wahrheit. Eines Abends in später Dämmerung trat er unter das ungastliche Obdach des Arkadierkönigs Lykaon, welcher durch Wildheit berüchtigt war. Er ließ durch einige Wunderzeichen merken, daß ein Gott gekommen sey, und die Menge hatte sich auf die Kniee geworfen. Lykaon jedoch spottete über diese frommen Gebete. „Laßt uns sehen, sprach er, ob es ein Sterblicher oder ein Gott sey!“ Damit beschloß er im Herzen den Gast um Mitternacht, wenn der Schlummer auf ihm lastete, mit ungeahntem Tode zu verderben. Noch vorher aber schlach¬ tete er einen armen Geißel, den ihm das Volk der Mo¬ losser gesandt hatte, kochte die halb lebendigen Glieder in siedendem Wasser, oder briet sie am Feuer und setzte sie dem Fremdling zum Nachtmahle auf den Tisch. Ju¬ piter, der alles durchschaut hatte, fuhr vom Mahle em¬ por und sandte die rächende Flamme über die Burg des Gottlosen. Bestürzt entfloh der König ins freie Feld. Der erste Wehlaut, den er ausstieß, war ein Geheul, sein Gewand wurde zu Zotteln, seine Arme zu Beinen; er war in einen blutdürstigen Wolf verwandelt. Jupiter kehrte in den Olymp zurück, hielt mit den Göttern Rath, und gedachte das ruchlose Menschenge¬ schlecht zu vertilgen. Schon wollte er auf alle Länder die Blitze verstreuen; aber die Furcht, der Aether möchte in Flammen gerathen und die Achse des Weltalls ver¬ lodern, hielt ihn ab. Er legte die Donnerkeile, welche ihm die Cyklopen geschmiedet, wieder bei Seite, und be¬ schloß, über die ganze Erde Platzregen vom Himmel zu senden, und so unter Wolkengüssen die Sterblichen auf¬ zureiben. Auf der Stelle ward der Nordwind sammt allen andern Wolken verscheuchenden Winden in die Höh¬ len des Aeolus verschlossen, und nur der Südwind von ihm ausgesendet. Dieser flog mit triefenden Schwingen zur Erde hinab, sein entsetzliches Antlitz bedeckte pech¬ schwarzes Dunkel, sein Bart war schwer von Gewölk, von seinem weißen Haupthaare rannte die Fluth, Nebel lagerten auf der Stirne, aus dem Busen troff ihm das Wasser. Der Südwind griff an den Himmel, faßte mit der Hand die weit umherhangenden Wolken und fing an sie auszupressen. Der Donner rollte, gedrängte Regen¬ fluth stürzte vom Himmel; die Saat beugte sich unter dem wogenden Sturm, darnieder lag die Hoffnung des Landmanns, verdorben war die langwierige Arbeit des ganzen Jahres. Auch Neptunus, Jupiters Bruder, kam ihm bei dem Zerstörungswerke zu Hülfe, berief alle Flüsse zusammen und sprach: „Laßt euren Strömungen alle Zü¬ gel schießen, fallt in die Häuser, durchbrechet die Dämme!“ Sie vollführten seinen Befehl, und Neptun selbst durch¬ stach mit seinem Dreizack das Erdreich und schaffte durch Erschütterung den Fluthen Eingang. So strömten die Flüsse über die offene Flur hin, bedeckten die Felder, ris¬ sen Baumpflanzungen, Tempel und Häuser fort. Blieb auch wo ein Pallast stehen, so deckte doch bald das Was¬ ser seinen Giebel und die höchsten Thürme verbargen sich im Strudel. Meer und Erde waren bald nicht mehr unterschieden; Alles war See, und gestadeloser See. Die Menschen suchten sich zu retten, so gut sie konnten; der Eine erkletterte den höchsten Berg, der andere bestieg einen Kahn und ruderte nun über das Dach seines versunkenen Landhauses oder über die Hügel seiner Weinpflanzungen hin, daß der Kiel an ihnen streifte. In den Aesten der Wälder arbeiteten sich die Fische ab; den Eber, den ei¬ lenden Hirsch erjagte die Fluth; ganze Völker wurden vom Wasser hinweggerafft, und was die Welle verschonte, starb den Hungertod auf den ungebauten Haidegipfeln. Ein solcher hoher Berg ragte noch mit zwei Spitzen im Lande Phocis über die Alles bedeckende Meerfluth hervor. Es war der Parnassus. An ihn schwamm Deukalion , des Prometheus Sohn, den dieser gewarnt und ihm ein Schiff erbaut hatte, mit seiner Gattin Pyrrha im Rachen heran. Kein Mann, kein Weib war je er¬ funden worden, die an Rechtschaffenheit und Götterscheu diese beiden übertroffen hätten. Als nun Jupiter vom Him¬ mel herab schauend die Welt von stehenden Sümpfen über¬ schwemmt und von den vielen tausendmal Tausenden nur ein einziges Menschenpaar übrig sah, beide unsträflich, beide andächtige Verehrer der Gottheit, da sandte er den Nord¬ wind aus, sprengte die schwarzen Wolken und hieß ihn die Nebel entführen; er zeigte den Himmel der Erde, und die Erde dem Himmel wieder. Auch Neptun der Meeresfürst legte den Dreizack nieder und besänftigte die Fluth. Das Meer erhielt wieder Ufer, die Flüsse kehr¬ ten in ihr Bett zurück; Wälder streckten ihre mit Schlamm bedeckten Baumwipfel aus der Tiefe hervor, Hügel folg¬ Schwab, das klass. Alterthum. I . 2 ten, endlich breitete sich auch wieder ebenes Land aus, und zuletzt war die Erde wieder da. Deukalion blickte sich um. Das Land war verwü¬ stet und in Grabesstille versenkt. Thränen rollten bei diesem Anblick über seine Wangen, und er sprach zu sei¬ nem Weibe Pyrrha: „Geliebte, einzige Lebensgenossin! So weit ich in die Länder schaue, nach allen Weltgegen¬ den hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei bilden mit einander das Volk der Erde, alle andern sind in der Wasserfluth untergegangen. Aber auch wir sind unsres Lebens noch nicht mit Gewißheit sicher. Jede Wolke, die ich sehe, erschreckt meine Seele noch. Und wenn auch alle Gefahr vorüber ist, was fangen wir Einsamen auf der verlassenen Erde an? Ach, daß mich mein Vater Prometheus die Kunst gelernt hätte, Menschen zu erschaffen und geformtem Thone Geist einzugießen!“ So sprach er, und das verlassene Paar fing an zu weinen; dann warfen sie vor einem halbzerstörten Altar der Göttin Themis sich auf die Knie nieder und begannen zu der Himmlischen zu sieben: „Sag' uns an, o Göttin, durch welche Kunst stellen wir unser untergegangenes Geschlecht wieder her! O hilf der versunkenen Welt wieder zum Leben!“ „Verlasset meinen Altar, tönte die Stimme der Göt¬ tin, umschleiert euer Haupt, löset eure gegürteten Glieder, und werfet die Gebeine eurer Mutter hinter den Rücken.“ Lange verwunderten sich beide über diesen räthsel¬ haften Götterspruch. Pyrrha brach zuerst das Schweigen. „Verzeih mir, hohe Göttin, sprach sie, wenn ich zusam¬ menschaudre, wenn ich dir nicht gehorsame und meiner Mutter Schatten nicht durch Zerstreuung ihrer Gebeine kränken will!“ Aber dem Deukalion fuhr es durch den Geist wie ein Lichtstrahl. Er beruhigte seine Gattin mit dem freundlichen Worte: „Entweder trügt mich mein Scharfsinn oder die Worte der Götter sind fromm und verbergen keinen Frevel! Unsre große Mutter, das ist die Erde, ihre Knochen sind die Steine; und diese, Pyrrha, sollen wir hinter uns werfen!“ Beide mistrauten indessen dieser Deutung noch lange. Jedoch, was schadet die Probe, dachten sie. So gingen sie dann seitwärts, verhüllten ihr Haupt, entgürteten ihre Kleider, und warfen, wie ihnen befohlen war, die Steine hinter sich. Da ereignete sich ein großes Wunder: das Gestein begann seine Härtigkeit und Spröde abzulegen, wurde geschmeidig, wuchs, gewann eine Gestalt; mensch¬ liche Formen traten an ihm hervor, doch noch nicht deut¬ lich, sondern rohen Gebilden, oder einer in Marmor vom Künstler erst aus dem Groben herausgemeißelten Figur ähnlich. Was jedoch an den Steinen Feuchtes oder Erdigtes war, das wurde zu Fleisch an dem Kör¬ per; das Unbeugsame, Feste ward in Knochen verwandelt; das Geäder in den Steinen blieb Geäder. So gewan¬ nen mit Hülfe der Götter in kurzer Frist die vom Manne geworfenen Steine männliche Bildung, die vom Weibe geworfenen weibliche. Diesen seinen Ursprung verläugnet das menschliche Geschlecht nicht, es ist ein hartes Geschlecht und tauglich zur Arbeit. Jeden Augenblick erinnert es daran, aus welchem Stamm es erwachsen ist. 2* Io. Inachus, der uralte Stammfürst und König der Pe¬ lasger, hatte eine bildschöne Tochter mit Namen Io. Auf sie war der Blick Jupiters, des Olympischen Herrschers gefallen, als sie auf der Wiese von Lerna der Herden ih¬ res Vaters pflegte. Der Gott ward von Liebe zu ihr entzündet, trat zu ihr in Menschengestalt, und fing an, sie mit verführerischen Schmeichelworten zu versuchen: „O Jungfrau, glücklich ist, der dich besitzen wird; doch ist kein Sterblicher deiner werth, und du verdientest des höchsten Jupiter Braut zu seyn! Wisse denn, ich bin Ju¬ piter. Fliehe nicht vor mir. Die Hitze des Mittags brennt heiß. Tritt mit mir in den Schatten des erhabenen Hai¬ nes, der uns dort zur linken in seine Kühle einlädt; was machst du dir in der Gluth des Tages zu schaffen? Fürchte dich doch nicht, den dunkeln Wald und die Schluchten, in welchen das Wild hauset, zu betreten. Bin doch Ich da, dich zu schirmen, der Gott, der den Scepter des Him¬ mels führt, und die zackigen Blitze über den Erdboden versendet.“ Aber die Jungfrau floh vor dem Versucher mit eiligen Schritten, und sie wäre ihm auf den Flügeln der Angst entkommen, wenn der verfolgende Gott seine Macht nicht mißbraucht, und das ganze Land in dichte Finsterniß gehüllt hätte. Rings umqualmte die Fliehende der Nebel, und bald waren ihre Schritte gehemmt durch die Furcht, an einen Felsen zu rennen, oder in einen Fluß zu stürzen. So kam die unglückliche Jo in die Gewalt des Gottes. Juno, die Göttermutter, war längst an die Treu¬ losigkeit ihres Gatten gewöhnt, der sich von ihrer Liebe ab, und den Töchtern der Halbgötter und der Sterblichen zuwandte; aber sie vermochte ihren Zorn und ihre Eifersucht nicht zu bändigen, und mit immer wachem Mißtrauen be¬ obachtete sie alle Schritte Jupiters auf der Erde. So schaute sie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder, wo ihr Gemahl ohne ihr Wissen wandelte. Zu ihrem großen Erstaunen bemerkte sie plötzlich, wie der heitere Tag auf Einer Stelle durch nächtlichen Nebel getrübt wurde, und wie dieser weder einem Strome, noch dem dunstigen Boden entsteige, noch sonst von einer natürlichen Ursache herrühre. Da kam ihr schnell ein Gedanke an die Untreue ihres Gatten; sie spähte rings durch den Olymp und fand ihn nicht. „Entweder ich täusche mich,“ sprach sie ergrimmt zu sich selbst, „oder ich werde von meinem Gatten schnöde gekränkt!“ Und nun fuhr sie auf einer Wolke vom hohen Aether zur Erde hernieder, und gebot dem Nebel, der den Entführer mit seiner Beute umschlossen hielt, zu weichen. Jupiter hatte die Ankunft seiner Gemahlin geahnt und um seine Geliebte ihrer Rache zu entziehen, verwandelte er die schöne Tochter des Ina¬ chus schnell in eine schmucke, schneeweiße Kuh. Aber auch so war die holdselige Jungfrau noch schön geblieben. Juno, welche die List ihres Gemahls alsbald durchschaut hatte, pries das stattliche Thier, und fragte, als wüßte sie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehöre, von wannen und welcherlei Zucht sie sey. Jupiter, in der Noth und um sie von weitrer Nachfrage abzuschrecken, nahm seine Zuflucht zu einer Lüge und gab vor, die Kuh ent¬ stamme der Erde. Juno gab sich damit zufrieden, aber sie bat sich das schöne Thier von ihrem Gemahl zum Geschenke aus. Was sollte der betrogene Betrüger ma¬ chen? Giebt er die Kuh her, so wird er seiner Geliebten verlustig; verweigert er sie, so erregt er erst recht den Verdacht seiner Gemahlin, welche der Unglücklichen dann rasches Verderben senden wird! So entschloß er sich denn, für den Augenblick auf die Jungfrau zu verzichten, und schenkte die schimmernde Kuh, die er noch immer für un¬ entdeckt hielt, seiner Gemahlin. Juno knüpfte, scheinbar beglückt durch die Gabe, dem schönen Thier ein Band um den Hals, und führte die Unselige, der ein verzweifelndes Menschenherz unter der Thiergestalt schlug, im Triumphe da¬ von. Doch machte der Gattin dieser Diebstahl selbst Angst und sie ruhte nicht, bis sie ihre Nebenbuhlerin der sichersten Hut überantwortet hatte. Daher suchte sie den Argus, den Sohn des Arestor, auf, ein Ungethüm, das ihr zu diesem Dienste besonders geeignet schien. Denn Argus hatte hundert Augen im Kopfe, von denen nur ein Paar abwechslungsweise sich schloß und der Ruhe ergab, wäh¬ rend die übrigen alle, über Vorder- und Hinterhaupt wie funkelnde Sterne zerstreut, auf ihrem Posten ausharrten. Diesen gab Juno der armen Io zum Wächter, damit ihr Gemahl Jupiter die entrissene Geliebte nicht entführen könne. Unter seinen hundert Augen durfte Io, die Kuh, des Tages über auf einer fetten Trist weiden; Argus aber stand in der Nähe und wo er sich immer hinstellen mochte, erblickte er die ihm anvertraute; auch wenn er sich abwandte, und ihr das Hinterhaupt zukehrte, hatte er Io vor Augen. Wenn aber die Sonne untergegangen war, schloß er sie ein, und belastete den Hals der un¬ glückseligen mit Ketten; bittre Kräuter und Baumlaub waren ihre Speise, ihr Bett der harte, nicht einmal immer mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank schlammige Pfützen. Io vergaß oft, daß sie kein Mensch mehr war, sie wollte Mitleiden erflehend ihre Arme zu Argus erheben: da ward sie erst daran erinnert, daß sie keine Arme mehr hatte. Sie wollte ihm in Worten rührende Bitten vortragen : dann ent¬ fuhr ihrem Munde ein Brüllen, daß sie vor ihrer eigenen Stimme erschrack, welche sie daran mahnte, wie sie durch ihres Räubers Selbstsucht in ein Vieh verwandelt wor¬ den sey. Doch blieb Argus mit ihr nicht an Einer Stelle, denn so hatte es ihn Juno geheißen, die durch Verände¬ rung ihres Aufenthalts sie dem Gemahl um so gewisser zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wächter mit ihr im Lande herum, und so kam sie auch mit ihm in ihre alte Heimath, an das Gestade des Flusses, wo sie so oft als Kind zu spielen gepflegt hatte. Da sah sie zum ersten¬ mal ihr Bild in der Fluth; als das Thierhaupt mit Hörnern ihr aus dem Wasser entgegenblickte, schauderte sie zurück und floh bestürzt vor sich selbst. Ein sehnsüch¬ tiger Trieb führte sie in die Nähe ihrer Schwestern, in die Nähe ihres Vaters Inachus; aber diese erkannten sie nicht; Inachus streichelte wohl das schöne Thier, und reichte ihm Blätter, die er von dem nächsten Strauche pflückte; Io beleckte dankbar seine Hand, und benetzte sie mit Küssen und heimlichen menschlichen Thränen. Aber wen er liebkoste, und von wem er geliebkost wurde, das ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren Geist unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein glücklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem Fuße zu ziehen, und erregte durch diese Bewegung die Auf¬ merksamkeit des Vaters, der bald im Staube die Kunde las, daß er sein eigenes Kind vor sich habe. „Ich Un¬ glückseliger,“ rief der Greis bei dieser Entdeckung aus, indem er sich an Horn und Nacken der stöhnenden Toch¬ ter hing, „so muß ich dich wiederfinden, die ich durch alle Länder gesucht habe! Wehe mir, du hast mir weniger Kummer gemacht, so lange ich dich suchte, als jetzt, wo ich dich gefunden habe! Du schweigst? Du kannst mir kein tröstendes Wort sagen, mir nur mit einem Gebrüll antworten! Ich Thor, einst sann ich darauf, wie ich dir einen würdigen Eidam zuführen könnte, und dachte nur an Brautfackel und Vermählung. Nun bist du ein Kind der Herde —“ Argus, der grausame Wächter, ließ den jam¬ mernden Vater nicht vollenden, er riß sie von dem Vater hinweg und schleppte sie fort, auf einsame Waiden. Dann klomm er selbst einen Berggipfel empor und versah sein Amt, indem er mit seinen hundert Augen wachsam nach allen vier Winden hinauslugte. Jupiter konnte das Leid der Inachustochter nicht länger ertragen. Er rief seinem geliebten Sohne Merkur, und befahl ihm, seine List zu brauchen, und dem verhaßten Wächter das Augenlicht auszulöschen. Dieser beflügelte seine Füsse, ergriff mit der mächtigen Hand seine einschläfernde Ruthe und setzte seinen Reisehut auf. So fuhr er von dem Pallaste seines Vaters zur Erde nieder. Dort legte er Hut und Schwingen ab, und behielt nur den Stab; so stellte er einen Hirten vor, lockte Ziegen an sich und trieb sie auf die abgelegenen Fluren, wo Io waidete und Argus die Wache hielt. Dort angekommen, zog er ein Hirten¬ rohr, das man Syringe nennt, hervor und fing an so anmuthig und voll zu blasen, wie man von irdischen Hir¬ ten zu vernehmen nicht gewohnt ist. Der Diener Juno's freute sich dieses ungewohnten Schalles, erhob sich von seinem Felsensitze und rief hernieder: „Wer du auch seyn magst, willkommener Rohrbläser, du konntest wohl bei mir auf diesem Felsen hier ausruhen. Nirgends ist der Gras¬ wuchs üppiger für das Vieh, als hier, und du siehst, wie behaglich der Schatten dieser dicht gepflanzten Bäume für den Hirten ist!“ Merkur dankte dem Rufenden, stieg hinauf und setzte sich zu dem Wächter, mit welchem er eifrig zu plaudern anfing, und sich so ernstlich ins Gespräch vertiefte, daß der Tag herumging, ehe Argus sich dessen versah. Diesem begannen die Au¬ gen zu schläfern, und nun griff Merkur wieder zu seinem Rohre, und versuchte sein Spiel, um ihn vollends in Schlummer zu wiegen. Aber Argus, der an den Zorn seiner Herrin dachte, wenn er seine Gefangene ohne Fes¬ seln und Obhut ließe, kämpfte mit dem Schlaf, und wenn sich auch der Schlummer in einen Theil seiner Augen ein¬ schlich, so wachte er doch fortdauernd mit dem andern Theile, nahm sich zusammen, und, da die Rohrpfeife erst kürzlich erfunden worden war, so fragte er seinen Gesel¬ len nach dem Ursprunge dieser Erfindung. „Das will ich dir gerne erzählen,“ sagte Merkur, „wenn du in dieser späten Abendstunde Geduld und Aufmerksamkeit genug hast, mich anzuhören. In den Schneegebirgen Arkadiens wohnte eine berühmte Hamadryade (Baumnymphe), mit Namen Syringe. Die Waldgötter und Satyrn, von ih¬ rer Schönheit bezaubert, verfolgten sie schon lange mit ihrer Werbung, aber immer wußte sie ihnen zu entschlü¬ pfen. Denn sie scheute das Joch der Vermählung, und wollte, umgürtet und jagdliebend wie Diana, gleich dieser in jungfräulichem Stande verharren. Endlich wurde auf seinen Streifereien durch jene Wälder auch der mächtige Gott Pan die Nymphe ansichtig, näherte sich ihr und warb um ihre Hand dringend und im stolzen Bewußtseyn seiner Hoheit. Aber die Nymphe verschmähte sein Flehen und flüchtete vor ihm durch unwegsame Steppen, bis sie zuletzt an das langsame Wasser des versandeten Flusses Ladon kam, dessen Wellen doch noch tief genug waren, der Jungfrau den Uebergang zu wehren. Hier beschwor sie ihre Schutzgöttin Diana, ehe sie in die Hand des Gottes fiele, ihrer Verehrerin sich zu erbarmen und sie zu verwandeln. Indem kam der Gott herangeflogen und umfaßte die am Ufer zögernde; aber wie staunte er, als er, statt eine Nymphe zu umarmen, nur ein Schilfrohr umfaßt hielt; seine lauten Seufzer zogen vervielfältigt durch das Rohr, und wiederholten sich mit tiefem, kla¬ gendem Gesäusel. Der Zauber dieses Wohllautes tröstete den getäuschten Gott. Wohl denn, verwandelte Nymphe, rief er mit schmerzlicher Freude, auch so soll unsre Ver¬ bindung unauflöslich seyn! Und nun schnitt er sich von dem geliebten Schilfe ungleichförmige Röhren, verknüpfte sie mit Wachs unter einander und nannte die lieblichtö¬ nende Flöte nach dem Namen der holden Hamadryade, und seitdem heißt dieses Hirtenrohr Syringe . . . .“ So lautete die Erzählung Merkurs, bei welcher er den hundertäugigen Wächter unausgesetzt im Auge be¬ hielt. Die Mähre war noch, nicht zu Ende, als er sah, wie ein Auge um das andere sich unter der Decke gebor¬ gen hatte, und endlich alle die hundert Leuchten in dich¬ tem Schlaf erloschen waren. Nun hemmte der Götter¬ bote seine Stimme, berührte mit seinem Zauberstabe alle die hundert eingeschläferten Augenlieder und verstärkte ihre Betäubung. Während nun der hundertäugige Argus in tiefem Schlafe nickte, griff Merkur schnell zu dem Sichel¬ schwerte, das er unter seinem Hirtenrocke verborgen trug, und hieb ihm den gesenkten Nacken, da wo der Hals zu¬ nächst an den Kopf grenzt, durch und durch. Kopf und Rumpf stürzten nach einander von Felsen herab und färb¬ ten das Gestein mit einem Strome von Blut. Nun war Jo befreit und obwohl noch unverwandelt, rannte sie ohne Fesseln davon. Aber den durchdringenden Blicken Juno's entging nicht, was in der Tiefe geschehen war. Sie dachte auf eine ausgesuchte Qual für ihre Nebenbuhlerin und sandte ihr eine Bremse, die das un¬ glückliche Geschöpf durch ihren Stich zum Wahnsinne trieb. Diese Qual jagte die Geängstigte mit ihrem Sta¬ chel landflüchtig über den ganzen Erdkreis, zu den Scy¬ then, an den Kaukasus, zum Amazonenvolke, zum Cimme¬ rischen Isthmus und an die Maeotische See; dann hin¬ über nach Asien und endlich nach langem verzweiflungs¬ vollem Irrlaufe nach Aegypten. Hier am Strande des Nilufers angelangt, sank Jo auf ihre Vorderfüße nieder und hob, den Hals rücklings gebogen, ihre stummen Au¬ gen zum Qlymp empor, mit einem Blicke voll Haders gegen Jupiter. Den jammerte dieses Anblickes; er eilte zu seiner Gemahlin Juno, umfing ihren Hals mit den Ar¬ men, flehte um Barmherzigkeit für das arme Mädchen, das schuldlos an seiner Verirrung war, und schwor ihr beim Wasser der Unterwelt, bei dem die Götter schwören, von seiner Neigung zu ihr hinfort ganz abzulassen. Juno hörte während dieser Bitte das flehentliche Brüllen der Kuh, das zum Olymp emporstieg. Da ließ sich die Göt¬ termutter erweichen, und gab dem Gemahle Vollmacht, der Mißstalteten den menschlichen Leib zurückzugeben. Jupiter eilte zur Erde nieder und an den Nil. Hier strich er der Kuh mit der Hand über den Rücken: da war es wunderbar anzuschauen. Die Zotteln flohen vom Leibe des Thieres, das Gehörn schrumpfte zusammen, die Scheibe der Augen verengte sich, das Maul zog sich zu Lippen zusammen, Schultern und Hände kehrten wieder, die Klauen verschwanden, nichts blieb von der Kuh übrig als die schöne weiße Farbe. In ganz verwandelter Ge¬ stalt erhob sich Io vom Boden und stand aufrecht in menschlicher Schönheit leuchtend. Am Nilstrome gebar sie dem Jupiter den Epaphus, und weil das Volk die wunderbar Verwandelte und Errettete göttergleich ehrte, so herrschte sie lange mit Fürstengewalt über jene Lande. Doch blieb sie auch so nicht ganz von Juno's Zorne ver¬ schont. Diese stiftete das wilde Volk der Kureten auf, ihren jungen Sohn Epaphus zu entführen, und nun trat sie aufs neue eine lange vergebliche Wanderung an, den Geraubten aufzusuchen. Endlich, nachdem Jupiter die Kureten mit dem Blitz erschlagen, fand sie den ent¬ führten Sohn an der Gränze Aethiopiens wieder, kehrte mit ihm nach Aegypten zurück und ließ ihn an ihrer Seite herrschen. Er heirathete die Memphis, und diese gebar ihm Libya, von der das Land Libyen den Namen erhielt. Mutter und Sohn wurden von dem Nilvolke nach beider Tode mit Tempeln geehrt, und erhielten, sie als Isis, er als Apis, göttliche Verehrung. Phaethon. Auf herrlichen Säulen erbaut, stand die Königsburg des Sonnengottes, von blitzendem Gold und glühendem Karfunkel schimmernd; den obersten Giebel umschloß blendendes Elfenbein, gedoppelte Thüren strahlten in Sil¬ berglanz, darauf in erhabener Arbeit die schönsten Wun¬ dergeschichten zu schauen waren. In diesen Pallast trat Phaethon , der Sohn des Sonnengottes Phöbus , und verlangte den Vater zu sprechen. Doch stellte er sich nur von ferne hin, denn in der Nähe war das strahlende Licht nicht zu ertragen. Der Vater Phöbus, von Pur¬ purgewand umhüllt, saß auf seinem fürstlichen Stuhle, der mit glänzenden Smaragden besetzt war; zu seiner Rechten und seiner Linken stand sein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat, das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz mit seinem Blüthenkranze, der Sommer mit Aehrengewinden bekränzt, der Herbst mit einem Füllhorn voll Trauben, der eisige Winter mit schneeweißen Haaren. Phöbus, in ihrer Mitte sitzend, wurde mit seinem allschauenden Auge bald den Jüngling gewahr, der über so viele Wunder staunte. „Was ist der Grund deiner Wallfahrt, sprach er, was führt dich in den Pallast deines göttlichen Vaters, mein Sohn?“ Phaethon antwortete: „Erlauchter Vater, man spottet mein auf Erden, und beschimpft meine Mutter Klymene. Sie sprechen, ich erheuchle nur himmlische Abkunft, und sey von einem dunkeln Vater geboren. Darum komme ich, von dir ein Unterpfand zu erbitten, das mich vor aller Welt als deinen wirklichen Sprößling darstelle.“ So sprach er; da legte Phöbus die Strahlen, die ihm rings das Haupt umleuchten, ab, und hieß ihn näher herantreten; dann umarmte er ihn und sprach: „deine Mutter Klymene hat die Wahrheit gesagt, mein Sohn, und ich werde dich vor der Welt nimmermehr verläugnen. Damit du aber ja nicht ferner zweifelst, so erbitte dir ein Geschenk! Ich schwöre beim Styx, dem Flusse der Unterwelt, bei welchem alle Götter schwören, deine Bitte, welche sie auch sey, soll dir erfüllt werden!“ Phaethon ließ den Vater kaum ausreden. „So erfülle mir denn, sprach er, meinen glühendsten Wunsch, und vertraue mir nur auf einen Tag die Lenkung deines geflügelten Sonnenwagens.“ Schrecken und Reue ward sichtbar auf dem Ange¬ sichte des Gottes. Drei, viermal schüttelte er sein um¬ leuchtetes Haupt und rief endlich: „O Sohn, du hast mich ein sinnloses Wort sprechen lassen! O dürfte ich dir doch meine Verheißung nimmermehr gewähren! Du verlangst ein Geschäft, dem deine Kräfte nicht gewachsen sind; du bist zu jung; du bist sterblich, und was du wünschest, ist ein Werk der Unsterblichen! Ja, du erstre¬ best sogar mehr, als den übrigen Göttern zu erlangen vergönnt ist. Denn ausser mir vermag keiner von ihnen auf der gluthensprühenden Axe zu stehen. Der Weg, den mein Wagen zu machen hat, ist gar steil, mit Mühe er¬ klimmt ihn in der Frühe des Morgens mein noch frisches Rossegespann. Die Mitte der Laufbahn ist zu oberst am Himmel. Glaube mir, wenn ich auf meinem Wagen in solcher Höhe stehe, da kommt mich oft selbst ein Grausen an und mein Haupt droht ein Schwindel zu fassen, wenn ich so herniederblicke in die Tiefe, und Meer und Land weit unter mir liegt. Zuletzt ist dann die Straße ganz abschüssig, da bedarf es gar sicherer Lenkung. Die Mee¬ resgöttin Thetis selbst, die mich dann in ihre Fluthen aufzunehmen bereit ist, pflegt alsdann zu befürchten, ich möchte in die Tiefe geschmettert werden. Dazu bedenke, daß der Himmel sich in beständigem Umschwunge dreht, und ich diesem reißenden Kreislaufe entgegen fahren muß. Wie vermöchtest du das, wenn ich dir auch meinen Wa¬ gen gäbe? Darum geliebter Sohn, verlange nicht ein so schlimmes Geschenk, und bessere deinen Wunsch, so lange es noch Zeit ist. Sieh mein erschrecktes Gesicht an. O könntest du durch meine Augen in mein sorgenvolles Va¬ terherz eindringen! Verlange, was du sonst willst von allen Gütern des Himmels und der Erde! Ich schwöre dir beim Styx, du sollst es haben! Was umarmst du mich mit solchem Ungestüm?“ Aber der Jüngling ließ mit Flehen nicht ab, und der Vater hatte den heiligen Schwur geschworen. So nahm er denn seinen Sohn bei der Hand und führte ihn zu dem Sonnenwagen, Vulkans herrlicher Arbeit. Achse, Deichsel und der Kranz der Räder waren von Gold, die Speichen Silber; vom Joche schimmerten Chrysolithen und Juwelen. Während Phaethon die herrliche Arbeit beherzt anstaunte, thut im gerötheten Osten die erwachte Morgenröthe ihr Purpurthor und ihren Vorsaal, der voll Rosen ist, auf. Die Sterne verschwinden allmählig, der Morgenstern ist der letzte, der seinen Posten am Him¬ mel verläßt, und die äußersten Hörner des Mondes ver¬ lieren sich am Rande. Jetzt giebt Phöbus den geflügel¬ ten Horen den Befehl, die Rosse zu schirren; und diese führen die gluthsprühenden Thiere, von Ambrosia gesät¬ tigt, von den erhabenen Krippen und legen ihnen herr¬ liche Zäume an. Während dieß geschieht, bestrich der Vater das Antlitz seines Sohnes mit einer heiligen Salbe, und machte es dadurch geschickt, die glühende Flamme zu ertragen. Um das Haupthaar legte er ihm seine Strah¬ lensonne, aber er seufzte dazu, und sprach warnend: „Kind, schone mir die Stacheln, brauche wacker die Zügel; denn die Rosse rennen schon von selbst, und es kostet Mühe, sie im Fluge zu halten; die Straße geht schräg in weit umbiegender Krümmung; den Südpol wie den Nordpol mußt du meiden. Du erblickst deutlich die Gleise der Räder. Senke dich nicht zu tief, sonst geräth die Erde in Brand; steige nicht zu hoch, sonst verbrennst du den Himmel. Auf, die Finsterniß flieht, nimm die Zügel zur Hand; oder — noch ist es Zeit; besinne dich, liebes Kind; überlaß den Wagen mir , laß mich der Welt das Licht schenken, und bleibe du Zu¬ schauer!“ Der Jüngling schien die Worte des Vaters gar nicht zu hören, er schwang sich mit einem Sprung auf den Wagen, ganz erfreut, die Zügel in den Händen zu haben, und nickte dem unzufriedenen Vater einen kurzen, freundlichen Dank. Mittlerweile füllten die vier Flügel¬ rosse mit gluthathmendem Wiehern die Luft und ihr Huf stampfte gegen die Barren. Thetis, Phaethons Großmut¬ ter, welcher nichts vom Loose des Enkels ahnte, that diese auf; die Welt lag in unendlichem Raume vor den Blicken des Knaben, die Rosse flogen die Bahn aufwärts, und spalteten die Morgennebel, die vor ihnen lagen. Inzwischen fühlten die Rosse wohl, daß sie nicht die gewohnte Last tragen, und das Joch leichter sey, als ge¬ wöhnlich; und wie Schiffe, wenn sie das rechte Gewicht nicht haben, im Meere schwanken, so machte der Wagen Sprünge in der Luft, ward hoch empor gestoßen und rollte dahin, als wäre er leer. Als das Rossegespann dieß merkte, rannte es, die gebahnten Räume verlassend, und lief nicht mehr in der vorigen Ordnung. Phaethon fing an zu erbeben, er wußte nicht, wohin die Zügel lenken, wußte den Weg nicht, wußte nicht, wie er die wilden Rosse bändigen sollte. Als nun der Unglückliche hoch vom Himmel abwärts sah, auf die tief, tief unter ihm sich hinstreckenden Länder, wurde er blaß und seine Kniee zitterten von plötzlichem Schrecken. Er sah rück¬ wärts; schon lag viel Himmel hinter ihm, aber mehr noch vor seinen Augen. Beides ermaß er in seinem Geiste. Unwissend, was beginnen, starrte er in die Weite, ließ die Zügel nicht nach, zog sie auch nicht weiter an; er wollte den Rossen rufen, aber er kannte ihre Namen nicht. Mit Grauen sah er die mannigfaltigen Stern¬ bilder an, die in abentheuerlichen Gestalten am Himmel herumhingen. Da ließ er, von kaltem Entsetzen gefaßt, die Zügel fahren, und wie diese herabschlotternd den Rücken der Pferde berührten, so verließen die Rosse ihre Spur, schweiften seitwärts in fremde Luftgebiete, gingen bald hoch empor, bald tief hernieder, jetzt stießen sie an den Fixsternen an, jetzt wurden sie auf abschüssigem Pfade in die Nachbarschaft der Erde herabgerissen. Schon berühr¬ ten sie die erste Wolkenschichte, die bald entzündet auf¬ dampfte. Immer tiefer stürzte der Wagen, und unver¬ sehens war er einem Hochgebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der Boden, spaltete sich, und weil plötz¬ lich alle Säfte austrockneten, fing er an zu glimmen; das Haidegras wurde weißgelb und welkte hinweg; wei¬ Schwab, das klass. Altherthum. I . 3 ter unten loderte das Laub der Waldbäume auf; bald war die Glut bei der Ebene angekommen: nun wurde die Saat weggebrannt; ganze Städte loderten in Flam¬ men auf, Länder mit all ihrer Bevölkerung wurden ver¬ sengt; rings brannten Hügel, Wälder und Berge. Da¬ mals sollen auch die Mohren schwarz geworden seyn. Die Ströme versiegten, oder flohen erschreckt nach ihrer Quelle zurück, das Meer selbst wurde zusammengedrängt, und was jüngst noch See war, wurde trockenes Sand¬ feld. An allen Seiten sah Phaethon den Erdkreis entzün¬ det; ihm selbst wurde die Gluth bald unerträglich; wie tief aus dem Innern einer Feueresse athmete er siedende Luft ein, und fühlte unter seinen Sohlen wie der Wagen erglühe. Schon konnte er den Dampf und die vom Erd¬ brand emporgeschleuderte Asche nicht mehr ertragen; Qualm und pechschwarzes Dunkel umgab ihn; das Flü¬ gelgespann riß ihn nach Willkühr fort; endlich ergriff die Gluth seine Haare, er stürzte aus dem Wagen, und brennend wurde er durch die Luft gewirbelt, wie zuweilen ein Stern bei heiterer Luft durch den Himmel zu schiessen scheint. Ferne von der Heimath nahm ihn der breite Strom Eridanos auf und bespülte ihm sein schäumendes Angesicht. Phöbus der Vater, der dieß Alles mit ansehen mußte, verhüllte sein Haupt in brütender Trauer. Damals, sagt man, sey ein Tag der Erde ohne Sonnenlicht vorüberge¬ flohen. Der ungeheure Brand leuchtete allein. Europa. Im Lande Tyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königes Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Pallastes. Zu dieser ward nachmitternächtlicher Weile, wo untrügliche Träu¬ me die Sterblichen besuchen, ein seltsames Traum¬ bild vom Himmel gesendet. Es kam ihr vor, als er¬ schienen zwei Welttheile in Frauengestalt, Asien und der gegenüberliegende, und stritten um ihren Besitz. Die eine der Frauen hatte die Gestalt einer Fremden; die andere — und dieß war Asien — glich an Aussehen und Geberde einer Einheimischen. Diese wehrte sich mit zärtlichem Eifer für ihr Kind Europa, spreche , daß sie es sey, welche die geliebte Tochter geboren und gesäugt hätte. Das fremde Weib aber umfaßte sie, wie einen Raub, mit gewaltigen Armen, und zog sie mit sich fort, ohne daß Europa im Innern zu widerstreben vermochte. „Komm nur mit mir, Liebchen, sprach die Fremde, ich trage dich als Beute dem Aegiserschütterer Jupiter ent¬ gegen; so ist dirs vom Geschicke beschieden.“ Mit klopfen¬ dem Herzen erwachte Europa, und richtete sich vom La¬ ger auf, denn das Nachtgesicht war hell wie ein Anblick des Tages gewesen. Lange Zeit saß sie unbeweglich auf¬ recht im Bette, vor sich hinstarrend, und vor ihren weit aufgethanen Augensternen standen noch die beiden Weiber. Erst spät öffneten sich ihre Lippen zum bangen Selbstge¬ spräche: „Welcher Himmlische, sprach sie, hat mir diese Bilder zugeschickt? Was für wunderbare Träume haben mich aufgeschreckt, die im Vaterhause süß und sicher 3 * schlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im Traume gesehen? Welch eine wunderbare Sehnsucht nach ihr regt sich in meinem Herzen! Und wie ist sie selbst mir so liebreich entgegen gekommen und, auch als sie mich gewaltsam entführte, mit welchem Mutterblicke hat sie mich angelächelt! Mögen die seligen Götter mir den Traum zum Besten kehren!“ Der Morgen war herangekommen; der helle Tages¬ schein verwischte den nächtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der Jungfrau, und Europa erhub sich zu den Beschäftigungen und Freuden ihres jungfräulichen Lebens. Bald sammelten sich um sie ihre Altersgenossin¬ nen und Gespielinnen, Töchter der ersten Häuser, welche sie zu Chortänzen, Opfern und Lustgängen zu begleiten pflegten. Auch jetzt kamen sie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen Wiesen des Meeres ein¬ zuladen, wo sich die Mädchen der Gegend schaarenweise zu versammeln und am üppigen Wuchse der Blumen und am rauschenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle Mädchen waren in schmucke blumengestickte Gewande gekleidet; Europa selbst trug ein wunderwürdiges Gold¬ gesticktes Schleppkleid voll glänzender Bilder aus der Göttersage; das herrliche Gewand war ein Werk des Vulkanus, ein uraltes Göttergeschenk des Erderschütterers Neptunus, das dieser der Libya geschenkt hatte, als er um sie warb. Aus ihrem Besitze war es von Hand zu Hand als Erbstück in das Haus des Agenor gekommen. Mit diesem Brautschmuck angethan eilte die holdselige Europa an der Spitze ihrer Gespielinnen den Meereswiesen zu, die voll der buntesten Blumen standen. Jubelnd zer¬ streute sich die Schaar der Mädchen da und dorthin, jede suchte sich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflückte die glänzende Narcisse, die andere wandte sich der Balsam ausströmenden Hyacinthe zu, eine dritte erwählte sich das sanfter duftende Veilchen, andern gefiel der gewürzige Quendel, wieder andere mähten den gel¬ ben lockenden Krokus. So flogen die Gespielinnen hin und her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, sie stand, wie unter den Grazien die schaumgeborne Liebes¬ göttin, alle ihre Genossinnen überragend und hielt hoch in der Hand einen vollen Strauß von glühenden Rosen. Als sie genug Blumen gesammelt, lagerten sich die Jungfrauen, ihre Fürstin in der Mitte, harmlos auf dem Rasen und fingen an Kränze zu flechten, die sie, den Nymphen der Wiese zum Dank, an grünenden Bäumen aufhängen wollten. Aber nicht lange sollten sie ihren Sinn an den Blumen ergötzen, denn in das sorglose Ju¬ gendleben Europa's griff unversehens das Schicksal ein, das ihr der Traum der verschwundenen Nacht geweis¬ sagt hatte. Jupiter, der Kronide, war von den Geschoßen der Liebesgöttin, die allein auch den unbezwungenen Götterva¬ ter zu besiegen vermochten, getroffen und von der Schönheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er aber den Zorn der eifersüchtigen Juno fürchtete, auch nicht hoffen durfte, den unschuldigen Sinn der Jungfrau zu bethören, so sann der verschlagene Gott auf eine neue List. Er verwandelte seine Gestalt, und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf gemeiner Wiese geht, oder unters Joch gebeugt den schwer beladenen Wagen zieht; nein, groß, herrlich von Gestalt, mit schwellenden Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug, seine Hörner waren zierlich und klein, wie von Händen gedrech¬ selt und durchsichtiger, als reine Juwelen; goldgelb war seine Leibfarbe, nur mitten auf der Stirne schimmerte ein silberweißes Maal, dem gekrümmten Horne des wachsen¬ den Mondes ähnlich; bläulichte, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe. Ehe Jupiter diese Verwandlung mit sich vornahm, rief er zu sich auf den Olymp den Merkurius und sprach, ohne ihm et¬ was von seinen Absichten zu enthüllen: „Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer meiner Befehle! Siehst du dort un¬ ten das Land, das links zu uns emporblickt? Es ist Phönicien: dieses betritt, und treibe mir das Vieh des Königes Age¬ nor, das du auf den Bergtriften weidend finden wirst, gegen das Meeresufer hinab.“ In wenigen Augenblicken war der geflügelte Gott, dem Winke seines Vaters ge¬ horsam, auf der sidonischen Bergwaide angekommen und trieb die Heerde des Königes, unter die sich auch, ohne daß Merkur es geahnt hätte, der verwandelte Jupiter als Stier gemischt hatte, vom Berge herab nach dem ange¬ wiesenen Strande, eben auf jene Wiesen, wo die Tochter Agenors, von tyrischen Jungfrauen umringt, sorglos mit Blumen tändelte. Die übrige Heerde nun zerstreute sich über die Wiesen ferne von den Mädchen; nur der schöne Stier, in welchem der Gott verborgen war, nä¬ herte sich dem Rasenhügel, auf welchem Europa mit ihren Gespielinnen saß. Schmuck wandelte er im üppigen Grase einher, über seiner Stirne schwebte kein Drohen, sein funkelndes Auge flößte keine Furcht ein: sein ganzes Aus¬ sehen war voll Sanftmuth. Europa und ihre Jungfrauen bewunderten die edle Gestalt des Thieres und seine fried¬ lichen Gebärden, ja sie bekamen Lust, ihn recht in der Nähe zn besehen, und ihm den schimmernden Rücken zu streicheln. Der Stier schien dies zu merken, denn er kam immer näher und stellte sich endlich dicht vor Europa hin. Diese sprang auf und wich anfangs einige Schritte zurück; als aber das Thier so gar zahm stehen blieb, faßte sie sich ein Herz, näherte sich wieder und hielt ihm ihren Blumenstrauß vor das schäumende Maul, aus dem sie ein ambrosischer Athem anwehte. Der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jung¬ frauenhand, die ihm den Schaum abwischte, und ihn lieb¬ reich zu streicheln begann. Immer reizender kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja sie wagte es und drückte einen Kuß auf seine glänzende Stirne. Da ließ das Thier ein freudiges Brüllen hören, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen, sondern es tönte wie der Klang einer lydischen Flöte, die ein Bergthal durchhallt. Dann kauerte er sich zu den Füßen der schönen Fürstin nieder, blickte sie sehnsüchtig an, wandte ihr den Nacken zu und zeigte ihr den breiten Rücken. Da sprach Europa zu ih¬ ren Freundinnen, den Jungfrauen: „Kommt doch auch näher, liebe Gespielinnen, daß wir uns auf den Rücken dieses schönen Stieres setzen und unsere Lust haben: ich glaube, er könnte unserer Viere aufnehmen und beherbergen, wie ein geräumiges Schiff. Er ist so sanftmüthig anzu¬ schauen, so holdselig; er gleicht gar nicht anderen Stie¬ ren: wahrhaftig, er hat Verstand, wie ein Mensch und es fehlt ihm gar nichts als die Rede!“ Mit diesen Wor¬ ten nahm sie ihren Gespielinnen die Kränze, einen nach dem andern, aus den Händen und behängte damit die gesenkten Hörner des Stieres; da schwang sie sich lächelnd auf seinen Rücken, während ihre Freundinnen zaudernd und unschlüßig zusahen. Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, sprang vom Boden auf. Anfangs ging er ganz sachte mit der Jungfrau davon, doch so, daß ihre Genos¬ sinnen nicht gleichen Schritt mit seinem Gange halten konnten. Als er die Wiesen im Rücken und den kahlen Strand vor sich hatte, verdoppelte er seinen Lauf und glich nun nicht mehr einem trabenden Stiere, sondern einem fliegendem Roß. Und ehe sich Europa besinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer gesprungen, und schwamm mit seiner Beute dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eins seiner Hörner umklammert, mit der Linken stützte sie sich auf den Rücken; in ihre Gewänder blies der Wind, wie in ein Segel; ängstlich blickte sie nach dem verlassenen Lande zurück, und rief umsonst den Gespielinnen; das Wasser umwallte den se¬ gelnden Stier, und, seine hüpfenden Wellen scheuend, zog sie furchtsam die Fersen hinauf. Aber das Thier schwamm dahin wie ein Schiff; bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen, und im Helldunkel der Nacht sah die unglückliche Jungfrau nichts um sich her, als Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag schwamm sie auf dem Thiere durch die unendliche Fluth dahin; doch wußte die¬ ses so geschickt die Wellen zu durchschneiden, daß kein Tropfen seine geliebte Beute benetzte. Endlich gegen Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der Stier schwang sich ans Land, ließ die Jungfrau unter einem gewölbten Baume sanft vom Rücken gleiten und verschwand vor ih¬ ren Blicken. An seine Stelle trat ein herrlicher, götter¬ gleicher Mann, der ihr erklärte, daß er der Beherrscher der Insel Kreta sey, und sie schützen werde, wenn er durch ihren Besitz beglückt würde. Europa in ihrer trost¬ losen Verlassenheit, reichte ihm ihre Hand als Zeichen der Einwilligung, und Jupiter hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht. Auch er verschwand, wie er gekommen war. Aus langer Betäubung erwachte Europa, als schon die Morgensonne am Himmel stand. Mit verirrten Blicken sah sie um sich her, als wollte sie die Heimat suchen. „Vater, Vater!“ rief sie mit durchdringendem Wehelaut, besann sich eine Weile und rief wieder: „Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur aussprechen? Welcher Wahnsinn hat mich die Kindesliebe vergessen lassen!“ Dann sah sie wieder, wie sich besinnend, umher und fragte sich selbst: „Woher, wohin bin ich ge¬ kommen? — Zu leicht ist Ein Tod für die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewiß unschuldig an allem, und es neckt meinen Geist nur ein nichtiges Traumbild, das der Morgenschlaf wieder entführen wird! Wie wäre es auch möglich, daß ich mich hätte entschlies¬ sen können, lieber auf dem Rücken eines Unthieres durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in holder Sicher¬ heit frische Blumen zu pflücken!“ — So sprach sie und fuhr mit der flachen Hand über die Augenlieder, als wollte sie den verhaßten Traum verwischen. Als sie aber um sich blickte, blieben die fremden Gegenstände unverrückt vor ihren Augen; unbekannte Bäume und Felsen umga¬ ben sie, und eine unheimliche Meeresflut schäumte, an un¬ heimlichen Klippen sich brechend, empor am niegeschauten Gestade. „Ach, wer mir jetzt den verfluchten Stier aus¬ lieferte,“ rief sie verzweifelnd: „wie wollte ich ihn zerflei¬ schen: nicht ruhen wollte ich, bis ich die Hörner des Un¬ geheures zerbrochen, das mir jüngst noch so liebenswürdig erschien! Eitler Wunsch! Nachdem ich schamlos die Hei¬ math verlassen, was bleibt mir übrig, als zu sterben? Wenn ich nicht von allen Göttern verlassen bin, so sen¬ det mir, ihr Himmlischen, einen Löwen, einen Tiger! Vielleicht reizt sie die Fülle meiner Schönheit, und ich muß nicht warten, bis der entsetzliche Hunger an diesen blühen¬ den Wangen zehrt!“ Aber kein wildes Thier erschien; lächelnd und friedlich lag die fremde Gegend vor ihr und vom unumwölkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie von Furien bestürmt, sprang die verlassene Jungfrau auf. „Elende Europa, rief sie, hörst du nicht die Stimme dei¬ nes abwesenden Vaters, der dich verflucht, wenn du dei¬ nem schimpflichen Leben nicht ein Ende machst! Zeigt er dir nicht jene Esche, an welche du dich mit deinem Gür¬ tel aufhängen kannst? Deutet er nicht hin auf jenes spitze Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird? Oder willst du lieber einem Barbarenfürsten als Nebenweib dienen, und, als Sclavin, von Tag zu Tag die zugetheilte Wolle abspinnen, du, ei¬ nes hohen Königes Tochter?“ So quälte sich das un¬ glückliche verlassene Mädchen mit Todesgedanken, und fühlte doch nicht den Muth in sich, zu sterben. Da ver¬ nahm sie plötzlich ein heimliches spottendes Flüstern hin¬ ter sich, glaubte sich belauscht, und blickte erschrocken rück¬ wärts. In überirdischem Glanze sah sie da die Göttin Ve¬ nus vor sich stehen, ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit gesenktem Bogen zur Seite. Noch schwebte ein Lä¬ cheln auf den Lippen der Göttin, dann sprach sie: „Laß deinen Zorn und Hader, schönes Mädchen! Der verhaßte Stier wird kommen und dir die Hörner zum Zerreißen darreichen, ich bin es, die dir im väterlichen Hause jenen Traum gesendet. Tröste dich, Europa! Jupiter ist es, der dich geraubt hat; du bist die irdische Gattin des unbesieg¬ ten Gottes: unsterblich wird dein Name werden; denn der fremde Welttheil, der dich aufgenommen hat, heißt hinfort Europa !“ Kadmus . Kadmus war ein Sohn des phönizischen Königes Agenor, ein Bruder der Europa. Als Jupiter diese, in einen Stier verwandelt, entführt hatte, sandte den Kadmus und dessen Brüder sein Vater aus, sie zu suchen und ohne sie erlaubte er ihnen nicht wieder zurückzukom¬ men. Lange hatte Kadmus vergebens die Welt durchirrt, ohne Jupiters Schliche entdecken zu können. Als er die Hoffnung verloren hatte, seine Schwester wieder aufzu¬ finden, scheute er seines Vaters Zorn, wandte sich an das Orakel Phöbus-Apollo's und forschte, welches Land er inskünftige bewohnen sollte. Apollo gab ihm die Weisung: „Du wirst ein Rind auf einsamen Auen tref¬ fen, das noch kein Joch geduldet hat. Von diesem sollst du dich leiten lassen, und an dem Platze, wo es im Grase ruhen wird, erbaue Mauern und nenne die Stadt Theben.“ Kaum hatte Kadmus die kastalische Höhle verlassen, wo Apolls Orakel war, als er schon auf der grünen Waide eine Kuh sich bedächtig ergehen sah, die noch kein Zeichen der Dienstbarkeit um den Nacken trug. Laut¬ los zu Phöbus betend folgte er mit langsamen Schritten den Spuren des Thieres. Schon hatte er die Furth des Ccphissus durchwatet und war über eine gute Strecke Landes gekommen, als auf einmal das Rind stille stand, sein Gehörn gen Himmel streckte und die Luft mit Brül¬ len erfüllte; dann schaute es rückwärts nach der Schaar der Männer, die ihm folgte, und kauerte sich endlich im schwellenden Grase nieder. Voll Dankes warf sich Kadmus auf der fremden Erde nieder und küßte sie. Hierauf wollte er dem Jupiter opfern, und hieß die Diener sich aufmachen um ihm Wasser aus lebendigem Quell zum Trankopfer zu holen. Dort war ein altes Gehölz, das noch von keinem Beile jemals ausgehauen worden war, mitten darin bildete durch zusammengefügtes Felsgestein, mit Gestrüppe und Strauchwerk verwachsen, eine Kluft, reich an Quellwasser, ein niedriges Gewölbe. In dieser Höhle versteckt ruhte ein grausamer Drache. Weithin sah man seinen rothen Kamm schimmern, aus den Augen sprühte Feuer, sein Leib schwoll von Gift, mit drei Zungen zischte er, und mit drei Reihen Zähne war sein Rachen bewaffnet. Wie nun die Phönizier den Hain betreten hatten, und der Krug, niedergelassen, in den Wellen plätscherte, streckte der bläuliche Drache plötzlich sein Haupt weit aus der Höhle und erhub ein entsetzliches Zischen. Die Schöpf¬ urnen entgleiteten der Hand der Diener, und vor Schrecken stockte ihnen das Blut im Leibe. Der Drache aber ver¬ wickelte seine schuppigen Ringe zum schlüpfrigen Knäuel, dann krümmte er sich im Bogensprunge, und über die Hälfte aufgerichtet schaute er auf den Wald herab. Dann reckte er sich gegen die Phönizier aus, tödtete die Einen durch seinen Biß, die andern erdrückte er mit seiner Um¬ schlingung, noch andere erstickte sein bloßer Anhauch und wieder andere brachte sein giftiger Geifer um. Kadmus wußte nicht, warum seine Diener so lange zauderten. Zuletzt machte er sich auf, selbst nach ihnen zu schauen. Er deckte sich mit dem Felle, das er einem Lö¬ wen abgezogen hatte, nahm Lanze und Wurfspieß mit sich, dazu ein Herz, das besser war, als jede Waffe. Das erste was ihm beim Eintritt in den Hain aufstieß, wa¬ ren die Leichen seiner getödteten Diener und über ihnen sah er den Feind mit geschwollenem Leibe triumphiren und mit der blutigen Zunge die Leichname belecken. „Ihr armen Genossen,“ rief Kadmus voll Jammer aus, „entwe¬ der bin ich euer Rächer, oder der Gefährte eures Todes!“ Mit diesen Worten ergriff er ein Felsstück und sandte es gegen den Drachen. Mauern und Thürme hätte wohl der Stein erschüttert, so groß war er. Aber der Drache blieb unverwundet, sein harter schwarzer Balg und die Schuppenhaut schirmten ihn wie ein eherner Panzer. Nun versuchte es der Held mit dem Wurfspieß. Diesem hielt der Leib des Ungeheuers nicht Stand, die stählerne Spitze stieg tief in sein Eingeweide nieder. Wüthend vor Schmerz drehte der Drache den Kopf gegen den Rücken und zermalmte dadurch die Stange des Wurf¬ spießes, aber das Eisen blieb im Leibe stecken. Ein Streich vom Schwerte steigerte noch seine Wuth, der Schlund schwoll ihm auf, und weißer Schaum floß aus dem giftigen Rachen. Aufrechter als ein Baumstamm schoß der Drache hinaus, dann rannte er mit der Brust wieder gegen die Waldbäume. Agenors Sohn wich dem Anfalle aus, deckte sich mit der Löwenhaut und ließ die Drachenzähne an der Lanzenspitze sich abmüden. Endlich fieng das Blut dem Unthier aus dem Halse zu fließen an, und röthete die grünen Kräuter umher; aber die Wunde war nur leicht, denn es wich jedem Stoß und Stiche aus, und verstattete ihnen nicht fest zu sitzen. Zu¬ letzt jedoch stieß ihm Kadmus das Schwert in die Gurgel, so tief, daß es rücklings in einen Eichbaum fuhr und mit dem Nacken des Ungeheuers zugleich der Stamm durchbohrt wurde. Der Baum wurde von dem Gewichte des Drachen krumm gebogen und seufzte, weil er sich den Stamm von der Spitze des Schweifes gepeitscht fühlte. Nun war der Feind überwältigt. Kadmus betrachtete den erlegten Drachen lange; als er sich wieder umsah, stand Pallas-Athene (Minerva), die vom Himmel herniedergefahren war, zu seiner Seite, und befahl ihm sofort die Zähne des Drachen als Nachwuchs künftigen Volkes in aufgelockertes Erdreich zu säen. Er gehorchte der Göttin, öffnete mit dem Pflug eine breite Furche auf dem Boden, und fing an die Drachenzähne, wie ihm befohlen war, die Oeffnung entlang auszustreuen. Auf einmal begann die Scholle sich zu rühren, und aus den Furchen hervor blickte zuerst nur die Spitze einer Lanze, dann kam ein Helm hervor, auf welchem ein far¬ biger Busch sich schwenkte, bald ragten Schulter und Brust, und bewaffnete Arme aus dem Boden, und endlich stand ein gerüsteter Krieger, vom Kopf bis zum Fuße der Erde entwachsen, da. Dieß geschah an vielen Orten zugleich, und eine ganze Saat bewaffneter Männer wuchs vor den Augen des Phöniziers empor. Agenors Sohn erschrack und war gefaßt darauf, einen neuen Feind bekämpfen zu müssen. Aber einer von dem erdentsprossenen Volke rief ihm zu: „Nimm die Waffen nicht, menge dich nicht in innere Kriege!“ So¬ fort holte dieser auf einen der ihm zunächst aus der Furche hervorgekommenen Brüder mit einem Schwert¬ streich aus; ihn selbst streckte zu gleicher Zeit ein Wurf¬ spieß nieder, der aus der Ferne geflogen kam. Auch der, welcher ihm den Tod gegeben, verhauchte unter einer Wunde den kaum empfangenen Lebensathem bald wieder. Der ganze Männerschwarm tobte in fürchterlichem Wech¬ selkampfe; fast alle lagen mit zuckender Brust auf dem Boden und die Mutter Erde trank das Blut ihrer eben erst geborenen Söhne. Nur fünf waren übrig geblieben. Einer davon — er ward später Echion genannt — warf zuerst auf Minervens Geheiß die Waffen zur Erde, und erbot sich zum Frieden; ihm folgten die Anderen. Mit dieser fünf erdentsprossenen Krieger Hülfe baute der phönizische Fremdling Kadmus die neue Stadt, dem Orakel des Phöbus gehorsam, und nannte sie, wie ihm befohlen war, Theben . Pentheus. Zu Theben ward Bacchus oder Dionysos , der Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus, wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬ finder des Weinstocks. In Indien erzogen, verließ er bald die Nymphen, seine Pflegerinnen, und durchreiste die Länder, um allenthalben die Menschen zu bilden, den Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬ ehrung seiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen seine Freunde war, so hart bestrafte er diejenigen, die seinen Gottesdienst nicht anerkennen wollten. Schon war sein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur Stadt seiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber herrschte Pentheus , welchem Kadmus das Königreich über¬ geben hatte, der Sohn des erdentsproßenen Echion und der Agave, einer Mutterschwester des Bacchus. Dieser war ein Verächter der Götter und zu meist seines Ver¬ wandten, des Dionysos. Als nun der Gott mit seinem jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um sich dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte dieser nicht auf die Warnung des blinden, greisen Se¬ hers Tiresias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam, daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen zur Verehrung des neuen Gottes hinausströmten, fing er an ergrimmt zu schelten: „Welch ein Wahnsinn hat euch bethört, ihr drachenentsprossenen Thebaner, daß ihr, die kein Schlachtschwert, keine Trompete jemals geschreckt hat, jetzt ein weichlicher Zug von berauschten Thoren und Weibern besiegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit über Schwab, das klass. Alterthum. I . 4 Meere hierher gefahren seyd, und euren alten Göttern eine Stadt gegründet, habt ihr ganz vergessen, aus wel¬ chem Heldengeschlecht ihr gezeugt seyd? Wollt ihr es dul¬ den, daß ein wehrloses Knäblein Theben erobere, ein Weichling mit balsamtriefendem Haar, auf dem ein Kranz aus Weinlaub sitzt, in Purpur und Gold anstatt in Stahl gekleidet, der kein Roß tummeln kann, dem keine Wehr, keine Fehde behagt? Wenn nur Ihr wieder zur Besinnung kommet, so will ich ihn bald nöthigen, einzuge¬ stehen, daß er ein Mensch ist, wie ich, sein Vetter, daß nicht Jupiter sein Vater und alle diese prächtige Gottes¬ verehrung erlogen ist! Dann wandte er sich zu seinen Dienern, und befahl ihnen, den Anführer dieser neuen Raserey, wo sie ihn anträfen, zu fassen und in Fesseln herzuschleppen. Seine Freunde und Verwandte, die um den König waren, erschracken über diesen frechen Befehl, sein Ahn¬ herr Kadmus, der in hohem Greisenalter noch lebte, schüt¬ telte das Haupt und mißbilligte das Thun des Enkels; aber durch Ermahnungen wurde seine Wuth nur gestachelt, sie schäumte über alle Hindernisse hin, wie ein rasender Fluß über das Wehr. Unterdessen kamen die Diener mit blutigen Köpfen zurück. „Wo habt ihr den Bacchus?“ rief ihnen Pentheus zornig entgegen. „Den Bacchus,“ antworteten sie, „haben wir nirgends gesehen. Dafür bringen wir hier einen Mann aus seinem Gefolge. Er scheint noch nicht lange bei ihm zu seyn.“ Pentheus starrte den Gefangenen mit grimmigen Augen an, und schrie dann: „Mann des To¬ des! denn auf der Stelle mußt du, den andern zu einem warnenden Beispiele, sterben! Sag an, wie heißt dein und deiner Eltern Name, wie dein Land; und, sag' auch, warum verehrst du die neuen Gebräuche?“ Frei und ohne Furcht erwiederte Jener: „Mein Name ist Akötes, meine Heimath Mäonien, meine Eltern sind aus dem gemeinen Volke. Keine Fluren, keine Heerden ließ mir der Vater zum Erbtheil, er lehrte mich nur die Kunst mit der Angelruthe zu fischen, denn diese Kunst war all sein Reichthum. Bald lernte ich auch ein Schiff regieren, die leitenden Gestirne, die Winde, die wohlgele¬ genen Häfen kennen, und fing an, Schiffahrt zu trei¬ ben. Einst, auf einer Fahrt nach Delos, gerieth ich an eine unbekannte Küste, wo wir anlegten. Ein Sprung brachte mich auf den feuchten Sand, und ich übernachtete hier noch ohne die Gefährten am Ufer. Des andern Tages machte ich mich mit der ersten Morgenröthe auf, und bestieg einen Hügel, um zu sehen, was der Wind uns verspreche. Inzwischen hatten auch meine Gefähr¬ ten gelandet, und auf dem Rückwege nach dem Schiffe begegnete ich ihnen, wie sie gerade einen Jüngling mit sich schleppten, den sie am verlassenen Gestade geraubt hatten. Der Knabe, von jungfräulicher Schönheit, schien vom Weine betäubt, taumelnd wie von Schläfrigkeit, und hatte Mühe, ihnen zu folgen. Als ich Angesicht, Hal¬ tung, Bewegung des Jünglings näher ins Auge faßte, schien sich mir an demselben etwas Ueberirdisches zu of¬ fenbaren. „Was für ein Gott in dem Jüngling sey,“ so sprach ich zu der Mannschaft, „weiß ich noch nicht recht; aber so viel ist mir gewiß, daß ein Gott in ihm ist.“ „Wer du auch seyest,“ sprach ich weiter, „sey uns hold und fördere unsere Arbeit! Verzeih auch diesen, die dich geraubt!“ — „Was fällt dir ein,“ rief ein anderer, „laß 4 * du das Beten!“ Auch die übrigen lachten über mich, von Raubgier verblendet, und somit fassten sie den Knaben, um ihn in das Schiff zu schleppen. Vergebens stellte ich mich entgegen: der Jüngste und Kräftigste unter der Rotte, aus einer Tyrrhenischen Stadt wegen eines Mor¬ des flüchtig, packte mich an der Gurgel und sechleuderte mich hinaus. Ich wäre im Meere ertrunken, wenn mich das Tackelwerk nicht aufgefangen hätte. Inzwischen war der Knabe wie in tiefem Schlummer auf dem Schiffe, wohin man ihn gebracht hatte, gelegen. Plötzlich, wie vom Geschrei erwacht und vom Rausche zurückgekehrt, raffte er sich auf, trat unter die Schiffer und rief: „Wel¬ cher Lärm? Sprecht ihr Männer, durch welches Geschick kam ich hierher? Wohin wollt ihr mich bringen?“ — „Fürchte dich nicht Knabe,“ sprach einer der falschen Schiffer, „nenne uns nur den Hafen, nach welchem du gebracht zu werden wünschest, gewiß wir setzen dich ab, wo du es verlangst.“ „Nun wohl,“ sprach der Knabe, „so richtet den Lauf nach der Insel Naxos, dort ist meine Heimath!“ Die Betrüger versprachen es ihm bei allen Göttern und hießen mich die Segel richten. Uns zur rechten Seite lag Naxos. Wie ich nun die Segel rechtshin spanne, winken und murmeln sie mir alle zu: „Unsinniger, was machst du? Was für ein Wahnwitz plagt dich? Fahr links!“ Ich erstaunte darüber, und be¬ griff sie nicht. „Nehme sich ein anderer des Schiffes an!“ sprach ich, und trat auf die Seite. „Als ob das Heil unsrer Fahrt allein auf dir beruhte!“ schrie mich ein roher Geselle an, und verrichtete das Geschäft anstatt meiner. So ließen sie Naxos liegen, und steuerten in der entgegengesetzten Richtung. Hohnlächelnd, als ob er den Trug jetzt erst bemerke, schaute der Götterjüngling vom Hinterverdeck in die See, und mit verstellten Thrä¬ nen sprach er: „Wehe, nicht diese Gestade verhießet ihr mir, Schiffer, dieß ist nicht das erbetene Land! Ist es auch Recht, daß ihr alten Männer ein Kind auf diese Weise täuschet?“ Aber die gottesvergessene Rotte spottete seiner und meiner Thränen, und ruderte eilig davon. Plötzlich aber, als umschlöße sie ein trockenes Schiffs¬ werft, stand die Barke mitten im Meere still. Vergebens schlagen ihre Ruder die See, ziehen sie die Segel herab, streben fort mit doppelter Kraft. Epheu fängt an die Ruder zu umschlingen, kriecht rückwärts in geschlängelter Windung herauf, streift mit seinen schwellenden Träub¬ chen schon die Segel; Bacchus selbst — denn er war es — steht herrlich da, die Stirn mit beerenbelasteten Trau¬ ben bekränzt, den mit Weinlaub umschlungenen Thyrsus¬ stab schwingend. Tiger, Luchse, Panther erschienen um ihn gelagert, ein duftiger Strom von Wein ergoß sich durch das Schiff. Jetzt sprangen die Männer scheu em¬ por, in Furcht und Wahnsinn. Dem ersten, der auf¬ schreien wollte, krümmte sich Mund und Nase zum Fischmaul, und ehe die andern sich darüber entsetzen konnten, war auch ihnen das gleiche geschehen, ihr Leib senkte sich von blauen Schuppen umgeben, der Rückgrat wurde hochge¬ wölbt, die Arme schrumpften zu Floßfedern ein, die Füße vereinigten sich zu einem Schwanze. Sie waren alle mit¬ einander zu Fischen geworden, sprangen in das Meer und tauchten auf und nieder. Ich von zwanzigen war allein übrig geblieben, aber ich zitterte an allen Gliedern und erwartete jeden Augenblick dieselbe Verwandlung. Bacchus jedoch sprach mir freundlich zu, weil ich ihm ja nur Gutes erwiesen habe. „Fürchte dich nicht,“ sagte er, „und steure mich gen Naxos.“ Als wir dort gelandet hatten, weihte er mich an seinem Altar zum feierlichen Dienste seiner Gottheit ein.“ „Schon zu lange horchen wir deinem Geschwätz,“ schrie jetzt der König Pentheus, „auf, ergreifet ihn, ihr Diener, peinigt ihn mit tausend Martern und schickt ihn zur Unterwelt hinab!“ Die Knechte gehorchten und war¬ fen den Schiffer gefesselt in einen tiefen Kerker. Aber eine unsichtbare Hand befreite ihn. Nun begann erst die ernstliche Verfolgung der Bac¬ chusfeier. Des Pentheus eigene Mutter, Agave und ihre Schwestern, hatten Theil an dem rauschenden Gottes¬ dienste genommen. Der König sandte nach ihnen aus, und ließ alle Bacchantinnen in den Stadtkerker werfen. Aber ohne Hülfe eines Sterblichen werden auch sie ihrer Bande ledig, die Pforten ihres Gefängnisses thun sich auf, und sie rennen in bacchischer Begeisterung frei in den Wäldern umher. Der Diener, der abgesandt worden, mit bewaffneter Macht den Gott selbst einzufangen, kam ganz bestürzt zurück, denn Jener hatte sich willig und lä¬ chelnd den Fesseln dargeboten. So stand er jetzt gefangen vor dem Könige, der selber nicht umhin konnte, seine ju¬ gendliche göttliche Schönheit zu bewundern. Und doch beharrte er in seiner Verblendung, und behandelte ihn als einen Betrüger, der den Namen Bacchus fälschlich führe. Er ließ den gefangenen Gott mit Fesseln belasten und im hintersten und tiefsten Theile seines Pallastes, in der Nähe der Pferdekrippen, in einem dunkeln Loche ver¬ wahren. Auf des Gottes Geheiß spaltete jedoch ein Erd¬ beben das Gemäuer, seine Bande verschwanden. Er trat unversehrt und herrlicher als zuvor in die Mitte seiner Verehrer. Ein Bote über dem andern kam vor den König Pentheus und meldete ihm, welche Wunderthaten die Chöre begeisterter Frauen, von seiner Mutter und ihren Schwestern angeführt, verrichteten. Ihr Stab durfte nur an Felsen schlagen, so sprang Wasser oder sprudelnder Wein heraus, die Bäche floßen unter seinem Zauberschlage mit Milch, aus den hohlen Bäumen träufelte Honig. „Ja,“ fügte einer der Boten hinzu, „wärest du zugegen gewesen, o Herr, und hättest den Gott, den du jetzt schiltst, selbst gesehen, du würdest dich in Gebeten vor ihm nie¬ dergeworfen haben!“ Pentheus, immer entrüsteter, bot auf diese Nachrichten alle schwerbewaffneten Krieger, alle Reiter, alle Leichtbe¬ schildeten gegen das rasende Weiberheer auf. Da erschien Bacchus selbst wieder, und trat als sein eigener Abgeord¬ neter vor den König. Er versprach, ihm die Bac¬ chantinnen entwaffnet vorzuführen, wenn nur der Kö¬ nig selbst die Frauentracht anlegen wolle, damit er nicht als Mann und Uneingeweihter von ihnen zerris¬ sen werde. Ungerne und mit sehr natürlichem Mi߬ trauen ging Pentheus auf den Vorschlag ein; doch folgte er endlich dem Gotte zur Schlachtbank. Aber als er hinausschritt zur Stadt, war er schon vom Wahn¬ sinne, den ihm der mächtige Gott zugesandt hatte, besessen. Ihm däuchte es, als schaue er zwei Sonnen, ein gedop¬ peltes Theben, und jedes seiner Thore zwiefach. Bacchus selbst kam ihm vor, wie ein Stier, der mit großen Hör¬ nern an dem Kopfe vor ihm herschreite. Er selbst wurde wider Willen von bacchischer Begeisterung ergriffen, ver¬ langte und erhielt einen Thyrsusstab, und stürmte in Ra¬ serei dahin. So gelangten sie in ein tiefes, quellenrei¬ ches, von Fichten beschattetes Thal, wo die Bacchus¬ priesterinnen ihrem Gotte Hymnen sangen, andere ihre Thyrsusstäbe mit frischem Epheu bekleideten. Des Pen¬ theus Augen aber waren mit Blindheit geschlagen, oder sein Führer Bacchus hatte ihn so zu leiten gewußt, daß sie die Versammlung der begeisterten Frauen nicht gewahr wurden. Der Gott faßte nun mit seiner wunderbar in die Höhe reichenden Hand den Gipfel eines Tannenbau¬ mes, beugte ihn hernieder, wie man einen Weidenzweig biegt, setzte den wahnsinnigen Pentheus darauf, und ließ den Baum sachte und vorsichtig allmählig wieder in seine vorige Lage zurückkehren. Wie durch ein Wunder blieb der König fest sitzen und erschien auf einmal, hoch auf dem Tannenwipfel hingepflanzt, den Bacchantinnen im Thale, ohne daß er sie erblickte. Dann rief Dionysos mit lauter Stimme ins Thal hinab: „Ihr Mägde, schauet hier den, der unsere heiligen Feste verspottet; bestrafet ihn!“ Der Aether schwieg, kein Blatt im Walde regte sich, kein Schrei eines Wildes ertönte. Auf richteten sich die Bacchantinnen, sperrten ihre Augensterne weit auf, und horchten auf der Stimme Hall, die zum zweitenmal er¬ tönte. Als sie in dem Wort ihren Meister erkannt, schossen sie dahin, schneller denn Tauben; wilder Wahnsinn, vom Gotte gesandt, trieb sie mitten durch die angeschwol¬ lenen Waldbäche. Endlich waren sie nahe genug gekom¬ men, um ihren Herrn und Verfolger auf dem Tannenwi¬ pfel sitzen zu sehen. Schnell flogen Kiesel, abgerissene Tannenäste, Thyrsusstäbe gegen den Unglücklichen empor, ohne die Höhe zu erreichen, in der er zitternd schwebte. Endlich durchwühlten sie mit harten Eichenästen den Bo¬ den rings um den Tannenbaum, bis die Wurzel bloß war, und Pentheus unter lautem Jammergeschrei mit der stür¬ zenden Tanne aus der Höhe zu Boden fiel. Seine Mut¬ ter Agave, vom Gotte geblendet, daß sie den Sohn nicht wieder erkannte, gab das erste Zeichen zum Morde. Dem Könige selbst hatte die Angst seine volle Besinnung wie¬ der gegeben. „Mutter,“ rief er, sie umhalsend, „kennst du deinen Sohn nicht mehr, deinen Sohn Pentheus, den du im Hause Echions geboren? Hab' Erbarmen mit mir, sey du es nicht, Mutter, die meine Sünden am eigenen Kinde straft!“ Aber die wahnsinnige Bacchuspriesterin, schäu¬ mend und mit weit aufgesperrten Augen, sah nicht ihren Sohn in Pentheus, sondern glaubte einen Berglöwen in ihm zu erblicken, faßte ihn an der Schulter und riß ihm den rechten Arm vom Leibe; die Schwestern verstümmel¬ ten den linken; die ganze, wüthende Rotte stürmte auf ihn ein, jede ergriff ein Glied des Zerrissenen; Agave selbst umklammerte das entrissene Haupt mit blutigen Fingern und trug es als ein Löwenhaupt auf einen Thyr¬ susstab gesteckt durch die Wälder des Cithäron. So rächte der mächtige Gott Bacchus sich an dem Verächter seines Gottesdienstes. Perseus. Perseus, der Sohn Jupiters, wurde mit seiner Mutter Danae von dem Großvater Akrisius, Könige von Argos, dem ein Orakelspruch gesagt hatte, daß ein Enkel ihm Leben und Thron rauben würde, in einen Kasten eingeschlossen und ins Meer geworfen; Jupiter behütete sie in den Stürmen des Meeres, und sie schwammen bei der Insel Seriphos ans Land. Dort herrschten zwei Brüder, Dik¬ tys und Polydektes. Diktys fischte eben, als der Kasten angeschwommen kam, und zog ihn ans Land. Beide Brüder nahmen sich der Verlassenen liebreich an; Poly¬ dektes erhob die Mutter zu seiner Gemahlin, und der Sohn Jupiters, Perseus, wurde von ihm sorgfältig erzo¬ gen. Als Perseus herangewachsen war, überredete ihn sein Stiefvater, auf Thaten auszuziehen und etwas Großes zu unternehmen. Der muthige Jüngling zeigte sich willig, und bald waren sie einig darüber, daß Perseus der Me¬ dusa ihr furchtbares Haupt abschlagen und dem Könige nach Seriphos bringen sollte. Perseus machte sich auf den Weg und kam unter Leitung der Götter in die ferne Gegend, wo Phorkus, der Vater vieler entsetzlicher Unge¬ heuer, hauste. Zuerst traf er auf drei seiner Tochter, die Gräen oder Grauen; diese waren grauhaarig von Geburt an; alle drei mit einander hatten sie nur Ein Auge und Einen Zahn, die sie einander gegenseitig abwechslungsweise zum Gebrauche liehen. Perseus nahm ihnen beides weg, und als sie ihn flehentlich baten, das unentbehrlichste ih¬ nen doch wieder zu geben, zeigte er sich zur Zurückerstat¬ tung mir unter der Bedingung bereit, daß sie ihm den Weg zu den Nymphen zeigen sollten. Dieses waren andere Wundergeschöpfe, die Flügelschuhe, einen Schubsack als Tasche und einen Helm von Hundefell besaßen. Wer sich damit bekleidete, konnte fliegen, wohin er wollte; sah, wen er wollte, und wurde von Niemand gesehen. Die Töchter des Phorkus zeigten dem Perseus den Weg zu den Nymphen und erhielten Zahn und Auge von ihm zu¬ rück. Bei den Nymphen fand und nahm er, was er wollte, warf den Schubsack um, schnallte die Flügelschuhe an seine Knöchel und setzte den Helm aufs Haupt. Dazu erhielt er von Merkurius eine eherne Sichel, und so aus¬ gerüstet flog er zu dem Ocean, wo die andern drei Töch¬ ter des Phorkus, die Gorgonen , hausten. Die dritte, die Medusa hieß, war allein sterblich; darum war auch Perseus ausgesandt worden, ihr Haupt zu holen. Er fand die Ungeheuer schlafend; ihre Häupter waren mit Drachenschuppen übersäet, mit Schlangen, statt Haaren bedeckt, große Hauzähne hatten sie, wie Schweine, eherne Hände, und goldene Flügel, mit welchen sie flogen. Jeden, der sie ansah, verwandelte dieser Anblick in Stein. Das wußte Perseus. Mit abgewandtem Gesichte stellte er sich deßwegen vor die Schlafenden, und fing nur in seinem ehernen, glänzenden Schilde ihr dreifaches Bild auf. So erkannte er die Gorgo Medusa heraus, Minerva führte ihm die Hand, und er schnitt dem schlafenden Ungeheuer ohne Gefährde das Haupt ab. Kaum war dieß vollbracht, so entsprang dem Rumpfe ein geflügeltes Roß, der Pe¬ gasus, und ein Riese, Chrysaor. Beides waren Geschöpfe des Poseidon oder Neptunus. Perseus schob nun das Haupt der Medusa in den Schubsack, und entfernte sich rücklings, wie er gekommen war. Indessen hatten sich die Schwestern Medusa's vom Lager erhoben. Sie er¬ blickten den Rumpf der getödteten Schwester und erho¬ ben sich auf ihren Fittichen, den Räuber zu verfolgen. Diesen aber verbarg der Nymphenhelm vor ihren Augen und sie konnten ihn nirgends inne werden. In der Luft faßten inzwischen den Perseus die Winde und schleuderten ihn, wie Regengewölk, bald da bald dorthin; als er über den Sandwüsten Libyens schwebte, rieselten blutige Tro¬ pfen vom Medusenhaupte auf die Erde nieder, welche sie auffing und zu bunten Schlangen belebte. Seitdem ist jenes Erdreich an feindseligen Nattern so ergiebig. Perseus flog nun weiter westwärts und senkte sich endlich im Reiche des Königes Atlas nieder, um ein wenig zu rasten. Dieser hütete einen Hain voll goldener Früchte mit einem gewaltigen Drachen. Umsonst bat der Besieger der Gorgone ihn um ein Obdach. Für sein goldenes Besitzthum bange, stieß ihn Atlas unbarmherzig von sei¬ nem Pallaste fort. Da ergrimmte Perseus und sprach: „Du willst mir nichts gönnen: empfange du wenigstens ein Geschenk von mir.“ Er holte die Gorgo aus seinem Schubsacke hervor, wandte sich ab und streckte sie dem König Atlas entgegen. Groß wie der König war, wurde er augenblicklich zu Stein und in einen Berg ver¬ wandelt, Bart und Haupthaar dehnten sich zu Wäldern aus; Schultern, Hände und Gebein wurden Felsrücken; sein Haupt wuchs als hoher Gipfel in die Wolken. Per¬ seus nahm seine Fittiche wieder, und schnallte sie sich an die Sohlen, hängte sich den Schubsack um, setzte den Helm auf und schwang sich in die Lüfte. Auf seinem Fluge kam er an eine Küste Aethiopiens, wo der König Cepheus regierte. Hier sah er an eine hervorragende Meeres¬ klippe eine Jungfrau angebunden. Wenn nicht ihr Haupt¬ haar ein Lüftchen bewegt hätte und in ihren Augen Thränen gezittert, so würde er sie für ein Marmorbild gehalten haben. Fast hätte er in der Luft die Flügel zu bewegen vergessen, so bezaubert war er von dem Reize ihrer Schönheit. „Sprich, schöne Jungfrau,“ redete er sie an, „du, die du ganz anderes Geschmeide verdientest, warum bist du hier in Banden? nenne mir doch den Namen dei¬ nes Landes, nenne mir deinen eigenen Namen!“ Das ge¬ fesselte Mädchen schwieg verschämt; sie scheute sich den fremden Mann anzureden, und hätte gern ihr Angesicht mit den Händen bedeckt, wenn sie sie hätte regen können. So aber konnte sie nur ihre Augen mit quellenden Thrä¬ nen füllen. Endlich, damit der Fremdling nicht glauben möchte, sie habe eine eigene Schuld vor ihm zu verber¬ gen, erwiederte sie: „Ich bin Cepheus des Königs der Aethiopier Tochter, und heiße Andromeda. Meine Mut¬ ter hatte gegen die Töchter des Nereus, die Meeres¬ nymphen, geprahlt, schöner zu seyn als sie Alle. Darüber zürnten die Nereiden, und ihr Freund, der Meeresgott, ließ eine Ueberschwemmung und einen alles verschlingenden Haifisch über das Land kommen. Ein Orakelspruch ver¬ sprach uns Befreiung von der Plage, wenn ich, die Toch¬ ter der Königin, dem Fische zum Fraße hingeworfen würde. Das Volk drang in meinen Vater, dieses Rettungsmittel zu ergreifen, und die Verzweiflung zwang ihn, mich an diesen Felsen zu binden.“ Sie hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, als die Wogen aufrauschten und aus der Tiefe des Mee¬ res ein Scheusal auftauchte, das mit seiner breiten Brust die ganze Wasserfläche umher einnahm. Das Mädchen jammerte laut auf; zugleich sah man Vater und Mutter herbeieilen, beide trostlos, doch in der Mutter Zügen drückte sich noch dazu das Bewußtseyn der Schuld aus. Sie umarmten die gefesselte Tochter, aber sie brachte ihr nichts mit als Thränen und Wehklagen. Jetzt begann der Fremdling: „Zum Jammern wird euch noch Zeit genug übrig bleiben; die Stunde der Rettung ist kurz. Ich bin Perseus, der Sprößling Jupiters und der Danae, ich habe die Gorgone besiegt, und wunder¬ bare Flügel tragen mich durch die Luft. Selbst wenn die Jungfrau frei wäre und zu wählen hätte, wäre ich kein verächtlicher Eidam! Jetzt werbe ich um sie, mit dem Erbieten, sie zu retten. Nehmet ihr meine Bedingung an?“ Wer hätte in solcher Lage gezaudert? Die erfreuten El¬ tern versprachen ihm nicht nur die Tochter, sondern auch ihr eigenes Königreich zur Mitgift. Während sie dieses verhandelten, war das Unthier wie ein schnellruderndes Schiff herangeschwommen und nur noch einen Schleuderwurf von dem Felsen entfernt. Da plötzlich, das Land mit dem Fuße abstoßend, schwang sich der Jüngling hoch empor in die Wolken. Das Thier sah den Schatten des Mannes auf dem Meere. Während es auf diesen tobend losging, als auf einen Feind, der ihm die Beute zu entreißen drohte, fuhr Perseus aus der Luft wie ein Adler herunter, trat schwebend auf den Rücken des Thieres, und senkte das Schwerdt, mit dem er die Meduse getödtet hatte, dem Hayfisch unter dem Kopf in den Leib, bis an den Knauf. Kaum hatte er es wieder herausgezogen, so sprang der Fisch bald hoch in die Lüfte, bald tauchte er wieder unter in die Fluth, bald tobte er nach beiden Seiten, wie ein von Hunden verfolgter Eber. Perseus brachte ihm Wunde um Wunde bei, bis ein dunkler Blutstrom sich aus seinem Rachen ergoß. Indessen troffen die Flügel des Halbgotts, und Perseus wagte nicht länger, sich dem wasserschweren Gefieder anzuvertrauen. Glücklicherweise erblickte er ein Felsriff, dessen oberste Spitze aus dem Meere hervorragte. Auf diese Felswand stützte er sich mit der Linken, und stieß das Eisen drei bis viermal in das Gekröse des Un¬ gethüms. Das Meer trieb die ungeheure Leiche fort, und bald war sie in den Fluthen verschwunden. Perseus hatte sich indessen ans Land geschwungen, hatte den Fel¬ sen erklommen und die Jungfrau, die ihn mit Blicken des Dankes und der Liebe begrüßte, der Fesseln entledigt. Er brachte sie den glücklichen Eltern, und der goldene Pallast empfing ihn als Bräutigam. Noch dampfte das Hochzeitmahl und die Stunden strichen dem Vater und der Mutter, dem Bräutigam und der geretteten Braut in sorgenfreier Eile dahin, als plötzlich die Vorhöfe der Königsburg mit einem dumpfen brausenden Getümmel sich füllten. Phineus, der Bruder des Königes Cepheus, der früher um seine Nichte Andromeda geworben, aber in der letzten Noth sie verlassen hatte, nahte mit einer Schaar von Kriegern und erneuerte seine Ansprüche. Den Speer schwingend, trat er in den Hochzeitsaal und rief dem erstaunten Perseus zu: „Sieh mich hier, der ich komme, die mir entrissene Gattin zu rächen, weder deine Flügel, noch dein Vater Jupiter sollen dich mir entreis¬ sen!“ So rief er, schon zum Speerwurfe sich anschickend; da hub sich Cepheus, der König vom Mahle. „Rasender Bruder,“ rief er, „welcher Gedanke treibt dich zur Un¬ that? Nicht Perseus raubt dir die Geliebte; sie wurde dir schon damals entrissen, als wir sie dem Tode preisgaben, als du zusahest, wie sie gefesselt wurde, und weder als Oheim noch als Geliebter ihr deinen Beistand liehest. Warum hast du nicht selbst dir den Preis von dem Fel¬ sen geholt, an den er geschmiedet war? So laß wenig¬ stens den, der ihn sich errungen hat, der mein Alter durch die Rettung meiner Tochter getröstet, in Ruhe!“ Phineus antwortete ihm nichts, er betrachtete nur abwechselnd mit grimmigen Blicken bald seinen Bruder, bald seinen Nebenbuhler, als besänne er sich, auf wen er zuerst zielen sollte. Endlich nach kurzem Verzuge schwang er mit aller Kraft, die der Zorn ihm gab, den Speer gegen Perseus; aber er that einen Fehlwurf und die Waffe blieb im Polster hängen. Jetzt fuhr Perseus vom Lager empor und schleuderte seinen Spieß nach der Thüre, durch welche Phineus eingedrungen war, und er würde die Brust seines Todfeinds durchbohrt haben, wenn dieser sich nicht mit einem Sprunge hinter den Hausaltar geflüchtet hätte. Das Geschoß hatte die Stirne eines sei¬ ner Begleiter getroffen und jetzt kam das Gefolge des Eingedrungenen mit den längst von der Tafel aufgestör¬ ten Gästen ins Handgemenge. Lang und mörderisch war der Kampf; aber der Eingebrochenen war die Mehrzahl. Zuletzt wurde Perseus, an dessen Seite sich umsonst die Schwiegereltern und die Braut schutzflehend stellten, von Phineus und seinen Tausenden umringt. Die Pfeile flo¬ gen an ihnen von allen Seiten vorbei, wie Hagelkörner im Sturme. Perseus hatte die Schultern an einen Pfei¬ ler gelehnt und sich so den Rücken gedeckt. Von da zur Heerschaar der Feinde gewendet, hielt er den Anlauf der Feinde ab und streckte einen um den andern nieder. Erst als er sah, daß die Tapferkeit der Menge erliegen müsse, entschloß er sich, das letzte aber untrügliche Mit¬ tel, das ihm zu Gebote stand, zu gebrauchen. „Weil ihr mich genöthiget, sprach er, will ich mir die Hülfe bei meinem alten Feinde holen! Wende sein Antlitz ab, wer noch mein Freund ist!“ Mit diesen Worten zog er, aus der Tasche, die ihm immer an der Seite hing, das Gor¬ gonenhaupt, und streckte es dem ersten Gegner zu, der jetzt eben auf ihn eindrang. „Suche Andere,“ rief dieser verächtlich beim ersten flüchtigen Blicke, „die du mit dei¬ nen Mirakeln erschüttern kannst.“ Aber als seine Hand sich heben wollte, den Wurfspieß abzusenden, blieb er mitten in dieser Geberde versteinert, wie eine Bildsäule. Und so widerfuhr es einem nach dem andern. Zuletzt waren nur noch zweihundert übrig. Da hub Perseus das Gorgonenhaupt hoch in die Luft empor, daß alle es erblicken konnten und verwandelte die zweihundert auf einmal in starres Gestein. Jetzt erst bereute Phineus den unrechtmäßigen und unvernünftigen Krieg. Rechts und links erblickt er nichts als Steinbilder in der mannig¬ faltigsten Stellung. Er ruft seine Freunde mit Namen, er berührt ungläubig die Körper der Zunächststehenden: Alles ist Marmor. Entsetzen faßte ihn und sein Trotz verwandelte sich in demüthiges Flehen. „Laß mir nur das Leben, dein sey das Reich und die Braut!“ rief er und kehrte sein verzagendes Angesicht seitwärts. Aber Perseus, über den Tod seiner neuen Freunde erbittert, kannte kein Erbarmen. „Verräther, schrie er zornig, ich will dir für alle Ewigkeit ein bleibendes Denkmal in meines Schwähers Hause stiften!“ und so sehr Phineus Schwab, das klass. Alterthum. I . 5 bemüht war, dem Anblicke zu entgehen, so traf doch bald das ausgestreckte Schreckensbild sein Auge: sein Hals erstarrte, sein feuchter Blick erharschte zu Stein. So blieb er stehen mit furchtsamer Miene, die Hände gesenkt, in knechtischer, demüthiger Stellung. Ohne Hinderniß führte jetzt Perseus seine Geliebte, Andromeda, heim. Lange glückliche Tage erwarteten ihn und er fand auch seine Mutter Danae wieder. Doch sollte er an seinem Großvater Akrisius das Verhängniß erfüllen. Dieser war aus Furcht vor dem Orakelspruche zu einem fremden Könige ins Pelasgerland geflohen. Hier half er Kampf¬ spiele feiern, als eben Perseus ankam, der auf der Fahrt nach Argos begriffen war, wo er seinen Großvater be¬ grüßen wollte. Ein unglücklicher Wurf mit der Scheibe traf den Großvater von des Enkels Hand, ohne daß Dieser Jenen kannte oder treffen wollte. Nicht lange blieb ihm verborgen, was er gethan. In tiefer Trauer begrub er den Akrisius außerhalb der Stadt und ver¬ tauschte das Königreich, das ihm durch des Großvaters Tod zugefallen war. Doch verfolgte ihn der Neid des Geschickes nicht länger. Andromeda gebar ihm viele herrliche Söhne und der Ruhm des Vaters lebte in ihnen fort. Ion. Der König Erechtheus von Athen, erfreute sich einer schö¬ nen Tochter, die Krusa hieß. Mit dieser hatte sich, ohne Wissen ihres Vaters, Apollo vermählt, und sie hatte ihm einen Sohn geboren, welchen sie aus Furcht vor dem Zorn ihres Vaters in eine Kiste verschloß und in der Höhle aussetzte, wo sie ihre heimlichen Zusammenkünfte mit dem Gotte gehalten hatte, in der Hoffnung, daß sich die Götter des Verlassenen erbarmen würden. Um aber den neugebornen Knaben nicht ohne Erkennungszeichen zu lassen, hing sie ihm den Schmuck um, den sie als Jungfrau zu tragen pflegte. Apollo, dem als einem Gotte die Geburt seines Sohnes nicht verborgen geblie¬ ben war, und der weder seine Geliebte verrathen, noch den Knaben ohne Hülfe lassen wollte, wandte sich an sei¬ nen Bruder Merkurius, welcher als Götterbote, ohne Aufsehen zu erregen, zwischen Himmel und Erde zu ver¬ kehren hatte. „Lieber Bruder,“ sprach er, „eine Sterb¬ liche hat mir ein Kind geboren, es ist die Tochter des Königes Erechtheus zu Athen. Aus Furcht vor ihrem Vater hat sie es in einem hohlen Felsen verborgen; hilf mir es retten, bring es, in der Kiste, in der es liegt und mit den Windeln, in die es gewickelt ist, nach mei¬ nem Orakel zu Delphi, und lege es dort auf die Schwelle des Tempels. Das übrige laß meine Sorge seyn, denn es ist mein Kind.“ Merkur, der geflügelte Gott, eilte nach Athen, fand den Knaben an der bezeichneten Stelle und trug ihn in dem geflochtenen Weidenkorbe, in wel¬ chem er verschlossen lag, nach Delphi, wo er ihn vor 5 * den Pforten des Tempels niedersetzte und den Deckel des Korbes öffnete, damit das Kind bemerklich würde. Dieß geschah bei Nacht. Am andern Morgen, als schon die Sonne emporstieg, kam die Delphische Priesterin nach dem Tempel geschritten, und als sie ihn betreten wollte, fiel ihr Auge auf das neugeborne Kind, das in der Kiste schlummerte. Sie hielt dasselbe für die Frucht irgend eines Verbrechens und war schon geneigt, es von der heiligen Schwelle fortzustoßen, als das Mitleid doch in ihrer Seele die Oberhand gewann, denn der Gott wandte ihr Herz und sprach in demselben für seinen Sohn. Die Prophetin nahm also das Kind aus dem Korbe und zog es auf, ohne seinen Vater und seine Mutter zu kennen. Der Knabe erwuchs um den Altar seines Vaters spielend und wußte nichts von seinen Eltern. Er wurde ein statt¬ licher Jüngling. Die Bewohner von Delphi, die ihn schon als kleinen Tempelhüter gewohnt worden waren, setzten ihn zum Schatzmeister über alle Geschenke, die der Gott erhielt, und so brachte er fortwährend ein ehrbares und heiliges Leben im Tempel seines Vaters zu. Inzwischen hatte Krusa von dem Gotte nichts mehr erfahren und mußte wohl glauben, daß er ihrer und ihres Sohnes vergessen habe. Um diese Zeit geriethen die Athener in einen Krieg mit den Bewohnern der Nach¬ barinsel Euböa, der bis zur Vertilgung geführt wurde und in welchem die letztern unterlagen. In diesem Kam¬ pfe war den Athenern besonders wirksam ein Fremdling aus Achaja beigestanden. Es war dieß Xuthus, ein Sohn des Aeolus, der selbst ein Sohn Jupiters war. Zum Lohne seiner Hülfe begehrte und erhielt er die Hand der Königstochter Krusa; aber es war, als ob der ihr heimlich angetraute Gott die Geliebte seinen Zorn empfin¬ den ließe, daß sie sich einem Andern vermählt hatte, denn ihre Ehe war nicht mit Kindern gesegnet. Nach langer Zeit verfiel Krusa auf den Gedanken, sich an das Orakel zu Delphi zu wenden und von ihm Kindersegen zu er¬ flehen. Dieß war es, was Apollo gewollt, denn er hatte seines Sohnes keineswegs vergessen. So brach die Für¬ stin mit ihrem Gemahl und einem kleinen Gefolge von Dienerinnen auf, und wallfahrtete zu dem Tempel nach Delphi. Als sie vor dem Gotteshause ankamen, trat ge¬ rade der junge Sohn Apollo's über die Schwelle, um gewohnter Weise die Pfosten der Thore mit Lorbeerzwei¬ gen zu schmücken. Da fiel sein Auge auf die edle Ma¬ trone, welche auf die Thore des Tempels zugewandelt kam, und der beim Anblicke des Heiligthums Thränen über die Wangen rollten. Er wagte es, die Frau, deren würdige Gestalt ihm auffiel, bescheiden um die Ursache ihres Kummers zu befragen. „Es wundert mich nicht, o Jüngling,“ erwiederte sie seufzend, „daß meine Traurig¬ keit deinen Blick auf sich zieht; habe ich doch Geschicke zu beweinen, dir man mir wohl ansehen mag. Die Göt¬ ter verfahren oft hart mit uns Sterblichen!“ — „Ich will deinen Kummer nicht weiter stören,“ sprach der Jüng¬ ling, „aber sage mir, wenn es zu wissen erlaubt ist, wer du bist und von wannen du kömmst.“ — „Ich bin Krusa, antwortete die Fürstin, mein Vater heißt Erechtheus, mein Vaterland ist Athen.“ Mit unschuldiger Freude rief der Jüngling: „Ei, aus welchem berühmten Lande, aus welch berühmtem Geschlechte stammst du! Aber sage mir, ist es wahr, wie man es auf Bildern bei uns sieht, daß deines Vaters Großvater Erichthonius aus der Erde, wie ein anderes Gewächs empor gesprossen ist, daß die Göttin Minerva den erdgeborenen Knaben in eine Kiste einge¬ schlossen, ihm zwei Drachen als Wächter beigegeben und das Kistchen den Töchtern des Cekrops zur Bewahrung überlassen habe; daß diese aus Neugierde dasselbe eröffnet und beim Anblicke des Knaben in Wahnsinn gerathen und sich von dem Felsen der Cekropischen Burg herabge¬ stürzt?“ Krusa bejahte die Frage schweigend, denn das Schicksal ihres Urahns erinnerte sie an das Geschick ih¬ res verlorenen Sohnes. Dieser aber, der vor ihr stand, fuhr fort unbefangen weiter zu fragen: „Sage mir auch, hohe Fürstin, ist es wahr, daß dein Vater Erechtheus seine Töchter, deine Schwestern, auf den Ausspruch eines Orakels und mit ihrem freien Willen dem Tode geopfert, um über die Feinde zu siegen? Und wie kam es, daß du allein gerettet worden bist?“ — „Ich war, sprach Krusa, ein neugeborenes Kind und lag in den Armen der Mutter.“ — „Und ist es auch wahr, so fragte der Jüngling weiter, daß dein Vater Erechtheus von einem Erdspalt verschlungen worden ist, daß der Dreizack Nep¬ tuns ihn verderbt hat, und daß in der Nähe seines Erd¬ grabes eine Grotte ist, die mein Herr der pythische Apol¬ lo so lieb hat?“ — „O schweige mir von jener Grotte, Fremdling, unterbrach ihn seufzend Krusa, in ihr ist eine Treulosigkeit und ein großer Frevel begangen wor¬ den.“ Die Fürstin schwieg eine Weile, sammelte sich wie¬ der und erzählte dem Jüngling, in welchem sie den Tem¬ pelhüter des Gottes erkannte, daß sie die Gemahlin des Fürsten Xuthus, und mit diesem nach Delphi gewall¬ fahrtet sey, um für ihre unfruchtbare Ehe den Segen des Gottes zu erflehen. „Phöbus Apollo, sprach sie mit ei¬ nem Seufzer, kennt die Ursache meiner Kinderlosigkeit; er allein kann mir helfen.“ — „So bist du kinderlos, Unglückliche?“ sagte betrübt der Jüngling. „Ich bin es längst, erwiederte Krusa, und ich muß deine Mutter be¬ neiden, guter Jüngling, die sich eines so holdseligen Soh¬ nes erfreut.“ — „Ich weiß nichts von einer Mutter und von einem Vater, gab der junge Mann betrübt zur Ant¬ wort, ich lag nie an eines Weibes Brust; ich weiß auch nicht, wie ich hierher gekommen bin, nur so viel weiß ich aus dem Munde meiner Pflegemutter, der Priesterin die¬ ses Tempels, daß sie sich meiner erbarmt und mich groß gezogen hat; das Haus des Gottes ist seitdem meine Wohnung und ich bin sein Knecht.“ Bei diesen Mitthei¬ lungen wurde die Fürstin sehr nachdenklich, doch drängte sie ihre Gedanken in die Brust zurück und sprach die trau¬ rigen Worte: „Mein Sohn, ich kenne eine Frau, der es gegangen ist, wie deiner Mutter, um ihretwillen bin ich hierher gekommen und soll das Orakel befragen. So will ich denn dir, als dem Diener des Gottes, ihr Geheim¬ niß anvertrauen, bevor ihr jetziger Gatte, der diese Wall¬ fahrt auch gemacht, aber unterwegs abgelenkt hat, um das Orakel des Trophonius zu hören, den Tempel be¬ tritt. Jene Frau behauptet, vor ihrer jetzigen Ehe mit dem großen Gotte Phöbus Apollo vermählt gewesen zu seyn und ihm ohne Wissen ihres Vaters einen Sohn ge¬ boren zu haben. Diesen setzte sie aus, und weiß seitdem nichts mehr von ihm, nicht, ob er das Sonnenlicht schaut oder nicht. Ueber sein Leben oder seinen Tod den Gott auszuforschen, bin ich im Namen meiner Freundin hier¬ her gekommen.“ — „Wie lang ist es her, daß der Kna¬ be todt ist?“ fragte der Jüngling. — „Wenn er noch lebte, so hätte er dein Alter, o Knabe,“ sprach Krusa. „O wie ähnlich ist das Schicksal deiner Freundin und das meine,“ rief mit dem Ausdrucke des Schmerzens der junge Mann; „sie sucht ihren Sohn und ich suche meine Mutter. Doch ist, was ihr geschehen ist, fern von diesem Lande geschehen, und leider sind wir beide einander ganz fremd. Hoffe auch nicht, daß der Gott von seinem Drei¬ fuße dir die gewünschte Antwort ertheilen wird. Bist du doch gekommen, ihn im Namen deiner Freundin einer Treulosigkeit anzuklagen; er wird nicht über sich selbst Richter seyn wollen!“ „Halt ein, Jüngling,“ rief jetzt Krusa, „dort sehe ich den Gatten jener Frau herannahen; laß dir nichts von dem merken, was ich dir, vielleicht allzu vertraulich, vorgeplaudert habe.“ Xuthus kam fröhlich in den Tempel und auf seine Gemahlin zugeschritten. „Frau,“ rief er ihr entgegen, „Trophonius hat einen glücklichen Ausspruch gethan: ich soll nicht ohne Kinder von hinnen ziehen! Aber sage mir, wer ist dieser junge Prophet des Gottes?“ Der Jüngling trat dem Fürsten bescheiden entgegen und er¬ zählte ihm, wie er nur der Tempeldiener Apollo's sey, und im innersten Heiligthume die vornehmsten Delphier selbst, durchs Loos ausgewählt, den Dreifuß umlagern, von dem jetzt eben die Priesterin Orakel zu geben bereit sey. Als der Fürst dieses hörte, befahl er Krusen, sich mit den Zweigen zu schmücken, welche Bittflehende zu tragen pfle¬ gen, und an dem Altare des Gottes, der mit Lorbeer umwunden unter freiem Himmel stand, zu Apollo zu be¬ ten, daß er ihnen ein günstiges Orakel senden möge. Er selbst eilte nach dem Heiligthume des Tempels, indeß der junge Schatzmeister des Gottes im Vorhofe seine Wache fortsetzte. Es hatte nicht sehr lange gedauert, so hörte dieser die Thüren des innersten Heiligthums gehen und sich dröhnend wieder schließen, dann sah er den Xuthus in freudiger Bestürzung herauseilen, dieser warf sich mit Ungestüm dem Jüngling um den Hals, nannte ihn zu wiederholtenmalen seinen Sohn und verlangte seinen Handschlag und seinen Kindeskuß. Der junge Mann aber, der von allem dem nichts begriff, hielt den Alten für wahnsinnig, und stieß ihn mit jugendlicher Kraft von sich. Doch Xuthus ließ sich nicht abweisen. „Der Gott selbst hat es mir geoffenbart,“ sprach er; „sein Spruch lautete: Der erste, der mir draussen begegnen würde, der sey mein Sohn und ein Göttergeschenk. Wie das möglich ist, weiß ich zwar nicht, denn meine Gattin hat mir nie zuvor Kinder geboren. Doch trau' ich dem Gotte; mag er selbst sein Geheimniß enthüllen.“ Jetzt gab sich auch der Jüngling der Freude hin; doch nur halb und mitten unter den Küssen und Umarmungen sei¬ nes Vaters mußte er seufzen: „o geliebte Mutter, wer bist du, wo bist du? wann wird es mir vergönnt seyn, auch dein theures Antlitz zu schauen?“ Dazu kamen ihm große Zweifel, wie die kinderlose Gemahlin des Xuthus, die er nicht zu kennen glaubte, ihn als unerwarteten Stiefsohn aufnehmen, wie die Stadt Athen den nicht gesetzlichen Erben ihres Fürsten empfangen würde. Sein Vater hieß ihn aber guten Muthes seyn: er versprach ihm, ihn den Athenern und seiner Gattin als einen Fremd¬ ling und nicht als seinen Sohn vorzustellen und gab ihm den Namen Ion , d. h. Gänger, weil er im Tempel den ihm Entgegengehenden als seinen Sohn erkannt hatte. Krusa war indessen von dem Altare Apollo's, vor dem sie sich betend niedergeworfen, nicht gewichen. Sie wurde endlich in ihrem brünstigen Flehen von ihren Die¬ nerinnen unterbrochen, welche sich ihr unter Weheklagen nahten.“ Unglückliche Herrin,“ riefen sie ihr entgegen, „dein Gatte zwar ist in große Freude versetzt, du aber wirst nie ein eigenes Kind in deine Arme nehmen und an deine Brust legen. Ihm freilich hat Apollo einen Sohn gegeben, einen erwachsenen Sohn, den ihm vor Zeiten, wer weiß, welch ein Nebenweib geboren hat; als er aus dem Tempel trat, kam ihm dieser entgegen, er wird sich seines wiedergefundenen Kindes freuen, du aber wirst wie zuvor einer Wittwe gleich im öden Hause woh¬ nen.“ Die arme Fürstin, deren Geist der Gott selbst mit Blindheit geschlagen zu haben schien, daß sich ein so nahe liegendes Geheimniß ihm nicht enthüllte, brütete über ihrem traurigen Schicksal eine Weile fort. Endlich fragte sie nach der Person und dem Namen des Stiefsohnes, den sie so unvermuthet erhalten hatte. „Es ist der junge Tempelhüter, den du schon kennst,“ erwiederten die Die¬ nerinnen; „sein Vater hat ihm den Namen Ion gegeben, wer seine Mutter ist, wissen wir nicht, jetzt ist dein Gatte zu dem Altare des Bacchus gegangen, um heimlich für seinen Sohn zu opfern und dann mit ihm den Erken¬ nungsschmaus zu feiern, uns hat er unter Androhung des Todes verboten, dir, o Herrin, die Geschichte zu entdecken, nur unsre große Liebe zu dir hat uns vermocht, dieses Verbot zu übertreten. Du wirst uns ja nicht bei ihm verrathen!“ Jetzt trat aus dem Gefolge ein alter Diener hervor, der dem Stamme der Erechthiden mit blin¬ der Treue anhing und seiner Gebieterin mit großer Liebe zugethan war. Dieser schalt den Fürsten Xuthus einen treulosen Ehebrecher und ließ sich von seinem Eifer so weit verleiten, daß er ihr das Anerbieten machte, den Bastard, der das Erbe der Erechthiden unrechtmäßiger¬ weise an sich bringen würde, aus dem Wege zu räumen. Krusa glaubte sich von ihrem Gatten und von ihrem früheren Geliebten, dem Gott Apollo, verlassen, und betäubt von ihrem Kummer, lieh sie den frevelhaften Anschlägen des Greisen allmählig ihr Ohr und machte ihn auch zum Vertrauten ihres Verhältnißes zu dem Gott. Als Xuthus mit Ion, in welchem er unbegreiflicher¬ weise einen Sohn gefunden zu haben meinte, den Tempel des Gottes verlassen hatte, begab er sich mit ihm nach dem doppelten Gipfel des Berges Parnassus, wo der Gott Bacchus nicht weniger heilig, als Apollo selbst, von den Delphiern verehrt und mit seinem wilden Orgien¬ dienste von den Frauen gefeiert wird. Nachdem er hier ein Trankopfer ausgegossen zum Danke für den gefunde¬ nen Sohn, errichtete Ion im Freien mit Hülfe der Die¬ ner, die ihn begleitet hatten, ein herrliches und geräumi¬ ges Zelt, das er mit schön gewirkten Teppichen bedeckte, die er aus Apollo's Tempel hatte herbeischaffen lassen. In dem Zelte wurden lange Tafeln ausgestellt und mit silbernen Schüsseln voll köstlicher Speisen und goldenen Bechern voll des edelsten Weines, belastet, dann sandte der Athener Xuthus seinen Herold in die Stadt Delphi und lud sämmtliche Einwohner ein, an seiner Freude Theil zu nehmen. Bald füllte sich das große Zelt mit bekränz¬ ten Gästen und sie tafelten in Herrlichkeit und Freude. Beim Nachtische trat ein alter Mann, dessen sonderbare Gebärden den Gästen zur Belustigung dienten, mitten in den Saal des Zeltes und maßte sich das Amt des Mund¬ schenken an. Xuthus erkannte in ihm jenen greisen Die¬ ner seiner Gemahlin Krusa, lobte den Gästen seinen Eifer und seine Treue, und ließ ihn arglos schalten. Der Alte stellte sich an den Schenktisch und fing an sich der Becher anzunehmen, und die Gäste zu bedienen. Als nun gegen den Schluß des Mahles die Flöten ertönten, befahl er den Knechten, die kleinen Becher von der Ta¬ fel wegzunehmen und den Gästen große silberne und gol¬ dene Trinkgefässe vorzusetzen. Er selbst ergriff das herr¬ lichste Gefäß, und trat, als wollte er damit seinen neuen jungen Herren ehren, an den Schenktisch, füllte es bis zu oberst mit köstlichem Weine, schüttete aber zugleich un¬ vermerkt ein tödtliches Gift in den Becher. Indem er sich nun damit dem Ion näherte und einige Tropfen des Weines als Trankopfer auf den Boden goß, entfuhr zu¬ fälliger Weise einem der nahestehenden Knechte ein Fluch. Ion, der unter den heiligen Gebräuchen des Tempels aufgewachsen war, erkannte darin eine böse Vorbedeutung und befahl, indem er den vollen Becher auf den Boden schüttete, daß ihm ein neuer Becher gereicht würde, aus welchem er selbst feierlich das Trankopfer ausgoß, wäh¬ rend alle Gäste aus ihren Bechern dasselbe thaten. Wäh¬ rend dieß geschah, flatterte eine Schaar heiliger Tauben, die im Tempel des Apollo unter dem Schirme des Got¬ tes aufgefüttert werden, lustig in das Zelt herein. Als sie die Ströme Weines sahen, die von allen Seiten aus¬ gegossen wurden, ließen sie sich, lüstern gemacht, auf den Boden nieder und fingen an von dem herumschwimmen¬ den Weine mit ausgereckten Schnäbeln zu nippen: und allen übrigen schadete das Trankopfer nicht, nur die eine Taube, die sich an die Stelle gesetzt hatte, wo Ion seinen ersten Becher ausgegossen, schüttelte, so wie sie den Trank gekostet hatte, krampfhaft ihre Flügel, fing, zum Staunen aller Gäste, zu ächzen und zu toben an, und starb unter Flügelschlag und Zuckungen. Da erhub sich Ion von seinem Sitze, streifte sein Gewand zürnend von den Ar¬ men, ballte die Fäuste und rief: „wo ist der Mensch der mich tödten wollte? rede, Alter! denn du hast deine Hand dazu geliehen, du hast mir den Trank gemischt!“ damit faßte er den Greis bei der Schulter, um ihn nicht wieder los zu lassen. Dieser, überrascht und erschrocken, gestand die ganze Frevelthat, als von Krusen herrührend. Da verließ der durch Apollos Orakel für des Xuthus Sohn erklärte Ion das Zelt und alle Gäste folgten ihm in wilder Aufregung nach. Als er draußen im Freien stand, erhub er die Hände, umringt von den vornehmsten Delphiern und sprach: „Heilige Erde, du bist mein Zeu¬ ge, daß dieses fremde Erechthidenweib mich mit Gift aus dem Wege räumen will!“ — „Steiniget, steiniget sie!“ erscholl es von der Versammlung der Delphier wie aus Einem Munde; und die ganze Stadt brach mit Ion auf, die Verbrecherin zu suchen. Xuthus selbst, dem die schreck¬ liche Entdeckung seine Besinnung geraubt hatte, wurde von dem Strome mit fortgerissen, ohne zu wissen, was er that. Krusa hatte am Altar Apollo's die Früchte ihrer verzweifelten That erwartet. Diese aber keimten ganz anders auf, als sie vermuthet hatte. Ein Tosen aus der Ferne schreckte sie aus ihrer Versunkenheit auf, und noch ehe es ganz nahe kam, war dem heranstürmenden Haufen einer der Knechte ihres Gemahls, der ihr selbst vor An¬ dern getreu war, vorangeeilt, und hatte kaum Zeit gehabt, die Entdeckung ihres Frevels und den Beschluß, den das Volk von Delphi gefasst hätte, ihr zu melden. Ihre Dienerinnen schaarten sich um sie. „Halte dich fest am Altare, Gebieterin,“ riefen sie, „denn sollte dich auch der heilige Ort nicht vor deinen Mördern schützen, so wer¬ den sie doch durch deine Ermordung eine unsühnbare Blutschuld auf sich laden!“ Indessen kam die tobende Schaar der Delphier, von Ion angeführt, dem Altare immer näher. Noch ehe sie bei demselben angelangt wa¬ ren, hörte man des Jünglings zürnende Worte, die der Wind durch die Luft führte: „Die Götter haben es gut mit mir gemeint,“ rief er in lautem Grimme, „daß dieser Frevel mich von der Stiefmutter befreien sollte, die mich zu Athen erwartete. Wo ist die Verruchte, die Viper mit der Giftzunge, der Drache mit dem todspeienden Flammenauge? Auf, daß die Mörderin vom höchsten Felsen in den Abgrund gestürzt werde!” Das ihn be¬ gleitende Volk brüllte Beifall. Jetzt waren sie am Altare angekommen und Ion zerrte an der Frau, die seine Mutter war, und in der er nur seine Todfeindin erkannte, um sie von dem Asyl, auf dessen Heiligkeit und Unverletzlichkeit sie sich berief, hinwegzureißen. Aber Apollo wollte nicht, daß sein eige¬ ner Sohn der Mörder seiner Mutter würde. Auf seinen göttlichen Wink war das Gerücht von dem gedrohten Verbrechen Krusens und der Strafe, welche sie dafür er¬ warte, schnell bis in den Tempel und zu den Ohren der Priesterin gedrungen, und der Gott hatte ihren Sinn er¬ leuchtet, so daß sie einen raschen Blick in den Zusammen¬ hang aller Ereignisse warf, und ihr plötzlich klar wurde, daß ihr Pflegling Jon nicht des Xuthus, wie sie selbst nebelhaft prophezeit hatte, sondern Apollo’s und Krusa’s Sohn sey. Sie verließ den Dreifuß und suchte das Kistchen hervor, in welchem der neugeborene Knabe samt einigen Erkennungszeichen, die sie gleichfalls sorgsam auf¬ bewahrt hatte, einst zu Delphi vor dem Tempelthor aus¬ gesetzt worden war. Mit diesem im Arme eilte sie ins Freie und nach dem Altare, wo Krusa gegen den ein¬ dringenden Jon um ihr Leben kämpfte. Als Jon die Priesterin herannahen sah, ließ er sogleich von seiner Beute ab, ging ihr ehrerbietig entgegen und rief: „Sey mir willkommen, liebe Mutter, denn so muß ich dich nen¬ nen, obgleich du mich nicht geboren hast! hörst du, wel¬ chen Nachstellungen ich entgangen bin? Kaum habe ich einen Vater gefunden, so sinnt auch schon die böse Stief¬ mutter auf meinen Tod! Nun sage mir, Mutter, was soll ich thun; denn deiner Mahnung will ich folgen!“ Die Priesterin erhob warnend ihren Finger und sprach: „Jon, geh mit unbefleckter Hand und unter günstigen Vogelzeichen nach Athen!“ Jon besann sich eine Weile, eh er antwortete. „Ist denn der nicht fleckenlos, sprach er endlich, der seine Feinde tödtet?“ — „Thue du nicht also, bis du mich gehört hast,“ sagte die ehrwürdige Frau. „Siehst du dieß alte Körbchen, das ich, mit fri¬ schen Kränzen umwunden, in meinen Armen trage? In diesem bist du einst ausgesetzt worden, aus ihm habe ich dich hervorgezogen.“ Jon staunte. „Davon, Mutter, sprach er, hast du mir nie etwas gesagt. Warum hast du es so lange vor mir verborgen?“ „Weil der Gott, antwortete die Priesterin, dich bis hierher zu seinem Prie¬ ster haben wollte. Jetzt, wo er dir einen Vater gegeben hat, entläßt er dich nach Athen.“ — „Was soll mir aber dieses Kistchen helfen?“ fragte Ion weiter. „Es enthält die Windeln, in welchen du ausgesetzt worden bist, lieber Sohn!“ antwortete die Priesterin. „Meine Windeln?“ sprach Ion heftig. „Nun, das ist ja eine Spur, die mich auf meine rechte Mutter führen kann. O erwünschte Ent¬ deckung!“ Die Priesterin hielt ihm nun das offene Kist¬ chen hin und Ion griff gierig hinein, und zog die rein¬ lich zusammengewickelte Leinwand heraus. Während er seine bethränten Augen auf die kostbaren Ueberbleibsel heftete, hatte sich Krusa's Angst allmählig verloren und ein Blick auf das Kistchen ihr die ganze Wahrheit ent¬ deckt. Mit einem Sprunge verließ sie den Altar und mit dem Freudenrufe: „Sohn!“ hielt sie den staunenden Ion umschlungen. Diesem schlich sich aufs neue Mi߬ trauen ins Herz, er fürchtete die Umarmungen der Frem¬ den als eine Hinterlist und wollte sich unwillig losma¬ chen. Aber Krusa selbst raffte sich zusammen, trat ei¬ nige Schritte zurück und sprach: „Diese Leinwand soll für mich zeugen, Kind! Wickle sie getrost auseinander, du wirst die Zeichen finden, die ich dir angebe. Die Stickerei, die sie schmückt, ist das Werk meiner mädchen¬ haften Nadel. In der Mitte des Gewebes muß sich das Gorgonenhaupt finden, umringt von Schlangen, wie auf dem Aegisschilde!“ Ungläubig entfaltete Ion die Windeln, aber mit einem plötzlichen Freudenschrei rief er aus: „O großer Jupiter, hier ist die Gorgone, hier sind die Schlangen!“ — Noch nicht genug, sprach Krusa, es müssen in dem Kistchen auch kleine goldne Drachen seyn, zur Erinnerung an die Drachen in der Kiste des Erichthonius; ein Halsschmuck für das neugeborne Knäbchen.“ Ion durchforschte den Korb weiter und mit wonnigem Lächeln zog er bald auch die Drachenbilder hervor. „Das letzte Zeichen, rief Krusa, muß ein Kranz aus den unverwelklichen Oliven seyn, die vom erstgepflanzten Oelbaume Minervens stammen, und den ich meinem neugebornen Knaben aufgesetzt.“ Jon durchsuchte den Grund des Kistchens, und seine Hand brachte einen schönen grünen Olivenkranz hervor. „Mutter, Mutter!“ rief er mit einer von schluchzenden Thränen unterbrochenen Stimme, fiel Krusen um den Hals und bedeckte ihre Wangen mit Küssen. Endlich riß er sich von ihrem Halse los, und verlangte nach seinem Vater Xuthus. Da entdeckte ihm Krusa das Geheimniß seiner Geburt und wie er des Gottes Sohn sey, dem er so lang und getreu im Tempel gedient habe. Auch die früheren Verwicklungen und die letzte Verirrung Krëusens wurden ihm jetzt klar, und er fand selbst den verzweifel¬ ten Anschlag seiner Mutter auf des unerkannten Sohnes Leben verzeihlich. Xuthus nahm den Jon, obgleich nur als Stiefsohn, doch auch so als ein theures Götterge¬ schenk in seine Arme und alle drei erschienen wieder im Tempel, dem Gotte zu danken. Die Priesterin aber weis¬ sagte von ihrem Dreifuß herab, daß Jon der Vater ei¬ nes großen Stammes werden sollte, Jonier nach seinem Namen genannt; auch dem Xuthus weissagte sie Nach¬ kommenschaft von Krusen, einen Sohn, der Dorus heißen sollte, und der weltberühmten Dorier Vater werden. Mit so freudigen Erfüllungen und Hoffnungen brach das Fürstenpaar von Athen mit dem glücklich ge¬ fundenen Sohn nach der Heimath auf, und alle Einwoh¬ ner Delphi's gaben ihm das Geleite. Schwab, das klass. Alterthum. I . 6 Dädalus und Ikarus. Auch Dädalus aus Athen war ein Erechthide, ein Sohn des Metion, ein Urenkel des Erechtheus. Er war der kunstreichste Mann seiner Zeit, Baumeister, Bild¬ hauer und Arbeiter in Stein. In den verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewun¬ dert und von seinen Bildsäulen sagte man, sie leben, gehen und sehen, und seyen für kein Bild sondern für ein beseeltes Geschöpf zu halten. Denn während an den Bildsäulen der früheren Meister die Augen geschlossen waren, und die Hände, von den Seiten des Körpers nicht getrennt, schlaff herunter hingen, war er der erste, der seinen Bildern offene Augen gab, sie die Hände aus¬ strecken und auf schreitenden Füßen stehen ließ. Aber so kunstreich Dädalus war, so eitel und eifersüchtig war er auch auf seine Kunst, und diese Untugend verführte ihn zum Verbrechen und trieb ihn ins Elend. Er hatte ei¬ nen Schwestersohn, Namens Talos, den er in seinen eige¬ nen Künsten unterrichtete, und der noch herrlichere An¬ lagen zeigte als sein Oheim und Meister. Noch als Knabe hatte Talos die Töpferscheibe erfunden; den Kinn¬ backen einer Schlange, auf den er irgendwo gestoßen, gebrauchte er als Säge und durchschnitt mit den gezackten Zähnen ein kleines Brettchen, dann ahmte er dieses Werkzeug in Eisen nach, in dessen Schärfe er eine Reihe fortlaufender Zähne einschnitt, und wurde so der geprie¬ sene Erfinder der Säge. Ebenso erfand er das Drechsel¬ eisen, indem er zuerst zwei eiserne Arme verband, von welchen der eine stille stand, während der andere sich drehte. Auch andere künstliche Werkzeuge ersann er, alles ohne die Hülfe seines Lehrers, und erwarb sich damit hohen Ruhm. Dädalus fing an zu befürchten, der Name des Schülers möchte größer werden, als der des Meisters, der Neid übermannte ihn, und er brachte den Knaben hinter¬ listig um, indem er ihn von Minerva's Burg herabstürzte. Während Dädalus mit seinem Begräbnisse beschäftigt war, wurde er überrascht; er gab vor eine Schlange zu verscharren. Dennoch wurde er vor dem Gerichte des Areopagus wegen eines Mordes angeklagt und schuldig befunden. Er entwich nun und irrte anfangs flüchtig in Attika umher, bis er weiter nach der Insel Kreta floh. Hier fand er bei dem Könige Minos eine Freistätte, ward dessen Freund und als berühmter Künstler hoch angesehen. Er wurde von ihm ausgewählt, um dem Minotaurus, einem Ungeheuer von abscheulicher Abkunst, der ein Dop¬ pelwesen war, das vom Kopfe bis an die Schultern die Gestalt eines Stieres hatte, im übrigen aber einem Men¬ schen glich, einen Aufenthalt zu schaffen, wo das Unge¬ thüm den Augen der Menschen ganz entrückt würde. Der erfindsame Geist des Dädalus erbaute zu dem Ende das Labyrinth, ein Gebäude voll gewundener Krümmun¬ gen, welche Augen und Füsse des Betretenden verwirrten. Die unzähligen Gänge schlangen sich in einander, wie der verworrene Lauf des geschlängelten, phrygischen Flus¬ ses Mäander, der in zweifelndem Gange bald vorwärts, bald zurück fließt und oft seinen eigenen Wellen entgegen kommt. Als der Bau vollendet war und Dädalus ihn durchmusterte, fand sich der Erfinder selbst mit Mühe zur Schwelle zurück, ein so trügerisches Irrsal hatte er gegründet. Im Innersten dieses Labyrinthes wurde der 6 * Minotaurus gehegt, und seine Speise waren sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen, die, vermöge alter Zinsbarkeit, alle neun Jahre von Athen dem Könige Kreta's zugesandt werden mußten. Indessen wurde dem Dädalus die lange Verbannung aus der geliebten Heimath doch allmählig zur Last und es quälte ihn, bei einem tyrannischen und selbst gegen seinen Freund mißtrauischen Könige sein ganzes Leben auf einem vom Meere rings umschlossenen Eilande zu¬ bringen zu sollen. Sein erfindender Geist sann auf Ret¬ tung. Nachdem er lange gebrütet, rief er endlich ganz freudig aus: „die Rettung ist gefunden; mag mich Minos immerhin von Land und Wasser aussperren, die Luft bleibt mir doch offen; so viel Minos besitzt, über sie hat er keine Herrschergewalt. Durch die Luft will ich davon gehen!“ Gesagt, gethan. Dädalus überwältigte mit sei¬ nem Erfindungsgeiste die Natur. Er fing an Vogelfedern von verschiedener Größe so in Ordnung zu legen, daß er mit der kleinsten begann, und zu der kürzeren Feder stets eine längere fügte, so daß man glauben konnte, sie seyen von selbst ansteigend gewachsen. Diese Federn verknüpfte er in der Mitte mit Leinfäden, unten mit Wachs. Die so vereinigten beugte er mit kaum merklicher Krümmung, so daß sie ganz das Ansehen von Flügeln bekamen. Däda¬ lus hatte einen Knaben Namens Ikarus. Dieser stand neben ihm, und mischte seine kindischen Hände neugierig unter die künstliche Arbeit des Vaters: bald griff er nach dem Gefieder, dessen Flaum von dem Luftzuge bewegt wurde, bald knetete er das gelbe Wachs, dessen der Künst¬ ler sich bediente, mit Daumen und Zeigefinger. Der Vater ließ es sorglos geschehen, und lächelte zu den unbeholfenen Bemühungen seines Kindes. Nachdem er die letzte Hand an seine Arbeit gelegt hatte, paßte sich Dädalus selbst die Flügel an den Leib, setzte sich mit ihnen ins Gleichgewicht und schwebte leicht wie ein Vogel empor in die Lüfte. Dann, nachdem er sich wieder zu Boden gesenkt, belehrte er auch seinen jungen Sohn Ikarus, für den ein kleineres Flügelpaar gefertigt und bereit lag. „Flieg immer, lie¬ ber Sohn, sprach er, auf der Mittelstraße; damit nicht, wenn du den Flug zusehr nach unten senktest, die Fittige ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen, oder, wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, im¬ mer nur meinem Pfade durch die Luft folgend.“ Un¬ ter solchen Ermahnungen knüpfte Dädalus auch dem Sohne das Flügelpaar an die Schultern, doch zitterte die Hand des Greisen, während er es that, und eine bange Thräne tropfte ihm auf die Hand. Dann um¬ armte er den Knaben und gab ihm einen Kuß, der auch sein letzter seyn sollte. Jetzt erhoben sich Beide mit ihren Flügeln. Der Vater flog voraus, sorgenvoll wie ein Vogel, der seine zarte Brut zum erstenmal aus dem Neste in die Luft führt. Doch schwang er besonnen und kunstvoll das Gefie¬ der, damit der Sohn es ihm nachthun lernte, und blickte von Zeit zu Zeit rückwärts, um zu sehen, wie es diesem gelänge. Anfangs ging es ganz gut. Bald war ihnen die Insel Samos zur linken, bald Delos und Paros, die Eilande, vor¬ übergeflogen. Noch mehrere Küsten sahen sie schwinden, als der Knabe Ikarus, durch den glücklichen Flug zuversichtlich gemacht, seinen väterlichen Führer verließ, und in verwege¬ nem Uebermuthe mit seinem Flügelpaar einer höheren Zone zusteuerte. Aber die gedrohte Strafe blieb nicht aus. Die Nachbarschaft der Sonne erweichte mit allzukräfti¬ gen Strahlen das Wachs, das die Fittiche zusammen¬ hielt, und ehe es Ikarus nur bemerkte, waren die Flügel aufgelöst und zu beiden Seiten den Schultern entsunken. Noch ruderte der unglückliche Jüngling und schwang sei¬ ne nackten Arme; aber er bekam keine Luft zu fassen, und plötzlich stürzte er in die Tiefe. Er hatte den Na¬ men seines Vaters als Hülferuf auf den Lippen; doch ehe er ihn aussprechen konnte, hatte ihn die blaue Mee¬ resfluth verschlungen. Das alles war so schnell geschehen, daß Dädalus, hinter sich nach seinem Sohne, wie er von Zeit zu Zeit zu thun gewohnt war, blickend, nichts mehr von ihm gewahr wurde. „Ikarus, Ikarus!“ rief er trostlos durch den leeren Luftraum. „Wo, in welchem Bezirke der Luft soll ich dich suchen?“ Endlich sandte er die ängstlich forschenden Blicke nach der Tiefe. Da sah er im Wasser die Federn schwimmen. Nun senkte er seinen Flug und ging, die Flügel abgelegt, ohne Trost am Ufer hin und her, wo bald die Meereswellen den Leichnam seines unglückseligen Kindes ans Gestade spiel¬ ten. Jetzt war der ermordete Talos gerächt. Der ver¬ zweifelnde Vater sorgte für das Begräbniß des Sohnes. Es war eine Insel, wo er sich niedergelassen, und wo der Leichnam ans Ufer geschwemmt worden war. Zum ewigen Gedächtniß an das jammervolle Ereigniß erhielt das Eiland den Namen Ikaria. Als Dädalus seinen Sohn begraben hatte, fuhr er von dieser Insel weiter nach der großen Insel Sicilien. Hier herrschte der König Kokalus. Wie einst bei Minos auf Kreta fand er bei ihm gastliche Aufnahme, und seine Kunst setzte die Einwohner in Erstaunen. Noch lange zeigte man da einen künstlichen See, den er gegraben, und aus dem ein breiter Fluß sich in das benachbarte Meer ergoß; auf den steilsten Felsen, der nicht zu erstür¬ men war, und wo kaum ein paar Bäume Platz zu ha¬ ben schienen, setzte er eine feste Stadt, und führte zu ihr einen so engen und künstlich gewundenen Weg empor, daß drei oder vier Männer hinreichten, die Veste zu ver¬ theidigen. Diese unbezwingliche Burg wählte dann der König Kokalus zur Aufbewahrung seiner Schätze. Das dritte Werk des Dädalus auf der Insel Sicilien war eine tiefe Höhle. Hier fing er den Dampf unterirdischen Feuers so geschickt auf, daß der Aufenthalt in einer Grotte, die sonst feucht zu seyn pflegte, so angenehm war, wie in einem gelinde geheizten Zimmer, und der Körper allmählig in einen wohlthätigen Schweiß kam, ohne dabei von der Hitze belästigt zu werden. Auch den Venustempel auf dem Vorgebirge Eryr erweiterte er, und weihte der Göttin eine goldene Honigzelle, die mit der größten Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigwabe täuschend ähnlich sah. Nun erfuhr aber König Minos, dessen Insel der Baumeister heimlich verlassen hatte, daß Dädalus sich nach Sicilien geflüchtet habe, und faßte den Entschluß, ihn mit einem gewaltigen Kriegsheere zu verfolgen. Er rüstete eine ansehnliche Flotte aus und fuhr damit von Kreta nach Agrigent. Hier schiffte er seine Landtruppen aus, und schickte Botschafter an den König Kokalus, wel¬ che die Auslieferung des Flüchtlings verlangen sollten. Aber Kokalus war über den Einfall des fremden Tyran¬ nen entrüstet, und sann auf Mittel und Wege, ihn zu verderben. Er stellte sich an, als ginge er in die Absich¬ ten des Kreters ganz ein, versprach ihm in Allem zu willfahren und lud ihn zu dem Ende zu einer Zusammen¬ kunft ein. Minos kam und wurde mit großer Gastfreund¬ schaft von Kokalus aufgenommen. Ein warmes Bad sollte ihn von der Ermüdung des Weges heilen. Als er aber in der Wanne saß, ließ Kokalus diese so lange heitzen, bis Minos in dem siedenden Wasser erstickte. Die Leiche überließ der König von Sicilien den Kretern, die mit ihm gekommen waren, unter dem Vorgeben, der König sey im Bade ausgegleitet und in das heiße Wasser gefallen. Hierauf wurde Minos von seinen Kriegern mit großer Pracht bei Agrigent bestattet und über seinem Grabmal ein offener Aphroditentempel erbaut. Dädalus blieb bei dem Könige Kokalus in ununterbrochener Gunst; er zog viele und berühmte Künstler und wurde der Grün¬ der seiner Kunst auf Sicilien. Glücklich aber war er seit dem Sturze seines Sohnes Ikarus nicht mehr, und, während er dem Lande, das ihm eine Zuflucht gewährt hatte, ein heiteres und lachendes Ansehen durch die Werke seiner Hand verlieh, durchlebte er selbst ein kummervolles und trübsinniges Alter. Er starb auf der Insel Sicilien und wurde dort begraben. Zweites Buch. Die Argonautensage. Jason und Pelias. — Anlaß und Beginn des Argonau¬ tenzuges. — Die Argonauten zu Lemnos. — Dieselben im Lande der Dolionen. — Herkules zurückgelassen. — Pollux und der Bebrykenkönig. — Phineus und die Harpyien. — Die Symplegaden. — Weitere Abentheuer. — Jason im Pallaste des Aeetes. — Medea und Aeetes. — Der Rath des Argos. — Medea verspricht den Argonau¬ ten Hülfe. — Jason und Medea. — Jason erfüllt des Aeetes Begehr. — Medea raubt das goldne Vließ. — Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea. — Weitere Heimfahrt der Argonauten. — Neue Verfolgung der Kolchier. — Letzte Abentheuer der Helden. — Jasons Ende. Jason und Pelias. Von Aeson, dem Sohne des Kretheus, stammte Ja¬ son ab. Sein Großvater hatte in einer Bucht des Lan¬ des Thessalien die Stadt und das Königreich Jolkos ge¬ gründet und dasselbe seinem Sohne Aeson hinterlassen. Aber der jüngere Sohn, Pelias, bemächtigte sich des Thrones; Aeson starb, und Jason, sein Kind, war zu Chiron dem Centauren, dem Erzieher vieler großen Hel¬ den, geflüchtet worden, wo er in guter Heldenzucht auf¬ wuchs. Als Pelias schon alt war, wurde er durch einen dunkeln Orakelspruch geängstigt, welcher ihn warnte, er sollte sich vor dem Einschuhigten hüten. Pelias grübelte vergeblich über dem Sinne dieses Worts, als Jason, der jetzt zwanzig Jahre den Unterricht und die Erziehung des Chiron genossen hatte, sich heimlich aufmachte, nach Jolkos in seine Heimath zu wandern und das Thronrecht seines Geschlechtes gegen Pelias zu behaupten. Nach Art der alten Helden war er mit zwei Speeren, dem einen zum Werfen den andern zum Stoßen, ausgerüstet; er trug ein Reisekleid und darüber die Haut von einem Panther, den er erwürgt hatte; sein unbeschorenes Haar hing lang über die Schultern herab. Unterwegs kam er an einen breiten Fluß, an dem er eine alte Frau stehen sah, die ihn flehentlich bat, ihr über den Strom zu hel¬ fen. Es war die Göttermutter Juno, die Feindin des Königes Pelias. Jason erkannte sie in ihrer Verwand¬ lung nicht, er nahm sie mitleidig auf die Arme und watete mit ihr durch den Fluß. Auf diesem Wege blieb ihm der eine Schuh im Schlamme stecken. Dennoch wanderte er weiter und kam zu Jolkos an, als sein Oheim Pelias gerade mitten unter allem Volke auf dem Marktplatze der Stadt dem Meeresgotte Neptunus ein feierliches Opfer brachte. Alles Volk verwunderte sich über seine Schön¬ heit und seinen majestätischen Wuchs, Sie meinten, Apollo oder Mars sey plötzlich in ihre Mitte getreten. Jetzt fielen auch die Blicke des opfernden Königes auf den Fremdling und mit Entsetzen bemerkte er, daß nur der eine Fuß desselben beschuhet sey. Als die heilige Hand¬ lung vorüber war, trat er dem Ankömmling entgegen und fragte ihn mit verheimlichter Bestürzung nach seinem Namen und seiner Heimath. Jason antwortete muthig, doch sanft: er sey Aesons Sohn, sey in Chirons Höhle erzogen worden und komme jetzt, das Haus seines Vaters zu schauen. Der kluge Pelias empfing ihn auf diese Mit¬ theilung freundlich und ohne seinen Schrecken merken zu lassen. Er ließ ihn überall im Pallaste herumführen und Jason weidete seine Augen mit Sehnsucht an dieser ersten Wohnstätte seiner Jugend. Fünf Tage lang feierte er hierauf das Wiedersehen mit seinen Vettern und Ver¬ wandten in fröhlichen Festen. Am sechsten Tage ver¬ ließen sie die Zelte, die für die Gäste aufgeschlagen wa¬ ren, und traten miteinander vor den König Pelias. Sanft und bescheiden sprach Jason zu seinem Oheim: „Du weißt, o König, daß ich der Sohn des rechtmäßigen Königes bin, und alles, was du besitzest, mein Eigenthum ist. Dennoch lasse ich dir die Schaaf- und Rinderheer¬ den und alles Feld, das du meinen Eltern entrissen hast; ich verlange nichts von dir zurück, als den Königscepter und den Thron, auf welchem einst mein Vater saß.“ Pelias war in seinem Geiste schnell besonnen. Er er¬ wiederte freundlich: „Ich bin willig deine Forderung zu erfüllen, dafür sollst aber auch du mir eine Bitte gewäh¬ ren und eine That für mich ausrichten, die deiner Ju¬ gend wohl ansteht und deren mein Greisenalter nicht mehr fähig ist. Denn mir erscheint seit lange in nächt¬ lichen Träumen der Schatten des Phrixus und verlangt von mir, ich solle seine Seele zufrieden stellen, nach Kol¬ chis zum Könige Aeetes reisen und von da seine Gebeine und das Vließ des goldenen Widders zurückholen. Den Ruhm dieser Unternehmung habe ich dir zugedacht: Wenn du mit der herrlichen Beute zurückkehrst, sollst du Reich und Scepter in Besitz nehmen.“ Anlaß und Beginn des Argonautenzuges. Mit dem goldenen Vließe aber verhielt es sich also: Phrixus, ein Sohn des Böotischen Königs Athamas, hatte viel von der Nebengattin seines Vaters, seiner bösen Stiefmutter Ino, zu dulden. Um ihn vor ihren Nach¬ stellungen zu bewahren, raubte ihn, mit Hülfe seiner Schwester Helle, die eigene Mutter Nephele. Sie setzte die Kinder auf einen geflügelten Widder, dessen Vließ oder Fell von gediegenem Golde war und welchen sie von dem Gotte Merkurius zum Geschenk erhalten hatte. Auf diesem Wunderthiere ritten Bruder und Schwester durch die Luft über Land und Meere hin. Unterwegs wurde das Mägdlein von Schwindel überwältigt. Sie fiel in die Tiefe und fand ihren Tod in dem Meere, das von ihr den Namen Helle's Meer, oder Hellespontos erhielt. Phrirus kam glücklich in das Land der Kolchier, an der Küste des schwarzen Meeres. Hier wurde er von dem Könige Aeetes gastfreundlich aufgenommen, der ihm eine seiner Töchter zur Gattin gab. Den Widder opferte Phrirus dem Jupiter, dem Beförderer der Flucht; sein Vließ gab er dem Könige Aeetes zum Geschenk. Dieser weihte dasselbe dem Mars, und befestigte es mit Nägeln in einem Haine, der diesem Gott geheiligt war. Zur Bewachung des goldenen Vließes bestellte Aeetes ei¬ nen ungeheuren Drachen, denn ein Schicksalsspruch hatte sein Leben vom Besitze dieses Widderfelles abhängig ge¬ macht. Das Vließ wurde in der ganzen Welt als ein großer Schatz betrachtet; und lange trug man sich auch in Griechenland mit der Nachricht von demselben. Man¬ chen Helden und Fürsten gelüstete es darnach; so hatte Pelias nicht falsch gerechnet, wenn er hoffte, seinen Neffen Jason durch die Aussicht auf eine so herrliche Beute zu reizen. Jason ließ sich auch bereitwillig finden; er durch¬ schaute die Absicht seines Oheims, ihn in den Gefahren dieses Zuges untergehen zu lassen, nicht, und verpflichtete sich feierlich das Abentheuer zu bestehen. Die berühmte¬ sten Helden Griechenlands wurden zu dem kühnen Unter¬ nehmen aufgefordert. Am Fuße des Berges Pelion, aus einer Holzart, die im Meere nicht fault, wurde unter Minerva's Leitung, von dem geschicktesten Baumeister Griechenlands, ein herrliches Schiff mit fünfzig Rudern erbaut, und nach seinem Erbauer Argos, dem Sohne des Arestor, Argo genannt. Es war das erste lange Schiff, auf welchem sich Griechen in die offene See wagten. Die Göttin Minerva hatte dazu das weissagende Brett von einer redenden Eiche des Orakels zu Dodona gestif¬ tet, das eine Stelle in dem Tafelwerke fand. Das Schiff war auswendig mit vielen geschnizten Arbeiten geziert und gleichwohl so leicht, daß es die Helden zwölf Tage¬ reisen weit auf der Achsel tragen konnten. Als das Fahrzeug fertig und die Helden versammelt waren, wur¬ den die Plätze der Argoschiffer (Argonauten) verloost. Jason war Befehlshaber des ganzen Zuges, Tiphys war der Steuermann; Lynceus, der scharfblickende, machte den Lootsen des Schiffs. Im Vordertheile des Schiffs saß der herrliche Held Herkules, im Hintertheile Peleus, der Vater des Achilles und Telamon der Vater des Ajax. Im innern Raume befanden sich unter andern Castor und Pollux, die Jupiterssöhne, Neleus, der Vater Nestors, Admetus, der Gemahl der frommen Alceste, Meleager, der Besieger des kalidonischen Ebers, Orpheus, der wun¬ dervolle Sänger, Menötius, der Vater des Patroklus, Theseus, nachher König von Athen und sein Freund Pi¬ rithous, Hylas, der junge Gefährte des Herkules, Nep¬ tuns Sohn Euphemus, und Oleus, der Vater des klei¬ neren Ajax. Jason hatte sein Schiff dem Neptunus ge¬ widmet und vor der Abfahrt wurde ihm und allen Mee¬ resgöttern ein feierliches Opfer mit Gebeten dargebracht. Als Alle im Schiffe Platz genommen, wurden die Anker gelichtet, die fünfzig Ruderer begannen ihren regel¬ mäßigen Taktschlag, ein günstiger Wind schwellte die Se¬ gel und bald hatte das Schiff den Hafen von Jolkus hinter sich. Orpheus mit lieblichen Harfentönen und be¬ geisterndem Gesang belebte den Muth der Argoschiffer, lustig fuhren sie an Vorgebirgen und Inseln vorbei, erst am zweiten Tage erhob sich ein Sturm und trieb sie in den Hafen der Insel Lemnos. Die Argonauten zu Lemnos. Auf dieser Insel hatten das Jahr zuvor die Weiber alle ihre Männer, ja das ganze männliche Geschlecht, vom Zorn der Venus verfolgt und von Eifersucht getrie¬ ben, weil jene sich Nebenweiber aus Thracien geholt hatten, ausgerottet. Nur Hypsipyle hatte ihren Vater, den König Thoas verschont und in einer Kiste dem Meere zur Rettung übergeben. Seitdem fürchteten sie unaufhör¬ lich einen Angriff von Seiten der Thracier, der Verwand¬ ten ihrer Nebenbuhlerinnen und blickten oft mit ängstli¬ chen Augen nach der hohen See hinaus. Auch jetzt, wo sie das Schiff Argo heranrudern sahen, stürzten sie alle miteinander aufgeschreckt aus den Thoren, und strömten, mit Waffen angethan, wie Amazonen, ans Ufer. Die Helden verwunderten sich höchlich, als sie das ganze Gestade voll von bewaffneten Weibern und keinen Mann erblickten. Sie fertigten in einem Nachen einen Herold mit dem Friedensstabe an die seltsame Versammlung ab, der von den Frauen vor die Königin Hypsipyle gebracht wurde und in bescheidenen Worten die Bitte der Argo¬ schiffer, um gastliche Rast, vorbrachte. Die Königin ver¬ sammelte ihr Frauenvolk auf dem Marktplätze der Stadt; sie selbst setzte sich auf den steinernen Thron ihres Vaters; Ihr zunächst lagerte sich, auf einen Stab gestützt, die greise Amme, dieser zur Rechten und zur Linken saßen je zwei blondhaarige, zarte Jungfrauen. Nachdem sie der Versammlung das friedliche Ansinnen der Argonauten vorgelegt, sprach sie aufgerichtet: „Liebe Schwestern, wir haben eine große Frevelthat begangen und in der Thor¬ heit uns männerlos gemacht, wir sollen gute Freunde, wenn sie sich, uns darbieten, nicht zurückstoßen. Aber wir müssen auch dafür sorgen, daß sie nichts von unserer Unthat erfahren. Darum ist mein Rath, den Fremden Speise, Wein und alle Nothdurft in ihr Schiff tragen zu lassen, und durch solche Bereitwilligkeit sie ferne von un¬ sern Mauern zu halten.“ Die Königin hatte sich wieder niedergesetzt und da¬ gegen die alte Amme erhoben. Mit Mühe richtete sie ihren Kopf aus den Schultern auf und sprach: „Sendet immerhin den Fremdlingen Geschenke: dieß ist wohlge¬ than. Denket aber auch daran, was euch bevorsteht, wenn die Thracier kommen. Und wenn ein gnädiger Gott diese ferne hält, seyd ihr darum vor allem Uebel sicher? Zwar die alten Weiber, wie ich, können ruhig seyn, wir werden sterben, ehe die Noth dringend wird, ehe alle unsere Vorräthe zu Ende sind. Ihr Jüngeren aber, wir wollet Ihr alsdann leben? werden sich die Ochsen für euch von selbst ins Joch spannen und den Pflug durchs Ackerfeld ziehen? werden sie an eurer Statt, wenn das Jahr herum ist, die reifen Aehren ab¬ schneiden? denn ihr selbst werdet diese und andere harte Arbeiten nicht allein verrichten wollen. Ich rathe euch, weiset den erwünschten Schutz nicht ab, der sich euch dar¬ bietet; vertrauet Gut und Habe den edelgeborenen Fremd¬ lingen an, und laßt sie eure schöne Stadt verwalten!“ Dieser Rath gefiel allen Weibern von Lemnos wohl. Die Königin schickte eine der beisitzenden Jungfrauen mit Schwab, das klass. Alterthum. I . 7 dem Herold auf das Schiff, um den Argonauten den günstigen Beschluß der Frauenversammlung kund zu thun. Die Helden waren über die Nachricht hoch erfreut, sie glaubten nicht anders, als Hypsipyle sey ihrem Vater, nach dessen Tode, in friedlicher Uebernahme der Herr¬ schaft gefolgt. Jason warf den purpurnen Mantel, ein Geschenk der Minerva, über seine Schultern und wan¬ delte der Stadt zu, einem schimmernden Sterne ähnlich. Als er in die Thore einzog, strömten ihm die Frauen mit lautem Gruße nach und erfreuten sich des Gastes. Er aber heftete mit sittsamer Scheu die Augen auf den Boden und eilte dem Pallaste der Königin zu. Dienende Mägde thaten die hohen Pforten weit vor ihm auf; die Jungfrau führte ihn in das Gemach ihrer Herrin. Hier nahm er, dieser gegenüber, auf einem prachtvollen Stuhl Platz. Hypsipyle schlug die Augen nieder und ihre jung¬ fräulichen Wangen rötheten sich. Verschämt wandte sie sich an ihn mit den schmeichlerischen Worten: „Fremdling, warum weilet ihr so scheu außerhalb unserer Thore? diese Stadt wird ja nicht von Männern bewohnt, daß ihr euch zu fürchten hättet. Unsre Gatten sind uns treulos ge¬ worden; sie sind mit Thracischen Weibern, die sie im Kriege erbeutet, in das Land ihrer Nebenweiber gezogen und haben ihre Söhne und männlichen Diener mit sich genommen; wir aber sind hülflos zurückgeblieben. Da¬ rum, wenn es euch gefällt, kehret hier, bei unsrem Volke, ein, und magst du, so sollst du an meines Vaters Thoas Statt, die deinigen und uns beherrschen. Du wirst das Land nicht tadeln, es ist bei weitem die fruchtbarste Insel in diesem Meere. Geh daher, guter Führer, melde dei¬ nen Genossen unsern Vorschlag und bleibet nicht länger außerhalb der Stadt.“ So sprach sie, und verhehlte nur die Ermordung der Männer. Ihr erwiederte Jason: „Königin, die Hülfe, die du uns Hülfsbedürftigen anbie¬ test, nehmen wir mit dankbarem Herzen an; wenn ich meinen Genossen die Nachricht zurückgebracht habe, will ich in eure Stadt zurückkehren, aber den Scepter und die Insel behalte du selbst! Nicht als ob ich sie verachtete: aber mich erwarten schwere Kämpfe im fernen Lande.“ Jason reichte der königlichen Jungfrau die Hand zum Abschiedsgruße, dann eilte er zurück ans Ufer. Bald kamen auch die Frauen auf schnellen Wagen nach, mit vielen Gastgeschenken. Ohne Mühe überredeten sie die Helden, die ihres Führers Botschaft schon vernommen hatten, die Stadt zu betreten und in ihren Häusern ein¬ zukehren. Jason nahm seine Wohnung in der Königs¬ burg selbst, die Andern da und dort; nur Herkules, der Feind weibischen Lebens, blieb mit wenigen auserlesenen Genossen zurück auf dem Schiffe. Jetzt füllten fröhliche Mahlzeiten und Tänze die Stadt; duftiger Opferdampf stieg zum Himmel; Einwohnerinnen und Gäste ehrten den Schutzgott der Insel, Vulkanus, und Venus, seine Ge¬ mahlin. Von Tag zu Tag wurde die Abfahrt verscho¬ ben und noch lange hätten die Helden bei den freund¬ lichen Wirthinnen verweilt, wenn nicht Herkules vom Schiffe herbeigekommen wäre und die Genossen, ohne der Weiber Wissen, um sich versammelt hätte. „Ihr Elen¬ den“ schalt er, „hattet ihr nicht genug Frauen im eigenen Lande? seyd ihr der Hochzeit bedürftig hierhergekommen? wollt ihr als Bauern zu Lemnos das Feld pflügen? Freilich! ein Gott wird für uns das Vließ holen und es uns zu Füßen, legen! Lieber lasset uns jeden in seine 7* Heimath zurückkehren; jener mag sich mit Hypsipyle ver¬ mählen, die Insel Lemnos mit seinen Söhnen bevölkern und von fremden Heldenthaten hören!“ Keiner wagte gegen den Helden, der so sprach, die Augen aufzuheben, oder ihm zu widersprechen. Von der Versammlung weg rüsteten sie sich zur Abfahrt. Aber die Lemnierinnen, ihre Absicht errathend, umschwärmten sie wie summende Bienen mit Klagen und Bitten. Doch ergaben sie sich zuletzt in den Entschluß der Helden, Hyp¬ sipyle trat mit thränenden Augen aus der Schaar her¬ vor, nahm Jason bei der Hand und sprach: „Geh, und mögen dir die Götter, sammt deinen Genossen, wie du es wünschest, das goldene Vließ verleihen! Wenn du je zu uns zurückkehren willst, so erwartet dich diese Insel und das Scepter meines Vaters. Aber ich weiß es wohl, du hast diese Absicht nicht. So gedenke denn we¬ nigstens meiner in der Ferne!“ Jason schied mit Be¬ wunderung von der edlen Königin, und bestieg zuerst das Schiff, nach ihm die andern Helden alle. Sie lös¬ ten die Taue, mit welchen das Schiff ans Land gebun¬ den war, die Ruderer setzten sich in Bewegung und in kurzer Zeit hatten sie den Hellespont hinter sich. Die Argonauten im Lande der Dolionen. Thracische Winde trieben hier das Schiff in die Nähe der Phrygischen Küste, wo auf dem Eilande Cy¬ zikus die erdgeborenen Giganten in ungezähmter Wild¬ heit, und die friedlichen Dolionen neben einander wohn¬ ten. Jenen hingen sechs Arme, zwei von den mächtigen Schultern und vier an den beiden Seiten, vom Leibe herunter; diese stammten vom Meeresgotte ab, der sie auch gegen jene Ungeheuer schirmte. Ihr König war der fromme Cyzikus. Dieser und sein ganzes Volk, als sie von der Ankunft des Schiffes und dem Geschlechte der Männer gehört, gingen den Argonauten liebreich ent¬ gegen, empfingen sie gastfreundlich und überredeten sie noch weiter zu rudern und das Schiff im Hafen der Stadt vor Anker zu legen. Der König hatte längst ei¬ nen Orakelspruch erhalten, wenn die göttliche Schaar der Heroen käme, so sollte er sie liebreich aufnehmen und ja nicht bekriegen. Er versah sie deßwegen reichlich mit Wein und Schlachtvieh. Er selbst war noch ganz jung und kaum erst war ihm der Bart gewachsen. Im Kö¬ nigshause lag ihm seine Frau in den ersten Wehen; dennoch verließ er sie, um, dem Götterspruche folgsam, das Mahl mit den Fremden zu theilen. Hier erzählten sie ihm von dem Ziel und Zweck ihrer Fahrt, und er unterrichtete sie über den Weg, den sie zu nehmen hätten. Am andern Morgen bestiegen sie einen hohen Berg, um selbst die Lage der Insel und das Meer zu überschauen. Inzwischen waren von der andern Seite des Eilands die Giganten hervorgebrochen und hatten den Hafen mit Felsblöcken gesperrt. In diesem lag das Schiff Argo, von Herkules, der auch diesmal nicht an das Land ge¬ stiegen war, bewacht. Als dieser die Ungeheuer das bos¬ hafte Werk unternehmen sah, schoß er ihrer viele mit seinen Pfeilen zu Tode. Zu gleicher Zeit kamen auch die übrigen Helden zurück und richteten mit Pfeilen und Speeren unter den Giganten eine furchtbare Niederlage an, so daß sie in dem engen Hafen wie ein umgehauener Wald da lagen, die einen mit Kopf und Brust im Was¬ ser, mit den Füßen auf dem Ufersande, die andern mit den Füßen im Meere, mit Kopf und Brust am Ufer; beide Fischen und Vögeln zur Beute bestimmt. Nach¬ dem die Helden diesen glücklichen Kampf bestanden, lös¬ ten sie unter günstigem Winde die Ankertaue und segelten hinaus in die offene See. Aber in der Nacht legte sich der Wind; bald erhob sich ein Sturm von der entgegen¬ gesetzten Seite und so wurden sie genöthigt, noch einmal am gastlichen Lande der Dolionen vor Anker zu gehen, ohne daß sie es wußten: denn sie glaubten sich an der Phrygischen Küste. Ebenso wenig erkannten die Do¬ lionen, die bei dem Geräusche der Landung sich aus ihrer nächtlichen Ruhe erhoben hatten, die Freunde wieder, mit denen sie gestern so fröhlich gezecht hatten. Sie griffen zu den Waffen und eine unglückselige Schlacht entspann sich zwischen Gastfreunden. Jason selbst stieß dem gütigen Könige Cyzikus den Speer mitten in die Brust, ohne ihn zu kennen und von ihm gekannt zu seyn. Die Dolionen wurden endlich in die Flucht ge¬ schlagen und schlossen sich in die Mauern ihrer Stadt ein. Am andern Morgen wurde beiden der Irrthum offenbar. Bitterer Schmerz ergriff den Argonautenführer Ja¬ son mit allen seinen Helden, als sie den guten Dolionen¬ könig in seinem Blute liegen sahen. Drei Tage lang trauerten in friedlicher Vermischung die Helden und die Dolionen, rauften sich die Haare und stellten den Ge¬ bliebenen zu Ehren gemeinschaftlich Trauerkampfspiele an; dann schifften die fremden Helden weiter. Elite, die Gemahlin des gefallenen Dolionenköniges, erdrosselte sich mit dem Stricke, noch ehe sie geboren hatte. Herkules zurückgelassen. Nach einer stürmevollen Fahrt landeten die Helden in einem Meerbusen Bithyniens, bei der Stadt Cios. Die Mysier, die hier wohnten, empfingen sie gar freund¬ lich, thürmten dürres Holz zum wärmenden Feuer auf, machten den Ankömmlingen aus grünem Laub eine weiche Streu, und setzten ihnen noch in der Abenddämmerung Wein und Speise zur Gnüge vor. Herkules, der alle Bequemlichkeiten der Reise verschmähte, ließ seine Ge¬ nossen beim Mahle sitzen und machte einen Streifzug in den Wald, um sich aus einem Tannenbaum ein besseres Ruder für den kommenden Morgen zu schnitzen. Bald fand er eine Tanne, die ihm gerecht war, nicht zu sehr mit Aesten beladen, in der Größe und im Umfang wie der Ast einer schlanken Pappel. Sogleich legte er Kö¬ cher und Bogen auf die Erde, zog sein Löwenfell aus, warf seine eherne Keule auf den Boden und zog den Stamm, den er mit beiden Händen gefaßt, mit sammt den Wurzeln und der daran hängenden Erde heraus, so daß die Tanne dalag, nicht anders, denn als hätte sie ein Sturm entwurzelt. Inzwischen hatte sich sein junger Gefährte Hylas auch vom Tische der Genossen verloren. Er war mit dem ehernen Kruge aufgestanden, um Was¬ ser für seinen Herrn und Freund zum Mahle zu schöpfen und auch alles andere ihm für seine Rückkehr vorzube¬ reiten. Herkules hatte auf seinem Zuge gegen die Dryo¬ pen seinen Vater im Wortwechsel erschlagen, den Kna¬ ben aber aus dem Hause des Vaters mit sich genommen und sich zum Diener und Freunde nachgezogen. Als dieser schöne Jüngling an dem Quelle Wasser schöpfte, leuchtete der Vollmond. Wie er sich nun eben mit dem Kruge nach dem Wasserspiegel neigte, erblickte ihn die Nymphe des Quelles. Von seiner Schönheit bethört, schlang sie den linken Arm um ihn, mit der rechten er¬ griff sie seinen Ellenbogen und zog ihn so hinunter in die Tiefe. Einer der Helden, Polyphemus mit Namen, der die Rückkehr des Herkules nicht ferne von jenem Quell erwartete, hörte den Hülfeschrei des Knaben. Aber er fand ihn nicht mehr, dagegen begegnete er dem Her¬ kules, der aus dem Walde zurückkam. „Unglücklicher,“ rief er ihm entgegen, „muß ich der Erste seyn, der Dir die Trauerbotschaft melde! Dein Hylas ist zum Quelle gegangen und nicht wieder zurückgekehrt; Räuber führen ihn gefangen davon, oder wilde Thiere zerreißen ihn; ich selbst habe seinen Angstruf gehört.“ Dem Herkules floß der Schweiß vom Haupte, als er es hörte, und das Blut wallte ihm gegen die Brust. Zornig warf er die Tanne auf den Boden und rannte, wie ein von der Bremse gestochener Stier Hirten und Herde verläßt, mit durchdringendem Rufe durch das Dickicht der Quelle zu. Jetzt stand der Morgenstern über dem Bergesgipfel; günstiger Wind erhub sich. Der Steuermann ermahnte die Helden ihn zu benützen und das Schiff zu besteigen. Schon fuhren sie im Morgenlichte fröhlich dahin, als ihnen zu spät einfiel, daß zwei ihrer Genossen, Polyphe¬ mus und Herkules, von ihnen am Ufer zurückgelassen worden. Ein stürmischer Streit erhob sich unter den Helden, ob sie ohne die tapfersten Begleiter weiter segeln sollten. Jason sprach kein Wort; stille saß er und der Kummer fraß ihm am Herzen, den Telamon aber über¬ mannte der Zorn: „Wie kannst du so ruhig sitzen?“ rief er dem Führer zu; „gewiß fürchtetest du, Herkules möchte deinen Ruhm verdunkeln! Doch was helfen da Worte? und wenn alle Genossen mit dir einverstanden wären, so will ich allein zu dem verlassenen Helden umkehren.“ Mit diesen Worten faßte er den Steuermann Tiphys an der Brust, seine Augen funkelten wie Feuerflammen, und gewiß hätte er sie gezwungen, nach dem Gestade der Mysier zurückzukehren, wenn nicht die beiden Söhne des Boreas, Kalais und Zethes, ihm in den Arm gefallen wären und ihn mit scheltenden Worten zurückgehalten hätten. Zugleich stieg aus der schäumenden Fluth Glau¬ kus, der Meergott, hervor, faßte mit starker Hand das Ende des Schiffes und rief den Eilenden zu: „Ihr Hel¬ den, was streitet ihr euch? Was begehret ihr wider den Willen Jupiters, den muthigen Herkules mit euch in das Land des Aeetes zu führen? Ihm sind ganz andere Arbeiten zu verrichten vom Schicksale bestimmt. Den Hylas hat eine liebende Nymphe geraubt, und ihm zu lieb ist er zurück¬ geblieben.“ Nachdem er ihnen Solches geoffenbart, tauchte Glaukus wieder in die Tiefe nieder, und das dunkle Wasser schäumte in Wirbeln um ihn. Telamon war be¬ schämt, er ging auf Jason zu, legte seine Hand in des Helden Hand und sprach: „Zürne mir nicht, Jason! der Schmerz hat mich verführt, unvernünftige Worte zu reden! Uebergieb meinen Fehler den Winden, und laß uns Wohl¬ wollen üben wie früher!“ Jason gab der Versöhnung gerne Gehör und so fuhren sie bei starkem und günstigem Winde dahin. Polyphemus fand sich bei den Mysiern zurecht und baute ihnen eine Stadt. Herkules aber ging weiter, wohin ihn die Bestimmung Jupiters rief. Pollux und der Bebrykenkönig. Am andern Morgen legten sie mit Sonnenaufgang an einer weit ins Meer hinaus gestreckten Landzunge sich vor Anker. Dort befanden sich die Ställe und das länd¬ liche Wohnhaus des wilden Bebrykenköniges Amykus. Dieser hatte allen Fremdlingen das lästige Gesetz aufge¬ legt, daß Keiner sein Gebiet verlassen sollte, ehe er sich mit ihm im Faustkampfe gemessen. Auf diese Weise hatte er schon viele Nachbarn umgebracht. Auch jetzt näherte er sich mit verächtlichen Worten dem gelandeten Schiffe: „Höret, ihr Meervagabunden,“ rief er, „was euch zu wissen noth ist! Kein Fremdling darf mein Land verlassen, ohne mit mir gerungen zu haben. So suchet denn euren tapfersten Helden aus und stellet ihn mir; sonst soll es euch übel ergehen!“ Nun war unter den Argoschiffern der beste Faustkämpfer Griechenlands, Pollux, der Leda Sohn. Diesen reizte die Ausforderung und er rief dem Könige zu: „poltere nicht, wir wollen deinen Gesetzen gehorchen und in mir hast du deinen Mann ge¬ funden!“ Der Bebryke blickte den kühnen Helden mit rollenden Augen an, wie ein verwundeter Berglöwe den, der ihn zuerst getroffen hat. Pollux aber, der jugendliche Held, sah heiter aus, wie ein Stern am Himmel; er schwang seine Hände in der Luft, um sie zu versuchen, ob sie von der langen Ruderarbeit nicht erstarrt seyen. Als die Helden das Schiff verlassen, stellten die beiden Kämpfer sich einander gegenüber. Ein Sclave des Kö¬ niges warf ein gedoppeltes Paar von Fechterhandschuhen zwischen sie auf den Boden. „Wähle, welches Paar du willst, sagte Amykus, ich will dich nicht lange loosen lassen! Du wirst aus Erfahrung sagen können, daß ich ein guter Gerber bin und blutige Backenstreiche zu er¬ theilen verstehe!” Pollux lächelte schweigend, nahm das Handschuhepaar, das ihm zunächst lag, und ließ es sich von seinen Freunden an die Hände festbinden. Dasselbe that der Bebrykenkönig. Jetzt begann der Faustkampf. Wie eine Meerwelle, die sich dem Schiff entgegen wälzt und welche die Kunst des Steuermanns mit Mühe abweist, stürmte der fremde Ringer auf den Griechen ein und ließ ihm keine Ruhe. Dieser aber wich seinem Angriffe immer kunstvoll und unverletzt aus. Er hatte die schwa¬ che Seite seines Gegners bald ausgekundschaftet und ver¬ setzte ihm manchen unabgewehrten Streich. Doch nahm auch der König seines Vortheils wahr und nun krachten die Kinnbacken und knirschten die Zähne von gegenseiti¬ gen Schlägen und sie ruhten nicht eher aus, als bis beide athemlos waren. Dann traten sie bei Seite, fri¬ schen Athem zu schöpfen und sich den strömenden Schweiß abzutrocknen. Im erneuten Kampfe verfehlte Amykus seines Widerpartes Haupt und sein Arm traf nur die Schulter, Pollux aber traf den Gegner über das Ohr, daß ihm die Knochen im Kopfe zerbrachen und er vor Schmerz in die Kniee sank. Da jauchzten die Argonauten laut auf; aber auch die Bebryken sprangen ihrem Könige bei, kehrten ihre Keulen und Jagdspieße gegen Pollux und stürmten gegen ihn heran. Vor ihm stellten sich schirmend die Genossen mit blanken Schwerdtern auf. Ein blutiges Treffen ent¬ spann sich; die Bebryken wurden in die Flucht geschla¬ gen und mußten in das Innere des Landes weichen. Die Helden warfen sich auf ihre Ställe und Viehheerden und machten reichliche Beute. Die Nacht über blieben sie am Lande, verbanden die Wunden, opferten den Göt¬ tern und blieben beim Becher wach. Sie bekränzten ihre Stirnen mit dem Uferlorbeer, an den auch das Schiff mit seinen Tauen angebunden war, und sangen zur Ci¬ ther des Orpheus eine tönende Hymne. Das schweigende Ufer schien ihnen mit Lust zuzuhorchen, ihr Lied aber be¬ sang Pollux, den siegreichen Sohn Jupiters. Phineus und die Harpyien . Der Morgen setzte dem Mahl ein Ziel und sie fuh¬ ren weiter. Nach einigen Abentheuern warfen sie die Anker, gegenüber am Bithynischen Lande, an einem Ufer¬ gebiete aus, wo der König Phineus, der Sohn des Hel¬ den Agenor hauste. Dieser war von einem großen Uebel heimgesucht. Weil er die Wahrsagergabe, die ihm von Apollo verliehen worden, mißbraucht hatte, war er im hohen Alter mit Blindheit geschlagen worden; und die Harpyien, die gräßlichen Wundervögel, ließen ihn keine Speise ruhig genießen. Was sie konnten, raubten sie; das Zurückgebliebene besudelten sie so, daß man es nicht genießen, ja selbst die Nähe solcher Speisen nicht aus¬ halten konnte. Doch war dem Phineus ein Trostspruch vom Orakel Jupiters gegeben: „Wenn die Boreassöhne mit den griechischen Schiffern kommen würden, sollte er wieder Speise genießen können.“ So verließ denn der Greis, auf die erste Nachricht von des Schiffes Ankunft, sein Gemach. Bis auf die Knochen abgemagert war er anzuschauen wie ein Schatten, seine Glieder zitterten vor Altersschwäche, vor den Augen schwindelte ihm, ein Stab unterstützte seine schwankenden Tritte und als er bei den Argonauten angekommen war, sank er erschöpft zu Bo¬ den. Diese umringten den unglücklichen Greis und ent¬ setzten sich über sein Aussehen. Als der Fürst ihre Nähe vernommen, und seine Besinnung wieder zurückgekehrt war, brach er in flehende Bitten aus: „O, ihr theuren Helden, wenn ihr wirklich Diejenigen seyd, welche die Weissagung mir bezeichnet hat, so helfet mir: denn nicht nur meines Augenlichtes haben die Rachegöttinnen sich bemächtigt, auch die Speisen entziehen sie meinem Alter durch die gräßlichen Vögel, die sie mir senden! Ihr lei¬ stet eure Hülfe keinem Fremdling; ich bin Phineus, Age¬ nors Sohn, ein Grieche. Einst habe ich unter den Thra¬ ciern geherrscht, und die Söhne des Boreas, welche Theilnehmer eures Zuges seyn müssen und mich retten sollen, sind die jungen Brüder Cleopatra's, die dort meine Gattin war.“ Auf diese Entdeckung warf sich ihm Ze¬ thes, des Boreas Sohn, in die Arme und versprach ihm, ihn mit Hülfe seines Bruders von der Qual der Har¬ pyien zu befreien; und auf der Stelle bereiteten sie ihm ein Mahl, das der räuberischen Vögel letztes seyn sollte. Kaum hatte der König die Speise berührt, als die Vögel, wie ein plötzlicher Sturm, mit Flügelschlag aus den Wolken herabgestürzt kamen und sich gierig auf die Spei¬ sen setzten. Die Helden schrieen laut auf; aber die Har¬ pyien ließen sich nicht stören, sie blieben, bis sie alles aufgezehrt hatten, dann schwangen sie sich wieder in die Lüfte und ließen einen unerträglichen Geruch zurück. Aber Zethes und Kalais, die Boreassöhne, verfolgten sie mit gezücktem Schwert. Jupiter verlieh ihnen Fittiche und unermüdliche Kraft, die sie wohl brauchen konnten, denn die Harpyien kamen in ihrem Fluge dem schnellsten Westwinde zuvor. Aber die Boreassöhne waren rüstig hinter ihnen drein, und oft meinten sie die Ungeheuer schon mit Händen greifen zu können. Endlich waren sie ihnen so nahe, daß sie dieselben ohne Zweifel erlegt hät¬ ten, als plötzlich Jupiters Botin, Iris, sich aus dem Aether herabsenkte und das Heldenpaar so anredete: „Nicht ist's erlaubt, ihr Söhne des Boreas, die Jagd¬ hunde des großen Jupiter, die Harpyien, mit dem Schwerdte zu fällen. Doch schwöre ich euch den großen Göttereid beim Styx, daß die Raubvögel den Sohn des Agenor nicht mehr beunruhigen sollen.“ Die Söhne des Boreas wichen dem Eide und kehrten nach dem Schiffe um. Unterdessen pflegten die griechischen Helden den Leib des Greisen Phineus, hielten eine Opfermahlzeit und lu¬ den den Ausgehungerten dazu ein. Dieser verzehrte gie¬ rig die reinen und reichlichen Speisen, es war ihm, als weidete sich sein Hunger im Traume. Während sie die Nacht über auf die Rückkehr der Boreassöhne warteten, theilte ihnen der alte König Phineus zum Danke von den Früchten seiner Wahrsagergabe mit. Vor allen Din¬ gen, lautete seine Rede, werdet ihr in einem Engpasse des Meeres die Symplegaden begegnen; dies sind zwei steile Felseninseln, deren unterste Wurzeln nicht bis zum Meeresboden reichen, sondern die in der See schwim¬ men; oft treiben sie einander entgegen, und dann schwillt die Meeresflut in der Mitte mit fürchterlichem Toben an. Wollet ihr nicht mit Mann und Maus zerquetscht werden, so rudert zwischen ihnen durch, so schnell wie eine Taube fliegt. Dann werdet ihr ans Gestade der Mariandyner kommen, wo der Eingang zur Unterwelt ist. An vielen andern Vorgebirgen, Flüssen und Küsten fahret ihr dann vorüber, an Frauenstädten der Amazo¬ nen, am Lande der Chalyber, die in ihres Angesichtes Schweiß das Eisen aus der Erde graben. Endlich wer¬ det ihr zur Kolchischen Küste gelangen, wo der Phasis seinen breiten Strudel ins Meer sendet. Hier werdet ihr die gethürmte Burg des Königes Aeetes erblicken; hier hütet der schlaflose Drache das Goldvließ, das über dem Wipfel des Eichbaums ausgebreitet hängt. Die Helden hörten dem Greise nicht ohne Grauen zu und wollten eben weiter fragen, als sich die Söhne des Boreas aus den Lüften in ihre Mitte herniedersenk¬ ten und den König mit der tröstlichen Botschaft der Iris erfreuten. Die Symplegaden. Phineus nahm dankbar und gerührt Abschied von sei¬ nen Rettern, die weiter, und mancherlei neuen Schicksa¬ len entgegen fuhren. Zuerst wurden sie durch vierzig¬ tägige Nordwestwinde aufgehalten, bis Opfer und Gebet zu allen zwölf Göttern ihnen zu frischer Fahrt verhalf. Sie waren im besten Seegeln begriffen, als ein lautes Tosen ihnen von ferne schon ans Ohr schlug. Es war das Krachen der immer zusammenstoßenden und immer wieder zurückprallenden Symplegaden, der Wiederhall der Ufer und das Zischen des zusammengepreßten Meeres. Tiphys der Steuermann stellte sich wachsam ans Steuer¬ ruder. Euphemus der Held erhub sich im Schiffe und hielt auf der flachen Rechten eine Taube. Wenn diese, hatte Phineus ihnen geweissagt, furchtlos zwischen den Felsen durchflöge, so dürften auch sie kecklich die Durch¬ fahrt wagen. Eben öffneten sich die Felsen: Euphemus ließ die Taube fliegen; Alle richteten ihre Häupter in Erwartung empor. Die Taube flog mitten hindurch, aber schon näherten sich die Felsen wieder, das schäu¬ mende Meer wallte zischend einer Wolke gleich auf; ein Brausen erfüllte Wasser und Luft; jetzt stießen die Fel¬ sen zusammen und klemmten der Taube die letzten Schwanzfedern ab, doch war sie glücklich hindurch ge¬ kommen. Mit lauter Stimme ermunterte Tiphys die Ruderer, dann aber öffneten sich die Felsen wieder und die in den Zwischenraum strömende Flut zog das Schiff mit sich hinein. Jetzt hing das Verderben über ihrem Haupte: eine Thurmhohe Woge wälzte sich ihnen entge¬ gen, bei deren Anblick Alle die Köpfe bückten. Aber Tiphys hieß mit dem Rudern inne halten und die schäu¬ mende Welle wälzte sich unschädlich unter dem Kiele hin und hob das Schiff hoch über die zusammenschwimmenden Felsen empor. Die Helden arbeiteten, daß die Ruder sich krümmten; jetzt riß der Strudel das Schiff wieder mitten in die Felsen hinab. Schon stießen die Felsen zu beiden Seiten an den Bauch des Schiffes; da gab ihm die Schutzgöttin Minerva einen unsichtbaren Stoß, daß es glücklich durchkam und die zusammenschlagenden Fel¬ sen nur eben noch die äußersten Bretter des Hintertheiles zermalmten. Als erst die Helden den Aether und die offene See wieder vor sich sahen, da athmeten sie von der Todesangst wieder auf und es war ihnen, als wä¬ ren sie aus der Unterwelt emporgetaucht. „Das ist nicht durch unsre Kraft geschehen,“ rief Tiphys, „wohl fühlte ich hinter mir die göttliche Hand Minervens, deren Schnellkraft das Schiff durch die Felsen stieß! Nichts haben wir fortan zu fürchten; alle andern Arbeiten nach dieser Gefahr hat uns Phineus als leicht geschildert.“ Aber Jason schüttelte traurig sein Haupt und sprach: „Guter Tiphys, ich habe die Götter versucht, daß ich dieses Unternehmen mir von Pelias auflegen ließ; lieber hätte ich mich von ihm in Stücke sollen hauen lassen! Jetzt bringe ich in Seufzen die Nächte nach den Tagen zu, nicht für mich besorgt, nein, nur auf Euer Leben und Heil bedacht, und wie ich aus so gräßlichen Gefahren euch der Heimat unverloren zurückgeben soll.“ So sprach der Held, seine Genossen zu versuchen. Diese aber ju¬ belten ihm freudig zu und verlangten vorwärts. Schwab, das klass. Alterthum. I . 8 Weitere Abentheuer. Unter mancherlei Schicksalen fuhren die Helden nun weiter. Auf der Fahrt erkrankte ihnen ihr treuer Steuer¬ mann Tiphys, starb und mußte am fremden Ufer begra¬ ben werden. An seine Stelle wählten sie denjenigen unter den Helden, der des Steuers am kundigsten war. Er hieß Amäus und weigerte sich lange, das schwierige Geschäft zu übernehmen, bis ihm Juno, die Göttin, Muth und Zuversicht ins Herz gab. Dann aber stellte er sich ans Ruder und lenkte das Schiff so gut, als wenn Tiphys selbst noch am Steuer säße. Nach zwölf Tagen kamen sie mit vollen Segeln an die Mündung des Flusses Kallichorus; hier sahen sie auf einem Hügel das Grabmal des Helden Sthenelus, der mit Herkules in den Amazonenkrieg gezogen und hier von einem Pfeile getroffen am Meeresufer verschieden war. Sie wollten eben weiter schiffen, als der klägliche Schatten dieses Helden, von Proserpina aus der Unterwelt entlassen, sichtbar ward und sehnsüchtig nach den stammesverwand¬ ten Männern blickte. Er stand zu oberst auf seinem Grabhügel in der Gestalt, in welcher er in die Schlacht gegangen war: ein purpurner Busch mit vier schönen Federn wehte ihm vom Helme. Doch war er nur we¬ nige Augenblicke zu schauen und tauchte bald wieder in die schwarze Tiefe hinunter. Erschrocken ließen die Hel¬ den die Ruder sinken. Nur Mopsus, der Wahrsager, verstand das Verlangen der abgeschiedenen Seele: er rieth seinen Genossen, den Geist des Erschlagenen mit einem Trankopfer zu sühnen. Schnell zogen sie die Se¬ gel ein, banden das Schiff am Strande an, und indem sie sich um den Grabhügel stellten, benetzten sie ihn mit Trankopfern und verbrannten geschlachtete Schafe. Dann fuhren sie weiter und weiter und gelangten endlich zur Mündung des Flusses Termodon. Diesem glich kein an¬ derer Strom auf der Erde: aus einer einzigen Quelle tief in den Bergen entsprungen, theilte er sich bald in eine Menge kleinerer Arme, und stürmte in so viel Aus¬ flüssen ins Meer, daß nur viere zu einem Hundert fehl¬ ten. Sie wimmelten wie eine Menge Schlangen in die offene See. An dem breitesten Ausflusse wohnten die Amazonen. Dieses Weibervolk stammte vom Gotte Mars ab und liebte die Werke des Krieges. Hätten die Argo¬ nauten hier gelandet, so wären sie ohne Zweifel in einen blutigen Krieg mit den Frauen gerathen, denn diese wa¬ ren den tapfersten Helden im Kampfe gewachsen. Sie wohnten nicht in einer Stadt vereinigt, sondern auf dem Lande zerstreut und in einzelne Stämme getrennt. Ein günstiger Westwind hielt die Argonauten von diesem krie¬ gerischen Weibervolke fern. Nach der Fahrt eines Tags und einer Nacht kamen sie, wie ihnen Phineus geweissagt hatte, an das Land der Chalyber. Diese pflügten nicht das Erdreich, pflanzten keine fruchttragenden Bäume, weideten keine Herden auf der thauigen Wiese, sie gru¬ ben nur Erz und Eisen aus dem rauhen Boden und tauschten gegen dieses ihre Lebensmittel ein. Keine Sonne ging ihnen ohne schwere Arbeit auf, in schwarzer Nacht und dichtem Rauche verbrachten sie arbeitend ihren Tag. Noch an mancherlei Völkern kamen sie vorüber. Als sie einer Insel, mit Namen Aretia, oder Marsinsel, gegenüber waren, flog ihnen ein Bewohner dieses Ei¬ 8 * lands, ein Vogel mit kräftigem Flügelschlage, entgegen. Als er über dem Schiffe schwebte, schüttelte er seine Schwingen und ließ eine spitze Feder fallen, die in der Schulter des Helden Oleus stecken blieb. Verwundet ließ der Held das Ruder fahren: die Genossen staunten, als sie das geflügelte Geschoß erblickten, das ihm in der Schulter steckte. Der, der ihm zunächst saß, zog die Fe¬ der heraus und verband die Wunde. Bald erschien ein zweiter Vogel: den schoß Klytius, der den Bogen schon gespannt hielt, im Fluge, so daß der getroffene mitten in das Schiff herabfiel. „Wohl ist die Insel in der Nähe,“ sagte da Amphilanus, ein erfahrener Held, „aber trauet jenen Vögeln nicht. Gewiß sind ihrer so viele, daß, wenn wir landeten, wir nicht Pfeile genug hätten, sie zu erle¬ gen. Lasset uns auf ein Mittel sinnen, die kriegslustigen Thiere zu vertreiben. Setzet Alle eure Helme mit hohen nickenden Büschen auf; alsdann rudert abwechslungsweise zur Hälfte, zur andern schmücket das Schiff mit blinken¬ den Lanzen und Schilden aus. Dann erheben wir alle ein entsetzliches Geschrei: wenn das die Vögel hören, dazu die wallenden Helmbüsche, die starrenden Lanzen, die schimmernden Schilde sehen, so werden sie sich fürchten und davon flattern.“ Der Vorschlag gefiel den Helden und alles geschah, wie er ihnen gerathen hatte. Kein Vogel ließ sich blicken, so lange sie heranruderten und als sie der Insel näher gekommen, mit den Schilden klirrten, flogen ihrer unzählige aufgeschreckt an der Küste auf und in stürmender Flucht über das Schiff hin. Aber wie man die Fensterladen eines Hauses vor dem Hagel schließt, wenn man ihn kommen sieht, so hatten sich die Helden mit den Schilden gedeckt, daß die Stachelfedern herabfie¬ len, ohne ihnen zu schaden; die Vögel selbst flogen weit übers Meer den jenseitigen Ufern zu. Die Argonauten landeten auf dieser Insel nach dem Rathe des wahrsa¬ genden Königes Phineus. Sie sollten hier Freunde und Begleiter finden, die sie nicht erwartet. Kaum nämlich hatten sie die ersten Schritte am Ufer gethan, als ihnen vier Jünglinge im armseligsten Auszuge, von Allem entblößt, begegneten. Einer von diesen eilte den nahenden Helden entgegen und redete sie an. „Wer ihr auch seyd, gute Männer,“ sprach er, „kommt armen Schiffbrüchigen zu Hülfe! Thei¬ let uns Kleider mit, unsre Blösse zu bedecken und Spei¬ sen, unsern Hunger zu stillen!“ Jason versprach ihnen freundlich alle Hülfe und erkundigte sich nach ihrem Na¬ men und Geschlecht. „Ihr habt wohl von Phrirus ge¬ hört, dem Sohne des Athamas,“ erwiederte der Jüng¬ ling, „der das goldne Vließ nach Kolchis gebracht hat? Der König Aeetes hat ihm seine ältere Tochter zur Ehe gegeben, wir sind seine Söhne und ich heiße Argos. Unser Vater Phrirus ist vor kurzem gestorben, und nach seinem letzten Willen hatten wir uns zu Schiffe gesetzt, die Schätze, die er in der Stadt Orchomenos gelassen, abzuholen!“ Die Helden waren hocherfreut und Jason begrüßte sie als Vettern, denn die Großväter Athamas und Kretheus waren Brüder gewesen. Die Jünglinge erzählten weiter, wie ihr Schiff im wüthenden Sturme zerbrochen sey, und ein Brett sie an diese unwirthliche Insel getragen habe. Als ihnen aber die Helden ihr Vorhaben mittheilten und sie zur Theilnahme an dem Abentheuer aufforderten, da verbargen sie ihr Entsetzen nicht. „Unser Großvater Aeetes ist ein grausamer Mann, er soll der Sohn des Sonnengottes und deswegen mit übermenschlicher Macht begabt seyn; unzählige Kolcher¬ stämme beherrscht er, und das Vließ hütet ein entsetzli¬ cher Drache.“ Manche der Helden wurden bei diesem Berichte bleich. Peleus jedoch, einer von ihnen, erhub sich und sprach: „Glaube nicht, daß wir dem Kolcher¬ könige unterliegen müssen; auch wir sind Göttersöhne! Giebt er uns das Vließ nicht in Güte, so werden wir es ihm seinen Kolchiern zum Trotz entreissen!“ So sprachen sie mit einander noch länger beim reichlichen Mahle. Am andern Morgen schifften sich die Söhne des Phrixus, gekleidet und gestärkt, mit ihnen ein, und die Fahrt ging vorüber. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gerudert, sahen sie die Spitzen des Kaukasusgebir¬ ges über die Meeresfläche hervorragen. Als es schon dunkelte, hörten sie ein Geräusch über ihren Häuptern: es war der Adler des Prometheus, der seinem Fraß ent¬ gegen hoch über das Schiff dahin flog; und doch war sein Flügelschlag so mächtig, daß alle Segel von ihm wie im Winde sich bewegten. Denn es war ein Riesenvogel und er schlug die Luft mit seinen Flügeln wie mit großen Segeln. Bald darauf hörten sie aus der Ferne das tiefe Stöhnen des Prometheus, in dessen Leber der Vogel schon wühlte. Nach einiger Zeit verhallten die Seufzer und sie sahen den Adler wieder hoch über sich durch die Lüfte zurückrudern. Noch in derselben Nacht gelangten sie ans Ziel und in die Mündung des Flusses Phasis. Freudig kletterten sie an den Segelstangen empor und tackelten das Schiff ab; dann trieben sie es mit den Rudern in das breite Bett des Stromes, dessen Wellen vor der gewaltigen Masse des Fahrzeugs sich scheu zurückzuziehen schienen. Zur Linken hatten sie den hohen Kaukasus und Cyta, die Hauptstadt des Kolcherlandes; zur Rechten breitete sich das Feld und der heilige Hain des Mars aus, wo der Drache das goldne Vließ, das an den blätterreichen Ae¬ sten einer hohen Eiche hing, mit seinen scharfen Augen bewachte. Jetzt erhub sich Jason am Borde des Schif¬ fes, er schwenkte hoch in der Hand einen goldenen Becher voll Weins und brachte dem Flusse, der Mutter Erde, den Göttern des Landes und den auf den Fahrt verstor¬ benen Heroen ein Trankopfer dar. Er bat sie alle, mit liebreicher Hülfe ihnen nahe zu seyn und über den Tauen des Schiffes, das sie eben anbinden wollten, zu wachen. „So wären wir denn glücklich zum Kolchischen Lande gelangt,“ sprach der Steuermann Amäus; „nun ist's Zeit, daß wir uns ernstlich berathen, ob wir den König Aeetes in Güte angehen oder auf irgend eine andere Weise unser Vorhaben ins Werk setzen wollen“ „Mor¬ gen,“ riefen die müden Helden. Und so befahl denn Jason, das Schiff in einer schattigen Bucht des Flusses vor Anker gehen zu lassen. Alle legten sich zu süßem Schlummer nieder, der sie jedoch nur mit kurzer Rast erquickte, denn bald öffnete ihnen das Morgenroth die Augenlieder. Jason im Pallaste des Aeetes. Der frühe Morgen vereinigte die Helden zur Raths¬ versammlung. Jason erhub sich und sprach: „Wenn euch meine Meinung gefällt, ihr Helden und Genossen, so sollt ihr Uebrigen alle ruhig, doch die Waffen in der Hand, im Schiffe bleiben; nur ich, die Söhne des Phrixus und zwei aus eurer Mitte wollen uns nach dem Pallaste des Königes Acetes aufmachen. Hier will ich es versuchen und ihn zuerst mit höflichen Worten fragen, ob er das goldene Vließ in Güte uns überlassen wolle. Nun zweifle ich nicht: er wird die Bittenden, auf seine Stärke trotz¬ end, abweisen. Wir aber werden auf diese Weise aus seinem eigenen Munde die Gewißheit erhalten, was uns zu thun ist. Und wer kann es verbürgen, daß unsere Worte nicht doch vielleicht ihn günstig stimmen werden? Hat doch auch früher die Rede über ihn vermocht, daß er den unschuldigen Phrixus, der vor seiner Stiefmutter floh, in den Schutz seiner Gastfreundschaft aufnahm.“ Die jungen Helden billigten alle die Rede Jasons. So griff er selbst zum Friedensstabe des Merkurius und verließ mit des Phrixus Söhnen und mit seinen Genossen Telamon und Augeas das Schiff. Sie betraten ein mit Weiden bewachsenes Feld, das circäische genannt; hier sahen sie mit Schaudern eine Menge Leichen an Ketten aufgehängt. Doch waren es keine Verbrecher oder gemordete Fremd¬ linge; vielmehr galt es in Kolchis für einen Frevel, die Männer zu verbrennen oder in die Erde zu begra¬ ben, sondern sie hängten sie, in rohe Stierfelle gewickelt, an den Bäumen auf, ferne von der Stadt, und überlie¬ ßen sie der Luft zum Austrocknen. Nur die Weiber wur¬ den, damit die Erde nicht zu kurz käme, in diese begraben. Die Kolchier waren ein gar zahlreiches Volk; da¬ mit nun Jason und seine Begleiter von ihnen und dem Mißtrauen des Königes Aeetes keine Gefahr liefen, hängte Juno, die Beschirmerin der Argonauten, so lang sie un¬ terwegs waren, eine dichte Nebelwolke über die Stadt, und zerstreute sie erst wieder, als sie glücklich in dem Pallaste des Königes angekommen. Da standen sie denn in dem Vorhofe und bewunderten die dicken Mauern des Königshauses, die hochgeschweiften Thore, die mächtigen Säulen, die hier und dort an den Mauern vorsprangen. Das ganze Gebäude umgürtete ein hervorstehendes stei¬ nernes Gesimse, das mit ehernen Dreischlitzen abgekantet war. Schweigend traten sie über die Schwelle des Vor¬ hofes. Diese umgrünten hohe Rebenlauben, darunter perlten vier immerfließende Springquelle; der eine sandte Milch empor, der zweite Wein, der dritte duftendes Oel, der vierte Wasser, das im Winter warm, im Sommer eiskalt war. Der kunstreiche Vulkanus hatte diese köstli¬ chen Werke geschaffen. Derselbe hatte dem Besitzer auch Stierbilder aus Erz gefertiget, aus deren Munde ein furchtbarer Feuerathem ging, und einen Pflug aus lauterm Eisen geschaffen, Alles dem Vater des Aeetes, dem Son¬ nengotte zu Dank, der den Vulkan in der Giganten¬ schlacht einst auf seinen Wagen genommen und gerettet hatte. Aus diesem Vorhofe kam man zu dem Säulen¬ gange des Mittelhofes, der sich zur Rechten und zur Lin¬ ken hinzog und hinter welchem viele Eingänge und Ge¬ mächer zu schauen waren. Querüber standen die zwei Hauptpalläste, in deren einem der König Aeetes selbst, im andern sein Sohn Absyrtus wohnte. Die übrigen Gemächer hielten die Dienerinnen und die Töchter des Königes, Chalciope und Medea, besetzt. Medea, die jün¬ gere Tochter, war sonst wenig zu schauen, fast alle Zeit brachte sie im Tempel der Hekate (Proserpina) zu, deren Priesterin sie war. Dießmal aber hatte Juno, die Schutz¬ göttin der Griechen, ihr in das Herz gegeben, im Pal¬ laste zu bleiben. Sie hatte eben ihr Gemach verlassen und wollte das Zimmer ihrer Schwester aufsuchen, als sie den unerwartet daher schreitenden Helden begegnete. Beim Anblicke der Herrlichen that sie einen lauten Schrei. Auf ihren Ruf stürzte Chalciope mit allen ihren Diene¬ rinnen aus ihrem Gemache hervor. Auch diese Schwe¬ ster brach in einen lauten Jubelruf aus und streckte dank¬ sagend ihre Hände gen Himmel, denn sie erkannte in vieren der jungen Helden ihre eigenen Kinder, die Söhne des Phrixus. Diese sanken in die Arme ihrer Mutter und lange nahm das Grüßen und Weinen kein Ende. Medea und Aeetes . Zuletzt kam auch Aeetes heraus mit seiner Gemahlin Idya, denn der Jubel und die Thränen ihrer Tochter hatten sie herausgelockt. Sogleich füllte sich der ganze Vorhof mit Getümmel: hier waren Sklaven damit be¬ schäftigt, einen stattlichen Stier für die neuen Gäste zu schlachten; dort spalteten andere dürres Holz für den Herd; wieder andere wärmten Wasser in Becken am Feuer: da war keiner, der nicht im Dienste des Königes etwas zu thun gefunden hätte. Aber ihnen Allen unge¬ sehen schwebte hoch in der Luft der Liebesgott, zog einen schmerzbringenden Pfeil, senkte sich mit diesem unsichtbar zur Erde nieder, und hinter Jason zusammengekauert, schnellte er vom gespannten Bogen das Geschoß auf die Königstochter Medea, der bald der Pfeil, dessen Flug Niemand und sie selbst nicht bemerkt hatte, unter der Brust wie eine Flamme brannte. Wie ein schwer Er¬ kranktes mußte sie einmal über das andere hoch aufath¬ men; von Zeit zu Zeit warf sie heimliche Blicke auf den herrlichen Helden Jason; Alles andere war aus ihrem Gedächtnisse geschwunden; ein einziger süßer Kummer be¬ mächtigte sich ihrer Seele; Blässe wechselte auf ihrem Antlitz mit Purpurröthe. In der frohen Verwirrung war Niemand auf die Verwandlung aufmerksam, die mit der Jungfrau vorge¬ gangen war. Die Knechte trugen die zubereiteten Spei¬ sen herbei; und die Argoschiffer, die sich vom Schweiße der Ruderarbeit im warmen Bade gereinigt hatten, lab¬ ten sich, fröhlich zu Tische sitzend, an Speise und Trank. Ueber dem Mahle erzählten dem Aeetes seine Enkel das Schicksal, das sie unterwegs betrossen hatte, und nun fragte er sie auch leise nach den Fremdlingen. „Ich will es dir nicht bergen, Großvater,“ flüsterte ihm Argos zu, „diese Männer kommen, das goldene Vließ unsers Vaters Phrirus von dir zu erbitten. Ein König, der sie gern aus ihrem Vaterland und ihrem Eigenthum vertreiben möchte, hat ihnen diesen gefährlichen Auftrag ertheilt. Er hofft, sie werden dem Zorne Jupiters und der Rache des Phrirus nicht entgehen, bevor sie mit dem Vließ in ihre Heimat zurückkommen. Ihr Schiff hat ihnen Pallas (Minerva) bauen helfen, kein solches, wie wir Kolchier sie gebrauchen, von denen wir, deine Enkel, freilich das schlechteste bekommen haben, denn im ersten Windstöße ging es zu Scheitern. Nein, diese Fremdlinge haben ein Schiff, so fest gezimmert, daß alle Stürme vergebens da¬ gegen ankämpfen, und sie selbst sitzen unaufhörlich an dem Ruder. Die tapfersten Helden Griechenlands haben sich in diesem Schiffe versammelt.“ Und nun nannte er ihm die Vornehmsten mit Namen, meldete ihm auch Jasons, ihres Vetters, Geschlecht. Als der König dieses hörte, erschrack er in seinem Herzen und wurde zornig auf seine Enkel, denn durch sie veranlaßt, glaubte er, seyen die Fremdlinge an seinen Hof gekommen. Seine Augen brannten unter den bu¬ schigen Brauen und er sprach laut: „Geht mir aus den Augen, ihr Frevler, mit euren Ränken! Nicht das Vließ zu holen, sondern mir Scepter und Krone zu entreißen, seyd ihr hierhergekommen! Säßet ihr nicht als Gäste an meinem Tisch, so hätte ich euch längst die Zungen aus¬ reißen und die Hände abhauen lassen und euch nur die Füße geschenkt, um davon zu gehen!“ Als Telamon, des Aeakus Sohn, der zunächst saß, dieses hörte, ergrimmte er im Geist, wollte sich erheben und dem Könige mit gleichen Worten vergelten. Aber Jason hielt ihn zurück und antwortete selbst mit sanften Worten: „Fasse dich, Aeetes, wir sind nicht in deine Stadt und deinen Pallast gekommen, dich zu berauben. Wer möchte ein so weites und gefährliches Meer befahren, um fremdes Gut zu ho¬ len? Nur das Schicksal und der grausame Befehl eines bösen Königes brachte mich zu diesem Entschlusse. Ver¬ leih uns das goldene Vließ auf unsere Bitte als eine Wohlthat: du sollst in ganz Griechenland dafür verherr¬ licht werden. Auch sind wir bereit, dir schnellen Dank abzustatten: gibt es einen Krieg in der Nähe, willst du ein Nachbarvolk unterjochen, so nimm uns zu Bundes¬ genossen an, wir wollen mit dir ziehen.“ So sprach Ja¬ son besänftigend; der König aber ward unschlüssig in seinem Herzen, ob er sie auf der Stelle sollte umbringen lassen, oder ihre Kräfte vorher auf die Probe setzen. Nach einigem Besinnen däuchte ihm das Letztere besser und er erwiederte ruhiger, als zuvor: „Was braucht es der ängstlichen Worte, Fremdling? Seyd ihr wirklich Göt¬ tersöhne, oder sonst nicht schlechter als ich, und habt Lust nach fremdem Gute, so mögt ihr das goldne Vließ mit euch fortnehmen, denn tapfern Männern gönne ich Alles. Aber vorher müßt ihr mir eine Probe geben und eine Arbeit verrichten, die ich selbst sonst zu thun pflege, so gefährlich sie ist. Es weiden mir auf dem Felde des Mars zwei Stiere mit ehernen Füßen, die Flammen speien. Mit diesen durchpflüge ich das rauhe Feld, und wenn ich alles umgeackert, so säe ich in die Furchen, nicht der Ceres gelbes Korn, sondern die gräßlichen Zähne eines Drachen; daraus wachsen mir Männer hervor, die mich von allen Seiten umringen und die ich mit meiner Lanze Alle erlege. Mit dem frühen Morgen schirre ich die Stiere an, am späten Abend ruhe ich von der Ernte. Wenn du das Gleiche vollbracht hast, o Führer, so magst du noch am selben Tage das Vließ mit dir fortnehmen nach deines Königes Haus; eher aber nicht, denn es ist nicht billig, daß der tapfere Mann dem schlechteren weiche.“ Jason saß bei diesen Reden stumm und unschlüssig da, er wagte es nicht, ein so furchtbares Werk kecklich zu versprechen. Indessen faßte er sich und antwortete: „So groß diese Arbeit ist, so will ich sie doch bestehen, o Kö¬ nig, und wenn ich darüber umkommen sollte. Schlim¬ meres als der Tod kann auf einen Sterblichen doch nicht warten, ich gehorche der Nothwendigkeit, die mich hierher gesendet hat.“ „Gut,“ sprach der König, „geh jetzt zu deiner Schaar, aber besinne dich! Gedenkst du nicht Al¬ les auszuführen, so überlaß es mir und mach dich aus dem Staube.“ Der Rath des Argos. Jason und seine zwei Helden erhoben sich von ihren Sitzen; von den Söhnen des Phrixus folgte ihnen allein Argos, denn er hatte den Brüdern gewinkt, drinnen zu bleiben. Jene aber verließen den Pallast. Aesons Sohn leuchtete von Schönheit und Anmuth. Die Jungfrau Medea ließ ihre Augen durch den Schleier nach ihm schweifen und ihr Sinn folgte seinen Fußstapfen wie ein Traum. Als sie wieder allein in ihrem Frauengemache war, fing sie an zu weinen, dann sprach sie zu sich selbst: „Was verzehre ich mich in Schmerz? was geht mich je¬ ner Held an? mag er der Herrlichste von allen Halb¬ göttern seyn, oder der schlechteste, wenn er zu Grunde gehen soll, so mag er's! Und doch — o möchte er dem Verderben entrinnen! Laß ihn, ehrwürdige Göttin Hekate, nach Hause zurückkehren! Soll er aber von den Stieren überwältigt werden, so wisse er vorher, daß ich wenig¬ stens über sein trauriges Loos mich nicht freue!“ Während Medea sich so härmte, waren die Helden unterwegs nach dem Schiffe und Argos sagte zu Jason: „Du wirst meinen Rath vielleicht schelten: dennoch will ich ihn dir mittheilen. Ich kenne eine Jungfrau, die mit Zaubertränken umzugehen versteht, welche Hekate, die Göt¬ tin der Unterwelt, sie brauen lehrt. Können wir diese auf unsere Seite bringen, so bezweifle ich nicht, daß du siegreich aus dem Kampfe hervorgehen wirst. Willst du es, so gehe ich hin, sie für uns zu gewinnen.“ „Wenn es dir so gefällt, mein Lieber,“ erwiederte Jason, „so widerstrebe ich nicht. Doch steht es schlecht um uns, wenn unsere Heimfahrt von den Weibern abhängt!“ Un¬ ter solchen Reden langten sie beim Schiffe und den Ge¬ nossen an. Jason berichtete, was von ihm begehrt wor¬ den sey und was er dem Könige versprochen habe. Eine Zeitlang sassen die Genossen stumm einander anblickend, endlich erhob sich Peleus und sprach: „Held Jason, wenn du dein Versprechen erfüllen zu können glaubst, so rüste dich. Hast du aber nicht volle Zuversicht, so bleibe fern und sieh dich auch nach keinem von diesen Männern hier um, denn was hätten sie anders zu erwarten, als den Tod?“ Bei diesem Worte sprang Telamon auf und vier andere Helden, Alle voll kampflustigen Muthes. Aber Argos beruhigte sie und sprach: „Ich kenne eine Jung¬ frau, die weiß mit Zaubertränken umzugehen: sie ist eine Schwester unsrer Mutter, nun laßt mich zu meiner Mut¬ ter gehen und sie überreden, daß sie die Jungfrau uns geneigt mache. Alsdann kann erst wieder von jenem Abentheuer, zu welchem sich Jason erboten hat, die Rede seyn.“ Kaum hatte er ausgesprochen, so geschah ein Zei¬ chen aus der Luft. Eine Taube, der ein Habicht nach¬ jagte, flüchtete in Jasons Schooß, der nachstürzende Raubvogel aber fiel auf dem Boden des Hinterschiffes nieder. Jetzt erinnerte sie einer der Helden daran, daß auch der alte Phineus ihnen geweissagt, Venus die Göttin, würde ihnen zur Rückkehr verhelfen. Alle Hel¬ den stimmten darum dem Argos bei; nur Idas, der Sohn des Aphareus, erhob sich unwillig von seinem Sitze und sprach: „Bei den Göttern, sind wir als Weiber¬ knechte hierher gekommen, und, anstatt uns an den Mars zu wenden, rufen wir die Venus an? Soll der Anblick von Habichten und Tauben uns vom Kampfe abhalten? Wohl, so vergesset den Krieg und gehet hin, schwache Jungfrauen zu betrügen.“ So sprach er zornig, viele Helden murrten leise. Aber Jason entschied für Argos, das Schiff ward am Ufer angebunden und die Helden harreten der Rückkehr ihres Boten. Aeetes hatte unterdessen außerhalb seines Pallastes eine Versammlung der Kolchier gehalten. Er erzählte ihnen von der Ankunft der Fremdlinge, ihrem Begehren und dem Untergang, den er ihnen bereitet hätte. Sobald die Stiere den Führer umgebracht hätten, wollte er einen ganzen Wald ausreißen und das Schiff mit sammt den Männern verbrennen. Auch seinen Enkeln, die diese Abentheurer herbeigeführt hätten, dachte er eine schreck¬ liche Strafe zu. Mittlerweile ging Argos seine Mutter mit bittenden Worten an, daß sie ihre Schwester Medea zur Beihülfe bereden möchte. Chalciope selbst hatte Mitleid mit den Fremdlingen gefühlt, aber nicht gewagt, dem grimmigen Zorn ihres Vaters entgegenzutreten. So kam ihr die Bitte des Sohns erwünscht und sie versprach ihren Bei¬ stand. Medea selbst lag in unruhigem Schlummer auf ih¬ rem Lager und sah einen ängstigenden Traum. Ihr war, als hätte der Held sich schon zu dem Kampfe mit den Stieren angeschickt. Er hatte aber diesen Kampf nicht um des goldenen Vließes willen unternommen, sondern Um sie als Gattin in die Heimat zu führen. Nun war es ihr im Traume, als ob sie selbst den Kampf mit den Stieren bestände, die Eltern aber wollten ihr Ver¬ sprechen nicht halten und dem Jason den Kampfpreis nicht geben, weil nicht sie, sondern er, geheißen war, die Stiere anzuschirren. Darüber war ein heftiger Streit zwischen ihrem Vater und den Fremdlingen entbrannt und beide Theile machten sie zur Schiedsrichterin. Da wählte sie im Traume den Fremdling; bitterer Schmerz bemächtigte sich der Eltern, sie schrieen laut auf — und mit diesem Schrei erwachte Medea. Der Traum trieb sie nach dem Gemach ihrer Schwester, aber lange hielt die Schaam sie unschlüssig im Vorhofe, viermal verließ sie ihn und viermal kehrte sie wieder zurück, und endlich warf sie sich wieder wei¬ nend in ihrem eigenen Gemache nieder. So fand sie eine ihrer vertrauten jungen Dienerinnen. Diese hatte Mitleid mit der Herrin und meldete der Schwester Me¬ dea's, was sie gesehen hatte. Chalciope empfing diese Botschaft im Kreis ihrer Söhne, als sie eben sich mit ihnen berieth, wie die Jungfrau zu gewinnen wäre. Sie eilte in das Gemach der Schwester und fand sie, die Wangen zerfleischend und in Thränen gebadet. „Was ist dir geschehen, arme Schwester,“ sprach sie mit inni¬ gem Mitleid, „welcher Schmerz peinigt deine Seele? hat der Himmel dir eine plötzliche Krankheit gesendet? hat der Vater über mich und meine Sohne Grausames zu dir gesprochen? O daß ich ferne wäre vom Elternhaus, und da, wo man den Namen der Kolchier nicht hört!“ Schwab, das klass. Alterthum. I . 9 Medea verspricht den Argonauten Hülfe. Die Jungfrau erröthete bei diesen Fragen ihrer Schwester, und Schaam verhinderte sie, zu antworten: bald schwebte ihr die Rede zu äußerst auf der Zunge, bald floh sie in die tiefste Brust zurück. Endlich machte sie die Liebe kühn, und sie sprach mit verschlagenen Wor¬ ten: „Chalciope, mein Herz ist betrübt um deine Söhne, es möchte sie der Vater mit den fremden Männern auf der Stelle tödten. Solches verkündet mir ein schwerer Traum, möge ein Gott ihm die Erfüllung verweigern.“ Unerträgliche Angst bemächtigte sich der Schwester: „Eben deswegen komme ich zu dir,“ sprach sie, „und beschwöre dich, mir gegen unsern Vater beizustehen. Weigerst du dich, so werde ich mit meinen ermordeten Söhnen dich noch vom Orkus aus als Furie umschweben!“ Sie um¬ faßte mit beiden Händen Medeens Knie und warf das Haupt in ihren Schooß; beide Schwestern weinten bit¬ terlich. Dann sprach Medea: „Was redest du von Fu¬ rien, Schwester? Beim Himmel und der Erde schwöre ich dir, was ich thun kann, deine Söhne zu retten, will ich gerne thun.“ „Nun,“ fuhr die Schwester fort, „so wirst du auch dem Fremdling um meiner Kinder willen irgend einen Trug an die Hand geben, jenen furchtbaren Kampf glücklich zu bestehen, denn von ihm gesendet, fleht mein Sohn Argos mich an, dem Gastfreunde deine Hülfe zu erbitten.“ Das Herz hüpfte der Jungfrau vor Freuden im Leibe, als sie dieses hörte, ihr schönes Angesicht erröthete, ihr funkelndes Auge umhüllte einen Augenblick der Schwin¬ del, und sie brach in die Worte aus: „Chalciope, das Morgenroth soll meinen Blicken nicht mehr leuchten, wenn dein und deiner Söhne Leben nicht mein erstes ist. Hast du doch mich, wie mir oft die Mutter erzählte, zugleich mit ihnen gesäugt, als ich ein kleines Kind war; so liebe ich dich nicht nur wie eine Schwester, sondern auch wie eine Tochter. Morgen in aller Frühe will ich zum Tempel der Hekate gehen und dort dem Fremdlinge die Zaubermittel holen, welche die Stiere besänftigen sollen.“ Chalciope verließ das Gemach der Schwester und mel¬ dete den Söhnen die erwünschte Botschaft. Die ganze Nacht lag Medea in schwerem Streite mit sich selbst. „Habe ich nicht zu viel versprochen,“ sagte sie in ihrem Innern, „darf ich so viel für den Fremdling thun? Ihn ohne Zeugen schauen, ihn anrühren, was doch geschehen muß, wenn der Trug gelingen soll? Ja, ich will ihn retten; er gehe frei hin, wohin er will: aber an dem Tage, wo er den Streit glücklich vollbracht ha¬ ben wird, will ich sterben. Ein Strick oder Gift soll mich vom verhaßten Leben befreien. — Aber wird mich dieses retten, wird mich nicht üble Nachrede durchs ganze Kolchierland verfolgen und sagen, daß ich mein Haus beschimpft habe, daß ich einem fremden Manne zu lieb gestorben sey?“ Unter solchen Gedanken ging sie, ein Kästchen zu holen, in welchem heil- und todbringende Arzeneien sich befanden. Sie stellte es auf ihre Kniee und hatte es schon geöffnet, um von den tödtlichen Gif¬ ten zu kosten; da schwebten ihr alle holden Lebenssorgen vor, alle Lebensfreuden, alle Gespielinnen; die Sonne kam ihr schöner vor, als vorher, eine unwiderstehliche Furcht vor dem Tode ergriff sie; sie stellte das Kästchen 9 * auf den Boden. Juno, die Beschützerin Jasons, hatte ihr Herz verwandelt. Kaum konnte sie die Morgenröthe erwarten, um die versprochenen Zaubermittel zu holen und mit ihnen vor den geliebten Helden zu treten. Jason und Medea. Während Argos mit der glücklichen Nachricht nach dem Schiffe der Helden eilte, als kaum das Morgenroth den Himmel erhellte, war die Jungfrau schon vom Lager aufgesprungen, band ihr blondes Haar auf, das bisher in Trauerflechten heruntergehangen, wischte Thränen und Harm von den Wangen und salbte sich mit köstlichem Nektaröl. Sie zog ein herrliches Gewand an, das schön gekrümmte, goldne Nadeln festhielten, und warf einen weißen Schleier über ihr stralendes Haupt. Alle Schmer¬ zen waren vergessen; mit leichten Füßen durcheilte sie das Haus und befahl ihren jungen Dienerinnen, deren zwölfe in ihren Frauengemächern waren, schnell die Maul¬ thiere an den Wagen zu spannen, der sie nach dem Tem¬ pel der Hekate bringen sollte. Inzwischen holte Medea aus dem Kästchen die Salbe hervor, die man Prome¬ theusöl nannte; wer, nachdem er die Göttin der Unter¬ welt angefleht, seinen Leib damit salbte, konnte an jenem Tage von keinem Schwertstreiche verwundet, von keinem Feuer versehrt werden, ja, er war den ganzen Tag an Kräften jedem Gegner überlegen. Die Salbe war aus dem schwarzen Saft einer Wurzel bereitet, die aus dem Blute emporgekeimt war, das aus der zerfressenen Leber des Titanensohnes auf die Heiden des Kaukasus geträufelt war. Medea selbst hatte in einer Muschel den Saft die¬ ser Pflanze als kostbares Heilmittel aufgefangen. Der Wagen war gerüstet; zwei Mägde bestiegen ihn mit der Herrin, sie selbst ergriff Zügel und Peitsche und fuhr, von den übrigen Dienerinnen zu Fuße begleitet, durch die Stadt. Ueberall wich der Königstochter das Volk ehrerbietig aus dem Wege. Als sie durchs freie Feld am Tempel angekommen war, flog sie mit gewandtem Sprunge vom Wagen und sprach zu ihren Mägden mit listigen, verstellten Worten: „Freundinnen, ich habe wohl schwer gesündigt, daß ich nicht ferne von den Fremdlin¬ gen geblieben bin, die in unserm Lande angekommen sind! Nun verlangt gar meine Schwester und ihr Sohn Ar¬ gos, ich soll Geschenke von ihrem Führer annehmen, der die Stiere zu bändigen versprochen hat, und ihn mit Zaubermitteln unverwundlich machen! Ich aber habe zum Scheine zugesagt, und ihn hierher in den Tempel bestellt, wo ich ihn allein sprechen soll. Da will ich die Ge¬ schenke nehmen, und wir wollen sie nachher unter ein¬ ander vertheilen. Ihm selbst aber werde ich eine ver¬ derbliche Arzenei reichen, damit er um so gewisser zu Grunde geht! Entfernet euch indessen, sobald er kommt, damit er keinen Verdacht schöpfe und ich ihn allein em¬ pfangen kann, wie ich verheißen habe.“ Den Mägden gefiel der schlaue Plan. Während diese im Tempel verweilten, machte sich Argos mit sei¬ nem Freunde Jason und dem Vogelschauer Mopsos auf. So schön war kein Sterblicher, ja keiner der Göttersöhne zuvor je gewesen, wie heute Jupiters Gemahlin ihren Schützling Jason mit allen Gaben der Huldgöttinnen ausgerüstet hatte. Seine beiden Genossen selbst, so oft sie ihn unterwegs betrachteten, mußten über seine Herr¬ lichkeit staunen. Medea war unterdessen mit ihren Mäg¬ den im Tempel, und obwohl sie sich die Zeit mit Sin¬ gen verkürzten, so war doch ihr Geist in ganz andern Gedanken, und kein Lied wollte ihr lange gefallen; ihre Augen weilten nicht im Kreise ihrer Dienerinnen, son¬ dern schweiften durch die Tempelpforte verlangend über die Straße hinaus. Bei jedem Fußtritt oder Windhauch richtete sich ihr Haupt begierig in die Höhe. Nicht lan¬ ge, so trat Jason mit seinen Begleitern in den Tempel, hoch einherschreitend und schön wie Sirius dem Ocean entsteigt. Da war's der Jungfrau, als fiele ihr das Herz aus der Brust, Nacht war vor ihren Augen und mit heißem Roth bedeckte sich ihre Wange. Inzwischen hatten sie die Dienerinnen alle verlassen. Lange standen der Held und die Königstochter einander stillschweigend gegenüber, schlanken Eichen oder Tannen ähnlich, die auf den Bergen tiefgewurzelt in Windstille regungslos bei einander stehen. Plötzlich aber kommt ein Sturm und alle Blätter zittern in rauschender Bewegung; so sollten, vom Hauch der Liebe angeweht, sie bald vielbe¬ wegte Worte tauschen. „Warum scheuest du mich,“ so brach Jason zuerst das Schweigen, „nun, da ich allein bei dir bin? Ich bin nicht, wie andere prahlerische Männer, und war auch zu Hause nie so. Fürchte dich nicht zu fragen und zu sagen, was dir beliebt; aber vergiß nicht, daß wir an einem heiligen Orte sind, wo betrügen ein Fre¬ vel wäre: darum täusche mich nicht mit süßen Worten; ich komme als ein Schutzflehender und bitte dich um die Heilmittel, die du deiner Schwester für mich versprochen. Die harte Nothwendigkeit zwingt mich, deine Hülfe zu suchen; verlange welchen Dank du willst, und wisse, daß du den Müttern und Frauen unserer Helden, die uns vielleicht schon, am Ufer sitzend, beweinen, durch deinen Beistand die schwarzen Sorgen zerstreuen, und in ganz Griechenland Unsterblichkeit erlangen wirst.“ Die Jungfrau hatte ihn ausreden lassen; sie senkte ihre Augen mit einem süßen Lächeln; ihr Herz erfreute sich seines Lobes, ihr Blick erhub sich wieder, die Worte drängten sich auf ihre Lippen und gern hätte sie Alles zu¬ mal gesagt. So aber blieb sie ganz sprachlos, wickelte nur die duftende Binde von dem Kästchen ab, das Ja¬ son ihr eilig und froh aus den Händen nahm. Sie aber hätte ihm auch freudig die Seele aus der Brust gegeben, wenn er sie verlangt hätte, so süße Flammen wehte ihr der Liebesgott von Jasons blondem Haupte zu; ihre Seele war durchwärmt wie der Thau auf den Rosen von den Strahlen der Morgensonne durchglüht wird. Beide blick¬ ten verschämt zu Boden, dann richteten sie ihre Augen wieder aufeinander und schickten sehnende Blicke unter den Wimpern hervor. Erst spät und mit Mühe hub die Jungfrau an: „Höre nun, wie ich dir Hülfe schaffen will. Wenn dir mein Vater die verderblichen Drachen¬ zähne zum Säen überliefert haben wird, dann bade dich einsam im Wasser des Flusses, bekleide dich mit schwar¬ zen Gewändern, und grabe eine kreisförmige Grube; in dieser errichte einen Scheiterhaufen, schlachte ein weibli¬ ches Lamm und verbrenne es ganz darauf; dann träufle der Hekate ein Trankopfer süßen Honigs aus der Schaale und entferne dich wieder vom Scheiterhaufen: auf keinen Fußtritt, auf kein Hundegebell kehre dich um, sonst wird das Opfer vereitelt. Am andern Morgen salbe dich mit diesem Zaubermittel, das ich hier dir gereicht habe; in ihm wohnt unermeßliche Stärke und hohe Kraft: du wirst dich nicht den Männern, sondern den unsterblichen Göttern gewachsen fühlen. Auch deine Lanze, dein Schwerdt und deinen Schild mußt du salben, dann wird kein Eisen in Menschenhand, keine Flamme der Wunder¬ stiere dir schaden oder widerstehen können. Doch wirst du so nicht lange seyn, sondern nur an jenem einen Tage: dennoch entziehe dich auf keine Weise dem Streit. Ich will dir auch noch ein anderes Hülfsmittel an die Hand geben. Wann du nämlich die gewaltigen Stiere einge¬ spannt und das Blachfeld durchpflügt hast, und schon die von dir ausgesäete Drachensaat aufgegangen ist, so wirf unter sie einen mächtigen Stein: um diesen werden jene rasenden Gesellen kämpfen, wie Hunde um ein Stück Brod; indessen kannst du auf sie einstürzen und sie nie¬ dermachen. Dann magst du das goldene Vließ unange¬ fochten aus Kolchis mit dir nehmen: dann magst du ge¬ hen; ja gehe nur, wohin dir zu gehen beliebt!“ So sprach sie und heimliche Thränen rollten ihr über die Wange hinab; denn sie dachte daran, daß der edle Held weit fort über die Meere ziehen werde. Traurig redete sie ihn an, indem sie ihn bei der Rechten faßte, denn der Schmerz ließ sie vergessen, was sie that: „Wenn du nach Hause kommst, so vergiß nicht den Namen Medea's; auch ich will deiner, des Fernen gedenken. Sage mir auch, wo dein Vaterland ist, nach welchem du auf deinem schönen Schiffe zurückkehren wirst.“ Mit diesen Reden der Jungfrau bemächtigte sich auch des Helden eine un¬ widerstehliche Neigung und er brach in die Worte aus: „Glaube mir, hohe Fürstin, daß ich, wenn ich dem Tode entrinne, keine Stunde bei Tag und bei Nacht dein ver¬ gessen werde. Meine Heimath ist Jolkos in Hämonien, da wo der gute Deukalion, der Sohn des Prometheus, viele Städte gegründet und Tempel gebaut hat. Dort kennt man euer Land auch nicht mit Namen.“ „So woh¬ nest du in Griechenland, Fremdling,“ erwiederte die Jung¬ frau; „dort sind die Menschen wohl gastlicher, als hier bei uns; darum erzähle nicht, welche Aufnahme dir hier geworden, sondern gedenke nur in der Stille mein. Ich werde dein gedenken, wenn Alles dich hier vergäße. Wärest du aber im Stande, mein zu vergessen, o, daß dann der Wind einen Vogel aus Jolkos herbeiführte, durch welchen ich dich daran errinnern konnte, daß du durch meine Hülfe von hier entronnen bist! Ja, wäre ich dann vielmehr selbst in deinem Hause und könnte dich mahnen!“ So sprach sie und weinte. „O du Gute,“ antwortete Jason, „laß die Winde flattern und den Vo¬ gel dazu, denn du sprichst Ueberflüssiges! Aber wenn du selbst nach Griechenland und in meine Heimath kämest, o wie würdest du von Frauen und Männern verehrt, ja wie eine Gottheit angebetet werden, weil ihre Söhne, ihre Brüder, ihre Gatten durch deinen Rath dem Tod entronnen und fröhlich der Heimath zurückgegeben sind; und mir, mir würdest du dann ganz gehören, und nichts sollte unsere Liebe trennen, als der Tod.“ So sprach er, ihr aber zerfloß die Seele, als sie Solches hörte. Zugleich stand vor ihrem Geist alles Schreckliche, womit die Trennung vom Vaterlande drohte, und dennoch zog es sie mit wunderbarer Gewalt nach Griechenland, denn Juno hatte es ihr in's Herz gegeben. Diese wollte, daß die Kolchierin Medea ihr Vaterland verlassen und zu des Pelias Verderben nach Jolkos kommen sollte. Inzwischen harrten in der Ferne die Dienerinnen still und traurig; denn die Zeit war längst da, wo die Fürstin nach Hause zurückkehren sollte. Sie selbst hätte die Heimkehr ganz vergessen; denn ihre Seele erfreute sich der trauten Rede, wenn nicht der vorsichtigere Ja¬ son, wiewohl auch dieser spät, so gesprochen hätte: „Es ist Zeit zu scheiden, daß nicht das Sonnenlicht früher scheide, als wir, und die Andern Alles inne werden. Laß uns an diesem Orte wieder zusammenkommen.“ Jason erfüllt des Aeetes Begehr. So schieden sie. Jason kehrte fröhlich zu seinen Genossen und dem Schiffe zurück. Die Jungfrau begab sich zu ihren Dienerinnen. Diese eilten ihr alle entgegen, — sie aber sah es nicht; denn ihre Seele schwebte hoch in den Wolken. Mit leichten Füßen bestieg sie den Wagen, trieb die Maulthiere an, die von selbst nach Hause rann¬ ten, und kam zum Pallaste zurück. Hier hatte Chalciope voll banger Sorge um ihre Söhne längst auf sie ge¬ wartet. Sie saß auf einem Schemel, das gebeugte Haupt mit der linken Hand gestützt; ihre Augen waren feucht unter den Augenliedern, denn sie dachte daran, in wel¬ ches Uebels Genossenschaft sie verstrickt wäre. Jason erzählte unterdessen seinen Genossen, wie ihm die Jungfrau das herrliche Zaubermittel gereicht habe, zugleich hielt er ihnen die Salbe entgegen. Alle freuten sich; nur Idas, der Held, saß seitwärts und knirschte mit den Zähnen vor Zorn. Am andern Morgen sandten sie zwei Männer ab, den Drachensaamen von Aeetes zu er¬ bitten, der sich nicht lange weigerte. Er gab ihnen von desselben Drachen Zähnen, den Kadmus bei Theben um¬ gebracht hatte. Er that es ganz getrost, denn er hielt es gar nicht für möglich, daß Jason es nur bis zum Säen der Zähne bringen könnte. In der Nacht, die auf diesen Tag folgte, badete sich Jason und opferte der He¬ kate ganz, wie Medea ihn geheißen. Die Göttin selbst vernahm sein Gebet und kam aus ihren tiefen Höhlen hervor, die entsetzliche, umringt von gräßlichen Drachen, die flammende Eichenäste im Rachen trugen. Hunde der Unterwelt schwärmten bellend um sie her. Der Anger zit¬ terte unter ihrem Tritt und die Nymphen des Flusses Phasis heulten. Selbst den Jason ergriff Entsetzen, als er heim¬ kehrte, aber dem Gebote der Geliebten getreu, schaute er sich nicht um, bis er wieder bei seinen Genossen war: und schon schimmerte die Morgenröthe über dem Schnee¬ gipfel des Kaukasus. Jetzt warf Aeetes seinen starken Panzer über, den er im Kampfe mit den Giganten getragen; auf sein Haupt setzte er den goldnen Helm mit vier Büschen und griff zu dem vierhäutigen Schilde, den, außer Herkules, kein anderer Held hätte aufheben können. Sein Sohn hielt ihm die schnellen Rosse am Wagen: diesen bestieg er und flog, die Zügel in der Hand, aus der Stadt, ihm nach unzähliges Volk. Wie selbst zum Kampfe gerüstet, wollte er dem Schauspiele beiwohnen. Jason aber hatte sich nach Medea's Anleitung mit dem Zauberöle Lanze, Schwert und Schild gesalbt. Rings um ihn her versuch¬ ten die Genossen ihre Waffen an der Lanze, aber sie hielt Stand, und jene vermochten es nicht, sie auch nur ein wenig zu krümmen; sie war an seiner festen Hand wie zu Stein geworden. Darüber ärgerte sich Idas, des Aphareus Sohn, und führte seinen Streich auf den Schaft unter der Spitze; aber der Stahl fuhr zurück, wie der Hammer vom Ambos, und fröhlich schrieen die Helden auf in der frohen Aussicht auf den Sieg. Jetzt erst salbte sich Jason auch den Leib; da fühlte er entsetz¬ liche Kraft in allen Gliedern, seine beiden Hände schwol¬ len auf von Stärke und verlangten nach dem Kampf. Wie ein Kriegsroß vor der Schlacht wiehernd den Bo¬ den stampft, sich aufrichtet und mit gespitzten Ohren den Kopf erhebt, so streckte sich der Aesonide im Gefühle sei¬ ner Streitbarkeit, hob die Füße, schwang den Erzschild und die Lanze mit der Hand. Dann ruderten die Hel¬ den mit ihrem Führer bis zum Marsfelde, wo sie den König Aeetes und die Menge der Kolchier schon antra¬ fen, jenen am Ufer, diese auf den Klippenvorsprüngen des Kaukasus gelagert. Als das Schiff angebunden war, sprang Jason mit Lanze und Schild gerüstet aus dem¬ selben und empfing sofort einen funkelnden Erzhelm voll spitzer Drachenzähne. Dann hing er das Schwert mit einem Riemen um die Schultern und schritt vor, herrlich wie Mars oder Apollo. Auf dem Blachfeld umherblick¬ end, sah er bald die ehernen Joche der Stiere auf dem Boden liegen, dabei Pflug und Pflugschaar, Alles ganz aus Eisen gehämmert. Als er sich das Geräthe näher betrachtet, schraubte er die Eisenspitze an den starken Schaft seiner Lanze und legte den Helm nieder. Hier¬ auf schritt er von seinem Schilde gedeckt weiter, nach den Fußstapfen der Thiere forschend. Diese aber brachen von einer andern Seite unvermuthet aus einem unter¬ irdischen Gewölbe hervor, wo ihre festen Ställe waren, beide Flammen schnaubend und in dicken Rauch gehüllt. Jasons Freunde schracken zusammen, als ihr Blick auf die Ungeheuer fiel, er aber stand mit ausgespreizten Bei¬ nen, den Schild vorgehalten, und erwartete ihren An¬ lauf, wie ein Meerfels die Fluten. Sie kamen auch wirklich, mit den Hörnern stoßend, auf ihn angestürzt, und doch vermochte ihr Anlauf ihm nicht ein Glied zu verrücken. Wie in den Schmiedewerkstätten die Blas¬ bälge murren und bald mächtige Feuer sprühen machen, bald mit ihrem Athem inne halten, so wiederholten sie brüllend und Flammen speiend ihre Stöße, daß den Helden die Glut wie lauter Blitzstralen umzückte. Ihn aber schirmte das Zaubermittel der Jungfrau. Endlich ergriff er den Stier zur Rechten am äußersten Horn und zog ihn mit allen seinen Kräften, bis er ihn an die Stelle geschleppt, wo das eherne Joch lag. Hier gab er seinen ehernen Füßen einen Fußtritt und warf ihn mit gekrümmten Knieen zu Boden. Auf dieselbe Weise zwang er auch den zwei¬ ten, der auf ihn losrannte, mit einem einzigen Streich auf die Erde nieder. Dann warf er seinen breiten Schild weg und hielt, von ihren Flammen bedeckt, die beiden niedergeworfenen Stiere mit beiden Händen fest. Aeetes mußte die ungeheure Stärke des Mannes bewundern. Inzwischen reichten ihm Kastor und Pollux, wie es unter ihnen verabredet war, die Joche, die auf dem Boden la¬ gen, und er befestigte sie mit Sicherheit an das Genick der Thiere. Dann erhub er die eherne Deichsel und fügte sie in den Ring des Joches. Die Zwillingsbrüder ver¬ ließen nun schnell das Feuer, denn sie waren nicht gefeyt wie Jason. Dieser aber nahm seinen Schild wieder auf und warf ihn am Riemen hinter den Rücken; dann griff er auch wieder zu dem Helme voll Drachenzähne, faßte seine Lanze und zwang mit ihren Stichen die zornigen und Flammen sprühenden Stiere, den Pflug zu ziehen. Durch ihre Kraft und den mächtigen Pflüger wurde der Boden tief aufgerissen und die gewaltigen Erdschollen krachten in den Furchen. Jason selbst folgte mit festem Tritt und säte die Zähne in den aufgepflügten Boden, vorsichtig rückwärts blickend, ob die aufkeimende Giganten¬ saat sich nicht gegen ihn erhebe; die Thiere aber arbeiteten sich mit ihren ehernen Hufen vorwärts. Als noch der dritte Theil des Tages übrig war, am hellen Nachmittage, war das ganze Blachfeld, obgleich es vier Jaucherte faßte, von dem unermüdlichen Pflüger umgeackert, und nun wurden die Stiere vom Pflug erlöst; diese schreckte der Held mit sei¬ nen Waffen, daß sie über das offene Feld hin flohen; er selbst kehrte zum Schiffe zurück, so lange er die Furchen noch leer von Erdgebornen sah. Mit lautem Zuruf umringten ihn von allen Seiten die Genossen: er jedoch sprach nichts, sondern füllte seinen Helm mit Flußwasser und löschte seinen brennenden Durst. Dann prüfte er die Gelenke seiner Knie und erfüllte sein Herz mit neuer Streitlust, wie ein schäumender Eber seine Zähne gegen die Jäger wetzt. Denn schon waren das ganze Feld entlang die Giganten hervorgekeimt: der ganze Marshain starrte von Schilden und spitzen Lanzen und erglänzte von Hel¬ men, so daß der Schimmer durch die Luft bis zum Him¬ mel emporblitzte. Da gedachte Jason an das Wort der schlauen Medea: er faßte einen großen runden Stein auf dem Felde, vier kräftige Männer hätten ihn nicht vom Boden heben können; er aber ergriff ihn leicht mit der Hand und warf ihn springend weit hin mitten unter die bodenentsprossenen Krieger. Er selbst barg sich, ins Knie geworfen, kühn und vorsichtig unter seinem Schilde. Die Kolchier schrieen laut auf, wie das Meer braust, wenn es sich an spitzen Klippen bricht: Aeetes selbst starrte voll Verwunderung dem Wurfe des ungeheuren Steines nach. Die Erdgebornen, wie schnelle Hunde, fingen auf einmal an herumzuhüpfen, gingen auf einan¬ der los, brachten sich gegenseitig mit dumpfem Knirschen um, sie fielen auf ihre Mutter Erde unter ihren Lanzen nieder, wie Tannenbäume oder Eichen, welche Windwirbel umgerissen haben. Als sie mitten im Gefechte begriffen waren, stürzte Jason unter sie, wie ein fallender Stern, der als Wunderzeichen mitten durch die dunkle Nachtluft schießt. Jetzt zog er sein Schwert aus der Scheide, theilte hier und dort Wunden aus, hieb Manche, die schon standen, nieder, mähte Andere, die erst bis zu den Schul¬ tern hervorgewachsen waren, wie Gras ab; Andern spal¬ tete er das Haupt, als sie schon zum Kampfe rannten. Die Furchen strömten von Blute, wie ein Abzugsbach, die Verwundeten und Todten stürzten nach allen Seiten hin und Viele sanken mit blutigen Köpfen wieder so tief in den Boden, als sie hervorgetaucht waren. An der Seele des Königes Aeetes nagte zehrender Aerger; ohne ein Wort zu sprechen drehte er sich um und kehrte zur Stadt zurück, nur darauf sinnend, auf welche Weise er wirksamer gegen Jason verfahren könnte. Un¬ ter diesen Begebenheiten war der Tag zu Ende gegangen und der Held ruhte unter den Glückwünschen seiner Freunde von der Arbeit. Medea raubt das goldne Vließ. Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aeetes die Häupter seines Volkes um sich im Pallaste versam¬ melt und rathschlagte, wie die Argonauten zu überlisten wären, denn er war es wohl inne geworden, daß Alles, was sich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mit¬ wirkung seiner Töchter geschehen war. Juno, die Göt¬ tin, sah die Gefahr, in welcher Jason schwebte; deßwegen erfüllte sie das Herz Medea's mit zagender Furcht, daß sie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagd¬ hunde Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte sie, daß ihre Hülfe dem Vater nicht verborgen sey; sie fürchtete auch die Mitwissenschaft der Mägde; darum brannten ihre Augen von Thränen und die Ohren sausten ihr. Ihr Haar ließ sie wie in Trauer hängen, und, wäre das Schicksal nicht zuwider gewesen, so hätte die Jungfrau durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht. Schon hatte sie die gefüllte Schale in der Hand, als Juno ihr den Muth aufs Neue beflügelte und sie mit verwandelten Gedanken das Gift wieder in seinen Be¬ hälter goß. Jetzt raffte sie sich zusammen; sie war ent¬ schlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Thürpfo¬ sten mit Abschiedsküssen, berührte mit den Händen noch einmal die Wände ihres Zimmers, schnitt sich eine Haar¬ locke ab und legte sie zum Andenken für ihre Mutter auf's Bett. „Lebewohl, geliebte Mutter,“ sprach sie wei¬ nend, „lebe wohl, Schwester Chalciope und das ganze Haus! O Fremdling! hätte dich das Meer verschlungen, ehe du nach Kolchis gekommen wärest!“ Und so verließ sie ihre süße Heimat, wie eine Gefangene fliehend den bittern Kerker der Sklaverei verläßt. Die Pforten des Pallastes thaten sich vor ihren Zaubersprüchen auf; durch enge Seitenwege rannte sie mit bloßen Füßen, mit der Linken den Schleier bis über die Wangen herunterziehend, mit der Rechten ihr Nachtgewand vor der Befleckung des Weges schützend. Bald war sie, unerkannt von den Wächtern, draußen vor der Stadt und schlug einen Fu߬ pfad nach dem Tempel ein, denn als Zauberweib und Gifttrankmischerin war sie vom Wurzelsuchen her aller Wege des Feldes wohlkundig. Luna, welche sie so wan¬ deln sah, sprach zu sich selbst, lächelnd herniederscheinend: „So quält denn doch nicht mich allein die Liebe zum schönen Endymion! Oft hast du mich mit deinen Hexen¬ sprüchen vom Himmel hinweggezaubert: jetzt leidest du selbst um einen Jason bittere Qualen. Nun, so geh nur, aber, so schlau du bist, hoffe nicht, dem herbsten Schmerz zu entfliehen!“ So sprach Luna mit sich selber, jene aber trugen ihre Füße eilig davon; endlich beugten ihre Schritte gegen das Meeresufer ein, wo das Freuden¬ feuer, das die Helden wegen Jasons Siege die ganze Nacht hindurch auflodern ließen, ihr zum Leitsterne dien¬ te. Dem Schiffe gegenüber angekommen, rief sie mit lauter Stimme ihren jüngsten Schwestersohn Phrontis; dieser, der mit Jason ihre Stimme erkannte, erwiederte dreimal den dreifachen Ruf. Die Helden, die dieß mit hörten, staunten Anfangs, dann ruderten sie ihr entgegen. Ehe das Schiff ans jenseitige Ufer gebunden war, sprang Jason vom Verdeck ans Land, Phrontis und Argos ihm nach. „Rettet mich,“ rief das Mädchen, indem sie die Knie ihrer Neffen umfaßte, „entreißt mich und euch mei¬ Schwab, das klass. Alterthum. I . 10 nem Vater! Alles ist verrathen und keine Hülfe mehr; laßt uns zu Schiffe fliehen, eh er die schnellen Rosse be¬ steigt; das goldne Vließ will ich euch verschaffen, indem ich den Drachen einschläfere. Du aber, o Fremdling, schwöre mir zu den Göttern vor deinen Genossen, daß du mich Verwaiste in der Fremde nicht beschimpfen willst!“ So sprach sie traurig und erfreute Jasons Herz. Er hub die ins Knie Gesunkene sanft vom Boden auf, umfaßte sie und sprach: „Geliebte, Jupiter und Juno, die Beschirmerin der Ehe, seyen meine Zeugen, daß ich nach Griechenland zurückgekehrt, dich als rechtmäßige Gattin in mein Haus einführen will!“ So schwor er und legte seine Hand in die ihrige. Dann hieß Medea die Helden noch in der Nacht das Schiff nach dem hei¬ ligen Haine rudern, um dort das goldne Vließ zu ent¬ führen. Die Helden fuhren mit dem Schiffe davon, Ja¬ son und die Jungfrau gingen über den Pfad einer Wiese dem Haine zu. Dort suchten sie den hohen Eichbaum, — an welchem das goldene Vließ hing, stralend durch die Nacht, einer Morgenwolke ähnlich, die von der aufgehen¬ den Sonne beschienen wird. Gegenüber aber reckte der schlaflose Drache, aus scharfen Augen in die Ferne blickend, seinen langen Hals den Herannahenden entgegen und zischte fürchterlich, daß die Ufer des Flusses und der ganze große Hain widerhallte. Wie über einen ange¬ zündeten Wald die Flammen sich hinwälzen, so rollte das Unthier mit leuchtenden Schuppen in unzähligen Krümmungen daher. Die Jungfrau aber ging ihm keck entgegen, sie rief mit süßer Stimme den Schlaf, den mächtigsten der Götter, an, das Ungeheuer einzulullen; sie rief zur mächtigen Königin der Unterwelt, ihr Vorha¬ ben zu segnen; nicht ohne Furcht folgte ihr Jason. Aber schon durch den Zaubergesang der Jungfrau eingeschläfert, senkte der Drache die Wölbung des Rückens, und sein ge¬ ringelter Leib dehnte sich der Länge nach aus, nur mit dem gräßlichen Kopfe stand er noch aufrecht und drohte die Beiden mit seinem aufgesperrten Rachen zu fassen. Da sprengte Medea ihm mit einem Wacholderstengel unter Beschwörungsformeln einen Zaubertrank in die Au¬ gen, dessen Duft ihn mit Schlummer übergoß; jetzt schloß sich sein Rachen und schlafend dehnte sich der Drache mit seinem ganzen Leibe durch den langen Wald hin. Auf ihre Ermahnung zog nun Jason das Vließ von der Eiche, während das Mädchen fortwährend den Kopf des Drachen mit dem Zauberöl besprengte. Dann ver¬ ließen beide eilig den beschatteten Marshain und Jason hielt von ferne schon freudig das große Widdervließ ent¬ gegen, von dessen Wiederschein seine Stirn und sein blon¬ des Haar in goldenem Schimmer glänzten; auch beleuch¬ tete sein Schein ihm weithin den nächtlichen Pfad. So ging er, es auf der linken Schulter tragend; die goldne Last hing ihm vom Hals bis auf die Füße herunter; dann rollte er es wieder auf, denn immer fürchtete er, ein Mensch oder Gott möchte ihm begegnen und ihn des Schatzes berauben. Mit der Morgenröthe traten sie ins Schiff, die Genossen umringten den Führer und staunten das Vließ an, das funkelte wie Jupiters Blitz; Jeder wollte es mit den Händen betasten: aber Jason litt es nicht, sondern warf einen neugefertigten Mantel darüber. Die Jungfrau setzte er auf das Hinterverdeck des Schiffes und sprach dann so zu seinen Freunden: „Jetzt, ihr Lie¬ ben, laßt uns eilig ins Vaterland zurückkehren. Durch 10 * dieser Jungfrau Rath ist vollbracht, weswegen wir unsere Fahrt unternommen haben; zum Lohne führe ich sie als meine rechtmäßige Gemahlin nach Hause; ihr aber helft mir sie als die Gehülfin ganz Griechenlands beschirmen. Denn ich zweifle nicht: bald wird Aeetes da seyn und mit allem seinem Volke unsere Ausfahrt aus dem Flusse hindern wollen! Deßwegen soll von euch abwechslungs¬ weise die eine Hälfte rudern, die andere, unsere mächtigen Schilde aus Rindshaut den Feinden entgegenhaltend, die Rückfahrt schirmen. Denn in unserer Hand steht jetzt die Heimkehr zu den Unsrigen und die Ehre oder Schande Griechenlands!“ Mit diesen Worten hieb er die Taue ab, mit denen das Schiff angebunden war, warf sich in volle Rüstung und stellte sich so neben das Mägdlein, dem Steuermann Ancäus zur Seite. Das Schiff eilte unter den Rudern der Mündung des Flusses entgegen. Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea. Inzwischen hatten Aeetes und alle Kolchier Medea's Liebe, Thaten und Flucht erfahren. Sie traten bewaff¬ net auf dem Markte zusammen und bald sah man sie mit lautem Schalle das Ufer des Flusses hinabziehen: Aeetes fuhr auf einem festgezimmerten Wagen, mit den Pferden, die ihm der Sonnengott verliehen; in der Linken trug er einen runden Schild, in der Rechten eine lange Pechfackel; an seiner Seite lehnte die gewaltige Lanze. Die Zügel der Rosse handhabte sein Sohn Absyrtus. Als sie aber an der Mündung des Flusses angekommen waren, da fuhr das Schiff, von den unermüdlichen Ruderern getrie¬ ben, schon weit auf der hohen See. Fackel und Schild entsank dem König; er hub die Hände gen Himmel, rief Jupiter und den Sonnengott zu Zeugen der Uebelthaten und erklärte grimmig seinen Unterthanen: wenn sie ihm die Tochter nicht, zu Wasser oder zu Lande ergriffen, herbeiführen würden, daß er, seines Herzens Gelüste fol¬ gend, Rache üben könnte, so sollten sie es Alle mit ihren Häuptern büßen. Die erschrockenen Kolchier zogen noch an demselben Tage ihre Schiffe in die See, spannten die Segel aus und fuhren hinaus ins Meer; ihre Flotte, welche des Königes Sohn Absyrtus befehligte, glich einer unabsehbaren Vogelschaar, welche die Luft verdunkelnd über die See dahin schwirrt. In die Segel der Argonauten blies der günstigste Wind, denn Juno's Wille war es, daß die Kolchierin Medea so bald als möglich das Verderben in des Pelias Haus bringen sollte. Schon mit der dritten Morgenröthe banden sie das Schiff beim Flusse Halys am Ufer der Paphlagonen an. Hier brachten sie auf Medea's Geheiß der Göttin Hekate, die sie gerettet hatte, ein Opfer. Da fiel ihrem Führer und auch andern Helden bei, daß der alte Wahrsager Phineus ihnen zur Rückfahrt auf einem neuen Wege gerathen hatte, der Gegenden aber war Kei¬ ner kundig. Nun belehrte sie Argos, der Sohn des Phri¬ rus, der es aus Priesterschriften wußte, daß sie nach dem Isterflusse steuern sollten, dessen Quellen fern in den rhipäischen Bergen murmeln und der das Füllhorn sei¬ ner Wasser zur Hälfte ins jonische, zur andern Hälfte ins sicilische Meer ergießt. Als Argos dieß gerathen, erschien die breite Himmelsfurche eines Regenbogens in der Richtung, in welcher sie fahren sollten, und der gün¬ stige Wind ließ nicht ab zu wehen und das Himmelszei¬ chen hörte nicht auf zu leuchten, bis sie glücklich an die jonische Mündung des Flusses Ister gelangt waren. Die Kolchier ließen aber mit ihrer Verfolgung nicht nach und kamen, schneller segelnd, mit ihren leichten Schiffen noch vor den Helden an der Mündung des Isters an. Hier legten sie sich in Hinterhalt an den Buchten und Inseln des Ausflußes und verstellten den Helden, als diese sich in der Mündung des Stromes vor Anker gelegt, den Ausweg. Die Argonauten, die Menge der Kolchier fürchtend, landeten und warfen sich auf eine Insel des Flusses; die Kolchier folgten und ein Treffen bereitete sich vor. Da traten die bedrängten Griechen in Unterhandlung, und von beiden Theilen wurde verabredet, daß jedenfalls die Griechen das goldene Vließ, das der König dem Helden Jason für seine Arbeit ver¬ sprochen hatte, davon tragen sollten; die Königstochter Medea aber sollten sie auf einer zweiten Insel, im Tem¬ pel der Diana, aussetzen, bis ein gerechter Nachbarkönig als Schiedsrichter entschieden hätte, ob sie zu ihrem Vater zurückkehren, oder ob sie den Helden nach Griechenland folgen sollte. Bittere Sorgen bemächtigten sich der Jung¬ frau, als sie solches hörte, sogleich führte sie ihren Ge¬ liebten seitwärts an einen Ort, wo keiner seiner Genossen sie hören konnte; dann sprach sie unter Thränen: „Ja¬ son, was habt ihr über mich beschlossen? hat das Glück Alles bei dir in Vergessenheit gesenkt, was du mir mit heiligem Eide in der Noth versprochen? In dieser Hoff¬ nung habe ich Leichtsinnige, Ehrvergessene, Vaterland, Haus und Eltern verlassen, was mein Höchstes war. Für deine Rettung treibe ich auf dem Meere mit dir um; meine Vermessenheit hat dir das goldne Vließ ver¬ schafft; für dich habe ich Schmach auf den Frauenna¬ men geladen, deßwegen folge ich dir als dein Mädchen, als dein Weib, als deine Schwester ins griechische Land. Und darum beschirme mich auch, laß mich nicht allein hier, überlaß mich nicht den Königen zum Urtheil. Wenn mich jener Richter meinem Vater zuspricht, so bin ich verloren, wie wäre dir dann deine Rückkehr angenehm? wie könnte Jupiters Gemahlin, Juno, dieses billigen, sie, deren du dich rühmest? Ja wenn du mich verlässest, so wirst du einst, in Elend versunken, mein gedenken. Wie ein Traum soll dir das goldne Vließ in den Hades ent¬ schwinden! Aus dem Vaterlande sollen dich meine Rache¬ geister treiben, wie ich durch deine Verkehrtheit aus mei¬ nem Vaterlande getrieben worden bin!“ So sprach sie in wilder Leidenschaft und gedachte Feuer in das Schiff zu legen, Alles zu verbrennen und selbst hinein zu stür¬ zen. Bei ihrem Anblicke ward Jason scheu, das Gewis¬ sen schlug ihm und er sprach mit begütigenden Worten: „Fasse dich, Gute! mir selbst ist jener Vertrag nicht Ernst! Suchen wir ja nur einen Aufschub der Schlacht, weil eine ganze Wolke von Feinden uns umringt, um deinet¬ willen. Denn Alles was hier wohnt, ist den Kolchiern befreundet und will deinem Bruder Absyrtus helfen, daß er dich als Gefangene dem Vater zurückbringe. Wir alle aber, wenn wir jetzt den Kampf beginnen, werden elendiglich umkommen, und deine Lage wild noch hoff¬ nungsloser, wenn wir gestorben sind und dich den Fein¬ den als Beute zurücklassen. Vielmehr soll jener Vertrag nur ein Hinterhalt seyn, der den Absyrtus ins Verderben stürzt; denn wenn ihr Führer todt ist, so werden den Kolchiern die Nachbarn keine Hülfe mehr leisten wollen.“ So sprach er schmeichelnd und Medea gab ihm den grä߬ lichen Rath: „Höre mich. Ich habe einmal gesündigt und, vom Verhängniß verblendet, Uebles gethan. Rück¬ wärts kann ich nicht mehr, so muß ich vorwärts schrei¬ ten im Frevel. Wehre du im Treffen die Lanzen der Kolchier ab; ich will den Bruder bethören, daß er sich in deine Hände gibt. Du empfange ihn mit einem glän¬ zenden Mahle; kann ich dann die Herolde überreden, daß sie ihn zum Zwiegespräch allein mit mir lassen: als¬ dann — ich kann nicht widerstreben — magst du ihn tödten und die Schlacht den Kolchiern liefern.“ Auf diese Weise legten die Beiden dem Absyrtus einen schwe¬ ren Hinterhalt. Sie sandten ihm viele Gastgeschenke, darunter ein herrliches Purpurkleid, das die Königin von Lemnos dem Jason gegeben hatte, das einst die Huldgöt¬ tinnen selbst dem Gotte Dionysus (Bacchus) gefertiget und das mit himmlischem Dufte getränkt war, seit der nektartrunkene Gott darauf geschlummert hatte. Den Herolden redete die schlaue Jungfrau zu, Absyrtus sollte im Dunkel der Nacht auf die andere Insel zum Dianen¬ tempel kommen; dort wollten sie eine List ausdenken, wie er das goldene Vließ wieder bekäme und es dem Könige, ihrem Vater, zurückbringen könnte; denn sie selbst, so heuchelte sie, sey von den Söhnen des Phrixus mit Gewalt den Fremdlingen überliefert worden. Nachdem sie so die Friedensboten bethört hatte, spritzte sie von ihren Zauberölen in den Wind, so viel, daß ihr Duft auch das wildeste Thier vom höchsten Berge herabzulocken kräftig gewesen wäre. Es geschah, wie sie gewünscht hatte. Absyrtus, durch die heiligsten Versprechungen be¬ trogen, schiffte in dunkler Nacht nach der heiligen Insel hinüber. Dort allein mit der Schwester zusammengekom¬ men, versuchte er das Gemüth der Verschlagenen, ob sie wirklich eine List gegen die Fremdlinge hegte; aber es war, als wenn ein schwacher Knabe durch einen ange¬ schwollenen Bergstrom waten wollte, über den kein kräfti¬ ger Mann ungestraft setzen kann. Denn als sie mitten im Gespräche waren, und die Schwester ihm Alles zu¬ sagte, da stürzte plötzlich Jason aus dem verborgenen Hinterhalte hervor, das bloße Schwert in der Hand. Die Jungfrau aber wandte ihre Augen ab und bedeckte sich mit dem Schleier, um den Mord ihres Bruders nicht mit ansehen zu müssen. Wie ein Opferthier stürzte der Königssohn unter den Streichen Jasons und bespritzte Ge¬ wand und Schleier der abgekehrten Medea mit seinem Bruderblut. Aber die Rachegöttin, die nichts übersieht, sah aus ihrem Verstecke mit finsterem Auge die gräßliche That, die hier begangen ward. Nachdem Jason sich von dem Morde gereinigt und den Leichnam begraben hatte, gab Medea den Argonauten mit einer Fackel das verabredete Zeichen. Diese, die sich während der Unterhandlungen wieder auf ihr Schiff zu¬ rückbegeben hatten, landeten jetzt auf der Dianeninsel und fielen, wie Habichte über Taubenschaaren oder Löwen über Schafheerden, über die ihres Führers beraubten Be¬ gleiter des Absyrtus her. Keiner entging dem Tode. Ja¬ son, der den Seinigen zu Hülfe kommen wollte, erschien zu spät, denn schon war der Sieg entschieden. Weitere Heimathfahrt der Argonauten. Auf des Peleus Rath schifften die Helden aus der Mündung hervor und schleunig davon, ehe die zurückge¬ lassenen Kolchier zur Besinnung kommen konnten. Diese, als sie inne wurden, was geschehen war, gedachten An¬ fangs die Feinde zu verfolgen, aber Juno schreckte sie mit warnenden Blitzen vom Himmel, und da sie zu Hause den Zorn des Königes fürchteten, wenn sie ihm Sohn und Tochter nicht zurück brächten, so blieben sie auf den Dianeninseln in der Mündung des Ister zurück und sie¬ delten sich hier an. Die Argonauten aber schifften an mancherlei Ge¬ staden und Inseln vorüber, auch an dem Eilande, wo die Königin Kalypso, die Tochter des Atlas, wohnte. Schon glaubten sie in der Ferne die höchsten Bergspitzen des heimischen Festlandes aufsteigen zu sehen, als Juno, welche die Plane des erzürnten Jupiters fürchtete, einen Sturm gegen sie erhob, der ihr Schiff mit Ungestüm an die unwirthliche Insel Elektris trieb. Jetzt begann auch das weissagende Holz, das Minerva mitten in den Kiel eingefügt hatte, zu sprechen und entsetzliche Furcht ergriff die Horchenden. „Ihr werdet Jupiters Zorn und den Irrfahrten des Meeres nicht entgehen,“ tönte das hohle Brett, „bevor nicht die Zaubergöttin Circe euch den grau¬ samen Mord des Absyrtus abgewaschen hat. Kastor und Pollux sollen zu den Göttern beten, daß sie euch die Pfade des Meeres öffnen, und ihr Circe finden könnet, die Tochter des Sonnengottes und der Perse.“ So sprach der hölzerne Mund des Schiffes Argo um die Abenddämmerung. Schauder und Furcht ergriff die Hel¬ den, als sie den seltsamen Propheten so Schreckliches ver¬ künden hörten. Die Zwillinge Kastor und Pollux allein sprangen auf und hatten den Muth, zu den unsterblichen Göttern um Schutz zu beten; das Schiff aber schoß wei¬ ter bis in die innerste Bucht des Eridanus, da wo einst Phaethon verbrannt vom Sonnenwagen in die Fluth ge¬ fallen war. Noch jetzt schickt er aus der Tiefe Rauch und Gluth aus seiner brennenden Wunde hervor, und kein Schiff kann mit leichten Segeln über dieses Gewässer hinfliegen, sondern es springt mitten in die Flamme hin¬ ein. Ringsumher am Ufer seufzen, in Pappeln verwan¬ delt, Phaethon's Schwestern, die Heliaden, im Winde, und träufeln lichte Thränen aus Bernstein auf den Boden, welche die Sonne trocknet und die Fluth in den Eridanus hineinzieht. Den Argonauten half zwar ihr starkes Schiff aus dieser Gefahr, aber alle Lust nach Speise und Trank verging ihnen; denn bei Tage peinigte sie der unerträg¬ liche Geruch, der aus den Fluthen des Eridanus vom dampfenden Phaethon aufstieg, und bei Nacht hörten sie ganz deutlich das Wehklagen der Heliaden, und wie die Bernsteinthränen gleich Oeltropfen ins Meer rollten. An den Ufern des Eridanus hin kamen sie zu einer Mündung des Rhodanus und wären hineingeschifft, von wannen sie nicht lebendig herauskommen sollten, wenn nicht Juno plötzlich auf einer Klippe erschienen wäre, und mit furcht¬ barer Götterstimme sie abgemahnt hätte. Diese hüllte das Schiff schirmend in schwarzen Nebel und so fuhren sie an unzähligen Celtenvölkern viele Tage und Nächte vorbei, bis sie endlich das Tyrrhenische Ufer erblickten und bald darauf glücklich in den Hafen der Insel Circe's einliefen. Hier fanden sie die Zaubergöttin, wie sie, am Meer¬ gestade stehend, ihr Haupt in den Wellen badete. Ihr hatte geträumt, das Gemach und ganze Haus über¬ ströme von Blut, und die Flamme fresse alle Zaubermit¬ tel, mit welchen sie sonst die Fremdlinge behext hatte, sie aber schöpfe mit hohler Hand das Blut und lösche das Feuer damit. Dieser entsetzliche Traum hatte sie mit der Morgenröthe vom Lager aufgeschreckt und ans Meeres¬ ufer getrieben, hier wusch sie Kleider und Haare, als ob sie blutbefleckt wären. Ungeheure Bestien, nicht andern Thieren ähnlich, sondern aus den verschiedensten Gliedern zusammengesetzt, folgten ihr heerdenweise, wie das Vieh dem Hirten aus dem Stalle. Die Helden ergriff entsetz¬ liches Grausen, zumal da sie der Circe nur ins Angesicht zu sehen brauchten, um sich zu überzeugen, daß sie die Schwester des grausamen Aeetes sey. Die Göttin, als sie die nächtlichen Schrecken von sich entfernt hatte, kehrte schnell wieder um, lockte den Thieren und streichelte sie, wie man Hunde streichelt. Jason hieß die ganze Mannschaft im Schiffe bleiben, er selbst sprang mit Medea ans Land, und zog das wi¬ derstrebende Mädchen mit sich fort, Circe's Pallaste zu. Circe wußte nicht, was die Fremden bei ihr suchten. Sie hieß sie auf schönen Sesseln Platz nehmen. Jene aber flüchteten still und traurig an den Heerd und ließen sich dort nieder. Medea legte ihr Haupt in beide Hände, und Jason stieß das Schwert, mit welchem er den Absyr¬ tus umgebracht hatte, in den Boden, legte die Hand auf dasselbe und stützte sein Kinn darauf, ohne die Augen aufzuschlagen. Da merkte Circe, daß es Schutzflehende seyen und verstand sogleich, daß es sich um den Jammer der Verbannung und die Sühnung eines Mordes handle. Sie trug Scheu vor Jupiter, dem Beschirmer der Flehen¬ den und brachte das verlangte Opfer dar, indem sie eine Hündin, die frisch geworfen hatte, schlachtete und den reinigenden Jupiter dazu anrief. Ihre Dienerinnen, die Najaden, mußten die Sühnungsmittel aus dem Hause und in's Meer tragen; sie selbst stellte sich an den Heerd und verbrannte heilige Opferkuchen unter feierlichen Ge¬ beten, um den Zorn der Furien zu besänftigen und die Verzeihung des Göttervaters für die Mordbefleckten anzu¬ rufen. Als Alles vorüber war, ließ sie die Fremden erst auf die glänzenden Stühle setzen und setzte sich ihnen gegen¬ über. Dann fragte sie die Fremdlinge über ihr Geschäft und ihre Schiffahrt, woher sie kämen, warum sie hier ge¬ landet und wofür sie ihren Schutz begehrt hätten: denn ihr blutiger Traum war ihr wieder in den Sinn gekom¬ men. Als die Jungfrau nun ihr Haupt aufrichtete und ihr ins Angesicht sah, fielen ihr die Augen des Mädchens auf: denn Medea stammte ja, wie Circe selbst, vom Son¬ nengotte; und alle Abkömmlinge dieses Gottes haben strahlende Augen voll Goldglanz. Nun verlangte sie die Muttersprache der Landesflüchtigen zu hören, und die Jungfrau fing an, in kolchischer Mundart, Alles, was mit Aeetes, den Helden und ihr geschehen war, der Wahr¬ heit nach zu erzählen; nur die Ermordung ihres Bruders Absyrtus wollte sie nicht gestehen. Aber der Zaubergöt¬ tin Circe blieb nichts verborgen; doch jammerte sie ihrer Nichte und sie sprach: „Arme, du bist unehrlich geflohen und hast einen großen Frevel begangen. Gewiß wird dein Vater nach Griechenland kommen, den Mord seines Sohnes an dir zu rächen. Von mir jedoch sollst du kein weiteres Uebel leiden, weil du eine Schutzflehende und dazu meine Verwandte bist. Nur verlang' auch keine Hülfe von mir. Entferne dich mit dem fremden Manne, wer es auch seyn mag. Ich kann weder deine Plane, noch deine schimpfliche Flucht billigen!“ Ein unendlicher Schmerz ergriff die Jungfrau bei diesen Worten. Sie warf den Schleier über ihr Haupt und weinte bitterlich, bis der Held sie an der Hand ergriff und die Wankende mit sich aus Circe's Pallast hinausführte. Doch Juno erbarmte sich ihrer Schützlinge. Sie sandte ihre Botin Iris auf dem bunten Regenbogenpfade zur Meeresgöttin Thetis hinab, ließ diese zu sich rufen und empfahl das Heldenschiff ihrem Schirm. Sogleich mit Jason's und Medea's Ankunft an Bord fingen nun sanfte Zephyre zu wehen an; leichteren Muthes lichteten die Helden die Anker und spannten die hohen Segel aus. Mit sanftem Winde wogte das Schiff weiter und bald stellte sich ihnen eine schöne blühende Insel dar, die der Sitz der trügerischen Sirenen war, welche die Vorüber¬ schiffenden durch ihre Gesänge anzulocken und zu verder¬ ben pflegten. Halb Vögel halb Jungfrauen saßen sie im¬ mer auf ihrer Warte und kein Fremder, der vorüberfuhr, entging ihnen. Auch jetzt sangen sie den Argonauten die schönsten Lieder zu, und schon waren diese im Begriffe, die Taue nach dem Ufer zu werfen und anzulegen, als der thracische Sänger Orpheus sich von seinem Sitze er¬ hob und seine göttliche Leier so mächtig zu schlagen be¬ gann, daß sie die Stimmen der Jungfrauen übertönte; zugleich blies ein tönender gottgesandter Zephyr in den Rücken des Schiffes, so daß der Sirenengesang ganz in den Lüften verhallte. Nur Einer der Genossen, Butes, der Sohn des Teleon, hatte der hellen Stimme der Si¬ renen nicht zu widerstehen vermocht, sprang von der Ruderbank ins Meer und schwamm dem verführerischen Hall entgegen. Er wäre verloren gewesen, wenn ihn nicht die Beherrscherinn des Berges Eryr in Sicilien, Venus, erblickt hätte. Sie riß ihn mitten aus den Wirbeln her¬ aus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser Insel, wo er hinfort wohnen blieb. Die Argonauten betrauerten ihn für todt und schifften neuen Gefahren entgegen, denn sie kamen an eine Meerenge, wo auf der einen Seite der steile Fels der Scylla in die Fluten hinausragte und das Schiff zu zerbrechen, auf der andern Seite der Strudel der Charybdis die Wasser in die Tiefe riß und das Schiff zu verschlingen drohte. Dazwischen irrten unter der Fluth vom Grunde losgerissene Felsen, wo sonst die glühende Werkstätte des Vulkanus ist; jetzt aber rauchte sie nur und erfüllte den Aether mit Finsterniß. Hier begegneten ihnen von al¬ len Seiten die Meernymphen, des Nereus Töchter; im Rücken des Schiffes faßte die Fürstin derselben, Thetis selbst, das Steuerruder. Alle miteinander umgaukelten das Schiff und wenn es sich den schwimmenden Felsen nähern wollte, so stieß es eine Nymphe der andern zu, wie Jungfrauen, die Ball spielen. Bald stieg es mit den Wellen hoch zu den Wolken, bald stieg es wieder in den Abgrund hinab. Auf dem Gipfel einer Klippe sah, den Hammer auf die Schulter gelehnt, Vulkanus dem Schauspiele zu, und vom gestirnten Himmel herab Jupiters Gemahlin Juno; diese aber ergriff Minervens Hand, denn sie konnte es ohne Schwindel nicht mit ansehen. Endlich waren sie den Gefahren glücklich entgangen und fuhren weiter auf der offenen See, bis sie zu einer Insel kamen, wo die guten Phäaken und ihr frommer König Alcinous wohnte. Neue Verfolgung der Kolchier. Hier waren sie aufs gastlichste aufgenommen worden und wollten sich eben recht gütlich thun als plötzlich an der Küste ein furchtbares Heer der Kolchier erschien, de¬ ren Flotte auf einem anderen Wege bis hierher vorge¬ drungen war. Sie verlangten die Königstochter Medea, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen, oder be¬ drohten die Griechen mit einer mörderischen Schlacht schon jetzt, und noch mehr, wenn Aeetes selbst mit einem noch gewaltigeren Heere nachkommen würde. Der gute König Alcinous aber hielt sie, da sie schon in die Schlacht eil¬ ten, zurück, und Medea umfaßte die Kniee seiner Gemah¬ lin Arete: „Herrin, ich flehe dich an,“ sprach sie, „laß mich nicht zu meinem Vater bringen; wenn du anders dem menschlichen Geschlechte angehörst, das allzumal durch leich¬ ten Irrthum in schnelles Unglück stürzt. So ist auch mir die Besonnenheit entschwunden. Doch nicht Leichtsinn, son¬ dern nur entsetzliche Furcht hat mich zur Flucht mit die¬ sem Manne bewogen. Als Jungfrau führt er mich in seine Heimath. Darum erbarme dich meiner, und die Götter mögen dir langes Leben und Kinder, und deiner Stadt unsterbliche Zier gewähren.“ Auch den einzelnen Helden warf sie sich flehend zu Füßen: ein Jeder aber, den sie anrief, hieß sie gutes Muthes seyn, schüttelte die Lanze, zog sein Schwerdt und versprach ihr beizustehen, wenn Alcinous sie ausliefern wollte. In der Nacht rathschlagte der König mit seiner Ge¬ mahlin über das kolchische Mädchen. Arete bat für sie und erzählte ihm, daß der große Held Jason sie zu sei¬ ner rechtmäßigen Gemahlin machen wolle. Alcinous war ein sanfter Mann und sein Gemüth wurde noch weicher, als er dieses hörte, „Gerne würde ich,“ erwiederte er sei¬ ner Gemahlin, „die Kolchier den Helden und der Jungfrau zulieb auch mit den Waffen vertreiben, aber ich fürchte das Gastrecht Jupiters zu verletzen; auch ist es nicht klug den mächtigen König Aeetes zu reizen, denn, so ferne er wohnt, er wäre doch im Stande Griechenland mit einem Kriege zu überziehen. Höre daher den Rathschluß, den ich gefaßt habe. Ist das Mädchen noch eine freie Jung¬ frau, so soll sie ihrem Vater zurückgegeben werden; ist sie aber des Helden Gemahlin, so werde ich sie dem Gat¬ ten nicht rauben, denn diesem gehört sie vor dem Vater.“ Arete erschrack, als sie diesen Entschluß des Königes hörte. Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu Jason, der ihm alles hinterbrachte und ihm rieth sich noch vor An¬ bruch des Morgens mit Medea zu vermählen. Die Helden, welchen Jason den unerwarteten Vorschlag mittheilte, wa¬ ren es alle zufrieden und so wurde unter den Liedern des Orpheus, in einer heiligen Grotte, die Jungfrau feierlich zur Gattin Jasons eingeweiht. Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das thauige Feld von den ersten Sonnenstrahlen schimmerten, rührte sich alles Phäakenvolk auf den Straßen der Stadt, und am andern Ende der Insel standen die Kolchier auch schon unter den Waffen. Alcinous trat versprochenerma¬ ßen hervor aus seinem Pallaste, das goldne Scepter in der Hand, zu richten über das Mädchen; hinter ihm gin¬ Schwab, das klass. Alterthum. I . 11 gen schaarenweise die edelsten Phäaken einher; auch die Frauen waren zusammengekommen, um die herrlichen Helden der Griechen zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt, denn Juno hatte das Gerücht weit und breit ausgestreut. So war Alles vor den Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor. Schon lange harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun der König auf seinem Throne Platz genommen hatte, trat Jason hervor und erklärte mit eidlicher Be¬ kräftigung die Königstochter Medea für seine recht¬ mäßige Gemahlin. Sobald Alcinous dieses hörte und Zeugen der Vermählung aufgetreten waren, that er mit einem feierlichen Schwure den Ausspruch, daß Medea nicht ausgeliefert werden sollte, und schirmte seine Gäste. Vergebens widersetzten sich die Kolchier; der König hieß sie entweder als friedliche Gäste in seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus seinem Hafen entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn fürchteten, wenn sie ohne seine Tochter zurückkehreten, wählten das Letztere. Am siebenten Tage brachen auch die Argonau¬ ten, ungern von Alcinous entlassen und herrlich beschenkt, zur Weiterfahrt auf. Letzte Abentheuer der Helden. Wieder waren sie an mancherlei Ufern und Inseln vorübergesegelt und schon erblickten sie in der Ferne die heimische Küste des Pelopslandes (Peloponnesos), als ein grausamer Nordsturm das Schiff erfaßte und mitten durchs Libysche Meer neun volle Tage und Nächte auf ungewi¬ ssem Pfade dahinjagte. Endlich wurden sie an das Sand¬ wüstenufer der afrikanischen Syrten verschlagen, in eine Bucht, deren Gewässer mit dichtem Seegras und trägem Schaume bedeckt, wie ein Sumpf in starrer Ruhe brü¬ tete. Rings um breiteten sich Sandflächen aus, auf de¬ nen kein Thier, kein Vogel sichtbar ward. Hier wurde das Schiff von der Fluth so dicht aufs Gestade geschwemmt, daß der Kiel ganz auf dem Sande aufsaß. Mit Schrecken sprangen die Helden aus dem Schiff und mit Entsetzen erblickten sie den breiten Erdrücken, der sich, der Luft ähnlich, ohne Abwechslung ins Unendliche ausdehnte. Kein Wasserquell, kein Pfad, kein Hirtenhof zeigte sich; alles ruhte in todtem Schweigen. „Weh uns, wie heißt dieses Land? wohin haben uns die Stürme verschlagen?“ So fragten einander die Genossen. „Wären wir doch lieber mitten in die schwimmenden Felsen hineingefahren! Hätten wir lieber gegen Jupiters Willen etwas unter¬ nommen und wären in einem großen Versuch unterge¬ gangen!“ „Ja, sagte der Steuermann Ancäus, die Fluth hat uns sitzen lassen und wird uns nicht wieder abholen. Alle Hoffnung der Fahrt und Heimkehr ist abgeschnitten, steure wer da kann und will!“ Damit ließ er das Steuerruder aus der Hand gleiten und setzte sich weinend im Schiffe nieder. Wie Männer in einer verpesteten Stadt unthätig, Gespenstern gleich, dem Verderben ent¬ gegen sehen, so trauerten die Helden, dem öden Ufer ent¬ lang schleichend. Als der Abend gekommen war, gaben sie einander traurig die Hände zum Abschiede, warfen sich, ohne Nahrung genommen zu haben, der eine da, der an¬ dere dort im Sande nieder und erwarteten, in ihre Män¬ tel gehüllt, eine schlaflose Nacht hindurch, den Tag und 11 * den Tod. Auf einer andern Seite seufzten die phäaki¬ schen Jungfrauen, welche Medea vom König Alcinous zum Geschenke bekommen hatte, um ihre Herrin gedrängt; sie stöhnten wie sterbende Schwäne, ihren letzten Gesang in die Lüfte verhauchend; und gewiß wären sie Alle, Männer und Frauen, untergegangen, ohne daß Jemand sie betrauert hätte, wenn sich nicht die Beherrscherinnen Libyens, welche drei Halbgöttinnen waren, ihrer erbarmt hätten. Diese erschienen, mit Ziegenfellen vom Hals bis an die Knöchel bedeckt, um die heiße Mittagsstunde dem Jason und zogen ihm den Mantel, mit dem er sein Haupt bedeckt hatte, leise von den Schläfen. Erschrocken sprang er auf und wandte den Blick voll Ehrfurcht von den Göttinnen ab. „Unglücklicher,“ sprachen sie, „wir kennen alle deine Mühsale, aber traure nicht länger! Wenn die Meeresgöttin den Wagen des Neptunus losgeschirret hat, so zollet eurer Mutter Dank, die euch lang im Leibe ge¬ tragen hat: dann möget ihr ins glückselige Griechenland zurückkehren.“ Die Göttinnen verschwanden und Jason erzählte seinen Genossen das tröstliche, doch räthselhafte Orakel. Während Alle sich noch darüber staunend be¬ sannen, ereignete sich ein eben so seltsames Wunderzei¬ chen. Ein ungeheures Meerpferd, dem von beiden Sei¬ ten goldne Mähnen über den Nacken wallten, sprang vom Meer ans Land und schüttelte den Wasserschaum ab, der von ihm stäubte, wie mit Windesflügeln. Freudig erhub jetzt der Held Peleus seine Stimme und rief: „Die eine Hälfte des Räthselwortes ist erfüllt: die Meeresgöttin hat ihren Wagen abgeschirrt, den dieses Roß gezogen hat, die Mutter aber, die uns lang im Leibe getragen, das ist unser Schiff Argo; dem sollen wir jetzt den schuldigen Dank bezahlen. Laßt es uns auf unsere Schultern neh¬ men und über den Sand hintragen, den Spuren des Meerpferdes nach. Dieses wird ja nicht in den Boden schlüpfen, sondern uns den Weg zu irgend einem Stapel¬ platze zeigen.“ Gesagt, gethan. Die Göttersöhne nahmen das Schiff auf ihre Schultern und seufzten zwölf Tage und zwölf Nächte wandernd unter der Last. Immer ging es über öde wasserlose Sandflächen hin; hätte sie ein Gott nicht gestärkt, sie wären am ersten Tage erlegen. So aber kamen sie endlich glücklich an die tritonische Meerbucht; hier legten sie es von den Schultern nieder, und suchten, vom Durste gepeinigt, wie wüthende Hunde, nach einem Quell. Unterwegs begegnete der Sänger Orpheus den Hesperiden, den lieblich singenden Nymphen, welche auf dem heiligen Felde saßen, wo der Drache La¬ don die goldenen Aepfel gehütet hatte. Diese flehte der Sänger an, den Schmachtenden eine Wasserquelle zu zei¬ gen. Die Nymphen erbarmten sich und die Vornehmste unter ihnen, Aegle, fing an zu erzählen: „Gewiß ist der kühne Räuber, der gestern hier erschienen ist, dem Dra¬ chen das Leben und uns die goldenen Aepfel genommen hat, euch zum Heile erschienen, ihr Fremdlinge. Es war ein wilder Mann, seine Augen funkelten unter der zorni¬ gen Stirne; eine rohe Löwenhaut hing ihm über die Schultern, in der Hand trug er einen Oelzweig und die Pfeile, mit welchen er das Ungeheuer erlegt hat. Auch er kam durstig von der Sandwüste her; da er nirgends Wasser fand, stieß er mit seiner Ferse an einen Felsen. Wie von einem Zauberschlag entfloß diesem reichliches Wasser und der schreckliche Mann legte sich bis an die Brust auf den Boden, stemmte sich mit beiden Händen an den Felsen und trank nach Herzenslust, bis er wie ein gesättigter Stier sich auf die Erde legte.“ So sprach Aegle und zeigte ihnen den Felsquell, um den bald alle Helden sich drängten. Der erfrischende Trunk machte sie wieder fröhlich, und: „wahrlich,“ sprach einer, nachdem er die brennenden Lippen noch einmal genetzt, „auch getrennt von uns hat Herkules seine Genossen noch gerettet! Möchten wir ihn doch auf unserer ferneren Wanderung noch begegnen!“ So machten sie sich auf, der eine da, der andere dorthin, den Helden zu suchen. Als sie wie¬ der zurückgekommen waren, glaubte ihn nur der scharf¬ blickende Lynceus von ferne gesehen zu haben, aber nur etwa so wie ein Bauer den Neumond hinter Wolken er¬ blickt zu haben meint, und er versicherte, daß Niemand den Schweifenden erreichen werde. Endlich, nachdem sie durch unglückliche Zufälle zwei Genossen verloren und be¬ trauert hatten, bestiegen sie das Schiff wieder. Lange suchten sie vergebens aus der Tritonischen Bucht in die offene See zu gelangen; der Wind bließ ihnen entgegen und das Schiff kreuzte unruhig in dem Hafen hin und her wie eine Schlange, die vergebens aus ihrem Versteck hervorzudringen strebt und zischend mit funkelnden Augen ihr Haupt da und dorthin kehrt. Auf den Rath des Sehers Orpheus stiegen sie daher noch einmal ans Land und weihten den einheimischen Göttern den größten Opfer¬ dreifuß, den sie im Schiffe besaßen und den sie am Ge¬ stade zurückließen. Auf dem Rückwege begegnete ihnen der Meeresgott Triton in Jünglingsgestalt. Er hub eine Erdscholle vom Boden auf und reichte sie als Zeichen der Gastfreundschaft dem Helden Euphemus, der sie in seinem Busen barg. „Mich hat der Vater,“ sprach der Meergott, „zum Beschirmer dieser Meeresgegend gesetzt. Sehet, dort wo das Wasser schwarz aus der Tiefe sprudelt, dort ist der schmale Ausweg aus der Bucht ins offene Meer: dorthin rudert; guten Wind will ich euch schicken. Dann seyd ihr nicht mehr ferne von der Pelopsinsel!“ Lustig stiegen sie ins Schiff; Triton nahm den Dreifuß auf die Schulter und verschwand damit in den Fluthen. Nun kamen sie, nach einer Fahrt von wenigen Tagen, unan¬ gefochten nach der Felseninsel Karpathos und wollten von da nach dem herrlichen Eilande Kreta überschiffen. Der Wächter dieser Insel war aber der schreckliche Riese Ta¬ los. Er war allein noch übrig aus dem ehernen Geschlechte der Menschen, welche einst Buchen entsprossen waren, und Jupiter hatte ihn Europa als Schwellenhüter ge¬ schenkt, daß er dreimal des Tages, mit seinen ehernen Füßen, die Runde auf der Insel machen sollte. Dieser war am ganzen Leibe von Erz und deßwegen unverwund¬ lich, nur am einen Knöchel hatte er eine fleischerne Sehne und eine Ader, darinn Blut floß. Wer diese Stelle wußte und sie treffen konnte, durfte gewiß seyn ihn zu tödten, denn er war nicht unsterblich. Als die Helden auf die Insel zuruderten, stand er auf einer der äußersten Klip¬ pen mit seiner Wacht beschäftigt; sobald er ihrer ansichtig ward, bröckelte er Felsblöcke los und fing an sie gegen das herannahende Schiff zu schleudern. Erschrocken ruder¬ ten die Argonauten rückwärts; sie hätten, obwohl auf's neue von Durst geplagt, das schöne Kreta auf der Seite gelassen, hätte sich nicht Medea erhoben und den Er¬ schrockenen zugeredet: „Höret mich, Männer! Ich weiß wie dieses Ungeheuer zu bändigen ist. Haltet das Schiff nur außerhalb der Steinwurfweite!“ Dann hob sie die Falten ihres purpurnen Gewandes empor und bestieg die Schiffsgänge, über welche Jasons Hand sie hinleitete. Mit schauerlicher Zauberformel rief sie dreimal die le¬ benraubenden Parzen an, die schnellen Hunde der Un¬ terwelt, die in der Luft hausend allenthalben nach den Lebendigen jagen. Hierauf verzauberte sie die Augenlie¬ der des ehernen Talos, daß sie sich schloßen und schwarze Traumbilder vor seine Seele traten. Er sank im Schlafe zusammen, und stieß den fleischernen Knöchel an eine spitze Felsenkante, daß das Blut, wie flüssiges Blei, aus der Wunde quoll. Von dem Schmerz aufgeweckt, versuchte er es wieder einen Augenblick sich aufzurichten; aber, wie eine halb angehauene Fichte der erste Wind¬ stoß erschüttert und sie endlich krachend in die Tiefe stürzt, so taumelte er noch eine kurze Zeit auf seinen Füßen und stürzte dann entseelt, mit ungeheurem Schall, in die Mee¬ restiefe. Jetzt konnten die Genossen ungefährdet landen, und erholten sich auf dem gesegneten Eilande bis zum Mor¬ gen. Kaum über Kreta hinausgeschifft, erschreckte sie ein neues Abentheuer. Eine entsetzliche Nacht brach ein, die kein Strahl des Mondes, kein Stern erleuchtete; als wäre alle Finsterniß aus dem Abgrunde losgelassen, so schwarz war die Luft, sie wußten nicht, ob sie auf dem Meere, oder in den Fluthen des Tartarus schifften. Mit aufgehobenen Händen flehte Jason zu Phöbus Apollo, sie aus diesem gräßlichen Dunkel zu befreien; Angstthrä¬ nen stürzten ihm von den Wangen, und er versprach dem Gotte die herrlichsten Weihgeschenke. Dieser vernahm sein Flehen, er kam vom Olymp hernieder, sprang auf einen Meerfels, und den goldenen Bogen hoch in den Händen haltend, schoß er silberne Lichtpfeile über die Ge¬ gend hin. In dem plötzlichen Lichtglanze zeigte sich ihnen eine kleine Insel, auf welche sie zusteuerten und wo, vor Anker gelegt, sie die tröstliche Morgenröthe erwarteten. Als sie wieder im heitersten Sonnenlichte auf der hohen See da¬ hin fuhren, da gedachte der Held Euphemus eines nächtlichen Traumes. Ihm hatte gedäucht, die Erdscholle des Triton, die er an der Brust liegen hatte, beginne sich zu beleben, und aus seinem Busen zu rollen, dann gestalte sie sich zu einem Jungfrauenbilde, das sprach: „Ich bin die Toch¬ ter des Triton und der Libya, vertraue mich den Töch¬ tern des Nereus an, daß ich im Meere wohne bei Anaphe; dann werde ich wieder ans Sonnenlicht hervor¬ kommen und deinen Enkeln bestimmt seyn.“ An diesen Traum erinnerte sich jetzt Euphemus, denn Anaphe hatte die Insel geheißen, bei der sie den Morgen erwartet hatten. Jason, dem der Held den Traum erzählte, ver¬ stand seinen Sinn alsbald: er rieth dem Freunde, die Erdscholle, die er auf dem Herzen trug, in die See zu werfen. Dieser that es und siehe da, vor den Augen der Schiffenden erwuchs aus dem Meeresgrund eine blü¬ hende Insel mit fruchtbarem Rücken. Man nannte sie Kalliste, d . h . die Schönste , und Euphemus bevölkerte sie in der Folge mit seinen Kindern. Dies war das letzte Wunder das die Helden erleb¬ ten. Bald darauf nahm sie die Insel Aegina auf. Von dort der Heimat zusteuernd, lief ohne weiteren Unfall das Schiff Argo, mit seinen Helden, glücklich in den Hafen von Jolkos ein. Jason weihte das Schiff auf der corinthischen Meerenge dem Neptunus, und als es längst in Staub zerfallen war, glänzte es, in den Him¬ mel erhoben, am südlichen Firmament als ein leuchten¬ des Gestirn. Jasons Ende. Jason gelangte nicht zu dem Throne von Jolkos, um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden, Me¬ dea ihrem Vater geraubt, und an ihrem Bruder Absyrtus einen schändlichen Mord begangen hatte. Er mußte das Königreich dem Sohne des Pelias, Akastus, überlassen, und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Corinth flüch¬ ten. Hier wohnte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm drei Söhne. Die beiden Aeltesten waren Zwillinge und hießen Thesalus und Alkimenes; der dritte, Tisan¬ der, war viel jünger. Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen, sondern auch wegen ihres edlen Sinnes und ihrer übrigen Vorzüge, von ihrem Gatten geliebt und geehrt. Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählig vertilgte, wurde Jason von der Schönheit eines jungen Mädchens, der Tochter des Corintherköniges Kreon, mit Namen Glauce, entzündet und bethört. Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau und nachdem der Va¬ ter eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er erst seine Gemahlin zu bewegen, daß sie frei¬ willig auf die Ehe verzichten sollte. Er versicherte sie auch, daß er die neue Heirath nicht schließen wolle, weil er ihrer Liebe überdrüssig sey, sondern aus Fürsorge für seine Kinder suche er in Verwandtschaft mit dem ho¬ hen Königshause zu treten. Aber Medea ward entrüstet über diesen Antrag, und rief zürnend die Götter an, als Zeugen seiner Schwüre. Jason achtetete dieß nicht und vermählte sich mit der Königstochter. Verzweifelnd irrte Medea in dem Pallaste ihres Gatten umher. „Wehe mir,“ rief sie „möchte die Flamme des Himmels auf mein Haupt hernieder zücken! Was soll ich länger leben? Möchte der Tod sich meiner erbarmen. O Vater, o Va¬ terstadt, die ich schimpflich verlassen habe! O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt! Aber nicht an meinem Gatten Jason war es, mich zu strafen, für ihn habe ich gesündigt! Göttin der Ge¬ rechtigkeit, mögest du ihn und sein junges Kebsweib ver¬ derben!“ Noch jammerte sie so, als Kreon, Jasons neuer Schwiegervater, im Pallaste ihr begegnete. „Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte,“ redete er sie an, „nimm deine Söhne an der Hand und verlaß mir mein Land auf der Stelle; ich werde nicht nach Hause kehren, ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.“ Medea, ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme: „Warum fürchtest du ein Uebel von mir, Kreon? Was hast du mir Böses gethan, was warest du mir schuldig? Du hast deine Tochter dem Manne gegeben, der dir ge¬ fallen hat. Was gieng ich dich an? Nur meinen Gat¬ ten hasse ich, der mir Alles schuldig ist. Doch, es ist ge¬ schehen: mögen sie als Gatten leben. Mich aber laßt in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekränkt bin, so will ich doch schweigen und den Mächtigeren mich unterwerfen. Aber Kreon sah ihr die Wuth in den Au¬ gen an, er traute ihr nicht, obgleich sie seine Kniee um¬ schlang und ihn bei dem Namen der eigenen, ihr so ver¬ haßten Tochter Glauce beschwor. „Geh,“ erwiederte er, „und befreie mich von Sorgen!“ Da bat sie nur um ei¬ nen einzigen Tag Aufschub, um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können. „Meine Seele ist nicht tyrannisch,“ sprach da der König, „schon viel thörichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt. Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle, dennoch sey es dir gestattet, Weib.“ Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte, be¬ mächtigte sich ihrer der Wahnsinn und sie schritt zur Voll¬ führung einer That, die ihr wohl bisher dunkel im Geiste vorgeschwebt, an deren Möglichkeit sie jedoch selbst nicht ge¬ glaubt hatte. Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch, ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu über¬ zeugen. Sie trat vor ihn und sprach zu ihm: „O du schlimmster aller Männer, du hast mich verrathen, hast einen neuen Ehebund eingegangen, während du doch Kinder hast. Wä¬ rest du kinderlos, so wollte ich dir verzeihen; du hättest eine Ausrede. So bist du unentschuldbar; ich weiß nicht, meinst du, die Götter, die damals herrschten, als du mir Treue versprachest, regieren nicht mehr, oder es seyen den Menschen neue Gesetze für ihre Handlungen gegeben worden, daß du glaubst meineidig werden zu dürfen? Sage mir, ich will dich fragen, als wenn du mein Freund wärest: wohin räthst du mir zu gehen? Schickst du mich zurück in meines Vaters Haus, den ich verrathen, dem ich den Sohn getödtet habe, dir zu lieb? Oder welche andere Zuflucht weißest du für mich? Für¬ wahr, es wird ein herrlicher Ruhm für dich, den Neu¬ vermählten, seyn, wenn deine erste Gattin mit deinen ei¬ genen Söhnen in der Welt betteln geht!“ Doch Jason war verhärtet. Er versprach ihr, sie und die Kinder mit reichlichem Gelde und Briefen an seine Gastfreunde versehen, zu entlassen. Sie aber verschmähte Alles: „Geh, vermähle dich,“ sprach sie, „du wirst eine Hochzeit feiern, die dich gereuen wird!“ Als sie ihren Gemahl verlassen hatte, reuten sie die letzten Worte wieder, nicht weil sie andern Sinnes geworden war, sondern weil sie fürchtete, er möchte ihre Schritte beobachten und sie an der Aus¬ führung ihres Frevels verhindern. Sie ließ daher um eine zweite Unterredung mit ihm bitten und sprach zu ihm mit veränderter Miene: „Jason, verzeih mir, was ich gesprochen; der blinde Zorn hat mich verführt, ich sehe jetzt ein, daß Alles, was du gethan hast, zu unserm ei¬ genen Besten gereichen soll. Arm und verbannt sind wir hierher gekommen, du willst durch deine neue Heirath für dich, für deine Kinder, zuletzt auch für mich selbst sorgen. Wenn sie eine Weile ferne gewesen sind, wirst du deine Söhne zurückberufen, wirst sie theilnehmen lassen an dem Glücke der Geschwister, die sie erhalten sollen. Kommt herbei, kommt herbei, Kinder, umarmet euren Vater, versöhnet euch mit ihm, wie ich mich mit ihm versöhnet habe!“ Jason glaubte an diese Sinnesänderung, und war hoch erfreut darüber, er versprach ihr und den Kindern das Beste; und Medea fing an, ihn noch sicherer zu machen. Sie bat ihn, die Kinder bei sich zu behalten, und sie allein ziehen zu lassen. Damit die neue Gattin und ihr Vater dieses dulde, ließ sie aus ihrer Vorrathskammer köstliche goldene Gewänder holen und reichte sie dem Jason als Brautgeschenk für die Kö¬ nigstochter. Nach einigem Bedenken ließ dieser sich überreden und ein Diener ward abgesandt, die Gaben der Braut zu bringen. Aber diese köstlichen Kleider wa¬ ren mit Zauberkraft getränkte giftige Gewande, und als Medea heuchlerischen Abschied von ihrem Gatten genom¬ men hatte, harrte sie von Stunde zu Stunde der Nach¬ richt vom Empfang ihrer Geschenke, die ein vertrauter Bote ihr bringen sollte. Dieser kam endlich und rief ihr entgegen: „Steig in dein Schiff, Medea, fliehe! fliehe! deine Feindin und ihr Vater sind todt. Als deine Söhne mit ihrem Vater das Haus der Braut betraten, freuten wir Diener uns alle, daß die Zwietracht verschwunden und die Versöhnung vollkommen sey. Die junge Königin empfing deinen Gatten mit heiterem Blick; als sie aber die Kinder sah, bedeckte sie ihre Augen, wandte das Antlitz ab und verabscheute ihre Gegenwart. Doch Jason besänftigte ihren Zorn, sprach ein gutes Wort für dich und breitete die Geschenke vor ihr aus. Als sie die herr¬ lichen Gewande sah, wurde ihr Herz von der Pracht ge¬ reizt, es wandte sich und sie versprach ihrem Bräutigam in Alles zu willigen. Als dein Gemahl mit den Söhnen sie verlassen hatte, griff sie mit Begierde nach dem Schmuck, legte den Goldmantel um, setzte den goldenen Kranz sich ins Haar, und betrachtete sich vergnügt in einem hellen Spiegel. Dann durchwandelte sie die Gemächer und freute sich wie ein kindisches Mädchen ihrer Herr¬ lichkeit. Bald aber wechselte das Schauspiel. Mit ver¬ wandelter Farbe, an allen Gliedern zitternd, wankte sie rückwärts, und bevor sie ihren Sitz erreicht hatte, stürz¬ te sie auf den Boden nieder, erbleichte, begann die Au¬ gensterne zu verdrehen und Schaum trat ihr über den Mund. Wehklagen ertönte in dem Pallaste, die einen Diener eilten zu ihrem Vater, die andern zu ihrem künf¬ tigen Gatten. Inzwischen flammte der verzauberte Kranz auf ihrem Haupte in Feuer auf; Gift und Flamme zehr¬ ten an ihr in die Wette und als ihr Vater jammernd herbeigestürzt kam, fand er nur noch den entstellten Leich¬ nam der Tochter. Er warf sich in Verzweiflung auf sie; von dem Gifte des mörderischen Gewandes ergriffen hat auch er sein Leben geendet. Von Jason weiß ich nichts.“ Die Erzählung dieser Gräuel, statt die Wuth Me¬ deas zu dämpfen, entflammte sie vielmehr; und ganz zur Furie der Rachsucht geworden, rannte sie fort, ihrem Gatten und sich selbst den tödtlichsten Schlag zu verse¬ tzen. Sie eilte nach der Kammer, wo ihre Söhne schlie¬ fen, denn die Nacht war herbeigekommen. „Waffne dich mein Herz,“ sprach sie unterwegs zu sich selber, „was zö¬ gerst du, das Gräßliche und Nothwendige zu vollbringen? Vergiß, Unglückliche, daß es deine Kinder sind, daß du sie geboren hast. Nur diese eine Stunde vergiß es! Nachher beweine sie dein ganzes Leben lang. Du thust ihnen selbst einen Dienst. Tödtest du sie nicht, so sterben sie von einer feindseligen Hand.“ Als Jason in sein Haus geflogen kam, die Mörde¬ rin seiner jungen Braut aufzusuchen und sie seiner Rache zu opfern, scholl ihm das Jammergeschrei seiner Kinder entgegen, die unter dem Mordstahl bluteten; er trat in die aufgestoßene Kammer und fand seine Söhne wie Schuldopfer hingewürgt, Medea aber war nicht zu erbli¬ cken. Als er in Verzweiflung sein Haus verließ, hörte er in der Luft ein Geräusch über seinem Haupte. Em¬ porschauend ward er hier die fürchterliche Mörderin ge¬ wahr, wie sie auf einem mit Drachen bespannten Wagen, den ihre Kunst herbeigezaubert hatte, durch die Lüfte da¬ vonfuhr, und den Schauplatz ihrer Rache verließ. Ja¬ son hatte die Hoffnung verloren, sie je für ihren Frevel zu strafen; die Verzweiflung kam über ihn, der Mord des Absyrtus wachte wieder auf in seiner Seele; er stürzte sich in sein Schwerdt und fiel auf der Schwelle seines Hauses. Drittes Buch . Meleager und die Eberjagd. — Tantalus. — Pelops. — Niobe. — Salmoneus. — Schwab, das klass. Althertum. I . 12 Meleager und die Eberjagd. Oeneus, der König von Kalydon, brachte die Erst¬ linge eines mit besonderer Fülle gesegneten Jahres den Göttern dar, der Ceres Feldfrüchte, dem Bacchus Wein, Oel der Minerva und so jeder Gottheit die ihr willkommene Frucht, nur Diana wurde von ihm vergessen und ihr Altar blieb ohne Weihrauch. Dieß erzürnte die Göttin, und sie beschloß Rache an ihrem Verächter zu nehmen. Ein verheerender Eber wurde von ihr auf die Fluren des Königes losgelassen. Gluth sprühten seine rothen Augen, sein Nacken starrte; gleich Schanzpfählen richte¬ ten sich seine struppigen Borsten auf, aus dem schäumen¬ den Rachen schoß es ihm wie ein Blitzstrahl, und seine Hauer waren gleich riesigen Elephantenzähnen. So stampfte er durch Saaten und Kornfelder hin; Tenne und Scheuer warteten vergeblich auf die versprochene Erndte; die Trauben fraß er mit sammt den Ranken, die Oliven¬ beeren mit sammt den Zweigen ab; Schäfer und Schäfer¬ hunde vermochten ihre Heerden, die trotzigsten Stiere ihre Rinder nicht gegen das Ungeheuer zu vertheidigen. End¬ lich erhub sich der Sohn des Königes, der herrliche Held Meleager, und versammelte Jäger und Hunde, den grau¬ samen Eber zu erlegen. Die berühmtesten Helden aus ganz Griechenland kamen, zu der großen Jagd eingeladen, unter ihnen auch die heldenmüthige Jungfrau Atalante 12 * aus Arkadien, die Tochter des Jasion. In einem Walde ausgesetzt, von einer Bärin gesäugt, von Jägern gefun¬ den und erzogen, brachte die schöne Männerfeindin ihr Leben im Walde zu und lebte von der Jagd. Alle Män¬ ner wehrte sie von sich ab, und zwei Centauren, die ihr in dieser Einsamkeit nachstellten, hatte sie mit ihren Pfeilen erlegt. Jetzt lockte sie die Liebe zur Jagd hervor in die Gemeinschaft der Helden. Sie kam, ihr einfaches Haar in einen einzelnen Knoten gebunden, über den Schultern hing ihr der elfenbeinerne Köcher, die Linke hielt den Bogen; ihr Antlitz wäre an Knaben ein Jung¬ ferngesicht, an Jungfrauen ein Knabengesicht gewesen. Als Meleager sie in ihrer Schönheit erblickte, sprach er bei sich selbst: „Glücklich der Mann, den diese würdiget, ihr Gatte zu seyn!“ Mehr zu denken erlaubte ihm die Zeit nicht, denn die gefährliche Jagd durfte nicht länger aufgeschoben werden. Die Schaar der Jäger ging einem Gehölze mit ur¬ alten Stämmen zu, das, in der Ebene anfangend, sich einen Bergesabhang hinanzog. Als die Männer hier an¬ gekommen waren, stellten die Einen Netze, die Andern ließen die Hunde von der Fessel los, wieder Andere folg¬ ten schon der Fährte. Bald gelangte man in ein ab¬ schüssiges Thal, das die geschwollenen Waldbäche ausge¬ hölt; Binsen, Sumpfgras, Weidengebüsch und Schilfrohr wucherten unten im Abgrunde. Hier hatte das Schwein im Verstecke gelegen und, von den Hunden aufgejagt, durchbrach es das Gehölz, wie ein Blitzstrahl die Wetter¬ wolke, und stürzte sich wüthend mitten unter die Feinde. Die Jünglinge schrieen laut auf und hielten ihm die eisernen Spitzen ihrer Speere vor; aber der Eber wich aus und durchbrach eine Koppel von Hunden. Geschoß um Geschoß flog ihm nach, aber die Wunden streiften ihn nur und vermehrten seinen Grimm. Mit funkelndem Auge und dampfender Brust kehrte er um, flog wie ein vom Wurfgeschoße geschleuderter Felsblock auf die rechte Flanke der Jäger und riß ihrer drei, tödtlich verwundet, zu Boden. Ein Vierter, es war Nestor, der nachmals so berühmte Held, rettete sich auf die Aeste eines Eich¬ baumes, an dessen Stamm der Eber grimmig seine Hauer wetzte. Hier hätten ihn die Zwillingsbrüder Castor und Pollux, die hoch auf schneeweißen Rossen saßen, mit ihren Speeren erreicht, wenn das borstige Thier sich nicht ins unzugänglichere Dickicht geflüchtet hätte. Jetzt legte Ata¬ lante einen Pfeil auf ihren Bogen und sandte ihn dem Thier in das Gebüsch nach. Das Rohr traf den Eber unter dem Ohr und zum erstenmal röthete Blut seine Borsten. Meleager sah die Wunde zuerst und zeigte sie jubelnd seinen Gefährten: „Fürwahr, o Jungfrau,“ rief er „der Preis der Tapferkeit gebühret dir!“ Da schäm¬ ten sich die Männer, daß ein Weib ihnen den Sieg strei¬ tig machen sollte, und alle zumal warfen ihre Speere; aber gerade dieser Schwarm von Geschoßen verhinderte die Würfe, das Thier zu treffen. Mit stolzen Worten erhob jetzt der Arkadier Ancäus die doppelte Streitaxt mit seinen beiden Händen und stellte sich zum Hieb ausholend auf die Zehen. Aber der Eber stieß ihm die beiden Hauer in die Weichen, ehe er den Streich vollführen konnte, und er stürzte von Blut gebadet, mit entblößten Gedärmen, auf den Boden. Dann warf Jason seinen Speer; allein diesen lenkte der Zufall in den Nacken einer unschuldigen Dogge. Endlich schoß Meleager zwei Speere hintereinander ab. Der erste fuhr in den Boden, der zweite dem Eber mitten in den Rücken. Das Thier fing an zu toben und sich im Kreise zu drehen. Schaum und Blut quoll aus seinem Munde, Meleager versetzte ihm mit dem Jagdspieß eine neue Wunde in den Hals und nun fuhren ihm von allen Seiten die Spieße in den Leib. Der Eber, weit auf der Erde ausgestreckt, wälzte sich sterbend in seinem Blute. Meleager stemmte seinen Fuß auf den Kopf des Getödteten, streifte mit Hülfe seines Schwertes die borstige Hülle seines Rückens vom Leibe des Thieres nieder, und reichte sie mit sammt dem abgehauenen Haupte, aus dem die mächtigen Hauer hervorschimmerten, der tapfern Arkadierin Atalante. „Nimm die Beute hin,“ sprach er, „die von Rechtswegen mir ge¬ hörte; ein Theil des Ruhmes soll auch auf dich kommen!“ Diese Ehre mißgönnten die Jäger dem Weibe, und rings in der Schaar erhob sich ein Gemurmel. Mit geballten Fäusten und lauter Stimme traten vor Atalante die Söhne des Thestius hin, Meleagers Muttersbrüder. „Auf der Stelle,“ riefen sie, „lege die Beute nieder, Weib, und erschleiche nicht, was uns zugehört; deine Schönheit dürfte dir sonst wenig helfen, und dein verliebter Gaben¬ spender auch nicht!“ Mit diesen Worten nahmen sie ihr das Geschenk weg und sprachen dem Helden das Recht ab, darüber zu verfügen. Dieß ertrug Meleager nicht. Vor Jähzorn knirschend schrie er: „Ihr Räuber frem¬ den Verdienstes! lernet von mir, wie weit Drohungen von Thaten verschieden sind!“ Und damit stieß er dem einen, und eh der sich besinnen konnte, auch dem andern Oheim den Stahl in die Brust. Althäa, die Mutter Meleagers, war auf dem Wege nach dem Göttertempel, um Dankopfer für den Sieg ihres Sohnes darzubringen, als sie die Leichen ihrer Brüder herbeibringen sah. Sie zerschlug sich wehklagend die Brust, eilte in ihren Pallast zurück, legte statt der goldenen Freudengewänder schwarze Kleidung an und er¬ füllte die Stadt mit Jammergeschrei. Aber als sie er¬ fuhr, daß der Urheber des Mordes ihr eigener Sohn Meleager sey, da versiegten ihre Thränen, ihre Trauer ward in Mordlust verwandelt, und sie schien sich plötzlich auf etwas zu besinnen, das ihrem Gedächtniß längst ent¬ schwunden war. Denn als Meleager nur erst wenige Tage zählte, da waren die Parzen bei dem Wochenbette seiner Mutter Althäa erschienen. „Aus deinem Sohne wird ein tapferer Held,“ verkündigte ihr die erste; „dein Sohn wird ein großmüthiger Mann seyn,“ sprach die zweite; „dein Sohn wird so lange leben,“ schloß die dritte, „als der eben jetzt auf dem Herde glühende Brand vom Feuer nicht verzehrt wird.“ Kaum hatten sich die Parzen ent¬ fernt, so nahm die Mutter das hell auflodernde Brand¬ scheit aus dem Feuer, löschte es in Wasserfluth, und, liebevoll für das Leben ihres Sohnes besorgt, verwahrte sie es im geheimsten ihrer Gemächer. Entflammt von Rache dachte sie jetzt wieder an dieses Holz, und eilte in die Kammer, wo es in einem heimlichen Verschlosse sorg¬ sam aufbewahrt lag. Sie hieß Kienholz auf Reisig le¬ gen und fachte einen lodernden Brand an. Dann ergriff sie das hervorgesuchte Holzscheit. Aber in ihrem Herzen bekämpfte sich Mutter und Schwester, blasse Angst und glühender Zorn wechselten auf ihrem Angesichte, viermal wollte sie den Ast auf die Flammen legen, viermal zog sie die Hand zurück. Endlich siegte die Schwesterliebe über das Muttergefühl. „Wendet eure Blicke hierher,“ sprach sie, „ihr Strafgöttinnen, zu diesem Furienopfer! und ihr, kürzlich geschiedene Geister meiner Brüder, fühlet was ich für euch thue, sieget und nehmet als theuer er¬ kauftes Todtengeschenk die unselige Frucht meines eigenen Leibes an! Mir selbst bricht das Herz von Mutterliebe und bald werde ich dem Troste, den ich euch sende, selbst nachfolgen.“ So sprach sie, und mit abgewendetem Blick und zitternder Hand legte sie das Holz mitten in die Flammen hinein. Meleager, der inzwischen auch in die Stadt zurück¬ gekehrt war, und über seinem Siege, seiner Liebe und seiner Mordthat in wechselnden Empfindungen brütete, fühlte plötzlich, ohne zu wissen woher, seinen innersten Leib von einer heimlichen Fiebergluth ergriffen, und ver¬ zehrende Schmerzen warfen ihn auf das Lager. Er be¬ siegte sie mit Heldenkraft; aber es jammerte ihn tief, eines unrühmlichen und unblutigen Todes sterben zu müssen. Er beneidete die Genossen, die unter den Strei¬ chen des Ebers gefallen waren, er rief den Bruder, die Schwestern, den greisen Vater und mit stöhnendem Munde auch die Mutter herbei, die noch immer am Feuer stand und mit starren Augen dem sich verzehren¬ den Brande zusah. Der Schmerz ihres Sohnes wuchs mit dem Feuer, aber als allmählig die Kohle sich in der bleichenden Asche verbarg, erlosch auch seine Qual und er verhauchte seinen Geist mit dem letzten Funken in die Luft. Ueber seiner Leiche wehklagten Vater und Schwestern und ganz Kalydon trauerte, nur die Mutter war ferne. Den Strick um den Hals gewunden, fand man ihre Leiche vor dem Herde niedergestreckt, auf welchem die verglommene Asche des Feuerbrandes ruhte. Tantalus. Tantalus, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipy¬ lus in Phrygien, und war außerordentlich reich und be¬ rühmt. Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt haben, so war es dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten Freund¬ schaft erhoben, zuletzt durfte er an der Tafel Jupiters speisen, und Alles mit anhören, was die Unsterblichen unter sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist ver¬ mochte das überirdische Glück nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig gegen die Götter zu freveln. Er verrieth den Sterblichen die Geheimnisse der Götter; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia, und vertheilte den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den köstlichen goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel Jupiters zu Kreta gestohlen hatte, und als dieser ihn zurückforderte, läugnete er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich lud er im Uebermuthe die Götter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit auf die Probe zu setzen, ließ er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops schlachten und zurichten. Nur Ceres verzehrte von dem gräßlichen Gericht ein Schulterblatt, die übrigen Götter aber merkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die Parce Klotho zog ihn mit erneuter Schönheit hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne ein¬ gesetzt. Jetzt hatte Tantalus das Maaß seiner Frevel er¬ füllt und wurde von den Göttern in die Hölle gestoßen. Hier wurde er von quälenden Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals er¬ reichen. So oft er sich bückte, und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte, entschwand vor ihm die Fluth versiegend, der dunkle Boden erschien zu seinen Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet zu ha¬ ben. So litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hin¬ ter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Frucht¬ bäume empor, und wölbten ihre Aeste über seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete, so lachten ihm saftige Bir¬ nen, rothwangige Aepfel, glühende Granaten, liebliche Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauf langte, sie mit seiner Hand zu fassen, so riß ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Höllenpein ge¬ sellte sich beständige Todesangst, denn ein großes Fel¬ senstück hing über seinem Haupte in der Luft und drohte unaufhörlich auf ihn herabzustürzen. So ward dem Ver¬ ächter der Götter, dem ruchlosen Tantalus, dreifache Qual, niemals endend, in der Unterwelt beschieden. Pelops. So schwer der Vater an den Göttern sich versün¬ digt hatte, so fromm ehrte sie sein Sohn Pelops. Er war nach der Verbannung seines Vaters in die Unter¬ welt in einem Kriege mit dem benachbarten Könige Troja's aus seinem phrygischen Reiche vertrieben worden, und wandelte nach Griechenland aus. Eben erst beklei¬ dete sich das Kinn des Jünglings mit schwärzlicher Wolle, aber schon hatte er sich im Herzen eine Gattin ausersehen. Es war dieß die schöne Tochter des Königes von Elis, Oenomaus, mit Namen Hippodamia. Sie war ein Kampfpreis, der nicht leicht zu erringen war. Das Orakel hatte nämlich ihrem Vater vorhergesagt, er werde sterben, wenn seine Tochter einen Gatten erhielte. De߬ wegen wandte der erschrockene König alles an, um jeden Freier von ihr zu entfernen. Er ließ eine Verkündigung in alle Lande hinausgehen, daß derjenige seine Tochter zur Gemahlin erhalten sollte, der ihn selbst im Wagen¬ rennen überwinden würde. Wen aber er, der König, besiegte, der sollte sein Leben lassen. Der Wettlauf ge¬ schah von Pisa aus, nach dem Altare des Neptunus auf der Meerenge bei Corinth, und die Zeit zur Abfahrt der Wagen bestimmte er also: Er selbst wollte erst gemächlich dem Jupiter einen Widder opfern, während der Freier mit dem vierspännigen Wagen ausführe; erst wenn er das Opfer beendigt hätte, sollte Oenomaus den Lauf beginnen und auf seinem von dem Wagenlenker Myrtilus ge¬ leiteten Wagen, mit einem Spieß in der Hand, den Freier verfolgen. Gelänge es ihm, den vorauseilenden Wagen einzuholen, so sollte er das Recht haben, den Freier mit seinem Spieße zu durchbohren. Als die vielen Freier, welche Hippodamia wegen ihrer Schönheit zählte, dieses vernahmen, waren sie alle getrosten Muthes. Sie hielten den König Oenomaus für einen altersschwachen Greis, der, im Bewußtseyn, mit Jünglingen doch nicht in die Wette rennen zu können, ihnen absichtlich einen so großen Vorsprung bewilligte, um seine wahrscheinliche Niederlage aus dieser Großmuth erklären zu können. Da¬ her kam einer um den andern nach Elis gezogen, stellte sich vor dem Könige, und begehrte seine Tochter zum Weibe. Dieser empfing sie jedesmal freundlich, überließ ihnen ein schönes Viergespann zur Fahrt und ging hin, dem Jupiter seinen Widder zu opfern, wobei er sich gar nicht beeilte. Dann erst bestieg er einen leichten Wagen, vor welchen seine beiden Rosse Phylla und Har¬ pinna gespannt waren, die geschwinder liefen, als der Nordwind. Mit ihnen holte sein Wagenlenker die Freier jedesmal noch lange vor Ende der Bahn ein, und un¬ versehens durchbohrte sie der Speer des grausamen Kö¬ nigs von hinten. Auf diese Art hatte er schon mehr denn zwölf Freier erlegt, denn immer holte er sie mit sei¬ nen schnellen Pferden ein. Nun war Pelops vor seiner Fahrt nach der Gelieb¬ ten an der Halbinsel, die später seinen Namen führen sollte, gelandet. Bald hörte er, was sich zu Elis mit den Freiern zutrage. Da trat er nächtlicher Weile ans Meeresufer, und rief seinen Schutzgott, den mäch¬ tigen Dreizackschwinger Neptunus an, der ihm zu Füßen aus der Meeresfluth emporrauschte. „Mächtiger Gott,“ rief Pelops ihn an, „wenn dir selbst die Geschenke der Liebesgöttin willkommen sind, so lenke den ehernen Speer des Oenomaus von mir ab, entsende mich auf dem schnell¬ sten Wagen gen Elis, und führe mich zum Siege. Denn schon hat er dreizehn liebende Männer ins Verderben ge¬ stürzt, und noch schiebt er die Hochzeit der Tochter auf. Eine große Gefahr duldet keinen unkriegerischen Mann. Ich bin entschlossen, sie zu bestehen. Wer doch einmal sterben muß, was soll der ein namenloses Alter in Fin¬ sterniß dasitzend erwarten, alles Edlen untheilhaftig? Darum will ich den Kampf bestehen: du gib mir er¬ wünschten Erfolg!“ So betete Pelops und sein Flehen war nicht verge¬ bens. Denn abermals rauschte es in den Wassern, und ein schimmernder goldner Wagen mit vier pfeilschnellen Flügelrossen stieg aus den Wellen empor. Auf ihn schwang sich Pelops und flog, die Götterpferde nach Gefallen lenkend, mit dem Wind in die Wette nach Elis. Als Oenomaus ihn kommen sah, erschrack er, denn auf den ersten Blick erkannte er das göttliche Gespann des Meergottes. Doch verweigerte er dem Fremdlinge den Wettkampf nach den gewohnten Bedingungen nicht; auch verließ er sich auf die Wunderkraft seiner eigenen Rosse, die es dem Winde zuvorthaten. Nachdem die Rosse des Pelops von der Reise durch die Halbinsel gerastet, betrat er mit ihnen die Laufbahn. Schon war er dem Ziele ganz nahe, als der König, der das Widderopfer wie gewöhnlich verrich¬ tet hatte, mit seinen luftigen Rossen plötzlich ihm auf den Nacken kam, und schon den Speer schwang, dem kühnen Freier den tödtlichen Stoß zu versetzen. Da fügte es Neptunus, der den Pelops beschirmte, daß mitten im Laufe die Räder des königlichen Wagens aus den Fu¬ gen gingen und dieser zusammenbrach. Oenomaus stürzte zu Boden, und gab vom Falle den Geist auf. In dem¬ selben Augenblicke hielt Pelops mit seinem Viergespann am Ziele. Als er hinter sich blickte, sah er den Pallast des Königes in Flammen stehen; ein Blitzstrahl hatte ihn angezündet und zerstörte ihn von Grund aus, daß nichts als eine Säule davon stehen blieb. Pelops aber eilte mit seinem Flügelgespann dem Brennenden zu, und holte sich die Braut aus den Flammen. Niobe. Niobe, die Königin von Theben, war auf Vieles stolz. Amphion, ihr Gemahl, hatte von den Musen die herrliche Leyer erhalten, auf deren Spiel sich die Steine der Thebischen Königsburg von selbst zusammensetzten; ihr Ahnherr war Tantalus, der Gast der Götter; sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst voll Hoheit des Geistes und von majestätischer Schönheit; nichts aber von allem diesem schmeichelte ihr so sehr, als die stattliche Zahl ihrer vierzehn blühenden Kinder, die zur einen Hälfte Söhne und zur andern Töchter waren. Auch hieß Niobe unter allen Müttern die glücklichste, und sie wäre es gewesen, wenn sie nur sich selbst nicht dafür ge¬ halten hätte; so aber wurde das Bewußtseyn ihres Glückes ihr Verderben. Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahr¬ sagers Tiresias, von göttlicher Regung angetrieben, mit¬ ten in den Straßen die Frauen Thebens zur Verehrung Latona's und ihrer Zwillingskinder, Apollo's und Dianens auf, hieß sie die Haare mit Lorbeern bekränzen und from¬ mes Gebet unter Weihrauchopfer darbringen. Als nun die Thebanerinnen zusammenströmten, kam auf einmal Niobe im Schwarm eines königlichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten Gewande angethan, prunkend einherge¬ rauscht. Sie strahlte von Schönheit, soweit es der Zorn zuließ, ihr schmuckes Haupt bewegte sich zugleich mit dem über beide Schultern herabwallenden Haar. So stand sie in der Mitte der, unter freiem Himmel, mit dem Opfer beschäftigten Frauen, ließ die Augen voll Hoheit auf dem Kreise der Versammelten ruhen und rief: „Seyd ihr nicht wahnsinnig, Götter zu ehren von denen man euch fabelt, während vom Himmel begünstigtere Wesen mitten unter euch weilen? Wenn ihr der Latona Altäre errichtet, war¬ um bleibt mein göttlicher Name ohne Weihrauch? Ist doch mein Vater Tantalus der einzige Sterbliche, der am Tische der Himmlischen gesessen hat, meine Mutter Dio, die Schwester der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn am Himmel glänzen; mein einer Ahn ist Atlas der Gewaltige, der das Gewölbe des Himmels auf dem Nacken trägt; mein anderer Ahn Jupiter, der Vater der Götter; selbst Phrygiens Völker gehorchen mir, mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmus, sind die Mauern unterthan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefügt ha¬ ben; jeder Theil meines Pallastes zeigt mir unermeßliche Schätze, dazu kommt ein Antliz, wie es einer Göttin werth ist, dazu eine Kinderschaar, wie keine Mutter sie aufweisen kann. Sieben blühende Töchter, sieben starke Söhne, bald eben so viele Eidame und Schwiegertöch¬ ter. Fraget nun, ob ich auch Grund habe stolz zu seyn! waget es noch ferner, mir Latona, die unbekannte Tita¬ nentochter, vorzuziehen, welcher einst die breite Erde kei¬ nen Raum gegönnt hat, wo sie dem Jupiter gebären könnte, bis die schwimmende Insel Delos der Umherschweifenden aus Mitleid ihren unbefestigten Sitz darbot. Dort wur¬ de sie Mutter zweier Kinder, die Armseelige. Das ist der siebente Theil meiner Mutterfreude! Wer läugnet, daß ich glücklich bin, wer zweifelt daß ich glücklich bleibe? For¬ tuna hätte viel zu thun, wenn sie gründlich meinem Besitze schaden wollte! Nehme sie mir dies oder jenes, selbst von der Schaar meiner Gebornen, wann wird je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Latoneus heruntersinken. Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem Lorbeer! Zerstreuet euch in eure Häuser und laßt euch nicht wieder über so thörichtem Beginnen treffen!“ Erschrocken nahmen die Frauen die Kränze vom Haupte, ließen die Opfer unvollendet und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten die gekränkte Gottheit verehrend. Auf dem Gipfel des delischen Berges Cynthus stand mit ihren Zwillingen Latona und schaute mit ihrem Göt¬ terauge, was in dem fernen Theben vorging. „Seht, Kinder; ich, eure Mutter, die auf eure Geburt so stolz ist, die keiner Göttin außer Juno weicht, werde von einer frechen Sterblichen geschmäht, ich werde von den alten heiligen Altären hinweggestoßen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine Kinder! Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem Kinderhaufen von ihr nachgesetzt!“ Latona wollte zu ihrer Erzählung noch Bitten hinzufügen, aber Phöbus unter¬ brach sie und sprach: „Laß die Klage, Mutter, sie hält die Strafe nur auf!“ Ihm stimmte seine Schwester bei: beide hüllten sich in eine Wolkendecke und mit einem raschen Schwung durch die Lüfte hatten sie die Stadt und Burg des Kad¬ mus erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein ge¬ räumiges Brachfeld aus, das nicht für die Saat bestimmt, sondern den Wettläufen und Übungen zu Roß und Wa¬ gen gewidmet war. Da belustigten sich eben die sieben Söhne Amphions: die einen bestiegen muthige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspieles. Der Älteste, Ismenos, trieb eben sein Thier im Viertelstrabe sicher im Kreise um, den schäumenden Rachen ihm bändigend, als er plötzlich: wehe mir! ausrief, den Zaum aus den erschlaffenden Händen fahren ließ, und einen Pfeil mitten Schwab, das klass. Alterthum. I . 13 ins Herz geheftet, langsam rechts am Buge des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylus, der ihm zunächst sich tummelte, hatte das Gerassel des Köchers in den Lüf¬ ten gehört, und floh mit verhängtem Zügel, wie ein Steuermann vor dem Wetter jedes Lüftchen in den Se¬ geln auffängt, um in den Hafen einzulaufen. Dennoch holte ihn ein durch die Lüfte schwirrender Wurfspieß ein, zitternd haftete ihm der Schaft hoch im Genick und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. Ueber die Mähne des Pferdes am gestreckten Halse herab gleitete der tödtlich Getroffene zu Boden und besprengte die Erde mit seinem rauchenden Blut. Zwei andere, der eine hieß wie sein Großvater, Tantalus, der andere Phädimus, lagen mit¬ einander ringend, in fester Umschlingung Brust an Brust verschränkt. Da tönte der Bogen aufs Neue und, wie sie vereiniget waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich auf, krümmten die schmerzdurch¬ zückten Glieder auf dem Boden, verdrehten die erlö¬ schenden Augen und hauchten mit Einem Athem die Seele im Staub aus. Ein fünfter Sohn, Alphenor, sah diese fallen: die Brust sich schlagend flog er herbei und wollte die erkalteten Glieder der Brüder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber unter diesem frommen Geschäfte sank auch er dahin, denn Phöbus Apollo sandte ihm das tödtliche Eisen tief in die Herzkammer hinein, und als er es wieder herauszog, drängte sich mit dem Athem das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon, den sechsten, einen zarten Jüng¬ ling mit langen Locken, traf ein Pfeil in das Kniege¬ lenke; und während er sich rückwärts bog, das unerwar¬ tete Geschoß mit der Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer Pfeil bis ans Gefieder durch den offenen Mund hinab in den Hals, und ein Blutstrahl schoß wie ein Springbrunnen hoch aus dem Schlunde empor. Der letzte und jüngste Sohn, der Knabe Ilioneus, der dieß Alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Kniee nie¬ der, breitete die Arme aus und fing an zu flehen: „O all ihr Götter mit einander, verschonet mich!“ Der furchtbare Bogenschütze selbst wurde gerührt, aber der Pfeil war nicht mehr zurückzurufen. Der Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten Wunde, die kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war. Der Ruf des Unglückes verbreitete sich bald in die Stadt. Amphion der Vater, als er die Schreckenskunde hörte, durchbohrte sich die Brust mit dem Stahl. Der laute Jammer seiner Diener und alles Volkes drang bald auch in die Frauengemächer. Niobe vermochte lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben, daß die Himmlischen so viel Vorrechte hatten, daß sie es wag¬ ten, daß sie es vermöchten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie unähnlich war die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk von den Altären der mächtigen Göttin zurückscheuchte und mit hohem Nacken durch die Stadt einherschritt! Jene erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswerth, diese des Mitleids wür¬ dig selbst dem Feinde! Sie kam herausgestürzt auf das Feld, sie warf sich auf die erkalteten Leichname, sie ver¬ theilte ihre letzten Küsse an die Söhne, bald an diesen, bald an jenen. Dann hub sie die zerschlagenen Arme gen Himmel und rief: „Weide dich nun an meinem Jammer, sättige dein grimmiges Herz, du grausame La¬ 13 * tona, der Tod dieser Sieben wirft mich in die Grube; triumphire, siegende Feindin!“ Jetzt waren auch ihre sieben Töchter, schon in Trauer¬ gewande gekleidet, herbeigekommen und standen mit flie¬ genden Haaren um die gefallenen Brüder her. Ein Strahl der Schadenfreude zückte bei ihrem Anblick über Niobe's blasses Gesicht. Sie vergaß sich, warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: „Siegerin! nein, auch in meinem Unglücke bleibt mir mehr, als dir in deinem Glück. Auch nach so vielen Leichen bin ich noch die Siegerin!“ Kaum hatte sie's gesprochen, als man eine Sehne ertönen hörte, wie von einem straff an¬ gezogenen Bogen. Alles erschrack, nur Niobe bebte nicht, das Unglück hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr plötzlich eine der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus, der ihr im Innersten haftete. Ohn¬ mächtig zu Boden gesunken, neigte sie ihr sterbendes Ant¬ litz über den nächstgelegenen Bruder. Eine andere Schwe¬ ster eilt auf die unglückselige Mutter zu, sie zu trösten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt, verstummt sie plötzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, an¬ dere fallen, über die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch übrig, die sich in den Schooß der Mutter geflüchtet und an diese, von ihrem faltigen Gewande zugedeckt, sich kindisch anschmiegte. „Nur die Einzige laßt mir,“ schrie Niobe wehklagend zum Himmel, „nur die Jüngste von so Vielen!“ Aber während sie noch flehte, stürzte schon das Kind aus ihrem Schooße nieder und einsam saß Niobe zwischen ihres Gatten, ihrer Söhne und ihrer Töchter Leichen. Da erstarrte sie vor Gram; kein Lüftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus dem Gesichte wich das Blut; die Augen standen un¬ bewegt in den traurigen Wangen; im ganzen Bilde war kein Leben mehr; die Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte, der Arm regte, der Fuß bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes war zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr, als die Thränen; diese rannen unaufhörlich aus den steinernen Augen hervor. Jetzt faßte den Stein eine gewaltige Windsbraut, führte ihn fort durch die Lüfte und über das Meer und setzte ihn erst in der alten Heimath Niobe's, in Lydien, im öden Gebirge, unter den Steinklippen des Sipylus nieder. Hier haftete Niobe als ein Marmor¬ felsen am Gipfel des Berges, und noch jetzt zerfließt der Marmor in Thränen. Salmoneus. Salmoneus, der Herrscher in Elis, war ein reicher, ungerechter und in seinem Herzen übermüthiger Fürst. Er hatte eine herrliche Stadt, Salmonea genannt, ge¬ gründet, und ging in seinem Stolze so weit, daß er von seinen Unterthanen göttliche Ehren und Opfer forderte und für Jupiter gehalten seyn wollte. Als Jupiter durch¬ zog er auch sein Land und die griechischen Völkerschaften auf einem Wagen, der dem Wagen des Donnerers gleichen sollte. Er ahmte dabei Jupiters Blitz durch emporge¬ worfene Fackeln, seinen Donner durch den Hufschlag wil¬ der Rosse nach, die er über eherne Brücken trieb. Men¬ schen ließ er niedermachen und gab vor, der Blitz habe sie getödtet. Jupiter sah vom Olymp herab das thörichte Beginnen. Aus dichten Wolken griff er einen ächten Blitz heraus und schleuderte ihn wirbelnd auf den im wahnsinnigen Uebermuthe dahinfahrenden Sterblichen her¬ unter. Der Donnerstrahl zerschmetterte den König und vertilgte die von ihm erbaute Stadt sammt allen ihren Bewohnern. Viertes Buch. Aus der Herkulessage. Herkules der Neugeborne . — Die Erziehung des Her¬ kules . — Herkules am Scheidewege . — Des Herkules erste Thaten . — Herkules im Gigantenkampfe . — Her¬ kules und Eurystheus . — Die drei ersten Arbeiten des Herkules . — Die vierte Arbeit bis zur sechsten . — Die siebente , achte , und neunte . — Die drei letzten Arbei¬ ten . — Herkules und Eurytus . — Herkules bei Adme¬ tus . — Herkules im Dienste der Omphale . — Die spä¬ tern Heldenthaten des Herkules . — Herkules und Dea¬ nira . — Herkules und Nessu s. — Herkules , Jole und Deanira . — Sein Ende . Herkules der Neugeborne . Herkules war ein Sohn Jupiters und der Alkmene; Alkmene eine Enkelin des Perseus; der Stiefvater des Herkules hieß Amphitruo, auch er war ein Enkel des Perseus und König von Tirynth, hatte jedoch diese Stadt verlassen, um in Theben zu wohnen. Juno, die Gemah¬ lin Jupiters, haßte ihre Nebenbuhlerin Alkmene und gönnte ihr den Sohn nicht, von dessen Zukunft Jupiter den Göttern selbst Großes verkündet hatte. Als daher Alk¬ mene den Herkules geboren, trug sie ihn, aus Furcht vor der Göttermutter, aus dem Pallaste und setzte ihn an ei¬ nem Platze aus, der noch in späten Zeiten das Herkules¬ feld hieß. Hier wäre das Kind ohne Zweifel verschmach¬ tet, wenn nicht ein wunderbarer Zufall seine Feindin Juno selbst, von Minerva begleitet, des Weges geführt hätte. Minerva betrachtete die schöne Gestalt des Kindes mit Verwunderung, erbarmte sich sein und bewog die Be¬ gleiterin, dem Kleinen ihre göttliche Brust zu reichen. Aber der Knabe sog viel kräftiger an der Brust, als sein Alter erwarten ließ; Juno empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig wieder zu Boden. Jetzt hob Minerva dasselbe voll Mitleid wieder auf, trug es in die nahe Stadt und brachte es der Königin Alkmene als ein armes Findelkind, das sie aus Barmherzigkeit aufzu¬ ziehen bat. So war die leibliche Mutter, aus Angst vor der Stiefmutter, bereit gewesen, die Pflicht der natürli¬ chen Liebe verläugnend, ihr Kind umkommen zu lassen; und die Stiefmutter, die von natürlichem Hasse gegen dasselbe erfüllt ist, muß, ohne es zu wissen, ihren Feind vom Tode erretten. Ja noch mehr. Herkules hatte nur ein paar Züge an Juno's Brust gethan: aber die weni¬ gen Tropfen Göttermilch hatten genügt, ihm Unsterblich¬ keit einzuflößen. Alkmene hatte indessen ihr Kind auf den ersten Blick erkannt und es freudig in die Wiege gelegt. Aber auch Juno hatte erfahren, wer an ihrer Brust gelegen und wie leichtsinnig sie den Augenblick der Rache vor¬ übergelassen habe. Sogleich schickte sie zwei entsetzliche Schlangen aus, die, das Kind zu tödten bestimmt, durch die offenen Pforten in Alkmene's Schlafgemach geschli¬ chen kamen und, ehe die Dienerinnen des Gemaches und die schlummernde Mutter selbst es inne wurden, sich an der Wiege empor ringelten und den Hals des Knaben zu umstricken anfingen. Der Knabe erwachte mit einem Schrei und richtete seinen Kopf auf. Das ungewohnte Halsband war ihm unbequem. Da gab er die erste Probe seiner Götterkraft: er ergriff mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erstickte die beiden mit einem einzigen Druck. Die Wärterinnen hatten die Schlangen jetzt wohl bemerkt; aber unbezwingliche Furcht hielt sie ferne. Alkmene war auf den Schrei ihres Kindes erwacht; mit bloßen Füßen sprang sie aus dem Bett und stürzte Hülfe rufend auf die Schlangen zu, die sie schon von den Hän¬ den ihres Kindes erwürgt fand. Jetzt traten auch die Fürsten der Thebaner, durch den Hülferuf aufgeschreckt, bewaffnet in das Schlafgemach; der König Amphitruo, der den Stiefsohn als ein Geschenk Jupiters betrachtete und lieb hatte, eilte erschrocken herbei, das bloße Schwerdt in der Hand. Da stand er vor der Wiege, sah und hörte was geschehen war; Lust, mit Entsetzen gemischt, durch¬ bebte ihn über der unerhörten Kraft des kaum gebornen Sohnes. Er betrachtete die That als ein großes Wun¬ derzeichen und rief den Propheten des großen Jupiter, den Wahrsager Tiresias, herbei. Dieser weissagte dem Könige, der Königin und allen Anwesenden den Lebens¬ lauf des Knaben: wie viele Ungeheuer auf Erden, wie viele Ungethüme des Meeres er hinwegräumen, wie er mit den Giganten selbst im Kampfe zusammenstoßen und sie besiegen werde und wie ihn am Ende seines mühe¬ vollen Erdenlebens das ewige Leben bei den Göttern und Hebe, die ewige Jugend, als himmlische Gemahlin erwarte. Die Erziehung des Herkules . Als Amphitruo das hohe Geschick des Knaben aus dem Munde des Sehers vernahm, beschloß er, ihm eine würdige Heldenerziehung zu geben, und Heroen aller Ge¬ genden versammelten sich, den jungen Herkules in allen Wissenschaften zu unterrichten. Sein Vater selbst unter¬ wies ihn in der Kunst einen Wagen zu regieren; den Bogen spannen und mit Pfeilen zielen, lehrte ihn Eury¬ tus; die Künste der Ringer und Faustkämpfer Harpaly¬ kus. Eumolpus lehrte ihn den Gesang und den zierlichen Schlag der Leyer; Kastor, der Jupiterszwilling, die Kunst schwerbewaffnet und geordnet im Felde zu fechten. Linus aber, der greise Sohn Apollo's, lehrte ihn die Buch¬ stabenschrift. Herkules zeigte sich als gelehrigen Knaben; aber Härte konnte er nicht ertragen; der alte Linus war ein grämlicher Lehrer. Als er ihn einst mit ungerechten Schlägen zurecht wies, griff der Knabe nach seinem Zitherspiel und warf es dem Hofmeister an den Kopf, daß dieser todt zu Boden fiel. Herkules, obgleich voll Reue, wurde dieser Mordthat halber vor Gericht gefor¬ dert; aber der berühmte, gerechte Richter Rhadamanthys sprach ihn frei und stellte das Gesetz auf, daß wenn ein Todtschlag Folge der Selbstvertheidigung gewesen, Blut¬ rache nicht stattfinde. Doch fürchtete Amphitruo, sein überkräftiger Sohn möchte sich wieder Aehnliches zu Schul¬ den kommen lassen, und schickte ihn deswegen auf das Land zu seinen Ochsenheerden. Hier wuchs er auf und that sich durch Größe und Stärke vor Allen hervor. Als ein Sohn des Zeus war er furchtbar anzusehen. Er war vier Ellen lang, und Feuerglanz entströmte seinen Augen. Nie fehlte er im Schießen des Pfeils und im Werfen des Spießes. Als er achtzehn Jahre alt geworden, war er der schönste und stärkste Mann Griechenlands und es sollte sich jetzt entscheiden, ob er diese Kraft zum Guten oder zum Schlimmen anwenden werde. Herkules am Scheidewege. Herkules selbst begab sich um diese Zeit von Hirten und Herden weg in eine einsame Gegend, und überlegte bei sich, welche Lebensbahn er einschlagen sollte. Als er so sinnend da saß, sah er auf einmal zwei Frauen von hoher Gestalt auf sich zu kommen. Die eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren Leib schmückte Reinlichkeit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sitt¬ sam, fleckenlos weiß ihr Gewand. Die Andere war wohl¬ genährt und von schwellender Fülle, das Weiß und Roth ihrer Haut durch Schminke über die natürliche Farbe ge¬ hoben, ihre Haltung so, daß sie aufrechter schien als von Natur, ihr Auge war weit geöffnet und ihr Anzug so ge¬ wählt, daß ihre Reize soviel möglich durchschimmerten. Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann wieder um sich: ob nicht auch andere sie erblickten; und oft schaute sie nach ihrem eigenen Schatten. Als Beide nä¬ her kamen, ging die Erstere ruhig ihren Gang fort, die Andere aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jüng¬ ling zu und redete ihn an: »Herkules! ich sehe, daß du unschlüssig bist, welchen Weg durch das Leben du einschla¬ gen sollst. Willst du nun mich zur Freundin wählen, so werde ich dich die angenehmste und gemächlichste Straße führen: keine Lust sollst du ungekostet lassen, jede Unan¬ nehmlichkeit sollst du vermeiden. Um Kriege und Ge¬ schäfte hast du dich nicht zu bekümmern, darfst nur dar¬ auf bedacht seyn, mit den köstlichsten Speisen und Ge¬ tränken dich zu laben, deine Augen, Ohren und übri¬ gen Sinne durch die angenehmsten Empfindungen zu er¬ götzen, auf einem weichen Lager zu schlafen und den Ge¬ nuß aller dieser Dinge dir ohne Mühe und Arbeit zu ver¬ schaffen. Solltest du jemals um die Mittel dazu verle¬ gen seyn, so fürchte nicht, daß ich dir körperliche oder geistige Anstrengungen aufbürden werde, im Gegentheil, du wirst nur die Früchte fremden Fleißes zu genießen und nichts auszuschlagen haben, was dir Gewinn bringen kann. Denn meinen Freunden gebe ich das Recht Alles zu benützen.“ Als Herkules diese lockenden Anerbietungen hörte, sprach er verwundert: „O Weib, wie ist denn aber dein Name?“ „Meine Freunde,“ antwortete sie, „nennen mich die Glückseligkeit ; meine Feinde hingegen, die mich he¬ rabsetzen wollen, geben mir den Namen der Liederlichkeit .“ Mittlerweile war auch die andre Frau herzugetre¬ ten. „Auch ich,“ sagte sie, „komme zu dir, lieber Herkules, denn ich kenne deine Eltern, deine Anlagen und deine Erziehung. Dieß Alles gibt mir die Hoffnung, du wür¬ dest, wenn du meine Bahn einschlagen wolltest, ein Mei¬ ster in allem Guten und Großen werden. Doch will ich dir keine Genüsse vorspiegeln, will dir die Sache dar¬ stellen, wie die Götter sie gewollt haben. Wisse also, daß von allem was gut und wünschenswerth ist, die Götter den Menschen nichts ohne Arbeit und Mühe gewähren. Wünschest du, daß die Götter dir gnädig seyen, so mußt du die Götter verehren; willst du, daß deine Freunde dich lieben, so mußt du deinen Freunden nützlich werden; strebst du von einem Staate geehrt zu werden, so mußt du ihm Dienste leisten; willst du, daß ganz Griechenland dich um deiner Tugend willen bewundere, so mußt du Griechenlands Wohlthäter werden; willst du erndten, so mußt du säen; willst du kriegen und siegen, so mußt du die Kriegskunst erlernen; willst du deinen Körper in der Gewalt haben, so mußt du ihn durch Arbeit und Schweiß abhärten.“ Hier fiel ihr die Liederlichkeit in die Rede. „Siehst du wohl, lieber Herkules“, sprach sie, „was für ei¬ nen langen mühseligen Weg dich dieses Weib zur Zu¬ friedenheit führt? Ich hingegen werde dich auf dem kür¬ zesten und bequemsten Pfade zur Seligkeit leiten.“ — „Elende,“ erwiederte die Tugend, „wie kannst du etwas Gutes besitzen? oder welches Vergnügen kennst du, die du jeder Lust durch Sättigung zuvorkommst? Du ißest, ehe dich hungert, und trinkest, ehe dich dürstet. Um die Eßlust zu reizen, suchst du Köche auf, um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare Weine an und des Sommers gehst du umher und suchest nach Schnee; kein Bett kann dir weichlich genug seyn, deine Freunde läßest du die Nächte durchprassen und den besten Theil des Tages ver¬ schlafen: darum hüpfen sie auch sorgenlos und geputzt durch die Jugend dahin, und schleppen sich mühselig und im Schmutze durch das Alter, beschämt über das was sie gethan, und fast erliegend unter der Last dessen, was sie thun müssen. Und du selbst, obwohl unsterblich, bist gleich¬ wohl von den Göttern verstoßen und von guten Menschen verachtet. Was dem Ohre am lieblichsten klingt, dein eigenes Lob, hast du nie gehört; was das Auge mehr als Alles erfreut, ein eigenes gutes Werk, hast du nie gesehen. — Ich hingegen habe mit den Göttern, habe mit allen guten Menschen Verkehr. An mir haben die Künst¬ ler eine willkommene Gehülfin, an mir die Hausväter eine treue Wächterin, an mir hat das Gesinde einen liebreichen Beistand. Ich bin eine redliche Theilnehmerin an den Geschäften des Friedens, eine zuverläßige Mit¬ kämpferin im Kriege, die treueste Genossin der Freund¬ schaft. Speise, Trank und Schlaf schmeckt meinen Freun¬ den besser als den Trägen. Die Jüngeren freuen sich des Beifalls der Alten, die Aelteren der Ehre bei den Jungen; mit Vergnügen erinnern sie sich an ihre frühe¬ ren Handlungen und fühlen sich bei ihrem jetzigen Thun glücklich, durch mich sind sie geliebt von den Göttern, geliebt von den Freunden, geachtet vom Vaterland. Und kommt das Ende, so liegen sie nicht ruhmlos in Vergessen¬ heit begraben, sondern, gefeiert von der Nachwelt, blühen sie fort im Angedenken aller Zeiten. Zu solchem Leben, Herkules, entschließe dich, und vor dir liegt das seligste Loos.“ Des Herkules erste Thaten . Die Gestalten waren verschwunden und Herkules wieder allein. Er war entschloßen, den Weg der Tugend zu gehen. Auch fand er bald Gelegenheit, etwas Gutes zu thun. Griechenland war damals noch voll von Wäl¬ dern und Sümpfen, von grimmigen Löwen, wüthenden Ebern und andern Ungeheuern durchstreift. Das Land von diesen Unthieren zu säubern und von den Räubern zu befreien, die dem Wanderer in den Einöden auflauer¬ ten, war der alten Helden größtes Verdienst. Auch dem Herkules war dieser Beruf angewiesen. Zu den Seinigen zurückgekehrt, hörte er, daß auf dem Berge Eithäron, an dessen Fuße die Heerden des Königs Amphitruo weide¬ ten, ein entsetzlicher Löwe hause. Der junge Held war, nach den Worten, die er so eben gehört, bald entschloß sen. Er stieg bewaffnet hinauf ins wilde Waldgebirge, bezwang den Löwen, warf seine Haut um sich und setzte den Rachen als Helm auf. Während er von dieser Jagd heimkehrte, begegneten ihm Herolde des Minyerköniges Erginus, welche einen schimpflichen und ungerechten Jahrestribut von den The¬ banern in Empfang nehmen sollten. Herkules, der sich von der Tugend zum Anwalt aller Unterdrückten geweiht fühlte, ward mit den Boten, die sich allerhand Mishand¬ lungen des Landes erlaubt hatten, bald fertig und schickte sie, mit Stricken um den Nacken, verstümmelt ihrem Kö¬ nige zurück. Erginus verlangte die Auslieferung des Thä¬ ters, und Kreon, der König der Thebaner, aus Furcht vor der drohenden Gewalt, war geneigt, seinen Willen zu thun. Da beredete Herkules eine Menge muthiger Jüng¬ linge, mit ihm dem Feinde entgegen zu gehen. Nun war aber in keinem Bürgerhause eine Waffe zu finden, denn die Minyer hatten die ganze Stadt entwaffnet, damit den Thebanern kein Gedanke an einen Aufstand kommen sollte. Da rief Minerva den Herkules in ihren Tempel und rüstete ihn mit ihren eigenen Waffen aus, die Jüng¬ linge aber griffen zu den in den Tempeln aufgehängten Waffenrüstungen, welche die Vorfahren erbeutet und den Göttern geweiht hatten. So ausgerüstet zog er mit sei¬ ner kleinen Mannschaft den herannahenden Minyern bis zu einem Engpasse entgegen. Hier konnte den Feind die Größe seiner Kriegsmacht nichts nützen: Erginus selbst fiel in der Schlacht und fast sein ganzes Heer wurde aufgerieben. Aber in dem Gefechte war auch Amphitruo, des Herkules Stiefvater, der wacker mit gekämpft hatte, umgekommen. Herkules rückte nach der Schlacht schnell gegen Orchomenos, die Hauptstadt der Minyer, vor, drang zu den Thoren ein, verbrannte ihre Königsburg und zer¬ störte die Stadt. Ganz Griechenland bewunderte die außerordentliche That, und der Thebanerkönig Kreon, das Verdienst des Jünglings zu ehren, gab ihm seine Tochter Megara zur Schwab, das klass. Alterthum. I . 14 Ehe, die dem Helden drei Söhne gebar. Seine Mutter Alkmene aber vermählte sich zum zweitenmale mit dem gerechten Richter Rhadamanthys. Die Götter selbst be¬ schenkten den siegreichen Halbgott: Merkurius gab ihm ein Schwerdt, Apoll Pfeile, Vulkanus einen goldenen Köcher, Minerva einen Waffenrock. Herkules im Gigantenkampfe. Der Held fand bald eine Gelegenheit, den Göttern für so große Auszeichnungen einen glänzenden Dank ab¬ zustatten. Die Giganten, Riesen mit schrecklichen Gesich¬ tern, langen Haaren und Bärten, geschuppten Dra¬ chenschwänzen statt der Füße, Ungeheuer, welche die Gäa, oder Erde, dem Uranus, dem Himmel, geboren, wurden von ihrer Mutter gegen Jupiter, den neuen Weltbeherrscher, aufgewiegelt, weil dieser ihre ältern Söhne, die Titanen, in den Tartarus verstoßen hatte. Sie brachen aus dem Erebus, (der Unterwelt) auf dem weiten Gefilde von Phlegra in Thessalien hervor. Aus Furcht vor ihrem Anblick erblaßten die Gestirne und Phöbus drehte den Sonnenwagen um. „Gehet hin, und rächet mich und die alten Götterkinder“, sprach die Mutter Erde. „An Prometheus frißt der Adler, an Ti¬ tyos zehrt der Geier, Atlas muß den Himmel tragen, die Titanen liegen in Banden. Geht, rächt, rettet sie. Braucht meine eigenen Glieder, die Berge, zu Stufen, zu Waffen! Ersteiget die gestirnten Burgen! Du, Ty¬ phous, reiß dem Gewaltherrscher Scepter und Blitz aus der Hand; Enceladus, du bemächtige dich des Meeres und verjage den Neptunus! Rhökus soll dem Sonnen¬ gotte die Zügel entreissen, Porphyrion das Orakel zu Delphi erobern!“ Die Riesen jubelten bei diesen Worten auf, als hätten sie den Sieg schon errungen, als schlepp¬ ten sie schon den Neptunus oder den Mars im Triumphe daher, und zögen den Apollo am herrlichen Lockenhaar; der eine nannte schon Venus sein Weib, ein andrer wollte Diana, ein dritter Minerva freien. So zogen sie den thessalischen Bergen zu, um von dort aus den Him¬ mel zu stürmen. Indessen rief Iris, die Götterbotin, alle Himmlischen zusammen, alle Götter, die in Wasser und Flüssen woh¬ nen; selbst die Manen aus der Unterwelt rief sie herauf; Proserpina verließ ihr schattiges Reich, und ihr Gemahl, der König der Schweigenden, fuhr mit seinen lichtscheuen Rossen zum strahlenden Olympus empor. Wie in einer belagerten Stadt die Bewohner von allen Seiten zusammen¬ laufen, ihre Burg zu schirmen, so kamen die vielgestalteten Gottheiten am Vaterheerde zusammen. „Versammelte Göt¬ ter,“ redete sie Jupiter an, „ihr sehet, wie die Mutter Erde mit einer neuen Brut sich gegen uns verschworen hat. Auf, und sendet ihr so viele Leichen hinunter, als sie uns Söhne herauf schickt!“ Als der Göttervater ausgesprochen, ertönte die Wetterposaune vom Himmel, und Gäa drunten antwor¬ tete mit einem donnernden Erdbeben. Die Natur gerieth ln Verwirrung, wie bei der ersten Schöpfung, denn die Giganten rißen einen Berg nach dem andern aus seinen Wurzeln, schleppten den Ossa, den Pelion, den Oeta, den Athos herbei, brachen den Rhodope mit der Hälfte des Hebrusquelles ab, und auf dieser Leiter von Gebir¬ gen zum Göttersitz emporgeklommen, fingen sie an, mit 14 * Feuerbränden von Eichen und ungeheuren Felsenstücken, den Olymp zu stürmen. Nun war den Göttern ein Orakelspruch ertheilt wor¬ den, daß von den Himmlischen Keiner der Giganten ver¬ nichtet werden könnte, und diese nur dann sterben würden, wenn ein Sterblicher mitkämpfte. Gäa hatte dieß in Erfahrung gebracht, und suchte deßwegen nach einem Arzneimittel, das ihre Söhne, auch gegenüber von Sterblichen, unverletzlich machte. Auch war wirklich ein solches Kraut gewachsen: aber Jupiter kam ihr zuvor; er verbot der Morgenröthe, dem Mond und der Sonne, zu scheinen, und während Gäa in der Finsterniß herum¬ suchte, schnitt er die Arzneikräuter eilig selbst ab, und ließ seinen Sohn Herkules durch Minerva zur Theilnahme am Kampfe auffordern. Auf dem Olympus war inzwischen der Streit schon entbrannt. Mars hatte seinen Kriegswagen mit den wiehern¬ den Rossen mitten in die dichteste Schaar der heranstürzenden Feinde gelenkt. Sein goldner Schild brannte heller, als Feuer, schimmernd flatterte die Mähne seines Helmes. Im Kampf¬ getümmel durchbohrte er den Giganten Pelorus, dessen Füße zwei lebendige Schlangen waren. Dann fuhr er über die sich krümmenden Glieder des Gefallenen zermalmend mit seinem Wagen hin; aber erst bei des sterblichen Her¬ kules Anblick, der eben die letzte Stufe des Olymps er¬ stiegen hatte, hauchte das Ungeheuer seine drei Seelen aus. Herkules sah sich auf dem Schlachtfeld um, und erkohr sich ein Ziel seines Bogens: sein Pfeilschuß streckte den Alcioneus nieder, der alsbald in die Tiefe stürzte, aber sobald er seinen Heimathboden berührt hatte, mit erneuter Lebens¬ kraft sich wieder erhob. Auf den Rath der Minerva stieg auch Herkules hinab, und schleppte ihn über die Gränze seines Geburtslandes hinaus; und so wie der Riese auf fremder Erde angekommen war, entfuhr ihm der Athem. Jetzt ging der Gigant Porphyrion in drohender Stellung auf Herkules und Juno zugleich los, um ein¬ zeln mit ihnen zu kämpfen. Aber Zeus flößte ihm schnell ein Verlangen ein, das himmlische Antlitz der Göttin zu schauen, und während er an Juno's umhüllendem Schleier zerrte, traf ihn Jupiter mit dem Donner, und Herkules tödtete ihn vollends mit seinem Pfeile. Bald rannte aus der Schlachtreihe der Giganten Ephialtes mit funkelnden Riesenaugen hervor. „Das sind helle Zielscheiben für unsre Pfeile!“ sprach lachend Herkules zu dem neben ihm kämpfen¬ den Phöbus Apollo, und nun schoß ihm der Gott das linke, und der Halbgott das rechte Auge aus dem Kopf. Den Eurytus schlug Dionysos (Bacchus) mit seinem Thyr¬ susstabe nieder; ein Hagel glühender Eisenschlacken aus Vulkans Hand warf den Klytius zu Boden; auf den flie¬ henden Enceladus schleuderte Pallas Athene die Insel Sicilien; der Riese Polybotes, von Neptunus über das Meer verfolgt, flüchtete sich nach Kos, aber der Meer¬ gott riß ein Stück dieser Insel ab, und bedeckte ihn da¬ mit. Merkur, den Helm des Pluto auf dem Kopfe, erschlug den Hippolytus, zwei Andere trafen der Parcen eherne Keulen. Die Uebrigen schmetterte Zeus mit seinem Donner nieder, und Herkules erschoß sie mit seinen Pfeilen. Für diese That wurde dem Halbgott hohe Gunst von den Himmlischen zu Theil. Zeus nannte diejenigen unter den Göttern, welche den Kampf mit ausfechten geholfen, Olympier, um durch diesen Ehrennamen die Tapfern von den Feigen zu unterscheiden. Dieser Benennung würdigte er nun auch zwei Söhne sterblicher Weiber, den Dionysos und den Herkules. Herkules und Eurystheus. Jupiter, vor Herkules Geburt, hatte im Rathe der Götter erklärt, der erste Perseusenkel, welcher geboren werden würde, sollte der Beherrscher aller übrigen Nach¬ kommen des Perseus werden. Diese Ehre war seinem und Alkmenens Sohne zugedacht. Aber Juno's Hinter¬ list, welche dieses Glück dem Sohne der Nebenbuhlerin nicht gönnte, kam ihm zuvor und ließ den Eurystheus, der auch ein Enkel des Perseus war, obwohl er später als Herkules zur Welt kommen sollte, früher geboren werden. Dadurch war Eurystheus König zu Mycene im Argiverlande, und der später geborene Herkules ihm un¬ terworfen. Jener sah mit Besorgniß den steigenden Ruhm seines jungen Verwandten und berief ihn, als seinen Un¬ terthan, zu sich, um ihm verschiedene Arbeiten aufzutra¬ gen. Da Herkules nicht gehorchte, so ließ Jupiter selbst, der seinem Rathschlusse nicht zuwider handeln wollte, seinem Sohne befehlen, dem Argiverkönige seine Dienste zu widmen. Aber der Halbgott entschloß sich ungerne, der Diener eines Sterblichen zu seyn; er ging nach Delphi und befragte das Orakel darüber. Dieses gab ihm zur Antwort: die von Eurystheus erschlichene Ober¬ herrschaft sey von den Göttern dahin gemildert, daß Her¬ kules zehn Arbeiten, welche Jener ihm auflegen würde, zu vollbringen habe. Wenn Solches geschehen sey, sollte er der Unsterblichkeit theilhaftig werden. Herkules fiel hierüber in tiefe Schwermuth: einem Geringeren zu dienen, widerstrebte seinem Selbstgefühl und däuchte ihm unter seiner Würde; aber Zeus dem Vater nicht zu gehorchen, erschien ihm unheilbringend und unmöglich zugleich. Diesen Augenblick ersah sich Juno, aus deren Seele die Verdienste des Herkules um die Göt¬ ter den Haß nicht zu tilgen vermocht hatten, und ver¬ wandelte seinen düstern Unmuth in wilde Raserei. Er kam so ganz von Sinnen, daß er seinen geliebten Vetter Jolaus ermorden wollte, und als dieser entfloh, erschoß er seine eigenen Kinder, die ihm Megara geboren hatte, im Wahne, sein Bogen ziele nach Giganten. Es währte lange, bis er von diesem Wahnsinne wieder frei wurde; als er zur Erkenntniß seines Irrthums kam, bekümmerte er sich tief über sein schweres Unglück, verschloß sich in sein Haus, und vermied allen Verkehr mit den Menschen. Als endlich die Zeit seinen Kummer linderte, entschloß er sich, die Aufträge des Eurystheus zu übernehmen und kam zu diesem nach Tirynth, das auch zu dessen Königreiche gehörte. Die drei ersten Arbeiten des Herkules. Die erste Arbeit, welche dieser König ihm auferlegte, bestand darin, daß Herkules ihm das Fell des nemäischen Löwen herbeibringen sollte. Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes, in den Wäldern zwischen Kleonä und Nemea in der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden. Die Ei¬ nen sagten, er sey ein Sohn des Riesen Typhon und der Schlange Echidna, die Andern, er sey vom Mond auf die Erde herabgefallen. Also zog Herkules gegen den Löwen aus und kam auf seiner Fahrt nach Kleonä, wo er von einem armen Tagelöhner, Namens Molorchus, gast¬ freundlich aufgenommen wurde. Er traf diesen an, wie er eben dem Jupiter ein Opferthier schlachten wollte. „Gu¬ ter Mann,“ sprach Herkules, „bewahre dein Thier noch drei¬ ßig Tage am Leben: komme ich bis dahin glücklich von der Jagd zurück, so magst du es Zeus dem Retter schlachten; erliege ich aber, so sollst du es mir selbst zum Todten¬ opfer bringen, als einem zur Unsterblichkeit eingegange¬ nen Helden.“ So zog Herkules weiter, den Köcher auf dem Rücken, den Bogen in der einen Hand, in der an¬ dern eine Keule aus dem Stamme eines wilden Oel¬ baumes, den er selbst auf dem Helikon angetroffen und mit sammt den Wurzeln ausgerissen hatte. Als er in den Wald von Nemea kam, ließ Herkules seine Augen nach allen Seiten schweifen, um das reißende Thier zu entdecken, ehe er von ihm erblickt würde. Es war Mit¬ tag und nirgends konnte er die Spur des Löwen bemer¬ ken, nirgends den Pfad zu seinem Lager erkunden, denn keinen Menschen traf er auf dem Felde bei den Stieren oder im Walde bei den Bäumen an: Alle hielt die Furcht in ihre fernen Gehöfte verschlossen. Den ganzen Nachmit¬ tag durchstreifte er den dichtbelaubten Hain, entschlossen, seine Kraft zu erproben, sobald er des Ungeheuers ansich¬ tig würde. Endlich gegen Abend kam der Löwe auf ei¬ nem Waldwege gelaufen, um vom Fang in seinen Erd¬ spalt zurückzukehren: er war von Fleisch und Blut ge¬ sättigt, Kopf, Mähne und Brust troffen von Mord, mit der Zunge leckte er sich das Kinn. Der Held, der ihn von ferne kommen sah, rettete sich in einen dichten Wald¬ busch, wartete bis der Löwe näher kam und schoß ihm dann einen Pfeil in die Flanken zwischen Rippen und Hüfte. Aber das Geschoß drang nicht ins Fleisch, es prallte wie von einem Steine ab und flog zurück auf den moosigen Waldboden. Das Thier hob seinen zur Erde gekehrten blutigen Kopf empor, ließ die Augen forschend nach allen Seiten rollen und im aufgesperrten Rachen die entsetzlichen Zähne sehen. So streckte es dem Halbgotte die Brust entgegen und dieser sandte schnell ei¬ nen zweiten Pfeil ab, um ihn mitten in den Sitz des Athems zu treffen; aber auch dießmal drang das Geschoß nicht bis unter die Haut, sondern prallte von der Brust ab und fiel zu den Füßen des Ungethüms nieder. Her¬ kules griff eben zum dritten Pfeile, als der Löwe, die Augen seitwärts drehend, ihn erblickte; er zog seinen lan¬ gen Schweif an sich bis zu den hintern Kniekehlen, sein ganzer Nacken schwoll von Zorn auf, unter Murren sträubte sich seine Mähne, sein Rücken wurde krumm, wie ein Bogen. Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung auf seinen Feind los: Herkules aber warf seine Pfeile aus der Hand und seine eigene Löwenhaut vom Rücken, mit der Rechten schwang er über dem Haupte des Thieres die Keule und versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken, daß er mitten im Sprunge wieder zu Bo¬ den stürzte und auf zitternden Füßen zu stehen kam, mit dem Kopfe wackelnd. Eh er wieder aufathmen konnte, kam ihm Herkules zuvor; er warf auch noch Bogen und Köcher zu Boden, um ganz ungehindert zu seyn, nahte dem Unthier von hinten, schlang die Arme um seinen Nacken und schnürte ihm die Kehle zu, bis es erstickte, und seine grauenvolle Seele zum Hades zurücksandte. Lange versuchte er vergebens, die Haut des Gefallenen abzuweiden, sie wich keinem Eisen, keinem Steine. End¬ lich kam ihm in den Sinn, sie mit den Klauen des Thiers selbst abzuziehen, was auch sogleich gelang. Später ver¬ fertigte er sich aus diesem herrlichen Löwenfell einen Pan¬ zer und aus dem Rachen einen neuen Helm; für jetzt aber nahm er Kleid und Waffen, in denen er gekommen war, wieder zu sich und machte sich, das Fell des ne¬ meischen Löwen über den Arm gehängt, auf den Rückweg nach Tirynth. Als der König Eurystheus ihn mit der Hülle des gräßlichen Thieres daherkommen sah, gerieth er über die göttliche Kraft des Helden in solche Angst, daß er in einen ehernen Topf kroch. Auch ließ er fort¬ hin den Herkules nicht mehr unter seine Augen kommen, sondern ihm seine Befehle nur außerhalb der Mauern durch Kopreus, einen Sohn des Pelops, zufertigen. Die zweite Arbeit des Helden war, die Hydra zu erlegen, die ebenfalls eine Tochter des Typhon und der Echidna war. Diese, zu Argolis, im Sumpfe von Lerna aufgewachsen, kam aufs Land heraus, zerriß die Herden und verwüstete das Feld. Die Hyder war un¬ mäßig groß, eine Schlange mit neun Häuptern, von de¬ nen acht sterblich, das in der Mitte stehende aber unsterb¬ lich war. Herkules ging auch diesem Kampfe muthig entgegen: er bestieg sofort einen Wagen; sein geliebter Neffe Iolaus, der Sohn seines Stiefbruders Iphikles, der lange Zeit sein unzertrennlicher Gefährte blieb, setzte sich als Rosselenker an seine Seite, und so ging es im Fluge Lerna zu. Endlich wurde die Hyder auf einem Hügel bei den Quellen der Amymone sichtbar, wo sich ihre Höhle befand. Hier ließ Jolaus die Pferde halten; Herkules sprang vom Wagen und zwang durch Schüsse mit brennenden Pfeilen die vielköpfige Schlange, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Sie kam zischend hervor und ihre neun Hälse schwankten aufgerichtet auf dem Leibe, wie die Aeste eines Baumes im Sturm. Herkules ging unerschrocken auf sie zu, packte sie kräftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Füße, ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an mit einem Sichelschwerte ihr die Köpfe abzuschlagen. Aber er konnte nicht zum Ziele kommen. War ein Haupt ab¬ geschlagen, so wuchsen deren zwei hervor. Zugleich kam der Hyder ein Riesenkrebs zu Hülfe, der den Helden empfindlich in den Fuß kneipte. Den tödtete er jedoch mit seiner Keule und rief dann den Jolaus zu Hülfe. Dieser hatte schon eine Fackel gerüstet, er zündete damit einen Theil des nahen Waldes an, und mit den Bränden überfuhr er die neu wachsenden Häupter der Schlange bei ihrem ersten Emporkeimen und hinderte sie so, hervor¬ zutreiben. Auf diese Weise wurde der Held der empor¬ wachsenden Köpfe Meister und schlug nun der Hyder auch das unsterbliche Haupt ab; dieses begrub er am Wege und wälzte einen schweren Stein darüber. Den Rumpf der Hyder spaltete er in zwei Theile, seine Pfeile aber tauchte er in ihr Blut, das giftig war. Seitdem ver¬ setzte des Helden Geschoß unheilbare Wunden. Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirsch¬ kuh Cerynitis lebendig zu fangen; dieß war ein herrli¬ ches Thier, hatte goldene Geweihe und eherne Füße und weidete auf einem Hügel Arkadiens. Sie war eine der fünf Hindinnen gewesen, an welchen die Göttin Diana ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein von den fünfen hatte sie wieder in die Wälder laufen lassen, weil es vom Schicksal beschlossen war, daß Herkules sich einmal daran müde jagen sollte. Ein ganzes Jahr ver¬ folgte er sie, kam auf dieser Jagd zu den Hyperboreern und an die Quellen des Isterflusses, und holte die Hin¬ din endlich am Flusse Ladon, unweit der Stadt Oenon, am artemisischen Vorgebirge ein. Doch wußte er des Thieres nicht auf andere Weise Meister zu werden, als daß er es durch einen Pfeilschuß lähmte und dann auf seinen Schultern durch Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Göttin Artemis (Diana) mit Apoll, schalt ihn, daß er das Thier, das ihr geheiligt war, habe tödten wollen, und machte Miene ihm die Beute zu entreißen. „Nicht Muthwille hat mich bewogen, große Göttin,“ sprach Her¬ kules zu seiner Rechtfertigung, „die Nothwendigkeit hat mich gezwungen so zu thun, wie könnte ich sonst vor Eurystheus bestehen?“ So besänftigte er den Zorn der Göttin und brachte das Thier lebendig nach Mycene. Die vierte Arbeit des Herkules bis zur sechsten. Sofort ging es an die vierte Unternehmung. Sie bestand darin, den erymanthischen Eber, der, gleichfalls der Diana geheiligt, die Gegend des Berges Erymanthus verwüstete, lebendig nach Mycene zu liefern. Auf seiner Wanderung nach diesem Abentheuer kehrte Herkules un¬ terwegs bei Pholus, dem Sohne des Silenus, ein. Die¬ ser, der wie alle Centauren halb Mensch halb Roß war, empfing seinen Gast sehr freundlich und setzte ihm das Fleisch gebraten vor, während er selbst es roh verzehrte. Aber Herkules begehrte zu der feinen Mahlzeit auch ei¬ nen guten Trunk. „Lieber Gast,“ sprach Pholus, „es liegt wohl ein Faß in meinem Keller, dieses aber ge¬ hört allen Centauren gemeinschaftlich zu, und ich trage Bedenken, es öffnen zu lassen, weil ich weiß, wie wenig die Centauren nach Gästen fragen.“ „Oeffne es nur gu¬ ten Muths,“ erwiederte Herkules, „ich verspreche dir, dich gegen alle ihre Anfälle zu vertheidigen; mich dür¬ stet!“ Es hatte aber dieses Faß Bacchus, der Gott des Weines, selbst einem Centauren mit dem Befehle überge¬ ben, dasselbe nicht eher zu eröffnen, als bis nach vier Menschenaltern Herkules in dieser Gegend einkehren würde. So ging denn Pholus in den Keller; kaum aber hatte er das Faß eröffnet, so rochen die Centauren den Duft des starken alten Weines und umringten, haufenweise her¬ beiströmend, mit Felsstücken und Fichtenstämmen bewaffnet, die Höhle des Pholus. Die ersten, die es wagten einzu¬ dringen, jagte Herkules mit geschleuderten Feuerbränden zu¬ rück; die übrigen verfolgte er mit Pfeilschüssen bis nach Malea, wo der gute Centaur Chiron, des Herkules alter Freund, wohnte. Zu diesem flüchteten seine Stammesbrü¬ der. Aber Herkules hatte, als sie eben mit ihm zusam¬ mentrafen, auf sie mit dem Bogen gezielt und schoß ei¬ nen Pfeil ab, der durch den Arm eines andern Centau¬ ren dringend, unglücklicherweise in das Knie Chirons fuhr, und dort stecken blieb. Jetzt erst erkannte Herkules den Freund seiner früheren Tage, lief bekümmert hinzu, zog den Pfeil heraus, und legte ein Heilmittel auf, das der arzneikundige Chiron selbst hergegeben hatte. Aber die Wunde, vom Gifte der Hyder durchdrungen, war unheilbar; Chiron ließ sich in seine Höhle bringen und wünschte hier in den Armen seines Freundes zu sterben. Vergeblicher Wunsch! Der Arme hatte nicht daran gedacht, daß er zu seiner Qual unsterblich sey. Herkules nahm von dem Gequälten unter vielen Thränen Abschied und versprach ihm, es koste was es wolle, den Tod, den Erlöser, zu senden. Wir wissen, daß er Wort gehalten hat. Als Herkules von der Ver¬ folgung der übrigen Centauren in seines Freundes Höhle zurückkehrte, fand er Pholus, seinen liebreichen Wirth, auch todt. Dieser hatte aus einem Centaurenleichnam den Todespfeil gezogen; während er sich nun wunderte, wie ein so kleines Ding so große Geschöpfe hatte nieder¬ werfen können, entglitt das vergiftete Geschoß seiner Hand, fuhr ihm in den Fuß und tödtete ihn auf der Stelle. Herkules war sehr betrübt, er bestattete ihn ehren¬ voll, indem er ihn unter den Berg legte, der seitdem Pholoë genannt ward. Dann ging er weiter, den Eber zu jagen, er trieb denselben mit Geschrei aus dem Dickicht des Waldes heraus, verfolgte ihn ins tiefe Schneefeld, fing hier das erschöpfte Thier mit einem Stricke und brach¬ te es, wie ihm befohlen war, lebendig nach Mycene. Darauf schickte ihn der König Eurystheus zur fünf¬ ten Arbeit fort, die eines Helden wenig würdig war. Er sollte den Viehhof des Augias in einem einzigen Tage aus¬ misten. Augias war König in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein Vieh stand nach Art der Alten in ei¬ ner großen Verzäunung vor dem Pallaste. Dreitausend Rinder waren da geraume Zeit gestanden und so hatte sich seit vielen Jahren eine unendliche Menge Mist an¬ gehäuft, den nun Herkules zur Schmach, und, was un¬ möglich schien, in einem einzigen Tage hinaus schaffen sollte. Als der Held vor den König Augias trat, und ohne etwas von dem Auftrage des Eurystheus zu erwähnen, sich zu dem genannten Dienste erbot, maß dieser die herrliche Gestalt in der Löwenhaut und konnte kaum das Lachen unterdrücken, wenn er dachte, daß einen so edlen Krieger nach so gemeinem Knechtsdienste gelüsten könne. Indes¬ sen dachte er bei sich: der Eigennutz hat schon manchen wackern Mann verführt; es mag sein, daß er sich an mir bereichern will. Das wird ihm wenig helfen. Ich darf ihm immerhin einen großen Lohn versprechen, wenn er mir den ganzen Stall ausmistet, denn er wird in dem einen Tage wenig genug hinaustragen. Darum sprach er getrost: „Höre, Fremdling, wenn du das kannst, und mir an einem Tage all den Mist herausschaffest, so will ich dir den zehnten Theil meines ganzen Viehstandes zur Belohnung überlassen.“ Herkules ging die Bedingung ein, und der König dachte nun nicht anders, als daß er zu schaufeln anfangen würde. Herkules aber, nachdem er zuvor den Sohn des Augias, Phyleus, zum Zeugen je¬ nes Vertrages genommen hatte, riß den Grund des Vieh¬ hofs auf der einen Seite auf, leitete die nicht weit da¬ von fließenden Ströme Alphus und Penus durch einen Kanal herzu, und ließ sie den Mist wegspülen und durch eine andere Oeffnung wieder ausströmen. So vollzog er einen schmachvollen Auftrag, ohne zu einer Handlung sich zu erniedrigen, die eines Unsterblichen unwürdig gewesen wäre. Als aber Augias erfuhr, daß dieß von Herkules aus Auftrag des Eurystheus geschehen sey, verweigerte er den Lohn und läugnete geradezu, ihn versprochen zu haben; doch erklärte er sich bereit, die Streitsache einem richter¬ lichen Spruche anheim zu stellen. Als die Richter bei¬ sammen saßen, das Urtheil zu fällen, trat Phyleus, von Herkules aufgefordert, auf, zeugte gegen seinen eigenen Vater und erklärte, daß dieser allerdings über einen Lohn mit Herkules übereingekommen sey. Augias wartete den Spruch nicht ab, er ergrimmte und befahl dem Sohne wie dem Fremdling, sein Reich auf der Stelle zu verlassen. Herkules kehrte nun unter neuen Abentheuern zu Eurystheus zurück. Dieser aber wollte die eben vollbrachte Arbeit nicht gültig sein lassen, weil Herkules Lohn dafür gefordert habe. Dennoch schickte er ihn sogleich wieder auf ein sechstes Abentheuer aus: und gab ihm auf, die Stymphaliden zu verjagen. Dieß waren ungeheure Raub¬ vögel, so groß wie Kraniche, mit eisernen Flügeln, Schnä¬ beln und Klauen versehen. Sie hausten um den See Stymphalis in Arkadien und besaßen die Macht, ihre Federn wie Pfeile abzudrücken und mit ihren Schnäbeln selbst eherne Panzer zu durchbrechen; dadurch richteten sie in der Umgegend unter Menschen und Vieh große Verwüstungen an, und wir kennen sie schon vom Ar¬ gonautenzuge her. Herkules, des Wanderns gewohnt, langte nach kurzer Reise bey dem See an, der, von ei¬ nem großen Gehölze dicht umschattet, ruhte. In die¬ sen Wald hatte sich eben eine unermeßliche Schaar je¬ ner Vögel geflüchtet, aus Furcht, von den Wölfen ge¬ raubt zu werden. Herkules stand rathlos da, als er die ungeheure Menge erblickte, und nicht wußte, wie er über so viele Feinde Meister werden sollte. Auf einmal fühlte er einen leichten Schlag auf der Schulter; hinter sich blickend ward er Minerven's Riesenerscheinung gewahr, die ihm zwei mächtige eherne Klappern in die Hände gab, welche Vulkanus ihr verfertigt hatte; sie bedeutete ihm, diese gegen die Stymphaliden anzuwenden, und verschwand wieder. Herkules bestieg nun eine Anhöhe in der Nähe des Sees und schreckte die Vögel, indem er die Klappern zusammenschlug. Diese hielten das gellende Getöse nicht aus, sondern flogen furchtsam aus dem Walde hervor. Darauf griff Herkules zum Bogen, legte Pfeil um Pfeil an und schoß ihrer viele im Fluge weg. Die andern verließen die Gegend und kamen nicht wieder. Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herkules . Der König Minos in Kreta hatte dem Gotte Po¬ seidon (Neptun) versprochen, ihm zu opfern, was zuerst aus dem Meere auftauchen würde, denn Minos hatte be¬ hauptet, daß er kein Thier besitze, das würdig sey, zu einem so hohen Opfer zu dienen. Darum ließ der Gott einen ausnehmend schönen Ochsen aus dem Meere auf¬ steigen; den König aber verleitete die herrliche Gestalt des Stieres, der sich seinen Blicken darbot, denselben heimlich unter seine Herden zu stecken und dem Poseidon einen andern als Opfer unterzuschieben. Hierüber er¬ zürnt, hatte der Merrgott zur Strafe den Stier rasend werden lassen und dieser richtete nun auf der Insel Kreta große Verwüstungen an. Diesen Stier zu bändi¬ gen und vor Eurystheus zu bringen, wurde dem Herkules als siebente Arbeit aufgetragen. Als er mit seinem An¬ sinnen nach Kreta und vor Minos kam, war dieser nicht wenig erfreut über die Aussicht, den Verderber der In¬ sel los zu werden, ja er half ihm selbst das wüthende Thier einfangen und die Heldenkraft des Herkules bän¬ Schwab, das klass. Alterthum I . 15 digte den rasenden Ochsen so gründlich, daß, um den Stier nach dem Peloponnese zu schaffen, er sich von dem¬ selben auf dem ganzen Wege nach der See wie von einem Schiffe tragen ließ. Mit dieser Arbeit war Eurystheus zufrieden, ließ jedoch das Thier, nachdem er es eine kurze Weile mit Wohlgefallen betrachtet, sofort wieder frei. Als der Stier nicht mehr im Banne des Herkules war, kehrte seine alte Raserei zurück, er durchirrte ganz La¬ konien und Arkadien, streifte über den Isthmus nach Marathon in Attica und verheerte hier das Land wie vordem auf der Insel Kreta. Erst dem Theseus gelang es später, Meister über ihn zu werden. Als achte Arbeit trug nun sein Vetter dem Herkules auf, die Stuten des Thraciers Diomedes nach Mycene zu bringen. Dieser war ein Sohn des Mars, und Kö¬ nig der Bistonen, eines sehr kriegerischen Volkes. Er be¬ saß Stuten, die so wild und stark waren, daß man sie an eherne Krippen und mit eisernen Ketten band. Ihr Futter bestand nicht aus Haber, sondern die Fremdlinge, welche das Unglück hatten, in die Stadt des Königes zu kommen, wurden ihnen vorgeworfen, und das Fleisch der¬ selben diente den Rossen zur Nahrung. Als Herkules ankam, war sein Erstes, den unmenschlichen König selbst zu fas¬ sen, und ihn seinen eigenen Stuten vorzuwerfen, nachdem er die bei den Krippen aufgestellten Wächter übermannt hatte. Durch diese Speise wurden die Thiere zahm, und er trieb sie nun ans Gestade des Meeres. Aber die Bis¬ tonen kamen unter Waffen hinter ihm her, daß Herkules sich umwenden und gegen sie kämpfen mußte. Er gab die Stuten seinem Liebling und Begleiter Abderus, dem Sohne Merkurs, zu bewachen. Als Herkules fort war, kam die Stuten wieder ein Gelüste nach Menschenfleisch an, und Herkules fand, als er die Bistonen in die Flucht geschlagen hatte und zurückgekehrt war, seinen Freund von den Stuten zerrissen. Er betrauerte den Ge¬ tödteten und gründete ihm zu Ehren eine Stadt seines Namens. Dann bändigte er die Stuten wieder, und ge¬ langte glücklich mit ihnen zu Eurystheus. Dieser weihte die Pferde der Juno. Ihre Nachkommenschaft dauerte noch lange fort, ja der König Alexander von Macedo¬ nien ritt noch auf einem Abkömmling derselben. Nachdem Herkules diese Arbeit ausgeführt, schiffte er sich mit dem Heere des Jason, der das goldne Vließ holen sollte, nach Kolchis ein, wovon wir schon erzählt haben. Von langer Irrfahrt zurückgekehrt, unternahm der Held den Zug gegen die Amazonen, um das neunte Abentheuer zu bestehen, und das Wehrgehenk der Ama¬ zone Hippolyta dem Eurystheus zu bringen. Die Ama¬ zonen bewohnten die Gegend um den Fluß Thermodon in Pontus, und waren ein großes Frauenvolk, das einzig Männerwerk trieb. Von ihren Kindern erzogen sie nur diejenigen, die weiblichen Geschlechts waren. In Schaaren vereinigt, zogen sie zu Kriegen aus. Hippolyta, ihre Königin, trug als Zeichen ihrer Herrscherwürde den genannten Gürtel, den sie vom Kriegsgotte selbst zum Geschenk erhalten hatte. Herkules sammelte zu seinem Zuge freiwillige Kampfgenossen auf einem Schiffe, fuhr nach mancherlei Ereignissen ins schwarze Meer, und lief end¬ lich in die Mündung des Flusses Thermodon und in den Hafen der Amazonenstadt Themiscyra ein. Hier kam ihm die Königin der Amazonen entgegen. Das herrliche An¬ sehen des Helden flößte ihr Hochachtung ein, und als sie 15 * die Absicht seines Kommens erkundet, versprach sie ihm das Wehrgehenk. Aber Juno, die unversöhnliche Feindin des Herkules, nahm die Gestalt einer Amazone an, mischte sich unter die Menge der übrigen, und breitete das Gerücht aus, daß ein Fremder ihre Königin entführe. Augenblicklich schwangen sich alle Männinnen zu Pferde und griffen den Halbgott in dem Lager an, das er vor der Stadt aufgeschlagen hatte. Die gemeinen Amazonen fochten mit den Kriegern des Helden, die vornehmsten aber stellten sich ihm selbst gegenüber und bereiteten ihm einen schweren Kampf. Die erste, die den Streit mit ihm begann, hieß, von ihrer Schnelligkeit, Aella oder Windsbraut, aber sie fand an Herkules einen noch schnelleren Gegner, mußte weichen und ward auf windschneller Flucht von ihm eingeholt und niedergemacht. Eine zweite fiel auf den ersten An¬ griff, dann Prothoe, die Dritte, die siebenmal im Zwei¬ kampfe gesiegt hatte. Nach ihr erlagen acht andere, darunter drei Jagdgefährtinnen der Diana, die sonst im¬ mer so sicher mit dem Wurfspieße getroffen hatten, nur dießmal ihr Ziel verfehlten, und vergebens unter ihren Schilden sich deckend, den Pfeilen des Heros erlagen. Auch Alcippe fiel, die geschworen, hatte, ihr Leben lang unvermählt zu bleiben; den Schwur hielt sie, aber am Leben blieb sie nicht. Nachdem auch Melanippe, die tapfere Führerin der Amazonen, gefangen war, griffen alle zur wilden Flucht, und Hippolyta, die Königin, gab das Wehr¬ gehenk heraus, wie sie auch vor der Schlacht versprochen hatte. Herkules nahm es als Lösegeld an, und gab Me¬ lanippe dafür frei. Auf der Rückfahrt bestand der Held ein neues Abentheuer. Hier war Hesione, Laomedon's Tochter, an einen Felsen gebunden und einem Unge¬ heuer zum Fraß ausgesetzt. Ihrem Vater hatte Neptun die Mauern von Troja erbaut und den Lohn nicht erhal¬ ten; dafür verwüstete ein Seeunthier Trojas Gebiet so lange, bis der verzweifelnde Laomedon ihm seine eigene Tochter preisgab. Als Herkules vorüberfuhr, rief ihn der jammernde Vater zu Hülfe, und versprach ihm, für die Rettung der Tochter die herrlichen Rosse zu geben, die sein Vater von Jupiter zum Geschenke bekommen hatte. Herkules legte an, und erwartete das Ungethüm. Als es kam und den Rachen aufsperrte, die Jungfrau zu verschlingen, sprang er in den Rachen des Thieres, zer¬ schnitt ihm alle Eingeweide, und stieg aus dem Getödteten, wie aus einer Mördergrube, wieder hervor. Aber Lao¬ medon hielt auch dießmal sein Wort nicht, und Herkules fuhr unter Drohungen davon. Die drei letzten Arbeiten des Herkules. Als der Held das Wehrgehenk der Königin Hippo¬ lyta zu Eurystheus Füßen niedergelegt hatte, gönnte dieser ihm keine Rast, sondern schickte ihn sogleich wieder aus, die Rinder des Riesen Geryones herbeizuschaffen. Dieser besaß auf der Insel Erythia, im Meerbusen von Gadira (Cadix), eine Herde schöner braunrother Rinder, die ein andrer Riese und ein zweiköpfiger Hund ihm hüteten. Geryones selbst war ungeheuer groß, hatte drei Leiber, drei Köpfe, sechs Arme und sechs Füße. Kein Erden¬ sohn hatte sich je an ihn gewagt; Herkules sah wohl, wie viele Vorbereitungen dieses beschwerliche Unternehmen erforderte. Es war weltbekannt, daß des Geryones Va¬ ter, Chrysaor, der den Namen Goldschwert von seinem Reichthum hatte, König von ganz Iberien (Spanien) war, daß außer Geryones noch drei tapfere und riesige Söhne für ihn stritten, und jeder Sohn ein zahlreiches Heer von streitbaren Männern unter seinem Befehle hatte. Eben darum hatte Eurystheus dem Herkules jene Arbeit aufgetragen, denn er hoffte, auf einem Kriegszug in ein solches Land werde er sein verhaßtes Leben doch endlich lassen müssen. Doch Herkules ging den Gefahren nicht erschrockener entgegen, als allen seinen frühern Thaten. Er sammelte seine Heere auf der Insel Kreta, die er von wilden Thieren befreit hatte, und landete zuerst in Libyen. Hier rang er mit dem Riesen Antäus, der neue Kräfte erhielt, so oft er die Erde berührte; aber Herkules hielt ihn in die freie Luft empor und drückte ihn da zu Tode. Auch reinigte er Libyen von den Raubthieren; denn er haßte wilde Thiere und ruchlose Menschen, weil er in ihnen allen das Bild des übermüthigen und ungerechten Herrschers erblickte, dem er so lange dienstbar gewesen war. Nach einer langen Wandrung durch wasserlose Gegenden kam er endlich in ein fruchtbares, von Flüssen durchström¬ tes Gebiet. Hier gründete er eine Stadt von ungeheurer Größe, und nannte sie Hekatompylos (Hundertthor). Zuletzt gelangte er an den atlantischen Ocean, gegenüber von Gadira; hier pflanzte er die beiden berühmten Her¬ kulessäulen auf. Die Sonne brannte entsetzlich, Herku¬ les ertrug es nicht länger, er richtete seine Augen nach dem Himmel, und drohte mit aufgehobenem Bogen, den Sonnengott niederzuschießen. Dieser bewunderte seinen Muth, und lieh ihm, um weiter zu kommen, die goldne Schale, in welcher der Sonnengott selbst seinen nächtli¬ chen Weg vom Niedergange bis zum Aufgange zurück¬ legt. Auf dieser fuhr Herkules mit seiner nebenher se¬ gelnden Flotte nach Iberien hinüber. Hier fand er die drei Söhne des Chrysaor mit drei großen Heeren, einen nicht weit vom andern gelagert, er aber erlegte die An¬ führer alle im Zweikampfe und eroberte das Land. Dann kam er nach der Insel Erythia, wo Geryones mit seinen Herden hauste. Sobald der doppelköpfige Hund seine Ankunft inne wurde, fuhr er auf ihn los: allein Herkules empfing ihn mit dem Knüttel, erschlug ihn und tödtete auch den riesigen Rinderhirten, der dem Hunde zu Hülfe gekommen war. Dann eilte er mit den Rindern davon, aber Geryones holte ihn ein und es kam zu einem schwe¬ ren Kampfe. Juno selbst erschien, dem Riesen beizuste¬ hen; doch Herkules schoß ihr einen Pfeil in die Brust, daß die Göttin verwundet entfliehen mußte. Auch der dreifache Leib des Riesen, der in der Gegend des Ma¬ gens zusammenlief, fing hier den tödtlichen Pfeil auf und mußte erliegen. Unter glorreichen Thaten vollbrachte Herkules seinen Rückweg, indem er zu Lande die Rinder durch Iberien und Italien trieb. Bei Rhegium in Un¬ teritalien entlief ihm einer seiner Ochsen, setzte über die Meerenge und entkam so nach Sicilien. Sogleich trieb er auch die andern Ochsen ins Wasser und schwamm, indem er einen Stier am Horne faßte, glücklich nach Si¬ cilien hinüber. Unter mancherlei Thaten kam der Held nun glücklich über Italien, Illyrien und Thracien nach Griechenland zurück und in dem Isthmus an. Jetzt hatte Herkules zehn Arbeiten vollbracht, weil aber Eurystheus zwei nicht gelten ließ, so mußte er sich bequemen, noch zwei weitere zu verrichten. Einst, bei der feierlichen Vermählung Jupiters mit Juno, als alle Götter dem erhabenen Paar ihre Hochzeitgeschenke darbrachten, wollte auch Gäa , die Erde, nicht zurückbleiben; sie ließ am Westgestade des großen Weltmeeres einen ästereichen Baum voll goldener Aepfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Hesperiden genannt, Töchter der Nacht, waren die Wächterinnen dieses heili¬ gen Gartens, den außerdem noch ein hundertköpfiger Drache bewachte, Ladon, ein Sprößling des Phorkys, des berühmten Vaters so vieler Ungeheuer, und der erd¬ geborenen Ceto. Kein Schlaf kam je über die Augen dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete seine Nähe, denn jede seiner hundert Kehlen ließ eine andere Stimme hören. Diesem Ungeheuer, so lautete der Befehl des Eurystheus, sollte Herkules die goldenen Aepfel der Hesperiden entreißen. Der Halbgott machte sich auf den langen und abentheuervollen Weg, auf welchem er sich dem blinden Zufall überließ, denn er wußte nicht, wo die Hesperiden wohnen. Zuerst gelangte er nach Thessalien, wo der Riese Termerus hauste, der alle Reisenden, denen er begegnete, mit seinem harten Hirn¬ kasten zu Tode rannte. Aber an des göttlichen Herkules Schädel zersplitterte das Haupt des Riesen. Weiter vor¬ wärts, am Flusse Echedorus, kam dem Helden ein an¬ deres Ungethüm in den Weg, Cycnus, der Sohn des Mars und der Pyrene. Dieser, von dem Halbgotte nach den Gärten der Hesperiden befragt, forderte statt aller Antwort den Wanderer zum Zweikampf heraus, und wurde von Herkules erschlagen. Da erschien Mars, der Gott selbst, den getödteten Sohn zu rächen, und Herkules sah sich gezwungen, mit ihm zu kämpfen. Aber Jupiter wollte nicht, daß seine Söhne Bruderblut vergößen, und ein plötzlich mitten zwischen beide geschleuderter Blitz trennte die Kämpfer. Herkules schritt nun weiter durchs illyri¬ sche Land, eilte über den Fluß Eridanus und kam zu den Nymphen des Zeus und der Themis, die an den Ufern dieses Stromes wohnten. Auch an sie richtete der Held seine Frage. „Geh zu dem alten Stromgotte Nereus,“ war ihre Antwort, „der ist ein Wahrsager und weiß alle Dinge. Ueberfall' ihn im Schlafe und binde ihn, so wird er gezwungen den rechten Weg dir angeben.“ Herkules befolgte diesen Rath, und bemeisterte sich des Flußgottes, obgleich dieser nach seiner Gewohnheit sich in allerlei Ge¬ stalten verwandelte. Er ließ ihn nicht eher los, bis er erkundet hatte, in welcher Weltgegend er die goldenen Aepfel der Hesperiden antreffen werde. Hierüber belehrt durchzog er weiter Libyen und Aegypten. Ueber das letztere Land herrschte Busiris, der Sohn des Neptunus und der Lysianassa. Ihm war bei einer neunjährigen Theurung durch einen Wahrsager aus Cypern das grau¬ same Orakel geworden, daß die Unfruchtbarkeit aufhören sollte, wenn dem Zeus jährlich ein fremder Mann ge¬ schlachtet würde. Zum Danke machte Busiris den An¬ fang mit dem Wahrsager selbst; allmählig fand der Bar¬ bar ein Gefallen an dieser Gewohnheit und schlachtete alle Fremdlinge, welche nach Aegypten kamen. So wurde denn auch Herkules ergriffen und zu den Altären Jupi¬ ters geschleppt. Er aber riß die Bande, die ihn fessel¬ ten, entzwei, und erschlug den Busiris mit samt seinem Sohn und dem priesterlichen Herold. Unter mancherlei Abentheuern zog der Held weiter, befreite, wie schon er¬ zählt worden ist, den an den Caucasus geschmiedeten Ti¬ tanen Prometheus, und gelangte endlich, nach der An¬ weisung des Befreiten, in das Land, wo Atlas die Last des Himmels trug, und in dessen Nähe der Baum mit den goldenen Aepfeln von den Hesperiden gehütet wurde. Prometheus hatte dem Halbgotte gerathen, sich nicht selbst dem Raube der goldenen Früchte zu unterziehen, sondern den Atlas auf diesen Fang auszusenden. Er selbst erbot sich dafür diesem, so lange das Tragen des Himmels über sich zu nehmen. Atlas bezeigte sich willig und Her¬ kules stemmte die mächtigen Schultern dem Himmelsge¬ wölbe unter. Jener dagegen machte sich auf, schläferte den um den Baum sich ringelnden Drachen ein, oder tödtete ihn, überlistete die Hüterinnen und kam mit drei Aepfeln, die er gepflückt, glücklich zu Herkules. „Aber,“ sprach er, „meine Schultern haben nun einmal empfunden, wie es schmeckt, wenn der eherne Himmel nicht auf ih¬ nen lastet. Ich mag ihn fürder nicht wieder tragen.“ So warf er die Aepfel vor dem Halbgott auf den Ra¬ sen und ließ diesen mit der ungewohnten, unerträglichen Last stehen. Herkules mußte auf eine List sinnen, um los zu kommen. „Laß mich,“ sprach er zu dem Himmels¬ träger, „nur einen Bausch von Stricken um den Kopf winden, damit mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt.“ Atlas fand die Forderung billig und stellte sich, nach seiner Meinung auf wenige Augenblicke, dem Himmel wieder unter. Aber er konnte lange warten, bis Herkules ihn wieder ablöste, und der Betrüger wurde zum Betrogenen. Denn jener hatte nicht so bald die Aepfel vom Rasen aufgelesen, als er mit den goldenen Früchten sich aus dem Staube machte. Er brachte diese dem Eurystheus, der sie, da sein Zweck, den Herkules aus dem Wege zu räumen, doch nicht erreicht war, dem Helden wieder als Geschenk zurück gab. Der legte sie auf dem Altare Minervens nieder; die Göttin aber wu߬ te, daß es der heiligen Bestimmung dieser göttlichen Früchte zuwider war, irgendwo anders niedergelegt zu werden, und so trug sie die Aepfel wieder in den Gar¬ ten der Hesperiden zurück. Statt den verhaßten Nebenbuhler zu vernichten, hat¬ ten die bisher ihm von Eurystheus aufgetragenen Arbei¬ ten den Herkules nur in dem Berufe verherrlicht, der ihm vom Schicksal angewiesen war: sie hatten ihn als Vertilger jeder Unmenschlichkeit auf Erden, als den ächt Menschlichen Wohlthäter der Sterblichen dargestellt. Das letzte Abentheuer aber sollte er in einer Region bestehen, wohin ihn — so hoffte der arglistige König — seine Heldenkraft nicht begleiten würde; ein Kampf mit den finstern Mächten der Unterwelt stand ihm bevor: er sollte Cerberus, den Höllenhund, aus dem Hades heraufbrin¬ gen. Dieß Unthier hatte drei Hundsköpfe mit gräßlichen Rachen, aus denen unaufhörlich giftiger Geifer träufte, ein Drachenschwanz hing ihm vom Leibe herunter und das Haar der Köpfe und des Rückens bildeten zischende geringelte Schlangen. Sich für diese Grausen erregende Fahrt zu befähigen, ging Herkules in die Stadt Eleusis im attischen Gebiete, wo eine Geheimlehre über göttliche Dinge der Ober- und Unterwelt von kundigen Prie¬ stern gehegt wurde, und ließ sich von dem Priester Eu¬ molpus in die dortigen Geheimnisse einweihen, nachdem er an heiliger Stätte vom Morde der Centauren entsündigt worden war. So mit geheimer Kraft, den Schrecken der Unterwelt zu begegnen, ausgerüstet, wanderte er in den Peloponnes und nach der Lakonischen Stadt Tänarus, wo sich die Mündung der Unterwelt befand. Hier stieg er, von Merkur, dem Begleiter der Seelen, geleitet, die tiefe Erdkluft hinab, und kam zur Unterwelt vor die Stadt des Königes Pluto. Die Schatten, die vor den Thoren der Hadesstadt traurig lustwandelten — denn in der Unterwelt ist kein heiteres Leben wie im Sonnenlichte, — ergriffen die Flucht, als sie Fleisch und Blut in le¬ bendiger Menschengestalt erblickten; nur die Gorgone Medusa und der Geist Meleagers hielten Stand. Nach jener wollte Herkules einen Schwertstreich führen, aber Merkur fiel ihm in den Arm und belehrte ihn, daß die Seelen der Abgeschiedenen leere Schattenbilder und vom Schwerte nicht verwundbar seyen. Mit der Seele Me¬ leagers dagegen unterhielt sich der Halbgott freundlich, und empfing von ihm sehnsüchtige Grüsse für die Ober¬ welt an seine geliebte Schwester Deanira. Ganz nahe zu den Pforten des Hades gekommen, erblickte er seine Freunde Theseus und Pirithous; der letzte hatte sich in der Unterwelt, vom andern begleitet, als Freier der Per¬ sephone eingefunden und beide waren wegen dieses fre¬ chen Unterfangens von Pluto an den Stein, auf den die Ermüdeten sich niedergelassen hatten, gefesselt worden. Als beide den befreundeten Halbgott erblickten, streckten sie flehend die Hände nach ihm aus, und zitterten vor Hoffnung, durch seine Kraft die Oberwelt wieder erklim¬ men zu können. Den Theseus ergriff auch Herkules wirklich bei der Hand, befreite ihn von seinen Banden, und richtete ihn vom Boden, an den er gefesselt gelegen hatte, wieder auf. Ein zweiter Versuch, auch den Piri¬ thous zu befreien, mißlang, denn die Erde fing an, ihm unter den Füßen zu beben. Vorschreitend erkannte Her¬ kules auch den Askalephus, der einst verrathen hatte, daß Proserpina von den Rückkehr verwehrenden Granat¬ äpfeln des Hades gegessen; er wälzte den Stein ab, den Ceres in Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter auf ihn gewälzt hatte. Dann fiel er unter die Herden des Pluto und schlachtete eines der Rinder, um die See¬ len mit Blute zu tränken; dieß wollte der Hirte dieser Rinder, Menötius, nicht gestatten und forderte deßwegen den Helden zum Ringkampfe auf. Herkules aber faßte ihn mitten um den Leib, zerbrach ihm die Rippen und gab ihn nur auf Bitten der Unterweltsfürstin Proserpina (Persephone) selbst wieder frei. Am Thore der Todten¬ stadt stand der König Pluto und verwehrte ihm den Ein¬ tritt. Aber das Pfeilgeschoß des Heroen durchbohrte den Gott an der Schulter, daß er Qualen der Sterblichen empfand, und, als der Halbgott nun bescheidentlich um Entführung des Höllenhundes bat, sich nicht länger wi¬ dersetzte. Doch forderte er als Bedingung, daß Herkules desselben mächtig werden sollte, ohne die Waffen zu ge¬ brauchen, die er bei sich führe. So ging der Held, ein¬ zig mit seinem Brustharnische bedeckt und mit der Löwen¬ haut umhangen, aus, das Unthier zu fahen. Er fand ihn an der Mündung des Acheron hingekauert, und ohne auf das Bellen des Dreikopfs zu achten, das wie ein sich in Widerhallen vervielfältigender, dumpfer Donner tönte, nahm er die Köpfe zwischen die Beine, umschlang den Hals mit den Armen und ließ ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Thieres, der ein lebendiger Drache war, sich vorwärts bäumte, und der Drache ihn in die Weiche biß. Er hielt den Nacken des Ungethümes fest und schnürte ihn so lange zu, bis er über das ungebärdige Thier Meister ward, da er es dann aufhob und durch eine an¬ dere Mündung des Hades bei Trözen im Argolischen Lande glücklich wieder zur Oberwelt auftauchte. Als der Höllenhund das Tageslicht erblickte, entsetzte er sich und fing an den Geifer von sich zu speien; davon wuchs der giftige Eisenhut aus dem Boden hervor. Herkules brachte das Ungeheuer in Fesseln sofort nach Tiryns und hielt es dem staunenden Eurystheus, der seinen eigenen Augen nicht traute, entgegen. Jetzt verzweifelte der Kö¬ nig daran, jemals des verhaßten Jupitersohnes los zu werden, ergab sich in sein Schicksal und entließ den Hel¬ den, der den Höllenhund seinem Eigenthümer zurück in die Unterwelt brachte. Herkules und Eurytus. Herkules, nach allen diesen Mühsalen endlich vom Dienste des Eurystheus befreit, kehrte nach Theben zu¬ rück. Mit seiner Gemahlin Megara, der er im Wahn¬ sinne die Kinder umgebracht hatte, konnte er nicht mehr leben, er trat sie daher mit ihrem Willen seinem geliebten Vetter Jolaus zur Gattin ab, und dachte selbst auf eine neue Vermählung. Seine Neigung wandte sich der schönen Jole zu, der Tochter des Königes Eurytus zu Oechalia, auf der Insel Euböa, der den Herkules einst als Knaben in der Kunst des Bogenschießens unterrichtet hatte. Dieser König hatte seine Tochter dem Wettkämpfer versprochen, der ihn und seine Söhne im Bogenschießen übertreffen wür¬ de. Auf diese Bekanntmachung eilte Herkules nach Oe¬ chalia, und trat unter der Schaar der Bewerber auf. Er bewies in diesem Wettkampfe, daß er kein un¬ würdiger Schüler des alten Eurytus gewesen: denn er besiegte ihn und seine Söhne. Der König hielt seinen Gast in allen Ehren; im Herzen aber erschrak er ge¬ waltig über dessen Sieg, denn er mußte an das Schicksal der Megara denken, und fürchtete für seine Tochter ein gleiches Loos. Er erklärte daher auf die Anfrage des Helden, sich wegen der Heirath noch längere Zeit bedenken zu wollen. Inzwischen war der älteste Sohn des Eury¬ tus, Iphitus, ein Altersgenosse des Herkules, der eine neidlose Freude über die Stärke und Heldenherrlichkeit seines Gastes empfand, sein inniger Freund geworden, und wandte alle Künste der Ueberredung an, um seinen Vater dem edlen Fremdling geneigter zu machen. Eury¬ tus aber beharrte auf seiner Weigerung. Gekränkt ver¬ ließ Herkules das Königshaus, und irrte lang in der Fremde umher. Was ihm hier bei dem Könige Admetus be¬ gegnet, soll der nächste Abschnitt erzählen. Mittlerweile kam ein Bote vor den König Eurytus, und meldete, daß ein Räuber unter die Rinderherde des Königes gefallen sey. Es hatte dieß der listige und betrügerische Autoly¬ kus verübt, dessen Diebereien weit und breit bekannt wa¬ ren. Der erbitterte König aber sprach: „dieß hat kein Anderer gethan, als Herkules; solche unedle Rache nimmt er, weil ich ihm, dem Mörder seiner Kinder, die Tochter versagt habe!“ Iphitus vertheidigte seinen Freund mit warmen Worten und erbot sich, selbst zu Herkules zu gehen und mit ihm die gestohlenen Rinder aufzusuchen. Dieser nahm den Königssohn gastfreundlich auf und zeigte sich bereitwillig, den Zug mit ihm zu übernehmen. In¬ dessen kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, und als sie die Mauern von Tiryns bestiegen hatten, um mit den Blicken die Gegend durchschweifen und die gestohlenen Rinder irgendwo entdecken zu können, siehe, da bemäch¬ tigte sich der unselige Wahnsinn auf einmal wieder des Heldengeistes; Herkules, von Juno's Zorn getrieben, hielt seinen treuen Freund Iphitus für einen Mitver¬ schworenen des Vaters, und stürzte ihn über die hohen Stadtmauern von Tiryns herab. Herkules bei Admetus . Zu der Zeit, als der Held, aus dem Hause des Kö¬ nigs von Dechalia mit Unwillen entwichen, in der Irre umherstreifte, hat sich folgendes begeben. Zu Pherä in Thessalien lebte der edle König Admetus mit seiner jun¬ gen und schönen Gemahlin Alcestis, die ihren Gatten über Alles liebte, von blühenden Kindern umringt, von glücklichen Unterthanen geliebt. In früherer Zeit, als Apollo, der die Cyklopen getödtet hatte, aus dem Olymp entflohen war und sich gezwungen sah, einem Sterblichen dienstbar zu werden, hatte ihn Admetus, der Sohn des Feres, liebreich aufgenommen, und er weidete ihm als Sklave seine Rinder. Seitdem stand er unter dem wirk¬ samen Schutze des später von seinem Vater Jupiter wie¬ der zu Gnaden angenommenen Gottes. Als nun die Lebenszeit des Königs Admetus verstrichen und vom Schicksal ihm der Tod zuerkannt war, da wirkte sein Freund Apollo, dem dieß als einem Gotte bewußt, bei den Schicksalsgöttinnen aus, daß sie ihm gelobten, Ad¬ metus solle dem Hades, der ihn bedrohte, entfliehen, wenn ein anderer Mensch für ihn sterben und in das Todtenreich hinabsteigen wollte. Apollo verließ daher den Olymp und kam nach Pherä zu seinem alten Gast¬ freunde, ihm und den Seinigen die Botschaft von dem Tode, den das Geschick über ihn beschlossen, zu überbrin¬ gen, zugleich aber ihm das Mittel anzugeben, wodurch er seinem Schicksal zu entrinnen vermöge. Admetus war ein redlicher Mann, aber er liebte das Leben und auch alle die Seinigen sammt seinen Unterthanen erschracken, daß dem Hause die Stütze, der Gattin und den Kindern Gatte und Va¬ ter, dem Volke ein milder Herrscher geraubt werden sollte. Deßwegen ging Admetus umher, und forschte, wo er einen Freund fände, der für ihn sterben wollte. Aber da war nicht Einer, der dazu Lust gehabt hätte, und so sehr sie vorher den Verlust, der ihnen bevorstände, bejammert hatten, so kalt wurde ihr Sinn, als sie von ihm hörten, unter wel¬ cher Bedingung ihm das Leben erhalten werden könnte. Selbst der greise Vater des Königes, Pheres, und die gleichfalls hochbetagte Mutter, die den Tod jede Stunde vor sich sahen, wollten das wenige Leben, das sie noch zu hoffen hatten, nicht für den Sohn dahingeben. Nur Alcestis, seine blühende, lebensvolle Gattin, die glückliche Mutter hoffnungsvoll heranblühender Kinder, war von so rei¬ ner und aufopfernder Liebe zu dem Gemahl beseelt, daß sie sich bereit erklärte, dem Sonnenlichte für ihn zu ent¬ sagen. Kaum war diese Erklärung aus ihrem Munde gegangen, als auch schon der schwarze Priester der Tod¬ ten, Thanatos (der Tod), den Thoren des Pallastes nahte, Schwab, das klass. Alterthum. I . 16 sein Opfer ins Schattenreich hinabzuführen. Denn er wußte Tag und Stunde genau, an welchem dem Adme¬ tus vom Schicksale bestimmt gewesen war, zu sterben. Als Apollo den Tod herankommen sah, verließ er schnell den Königspallast, um, der Gott des Lebens, von seiner Nähe nicht entheiligt zu werden. Die fromme Alcestis aber, als sie den entscheidenden Tag sich nahen sah, reinigte sich, als Opfer des Todes, in fliessendem Wasser, nahm fest¬ liches Gewand und Geschmeide aus dem Schranke von Zedernholz und nachdem sie so sich ganz würdevoll ge¬ schmückt, betete sie vor ihrem Hausaltare zur Göttin der Unterwelt. Dann umschlang sie Kinder und Gemahl, und trat endlich, von Tag zu Tage mehr abgezehrt, zur bestimmten Stunde von ihren Dienerinnen umringt an der Seite ihres Gatten und ihrer Kinder in das Gemach, wo sie den Boten der Unterwelt empfangen wollte. Hier schickte sie sich zum feierlichen Abschiede von den Ihrigen an. „Laß mich zu dir reden, was mein Herz begehrt,“ sprach sie zu ihrem Gemahle. „Weil dein Leben mir theurer ist, als das meinige, sterbe ich für dich jetzt, wo mir das Sterben noch nicht drohte, wo ich, einen edlen Thessalier zum zweiten Gemahle wählend, im beglückten Fürsten¬ hause hätte wohnen können. Aber ich wollte nicht leben, deiner beraubt, die verwaisten Kinder anschauend. Dein Vater und deine Mutter haben dich verrathen, da doch ihnen Sterben rühmlicher gewesen wäre; denn dann wä¬ rest du nicht einsam geworden, und hättest keine Waisen aufzuziehen gehabt. Doch, da es die Götter einmal so gefügt haben, so bitte ich dich nur, meiner Wohlthat ein¬ gedenk zu seyn, und den Kleinen, die du nicht weniger liebest als ich, die ich sie verlassen muß, kein anderes Weib als Mutter zuzuführen, das, von Neid gequält, sie selber plagen könnte. Denn oft sind Drachen sanftmüthi¬ ger als Stiefmütter.“ Unter Thränen schwur ihr der Gemahl, daß wie sie im Leben die seine gewesen, so auch im Tode nur sie ihm Gattin heißen solle. Dann über¬ gab ihm Alcestis die wehklagenden Kinder, und sank ohn¬ mächtig nieder. Unter den Vorbereitungen zur Bestattung geschah es nun, daß der umherirrende Herkules nach Pherä und vor die Thore des Königspallastes kam. Eingelassen ge¬ rieth er in eine Unterredung mit den Dienern des Hau¬ ses, und zufällig kam Admetus selbst dazu. Dieser nahm seinen Gast, den eigenen Kummer unterdrückend, mit großer Herzlichkeit auf, und als Herkules, durch den An¬ blick seiner Trauerkleider betroffen, ihn um seinen Verlust befragte, erwiederte er, um den Gast nicht zu betrüben oder gar zu verscheuchen, auf eine so verdeckte Weise, daß Herkules der Meinung war, es sey eine ferne Anver¬ wandte des Admetus, die zu Besuche bei dem Könige war, gestorben. Er blieb daher fröhlichen Sinnes, ließ sich von einem Sklaven in das Gastgemach geleiten, und hier Wein vorsetzen. Als ihm die Traurigkeit des Die¬ ners auffiel, schalt er diesen um sein übermäßiges Leid. „Was siehst du mich so ernst und feierlich an?“ sprach er. „Ein Diener muß gefällig gegen Fremdlinge seyn! Was ists auch, wenn eine Fremde in eurem Hause gestorben ist; weißt du denn nicht, daß dieß das allgemeine Loos der Menschen ist? Den Trübseligen ist das Leben eine Qual; geh, bekränze dich, wie du mich siehst und trinke mit mir! Ich weiß, gewiß, ein überwallender Becher wird bald alle Runzeln deiner Stirne vertreiben.“ Aber der Diener wandte sich 16 * mit Grauen ab. „Uns traf ein Geschick,“ sprach er, „dem nicht Lachen und Schmausen ziemt. Fürwahr, der Sohn des Pheres ist nur allzu gastfreundlich, daß er in so tie¬ fer Trauer einen so leichtsinnigen Gast aufgenommen hat!“ — „Soll ich nicht fröhlich seyn,“ erwiederte Herku¬ les verdrießlich, weil eine fremde Frau gestorben ist?“ — „Eine fremde Frau!“ rief der Diener verwundert. „Dir mochte sie fremd seyn; uns war sie es nicht!“ — „So hat mir Admetus seinen Unfall nicht recht berichtet,“ sagte Herkules stutzend. Aber der Sklave sprach: „Nun sey du immerhin fröhlich; der Gebieter Weh geht ja nur ihre Freunde und Diener an!“ Aber Herkules hatte keine Ruhe mehr, bis er die Wahrheit erfahren hatte. „Ist's möglich?“ rief er. „Eines so herrlichen Weibes ward er beraubt, und dennoch hat er den Fremdling so gastlich aufgenommen? Trat ich doch mit geheimem Widerwillen zum Thore hinein, und nun hab' ich hier im Trauerhause das Haupt mit Kränzen geschmückt, gejubelt und getrun¬ ken! Aber sage mir, wo liegt das fromme Weib bestat¬ tet?“ — „Wenn du den geraden Weg gehst, der nach Larissa führt,“ antwortete der Sklave, „so siehst du das schmucke Todtenmaal, das ihr schon aufgerichtet ist.“ Mit diesen Worten verließ der Diener weinend den Fremdling. Alleingelassen brach Herkules in keine Klagen aus, sondern der Held hatte schnell einen Entschluß gefaßt. „Ret¬ ten muß ich,“ sprach er zu sich selbst, „diese Gestorbene, sie wieder einführen in das Haus des Gatten; anders kann ich seine Gunst nicht würdig vergelten. Ich gehe an das Grabmal; dort harre ich des Thanatos , des Todtenbeherrschers. Ich finde ihn wohl, wie er kommt, das Opferblut zu trinken, das ihm über dem Denkmal der Verstorbenen gespendet wird. Dann springe ich aus meinem Hinterhalte hervor, ergreife ihn schnell, umschlinge ihn mit den Händen, und keine Macht auf Erden soll ihn mir entreißen, ehe er mir seine Beute überläßt.“ Mit diesem Vor¬ satze verließ er in aller Stille den Pallast des Königs. Admetus war in sein verödetes Haus zurückgekehrt und trauerte mit seinen verlassenen Kindern in schmerz¬ licher Sehnsucht nach der geopferten Gattin, und kein Trost getreuer Diener vermochte seinen Kummer zu lin¬ dern. Da betrat sein Gastfreund Herkules die Schwelle wieder, ein verschleiertes Weib an der Hand führend. „Du hast nicht wohl daran gethan, o König,“ sagte er, „mir den Tod deiner Gattin zu verhehlen; du nahmst mich in dein Haus auf, als ob nur fremdes Leiden dich bekümmer¬ te; so habe ich unwissend groß Unrecht gethan, und im Unglückshause fröhliches Trankopfer ausgegossen. Doch will ich dich in deinem Ungemache nicht noch weiter be¬ trüben. Höre jedoch, warum ich noch einmal gekommen bin. Diese Jungfrau hier habe ich als Siegeslohn bei einem Kampfspiele empfangen. Nun gehe ich hin, den König der Bistonier in Thracien zu bekriegen. Bis ich diesen Zug vollbracht habe, übergebe ich dir die Jungfrau als Dienerin, sorge du für sie als das Eigenthum ei¬ nes Freundes.“ Admetus erschrak, als er den Herkules so sprechen hörte. „Nicht, weil ich den Freund verachtet oder verkannt hätte,“ erwiederte er, „habe ich dir meiner Gattin Tod verborgen, sondern um mir nicht noch mehr Leiden da¬ durch zu bereiten, daß ich dich in eines anderen Freundes Haus davon ziehen ließe. Dieses Weib aber, Herr, bitte ich dich, einem andern Bewohner von Pherä zuzuführen, nicht mir, der ich so viel gelitten habe. Hast du ja doch genug Gastfreunde in dieser Stadt. Wie könnte ich ohne Thränen diese Jungfrau in meinem Hause er¬ blicken? Den Männeraufenhalt könnte ich ihr nicht zur Wohnung geben, und sollte ich ihr die Gemä¬ cher der verstorbenen Gattin einräumen? Das sey ferne! Ich fürchte die üble Nachrede der Pheräer, ich fürchte auch den Tadel der Entschlafenen!“ So sprach abweh¬ rend der König, aber ein wunderbares Sehnen zog seine Blicke doch wieder auf die tief verschleierte Gestalt. „Wer du auch seyest, o Weib,“ sagte er seufzend, „wisse, daß du an Größe und Gestalt wundersam meiner Alcestis gleichest. Bei den Göttern beschwöre ich dich, Herkules, führe mir diese Frau aus den Augen, und quäle den Ge¬ quälten nicht noch mehr; denn wenn ich sie erblicke, wähne ich mein verstorbenes Gemahl zu sehen, ein Strom von Thrä¬ nen bricht aus meinen Augen, und aufs Neue versinke ich in Kümmerniß.“ Herkules unterdrückte sein wahres Gefühl und antwortete betrübt: „O wäre mir von Jupiter die Macht verliehen, dir dein heldenmüthiges Weib aus dem Schat¬ tenreich ans Licht zurückzuführen, und dir für deine Güte solche Gunst zu erweisen!“ „Ich weiß, du thätest es,“ erwiederte Admet, „wann aber kehrte je ein Todter aus dem Schattenreiche zurück?“ „Nun,“ fuhr Herkules lebhafter fort, „weil dieß nicht geschehen kann, so gestatte der Zeit, deinen Kummer zu lindern, den Todten geschieht doch kein Gefallen mit deiner Trauer. Verbanne auch den Gedanken nicht ganz, daß eine zweite Gattin dir einst noch das Leben erheitern kann. Endlich, mir zu Liebe nimm das edle Mädchen, das ich dir hier bringe, in dein Haus auf. Versuch es wenigstens; sobald es dir nicht frommen sollte, soll sie dein Haus wieder verlassen!“ Admet sah sich von dem Gaste, den er nicht beleidigen wollte, bedrängt; er befahl, jedoch nur ungerne, daß die Diener das Weib in die innern Gemächer geleiten sollten. Aber Herkules gab dieses nicht zu. „Vertraue, sprach er, mein Kleinod keinen Sklavenhänden, o Fürst! Du selbst, wenn es dir gefällt, sollst sie hinein führen!“ „Nein,“ sprach Admet, „ich berühre sie nicht, ich würde schon so das Wort, das ich der geliebten Todten gegeben habe, zu verletzen glauben. Eingehen möge sie, aber ohne mich!“ Doch Herkules ruhte nicht, bis er die Hand der Ver¬ schleierten ergriffen hatte. „Nun dann,“ sagte Herkules freudig, „so bewahre sie; blicke die Jungfrau auch recht an, ob sie wirklich deinem Ehegemahl gleicht, und ende deinen Gram!“ Damit enthüllte er die Verschleierte und gab dem in Staunen zweifelnden König seine wiederbelebte Gemahlin zu schauen. Während er selbst, wie leblos, die Lebende an der Hand hielt und sich mit Furcht und Zittern an ihrem Anblicke weidete, erzählte ihm der Halbgott, wie er den Thanatos am Grabeshügel ergriffen und seine Beute ihm abgerungen habe. Da sank Admetus in die Arme seines Weibes. Aber diese blieb sprachlos und durfte seinen zärtlichen Ausruf nicht erwiedern. „Du wirst,“ belehrte ihn Herkules, „ihre Stimme nicht wieder vernehmen, als bis die Todtenweihe von ihr genommen und der dritte Tag erschienen ist. Doch führe sie getrost hinein in dein Gemach und freue dich ihres Besitzes. Er ist dir zu Theil geworden, weil du an Fremdlingen so edle Gastfreundschaft geübt hast! Mich aber laß mei¬ nem Geschicke nachziehen!“ „So zeuch in Frieden, Held!“ rief Admetus dem Scheidenden nach. „Du hast mich in ein besseres Leben zurückgeführt; glaube mir, daß ich meine Seligkeit dankbar erkenne! Alle Bürger meines Königreichs sollen mir Chortänze aufführen helfen, und Opferduft entsteige den Altären! Dabei wollen wir dein, o du mächtiger Jovissohn, in Dank und Liebe ge¬ denken!“ Herkules im Dienste der Omphale . Der Mord des Iphitus, obgleich im Wahnsinne ver¬ übt, lag schwer auf Herkules. Er wanderte von einem Priesterkönige zum andern, um sich reinigen zu lassen; erst zum Könige Peleus von Pylos, dann zu Hippokoon, König von Sparta: aber beide weigerten sich dessen; der dritte endlich, Deiphobus, ein König zu Amyklä, über¬ nahm es, ihn zu entsühnen. Nichtsdestoweniger schlugen ihn die Götter zur Strafe der Unthat mit einer schweren Krankheit. Der Held, sonst von Kraft und Gesundheit strotzend, konnte das plötzliche Siechthum nicht ertragen. Er wandte sich nach Delphi und hoffte bei dem pythischen Orakel Genesung zu finden. Aber die Priesterin verwei¬ gerte ihm, als einem Mörder, ihren Spruch. Da raubte er im Heldenzorn den Dreifuß, trug ihn hinaus aufs Feld und errichtete ein eigenes Orakel. Erbost über diesen kühnen Eingriff in seine Rechte, erschien Apollo und forderte den Halbgott zum Kampfe heraus. Aber Jupiter wollte auch dießmal kein Bruderblut fließen sehen; er schlichtete den Kampf, indem er einen Donnerkeil zwischen die Streitenden warf. Jetzt erhielt endlich Her¬ kules einen Orakelspruch, welchem zufolge er von seinem Uebel frei werden sollte, wenn er zu dreijährigem Knechts¬ dienste verkauft würde, das Handgeld aber, als Sühne, dem Vater gäbe, dem er den Sohn erschlagen. Herku¬ les, von Krankheit überwältigt, fügte sich in diesen harten Spruch. Er schiffte sich mit einigen Freunden nach Asien ein und wurde dort von einem derselben mit seiner Ein¬ willigung als Sklave verkauft an Omphale, die Toch¬ ter des Jardanes, die Königin des damaligen Maeoniens, was später Lydien hieß. Den Kaufpreis brachte der Verkäufer, dem Orakel gemäß, dem Eurytus, und als dieser das Geld zurückwies, übergab er es den Kindern des erschlagenen Iphitus. Jetzt wurde Herkules wieder gesund. Im Vollgefühle der wieder gewonnenen Körper¬ kraft zeigte er sich anfangs auch als Sklave der Om¬ phale noch als Held, und fuhr fort, in seinem Berufe als ein Wohlthäter der Menschheit zu wirken. Er züch¬ tigte alle Räuber, welche das Gebiet seiner Herrin und der Nachbarn beunruhigten. Die Cerkopen, die in der Gegend von Ephesus hausten und durch Plünderung viel Schaden anrichteten, wurden von ihm theils erschlagen, theils gebunden der Omphale überliefert. Den König Eyleus in Aulis, einen Sohn des Neptunus, der die rei¬ senden Fremden auffing und sie zwang, ihm die Weinberge zu hacken, erschlug er mit dem Spaten, und grub seine Weinstöcke mit den Wurzeln aus. Den Itonen, die wie¬ derholt ins Land der Omphale einfielen, zerstörte er ihre Stadt von Grund aus, und machte sämmtliche Einwohner zu Sklaven. In Lydien trieb damals Lytierses, ein unächter Sohn des Midas, sein Wesen. Er war ein reichbegüterter Mann und lud alle Fremde, die bei seinem Sitze vorüber reisten, höflich zu Gaste. Nach dem Mahle zwang er sie mit ihm in seine Aernte zu gehen und des Abends schlug er ihnen die Köpfe ab. Auch diesen Ty¬ rannen brachte Herkules um und warf ihn in den Fluß Mäander. Einmal fuhr er auf einem dieser Züge an der Insel Doliche an, und sah hier einen Leichnam, von den Wellen herangespült, am Gestade liegen. Es war die Leiche des unglücklichen Icarus, der mit den wachs¬ gefügten Flügeln seines Vaters auf der Flucht aus dem Labyrinthe zu Kreta der Sonne zu nahe gekommen und in das Meer gefallen war. Mitleidig begrub Herkules den Verunglückten und gab der Insel, ihm zu Ehren, den Namen Icaria. Für diesen Dienst errichtete der Vater des Icarus, der kunstreiche Dädalus, das wohlgetroffene Bildniß des Herkules zu Pisa. Der Held selbst aber, als er einst dorthin kam, hielt das Bild, von der Dunkel¬ heit der Nacht getäuscht, für belebt. Seine eigene Hel¬ dengebärde erschien ihm als das Drohen eines Feindes, er griff zu einem Steine und zerschmetterte so das schöne Denkmal, das seiner Barmherzigkeit vom Freunde gesetzt worden war. In die Zeit seiner Knechtschaft bei Om¬ phale fiel auch die Theilnahme des Helden an der Jagd des calydonischen Ebers. Omphale bewunderte die Tapferkeit ihres Knechts, und mochte wohl ahnen, daß ein herrlicher, weltberühm¬ ter Held ihr Sclave sey. Nachdem sie erfahren, daß er Herkules, der große Sohn Jupiters, sey, gab sie ihm nicht nur in Anerkenntniß seiner Verdienste die Freiheit wieder, sondern sie vermählte sich auch mit ihm. Aber Her¬ kules vergaß hier im üppigen Leben des Morgenlandes der Lehren, die ihm die Tugend am Scheidewege seines Ju¬ gendlebens gegeben, er versank in weibische Wollust. Da¬ durch gerieth er bei seiner Gemahlin Omphale selbst in Verachtung: sie kleidete sich in die Löwenhaut des Helden, ihm selbst aber ließ sie weichliche lydische Weiberkleider an¬ legen, und brachte ihn in seiner blinden Liebe so weit, daß er, zu ihren Füßen sitzend, Wolle spann. Der Nacken, dem einst bei Atlas der Himmel eine leichte Last gewesen war, trug jetzt ein goldenes Weiberhalsband, die nervigen Heldenarme umspannten Armbänder, mit Juwelen besetzt, sein Haar quoll ungeschoren unter einer Mitra hervor; langes Frauengewand wallte über die Heldenglieder her¬ ab. So saß er, den Wocken vor sich, unter andern jo¬ nischen Mägden, spann mit seinen knochigen Fingern den dicken Faden ab, und fürchtete das Schelten seiner Her¬ rin, wenn er sein Tagewerk nicht vollständig geliefert. War sie aber guter Laune, so mußte der Mann in Wei¬ bertracht ihr und ihren Frauen die Thaten seiner Helden¬ jugend erzählen, wie er die Schlangen mit der Knabenhand erdrückt, wie den Riesen Geryones als Jüngling erlegt, wie der Hyder den unsterblichen Kopf abgeschlagen, wie den Höllenhund aus dem Rachen des Hades heraufgezogen. An diesen Thaten ergötzten sich dann die Weiber, wie man an Ammenmährchen seine Freude hat. Endlich, als seine Dienstjahre bei Omphale vorüber waren, erwachte Herkules aus seiner Verblendung. Mit Abscheu schüttelte er die Weiberkleider ab, und es kostete ihn nur das Wollen eines Augenblicks, so war er wieder der krafterfüllte Jovissohn voll von Heldenentschlüssen. Das Erste, was er, der Freiheit zurückgegeben, beschloß, war, an seinen Feinden Rache zu nehmen. Die späteren Heldenthaten des Herkules. Vor allen Dingen machte er sich auf den Weg, den gewaltthätigen und eigenmächtigen König Laomedon, den Erbauer und Beherrscher Troja's, zu züchtigen. Denn als Herkules, von dem Amazonenkampfe zurückkehrend, die von dem Drachen bedrohte Tochter dieses Fürsten, Hesione, befreit hatte, hielt ihm der wortbrüchige Laomedon den versprochenen Lohn, die schnellen Marspferde, zurück, und ließ ihn scheltend weiter ziehen. Jetzt nahm Herkules nicht mehr als sechs Schiffe und nur eine geringe Menge Kriegsvolkes mit sich. Aber unter diesen waren die ersten Helden Griechenlands, Peleus, Okleus, Telamon. Zu dem Letztern war Herkules in seine Löwenhaut gekleidet gekommen, und hatte ihn eben beim Schmause getroffen. Telamon erhob sich vom Tische, und reichte dem will¬ kommenen Gast eine goldne Schale voll Weines, hieß ihn sitzen und trinken. Freudig bewegt von solcher Gast¬ freundschaft, hub Herkules die Hände gen Himmel und betete: „Vater Jupiter, wenn du je meine Bitten gnädig erhöret hast, so flehe ich jetzt zu dir, daß du dem kinder¬ losen Telamon hier einen kühnen Sohn zum Erben ver¬ leihen mögest, so unverwundbar, wie ich es in dieser Haut des nemeischen Löwen bin. Hoher Muth soll ihm immer zur Seite seyn!“ Kaum hatte Herkules das Wort geredet, so sandte ihm der Gott den König der Vögel, einen mäch¬ tigen Adler. Dem Herkules lachte darüber das Herz im Leibe; wie ein Wahrsager rief er begeistert aus: „Ja, Tela¬ mon, du wirst den Sohn haben, den du begehrst, herrlich wird er seyn, wie dieser gebieterische Adler, und Ajax soll sein Name seyn, weithin gewaltig im Werke des Kriegsgotts.“ So sprach er, und setzte sich wieder nie¬ der zum Schmause; dann zogen sie, Telamon und Her¬ kules, vereint mit den andern Helden, in den Krieg gegen Troja. Als sie dort ans Land gestiegen, übertrug Her¬ kules die Wache bei den Schiffen dem Okleus; er selbst mit den übrigen Helden rückte gegen die Stadt vor. Inzwischen hatte Laomedon mit eilig zusammengerafftem Volke die Schiffe der Heroen überfallen und den Okleus im Kampfe getödtet; aber als er sich wieder entfernen wollte, wurde er von den Gefährten des Herkules um¬ ringt. Die Belagerung wurde unterdessen scharf betrie¬ ben; Telamon durchbrach die Mauer, und war der erste, der in die Stadt eindrang. Erst hinter ihm kam Her¬ kules. Es war das erstemal in seinem Leben, daß der Held sich in Tapferkeit von einem Andern übertroffen sah; die schwarze Eifersucht bemächtigte sich seines Geistes und ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf: er zückte das Schwert, und war im Begriffe, den vor ihm herschreitenden Telamon niederzuhauen. Dieser blick¬ te um sich, und errieth das Vorhaben des Herkules an seiner Gebärde. Schnell besonnen las er die nächst ge¬ legenen Steine zusammen, und auf des Nebenbuhlers Frage, was er hier mache, erwiederte er: „Ich baue Herkules, dem Sieger, einen Altar!“ Diese Antwort entwaffnete den eifersüchtigen Zorn des Helden. Sie kämpf¬ ten wieder gemeinsam, und Herkules erlegte den Laome¬ don sammt allen seinen Söhnen, mit Ausnahme eines einzigen, mit seinen Pfeilen. Als die Stadt erobert war, schenkte er Laomedon's Tochter Hesione seinem Freunde Telamon als Siegesbeute. Zugleich gab er ihr die Er¬ laubniß, nach eigener Wahl Einen der Gefangenen in Freiheit zu setzen. Sie wählte ihren Bruder Podarkes. „Es ist recht, er sey dein,“ sagte Herkules, „aber er muß vorher die Schmach erlitten haben, und Sclave ge¬ wesen seyn: dann magst du ihn um den Preis, den du für ihn geben willst, hinnehmen!“ Als der Knabe nun wirklich zum Sclaven verkauft war, riß Hesione ihren königlichen Schmuck vom Haupte, und gab ihn als Löse¬ geld für den Bruder hin, daher trug dieser den Namen Priamus (der Losgekaufte) davon. Von ihm wird die Sage Vieles zu erzählen haben. Juno gönnte dem Halbgotte diesen Triumph nicht. Auf der Heimfahrt von Troja begriffen, wurde er durch ihre Schickung von schweren Ungewittern überfallen, bis der ergrimmte Zeus ihrem Schalten Einhalt that. Nach mancherlei Abentheuern beschloß der Held eine zweite Rache am König Augias zu nehmen, der ihm auch einst den versprochenen Lohn vorenthalten hatte, nahm seine Stadt Elis ein, und tödtete ihn mit sammt seinen Söhnen. Dem Phyleus aber, der einst wegen seiner Freundschaft für Herkules vertrieben worden war, übergab er das Königreich Elis. Nach diesem Siege setzte Herkules die olympischen Spiele ein, und weihte ihrem ersten Stifter, Pelops, einen Altar, auch den zwölf Göttern Altäre, je zweien Einen. Damals soll selbst Jupiter in Menschen¬ gestalt mit Herkules gerungen, und, überwunden, sei¬ nem Sohn zur Götterstärke Glück gewünscht haben. Dann zog Herkules gegen Pylus und den König Pe¬ teus, der ihm einst die Entsündigung verweigert hatte; er überfiel seine Stadt, und machte ihn mit zehn seiner Söhne nieder. Nur der junge Nestor , der in der Ferne bei den Gereniern erzogen wurde, blieb verschont. In dieser Schlacht verwundete Herkules selbst den Gott der Unterwelt, den Hades, der den Pyliern zu Hülfe gekom¬ men war. Noch war Hippokoon von Sparta übrig zu bestra¬ fen, der zweite König, der sich nach Ermordung des Iphitus der Reinigung des Mörders entzogen hatte. Auch die Söhne dieses Königs hatten den Haß des Helden auf's Neue sich zugezogen. Als er nämlich mit Oeonus, seinem Vetter und Freunde, nach Sparta gekommen war, fiel Jenen, der den Pallast des Hippokoon betrachtete, ein großer molossischer Schäferhund an. Oeonus be¬ grüßte ihn mit einem Steinwurfe. Da rannten die Söhne des Königs hervor und schlugen den Fremdling mit Knüp¬ peln todt. Um nun auch seines Freundes Tod zu rächen, versammelte Herkules ein Heer gegen Sparta; auf dem Marsche durch Arkadien lud er auch den König Cepheus mit seinen zwanzig Söhnen zum Kampfe ein. Dieser fürchtete jedoch einen Einfall von seinen Nachbarn, den Argivern, und lehnte es anfangs ab, mitzuziehen. Aber Herkules hatte von Minerva in einer ehernen Urne eine Locke des Medusenhaupts erhalten. Diese übergab er der Tochter des Cepheus, Sterope, und sprach: „Wenn das Heer der Argiver anrückt, so darfst du nur diese Locke, ohne auf sie hinzublicken, dreimal über die Stadtmauern emporhalten: dann werden eure Feinde die Flucht ergrei¬ fen!“ Als Cepheus Solches hörte, ließ er sich bewegen, mit allen seinen Söhnen auszuziehen. Die Argiver wurden auch glücklich von seiner Tochter abgetrieben; ihm selbst aber schlug der Feldzug zum Unheil aus: er wurde mit allen seinen Söhnen erschlagen, und außer diesen auch der Bruder des Herkules, Iphiklus. Herkules selbst aber eroberte Sparta und nachdem er den Hippokoon und seine Söhne getödtet, führte er den Tyndareus, den Vater der Dioskuren Castor und Pollux, zurück, und setzte ihn wieder auf den Thron, behielt sich aber das eroberte Reich, das er ihm übergab, für seine Nachkommen vor. Herkules und Deïanira. Nachdem der Heros noch mancherlei Thaten im Pe¬ loponnes verrichtet, kam er nach Aetolien und Kalydon zum Könige Oeneus, der eine wunderschöne Tochter, Deïanira mit Namen, hatte. Diese erlitt mehr als ir¬ gend ein andres Aetolerweib bittere Noth durch eine sehr lästige Brautbewerbung. Sie lebte anfangs zu Pleuron, einer andern Hauptstadt ihres väterlichen Reichs. Dort hatte sich ein Fluß, Achelous genannt, als Freier einge¬ funden, und, in drei Gestalten verwandelt, erbat er sie von ihrem Vater. Das einemal kam er in einen leib¬ haftigen Stier verzaubert, das andremal als schillernder gewundener Drache, endlich zwar in Menschengestalt, aber mit einem Stierhaupte, dem vom zottigen Kinne her¬ nieder frische Quellbäche strömten. Deïanira konnte einem so entsetzlichen Freier nicht ohne tiefe Bekümmerniß entge¬ gensehen; sie flehte zu den Göttern inbrünstig um ihren Tod. Lange hatte sie dem Bewerber widerstrebt, aber dieser wurde immer dringender, und ihr Vater zeigte sich nicht abgeneigt, sie dem Stromgotte von uraltem Götter¬ adel zu überlassen. Da erschien, wenn auch spät, doch immer noch zu rechter Zeit, als zweiter Freier Herkules, dem sein Freund Meleager von der hohen Schönheit dieser Kö¬ nigstochter erzählt hatte. Er kam mit der Vorahnung, daß er die liebliche Jungfrau nicht ohne heißen Kampf gewinnen würde, daher war er streitbar ausgerüstet, wie wenn er sonst in Fehden zog. Wie er auf den Pallast zu wandelte, flatterte ihm die Löwenhaut im Winde vom Rücken, sein Köcher hallte von Wurfpfeilen, und er schwang in der Luft prüfend die Keule. Als der gehörnte Stromgott ihn kommen sah, quollen die Adern seines Stierhauptes auf und er versuchte sein Horn im Stoße. Der König Oe¬ neus, wie er beide so kampflustig und furchtbar mit ihrer Werbung vor sich stehen sah, wollte keinen der mächtigen Liebhaber durch eine abschlägige Antwort beleidigen, und versprach seine Tochter demjenigen zum Weibe zu geben, der den andern im Kampf überwinden würde. Bald begann auch vor den Augen des Königs, der Königin und ihrer Tochter Deïanira der wüthende Zwei¬ kampf. Von der Faust des Herkules, von seinem Bogen klang es, aber mitten durch Streich und Schuß fuhr, lange unverwundet, das gewaltige Stierhaupt des Strom¬ gottes und suchte den Gegner mit den tödtlichen Stößen seiner Hörner auf. Endlich wurde das Gefecht zum Ring¬ kampfe, Arm verschlang sich mit Arm, Fuß in Fuß, der Schweiß strömte den Ringern von Haupt und Gliedern, beide stöhnten laut unter übermenschlicher Anstrengung. Zuletzt bekam der Sohn Jupiters die Oberhand und warf den starken Flußgott zu Boden. Dieser verwan¬ delte sich sofort in eine Schlange; aber Herkules, der mit Schlangen längst zu handthieren verstand, faßte sie und hätte sie erdrückt, wenn nicht Achelous plötzlich zu einer andern Verwandlung schreitend die Gestalt eines Stieres Schwab, das klass. Alterthum. I. 17 angenommen hätte. Doch Herkules ließ sich nicht irre machen, er ergriff das Unthier an einem Horne und stürzte es mit solcher Macht zur Erde, daß das ergriffene Horn abbrach. Nun erkannte sich der Stromgott für überwunden, und überließ dem Sieger die Braut. Achelous, der vor Zeiten von der Nymphe Amalthea das Horn des Ueber¬ flusses, mit Obst aller Art, Granatäpfeln und Trauben angefüllt, erhalten hatte, tauschte gegen dieses Horn das eigene, das ihm Herkules abgebrochen hatte, wieder ein. Die Vermählung des Helden brachte in seiner Lebens¬ weise keine Veränderung hervor, er eilte, wie zuvor, von Abentheuer zu Abentheuer, und als er wieder bei seiner Gattin und ihrem Vater zu Hause war, nöthigte ihn der unvorsätzliche Todtschlag eines Knaben, der ihm bei der Mahlzeit das Wasser zum Händewaschen reichen sollte, aber¬ mals zur Flucht, auf welcher ihn seine junge Gemahlin und sein kleiner Sohn Hyllus, den sie ihm geboren hatte, begleitete. Herkules und Uessus. Die Reise ging nach Kalydon, zu dem Freunde des Helden, Ceyr. Es war die verhängnißvollste, die Her¬ kules je unternommen hatte. Als er nämlich am Flusse Evenus angelangt war, fand er dort den Centauren Nessus, der für Lohn die Reisenden auf seinen Händen über den Fluß zu setzen pflegte und dieses Vorrecht von den Göttern seiner Ehrlichkeit wegen erhalten zu haben behauptete. Herkules selbst bedurfte nun freilich seiner nicht; er durchschritt den Fluß mit mächtigen Schritten, ohne fremde Beihülfe. Deaniren aber überließ er zum Hinüberschaffen dem Nessus, der ihn um den gewohnten Lohn ansprach; der Centaur nahm die Gemahlin des Her¬ kules auf die Schulter und trug sie rüstig durch das Wasser. Mitten in der Fuhrt aber, durch die Schönheit des Weibes bethört, wagte er es, sie mit schnöder Hand anzurühren. Herkules, der am Ufer war, hörte den Hül¬ feruf seiner Frau und wendete sich schnell um. Als er sie in der Gewalt des rauhbehaarten Halbmenschen sah, besann er sich nicht lange, holte aus seinem Köcher ei¬ nen beflügelten Pfeil hervor, und schoß den Nessus, der mit seiner Beute eben ans Ufer emporstieg, durch den Rücken, so daß das Geschoß zur Brust wieder heraus¬ ging. Deïanira hatte sich den Armen des zu Boden Sinkenden entwunden, und wollte ihrem Gatten zueilen, als der Sterbende, der noch im Tod auf Rache sann, sie zurückrief und die trügerischen Worte sprach: „Höre mich, Tochter des Oeneus! Weil du die letzte bist, die ich getragen habe, so sollst du auch noch einen Vortheil von meinem Dienste haben, wenn du mir folgen willst! Fasse das frische Blut auf, das mir aus der Todes¬ wunde quoll, und jetzt da, wo der Pfeil, vom Geifer der lernäischen Schlange vergiftet, mir im Leibe steckt, ganz verdickt und leicht zu sammeln ringsum steht, so wird es dir zu einem Zauber für das Gemüth deines Gatten dienen; färbst du damit sein Unterkleid, so wird er niemals ein anderes Weib, das ihm je vorkommt, mehr lieben, denn dich allein!“ Nachdem er Deïaniren dieses tückische Vermächtniß hinterlassen, verschied er augenblick¬ lich an der vergifteten Wunde Deïanira, obgleich sie an der Liebe ihres Gatten nicht zweifelte, that doch nach seiner Vorschrift, sammelte das verdickte Blut in ein Ge¬ 17 * fäß, das sie bei der Hand hatte, und bewahrte es ohne Wissen des Herkules auf, der zu ferne stand, um zu sehen was sie that. Sie kamen darauf nach einigen andern Abentheuern miteinander glücklich zu Ceyr, dem Könige von Trachin, und ließen sich mit ihren Begleitern aus Arkadien, die dem Herkules überall hin folgten, dort häus¬ lich nieder. Herkules, Jole und Deïanira. Sein Ende. Die letzte Fehde, die Herkules bestand, war sein Feldzug gegen Eurytus, den König von Oechalia, gegen welchen er einen alten Groll hegte, weil derselbe ihm seine Tochter Jole verweigert hatte. Er versammelte ein großes Heer von Griechen, und zog nach Euböa, den Eurytus und seine Söhne in ihrer Stadt Oechalia zu be¬ lagern. Der Sieg folgte ihm: die hohe Burg wurde in den Staub geworfen, der König mit seinen drei Söhnen er¬ schlagen, die Stadt vertilgt. Jole, noch immer jung und schön, wurde die Gefangene des Herkules. Derweil hatte Deïanira in Sorgen zu Hause auf Nachricht von ihrem Gatten geharrt. Endlich jauchzte im Pallaste Freudengeschrei empor. Ein Bote kam heran¬ gesprengt; „dein Gemahl, o Fürstin, lebt“ — so meldete er der ängstlich auf seine Botschaft horchenden — „naht in Siegesruhm und führt jetzt eben die Erstlinge des Kampfes den heimathlichen Göttern zu. Sein Diener Lichas, den er hinter mir her gesendet hat, verkündet auf offener Wiese dem Volke den Sieg. Seine eigene An¬ kunft verzögert sich nur dadurch, daß er auf Euböa's Vorgebirge Cenäum dem Jupiter das schuldige Dankopfer darzubringen sich anschickt.“ Bald erschien der Abgeord¬ nete des Helden, Lichas, und in seinem Geleite die Ge¬ fangenen. „Heil dir, Gemahlin meines Herrn,“ sprach er zu Deïanira, „die Himmlischen lieben den Frevel nicht; Herkules gerechte Sache ist gesegnet worden; die üppigen Prahler mit ihrem verruchten Munde sind alle in den Hades hinabgeeilt, die Stadt ist in Knechtschaft. Doch der Gefangenen, die wir hier bringen, sollst du schonen, läßt dein Gemahl dir sagen, vor allem der unglücklichen Jungfrau, die sich hier vor deine Füße wirft.“ Deïa¬ nira heftete einen Blick voll tiefen Mitleids auf das schöne, jugendliche Mädchen, das von Gestalt und Auge lieblich glänzte, erhob sie vom Boden, und sprach: „Ja ihr Lieben, herbes Mitgefühl hat mich gefaßt, so oft ich Unglückselige heimatlos durch fremde Landschaft herum¬ geschleppt, und Freigeborne Sclavenloos dulden sah. Zeus Ueberwinder, mögest du nie deinen Arm so gegen mein Haus erheben! Aber wer bist du, jammervolles Mägdlein? du scheinst unvermählt, und von hohem Stamme! Sage mir, Lichas, wer sind die Eltern dieser Jungfrau?“ — „Wie weiß ich das? Weswegen fragst du dieß?“ antwortete der Abgesandte mit verstelltem Sinne und seine Miene verrieth ein Geheimniß. „Sie ist,“ fuhr er nach einigem Zögern fort, „gewiß aus keinem der niedrigsten Häuser Oechalia's.“ Da das arme Mädchen selbst nur seufzte und schwieg, so forschte Deïanira auch nicht weiter, sondern befahl sie in das Haus zu führen, und dort auf das Schonendste zu behandeln. Während Lichas diesem Befehl Folge leistete, trat der zuerst angekommene Bote seiner Ge¬ bieterin näher, und sobald er sich unbelauscht wußte, flüsterte er ihr die Worte zu: „Traue dem Abgesandten deines Ge¬ mahls nicht, Deïanira. Er verbirgt dir die Wahrheit. Aus seinem eigenen Munde habe ich mitten auf dem Marktplatze von Trachin, in vieler Zeugen Gegenwart, gehört, daß dein Gatte Herkules ganz allein um dieser Jungfrau willen die hohe Burg Oechalia's niedergeworfen hat. Es ist Iole, die Tochter des Eurytus, die du auf¬ genommen hast, von deren Liebe Herkules entbrannt war, ehe er dich kennen gelernt hat. Nicht als deine Sclavin, sondern als deine Nebenbuhlerin, als Nebenweib ist sie in dein Haus gekommen!“ Ueber dieser Mittheilung brach Deïanira in laute Wehklagen aus. Doch faßte sie sich bald wieder, und rief den Diener ihres Gatten, Lichas selbst, herbei. Dieser schwur anfangs beim höchsten Zeus, daß er ihr die Wahrheit gesagt habe, und ihm unbe¬ wußt sey, wer die Eltern der Jungfrau wären. Lange beharrte er bei dieser Lüge. Deïanira aber beschwor ihn, des höchsten Jupiter nicht länger zu spotten. „Wäre es auch möglich, daß ich meinem Gatten seiner Untreue wegen abhold würde,“ sagte sie zu ihm weinend, „so bin ich nicht so unedler Gesinnung, daß ich dieser Jung¬ frau zürne, die mir nie einen Schimpf angethan hat. Nur mit Mitleiden schaue ich sie an, denn ihr hat die Schönheit all ihr Lebensglück zertrümmert, ja ihr ganzes Geburtsland in Knechtschaft gestürzt!“ Als Lichas sie so menschlich reden hörte, gestand er Alles. Hierauf entließ ihn Deïanira ohne Vorwurf und befahl ihm nur so lange zu warten, bis sie für die reiche Schaar von Gefangenen, die der Gemahl ihr zugesendet, und zur Verfügung ge¬ stellt hatte, diesem eine Gegengabe gerüstet hatte. Fern vom Feuer, unberührt vom Strahle des Lich¬ tes hatte Deïanira, der Vorschrift des tückischen Centauren gemäß, die Salbe, die sie vom giftigen Blute seiner Pfeil¬ wunde gesammelt, am verborgenen Orte bewahrt. An dieses Zaubermittel, das sie, unerfahren in den Ränken, welche Rache spinnt, für ganz unschädlich hielt, und das ihr nur das Herz und die Treue des Gatten wieder ge¬ winnen sollte, dachte nun die gedrängte Fürstin zum er¬ stenmale wieder, seit sie es sorgsam verhüllt im Schranke geborgen. Jetzt galt es zu handeln. Sie schlich sich da¬ her in das Gemach, und färbte mit einer Flocke von weißem Lämmerfließe, welche sie mit der Sälbe getränkt hatte, im Verborgenen ein köstliches Unterkleid, das für Herkules bestimmt war. Sorgfältig hütete sie während dieser Arbeit Flocke und Gewand vor dem Sonnenstrahl, und schloß das blutroth gefärbte Kleid, schön zusammen¬ gefaltet, in ein Kästchen ein. Als dieß geschehen war, warf sie die Wolle, die zu nichts mehr dienlich, auf die Erde, ging und überreichte dem herbeigerufenen Lichas das für ihren Gemahl bestimmte Geschenk. „Bring' mei¬ nem Gemahl,“ sprach sie, „dieses schöngewobene Leibgewand, meiner eigenen Hände Werk. Kein andrer soll es tra¬ gen, als er selbst, auch soll er das Kleid nicht dem Feuerherde oder dem Sonnenglanz aussetzen, bevor er es, am feierlichen Opfertage damit geschmückt, den Göt¬ tern gezeigt hat. Denn dieses Gelübde habe ich gethan, wenn ich ihn je siegreich zurückkehren sehen würde. Daß du ihm wirklich meine Botschaft bringest, soll er an diesem Siegelringe erkennen, den ich dir für ihn anvertraue.“ Lichas versprach alles auszurichten, wie die Herrin be¬ fohlen; er verweilte keinen Augenblick länger im Pallast, sondern eilte mit der Gabe nach Euböa, um den opfern¬ den Herrn nicht länger ohne Kunde von der Heimath zu lassen. Einige Tage vergingen, und der älteste Sohn des Herkules und der Deïanira, Hyllus, war seinem Vater entgegengeeilt, um ihm die Ungeduld der harren¬ den Mutter zu schildern und ihn zu beschleunigter Heimkehr zu bewegen. Inzwischen hatte Deïanira zufällig das Ge¬ mach wieder betreten, wo das Zaubergewand von ihr ge¬ färbt worden war. Sie fand die Wollenflocke auf dem Boden liegen, wie sie dieselbe unachtsam hingeworfen, dem Son¬ nenstrahl ausgesetzt und von ihm durchwärmt. Ihr An¬ blick aber entsetzte sie, denn die Wolle war wie zu Staub oder Sägspänen zusammen geschwunden und aus den Ueberbleibseln zischte ein blasenvoller, giftiger Schaum auf. Eine dunkle Ahnung ergriff die jammervolle Frau, daß sie Unglückseliges begangen habe, und in entsetzlicher Unruhe durchirrte sie seit diesem Augenblicke den Pallast. Endlich kam Hyllus zurück, aber ohne den Vater. „O Mutter,“ rief er ihr mit Abscheu zu, „ich wollte du hättest nie gelebt, oder du wärest nie meine Mutter gewesen, oder die Götter hätten dir eine andere Sinnesart gege¬ ben!“ So unruhig die Fürstin schon vorher war, so er¬ schrack sie doch noch mehr bei diesen Worten ihres Sohnes. „Kind,“ erwiederte sie ihm, „was ist denn so Gehässiges an mir?“ „Ich komme vom Vorgebirge Cenäum, Mut¬ ter,“ entgegnete ihr der Sohn mit lautem Schluchzen, „Du bist es, die mir den Vater dahingewürgt!“ Deïanira wurde todtesbleich, doch raffte sie sich zusammen und sprach: „Von wem weißest du Solches, mein Sohn, wer darf mich so entsetzlicher Unthat zeihen?“ — „Kein fremder Mund hat mich belehrt,“ fuhr der Jüngling fort, „mit ei¬ genen Augen habe ich mich von dem Jammerloose des Va¬ ters überzeugt. Ich traf ihn auf dem Vorgebirge Cenäum, wo er eben dem Ueberwinder Zeus auf vielen Dank¬ altären zugleich Brandopfer schlachten wollte. Da erschien der Herold Lichas, sein Diener, mit deiner Gabe, deinem verfluchten, mörderischen Gewande. Deinem Auftrage folgend, legte er das Unterkleid sogleich an, und damit geschmückt begann die Opferung zwölf stattlicher Stiere. Anfangs betete der Unglückselige deines schönen Schmuckes froh, voll Heiterkeit. Plötzlich aber, als die Opferglut schon gen Himmel flammte, durchbrach ein heftiger Schweiß seine Haut, das Gewand schien, wie vom Schmied ange¬ löthet, an seinen Seiten zu kleben, und eine Zuckung fuhr durch sein ganzes Gebein. Als fräße eine Natter an seinem Leibe, schrie der Gequälte brüllend nach Lichas, dem unschuldigen Ueberbringer deines giftigen Gewandes; dieser kam und wiederholte unbefangen deinen Auftrag; der Vater aber ergriff ihn am Fuße und warf ihn an die Felsen des Meeres, daß er zerschmettert in der auf¬ spritzenden Fluth untersank. Das ganze Volk jammerte bei dieser That des Wahnsinnes auf, und niemand wagte sich dem rasenden Helden zu nähern. Dieser wälzte sich bald auf dem Boden, bald sprang er heulend wieder auf, daß rings Fels und Waldgebirge wiederhallten. Er ver¬ fluchte dich und euren Ehebund, der ihm zur Todesqual geworden. Endlich kehrte er sich zu mir und rief: „Söhn¬ lein, wenn du Mitleid mit deinem Vater empfindest, so schiffe mit mir ohne Zögerung fort, daß ich nicht im frem¬ den Lande sterbe!“ Auf dieses Verlangen legten wir den Armen in das Schiff, und unter Zuckungen brüllend ist er hier angelangt, und bald wirst du ihn lebendig oder todt vor dir sehen. Das Alles ist dein Werk, Mutter. Den allerbesten Helden hast du jämmerlich dahingemordet!“ Deïanira, ohne sich auf diese schreckliche Rede zu rechtfertigen, verließ ihren Sohn Hyllus in schweigender Verzweiflung. Das Hausgesinde, dem sie ihr Geheimniß, den Gatten sich durch des Nessus Zaubersalbe treu zu er¬ halten, früher anvertraut hatte, belehrte den Knaben, daß sein Jähzorn der Mutter Unrecht gethan. Er eilte der Unglücklichen nach, aber er kam zu spät. Sie lag im Schlafgemach todt auf dem Lager ihres Gatten ausge¬ streckt, die Brust mit einem zweischneidigen Schwerte durchbohrt. Der Sohn umarmte jammernd die Leiche, und streckte sich dann zu ihrer Seite hin, seine Unbe¬ dachtsamkeit beseufzend. Die Ankunft des Vaters im Pallaste störte ihn aus dieser kläglichen Ruhe auf. „Sohn,“ rief dieser, „Sohn, wo bist du? Zieh doch das Schwert ge¬ gen deinen Vater, durchhaue mir den Nacken, und heile so die Wuth, in welche deine gottlose Mutter mich ver¬ setzt hat! Zage nicht, sey mitleidig mit mir, mit einem Helden, der, wie ein Mägdlein, in Thränen schluch¬ zen muß!“ Dann wandte er sich verzweiflungsvoll an die Umstehenden, streckte seine Arme aus, und rief: „Kennet ihr diese Glieder, denen das Mark entsaugt ist, noch? Es sind dieselben, die den Schrecken der Hirten, den nemeischen Löwen gebändigt, die den Drachen von Lerna erwürgt, die den erymantischen Eber erlegen hal¬ fen, die den Cerberus aus der Hölle heraufgetragen! Kein Speer, kein wildes Thier des Waldes, kein Gigan¬ tenheer hat mich überwältigt; die Hand eines Weibes hat mich vertilgt! Darum, Sohn, tödte mich und strafe deine Mutter!“ Aber als Herkules aus dem Munde seines Sohnes Hyllus unter heiligen Betheurungen erfuhr, daß seine Mutter die unfreiwillige Ursache seines Unglücks gewesen, und ihre Unbedachtsamkeit mit dem Selbstmorde gebüßt habe, wandte sich auch sein Sinn vom Zorn zur Wehmuth. Er verlobte seinen Sohn Hyllus mit der gefangenen Jung¬ frau Jole, die ihm selbst so lieb gewesen war, und da ein Orakel von Delphi gekommen, daß er auf dem Berge Oeta, der zum Gebiete von Trachin gehörte, sein Leben beschließen müsse, so ließ er sich, seinen Qualen zum Trotz, auf den Gipfel dieses Berges tragen. Hier ward auf seinen Befehl ein Scheiterhaufen errichtet, auf wel¬ chem der kranke Held seinen Platz nahm. Und nun be¬ fahl er den Seinigen, den Holzstoß von unten anzuzünden. Aber Niemand wollte ihm den traurigen Liebesdienst erweisen. Endlich entschloß sich, auf die eindringliche Bitte des vor Schmerzen bis zur Verzweiflung gequälten Helden, sein Freund Philoktetes, seinen Willen zu thun. Zum Danke für diese Bereitwilligkeit reichte Herkules ihm seine unüberwindlichen Pfeile, nebst dem siegreichen Bogen. Sobald der Scheiterhaufen angezündet war, schlugen Blitze vom Himmel darein, und beschleunigten die Flammen. Da senkte sich eine Wolke herab auf den Holz¬ stoß, und trug den Unsterblichen unter Donnerschlägen zum Olymp empor. Als nun, da der Scheiterhaufen schnell zu Asche verbrannt war, Jolaus und die andern Freunde der Brandstätte sich näherten, die Ueberbleibsel des Helden zusammen zu lesen, fanden sie kein einziges Gebein mehr. Sie konnten auch nicht länger zweifeln, daß Her¬ kules, dem alten Götterspruche zu Folge, aus dem Kreise der Menschen in den der Himmlischen versetzt worden sey, brachten ihm ein Todtenopfer als einem Heros, und weih¬ ten ihn so zu einer allmählig von ganz Griechenland verehrten Gottheit ein. Im Himmel empfing den ver¬ götterten Herkules seine Freundin Minerva, und führte ihn in den Kreis der Unsterblichen. Juno selbst versöhnte sich mit ihm, nachdem er sein sterbliches Geschick vollen¬ det. Sie gab ihm ihre Tochter Hebe, die Göttin der ewigen Jugend, zur Gemahlin, und diese gebar ihm dro¬ ben im Olymp unsterbliche Kinder. Fünftes Buch . Bellerophontes. Theseus. Seine Geburt und Jugend. — Theseus in Athen. — Theseus bei Minos. — Theseus als König. — Der Amazonenkrieg. — Theseus und Pirithous. — Lapithen- und Centaurenkampf. — Theseus und Phädra. — Theseus auf Frauenraub. — Sein Ende. — Die Sage von Oedipus. Geburt, Jugend, Flucht, Vatermord. — Oedipus in Theben, heirathet seine Mutter. — Die Entdeckung. — Oedipus und Antigone. — Oedi¬ pus auf Kolonos. — Oedipus und Kreon. — Oedipus und Polynices. Bellerophontes. Sisyphus, der Sohn des Aeolus, der listigste aller Sterblichen, baute und beherrschte die herrliche Stadt Korinth auf der schmalen Erdzunge zwischen zwei Mee¬ ren und zwei Bändern. Für allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, daß er einen schweren Mar¬ morstein, mit Händen und Füßen angestemmt, von der Ebene eine Anhöhe hinaufwälzen mußte. Wenn er aber schon glaubte, ihn auf den Gipfel gedreht zu haben, so wandte sich die Last um und der tückische Stein rollte wieder in die Tiefe hinunter. So mußte der gepeinigte Verbrecher von neuem und immer von neuem wieder das Felsstück emporwälzen, daß der Angstschweiß von seinen Gliedern floß. Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Ko¬ rintherköniges Glaukus. Wegen eines unvorsätzlichen Mordes flüchtig wandte sich der Jüngling nach Tiryns, wo der Konig Prötus regierte. Von diesem wurde er gütig aufgenommen und von seinem Morde gereinigt. Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schöne Gestalt und männliche Tugenden empfangen. Deßwegen entbrannte die Gemahlin des Königes Prötus, Ant é a, in unreiner Liebe zu ihm, und wollte ihn zum Bösen ver¬ führen. Aber der edelgesinnte Bellerophontes gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich ihre Liebe in Haß: sie sann auf Lüge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Ge¬ mahl und sprach zu ihm: „Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl, wenn dich nicht selbst unrühmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose hat mir seine strafbare Neigung bekannt, und mich zur Untreue gegen dich verleiten wol¬ len.“ Als der König solches vernommen, bemächtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch den ver¬ ständigen Jüngling so lieb gehabt hatte, vermied er den Gedanken, ihn zu ermorden, denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann er auf sein Verderben. Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem Schwiegervater Jobates, dem Könige von Lycien, und gab ihm ein zusammengefaltetes Täfelchen mit, das er dem Letzteren bei seiner Ankunft in Lycien, gleichsam als einen Em¬ pfehlungsbrief, vorweisen sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink enthielten, den Ueber¬ bringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte Bellero¬ phontes dahin, aber die allwaltenden Götter nahmen ihn in ihren Schutz. Als er, über's Meer nach Asien ge¬ fahren, am schönen Strome Xanthus angekommen war und also Lycien erreicht hatte, trat er vor den König Jobates. Dieser aber, ein gütiger, gastfreundlicher Fürst nach der alten Sitte, nahm den edeln Fremdling auf, ohne zu fragen, wer er sey, noch woher er komme. Seine würdige Gestalt und sein fürstliches Benehmen genügten ihm zur Ueberzeugung, daß er keinen gemeinen Gast beher¬ berge. Er ehrte den Jüngling auf alle Weise, gab ihm alle Tage ein neues Fest und brachte den Göttern von Tag zu Tage ein neues Stieropfer. Neun Tage waren so vorübergegangen, und erst als die zehnte Morgen¬ röthe am Himmel aufstieg, fragte er den Gast nach sei¬ ner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Belle¬ rophontes, daß er von seinem Eidam Prötus komme und wies ihm als Beglaubigungsschreiben das Täfelchen vor. Als der König Jobates den Sinn der mörderischen Zeichen erkannte, erschrack er in tiefster Seele, denn er hatte den edeln Jüngling sehr lieb gewonnen. Doch mochte er nicht denken, daß sein Schwiegersohn ohne gewichtige Ursache die Todesstrafe über den Unglücklichen verhänge; glaubte also, dieser müsse durchaus ein todeswürdiges Verbrechen verübt haben. Aber auch er konnte sich nicht entschlie¬ ßen, den Menschen, der so lange sein Gast gewesen war, und durch sein ganzes Benehmen sich seine Zuneigung zu erwerben gewußt hatte, geradezu umzubringen. Er ge¬ dachte ihm deßwegen nur Kämpfe aufzutragen, in denen er nothwendig zu Grunde gehen müßte. Zuerst ließ er ihn das Ungeheuer Chimära erlegen, das Lycien verwü¬ stete, und das göttlicher, nicht menschlicher Art empor¬ gewachsen war. Der gräßliche Typhon hatte es mit der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Löwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Ziege, aus seinem Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch. Die Götter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jüngling, als sie sahen, welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem Un¬ geheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasus, das Nep¬ tunus mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Das göttliche Pferd hatte nie einen sterblichen Reiter getragen. Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen. Müde von seinen vergeblichen An¬ strengungen war der Jüngling Quell Pirene, wo er Schwab, das klass. Alterthum. I . 18 das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine Beschirmerin Minerva; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand und sprach: „Was schläfst du, Abkömmling des Aeolus? Nimm dieses rossebändigende Werkzeug; opfre dem Neptunus einen schönen Stier, und brauche des Zaums.“ So schien sie dem Helden im Traume zuzu¬ sprechen, schüttelte ihren dunkeln Aegisschild und ver¬ schwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang auf und faßte mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem er im Traume gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidus auf und erzählte ihm seinen Traum, so wie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher rieth ihm, das Begehren der Göttin ungesäumt zu erfüllen, dem Neptunus den Stier zu schlachten, und seiner Schutz¬ göttin Minerva einen Altar zu bauen. Als dieß Alles geschehen war, fing und bändigte Bellerophontes das Flü¬ gelroß ohne alle Mühe, legte ihm den goldenen Zaum an, und bestieg es in eherner Rüstung. Nun schoß er aus den Lüften herab, und tödtete die Chimära mit sei¬ nen Pfeilen. Hierauf schickte ihn Jobates gegen das Volk der Solymer aus, ein streitbares Männergeschlecht, das an den Gränzen von Lycien wohnte, und nachdem er wider Erwarten den härtesten Kampf mit diesen glücklich bestanden, so wurde er von dem Könige gegen die männergleiche Schaar der Amazonen gesandt. Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich zurück. Nun legte ihm der König, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich nachzukommen, eben auf diesem Rückwege einen Hinterhalt, wozu er die tapfersten Männer des Lycischen Landes ausersehen hatte. Aber keiner von ihnen kehrte zurück, denn Bellerophontes vertilgte Alle, die ihn über¬ fallen hatten, bis auf den letzten. Nunmehr erkannte der König, daß der Gast, den er beherbergt, kein Ver¬ brecher, sondern ein Liebling der Götter sey. Statt ihn länger zu verfolgen, hielt er ihn in seinem Königreiche zurück, theilte den Thron mit ihm, und gab ihm seine blühende Tochter Philonoe zur Gemahlin. Die Lycier überließen ihm die schönsten Aecker und Pflanzungen zum Bebauen. Seine Gemahlin gebar ihm drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Aber jetzt hatte das Glück des Bellerophontes ein Ende. Sein ältester Sohn Isander wuchs zwar auch zu einem gewaltigen Helden auf, aber er fiel in einer Schlacht gegen die Solymer. Seine Tochter Laodamia wurde, nachdem sie dem Jupiter den Helden Sarpedon geboren, durch einen Pfeil Dianens erschossen. Nur sein jüngerer Sohn Hippolochus gelangte zu ruhmvollem Al¬ ter und schickte im Kampfe der Trojaner seinen helden¬ müthigen Sohn Glaukus, den auch sein Vetter Sarpedon begleitete, mit einer stattlichen Schaar von Lyciern den Troern zu Hülfe. Bellerophontes selbst, durch den Besitz des unsterb¬ lichen Flügelrosses übermüthig gemacht, wollte sich auf demselben zum Olymp emporschwingen, und, der Sterb¬ liche, sich in die Versammlung der Unsterblichen eindrän¬ gen. Aber das göttliche Roß selbst widersetzte sich dem kühnen Unterfangen, bäumte sich in der Luft und schleu¬ derte den irdischen Reiter hinunter auf den Boden. Bel¬ lerophontes erholte sich zwar von diesem Fall, aber, den 18 * Himmlischen seitdem verhaßt und vor den Menschen sich schämend, irrte er einsam umher, vermied die Pfade der Sterblichen und verzehrte sich in einem ruhmlosen und kummervollen Alter. Theseus. Seine Geburt und Jugend. Theseus, der große Held und König von Athen, war ein Sohn des Aegeus und der Aethra, der Tochter des Königes Pittheus von Trözen. Seine väterliche Abkunft steigt zu dem Könige Erechtheus und zu jenen Athenern auf, die nach der Sage des Landes aus dem Boden desselben unmittelbar entsprossen waren. Von der Mut¬ ter Seite war Pelops, durch die Zahl seiner Kinder der mächtigste unter den Königen des Peloponneses, sein Ahnherr. Bei einem seiner Söhne, Pittheus, dem Grün¬ der der kleinen Stadt Trözen im Peloponnese, kehrte der kinderlose König Aegeus von Athen, der dort etwa zwan¬ zig Jahre vor Jasons Argonautenzug herrschte, ein, weil er sein Gastfreund war. Diesen Aegeus, den ältesten der vier Söhne des Königes Pandion, bekümmerte es schwer, daß seine Ehe mit keiner Nachkommenschaft ge¬ segnet war. Er fürchtete nämlich gar sehr die fünfzig Söhne seines Bruders Pallas, welche feindselige Absich¬ ten gegen ihn hegten und den Kinderlosen verachteten. So kam er auf den Gedanken, sich heimlich und ohne Wissen seiner Gemahlin, nocheinmal zu vermählen, der Hoffnung, er werde so einen Sohn erhalten, welcher die Stütze seines Alters und seines Reiches werden könnte. Er vertraute sich seinem Gastfreunde Pittheus und das gute Glück wollte, daß gerade diesem ein seltsames Orakel zu Theil geworden war, das ihm verkündigte, daß seine Tochter kein rühmliches Ehebündniß eingehen, aber einen berühmten Sohn gebären werde. Dieß machte den König von Trözen geneigt, dem Manne, der schon zu Hause eine Gattin hatte, seine Tochter Aethra heim¬ lich zu vermählen. Als dieses geschehen war, blieb Aegeus nur noch wenige Tage zu Trözen und reiste dann wie¬ der nach Athen zurück. Als er am Meeresufer Abschied von seiner neuvermählten Gattin nahm, legte er Schwerdt und Fußsohlen unter ein Felsstück und sprach: Wenn die Götter unserem Bunde, den ich nicht aus Leichtsinn ge¬ schlossen habe, sondern um meinem Haus und Land eine Stütze zu verschaffen, hold sind und dir einen Sohn ge¬ währen, so ziehe ihn heimlich auf und sage keinem Men¬ schen, wer sein Vater ist. Ist er so weit herangewach¬ sen, daß er im Stande ist, das Felsstück abzuwälzen, so führe ihn an diese Stelle, laß ihn Schwerdt und Schuhe hervorholen und sende ihn damit zu mir nach Athen. Aethra gebar auch wirklich einen Sohn, nannte ihn Theseus und ließ ihn unter der Fürsorge seines Gro߬ vaters Pittheus aufwachsen; den wahren Vater des The¬ seus verheimlichte sie dem Befehl ihres Gatten gemäß, und der Großvater verbreitete die Sage, daß er ein Sohn des Neptunus sey. Diesem Gott erwiesen nämlich die Trözenier besondere Ehre als dem Schutzgott ihrer Stadt, brachten ihm die Erstlinge ihrer Früchte zum Opfer und sein Dreizack war das Abzeichen von Trözen. So gab es dem Lande keinen Anstoß, wenn die Königstochter einer Leibesfrucht von dem hochgeehrten Gotte gewür¬ digt worden war. Als aber der Jüngling nicht blos zu herrlicher Körperstärke heranwuchs, sondern auch Kühn¬ heit, Einsicht und festen Sinn zeigte, da führte ihn seine Mutter Aethra zu dem Steine, unterrichtete ihn über seine wahre Herkunft, und forderte ihn auf, die Erkennungs¬ zeichen seines Vaters Aegeus hervorzuholen und nach Athen zu schiffen. Theseus stemmte sich an den Stein und schob ihn mit Leichtigkeit zurück; er band sich die Sohlen unter die Füße und das Schwerdt an die Seite. Zur See zu reisen aber weigerte er sich, obgleich Gro߬ vater und Mutter ihn inständig darum baten. Der Landweg nach Athen war nemlich damals sehr gefährlich, weil allenthalben Räuber und Bösewichter lauerten. Denn jenes Zeitalter brachte Menschen hervor, die sich zwar in Leibesstärke und Thaten der Faust unüberwind¬ lich zeigten, aber diese Vorzüge nicht zu menschenfreund¬ lichen Handlungen anwandten, sondern ihre Freude an Uebermuth und Gewaltthaten hatten und alles mißhan¬ delten oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel. Einige derselben hatte Herkules auf seinen Zügen erschlagen. Um jene Zeit aber diente dieser gerade als Sclave bei der Königin Omphale in Lydien und säu¬ berte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen die Gewaltthätigkeiten von Neuem hervor, weil niemand ihnen Einhalt that. Deßwegen war die Landreise aus dem Peloponnes nach Athen mit der größten Gefahr verbunden, und sein Großvater beschrieb dem jungen Theseus genau jeden dieser Räuber und Bösewichter, und welche Grausamkeiten sie an den Fremden zu verüben pflegten. Aber Theseus hatte sich längst den Herkules und seine Tapferkeit zum Vorbilde genommen. Als er sieben Jahre alt war, hatte dieser Held seinen Gro߬ vater Pittheus besucht, und wie derselbe mit dem Könige zu Tische saß und schmauste, durfte unter andern Kna¬ ben der Trözenier auch der kleine Theseus zuschauen. Herkules hatte bei'm Mahle seine Löwenhaut abgelegt. Die übrigen Knaben nun machten sich, als sie die Haut erblickten, auf die Flucht. Theseus aber ging ohne Furcht hinaus, nahm einem der Diener eine Axt aus der Hand und rannte damit auf die Haut los, die er für einen wirklichen Löwen hielt. Seit diesem Besuche des Herku¬ les träumte Theseus voll Bewunderung des Nachts von seinen Thaten und am Tage sann er auf nichts anderes, als wie er dereinst Aehnliches unternehmen wollte. Auch waren sie blutsverwandt, denn ihre Mütter waren Kin¬ der von Geschwistern. So konnte jetzt der sechszehn¬ jährige Theseus den Gedanken nicht ertragen, daß wäh¬ rend sein Vetter überall die Frevler aufsuche und Land und Meer von ihnen reinige, er die sich ihm darbieten¬ den Kämpfe fliehen sollte. „Was würde,“ sprach er un¬ willig, „der Gott, den man meinen Vater nennt, von die¬ ser feigen Reise im sichern Schooße seiner Gewässer den¬ ken, was würde mein wahrer Vater sagen, wenn ich ihm als Kennzeichen Schuhe ohne Staub und ein Schwerdt ohne Blut brächte?“ Diese Worte gefielen seinem Gro߬ vater, der auch ein tapferer Held gewesen war. Die Mutter gab ihm ihren Segen und Theseus ging davon. Seine Wanderung zum Vater . Der Erste, der ihm in den Weg kam, war der Stra¬ ßenräuber Periphetes, dessen Waffe eine mit Eisen be¬ schlagene Keule war, von welcher er den Beinamen Keulenschwinger führte und mit der er die Wanderer zu Boden schmetterte. Als Theseus in die Gegend von Epidaurus kam, stürzte dieser Bösewicht aus einem finstern Walde hervor und versperrte ihm den Weg. Der junge Theseus aber rief ihm wohlgemuth zu: „Elender! du kommst mir eben gelegen, deine Keule wird dem wohl anstehen, der als ein zweiter Herkules in der Welt aufzutreten gesonnen ist!“ Mit diesem Ausrufe warf er sich auf den Räuber und erschlug ihn nach einem kurzen Kampfe. Dem Ge¬ tödteten nahm er die Keule aus der Hand und trug sie als Siegeszeichen und Waffe von dannen. Einem andern Frevler begegnete er auf der Land¬ enge von Corinth; dieses war Sinnis der Fichtenbeuger, so genannt, weil er, wenn er einen Wanderer in seine Gewalt bekommen hatte, mit seinen riesenstarken Händen zwei Fichtenwipfel herunter zu beugen pflegte; an die band er seinen Gefangenen und ließ ihn von den zu¬ rückschnellenden Bäumen zerreissen. Mit der Erlegung dieses Ungeheuers weihte Theseus seine Keule ein. Sin¬ nis hatte eine sehr schöne schlanke Tochter, Perigune mit Namen, die Theseus bei der Ermordung ihres Vaters erschrocken hatte fliehen sehen und nun überall suchte. Das Mädchen hatte sich an einen dicht mit Gartenge¬ wächsen bepflanzten Ort versteckt und flehte, als verstän¬ den sie es, mit kindlicher Unschuld diese Sträuche an, indem sie ihnen unter Schwüren gelobte, sie niemals zu verletzen oder zu verbrennen, wenn dieselben sie verdecken und retten wollten. Da sie aber Theseus zurückrief, mit der Versicherung, ihr nichts zu Leide zu thun, vielmehr auf's Beste für sie zu sorgen, kam sie hervor und blieb seitdem in seinem Geleite. Er gab sie später dem Deio¬ neus, dem Sohne des Königes Eurytus von Oechalia zur Gattin. Ihre ganze Nachkommenschaft hielt den Schwur und verbrannte nie eines von den Gewächsen, welche ihre Ahnfrau geschirmt hatten. Aber nicht nur von verderblichen Menschen säuberte er den Weg, auf welchem er einherzog, auch gegen schäd¬ liche Thiere glaubte er, auch hierin dem Herkules ähnlich, den Kampf wagen zu müssen. So erlegte er denn unter anderm die Phäa, so hieß das kromyonische Schwein, welches kein gemeines Thier, sondern streitbar und schwer zu be¬ siegen war. Ueber solchen Thaten kam er an die Gränze von Megara, und stieß hier auf den Sciron, einen dritten berüchtigten Straßenräuber, der seinen Aufenthalt auf den hohen Felsen zwischen dem Megarerlande und Attika genommen hatte. Dieser pflegte aus frechem Muthwil¬ len den Fremden seine Füße vorzuhalten, mit dem Be¬ fehle sie zu waschen, und während dieß geschah, stürzte er sie mit einem Tritt in's Meer. Dieselbe Todesstrafe vollzog nun Theseus an ihm selber. Schon auf attischem Gebiete, bei der Stadt Eleusis begegnete er dem Wege¬ lagerer Cercyon; dieser forderte die Vorbeireisenden zum Ringkampfe auf und, wenn er siegte, brachte er sie um. Theseus nahm seine Ausforderung an, überwand ihn und befreite die Welt von dem Ungeheuer. Nachdem er nun eine kleine Strecke weiter gereist war, kam er zu dem lezten und grausamsten jener Straßenräuber, dem Dama¬ stes, den aber jedermann nur unter seinem Beinamen Prokrustes, d. h. der Gliedausrecker, kannte. Dieser hatte zwei Bettstellen, eine sehr kurze und eine sehr lange. Kam nun ein Fremder in sein Gehege, der klein war, so führte ihn der finstere Räuber beim Schlafengehen zur langen Bettstelle. „Wie du siehst,“ sprach er dann, „ist meine Lagerstatt für dich viel zu groß; laß dir das Bette anpassen, Freund!“ und damit reckte er ihm die Glieder so lange auseinander, bis er den Geist aufgab; kam aber ein langer Gast, so brachte er ihn zur kurzen Bett¬ stelle; und zu diesem sagte er: „es ist mir leid, Guter, daß mein Lager nicht für dich gemacht und viel zu klein ist, doch dem soll bald geholfen seyn!“ und so hieb er ihm die Füße ab, so weit sie das Bett überragten. Die¬ sen, der ein Riese von Natur war, legte er in das kleine Bett des Räubers selbst und schnitt ihm den Leib zusam¬ men, daß er jämmerlich umkam. So widerfuhr den mei¬ sten dieser Verbrecher von der Hand des Theseus nach der Weise ihres eigenen Unrechtes ihr Recht. Auf seiner ganzen bisherigen Reise war dem The¬ seus nichts Freundliches begegnet. Endlich aber, als er zum Flusse Cephissus kam, traf er auf einige Männer aus dem Geschlechte der Phytaliden, bei denen er gastfreie Aufnahme fand. Vor allen Dingen reinigten sie ihn auf seine Bitte mit den gewohnten Gebräuchen vom vergos¬ senen Blute und bewirtheten ihn in ihrem Hause. Nach¬ dem er sich gütlich gethan und den wackern Leuten seinen Dank mit herzlichen Worten bezeugt, lenkte er seine Schritte der nahen väterlichen Heimath zu. Theseus in Athen . Zu Athen fand der junge Held nicht den Frieden und die Freude, die er erwartet hatte. Bei der Bürger¬ schaft herrschte Verwirrung und Zwietracht, und das Haus seines Vaters Aegeus selbst fand er in trauriger Lage. Medea, die auf ihrem Drachenwagen Corinth und den verzweifelnden Jason verlassen hatte, war zu Athen angekommen, hatte sich in die Gunst des alten Aegeus eingeschlichen und versprochen, durch ihre Zaubermittel ihm die Kraft seiner Jugend zurückzugeben. Deswegen lebte der König mit ihr in vertrautem Verhältnisse. Durch ihren Zauber hatte das furchtbare Weib vorher Kunde von der Ankunft des Theseus erhalten und nun überre¬ dete sie den Aegeus, den der Parteizwist seiner Bürger mit Argwohn erfüllte, den Fremdling, in welchem der Greis den Sohn nicht ahnte, und den sie ihm als einen gefährlichen Späher darzustellen wußte, als Gast zu be¬ wirthen und mit Gift aus dem Wege zu räumen. So erschien denn Theseus unerkannt beim Frühmahle und freute sich den Vater selbst entdecken zu lassen, wen er vor sich habe. Schon war ihm der Giftbecher vorgesetzt, und Medea harrte mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der neue Ankömmling, von dem sie aus dem Hause vertrieben zu werden fürchtete, die ersten Züge daraus thun würde, die wirksam genug seyn sollten, ihm die jungen wachsamen Augen für immer zu schließen. Theseus aber, den mehr nach der Umarmung seines Vaters als nach dem Becher verlangte, zog, scheinbar um das vorgelegte Fleisch zu zerschneiden, das Schwert, das sein Vater für ihn un¬ ter den Felsblock hinterlegt hatte, damit Aegeus es gewahr werden und den Sohn in ihm erkennen sollte. Dieser sah nicht sobald das ihm wohlbekannte Schwerdt blinken, als er den Giftbecher umwarf, und nachdem er sich durch einige Fragen vollends überzeugt hatte, daß er den vom Schicksal ersehnten Sohn in junger Heldenblüthe vor sich habe, so schloß er ihn in seine Arme. Sofort stellte der Vater ihn der Versammlung des Volkes vor, dem er die Abentheuer seiner Reise erzählen mußte, und das den früh erprobten Helden mit freudigem Jauchzen begrüßte. Gegen die falsche Medea hatte der König Ae¬ geus jetzt einen Abscheu gefaßt, und die mordlustige Zau¬ berin wurde aus dem Lande vertrieben. Theseus bei Minos . Die erste That, die Theseus verrichtete, seitdem er als Königssohn und Erbe des attischen Throns an seines Vaters Seite lebte, war die Aufreibung der fünfzig Söhne seines Oheims Pallas, welche früher gehofft hatten, den Thron zu erlangen, wenn Aegeus ohne Kinder stürbe, und welche ergrimmt waren, daß jetzt nicht bloß ein ange¬ nommener Sohn des Pandion, wie Aegeus war, König der Athener sey, sondern daß auch in Zukunft ein herge¬ laufener Fremdling die Herrschaft über sie und das Land führen sollte. Sie griffen daher zu den Waffen und leg¬ ten dem Ankömmling einen Hinterhalt. Aber der Herold, den sie mit sich führten und der ein fremder Mann war, ver¬ rieth diesen Plan dem Theseus, der nun plötzlich ihren Hinterhalt überfiel und alle fünfzig niedermachte. Um durch diese blutige Nothwehr die Gemüther des Volkes nicht von sich abzukehren, zog hierauf Theseus auf ein gemeinnützliches Wagestück aus, bezwang den Maratho¬ nischen Stier, der den Bewohnern der attischen Stadt Tetrapolis nicht wenig Noth verursacht hatte, führte ihn zur Schau durch die Stadt, und opferte ihn endlich dem Apollo. Um diese Zeit kamen von der Insel Creta zum Drit¬ tenmal Abgeordnete des Königs Minos, um den ge¬ bräuchlichen Tribut abzuholen. Mit demselben verhielt es sich also: der Sohn des Minos, Androgeus, war, wie die Sage ging, im Attischen Gebiete durch Hinterlist ge¬ tödtet worden. Dafür hatte sein Vater die Einwohner mit einem verderblichen Kriege heimgesucht; und die Göt¬ ter selbst hatten das Land durch Dürre und Seuchen ver¬ wüstet. Da that das Orakel Apollo's den Spruch, der Zorn der Götter und die Leiden der Athener würden aufhören, wenn sie den Minos besänftigten und seine Verzeihung erlangen könnten. Hierauf hatten sich die Athener mit Bitten an ihn gewendet und Frieden erhal¬ ten unter der Bedingung, daß sie alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen als Tribut nach Creta schicken sollten. Diese sollen nun von Minos in sein be¬ rühmtes Labyrinth eingeschlossen worden seyn, und dort soll sie der gräßliche Minotaurus, ein zwitterhaftes Ge¬ schöpf, das halb Mensch und halb Stier war, getödtet haben, oder sie sollen auf andere Weise verschmachtet seyn. Als nun die Zeit des dritten Tributes herbeigekommen war, und die Väter, welche unverheirathete Söhne und Töchter hatten, diese dem entsetzlichen Loose unterwerfen mußten, da erneuerte sich der Unwille der Bürger gegen Aegeus, und sie fingen an darüber zu murren, daß er, der Urheber des ganzen Unheils, allein seinen Theil an der Strafe nicht zu leiden habe, und nachdem er einen hergelaufenen Bastard zum Nachfolger ernannt, gleichgül¬ tig zusehe, wie ihnen ihre rechtmäßigen Kinder entrissen würden. Den Theseus, der sich schon gewöhnt hatte, das Geschick seiner neuen Mitbürger nicht als ein frem¬ des zu betrachten, schmerzten diese Klagen. Er stand in der Volksversammlung auf und erklärte sich bereit, an dem Tribut Theil zu nehmen und sich selbst ohne Loos hin¬ zugeben. Alles Volk bewunderte seinen Edelmuth und aufopfernden Bürgersinn, auch blieb sein Entschluß, ob¬ gleich sein Vater ihn mit den dringendsten Bitten be¬ stürmte, daß er ihn des unerwarteten Glückes, einen Sohn und Erben zu besitzen, doch nicht sobald wieder berauben solle, unerschütterlich fest. Seinen Vater aber beruhigte er durch die zuversichtliche Versicherung, daß er mit den herausgelosten Jünglingen und Jungfrauen nicht in das Verderben gehe, sondern den Minotaurus bezwingen werde. Bisher nun war das Schiff, das die unglücklichen Opfer nach Creta hinüberführte, zum Zeichen ihrer Rettungslo¬ sigkeit mit schwarzem Segel abgesendet worden. Jetzt aber, als Aegeus seinen Sohn mit so kühnem Stolze sprechen hörte, rüstete er zwar das Schiff noch auf dieselbe Weise aus: doch gab er dem Steuermann ein anderes Segel von weißer Farbe mit, und befahl ihm, wenn Theseus gerettet zurückkehre, dieses auszuspannen: wo nicht, mit dem schwarzen zurückzukehren, und so das Unglück zum Voraus anzukündigen. Als nun das Loos gezogen war, führte der junge Theseus die Knaben und Mädchen, die es getroffen hatte, zuerst in den Tempel des Apollo, und brachte dem Gott in ihrem Namen den mit weißer Wolle umwunde¬ nen Oelzweig, das Weihgeschenk der Schutzstehenden, dar. Nachdem er das feierliche Gebet gesprochen, ging er von allem Volke begleitet mit den auserlesenen Jüng¬ lingen und Jungfrauen ans Meeresufer hinab und bestieg das Trauerschiff. Das Orakel zu Delphi hatte ihm gerathen, er solle die Göttin der Liebe zur Führerin wählen und ihr Ge¬ leite sich erbitten. Theseus verstand diesen Spruch nicht, brachte jedoch der Venus ein Opfer dar. Der Erfolg aber gab der Weissagung ihren guten Sinn. Denn als Theseus auf Creta gelandet hatte und vor dem Könige Minos erschienen war, zog seine Schönheit und Helden¬ jugend die Augen der reizenden Königstochter Ariadne auf sich. Sie gestand ihm ihre Zuneigung in einer ge¬ heimen Unterredung und händigte ihm einen Knäul Fa¬ den ein, dessen Ende er am Eingange des Labyrinthes festknüpfen und den er während des Hinschreitens durch die verwirrenden Irrgänge in der Hand ablaufen lassen sollte, bis er an die Stelle gelangt wäre, wo der Mino¬ taurus seine gräßliche Wache hielt. Zugleich übergab sie ihm ein gefeytes Schwerdt, womit er dieses Un¬ geheuer tödten könnte. Theseus ward mit allen seinen Gefährten von Minos in das Labyrinth geschickt, machte den Führer seiner Genossen, erlegte mit seiner Zauber¬ waffe den Minotaurus und wand sich mit allen, die bei ihm waren, durch Hülfe des abgespulten Zwirns aus den Höhlengängen des Labyrinthes glücklich heraus. Jetzt entfloh Theseus sammt allen seinen Gefährten mit Hülfe und in Begleitung Ariadne's, die der junge Held, be¬ glückt durch den lieblichen Kampfpreis, den er unerwar¬ tet errungen, mit sich führte. Auf ihren Rath hatte er auch den Boden der kretischen Schiffe zerhauen und so ihrem Vater das Nachsetzen unmöglich gemacht. Schon glaubte er seine holde Beute ganz in Sicherheit und kehrte mit Ariadne sorglos auf der Insel Dia ein, die später Naros genannt wurde. Da erschien ihm der Gott Bacchus im Traum, erklärte, daß Ariadne die ihm vom Schicksal bestimmte Braut sey, und drohte ihm alles Unheil, wenn Theseus die Geliebte nicht ihm überlassen würde. Theseus war von seinem Großvater in Götter¬ furcht erzogen worden: er scheute den Zorn des Gottes, ließ die wehklagende, verzagende Königstochter auf der einsamen Insel zurück und schiffte weiter. In der Nacht erschien Ariadne's rechter Bräutigam, Bac¬ chus, und entführte sie auf den Berg Drios; dort ver¬ schwand zuerst der Gott, bald darauf ward auch Ariadne unsichtbar. Theseus und seine Gefährten waren über den Raub der Jungfrau tief betrübt. In ihrer Traurigkeit vergaßen sie, daß ihr Schiff noch die schwarzen Segel aufgezogen hatte, mit welchen es die attische Küste ver¬ lassen; sie unterließen es, dem Befehle des Aegeus zu folge die weißen Tücher aufzuspannen und das Schiff flog in seiner schwarzen Trauertracht der Heimathküste entgegen. Aegeus befand sich eben an der Küste als das schwarze Schiff herangesegelt kam, und genoß von einem Felsenvorsprunge die Aussicht auf die offene See. Aus der Farbe der Segel schloß er, daß sein Sohn todt sey. — Da erhub er sich von dem Felsen, auf dem er saß, und im unbegränzten Schmerze des Lebens überdrüssig, stürzte er sich in die jähe Tiefe. Indessen war Theseus gelan¬ det und, nachdem er im Hafen die Opfer dargebracht hatte, die er bei der Abfahrt den Göttern gelobt, schickte er einen Herold in die Stadt, die Rettung der sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen und seine eigene zu verkündigen. Der Bote wußte nicht, was er von dem Empfange denken sollte, der ihm in der Stadt zu Theil ward. Während die Einen ihn voll Freude bewillkommten Schwab, das klass. Alterthum I . 19 und als den Ueberbringer froher Botschaft bekränzten, fand er andere in tiefe Trauer versenkt, die seinen fröh¬ lichen Worten gar kein Gehör schenkten. Endlich löste sich ihm das Räthsel durch die erst allmählich sich ver¬ breitende Nachricht vom Tode des Königes Aegeus. Der Herold nahm nun zwar die Kränze in Empfang, schmückte aber damit nicht seine Stirne, sondern nur den Herolds¬ stab und kehrte so zum Gestade zurück. Hier fand er den Theseus noch im Tempel mit der Darbringung des Dank¬ opfers beschäftigt, er blieb daher vor der Thüre des Tempels stehen, damit die heilige Handlung nicht durch die Trauernachricht gestört würde. Sobald das Brand¬ opfer ausgegossen war, meldete er des Aegeus Ende. Theseus warf sich, vom Schmerz wie vom Blitze getrof¬ fen zur Erde, und als er sich wieder aufgerafft hatte, eilten alle, nicht unter Freudenjubel, wie sie es sich ge¬ dacht hatten, sondern unter Wehgeschrei und Klageruf in die Stadt. Theseus als König . Nachdem Theseus unter vielen Klagen seinen Vater bestattet hatte, weihte er dem Apollo, was er ihm gelobt hatte. Das Schiff, in welchem er mit den attischen Jüng¬ lingen und Jungfrauen abgefahren und gerettet zurückge¬ kehrt war, ein Fahrzeug von dreißig Rudern, wurde zum ewigen Andenken von den Athenern aufbewahrt, indem das abgängige Holz immer wieder durch neues ersetzt ward. Und so wurde dieser heilige Ueberrest alter Hel¬ denzeit noch geraume Zeit nach Alexander dem Großen den Freunden des Alterthums gezeigt. Theseus, der jetzt König geworden war, zeigte bald, daß er nicht nur ein Held in Kampf und Fehde sey, sondern auch fähig einen Staat einzurichten und ein Volk im Frieden zu beglücken. Hierin that er es selbst seinem Vorbilde Herkules zuvor. Er unternahm nämlich ein großes und bewundernswürdiges Werk. Vor seiner Re¬ gierung wohnten die meisten Einwohner Attika's zerstreut um die Burg und kleine Stadt Athen herum, auf einzel¬ nen Bauerhöfen und weilerartigen Dörfern. Sie konnten daher nur schwer zusammengebracht werden, um über öf¬ fentliche Angelegenheiten zu rathschlagen; ja bisweilen geriethen sie auch über kleinliche Gegenstände des Nach¬ barbesitzes miteinander in Streit. Theseus nun war es, der alle Bürger des attischen Gebietes in Eine Stadt vereinigte, und so aus den zerstreuten Gemeinden einen gemeinschaftlichen Staat bildete; und dieses große Werk brachte er nicht wie ein Tyrann durch Gewalt zu Stande, sondern er reiste bei den einzelnen Gemeinden und Ge¬ schlechtern herum, und suchte ihre freiwillige Einstimmung zu erlangen. Die Armen und Niedrigen bedurften keiner lan¬ gen Ermahnung, sie konnten bei dem Zusammenleben mit den Vermöglicheren nur gewinnen; den Mächtigen und Reichen aber versprach er Beschränkung der Königsgewalt, die bisher zu Athen unbeschränkt gewesen war, und eine vollkommen freie Verfassung. „Ich selbst,“ sprach er, „will nur euer Anführer im Kriege und Beschützer der Gesetze seyn, im Uebrigen soll allen meinen Mitbürgern Gleichheit der Rechte gestattet werden.“ Dieses leuchtete vielen der Vornehmen ein; andere, denen die Umwand¬ 19 * lung der Staatsverhältnisse weniger willkommen war, fürchteten sich vor seiner Beliebtheit beim Volke, der großen Macht, die er bereits besaß und seinem wohlbekann¬ ten kühnen Muthe. Sie wollten daher lieber der Ueber¬ redung desjenigen nachgeben, der sie zwingen konnte. So hob er denn alle einzelnen Rathhäuser und unab¬ hängigen Obrigkeiten in den Gemeinden auf, und grün¬ dete ein allen gemeinsames Rathhaus mitten in der Stadt, stiftete auch ein Fest für alle Staatsbürger, welches er das Allathenerfest nannte. Erst jetzt wurde Athen zu einer förmlichen Stadt, und auch sein Name Athen wurde jetzt erst recht gangbar. Vorher war es nichts anders als eine Königsburg gewesen, Cekropsburg von ihrem Gründer benannt, und nur wenige Bürgershäuser waren darum hergestanden. Um diese neue Stadt noch mehr zu vergrößern, rief er unter Zusicherung gleicher Bürger¬ rechte aus allen Gegenden neue Ansiedler herbei, denn er wollte in Athen einen allgemeinen Völkerverein grün¬ den. Damit aber die zusammengeströmte Menschenmenge nicht Unordnung in den neu begründeten Staat brächte, theilte er das Volk zuerst in Edle, Landbauern und Hand¬ werker, und wies jedem Stande seine eigenthümlichen Rech¬ te und Pflichten zu, so daß die Edeln durch Ansehen und Amtsthätigkeit, die Landbauern durch ihre Nützlichkeit, die Handwerker durch ihre Menge den Vorzug zu haben schienen. Seine eigene Gewalt als König beschränkte er, wie er versprochen hatte, und machte sie von dem Rathe der Edeln und der Versammlung des Volkes ab¬ hängig. Der Amazonenkrieg. Während Theseus damit beschäftigt war, den Staat durch Götterfurcht zu befestigen, und daher den Dienst der Athene (Minerva) als Schutzgöttin des Landes be¬ gründete, auch dem Neptunus zu Ehren, dessen beson¬ derer Schützling er war und für dessen Sohn er lange gegolten hatte, die heiligen Kampfspiele auf dem Isth¬ mus von Corinth einführte, oder doch erneuerte, wie einst Herkules die olympischen Spiele dem Jupiter an¬ geordnet hatte, wurde Athen von einem seltsamen und ausserordentlichen Kriege heimgesucht. Theseus hatte nämlich in jüngeren Jahren auf einem Fehdenzuge an der Küste der Amazonen gelandet, und diese, die nicht män¬ nerscheu waren, flohen so wenig vor dem stattlichen Hel¬ den, daß sie ihm vielmehr Gastgeschenke zusandten. Dem Theseus aber gefielen nicht nur die Geschenke, sondern auch die schöne Amazone, die deren Ueberbringerin war. Diese hieß Hippolyte, und der Held lud sie ein, sein Schiff zu besuchen; als sie dieses bestiegen hatte, fuhr er mit seinem schönen Raube davon. Zu Athen angekom¬ men, vermählte er sich mit ihr. Hippolyte war nicht ungerne die Gemahlin eines Helden und eines herrlichen Königs. Aber das streitbare Weibervolk der Amazonen war über jenen frechen Raub entrüstet, und noch als derselbe längst vergessen schien, sannen sie auf Rache, nahmen eine Gelegenheit wahr, wo der Staat der Athe¬ ner unbewacht schien, und plötzlich eines Tages landeten sie mit einer Schiffeschaar, bemächtigten sich des Landes und umzingelten die Stadt, in welche sie im Sturm ein¬ brachen. Ja sie schlugen mitten in derselben ein ordent¬ liches Lager und die erschrockenen Einwohner hatten sich auf die Burg zurückgezogen. Beide Theile verzögerten darauf aus Scheu den Angriff; endlich begann Theseus den Kampf von der Burg herab, nachdem er dem Orakel gemäß dem Gotte des Schreckens ein Opfer gebracht hatte. Anfangs wichen die athenischen Männer dem Andrange der fremden Mannweiber und wurden bis zu dem Tempel der Furien zurückgedrängt. Dann aber er¬ neuerte sich der Kampf von einer andern Seite her; der rechte Flügel der Amazonen wurde bis zu ihrem Lager zurückgetrieben und viele wurden getödtet. Die Königin Hippolyte soll in dieser Schlacht, ihres Ursprungs un¬ eingedenk, mit ihrem Gemahl gegen die Amazonen ge¬ kämpft haben. Ein Wurfspieß traf sie an Theseus Seite und streckte sie todt darnieder. Ihrem Gedächtniß wurde später eine Säule zu Athen errichtet. Den ganzen Krieg beschloß ein Friedensschluß, dem zu Folge die Amazonen Athen verließen und in ihr Vaterland zurückkehrten. Theseus und Pirithous. Lapithen- und Centaurenkampf. Theseus stand im Rufe außerordentlicher Stärke und Tapferkeit. Pirithous, einer der berühmtesten Helden des Alterthums, ein Sohn Ixions, empfand Lust, ihn auf die Probe zu setzen, und trieb Rinder, die jenem gehörten, von Marathon weg; und als ihm zu Ohren kam, daß Theseus die Waffen in der Hand ihm nachsetze, da hatte er, was er wollte, und floh nicht, sondern wandte sich um, ihm entgegen zu gehen. Als die beiden Helden ein¬ ander nahe genug waren, um einer den andern zu mes¬ sen, da wurde jeder von Bewunderung der schönen Ge¬ stalt und der Kühnheit des Andern so sehr ergriffen, daß sie wie auf ein gegebenes Zeichen die Streitwaffen zu Boden warfen und auf einander zueilten. Pirithous streckte dem Theseus die Rechte entgegen und forderte ihn auf, selbst als Schiedsrichter über den Raub der Rinder zu entscheiden: welche Genugthuung Theseus be¬ stimmen werde, der wolle er sich freiwillig unterwerfen. „Die einzige Genugthuung, die ich verlange,“ erwiederte Theseus mit leuchtendem Blicke, „ist die, daß du aus einem Feinde und Beschädiger mein Freund und Kampfgenosse werdest!“ Nun umarmten sich die beiden Helden und schwuren einander treue Freundschaft zu. Als hierauf Pirithous die thessalische Fürstentochter Hippudamia, aus dem Geschlechte der Lapithen, freite, lud er auch seinen Waffenbruder Theseus zu der Hochzeit. Die Lapithen, unter denen die Festlichkeit gefeiert wurde, wa¬ ren ein berühmter Stamm Thessaliens, rohe, zur Thiergestalt sich neigende Bergmenschen, die ersten Sterblichen, welche Pferde bändigen lernten. Die Braut aber, welche diesem Ge¬ schlechte entsproßt war, hatte nichts den Männern dieses Stammes Aehnliche. Sie war holdselig von Gestalt, zar¬ ten jungfräulichen Antlitzes und so schön, daß den Piri¬ thous alle Gäste um ihretwillen glückselig priesen. Alle Fürsten Thessaliens waren bei dem Feste erschienen; aber auch die Verwandten des Pirithous, die Centauren fan¬ den sich ein, die Halbmenschen, die von dem Ungeheuer abstammten, das die Wolke, welche Irion, der Vater des Pirithous, anstatt der Juno umarmt hatte, diesem dereinst geboren: daher sie auch alle zusammen die Wolkensöhne hießen. Diese waren die beständigen Feinde der Lapithen. Dießmal aber hatte die Verwandtschaft mit dem Bräuti¬ gam sie den alten Groll vergessen lassen und zu dem Freudenfeste herbeigelockt. Die festliche Hofburg des Pi¬ rithous erscholl von wirrem Getümmel; Brautlieder wurden gesungen, von Gluth, Wein und Speisen dampf¬ ten die Gemächer. Der Pallast faßte nicht alle die Gäste. Lapithen und Centauren, in bunten Reihen ge¬ mengt, saßen an geordneten Tischen in baumumschatteten Grotten zu Gaste. Lange rauschte das Fest in ungestörter Fröhlichkeit. Da begann vom vielen Genusse des Weines das Herz des wildesten unter den Centauren, Eurytion, zu ra¬ sen, und der Anblick der schönen Jungfrau Hippodamia verführte ihn zu dem tollen Gedanken, dem Bräutigam seine Braut zu rauben. Niemand wußte wie es gekom¬ men war, niemand hatte den Beginn der unsinnigen That bemerkt, aber auf einmal sahen die Gäste den wü¬ thenden Eurytion, wie er die sich sträubende und hülfe¬ rufende Hippodamia an den Haaren gewaltsam auf dem Boden schleifte. Seine Unthat war für die weinerhitzte Schaar der Centauren ein Zeichen, Gleiches zu wagen; und ehe die fremden Helden und die Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt schon jeder der Cen¬ tauren eins der thessalischen Mädchen, die am Hofe des Königes dienten, oder als Gäste bei der Hochzeit zuge¬ gen waren, mit rohen Händen als eine Beute gefaßt. Die Hofburg und die Gärten glichen einer eroberten Stadt. Das Geschrei der Weiber hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen Freunde und Geschlechtsverwandte der Braut von ihren Sitzen empor. „Welche Verblendung treibt dich, Eurytion,“ rief Theseus, „den Pirithous zu reizen, während Ich noch lebe, und so zwei Helden in Ei¬ nem zu kränken?“ Mit diesem Worte drängte er auf die Stürmenden ein und entriß dem wüthenden Räuber die Geraubte. Eurytion sprach nichts darauf, denn er konnte seine That nicht vertheidigen, sondern er hub seine Hand gegen Theseus auf und versetzte diesem einen Schlag auf die Brust. Aber Theseus griff — da ihm keine Waffe zur Hand war — einen ehernen Krug mit erha¬ bener Arbeit, der zufällig neben ihm stand; diesen schmet¬ terte er dem Gegner in's Antlitz, daß er rücklings in den Sand fiel und Gehirn und Blut zugleich aus der Kopfwunde drang. „Zu den Waffen!“ scholl es jetzt von allen Seiten an den Centaurentischen; zuerst flogen Becher, Flaschen und Näpfe; dann entriß ein tempel¬ räuberisches Unthier die Weihgeschenke den benachbarten heiligen Stätten; ein anderer riß die Lampe herab, die über dem Mahle voll Kerzen brannte, wieder ein anderer focht mit einem Hirschgeweih, das an den Wänden der Grotte als Schmuck und Weihgeschenk hing. Ein ent¬ setzliches Gemetzel wurde unter den Lapithen angerichtet. Rhötus, der Schlimmste nach Eurytion, ergriff die größte Brandfackel vom Altare und bohrte sie einem schon ver¬ wundeten Lapithen wie ein Schwerdt in die klaffende Wunde, daß das Blut wie Eisen in der Esse zischte. Gegen diesen jedoch hub der tapferste Lapithe, Dryas, einen im Feuer geglühten Pfahl und durchbohrte ihn zwischen Nacken und Schulter. Der Fall dieses Cen¬ tauren that dem Morden seiner rasenden Gesellen Ein¬ halt und Dryas vergalt nun den Wüthenden, indem er fünf hinter einander niederstreckte. Jetzt flog auch der Speer des Helden Pirithous und durchbohrte einen rie¬ sigen Centauren, den Peträus, wie er gerade einen Eichen¬ stamm aus der Erde zu rütteln bemüht war, um damit zu kämpfen; so wie er den Stamm eben umklammert hielt, heftete der Speer seine schwer athmende Brust ans knorrige Eichenholz. Ein zweiter, Diktys, fiel vor den Streichen des griechischen Helden und zerknickte im Fal¬ len eine mächtige Esche. Ein dritter wollte diesen rä¬ chen, wurde aber von Theseus mit einem Eichpfahl zer¬ malmt. Der schönste und jugendlichste unter den Cen¬ tauren war Cyllarus; goldfarben sein langes Lockenhaar und sein Bart, sein Antlitz freundlich, Nacken, Schultern, Hände und Brust wie vom Künstler geformt, auch der untere Theil seines Körpers, der Roßleib, war ohne Fehle, der Rücken bequem zum Sitzen, die Brust hoch¬ gewölbt, die Farbe pechschwarz, nur Beine und Ro߬ schweif lichtfarbig. Er war mit seiner Geliebten, der schönen Centaurin Hylonome, bei'm Fest erschienen, die sich bei'm Mahle liebkosend an ihn lehnte, und auch jetzt mit ihm vereint im wüthenden Kampf an seiner Seite focht. Diesen traf, von unbekannter Hand, eine leichte Wunde in's Herz, daß er sterbend seiner Geliebten in die Arme sank. Hylonome pflegte seine sterbenden Glieder, küßte ihn und versuchte vergebens den entfliehenden Athem aufzuhalten. Als sie ihn verscheiden sah, zog sie ihm den Wurfpfeil aus dem Herzen und stürzte sich darein. Noch lange wüthete der Kampf zwischen den Lapi¬ then und den Centauren fort, bis die letzteren ganz un¬ terlegen waren und nur Flucht und Nacht dem weitern Gemetzel sie entrückte. Jetzt blieb Pirithous im unbe¬ strittenen Besitze seiner Braut, und Theseus verabschie¬ dete sich am andern Morgen von seinem Freunde. Der gemeinschaftliche Kampf hatte das frischgeknüpfte Band dieser Verbrüderung schnell in einen unauflöslichen Kno¬ ten zusammengezogen. Theseus und Phädra. Theseus stand jetzt auf dem Wendepunkte seines Glücks. Gerade ein Versuch, dasselbe nicht nur auf Abentheuern zu suchen, sondern es sich an seinem eigenen Herde zu gründen, stürzte ihn in schwere Drangsal. Als der Held in der Blüthe seiner Thaten und in den ersten Jünglingsjahren die Geliebte seiner Jugend Ariadne ih¬ rem Vater Minos aus Creta entführte, wurde diese von ihrer kleinen Schwester Phädra begleitet, welche nicht von ihr weichen wollte, und, nachdem Ariadne von Bac¬ chus geraubt worden war, den Theseus nach Athen be¬ gleitete, weil sie nicht wagen durfte, zu ihrem tyranni¬ schen Vater zurückzukehren. Erst als ihr Vater gestor¬ ben war, ging das aufblühende Mädchen in ihre Hei¬ math Creta zurück und erwuchs dort in dem Königs¬ hause ihres Bruders Deukalion, der als der älteste Sohn des Königes Minos die Insel jetzt beherrschte, zu einer schönen und klugen Jungfrau heran. Theseus, der nach dem Tode seiner Gemahlin Hippolyta lange Zeit unver¬ mählt geblieben war, hörte viel von ihren Reizen und hoffte, sie an Schönheit und Anmuth seiner ersten Ge¬ liebten, ihrer Schwester Ariadne ähnlich zu finden; Deu¬ kalion, der neue König von Creta, war auch dem Helden nicht abhold und schloß, als Theseus von der blutigen Hochzeit seines thessalischen Freundes zurückgekehrt war, ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Athenern. An ihn wandte sich nun Theseus mit seiner Bitte, ihm die Schwester Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde ihm nicht versagt, und bald führte der Sohn des Aegeus die Jungfrau aus Creta heim, die wirklich von Gestalt und äußerer Sitte der Geliebten seiner Jugend so ähnlich war, daß Theseus die Hoffnung seiner jungen Jahre im späteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Da¬ mit zu seinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar sie in den ersten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne, den Akamas und den Demophon. Aber Phädra war nicht so gut und getreu, als sie schön war. Ihr gefiel der junge Sohn des Königes, Hippolytus, der ihres Al¬ ters war, besser als der greise Vater. Dieser Hippolytus war der einzige Sohn, den die von Theseus entführte Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Ju¬ gend hatte diesen Sohn der Vater nach Trözen geschickt, um ihn bei den Brüdern seiner Mutter Aethra erziehen zu lassen. Wie er erwachsen war, kam der schöne und züch¬ tige Jüngling, der sein ganzes Leben der reinen Göttin Diana zu weihen beschlossen und noch keiner Frau ins Auge geschaut hatte, nach Athen und Eleusis, um hier die Mysterien mitfeiern zu helfen. Da sah ihn Phädra zum erstenmale; sie glaubte ihren Gatten verjüngt wie¬ der zu sehen, und seine schöne Gestalt und Unschuld ent¬ flammte ihr Herz zu unreinen Wünschen; doch verschloß sie ihre verkehrte Leidenschaft noch in ihre Brust. Als der Jüngling abgereist war, erbaute sie auf der Burg von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus man nach Trözen blicken konnte, und der später den Namen Tempel der Venus Fernschauerin erhielt. Hier saß sie Tage lang, den Blick auf das Meer gerichtet. Als endlich Theseus eine Reise nach Trözen machte, seine dortigen Verwandten und den Sohn zu besuchen, beglei¬ tete ihn seine Gemahlin dorthin und verweilte geraume Zeit daselbst. Auch hier kämpfte sie noch lange mit dem unlautern Feuer in ihrer Brust, suchte die Einsamkeit und verweinte ihr Elend unter einem Myrthenbaume. End¬ lich aber vertraute sie sich ihrer alten Amme, einem ver¬ schmitzten und ihrer Gebieterin in blinder und thörichter Liebe ergebenen Weibe, an, die es bald über sich nahm, den Jüngling von der strafbaren Leidenschaft seiner Stiefmutter zu unterrichten. Aber der unschuldige Hippo¬ lytus hörte ihren Bericht mit Abscheu an, und sein Ent¬ setzen stieg, als ihm die pflichtvergessene Stiefmutter so¬ gar den Antrag machen ließ, den eigenen Vater vom Throne zu stoßen und mit der Ehebrecherin Zepter und Herrschaft zu theilen. In seinem Abscheu fluchte er allen Weibern und meinte schon durch das bloße Anhören eines so schändlichen Vorschlags entweiht zu seyn. Und weil Theseus gerade abwesend von Trözen war — denn diesen Zeitpunkt hatte das treulose Weib erspäht — so erklärte Hippolytus auch keinen Augenblick mit Phädra unter Einem Dache verweilen zu wollen, sondern machte sich, nachdem er die Amme nach Gebühr abgefertigt, ins Freie, um im Dienste seiner geliebten Herrin, der Göt¬ tin Diana, in den Wäldern zu jagen und so lange dem Königshause nicht wieder zu nahen, bis sein Vater zu¬ rückgekehrt seyn würde und er sein gepeinigtes Herz vor ihm ausschütten könnte. Phädra vermochte die Abweisung ihrer verbrecheri¬ schen Anträge nicht zu überleben. Das Bewußtseyn ihres Frevels und die unerhörte Leidenschaft stritten sich in ih¬ rer Brust; aber die Bosheit gewann die Oberhand. Als Theseus zurückkehrte, fand er seine Gattin erhängt und in ihrer krampfhaft zusammengeballten Rechten einen von ihr vor dem Tode abgefaßten Brief, in welchem ge¬ schrieben stand: „Hippolytus hat nach meiner Ehre ge¬ trachtet; seinen Nachstellungen zu entfliehen ist mir nur Ein Ausweg geblieben. Ich bin gestorben, ehe ich die Treue meinem Gatten verletzt habe.“ Lange stand Theseus vor Entsetzen und Abscheu wie eingewurzelt in der Erde. Endlich hub er seine Hände gen Himmel und betete: „Vater Neptunus, der du mich stets geliebt hast, wie dein leibliches Kind, du hast mir einst drei Bitten freigegeben, die du mir erfüllen wollest und deine Gnade mir erzeigen unweigerlich. Jetzt gemahne ich dich an dein Versprechen. Nur Eine Bitte will ich erfüllt haben; laß meinem verfluchten Sohn an diesem Tage die Sonne nicht mehr untergehen!“ Kaum hatte er diesen Fluch ausgesprochen, als auch Hippolytus von der Jagd heimgekehrt und von der Rückkehr seines Vaters unterrichtet, in den Pallast einging und der Spur des Weheklagens nachgehend vor das Antlitz des Vaters und die Leiche der Stiefmutter trat. Auf die Schmähungen des Vaters erwiederte der Sohn mit sanfter Ruhe: „Vater, mein Gewissen ist jungfräulich. Ich weiß mich dieser Unthat nicht schuldig.“ Aber Theseus hielt ihm den Brief der Stiefmutter entgegen und verbannte ihn ungerichtet aus dem Lande. Hippolytus rief seine Schutzgöttin, die jungfräuliche Diana, zur Zeugin seiner Unschuld auf und sagte seinem zweiten Heimathlande Trözen unter Seufzern und Thränen Lebewohl. Noch am Abende desselben Tages suchte den König Theseus ein Eilbote auf und sprach, als er vor ihn ge¬ stellt war: „Herr und König, dein Sohn Hippolytus sieht das Tageslicht nicht mehr!“ Theseus empfing diese Botschaft ganz kalt und sagte mit bitterem Lächeln: „hat ihn ein Feind erschlagen, dessen Weib er entehrt hat, wie er das Weib des Vaters entehren wollte?“ — „Nein, Herr!“ erwiederte der Bote. „Sein eigener Wa¬ gen und der Fluch deines Mundes haben ihn umge¬ bracht!“ — „O Neptunus,“ sprach Theseus, die Hände dankend gen Himmel erhoben, „so hast du dich mir heute als ein rechter Vater bezeigt und meine Bitte erhört! Aber sprich, Bote, wie hat mein Sohn geendet, wie hat meinen Ehrenschänder die Keule der Vergeltung getrof¬ fen?“ Der Bote fing an zu erzählen: Wir Diener striegelten am Meeresufer die Rosse unseres Herrn Hip¬ polytus, als die Botschaft von seiner Verbannung und bald er selbst kam, von einer Schaar wehklagender Ju¬ gendfreunde begleitet und uns Rosse und Wagen zur Abfahrt zu rüsten befahl. Als Alles bereit war, hub er die Hände gen Himmel und betete: „Jupiter, mögest du mich vertilgen, wenn ich ein schlechter Mann war! Und möge, sey ich nun todt oder lebendig, mein Vater erfah¬ ren, daß er mich ohne Fug entehrt!“ Dann nahm, er den Rossestachel zur Hand, schwang sich auf den Wagen, er¬ griff die Zügel und fuhr von uns Dienern begleitet auf dem Wege nach Argos und Epidaurien davon. Wir waren so an's öde Meergestade gekommen, zu unserer Rechten die Fluth, zur Linken von den Hügeln vorsprin¬ gende Felsblöcke, als wir plötzlich ein tiefes Geräusch vernahmen, unterirdischem Donner ähnlich. Die Rosse wurden aufmerksam und spitzten ihr Ohr; und wir alle sahen uns ängstlich um, woher der Schall käme. Als unser Blick auf das Meer fiel, zeigte sich uns hier eine Welle, die thurmhoch gen Himmel ragte und alle Aus¬ sicht auf das weitere Ufer und den Isthmus uns benahm; der Wasserschwall ergoß sich bald mit Schaum und To¬ sen über das Ufer, gerade auf den Pfad zu, den die Rosse gingen. Mit der tobenden Welle zugleich aber spie die See ein Ungeheuer aus, einen riesenhaften Stier, von dessen Brüllen das Ufer und die Felsen wiederhall¬ ten. Dieser Anblick jagte den Pferden eine plötzliche Angst ein. Unser Herr jedoch, an's Lenken der Rosse gewöhnt, zog den Zügel mit beiden Händen straff an, und gebrauchte desselben, wie ein geschickter Steuermann sein Ruder regiert. Aber die Rosse waren läufig ge¬ worden, bissen den Zaum und rannten dem Lenker un¬ gehorsam davon. Aber wie sie nun auf ebener Straße fort¬ jagen wollten, vertrat ihnen das Seeungeheuer den Weg; bogen sie seitwärts zu den Felsen um, so drängte es sie ganz hinüber, indem es den Rädern dicht zur Seite trabte. So geschah es endlich, daß auf der andern Seite die Radfelgen auf die Felsen aufzusitzen kamen, und dein unglücklicher Sohn kopfüber vom Wagen ge¬ stürzt und mit sammt dem umgeworfenen von den Ros¬ sen, die ohne Führer dahin stürmten, über Sand und Felsgestein dahin geschleift wurde. Alles ging viel zu schnell, als daß wir begleitenden Diener dem Herrn hät¬ ten zu Hülfe kommen können. Halbzerschmettert hauchte er den Zuruf an seine sonst so gehorsamen Rosse und die Wehklage über den Fluch seines Vaters in die Lüfte. Eine Felsecke entzog uns den Anblick. Das Meerungeheuer war verschwunden, wie vom Boden eingeschlungen. Wäh¬ rend nun die übrigen Diener athemlos die Spur des Wa¬ gens verfolgten, bin ich hierher geeilt, o König, das jammervolle Schicksal deines Sohnes dir zu verkünden!“ Theseus starrte auf diesen Bericht lange sprachlos zu Boden. „Ich freue mich nicht über sein Unglück; ich beklage es nicht,“ sprach er endlich nachsinnend und in Zweifel vertieft. „Könnte ich ihn doch lebend noch sehen, ihn befragen, mit ihm handeln über seine Schuld.“ Diese Rede wurde durch das Wehgeschrei einer alten Frau un¬ terbrochen, die mit grauem, fliegendem Haar und zerrisse¬ nem Gewande herbeieilend die Reihen der Dienerschaft trennte und dem Könige Theseus sich zu Füßen warf. Es war die greise Amme der Königin Phädra, die auf das Gerücht von Hippolytus jämmerlichem Untergange von ihrem Gewissen gefoltert, nicht länger schweigen konnte, und unter Thränen und Geschrei die Unschuld des Jünglings und die Schuld ihrer Gebieterin dem Kö¬ nig offenbarte. Ehe der unglückliche Vater recht zur Be¬ sinnung kommen konnte, wurde auf einer Tragbahre von wehklagenden Dienern sein Sohn Hippolytus, zerschmettert, aber noch athmend, in den Pallast und vor seine Augen getragen. Theseus warf sich reumüthig und verzweifelnd über den Sterbenden, der seine letzten Lebensgeister zu¬ sammenraffte und an die Umstehenden die Frage richtete: „Ist meine Unschuld erkannt?“ Ein Wink der Nächstste¬ henden gab ihm diesen Trost: „Unglückseliger, getäusch¬ ter Vater“, sprach der sterbende Jüngling, „ich vergebe dir!“ und verschied. Er wurde von Theseus unter denselben Myrthen¬ baum begraben, unter welchem einst Phädra mit ihrer Schwab, das klass. Alterthum. I . 20 Liebe gekämpft und dessen Blätter sie oft, in der Ver¬ zweiflung an den Aesten zerrend, zerrissen hatte, und wo nun, als an ihrem Lieblingsplatz, ihre Leiche beigesetzt worden war, denn der König wollte seine Gemahlin im Tode nicht entehren. Theseus auf Frauenraub. Durch die Verbindung mit dem jungen Helden Pirithous erwachte in dem verlassenen und alternden Theseus die Lust zu kühnen und selbst muthwilligen Abentheuern wieder. Dem Pirithous war seine Gattin Hippodamia nach kur¬ zem Besitze gestorben, und da auch Theseus jetzt ehelos war, so gingen Beide auf Frauenraub aus. Damals war die nachher so berühmt gewordene Helena, die Toch¬ ter Jupiters und der Leda, die in dem Pallaste ihres Stiefvaters Tyndareus zu Sparta aufwuchs, noch sehr jung. Aber sie war schon die schönste Jungfrau ihrer Zeit und ihre Anmuth fing an, in ganz Griechenland be¬ kannt zu werden. Diese sahen Theseus und Pirithous, als sie auf dem genannten Raubzuge nach Sparta kamen, in einem Tempel der Diana tanzen. Beide wurden von Liebe zu ihr entzündet. Sie raubten sie in ihrem Ueber¬ muth aus dem Heiligthum und brachten sie zuerst nach Tegea in Arkadien. Hier warfen sie das Loos über die¬ selbe und einer versprach dem andern brüderlich, ihm, wenn das Loos ihn verfehle, zum Raub einer andern Schön¬ heit behülflich zu seyn. Das Loos theilte die Beute dem Theseus zu, und nun brachte sie dieser nach Aphidnä im attischen Gebiete, übergab die Jungfrau dort seiner Mut¬ ter Aethra und stellte sie unter den Schutz seines Freun¬ des. Darauf zog Theseus weiter mit seinem Waffenbru¬ der und beide sannen auf eine Herkulische That. Piri¬ thous entschloß sich nemlich, die Gemahlin Pluto's, Proser¬ pina, der Unterwelt zu entführen und sich durch ihren Besitz für den Verlust Helena's zu entschädigen. Daß ihnen dieser Versuch mißglückte und sie von Pluto zu ewigem Sitzen in der Unterwelt verdammt wurden, daß Her¬ kules, der Beide befreien wollte, nur den Theseus aus dem Hades erretten konnte, ist schon erzählt worden. Wäh¬ rend nun Theseus auf diesem unglücklichen Zuge abwesend war und in der Unterwelt gefangen saß, machten sich die Brüder Helena's, Castor und Pollux auf und rückten ge¬ gen Attika heran, um ihre Schwester Helena zu befreien. Indessen verübten sie anfangs keine Feindseligkeiten im Lande, sondern kamen friedlich nach Athen und forderten hier die Zurückgabe Helena's. Als aber die Leute in der Stadt antworteten, daß sie weder die junge Fürstin bei sich hätten, noch wüßten, wo Theseus sie zurückgelassen, wurden sie zornig und schickten sich, mit den sie be¬ gleitenden Schaaren, zum wirklichen Kriege an. Jetzt erschracken die Athener, und einer aus ihrer Mitte, mit Namen Akademus, der das Geheimniß des Theseus auf irgend eine Art erfahren hatte, entdeckte den Brüdern, daß der Ort, wo sie verborgen gehalten werde, Aphidnä sey. Vor diese Stadt rückten nun Castor und Pollux, siegten in einer Schlacht und eroberten den Platz mit Sturm. Zu Athen hatte sich inzwischen auch Anderes begeben, was für Theseus ungünstig war. Menestheus, der Sohn des Peteos, ein Urenkel des Erechtheus, hatte sich als 20 * Volksführer und Schmeichler der Menge gegen den leer¬ stehenden Thron aufgelehnt, und auch die Vornehmen auf¬ gewiegelt, indem er ihnen vorstellte, wie der König sie dadurch, daß er sie von ihren Landsitzen in die Stadt hereingezogen, zu Unterthanen und Sklaven gemacht habe. Dem Volk aber hielt er vor, wie es, dem Traume der Freiheit zu lieb, seine ländlichen Heiligthümer und Götter habe verlassen müßen, und statt von vielen guten einhei¬ mischen Herren abhängig zu seyn, einem Fremdling und Despoten diene. Wie nun Aphidnä's Eroberung durch die Tyndariden Athen mit Schrecken erfüllte, da benützte Menestheus auch diese Stimmung des Volkes. Er bewog die Bürger, den Söhnen des Tyndareus, welche die Jung¬ frau Helena, ihren Wächtern entrissen, mit sich führten, die Stadt zu öffnen und sie freundlich zu empfangen, da dieselben nur gegen Theseus, als den Räuber des Mädchens, Krieg führten. Ihr Betragen bewies, daß Menestheus dießmal wahr gesprochen hatte: denn obgleich sie durch offene Thore in Athen einzogen und alles dort in ihrer Gewalt war, so thaten sie doch Niemand etwas zu Leide, verlangten vielmehr nur, wie andere vornehme Athener und Verwandte des Herkules, in den Geheimdienst der eleusinischen Mysterien aufgenommen zu werden, und zogen dann mit ihrer geretteten Helena, von den Bürgern, die sie liebten und ehrten, zur Stadt hinausgeleitet, wie¬ der in ihre Heimath. Theseus' Ende. In seiner langen Gefangenschaft im Hades hatte Theseus Zeit gehabt, das Unbesonnene und Unedle seiner letzten Handlungsweise, die mit seinem übrigen Helden¬ thum gar nicht zusammenstimmte, zu erkennen und zu be¬ reuen. Er kam als ernster Greis zurück, und vernahm die Rettung Helena's durch ihre Brüder nicht mit Un¬ willen, denn er schämte sich seiner That. Mehr beküm¬ merte ihn die Zwietracht, die er im Staate antraf, und obgleich er die Zügel der Regierung wieder ergriff und die Partei des Menestheus zurückdrängte, genoß er doch keine rechte Ruhe mehr sein Leben lang. Und als er das Ruder des Staates mit Ernst führen wollte, brachen aufs Neue Empörungen gegen ihn aus, an deren Spitze immer Menestheus stand, welcher hinter sich die Partei der Edeln hatte, die immer noch von Pallas, seinem Oheime, und dessen besiegten und erschlagenen Söhnen sich die Pallantiden nannten. Diejenigen, welche ihn vorher ge¬ haßt hatten, verlernten allmählig auch die Furcht vor ihm, und das gemeine Volk hatte Menestheus so verwöhnt, daß es, anstatt zu gehorchen, immer nur geschmeichelt wer¬ den wollte. Anfänglich versuchte nun Theseus gewalt¬ same Mittel; als aber aufwieglerische Umtriebe und of¬ fene Widersetzlichkeit alle seine Bemühungen vereitelte, da beschloß der unglückliche König seine unbotmäßige Stadt freiwillig zu verlassen, nachdem er schon vorher seine Söhne Akamas und Demophon heimlich nach Euböa zu dem Fürsten Elephenor geflüchtet hatte. In einem Flecken von Attika, Gargettus genannt, sprach er feierliche Ver¬ wünschungen gegen die Athener aus, da wo man noch lange nachher das Verwünschungsfeld zeigte; dann schüt¬ telte er den Staub von seinen Füßen, und schiffte sich nach Scyrus ein. Die Einwohner dieser Insel hielt er für seine besondern Freunde, und er besaß darauf ansehnliche Güter, die er von seinem Vater ererbt hatte. Damals war Lykomedes König von Scyrus. Zu diesem ging Theseus und bat sich von ihm seine Güter aus, um auf denselben seinen Sitz zu nehmen. Aber das Geschick hatte ihn einen schlimmen Weg geführt. Lykome¬ des, sey es, daß er den großen Ruf des Mannes fürch¬ tete, sey's, daß er mit Menestheus in geheimem Einver¬ ständnisse war, dachte darauf, wie er den in seine Hände gegebenen Gast, ohne Aufsehen zu erregen, aus dem Wege räumen könnte. Er führte ihn deßwegen auf den höch¬ sten Felsengipfel der Insel, der schroff in das Land hin¬ aussprang. Er wollte ihn, war sein Vorgeben, die schö¬ nen Güter, die sein Vater auf dem Eilande besessen hatte, mit Einem Blick überschauen lassen. Theseus, oben ange¬ kommen, ließ seine Augen gierig über die schönen Gefilde streifen: da gab ihm der treulose König einen Stoß von hinten, daß er über die Felsen hinabstürzte und nur sein zerschmetterter Leichnam in der Tiefe ankam. Zu Athen war Theseus von dem undankbaren Volke bald vergessen und Menestheus regierte, als wenn er den Thron von vielen Ahnen ererbt hätte. Die Söhne des Theseus zogen mit dem Helden Elephenor als gemeine Krieger vor Troja. Viele Jahrhunderte später, nach dem glorreichen Kriege gegen die Perser, befahl das Ora¬ kel von Delphi den Athenern, des Theseus Gebeine zu holen und ehrenvoll zu bestatten. Aber wo sollten sie die¬ selben suchen? Und wenn sie auch auf der Insel Scyrus das Grab gefunden hätten, wie sollten sie seine Ueberreste aus den Händen roher und den Fremden unzugänglicher Barbaren erlösen? Da geschah es, daß der berühmte Athener Cimon, der Sohn des Miltiades, auf einem neu¬ en Feldzuge die Insel Scyrus eroberte. Während er nun mit großem Eifer das Grab des Nationalheros auf¬ suchte, bemerkte er über einem Hügel einen Adler schwe¬ bend. Er machte halt an dieser Stelle, und sah bald, wie der Vogel herabschoß und die Erde des Grabhügels mit seinen Krallen aufscharrte. Cimon erblickte in die¬ sem Zeichen eine göttliche Fügung, ließ nachgraben und fand tief in der Erde den Sarg eines großen Leichnams, daneben eine eherne Lanze und ein Schwert. Er und seine Begleiter zweifelten nicht daran, des Theseus Ge¬ beine gefunden zu haben. Die heiligen Ueberreste wurden von Cimon auf ein schönes Kriegsschiff mit drei Ruder¬ bänken gebracht und in Athen mit Jubel, unter glänzen¬ den Aufzügen und Opfern empfangen. Es war, als ob Theseus selbst in die Stadt zurückkehrte. So bezahlten nach Jahrhunderten die Nachkommen dem Begründer der Freiheit und Bürgerverfassung Athens den Dank, den ihm eine schnöde Mitwelt schuldig geblieben war. Die Sage von Oedipus. Des Oedipus Geburt, Jugend, Flucht, Vatermord. Laus, Sohn des Labdakus, aus dem Stamme des Kadmus, war König von Thebe, und lebte mit Iokaste, der Tochter eines vornehmen Thebaners, Menökeus, lange in kinderloser Ehe. Da ihn nun sehnlich nach ei¬ nem Erben verlangte und er darüber den delphischen Apoll um Aufschluß befragte, wurde ihm ein Orakelspruch des folgenden Inhalts zu Theil: „Laus, Sohn des Labda¬ kus! Du begehrest Kindersegen. Wohl; dir soll ein Sohn gewährt werden. Aber wisse, daß dir vom Geschicke ver¬ hängt ist, durch die Hand deines eigenen Kindes das Leben zu verlieren. Dieß ist das Gebot Jupiters des Kroniden, der den Fluch des Pelops erhört hat, dem du den Sohn geraubt hast.“ Laus war nämlich in seiner Jugend landesflüchtig, und im Peloponnese am Hofe des Königs Pelops als Gast aufgenommen worden. Er hatte aber seinem Wohlthäter mit Undank gelohnt, und Chrysippus, den schönen Sohn des Pelops, auf den nemäi¬ schen Spielen entführt. Dieser Schuld sich bewußt, glaubte Laus dem Orakel, und lebte lange von seiner Gattin getrennt. Doch führte die herzliche Liebe, mit welcher sie einander zugethan waren, trotz der Warnung des Schicksals, beide wieder zusammen, und Iokaste gebar end¬ lich ihrem Gemahl einen Sohn. Als das Kind zur Welt gekommen war, fiel den Eltern der Orakelspruch wieder ein, und um dem Spruche des Gottes auszuwei¬ chen, ließen sie den neugebornen Sohn nach drei Tagen mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen in das wilde Gebirge Cithäron werfen. Aber der Hirte, wel¬ cher den grausamen Auftrag erhalten hatte, empfand Mit¬ leid mit dem unschuldigen Kinde, und übergab es einem andern Hirten, der in demselben Gebirge die Herden des Königes Polybus von Korinth weidete. Dann kehrte er wieder heim, und stellte sich vor dem Könige und seiner Gemahlin Jokaste, als hätte er den Auftrag erfüllt. Diese glaubten das Kind verschmachtet oder von wilden Thie¬ ren zerrissen und die Erfüllung des Orakelspruches dadurch unmöglich gemacht. Sie beruhigten ihr Gewissen mit dem Gedanken, daß sie durch die Aufopferung des Kindes das¬ selbe vor Vatermord behütet hätten und lebten jetzt erst mit erleichtertem Herzen. Der Hirte des Polybus löste indessen dem Kinde, das ihm, ohne daß er es wußte, woher es kam, übergeben worden war, die ganz durchbohrten Fersen der Füße und nannte ihn von seinen Wunden Oedipus , das heißt Schwellfuß. So brachte er ihn nach Korinth zu seinem Herrn, dem Könige Polybus. Dieser erbarmte sich des Findlings, übergab ihn seiner Gemahlin Merope, und zog ihn als seinen eigenen Sohn auf, für den er auch am Hofe und im ganzen Lande galt. Zum Jünglinge heran¬ gereift, wurde er dort stets für den höchsten Bürger ge¬ halten und lebte selbst in der glücklichen Ueberzeugung, Sohn und Erbe des Königes Polybus zu seyn, der keine andere Kinder hatte. Da ereignete sich ein Zufall, der ihn aus dieser Zuversicht plötzlich in den Abgrund der Zweifel stürzte. Ein Korinther, der ihm schon längere Zeit aus Neid abhold war, rief an einem Festmahle, von Wein überfüllt, dem ihm gegenübergelagerten Oedipus zu, er sey seines Vaters ächter Sohn nicht. Von diesem Vorwurfe schwer betroffen, konnte der Jüngling das Ende des Mahles kaum erwarten; doch verschloß er seinen Zweifel selbigen Tag noch kämpfend in der Brust. Am andern Morgen aber trat er vor seine beiden Eltern, die freilich nur seine Pflegeältern waren, und verlangte von ihnen Auskunft. Polybus und seine Gattin waren über den Schmäher, dem diese Rede entfallen war, sehr auf¬ gebracht, und suchten ihrem Sohn seine Zweifel auszure¬ den, ohne ihm jedoch dieselben durch eine runde Antwort zu heben. Die Liebe, die er in ihrer Aeusserung erkannte, war diesem zwar sehr erquicklich; aber jenes Mißtrauen nagte doch seitdem an seinem Herzen, denn die Worte seines Feindes waren zu tief eingedrungen. Endlich griff er heimlich zum Wanderstabe, und ohne seinen Eltern ein Wort zu sagen, suchte er das Orakel zu Delphi auf, und hoffte von ihm eine Widerlegung der ehrenrührigen Beschuldigung zu vernehmen. Aber Phöbus Apollo wür¬ digte ihn dort keiner Antwort auf seine Frage, sondern deckte ihm nur ein neues, weit grauenvolleres Unglück, das ihm drohte, auf. „Du wirst,“ sprach das Orakel, „deines eigenen Vaters Leib ermorden, deine Mutter heirathen, und den Menschen eine Nachkommenschaft von verab¬ scheuungswürdiger Art zeigen.“ Als Oedipus dieses ver¬ nommen hatte, ergriff ihn unaussprechliche Angst, und da ihm sein Herz doch immer noch sagte, daß so liebe¬ volle Eltern, wie Polybus und Merope, seine rechten Eltern seyn müßten, so wagte er es nicht in seine Hei¬ math zurückzukehren, aus Furcht, er mochte, vom Verhäng¬ nisse getrieben, Hand an seinen geliebten Vater Polybus legen und, von den Göttern mit unwiderstehlichem Wahn¬ sinne geschlagen, ein verruchtes Ehebündniß mit seiner Mutter Merope eingehen. Von Delphi aufbrechend, schlug er den Weg nach Böotien ein. Er befand sich noch auf der Straße zwischen Delphi und der Stadt Daulia, als er, an einen Kreuzweg gelangt, einen Wagen sich entge¬ genkommen sah, auf dem ein ihm unbekannter alter Mann mit einem Herolde, einem Wagenlenker und zwei Die¬ nern saß. Der Rosselenker, zusammt dem Alten, trieb den Fußgänger, der ihnen in den schmalen Pfad gekom¬ men war, ungestüm aus dem Wege. Oedipus, von Natur jähzornig, versetzte dem trotzigen Wagenführer einen Schlag. Der Greis aber, wie er den Jüngling so keck auf den Wagen anschreiten sah, zielte scharf mit seinem doppelten Stachelstabe, den er zur Hand hatte, und versetzte ihm einen schweren Streich auf den Scheitel. Jetzt war Oedipus außer sich gebracht: zum erstenmal bediente er sich der Heldenstärke, die ihm die Götter verliehen hatten, erhub seinen Reisestock und stieß den Alten, daß er sich schnell rücklings vom Wagensitze herabwälzte. Ein Handgemenge entstand; Oedipus mußte sich gegen ihrer Drei seines Le¬ bens erwehren; aber seine Jugendstärke siegte, er er¬ schlug sie alle, bis auf Einen, der entrann, und zog davon. Ihm kam keine Ahnung in seine Seele, daß er etwas Anderes gethan, als aus Nothwehr sich an einem gemeinen Phocier oder Böotier mit seinen Knechten, die ihm sammt demselben ans Leben wollten, gerächt habe. Denn der Greis, der ihm begegnet, trug kein Zeichen hö¬ herer Würde an sich. Aber der Gemordete war Laus, König von Theben, der Vater des Mörders gewesen, der auf einer Reise nach dem pythischen Orakel begriffen war; und also war die gedoppelte Weissagung, die Vater und Sohn erhalten, und der sie beide entgehen woll¬ ten, an beiden vom Geschick erfüllt worden. Ein Mann aus Platäa, mit Namen Damasippus, fand die Leichen der Erschlagenen am Kreuzwege liegen, er¬ barmte sich ihrer, und begrub sie. Ihr Denkmal aus angehäuften Steinen mitten im Kreuzwege sah nach vie¬ len hundert Jahren noch der Wanderer. Oedipus in Theben, heirathet seine Mutter. Nicht lange Zeit, nachdem dieses geschehen, war vor den Thoren der Stadt Thebe in Böotien die Sphinx erschie¬ nen, ein geflügeltes Ungeheuer, vorn wie eine Jungfrau, hin¬ ten wie ein Löwe gestaltet. Sie war eine Tochter des Typhon und der Echidna, der schlangengestalteten Nymphe, der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer, und eine Schwester des Höllenhundes Cerberus, der Hyder von Lerna, und der feuerspeienden Chimära. Dieses Ungeheuer hatte sich auf einen Felsen gelagert, und legte dort den Bewohnern von Thebe allerlei Räthsel vor, die sie von den Musen erlernt hatte. Erfolgte die Auflösung nicht, so ergriff sie denje¬ nigen, der es übernommen hatte, das Räthsel zu lösen, zerriß ihn und fraß ihn auf. Dieser Jammer kam über die Stadt, als sie eben um ihren König trauerte, der, — Niemand wußte von wem — auf einer Reise erschla¬ gen worden war, und an dessen Stelle Kreon, Bruder der Königin Jokaste, die Zügel der Herrschaft ergriffen hatte. Zuletzt kam es, daß dieses Kreon eigener Sohn, dem die Sphinx auch ein Räthsel aufgegeben, und der es nicht gelöst hatte, ergriffen und gefressen worden war. Diese Noth bewog den Fürsten Kreon, öffentlich bekannt zu machen, daß demjenigen, der die Stadt von der Wür¬ gerin befreien würde, das Reich, und seine Schwester Jokaste als Gemahlin zu Theil werden sollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat Oedipus an seinem Wanderstabe die Stadt Thebe. Die Gefahr, wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Le¬ ben, wegen der drohenden Weissagung, die über ihm schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach dem Felsen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von ihr ein Räthsel vorlegen. Das Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht un¬ auflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautetete also: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allem mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“ Oedipus lächelte, als er das Räthsel vernahm, das ihm selbst gar nicht schwierig erschien. „Dein Räthsel ist der Mensch,“ sagte er, „der am Morgen seines Lebens, so lang er ein schwaches und kraftloses Kind ist, auf seinen zween Füßen und seinen zwo Händen geht; ist er erstarkt, so geht er am Mittage seines Lebens nur auf den zween Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen, und der Stütze bedürftig geworden, so nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hülfe.“ Das Räthsel war glücklich gelöst, und aus Schaam und Ver¬ zweiflung stürzte sich die Sphinx selbst vom Felsen und zu Tode. Oedipus trug zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der Wittwe, welche seine eigene Mutter war, davon. Jokaste gebar ihm nach und nach vier Kinder, zuerst die männlichen Zwillinge Eteokles und Polynices, dann zwei Töchter, die ältere Antigone, die jüngere Ismene. Aber diese vier waren zugleich seine Kinder und seine Geschwister. Die Entdeckung . Lange Zeit schlief das grauenhafte Geheimniß und Oedipus, bei manchen Gemüthsfehlern ein guter und ge¬ rechter König, herrschte glücklich und geliebt an Jokaste's Seite über Thebe. Endlich aber sandten die Götter eine Pest in das Land, die unter dem Volke grausam zu wü¬ then begann, und gegen welche kein Heilmittel fruchten wollte. Die Thebaner suchten gegen das fürchterliche Uebel, in welchem sie eine von den Göttern gesandte Geissel erblickten, Schutz bei ihrem Herrscher, den sie für einen Günstling der Götter hielten. Männer und Frauen, Greise und Kinder, die Priester mit Oelzweigen an ihrer Spitze, erschienen vor dem königlichen Pallaste, setzten sich um und auf die Stufen des Altars, der vor demselben stand, und harrten auf die Erscheinung ihres Gebieters. Als Oedipus durch den Zusammenlauf heraus¬ gerufen aus seiner Königsburg trat, und nach der Ursache fragte, warum die ganze Stadt von Opferrauch und Klagelaut erfüllt sey, antwortete ihm im Namen aller der älteste Priester: „Du siehest selbst, o Herr, welches Elend auf uns lastet: Triften und Felder versengt uner¬ trägliche Hitze; in unsern Häusern wüthet die verzehrende Seuche, umsonst strebt die Stadt aus den blutigen Wo¬ gen des Verderbens ihr Haupt emporzutauchen. In dieser Noth nehmen wir unsere Zuflucht zu dir, geliebter Herr¬ scher. Du hast uns schon einmal von dem tödtlichen Zins erlöst, mit welchem uns die grimmige Räthselsän¬ gerin zehntete. Gewiß ist dieß nicht ohne Götterhülfe geschehen. Und darum vertrauen wir auf dich, daß du, sey es bei Göttern oder Menschen, uns auch dießmal Hülfe finden werdest.“ — „Arme Kinder,“ erwiederte Oedipus, „wohl ist mir die Ursache eures Flehens bekannt. Ich weiß, daß ihr kranket, aber niemand krankt im Her¬ zen so, wie ich. Denn mein Gemüth beseufzt nicht nur Einzelne, sondern die ganze Stadt! Darum erwecket ihr mich nicht wie einen Entschlummerten aus dem Schlafe; sondern hin und her habe ich im Geiste nach Rettungs¬ mitteln geforscht, und endlich glaube ich Eines gefunden zu haben. Denn mein eigener Schwager Kreon ist von mir zum pythischen Apollo nach Delphi abgesandt wor¬ den, daß er frage, welch' Werk, oder welche That die Stadt befreien kann.“ Noch sprach der König, als auch Kreon schon unter die Menge trat und den Bescheid des Orakels dem Kö¬ nige vor den Ohren des Volkes mittheilte. Dieser lautete freilich nicht tröstlich: „der Gott befahl, einen Frevel, den das Land beherberge, hinauszujagen, und nicht das zu pflegen, was keine Säuberung zu sühnen vermöge. Denn der Mord des Königes Laus laste als eine schwere Blutschuld auf dem Lande.“ Oedipus, ganz ohne Ahnung, daß jener von ihm erschlagene Greis derselbe sey, um dessenwillen der Zorn der Götter sein Volk heimsuche, ließ sich die Ermordung des Königs erzählen, und noch immer blieb sein Geist mit Blindheit geschlagen. Er er¬ klärte sich berufen, für jenen Todten Sorge zu tragen, und entließ das versammelte Volk. Sodann ließ er in’s ganze Land die Verkündigung ausgehen, wem irgend eine Kunde von dem Mörder des Laus worden wäre, der sollte Alles anzeigen, auch wer in fremdem Lande darum wüßte, dem sollte für seine Angabe der Lohn und Dank der Stadt zu Theil werden. Der dagegen, der für einen Freund besorgt, schweigen und die Schuld der Mitwisser¬ schaft von sich abwälzen wollte, der sollte von allem Götterdienst, von Opfermahlen, ja von Umgang und Unterredung mit seinen Mitbürgern ausgeschlossen wer¬ den. Den Thäter selbst endlich verfluchte er unter schauerlichen Betheurungen, wünschte ihm Noth und Plage durch das ganze Leben an, und zuletzt das Verder¬ ben. Und das sollte ihm widerfahren, selbst wenn er am Herde des Königes verborgen lebte. Zu allem dem sandte er zwei Boten an den blinden Seher Tiresias, der an Einsicht und Blick ins Verborgene fast dem wahrsagenden Apollo selber gleich kam. Dieser erschien auch bald von der Hand eines leitenden Knaben geführt vor dem Könige und in der Volksversammlung. Oedipus trug ihm die Sorge vor, die ihn und das ganze Land quäle. Er bat ihn, seine Seherkunst anzuwenden, um ihnen auf die Spur des Mordes zu verhelfen. Aber Tiresias brach in einen Wehruf aus, und sprach, indem er seine Hände abwehrend gegen den König ausstreckte: „Entsetzlich ist das Wissen, das dem Wis¬ senden nur Unheil bringt! Laß mich heimkehren, König; trag du das deine, und laß mich das meine tragen!“ Oedipus drang jetzt um so mehr in den Seher, und das Volk, das ihn umringte, warf sich flehend vor ihm auf die Kniee! Als er aber auch so keine weitern Aufschlüsse geben zu wollen bereit war, da entbrannte der Jähzorn des Königs Oedipus, und er schalt den Tiresias als Mitwisser oder gar Fausthelfer bei der Ermordung des Laus. Ja, wenn er nur sehend wäre, so traute er ihm allein die Unthat zu. Diese Beschuldigung löste dem blin¬ den Propheten die Zunge. „Oedipus,“ sprach er, „ge¬ horche deiner eigenen Verkündigung. Rede mich nicht, rede Keinen aus dem Volke fürder an. Denn du selbst bist der Greuel, der diese Stadt besudelt! Ja, du bist der Königsmörder, du bist derjenige, der mit den Theuer¬ sten in fluchwürdigem Verhältnisse lebt.“ Oedipus war nun einmal verblendet: er schalt den Seher einen Zauberer, einen ränkevollen Gaukler; er warf Verdacht auch auf seinen Schwager Kreon, und beschuldigte beide der Verschwörung gegen den Thron, von welchem sie durch ihre Lügengespinnste ihn, den Er¬ retter der Stadt, stürzen wollten. Aber nur noch näher bezeichnete ihn jetzt Tiresias als Vatermörder und Gatten der Mutter, weissagte ihm sein nahe bevorstehendes Elend und entfernte sich zürnend an der Hand seines kleinen Führers. Auf die Beschuldigung des Königes war indes¬ sen auch der Fürst Kreon herbeigeeilt und es hatte sich ein heftiger Wortwechsel zwischen Beiden entsponnen, den Iokaste, die sich zwischen die Streitenden warf, vergeblich zu beschwichtigen suchte. Kreon schied unversöhnt und im Zorn von seinem Schwager. Noch blinder als der König selbst war seine Ge¬ mahlin Iokaste. Sie hatte kaum aus dem Munde des Gatten erfahren, daß Tiresias ihn den Mörder des Laus genannt, als sie in laute Verwünschungen gegen Seher Schwab, das klass. Alterthum. I . 21 und Seherweisheit ausbrach. „Sieh nur, Gemahl,“ rief sie, „wie wenig die Seher wissen; sieh es an einem Bei¬ spiel! Mein erster Gatte Laus hatte auch einst ein Orakel erhalten, daß er durch Sohneshand sterben werde. Nun erschlug aber jenen eine Räuberschaar am Kreuzweg, und unser einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden, in's öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt. So erfüllen sich die Sprüche der Seher!“ Diese Worte, die die Königin mit Hohnlachen sprach, machten auf Oedipus einen ganz andern Eindruck, als sie erwartet hatte. „Am Kreuzweg,“ fragte er in höchster Gemüths¬ angst, „ist Laus gefallen? O sprich, wie war seine Ge¬ stalt, sein Alter?“ — „Er war groß,“ antwortete Jokaste, ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, „die ersten Greisenlocken schmückten sein Haupt; er war dir selbst, mein Gemahl, von Gestalt und Ansehen gar nicht unähn¬ lich.“ — „Tiresias ist nicht blind, Tiresias ist sehend!“ rief entsetzenvoll Oedipus, dem die Nacht seines Geistes auf einmal, wie durch einen Blitzstrahl, erleuchtet ward. Doch trieb ihn das Gräßliche selber, weiter danach zu forschen, als müßten auf seine Fragen Antworten kom¬ men, welche die schreckliche Entdeckung auf einmal als Irrthum darstellten. Aber alle Umstände trafen zusam¬ men, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener den ganzen Mord gemeldet habe. Dieser Knecht aber habe, sowie er den Oedipus auf dem Throne sah, flehent¬ lich gebeten, ihn soweit als möglich von der Stadt weg auf die Waiden des Königes zu schicken. Oedipus be¬ gehrte ihn zu sehen und der Sklave wurde vom Lande hereinbeschieden. Ehe er jedoch noch ankam, erschien ein Bote aus Korinth, meldete dem Oedipus den Tod seines Vaters Polybus und rief ihn auf den erledigten Thron des Landes. Bei dieser Botschaft sprach die Königin abermals tri¬ umphirend: „hohe Göttersprüche, wo seyd ihr? Der Va¬ ter, den Oedipus umbringen sollte, ist sanft an Alters¬ schwäche verschieden!“ Anders wirkte die Nachricht auf den frömmeren König Oedipus, der, obgleich er noch im¬ mer gerne geneigt war, den Polybus für seinen Vater zu halten, es doch nicht begreifen konnte, wie ein Götter¬ spruch unerfüllt bleiben sollte. Auch wollte er nicht nach Corinth gehen, weil seine Mutter Merope dort noch lebte und der andere Theil des Orakels, seine Heirath mit der Mutter, immer noch erfüllt werden konnte. Diesen Zwei¬ fel benahm ihm freilich der Bote bald. Er war derselbe Mann, der vor vielen Jahren das neugeborne Kind von einem Diener des Laus auf dem Berge Cithäron em¬ pfangen und ihm die durchbohrten und gebundenen Fer¬ sen gelöst hatte. Er bewies dem Könige leicht, daß er nur ein Pflegesohn, wiewohl Erbe des Königes Polybus von Corinth sey. Ein dunkler Trieb nach Wahrheit ließ den Oedipus nach jenem Diener des Laus verlangen, der ihn als Kind dem Corinther übergeben hatte. Von seinem Ge¬ sinde erfuhr er, daß dieß derselbe Hirt sey, der, von dem Morde des Laus entronnen, jetzt an der Gränze das Vieh des Königes waide. Als Jokaste solches hörte, verließ sie ihren Gemahl und das versammelte Volk mit einem lauten Wehruf. Oedipus, der sein Auge absichtlich mit Nacht zu bedecken suchte, mißdeutete ihre Entfernung. „Gewiß befürchtet sie,“ sprach er zu dem Volke, „als ein Weib voll Hoch¬ muth, die Entdeckung, daß ich unedlen Stammes sey. Ich 21* aber halte mich für einen Sohn des Glückes, und schäme mich dieser Abkunft nicht!“ Jetzt nahte sich der greise Hirte, der aus der Ferne herbeigeholt worden war und von dem Corinther sogleich als derjenige erkannt wurde, der ihm einst den Knaben auf dem Cithäron übergeben hatte. Der alte Hirt aber war ganz blaß vor Schre¬ cken und wollte alles läugnen; nur auf die zornigen Dro¬ hungen des Oedipus, der ihn mit Stricken zu binden be¬ fahl, sagte er endlich die Wahrheit: wie Oedipus der Sohn des Laus und der Jokaste sey, wie der furchtbare Götterspruch, daß er den Vater ermorden werde, ihn in seine Hände geliefert, er aber ihn aus Mitleid erhalten habe. Jokaste und Oedipus strafen sich. Aller Zweifel war nun gehoben und das Entsetzliche enthüllt. Mit einem wahnsinnigen Schrei stürzte Oedipus davon, irrte in dem Pallast umher und verlangte nach einem Schwerdt, um das Ungeheuer, das seine Mutter und Gattin sey, von der Erde zu vertilgen. Da ihm, wie einem Rasenden, alles aus dem Wege ging, suchte er gräßlich heulend sein Schlafgemach auf, sprengte das verschlossene Doppelthor und brach hinein. Ein grauen¬ hafter Anblick hemmte seinen Lauf. Mit fliegendem und zerrauftem Haupthaar sah er hier, hoch über dem Lager schwebend, Jokaste, die sich mit einem Strang die Kehle zugeschnürt und erhängt hatte. Nach langem Hinstarren nahte sich Oedipus der Leiche mit brüllendem Stöhnen, ließ das hochaufgezogene Seil zur Erde herab, daß sich die Leiche auf den Boden senkte, und, wie sie nun vor ihm ausgestreckt lag, riß er die goldgetriebenen Brust¬ spangen aus dem Gewande der Frau. Diese hob er hoch in der Rechten auf, fluchte seinen Augen, daß sie nimmer schauen sollten, was er that und duldete, und wühlte mit dem spitzen Gold in denselben, bis die Augäpfel durchbohrt waren und ein Blutstrom aus den Höhlen drang. Dann verlangte er, ihm, dem Geblendeten, das Thor zu öffnen, ihn herauszuführen, ihn dem ganzen Thebanervolk, als den Vatermörder, als den Muttergatten, als einen Fluch des Himmels und ein Scheusal der Erde vorzustellen. Die Diener erfüllten sein Verlangen, aber das Volk em¬ pfing den einst so geliebten und verehrten Herrscher nicht mit Abscheu, sondern mit innigem Mitleid. Kreon selbst, sein Schwager, den sein ungerechter Verdacht gekränkt hatte, eilte herbei, nicht um ihn zu verspotten, wohl aber um den fluchbelasteten Mann dem Sonnenlicht und dem Auge des Volkes zu entziehen und ihm dem Kreise seiner Kinder anzuempfehlen. Den gebeugten Oedipus rührte so viel Güte. Er übergab seinem Schwager den Thron, den er seinen jungen Söhnen aufbewahren sollte, und er¬ bat sich für seine unselige Mutter ein Grab, für seine verwaisten Töchter den Schutz des neuen Herrschers: für sich selbst aber begehrte er Ausstossung aus dem Lande, das er mit doppeltem Frevel besudelt, und Ver¬ bannung auf den Berg Cithäron, den schon die Aeltern ihm zum Grabe bestimmt hatten, und wo er jetzt leben oder sterben wollte, je nach der Götter Willen. Dann verlangte er noch nach seinen Töchtern, deren Stimme er noch einmal hören wollte, und legte seine Hand auf ihre unschuldigen Häupter. Den Kreon segnete er für alle Liebe, die dieser ihm, der es nicht um ihn verdient hätte, erwiesen, und wünschte ihm und allem Volke bessern Schutz der Götter, denn er selbst erfahren hatte. Dann führte ihn Kreon in das Haus zurück, und der jüngst noch verherrlichte Retter Thebe's, der mächtige Herrscher, dem viele Tausende gehorchten, der Oedipus, der so tiefe Räthsel erforscht und so spät erst das eigene furchtbare Räthsel seines Lebens gelöst hatte, sollte, einem blinden Bettler gleich, durch die Thore seiner Vaterstadt und an die Gränzen seines Königreichs wandern. Oedipus und Antigone. In der ersten Stunde der Entdeckung wäre der schnellste Tod dem Oedipus der liebste gewesen, ja er hätte es als eine Wohlthat aufgenommen, wenn das Volk sich gegen ihn erhoben und ihn gesteinigt hätte. Und so erschien ihm auch die Verbannung, um welche er flehte, und welche sein Schwager Kreon ihm bewilligte, als ein Geschenk. Als er aber in seiner Finsterniß zu Hause saß, und der Zorn allmählig auskochte, da fing er auch an, das Gräßliche zu empfinden, was das Herumirren eines blinden Verbannten in der Fremde für ihn haben mußte. Die Liebe zur Heimath begann mit dem Gefühle wieder zu erwachen, daß er für nicht beabsichtigte und nicht mit Bewußtseyn begangene Verbrechen, theils durch den Tod Jokaste's, theils durch die Blendung, die er an sich selbst vollzogen habe, doch eigentlich genug bestraft sey, und er scheute sich auch nicht, den Wunsch zu Hause zu bleiben, gegen Kreon und seine eigenen Söhne Eteokles und Polynices laut werden zu lassen. Aber da zeigte sich, daß die Rührung des Fürsten Kreon nur eine vor¬ übergehende gewesen und auch seine Söhne eine harte und selbstsüchtige Gemüthsart hatten. Kreon nöthigte sei¬ nen unglücklichen Verwandten, auf seinem ersten Beschlusse zu verharren, und die Söhne, deren erste Pflicht doch war, dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Bei¬ stand. Ja fast ohne daß ein Wort gewechselt wurde, gab man ihm den Bettelstab in die Hand und stieß ihn zum Königspallaste von Thebe hinaus. Nur seine Töch¬ ter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verstoßenen. Die jüngere Tochter Ismene blieb im Hause ihrer Brü¬ der zurück, um hier so viel als möglich der Sache des Vaters zu dienen und gleichsam der Anwalt des Ent¬ fernten zu seyn. Die ältere, Antigone, theilte mit dem Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blin¬ den. So zog sie mit ihm auf schwerer Irrfahrt herum, schweifte unbeschuht und ohne Speise mit ihm durch die wilden Wälder; Sonnenhitze und Regenguß hielt die zarte Jungfrau mit dem Vater aus, und während sie zu Hause bei den Brüdern die beste Pflege genießen konnte, war sie im Elende zufrieden, wenn nur der Vater satt wurde. Sein Wille war anfangs gewesen, in einer Wüstenei des Berges Cithäron das elende Leben zu fristen oder zu en¬ digen. Doch, weil er ein frommer Mann war, wollte er auch diesen Schritt nicht ohne den Willen der Göt¬ ter thun, und so pilgerte er vorher zum Orakel des pythischen Apollo. Hier ward ihm ein tröstlicher Spruch zu Theil. Die Götter erkannten, daß Oedipus wider seinen Willen sich gegen die Natur und die heiligsten Ge¬ setze der Menschengesellschaft versündigt hatte. Gebüßt mußte ein so schweres Vergehen freilich werden, wenn es auch unfreiwillig war; aber ewig sollte die Strafe nicht währen. Darum eröffnete ihm der Gott: „nach langer Frist zwar, aber endlich doch harre seiner die Erlösung, wenn er zu dem ihm vom Schicksale bestimmten Lande gelangt wäre, wo die ehrwürdigen Göttinnen, die stren¬ gen Eumeniden, ihm eine Zufluchtsstätte gönnten.“ Nun war aber der Name Eumeniden, die Wohlwollenden, ein Beiname der Erinnyen oder Furien, der Göttinnen der Rache, welche die Sterblichen mit einem so begütigenden Namen ehren und besänftigen wollten. Der Orakelspruch lautete räthselhaft und schauerlich. Bei den Furien sollte Oedipus für seine Sünden gegen die Natur Ruhe und Erlösung von seiner Strafe finden! Dennoch ver¬ traute er auf die Verheißung des Gottes, und zog nun, dem Schicksal überlassend, wann die Erfüllung eintreten sollte, in Griechenland herum, von seiner frommen Toch¬ ter geleitet und gepflegt, und vom Almosen mitleidiger Menschen erhalten. Immer bat er nur um Weniges, und erhielt auch nur Weniges. Aber er begnügte sich damit immer, denn die lange Dauer seiner Verbannung, die Noth, und seine eigene edle Sinnesart lehrten ihn Begnügsamkeit. Oedipus auf Kolonos . Nach langer Wanderung, bald durch bewohntes, bald durch wüstes Land waren die beiden eines Abends in einer sehr milden Gegend bei einem anmuthigen Dorfe mitten im lieblichsten Haine angekommen. Nachtigallen flatterten durch das Gebüsch, und sangen mit süßem Schall, Rebenblüthe duftete, mit Oliven- und Lorbeer¬ bäumen waren die rauhen Felsstücke, welche die Gegend vielmehr schmückten, als entstellten, überkleidet. Der blinde Oedipus selbst hatte durch seine übrigen Sinne eine Empfindung von der Anmuth des Ortes, und schloß aus der Schilderung seiner Tochter, daß derselbe ein geheilig¬ ter seyn müsse. Aus der Ferne stiegen die Thürme einer Stadt auf, und ihre Erkundigungen hatten Antigone be¬ lehrt, daß sie sich in der Nähe von Athen befinden. Oedi¬ pus hatte sich, von dem Wege des Tages müde, auf ein Felsstück gesetzt. Ein Bewohner des Dorfes, der vorüber¬ ging, hieß ihn jedoch bald diesen Sitz verlassen, weil der Boden geheiligt sey, und keinen Fußtritt dulde. Da erfuhren denn die Wanderer bald, daß sie sich im Flecken Kolonos und auf dem Gebiet und in dem Haine der al¬ leserspähenden Eumeniden befänden, unter welchem Namen die Athener hier die Erinnyen verehrten. Nun erkannte Oedipus, daß er am Ziele seiner Wanderung angekommen und der friedlichen Lösung seines feindseligen Geschickes nahe sey. Seine Worte machten den Koloneer nachdenklich, und er wagte es jetzt schon nicht mehr, den Fremdling von seinem Sitz zu ver¬ treiben, ehe er den König von dem Vorfall unterrichtet hätte. „Wer gebietet denn in eurem Lande?“ fragte Oedi¬ pus, dem in seinem langen Elende die Geschichten und Verhältnisse der Welt fremd geworden waren. „Kennst du den gewaltigen und edlen Helden Theseus nicht,“ fragte der Dorfbewohner, „ist doch die ganze Welt voll von seinem Ruhme!“ — „Nun, ist euer Herrscher so hoch¬ gesinnt,“ erwiederte Oedipus, „so werde du mein Bote zu ihm, und bitte ihn, nach dieser Stelle zu kommen; für so kleine Gunst verspreche ich ihm großen Lohn.“ — „Welche Wohlthat könnte unsrem König ein blinder Mann reichen?“ sagte der Bauer und warf einen lächelnden, mit¬ leidigen Blick auf den Fremdling. „Doch,“ setzte er hinzu, „wäre nicht deine Blindheit, Mann, du hättest ein edles, hohes Aussehen, das mich zwingt, dich zu ehren. Darum will ich dein Verlangen erfüllen, und meinen Mitbürgern und dem Könige deine Bitte melden. Bleibe so lange hier sitzen, bis ich deinen Auftrag ausgerichtet habe. Jene mögen dann entscheiden, ob du hier bleiben kannst, oder gleich wieder weiter wandern sollst.“ Als sich Oedipus mit seiner Tochter wieder allein sah, erhub er sich von seinem Sitze, warf sich zu Bo¬ den und ergoß sein Herz in einem brünstigen Gebete zu den Eumeniden, den furchtbaren Töchtern des Dunkels und der Mutter Erde, die eine so liebliche Wohnung in diesem Haine aufgeschlagen. „Ihr Grauenvollen und doch Gnädigen,“ sprach er, „zeiget mir jetzt nach dem Aus¬ spruche Apollo's die Entwicklung meines Lebens, wenn anders ich in meinem mühseligen Leben nicht immer noch zu wenig erduldet habe! Erbarmet euch, ihr Töchter des Dunkels, erbarme dich, ehrenwerthe Stadt Athene's, über das Schattenbild des Königs Oedipus, der vor euch steht, denn er selbst ist es nicht mehr!“ Sie blieben nicht lange allein. Die Kunde, daß ein blinder Mann von Ehrfurcht gebietendem Aussehen sich in dem Furienhayne gelagert, den zu betreten Sterblichen sonst nicht vergönnt ist, hatte bald die Aeltesten des Dor¬ fes, welche die Entweihung zu hindern gekommen waren, um ihn versammelt. Noch größerer Schrecken ergriff sie, als der Blinde sich ihnen als einen vom Schicksale ver¬ folgten Mann zu erkennen gab. Sie fürchteten, den Zorn der Gottheit auf sich zu laden, wenn sie einen vom Himmel Gezeichneten länger an diesem heiligen Orte dul¬ deten, und befahlen ihm, auf der Stelle ihre Landschaft zu verlassen. Oedipus bat sie inständig, ihn von dem Ziele seiner Wanderschaft, das ihm die Stimme der Gott¬ heit selbst angewiesen habe, nicht zu verstoßen; Antigone vereinigte ihr Flehen mit dem seinen. „Wenn ihr euch der grauen Haare meines Vaters nicht erbarmen wollet,“ sprach die Jungfrau, „so nehmet ihn doch um meiner, der Verlassenen willen auf: denn auf mir lastet ja keine Schuld. Eilet, bewilliget uns eure Gunst unverhofft!“ Während sie solche Zwiesprache pflegten und die Einwoh¬ ner zwischen Mitleid und Furcht vor den Erinnyen in ihrem Entschlusse zweifelhaft hin und her schwankten, sah Antigone ein Mädchen, auf einem kleinen Rosse sitzend, das Angesicht mit einem Reisehut vor der Sonne geschützt, heraneilen. Ein Diener, gleichfalls zu Rosse, folgte ihr. „Es ist meine Ismene,“ sagte sie in freudigem Schrecken, „schon glänzt mir ihr liebes, helles Auge! Gewiß bringt sie uns neue Kunde aus der Heimath!“ Bald war die Jungfrau, das jüngste Kind des verstoßenen Königs, bei ihnen angelangt und vom Saumrosse gesprungen. Mit einem einzigen Knechte, den sie allein treu befunden, hatte sie sich von Theben aufgemacht, um dem Vater Nachricht von dem Stande der dortigen Angelegenheiten zu bringen. Dort waren seine Söhne von großer, selbst¬ verschuldeter Noth bedrängt. Anfangs hatten sie die Ab¬ sicht, ihrem Oheime Kreon den Thron ganz zu überlassen, denn der Fluch ihres Stammes schwebte ihnen drohend vor Augen. Allmählig aber, je mehr ihres Vaters Bild in die Ferne trat, verlor sich diese Regung; das Verlan¬ gen nach Herrschaft und Königswürde, und mit ihm die Zwietracht erwachte bei ihnen. Polynices, der das Recht der Erstgeburt auf seiner Seite hatte, setzte sich zuerst auf den Thron. Aber Eteokles, der jüngere, nicht zufrieden, abwechslungsweise mit ihm zu herrschen, wie der Bruder vorschlug, verführte das Volk und stieß den älteren Bru¬ der aus dem Lande fort. Dieser, so ging in Thebe das Gerücht, war nach Argos im Peloponnes entflohen, wurde dort der Schwiegersohn des Königes Adrastus, verschaffte sich Freunde und Bundesgenossen, und bedrohte seine Va¬ terstadt mit Eroberung und Rache. Zugleich aber war ein neuer Götterspruch ruchbar geworden, welcher dahin lautete, daß die Söhne des Oedipus ohne ihn selbst nichts vermögen; daß sie ihn suchen müßten, todt oder lebendig, wenn ihr eigenes Heil ihnen lieb wäre. Dieß waren die Nachrichten, welche Ismene ihrem Vater brachte. Der Chor horchte staunend, und Oedipus hub sich hoch empor von seinem Sitze: „Also steht es mit mir,“ sprach er, und königliche Hoheit strahlte von dem blinden Angesichte, „bei dem Verbannten, bei dem Bett¬ ler, sucht man Hülfe? Nun, da ich Nichts bin, werde ich erst ein rechter Mann?“ „So ist es,“ fuhr Ismene in ihren Nachrichten fort. „Auch wisse, Vater, daß eben deßwegen unser Oheim Kreon in ganz kurzer Zeit hierher kommen wird, und daß ich mich sehr beeilt habe, ihm zuvor zu kommen. Denn er will dich überreden oder fangen, wegführen und an die Grenzen des thebani¬ schen Gebietes stellen, damit der Orakelspruch sich zu seinen und unsers Bruders Eteokles Gunsten erfülle, und deine Gegenwart die Stadt doch nicht entweihe.“ — „Von wem weißt du alles dieses?“ fragte der Vater. „Von Opferpilgern, die nach Delphi ziehen.“ „Und wenn ich dort sterbe,“ fragte Oedipus weiter, „werden sie mich in thebischer Erde begraben?“ „Nein,“ erwiederte die Jung¬ frau, „das duldet deine Blutschuld nicht.“ — „Nun,“ rief der alte König entrüstet, „so sollen sie auch meiner nie¬ mals mächtig werden! Wenn bei meinen beiden Söh¬ nen die Herrschsucht stärker ist, als die kindliche Liebe, so soll ihnen auch der Himmel nie ihre verhängnißvolle Zwietracht löschen, und, wenn auf mir die Entscheidung ihres Streites beruht, so soll weder der, der jetzt den Scepter in Händen hat, auf dem Throne sitzen bleiben, noch der Verjagte je sein Vaterland wieder sehen! Nur diese Töchter sind meine wahren Kinder! In ihnen er¬ sterbe meine Schuld, für sie erflehe ich den Segen des Himmels, für sie bitte ich auch um euren Schutz, mit¬ leidige Freunde! Gewähret ihnen und mir euren thäti¬ gen Beistand, und ihr erwerbet dadurch eurer Stadt eine mächtige Brustwehr!“ Oedipus und Theseus . Die Koloneer hatte große Ehrfurcht vor dem blin¬ den Oedipus erfüllt, der in seiner Verbannung noch so gewaltig erschien: sie riethen ihm durch ein Trankopfer die Entweihung des Furienhaines zu sühnen. Erst jetzt erfuhren auch die Greise den Namen und die unverschuldete Schuld des Königs Oedipus, und wer weiß, ob das Grauen vor seiner That sie nicht auf's neue gegen ihn verhärtet hätte, wenn nicht ihr König Theseus, den die Bot¬ schaft herbeigerufen hatte, jetzt eben in ihren Kreis ge¬ treten wäre. Dieser ging freundlich und ehrerbietig auf den blinden Fremdling zu und redete ihn mit liebreichen Worten an: „Armer Oedipus, mir ist dein Geschick nicht unbekannt, und schon deine gewaltsam geblendeten Augen sagen mir, wen ich vor mir habe. Dein Unglück rührt mich tief in der Seele. Sage mir, was du bei der Stadt und mir suchest. Die That, zu der du meine Beihülfe verlangst, müßte eine schreckliche seyn, wenn ich mich von dir abwenden könnte. Ich hab' es nicht ver¬ gessen, daß auch ich gleich dir in fremden Landen heran¬ gewachsen bin, und viele Fährlichkeiten ausgestanden habe.“ — „Ich erkenne deinen Seelenadel in dieser kur¬ zen Rede,“ antwortete Oedipus, „ich komme dir eine Bitte vorzutragen, die eigentlich eine Gabe ist. Ich schenke dir diesen meinen leidensmüden Leib, freilich ein sehr unscheinbares Gut, aber doch ein großes Gut. Du sollst mich begraben und reichen Segen von deiner Mildigkeit ärnten!“ — „Fürwahr,“ sagte Theseus erstaunt, „die Gunst, um welche du flehest, ist klein. Verlange etwas Besseres, etwas Höheres, und es soll dir Alles von mir gewährt seyn.“ — „Die Gunst ist nicht so leicht, als du glaubst, o König,“ fuhr Oedipus fort, „du wirst einen Streit um diesen meinen elenden Leib zu bestehen haben.“ Nun erzählte er ihm seine Verjagung und das späte und eigennützige Verlangen seiner Verwandten, ihn wieder zu besitzen; dann bat er ihn flehentlich um seinen Heldenbei¬ stand. Theseus hörte aufmerksam zu und sprach endlich feierlich: „Schon weil jedem Gastfreunde mein Haus offen steht, darf ich meine Hand nicht von dir abziehen; wie sollte ich es thun, da du noch dazu mir und mei¬ nem Lande so viel Heil versprichst, und von der Hand der Götter an meinen Herd geleitet worden bist!“ Er ließ dem Oedipus hierauf die Wahl, mit ihm nach Athen zu gehen, oder hier in Kolonos als Gast zu bleiben. Dieser wählte das zweite, weil ihm vom Schicksale bestimmt sey, an der Stelle, wo er jetzt eben sich befinde, den Sieg über seine Feinde davon zu tragen und sein Leben rühm¬ lich zu beschließen. Der Athenerkönig versprach ihm den kräftigsten Schutz und kehrte in die Stadt zurück. Oedipus und Kreon. Bald darauf drang der König Kreon von Thebe mit Bewaffneten in Kolonos ein, und eilte auf Oedipus zu. „Ihr seyd von meinem Eintritt ins attische Gebiet überrascht,“ sprach er zu den noch immer versammelten Dorfbewohnern gewendet; „doch sorget und zürnet nicht: ich bin nicht so jung, im Uebermuthe gegen die stärkste Stadt Griechenlands einen Kampf zu unternehmen. Ich bin ein Greis, den seine Mitbürger nur abgesandt haben, diesen Mann hier durch gütliche Ueberredung zu bewe¬ gen, mit mir nach Thebe zurückzukehren.“ Dann kehrte er sich zu Oedipus und drückte in den ausgesuchtesten Worten eine erheuchelte Theilnahme an seinem und sei¬ ner Töchter Elend aus. Aber Oedipus erhob seinen Stab und streckte ihn aus, zum Zeichen, daß Kreon ihm nicht näher kommen solle. „Schamlosester Betrüger,“ rief er, „das fehlte noch zu meiner Pein, daß Du kämest und mich gefangen mit dir fortführtest! Hoffe nicht durch mich deine Stadt von der Züchtigung zu befreien, die ihr be¬ vorsteht. Nicht ich werde zu euch kommen, sondern nur den Dämon der Rache werde ich euch senden, und meine beiden lieblosen Söhne sollen nur soviel von the¬ banischem Boden besitzen, als sie brauchen, um sterbend darauf zu liegen!“ Kreon wollte nun versuchen, den blin¬ den König mit Gewalt hinwegzuführen, aber die Bür¬ ger von Kolonos erhoben sich dagegen, stützten sich auf Theseus Wort und duldeten es nicht. Inzwischen hatten in dem Getümmel auf einen Wink ihres Herrn die The¬ baner Ismene und Antigone ergriffen und von der Seite ihres Vaters weggerissen. Diese schleppten sie fort, und trieben den Widerstand der Koloneer ab. Kreon aber sprach höhnend: „Deine Stäbe wenigstens habe ich dir entrissen. Versuch es jetzt, Blinder, und wandre weiter!“ Und durch diesen Erfolg kühner gemacht, ging er auf's Neue auf Oedipus los, und legte schon Hand an ihn, als Theseus, den die Nachricht vom bewaffneten Einfalle in Kolonos zurückgerufen hatte, auftrat. Sobald dieser hörte und sah, was geschehen und noch im Werke sey, entsandte er Diener zu Fuß und zu Rosse auf der Straße hin, auf der die Töchter von den Thebanern als Raub fortgeführt wurden, dem Kreon aber erklärte er, ihn nicht eher freilassen zu wollen, als bis er dem Oedipus die Töchter zurückgegeben. „Sohn des Aegeus,“ hub dieser beschämt an, „ich bin wahrlich nicht gekommen, dich und deine Stadt zu bekriegen. Wußte ich doch nicht, daß deine Mitbürger ein solcher Eifer für diesen meinen blin¬ den Verwandten, dem ich Gutes thun wollte, befallen habe, daß sie den Vatermörder, den Gatten seiner Mut¬ ter, lieber bei sich hegen würden, als ihn in sein Vater¬ land entlassen!“ Theseus befahl ihm zu schweigen, ohne Verzug mit ihm zu gehen und den Aufenthalt der Jung¬ frauen anzuzeigen; und in Kurzem führte er die gerette¬ ten Töchter dem tief gerührten Oedipus in die Arme. Kreon und die Diener waren abgezogen. Oedipus und Polynices . Aber noch sollte der arme Oedipus keine Ruhe ha¬ ben. Theseus brachte die Nachricht von seinem kurzen Zuge mit, daß ein naher Blutsverwandter desselben, je¬ doch nicht aus Thebe kommend, Kolonos betreten und sich an dem Altar des benachbarten Neptunustempels, wo Theseus eben geopfert hatte, als Schutzflehender nieder¬ gelassen habe. „Das ist mein hassenswerther Sohn Po¬ lynices,“ rief Oedipus zürnend aus! „Es wäre mir un¬ erträglich, ihn anhören zu müssen.“ Doch Antigone, die diesen Bruder als den sanfteren und besseren liebte, wußte die Zornaufwallung des Vaters zu dämpfen und dem Unglücklichen wenigstens Gehör zu verschaffen. Nachdem sich Oedipus auch gegen diesen den Arm seines Beschü¬ tzers ausgebeten hatte, falls er ihn mit Gewalt hinweg¬ führen wollte, ließ er den Sohn vor sich. Polynices zeigte schon durch sein Auftreten eine ganz andere Gemüthsart, als sein Oheim Kreon, und Anti¬ gone versäumte nicht, ihren blinden Vater darauf auf¬ merksam zu machen. „Ich sehe jenen Fremdling,“ rief sie, „ohne Begleiter herzureiten! Ihm strömen die Thrä¬ nen aus den Augen.“ — „Ist er es,“ fragte Oedipus und wendete sein Haupt ab. „Ja, Vater,“ erwiederte Schwab, das klass. Alterthum. I . 22 die gute Schwester, „dein Sohn Polynices steht vor dir.“ Polynices warf sich vor dem Vater nieder und umschlang seine Knie. An ihm hinaufblickend betrachtete er jam¬ mernd seine Bettlerkleidung, seine hohlen Augen, sein ungekämmt in der Luft flatterndes Greisenhaar. „Ach, zu spät erfahre ich alles dieses,“ rief er, „ja ich selbst muß es bezeugen, ich habe meines Vaters vergessen! Was wäre er ohne die Fürsorge meiner Schwester! Ich habe mich schwer an dir versündigt, Vater! Kannst du mir nicht vergeben? Du schweigst? Sprich doch etwas, Vater! Zürne nicht so unerbittlich hinweggewandt! O ihr lieben Schwestern, versucht ihr es, den abge¬ kehrten Mund meines Erzeugers zu rühren!“ — „Sage du selbst zuvor, Bruder, was dich hergeführt hat,“ sprach die milde Antigone, „vielleicht öffnet deine Rede auch seine Lippen!“ Polynices erzählte nun seine Verjagung durch den Bruder, seine Aufnahme beim König Adrastus in Argos, der ihm die Tochter zur Gemahlin gab, und wie er dort sieben Fürsten mit siebenfacher Schaar für seine gerechte Sache geworben habe, und diese Bundesgenossen das thebanische Gebiet bereits umringt hätten. Dann bat er den Vater unter Thränen, sich mit ihm aufzuma¬ chen, und nachdem durch seine Hülfe der übermüthige Bruder gestürzt sey, die Krone von Theben aus Sohnes Händen zum zweitenmal zu empfahen. Doch die Reue des Sohnes vermochte den harten Sinn des gekränkten Vaters nicht zu erweichen. „Du Verruchter!“ sprach er und hob den Niedergeworfenen nicht vom Boden auf, „als Thron und Scepter noch in deinem Besitze war, hast du den Vater selbst aus der Heimath verstoßen, und in dieses Bettlerkleid eingehüllt, das du jetzt an ihm be¬ mitleidest, wo gleiche Noth über dich gekommen ist! Du und dein Bruder, ihr seyd nicht meine wahren Kinder; hinge es von euch ab, so wäre ich längst todt. Nur durch meine Töchter lebe ich. Auch harrt euer schon der Götter Rache. Du wirst deine Vaterstadt nicht vertil¬ gen; in deinem Blute wirst du liegen, und dein Bruder in dem seinen. Dieß ist die Antwort, die du deinen Bundesfürsten bringen magst!“ Antigone nahte sich jetzt ihrem Bruder, der bei dem Fluche des Vaters entsetzt vom Boden aufgesprungen und rückwärts gewichen war. „Höre mein inbrünstiges Flehen, Polynices,“ sprach sie ihn umfassend, kehre mit deinem Heere nach Argos zurück, bekriege deine Vaterstadt nicht!“ „Es ist unmöglich,“ er¬ wiederte zögernd der Bruder; „die Flucht brächte mir Schmach, ja Verderben! Und wenn wir Brüder beide zu Grunde gehen müssen, dennoch können wir nicht Freunde seyn!“ So sprach er, wand sich aus der Schwester Ar¬ men und stürzte verzweifelnd davon. So hatte Oedipus den Versuchungen seiner Ver¬ wandten nach beiden Seiten hin widerstanden und sie dem Rachegott preisgegeben. Jetzt war sein eigenes Ge¬ schick vollendet. Donnerschlag auf Donnerschlag erscholl vom Himmel. Der Greis verstand seine Stimme und ver¬ langte sehnlich nach Theseus. Die ganze Gegend hüllte sich in Gewitterfinsterniß. Eine große Angst bemächtigte sich des blinden Königes: er fürchtete von seinem Gast¬ freunde nicht mehr lebend, oder nicht mehr unverstörten Sinnes getroffen zu werden, und ihm den vollen Dank für so viele Wohlthaten nicht mehr bezahlen zu können. Endlich erschien Theseus, und nun sprach Oedipus seinen feierlichen Segen über die Stadt Athen. Dann forderte 22 * er den König auf, dem Heroldrufe der Götter zu folgen und ihn allein an die Stelle zu begleiten, wo er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur vom Auge des Theseus geschaut, enden sollte. Keinem Menschen sollte er sagen, wo Oedipus die Erde verlassen. Bleibe das heilige Grab, das ihn verschlingen würde, verborgen, so werde es mehr als Speer und Schild und alle Bundes¬ genossen eine Schutzwehr gegen alle Feinde Athens seyn. Seinen Töchtern und den Bewohnern von Kolonos er¬ laubte er dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und so vertiefte sich der ganze Zug in die schauerlichen Schat¬ ten des Furienhaines. Keines durfte an Oedipus rühren; er, der Blinde, bisher von der Tochter Hand geleitet, schien auf einmal ein Sehender geworden, ging wunderbar ge¬ stärkt und aufgerichtet allen andern voran und zeigte ihnen den Weg zu dem vom Schicksal ihm bestimmten Ziele. Mitten in dem Haine der Erinnyen sah man einen geborstenen Erdschlund, dessen Oeffnung mit einer eher¬ nen Schwelle versehen war, und zu welchem mehrere Kreuzwege führten. Von dieser Höhle ging von uralter Zeit her die Sage, daß sie einer der Eingänge in die Unterwelt sey. In einen jener Kreuzwege nun trat Oe¬ dipus ein, doch ließ er sich von dem Gefolge nicht bis zu der Grotte selbst begleiten, sondern unter einem hohlen Baume machte er Halt, setzte sich auf einen Stein nieder und löste den Gürtel seines schmutzigen Bettlerkleides. Dann rief er nach einer Spende fließenden Wassers, wusch sich von aller Unreinigkeit der langen Wanderung und zog ein schmuckes Gewand an, das ihm durch seine Töchter aus einer nahen Wohnung herbeigebracht wurde. Als er nun völlig umgekleidet und wie erneuert dastand, tönte unterirdischer Donner vom Boden herauf. Bebend warfen sich die Jungfrauen, die bisher um ihren Vater bemüht gewesen waren, in seinen Schooß; Oedipus aber schlang seinen Arm um sie, küßte sie und sprach: „Kin¬ der, lebet wohl, von diesem Tag an habt ihr keinen Va¬ ter mehr!“ Aus dieser Umarmung weckte sie eine don¬ nergleiche Stimme, von der man nicht wußte, ob sie vom Himmel herab- oder aus der Unterwelt herauftönte. „Was säumest du, Oedipus? Was zögern wir zu gehen?“ rief es. Als der blinde König die Stimme vernahm und wußte, daß der Gott ihn abfordere, machte er sich aus den Armen seiner Kinder los, rief den König Theseus zu sich, und legte seiner Töchter Hände in die Hand des¬ selben, zum Zeichen seiner Verpflichtung, sie nimmermehr zu lassen. Dann befahl er allen andern, umgewendet sich zu entfernen. Nur Theseus an seiner Seite durfte auf die eherne Schwelle mit ihm zuschreiten. Seine Töchter und das Gefolge waren seinem Winke gefolgt, und schauten sich erst um, als sie eine gute Strecke rück¬ wärts gegangen waren. Da hatte sich ein großes Wun¬ der ereignet. Von dem Könige Oedipus war keine Spur mehr zu erblicken. Kein Blitz war zu sehen, kein Donner zu hören, kein Wirbelwind zu spüren; die tiefste Stille herrschte in der Luft. Die dunkle Schwelle der Unter¬ welt schien sich sanft und lautlos für ihn aufgethan zu haben, und durch den Erdspalt war der entsündigte Greis ohne Stöhnen und Pein sachte wie auf Geisterflügeln zur Unterwelt hinabgetragen worden. Den Theseus aber erblickten sie allein, mit der Hand die Augen sich über¬ schattend, als hätte er ein göttliches, überwältigendes Gesicht gehabt. Dann sahen sie, wie er, die Hände hoch gen Himmel gehoben, zu den Olympiern, und dann, demü¬ thig auf den Boden niedergeworfen, zu den Göttern der Unterwelt flehete. Nach kurzem Gebete kehrte der König zu den Jungfrauen zurück, versicherte sie seines väterlichen Schutzes und wandelte mit ihnen in tiefsinnige Betrach¬ tungen versunken nach Athen zurück. Sechstes Buch. Die Sieben gegen Thebe. Polynices und Tydeus bei Adrast. — Auszug der Helden. Hypsipyle und Opheltes. — Die Helden vor Thebe angekommen. — Menökeus. — Der Sturm auf die Stadt. — Der Brüder Zweikampf. — Kreons Beschluß. — Antigone und Kreon. — Hämon und Antigone. — Kreons Strafe. Die Epigonen. Alkmäon und das Halsband. Die Sage von den Herakliden. Die Herakliden kommen nach Athen. — Makaria. — Die Rettungs¬ schlacht. — Eurystheus vor Alkmene. — Hyllus, sein Orakel und seine Nachkommen. — Die Herakliden theilen den Peloponnes. — Merope und Aepytus. Die Sieben gegen Thebe. Polynices und Tydeus bei Adrast. Adrastus, der Sohn des Talaus, König von Argos, hatte fünf Kinder, darunter zwei schöne Töchter, Argia und Deipyle. Ueber diese war ihm ein seltsamer Orakel¬ spruch geworden: er werde dieselben dereinst einem Löwen und einem Eber zu Gemahlinnen geben. Vergebens besann sich der König, welchen Sinn dieses dunkle Wort haben könne, und als die Mägdlein herangewachsen waren, gedachte er sie so zu vermählen, daß die ängstliche Wahrsagung auf keine Weise erfüllt werden könnte. Aber das Götterwort sollte nicht zu Schanden werden. Von zweierlei Seiten kamen zwei Flüchtlinge durch Argos Thore. Aus Thebe war Polynices von seinem Bruder Eteokles verjagt wor¬ den ; Tydeus, des Oeneus Sohn, war aus Kalydon geflohen, wo er auf der Jagd einen Verwandtenmord, nicht ab¬ sichtlich, verübt hatte. Beide Flüchtlinge trafen sich vor dem Königspallaste von Argos. In der Dunkelheit der Nacht hielten sie sich für Feinde und geriethen mit ein¬ ander ins Handgemenge. Adrastus hörte das Waffenge¬ tümmel unter seiner Burg, stieg bei Fackelschein von ihr herab und trennte die Streitenden. Als nun zu seinen beiden Seiten einer der Heldensöhne stand, die noch eben mit einander gekämpft hatten, so erstaunte der König wie vor einem plötzlichen Gesichte, denn von dem Schilde des Polynices blickte ihm ein Löwenhaupt, von des Tydeus Schild starrte ihm ein Eberkopf entgegen. Der erstere trug solches Abzeichen auf dem Schilde zu Ehren des Her¬ kules, der andere hatte sich das Wappen zum Andenken an die Jagd des Kalydonischen Ebers und Meleagers gewählt. Adrastus sah jetzt die Deutung jenes dunkeln Orakelwor¬ tes vor sich, und aus den Flüchtlingen wurden ihm Schwiegersöhne. Polynices erhielt die Hand der ältern Tochter, Argia; die jüngere Tochter, Deipyle, wurde dem Tydeus zu Theil. Beiden gab er zugleich das Ver¬ sprechen, sie in ihre väterliche Reiche, aus denen sie ver¬ trieben waren, wieder einzuführen. Zuerst wurde der Feldzug gegen Thebe beschlossen, und Adrastus sammelte seine Helden, sieben Fürsten, ihn selbst einbegriffen, mit sieben Schaaren, um sich. Ihre Namen waren Adrastus, Polynices, Tydeus; Amphia¬ raus und Kapaneus, der erste der Schwestergemahl Adrasts, der andere ein Schwestersohn; endlich seine zwei Brüder, Hippomedon und Panthenopäus. Aber Amphiaraus, der Schwager des Königs, der früher lange sein Feind ge¬ wesen, war ein Prophet, und als solcher sah er den unglückseligen Ausgang des ganzen Feldzuges voraus. Nachdem er nun sich vergebens bemüht hatte, den Adra¬ stus und die übrigen Helden von ihrem Vorhaben abwen¬ dig zu machen, suchte er einen Schlupfwinkel auf, den nur seine Gemahlin, Eriphyle, die Schwester des Königes, kannte, und verbarg sich dort aufs sorgfältigste. Lange suchten ihn die Helden vergebens, und ohne ihn, den er das Auge seines Heeres zu nennen pflegte, wagte Adrast den Feldzug nicht zu unternehmen. Nun hatte Polynices, als er aus Thebe flüchtig werden mußte, das Halsband und den Schleier mitgenommen, die unglückbringenden Ge¬ schenke, die einst Venus der Harmonia an ihrem Beila¬ ger mit Kadmus, dem Gründer Thebe's, verehrt hatte, und die jedem, der sie trug, das Verderben brachten. Diese Gaben hatten auch wirklich schon der Harmonia selbst, der Semele, der Mutter des Bacchus, und der Jokaste den Untergang gebracht. Zuletzt hatte sie Argia, die Gemahlin des Polynices, die auch unglücklich werden sollte, besessen, und jetzt beschloß ihr Gemahl, mit einem derselben, dem Halsbande, die Eriphyle zu bestechen, daß sie ihm und seinen Kampfgenossen den Aufenthalt ihres Gatten verriethe. Als das Weib, das längst seine Schwester um den herrlichen Schmuck, den ihr der Fremdling zugebracht, beneidet hatte, die funkelnden Edel¬ steine und Goldspangen an dem Halsbande sah, konnte sie der Lockung nicht widerstehen, hieß den Polynices fol¬ gen und zog den Amphiaraus aus seiner Zufluchtsstätte hervor. Jetzt konnte dieser sich der Anschließung an den Feldzug um so weniger entziehen, als er schon frü¬ her, da er sich mit dem Adrastus ausgesöhnt und von ihm die Schwester zur Ehe erhalten hatte, anheischig ge¬ macht, bei jeder künftigen Streitigkeit mit dem Schwager die Entscheidung seiner Gattin zu überlassen. Er that seine Rüstung an und sammelte seine Krieger. Bevor er jedoch auszog, rief er seinen Sohn Alkmäon zu sich und verpflichtete ihn mit einem heiligen Schwure, sich nach sei¬ nem Tode, sobald ihm derselbe kundbar würde, an der treulosen Mutter zu rächen. Auszug der Helden. Hypsipyle und Opheltes. Auch die übrigen Helden rüsteten sich, und bald hatte Adrastus ein gewaltiges Heer um sich versammelt, das in sieben Heerhaufen abgetheilt und von sieben Helden befehligt, unter dem Schalle der Zinken und Trompeten, jauchzend und voll Hoffnung die Stadt Argos verließ. Aber schon auf dem Wege stellte sich das Unglück ein. Sie waren in den Wald von Nemea gelangt, wo alle Quellen, Flüsse und Seen ausgetrocknet waren, und des Tages Hitze mit brennendem Durste sie quälte. Panzer und Schilde wurden ihnen zu schwer, der Staub, der sich von dem Zug auf der Straße erhob, setzte sich ihnen auf den dürren Gaumen, selbst ihren Rossen trocknete der Schaum von dem Maule hinweg und sie bissen knirschend mit trockenen Nüstern in den Zaum. Während nun Adrastus nebst einigen Kriegern vom Heere vergebens nach Quellen die Waldungen durchirrte, stießen sie auf einmal auf ein trauriges Weib von seltener Schöne, das einen Knaben an der Brust, mit wallenden Haaren und in ärmlicher Kleidung, doch mit königlicher Miene, unter dem Schat¬ ten eines Baumes saß. Der überraschte König glaubte nicht anders, als eine Nymphe des Waldes vor sich zu sehen, warf sich vor ihr auf ein Knie und flehte sie für sich und die Seinigen um Rettung aus der Noth an, mit welcher der Durst sie bedrohe. Aber die Frau ant¬ wortete mit gesenktem Auge und demüthiger Stimme: „Fremdling, ich bin keine Göttin; Du magst, wie dein herrliches Aussehen mich vermuthen läßt, von Göttern stammen: wenn an mir etwas übermenschliches, so muß es nur mein Leiden seyn, denn ich habe mehr geduldet, als sonst Sterblichen zu leiden auferlegt wird. Ich bin Hyp¬ sipyle, einst die gefeierte Königin der Amazonen auf Lemnos, die Tochter des herrlichen Thoas, jetzt nach unnennbarem Jammer von Seeräubern entführt und verkauft, die gefangene Sclavin des Königs Lykurgus von Nemea. Der Knabe, den ich säuge, ist nicht mein eigenes Kind; er ist Opheltes, der Sohn meines Herrn, und ich bin ihm zur Wärterin bestellt. Aber was ihr von mir begehret, will ich euch gerne verschaffen. Noch eine einzige Quelle sprudelt in dieser trostlosen Ein¬ öde, und ihren geheimen Zugang kennt niemand, als ich. Sie ist ergiebig genug, euer ganzes Heer zu erqui¬ cken. Folget mir!“ Die Frau stand auf, legte den Säug¬ ling sorglich in's Gras und lullte ihn mit einem Wie¬ genliede in den Schlaf. Die Helden riefen ihren Ge¬ nossen, und nun drängte sich das ganze Heer Hypsipyle's Tritten nach auf geheimen Pfaden, die durch's dichteste Waldgebüsch führten. Bald gelangten sie zu einer fel¬ sigen Thalschlucht, aus der kühler Wasserstaub empor¬ drang und die erhitzten Angesichter der vordersten Krie¬ ger, die der Führerin und ihrem König vorangeeilt waren, mit leichtem Schaum erfrischte. Zugleich rauschte das Murmeln eines starken Wasserfalles an ihr Ohr. „Was¬ ser!“ so tönte der Freudenruf aus dem Munde der Vor¬ angedrungenen, die mit einigen Sprüngen schon unten in der Schlucht und mitten auf dem bespülten Felsgesteine standen und die Strahlen des herabfließenden Quelles mit den Helmen auffaßten. „Wasser, Wasser!“ wieder¬ holte das ganze Heer und der Jubelruf übertönte den Wasserfall und hallte von den Bergen wieder, welche die Schlucht umgaben. Nun warfen sich alle am grünenden Ufer des weithin sich schlängelnden Baches nieder, und genoßen mit tiefen Zügen die langentbehrte Lust. Bald fand man auch für Wagen und Rosse Pfade, die durch den Wald bequem in die Tiefe hinabführten und die Wagenlenker fuhren, ohne die Rosse auszuspannen, mitten in die wallende Fluth hinein, da wo der Bach sich zu ebenem Laufe ausbreitete, und ließen die Rosse, die ihren Leib in den Wellen kühlten, unausgeschirrt den langen Durst stillen. Alles war erquickt und die gute Führerin Hypsi¬ pyle, die Thaten und Leiden der Weiber von Lemnos erzählend, führte den Adrastus und seine Helden, denen jetzt das Heer in ehrerbietiger Entfernung folgte, auf die breitere Straße zurück, dahin, wo sie dieselbe mit ihrem Pflegekind unter dem gewölbten Baume hatten sitzen sehen. Aber ehe sie jener Stelle noch ansichtig wurden, erschreckte die feinhörende Pflegerin aus der Ferne ein klägliches Kindeswimmern, das ihre Begleiter kaum ver¬ nahmen, sie selbst aber sogleich als die Stimme ihres kleinen Opheltes erkannte. Hypsipyle war selbst die Mut¬ ter großer und kleiner Kinder, die sie, von den Räubern entführt, in Lemnos hatte zurücklassen müssen. Nun hatte sie ihre ganze Mutterliebe auf diesen Säugling überge¬ tragen, dem sie als Sclavin beigegeben war. Eine bange Ahnung durchzuckte ihr zärtliches Herz. Sie flog den Helden voraus und dem wohlbekannten Platze zu, wo sie mit dem Kind an der Brust zu ruhen pflegte. Aber ach, der Kleine war verschwunden und ihre irrenden Augen fanden keine Spur von ihm und vernahmen auch die Stimme nicht mehr. Als sie ihre Blicke in weiterem Kreise umhersandte, ward ihr bald das entsetzliche Schick¬ sal klar, das ihr Pflegekind getroffen hatte, während sie dem Heere der Argiver den frommen Liebesdienst leistete. Denn nicht weit von dem Baume lag eine gräßliche Schlange geringelt, ihren Kopf auf den schwellenden Bauch zurückgelegt in träger Ruhe das eben abgehaltene Mahl verdauend. Der unseligen Pflegemutter sträubte sich das Haar und ihr Jammerschrei erfüllte die Lüfte. Auf dieses waren auch die Helden herbeigeeilt; der erste, der den Drachen erblickte, war Hippomedon; ohne zu säumen, riß er ein Felsstück aus dem Boden und schleuderte es auf das Ungethüm; aber sein gepanzerter Rücken schüttelte den Wurf ab, als wäre es eine Handvoll Erde; da sandte Hippomedon seinem ersten Wurfe den Speer nach und dieser verfehlte sein Ziel nicht; er fuhr der Schlange in den Rachen, durchs hervorspritzende Gehirn, und die Spitze drang heraus zum Kamme. Das Unthier drehte sich wie ein Kreisel mit dem langvorragenden Speer in der Wunde, und hauchte endlich zischend seinen Athem aus. Als die Schlange erlegt war, getraute sich erst die arme Pflegemutter der Spur ihres Kindes nachzugehen, sie fand weithin die Gräser vom Blute geröthet und endlich fernab von dem Ort ihrer Ruhe das nackte Ge¬ bein des Kindleins. Die Verzweifelnde sammelte es in ihren Schooß und übergab es den Helden, die mit ihrem ganzen Heere dem unglücklichen Knaben, der ihnen zum Opfer gefallen war, nachdem sie seine Ueberreste feier¬ lich bestattet, herrliche Leichenspiele bereiteten, ihm zu Ehren die Nemeischen heiligen Kampfspiele stifteten, und ihn unter dem Namen Archemoros , d. h. der Früh¬ vollendete, zuerst als Halbgott verehrten. Hypsipyle entging der Wuth nicht, in welche die Mutter des Kindes, die Gemahlin des Lykurgus, Eury¬ dice, der Verlust ihres Sohnes versetzte. Sie wurde von ihr in ein grausames Gefängniß geworfen, und der fürch¬ terlichste Tod war ihr geschworen. Das Glück wollte, daß die verlassenen ältesten Söhne Hypsipyle's ihrer Mutter schon auf der Spur waren, und nicht lange nach dieser Begebenheit in Nemea eintrafen, wo sie die gefangene Mutter befreiten. Die Helden vor Thebe angekommen. „Da habt ihr ein Vorzeichen, wie der Feldzug sich enden wird!“ sprach der Seher Amphiaraus finster, als das Gebein des Knaben Opheltes entdeckt war. Aber die anderen alle dachten mehr an die Erlegung der Schlange, und priesen diese als eine glückliche Vorbedeutung. Und weil sich das Heer eben von einer großen Bedrängniß erholt hatte, so war Alles guter Dinge; der schwere Seufzer des Unglückspropheten wurde überhört, und der Zug ging lustig weiter. Es währte nicht viele Tage mehr, so war das Heer der Argiver unter den Mauern von Thebe angekommen. In dieser Stadt hatte Eteokles mit seinem Oheim Kreon Alles zu einer hartnäckigen Vertheidigung vorbe¬ reitet, und sprach zu den versammelten Bürgern: „Be¬ denket jetzt, ihr Mitbürger, was ihr eurer Vaterstadt schuldig seyd, die euch in ihrem milden Schooße aufge¬ zogen und zu wackeren Kriegern gebildet hat. Ihr Alle, vom Jünglinge, der noch nicht Mann ist, bis zum Manne dessen Locke schon grau wird, wehret euch für sie, für die Altäre der heimischen Götter, für Väter, Weiber und Kinder und für euren freien Boden! Mir meldet der Vogelschauer, daß in der nächsten Nacht das Argi¬ verheer sich zusammenziehen und einen Angriff auf die Stadt machen wird. Darum ihr alle auf die Mauer¬ zinnen, an die Thore geeilt! Brecht vor mit allen Waf¬ fen! Besetzt die Schanzen, stellt euch in die Thürme mit euren Geschoßen, bewahret jeden Ausgang sorgfältig und fürchtet euch nicht vor der Menge der Feinde! Draußen schleichen meine Kundschafter umher, und ich bin gewiß, daß sie mir genaue Kunde bringen. Nach ihren Mel¬ dungen werde ich handeln.“ Während Eteokles so zu seinen Reitern sprach, stand auf der höchsten Zinne des Pallastes mit einem greisen Waffenträger ihres Großvaters Laus die Jungfrau An¬ tigone. Sie war nach ihres Vaters Tode nicht lang unter dem liebevollen Schutze des Königes Theseus zu Athen geblieben, sondern hatte mit ihrer Schwester Is¬ mene in ihre Heimath zurückverlangt, wohin eine unbe¬ stimmte Hoffnung, ihrem Bruder Polynices nützlich wer¬ den zu können, und auch die Liebe zu ihrer Vaterstadt sie trieb, deren Belagerung durch den Bruder sie nicht billigen konnte und deren Schicksal sie theilen wollte. Dort war sie von dem Fürsten Kreon und ihrem Bru¬ der Eteokles mit offenen Armen aufgenommen worden, denn sie betrachteten die Jungfrau als einen freiwilligen Geissel und eine willkommene Vermittlerin. Diese war jetzt die alte Cedertreppe des Pallastes emporgestiegen, und stand auf der Platform desselben, wo ihr der Greis die Stellung der Feinde erklärte. Ringsum auf Schwab, das klass. Alterthum. I . 23 den Fluren um die Stadt, die Ufer des Ismenus entlang und um die von Alters berühmte Quelle Dirce her, war das mächtige Feindesheer gelagert. Es hatte sich eben in Bewegung gesetzt und Truppenschaar sonderte sich von Truppenschaar. Das ganze Gefilde schimmerte von Erz¬ glanz wie ein wogendes Meer. Massen von Fußvolk und Reiterei schwärmten brausend um die Thore der be¬ lagerten Stadt. Die Jungfrau erschrack bei diesem An¬ blicke; der Greis jedoch sprach ihr Trost ein: „Unsere Mauern sind hoch und fest, unsere Eichenthore liegen in schweren eisernen Riegeln. Von innen bietet die Stadt alle Sicherheit, und ist voll muthiger, den Kampf nicht scheuender Krieger.“ Darauf fing er an, die Fragen des Mädchens nach einzelnen hervorragenden Führern zu beantworten: „Der dort im leuchtenden Helme, der, seinen blanken Erzschild mit Leichtigkeit schwingend, einer Heer¬ schaar voranzieht, das ist der Fürst Hippomedon, der um das Gewässer Lerna's in Mycene wohnt, hoch ragt sein Wuchs empor, wie eines erdentsprossenen Giganten! — Weiter rechts dort, der am Dircequell wandelt, in frem¬ der Waffentracht, wie ein Halbbarbar, das ist deines Bruders Schwager, Tydeus, des Oeneus Sohn; er und seine Aetolier sind Schildträger und die besten Lan¬ zenwerfer: ich kenne ihn an seinem Wappenschilde; denn ich bin schon als Unterhändler in das feindliche Lager abgeschickt worden.“ — „Wer ist denn,“ fragte jetzt das Mägdlein, „der jugendliche Held dort, im unjugendli¬ chen Haare, der mit wildem Blicke an jenem Helden- Grabmal vorüberschreitet, und dem völlig gerüstetes Volk langsam nachfolgt?“ — „Das Parthenopäus,“ be¬ lehrte sie der Alte, „der Sohn Atalante's, der Freundin Diana's. Aber siehst du dort die zwei Helden, am Grabe der Niobe'stöchter? Der ältere ist Adrastus, der Führer des ganzen Zuges: den jüngeren, kennst du den?“ — „Ich sehe,“ rief Antigone schmerzlich bewegt, „nur die Brust und den Umriß seines Leibes, und doch erkenne ich ihn: es ist mein Bruder Polynices! O könnte ich mit den Wolken fliegen und bei ihm seyn und meinen Arm um den Hals des lieben Flüchtlings schlagen! Wie fun¬ kelt seine goldne Rüstung gleich der Sonne Morgenstrahl! doch wer ist der dort, der mit fester Hand die Rosse zü¬ gelnd, einen weißen Wagen lenkt, und die Geißel so ru¬ hig und besonnen schwingt?“ — „Das ist,“ sprach der Greis, „der Seher Amphiaraus, meine Herrin!“ — „Aber siehest du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und sie mißt, und sorglich die Stellen erkundet, an welchen die Basteien dem Sturme zugänglich wären?“ — „Das ist der übermüthige Kapaneus, der unserer Stadt so schrecklich Hohn spricht, der euch zarte Jungfrauen an Lerna's Ge¬ wässer in die Knechtschaft führen will!“ — Antigone er¬ blaßte, und verlangte umzukehren: der Greis reichte ihr die Hand und geleitete sie hinunter in die Mädchenzelle. Menökeus. Inzwischen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrath, und besetzten in Folge der gefaßten Beschlüsse jedes der sieben Thore Thebens mit einem Führer, in dem sie der Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüber stellten. Doch wollten sie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach, auch vorher die Zeichen erforschen, welche die Vogelschau ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte. 23 * Nun lebte unter den Thebanern, wie die Sage von Oe¬ dipus schon erzählt hat, der Seher Tiresias, der Sohn des Everes und der Nymphe Chariklo; dieser hatte als Jüngling die Göttin Minerva bei seiner Mutter über¬ rascht und geschaut, was er nicht schauen sollte. Dafür war er von der Göttin mit Blindheit geschlagen worden. Seine Mutter Chariklo hatte ihre Freundin zwar flehent¬ lich gebeten, ihm das Gesicht wieder zu geben, aber Minerva vermochte dieses nicht mehr; doch erbarmte sie sich seiner und reinigte ihm dafür sein Gehör, daß er alle Stimmen der Vögel verstand. Und so war er von Stund' an der Vogelschauer der Stadt. Zu diesem jetzt greisen Seher schickte Kreon seinen jungen Sohn Menökeus, daß er ihn in den Königspal¬ last geleite. Mit wankendem Knie, von seiner Tochter Manto und dem Knaben geführt, erschien auch bald dar¬ auf der Alte vor Kreon. Dieser drang in ihn, zu mel¬ den, was der Vögel Flug ihm vom Schicksale der Stadt verkündige. Tiresias schwieg lange; endlich sprach er die traurigen Worte: „Die Söhne des Oedipus haben sich an ihrem Vater schwer versündigt; sie bringen ins Thebanerland bittere Trübsal. Argiver und Kadmeer werden sich morden, die Söhne, einer von des andern Hand, fallen. Nur Eine Rettung weiß ich für die Stadt; aber sie ist für die Geretteten selbst zu bitter, als daß mein Mund sie offenbaren sollte. Lebet wohl!“ Er wandte sich und wollte gehen, aber Kreon flehte so lange bis er blieb. „Du willst es dennoch hören?“ sprach der Seher in strengem Tone; „so vernimm es! Aber sage mir zu¬ vor, wo weilt dein Sohn, Menökeus, der mich hergelei¬ tete?“ — „Er steht neben dir!“ erwiederte Kreon. „Nun so fliehe er, so weit er kann, hinweg von meinem Göt¬ terspruch!“ sagte der Greis. „Warum das?“ fragte Kreon. „Menökeus ist seines Vaters Kind, er kann schweigen, wenn er soll, und wird sich freuen, wenn er das Mittel erfährt, das uns retten soll!“ — „So vernehmet denn, was ich aus dem Fluge der Vögel gelesen habe,“ sprach Tiresias. „Es kommt das Heil, aber über harte Schwelle. Der Jüngste von der Drachenzähnesaat muß fallen; nur unter dieser Bedingung wird Euch der Sieg!“ — „Weh mir,“ rief Kreon, „was bedeutet dieses Wort, o Greis?“ — „Daß der jüngste Enkel des Kadmus sterben soll, wenn die Stadt gerettet seyn will!“ — „Du verlangst den Tod meines geliebtesten Kindes, meines Sohnes Menö¬ keus?“ so fuhr der Fürst entrüstet auf. „Packe dich fort in die Stadt! Ich bedarf deines Seherspruches nicht!“ — „Ist die Wahrheit ungültig, weil sie dir Leid bringt?“ fragte Tiresias ernst. Jetzt warf sich Kreon ihm zu Fü¬ ßen, umfaßte seine Knie, flehte den blinden Propheten bei seinem grauen Haare an, den Spruch zurückzuneh¬ men. Aber der Seher blieb unerbittlich: „Die Forderung ist unabwendbar,“ sprach er. „Am Dirce-Quell, wo einst der Lindwurm gelagert war, muß er sein Blut im Op¬ fertode vergießen; dann werdet ihr die Erde zur Freund¬ in haben, wenn sie für das Menschenblut, das sie einst dem Kadmus aus den Drachenzähnen emporsandte, wie¬ der Menschenblut, und zwar verwandtes, empfangen hat. Wenn dieser Jüngling hier sich für seine Stadt aufop¬ fert, so wird er im Tode ihr Erretter seyn und für Adrastus und sein Heer wird die Heimkehr grauen¬ voll werden! Wähle dir nun, Kreon, welches Loos von zweien du willst.“ Also sprach der Wahrsager und entfernte sich an der Hand seiner Tochter. Kreon stand in Schweigen versunken. Endlich rief er angstvoll: „Wie gerne wollte ich selbst für mein Vaterland sterben! Aber dich, Kind, soll ich opfern? Flieh, mein Sohn, fliehe, so weit dich deine Füße tragen, aus diesem verfluchten Lande, das zu schlimm ist für deine Unschuld. Geh über Delphi, Ae¬ tolien, Thesprotia zum Heiligthume Dodona's: dort birg dich in des Orakels Schutz!“ — „Gerne;“ sprach Menö¬ keus mit leuchtendem Blicke, „versieh mich mit den nöthi¬ gen Reisebedürfnissen, Vater, und glaube mir, ich werde den rechten Weg nicht verfehlen.“ Als sich Kreon bei der Willigkeit des Knaben beruhigte und auf seinen Po¬ sten geeilt war, warf sich dieser, sobald er allein war, auf die Erde nieder und betete mit Inbrunst zu den Göttern: „Verzeihet mir, ihr himmlischen Reinen, wenn ich gelogen habe, wenn ich meinem alten Vater durch falsche Worte die unwürdige Furcht benommen! Zwar, daß er, der Greis, sich fürchtet, ist verzeihlich; aber welch ein Feiger wäre ich, wenn ich das Vaterland verriethe, dem ich das Leben verdanke. Höret darum meinen Schwur, ihr Götter, und nehmet ihn gnädig auf. Ich gehe, mein Vaterland durch meinen Tod zu erretten. Flucht würde mich schänden. Auf den Mauernkranz will ich treten, mich selbst in die tiefe, dunkle Kluft des Drachen stürzen, und so, wie der Seher angezeigt hat, das Land erlösen.“ Freudig sprang der Knabe auf, eilte nach der Mauer und that, wie er gesagt hatte. Er stellte sich auf die höchste Höhe der Burgmauer, überschaute mit Einem Blicke die Schlachtordnung der Feinde, und verwünschte sie in kurzem feierlichen Fluche: dann zog er einen Dolch hervor, den er unter dem Gewande verborgen gehalten, durchbohrte sich den Hals mit einer einzigen Wunde und stürzte von der Höhe herab zerschmettert am Ufer des Dircequells zusammen. Der Sturm auf die Stadt. Der Orakelspruch war erfüllt; Kreon bezähmte sei¬ nen Jammer; Eteokles theilte den sieben Thorbeschirmern sieben Schaaren zu, und wo er diese hinweggenommen, stellte er Reiter hinter Reitern zum Ersatz auf, dazu leichtes Fußvolk hinter die Schildträger, um überall, wo die Mauern durch den Angriff leiden sollten, sie mit Heeres¬ macht schirmen zu können. Auch das Heer der Argiver brach jetzt auf, und der Sturm auf den Wall nahm sei¬ nen Anfang. Der Kriegsgesang erscholl, und vom feind¬ lichen Heere wie von den Mauern der Thebaner herab schmetterten zu gleicher Zeit die Trompeten. Zuerst führte Parthenopäus, der Sohn der Jägerin Atalanta, den Trupp der Seinigen, Schild an Schild gedrängt, wider eines der Thore. Auf dem Felde seines Schildes war seine Mutter abgebildet, wie sie einen ätolischen Eber mit fliegendem Pfeil erlegte. Auf ein zweites Thor zog, Opferthiere auf seinem Wagen, der priesterliche Seher Amphiaraus los, er trug schmucklose Waffen, ohne Wappenschild oder sonstigen Prunk. Aufs dritte Thor rückte Hippomedon heran, auf seinem Schilde war der hundertäugige Argos zu schauen, wie er die von Juno in eine Kuh verwandelte Jo bewacht. Zum vierten Thore lenkte Tydeus seine Schaaren, der eine struppige Löwenhaut im Schilde führte und mit wilder Gebärde in der Rechten eine Brandfackel schwang. Der vertriebene König Poly¬ nices befehligte den Sturm auf das fünfte Thor; sein Schild stellte ein in Wuth sich bäumendes Rossegespann vor. Zum sechsten Thore führte seine Kriegerschaar Ka¬ paneus, der sich vermaß, mit dem Gotte Mars in die Wette streiten zu können: auf dem Eisenrücken seines Schildes war ein Gigant ausgeprägt, der eine ganze Stadt, ihrem Grunde enthoben, auf den Schultern trug, welches Schicksal dieser Schildträger der Stadt Thebe zugedacht hatte. Zum siebenten und letzten Thore endlich kam Adrastus, der Argiverkönig, heran¬ gerückt. Auf dem Felde seines Schildes waren hundert Schlangen abgebildet, welche in ihren Kiefern thebanische Kinder davontrugen. Als alle nahe genug vor die Thore gerückt waren, wurde der Kampf zuerst mit Schleudern, dann mit Bogen und Speeren eröffnet. Aber den ersten Angriff wehrten die Thebaner siegreich ab, so daß die Schaaren der Argiver rückwärts gingen. Da riefen Ty¬ deus und Polynices schnell besonnen: „Ihr Brüder, was brechet ihr nicht, ehe die Geschoße euch niederwerfen, mit vereinigter Macht auf die Thore ein, Fußvölker, Reiter, Wagenlenker, alle miteinander?“ Dieser Ruf, der sich schnell durch das Heer verbreitete, belebte den Muth der Argiver aufs Neue. Alles lebte wieder auf, und der Sturm begann mit verstärkter Macht, aber nicht glück¬ licher, denn zuvor. Mit blutbespritzten Köpfen sanken sie zu den Füßen der Vertheidiger nieder, und ganze Li¬ nien röchelten unter den Mauern ihr Leben aus, so daß der dürre Boden vor der Stadt von Blutbächen floß. — Da stürzte der Arkadier Parthenopäus wie ein Sturm¬ wind auf sein Thor, und rief nach Feuer und Aexten, um es in den Grund zu hauen. Ein thebanischer Held, der auf der Mauer nicht ferne seinen Posten hatte, Perikly¬ menus, beobachtete seine Anstrengungen, und riß, als es höchste Zeit war, ein Stück der steinernen Brustwehr von der Mauer, so groß, daß es eine ganze Wagenlast aus¬ gemacht hätte; dieser Wurf zermalmte dem Stürmer sein blondgelocktes Haupt und zerriß ihm die Knochen, daß er zerschmettert zu Boden stürzte. Sobald nun Eteokles dieses Thor gesichert sah, flog er den andern zu. Am vier¬ ten traf er den Tydeus, der wüthete wie ein Drache, den die Sonne sticht; er schüttelte sein Haupt unter dem fliegenden Helmbusch, und sein Schild, den er über dasselbe hielt, tönte von gellenden Glocken, die den Rand umgaben; er selbst schwang mit der Rechten die Lanze hoch nach der Mauer, und eine ganze Schaar Schildträger umgab ihn, die einen Hagel von Speeren auf den höchsten Burgsaum aufwärts schleuderten, so daß die Thebaner sich von dem Rande der Brustwehr flüchten mußten. In diesem Augenblicke erschien Eteokles, sammelte sie, wie ein Jäger zerstreute Hunde, und führte sie auf die Mauerzinne zurück. Dann eilte er weiter von Thor zu Thor. Da stieß er auch auf den tobenden Kapaneus, der eine vielsprossige Sturmleiter wider die Stadt heran¬ trug, und prahlend ausrief, selbst Jupiters Blitz solle ihn nicht aufhalten, die Grundveste der eroberten Stadt zu brechen. Mit solchen Trotzworten legte er die Leiter an, und klomm unter seinem Schilde, umsaust von Stei¬ nen, die glatten Sprossen empor. Aber ihn für seinen Frevelmuth zu züchtigen, blieb nicht den Thebanern über¬ lassen; Jupiter selbst übernahm es, und traf ihn, als er schon über den Mauerkranz drang, mit seinem Don¬ nerkeule. Es war ein Schlag, daß die Erde dröhnte; seine zerrissenen Gliedmassen flogen weit umher von der Leiter, das entflammte Haar flatterte gen Himmel, das Blut floß auf die Erde; Hände und Füße rollten im Kreise wie ein Rad; der Rumpf stürzte endlich feurig auf den Boden nieder. Der König Adrast erkannte aus diesem Zeichen, daß der Göttervater seinem Vorhaben feindselig sey; er führte seine Schaaren aus dem Stadtgraben heraus und wich mit ihnen rückwärts. Die Thebaner dagegen, als sie das Glück bringende Zeichen, das ihnen Jupiter gesandt hat¬ te, erkannten, brachen zu Fuß und zu Wagen aus der Stadt hervor; ihr Fußvolk stürzte mitten unter die argi¬ vische Heerschaar, Wagen rannten an gegen Wagen, Leichname lagen zu Haufen; der Sieg blieb den Theba¬ nern und erst nachdem sie die Feinde auf eine gute Strecke von der Stadt zurückgeworfen, kehrten sie in dieselbe zu¬ rück. Auf dieser Flucht der Argiver geschah es auch, daß der Thebanische Held Periklymenus den Seher Amphia¬ raus nach dem Strande des Flusses Ismenus verfolgte. Hier hemmte den mit Roß und Wagen Fliehenden das Wasser. Der Thebaner war ihm auf den Fersen. In der Verzweiflung hieß der Seher seinen Wagenlenker die Pferde ihren Weg durch die tiefe Fuhrt suchen, aber ehe er im Wasser war, hatte der Feind das Ufer erreicht und sein Speer drohte seinem Nacken. Da spaltete Ju¬ piter, der seinen Seher nicht auf unrühmlicher Flucht umkommen lassen wollte, mit einem Blitze den Boden, daß er sich aufthat, wie eine schwarze Höhle, und die Rosse, die eben den Uebergang suchten, zusammt dem Wagen, dem Seher und seinem Genossen verschlang. Der Brüder Zweikampf . Auf solche Weise endete der Sturm auf die Stadt Thebe. Als Kreon und Eteokles mit den Ihrigen in die Mauern zurückgekehrt waren, ordnete sich das geschlagene Heer der Argiver wieder, und bald war es von Neuem im Stande, der belagerten Stadt näher zu rücken. Als dieß die Thebaner inne wurden, und die Hoffnung, das zwei¬ temal zu widerstehen, nachdem auch ihre Kräfte durch den ersten Angriff nicht wenig geschwächt worden, ziem¬ lich gesunken war, faßte der König Eteokles einen großen Entschluß. Er sandte seinen Herold zur Stadt hinaus nach dem Argiverheere, das, wieder dicht um die Mauern Thebe's gelagert, am Rande des Stadtgrabens lag, und ließ sich Stille erbitten. Dann rief er, auf der obersten Höhe der Burg stehend, seinen eigenen, inner¬ halb der Stadt aufgestellten Schaaren, und den die Stadt umringenden Argivern mit lauter Stimme zu: „Ihr Da¬ naer und Argiver alle, die ihr hierher gezogen seyd, und ihr Völker Thebe's, gebet doch so vielfaches Leben nicht, ihr Einen, dem Polynices — noch mir, seinem Bruder, ihr Anderen, Preis! Laßt vielmehr mich selbst die Gefahr dieses Kampfes übernehmen, und so allein im Gefechte mit meinem Bruder Polynices mich messen. Tödte ich ihn, so laßt mich allein den Herrn im Hause bleiben: fall' ich von seiner Hand, so sey ihm das Scepter überlassen, und ihr Argiver senket dann die Waffen und kehret in euer Heimathland zurück, ohne vor diesen Mauern euer Leben nutzlos zu verbluten.“ Aus den Reihen der Argiver sprang jetzt Polynices hervor, und rief zur Burg empor, daß er den Vorschlag seines Bruders anzunehmen bereit sey. Von beiden Seiten war man des blutigen Krieges, der nur Einem von zwei Männern zu Gute kommen sollte, schon lange müde. Daher klatschten beide Heere dem gerechten Gedanken Beifall. Es wurde ein Vertrag dar¬ über abgeschlossen und der Eid der Führer bekräftigte ihn von beiden Seiten auf dem Felde, das zwischen bei¬ den Heeren lag. Jetzt hüllten sich die Söhne des Oedi¬ pus in ihre vollen Waffenrüstungen; den Beherrscher Thebens schmückten die edelsten Thebaner, den vertriebe¬ nen Polynices die Häupter der Argiver. So standen beide im Stahle prangend da, stark und festen Blickes. „Bedenke,“ riefen die Freunde dem Polynices zu, „daß Jupiter von dir ein Siegesdenkmal zu Argos erwartet!“ Die Thebaner aber ermunterten ihren Fürsten Eteokles: „du kämpfest für die Vaterstadt und für den Scepter; dieser doppelte Gedanke verleihe dir den Sieg!“ Ehe der verhängnißvolle Kampf begann, opferten auch noch die Seher aus beiden Heeren zusammentretend, um aus den Gestaltungen der Opferflamme den Ausgang des Strei¬ tes zu muthmaßen. Das Zeichen war zweideutig, es schien Sieg oder Untergang Beiden zugleich zu ver¬ künden. Als das Opfer vorbei war und die beiden Brüder noch immer zwischen beiden Heeren einander gegenüber in kampfbereiter Stellung sich befanden, erhob Polynices flehend seine Hände, drehte sein Haupt rückwärts dem Argiverlande zu und betete: „Juno, Beherrscherin von Argos, aus Deinem Lande habe ich ein Weib genommen, in Deinem Lande wohne ich; laß deinen Bürger im Gefechte siegen, laß ihn seine Rechte färben mit des Gegners Blute!“ Auf der andern Seite kehrte sich Eteokles zum Tempel der Minerva in Thebe: „Gib, o Tochter Jupiters,“ flehte er, „daß ich die Lanze sieg¬ reich zum Ziele schleudere, in die Brust dessen, der mein Vaterland zu verwüsten kam!“ Mit seinem letzten Worte schmetterte der Trompetenklang, das Zeichen des blutigen Kampfes, und die Brüder stürzten wilden Laufes auf einander ein und packten sich wie zwei Eber, die die Hauer grimmig auf einander gewetzt haben. Die Lanzen sausten an einander vorüber, und prallten beide von den Schilden ab; nun zielten sie mit den Speeren sich ge¬ genseitig nach dem Gesichte, nach den Augen, aber die schnell vorgehaltenen Schildränder vereitelten auch diesen Stoß. Den Zuschauern selbst floß der Schweiß in dich¬ ten Tropfen vom Leibe, bei'm Anblicke des erbitterten Kampfes. Endlich vergaß sich Eteokles, und während er beim Ausfallen mit dem rechten Fuße einen Stein, der ihm am Wege lag, bei Seite stoßen wollte, streckte er das Bein unvorsichtig unter dem Schilde hervor: da stürzte Polynices mit dem Speere heran, und durchbohrte ihm das Schienbein. Das ganze Argiverheer jubelte bei seinem Stoße, sah darin schon den entscheidenden Sieg. Aber während des Stoßes hatte der Verwundete, der seine Besinnung keinen Augenblick verlor, die eine Schulter an seinem Gegner entblöst gesehen, und warf seinen Wurf¬ spieß nach derselben, der auch in der Schulter haftete, doch so, daß die Spitze ihm abbrach. Die Thebaner lie¬ ßen nur einen halben Laut der Freude von sich hören. Eteokles wich zurück, ergriff einen Marmelstein und zer¬ schlug die Lanze seines Gegners in zwei Hälften. Der Kampf war jetzt gleich, da beide sich ihres Wurfgeschos¬ ses beraubt sahen. Nun faßten sie rasch die Griffe ihrer Schwerter und rückten einander ganz nahe auf den Leib; Schild schlug gegen Schild, lautes Kampfgetöse hallte. Da besann sich Eteokles auf einen Kunstgriff, den er im thessalischen Lande gelernt. Er wechselte plötzlich seine Stellung, zog sich nach hinten auf seinen linken Fuß zu¬ rück, deckte sich den eigenen Unterleib mit Sorgfalt, setzte dann den vordern Fuß voran, und stach den Bruder, der auf eine so veränderte Haltung des Gegners nicht gefaßt war und den untern Theil des Leibes nicht mehr mit dem Schilde gedeckt hatte, mitten durch den Leib über den Hüften. Schmerzlich neigte sich nun Polynices auf die Seite und sank bald unter Strömen Blutes zusam¬ men. Eteokles, nicht mehr an seinem Siege zweifelnd, warf sein Schwert von sich und legte sich über den Ster¬ benden, ihn zu berauben. Dieß aber war sein Verderben: denn jener hatte im Sturze sein Schwert doch noch fest mit der Hand umklammert, und jetzt, so schwach er ath¬ mete, war ihm doch noch Kraft genug geblieben, dasselbe dem über ihn gebeugten Eteokles tief in die Leber zu stoßen. Dieser sank um, und hart neben dem sterbenden Bruder nieder. Nun öffneten sich die Thore Thebe's, die Frauen, die Diener stürzten heraus, die Leiche ihres Herrschers zu bejammern; Antigone aber warf sich über ihren gelieb¬ ten Bruder Polynices, um seine letzten Worte von den Lippen zu nehmen. Mit Eteokles war es schneller zu Ende gegangen, als mit diesem; nur noch ein tiefer Seuf¬ zer aus röchelnder Brust, und er war verschieden. Po¬ lynices aber athmete noch, wandte sein brechendes Auge nach der Schwester und sprach: „Wie beklage ich dein Loos, Schwester, wie auch das Loos des todten Bruders, der aus einem Freunde mein Feind geworden ist. Jetzt erst, im Tode, empfinde ich, daß ich ihn geliebt habe! Du aber, liebe Schwester, begrabe mich in meiner Hei¬ math, und versöhne die zürnende Vaterstadt, daß sie mir, obschon ich der Herrschaft beraubt worden bin, wenig¬ stens so viel gewähre! Drücke mir auch die Augen mit deiner Hand zu: denn schon breitet die Nacht des Todes ihre Schatten über mich aus.“ So starb auch er in der Schwester Armen. Nun erhob sich lauter Zwist von beiden Seiten unter der Menge. Die Thebaner schrieben ihrem Herrn Eteokles den Sieg zu, die Feinde Jenem. Derselbe Hader war unter den Anführern und den Freunden der Gefallenen; „Polynices führte den ersten Lanzenstoß!“ hieß es da. „Aber er war auch der Erste, der unterlegen ist!“ scholl's von der andern Seite entgegen. Unter diesem Streite wurde zu den Waffen gegriffen; glücklicherweise für die Thebaner hatten sich diese geordnet und in voller Waf¬ fenrüstung theils vor dem Zweikampfe, theils während desselben und bei seinem Schlusse eingefunden, während die Argiver die Waffen abgelegt und, wie des Sieges gewiß, sorglos zugeschaut hatten. Die Thebaner warfen sich also plötzlich auf's Argiverheer, ehe dieses sich mit Rüstungen bedecken konnte. Sie fanden keinen Wider¬ stand; die waffenlosen Feinde füllten in ungeregelter Flucht die Ebene, das Blut floß in Strömen, denn der Wurf der Lanzen streckte zu Hunderten die Fliehenden nieder. Bald war die Umgebung Thebe's von sämmtlichen Feinden gereinigt. Von allen Seiten her brachten die Thebaner die Schilde der erlegten Feinde und andere Beute herbei und trugen sie triumphirend in die Stadt. Kreons Beschluß. Hierauf wurde an die Bestattung der Todten gedacht. Die Königswürde von Thebe war nach dem Tode der beiden gefallenen Brüder an ihren Oheim Kreon gekom¬ men, und dieser hatte nun über das Begräbniß seiner beiden Neffen zu verfügen. Sofort ließ er den Eteokles, als für die Vertheidigung der Stadt gefallen, mit könig¬ lichen Ehren und aller sonstigen Gebühr, feierlich zur Erde bestatten; alle Bewohner der Stadt folgten dem Leichenzuge, während Polynices unbegraben und in Unehren dalag. Dann ließ Kreon unter Herolds¬ ruf durch die ganze Stadt verkündigen, den Feind des Vaterlandes, der gekommen sey, die Stadt mit Feuer¬ gluth zu zerstören, sich am Blute der Seinigen zu sätti¬ gen, die Landesgötter selbst zu vertreiben, und was übrig bliebe, in Knechtschaft zu stürzen — den weder zu beklagen, noch ihm ein Grab angedeihen zu lassen, vielmehr den Leichnam des Verfluchten unbegraben den Vögeln und Hunden zum Fraße zu übergeben. Zugleich gebot er den Bürgern selbst Aufsicht darüber zu führen, daß diese kö¬ nigliche Willensmeinung vollzogen würde, und stellte noch besondere Späher zu dem Leichname, welche dafür zu sorgen hatten, daß niemand käme, denselben zu steh¬ len oder zu begraben. Der Lohn dessen, der dieß doch thäte, sollte unerbittlich der Tod seyn; in offener Stadt sollte er gesteinigt werden. Diese grausame Verkündigung hatte auch Antigone, die fromme Schwester, mit angehört und war ihres Ver¬ sprechens, das sie dem Sterbenden gegeben, wohl eingedenk. Sie wandte sich mit beschwertem Herzen an ihre jüngere Schwester Ismene, und wollte diese bereden, mit ihr gemein¬ schaftlich das Wagestück zu unternehmen, mit Hand an¬ zulegen und den Leib des Bruders seinen Feinden zu ent¬ reißen. Aber Ismene war ein schwaches Mädchen und solchem Heldenmuthe nicht gewachsen. „Hast du denn, Schwester,“ sagte sie weinend, „den grauenhaften Un¬ tergang unseres Vaters und unsrer Mutter schon so ganz vergessen, ja ist dir das frische Verderben unsrer Brüder schon aus dem Gedächtnisse verschwunden, daß du auch uns Zurückgebliebene noch ins gleiche Todesloos hinein¬ ziehen willst?“ Antigone wandte sich mit Kälte von ihrer furchtsamen Schwester ab. „Ich will dich gar nicht zur Helferin“, sagte sie. „Ich gehe hin, den Bruder al¬ lein zu begraben. Wenn ich dieß gethan habe, sterbe ich mit Freuden und lege mich nieder neben dem, den ich im Leben geliebt habe!“ Bald darauf kam einer der Wächter muthlos und zögernden Schrittes vor den König Kreon: „der Leich¬ nam, den du uns zu bewahren gegeben, ist begraben,“ rief er dem Herrscher entgegen, „und der unbekannte Thäter ist uns entkommen. Wir wissen auch nicht, wie es geschehen ist. Als der erste Tageswächter uns die That anzeigte, war es uns Allen ein Bekümmerniß. Nur ein dünner Staub lag auf dem Todten: so viel als nothwendig ist, wenn ein Begräbniß vor den Göttern Schwab, das klass. Alterthum. I. 24 der Unterwelt für ein solches gelten soll. Kein Hieb, kein Schaufelwurf zeigte sich, keine Wagenspuren gingen durch den Boden. Unter uns Wächtern entstand Streit darüber, jeder beschuldigte den Andern, und am Ende kam es zu Schlägen. Zuletzt jedoch vereinigte man sich, dir, o König, den Vorgang auf der Stelle zu melden, und mich traf dieses unselige Loos!“ Kreon gerieth auf diese Nachricht in großen Zorn, er bedrohte alle Wäch¬ ter, sie lebendig aufhängen zu lassen, wenn sie ihm den Thäter nicht unverzüglich in die Hände lieferten. Diese mußten auch auf seinen Befehl den Leichnam wieder von aller Erde entblößen und hielten nach wie vor die Wache bei demselben. So saßen sie vom Morgen bis zum Mit¬ tage im heißesten Sonnenschein. Da erhub sich plötzlich ein Sturm und der Luftkreis füllte sich mit Staub. Die Wächter besannen sich noch über das unerwartete Zeichen, als sie eine Jungfrau herankommen sahen, die so weh¬ müthig wehklagte, wie ein Vogel, der sein Nest ausge¬ leert findet. Sie hatte in der Hand eine eherne Gie߬ kanne, die sie schnell mit Staub füllte, dann näherte sie sich — denn die Wächter, um von der Nähe des nun schon so lang unbegraben daliegenden Leichnams nicht zu leiden, saßen ziemlich ferne auf einem Hügel — mit Vorsicht der Leiche, und spendete dem Todten, anstatt des Begräbnisses, einen dreifachen Aufguß von Erde. Da zögerten die Wächter nicht länger, sie eilten herbei, griffen sie und schleppten die auf der That selbst Ertappte vor den zürnenden Herrscher. Antigone und Kreon. Kreon erkannte in der Thäterin seine Nichte Anti¬ gone. „Thörin,“ rief er ihr entgegen, „die du die Stirne zur Erde senkst, gestehst oder läugnest du dieses Werk?“ — „Ich gestehe es,“ erwiederte die Jungfrau und rich¬ tete ihr Haupt in die Höhe. „Und kanntest du,“ fragte der König weiter, „das Gesetz, das du so ohne Scheu übertratest?“ — „Wohl kannte ich es,“ sprach Antigone fest und ruhig, „aber von keinem der unsterblichen Göt¬ ter stammt diese Satzung. Auch kenne ich andere Gesetze, die nicht von gestern und von heute sind, die in Ewigkeit gelten und von denen niemand weiß, von wannen sie kommen. Kein Sterblicher darf diese übertreten, ohne dem Zorn der Götter anheimzufallen; ein solches Gesetz hat mir befohlen, den todten Sohn meiner Mutter nicht un¬ begraben zu lassen. Erscheint dir diese Handlungsweise thöricht, so ist es ein Thor, der mich der Thorheit be¬ schuldigt.“ — „Meinst du,“ sprach Kreon, noch mehr erbittert durch den Widerspruch der Jungfrau, „deine starre Sinnesart sey nicht zu beugen? Zerspringt doch auch der sprödeste Stahl am ersten. Wer in eines An¬ dern Gewalt ist, der soll nicht trotzen!“ Darauf ant¬ wortete Antigone: „Du kannst mir doch nicht mehr an¬ thun, als den Tod: wozu darum Aufschub? Mein Name wird nicht ruhmlos dadurch werden, daß ich sterbe, auch weiß ich, daß deinen Bürgern hier nur die Furcht den Mund verschließt und daß alle meine That im Herzen billigen; denn den Bruder lieben, ist die erste Schwe¬ sterpflicht.“ — „Nun so liebe denn, im Hades,“ rief der 24 * König immer erbitterter, „wenn du lieben mußt!“ Und schon hieß er die Diener sie ergreifen, als Ismene, die vom Loos ihrer Schwester vernommen hatte, herbeige¬ stürmt kam. Sie schien ihre weibliche Schwäche und ihre Menschenfurcht ganz abgeschüttelt zu haben. Mu¬ thig trat sie vor den grausamen Oheim, bekannte sich als Mitwisserin und verlangte mit der Schwester in den Tod zu gehen. Zugleich erinnerte sie den König daran, daß Antigone nicht nur seiner Schwester Tochter, daß sie auch die verlobte Braut seines eigenen Sohnes Hämon sey, und er durch ihren Tod seinem eigenen Sprößling die Ehe wegmorde. Statt aller Antwort ließ Kreon auch die Schwester ergreifen und beide durch seine Schergen in das Innere des Pallastes führen. Hämon und Antigone . Als Kreon seinen Sohn herbeieilen sah, glaubte er nicht anders, als das über seine Braut gefällte Urtheil müße diesen gegen den Vater empört haben. Hämon setzte jedoch seinen verdächtigenden Fragen Worte voll kindlichen Gehorsams entgegen, und erst, nachdem er den Vater von seiner frommen Anhänglichkeit überzeugt hatte, wagte er es, für seine geliebte Braut Fürbitte zu thun. „Du weißest nicht, Vater,“ sprach er, „was das Volk spricht, was es zu tadeln findet. Dein Auge schreckt jeden Bürgersmann zurück, irgend etwas zu sprechen, das deinem Ohre nicht willkommen ist; mir hingegen wird es möglich, auch derlei Dinge im Dunkel zu hören. Und so laß mich dir denn sagen, daß diese Jungfrau von der ganzen Stadt bejammert, daß ihre Handlung von der ganzen Bürgerschaft als werth des Nachruhms ge¬ priesen wird, daß niemand glaubt, sie, die fromme Schwe¬ ster, die ihren Bruder nicht von Hunden und Vögeln zerfleischen ließ, habe den Tod als Lohn verdient! Darum, geliebter Vater, gib der Stimme des Volkes nach; thu es den Bäumen gleich, die längs dem angeschwollenen Waldstrome gepflanzt, sich ihm nicht entgegenstemmen, sondern der Gewalt des Wassers nachgeben und unver¬ letzt bleiben, während diejenigen Bäume, die es wagen, Widerstand zu leisten, durch die Wellen von Grund aus entwurzelt werden.“ — „Will der Knabe mich Verstand lehren?“ rief Kreon verächtlich aus; „es scheint, er kämpft im Bunde mit dem Weib!“ — „Ja, wenn du ein Weib bist!“ — antwortete der Jüngling schnell und lebhaft — „denn nur zu Deinem Besten ist dieß Alles gesagt!“ — „Ich merke wohl,“ endete der Vater entrüstet, „blinde Liebe zu der Verbrecherin hält deinen Sinn in Banden: aber lebendig wirst du diese nicht freien! Denn wisse: ferne, wo keine Menschentritte schallen, soll sie bei leben¬ dem Leibe in einem verschlossenen Felsengrabe geborgen werden. Nur wenig Speise wird ihr mitgegeben, so viel, als nöthig ist, die Stadt vor der Befleckung zu bewahren, die der Greuel eines unmittelbaren Mordes ihr zuziehen würde. Mag sie dann von dem Gotte der Unterwelt, den sie doch allein ehrt, sich Befreiung erfle¬ hen; zu spät wird sie erkennen, daß es klüger ist, den Lebenden zu gehorchen, als den Todten.“ Zornig wandte sich Kreon mit diesen Worten von seinem Sohne ab, und bald waren alle Anstalten ge¬ troffen, den gräßlichen Beschluß des Tyrannen zu voll¬ ziehen. Oeffentlich vor allen Bürgern Thebe's wurde Antigone nach dem gewölbten Grabe abgeführt, das ihrer wartete; sie stieg unter Anrufung der Götter und der Geliebten, mit welchen sie vereinigt zu werden hoffte, unerschrocken hinab. Noch immer lag der verwesende Leichnam des er¬ schlagenen Polynices unbegraben da. Die Hunde und Vögel nährten sich von ihm, und befleckten die Stadt, indem sie die Ueberreste des Todten hin und her trugen. Da erschien der greise Seher Tiresias vor dem Könige Kreon, wie er einst vor Oedipus erschienen war, und verkündete jenem aus dem Vogelfluge und der Opferschau ein Unheil. Schlimmer, übelgesättigter Vögel Gekrächz hatte er vernommen, das Opferthier auf dem Altare, statt hell in Flammen zu verlodern, war unter trübem Rauche verschmort. „Offenbar zürnen uns die Götter,“ endete er seinen Bericht, „wegen der Mißhandlung des erschla¬ genen Königssohnes. Sey darum nicht halsstarrig, Herrscher, weiche dem Todten, sieh nicht nach Ermorde¬ ten! Welcher Ruhm ist es, Todte noch einmal zu töd¬ ten? Laß ab davon; in guter Meinung rathe ich dir!“ Aber Kreon wies, wie damals Oedipus, den Wahrsa¬ ger mit kränkenden Worten zurück, schalt ihn geldgierig und bezüchtigte ihn der Lüge. Da entbrannte das Ge¬ müth des Sehers, und ohne Schonung zog er von den Augen des Königes den Schleier weg, der die Zukunft bedeckte! „Wisse,“ sprach er, „daß die Sonne nicht untergehen wird, ehe du aus deinem eigenen Blute einen Leichnam für zwei Leichen zum Ersatze bringst. Doppel¬ ten Frevel begehst du, indem du den Todten der Unter¬ welt vorenthältst, der ihr gebührt, und die Lebende, die der Oberwelt angehört, nicht heraufläßest zu ihr! Schnell entführe mich, Knabe! Lassen wir diesen Mann mit sei¬ nem Unglück allein!“ So ging er an der Hand seines Führers, auf seinen Seherstab gestützt, davon. Kreons Strafe. Der König blickte dem zürnenden Wahrsager bebend nach. Er berief die Aeltesten der Stadt zu sich, und befragte sie, was zu thun sey. „Entlaß die Jungfrau aus der Höhle, bestatte den preisgegebenen Leib des Jünglings!“ lautete ihr einstimmiger Rath. Schwer kam es den unbeugsamen Herrscher an, nachzugeben. Aber das Herz war ihm entsunken. So willigte er geängstigt darein, den einzigen Ausweg zu ergreifen, der das Ver¬ derben, das der Seher verkündigt hatte, von seinem Hause abwälzen könnte. Er selbst machte sich mit Dienern und Gefolge zuerst nach dem Felde, wo Polynices lag, und dann nach dem Grabgewölbe, in welches Antigone verschlossen worden war, auf, und im Pallaste blieb seine Gemahlin Eurydice allein zurück. Diese vernahm bald auf den Straßen ein Klagegeschrei, und als sie auf den immer lauter werdenden Ruf ihre Gemächer endlich verließ und in den Vorhof ihres Pallastes heraustrat, kam ihr ein Bote entgegen, der ihrem Gemahl als Führer nach dem hohen Blachfelde gedient hatte, wo der Leib seines Neffen erbarmungslos zerrissen, bis hieher nicht begraben lag. „Wir beteten zu den Göttern der Unterwelt,“ erzählte der Bote, „badeten den Todten im heiligen Bade, und verbrannten dann den Ueberrest seines bejammernswür¬ digen Leichnams. Nachdem wir ihm aus vaterländischer Erde einen Grabhügel aufgethürmt, gingen wir nach dem steinernen Gewölbe, in das die Jungfrau hinabgestiegen war, ihr Leben dort im elenden Hungertode zu enden. Hier vernahm ein vorangeeilter Diener schon aus der Ferne helltönende Jammerlaute vom Thore des grauen¬ vollen Gemaches her. Er eilte zu unserem Herrn zurück, ihm Solches kund zu thun. Aber auch zu seinem Ohre war jener betrübte Klagelaut schon gedrungen, und er hatte darin die Stimme des Sohnes erkannt. Wir Die¬ ner eilten auf sein Geheiß heran, und blickten durch den Felsenspalt. Wehe uns, was mußten wir hier schauen? Tief im Hintergrunde der Höhle sahen wir die Jungfrau Antigone in den Schlingen ihres Schleiers aufgeknüpft und schon entseelt. Vor ihr lag, ihren Leib umschlingend, dein Sohn Hämon, in heulender Wehklage die entrissene Braut bejammernd und des Vaters Unthat verfluchend. Inzwischen war dieser vor der Kluft angekommen und wandelte tiefaufseufzend durch die offene Thüre hinein. „Unseliger Knabe,“ rief er, „auf was sinnest du? Was droht uns dein verirrter Blick? Komm heraus zu deinem Vater! Flehend, auf den Knieen liegend, beschwöre ich dich!“ Doch der Sohn starrte ihn in Verzweiflung an, und riß ohne Antwort sein zweischneidiges Schwert aus der Scheide, der Vater stürzte zu dem Gewölbe hinaus, und entwich dem Stoße. Hierauf bückte der unglückselige Hämon sich selbst über sein Schwert und trieb den Stahl tief durch seine Seite. Er sank, aber noch sinkend schlang er seinen Arm fest um die Leiche der Braut, und liegt jetzt todt, wie er die Todte gefaßt hatte, in der Grabes¬ höhle.“ Eurydice hörte diese Botschaft schweigend an und enteilte dann, ohne ein gutes oder böses Wort zu sprechen. Dem verzweifelnden Könige, der von Dienern begleitet, welche die Leiche seines einzigen Sohnes tru¬ gen, jammernd in den Pallast zurückkehrte, kam die Nach¬ richt entgegen, daß im Innern des Hauses seine Gemah¬ lin entseelt in ihrem Blute liege, mit einer tiefen Schwert¬ wunde im Herzen. Bestattung der thebanischen Helden . Vom ganzen Stamme des Oedipus war jetzt, außer zwei Söhnen der gefallenen Brüder, nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die Sage nichts; sie starb unvermählt oder kinderlos, und mit ihrem Tode erlosch das unselige Geschlecht. Von den sieben Helden, die gegen Thebe aus¬ gezogen waren, entkam dem unglücklichen Sturme und der letzten Schlacht der König Adrastus allein, den sein unsterbliches Roß, Arion, von Neptunus und Ceres er¬ zeugt, auf geflügelter Flucht rettete. Er erreichte glücklich Athen, nahm dort seine Zuflucht als Schutzflehender an den Altar der Barmherzigkeit, und flehte, einen Oelzweig in der Hand, die Athener an, ihn zu unterstützen, daß er die vor Thebe gefallenen Helden und Mitbürger zu ehrlicher Bestattung sich erstreiten könnte. Die Athener erhörten seinen Wunsch und zogen unter Theseus mit ihm zu Felde. Die Thebaner wurden gezwungen, die Be¬ erdigung zu gestatten. Nun errichtete Adrastus den Leich¬ namen der gefallenen Helden sieben gethürmte Scheiter¬ haufen und hielt am Asopus, dem Apollo zu Ehren, ein Wettrennen. Als der Scheiterhaufen des Kapaneus brannte, stürzte sich seine Gattin, Evadne, des Iphis Tochter, hin¬ ein, und verbrannte zugleich mit ihm. Der Leichnam des Am¬ phiaraus, den die Erde verschlungen hatte, war nicht zum Begräbnisse aufgefunden worden. Es schmerzte den Kö¬ nig, seinem Freunde diese letzte Ehre nicht bezeigen zu können. „Ich vermisse,“ sprach er, das Auge meines Heeres, den Mann, der beides war, der trefflichste Se¬ her und der tapferste Kämpfer im Streit!“ Als die feier¬ liche Bestattung vorüber war, errichtete Adrastus der Ne¬ mesis oder Vergeltung einen schönen Tempel vor Thebe, und zog mit seinen Bundesgenossen, den Athenern, wie¬ der aus dem Lande. Die Epigonen. Zehn Jahre nachher entschlossen sich die Söhne der vor Theben umgekommenen Helden, Epigonen oder Nach¬ kömmlinge genannt, zu einem neuen Feldzuge gegen diese Stadt, den Tod ihrer Väter zu rächen. Es waren ihrer acht: Alkmäon und Amphilochus, die Söhne des Amphia¬ raus, Aegialeus, der Sohn Adrast's, Diomedes, der Sohn des Tydeus, Promachus, des Parthenopäus Sohn, Sthe¬ nelus, der Sohn des Kapaneus, Thersander, des Poly¬ nices, und Euryalus, des Mekisteus Sohn. Auch der alte König Adrastus, aus dem Kampfe der Väter allein noch übrig, gesellte sich zu ihnen, übernahm jedoch den Oberbefehl nicht, sondern wollte ihn einem jüngeren und rüstigeren Helden lassen. Da befragten die Verbündeten das Orakel des Apollo darüber, wen sie zum Anführer wählen sollten. Dieses bezeichnete ihnen den Alkmäon, des Amphiaraus Sohn. Also ward Alkmäon von ihnen zum Feldherrn gewählt. Er aber war ungewiß, ob er diese Würde annehmen dürfte, bevor er den Vater ge¬ rächt: deßwegen ging auch er hin zum Gotte und befragte das Orakel. Apoll antwortete ihm, er sollte beides aus¬ führen. Seine Mutter Eriphyle war bisher nicht nur im Besitze des verderblichen Halsbandes gewesen, sie hatte sich auch das zweite Unheil bringende Geschenk Aphrodi¬ tens, den Schleier, zu verschaffen gewußt. Thersander, der Sohn des Polynices, der den Schleier als Erbe besaß, hatte ihn ihr, wie einst sein Vater das Halsband, geschenkt, und sie damit bestochen, daß sie ihren Sohn Alkmäon überreden sollte, an dem Feldzuge gegen Thebe Theil zu nehmen. Dem Orakelspruche gehorsam, über¬ nahm Alkmäon den Oberbefehl, und verschob seine Rache auf die Heimkehr. Er brachte nicht nur aus Argos selbst ein ansehnliches Heer zusammen, sondern viel kampflustige Krieger aus den Nachbarstädten vereinigten sich mit ihm, und nun führte er eine ansehnliche Streitmacht unter Thebe's Thore. Hier erneuerte sich durch die Söhne der hartnäckige Kampf, wie er zehn Jahre früher von den Vätern gekämpft worden war. Aber die Söhne waren glücklicher als die Väter, und der Sieg entschied sich für Alkmäon. In der Hitze des Streites fiel nur Einer der Epigonen, Aegialeus, der Sohn des Königes Adrastus, welchen der Anführer der Thebaner, Laodamas, des Eteo¬ kles Sohn, mit eigener Hand tödtete, dafür aber von Alkmäon, dem Feldherrn der Epigonen, erschlagen wurde. Nach dem Verluste ihres Führers und vieler Mitbürger verließen die Thebaner das Schlachtfeld und flohen hin¬ ter ihre Mauern zurück. Hier suchten sie Rath bei dem blinden Tiresias, dem Seher, der, jetzt wohl hundert Jahre alt, noch immer in Thebe lebte. Er rieth ihnen den einzigen Rettungsweg einzuschlagen, und, während sie ei¬ nen Herold mit Friedensaufträgen an die Argiver absen¬ deten, die Stadt zu verlassen. Sie gingen den Vorschlag ein, fertigten einen Abgesandten an die Feinde ab, und während dieser unterhandelte, luden sie ihre Kinder und Frauen auf Wagen und flohen aus der Stadt. Im Dunkel der Nacht kamen sie in eine Stadt Böotiens, die Tilphussa hieß. Aus dem Quelle, der bei der Stadt floß, that der blinde Tiresias, der selbst geflüchtet war, einen kalten Trunk und starb. Noch in der Unterwelt wurde der weise Seher ausgezeichnet. Er lief nicht gedankenlos umher wie andere Schatten, sondern sein hoher Sinn und Seherverstand war ihm geblieben. Seine Tochter Manto hatte die Flucht nicht getheilt; sie war in Thebe zurück¬ gelassen worden, und fiel hier den Eroberern, welche die verödete Stadt besetzten, in die Hände. Diese hatten ein Gelübde gethan, das Beste, was sie von Beute zu Thebe finden würden, dem Apollo zu weihen. Nun urtheilten sie, daß dem Gotte kein Theil der Beute besser gefallen könne, als die Seherin Manto, welche die göttliche Gabe von ihrem Vater ererbt hatte, und nicht in geringerem Maße besaß. Deßwegen brachten die Epigonen dieselbe nach Delphi, und weihten sie hier dem Gott als Priesterin. Hier wurde sie immer vollkommener in der Wahrsager¬ kunst und anderer Weisheit und bald die berühmteste Seherin ihrer Zeit. Oft sah man bei ihr einen greisen Mann aus und ein gehen, den sie herrliche Gesänge lehrte, die bald in ganz Griechenland wiedertönten. Es war der Maeonier Homerus . Alkmäon und das Halsband. Als Alkmäon von Thebe zurückgekehrt war, dachte er darauf, auch den zweiten Theil des Orakelspruches zu erfüllen und an seiner Mutter, der Mörderin seines Va¬ ters, Rache zu nehmen. Seine Erbitterung gegen sie war noch gewachsen, als er nach seiner Zurückkunft erfahren hatte, daß Eriphyle, auch ihn zu verrathen, Geschenke ge¬ nommen habe. Er glaubte sie nicht länger schonen zu müßen, überfiel sie mit dem Schwerdte und ermordete sie. Dann nahm er das Halsband und den Schleier zur Hand und verließ das älterliche Haus, das ihm ein Greuel ge¬ worden war. Aber obgleich die Rache des Vaters ihm vom Orakel befohlen worden war, so war doch auch wieder der Muttermord für sich ein Frevel wider die Natur und die Götter konnten ihn nicht ungestraft lassen. So wurde denn zur Verfolgung des Alkmäon eine Furie gesandt, und er mit Wahnsinn geschlagen. In diesem Zustande kam er zuerst nach Arkadien zum Könige Okleus. Aber hier gönnte ihm die Furie keine Ruhe und er mußte wei¬ ter wandern. Endlich fand er eine Zufluchtsstätte zu Phocis bei dem Könige Phegeus. Von diesem entsündigt, erhielt er die Hand seiner Tochter Arsinoe, und die ver¬ hängnißvollen Geschenke, Halsband und Schleier, wan¬ derten nun in ihren Besitz. Alkmäon war jetzt zwar vom Wahnsinne frei, der Fluch jedoch noch nicht ganz von seinem Haupte genommen, denn das Land seines Schwä¬ hers wurde um seiner Anwesenheit willen mit Unfrucht¬ barkeit heimgesucht. Alkmäon befragte das Orakel; dieses aber fertigte ihn mit dem trostlosen Ausspruche ab: er sollte Ruhe finden, wenn er in ein Land gekommen, das bei seiner Mutter Ermordung noch nicht vorhanden ge¬ wesen sey. Es hatte nemlich Eriphyle sterbend jedes Land verflucht, das den Muttermörder aufnehmen würde. Trostlos verließ Alkmäon seine Gattin und seinen kleinen Sohn Klytus und ging hinaus in die weite Welt. Nach langem Umherirren fand er endlich doch, was ihm die Wahrsagung verheißen hatte. Er kam an den Strom Achelous und fand hier eine Insel, die dieser erst seit Kurzem angesetzt hatte. Hier ließ er sich nieder und ward von seiner Plage ganz frei. Aber die Befreiung von dem Fluche und das neue Glück machten sein Herz übermüthig: er vergaß seiner frühern Gemahlin Arsinoe und seines kleinen Sohnes und vermählte sich abermals mit der schönen Kallirrhoe, der Tochter des Stromgottes Achelous, die ihm auch bald nach einander zwei Söhne, Akarnan und Amphoterus, gebar. Wie aber dem Alkmäon überall der Ruf von den unschätzbaren Kleinodien voran¬ ging, in deren Besitze man ihn glaubte, so fragte auch seine junge Gemahlin gar bald nach dem herrlichen Hals¬ band und Schleier. Diese Schätze jedoch hatte Alkmäon in den Händen seiner ersten Gattin gelassen, als er diese heimlich verließ. Nun sollte seine neue Gemahlin nichts von jenem früheren Ehebund erfahren: so erdichtete er einen Ort in der Ferne, wo er die Kostbarkeiten aufge¬ hoben hätte, und machte sich anheischig, ihr dieselben zu holen. Nun wanderte er nach Phocis zurück, trat wie¬ der vor seinen ersten Schwiegervater und seine verstoßene Gattin und entschuldigte sich wegen seiner Entfernung mit einem Reste von Wahnsinn, der ihn ausgetrieben habe und noch immer verfolge. „Frei vom Fluche zu werden und wieder zurückzukehren,“ sprach der Falsche, „gibt es, wie mir geweissagt ist, nur ein Mittel: wenn ich das Halsband und den Schleier, die ich dir geschenkt habe, dem Gott nach Delphi als Weihgeschenk bringe.“ Durch diese Trug¬ worte ließen Phegeus und seine Tochter sich bereden und gaben beides her. Alkmäon machte sich mit seinem Raube fröhlich davon; er ahnte nicht, daß die unheilvollen Ga¬ ben endlich auch ihm den Untergang bringen müßten. Es hatte nämlich einer seiner Diener, der um das Geheim¬ niß wußte, dem Könige Phegeus anvertraut, daß Alk¬ mäon eine zweite Gattin habe und den Schmuck zu sich genommen, um ihn dieser zu bringen. Nun machten sich die Brüder der verstoßenen Gemahlin auf seine Spur, eilten ihm zuvor, erlauerten ihn in einem Hinterhalte und stießen den sorglos einherziehenden nieder. Halsband und Schleier brachten sie ihrer Schwester zurück und rühm¬ ten sich der Rache, die sie für sie genommen. Aber Ar¬ sinoe liebte auch den ungetreuen Alkmäon noch und ver¬ wünschte ihre Brüder, als sie seinen Tod vernahm. Jetzt sollten die verderblichen Geschenke ihre Kraft auch an Ar¬ sinoe bewähren. Die erbitterten Brüder glaubten den Un¬ dank der Schwester nicht hart genug bestrafen zu können: sie ergriffen sie, sperrten sie in eine Kiste und führten sie in derselben zu ihrem Gastfreunde, dem König Agapenor, nach Tegea, mit der falschen Botschaft, daß Arsinoe die Mörderin des Alkmäon sey. So starb sie eines elenden Todes. Inzwischen hatte Kallirrhoe den kläglichen Untergang ihres Gatten Alkmäon erfahren und mit dem tiefsten Schmerz durchzückte sie das Verlangen nach schneller Rache. Sie warf sich auf ihr Angesicht nieder und flehte zu Jupiter, daß er ein Wunder thun und ihre kleinen Söhne, Akarnan und Amphoterus, plötzlich mannbar wer¬ den lassen sollte, damit sie die Mörder ihres Vaters be¬ strafen könnten. Da Kallirrhoe schuldlos war, erhörte Jupiter ihre Bitte, und die Söhne, die als unmündige Knaben zu Bette gegangen waren, erwachten als bärtige Männer voll Thatkraft und Rachelust. Sie zogen aus und wandten sich zuerst nach Tegea. Hier kamen sie gerade um dieselbe Zeit an, als die Söhne des Phegeus, Pro¬ nous und Agenor, mit ihrer unglücklichen Schwester, Ar¬ sinoe, dort angelangt und im Begriffe waren, nach Del¬ phi zu reisen, um dort den heillosen Schmuck Aphrodi¬ tens im Tempel Apollo's als Weihgeschenk niederzulegen. Diese wußten nicht, wen sie vor sich hatten, als die bär¬ tigen Jünglinge auf sie eindrangen, den Mord ihres Va¬ ters zu rächen, und ehe sie den Grund des Angriffes er¬ fahren hatten, waren sie erschlagen. Die Söhne Alkmäons rechtfertigten sich bei Agapenor und erzählten ihm den wahren Hergang der Sachen; sie wandten sich dann nach Psophis, traten hier in den Pallast und tödteten den König Phegeus mitsammt seiner Gemahlin. Verfolgt und gerettet verkündeten sie ihrer Mutter die vollbrachte Rache; dann zogen sie nach Delphi und legten, nach dem Rath ihres Großvaters Achelous, Halsband und Schleier als Weihgeschenk im Tempel Apollos nieder. Als dieß gesche¬ hen war, erlosch der Fluch, der auf dem Hause des Am¬ phiaraus gelegen, und seine Enkel, die Söhne Alkmäons und Kalirrhoe's sammelten Ansiedler in Epirus und gründeten Akarnanien. Klytius, der Sohn Alkmäons und Arsinoe's hatte nach des Vaters Ermordung seine mütterlichen Verwandten mit Abscheu verlassen und in Elis eine Zuflucht gefunden. Schwab, das klassische Alterthum. I . 25 Die Sage von den Herakliden. Die Herakliden kommen nach Athen. Als Herkules in den Himmel versetzt war und sein Vetter Eurystheus, König von Argos, ihn nicht mehr zu fürchten hatte, verfolgte seine Rache die Kinder des Halb¬ gottes, deren größerer Theil mit Alkmene, der Mutter des Helden, zu Mycene, der Hauptstadt von Argos, lebte. Sie entflohen seinen Nachstellungen und begaben sich in den Schutz des Königes Ceyr zu Trachin. Als aber Eu¬ rystheus von diesem kleinen Fürsten ihre Auslieferung ver¬ langte, und denselben mit einem Kriege bedrohte, hielten sie sich unter seinem Schutze nicht mehr für sicher, ver¬ ließen Trachin und flüchteten sich durch Griechenland. Vaterstelle bei ihnen vertrat der berühmte Neffe und Freund des Herkules, der Sohn des Iphikles, Jolaus. Wie dieser in jungen Jahren mit Herkules alle Mühsale und Abenteuer getheilt hatte, so nahm er jetzt auch, schon ergraut, die verlassene Kinderschaar des Freundes unter seine Flügel, und schlug sich mit ihnen durch die Welt. Ihre Absicht war, sich den Besitz des Peloponneses, den ihr Vater erobert hatte, zu sichern; so kamen sie, unab¬ lässig von Eurystheus verfolgt, nach Athen, wo der Sohn des Theseus, Demophoon, regierte, der den unrechtmäßi¬ gen Besitzer des Thrones, Menestheus, eben verdrängt hatte. Zu Athen lagerte sich die Schaar auf der Agora oder dem Markt, am Altare Jupiters, und flehte den Schutz des Athenischen Volkes an. Noch nicht lange saßen sie so, als auch schon wieder ein Herold des Köni¬ ges Eurystheus einhergeschritten kam. Er stellte sich tro¬ tzig vor Jolaus hin und sprach in höhnendem Tone: „Du meinst wohl gar hier einen sicheren Sitz gefunden zu haben und in eine verbündete Stadt gekommen zu seyn, thörichter Jolaus! Freilich, es wird auch jemand einfallen, deine unnütze Bundesgenossenschaft mit der des mächtigen Eurystheus zu vertauschen! Darum fort von hier mit allen deinen Sippen gen Argos, wo euer nach Urtheil und Recht die Steinigung wartet!“ Jolaus ant¬ wortete ihm getrost: „Das sey ferne! Weiß ich doch, daß dieser Altar eine Stätte ist, die mich nicht nur vor dir, dem Unmächtigen, sondern selbst vor den Heerschaa¬ ren deines Herrn schützen wird, und daß es das Land der Freiheit ist, in welches wir uns gerettet haben.“ — „So wisse,“ entgegnete ihm Kopreus — so hieß der He¬ rold — „daß ich nicht allein komme, sondern hinter mir eine genügende Macht, welche deine Schützlinge bald von dieser vermeintlichen Freistätte hinwegreißen wird!“ Bei diesen Worten erhuben die Herakliden einen Klageruf, und Jolaus wandte sich mit lauter Stimme an die Bewohner Athens: „Ihr frommen Bürger!“ rief er, „duldet es nicht, daß die Schützlinge eures Jupiter mit Gewalt fortgeführt werden, daß der Kranz, den wir als Flehende auf dem Haupte tragen, besudelt wird, daß die Götter Entehrung und eure ganze Stadt Schmach treffe.“ Auf diesen durchdringenden Hülferuf strömten die Athe¬ ner von allen Seiten auf den Markt herbei und sahen nun erst die Schaar der Flüchtlinge um den Altar sitzen. „Wer ist der ehrwürdige Greis? Wer sind die schönen lockigten Jüng¬ linge?“ so tönte es von hundert Lippen zugleich. Als sie 25 * vernahmen, daß es Herkules Söhne seyen, die den Schutz der Athener anflehen, ergriff die Bürger nicht nur Mit¬ leid, sondern auch Ehrfurcht, und sie riefen dem Herolde, der bereit schien, Hand an einen der Flüchtlinge zu legen, zu, von dem Altare zurückzutreten, und sein Begehren bescheidentlich dem Könige des Landes vorzutragen. „Wer ist der König dieses Landes?“ fragte Kopreus, durch die entschiedene Willensäusserung der Bürger eingeschüchtert. „Es ist ein Mann,“ war die Antwort, „dessen Schiedsrich¬ terspruche du dich gar wohl unterwerfen darfst. Demo¬ phoon, der Sohn des unsterblichen Theseus, ist unser König.“ Demophoon. Es dauerte nicht lange, so hatte den König in sei¬ ner Burg die Kunde erreicht, daß der Markt von Flücht¬ lingen besetzt und fremde Heeresmacht mit einem Herolde erschienen sey, sie zurückzufordern. Er selbst begab sich auf den Markt und vernahm aus dem Munde des Herol¬ des das Begehren des Eurystheus. „Ich bin ein Argi¬ ver,“ sprach zu ihm Kopreus, „und Argiver sind es, über die mein Herr Gewalt hat, die ich wegführen will. Du wirst nicht so sinnverlassen seyn, o Sohn des Theseus, daß du, allein von ganz Griechenland, dich des rathlosen Unglückes dieser Flüchtlinge erbarmest, und einen Kampf um dieselben mit der Kriegsmacht des Eurystheus und der mächtigen Bundesgenossenschaft dieses Fürsten vorziehest!“ Demophoon war ein weiser und besonnener Mann. „Wie sollte ich,“ sprach er auf die heftige Rede des Herolds, „die Sache richtig ansehen und den Streit ent¬ scheiden können, ehe ich beide Parteien angehört habe. Darum sprich du, Führer dieser Jünglinge, was hast du für dein Recht zu sagen?“ Jolaus, an den diese Worte gerichtet waren, erhob sich von den Stufen des Altares, neigte sich ehrerbietig vor dem Könige und hub an: „Kö¬ nig, nun erfahre ich zum erstenmale, daß ich in einer freien Stadt bin: denn hier gilt reden lassen und anhö¬ ren ; anderswo aber bin ich mit meinen Schützlingen ver¬ stoßen worden, ohne daß mir Gehör geschenkt worden wäre. Nun höre mich. Eurystheus hat uns aus Argos vertrieben; keine Stunde hätten wir länger in seinem Lande verweilen dürfen. Wie kann er nun uns noch Unterthanen heißen, noch, als auf Argiver, auf mich und diese An¬ spruch machen, die er aller Unterthanenrechte und dieses Namens selbst beraubt hat? Es müßte denn derjenige, der aus Argos geflohen ist, auch ganz Griechenland mei¬ den müssen! Nein, wenigstens Athen nicht! Die Einwoh¬ ner dieser heldenmüthigen Stadt werden die Söhne des Herkules nicht aus ihrem Lande jagen. Ihr König wird die Schutzflehenden nicht vom Altare der Götter reissen lassen. Seyd getrost, meine Kinder, wir sind im Lande der Freiheit, ja noch mehr, wir sind bei Verwandten angekommen. Denn wisse, König dieses Landes, daß du keine Fremd¬ linge beherbergst. Dein Vater Theseus, und Herkules, der Vater dieser verfolgten Söhne, waren beide Urenkel des Pelops. Noch mehr, sie beide waren Waffenbrüder; ja, der Vater dieser Kinder hat deinen Vater aus der Unterwelt erlöst." Als Jolaus so gesprochen, umfaßte er die Kniee des Königes, ergriff seine Hand und sein Kinn, und gebärdete sich in Allem, wie im Alterthum ein Schutzflehender sich zu gebärden pflegte. Der König aber hub ihn von dem Boden auf und sprach: „Dreifache Nöthigung drängt mich, deine Bitte nicht abzuweisen, o Held. Zuerst Jupiter und dieser heilige Altar; dann die Verwandtschaft, und endlich die Wohlthaten, die ich vom Vater her dem Herkules schulde. Lasse ich euch vom Altare hinwegreissen, so wäre dieß Land nicht mehr das Land der Freiheit, der Götterfurcht und der Tugend! Darum du Herold, kehre nach Mycene zurück und melde solches deinem Herrscher. Nimmermehr wirst du Diese mit dir führen!“ „Ich gehe,“ sprach Kopreus, und erhob drohend seinen Heroldsstab, „aber ich komme wieder mit argivischer Heeresmacht. Zehntausend Schildträger har¬ ren auf den Wink meines Königes: er selbst wird ihr Führer seyn. Wisse! sein Heer ist schon an deiner Grenze gelagert.“ — „Geh zum Hades,“ sprach Demophoon ver¬ ächtlich, „ich fürchte dich und dein Argos nicht!“ Der Herold entfernte sich, und jetzt sprangen die Söhne des Herkules, eine ganze Schaar blühender Jüng¬ linge und Knaben, freudig vom Altare auf und bewill¬ kommten mit Gruß und Handschlag ihren Blutsverwand¬ ten, den König der Athener, in welchem sie ihren gro߬ müthigen Retter sahen. Jolaus führte abermals das Wort für sie, und dankte dem trefflichen Manne und den Bür¬ gern der Stadt mit Worten voll Rührung: „Wenn uns je wieder Heimkehr bescheert ist,“ sprach er, „und wenn ihr Kinder Haus und Würden eures Vaters Herkules wieder in Besitz nehmt, so vergesset diese eure Retter und Freunde nie, und nimmer laßt euch einfallen, diese gast¬ liche Stadt mit Krieg zu überziehen, sondern erblicket vielmehr immer in ihr die liebste Freundin und treueste Bundesgenossin!“ Der König Demophoon traf nun alle Anstalten, das Heer seines neuen Feindes gerüstet zu empfangen; er versammelte die Seher und veranstaltete feierliche Opfer. Dem Jolaus und seinen Schützlingen wollte er Wohnun¬ gen im Pallaste anweisen. Aber Jolaus erklärte den Altar Jupiters nicht verlassen und mit allen den Seini¬ gen unter Gebeten für das Heil der Stadt hier verhar¬ ren zu wollen. „Erst wenn der Sieg mit der Götter Hülfe errungen ist,“ sprach er, „wollen wir unsre müden Leiber unter dem Dache der Gastfreunde bergen.“ — Inzwischen bestieg der König den höchsten Thurm seiner Burg und beobachtete das heranziehende Heer der Feinde, dann sammelte er die Streitmacht der Athener, traf alle krie¬ gerischen Anordnungen, berathschlagte mit den Sehern und war bereit, die feierlichen Opfer darzubringen. Am Al¬ tare des Zeus war indeß Jolaus und seine Schaar in flehenden Gebeten begriffen, als Demophoon mit schnellen Schritten und verstörtem Gesichte auf sie zugegangen kam. „Was ist zu thun, ihr Freunde,“ rief er ihnen sorgenvoll entgegen; „wohl ist mein Heer gerüstet, die nahenden Argiver zu empfangen, aber der Ausspruch aller meiner Seher knüpft den Sieg an eine Bedingung, die nicht zu erfüllen ist. Das Lied der Orakel, sagen sie, lautet so: „„Ihr sollt kein Kalb, oder keinen Stier schlachten, sondern eine Jungfrau, die vom edelsten Geschlechte ist; nur dann dürft ihr, nur dann darf diese Stadt auf Sieg und Ret¬ tung hoffen!““ Wie soll nun aber Solches geschehen? Ich selbst habe blühende Töchter in meinem Königshause; aber wer darf dem Vater zumuthen, ein solches Opfer zu bringen? Und welcher andere der edelsten Bürger, der eine Tochter hat, wird sie, wenn ich es auch wagen woll¬ te, sie ihm abzuverlangen, mir ausliefern? So würde mir, während ich den auswärtigen Krieg zu beendigen bedacht bin, in der Stadt selbst der Bürgerkrieg erwa¬ chen!“ Mit Schrecken hörten die Söhne des Herkules die angstvollen Zweifel ihres Beschützers. „Weh uns, rief Jolaus, „die wir Schiffbrüchigen gleichen, die schon den Strand erreicht haben, und vom Sturme wieder in die hohe See herausgeschleudert werden! Eitle Hoff¬ nung, warum hast du uns in deine Träume eingewiegt? Wir sind verloren, Kinder, nun wird er uns ausliefern, und können wirs ihm verdenken?“ Doch auf einmal blitzte ein Strahl der Hoffnung in dem Auge des Greisen. „Weißest du, was mir der Geist eingiebt, König, was uns alle retten wird? Hilf mir dazu, daß es geschieht! Liefere mich dem Eurystheus aus, anstatt dieser Söhne des Herkules! Gewiß würde Jener am liebsten mir, dem steten Begleiter des großen Helden, einen schmählichen Tod anthun. Ich aber bin ein alter Mann: gern opfere ich meine Seele für diese Jünglinge!“ — „Dein Aner¬ bieten ist edel,“ erwiederte Demophoon traurig, „aber es kann uns nicht helfen. Meinst du, Eurystheus werde sich mit dem Tode eines Greisen zufrieden stellen? Nein, das Geschlecht des Herkules selbst, das junge, blühende will er ausrotten. Weißest du einen andern Rath, so sage mir ihn, dieser aber ist vergeblich.“ Makaria. Jetzt entstand ein solches Wehklagen nicht nur unter den Herakliden, sondern auch unter den Bürgern Athens, daß das laute Jammergeschrei empordrang bis zur Kö¬ nigsburg. Dort waren bald nach dem Einzuge der Flüchtlinge die greise Mutter des Herkules, Alkmene, von Alter und Leid gebeugt, und seine blühende Tochter Ma¬ karia, die ihm Deanira geboren hatte, vor den Blicken der Neugierigen von Demophoon geborgen worden, und lebten in stiller Erwartung dessen, das da kommen sollte. Alkmene, hochbejahrt und in sich gekehrt, vernahm von dem, was draußen vorging, nichts. Ihre Enkelin aber horchte auf die Jammerlaute, die aus der Tiefe empor¬ stiegen. Es ergriff sie eine Angst um das Schicksal ihrer Brüder, und sie eilte, nicht bedenkend, daß sie allein und eine in tiefer Zurückgezogenheit aufgewachsene Jungfrau sey, in das Gewühl des Marktes hinunter. Die ver¬ sammelten Bürger mit ihrem Könige und nicht weni¬ ger Iolaus mit seinem Schützlingen erstaunten, als sie die Jungfrau in ihre Mitte treten sahen. Diese hatte sich eine Weile unter dem Haufen verborgen gehalten und auf diese Weise erlauscht, in welcher Noth sich Athen und die Herakliden befänden, und welch ein verhängni߬ voller Orakelspruch einem glücklichen Erfolge jeden Aus¬ weg zu versperren schien. Mit festen Schritten trat sie daher vor den König Demophoon und sprach: „Ihr suchet ein Opfer, das euch den glücklichen Ausgang des Krieges verbürge, und durch dessen Tod meine armen Brüder vor der Wuth des Tyrannen geschützt werden mögen: eine reine Jungfrau aus edlem Stamme sollet ihr schlachten. Habt ihr denn gar nicht daran gedacht, daß die jungfräuliche Tochter des adligsten Sterblichen, des Herkules, in ihrer Mitte weilt? Ja, ich selbst biete mich als Opfer an, das den Göttern um so will¬ kommener seyn muß, da es freiwillig ist. Wenn diese Stadt edelmüthig genug für Herkules' Nachkommen einen ge¬ fahrvollen Krieg unternimmt und ihre Söhne zu Hun¬ derten opfern wird: wie sollte sich unter seiner Nachkom¬ menschaft nicht auch ein Leben finden, das bereit ist, so trefflichen Männern durch seine Opferung den Sieg zu sichern? Wir wären nicht werth beschirmt und gerettet zu werden, wenn keines unter uns so dächte! Darum führt mich immerhin an den Ort, wo mein Leib geopfert werden soll, bekränzet mich, wie man ein Opferthier bekränzt, zücket den Stahl, meine Seele wird willig ent¬ fliehen!“ — Jolaus und alle Umstehende schwiegen lange, nachdem das heldenmüthige Mädchen ihre feu¬ rige Anrede längst geendet hatte. Endlich sprach der Führer der Herakliden: „Jungfrau, du hast deines Vaters würdig gesprochen: ich schäme mich deiner Worte nicht, obwohl ich dein Geschick beweine. Mir aber däuchte billig, daß alle Töchter deines Stammes zusammenkämen, und das Loos entschiede, welche für ihre Brüder sterben soll!“ — „Ich möchte nicht durch das Loos sterben,“ antwortete Makaria freudig, „aber zögert nicht lange, daß nicht der Feind euch überfalle und der Orakelspruch vergebens euch verliehen sey. Heißet die Frauen des Landes mit mir gehen, daß ich nicht vor Männeraugen sterbe.“ So ging die hochgesinnte Jungfrau, von den edelsten Frauen Athens begleitet, freiwilligem Tode entgegen. Die Rettungschlacht. Bewunderungsvoll blickten der scheidenden Jungfrau König und Bürger Athens, voll Wehmuth und Schmerz die Herakliden und Jolaus nach. Aber das Schicksal erlaubte beiden Theilen nicht, ihren Gedanken und Em¬ pfindungen nachzuhängen. Denn kaum war Makaria ver¬ schwunden, als ein Bote mit freudiger Miene und lautem Rufe dem Altare zugeraunt kam. „Seyd gegrüßt, ihr lieben Söhne!“ rief er, „sagt mir, wo ist der Greis Jolaus; ich habe ihm Freudenbotschaft zu bringen!“ Jo¬ laus erhub sich vom Altare, aber er konnte den tiefen Schmerz nicht mit einemmal aus den Zügen verbannen, so daß der Bote selbst ihn vor allen Dingen nach der Ursache seiner Traurigkeit fragen mußte. „Ein häusli¬ cher Kummer bedrückt mich,“ erwiederte der alte Held, „forsche nicht weiter, sage mir lieber, was dein fröhlicher Blick Gutes bringt!“ — „Kennst du mich denn nicht mehr,“ sprach jener, „den alten Diener des Hyllus, der ein Sohn ist des Herkules und der Deanira? Du weißst, daß mein Herr sich auf der Flucht von euch getrennt hat, um Bun¬ desgenossen zu werben. Nun ist er zur guten Stunde mit einem mächtigen Heere gekommen, und steht dem Kö¬ nige Eurystheus gerade gegenüber gelagert.“ Eine freu¬ dige Bewegung durchlief die Schaar der Flüchtlinge, die den Altar umringt hielten und theilte sich auch den Bür¬ gern mit. Die greise Alkmene selbst lockte diese frohe Botschaft aus den Frauengemächern des Pallastes hervor, und der alte Jolaus, auf keine Widerrede achtend, ließ sich Streitwaffen bringen, und schnallte sich den Harnisch an den Leib. Er empfahl die Obhut über die Kinder seines Freundes und ihre Großmutter den Aeltesten Athen's, die in der Stadt zurückblieben. Mit der jungen Mann¬ schaft Athens und ihrem Könige Demophoon zog er selbst aus, sich mit dem Heere des jungen Hyllus zu ver¬ einigen. Als nun die verbündete Schaar in schöner Schlachtordnung stand, und das Feld weithin von blan¬ ken Waffenrüstungen glänzte, gegenüber aber auf einen Steinwurf das gewaltige Heer des Königes Eurystheus, er selbst an der Spitze, seine unabsehbaren Reihen dehnte; da stieg Hyllus, der Sohn des Herkules, von seinem Streitwagen, stellte sich mitten in die Gasse, welche die feindlichen Heere noch frei gelassen hatten, und rief dem gegenüber stehenden Argiverkönige zu: „Fürst Eurystheus! ehe überflüssiges Blutvergießen seinen Anfang nimmt, und zwei große Städte sich um weniger Menschen willen be¬ kämpfen und mit Vernichtung bedrohen, höre meinen Vorschlag! Laß uns beide durch redlichen Zweikampf den Streit entscheiden: falle ich von deiner Hand, so magst du die Kinder des Herkules, meine Geschwister mit dir führen, und handeln mit ihnen, wie dir gefällt; wird mir aber gegeben, dich zu fällen, so soll die väterliche Würde und seine Wohnung und Herrschaft im Pelopon¬ nes mir und den Seinigen allen gesichert seyn!“ Das Heer der Verbündeten gab durch lauten Zuruf seinen Bei¬ fall zu erkennen, und auch die Schaaren der Argiver murrten zustimmend herüber. Nur der arge Eurystheus, wie er schon vor Herkules seine Feigheit bewiesen hatte, schonte auch jetzt seines Lebens, wollte von dem Vorschlage nichts hö¬ ren, und verließ die Schlachtreihe, an deren Spitze er stand, nicht. Auch Hyllus trat jetzt wieder zu seinem Heere zu¬ rück, die Seher opferten, und bald ertönte der Schlacht¬ ruf. „Mitbürger,“ rief Demophoon den Seinigen zu, „be¬ denkt, daß ihr für Haus und Heerd, für die Stadt, die euch geboren und ernähret hat, kämpft!“ Auf der andern Seite beschwor Eurystheus die Seinigen, Argos und Mycene keinen Schimpf anzuthun, und dem Rufe dieses mächtigen Staates Ehre zu machen. Jetzt ertön¬ ten die Tyrrhenischen Trompeten, Schild klang an Schild, Geräusch der Wagen, Stoß der Speere, Klirren der Schwer¬ ter erscholl, und dazwischen der Wehruf der Gefallenen. Einen Augenblick wichen die Verbündeten der Herakliden vor dem Stoße der Argivischen Lanzen, die ihre Reihen zu durchbrechen drohten, doch bald wehrten sie die Feinde ab, und rückten selbst vor; nun entstand erst das rechte Handgemenge, das den Kampf lange unentschieden ließ. Endlich wankte die Schlachtordnung der Argiver, ihre Schwerbewaffneten und ihre Streitwagen wandten sich zur Flucht. Da kam auch den alten Jolaus die Luft an, seine Greisenjahre noch durch eine That zu verherrlichen, und als eben Hyllus auf seinem Streitwagen an ihm vorbeirollte, um dem fliehenden Feindesheer in den Na¬ cken zu kommen, streckte er seine Rechte zu ihm empor, und bat ihn, daß Hyllus ihn an seiner Statt seinen Wa¬ gen möge besteigen lassen. Hyllus wich ehrerbietig dem Freunde seines Vaters und dem Beschützer seiner Brüder, er stieg vom Wagen und an seiner Statt schwang sich der alte Jolaus in den Sitz. Es wurde ihm nicht leicht, mit sei¬ nen greisen Händen das Viergespann zu bewältigen, doch trieb er es vorwärts, und war an das Heiligthum der Pallenischen Minerva gekommen, als er den fliehenden Wagen des Eurystheus in der Ferne dahin stäuben sah. Da erhob sich Jolaus in seinem Wagen und flehte zu Jupiter und Hebe, der Göttin der Jugend, der unsterbli¬ chen Gemahlin seines in den Olymp versetzten Freundes Herkules, ihm nur für diesen Tag der Schlacht wieder Jünglingskraft zu verleihen, damit er sich an dem Feinde des Herkules rächen könne. Da war ein großes Wun¬ der zu schauen: zwei Sterne senkten sich vom Himmel hernieder und setzten sich auf das Joch der Rosse, zu¬ gleich hüllte sich der ganze Wagen in eine dichte Nebel¬ wolke; dieß dauerte nur wenige Augenblicke, so waren Sterne und Nebel wieder verschwunden, in dem Wagen aber stand Jolaus verjüngt, mit braunen Locken, aufrech¬ tem Nacken, nervigen Jünglingsarmen; in jugendfester Hand die Zügel des Viergespanns haltend. So stürmte er dahin und erreichte den Eurystheus, als schon er die Scy¬ ronischen Felsen im Rücken hatte, beim Eingang in ein Thal, durch welches der Argiver flüchten wollte. Euryst¬ heus erkannte seinen Verfolger nicht und wehrte sich von seinem Wagen herab; aber die dem Jolaus von den Göttern verliehene Jünglingsstärke siegte, er zwang seinen alten Gegner vom Wagen herunter, band ihn auf seinen eigenen fest und führte ihn so als den Erstling des Sie¬ ges dem verbündeten Heere zu. Jetzt war die Schlacht ganz gewonnen, das führerlose Heer der Argiver stürzte in wilder Flucht davon; alle Söhne des Eurystheus und unzählige Streiter wurden erschlagen und bald war kein Feind auf attischem Boden mehr zu sehen. Eurystheus vor Alkmene. Das Heer der Sieger war in Athen eingezogen, und Jolaus, der jetzt wieder in seiner vorigen Greisen¬ gestalt erschien, stand mit dem gedemüthigten Verfolger des herkulischen Geschlechtes vor der Mutter des Herku¬ les, Hände und Füße mit Fesseln gebunden. „Kommst du endlich, Verhaßter!“ rief ihm die Greisin zu, als sie ihn vor ihren Augen stehen sah. „Hat dich nach so langer Zeit die Strafgerechtigkeit der Götter ergriffen? Senke dein Angesicht nicht so zur Erde, sondern blicke deinen Gegnern Aug' in's Auge. Du bist also der, der du mei¬ nen Sohn so viele Jahre hindurch mit Arbeit und Schmach überhäuft hast, ihn ausgesandt hast, giftige Schlangen und grimmige Löwen zu erwürgen, damit er im verderb¬ lichen Kampf erliege, ihn hinuntergejagt hast in das fin¬ stere Reich des Hades, damit er dort der Unterwelt verfiele? Und nun treibest du mich, seine Mutter, und diese Schaar seiner Kinder, so viel an dir ist, aus ganz Griechenland fort, und wolltest sie von den beschirmen¬ den Altären der Götter hinwegreißen? Aber du bist auf Männer und eine freie Stadt gestoßen, die dich nicht ge¬ fürchtet haben. Jetzt ists an dir, zu sterben, und du darfst dich glücklich preisen, wenn du nur sterben mußt. Denn da du mannigfachen Frevel verübt hast, so hättest du auch verdient durch mancherlei Qual einen vielfachen Tod zu leiden!“ Eurystheus wollte dem Weibe gegenüber keine Furcht zeigen: er raffte sich zusammen und sprach mit erzwungener Kaltblütigkeit: „Du sollst kein Wort aus meinem Munde hören, das einem Flehen gliche; ich weigere mich nicht zu sterben. Nur soviel sey mir ver¬ gönnt zu meiner Rechtfertigung zu sagen, daß nicht ich es gewesen bin, der freiwillig dem Herkules als Wider¬ sacher entgegengetreten. Juno, die Göttin war es, die mir auftrug, diesen Kampf zu bestehen. Alles, was ich gethan habe, ist in ihrem Auftrage geschehen. Da ich mir nun aber einmal wider Willen den mächtigen Mann und Halbgott zum Feinde gemacht, wie hätte ich nicht darauf bedacht seyn sollen, allem aufzubieten, was mich vor seinem Zorne sicher stellen konnte? Wie hätte ich nicht nach seinem Tode sein Geschlecht verfolgen sol¬ len, aus welchem lauter Feinde und Rächer ihres Vaters mir entgegen wuchsen? Thue nun mit mir, was du willst; ich verlange nicht nach dem Tode; aber es schmerzt mich auch nicht, wenn ich das Leben verlassen soll.“ So sprach Eurystheus und schien mit Ruhe sein Schicksal zu erwar¬ ten. Hyllus selbst sprach für seinen Gefangenen und die Bürger Athens riefen auch die milde Sitte ihrer Stadt an, die den überwundenen Verbrecher zu begnadigen pflegte. Aber Alkmene blieb unerbittlich, sie gedachte aller Leiden, die ihr unsterblicher Sohn auf Erden zu dulden hatte, so lange er ein Knecht des grausamen Königs war; ihr schwebte der Tod der geliebten Enkelin vor Augen, die sie hierher begleitet hatte und freiwillig in den Tod ge¬ gangen war, um dem mit übergewaltiger Heeresmacht drohenden Eurystheus den Sieg zu entreißen; sie malte sich mit grausen Farben aus, welch Schicksal ihr selbst und allen ihren Enkeln zu Theil geworden wäre, wenn Eurystheus als Sieger und nicht als Gefangener jetzt vor ihr stände: „Nein, er soll sterben,“ rief sie, „kein Sterblicher soll diesen Verbrecher mir entreißen!“ Da kehrte sich Eurystheus zu den Athenern und sprach: „Euch, ihr Männer, die ihr gütig für mich gebeten habt, soll auch mein Tod keinen Unsegen bringen. Wenn ihr mich eines ehrlichen Begräbnisses würdiget und mich bestattet, wo das Verhängniß mich ereilt hat, am Tempel der Pal¬ lenischen Minerva: so werde ich als ein heilbringender Gast die Gränze eures Landes bewachen, daß kein Heer sie jemals überschreiten soll. Denn, wisset, daß die Nach¬ kommen dieser Jünglinge und Kinder, die ihr hier be¬ schützet, euch einst mit Heeresmacht überfallen und euch die Wohlthat schlecht lohnen werden, die ihr ihren Vä¬ tern erzeigt habt. Alsdann werde ich, der geschworne Feind des Herkulischen Geschlechtes, euer Retter seyn.“ Mit diesen Worten ging er unerschrocken zum Tode, und starb besser, als er gelebt hatte. Hyllus, sein Orakel und seine Nachkommen . Die Herakliden gelobten ihrem Beschirmer Demo¬ phoon ewige Dankbarkeit und verließen Athen unter der Anführung ihres Bruders Hyllus und ihres väterlichen Freundes Jolaus. Sie fanden jetzt allenthalben Mit¬ streiter und zogen in ihr väterliches Erbe, den Pelopon¬ nes, ein. Ein ganzes Jahr lang kämpften sie hier von Stadt zu Stadt, bis sie außer Argos Alles unterworfen hatten. Während dieser Zeit wüthete durch jene ganze Halbinsel eine grausame Pest, welche kein Ende nehmen wollte. Endlich erfuhren die Herakliden durch einen Götterspruch, daß sie selbst Schuld an diesem Unglück seyen, weil sie zurückgekehrt, bevor sie es rechtmäßiger Schwab, das klass. Alterthum. I . 26 Weise konnten. Deßwegen verließen sie den schon einge¬ nommenen Peloponnes wieder, kehrten ins attische Ge¬ biet zurück und wohnten dort auf den Feldern von Ma¬ rathon. Hyllus hatte inzwischen, nach dem Willen seines sterbenden Vaters die schöne Jungfrau Jole, um welche einst Herkules selbst sich beworben hatte, geheirathet, und dachte unaufhörlich auf Mittel, in den Besitz des angestammten Vatererbes zu kommen. Er wandte sich daher abermals an das Orakel zu Delphi, und dieses gab ihm zur Ant¬ wort: „Erwartet ihr die dritte Frucht, so wird euch die Rückkehr gelingen.“ Hyllus deutete dieses, wie es am natürlichsten schien, von den Feldfrüchten des dritten Jahres, wartete geduldig den dritten Sommer ab, und fiel dann auf's Neue mit Heeresmacht in den Peloponnes ein. Zu Mycene war nach dem Tode des Eurystheus der Enkel des Tantalus und Sohn des Pelops, Atreus, Kö¬ nig geworden; dieser schloß bei der feindlichen Annäherung der Herakliden einen Bund mit den Einwohnern der Stadt Tegea und andrer Nachbarstädte, und ging den Heranrü¬ ckenden entgegen. An der Landenge von Corinth standen beide Heere einander gegenüber. Aber Hyllus, der immer gerne Griechenblut schonte, war hier wieder der Erste, der den Streit durch einen Zweikampf zu schlichten be¬ müht war. Er forderte Einen der Feinde, wer da wollte, zum Streite heraus, und stellte, auf seine vom Orakel ge¬ billigte Unternehmung vertrauend, die Bedingung, wenn Hyllus seinen Gegner besiegte, so sollten die Herakliden das alte Reich des Eurystheus ohne Schwertstreich ein¬ nehmen; würde dagegen Hyllus überwunden, so sollten die Nachkommen des Herkules fünfzig Jahre lang den Peloponnes nicht mehr betreten dürfen. Als diese Aus¬ forderung im feindlichen Heere ruchtbar wurde, erhob sich Echemus , der König von Tegea; ein kecker Kämp¬ fer in den besten Mannesjahren, und nahm die Ausfor¬ derung an. Beide kämpften mit seltener Tapferkeit; zuletzt aber unterlag Hyllus, und ein finsteres Sinnen über die Zweideutigkeit des Orakelspruchs, den er erhal¬ ten hatte, umschwebte die Stirnfalten des Sterbenden. Dem Vertrage gemäß standen jetzt die Herakliden von ihrem Unternehmen ab, kehrten wieder nach dem Isth¬ mus um, und wohnten jetzt wieder in der Gegend von Marathon. Die fünfzig Jahre gingen vorüber, ohne daß die Kinder des Herkules daran dachten, dem Vertrage zuwider, ihr Erbland aufs neue zu erobern. In¬ zwischen war Kleodäus, der Sohn des Hyllus und der Iole, ein Mann von mehr als fünfzig Jahren geworden. Da nun der Vergleich abgelaufen und ihm die Hände nicht mehr gebunden waren, machte er sich mit andern Enkeln des Herkules gegen den Peloponnes auf, als der troja¬ nische Krieg schon dreißig Jahre vorüber war. Aber auch er war nicht glücklicher als sein Vater, und kam mit sei¬ nem ganzen Heer auf diesem Feldzuge um. Zwanzig Jahre später machte sein Sohn Aristomachus, der Enkel des Hyllus und Urenkel des Herkules, einen zweiten Versuch. Dieß geschah, als Tisamenus, ein Sohn des Orestes, über die Peloponnesier herrschte. Auch ihn führte das Orakel durch einen zweideutigen Rath irre; „die Götter,“ sprach es, „verleihen dir den Sieg durch den Pfad des Engpasses.“ Er brach über den Isthmus ein, wurde zurückgeschlagen und ließ wie Vater und Großvater sein Leben. Neue dreißig Jahre gingen vorüber, und Troja lag schon achtzig Jahre in Asche. Da unternahmen die Söhne 26 * des Aristomachus, des Kleodäus Enkel, mit Namen Teme¬ nus, Kresphontes und Aristodemus den letzten Zug. Trotz aller Zweideutigkeit der Orakelsprüche hatten sie den Glau¬ ben an die Götter nicht verloren, gingen nach Delphi und befragten die Priesterin. Die Sprüche aber lauteten von Wort zu Wort, wie sie ihren Vätern ertheilt wor¬ den waren. „Wenn die dritte Frucht abgewartet worden, so wird die Rückkehr gelingen.“ Und wiederum: „die Götter verleihen den Sieg durch den Pfad des Engpas¬ ses.“ Klagend sprach da der älteste der Brüder, Teme¬ nus: „Diesen Aussprüchen ist mein Vater, Großvater, und Urgroßvater gefolgt, und es ist zu ihrer aller Ver¬ derben gewesen!“ Da erbarmte sich ihrer der Gott und schloß durch seine Priesterin ihnen den wahren Sinn des Orakels auf: „An allen ihren Unglücksfällen,“ sprach sie, „sind eure Väter selbst schuldig gewesen, weil sie der Götter weise Sprüche nicht zu deuten wußten! Diese nemlich meinten nicht die dritte Frucht der Erde, die er¬ wartet werden müsse, sondern die dritte Frucht des Ge¬ schlechtes: die erste war Kleodäus, die zweite Aristoma¬ chus, die dritte Frucht, der der Sieg prophezeiht ist, das seyd ihr. Wiederum, unter dem Engpasse, der zum Wege führen soll, ist nicht, wie euer Vater fälschlich deutete, der Isth¬ mus verstanden, sondern jener weitere Schlund, nämlich das dem Isthmus zur Rechten liegende Meer. Jetzt wisset ihr den Sinn der Orakelsprüche. Was ihr thun wollet, das thuet mit der Götter Glück!“ Als Temenus solche Auslegung vernahm, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, er rüstete mit seinen Brüdern eilig ein Heer aus, und baute Schiffe zu Lokri, an dem Orte, der von dieser Ausrüstung den Namen Naupaktus, das heißt, Schiffswerft, bekam. Aber auch dieser Zug sollte den Nachkommen des Herkules nicht leicht werden, und ihnen viel Kummer und Thränen ko¬ sten. Als das Heer versammelt war, traf den jüngsten der Brüder, Aristodemus, der Blitzstrahl, und machte seine Gattin Argia, die Ururenkelin des Polynices, zur Wittwe, und seine Zwillingssöhne, Eurysthenes und Pro¬ kleus, zu Waisen. Als sie den Bruder bestattet und be¬ weint hatten, und nun das Schiffsheer von Naupaktus aufbrechen wollte, fand sich ein Seher bei demselben ein, der von den Götter begeistert war und Orakelsprüche er¬ theilte. Sie aber hielten denselben für einen Zauberer und Kundschafter, der von den Peloponnesiern zum Ver¬ derben ihres Heeres abgesandt sey. Schon lange waren sie ihm daher aufsäßig, bis Hippotes, der Sohn des Phy¬ las, ein Urenkel des Herkules, nach dem Seher einen Wurfspieß warf, der ihn traf und auf der Stelle tödtete. Darüber zürnten die Götter den Herakliden: die See¬ macht wurde vom Sturm überfallen und ging zu Grunde; die Landtruppen wurden von einer Hungersnoth gepeinigt, und so löste sich allmählig das ganze Heer auf. Teme¬ nus befragte auch über dieses Unglück das Orakel. „Um des Sehers willen, den ihr getödtet habt,“ eröffnete ihm der Gott, „hat euch Unheil getroffen. Den Mörder sollt ihr auf zehen Jahre des Landes verweisen, und dem Drei¬ äugigen den Heerbefehl übertragen.“ Der erste Theil des Orakels war bald erfüllt: Hippotes wurde aus dem Heere gestoßen, und mußte in die Verbannung gehen. Aber der zweite Theil brachte die armen Herakliden zur Verzweif¬ lung. Denn wie und wo sollten sie einem Menschen mit drei Augen begegnen? Indessen forschten sie unermüdlich und im Vertrauen auf die Götter nach einem solchen. Da stießen sie auf Oxylus, Sohn des Hämon, und Nach¬ kommen des Oeneus, aus ätolischem Königsgeschlechte. Dieser hatte zu der Zeit, da die Herakliden in den Pelo¬ ponnes eingedrungen waren, einen Todschlag begangen, der ihn aus seinem Vaterland Aetolien nach dem Länd¬ chen Elis im Peloponnese zu flüchtigen nöthigte. Jetzt war er nach Jahresfrist im Begriffe, von da in seine Heimath zurückzukehren, und begegnete auf seinem Maul¬ thiere den Herakliden. Er war aber einäugig, denn das andere Auge hatte er sich in der Jugend mit einem Pfeile ausgestoßen. So mußte das Maulthier ihm sehen helfen, und hatten sie zusammen der Augen drei. Die Herakli¬ den fanden auch dieses seltsame Orakel erfüllt, wählten den Oxylus zum Heerführer, und als auf diese Weise die Bedingung des Geschickes erfüllt war, griffen sie mit frischgeworbenen Truppen und neugezimmerten Schiffen die Feinde an, und tödteten deren Anführer Tisamenus. Die Herakliden theilen den Peloponnes. Nachdem die Herakliden auf solche Weise den gan¬ zen Peloponnes erobert hatten, errichteten sie dem Zeus, ihrem väterlichen Ahnherrn, drei Altäre, worauf sie opfer¬ ten, dann begannen sie die Städte durchs Loos zu ver¬ theilen. Das erste Loos war Argos, das zweite Lacedä¬ mon, das dritte Messene. Sie wurden einig darüber, daß in einer Urne voll Wassers gelost werden sollte. Nun ward beschlossen, daß jeder ein Loos hineinwerfen sollte, das mit seinem Namen bezeichnet war. Da warfen Te¬ menus und die Söhne des Aristodemus, die Zwillinge Eurysthenes und Procleus, bezeichnete Steine hinein, der schlaue Kresphontes aber, der am liebsten Messene gewon¬ nen hätte, warf eine Erdscholle in das Wasser. Diese löste sich auf. Nun wurde zuerst über Argos gelost, und der Stein des Temenus kam zum Vorschein; dann über Lacedämon: da kam der Stein der Aristodemussöhne. Nach dem dritten fand man überflüssig zu suchen, und so bekam Kresphontes Messene. Als sie hierauf mit ihren Begleitern den Göttern auf ihren Altären opferten, da wurden ihnen seltsame Zeichen zu Theil, denn jeder fand auf seinem Altare ein anderes Thier. Diejenigen, welche Argos durchs Loos erhalten hatten, fanden darauf eine Kröte; die, denen Lacedämon zu Theil geworden war, ei¬ nen Drachen; die endlich, die Messene bekommen hatten, einen Fuchs. Nachdenklich über diese Zeichen geworden, befragten sie die einheimischen Wahrsager. Diese deute¬ ten die Sache also: „Welche die Kröte erhalten haben, werden am besten thun in ihrer Stadt daheim zu bleiben, denn das Thier hat keinen Schutz auf der Wanderung; die, denen sich der Drache auf den Altar gelagert, wer¬ den gewaltige Angreifer werden, und mögen sich immer¬ hin über die Gränzen ihres Landes hinauswagen; die endlich, denen der Fuchs auf ihren Altar gelegt worden, sollen es weder mit der Einfalt halten, noch mit der Ge¬ walt: ihre Schutzwehr soll die List seyn.“ Diese Thiere wurden in der Folge die Schildwap¬ pen der Argiver, Spartaner und Messenier. Nun be¬ dachten sie auch ihren einäugigen Führer, Oxylus, und gaben ihm das Königreich Elis zum Lohne seiner Feld¬ herrnschaft. Vom ganzem Peloponnese aber blieb nur das bergigte Hirtenland Arkadien unbesiegt durch die Hera¬ kliden. Von den drei Reichen, die sie auf dieser Halb¬ insel begründeten, hatte nur Sparta eine längere Dauer. Zu Argos hatte Temenus dem Dephontes, auch einem Ururenkel des Herkules, seine Tochter Hyrnetho, die er unter allen seinen Kindern am meisten liebte, zur Ehe gegeben, und zog ihn in Allem zu Rathe, so daß man vermuthete, daß er ihm und seiner Tochter auch die Regierung zuwenden wolle. Darüber ergrimmten seine eigenen Söhne, verschworen sich gegen ihn und erschlugen ihren Vater. Die Argiver aber erkannten zwar den ältesten Sohn als König; weil sie aber Freiheit und Gleichheit vor Allem liebten, so beschränkten sie die Kö¬ nigsgewalt so sehr, daß ihm und seinen Nachkommen nichts übrig blieb, als der Königstitel. Merope und Aepytus. Kein besseres Loos, als seinen Bruder Temenus, traf den König von Messene, Kresphontes. Dieser hatte die Tochter des Königes Cypselus von Arkadien, Merope, geheirathet, die ihrem Gemahl viele Kinder gebar, unter welchen Aepytus das jüngste war. Für seine vielen Söhne und sich selbst erbaute er im Lande eine stattliche Kö¬ nigsburg. Er selbst war ein Freund des gemeinen Vol¬ kes, und begünstigte dieses, wo er konnte, in seiner Ver¬ waltung. Darüber empörten sich die Reichen und er¬ schlugen ihn sammt allen seinen Söhnen, bis auf den jüngsten, Aepytus. Diesen entzog die Mutter den Hän¬ den der Mörder und rettete ihn glücklich zu ihrem Vater Cypselus nach Arkadien, wo der Knabe heimlich erzogen wurde. In Messenien hatte sich indessen Polyphontes, ebenfalls ein Heraklide, des Thrones bemächtigt, und die Wittwe des ermordeten Königes gezwungen, ihm ihre Hand zu reichen. Da wurde es ruchtbar, daß noch ein Thronerbe des Kresphontes am Leben sey, und Polyphon¬ tes, der neue Herrscher setzte einen großen Preis auf seinen Kopf. Aber Niemand war, der ihn verdienen wollte, oder auch nur konnte. Denn die Sage ging nur dunkel, und man wußte nicht, wo der Geächtete zu su¬ chen wäre. Mittlerweile wuchs Aepytus zum Jünglinge heran, verließ heimlich den Pallast seines Großvaters, und, ohne daß Jemand es ahnte, traf er zu Messene ein. Der Jüngling hatte von dem Preise gehört, der auf den Kopf des unglücklichen Aepytus gesetzt sey. Da faßte er sich ein Herz, kam als ein Fremdling, von Niemand gekannt, selbst von der eigenen Mutter nicht, an den Hof des Königes Polyphontes, trat vor ihn und sprach in Ge¬ genwart der Königin Merope: „Ich bin erbötig, o Herr¬ scher, den Preis zu verdienen, den du auf das Haupt des Fürsten gesetzt hast, der, als Sohn des Kresphontes, deinem Throne so furchtbar ist. Ich kenne ihn so genau wie mich selber, und will ihn dir in die Hände liefern.“ Die Mutter erblaßte, als sie dieses hörte; schnell sandte sie nach einem alten vertrauten Diener, der schon bei der Rettung des kleinen Aepytus thätig gewesen war und jetzt, aus Furcht vor dem neuen Könige, fern vom Hof und der Königsburg lebte. Diesen schickte sie heim¬ lich nach Arkadien, um ihren Sohn vor Nachstellung zu sichern, vielleicht auch, ihn herbeizurufen, damit er sich an die Spitze der Bürger stelle, denen sich Polyphontes durch seine Tyranney verhaßt gemacht hatte, und den vä¬ terlichen Thron wieder erringe. Als der alte Diener nach Arkadien kam, fand er den König Cypselus und das ganze Königshaus in großer Bestürzung, denn sein Enkel Aepytus war verschwunden, und Niemand wußte, was aus ihm geworden war. Trostlos eilte der alte Diener nach Messene zurück und erzählte der Königin, was geschehen. Beide hatten nun keinen andern Gedan¬ ken, als daß der Fremdling, der vor dem Könige erschie¬ nen sey, den Preis zu verdienen, gewiß den armen Aepy¬ tus in Arkadien ermordet und seinen Leichnam nach Mes¬ sene gebracht habe. Sie besannen sich nicht lange, und da der Fremde, von Polyphontes in seine Königsburg aufgenommen, seine Wohnung in derselben hatte, betrat die Königin, von Rachedurst erfüllt, mit einer Art be¬ waffnet, und von ihrem Vertrauten, dem alten Diener, begleitet, nächtlicher Weile die Kammer des Fremden, in der Absicht, den Schlummernden zu erschlagen. Der Jüngling aber schlief ruhig und sanft, und der Strahl des Mondes beleuchtete sein Antlitz. Schon hatten sich beide über sein Lager gebeugt und Merope die Mordart erhoben, als der Diener, der, dem Schlafenden näher ste¬ hend, sein Angesicht genauer betrachtete, plötzlich mit ei¬ nem angstvollen Schrei der Ueberraschung den Arm der Kö¬ nigin erfaßte. „Halt ein,“ rief er, „es ist dein Sohn Aepytus, den du erschlagen willst!“ Merope ließ den Arm mit der Axt sinken, und warf sich über das Bett ihres Sohnes, den sie mit ihrem lauten Schluchzen erweckte. Nachdem sie sich lange in den Armen gelegen, eröffnete ihr der Sohn, daß er gekommen sey, nicht sich den Mör¬ dern in die Hände zu liefern, sondern diese zu bestrafen, sie selbst von dem verhaßten Ehebund zu erlösen und mit Hülfe der Bürger, die er für sein gutes Recht zu ge¬ winnen hoffte, den Thron des Vaters zu besteigen. Er verabredete hierauf gemeinschaftlich mit der Mutter und dem alten Diener des Hauses die Maßregeln, die zu er¬ greifen wären, um sich an dem verhaßten und verruch¬ ten Polyphontes zu rächen. Merope legte Trauerkleider an, trat vor ihren Gatten und erzählte ihm, wie sie so eben die Trauerbotschaft von dem Tode ihres einzigen, noch übrigen Sohnes erhalten habe. Fortan sey sie be¬ reit, im Frieden mit ihrem Gatten zu leben, und des vo¬ rigen Leides nicht zu gedenken. Der Tyrann ging in die Schlinge, die ihm gelegt war. Er wurde vergnügt, weil ihm die schwerste Sorge vom Herzen genommen war, und erklärte den Göttern ein Dankopfer bringen zu wollen, dafür daß alle seine Feinde jetzt aus der Welt verschwunden seyen. Als nun die ganze Bürgerschaft auf öffentlichem Markte, aber mit widerwilligem Herzen, erschie¬ nen war — denn das gemeine Volk hatte es immer mit dem liebreichen Könige Kresphontes gehalten, und betrauerte auch jetzt seinen Sohn Aepytus, in welchem es die letzte Hoffnung verloren glaubte —; da überfiel Aepytus den opfernden König und stieß ihm den Stahl ins Herz. Jetzt eilte Merope mit dem Diener herbei, und beide zeigten dem Volke in dem Fremdling Aepytus den todt¬ geglaubten rechtmäßigen Erben des Thrones. Dieses be¬ grüßte ihn jubelnd, und noch an demselben Tage nahm der Jüngling den erledigten Thron seines Vaters Kre¬ sphontes ein, und bezog an der Seite seiner Mutter die Königsburg. Er bestrafte jetzt die Mörder seines Vaters und seiner Brüder, wie die Mitanstifter des Mordes. Im übrigen gewann er durch sein zuvorkommendes Wesen selbst die vornehmen Messenier, und durch seine Freige¬ bigkeit alle, die zum Volke gehörten, und erwarb sich ein solches Ansehen unter den Messeniern, daß seine Nach¬ kommen sich Aepytiden statt Herakliden nennen durften. Arnold's Buchdruckerei.