Lyrische und andere Gedichte. Neue und um die Haͤlfte vermehrte Auflage. Mit allergnaͤdigsten Freyheiten. Johann Peter Uz. Anspach , zu finden bey Jacob Christoph Posch. 1755 . D iese wenigen Gedichte brauchen kei- ner weitlaͤuftigen Vorrede. Ein großer Theil derselben ist nicht neu, sondern schon seit einiger Zeit gedruckt. Es sind die lyri- schen Gedichte, die in den zweyen ersten Buͤ- chern dieser Sammlung enthalten sind, meh- rentheils vor fuͤnf Jahren bereits von einem beruͤhmten Freunde zum Drucke befoͤrdert, itzo aber nochmals sorgfaͤltig durch sehen, und vieles daran geaͤndert, wo nicht verbessert wor- den. Jm dritten und vierten Buche befin- den sich diejenigen Lieder, welche die lyrische Muse erst nach jener Sammlung gedichtet hat. Sie sind in der Ordnung verfertiget worden, wie sie hier stehen. Der Sieg des Liebesgottes hat ebenfalls schon im abgewichenen Jahre die Presse ver- lassen; da hingegen die vier angehangnen Briefe sich zum erstenmal der oͤffentlichen Critik darstellen. Es ist gar kein Zweifel, daß ohngeachtet aller angewandten Muͤhe noch sehr viel an allen diesen Stuͤcken mit Grunde getadelt werden koͤnne. Die ausbessernde Hand des Dichters selbst ist mehr aus Muͤdigkeit, als )( 2 in in der stolzen Einbildung, daß nunmehr al- les vollkommen sey, zuruͤckgezogen worden. Da uͤbrigens der deutsche Parnaß mit sich selbst uneinig und in gewisse Secten getren- net ist: so kann kein heutiger Dichter sich ei- nen gewissen und allgemeinen Beyfall verspre- chen. Er wird allezeit von einigen getadelt werden, bloß weil er von andern gelobet wird. Es koͤnnte leicht kommen, daß diese Gedichte noch ein haͤrteres Schicksal zu ge- warten haͤtten, und vielleicht dem Dichter aus dem Petronius zugeruffen wuͤrde: Adolescens, sermonem habes non publici saporis. Sollte er aber bloß deswegen mit seinen Meinungen, in Sachen, die den guten Ge- schmack betreffen, geheuchelt haben, weil sie von den Grundsaͤtzen anderer angesehenen Kunstrichter abgehen? Wie er sich selbst der im Reiche der Wis- senschaften hergebrachten Freyheit, seine Ge- danken offenherzig herauszusagen, mit Be- scheidenheit bedienet hat: so wird es ihm auch nicht znwider seyn, wenn andere sich ei- ner gleichen Freyheit gegen ihn selbst gebrau- chen. Er wird sich zu belehren suchen, wo er Unterricht findet; und wo er diesen nicht findet, wenigstens zu schweigen wissen. Jnn- Jnnhalt. Lyrische Gedichte . Erstes Buch. Seite An Herrn Secretaͤr Gleim 1742. 3 Der Fruͤhling 1742. 7 An Chloen. 11 An Chloen. 13 An Chloen. 15 An Chloen. 17 Der Traum. 18 Der Morgen. 19 Morgenlied der Schaͤfer. 21 Fruͤhlingslust. 23 Die Zufriedenheit. 25 Magister Duns 28 Die Wuͤnsche. 30 An Amorn. 31 Die Muse bey den Hirten. 32 Das beunruhigte Deutschland. 33 Die lyrische Muse. 36 Zweytes Buch. An das Gluͤck. 39 Weinlese. 42 Vergleichung der alten und heutigen Deutschen. 44 )( 3 Der Seite Der Abend, 47 Das Orakel. 49 Die Geliebte. 51 Die Liebesgoͤtter. 52 Ermunterung zum Vergnuͤgen. 54 Der Weise auf dem Lande. 56 An Venus. 60 Die versoͤhnte Daphne. 62 Der verlohrne Amor. 64 Der May. 65 Die Wollust. 67 Silen 71 Drittes Buch. Tempe. 75 Morpheus. 79 Ein Gemaͤhlde. 82 Neujahrswunsch des Nachtwaͤchters von Ternate. 84 Amor und sein Bruder. 87 Die Wissenschaft zu leben. 89 Der standhafte Weise. 92 Die Sommerlaube 97 Die Rose. 99 Der Sommer und der Wein. 100 Die Freude. 101 Die wahre Groͤsse. 104 Der Winter. 109 Die Seite. Die Nacht. 111 Die froͤhlige Dichtkunst. 112 Viertes Buch. Die Gluͤckseligkeit. 117 Der Tobacksraucher. 120 An die Musen. 123 Die Trinker. 125 An Galathee. 127 Die Grotte der Nacht. 129 Die Dichtkunst. 133 An die Deutschen. 138 An Herrn Baron von C*. 141 Empfindungen an einem Fruͤhlingsmorgen. 143 Die Liebe 147 Der Schaͤfer. 150 Palinodie 151 An die Scherze. 153 Die ruhige Unschuld. 155 Theodicee. 157 Der Seite. Der Sieg des Liebesgottes, ein Gedicht. 165 Briefe. An Herrn Hofrath B* 201 An Herrn Secretaͤr G* 218 An Herrn Hof-Advocat Gr** 229 An Herrn Hofrath C* 235 Jn der Poschischen Buchhandlung, ist neu zu finden: Der Freund, 1ter Band, in gros Octav, kost 1. Rthl. 2. gute Groschen. Wird woͤchentlich mit ei- nem Bogen fortgesetzet. Hn. von Hagendorns, Fabeln und Erzaͤhlungen in 8. 1753. vor 8. gute Groschen. Lyrische Gedichte in Vier Buͤchern. Erstes Buch. An Herrn Secretaͤr Gleim. M ein Gleim, der in begluͤcktrer Luft Mich halben Wilden oft bedauert, Mich oft aus dieser Wuͤste ruft, Wo noch mein Saitenspiel an duͤrren Straͤuchen trauert! W ie reizet mich der Musen Ruhm, Die um die stolze Spree erwachen, Wo ihr verfallnes Heiligthum Mit neuem Glanze strahlt, und Rosen ihnen lachen! D enn hoͤre, was dein Freund hievon, Bey dieses Gluͤckes Anbruch, hoͤrte, Am bluhmenvollen Helicon, Als tief im Lorbeerwald ihn Pindar einsam lehrte. A 2 Den Lyrische Gedichte D en Hayn durchflog ein Lustgesang; Die heilge Stille wich von hinnen: Jch sah, indem ich naͤher drang, Jch sah den Musengott und alle Pierinnen. S ie sungen voll zufriedner Lust; Der necktarvolle Becher glaͤnzte; Es reichten ihn, mit nackter Brust, Die jungen Grazien, die Ros’ und Myrth umkraͤnzte. B ald schlossen Alle Hand in Hand; Ein Reihentanz ward angefangen: Da floß ihr unbewahrt Gewand Jn Thau und Bluhmen hin; es brannten ihre Wangen. M it Recht war iede Muse froh: Dein Koͤnig hieß die Waffen schweigen. Wer hoffte nicht, als Mavors floh, Nun wuͤrde Friedrichs Huld sich zu den Musen neigen? U nd gleich lud Fama, froh erhitzt, Sie nach Berlins gewuͤnschten Auen: Dort, Musen! sprach sie, sollt ihr itzt Athen zum andernmal im alten Flore schauen. Sie Erstes Buch. S ie sprach und floh; und Phoͤbus fiel Mit rascher Hand in seine Saiten: Er sang und ließ sein Saitenspiel, Voll Necktars und voll Lust, sein goͤttlich Lied begleiten. B egluͤcktes Reich! der Laͤnder Zier! Brach Phoͤbus aus; und alles lauschte: Es schwieg das luͤsterne Revier; Es schwieg der laute West, der in den Lorbeern rauschte. J a! fuhr er fort, begluͤcktes Reich, Wo Friedrich herrscht, wie Vaͤter pflegen, Gleich groß und stets Minerven gleich, Es schwinge seine Faust den Oelzweig oder Degen! J ch seh ihn! welch ein kuͤhner Held! Der schnelle Sieg fliegt ihm zur Seite. So kommt der Kriegsgott aus dem Feld; So furchtbar gluͤht sein Blick, entflam̃t vom wilden Streite! D och Friedrich will geliebet seyn: Er wird bald muͤde, stets zu schrecken; Und haͤngt im nahen Palmenhayn Die guͤldnen Waffen auf, die Staub und Blut dedecken: A 3 Und Lyrische Gedichte U nd wirft sich, da der Sieg ihm lacht, Dem Frieden in die holden Arme, Da neben ihm die Weisheit lacht, Voll Glanzes und umringt von kluger Freuden Schwarme. W ie wird nunmehr die guͤldne Zeit Jn seinen Staaten sich verjuͤngen, Und uͤberall Zufriedenheit Und reicher Ueberfluß die sichren Fluͤgel schwingen! D rum eilt auch ihr an Friedrichs Brust, Jhr Musen, mit dem aͤchten Witze! Er winket euch! seyd seine Lust, Und weicht hinfort nicht mehr vom koͤniglichen Sitze: U nd lehrt am ewigen Berlin, Auf das die Welt bewundernd schauet, Wie herrlich alle Kuͤnste bluͤhn, Wenn ein Monarch sie pflegt, und Gnade sie bethauet. Der Erstes Buch. Der Fruͤhling. J ch will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen, Jhr Schoͤnen! eure gefaͤhrliche Lust, Den Fruͤhling, welcher anitzt, durch Florens Haͤnde be- kraͤnzet, Siegprangend unsre Gefilde beherrscht. F angt an! ich gluͤhe bereits; fangt an, holdselige Saiten! Entzuͤckt der Eccho begieriges Ohr! Toͤnt sanft durchs ruhige Thal! da lauschen furchtsame Nymphen, Nur halb durch junge Gestraͤuche bedeckt. W er kommt vom Huͤgel herab, voll unaussprechlicher Anmuth, Dem Glanz die froͤhlige Stirne bestrahlt, Den Philomele begruͤßt? Jhm duͤften fruͤhe Violen; Jhm gruͤnt der Erde beschattete Schoos. W unsch meiner Muse, du kommst! O Fruͤhling, Wonne Dionens, Du kommst, vom feurigen Amor umarmt! Und Amors muthige Faust schwingt siegbegierige Pfeile: Die stolzen Sterblichen huldigen ihm. A 4 Ein Lyrische Gedichte E in Schwarm der Freuden ereilt vor dir muthwillige Weste, Jn Taͤnzen, welche die Floͤte belebt: Vor dir scherzt Hebe dahin: es lachen lauere Luͤfte Dich, Kind der Sonne! gefaͤlliger an. D urchzeuch nicht laͤnger, o Nord! verheerend unsre Gefilde! Entfleuch nach ewigem Eise zuruͤck: Weil nun der schoͤnere Lenz, den Zephyrs Fittige kuͤhlen, Siegprangend unsre Gefilde beherrscht! S ie bluͤhn, vom Thaue beperlt, und Anmuth lachet in allen; Es lacht die ganze smaragdene Flur, Jn deren Arme so oft, bey frischer Baͤche Geschwaͤtze, Der Schlaf mein williges Auge beschleicht. B erg, Thal und Aue besaͤt der Bluhmen praͤchtige Menge: Voll Stolz auf ihre beliebte Gestalt, Buͤckt sich doch iede daselbst vor dir, du Bluhme Lyaͤens, Die suͤssem Scherze geheiliget ist! Schmuͤck Erstes Buch. S chmuͤck itzt mein finsteres Haar! Wenn du mich, Rose! bekraͤnzest, Und Bacchus meine Gesaͤnge beseelt: Flieht schnell mein trauriger Ernst; da klingt die Laute bezaubernd Jn meiner Muse geschaͤftigen Hand. S ie selbst auch werde bekraͤnzt, die nicht mehr schlaͤf- rige Laute: Denn itzt (willkommen o liebliche Zeit!) Erwacht der frohe Gesang, und ied’ entschlafene Cyther Jst auf erhabnere Toͤne bedacht: U nd auch die ganze Natur fuͤhlt sich aufs neue begeistert, Da sich die Sonne der Erde genaht; Und iedes frostige Thal, so Wald, als gruͤne Gebuͤrge Sind reg, und alle Gefilde belebt. D rum ist die Stille geflohn, auch aus dem heiligen Hayne; Der Laͤrm regieret im heiligen Hayn: Bald rauscht ein froͤhliger Hirsch, der sich im Flusse ge- badet, Durch frischbethaute Gebuͤsche zuruͤck: A 5 Bald Lyrische Gedichte B ald toͤnt durchs duͤstre Revier die Brunst unbaͤndiger Heerden: Wie girrt die zaͤrtere Taube so sanft! Wie seufzt vom Laube bedeckt, Pandions einsame Tochter, Wann kaum die naͤchtliche Stille beginnt! D enn alles fuͤhlet anitzt des Fruͤhlings maͤchtige Triebe: Nun hat der Liebe gefuͤrchteter Arm Was blauer Luͤfte Gebiet und Meer und Erde bewohnet; Nur dich nicht, stolze Dorinde! besiegt. D och Amor baͤndige dich! Er kommt zum Kampfe ge- ruͤstet, Und hat die blutige Sehne gespannt. Wie will ich seine Gewalt, bey frohem Weine, besingen, Wann du einst seine Triumphe gemehrt! An Erstes Buch. An Chloen. O Chloe! hoͤre du Der neuen Laute zu, Die juͤngst, bey stiller Nacht, Mir Cypripor gebracht. Nimm diese, war sein Wort, Statt jener Stolzen dort! Die buhlt so lange schon Um Pindars hohen Ton: Doch da sie Siegern froͤhnt, Wird sie und du verhoͤhnt. T hu, wie der tejer Greis, Der keines Helden Preis Jn seine Leyer sang, Die nur von Liebe klang. Er sang voll Weins und Lust Und an der Maͤdchen Brust. Da sann er auf ein Lied, Das noch die Herzen zieht: Das machten ihm alsdenn Jch und die Grazien. Ver- Lyrische Gedichte V erfolge seine Spur; Er folgte der Natur. Du sollst bey Lieb und Wein, Wie er, mein Dichter seyn. Lyaͤen kennst du schon; Doch nicht Cytherens Sohn. Dir mache, wer ich bin, Die schoͤne Nachbarinn Und meine schnelle Hand Durch diesen Pfeil bekannt. K aum sprach der Bube so, So schoß er und entfloh; So fuͤhlte schon mein Herz Noch ungefuͤhlten Schmerz; So sah ich voll Begier, O Chloe! nur nach dir. Nun siege wer da will! Mein neues Saitenspiel Soll nur dem frohen Wein Und Chloen heilig seyn. An Erstes Buch. An Chloen. D ie Munterkeit ist meinen Wangen, Den Augen Glut und Sprach entgangen; Der Mund will kaum ein Laͤcheln wagen; Kaum will der welke Leib sich tragen, Der Bluhmen am Mittage gleicht, Wann Flora lechzt und Zephyr weicht. D och merk ich, wann sich Chloe zeiget, Daß mein entflammter Blick nicht schweiget, Und Suada nach den Lippen flieget; Ein gluͤhend Roth im Antlitz sieget, Und alles sich an mir verjuͤngt, Wie Bluhmen, die der Thau durchdringt. J ch seh auf sie mit bangem Sehnen, Und kann den Blick nicht weggewoͤhnen: Die Anmuth, die im Auge wachet Und um die jungen Wangen lachet, Zieht meinen weggewichnen Blick Mit guͤldnen Banden stets zuruͤck. Mein Lyrische Gedichte M ein Blut stroͤmt mit geschwindern Guͤssen; Jch brenn, ich zittre, sie zu kuͤssen; Jch suche sie mit wilden Blicken, Und Ungeduld will mich ersticken, Jndem ich immer sehnsuchtvoll Sie sehn und nicht umarmen soll. An Erstes Buch. An Chloen. W eis Chloe mein geheim Verlangen? Verrieth mein Auge mich vielleicht, Das nach den Rosen ihrer Wangen Durch manchen Umweg luͤstern schleicht? Jhr Blick begegnet meinem Blicke: Jhr Auge sieht mich schalkhaft an, Oft nur im Flug und schnell zuruͤcke; Doch daß ich es bemerken kann. O ft blitzen, von Gefahr begleitet, Die blauen Augen frey auf mich, Aus welchen Amor mich bestreitet, Der stets aus ihnen siegreich wich. Jch kann die Grazien darinnen Ein schmeichelnd Laͤcheln bilden sehn: Das uͤberraschet meine Sinnen; Wie kann das Herz ihm widerstehn? K ein Schnee gleicht ihres Armes Weisse, Der vor dem Fenster in der Luft, Mit einem ungewohnten Fleisse, So sinnreich meiner Sehnsucht ruft! Nun schaut sie ruͤckwaͤrts, doch gestrecket, Bis sich die volle Brust empoͤrt, Und halb entwischt, und, unverdecket, Auch eines Cato Runzeln stoͤrt. Jch Lyrische Gedichte J ch aber steh und strampf und gluͤhe, Flieg in Gedancken hin zu ihr, Und sehe, mit verlohrner Muͤhe, Mich unstaͤt, aber immer hier: Weil, bis mich Gluͤck und Freundschaft retten, Die oft ein langer Schlaf befaͤllt; Mich hier mit diamantnen Ketten Das Schicksal angefesselt haͤlt. An Erstes Buch. An Chloen. C ytherens muntrer Sohn Hat nun so lange schon, So manche lange Nacht, Auf meinem Schoos gelacht. Sang meine Muse doch So ziemlich artig noch. Oft hielt ihn schon im Lauf Jhr schmeichlend Liedchen auf. O ft lockte Chloens Blick Liebkosend ihn zuruͤck. Nun locket sie nicht mehr, Und zuͤrnt, wer weis wie sehr! Der Schalk aus Paphos gaͤhnt, Der, da mein Auge thraͤnt, Und keine Muse singt, Sein leicht Gefieder schwingt. H alt, wenn er mich verlaͤst, Du deinen Sklaven fest! Er wird gehorsam seyn, Und, Chloe! dir allein, Die du ihm Venus bist, Auch wann er zornig ist. Ein holder Blick von dir Versoͤhnet ihn mit mir. B Ein Lyrische Gedichte Ein Traum. O Traum, der mich entzuͤcket! Was hab ich nicht erblicket! Jch warf die muͤden Glieder Jn einem Thale nieder, Wo einen Teich, der silbern floß, Ein schattigtes Gebuͤsch umschloß. D a sah ich durch die Straͤuche Mein Maͤdchen bey dem Teiche. Das hatte sich, zum Baden, Der Kleider meist entladen, Bis auf ein untreu weiß Gewand, Das keinem Luͤftchen widerstand. D er freye Busen lachte, Den Jugend reizend machte. Mein Blick blieb luͤstern stehen Bey diesen regen Hoͤhen, Wo Zephyr unter Liljen blies, Und sich die Wollust greifen ließ. S ie fieng nun an, o Freuden! Sich vollends auszukleiden: Doch, eh’ es noch geschiehet, Erwach ich und sie fliehet. O schlief ich doch von neuem ein! Nun wird sie wohl im Wasser seyn. Der Erstes Buch. Der Morgen. A uf! auf! weil schon Aurora lacht; Jhr Gatten junger Schoͤnen! Jhr muͤßt nunmehr, nach fauler Nacht, Dem Gott der Ehe froͤhnen. Erneuert den verliebten Zwist, Der suͤsser, als die Eintracht ist, Nach der sich Alte sehnen. J sts moͤglich, daß, geweckt von Lust, Ein Gatte nicht erwache? Daß eine nahe Liljen-Brust Jhn nicht geschaͤftig mache? Jndeß schwebt um der Gattinn Haupt Der Morgentraum, mit Mohn umlaubt; Jhr traͤumt von eitel Rache. D ort, wo Cytherens waches Kind Den Schlaf vom Bette scheuchet; Dort rauschts, wie wann ein Morgenwind Bethautes Laub durchstreichet. Dort lauscht auch meine Muse nun, Die, wie die Maͤdchen alle thun, Verliebte gern beschleichet. B 2 Der Lyrische Gedichte D er Vorhang weicht: welch reizend Weib! Jch sehe Venus liegen, Und leichten Flohr den Marmorleib Verraͤtherisch umfliegen. Wie sucht ihr Blick, der kriegrisch gluͤht, Wie sucht er, wenn der Streit verzieht, Streit, Gegner und Vergnuͤgen! D u itzo noch verliebtes Paar, Was mangelt deinem Gluͤcke? Jch werde selbst entzuͤckt, gewahr, Daß Hymen auch entzuͤcke. Die Muse sieht hinweg und weicht: Doch manchmal und verstohlen schleicht Ein halber Blick zuruͤcke. Mor- Erstes Buch. Morgenlied der Schaͤfer. D ie duͤstre Nacht ist hin, Die Sonne kehret wieder. Ermuntre dich, mein Sinn! Und dichte Freudenlieder. Die ihr, wann Hirten flehn, Ein willig Ohr gewaͤhret, Jhr Goͤtter! last geschehn, Was itzt mein Mund begehret. G ebt mir ein weises Herz, Das allen Gram verfluche; Und mehr den Jugendscherz, Als Gold und Sorgen suche. Es rufe nie die Nacht Den guͤldnen Tag zu Grabe, Bis ich beym Wein gelacht, Das ist, gelebet habe. S chuͤtzt Amors frohes Reich, Schuͤtzt unsre frohen Reben, Daß Lieb und Wein zugleich Stets iedes Herz beleben. Wird Wasserbad und List Lyaͤens Gottheit schwaͤchen; Wird stuͤndlich nicht gekuͤsst: So wollet ihr es raͤchen! B 3 Nie Lyrische Gedichte N ie muͤss’ ein artig Kind Die wilde Strenge lieben! Nur die nicht artig sind, Laßt Grausamkeiten uͤben! Auch segnet nun den May, Der manche zaͤrtlich machte; Daß keine Schoͤne sey, Die nicht nach Kuͤssen schmachte. W enn mancher, den ihr wisst, Sich doch verlaͤugnen koͤnnte, Daß, was ihm unnuͤtz ist, Er seinem Naͤchsten goͤnnte! Was soll der schwache Mann Beym jungen Weibchen keichen? Was er nicht brauchen kann, Das laß er meines gleichen. S o muͤsse meine Brust Ein ieder Tag entzuͤcken, Und eine frische Lust Mit ieder Nacht begluͤcken! Bey Maͤdchen und bey Wein, Mit Bluhmen um die Haare, Will ich euch dankbar seyn, Jm Fruͤhling meiner Jahre. Fruͤh- Erstes Buch. Fruͤhlingslust. S eht den holden Fruͤhling bluͤhn! Soll der ungenossen fliehn? Fuͤhlt ihr niemals Fruͤhlingstriebe? Freunde! weg mit Ernst und Leid! Jn der frohen Bluhmenzeit Herrsche Bacchus und die Liebe! D ie ihr heute scherzen koͤnnt, Braucht, was euch der Himmel goͤnnt, Und wohl morgen schon entziehet! Lebt ein Mensch, der wissen mag, Ob fuͤr ihn ein Fruͤhlingstag Aus Aurorens Armen fliehet? H ier sind Rosen! Hier ist Wein! Soll ich ohne Freude seyn, Wo der alte Bacchus lachet? Herrsche, Gott der Froͤlichkeit! O es kommt, es kommt die Zeit, Die zur Lust uns traͤge machet. B 4 Aber Lyrische Gedichte A ber Phyllis laͤßt sich sehn! Seh ich Amorn mit ihr gehn? Jhm wird alles weichen muͤssen. Weiche, Wein! Wo Phyllis ist, Trinkt man seltner, als man kuͤßt! Bacchus, weg! ich will nun kuͤssen. Die Erstes Buch. Die Zufriedenheit. E in Geist, der sich zu keiner Zeit Jn feiger Ungeduld verlieret, Und stets die Weisheit hoͤrt, die, wie das Gluͤck uns suͤhret, Mit Rosen ieden Pfad bestreut: F reund! ein wahrhaftig weiser Geist Fuͤhlt kaum die halbe Last der Plagen, Und lacht bey truͤber Luft in angenehmern Tagen, Als Thoren, die man gluͤcklich preist. S chilt nicht des Himmels Tyranney, Von ihm kommt unser wenigst Leiden. Kein Zustand ist so hart: ein Chor der stillen Freuden Gesellt sich ihm mitleidig bey. W ir froͤhnen thoͤrichter Begier, Die auch bey nahen Quellen schmachtet. Vergnuͤgen beut sich an: umsonst! es wird verachtet; Nur was uns flieht, verfolgen wir. B 5 Zu Lyrische Gedichte. Z u ekel sind wir, uns zur Pein: Wir lassen West und Sommer weichen, Und wollen, wann sie fliehn, in schattigten Gestraͤuchen, Um murmelnd Wasser froͤhlig seyn. D er warme Fruͤhling kommt zuruͤck: Da braucht ein Weiser ihn beyzeiten. Er laͤßt Vernunft allein die blinden Wuͤnsche leiten, Und wuͤnscht kein schimmerreiches Gluͤck. K ein stolzer Schein bethoͤrt sein Herz: Er schaͤtzt nicht bloß ein theures Lachen; Und kan des Poͤbels Wahn durch sich zu schanden machen, Ob floͤh uns Arme Lust und Scherz. W eil ich nicht praͤchtig schmausen kann, Soll ich nicht froͤhlig schmausen koͤnnen? Will Flora, fuͤr mein Haar, mir holde Rosen goͤnnen; Was geht der Fuͤrsten Pracht mich an? W as hilfts zur Lust, wann ihre Wand Sich in gewuͤrktes Gold verhuͤllet, Und ein Bedienten-Schwarm die Marmor-Saͤle fuͤllet, Mit guͤldnen Schuͤsseln in der Hand? Sieh Erstes Buch. S ieh hin, wo keine Pracht gebricht! Man gaͤhnt auch mitten im Gepraͤnge; Der Necktar Jupiters, der Speisen ekle Menge, Die fesseln, ach! die Freude nicht. D ie Freude, des Lyaͤus Kind, Entflieht unruhigen Palaͤsten, Und schwaͤrmt zu Huͤtten hin, die nur gewaͤhlten Gaͤsten, Nur dir, o Freundschaft! heilig sind. F leußt nicht fuͤr sie der Reben Blut, Die Chios edle Berge schwaͤrzen? Auch Bacchus unsers Rheins floͤßt in zufriedne Herzen Vertraulichkeit und guten Muth. W o Bacchus lacht, wer bleibt betruͤbt? Der Gott begeistert aller Busen, Und laͤßt den Satyr los, und laͤdt die muntern Musen Und Amorn, der die Musen liebt: U nd Lieder der Zufriedenheit Ertoͤnen aus dem trunknen Munde; Bis, nach durchscherzter Nacht, die kuͤhle Morgenstunde Die Schatten und den Schmaus zerstreut. Ma- Lyrische Gedichte Magister Duns. M agister Duns, das grosse Licht, Des deutschen Pindus Ehre, Der Dichter, dessen Muse spricht, Wie seine Dingerlehre; Der lauter Metaphysik ist, Und metaphysisch lacht und kuͤßt; Ließ juͤngst bey seiner Schoͤnen Ein zaͤrtlich Lied ertoͤnen. E r sang: o Schmuck der besten Welt! Du Vorwurf meiner Liebe! Dein Aug ists, das den Grund enthaͤlt Vom Daseyn meiner Triebe. Die Monas, die in mir gedenkt, Vermag, in deinen Reiz versenkt, Die blinden Sinnlichkeiten Nicht laͤnger zu bestreiten. D rauf nannt er gruͤndlich hier und dort Den Grund des Widerspruches Und noch so manches Modewort, Die Weisheit manches Buches. Der Mann bewies, wie sichs gehoͤrt, Und bat, abstract und tiefgelehrt, Durch schulgerechte Schluͤsse Um seiner Chloris Kuͤsse. Das Erstes Buch. D as arme Kind erschrack und floh; Die Grazien entsprungen. Kein Dichter hatte noch also, Seit Musen sind, gesungen. Bey Hecatens erbleichtem Schein Laͤßt murmelnd im erschrocknen Hayn Ein Meister im Beschwoͤren Dergleichen Lieder hoͤren. D as Maͤdchen eilt ins nahe Thal, Aus diesem Zauberkreise. Da sang Damoͤt von gleicher Qual; Doch nach der Schaͤfer Weise. Sein Lied, bey manchem stillen Ach! Floß heiter, wie der sanfte Bach, Und floß ihm aus dem Herzen, Der Quelle seiner Schmerzen. J hm wollte Chloris nicht entfliehn; Jhm ward ein Kuß zu Lohne. Die Musen selbst belohnten ihn Mit einer Myrthenkrone. So sinnlich schaͤtzt man ein Gedicht! O Musen! Musen! wollt ihr nicht Vom Poͤbel euch entfernen, Und Metaphystk lernen? Die Lyrische Gedichte Die Wuͤnsche. W elche Gottheit soll auch mir Einen Wunsch gewaͤhren? Unentschlossen irr ich hier Zwischen den Altaͤren. S orgen schwaͤrmen rund herum Um den Gott der Schaͤtze; Und der Ehre Heiligthum Liegt voll falscher Netze. J n der Schoͤnheit Schoose liegt Amor, der mit Kuͤssen Sich an ihren Busen schmiegt, Da wir zittern muͤssen. A mor soll willkommen seyn: Doch ich will nur lachen; Und er muß bey meinem Wein Mich nicht irre machen. R uhm und du, gefluͤgelt Gold! Jch entsag euch beyden. Wenn ihr selbst mich suchen wollt; Will ich euch nicht meiden. An Erstes Buch. An Amor. A mor, Vater suͤsser Lieder, Du mein Phoͤbus, kehre wieder! Kehre wieder in mein Herze! Komm! doch mit dem schlauen Scherze: Komm und laß zugleich Lyaͤen Dir zur Seite lachend gehen! Komm mit einem holden Kinde, Das mein traͤges Herz entzuͤnde, Und durch feuervolle Kuͤsse Zum Horaz mich kuͤssen muͤsse! Willst du, Gott der Zaͤrtlichkeiten: Laß auch Schmerzen dich begleiten! Jch will lieber deine Schmerzen, Als nicht kuͤssen und nicht scherzen. Die Lyrische Gedichte. Die Muse bey den Hirten. O artigste der Musen, Um deren vollen Busen Die frischen Rosen duͤften! Willst du auf unsern Triften Mit armen Hirten weiden, Und aus den Staͤdten scheiden? J ch bin der Stadt entgangen: Da war ich wie gefangen. Da will man Musen dingen: Sie sollen iedem singen, Bey ieder Hochzeit leyern, Und Nahmenstage feyern. Bey euch lacht meinen Saiten Die Freyheit guͤldner Zeiten: Jch mag die guͤldnen Saiten Dem Poͤbel nicht verdingen: Jch mag nicht iedem singen. O Muse, sey gegruͤsset! Hier, wo man lacht und kuͤsset, Laß unter Nachtigallen Dein suͤsses Lied erschallen! Das Erstes Buch. Das bedraͤngte Deutschland. W ie lang zerfleischt mit schwerer Hand Germanien sein Eingeweide? Besiegt ein unbesiegtes Land Sich selbst und seinen Ruhm, zu schlauer Feinde Freude? S ind, wo die Donau, wo der Mayn Voll fauler Leichen langsam fließet; Wo um den rebenreichen Rhein Sonst Bacchus froͤhlich gieng, und sich die Elb’ ergießet: S ind nicht die Spuren unsrer Wuth Auf ieder Flur, an iedem Strande? Wo stroͤmte nicht das deutsche Blut? Und nicht zu Deutschlands Ruhm: Nein! meistens ihm zur Schande! W em ist nicht Deutschland unterthan! Es wimmelt stets von zwanzig Heeren: Verwuͤstung zeichnet ihre Bahn; Und was die Armuth spart, hilft Uebermuth verzehren. C Vor Lyrische Gedichte V or ihnen her entflieht die Lust; Und in den Buͤschen oͤder Auen, Wo vormals an geliebter Brust Der satte Landmann sang, herrscht Einsamkeit und Grauen. D er Adler sieht entschlafen zu, Und bleibt bey ganzer Laͤnder Schreyen Stets unerzuͤrnt in traͤger Ruh, Entwaffnet und gezaͤhmt von falschen Schmeicheleyen. O Schande! sind wir euch verwandt, Jhr Deutschen jener bessern Zeiten, Die feiger Knechtschaft eisern Band Mehr, als den haͤrtsten Tod im Arm der Freyheit scheuten? W ir, die uns kranker Wollust weihn, Geschwaͤcht vom Gifte weicher Sitten; Wir wollen deren Enkel seyn, Die, rauh, doch furchtbarfrey, fuͤr ihre Waͤlder stritten? D ie Waͤlder, wo ihr Ruhm noch izt Um die bemoosten Eichen schwebet, Wo, als ihr Stahl vereint geblitzt, Jhr ehrner Arm gesiegt und Latium gebebet? Wir Erstes Buch. W ir schlafen, da die Zwietracht wacht, Und ihre bleiche Fackel schwinget, Und, seit sie uns den Krieg gebracht, Jhm stets zur Seite schleicht, von Furien umringet. J hr Natternheer zischt uns ums Ohr, Die deutschen Herzen zu vergiften; Und wird, kommt ihr kein Hermann vor, An Hermanns Vaterland ein schmaͤhlig Denkmaal stiften. D och mein Gesang wagt allzuviel! O Muse! fleuch zu diesen Zeiten Alkaͤens kriegrisch Saitenspiel, Das die Tyrannen schalt, und scherz auf sanftern Saiten. C 2 Der Lyrische Gedichte An die lyrische Muse. W ohin, wohin reißt ungewohnte Wuth Mich auf der Ode kuͤhnen Fluͤgeln, Fern von der leisen Fluth Am niedern Helikon und jenen Lorbeer-Huͤgeln! J ch fliehe stolz der Sterblichen Revier; Jch eil in unbeflogne Hoͤhen: Wie keichet hinter mir Der Vogel Jupiters, beschaͤmt mir nachzusehen! J n Gegenden, wo mein entzuͤcktes Ohr Der Sphaͤren Harmonie verwirret, O Muse! fleug mir vor, Du, deren freyer Flug oft irrt, nie sich verirret! J ch folge dir bald bis zur Sonne hin, Bald in den ungebahnten Haynen Mit Libers Priesterinn, Wo keine Muse gieng und andre Sterne scheinen. An Erstes Buch. A n deiner Hand, wann mich Lyaͤus ruft, Was kann den kuͤhnen Dichter schrecken? Jn welch entfernter Kluft Wird meiner Leyer Scherz ein schlafend Echo wecken? D enn nur von Lust erklingt mein Saitenspiel, Und nicht von leichenvollem Sande, Von kriegrischem Gewuͤhl Und vom gekroͤnten Sieg im blutigen Gewande. D ie Zeit ist hin, da unter stolzer Lust, Mit Lorbeern, wie ihr Held, bekraͤnzet Und oft an seiner Brust Die Muse Necktar trank, durch die er ewig glaͤnzet: W ie Phosphor glaͤnzt, der um den Morgenthau Aus Thetis Armen sich entziehet, Und ans gestirnte Blau Mit heitrem Laͤcheln tritt, und vom Olympe siehet. C 3 Ein Lyrische Gedichte E in Sternenheer, das letzte Chor der Nacht, Traurt um ihn her in mattem Lichte: Die muntre Welt erwacht, Und Schlaf und Schatten fliehn vor seinem Angesichte. Zwey- Zweytes Buch. Zweytes Buch. An das Gluͤck. F alsches Gluͤck, das unter finstern Straͤu- chen Sich verbirgt, wo kuͤhne Tuͤcke schlei- chen! Sollt’, o Abgott niedrer Seelen! Sollt ich mich in deinem Dienste quaͤlen? D ich wird nie die scheue Tugend finden; Du wirst stets vor ihrem Blick verschwinden: Aber auf bebluͤhmten Wegen Taumelst du den Thoren selbst entgegen. K ann ich mich doch ohne dich vergnuͤgen! Und wie schnell muß alles Leid verfliegen, Wenn ich unter Freunden singe! Hoͤre selbst, wie meine Cyther klinge! C 4 Wen Lyrische Gedichte W en besing ich, als den Gott der Reben? Diese Rosen, die mein Haupt umgeben, Dieser Glaͤser frohe Menge Sind ihm heilig, und er liebt Gesaͤnge. F aunen! tanzt vor mir mit frohen Spruͤngen! Von Lyaͤens Liebe will ich singen: Seine Schoͤne war noch bloͤde, War voll Unschuld und aus Unschuld sproͤde. A ber Bacchus wurde kaum zur Traube; O wie luͤstern nahm sie ihn vom Laube! Sie begluͤckte seine Triebe; Und noch immer dient sein Wein der Liebe. S uͤsser Ton! wem sollt er nicht gefallen? Nur von Lust soll meine Cyther schallen, Wenn ich hier am kuͤhlen Bache, Hingestreckt auf weichen Bluhmen, lache: H ier im Busch, in sichren Finsternissen, Wo ich oft, berauscht von Wein und Kuͤssen, Die ich um kein Gluͤck vertausche, An der Phyllis vollem Busen lausche. Fah- Zweytes Buch. F ahre hin, du sorgenreiches Gluͤcke! Wer dich kennt, buhlt nicht durch Bubenstuͤcke Um das fluͤchtige Vergnuͤgen, Dir im Schoos, verliebt in Rauch, zu liegen. W enn kein Ruhm, mit Lorbeern stolz bedecket, Wenn kein Gold mein Lebensziel erstrecket; Wenn ich nicht vergnuͤgter kuͤsse: Miß ich viel, wenn ich nur dich vermisse? C 5 Die Lyrische Gedichte Die Weinlese. W illkommen, Weinles, unsre Freude! Sey ewig unser grosses Fest! Wie jauchzen wir, nach langem Leide, Daß Bacchus uns nicht gar verlaͤßt! Du schenkest uns das Mark der Reben, Den Greis und Juͤngling zu erfreun. Ja, ja! nun mag ich wieder leben: Was ist ein Leben ohne Wein? D er Erdkreis drohte zu vergehen: Denn, ach! die Rebe stund betruͤbt. Nun fließt ihr Necktar auf den Hoͤhen, Der allem neues Leben giebt. Erfrorne Dichter, singt nun wieder! Will keine Muse guͤnstig seyn? Lyaͤus lehret bessre Lieder: Nichts ist so sinnreich, als der Wein. Ver- Zweytes Buch. V erschmachtend lag mit schlaffem Bogen Die matte Liebe hingestreckt. Wie muthig ist sie aufgeflogen, Nachdem sie jungen Wein geschmeckt! Er hilft ihr feine Freunde kroͤnen: Es ist bequem, ihr Weib zu seyn: Sie kuͤssen immer treue Schoͤnen; So uͤberredend ist ihr Wein! J smenen quaͤlt ein traͤger Gatte, Der ganze Naͤchte schlafen kann. Weil Amor nicht geholfen hatte, So ruft sie Vater Bacchum an. Der Alte zecht, wird los’ und herzet, Und schlaͤft erst spaͤt und kuͤssend ein. Daß der mit halber Jugend scherzet; O Wunder! thut es nicht der Wein? D er Wein kann alles moͤglich machen: Dir, Wein, sey dieser Tag geweiht! Es herrsche Scherz, Gesang und Lachen; Man zech’ aus frommer Dankbarkeit! Was fehlt? Jhr Freunde, nur noch eines! Den frohen Amor ladet ein: Denn Amor ist ein Freund des Weines, Und ohne Kuͤsse schmeckt kein Wein. Die Lyrische Gedichte Die alten und heutigen deut- schen Sitten. W ie wenig gleichen wir den Alten! Was wir fuͤr ungesittet halten, Hieß ihnen Maͤnnlichkeit. Nur wenig aͤchte deutsche Braͤuche Sind unverjaͤhrt im deutschen Reiche Zu unsrer Zeit. Z usammen kommen, um zu zechen, Bis alle Zungen stammelnd sprechen, Hieß ihnen Froͤhlichkeit. Noch schwingt bey manchem Freudenmahle Lyaͤus drohende Pocale Zu unsrer Zeit. D och Recht und Menschheit nicht verletzen, Auch bey ermangelnden Gesetzen, Hieß ihnen Billigkeit. Jch finde mehr gelehrt Geschwaͤtze, Sehr wenig Tugend, viel Gesetze Zu unsrer Zeit. Daß Zweytes Buch. D aß sich getreue Weiber funden, Die auch dem Golde widerstunden, Hieß keine Seltenheit. Man sagt, zur Schande karger Reichen, Es geb auch etliche dergleichen Zu unsrer Zeit. D och auch, wann Reiz und Jugend bluͤhen, Vom Kuß nichts wissen, ihm entfliehen, Hieß ihnen Ehrbarkeit. Die ist nur eine Schaͤfertugend Und abgeschmackt an muntrer Jugend Zu unsrer Zeit. D aß stets der kuͤhne Junker jagte, Auch eh es auf den Bergen tagte, Hieß ihnen Streitbarkeit. Noch jagt und schmaust er um die Wette, Jndeß besorgt ein Freund sein Bette, Zu unsrer Zeit. D och Ansehn und erhabne Wuͤrden Nur auf verdiente Schultern buͤrden, Hieß ihnen Schuldigkeit. Zu Aemtern kann ein ieder kommen, Die Wuͤrdigen bloß ausgenommen, Zu unsrer Zeit. Die Lyrische Gedichte D ie prophezeyenden Matronen Fuͤr ihre Luͤgen noch belohnen, Hieß ihnen sehr gescheidt. Sagt, kluge Frauen! Zeichendeuter! Zigeuͤner! sagt: sind wir gescheidter Zu unsrer Zeit? D och edler Vorzug grauer Alten! Die Treue, Wort und Bund zu halten, Hieß ihnen Redlichkeit. Die schlummert auf bestaͤubtem Boden, Bey andern abgelebten Moden, Zu unsrer Zeit Der Zweytes Buch. Der Abend. M it finstrer Stirne stehn wir da, Und ordnen das Geschick der Staaten, Und wissen, was bey Sorr geschah, Und wissen Oesterreich zu rathen. J ndeß verschließt sich unsre Brust Dem Ruf der lockenden Cythere: Denn steigt nicht schon, zu Amors Lust, Der Abend aus dem kuͤhlen Meere? E rkennet euern Eigensinn Und daß die Zeit gefluͤgelt scheide! Jhr schwatzt, sie fliegt, sie ist dahin Mit aller angebothnen Freude. J ch will zu jenen Buͤschen gehn, Die sanft von Zephyrs Ankunft beben. Da hoff ich Lesbien zu sehn, Wenn sichre Schatten uns umgeben. Bereits Lyrische Gedichte B ereits ertoͤnt in stiller Luft Der Nachtigall verliebte Klage: Sie huͤpft von Zweig auf Zweig und ruft Mit suͤssern Liedern, als am Tage. W as Wunder, wenn sie bruͤnstig girrt, Seit Amor mit gespanntem Bogen, Bey dem ein voller Koͤcher schwirrt, Dem jungen Fruͤhling nachgeflogen! Das Zweytes Buch. Das neue Orakel. P ropheten unsrer Zeit, Zigeuner, kluge Weiber! Weh euch! ihr alle seyd verschmaͤht! Seht, wie der Coffeesatz, der Neugier Zeitver- treiber, Sich als Orakel blaͤht. D ie schlaue Phantasie sieht in geheimen Zeichen Des weisen Schlammes Antwort stehn: Wie die um Mitternacht durch oͤde Waͤlder streichen, Gespenst und Schaͤtze sehn. A uch mir verkuͤndigt sie, und Liebe hilft mir glauben, Daß ich mein Maͤdchen kuͤssen soll. Nichts kann gewisser seyn! da schnaͤbeln sich zwo Tauben: Das ist geheimnißvoll! Z war sieht mein Auge nichts; doch glaub ich mei- nem Gluͤcke: Die Tauben sind unsichtbar da: Auch Bileam sah nicht, was mit erstauntem Blicke Sein Thier erleuchtet sah. D Sey Lyrische Gedichte S ey glaͤubig, loses Kind! und komm und laß dich kuͤssen! Umsonst ist alle Sproͤdigkeit. Dein Stolz wird endlich doch dem Schicksal weichen muͤs- sen: Es ist mir prophezeyt! Die Zweytes Buch. Die Geliebte. D ie ich mir zum Maͤdchen waͤhle, Soll von aufgeweckter Seele, Soll von schlanker Laͤnge seyn. Sanfte Guͤte, Witz im Scherze Ruͤhrt mein Herze; Nicht ein glatt Gesicht allein. A llzujung taugt nur zum Spielen! Fleischigt sey sie anzufuͤhlen, Und gewoͤlbt die weisse Brust. Die Brunette soll vor allen Mir gefallen: Sie ist dauerhaft zur Lust. S etzt noch unter diese Dinge, Daß sie artig tanz’ und singe: Welches Maͤdchen ist ihr gleich? O ihr Maͤdchenkenner! saget: Wers erjaget, Hat der nicht ein Koͤnigreich? Siehe Oeuvres de Clement Marot, chanson 24. D 2 Die Lyrische Gedichte Die Liebesgoͤtter. C ypris, meiner Phyllis gleich, Saß von Grazien umgeben! Denn ich sah ihr frohes Reich; Mich berauschten Cyperns Reben. Ein geweihter Myrthenwald, Den geheime Schatten schwaͤrzten, War der Goͤttinn Aufenthalt, Wo die Liebesgoͤtter scherzten. V iele giengen Paar bey Paar: Andre sungen, die ich kannte, Deren Auge schalkhast war, Und voll schlauer Wollust brannte. Viele flogen ruͤstig aus, Mit dem Bogen in der Rechten. Viele waren nicht zu Haus; Weil sie bey Lyaͤen zechten. D er voll bloͤder Unschuld schien, Herrscht auf stillen Schaͤferauen. Feuerreich, verschwiegen, kuͤhn Sah der Liebling junger Frauen. Doch, ermuͤdet hingekruͤmmt, Schlief der Liebesgott der Ehen: Zu Lyaͤen hieß, ergrimmt, Venus diesen Schlaͤser gehen. Un- Zweytes Buch. U nter gruͤner Buͤsche Nacht, Unter abgelegnen Straͤuchen, Wo so manche Nymphe lacht, Sah ich sie am liebsten schleichen. Viele flohn mit leichtem Fuß Allen Zwang bethraͤnter Ketten, Flatterten von Kuß zu Kuß Und von Blonden zu Brunetten. K leine Goͤtter voller List, Deren Pfeil kein Herz verfehlet, Und vom Necktar trunken ist, Ob er gleich die Thoren quaͤlet: Bleibt auf meinen Ruf bereit, Meine Jugend froh zu machen! Jn der Jugend Fruͤhlingszeit Wuͤnsch ich unter euch zu lachen. D 3 Er- Lyrische Gedichte Ermunterung zum Vergnuͤgen. W ird stets dein Stolz der falschen Hoffnung trauen, Die ihn mit Traͤumen unterhaͤlt; Und in der Luft manch glaͤnzend Schloß erbauen, Das ploͤtzlich ohne Spur zerfaͤllt? D ie Hoffnung traͤumt, was oͤfters nie geschiehet, So hitzig wir ihm nachgestrebt: Jndessen flieht und ungekannt entfliehet Die Freude, die uns nahe schwebt. D ie Rasen hier, die weiches Gras bedecket, Und uͤber die zu freyer Lust Sich, schattenreich, die breite Linde strecket, Erwarten dich an meiner Brust. H ier laß uns, Freund! bey Wein und Liedern liegen: Wie suͤß ists, von Lyaͤen gluͤhn! Auf! hohl’ ihn her! ihm folge das Vergnuͤgen, Und eitle Sorge muͤsse fliehn! Denn Zweytes Buch. D enn tiefe Nacht deckt vor uns her die Tage, Die ieder noch durchwandern wird. Jch schleiche fort, bereit zu Lust und Plage, Gleich einem, der im Nebel irrt. W ie Schritt vor Schritt die schwarze Wolke flie- het, Entdeckt sich ihm bald oͤder Sand, Der, unerfrischt von kalten Quellen, gluͤhet, Ein rauhes und unwirthbars Land. B ald aber wird sein frohes Lied erschallen, Wann, auf so viel Beschwerlichkeit, Am kuͤhlen Bach, ein Wald voll Nachtigallen Jhm angenehme Schatten beut. D 4 Die Lyrische Gedichte Der Weise auf dem Lande. O Wald! o Schatten gruͤner Gaͤnge! Geliebte Flur voll Fruͤhlings Pracht! Mich hat vom staͤdtischen Gedraͤnge Mein guͤnstig Gluͤck zu euch gebracht: Wo ich, nach unruhvollen Stunden, Die Ruhe, die dem Weisen lacht, Jm Schoose der Natur gefunden. J ch fuͤhle mich wie neugebohren, Und fang erst nun zu leben an, Seit, fern vom Trotze reicher Thoren, Jch hier in Freyheit athmen kann. Es krieche wer nach Ehre flieget! Jch werde nie ein grosser Mann, Weil ich mich knechtisch nicht geschmieget. E s moͤgen andre hoͤher trachten: Sie moͤgen, hungrig nach Gewinn, Jm Joche der Geschaͤfte schmachten, Da ich der Knechtschaft muͤde bin! Sie draͤngen sich durch List und Gaben An ihre Ruderbaͤnke hin; Dieweil sie Sklavenseelen haben. Du Zweytes Buch. D u glaͤnzend Nichts! o Rauch der Ehre! Dich kauf ich nicht mit wahrem Weh. Mein Geist sey, nach der Weisheit Lehre, So stille, wie die Sommersee: So ruhig im Genuß der Freuden, Als dort, im perlenreichen Klee, Die unschuldvollen Laͤmmer weiden! O seht, wie uͤber gruͤne Huͤgel Der Tag, bekraͤnzt mit Rosen, naht! Jhn kuͤhlen Zephyrs linde Fluͤgel: Vom Thau glaͤnzt sein bebluͤhmter Pfad. Wie taumelt Flora durch die Triften! Die Lerche steigt aus trunkner Saat, Und singt in unbewoͤlkten Luͤften. D ort, wo im Schatten schlanker Buchen Die Quelle zwischen Bluhmen schwaͤtzt; Seh ich die Muse mich besuchen, Und werde durch ihr Lied ergoͤtzt. Sie singt entzuͤckt in guͤldne Saiten, Jndeß, von Morgenthau benetzt, Die Haare flatternd sich verbreiten. D 5 Noch Lyrische Gedichte N och suͤsser toͤnt um frische Rosen Jhr angenehmes Hirtenrohr; Und Amor kommt, ihr liebzukosen, Und ieder Ton entzuͤckt sein Ohr. Auch er versucht, wies ihm gelinget: Ein schwaches Murmeln quillt hervor, Das ungeuͤbte Hand erzwinget. G eht hin, die ihr nach Golde schnaubet! Sucht Freude, die mein Herz verschmaͤht! Betruͤgt, verrathet, schindet, raubet Und erndet, was die Wittwe saͤt! Damit, wann ihr in Gold und Seide Euch unter klugen Armen blaͤht, Der dumme Poͤbel euch beneide. D em Reichthum, bleicher Sorgen Kinde, Schleicht stets die bleiche Sorge nach: Sie braust, wie ungestuͤme Winde, Durch euer innerstes Gemach. Der sanfte Schlummer flieht Palaͤste, Und schwebet um den kuͤhlen Bach, Und liebt das Lispeln junger Weste. Mir Zweytes Buch. M ir gnuͤget ein zufriednes Herze Und was ich hab und haben muß, Und, kann es seyn, bey freyem Scherze, Ein kluger Freund und reiner Kuß: Dieß kleine Feld und jene Schafe, Wo, ohne stolzen Ueberfluß, Jch singe, scherze, kuͤsse, schlafe. An Lyrische Gedichte An Venus. O Goͤttinn, die in Amathunt Und uͤber Paphos herrscht, du Mutter suͤsser Kla- gen! Wie lang soll ieder rauher Mund Jm Ton Anakreons dich zu besingen wagen? W enn manche deutsche Muse nun Von Lieb und Kuͤssen singt; wie eckelt mir vor Kuͤssen! Gib acht, wie, wann sie artig thun Und schalkhaft taͤndeln will, die Maͤdchen gaͤhnen muͤssen! J hr ist Lyaͤus unbekannt; Sie sieht so nuͤchtern aus, als Wasser, ihr Getraͤnke. Doch jauchzt sie, als vom Wein entbrannt, Und jauchzt, wie ein Student in schwarzberauchter Schen- ke. U nleidlich straͤubt sich ieder Ton: Jhr traͤger Witz gebiert nur woͤrterreiche Saͤtze. Nie war dein Freund Anakreon So schwatzhaft, obgleich aͤlt; und Amor hasst Geschwaͤtze. Die Zweytes Buch. D ie Vaͤtter dieser Lieder-Brut, Die Affen deines Gleims, o schoͤne Goͤttinn! strafe. Von Lieb entbrenn’ ihr kaltes Blut! Jhr Maͤdchen les’ ihr Lob, ihr frostig Lob und schlafe! N ie schall’ ihr ungerathnes Lied, Bey sanftem Saitenspiel, von Lippen kluger Schoͤnen, Noch wo der junge Bacchus gluͤht, Wenn ihn die Grazien mit ihren Rosen kroͤnen! Die Lyrische Gedichte Die versoͤhnte Daphne. J m Schatten einer alten Eiche Saß Daphne, da die Sonne wich; Als in dem einsamen Gestraͤuche Myrtill sich ihr zur Seite schlich. E r will den Liljenhals umfassen, Der seinen Kuͤssen sich entzieht. Nichts, leider! wird ihm zugelassen: Sie rafft sich zornig auf und flieht. W as wird von Schoͤnen uns versaget, Das kuͤhne Schalkheit nicht erpresst ? Da Daphne flieht und fliehend klaget, Haͤlt ihr Myrtill sie schmeichlend fest. M yrtill erzwingt von Daphnen Kuͤsse, Die ihre Hand nur schwach bekaͤmpft: Denn, ach! ein Kuß ist viel zu suͤsse! Ein Kuß hat manchen Zwist gedaͤmpft. S ie schlaͤgt die Augen schamroth nieder: Das bloͤde Maͤdchen thut sich Zwang Und eifert auf gewisse Lieder, Die juͤngst Myrtill der Chloe sang. Doch, Zweytes Buch. D och, faͤhrt sie fort, um dir zu zeigen, Daß ich mit dir nicht zuͤrnen will; Jch will zu neuem Frevel schweigen; Kuͤß immer noch einmal, Myrtill! Der Lyrische Gedichte. Der verlohrne Amor. A mor hat sich juͤngst verlohren; Und nun will, die ihn gebohren, Jhren Fluͤchtling wieder kuͤssen; Und man hat ihn suchen muͤssen. Jn dem Schatten dunkler Linden, Wo wir Dichter Amorn finden; Unter froher Dichter Myrthen, Jn den Staͤdten, bey den Hirten, Kann man nichts von ihm erfragen. Maͤdchen! wollt ihr mirs nicht sagen? Denn ihr hegt den Gott der Sorgen: Hat er sich bey euch verborgen? Jn den Rosen eurer Wangen, Die mit frischer Jugend prangen? Oder auf den Liljenhuͤgeln, Wo der Gott mit leisen Fluͤgeln Sich schon oͤfters hingestohlen? Darf ich suchen und ihn hohlen? Der Zweytes Buch. Der May. D er holde May hat endlich obgesiegt, Und Boreas muß lauem Weste weichen: Der laue West lockt Floren, wo er fliegt, Jhm bruͤnstig laͤchelnd nachzuschleichen. L aß uns den Wald, wo itzt manch spielend Reh Durch Buͤsche rauscht; laß uns die gruͤnen Buchen Und Feld und Bach und den bethauten Klee, O Freund! auch wiederum besuchen. U mwoͤlkt annoch der Unmuth unsern Blick, Da uͤberall Natur und Erde lachen? Sey auch vergnuͤgt und laß das wilde Gluͤck Die Zeiten mehr als eisern machen! E s zieh uns aus, was wir von ihm geborgt, Und werf allein dem ihm verkauften Schwarme Die Guͤter zu, um die ich nie gesorgt! Nackt flieh ich in der Weisheit Arme. E s bleibt mir doch der stets zufriedne Sinn Und Muths genug, mein Gluͤck in mir zu suchen, Und edler Stolz, auch wann ich niedrig bin, Unedle Tuͤcke zu verfluchen. E Es Lyrische Gedichte E s bleibt mir auch, vom Zufall unentwandt, Das Saitenspiel der griechischen Camoͤne, Das, trotz dem Gluͤck, ich mit gedungner Hand Zu feigem Schmeicheln nicht verwoͤhne. Die Zweytes Buch. Die Wollust. H ier im Gestraͤuch, an Florens weichem Busen, Die Balsam haucht, geruhig hingestreckt, Erwart ich sie, die goͤttlichste der Musen, Die sich im Busch vor meinem Wunsch versteckt. Sie kommt, sie kommt! ich hoͤre schon vom weiten, Jn stiller Luft, die Stimme guͤldner Saiten. J hr Sterblichen, die ihr dem Schicksal fluchet, Wenn euern Arm gewuͤnschte Ruhe flieht; Die ihr umsonst sie unter Dornen suchet! O hoͤret mich! o hoͤrt mein lehrend Lied! Was quaͤlt ihr euch? die holde Wollust winket, Und beut euch an, was euch so schaͤtzbar duͤnket: D ie Wollust nicht, die auch der Poͤbel kennet; Die viehisch ras’t, nicht sich vernuͤnftig freut; Von Lieb und Wein, umkraͤnzt mit Epheu, brennet, Und Lieb und Wein durch Uebermaaß entweiht! Nein! die zugleich Natur und Weisheit preisen; Der Weisheit Kind, die Koͤniginn der Weisen! E 2 Jch Lyrische Gedichte J ch sehe sie, und Morgen-Rosen schmuͤcken Die heitre Stirn und glaͤnzen um ihr Haupt. Wie ruhig strahlt aus ihren suͤssen Blicken Die reine Lust, die kein Verhaͤngniß raubt! Durch sie wird selbst Lyaͤus zahm gemachet, Der hinter ihr mit einer Muse lachet. D ie Freude schwingt um sie die guͤldnen Fluͤgel Zu aller Zeit, auch wenn das Gluͤck entflieht. So oͤde scheint kein duͤrrverbrannter Huͤgel, Wo nicht fuͤr sie noch manche Bluhme bluͤht: Und rings umher schwatzt unter Laub und Zweigen Ein sanfter West, und rauhe Stuͤrme schweigen. W ie sollte dir nicht alles dienen muͤssen, Du, die allein die Sterblichen begluͤckt! Gefesselt liegt, o Goͤttinn! dir zu Fuͤssen Der bleiche Gram, der schwache Seelen druͤckt. Du baͤndigest die hungrigen Begierden, Die ohne dich verderblich herrschen wuͤrden. W ie, wann der Sud sein schwarz Gefieder schuͤttert, Und auf der See sich als Tyrann erhebt; Der Ocean bis an den Grund erzittert, Und weißbeschaͤumt hoch in die Luͤfte strebt: Jndem kein Stern die bange Nacht erheitert, Verirret sich das kranke Schiff und scheitert: So Zweytes Buch. S o wuͤthen auch die zuͤgellosen Triebe, Die uns Natur mitleidig eingesenkt. Sie brechen los; und Recht und Menschenliebe, Was heilig ist, wird unbereuͤt gekraͤnkt. Nicht ungestraft! der Frevelthaten Menge Bestraft in uns ein Richter voller Strenge. D ie Furien, in deren blutgen Haͤnden, Stets fuͤrchterlich, die Dornen-Peitsche braust, Verfolgen ihn, wann zwischen Marmor-Waͤnden Der Luͤste Sklav erraubtes Gut verschmaust. Sein Aug entschlaͤft: sein wachendes Gewissen Stoͤrt seinen Schlaf mit gelber Nattern Bissen. U nselig Gluͤck! o ungeliebtes Leben! Dergleichen Qual bezahlt kein Schatz der Welt. Der Weise muß nach aͤchtern Freuden streben, Die Klugheit wuͤrzt und Reue nicht vergaͤllt. Bin ich gesund an Leib und an Gemuͤthe; So dank ich froh des Himmels milder Guͤte. W ie thoͤrigt ist, sich vieles noͤthig machen, Da die Natur nur weniges verlangt? Jch werde satt und kann mit Freunden lachen, Obgleich mein Tisch nicht fuͤrstenmaͤßig prangt. Muß edler Wein, den Blut und Seele fuͤhlen, Den eklen Durst allein aus Golde kuͤhlen? E 3 Gold Lyrische Gedichte G old giebt das Gluͤck, und giebt es auch den Thoren: Die Weisheit lehrt auch schimmernd Gold verschmaͤhn Und froͤhlich seyn, wann die das Gluͤck erkohren, Sich, unvergnuͤgt, in seinem Schoose blaͤhn. Das wahre Gluͤck ist nicht was Thoren meinen: Sey in der That, was tausend andre scheinen. Si- Zweytes Buch. Silenus. J ch sah den Gott Silen! mit heiligem Erstaunen, Jhr Enkel! sah ich ihn! er zechte mit den Faunen, Und lehrte die betrunkne Schaar! Er sang, erfuͤllt vom Gott der traubenvollen Hoͤhen: Ein Epheukranz verbarg des Alten graues Haar; Die Adern schwollen von Lyaͤen. D er Muse sey vergoͤnnt, dir, Vater, nachzulallen! Jch hoͤr ihr Saitenspiel von deinem Lied erschallen: Auch Nymphen merkten auf dein Lied! Du sangst, wie ungestuͤm das finstre Chaos bruͤllte, Bis Erd und schwarze Fluth und Luft und Feuer schied, Und sich die alte Zwietracht stillte. N un ward die Harmonie, des Himmels Kind, ge- bohren: Der neuen Sonne ward ihr neu Gebieth erkohren: Der Mond nahm seine Herrschaft ein. Bald hoͤrte der Parnaß die jungen Musen singen, Und sah die Grazien in seinem Lorbeerhayn Die Arme durcheinander schlingen. E 4 Du Lyrische Gedichte. D u lehrtest, wie Mercur der Leyer Scherz erfun- den; Und wie das erste Rohr, mit fremder Kunst verbunden, Jn Pans betruͤbter Hand geklagt Als Pan von Syrinx, ach! der schoͤnsten Nais, brann- te, Die Ladons Tochter war und in geliebter Jagd Arkadiens Gehoͤlz durchrannte. D ie sah der Hirten Gott nach scheuem Wilde jagen; Und ihr verirrtes Haar die weissen Schultern schlagen, Und ihre holden Wangen gluͤhn. Er sah die schoͤnste Brust den freyen Westen offen: Jhn brannte, was er sah: er war verliebt und kuͤhn, Und fleht’ und wagte, stolz zu hoffen. U msonst! weil Syrinx floh, wie ein gejagtes Rehe Dem Tode, der ihm folgt, auf schwarzbebuͤschter Hoͤhe Mit fluͤgelschneller Flucht entweicht. Es hemmen seinen Lauf nicht bluhmenvolle Felder, Durch die ein lautrer Bach mit heischerm Murmeln schleicht; Nicht Schatten sonst gewuͤnschter Waͤlder. Sie Zweytes Buch. S ie floh: ihr folgte Pan, auf ungebahnten We- gen; Aus voller Urne rauscht’ ihr Ladons Fluth entgegen; Kein Weg war offen, zu entgehn. Hier, wo zum erstenmal die bangen Fuͤsse ruhten, Hier, Schwestern! rief sie, eilt, mir huͤlfreich beyzustehn! Und sprang verzweiflend in die Fluthen. G leich blieb ihr leichter Fuß an traͤgen Wurzeln han- gen; Der schlanke Leib ward Schilf, als Pan, sie zu umfan- gen, Um ihn die braunen Arme wand. Nun spielte Zephyrs Hauch in ungewohnten Rohren: Sie taumeln, sanftbewegt, und flistern um den Strand Jhm schwache Seufzer in die Ohren. W ie sinnreich machen uns, o Liebe! deine Lehren! Pan hoͤrte diesen Laut und wuͤnscht’, ihn stets zu hoͤren, Auch wann der muͤde Wind entschlief. Er fuͤgte Halm an Halm, die er verschieden waͤhlte, Von Rohr zu Rohr alsdenn mit schnellen Lippen lief, Und sie durch sanften Hauch beseelte. E 5 Pan Lyrische Gedichte P an lehrte nachmals auch die Floͤte seine Hirten, Und ieden Hirtentanz, im Schatten froher Myrthen, Belebte suͤsser Floͤten Klang. Sie gieng vor Sparta her, das sich mit Bluhmen kroͤnte, Und stimmte kriegrisch ein, wann Castors Lobgesang Dem nahen Feind entgegen toͤnte. Drit- Drittes Buch. Drittes Buch. Tempe. D urch welch geheimen Zwang Erwacht mein schlafender Gesang? Jch fuͤhle wiederum die Herrschaft weiser Musen. Wie stuͤrmet nicht in meinem Busen Die ungestuͤme Glut, Und reisst mich hin in trunkner Wuth! T aͤuscht mich der suͤsse Wahn? Welch Thal der Freuden lockt mich an Mit frischbethautem Gruͤn, mit ambrareichen Luͤften? Wie plaudert in der Berge Kluͤften Der wache Wiederhall! Die Voͤgel singen uͤberall! Durch Lyrische Gedichte D urch kuͤhle Buͤsche rauscht Ein Zephyr, der um Floren lauscht: Es murmelt mancher Bach; es wandelt unter Baͤumen Der holde Schlaf mit holdern Traͤumen. Entzuͤckendes Revier! Dich, himmlisch Tempe, seh ich hier! H ier, wo der Pelion, Wo der Olymp, der Goͤtter Thron, Sich in die Wolken thuͤrmt aus heerdenvollen Matten: Jn dieser gruͤner Lorbeern Schatten Glaͤntzt, als ein glatter See, Der Peneus durch bebluͤhmten Klee. D ie Gegend ist so schoͤn, Daß hier die Musen sich ergehn. Thalien seh ich dort bedornte Rosen pfluͤcken: Die Schalkheit spricht aus ihren Blicken; Und ihren Mund beseelt Ein Laͤcheln, das die Thoren quaͤlt. W er scherzt an ihrer Hand? Jsts Clio, deren leicht Gewand Nachlaͤssig flatternd wallt und nicht mit Golde prahlet? Fontaine, der verewigt strahlet, Sang einst an ihrer Brust Von Hymens Qual und Amors Lust. Du Drittes Buch. D u aber irrst allein, O Uranie! durch Thal und Hayn! Dein heilig Saitenspiel schlaͤft unter stillem Laube: Bis von verschmaͤhtem niedern Staube Sich dein entbundner Geist Zum Himmel, seinem Ursprung, reisst. D en Sternen schwingest du Dein brausendes Gefieder zu, Durch unsre groͤbre Luft, die Werkstatt rother Blitze; Und wo, wann Gott von seinem Sitze Die Welt im Wetter schilt, Sein ausgesandter Donner bruͤllt. D u dringst Auroren nach Jn ihr bepurpert Schlafgemach; Und siehst aus blauer Hoͤh die Erde silbern glaͤnzen. Bald reisst aus unsers Titans Graͤnzen Dich dein entflammter Sinn Jn andrer Sonnen Herrschaft hin. D ie Erde scheint wie Nichts Jn jenen Gegenden des Lichts, Wo deiner Blicke Flug an fremde Welten landet. Dort wo ihr niemals uͤberwandet, Jhr Weltbezwinger! seht, Wie euer Stolz euch hintergeht. O goͤtt- Lyrische Gedichte O goͤttlich hoher Flug! Mein Fluͤgel ist nicht stark genug, Sich dir auf Neutons Pfad, o Muse! nachzuschwingen. Jch will im niedern Busche singen, Wo Erato sich kuͤhlt Und Amorn lockt, mit Amorn spielt. Mor- Drittes Buch. Morpheus. B ey Venus ward von Schaͤferinnen Der holde Morpheus hart verklagt: Wird sein abscheuliches Beginnen Jhm, sprachen sie, nicht untersagt. Bey Tage sind wir Schaͤfern sproͤde: Doch sieh, wie schalkhaft Morpheus ist! Jm Traum ist keine Hirtinn bloͤde; Ja, leider! auch die Unschuld kuͤsst. D ie Schaͤfer weihen ihm Gesaͤnge: Er heuchelt ihrer Zaͤrtlichkeit, Und spottet unsrer keuschen Strenge, Die ach! uns manche Lust verbeut. Ein Thyrsis, der zu Doris Fuͤssen Vor wenig Stunden trostlos lag, Kann traͤumend seine Sproͤde kuͤssen, Die alles will, was Morpheus mag. Hier Lyrische Gedichte H ier unterbrach die langen Klagen Der Traumgott voller Ungeduld, Und sprach: o Goͤttinn! darf ichs wagen; So hoͤre mich mit gleicher Huld. So muͤsse dir der Weltkreis froͤhnen, Und Amors Bogen sey begluͤckt, Solang auf Wangen junger Schoͤnen Ein bluͤhend Morgenroth entzuͤckt! J ch muß der frommen Maͤdchen lachen: Sie traͤumen von verliebter Lust! Welch Wunder? herrscht, wann Maͤdchen wachen, Die Liebe nicht in ihrer Brust? Jch weis, was ieder Schoͤnen fehlet, Um die mein stiller Fittig spielt; Und sehe was ihr Herz verhehlet, Und oft sie selbst nur dunkel fuͤhlt. M anch Maͤdchen prangt mit scheuer Tugend, Das ingeheim zu Amorn fleht, Wann itzt im Fruͤhling muntrer Jugend Jhr Busen in der Fuͤlle steht. Sie seufzt, und, o gerechter Kummer! Es jammert mich der Schaͤferinn: Jch fuͤhre sie bey fruͤhem Schlummer Jn ihres Hirten Arme hin. Liebt Drittes Buch. L iebt Chloe nichts, als ihre Heerde? Sie glaubts! ihr Auge saget mir, Daß Chloen Damon kuͤssen werde; Und ich verrath es ihm und ihr. Die Sproͤde schleicht mit mir in Gruͤnde Zu Buͤschen, wo kein Fremder lauscht, Wann beym Geschwaͤtze sanfter Winde Der Scherz geheimer Schmaͤtzchen rauscht. E in ieder gleichet seinen Traͤumen: Jm Traume zecht Anakreon: Ein Dichter jauchzt bey seinen Reimen, Und flattert um den Helikon. Fuͤr euch, Monaden! ficht mit Schluͤssen Ein Liebling der Ontologie; Und allen Maͤdchen traͤumt von Kuͤssen: Denn was ist wichtiger fuͤr sie? D er Traumgott wollte weiter sprechen: Doch itzt rief ihm die braune Nacht: Sie lag schon uͤber dunkeln Baͤchen; Und Philomela war erwacht. Er floh, und laͤchelnd sprach Cythere: Jhr Kinder! wißt nicht, was ihr wollt. O predigt nur von strenger Ehre! Mir seyd ihr doch im Herzen hold. F Ein Lyrische Gedichte Ein Gemaͤhlde. S ieh! welche Schilderey! Bebluͤhmt kein wahrer May, Jm Schoose der Natur, O Phyllis! diese Flur? Ein dick Gebuͤsch umkraͤnzt Die Quelle, die hier glaͤnzt: Am gruͤnen Ufer hin Schlaͤft eine Schaͤferinn. S ie liegt, nur leicht bedeckt, Jn Bluhmen hingestreckt. Mit ihren Locken spielt Ein Zephyr, der sie kuͤhlt; Und ihre weisse Brust, Schon reif zu schlauer Lust, Verraͤth sich unterm Flohr, Und wallt im Schlaf empor. S ieh diesen Schaͤfer hier, Der, unbewegt, nach ihr Mit weiten Augen sieht: Wie seine Wange gluͤht! Sein Leib hangt ungeschickt, Auf einen Stab gebuͤckt, Jn plumper Stellung hin Zur holden Schlaͤferinn. Der Drittes Buch. D er Wilde fuͤhlt ein Herz! Hat ihn der Liebe Scherz, Als Zeugen ihrer Macht, Zur Schoͤnen hergebracht? Er hat schon mehr Verstand; Und wird ganz umgewandt Zu seinen Schafen gehn, Nachdem er sie gesehn. F 2 Neu- Lyrische Gedichte Neujahrs-Wunsch des Nachtwaͤchters zu Ternate. W eckt eure Gatten kuͤssend auf, Jhr Schoͤnen von Ternate! Hoͤrt, bey des Jahres neuem Lauf, Wie mir ein Wunsch gerathe! E in Maͤdchen, das sich Muse nennt, Durchstreicht mit mir die Strassen; Und was mein Herz euch gutes goͤnnt, Will sie in Reime fassen. W ohlan! die Freude werde neu, Wie sich das Jahr verneuet! Es fliehe finstre Heucheley, Die sich im Winkel freuet! R icht Eigennutz, nur Zaͤrtlichkeit Sey Stifter unsrer Ehen: So wird man Hymens guͤldne Zeit Auch Jahre dauern sehen. Die Drittes Buch. D ie suͤsse Falschheit unsrer Zeit Entweiche von der Erde, Daß alte wahre Redlichkeit Noch einmal Mode werde. E s drohe Miswachs und Verlust Gelehrten Schmierereyen: Nur muͤsse junger Maͤdchen Brust Und guter Wein gedeihen! G ib, Himmel! deinen alten Wein Den froͤhligen Poeten, Die in der Musen Lorbeerhayn Oft, leider! durstig treten. N ur Wasser, alter Weisen Trank, Gib unsern jungen Weisen; Und jage den Monaden-Zank Von freudenvollen Schmaͤusen. D er Geiz mag sein erwuchert Gut Nur huͤten, nicht genießen! Doch laß ein Baͤchlein guͤldner Fluth Auch auf den Weisen fliessen! F 3 Denn Lyrische Gedichte D enn unsre Weibchen kosten viel, Wenn sie uns lieben sollen: Wieviel erfordert Putz und Spiel Und wann wir schmausen wollen! H eil allen, denen Heil gebricht; Heil sey dem ganzen Staate! Dieß wuͤnsch ich aus bezahlter Pflicht, Nachtwaͤchter von Ternate. Amor Drittes Buch. Amor und sein Bruder. U m die stille Mitternacht, Wenn allein die Liebe wacht; Wenn die schattenvolle Welt Nur der hohe Mond erhellt: Schlief die Nachbarinn Elmire; Wenigstens ihr Alter schlief: Als vor ihres Hauses Thuͤre Cyperns Gottheit pocht’, und rief. W er ist hier? wer laͤrmt noch so? Ach! mein guͤldner Traum entfloh! Rief die Magd halbschlafend aus, Gaͤhnt’ und taumelte vors Haus. Amor fleht’ in ihren Armen; Und, wie alle Welt gesteht, Muß ein Maͤdchen sich erbarmen, Wann ein milder Amor fleht. F 4 Jhm Lyrische Gedichte J hm wird willig aufgethan; Und sein Bruder haͤngt sich an: Halb bedeckt ein Epheuͤ-Kranz Seines guͤldnen Hornes Glanz. Seine schlauen Blicke brennen; Jede Sehne schwillt von Kraft: Die ihn kennen wollen, nennen Jhn den Gott der Hahnreyschaft. A mor thut sogleich bekannt, Lehnet an die naͤchste Wand Seinen Bogen lachend hin, Huͤpft und ruft mit frohem Sinn: Troz der fest verschlossnen Thuͤre, Bruder! half ich dir herein. Jung und feurig ist Elmire: O sie wird nicht grausam seyn! Die Drittes Buch Die Wissenschaft zu leben. E in großer und vielleicht der groͤßte Theil des Lebens, Das mir die Parce zugedacht, Schlich, wie ein Traum der Nacht, Mit leisen Fluͤgeln hin, und war vielleicht vergebens! V ergebens flammten mir so vieler Tage Sonnen, Wenn ich, vom Schoͤpfer aufgestellt, Als Buͤrger einer Welt, Durch eine gute That nicht ieden Tag gewonnen: W enn ich der Tugend Freund und groß durch Men- schenliebe, Frey von des Wahnes Tyranney, Wahrhaftig groß und frey, Erst werden soll, nicht bin, und es zu seyn verschiebe. W ie? wer nach Golde geizt, obgleich kein Gold begluͤcket, Braucht alle Stunden zum Gewinn, Und laͤuft nach Wucher hin, Wann kaum der junge Tag aus weissen Wolken blicket. F 5 Jn- Lyrische Gedichte J ndeß die halbe Welt, vom sanften Schlaf umflogen, Jn bleicher Daͤmmrung Stille traͤumt; Hat jener, ungesaͤumt, Schon Gelder angelegt, schon Zinsen abgezogen. W ir leben niemals heut! wir schieben auf, zu le- ben, Bis einst ein guͤnstiges Geschick Uns ein getraͤumtes Gluͤck Nach Vorschrift unsers Plans und Eigensinns gegeben. S o stark herrscht uͤberall der Thorheit alter Glaube, Als koͤnnten wir uns nicht erfreun, Nicht weis’ und gluͤcklich seyn Jn einem ieden Stand, im Purpur und im Staube! A uf Bluhmen seh ich hier den armen Landmann lie- gen, Den ein gepachtet karges Feld Nur kuͤmmerlich erhaͤlt: Um seine braune Stirn lacht ruhiges Vergnuͤgen. E r lebt, wann sein Tyrann, der ieden Tag bethraͤnet, Sich um das Leben selbst betruͤgt, Und, immer unvergnuͤgt, Reich, aber hungrig stets, nach groͤsserm Reichthum gaͤh- net. Doch Drittes Buch. D och Chlotho wartet nicht, bis wir genug erlangen; Und wann sie uns zur kuͤhlen Gruft Und in die Stille ruft, So haben viele nie zu leben angefangen. Der Lyrische Gedichte Der standhafte Weise. An Herrn Hof-Rath C* H at nun dein Saitenspiel den suͤssen Scherz verges- sen, Und schweigt, stets ungestimmt, an traurigen Cy- pressen, Um deiner holden Gattinn Grab? Wer kann, o weiser C* den wilden Schmerz besiegen, Wenn Seelen, deren Muth erhabne Proben gab, Wenn starke Seelen unterliegen? W ie? soll die Traurigkeit unwidersetzlich wuͤthen, Und wo sie einmal herrscht, stets fuͤrchterlich gebiethen, Jn ewig unerhellter Nacht? Nein! von dem Weisen muß die Welt und Nachwelt lesen, Er sey gemaͤssigt froh, wenn ihm das Gluͤck gelacht, Und auch in Leiden groß gewesen. J hm darf die traͤge Zeit auf mitleidvollen Schwin- gen Nicht ihren spaͤten Trost, nicht ihre Lindrung bringen: Sie sey des Poͤbels Troͤsterinn! Der Weise braucht sie nicht, er troͤstet sich aus Gruͤnden: Die Wahrheit schimmert ihm durch truͤbe Nebel hin; Er kann sie sehen und empfinden. Sein Drittes Buch. S ein lehrend Beyspiel strahlt auch auf entfernte Tage: Der Schwache, der es hoͤrt, schaͤmt sich der feigen Kla- ge, Und fuͤhlet ungewohnten Muth. Um seine Helden-Stirn muͤss’ ewig Lorbeer gruͤnen! O Lorbeer bessrer Art, als den durch fremdes Blut Die Weltverwuͤster sich verdienen! K ein stoischer Gesang ertoͤnt von meinen Saiten; Jch waffne nicht den Stolz, die Thraͤnen zu bestreiten; Jhm widersteht ein zaͤrtlich Herz. Die Stimme der Natur gebeut in allen Seelen, Und falscher Großmuth Zwang kann einen wahren Schmerz Nicht uͤberwinden, nur verhehlen. D och was kein Stolz vermag, kann Weisheit moͤg- lich machen: Auch Triebe der Natur, die herrschbegierig wachen, Gewoͤhnt sie zum Gehorsam an. Sie muͤssen sich vor ihr, so wild sie brausen, schmiegen, Wie in verschlossner Gruft, dem Aeol unterthan, Die lauten Winde knirschend liegen. Sieh Lyrische Gedichte S ieh auf den starken Trieb, der uns zur Wollust reisset, Jm freyen Wilde Brunst, in Menschen Liebe heisset, Und, unbeherrscht, sich leicht verirrt. Er wird Gesetz und Recht und Menschlichkeit verletzen, Wenn ihn kein Zuͤgel haͤlt, und ihm erlaubet wird, Sich hoͤhern Pflichten vorzusetzen. A us ihren Schranken darf auch die Natur nicht schreiten: Soll nicht ein gleicher Zaum die weiche Wehmuth lei- ten, Die ein verlohrnes Gut bedaurt? Kein allzulanger Schmerz muß unsre Ruhe stoͤren; Und wenn es Menschheit ist, daß unsre Seele traurt, So ist es Weisheit, aufzuhoͤren. W as kann den Sterblichen das wilde Gluͤck entzie- hen, Das ewig Leid verdient? Jst alles nicht geliehen? Gebuͤhrt nicht alles ihm zuruͤck? Die Guͤter, die es giebt, verschenkt es nicht auf immer: Sein schmeichlend Laͤcheln ist ein kurzer Sonnenblick, Ein kaum genossner Fruͤhlings-Schimmer. Wann Drittes Buch. W ann sich die dunkle Luft mit Winter-Wolken schwaͤrzet; Wann Philomele schweigt, kein lauer Zephyr scherzet, Kein Zephyr Morgen-Rosen kuͤsst: Was hilfts, mit finstrer Stirn den Unbestand beklagen? Es kommt nicht mehr zuruͤck, was einst entflohen ist; Doch leicht wird, was wir freudig tragen. D er Weise bleibt sich gleich im Schoos erwuͤnschter Freuden, Und sieht, noch ehe sie, bald oder spaͤte, scheiden, Die leichten Fluͤgel ieder Lust. Wenn ihr Gefieder sich in schneller Flucht verspreitet, So sieht ers unbetaͤubt: er hatte seine Brust Zu iedem Unfall vorbereitet. R icht unser ganzes Herz muß am Vergnuͤgen hangen: Zu einem hoͤhern Zweck hat uns die Welt empfangen, Wo ieder eine Rolle spielt. Nicht bloß zu trunkner Lust im Umgang eines Weibes Bewohnt ein freyer Geist, der sich unsterblich fuͤhlt, Die irdne Huͤtte seines Leibes. D urch Tugend muͤssen wir des Lebens wuͤrdig werden, Und ohne Tugend ist kein daurend Gluͤck auf Erden: Mit ihr ist niemand unbegluͤckt. Der Lasterhafte nur ist elend, arm, verachtet, Auch wann er gluͤcklich heißt und sich vom Raube schmuͤckt, Und juͤdisch ganze Laͤnder pachtet. Kein Lyrische Gedichte K ein fremder Zufall kann der Seelen Hoheit min- dern; Kein widriges Geschick ihr wahres Wohl verhindern: Kann was geschieht, uns boͤse seyn? Der Schoͤpfer einer Welt wird seine Schoͤpfung lieben, Und wenn er sie betruͤbt, aus weiser Huld allein Und nicht aus blindem Haß betruͤben. V om strengen Strom der Zeit wird ieder hingeris- sen, Bald unter heitrer Luft, bald unter Finsternissen Und schwarzer Ungewitter Wuth: Strom, wo sich allzuoft beschaͤumte Wellen thuͤrmen, Stets brausend, wie das Meer! o ungestuͤme Fluth, Beruͤchtigt von erzuͤrnten Stuͤrmen! W ohin der Sturm uns fuͤhrt, bleibt oft vor uns verstecket, Weil fuͤrchterlich Gewoͤlk die gruͤnen Ufer decket, Und unsrer Blicke Lauf begraͤnzt. Die Schatten werden fliehn, die unser Auge banden, Vielleicht wohl, ehe noch der andre Morgen glaͤnzt, Vielleicht nicht ehe, bis wir landen. Die Drittes Buch. Die Sommerlaube. D ie Laube prangt mit jungem Gruͤn: Es toͤnen ihre dunkeln Buchen Von Voͤgeln, die voll Wollust gluͤhn, Von Fruͤhlingstrieben gluͤhn und Scherz und Schatten su- chen. S oll, was der Wahn Geschaͤfte nennt, Uns um so schoͤne Zeit betruͤgen? Freund! wer des Lebens Kuͤrze kennt, Der legt es kluͤger an und braucht es zum Vergnuͤgen. G eneuß den feuervollen Wein: Beym Weine herrscht vertraulich Scherzen. Oft ladet Amor sich mit ein, Und sein verborgner Pfeil schleicht in die offnen Herzen. D er schlaue Gott ist niemals weit; Jch wittre seine sanften Triebe: Denn gruͤner Lauben Dunkelheit Jst fuͤr den Weingott schoͤn, noch schoͤner fuͤr die Liebe. G Ge- Lyrische Gedichte G eliebte Schatten! weicher Klee! Ach! waͤre Galathee zugegen! Ach! sollt ich, holde Galathee, Um deinen weissen Hals die Arme bruͤnstig legen W o suͤsser Lippen Rosen bluͤhn, Wer kann sie sehn und nicht verlangen? Die jugendlichen Kuͤsse fliehn Bey welkem Reiz vorbey und suchen frische Wangen. E in leblos Auge ruͤhrt mich nicht; Kein bloͤdes Kind wird mich gewinnen, Das reizt, solang der Mund nicht spricht, Und eine Venus ist, doch ohne Charitinnen. Die Drittes Buch. Die Rose. D er Fruͤhling wird nun bald entweichen: Die Sonne faͤrbt sein Angesicht: Er schmachtet unter welken Straͤuchen; Und findet seinen Zephyr nicht. E r hinterlaͤßt uns, da er fliehet, Den Ausbund seiner Lieblichkeit. Die Rose, die in Purpur bluͤhet, Verherrlicht seine lezte Zeit. D u, Rose! sollst mein Haupt umkraͤnzen: Dich lieben Venus und ihr Sohn. Kaum seh ich dich im Busche glaͤnzen, So wallt mein Blut, so brenn ich schon. J ch fuͤhl ein jugendlich Verlangen, Ein bluͤhend Maͤdchen hier zu sehn, Um dessen rosenvolle Wangen Die jungen Weste suͤsser wehn. G 2 Der Lyrische Gedichte Der Sommer und der Wein. J n diesen schwuͤlen Sommertagen Fliegt Amor nur in kuͤhler Nacht, Und schlummert, wann die Sonne wacht: Die Muse traͤumt nur matte Klagen. Jch haͤnge mit verdrossner Hand Die traͤge Leyer an die Wand. D och, Freund! in schwuͤlen Sommertagen, (Zischt mir Lyaͤus in das Ohr:) Hebt sich der Weinstock stolz empor, Den Frost und Regen niederschlagen: Und nur der hoͤhern Sonne Glut Kocht seiner Trauben goͤttlich Blut. S o mag in schwuͤlen Sommertagen Der Weichling, Amor, schuͤchtern fliehn, Und Scherz und Muse sich entziehn: Der Wein wird sie zuruͤcke jagen. Es reife nur der frohe Wein: Was kann mir unertraͤglich seyn? Die Drittes Buch. Die Freude. E rgetzt euch, Freunde, weil ihr koͤnnt! Den Sterblichen ist nicht vergoͤnnt, Von Leiden immer frey zu bleiben. Vernunft wird oͤfters ohne Frucht Sich wider schwarzen Unmuth straͤuben: Lyaͤus weis ihn zu betaͤuben, Und singt ihn sieghaft in die Flucht. L ernt, wie sich finstrer Unverstand, Verhuͤllt in trauriges Gewand, Von wahrer Weisheit unterscheide, Die mit entwoͤlkter Stirne glaͤnzt, Und in der Wollust leichtem Kleide, Wie sie, im Schoose sanfter Freude, Auch oft mit Rosen sich bekraͤnzt. O segnet ieden Augenblick, Da ihr ein unvergaͤlltes Gluͤck Jn suͤsser Freundschaft Armen schmecket: Da Bacchus euch mit Epheuͤ kroͤnt, Und Witz und attisch lachen wecket; Und muntrer Scherz, der Narren schrecket, Die Narren und ihr Gluͤck verhoͤhnt. G 3 Doch Lyrische Gedichte D och hoͤrt ihr, was die Wahrheit spricht? Verwoͤhnt, verwoͤhnt die Seele nicht Zu rauschenden Ergoͤtzlichkeiten, Die, wann der Geist sie lieb gewinnt, Von Rosen unter Doͤrner leiten; Und kein Vergnuͤgen aller Zeiten, Nur Augenblicke reizend sind. D ie Weisheit richtet meinen Sinn Auf dauerndes Vergnuͤgen hin, Das aus der Seele selbst entspringet. Geschmack und Wahrheit! ihr entzuͤckt, Auch wann kein Saitenspiel erklinget: Auch wann mein Mund nicht lacht und singet, Bin ich in euerm Arm begluͤckt. D ie Anmuth praͤchtiger Natur Vergnuͤgt mich auf bebluͤhmter Flur, Auf Huͤgeln und im dunkeln Hayne. Jch jauchz’ an stiller Musen Brust So froͤhlig, als bey Cyperns Weine: Ja wenn ich Thoren einsam scheine, Vertraut sich mir die reinste Lust. So Drittes Buch. S o lockend jene Freude lacht, Die nur die Sinne trunken macht, So nah ist sie dem Ueberdrusse. Die Wollust, vom Geschmack ernaͤhrt, Stirbt unter dummem Ueberflusse: Sie bleibt bey sparsamem Genusse Weit laͤnger schoͤn und liebenswerth. D u Tochter wilder Trunkenheit! Fleuch, ungestalte Froͤhligkeit, Und rase nur bey bloͤden Reichen! Sie moͤgen durch entweihten Wein Die sanften Grazien verscheuchen! Sie, Bacchus! moͤgen Thieren gleichen: Uns Freunde! lass’ er Menschen seyn. G 4 Die Lyrische Gedichte Die wahre Groͤsse. An Herrn Gleim. J n meinen Adern tobt ein juvenalisch Feuer; Der Unmuth reichet mir die scharfgestimmte Leyer: Maßt sich des Poͤbels Wahn Das Urtheil nicht von grossen Seelen an? S ey Richter, liebster Gleim! der Poͤbel soll nicht richten, O du, der iedes Herz mit lieblichen Gedichten Nach Amors Willen lenkt, Der schalkhaft scherzt und frey und edel denkt! E in Mann, der gluͤcklich kuͤhn zur hoͤchsten Wuͤr- de flieget, Und, weil er Sklaven gleich, vor Grossen sich geschmieget, Nun, als ein grosser Mann, Auch endlich selbst in Marmor wohnen kann: D er heißt beym Poͤbel groß, da ihn sein Herz ver- dammet; Und wann der Buͤrger Gold auf seinem Kleide flammet, So sieht die Schmeicheley Fuͤr Schimmer nicht, wie klein die Seele sey. Soll Drittes Buch. S oll seines Nahmens Ruhm auf spaͤte Nachwelt gruͤnen? Dem Staate dient er nur, sich Schaͤtze zu verdienen: Bereichert ein Verrath, So, zweifle nicht, verraͤth er auch den Staat. D er Absicht Niedrigkeit erniedrigt grosse Thaten: Wem Geiz und Ruhmbegier auch Herculs Werke rathen, Der heißt vergebens groß: Er schwingt sich nie vom Staub des Poͤbels los. Z euch, Alexander! hin bis zu den braunen Scythen; Jrr um den traͤgen Phrat, wo heissre Sonnen wuͤthen, Und reiß dein murrend Heer Zum Ganges hin, bis ans entfernte Meer! D u kaͤmpfest uͤberall und siegest, wo du kaͤmpfest, Bis du der Barbarn Stolz, voll groͤssern Stolzes, daͤmp- fest, Und die verheerte Welt Vor ihrem Feind gefesselt niederfaͤllt. G 5 Doch Lyrische Gedichte D och laß dich immerhin der Menschheit nicht erbar- men! Von deinem Haupte reisst, auch in des Sieges Armen, Der Tugend rauhe Hand Die Lorbeern ab, die Ehrsucht ihr entwandt. M it Lorbeern wird von ihr der bessre Held bekraͤnzet, Der fuͤr das Vaterland in furchtbarn Waffen glaͤnzet, Und uͤber Feinde siegt, Nicht Feinde sucht, nicht unbeleidigt kriegt: D er Weise, der voll Muths, wann Aberglaube schrecket, Und Wahn die halbe Welt mit schwarzen Fluͤgeln decket, Allein die Wahrheit ehrt, Und ihren Dienst aus reinem Eifer lehrt: D er aͤchte Menschenfreund, der bloß aus Menschen- liebe Die Voͤlker gluͤcklich macht und gern verborgen bliebe; Der nicht um schnoͤden Lohn, Nein! goͤttlich liebt, wie du, Timoleon! Zu Drittes Buch. Z u dir schrie Syracus, als unter Schutt und Flam- men Und Leichen, die zerfleischt in eignem Blute schwammen, Der wilde Dionys Sein eisern Joch untraͤglich fuͤhlen ließ. D u kamst und stuͤrztest ihn, zum Schrecken der Tyrannen, Wie, wann ein Winter-Sturm die Koͤniginn der Tan- nen Aus tiefen Wurzeln hebt, Von ihrem Fall ein weit Gebuͤrge bebt. D urch dich ward Syracus der Dienstbarkeit ent- zogen; Und sichrer Ueberfluß und heitre Freude flogen Den freyen Mauern zu, Held aus Corinth! was aber hattest du? N ichts, als die edle Lust, ein Volk begluͤckt zu ha- ben! Belohnung bessrer Art, als reicher Buͤrger Gaben! Du Stifter guͤldner Zeit, Der Hoheit werth, erwaͤhltest Niedrigkeit. Doch Lyrische Gedichte D och dein gerechtes Lob verewigt sich durch Lieder, Nachdem die Ehre dich auf glaͤnzendem Gefieder Den Musen uͤbergab: Noch schallt ihr Lied in Lorbeern um dein Grab. Der Drittes Buch. Der Winter. D ie Erde druͤckt ein tiefer Schnee: Es glaͤnzt ein blendend Weiß um ihre nackten Glieder: Es glaͤnzen Wald, Gefild und See. Kein muntrer Vogel singt: Die truͤbe Schwermuth schwingt Jhr trauriges Gefieder. D er Weise bleibt sich immer gleich: Er ist in seiner Lust kein Sklave schoͤner Tage, Und stets an innrer Wollust reich. Was Zephyrs Unbestand, Was ihm die Zeit entwandt, Verliert er ohne Klage. W er euch, ihr suͤssen Musen! liebt, Der scherzt an eurer Hand in bluhmenvollen Feldern, Wann Boreas die Luͤfte truͤbt. Der Fruͤhling mag verbluͤhn! Jhm lacht ein ewig Gruͤn Jn euern Lorbeer-Waͤldern. Und Lyrische Gedichte U nd wie? Lyaͤus flieht ja nicht, Um dessen Epheuͤ-Stab die leichten Scherze schweben! Noch gluͤht sein purpurnes Gesicht: Noch will er guten Muth Und aͤchte Dichterglut, Troz rauhen Froste, geben. D em Weingott ist es nie zu kalt, Und auch der Liebe nicht, lockt Venus gleich nicht immer Jn einen gruͤnbelaubten Wald. Jn Buͤschen rauscht kein Kuß: Doch Amors zarter Fuß Entweicht in warme Zimmer. J hm dient ein weiches Canapee So gut und besser noch, als im geheimen Hayne Bebluͤhmtes Gras und sanfter Klee. O welche Welt von Lust An einer Phyllis Brust Und, Freund, bey altem Weine! S toß an! es leb’ ein holdes Kind, Von Grazien gepflegt, erzogen unter Musen Und schaͤtzbarer, als Phrynen sind, Durch Unschuld, klugen Scherz Und durch ein gutes Herz Jn einem schoͤnen Busen! Die Drittes Buch. Die Nacht. D u verstoͤrst uns nicht, o Nacht! Sieh! wir trinken im Gebuͤsche; Und ein kuͤhler Wind erwacht, Daß er unsern Wein erfrische. M utter holder Dunkelheit, Nacht! Vertraute suͤsser Sorgen, Die betrogner Wachsamkeit Viele Kuͤsse schon verborgen! D ir allein sey mitbewust, Welch Vergnuͤgen mich berausche, Wann ich an geliebter Brust Unter Thau und Bluhmen lausche! M urmelt ihr, wann alles ruht, Murmelt, sanftbewegte Baͤume, Bey dem Sprudeln heischrer Fluth, Mich in wollustvolle Traͤume! Die Lyrische Gedichte Die froͤhliche Dichtkunst. O schattigter Parnaß! ihr heiligen Gestraͤuche, Wo oft um Mitternacht ich einsam wachend schlei- che! Nie hab ich klagend euch entweiht. Nur Scherz mit heitrem Angesichte, Nur Wein und freye Zaͤrtlichkeit Begeistern mich, gefaͤllig, wenn ich dichte. W ann mich ein Kummer druͤckt, so mag die Mu- se schweigen, Den Nachtigallen gleich, die auf begruͤnten Zweigen Nur singen, wenn sie sich erfreun. Welch aͤchter Priester froher Musen Vermischt mit Thraͤnen seinen Wein, Und aͤchzet stets, auch an der Daphne Busen? E inst lag ich sorgenvoll im Schatten finstrer Buchen, Wo sich ein traͤger Bach, den Faunen bloß besuchen, Durch einsames Gefilde wand. Mein Saitenspiel vergaß der Schoͤnen, Und meine scherzgewohnte Hand Verirrte sich zu trauervollen Toͤnen. Bereits Drittes Buch. B ereits entschloß mein Mund sich unvergnuͤgter Kla- ge, Als mit entwoͤlkter Stirn, gleich einem Fruͤhlingstage, Die holde Muse mir erschien. Der Lippen Anmuth war den Rosen, Den Morgen Rosen vorzuziehn, Und ieder Blick schien laͤchelnd liebzukosen. M ein Geist erwachte schnell aus allen truͤben Sorgen: Wie, wann im rothen Ost der angenehme Morgen Jtzt in Aurorens Arm erwacht; Alsdann die bangen Traͤume fliehen Und schwarzgefluͤgelt, wie die Nacht, Mit ihr zugleich in ihre Grotte ziehen. S oll Unmuth, schalt sie mich, dein Saitenspiel ver- stimmen? Sieh auf! Anakreon, den Wein und Alter kruͤmmen, Scheucht singend eitler Sorgen Heer! Weicht auch die Freude von Alkaͤen? Sie schwimmt ihm nach durchs rauhe Meer, Und singt mit ihm von Amorn und Lyaͤen. H Ho- Lyrische Gedichte H oraz trinkt Chier-Wein und jauchzt bey seinem Weine: Sein ewiger Gesang ertoͤnt in Tiburs Hayne Nur an der weisen Wollust Brust. Der Wollust weihe deine Leyer! Bloß diese Mutter wahrer Lust Beseelt ein Lied mit aͤchtem Reiz und Feuer. D ie wache Sorge mag an schlechten Seelen nagen! Dem Thoren fehlt es nie an selbstgemachten Plagen: Jhn quaͤlt ein Tand, ein dunkler Traum. Der Weise kann das Gluͤck betruͤgen: Auch wahres Uebel fuͤhlt er kaum; Und macht sichs leicht und macht es zu Vergnuͤgen. M it mancher Bluhme lacht die rauhe Bahn des Le- bens: Auf! pfluͤckt sie! saͤumt ihr euch? sie welkt und war ver- gebens, Und ihr’ und eure Zeit verlaͤuft. O Thorheit! daß mit faulen Haͤnden Jhr nach erwuͤnschten Freuden greift, Die doch so schnell die leichten Fluͤgel wenden! Seyd Drittes Buch. S eyd langsam, eh ihr wuͤnscht, und zum Genuß geschwinde: Denn wisst ihr, was euch nuͤtzt, die ihr, gleich einem Kinde, Ohn’ Ursach lacht, ohn’ Ursach weint? Jst euer Auge nicht gebunden? Was in der Ferne boͤse scheint, Wird in der Naͤh ausbuͤndig gut befunden: W ie, als ein holder Wind auf unbeschifftem Pfade, Die Helden Portugalls an dein gewuͤnscht Gestade, Madera, Sitz der Wollust! riß: Dich eine schwarze Wolke deckte, Und stygischdicke Finsterniß Sich fuͤrchterlich bis hoch zum Himmel streckte! D ie blinde Nacht verließ die ungestuͤmen Wellen; Der Thetis Angesicht fieng an, sich aufzuhellen; Sie spielte ruhig um den Strand: Jndem sie sich dem Ufer nahten, Und jauchzend ein entzuͤckend Land Hier uͤbersahn, und ans Gestade traten. H 2 Hier Lyrische Gedichte H ier lachte die Natur, die Flora stets bekraͤnzte; Die Bluhmen duͤfteten; von hellen Baͤchen glaͤnzte Manch rauschender Oranschen-Hayn. Nichts fehlte zu begluͤcktem Leben; Nichts, als Lyaͤus und sein Wein: Lyaͤus kam und pflanzte suͤsse Reben. Vier- Viertes Buch. Viertes Buch. Die Gluͤckseligkeit. D er Wahrheit ernste Stimm erschallt in mei- nem Busen: Hoͤrt eure Lehrerinn! sie selbst hat mich er- nannt Und auf den Fluͤgeln suͤsser Musen An euch, ihr Sterblichen! gesandt. E s flammt ein Welten-Heer in angewiesnen Graͤn- zen: Es ist im lichten Raum, wo in bestimmter Bahn Die ungezaͤhlten Sonnen glaͤnzen, Der Ordnung alles unterthan. H 3 Zur Lyrische Gedichte Z ur Ordnung ward, was ist, eh etwas war, erlesen: Sie fordert sanften West und stuͤrmisch Ungestuͤm: Jhr Band verknuͤpfet alle Wesen, Vom Staube bis zu Cherubim. D er ganzen Schoͤpfung Wohl ist unser erst Gesetze: Jch werde gluͤcklich seyn, wenn ich durch keine That Dieß allgemeine Wohl verletze, Fuͤr welches ich die Welt betrat: W enn wider meine Pflicht mein Herz sich nicht em- poͤret, Und niedrer Eigennutz, der die Begierden stimmt Und ihre Harmonie zerstoͤret, Nicht unter meinen Trieben glimmt. D ie Quelle falscher Lust, die Aristipp gefunden, Haucht ekle Bitterkeit selbst unter Bluhmen aus. Den Weichling druͤcken leere Stunden: Die Ruhe flieht sein marmorn Haus. D enn reine Freude quillt allein aus reinem Herzen: Sein Zeugniß, daß wir thun, was unsre Pflicht gebeut, Entwaffnet Ungeduld und Schmerzen, Jn Tagen voller Dunkelheit. Quaͤlt Viertes Buch. Q uaͤlt mich sein Urtheil nicht mit nagendem Verdrusse, So sey mein Eigenthum der schlauen Bosheit Raub; So trete mich mit stolzem Fusse Das ungestuͤme Gluͤck in Staub. J ch winsle nicht um Trost, nicht weibisch um Er- barmen: Die Ruhe folget mir zum armen Strohdach hin, Wo ich in reiner Wollust Armen Durch Unschuld reich und gluͤcklich bin. F ehlt innre Ruhe nicht; was fehlet meinem Leben, Als was entbehrlich ist und unentbehrlich scheint? Sollt ich bey iedem Unfall beben, Und weinen, wann die Thorheit weint? M it weiser Huld vertheilt das Schicksal Weh und Freuden, Das bald auf Rosen uns durchs Leben wandern heißt, Bald aber durch bedornte Leiden Des Lasters Armen uns entreißt. E in Blick in vorig Leid wird kuͤnftig uns entzuͤcken, Wenn unsrem Auge sich der Ordnung Plan entdeckt, Der nun vor unsern kuͤhnen Blicken Jn heilig Dunkel sich versteckt. H 4 Der Lyrische Gedichte Der Tobacksraucher. S oll ich stets die trunknen Reben, Soll ich nur den Gott erheben, Der aus holden Augen blitzt? Werd ich nie zu deinem Preise, Pflanze, meine Lust! erhitzt, Unterdeß der Thor und Weise Beym verblasnen Rauche sitzt? O wie viele guͤldne Stunden Sind mir unbereut verschwunden, Bey geliebter Blaͤtter Glut! Da empoͤrt mein rascher Wille Sich fuͤr kein verderblich Gut: Jch genieße suͤsser Stille; Meine ganze Seele ruht. W eg mit laͤrmendem Gepraͤnge! Wo ich mich durch Narren draͤnge, Gaͤhn’ ich bey dem besten Wein. Laͤchle, Venus! unter Thraͤnen; Sey die Mutter suͤsser Pein! Aber zeuch mit deinen Schwaͤnen, Zeuch bey mir nicht sieghaft ein. Jch Viertes Buch. J ch beneide keine Krone, Wann aus weißgebranntem Thone Manch balsamisch Woͤlkchen dringt; Und in meiner Muse Haͤnden Jhrer Leyer Scherz erklingt; Oder hoͤhern Gegenstaͤnden Sich mein Geist entgegen schwingt. D ie gefluͤgelten Gedanken Fliehn des Wahnes enge Schranken: Nur der Weise scheint mir groß. Nur des Gluͤckes falsches Lachen Und sein oft entweihter Schoos, Reichthum, Hoheit, (schlechte Sachen!) Sind betrogner Thorheit Loos. F lieht, Entwuͤrfe groͤssern Gluͤckes, Die der Odem des Geschickes, Wie den Sommer-Staub, verweht! Flieht im aufgewoͤlkten Rauche, Der, wie ihr, sich stolz erhoͤht, Und, wie ihr, bey schwachem Hauche Schnell erscheinet, schnell vergeht! Rauch Lyrische Gedichte R auch ist alles, was wir schaͤtzen: Unser theuerstes Ergetzen, Unser Leben selbst ist Rauch. Weht nicht uͤber frische Leichen Jedes Morgens kuͤhler Hauch? Viele werden heut erbleichen; Und vielleicht ich selber auch. A lles muß verlassen werden! Nackend gehn wir von der Erden Jn die oͤde Dunkelheit. Was wir guts verrichtet hatten, Folgt uns in die Ewigkeit, Wann das blasse Reich der Schatten Allen fremden Glanz zerstreut. An Viertes Buch. An die Musen. J hr holden Musen! wer, an eurer Brust erzogen, Den Weg zum gruͤnen Pindus weis, Wird nicht von Golddurst aufs erzuͤrnte Meer be- trogen, Nicht auf des Hofes truͤglich Eis. E r, dessen Scheitel unbethraͤnter Lorbeer decket, Glaͤnzt in der Themis Tempel nicht, Wo Dorngestraͤuche, mit verspritztem Blut beflecket, Sich um die finstern Pfade flicht. B egluͤckter Weiser, der im Stillen sich erfreuet! Die Tage werden uns gezaͤhlt, Uns aufgerechnet, die wir kluger Lust geweihet, Und wo wir thoͤricht uns gequaͤlt. S ollt ich, wie Harpax, wund von ungeliebter Buͤrde, Unausgeruht im Joche ziehn, Daß ich, wie Harpax, Huͤter stolzer Schaͤtze wuͤrde, Die eine scheue Tugend fliehn? Er- Lyrische Gedichte E rkargte Schaͤtze, schlummert nur bey meinen Feinden! Jch wuͤnsche nichts, als daß ich frey, Als daß ich froͤhlig unter Musen, Wein und Freunden, Nie fremder Thorheit Sklave sey! Die Viertes Buch. Die Trinker. M it Narren sollt ich mich erfreun? Jhr Wein schmeckt ekelhaft gemein, Wie Wasser, das die Musen scheuchet; Und waͤr es auch der beste Wein, Der an der Mosel bleichet. K ann ich mit Klugen mich erfreun; So schmeckt auch Wasser ungemein Und gleich burgundischem Lyaͤen. Doch, Freunde! seht, wir haben Wein! Wer wollte Wein verschmaͤhen? E s muͤsse kuͤhne Voͤllerey Nicht, unter baͤurischem Geschrey, Mit ihrem Thyrsus hier gebiethen! O Bacchus! gehe still vorbey, Und rase bey den Scythen! W ie fuͤrcht’ ich deinen trunknen Blick! Wie droht manch fliegend Felsenstuͤck! Seh ich die wuͤthende Maͤnade? Welch rauher Jubel bruͤllt zuruͤck Vom Thrazischen Gestade! Trinkt Lyrische Gedichte T rinkt nicht, von wilder Lust entbrannt, Bis an des Rausches welker Hand Der blinde Bacchus taumlend schleichet! Sonst flieh ich schneller, als der Sand Vom Wirbelwind entweichet. An Viertes Buch. An Galathee. F leuch, Galathee! den Stolz verlebter Schoͤnen! Schilt auf die Liebe nicht. Du wirst sie nur mit falschen Lippen hoͤhnen: Dein Auge widerspricht. Es muͤsse dich die suͤsse Leyer lehren, Die uͤberredend klingt, Und, wie man glaubt, trotz heuchlerischem Wehren, Von manchem sproͤden Mund oft manchen Kuß erzwingt. D er Liebesgott schlief unter Myrthenbuͤschen, Jn Bluhmen hingestreckt; Und ließ im Schlaf durch Nymphen sich erwischen, Die er so oft erschreckt. Nur eingedenk, wie Amor sie geplaget, Nicht, wie er sie entzuͤckt, Veruͤbten sie, was niemand noch gewaget: Sie fesselten den Gott, der Goͤtter selbst bestrickt. D er schlaue Gott sah, als er schnell erwachte, Den ihm gespielten Streich. O loses Volk! sprach dieser Schalk und lachte; Wie listig raͤcht ihr euch! Jch laͤugne nicht, was ich an euch begangen: Jch macht’ euch tausend Pein. Besaͤnftigt euch! nun habt ihr mich gefangen: Jhr werdet ungequaͤlt und ungekuͤsset seyn. Und Lyrische Gedichte U nd ungekuͤfst? welch grausamer Gedanke! Man dachte reifer nach, Und sah beschaͤmt, wie dem verwegnen Zanke Das Herze widersprach. Sie thaten ‒‒ was? was alle Maͤdchen thaͤten! Sie banden Amorn los, Und Amor flog, da sie um Gnade flehten, Von ihnen lachend weg in seiner Mutter Schoos. Die Viertes Buch. Die Grotte der Nacht. W ohin wird mein Gesang verschlagen? Der Ocean ist voller Glut: Denn Titan kommt; sein strahlenreicher Wagen Schwebt feurig uͤber blauer Fluth: J ndessen auf bethauten Schwingen Die braune Nacht entlassen flieht, Und Nymphen sie zu ihrer Grotte bringen, Die kein unheilig Auge sieht. W ird meinem Blick im tiefsten Meere Dort ihre Herrschaft aufgethan? Es trennen sich erschrockner Schatten Heere; Sie machen mir entfliehend Bahn. O Ruh! o welch ein heilig Schweigen Beherrscht ihr schattigtes Revier! Kein Vogel schwatzt auf duͤstrer Ulmen Zweigen; Der muntre West entschlummert hier. E in zitternd Schimmern bleicher Kerzen Erleuchtet ihren dunkeln Sitz, Wo rings umher die leichten Traͤume scherzen, Gefluͤgelt, wie der schnelle Blitz. J Von Lyrische Gedichte V on welchem angenehmen Kinde Kommt hier der schoͤne Morgentraum? Seht! Phantasus huͤllt sich in rauhe Rinde Und gruͤnt, beblaͤttert, als ein Baum. N un, da in junger Nymphen Haͤnden Gedaͤmpfter Saiten Scherz erklingt: Ertoͤnt ein Lied von muschelreichen Waͤnden, Das eine der Najaden singt. G eneuß die Ruhe, die du zeugest, O Goͤttinn! singt sie; holde Nacht! Der Laͤrm entschlaͤft, wenn du zum Himmel steigest; Und nur der Progne Schwester wacht. W ie leise gehn in feuchten Buͤschen Die Winde durch den finstern Hayn! Die Ruhe will, was Odem schoͤpft, erfrischen: Doch koͤnnen Menschen ruhig seyn? U msonst sind ihre muͤden Glieder Auf Sidons Purpur hingestreckt, Wenn Mitternacht mit schweigendem Gefieder Den Marmor der Palaͤste deckt: Um- Viertes Buch. U msonst sind schwanenweiche Betten, Bey stuͤrmischer Begierden Wuth: Der kranke Geist schleppt seine Sklaven-Ketten, Stets ohne Ruh, wann alles ruht. D er Mensch entflieht bebluͤhmten Pfaden, Wo ihm die stille Freude winkt. Das Gute selbst misbraucht er sich zum Schaden: Zu Gift wird Necktar, den er trinkt. W enn Tantalus im hoͤchsten Gluͤcke Selbst an der Goͤtter Tafel sitzt: Denkt nicht sein Herz auf schwarze Bubenstuͤcke, Noch da ihn Himmelstrank erhitzt? F ern von Olymps gestirnter Schwelle Verbannt ihn Jupiters Entschluß: Unseliger! ihn peinigt eine Hoͤlle, Mehr Hoͤlle, denn der Tartarus. S ein Reichthum wird ihm zum Verdrusse, Zum Qual-Gepraͤnge des Gesichts: Er hungert, arm, in vollem Ueberflusse, Hat alles und genießet nichts. J 2 Wenn Lyrische Gedichte W enn Wolken meinen Geist umziehen, Durch stuͤrmischer Begierden Wuth: Beruhig’ ihn mit suͤssen Harmonien, O Muse, die auf Rosen ruht! Die Viertes Buch. Die Dichtkunst. J ch liebe Feld und Bach, der Sonne Morgenstrahl, Ein schwarzbeschattet einsam Thal, Und jenen stillen Lorbeer-Wald, Wo keuscher Musen Floͤte schallt. Jch mische mich in ihre Choͤre; Sie weihten mich zum Priester ein: Und sollten Wuͤnsche mindrer Ehre Mein ruhig Herz entweihn? E ntzeuch, o Dichtkunst! mir dein glaͤnzend Angesicht, O du der Liebe Tochter! nicht: Denn in der ersten Schaͤfer-Welt, Die uns im Bilde noch gefaͤllt, Gebahr dem Gotte frohes Weines Die Liebe dich, ihr aͤhnlich Kind, Jn dunkeln Schatten eines Haynes, Die dir noch heilig sind. J 3 Wie Lyrische Gedichte. W ie schoͤn erzogen dich die Unschuld und Natur Auf Triften und bebluͤhmter Flur! Noch nicht um stolzen Schmuck bemuͤht, Ertoͤnte hier dein sanftes Lied. Es hoͤrten die erstaunten Hirten Den ungekuͤnstelten Gesang, Der oͤfters um geheime Myrthen Und oft beym Wein erklang. D ie Weisheit bracht’ alsdann dich, junge Schaͤferiñ! Zum unbewohnten Haͤmus hin; Und lehrte dich der Dinge Grund, Und wie das Weltgebaͤud entstund: Warum der Fruͤhling gruͤne Huͤgel Und lauen West und Floren liebt, Und was den Winden ihre Fluͤgel, Dem Donner Kraͤfte giebt. D u lerntest, wer mit Recht hoch oder niedrig heißt! Uns adelt nur ein edler Geist, Und nicht ein schimmernd hoher Stand, Nicht ein verguͤldetes Gewand; Noch daß man groß genennet werde Von Lippen feiger Schmeicheley, Und einem Winkel weiter Erde Bekannt und furchtbar sey. Die Viertes Buch D ie Aue schwieg vor dir, als du vom Haͤmus kamst, Und eine kuͤhnre Leyer nahmst. Es wallte junger Hirten Blut; Sie fuͤhlten ungefuͤhlte Glut, Als nun dein hoͤhers Lied ertoͤnte, Das, reizend, wann es unterwies, Von rauher Wildheit sie entwoͤhnte, Und Menschen werden hieß. D u sangst: es rissen sich bemooste Felsen los Aus drohender Gebirge Schoos, Und rollten fort mit eignem Lauf, Und thuͤrmten sich zu Mauern auf. Die Tieger unter duͤstern Straͤuchen Behorchten dein entzuͤckend Spiel; Und auch die unbelebten Eichen Erhielten ein Gefuͤhl. D ie Wahrheit ruͤhrt uns nicht entbloͤßt und unge- schmuͤckt, Wenn sie die Sinne nicht beruͤckt. Wer unser Herz erst uͤberwand, Gewinnt auch leichtlich den Verstand. Wir bleiben kalt bey kalten Schluͤssen; Sie sausen schwach um unser Ohr: Wir lernen, wie wir leben muͤssen; Und leben, wie zuvor. J 4 Du Lyrische Gedichte D u weckest uns zur Lust, befriedigst unsern Schmerz, Du, Dichtkunst! oͤffnest unser Herz Der Warheit, welcher deine Hand Aus Myrth und Rosen Kraͤnze band. Dich muß der taube Wille hoͤren, Die du nicht finstern Schulwitz liebst, Und was die Weisen muͤhsam lehren, Uns zu empfinden giebst. V or dir eroͤffnet sich der Ehre Heiligthum, Und lorbeerreicher Helden Ruhm Vertraut sich deiner Leyer an, Durch die er ewig schimmern kann. Doch Dunkelheit und kalte Schatten Begraben ungepriesnen Muth, Den Voͤlker einst bewundert hatten, Der nun vergessen ruht. D u folgest kriegerisch durch Blut und heissen Dampf Dem Helden in den rauhsten Kampf: Und wann, vom guͤldnen Sieg umkraͤnzt, Sein Haupt von Lorbeern furchtbar glaͤnzt; Alsdann erwachen deine Lieder, Und bringen ihn vom wilden Streit Auf unermuͤdetem Gefieder Der fernen Ewigkeit. Wo Viertes Buch. W o Titans Aug entschlaͤft und wo er fruͤh erwacht, Die Gegenden der Mitternacht, Und wo der Mittag Flammen spruͤht, Durchfliegt mit ihm dein hohes Lied: Jndeß die Muse der Geschichte Nur niedrig an der Erde streicht, Und mit erhitztem Angesichte Nie deinen Flug erreicht. J 5 An Lyrische Gedichte An die Deutschen. J hr Deutschen, die an Ruhm beruͤhmtern Vaͤtern wei- chen! Verlangt ihr, groß zu seyn, so muͤßt ihr ihnen glei- chen; Nicht an der alten Rauhigkeit! Die Helden-Tugend jener Zeit Ruht nicht auf ungeschlachten Sitten, Auf nackter Armuth, nackten Huͤtten. J n Freundschaft Redlichkeit und ehrner Muth im Streite, Der ieden Tropfen Bluts dem Vaterlande weihte, Und jener unbewegte Sinn, Der, taub zu niedrigem Gewinn, Allein der Ehre Stimme kannte, Fuͤr Vaterland und Freyheit brannte: D as machte Deutschland groß; das eifert, nachzu- ahmen: So seyd ihr deutscher Art, nicht bloß aus deutschem Saamen. Jhr starrt? ihr zittert und erbleicht? Warum irrt euer Blick verscheucht? Die Ahndung hat mich nicht betrogen! Zu Sklaven werdet ihr erzogen. O un- Viertes Buch. O unsrer Schande Quell, Erziehung deutscher Ju- gend! Wer pflanzt in ihre Brust Empfindungen der Tugend Und Liebe fuͤr das Vaterland, Die unserm Hermann Lorbeern wand? Wer bildet ihre jungen Seelen, Noch ehe sie das Laster waͤhlen? M an bildet nur den Leib: der Juͤngling lernt gefallen, Lernt freyen Tanz und Spiel, in fremder Sprache lallen Und buhlen, eh er mannbar ist, Betruͤgen, die er kaum gekuͤßt, Und seinen Hals zu schlauen Tuͤcken Jm Joche weicher Sitten buͤcken. Z ur Ueppigkeit verwoͤhnt, wie kann er edel denken? Wie soll er sich, als Mann, zur strengen Tugend lenken? Und wird er, seiner Pflicht getreu, Jm Schoose fauler Schwelgerey, Nie mit erkauften Uebelthaten Des Vaterlandes Wohl verrathen? E ntkraͤftet vor der Zeit in Amors Myrthenstraͤuchen, Baut er die Nachwelt an mit Kindern, die ihm gleichen, An einer gleichen Gattinn Brust, Die sorglos, unter eitler Lust, Nur ihren Putz und Schooshund liebet, Und ihren Witz beym Spieltisch uͤbet. Aus Lyrische Gedichte A us bessrer Eltern Schoos entsprungen jene Helden, Von derer hellem Ruhm des Nachruhms Buͤcher melden, Die keinem Weltstrich unbekannt, Als Geisseln in des Schicksals Hand, An Rom, das feige Laster schwaͤchten, Der halben Erde Knechtschaft raͤchten: E in maͤnnliches Geschlecht, stark, alles zu ertragen, Gleich streitbar, wann der Suͤd, in traͤgen Sommertagen, Die Wuͤste Lybiens verließ; Und wann der alte Nordwind blies, Und seine furchtbarn Fluͤgel stuͤrmten, Die Schnee auf Schnee verderblich thuͤrmten. Z u welchem Wechsel ist der Voͤlker Gluͤck verdammet! Ein rauh verachtet Volk, das edler Muth entflammet, Macht sich der Erde fuͤrchterlich, Wird uͤppig und entkraͤftet sich, Und faͤllt, nach kurzgenossnem Gluͤcke, Schnell in sein erstes Nichts zuruͤcke. An Viertes Buch. An Herrn Baron von C**. D u, der des Adels Glanz mit schim̃erndem Verstande, Mit Musen und Geschmack vereint, Entreisse dich, o C**! edler Freund! Der Pleisse liederreichem Strande. J n jener hohen Burg, wo Epheuͤ an den Mauern Sein dauernd Gruͤn dir aufbewahrt, Erwarten dich nur Freuden aͤchter Art, Die nie vergruͤnen, immer dauern. H ier mahle die Natur, die nun, vom Lenz umkraͤnzet, Jn iedem Auftritt hier entzuͤckt, Und ungeschminkt, nur landhaft aufgeschmuͤckt, Doch in verschiednem Schmucke, glaͤnzet. W elch liebliches Gemisch von sonnenreichen Hoͤhen Und rauhbebuͤschter Thaͤler Nacht, Und gruͤner Saat und junger Bluhmen Pracht Und Baͤchen und bestrahlten Seen! D as Aug ist unbeschraͤnkt, die freyen Blicke fliegen Hoch uͤber furchtbarn Waͤldern hin, Und sehn erstaunt, mit angespanntem Sinn, Noch zwanzig Staͤdte duftig liegen. O Au- Lyrische Gedichte. O Aufenthalt der Lust fuͤr unverwoͤhnte Weisen! Der Musen liebster Aufenthalt, Wo aus der Flur der Lerchen Lied erschallt, Die ihre Schoͤpfung froͤhlig preisen! D ie guͤtige Natur verlangt nicht unsre Plagen: O ruhten wir an ihrer Brust, Und liessen ihr die Wahl der bessern Lust: Wie heiter floͤssen unsre Tage! D ie Freude, welche sie mit milder Hand bereitet, Reizt ungekauft, ermuͤdet nicht, Jst ruhig, rein, sanft, wie das Morgenlicht, Das uͤber frische Rosen gleitet. D ie Quellen wahrer Lust stehn allen Menschen offen: Vergnuͤgungen der Phantasie, Euch kaufen wir mit unvergoltner Muͤh: Wie tauͤscht ihr unser schmachtend Hoffen! P racht, Hoheit, Ruhm, die ihr vom Wahn geschmuͤ- cket, Den Sterblichen so blendend gleisst! Jhr saͤttigt nicht, weil ihr mit Rauche speist; Und flieht, indem ihr uns entzuͤcket. Em- Viertes Buch. Empfindungen An einem Fruͤhlings-Morgen. O welche frische Luft haucht vom bebuͤschten Huͤgel! Welch angenehmer West durchzieht Mit rauschendem bethauten Fluͤgel Dieß holde Thal, wo alles gruͤnt und bluͤht! H ier, wo die Grazien sich ihre Bluhmen hohlen, Hier seh ich, wie der Morgen lacht, Der unter duͤftenden Violen Und beym Gesang der Voͤgel aufgewacht. D as kleinste Graͤschen blitzt vom farbenreichẽ Thaue Wie himmlisch laͤchelt die Natur, Wohin ich um und bey mir schaue, Dort im Gestraͤuch und hier auf gruͤner Flur! D ie ganze Schoͤpfung zeugt von weiser Gute Haͤndẽ; Mit Schoͤnheit pranget unsre Welt. Muß nur der Mensch die Schoͤpfung schaͤnden, Der sich so gern fuͤr ihre Zierde haͤlt? Der Lyrische Gedichte D er Mensch darf sich nur sehn, damit er sich nicht bruͤste, Wie, an der Thorheit Brust gesaͤugt, Er sich im Taumel wilder Luͤste Bald laͤcherlich und bald abscheulich zeigt. U m Tand und Puppenwerk vertauscht er seine Rechte Zu glaͤnzender Unsterblichkeit, Erniedrigt sich und sein Geschlechte, Sucht kurze Lust und findet ewig Leid. E in denkendes Geschoͤpf kann so verderblich waͤhlen, Als waͤr es nur zum Thier bestimmt? Herrscht solche Blindheit uͤber Seelen, Jn welchen doch der Gottheit Funke glimmt? U msonst! weil dieser Strahl nur wenig Weisen funkelt! Er wird von Leidenschaft und Wahn Jn tausend Sterblichen verdunkelt, Oft eh er sich siegprangend kundgethan: W ie, wann die Sonne kaum dem Ocean entfliehet, Des dunkeln Mondes Zwischenlauf Jhr flammend Antlitz uns entziehet: Vor ihrem Thron steigt schwarzer Schatten auf. Die Viertes Buch. D ie Voͤgel hemmen schnell die angefangnen Lieder; Der halbverirrte Wandrer bebt, Jndeß mit schreckendem Gefieder Die fruͤhe Nacht um Erd und Himmel schwebt: B is Titans froher Blick, nach uͤberwundnen Schatten, Jtzt wieder unverfinstert strahlt, Und in den aufgehellten Matten Um Floren lacht und ihre Bluhmen mahlt. S o strahlet unser Geist, mit angebohrnem Lichte, Durch dicke Finsterniß hervor, Wenn vor der Weisheit Angesichte Die Nebel fliehn, worinn er sich verlohr. G eh auf mit vollem Tag, und herrsch’ in Glanz und Ehre, Und herrsch’, o Weisheit! unbegraͤnzt, Von einem bis zum andern Meere, Ja weiter noch, als unsre Sonne glaͤnzt! W ie lang soll Finsterniß den Erdkreiß uͤberziehen? Es muͤsse, wer im Schatten sitzt, Auf deine lichten Hoͤhen fliehen, Wo Klarheit uns in Aug und Seele blitzt! K Die Lyrische Gedichte D ie Seele, die alsdann kein aͤussrer Schmuck betruͤ- get, Dringt in das nackte Wesen ein, Und was bestaͤndig sie vergnuͤget, Muß edel, groß, muß ihrer wuͤrdig seyn. S ie suchet nicht ihr Gluͤck in schimmerreichen Buͤr- den, Jn Ehre, Gold und ekler Pracht, Nicht bey den thierischen Begierden, Durch die ein Geist sich Thieren aͤhnlich macht. S ie sucht und findet es in reiner Tugend Armen, Die sich fuͤr Andrer Wohl vergisst, Und, reich an goͤttlichem Erbarmen, Vom Himmel stammt, und selbst ein Himmel ist. Die Viertes Buch. Die Liebe. D a auf rauschendem Gefieder Zephyr uns den Fruͤhling bringt: So erwacht die Freude wieder; Alles lacht und scherzt und singt. Tanzt, o tanzet, junge Schoͤnen! Meiner sanften Leyer nach, Welche nie mit leichtern Toͤnen Unter meinen Haͤnden sprach. A lles fuͤhlet nun die Triebe, Die kein Herze stets verschwur: Alles ladet euch zur Liebe, Jugend, Fruͤhling und Natur. Wie bekannt wird euerm Ohre Nun die Stimme schlauer Lust! Und wie straubt im regen Flohre Sich die halbumflohrte Brust! K 2 Soll- Lyrische Gedichte S ollt ihr eine Wollust melden, Die den Weisen selbst bethoͤrt, Und mit Bildern trunkner Freuden Auch der Frommen Andacht stoͤrt? Duͤrft ihr die Natur verdammen? Jhr aufruͤhrisch widerstehn? Uns mit Liebe zu entflammen, Schoͤnen! wurdet ihr so schoͤn. L iebet, weil ihr lieben sollet! Fliehet Platons Unterricht! Wenn ihr niemals kuͤssen wollet, O so liebet lieber nicht. Weg mit Liebe, die nur denket, Und, voll Schul-Gelehrsamkeit, Stets im kalten Ernst versenket, Auch Begierden sich verbeut! A ls in jenen dunkeln Jahren Amor ganz platonisch hieß, Und ihm von bestaͤubten Haaren Keine Rose duͤftend blies: Flog er fern vom stillen Scherze, Bis zum Sirius hinauf, Und besorgte seine Kerze Schlechter, als der Sterne Lauf. Jhn Viertes Buch. J hn vom Himmel abzubringen, Da ihn Erd und Menschheit rief; Kuͤrztet ihr die stolzen Schwingen, Holde Nymphen! da er schlief. Da der Himmel ihm entgangen, Flattert nun der Gott der Lust Um die rosenvollen Wangen Und um iede Liljen-Brust. A ber wie an Fruͤhlings-Morgen, Einer jungen Rose Pracht, Wuͤrdig Zephyrs liebster Sorgen, Wuͤrdig aller Wuͤnsche, lacht; Die bis Titans niedrer Wagen Sich im Abend-Meer verliert, Welket und in kuͤnftgen Tagen Keine Blicke mehr verfuͤhrt: S o verbluͤhn mit kurzem Prangen Auch die Bluhmen unsrer Lust, Diese Rosen frischer Wagen, Diese Liljen einer Brust. Amor, fliehend, folgt der Jugend; Und es fesselt nur Verstand, Jn dem Schoose sanfter Tugend, Jhn durch ein begluͤcktes Band. K 3 Der Lyrische Gedichte Der Schaͤfer. A rkadien! sey mir gegruͤsst! Du Land begluͤckter Hirten, Wo unter unentweihten Myrthen Ein zaͤrtlich Herz allein noch ruͤhmlich ist! J ch will mit sanftem Hirtenstab Hier meine Schafe weiden. Hier, Liebe! schenke mir die Freuden, Die mir die Stadt, die stolze Stadt nicht gab. W ie schaͤfermaͤssig, wie getreu Will ich Climenen lieben, Bis meinen ehrfurchtvollen Trieben Jhr Mund erlaubt, daß ich ihr Schaͤfer sey! W elch suͤssem Traume geb ich Raum, Der mich zum Schaͤfer machet! Die traurige Vernunft erwachet: Das Herz traͤumt fort und liebet seinen Traum. Pa- Viertes Buch. Palinodie. L aßt ab von mir, ich will mich selbst verdammen; Gespenster! ach! die ihr mit Klauen draͤut, Um Graͤber spuͤkt und Kindern oder Ammen Am liebsten sichtbar seyd! J ch glaubte sonst: der Todte kommt nicht wieder; Ein eisern Band haͤlt seine Fuͤsse fest: Wo ist ein Grab, das die vermorschten Glieder Aus kalten Armen laͤßt? J m Grabe schlaͤft Ulyß, nach langen Reisen; Da schlaͤft Achill, nur lebend im Gedicht: Da kuͤmmern sich die Narren, wie die Weisen, Um andre Narren nicht. S o schwatzt Vernunft, die immer naͤrrschgewesen: Jch glaub indeß, was mein Balbier bezeuͤgt, Was wir im Faust und im Kalender lesen; Und kein Kalender leugt. K 4 Jch Lyrische Gedichte J ch glaube nun die klaͤgliche Geschichte Vom schwarzen Moͤnch, der naͤchtlich wachen muß; Den Hexen-Tanz und Marthens Nacht-Gesichte, Selbst Satans Pferdefuß. W as Aberglaub im Finstern ausgebruͤtet, Hoͤrt itzt mein Ohr, von banger Lust entzuͤckt, Seit uͤber mich der Hypochonder wuͤthet, Und mein Gehirn verruͤckt. D er Jugend Roth flieht meine blassen Wangen: Jch seh, erstaunt, mein schwarzes Haar gebleicht, Und welke Haut um meine Knochen hangen: Mein schwerer Odem keicht. J hr Larven, schont! verschont mein einsam Bette, Wo ich allein und ohne Maͤdchen bin! Was rasselt ihr mit nachgeschleppter Kette Vor meinen Ohren hin? W ill ein Gespenst bey meinem Bett erscheinen, So sey es Fleisch und faͤhig schlauer Lust, (Versteht mich recht!) mit runden weissen Beinen Und einer weissen Brust. An Viertes Buch. An die Scherze. W o seyd ihr hin, ihr schlauen Scherze? Vermiß ich euch mit fruͤhem Schmerze, Noch ehe mich die Jugend flieht? Die ihr muthwillig um mich schwebtet, Und oft mein leichtgefluͤgelt Lied Mit schalkhaftmunterm Witz belebtet! S eht hier die vollen Glaͤser blinken! Wie? meine Muse sieht mich trinken, Und schlummert unermuntert ein? Winkt Bacchus euerm stolzen Schwarme Umsonst mit feuervollem Wein Und in der Freundschaft holdem Arme? U msonst! wenn Amor euch verlanget, Der immer an Cytheren hanget! Seyd ihr auf ieden Wink bereit: Und alle Grazien begleiten Den Gott begluͤckter Zaͤrtlichkeit, Und Freude flattert ihm zur Seiten. K 5 Bey Lyrische Gedichte B ey mit wird iede Mufe wilde: Wir irren einsam durch Gefilde, Durch Waͤlder, die der Herbst entlaubt; Und scheinen, wenn durch oͤde Gruͤnde Der greise Nord verheerend schnaubt, Noch rauher, als die rauhen Winde. D a preis’ ich ruhiges Ergetzen: Kein Wunsch nach aufgehaͤuften Schaͤtzen Ermuͤde, sing ich, meine Nacht! Mein freyes Herz trotz’ unbesieget Dem Ehrgeiz, der nur Sklaven macht, Und seine Sklaven stets betruͤget! O moͤchte zwischen Wald und Straͤuchen Mein Leben still voruͤber schleichen, Wie jener Bach geruhig fleusst! Wo in den Thaͤlern, in den Triften Sich seine milde Fluth ergeusst, Lacht fetter Klee und Bluhmen duͤften. V erfliesst, ihr Tage meines Lebens, Zwar unbemerkt, nur nicht vergebens Fuͤr meiner Mitgeschoͤpfe Gluͤck! So mag von mir die Nachwelt schweigen! So sey ein glaͤnzendes Geschick Dem gluͤcklichkuͤhnen Laster eigen! Die Viertes Buch. Die ruhige Unschuld. E in Strahl der Froͤhligkeit Erheitert meine Stirn auch in der boͤsen Zeit, Jndeß aus grauenvollen Buͤschen Voll ungetreuer Dunkelheit, Die Nattern der Verlaͤumdung zischen. S ie lauert fuͤrchterlich, Still, wie die Mitternacht: ihr Koͤcher leeret sich Von Pfeilen, die verderblich gluͤhen, Und ihre Funken rings um mich, Entzuͤndet in der Hoͤlle, spruͤhen. Z u meinem Schutze flammt Der Unschuld feurig Schild! ich werd umsonst verdammt: Die Tugend hat mich losgesprochen, Da Schmaͤhsucht, die vom Neide stammt, Mir tuͤckischfluͤsternd nachgekrochen. E s faͤllt des Laͤstrers Zahn Des Weisen Schaͤtze nicht, nur seine Puppen an, Die Puppen unsrer Kinderjahre, Verdraͤngt uns auf der Ehre Bahn, Und nagt am Lorbeer unsrer Haare. Jch Lyrische Gedichte J ch schwing an deiner Hand, O Weisheit! mich empor, hoch uͤber stolzen Tand, Und kurzen Sonnenschein des Gluͤckes, Und seiner Freuden Unbestand, Nur Freuden eines Augenblickes. E s bruͤllt aus dicker Nacht Der Donner unter mir, indeß mir Titan lacht, Und reine Luͤfte mich umwehen, Und uͤber giftigen Verdacht Und niedre Schmaͤhsucht mich erhoͤhen. H och in den Wolken fleugt Der Adler, wo ein Blick ihm ferne Raben zeigt, Die sich beym Aas geschwaͤtzig freuen: Der koͤnigliche Vogel schweigt, Und laͤßt die traͤgen Thiere schreyen. Theo- Viertes Buch. Theodicee. M it sonnenrothem Angesichte Flieg ich zur Gottheit auf! Ein Strahl von ih- rem Lichte Glaͤnzt auf mein Saitenspiel, das nie erhabner klang. Durch welche Toͤne waͤlzt mein heiliger Gesang, Wie eine Fluth von furchtbarn Klippen, Sich stroͤmend fort und braust von meinen Lippen! J ch will die Spoͤtter niederschlagen, Die vor dem Unverstand, o Schoͤpfer! dich verklagen: Die Welt verkuͤndige der hoͤhern Weisheit Ruhm! Es oͤffnet Leibnitz mir des Schicksals Heiligthum; Und Licht bezeichnet seine Pfade, Wie Titans Weg vom oͤstlichen Gestade. D ie dicke Finsterniß entweiche, Die aus dem Acheron, vom stygischen Gestraͤuche Mit kaltem Grausen sich auf meinem Wege haͤuft, Wo stolzer Thoren Schwarm in wilder Jrre laͤuft, Und auch der Weise furchtsam schreitet, Oft stille steht und oft gefaͤhrlich gleitet. Die Lyrische Gedichte D ie Risse liegen aufgeschlagen, Die, als die Gottheit schuf, vor ihrem Auge lagen: Das Reich des Moͤglichen steigt aus gewohnter Nacht. Die Welt veraͤndert sich, mit immer neuer Pracht, Nach tausend lockenden Entwuͤrfen, Die eines Winks zu schnellem Seyn beduͤrfen. D er Sextus einer bessern Erden Zwingt nicht Lucretien, durch Selbstmord groß zu werden: An keinem Dolche starrt ihr unbeflecktes Blut. Das leichenvolle Rom, der Schauplatz feiger Wuth Und viehischer Domitiane, Herrscht unverheert in einem schoͤnern Plane. D och Daͤmmerung und kalte Schatten Gehn uͤber Welten auf, die mich entzuͤcket hatten: Der Schoͤpfer waͤhlt sie nicht! Er waͤhlet unsre Welt, Der Ungeheuer Sitz, die, Helden beygesellt, Jn ewigen Geschichten strahlen, Der Menschheit Schmach, das Werkzeug ihrer Qualen. Eh Viertes Buch. E h ihn die Morgensterne lobten, Und auf sein schaffend Wort des Chaos Tiefen tobten, Erkohr der Weiseste den ausgefuͤhrten Plan: Und wider seine Wahl will unser Maulwurfs-Wahn Jn stolzer Blindheit Recht behalten, Und eine Welt im Schoos der Nacht verwalten? V on welcher Sonne lichtem Strahle Weicht meine Finsterniß! Wie, wann aus feuchtem Thale Der fruͤhe Wandersmann auf hohe Berge dringt, Schnell eine neue Welt vor seinem Aug entspringt, Und Reiz die grosse Weite zieret, Wo sich der Blick voll reger Lust verlieret: D enn Fluren, die von Bluhmen duͤften, Gefilde voll Gesangs und heerdenvolle Triften, Und hier crystallne Fluth, vom gruͤnen Wald umkraͤnzt, Dort ferner Thuͤrme Gold, das durch die Wolken glaͤnzt, Begegnen ihm, wohin er blicket: So wird mein Geist auf seinem Flug entzuͤcket. Jch Lyrische Gedichte J ch habe mich empor geschwungen! Wie groß wird mir die Welt! die Erde flieht verschlungen: Sie macht nicht mehr allein die ganze Schoͤpfung aus! Welch kleines Theil der Welt ist Rheens finstres Haus! Und, Menschen! welche kleine Heerde Seyd ihr nur erst auf dieser kleinen Erde! G oͤnnt gleiches Recht auf unserm Balle Geschoͤpfen andrer Art! Jhr Schoͤpfer liebt sie alle: Die Weisheit selbst entwarf der kleinsten Fliege Gluͤck. Jhr Schicksal ist bestimmt so gut, als Roms Geschick Und als das Leben einer Sonne, Die glaͤnzend herrscht in Gegenden der Wonne. S eht, wie in ungemessner Ferne Orion und sein Heer, ein Heer bewohnter Sterne, Vor seinem Schoͤpfer sich in lichter Ordnung draͤngt. Er sieht, er sieht allein, wie Sonn an Sonne haͤngt, Und wie zum Wohl oft ganzer Welten Ein Uebel dient, das wir im Staube schelten Er Viertes Buch. E r sieht mit heiligem Vergnuͤgen Auf unsrer Erde selbst sich alle Theile fuͤgen, Und Ordnung uͤberall, auch wo die Tugend weint: Und findet, wann sein Blick, was boͤs’ und finster scheint, Jm Schimmer seiner Folgen siehet, Daß, was geschieht, aufs beste stets geschiehet. E s leide mit gepriesnem Muthe Die Gattinn Collatins! Es keimt aus ihrem Blute Die Freyheit eines Volks, die einst Catone zeugt: Bis kuͤhne Tyranney, vom Laster groß gesaͤugt, Die spaͤtverlassne Tugend raͤchet, Und Rom durch Rom bestraft und strafend schwaͤchet. E ntkraͤftet in verdienten Ketten, Wie soll sich Latium vor fremdem Joche retten? Sieh! das entmannte Rom verfaͤllt in Schutt und Graus. Der kalte Norden speyt ein Volk der Wilden aus, Das durchs Verhaͤngniß uͤberwindet, Jm Finstern saß und Licht und Wahrheit findet. L Die Lyrische Gedichte D ie ihr ein Stuͤck vom Ganzen trennet, Vom Ganzen, das ihr bloß nach euerm Winkel kennet; Verwegen tadelt ihr, was Weise nicht verstehn. O koͤnnten wir die Welt im Ganzen uͤbersehn, Wie wuͤrden sich die dunkeln Flecken Vor unserm Blick in groͤssern Glanz verstecken! S oll Welten alles Boͤse fehlen? So musste nie den Staub der Gottheit Hauch beseelen; Denn alles Boͤse quillt bloß aus des Menschen Brust: So muß der Mensch nicht seyn: welch groͤsserer Verlust! Die ganze Schoͤpfung wuͤrde trauern, Die Tugend fliehn und ihren Freund bedauern. J hr Weisen! haͤttet nie entzuͤcket, Die ihr die Schoͤpfung mehr, als hundert Sonnen, schmuͤcket, Und Ordnung herrschte nicht im Reiche der Natur, Die niemals fluͤchtig springt, und stuffenweise nur Auf ihrer guͤldnen Leiter steiget, Wo sich der Mensch auf mittlern Sprossen zeiget. Vorm Viertes Buch. V om Wurme, der voll groͤssrer Maͤngel Auf schwarzer Erde kreucht, und vom erhabnen Engel Sind Menschen gleich entfernt, und beyden gleich verwandt. Jhr freyer Wille fehlt, ihr himmlischer Verstand Entflieget nie der engen Sphaͤre: Stets fesselt ihn des Leibes traͤge Schwere. E s rauschen laute Spoͤttereyen Um mein verachtend Ohr: viel stolze Klugen schreyen Dem armen Sterblichen des Willens Freyheit ab. Die Sklaven! welche das, was weise Guͤte gab, Der Menschheit Vorrecht, nicht erkennen, Und, gleich dem Vieh, sich dessen unwerth nennen! V erzaͤrtelt eure Leidenschaften; So herrschen sie zuletzt: sie bleiben ewig haften; Ein diamantnes Band knuͤpft sie an euer Herz. Der freygeborne Geist erblickt, nicht ohne Schmerz, Sich endlich in verjaͤhrten Banden, Und ist ein Knecht, weil er nicht wiederstanden. L 2 Jn Lyrische Gedichte J n allen Ordnungen der Dinge, Die Gott als moͤglich sah, war Menschenwitz geringe: Der Mensch war immer Mensch, voll Unvollkommenheit. Durch Tugend soll er sich aus dunkler Niedrigkeit Zu einem hoͤhern Glanz erheben, Unsterblich seyn, nach einem kurzen Leben. M ein Schicksal wird nur angefangen, Hier, wo das Leben mir in Daͤmmrung aufgegangen: Mein Geist bereitet sich zu lichtern Tagen vor, Und murrt nicht wider den, der mich zum Staub erkohr, Mich aber auch im Staube liebet, Und hoͤhern Rang nicht weigert, nur verschiebet. Sieg Sieg des Liebesgottes. Ein Gedicht. E rstes B uch. J ch will den Liebesgott und seinen Sieg besingen: O lorbeernwerther Sieg! Selinden zu be- zwingen, War Stutzern zwar zn schwer, zu groß ihr Widerstand: Umsonst! sie ward besiegt, und Amor uͤberwand. Es muͤsse dieses Lied kein rauher Ton entehren! Doch wer von Liebe singt, den muß die Liebe lehren. Begeistre du mich selbst, o Goͤttinn schlauer List, Die du der Grazien, wie Amors Mutter bist! Entflammt mich deine Glut, so wird mein Lied gefallen; So wird mein ewig Lied um Paphos wiederschallen. Vergnuͤgt mein Saitenspiel, ihr Schoͤnen! euer Ohr: So zieh ich diesen Ruhm zehn Lorbeerkraͤnzen vor. Es war die heisse Zeit, und Luft und Erde gluͤhten; Es lechzte duͤrres Gras, wo juͤngst Violen bluͤhten; Die Aue war verbrannt und Sirius erwacht, Der manch Gehirn verruͤckt, manch neuen Dichter macht. Kein Amor zeigte sich: er war mit schlaffem Bogen, Verdrossen, unbelebt, nach Paphos hingeflogen. L 4 Dort Sieg des Liebesgottes Dort rauscht von holdem West ein ihm geweihter Wald, Der Freuden Sammelplatz, der Wollust Aufenthalt. Mit Lust verirrt man sich in dichtverwachsnen Gaͤngen, Wo in geheimer Nacht sich Myrth und Lorbeer draͤngen. Auf allen Seiten lockt die suͤsse Nachtigall: Hier murmelt nur ein Bach, dort braust ein Wasserfall. Die weißbeschauͤmte Fluth stuͤrzt von bebuͤschten Huͤgeln, Und wird ein stiller See, in dem sich Bluhmen spiegeln. Der weichen Rasen Gruͤn, der Buͤsche Dunkelheit Und alles reizet hier verbuhlte Zaͤrtlichkeit. Das stumme Schweigen stund vor diesem Goͤtterhayne, Der, allzeit anmuthvoll beym schwuͤlsten Sonnenscheine, Nun unter kuͤhlem Laub den Liebesgott empfieng, Um dessen heisse Stirn die matte Rose hieng. Hier gaukelten um ihn in jugendlichen Reihen Der Scherze reger Schwarm, die sanften Schmeicheleyen, Die leichte Hoffnung selbst, verhuͤllt in duͤnnem Flohr, Betrug und Luͤsternheit und Amors ganzes Chor. Es mischte sich verwirrt in ihre Lustbarkeiten Der Stimmen Zauberton, die Anmuth reiner Saiten. Aus euerm schoͤnen Mund, ihr Grazien! erklang Manch Lied Anakreons, manch sapphischer Gesang. O sagt, (euch ists bewust,) was Amors Ruhe stoͤrte, Der in der Wollust Schoos auf eure Lieder hoͤrte? Rief diesen Gott ein Schmaus, den ihm Lyaͤus gab, Ein feyerlicher Tanz, zu Cyperns Nymphen ab? Nein! Ein Gedicht. Nein! Zephyr hatte nun was groͤssers vorzutragen. Man weis ja Zephyrs Dienst: er traͤgt verliebte Klagen Dem Liebesgotte vor: ein muͤhevolles Amt, Zu welcher Sklaverey die Dichter ihn verdammt! Er flog halb athemlos vor Amors Antlitz nieder, Und stund und schuͤttelte sein thauendes Gefieder. Die Buͤsche flisterten den Lippen Zephyrs nach, Der Bluhmenduͤfte blies und lispelnd also sprach: Dorante sendet mich; wie lange soll er leiden? Du bist ihm ein Tyrann, kein Gott gewuͤnschter Freuden. Jch liebe, sprach er heut, und saß beym fruͤhen Thee, Jm Schlafrock eingehuͤllt, auf einem Canapee. Jch liebe! fuhr er fort; wie rein sind meine Triebe! Zu redlich ist vielleicht, zu standhaft meine Liebe, Nicht wie der Stutzer liebt, der niemals zaͤrtlich ist, Und sich fuͤr zaͤrtlich haͤlt, bloß weil er gerne kuͤßt. Der Sommer kam und wich, eh ich Selinden sagte, Was doch mein stilles Ach! ihr oͤfters furchtsam klagte: Und seit mein kuͤhnrer Mund um spaͤtes Mitleid bat, Reift nun zum andernmal der Felder bleiche Saat. Wie oft hat in der Zeit die Hoffnung mich betrogen! Die heute mich verschmaͤht, schien gestern mir gewogen. Wie oft hat nur ein Blick, ein Druck der schoͤnen Hand Jhr mein empoͤrtes Herz aufs neue zugewandt! Doch sah ich sie vielleicht, nach dreyen Augenblicken, Auf andre schmachtend sehn, auch andrer Haͤnde druͤcken. Wer fuͤr Selinden seufzt, wird niemals abgeschreckt; Und schlummert Amor ein, so wird er aufgeweckt. L 5 O Lie- Sieg des Liebesgottes. O Liebe! duldest du so sehr getheilte Flammen? Muß nicht Selinde selbst ihr zweiflend Herz verdammen? Sie liebet mich vielleicht: vielleicht betaͤubet nur Der Mode Tyranney die Stimme der Natur. Jch soll bey Lesbien sie heut im Garten sehen: Begleite mich dahin, mir huͤlfreich beyzustehen. Wenn etwas ruͤhren kann, so ruͤhre sie mein Schmerz, Mein Herz voll Zaͤrtlichkeit, mein ehrfurchtvolles Herz! Als Zephyr ausgeredt, entwich er ins Gestraͤuche. Dorante kennt nicht sehr die artigen Gebraͤuche, Sprach Amor: Ehrfurcht macht ihn schwerlich liebenswerth: Nicht allzu zaͤrtlich sey, wer Gegengunst begehrt. Jhn liebt Selinde nicht; sie liebt allein Selinden: Doch heute soll ihr Herz bey Lesbien mich finden. Es fall ihr alter Trotz zu meinen Fuͤssen hin, Wofern ich was ich war, wofern ich Amor bin! Er schwieg und wollte fliehn, voll muthiger Entschluͤsse: Die Wollust widersprach durch schlauberedte Kuͤsse; Und ihr entbloͤßter Arm, dem Schnee an Weisse wich, Hieng um des Gottes Hals, und widersetzte sich. Du reisest? seufzte sie, und wie? trotz wilder Hitze, Nach Deutschlands Wuͤsteney, nach dummer Gothen Sitze? Ein Franzmann machte mir dieß rauhe Volk bekannt: Dort fesselt ewig Eis die Herzen, wie das Land. Du suchest Palmen dort, wo ich nur Barbarn sehe? Man weis von Liebe nichts, man weis nur von der Ehe: Da ist ein Ehverspruch ein haͤuslicher Vertrag, Der nur die Nachwelt pflanzt, nur suͤss’ auf einen Tag. Soll Ein Gedicht. Soll eine Heirath dich von meiner Seite trennen? Der traͤge Hymen mag den Garten einst benennen, An dessen treuer Brust Selinde gaͤhnen soll, Von deren Reiz bisher so manch Sonnett erscholl! Ein himmlisch Laͤcheln strahlt in Amors Angesichte, Jndem die Wollust sprach, betrogen vom Geruͤchte. Er spricht: was du gesagt, mag wahr gewesen seyn; Doch, Freundinn! dein Bericht trift heute nicht mehr ein. Dem Gallier hat stets dein willig Ohr geglaubet, Der dir den Weihrauch brennt, den er der Liebe raubet; Dem alles, wo nicht ganz, doch halb barbarisch duͤnkt, Was nicht mit erster Luft die bessre Seine trinkt. Die Deutschen sind nicht mehr die rohen Alemannen, Die nur auf Jagd und Krieg in armen Huͤtten sannen; Die liebten, (lache nicht und hoͤre noch ein Wort!) Zwar nicht, wie in Paris, doch redlicher, als dort. Sie haben nun gelernt, ihr Vaterland verlernen, Und mit dem starren Bart auch die Natur entfernen. Nun modelt Frankreichs Witz das weite deutsche Reich: Es wird ein maͤnnlich Volk den Sybariten gleich. Durch Stutzer fuͤhrt es Krieg, durch Stutzer macht es Friedẽ, Stellt Stutzer zum Altar statt baͤrtiger Druiden. Tracht, Witz und Sprache hohlt sich Deutschland aus Paris, Das Fremde fuͤr ihr Geld stets willig unterwies. Ein Volk, das uͤberall, was Frankreich vorgeschrieben, Als ein Gesetz befolgt, wird auch franzoͤsisch lieben: Das ist, nur obenhin, von Zwang und Ehrfurcht frey, Stets lebhaft, ungestuͤm und immer ungetreu. Auch Sieg des Liebesgottes Auch Deutsche lieben so, entbrannt von edlem Neide: Sie sind ganz umgewandt; man sieht nur seine Freude. Die Dichtkunst nehm ich aus, die unvollkommner bleibt: Halb Deutschland liest entzuͤckt, was ieder Knabe schreibt. Einst flog ich durch ein Thal, in dessen frischen Schatten Die Knaben einer Trift sich hingelagert hatten. Sie spielten, und ihr Spiel hieß das Poetenspiel: Der Nahme war mir neu, der Nahme selbst gefiel. Hans trat wie rasend auf, und sang in wilder Ode, Mit einem rauhen Ton, ein Spruͤchelchen vom Tode; Und pries den weisen Mann, der schlau die Sorgen schwaͤcht, Und, im betrunknen Gras sanft hingegossen, zecht. Schalkhafte Scherze ließ der dicke Kunz erschallen: Jch haͤtte fast geweint; er durfte nichts, als lallen. So lallt ein jaͤhrig Kind mit kindisch reger Lust, Bey einem Zucker-Brot, an seiner Mutter Brust. Kaum lallte Matz, wie er, und sang doch von der Liebe! Ach! Hanne! rief er aus; sieh, wie ich mich betruͤbe! Jn Thraͤnen bad ich mich, indem ich deinen Kuß, Dein seelenvolles Aug abwesend missen muß. Du haͤttest sollen sehn, wie Matz mit seinen Thraͤnen Die Dichterprobe hielt! wir mußten alle gaͤhnen. Wie hat durchs Hirtenlied des Hirten Sohn entzuͤckt, Der seines Vaters Ton vollkommen ausgedruͤckt! Ein deutscher Schaͤfer nur kann, wie der Junge, spassen: Goͤrgs Lustspiel selbst mußt ihm der Schwaͤnke Vorzug lassẽ. Zuletzt erzehlte Mops, mit Pappeln um sein Haupt, Wie Muthe, da er schlief, ihm seinen Hut geraubt. Mehr Ein Gedicht. Mehr Sylphen dienten ihm, als zwanzig Hexenmeistern, Als einem Gabalis; es spuͤckte recht von Geistern. Jch lacht und eilte fort; und kaum verfloß ein Jahr, Als alles nett gedruckt und schnell verkaufet war. Zu lange saͤum ich mich, da Lorbeern meiner warten: O Goͤttinn, lebe wohl! ich eile nach dem Garten. So sprach er und verließ der Wollust weichen Schoos; Mit Muͤhe riß er sich von ihren Kuͤssen los: Wie Hektor in den Streit aus Priams Mauern eilte; Und wann Andromacha in seinem Arm verweilte, Sich ohne Wehmuth nicht, doch als ein Held, entzog, Und von geliebter Brust dem Sieg entgegen flog. Der volle Koͤcher schwirrt um Amors nackte Lenden; Sein guͤldner Bogen droht in sieggewohnten Haͤnden. Nun schwingt er sich empor: auf sein gebiethend Wort Rauscht sein Gefolg mit ihm aus Cyperns Buͤschen fort. Jndessen rings um ihn gelinde Weste spielen, Und die erhitzte Luft mit ihren Fluͤgeln kuͤhlen; Entbrennt, wo Amor fliegt, in ungewohnter Glut, Das Herz der Sterblichen und alt und junges Blut. Die Seufzer steigen auf, mit Klagen uͤber Wunden Und Schwuͤren steter Treu, die in der Luft verschwunden. Des Gottes Ungeduld und blitzgeschwinden Lauf Hemmt kein gemeiner Sieg: er sucht Selinden auf. Zwey- Sieg des Liebesgottes. Zweytes Buch. J ndeß prangt Lesbia in ihren kuͤhlen Zimmern, Die nach dem Garten sehn und reichbekleidet schim- mern. Daselbst versammeln sich, indem der Coffee winkt, Die Artigsten der Stadt und wer sich artig duͤnkt. Von allen Lippen rauscht ein fliessend Wortgepraͤnge: Die Neugier schleicht herum im laͤrmenden Gedraͤnge, Und starrt mit gleicher Lust bald glaͤnzend Porcellan, Bald einen jungen Herrn und bald ein Moͤpschen an. Die Wirthinn geht und koͤmmt; und all ihr Thun belebet Der freyen Sitten Reiz, die unsre Zeit erhebet. Wer nennt so oft, wie sie, Paris und große Welt, Und mahlt mit hoͤherm Roth verbluͤhter Wangen Feld? Doch, Muse! steige selbst von deinem steilen Huͤgel: Crispin fliegt immer hoch; ich schone meine Fluͤgel. Steig auch einmal herab, und sage mir getreu, Was diesen Tag geschehn, wer hier gewesen sey. Die stille Galathee, die Spielerinn Chlorinde, Nebst Chloen, die ich stets bey ihrer Mutter finde; Die fromme Dorilis, die ihren Ehmann plagt, Und bis er mit ihr singt, ihm ihren Kuß versagt: Und andre mehr sind hier, wovon die Muse schweiget, Weil sich Selinde selbst im hoͤhern Reize zeiget. Wie Ein Gedicht. Wie strahlt die weisse Haut! der blauen Augen Scherz, Der feuervolle Blick verraͤth ein loses Herz. Der schlanken Glieder Bau, durch Grazien geschmuͤcket, Der anmuthvolle Gang, die Stimme selbst entzuͤcket. Der Schultern Marmor glaͤnzt zu aller Augen Lust, Und unverborgen hebt sich ihre volle Brust. Denn was die alte Welt in dreyfach Tuch verstecket, Hat unsre kluͤgre Zeit den Kennern aufgedecket. Die Schoͤnen gehn halbnackt: o angenehme Zeit! Wer sieht so schoͤnes Fleisch nicht lieber, als ein Kleid? Wie kann ein Stutzer-Herz sich vor Selinden retten? Sie laͤchelt ieden an, man hofft nur leichte Ketten. Jhr gaukelt alles zu, was wohl zu leben weis: Sie scheinet lauter Glut, und bleibet lauter Eis. Dorante hangt entzuͤckt an seiner Goͤttinn Augen, Und will Unsterblichkeit aus ihren Blicken saugen, Und will auf ihrer Stirn, wo selten Wolken stehn, Des Himmels Wiederschein, platonisch zaͤrtlich, sehn. So denkt nicht Ganymed aus der Erobrer Orden; Nicht Mokles, welcher doch Magister juͤngst geworden; Gewiß auch nicht Cleanth, der zum Scribenten reift, Bald dieß, bald jenes Bein tiefsinnig hebt und pfeift. So denkt nicht Selimor: sein Kleid und seine Sitten Sind nach der besten Art franzoͤsisch zugeschnitten, Und einem Herrn gemaͤß, der Gallien betrat, Und erst beym letzten Schnee die große Reise that. Er buhlt, er spielt, er flucht, nimmt Spaniol und lachet: Ein Held in allem dem, was Frankreich artig machet, Der Sieg des Liebesgottes Der uͤber Schoͤnen leicht, auch ohne Liebe, siegt, Bey Zehnen zaͤrtlich ist, sie alle Zehn betruͤgt. Der stolze Selimor erblickte kaum Selinden, Sogleich entschloß er sich, auch sie zu uͤberwinden. Sein Herz verbarg sich nicht, auch vor der Lesbia, Die ihn doch gestern erst zu ihren Fuͤssen sah. Er dacht auf neuen Sieg, bey diesem Freudenfeste, Und seufzte kriegerisch zu seiner liebsten Weste. Sie stammt’ aus Lyon her, von Golde starrt’ ihr Grund, Worauf in buntem Flor ein ganzer Fruͤhling stund. Er neigte sich zu ihr in Demuth bis zur Erde, Und redete sie an, wie Hecktor seine Pferde. Nun, sprach er, ist es Zeit, o Wunder kluger Kunst! Beweise, was du kannst, sey wuͤrdig meiner Gunst! Heut ist Gelegenheit, die Liebe zu belohnen, Da ich dich hoͤher hielt, als Wissenschaft und Kronen. Jch theilte stets mit dir der Lorbeern suͤsse Last, Die bey den Schoͤnen du fuͤr mich erkaͤmpfet hast. Selinde scheint mir schoͤn: wird sie mich lieben muͤssen, So werd ich oͤfter dich, als ihre Lippen kuͤssen; Und wann der Mode Stolz dich nicht mehr leiden kann, So weis ich deinen Platz bey Orpheus Leyer an. So sprach er und besah die Baukunst seiner Locken, Und fuͤhlte seinen Werth und ward so unerschrocken, Als unter Feinde sich der feige Neger draͤngt, Wann ihm des Priesters Hand geweiht Papier umhaͤngt. Zum Teufel! faͤngt er an; ich liebe ja zum Rasen! Selinde! weil Sie selbst mein Feuer aufgeblasen, So Ein Gedicht. So lieben Sie mich bald: welch langer Widerstand! Der Held bemaͤchtigt sich der liljenweissen Hand: Er kuͤßt sie zwanzigmal und feufzt bey dreistem Scherze: Wer liebt so ehrfurchtvoll? wie zaͤrtlich ist mein Herze! Drauf seufzt er noch einmal, und flattert singend fort, Und flattert wieder her an seinen alten Ort. Dorante girrt indeß, gleich einem Turteltaͤuber: Doch jener fordert kuͤhn, fast wie ein Strassenraͤuber, Der, wann die Finsterniß die traͤgen Fluͤgel schwingt, Des bangen Wandrers Geld mit bloßem Stahl erzwingt. Selinde saß voll Ruh und uͤbersah im Streite Die Scenen eines Kriegs, der ihrem Herzen draͤute Und flammte selbst ihn an und wich und bebte nicht, Und wies dem schwersten Sturm ein laͤchelnd Angesicht: Das erhabene Gleichniß, welches hier parodiret wird stehet in Addisons Campaign, einem Gedichte auf den Sieg bey Hoͤchstaͤdt. Wie unter schwarzer Nacht und heischrer Donner Bruͤllen Der Cherub Addisons, sein Strafamt zu erfuͤllen, Mit himmlisch heitrer Stirn dem wilden Sturm gebeut, Auf Wirbelwinden schwebt und rothe Blitze streut. So sah die Heldinn aus, die unbeschaͤdigt lachte, Da uͤber ihrem Haupt ihr treuer Schutzgeist wachte. Den angenehmen Geist beseelt ein Frauensinn: Er schielt nach seinem Reiz in alle Spiegel hin. Um seine Schultern rauscht ein purpurnes Gefieder, Und frey und offen fließt um seine leichten Glieder M Ein Sieg des Liebesgottes Ein schimmerndes Gewand, das alle Farben strahlt, Die frischgefallner Thau auf bunte Wiesen mahlt. Er liebt Geraͤusch und Putz, und seine Locken wallen, Die, duͤftend von Jesmin, unaufgebunden fallen. Es flammt sein guͤldner Schild, auf dem in voller Pracht Die Rose buhlerisch zehn Schmetterlingen lacht. Nun hieng sein suͤsser Mund am Ohre seiner Schoͤnen, Ward bloß von ihr gehoͤrt und sprach mit sanften Toͤnen: Sieh, Schoͤnste, deinen Sieg! der Stutzer Auge starrt; Und keine Schoͤnheit gilt in deiner Gegenwart. Dein Joch komm’ heute noch auf alle diese Seelen! Kann doch selbst Selimor sein Feuer nicht verhehlen. Er liegt vor dir, besiegt, der allzeit Sieger war: Und sieh, welch glaͤnzend Kleid! wie lockigt ist sein Haar! Dorante muß indeß nicht ganz versaͤumet werden: Mit gleicher Ehrfurcht liebt kein Sterblicher auf Erden. Sein edles Herz erzwingt den Beyfall aller Welt; Er werde hochgeschaͤtzt; doch Selimor gefaͤllt. Erhalte sie durch Huld; erklaͤre dich fuͤr keinen: So sind sie beede dein; doch du verlierest Einen, Wann dein erweichtes Herz dem andern sich ergiebt, Und buͤrgerlich nur ihn mit kalter Treue liebt. Verfolge deinen Sieg, erhitze die Begierden Durch unbemerkte Kunst und schlau verrathne Zierden. Ruht ein so schoͤner Arm, durch Brabants Fleiß verhuͤllt? Er zeige sich entbloͤßt und weis auf iedes Bild! Vortrefflich! sieh umher! der Stutzer Wangen gluͤhen. Der Schoͤnen Auge will veraͤchtlich vor dir fliehen: Doch Ein Gedicht. Doch ihr zerstreuter Blick gesteht Verdruß und Neid; Und alles huldigt hier nur deiner Goͤttlichkeit. Wenn ein Verehrer-Schwarm dein stolzes Herz begluͤcket; Wenn ihrer Lippen Ach! dein luͤstern Ohr entzuͤcket, Und neuer Siege Ruhm, Selinde! dich vergnuͤgt: So siege, weil du kannst, und werde nie besiegt. So sprach der schlaue Geist, dem auch Selinde glaubte, Jhr eigen Herz behielt und andrer Herzen raubte. Bald matt, bald feurig flog ihr unterwiesner Blick Auf Sieg begierig aus und siegreich stets zuruͤck. Der muntre Selimor betaͤubt sie nicht mit Klagen: Er hat auch Lesbien und allen was zu sagen; Und wann er gnug geschwatzt, so trillert iedem Ohr Sein liederreicher Hals ein Gassenliedchen vor. Er wuͤrzet sein Gespraͤch mit klugerlerntem Spotte, Scherzt bald mit seinem Hund und bald mit seinem Gotte. Denn welcher junger Herr, der nach Paris gereist, Stellt keinen Witzling vor, spielt keinen starken Geist? Die Freude lachte laut an diesem schoͤnen Orte; Ein guter Nahme starb von iedem ihrer Worte: Man setzte sich zum Spiel, man gaͤhnte, man betrog, Bis Amor ins Gemach durchs offne Fenster flog. Er wurde nicht gesehn, er wurde nur empfunden: O welche Regungen, welch sanft Gezisch entstunden! Man sah, wohin man sah, verstohlner Blicke Lauf, Und schnelle Roͤthe gieng in iedem Antlitz auf. Selinde schien bewegt; ihr sichres Herz erbebte Von Amors Gegenwart, der ihr so nahe schwebte. M 2 Jhr Sieg des Liebesgottes Jhr Schutzgeist aber warf sein trotzig Haupt empor, Und setzte seinen Schild den Pfeilen Amors vor. Welch unertraͤglich Bild! ein Liebesgott mit Pfeilen, Die mit verwegnem Flug auf schoͤne Busen eilen! Die alte Ruͤstung weg! wer wird so griechisch gehn? Allein die Muse sagts: die hat ihn doch gesehn. Sie hat mit angeschaut, wie seine Pfeile flogen, Geschnitzt aus leichtem Buchs: verguͤldet war der Bogen; Und haͤtte sie nur Zeit, stets mahlerisch zu seyn: So sagte sie uns mehr; wir schliefen aber ein. Sie sah den guͤldnen Schild vor ihren Augen blitzen: Die Pfeile prallten ab mit umgebognen Spitzen. O welch verfluchter Geist! rief Amor voller Wuth; Geist naͤrrscher Eitelkeit, Veraͤchter suͤsser Glut! Soll sich Selinde nie zu ihrem Heil entschließen, Nur immer sieghaft seyn und keinen Sieg genießen? Und lernt sie nicht verstehn, wie schnell die Zeit verfliegt? Wie schnell die Schoͤnheit welkt und wenig Jahre siegt? Wird, immer unruhvoll, sie nur Begierden fuͤhlen, Die iedes Nichts entflammt und Augenblicke kuͤhlen? Die Wollust selbst ist matt, wenn, kalt und unergetzt, Das Herz nicht Antheil nimmt, sich straͤubt und widersetzt Selinde soll durch mich der Liebe Necktar schmecken: Jch will Natur und Wunsch in ihrer Brust erwecken: Jch will, verhaßter Geist, der mir zuwider ist! Und wenn Gewalt nicht hilft, so zittre vor der List. Er Ein Gedicht. Er schwieg und sah umher auf andrer Schoͤnen Wangen Die Wuͤrkung seiner Macht, ein gluͤhendes Verlangen. Voll Unruh war ihr Blick, Gespraͤch und Scherz mißfiel, Und auch das Lomber hieß ein unertraͤglich Spiel. Nur ein Qvatrille-Tisch blieb ungetrennt beysammen, Und Matadoren wich der Gott verliebter Flammen. Zween Herren spielten fort: bereut wird ieder Tag Von Seelen ihrer Art, wo niemand spielen mag. Hierzu verschwuren sich zwo aͤchte Spielerinnen, Mit hohlen Augen, bleich, voll Eifers zu gewinnen, Der sich bey schlimmem Gluͤck in wilden Blicken wies, Und alle Grazien aus ihrem Antlitz stieß. Die andern sprungen auf und flogen nach dem Garten, Und iedes Herze schlug von freudigem Erwarten. Des Wunsches Ungeduld riß ihre Fuͤsse fort: Der Garten zeiget sich: die Schoͤnen sind schon dort. M 3 Drit- Sieg des Liebesgottes Drittes Buch. N un kuͤhlte sich die Luft bey Titans niederm Lichte, Der zur bestrahlten See mit rothem Angesichte Jn guͤldnen Wolken sank, indeß der Pflanzen Gruͤn Und Flora glaͤnzender und alles lachend schien. Es weht’ ein frischer West und blies auf allen Wegen Der Bluhmen Ambraduft mit suͤssem Hauch entgegen. Die Ferne schwaͤrzte sich durch manchen Lindengang, Wo nie der volle Tag durch gruͤne Waͤnde drang. Dort war ein Ueberfluß an dunkeln Cabinetten Und Schatten, hohem Gras und sanften Rasenbetten, An allem, was mit Fleiß die Wollust ausgedacht, Was ihren Gartendienst bequem und reizend macht. Dahin vertheilte sich die schnell zerstreute Menge. Ein Paar ums andre schmilzt in die verschwiegnen Gaͤnge Vom großen Haufen weg, wie wann ein Fruͤhlingswind Die lauen Fluͤgel regt und sein Geschaͤft beginnt: Alsdann der lockre Schnee von schimmerreichen Hoͤhen Jn Thaͤler murmelnd schleicht, die Berge fleckigt stehen, Bis aller weisser Glanz allmaͤhlig sich verliert, Und nur ein seltnes Gruͤn die nackten Gipfel ziert. Die weise Dorilis, die lauter Seele scheinet, Oft auf die Weltlust schmaͤhlt und oft beym Cubach weinet, Vertrug den Ganymed, der manchmal kluͤglich schwur, Daß ein Geheimniß nie dem treuen Mund entfuhr. Sie Ein Gedicht. Sie schwatzte so vertieft, vielleicht, wie ich vermuthe, Von Pflicht und keuschem Stolz und von dem hoͤchsten Gute; Daß ihr verirrter Fuß in finstre Buͤsche kam, Wo ihre Geistigkeit ein sinnlich Ende nahm. Auch Chloe wagt sich hin: sie, die erst aufgebluͤhet, Und sich um neuen Putz und nicht um Witz bemuͤhet, Wie ihre Mutter denkt, wie ihre Koͤchinn spricht, Hoͤrt dem Magister zu; versteht ihn aber nicht. Nachdem zween Sommer lang der Mann sich blaß gelesen, Und nun aus Wolfen weis, was beste Welt und Wesen Und Lieb und Schoͤnheit sind: so wuͤnscht sein menschlich Herz Nun auch verliebte Lust und ungelehrten Scherz. Er fuͤhlet sich bereit, nach ehlichen Gesetzen An seiner Chloen Werth sich sinnlich zu ergetzen; Und folglich liebt er sie, und fraget mit Geschrey, Ob sie nicht auch entzuͤckt von seinem Werthe sey. Das unschuldvolle Kind! was hat sie ihm zu sagen? Sie weis nur Ja und Nein; und weil auf seine Fragen Sie deren keines waͤhlt, und keine Mutter sieht, Erroͤthet sie, verstummt, weint endlich und entflieht. Der suͤsse Selimor, der zaͤrtliche Dorante, Selinde, Lesbia, die allen Zwang verbannte, Verweilten um den Ort, wo rauschend Wasser sprang, Das eines Tritons Mund aus krummem Horne zwang. Dort glaͤnzte Tyndaris, von Marmor ausgehauen: Jhr holdes Angesicht wies Liebe, Scham und Grauen, M 4 Und Sieg des Liebesgottes Und wandte sich verwirrt vom Paris, der sie trug, Und seinen weichen Arm um ihre Lenden schlug. Jhr thraͤnend Auge schien den Himmel anzuflehen: Die Haare flogen wild nach reger Luͤfte Wehen: Den schoͤnsten Leib verrieth ihr fliehendes Gewand: Dem Paris wird verziehn; wer haͤtte nicht gebrannt? O welche volle Brust! ruft Selimor entzuͤcket: Doch eine bluͤht fuͤr mich, die groͤssre Schoͤnheit schmuͤcket. Er blickt, indem er spricht, Selinden schalkhaft an, Die durch ein Laͤcheln dankt und kaum erroͤthen kann. Wie schlau weis Lesbia dieß kuͤhne Lob zu raͤchen! Ach! spricht sie, Selimor! Sie wollten mit mir sprechen! Was ists? recht sehr geheim? so kommen Sie geschwind! Jch glaube, daß Sie toll mit Jhrem Zaudern sind. Ja-doch-ein andermal! sprach Selimor mit Lallen; Und seine Zunge ließ nur halbe Worte fallen. Doch folgt’ er Lesbien, die unbarmherzig gieng, Und sich an seinen Arm gebietrisch laͤchelnd hieng. Der Henker hohle sie mit ihren Teufelsraͤnken! Murrt Selimor bey sich: was wird Selinde denken? Jch weis, das gute Kind ist inniglich betruͤbt: Allein kann ich dafuͤr, daß iedermann mich liebt? Die Schoͤnheit fesselt mich, wo ich die Schoͤnheit finde: Drum lieb ich Lesbien; drum lieb ich dich, Selinde! Vergebens bildet sich dein Stolz ein anders ein: Nie wird ein Selimor ein treuer Schaͤfer seyn. Paris und London denkt, wie Selimor gedachte, Der nun mit Lesbien ganz unbekuͤmmert lachte. Sie Ein Gedicht. Sie kamen im Gebuͤsch an eine Rasenbank, Wohin, um auszuruhn, die muͤde Schoͤne sank. Nun raubt er einen Kuß von ihren warmen Wangen: Jhr unberedter Mund bestraft sein Unterfangen: Ach! plagen Sie mich nicht! ‒ Vergeben Sie, ich muß! Dem ersten folgte bald ein zweyter, dritter Kuß. Allein was wollen Sie? es ist nicht auszustehen! Sie muͤssen, Selimor, hin zu Selinden gehen. Selinden sagen Sie? und sehn ich mich nach ihr, Versetzte Selimor? bin ich nicht besser hier? Wie aber? fuhr er fort; Sie wollen meine Flammen Zu peinlichem Verzug, wie ein Roman, verdammen? Soll dieser dunkle Busch vergebens dunkel seyn? Jst uns die Liebe fremd? und sind wir nicht allein? Nun warf er ungestuͤm sich Lesbien zu Fuͤssen, Fiel uͤber ihre Hand mit gierigheissen Kuͤssen, Und kuͤßte Mund und Brust: sie hielt ihn schwach zuruͤck; Und nur von Wollust sprach ihr halbgebrochner Blick. Die schwere Zunge schwieg, von stummer Lust gebunden: Da war kein Widerstand; sie gab sich uͤberwunden. Sie seufzte: Selimor! ‒ ‒ Auch Zephyr seufzte nach, Der lispelnd im Gebuͤsch von ihren Kuͤssen sprach. Du kuͤssest, Selimor? und nicht Selindens Wangen? Wohin verirret sich dein flatterndes Verlangen? Selinden, welche dir so liebenswuͤrdig schien, Die dich vielleicht schon liebt, kannst du gelassen fliehn? M 5 Do- Sieg des Liebesgottes Dorante war allein bey ihr zuruͤckgeblieben, Und sprach nun ungestoͤrt von seinen bessern Trieben. Durch seine Lippen sprach Natur und Zaͤrtlichkeit, Da iede reizend ist und allem Reiz verleiht. Doch welche Muse darf ihm nachzusprechen wagen? Romanenmaͤßig schallt die Zaͤrtlichkeit der Klagen Jn unser ekles Ohr, das Crebillon ergetzt, Der Wollust Girren ruͤhrt und Amors Ach! verletzt. Ein schalkheitvoller Mund mit ungetreuen Schwuͤren, Nicht aͤchte Liebe, kann ein heutig Herze ruͤhren. Die Schoͤne, wenn sie liebt, denkt nur auf suͤssen Scherz, Und sieht auf aͤussern Glanz und sieht nicht auf das Herz. Dorante sprach umsonst, der nicht von Golde strahlte, Nicht fremdes Geld verthat und seine Schulden zahlte. Selinde blies durch Lob in seiner Liebe Brand, Und lobend gaͤhnte sie mit vorgehaltner Hand. Sie wallten auf und ab in bluhmenvollen Steigen, Mit feyerlichem Ernst und oft in tiefem Schweigen; Und kamen an den Busch, wo im bethauten Gras Sich Selimor berauscht bey Lesbien vergaß. Kaum hoͤrte Lesbia das Rascheln fremder Tritte, So wischte sie davon mit unbemerktem Schritte: Jndeß mit offner Stirn, wie nach der besten That, Der dreiste Selimor hin zu Selinden trat. Vergebens, fieng er an, mit wahrem Stutzer-Witze; Entflieh ich im Gestraͤuch entflammter Sonnenhitze! Auch in den dicksten Busch, wohin mein Fuß entwich, Folgt mir die Sonne nach und wuͤthet uͤber mich. Der Ein Gedicht. Der Weihrauch seines Lobs ward guͤnstig angenommen, Selinde schien vergnuͤgt und Selimor willkommen. Die truͤbe Daͤmmerung, die um ihr Auge lag, Zerstreute sich und floh: es wurde wieder Tag. Dorante sahs erzuͤrnt; und mit verstoͤrten Blicken Entzog er sich schon halb Selindens Zauberstricken. Doch, ach! sie hatte kaum ihn zaͤrtlich angeschielt, Als ihr geuͤbter Blick ihn wieder feste hielt. Er wollt’ und wollte nicht und mußte sie begleiten: Wie unterstund er sich, sein Herze zu bestreiten? Man gieng, nach langem Gehn, das Gartenhaus vorbey: Nun hoͤrten sie von fern ein weibliches Geschrey. Sie sahen Lesbien: eh, rief sie, will ich sterben, Und mit verspritztem Blut Papier und Erde faͤrben! Da hinter ihr Cleanth bestaͤubt und keichend lief, Und immer: warten Sie! mit sanfter Stimme rief. Umsonst! sie floh erblaßt, schrie klaͤglich um Erbarmen, Und bebte voller Angst noch in Selindens Armen. Ach! fieng sie endlich an; ich bin doch sicher da? Jndem sie wild umher mit finstern Blicken sah. O Schande! fuhr sie fort; in abgelegnen Straͤuchen Begegnet mir Cleanth: ich such ihm auszuweichen. Er tritt mich schmeichelnd an, und, Himmel! was geschieht? Nach einem, apropos! liest mir Cleanth ein Lied. Bis an den kalten Mond entfliegt in seiner Ode Der Unsinn, dickumwoͤlkt und scheckigt nach der Mode; Der Sieg des Liebesgottes Der Henker flieg ihm nach! doch lob ich, was er schrieb: Verfluchte Schmeicheley, die ihn zum Frevel trieb! Nun aber, faͤhrt er fort und runzelt seine Stirne; Bemuͤht ein Heldenlob mein kreissendes Gehirne: Und schoͤne Lesbia! ich kenn ihr feines Ohr, Wofern es nicht mißfaͤllt, so les’ ich etwas vor. Er langt mit voller Hand und vornehm sproͤdem Wesen Ein drohend Buch hervor, und alles will er lesen. Jch flieh, er laͤuft mir nach, und liest, indem er laͤuft: Warum wird ein Poet nicht, eh er schreibt, ersaͤuft! Jch fuͤhlte, da er las, mein Blut im Leib erkalten: Ach! konnte mich Cleanth nicht suͤsser unterhalten? Verdruͤßlicher Poet! wie artig schickt sich nicht Jn schattigtes Gebuͤsch ein episches Gedicht! Nein! widersprach Cleanth; so wahr die Musen leben! Nie hab ich meiner Schrift solch stolzes Lob gegeben. Sie ist nur ein Entwurf, noch rauh und maͤngelvoll, Kein episches Gedicht, nicht was sie werden soll. Doch, sprach Dorante drauf, wen waͤhlen sie zum Helden? Und welche große That wird ihre Muse melden? Das ists, erwiedert er, was meinem Werke fehlt! Die Handlung fehlt mir noch, der Held ist nicht gewaͤhlt. Jch habe Zeit hierzu, und kann mit Muße dichten: Doch eines Cherubs Bild zu kuͤnftigen Gesichten, Und acht Beschreibungen sind voͤllig ausgemahlt, Wo ieder Pinselzug mit hohen Farben strahlt. Denn Ein Gedicht. Denn meine Muse zuͤrnt auf Deutschlands bloͤde Musen: Ein stuͤrmisch Feuer keicht in ihrem Goͤtterbusen: Von weicher Anmuth fern, auf unbeflogner Spur, Entzieht ihr kuͤhner Schwung sich kriechender Natur. Mit allem, was mir fehlt, wird Milton mich versorgen; Nur will ich einen Sturm vom schwachen Maro borgen. Doch welcher Held bey mir die krause See durchstreicht, Beym Zevs! das weis ich nicht: ein Patriarch vielleicht! Nimm, rief Dorante laut, o Deutschland! nimms zu Ohren! Aus deutschem Hirne wird ein undeutsch Werk gebohren: Ein Werk, das wenigstens Homers berauchte Schrift Und alle Kunst Virgils beschaͤmend uͤbertrift. Dem Franzmann zum Verdruß, zu Deutschlands Ruhm und Freude Baut unsers Freundes Witz ein episches Gebaͤude: Fast wie der Muselmann Moscheen kuͤnstlich baut, Der Truͤmmer Griechenlands aus altem Schutte haut: Alsdann sich Muͤhe giebt, mit frischgebrannten Steinen Manch altes Marmorstuͤck willkuͤhrlich zu vereinen; Und Saͤulen Joniens mit rauher Dorer Art, Nicht nach geschickter Wahl, bloß nach der Groͤße paart. Jch seh, ich sehe schon mit gruͤnen Lorbeerkranzen Die breite Stirn Cleanths, des Heldendichters, glaͤnzen. Der Zeitungschreiber Lob laͤrmt vom erstaunten Belt Bis an der Alpen Eis und in der halben Welt. Vier- Sieg des Liebesgottes Viertes Buch. E s war der Liebesgott Selinden nachgeflogen, Und hatte jeden Blick mit stummem Ernst erwogen: Sein scharfes Auge sah die große Wahrheit ein, Selinde wuͤrde nicht unuͤberwindlich seyn. Sie soll, vermaß er sich, doch endlich unterliegen; Und kann der Weise nicht ihr weiblich Herz besiegen, So siege Selimor und ohne Hinderniß! Nur er ist ihrer werth, ihm ist ihr Herz gewiß. Der Gott versuchte nun, zu gluͤcklichem Bestreben Des muͤden Stutzers Muth aufs neue zu beleben. Dir ist Selinde hold, blies Amor ihm ins Ohr; Du aber wagest nichts, o nicht mehr Selimor! Du zauderst, bis vielleicht dich ein Pedant verdrungen, Nachdem so mancher Sieg dir in Paris gelungen, Wo manche Graͤfin von * *, die Venus ihrer Stadt, Selbst eine S. Canevas l de l’ histoire de la Paris ou de l’ Hôtel du Roule. 1750. Paris einst dich angebetet hat. Nun uͤbe, was du weist, was Frankreich dich gelehret! Verschmaͤht Selinde dich, so seh ich dich entehret. Auf! schleiche dich mit ihr ins nahe Gartenhaus! Was kluge Liebe wuͤnscht, fuͤhr’ edle Kuͤhnheit aus. Er Ein Gedicht. Er schwieg; und Selimor, entbrannt von stolzem Grimme, Sprach zu Selinden kuͤhn, doch mit gedaͤmpster Stimme: Dorante, glaub ich, rast! verdammt sey sein Poet, Der uns von Dingen schwatzt, die niemand hier versteht! Soll meine Liebe stets dem Schulgeschwaͤtze weichen? Was hindert uns, mein Herz! allein hinweg zu schleichen? Selinde folge mir und gebe mir Gehoͤr: Gesellschaft solcher Art erniedrigt uns zu sehr. Er sprach, indem er ihr die Hand vertraulich druͤckte, Und ihren Arm ergriff und nach dem Hause ruͤckte. Die Schoͤne folgte traͤg als wider Willen, nach, Jndeß Dorante noch mit jenem Dichter sprach. Er ließ ihr Zeit genug, ins Zimmer zu verschwinden: Zuletzt vermißt’ er sie: er fragte nach Selinden. Von banger Ahndung schlug sein furchtsam liebend Herz, Und auf umwoͤlkter Stirn erschien ein finstrer Schmerz. Selinde! rief er aus, mit todtenbleichen Wangen; Wo ist die Grausame? wo ist sie hingegangen? Jhm sagt es Lesbia, bey ihres Buhlen Flucht. Von Rachlust angeflammt, erhitzt von Eifersucht. Dorante, der, betaͤubt vom Donner ihrer Worte, Wie eingewurzelt stund, wich nicht von seinem Orte. Er stund und sah umher mit starrem Blick und schwieg, Bis einst ein dunkles Ach! von seinen Lippen stieg. Er nahm sich ploͤtzlich vor, Selinden zu erbitten: Er gieng: blieb wieder stehn: Vernunft und Liebe stritten. Es wankte sein Gemuͤth, wie, durch den Herbst entlaubt, Die schwache Weide wankt, wann Eurus zornig schnaubt. Zu- Sieg des Liebesgottes Zuletzt ermannt’ er sich zu muthigern Entschluͤssen, Entsagte mit Bedacht umsonst gewuͤnschten Kuͤssen, Und wollte laͤnger nicht an einem Joche ziehn, Das ihm so suͤsse sonst, nun aber eisern schien. Sey gluͤcklich, rief er aus, mit deinem jungen Thoren! Selinde! nun fuͤr mich, auf ewig nun verlohren! Die Hoffnung, welche mir dein schmeichlend Auge gab, Die mir so bluͤhend schien, faͤllt nun verwelket ab. Betruͤgliches Geschlecht, geschaffen, uns zu quaͤlen! Wird einer Schoͤnen Herz ie nach Verdiensten waͤhlen? Jhr faͤllt ein schimmernd Nichts zu reizend ins Gesicht: Sie sieht das guͤldne Kleid; den Thoren sieht sie nicht. Zu spaͤt erblickt sie ihn, wann, der fuͤr sie geschmachtet, Gesaͤttigt vom Genuß, einst ihren Kuß verachtet, Sie ohne Liebe kuͤßt, ihr als Tyrann befiehlt, Und an erkaufter Brust sein wildes Feuer kuͤhlt. Dorante wollte mehr in vollem Eifer klagen: Die leichte Lesbia belachte seine Plagen. Er floh, indem sie ihm die Hand gefaͤllig both, Und klagte, Dichtern gleich, den Buͤschen seine Noth. Dorante war geflohn, Begluͤcktern Platz zu machen, Da Amor unterdeß, nicht ohne boshaft Lachen, Den Garten schnell verließ; und ein geschwinder Flug Zur Wohnung Selimors ihn augenblicklich trug. Daselbst verlaͤugnet er sein goͤttliches Gefieder: Das Dienstkleid Selimors glaͤnzt um die nackten Glieder: Am glatten Kinne schlaͤgt ein schwarzes Baͤndchen an; Die Stirn ist unverschaͤmt: kurz, Amor wird Johann, Der Ein Gedicht. Der Diener Selimors, ein Stutzer in den Sitten, Der, witzig, wie sein Herr, bey Maͤgden wohl gelitten, Nie ohne Karten geht, sich oft beym Wein vergißt, Und alle Wirthe kennt und allen schuldig ist. Da Amor laͤrmt und flucht; entspringt vom Ruhebette, Ermuntert vom Geschrey, die junge Magd Lisette: Ein Maͤdchen, schlank von Leib, in Schelmerey geuͤbt, Die wechselsweis ihr Herr und sein Bedienter liebt. Ein faltigter Muslin, der ihren Hals bedecket, Laͤßt ihre weisse Brust nachlaͤßig unverstecket. Ein kurzer Unterrock zeigt ihr gedrechselt Bein, Und auch ihr Sproͤdethun floͤßt Buhlern Kuͤhnheit ein. Sie koͤmmt, sie fliegt herbey, heißt ihren Johann schweigen, Der, nach Lackayen-Art sich artig zu bezeigen, Jhr in den Busen greift, und auf den Kutscher schmaͤhlt, Weil seine Kutsche noch beym fernen Garten fehlt. Der Kutscher koͤmmt; man schilt; er fragt noch eine Weile, Warum doch Selimor so ungewoͤhnlich eile. Doch hat ein junger Herr nicht seinen Eigensinn? Der Kutscher schleicht belehrt zu seinen Pferden hin. Ein braungeapfelt Paar wird praͤchtig aufgezaͤumet, Und beißt auf blanken Stahl und scharrt in Sand und schaͤu- met. Der neue Wagen glaͤnzt, auf dem, noch unbezahlt, Manch guͤldner Liebesgott, geschnitzt aus Holze, prahlt. Jn Wolken braunen Staubes fliehn die muntern Pferde, Und unter ihrem Huf erschuͤttert sich die Erde. Die Fenster fliegen auf, wo, stolz auf schimmernd Gold, Die Kutsche Selimors mit raschem Rasseln rollt. N Doch Sieg des Liebesgottes Doch Amors Ungeduld kann diese nicht erwarten: Er ist nicht mehr Johann; er eilet nach dem Garten, Als Liebesgott, voraus, fliegt ins Gemach und sieht, Wie Selimor verliebt vor seiner Goͤttinn kniet. Noch muste dieser Held um Sieg und Lorbeern kriegen: Was hatt’ er nicht gethan, Selinden zu besiegen! Wie reizend unverschaͤmt durch freyen Scherz gestrahlt, Mit fremden Fluͤchen ihr sein Feuer vorgemahlt, Gedankenlos gelacht, bald sie, bald sich gepriesen, Mit ungezwungner Art die Londner Uhr gewiesen, Des Franzmanns Dreistigkeit mit Anmuth nachgeahmt, Kurz, allen seinen Werth Selinden ausgekramt! Sie sah den Selimor: wie konnte sie ihn hassen? Doch wollt ihr steinern Herz sich nicht entfelsen lassen. Oft schien sie zwar erweicht: ihr Blick voll Mattigkeit Jrrt’ ungewiß und scheu; ach! aber kurze Zeit. Jhr unbesiegter Stolz erhohlte sich geschwinde: Sie wurde, was sie war, die grausame Selinde; Und eben da sie ihm gewiß gefangen schien, Sah sich der Held getaͤuscht und seinen Raub entfliehn: Wie, wann ein Junker einst, mit Huͤlfe kluger Hunde, Den Rammler aufgespuͤrt; nach mancher muͤden Stunde Spur, Has’ und Froͤhlichkeit auf einmal wieder flieht, Der edle Jaͤger flucht und leer nach Hause zieht. Doch sollte Selimor den Sieg verlieren muͤssen? Verzweiflend warf er itzt Selinden sich zu Fuͤssen. Er flehte, feufzte, schwur: wie manch franzoͤsisch Ach Entflog dem suͤssen Mund und saͤuselt’ im Gemach! Ur- Ein Gedicht. Urploͤtzlich sprang er auf mit freudigem Vertrauen: Er hatte Zeit gehabt, sich achtsam zu beschauen; Und nahm, noch mehr gereizt durch kuͤhnen Widerstand, Halb scherzhaft, halb verliebt, Selinden bey der Hand. Wie ists nun? fieng er an; o Bluhme junger Schoͤnen! Wird ihre Zaͤrtlichkeit bald meine Treue kroͤnen? Jch kann Sie nicht verstehn, nein! meine Koͤniginn! Und wissen Sie, im Ernst, daß ich verdruͤßlich bin? Mich duͤnkt, ich liebe Sie schon volle hundert Jahre: Verschieben Sie mein Gluͤck auf meine grauen Haare? Sie lieben mich ja doch; das ist so offenbar, ‒ ‒ Wie? unterbrach sie ihn; Sie halten das fuͤr klar? Fuͤr klar? o fuͤr gewiß! Sie werden mir erlauben, Erwiedert Selimor; wie kann ich anders glauben? Man weiß sich liebenswerth, man liebt, man wird geliebt: Was ist hier wunderbars, das Recht zu zweifeln giebt? Jch aͤrgre mich zum Narrn bey Jhrem Widerstreben. Wie lange zoͤgern Sie, sich ruͤhmlich zu ergeben? Fort! machen Sie geschwind! beschwoͤren sie den Bund; Und weil Jhr Herz mich liebt, so sage mirs Jhr Mund. Vor einem Selimor muß Trotz und Haͤrte brechen: Jhm, der so dreiste hofft, kann jemand widersprechen? Wie gluͤcklich wart ihr einst, ihr Schoͤnen alter Zeit! Die Ehrfurcht eurer Welt war eure Sicherheit. Nur jaͤhriger Bestand hieß aͤchter Liebe Zeichen: Man wollte seinen Sieg verdienen, nicht erschleichen. N 2 Da Sieg des Liebesgottes Da hatte die Vernunft zur Ueberlegung Raum; Nun wird sie uͤberrascht; die Schoͤne faßt sich kaum. Man buhlt nicht um ihr Herz; man schmeichelt ihren Sin- nen: Und kann was leichter seyn, als diese zu gewinnen? Wie glaͤnzt ein junger Herr! er ist voll Ungeduld: Und wann die Sproͤde saͤumt, ertrotzt er ihre Huld. Selinde wankte schon, wie unter starken Streichen, Von scharfer Axt bestuͤrmt, die schoͤnste schoͤner Eichen Auf alle Seiten droht und hin und wieder winkt, Bis ihr bemooster Stamm mit Prasseln splitternd sinkt. Doch fiel die Schoͤne nicht, fuͤr die ihr Schutzgeist kaͤmpfte, Der stets durch kalten Stolz der Liebe Regung daͤmpfte: Als einer Kutsche Laͤrm, die durch die Strasse flog Und vor dem Garten hielt, sie schnell ans Fenster zog. Jhr Herze schlug sogleich von weiblichem Verlangen; Jhr funkelnd Auge blieb an diesem Anblick hangen: Entzuͤckt vertheilte sich der Blicke schneller Blitz Auf Wagen, Roß und Mann, bis auf den Kutschersitz. Bewundernd rief sie aus: der allerliebste Wagen! Wer ist der gluͤckliche, den solche Rosse tragen? Jch selbst, sprach Selimor mit ernster Majestaͤt: Die Unterkehle schien hochmuͤthig aufgeblaͤht. Wie aber? fuhr er fort, mein Kutscher, glaub ich, traͤumet, Der nun zu zeitig koͤmmt, sonst immer sich versaͤumet. Jch soll von Jhnen gehn? von Jhnen, goͤttlich Kind? Und ehe, toller Streich! wir vollends richtig sind? Nein! Ein Gedicht. Nein! das geschehe nicht! ich laß es nicht geschehen: Jch schwoͤre bey der Uhr, die Sie hier glaͤnzen sehen, (Er legt sie auf den Tisch), und ich vor kurzer Zeit Aus London mitgebracht, nicht ohne Vieler Neid. Es hatte sie ein Lord bey Sweerts bestellen lassen: Jch kaufte sie ihm aus; der Junker mußte passen. Bis dieser Zeiger hier auf zwo Minuten schleicht, Ergebe sich Jhr Herz, das doch vergebens weicht. Er schweigt: Selinde steht noch immer unentschlossen: Noch hangt ihr starrer Blick an jenen edlen Rossen. Sie machen ihren Herrn der Schoͤnen doppelt lieb, Der sein verdientes Gluͤck nun muthiger betrieb. Der Schutzgeist mußte selbst dem Vorwitz unterliegen, Und schlich dem Fenster zu, die Neugier zu vergnuͤgen. Der leichtgesinnte Geist! raubt einer Kutsche Putz, Ein Pferd, ein schoͤner Tand, Selinden seinen Schutz? Durch keine Zeichen ward sein taubes Herz beweget: Der Schooshund hatte sich aufs Canapee geleget: Nun fuhr er bellend auf, verließ die sanfte Ruh, Und sprang mit regem Schweif Selinden aͤngstlich zu. Es prangte der Camin mit glaͤnzenden Pagoden: Sie bebten ungeregt und stuͤrzten auf den Boden. Umsonst! der Schutzgeist stund und sah und hoͤrte nicht. Verwundrung uͤberzog sein laͤchelnd Angesicht. Nun zog der Liebesgott, der laͤngst begierig lauschte, Den krummen Bogen an: mit schnellen Fluͤgeln rauschte Der abgedruͤckte Pfeil, der Glut und Flammen trug, Und in Selindens Brust sich ungehindert schlug. N 3 Durch Sieg des Liebesgottes Durch Amors Jauchzen ließ der Schutzgeist sich erwecken: Vergebens wollt er sie mit spaͤtem Schilde decken: Denn eine schnelle Nacht verdunkelt’ ihren Blick: Sie sank, o Selimor! in deinen Arm zuruͤck. Ein fremdes Feuer floß durch ihre schoͤnen Glieder: Sie hob die Augen auf und schlug sie wieder nieder. Jhr fliehend Auge selbst bekannte deinen Sieg, Ob gleich ihr stolzer Mund noch uneroͤffnet schwieg. Jndessen hatte sie, bey diesen kurzem Schweigen, Des frohen Siegers Reiz und artiges Bezeigen, Sein Lachen, seinen Gang, des Kleides reiche Pracht, Der Kutsche Goͤttlichkeit, noch einmal uͤberdacht. Erroͤthend sagt sie ihm: Sie haben uͤberwunden! Und reicht ihm ihre Hand, vom alten Stolz entbunden; So viel Verdiensten kann mein Herz nicht widerstehn! Ach! moͤcht ich Jhre Glut in steter Flamme sehn! Jhr dankte Selimor durch ungezaͤhlte Kuͤsse, Da Amor siegreich floh, und uͤber Berg und Fluͤffe, Hoch auf des Adlers Bahn, in grauer Daͤmmerung Und unter frischem Thau, sein feucht Gefieder schwung. Nach Paphos trugen ihn die schnellbewegten Fluͤgel: Die Wollust brachte selbst ihn zum entlegnen Huͤgel, Wo bey crystallner Flut, die heischer murmelnd lief, Und unter Majoran, der muͤde Gott entschlief. Briefe Briefe. An Herrn Hofrath B Siehe Herrn von Hagedorn Fabeln und Erzehlungen. Z um andernmal, o Freund! gruͤnt Roͤmhilds Aue wieder, Zum andernmal fuͤr mich! Mit rauschen- dem Gefieder Scherzt uͤberall der sanfte West! Die Nachtigall singt ihre Lieder: Die fromme Schwalbe baut ihr Nest. Noch diesen Fruͤhling wird mein Aufenthalt hier dauern: Jch wuͤrde nicht untroͤstlich trauern, Wenn unter den bejahrten Mauern Mein kuͤnftig Nestchen aufbewahrt, Mir angewiesen werden sollte, Wofern ein Vogel guter Art, Siehe Herrn von Hagedorn Fabeln und Erzehlungen. Nett, schalkhaft, huͤpfend, zart, Mit mir zu Neste tragen wollte. Aber, ohne Scherz! die hiesigen Gegenden sind die ange- nehmsten, die man sehen kann. Der Fruͤhling ist nir- N 5 gend Briefe. gend reizender, als hier. Armer Freund! Sie reden auch vom Fruͤhling? Sie, die im Rauch einer engen Stadt eingeschlossen leben, und die Stimme der Nachti- gall nur bey den Poeten hoͤren? Jn Staͤdten, glauben Sie mir, ist nur ein halber Fruͤhling: der Hauch der We- ste ist daselbst nur halb so lieblich, und die Bluhmen la- chen mit einem nur gemeinen Reiz. Dort kennet man die Schoͤnheiten der Natur bloß dem Nahmen nach. Nur auf dem Lande kennet, fuͤhlet und genießet man sie: und ich kann, ohne zu luͤgen, sagen, daß ich auf dem Lande bin, ob ich gleich in einer Stadt mich aufhalte, die nicht wenig Laͤrm verursachet. Jch kann wie auf dem Land und als ein Schaͤfer leben: Als Schaͤfer? ich betruͤge mich! Wer wird mir Schaͤferinnen geben? Und ohne Schaͤferinn sind Schaͤfer jaͤmmerlich. Zwar Maͤdchen sind hier, wie Goͤttinnen, So artig, als die Schaͤferinnen; Doch nicht so fromm, wie sie und ich. Sie sind, wie uͤberall die Quelle suͤsser Schmerzen, Voll Unschuld auf der Stirn, voll Schelmerey im Herzen. So schlimm dieß Voͤlkchen ist, wer liebt es, leider! nicht? Ein schoͤner Blick war stets dem Weisen uͤberlegen: Ein Blick entrunzelt sein Gesicht: Der Fromme suͤndigt ihrentwegen, Schielt uͤbern Cubach weg und spricht: Ach! Briefe. Ach! waͤr kein Maͤdchen auf der Erden, Wir wuͤrden alle seelig werden! Dergleichen Siehe Gebete eines Freygeists, eines Christen und eines guten Koͤnigs. Gedanken schleichen, wenn ich mich der hohen poetischen Sprache, ich der ich unpoetisch bin, be- dienen darf, selbst in meinem geheimsten Herzen zu- weilen herum, bey meinen einsamen Spaziergaͤngen, wo alles um mich herum lachet. Was fuͤr entzuͤckende Spa- tziergaͤnge! Hier verlohnt sichs doch der Muͤhe, daß ich meine verwoͤhnten Fuͤsse ermuͤde. Sie sollten nur sehen, wie ich laufe, ich, den sie oft faul gescholten haben, weil ich Jhnen auf ihren Tagereisen durch meist unangenehme Oerter zu folgen, keine Lust hatte! Hier bieten die ange- nehmsten Scenen der Natur sich mir selbst und unge- sucht an. Kaum eil ich fliegend aus den Thoren; So kann ich mich im Gruͤnen sehn; So fuͤhl ich freyer Luͤfte Wehn: Die Lerche singt; ich sehe Floren Durch hundert Gaͤrten landhaft gehn. Nicht mit beseeltem Marmor strahlen, Nicht mit Orange-Waͤldern prahlen Die Gaͤrten hier zur schoͤnen Zeit. Nebst einem kleinen Sommerhause, Zu einem abendlichen Schmause, Gewaͤhren sie der Froͤhligkeit Viel Briefe. Viel Gras, sich scherzend hinzustrecken, Und, Amors Freuden zu verstecken, Viel Schatten, viele Dunkelheit. Die Anmuth lockt auf allen Wegen Jm Schoos des Fruͤhlings mir entgegen: Dem Reiz begegnet ieder Blick. Er schweift herum in weiter Sphaͤre: Damit kein Berg der Aussicht wehre, Steht ieder ehrfurchtvoll zuruͤck. Der Steinsburg kahle Glatze strecket Sich in des Donners Aufenthalt; Und ihre breite Schultern decket Furcht, schwarze Finsterniß und Wald. Gleich furchtbar, noch erhabner thuͤrmet Das Gleichgebuͤrge sich empor: Von seinen duͤstern Eichen stuͤrmet Der Nord in muͤder Wandrer Ohr. O du, die Busch und Gras bekleiden, Du, Hartenburg! stehst zwischen Beyden, Zwar niedrig, aber angenehm! Das Klettern kan ich niemals leiden; Doch dich besteig ich ganz bequem. Jch steig, in kuͤhlen Abendstunden, Zu dir an Gaͤrten spielend hin: Jn diesen kuͤhlen Abendstunden Wird hier der Buͤrger oft mit seiner Frau gefunden, Oft auch mit einer Nachtbarin. Auch Briefe. Auch Bachus hat, wer sollt es glauben? Bekraͤnzt mit essigsauern Trauben, Man weis nicht, wie? sich hin verirrt, Daß Roͤmhild nun durch Wein und Bier verherrlicht wird. O Lust! wenn von bebluͤhmter Spitze, Wo im Gestraͤuch ich einsam sitze, Wo mich die Sommerluft vergnuͤgt; Wenn ich von krausbebuͤschter Hoͤhe Die grossen Weiten uͤbersehe, Die itzt mein Auge frey umfliegt; Wenn hier ein schattigt Waͤldchen rauschet, Wo Amor, flieht ihr Schoͤnen! lauschet; Dort unbestrahlte Waͤlder brausen, Und hier der West mit sanftem Sausen Auf wallendem Getraide liegt; Wenn bald mit seinen weissen Waͤnden Mir Breitensee entgegen lacht, Bald Milz mit seinem Thurm in gothisch alter Tracht; Und hier und dort, an allen Enden, Mir eine Stadt, ein Dorf manch lustig Schauspiel macht! Jch seh, o Hartenburg! dich immer mit Entzuͤcken: Dein Angedenken soll mir keine Zeit entruͤcken; Und wenn ich deinen gruͤnen Ruͤcken Und Roͤmhilds Grazien und Groͤtzners Wein und Kuß Verlassen muß: Will ich nach dir im Geiste blicken; Soll Briefe. Soll meine Muse dich mit ihren Lorbeern schmuͤcken, Daß, wie man Tiburs Hayn, das holde Tempe preist, Auch du der Nachwelt heilig seyst. Aber diese arme Muse hat sich ganz aus dem Odem gere- det: sie keichet fuͤr Muͤdigkeit, und wuͤnschet, auszuru- hen. Bis zu ihrer baldigen Wiederherstellung, will ich ihnen nur in der alltaͤglichen Sprache sagen, daß mir auf dieser angenehmen Hartenburg ein Abentheuer zugestossen, welches meine bisherige Vermuthung bestaͤtiget hat, daß ein so reizender Berg auch in andern Absichten merkwuͤr- dig seyn muͤßte. Die alten gefuͤrsteten Grafen von Hen- neberg sollen ein Bergschloß daselbst gehabt haben; und noch bey Lebzeiten des letzten Herzogs Sachsen-Roͤmhil- discher Linie ist ein Lust- oder Trink-Ort hier gestanden, von welchem nichts mehr uͤbrig ist, als ein schoͤner Felsen- Keller und ein tiefer Brunnen. Sie muͤssen, wenn sie uͤberhaupt von den Alterthuͤmern hiesiger Stadt, wider Vermuthen, ein mehreres wissen wollen, gewisse gelehrte Werkchen nachschlagen, welche niemand liest. Als ich ohnweit ermeldten Kellers meinen melancholischen Gedan- cken nachhieng, noͤthigte mich ein ploͤtzlich einbrechender Sturm hinein zu fluͤchten, bis der Regen voruͤber waͤre. Kaum war ich einige Schritte von dem Eingang abge- kommen, als ich durch die Erscheinung eines ehrwuͤrdi- gen Alten, der mich ihm folgen hieß, erschrecket wurde. Ein silberweisser Bart fließt ihm von muntern Wan- gen Bis Briefe. Bis auf den Guͤrtel ab, wo schwere Schluͤssel hangen: Sein blendendes Gewand schleppt auf dem Boden hin: Er geht; ich folg ihm nach; ich weis nicht, wo ich bin. Ein zweifelhaftes Licht stielt sich durch seltne Ritzen, Wie in den Waͤldern herrscht, wann die Gestirne bli- tzen, Noch ehe Cynthia mit vollem Angesicht Aus neidischem Gewoͤlke bricht. Jch sehe tief hinein viel grosser Faͤsser liegen: Huy! denk ich, hier giebts Wein! Fuͤr Sehnsucht und Vergnuͤgen Leckt meine duͤrre Zunge schon Die Lippen, die dem Faß mit ihrem Durste drohn. Du siehest, sprach der Geist, den ehrlichsten der Geister! Jch war in beßrer Zeit hier ehmals Kellermeister: O Zeiten! euch vergeß ich nie, Da Weins die Fuͤlle war, und alles trank und spie! Auf diesen Hoͤhen stund Lyaͤens liebster Tempel: Mein Schatten schwebet noch um den geliebten Ort. Wie ofte taumelt’ ich, den Juͤngern zum Exempel, Um jene fruchtbarn Faͤsser dort! Doch damals waren auch die guͤldensten der Zeiten: Da wuste Roͤmhild nichts von Unruh, Zank und Strei- ten: Man zankte nur, wenn Wein gebrach: Nur seit Lyaͤus floh, flog ihm der Friede nach. O Roͤmhild! Roͤmhild! sieh, was dir mit ihm entge- het! Die Briefe. Die Zwietracht raste stets, die stille Ruhe wich, Seit Hartenburg verheeret stehet: Ein Gott hat hier gewohnt, ein Gott verfolget dich. Parodie der Worte Horatii in der 6. Ode des 3ten Buchs: Delicta Majorum immeritus luis \&c. nach Herrn von Hagedorn Uebersetzung in Oden und Liedern S. 8. Du buͤssest unverdient der Vaͤter Missethaten, Bis du den Tempel wieder baust, Das Haus des Rebengotts, das in Verfall gerathen, Auf dessen Truͤmmern du nur Gras und Moder schaust: Bis du die Faͤsser fuͤllst, wo sonst Lyaͤus brauste; Nun, leider! sind sie leer! Der Alte seufzt’ und sprach nicht mehr: Die schreckenvolle Hoͤhle sauste Und seufzte klaͤglich: sie sind leer! Auch ich, der schon in Hoffnung schmauste, Schrie klaͤglich: sie sind leer! Jch wuͤnschte nunmehr von ganzem Herzen, aus diesen nnterirdischen Wohnungen je eher, je besser loszukommen: denn mit leeren Faͤssern und mit leeren Glaͤsern ist mir niemals viel gedient gewesen. Aber meine Bestuͤrzung stieg aufs hoͤchste, als mein Kellermeister mich wieder anredete. Der Sturm, sprach er, welcher dich in diesen Keller genoͤthiget, o Sterblicher! ist nicht von ungefehr entstanden. Ein Gnome, der in diesem Berge sich auf- haͤlt, hat ihn veranstaltet, weil er dich zu sprechen ver- langet. Er hat mit Vergnuͤgen bemerket, daß du die schoͤne Hartenburg besonders liebst, und beym Spatzie- ren Briefe. rengehen dieselbe nicht leicht uͤbergehest. Er hat geglaubt, daß du vor diesem Besuch um so weniger erzittern wuͤr- dest, da du aus den cabbalistischen Briefen eines witzigen Marquis, mit derer Durchlesung du einige Zeit her be- schaͤftiget gewesen, eine richtigere Kenntniß der Geister aller Arten geschoͤpfet haͤttest. Jch werde dich zu ihm fuͤhren: folge mir! Jch laͤugne nicht, werthester Freund, daß ich dieses unerwarteten Besuches gern uͤberhoben ge- wesen waͤre. Poeten sprechen zwar mit Geistern, Trotz ausgelernten Hexenmeistern, Vertraulich, kuͤhn und ohne Scheu; Jedoch, ich sag es frey, Nur wann sie auf dem Pindus traͤumen, Jn ihren Reimen. Jch habe auch, die Wahrheit zu sagen, eben nicht viel ruͤhmliches von den Herren Gnomen gehoͤrt: sie sollen et- was boshaft und uͤberhaupt schlechte Christen seyn. Aber ich war einmal in den Haͤnden des Staͤrkern: ich muste der Gewalt weichen, und folgte meinem Fuͤhrer, wohin er mich leitete. Wie, wenn des Muͤllers brauner Stecken Dem Esel, welcher ledig zeucht, Von seiner Eselinn vielleicht, Vielleicht von distelreichen Hecken Gebietherisch verscheucht; O Das Briefe. Das traͤge Thier alsdann, beschwert mit neuen Saͤcken, Die Ohren hangen laͤßt, und melancholisch schleicht: Mit gleicher traurigen Geberde Gieng ich im Jnnersten der Erde, Wo durch die unerhellte Nacht Mein Alter mich zum Gnomen fuͤhrte. Er schien mir, wie ich ihn gedacht, Klein, haͤßlich, erdenbleich und stolz auf seinen Schacht. Die Hoͤhle, seine Wohnung, zierte Was Tellus kostbars zeugt, der Geiz mit Angst bewacht, Und Narren unertraͤglich macht. Ein grosser Affe warf beym Eingang mich mit Kothe: Jch stutzt’ und wich zuruͤck; doch als der Gnom’ ihm drohte, Dann ihm zween derbe Streiche gab, So ließ er zornig von mir ab, Und hatte Lust mich anzuspeyen, Wandt endlich sich hinweg, und zeigte mir den Steis. Mit Lachen sprach der Geist zu seines Lieblings Preis: Es ist mein Hofpoet; man muß ihm was verzeihen. Er spaßt stets aufgeweckt und fein. Jch geb ihm Brod, mit Schaͤckereyen Mich, eh ich schlafe, zu erfreuen: Denn seine Scherze schlaͤfern ein. Seyd ihr Poeten sonst was nuͤtze? Wenn ihr nicht Possen macht, so bleibt bey eurer Pfuͤtze, Bey Hypokrenen, ohne Wein! Dieser Briefe. Dieser unhoͤfliche Spaß des Gnomen verdroß mich. Ei- ne Sprache dieser Art, die nur der großen Welt natuͤrlich laͤßt, schien mir in dem Munde eines kleinen Gnomen un- verschaͤmt zu seyn; und ich weis nicht, was ich ihm wuͤr- de geantwortet haben, wenn er mich haͤtte reden lassen. Wie nun? fuhr er fort; wird die gewuͤnschte Ruhe in Roͤmhild auf den Fluͤgeln eines erfreulichen Conclusi (weil dieses doch dermalen ein Modewort, auch bey den Bau- ern, ist) bald zuruͤckkommen? Sollen wuͤrklich die Buͤr- ger dieses Ortes die gluͤckliche Gelegenheit bald verlieren, ihre politischen Einsichten zum Wohl ihres Vaterlandes, bey einem Krug Bier, in den Schenken auszukramen? Jch daͤchte nicht! Nein! Es waͤre mir auch eben nicht angenehm. Mein Hof wuͤrde doch in kuͤnftiger Zeit kei- nen so starken Zufluß mehr bekommen, als in diesen Zei- ten der Unordnung geschehen koͤnnen. Denn diese grauenvollen Hoͤhlen Sind abgeschiednen strafbarn Seelen Zu ihrem Aufenthalt ernannt. Hier schwaͤrmen unter bangen Klagen Die Werkzeug’ allgemeiner Plagen, Die euch die Hoͤlle zugesandt: Verraͤther, Wuchrer, Ungerechte, Die keinen Gott, kein Vaterland, Als ihren Eigennutz, gekannt: Der schwarzen Habsucht schlaue Knechte, O 2 Die Briefe. Die auch ein Meineyd nicht erschreckt, Sobald sich ein Gewinn entdeckt: Die Heuchler, derer fromme Zungen Bald andachtvolle Lieder sungen, Und bald, o heiliges Bemuͤhn! Den Gift vergaͤllter Laͤsterungen Auf ihren bessern Naͤchsten spien: Der Harte, der sich nie erbarmet, Nie auf den Armen huͤlfreich blickt: Der Falsche, der den Freund umarmet, Und ihm den Dolch ins Herze druͤckt: Der giftigen Verlaͤumdung Freunde, Die glaͤnzender Verdienste Feinde, Verfolger aller Tugend sind; Und jene plaudernde Sibyllen, Die iedes Haus mit Zwist erfuͤllen, Wo ihr Geschwaͤtz ein Ohr gewinnt; Verlebte muͤssige Matronen, Die Geisseln, ja die Pest der Strassen, wo sie wohnen. Kurz, aller Unflath des menschlichen Geschlechts fließet in diesen traurigen Gruͤften zusammen; ein ieder zu seiner bestimmten Strafe. Sind dir, setzte der Gnome mit seiner gewoͤhnlichen possenhaften Art hinzu, dergleichen Leute, die ich einstens hier zu sehen hoffen darf, an dem Orte deines itzigen Aufenthaltes bekannt? Welche sind es? Lustig! erzehle mir was! Bist du denn gar nicht aufge- weckt? nicht boshaft? Jch erwiederte verdruͤßlich, daß ich Briefe. ich wohl wetten duͤrfte, dergleichen Menschen, die ihm lieb waͤren, wuͤrden hier gar nicht anzutreffen seyn. Wenn sie es aber auch waͤren, so moͤchte ich sie nicht sehen: sie wuͤrden mich nur traurig machen; und ich lachte lieber. Roͤmhild waͤre gut genug: nur verdroͤsse mich der unter die Einwohner ausgegangene Rottengeist, welcher die gute Gesellschaft selten und die Freude schuͤch- tern machte. Wie? Buͤrger einer Stadt sind Feinde? Anstatt gesellig und als Freunde Bey Scherz und frohem Wein zu gluͤhn; Seh ich sie voreinander fliehn? Und eh sie einen Kuß auf holden Lippen wagen, Erst aͤngstlich fragen, Von welch politischer Parthey, Der Torris oder Whigs, ein artig Maͤdchen sey, Das oft nicht weis, was beyde klagen? Jhr Buͤrger! welche Wuth hat euer Hirn verbrannt? Die Staatskunst sey euch unbekannt! Trinkt euern Wein in Ruh, und schlaft bey euern Wei- bern, So nutzt ihr doch dem Vaterland, Und wenigstens mit euern Leibern. Jch, der in kurzem scheiden muß, Will meinen vaͤterlichen Segen Auf dich, unruhig Roͤmhild! legen: Es fehle nie an Wein! Lyaͤens Ueberfluß O 3 Ent- Briefe. Entferne Zwietracht und Verdruß, Die stets bey schlechtem Bier sich regen! Der Juͤngling schmachte nicht umsonst um Wein und Kuß, Und sterbe keiner Sproͤden wegen! Sterben? und um eines sproͤden Maͤdchens willen? un- terbrach mich der unverschaͤmte Gnome: o sey des- wegen unbesorgt! Jch habe in diesem meinen unterir- dischen Aufenthalt noch keinen Selbstmoͤrder dieser Art gesehen; und vermuthe auch nicht, jemals einen solchen zu sehen. Die Schoͤnen und ihre Liebhaber haben seit undenklichen Jahren einander ihr Wort gegeben, weder durch eine uͤbertriebene Strenge dergleichen suͤndliche Ge- waltthaͤtigkeiten zu veranlassen, noch bey unvermutheter Haͤr- te sich zu entleiben: alles aber, was, diesem zuwider, dann und wann gesagt, oder geschrieben wuͤrde, sollte als ein unverbuͤndliches Compliment angesehen werden. Weil Phyllis untreu ist, will Damon sich erstechen: Doch will er kluͤglich erst mit seinem Weine sprechen. Sein kluͤgrer Wein giebt ihm den Rath, Er soll durch eine gleiche That Sich an der Ungetreuen raͤchen: Er thuts, und lebt noch itzt: gewiß ein guter Rath! Der Liebesgott braucht sein Gefieder, Als Amor, als der Gott der Lust: Die Freude flieht; er sucht sie wieder; Und Briefe. Und findet sie auf andrer Schoͤnen Brust. Der Schoͤnen alte Strenge fliehet: Sie sind ja Fleisch, wie ieder siehet, Das schoͤnste Fleisch, nicht harter Stein. Man gebe mir die groͤßte Sproͤde, Doch in der Daͤmmrung und allein: Sie soll nicht lange sproͤde seyn. Man weis, wir Gnomen sind nicht bloͤde: Wer muthig stuͤrmt, nimmt alles ein. Jch konnte mich des Lachens ohnmoͤglich enthalten, da ich einen Gnomen mit der zuversichtlichen Mine eines Adonis sprechen hoͤrte. Jch glaubte, einen unbaͤrtigen Helden zu hoͤren, welcher der aufmerksamen Mama die Heldentha- ten erzehlet, die sein Arm in der Schlacht bey Mollwitz verrichtet, wo er am ersten die Flucht genommen. Aber der Gnome bezahlte mich fuͤr mein Lachen. Alles, was ich bisher gesagt habe, sprach er mit vieler Ernsthaftigkeit zu mir, hilft dir nichts, mein Freund! Jch kenne dich nun: du wirst so wenig jemals ein gluͤcklicher Liebhaber, als ein großer Mann werden. Wer nur ehrlich, niemals unverschaͤmt ist, und mit guter Art weder zu betruͤgen, noch der Welt Wind zu verkaufen weis, erscheint sehr sel- ten in einer glaͤnzenden Gestalt. Wer dieses wuͤnschet, soll billig alle erforderliche Eigenschaften besitzen, um unter andern Umstaͤnden auf einem Rad sterben zu koͤnnen. Du bist zu nichts nuͤtze. Jch schaͤme mich der großen Absichten, die ich zu deinem Gluͤcke gehabt habe. Jch O 4 hatte Briefe. hatte dir die ehrenvolle Stelle meines Hauspoeten zuge- dacht: weil doch mein Affe anfaͤngt, alt zu werden. Du hast dein Gluͤck verscherzet. Gehe hin, und erhenke dich? Schnell hoͤrt ich einen Wind um alle Kluͤfte heulen: Die Hoͤhlen donnerten, bewohnt von scheuen Eulen. Der Sturm, der mich dahin gebracht, Stieß aus dem Schoos der Nacht, Nach zwoen jahrelangen Stunden, Mich wieder an die Luft, wo Titans Auge lacht: Gnom, Kellermeister, Aff und alles war verschwunden. Jch fand mich voll Erstaunen wieder an eben dem Ein- gange des Kellers, wo ich vor meinem wunderbaren Ge- sichte gewesen war. Niemand wollte auf meine Nach- frage von einem Sturm wissen. Die Luft, sagte man mir, waͤre diesen ganzen Nachmittag bestaͤndig so heiter gewesen, als sie noch waͤre: nicht das geringste Woͤlkchen haͤtte sich an dem blauen Himmel blicken lassen. Jch waͤre beynahe boͤse geworden. Jch hielt alle Leute fuͤr blind, und alle Leute hielten mich fuͤr betrunken. Jch troͤstete mich endlich, als ein Poet; und rief mit einer Art von Entzuͤckung aus: Jhr armen Sterblichen, die Wahn und Stolz bethoͤren, Habt Augen, die nicht sehn, und Ohren, die nicht hoͤren. Gestehts, der Wahrheit bloß zu Ehren, Wie viel dem schaͤrfsten Aug entflieht, Das nur ein Dichter sieht. Seht Briefe. Seht ihr den Zephyr? Seht ihr Floren, Auf Bluhmen, die sie selbst gebohren? Soviele nackende Najaden, Die sich in kuͤhlen Fluthen baden? Dryaden und Hamadryaden? Seht ihr den Gott verliebter Pein Auf schoͤnen Wangen, schoͤnen Busen? Die Grazien beym Mondenschein? Den Pegasus und unsre Musen Und ihren gruͤnen Lorbeerhayn? Gebt Antwort meiner kuͤhnen Frage: Seht ihr sie? Nein! Wir Dichter sehn sie alle Tage. Jch schließe unter der angenemen Hoffnung, werthe- ster Freund, daß ich nun bald das Vergnuͤgen haben werde, sie wieder zu umarmen. Sie werden es mit mir wuͤnschen, wenigstens aus Furcht, daß Sie bey mei- ner laͤngern Abwesenheit leichte noch einmal mit einem poetischen Brief heimgesuchet werden moͤchten. Absit Omen! Jch bin ꝛc. Roͤmhild 1753. O 5 An Briefe. An Herrn Secretaͤr G*. F reund! liebster G*! ist jemals wahr gewesen, Was wir von Gnid, Cytherens Lustsitz, lesen? Wo Flora stets, im Schoos des Fruͤhlings lacht, Und alles liebt, und Liebe gluͤcklich macht? Wo reine Lust nie unter bittern Thraͤnen, Und Wollust herrscht, stets fern von traͤgem Gaͤhnen; Nichts Ehre macht, als einer Hirtinn Kuß, Und wer nicht liebt, allein erroͤthen muß? Wo uͤberall die Voͤgel bruͤnstig schwirren, Auf iedem Baum die Tauben schnaͤbelnd girren; Und ieder Busch, am schattigten Cephyß, Und ieder Busch, voll holder Finsterniß, Jm stillen Thal und auf bebluͤhmter Hoͤhe, Von Liebe schallt, und niemals von der Ehe? Wenn diese Nachrichten wahr sind; so kann ich kaum zweifeln, daß nicht dieses fatale Wort: Ehe, alle Un- ordnungen erregen sollte, wegen derer zu unsern eisernen Zeiten das Reich der Liebe beruͤchtiget ist. Dieses Wort muß allein Ursache seyn, daß die Gluͤckseeligkeit unserer heutigen Liebhaber so tief unter der Gluͤckseeligkeit jener verliebten Gnidier sich erniedriget findet, wofern anders der gnidische Geschichtschreiber uns nicht hintergangen hat. Er sagt viel von Liebe; nicht ein Wort aber von Ehe. Briefe. Ehe. Gleichwohl ist der letzte Wunsch aller Liebenden, mit dem geliebten Gegenstande aufs genaueste vereiniget zu werden: und was ist Ehe anders, als diese genaueste Verbindung derselben? Warum sind nun ihre guͤldnen Tage insgemein diejenigen, da sie ihres letzten Wunsches noch nicht gewaͤhret worden? Sie haben auf solche Wei- se, werthester Freund, das Gute von dem Ehestande schon gekostet, da sie Braͤutigam gewesen, und ohnfehl- bar die wohlhergebrachten Rechte eines Braͤutigams nicht verschlafen haben, aber doch kein Ehmann geworden sind. Jn was fuͤr seltsame Vorstellungen stuͤrzet mich dieser Ge- danke? Jch draͤng im Geiste mich zum Tempel der Cythere, Durch schwaͤrmender Verliebten Heere, Durch den geweihten Myrthenhayn. Die Freude reichet mir die Haͤnde; Sie fuͤhrt mich schalkhaft laͤchelnd ein: Ach! wenn sie nicht so schnell verschwaͤnde, Wenn unser Herz sie rein empfaͤnde; Wie goͤttlich wuͤrde sie nicht seyn! Die Ueberwinderinn der Herzen Ruht unter gauckelhaften Scherzen: Jhr Auge flammt voll schlauer Lust, Und Wuͤnsche schwellen ihre Brust. Es dampft, mit Seufzern untermischet, Der Weirauch wolkicht vom Altar; Und ihres Zephyrs Hauch erfrischet Sie, ach! die manch verlohrnes Jahr. Mir Briefe. Mir fremde war. Nun klopft mein Herz ihr wild entgegen; Und Bluhmen duͤften auf den Wegen Zum Sitz der großen Koͤniginn, Zum innern Tempel hin, Wohin Chlorinde mich begleitet, Die, wenn ich ihr zu zaͤrtlich bin, Sich scherzend straͤubt und lockend streitet. Die Goͤttinn laͤchelt sanft, und ihr entwoͤlkter Blick Weissaget meiner Liebe Gluͤck: Wie wird mein Feuer angefachet! Doch wie? was Cypris mir verspricht, Vollzieht sie selber nicht? Sie winkt! und wem? verdruͤßliches Gesicht, Auf dem die magre Sorge wachet, Das niemals, oder frostig lachet! Ach! Hymen ists, und ihn verlangt ich nicht! Wie? Amor und sein Chor verschwand, Sobald er neben sich den traͤgen Hymen fand, Den ekelhaft Gepraͤng noch ekelhafter machet? O schrecklich Wort! o Ehestand! Mein Saitenspiel entschlaͤft, und schluͤpft mir aus der Hand. Ohne Scherz! Sobald ein liebendes Paar aus den Haͤn- den der freyen Liebe in Hymens Haͤnde kommt; so ver- schwindet Amor mit allem, was ihn reizend macht: Gra- zien und Freuden und die Begierden, die noch angeneh- mer, als die Freuden, sind, werden nicht mehr gefun- den, Briefe. den, und ihre Staͤte kennet man nicht mehr. Der zaͤrt- liche Gesang verstummet, und statt dessen erschallen schwermuͤthige Klagen und Seufzer andrer Art, als die in den Armen der Wollust gehoͤret werden. Wie viele hoͤre ich den Tag, da sie zu ihrer ewigen Sklaverey ein- geweihet worden, verwuͤnschen, und wie wenige densel- ben seegnen! B * * und Booth sind unter diesen weni- gen. Denn wie man von Megaͤren und Messalinen hoͤrt, so liest man auch von Pamelen und Amalien. Aber ich finde doch diesen Unterschied hiebey: die leztern kommen in den Romanen vor, die erstern sind hingegen wirklich, in dieser unsrer besten Welt wirklich gewesen; und mich duͤnket, dieser Unterschied sey betraͤchtlich. Les’ ich Amaliens Geschichte, Die bey dem schoͤnsten Angesichte Das beste Herz und mehr Verstand besaß, Als Booth, ihr Taugenichts, der sie so oft betruͤbte, So oft bey Metzen sie vergaß, Mit ihnen soff und fraß, Da ihn Amalia stets gleich, stets zaͤrtlich liebte: So wallt mein schnell erregtes Blut; Jn einer Art von Wuth Vergeß ich Hymens wahres Wehe: Da seufz ich nach der Ehe. Doch uͤbersieht mein ernster Blick Der Ehen trauriges Geschick; Wie Briefe. Wie Hymen, der die Kunst geerbet, Die Proteus aufgebracht, Das beste Maͤdchen ach! verderbet, Und oft in einer Nacht Ein sanftes Lamm zum Tieger macht; Wie viel Vulcane sich bey ihrer Venus haͤrmen, Bey ihrem Feuer oft auch Sklaven sich erwaͤrmen, Bey ihrer Schmach die Welt nur lacht: Jndeß die arme Treu, altvaͤterisch gekleidet, Stets hinder ihnen drein und stets vergeblich laͤuft; Jndem sie niemand hoͤrt, so sehr sie klagt und keift; Wie, wann ein seltnes Paar nicht Hoͤllen-Qualen leidet, Doch Langeweil und Ueberdruß Vom ehelichen Kuß Ach! allzuselten scheidet: So zittert mit gerechter Pein Ein Schauer mir durch Mark und Bein; So denk ich nur an Hymens Wehe, So graut mir vor der Ehe. Wen muͤssen solche Betrachtungen nicht furchtsam ma- chen? Und wie sehr muß diese Besorgniß durch die Nach- richt wachsen, die Sie mir, mein liebster Freund, von Jhrem eigenen mislungenen Versuch ertheilen? Gewiß, Jhre Begebenheit ist sonderbar und einem Roman nicht unaͤhnlich. Nichts kommt mit dabey wunderlicher fuͤr als die abentheuerliche Vaterliebe des Vaters Jhrer Schoͤ- nen, der nicht wissen will, daß die Frau Vater und Mut- Briefe. Mutter verlassen und einem Mann anhangen soll, auch deswegen Maͤnninn heißt. Wie? Orpheus hat mit sei- ner Leyer, die vermuthlich lange nicht so reizend, als die Jhrige, geklungen, seine Geliebte dem Teufel selbst ab- locken koͤnnen? Und Jhre Lieder haben Jhnen nicht helfen moͤgen, Jhre Verlobte den Armen eines uͤbertriebenen from- men Eigensinns zu entreissen? Dieser einige Umstand macht Jhre Erzehlung mir beynahe unglaublig. Denn was dieses anbelanget, daß Sie von einem Maͤdchen sich betruͤgen lassen, und solches fuͤr eine Goͤttinn gehalten, hernach aber als einen Menschen, gleich denen uͤbrigen Kindern der verderblichen Eva, befunden haben: liebster Freund, das ist ganz begreiflich. Wer wird nicht auf diese Art betrogen. Du spieltest, Freund, mit Lieb und Schoͤnen, Als einer der sie nicht gekannt, Bis mitten in der Lust und suͤsser Saiten Toͤnen Erfahrung peinlich dich verbrannt. So scherzt ein munters Kind mit der geliebten Katze: Der Knabe neckt sie lang, und ihre fromme Tatze Scheint Sammet, scheint ihm unbewehrt, Bis ein geschwinder Schmerz und rinnend Blut ihn lehrt, Daß auch ein artig Thierchen kratze. O Maͤdchen! Maͤdchen! flieht! umsonst ist mein Be- muͤhn: Wann ihr nicht flieht, ich kann nicht fliehn; Und Briefe. Und wenn ich noch so gerne wollte, Und als ein Weiser sollte. Denn wider ein geliebt Gesicht Und eine schoͤne Brust hilft alle Weisheit nicht. Doch schwoͤr ich bey dem weisen Bart Des ersten Stoickers, des Mannes meiner Art: Jch schwoͤr, und, o verzeiht, ihr Maͤdchen! daß ich schwoͤre; Mein Schwur gereichet euch zur Ehre: Nie will ich euch sehr nahe seyn; Nie will ich bey vergnuͤgten Wein, Wie, leider! sonst geschehn, leichtsinnig euch besin- gen. Soll meine Leyer ja von eurem Reiz erklingen: So mach ich mich dazu mit Fasten erst bereit, Und singe fern von euch und voller Schuͤchternheit. Denn o! ich seh es und mit Schmerzen: Es laͤßt mit Maͤdchen sich nicht scherzen. Das muͤssen herrliche Lieder werden, die ich nach diesem Plane singe. Ob sie jemand lesen werde, das ist eine andere Frage. Sie werden eine ganz neue Gattung der Lieder ausmachen, oder doch unmittelbar auf die feyerli- chen Gesaͤnge der platonischen Liebhaber folgen, um die es immer so finster und melancholisch aussieht. Sie ha- ben, wenn man ihren hohen Worten glaubt, kein groͤs- sers Vergnuͤgen, als ihre Thraͤnen; und wuͤrden zeitle- bens Thoren geblieben seyn, wenn sie nicht zu gutem Gluͤ- Briefe. Gluͤcke geliebet haͤtten. Jhre Maͤdchen machen sie nicht bloß artig und gesittet; sondern zu Weisen, Menschen- freunden und guten Buͤrgern, ja mit der Zeit gar zu Se- raphim. Das ist viel! Doch Amor lacht bey meinem kuͤhnen Schwur, Und rauscht mit glaͤnzendem Gefieder Vor meiner Leyer hin, und fordert meine Lieder. Es fesselt mich die herrschende Natur Zu fest an seinen Sieges-Wagen: Wer widerstrebt, verdoppelt seine Plagen. Die Nacht, wer kennt sie nicht, die Freundinn holder Glut? Verfolgt, wenn alles ruht, Mich mit Erscheinungen und flammenreichen Bildern, Die mir die Liebe reizend schildern. Wer gleichet nicht dem Wuchrer Alfius? Wie rauscht sein Mund von weisen Sittenspruͤchen! Die Landlust wird herausgestrichen: Sie ist das hoͤchste Gut, das ieder suchen muß. O heldenmuͤthiger Entschluß! Er handelt schon um Wies und Felder; Er kuͤndigt Gelder auf: wie? zeigt sich ein Gewinn? Er wankt und leihet seine Gelder Auf neuen Wucher hin. So sind wir Menschen miteinander! Wir prahlen, wie die Alexander; Und kommt ein holdes Maͤdchen, ach! P Wer Briefe. Wer ist nicht schwach? Wer widersteht erobernden Geberden? Der gestern, wie ein Almanach, Von Eh und Weibern sprach, Kann heute Mann und morgen Hahnrey werden. Denn ieder schilt und ieder wagt, Was tausenden mislung, was tausend schon beklagt. Die Wollust einer guten Ehe Verdunkelt iedes Gut, verdunkelt alles Wehe Vor unserm trunknen Blick; Und ieder hofft ein gleiches Gluͤck. Soll, nach des Himmels Rath, ich endlich mich ver- maͤhlen; So waͤhl er selbst fuͤr mich: kein Sterblicher kann waͤh- len, Daß diese Wahl ihm nie gereut. Liebt mich ein gutes Kind mit wahrer Zaͤrtlichkeit; So hat sie die Vollkommenheit, Die mich entzuͤckt, die ich begehre: Sie ist mir Pallas und Cythere. Das, Freund! ist meine Sittenlehre! Da inzwischen eine Hauptbeschwerlichkeit der Ehen zu seyn scheinet, daß ihre Vergnuͤgungen in kurzer Zeit matt und frostig werden: so will ich Jhnen, zu kuͤnftig beliebi- gem Gebrauch, ein besonderes Huͤlfsmittel wider diese Plage nicht vorenthalten, das ich in einem alten unge- druckten griechischen Buche gefunden habe. Ein alter A- thenienser hat sich zwar durch unvorsichtigen Gebrauch dessel- Briefe. desselben Schaden gethan; aber der Misbrauch hebet niemals den wahren Gebrauch auf. Sie wissen die spar- tanische Policey-Ordnung, die einem jungen Ehemanne nicht erlaubte, bey seiner Gattinn anders, als in geheim und verstohlen, einzugehen. Wie? Sie gaͤhnen bey dem Worte: Sparta, und erwarten eine alte Geschichte? Sie rufen wohl gar aus: O bleibt, ihr staubichten Pedanten! Jhr unertraͤglichen Citanten! Bey euern lieben Folianten: Was brauch ich den gelehrten Mist? Duͤrft ihr bey allen Lumpen-Dingen Nach Rom und Griechenland mich bey den Haaren zwingen, Da, was ihr sucht, in Deutschland ist? Wie? koͤnnt ihr mich nicht uͤberfuͤhren, Daß viele Hahnrey sind, als wenn ihr griechisch flucht, Und eure Faͤuste Rom citiren? Kehrt immer erst vor euern Thuͤren: Jhr findet hier vielleicht, was ihr so ferne sucht. Machen Sie mich nicht boͤse! Jch moͤchte sonst Lust be- kommen, Sie mit jenem Kutscher zu vergleichen, der sei- nen gnaͤdigen Herrn vor einiger Zeit durch ein hiesiges Amts-Dorf fuhr. Der Herr bemerkte daselbst ein an- geschlagenes Kayserliches Patent; und ersterer ward ab- geordnet, zu sehen, was es waͤre. Er gieng hin. Das erste, was ihm in die Augen fiel, war in dem Kayserli- chen Titel das Wort: Jerusalem. Sogleich gieng er P 2 wieder Briefe. wieder weg zu seinen Pferden, ohne weiter zu lesen, ohne was zu sagen. Nun! rief sein Herr ihm zu; was ists? was giebts neues, Hanns? Nichts! ‒ ‒ Wie? nichts? ‒ ‒ Nein! nichts! es ist eine alte Historie von Jerusalem! ant- wortete der Kutscher frostig, und fuhr immer seiner We- ge. Doch ich habe Jhnen etwas erzehlen wollen; ich ha- be es versprochen? Aber ‒ ‒ Sie werden meine Erzehlung dießmal nicht bekommen. Jch bin durch die gemachten Einwuͤrfe ganz ausser meiner Fassung gekommen. Als ein anderer Fontaine, Der ehmals Hymens Heimlichkeiten Und ieden losen Streich, den Amor ihm gespielt, Jn seine scherzgewohnten Saiten So reizend sang, daß wer nur menschlich fuͤhlt, Nach Hymens Freuden diebisch schielt; wollte ich Jhnen erzehlen, wie der vorgedachte Athenien- ser die Gewohnheit gehabt, sein artiges Weibchen auf spartanisch zu lieben; und durch unbehutsame Entde- ckung dieses Geheimnisses einen luͤsternen Freund veran- lasset habe, ihn mittelst dieser Mummerey zum Hahnrey zu machen. Denn es ist ein allzugroßes Kuͤnsteln, wie in allen Sachen, also insonderheit im Ehestande gefaͤhr- lich; und man handelt als ein Thor, wenn man die la- chende Anmuth des Fruͤhlings dem fruchtbarn Herbst ge- ben zu wollen, sich einfallen laͤßt. Mit wie vielem Ver- gnuͤgen wuͤrde ich mit Jhnen uͤber diese und tausend an- dere Dinge plaudern, wenn ich Jhrer guͤtigen Einladung mich gebrauchen und Sie besuchen koͤnnte! Aber das hie- sige Commissions-Geschaͤft ist geendiget; und ich werde zu Haus erwartet. Morgen reise ich von hier ab. Jch verharre ꝛc. Roͤmhild 1753. An Briefe. An Herrn Hof-Advocat G * * * D u, den Lyaͤus mir, den mir die die jungen Freu- den, Umkraͤnzt mit Epheu, zugefuͤhrt, Als mich der Himmel hieß auf Roͤmhilds Fluren wei- den; Der oft mit mir beym Wein dem Vorzug nachgespuͤrt, Wie aͤchte Weisen sich vom Poͤbel unterscheiden, Wann, unbetaͤubt von rauhen Leiden, Vom Glanz der Großen ungeruͤhrt, Sie jenen standhaft stehn, sie diese nicht beneiden: Mein G * *! wenn sonst nichts beweist, Daß ein verwandtes Blut in unsern Adern fleusst; Wenn weder Leichenstein, noch Wapen uͤbrig bliebe: So uͤberzeugen meinen Geist Der Herzen gleichgestimmte Triebe, Zu Wein und Musen gleiche Liebe, Zu Maͤdchen auch und schlauverwehrter Brust Auf ihrem Mund, an ihrer Brust. Jch hoͤre mit entzuͤckten Ohren, Wenn Dein umlorbeert Saitenspiel Von unsrer Freundschaft schallt, und wie ich dir ge- fiel, Und wie du mich gewaͤhlt und wie ich dich erkohren. P 3 Ach! Briefe. Ach! Jude, Bauer, Schelm, Betruͤger oder Thoren Sind, unter laͤrmendem Gewuͤhl, Mein Umgang, seit ich dich verlohren: Nachdem, im Schoos der Vaterstadt, Nun wieder, wie vorhin, zu dornichten Geschaͤften, Die unser himmlisch Theil an Staub und Erde heften, Mich Themis angewiesen hat. Du, dem ein guͤnstig Gluͤck ein sorgenfreyes Leben Und, ohne Sklavendienst, was du bedarfst, gegeben; Dem unverwehrt ist, frey zu seyn Und ungestoͤrt sich zu erfreun: Darf meine Muse dich in deinem Lehnstuhl stoͤren, Und achtest du auf ihre Lehren, Wann, mit entwoͤlktem Angesicht, Sie, als ein Seneca, im Schoos der Wollust spricht: Freund! so verlange nicht, Dein stilles Gluͤcke zu vertauschen Mit Ketten muͤhevoller Pflicht, Die um der Ehrsucht Arme rauschen. Der Weise, dessen Herz von Menschenliebe flammt, Flieht nicht vor anvertrauten Buͤrden: Doch draͤngt sich nie sein Hals ins Joch geehrter Wuͤr- den, Aus einem niedern Stolz, den seine Brust verdammt. Sein Herz ist groß genug, die Groͤsse zu verachten, Die Briefe. Die farbicht schwillt und platzt, eh kleine Seelen dach- ten, Die nach dem bunten Tande schmachten, Und um ein schimmerreiches Amt, Das ihrer nicht bedarf, noch sie beduͤrfen, laufen, Der Thorheit Sklaven sind und neue Fesseln kaufen. Der Thor bleibt stets ein Thor, auch in der Ehre Schoos; Und wird von innrer Knechtschaft Schande, Von Knechtschaft schlimmrer Art, als eines Rudrers Bande, Selbst unterm Purpur niemals los. Die Hoͤhe, wo er steht, macht keinen Gecken groß: Sie laͤsst, wie klein er sey, nur desto weiter sehen. Ein Sturm des Gluͤcks verschlaͤgt ihn an entweihte Hoͤhen; Ein stuͤrmisch Gluͤck Schlaͤgt wieder ihn zuruͤck: Wie eine traͤge Regenwolke Sich auf des Windes Fluͤgeln hebt, Und uͤber einem ganzen Volke Mit fuͤrchterlichem Schatten schwebt. Sie rauscht in ungewohnter Sphaͤre: Nicht lange! denn die eigne Schwere Druͤckt sie zur Erde bald herab, Die ihr den Ursprung gab. Gib nicht im Fruͤhling muntrer Jahr. Verblendeten Begierden Raum; P 4 Und Briefe. Und uͤberlaß den Geiz der Kindheit grauer Jahre, Dem Stolz der Ehre Sommer-Traum. Die Sorgen stoͤren ihn mit schreckenden Gestalten: Durch Niedertraͤchtigkeit wird, was ihn reizt, erlangt, Durch Niedertraͤchtigkeit erhalten; Und schmilzt, wie Fruͤhlings-Reif, der an der Son- ne prangt. Der große Liebling großer Fuͤrsten Mag unerquickt nach Ruhe duͤrsten: Sie flieht ihn schuͤchtern uͤberall. Jn iedem dunkeln Laut, in Blicken und Geberden Zeigt bange Furcht ihm seinen Fall: Der Sklave fuͤrchtet, frey zu werden! Freund! von des Jrrthums Brust entwoͤhnt, Laß dich kein Puppenspiel von guͤldner Freyheit schei- den; Und brich die Rosen aller Freuden, Die keine Reu umdornt, kein spaͤtes Ach! umtoͤnt. Der weisen Wollust sey dein Garten eingeweihet, Die, von der Weisheit Hand gekroͤnt, Mit ernster Tugend nie entzweihet, Die ernste Tugend selbst mit wahrer Lust versoͤhnt. Seh ich unter gruͤnen Lauben, Bey dem Gotte froher Trauben, Und beym Saitenspiel der Musen, An des besten Maͤdchens Busen, Dich, vom sichern Busch verdeckt, Unter Briefe. Unter Bluhmen hingestreckt? Hoͤr ich unter Nachtigallen Deine suͤssen Lieder schallen? Lieder, wie mein Chaulieu sang, Wenn er frey von eklem Zwang Und bey spaͤtem Weine lachte! Bacchus, wenn sein Lied erscholl, Ließ den trunknen Becher voll, Der ihm in die Augen lachte; Und, gelehnt auf seinen Stab, Der vom heilgen Lorbeer rauschte, Hieng er schweigend hin und lauschte, Bis der Dichter durstig schwieg, Bacchus ihm den Becher gab. Doch meinen Dichtergeist umnebeln leichte Traͤume! Du ruhest itzt wohl nicht im Schatten deiner Baͤume! Nun, da sie fast entblaͤttert stehn, Und rauhe Winde nur im oͤden Garten wehn: Da, nach des Herbstes mildem Segen, Das greise Jahr mit kalten Regen Die Fluren umgewuͤhlt, wo Raben einsam gehn. Wenn Zephyr die verjuͤngten Blaͤtter Und Floren und die Liebesgoͤtter Auf duͤftendem Gefieder bringt; Und in der Fruhlings-Luft die fruͤhe Lerche singt: Alsdann wird Amor dich im Gruͤnen wieder finden; Dich, der sein Sklave schon, ihm nur entwischet war’, An seinen flammenden Altar P 5 Mit Briefe Mit Bluhmen ewig feste binden, Zu seiner andern Sklaven Schaar. Laß von den Grazien die eine Gattinn waͤhlen, Die nicht von den gemeinen Seelen, Bloß wirthlich, reich, vielleicht getreu, Doch ohne Zaͤrtlichkeit und lauter Poͤbel sey. Zwar wir, wie unsre Vaͤter, wissen Von keinen englischen Clarissen: An ihre Wuͤrde reicht kein sterblich Maͤdchen hin. Ach! Harlows Tochter starb! auf Erden war kein Gatte Fuͤr diese, die nichts weiblichs hatte, Als Reizungen und Eigensinn. Du, Freund! bist selbst ein Mensch, und wirst ein menschlich Wesen Zu einer Gattinn dir erlesen: Zu gluͤcklich, wenn sie dir, vom Himmel mild bedacht, Jn einem holden Leib, zu schlauer Lust gemacht, Auch eine Seele zugebracht, Die denkt und edel denkt, die Tugend liebt und kennet, Und dich, als Freundinn, liebt, wenn sie dich Gatten nennet! O Wollust, nicht bloß einer Nacht! Die Tage werden dir in ihrem Arm verschleichen, So ruhig, als ein Bach, der unter finstern Straͤuchen, Von hohen Baͤumen rund umwacht, Stets ungerunzelt lacht: Hoch uͤber ihm hinweg braust unter nahen Eichen Der schwarzen Stuͤrme Wuth, die niemals ihn erreichen. Anspach 1753. An Briefe. An Herrn Hofrath C* W ie? Sie haben meinen Nahmen auf dem Parnaß gehoͤrt? Jch soll daselbst nicht ganz unbekannt, nicht ganz ausser Achtung seyn? So zuverlaͤs- sig Jhre Nachrichten von einem Orte, wo sie einen so hohen Platz behaupten, mir mit Recht scheinen muͤssen, so kann ich doch diese nur fuͤr einen freundschaftlichen Scherz ansehen. Wie koͤnnte ich eine Parthey auf dem deutschen Parnaß haben, da hier alles durch Cabalen zugeht, und ich hingegen ein Feind aller solchen kleinen Rottie- rungen bin? Jnzwischen hat Jhre sinnreiche Dichtung mich ungemein ergetzet. Weil ich den ganzen Tag uͤber damit beschaͤftiget gewesen; so ist meine Seele selbst im Schlafe damit fortgefahren, hat dasjenige, was ich zu verschiedenen Zeiten und stuͤckweise gedacht, in eine be- sondere Vorstellung zusammengehaͤnget, und folgenden Traum gebildet. Jch schleiche mich aus einem Hayn, Wo Myrthen unter Lorbeern rauschen, Und Liebesgott und Satyr lauschen, Jn einen lichten Tempel ein. Die Musen lachen mir entgegen: Jn Marmor nachgeahmt, scheint iede sich zu regen, Und mehr, als bloßer Stein, zu seyn. Der Briefe. Der weise Marmor scheint beseelet: Von keinem neidischen Gewand Wird auch der kleinste Reiz verheelet; Und weder schoͤnes Maaß, noch jenes Weiche fehlet, Das alter Griechen leichte Hand, Von Grazien gefuͤhrt, mit hartem Stein verband. Jn Marmor stehn an ihren Seiten Die Dichter neuer Zeit, bey Dichtern alter Zeiten: Da Lieblichkeit am Griechen lacht, Ein Ernst voll Majestaͤt den Roͤmer kenntlich macht, Und manche Haͤrte noch und wildere Geberden Jn iedem Bild entdecket werden, Das juͤngre Kunst hervor gebracht. Mein Auge saͤumt bey iedem Stuͤcke; Doch Pindar fesselt meine Blicke. Sein stolzes Auge rollt, voll ungestuͤmer Glut, Voll heilger Wuth. Dem kuͤhnen Griechen gegen uͤber Steht Flaccus, dessen Blick satirisch laͤchelnd blitzt: Er singt, von sanftern Gott erhitzt, Und ohne Zuͤckung, ohne Fieber. Oft nachgeahmt und nie erreicht, Hebt sein gefluͤgelt Lied sich praͤchtig, hoch, doch leicht. Jch betrachtete diese beeden großen Maͤnner mit einer so ehrerbietigen Aufmerksamkeit, daß ich lange Zeit den Laͤrm nicht bemerkte, welcher immer mehr um mich herum an- wuchs. Eine Menge Leute, die ich alle fuͤr deutsche er kannte, waren in den Tempel eingedrungen; aber durch zwey Briefe. zwey verschiedene Thore, welche, wie ich hernach zu er- fahren Gelegenheit hatte, auch zu verschiedenen Wegen leiteten. Der eine, welcher der gebahnteste schien, duͤf- tete von den lieblichsten Bluhmen aller Arten. Diejeni- gen, die auf demselben in den Tempel kamen, raͤucherten insgemein den ehrwuͤrdigsten Dichtern Griechenlands, Roms und Frankreichs, und besungen ihr Lob, wenigstens in einem verstaͤndlichen Deutsch und unter dem Getoͤne des Reims. Hingegen die uͤbrigen, die auf dem andern Pfade wandelten, der sehr rauh und uͤberhaupt nicht eben der lustigste zu seyn schien, verschwendeten allen ihren Weihrauch bey einer dem Homer gegenuͤberstehenden brittischen Statue von schwarzem Marmor: sie sungen ihm zu Ehren uranische Lobgesaͤnge voll Olymp und zu gleicher Zeit voll mizraimischer Finsterniß, in seltsamen Versarten, die sie mit gewißen griechischen Nahmen guͤtig beehrten. Jhr Liebling, unerquickt vom guͤldnen Sonnenlichte Stund mit erstauntem Angesichte, Dem Hoheit eines Gotts aus vielen Zuͤgen sah, Voll feuriger Entzuͤckung, da: Und Engel, Teufel, Himmel, Hoͤlle Vermischten, unverwirrt, sich an dem Fußgestelle. Fuͤr ihn, den Deutschland halb vergoͤttert, halb ver- dammt, Fuͤr ihn und andre junge Britten, Aus derer Augen selbst, wie oft aus ihren Sitten, Was kuͤhnes und fast wildes flammt; Steigt Briefe. Steigt soviel Weihrauch auf aus hundert Opferschaalen, Daß dicker Wolken Dampf die alten Dichter deckt, Verdunkelt, aber nicht befleckt: Sie werden ewig schoͤn mit reinem Glanze strahlen. Jmmittelst naͤherte sich mir eine Weibsperson von ernst- haftem, strengem Ansehen, und mit einem blendend weis- sen Kleid angethan. Sie redete mich liebreich an. Jch habe mit Vergnuͤgen gesehen, waren ihre Worte, auf welche dieser heiligen Denkmaale deine vorzuͤgliche Auf- merksamkeit gefallen ist. Ils se moquent de moi qui plein de ma lecture, Vais par-tout prechant l’art de la simple Nature. Malheureux, je m’attache à ce goût ancien. Oeuvres divers. de Mr. de la Fontaine T. I. Jch billige deine Wahl, welche von den herrschenden Vorurtheilen dieser Zeit nicht hingerissen worden. Jch selbst will dich durch dieses Heiligthum begleiten: ich will dir die Vornehmsten dei- nes Volkes zeigen, die, nebst andern, auf dem von Opitz gebahnten Wege beharret, und sich eine Stelle bey den Lieblingen der Musen erworben haben. Sieh! Opitz steht voran: Sein Geist kennt keine Schranken: Natur ist, was er denkt, und was er schreibt, Gedan- ken: Er sang, unsterblicher Gesang! Beseelt von einem sanften Feuer, Noch rauh, doch maͤnnlich schoͤn, in seine neue Leyer: Da Briefe. Da dessen fluͤchtig Lied, der bis zum Tigris drang, Oft kuͤhner, oͤfter schwach erklang. Wie richtig sprach, wie edel dachte Der weise Hofmann an der Spree, Um den, in Blumbergs weichem Klee, Ein wohlgezogner Satyr lachte! Sieh einen Menschenfreund, um reicher Elbe Strand, Von reger Phantasie entbrannt, Sein irdisches Vergnuͤgen mahlen, Wo doch der uͤbereilten Hand Manch schwacher Zug entwischt, oft falsche Farben prahlen. Bey Popen steht ein großer Mann, Der auf der Alpen Lob im Schnee der Alpen sann: Des neuen Ausdrucks Glanz umleuchtet weise Lehren; Und stimmt sein Saitenspiel ein feurig Straflied an, Wer wird nicht seinen Schwung, den edlen Schwung verehren, Und harte Toͤne gern verhoͤren? Mit ihm schwingt am entfernten Belt Ein angenehmer Geist sein glaͤnzendes Gefieder: Nie fliegt er bis zum Poͤbel nieder: Er unterrichtet, er gefaͤllt Dem Weisen, wie der großen Welt Jm feinen Scherz der schoͤnsten Lieder Und im Johann, dem Seifensieder. Auch dieser junge Greis, der aller Freude Feind, Um- Briefe. Umwoͤlkt mit kranker Schwermuth, scheint, Hat mit so heitrem Witz erzehlet, Daß, wenn die Fabel spricht, sie seine Sprache waͤh- let. Doch, ach! Melpomene beweint Dich, welcher im Canut ihr Thraͤnen einst entrissen: Sie selbst hat ihren jungen Freund Jn Marmor aufgestellt, bethraͤnt mit ihren Kuͤssen. Dem, dessen sanfter Schaͤfer-Ton Die feinste Schalkheit deckt, da seine leichten Saiten Selbst mit Fontainens Leyer streiten; Und deinem alten Freund, Berlins Anakreon, Den alle Grazien begleiten, Laͤsst Amor ihren Ort beym Tejer zubereiten. An seiner Seite wird noch einem seiner Art, Dem Vater holder Kleinigkeiten, Ein ehrenvoller Platz bewahrt. Aber in diesen Tagen, fuhr meine Begleiterinn fort, faͤngt jener so schoͤne und sichre Pfad von neuem an, zu verwil- dern. Der englische Witz scheinet auf den deutschen Par- naß eben so vielen Einfluß zu haben, als die englischen Krieges-Heere und Schaͤtze auf das Gleichgewichte von Europa: London ist, was Paris gewesen. Und wer muß die brittische Muse nicht verehren, die von einem goͤttlichen Feuer begeistert, mit ungestuͤmem, aber oft regellosem Fluge sich in Hoͤhen, wohin ihr niemand folgen kann, schwinget, ob sie gleich auch nicht selten um die un- Briefe. unfruchtbarn Klippen des frostigen Schwulstes flattert! Jhre Schoͤnheiten sind ungemein; aber ihre Fehler nicht minder. Denn der Britte haͤlt in keiner Sache Maaß: sein Feuer reisset ihn hin, und er gefaͤllt auch selbst in sei- nen Ausschweifungen. Aber ist der Deutsche zu entschul- digen, der bey seinem angebohrnen Phlegma sich zwin- get, ausgelassen hitzig zu thun, und mit kaltem Blute zu rasen? Die englische Art zu schreiben ist wie die englische Regiments-Verfassung: sie sind beyde gut; aber nur fuͤr englische Koͤpfe. Aus dieser Ursache haben die kluͤgern Deutschen sich niemals einfallen lassen, die Engelaͤnder durchgehends zu ihrem Muster zu nehmen: sie haben al- lein ihre starke, ihre gedankenreiche und koͤrnichte Art zu dichten nachgeahmet. Dieß sind wahre Schoͤnheiten, Schoͤnheiten fuͤr alle Zeiten und alle Voͤlker. Eine be- hutsame Nachahmung derselben ist dem deutschen Parnaß schon nuͤtzlich gewesen, und haͤtte noch nuͤtzlicher werden koͤnnen, wenn nicht so viele andere einer gleichen Maͤssi- gung vergessen haͤtten. Kann ein verblendet Volk die Thorheit hoͤher treiben? Der nicht, wie Britten, denkt, will, als ein Brit- te, schreiben! Der Deutsche will ein Britte seyn, Und kauft ein englisch Kleid auf einem Troͤdel ein. Der Aufwand ist gering: ein schwuͤlstiges Geschwaͤtze, Das der Vernunft vergißt, wie aller Sprachgesetze, Manch Schulwort, manch verwegner Schwung Und schwaͤrmende Begeisterung Q Macht Briefe. Macht schon ein ziemlich Kleid nach Londons neustem Schnitte: Dem Kleide fehlt nur eins! der Britte. Was hilft ein fremder Schmuck, der, im Gebrauch be- fleckt, Nur klappernde Gerippe deckt, Die nach des Grabes Moder riechen? Wie oft verbirgt in wilder Pracht Des Ausdrucks unerhellte Nacht Gedanken, die im Staube kriechen! Die deutsche Dichtkunst weicht von weisrer Alten Spur: Der gruͤndliche Geschmack an Wahrheit und Natur, Der Wohlklang in gesunden Ohren, Die Sprache selber geht verlohren, Da alle Scham verlohren geht: Nous sommes cinq ou six Novateurs hardis qui avons entrepris de changer la langue du blanc au noir. Et nous en viendrons à bout, s’il plait à Dieu, en depit de Lope de Vega, de Cervantes \& de tous les autres beaux esprits qui nous chicannent sur nos nouvelles façons de parler. Avantures de Gil Blas L. VII. c. 13. Ein Deutscher ist gelehrt, wenn er solch Deutsch verstehr. Unter diesen Reden hatte sich das Getuͤmmel im Tempel dermassen vermehret, daß meine Gefaͤhrtinn und ich ein- ander nicht mehr verstunden, und endlich von dem ein- dringenden Schwarm ganz von einander gerissen wurden. Jch Briefe. Jch sah, wie alles dieses Volk, bis auf wenige Perso- nen, die bey den Dichtern des Alterthums ruhig stunden, sich in zween Haufen getheilet, ieder derselben aber seinen Liebling hatte, dessen marmorne Statue sie bey Milton oder Virgilen aufzurichten suchten, und von andern sich daran verhindert sahen. Jeder Theil hatte gewisse pa- pierne Posaunen zu seinem Dienste, die mit einem lau- ten, oft beschwerlichen Gekreische vor dem Bilde hergien- gen; indeß ihnen die Gegenparthey mit kleinen hellen Stu- tzer-Pfeifchen antwortete. Jch hoͤrte hoͤhnisch lachen und mit unter auch schimpfen: ja einige warfen sogar mit Kothe nach dem Helden des Gegentheils; und diese schienen wohl eifrige, doch nicht eben die fuͤrchterlichsten Feinde zu seyn. Jndessen wuchs der Streit, und das Getoͤse nahm uͤberhand. Wie, wann der schwarzumwoͤlkte Suͤd, Auf dessen finstrer Stirn ein wuͤthend Feuer gluͤht, Am regenvollen Himmel bruͤllet, Und ihm aus Scythien, in schauernd Eis verhuͤllet, Der kalte Nord entgegen zieht; Von ihrem Kampf die Luft erzittert, Der Erden Veste bebt, und im erschrocknen Hayn Was sich nicht beuget, kracht und splittert, Und alles taumelnd seufzt, vom furchtbarn Sturm erschuͤttert: So nahm Getoͤs und Laͤrm den ganzen Tempel ein: Q 2 Als Briefe. Als eine glaͤnzende Erscheinung eine ploͤtzliche Stille verur- sachte. Jch sah den Gott des guten Geschmacks auf einer leuchtenden Wolke und so, wie ihn Voltaire gesehen, in den Tempel kommen. Seine heitre Stirne war mit den Lorbeern des Maro, mit dem Epheu des Horaz und mit Anakreons Rosen umkraͤnzet; und seine ganze Gestalt lachte von ungeschminkter, doch ruͤhrender Anmuth. Er sprach; und seine Worte waren suͤsser, als die Toͤne der harmonischen Leyer: Jhr Freunde! hoͤret mich, die ihr die Schoͤnheit nen- net, Fuͤr ihre Rechte kaͤmpft, und sie vielleicht nicht kennet! Es lacht auf ihrer Stirn die Einfalt der Natur: Sie ist auch nackend schoͤn; nicht schoͤn im Purpur nur. Ein bunter Hurenschmuck ist falscher Schoͤnheit eigen: Die gleisst von Flittergold, und will sich immer zeigen; Und will vorwitzig stolz, auf Stelzen sich erhoͤhn, Dem Winde sich vertraun, und auf den Wolken gehn. Rien n’est beau que le Vrai, le Vrai seul est ai- mable, Il doit briller par tout \& même dans la Fable. Boileau Das Wahre nur gefaͤllt; und wollt ihr wuͤrdig dichten, So muß die Dichtung nicht auch die Natur vernich- ten. Oft fliegt sie schwaͤrmend auf; allein verflieget sich, Und wird nicht wunderbar, nur abentheuerlich. Jn Briefe. Jn Laͤndern voller Lichts, in anfgeklaͤrten Zeiten, Soll wider die Vernunft allein die Dichtkunst strei- ten? Wie? dieses Himmelskind schmuͤckt poͤbelhaften Wahn, Pflanzt alten Jrrthum fort und pflanzet neuen an? Mit Maͤhrchen spielt allein die lachende Satire: Die hohe Muse weis, was ihrem Ernst gebuͤhre. Dem Scherze wird verziehn, der eine Thorheit wagt: Doch der wird ausgezischt, der sie im Ernste sagt. Nicht Schoͤnheit einer Art muß aller Orten lachen: Was immer wiederkommt wird endlich muͤde machen. Wer immer mahlt und mahlt, und ieden Muͤcken- Fuß Jn sein Gemaͤhlde bringt, mahlt uns zum Ueberdruß. Der Schuͤler der Natur verlangt nicht stets zu glaͤn- zen: Er laͤßt ein lebhaft Licht an sanfte Schatten graͤnzen. Es blendet unser Aug ein steter Sonnenschein: Lorsque nous demandons des choses qui nous pi- quent \& nous reveillent, outre qu’il est à propos que ces choses soient menagées \& dans des distances convenables, nous voulons encore qu’elles soient placées sur un fond simple. Lettr. II. sur les cau- ses de la Decadence du gout par Remond de Saint Mard. Wir suchen Dunkelheit und fliehen in den Hayn. Der Bluhmen hohen Glanz wird falber Grund erhe- ben; Da Sudler uͤberall nur lichte Farben geben. Was pfropft ihr ein Gedicht mit Gegensaͤtzen voll, Q 3 Und Briefe. Und strahlt mit kuͤhnem Witz, auch wo er schweigen soll? Hoͤrt auf, stets raͤthselhaft, in Spruͤchen stets zu spre- chen: Warum soll ieder Satz den muͤden Kopf zerbrechen? Nicht seicht fließ’ euer Vers, nicht von Gedanken leer: Er fließe klar dahin, obgleich von Golde schwer. Neque conamur sperare, qui latine non possit, hunc ornate esse dicturum: neque vero, qui non dicat, quod intelligamus, hunc posse, quod admiremur, dicere. Cic. de Orat. III. Tanquam scopulum, sic inauditum atque insolens verbum, fugiamus. Cæsar. L. I. de Analogia. Soll Deutschland euer Haupt mit Lorbeern dank- bar kroͤnen; So lehret euer Lied, auch deutsch, nicht fremde toͤnen. Der Alten Saitenspiel schall’ eurer Leyer vor: Sie dichten fuͤr den Geist, und singen fuͤr das Ohr. Die schoͤnste Sprach fließt von ihren reinen Lippen: Sie fliehn ein freches Wort, gleich Jcars bleichen Klippen. Schleift alles Rauhe weg! waͤhlt; aber kuͤnstelt nicht! Le Seigneur Don Fabrizio, qui fait des Vers dignes du Roi Numa, \& qui écrit en Prose comme on n’é- crit point. Avantures de GilBlas L. VIII. c. 9. Hæc verba tam improbe structa, tam negligenter abjecta, tam contra consuetudinem omnium posita. Senec. Epist. 114. Auch der wird laͤcherlich, der nie, wie andre, spricht: Der Briefe. Der bald ein schimmelnd Wort bejahrter Nacht ent- reisset, Das niemand itzt mehr kennt, bald neue werden heis- set; Die kuͤhnsten Tropen haͤuft, versetzt, verstuͤmmelt, wagt, Und doch nicht schoͤner sagt, was andre laͤngst gesagt. Jhr Deutschen, die erhitzt in meinem Tempel zanken! Die Sucht, stets neu zu seyn in Worten und Gedan- ken, Umschleicht, wie eine Pest, auch euer Vaterland, Sie, die mich aus Athen, die mich aus Rom verbannt. Die Muse Griechenlands, die Muse Roms entzuͤckten, So lang sich beyde noch mit edler Einfalt schmuͤckten; Und ihr bescheidner Mund noch immer menschlich sprach, Auch wann aus ihrem Blick ein goͤttlich Feuer brach. Ainsi dégénérèrent ces graces fieres \& modestes des Romains; ainsi perit cette belle \& majestueuse sim- plicité de Ciceron. Lettre 1. sur la decadence du gout par Remond de Saint Mard. Doch, ach! als beyde sich, wie feile Dirnen, schmink- ten, Von Salben duͤfteten, und sich am schoͤnsten duͤnkten, Wenn sich zu frechem Blick ihr buhlend Auge zwang: War ihre Schoͤnheit hin und kraftlos ihr Gesang. Diese lange Rede wuͤrde vielleicht noch laͤnger und noch entscheidender fuͤr die streitenden Theile geworden seyn; wenn nicht das Getuͤmmel derer, die mit derselben schlecht zufrieden waren, den Gott unterbrochen und mich selbst Q 4 auf- Briefe. aufgewecket haͤtte. Jn der That! ein langer Traum! werden Sie sagen. Vielleicht haben die langen Winter- naͤchte denselben so lange gemacht. Vielleicht hat auch der Traum der schoͤnen Mirzoza, den ich in einer der wi- tzigsten Schriften des juͤngern Crebillon vor dem Schla- fengehen gelesen, meine Phantasie zu einem so langen und critischen Traum vorbereitet. Er sey inzwischen so gut oder so schlecht, als er wolle, so habe ich Jhnen denselben erzehlen wollen. Jch bin mit ehrerbietiger Hochach- tung ꝛc. Anspach 1754. Nuͤrnberg, gedruckt bey Joh. Joseph Fleischmain.