Christian Thomasens JCti und Chur-Brandenburgischen Raths E inleitung zu der V ernunfft- L ehre/ Worinnen durch eine leichte/ und allen vernuͤnfftigen Menschen/ waserley Standes oder Geschlechts sie seyn/ verstaͤndliche Manier der Weg gezeiget wird/ ohne die Syllogisticâ das wahre/ wahrscheinliche und falsche von einander zu entscheiden/ und neue Warheiten zu erfinden. Nebst einer Vorrede Jn welcher der Autor sein Vorhaben deutlicher erklaͤret/ und die Ursachen anzeiget/ warum er dem Autori Speciminis Logicæ Claubergianæ nicht antworten werde. Halle/ Gedruckt bey Christoph Salfelden / Churfuͤrstl. Brandenb. Hoff-und Regierungs Buchdr. 1691 . An Seine Magnificenz Herrn Buͤrgemeister ADRIAN S tegern/ Jn Leipzig. Hoch- H och- E dler/ Magnifice, Hochgeehrtester Herr und Patron. G Egenwaͤrtige Einlei- tungzu der Vernunfft- Lehre ist meine letzte Schrifft die ich zu Leip- zig verfertiget; massen denn allhier in Halle nicht mehr als das letzte Capitel darzu gemacht worden; weßwe- gen gen ich auch dafuͤr gehalten/ daß ich nichts unfoͤrmliches begehen wuͤrde/ wenn ich gleichsam an statt des letzten Abschiedes aus meinem Vaterlande dasselbige ie- mand aus dieser beruͤhmten Stadt zu- schriebe. Bey dieser Bewandniß aber habe ich nicht lange nachdencken doͤrffen/ an wem ich meine Zuschrifft abgehen las- sen solte. Es hat Eure Magnificenz ehedessen gegen meinen seeligen Vater Dero bestaͤndiges Patrocinium und hoch- schaͤtzbare Freundschafft bey vielfaͤltiger Gelegenheit bezeuget. Und wiewohl ich damahls in meiner Jugend zimlich ohn- faͤhig gewesen/ die rechte Weißheit von der Namengelahrheit zu entscheiden; so kan ich doch nicht laͤugnen/ daß ich nicht all- bereit fuͤr vielen Jahren beobachtet haͤt- te/ daß Eure Magnificenz unter die sehr kleine Zahl hochgelehrter Leute zu rechnen waͤre/ die diesen Titel in der That verdienen/ ob Sie gleich denselben durch Erkauffung der darzu gehoͤrigen Wuͤrden nicht affectiren. Und wuͤrde ich gewißlich diesen Satz recht auszufuͤh- * 3 ren ren gnugsame materie zu einem voͤlligen Panegyrico haben/ wenn nicht mein temperament und inclination mich zu dieser Schreibart gantz ungeschickt ge- macht haͤtte. Jch will also nur dieses sagen/ daß in Eurer Magnificenz Hochwerthen Person ich allezeit einen rechtschaffenen Weltweisen / einen voꝛtreflichen FCtum, und einen unge- meinen Gottesgelahrten venerir et. Jch verstehe aber durch einen rechtschaf- fenen Weltweisen einen Mann/ der einen scharffsinnigen und penetranten Verstand hat/ und allezeit just und buͤn- dig raisoniret: Der in dem allgemeinen und hoͤchstnoͤthigen Instrument aller Wissenschafften/ ich meine in der Histo- rie, wohl erfahren ist; Der von seiner Selbsterkaͤntniß seine Philosophie an- faͤngt/ und durch die Daͤmpffung der Gemuͤths-Bewegungen sein hoͤchstes Gut/ die innerliche Gemuͤths-Ruhe sich zu verschaffen bemuͤhet ist; Der nach die- sem die Boßheit der Welt kennet/ und durch durch eine taͤgliche/ und auff unbetrieg- liche Regeln sich gruͤndende Erfahrung allen Menschen mit denen Er conversi- r et/ wenn sie auch noch so sehr dissimuli- r en/ biß in das innerste ihrer Gedancken penetriret, und diese Seine Wissenschafft zu Nutzen des gemeinen Besten/ und zu Abwendung des gemeinen Schadens an- zuwenden weiß: der geschickt ist/ eine sei- nem Genio und Stande gemaͤße profes- sion zu erkiesen/ und die darzu gehoͤrige/ und/ seine Tugend desto nachdruͤcklicher blicken zu lassen/ noͤthige Guͤter des Gluͤcks rechtmaͤßig zu erwerben/ die er- worbenen zu erhalten/ und zu vermeh- ren/ und beyde nach der Richtschnur der gesunden Vernunfft unter die Beduͤrff- tigen auszutheilen gelernet hat. Ja end- lich der alles sein Thun und Lassen dar- nach einrichtet/ daß man in denenselben ein rechtmaͤßiges decorum, ohne wel- ches alle Philosophie eitel und eine blos- se Pedanter ey seyn wuͤrde/ handgreiff- lich spuͤhren koͤnne. Einen vortreffli- chen JCtum nenne ich denjenigen/ der * 4 nicht nicht nur in der Rechts-Gelartheit dieses begriffen/ was zur Endscheidung der privat controversien und zu administri- r ung der heilsamen Justiz in denenselben noͤthig ist/ sondern auch der capabel ist/ die Streitigkeiten der Majest aͤten nach denen Grund-Gesetzen des natuͤrlichen rnd Voͤlcker-Rechts/ so wohl auch des Juris Publici zu beurtheilen. Und end- lich/ so halte ich unmaßgeblich dafuͤr/ daß dieser alleine den Titel eines ungemei- nen Gottesgelehrten verdiene/ der ohne dem Vorurtheil einer ihme von Jugend auff beygebrachten Einbildung nach der Jhm von GOTT verliehenen Erkentniß lediglich aus der goͤttlichen Offenbahrung der heiligen Schrifft und aus der unverfaͤlschten Kirchen-Historie so wohl des Alten als Neuen Bundes/ ohne Ansehung menschlicher autorit aͤt und tradition, die uͤberall im Schwang gehenden Maͤngel des heutigen Chri- stenthumbs wohl und deutlich verstehet/ und versichert ist/ daß der Grund des wahren Christenthumbs in nichts an- ders/ ders/ als in der Liebe GOttes/ und in auffrichtiger Liebe aller Menschen/ sie moͤgen seyn von was Religion sie wol- len/ fuͤhrnehmlich aber in gebuͤhrender Hochachtung frommer/ d. i. friedfertiger und GOttes Ehre nicht in hochmuͤthi- gen und eigennuͤtzigen Zanck-Haͤndeln suchender Christen bestehe. Wiewohl ich nun bey dieser Bewandniß schon eine geraume Zeit hero Gelegenheit gesucht/ in genauere Kundschafft eines so vor- trefflichen/ und bey diesen letzten Zeiten so raren Mannes zu gerathen; So ha- be ich doch dieselbige nur fuͤr etlichen we- nigen Jahren finden koͤnnen. Es war beynahe umb dieselbige Zeit/ als Eure Magnificenz sich wegen der/ der Stadt Leipzig durch alle Staffeln der Ehren-Aembter so viele Jahr her erwie- senen nachdruͤcklichen und ungemeinen Dienste/ in etwas belohnet sahe. Jch meine: als das Vaterland seine Schuld eines theils abzutragen Eurer Magni- ficenz mit allgemeinen Vergnuͤgen der * 5 gan- gantzen Stadt die hoͤchsie Wuͤrde des Buͤrgemeister-Ambts aufftruge. Nichts destoweniger habe ich nicht Ursach uͤber diesen Verzug mich in geringsten zu be- klagen/ indem Eure Magnificenz, an statt daß ich zufrieden gewesen/ wenn Sie so wohl wegen Jhres Standes als Alters/ und der dasselbige begleiten- den allezeit hochzu venerir enden Weiß- heit/ mich als einen Clienten oder Sohn tractir et haͤtte; ohne meinen geringsten Verdienst mich mit einer solchen Freund- schafft beehret/ als wenn Derselben in allen diesen Stuͤcken ich gleich gewesen waͤre. Und gewiß ich habe durch Eurer Magnificenz Gutheit zu erst den recht- schaffenen Unterscheid zwischen einer Freundschafft die keinen andern End- zweck hat/ als eine ehrliche Vergnuͤgung des Gemuͤths/ und zwischen den gemei- nen Verbindungen/ die einig und allein auff den Eigennutz abzielen/ klar und deutlich erkennen lernen. Ein Patron thue einen Clienten so viel guts als er wol- wolle/ so gehet es doch insgemein nicht anders her/ als daß der Patron hierin- nen ja so wohl und oͤffters noch mehr sei- nen Eigennutz durch den Clienten zu befoͤdern sucht/ als dieser vielleicht von jenen zu hoffen hat. Alleine so wenig Eure Magnificenz auch den gerin- sten Dienst zu Erwartung einiges Nu- tzens von mir iemahls benoͤthiget gewe- sen/ so offentlich war mein Zustand schon so beschaffen/ daß vielleicht iederman be- greiffen kunte/ daß uͤber das Verlangen aus Eurer Magnisiceez hoͤchst ange- nehmen conversation etwas gutes zu lernen/ ich kein anders Absehen auch auff meiner Seiten haben kunte. Denn ob schon nicht zu laͤugnen/ daß Eure Ma- gnificenz vermoͤgend genug gewesen/ diejenigen die Derer Huͤlffe beduͤrffig empor zu heben; So hatte doch eines Theils mein Vaterland schon damahls mir nicht verbluͤmt/ sondern ziemlich deutlich zu erkennen gegeben/ daß es mei- ner Dienste niemahls vonnoͤthen haben wuͤr- wuͤrde/ und daß meine um die rechtschaf- fene Erforschung der Warheit und wah- ren Froͤmmigkeit allzugenaue Sorge sich mit seinem Staats- Interesse nicht com- portir ete; Anders theils aber hatte ich vermittelst Goͤttlicher Gnade die Eitel- keit der menschlichen Ehre/ und die War- heit des bekandten Spruchs: Non sit al- terius qui suus esse potest, allbereit all- zuwohl erkennet/ daß ich wider meine Erkentniß wuͤrde gehandelt haben/ wenn ich einige Ehrenstelle daselbst haͤtte affe- ctiren wollen. Am allermeisten aber hat Eure Magnificenz Dero ohn- interessir te Affection zu der Zeit bezeu- get/ als meine zuvor heimliche Feinde mich oͤffentlich zu verfolgen angefangen/ und/ so viel es an ihnen gewesen/ den gar- aus mit mir zu machen getrachtet. Deñ ob schon die Kuppel und der Anhang mei- ner Verfolger nicht wenig von meinen guten Freunden schuͤchtern zu machen vermoͤgend gewesen/ so habe ich doch al- lezeit zu meiner Beschaͤmung erfahren inuͤssen/ daß Eure Magnificenz so wohl wohl in privat- als oͤffentlichen conver- sationen durchgehends das beste von mir geredet/ und meine unschuldigen actio- nes justificir et/ auch solcher gestalt/ wie- wohl ohne Dero intention meine Wider- sacher nicht wenig mortificiret. Zu ge- schweigen/ daß Selbige bey der fuͤr ei- niger Zeit mit mir erfolgten mutation, bey der ich die Wercke Goͤttlicher Vorse- hung allenhalben gespuͤhret/ durch Dero vielguͤltige recommendation mir nicht wenig Gnade Hoher Personen zugewen- det. Wannenhero meine Obligenheit in Mangel anderer Gelegenheiten erfor- dert/ zum wenigsten in Zuschreibung die- ses meinen geringen Buchs/ die mir biß- hiro erzeigte vielfaͤltige Freundschafft oͤf- fentlich zu ruͤhmen/ und Eurer Ma- gnificenz mich als einen danckbegie- rigen Schuldener darzustellen. Wie- wohl ich nicht laͤugnen kan/ daß bey die- ser Zuschrifft ich auch zugleich ein ziemli- ches Absehen auff meinen eigenen Vor- theil gehabt. Meine Feinde haben ei- nige nige Jahr her so wohl in ihren Hand- Brieffen als in oͤffentlichen Pasquillen mich als ein Monstrum auszuschreyen sich bemuͤhet/ daß ich in meinem Vater- lande bey iederman verhast/ und kein ehrlicher Mann mir mit Freundschafft zugethan waͤre. Wiewohl nun dieses ein offenbahrer Ungrund ist/ und wenn ich Ruhmraͤthig waͤre/ ich vielleicht ja so viel Vornehme und beruͤhmte Leute haͤt- te finden wollen/ die mir auff meine biß- her edirte Schrifften/ oder auch auff diese Vernunfft-Lehre Epistolas Gratu- latorias, Epigrammata, Sonnete u. d. g. haͤtten machen sollen/ als immermehr vor denen herrlichen operibus und opu- sculis meiner Herren Widersacher zu le- sen sind/ hiernechst auch durch GOttes Gnade bey zugestossener Noht es mir an auffrichtigen Freunden/ die mir treu- lich beygestanden/ nie gemangelt; So halte ich doch gaͤntzlich dafuͤr/ daß wenn auch niemand in gantz Leipzig/ als al- leine Eure Magnificenz waͤre/ der mich mich unter die Zahl seiner auffrichtigen Diener rechnete/ dennoch der æstim und die Gnade/ welche Selbige durch Dero meriten bey unzehlichen beruͤhmten so wohl inlaͤndischen als auslaͤndischen Leu- ten/ und selbst bey den Goͤttern dieser Welt sich erworben/ meine Feinde al- lenthalben Luͤgen straffen wuͤrde. Ja ich zweiffele nicht/ es werden diese bey Erblickung dieser Zuschrifft nicht wenig grißgramen/ indem ihr eigenes Gewis- sen ihnen vorhalten wird/ daß mir die- ser oͤffentliche Ruhm von der Freund- schafft eines Mannes/ dessen treueste und unermuͤdeste Vorsorge fuͤr das rechte Wohlseyn des Vaterlandes Seinen Nah- m e n unsterblich machen wird/ mir mehr Vortheil bringen moͤchte/ als die Feindschafft ihrer insgesamt/ derer Raserey sich mit ihren Todte endigen muß/ und denen Nachkommen nichts als ein Andencken einer Pedanti schen Heu- cheley nach sich lassen kan/ mir bißher durch GOttes Gnade hat schaden koͤn- nen. koͤnnen. Derowegen ersuche Eure Magnificenz ich gehorsamst/ diese meine Zuschrifft nicht unguͤtig auffzu- nehmen/ und mit fernerer Wohlgewo- genheit mir zugethan zu verbleiben/ als Eurer Hoch-Edlen Magnificenz auffrich ti gsten Diener Christian Thomas/ V orrede/ An die studirende Jugend. Jnnhalt. 1. Des bißherigen Vorschlags Erlenterung. 2. Was in der ersten Stunde gelehret werden soll. 3. Von Mißbrauch des nachschreibens/ und derer Collegio- rum MSS. 4. Warum der Autor seine Philosophie und zwar in Deutscher Sprache druͤcken zu lassen ge- sonnen. 5. Mißbrauch/ daß man alle terminos te- chnicos deutsch geben will. 6. Ein Exempel hier- von aus einer deutschen Logic. 7. Von der andern Stunde. Ob es rathsam Collegia gratuita zu halten. 8. Von einer absonderlichen Stunde wegen der Lehre de præjudiciis. 9. Historie dessen/ was dem Autori, mit dem Autore Speciminis Logicæ Cartesianæ bege- anet. 10. des Autoris 4. hypotheses von der Philo- sophia Cartesiana, und warumb er dem Autori specimi- nis nicht antworten werde. 11. 12. 13. 14. 15. Etliche Fehler des Autoris speciminis, die in selnen ersten vier Bogen anzutreffen. 16. Das Absehen gegenwaͤrtiger Vernunfft-Lehre. 1. J Ch habe unlaͤngst in einem deutschen Programmate einen Vorschlag gethan/ wie ich einen jungen Menschen/ der sich ernstlich fuͤrgesetzet/ GOtt und der Welt dermahleins in vita civili recht- schaffen zu dienen/ und als ein honnêt und galant A hom- Vorrede. homme zu leben/ binnen dreyen Jahrfrist in der Philosophie und singulis Jurisprudentiæ par- tibus zu informi ren gesonnen sey. So habe ich auch zu Ende desselbigen gedacht/ daß ich hierzu taͤglich zwey Stunden anwenden/ und so viel das honorarium betrifft/ mich dergestalt gegen meine Auditores bezeugen wolte/ daß die Armen umb- sonst/ die mitlern vermoͤgens sind/ gegen ein billi- ges accommodi ret werden solten/ die uͤbrigen a- ber denen GOTT Reichtum bescheret/ durch ein raisonnable, jedoch beliebte Danckbarkeit ihren æstim und Hochachtung gegen die studia wuͤrden bezeugen koͤnnen. Nachdem nun hierauff un- terschiedene sich zu diesem Collegio bey mir angegeben/ bin ich bemuͤhet gewesen/ wie ich sie nach meinen Versprechen alle und jede vergnuͤ- gen moͤchte; ich habe aber gleichwohl bedacht/ daß die Ungleichheit des honorarii fuͤr gleiche Arbeit gar leicht bey meinem Auditoribus Verdruß erwecken/ und zu einigen Wieder- willen gegen mich/ und untersich selbst Anlaß geben koͤnte; zumahlen/ da man zwar das Ar- muth noch wohl von dem Vermoͤgen wuͤrde zu entscheiden wissen; das mitlere Vermoͤgen a- ber von dem Reichthum zu erkennen wuͤrde sehr schwer werden/ indem die eigene Gestaͤnd- nuͤß des letztern von jungen Leuten bey itziger Welt/ da man lieber das Geld/ ich will nicht sagen Vorrede. sagen an die exercitia, sondern an den Wein- Keller und compagnie als auff collegia wendet/ nicht zuhoffen/ uud die generosi taͤt/ die bey alten Leuten nicht gar zuhaͤuffig anzutref- fen ist/ bey der Jugend durchgehends nicht præ- sumi ret werden darff; andere inconvenien- tien zugeschweigen. Wannenhero ich mich nach einigen uͤberlegen resolvi ret/ die Sache auff folgende Weise anzugreiffen. 2. Zu der einen Stunde dieses Collegii werde ich jedermann zulassen/ er sey arm oder reich/ mitlern oder grossen Vermoͤgens/ der nu- merus mag seyn so wenig oder so groß als er will/ weil ich in derselbigen bloß zu discuri ren gesonnen bin. Jch werde fuͤr diese Stunde durchgehends ein billiches/ und zwischen denn Hohen und Niedrigen temperirtes honora- rium fordern; mit denenjenigen aber/ die so unvermoͤgen sind/ daß sie solches nicht geben koͤnnen/ werde ich nicht anfangen zu handeln/ o- der qvid pro quo zunehmen/ sondern/ wenn sie mir dieses ihr Unvermoͤgen/ wie noͤthig/ be- scheinigen werden/ will ich sie fuͤr arm paßiren/ und ihnen mein collegium umbsonst zubesu- chen zulassen. Damit es auch nicht das An- sehen gewinnen moͤge/ ob suchte ich junge Leute/ A 2 mit Vorrede. mit grossen promessen, die ich nicht erfuͤllen koͤnte/ an mich zu locken/ als will ich einen jeden davon selbst urtheilen lassen/ und so wohl in der ersten/ als in der andern Stunde/ niemand ad- stringi ren/ daß er diesen cursum gantz hinaus zuhalten sich verbindlich machen solte/ sondern ich werde einen jeden freystellen/ nach Verflies- sung halbjaͤhriger Frist/ von Anfang dieses col- legii biß zu Ende/ nach Gefallen ab und zuzu- treten. Jn dieser Stunde aber/ werde ich nichts als thesin, oder dasjenige/ was ausge- gruͤndeten und offenbahrten Ursachen zu Erfor- schung der Warheit/ einem tugendhafften und weltklugen Leben gehoͤret/ lehren/ und weisen/ wie durch eine nothwendige connexion im- mer eine Warheit mit der andern verknuͤpfft wird/ und wie man aus rechtschaffener Erkaͤnt- nuͤß der Warheit und des Guten allen Zweiffel/ so wieder dieselbe fuͤrgebracht werden koͤnte/ mit leichter Muͤhe zu wiederlegen vermoͤgend sey. Dannenhero werde ich in dieser Stunde von keiner antithesi etwas erwehnen/ und weder wieder die Aristotelicos noch Cartesianer, o- der wieder andere/ denen Philosophia Secta- ria beliebet/ disputi ren sondern meinen Zuhoͤ- rern die nackende Warheit/ wie sie an sich selbst ist/ Vorrede. ist/ vorstellen/ auch zu diesem Ende zu Bewei- sung meiner Lehr-Saͤtze mich nichts anders als der einem jeden von ihnen eingepflantzten Ver- nunfft bedienen/ keines weges aber mit der Au- toritaͤt/ derer die etwa solches vor mir gelehret/ pochen/ weil ich sonsten das præjudicium au- toritatis humanæ, das fuͤr andern die Jugend an Erkaͤntnuͤß der Warheit hindert/ nimmer- mehr wuͤrde in einen mercklichen Grad aus- rotten koͤnnen. Gleich wie ich aber mich fleißig bemuͤhen werde/ daß in dieser Stunde alle nothwendige Stuͤcke ( partes necessariæ ) zu der ihnen von mir versprochenen Gelahrheit meinen Zuhoͤrern beygebracht werden koͤnne/ also wolte ich auch gerne die zu jeden studio ge- hoͤrige attention bey ihnen durch etwas er- wecken/ oder vielmehr dieselbige befoͤrdern und erleichtern. 3. Durch blosses zuhoͤren eines discurses eine doctrin vollstaͤndig zufassen/ ist fast mo- raliter unmoͤglich/ theils weil an gehoͤriger Auffmercksamkeit uns gar oͤffters frembde Ge- dancken hindern; theils/ weil doch unser Ge- daͤchtnuͤß so geartet ist/ daß/ wenn es keine sub- sidia zum Grunde hat/ es die connexion der Warheiten und Lehren gar leicht wieder aus A 3 der Vorrede. der acht laͤßt. Nun pflegen sich wohl junge Leute gemeiniglich dadurch zu helffen/ daß sie in denen Collegiis den discurs ihrer Lehrer von Wort zu Wort nachschreiben/ und dadurch ih- rer Gedaͤchtnuͤß durch fleißiges uͤberlesen gu- ten Nutzen zu schaffen wissen/ und will ich auch dieses nachschreiben uͤberhaupt nicht tadeln. Gleichwohl habe ich durch eine langwierige Er- fahrung so wohl dessen/ was ich ehe dessen an- dern nachgeschrieben/ als dessen/ was mir von andern nachgeschrieben worden/ sehr viel Miß- braͤuche dabey angemercket/ die ich bey meinen Auditoribus gerne vermeiden wolte/ welche mehrentheils daher zu ruͤhren scheinen/ weil der Menschliche Verstand also beschaffen ist/ daß er auff zwey euserliche Dinge zugleich mit glei- cher att e ntion nicht wohl acht geben kan/ und dannenhero/ wenn er sich solches zuthun forci- ret/ gar selten etwas taugliches zu wege bringt. Einer/ so nachschreibet/ muß nicht alleine auff das/ was gesagt wird/ acht haben/ sondern auch auff das/ was er schreibet/ weil es doch in waͤh- renden nachschreiben unmoͤglich ist/ in dem Au- genblick/ da etwas geredet wird/ solches auf das Papier zu setzen; und also ist es gar leichte ge- schehen/ daß er ein Wort fuͤr das andere hoͤret/ oder Vorrede. oder schreibet. Es ist mir unzehlig mahl mit meinen Auditoribus so ergangen/ daß wenn ich etliche unter ihnen angemercket/ die fuͤr an- dern fleißig nachgeschrieben/ und ich mir von ihnen ihre Arbeit zeigen lassen/ daß ich in die- ser ihrer Nachschrifft Dinge gefunden/ die mir die Zeit meines Lebens nicht in Sinn gekom̃en zu lehren/ unerachtet ich unter denen beyden Maͤngeln eines Lehrers der Dunckelheit/ und tavtologie, aus guter intention eine Sache recht deutliche zu sagen/ mehr mit diesen letztern als mit jenen behafft bin. Aber hieraus ent- stehet so wohl einem Zuhoͤrer/ als einem Lehrer ein mercklicher Schaden: Ein Zuhoͤrer/ weil er auff sein MStum als auff das jenige/ was die Lehrer gesagt/ bauet/ druͤckt sich eine irrige/ und mit dem vorhergehenden oder nachfolgen- den gantz nicht uͤbereinstim̃ende Lehre ein/ und muß solcher gestalt nothwendig confus werden Seinem Lehrer thut er dieserwegen Schaden/ weil er bey andern Leuten ihm in Verdacht bringet/ als ob er so thoͤricht Zeug/ als dieser nachgeschrieben/ doci ret habe. Gesetzt aber/ daß alles recht nachgeschrieben/ und durch con- feri rung ihrer etlicher der discurs eines Leh- rers vollkommen excipi ret wuͤrde; so will ich A 4 itzo Vorrede. itzo davon nicht erwehnen/ daß derjenige/ so nachschreibet/ sich doppelte Muͤh machet/ und bey nahe des Nutzes/ denn vox viva in der in- formation hat sich beraubet. Man frage jemand/ der ein judicium hat/ und welcher zum Exempel/ einer Predigt attent zugehoͤret hat/ den Jnnhalt derselben/ ob er ihr nicht bes- ser wird herzu erzehlen wissen/ als der/ der die- selbe von Wort zu Wort nachzuschreiben sich angelegen seyn lassen/ wenn er nicht zuvor sein nachgeschriebenes wieder uͤberlieset. Denn jener giebt bey seiner auffmercksamen Zuhoͤ- rung auff die Sache selbst achtung/ dieser aber hat in waͤhrenden nachschreiben mit denen Worten gnung zu thun. So wird man auch hiernaͤchst diesen Mißbrauch bey vielen Studie- renden antreffen/ daß man alle ohnnoͤtige Wor- te/ und unstreitige Dinge/ die weder zu Erfor- schung einer verborgenen Warheit/ oder zu Erweisung und Herleitung derselben dienen/ (derer sich aber ein Lehrender nicht allerdings entbrechen kan) mit nieder schreibet/ oder die- jenigen die schon bey dem Autore, der erklaͤh- ret wird/ gedruckt seyn und fuͤr der Nasen lie- gen; da man doch nur das vornehmste auffzei- chen solte/ das Gedaͤchtnuͤß zu sublevi ren/ und was Vorrede. was uns vordiesen zweiffelhafft geschienen/ o- der uns unbekand gewesen/ damit wir demsel- bigen hernach destobesser nachzudencken Anlei- tung uͤberkaͤmen. Zum Exempel/ wie viel mahl findet man in einem Collegio MSS. fol- gende formulas. Hesternâ lectione disse- ruimus de \&c. nunc vero pergendum ad \&c. Autoris præsens Caput habet sex paragraphos, in qvorum primo proponit definitionem --- quæ ita sona \&c. Hæc de definitione sufficiant, pergimus ad di- visionem \&c. Crastina die ob hoc vel il- lud impedimentum non potero pergere. u. s. w. Aber dieses moͤchte noch endlich hin- gehen/ wenn nur nicht bey der gleichen nachge- schriebenen Collegiis ein noch viel groͤsserer Mißbrauch pflegte gemein zu werden/ man setzt gemeiniglich zu einem sandigten Grunde/ daß/ wenn man das verstehe/ was der Lehrer bey Erklaͤhrung dieser oder jener disciplin vor- gesagt/ man auch gelehrt genung seyn/ und sich umb nichts mehr werde bekuͤmmern duͤrffen. Und wenn man dannenhero einmahl den dis- curs nachgeschrieben/ und/ wenn es hoch koͤm̃t/ einmahl wieder uͤberlesen/ so meinet man/ man doͤrffe der Sache nun weiter nicht nachdencken/ A 5 son- Vorrede. sondern habe allbereit einen vortrefflichen Schatz durch sein Collegium MSS. erhalten/ den man so dann gemeiniglich biß auff beduͤrf- fenden Fall hinleget/ und nicht weiter ansiehet. Andere aber/ die nicht selbst nachschreiben/ son- dern entweder andern die Abschrifft des discur- ses bezahlen/ oder von denen/ die fleißig heissen/ denselben selbst abcopi ren/ nehmen dadurch zum oͤfftern Gelegenheit/ auch wohl wenn die noͤhtigsten doctrinen fuͤrkommen/ das colle- gium aus Faulheit/ oder allzugrosser Gesel- ligkeit zu versaͤumen/ indem Sie sich bereden/ es werde ihnen diese Versaͤumnuͤß wenig scha- den/ weil sie doch den discurs von andern er- halten koͤnten. Und bedencken also nicht/ daß sie nicht nur sich den groͤsten Schaden hiedurch erweisen/ sondern auch wieder ihrer Eltern gut- gemeinte intention groͤblich suͤndigen/ die/ wenn es damit genung waͤre/ daß man colle- gia MSC. in der Lade haͤtte/ oder dieselbige durch lesen sich in den Kopff zu bringen trach- tete/ warhafftig nicht so grosse Sorge und Ko- sten uͤber sich nehmen wuͤrden/ sondern wuͤrden vielmehr die Collegia MSC. mit geringen Gelde an sich handeln/ und ihren Kindern zur Messe oder heiligen Christ verehren. Mit ei- nem Vorrede. nem Worte/ die muͤndliche information eines Lehrmeisters giebt der Lehre bey unerfahrnen Leuten gleichsam das Leben/ und hat die auff- mercksame Zuhoͤrung derselben fuͤr dem aller- fleißigsten nachschreiben oder Lesung dessen/ was gelehret wird/ einen unzehlichen Vortheil. Und wird mir dannenhero ein jeder Gelehrter leicht zugeben/ daß kein beqvemer Mittel sey/ den Zu- hoͤrer bey gehoͤriger attention zu erhalten/ und demnach auch sein Gedaͤchtnuͤß zu erleich- tern/ als/ wenn der Doctor den Kern und den Grund von seiner Lehre kurtz und dergestalt/ daß nicht leichte ein Wort vergebens gesetzt sey/ seinen Zuhoͤrern zuvorher mittheilet; diese her- nachmahls solches zuvorhero uͤberlesen/ bey dem discurs auff die Erklaͤhrung desselbigen genau auffmercken/ und nach der lection bey jedem Worte sich der Erklaͤhrung erinnern/ und was ihnen an auffmercksamsten und wuͤr- digsten duͤncket/ mit wenig Worten auffzeich- nen/ oder auch wohl bey waͤhrender lection, solche Sachen/ mit zwey verlohrnen Worten/ oder anderen willkuͤhrlichen Zeichen/ zu kuͤnffti- ger repetition bemercken. 4. Derowegen hab auch ich mir vorgenom- men/ den Kern meiner Philosophie auff das kuͤrtze- Vorrede. kuͤrtzeste als moͤglich ist zu entwerffen/ und die thesin bey allen disciplinen, die ich in dem programmate zu lehren versprochen/ ohne Beruͤhrung der irrigen Meinung meinen Auditoribus zum Gebrauch besagter ersten Stunde zu communiciren. Nun ist es wohl an dem/ daß solches nur haͤtte per dicta- ta in calamum, oder durch vorherige Ver- goͤnstigung abzuschreiben geschehen koͤnnen; ich habe aber dennoch aus vielfaͤltigen Ursachen fuͤr rathsamer geachtet/ diese meine Lehr-Saͤtze druͤcken zu lassen/ damit ich fuͤr meine Audito- res und mich die Zeit so auf das dicti ren und excipi ren gehet/ erspahren moͤchte/ und damit meine Wiederwaͤrtigen erkennen koͤnten/ wie ich meine Lehre der allgemeinen censur zu un- ter werffen keinen Scheu trage/ und also ferner- weit meine Lehr-Saͤtze als schaͤdliche Dinge zu schmaͤhen abstehen moͤchten. So habe ich auch meine vielfaͤltige und bedenckliche Ursa- chen/ warumb ich diese meine Philosophie und Lehre in Teutscher Sprache heraus gehen lasse/ unter welchen eine von denen vornehmsten ist/ daß ich in der That erweisen moͤge/ daß die Sprachen und derer Wissenschafft zwar ein wesendliches Stuͤcke sey/ die jenigen die in an- dern Vorrede. dern Sprachen geschrieben zuverstehen/ und in Sachen/ die von der autorit aͤ t einer gewissen Schrifft dependi ren/ nicht wohl unterlassen werden solte/ dergleichen ich doch hier zu tra- cti ren nicht Vorhabens bin; aber daß in Sa- chen/ die durch die/ allen nationen auff gemei- ne Arteingepflantzte Vernunfft/ erkennet wer- den die Erkaͤntnuͤß auslaͤndischer Sprachen gar nicht von noͤthen sey. Die Weltweißhei t ist so leichte/ daß dieselbige von allen Leuten/ sie moͤgen seyn/ von was fuͤr Stande oder Ge- schlecht sie wollen/ begriffen werden kan. So schrieben auch nicht die Griechischen Philo- sophi Hebræ isch/ noch die Roͤmischen Grie- chisch; sondern ein jeder gebraucht sich seiner: Mutter-Sprache. Die Frantzosen wissen sich dieses Vortheils heut zu Tage sehr wohl zu bedienen. Warumb sollen denn wir Teut- schen stets waͤhrend von andern uns wegen die- ses Vortheils auslachen lassen/ als ob die Phi- losophie und Gelahrheit nicht in unserer Sprache vorgetragen werden koͤnte. Daß diese Schreib-Art vor diesen nicht gebraucht worden/ oder von andern verworffen wird/ ist wohl die Ursach/ weil man gemeinet/ oder noch sich heredet/ als wenn Aristoteles, Thomas, Sco- Vorrede. Scotus, Cartesius, Gassendus u. s. w. der Probierstein der Warheit waͤren. Denn wenn dieses ist/ so kan es wohl nicht fehlen/ man muß der Sprachen kuͤndig seyn/ in welchen die- se gelehrte Leute geschrieben haben. Wenn man aber besorgt ist/ was Aristoteles und Cartesius haͤtten lehren sollen/ und nicht was sie gelehret/ oder ihre Meinung gewesen/ so hat man auch dieser ihrer Sprache nicht von noͤ- then: wiewohl ich dißfalß die Sprachen Wis- senschafft gantz nicht verwerffe/ sondern dieselbe vielmehr fuͤr eine grosse Zierrath eines weisen und gelehrten Mannes passiren lasse. 5. So weiß ich auch wohl/ daß von etlichen wenigen/ die bißhero einerley Zweck mit mir gehabt/ darinnen nicht wenig verstossen wor- den/ daß sie die Kunst-Woͤrter alle in die deut- sche Sprache uͤbersetzen wollen/ wodurch sie entweder ein Gelaͤchter oder eine Verdrieß- lichkeit bey dem Leser erwecket: Wenn aus- laͤndische Sachen zu uns uͤberkommen/ so kom- men auch bey denen meisten auslaͤndische Nahmen mit/ und naturalisi ren sich gleich- sam in unserer Sprache. Und wuͤrde man dem jenigen sehr spotten/ der dißfals bey sei- ner Sprache so aberglaͤubisch halten/ und alle solche Vorrede. solche Woͤrter verdeutschen wolte. Jch rede viel vernehmlicher/ wenn ich spraͤche/ dieses Frauen-Zimmer traͤgt eine grosse fon- tange , als wenn ich sagte: Sie traͤgt einen grossen gegossenen Engel auff dem Kopffe. Ebener massen ist es auch mit denen Kuͤnsten und Wissenschafften bewand/ derer Lehren von andern Voͤlckern auff uns gepflantzt worden. Wer in des Ciceronis Schrifften bewandert ist/ wird sich entsinnen daß in philosophi schen Dingen er zum oͤfftern Griechische Woͤrter/ die er nicht wohl lateinisch geben koͤnnen/ behal- ten/ ob er gleich sonsten der vornehmste derer lateinischen Scribenten ist. Ein Teutscher Fechtmeister thut deßwegen seiner Sprache keinen Schimpff an/ wenn er von Primen, Secunden, Terti en und Quarten redet/ und derjenige wuͤrde von jederman fuͤr einen Tho- ren gehalten werden/ oder wohl gar die Ge- fahr eines processus ausstehen muͤssen/ der einen Musicanten einen Spielmann nen- nen/ und von ihm an statt einer courante simple einen einfaͤltigen oder einfachen Schritt-Lauff begehren solte. Es ist aber nichts destoweniger auch nicht zu leugnen/ daß unterschiedene Kunst-Woͤrter in deutsche Sprache Vorrede. Sprache uͤbersetzt/ und durch oͤfftern Gebrauch Gelehrter Leute in schwang gebracht worden/ derer man sich zu schaͤmen heut zu Tage nicht fernern Ursache hat. Dannenhero muß man hierinnen seinen natuͤrlichen Verstand brau- chen/ daß man die Mittel-Strasse gehe/ und weder allzusehr affectire, auslaͤndische Woͤr- ter in eine Sprache zu mischen/ noch auch alle Kunst-Woͤrter in die Sprache/ darinnen man schreibet/ uͤbersetzen wolle. Der Gebrauch und die Deutlichkeit muß wohl allemahl des- sen/ so etwas schreibet/ seine vornehmste Richt- schnur seyn. Dannenhero/ gleichwie ich mich nicht entbrechen werde zu weilen vom dem Selbstaͤndigen Wesen/ von dem Gegen- stand eines Dinges/ von dem Stoff desselbi- gen und so weiter zu reden; Also werde ich mich doch vieleicht oͤffters der substanz, des Objecti der materie u. s. w. bedienen; aber niemahls werde ich Unterlage an statt Sub- jecti, oder die Zeuge-Mutter aller Dinge/ an statt Natur brauchen. 6. Jch erinnere mich hierbey einer deut- schen Logic die anno 1621. zu Coͤthen ge- druckt ist/ und den Titul hat: Kurtzer Be- griff der Verstand Lehre zu der Lehr-Art. An Vorrede. Jn dieser hat der Verfertiger alle terminos technicos deutsch geben wollen/ welches oͤffters so anmuthig und tunckel heraus koͤm̃t/ daß man sich des Lachens unmoͤglich enthal- ten kan. Jch will nur itzo das vornehmste in Gestalt eines kurtzen Brieffs/ den ein Sohn an seinen Vater geschrieben/ den Leser zugefal- len vorstellen. Geliebter Vater: Jch habe nun nach angewendeten sauren Fleiß die Verstand- Lehre gelernet/ und habe zu dessen Beweiß ohn- laͤngst oͤffentlich eine aus die ser Lehre hergenom- mene Streit-Schrifft als ein Beantworter vertheidiget: Unsers Nachbars Soͤhne sind Ge- gen-Setzer gewesen; der aͤlteste hat folgende Fragen auffgeworffen: 1. Ob der Mensch eine un- terste Art sey/ und ob er nicht vielmehr zu denen Geschlechten oder doch zum wenigsten zu denen untergeordneten Arten gehoͤre. 2. Was die Ursache sey daß alleine die Menschen und etliche Thiere nicht aber alle Dinge eigentliche einzele waͤren. 3. Ob das rernuͤnfftliche in der Be- schreibung des Menschen ein theilender oder artmachender Unterscheid sey. 4. Ob Va- ter und Sohn zu dem Orden des Selbstaͤndi- gen oder des Gegenblicks gehoͤre. 5. Ob der Frost und Hitze wiederwaͤrtig oder benehm- lich entgegen gesetzte waͤren. Er wolte sich zwar auch zu denen Nachorden wenden/ und aus denenselben die Weisen des foͤrdern und B hin- Vorrede. hintern untersuchen: Weil aber in dessen die Stunde verflossen war/ uͤbergab er seinen juͤn- gern Bruder die Lampe / der dem Stoff von denen Ausspruͤchen mit seinen Gegensaͤtzen be- ruͤhrete. Er machte mir viel zuthun/ denn er wolte behaupten/ daß die Unterlage manchmahl weitlaͤufftiger seyn koͤnte/ als das ausgesagte/ daß der bedingte Ausspruch besser waͤre/ als der einfache/ und der maßhabende deutlicher als der nicht maßhabende/ ingleichen/ daß ein allgemeiner bejahender Ausspruch allezeit schlecht umbgewendet werden koͤnte; Die weil er aber oͤffters Schluß-Reden von vier Enden machte/ das mittlere Ende zuweilen in den Be- schluß einmischte/ auch manchmahl Schluß-Re- den fuͤrbrachte/ die in der ersten Gestalt seyn sol- ten/ und doch zu keiner Weise gerechnet werden koͤnten/ auch oͤfters der kleinere Fuͤrsatz verneinend war; anderer vielfaͤltiger Betrugs-Schluͤsse/ derer er sich durchgehends bedienete/ zugeschwei- gen/ so habe ich ihn dergestalt mit Auffloͤsungen/ Grundsaͤtzen/ Eintheilungen/ Anfuͤgungen und Begraͤntzungen zuruͤck getrieben/ daß nicht allein alle Zuhoͤrer wohl mit mir zufrieden gewe- sen/ sondern auch mein Herr Vorsitzer mich durch eine oͤffentliche Lobrede meinen andern Mitschuͤ- lern zu einem Muster vorgestellet. Jch habe hin- wiederumb zu Bezeugung meiner Danckbarkeit/ ihn bey seinem ohnlaͤngst erschienenen Nahmens- Tage nicht alleine mit beykommenden aus lauter sechß- Vorrede. sechß-fuͤßigten Dichtlingen bestehenden Hel- dengedichte angebunden/ in welchen ich umb de- sto besseren Ansehens willen mich der Freyheit/ an- statt des letztẽ langkurtzkurtzen und langkurtzen Fusses zweyer langlangen zu sechß mahlen bedie- net/ sondern auch mit 4. Lauten 2. Kniegeigen und sechß Hertzens-Schluͤsseln ein angenehmes Nachtspiel zugebracht/ bey welchen mein Bru- der einen fuͤnff-stuffichten deutschen finge- richten Gesang abgesungen/ viel tausend Leute aber/ so wohl auff offener Strassen bey brennen- den Kertzen/ als rundherumb durch die Hage- leuchter mit grosser Andacht zugehoͤret. Der Jnhalt dieses Brieffs ist nicht zuverwerffen/ so sind auch in demselben viel termini techni- ci verdeutscht/ die nunmehro in dem deutschen uͤblich sind. Es setze sich aber einer von de- nen Studierenden druͤber/ und sehe/ wie sauer es ihn wegen des meisten unvernehmlichen Deutschen werden wird/ denselben zu uͤberse- tzen/ ob er gleich seine Vernunfft-Lehre gar wol innen hat. Aber ich muß wieder in die Ord- nung kommen/ und nachdem ich von der ersten Stunde meines Collegii zur gnuͤge geredet/ auch ferner von der andern Erwaͤhnung thun. 7. Der Unterscheid der Erkaͤntnuͤß der Warheit und des Falschen/ ist unter andern auch folgender/ daß/ wer die Warheit recht er- B 2 kennet/ Vorrede. kennet/ nicht nothwendig einen absonderlichen Unterricht brauche/ irrige Meinungen zu wie- derlegen/ aber wer gleich eine oder die andere irrige Meinung erkennet/ der ist deßhalben nicht alsobald der Warheit maͤchtig. Denn die Warheit ist einerley/ und also die Richt- schnur/ die uns das Falsche zumeiden lehret/ aber eine Warheit kan wohl hundert ihr ent- gegen gesetzte Jrrthuͤmer haben/ dieweil sie alle von der Warheit abfuͤhren/ uns dieselbige nicht weisen. Wer bey drey oder vier Schei- dewegen die rechte Strasse weiß/ bekuͤmmert sich nicht/ wohin die anderen Wege leiten/ aber wer schon/ weiß daß unter vieren ein Weg nicht an den bestimmten Ort fuͤhret/ der weiß dennoch nicht alsbald/ welches unter denen uͤbrigen dreyen der rechte Weg sey. Wer also bey der ersten Stunde/ meines Collegii, die/ wie er- meldet/ auch fuͤr Arme und die von mittlern Vermoͤgen sind/ eingerichtet ist/ auffmercksam und fleißig seyn/ und dem/ so er gehoͤret zu hau- se fleißig nachdencken wird/ der wird verhof- fentlich sich damit begnuͤgen lassen koͤnnen/ und weder eines examinis, noch einer Erklaͤhrung der ander seitigen Meinung beduͤrffen. Gleich- wohl ist die Jugend nachlaͤßig/ und will es sich nicht Vorrede. nicht allemahl ein wenig sauer werden lassen/ absonderlich aber diejenigen/ denen GOtt fuͤr andern Mittel bescheret. Jch will dannen- hero auch diesen nach meinen Vermoͤgen un- ter die Arme greiffen/ und in der andern Stun- de mit ihnen (1.) durch ein continuir liches examen repeti ren/ was sie in der ersten Stunde gehoͤret haben. (2.) Sie/ wenn sie mir unrecht antworten/ glimpflich auff den rechten Weg weisen/ und ihnen den Ursprung ihres Fehlers zeigen. (3.) Jhre Zweiffel und ob- jectiones anhoͤren/ und dieselbige benehmen. (4.) Jhnen zu Bekraͤfftigung der Warheit/ selbsten dubia machen/ und diese ihnen zube- antworten fuͤrlegen/ (5.) die Autores dissen- tientes ihnen kuͤrtzlich erzehlen/ und den Ur- sprung gegenseitiger Meinung mehrentheils mit erwehnen. Aber sie werden sich auch nicht mißfallen lassen/ mir diese Stunde absonderlich/ und zwar um ein merckliches theurer als die er- ste Stunde zubezahlen/ in ansehen/ wegen des continuir lichen examinis ich eine gar gerin- ge Zahl in derselben werde accommodi ren koͤnnen. Wiewohl ich dennoch das honora- rium dergestalt temperiren will/ daß wenn gleich jemand das gantze Collegium die drey B 3 Jahr Vorrede. Jahr uͤber abzuwarten Lust hat/ und alle beyde Stunden besuchen wil/ ihm das honorarium dennoch nicht viel hoͤher komme/ als mir von meinen privatisten, die die Jurispruden tz ohne die Philosophie durchgehoͤret/ und mit denen ich ordentlich nur zwey Jahr/ und des tages eine Stunde zugebracht/ nun etliche Jahr hero mit guten Willen gegeben worden. De- nen aber diese Stunde zu theuer fallen moͤchte/ die doͤrffen nur bey der ersten desto fleißiger seyn/ und ein wenig mehr Muͤhe an statt des Gel- des drauff anwenden. Jch wolte zwar wuͤn- schen/ daß mein eigen Vermoͤgen so beschaffen waͤre/ daß ich meine wenige Wissenschafft allen Studierenden umbsonst beybringen koͤnte/ ich wolte gewiß denen alten Philosophen an Be- gierde/ sie ohne entgelt zu unterweisen/ nichts nachgeben. Aber so hat es GOtt gefallen/ daß ich mich durch das/ so ich gelernet habe/ sustenti ren soll. Die alten Philosophi hat- ten gut machen; Sie hatten zum theil selbsten ein gutes Vermoͤgen; zum theil erhielten sie von der Freygebigkeit grosser Herren auff ein- mahl mehr/ als wir in vielen Jahren mit Col- legiis, fuͤr uns bringen koͤnnen. Und wer da ein ansehnliches Landgut/ dort etliche tausend Thaler Vorrede. Thaler Gnadengelder/ wie sie/ verehrt bekoͤm̃t/ kan wohl mit froͤlichen Muthe collegia gra- tuita halten. Aber diese Mode ist schon vor- laͤngst abkommen/ und heut zu Tage duͤrffen wir uns fuͤr dergleichen Versuchungen nicht leichte fuͤrchten. Uber dieses so staͤnde es auch noch dahin/ ob es rathsam waͤre der studirenden Jugend/ heut zu Tage viel collegia gratis zu- halten. Es ist ein alt Spruͤchwort: Quotidia- na \& Vulgaria vilescunt. Die menschliche Hochachtung siehet selten die Nutzbarkeit eines Dinges in Formirung des Werths davon an/ sondern sie urtheilet von der Hochachtung aus der Raritaͤt der Dinge/ und aus anderer ihrer/ nicht allemahl wohlgegruͤndeten Einbildung. Das edle Getraͤide/ ohne welches wir ein elen- des Leben fuͤhren wuͤrden/ wird bey wohlfeiler Zeit wohl mit Fuͤssen getreten/ und eine schnoͤde Perle/ die an den Ort ihres Ursprungs um Kinder-Puppen ist gegeben worden/ wird als was sonderliches geachtet. Einer buntfarbi- gen Tulipanen-Zwiebel wird/ wenn sie unge- mein ist/ wohl umb 800. Guͤlden bezahlet/ weñ aber alle Gaͤrten damit prangen/ kan man fuͤr einen Groschen ihrer viel damit erhandeln. Die unverstaͤndige Jugend denckt/ wenn ein B 4 Leh- Vorrede. Lehrer sich seiner Arbeit nicht bezahlen laͤßt/ es wende auch derselbe nicht grossen Fleiß an/ und aus dieser irrigen Meinung stehen die audito- ria publica zum oͤffter leer/ da man doch in Gegentheil zu mehrenmahlen fleißiger præ- mediti ret/ wenn man vermuthen muß/ daß Leute von allerhand judicio, Zuhoͤrer werden abgeben/ als wenn man versichert ist/ daß die/ die uns unsere Arbeit bezahlen/ wie offte ge- schiehet/ gute Leute seyn/ die fuͤnffe fuͤr eine ge- rade Zahl annehmen. 8. Nichts destoweniger aber/ damit auch in diesem Stuͤck ich nicht von einen extremo in das andere fallen moͤge/ so wil ich quoad do- ctrinam antitheseos dieses temperament brauchen/ und woͤchentlich zweymal (wie ich auch solches allbereit angefangẽ) die hochnoͤthige doctrin de Præjudiciis oder von denen Vor- urtheilen/ die uns an der Erforschung der Warheit hindern / ohne einigen Entgelt fuͤr jedermann lesen. Cartesius ist deshalben billich zu loben/ daß er in diesen letzten Zeiten der erste gewesen/ der auf die Beobachtung sol- cher Vorurtheil gedrungen/ und waͤre zu wuͤn- schen/ daß er die Art und Natur derselbigen et- was genauer untersucht haͤtte/ massen er die Capa- Vorrede. Capaci taͤt hierzu allerdings gehabt/ und wenn dieses geschehen waͤre/ so wuͤrde er aus grosser Begierde ein oder das andere Vorurtheil zu meiden/ mit in ein anders unvermerckt gefal- len seyn. Es ist nicht genung/ daß ich etliche Præjudicia nur Exempelsweise erkenne/ son- dern ich muß zu foͤrderst mir einen genauen und deutlichen Concept von denen Vorur- theilen uͤberhaupt machen/ weil eines so wohl als das andere mich von der Warheit ableitet. Also ist mein Vorhaben/ nach dem ich bißher in Beschreibung der Vorurtheile mich einige Zeit aufzuhalten habe/ und bey dieser gar deut- lich gewiesen/ warum Carthesius, da er bey diesen Concept so zu sagen nur eine Haarbreit gefehlet/ dennoch seiner Philosophie dadurch/ (ich wil nicht sagen in der Physic ) als welcher eben nicht viel dadurch zum Præjudiz gesche- hen) sondern in ponendo primo veritatis criterno, und in der Grundlage zu der Mo- rale hauptsaͤchlich sich geschadet: Daß ich kuͤnf- tig die Hauptquelle aller Vorurtheile su- chen/ und aus derselben hernach die unterschie- dene herfliessende Baͤchlein / die uns in Erfor- schung der Warheit in allen Discipli nen und Wissenschafften hindern/ leiten wolle. Wann B 5 dieses Vorrede. dieses geschehen/ wil ich meinen Zuhoͤrern die Remedia die Zuhemmung dieser schaͤdlichen Dinge dienlich sind/ vorstellen/ auch zugleich die Bewegungs-Ursachen / solche je eher je besser zuergreiffen/ ihnen vorlegen/ und die Klei- nigkeit derer hierbey vorfallenden Veꝛdrießlig- keiten erweisen/ welche viel Leute/ die die Vor- urtheile wohl erkennen/ dennoch von Daͤmpf- fung derselben abhalten/ wie etwan die Herrlig- keit einer Artzney einen Krancken von deren Ge- brauch abzuhalten pfleget. Wann dieses ge- schehen/ wil ich die Discipli nen nacheinander durchgehen/ und bey jeder gemeine Vorur- theile anmercken/ die entweder von denen al- ten oder neuen Philosophis in denenselben fuͤr unstreitbare Warheiten sind ausgegeben/ und sie dadurch veranlasset worden/ immer weiter und weiter von der Warheit sich zu entfernen. So dann wil ich mich zu denen præjudiciis, die in dem menschlichen Leben gemein sind/ und taͤglich in demselben vorkommen/ wenden/ und dieselben nach Unterscheid aller Staͤnde / die unter denen Menschen gebraͤuchlich sind/ be- t rachten/ u s. w. Der Endzweck dieser Stun- den bestehet darinnen/ daß durch diese Erwe- gung die Begierde bey der studierenden Jugend ver- Vorrede. vergroͤssert werde/ sich von dem elenden Joch der Ungewißheit oder verlarvten Gelahrheit loß zureissen/ und daß hernach dieselbigen durch Erkaͤntnuͤs derer primorum falsorum bey jeder Disciplin geschickt werden/ die antithe- ses Dissentientium auf gantz leichte Weise zu wiederlegen/ massen denn wenn das πρῶτον ψεύδος einer irrigen Lehre niedergerissen ist/ die daraus fliessenden Conclusiones von sich selbst nachfallen. Wiewohl ich nicht leugnen kan/ daß es mit diesen Stunden etwas langsam um- gehen werde/ weil/ ob schon meines wissens niemand ex professo von dieser Materie ge- schrieben/ dennoch dieselbige so fertil ist/ daß ich nicht alleine die gantzen drey Jahre uͤber/ so lan- ge sich der Lauff meines gantzes Collegii erstre- cket/ sondern noch eine viel laͤngere Zeit genung Vorrath zu discuri ren vor mir finden werde. Weßhalben ich auch das noͤthigste von dieser Doctrin in gegenwertigen Begriff der Ver- nunfft-Lehre in einen absonderlichen Capitel entwerffen werde/ von welchen Begriff ich noch etwas weniges zu sagen habe. 9. Es sind ja Logicken genung in oͤffentli- chen Schrifften/ und wenn ich mir nichts an- ders vorgesetzet haͤtte/ als die selbe ab zucopiren/ wuͤrde Vorrede. wuͤrde ich es selbst fuͤr eine unnoͤthige Muͤhe er- kennen. Jch habe aber allbereit fuͤr dem Jah- re in meiner Introductione ad Philosophi- am aulicam, oder de Prudentia cogitandi \& ratiocinandi die Fehler/ so ich bey denen ge- meinen Logicken angemerckt/ und die Zweiffel/ die mir bey der Cartesianer Jhrer vorgefal- len/ treulich und ausfuͤhrlich entdeckt/ auch hin und wieder den Weg gezeiget/ die Warheit oh- ne Gefahr zuerforschen. Jch habe daselbst in der Vorrede jederman gebethen/ daß wenn ich uͤberverhoffen selbst von der Warheit abgewi- chen waͤre/ man mir einen Gefallen thun wuͤr- de/ wenn man mir solches zeigete. Nun kan ich nicht leugnen/ daß sich unter denen Herren Cartesianis bald jemand gefunden/ der sich erklaͤret/ dieses zu præsti ren. Denn mein Buch ware kaum durch den Druck verfertigt/ und ich disputire te eben privatim uͤber selbiges/ umdesto eher hinter die Warheit zu kommen/ so wurden unterschiedene Zettel ausgestreuet/ auf welchen folgender Titul zu befinden war: Jo- hannis Claubergii Specimen Logicæ Cartesianæ, seu modus Philosophandi; Ubi certa Cartesianorum veritatem inve- niendi via ostenditur, \& in quibusdam novæ Vorrede. novæ introductionis in Philosophiam Aulicam veritas examinatur. Studio Pau- li Michaelis Rhegenii: Jch muß bekennen/ daß mir dieser Titul etwas wunderlich voꝛkam/ denn ich konte mir nicht einbilden/ wie Johan- nes Claubergius, der nicht mehr in Leben waͤre/ meine Introduction haͤtte examini- ren koͤnnen/ und ich wuste nicht/ was ich fuͤr ein Opus aus diesen Specimine Logicæ Car- tesianæ machen solte/ nachdem ich des Clau- bergii seine ausfuͤhrliche Logicam Carte- sianam schon laͤngst gelesen hatte/ und es fuͤr was ungewoͤhnliches hielte/ daß man ein Spe- cimen von einem Buche erst/ nachdem selbiges schon lange in Druck gewesen/ heraus geben solte. So konte ich es auch nicht fuͤr einen Extract aus des Claubergii Logic halten/ theils weil unter einem Specimine und einen Extract ein mercklicher Unterscheid ist/ theils auch/ weil der Titul auf diese Art vielmehr Spe- cimen Logicæ Claubergianæ haͤtte heissen muͤssen. Jch muthmassete endlich wohl/ daß die præcepta dieser Logic aus dem Clauber- gio wuͤrden hergenommen seyn/ und daß der Unterzeichnete anderer Autor dabey wuͤrde Gelegenheit genommen haben/ wider mich zu dispu- Vorrede. disputi ren; Aber ich war doch begierig die Ursache zu erforschen/ warum er mir durch di- vulgi rung dieses Titels gleichsam ein schrifft- lich Cartel insinui ren ließ/ da er doch Gele- genheit hatte/ mit mir muͤndlich uͤber meine Meynung zu conferi ren/ indem in meinen damahligen Disputationen ich jedermann/ der wider meine Lehre was zu sagen hatte/ ad- mittir te/ und wie es jederman bewust/ allezeit bescheiden tractir te; auch je schaͤrffer die Op- ponenten waren/ je lieber mir derselben An- spruch zu seyn pflegte. Jch konte keine ande- re raison conjecturi ren/ als daß der Autor/ weil er nach der Phrasi des damahligen Titels mich wegen meines Buchs examini ren wolte/ gemuthmasset/ er doͤrffte in der Quali taͤt eines Examinatoris von miꝛ nicht so bald ange- nommen werden/ bevor er sich hierzu gnung- sam habiliti ret haͤtte. Jedoch/ dem mochte seyn wie ihm wolte/ weil ich eben jedweder die Freyheit gar gerne liesse einen Weg wider mich zu disputi ren zu wehlen/ welcher ihn beliebte/ so war ich auch zu diesem Examine bereit/ und haͤtte es lieber alsobald mit dem Titel des Buchs gehabt. Aber es sey nun/ daß mein Examinator mir diese Fertigkeit nicht zuge- trauet/ Vorrede. trauet/ oder daß er mir sonsten ex liberalitate eine voͤllige Saͤchsische Frist mit einigen Dila- tionibus einraͤumen wollen/ so kame dieses Specimen erst nach vier oder fuͤnff Monden nach Distribui rung des Titels an das Tage- Licht. Es wurden auch die einzelen Bogen/ die bey dem Drucker nach Anleitung des Symboli Kaysers Augusti verfertiget worden/ so heimlich gehalten/ daß ich/ wie gerne ich bey Zeiten meines Jrrthums mich wolte entnehmen lassen/ eine gute Zeit davon nichts zu sehen bekommen konte/ massen es scharff ver- boten war/ kein Exemplar wegzugeben. Und koͤnte es seyn/ daß sich vielleicht der Autor be- fahret haͤtte/ ich moͤchte/ wenn ich sein examen so geschwind zu sehen kriegte/ mit meiner Ant- wort etwa eher fertig seyn/ als er mit seinen Fragstuͤcken. Doch schaffte mir endlich ein guter Freund noch ziemlich zeitig die ersten vier Bogen/ welche ich sehr begierig und mit gutem Bedacht gelesen/ auch mir zu destobesserer Nachricht excerpta daraus gemacht: Aus welchen ich aber so viel gesehen/ daß ich keiner weitern Curiosi taͤt die folgenden Bogen zu le- sen wuͤrde vonnoͤthen haben/ weil ich schon aus diesen Specimine Speciminis, klar und deut- lich Vorrede. lich erkennete/ daß dieses das Buch nicht sey noch werden wuͤrde/ daß zu dem divulgir ten Titel gehoͤrete/ und daß/ weil in demselben mei- ne Introduction weder examini ret/ noch mit einigen Grunde angefochten wuͤrde/ ich auch nicht wuͤrde vonnoͤthen haben/ mich wider den Autorem zu defendi ren. 10. Denn 1. hatte ich zwar in meiner In- troduction wie auch allezeit anderswo hono- rificè von dem Cartesio senti ret/ und halte ihn noch fuͤr einen sehr gelehrten Mann/ dem wir es nicht genung verdancken koͤnnen/ daß er an- gefangen die Welt aus dem dienstbahren Joch der Scholastischen Philosophie loß zureissen/ aber ich hatte ihn deßwegen etlicher præjudi- ciorum bezuͤchtiget/ daß er in Erforschung der Warheit 2. â particulari ad universale ge- schlossen: Sensus me aliquoties fefelle- runt, ergo me semper fallere possunt, oder/ wenn er es gleich anders geben wolte er- go in sensibus non possum invenire cer- titudinem; zumahlen dieser modus argu- mentandi auch sein eigen Principium um- stoͤsst/ massen nicht nur nach ihm die Sensio ei- ne Art von denen Gedancken ist/ sondern auch wuͤrcklich/ wenn ich zum Exempel dencke/ ein vier- Vorrede. viereckter Thurm sey rund/ entweder nicht der enserliche Sinn/ sondern die Gedancke von dem Thurm/ oder doch zum wenigsten die Gedan- cke so wohl als der euserliche Sinn mich hin- tergehet/ und ich also ebenfals schliessen koͤnte: Si cogitatio aliquoties me fefellit, ergo in cogitatione non possum in venire certitu- dinem. 3. Daß gleichwie aus diesem præ- judicio ein anderes entstehet/ daß nemlich der Concept von denen Gedancken (weil ich der- selben vergewissert waͤre/ da ich von allen sinnli- chen Coͤrpern abstrahirte ) keinen Concept von einigen Coͤrper inferirte, und folgbar in demselben der Mensch erkennen muͤsse/ daß die Seele ein Geist sey/ ja daß das Wesen eines Geistes in denen Gedancken bestehe/ da ich doch theils aus Cartesii Beschreibung selbst von der Gedancke/ theils aus einer andern viel aus- fuͤhrlichern/ die ich in meinen Buch de pru- dentia ratiocinandi nach dem innerlichen Beyfall eines jeden Menschen gesetzt/ gar klar und deutlich dargethan/ daß kein Mensch nach seiner Vernunfft sich einigen Gedancken ein- bilden kan/ weñ er nicht vielfaͤltige conceptus von Coͤrpern mit einmischt. So habe ich auch 4. darinne von Cartesio dissenti ret/ C wenn Vorrede. wenn ich behauptet/ daß der Mensch kein einig selbstaͤndiges Wesen klar und deutlich erkenne- te/ sondern daß alle seine Wissenschafft von der Erkaͤntnuͤß derer Zufaͤlle oder accidentium herruͤhrete/ aus welchen er hernach allezeit ei- ne dunckele oder confuse impression sich von der Substantz selbst mache. Wenn nun der Autor Speciminis mir mit seinem Examine rechtschaffen haͤtte auf die Haube greiffen wollẽ/ haͤtte er in diesen vier Puncten mich recht atta- qui ren/ und mir dieselben darnieder legen sol- len; So habe ich auch in der Vorrede meiner Introduction protesti ret und gebeten/ daß sich niemand mit mir einlassen moͤchte/ der nicht in der Historia Philosophica wohlerfahren waͤre/ und die hypotheses so wol derer alten als neuen Philosophen wohl inne haͤtte/ wie- drigenfals wuͤrde er sich es nicht ver- driessen lassen/ wenn ich seine objectiones mit stillschweigen uͤbergienge. Weil ich nun die- ses alles weder in denen vier ersten Bogen/ noch in dem uͤbrigen Werck/ als selbiges heraus kommen/ gewahr werden koͤnnen/ wird mir der Autor Speciminis nicht verdencken/ daß ich bißher ihm nicht geantwortet/ noch kuͤnfftig ant- worten werde/ weil doch alle unser Streit in nichts Vorrede. nichts/ als blossen Wiedersprechungen bestehen wuͤrde. Damit auch weder er noch der Leser dafuͤr halten duͤrffe/ als ob diese meine Entschul- digung nur ein prætext waͤre/ damit ich ent- weder einen Hochmuth oder ungeziemende Verachtung/ oder ein Unvermoͤgen zu ant- worten bedecken wolte/ so hoffe ich/ es sollen fol- gende kurtze Anmerckungen/ die ich bald an- fangs bey Durchlesung der ersten vier Bogen aufgezeichnet/ die Ursachen/ die ich jetzo angefuͤh- ret/ gnungsam bescheinigen. 11. Jn ersten Capitel p. 6. sagt er/ er wolle bescheiden untersuchen/ was Jhn in meinen Buche mißfiele / in welchen er auch mir in vielen beypflichtete. Daß er sich die Be- scheidenheit fuͤrgesetzt/ ist sehr gut/ und wil ich auch glauben/ daß er zu dem Ende seinen zu an- fangs divulgir ten Titel hernachmahls bey pu- blici rung seines speciminis etwas geaͤndert/ und anstatt des odiosen Worts: examina- tur, setzen lassen paucis expenditur. Jch kan auch wohl leiden/ daß er untersucht/ was Jhm in meinen Buche Mißfalle/ wenn es aber nur bey dem blossen anzeigen des mißfallens beru- hen wird/ so wird er selbst erkennen/ daß das an- zeigen meines Mißfallens keine Untersuchung C 2 der Vorrede. der Warheit/ die sein Titel verspricht/ inferire. p. 7. gedencket er unter andern/ daß er glaube/ es waͤren mir die Grundsaͤtze der Cartesia- ni schen Philosophie zur gnuͤge bekant / welches ich mit Danck acceptirre, uñ also dem jenigen keinen Glauben beymessen will/ was ei- nige von seinem damahligen Patronen von ihm ausgesprengt/ als wenn er dieses veraͤchtliche Urtheil von mir gefaͤllet/ daß ich die Cartesia- ni sche Philosophie gar nicht verstaͤnde. Jch versichere ihn auch in Gegentheil/ daß ich von Jhm glaube/ daß er ein guter Cartesia ner sey/ deꝛ nicht bloß etliche Meynungen aus dem Car- tesio erschnapt/ sondern der die Cartesiani sche Philosophie so zu sagen in succum \& san- guinem converti ret hat/ und von dem ich sol- cher gestalt einen geziemenden æstim, wie von allen Cartesianis mache/ auch gar wohl haͤt- te leiden koͤnnen/ wenn er zu defension seiner Secte meine Philosophie rechtschaffen ange- griffen haͤtte. p. 8. contesti ret er/ daß er mir durch seine contradiction nicht zu insultir en vorhabens sey. Es ist mir auch dieses lieb/ wenn nur die protestation mit der That uͤber- einkoͤm̃t. Aber ich acceptire hierbey/ daß er bald anfangs mir nur zu contradici ren sich fuͤr- genom- Vorrede. genommen/ welches abermals weder fuͤr ein Examen, noch pro expensione veritatis passi ren kan. Wenn er seinen Titel recht conform seinen Buche haͤtte machen wollen/ haͤtte er setzen sollen \& novæ introductio- ni \&c. contradicitur, oder \& quid in nova introductione displiceat, indicatur. Aber so haͤtte vielleicht der Titel dem Leser nicht das Maul so waͤsserig gemacht. Daß er ferner p. 9. erwehnet/ es werde mir nicht mißfal- len/ daß er sich die Freyheit genom̃en von mir zu dissenti ren , da ist er nicht irrig/ weil dieses einen jeden freystehet/ daß er aber zugleich wider diejenigen protesti ret/ die mit Schmaͤhungen oder calumnien wider ihn streiten wolten / daran hat er mir unrecht ge- than/ wenn er sich dessen bey mir befahret/ mas- sen ich Jhm dann gegenwaͤrtig ohne Schmaͤ- hung anzeige/ warum ich mit Jhm nicht strei- ten wolle. 12. Bey dem 2. Capitel theilet er p. 15. seq. n. 19. seqq. die Logicam cartesianam in 4. Theile ein / nemlich in Partem Geneti- cam, \& Analyticam, und ein jedes von die- sen beyden wiederum in zwey Stuͤcke/ recht wie Claubergius in seiner Logic thut/ welcher C 3 auch Vorrede. auch nach dieser Eintheilung hernach seine Lo- gic vollfuͤhret. Aber unser Autor haͤlt dafuͤr/ Claubergius (wiewohl er seines Nahmens nicht erwehnet) habe darinnen mentem Carte- sii nicht recht assequi ret / weil pars Analyti- ca von des Cartesii instituto gantz entfernet gewesen waͤre/ als der sich nicht vorgenommen haͤtte/ von andern etwas zu lernen ( p. 16. n. 29.) auch der andere Theil partis Geneticæ hieher nicht gehoͤre/ weil Cartesius nicht vorgenom- men haͤtte/ andere zu informi ren ( ib. n. 30. 31.) wannenhero er auch nur den ersten Theil par- tis Geneticæ tracti ren wolte/ jedoch/ weil die- ser der Grund der uͤbrigen drey Stuͤcke waͤre/ so wolle er doch weisen/ wie man denselben bey denen uͤbrigen Dingen mit gebrauchen solle. Nun wil ich hier Claubergium nicht defen- di ren/ oder untersuchen/ ob der Autor seinen versprechen nachgekommen sey/ und in folgen- den den usum primæ partis in denen uͤbrigen gewiesen habe/ sondern ich mercke nur daraus/ daß/ wei er hier in dem Hauptwerck von Clau- bergio abweicht/ und zwar/ ohne daß er solches dem Leser mit deutlichen Worten sage/ er nicht fein ingenuè gehandelt habe/ und also das Werck gantz nicht dem Titel seines Buchs gemaͤß Vorrede. gemaͤß sey/ massen denn auch ein jeder/ der die- se seine Logic mit des Claubergii und an- derer Cartesianer Schrifften conferiret - gar leichtlich finden wird/ daß/ gleichwie von Claubergii Logic kaum der sechßte Theil in diesen specimine anzutreffen/ also ein gut Theil uͤber die Helffte dieses speciminis man vergebens in Claubergio suchen werde/ son- dern befinden/ daß es dem de la Forge, Raéo, der Logic der Herren des Port Royal, oder (wie Baillet den Autor davon angiebt) den le Bon abgeborget sey. Jch will zwar den Autorem Speciminis dieserwegen nicht als einen plagiarium angeben/ oder ihn eines do- li mali beschuldigen/ sondern ich will das aller- dinges als fraudem piam paßiren lassen/ daß man bey dem Verleger des Speciminis ge- sagt/ es sey deßwegen auff dem Titel der Nah- me des Claubergii gesetzt worden/ weil dieser ein beruffener Cartesianer waͤre/ und man sich befahret/ das Specimen moͤchte nicht so wohl abgehen/ wenn der Autor Speciminis als noch unbekant seinen Nahmen alleine hin- setzte; Jedoch wird der Autor mir dieses zu gute halten/ daß ich auch umb dieser Ursache willen bedencken trage/ mich mit ihm einzu- C 4 lassen/ Vorrede. lassen/ denn ich mag gerne mit Leuten zu thun haben/ die fein gerade heraus mir die Warheit sagen/ wiewohl ich ihm doch dißfalls hiebey dancke/ daß er seinen Nahmen gegen mich mel- den wollen/ und nicht so ex insidiis, wie ande- re/ wieder mich geschrieben. Jn denen Con- sectariis bey diesen cap. 2. laͤßt es sich der Au- tor sehr angelegen seyn/ darzuthun/ daß ich ei- ne grosse Unfoͤrmligkeit begangen haͤtte/ daß ich in meiner Introd. cap. 4. die Logic ad prudentiam referiret, weßhalben er alle argu- menta die man wieder diese Weynung fuͤr- bringen koͤnte/ und zwar meistentheils ex prin- cipiis Philosophiæ Aristotelicæ zusam̃en sucht/ auch hernach zu Ende des Capitels p. 23. mir den Rath giebt/ daß ich lieber meine Logic per artem aut scientiam haͤtte beschrei- ben sollen / und wenn ich das gethan haͤtte/ so waͤre meine definition sonst vortrefflich. Er nennet sie egregiam definitionem, und sagt in fine: Cætera benè se habent, nun be- dancke ich mich zwar fuͤr diese guͤtige censur; aber ich gebe dem Autori selbsten zu erwegen/ ob er es Ursache gehabt/ an diesen Ort sich nicht/ so wohl die Person eines examinatoris, als die quali taͤt eines præceptoris oder præsi- dis Vorrede. dis, der ein argument oder eine disputation corrigi ret/ so ungebeten heraus zu nehmen. Denn (1.) sehe ich aus allen Umbstaͤnden/ daß der Autor die objectiones die er mir macht/ oder die hypotheses sectæ, ex qua hæ ob- jectiones petitæ sunt, selbsten nicht verstehet/ sondern vielleicht dieselbigen sich von einem guten Freund hat beytragen lassen/ und her- nach mit seinen additionibus wiewohl mit wenig judicio vermehret und verbessert. Die- ses spuͤhre ich daraus/ wenn er pag. 20. §. 44. den terminum Philosophiæ rationales \& Theo- reticæ synonymicè braucht / da doch bekant daß die divisio der Stoicker/ Philosophiæ in rationalem, naturalem \& moralem, und die Aristoteli sche in Theoreticam \& Practicam gantz und gar von einander ent- schieden sey/ und rationalis Philosophia gar nicht fuͤr Synonymum Theoreticæ paßi- ren koͤnne/ auch solches der Autor Specimi- nis zur Noht aus dem 2. Cap. meiner Intro- duction §. 8. seqq. haͤtte erlernen koͤnnen. So zeigt dieses auch eine grosse ignorantiam Philosophiæ communis an (aus welcher er mich attaquiret) wenn er §. 51. p. 21. die ter- minos artis \& scièntiæ synonymicè braucht/ C 5 son- Vorrede. sonderlich de Philosophia morali, auff wel- che sich doch schwerlich einer von beyden schickt/ und scheinet also daraus/ daß er die divisionem communem habituum intellectualium gar nicht innen habe muͤsse. Aber er haͤtte (2.) aller dieser objectionum wieder mich entbehren koͤnnen/ wenn er nur betrachten wol- len/ was ich in meiner introd. §. 71. seq. cap. 2. geschrieben/ und wenn er nur einen von meinen auditoribus haͤtte gefragt/ was ich daselbst durch das alibi verstaͤnde/ so wuͤrde man ihn auff das 1. Buch meiner instit. Juris divini c. 1. verwiesen/ und er so dann aus diesen bey- den locis ersehen haben/ daß mir seine obje- ctiones, die er wieder mich macht/ nicht unbe- wust gewesen/ sondern schon daselbst zur gnuͤge beantwortet worden. Aber so scheinets wohl/ daß es wahr sey/ was man mich von ihm be- richtet/ daß/ als nach publici rung seines Ti- tels ihn ein guter Freund gewarnet/ er solle mein Buch etwas attent lesen/ er demselbigen zur Antwort gegeben; Er wolle es nicht so gut achten/ daß er es thaͤte. 13. Bey dieser Bewandnuͤß aber kan der Autor Speciminis leicht gedencken/ was ich muͤste gedacht haben/ als ich sein III. Capitel de Sectis Vorrede. Sectis veterum Philosophorum gelesen. Fuͤr das erste sahe ich nicht/ zu was Ende er die- ses Capitel in seine Logicam Cartesianam gesetzt. Claubergius noch einiger Cartesia- ner haͤtte sonst dergleichen gethan. So schickte sich auch dieses fuͤr ihn nicht/ als der so offte protestiret, daß er ein purer Cartesianer sey/ und mit der Philosophia Eclectica nichts zuthun habe. Mir aber war dieses Capitel in meiner Introduction noͤthig/ weil ich Philosophiam Eclecticam inculcire. Dannenhero meinete ich/ es waͤre dieser Ur- sachen halben geschehen/ weil ich/ wie obgedacht/ in meiner Vorrede gebeten/ daß niemand wie- der mich schreiben solle/ der in Historia Phi- losophica nicht versiret waͤre/ oder daß er eine Fehler zeigen wolte/ die ich in meinen ca- pite begangen/ zumahl da er bald anfangs die ersten paragraphos, sonderlich quintum, wieder den Anfang meines capitis 1. §. 4. schie- ne gesetzt zu haben. Nichts destoweniger liesse mir die klare und deutliche Erkaͤntnuͤß/ die ich mir von seiner capacitè aus seinem objectio- nibus de prudentia gemacht hatte/ nicht zu/ daß ich mir einbilden koͤnte/ daß dieses Capitel auff seinem Beete gewachsen/ oder nur von ihm Vorrede. ihm ex Historia antiqua colligi ret waͤre. Weil ich dann befunde/ daß er in fine capitis, wie wohl nur mit 2. Worten Clarissimum Raéum allegirte, liesse ich dieses seine opera bey einem guten Freunde hohlen/ und fande nach wenigen durchblaͤttern zu letzt p. 721. seq. eine dissertation des Raéi de sapientia Ve- terum, welche/ nachdem ich sie mit dem Au- tore Speciminis conferiret hatte/ sahe ich/ daß dieses sein caput 3. von dem §. 2. p. 24. an biß auff den §. 109. p. 48. aus dem Raéo von Wort zu Wort abcopiret sey/ ausser daß der Autor Speciminis eines und das andere was ihm zu seinen Zweck nicht gedienet/ und doch beym Raéo zu finden/ uͤbergangen/ und manchmahl ordinem verborum etwas ge- aͤndert: als zum Exempel: Weñ Raèus spricht quibus veritatem cœperunt ac veram scientiam quærere \& comprehendere ex parte, so sagt der Autor Speciminis, qui- bus veritatem ac veram scientiam cœpe- runt quærere \& ex parte comprehende- re, u. s. w. Bey dieser Bewandnuͤß aber ha- be ich schliessen muͤssen daß der Autor Speci- minis wohl sonsten in der Historia Philoso- phica wenig erfahren seyn muͤsse/ weil er/ da Raéus Vorrede. Raeus eines und das andere gesetzt/ daß un- wahrscheinlich ist/ so gar ohne einige Anmer- ckung oder Aenderung seinem specimini ein- verleibet/ bloß weil er gesehen/ daß die Ausar- beitung des Raéi sich zu seinen Zweck/ den er gehabt wieder mich zu schreiben/ vortrefflich geschickt. Als/ wenn bald anfangs Raéus gesetzet/ daß man den Ursprung der Philoso- phie nicht von Anfang der Welt/ sondern von denen Periodis, die der Autor Speciminis §. 13. seq. p. 25. anfuͤhret/ anrechnen solte/ so ist dieses dem Autori Speciminis gefunden gewesen/ weil ich in Cap. 1. §. 4. seqq. und in Cap. 2. §. 1. seqq. die Philosophie und die Sectas von Anfang der Welt hergeleitet/ wie- wohl man aus dem wenigen/ was ich daselbst angefuͤhret/ dasjenige was Raéus weitlaͤufftig von dieser Frage disputiret, d. dissert. pag. 723. usque ad p. 732. wiederlegen und beant- worten kan/ absonderlich aber ist dasjenige/ was der Autor Speciminis daraus excerpiret, quod non omnes homines natura scire desiderent, quod non omnis veritas sit Philosophiæ propria, quod veritas arti- um à veritate Philosophica discerni de- beat, u. s. w. entweder gantz falsch/ oder uͤber schlies- Vorrede. schliessend/ oder laͤufft auff einen blossen Wort- Streit aus. So ist auch dasjenige/ was der Autor Speciminis aus Raéo n. 57. p. 36. von Socrate referiret, als wenn diesem die Ursach des Ubels und deren Spaltungen/ die unter seinen Zuhoͤrern nach seinem Todte ent- standen/ zuzuschreiben sey/ sehr harte/ und ist ei- ne Anzeigung/ daß Raéus (denn von dem Au- tore Speciminis will ich nicht sagen) die herr- lichen testimonia der Alten/ so wohl Heyden als Christen von Socrate, absonderlich aber des Xenophontis Buch de memorabili- bus Socratis nicht muͤsse gelesen haben/ ge- schweige denn/ daß er sich umb des Socratis Le- bens-Lauff und Lehre (welche heut zu Tage Charpentier aus denen alten Scribenten mit Fleiß zusammen gezogen) solle genau be- kuͤmmert haben. Endlich so halte ich das vom Raéo fuͤr eine affectirte Unwissenheit/ wenn er vorgegeben/ daß die Eclectici wenig von denen Pyrrhoniis und Scepticis differir- ten/ welches wiewohl es offenbahr falsch ist/ und aus dem/ was ich Cap. 1. §. 36. item §. 90. seqq. gesetzet habe/ beantwortet wer- den koͤnnen/ so hat es doch der Autor Spe- ciminis n. 70. p. 38. mit beyden Haͤnden er- griffen/ Vorrede. griffen/ weil er sich fuͤrgenommen/ auf die Philosophiam Eclecticam sehr unguͤtig zu sprechen. Aber dieses mag von denen Excer - ptis Raéi genung seyn/ denn wir muͤssen nun- mehr sehen/ wie der Autor Speciminis wei- ter fortfahre/ Raéus handelt in seiner Disser- tation de Sapientia Veterum, von denen fuͤrnehmsten Secten derer Griechischen Philo- sophen, und derselben Zustand/ wie er allbe- reit vor Christi Geburt gewesen. Unser Au- tor aber/ nachdem er beym Raéo nichts mehr zu excerpi ren gefunden/ continui ret p. 48. §. 110. folgender Gestalt: Weil Aristoteles der Vorgaͤnger derer folgenden Philosophen gewesen/ sonderlich derer Scholasticorum, so koͤn- ne man leicht schliessen/ daß diese es nicht besser ge- macht/ als ihre irrigen Vorgaͤnger/ dannenhero sey es ohnnoͤthig/ daß er alle und jede durchlauffe und sie examini re/ zumahl da er gesehen/ daß ich allbereit in meiner Introduction ad Philosophi- am Aulicam solches zur gnuͤge gethan. Ob hier der Autor Speciminis diese connexion bey geschieden Leuten werde als einen dolum bo- num entschuldigen koͤnnen/ gebe ich dem Leser anheim. Denn (1.) was ware es wohl zu sei- nem Zweck noͤthig/ derer alten Griechischen Philosophen sectas zu erzehlen? haͤtte es (2.) nicht Vorrede. (2.) nicht vielmehr Nutzen gehabt/ die neuern Secten zuerzehlen/ umb die Vortreffligkeit der Cartesiani schen Lehre darzuthun/ (3.) ware denn Aristoteles bald anfangs unter denen Christen der Vorgaͤnger derer Philosophen, und wo laͤßt denn der Autor den langwieri- gen Flor der Platoni schen Philosophie bey denen Vaͤtern der ersten Kirchen/ (4.) wenn er deßhalben nicht fuͤr noͤthig haͤlt/ von denen Philosophi schen Sectis bey denen Christen was ausfuͤhrliches zugedencken/ weil ich es schon zur gnuͤge gethan/ so muß er ja selbst ge- stehbn/ daß seine excerpta, die er aus Raeo gemacht/ unnoͤhtig gewesen; Denu ich habe auch von denen Sectis Græcorum ja so aus- fuͤhrlich referi ret als Raéus, zumal wenn man das 2. Capitel meiner Introduction zu dem er- sten Capitel mit conferi ren will. Oder warum weiset er mir in denen consectariis nicht/ wor- innen es Raéus besser getroffen habe/ als ich. Solte sich nun wohl bey dieser Bewandnuͤß der Autor Speciminis nicht ein wenig schaͤmen/ wenn aus dem/ was ich angefuͤhret/ ein jeder Leser gar deutlich erkennen kan/ daß er die Le- ctores tacitè bereden wollen daß diese Disser- tatio de Sectis Veterum seine Arbeit sey/ und daß Vorrede. daß er dieselbe auch ad sequentia tempora continui ren koͤnte/ wenn er nur wolte/ da doch in gegentheil gantz wahrscheinlich/ daß er ger- ne weiter continui ren wollen/ wenn es Jhm nur in seinem Vermoͤgen gewesen/ oder wenn Raéus nur weiter cotinnui ret haͤtte. Zumal wenn man erweget das/ was der Autor Spe- ciminis a §. III. biß zu ende dieses Capitels p. 52. ferner geschrieben von denen Ursachen/ warum die alten Secten der Warheit verfeh- let haͤtten/ daß/ sage ich/ dieses alles wiederum aus besagter Dissertation des Raéi, p. 730. 731. 732. ausgeschrieben sey. Jn denen con- sectariis zu den 3. Capitel disputi rter n. 7. \& seqq. p. 54. seq. wider die Philosophiam Eclecticam recht cavillatoriè, weil er sub no- mine Philosophiæ Eclecticæ eine Philoso- phie verstehet die zu vertheidigen denen Phi- losophis Eclecticis nie in den Sinn gekom- men. Und wenn er nur haͤtte lesen wollen/ was ich in meiner Introduction cap. 1. §. 90. ad finem capitis de Philosophia Eclectica \& ejus præstantia præsectaria angefuͤh- ret haͤtte/ wuͤrde er so unfoͤrmlich Zeug/ und/ daß daselbst schon beantwortet ist/ nicht fuͤr gebracht haben. Und damit er nicht meine/ als D Vorrede. ob ich/ von dem er eine uͤbele præsumption hat/ weil ich die Cartesiani sche principia ve- ritatis nicht fuͤr zulaͤnglich halte/ die Philoso- phiam Eclecticam alleine defendir te; so wil ich ihn auf des grundgelehrten Professoris zu Altorff/ des Herrn Sturmii, der des Car- tesii Philosophie verhoffentlich so wohl inne hat/ als der Autor Speciminis, auch den Car- tesium wieder seine unzeitigen Veraͤchter nach- druͤcklich ver defendi ret/ seine gantze Disser- tation de Philosophia Eclectica verweisen/ als woraus ich meine itzo allegir te § § os ex- cerpi ret habe/ wie ich solches nicht alleine mei- nen Auditoribus in explication meiner In- troduction angezeiget/ sondern auch §. 91. verbis \& ab aliis jam demonstratum est \& §. 93. verbis: \& ex Professoribus Alt- dorffinis Sturmium, darauff gezielet. Daß aber der Autor Speciminis meinet/ er wolle mich mit dem dilemmate p. 55. n. 12. \& 13. fangen/ daran betruͤgt er sich mercklich. Denn anfangs irret er sehr/ wenn er spricht: ich gaͤbe meine Introduction ohne Zweiffel pro vera \& certissima aus. Ein anders wird ihn mei- ne præfation weisen/ als woraus er ersehen wird/ daß ich sie so lange fuͤr wahr halte/ biß mir ein Vorrede. ein anderer einen Jrrthum zeiget; daß ich sie aber deßwegen nicht pro certissima ausgebe/ sondern gantz offenbahr meine menschliche Schwachheit/ die mich zu einigen Jrrthum haͤt- te verleiten koͤnnen/ bekenne. So verlange ich auch nicht von meinen Auditoribus, daß sie meine Sectarii werden sollen/ weil ich meine Philosophie fuͤr wahr halte/ sondern ich will/ daß sie mir folgen sollen/ wenn sie die Warheit derselben so erkennen werden/ als ich: daferne sie aber sehen/ und sehr deutlich spuͤreten/ daß ich gefehlet haͤtte/ so inculci re ich ihnen taͤglich/ daß sie alsdenn meine Meynung sollen fahren lassen/ gleichwie ich selbst in einen und andern meine Meynung endere/ wenn eine reiffere meditation mir meine Jrrthuͤmer zuerkennen giebet: Wenn ferner der Autor Speciminis p. 55. n. 14. fortfaͤhret: Sed inquies, saltem Car- tesius non est seqvendus , ut qui ratiocinandi arte mininè fuerit instructus, â præjudiciis præte- reà nimium \& parum sibi cavens, nimius et- iam ac aliqvatenus fastuosus veterum Philoso- phorum contemptor videatur, so spuͤre ich wohl/ daß er abermals wieder mich disputi ren wolle/ weil ich mich entsinne/ daß diese ange- fuͤhrte Worte zum Theil aus meinem § 75. cap. 1. Introd. hergenommen sind; Aber er D 2 gehet Vorrede. gehet auch hier nicht aufrichtig mit mir um. Denn 1. wo wird er mir jemals diese proposi- tion: Saltem Cartesius non est sequendus in meinem Schrifften weisen koͤnnen. Meine Auditores wissen am besten/ daß ich von Car- tesio allezeit honorificè senti re; Meine Introduction sagt selbsten/ daß ich seine Phy- sic recommendire: Warum verknuͤfft deñ der Autor Speciminis diese odiöse thesin, die mir nie in Sinn kommen mit denen andern Worten? 2. Warum excerpi ret er aus dem 75. §. eben nur dasjenige/ was ich an Cartesio desideri ret? und laͤsset aussen/ daß ich daselbst gesagt/ quod Cartesius fuerit vir judicio naturali \& ingenio maxime pollens, \& veritatis cupidus, libertatis philosophan- di amantissimus, \& cum adversariis suis placidissime disputaverit, ac ita exem- plum præbuerit Politici modestissimi \& humanissimi. Ja (3) warum laͤsst der Au- tor in denen defectibus, die ich an dem Carte- sio bemerckt/ meine Worte nicht/ wie er sie fin- det/ und warum setzt er: ratiocinandi arte minime instructus: da ich doch nur gesagt htte: non probè instructus. Aber dem sey allen wie ihm wolle/ ich habe mein judicium von Vorrede. von Cartesio in folgenden/ fuͤrnemlich cap. 3. §. 12. seq. item Cap. 6. §. 16. seqq. erwiesen. Dieses haͤtte er refuti ren sollen/ anstatt/ daß er des Cartesii scripta und sonderlich sein Buch de methodo more magis oratorio, als secundum artem ratiocinandi biß zu ende dieses Capitels heraus streicht/ und die an- dern Logicken verachtet/ welches mich dannen- hero alles nichts angehet/ wenn er auch gleich p. 58. n. 22. meine Prudentiam ratiocinandi ohne Zweiffel mir ein Exempel seiner p. 6. \& 8. versprochenen modeste zu geben) unter die Dinge rechnet/ quæ marite suo nauci ba- bentur. 14. Beym vierten Capitel tadelt er mich p. 66. seqq. daß ich die probation des Carte- sii de distinctione mentis \& corporis, \& quod conceptus mentis non involvat conceptum corporis nicht passi ren lassen wolte. Meine Ursachẽ/ warum dieses letzte nicht thun kan/ son- dern gaͤntzlich dafuͤr halte/ daß der concept, den wir uns natuͤrlicher weise von denen Ge- dancken machen/ auch nach des Cartesii Be- schreibung selbst/ allezeit auf den concept eines coͤrperlichen Wesens reflecti re/ habe ich weit- laͤufftig angezeiget cap. 3. meiner Introd. §. 27. D 3 seqq. Vorrede. seqq. und haͤtte mir wohlgefallen sollen/ wenn der Autor Speciminis der p. 66. 67. 68. 69. in diesem Stuͤck wieder mich schreibet/ und etli- che mal quod conceptus cogitationis non involvat conceptum corporis wiederho- let/ doch nur eine eintzige raison von denen meinigen angefuͤhret haͤtte/ geschweige denn/ daß er dieselbe beantwortet. Und also wird er mir wieder verzeihen/ wenn ich mich auf das Gewaͤsche d. p. 66. seqq. nicht einlasse/ weil es in blosser contradiction bestehet/ und zweiffels ohne aus Claubergio oder einen andern Car- tefia ner absque judicio ausgeschrieben ist. Und dennoch denckt der Autor Speciminis, er habe es sehr wohl ausgerichtet/ wenn er p. 70. n. 18. mir manifestos errores de homine bey- misset. Eben an denselben Ort muß die be- kante definitio hominis, quod sit animal rationale herhalten/ als wieder welche er gantz eyffrig à n. 19. d. p. 70. biß ad n. 43. p. 76. disputir ete/ und doch zugleich sich anstellet/ als wenn mich dieses Gekeiffe alles angienge/ wenn er anfaͤnget: Neque hominem tam obscura \& imperfecta definitione definivisset, [au- tor Introd.) ut diceret, hominem esse ani- mal rationale. Jch habe anfangs abermalnicht gewust/ Vorrede. gewust/ was ich daraus machen solte/ weil ich nirgends diese definition in meinem Buche fuͤr eine vollkommene und deutliche definition ausgegeben. Meine Worte sind cap. 3. §. 2. Ho- mo quis? Est animal rationale. At hoc quid? De eo nobis altius videndum, tan- quam de re vel communiter neglecta vel erroneò tradita. Und nachdem ich hier- von in folgenden ausfuͤhrlich meine Meynung erwehnet/ sage ich ausdruͤcklich §. 21. p. 80. Hominem perspicue aliter definire non possum, quam quod sit substantia corporea loco motiva \& facultate cogi- tandi prædita. Weil mir aber die objectio- nes, die der Autor Speciminis vorbringt/ ex lectione Cartesianorum bekant waren/ und ich allbereit an ihnen gewohnet war/ daß er die Cartesianer so sehr liebete/ daß er auch nicht gerne ihre Worte enderte/ so habe ich so lange in dem Claubergio nachgesucht/ biß ich gefun- den/ daß er abermals uͤber 3. Blat de verbo ad verbum ex part. 4. Logicæ Claubergi- anæ cap. 7. §. 56. usque ad 61. p. 294. seqq. Edit. Sulzbac. de ann. 1685. ausgeschrieben/ wiewohl ich ihm dieses nicht als was unrechtes vorwerffe/ denn der Titel seines speciminis D 4 giebt Vorrede. giebt ihm diese Freyheit/ wenn er es doch aber uur mit einer mica judicii gethan haͤtte/ Clau- bergius disputi ret daselbst wieder die Peri- pateticos insgemein/ der Autor Speciminis disputi ret wider mich/ und also haͤtte er auch die Worte des Claubergii temperi ren sollen/ daß sie sich auff mich schickten. Nun sehe man a- ber n. 26. p. 71. die in parenthesi gesetzte Worte an (buic enim cognitionem tribuunt illius definitionis autores) die er/ wie recht/ auch bey dem Claubergio antreffen wird; auff mich aber reimen sie sich/ wie eine Faust auf ein Auge/ weil ich denen bestiis cognitionem und sensum denegire §. 9. \& 11. d. cap. 3. Wiewohl der Autor Speciminis laufft grosse Gefahr/ wenn er aus denen Buͤchern/ da er ausschreibet/ etwas aͤndern oder aus- lassen will/ daß man flugs nicht weiß/ was er habenwill/ auch er selbst nicht/ so gar man- gelt es ihn an der Secunda Petri. z. e. Wenn Claubergius d. l. §. 61. pag. 297. spricht; Quomodo tertiæ conditioni satisfacit u- sitata hominis definitio? Resp. An defi- nitio aliqua sit adæquata inductione co- gnoscitur, si, de quocunque dicitur defi- nitū, de eodem etiam definitio dicatur, \& vice Vorrede. vice versa? Ratione hujus conditionis nihil deest hominis definitioni. Sed nec deesset quicquam, si animal ridendi fa- cultate pollens definiretur, quam tamen definitionem approbaret nemo, quia aperte incurrit in præcepta Log. 1. 102. Der Autor Speciminis aber hat dieses auf folgende weise in sein Buch eingetragen. Neque tertiæ conditioni usitata illa hominis definitio satisfacit. Definitio enim debet esse adæqvata defin to. Hoc unum sit, in- ductione cognoscitur, ut si, de quocunque dicitur definitum, de eo etiam definitio di- catur \& vice versa. Ratione hujus condi- tionis nibil deest hominis definitioni. Fa- teor, sed nec si animal ridendi facultate pol- lens definiretur, quicquam deesset, quam ta- men definitionem nemo probaret. Vid. Log. Clauberg. 1. §. 102. hat man wohl iemahln einen Autorem unbedachtsamer excerpi- ren sehen/ daß man sententias apertè con- tradictorias so offenbar und so bald auff ein- ander setzet. Darvon will ich itzo nichts ge- dencken/ daß/ weil er ja Logicam Clauber- gii zu ende allegi ren wollen/ er sich bey dem Leser wegen des bonæ fidei schlecht recom- mendi ren werde/ daß er nicht den rechten locum, woraus er die gesamten § § os geschrie- D 5 ben/ Vorrede. ben/ sondern einen andern/ der nur etwas we- niges von dieser materie beruͤhret/ allegi ret. Nun leugne ich zwar nicht/ daß doch gleichwol unter denen objectionibus des Claubergii etliche enthalten sind/ die meine definitionem hominis mit treffen; aber sie sind offte allbe- reit von denen Aristotelicis beantwortet wor- den/ daß ich fuͤr sehr ohnnoͤthig halte/ dieserwe- gen das Papier anzufuͤllen. Der Autor Spe- ciminis darff nur seine Commilitones fra- gen/ die ein Jahr die Philosophie durch gehoͤ- ret haben/ sie werden ihm gar leicht diese scru- pel benehmen. Bey dieser Bewandnuͤß solte sich wohl ein jeder wundern/ wie der Autor das Hertze gehabt/ und sich unternommen/ ich will nicht sagen/ wieder andere zu schreiben/ son- dern nur in genere unter ein Buch seinen Nahmen zu setzen. Aber der Autor Speci- minis faͤngt vielmehr an/ sich selbst uͤber mei- ne Kuͤhnheit zu verwundern/ und decidirt nun rechtschaffen pro autoritate. Secundum , sagt er in 5. cap. p. 79. quod considerari VOLO est, nos illam substantiam quæ cogitat; sive IDEM CUM EXTENSA, quam corpus appel- lamus, sivè abeâ diversa sit, citius cognoscere, magisque certos esse de ejus existentia \& es- sentia, Vorrede. sentia, quam de corpore \& substantia extensa. (Benè est, quod Noster talia VULT, nam eruditus Cartesianus nunquam dixit: substantiam quæ idem est cum corpore, citius cognosci quam corpus. Num enim IDEM citius cognoscitur SE IPSO? sed Noster pergit:) Qvæ veritas adeò clara est, ut mir er à Doctiss. Autore In- trod. in Philos. Aul. in controversiam vocari eam potuisse. Es heisset hier wohl recht: Miri Mir antur \&c. Jch wundere mich gantz nicht druͤber/ denn ich habe in meiner Intro- duction cap. 3. meine Ursachen gnugsam ge- setzt/ die vielleicht kraͤfftiger seyn als Cartesii seine/ wenn er in Anfang seines methodi diese klare Warheit/ daß er Haͤnde und Fuͤsse habe/ in Zweiffel gezogen. Alleine der Autor Spe- cimis wird nein darzu sagen/ denn er will die Leute bereden/ quod suo jure id fecerit Carte- sius. Fragst du QUO JURE, so antwortet er/ quia placuit ipsi, dum solidam sapientiam me- ditaretur, omnes opiniones veteres, etsi pro- babiles, ut falsas tamen esse ad tempus abdi- candas \&c. etiam de rebus sensibilib 9 \&c. quia à somno vigiliam distinguere haud poterat \&c. igi- tur patet etiam ipsum eo tem pore jure de- corpore proprio dubitare pot uisse. vid nostr. Vorrede. nostr. p. 82. \& 83. in consectariis. Jch entsinne mich/ daß dieses des Cartesii seine ei- gene Worte seyn. Aber ich will itzo nur mit dem Autore Speciminis zuthun haben. Weñ er kuͤnfftig auch Specimen Ethicæ Clau- bergianæ schreibẽ wird/ so wird wohl propri- um beneplacitum das haupt fundament justitiæ \& juris werden. Das ist eben/ was ich in meiner Introduct an Cartesio getadelt/ daß er bey dieser dubitation de corpore nichts anders als sein beneplacitum hat fuͤr- bringen koͤnnen/ und die schlechte Entschuldi- gung/ daß er à somno vigihã nicht hat unter- scheiden koͤnnen. Denn gleichwie dieses ein haupt præjudicium ist/ daß er dahero/ weil ein traumender oͤffters irret und meinet er wache/ auch geschlossen/ es koͤnne ein wachender auch irren/ daß er sich gewiß persuadire, er- schlaffe; also habe ich ihm in meiner Introd. p. 77. wegen seines Placuit entgegen gesetzt/ daß ein Scepticus, wenn er wieder ihn dispu- tirt, sich eben das Placuit werde bedienen/ und sagen/ es gefiele ihn auch zu zweiffeln/ daß er gedencke/ und daß dannenhero er eben so ein starck Jus fuͤr seine Meinung habe/ als Car- tesius fuͤr die seinige. Diese meine instantz aber Vorrede. aber hat der Autor Speciminis einmahl be- antworten wollen/ weil er zu allem Gluͤck et- was in des Cartesii Text gefunden/ daß er paucis verbis mutatis wieder mich retor- qui ren koͤnnen. Drumb spricht er p. 84. Patet etiam, quam nulla specie opponatur, eadem fictione, qua Cartesius fingebat, se non habere corpus, possit etiam fingi quod non cogitet. Nam revera fingat, quod, vult \& quantum vult, nunquam tamen fingere po- terit, quod eo ipso, quo fingit non fingat, \& sic non cogitet atque adeò non sit \&c. Die- se replic des Cartesii ist mir nichts neues; a- ber ich wolte/ das Cartesius da waͤre/ und ant- wortete mir auff meine duplic: Jch nehme diese disputation des Cartesii wieder die Scepticos an/ und disputire nunmehro aus eben dem fundament wieder ihn/ wenn er in seinen methodo inquirendi veritatem ex beneplacito fingiret, er haͤtte keinen Coͤrper: Denn ich sage eben auch so. Nam revera fingat Cartesius, quod vult, \& quantum vult, nunquam tamen fingere poterit, quod eo ipso quo fingit reverà non ha- beat corpus; oder daß ich des Cartesii Wor- ten und hypothesi noch naͤher kom̃e/ nun- quam tamen fingere poterit, quod eo ipso Vorrede. ipso quo fingit, non fingat, \& sic non in glandula pineali alicujus rei conscius sit, atque adeò non corpus habeat. Was meint der Autor Speciminis hiervon? Er kan alle Cartesianer durchlesen und versu- chen/ ob er aus einem einigen so viel succurs bringen kan/ daraus er wieder mich triplici re. Aber vielleicht wird er sagen/ ich habe das Recht nicht wieder Cartesium, was Cartesius wie- der die Scepticos hat/ oder ich verstaͤnde die Philosophie nicht. Denn dergleichen re- sponsiones sind bey ihm nichts neues/ und treffen wir eine solche eadem p. 84. bey ihm an. Patet etiam, spricht er/ objectionem eo- rum, qui ajunt, corporis nostri notitiam priorem, aut saltem æquè claram \& evi- dentem esse, quam mentis nostræ, nul- lo fundamento niti. Und wenn weiter je- mand fragen wolte: Unde vero hoc patet, darff unser Autor Speciminis gantz nicht lange umb eine Antwort bekuͤmmert seyn/ sondern nimmt sie gleich aus der Lufft. O- mnes enim, qui ita judicant, manifeste produnt, se nunquam legitimo modo \& or- dine philosophatos fuisse, nec unquam satis accuratè mentem à corpore distinxisse, das ist auff gut deutsch so viel gesagt/ se nunquam vo- luisse Vorrede. luisse beneplacito Cartesii subjicere. p. 89. seq. disputi rt der Autor wieder mich/ daß ich an statt der Proposition: Ego cogito, Ergo sum mit de- nen Peripateticis das Impossibile est idem si- mul esse \& non esse pro primo principio aus- gegeben/ denn er hat da zweiffels ohne einen Cartesianer gefunden/ den er ausschreiben koͤnnen. Jch wolte aber wuͤnschen/ daß er ei- nen angetroffen haͤtte/ der ihm was suppedi- tiret, mit welchem er die bekante distinction inter primum cognitum \& primum principium, als welche alle seine objectiones bombardiret, haͤtte unterminiren koͤnnen. Zuletzt will er p. 92. doch diejenigen abfinden/ die da sagen/ als wenn Cartesius die Platoni- sche Philosophie wieder auffgewaͤrmet haͤtte. Jch weiß wohl/ daß dieses Cartesius nicht ge- stehen wollen/ und daß einige differen tz unter der Platoni schen und der Cartesiani schen sey/ wannenhero ich auch in meiner Introd. p. 35. gesetzt/ daß die Cartesiani sche secta media inter Platonismum \& Scepticismum sey/ und mich solcher gestalt diese disputatio des Autoris Speciminis nicht angehet/ jedoch wird er so gut seyn/ und zulassen/ daß ich ihm des Raéi Wort fuͤrlege ex dissertatione de for- ma substantiali \& anima hominis, p. m. 473. Vorrede. 473. seq. Nostra sententia est, hominem anima \& corpore constare, quæ duæ substantiæ sint intimæ unitæ inter se \&c. hominis vero, ut ex his compositus est, nullam esse formam præter unionem istam, qua anima mancipata corpo- ri est, in plerisque functionibus suis \&c. Huic proximè accedit platonis sententia, hominem nihil aliud quam animam esse, utentem cor- pore, ubi homo denominatur à potiore par- te sua \& corpus non juxta sed intrà animam ponitur, ut instrumentum, \& domicilium \& carcer quoque, in quo frui satis non possit li- bertate sua \& verum hominem referre. Quæ fa- cilè tolerari \& in meliorem partem accipi pos- sunt, maxime si cogitemus, sic quoque homi- nem in sacra scriptura considerari \&c. A Plato- nis \& nostra sententia adhuc longius recedunt \&c. Mich duͤnckt/ aus diesen Worten des Raèi konte man gar leicht das jenige umbstos- sen/ was Autor Speciminis p. 92. pro offen- denda differentia inter Cartesii \& Plato- nis dogmata anfuͤhren will. Und ich will nicht hoffen/ daß der Autor so kuͤhne seyn wer- de/ daß er uns diesen locum des Raéi nicht wolle paßiren lassen/ nachdem er uns das gan- tze caput 3. de Veterum Philosophorum secta aus dem Raéo als ein glaubwuͤrdiges Evangelium hergebetet. Das letzte arca- num, das der Autor zu Ende des V. Capi- tels Vorrede. tels p. 94. setzet/ gestehe ich gar gerne/ daß ich es nicht verstehe/ wenn er spricht: Qua ratione demonstratur corpus non posse cogi- tare? Resp. Hac ratione: Omne id, quod potest cogitare, est mens sive vocatur mens, sed cum mens \& corpus realiter distinguantur, nullum corpus est mens \&c. Dieses ist eine sehr kuͤnstliche demon- stration, denn ich kan auch daraus demon- stri ren/ quod homo non possit cogitare, quia homo \& mens realiter distingvun- tur (differunt siquidem definitione) nul- lus homo est mens, quare etiam nullus homo cogitare potest. Ja aus dem prin- cipio dieser demonstration will ich demon- stri ren/ daß der Mensch weder hoͤrt noch sieht/ quia auris audit \& oculus videt, und was mehr fuͤr dergleichen herrliche Dinge aus die- ser demonstration koͤnnen hergeleitet wer- den. 15. Dieses sind also meine wenigen An- merckungen uͤber die ersten 4. Bogen des Au- toris Speciminis, aus welchen verhoffentlich der Leser meine Ursachen erkennen wird/ war- umb ich mich mit ihm/ ehe und bevor er die E Philo- Vorrede. Philosophie besser lerne/ und anfange ultra verba derer Cartesianorum, daraus er sein Buch zusammen getragen/ etwas zu verstehen nicht einlassen koͤnne/ denn in dem folgenden ist ebenfalls nichts als blosse contradictiones wieder meine assertiones, aber keine einige Beantwortung meiner oberwehnten dubio- rum und hypothesium, ausser daß er zuwei- len mich etwas grober tracti ret/ als in denen 4. ersten Bogen geschehen/ auch mir gefaͤhrliche Meinungen andichtet/ als z. e. wenn er p. 101. unter meinen errores zehlet: quod mens sit materialis, und p. 102. quod anima natu- ra sua non sit immortalis. Dahin auch die- se spitzige Worte zielen/ die er p. 133. setzet: Mi- rum certè est, licet omnes homines de- siderent esse immortales, inveniritamen viros, qvi bellum apertum immortali- tati suarum mentium indicant. Wenn ich nicht rechtschaffen Mitleiden mit des Au- toris elenden Zustand quoad intellectum \& voluntatem haͤtte/ so wuͤste ich wohl/ was sich auf dergleichen calumnien gehoͤrete. Er weise mir doch/ wo ich immortalitati ani- mi bellum inferi re/ oder asserire, animam non Vorrede. non esse immaterialem aut immorta- lem. Das sage ich wohl/ ex ratione sola nescio, qvod anima sit immaterialis \& immortalis. Aber ich daͤchte unter diesen beyden waͤre ja noch wohl ein mercklicher Un- terschied. Wenn einer zu dem Autore spraͤ- che: Er wisse zwar nicht gewiß/ ob er aus guter intention sich zu uns gewendet/ er glaͤu- be es aber doch: wolte wohl der Autor ihn beschuldigen/ er haͤtte ihm eine schlimme inten- tion beygemessen/ oder seiner guten intention bellum infe rirt? Aber gnung hiervon. Jch verzeihe dem Autori die uͤbele intention, die er gehabt/ wieder mich zu schreiben/ und gleich wie mir es leyd ist/ daß er bey denen/ so er da- durch cour machen wollen/ seinen Zweck nicht nach Willen erreicht/ auch der ihm dar- aus eingebildete Nutzen noch kuͤnfftig aus- bleiben moͤchte/ also kan er sich versichern/ daß ich nie ermangeln werde/ ihm/ wenn er es von mir verlanget/ nach vermoͤgen gutes zuthun/ und daß ich ihn aus gutem auffrichtigen Hertzen vermahne das bekante S ymbolum: Fide, sed cui vide, kuͤnfftig besser zu practici ren/ auch warne/ daß er ferner nicht eher sich an an- E 2 dern Vorrede. dern machen wolle/ biß er erst sein Vermoͤgen besser untersucht habe. Sinihil est pronun- ciandum, nisi quod clare \& distinctè fu- erit cognitum, profectò, nihil temerè erit suscipiendum, si non prius clarè \& distinctè id te effecturum cognoveris. 16. Wiewohl aber dißfalls ich mit Grund der Warheit sagen kan/ daß so wohl in besa- gten Specimine Logicæ Cartesianæ, als in denen uͤber meine Introduction angestelle- ten disputationibus ich nichts gefunden oder gehoͤrt/ daß mich in meinen daselbst gelegten principiis zu wancken haͤtte vermoͤgen koͤn- nen/ so ist doch bey gegenwaͤrtiger Vernunfft- Lehre meine intention nicht/ besagte meine Introduction in das Teutsche zu uͤbersetzen/ sondern wer diese mit jener conferi ren wird/ wird gar leichte befinden/ daß viel in der Ver- nunfft-Lehre enthalten sey/ das in der Intro- duction nicht anzutreffen/ noch mehr aber in die Introduction zu finden/ daß ich hier zu der Vernunfft-Lehre nicht gebracht/ welches alles aus folgenden Ursachen herruͤhret/ weil ich in der Introduction nicht so wohl die Er- forschung der Warheit/ als die Erkaͤntnuͤs derer Vorrede. derer gemeinen Jrrthuͤmer habe/ wollen zu er- kennen geben/ auf dieselbe solchergestalt mehr fuͤr die Lehrenden als Lernenden geschrieben/ wie ich allbereit damahlen in der Vorrede mich erklaͤhret. Aber itzo bin ich/ wie oben erwehnet/ bloß umb die thesin besorgt/ und will meinen Zuhoͤrern zu gute weisen/ wie im- mer eine Warheit aus der andern hergeleitet werden soll/ und zwar solchergestalt/ daß sie das- jenige/ was ich weitlaͤufftig dabey discuri ren werde/ desto besser mercken koͤnnen. Sol- chergestalt aber wird das gantze Werckgen mehr kurtzen summarien aͤhnlich seyn/ als ei- nem ausfuͤhrlichen tractat, und fast aus nichts anders/ als aus hypothesibus, definitioni- bus, axiomatibus, propositionibus und observationibus bestehen/ wiewohl ich/ umb meinen Zuhoͤrern/ die Lust nicht zu vermin- dern/ nicht jedes von diesen classen à part tracti ren/ sondern mit Fleiß die axiomata, definitiones, observationes u. s. w. mit ein- ander vermischen will/ doch also/ daß die me- thode dadurch nicht confus gemacht werde/ sondern leichte und naturell bleibe. Und weil ich meine Auditores gerne von dem præ- E 3 judicio Vorrede. judicio autoritatis gantz abwenden und da- hin disponi ren wolte/ daß sie bloß auff die Sache selbst saͤhen/ als werde ich umb dieser Ursache willen gar selten autores allegi ren/ es waͤre denn/ daß ich mich umb kuͤrtze willen auff andere bezoͤge/ die mir special materie recht nach meiner Meinung tracti ret haͤtten. Jedoch koͤnnen sich meine Zuhoͤrer versichern/ daß ich meine Vernunfft-Lehre/ weder aus zwoͤlff Logicken zusammen geschrieben/ und die dreyzehende draus gemacht/ noch die allegi- rung der Autorum unterlassen habe/ umb dadurch ein plagium zubegehen/ und die an- dern Leuten gebuͤhrende Ehre mir zuzuschrei- ben. Was jenes anlanget/ so habe ich etliche Jahre darauff mediti ret/ eher ich mir dißfalls was neues zu schreiben unterstanden. Jch habe zu foͤrderst quoad historiam Philosophicam Ciceronis quæst. Academicas, Vossium, Hornium und meines S. Vaters hierzu dien- liche Schrifften/ so wohl die MSS. als gedruck- ten fleißig durchgesehen/ quoad Philosophi- am Stoicam seine dissertationes varias, Senecam, Lipsium, und Scioppium; quo- ad Epicuream Laërtium und Gassendum ge- Vorrede. gelesen; quoad Platonicam aber mir Plato- nem selbst Maximum Tyrium und andere bekant gemacht/ auch des Schefferi sein ge- lehrtes Buch de Philosophia Italica mit at- tention durchlesen. Von denen neuen habe ich sonderlich Petrum Ramum, und etliche von seinen asseclis und adversariis durch- sucht/ und Cartesii Buch de methodo, wie auch seine meditationes nebst denen obje- ctionibus mit guten Bedacht mediti ret. Die Logic des Port Royal, hat mir in vie- len wohlgefallen/ wiewohl ich auch viel ohn- noͤhtige subtili taͤten darinnen angetroffen/ die Cartesio (nach dessen hypothesibus sie son- sten eingerichtet ist) schwerlich gefallen wuͤrden. Claubergii methode hat mir wohl angestan- den/ aber das judicium in der Ausarbeitung habe ich oͤffters ziemlich vermisset. So habe ich auch ohnlaͤngst ein klein Frantzoͤsisch Buͤchlein von ohngefehr 13. Bogen zu gesichte bekom̃en/ welches zu Paris 1678. in 12. gedruckt wor- den und folgenden Titel hat. Essay de Lo- giqve, contenant les principes des scien- ses, \& la maniere de s’en servir pour fai- re de bons raisonnemens, in welchen ich E 4 viel Vorrede. viel gute Anmerckungen gefunden/ die ich biß- her bey andern nicht beobachtet. Von denn Logicken/ die nach der Peripateti schen Lehr- Art eingerichtet sind/ habe ich nebst meines Seel. Vaters quæstionibus Logicis, und dem/ was ich in collegiis auff Academien gehoͤret Jungii Logicam Hamburgensem mit conferi ret/ auch des Herrn Weisens zu Sittau seine Logic, in welcher er allbereit einen und den andern defect zu emendi ren angefangen/ mit guten Vergnuͤgen durchle- sen. Andere Autores, die mir eben nicht so einfallen/ anitzo zugeschweigen. Diese alle nun habe ich nicht gebraucht/ daß ich aus ih- ren centonibus meine Vernunfft-Lehre o- der Introductionem ad Philosophiam Aulicam bauen wolte/ sondern nachdem ich bald bey diesen bald bey einem andern gute und zweiffelhaffte Dinge angetroffen/ habe ich mir einen gewissen Grund gesucht/ aus wel- chen ich nicht alleine alle Zweiffel beantworten/ sondern auch solches andern Leuten deutlich beybringen moͤchte/ hernachmahls aber durch Anleitung dessen/ was ich bey andern gefun- den/ der Sachen immer mehr und mehr nach- geson- Vorrede. gesonnen/ entweder dadurch meine Grund- Regeln bekraͤfftiget/ oder die gemeiniglich un- terlassenen doctri nen/ zu suppli ren dahero Anlaß genommen. Und hoffe ich nicht/ daß man mir mit Warheit werde zeugen koͤnnen/ daß ich hier oder da gantze Plaͤtze aus andern autoribus geschrieben habe/ ja wenn iemand der historiæ philosophicæ kuͤndig ist/ der wird gar leicht erkennen/ daß zwar eines oder das andere/ dieser oder jener Secte nahe kom- me/ aber doch allezeit mit meinen Lehr-Saͤtzen genung verknuͤpfft sey/ und daß dieselbigen son- derlich die Mittel-Strasse zwischen der gemei- nen und Cartesiani schen Logic gehe/ oder/ nach denen alten Secten, daß sie zwischen de- nen Platonischen principiis ratiocinandi, und denen fundamen ten der Stoicker des E- picuri und Aristotelis, die dißfalls auf ge- wisse masse fuͤr einen Mann stunden/ den Mittelweg beobachte. Habe ichs nun wohl getroffen/ und das gemeine beste einen Nu- tzen daraus zu hoffen/ so gehoͤret Gott dafuͤr die Ehre. Habe ich geirret/ so bin ich allezeit er- boͤthig/ meine Jrrthuͤmer/ da sie mir gezeiget werden/ zu aͤndern/ und hoffe ich/ man werde E 5 mit Vorrede. mit mir zu frieden seyn koͤnnen/ wenn ich in Ansehen dessen/ was in meinen Saͤtzen mit an- deren Philosophen uͤberein zukommen schei- nen wird/ contesti re/ daß ich solcher gestalt mei- ne gantze Philosophie mit ihnen theilen wol- le/ daß ich mir die blossen Fehler/ die ich hier- innen begangen/ ihnen aber alles gute/ das man in meinem Buche antreffen wird/ zu- eignen wolle. Der Der V ernunfft- L ehre I. Hauptstuͤck. Von der Gelahrheit insgemein. Jnnhalt. Beschreibung der Gelahrheit. § 1. Derselben sind alle Menschen faͤhig. §. 2. Waͤren auch vor dem Fall alle gelehrt gewesen §. 3. Nach dem Fall aber sind sie theils gelehrt/ theils ungelehrt. §. 4. 5. 6. 7. 8. 9. Was ein gelehrter Mann sey. §. 10. 11. Nach dem Fall koͤnnen nicht alle Lente gelehrt seyn. §. 12. jedoch sollen diese auch nicht gar ignoranten seyn. §. 13. 14 Zwey Lichter zu Erlangung der Gelahrheit: das na- tuͤrliche und uͤbernatuͤrliche. §. 15. 16. 17. Wie weit die Sprachen Wissenschafft zur Gelahrheit von noͤ- then. §. 18. 19. 20. Gottes Gelahrheit: Weltweißheit. §. 21. 22. Die Vernunfft-Lehre und historie zwey ge- meine instrumente der Gottes-Gelahrheit und Welt- Weißheit. §. 23. biß §. 33. Bey der Vernunfft-Lehre hat man sich nach meinen Lehren umbzuthun. §. 34. 35. Dessen und des Lehrlings requisita, §. 36. 37. Etliche Aumerckungen. §. 38. biß zum Ende. 1. D Je Gelahrheit ist eine Erkaͤntnuͤß/ durch welche ein Mensch geschickt gemacht wird das wahre von den falschen 1. Hauptstuͤck von der falschen/ das gute von dem boͤsen wohl zu unterscheiden/ und dessen gegruͤndete wah- re/ oder nach Gelegenheit wahrscheinliche Ursachen zu geben/ umb dadurch sein ei- genes als auch anderer Menschen in ge- meinen Leben und Wandel zeitliche und ewige Wohlfarth zu befoͤrdern. 2. Sie hat ihren Sitz im Verstande des Menschen/ und weil dieser allen Menschen gemein ist/ als sind auch alle Menschen faͤhig die Gelahrheit zu erlangen/ ob gleich die we- nigsten wegen vieler Ursachen dieselbige nicht besitzen. 3. Zwar in dem Stande der Unschuld/ in welchem der Mensch keine Unvollkommen- heit hatte/ waͤren wol alle Leute gelehrt gewe- sen/ ja sie haͤtten wahrscheinlich nicht einmal hierinnen einige Unterweisung von andern bedurfft. 4. Aber nachdem durch den Suͤnden- Fall der Verstand gar sehr verfinstert wor- den/ und man solcher Gestalt durch unter- schiedene muͤhsame Mittel denselben zuer- leuchten vonnoͤthen gehabt/ ist der Unterscheid zwischen denen Gelehrten und Ungelehrten entstanden. 5. Nach Gelahrheit insgemein. 5. Nach der Geburt ist ein jedweder Mensch/ wes standes er sey/ gantz unwissend/ so gar/ daß wenn er in diesem Zustande von de- nen Menschen abgesondert auferzogen wer- den solte/ wuͤrde er ja so wenig/ wo nicht weni- ger Vernunfft von sich spuͤhren lassen/ als manche Bestien. 6. Wenn er aber durch gute Aufer ziehung/ conversation mit andern Leuten/ Lesung gu- ter Buͤcher/ eigne Erfahrung/ und reiffes Nachsinnen/ zufoͤrderst aber durch die Gnade Gottes die Wolcken seiner Unwissenheit ver- treibet/ kan er endlich zu dem hohen Grad der Weißheit/ der in diesem Leben erhalten werden kan/ gelangen/ massen denn unter de- nen Heyden dißfalls Socrates, Plato und so weiter/ unter denen Rechtglaͤubigen aber Jo- seph, Salomon, \&c. fuͤr andern beruͤhmt gewesen. 7. Zwischen diesem Grad der hoͤchsten menschlichen Weißheit/ und den untersten Grad der hoͤchsten Unwissenheit/ sind unzeh- lich viel mittlere Stuffen/ die nach Gelegen- heit bald zu der Gelahrheit/ bald zu der Un- gelahrheit gerechnet werden. 8. Denn 1. Hauptstuͤck von der 8. Denn so schwer es ist zu sagen/ das wie vielste Korn aus einer Hand voll einen Hauf- fen mache/ so schwer ist es auch zu determi- ni ren/ durch welchen Grad der Wissenschafft man aus einem ungelehrten Menschen ein rechtschaffener Gelehrter werde. 9. Dannenhero darf man sich auch nicht wundern/ daß oͤfters den Nahmen gelehrter Leute diejenigen mißbrauchen/ die nichts we- niger sind/ oder daß man die Gelahrheit nach Titeln und Ehren-Aemtern ausmißt. 10. Jch halte den vor einen gelehrten Mann/ der etliche wenige Wahrheiten ge- wiß weiß/ die er zum gemeinen Nutzen an- wenden/ und daraus in allerhand Wis- senschafften andere Warheiten wieder herleiten kan/ im uͤbrigen aber das gemei- ne Spruͤchwort rechtschaffen verstehet/ daß die Welt von leeren Wahne angefuͤllet sey/ und so wohl seine Warheiten/ als den leeren Wahn der Welt andern gar leichte und deutlich kan vor Augen stellen. 11. Jedoch muß ein solcher taͤglich fortfah- ren seinen Verstand auszubessern/ weil es taͤglich Gelegenheit haben wird/ neue War- heiten zu entdecken/ und neue Vor-Urtheile/ die Gelahrheit insgemein. die an Erforschung der Warheit hinderlich seyn/ theils bey sich selbst/ theils bey andern zu entdecken. 12. Wiewol nun die Gelahrheit den Men- schen aus seiner Unvollkommenheit heraus reisset/ und dannenhero billich alle Menschen sich bemuͤhen solten/ gelehrt zu werden/ so laͤsset doch der Zustand der menschlichen Ge- sellschafft nach dem Fall solches nicht zu/ weil der Unterscheid der Staͤnde denen mei- sten so viel zu thun giebt/ daß sie die Zeit/ so zu Erlangung der Gelahrheit erfordert wird/ dem gemeinen Wesen zum besten zu was an- dern anwenden muͤssen. 13. Jedoch sollen sich auch diese bemuͤhen/ daß ihre Ungelahrheit doch fuͤr keine grobe Unwissenheit gehalten werden koͤnne/ und solcher Gestalt durch taͤgliche Erfahrung und Rachfragung der Gelehrten/ so viel erkennen/ daß sie ihres Orts nach ihrem Stande so viel moͤglich/ die gemeine und ihre eigene Gluͤckseeligkeit befoͤrdern koͤnnen/ ob sie gleich von andern Staͤnden keine Wissenschafft ha- ben/ auch von den Jhrigen nicht eben deutliche Rechenschafft zu geben wissen. 14. Die Ubrigen aber/ die Musse und Ge- 1. Hauptstuͤck von der Gelegenheit haben/ ihren Verstand genauer auszubessern/ solten/ ob sie gleich nicht pro- fession von der Gelahrheit machen/ dennoch sich so viel moͤglich bemuͤhen/ uͤber den Zustand der Ersten zu erheben/ daß/ ob sie gleich nicht fuͤr Gelahrte passiren koͤnnen/ dennoch auch nicht ungelehrt genennet werden moͤgen. 15. Wenn sie aber von der Gelahrheit profession machen/ muͤssen sie zufoͤrderst wol erwegen/ daß ihnen GOtt in diesem Leben zwey sonderbare Lichte uͤberlassen/ ihren ver- finsterten Verstand zu erleuchten/ und die- selbigen wol zu unterscheiden wissen. 16. Das eine ist das natuͤrliche Licht oder der Verstand selbst/ wodurch der Mensch ver- moͤgend ist/ aus natuͤrlichen Kraͤfften von de- nen sinnlichen und irrdischen Dingen sich einen wahren und deutlichen concept zu machen/ zu Nutzen dieses zeitlichen Lebens. 17. Das andere ist ein uͤbernatuͤrliches/ und das von Goͤttlicher Offenbahrung ent- stehet/ durch welches der Mensch die Goͤttli- che Geheimnuͤsse/ so ihn zu einem kuͤnfftigen Leben fuͤhren/ so viel als seine gegenwaͤrtige Unvollkommenheit zulaͤsst/ erkennet. 18. Diese Goͤttliche Offenbahrung/ gleich- wie Gelahrheit ingemein. wie sie in der heiligen Schrifft enthalten ist; also muß auch einer/ der hierinnen recht geleh- ret seyn will/ die Sprachen so wol Altes als Neues Testaments wol innen haben. 19. Aber zu Brauchung des natuͤrlichen Lichts/ sind keine frembde Sprachen eben nothwendig/ sondern man kan sich dessen auch ohne dieselben bedienen/ es moͤgen nun Man- nes- oder Weibes- Personen/ Junge oder Al- te/ Arme oder Reiche seyn. 20. Jedoch ist es in so weit besser/ wenn man frembder Sprachen maͤchtig ist/ daß man durch Lesung anderer gelehrten Leute/ die in denenselben Sprachen geschrieben/ Gelegen- heit nehme von Dingen/ so nicht taͤglich denen Sinnen fuͤrfallen/ einige Erkaͤnntnuͤß zu erlangen/ oder auch sonsten durch eine und an- dere Anmerckung/ an die man sonst nicht ge- dacht haͤtte/ der Erkaͤnntnuͤß der Dinge weiter nachzudencken/ weil doch viel Augen mehr sehen/ als zwey. 21. Die Erkantnuͤß so aus der heiligen Schrifft entstehet/ wird Gottes Gelahr- heit/ die aber so aus der menschlichen Ver- nunfft herruͤhret/ Welt-Weißheit genen- net. Und wenn der Mensch nach dieser oder F jener 1. Hauptstuͤck von der jener sein Leben anstellet/ so heissets ein Tu- gendhaff t es oder Gottesfoͤrchtiges Leben. 22. Die Gottes-Gelahrheit ist bey dieser Schrifft nicht meines Vorhabens/ weil ich mich noch selbst einen Schuͤler darinnen erken- ne/ sondern mein Zweck ist/ die zu einem tu- gendhafften und begluͤckten Leben in dieser Welt fuͤhrende Welt-Weißheit fuͤrzustellen. 23. Ob aber schon die Gottes-Gelahrheit aus einer Offenbahrung herruͤhret/ die Welt- Weisheit aber aus der innerlichen Vernunfft hergeleitet wird/ so kan doch jene nicht gaͤntz- lich ohne die menschliche Vernunfft seyn/ diese aber præsupponir et auch zuweilen wo nicht ei- ne Goͤttliche/ doch menschl. Offenbahrung. 24. Denn die Gottes-Geheimnuͤsse sind zwar uͤber den menschlichen Verstand/ aber sie sind nicht demselbigen zuwider/ son- dern GOtt hat in seinem heiligen Wort/ sich so viel moͤglich nach uns Menschen accom- modir et/ und redet solchergestalt mit uns als ein Mensch/ der zugleich GOtt der HErr ist. 25. Was ferner die Welt-Weißheit be- trifft/ die uͤber die creatur en raisonir et/ so ist unstreitig/ daß dieselbige sich nicht allein uͤber gegenwaͤrtige/ sondern guten Theils uͤber ent- Gelahrheit insgemein. entfernete oder vergangene Dinge erstrecke/ uͤber welche sie aber solcher gestalt nichts ver- nuͤnfftiges schliessen kan/ wenn sie nicht zum wenigsten einige histori sche Relation præ- supponir et. 26. Dannenhero sind die Vernunfft- Lehre und die historie zwey Instrumente, die so wol der Gottes-Gelahrheit als Welt- Weißheit gemein sind/ jedoch mit diesem merk- lichen Unterscheid. 27. Die Welt-Weißheit braucht die Ver- nunfft-Lehre als den Grund ihrer gantzen Wissenschafft/ und præsupponir et nur die aus der Offenbahrung herruͤhrende histori- schen Relationes als postulata und hypo- theses, ihre Kunst daran auszuuͤben/ wan- nenhero auch dieselbe nicht hauptsaͤchlich be- kuͤmmert ist/ ob die historie aus Goͤttlicher oder menschlicher Offenbahrung entstanden. 28. Aber bey der Gottesgelahrheit ist die Goͤttliche Offenbahrung der stetswaͤhrende Grund/ nach welcher ein Gottes-Gelahrten nicht allein die von dem Menschen herruͤhren- de historie richtet/ sondern auch die Vernunfft zufoͤrderst angewoͤhnet/ daß sie nicht sich un- terfange mit ihren Vernunfft-Schluͤssen die F 2 Goͤtt- 1. Hauptstuͤck von der Goͤttlichen Geheimnuͤsse auszumessen/ son- dern den Verstand in uͤbernatuͤrlichen Din- gen unter den Glauben gefangen nehme. 29. Und solcher Gestalt braucht man bey der Gottes-Gelahrheit die Vernunfft-Leh- re nicht als ein Mittel die Goͤttliche Offen- bahrungen zu begreiffen/ als worzu eine Goͤtt- liche Erleuchtung allerdings erfordert wird/ jedoch eine solche/ wie unsere Kirche dieselbe zu erklaͤren pflegt/ die nicht auf eine Enthu- siaster ey hinaus laͤufft. 30. Sondern man braucht die Vernunfft- Lehre nur darzu/ daß man seinen Verstand dadurch fein von allen præjudiciis saubere/ ihme die irrigen Vernunfft. Schluͤsse und Fol- gerungen uͤberhaupt zu erkennen gebe/ auch angewehnt/ daß er sich fuͤr Sophisti schen und cavillatori schen interpretation en huͤte. 31. Denn wenn GOtt in seinem Wort mit uns redet/ so hat er sich nicht nach solchen Leuten accommodir et/ die ihre Vernunfft in der Verwirrung lassen/ und mit unzehli- chen Vor-Urtheilen/ die sie an Begreiffung Goͤttlicher Geheimnuͤsse hindern/ umgeben sind/ sondern nach solchen/ die in ihrem Ver- stand dißfalls gnug gesaubert haben. Denn jenen Gelahrheit insgemein. jenen ist freylich die heilige Schrifft schwer zu verstehen/ und werden dadurch verwirret/ al- leine weil sie eben ungelehrige und leichtfertige oder Sophisti sche Leute seyn/ so geschiehet solches durch ihre eigene Schuld/ und gera- then ihnen selbst zur Verdammnuͤß. 32. So hat auch Gottes Geist sich zwar oͤffters solcher Leute bedienet/ die in menschli- cher Weißheit nicht gelehrt gewesen/ wan- nenhero auch der stylus der heiligen Schrifft nach Unterscheid dieser Leute ungleich ist; aber es sind doch alles Leute gewesen/ die ihren na- tuͤrlichen Verstand nicht mißbraucht haben. 33. Solchergestalt nun darff man sich nicht wundern/ wenn man siehet/ daß Got- tes-Gelehrte oͤffters hauptsaͤchlich von der Vernunfft-Lehre/ von der Auslegung uͤberhaupt/ u. s. w. geschrieben/ da solches zu keinem andern Ende geschehen/ als die Rechtglaͤubigen zu warnen/ daß sie sich fuͤr ir- riger Sophisterey desto besser huͤten sollen/ oder die Unrechtglaͤubigen zu uͤberweisen/ daß sie die Vernunfft-Lehre dißfalls gemißbraucht. 34. So muß auch hiernaͤchst ein Lehr-be- gieriger dieses bald Anfangs wohl betrachten/ sonderlich der zu der Welt-Weißheit (als von F 3 wel- 1. Hauptstuͤck von der welcher wir fuͤrnemlich handeln) Lust hat/ daß ob schon die innerliche Vernunfft selbst vermoͤgend ist/ die Vorurtheilte vermittelst eigener Kraͤffte zu vertreiben/ er dennoch bey Anfang seines Studirens nicht selbst alleine Hand anlege/ sondern sich um einen Lehrer/ der ihn leite/ bekuͤmmere. 35. Denn sonsten muß es fast nothwendig geschehen/ daß er sich in denen Vorurtheilen mehr ein-als auswickelt. Jch werde zu sei- ner Zeit ausfuͤhrlicher hievon handeln. Jtzo wird es genung seyn/ wenn ich diesen Satz mit einem Gleichnuͤß von einem Menschen/ der zum Exempel viel Scheid-Wege fuͤr sich hat/ von welchen nur einer zu dem verlangten Ort weiset/ erklaͤren werde. 36. Er muß aber in Erkiesung eines Leh- rers nicht so wol um dessen grossen Ruhm von eigener Gelahrheit bekuͤmmert seyn/ als vielmehr erforschen/ ob er dabey deutlich/ ge- treu und freundlich sey/ als welches die drey Haupt-Tugenden eines Lehrmeisters sind. 37. Hergegen auf seiner Seite muß ein Lehrling eine Kindliche Furcht und hertzli- ches Vertrauen zu seinem Lehrmeister ha- ben/ zufoͤrderst auf das/ was er hoͤret/ attent seyn/ Gelahrheit insgemein. seyn/ sich nicht ohnnoͤthige und aus Mißtrau- en herruͤhrende Scrupel machen/ jedoch aber/ da er einigen Zweiffel bey sich befaͤnde/ oder des Lehrers Meinung nicht recht gefasset haͤt- te/ ihn alsobald/ ehe der Mißverstand und Zweiffel einwurtzelt/ denselben entdecken und zu rathe ziehen. 30. Aus dem was wir bißhero angefuͤhret/ werden verhoffentlich folgende kurtze Anmer- ckungen erhellen/ und keines ferneren Be- weises vonnoͤthen haben. (1.) Dieses ist keine Gelahrheit zu nennen/ die weder in dem menschlichen Leben einigen Nutzen schaffet/ noch zur Seeligkeit anfuͤhret. 39. (2.) Viel Sprachen wissen/ ist der ge- ringste Theil der Gelahrheit. 40. (3.) Zur Gelahrheit braucht man keines absonderlichen Beruffs. 41. (4.) Weibes-Personen sind der Ge- lahrheit so wohl faͤhig/ als Manns-Per- sonen. 42. (5.) Viel wissen macht nicht eben ei- nen gelehrten Mann. 43. (6.) Der ist nicht gelehrt/ der es in der That nicht erweisen kan. F 4 (44.) 2. Hauptstuͤck von der 44. (7.) Der ist nicht gelehrt/ der das na- tuͤrliche und uͤbernatuͤrliche Licht unter- einander wirfft. Das 2. Hauptstuͤck. Von der V ernunfft- L ehre insonderheit. Jnnhalt. Was die Vernunfft-Lehre sey. n. 1. Sie gehet allein den Menschen an. n. 2. Von dem Unterscheid der natuͤrli- chen Vernunfft-Lehre/ und der die aus der Unte wel- sung herruͤhret. n. 3. 4. 5. 6. 7. Jn gleichen Logicæ do- centis \& utentis. n. 8. 9. 10. Unterscheid zwischen der Vernunfft-Lehre und der Grammatic und Rece- Kunst. n. 11. Die Erkaͤninuͤs der Wahrheit ist der fuͤrnehmste Zweck der Vernunfft-Lehre n. 12. und ver- diente diesen Nahmen nicht/ wenn sie dieses nicht leh- rete. n. 13. Ein anders ist der Warheit nachforschen/ ein anders/ sie erforschen. n. 14. Die Vernunfft-Leh- re lehret auch das wahrscheinliche von dem unstreitig wahren zuerkennen n. 15. Eintheilung der Ver- nunfft-Lehre. n. 16. 17. 18. 1. D Je Vernunfft-Lehre ist eine Lehre/ die die Menschen unterweiset/ wie sie ihre Vernunfft/ das ist/ ihre Gedancken uͤber- Vernunfft-Lehre insonderheit. uͤberhaupt in Erkaͤntnuͤs der Warheit/ in waserley Theilen der Gelahrheit es auch seyn moͤge/ recht gebrauchen/ und andern Menschen damit dienen sollen. 2. Die Vernunfft-Lehre gehet die Men- schen an/ und keine andere Creaturen/ weil keine andere Creaturen eine Vernunfft ha- ben. Denn die Vernunfft ist nichts anders/ als ein Vermoͤgen der menschlichen Seele. 3. Diese Lehre ist in der Vernunfft des Menschen selbst gegruͤndet/ und also von GOtt dem menschlichen Geschlecht selbsten von Natur eingegeben. Bey welcher Be- wan d nuͤß denn es keiner absonderlichen Lehre brauchen wuͤrde/ wenn des Menschen Zu- stand in diesem Leben nicht so beschaffen waͤre/ daß von Jugend auf das natuͤrliche Licht der Vernunfft durch vielfaͤltige Ursachen verdun- ckelt wuͤrde. 4. Jndem von Jugend auf denen kleinen Kindern/ deren Verstand noch nicht bekraͤffti- get ist/ das Wahre von dem Falschen zu ent- scheiden/ viel falsche Einbildungen fuͤr war- hafftige imprimi ret werden/ welche falsche impressiones sich so lange mehren/ biß bey heranwachsenden Alter der Mensch geschickt F 5 wird/ 2. Hauptstuͤck von der wird/ die begangenen Fehler zu erkennen/ und wieder auszubessern. 5. Dannenhero lehret auch die Vernunfft- Lehre nichts Ubernatuͤrliches/ sondern sie weiset nur an/ wie man die Vernunfft der Natur nach recht gebrauchen solle/ oder viel- mehr/ wie man die Verduncklungen des na- tuͤrlichen Lichts loß werden solle. 6. Wannenhero nicht zu verwundern ist/ daß bey manchen Menschen das natuͤrliche Licht so starck ist/ daß es selbsten faͤhig ist/ ohne darzu kommende Unterweisung die duͤstern Wolcken der Jrrthuͤmer zu zertheilen. 7. Jedoch ist deß halben die Unterweisung nicht zu verwerffen/ weil die Exempel der- gleichen Leuterar sind/ und durch dazu kom- mende Unterweisung andern die Sache noch einmal so leichte gemacht wird. 8. Es weiset aber diese Lehre nur/ wie man die Vernunfft uͤberhaupt gebrauchen solle/ in waserley Theilen der Gelahrheit es auch seyn moͤge/ weil wir allbereit erwehnet/ daß die Vernunfft-Lehre ein gemein Instrument der Gelahrheit sey. 9. Und also wuͤrde sie diesen Namen mit nichten verdienen/ wenn man sie nicht in allen Stuͤ- Vernunfft-Lehre insonderheit. Stuͤcken der Gelahrheit nuͤtzen koͤnte/ denn das ist kein Werckzeug/ daß ich nicht zu was anders gebrauchen kan. 10. Also soll nun die Vernunfft-Lehre Haupt-Regeln geben die Warheit zu erken- nen/ die uͤberall genutzt werden koͤnnen. Aber die Applicir ung dieser Regeln zu diesen oder jenen Stuͤcke der Gelahrheit uͤberlaͤsst die Vernunfft-Lehre andern Disciplin en. 11. Die Warheit ist der Zweck der Ver- nunfft-Lehre. Und solchergestalt ist sie von der Grammatic und von der Rede-Kunst entschieden/ weil jene nur anweiset/ wie man seine Gedancken ohne Ansehung auf die War- heit durch die Rede an den Tag geben solte/ die- se aber/ wie man durch eine zierliche Rede an- dere Leute zu etwas/ es sey nun wahr oder nicht/ bereden solle. 12. Es hat aber die Vernunfft-Lehre zu ih- rem fuͤrnehmsten Zweck die Erkaͤntnuͤß der Warheit/ weil dahin alle Theile der Ver- nunfft-Lehre/ jedoch auf unterschiedene Wei- se/ zielen. 13. Und wuͤrde also den Namen der Ver- nunfft-Lehre mit nichten meritir en/ wenn sie den Menschen nur lehrete/ wie er die allbe- reit 2. Haupt-Stuͤck von der reit erkannte Warheit aussprechen/ oder an- dern fuͤrtragen/ oder wie der Mensch von Dingen/ die er gar nicht verstuͤnde/ etwas or- dentlich herplaudern solte. 14. Uber dieses muß man auch die Nach- forschung der Warheit nicht mit der Ersor- schung oder wuͤrcklichen Erkaͤntnuͤß derselbi- gen vermischen. Denn es ist nicht genung/ daß die Vernunfft-Lehre dem Menschen wei- se/ wie er die Warheit nachjagen solle. Sie muß ihm auch die Mittel zeigen/ durch welche er dieselbe erhalten koͤnne. 15. Dieweil aber die Schwachheit des menschlichen Verstandes dergestalt beschaffen ist/ daß es ohnmoͤglich ist/ alle Warheiten genau und deutlich zu erkennen/ oder derer Warheiten/ die ein Mensch weiß/ gewiß ver- sichert zu seyn/ als ist genung/ wenn die Ver- nunfft-Lehre nur zeiget/ wie man das unstrei- tig wahre/ von dem unstreitigen falschen entscheiden/ im uͤbrigen aber in denen andern Dingen erkennen solte/ ob bey denenselben ei- ne Wahrscheinlichkeit/ und in was fuͤr einem Grad anzutreffen sey/ und wie weit der mensch- liche Verstand mit seiner Wissenschafft darin- ne zunehmen koͤnne. 16. So Vernunfft-Lehre insonderheit. 16. So muß auch die Vernunfft-Lehre nicht allein einen Menschen fuͤr sich unter- richten/ wie er Warheiten erlangen/ sondern sie muß auch zeigen/ wie er dem menschlichen Ge- schlecht daraus dienen solle. Denn die Ver- nunfft-Lehre ist nicht alleine ein instrument der Gelahrheit/ sondern auch das erste und noͤhtigste Stuͤck derselben. 17. Dannenhero kan dieselbe fuͤglich in zwey Theile eingetheilet werden/ in denen er- sten uͤberhaupt von der menschlichen Ver- nunfft von der Warheit/ von denen ersten Ken- zeichen und Grund-Regeln der Warheit/ von denen unterscheidenen Dingen/ an welchen die Vernunfft die Warheit erforschen kan/ von denen Mitteln zu Erforschung unerkanter Warheiten zu gelangen/ von der methode und Ordnung/ deren man sich dißfalls zubedie- nen hat/ u. s. w. gehandelt wird. 18. Der andere Theil betrachtet inson- derheit/ wie man sich verhalten solle/ wenn man 1. fuͤr sich die Warheit erforschen/ 2. die erkante Warheit andern beybringen; 3. anderer Leute Meinungen verstehen/ 4. von denenselben ju- diciren, und 5. sie wiederlegen will. Das Das 3. Hauptstuͤck von der Das 3. Hauptstuͤck. Von der M enschl. V ernunfft und derselben unterschiede- nen Wirckungen. Jnnhalt. Man muß zufoͤrderst wissen/ was der Mensch sey. n. 1. Und wie er fuͤrnemlich von den bestien entschieden werden muͤsse. n. 2. 3. 4. Dieser Unterscheid ist hauptsaͤchlich/ weder euserlich in der glatten Haut des Menschen n. 5. 6. in seinen Haͤnden. n. 7. in dem Angesichte n. 8. 9. in seinen auffgerichteten Gange. n. 10. noch in denen innerlichen Theilen des menschlichen Leibes zu suchen ist. n. 11. 12. 13. sondern in denen Reden und Gedancken. n. 14. 15. 16. Nothwendigkeit der Be- trachtung von dem Wesen der Gedancken. n. 17. 18. 19. und derer deutlichen Beschreibung. n. 20. Ein jeder kan nur von seinen Gedancken Rechenschafft ge- ben. n. 21. Beschreibung der Gedancken. n. 22. 23. Sie bestehen in einer innerlichen Rede. n. 24. Die der Mensch mit sich selbst haͤlt n. 25. Von denen Bil- dungen. n. 26. Die von denen euserlichen Coͤrpern eingedruckt sind. n. 27. 28. Sie gehen in dem Gehirne vor. n. 29. Euserliche und innerliche Sinne des Men- schen. n. 30. 31. 32. Der gemeine Verstand dieser Eintheilung. n. 33. 34. Die Gedancken des Menschen sind vel paffiones vel actiones. n. 35. 36. 37. Genauere Anmerckungen von der Residentz der Gedancken in dem menschlichen Gehirne. n. 38. 39. 40. 41. Die Thiere haben Menschl. Vern. u. deren Wirckung. haben gantz keine Gedancken/ oder innerliche Re- de von denen enserlichen Dingen. n. 42. biß. 53. Die Thiere sehen und hoͤren ei g en t lich nicht. n. 54. Sie traͤumen nicht. n. 55. Sie haben kein Gedaͤchtnuͤß. n. 56. Die Thiere haben einen innerlichen directo- rem ihrer Gedancken. n. 57. 58. Wir wissen aber nicht eigentlich was es sey. n. 59. Beschreibung des Men- schen. n. 60. Dessen Leib und Seele. n. 61. 62. 63. Unterscheid zwischen der Seelen Verstand und Wil- len. n. 64. 65. 66. 67. 68. Die Wuͤrckungen des Ver- standes. n. 69. koͤnnen nicht wohl der Ordnung nach determiniret werden. n. 70. Sie sind entweder zweif- felhafftig oder ohne Zweiffel. n. 71. 72. 73. 74. Sie ha- ben I. mit enserlichen Dingen zu thun. n. 75. entwe- der an uñ fuͤr sich selbst n. 76. 77. 78. oder in conferi rung mit andern n. 79. 80. 81. 82. II. mit innerlichen/ d. i. mit abstractionibus. n. 83. als mit welchem das Ge- daͤchtnuͤß. n. 84. die phantasie n. 85. und die Ver- nunfft oder ratiotinatio. n. 86. zu schaffen hat/ welche letztern entweder auff das vorhergehende oder zu- kuͤnfftige zielet. n. 87. Unterschiedene Benennungen der Wirckungen des Verstandes n. 88. Was eine kla- re n. 89. und dunckele n. 90. handgreiffliche n. 91. und subtile n. 92. Erkaͤntnuͤß heisse. n. 93. Eine con- fuse und distincte Erkaͤntnuͤß. n. 94. 95. 96. 97. Eine wahre/ falsche/ gewisse und ungewisse Erkaͤntnuͤß. n. 98. 1. W Enn der Mensch nicht weiß/ worinnen seine Vernunfft bestehet/ wie will er dieselbe brauchen die Warheit zu erforschen. Wie will er aber wissen/ was seine Vernunfft sey/ wen er nicht vorher weiß/ was er der gan- tze Mensch sey. 2. Er Das 3. Hauptstuͤck von der 2. Er ist etwas/ das ist kein Zweiffel; Er ist eine Creatur seines Schoͤpffers der Geburt und Sterben unterworffen/ das zeiget ihm die taͤgliche Erfahrung. So darff man sich auch nicht befahren/ daß man ihn mit denen Engeln vermischen werde. Denn von die- sen weiß die Vernunfft ohne dem nichts/ son- dern sie glaubet hierinnen der heiligen Schrifft/ ob sie gleich keine klahre Erkaͤntnuͤß von denen Engeln hat. 3. So wird man auch nicht leichte den Men- schen mit denen himmlischen Coͤrpern/ als Sonnen Mond und Sternen in eine Classe setzen/ vielweniger mit denen Baͤumen/ Stei- nen/ Metallen/ Minera lien und andern der- gleichen Dingen vermischen. Also bleiben alleine die Thiere uͤbrig/ als welche unter al- len Creaturen/ die umb uns sind/ dem Men- schen am naͤchsten kommen/ so gar/ daß auch et- liche/ als die Affen/ bey denen/ die nicht genau sich in acht nehmen/ fuͤr halbe Menschen paßi- ren koͤnnen. 4. Derowegen muͤssen wir uns hier etwas laͤnger auffhalten/ und den Unterscheid/ der zwi- schen denen Menschen und Bestien ist/ etwas genauer untersuchen/ umb uns destomehr zu ver- Menschl. Vern. u. deren Wirckung. versichern/ daß die Vernunfft-Lehre fuͤr den Menschen alleine gehoͤre. 5. Es ist wahr/ die euserliche Gestalt des Menschen ist etwas anders beschaffen/ als an- dere Thiere. Denn andere Thiere/ ob sie gleich einen Kopff Haut und Knochen/ einen Bauch und Beine haben/ so ist doch der Mensch mit einer glatten Haut begabet/ da die Thie- re hingegen mit ihren haarichten Fellen u. s. w. umbgeben sind. 6. Aber es giebt auch haarichte Menschen und z. Exempel nackende Huͤndgen/ und die- ses giebt dem Menschen keine prærogatio fuͤr denen Thieren/ sondern ist desto schlim̃er fuͤr ihn. 7. Jedoch haben die Menschen Haͤnde/ mit denen sie allerhand Dinge verrichten koͤnnen. Aber die Affen und Meerkatzen haben Pfoten/ die denen Haͤnden der Menschen sehr nahe kom- men/ und wie wenn der Mensch deßwegen mit denen Haͤnden begabet waͤre/ weil ihm sonst andere Gliedmassen oder Waffen mangeln sich wieder euserliche Gewalt zu vertheydigen/ damit sonst andere Thiere von Natur verse- hen sind. 8. Die Thiere von einerley Art haben or- dentlich einerley Bildung an ihren Kopffe. G Aber Das 3. Hauptstuͤck von der Aber das Angesicht des Menschen aͤnder t sich so unendlich/ daß unter etlichen Millio nen Menschen nicht zwey werden gefunden wer- den/ die einander dißfalls rechtschaffen gleichen. 9. Dieses ist etwas. Aber vielleicht ist es deßhalben geschehen/ damit ein Mensch/ der mehrentheils an denen uͤbrigen Theilen des Lei- bes bekleidet ist/ von dem andern koͤnne ent- schieden werden/ und die Thiere haben andere Kennzeichen an ihren Leibern. So bleibt auch ein Hund eine Bestie/ wenn gleich zum Exempel alle Hunde an denen Koͤpffen anders gebildet waͤren/ der Sirenen anitzo zugeschwei- gen. 10. Aber der Mensch gehet auffgerich- tet/ und die Thiere sehen auff die Erde. Aber thut der Mensch dieses von Natur oder aus Gewohnheit? und kan man Thiere/ als Hun- de und Affen nicht auch angewoͤhnen/ daß sie auffgerichts einhergehen? 11. Last uns demnach das Uhrwerck des Leibes der Menschen und Thiere/ gleichsam zergliedern/ und innwendig hinein schauen. Denn die euserliche Gestalt wird es alleine nicht thun/ indem alle Bestien/ so viel diese be- trifft/ gleichfalls von einander entschieden sind. 12. Aber Menschl. Vern. u. deren Wirckung. 12. Aber inwendig findest du so wohl an Thieren als Menschen Gehirne/ Hertz/ Lun- gen/ Leber/ Eingeweide/ Blut/ Pulß-und Sennadern u. s. w. 13. Sprichst du gleich/ es haͤtte der Mensch nach proportion mehr Gehirne als ein Och- se/ sein Blut sey mehr und waͤrmer als an- dere Thiere/ die Sennadern seyn anders ge- ordnet/ als in andern Thieren/ das Zwerch- fell sey mit dem Hertzbaͤndel gleichsam verei- niget u. s. w. so wird man dir entgegen setzen/ daß auch eine Bestie/ was die innerste Theile betrifft/ nicht durchgehends so beschaffen sey/ als die andere; und ein anderer wird vielleicht wollen observiret haben/ daß ein Esel nach proportion mehr Gehirne habe/ als ein Mensche. 14. Nun wohl dann/ vieleicht wissen die Thiere selbsten den Unterscheid besser/ der zwi- schen ihnen ist und dir. Derowegen frage dieselben. 15. Aber du haͤltest dieses fuͤr thoͤricht/ denn sagst du/ die Thiere koͤnnen nicht mit mir re- den. Es ist wahr/ auch die Affen koͤnnen nicht. Siehe/ da hast du vielleicht den begehrten Un- terscheid. G 2 16. Doch Das 3. Haupstuͤck von der 16. Doch die Papegoye reden auch. Du irrest dich. Die Rede ist eine Anzeigung der menschlichen Gedancken/ und sind diese beyde stets waͤhrend mit einander verknuͤpfft/ weßwegen auch die Gedancken von denen Al- ten sind eine innerliche Rede genennet wor- den. Aber ein Papegoy braucht sich nur ei- nerley Lauts mit der Rede des Menschen/ und schreyet denselben ohne Verstand her. 17. Ach/ sprichst du/ nun weiß ichs/ worin- nen der Unterscheid des Menschen und der Thiere bestehet. Die Thiere essen/ trincken/ zeugen/ wachsen/ wachen/ schlaffen/ sehen/ hoͤren/ riechen/ schmecken/ fuͤhlen/ begreiffen/ traͤu- men/ und erinnern sich wie die Menschen; aber sie gedencken und reden nicht/ sondern dieses koͤmmt denen Menschen alleine zu. 18. Eile nicht zu sehr mein Freund/ sonst wirst du weniger als zu vor wissen. Mein/ sage mir/ warumb sprichst du/ wenn du in tief- fen Gedancken u. s. w. bist/ du habest diese und jene Kostbarkeit in einen Gemach nicht gese- hen/ da dir dieselbe doch fuͤr der Nase gelegen/ oder du habest nicht gesehen/ was das Frauen- zimmer/ mit der du doch uͤber eine Stunde conversi ret hast/ fuͤr Kleider angehabt. 19. Du Menschl. Vern. u. deren Wirckung. 19. Du giebst zur Antwort/ du habest nicht daran gedacht/ weil du deine Gedancken wo anders gehabt. Jch nehme es an. So siehest du demnach und hoͤrest nicht/ wenn du nicht dran denckst. Und du sprichst doch/ die Thie- re sehen/ hoͤreten u. s. w. und koͤnten doch nicht gedencken/ last uns zuvor ein wenig genauer besehen/ was die Gedancken des Menschen seyn. 20. Wenn die Gedancken ausser uns waͤ- ren/ wolten wir uns uͤber die Beschreibung nicht sehr bekuͤmmern/ sondern ich wolte dir dieselbige nur zeigen/ als wie ich dir etwan ei- nen Loͤwen/ oder Triangel oder eine Bewe- gung zeige. Aber so stecken sie in uns drin- nen/ und wir koͤnnen auch nicht einmahl ver- mittelst der anatomie darzu kom̃en. Dem- nach ist es noͤthig/ daß wir einander von unsern Gedancken eine deutliche Beschreibung geben/ damit wir nicht in der Blindheit herumb tap- pen. 21. Jch weiß aber meine Gedancken an be- sten/ und du die deinigen. Dannenhero kan auch ich dir besser beschreiben wie ich dencke/ als wie du gedenckest/ und du hingegen kanst mir von deinen Gedancken die beste Rechen- G 3 schafft Das 3. Hauptstuͤck von der schafft geben. Wenn wir nun dieses werden gegeneinander halten/ und mit anderen Leuten ihren Gedancken conferi ren/ soll es nicht feh- len/ wir wollen entweder eine rechte Beschrei- bung der Gedancken heraus bringen/ oder ver- gewissert werden/ daß ein Mensch anders ge- dencke/ als der andere. Wohlan ich will hierzu den Anfang machen. 22. Wenn ich gedencke/ so rede ich allezeit innerlich mit mir selbst von denen Bil- dungen/ die durch die Bewegung der eu- serlichen Coͤrper/ vermittelst der anderen Gliedmassen dem Gehirne eingedruckt sind/ und wenn ich drauff schweren solte/ so ist eine innerliche Empfindligkeit bey mir/ daß auch diese meine innerliche Rede nirgends an- ders/ als in meinen Gehirne/ vorgehe. 23. Denckst du nun auff eine andere Wei- se/ so wirst du mich sehr verbinden/ wenn du mir solches sagest/ oder nur ein eintzig Exempel geben wirst einer Gedancke/ die nicht auff diese Art eingerichtet ist. Wo aber nicht/ so laß uns nur die Worte meiner Beschreibung noch ein wenig genauer betrachten. 24. Jch habe einer innerlichen Rede er- wehnet/ und habe bißher noch keine angetrof- fen/ Menschl. Vern. u. deren Wirckung. fen/ der nicht bey seinen Gedancken die Em- pfindligkeit bey sich gehabt/ die er hat/ wenn ein anderer mit ihn redet. Es ist wahr/ Kinder und von Natur taube Leute koͤnnen nicht mit sich selbst reden. Aber frage doch auch ein Kind/ und einen solchen tauben Menschen/ was es damahls gedacht habe oder noch dencke? Und mit was fuͤr Gruͤnden/ die den Stich hal- ten/ wilst du einen einzigen Menschen bereden/ daß dergleichen Leute gedencken. Sie sind ja wohl Menschen/ aber du hast noch nicht er- wiesen/ daß ein Mensch allezeit gedencken muͤsse. 25. Diese innerliche Reden halte ich mit mir selbsten. Jch der ich hier fuͤr dir stehe mit Haut und Haaren/ Fleisch und Beine/ und alles was in und an mir ist. 26. Jch rede mit mir selbst von denen Bil- dungen. Durch diese verstehe alle Eindru- ckungen der euserlichen Coͤrper oder derselben Eigenschafften und Bewegungen in unser Ge- hirne; Sie moͤgen nun vermittelst der Augen oder der Ohren/ oder der Nase/ oder der Zun- ge/ oder anderer Gliedmassen und denen da- bey befindlichen Sennadern/ die alle in dem Gehirne zusammen kommen/ daselbst einge- druckt werden. Und also verstehe ich uͤber G 4 die Das 3. Hauptstuͤck von der die Bildung der euserlichen Gestalt/ auch die Bildung des Klangs/ des Geruchs/ u. s. w. 27. Was das Gefuͤhle betrifft/ so leugne ich nicht/ daß daßelbe durch alle Gliedmassen des menschlichen Leibes zerstreuet sey/ und also auch durch die coͤrperliche Bewegung derer innerlichen Gliedmassen/ das Gehirne beruͤhre. Dannenhero wenn ich in vorigen §. der eu- serlichen Coͤrper gedacht habe/ so verstehe nicht eben diejenigen/ die ausser dem gantzen Menschen seyn/ sondern alle diejenigen/ die außer dem Gehirne des Menschen seyn. 28. Und also begreiffe ich unter den Ge- fuͤhle auch etliche ungemeine Arten der Em- pfindligkeiten/ die von andern als ein abson- derlicher Sinn betrachtet werden/ als den Hun- ger/ Durst/ tactum venereum u. d. g. 29. Diese innerliche Rede aber empfinde ich/ daß sie in meinen Gehirne vorgehe/ nicht in dem Hertzen noch in einem andern Theile des menschlichen Leibes. Denn ich fuͤhle gar eigen/ daß ich in dem obern Theile des Haupts wo das Gehirne liegt/ gedencke/ wiewohl diese Empfindligkeit viel subti ler ist/ als die andern/ die unmittelbar von Bewegung der euserlichen Coͤrper herruͤhren/ und bestehet diese Empfind- ligkeit Menschl. Vern. u. deren Wirckung. ligkeit in nichts anders/ als daß ich bedencke/ daß ich gedencke/ oder nach dem Stylo der Car- tesianer in conscientia. 30. Dannenhero sind die menschlichen Sinn- ligkeiten ( sensus ) etliche euserlich die andern innerlich. 31. Die euserlichen sind/ wenn des Men- schen Gehirne unmittelbar/ durch die euserli- chen Coͤrper geruͤhret wird/ wenn er siehet/ hoͤ- ret/ riechet/ schmaͤcket/ fuͤhlet/ Hunger/ Durst/ Kuͤtzelung/ und Schmertzen oder die Gemuͤths- Regungen empfindet u. s. w. 32. Der innerliche ist/ wenn ihm die ein- gedruckten Bildungen wieder vorkommen/ und wenn er mit wissend ist/ was er geden- cket. 33. Aber huͤte dich/ daß du diese Eintheilung der Sinne nicht vermischest/ mit der gemeinen Bedeutung. Denn was man insgemein euserliche Sinne nennet/ das sind nichts an- ders als die euserlichen Gliedmassen des menschlichen Leibes/ dergleichen auch bey denen Coͤrpern der Bestien anzutreffen sind. Diese aber haben gar keine wuͤrckliche Sinnligkeit/ als welche niemahls ohne eine Erkaͤntnuͤß/ und folgends ohne Gedancken seyn kan. G 5 34. Was Das 3. Hauptstuͤck von der 34. Was aber die gemeinen innerlichen Sinne betrifft/ davon ist der erste/ nemlich der gemeine Sinn ( sensus communis ) nichts anders als mein euserlicher Sinn/ die phan- tasie und Gedaͤchtnuͤß aber gehoͤren theils zu dem innerlichen Sinne/ theils zu denen thaͤ- tigen Gedancken. 35. Denn die Gedancken des Menschens sind entweder leidende/ oder thaͤtig ( passio- nes vel actiones. ) 36. Die Passiones sind nichts anders/ als die itzt erzehlte Sinnligkeiten. 37. Die Actiones sind/ wenn der Mensch dasjenige/ was er gesehen/ gehoͤret/ u. s. w. mit Willen bedenckt/ wenn er rechnet/ misset/ zu- sammen setzet/ von einander sondert/ wenn er dichtet/ wenn er sich etwas zu thun resol- vi ret. 38. Es ist aber das Gehirne groß/ und wird gemeiniglich in cerebrum \& cerebellum eingetheilet. Nun kan ich dir zwar eben so ge- wiß nicht sagen/ an welchen Orthe des Ge- hirns eben der Mensch gedencke. Doch wei- set es wohl der Augenschein/ daß es ohnmoͤglich sey/ daß der Mensch alle Gedancken in glan- dula pineali verrichte. 39. Je- Menschl. Vern. u. deren Wirckung. 39. Jedoch duͤnckt mir wahrscheinlicher zu seyn/ daß die Gedancken mehr in cerebro als in cerebello geschehen/ wenn nun ein jeder auff seine eigene Empfindligkeit/ die er davon hat/ attendiren will. 40. Ja ich halte dafuͤr/ wenn es moͤglich waͤre/ daß man die kleinen Coͤrpergen daraus das Gehirne zusammen gesetzt ist/ vermoͤge des Gesichts oder der microscopiorum recht genau betrachten koͤnte/ man so wohl bey denen Menschen als bey dem Vieh die Eindruckun- gen der Bildungen des Gesichts wuͤrde in et- was erkennen koͤnnen. 41. Oder/ wenn es moͤglich waͤre/ daß ein Mensch beym Leben bliebe/ wenn man ihm seine Hirnschale abseegte; wuͤrde man auch et- was von der Bewegung/ die zu der Zeit/ wenn der Mensch gedenckt oder mediti ret in dem Gehirne vorgehet (wenn anders dieselbe nicht auch gar zu subtil waͤre) erkennen koͤnnen. 42. Nachdem wir also die Gedancken der Menschen genauer betrachtet/ so siehest du/ daß die Thiere weil sie nicht gedencken/ keine eu- serliche Rede verstehen/ nicht innerlich mit sich selbsten reden/ keine erkaͤntnuͤß von etwas ha- ben/ nichts bedencken/ dichten/ rechnen/ mes- sen/ Das 3. Hauptstuͤck von der sen/ zusammen setzen/ nichts von einander son- dern/ nichts wollen. 43. Die Eindruckungen geschehen wohl in ihr Gehirne durch die Augen/ Ohren und anderer Gliedmassen ihres Coͤrpers/ aber sie reden davon nicht innerlich mit sich/ wie der Mensch/ denn sie verstehen keine euser- liche Rede. 44. Und ob wohl ein Hund/ wenn gewisse Worte geredet werden/ auch etwas gewisses zu thun pfleget/ so verstehet er doch die Worte nicht/ sondern thut das aus blosser Gewohn- heit/ massen denn/ wenn er zum Exempel auf Zuruffung seines Herren: such/ such/ ver- lohren/ der weggeschmissenen Sache nachzu- gehen pflegt/ eben das thun wuͤrde/ so man ihm dazu angewehnen wuͤrde/ weñ man ruffte/ bleib da. 45. Wenn der Hund vor einen Pruͤgel laͤufft/ oder bey Zeigung einer Suppe darzu laͤufft/ gedenckt er so wenig an das/ was er thut/ als ein Mensch wenn er faͤllt/ daß er die Haͤn- de vorwirfft/ oder wenn der Magen leer ist/ und bey dem Tische in tieffen Gedancken/ den- selben fuͤllet. 46. Be- Menschl. Vern. u. deren Wirckung. 46. Betrachte nur die Augen eines jeden Thieres/ ja auch eines Affens/ der dem Men- schen am naͤhesten koͤmt: Sie sehen gantz todt und tum̃ aus. Siehe aber die Augen eines Menschen an/ du findest nicht alleine vielmehr Lebhafftigkeit drinnen/ sondern man siehet es ihme auch oͤffters an Augen an/ daß er geden- cket/ weil man daraus erkennet/ was er ge- dencket. 47. Ja sprichst du/ die Thiere koͤnnen doch gleichwohl viel Kuͤnste/ wie solten sie denn gantz ohne Gedancken seyn. Das ist aber gleichwohl nicht ohnmoͤglich. Ein guter Lau- tenist zum Exempel spielet oͤffters/ wenn er seine Gedancken wo anders hat/ die artigsten Stuͤckgen weg/ ohne daß er dran denckt. Und also siehest du/ daß es nicht ohnmoͤglich sey etwas kuͤnstliches zu treiben/ ohne daß man dran denckt. 48. Aber du faͤhrest fort; die Erlernung der Kuͤnste koͤnnen doch nicht ohne Gedan- cken seyn. Denn wenn ein Mensch nicht attent sey/ werde er die Zeit seines Lebens nichts lernen; und folglich wuͤrden auch die Thiere bey Erlernung der Kuͤnste muͤssen attent seyn. 49. Hier Das 3. Haupstuͤck von der 49. Hier must du erst bedencken/ daß der Mensch auch oͤffters ohne attention was lerne: wenn ihm nehmlich ein Ding durch oͤfftere Wiederhohlung vermittelst der euserlichen Gliedmassen in das Gehirne ein gedruckt wird. Also wenn man etliche Tage auf denen Bauer- Kirmessen gewesen/ wird man befinden/ daß die offt wiederhohlten Bauerstuͤckgen in dem Gehirne so feste hafften/ daß man sie etliche Ta- ge nicht wieder loß werden kan. 50. Also lernen auch die Voͤgel z. e. sin- gen/ wenn man durch offte Wiederhohlung der Floͤthe ihnen das Stuͤckgen/ das sie lernen sol- len/ eindruckt. 51. Jn uͤbrigen aber was die jenigen Sa- chen anlanget/ die ein Mensch mit attention erlernet/ muß bey denen Thieren die offt wieder- hohlte Gewohnheit die Stelle der attention vertreten/ massen du dich dann einer gantz an- dern Lehrart bey einem Thiere als bey einem Menschen bedienen must. 52. Bey der Unterweisung eines Men- schen/ thut die Rede das vornehmste; aber re- de einen Thiere vor/ was du wilst/ wenn du nicht durch andere Mittel ihnen die Kunst/ die es lernen soll/ beybringst/ wirst du wenig aus- richten. Menschl. Vern. u. deren Wirckung. richten. Diese Mittel aber werden dir selbst zu erkennen geben/ daß das Thier bey der Er- lernung keine Gedancken brauche. 53. Die manier, mit welcher jener vor al- ters seinem Esel tantzen lehrete/ ist bekant/ und auff was masse man heut zu Tage denen Pfer- den und Hunden die Schulen beybringe/ be- kraͤfftigen das/ was ich gesagt. 54. So folget auch aus diesen/ daß die Thie- re zwar nach gemeiner Redens-Art sehen und hoͤren/ so ferne diese Dinge von denen Ein- druckungen in das Gehirne gebraucht wer- den/ aber eigentlich darvon zu reden sehen und hoͤren sie nicht/ denn es mangelt ihnen der sen- sus communis, der nichts anders ist als die Gedancke/ daß ich sehe und hoͤre. 55. Die Thiere koͤnnen auch nicht traͤumen denn die Traͤume sind Gedancken. Und wenn ein Thier in Schlaffe bellet/ oder sonsten was vornimmet/ gehet es auff gleiche Art zu/ als wie mit denen Nachtgaͤngern/ die des Morgens nicht wissen/ was sie gethan. 56. Am aller unglaublichsten aber ist es/ daß die Thiere ein Gedaͤchtnuͤß haben solten. Denn wie wilst du dir ein Gedaͤchtnuͤß ohne Gedancken einbilden. 57. Je- Das 3. Haupstuͤck von der 57. Jedoch ist es auch nicht wahrscheinlich/ daß die Bewegung der Thiere bloß von der Bewegung der euserlichen Coͤrper herruͤhre/ und gantz keine innerliche Ursache habe. Denn es sind gar zu viel Verrichtungen der Bestien die einen innerlichen directorem anzei- gen. 58. Jch will dir nur ein eintzig Exempel geben. Es ware ein Affe/ den vexirte sein Herr mit einem Stock/ indem er sich stellte/ als wolte er ihm auff die rechte Seite schlagen und wenn der Affe parirte, traff er ihn auff die lincke/ der Affe gabe zuletzt seinem Herrn nicht mehr auff den Stock/ sondern allezeit auff die Augen achtung. 59. Was aber dieses fuͤr ein innerlich We- sen sey/ weiß man so genau nicht/ so wenig/ als dieß innerliche Wesen anderer Dinge. 60. Nun wollen wir uns wohl getrauen den Menschen zubeschreiben. Der Mensch ist ein coͤrperliches Wesen/ welches sich bewegen und gedencken kan. 61. Er bestehet aus zwey Haupttheilen/ deren der eine ihme mit den Thieren gemein ist/ der anderer aber ihm von denenselben ent- scheidet/ nemlich Leib und Seele. 62. Der Menschl. Vern. und deren Wirck. 62. Der Leib ist das Theil/ das sich bewe- gen/ und die Seele der Theil/ das dencken kan; 63. Weiter kan ich von des Menschen See- le nicht sagen/ wie unten mit mehrern soll erklaͤ- ret werden. 64. So viel aber die Gedancken des Men- schen betrifft/ bestehen dieselbigen in zwey unter- schiedenen Arten/ in dem Verstand und dem Willen. 65. Der Verstand wird auch sonsten Ver- nunfft genennet/ wie wir solche hier gebrau- chen/ wiewol durch das Wort Vernunfft auch so wol der Verstand als Wille begriffen wird/ und dadurch alle Gedancken verstan- den werden. 66. Der Verstand und Wille sind meh- rentheils miteinander vergesellschafftet/ dan- nenhero muß ich sie wol und geschickt vonein- ander entscheiden. 67. Jnsgemein sagt man/ daß in dem Verstand die leidenden Gedancken der menschlichen Seelen bestuͤnden/ in dem Willen aber das Thun derselben/ und auf diese Weise wuͤrden wir am deutlichsten sagen/ daß der Verstand blos in denen Sinnlichkeiten oder H Em- Das 3. Hauptstuͤck von der Empfindlichkeiten bestuͤnde/ wie wir solches oben erklaͤret haben/ die uͤbrigen Gedancken aber alle gehoͤreten zu dem Willen. Und sol- chergestalt gehoͤrete auch zu dem Willen/ wenn ich was meditir en will. 68. Aber diese Meinung ist nicht accurat, weil die Vernunfft des Menschen auch viel thut/ und der menschliche Wille auch viel lei- det Dannenhero ist der andre Unterscheid besser/ der Verstand des Menschen ist das Thun oder Leiden der Seelen/ soferne dieselbe das Wesen oder Beschaffenheit der Dinge be- trachtet und erkennet. Der Wille aber ist das Thun oder Leiden der Seele/ soferne die- selbe etwas durch Bewegung der euserlichen Gliedmassen zu thun gedencket. Und auf diese Weise gehoͤret die Resolution des Men- schen von vergangenen und abwesenden Din- gen/ etwas nachzudencken/ zu dem Verstande. 69. Von dem Willen des Menschen wer- den wir an einem andern Ort weitlaͤufftiger handeln. Was aber den Verstand betrifft/ ist noͤthig/ noch etwas von dessen Wirckungen zu melden. 70. Und zwar wollen wir uns nicht bemuͤ- hen zu erforschen ob zwey/ drey oder vier ope- Menschl. Vern. und deren Wirck. operationes mentis seyn/ und worinnen dieselbigen bestehen? Denn alle die Meinun- gen von dieser Frage (auch unsere eigene/ die wir bisher vertheidiget) sind undeutlich/ und vielen scrupulis unterworffen/ haben auch keinen andern Nutzen/ als die gemeine metho- de der Vernunfft-Lehre zu justificir en. Weil wir uns aber derselben nicht bedienen/ koͤnnen wir sie am ehesten entbehren. 71. Die Wirckungen des menschlichen Verstandes/ in Ansehen der euserlichen Din- ge/ sind entweder zweiffelhafftig/ oder ohne Zweiffel. Bey denen zweiffelhafftigen fra- get ein Mensche allezeit nach etwas. 72. Aber bey denen kein Zweiffel ist/ diesel- bigen bejahen etwas von einer Sache/ oder verneinen etwas davon. 73. Die Zweiffelhafftigen præsuppo- nir en eine Unvollkommenheit des Menschen in seinen gegenwaͤrtigen Zustande; aber sie sind doch gleichsam ein nothwendig Ubel/ weil man ohne sie nicht leichte zu einer gewissen Er- kaͤntnuͤß der Warheit kommen kan. 74. Die aber ohne Zweiffel sind/ sind zu- weilen Zeichen einiger Vollkommenheit im ge- genwaͤrtigen Leben/ zuweilen auch einer grossen Unvollkommenheit. H 2 75. Das 3. Hauptstuͤck von der 75. Ferner so gehen die Wirckungen der menschlichen Vernunfft entweder auf ein eu- serlich Ding an und fuͤr sich selbst/ oder in Be- trachtung uud conferir ung mit andern Dingen. 76. An und fuͤr sich selbst betrachtet man etwas entweder nach seinem Seyn oder exi- stenz, oder nach seinem Wesen/ Beschaffen- heit/ oder essenz. 77. Bey beyden betrachtet man entweder das gantze Ding uͤberhaupt/ oder eintzelen nach seinen Theilen und Stuͤcken. 78. Zu der existenz gehoͤret die Frage Ob? Wenn? und Wo? Zu dem Wesen/ die Frage: Welcher gestalt/ und was massen? 79. Wenn der Verstand ein euserlich Ding mit dem andern conferir et/ und beyde als gegenwaͤrtig betrachtet/ so zehlet er ent- weder dieselben/ oder misset sie gegen einander ab/ das ist/ er suchet entweder einige Gleichfoͤr- migkeit/ oder den Unterscheid zwischen ihnen. 80. Hieher gehoͤren die Fragen: Wie viel? Wie groß? Wie gleich? 81 Wenn er aber das eine als gegenwaͤr- tig/ das andere aber als vergangen oder zu- kuͤnfftig ansiehet/ so betrachtet er entweder der Din- Menschl. Vern. und deren Wirck. Dinge Bewegung/ oder ihre Dauerung/ oder ihren Ursprung/ oder ihre Wuͤrckung. 82. Hieher gehoͤren die Fragen: Woher? Wohin? Woraus? Zu was Ende? 83. Bey allen diesen Erkaͤntnuͤssen werden dem menschlichen Gehirne/ wie oben gedacht/ Bildungen eingedruckt/ welche so ferne der menschliche Verstand damit innerlich zu thun hat/ abstractiones genennet werden. 84. Und zwar/ so betrachtet er entweder die- se abstractiones, wie sie an und vor sich selbst bey Gegenwaͤrtigkeit der euserlichen Dinge ihm eingedruckt worden. Diese innnerliche Wuͤrckung wird gemeiniglich Gedaͤchtnuͤß genennet. 85. Oder er setzt sie nach seinem Gefallen zusammen/ oder sondert sie von einander/ und macht gleichsam neue abstractiones davon. Dieses heist phantasia, imagination, oder Einbildungs-Krafft. 86. Wenn er aber aus den erkannten ab- stractionibus bisher unerkannte Dinge her- vor sucht/ so heist diese Wirckung des Verstan- des/ rechnen/ schliessen/ raisonnir en: com- putare, rationari. H 3 87. Und Das 3. Hauptstuͤck von der 87. Und dieser Schluß forschet entweder das Vergangene den Ursprung und die Ursa- che eines Dinges/ oder er rechnet das Zukuͤnff- tige/ die Wuͤrckungen/ und Erfolgungen des- selbigen aus. 88 Nach Unterscheid derer itzo erzehlten Wuͤrckungen des Verstandes/ oder die Er- kaͤntnuͤssen desselbigen/ erlangen dieselbe auch unterschiedene Nahmen. Denn bald werden sie klar oder dunckel/ bald handgreifflich oder subtil, bald confus oder distinct ge- nennt. 89. Eine klare Erkaͤntnuͤß ist diejenige/ wenn dem Verstand etwas durch die euserli- chen Sinne durch eine starcke Bewegung bey- gebracht wird/ wenn nemlich die Sache denen Sinnen nahe ist. 90. Eine dunckele Erkaͤntnuͤß ist diese/ wenn die Sache von denen Sinnen entweder gantz entfernet ist/ oder doch dieselben auf schwa- che Art beruͤhret. 91. Eine handgreiffliche (augenscheinli- che) Erkaͤntnuͤß ( cognitio crassa ) ist/ wenn man dasjenige/ was man erkennet/ einem an- dern wieder so deutlich beybringen kan/ als wenn es ihm fuͤr den Augen laͤge/ oder wenn man Menschl. Vern. und deren Wirck. man es ihm wuͤrcklich fuͤr die Sinne leget/ daß er es begreiffen kan. 92. Eine subtile Erkaͤntnuͤß ist/ die ich ei- nem andern nicht so deutlich beybringen kan. 93. Also ist zwischen der klaren und hand- greifflichen/ ingleichen zwischen der dunckeln und subtilen Erkaͤntnuͤß wol kein groͤsserer Un- terscheid/ als daß die Begreiffungen der Dinge in Ansehen unserer selbst klar und dunckel/ aber in Ansehen anderer handgreifflich und subtil ge- nennet werden/ wiewol in denen gemeinen Redens-Arten diese beyden Benennungen offt miteinander vermischt werden. 94. Eine confuse und distincte Erkaͤnt- nuͤß aber wird entweder von einem Dinge/ oder von vielen gesagt. 95. Von einem Dinge ist diejenige Er- kaͤntnuͤß confus, wenn ich das gantze uͤber- haupt begreiffe/ und die ander ist distinct, wenn ich die Theile des gantzen betrachte. Und je mehr ich die Theile eines Dinges von einander unterscheide/ je distincter ist meine Erkaͤnt- nuͤß. 96. Wenn ich aber unterschiedene Dinge miteinander vermische/ so heisst dieser concept auch confus. Je genauer ich aber dieselben H 4 von- Das 4. Hauptstuͤck von denen voneinander zu entscheiden weiß/ je distincter ist mein concept. 97. Huͤte dich/ daß du diese letzten Benen- nungen uicht mit denen ersten vermischest/ denn es kan daraus grosse Hindernuͤß in Erforschung der Warheit entstehen. 98. Aber huͤte dich auch um eben dieser Ur- sache willen/ daß du mit obigen Benennungen nicht die confundir est/ wenn eine Erkaͤntnuͤß wahr oder falsch/ gewiß oder ungewiß ge- nennet wird. Denn diese Benennungen ruͤhren aus einem gantz andern fundament her/ massen aus dem Capitel von der Warheit zur Gnuͤge erhellen wird. Das 4. Hauptstuͤck. Von denen K unst- W ortern/ derer man sich bey der Ver- stand-Lehre und derer Ausuͤbung zu bedienen pfleget. Jnnhalt. Was Kunst-Woͤrter heissen §. 1. Die Kunst-Woͤrter der Vernunfft-Lehre §. 2. sollen noch von dem Capitul von der Warheit §. 3. jedoch nur die vornehmsten e@- klaͤret Kunst-Woͤrtern der Vern. Lehre. klaͤret werden. §. 5. Ens §. 6. Non-ens §. 7. Ens potentiale, rationis, reale §. 8. Unterschied zwischen ente rationis und non-ente §. 9. Essentia \& Existen- tia §. 10. 11. 12. 13. 14. Essentiale \& Accidontale. §. 15. 16. 17. Individuum §. 18. Species, Genus §. 19. Differentia §. 20. Ens reale vel Deus vel Creatura. §. 21. Substantia §. 22. 24. Accidens §. 23. Attribu- tum, Modus. §. 25. Coͤrperligkeit und Bewegung- Thun und Leiden §. 26. Totum §. 27. Situs, Figu- ra, Mensura. §. 28. 29. 30. 31. Bewegung und Ruhe §. 32. 33. Qvalitates sensiles §. 34. Fliessende §. 35. und bestehende Substanz en §. 36. Weiche und harte §. 37. Lockern und dichte §. 38. Schwere und leichte. §. 39. 40. Den Ori. Continens \& Contentum §. 41. Die Zeit/ die Zahl. §. 42. Lebendige und todte sub- stanz en. §. 43. Steine/ Metallen/ Pflantzen §. 44. Bestien und Menschen §. 45. Ens naturale superna- turale, morale, artificiale §. 46. Ens rationis. §. 47. Logicum §. 48. Factum Mathematicum §. 49. Histo- ricum, Poeticum, Morale §. 50. Die vier causæ §. 51. Die materiæ §. 52. Die Form §. 53. Die causa effi- ciens physica §. 54. und moralis §. 55. Subjectum, Adjunctum §. 56. 57. Andere Kunst-Woͤrter §. 58. Kunst-Woͤrter der H. Schrifft: Geist/ Engel/ Ewig- keit/ ꝛc. §. 59. Substantia infinita §. 60. Definitum Mathematicum ist ein non-ens §. 61. 1. D Er Mensch giebet seine Gedancken durch Worte zu verstehen/ diese aber be- deuten entweder solche Dinge/ die taͤglich in ge- meinen Wesen und allen Staͤnden vorkom- men/ oder sie bedeuten Sachen/ die Personen H 5 so Das 4. Hauptstuͤck von denen so in einem gewissen Stande leben/ eigen sind/ und werden Kunst-Woͤrter genennet/ wenn dieser Stand eine sonderbare Geschicklichkeit oder Gelahrheit des Menschen inferir et. 2. Gleichwie nun eine jede Wissenschafft ih- re absonderlichen Kunst-Woͤrter hat/ also hat das allgemeine Instrument der Gelahrheit die Vernunfft-Lehre solche Woͤrter/ die nicht allein in derselben gebraucht werden/ sondern auch in allen disciplin en pflegen fuͤrzukom- men. 3. Und von diesem ist billich/ daß man noch fuͤr Abhandlung der Warheit und derer Erfor- schung etwas rede/ weil dieselbe zwar an sich selbst nichts contribuir en/ einige nutzbare Warheit zu finden/ aber doch derer Dunckel- heit oder Zweydeutigkeit zu vielen abwegen An- leitung geben kan. 4. Denn die Warheit ruͤhret her aus Er- kaͤntnuͤß des Wesens der Dinge/ die Kunst- Woͤrter aber von denen wir reden/ sind nichts anders als gewisse concepte und abstractio- nes, die sich ein Mensch von dem Wesen aller Dinge macht. 6. Diese Kunst-Woͤrter nun pflegen ins- gemein von denen Gelehrten in der heutigen Meta- Kunst-Woͤrtern der Vernunfft-Lehre. Metaphysic auch zum Theil in der Logic selbst in dem Tractat de primâ mentis ope- ratione erklaͤret zu werden. Wir wollen nur die vornehmsten und noͤthigsten kuͤrtz- lich anfuͤhren/ und sonderlich diese/ von derer genauen Betrachtung die Meidung gemeiner Jrrthuͤmer in etwas dependir et. 6. Das alleroberste und gemeineste Kunst- Wort ist Ens oder Aliqvid ein Ding/ We- sen/ oder Etwas/ durch welches ich alles/ was ausser dem Menschen oder in demselbigen/ und in seinen Gedancken gewesen ist/ noch ist/ und kuͤnfftig seyn wird/ verstehe. 7. Jhm wird entgegen gesetzt; Nihil \& non-ens: Nichts das ist/ was nie und nirgend gewesen noch seyn wird/ auch nicht seyn kan. 8. Dasjenige Ding/ dergleichen schon ge- wesen ist und kuͤnfftig wieder seyn wird/ wird Ens potentiale genennet; das in des Men- schen Gedancken alleine ist/ heisse ich ens ratio- nis, und was wuͤrcklich ausser des Menschen ist/ heisst ens reale. 9. Also ist nun Ens rationis und non-ens , gantz unterschieden. Denn der Mensch denckt allezeit etwas/ und kan nicht nichts ge- dencken. 10. Von Das 4. Hauptstuͤck von denen 10. Von einem jedweden ente reali sagt man/ daß es ein Wesen ( essentiam ) habe/ und daß es sey ( qvod existat. ) 11. Die existenz eines Dinges nenne ich dasjenige/ dadurch der Mensch empfindet/ daß ein Ding etwas sey/ oder dadurch des Men- schen seine Sinne uͤberhaupt geruͤhret werden. 12. Das Wesen eines Dinges aber nenne ich die Beschaffenheit desselbigen/ oder die Art und Weise ( modum ) mit dem ein Ding em- pfunden wird. 13. Die Existenz aller Dinge ist einerley/ aber das Wesen der Dinge ist so vielfaͤltig als viele Dinge seyn. 14. Ferner so hat ein jedes Ding nur ein ei- nig unveraͤnderliches Haupt-Wesen/ aber so viel existentias als fast Augenblicke seyn/ die aber gar fuͤglich zu drey Haupt-Classen gebracht werden koͤnnen/ dem vergangenen Sein/ dem gegenwaͤrtigen und dem zukuͤnfftigen. 15. Jch sage ein Haupt-Wesen. Denn die Beschaffenheit eines Dinges ist entweder wesentlich oder zufaͤllig. 16. Die wesentliche Beschaffenheit oder das Hauptwesen Essentia strictè dicta vel Essentiale ist diejenige Beschaffenheit/ durch wel- Kunst-Woͤrtern der Vern-Lehre. welche der Mensch begreifft/ daß dieses Ding præcisè dieses und kein anders sey/ und ohne welches er auf die Frage/ was ein Ding sey/ nicht antworten kan. 17. Die zufaͤllige Beschaffenheit/ mo- dus rei accidentalis ist die Beschaffenheit ei- nes Dinges/ die diesem Dinge kein besonders Wesen gibt/ sondern in diesem Dinge sich ver- aͤndern kan/ wiewol diese Veraͤnderung/ derer modorum accidentalium doch nicht so viel- faͤltig ist/ als derer existentiarum. 18. Das Hauptwesen eines Dinges ist ent- weder in einem eintzelen Dinge/ welches auch deßwegen individuum genennet wird. 19. Oder es ist in vielen individuis gemein/ und heist Species. Wenn aber die individua die ein gemein Wesen haben/ von unterschiede- nen speciebus seyn/ so heisst dieses gemeine Wesen Genus , oder essentia generica. 20. Wiederum wenn die Dinge gegen an- dere/ die ein unterschiedenes Wesen haben/ be- trachtet werden/ so heisst das Wesen eines jeden Differentia, und diese ist solchergestalt vel ge- nerica, vel specifica, vel individuifica. 21. Ein jedes Ding/ ausser des Menschen Gedancken ( Ens reale ) ist entweder ein ur- spruͤng- Das 4. Hauptstuͤck von denen spruͤngliches Ding/ von dem alle andern ih- ren Ursprung haben/ und welches von sich selbst ist/ oder es ist ein Ding/ das von diesem ur- spruͤnglichen Wesen herruͤhret. Jenes heisst mit einem Wort Gott/ dieses aber ein Ge- schoͤpffe oder Creatur. 22. Ob nun wol alle Geschoͤpffe von Gott herkommen/ so bestehet doch ein jedwedes/ sofer- ne es ein entzelen ist/ fuͤr sich selbst/ und wird in diesem Ansehen so wol als Gott eine substanz oder selbstaͤndiges Wesen genennet. 23. Unter denen Creaturen ist eine jede sub- stanz mit vielen Beschaffenheiten begabt/ die fuͤr sich selbst nicht bestehen koͤnnen/ sondern in dem selbstaͤndigen Wesen gleichsam stecken/ ihm ankleben/ und ihm vereiniger seyn/ oder von ihm herruͤhren und es beruͤhren/ diese Be- schaffenheiten werden accidentia oder Zufaͤlle genennet/ welche man nicht mit denen Zufaͤllen vermischen muß/ von denen wir oben n. 17. ge- redet haben. 24. So heist demnach ein Selbstaͤndiges Wesen dasjenige/ das fuͤr sich bestehet/ das ist/ das keinem andern anklebet/ und in welchem viel Beschaffenheiten oder acci- dentia vereiniget sind/ oder von ihm her- ruͤhren. 25. Die Kunst-Woͤrtern der Vern. Lehre. 25. Die Beschaffenheiten aber/ die von der substanz dependir en/ nennet man in regard derselben ent weder ein attributum, wenn nem- lich dadurch das Hauptwesen dieser substanz fuͤr einer andern erkennet wird/ oder modum (in specie) wenn es von der substanz ihrem Wesen ohne derselben Verletzung entfernet seyn kan. 26. Ferner so bestehen die Beschaffenhei- ten der Geschoͤpffe/ soferne dieselbigen von der menschlichen Vernunfft begriffen werden koͤn- nen/ entweder in der Coͤrperligkeit der sub- stanz en/ oder in ihrer Bewegung: Jene klebt gleichsam denen substanz en an/ diese aber ruͤhret von ihnen her/ und beruͤhret sie hin- wiederum/ wird auch solchergestalt bald ein Thun bald ein Leiden genennet. 27. Die Coͤrperligkeit/ corporeitas ei- ner substanz bestehet darinnen/ daß sie ein to- tum oder etwas gantzes sey/ das ist/ daß sie mehr als einen Theil habe. 28. Sie wird aber dieser Theile halber mit unterschiedenen Nahmen beleget/ nachdem die- selbigen gegen einander oder gegen andern sub- stanti en gehalten werden. 29. Haͤlt man die Theile einer substanz selbst Das 4. Hauptstuͤck von denen selbst gegen einander/ so nennet man es situm oder positur am. 30. Und wenn die posituræ einer substanz mit der positur der andern conferir et werden/ so nennet man es figuram. 31. Wenn man aber die Vielheit oder We- nigkeit der Theile einer substanz gegen die Theile der andern haͤlt/ so nennet man es Men- sur am die Masse/ die Groͤsse oder Kleinigkeit einer substanz. 32. Die Bewegung einer substanz heisst dasjenige/ Krafft welcher dieselbe von dem Menschen mit denen Sinnen begriffen wird. 33. Wenn nun bey dieser Bewegung die substanz ihren Ort oder situm veraͤndert/ so heisst es motus simpliciter oder eine Be- wegung in specie. Veraͤndert sie aber ih- ren Ort oder situm nicht/ so heisst es die Ruhe der substanz. 34. Aus dem Unterschied dieser Bewegun- gen und der Coͤrperligkeiten einer substanz ruͤhren alle conceptè von Farben/ von Klan- ge/ von Geruch/ von Geschmack und von der Hitze oder Kaͤlte/ Trockene oder Feuchte/ der substanz en her. 35. Die Kunst-Woͤrtern der Vern. Lehre. 35. Die substanz en werden entweder flies- send oder bestehend/ fluidæ vel consisten- tes genennet. Fliessend sind sie/ wenn man ihre Theile/ daraus sie bestehen/ durch eine schlechte Beruͤhrung von einander separiren kan/ doch dergestalt/ daß die abgesonderten Theile alsobald/ und gleichsam von selbst sich wieder vereinigen/ wenn sie einander nur ein wenig beruͤhren. 36. Bestehend aber heissen sie/ wenn sie mit einiger Muͤhe von einander gesondert werden. 37. Wenn aber die Theile der substanz en in ihrer positur koͤnnen geaͤndert werden/ heis- sen sie weich/ wenn es mit leichter Muͤhe zuge- het/ und diesen setzet man hart entgegen. 38. Mit keinen von beyden Redens-Arten muß man diese vermischen/ wenn die sub- stanz en locker oder dichte ( raræ \& densæ ) genennet werden/ denn das nennet man locker/ wenn die Theile der substanz en nicht genau aneinander haͤngen/ dichte aber/ wenn sie ge- nau miteinander vereinigt seyn/ wiewol diese Redens-Arten mehrentheils von substantiis consistentibus gesagt werden. J 39. Als Das 4. Hauptstuͤck von denen 39. Als wie auch die Schwere und Leich- te/ welche in denen substantiis consistenti- bus gleichsam mit der Lockerheit und Dichte vereiniget sind/ massen in Lockern eine sub- stanz ist/ in Leichten pflegt sie auch zu seyn/ und je dichter sie ist/ je schwerer ist sie auch. 40. Es heissen aber diejenigen schwer/ die andere substanz en/ die sie beruͤhren/ harte druͤ- cken/ und von ihrem Ort zu vertreiben suchen/ die solches nicht thun/ heissen leichte. 41. Die fliessenden substant ien umgeben die consistentes, ja sie umgeben sich selbsten untereinander allenthalben/ und die unmittel- bare Umgebung nennet man den Ort derer/ die umgeben werden. Wenn aber eine sub- stantia consistens fliessende oder andere consistentes in sich begreifft/ nennet man jene continens, diese aber contenta. 42. Wenn man die existentias einer je- den substanz zusammen haͤlt/ wird solches die Zeit genennet/ wenn man aber die individua zusammen setzt/ und voneinander sondert/ heist es numerus die Zahl. 43. Die substanz en sind guten Theils le- bendig oder todt. Lebendig werden sie ge- nennet/ wenn sie sichdurch einen innerlichen Trieb Kunst-Woͤrtern der Vern. Lehre. Trieb bewegen. Todt/ wenn dieser innerliche Trieb aufhoͤret/ seine Wirckung zu thun. 44. Diese Bewegung geschiehet entweder ohne Veraͤnderung des Orts/ durch blossen Wachsthum/ und zwar entweder alleine un- ter der Erden/ wie bey denen Steinen/ Me- tallen und Mineralien/ oder auch uͤber der- selbigen bey denen Pflantzen und Baͤumen. 45. Oder sie geschiehet mit Veraͤnderung des Orts/ entweder ohne Erkaͤntnuͤß/ als wie bey denen Bestien/ oder mit Erkaͤntnuͤß/ wie bey denen Menschen. 46. Die Dinge/ von denen wir bisher ge- redet/ und welche von GOtt herruͤhren/ heis- sen Entia natur alia, natuͤrliche Dinge/ Gott selbst aber ist Ens supernatur ale, oder ein Uber- natuͤrliches. Was von menschlichen Verstand herruͤhret/ nennet man Entia moralia, soferne sein Thun und Lassen mit denen Gesetzen uͤber- ein koͤmmt oder nicht/ oder Entia artificialia, soferne dasselbige denen natuͤrlichen Dingen nachahmet. 47. Aber wir muͤssen auch derer Entium ra- tionis nicht vergessen/ die in des Menschen Verstand einig und alleine ihr Wesen haben. Diese sind nichts anders als die eingedruckten J 2 sche- Das 4. Hauptstuͤck von denen schemata oder Ideæ von denen wuͤrcklichen Dingen/ und derer Zusammensetzung oder Ab- sonderung/ die vermittelst des Verstandes ge- schehen. 48. Wenn der Verstand die gleichen ideas zusammen fuͤgt/ und die ungleichen von einan- der sondert/ und ein jedes gleichsam an seinen gehoͤrigen Ort bringet/ so nennet man es Ens rationis Logicum vel Metaphysicum. 49. So ferne er aber von denen eingedruck- ten schematibus entweder eine mixtur macht/ oder eine ideam in gewisse Theile ab- sondert/ so kan man es Ens rationis fictum nen- nen/ wenn der Verstand mit denen ideis figu- rarum vel motuum zu thun hat/ daferne er aber mit denen ideis numeri, temporis, und mensuræ beschaͤfftiget ist/ wird es Ens rationis matbematicum genennet. 50. Endlich wenn der Verstand absonder- lich mit denen schematibus des menschlichen Thuns umgehet/ und dasselbige in eine gewisse Ordnung bringet/ so betrachtet er entweder wie es sich verhalten; dieses heisset Ens ra- tionis Historicum, oder wie es sich haͤtte ver- halten koͤnnen/ woraus Ens rationis Poëticum ent- Kunst-Woͤrternder Vern. Lehre. entstehet/ oder wie es sich verhalten sollen/ so nennet manes Ens rationis morale. 51. Von denen Dingen/ absonderlich aber von denen Geschoͤpffen/ pflegt man vier causis zu sagen/ die materie, die form, die causam efficientem, und den Nutzen oder Zweck der- selben. 52. Die materie nennet man die kleinen Tbeilgen der Coͤrperligkeit einer substanz, aus welchen dieselbe zusammen gesetzt ist. 53. Die Form aber ist die Vereinigung und gleichsam der Leim/ welche diese kleinen Theile zusammen haͤlt/ daß sie ein gantzes machen. 54. Die causa efficiens wird genennet/ durch derer Bewegung etwas in einem andern Dinge gethan oder gewuͤrcket wird/ und ist insgemein causa efficiens physica. 55. Soferne aber diese Wuͤrckung ein Mensch mit Wissen und Willen verrichtet/ es sey mittelbar oder unmittelbar/ oder wenn man ihm dieselbe sonst imputir et/ so nenne ich ihn causam moralem. 56. So pfleget man auch zum offtern die Kunst-Woͤrter subjecti \& adjuncti von denen J 3 Din- Das 4. Hauptstuͤck von denen Dingen zu brauchen/ wiewol dieselbigen auf vielerley Weise genommen werden. 57. Hauptsaͤchlich nennet man die substanz subjectum, und die accidentia adjuncta, und heisst solchergestalt subjectum dasjenige/ dem andere Dinge gleichsam ankleben/ und adjun- ctum, was in einem andern dergestalt steckt/ daß es ohne dasselbe nichts ist. 58. Die andern Kunst-Woͤrter der Ver- nunfft-Lehre koͤnnen aus andern Logicis oder Metaphysicis hergehohlet werden. Die kuͤr- tzesten und deutlichsten sind wol hierinnen fuͤr einen/ der sich ad vitam civilem applici ren will/ die besten. Jch habe mich bey meines seel. Vaters Logic und Metaphysic in die- sem Stuͤck nicht uͤbel befunden. 59. Jedoch muß man zu der Vernunfft- Lehre die terminos nicht rechnen/ die die Ver- nunfft nicht begreifft/ und von denen der Mensch blos aus Goͤttlicher revelation sich einen dunckelen concept machet: Dannen- hero habe ich nichts von Geiste/ von Engeln/ von der Ewigkeit/ von infinito, u. s. w. gere- det. Denn alle diese concepte muß ein Ge- lehrter aus der H. Schrifft herhohlen. 60. Und Kunst-Woͤrtern der Vern. Lehre. 60. Und zwar so viel das infinitum anlan- get/ so glaube ich wohl/ daß unter denen sub- stanz en GOtt alleine infinitus heisse/ und uͤber meinen Verstand sey/ als welcher seine Graͤntzen hat. 61. Was aber qvantitatem infinitam oder infinitum mathematicum betrifft/ so ist wohl dieselbe nirgends/ weder in denen enti- bus realibus, noch in denen entibus rationis, sondern ein blosses Wort/ das nichts bedeutet/ und nichts nutzet/ als blos die Unwissenheit un- sers Verstandes oder den Mangel unserer Kraͤffte damit zu bemaͤnteln. Das 5. Hauptstuͤck Von der Warheit/ Und derer unterschiedenen Arten. Jnnhalt. Warhafftigkeit. n. 1. 2. Ob etwas wahr sey, n. 3. 4. 5. Exempel unstreitiger Warheiten. n. 6. 7. 8. 9. War- umb das Exempel ausgelassen worden/ daß der Mensch gedencke. n. 10. 11. und warumb man zwey- erley Art Exempel gegeben. n. 12. Beschreibung der J 4 War- Das 5. Hauptstuͤck von der Warheit Warheit. n. 13. Beschaffenheit der Ubereinstim- mung des Verstandes mit denen euserlichen Dingen. n. 14. 15. 16. Das Falsche. n. 17. Jrrthum und Ge- dichte. n. 18. Schuld des Jrrthumbs ist mehr bey dem Verstande. n. 19. Das Wahre ist zweyerley n. 20. Uustreitig wahr. n. 21 und wahrscheinlich. n. 22. Die Ursache dieses Unterschieds ist am Verstande des Menschen. n. 23. Unerweißliche Wachen. n. 24. de- monstrable. n. 25. und probable Dinge. n. 26. Ge- gen einander Haltung des unstreitig wahren mit dem wahrscheinlichen. n. 27. 28. 29. 30. Gleiche Betrach- tungen wegen des falschen. n. 31. 32. 33. 34. 35. Wie unerkante Dinge von den wahren und falschen un- terschieden. n. 36. 37. 38. 39. 40. 41. Das Wahre und Falsche ist nicht in blossen Worten n. 42. 43. 44. noch in blossen Gedancken. n. 45. 46. gehet auch die no n entia nicht an. n. 47. und kan weder von denen terminis simplicibus n. 48. noch von denen qvæstionibus gesagt werden. n. 49. 1. D Urch die Warheit wird allhier nicht die Warhafftigkeit verstanden/ welches eine Sitten-Tugend ist/ sondern eine innerli- che Beystimmung des Menschen/ daß sich etwas so verhalte/ als er gedencket. 2. Aber dieser concept von der Warheit ist noch zu weitlaͤufftig. Denn dieser inner- liche Beyfall findet sich auch zuweilen bey de- nen/ die einer falschen Meinung/ oder einer Schein-Warheit beypflichten. Demnach muͤssen und derselben unterschiedenen Arten. muͤssen wir die Warheit besser kennen lernen/ wenn wir Haupt-Regeln/ dieselbe zu erforschen/ betrachten wollen. 3. Aber vielleicht ist dieselbige nicht in der Welt/ und ein eiteler Wahn derer/ die sich Ge- lehrte nennen: Oder sie ist fuͤr dem Menschen so verborgen/ daß er sie nicht finden kan. Und wie viel tausend Jahr haben die Gelehrten darum gestritten/ und doch noch nicht sich verei- nigen koͤnnen/ wer sie gefunden. 4. Aber die Schuld ist nicht an der War- heit/ sondern an der Hartnaͤckigkeit oder præ- cipitanz derer Philofoph en. 5. Deine eigene Gedancken werden dich uͤberzeigen/ daß etwas wahr sey/ und wenn du dieses gegen mich leugnen wilst/ so ist alle unsere Intention vergebens/ denn diese Pro- position, daß etwas wahr sey/ kan durch nichts als den gemeinen Beyfall aller vernuͤnff- tigen Menschen/ und eines jeden seiner eigenen Versicherung/ behauptet werden. 6. Wir werden aͤber das Wesen der War- heit desto deutlicher erkennen/ wenn wir zuvor- her um etliche Exempel unstreitiger Warhei- ten uns vergleichen. J 5 Zum Das 5. Hauptst. von der Warheit Zum Exempel: Dieser Thurm ist vier- eckigt/ dieser Stock ist ger ade/ wir wachen itzo alle beyde. Wir haben Haͤnde und Fuͤsse. Der Schnee stehet weiß und nicht schwartz. Die Austern/ die wir gestern assen/ waren keine Schoͤps-Keulen: Wenn du die Hand ins Feuer haͤltst/ so thut dir es wehe. Wenn du traurig bist/ so bist du nicht lustig/ u. s. w. 8. Jch will dir noch eine andere Art von Exempeln fuͤrstellen: Es ist ohnmoͤglich/ daß etwas zugleich sey und nicht sey. Vier und drey ist sieben. Das Gantze ist groͤs- ser als das Halbe. Drey Winckel eines Dreyangels gelten so viel/ als zwey gleiche Winckel. Wenn der Esel ein Mensch waͤre/ so waͤre er vernuͤnfftig. Ja/ wenn er vernuͤnfftig waͤre/ so waͤre er kein Esel mehr/ u. s. w. 9. Daferne dir aber unter diesen Exem- peln eines gewisser vorkoͤmmt als das andere/ so waͤhle dir nur aus jedweder Art eines. Bist du aber so unverschaͤmt und laͤugnest sie alle/ oder wenn du nur so unverschaͤmt bist/ daß du dir nur ein eintziges falsch zu seyn einbildest/ und und derselben unterschiedenen Arten. und mit Ernst daran zweiffelst/ so ist es am be- sten/ daß wir uns von einander begeben. 10. Jch haͤtte auch wohl unter die Exempel setzen koͤnnen: Daß wir beyde gedencken. Aber ich habe es mit Fleiß unterlassen. Denn du wuͤrdest mit keiner groͤssern Unverscham- heit dieses Exempel als jene leugnen. 11. Und wie viel kluge Leute sind/ die andere bereden wollen/ daß sie jezuweilen an nichts ge- dencken. Ja es ist gar offenbarlich wahr/ daß der Mensch nicht allezeit gedencke. 12. Jch habe aber begehret/ du soltest aus jeden von beyderley Arten/ dir ein Exempel waͤhlen/ damit/ wenn du nun auf die eine classe reflectir est/ du das Wesen der Warheit nicht enger einschrencketest/ als es waͤre/ wie aus dem folgenden Capitul erhellen wird. 13. Denn die Warheit ist nichts anders als eine Ubereinstimmung der menschlichen Gedancken/ und die Beschaffenheit der Dinge ausser denen Gedancken. 14. Hier must du aber nicht fragen/ ob der Verstand mit denen Dingen/ oder die Dinge mitdem Verstande uͤberein kommen muͤsten/ sondern diese harmonie ist so beschaffen/ daß keines des andern sonderliche Richtschnur ist/ son- Das 5. Hauptst. von der Warheit sondern die harmonie von beyden zugleich præsupponir et wird/ ausser daß die euserli- chen Dinge gleichsam den Anfang zu dersel- ben machen. 15. Denn die Dinge sind so beschaffen/ daß sie von dem Menschen begriffen werden koͤn- nen/ und der Verstand ist so beschaffen/ daß er die euserlichen Dinge begreiffen kan. 16. Die euserlichen Dinge ruͤhren die Empfindligkeit des menschlichen Verstandes. Dieser aber betrachtet diese Beruͤhrungen/ theilet sie ab/ und setzt sie zusammen/ sondert sie voneinander/ und haͤlt sie gegeneinander. 17. Wenn aber zwischen denen euserli- chen Dingen und denen Gedancken keine harmonie ist/ so entstehet daraus das Fal- sche/ oder das nicht wahr ist. 18. Giebt man nun dasselbige aus ernstli- cher Meinung fuͤr wahr aus/ so nennet man es einen Jrrthum; laͤsst man es aber fuͤr eine blosse Wuͤrckung des Verstandes passir en/ so nennet man es eine fiction oder Gedichte. 19. Ob aber gleich bey dem Falschen so wohl die euserlichen Dinge mit denen Gedancken/ als die Gedancken mit denen euserlichen Din- gen nicht uͤberein kommen/ so ist doch die Schuld und derselben unterschiedenen Arten. Schuld des Jrrthums mehr bey dem Ver- stande des Menschen/ als bey denen euserli- chen Dingen/ wiewol durch die euserlichen Dinge Entfernung zum Exempel die Unbe- dachtsamkeit des Verstandes offte zu irren An- laß nimmt. 20. Das Wahre aber ist entweder un- streitig wahr/ oder wahrscheinlich. 21. Unstreitig wahr ist dasjenige/ von dessen Ubereinstimmung ein jeder erwachsener Mensch/ mit dem wir umgehen/ nebst uns in- nerlich vergewissert ist/ wenn wir ihm nur un- sere Gedancken durch deutliche Worte haben zu erkennen gegeben. 22. Wahrscheinlich ist/ wenn dieser inner- liche Beyfall mit einigem Zweiffel/ daß die Sache sich anders verhalten koͤnte/ vergesell- schafftet ist. 23. Diese unterschiedene Arten des Wah- ren ruͤhren nicht so wol von denen euserlichen Dingen/ als von der unterschiedenen Be- schaffenheit der menschlichen Vernunfft her. Denn die euserlichen Dinge sind in ihrem We- sen allezeit einerley; Aber der Verstand des Menschen ist/ wiewol durch ihre eigene Schuld/ nicht Das 5. Hauptst. von der Warheit nicht gleich faͤhig/ die Warheiten von denen Din- gen zu fassen. 24. Und also sind etliche Dinge/ die des geringsten Beweises nicht brauchen/ oder bewiesen werden koͤnnen/ weil nichts war- hafftigers zu finden ist/ sondern von allen Men- schen/ wenn sie gleich noch so einfaͤltig seyn/ als- bald verstanden werden: Als daß wir beyde itzo wachen/ daß zweymal dreye sechse machen. 25. Manche aber koͤnnen bewiesen wer- den durch etwas klaͤrers: Als daß die drey Winckel des Dreyangels so viel austra- gen/ als zwey gleiche Winckel: Und wenn daraus eine unstreitige Warheit entstehet/ so heisst man diesen Beweiß eine Demonstration. 26. Wenn aber der Beweiß nicht klar ge- nung ist/ daß die innerliche Vergewisserung darauf folgen kan/ so ist es eine blosse probabili- taͤt. Z. E. Daß die Warheit in zweyer Zeugen Aussage bestehe. 27. Hieraus folget (1.) Daß aus wahr- scheinlichen Dingen zuweilen unstreitig wahre werden koͤnnen/ zuweilen auch nicht. 28. (2.) Daß wohl etwas unstreltig wahr seyn koͤnne/ das doch nur fuͤr wahr- schein- und derselben unterschiedenen Arten. scheinlich/ oder wohl gar fuͤr falsch gehalten wird/ wegen Mangel der Menschen z. e. daß die Erd-Kugel rund ist. 29. (3.) Daß manches Falsche oder Wahrscheinliche aus gleichen Mangel fuͤr unstreitig wahr gehalten werde z. e. qvod non dentur antipodes. 30. (4.) Daß viel unstreitige Warhei- ten von etlichen Menschen erkannt werden/ von etlichen aber nur fuͤr wahrscheinlich we- gen Unwissenheit des Beweises erkannt wer- den/ z. e. daß der Mensch ohne menschliche Gesellschafft ungluͤcklich sey. 31. Wie wir bisher das Wahre eingethei- let haben/ also ist auch das Falsche entweder unstreitig falsch/ oder nur mit einiger Wahr- scheinligkeit vergesellschafftet. 32. Unstreitig falsch ist/ von dessen dis- harmonie mit denen Dingen abermal jedwe- der Mensch durch deutliche Worte kanverge- wissert werden. 33. Wahrscheinlich falsch ist dasjenige/ wenn man bey diesen Beyfall erkennet/ daß die Sache endlich auch wahr seyn koͤnne. 34. Ebenmaͤssig so sind in Ansehung des menschlichen Verstandes/ etliche Dinge so falsch/ Das 5. Hauptst. von der Warheit falsch/ daß sie keines Beweises brauchen; als daß ich keine Haͤnde und Fuͤsse habe/ daß ein Dreyangel viereckigt sey; etliche koͤn- nen falsch zu seyn klaͤrlich demonstrir et wer- den; als daß 2. Winckel eines Dreyangels 2. gleiche Winckel austragen/ daß die Thiere gedencken/ etliche aber nur mit pro- babeln conjectur en z. e. Daß die Sonne um die Erdeherum lauffe. 35. So haben auch die n. 27. seqq. ange- zogenen vier conclusiones wiederum mutatis mutandis hier statt. 36. Alle Dinge unter denen eine harmo- nie und disharmonie seyn kan/ muͤssen eine proportion zusammen haben/ und gleichsam von gleicher capacit aͤt seyn; und præsuppo- nir en auch eine Gegeneinanderhaltung/ daß man von der harmonie oder disharmo- nie judicir en koͤnne. Denn wenn sie gar nicht in einen tertio zusammen kommen/ und von gantz ungleicher capacit aͤt seyn/ oder wenn man sie nicht gegen einander halten kan/ so ist weder harmonie noch disharmonie dar- zwischen. 37. Also ist zwischen denen Farben und dem Klange/ zwischen diesen beyden und dem Ge- und deren unterschiedenen Arten. Geruch/ eigentlich weder eine harmonie noch disharmonie. Also ist zwischen zweyen Farben von einerley Hauptcouleur zwischen zweyen Violi nen u. s. w. davon ich von der einen nichts weiß oder doch abwesend ist/ eigentlich weder Ubereinstimmung noch Unterschied. 38. Ebenmaͤßig giebt es auch Dinge/ die man weder fuͤr wahr noch falsch ausgeben kan/ entweder weil sie gar unterschiedener Na- tur mit der capaci taͤt unsers Verstandes seyn/ deßhalben weil sie wegen ihrer gar zu grossen Kleinigkeit keine sensible impres- sion drein machen koͤnnen/ als die particulæ minutissimæ materiæ, oder weil sie wegen der uͤbermaͤßigen Groͤsse in unsern kleinen Ver- stand nicht gantz eingedruckt werden koͤnnen/ als uͤbernatuͤrliche geistliche und Goͤttliche Dinge. 39. Oder weil wegen ihrer Abwesen- heit man sie mit dem Verstand nicht conte- riren kan/ als abermals uͤbernatuͤrliche und viel natuͤrliche Dinge/ die von uns allzuweit entfernet sind. 40. Diese nun/ so ferne sie in solcher Be- trachtung bleiben/ heissen unbekandte oder K uner- Das 5. Hauptst. von der Warheit unerkandte Dinge/ und sind also in ansehen unsers Verstandes weder wahr noch falsch/ weil so wohl zu wahren als falschen einige Er- kaͤntnuͤß erfordert wird. 41. Sie koͤnnen aber wohl nach Gelegen- heit wahr/ wahrscheinlich und falsch wer- den/ wenn sie bekant werden/ das ist/ wenn sie entweder auffhoͤren abwesend zu seyn/ oder wenn per revelationem uns etwas davon beygebracht wird/ aber alsdenn sind sie nicht mehr ignotæ. 42. Aus obigen allen folget (1) daß blosse Worte/ so ferne sie nicht weiter als blosse Worte betrachtet/ und auff die Dinge/ die sie bedeuten oder andere euserliche Dinge nicht referi ret werden/ weder falsch noch wahr seyn/ aber in applici rung zu beyden geschickt seyn. Denn die Worte gelten ex arbitrio hominum, nicht ex natura. 43. Also wenn ich das Wort Mensch ohne ansehen auff einigen Menschen/ oder den Laut oder die Figur/ die es macht/ wenn es aus- gesprochen oder geschrieben wird/ oder der- gleichen etwas fuͤr mir nehme/ ist es weder wahr noch falsch. u. s. w. 44. Ja und deren unterschiedenen Arten. 44. Ja wenn ich gleich sage: der Schnee sey schwartz/ so kan doch diese Rede wohl wahr seyn/ wenn ich mich erklaͤhre/ daß durch das Wort Schnee ich dasjenige verstuͤnde/ was andere Dinte heissen. 45. (2) So folget ebenmaͤßig daraus/ daß die Gedancken des Menschen ohne re- lation auf etwas anders an und fuͤr sich selbst gleichergestalt weder wahr noch falsch seyn/ sondern/ in Betrachtung gegen etwas anders beydes zu werden geschickt seyn. 46. Also wenn ich mit meinem Gemuͤthe sechse formire, oder chimæram, ist dieses we- der wahr noch falsch: Es wird aber beydes/ wenn ich gedencke/ daß sechse 2. mahl dreye sey/ oder daß sechse 3. mahl 2. sey/ daß chi- mæra als ein Gedancke in meinen Kopffe stecke/ oder daß chimæra ausser meinen Ge- dancken etwas sey. 47. (3) Daß wenn ich meine Gedancken auf ein non ens richte/ und von demselben et- was bejahe und verneine/ daß ich solcher Ge- stalt vielmehr nichts gedencke/ als daß ich was wahres oder was falsches gedencken solte. Denn ein non ens, wie wir es oben beschrieben haben/ z. e. ein unvernuͤnfftiger K 2 Mensch Das 5. H. von der Warheit \&c. Mensch/ eine kalte Glut ist weder in unsern Verstande noch ausser demselben/ sondern ein blosses gar nichts bedeutendes Wort/ das sich also weder zur harmonie noch disharmo- nie schickt/ und weder wahr noch falsch werden kan. 48. (4) Daß weil jede harmonie eine relation, diese aber allezeit zwey Dinge er- fordert/ daß eigentlich zu reden in conceptu termini simplicis weder veritas noch falsi- tas sey/ sondern daß beyde zum wenigsten ei- ne proposition erfordern. 49. (5) Daß von denen zweiffelhaffti- gen Gedancken oder qvæstionibus animi keine Warheit oder Falschheit gesagt werden koͤnne/ sondern bloß von denen unzweiffel- hafften/ die etwas bejahen oder verneinen. Denn jene haben allezeit pro objecto eine unerkante Sache. Das Das 6. H. von denen ersten \&c. Das 6. Haupstuͤck. Von denen ersten und unbe- weißlichen Warheiten/ ingleichen de primis veritatis criteriis \& principiis. Jnnhalt. Continuation n. 1. 2. Eine Grundwarheit muß unerweist- lich seyn n. 3. 4. General concept von primo princi- pio, n. 5. es muß eine universal proposition seyn. n. 6. 7. 8. Unterscheid zwischen denen ersten Warheiten und primis principiis n. 9. E s ist nur ein einziges pri- mum principium n. 10. biß 16. der Begriff aller War- heiten n. 17. welches aus der desinition der Warheit hergenommen werden muß/ n. 18. 19. nehmlich: Was mit der Menschlichen Vernunfft uͤbereinstimmet ist wahr \& c. n. 20. Das ist was mit denen Sinnen und ideis uͤbereinstimmet n. 21. 22. Unterscheid zwischen denen Sinnen und ideis n. 23. 24. 25. Was der Menschliche Verstand durch die Sinne erkennet/ das ist wahr n. 26. Ob die Sinne betruͤgen koͤnnen n. 27. Wer die Warheit erforschen will/ muß gesund an Lei- be n. 28. und Gemuͤthe seyn/ n. 29. Er muß au ch wa- chen n. 30. welche reqvisita uͤberhaupt auch bey denen ideis zu beobachten n. 31. der Schlaff hindert an Er- kaͤntnuͤß aller Warheiten n. 32. Die Raserey zu weile n nur an wenigen n. 33. Die Ungesundheit des Leibes al- lezeit nur an etlichen n. 34. Nutzen dieser Anmer- ckungen n. 35. 36. 37. 38. was von denen disputationi- bus der blinden von den Farben zu halten sey. n. 39. Ein jeder Mensch weiß gewiß/ wenn er gesund ist/ und K 3 wachet Das 6. Haupstuͤck von denen wachet n. 40. 41. 42. 43. Derinnerliche Sinn betruͤ- get niemahlen n. 44. Bey denen euserlichen truͤgen auch die Bildungen nicht. n. 45. 46. Daß man aber dieselben zuweilen denen Sachen selbst zu schreibet/ ist die Schuld bey denen thaͤtlichen Gedancken. n. 47. 48. 49. Bey der Erkaͤntnuͤß der Sinnen n. 50. muͤs- sen die objecta in debitâ distantiâ seyn. n. 51. biß 55. Das medium muß lichte und nicht zu duͤcke seyn/ auch durch gehoͤrige Bewegung die Bildungen zu uns brin- gen n. 56. Von denen substan tzen muß man nicht mit einen Sinn alleine judici ren/ n. 57. auch nicht eben mit allen fuͤnffen n. 58. Unterschiedener Nutzender Sinne nach Unterscheid der substan tzen n. 59. Veraͤnderlig- keit derer Sensoriorum n. 60. 61. 62. des Gesichts und Gehoͤrs n. 63. 64. 65. des Geruchs/ Geschmacks/ Ge- fuͤhles n. 66. 67. 68. Nutzen dieser Anmerckung in Er- forschung der Warheit n. 69. 70. Von derer idearum Verknuͤpffung mit denen Sinnen n. 71. Mercklicher Unterscheid zwischen denen Sinnen und ideis n. 72. 73. 74. 75. Ohne ideis waͤre der Mensch nicht Mensch n. 76. 77. Ohne Sinnen haͤtte er keine ideas. n. 78. 79. Ideæ oder abstractiones n. 80. koͤnnen nicht fuͤg- lich eingetheilet werden n. 81. 82. Ideæ qvantitatum sind die deutlichsten n. 83. 84. und unter denenselben ideæ numeri n. 85. Prima idea de individuo est, esse unum n. 86. Die Dunckelbelt der Vernunfftlehre und anderer discipli nen kan fuͤglich ex arithmeticis erklaͤh- ret werden n. 87. 88. 89. Aus denen numeris oder der Algebra koͤnnen nicht alle disciplinen, sonderlich aber die Physici und Philosophia Practica nicht hergeleitet werden n. 90. biß 97. Was von dem dicto: Essentiæ rerum sunt sieut numeri zu halten. n. 98. 99. Was mit denen ideis uͤbereinkommet/ ist wahr n. 100. Ideæ und definitiones sind eines n. 101. Diese propositio ist unerwelßlich n. 102. Falsche ideæ ruͤhren von dem boͤsen Willen und præjudiciis her n. 103. 104. Jn vielen ersten und unbeweißlichen Warh. vielen ideis ist das Menschliche Geschlecht einig n. 105. Ursache warum ein so grosser Streit unter denen phi- losophis de definitionibus ist n. 106. Die ideæ sind nicht etlichen Menschen eigen n. 107. 108. 09. Primum principium kan nicht in species eingetheilet werden n. 110. Principia lecundo prima n. 111. 1 2. 113. Princi- pium primum practicum ist secundò primum. n. 114. 1. N Achdem aus vorigen Hauptstuͤck erhel- let/ daß Warheiten und zwar von un- terschiedenen Gattungen seyn/ unter wel- chen die unstreitigen Warheiten billich den Vorzug erhalten/ und fuͤrnehmlich zur Ver- nunff t lehre gehoͤren/ auch gleichsam der Pro- bierstein seyn/ an welchen die Warheiten uͤ- berhaupt gestrichen werden/ als muͤssen wir dieselbigen etwas genauer betrachten. 2. Und zwar weil die unstreitigen War- heiten theils keines Beweises von noͤthen haben/ theils aber aus andern hergeleitet wer- den/ als scheinet es zwar/ ob doͤrfften wir uns um jene nicht groß bekuͤmmern/ oder dieselbi- ge als was sonderliches in unserer Vernunfft- Lehre weitlaͤufftig tracti ren/ weil kein Mensch an denenselben zweiffelt/ dieweil aber bey denen erweißlichen Warheiten man sich fuͤr allen Dingen um den Grund bekuͤmmern K 4 muß/ Das 6. Hauptstuͤck von denen muß/ aus welchen andere Warheiten herge- lei t et werden/ so ist zum wenigsten noͤthig zu erforschen/ ob wir denselben nicht etwan aus denen unerweißlichen herhohlen muͤssen. 3. Was aus etwas anders erwiesen wird/ muß mit demselbigen eine Vereinigung ha- ben/ und wenn dieses wieder aus was anders erwiesen werden soll/ muß man eben der- gleichen Vereinigung præsupponi ren. 4. So folget nun daraus/ daß eine War- heit mit der andern verknuͤpfft ist/ und daß so lange als eine Warheit durch eine andere erwiesen wird jene der Hauptgrund oder Qvell nicht genennet werden moͤge/ sondern aller- dings eine Grundwarheit unerweißlich seyn muͤste. 5. Diese Grundwarheit wird von denen Philosophis primum principium genen- net/ und kan also noch zur Zeit beschrieben wer- den/ daß es eine unerweißliche Warheit sey/ aus welcher andere Warheiten herge- leitet werden. Dieweil aber von diesen pri- mo principio grosser Streit unter ihnen ent- standen/ muͤssen wir desto behutlamer in dessen Erforschung ergehen. 6. Wir haben in vorigen Capitel viel Exem- ersten und unbeweißlichen Warh. Exempel solcher unerweißlicher Warheiten erzehlet/ zum Exempel: daß dieses ein Hund/ dieser Turm viereckigt/ zweymahl dreye sechse seyn. 7. Aber diese koͤnnen noch nicht pro pri- mis principiis paßiren/ weil sie alle eintzele oder particulares propositiones seyn/ aus de- nen man keine Warheit herleiten kan. 8. Dannenhero gehoͤret zu denen primis principiis, daß sie universal propositiones seyn/ damit man andere Warheiten daraus herleiten koͤnne. 9. Und solchergestalt kan man einen Un- terscheid zwischen denen ersten Warheiten und denen primis principiis machen. Alle prima principia sind erste Warheiten/ aber nicht alle erste Warheiten sind prima prin- cipia. Jene sind auch propositiones par- ticulares, diese universales, aus jenen wer- den diese formirt, jene fallen eher in dem Menschlichen Verstand/ und wecken diese gleichsam darinnen auff. 10. Jch will noch mehr sagen/ jene koͤnnen deßhalben nicht prima principia seyn/ weil derselben unzehlig sind/ das primum princi- pium aber muß nur ein einiges seyn. K 5 11. Denn Das 6. Hauptstuͤck von denen 11. Denn ein Mensch hat nur einen eini- gen Verstand/ und der Verstand/ der bey al- len Menschen ist/ ist nicht unterschiedenes/ son- dern eines Wesens. 12. Dannenhero bescheidet man sich zwar/ daß sonsten das Wort primus auch von vie- len auf gewisse Masse prædici ret werden koͤn- ne/ alleine bey dem primo principio verita- tis bedeutet es nur ein einziges. 13. Denn wenn auch nur zwey principia prima waͤren/ so haͤtten dieselbigen entweder eine Verknuͤpffung mit einander/ oder keine. 14. Waͤren sie durch das dritte mit einan- der verknuͤpfft/ so waͤre das dritte principi- um prius, und folglich koͤnten diese beyden nicht prima genennet werden. 15. Waͤren sie nicht verknuͤpfft/ so muͤste folgen/ daß der Menschliche Verstand nicht einerley waͤre/ sondern zweyerley unterschie- denes Licht von sich wuͤrffe/ welches absurd ist. 16. Ja es muͤste folgen/ daß Warheit nicht Warheit waͤre/ weil zwey wiederwaͤr- tige Dinge keine harmonie machen koͤnnen. 17. Wie mag aber nun diese propositio prima wohl heissen. Wir wollen die phi- loso- ersten und unbeweißlichen Warh. losophos wacker darum zancken lassen/ und unsers Orts ohne Anstoß fortgehen. Es kan nicht fehlen/ das primum principium muß ein Begriff aller Warheiten seyn. 18. So muß ich demnach solches nothwen- dig aus der definition der Warheit herneh- men/ denn wenn diese nicht alle Warheiten begreiffe/ waͤre es keine definition. 19. So pfleget man auch in Mathematicis aus denen definitionibus rerum alle axio- mata herzuleiten. 20. Solchergestalt aber heist dieses pri- mum principium so: Was mit des Men- schen Vernunfft uͤbereinstimmet/ das ist wahr/ und was des Menschen Vernunfft zu wieder ist/ das ist falsch. 21. Ja sprichst du/ das habe ich laͤngst ge- wust/ aber ich wolte gerne wissen/ worinnen denn diese Ubereinstimmung bestuͤnde/ und al- so ist dieses primum principium fuͤr mich viel zu dunckel/ weil ich noch nicht weiß/ ob das wahre dasjenige sey/ das mit denen Sinnen/ oder das/ welches mit denen ideis des Ver- standes uͤbereinkommet. 22. Mein lieber Freund/ du bist an dieser Dunckelheit selbst schuld/ weil du die Sinnen und Das 6. Hauptstuͤck von denen und ideas durch die Heydnische philosophie verfuͤhret einander entgegen setzest/ da sie doch beyde zu dem Menschlichen Verstand gehoͤ- ren/ und also die Warheit so wohl mit de- nen Sinnen/ als mit denen ideis uͤber ein- kommen muß. 23. Denn die Sinnen sind die leidenden Gedancken/ die ideæ aber die thaͤtigen Ge- dancken des Verstandes. 24. Jene haben unmittelbar mit denen individuis zu thun/ diese mit denen univer- salibus. 25. Jene sind der Anfang aller Mensch- lichen Erkaͤntnuͤß/ diese aber folgen auff jene. Jene ruͤhren sich bald Anfangs bey denen kleinen Kindern/ und sind mehrentheils ie gantze Lebenszeit durch einerley/ ausser daß sie bey herannahenden Alter natuͤrlicher Weise abnehmen/ diese aber erregen sich erst eine gute Zeit hernach/ und veraͤndern sich zu ei- ner Verbesserung bey Wachßthum der Jah- re/ zum wenigsten solte diese Verbesserung geschehen. 26. Also nun begreifft dieses primum principium zwey propositiones in sich/ o- der es wird vielmehr in dieselbige resolvi ret. Die ersten und unbeweißlichen Warh. Die erste heist: Was der Menschliche Ver- stand durch die Sinne erkennet/ das ist wahr/ und was denen Sinnen zu wieder ist/ das ist falsch. 27. Dieweil aber es offte geschiehet/ daß das- jenige/ was durch die Sinne vorgestellet wird/ sich in der That anders verhaͤlt z. e. ein Ste- ckel der in Wasser k a um scheinet/ da er doch gerade ist/ als muͤssen wir diese Regel etwas deutlicher erklaͤhren/ damit wir nicht auff die Meinung gerathen/ als ob die Sinne auch den Menschen betroͤgen/ oder betruͤgen koͤnten. 28. Derowegen præsupponi ren wir/ daß der Mensch/ der die Warheit untersuchen will/ gesunden Leibes sey/ das ist/ daß die euserlichen Gliedmassen/ die zu denen Sinn- ligkeiten gehoͤren/ in dem natuͤrlichen Zustand seyn/ in welchen sie sich bey andern Menschen befinden. 29. Zum 2. daß er auch einen gesunden Verstand habe/ und weder rasend/ noch son- sten verruckt in Gemuͤthe sey. 30. Zum 3. daß er wache und nicht schlaffe. 31. Diese drey reqvisita gehoͤren so wohl zu Erkaͤntnuͤß der Warheit/ die vermittelst deren Das 6. Hauptstuͤck von denen deren Sinnen/ als der/ die durch die thaͤtli- chen Gedancken erhalten und ausgeuͤbet wird/ denn ein Blinder/ Rasender/ Schlaffender rai- sonni ret nicht allein von individuis, sondern auch von abwesenden universalibus uͤbel. 32. Jedoch ist unter diesen dreyen reqvi- sitis ein mercklicher Unterscheid. Der Schlaff hindert mich natuͤrlicher Weise an Erkaͤntnuͤß aller Warheiten/ weil nehmlich der Anfang aller Erkaͤntnuͤß/ ich meine/ das Gesicht/ Gehoͤr und Gefuͤhl durch denselben verschlossen werden. Und es sey nun/ daß der Schlaff ohne Traͤume ist/ so gedenckt der Mensch weder was wahres noch falsches/ o- der daß er mit Traͤumen vergesellschafft sey/ fo weiset es einem jeden sein eigen Gewissen/ wenn er erwacht ist/ daß dieselbigen entweder gantz falsch/ oder doch durch und durch mit fal- schen vermischte Dinge vorgestellet haben. 33. Bey rasenden und verruckten Leuten sind die innerlichen theils des Gehirnes mehr verderbet/ verruckt als die euserlichen Gliedma- sen/ und obgleich mehrentheils dadurch die im- pressiones der euserlichen Gliedmassen gantz gehindert werden/ so geschiehet es doch zuwei- len/ daß diese innerliche Verwirrung nur eine ein- ersten und unbeweißlichen Warh. eintzige proposition beruͤhret/ in uͤbrigen aber der patient den Gebrauch seines Verstandes hat/ z. e. wenn sich einer eingebildet/ er sey von Glase/ habe Froͤsche in Leibe/ habe ein groß Gewaͤchse an der Rase/ er sey ein maͤchtiger Potentate u. s. w. 14. Aber was die Ungesundheit der euser- lichen Gliedmassen anlanget/ so ist dieselbige allezeit so beschaffen/ daß sie uns an Erkaͤnt- nuͤß der Warheit nur zum theil hindert z. e. den Blinden an Erkaͤntnuͤß der Farben/ den Tauben an Unterscheidung des Klangs u. s. w. Denn wenn alle sinnliche und euserliche Glied- massen verdorben waͤren/ ja wenn nur ein Mensche von Natur blind und taub waͤre/ wuͤrden wir uns gar keinen deutlichen con- cept von ihm machen koͤnnen/ daß er ein Mensche sey. 35. Aus diesen folget/ daß man einen schlaffenden/ so lange als er schlaͤfft/ die Warheit nicht beybringen koͤnne. 36. Auch einen rasenden nicht/ wenn der gantz verruckt ist/ ehe das innerliche impe- dimentum durch Arzeney gehoben wird. 37. Aber wenn er sich durch eine wunder- liche phantasie nur eine falsche proposition impri- Das 6. Hauptstuͤck von denen imprimi ret hat/ kan man ihm wohl dieselbe per impressionem contrariæ phantasiæ exsensuum evidentia mediante aliqva ra- tiocinatione benehmen/ wenn man z. e. ihm einbildet/ die Froͤsche waͤren per fæces von ihm gangen/ wenn man ihn so lange schlaͤgt/ biß er empfindet/ daß er nicht von Glase sey ꝛc. 38. So kan man auch einen/ der nur ein einig lædir tes sensorium hat gar leicht convin- ci ren/ daß er entweder gar keinen concept von dem objecto desselbigen sensorii habe/ als z. e. ein Blinder von der Farbe/ oder ei- nen Jrrigen/ z. e. ein Gelbsuͤchtiger/ einer der den Schnupffen hat. 39. Jch weiß wohl/ daß von Natur blin- de de coloribus und zwar cum laude dispu- tiret haben/ aber deßwegen folgt nicht/ daß sie einen warhafftigen concept de coloribus gehabt haͤtten/ denn ich bin versichert/ daß wenn diese Blinde gleich nach vollbrachter disputation sehend worden waͤren/ sie nicht eine einige vorgelegte Farbe wuͤrden haben nennen koͤnnen/ sondern es ist vielmehr ein indicium, daß die Philosophie, aus welcher diese Blinden disputi ret/ eine blinde philoso- phie oder meri sine mente soni gewesen sey. 40. Ja ersten und unbeweißlichen Warh. 40. Ja sprift du/ wer versichert mich aber dieser Warheit/ daß ich gesund bin und wa- che. Jch habe gleichwohl offte im Traume gemeinet/ daß ich wachete/ also kan ich mich auch itzo wohl triegen. 41. Gewiß/ wenn du deinen eigenen Sin- nen und deiner innerlichen Vergewisserung nicht trauen willst/ so kan ich dir nicht helffen/ weil dieses præsuppositum unter die un- erweißlichen Warheiten mit gehoͤret. 42. Dein Einwurff aber ist sehr unver- nuͤnfftig. Denn du soltest daraus nur so viel schluͤssen/ daß ein traumender Mensch das criterium veritatis nicht zubrauchen wisse/ und siehe nur/ wie du dich selbst schlaͤgst. 43. Denn antworte mir doch/ woher weist du denn/ daß dich dein Traum betrogen hat/ wenn er dir vorstellete/ daß du wachetest/ war es nicht das folgende wachen/ daß dich dieses Jrrthums uͤberzeugete? 44. Wenn wir nun dieses præsupponi- ret haben/ so ist ferner zu wissen/ daß der in- nerliche Sinn/ wie wir oben denselben be- schrieben haben/ den Menschen niemahls/ auch nur wahrscheinlich/ betrogen habe. 45. Was aber die euserlichen Sinne L (nach Das 6. Hauptstuͤck von denen (nach unserer Beschreibung) betrifft/ muͤssen wir zufoͤrderst die Bildungen oder schema- ta mit denen Sachen selbst/ davon sie for- mi ret werden/ nicht vermischen: 46. Die Bildungen/ das ist die Bewe- gungen oder Eindruͤckungen in unser Gehir- ne truͤgen uns niemahlen. Also ist z. e. es warhafftig wahr/ daß uns etwas in denen Oh- ren klinget/ daß ein viereckter Thurm von fer- ne rund scheinet/ daß der im Wasser steckende gerade Stecken krum scheinet/ daß ein zaͤrtli- cher Mensch durch eine kleine harte Beruͤh- rung grosse Schmertzen empfindet/ daß ein Stein oder eine von Wachs zubereitete Frucht wie eine natuͤrliche scheinen u. s. w. 47. Aber was die Sachen selbst anlan- get/ geschiehet es zuweilen/ daß diese Bildun- gen sich nicht in der That an ihnen verhalten/ wie wir es uns einbilden/ oder nicht von ver Ursachen herruͤhren/ die wir uns bereden/ wie aus denen itzo angefuͤhrten Exempeln gar leichte kan abgenommen werden. 48. Jedoch muß man deßwegen die Schuld nicht denen Sinnen geben/ sondern sie liegt viel- ersten und unbeweißlichen Warh. vielmehr an der præcipitanz unserer thaͤtli- chen Gedancken und des judicii. 49. Denn ich werde eben dieses meines Jrrthums durch die leidenden Gedancken oder die Sinnligkeiten uͤberwiesen. 50. Damit also desto deutlicher werde/ was man durch die Erkaͤntnuͤß derer Sinnen verstehe/ muß ein jeder Mensch folgende Stuͤcke in acht nehmen. 51. Die Sache/ die ich vermittelst der Sin- ne begreiffen will/ muß in debita distantia seyn. 52. Jch kan aber debitam distantiam nicht anders beschreiben/ als daß die Sache nicht zu weit und nicht zu nahe von mir seyn muͤsse/ in puncto kan ich dieselbige nicht setzen/ sondern ein jeder muß sie bey sich selbst abnehmen/ theils/ weil die Sinne nicht alle ei- nerley distan tz haben/ theils weil ein Mensch auch in ansehen eines einigen Sinnes eine an- dere distan tz erfordert/ als der andere. 53. Denn bey dem Gefuͤhl und Ge- schmack muͤssen die substan tzen/ von denen die Erkaͤntnuͤß enstehen soll/ gantz an das senso- rium applici rt werden/ aber bey dem Ge- ruch/ Gehoͤre/ und Gesichte/ koͤnnen diesel- L 2 ben Das 6. Hauptstuͤck von denen ben in weiterer distan tz/ und unter diesen drey- en Sinnen immer bey einem weiter als bey dem andern erkennet werden. 54. Dieweil auch ein Mensch ein subtiler oder schaͤrffer Gesicht/ Gehoͤr/ Geruch/ u s. w. hat als der andere/ so erfordert auch der eine nothwendig eine naͤhere distan tz derer obje- ctorum, als der andere. 55. Jedoch ist auch bey diesen drey letzten Sinnen allezeit zu Erlangung einer deutli- chen Erkaͤntnuͤß an besten/ wenn die objecta so nahe sind/ als moͤglich/ und es die sen- soria ertragen koͤnnen. 56. Hiernaͤchst/ weil bey dem Gesicht/ Ge- hoͤr und Geruch ordentlich einige Lufft zwi- schen dem sensorio und dem objecto ist/ durch derer Bewegung die schemata zu dem sensorio gebracht werden/ welche auch deß- wegen medium sentiendi pflegt genennet zu werden/ so ist auch noͤthig/ daß dieselbige ihre ordentliche Beschaffenheit erhalte/ das ist/ daß sie genung Licht habe/ nicht zu dicke sey/ und die schemata durch eine wiedrige Bewe- gung nicht von uns wegfuͤhre. 57. Nachdem auch GOtt einer jeden sub- stan tz viel accidentia, die durch die Sinne be- griffen ersten und unbeweißlichen Warh. griffen werden koͤnnen/ dem Menschen aber mehr als einen Sinn dieselbigen zu begreif- fen mitgetheilet/ so folget nothwendig/ daß in dijudici rung einer substan tz von der ande- ren er Mensch nicht mit einen Sinn allei- ne zuplumpen muͤsse/ sondern alle Sinne/ durch welche er dieselbige zuvor begriffen/ brauchen muͤsse/ weil er sonst gar leichte einen Jrrthum begehen kan. 58. Jedoch kan man auch hierinnen keine gewisse Regul in puncto geben/ sondern man muß es eines jeden eigener Erfahrung an- heim stellen. Denn gleich wie sich der Men- sche offte betruͤget/ wenn er eine substan tz nur vermittelst eines einigen Sinnes erkennen will/ also werden zu allen nicht eben alle fuͤnff Sinne erfordert/ sondern manchmahl sind zwey genung/ manchmahl werden mehr er- fordert. 59. Ja nach Unterscheid der substan tzen giebt ein Sinn fuͤr dem andern bald mehre- re/ bald weniger Erkaͤntnuͤß. Bey den Steinen und Metallen thut das Gesicht und Gefuͤhl das meiste/ bey denen Pflantzen der Geruch/ bey denen Fruͤchten der Geschmack/ bey denen Thieren das Gehoͤr/ und die L 3 Men- Das 6. Haupstuͤck von denen Menschen unter einander zu entscheiden das Gesicht. 60. endlich muß auch dieses wohl beobach- tet werden/ daß die sensoria, in Vorstellung der Dinge nach Unterscheid derer Sinne ein Ding nicht allen Menschen oder nicht zu aller Zeit auff gleiche Art vorstellen. 61. Wiewol solches nicht also zu verstehen ist/ als ob das sensorium eines Menschen dem andern eine Sache gantz wieder waͤrtig und entgegen gesetzt eindrucke/ denn sonsten wuͤrde man gar keine gemeine Regeln von der Warheit geben koͤnnen/ sondern eines jeden seiner Einbildung dieselbe anheim stellen muͤssen. 62. Sondern ein sensorium ist in gewis- sen Faͤllen mehr Verenderungen unter- worffen/ als das andere/ oder bey einem Men- schen mehr als dem andern. 63. Zwar was das Gesichte betrifft/ wird man diese Veraͤnderung fast gar nicht gewahr. Denn was einem roth scheinet/ scheinet allen Menschen roth/ und die Sache die uns z. e. einmahl roth geschienen/ wenn nicht eine Ver- aͤnderung in ihr selbst/ oder in der Lufft vorge- gangen/ scheinet uns niemahlen anders. 64. So ersten und unbeweißlichen Warh. 64. So ist es auch ebenmaͤßig mit dem Klange beschaffen/ denn was dem einen holl klinget/ das klinget dem andern nicht fa, und niemand wird den Klang einer Trompete mit dem Klang einer Violine vermischen. 65. Ja was des einem Auge und Gehoͤr schaͤdlich ist/ das ist durchgehends auch dem Auge und Gehoͤre des andern schaͤdlich. 66. Bey dem Geruch aber ist schon einige Veraͤnderung zu spuͤren. Denn ob gleich niemand leichte den Geruch einer Rose/ Lilie/ und Nelcke mit einander vermischen/ oder bey jungen Jahren sich davon eine andere im- pression als im Alter machen wird/ so ist doch dieses nicht zu leugnen/ daß ein Geruch einem Menschen zu wieder sey/ dem andern nicht/ oder diesen wohl gar vergnuͤge/ oder daß einem in Alter ein Geruch zu wieder werde/ den man in der Jugend wohl ertragen koͤn- nen. 67. Mit dem Geschmack gehen noch mehr Veraͤnderungen vor/ dannenhero das gemeine Sprichwort entstanden: De gusti- bus non est disputandum. 68. Und die meisten variationes findet man bey dem Gefuͤhle/ was einem warm ist/ L 4 ist Das 6. Hauptstuͤck von denen ist dem andern kalt/ was einem glatt oder weich ist/ ist dem andern rauch oder harte u. s. w. 69. Diese observation hat in Erkaͤntniß der Warheit ihren doppelten Nutzen; (1) daß wir die Kentnuͤsse/ die von einem Din- ge genommen werden/ nicht dem Dinge selbst zu schreiben/ wenn sie ohne Veraͤn- derungen des Dinges/ vermittelst der Sinne sich auch bey uns veraͤndern/ z. e. die Waͤrme Kaͤlte. 70. (2) Daß wir bey denen veraͤnder- lichen concep ten keine absolutam propositio- nem machen/ sondern relativam. Nicht: diese Speise schmeckt allen Leuten allezeit gut/ sondern: Sie schmeckt mir itzo gut/ u. s. w. 71. Aber wir muͤssen auch nunmehro von denen ideis reden/ welche die andere Helffte gleichsam des Menschlichen Verstandes/ und zwar der fuͤrnehmste Theil desselbigen sind. Jedoch ist zwischen ihnen und denen Sinn- ligkeiten eine solche Verknuͤpffung/ daß ohne einer von denenselbigen ich mir nichts ver- nuͤnfftiges von der andern einbilden kan. 72. Die Sinne stellen mir lauter indi- vidua vor/ und es ist kein Zweiffel/ daß so viel individua mir verkommen/ auch so viel Ein- druckun- ersten und unbeweißlichen Warh. druckungen in mein Gehirne geschehen/ und der Verstand des Menschen so viel refle- xiones daruͤber mache. 73. Nun aber hat ein jeder Mensch das Vermoͤgen/ einjedwedes Ding in tausend klei- ne Theile mit seinen Gedancken zu theilen/ und diese Theile gegen einander so wohl auch das gantze mit tausend andern gantzen/ und die Theile jenes mit dieser ihren Theilen zu con- feri ren. 74. Diese Theilung und Zusammense- tzung kan von denen Sinnen nicht herruͤhren/ weil diese lauter individua ohne einige Ord- nung/ und zwar jedes gantz vorstellen. 75. Dannenhero muß diese Theilung und combini rung nothwendig ein actus purus der Gedancken seyn/ der durch die schlechte Eindruckung nicht geruͤhret wird/ wie die lei- denden Gedancken/ sondern der theils vorhe- ro in dem Vermoͤgen des Menschen gewesen (welches er mit denen sinnlichen und leiden- den Gedancken gemein hat) theils auch nach geschehener Eindruͤckung nicht wieder Wil- len gleichsam/ (wie die reflexion ) sondern aus einiger Willkuͤhr des Menschen entstehet. 76. Dieweil aber diese Eintheilung und L 5 Zusam- Das 6. Hauptstuͤck von denen Zusammenhaltung das complement des Menschlichen Verstandes und Willens ist/ so wuͤrde der Mensch nicht Mensch seyn/ wenn er diese potentiam nicht besaͤsse/ son- dern nur die Macht haͤtte uͤber die gegenwaͤr- tigen individua zu reflecti ren/ ja es wuͤrde ihm die reflexion und apprehension nicht viel nutzen/ wenn er diese letzte potentiam nicht haͤtte. 77. (Und also wuͤrde ein Thier doch nicht fuͤr vernuͤnfftig gehalten werden koͤnnen/ wenn es gleich uͤber die res sensibus impressas reflectirte. ) 78. Nichts desto weniger aber koͤnte er auch die thaͤtlichen Gedancken nicht ausuͤ- ben/ wenn ihm nicht per sensus conceptus in- dividuorum waͤren imprimi ret worden. Denn wie wolte er ein gantzes in Theile ein- theilen/ wenn er kein gantzes haͤtte/ wie wolte er ein individuum mit dem andern confe- ri ren/ oder sie ordnen/ wenn er nicht schon con- ceptum individuorum haͤtte. 79. Derowegen præsupponi ren die thaͤt- lichen Gedancken allezeit leidende/ und ist so ferne das gemeine dictum zu erklaͤhren/ Nibil est in intellectu, qvod non prius fuerit in sensu. 80. Al- ersten und unbeweißlichen Warh. 80. Alles nun/ was zu diesen thaͤtigen Ge- dancken des Verstandes gehoͤret/ kanst du ideas oder abstractiones, oder wie du fonst willst/ nennen. 81. Dieweil aber die Eintheilung eines gantzen in unzehlige Stuͤcke/ und die Zusam- menhaltung mit unzehligen (das ist ungewis- sen) Dingen geschehen kan/ als kan man auch die doctrin de ideis uͤberhaupt nicht eben so deutlich erklaͤhren/ oder gewisse Eintheilun- gen davon machen. 82. Wolte man dieselbigen nach dem Un- terscheid derer entium, die wir in 4. Capitel gegeben/ eintheilen/ koͤnnen wir es geschehen las- sen/ jedoch wollen wir damit niemand nichts vorgeschrieben haben. 83. Jedoch ist kein Zweiffel/ daß unter al- len ideis keine deutlicher sind/ als die ideæ qvantitatis, nehmlich numeri, mensuræ \& temporis. 84. Denn diese erregen sich auch bey de- nen Kindern in ersten Jahren dergestalt/ daß sie faͤhig seyn aus denenselben zu raisoni ren und andere Warheiten herzuleiten. Die ideæ substantiarum aber/ qvalitatum, motuum u. s. w. erregen sich zwar auch bey ihnen/ doch gehet Das 6. Hauptstuͤck von denen gehet es mit combination und division der- selben sehr schwer zu. 85. Ferner unter diesen dreyen sind keine deutlicher als die ideæ numeri, ja es werden auch die ideæ mensuræ \& temporis da- durch resolvi ret/ massen dann auch pun- ctum und momentum am deutlichsten per unitatem concipi ret wird. 86. Und vielleicht koͤm̃t dieses daher/ weil die idea prima de individuo qvolibet diese scheinet zu seyn/ qvod sit unum, aus welchen hernach der conceptus totius folget. Denn omne totum est unum, u. s. w. 87. Dannenhero haben diejenigen nicht unfuͤglich gehandelt/ die die Dunckelbeiten der Vernunfft-Lehre aus der Rechenkunst zu erklaͤhren gesucht/ und rationalitatem ho- minis eine Rechenschafftligkeit uͤbersetzet/ denn man soll allezeit dunckele Dinge mit deutlichen erklaͤhren. 88. Ja es ist kein Zweiffel/ daß diejenigen/ die in denen ideis mathematicis und sonder- lich arithmeticis geuͤbet sind/ nicht alleine ei- nen grossen Vortheil fuͤr andern haben/ in de- nen andern discipli nen fuͤr sich etwas zu thun/ sondern auch ihnen die Schwierigkeit/ die ersten und unbeweißlichen Warh. die in andern displi nen fuͤrkoͤmmt/ durch Gleichnuͤße ex arithmeticis gar leichte ge- macht werden kan. 89. Massen wir denn selbst allhier das- jenige/ was wir oben von der Verknuͤpffung der leidenden und thaͤtigen Gedancken erweh- net/ aus der arithmetic illustri ren koͤnnen. Die sinnlichen Gedancken sind unitates, die die ideen numeri ren addi ren und subtra- hi ren. Gleichwie nun unitas nicht nume- rus ist/ sondern initium numeri \& qvasi fun- damentum, und also ohne beyden Arithme- tica nicht seyn kan/ also kan auch die Ver- nunfft nicht ohne leidende oder thaͤtige Ge- dancken seyn. 90. Jedoch muß man deßhalben nicht meinen/ als ob alle Wissenschafften aus der doctrin de numeris tanqvam conclusiones ex primo principio hergeleitet werden muͤsten oder koͤnten. 91. Oder als wenn die Algebra der Grund zu allen Wissenschafften waͤre/ daß wer in derselbigen wohl beschlagen sey/ auch die fundamente zur Physic oder Mo- rale habe/ und die zweiffelhafften Fragen in denenselben dadurch auffloͤsen koͤnne. 92. Denn Das 6. Hauptstuͤck von denen 92. Denn sonsten wuͤrde man die argu- menta illustrantia mit denen probantibus trefflich vermischen/ und wieder die Regel groͤblich anstossen/ similia non probant, sed illustrant. 93. Gott hat denen Menschen mehr als einen Sinn gegeben die euserlichen Dinge mit zu concipi ren/ also sind auch vielerley ideæ, die der Mensch uͤber viel concipir ten Dinge machen kan. 94. Gleichwie nun unter denen euserli- chen Gliedmassen zwar das Auge das vor- nehmste ist/ und vermoͤge desselbigen eine Sache an deutlichsten/ ja die substan tz selbst/ so weit dieselbige von denen Siñen kan begrif- fen werden/ oder die Coͤrperligkeit derselben als ihr attributum, erkennet wird/ da die an- dern Sinne als das Gehoͤre/ Geruch/ Ge- schmack/ u. s. w. bloß mit denen Bewegungen der substan tzen und denen accidentibus strictè dictis zuthun haben/ gleichwohl aber vermittels desselbigen weder der Klang/ noch der Geruch/ noch der Geschmack/ noch die qvalitates tactiles denen Gedancken præ- senti ret werden. 95. Also ist es auch mit denen ideis nu- mero- ersten und unbeweißlichen Warh. merorum bewant/ daß zwar durch dieselbe das- jenige/ was zur Coͤrperligkeit der producir- ten substan tz gehoͤret/ fuͤglich und just demon- stri ret werden kan/ aber daraus doch die ideæ motuum oder die productio substantiæ nicht her bewiesen werden koͤnne. 96. Die connexion dieses Satzes ist da- hero desto deutlicher zu verstehen/ weil das Auge oder die reflexio der Gedancken uͤber die geschehene Dinge bey dem Menschen instar postulatorum ist/ ohne welche er ei- nen dunckeln oder gar keinen concept von denen numeris und mensuris sich wuͤrde ma- chen koͤnnen. 97. Zum wenigsten moͤchte ich wohl wis- sen/ was ein von natur blinder sich fuͤr eine ideam von einen Triangel/ von einer linic und puncte machte/ und ob sie mit derselben idee uͤbereinkaͤme/ die er sich hernach formi- rete, wenn er sehend worden waͤre. 98. Wannenhero das gemeine axioma, Essentiæ rerum sunt sicut numeri, zwar in so weit/ wann es Gleichnuͤßweise redet/ ange- nommen werden muß/ wenn es aber auf einen Grund zur demonstration in allen Din- gen zielet/ wie es Plato, Pythagoras, und die alten Das 6. Hauptstuͤck von denen alten Ægyptier scheinen angenommen zu ha- ben/ ist es wieder oder doch zum wenigsten uͤ- ber die Vernunfft. 99. Weßwegen auch diese Philosophi alle ihre philosophie per numeros als das groͤste Geheimnuͤß tracti ret/ und guten theils ad sacra applici ret haben. 100. So ist demnach die andere haupt proposition, die in dem primo principio steckt/ folgende. Was mit denen ideis, die der Menschliche Verstand von denen in die Sinne imprimir ten Dingen macht/ uͤ- bereinkoͤmmt/ das ist wahr/ und was ih- nen zu wieder ist/ das ist falsch. 101. Diesen Satz wird niemand leugnen/ wenn er nur bedenckt/ daß die ideæ, wie wir solche bißher beschrieben/ nichts anders sind oder seyn koͤnnen/ als definitiones rerum. 102. Und wenn er auch diesen Satz leug- nete/ oder dessen Beweiß forderte/ wuͤrden wir uns nicht mit ihm einlassen/ weil diese pro- position ja so unerweißlich ist/ als die erste. 103. Die groͤste Schwuͤrigkeit scheinet dar- innen zu bestehen/ daß die Menschen zu wei- len ja oͤffters sich so gar wunderliche und falsche ideen von einen Dinge machen/ und solcher- ersten und unbeweißlichen Warh. solchergestalt die ideen den Menschen zu be- truͤgen scheinen/ folglich auch aus denenselben kein primum principium veritatis genom- men werden kan. 104. Aber hierauff ist kuͤrtzlich zu antwor- ten/ daß dieses wieder unsere proposition nicht streite/ daß die Menschen meistentheils sich falsche definitiones rerum \& ideas machen/ dafuͤr kan der Menschliche Verstand oder das natuͤrliche Liecht nicht/ sondern ihr boͤser Wille/ mit welchen sie muthwillig aus Liebe zu denen in der Jugend gefasten præ- judiciis, die der Ursprung alles Jrrthums seyn/ ihren Verstand verdunckeln/ und die falschen ideas pro genuinis achten/ ja wol vorsetzlich dieselbigen haͤuffen/ wovon in fol- genden mit mehrern. 105. Jtzo wird genung seyn/ wenn ein er- wachsener Mensch (als fuͤr welche unsere Ver- nunfft-Lehre geschrieben ist) erweget/ daß gleichwohl unzehlich viel ideæ oder abstra- ctiones seyn/ darinnen das Menschliche Geschlecht einig ist/ als die idée eines Tri- angels/ der Farbe/ des Hundes/ der Bewe- gung/ der Hitze/ des Klanges/ u. s. w. massen dann/ wenn der Mensch dieselbigen nicht be- M saͤsse/ Das 6. Hauptstuͤck von denen saͤsse/ wuͤrde er keinen Triangel von einen vier- eck/ die rothe Farbe nicht von der blauen/ den Hund nicht von der Katze/ die unterschiedenen Schulen die z. e. ein Pferd macht/ die Em- pfindligkeit des Feuers nicht von der Em- pfindligkeit des Eises/ den Thon einer Trom- pete nicht von dem Thon einer Laute accu- rat unterscheiden koͤnnen. 106. Er muß sich aber nicht irren lassen/ daß gleichwohl jederzeit so ein grosser Streit unter denen Philosophis de definitionibus re- rum und sonderlich der meisten von mir ange- fuͤhrten Exempel/ gewesen und noch sey. Denn meine folgende Lehre wird ihm zeugen/ daß dieses alles daher entstanden/ daß die philosophie die irrige Meinung geheget/ als wenn idea und definitio rei zwey un- terschiedene Dinge waͤren/ und die definitio ideam, die doch eine unerweißliche Warheit ist/ beweisen muͤsse/ oder daß sie die ideas durch definitiones bey solchen Leuten erwecken wollen/ die die Sache/ von welcher die idea gemacht wird/ niemahlen vermittelst der Sin- ne begriffen haben. 107. Ja er muß sich auch ferner huͤten/ daß er ex dictis nicht etwan schliesse/ als ob die ideæ, ersten und unbeweißlichen Warh. ideæ, von denen unser axioma redet/ theils dem Menschlichen Geschlecht gemein/ theils aber etlichen Menschen eigen waͤren. Denn obgleich diese Eintheilung/ so ferne sie de actu secundo redet/ erduldet werden koͤnte/ so wuͤrde sie doch in diesen Verstande wenig Nutzen haben. 108. Wenn man sie aber de potentia ver- stuͤnde/ wuͤrde sie hauptlaͤchlich falsch seyn/ weil so dann die nur etlichen Menschen eigene ideæ nichts anders als irrige Meinungen hiessen. 109. Welches auch daraus erhellet. Die eigenen so genanten ideæ sind vielerley und einander zu wieder. Nun ist die Warheit aber allezeit nur einerley/ und also muͤsse nothwendig von denen eigenen ideis eine/ wo nicht alle beyde/ falsch seyn. 110. Endlich nachdem wir auch oben er- wiesen/ daß das primum principium ratioci- nandi nur eines seyn koͤnne/ so folget noth- wendig/ daß wir dasselbige nicht in species eintheilen koͤnnen. 111. Und ob man schon insgemein von de- nen principiis primò primis \& secundò pri- M 2 mis Das 6. Hauptstuͤck von denen \&c. mis viel zu sagen pfleget/ so ist doch dieses nicht pro divisione reali anzunehmen. 112. Denn das principium primò pri- mum gehoͤret nur hieher zu der Vernunfft- Lehre. Die secundò prima sind nichts an- ders als ideæ generalissimæ, uͤber welche man in einer jedweden special disciplin in der philosophie nicht kommen kan/ die aber doch als conclusiones unsers primi princi- pii betrachtet werden muͤssen. 113. Dannenhero sind dieser principio- rum secundò primorum so viel/ als spe- cial disciplinen in der Philosophie sind. 114. Woraus gantz offenbahr folget/ daß das primum principium practicum, mit wel- chen die philosophia practica zu thun hat/ ein principium secundò primum seyn muͤsse/ und also principium primò primum in theoreticum \& practicum nicht eingethei- let werden koͤnte/ worvon an seinen Ort ein mehrers. Das Das 7. Hauptstuͤck von denen \&c. Das 7. Hauptstuͤck. Von denen andern unstreiti- gen Warheiten/ die durch die ersten principia erwiesen werden/ und von der Demonstration. Jnnhalt. Das primum principium wird schlecht weg verstanden. n. 1. Mit ihm sind die andern Warheiten verknuͤpfft. n. 2. Ein Mensch braucht in ansehen sein selbst keines Be- weises der Warheit n. 3. 4. sondern in regard ande- rer n. 5. Sie moͤgen seyn wer sie wollen n. 6. 7. wenn er nehmlich macht/ daß die andern die Warheit auch er- kennen n. 8. Beschreibung des Beweises n. 9. Der- selbe muß den andern nicht durch euserliche Gewalt zwingen n. 10. Was allhier verknuͤpffen heisse n. 11. Es ist ein Gleichnuͤß-Wort n. 12. von einer Kette her- genommen n. 13. nicht aber wie dieselben insgemein pflegen zu seyn/ n. 14. wie die alten Philosophi es etwa moͤgen gebraucht haben/ n. 15. sondern von einer Kette die einen Hauptring hat/ an dem zwey andere/ und an deren jedem wieder zwey oder drey andere haͤngen n. 16. wie an denen Stammbaͤumen n. 17. Warum in vorigen Capitel nebst dem Hauptringe ( A ) auch die bey- den ersten Ringe ( B ) \& ( C ) mit erklaͤhret worden n. 18. 19. 20. 21. Der Beweiß ist entweder eine Weisung ( Ostensio ) oder Erweisung ( Demonstratio ) n. 22. Die Ostensio n. 23. ist keine Kunst n. 24. 25. Dahin gehoͤren alle res sensiles n. 26. und hat nicht mehr als einen Grad n. 27. Was fuͤr Fehler hierbey zu meiden n. 28. 29. 30. Wegen der Demonstration n. 31. streiten die Philosophi n. 32. 33. Der erste Grad ist nicht schwer M 3 n. 34. Das 7. Hauptstuͤck von denen n. 34. und wird auch von Ungelehrten begriffen n. 35. aber die andern Grade sind desto schwerer n. 36. Doch draucht es hierzu mehr eines Handgriffs als grossen Ge- lahrheit n. 37. 38. Dieser Handgriff wird vergebens in der Arithmetic n. 39. 40. oder bey andern Leuten gesucht n. 41. 42. 43. welches mit einen Exempel erklaͤh- ret wird. n. 44. Regeln die bey der Demonstration zu beobachten n. 45. Erstlich in ausehen des Demon- stri renden. Demonstrire nicht/ was du nicht verste est n. 46. Das ist/ wenn du nicht die connexion der Sa- che mit dem primo principio n. 47. und mit allen mit- leren Gelencken innen hast. n. 48. Was hierbey in acht zu nedmen n. 49. 50. 51. 52. Probe der Gewißheit n. 53. 54. Zum andern was dem betrifft/ dem man die Sache demonstriret n. 55. wenn er (1) eine wiedrige Meinung hat n. 56. Man muß die Worte seiner de- finitionum nicht cavilli ren n. 57. (2) wenn ihm die Sache gantz unbekant ist n. 58. 59. Jn demonstratio- nibus muß man nicht unnuͤtzliche Dinge vornehmen n. 60. oder sich bemuͤhen zu demonstri ren/ was nicht de- monstriret werden kan n. 61. Nutzen dieser einfaͤltigen Lehre. n. 62. 63. 1. D As primum principium, von dem wir in vorhergehenden Capitel geredet/ wird nebst denen beyden propositionibus, in wel- che es resolvi ret worden/ schlecht weg ver- standen/ und nicht erwiesen/ denn es koͤnte nicht erwiesen werden. Intelligitur, non probatur. 2. Nun aber begreifft es alle Warheiten unter sich/ das ist/ alle Warheiten sind mit ihm ver- andern unstreitigen Warheiten. verknuͤpfft. Und also ist kein Zweiffel/ daß wenn ich die andern Warheiten begreiffen will/ ich zugleich dererselben Verknuͤpffung / die sie mit dem primo principio haben/ be- greiffen muͤssen. 3. So braucht es dannenhero in ansehen meiner selbst / wenn ich anders mich von de- nen haupt præjudiciis gesaubert habe/ und in natuͤrlichen Dingen nichts/ als was mit meinen Sinnen und ideis verknuͤpfft ist/ fuͤr unstreitig wahr halte/ keines Beweises von diesen andern Warheiten/ sondern sie werden in ansehen meiner eben so wohl v verstanden / ( intelliguntur non probantur ) wie jene. 4. Denn wenn ich die connexion nicht begreiffe/ soll ich die Sache nicht fuͤr wahr halten/ begreiffe ich sie aber/ so braucht es in ansehen meiner keines Beweises. 5. Aber in ansehen anderer/ denen diese Verknuͤpffung unbekant ist/ kan wohl von mir die Erkaͤntnuͤß dieser Warheit durch gewisse Vorstellungen er wecket werden. 6. Denn obgleich alles/ was eines Men- schen Verstand zu erkennen faͤhig ist/ auch der andere erkennen kan / so hat doch der andere diese Erkaͤntnuͤß nicht alsobald wuͤrcklich. M 4 7. Jn- Das 7. Hauptstuͤck von denen 7. Jngleichen ob schon ein Mensch in der That mehr Warheiten wuͤrcklich erkennet als der andere/ ja ob es schon mit einem lang- samer zugehet als mit dem andern/ ihm die unerkanten Warheiten beyzubringen/ so muß man doch nicht meinen/ als ob an der capaci - taͤt des Verstandes die Schuld waͤre/ sondern es ruͤhret solches von andern impedimentis her. 8. Wenn nun die Erkaͤntnuͤß der vor un- bekanten Warheit/ bey einen andern erwecket worden/ daß er sie so wohl verstehet als ich/ so sagt man/ man habe solche Warheit bewie- sen. 9. Du siebest aber aus diesen allen/ daß der Beweiß ( probatio ) nichts anders sey/ als die Darthuung/ wie eine Warheit mit dem primo principio verknuͤpfft sey. 10. Und verstehet sich also von sich selbst/ daß du zu dieser Darthuung dich nicht deiner autori taͤt bedienen/ sondern zufoͤrderst des an- dern seinen Verstand durch freundliche Art ruͤhren muͤssest/ daß er sich seines selbst eigenen Vermoͤgens bediene/ und alle impedimenta beyseite schaffe. 11. Da- andern unstreitigen Warheiten. 11. Damit aber bald anfangs dir die bey Beschreibung des Beweises gebrauchte Ver- knuͤpffung keinen Anlaß zu fehlen gebe/ so must du dieses Wort etwas deutlicher verste- hen. 12. Daran ist kein Zweiffel/ daß es nicht in eigenen Verstande genom̃en werde. Denn alles/ was wir von unserer Seelen einander zuerkennen geben/ wird Gleichnuͤß-Weise vorgebracht. 13. So bilde dir demnach eine Kette ein von vielen Gelencken/ da immer eines mit dem andern verknuͤpfst ist. 14. Aber huͤte dich/ daß du dir nicht eine Kette einbildest/ da immer ein Glied mit einen andern/ und dieses wieder mit einen andern vereinigt ist/ es moͤge nun das letzte mit dem ersten wieder vereiniget seyn/ wie in einer Hals-Kette / oder moͤge unvereinigt eine gleiche Linie machen/ wie etwan eine Schnur Perlen. 15. Denn aus dieser impression scheinet/ als ob viel von denen alten Philosophis An- laß zu unterschiedenen Jrthuͤmern genom̃en/ sonderlich die/ welche das axioma: Essentia rerum sunt sicut numeri gar zu subtiel aus- gruͤblen wollen. M 5 16. Das 7. Hauptstuͤck von denen 16. Sondern bilde dir eine solche Kette ein/ an der ein Hauptglied ist/ an welchen die andern alle haͤngen/ und zwar also/ daß an ei- nem Gliede nicht eines/ sondern nach Gele- genheit drey/ viere u. s. w. zum wenigsten aber doch zwey andere Glieder angehenck t seyn/ wie etwan in arbore consangvinitatis der stipes communis eine Person ist/ deme wir auch denen personis intermediis nach Unterschied zwey/ drey und mehr Kinder an- gefuͤgt werden. 17. Gleichwie ich nun in Außrechnung der Verwandschafft nichts mehr thue als die ge- nerationes, durch welche die Grade mit ein- ander verknuͤpfft werden/ darzuthun/ und da- bey allemahl einen communem stipitem haben muß/ also brauche ich auch in Erwei- sung derer andern Warheiten nichts/ als daß ich die connexion derselben mit dem primo principio als gleichsam dem Hauptgliede zeuge. 18. Ja weil es keines grossen außrechnens braucht/ wenn nur zwey Gelencke aneinan- der haͤngen/ oder wenn ich in computatione graduum Vater und Sohn computire, sondern diese erste connexion ja so ge- schwind andern unstreitigen Warheiten. schwind von mir begriffen wird/ als die res connexæ selbst. 19. Als hat es auch keines Beweises ge- braucht/ darzuthun/ daß in dem primo prin- cipio (A) oder in der Ubereinstimmung mit der Vernunfft / zwey andere principia, die Ubereinstimmung nehmlich mit denen sensio- nibus (B) und ideis (C) staͤcken/ oder als- bald unmittelbahr damit verknuͤpfft waͤren/ sondern wir haben eben deßwegen diese beyde principia mit in vorigen Capitel abgehandelt. Denn wer eins zehlen kan/ kan auch zwey zehlen. 20. So hast du dennoch allbereit in vori- gen Capitel den Hauptring ( A ) nebst denen zweyen Ringen/ die am allerersten mit demsel- ben verknuͤpfft seyn. (B) (C) 21. Was aber ferner vermittelst dieser bey- den Glieder dem Hauptglied angehangen wird/ das heist eigentlich bewiesen. 22. Dieser Beweiß aber ist zweyerley/ denn es werden entweder die andern unerkanten Warheiten nur schlecht weg gewiesen ( O- stenduntur ) oder werden erwiesen ( de- monstrantur ). 23. Die Ostensio ist nichts anders/ als ein Das 7. Hauptstuͤck von denen ein Beweiß/ das etwas unmittelbahr mit denen Sinnligkeiten/ oder dem Ringe ( B ) verknuͤpfft sey. 24. Und also ist die Ostensio auff seiten des Zeigenden keine Kunst / und auff seiten des Begreiffenden keine Muͤhe: Denn das muͤste ein tummer Mensch seyn/ der nicht dreye ordnen oder zehlen koͤnte. 25. Dannenhero sind auch dieses Beweises alsbald kleine Kinder faͤhig/ als welche an nichts zweiffeln/ was man ihnen per eviden- tiam sensuum vorleget/ auch alsobald falsche Meinungen per evidentiam sensuum zu wiederlegen wissen. 26. Demnach so gehoͤren zu diesen Be- weißthum alle Warheiten/ die unmittelbahr per sensiones koͤnnen erkant werden/ welche nichts anders als lauter subsumtiones sind/ die zu dem principio (B) als Majore pro- positione gehoͤren. 27. Also sind auch an dieser Seite wenig Grade zuhoffen/ indem ( B ) an ( A ) haͤnget/ die andern Ringe aber alle miteinander/ derer doch unzehlig sind/ an den Ring ( B ) unmit- telbar und gleichsam neben einander zu haͤn- gen sind. 28. Das andern unstreitigen Warh. 28. Das eintzige/ was noch hiervon zu mer- cken ist/ wird darinnen bestehen/ daß du den gemeinen Fehler vermeidest/ und dich nicht bemuͤhest Sachen an diesen Ring zu haͤn- gen/ die sich weder an den Ring ( B ) noch ( C ) schicken/ oder die Warheiten/ die zu dem Ring ( B ) gehoͤren/ den andern ver- mittelst des Ringes ( C ) zu weisen. 29. Jch will dir dieses gar deutlich zu be- greiffen/ aus tausend Dingen/ darvon klug seinwollende Leute sich vergebens zancken/ o- der maceri ren/ nur etliche wenige geben/ z. e. du sprichst die Oliven schmeckten gut / und giebst dem andern eine zu kosten / der sie aus- speyet/ und sich vermaledeyet sie schmeckten uͤbel. Jhr werdet in Ewigkeit mit einander streiten. Denn diese proposition, die Oli- ven schmecken gut / schickt sich weder an den Ring ( B ) noch ( C ). Aber wenn du sprichst: sie schmecken dir gut / so betruͤgst du dich nicht/ denn es ist gewiß/ daß diese proposi- tion in deinen Verstande mit dem Ring ( B ) gleichsam verknuͤpfft ist/ als wie die propo- sition: daß sie dem andern bitter schme- cken / in des andern seinen Verstand mit der proposition (B) ebenmaͤßig verknuͤpfft ist. Die Das 7. Hauptstuͤck von denen Die Ursache haben wir in vorhergehenden Capitel angezeigt. 20. Ferner: du solst einen beschreiben/ wie ein Elephante oder Cajus aussehe. Halte ihn zehen Jahr ein collegium druͤber/ und beschreibe ihn von einem Glied zu dem an- dern/ ja resolvi re ihn alle Aedergen/ und ver- suche hernach/ ob nicht ein klein Kind das ein wohlgemahlt Bild von einem Elephanten oder das contrefait von Cajo eine viertel Stunde genau betrachtet/ eher das Original davon wird erkennen koͤnnen/ als der erste. Denn diese proposition gehoͤret an den Ring ( B ) und du hast sie ihm vermittelst des Rin- ges ( C ) beybringen wollen. 31. Die Demonstration aber ist ein Be- weiß/ daß etwas mit denen ideis oder defi- nitionibus rerum oder mit dem Ringe ( C ) verknuͤpfft sey. 32. Und diese Demonstration ist das po- mum Eridos umb welche sich die Gelehr- ten so sehr zancken / nicht allein was die praxin derselben/ sondern auch was die theo- rie betrifft. Wir wollen uns befleissen diese in wenigen Anmerckungen zu erklaͤhren. 33. Die Ursache/ warum man die Lehre von andern unstreitigen Warh. von der Demonstration so schwer gemacht/ scheinet deßhalben entstanden zu seyn/ weil in Ostensione nur ein Gelencke ist/ an welches hernach alle dahin gehoͤrige conclusiones applici ret werden/ aber in Demonstratio- ne sind unzehlige Gelencke / die nicht alle unmittelbahr an den Ring ( C ) verknuͤpfft sind/ sondern vermittelst 2. 3. ja 10. und mehr andern Gelencken. 34. Nun ists wohl leicht die conclusion, die unmittelbahr an den Ring ( C ) angehan- gen wird/ einem zu zeigen/ und braucht so we- nig Gelahrheit/ als die ostension, aber die vermittelst 10. oder 12. Gelencke mit dersel- ben vereinigt ist/ darzu braucht es einiger Nachricht. 35. Zum Exempel: das weiß ein Bauer/ wenn er einen Menschen siehet/ daß ein Mensch und kein Hund ist / u. s. w. Denn die idèe, durch welche eine gantze substantz mit der andern gantzen verglichen/ oder von derselben entschieden ist/ wird unmittelbar an den Ring ( C ) angehaͤngt: Denn das ist am ersten und leichtesten/ daß der Mensch von denen reflexionibus de individuis in sen- sus incurrentibus eine ideam speciei seu pluri- Das 7. Hauptstuͤck von denen pluribus individuis communem formirt, weiche er hernach auff alle individua, die er zuvor nicht gesehen/ applici ren/ und folglich diese individua von denen individuis diver- sæ speciei entscheiden kan. 36. Aber frage einen Ungelehrten/ ja fra- ge auch die/ die sich Gelehrte nennen/ durch was eigentlich der Mensch von einem Hunde unterschieden werde/ oder was fuͤr ein Unter- scheid inter substantiam \& accidens, inter al- bedinem \& rubedinem, inter actionem ho- minis justam \& injustam \&c. sey/ und hoͤre nur/ wie sie entweder gar nichts/ oder doch gantz wiedersinnisch antworten werden/ weil sie die demonstration nicht verstehen/ oder vielmehr nicht verstehen wollen. 37. Jch habe gesagt/ es brauche zu derglei- chen demonstration nicht eine Gelahrheit: denn ein Ungelehrter kan dieselbe so leicht be- greiffen als ein/ dem Titel nach/ Gelehrter/ ja er wuͤrde sie von sich selbst begreiffen koͤn- nen/ wenn er nur ein klein wenig attention und Gedult haͤtte. Aber weil diese beyden reqvisita gar rar seyn/ so braucht man nur eine wenige Nachricht als einen Handgriff dazu/ durch welchen man geschwinder fortge- hen/ andern unstreitigen Warh. hen/ und wenn man sich verirret/ leichte wie- der auff den Weg kommen kan. 38. Jch will dir ein klar Exempel oder vielmehr ein Gleichnuͤß geben 1. 2. 3. 4. zeh- len/ diese vier Zahlen addi ren/ subtrahi ren/ multiplici ren/ und dividi ren kan ein Kind von 3. Jahren begreiffen. Nun beziehen sich alle mysteria Arithmetices auff so geringe und schlechte fundamenta, und koͤnnen dar- aus deduci ret werden: Gleichwohl weil denen Menschen die Muͤhe und Gedult man- gelt/ ihren Verstand selbst wuͤrcken zu lassen/ hilfft ihnen der Rechenmeister/ und zeigt ihnen einige Vortheil und Handgriffe / durch das einmahl eins/ die Logorythmos, die Algebram u. s. w. 39. Ja/ sprichst du/ das ist eben/ was ich verlange/ ich wolte gerne die Logorythmos wissen und die Algebram koͤnnen/ durch wel- che ich alles demonstri ren koͤnte/ und war- umb ist kein Gelehrter/ der so viel Christliche Liebe erwiese/ und solche Handgriffe anderen Gelehrten zum besten ausrechnete. 40. Aber du hast vergessen/ daß ich oben allbereit erwiesen habe/ daß man durch die Algebram propriè dictam andere Warhei- N ten Das 7. Hauptstuͤck von denen ten/ als die sich auff die qvantitates beziehen/ nicht ausrechnen koͤnne. 41. Ja was hilfft es dich/ daß so viel Ge- lehrte solche Handgriffe in denen disciplinis, fuͤrnehmlich aber in practicis verfertigt ha- ben. Denn es ist daran kein Mangel/ son- dern du hast derer mehr als du brauchst. Wo weist du aber/ welches die rechten seyn. 42. Jch mercke wohl/ daß du urgi rest/ daß dir es eben daran mangele/ weil du keine gewisse general Handgriffe haͤttest / nach welcher du die demonstrationes in denen special discipli nen abmessen koͤntest/ und deß- wegen suchst du dieselben mit so grosser Muͤ- he und Arbeit. 43. Mich dauret deines elenden Zustan- des/ der ja so erbaͤrmlich ist/ als dessen/ der sein Pferd suchte/ und drauff sasse. Du ar- mer Mensch/ du suchst die regulas demon- strandi ausser dir/ beym Aristotele, Car- tesio, Gassendo, Malebranche, \&c. \&c. und so lange du sie nicht bey dir selbsten suchst/ wirst du sie nimmermehr finden. 44. Mein sage mir/ wie woltest du es machen/ wenn 20. Rechenmeister unterschie- dene und wiederwaͤrtige einmahl eins oder Logo- andern unstreitigen Warheiten. Logorythmos oder Algebras geschrieben haͤt- ren/ und ein jeder von ihnen seine Anhaͤnger haͤtte/ die dich alle außlachten/ wenn du dich unterstehen woltest/ das rechte Einmahleins von dir selber zu suchen? Jch glaube du wuͤr- dest sie alle lachen lassen/ und dich gewiß ver- sichern/ daß z. e. 3. mahl 8. 24. waͤren/ ob schon alle die andern sonst uneinigen Rechen- meister darinnen einig waͤren/ und wieder dich asserir ten/ daß 3. mahl 8. 23. außtrage. 45. Nun wohl dann/ so lasse doch auch alle Philosophos de demonstratione schreiben/ was sie wollen/ und das Werck noch so bund- scheckigt machen/ und hoͤre mich nur/ ob ich nicht ad analogiam der unstreitigen verita- tum arithmeticarum die Regulas demon- strandi bey dir erwecken kan. 46. Demonstrire nicht/ eher du selbst weist/ was du demonstri ren willst / oder die Sache selbst recht wohl verstehest. Denn wuͤrdest du mich nicht auslachen/ wenn ich die species simplices arithmetices nicht wuͤste/ oder wenn ich schon diese perfect kennete/ haͤtte aber die Algebram nicht wohl begrif- fen/ und ich wolte mich doch unterstehen/ dir N 2 die Das 7. Hauptstuͤck von denen die Algebram zu lehren/ weil sie ex specie- bus simplicissimis kan hergeleitet werden. 47. Nun verstehest du aber die Sache selbst nicht wohl/ wenn du nicht weist/ wie dieselbige mit dem primo principio in dei- ner Vernunfft connectirt ist/ ob es gleich par hazard kom̃en kan/ daß die Sache wahr ist/ z. e. wenn einer sagt 3. mahl 777. sey 2331. und hat es bloß von hoͤren sagen. 48. Du kanst die Sache nicht vor con- nex halten mit dem primo principio, wenn du nicht alle Gliedergen/ die dazwischen seyn/ kennest/ und auch weist wie dieselbi- gen aneinander haͤngen / z. e. du weist nicht daß 3. mahl 777. 2331. außtraͤgt/ wenn du nicht weist daß 3. mahl 700. 2100. mache/ daß drey- mahl 70. 210. außtrage/ daß 3. mahl 7. 21. mache/ und daß alle diese Sachen eben so ge- wiß miteinander vereinigt seyn/ als wenn ich sage 2. mahl 1. ist 2. oder 1. mahl 2. ist 2. oder 1. und 1. ist 2. 49. Dannenhero weil wir oben erwehnet haben/ daß die ideæ und definitiones eins seyn/ und also folglich bey jeder demonstra- tion ich wissen muß/ wie eine definition mit der andern verknuͤpfft sey/ so muß ich mich ge- wiß andern unstreitigen Warh. wiß versichern/ daß ich die Warheit von keiner proposition begreiffe/ wenn ich nicht weiß/ daß das subjectum mit dem prædicato so ge- wiß vereinigt sey/ als 3. mahl 70. mit 210. 50. Dieses kan ich aber nicht wissen/ wenn ich nicht das subjectum und prædicatum zu beschreiben weiß. Und die definitiones subjecti und prædicati weiß ich wiederum nicht/ wenn ich nicht verstehe und versichert bin/ was fuͤr eine idee durch jedes Wort/ das ich in der definition des subjecti und prædicati gebraucht habe/ geruͤhret werde. 51. Und wenn ich befinde/ daß diese idee noch mit einer andern connectirt, und in ihrer definition noch nicht den Ring ( C ) beruͤhret/ oder mir die ultimam abstractionem, die ich nicht weiter eintheilen kan/ vorstellet/ so muß ich dieselbigen/ vermittelst neuer idea- rum oder definitionum so lange suchen/ biß ich dahin gelange. 52. Wenn dir das Gleichnuͤß exarithme- ticis zu dunckel ist/ so brauche ein anders à computatione graduum z. e. wenn du er- weisen willst/ daß Titius und Sempronius in gradu 8. lineæ collateralis æqvalis vel inæqvalis mit einander verwandt waͤren \&c. N 3 53. Die- Das 7. Hauptstuͤck von denen 53. Dieweil aber es offte geschieht/ daß ein Mensch in dieser Pruͤffung sich selbst hinter ge- het/ gleichwie es wohl geschehen kan/ daß ein guter Rechenmeister ein Exempel unrecht rechnet/ ob er es schon 2. oder 3. mahl uͤberse- hen/ so ist kein besser Mittel/ als daß du dich wohl probirest/ ob deine demonstration richtig sey. 54. Gleichwie nun in der arithmetic un- ter allen Proben die beste ist / und die fast ohnmoͤglich truͤgen kan/ wenn ihrer zwey oder dreye ein Exempel außrechnen/ und die Sum- me gegeneinander halten/ also ist auch die si- cherste Probe in der demonstration, weñ ein Mensch mit andern der demonstration nicht unerfahren/ die seinige conferi ret/ und wenn ihm dieselbigen eines Jrrthums beschuldigen/ den er nicht alsbald benehmen kan/ wieder von fornen mit ihnen anfaͤngt/ biß die Sum̃e oder die demonstratio bey allen dreyen uͤbereinstimmet. 55. Hast du es nun bey dir so weit gebracht/ so darffst du keine Regeln/ diese deine Wissen- schafften in andern zu demonstri ren/ sondern du weisest ihm nur und erzehlest ihm/ wie die ideæ bey dir connecti ret seyn. Aber der gemei- andern unstreitigen Warheiten. gemeinen Jrrthuͤmer halber reflecti re nur auff diese wenige Anmerckungen. 56. Hat derjenige/ den du etwas demon- stri ren willst/ eine wiedrige Meinung von der Sache/ laß ihn dir dieselbe nur hersagen und weisen/ wie er die ideas und definitiones miteinander connecti ret/ so wirst du gar leichte den Fehler spuͤren/ und ihm weisen koͤn- nen/ daß er eine falsche ideé (die er nicht selb- sten gewuͤrckt/ sondern von einem andern fuͤr wahr angenommen) fuͤr eine wahre paßiren lassen/ indem er selbst begreiffen wird/ daß die- se mit andern nicht connecti ret. 57. Aber binde ihn / wenn er dir seine ideas mit definitionibus erklaͤhret/ nicht an die Worte / wormit du sonsten gegen andere diese ideam zubeschreiben gewohnet warest/ wenn du nur gewiß bist/ daß ihr in denen ideis selbst einig seyd/ z. e. was verschlaͤgt dir es/ ob dir der andere seine Rechnung mit Rechenpfennigen zeiget/ oder mit Ziffern/ ob er V. oder 5. IX. oder 9. schreibet/ ob er in der computation seiner Verwandschafft seinen Vater Titium oder Sempronium nennet. 58. Jst ihm aber die Sache/ die du ihn de- monstri ren willst/ unbekant / so laß dich nicht N 4 begnuͤ- Das 7. Hauptstuͤck von denen begnuͤgen/ daß du ihm nur die definition des subjecti und prædicati giebst/ und er diesel- ben wahr zu seyn glaͤubet/ sondern du must ihm diese definitiones so lange resolvi ren/ biß du ihm eine bekante idee damit ruͤh- rest / und dieselben so anhaͤngest/ daß ihm nicht der geringste Zweiffel uͤbrig bleibt/ z. e. es ist nicht gnung/ wenn ich spreche: Titius und Cajus sind verwandt in gradu qvarto lineæ æqvalis, denn ihre Vaͤter wahren in gradu tertio, wenn der andere nicht weiß/ ob diese letzte assertio wahr sey. 59. Hast du ihm aber einmahl eine bekante idee geruͤhret/ so darffst du nicht eben von derselben biß zu der ersten gehen / weil die Sache schon so gut/ als demonstrirt ist/ z. e. wenn du sagst/ des Titii Großvater sey Mæ- vius gewesen/ und des Caji Großvater Sem- pronius, und der andere weiß schon/ daß Mæ- vius und Sempronius Geschwister Kinder gewesen/ so darffst du ihn nicht eben biß auff des Mævii und Sempronii Großvater als communem stipitem fuͤhren. 60. Jn uͤbrigen must du aus dem ersten Hauptstuͤck hieher applici ren/ daß du in de- monstrationibus nicht hoͤher gehest / als es nuͤtze andern unstreitigen Warh. nuͤtze ist / oder Sachen demonstri ren willst/ die nichts nuͤtze seyn / z. e. was nuͤtzt es/ daß ich einen Scherff in 100000. Theilgen theile/ oder daß ich eine Zahl von 40. Ellen lang aus- spreche. 61. Letzlichen/ so huͤte dich desto mehr/ je oͤffter dawieder angestossen wird/ daß du nichts demonstri ren wollest/ was nicht demon- stri ret werden kan. Denn es ist eben so laͤcherlich/ als weñ du außrechnen woltest/ wie weit ein jeder von einer Rosen rieche/ wenn ihrer 17. in der Stube seyn/ oder wie nahe Cajus und sein Hund mit einander verwand waͤren. 62. Siehe/ dieses ist meine gantze Wissen- schafft de demonstratione. Und sie mag dir so liederlich vorkommen als sie will/ weil du lauter gemeine Dinge darinnen antriffst/ dar- an niemand zweiffelt/ und nichts von denen gewohnten subtili taͤten darinnen findest/ so stehet doch augenscheinlich zuerweisen/ daß ich mit dieser Einfallt weiter kommen will/ als du mit deinen subtili taͤten/ ja diesen Weg sind alle Gelehrten gegangen/ die sich auf Ra- tionem \& Experientiam gegruͤndet und noch gruͤnden. N 5 63. Also Das 8. Hauptst. von denen ersten 63. Also darffst du dir auch kuͤnfftig/ so wohl in diesen parte generali, als in denen specialibus, nichts neues versprechen/ son- dern was nun folgen wird/ sind nichts als Con- clusiones aus diesen ersten 7. Capiteln. Das 8. Hauptstuͤck. Von denen ersten und andern unstreitigen Unwarheiten. Jnnhalt. Unwarheit oder das Falsche n. 1. Primum principium die- selbe zuerkennen n. 2. die andern Unwarheiten/ n. 3. Ostensio und Demonstratio derselben n. 4. Warum die doctrin de falso so kurtz sey n. 5. Etliche Anmer- ckungen n. 6. Die Erkaͤntnuͤß des Wahren g i ebt die Erkaͤntnuͤß des Falschen/ aber das Wahre und Falsche ist dennoch unterschieden n. 7. 8. 9. 10. Ein anders ist wahr oder falsch seyn/ ein anders das Wahre oder Falsche erkennen. n. 11. 12. 13. Die Unwarheit ist gar nichts. n. 14. Viel vernuͤnfftige und sonst kluge Men- schen halten nichts fuͤr etwas n. 15. 16. Ein anders ist; begreiffen daß etwas falsch sey/ ein anders das Falsche begreiffen n. 17. 18. 19. Non entis nulla sunt prædicata n. 20. 21. Wer das Falsche erkennet/ erkennet darumb nicht eben das Wahre. n. 22. 23. 24. 25. Nothwendig- keit dieser Anmerckung n. 26. Das Falsche wird da- durch nicht erkennet/ wenn man die connexion eines Satzes mit dem primo principio nicht begreiffet n. 27. 28. 29. 30. Die demonstration einer Unwarheit soll zufoͤrderst dem irrenden geschehen n. 31. Vier Anmer- ckungen hieruͤber n. 32. 33. 34. 35. und derer Nutzen n. 36. Der und andern unstreitigen Unwarh. 1. D Er Warheit ist die Unwarheit entge- gen gesetzt/ oder das Falsche/ von dessen Eintheilung und Beschreibung wir allbe- reit oben in 5. Capitel geredet haben. 2. Das primum principium die unstreiti- gen Unwarheiten zuerkennen/ haben wir gleichfals in 6. Capitel n. 20. 26. und 100. mit gewiesen. 3. So ist demnach auch leichte zuermessen/ daß die andern unstreitigen Unwarheiten diejenigen seyn/ wenn ich gewiß versichert bin/ daß eine assertion an die ersten principia co- gnoscendarum veritatum nicht gehangen werden koͤnne/ sondern denenselben schnur- stracks zu wiedersey. 4. Und braucht also in ansehen meiner die Sache keines fernern Beweises/ wenn ich a- ber einen andern die falschen Meinungen/ die er heget/ zu erkennen geben will/ muß solches gleichfals vel per ostensionem geschehen/ vel per demonstrationem, daß die Sache ohnmoͤg- lich mit dem Ring ( B ) oder ( C ) verknuͤpfft werden koͤnne/ alles nach Anleitung des vor- hergehenden Capitels. 5. Die- Das 8. Hauptst. von denen ersten 5. Dieses ist also alles dasjenige/ was wir von denen ersten und andern Unwarheiten fuͤr Grund-Lehren zu geben haben/ denn wer die Warheit erkennet/ erkennet auch die Un- warheit/ oder das Falsche. 6. Aber deßwegen lasse dich nicht verdries- sen/ daß wir ein absonderlich Capitel von de- nen Unwarheiten gemacht haben/ denn wir wollen aus der bißherigen Lehre etliche noͤthi- ge Anmerckungen hieher setzen/ theils in dem/ was wir oben gesetzt haben/ uns desto mehr zu befestigen/ theils fuͤr gemeine Jrrthuͤmern uns desto eher zu huͤten. 7. Jch habe gesagt/ wer das Wahre erken- net/ erkennet auch das Falsche/ aber huͤte dich/ daß du nicht das Wahre und Falsche mit einander vermischest. Jch will dir ein E- xempel geben: wer den rechten einigen Weg zu einer Stadt erkennet/ der erkennet zugleich/ daß alle andere Wege Abwege seyn/ aber deß- wegen ist der rechte Weg und der Abweg nicht eins. 8. Ja sprichst du/ daß ist ja aber gleichwohl wahr/ daß das Falsche falsch ist/ und also ist doch etwas falsch und wahr zugleich. 9. Aber du irrest dich sehr/ denn es folget nur und andern unstreitigen Unwarh. nur daraus/ daß du eine wahre Erkaͤntnuͤß von eines andern seiner falschen Meinung hast/ nicht aber daß das Falsche wahr/ oder das Wahre falsch sey. 10. Die Erkaͤntnuͤß des rechten Weges versichert dich/ daß der Abweg ein Abweg sey/ ob ihn gleich der andere vor den rechten Weg ausgiebet/ alleine deß wegen ist der Abweg und der Weg nicht eins. 11. Zu mehrerer Erleuterung kanst du ei- nen Unterscheid machen unter wahr oder falsch seyn / und unter dem erkennen/ daß etwas wahr oder falsch sey: Es ist allezeit wahr/ daß eine circulatio sangvinis sey/ und das Gegemheil allezeit falsch/ ob gleich fuͤr einiger Zeit jenes fuͤr falsch und dieses fuͤr wahr gehal- ten worden. 12. Das wahr sein inferirt die habitu- dinem derer euserlichen Dinge und der Ge- dancken eines Menschen mit dem Verstande/ der allen Menschen gegeben ist. 13. Wenn nun diese habitudo von jed- weden in actum deduci ret wird/ so erkennet man auch das wahre. 14. Und also ist eigentlich die Warheit o- der Unwarheit eben so unterschieden/ als ens reale Das 8. Hauptst. von denen ersten reale atqve actuale, \& non ens. Denn die Warheit ist warhafftig etwas / und die Unwarheit ist gar nichts. 15. Ey sprichst du/ wie kan das seyn? Wenn die Unwarheit oder das Falsche gar nichts waͤ- re/ so wuͤrden ja so viel kluge Leute das Fal- sche nicht einen Augenblick fuͤr wahr halten koͤnnen/ und also waͤre mein Tage kein Jrr- thum in der Welt/ als unter unmuͤndigen Kindern oder offenbahren Narren. Denn wer wolte sich/ zum Exempel/ bereden/ daß er einen Menschen saͤhe/ wenn kein Mensch da waͤre/ oder hundert Thaler bekommen haͤtte/ wenn ihm der andere eine leere Hand gegeben. 16. Mein lieber Freund/ dieses ist alles gar wohl moͤglich. Denn ich will dir nicht zu Gemuͤthe fuͤhren/ daß man grosse Leute bere- den koͤnne/ daß ein Mensch gegenwaͤrtig sey/ ob sie gleich nichts sehen/ ja daß in gemeinen Leben die kluͤgsten Leute oͤffters eiteln Wind fuͤr baar Geld annehmen/ giebt es doch viel gelehrte Gecken/ die sich feste bereden/ sie haͤt- ten einen conceptum de nibilo oder non ente, und dieses waͤre wuͤrcklich in ihrer Vernunfft/ und nennen es deßwegen ens rationis im- possibile. 17. Denn und andern unstreitigen Unwarh. 17. Denn eben diese Leute confundi ren diese zwey phrases mit einander: begreiffen daß etwas falsch sey / und das Falsche be- greiffen. 18. Jenes ist nichts anders/ als begreiffen/ daß ein Subjectum und Prædicatum, die beyde unter die Entia gehoͤren/ sich nicht zu- sammen schicken/ und mit einander vereiniget werden koͤnnen/ als z. e. die proposition Holtz ist Eisen vel vice versa erkennet der Verstand/ daß sie falsch sey/ aber er hat deß- wegen keinen concept de non ente, weil so wohl Holtz und Eisen etwas ist. 19. Dieses aber heist zwey terminos, die sich nicht zusammen schicken als vereinigt be- greiffen wollen/ oder als wenn sie ein Subje- ctum oder prædicatum abgeben koͤnten/ als z. e. ein hoͤltzern Eisen / Homo irrationalis, \&c. 20. Aber dieser Fehler ist gar leichte zu e- viti ren/ wenn man nur bedencket/ was uͤberal gelehret wird: Non entis nulla sunt prædi- cata. Deme beygefuͤgt werden kan/ daß von allen dem/ was man gedencket/ etwas prædi- ci ret werden kan. 21. Will dich aber ein Sophiste mace- riren/ Das 8. Hauptst. von denen erstrn riren/ und viel Exempel geben/ daß man von einem non ente etwas prædici ren koͤnne/ so darffst du dir eben den Kopff nicht druͤber zu- brechen/ sondern du kanst mit weniger atten- tion befinden/ daß alles da hinaus laͤufft/ als wenn man in arithmeticis zu sagen pflegt/ 1. mahl 0. ist 0. oder 0. und 0. ist 0. 22. Aber wir muͤssen weiter gehen/ wenn ich gesagt habe/ daß wer das Wahre erkenne/ erkenne auch das Falsche/ so must du dich fer- ner huͤten/ daß du nicht schliessest/ derjenige/ der das Falsche erkennet/ wisse auch das Wahre. Denn es ist unter diesen beyden ein grosser Unterscheid. 23. Wenn ich den einigen rechten Weg weiß/ so weiß ich/ daß die andern alle Abwege seyn/ und wenn ihrer hundert waͤren; Aber wenn ich unter hundert Wegen gleich erken- ne/ daß ihrer 98. Abwege seyn/ so weiß ich deß- halben doch nicht/ welches unter denen uͤbri- gen zweyen der rechte Weg sey/ geschweige denn/ wenn ich unter denen hundert Wegen nur einen einigen Abweg erkennete. 24. Und also ist es auch mit der Warheit beschaffen/ als welche nur eine ist/ da hingegen tausend Unwarheiten sind. 25. Jch und andern unstreitigen Unwarh. 25. Jch geschweige/ daß ohne dem in den Schulen inculci ret wird/ daß man die pro- positiones universales affirmantes nicht simpliciter converti ren solle. 26. Doch darffst du diese Erinnerung nicht fuͤr vergebens halten/ denn es ist nichts ge- meiner / als daß Gelehrte in ihren Streit- Schrifften den Hauptschnitzer wieder die ge- dachte Regel de conversione fast taͤglich be- gehen/ und vermeinen ein grosses erjaget zu haben/ wenn sie nur erweisen/ daß ihr Ge- gner unrecht habe. 27. Jch habe hiernechst oben erwehnet/ daß in Erkaͤntnuͤß unstreitiger Unwarheiten/ ich gewiß versichert seyn muͤste/ daß diesel- bigen mit dem primo principio nicht uͤber- einkaͤmen. So muß ich nun ebenmaͤßig nicht also schliessen/ daß ich unstreitige Unwarhei- ten so dann alsbald erkennete/ wenn ich nicht gewiß versichert waͤre/ daß dieselbigen mit dem primo principio uͤbereinkaͤmen. Denn unter diesen beyden ist ein grosser Un- terscheid. 28. Z. e. ich weiß gewiß/ daß ein Loͤwe kein Mensch seyn koͤnne/ daß ein Triangel kein Viereck sey. Aber ich bin nicht gewiß versi- O chert Das 8. Hauptst. von denen ersten chert/ ob in denen Bestien ein intrinsecum movens sey oder nicht. 29. Und also erkenne ich/ daß es eine Un- warheit sey/ wenn jemand jenes bejahen wol- te/ aber von diesen kan ich keines fuͤr wahr oder falsch halten/ sondern fuͤr unbekant. 30. Ebenmaͤßig ist wohl wahr/ qvod o- mnis cognitio clara \& distincta sit vera, aber es ist falsch/ qvod omnis cognitio non clara \& non distincta sit falsa. 31. Endlich habe ich auch erwehnet/ daß die demonstratio falsitatis zufoͤrderst dem- jenigen geschehen solle/ der dieselbige heger. Woraus unterschiedene Anmerckungen zu- nehmen sind. 32. (1) Daß man die demonstrationes bey denen nicht von noͤthen hat/ die allbereit die Warheit erkennen. 33. (2) Daß in ansehen derer/ die die fun- damenta der Warheit gar nicht verstehen/ sondern nach denen præjudiciis urtheilen/ keine Falschheit demonstri ren koͤnne/ ehe man ihnen die fundamenta demonstrandi beyge- bracht habe. 34. (3) Daß sich keiner ruͤhmen koͤnne/ er habe den andern eine Unwarheit de- mon- und andern unstreitigen Unwarh. monstri ret/ wenn dieser solches nicht er- kenne. 35. (4) Daß wenn man deutlich erken- net/ daß dem andern an Erkaͤntnuͤß seines Jr- thums sein eigener Wille hindert/ man sich gar nicht weiter mit ihm einlassen solle. 36. Wie viel unnoͤthig Gezaͤncke wuͤrde nach bleiben/ wenn man wieder diese Anmer- ckungen nicht taͤglich anstiesse. Das 9. Hauptstuͤck. Von denen unerkanten Dingen. De incognito. Jnnhalt. Das unerkante n. 1. wird auff zweyerley Art genommen n. 2. I. in ansehen aller Menschen n. 3. bedeutet es Dinge/ n. 4. von welchen der Verstand nicht weiß/ ob sie wahr oder falsch sind. n. 5. weil er nicht weiß was sie seyn/ n. 6. und sind also mitten inne. n. 7. Hieher gehoͤret die natuͤrliche Wissenschafft von GOtt/ n. 8. 9. 10. 11. Solche Dinge sind Goͤttlich und uͤbernatuͤrlich/ n. 12. Noch unbekanter aber sind dem Menschlichen Ver- stande die Engel/ als von welchen er gar nicht weiß/ ob sie seyn/ n. 13. 14. 15. 16. 17. und kan also denenselben nicht einmahl einen Nahmen geben n. 18. noch præter- naturale à supernaturali unterscheiden n. 19. sondern uͤberlaͤst beydes dem uͤbernatuͤrlichen Licht n. 20. II. in ansehen etlicher Menschen n. 21. welches entweder O 2 an Das 9. Hauptstuͤck an sich selbst wahr oder falsch ist/ n. 22. 23. oder keines von beyden n. 24. aber es ist doch ein natuͤrlich Ding/ n. 25. Das uͤbernatuͤrliche und natuͤrliche Unerkandte ist zwischen dem Wahren und Falschen n. 26. aber je- nes in puncto und unbeweglich n. 27. Dieses in lati- tudine und beweglich n. 28. nehmlich entweder war- scheinlich oder unwarscheinlich n. 29. 1. W Jr haben bißher zum oͤfftern unerkan- ter oder unbekante Dinge erwehnet/ auch dieselben allbereit oben in 5. Capitel n. 38. seq. uͤberhaupt beschrieben und gezeiget/ aber es ist nun Zeit/ daß wir dieselben etwas genauer betrachten. 2. Das unerkante wird auff zweyerley Art genennet/ entweder in ansehen der ge- sambten Menschlichen Vernunfft/ oder in Betrachtung etlicher Menschen. 3. Jn der ersten Bedeutung begreifft es solche Dinge/ die alle vernuͤnfftige Menschen/ so ferne ihr Verstand als ein natuͤrlich Liecht betrachtet wird/ nicht wissen/ noch wissen koͤn- nen/ ob sie wahr oder falsch seyn. 4. Jch sage es waͤren Dinge / und also sind sie etwas. Denn wenn sie gar nichts waͤren/ so wuͤste der Mensch gewiß/ daß sie hauptsaͤch- lich von denen unerkanten Dingen. lich falsch waͤren/ weil das Falsch/ wie wir ge- sagt haben in der That nichts ist. 5. Und gleichwohl sage ich doch/ daß der Verstand nicht wissen koͤnne/ ob sie wahr oder falsch waͤren; Aber wie koͤmmt dieses mit dem vorhergehenden uͤberein. Weiß der Mensch gewiß/ daß sie etwas seyn/ so weiß er auch gewiß/ daß sie wahr seyn. 6. Alleine hierauff ist leichte zu antworten; Dieses weiß zwar der Menschliche Verstand wohl/ daß sie etwas seyn/ aber was sie seyn/ das kan er nicht wissen. 7. Drum ist zwischen dem wahren/ fal- schen / und den unerkanten Dingen ein sol- cher Unterscheid/ als zwischen dem nothwen- digen/ unmoͤglichen / und moͤglichen. Das ist/ sie sind gleichsam zwischen den Wahren und Falschen als zweyen einander hauptsaͤch- lich entgegen gesetzten mitten inne. 8. Daß solche unerkante Dinge wuͤrcklich sind/ oder daß es eine dergleichen Art giebet/ weiß der Menschliche Verstand gewiß. Denn er weiß ja/ daß ein GOtt ist/ nehmlich eine causa prima, von welcher alle Dinge/ die er vermittelst der Sinnen gewiß begreifft/ her- kommen/ und welche dieselbe stets waͤhrend er- O 3 haͤlt/ Das 9. Hauptstuͤck haͤlt/ wie zu seiner Zeit deutlich erklaͤhret wer- den soll. 9. Aber er erkennet auch zugleich/ daß die- ser concept von Gott nothwendig sehr con- fus und dunckel seyn muͤsse/ und mehr auff existentiam Dei, als auff dessen Wesen ziele. 10. Ja wenn er nur aus diesen confu- sen conceptu existentiæ den Unterschied zwischen seinen Verstand und dieser causa prima genau erweget/ so erkennet er zugleich/ daß es unmoͤglich sey das Wesen GOttes mit dem Verstande zu begreiffen/ und daß alles dasjenige/ wenn er seinen Verstand poussi ret/ daß er mehr Warheiten von Got- tes Wesen erforschen solle dahinaus lauffe/ daß er zwar unterschiedenes sagen kan/ was Gott nicht sey/ aber niemahls weiter/ was GOtt sey. 11. Mit einen Wort/ er siehet/ daß er durch alle dergleichen Redensarten keine einige Un- warheit erfunden/ sondern daß dieselbige nichts anders sind als Dinge/ die schon in den conceptu de existentia Dei stacken. 12. Dannenhero folget nun unstreitig/ daß der Menschliche Verstand die unbekanten Dinge von dieser Classe nicht deutlicher nen- nen von denen unerkanten Dingen. nen koͤnne/ als uͤbernatuͤrliche und Goͤttliche Dinge / gleichwie alles Falsche wieder na- tuͤrlich ist. 13. Alleine nechst dieser Art ist noch eine andere Art von Sachen/ die zwischen denen Goͤttlichen und Menschlichen gleichsam zwi- schen inne sind/ von denen die Vernunfft gar nichts weiß/ ob sie seyn oder was sie seyn/ son- dern was sie davon hat/ ist alles einer Offen- bahrung zuzuschreiben. 14. Diese nennen die Christen Engel/ die Heyden intelligentias, dæmones, faunos, Satyros \&c. 15. Und also sind diese gantz offenbahr von denen vorigen unterschieden/ daß die Ver- nunfft nicht einmahl von der existenz dieser Dinge etwas unstreitig wahres weiß/ oder wissen kan/ ob er gleich so viel gewiß ist/ daß ihre existenz moͤglich sey. 16. Denn ich moͤchte das Argument wohl hoͤren/ durch welches ein Mensch aus der blossen Vernunfft convinci ret werden te/ daß Engel waͤren/ wenn er sich nicht auff eine uͤbernatuͤrliche revelation oder Mensch- liche autori taͤt gruͤndet/ aber beydes von diesen macht keine philosophi sche unstreitige War- heit. O 4 17. Und Das 9. Hauptstuͤck 17. Und was die Heyden davon gewust haben/ haben sie alles aus einer uͤbernatuͤrli- chen Wissenschafft haben koͤnnen/ oder sie ha- ben sich Menschliche autori taͤt darzu bereden lassen. 18. So kan demnach die Vernunfft diesen Dingen nicht einmahl einen Nahmen geben/ weil sie gar nichts davon weiß. 19. Und ob schon etliche Gelehrte viel von den Unterscheid inter præternaturalia \& su- pernaturalia zusagen wissen/ so kan doch die Menschliche Vernunfft/ wenn sie sich selbst gelassen ist/ denselben nicht verstehen. 20. Sondern sie thut an besten/ daß sie alle diese Dinge dem uͤbernatuͤrlichē Licht uͤberlaͤst. 21. Was ferner die andere Bedeutun- gen unerkanter Dinge anlanget/ die etliche Menschen allein betreffen/ so ist kein Zweif- fel/ daß dieselbige anderen Menschen bekant/ das ist/ von ihnen fuͤr wahr oder falsch gehal- ten werden muͤssen. 22. Dieweil aber aus der Meinung etli- cher Menschen/ wie wir offters erwehnet/ das Wahre und Falsche selbst nicht zu urtheilen ist/ sondern nach dem Verstande aller Men- schen muß gemessen werden/ also ist auch dieses uner- von denen unerkanten Dingen. unerkanten zwar manchmahl/ aber nicht alle- zeit wahr oder falsch. 23. Wahr oder falsch ist es/ wenn es an- dern Menschen/ denen es zuvor unbekant ist/ kan wahr oder falsch zu seyn erwiesen werden/ und in diesen Gebrauch ist wegen der unvoll- kommenen Natur des Menschen alles Wah- re oder Falsche erstlich unerkant. 24. Es ist weder wahr noch falsch / wenn keiner dem andern solches nach Anleitung der obigen Regeln erweisen kan/ z. e. daß die Erde herum lauffe/ daß eins/ zwey/ drey oder vier Elemente seyn u. s. w. 25. Wir koͤnnen dieses zu desto bessern Un- terscheid des unbekanten aus der ersten Classe/ nehmlich des uͤbernatuͤrlichen/ ein natuͤrli- ches unerkantes nennen. 26. Beyde kommen darinnen uͤberein/ daß sie gleichsam mitten zwischen den Wah- ren und Falschen seyn. 27. Aber darinnen ist der Unterscheid / daß in uͤber natuͤrlichen Dingen der Verstand das unbekante gar nicht bewegen kan/ daß es dem Wahren oder Falschen naͤher trete/ und also bestehet es gleichsam in puncto, und ist unbeweglich. O 5 28. Aber Das 10. Hauptst. von wahrscheinl. 28. Aber das natuͤrliche Unbekante kan von dem Menschlichen Verstand beweget wer- den / daß es dem Wahren oder Falschen etwas naͤher komme/ und also hat es eine gar sensible latitudinem. 29. Koͤmmt es dem Wahren naͤher als dem Falschen/ so heist es wahrscheinlich / koͤm̃t es aber den Falschen naͤher/ so heist es unwar- scheinlich. Und diese Art verdienet eine viel genauere Betrachtung. Das 10. Hauptstuͤck. Von wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Dingen/ \& de locis Dialecticis. Jnnhalt. Das wahrscheinliche wird so weitlaͤufftig genommen/ daß es das Wahre und Falsche unter sich begreifft/ n. 1. 2. 3. Was sich nehmlich ein jeder wahr zu seyn einbildet n. 4. Mundus regitur opinionibus n. 5. dieses Wahrscheinli- che gehoͤret zu denen Jrthuͤmern n. 6. Und gehoͤret hieher nicht. n. 7. Die Lehꝛe von der Wahrscheinlig- keit mit dem Gleichnuͤsse von einer Wage erklaͤret n. 8. biß 15. Man muß sich wohl in acht nehmen/ daß man sich nicht einbilde/ unerforschliche Dinge deutlich zu begreiffen n. 16. oder offenbahrlich wahre fuͤr Unwar- scheinlich n. 17. oder sehr zweiffelhaffte fuͤr warschein- lich halte/ n. 18. Regeln von Erkaͤntnuͤß der Wahr- schein- und unwahrscheinlichen Dingen. scheinligkeit n. 19. Man muß zufoͤrderst sehen/ ob et- was wahr oder falsch sey n. 20. Zwey criteria der Wahr- scheinligkeit n. 21. das I. eines andern Erfahrung n. 22. der mich nicht betruͤgen will und sich nicht betrogen hat n. 23. Nachdem das Vertrauen oder die Furcht zu ihm groͤsser ist/ nachdem koͤmmt mir auch die Sache wahr- scheinlich fuͤr oder nicht n. 24. 25. Hierbey ist zumer- cken n. 26. daß Menschliche autori taͤt niemahls un- streitige Warheiten verursache n. 27. daß das Zeug- nuͤß der meisten oder gelehrtesten hier nicht in grosse consideration kommen koͤnne/ n. 28. biß 32. Alte und neue testimonia n. 33. 34. Die Autori taͤt eines Fuͤr- stens thut bey der Wahrscheinligkeit nicht viel n. 35. 36. 37. 38. aber die Erkantnuͤß der Menschen kan hier guten Nutzen schaffen/ n. 39. Die man in der Politic lernet n. 40. Einem Kuͤnstler soll man in seiner Kunst Glauben zustellen n. 41. 42. Einen sehenden Zeugen glaubt man mehr als einen hoͤrenden n. 43. oder der die Sache von andern gehoͤret hat. n. 44. Was viel Menschen/ die mit einander keine Abreden nehmen koͤnnen zugleich bezeugen/ ist sehr wahrscheinlich n. 45. 46. 47. Wo von alle Scribenten einer Zeit stille schwei- gen/ ist unwahrscheinlich. n. 48. 49. 50. II. Conceptus zufaͤlliger Dinge. n. 51. 52. die bey vielen anzutreffen seyn/ machen eine Wahrscheinligkeit n. 53. und sind der propositioni universali am naͤhesien n. 54. 55. bey we- nigen aber oder nur einen eine Unwahrscheinligkeit n. 56. 57. Ob es muͤglich sey/ daß ein Mensch ideas verè universales haben koͤnne/ n. 58. seq. Unterscheid zw@- schen denen ideis und conceptibus verosimilibus n. 59. biß 69. Anmerckung uͤber den Beweiß der conclusio- num in wahrscheinlichen Sachen n. 70. biß 74. Eine qvasi demonstration n. 75. Regel von gantz unerkan- ten Dingen n. 76. 77. Nichtigkeit der gemeinen Loco- rum Dialecticorum. n. 78. 79. 1. Das Das 10. Hauptst. von wahrscheinl. 1. D As Wahrscheinliche und Unwahr- scheinliche wird entweder von wahren oder falschen Sachen/ oder von solchen/ die Zwischen den Wahren und Falschen in Mit- t el sind/ gesagt. 2. Denn weil die Menschen sich nicht alle b efleißigen das Wahre von dem Wahrschein- lichen und Falschen zu unterscheiden/ kan es leichte geschehen/ daß man wahre Dinge nur fuͤr wahrscheinlich oder falsch/ Wahrscheinli- che fuͤr wahr oder falsch/ und falsch fuͤr wahr- scheinlich oder wahr haͤlt. 3. Z. e. wenn man seinen præceptoribus zugefallen glaubet/ daß die drey Winckel des Trinangels zwey gleiche Winckel austragen/ wenn man sich beredet/ der Mensch koͤnne nicht in sich selbst das groͤste Vergnuͤgen fin- den/ wenn man behauptet/ es sey unstreitig/ o- der es sey unmoͤglich/ daß die Erde sich bewege/ und die Sonne stille stehe/ wenn man glaubet daß die Bestien innerliche Sinne haͤtten/ wenn man sich beredet/ man muͤsse die Welt- weißheit und die heilige Schrifft unter ein- ander mischen. 4. Und und unwahrscheinlichen Dingen. 4. Und solcher Gestalt waͤre alles dasjeni- ge wahrscheinlich / was sich ein jeder Mensch/ der keine Grund-Regeln der Warheit weiß/ wahr oder falsch zu seyn einbildet/ es moͤge nun sonsten mit der gemeinen Vernunfft uͤber- einkommen oder nicht. 5. Von dieser Wahrscheinligkeit redet das gemeine Sprichwort: Mundus regitur opi- nionibus. 6. Aber diese gehet uns nichts an/ weil diese Meinungen nichts anders sind/ als Jrr- thuͤmer oder doch aus Jrrthuͤmern herge- leitet sind. 7. Wir aber wollen von wahrscheinlichen Dingen reden/ bey welchen der Mensche in sei- ner Meinung nicht irret/ sondern der Mensch- liche Verstand wohl erkennet/ daß es eine blosse Meinung sey/ die er zu keiner Ge- wißheit bringen koͤnne / und in dessen Anse- hen unerkant bleibe. 8. Jch habe diese Wahrscheinligkeit in vor- hergehenden Capitel mit einen beweglichen punct verglichen/ vielleicht kanst du dir solches deutlicher einbilden mit einem Zuͤngelgen in der Wage. 9. Jn Goͤttlichen Dingen soll der Mensch- liche Das 10. Hauptst. von wahrscheinl. liche Verstand unbeweglich seyn/ und weder zur rechten noch zur lincken weichen/ weil alle Bewegung/ die der Menschliche Verstand dißfals fuͤr sich und ohne dem uͤber natuͤrlichen Licht thut/ gefaͤhrlich ist. 10. Aber in natuͤrlichen unerkanten Din- gen soll er so viel als moͤglich/ sich bewegen nach Anleitung des Gewichts/ das ihm zum Er- kaͤntnuͤß des Wahren oder Falschen fuͤhret/ wie das Zuͤngelgen einer Wage in deren ei- ner Schale nur ein schwer Gewichte lieget / sich alsbald nur alleine auff dieselbige Seite richtet. 11. Es geschiehet aber oͤffters/ daß man in beyde Schalen ungleiche Gewichte leget/ und solcher Gestalt beweget sich das Zuͤnglein auff beyden Seiten/ biß es endlich auff der Seite/ allwo das schwerste Gewichte ist / zu ruhen pfleget/ aber doch lange so weit sich nicht uͤberleget/ als wenn auff derselben Seite das Gewichte nur allein gelegen waͤre. 12. Und wann gleiche Gewichte in beyde Schalen geleget werden/ so beweget sich das Zuͤnglein in auffziehen auf beyde Seiten/ biß es mitten inne stehen bleibet. 13. Und waͤre dannenhero eine absurde Wage/ und unwahrscheinlichen Dingen. Wage/ wenn das Zuͤnglein sich auff die ande- re Seite bewegte/ wo kein Gewichte laͤge/ oder auf der Seite stehen bliebe/ wo das leichteste laͤge/ oder nicht mitten innen stehen bliebe/ weñ die Gewichte gleich waͤren. 14. Also soll es auch mit dem Menschli- chen Verstand beschaffen seyn/ siehet er/ daß er in denen Sachen/ in welchen er die Erkaͤnt- nuͤß der Warheit suchet/ und doch zu keiner demonstration gelangen kan/ sondern auff beyden Theilen vernuͤnfftige Ursachen findet/ so muß er dieselbige wohl erwegen/ und nach Beschaffenheit der Uberwegung auff diesel- bige Seite inclini ren/ und dieselbe fuͤr wahr- scheinlich oder dem Wahren naͤher/ die wie- derwaͤrtige Meinung aber fuͤr unwahr- scheinlich oder den Falschen naͤher achten. 15. Siehet er aber/ daß sie gleich seyn/ so muß er dafuͤr halten/ daß die Sache weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich sey/ son- dern unerkant bleibe. 16. Erweget er aber dieses nicht wohl/ sondern uͤbereilet sich/ so kan es leichte gesche- hen/ daß er sich in Dingen/ die er fuͤr unerkant halten soll/ sich niemahls zur Ruhe begiebt/ son- dern dieselbe mehr und mehr auszuforschen sich Das 10. Hauptst. von warscheinl. sich angelegen seyn laͤst/ als z. e. die deutliche Erkaͤntnuͤß und production aller substan- tzen. 17. Oder etwas fuͤr unwahrscheinlich haͤlt/ das doch gantz offenbahr ist. Also wenn man jemand fragt: ob man gewiß beweisen koͤnne/ daß zwey oder mehr Menschen in der Welt waͤren/ deren einer præcisè so viel Haare hat als der andere? wird fast einjeder/ der die Sache nicht wohl uͤberleget/ heraus plumpen/ und sagen/ es sey ohnmoͤglich/ da er doch des Gegentheils gar leichte convincirt werden kan. 18. Oder aber etwas fuͤr wahrscheinlich haͤlt/ daß sehr grossen Zweiffel noch unter- worffen ist/ z. e. wenn man fraget: ob mehr Augen oder Haare in der Welt sind/ pflegt man gemeiniglich dieses zu behaupten/ weil z. e. ein Mensch oder Thier nur 2. Augen/ aber viel 100. oder 1000. Haare hat/ da doch ein grosser Zweiffel daran entstehet/ wenn man be- dencket/ wie viel millio nen Voͤgel/ Fische und andere Thiere in der Welt sind/ die keine Haa- re und doch Augen haben. 19. Damit man nun auch in Erkaͤntnuͤß des Wahrscheinlichen nicht anstosse/ ist noͤthig/ daß und unwahrscheinlichen Dingen. daß dißfals gleichmaͤßige Regeln gegeben werden/ wie in Erkaͤntnuͤß des unstreitig Wah- ren und Falschen. 20. Derowegen muß man zu foͤrderst in Betrachtung einer proposition bedacht seyn/ ob man dieselbige oder derselbigen con- tradictoriam entweder per modum osten- sionis oder demonstrationis obbeschriebe- ner massen behaupten koͤnne/ denn wenn die- ses angehet/ so wuͤrde man der Sachen zu we- nig thun/ wenn man sie fuͤr wahrscheinlich oder unwahrscheinlich halten wolte/ weil sie wahr oder falsch ist. 21. Will aber dieses nicht angeben/ sondern ich befinde/ daß die Sache nicht unmoͤglich sey/ so muß ich die criteria suchen/ die denen eige- nen sensionibus und ideis an naͤchsten kom̃en/ deren das eine sensio vel experientia aliena, das andere aber ein solcher eigener concept ist/ der nicht zur definition eines Dinges gehoͤ- ret/ gleichwohl aber bey etlichen individuis anzutreffen ist. 22. Ein Mensch kan ohnmoͤglich/ ich will nicht sagen alle individua, sondern nur alle Arten der substan tzen zu denen Sinnligkei- ten hringen/ und wenn er tausend Jahr lebte/ P aber Das 10. Hauptst. von wahrscheinl. aber was dem einem Menschen an Gelegen- heit abgehet/ das kan ein anderer/ und dessen Mangel wieder ein anderer in etwas ersetzen/ und weil der Verstand des Menschen seinem Wesen nach bey einem ist/ wie bey dem andern/ so ist kein Zweiffel nicht/ daß dasjenige/ was ein anderer durch die experienz nach de- nen Grund-Regeln erkennet hat/ eben so wahr sey/ als wenn ich es selbst erfahren haͤtte. 23. Aber daran stoͤst sich es gar sehr/ daß ich versichert werde/ ob denn der andere auch die Sache so gruͤndlich erfahren habe/ als er vorgiebet. Denn es kan gar leichte seyn/ daß mich derselbe mit seinen Worten betruͤ- gen will/ oder daß er sich selbsten aus Unacht- samkeit betrogen hat. 24. Und also erkenne ich wohl so viel/ daß dasjenige/ was der andere vorgiebet/ wahr seyn koͤnte/ aber ich habe auch zugleich Ursach mich zu befahren/ daß es koͤñe nicht war seyn. 25. Nachdem nun das Vertrauen oder die Furcht staͤrcker ist/ nachdem ist die Sache auch warscheinlich oder unwahrscheinlich. 26. Alleine ich spuͤre wohl/ daß du gerne wissen woltest/ nach was fuͤr einer Richtschnur du und unwahrscheinlichen Dingen. du dieses Vertrauen und Furcht abmessen soltest/ damit du nicht das wahrscheinliche und unwahrscheinliche mit einander vermischetest. 27. Fuͤr allen Dingen must du feste setzen/ daß alles von Menschlicher autori taͤt her- ruͤhret/ dessen innerliche Versicherung du nicht empfindest kanst/ niemahlen eine unstreitige Warheit zu wege bringen koͤnne/ und wenn gleich die gantze Welt dich dessen bereden wolte. 28. Hiernechst aber must du auch dieses nicht einmahl ohne Unterscheid fuͤr warschein- lich halten/ was von denen meisten oder de- nen weisesten/ kluͤgesten/ und gelehrtesten fuͤr wahr ausgegeben wird/ und das fuͤr un- wahrscheinlich/ was die wenigsten/ oder ge- meine Leute fuͤr wahr ausgeben wird. 29. Denn zu geschweigen/ daß ohne dem allezeit die meisten nicht die weisesten seyn/ so sind fast mehr oder doch ja nicht weniger all- gemeine Jrrthuͤmer/ als absonderliche. 30. Die weisesten und gelehrtesten aber sind gar schwerlich zuerkennen/ wenn ich nicht selbsten in einen grossen Grad schon weise bin. 31. Zugeschweigen/ daß zu Erweckung ei- ner Wahrscheinligkeit bey mir bey dem ande- ren/ dessen Zeugnuͤß ich Glauben zustellen soll/ P 2 mehr Das 10. Hauptst. von warscheinl. mehr Fleiß und Warhafftigkeit/ als Gelahr- heit und Weißheit erfordert wird. 32. Massen denn/ wie erwehnet/ anderer Leute Zeugnuͤß ich in rebus Experientiæ \& sensionibus subjectis mich zur Wahr- scheinligkeit bedienen soll/ nicht aber in Er- weckung derer idearum von denen Dingen/ die ich per Experientiam gepruͤffet habe/ oder fuͤglich pruͤffen kan. 33. So thut auch das Alterthum der Zeu- gen/ oder die Neuligkeit derselben/ oder die continuation derer Zeugnuͤsse nichts zur Sa- che/ denn viel grobe Jrrthuͤmer haben lange gedauret/ und die alten Zeugen sind vor diesen neu gewesen/ gleich wie die neuen auch alt wer- den koͤnnen. 34. Jedoch ist das nicht zu leugnen/ daß/ weil allhier von denen Sensionibus die Fra- ge ist denen alten autoribus von denen Din- gen/ die zu ihrer Zeit gewesen mehr Glau- ben beygemessen wird/ denen neuen aber von denen heutigen. 35. Woltest du nun gleich von dem Stand der Menschen hier eine Norm nehmen/ und unter Fuͤrsten und Unterthanen/ oder ein gemeines und privat Zeugnuͤß einen Un- terscheid und unwahrscheinlichen Dingen. terscheid machen/ so schickt sich doch auch dieses sehr uͤbel fuͤr die Vernunfft-Lehre. 36. Denn es koͤnnen auch Fuͤrsten sich selbst und andere betruͤgen/ und gleichwie die ar- chiva einander oͤffters zu wieder sind/ also schi- cken sie sich zur Richtschnur der Wahrschein- ligkeit und Unwahrscheinligkeit hier gar nicht. 37. Jch weiß ja wohl/ daß die archive voͤl- lig beweises/ die Gesetze der Richtschnur der Unterthanen seyn/ in zweyer oder dreyer Zeugen Munde die Warheit bestehe/ u. s. w. 38. Aber ich weiß auch/ daß die Gesetze nicht die Richtschnur des Verstandes/ sondern des Willens sind/ und daß ein grosser Unter- scheid inter verosimile Logicum \& Politicum, oder deutlicher zureden/ unter wahrscheinlich seyn/ und fuͤr wahrscheinlich muͤssen gehal- ten werden/ muͤsse gemacht werden. 39. Und also wird man hierinnen das mei- ste eines jeden seiner Klugheit anheim stellen muͤssen/ die aus Erkaͤntnuͤß anderer Men- schen entstehet/ denn daraus kan er leichte ab- nehmen/ ob von denen testantibus, es moͤgen nun derer wenig oder viel seyn/ das Vermoͤ- gen und Willen wahr zu sagen starck oder we- nig zu præsumi ren seyn. P 3 40. A- Das 10. Hauptst. von warscheinl. 40. Aber dieses lernet man in der Politic und practici rung der Welt/ auch durch lange conversation. 41. Gleichwohl aber pfleget man insge- mein die præsumtion von dem Vermoͤgen daher zunehmen/ wenn einer in einer gewissen Sache erfahren und beruffen ist/ von dem Willen aber/ wenn er kein interesse dabey hat. Und scheinet die bekante Regel hierauff ihr Absehen gerichtet zu haben/ daß man ei- nem Kuͤnstler (das ist einen/ der in waßerley W i ssenschafft es wolle/ geuͤbt ist) in seiner Kunst Glauben zustellen muͤsse. 42. Wiewohl auch diese Regel vielen Ab- faͤllen unterworffen ist/ indem nicht allein zum oͤfftern die Kuͤnstler interressirt seyn/ sondern auch heut zu Tage ein jeder Schlingel den Titel eines Kuͤnstlers sich gar leichte zu wege bringen kan. 43. Sonsten ist wohl kein Zweiffel/ daß man auch bey Erwegung der experien tz an- derer Leute betrachten muß/ ob sie auch alle zu einer Sache gehoͤrige Sinne oder doch die noͤthigsten adhibi ret/ und hierauff zielet die gemeine Regel/ daß man einen sehenden Zeugen mehr Glauben zustelle/ als einen hoͤren- und unwahrscheinlichen Dingen. hoͤrenden (nehmlich in Sachen/ die mehr durch das Gesicht als das Gehoͤr erkant werden.) 44. Oder wenn man per testem auri- tum den verstehet/ der de auditu alieno depo- nirt, so ist kein Zweiffel/ daß auch die staͤrckste Wahrscheinligkeit alleit sich immer mehr und mehr verliere/ je durch mehr Mittels-Perso- nen das testimonium experientiæ auf mich gebracht worden. 45. Damit aber gleichwohl zum wenigsten eine gute Regel von der aus Menschlichen Zeugnuͤß herruͤhrenden Wahrscheinligkeit an die Hand gegeben werde/ so scheinet diese gantz offenbahr zu seyn: Wenn zwey oder drey Menschen von einer Sache/ die unmittel- bar ab experientia dependirt, zu gleicher Zeit ein Zeugnuͤß ablegen/ und zu erwei- sen ist/ daß sie miteinander keine Abrede nehmen koͤnnen/ so ist die Sache in dem hoͤchsten Grad warscheinlich/ und der War- heit am naͤhesten. 46. Denn die Warheit ist nur eine/ die Luͤgen aber vielfaͤltig/ und ist dannenhero fast nicht moͤglich/ daß zwey oder drey Leute uͤber- einstimmen/ und doch luͤgen solten. P 4 47. De- Das 10. Hauptst. von warscheinl. 47. Derowegen auch/ je mehr Leute ein dergleichen Zeugnuͤß ablegen/ je warschein- licher wird es. 48. Diesem ist ein anderer Grundsatz von dem unwahrscheinlichen entgegen gesetzt. Worvon alle Scriben ten einer Zeit da et- was merckwuͤrdiges gewesen oder fuͤr- gangen seyn soll/ stillschweigen/ das wird fuͤr sehr unwarscheinlich gehalten. 49. Und solchergestalt ist es falsch/ daß man kein argumentum negativum ab auto- toritate humana hernehmen koͤnne. 50. Gleichwohl ist nicht zu leugnen/ daß diese Regel nicht in einen so grossen Grad schliesse als die vorige. 51. Aber wir muͤssen nun auch das andere criterium der Wahrscheinligkeit beleuchten/ dieses habe ich einen eigenen concept genen- net/ der nicht von allen/ aber doch von etlichen individuis hergenommen wird/ es sey nun von vielen oder von wenigen. 52. Dieser concept ist nicht anders als conceptus accidentium, die der essen tz entge- gen gesetzt seyn. Denn weil derer etliche so beschaffen sind/ daß sie bey vielen individuis, die unter einer idee begriffen/ sind angetrof- fen und unwahrscheinlichen Dingen. fen werden/ so wird in Zweiffel geschlossen/ daß sie auch bey denen andern sich befinden lassen/ biß man das Gegentheil behauptet. 53. Und also entstehet daraus eine War- scheinligkeit/ weil es sehr wahrscheinlich ist/ daß ein individuum eine soche Natur habe als viel andere/ aber es ist doch nicht unstreitig wahr/ weil mich mein concept zugleich ver- sichert/ daß die Sache von der die Rede ist/ ohne Verletzung des Wesens doch sich anders verhalten koͤnne 54. Denn es ist kein Zweiffel/ daß die pro- position, die mehrentheils eintrifft der pro- positioni universali, die nichts anders als ei- ne idee ist/ zwar am nechsten komme/ aber gleichwohl bleibt sie particularis, wenn man nur eine instan tz darauff geben kan. 55. Also wuͤrde in Zweiffel davor gehal- ten/ daß alle Raben schwartz sind/ daß alle Menschen zwey Fuͤsse haben u. s. w. 56. Jemehr nun individua seyn/ bey denen der concept verificirt werden kan/ je wahrscheinlicher ist derselbe/ und je we- niger dieselben seyn/ je unwahrscheinlicher laͤst sich derselbe bey andern præsumi ren. 57. Am unwahrscheinlichsten ists/ wenn P 5 man Das 10. Hauptst. von warscheinl. man von einem einigen individuo auff an- dere schliesset/ weil 1. der 0. oder nichts am nechsten ist/ und oben haben wir gesagt/ daß das Falsche nichts sey. 58. Aber hier wirffst du ein: Wie soll ich denn ideas oder abstractiones universa- liter veras, von denen abstractionibus ve- rosimilibus entscheiden? Alle propositio- nes universales werden von den individuis abstrahirt, und gleichsam in inductionem resolvirt. Nun hast du aber oben selbst ge- sagt/ daß ein Mensch ohnmoͤglich alle indi- vidua zu denen Sinnligkeiten bringen koͤn- ne/ und also wird kein Mensch veras ideas besitzen/ sondern lauter propositiones vero- similes. 59. Dieser Einwurff ist nicht zu verach- ten/ denn er ist sehr wahrscheinlich/ aber er ist doch nicht unstreitig wahr/ weil dich dein eigen Gewissen eines andern uͤberzeigen soll. Jsts nicht wahr? du hast alsbald in deiner zarten Jugend dir ein gewissen concept, von einem Menschen/ von einem Hunde/ Katze \&c. von dem Klange/ von der Farbe/ von Rosen-Ge- ruch u. s. w. gemacht/ ob du gleich sehr wenig individua, von einem jeden vermittelst der Sin- und unwahrscheinlichen Dingen. Sinnen betrachtet/ denn du hast vermoͤge die- ses concepts alle neuen individua alsbald dahin zu ordini ren gewust/ daß nehmlich die- ses ein Mensch/ jenes ein Hund/ Katze/ Klang/ Farbe/ Rosen-Geruch u. s. w. sey. 60. Wenn du aber z. e. einen Soldaten ge- sehen/ denn die Beine weggeschossen gewe- sen/ hast du alsobald geurtheilet/ daß dieses ein Mensch sey/ dem die Beine mangeln: und wenn man dir einen weissen Raben zeigen wuͤrde/ wuͤrdest du nach genauer Betrachtung selbst sagen/ daß es ein weisser Rabe sey. 61. Du wuͤrdest aber nimmermehr ein Kalb/ das reden konte/ oder eine menschliche Mißgeburt/ die keinen Kopff haͤtte/ oder die keine Augen und Ohren haͤtte/ fuͤr einen Menschen halten. 62. Und also siehest du selbsten/ daß du von dir selbst und deiner innerlichen Vergewisse- rung den Unterscheid zwischen denen ideis und conceptibus verosimilibus hernehmen must. 63. So kan es nun nicht fehlen/ dn must auch die Beantwortung auff deine obje- ction deutlich begreiffen koͤnnen. 64. Die idee wird von etlichen wenigen individuis nur geruͤhret/ und nicht erst per in- Das 10. Hauptst. von warscheinl. inductionem formi ret/ sondern sie ist dem Vermoͤgen nach alsobald in der Seele/ und wird durch die Sensionem gleichsam nur auf- geweckt. 65. Der conceptus verosimilis aber wird durch eine induction ex multis individuis wuͤrcklich formiret, und entstehet ex pluri- bus sensionibus, wannenhero er auch ohne eine gute oder lange Erfahrung nicht seyn kan. 66. Die idee wird bey einem andern per inductionem veram nicht erwecket/ sondern bekraͤfftiget/ und dargethan/ daß alle andere Menschen solche ideas haben/ wie er/ und ist hier die bekante Formul: nec potest dari dis- simile exemplum, unstreitig wahr. 67. Aber der conceptus verosimilis wird durch eine induction dem andern nicht so wol erwiesen/ als durch die induction versucht/ ob er dawieder etwas zusagen habe/ wannen- hero die Formul: nec potest \&c. allezeit cum metu contrarii vorgebracht/ und der andere angehoͤret werden muß/ ob er ein dissimile exemplum zusagen habe. 68. Und also dienet die experientia alio- rum niemahlen dazu/ daß eine idee in dem an- dern destrui ret werde/ aber in rebus vero- simili- und unwarscheinlichen Dingen. similibus, dient sie manchmahl die verosimi- litudinem zu vergroͤsser/ manchmahl zu ver- ringern. 69. Woltest du dir die Sache durch ein Gleichnuͤß deutlicher imprimi ren/ und hast etwas weniges in der Geometrie gethan/ so wirst du dich entsinnen/ was fuͤr ein grosser Unterscheid darunter sey/ wenn man eine Sa- che mechanicè darthut/ oder sie Geometricè demonstriret. Denn jenes geschiehet ex ve- rosimilibus, dieses ex ideis. 70. Dieses sind also die ersten Grund- Regeln in doctrina de verosimili: Mit de- nen conclusionibus aber/ so daraus herge- leitet werden/ hat es eben die Bewandnuͤß und fast einerley observationes, wie wir in dem 7. Capitel von der demonstration erinnert haben/ weßhalb wir uns auch hierbey nicht auffhalten wollen. 71. Nur wollen wir dieses wenige anmer- cken/ daß aller Beweiß nur wahrscheinlich sey/ wenn der Grund desselben in Experien- tia aliorum, oder conceptu ex inductione orto fundi rt ist/ obgleich die Verknuͤpffung der erwiesenen conclusion mit diesen Grun- de durch lauter propositiones universales gesche- Das 10. Hauptst. von warscheinl. geschehen/ die aus denen conceptibus vero- similibus entstanden. Denn die conceptus verosimiles koͤnnen so feste mit einander verknuͤpfft werden/ als die warhafftigen ideen. 72. Jedoch geschiehet solches nicht alle- mahl/ sondern es gruͤnden sich zum oͤfftern die propositiones intermediæ, aus denen eine con- clusion hergeleitet wird/ auch nur in expe- rientia aliorum, oder einer qvasi indu- ction. 73. Je mehr nun dergleichen proposi- tiones intermediæ sind/ je lockerer ist die conclusion mit dem Grunde der verosimi- litudinum verknuͤpfft/ und je mehr partici- pirt ein solcher Beweiß von der Natur einer blossen Wahrscheinligkeit/ oder je weiter ent- fernet er sich von denen unstreitigen Wahr- heiten. 74. Und also ist ein wahrscheinlicher Be- weiß/ wie er n. 71. beschrieben worden/ der de- monstration am allernaͤhesten/ weßwegen er auch von etlichen zur demonstration mit gerechnet wird. 75. Wir wollen uns deßhalben mit nie- mand in einen Wort-Streit einlassen/ sondern es und unwahrscheinlichen Dingen. es gilt uns einerley/ wenn man dergleichen Beweiß demonstrationem secundariam, qvasi demonstrationem, oder demonstrationem by- potheticam nennen wolte. 76. Endlich wenn der Menschliche Ver- stand erkennet/ daß in der Natur etwas sey/ dessen deutlichen concept, was es sey/ oder woher es entstehe/ er weder mit seinen eige- nen noch anderen Leuten Sinnligkeiten/ noch vermoͤge derer warhafftigen oder qvasi ideen erreichen kan/ muß er es weder vor warschein- lich noch unwarscheinlich halten/ sondern sei- nen Verstand mitten inne stehen/ und dabey als unerkanten Dingen ruhen lassen. 77. Zum Exempel das Wesen einer sub- stan tz/ die Darthuung des Wesens der Ele- mente/ u. s. w. 78. Und dieses wenige halten wir dafuͤr in der Lehre von der Wahrscheinligkeit merck- wuͤrdig zu seyn/ obschon insgemein die alten und neuen Philosophi viel Wesens von de- nen Locis Topicis oder Dialecticis machen/ und die Lernende mit vielen Regeln und maxi- men uͤberhaͤuffen. 79. Aber gleichwie ich schon anderswo ge- wiesen/ daß unter denenselben regulæ de- mon- Das 11. H. von denen unterschied. monstrandi und regulæ dialecticæ wie Kraut und Ruͤben untereinander geworffen sind/ also hat auch allbereit Clauberg in sei- ner Logic die Wichtigkeit dieser Locorum kurtz und gut geruͤhret. Das 11 Hauptstuͤck. Von denen unterschiedenen Classen der Dinge/ aus welcher von der Erkaͤntnuͤß unstreitiger oder wahr- scheinlicher Warheiten zu urtheilen ist. De objecto demonstrationis \& probabilitatis. Jnnhalt. Connexion n. 1. 2. Die Oinge/ von denen ein Mensch eine wahre Erkaͤntnuͤß verlangt sind I. ausser ihm n. 3. Die- se sind theils gegenwaͤrtig/ theils vergangen/ theils zu- kuͤnfftig n. 4. Die gegenwaͤrtigen werden entweder den vergaugenen und znkuͤnfftigen oder den abwesenden entgegen gesetzt n. 5. von abwesenden Dingen ist die Erkaͤntnuͤß nur wahrscheinlich oder doch dunckel und confus n. 6. biß II. Von gegenwaͤrtigen und nahen entsiehet eine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß. n. 12. wenn dieselben dauerhafft seyn/ denn sonst ist die Er- kaͤutnuͤß nicht deutlich n. 13. biß 17. ingleichen wenn sie enserlich oder zur Euserligkeit gebracht worden sind n. 18. Vergangene und zukuͤnfftige Dinge werden nur wayrschelnlich oder dunckel und confus erkennet/ n. 19. 20. 21. 22. und derselben Erkaͤntnuͤß nach der Erkaͤntnuͤß gegen- Classen wahrer u. warscheinl. Dinge. gegenwaͤrtiger Dinge gerichtet/ n. 21. Von der substan tz hat der Menschliche Verstand zwar eine gewisse/ aber keine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß. n. 24. biß 28. Un- ter denen accidentibus n. 29. begreifft er die Coͤrper- ligkeit mit einer klaren und deutlichen Erkaͤntnuͤß/ n. 30. biß 33. Die Bewegung aber begreifft er wohl klar aber nicht allemahl deutlich. n. 34. biß 37. Zanck unter denen Philosophen de definitione motus n. 38. die ac- cidentia und nicht die substan tzen koͤnnen demonstri ret und ad ostensionem gebracht werden/ n. 39. 40. Die Lehren de motu koͤnnen nicht allemahl demonstriret werden/ n. 41. weßwegen die Lehren de eorporeitate fuͤr jenen einen Vortheil haben n. 42. Demonstratio- nes qvantitatum actionum \& passionum n. 43. Wie es mit Erkaͤntnuͤß der qvalitatum n. 44. biß 47. Was der Mensch fuͤr eine Erkaͤntnuͤß von denen 4. causis ha- be/ n. 48. von der Materte/ n. 49. von der Form/ n. 50. von der causa efficiente n. 51. biß 54. von dem Fine, n. 56. und denen Wtrckungen der substan tzen n. 57. 58. 59. Von der substantia spirituali weiß die Menschliche Vernunfft nichts n. 60. 61. 62. Von denen Elementis und deren numero 63. so wohl auch von denen meteo- ris hat sie eine wahrscheinliche und dunckele Erkaͤntnuͤß n. 64. Unterscheid zwischen der Erkaͤntnuͤß der erdenen Coͤrper/ n. 65. 66. der waͤsserigten n. 67. 78. des Feuers n. 69. der Lufft n. 70. der himmlischen Coͤrper n. 71. Unnoͤthiger Zanck der Philosophen hieruͤber/ n. 72. Wahrscheinligkeit/ daß die Steine und Metallen so wohl leben als die Pflantzen/ n. 73. Ungewisse Er- kaͤntnuͤß von dem Wesen der Steine/ Pflantzen n. 74. und Bestien n. 75. II Der Mensch selbst hiervon hat er die allergewissesten und meisten Warheiten n. 76. Er kan vermittelst der wenigen Erkaͤntnuͤß enserlicher Dinge unzehliche Warheiten erfinden/ n. 77. 78. und dadurch Entia artificialia zu wege bringen n. 79. Nu- tzen der entium fictorum in Erforschung der Warheit Q n. 80 Das 11. H. von denen unterschied. n. 80. Er hat von seinen Wesen mehr Erkaͤntnuͤß als von dem Wesen anderer Dinge n. 81. 82. hierdurch er- kennet er seinen Endzweck/ n. 83. dessen Richtschnur/ n. 84. und seine Gluͤckseeligkeit/ n. 85. Er weiß seine ei- gene Gedancken besser als ein anderer. n. 86. Er erken- net des andern seine Gedancken n. 87. Er kennet ei- nen andern besser als dieser sich selbst/ n. 88. zu Befoͤr- derung Menschlicher Gluͤckseeligkeit. n. 89. I. N Achdem wir also das Wahre/ Falsche/ Unerkante/ und Wahrscheinliche be- trachtet/ gleichwohlaber oben Erwehnung ge- than/ daß die Vernunfft-Lehre ein Grund aller natuͤrlicher Wissenschafften seyn solle/ wird es nicht undienlich seyn/ etwas genauer zu beleuchten/ in was fuͤr Dingen denn ein Mensch nach der blossen Vernunfft zu unstrei- tigen Warheiten gelangen koͤnne/ und worin- nen er sich nur mit blossen Wahrscheinligkei- ten muͤsse begnuͤgen lassen. 2. Hierbey aber wird es keiner grossen sub- tili taͤt gebrauchen/ sondern es wird nur von noͤthen seyn/ daß wir die Lehre des fuͤnfften und der folgenden Capitel gegen das dritte und vierte halten. 3. Nehmlich alles/ worinnen ein Mensch die Erkaͤntnuͤß der Warheit sucht/ das ist ent- weder Classen warer u. warscheinl. Dinge weder ein Wesen/ das ausser ihm seine Selb- staͤndigkeit hat/ oder er ist es selbst. 4. Bey euserlichen substan tzen muß er zu- foͤrderst beobachten/ daß dieselben entweder gegenwaͤrtig oder vergangen/ oder zu- kuͤnfftig sind. 5. Aller Anfang unserer Erkaͤntnuͤß ge- schiehet durch gegenwaͤrtige Dinge/ ja sie wird auch durch dieselbigen taͤglich erhalten/ aber sie werden auff zweyerley Art genom̃en/ (1.) in weitlaͤufftigen Gebrauch/ so ferne die- selbigen itzo etwas sind/ ob der Mensch gleich von denenselben en fernet ist/ und also begreif- fen sie auch abwesende Dinge unter sich (2.) in engern Verstande/ so ferne sie itzo etwas und dem Menschen nahe sind/ und werden solchergestalt den abwesenden entgegen gesetzt 6. Von abwesenden Dingen koͤnnen wir niemahlen unstreitige Warheiten vermittels einer klaren und deutlichen Erkaͤntnuͤß be- greiffen/ sondern alles/ was wir davon bejahen/ ist entweder nur wahrscheinlich oder doch sehr dunckel und confus. 7. Denn wir koͤnnen vermittelst der Sin- ne dieselbigen nicht begreiffen/ weil alle Sinn- ligkeiten eine Gegenwart erfordern/ und also Q 2 koͤnnen Das 11. Hst. von denen unterschied. koͤnnen wir auch von ihren Wesen uns keine ideas machen/ weil die ideæ de rerum essen- tiis allezeit per sensiones geruͤhret werden muͤssen. 8. Derowegen laͤufft aller Ursprung der natuͤrlichen Erkaͤntnuͤß/ die wir von dem We- sen solcher Sachen haben/ auff das Zeugnuͤß anderer Menschen hinaus/ welches nichts mehr als eine Wahrscheinligkeit wuͤrcken kan. 9. Zwar ist es nicht zu leugnen/ daß man zuweilen per ratiocinationem von etlichen Dingen/ die denen Sinnligkeiten nicht unter- worffen sind/ eine unstreitige Warheit erhalten koͤnne/ aber sie ist doch zum wenisten sehr dun- ckel und confus, oder sie gehet nicht so wohl auf das Wesen solcher Dinge/ sondern auff ihre blosse existen tz. 10. Wir haben hiervon in dem 9. Capitel allbereit die natuͤrliche Erkaͤntnuͤß Gottes zum Exempel dargestellet. Aber wir koͤnnen auch derer vielfaͤltige aus denen natuͤrlichen Dingen herfuͤrsuchen. 11. Zum Exempel wenn ein Stein durch das Fenster in die Stube faͤllet/ so erkenne ich gewiß/ daß der Stein nicht von sich selbst her- ein gefallen/ aber ich weiß darum nicht was das etwas Classen warer u. warscheinl. Dinge. etwas sey/ dadurch die Bewegung des Stei- nes hergeruͤhret/ geschweige denn/ daß ich eine klare oder recht deutliche Erkaͤntnuͤß von dem Wesen desselbigen haben solte. 12. So muß demnach eine Sache/ von der ich mir eine gewisse klare und deutliche Er- kaͤntnuͤß machen soll/ gegenwaͤrtig und nahe seyn/ und je naͤher sie ist/ je vollkommener kan auch die Menschliche Erkaͤntnuͤß werden. Je- doch muß dasjenige allhier wiederholet wer- det/ was wir im 6. Capitel n. 51. seqq. erin- nert haben. 13. Jedoch muͤssen wir auch der Dauer- hafftigkeit gegenwaͤrtiger Dinge nicht ver- gessen. Denn dieselbige ist entweder kurtz und augenblicklich/ oder dauret einige gerau- me Zeit. 14. Zu einer klaren Erkaͤntnuͤß ist jene zwar genung/ aber nicht zu einer deutlichen/ sondern diese erfordert eine gar merckliche und langwierige Dauerung. 15. Also erkennest du wohl gewiß und klaͤr- lich den Blitz/ und das Gemaͤhlde/ daß dir ei- ner einen kleinen Augenblick zeiget/ aber du hast keine deutliche Erkaͤntnuͤß davon. 16. Denn dein Verstand begreifft in einen Q 3 Augen- Das 11. H. von denen unterschied. Augenblick/ daß ein gegenwaͤrtig Ding etwas oder ein gantzes sey/ aber durch die Betrach- tung der Theile desselben zu einer deutlichen Erkaͤntnuͤß zugelangen/ dazu gehoͤret eine gute Zeit. 17. Je dauerhaffter also die Gegenwaͤr- tigkeit eines Dinges ist/ je deutlicher kan die Erkaͤntnuͤß desselben werden/ und je geschwin- der dieselbe vergehet/ je confuser ist auch die- selbe. 18. Mit der Gegenwart der Dinge hat die Euserligkeit derselbigen eine ziemliche Ver- wandnuͤß/ weil dieselbige an klaͤresten erken- net wird/ auch das innerliche nicht eher klar und deutlich begriffen werden kan/ wenn es nicht zu einer Euserligkeit gebracht wird/ son- dern anderer Gestalt allezeit nur warschein- lich oder confus und dunckel erkennet wird/ und also eben so viel ist/ als wenn es abwesend waͤre. 19. Was wir bißher von Erkaͤntnuͤß der abwesenden Dinge erinnert haben/ das muß noch mehr bey denen vergangenen und zu- kuͤnfftigen verstanden werden/ denn diese sind mehr als abwesend. 20. Derowegen koͤnnen vergangene und zukuͤnff- Classen waren u. warscheinl. Dinge. zukuͤnfftige Dinge nur warscheinlich oder doch nur mit einer confusen und dunckelen Erkaͤntnuͤß qvoad existentiam begriffen werden. 21. Dann was der Mensch von den We- sen des vergangenen gewiß und deutlich ver- stehet/ das ist nicht anders als eine Erinne- rung solcher Dinge/ die er zuvorher als gegen- waͤrtig allbereit begriffen. 21. Dieweil auch zukuͤnfftige Dinge nie- mahls gegenwaͤrtig gewesen seyn/ und der Mensch sich solchergestallt derselbigen nicht er- innern kan/ so hat er auch von denenselben nie- mahlen natuͤrlicher Weise eine gewisse Er- kaͤntnuͤß. 23. Und muß also auch in Erwegung der warscheinlichen Dinge das Vergangene und Zukuͤnfftige nach dem Gegenwaͤrtigen ge- richtet werden/ daß man jenes fuͤr wahrschein- lich haͤlt/ wann es mit diesen uͤbereinkom̃t/ und unwahrscheinlich/ wenn es diesen zu wieder ist. 24. Aber nunmehro muͤssen wir erwegen/ wie weit die Menschliche Erkaͤntnuͤß an de- nen gegenwaͤrtigen Dingen sich ereigene. Der Mensch erkennet wohl/ und weiß gewiß/ daß das gegenwaͤrtige Ding etwas sey/ ja er Q 4 erken- Das 11. H. von denen unterschied. erkennet auch/ daß es dem Wesen nach eine substan tz sey/ alleine er hat keine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß von keiner substan tz. 25. Er weiß wohl/ daß die substan tz der accidentium ihr subjectum sey/ und die ac- cidentia in der substan tz stecken als adjuncta, und also die substan tz und accidentia zwey- erley seyn/ aber er hat doch davon nur eine confuse und dunckele/ nicht aber eine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß. 26. Denn er erkennet das Wesen aller sub- stantien aus dererselben attributis, welche unter denen accidentibus die vornehmsten seyn/ und also erkennet er die substanz nicht durch sich selbst. 27. Die Erkaͤntnuͤß der substan tzen kan nicht klar seyn/ denn das Wesen jeder sub- stan tz ist innerlich/ nemlich die Unreinigung der accidentium, und kan also nicht ad evi- dentiam sensuum gebracht werden/ das eu- serliche aber gehoͤret ad accidentia. 28. Sie kan ferner nicht deutlich seyn/ denn ich concipire mir eine jede substan tz als ein unum oder totum indivisum, und ein jedes gantzes als eine substan tz. Aber eine deutliche Erkaͤntnuͤß hat mit denen Theilen des Classen waren u. warscheinl. Dinge. des gantzen zu thun/ und von denen Theilen hat der Mensch keine andere Erkaͤntnuͤß als von denen accidentibus, nehmlich daß sie in gan- tzen als in einen subjecto stecken/ und ausser demselben keine Theile mehr seyn. 29. Ferner was die accidentia betrifft/ so haben wir oben gesagt/ daß dieselbigen zu zweyen Classen gebracht werden koͤnnen/ zur Coͤrperligkeit und Bewegung. Jenes ist das attributum der substan tzen oder ihr es- sentiale, diese der modus derselben oder ac- cidens prædicabile. 30. Was die Coͤrperligkeit betrifft/ so weiß der Mensch gewiß was sie sey/ ja er hat auch eine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß da- von. 31. Eine klare Erkaͤntnuͤß hat er von der Coͤrperligkeit der substan tzen/ weil er diesel- bige vermittelst der Sinnen begreiffen kan/ und weil alles/ was die Sinne unmittelbahr ruͤhret/ was Coͤrperliches ist. 32. Eine deutliche Erkaͤntnuͤß aber hat er davon/ weil er die Coͤrperligkeit als das Wesen des gantzen ( totalitatem ) wieder in Theile eintheilen kan/ nehmlich in longitudinem, la- titudinem \& profunditatem, und die lon- Q 5 gitu- Das 11. H. von denen unterschied. gitudinem in puncta, und also die substan tz als ein unum und totum divisibile be- trachtet. 33. Jedoch muß er sich damit nicht bereden/ daß er auch eine klare und deutliche Erkaͤnt- nuͤß des Coͤrpers habe. Denn der Coͤrper ist die substan tz/ der Coͤrperligkeit aber das ac- cidens. 34. Was die Bewegung anbelanget/ so hat abermahls der Mensch eine gewisse und klare Erkaͤntnuͤß davon/ aber nicht allemahl eine deutliche. 35. Die Erkaͤntnuͤß der Bewegung ist klar/ weil er so wohl die Ruhe/ als den motum lo- calem vermittelst der Sinne begreifft. 36. Aber sie ist nicht allemahl deutlich/ weil zuweilen die Bewegung so geschwinde ist/ so wohl in der Ruhe als in dem motu locali, daß man sie nicht in gewisse Theile absondern kan/ und also die zu der deutlichen Erkaͤntnuͤß gehoͤrige Dauerhafftigkeit nicht hat. 37. Z. e. wenn der Pfeil von Bogen ge- schossen wird/ wenn der auff etwas geworffe- ne Stein in centro reflexionis ruhet. 38. Und also ist sich nicht zu verwundern/ daß man mit der genauen Beschreibung der Bewe- Classen warer u. warscheinl. Dinge. Bewegung nicht uͤbereinkom̃en kan/ da doch von der Erkaͤntnuͤß der Bewegung selbst kein Streit ist/ denn es ist mit allen Dingen derer Erkaͤntnuͤß klar und nicht deutlich ist/ so be- wand. 39. Aus dem/ was wir bißher von der Er- kaͤntnuͤß derer substan tzen und der acciden- tium erwehnet haben/ folget/ daß zwar alle demonstrationes ein selbstaͤndiges Wesen præsupponi ren/ von deme etwas demon- stri ret wird/ aber daß eigentlich die substanz nicht demonstriret wird/ sondern die acci- dentia. Und ebenmaͤßig ist es auch mit der ostension beschaffen. 40. Denn es gehoͤret zur ostension eine klare/ zur demonstration aber eine deutli- che Erkaͤntnuͤß/ derer keine von einer sub- stan tz/ so ferne sie von denen accidentibus præscindirt wird/ wie obgemeldet/ gesagt werden kan. 41. Und hieraus so folget ferner/ daß die Lehren de corporeitate \& motu beyde ad ostensionem, diese letzte aber nicht allezeit ad de- monstrationem koͤnne gebracht werden. 42. Also haben die Lehren so à corporeitate dependi ren/ fuͤr denen/ so von dem motu her- geleitet werden/ einen mercklichen Vortheil. 43. Ja Das 11. H. von denen unterschied. 43. Ja alle demonstrationes lauffen sol- chergestalt auff corporeitates oder motus hin- aus/ deren jene insgemein qvantitates genen- net/ diese aber in actiones \& passiones resol- vi ret werden. 44. Was auch die qvalitates belangt/ so koͤnnen diejenigen/ die mehr à corporeitate substantiæ als à motu participi ren/ an be- sten demonstri ret werden/ als figura und situs. 45. Und diejenigen sind schon viel duncke- ler/ die mehr von einer geschwinden und sub- tilen Bewegung herruͤhren als die Farben/ die Hitze und Kaͤlte \&c. 46. Aber mit dem Klange gehet es leich- ter her/ weil die Bewegung hierbey viel sen- sibler und langsamer ist. 47. Der Geruch und Geschmack aber wird von jeden Menschen fuͤr sich wohl klar und deutlich mehrentheils erkennet/ aber er kan andern nicht allemahl demonstri ret werden/ weil die organa dißfals bey den Menschen sehr vari ren. 48. Nun ist noch uͤbrig/ daß wir betrachten was die vier causæ, die von denen substan tzen gesagt werden/ in Betrachtung der Warheit und Warscheinligkeit fuͤr Nutzen schaffen. 49. Die Classen warer u. warscheinl. Dinge 49. Die Materie ist gegenwaͤrtig/ und wird vermittelst der Euserligkeit erkant/ also hat man davon eine gewisse klare und deut- liche Erkaͤntnuͤß. 50. Die Form aber/ oder die Vereini- gung der Theile in der substan tz ist verborgen und innerlich/ und also ist die Erkaͤntnuͤß da- von sehr dunckel oder nur wahrscheinlich. 51. Die efficiens ist ausser dem Wesen der substan tz/ und kan nicht besser erkennet und erwiesen werden/ als wenn die Bewegung der- selben gegenwaͤrtig und langsam ist. Wenn sie aber unter die vergangenen Dinge gerech- net wird/ ist ihre Erkaͤntnuͤß nur warscheinlich. 52. Und je weiter dannenhero die Frage von dem Ursprung der Dinge getrieben wird/ je confuser und dunckeler wird auch die Er- kaͤntnuͤß davon. 53. Welches auch von der urspruͤnglichen Materie wegen gleicher Ursachen zu verste- hen ist. 54. Daß eine causa efficiens prima sey/ weiß der Mensch gewiß/ und also weiß er auch gewiß/ daß eine materia prima sey. 55. Aber so wenig er weiß/ worinnen das Wesen dieser causæ efficientis primæ be- stehe/ Das 11. H. von denen unterschied. stehe/ so wenig begreifft er auch das Wesen der materiæ primæ. 56. Der finis oder die Endursache der substan tzen dependi ret von dem Willen des Schoͤpffers her. Und weil der Mensch von jener so viel die euserlichen substan tzen anlan- get/ keine natuͤrliche gewisse Erkaͤntnuͤß hat/ so ist auch die Erkaͤntnuͤß von denen finibus nur wahrscheinlich. 57. Wolte man auch gleich sagen/ daß die fines rerum in ihren Wuͤrckungen oder effe- ctibus und in dem Nutzen/ den sie den Men- schen leisteten/ bestuͤnden/ so wuͤrde man doch dadurch unsern Satz nicht umstossen. 58. Denn zugeschweigen/ daß es sehr war- scheinlich/ daß der Menschliche Nutz nicht der vornehmste Zweck aller andern Geschoͤpf- fe sey/ so hat auch der Mensch keine Erkaͤntnuͤß von dem Nutzen/ der ihn durch euserliche sub- stan tzen wiederfaͤhret/ als per experientiam aliorum vel inductionem, die beyderseits nur eine Wahrscheinligkeit wuͤrcken. 59. So ist es auch mit den Wuͤrckungen der substantien nicht anders beschaffen. Denn sie sind so vielerley Verenderungen unterworffen/ daß sie zu keiner demonstra- tion Classen warer u. warscheinl. Dinge tion gebracht werden koͤnnen/ ja sie sind auch uͤber dieses/ so ferne sie zu denen finibus der- selben gerechnet werden solten/ noch zukuͤnff- tig/ und gehoͤren also auch in diesen Ansehen nur zu einer wahrscheinlichen Erkaͤntnuͤß. 60. Die Eintheilung der substantien, gleich wie sie von denen accidentibus herge- nommen werden muß/ also faͤllet die gemeine distinction inter spiritualem \& corpoream, so lange wir nach der blossen Vernunfft gehen/ von sich selbst hinweg. 61. Denn wenn die Coͤrperligkeit das at- tributum substantiæ ist/ so kan sich der Ver- stand keinen concept de spiritu machen. 62. Ja es haben die Philosophi selbst ent- weder gestanden/ daß sie nur wuͤsten/ worinnen das Wesen eines Geistes nicht bestehe/ oder die das Wesen des Geistes haben bejahen wei- sen exprimi ren wollen/ haben in ihren Lehr- Saͤtze handgreiffliche præjudicia begangen. 63. Ferner wenn die substantia corpora rea in simplicem \& mixtam eingetheilet wird/ so gehoͤret die substantia simplex, die man Elementum nennet/ zu denen Dingen/ die der Mensch seinen Verstande noch eher fuͤr un- warscheinlich als fuͤr unstreitig war halten muß/ Das 11. H. von denen unterschied. muß/ geschweige denn/ daß er etwas gewisses de numero elementorum wissen solte/ denn er begreifft die Elemente weder vermittelst der Sinnligkeiten/ noch durch ideas, ja er empfin- det vielmehr/ daß alle Coͤrper/ die er siehet und begreiffet/ gemischet seyn. 64. Und weil er bey allen eine vollkom- mene mixtur empfindet/ auch gar bald erken- net/ daß er von denen meteoris zwar viel war- scheinliche Dinge/ aber nichts gewisses sagen koͤnne/ als entbehret er auch gar leichte der Eintheilung der substantien in imperfectè \& perfectè mixtas, und haͤlt sich lieber zu diesen letzten allein. 65. Jedoch ob er gleich das Feuer/ Lufft/ Wasser und Erde nicht fuͤr Elemente halten/ vielweniger das Wesen eines jeden auffs deut- lichste begreiffen kan/ so giebt ihm doch der Unterscheid dieser vier Dinge Gelegenheit/ die Unvollkommenheit seiner Wissenschafft in Betrachtung derselbigen gegeneinander zu halten. 66. Von denen erdenen Coͤrpern kan der Mensch noch die gewissesten/ klaͤresten und deutlichsten Erkaͤntnuͤssen haben/ weil er bey Betrachtung derselben vieler Warheiten so wohl Classen wahrer u. warscheinl. Dinge. wohl durch die Sinne/ als durch die ideas ver- sichert wird. 67. Die Erkaͤntnuͤß der Wassers ist schon dunckeler/ weil dasselbige wegen der continu- irlichen Fließigkeit nicht bestaͤndig gegenwaͤr- tig bleibet/ auch die Theile desselbigen sich gar zu geschwind wieder mit dem gantzen vereini- gen/ auch gar zu gleichfoͤrmig sind. 68. Ja es hat der Menschliche Verstand nicht einmahl eine klare Erkaͤntnuͤß von der substanz des Wassers/ theils weil er niemahl das gesamte Wasser vermittelst der Sinnen begreifft/ theils weil er das Wasser allezeit vermittelst irrdischer Coͤrper fassen und umge- ben muß/ wenn er es betrachten will/ sondern er begreifft die Selbstaͤndigkeit desselbigen gantz dunckel per ideas. 69. Noch dunckeler aber ist die Erkaͤnt- nuͤß von dem Feuer/ weil die Bewegung des- selbigen gar zu geschwind und vehement ist/ auch durch nichts auffgehalten werden kan wie das Wasser/ ja der menschliche Verstand mag in Ewigkeit raisonni ren/ so wird er doch nicht gewiß begreiffen/ wie es zu gehe/ daß ein Funcke durch den Stahl und Feuerstein fuͤr- gebracht werde. R 70. Und Das 11. H. von denen unterschied. 70. Und weil die Lufft noch subtiler ist als das Feuer/ so ist auch die Erkaͤntnuͤß davon noch dunckeler/ weil ihre Bewegung oͤffters gar durch keinen Sinne empfunden wird/ ob sie gleich nahe um uns ist/ und unsere sensoria stetswaͤhrend beruͤhret. 71. Was wollen wir den solchergestalt uns vieler unstreitigen Warheiten von denen himmlischen Coͤrpern/ von der Sonne und Sternen/ de æthere de lumine u. s. w. be- ruͤhmen/ da alle diese Dinge noch viel fliessen- der subtiler/ und von uns weit entferneter sind als die Lufft/ Feuer und Wasser. 72. Wir lassen dannenhero die Philoso- phos um die gewisse Erkaͤntnuͤß dieser Din- ge mit einander zancken/ so lange sie wollen/ und stellen zwischen ihren Schrifften fast keine andere Vergleichung an/ als z. e. zwischen der Aramene, dem Amadis/ dem Kaͤyser Octa- vianus u. s. w. bey deren keinen man bekuͤm- mert ist/ wer was Wahres oder Falsches ge- schrieben habe/ sondern welches Buch an wahrscheinlichsten sey/ welches unsere Ge- muͤther belustige/ und nuͤtzlich angewendet werden koͤnne/ und welches hinwiederum un- ter die alten Weiber Maͤhrlein gerechnet werden muͤsse. 73. Dan- Classen warer u. warscheinl. Dinge 73. Dannenhero wollen wir uns wieder zu denen erdenen Coͤrpern wenden/ und gestehen unsere Unwißheit/ daß wir nicht gewiß begreif- fen koͤnnen/ ob unter denenselben solche Coͤr- per sind/ die niemahlen leben/ ja wir halten vielmehr wahrscheinlicher zu seyn/ daß die Steine/ Metallen und Mineralien unter der Erden so wohl wachsen/ als die Pflan- tzen und Baͤume uͤber der Erden. 74. Das meiste ja fast alles/ was wir von beyden ( Pflantzen und Steinen \&c. ) verste- hen/ ist nur wahrscheinlich und ungewiß/ und wenn wir mit unserer Vernunfft tausend Jahr daruͤber speculir ten. 75. Und ob wir schon von denen Thieren/ als die unsern Wesen naͤher kommen/ noch mehrere gewisse Erkaͤntnuͤß haben/ so ist doch auch dieselbige so geringe und wenig/ daß nach proportion gegen 100000. Wahrschein- ligkeiten kaum eine unstreitige Warheit kan rorgebracht werden. 76. Also sind wir nun wieder an den Men- schen selbst kommen. Dieser/ wenn er die Er- kaͤntnuͤß/ die er von sich selbst haben kan/ gegen die Warheiten/ die er von andern Dingen zu erlangen sucht/ haͤlt/ befindet er/ daß gleichwie R 2 der Das 11. Hst. von denen unterschied. der Grund aller Warheiten in ihm selbst lie- get/ also auch er von sich selbst die allerge- wissesten und meisten Warheiten haben koͤnne. 77. Zwar wenn er sich betrachtet/ daß er ein Wesen hat/ welches mit denen substan tzen ausser ihn eine Gemeinschafft hat/ befindet er/ daß er dißfalls keine klare und deutlichere Er- kaͤntnuͤß von sich selbst hat/ als von anderen irdischen substan tzen/ oder zum wenigsten doch von den Thieren. 78. Aber auch dieser Erkaͤntnuͤß sey nun so wenig als sie wolle/ so befindet doch ein je- der bey sich/ daß er vermittelst derer idearum de corporeitate \& motu substantiarum viel und unzehlich andere Warheiten her- leiten und erfinden koͤnne. 79. Derer etliche ihm immer mehr und mehr zu deutlicher Erkaͤntnuͤß der euserlichen Dinge anfuͤhren/ etliche aber Anleitung ge- ben/ vermittelst dererselben als unstreitiger Warheiten kuͤnstliche Dinge ausser sich/ die denen Geschoͤpffen Gottes nachahmen/ zuver- fertigen. 80. Ja ob er schon weiß/ daß in denen enti- bus rationis fictis keine Warheit sey/ so weiß Classen waren u. warscheinl. Ding. weiß er doch auch/ daß er dieselbe gebrauchen koͤnne/ unstreitige Warheiten dadurch zu er- klaͤhren/ und vermittelst derer entium ficto- rum diese sich und andern desto besser und an- nehmlicher zu imprimi ren. 81. Ferner/ ob er schon nicht weiß/ was seine Seele sey/ die in ihm gedencket/ so weiß er doch gewiß/ was die Gedancken seyn/ die in ihm von der Seele gewuͤrckt werden/ massen er davon eine klare und deutliche Erkaͤntnuͤß hat. Ja er weiß auch per modum ideæ, daß die Gedancken bey allen Menschen eben das Wesen haben/ das sie bey ihm haben. 82. Wordurch er vergewissert wird/ daß er mehr Erkaͤntnuͤß von der Menschlichen Na- tur habe/ als von allen andern substan tzen/ weil er von keiner (auch von der bestien ) ih- ren innerlichen Wesen so viel erkennet/ als von dem seinigen. 83. Und diese Erkaͤntnuͤß fuͤhret ihm zu noch einer weiteren Vollkommenheit/ daß/ da er aus Mangel des Erkaͤntnuͤsses der inner- lichen Form in denen anderen substantien ih- ren Endzweck und ihre Wuͤrckungen nur wahrscheinlich begriffe/ er seinen Endzweck R 3 und Das 11. H. von denen unterschied. und sein Thun und Laffen gantz gewiß und unstreitig wissen kan. 84. Denn er erkennet gantz gewiß die Richtschnur desselbigen/ als die ihm GOtt in die Gedancken oder ins Hertz geschrieben (wie ihm die Richtschnur anderer Dinge ver- borgen ist) und wenn er sein Thun und Lassen/ dessen er Meister ist/ darnach einrichtet/ so weiß er/ daß er ihn erhalten habe/ wie er denn auch weiß/ daß er denselben (so viel er durch die Philosophie davon erkennet) erhalten koͤnne. 85. Woraus weiter folget/ daß er seine groͤste (zeitliche) Gluͤckseeligkeit klar und deutlich begreifft/ auch zugleich gewiß weiß/ daß es in seinem Vermoͤgen stehe dieselbe zu erhalten. 86. Betrachtet er aber sein eigen indivi- duum, so weiß er/ daß er sich/ wann er nur sei- nen Verstand recht brauchen will besser und gewisser wisse/ als ein anderer. 87. Ja er weiß/ daß ob gleich sein Verstand nicht so beschaffen ist/ daß er seine oder eines andern innerliches Wesen des Leibes durch unstreitige Warheiten oder durch sehr wahr- scheinliche Gruͤnde erkennen solte/ er dennoch vermoͤ- Classen warer u. warscheinl. Dinge. vermoͤgend sey/ des andern seine Gedancken/ wenn er auch noch so sehre dieselben zu ver- bergen sucht/ mit einen solchen Grad der Wahrscheinligkeit/ die unstreitigen War- heiten an naͤchsten koͤmmt/ groͤsten theils zu erkennen. 88. Er weiß/ daß wenn er sich selbsten recht hat kennen lernen/ er einen andern/ der sich darinnen nicht geuͤbet/ besser und gewisser kennet/ als dieser sich selbst. 89. Endlich so weiß er/ daß er durch diese Wissenschafft seines und eines anderen Nu- tzen zu wege bringen/ seines und eines andern Schaden verhuͤten/ und mit einem Wort die allgemeine Menschliche Gluͤckseeligkeit be- foͤrdern koͤnne. Das 12. Hauptstuͤck. Von denen Mitteln/ auch der Art und Weise neue Warhei- ten zuerfinden. Jnnhalt. Connexion n. 1. 2. Was neue Warheiten seyn/ n. 3. 4. 5. 6. Dieselbigen werden durch die natuͤrliche Wuͤrckung des wohl eingerichteten Verstandes erfunden/ n. 7. 8. Ver- gebene Muͤhe der Philosophen, neu Warheiten durch R 4 die Das 12. Hauptstuͤck die Syllogistic zu erfinden/ und die doctrin deinventio- ne medii, n. 9. 10. 11. ingleichen durch die Streitigkei- ten de methodo n. 12. Ursprung dieses alles/ n. 13. 14. 15. 16. Unmoͤgligkeit durch die Syllogistic, neue War- heiten zu erfinden/ n. 17. 18. 19. 20. Syllogismus ist eine eitele Art allbereit erkante Warheiten vorzubringen/ n. 21. 22. 23. 24. Unfoͤrmligkeit der Lehren de inventio- ne medii, n. 25. biß 30. Unnoͤthiger Streit de metho- do n. 31. Eine einige R ege l de methodo, n. 32. 33. 34. Ohnmaßgebliche Regein bey Erfindung neuer War- heiten zu gebrauchen/ n. 35. (1) daß man einmahl die Buͤcher bey Seite legen solle/ n. 36. (2) daß man durch eigene Erfahrung etwas erfinden solle n. 37. 38. (3) daß man definitiones mache und (4) die ideas divi- dire, n. 39. Mit drey Worten/ Experire, Defini, Divi- de, n. 40. Wegen der Experien tz giebt es nicht viel Schwierigkeiten/ n. 41. aber wohl wegen der definition und division n. 42. an welche sich doch wenig zu kehren/ n. 43. Signa damit der Mensch die individua benen- net/ n. 44. und die universalia, n. 45. nehmlich nomina n. 46. definitiones nominales n. 47. und reales, n. 48. dererselben vornehmstes reqvisitum, die Deutligkeit/ n. 49, wozu eine attention von noͤthen n. 50. Bey der division braucht es solcher Gestalt keine neue Anmer- ckung/ n. 51. als daß man nicht zu viel und nicht zu we- nig Theile mache n. 52. in uͤbrigen so viel und zu offte man will/ n. 53. 54. Bey beyden muß man keine duncke- le und zweydeutigen Worte gebrauchen n. 55. Ferne- re conferi rung derer concepten n. 56. Principia, axio- mata, propositiones n. 57. oder Conclusiones, n. 58. zu unstreitigen Warheiten schicken sich propositiones categoricæ besser/ und zu denen warscheinlichen hypo- theticæ, n. 59, 60, Die hypotheticæ schicken sich auch zu dem falschen/ n. 61. Hypotheses schicken sich nicht zum Grund unstreitiger Warheiten n. 62. aber wohl postulata n. 63. Nutz derer hypothesium bey war- schein- von Erfindung neuer Warh. scheinlichen Dingen n. 64. 65. und bey falschen in de- ductione ad absurdum, n. 66. Deductio ad absurdum hilfft nichts zu Beredung der Warbeiten n. 67. Ex fal- sis nunqvam seqvitur verum n. 68. Unterschiedener Nutzen er propositionum affirmativarum \& negativa- rum, n. 69. derer universalium particularium, indefini- tarum, singularium, n. 70. ingleichen derer modalium. n. 71. 1. W Jr haben in dem andern Capitel gesagt/ daß die Vernunfft-Lehre weisen solle/ wie man nicht alleine der Warheit nachjagen/ sondern auch dieselbe finden solle/ und zwar in waßerley disciplinen es seyn moͤge. 2. Dannenhero ist es nicht genug/ daß wir in vorhergehenden Capitel gewiesen haben/ in was fuͤr Dingen ein Mensch unstreitige Warheiten oder Wahrscheinligkeiten finden koͤnne/ wenn wir nicht auch weisen/ wie er sie finden solle. 3. Was er aber dergestalt findet/ das heis- sen neue Warheiten/ denn die alten War- heiten weiß er nunmehr schon/ nehmlich die prima fundamenta \& principia, und dero- wegen darf er dieselben nicht suchen/ weil er sie schon gefunden. 4. Jedoch muß er nicht meinen/ daß er gantz andere Warheiten in dieser Suchung R 5 antref- Das 12. Hauptstuͤck antreffen werde/ oder daß er diese Warheiten ausser sich selbst suchen muͤste/ denn wenn die- ses waͤre/ so waͤren die prima principia, die wir oben muͤhsam erklaͤret haben/ nicht prima principia. 5. Und es ist nichts neues/ daß ich dasjeni- ge suche/ was ich schon besitze/ weil dergleichen offt bey denen vorzugehen pfleget/ die eine weitlaͤufftig/ Bibliothec besitzen/ oder sich die- selbige ohnlaͤngst erkaufft haben. 6. Die neuen Warheiten sind nichts an- ders als neue conclusiones, die aus denen ex primis principiis allbereit hergeleiteten conclusionibus wieder hergeleitet werden/ und wiederum andere conclusiones hervor- bringen. 7. Derowegen darffst du gantz nicht be- kuͤmmert seyn/ wie es zugehen werde/ daß du neue Warheiten erfindest/ oder durch was fuͤr ein Mittel und methode du darzu ge- gelangen werdest/ sondern nachdem du in dei- nen Verstand die prima principia einmahl feste gesetzt/ so laß dieselbige nur wuͤrcken/ und habe Gedult darbey/ so wirst du neue War- heiten genung haben. 8. Jsts nicht wahr/ wenn du ein Canin- gen von Erfindung neuer Warh. gen Gehecke haben willst/ so darffst du dir nur ein Paͤrgen kauffen/ und dieselben sich belauf- fen/ und die jungen Caningen wiederum ihrer Natur nachfolgen lassen. Jn weniger Zeit wirst du ihrer mehr haben/ als ein anderer/ der noch so tieff mediti ret/ wie er per artem chymicam oder die Regel detri junge Canin- gen zu wegen bringen werde. 9. Jch spuͤre wohl/ daß dir diese meine Leh- re gantz nicht anstehet/ und du soltest wohl meinen/ daß ich schwermte/ oder daß ich dich fuͤr einen Gecken hielte. 10. Denn sagst du: Wenn die Kunst neue Warheiten zu erfinden so laͤppisch und sol leich- te waͤre/ warum haͤtten sich dann die Gelehr- ten bißher so sehr bemuͤhet und bemuͤheten sich noch/ diese Kunst der gelehrten Welt bey- zubringen. 11. Jch habe nun zwey Jahr nichs gethan/ als mich in der doctrinâ syllogistica geuͤbet/ ich habe nach diesen ein gantzes Jahr mit sau- ren Schweiß in der doctrin, de inventione medii termini, die die Spoͤtter pontem asi- norum nennen/ studiret, ja ich habe selbsten profundissimè meditirt, wie man auff eine galante und polite Art etwas de inventione medii Das 12. Hauptstuͤck medii schreiben moͤchte/ und meine Muͤhe ist doch vergebens gewesen/ und ich kan mich nicht ruͤhmen/ daß ich nur einige unerkante War- heit damit haͤtte finden koͤnnen. 12. Ja ich habe gantze volumina de me- tbodo gelesen/ und bin doch noch so klug als zuvor. 13. Jch weiß nicht/ mein Freund/ ob ich mich uͤber dich erbarmen/ oder erzuͤrnen soll. So viel weiß ich wohl/ daß du mir und dir viel edle Zeit verderbest/ ohne Noth dieses Capitel lang zumachen/ daran ich sonst schon haͤtte auf- hoͤren koͤnnen. 14. Hast du schon vergessen/ was wir oben eroͤrtert haben/ daß alle Menschen der Ge- labrheit faͤhig seyn/ daß die Vernunfft-Lehre nichts uͤbernatuͤrliches lehren/ sondern nur weisen solle/ wie wir nach der allgemeinen Natur unsere Vernunfft brauchen muͤssen/ daß die Kunst der Natur nachahmen muͤsse/ ja daß die Warheit nichts anders sey/ als eine Ubereinstimmung der euserlichen Dinge mit der Menschlichen Vernunfft/ u. s. w. 15. Haͤtten die Gelehrten nicht den be- truͤglichen Wahn gefolget/ als wenn gemeine Leute der Gelahrheit nicht faͤhig waͤren/ als wenn von Erfindung neuer Warh. wenn die Logica artificialis gleichwohl zwi- schen einen Doctor und einen Handwercks- mann einen Unterscheid machen muͤste/ als wenn die Kunst die Natur uͤbertreffen solte/ ja als wenn die Warheit nur eine Uberein- stimmung mit gelehrter Leute ihren Gedan- cken waͤre/ so haͤtten sie sich diese vergebene Muͤhe so viel hundert Jahre durch nicht ge- macht. 16. Wie woltest du dich bezeigen/ wenn die Gelehrten auf die Thorheit geriethen/ und wolten sich bemuͤhen/ eine Kunst zuerfinden/ wie sie auf eine besondere Art/ dadurch sie von denen Bauern und Handwercksleuten unter- schieden werden koͤnten/ Kinder zeigen moͤch- ten? Nun ist aber die Erfindung der War- heit dem Menschen eben so natuͤrlich/ als das Kinderzeugen/ nur daß dieses letzte nicht mit so viel gemeinen Jrrthuͤmern verdunckelt ist/ als jenes. 17. Jch glaube dir es ja wohl/ daß du mit der doctrina Syllogistica keine neue Warhei- ten erfinden werdest/ sondern daß solcherge- stalt die Warheit allezeit der finis externus der Vernunfft-Lehre bleiben werde. 18 Denn mein/ was haͤltest du wohl von jenen Das 12. Hauptstuͤck jenen Kerl/ der sich verschwure/ er wolte nicht eher ins Wasser kommen/ biß er schwimmen koͤnte? Also verschweren sich viel Gelehrte/ sie wolten nicht eher die disciplin, welche de primis principiis handelt/ ansehen/ biß sie ver- mittelst der Syllogistica haͤtten gelernet neue Warheiten erfinden. 19. Jst es nicht wahr/ es mag ein Syllo- gismus Categoricus oder Hypotheticus, oder eine Inductio oder ein Sorites u. s. w. in forma noch so richtig seyn/ so koͤnnen doch alle propositiones desselbigen in Grunde falsch seyn. 20. Und wiederum kan ein Syllogismus in forma gantz nichts taugen/ und doch alle drey propositiones desselbigen wahr seyn. 21. Mache mir doch einen Syllogismum, wenn du nicht drey terminos oder eine pro- position und dererselben ration hast. Also siehest du/ daß du die Warheit eher haben must/ eher du einen Syllogismum machen kanst/ und daß der Syllogismus kein Mittel zu Er- findung der Warheit/ sondern nur eine Mode sey/ die erfundene Warheit in Ordnung zu- bringen oder zu zieren. 22. Und zwar eine solche Mode/ die mehr in von Erfindung neuer Warh. in der eitelen Thorheit der Menschen/ als in der Natur ihr Fundament hat. 23. Derowegen gemahnest du mich mit dei- ner Syllogistica nicht anders/ als die Apote- cker mit der zierlichen Beschreibung ihrer Vuͤchsen / und kuͤnstlichen Beschneidung derer Zettelgen/ auf welche der Titel der außgetheil- ten Artzneyen geschrieben ist/ wiewohl diese viel gescheider seyn/ als du und deine Meister. 24. Denn wo hast du wohl gehoͤrt/ daß ein Apotecker seinen Gesellen weiß gemacht haͤt- te/ daß sie vermittelst der Erlernung/ wie sie die Buͤchsen beschrieben/ oder die Pappiergen schneiden muͤsten/ die Artzneyen kennen und præpari ren lernen solten/ da doch an einer Buͤchse/ darinnen moschus gelegen/ die in- scription von Teuffels-Dreck/ und darinnen Gifft gelegen/ die inscription von Mithridat melden koͤnnen/ oder da die Zierath der Pap- piergen mehr vani taͤt als Klugheit andeutet. 25. Aber hast du wohl jemahls etwas un- foͤrmlichers vornehmen koͤnnen/ als dich zu bemuͤhen de inventione medii gewisse Grund- Regeln zu erfinden/ oder vermittelst der alten hinter neue Warheiten zukommen. 26. Heist das nicht um einen Wagen be- sorgt Das 12. Hauptstuͤck sorgt seyn/ ehe man weiß/ ob man zu Wasser oder zu Lande fahren soll/ oder aber/ wenn man schon an einen Orte ist/ erst zu mediti ren/ wie man hinkommen solle. 27. Die Erfindung neuer Warheiten ist die Erfindung neuer conclusionum aus alten und schon bekanten mediis terminis, und du willst die medios terminos zu denen conclu- sionibus erfinden. 28. Wenn du die conclusion schon hast/ so must du auch nothwendig den medium ter- minum haben/ hast du sie aber nicht/ so suchst du den medium terminum vergebens. 29. Ja woltest du gleich fuͤrwenden/ daß du durch die conclusion keine cogitationem determinatam sondern dubiam oder qvæ- stionem verstehest/ die vermittelst des medii ter- mini determiniret, und zu der conclusion werden solte/ so wirst du doch auch dadurch die Nichtigkeit deines Vorhabens nicht entschul- digen koͤnnen. 30. Diese determination kan nicht an- ders geschehen/ als wenn du siehest/ ob und wie die Eroͤrterung der Frage an die prima prin- cipia gehangen/ und mit denenselben ver- knuͤpfft werden moͤge. Hast du nun deine prima von Erfindung neuer Warh. prima principia wohl eingerichtet/ so wirst du die conclusiones gar leicht dran haͤngen koͤnnen/ und keine Lehre de inventione me- dii brauchen/ hast du aber dieselbe in deinen Kopff nicht auffgeraͤumet/ so wird alle dein mediti ren de inventione medii so eitel seyn/ als wenn dn einen pontem asinorum bauen/ und denselben an den einen extremo mit Steckenadeln feste machen woltest/ denn es ist kein Zweiffel/ es wuͤrden deine armen E- sel alle ersauffen. 31. Und was endlich die eitelen Grillen de methodo syntheticâ und analytica, u. s. w. betrifft/ so ist es eben damit bewand/ als wenn zwey Zaͤncker an einer Taffel saͤssen/ und strit- ten mit einander/ ob es besser waͤre/ daß man den ersten Schnitt in den Fluͤgel/ oder in die Keule/ von unten hinauff/ oder von oben herunter/ auf der rechten oder lincken Seite thaͤte/ und die andern Gaͤste versuchten alle diese Arten an denen auffgetragenen Huͤ- nern/ und verzehreten sie/ weil diese sich druͤ- ber zanckten. 32. Es ist eine einige Regel de methodo. Ordne eine Erweisung oder Erfindung der Warheit wie du willst/ mache es nur nicht ungeschickt und laͤcherlich. S 33. Das Das 12. Hauptstuͤck 33. Das ist/ fange allezeit von leichte- sten und bekantesten an/ nicht aber von den schweresten oder dunckelsten/ denn man suchet das Licht nicht mit dem verborgenen/ sondern das Verborgene mit dem Lichte/ und ein Kind weiß/ daß es tolle werde heraus kom̃en/ wenn man einen Ubelthaͤter erst zu Pulver verbren- nen/ darnach koͤpffen/ nach diesen haͤngen/ und endlich den Staupbesen geben wolte. 34. Und also sey du auch so gut/ und un- terstehe dich nicht qvæstiones intricatas zu resolvi ren oder conclusiones remotas an die principia zu haͤngen/ eher du conclusiones propinqvas gelernet hast ex principiis her- aus zubringen/ nnd darinnen geuͤbet bist. Denn sonsten wird man dich eben so auslachen/ als wenn einer radicem cubicam extrahi- ren wolte/ der nur ein wenig addi ren und subtrahi ren koͤnte/ oder sich manu propria uͤber die duplicationem cubi machen wolte/ der kaum die species triangulorum ver- stuͤnde. 35. Aber ich mercke wohl/ du willst mich noch nicht so guten Kauffs davon lassen/ son- dern begerest instaͤndig/ ich solte dir doch nur in etwas Anleitung geben/ wie du aus denen prin- von Erfindung neuer Warh. principiis neue conclusiones herausbringen soltest. Denn die Schwerigkeit die man dir bißher dieserwegen gemacht/ hat dich so furcht- sam gemacht/ fuͤr dich selbst etwas zuversuchen/ als ein klein Kind/ daß sich aus Furcht zu fal- len bey allbereit starcken Schenckeln nicht ge- trauet alleine zu gehen/ weil man es gewehnet hatte zu gaͤngeln und zufuͤhren. 36. Nun wohl dann/ so muß ich dir auch solche lectiones geben/ wie einem solchen Kinde. 1. Lege den Zaum und den Lauff- wagen beyseite/ das ist: verlasse dich auff die Huͤlffe anderer Leute nicht mehr/ und lege einmahl die Buͤcher aus welchen du bißher gewohnet gewesen neue Warhei- ten zusammlen/ beyseit. 37. 2. Halte dich anfangs biß du ein recht Vertrauen zu dir selbst kriegst/ an der Wand oder an denen Baͤncken an/ und hutsche so von dir selbst fort. Das ist: Erfahre vermit- telst der euserlichen Sinnen in natuͤrli- chen Dingen ausser dir immer mehr und mehr die zuvor unbekante unstreitige Warheiten/ die du an den Ring (B) haͤngen oder per evidentiam sensuum begreiffen kanst/ wodurch du deines eigenen Vermoͤgens immer mehr und mehr versichert wirst. S 2 38. 3. Das 12. Hauptstuͤck 38. 3. Stehe alleine ohne anhalten. Das ist: betrachte die conclusiones die du per sen- siones erhalten hast/ und suche bey dem subjecto und prædicato derselben definitio- nes und ideas. 39. 4. Nun gehe weiter fort wohin und wie weit du willst/ das ist: Resolvire die defi- nitiones oder die gantzen ideas in ihre Theile/ und diese wiederum in andere Theile/ so weit es angehet und du von noͤthen hast. 40. Willst du die gantze Kunst in drey Worte fassen/ Experire, Defini, Divide. 41. Aber nun ist abermals eine neue Noth fuͤrhanden. Denn mir duͤnckt/ du bist noch nicht hiermit zu frieden. Mit der Experienz moͤchte es endlich nicht viel zu bedeuten haben/ theils/ weil dieselbe nicht vielen Zweiffeln un- terworffen scheinet/ theils weil wir allbereit o- ben in 6. Capitel so viel als noͤthig gewesen/ hiervon Unterweisung gethan. Ja es ist eben bey denen adultis die experien tz zu Er- findung neuer Warheiten mehr uͤberfluͤßig als noͤthig/ weil sie von Jugend auf schon gnug experientias haben/ und die Zeit ihres Lebens gnung zuthun finden/ wenn sie die- selbi- von Erfindung neuer Warh. selbigen zum definitionibus \& divisioni- bus bringen wollen. Also wenn die Kinder lange genung gegaͤngelt worden/ brauchen sie nicht eben sich an den Waͤnden anzuhalten. 42. Alleine die definition und division macht dir das Hertze schwer. Denn du fin- dest von diesen so vielfaͤltige/ dunckele/ und un- terschiedene Regeln bey denen philosophis von guter und accurater Verfertigung der- selbig e n/ daß du nicht weist/ zu welchen du dich halten solst. 43. Lieber kehre dich an nichts/ und binde dich in definitionibus nicht an die Worte/ noch die subtilen Regeln/ denn die defini- tiones sind nichts anders als signa derer Ge- dancken von denen conceptibus universa- libus. 44. Denn wenn du in denen Gedancken individua betrachtest/ so magst du dieselben nennen wie du wilst/ aber dieses signum nen- net man keine definition nicht einmahl no- minalem, sondern nur nomen oder einen Nahmen. Und du kanst von keinen indi- viduo keine definition machen/ weil du von denselben keine conceptus distinctos aus- sprechen kanst. Eine rechte definition aber S 3 soll Das 12. Hauptstuͤck conceptus distinctos haben. Zugeschwei- gen daß eine jede definition eine proposi- tion ist/ in einer ieden proposition aber muß das Prædicatum ein universale seyn. 45. Die Signa de rebus universalibus sind entweder nomina, oder definitiones nomi- nales, oder reales. 46. Die nomina stellen das universale als ein totum indivisum vor/ und stehen zwar auch/ was die Erforschung der Warheit be- trifft/ in eines jeden Willkuͤhre/ ausser daß ei- nem die Sitten-Lehre verbindet von dem ge- meinen oder gewoͤhnlichen Gebrauch nicht ohne Ursach abzuweichen/ worvon zu seiner Zeit mit mehrern. 47. Die definitio nominalis oder descrip- tio stellet das universale fuͤr als ein totum cum aliis utcunqve collatum aut in par- tes utcunqve divisibile: Und weil derglei- chen divisiones und collationes unzehlich seyn koͤnnen/ so stehet wiederum in eines jeden Willkuͤhr dieselbe so oder so anzustellen. 48. Die definitio realis oder definitio strictè dicta, die eigentlich hujus loci ist/ stel- let das universale fuͤr als ein totum cum a- liis totis proximioribus collatum, \& in par- tes von Erfindung neuer Warh. tes præcipuas divisibile. Und ist zwar sol- chergestalt so willkuͤhrlich nicht als die vorigen signa, jedoch ist auch denen Worten nach niemand eingeschrenckt/ sondern man darff derer viel oder wenig/ diese oder jene brau- chen/ wenn nur die definition fein deutlich ist. 49. Alsdenn aber ist sie deutlich/ wenn die vornehmsien Theile eines gantzen alle- samt darinnen erwehnet werden. Diese a- ber sind die vornehmsten/ durch welche ein Ding mit einem andern das ihm am naͤchsten ist entweder eine Gemeinschafft hat/ oder von demselben eigentlich entschieden ist. 50. Hierzu aber ist nichts mehr noͤthig/ als daß man sich nicht uͤbereile/ sondern mitrecht- schaffener attention die tota an sich selbst be- trachte/ und gegen andere halte. 51. Und also siehest du allbereit selbsten/ daß du in ansehen der division keiner neuen Regel gewaͤrtig seyn darffst/ denn die division und definition sind so mit einander ver- knuͤpfft/ daß du keine definiton haben kanst/ wenn du nicht zuvor das gantze in gewisse Theile absonderst/ und mit einem andern universali das unter einem com- S 4 mun Das 12. Hauptstuͤck muni genere ist/ consideri rest/ und du kanst keine genus in species wol eintheilen/ wenn du nicht zugleich auf die definitiones derselben reflecti rest. 52. Denn wenn ich dir gleich sagen wolte/ du soltcst nicht mehr oder weniger Stuͤcke bey jeder Eintheilung machen/ als du in gan- tzen haͤttest/ so wuͤrde ich mich doch befahren muͤssen/ daß du mir diese Lehre wenig dancken wuͤrdest/ weil ich dir so dann eine grosse Nach- laͤßigkeit/ ja in ansehen des ersten gar eine gros- se Thorheit zutrauen wuͤrde. 53. Jn uͤbrigen aber mache so viel Theile als du wilst/ und binde dich eben nicht alle- mahl an zwey/ wiewohl die Eintheilung die allemahl in zwey Theile geschieht/ darzu noͤ- thig ist/ wenn du die eingetheilten Theile wie- derum als neue gantze definitione reali be- schreiben/ und ihre Ubereinstimmung und Un- terscheid mit und von dem nechsten Theilen zei- gen oder concipi ren willst. 54. Theile auch die ersten Theile so offte du willst/ und es angehet wieder in an- dere ab. Denn je oͤffter du mit denen Ein- theilungen fortgehest/ je mehr kriegst du neue Warheiten. 55. Je- von Erfindung neuer Warh. 55. Jedoch brauche so wohl in der defini- tion als division deutliche/ und wo es nur moͤglich ist/ gewoͤhnliche und gemeine Wor- te. Und wo ein zweiffelhafftes oder dunckeles Wort darinnen vorkoͤmmt/ so erklaͤre es als- bald mit einer neuen definition, und so wei- ter fort/ biß du ad primas ideas koͤmmst/ die keine weitere definition zulassen/ oder doch zu solchen secundis, die allbereit bekant sind. 56. Hiernechst steht dir es frey/ wenn du noch mehr neue Warheiten erfinden willst/ daß du ein totum mit einem toto remotiori, und einen Theil des gantzen mit einem parte remotiori oder mit einem parte eines andern gantzen conferi rest. Denn du wirst auch auf diese Art immer neue Warheiten erlan- gen. 57. Diese Warheiten nun mit Nahmen zu unterscheiden/ magst du fuͤr Titel gebrau- chen wie du willst. Doch wird es nicht un- foͤrmlich seyn/ wenn du die Warheiten/ die aus der definition des gantzen unmittelbar fliessen/ und so ferne dieselbe mit dem definito reciproci ret und convertirt wird/ principia, die aus der division oder Betrachtung der Theile hergeleitet werden/ Axiomata, und S 5 die Das 12. Hauptstuͤck die endlich ex collatione reliqva entstehen/ propositiones nennest. 58. Jedoch fange dieser Benennung hal- ber/ mit niemand keinen Streit an/ weßwe- gen du auch die letzte Classe kanst Conclusiones nennen/ weil/ wie bekant in Logicis alle beste- hende Gedancken propositiones genennet werden. 59. Was bißher von Erfindung neuer Warheiten gemeldet worden/ das kanst du al- les auch in Erfindung neuer Warscheinlig- keiten anwenden/ wenn du nur darinnen einen Unterscheid machst. Zu denen unstreitigen Warheiten schicken sich propositiones cate- goricæ besser/ und zu denen Wahrscheinlig- keiten propositiones bypotheticæ. 60. Deßwegen haben wir auch oben die Darthuung hoͤchstwarscheinlicher Dinge de- monstrationem hypotheticam genennet. 61. Ja es kan auch das Falsche bypotheticè eine gute connexion haben/ wie aus dem ge- meinen Exempel; siasinus volat, habet pen- nas erhellet. 62. Dannenhero muß man sich wohl huͤ- ten/ daß man zum Grund unstreitiger War- heiten keine bypotheses lege/ denn sonst koͤnte man von Erfindung neuer Warh. man keinen rechtschaffenen Unterscheid zwi- schen denen unstreitigen Warheiten und de- nen Wahrscheinligkeiten/ ja auch dem Fal- schen selbst machen. 63. Man muß aber hierbey die Postulata und Hypotbcses nicht miteinander vermischen. Denn die postulata sind veritates primæ in- demonstrabiles, die allerdings zu unstreiti- ger Warheiten Grund erfordert werden. 64. Ja es hat auch die Hypothesis einen andern Nutzen in ansehen wahrscheinlicher Dinge/ einen andern in ansehen der falschen. 65. Bey jenen braucht man sie fuͤrnehm- lich zuerkennen/ welche Wahrscheinligkeit/ der andern vorzuziehen sey/ aus welcher nem- lich die meisten conclusiones koͤnnen herge- leitet werden/ oder die bey denen meisten indi- viduis eintrifft. 66. Bey diesen aber braucht man sie ad hominem zu disputi ren und die falsche Mei- nung eines absurdi zu convinci ren. 67. Weil aber/ wie oben erwehnet/ doch unter der cognitione veri \& cognitione falsi ein mercklicher Unterscheid ist/ muß man sich wohl in acht nehmen/ daß man nicht da- vor haͤlt man habe per deductionem ad ab- surdum Das 12. Hauptstuͤck surdum den andern die Warheit unserer Meinung uͤberzeiget/ weil wir ihn nur die Falschheit seiner Meinung baben zu erkennen geben. Nun ist aber zwischen den Wahren und Falschen das ignotum als ein tertium intermedium. 68. Gleichergestalt kan ich zwar nicht sagen/ qvod ex veris aliqvando seqvatur falsum. Aber das/ was wir nur itzo de hypothesi erwehnet lehret uns/ qvod ex falsis qvandoqve possit seqvi verum. 69. Nicht weniger ist zwischen den pro- positionibus affirmativis \& negativis ein grosser Unterscheid. Mit denen negativis erkennen wir das Falsche und Unwarscheinli- che/ mit denen affirmativis die Warheiten und das Warscheinliche. Denn der Grund aller Warheiten und Waricheinligkeiten sind propositiones affirmativæ, und die sensio- nes nnd ideæ, ingleichen experientia alie- na \& conceptus accidentialis gehoͤren alle zu denen affirmationibus. 70. Ferner so gehoͤren die propositiones universales zu denen ideis, die singulares mei- stentheils zu denen sensionibus, die indefinita und von Erfindung der Warh. und particulares zu denen Warscheinligkei- ten. 71. Wie dann auch unter denen modali- bus der modus Necesse zu denen unstreitigen Warheiten/ das Contingens zu denen War- scheinligken/ das possibile zu denen unwar- scheinligkeiten und das impossibile zu denen unstreitigen Unwarheiten/ da jemand Lust da- zu hat/ gebracht werden koͤnnen. Das 13. Hauptstuͤck. Von denen Jrrthuͤmern und deren Ursprung. Jnnhalt. Connexion n. 1. Nothwendinkeit dieses Capitels n. 2. und was bey denen scriptoribus, dißfals zu erinnern sey- n. 3. Abermahlige Betrachtung der Natur des Men- schen n. 4. des Menschen Zustand viel elender als der Bestien n. 5. was den Leib betrifft n. 6. Auch der Seele nach kan der Mensch ohne anderer Menschen huͤlffe nicht gedencken n. 7. und begrelfft eher was an- dere Leute von dem Wesen der Dinge gedencken/ als er selbst n. 8. die solcher gestalt sein natuͤrliches ver- moͤgen zu gedencken gleichsam anfeuren n. 9. und ihm die signa seiner concepte suppediti ren muͤssen n. 10. Die er doch Anfangs von denen Dingen selbst nicht wohl zu unterscheiden weiß n. 11. Vortheil der Bestien fuͤr denen Menschen in nachtrachtung des guten und Meydung des boͤsen n. 12. 13. Weswegen bey dem Men Das 13. Hauptstuͤck von denen Menschen auch andere Leute die Erkaͤntnuͤß des guten und boͤsen erwecken muͤssen n 14. und keine principia connata moralia wuͤrcklich bey ihm anzutreffen sind/ n. 15. Obligation der Menschen und sonderlich der Eltern/ denen Kindern die Erkaͤntnuͤß der Warheit bey zubringen n. 16. Gegen- Obligation der Kinder das was ihnen gesagt wird fuͤr warscheinlich anzuneh- men n. 17. Vorzug der Eitern vor andern Menschen n. 18. Exempel etlicher weniger unstreitiger Warhel- ten die sich bald bey den Kindern ereignen. n. 19. Die Kinder muͤssen das/ was ihnen gesagt wird/ nicht fuͤr unstreitig wahr annehmen n. 20. Fehler so allenthal- ben hierwieder begangen werden verursachen die Jrr- thuͤmer n. 21. Die erwachsenen Menschen koͤnnen oder wollen denen Kindern nicht allemahl die Warheit beybringeu n. 22. auch die Eltern n. 23. 24. Ja was die Eltern gut machen/ verderben die andern wieder n. 25. Denen die Kinder mehr trauen als den Eltern n. 26. Man lehret denen Kindern/ das sie das was man ihnen sagt/ fuͤr unstreitig wahr halten muͤssen/ n. 27. Die Kinder haben eine groͤssere Begierde etwas zu erkennen als die erwachsenen Menschen n. 28. 29. Aber ihre meditation bierbey taugt nicht viel n. 30. Weil die groͤsse ihrer Begierde ihnen keine attention zulaͤst n. 31 sondern eine Ubereilung wuͤrcket/ die von einer Ungedult herruͤhret n. 32. Ubereilung bey denen Sinnligkeiten n. 33. ideis n. 34. raisoni rung n. 35. Erforschung neuer Warheiten n. 36. Vorurtheile und præjudicia woher sie den Nahmen haben n. 37. Was sie sind n. 38. Unterscheld zwischen den præjudiciis und andern Jrrthuͤmern n. 39. Jhr Hauptqvell ist die Leichtglaͤubigkeit n. 40. Zweyhaupt- præjudicia: Das Vorurtheil menschlicher autori taͤt/ und das Vorur- theil der Ubereilung n. 41. deren Zusammenhaltung n. 42. in Betrachtung ihres Ursprungs n. 43. 44. al- ters n. 45. und Tauerhafftigkeit n. 46. Das præjudici- um Jrrthuͤmern und deren Ursprnng um autoritatis kan man sehr schwerlich loß werden num. 46 biß 51. Es wird durch das præjudicium præ- cipitantiæ besestiget n. 52. und befestiget dieses eben- fals n. 53. Der Mensch schleppet sich mit diesen bey- den præjudiciis auch in seinem zunehmenden Alter n. 54. 55. theils wegen der augewehnten Ubereilung n. 56. theils weil diese præjudicia von denen Gelehr- ten gewaltig vertheydiget werden: n. 57. Der Ur- sprung derer absonderlichen præjudiciorum der Ge- lehrten/ n. 58. ist der Ehrgeitz n. 59. Wodurch das præjudicium autoritatis gleichsam sein Leben er- haͤlt n. 60. 1. W Jr haben bißhero von Erkaͤntnuͤß des wahren/ falschen und warscheinli- chen/ wie auch von Erfindung neuer Warheiten genung geredet. Wir haben aber oben gedacht/ daß ein Jrrthum heisse/ wenn man das falsche wahr zu seyn glaube/ oder das unwahrscheinliche fuͤr wahrscheinlich halte. Ja wir haben oͤffters vieler allgemeiner Jrr- thuͤmer erwehnet/ und oben gesagt/ daß die Menschen muthwillig aus Liebe zu denen præ- judiciis ihren Verstand verdunckelten. Also ist nun nichts mehr uͤbrig/ als daß wir von der- gleichen gemeinen Jrrthuͤmern und deren Ursprung etwas deutlicher reden. 2. Denn weil die Warheit und Warschein- ligkeit/ ja die gantze Vernunfft-Lehreauff so leichte Das 13. Hauptstuͤck von denen leichte Regeln gegruͤndet ist/ als wir solches dar- gethan/ auch die Erfindung neuer Warheiten mehr Auffmercksamkeit als sonderlichen Witz erfodert/ so verdienet die Untersuchung von den Ursprung der gemeinen Jrrthuͤmer/ denen die so genannten Gelehrten ja so wohl/ und zu- weilen noch mehr beypflichten/ als die Unge- lehrten/ allerdings eine genaue Betrachtung/ umb zu sehen/ was die Ursache sey/ daß die Menschen/ die ohne Muͤhe die Warheit besitzen solten/ derselben so gar vielfaͤltig verfehlen/ und daß sonderlich diejenigen/ die andere von denen Jrrthuͤmern zu der War- heit fuͤhren solten/ oͤffters am tieffsten darinnen stecken. 3. Ja es wird unsere Muͤhe dißfalls weder vergebens noch unangenehm seyn/ weil die Gelehrten entweder gar nichts von dieser Sa- che in ihren Schrifften hinterlassen/ oder die wenigen/ bey denen man hiervon etwas findet/ theils solche noͤthige doctrin uur uͤberhaupt und obenhin tractiret, und also wegendieser Nachlaͤßigkeit aus allzugrosser Begierde die Jrthuͤmer zu meiden/ am ehesten in dieselben verfallen/ theis hiervon sehr confus und ohne accurater Ordnung tractiret; theils neuer und Jrrthuͤmern und deren Ursprung. und dunckeler Woͤrter/ die die Sache ver- druͤßlich machen/ sich bedienet; theils aber mehr umb specificir ung etlicher allge- meiner Jrrthuͤmer/ als um Erforschung de- rer Haupt-Quellen/ oder doch nur um den Ur- sprung der Jrrthuͤmer in der Religion nach Anleitung der heiligen Schrifft besorgt ge- wesen/ zu geschweigen/ daß auch etliche von denen/ die von dieser materie geschrieben/ von andern Gelehrten vor Atheist en pflegen aus- geschrien zu werden. 4. Wir werden aber nichts fuͤglicher hier- innen schaffen koͤnnen/ als wenn wir die Na- tur des Menschen von Jugend auff wie- derum in Betrachtung ziehen/ damit wir ge- wahr werden/ zu welcher Zeit denn die Jrr- thuͤmer bey denselben anheben. 5. Obschon der Mensch eine viel vollkom- menere Creatur ist als die unvernuͤnfftigen Thiere; so ist doch offenbahr/ daß in gewisser masse sein Zustand in seiner zarten Jugend mit groͤssern Elende uͤmbgeben sey als de- rer Bestien. 6. Denn viele unvernuͤnfftige Thiere sind alsobald nach der Geburt in der Vollkom- menheit/ daß zur Noth/ auch ohne Zuthuung T an- Das 13. Hauptstuͤck von denen anderer Thiere ihres Geschlechts sie sich wuͤr- den hinbringen und ihre Nahrung suchen koͤnnen. Aber die Menschen-Kinder wuͤrden verderben und umkommen/ wenn nicht ande- re Menschen nach ihrer Geburt sich ihrer an- naͤhmen/ sie mit Nahrung und Speise ver- saͤhen/ ihre Gliedmassen zum Gehen ange- woͤhneten. ꝛc. 7. Ja die Seele selbst kan sich ohne Zu- thuung anderer Menschen so zu sagen nicht fort helffen. Und wir erkennen wohl/ daß sie bey denen kleinen Kindern etwas thun muͤsse; aber ehe sie reden/ oder zum wenigsten ande- rer Menschen Reden verstehen/ koͤnnen wir nicht sagen/ daß sie gedencken/ weil wir oben behauptet/ daß die Gedancken in einer inner- lichen Rede bestehen/ welche innerliche Rede eine eusserliche Rede præsupponiret. 8. Dieweil aber die eusserliche Rede eine Anzeigung ist der Gedancken anderer Men- schen/ so folget daraus nothwendig/ Daß die Kinder erst begreiffen/ was andere Men- schen von den Wesen der Dinge geden- cken/ ehe sie selbst davon eigentlich zu reden et- was gedencken/ oder daß in der zarten Ju- gend die Gedancken der Kinder von dem We- sen Jrrthuͤmern und deren Ursprung. sen der Dinge sich nach denen Gedancken anderer Menschen richten. 9. Den ob wir gleich gerne zugeben/ daß in der menschlichen Seele ein natuͤrliches Vermoͤgen sey zu gedencken. und das wahre von dem falschen zu entscheiden/ so wuͤrde doch solches Vermoͤgen ihm nichts nuͤtzen/ wenn es nicht durch Huͤlffe anderer Menschen ange- feuret wuͤrde: und man stelle sich nur einen Menschen vor/ der in der Wildniß von sei- ner Geburt an/ auch in die 20. Jahr sich auff- gehalten/ und daselbst unter den wilden Thie- ren gelebet haͤtte/ ob man begreiffen koͤnne/ daß desselben Seele in Erkaͤntniß der Warheit merckliche Wuͤrckungen habe vollfuͤhren koͤn- nen. 10. Dannenhero ist es zwar an dem/ daß die kleinen Kinder bey Erblickung anderer crea- turen einige dunckele concepte sich von de- nenselben machen/ aber sie haben das Vermoͤ- gen nicht/ diese concepte vor sich selbst von andern concepten durch gewisse Zeichen zu entscheiden/ sondern sie begreiffen es nach denen signis die sie hoͤren/ daß sie ihnen von andern Menschen gegeben werden: undfra- T 2 gen Das 13. Hauptstuͤck von denen gen dannenhero allezeit bey Erblickung einer Sache: Was ist das? 11. Daraus pflegt ferner zu geschehen/ daß die Kinder noch nicht faͤhig sind die signa von denen Gedancken oder von denen eusserli- chen Dingen selbst zu entscheiden/ sondern sie glaͤuben/ daß das signum und das Wesen das es bedeutet/ eines sey. Z. e. das Wort: Pferd/ Mensch/ Esel/ sey die Idea des Pfer- des ꝛc. 12. Ferner/ gleich wie alle Wissenschafft dem Menschen gegeben ist/ seinen warhaffti- gen Nutzen zu befoͤrdern/ und seinen Schaden zu verhuͤten; also ist es leider mit dem Men- schen so bewandt/ daß/ wie die bestien von Na- tur das was ihnen schaͤdlich ist/ meiden/ und dem was ihnen nutzet/ nachtrachten/ der Mensch in seiner Kindheit das boͤse von dem guten nicht zu entscheiden weiß. 13. Ein junges Pferdt/ wenn es Berg- unter gehet/ oder uͤber einen Graben gehen soll/ gehet sehr langsam/ und richtet die Be- wegung seines Leibes darnach ein/ daß es nicht faͤllt. Das Vieh scheuet gemeiniglich das Feuer/ und ist wenig Gelegenheit unterworf- fen sich selbst zu verletzen: Aber die Kinder lauf- Jrrthuͤmern und deren Ursprung. lauffen ordentlich tollkuͤhne zu; Ja sie halten bey denen ersten Faͤllen nicht einmahl die Haͤnde vor; sie scheuen sich nicht fuͤr dem Feu- er/ biß sie sich gebrandt haben; Sie thun sich selbst Schaden an/ wenn man spitzige oder schneidende Sachen ihnen in die Haͤnde giebet u. s. w. 14. Dannenhero erfodert abermahl die hoͤch- ste Nothwendigkeit/ daß in dieser zarten Ju- gend durch andere Menschen die concepte der Kinder von guten und boͤsen excitiret werden; nicht alleine was den Leib und des- sen Unterhaltung betrifft/ sondern auch noch vielmehr was die Guͤter der Seelen/ und sonderlich was das bonum morale anlan- get. 15. Denn was man insgemein de princi- piis moralibꝰ connatis zu schwatzen pfleget/ lassen wir zwar ietzo in seinem Werth und Un- werth beruhen; Jedoch wuͤrde es sehr thoͤricht gehandelt seyn/ wenn man glauben wolte/ daß die kleinen Kinder von selbst die Wissenschafft derer principiorum moralium wuͤrcklich und in der That besaͤssen/ da man doch taͤglich siehet/ daß ihr meistes Thun und lassen nicht alleine denen Grund-Regeln der Morale zu- T 3 wider Das 13. Hauptstuͤck von denen wider ist; sondern auch gnugsam zu verstehen giebt/ daß sie nicht einmahl pon denen terminis, die man bey denen principiis moralibus zum subjecto und prædicato brauchen muß/ eine ideam oder deutlichen concept haben. 16. Derowegen lieget theils insgemein an- dern Menschen/ theils aber absonderlich de- nen Eltern ob/ nicht nur sich zu huͤten/ daß denen Kindern nichts falsches von Erkaͤntniß des Wesens der Dinge/ und fuͤrnehmlich des guten uñ boͤsen beygebꝛacht weꝛde/ sondern auch hauptsaͤchlich sich dahin zu bearbeiten/ daß die Erkentniß der Warheit und des guten bey ihnen taͤglich mehr zunehme und befestiget werde. 17. Wiederum kan es nicht fehlen/ es muͤs- sen die Kinder in dieser zarten Jugend/ und so lange ihr Verstand noch nicht reiff ist/ das wahre von dem falschen und das boͤse von dem guten selbst zu entscheiden/ gleichfals schuldig seyn/ dasjenige was ihnen von andern Men- schen/ und sonderlich von ihren Eltern/ oder denen solches von ihren Eltern auffgetragen worden/ dißfalls gesaget wird/ so lange wahr zu seyn glauben/ oder vielmehr so lange als wahrscheinlich annehmen. Denn ohne diese Jrrthuͤmern und deren Ursprung. diese obligation der Kinder wuͤrde die obliga- tion der erwachsenen Menschen und der El- tern vergebens seyn/ und ihren effect nicht er- reichen. 18. Ja weil denen Eltern die schwereste Last auff dem Halse lieget/ ihre Kinder in die- sem Stuͤcke wohl auff zu erziehen; als erfor- dert die Vernunfft/ daß wenn andere Men- schen denen Kindern eine widrige Meinung von Erkentniß der Warheit und des guten imprimiren wolleu/ als die Eltern/ oder die/ an welche die Eltern die Kinder gewiesen/ ge- than haben/ die Kinder so dann diesen letztern mehr Glauben beymessen sollen/ als jenen. 19. Denn in diesen zarten Jahren ist der Verstand gantz ungeschickt das wahre oder fal- sche von sich selbst zu entscheiden/ ausser daß man siehet/ daß man ein Kind nicht bereden koͤnne daß etwas zugleich sey oder nicht sey; daß es dieses und zugleich ein anders seyl; daß das gantze nicht groͤsser sey als sein Theil/ und was dergleichen wenige unstreiti- ge Lehrsaͤtze mehr seyn/ die sich bey denen Kin- dern so bald ereignen/ als sie ihren Verstand nur in etwasan den Tag geben koͤnnen. 20. Gleichwohl ist es noͤthig/ daß wier die- T 4 se Das 13. Hauptstuͤck von denen se obligation der Kinder nicht weiter erstre- cken/ als dieselbige gehet. Denn sie will nicht mehr sagen/ als daß die Kinder dasjenige was ihnen die Eltern u. s. w. beybringen/ nur so lange fuͤr wahrscheinlich halten/ biß ihr Verstand selbst reiff wird die Warheit zu un- tersuchen; nicht aber/ daß sie glauben/ daß sol- ches unstreitig wahr sey/ vielweniger/ daß sie sich solches taͤglich iemehr und mehr bere- den. Denn wir haben oben verhoffentlich ge- nugsam erwiesen/ daß die eusserliche Versiche- rung von andern Menschen/ ohne unserer eige- nen innerlichen Vergewisserung/ nach Gele- genheit der Umstaͤnde zwar eine Wahrschein- ligkeit/ niemahls aber eine unstreitige Wahr- heit zuwege bringen koͤnne. 21. Wenn dannenhero der Zustand des menschlichen Geschlechts zuliese: daß eines Theils die Eltern oder andere Menschen de- nen Kindern die wahre Errkaͤntniß des We- sens der Dinge und des guten beybraͤchten; anders theils die Kinder alles das was ihnen von verstaͤndigen Leuten gesagt wird/ fuͤr be- kant annaͤhmen/ auch ihren Eltern und Præ- ceptoribus mehr glaubten als andern/ die sie von der Lehre dieser abzufuͤhren trachten/ oder doch Jrrthuͤmern und deren Ursprung. doch zum wenigsten daßjenige/ was sie in der Jugend von andern begriffen/ nur fuͤr wahr- scheinlich hielten/ und sich solches nicht als un- streitige wahre Dinge imprimirt eu/ so wuͤr- den vielleicht gar keine oder wenig Jrrthuͤmer in der Welt seyn. Alleine nachdem leider ! durchgehends die menschliche Gesellschafft so verderbet ist/ daß fast uͤberall in allen diesen Stuͤcken das Gegentheil beobachtet wird/ darff man sich nicht wundern/ daß alles voller Jrr- thuͤmer wimmelt/ und daß solcher gestalt/ de- nen Kindern nebst etlichen wenigen War- heiten viel million en Jrrthuͤmer nothwen- dig beygebracht werden muͤssen. 22. Denu anfaͤnglich ist es ausgemacht/ daß/ weil die erwachsenen Menschen/ die mit denen Kindern umgehen/ selbsten grosse Maͤn- gel entweder am Verstande oder am Willen haben/ so wollen sie auch nicht/ oder koͤnnen zum wenigsten nicht/ wenn sie gleich gerne wolten/ denen Kindern Warheiten beybrin- gen/ sondern sie suchen vielmehr ihnen ihre ei- gene Jrrthuͤmer theilhafftig zu machen/ oder bereden sie etwas falsches aus Schertz/ oder ih- rer zu spotten/ u. s. w. 23. Ja die Eltern selbst begehen in diesem T 5 Stuͤck Das 13. Hauptstuͤck von denen Stuͤck gleiche Fehler/ indem unter so viel tau- send Eltern die meisten die Warheit selbst nicht erkennen/ sondern in den præjudiciis biß an den Hals stecken. Wie solte nun ein Blin- der dem andern den Weg weisen. 24. Und wie offte geschiehets/ daß die El- tern den Kindern was imprimiren, daß sie selbst wohl wissen/ daß es nicht wahr sey/ und dennoch die Kinder dergleichen bereden/ ent- weder mit ihnen zu spielen/ oder aber mehren- theils zwar zu einem guten Absehen/ welches aber doch/ wenn man es genau besiehet/ ein thoͤrichtes Mittel ist darzu zu gelangen. z. e. Die Fabeln von dem heillgen Christ; viel eite- le persvasiones die gebraucht werden/ der Kinder ihre affecten zu besaͤnffeigen u. s. w. 25. Gesetzt aber/ der weiseste Mann bemuͤ- hete sich seine Kinder dergestalt auffzuerziehen/ daß er ihnen nichts als eitel Warheiten/ deren ihr Verstand faͤhig ist/ beybraͤchte/ (welches doch eine conditio ist/ die unter 10000. Menschen kaum ein einig mahl zu hoffen ist/) wie ist es moͤglich/ daß ein solcher weiser Mann stetig um seine Kinder ist/ und also abwehret/ daß/ ich will nicht sagen/ durch sein Weib/ son- dern durch sein Gesinde und durch andere Men- Jrrthuͤmern und deren Ursprung. Menschen/ abfonderlich aber durch die Spiel- Cameraden/ an statt derer von ihm erler- neten Warheiten/ sie nicht mit falschen Thor- heiten angefuͤllet werden. 26. Zumahlen da es wegen der denen Kin- dern von Jugend auff anklebenden inclina- tion zu den blossen Sinnligkeiten und Muͤs- siggang/ leider durchgehends so beschaffen ist/ daß sie dem Gesinde und ihres gleichen muth- willigen Kindern/ die gemeiniglich ihren Sinnligkeiten und Muͤßiggang schmeicheln/ mehr glauben/ als denen Eltern/ und folglich diese boͤse Gesellschafft in einem Augenblick der Erkentniß der Warheit mehr schaden thut/ als der Eltern uud Præceptoren ihre gute In- formation in langer Zeit Nutzen geschaf- fet. 27. Endlich giebt es die taͤgliche Erfah- rung/ daß so wohl die Eltern zu Hause/ als die Præceptores in denen Schulen gemeini- glich denen Kindern das hoͤchstschaͤdliche prin- cipium beybringen/ und durch alle Mittel und Wege dasselbige befestigen/ daß sie die ih- nen in der Jugend beygebrachte Erkentniß nicht ad interim fuͤr wahrscheinlich anneh- men/ sondern fuͤr unstreitig wahr und in- fal- Das 13. Hauptstuͤck von denen fallibel, ja gar fuͤr Glaubens - Articul hal- ten solten; und ist nichts neues/ daß man unter uns wohl gar des vierdten Geboths hierzu mißbrauchet. 28. Dieses ist nun der Zustand der Kinder in Ansehen der Erkaͤntniß der Warheit/ so ferne ihnen dieselbige von andern Menschen bey- gebracht wird/. Wir muͤssen aber auch ein wenig noch erwegen/ auff was Art die Kinder fuͤr sich selbst die Warheit zu erforschen be- gierig sind/ und zu diesem Ende raisoniren; Denn ob gleich/ wie obgedacht/ die Seele der Kinder noch nicht faͤhig ist/ von selbst das wahre und falsche zu entscheiden; so laͤst sich doch auch in der Jugend eine grosse Begierde unbe- kandte Dinge zu wissen/ und theils vermit- telst der Sinnligkeit/ theils auch vermittelst eigenen Nachdenckens darhinter zu kommen spuͤhren. Und gewiß die kleinen Kinder sind in diesem Stuͤck noch curieus er als erwachsene Menschen. 29. Denn sie haben mehr Zeit darzu als erwachsene Menschen einer Sache nachzuden- cken/ indem sie mit keinen Geschaͤfften uͤber- haͤufft sind/ und die natuͤrliche Lust/ die ein ie- der Mensch bey sich empfindet/ wenn er etwas bißher Jrrthuͤmern und deren Urspung. bißher unbekandtes zu wissen kriegt/ treibet die Kinder um so viel staͤrcker an/ vermittelst der Sinnligkeiten etwas zu erfahren/ weil ihnen wegen ihrer wenigen Wissenschafft nnd Er- fahrung fast alles unbekandt und also neu ist. 30. Wenn demnach die Kinder bey dieser ihrer eigenen Curiosit aͤt und meditation. diejenigen Umstaͤnde beobachteten/ die wir oben weitlaͤufftig erklaͤret/ als wir von denen ersten und unstreitigen Warheiten gehandelt; So wuͤrden sie auch durch dieselbige zu keinen neu- en Jrrthuͤmern verfuͤhret werden; dieweil sie aber allbereit/ wie erwehnet/ durch beybrin- gung anderer Leute mit vielen Jrrthuͤmern uͤ- berhaͤuffet sind/ und also der Grund ihrer Wissenschaffe nichts tauget; so ist leichte zu er- achten/ daß die darauff gebaute meditation oder experienz gleichfalls vielen Jrthuͤmern unterworffen seyn muͤsse. 31. Denn weil die Begierde etwas unbe- kandtes zu wissen bey den Kindern mit einen starcken Trieb sich ereignet/ so laͤst die selbi- ge ihnen die bey Erkentniß der Warheit hoͤchst noͤthige/ aber eine sonderliche Gemuͤths-Ru- he erfordernde attention und genaue Be- trach- Das 13. Hauptstuͤck von denen trachtung derer Umstaͤnde bey denen vorfal- lenden Sinnligkeiten/ so wohl auch die genaue Untersuchung/ wie man die rechten ideas von denen conceptibus verosimilibus ent- scheiden solle/ nicht zu. 32. Dannenhero findet man durchgehends bey denen Kindern eine merckliche Uberei- lung in ihren eigenen experienz en und rai- sonir ungen/ welches aus nichts anders her- ruͤhret/ als aus einer ihre Begierde unbekant- te Warheiten zu erforschen begleitenden Un- gedult. Denn gleich wie jene sie zwar insti- gir et/ zu diesen guten endzweck zu gelangen/ also hindert sie doch diese/ daß sie derer hier zu dien- lichen Mittel sich fast durchgehends nicht bedie- nen/ und also auch fast nimmer besagten sco- pum erhalten. 33. Denn diese Ungedult verursachet/ daß sie bey denen vorfallenden Sinnligkeiten von einer Sache eher urtheilen/ eher dieselbige zu gehoͤriger distanz gebracht worden/ daß sie die Bildungen/ die sich in unsern Gehirne ein- druͤcken/ oder den Schein der Sache/ mit der Sache selbst oder deren Ursache vermischen/ daß sie von Sachen urtheilen/ darvon sie nur durch einen Sinn einige Bildungen erhalten/ ehe Jrrthuͤmern und deren Ursprung. ehe und bevor sie mit denen andern Sinnen auch das Wesen derselben gepruͤfet/ das sie bey denen Sinnligkeiten/ die nicht allen Men- schen gemein sind/ oder da sich die sensoria. eines einigen Menschen offte zu aͤndern pfle- gen/ gar zu absolut von einer Sache urthei- len u. s. w. 34. Sie verursachet ferner/ daß sie oͤffters conceptus rerum accidentales, die bey vielen (oder auch wohl die bey wenigen) individuis zu finden sind/ fuͤr rechte ideas annehmen. 35. Sie verursachet/ daß in Herleitung oder Erkentniß derer Warhriten/ so von denen pri- mis principiis etwas entfernet sind/ sie eine proposition mit der andern vermischen/ fuͤr gleichguͤltig annehmen/ die dergleichen nicht sind/ oder dieselben umbkehren/ die nicht converti ret werden koͤnnen; oder die Ursachen/ so ihnen am ersten beyfallen/ ohne Untersuchung ob sie was taugen oder nicht/ an- nehmen/ und nicht betrachten/ ob sie mit un- streitigen Warheiten verknuͤpfft werden koͤn- nen. 36. Zu geschweigen/ daß eben diese unge- dultige Begierde in Erforschung neuer War- heiten/ oͤffters die Menschen von Jugend auff Das 13. Hauptstuͤck von denen auff antreibet/ verbotene und unzulaͤßige Sinnligkeiten zu begreiffen/ und das Boͤse mehr als das Gute zu erkennen/ oder allzu subtil en/ unnoͤthigen/ auch wohl verbote- nen Wissenschafften nachzutrachten/ und darzu zu gelangen/ sich entweder laͤcherlicher/ o- der ebenmaͤßig unfertiger Mittel zu bedienen. 37. Aus diesen/ was wir bißher gesagt ha- ben/ werden gar leicht die Urspruͤnge und Haupt-Quellen aller Jrrthuͤmer zu er- kennen seyn. Sie werden insgemein præju- dicia oder vorurtheile genennet/ theils weil dieselbe bey den Menschen alsbald sich ereig- nen/ ehe sein Verstand und judicium noch recht reiff ist/ theils/ weil vermittelst derselben der Mensch aus Unbedachtsamkeit eher urthei- let/ als er die Sache gehoͤrig gepruͤfet. 38. Dannenhero sind die præjudicia und Vor-Urtheile nichts anders als falsche Mei- nungen die uns von Erkentniß der War- heit abfuͤhren/ welche sich der Mensch oh- ne Ursache wahr zu seyn beredet/ entwe- der/ weil er aus Leichtglaͤubigkeit von an- dern/ deren autorit aͤt er getrauet/ dessen beredet worden/ oder weil er aus Unge- dult Jrrthuͤmern und deren Ursprung. dult und darauff erfolgter Ubeꝛeilung sich dessen selbst beredet: 39. Daß die præjudicia uns von der Er- kentniß der Warheit ab f uͤhren/ das haben sie mit allen falschen Meinungen gemein/ darinnen aber ist der Unterscheid/ daß bey denen præjudi- ciis die Ursache/ darauff sie sich gruͤnden/ gantz keine nothwendige connexion mit dergleichen Jrthuͤmern hat/ und also fuͤr keine Ursache zu hal- ten ist/ da doch in andern/ aus dergleichen præju- diciis hergeleiteten falschen Meinungen zum we- nigsten eine nothwendige connexion zwischen dem Jrrthum und præjudicio seyn kan. Die præjudicia sind der Quell aller falschen Mei- nungen/ die uͤbrigen Jrrthuͤmer sind die daraus fliessenden Baͤchlein. 40. Der Hauptquell aller præjudiciorum. ist der elende Zustand des Verstandes der Menschen in seiner Jugend/ und die demselben anklebende Leichtglaͤubigkeit/ durch welche er sich was falsches geschwinde bereden laͤst/ oder selbst beredet. 41. Und weil diese eitele Beredung theils ausser dem Menschen von andern herruͤhret/ theils in ihm selbst verborgen ist/ so entstehen da- hero zwey allgemeine Haupt præjudicia denen man alle Jrrthuͤmer/ die auff der Welt seyn/ zu- schreiben kan/ davon wir das eine das Vorur- theil menschlicher autoriiaͤt / das andere aber das Vornurtheil der Ubereilung neñen wollen. U 42. Wie Daß 13. Haupstuͤck von denen 42. Wie es mit beyden in der Jugend hergehe/ haben wir allbereit in vorigen gnugsam betrach- tet/ ietzo wollen wir nur diese beyden Bruñquellen alles Ubels noch ein wenig gegen einander con- feriren. 43. Jenes/ das præjudicium autoritatis, ruͤhret aus einer unvernuͤnfftigen Liebe gegen an- dere Menschen her/ und wird zuweilen durch ei- ne eingedruckte Furcht/ daß uns nichts Ubels wiederfahre/ bekraͤfftiget. 44. Dieses aber/ das præjudicium pracipitan- tia. ruͤhret aus einer unvernuͤnfftigen Selbst- liebe zn unserer Gemachligkeit her/ unserer Nach- laͤßigkeit und Ungedult zu schmeicheln und ihnen sanffte zu thun/ uñ wird auf gleiche weise durch ei- ne unzeitige Scham oder faulheit bekraͤfftiget. 45. Jenes ist aͤlter als dieses/ und dannenhero tieffer eingewurtzelt. Denn wir glauben an- dern Leuten eher als wir selbst zu raisoniren an- fangen. 46. Also folget auch daraus/ daß man dieses e- her loß werden kan/ als jenes/ wiewohl dieser Satz auch aus dem ersten Uuterschied erwiesen werden kan. 47. Denn weil das præjudicium autoritatis sich fuͤrnehmlich in einer unvernuͤnfftigen Liebe anderer Menschen gruͤndet/ die præcipitanz aber mehr auff eine unvernuͤnfftige Selbstliebe zielet; so haͤnget auch jenes dem Menschen fester an/ als dieses; massen wir dann schon zu seiner Zeit dieses para- Jrrthuͤmern und deren Ursprung. paradoxum gar ausfuͤhrlich beweisen wollen/ daß die unvernuͤnfftige Liebe gegen andere Dinge allezeit staͤrcker ist/ als die unver- nuͤnfftige Eigenliebe. 48. Z. e. Ein Mensch der aus præcipitanz einen viereckten Thurm fuͤr rund; einen geraden Ste- cken fuͤr krumm/ u. s. w. angesehen/ erkennet sei- nen Jrrthum dnrch augenscheinliche Erwei- sung gar leichte/ ja wenn er einen uͤbel zusam̃en- hengenden Schluß gemacht/ kan man ihn ohne sonderliche Muͤhe dahin bringen/ daß er seine U- bereilung erkenne. 49. Aber weun einer einmahl aus Thoͤrichter Liebe zu menschlicher autorit aͤt eine falsche Mei- nung eingesogen/ ist dieselbe so schwer wieder loß zu werden/ daß oͤffters die sonst kluͤgsten Leute nicht dran wollen/ den Jrthum zu erkennen/ ob sie gleich die Wiederlegung desselben nicht beant- worten koͤnnen/ sondern liebkosen demselbigen/ wenn sie nicht weiter koͤnnen/ daß sie sich bereden/ es sey der Mangel an ihrem Verstande und wuͤrden die/ von denen sie ihre Meinuung her- haben/ dieselben schon besser vertheidigen koͤñen. 50. Ja wie oͤffters hoͤret man diese unvernuͤnff- tige Reden: Jch will mit diesen vornehmen Manne lieber irren/ als mit einen andern Menschen der Warheit bey pflichten; oder: Jch werde mich dieses nicht bereden lassen/ wenn auch gleich meine An en mich eines andern versicherten. U 2 Zu Das 13. Hauptstuͤck von denen 51. Zu geschweigen/ daß viel tausend Exem- pel koͤnten angefuͤhret werden derer/ die viel eher um anderer Menschen irrige Meinung ihr Leben gelassen/ als derer die umb diejenigen/ derer Ursprung von ihnen selbst hergeruͤhret/ viel gelitten haͤtten. 52. Wiewohl nun diese beyden Haupt- præ- judicia dergestalt dem Wesen nach unterschie- den sind/ so sind sie doch mehrentheils in der That mit einander in denen Menschen vereiniget/ und biethen einander huͤlffliche Hand; denn das præ- judicium autoritatis wird nachgehends bey dem Menschen taͤglich durch eine grosse præcipitanz befestiget/ indem er theils taͤglich siehet/ daß ihn die menschliche autorit aͤt betrieget/ und doch in denen meisten/ was er wahr zu seyn glaͤubet/ sich auff selbige gruͤndet; theils aber auch aus denen in menschlicher autorit aͤt sich gruͤndenden irrigen Meinungen/ zum oͤfftern durch nachlaͤßige præci- pitanz immer neue Jrrthuͤmer vorbringet. 53. Hinwiederum hilfft das præjudicium auto- ritatis auch die præcipitanz nicht wenig staͤrcken/ in Ansehung daß die Ubereilung und die daraus herruͤhrende Jrrthuͤmer vielen Menschen gemein sind/ und also indem ein Blinder dem andern den Weg weisen will/ einer so wohl von der Warheit abweichet als der andere/ und beyde doch eben deßhalben/ weil sie sehen/ daß ihre Meinungen von vielen vertheydiget weꝛden/ auch sich beꝛeden/ daß sie deßhalben in der allen Menschen gemeinen Vernunfft gegruͤndet waͤren. 54. Und Jrrthuͤmern und deren Ursprung. 54. Und mit diesen beyden Haupt- præjudi- ciis muß sich nicht alleine der Mensch in seiner zarten Jugend/ und so lange sein Verstand nicht reiff ist/ schleppen/ sondern es ist zu beklagen/ daß auch bey erfolgter Reiffe der menschlichen Ver- nunfft dieselben fast die gantze Lebens-Zeit den Menschen dergestalt tyrannisi ren/ daß alle Jrr- thuͤmer/ und auch alles daraus entstehende Boͤse einig und allein diesen beyden Quellen zugeschrie- ben werden kan. 55. Die Ursache aber/ warumb die Men- schen in dem Alter/ da sie sich von dieser sclave- rey gar leicht befreyen koͤnten/ doch so muthwillig allergroͤsten theils darunter verharren/ ist aber- mahls theils die Nachlaͤßigkeit/ theils die un- vernuͤnfftige Liebe. 56. Wer sich aus den Jrrthuͤmern heraus reis- sen will/ muß doch zum wenigsten anfaͤnglich es sich lassen saueꝛ werden/ ehe er bey sich eine recht- sehaffene attention erwecket. Aber die lange Gewonheit zu der præcipitanz stellet ihm dieses Werck ja so unmuͤglich vor/ als denen Land- Bettlern die Arbeit. 57. Jedoch contribuir en wohl diejenigen/ die uns in diesem Stuͤck mit guten exempeln vorgehen/ und uns zu Ablegung derer Jrrthuͤmer anmahnen solten/ das meiste darzu/ denn an statt/ daß wir hierzu fleißig solten angetrieben werden/ so finden wir leider fast allenthalben niemand/ der es thut/ aber wohl tausend/ die uns alle Augen- blick Das 13. Hauptstuͤck von denen blick in die Ohren ruffen/ daß wir uns von der Meinung des Ehrwuͤrdigen Alterthumbs nicht solten lassen abwendig machen/ daß wir alle Neuerungen aͤrger als dir Pest meiden sol- ten; oder die diejenigen/ die entweder die præju- dicia selbst ablegen/ oder andere solches zu thun erinnern woilen/ theils mit guten Worten und Geschencken/ theils mit harten Bedrohungen und Verfolgungen davon abwendig zu machen/ sich eusserst lassen angelegen seyn. 58. Gleichwie wir nun bißhero die allen Menschen ge- meine præjudicia gruͤndlich untersucht haben/ und aber am Tage ist/ daß biejenigen so sich Gelehrte nennen/ vielmehr Thorhelten und Jrrthuͤmern unterworffen sind/ als die Menschen/ die in andern Staͤnden leben; als solten wir hillich auch etwas besehen/ was denn der Ursprung dieses Ubels sey. Jedoch weil dieses ohne die Historiam Philosophicam nicht wohl geschehen kan/ und wir von der- selben ancerswo ausfuͤhrlicher zu reden uns fuͤrgenommen haben; als wollen wir auch diese Betrachtung biß dahin verschleben. 59. Jndessen kanstu dieses wenige dir nur zu einen kleinen Vorschmack dienen lassen/ daß der Ursprung dieses Ubels der Ehrgeitz und die Herrschsucht sey/ aus welchen der Haupt Jrrthum hergeflossen/ daß die Weisen und Ge- lebrten von andern Menschen gantz unterschieden waͤren/ uñ also auch gantz andere Grund-Regeln zu raisonir en/ als an- dere gemeine Leute haben muͤsten. 60. Zum wenigsten kanstu aus diesem kurtzer Satz gar leicht abnehmen/ daß hier durch das præjudicium autoritatis gleichsam sein Leben erhalten/ und ohne Austilguugdieses Haupt Jrrhumbs auch das præjudicium autoritatis unter denen Menschen nicht ausgerottet werden koͤnne. ENDE. Erinnerung des Autoris an den Leser. J ch habe die Vernunfft-Lehre in dem 2. Cap. n. 17. in zwey Theil eingetheilet/ und gegen- waͤrtiges ist nur der pars generalis davon. Jch bin aber aus folgenden Ursachen bewogen worden/ denselben instehende Leipziger Neue- Jahrs-Messe zu publiciren. Es ist am verwi- chenen Michaelis ein Jahr verflossen/ als ich die- se Vernunfft-Lehre in Leipzig zu verfertigen und daruͤber zu lesen angefangen; Jch hatte mir auch feste fuͤrgesetzt an vergangener Ostermesse diesel- be voͤllig heraus zu geben/ massen denn allbereit mense Februario dieses Jahrs der pars gene- ralis biß auff das letzte Capit el absolviret und gedrucketwar. Alleine die Welt-bekante Ver- druͤßligkeit/ die mich genoͤthiget/ mich aus meinem Vaterlande zubegeben/ hat verursacht/ daß auch mein damahliges gutes Vorhaben biß itzo inter- rumpir et worden. Wannenhero/ weil solcher- gestalt die Sache in einen gantz andern Stand gerathen/ als ich in dem zu Leipzig publicirt en Programmate und in dem Anfang der Vorre- de allhier dieselbe vorgetragen; im uͤbrigen aber dasjenige/ was ich in besagter Vorrede wider den Autorem Speciminis Logicæ Claubergianæ weitlaͤufftig erinnert/ ziemlich alt werden wuͤr- de/ wenn es biß auff kuͤnfftige Oster-Meße ver- sparet werden solte; und endlich von auswerti- gen gen Orten unterschiedene Nachfrage darnach geschehen; Als wird der Leser vorietzo mit diesem parte generali zufrieden seyn/ und wenn mich GOtt gesund laͤst/ auf kuͤnfftige Oster-Meße den partem specialem, wie ich denselben d. cap. 2. n. 18. entworffen/ nebst der Einleitung zu der Hi- ßorie und einen general diseurs uͤber die Philoso- phi schen disciplinen gewaͤrtig seyn. Denn die Erkentniß Goͤttlicher Guͤte und die hohe Gnade meines Genaͤdigsten Chur-Fuͤrstens und Herrns machet mich hoffen/ kuͤnfftig in einen solchen Zustande leben zu koͤnnen/ daß ich der Erforschung und Lehre der Warheit frey und ohne Furcht obliegen/ und mich der studieren- den Jugend gantz und gar widmen/ auch durch publicir nng der gesamten Grundsaͤtze meiner Lehre der gantzen erbaren und verstaͤndigen Welt darthun moͤge/ theils daß ich nichts ge- faͤhrliches oder was der Kirche oder dem Staat schaͤdlich waͤre/ profitire, theils auch/ daß die ehedessen zu Leipzig und nunmehr auch hier zu Halle von mir publicirten Programmata der studieren den Jugend nichts versprochen/ was ich mir nicht rechtschaffen und ehrlich zu halten getrauete. Lebe wohl.