F. C. Laukhards , vorzeiten Magisters der Philosophie, und jetzt Musketiers unter dem von Thaddenschen Regiment zu Halle, Leben und Schicksale, von ihm selbst beschrieben , und zur Warnung fuͤr Eltern und studierende Juͤnglinge herausgegeben . Ein Beitrag zur Charakteristik der Universitaͤten in Deutschland. Zweiter Theil . Halle , bei Michaelis und Bispink . 1792 . Erstes Kapitel. Amicus certus in re incerta cernitur . „ W eißt was neues, Herr Bruder?“ schrie ich, als ich einige Tage nach meinem Un- fall in das Zimmer des Barons F... trat: „In meinem Lande ists alle: werd nimmermehr Pfaffe!“ Baron : Da ist denn auch kein groß Ungluͤck geschehen! Kannst ja sonst was werden! Ich : Ja, was denn? — In der Kurpfalz hab ich mich verschandlappt. — Baron : Nun, was hast du denn angestellt? Hast doch nicht gemordet? — Und Huren, Sau- fen und Spektakeln wird da nicht hochgerechnet! Ich : Sieh, ich habe mit dem Kandidaten Hundel in Korrespondenz gestanden, und hab da manchen Beitrag fuͤr sein Buch geliefert, das her- nach ist konfiscirt worden. Hundel selbst hat sich muͤssen skissiren, wenn er dem Galgen, oder doch ewiger Gefaͤngnißstrafe entgehen wollte. Zweiter Theil. A Baron : Hast Recht! in Kurpfalz kommst, hols der Teufel, nicht an! da moͤgen sie keine Leute haben, die ihnen auf den Magen sehen: wuͤrdest nicht 'n Nachtwaͤchterdienst kriegen! — Ich : Und in meinem Lande verfolgt mich der Administrator von Zwirnlein. — Baron : Von Zwirnlein? — Ach, der neu- gebackne Edelmann! Hoͤre Bruder, so 'n Adel, wie der, — soll nichts gelten. Unser Adel, schau, das ist 'n Adel! Vor 300 Jahren waren schon F... Domherren hier, zu Koͤlln, zu Worms, zu Speier und an mehr Stiftern. Einer aus unsrer Familie war Bischof zu Wuͤrzburg, und ein Andrer, Bischof zu Speier und noch ein Andrer, Abt zu Fulda. Schau, Bruͤderchen, das ist ein Adel Der deutsche Adel ist nirgends besser, d. i. aͤlter, als an den Domstiftern. Es koͤnnen da blos uralte Fami- lien Eingang finden. Und die Ahnenprobe, welche bei der Aufnahme vorgenommen wird, ist so streng, daß jeder Queerbalken im Stammbaum entdeckt wird. Daher ist der Ahnenstolz der Familien in Mainz, Wuͤrz- burg, Koͤlln, Muͤnster, Paderborn — unaussprech- lich; und ein lcher Ritter, wie Dalberg, Dienheim, Schoͤnborn, Elz, Bibra, kurz, ein Ritter, dessen Wappen in der Domkirche befindlich ist, wird um alles in der Welt nicht misheurathen; ja er wird eine Graͤ- fin, und selbst eine Prinzessin ausschlagen, wenn ihr Stamm nicht die erforderlichen Ahnen zaͤhlt. Das gilt sogar von den dortigen protestantischen Edelleuten, die . Aber so 'ne neue Noblesse ist nicht werth, daß man sie nennt. Ich : Du haͤlst also nichts auf neuen Adel? Baron : Nicht eine taube Haselnuß. Schau an, wir sind gute Freunde: du bist buͤrgerlich, und ich bin stiftsmuͤßig. Das thut aber nichts: ich bin dir gut, und habe keine Schande von deinem Um- gang. Aber wenn ich mit einem neuen Edelmann konversiren, und Freundschaft machen wollte: mein Seel! unser ganzer Stiftsadel wuͤrde sich daruͤber mokiren. Aber wieder auf dich zu kommen: was willst du nun anfangen? Ich : Das weis ich selbst nicht. Baron : Hoͤr' Bruder! du wartest auf die Pfarre in Franken: bleibst aber indeß bei mir, und lachst den Herrn von Zwirnlein und seinen Anhang aus: hast mich verstanden? Ich : O ja: aber wie sollte ich — Baron : Davon schweige mir. Ich will kei- ne Komplimente: bin ein ehrlicher Kerl, und meyn's hol mich der Teufel, gut mit dir! Schau, ich reise naͤchstens nach Strasburg: du gehst mit, und da stiftsmaͤßig sind. Es koͤnnte ja kommen, meynen diese, daß einmal einer von ihren Nachkommen katholisch wuͤrde, und dann koͤnnte er ja nicht Domherr, Bi- schof oder Kurfuͤrst werden! wollen wir alle Grillen vergessen, und so lustig le- ben, wie die Voͤgel im Hanfsaamen! Auf diese Art hatte ich also einen Freund in meinem F... gefunden, der mir Aufenthalt gab, daß ich nicht noͤthig hatte, meinem Vater durch mei- ne Gegenwart noch truͤbere Tage zu machen, als er wuͤrklich schon erlebte. Ich blieb indessen doch nicht bestaͤndig in Mainz; und wenn ich in dieser Stadt auch war, so blieb ich nicht immer in dem Hause des Barons. Ich hatte mehrere Bekannte: der Vater meines Schoͤnburgs, der Assessor Schaz , ein In- genieur Philippson , und mehr Andre gaben sich alle Muͤhe, mich aufzuheitern, wenn ich manch- mal — das doch nur selten geschahe — weniger leichtsinnig uͤber meine fatale Lage nachdachte. Waͤhrend dieser Zeit erhielt ich einen Brief vom Blumernwirth Schmid zu Gundersblum, der voll Enthusiasmus war. Man habe, hieß es, gehoͤrt, daß man mir die Kanzel verboten und alle Hoffnung zu einer Versorgung genommen haͤtte. Das Ding habe meine Freunde in Gundersblum, namentlich den Major von Goldenberg , den Wirth Bech - tel , und ihn, den Hrn. Schmid , so sehr geaͤrgert, daß sie beschlossen haͤtten, sich meiner anzunehmen: ich sollte nur kommen, man wuͤrde mir schon Mittel angeben, den Schaden zu ersetzen, und meine Fein- de auszulachen u. s. w. Die Bitte, bald zu kommen, war so dringend gemacht, daß ich gleich den andern Tag von Mainz aus nach Gundersblum ging. Ich hatte nur fuͤnf Stunden. Schmid empfing mich mit der lebhafte- sten Theilnahme an meinem widrigen Schicksale und mit tausend Fluͤchen gegen alle, die mich meiner und seiner Meynung nach gedruͤckt haͤtten. Ich sollte sehen, sagte er, wie man sich hier meiner annehmen wuͤrde: er wisse, daß mein Vater mir beinahe sein Haus verboten, und mich gleichsam fortgejagt haͤtte: aber hier in Gundersblum faͤnde ich alles, was ich wuͤnschen koͤnnte. Zufoͤrderst haͤtte der Major dafuͤr gesorgt, daß ich in Gundersblum bei ihm wohnen koͤnnte, bis sich etwas fuͤr mich ergeben wuͤrde: ich faͤnde da guten Tisch, rechten Wein und ein feines Logis. — Das Ding gefiel mir schon nicht recht: lieber waͤre ich bei meinem Baron zu Mainz, als in Gundersblum geblieben. Der Major war zwar ein ehrlicher braver Mann, ohne Stolz und ohne Grobheit; aber an Jahren waren wir zu weit von einander, als daß wir haͤtten Vertraute werden koͤn- nen: und Vertraulichkeit habe ich immer gesucht, habe sie sogar oft fuͤr Freundschaft gehalten, und mich dabei gar haͤßlich betrogen. Dem ohngeachtet ging ich zum Major, welcher mich aufs beste bewill- kommte, und von dem Herrn von Zwirnlein eben nicht mit Achtung redete. „Sie sollen bei mir bleiben, fuhr er fort, und bei mir alles finden, was Sie verlangen: gut Essen, derb naͤmlich, aber wenig Gerichte: guten Wein, Gunderblumer naͤmlich, und das in vollem Maaße, so viel in den Bauch hinein geht, und eine gute Pfeiffe Toback. Aber da Sie das Ding wol nicht werden umsonst haben wollen, so uͤbernehmen Sie meine Jagd, und besorgen meinen Keller, und leh- ren meine Maͤdel ein bissel Franzoͤsisch und auf der Landkarte. Wollen Sie das, mein Lieber?“ — Ich schlug ein, und war froh, daß ich mich an ei- nem fremden Orte bequem aufhalten konnte, ohne meinen Wohlthaͤtern laͤstig zu seyn. Ich war also freiherrlicher Jaͤger, Sprachleh- rer und Oberkellermeister. Letztere Stelle war frei- lich besser und minder beschwerlich, als erstere; doch muß ichs selbst von mir ruͤhmen, daß ich auch dieses Aemtchen mit vieler Treue versehen habe — viel- leicht blos deswegen, weil ich keine Nothwendigkeit vor mir sahe, meine Pflicht zu verletzen. Ich habe oft nachgedacht, warum ich zu einer Zeit faͤhig war, Lumpenstreiche auszuuͤben, die ich zu einer andern fuͤr keinen Preis wuͤrde gethan haben. Ich kann mir noch nicht alles erklaͤren; aber diese Betrachtung machet mich aͤußerst nachgiebig gegen Andre, beson- ders gegen solche, welche aus Zerruͤttung ihrer oͤkono- mischen Umstaͤnde pflichtwidrig zu handeln genoͤthigt werden. Schwer ist es, wider Leidenschaften zu pre- digen, und die Regeln der Vernunft da gelten zu machen, wo das Blut in Gaͤhrung ist; aber noch schwerer ist dieses da, wo der Mangel zu schlechten Handlungen antreibt. Ich schrieb meinem lieben Baron meine neue Station, welcher sehr unzufrieden damit war, und mich blos unter der Bedingung da bleiben ließ, daß ich ihn woͤchentlich einmal besuchen sollte. Mein Vater gab seine Einwilligung leicht, und ermahnte mich im fluͤchtigsten Ton von der Welt, eine ordent- lichere Lebensart anzufangen. Ich denke, der gute Mann that das nur so zum Scheine, weil er glaub- te, es sey doch jede ernsthafte Ermahnung an mir verlohren. Wie wehe das einem Vater thun muß! Meine Geschaͤfte betrieb ich Anfangs sehr aͤmsig. Ich ließ mir einen gruͤnlichen Ueberrock machen, den ich noch in Halle getragen habe, und den der Aufwaͤrter in D. Semlers Haus erst vor zwei Jah- ren voͤllig aufgerieben hat: kaufte mir einen runden Hut, welchen ich mit einer goldnen Borde auszieren ließ: und in diesem Ornate ging ich tagtaͤglich auf die Jagd. Die Titulaturen Vikarius und Kan - didat verbat ich mir uͤberall, indem sie mich alle- mal an meine Fatalitaͤten erinnerten. Ich kann eben darum noch nicht begreifen, wie manche abgedankte Officire und Beamte ihre Titulaturen so eifrig suchen aufrecht zu erhalten, da es doch sehr oft eine Art von Vorwurf fuͤr sie ist, wenn man sie noch so nennt, wie man in ihrem Dienste sie nannte. Das Ding mit meiner Jaͤgerey machte Aufse- hen, und es fing an zu scheinen, als wenn selbst Hr. von Zwirnlein, eben die Metamorphose aus einem Kandidaten in einen Jaͤger nicht haͤtte haben wol- denn der Sekretaͤr Schlosser schrieb an meinen Vater: meine Lage koͤnne immer noch verbessert wer- den: ich muͤßte nur eine Supplik eingeben, huͤbsch pater peccavi sagen, und hernach von neuem Ge- horsam versprechen: alsdann wuͤrde alles schon gut gehen. Allein das war mir erstlich nicht gelegen, und meine uͤbrigen Zerstreuungen verhinderten vol- lends alles. Ich muß doch einiges von meinen Jaͤgerge- schichten anfuͤhren. Wir hatten die Jagd in Gundersblum, wo ein gewisser Herr von B... wohnte Ich schreibe seinen Namen nicht aus, weil er zwei Soͤhne hat, welche in Kriegsdiensten stehen, und sehr brave Maͤnner sind. In jener Gegend kennt jederman den Hrn. v. B.... Er besaß ehedem mehrere Guͤter, und unter andern ein huͤbsches Dorf, Hilsheim; aber ein aͤusserst asotisches Leben hatte ihn in Schulden ge- steckt, und um alle seine Guͤter gebracht. Nachher ging er herum schnurren, wie man sagt, schickte Bet- . Dieser B... hatte einen Hund, welcher vor Hunger fremde Kuͤchen besuchte, und unter andern unsre Jagden durchstrich. Ich erfuhr das Ding, und ermahnte, oder ließ vielmehr den Herrn von B... durch den Dolgesheimer Wirth Kuchen ermahnen, seinen Marki inne zu halten: ich wuͤrde ihm sonst eine Ladung von Numer Eins aufs Gedaͤchtniß brennen. Das soll er sich nur unterstehen, antwor- tete Hr. v. B..., wenn er nicht will todtgeschossen seyn, wie ein toller Hund. Kuchen gab mir von B...s Drohung Nachricht; und nun machte ich mirs ordentlich zum Geschaͤft, den Hund aufzu- spuͤren, welches auch bald geschah: ich versetzte ihm also eine derbe Ladung ins Gehirn, und da lag er. Einige Tage hernach kam ich wieder nach Dol- gesheim; doch ehe ich noch ins Wirthshaus trat, kam Kuchen mir entgegen und bat mich um Gottes- willen, ja nicht in die Stube zu gehen: B... sey drinnen, und habe geschworen bei seiner Ehre und bei 100000 Schock Teufeln, mir eins aufzubren- nen, daß mir der Dampf sollte hinten heraus fah- ren. Das hat gute Wege, erwiederte ich, geb' er telbriefe in der ganzen Gegend herum, und braman- basirte doch bei jeder Gelegenheit so sch cklich und so unverschaͤmt, als wenn sein Adel sich von Karl dem Großen herschriebe, und er im Besitz eines Fuͤrsten- thums waͤre! mir nur einen Schoppen Wein! Mit diesen Worten trat ich in die Stube, ohne auf den Edelmann zu merken, der am Ofen saß. Kuchen brachte mir den geforderten Schoppen Wein: ich trank, sah mich hernach um, und sprang wie erstaunend auf, mit der Entschuldigung: „Ei, unterthaͤniger Knecht, gnaͤdiger Herr! verzeihen Sie, daß ich Sie nicht eher bemerkt habe! B... (stumm vor sich hinsehend). Ich : Gnaͤdiger Herr, wie bin ich zu dem Un- gluͤck gekommen, daß Sie mich nicht einmal anzu- sehen wuͤrdigen? B... (wie oben mit vielen hem hems). Ich : Sollt' ich so ungluͤcklich gewesen seyn, Ihre Ungnade auf mich zu laden! B... (aufstehend und sehr prozzig.) Herr, Sie haben mir meinen Hofhund an der Kette todt- geschossen! Ich : Gnaͤdiger Herr! wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schurke! Ich Ihren Hund in Ihrem Hochadelichen Hofe todtschießen? Wie sollte ich mich so sehr vergehen koͤnnen! B... Sie haͤtten meinen Hund nicht todtge- schossen? Ich : Haben Sie die Gnade, mich anzuhoͤren. Ich habe neulich einen Hund in der Gemarkung todtgeschossen: allein da hat mein Herr die Jagd, und ich hatte folglich das Recht, es zu thun, und wuͤrde jeden Hund todtschießen, sollte er auch dem Fuͤrsten gehoͤren! B... (viel gelassener) Also, Herr, meinen Hund haben Sie in meinem Hof nicht todtge- schossen? Ich : (kann vor Lachen beinahe nicht antwor- ten.) Nein — Gnaͤdiger — Herr! B... (prozzig) Nun, so soll das heilige Kreuz-Donnerwetter dem verfluchten Kerl in den Wamst fahren, dem Hofmann! Der Kerl hat mirs so referirt; aber warte, noch heute soll er zum Teu- fel! (Ich wußte recht wohl, daß Hr. v. B... dem Hofmann, oder Pachter nichts zu befehlen hatte: das Gut stand unter fuͤrstlicher Administration). So war Herr v. B... wieder besaͤnftigt! Er ging sogar, um alles wieder gut zu machen, noch den naͤmlichen Tag nach Gundersblum zum Hrn. v. Goldberg , und bat um Verzeihung, daß er aus Irrthum habe wollen seinen Jaͤger kalt machen. Er blieb drei Tage da, und borgte noch einige Thaler beim Abschied, welche der Major gern hergab, um sich nur den zudringlichen Großsprecher vom Halse zu schaffen. Der Wirth Schmid mag es indessen ch nicht so gut mit mir gemeynt haben, als er sich an- stellte. Denn ich war kaum vierzehn Tage in Gun- dersblum, als er mir einem Schurkenstreich zumu- thete, den ich beinahe haͤtte ausfuͤhren helfen, wenn der Major, der davon erfuhr, mir ihn nicht sehr ernstlich abgerathen haͤtte. Ich sollte naͤmlich den Kaiserlichen Notarius spielen, und in Gesellschaft einiger Hallunken einen guten ehrlichen Mann um zehn Faß Rheinwein betruͤgen helfen. Fuͤr meine Dienste sollte ich funfzig Gulden erhalten; haͤtte aber vielleicht auch, wenns herausgekommen waͤre, aufs Schloß marschiren muͤssen. Der Bubenstreich ist hernach ohne mich doch ausgefuͤhrt worden. Unter diesen Hallunken befand sich ein gewis- ser Belgrad von Frankfurt am Main. Er ist ein getaufter Jude, und fuͤr Frankfurt das, was Bran- denburger fuͤr Mainz ist — ein Hurenspediteur, Maͤkler, Spion und noch einiges mehr. Er ver- schrieb auch Recepte pro abortu , und ist wegen seiner Schelmereien schon mehrmals in Verhaft ge- zogen, aber immer wieder entlassen worden: wahr- scheinlich, weil mehrere Herren seiner Dienste be- durften. Herr Krug , Gastwirth im Roͤmischen Kaiser zu Frankfurt, ein vortreflicher Mann, kann von Belgraden mehr erzaͤhlen. Zweites Kapitel. Alte Liebe rostet nicht . W enn meine lieben Leser sich fuͤr Thereschen , das gutherzige Maͤdchen, interessirt haben, so wird es Ihnen nicht unangenehm seyn, wenn ich sie wie- der auffuͤhre. Seit meiner theologischen Donquischotterei in der Pfalz, hatte ich Thereschen wenig gesehen, und aller vertraulicher Umgang, aller Briefwechsel hat- te schon laͤngst aufgehoͤrt. Meine Zerstreuungen wa- ren zu groß, und meine Bekanntschaften zu ausge- gebreitet, als daß ein so sanfter Affekt, wie die Lie- be ist, haͤtte in meiner Seele noch haften koͤnnen. Freilich dacht ich dann und wann ans gute Kind; allein beim Andenken blieb's. Zudem scheute ich mich auch, das laͤngst verlassene Maͤdchen wieder zu be- gruͤßen: also bliebs beim Alten. Sonst hatte ich waͤhrend meines Aufenthalts in der Pfalz eine Menge Bekanntschaften mit Maͤd- chen errichtet, wovon einige sehr traulich geworden waren. Es ist das in jenem Lande gar keine Kunst: die Maͤdchen sind sammt und sonders sehr aufge- raͤumt, und lassen ihre Suspiranten nicht lange schmachten: oft kommen sie einem schon auf der Haͤlfte des Weges entgegen: oft tragen sie sich gar selbst an. Ich will von dieser Behauptung keine Belege anbringen: meine schoͤnen Landsmaͤnninnen moͤchten mir sonst, wenn ich einige von ihnen na- mentlich nennte und ihren Kommersch beschriebe, ei- nen Injurienprozeß an den Hals werfen, oder mir, wenn mich ja das Schicksal, wie ich doch weder glau- be noch wuͤnsche, wieder nach der Pfalz bringen soll- te, die Augen auskrazzen: denn Pfaͤlzer Maͤdchen haben Muth wie die Baͤren: das macht der Wein. Doch wieder ins Geleis! Ich hatte eine Men- ge Frauenzimmer-Bekanntschaften gemacht, und wo ich hin kam, fand ich so was zum Zeitvertreib. Das waren nun freilich Liebschaften nach der Pfaͤlzer Mo- de, wobei bloße Sinnlichkeit, oft bloße Langeweile ins Spiel kamen; woran aber das Herz wenig An- theil hatte. Bei dergleichen Affaͤren bleibt man so kalt wie Eis: man luͤgt da was her von Liebe, von Treue, und schwoͤrt unveraͤnderliche Anhaͤnglichkeit; aber in einer Stunde kommt man wo sonst hin, und alles wird vergessen! Ich wenigstens kann mich nicht erinnern, daß meine Lorchen , Malchen , Ca - rolinchen , Luischen und andre mich auch nur um eine Viertelstunde Schlaf gebracht haͤtten. Es galt mir wirklich sehr gleich, ob das Maͤdchen, mit dem ich umging, konvenabel war, oder nicht. Ein- mal beschaͤftigte ich gar eine Apothekers Tochter von Kreuznach, welche um ein halb Jahrhundert aͤlter war als ich. Es muͤssen noch eine Menge Liebesbriefe und Billets doux von mir in der Pfalz sich vorfinden: denn daß sie sollten vernichtet seyn, kann ich deswe- gen nicht glauben, weil das Pfaͤlzer Frauenzimmer dergleichen Saͤchelchen gern aufhebt, um bei Gele- genheit mit Eroberungen Parade zu machen. Ich habe eine große Menge aͤhnliches Zeugs gehabt, wo- von ich leicht eine Sammlung, so groß wie die des Cicero, haͤtte in sechszehn Buͤchern machen koͤnnen. Daß Thereschen von meiner Flatterhaftigkeit Nachricht eingezogen, und sich daruͤber nicht wenig gekraͤnkt habe, hab' ich hernach von ihr selbst erfah- ren. Therese war kein Maͤdchen vom gewoͤhnlichen Schlage: sie dachte gesezt, und hatte natuͤrliche wahre Empfindung. Schade fuͤr das herrliche Ge- schoͤpf, daß ihre Neigung gerade auf mich gefallen war! Wie gluͤcklich haͤtte sie einen Wuͤrdigern ma- chen koͤnnen! — Oft nahm ich mir zwar vor, an sie zu schreiben, und um Vergebung zu bitten: aber allemal scheuchte mich der Gedanke: „ Das Maͤd - chen kann dich nicht mehr lieben “ von meinem Vorhaben zuruͤck. Ich sah sie also selten und schrieb ihr noch weniger, oder vielmehr gar nicht mehr. Ohngefaͤhr im November — ja, es war gera- de der 1ste November 1781, denn da ist der Jahr- markt in Flonheim — wollte ich dem Pfarrer Stu - ber von Flonheim meine Aufwartung machen. Ich ging dahin, und hoͤrte, daß des katholischen Pfar- rers Hochgesand Vetter, Herr Advokat Schott , der von Jugend auf mein Freund und Duzbruder gewesen war, auch da sey. Ich lief also hin, um ihn zu besuchen: aber wie erschrack ich, als ich mei- ne Therese erblickte! Kaum konnte ich sprechen: doch endlich ward mirs wieder etwas leichter. The- resens Vater, ein vertrauter Freund des Pastors, verwieß mir ganz hoͤflich meine wenige Aufmerksam- keit, und wunderte sich, daß ich in so langer Zeit ihn nicht besucht haͤtte. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte, versprach auf der Ruͤckreise zu ihm zu kommen, und machte, daß ich zu meinem Stu - ber zuruͤckkam: hier — konnte ich es nicht mehr ausdauern! Ein boͤses Gewissen ist wahrlich die heißeste Hoͤlle! Drei Tage brachte ich in Flonheim zu, und dann nahm ich meinen Wanderstab wieder zur Hand. Ich ging durch Thereschens Dorf; aber erst ins Wirthshaus, wo ich mir in einigen Schoppen Wein Muth eintrank: und so — schlich ich, unter großem Herzpochen, nach Theresens Wohnung. Der Alte empfing mich freundlich, und gleichsam absichtlich ließ er mich bald darauf mit seiner Tochter allein. Einige Minuten war unser Gespraͤch allgemein: dann fing das gute Maͤdchen bittere Klagen uͤber mich an, und ruͤckte mir meine Vergehungen und Versuͤndigungen recht eindringlich vor. Ich raͤumte alles ein, klagte mich selbst an, und schilderte ihr meine Lage, die ich freilich selbst verschuldet, ja schon um sie allein verdient hatte, mit recht grellen Farben. Maͤdchen von Theresens Art sind gute Kin- der! Sie ward jezt weich und fing an zu weinen: ich — weinte bald mit, erhielt Vergebung und hieß wieder lieber Junge , lieber Friz , ward geduzt und gekuͤßt, und schwam von neuem in lau- ter — unverdienter Seligkeit. — Daß ich verspre- chen muste, Mittel und Wege aufzufinden, um unse- re Verbindung bald moͤglich zu machen, versteht sich von selbst. Ich muste auch schwoͤren, wenn man mir ein Mittel von der Art anzeigen wuͤrde, ohne Bedenken einzuwilligen. Ich that alles herzlich gern, und war froh, daß ich fuͤr so viele Suͤnden so wenig bestraft wurde! Der Kapuziner Hermenegildus , mein Pa- tron, war aus dem Alzeyer Kloster nach Noth-Got- tes im Rheingau auf dem Provinzialkapitel versezt worden; also konnte mir dieser mit seinem Mentors- Zweiter Theil. B rath nicht weiter beistehen. Aber der Pastor Neu - ner war noch uͤbrig. An diesen schrieb ich einen Ellen langen lateinischen Brief, und bat um Aus- kunft. Seine Antwort war nicht sehr erfreulich: es hieß: daß ich in der Pfalz zu viel Feinde haͤtte, um auf eine Versorgung rechnen zu koͤnnen. Jedoch wuͤrde mein Uebertritt zur katholischen Kirche viele meiner Feinde mit mir wieder aussoͤhnen. Ich be- suchte also gleich den Herrn Neuner selbst, muste aber da eine scharfe Strafpredigt wegen meiner Atheisterei — so nennen diese Leute gemeiniglich alle freiere Urtheile uͤber Religionssachen — anhoͤren. Ich erwiederte: daß ein Protestant, als solcher, nichts anders seyn koͤnnte, als entweder ein Freigeist, oder ein Dumkopf. Diesen Satz hatte ich aus Pater Neumeyers Buch aufgefangen. Ein Protestant, sagte ich, ist ein Christ; aber ohne Fundament. Er nimmt die Bibel als goͤttlich an, welche doch ohne das Zeugniß der Kirche kein Ansehen haben kann. Der heil. Augustin sage ja selbst: er wuͤrde dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht das An- sehen der Kirche dazu bestimmte Auch Hieronymus sagte: Soviel Abschriften soviel Originale ! — Es muß also mit den Kri- terien fuͤr die Aechtheit der Evangelien im vierten Jahrhunderte sehr mißlich ausgesehen haben. Und nun im Achtzehnten ? — . Hierzu kom- men noch die großen Uneinigkeiten und Zaͤnkereien unter den Protestanten selbst: wer solle da Recht ha- ben? Luther oder Kalvin ? Bahrdt oder Goͤtz ? Semler oder Reus ? — Bei sogestal- teten Sachen muͤsse ein gescheuter Protestant allemal ein Freigeist werden Auch der gescheute Katholik: denn Damasus , Six - tus der Fuͤnfte , Leo der Zehnte , Paulus der Dritte , und alle uͤbrigen dictatorischen Bestand- theile der kathol. Kirche waren auch Menschen, die auch nur nach Sachkriterien entscheiden koͤnnten — ausser wenn sie fuͤr gut fanden, auf den aͤchten heiligen Geist, d. i. die Eingebungen einer gelaͤuterten, gesunden Vernunft Verzicht zu thun, und durch den Glauben Weiß schwarz, und Schwarz weiß zu — brennen. . Sehn Sie, Herr Pfar- rer, fuhr ich fort, den Ursprung meiner Freigeiste- rei? Aber im System der katholischen Kirche finde ich alle Zweifel gehoben, und eben so viel Gewiß- heit als in Kaͤstners Geometrie. — Herr Neuner schien mit diesem Galimathias zufrieden zu seyn, und versprach, sich bestens zu meinem Vortheil zu verwenden. Allein, obgleich die katholischen Pfaffen gern ihre Kirche zu mehren suchen, seys auch mit unwuͤr- digen Mitgliedern; so muß doch diese Mehrung ei- nem groͤßern eignen Interesse nicht zuwider seyn: sonst setzen sie das Interesse der heiligen Kirche hin- tan. Und das war der Fall bei Hrn. Neuner. Hr. Neuner hatte naͤmlich einen gewissen Herrn im Sinne, der ihm so eine Parthie fuͤr Thereschen zu seyn schien. Diesen Menschen, den stupidesten Dummkopf und groͤbsten Bengel auf Gotees Erdbo- den, hatte er schon von weitem vorgeschlagen, war aber abgewiesen worden. Alles das hab ich nachher erfahren. Da ich ihm indeß in dieser Ruͤcksicht im Wege stand; so suchte er mich zu untergraben: was er dazu fuͤr Mittel gebraucht habe, will ich bald melden. In dieser Lage ging ich meinen Baron an. Hier ist unser Gespraͤch, woraus man die philoso- phische Denkungsart dieses rechtschaffenen Ritters erkennen kann. Baron : Ja, Bruder, das Unterbringen, so auf der Stelle, ist nun so eine Sache: ich weis dir, mein Seel'! nicht zu rathen! Ich : Nicht? Und hast Freunde von Einfluß? Deinen Oheim, den Domherrn — deinen Va- ter — Baron : Ja freilich: aber im Erzstift! du weist ja, Bruder Herz, kein Protestant kann da ankommen! Ich : Wohl! Wie aber, wenn ich katholisch wuͤrde? Baron (erstaunt): Du — katholisch? Ich : Warum nicht! Baron : Weil du 'n gescheuter Kerl bist: weil du 'n Freigeist bist: — weil du scheinst Ehre im Bauch zu haben. Ich : Ist's denn so unehrlich, wenn man die Religion aͤndert? Baron : Allerdings, wenns geschieht, um Geld, Amt, oder 'n Mensch zu bekommen. Pfui! (spuckte aus). Ich : Aber, Bruder, wenn man gluͤcklich wer- den kann! — Baron : Ei was! Gluͤcklich kannst du doch werden: brauchst nicht gerade erst einen Lumpen- streich vorzunehmen. Ja wenn du bei'n Lutheranern verfolgt wuͤrdest, oder sie dir deine natuͤrliche oder buͤrgerliche Freiheit widerrechtlich beschraͤnkten, dich druͤckten, oder dir dein ruhiges Fortkommen unter sich erschwerten: da ließ ichs noch gelten; aber so — kann ichs unmoͤglich billigen. Ich bitte dich daher, schweig mir von den Possen still! Und fuͤhrst du ja so etwas aus, so sag ich dir gerade ins Gesicht: wir sind geschiedne Leute! Also wars mit Fr... nichts. Ich suchte ihn zwar noch auf andre Gedanken zu bringen; aber er blieb unbeweglich. Mit schwerem Herzen ging ich also wieder nach meiner Station. Der Pastor Neuner , statt fuͤr mich zu agi- ren, fing nun an, gerade entgegengesezte Maaß- regeln zu ergreifen. Er bemuͤhte sich, meine Lebens- art und meinen Karakter bei meinem Maͤdchen an- zuschwaͤrzen, und mich als einen schuftigen Kerl dar- zustellen. Aber da kam er schoͤn an! Thereschens Neigung nahm dadurch nur zu. Das schlaue Maͤd- chen merkte seine Absicht, und schlug sie mit der Er- klaͤrung nieder: daß, wenn ich ihr nicht zu Theil werden koͤnnte, es auch kein Anderer je werden soll- te, am wenigsten der von ihm vorgeschlagene Mensch. Bei Theresens Vater fanden seine Beschreibungen schon mehr Eingang; aber doch ließ sich der Alte nicht bewegen, seine Tochter zu etwas zu zwingen: zum guten Gluͤck war der angetragene Herr auch ihm unausstehlich. Meister Neuner verzweifelte schon an dem Fortgang seines Geschaͤfts, besonders da er erfuhr, daß ich den Herrn Amtmann oͤfters besuchte, und er mich jedesmal freundlich aufnaͤhme. Lange verbarg man mir Neuners Tuͤcke, bis endlich Thereschen mir rieth: mich vor dem Pfaffen in Acht zu nehmen: so und so spraͤche er von mir, und das und das waͤ- re seine Absicht. — Ich ward grimmig boͤse uͤber den Grobian, und schrieb ihm gleich einen Brief voll Gift und Galle, worin ich ihm die derbsten Ti- tel beilegte. Dies wuͤrkte beim Pfaffen: er begab sich sogleich zu meinem Vater, und verrieth den gan- zen Handel. Dieser wurde nur noch mehr gegen mich aufgebracht, und schickte mir ein lateinisches Billet, worin er mir befahl, sogleich zu ihm zu kommen, um ihm Rechenschaft uͤber eine Sache ab- zulegen, welche er wegen der Groͤße der Bosheit nicht glauben koͤnnte. Ich erschrack freilich sehr uͤber dies Zettelchen, und konnte mich durchaus nicht entschließen, der Einladung meines Vaters, den ich schon seit einigen Monaten nicht gesehen hatte, Gehoͤr zu geben. Ich antwortete also kurz: mir waͤre nicht recht wohl; sobald mir aber besser seyn wuͤrde, kaͤme ich gewiß. In der Beklemniß meiner Seele lief ich zu Thereschen: aber auch da war ein großer Brief von meinem Vater. Ich konnte das Ding nicht aus- halten. Der alte Amtmann gab mir harte, sehr harte Reden: Thereschen schwam in Thraͤnen, und ich stand da, wie vom Bliz gelaͤhmt und sprachlos. Endlich lief ich fort, und ging zum Schulzen, wo ich meine Grillen im Wein zu toͤdten suchte. Ge- gen Abend fuhr ich ab, und traf mein Maͤdchen noch einmal auf meinem Wege, eine halbe Stunde von ihrem Dorfe. Wir sprachen wenig, und wein- ten desto mehr. Therese versprach mir, auf keinen Fall in Pastor Neuners Vorschlag einzuwilligen, und mir treu zu bleiben. Das edle Maͤdchen hat auch Wort gehalten: Mosjeh Firlefanz bekam den Ab- schied; und vor fuͤnf Jahren, als ich in der Pfalz war, war Thereschen noch ledig. Ich weis, daß mehrere um sie geworben haben, weis aber auch, daß sie jeden Antrag dieser Art verbethen hat. Ich bin nicht stolz genug, dies ihr standhaftes Betragen ihrer Liebe gegen mich zuzuschreiben: aber etwas muß doch mein Andenken dabei bewirkt haben. Und so bedaure ich diese Edle, Verlaßne jezt um so mehr, je abscheulicher ich mir bei dieser ganzen Geschichte selbst erscheine. Doch genug von einer Materie, an welche ich ohne den innigsten Schmerz nie denken kann. Die Reue geht wahrlich Schritt fuͤr Schritt hinten drein, wenn wir im vollen Galop dumme Streiche gemacht haben; nur Schade, daß es meist zu spaͤt ist, sie zu verbessern, wenn wir sie recht erkennen! — Drittes Kapitel. Eine Reise à la Don Quixote . D er Baron F.... ward noch endlich mein Trost in dieser meiner Verlegenheit, welche mir Zentner schwer auf dem Herzen lag. Gedraͤngt von in- nen und außen besuchte ich ihn neuerdings, und er- zaͤhlte ihm alles, was mir begegnet war, und was ich noch weiter befuͤrchtete. Der Baron schien an- faͤnglich geruͤhrt, legte aber die ganze Sache bald auf die leichte Achsel, nahm mich mit in Dillmanns Garten, und wuste da so viel Schnurren und Schna- ken anzugeben, daß ich beim Wein — Vater und Thereschen und Verlegenheit und alle Welt vergaß, und so selig ward, als irgend ein Rathsherr in Ab- dera je seyn konnte. So ging das Leben einige Ta- ge fort. Darauf gab mir Herr von F.... zu verste- hen, daß ich ihn bald nach Strasburg begleiten soll- te, und daß wir da hoch leben wuͤrden. Das Ding gefiel mir: ich sagte sogleich ja, und nahm meinen Ruͤckweg nach Gundersblum. Einige Tage hernach erschien mein Herr von F... und forderte, daß ich sogleich aufpacken sollte: es ginge vorwaͤrts. Herr von Goldenberg sah es freilich nicht gern, daß ich ihn, seine Jagden und und seinen Keller verlassen wollte; aber er muste es schon geschehen lassen, und sich damit troͤsten, daß ich bald wuͤrde zuruͤck kommen. Ich hatte dies auch ernstlich im Sinne: denn damals ging eben der Pro- zeß der Grafen von Leiningen mit dem Fuͤrsten die- ses Namens zu Ende: die Linanges d'Italie , wie man sie spottweise nannte, hatten endlich nach vieler Noth und Muͤhe ihre Anspruͤche auf die Grafschaf- ten Gundersblum und Heidesheim geltend gemacht. Auch hatte schon zu meiner Zeit Joseph II. in der Sache gesprochen, und die Herren Grafen in den Besitz ihrer Laͤnder setzen wollen: allein Se. Durch- laucht, der Fuͤrst von Leiningen , Dachs - burg , waren ein intimer Freund von Sr. Durch- laucht, dem Herrn Kurfuͤrsten von der Pfalz, und wegen dieser Freundschaft wurde die Uebergabe der Grafschaften lange verschoben. Sie ging erst nach meinem Abzug aus jenen Gegenden vor sich. Nun war mein Vetter Laukhard , bisheri- riger Sekretaͤr der Frau Graͤfin von Wartensleben in Mainz, mir den praͤtendirenden Grafen bekannt geworden, und diese hatten ihm die erste beste Stelle zugesagt, wenn sie erst wuͤrden in den Besitz ihrer Grafschaften gekommen seyn. Die Herren haben auch Wort gehalten, und mein Vetter ist jezt ihr Hofrath, hat auch durch ihre Vermittelung ein Maͤdchen weggekapert mit 24000 Gulden Rhei- nisch. Ich goͤnne es ihm Es ist freilich keine Ehre, nach Geld zu freien. Dies geschieht aber nirgend so stark, als in der Pfalz. Geld macht da des Maͤdchens Hauptverdienst aus; und kein Geld haben, und eine alte Jungfer werden muͤssen, ist beinahe einerlei. Schoͤnheit, Sitten, Geschicklich- keit kommen da wenig in Anschlag. Und daraus er- wachsen denn mit der Zeit — Hoͤrner. ! Da war es denn eben so dumm nicht, darauf zu rechnen, daß ich durch seine Huͤlfe einmal im Leiningischen mein Gluͤck machen wuͤrde. Freilich, so lange die Laͤnd- chen unter dem Herrn Fuͤrsten von Leiningen blieben, war daran nicht zu denken. Der Superintendent zu Duͤrkheim an der Hard, Herr Klevesahl , ein armer Suͤnder in allem, was Wissenschaft heißt, welcher auf den Herrn D. Bahrdt gefolget war, und gegen diesen in mancher Ruͤcksicht abscheulich abstach, war ein Patron des im ersten Bande dieser Biogra- phie beschriebenen Magisters Weitmaul, und folglich mein abgesagter Feind. Herr Hofrath Ruͤhl hatte zwar, nach der Bahrdtischen Katastrophe, auch an mich geschrieben, und mich ersucht, in Heidesheim eine Lehrstelle anzunehmen. Allein das ganze Luft- schloß stuͤrzte bald vollends ein, und aus mei- ner Lehrstelle wurde nichts. Meine Hoffnung war also nur noch auf die Grafen von Leiningen gerichtet. Ich reisete indeß mit F... uͤber Neustadt, Lan- dau und Hagenau nach Strasburg. Gleich uͤber Neustadt geht das franzoͤsische Gebiet an. Ich halte mich mit Reisebeschreibungen nicht gern auf, und will also auch die treflichste aller schoͤnen Gegenden, welche man dort Landes antrift, nicht beschreiben. Ludwig XIV. war kein Narr, daß er den El- saß wegnahm! — Ich war schon mehrmals in diesen Gegenden gewesen, hatte die Stadt Stras- burg mehrmals gesehen; aber so innig vergnuͤgt hatt' ich dort noch nie gelebt, als damals in der Ge- sellschaft des Barons von F.... In Landau verließ mich eines Abends beim Schlafengehen der Baron, und gestand mir den fol- genden Morgen, er habe in der Beschließerin Kam- mer die Nacht zugebracht. Auf der Ruͤckreise kampirte gar die Beschließerin im Bette des Barons in demselben Zimmer, worin auch ich, obschon in einem andern Bette, lag. Das nimmt man bei den Franzosen – und die Landauer fangen schon an, nach Franzosen Art zu thun — nicht uͤbel. In Strasburg nahmen wir unser Quartier im Gasthofe, dem Tiefen Keller . Ich habe schon gesagt Theil 1. S. 7. , daß meine Mutter eine Enkelin des ehe- maligen beruͤhmten Strasburgischen Juristen, Jo - hann Schilters , gewesen sey. Dieser Mann hatte sich nicht nur um die Wissenschaften uͤberhaupt, sondern auch ins besondere um die Stadt Stras- burg so verdient gemacht, daß sein Andenken daselbst hochgehalten wird. Eben diese Renommee meines Urgroßvaters hat mir in mehrere vornehme Gesell- schaften den Weg gebahnt. Meiner Mutter Vater, d'Autel, hatte noch Bruͤder in Strasburg gehabt, deren Kinder und Verwandte recht vetterlich mit mir umgingen; aber dem Baron F.... gefiel diese Wirthschaft nicht. Die Philisterei, sagte er, ist mein Tod: laß das verdammte Philisterzeug gehen; hast ja sonst Bekanntschaft! Ich muste ihm nachge- ben und durfte nur hoͤchst selten meine Verwandte besuchen. Der im ersten Bande genannte Hofprediger, Herrenschneider , der jezt in Strasburg an der Jakobskirche bestellet war, begegnete mir einmal auf der Straße, als ich in Begleitung des Barons und eines Herrn von Gymnich herum ging. Er schau- te mir derb ins Gesicht, und als ich einige Schritte fort war, stand er still und sah sich um. Gym - nich , dem dies auffiel, ging trotzig auf ihn zu und fragte: was er wolle? — Ich meyne da einen Herrn zu kennen, der bei Ihnen ist. — So? welchen denn? — da den im braunen Rock! — Ich ging nun auch hinzu, und siehe da, es war der Herr Herrenschneider, der mich hoͤflich bat, ihn in seiner Behausung zu besuchen, und hinzufuͤgte: daß er an der Uneinigkeit, worin er mit meinem Vater gelebt haͤtte, aus christlicher Liebe nicht mehr daͤchte. Ich wollte etwas erwidern; aber Baron F... kam mir zuvor. Herr Pastor, sagte er, Laukhard soll Sie nicht besuchen: wir sind nicht gekommen, unsre Suͤnden in Strasburg zu beichten. Adieu, Herr Pastor! Mit diesen Worten ließen wir den Pfaffen stehen, der gewiß das strasburgische Anathema uͤber uns wird gesprochen haben. Unsre Gesellschaften waren meistens franzoͤsische Officire, womit uns Herr von Gymnich bekannt machte. Dieser Herr von Gymnich ist ein gebohr- ner Mainzer, ein Anverwandter des jetzigen Main- zischen Kommendanten gleiches Namens, ein biede- rer rechtschaffener junger Mann; aber voll Leicht- sinn, und franzoͤsischer Flatterhaftigkeit. Er stand damals als Lieutenant bei einem Infanterieregimente in Strasburg, Royal Conflant. Die franzoͤsischen Officire zeichnen sich in allen Stuͤcken sehr vortheil- haft aus. Ich habe einige kennen gelernt, welche es in den Wissenschaften weit gebracht hatten: Ma- thematik, Geschichte, Erdbeschreibung, und Zeichen- kunst sind die gewoͤhnlichen Kentnisse eines jeden franzoͤsischen Officiers, ja viele sind gar Meister in einigen dieser Kenntnisse. Der Graf Massineau in Strasburg ist Verfasser einer Schrift uͤber die Mi- nirkunst, welche ihres gleichen sucht: die groͤßten Kenner der Kriegswissenschaften geben ihm dieses Zeugniß. Jeder Officier hat seine Bibliothek, wo- rin man freilich viel leichte Waare, aber doch auch die Werke eines Moliere, Racine, Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Boileau, la Fontaine, Helve- tius und andrer großer Maͤnner antrift: und diese Buͤcher stehen nicht blos auf dem Pulte: sie werden auch gelesen: die schoͤnsten Stellen wissen die Herren auswendig, und wissen sie recht geschickt anzubrin- gen. Ich habe mich oft gefreut, wie ganz junge Officire von 15 bis 16 Jahren die herrlichsten Stel- len aus Voltaͤrs , Russos, oder andrer Autoren Schriften, ohne alle Pedanterie, in ihren Unterre- dungen einzuschalten wusten. Daran aber ist die ede- le Erziehung Schuld, welche man in Frankreich dem jungen, zum Militaͤrstande bestimmten Adel zu ge- ben sucht. Die Lebensart dieser Herren ist aͤußerst fein, und ihre Sitten so einnehmend, so gefaͤllig, daß ich mich gar nicht wundre, daß ein franzoͤsischer Faͤhn- drich einen deutschen Grafen beim Frauenzimmer aussticht, wie sichs oft zugetragen hat. Diese Leute haben keinen Ahnenstolz, und bilden sich auf ihren Adel ganz und gar nichts ein. Ich bin von vie- len, die ich gekannt habe, recht freundschaftlich be- handelt worden. Grobheit und Unhoͤflichkeit ist da weit weg. Die Ehre eines franzoͤsischen Officiers besteht einzig und allein in der genauen Erfuͤllung seiner Pflichten, gerade wie ehemals in Athen und in Rom, wo nur der Ehre genoß, der seiner Pflicht aufs ge- nauste entsprach. Den Dienst versaͤumen, wider seine Schuldigkeit fehlen, heißt in Frankreich sich prostituiren. Man sprach damals von einem Kapitaͤn, welcher seinem Obersten widersprochen hatte, und deswegen auf vier Monate auf die Cita- delle gekommen war. Niemand entschuldigte den Kapitain; und als ich einige Anmerkungen zu seiner Vertheidigung vorbrachte, antwortete mir ein funf- zehnjaͤhriger Officier: ich verstaͤnde die Sache nicht: was wider die Subordination waͤre, waͤre eben da- durch malhonnete. Ein Officier, welcher sich den ge- ringsten unredlichen Streich zu Schulden kommen laͤst, wird kassirt: man kann ihn auch nicht in Dien- sten lassen: denn alle andre Officire wuͤrden sich ge- gen ihn verschwoͤren, und er wuͤrde genoͤthigt wer- den, bei Nacht und Nebel abzufahren. Zu derglei- chen unredlichen Streichen gehoͤrt das manquer de parole: daher gilt auch das Wort eines franzoͤsi- schen Officiers mehr als Priesterwort und deutsche Cavaliersparole. Niemals hat ein Officier einem Soldaten, oder Rekruten etwas versprochen, das er hernach nicht gehalten haͤtte. Das ist wahres ruͤhmliches point d'honneur, womit sich aber auch viel falsches point d'honneur vereinigt. Dahin gehoͤren die haͤufigen Balgereien, die sich sehr oft mit einem gewaltsamen Tode endig- ten. Ein hiziges beleidigendes Wort, ein Vous avez menti (Sie haben gelogen) ist hinlaͤnglich, einen Duel anzuzetteln. Daher gehen diese Herren auch auf die hoͤflichste Art mit einander um, und be- handeln sich, als haͤtten sie alle die hoͤchste Achtung gegen alle. Das Dutzen ist unter ihnen nicht ge- braͤuchlich: es scheint auch gegen das Genie der fran- zoͤsischen Sprache zu seyn: und Raillerie muß sehr fein getrieben werden, wenn sie Statt haben soll. Neckereien und Aufziehereien, oder gar grobe Wor- te, wuͤrden augenblicklich Haͤndel erregen; deswegen werden sie gar nicht gehoͤrt. Von Statur sind diese Herren alle gut gebil- det: kleine unansehnliche Leute findet man unter ihnen nicht. Die Religion der franzoͤsischen Officire ist — Freigeisterei und zwar voltaͤrische. In ihren Zir- keln wird derb uͤber alles gespoͤttelt, was beim Poͤ- bel und bei Pfaffenfreunden fuͤr heilig gilt. Sie hoͤ- ren indeß doch Messe, wenn sie katholisch sind Die jesuitische Intoleranz, welche in den lezten Jah- ren Ludwigs XIII. und XIV. und unter der ganzen schwachkoͤpfigen Regierung Ludwigs XV. Frankreich ge- plagt hat, konnte sich niemals uͤber die Armee erstre- cken. Da hat zu allenzeiten Religionsfreiheit statt ge- habt; und viele Protestanten haben da ansehnliche Po- sten bekleidet. Ganz anders wars in Spanien, Por- tugal und Sardinien, wie auch auch sonst in Oester- reich und noch jezt in — Baiern. . Die Protestanten besuchen gar keine Kirche. Ich fragte einmal einen katholischen Officier: warum er Zweiter Theil. C in die Messe ginge, da er doch den Stifter der christ- lichen Religion fuͤr einen Bastart hielte? Das ist so Mode, erwiederte er, und die Mode muß man mit machen! — Meine Leser moͤgen mir diese Digression nicht uͤbel nehmen: ich war sie den Herren schuldig, wel- che mich damals in Strasburg so herrlich behandelt haben. Daß heut zu Tage einiges anders ist, weiß ich: aber an wem liegt die Schuld? Quidquid delirant Reges, plectuntur Achivi! Die Koffehaͤuser waren die Oerter, wo wir ge- woͤhnlich hingingen, uns zu zerstreuen. Wir spielten Billard, tranken fruͤh Ratafia und Nachmittags Wein und Koffe. Das Tabackrauchen ist dort nicht sehr gewoͤhnlich; und wenn ich laͤnger in Strasburg geblieben waͤre, — meine Pfeiffe haͤtte den Abschied bekommen. Abends sezten wir uns in irgend eine Kneipe, wo es lustig herging: da wurde gesoffen, getanzt und um zwoͤlf oder ein Uhr nach Hause ge- gangen. Aus diesem Gestaͤndniß sehen meine Le- ser, daß ich mich damals um kein Haar gebessert hatte, und auch noch nicht auf dem Wege war, es zu thun. Viertes Kapitel. Strasburger Universitaͤt, Pfafferei, Kontroverspredigten und andere Raritaͤten. S trasburg hat vor Zeiten in allen Faͤchern große Maͤnner gehabt. Die Litteraturgeschichte nennt uns die Namen derer, welche in den aͤltern Zeiten den Wissenschaften dort Ehre und Wachsthum verschaft haben. Aber leider hat sich heut zu Tage dieser Ruhm nur in der einzigen medicinischen Facultaͤt noch erhalten: denn wer kennt die Namen eines Spiel - manns und Lobsteins nicht? In der Theologie, in der Juristerei und Philosophie sieht es graͤulich aus. Die Ursachen dieses Uebelstandes sind nicht sch w er zu entdecken. Die Lehrstellen werden hier noch weit aͤrger besezt, als in Giessen oder Heidelberg. Da ists doch nur hergebracht, daß man blos Landes- kinder zu Professoren befoͤrdert; in Strasburg aber ist das gesezlich. Alle Lehrer dieser theuren Univer- sitaͤt sind folglich lauter Strasburger Gruͤzkoͤpfe, vorzuͤglich bei den Protestanten. Zu meiner Zeit waren Lorenz und Beykert die Matadors in der Theologie: zwei erzunwissende Phantasten und aͤußerst intolerante Koͤpfe. Man lese folgendes! Ein halb heller Prediger, Stober , trug einst den erzkezerischen Satz auf der Kanzel vor: „daß das Gute, was man bei den Heiden faͤnde, auch von dem heiligen Geiste herkaͤme und eine Wirkung der goͤttlichen Gnade waͤre.“ Diese kezerische Aeußerung machte großes Aufsehen und Lo- renz wollte durchaus, daß Stober abgesezt werden sollte. Dieser konnte sich nicht anders retten, als daß er auf der Kanzel widerrief, und den schoͤnen Tod des Sokrates und des Leonidas, die Tugend des Cato und den Edelmuth des Fabricius fuͤr lau- ter Veranstaltungen des leidigen Beelzebubs ausgab! Seit jener Zeit ist Stober behutsamer geworden und hat die symbolischen Buͤcher besser studirt. Lorenz predigt auch stark gegen die hohen Hauben, Federn und Huͤte der Frauenzimmer, wie auch wider die Schlittenfahrten und Baͤlle. Alle diese Dinge und noch mehr andere, legte er aus als graͤuliche Verfuͤhrungen des Satanas und als Zei- chen des juͤngsten Tages. Alle Sonntage faͤhrt er auf dergleichen Sachen los, und verkuͤndigt allen, die da tanzen oder Schlitten fahren, die ewige Verdammniß. Beukert ist nicht um ein Haar besser. Er predigt rosenkreuzerisch und schimpft mit unter auf die Pariser Moden. Die Universitaͤt selbst ist in den klaͤglichsten Um- staͤnden. Juristen sind beinahe gar keine da und nur wenig Theologen. Diese sind lauter Schan - zer , welche sich mit Informiren durchhelfen muͤs- sen Schanzen heißt auf gut Strasburgisch: Kinder infor- miren; daher Schanzer ein Informator. Sonst be- deutet schanzen in der Pfaͤlzer Sprache — Frohndien- ste zur Strafe thun. — Sehr bedeutend fuͤr die ar- men Paͤdagogen! . Diese theologischen Studenten sind das non plus ultra aller Schmutzerei. Sie sitzen Mittags und Abends in den Schmudelbuden oder Garkuͤ- chen, verzehren da fuͤr einige Sous Gemuͤse und Fleisch, und sind gekleidet, wie weiland Donkischots Schildknappe. Hier werden manche Leser stutzen und fragen: wie es moͤglich sey, daß in einer Stadt, wo so viel guter Ton, so viel Galanterie herrscht, die Studen- ten doch so ein schmutziges Leben fuͤhren? — Aber Geduld! ich werde das Raͤthsel loͤsen. Der gute Ton in Strasburg findet sich blos bei Katholiken und solchen Lutheranern, die eigentlich zur Buͤrger- schaft nicht gehoͤren. Alle andern haͤngen an der al- ten Mode, wovon sie nicht abweichen, aus Furcht, alle ihre Privilegien zu verlieren, sobald sie sich nach franzoͤsischer Sitte gewoͤhnen wuͤrden. Daher spricht auch ein Strasburger Philister selten franzoͤsisch, wenn er es auch noch so gut sprechen kann, und die Buͤrgermaͤdchen tragen noch ihre geflochtenen Zoͤpfe wie vor zweihundert Jahren. Unsere Wirthstoch- ter war ein artiges Ding; aber die verfluchten neun und neunzig Zoͤpfe auf dem Kopf verstellten sie ganz. Ich sprach davon mit der Mutter und rieth ihr, ihrer Tochter einen andern Kopfputz anzuschaffen. Ach, behuͤte Gott! antwortete die Alte, ich sollte meine Tochter zur Hure machen? — Man denke an die Logik der Strasburger Phi- lister! Der Student, welcher als Schanzer bei einem Philister von der Art steht, muß sich aufs niedrigste behandeln lassen. Er muß seinen Prinzipal, den Herrn Fleischer, Schuster, Schornsteinfeger u. s. w. allemal auf einen hohen Fuß behandeln. Daß er ei- nen solchen Kloz nie anders anreden duͤrfe als: „Um Vergebung, mein Herr, wenn es Ihnen gefaͤllig waͤre, mir die restirenden zwei Sols auszuzah- len!“ — das, sage ich, versteht sich von selbst, wenn man die Herren Philister solcher Staͤdte uͤber- haupt nur ein wenig naͤher kennt. Daß aber der Strasburger Philister seinen Schanzer par Er traktirt, ihm ganz unten am Tische seinen Plaz an- weißt, und sein philistrisches Uebergewicht bei jeder Gelegenheit fuͤhlbar macht, das ist abscheulich und nicht bei allen Philistern anderer Oerter so. Wehe aber allemal dem Studenten, der der Gnade der Philister leben soll! Auf diese Art muͤssen die theologischen Studen- ten in Strasburg kleinmuͤthig und niedertraͤchtig wer- den. Ich wiederhole: die Beneficiar-Studirereien taugen uͤberhaupt wenig; und wenns auch Exempel giebt, daß der eine oder andere Beneficiat ein großer Mann geworden ist; so sind doch gegen Ein solches Exempel allemal zehn andere vorhanden, welche be- weisen, daß nichts eher niedertraͤchtig und schlecht und weggeworfen macht, als eben Beneficien. Der verstorbene Herr von La Roche , Vater des jezt noch in Berlin lebenden Majors dieses Namens, sagte einmal in einer Gesellschaft, wo ich zugegen war, beim Anblick eines Kandidaten: „der hat ge- wiß in Strasburg studirt; ich sehs an den Kompli- menten: denn gerade solche tiefe, demuͤthige Buͤck- linge fordern die Strasburger Philister.“ Medicinische Studenten giebt es dort auch we- nig; aber desto mehr Barbiergesellen. Im Jahr 1780, wenn ich nicht irre, war ein großer Krieg in Strasburg zwischen den Medicinern und Barbie- rern; allein leztere siegten wegen ihrer Menge. Lobstein versagte hierauf den Ba arb ierern seine Kollegien, auch Spielmann und andere: allein der hochweise Magistrat zwang sie, nach wie vor den Bartphilosophen aufzuwarten. Ich habe auch bei damaliger Gelegenheit ein Pasquill gelesen: der gebrandmarkte Bartkratzer , betitelt. Sonst muß man gestehen, daß fuͤr die Chirurgie, Anato- mie und Hebammenkunst ganz vortrefliche Anstalten in Strasburg getroffen sind. Schlaͤgereien fallen unter den Strasburger Stu- denten gewoͤhnlich nicht vor. Solche Sachen uͤber- lassen sie sehr kluͤglich dem Militaͤr. Ueberhaupt spielt der dortige Student keine Rolle: er wird von allem, was ihn umgiebt, uͤberglaͤnzt, so daß man ihn gar nicht bemerkt. Es ist in Strasburg gewoͤhnlich, oder vielmehr es ist erforderlich, daß der Student, wie auch der daselbst lernende Barbiergeselle, sich einen Beicht- vater halte, und zu gesetzten Zeiten zum Nacht- mahl gehe. Wer das nicht thut, wird zum Rector gefordert, und wenn er dann noch nicht hinge- het, wird er exkludirt, d. i. es wird ihm verbo- ten, ferner Kollegia auf der Lutherischen Universitaͤt zu hoͤren. Relegiren oder Stadtverweisen kann die Universitaͤt niemanden: das gehoͤrt fuͤr die andere Obrigkeit. So sieht die Universitaͤt aus! Indessen giebt es doch in S trasb urg manche gelehrte Maͤnner, unter denen auch damals Einer Lutherischer Professor war. Er heißt Schweighaͤuser , und ist ein recht guter Philolog. Herr Brunk , hernach Herr von Brunk, und jezt wieder Herr Brunk, ist als ein großer Kenner antiquarischer Ueberbleibsel und als ein maͤchtiger Kritikus, besonders im Griechischen bekannt. Seine Verdienste um den Sophokles und andere Alten, sind unsterblich. Zu den Zeiten der Jesuiten hatten diese Herren das ganze katholische Studium in Strasburg unter sich. Da mags denn auch hergegangen seyn, wie an allen Orten, wo die Jesuiten den Meister gespielt haben. Zu meiner Zeit hatte der Cardinal von Rohan eine Art von Seminarium fuͤr Theologen angelegt. Die uͤbrigen katholischen Schulen waren unter den Haͤnden der Piaristen. Jetzo mags frei- lich besser seyn, da Herr Eulogius Schneider und Herr Dorsch in Strasburg auf der katholi- schen Universitaͤt — die freilich keine autoritatem imperatoriam hat, als gar helle Koͤpfe hervor- stechen. Zu den Zeiten der Jesuiten war al le Sonntage, Nachmittags eine Kontroverspredigt in der Domkir- che, oder dem sogenannten Muͤnster. An diesen Pre- digten nahm der Poͤbel den waͤrmsten Antheil und jubelte oft laut auf! Sie wurden von zwei Jesuiten gefuͤhrt, davon einer, der die roͤmische Kirchenlehre in Schutz nahm, auf der Kanzel; der andere aber, der den Sachwalter der Protestanten spielte, unten stand. Da wurde nun geschimpft und gespektakelt, daß der Poͤbel in einem fort lachte, und die armen Protestanten immer den Kuͤrzern zogen. Nach dem Fall der Jesuiten trieben andere Geistliche dies jesui- tische Farcenhandwerk, aber seltener und ohne den Opponenten, obgleich immer noch nach einem Avis ans Publikum in der Zeitung. Jezt wirds freilich ganz eingestellt seyn. Nun auch ein Wort von den Strasburger Ga- lauterien! Privilegirte Bordelle giebt es da nicht, aber doch heißt die Zahl der Haͤuser Legion, worin man seiner Sinnlichkeit ein Opfer bringen kann. Einige sind sehr bekannt. Der Lieutenant Gym - nich kam eines Morgens zu uns, und fragte, ob wir Nachmittags mit ins gelbe Kreuz wollten? Wir versprachens und ich stellte mir vor, das gelbe Kreuz sey ein Ort, wie andere, die wir bisher be- sucht hatten, ein Gasthof oder ein Kaffeehaus. Gymnich kam des Nachmittags, uns abzuho- len; und da Herr von F... noch Briefe zu schrei- ben hatte, so ging ich allein mit. Wir kamen in ein ziemlich artiges Haus vor dem Thor, wo eine alte Madam uns in einem Salon ganz artig empfing. Gymnich forderte eine Bouteille Wein und ging, nachdem er ein Glas davon getrunken hatte, zur Thuͤr hinaus. Ich wartete uͤber eine halbe Stun- de auf seine Zuruͤckkunft, und war schon mit meiner Flasche am Ende, aber mein Gymnich kam nicht. Ich fragte, was der Wein kostete? Sechzehn Sols, war die Antwort. Das befremdete mich gar sehr, da es Wein war, der an andern Orten kaum sechs Sols kostete. Ich bezahlte indeß. Jetzt begegnete mir der Baron von F.... Wo willst du hin? fragte er. Fort! sagte ich. Gymnich hat mich sitzen lassen und ist davon gegangen: weiß nicht, weshalb ers gethan hat! Das laß du gut seyn, antwortete er und zog mich zuruͤck. Er forderte Wein. Ich stellte ihm vor, daß der hier nicht tauge und oben- drein weit theurer sey als anderwaͤrts; aber er ließ sichs nicht anfechten. Nun kam Gymnich und brach- te drei Frauenzimmer mit, die er uns mit den Wor- ten vorstellte: Voila Mesrs. les demoiselles de la maison! Ich stand auf und machte meinen Lo- renz, woruͤber die Maͤdchen beinahe uͤberlaut gelacht haͤtten. Sie sezten sich und waren so sittsam, daß ich gar nicht muthmaßte, wer sie eigentlich waren. Endlich redete Gymnich sie und mich in solchen Aus- druͤcken an, daß ich jezt begrif, was fuͤr ein Toͤlpel ich gewesen war, der anfaͤnglich nichts gemerkt hat- ta. Aber wer haͤtte hier auch an ein solches Kreuz- erfindungsfest denken sollen! Alles so vornehm, so sittsam! Ich holte indessen meine Zotologie her- vor und benutzte sie so schoͤn, daß die Frauenzimmer mir nicht ungeneigt zu werden schienen. Gegen Abend wurde dieses luͤsterne Haus ganz frequent. Personen aller Art versammelten sich in Menge, und das asotische Leben dauerte so fort bis gegen Tag, wo wir uns denn auch weg begaben. Die Policei laͤßt allerdings dann und wann visitiren; aber diese Visitationen gehen nicht weiter als die zu Frankfurt am Main Siehe Th. 1. S. 64. . Ausser den unzuͤchtigen Dirnen, welche zu Strasburg in beruͤchtigten Haͤusern leben, laͤuft noch eine Menge des Abends auf den Straßen herum, vor welchen man sich aber in Acht nehmen muß. Ein- mal sind sie meist alle uͤber und uͤber venerisch, und dann haben sie die schoͤne Gewohnheit, die Fi- cken ihrer Galans zu visitiren und mit dem, was sie finden, fortzulaufen. Ueberdies laͤuft man auch noch Gefahr, von der Patrouille, oder sonst einer Po- lizeiwache ertappt und eingesteckt zu werden. Die Sprache der Strasburger ist deutsch, aber das jaͤmmerlichste Deutsch, das man hoͤren kann, in der allergroͤbsten, widerlichsten, abscheulichsten Aus- sprache. Hoscht, Bescht, Madeli, Bubeli, u. s. w. ist Strasburger Dialekt. Auch Vornehme sprechen so, und der Pfaffe auf der Kanzel spricht vum Herr Jesses Kreschtes . Die Sprache ist hier noch zehnmal groͤber als in der Pfalz. Sehr viel Franzoͤsisch wird indeß da auch geredet, beson- ders beim Militaͤr. Das sonstige Strasburger Franzoͤsische taugt eben nicht viel, und der Accent ist vollends gar nichts nuͤtze. Fuͤnftes Kapitel. Der Himmel wird etwas heiterer . I ch hatte beinahe fuͤnf Wochen in Strasburg zuge- bracht, als ich einen Brief von meinem Vater er- hielt, dem ein anderer vom Pirmasensischen Regie- rungsrath Stauch beigelegt war. Herr Stauch meldete mir, daß er mich seinem Herrn, dem Land- grafen, von neuem mit Erfolg empfohlen haͤtte; und obgleich die uͤblen Geruͤchte uͤber mich einen nach- theiligen Eindruck gemacht haͤtten, so sollte ich doch nur getrost seyn: die Darmstaͤdter Herren wuͤrden mir nicht schaden koͤnnen. Ich freute mich, daß ich noch Freunde auch unter solchen fand, die mir hel - fen konnten ; denn andere hatte ich mehr als zu- viel. — Mein Vater schrieb mir, ich sollte bald zu ihm kommen, das Vergangene sollte vergessen wer- den, wir wollten wieder gute Freunde seyn, er haͤt- te ein Mittel aufgefunden, mich auf den Weg des Gluͤcks zuruͤck zu bringen. — Der Brief meines Vaters war uͤber die Maßen sanft abgefaßt. Nicht einen einzigen Vorwurf, auch nicht eine harte Re- densart enthielt er. Zugleich hatte er sechs Karo- lins beigelegt und ließ den Herrn von F... bitten, ja mit nach Wendelsheim zu kommen, wo er sich seiner Schuld gegen ihn entledigen wolle. Ich kannte F... zu gut, als daß ich ihm diese Aeusserung haͤtte hinterbringen duͤrfen; sonst wuͤrde er mich gewiß nicht nach Wendelsheim begleitet ha- ben. Ich sagte ihm daher weiter nichts als: ich muͤßte fort; zeigte ihm Hrn. Stauchs Brief und bat ihn, mich reisen zu lassen. Warum denn nicht! war die Antwort. Ich bin ja bloß darum hergereist, um dich aufzuheitern! da nun dein Stern wieder zu leuchten anfaͤngt, so bin ichs herzlich gern zufrieden, daß du zuruͤck kehrst, und ich begleite dich mit Vergnuͤgen. Es fand sich, daß wir im tiefen Keller fuͤr fuͤnf Wochen 139 Gulden bezahlen mußten. F... be- zahlte sie, ohne daß ichs wußte; und haͤtte ichs auch gewußt, so wuͤrde ich doch meinen Theil nicht haben zahlen koͤnnen. Ich hatte ja mit meines Vaters Karolins hoͤchstens nur 80 Gulden, und dann war eine Reise zu machen, welche auch viel kostete. Ich trug also F... an, wenn er mit etwa 40 Gulden zufrieden seyn wollte, so koͤnnte ich die wohl entbeh- ren; nachher wuͤrde ich schon fuͤr seine fernere Befriedigung sorgen. Aber da kam ich schoͤn an! „Denkst du, dummer Kerl, daß F... so ein Flegel ist, und dich zu einer Reise beschwazt und am Ende dich bezahlen laͤßt? Meinst du, daß F.... nicht so 'n Bettel fuͤr Kleinigkeit haͤlt? Rede mir kein Wort weiter, oder hol mich der Teufel! wir erzuͤrnen uns.“ — Ich bin uͤberhaupt dem edlen Baron F... viel schuldig: werd's aber freilich in diesem Leben wol nicht bezahlen koͤnnen: anzeigen muß ichs indeß doch, damit er sieht, daß ich seine Wohltha- thaten nicht vergessen habe. Wir brachten noch einige Tage aͤusserst ver- gnuͤgt in Strasburg zu, und machten uns alsdann auf den Weg nach Wendelsheim. Mein Vater empfing uns sehr freundlich und mit einer Herzhaftigkeit, welche ich lange an ihm nicht gesehen hatte. Das Ding drang mir in die Seele. Am ersten Abend fing F... an, eine Apo- logie fuͤr mich zu machen; aber mein Vater versicher- te, daß er alles vergessen habe, daß er nichts sehn- licher wuͤnsche, als meine Besserung; versorgt und gluͤcklich wuͤrde ich schon werden, wenn ich nur woll- te klug seyn. Ich haͤtte nun meine Hoͤrner abgelau- fen und koͤnnte schon aus eigner Erfahrung Klug- heitsregeln hernehmen. — Mein Vater sprach noch viel uͤber diese Materie, und seine Worte machten damals Eindruck auf mich; aber leider nicht fuͤr die Dauer. Hernach bat er den Baron, ihm anzuzei- gen, was er fuͤr mich bei unserer Lustreise — so nannte der ehrliche Mann unsre Fahrt — ausge- legt haͤtte, er wolle es herzlich gern ersetzen. Aber F... drohte, noch die Nacht unser Haus zu ver- lassen, wenn noch ein Wort der Art geredet wuͤrde; und so bliebs beim Alten. Nach des Barons Abschied redete mein Vater ernstlich mit mir. Hoͤre, mein Kind, sagte er, du hast einige meiner Hofnungen erfuͤllen sollen, aber leider ich habe mich in dir geirrt — bisher naͤmlich. Dein Leichtsinn — denn daß Bosheit bei deinen Possen ist, widerlegt die Natur dieser Possen schon selbst — also dein Leichtsinn hat dich verfuͤhrt; du bist aber angerannt, und ich will das Schicksal preisen, wenns zu deiner Besserung geschehen ist. — Sieh, es ist noch nicht aus mit dir, du hast noch Hofnungen; aber erst mußt du zeigen, daß deine Seele geheilt ist. Ich habe hin und her gedacht, wie das am besten zu machen sey. Da fiel mir ein, dich noch einmal auf eine Universitaͤt zu schicken. Was meinst du? Ich : Das haͤngt von Ihnen ab. Ich habe Ihre Guͤte zu sehr misbraucht; ich muß mir alles gefallen lassen! Er : Nicht so, mein Kind. Sieh, ich daͤch- te, du gingst nach Halle zu meinem Freund, dem D. Semler . Ich werde dich da noch ein Jahr ungefaͤhr unterhalten, so daß du keinen Mangel lei- dest. Unterdeß verraucht dein uͤbler Name in un- sern Gegenden; du vermehrst deine Kenntnisse unter der Anfuͤhrung dieses treflichen Mannes und kommst zuruͤck, mir nichts, dir nichts. Schau, so mach es, mein Kind und versprich mir und deiner Mutter, unser Alter noch einmal froh zu machen. Du willst doch?“ Ich konnte meine Thraͤnen nicht zuruͤck halten und noch weniger ein Wort hervorbringen. Unser Entschluß wurde so gefaßt, wie mein Vater ihn an- gegeben hatte; und von dem Augenblicke an schien Ruhe und Frieden in unsere Familie zuruͤck zu keh- ren. O des guten, edlen Vaters! Heilig sey mir sein Andenken! er hats wahrlich gut mit mir ge- meint! — Und ich? — O, es liegt eine Hoͤlle in diesem Gedanken. Mein Vater schrieb an den sel. Semler ; ich auch. Unsere Briefe waren lateinisch, nach meines Vaters und meiner damaligen Mode, mit griechi- schen Versen und Prose ausgeschmuͤckt. Indessen wir auf Antwort warteten, besuchte ich meinen Major zu Gundersblum und brachte des- sen Jagdgeschaͤfte in Ordnung. Auch sorgte ich fuͤr einen rechtschafnen Jaͤger an meiner Stelle. Gern haͤtte der Major mich behalten; aber er fand sich in Zweiter Theil. D in meinen Abzug, weil er von der Nothwendigkeit desselben uͤberzeugt war. An meinem bisherigen Freund Boger Theil 1. S. 271. be- kam ich um diese Zeit einen trozigen, gefaͤhrlichen Feind. Dieser Mann hatte bei Herrn Schwan in Manheim die Brochuͤre: Karoline und Wander herausgegeben, die wirklich sehr elend war. Aber in jener Gegend, wo nichts gelesen wurde, als etwan die Banise , die Melusina , der Kaiser Octavianus , und hoͤchstens Gott - scheds deutsche Schaubuͤhne , wurde doch die Misgeburt des Bogers bewundert, und uͤber- all als ein Meisterstuͤck ausposaunt. Ich las den Wisch auch und erklaͤrte ihn fuͤr das, was er war — fuͤr die Geburt eines hirnlo- sen Gruͤzkopfs. Noch wußte ich den Verfasser nicht; denn Herr Andraͤ von Woͤllstein, von dem ich das Buch zum Durchlesen erhielt, hatte mir ihn nicht genannt. Mein Urtheil kam indeß zu Bogers Ohren und brachte ihn so sehr auf, daß er mir toͤdt- liche Rache zuschwur. Er fing damit an, daß, er aussprengte: er habe sich zu dem Kinde der Tochter des Schulmeisters zu Wonsheim blos darum be- kannt, weil er von meinem Vater dazu erkauft, und er zu der Zeit des Geldes hoͤchst beduͤrftig gewesen waͤre; uͤbrigens sey ich eigentlich der Autor des Kindes; mein Vater habe ihm obendrein die ganze Summe noch nicht einmal bezahlt, u. s. w. Diese Aussage erfuhr ich bald und nahm mir vor, den Burschen derb zu zuͤchtigen, so sehr sich auch mein Vater widersezte. Ich traf ihn auch wirk- lich kurz darauf im Wirthshause zu Siefersheim, und troz unserer ehemaligen Bruͤderschaft, die nun freilich aufhoͤrte, foderte ich ihn im derben Ton auf, mir zu bekennen, ob er mich fuͤr den Urheber seines Bastarts in nsheim ausgegeben haͤtte? oder ich schluͤge ihm seinen verdammten Wirsingkopf in tau- send Granat Stuͤcke! Boger : Mein Gott! Herr Bruder — Ich : Ei was Herr Bruder! Hier ist nichts zu Brudern! Sag er, Herr, ob er das gesagt hat? Boger : Das kann ich nicht. Ich bin unschul- dig! Ich will keinen Theil an der Seligkeit haben, wenn — Ich : Kerl, hier keine Flausen! Bekenne, oder der Teufel soll deinen verfluchten Schaͤdel zermalmen. Sprich, hast du das gesagt? Boger: Nun ja denn, wenn ich muß. Ich : Jezt sage, Kerl, wo hast du gesagt? Boger : Zu Neubamberg im Amthaus. Ich : Wo noch mehr? Boger : Zu Flonheim bei Diel im Wirths- haus. Ich : Nun gestehe, Kerl, daß du ein erzinfa- mer Hundsfot und Flegel bist, ein Erzluͤgner und schlechter Kerl! Bist du das? Boger : Ja! Ich : Nun, lieben Leute, haben Sie gehoͤrt, was der Herr Amtsschreiber fuͤr ein Schuft ist? Sie haben sein eigenes Gestaͤndniß. Und du, Kerl, packe dich, oder du sollst noch eine Tracht Hiebe mitnehmen, daß dir das Fell vierzehn Tage rau- chen soll. Boger schob ab und die Bauern lachten sich beinahe bucklicht; doch blieb ich nicht lange in Sie- fersheim, weil dieses Dorf Mainzisch und Boger ein Mainzischer Amtsschreiber war. Ich schrieb noch den naͤmlichen Tag an den Amtsverwalter Schoͤn - burg und berichtete ihm den ganzen Vorfall, und bat dahin zu sehen, daß ich im Mainzischen Territo- rium keine Anfechtungen haben moͤchte. Schoͤn - burg antwortete sogleich, daß der Amtsschreiber mir nichts in den Weg legen koͤnnte; der Kerl sey ohnehin ein Bengel; ich haͤtte ihm obendrein die Haut noch ausgerben sollen; uͤbrigens koͤnnte ich ins Main- zische gehen, wann und wo ich wollte. Aber Freund Boger war nicht so ruhig. E r nahm, oder wollte vielmehr einen Advokaten an- nehmen, der einen Prozeß gegen mich anhaͤngig ma- chen sollte. Der Advokat rieth ihm indeß, still zu sitzen und seine Pillen zu verschlucken; er wuͤrde den Kuͤrzern ohnehin ziehen und sich nur noch mehr blamiren. So geht es aber, wenn man Schufte zu Freun- den hat. Endlich nimmt die Freundschaft ein schmu- tziges Ende! Solche Freundschaften sind gemeiniglich auf nichts anders gegruͤndet, als auf vorbeirauschen- des, laͤrmendes Vergnuͤgen, das man nicht allein ge- niessen kann, und wozu man jeden annimmt, der sich anbietet. So lange das Interesse dauert, kann die Freundschaft wol noch dauern; aber sie hoͤrt auf, sobald das Interesse aufhoͤrt; ja sie artet bei meh- rerer Einsicht nicht selten in die aͤrgste Feindschaft aus. — Von dieser Art sind auch die sogenannten ewigen Universitaͤts-Freund- und Bruͤderschaften, wenn gleich bei deren Stiftung hoch gesungen wird: Unsre Freundschaft soll bestehen, Bis der Tod ein Ende macht. — Ich will hier noch etwas anmerken: Unsere jungen Universi er pflegen gern mit ihren Landsleuten genauen und vertrauten Umgang anzufangen und ihnen alle ihre Heimlichkeiten zu entdecken. Das nicht sehr gut gethan! denn zu geschweigen, daß unter den Landsleuten oft Kalefactors sind, welche alles von der Universitaͤt nach Hause schreiben In Giessen war ein gewisser Mosjeh M... zu mei- ner Zeit, welcher jeden Monath eine ganze Chronik nach Hause schickte. Die Frau Basen in der Pfalz wußten daher unsre Possen und Streiche so gut als wir selbst. , um den Frau Basen etwas zum Klatschen aufzutischen; so kommen hernach die guten Leute ja in ein Land zu- ruͤck, wo ihre Absichten oft gewaltig zusammen tref- fen. Z. B. Es streben Meh rere nach einem Amt, verschießen sich in dasselbe Maͤdchen, u. s. f. Nun feinden sie sich einander an und sprengen von einan- der aus, was sie nur Skandaloͤses von einander wis- sen. Freilich ist das niedertraͤchtig; es geschieht aber doch und deshalb sollte sich der Student vo n dem gar zu traulichen Umgang mit Landsleuten huͤten. Der Auslaͤnder sezt uns in diese Verlegenheit nicht, oder gewiß sehr selten. — Was vollends die Freund- schaften mit Adelichen auf Universitaͤten betrift, so sind die à la mode — wankend; und hat man dereinst etwas bei so einem adelichen Herrn Bruder zu suchen, so ist die Bruͤderschaft oft mehr hinder- lich als foͤrderlich. Und nun der Aufwand, um es ihnen gleich zu thun! — Auch sieht man, daß es oft nur hochmuͤehige Narren sind, die nach derglei- chen trachten. An meinem erklaͤrten Feind; dem Pfarrer Fliedner von Bornheim, haͤtte ich mich gewaltig raͤchen koͤnnen, wenn ich gewollt haͤtte. Ich bin aber froh, daß ichs unterlassen habe. Dieser Pfar- rer hatte ein Frauenzimmer im Hause, deren Ur- sprung und Character der ganzen Gegend ein Raͤth- sel war. Sie gab sich fuͤr die Frau eines Hessischen Kapitaͤns aus, der, wie sie vorgab, nach Amerika gegangen sey. Sie sah sehr gut aus und war ohn- gefaͤhr 20 Jahre alt. Die Bauern, welche ohnehin ihrem Pfarrer nicht gut waren, spaͤheten der Ge- schichte nach, und endlich brachte der Schulmeister aus authentischen Nachrichten heraus, daß das Frauenzimmer ein gemeines Maͤdchen aus dem Ha- nauischen waͤre, das aber ein gewisser junger Frei- herr zur Maͤtresse genommen haͤtte. Die Eltern des Freiherrn, welche ihn gern mit einem Fraͤulein von *** verheirathen wollten, haͤtten dies erfahren, und dem jungen Herrn, welcher sonst die Zierde des ... Adels und ein vortreflicher junger Mann war, allen Umgang mit dem Maͤdchen scharf untersagt. Aber nun schlug Herr Fliedner sich ins Mittel: er nahm das Frauenzimmer zu sich und gestattete, daß der junge Herr manche Nacht in seinem Hause zu- brachte und sich in den Armen seiner Dulcinea diver- tirte. Das alles hatten die Bauern herausgebracht, und der Schulmeister trug mir jezt an, die Sache dem Vater des Barons zu hinterbringen, aber so in einem anonymischen Briefe. Er wisse, daß ich den Curtius Rufus hasse und ich wuͤrde mich also der Gelegenheit bedienen, ihm eins zu versetzen. Aber ich schlug diesen Antrag aus und ermahnte den Schul- meister zur Ruhe. Die Sache kam nach meiner Ab- reise aus der Pfalz erst heraus, und Herr Fliedner kann Gott danken, daß man ihn so durchschluͤpfen ließ; solche Unterhandlungen haͤtten eine derbe Zuͤch- tigung verdient. Sechstes Kapitel. Abermalige Donquischotereien . D er Baron F... war diese Zeit uͤber sehr oft bei mir und brachte es sogar bei meinem Vater dahin, daß ich eine Reise mit ihm nach Metz thun durfte, um ein Mainzer Frauenzimmer von da abzuholen. Man muß wissen, daß es in den Gegenden uͤbern Rhein fuͤr einen großen Vorzug des Frauen- zimmers gehalten wird, wenn sie Franzoͤsisch plap- pern koͤnnen. Diese Raserei geht so weit, daß Frauen- zimmer, welche kein Franzoͤsisch verstehn und doch den Schein davon haben wollen, viele dergleichen Woͤrter und Redensarten in ihre deutsche Sprache einmischen, und sie jaͤmmerlich verhunzen. „Ich bin Ihnen oblischirt — das schenirt mich — er traͤ t irt ihn nur ang Bagatel — o foschiren Sie sich doch nicht,“ u. dergl. sind gewoͤhnliche Phrases der dortigen Weibsleute, die sie obendrein nicht selten am unrechten Orte anbringen und dadurch Gelaͤchter erregen. Um aber das Franzoͤsische recht zu lernen, schi- cken viele Aeltern ihre Toͤchter in Pension nach Metz, Strasburg, ja selbst nach Lion und Paris, wo sie freilich das Franzoͤsische ziemlich fertig plappern ler- nen; aber auch einige Sitten mitbringen, die ihnen gar nicht zur Empfehlung dienen. Aus eben dieser Absicht hatte auch ein Mainzer Fraͤulein, eine Verwandte des Baron von F... einige Jahre zu Metz in Lotharingeu bei den regulir- ten Augustiner-Canonissinnen zugebracht und sollte nun wieder abgeholt werden. Dieses hatte ihr Bru- der und der Baron F... uͤbernommen. Herr von F... waͤhlte mich zum Reisegefaͤhrten und ich ver- stand mich gern dazu. Das Herumfahren war in fruͤhern Jahren so meine Sache. Nachher habe ich eingesehen, wie recht Claudian sagt: Felix, qui propriis aevum transegit in arvis Quemque domus juvenem vidit et ipsa senem. E t e extremos alter scrutetur Ibe r os; Plus habet hic vitae, plus habet ille viae. Mein Vater hatte gegen meine Reise vieles einzu- wenden, besonders dies: daß es nicht fein waͤre, mich dem Baron durch unnoͤthige Ausgaben fuͤr mich noch verbindlicher zu machen. Allein da sowohl ich als der Baron mit Bitten nicht nachliessen, so gab er endlich nach, und versah mich mit Geld, daß ich auch ohne F...s Beutel die Reise vollenden konnte. Unter Wegs fiel nichts vor, das verdiente auf- gezeichnet zu werden. Das Lotharingische Volk un- t erscheidet sich von den uͤbrigen Franzosen durch seinen Haß gegen die Franzoͤsische Regierung und durch sei- ne Freundschaft fuͤr die Deutschen: wenigstens habe ich das so getroffen. Sonst ist die Nation aͤusserst hart katholisch, und das liebliche Fratzenbuch Anné sainte (das heilige Jahr) liegt auf allen Tischen und wird haͤufig gebraucht. Die Kirchen in Metz sind den ganzen Tag uͤber voll — des Morgens zur Messe und des Nachmittags zur Vesper. Von Wall- fahrten und Processionen halten die Lotharinger auch sehr viel. Ich gab mich hier zu Lande fuͤr einen Pfaͤlzischen Foͤrster aus. Unser Fraͤulein erhielt gleich bei unserer Ankunft von unserm Daseyn Nachricht, und lud uns auch bald zu sich. Da ich niemals Nonnen gesehen hatte, so war ich froh, daß ich hier einige sehen sollte. Aber diese Canonissinnen gefielen mir sehr. Ich hatte sol- che heilige Schwestern erwartet, wie die Moͤnche heilige Bruͤder sind: allein das war gefehlt! Die geistlichen Damen waren munter, froh und scherzten troz einem weltlichen Frauenzimmer. Nur wenige trugen das Ordenskleid; andere gingen wie Welt- maͤdchen. Sie haben keine Clausur, aber Horas halten sie. Denn kaum waren wir eine Stunde im Saal, so schlug die Glocke und alle Nonnen eilten zum Chor, um da das lateinische Brevier hin zu plaͤr- ren. Es ist doch in der That ein erzteller Gedanke, Weibern ein Buch zum Singen aufzugeben, das sie nicht verstehen! Und wie sehr ist schon dagegen geeifert worden! Aber was hilfts! der Kurialische Herrenverstand befiehlt und der am Gaͤngelband ge- woͤhnte Kirchenverstand gehorcht. Das ist so das Steckenpferd aller Heiligen von der Tiber bis zur — Spree. Die Elevinnen dieser Augustinusschwestern wer- den gar nicht strenge gehalten und erhalten leicht Er- laubniß, auszugehen. Doch begleitet sie in diesem Fall eine Beate, auf welche die Ab esse Vertrauen sezt. Die Nonnen werden durchgaͤngig Mes Dames genannt. Sie haben auch Eigenthum, und spielen sogar l'Hombre und Tarok um Geld. Ihre Regel muß also gar nicht strenge seyn. Den Thomas von Kempen schaͤtzen sie sehr; er hat, wenn ich nicht irre, auch zum Orden des Augustinus gehoͤrt. Wir besuchten waͤhrend unsers Aufenthalts in Metz, die Wein- und Kaffeehaͤuser sehr fleißig und kamen beinahe taͤglich benebelt nach unserm Logis, der Auberge des Flamands. Eines Abends er- regten wir Spektakel, welcher nachtheilige Folgen fuͤr uns haͤtte haben koͤnnen, wenn uns nicht ein Freimaurer von Frankfurt gerettet haͤtte. Wir wa- ren naͤmlich sehr betrunken, ich und der Baron von F... denn unser dritte Mann lag immer bei seiner Schwester, oder bei seinem Liebchen, wovon ich gleich reden werde. — Also, wir waren sehr trun- ken. Als uns nun die Patrouille ihr: qui vit? oder qui va là? entgegen rief, so lachten wir uͤber- laut und schimpften auf sie. Der Unterofficier trat uns hierauf an, und forderte unsere Namen, weil es schon Mitternacht waͤre. Aber dazu hatte F... keine Ohren; er fuhr vielmehr fort, zu schimpfen, und nannte endlich die patroullirenden Soldaten gar filous, queux, fripons, voleurs u. dergl. Da lief dem Unterofficier und seinen Leuten die Galle uͤber, und sie brachten uns nach der Hauptwache. Der Officier, welcher wohl sahe, wo es uns fehlte, redete sehr freundlich und bat uns, ruhig zu seyn; er wollte uns schon, sobald es Tag wuͤrde, gehen las- sen. Aber F... fuhr fort, zu schimpfen und for- derte zulezt gar den Officier heraus. Nun ließ uns dieser nach der prison bringen, und gab uns vier Mann Wache. Wir setzten unser Raͤsonniren noch lange fort, bis wir endlich auf der Pritsche einschliefen. Fruͤh wachten wir auf und machten uͤber unser tolles Benehmen allerlei Anmerkungen. Wir sahen wohl, daß wir uns grob vergangen hatten, und oh- ne scharfe Ahndung nicht weg kommen wuͤrden. Denn mit dem Militaͤr in Frankreich spaßt es sich nicht! indessen sprachen wir mit unsern Waͤchtern, und einer derselben war so artig, uns Schreib- zeug zu verschaffen, und sich zu Ueberbringung eines Zettels an den Herrn von ... im goldnen Loͤwen anzubieten. Baron F... meldete darin kurz unsere Lage, und bat ihn, sogleich zu uns zu kommen. Er kam auch; aber statt gemeinschaftlich mit uns zu uͤberlegen und auf Mittel der Befreiung zu rafiniren, machte er uns Vorwuͤrfe und stellte uns die Dinge, die da kommen sollten, recht fuͤrchterlich vor. Gegen neun Uhr kam der Adjutant und exami- nirte uns. Es war ein sehr feiner Mann, der uns mehr bedaurte, als Vorwuͤrfe machte. Er fragte bloß nach unserm Namen. Die Familie des Barons schien ihm bekannt zu seyn, und da bezeugte er sei- nen Antheil an unserm Zufall. Auf unsere Frage, wie es mit uns werden wuͤrde? erwiederte er: das kaͤme darauf an, ob der Gouverneur die Sache un- tersuchen wuͤrde, oder nicht. Im letztern Falle wuͤrde das Ding nicht viel zu bedeuten haben; im erstern aber koͤnnte eine Strafe von einigen Mona- ten Arrest noch immer als gelinde angesehen wer- den. Mit diesem Trost verließ er uns, versprach aber fuͤr uns zu thun, was er koͤnnte; wenig stens wollte er mit dem wachhabenden Officier sprechen, daß er nicht stark auf Genugthuung dringen moͤchte. Wir waren sehr en peine, als ploͤtzlich ein Weinhaͤndler von Frankfurt am M ain in unsere pri- son trat und uns ankuͤndigte, daß wir frei waͤren und man uns in einer halben Stunde entlassen wuͤr- de. Dieser Mann, Herr Wehsarg , war ein Freimaurer; er hatte im Loͤwen auch nebst noch ei- nem Freimaurer logirt. Mich kannte er schon laͤngst; denn sein Vetter war Pfarrer in unserer Grafschaft — einer von den wenigen, die das Hirn nicht erfroren hatten — und den Baron hatte er in Metz erst kennen lernen. Sobald er unser Spekta- kel erfahren hatte, war er gleich zu Officiren gegan- gen, die auch macons waren. Bei diesen sollicitirte er fuͤr uns und war so gluͤcklich, daß das schon be- stellte Verhoͤr abgesagt und die Sache unterdruͤckt wurde. Wir dankten dem ehrlichen Manne, wie billig und nahmen den Wischer, den er uns ertheilte, gern an. F... schenkte der Wache einen Carolin, und kurz hernach entließ uns der Adjutant aus dem Arrest. Das war abermals ein Stuͤckchen! Die Stadt Luneville haben wir auch gesehen und die Verschoͤnerungen bewundert, womit der wohl- thaͤtige Philosoph Stanislaus Leszinsky , Koͤnig von Polen, wel- cher hier residirt hat. Er ist der Verfasser von vier Baͤnden Abhandlungen, welche le Philosophe bien- faisant betitelt sind. diese Stadt geziert hat. Das Andenken dieses wuͤrdigen Fuͤrsten ist bei den Lune- villern noch im Segen. Der Ton in Luneville ist viel feiner, als der in Metz. Nach einem Aufenthalt von zwoͤlf Tagen woll- ten wir abreisen; allein unser Fraͤulein fing an zu klagen und legte sich wirklich ins Bette. Der Arzt versicherte, daß ein Fieber auf dem Wege sey, wel- ches man abwarten muͤßte. Herr von F... erklaͤrte hierauf seinem Vetter H..., daß er die Genesung seiner Schwester nicht abwarten koͤnne: er sehe sich genoͤthigt, seine Zuruͤckkunft zu beschleunigen. Herr von H... hatte nichts dawider, doch weilten wir noch einige Tage und waͤrend dieser Zeit spielte ich den Unterhaͤndler bei einem Liebeshandel. Ich muß das Ding naͤher erzaͤhlen. Herr von H... hatte in der Gesellschaft seiner Schwester einige Bekanntschaf- ten gemacht und dies ohne den Herrn von F... und mich. Wir beide schwaͤrmten lieber herum und mach- ten Connaͤssansen mit jungen Fentchen auf Koffee- haͤusern und Kneipen. Eines Abends kamen wir spaͤt zu Hause und fanden den Herrn von H... beinahe wie verruͤckt: er faselte wirklich, sprach von nichts als Sternen, silbernem Mond, Sympathie und andern Faxen. Wir lachten ihn aus. Endlich brach er aus vollem Herzen los und gestand, daß ihn das Feuer der Au- gen einer Subrette, welche bei einem gewissen vor- nehmen Herrn diene, bezaubert haͤtte. Ich rieth ihm, an das Maͤdchen zu schreiben, weil eine Schrei- berei in solchen Faͤllen vortreflich wirke. Ich bot mich auch an, seinen Brief zu bestellen, doch ohne zu glauben, daß ich einen Auftrag dieser Art von ihm ernstlich erhalten wuͤrde. Allein mein Herr Ba- ron hielt mich beim Wort. Er kuͤnstelte einen fran- zoͤsischen Brief zusammen, den ich hernach orthogra- phisch berichtigen mußte, und beschrieb darin der Dulzinea seinen Herzensdrang recht Siegwartisch. Ich mußte, so sehr ich mich straͤubte, die Bestellung uͤbernehmen; aber da entstand ein Skrupel bei mir: Wie, dachte ich, wenn der Herr der Subrette dich grob abweisen, vielleicht gar insultiren laͤßt, was willst du sagen, wenn dich jemand fraͤgt: was du in dem Hause zu thun hast? — Dergleichen Fragen beunruhigten mich stark; aber ich uͤberwand alle Schwierigkeiten, und ging Nachmittags um zwei Uhr in das Haus des Herrn — Namen und Wuͤrde bin ich vergessen. Zum Gluͤck war die Herrschaft nicht zu Hause. Ich fragte, wo die Demoi- sell Chambriere logire? — nach ihrem eigentlichen Namen hatte der Herr von H... nicht gefragt — und wurde an ihr Zimmer gewiesen. Ich klopfte an und die Mamsell empfing mich mit einer Unbefangenheit, die mich entzuͤckte. Erst ließ sie mich niedersitzen, und dann fragte sie nach der Absicht meines Besuchs. Ich uͤberreichte ihr den Brief des Herrn von H..., den sie mit vieler Aufmerksamkeit zu lesen schien. Hierauf laͤchelte sie und sagte mir: der Herr Brief- steller wuͤrde ihr willkommen seyn: fuͤr heute waͤre sie allein. Ich eilte, meinem Freund den guten Er- folg meiner Ambassade zu berichten, und begleite- te ihn zu seiner Heloise, zog mich aber bald zu- ruͤck, um seine Toridonischen Herzergiessungen nicht zu stoͤren. Nach der Zeit habe ich dieses Frauen- zimmer mehrmals gesprochen und an ihr eine von denen gefunden, die den meist Bietenden feil sind. Der Baron H... hatte ihr ansehnliche Zweiter Theil. E Geschenke gemacht und dadurch in ihrer Gunst sich festgesezt. Ich habe immer bemerkt, daß man dem Frauen- zimmer bloß durch Beutel-Interesse angenehm wer- den kann. Selten lieben sie den Mann um seiner sittlichen Vorzuͤge willen, vielleicht niemals; aber das leidige Interesse kettet das Maͤdchen an ihren Geliebten. Man sagt: das Frauenzimmer sey be- staͤndiger und treuer als die Maͤnner; aber ihre Be- staͤndigkeit ist ihres Eigennutzes wegen noͤthig. Ein flatterhaftes Maͤdchen, das bald diesem, bald jenem anhaͤngt, arbeitet gerade wider ihren großen Zweck, einen Mann zu bekommen . Bei den Maͤn- nern ist dieses der Fall nicht; daher sind sie auch manch- mal veraͤnderlich. Allein Maͤnnerliebe, im Ganzen ge- nommen, ist solid und herzlich; Weiberliebe hingegen ist meist oberflaͤchlich und gruͤndet sich auf leidigen Ei- gennutz. Das hat Meister Naso, der große Kenner des schoͤnen Geschlechts, schon gesagt und die Erfah- rung lehrt, daß er recht gesagt hat. Doch genug hiervon! Unsere Ruͤckreise war sehr lustig, weil der graͤm- liche und mokante Herr von H... nicht bei uns war. In Kreuznach besuchte ich noch einmal die oben ge- nannte Apothekers Tochter. Nach der Zeit habe ich sie nicht wieder gesehen. Siebentes Kapitel. Semlers Antwort. Zweites Vikariat. Begebenheiten bei demselben und Anstalten zum Abzuge aus der Pfalz. H err Semler hatte bald geantwortet. Seine Briefe an meinen Vater und mich, waren in dem herzlichen aber etwas steifen Tone geschrieben, der dem großen Manne so eigen war. Er schrieb: wenn ich nur hundert Thaler in Halle haͤtte, so koͤnnte ich mich da recht gut durchbringen. Er habe dem Di- rector Freylingshausen unsere Briefe vorge- wiesen, und da er meinen Vater persoͤnlich kenne, so habe er von ihm auf mich geschlossen, und mich bestens empfohlen. Der Director habe ihm auch versprochen, mir sogleich den Tisch und ein Logis auf dem Waisenhause zu geben, wofuͤr ich bei der latei- nischen Schule Unterricht geben wuͤrde. Uebrigens wolle er sich meiner nach aller Redlichkeit anneh- men. — ( Pro eo — ich erinnere mich noch man- cher Ausdruͤcke, deren sich der große Mann in jenen Briefen bediente — qui mihi esse constat, quem que ut esse mihi constaret, allaboravi, animo. ) Man habe ihm zwar vorgeworfen, daß er sich in Din- ge mische, von denen er nicht hinlaͤnglich unterrichtet zu seyn schiene: allein, wo er Gutes wirken koͤnne, wolle er es auch thun, so verschieden auch die Umstaͤnde seyn moͤchten. ( Alia licet atque alia tempora videantur, manet tamen manebit- que perpetuo mens eadem, consilium idem. ) Ich sollte also in Gottes Namen kommen: er er- warte mich. Das war der Inhalt der Briefe des edlen Mannes, worauf ich sogleich antwortete. Von die- sem Augenblicke an, dachte ich an nichts weiter, als an meinen Abzug nach Halle, wohin ich auf Ostern ziehen wollte. Indessen schrieb mir der Konsistorialrath Dietsch , wenn ich wollte, koͤnnte ich als Vikarius nach Obersaulheim gehen: der bisherige Vikarius waͤre wieder fort; und wenn ich mich klug und ordentlich be- tragen wuͤrde, so wuͤrde auch der uͤble Ruf, den ich in der Gegend haͤtte, verschwinden. — Allein das Ding mit dem Vikariat wollte mir nicht in den Kopf. Ich antwortete Herrn Dietsch , daß ich die Pfalz verlassen und mich um die Gespraͤche der Frau Basen nicht weiter bekuͤmmern wuͤrde. Mein Vater dachte in diesem Stuͤck konsequen- ter. Das Vikariat schien ihm recht gut zu seyn, die uͤblen Nachreden zu vertilgen, und drang darauf, daß ich nach Obersaulheim gehen sollte. Ich mußte also nachgeben. Meine Bauern waren herzlich froh, daß sie mich wieder hatten: denn der Herr Si - mon , mein Vorgaͤnger und Nachfolger, war ein trauriger Wicht gewesen, der auf der Kanzel wie ein Hahn kraͤhete und alle seine Weisheit woͤrtlich herlas. Ich las niemals etwas ab, und das gefiel den Bauern. Einer derselben schuͤttelte mir ganz traulich die Hand und sagte: „Mer seyn grausam „froh, daß mer Se wedder hun: der Anner (An- „dere) war ach gar neischt guts: der hot alles ab- „geles. Mer wolle Se gehrn (gern) beholen, wann „Se sich schund (schon) mannichmol behaen (betrin- „ken); Se seyn doch aͤ guter Parre.“ Meine Leser glauben vielleicht, daß so vielfaͤl- tige Zuͤchtigungen mich werden gewitzigt haben und ich endlich einmal zu einer bessern Lebensart geschrit- ten sey; aber Sie irren sich, meine Leser! Ich fuhr fort, wie ichs ehedem getrieben hatte. Der Dichter hat recht: Quo semel est imbura recens, servabit odorem testa diu. – – Und Naturam expellas furca, tamen usque recurret. Natura heißt mir in dieser Stelle; unartige Ge- wohnheit. Ich war des wilden Lebens zu sehr gewohnt, als daß ich mich ins Ordentliche haͤtte fuͤ- gen koͤnnen. Ausserdem hatte ich zu wenig Interesse bei der Pfafferei, als daß ich mir haͤtte wehe thun und meinem Hang einen Zuͤgel anlegen sollen, um dereinst etwas mir durchaus Verhaßtes, eine Pfaffen- stelle, davon zu tragen Mancher hochweise Herr, mit einem goldnen oder ro- sigten Kreuze, mag hieraus lernen, daß das beste Mittel, ehrliche, kluge Koͤpfe von der Pfafferei zuruͤck zu scheuchen, darin bestehe, daß man ihnen die Pfaf - fenlehren nur erst verhaßt mache — durch Edikte nach diesem oder jenem Zuschnitt und Namen. Heuch- ler werden schon das Uebrige vollends zernichten. Und Dumkoͤpfe —? Je nun, sie muͤssen auch placirt wer- den — und finden immer ihres Gleichen – in der Tie- fe wie in der Hoͤhe. – . Ich schlug also alle Er- innerungen meiner Freunde und die redlichen Ermah- nungen meines braven Vaters in den Wind und that, was mir gefiel. Taͤglich beinahe lag ich bei einem reformirten Prediger, dessen Tochter mir behagte. Ich war nichts weniger als verliebt; allein ich mußte so was zum Taͤndeln haben, und dazu war die Pfar- rerstochter gut. Sie war naͤmlich, wie jedes Pfaͤlzer- maͤdchen von der leichtern Art, im hoͤchsten Grade kokett und nahm manches nur obenhin. Ausserdem lief ich fleißig in der Gegend herum und besuchte mei- ne Mainzer Freunde nicht weniger. Ein gutes Stuͤck habe ich indeß doch auf dem Saulgau — so heist jene Gegend — damals gestif- tet, und ich wuͤnsche, daß meine Stiftung noch be- stehen moͤge. Ich hatte naͤmlich viele Bekanntschaft mit Schulmeistern. Diese Leute ahmen in jenen Laͤndern ihren Herren Pfarrern nach; legen sich auf die faule Seite und aufs Saufen: sehr wenige trei- ben etwas Musik und Rechenkunst: andere Wissen- schaften und Kenntnisse sind ihnen Boͤhmische Doͤr- fer. Ich aͤrgerte mich uͤber die krasse, impertinente Unwissenheit dieser Leute, und nahm mir vor, so weit es moͤglich waͤre, sie heraus zu ziehen. Ich konferirte also mit dem Schulmeister Muͤller von Niedersaulheim, Asmus von Obersaulheim, Taut - fes von Udenheim, Teicher von Schornsheim, und einigen andern. Ich schlug ihnen vor, eine Lesege- sellschaft aufzurichten, gute Buͤcher zirkuliren zu las- sen und Convente unter sich dann und wann anzu- stellen, worauf sie von dem, was sie gelesen haͤtten, sich unterhalten und einer den andern auf wichtige Stellen aufmerksam machen koͤnnten. Mein Vor- schlag fand Beifall: es wurde gleich etwas aufgesezt, worin uͤber die Unwissenheit der Geistlichen und Schullehrer bittere Klagen gefuͤhrt wurden. Die Lesegesellschaft wurde alsdann als das beste Mittel wider dieses Unwesen angepriesen, und mehr als zwanzig Schulmeister subskribirten. Nun konnten gleich fuͤr mehr als zehn Gulden Buͤcher angeschaft werden. Das waren z. B. Catechismus der Sit- tenlehre von Schlosser; desselben Catechismus der Religion; Schroͤckhs allgemeine Weltgeschichte fuͤr Kinder, der Band, welcher die deutsche Geschichte begreift; Gellerts Werke und andere, die sich fuͤr diese Klasse von Leuten schick en. Ich habe ihnen noch mehrere aufgesezt: sogar habe ich ihnen gera- then, mit der Zeit freimuͤthige Buͤcher zu lesen, selbst die neue Apologie des Sokrates, welche ich immer fuͤr eins der Hauptbuͤcher gehalten habe, wodurch man zur Kenntniß der heiligen Luͤgen und Fratzen gelangen kann. Ob aber dieses wirklich heilsame In- stitut im Gange geblieben sey, kann ich nicht sagen. Ist es geblieben; so muͤssen jezt jene Schulmeister in ihren Kenntnissen viel weiter seyn, als manche von ihren Herren Pfarrern. Nun muß ich eine Frage beantworten, die meine Leser berechtigt sind, an mich zu thun: Wie es naͤmlich die Zeit uͤber, mit meinem Studiren ge- standen habe? — Es ergiebt sich schon von selbst, daß ich nicht so studirt habe, wie ich haͤtte sollen und koͤnnen. Meine Lebensart hinderte mich daran. Aber ganz muͤßig bin ich nicht gewesen. Ich habe immer manch gutes Buch gelesen, besonders Ge- schichtbuͤcher. Die allgemeine Weltgeschichte studirte ich vorzuͤglich, auch Haͤberlins Geschichte des deut- schen Reichs; nebenher uͤbte ich mich fleißig in den aͤltern und neuern Sprachen. Mein Vater rieth mir immer, die Philosophie zu treiben, besonders die Metaphysik; aber ich verabscheuete sie von jeher, naͤmlich seit meines Aufenthalts in Giessen. Ich blieb daher von dieser Wissenschaft weg und bin bis- her immer davon weggeblieben. Ich bin naͤmlich der Meinung noch, daß Metaphysik der wahren Aufklaͤrung staͤts geschadet und fast niemals genuzt habe. Die transcendentellen Ideen lassen sich dre- hen wie man will. Man sehe nur eine Dogmatik an, die systematisch geschrieben ist, z. B. die eines Schuberts , Carpzovs , oder eines andern or- thodoxen Wolfischen Theologen; und man wird fin- den, daß, nachdem der Verfasser pur eitel Leibnitzi- sche metaphysische Axiomen und Theoremen zum Grunde gelegt hat, alle heilige Fratzen nach mathe- matischer Lehrart richtig demonstrirt sind. Da be- weißt man aus dem methaphysischen Grundsatze: majus et minus non variare speciem, daß alle Suͤnden in Absicht ihrer Moralitaͤt intensiv unend- lich groß sind. Dies leitet nun die Beschreibung ei- nes Erloͤsers ein, der Gott und Mensch in einer Person seyn muͤsse und was der Possen mehr sind. Diesen Schaden hat die liebe Metaphysik uͤber 40 bis 50 Jahr angestellt, bis endlich freimuͤthige, helle Maͤnner, ein Semler , Teller , Bahrdt und andere, theils durch die Geschichte, theils durch ge- meine Menschenphilosophie die stolzen Systeme nie- derrissen, und den Ungrund und das Abgeschmackte solcher uͤberforschenden Demonstrationen der Welt vor Augen legten. Die Geschichte, besonders die der Kirche und der Weltweisheit, zeigen allemal den sichersten Weg zur Einsicht und zur Aufklaͤrung. Doch ich bin ja kein kompetenter Richter: ich rede vielleicht von Dingen, die ich nicht verstehe; aber meinen Glauben muß ich doch angeben: sonst wuͤrde ja mei- ne Biographie einen Hauptmangel haben. Herr Koͤster , der Mediciner, und sein Bruder, Pfarrer zu Niedersaulheim, lagen mir taͤglich an, ein- gezogener zu leben, bis sie sahen, daß alles vergebens war. Da liessen diese Braven es gut seyn und be- muͤheten sich nicht weiter, an meiner Besserung zu ar- beiten, ausser bei Vorfaͤllen, die merklich auffielen. Meinem Vater konnten meine Possen nicht lan- ge unbekannt bleiben: wenigstens schrieb er mir, daß er selbst einsaͤhe, daß es nicht gut seyn wuͤrde, wenn ich laͤnger in jenen Gegenden bliebe, ob er gleich auch nicht gewiß darauf rechne, daß ich mich bessern werde, wenn ich anderswohin zoͤge; das alte Spruͤchwort: Es flog ein Gans wol' uͤbers Meer und kam ein Gakkak wieder her – oder das Senekaische: Coelum mutant non animum, qui trans mare currunt mache ihn zwar schuͤchtern, doch wolle ers noch ein- mal versuchen; ich sollte mich also zum Abzuge anschi- cken. — Ich aͤrgerte mich zwar etwas uͤber den Brief meines Vaters; allein der Ekel, womit ich schon lange die Pfalz und alles, was Pfaͤlzisch war, ansahe, und die Nahrung, die bei dieser Veraͤn- derung meine sehr uͤbel geleitete Neugierde erhalten mußte, verwandelten alle bisherigen widrigen Em- pfindungen meiner unstaͤten Seele in lauter Hofnun- gen und Erwartungen: und diese Lage macht ver- gnuͤgt und giebt uns einen gewissen Muth, den der wirkliche Besitz reeller Guͤter schwerlich geben kann. Ich folgte also dem Willen meines Vaters, schickte mich zum Abzuge an, hielt aber von neuem in Ober- saulheim eine Abschiedspredigt voll Anzuͤglichkeiten und wahren Inpertinenzen und verließ mein Vika- riat, ohne dem Konsistorium das Geringste davon angezeigt zu haben. Hierauf kuͤndigte ich aller Orten, wo ich hin- kam, meinen Abzug an, meldete aber nicht, wohin ich mich wenden wuͤrde, sondern sagte bloß, daß ich die Pfalz nicht fernerhin sehen, wenigstens in dersel- ben nicht weiter leben wollte. Auch mein Vater hatte von meiner Reise nach Halle nichts erwaͤhnt und so waren die lieben Leute wegen meiner kuͤnfti- gen Bestimmung in Ungewißheit. Viele sprengten aus, ich wuͤrde nach Holland und von da nach In- dien gehen; andere gaben ein Muͤssen vor und zwar nach folgender skandaloͤsen Geschichte. Von Udenheim aus, wahrscheinlich auf Veranstaltung des dasigen Pfarrers, Hrn. Wageners , sonst Magister Weitmaul genannt, hatte sich in der ganzen Gegend das Geruͤcht verbreitet, ich haͤtte mich mit einem ge- wissen Maͤdchen zu weit eingelassen und deswegen muͤßte ich fluͤchtig werden. Waͤre dies zu der Zeit wahr gewesen, so wuͤrde ich es jetzt bekennen: denn an Offenherzigkeit, glaub ich, fehlt mir es wol nicht. Aber es war nicht wahr, und die Anekdote war leicht weiter nichts, als das Resultat von Pfaffen- rache. So dumm indeß diese Posse angesponnen war, so erhielt sie doch, nach der bekannten Ur- theilsfaͤhigkeit meiner respectiven Herren Landesleute, starken Glauben und wurde schon als eine gewisse Thatsache, von Fraubase zu Fraubase herum getra- gen. Die Zeit war zu kurz, um thaͤtige Genug- thuung zu suchen; ich begnuͤgte mich daher mit der Ausfertigung einer Stachelschrift auf einige Herren und Damen, welche mich besonders zu blamiren ge- sucht hatten. Das Ding wurde durch mehrere Ab- schriften publik gemacht und was es gewirkt habe, be- richtete mir mein Vater in seinem ersten Brief nach Halle. Nachdem ich zu Hause angekommen war, wur- den ernstliche Anstalten zur Abreise getroffen. Ich ergoͤzte mich auch noch, so lange ich konnte, mit mei- nen lieben Freunden, worunter aber nur Einige aus- gehalten haben bis ans Ende, ohne jemals Falschheit und Tuͤcke gegen mich zu beweisen, wie so viele an- dere, welche mir anfaͤnglich hofirten und hernach mich nekten und zu beschimpfen suchten. Es ist gewisser- maßen Pflicht, hier zu bekennen, daß Herr Haag , der Foͤrster, Herr Herman , der Kantor, die bei- den Herren von la Roche , der Major und Kapi- taͤn, wovon sich der erstere jetzt in Berlin befindet, und noch im Herbst 1790 seine Freundschaft thaͤtig bewiesen hat, Herr Stuber , der Pfarrer zu Flon- heim, und Herr Forchet , der Schulmeister in mei- nem Geburtsorte, meine bestaͤndigen Freunde geblie- ben sind: daß auch diese ehrlichen Maͤnner mich bei jeder Gelegenheit bald gewarnt, bald vertheidigt, we- nigstens entschuldiget haben und daß sie mich besser, folglich auch gluͤcklicher wuͤrden gemacht haben, wenn ich leider — nur haͤtte folgen wollen. Habt indessen noch einmal Dank, ihr Edlen alle, auch Sie, Herr Baron von F...! Verzogen war ich, verwoͤhnt war ich, leichtsinnig war ich: aber auch boßhaft? ich denke es nicht. Doch wozu dies, da noch so viele Fatalitaͤten zu erzaͤhlen uͤbrig sind! Da ich wußte, daß in Halle der Wein sehr theuer sey, und mein Beutel nicht hinreichen wuͤrde, ihn zu trinken; so machte ich mir die wenige Zeit in der Pfalz noch recht zu Nutze und trank gerade so- viel, als ich bezwingen konnte. Zu meiner eigenen Schande muß ich aber sagen, daß ich ein Meister im Saufen war, und wenigstens vier Bouteillen recht guten Bechtheimer vertragen konnte, ohne mich zu uͤbernehmen. Als ich vor einigen Jahren wieder in der Pfalz war, glaubte ich noch eben die Fertigkeit im Weintrinken zu haben, die ich vor Zeiten darin gehabt hatte; allein ich irrte mich. Denn ohner- achtet ich kaum halb so viel Wein zu mir genommen hatte, als ich sonst ohne merkliche Veraͤnderung mei- nes Gehirns vertragen konnte, fing ich doch an zu wanken und mußte aufhoͤren. Also auch garstige, un- anstaͤndige Fertigkeiten vermindern und verliehren sich durch Mangel an Uebung. Meine Mutter war die Zeit uͤber ganz unthaͤ- thig gewesen. Sie hatte oft uͤber meine Ausschwei- fungen geseufzt und geweint, mir auch dann und wann gelinde Vorwuͤrfe gemacht; aber ihre Stimme war viel zu schwach, als daß ich auf sie haͤtte hoͤren sollen. Meine Tante verstand vollends von Men- schenbildung und Lenkung nichts, und war schon zu- frieden, wenn ich nur heiter war und ihr die Zeit verplaudern half. Sie sah nicht ein, daß eigentlich sie den ersten Grund zu meinem moralischen Verder- ben gelegt und dadurch den Keim meines kuͤnftigen Gluͤcks wurmstichig gemacht hatte. Ich habe ihr zwar deswegen nie Vorwuͤrfe gemacht, und mache ihr dergleichen noch jezt nicht: sie hat es gut gemeint. Allein ihre wenige Erfahrung, verbunden mit ihrem Hange zum Saufen, hat dieser ihrer guten Gesin- nung gegen mich eine schiefe Richtung gegeben, so wie ihre Affenliebe sie oben drein verblendete, daß sie die schaͤdlichen Folgen von dem nicht einsahe, wozu sie mich theils verleitete, theils behuͤlflich war. Mein Vater selbst haͤtte besser gethan, wenn er ihr gar keinen Antheil an meiner Erziehung gelassen haͤtte. Doch wer kann wider Verhaͤngniß! Achtes Kapitel. Reise nach Halle . M ein Vater begleitete mich bis Frankfurt und sprach unter Weges ziemlich ernsthaft, ob er gleich, wie er hinzufuͤgte, seinen Worten und Vermahnun- gen wenig Wirkung zutraute, wenn ich naͤmlich nicht selbst mit klug seyn wuͤrde, wozu ich doch wol Er- fahrung genug haben moͤchte. Wuͤrde ich aber wirk- lich mich bessern; so wollte er mir den Vater so zei- gen, wie ich es nur selbst wuͤnschen und hoffen koͤnn- te. In Frankfurt gab er mir vierzehn Carolins ohne noch fuͤnf Dukaten Reisegeld und bezahlte die Post bis Eisenach, im Darmstaͤdter Hof zu Frank- furt. Ich hatte, ausser meinen Kleidern und Waͤsche weiter nichts mitgenommen, als die Idyllen des Theokrits und den Horaz. Diese lieblichen Dichter sollten mich unterhalten, wenn ich in Gasthoͤfen auf den Fortgang der Post wuͤrde warten muͤssen. In Friedberg war dies schon der Fall. Waͤhrend ich aber las, foderte mich ein Tabuletkraͤmer zum Lottowurf gegen drei Batzen Einsatz auf, und ließ nicht eher nach, bis ich sie endlich, wiewol ungern, hinwarf, und auf den ersten Wurf die schoͤnste schildkroͤterne Tobaksdose, welche der Kerl in seinem Kram hatte, gewann. Er erboßte und bot mir gleich vier, her- nach sechs Gulden nebst vier freien Wuͤrfen. Ich erklaͤrte ihm aber gerade heraus, daß ich die Dose auf jeden Fall behalten wuͤrde, doch wollte ich noch einigemal werfen. Ich fuhr fort und gewann im- mer. Der Kerl stutzte und gab vor, daß ihm seine Wuͤrfel untreu geworden waͤren. Er langte andere hervor; der Postsekretaͤr winkte mir, ich verstand ihn und hoͤrte nun auf. Nach einiger Zeit kamen andere Fremde, warfen und verlohren ansehnliche Summen. Ich habe mich oft gewundert, daß man der- gleichen Spizbuben — denn weiter sind sie nichts! — noch duldet und ihnen sogar von Obrigkeits wegen erlaubt, herum zu ziehen und gewinnsuͤchtige dumme Leute um ihr Geld zu bringen. Alle Gluͤcksbuden dieser Art sollten durchaus nicht gestattet werden. In Halle war vor einiger Zeit auch eine dergleichen Bu- de, worin ein sonst nach seinem Stand recht wohl- habender Soldat alles, was er hatte, verlohr, und nachdem er das Geborgte noch obendrein verspielt hatte, als ein Schelm entweichen mußte. Mehrere Andere haben sich an dieser Spizbubenbude arm ge- spielt. — Was nuͤzt es wol, fuͤr die Erlaubniß, die solchen Schuften ertheilt wird, einige Thaler einzu- nehmen und die Unterthanen — zu denen die dum- men Leute eben sowohl gehoͤren als die Klugen — ruiniren zu lassen? — Heißt das auf eine vaͤterliche Art der Vormund der Dummen seyn? Mancher er- laubt dergleichen freilich, um die oͤffentliche Aufmerk- samkeit auf sich Alzibiadisch von sich abzulen- ken; aber nicht so Friedrich der Große ! Doch, was weis ich von der Theorie der Ableiter und Pal- liative! — In Alsfeld hoͤrte ich herrliche Geschichten von dem damaligen Inspektor daselbst, Herrn M. Schwarz , der ehedem Professor der Theologie in Giessen, und ein heftiger Antagonist des D. Bahrdts gewesen war. Er hat viele Schrifteu geschrieben — voll von Unsinn! Die Alsfelder beschwerten sich gar sehr uͤber sein unbaͤndiges Brannteweinsaufen, so daß er oft am hellen Tage auf den Straßen hinstuͤrz- Zweiter Theil. F te, liegen bliebe, und nach Hause getragen werden muͤßte: auch daß er den Weibsleuten nachliefe und schon im Busche mit Grasnymphen waͤre gefunden worden und was der Art Stuͤckchen mehr waren. Ich kannte den Ehrenmann und hatte bei diesen Re- lationen so mein Vergnuͤgen, theils weil sie einen Pfaf- fen betrafen, theils aber und vorzuͤglich, weil Mei- ster Schwarz mir als ein intoleranrer garstiger Bon- ze bekannt war, der sogar die Obrigkeit in seinen dummen Toleranzbriefen gegen die Ketzer auf- gefordert hat. Es ist doch sonderbar, daß die ortho- doxesten Pfaffen meistens auch die luͤderlichsten sind; und die Heterodoxen — groͤßtentheils die besten Menschen. Aber jene zehren auf fremde Rech- nung — auf Christi Verdienst —; diese auf ihre eigene, und da ist man oͤkonomischer! Eine Stunde ohngefaͤhr von Alsfeld hielt der Schwager an einem Wirthshause still. Ich schalt, aber vergebens. Meister Postillion mußte einen Schluck machen. Kurz nachher kam er an den Wa- gen und fragte: ob ich nicht erlauben wollte, daß zwei Frauenzimmer mit nach Hersfeld blind fuͤhren? Ich hatte eigentlich dagegen nichts; doch wollte ich erst sehen, was das fuͤr Frauenzimmer waͤren. Ich stieg also herab und fand zwei trefliche Maͤdchen, eine von 18, die andre von 15 Jahren, welche mir sehr dreist, nach Hessenart, sagten: wer sie waͤren wo sie herkaͤmen und wo sie hin wollten. Nun drang der Schwager auf Weiterfahren; aber noch ein Glas Schnapps machte, daß wir so lange hielten, bis ich meine Frauenzimmer mit Koffee, freilich, wie er dort zu haben ist im Kasselschen, regalirt hatte. Meine Leser muͤssen hier aber ja an kein anderes In- teresse fuͤr mich denken, als an das, huͤbsche Ge- sichter zu sehen, und Worte, die aus einem schoͤnen Munde kamen, zu hoͤren. Ich fand indeß doch et- was mehr: die Maͤdchen waren munter, wizig und voͤllig unverdorben; daher hielt ich es auch fuͤr Pflicht, mich anstaͤndig zu betragen, und ihnen kei- ne Zotologie zu lesen, wie ich sonst in der Pfalz beim Frauenzimmer zu thun pflegte. Allein das wa- ren auch Pfaͤlzer Maͤdchen, die es so genau nicht nahmen! Ich bezahlte den Postillion fuͤr das Blindfah- ren bis Nieder-Aula und von da bis Hersfeld be- zahlte ich das ordinaͤre Postgeld fuͤr sie, nebst dem Abendessen. Die Maͤdchen, so s paͤt es schon war, liessen mir in Hersfeld keine Ruhe, bis ich mit ih- nen zu ihrer Mutter ging, die mich sehr freund- schaftlich aufnahm. Die Maͤdchen hatten gleich ein Langes und Breites von mir geruͤhmt. Ich mußte versprechen, wenn ich wieder durch Hersfeld kaͤme, bei ihnen einzukehren. Damals dachte ich zwar nicht, daß ich diese Frauenzimmer jemals wieder sehen wuͤrde: aber die Folge wird zeigen, wie sehr ehrliche Philister-Freundschaft, wenn sie gleich kurz ist, eine akademische Ordensfreundschaft uͤbertrift. Ich war recht froh, daß ich aus dem Hessen- lande herauskam. In Hessenland ist alles Elend zu Hause. Die Zeit wirds schon lehren! — Zu Erfurt besah ich die große Glocke und nahm meinen Weg nach Jena. Es freuete mich, den Ort wieder zu sehen, von dessen Comment ich ehedem so hohe Begriffe gehabt hatte; den ich aber fuͤr dies- mal nicht mitmachte. Statt dessen besuchte ich die Herren Griesbach , Gruner und Schuͤz . Die- ser war mir schon als einer der ersten Philologen bekannt, fuͤr den selbst Herr Heyne , der sonst, nach Art aller Philologen, gern kritisirt und selten lobt, viel Respekt hatte. Herr Griesbach war sehr zuruͤckhaltend und merklich jesuitisch. Desto of- fener war der herrliche Gruner , dieser große Ken- ner der aͤltern und neuern Gestalt der Arzneikunde. Ich habe recht selige Augenblicke bei diesem Mann gehabt! Er sprach so offen uͤber die ganze Gelehrsam- keit, und urtheilte insbesondere so frei uͤber den je- tzigen Zustand der Medicin, daß es eine wahre Lust war, ihn anzuhoͤren. Unsere Aerzte, meinte er, erfaͤnden nichts neues: sie beteten nach, uͤbersezten und waͤren gr oͤstentheils elende Sudler. Er nannte mir einige Aeskulapier, die ich fuͤr Matadors gehal- ten hatte, und beschrieb sie als die aͤrgsten Pfuscher. Nie will ich vergessen, was er mir wegen der Pathologie meines Landsmanns, des beruͤhmten Gaubius Gaubius oder Gaub war in Heydelberg geboren, wo noch Anverwandte von ihm sind, die seinen Na- men fuͤhren. , gesagt hat. Das Buch, meinte Herr Gruner , sey das beste pathologische Hand- buch: daß es aber so wenig auf Universitaͤten zum Handbuch gebraucht wuͤrde, sey nicht das Buch schuld, sondern die Schwierigkeit, welche mit der Erklaͤrung desselben verbunden waͤre. Das herzliche Wesen des biedern Schuͤz hat mir ganz besonders gefallen: er behandelte mich wirklich als Freund, und sprach mit mir uͤber Litte- ratur und Geschichte, weil er sahe, daß ich an der- gleichen wenigstens Vergnuͤgen fand. Schuͤz ist so ganz anders, als Herr Heyne in Goͤttingen und Freund Harles in Erlangen. Und wer so mit dem philologischen Esprit bekannt ist, aber Schuͤ - zens Verdienste um diesen Theil der Gelehrtheit nicht kennt, wuͤrde ihn wahrlich fuͤr keinen Philo- logen halten: so human, so liberal, so traulich ist Schuͤz ! Ipsius suae Scholae vitia vita corri- git, sagt Seneka vom Epikur, und das kann man mit Recht auch von Schuͤz sagen. Den beruͤhmten Eichhorn konnte ich nicht sprechen: er war verreiset. Der Comment der Bursche war nicht mehr so ruͤde und wuͤste als 1776; doch hatte er noch sehr viel Burschikoses: besonders zeichneten sich die Mo - sellaner durch ihre Trinkgelage, Balgereien und andere Unarten, aus. Die Orden waren noch in großem Flor, besonders der der Schwarzen, derer Senior sich bei mir beruͤhmte, sich mehr als 50 mal geschlagen zu haben. Den aͤltern und juͤngern Hochhausen lernte ich jezt auch kennen. Sie waren geborne Jenenser, und verstanden den Com- ment so gut, daß beide mehrmals relegirt wurden. Der aͤlteste ging als Fechtmeister noch in selbigem Jahr nach Rußland. Der juͤngere aber, nachdem er zwei Jahre in Weimar gefaͤnglich gesessen, sodann mit einer Muͤllersfrau davon gelaufen war, und in Ber- lin den Winter uͤber 1789/90 den Fechtmeister und Re- nommisten gemacht hatte, ist vor einiger Zeit Stern- wirth in Jena geworden. So spielt das Schicksal mit den unbandigen Soͤhnen der Musen! Auf der Breuhanschenke bei Halle, gerieth ich in Bekanntschaft mit einem erzliederlichen hallischen Halloren, Knautpahl . Er ruͤhmte sich, alle Professoren in Halle zu kennen, und both sich an, mich bei jedem einzufuͤhren, wo ich nur wollte. Auf meine Rechnung goß er eine Menge Brantewein, wie klares Wasser hinein, ohne besoffen zu werden. Haͤtte ich damals diesen Schuft so gekannt, wie ich ihn hernach mit meinem Schaden kennen gelernt ha- be — ich wuͤrde mehr auf meiner Huth gewesen seyn. Aber das war von jeher mein Fehler, daß ich einem jeden gleich traute, und mich immer be- truͤgen ließ. Freilich ists besser, betrogen zu wer- den, als selbst zu betruͤgen; aber jenes ist doch auch nicht ruͤhmlich. — Ich fragte den Halloren nach einem guten Logis in Halle und er empfahl mir den — blauen Hecht ! Auf der Post rieth mir jemand, vier Groschen zu geben, damit mein Koffer nicht visitirt und mir nicht alles durcheinander geschmissen wuͤrde. Das sollte so die Mode der meisten Visitatoren seyn: wer ihnen blecht, sagte man, der wird nicht visitirt, ge- sezt auch, er habe noch so viel Kontrebande bei sich; wer ihnen aber nicht blecht, und sich auf seine ge- rechte Sache verlaͤßt, der muß nicht nur lange war- ten, und allerlei Impertinenzien einstecken, sondern seine Sachen auch herumhudeln lassen, als wenns gestohlnes Gut waͤre. Wenn der Koͤnig haben will, daß alles visitirt werde, so duͤrfen die Visitatoren kein Geld fuͤrs Nichtvisitiren nehmen: und die gro- ben Reden einiger dieser Meister, und die Beschaͤdi- gung der Sachen fremder Leute, hat ihnen der Koͤ- nig weder geboten noch erlaubt. Aber — practica est multiplex ! Um das Gespraͤch meines Wirths, des Herrn Frenzels im blauen Hecht, der unaufhoͤrlich uͤber die Dummheit seines Jungens loszog, nicht laͤnger anzuhoͤren, ging ich nach Giebichenstein, sahe mich da auf dem Felsen um und betrachtete die Truͤm- mer des alten Schlosses, worauf in den aͤltern Zei- ten so mancher Reichsfuͤrst, Graf und Ritter, ge- faͤnglich gesessen hat. Ich brachte den Tag so mit Herumlaufen zu, und machte noch keine Bekannt- schaft. Neuntes Kapitel. Meine ersten Verrichtungen in Halle . A m andern Tag begab ich mich zu Herrn D. Sem - ler . Ich hatte mir schon laͤngst eine große Idee von diesem wichtigen Mann gemacht; und diese Idee wurde immer groͤßer, je genauer ich ihn kennen lernte: und ich kann mich wohl ruͤhmen, den Mann genau gekannt zu haben. Er empfing mich nach seiner Art, das heist, beim ersten Anblick kalt und befremdet; kaum aber hatte er meinen Namen ge- hoͤrt, so rief er: aha! nun weiß ichs. Sie sind der Sohn des guten Laukhards, den ich vor langer Zeit recht gut gekannt habe. Was macht denn Ihr Vater? — Ich gab ihm alle Auskunft, und Herr Semler freute sich, daß der alte Metaphysikus noch recht gesund waͤre. Wir waren, fuhr er fort, ra- tione studiorum niemals so recht einig: er gab mir gern zu, daß ein richtiges Studium der Ge- schichte und der Philologie allerdings einem Theolo- gen noͤthig sey: er hat sich auch, das muß ich ihm nachruͤhmen, nicht faul in dergleichen umgesehen; aber da hatte er seine Wolfische Metaphysik, das war sein Steckenpferd, dadurch glaubte er alle Wahrheit zu finden und alle Irrthuͤmer widerlegen zu koͤnnen. Gebe Gott! daß es ihm gelungen ist, die einzige Wahrheit gefunden zu haben: daß alles, was uns bessert und beruhigt, fuͤr uns nuͤzlich und folglich wahr ist. Aber wenn ich nach Briefen schlies- sen soll, die er mir zuweilen schrieb, so muß ich denken, er hat fortgegruͤbelt, und sich ein System erbauet, das nicht fern ist vom kalten Spinozismus, der das Herz so leer laͤst und schwache Seelen leicht zu Misan- tropen machen kann. Ich vermuthe aber, daß das leztere bei ihrem alten Vater der Fall nicht ist: er war dazu immer zu human und zu liberal. Ich fand dieses Urtheil des rechtschaffnen Doctors uͤber meinen Vater sehr gegruͤndet und mußte ihm Beifall geben. Semler sprach endlich lateinisch mit mir, um, wie er sagte, zu sehen, ob ich fleißig in dieser Sprache gelesen haͤtte: Denn wenn man fleißig lateinische Buͤcher gelesen haͤtte, wie er hinzu sezte, so muͤßte man sich auch, dem Ge- nius derselben gemaͤß, ausdruͤcken koͤnnen; gesezt auch, man koͤnne es, aus Mangel der Uebung, nicht fertig. Wir sprachen lateinisch, und er war mit mir zufrieden — ich sage, er war es, und nicht: er schien es zu seyn; denn Semlers Karakter war so, daß er in solchen Faͤllen niemals schien zu seyn . — Dann erkundigte er sich nach meiner Baarschaft und rieth mir, nachdem ich ihm eine ge- naue Berechnung meines Geldes abgelegt hatte, zur Sparsamkeit: einer Tugend, die niemals die meine war; denn dazu war ich schon in der fruͤhern Jugend verdorben worden. Endlich schickte mich Semler zum Herrn D. Noͤsselt , dem damaligen Prorektor, wo ich fuͤr die Haͤlfte der Gebuͤhren, auf Semlers Empfehlung, die Matrikel und ein großes Pack akademischer Gesetze in Empfang nahm. Herr Noͤsselt gab mir verschiedene gute Ermahnungen, aber auf ein gelehrtes Gespraͤch, so stark ich auch auf den Busch schlug, wollte er sich nicht einlassen. Ich habe hernach mehrmals mit ihm gesprochen, ihn aber immer sehr zuruͤck- haltend gefunden. Herr Semler hatte mir aufgetragen, ihn den andern Morgen wieder zu besuchen, um wegen mei- ner Bestimmung weiter mit mir zu reden. Als ich nun kam, gab er mir einen Brief an den verstor- benen Direktor des Waisenhauses, Herrn Frei - lingshausen . Dieser empfing mich sehr freund- lich, ließ mich den 28. Psalm exponiren, wie auch die Ode des Horatius: Qualem ministrum fulmi- nis alitem, lobte meine Kenntnisse und schickte mich an den verstorbenen Inspektor Melle , welcher mir im sechsten, oder dem sogenannten Knappischen, Ein- gange auf Nummer 16 ein Logis anwies. Meine Stubenburschen waren Poͤhler , ein naher An- verwandter des D. Semlers, ein Mann von viel Kopf und viel litterarischen Kenntnissen. Der an- dere hieß Molweide . Beide waren seelengute Leute und wir lebten so friedlich und einig beisam- men, wie Bruͤder. Mit Vergnuͤgen erinnere ich mich noch der herrlichen Tage, die ich auf dem Waisen- hause zu meinem wahren Nutzen verlebt und her- nach nicht mehr geschmeckt habe. Ausser diesen lern- te ich bald noch einen sehr wuͤrdigen jungen Mann kennen, der bei Herrn Professor Niemeyer wohnte und Bartholdi hieß. Dieser schien gar nicht Student zu seyn: so wenig kam er in Studenten- gesellschaften und so wenig verstand er vom Com- ment. Dafuͤr hatte er aber reine Sitten und viel gesezte Rechtschaffenheit. Er war nie auf Schulen gewesen, hatte sich jedoch fuͤr sich auf die Wissen- schaften und alte Sprachen gelegt und nicht gemeine Kenntnisse erlangt. Diese Kenntnisse suchte er durch ununterbrochnen Fleiß zu vermehren. Herr Prof. Niemeyer wuͤrdigte ihn seiner Freundschaft und seines Umgangs; und ich muß hier diesem Manne das Zeugniß geben, daß er dadurch, daß er hof- nungsvollen jungen Leuten zu der Zeit den Zutritt zu sich gestattete und sie seines Umgangs wuͤrdigte, sehr viel Gutes gestiftet hat. So was praͤgt eine gewisse edle Ambition in die Gemuͤther, welche zu lauter guten Thaten anspornt Ich bin kein Freund von solchem Professors-Umgang wie ich ihn in Goͤttingen gesehen und schon oben (Th. I. S. 263.) beschrieben habe; aber freien Zutritt sollte ein akademischer Lehrer seinen Zuhoͤrern immer gestatten. Ich hoͤrte einmal einen gewissen Herrn sich entschuldigen, daß er mit Studenten gar nicht um- gehen moͤchte, aus dem Grunde: es koͤnnte sonst schei- nen, als wolle er sich bei den jungen Leuten in Gunst setzen, damit sie seine Kollegien hoͤren moͤchten; allein diese Ausflucht ist sehr unstatthaft. Es ist ja bekannt, daß man — cet ris paribus — mehr Zuhoͤrer er- wirbt, wenn man sich in ein gewisses Dunkel zu ste- cken weiß, woraus man sich selten entfernt, allen Studenten-Umgang meidet und ihnen nur im Kolle- gio sichtbar wird; oder — was wenigstens in Halle unfehlbar wirkt — wenn man alles huͤbsch kurz und so lieset, daß jeder von Wort zu Wort alles nachschreiben . Meine Lebensart war um diese Zeit sehr or- dentlich. Ich hoͤrte zwei Kollegia bei Herrn Sem - ler , und die Physik bei Karsten . Herrn Knapps Psalmen besuchte ich auch einige Monathe. Herr Semler ermahnte mich, brav alte Schriftsteller zu lesen, und borgte mir den Homer von Barnesius , der griechischen Scholien wegen; sodann auch, um mir Geschmack an der Lectuͤre der Vaͤter beizubrin- gen, die Opera Basilii Magni , wovon ich verschie- denes mit Vergnuͤgen gelesen habe. Indessen hatte mir Herr Freilingshausen die ordinaire Praͤparanz auf dem Werke — so nann- ten die Studenten das Waisenhaus — gegeben, und Herr Pastor Nebe forderte jezt, daß ich seinen sogenannten Katechetischen Vorlesungen uͤber den al- ten Schmoͤcher des ehemaligen Prof. Joh. Jacob Rambachs , beiwohnen sollte. Gleich in der ersten Stunde hatte ich aber an diesen Vorlesungen so satt, daß ich sehr ungern weiter hinging. Das abge- schmackte Kompendium: „Wohlunterrichteter Ka- techet,“ und noch mehr, die angestellten Uebungen kann und dann lange Ferien macht. Diese Stuͤcke sind fuͤr den Herrn Professor und die Herren Studenten gleich bequem und die besten Lockvoͤgel. Hieraus er- giebt sich aber leider, daß ein feuriger und Vollstaͤn- digkeit liebender Mann in Halle nicht auf großen Bei- fall rechnen darf. mit Studenten und deutschen Schuͤlern, machten mir diese Lectionen gar zum Eckel. Allein ich mußte mich fuͤgen. Waͤhrend dieses Kollegiums trug mir einer mei- ner Bekannten auf, einige Tage in seiner Abwesen- heit, fuͤr ihn in der ersten Maͤdchen-Klasse zu vika- riren, oder statt seiner das Kompendium uͤber die Dogmatik von Anastasius Freilingshausen, dem Va- ter des damaligen Direktors, zu erklaͤren. Ich ging ohne Vorbereitung in die Klasse und fand, daß ich den Kindern ein Stuͤck aus dem lieblichen Artikel von der Rechtfertigung vortragen sollte. Ich war lange mit den Fratzen bekannt, welche die Theologen, seit Augustins und besonders seit Anselmus Zeiten, uͤber diesen Artikel verbreitet hatten, und nahm mir vor, meinen Unterricht auf folgende Saͤtze einzu- schraͤnken: der Christ wird durch die Religion Jesu, d. h. durch die Befolgung seiner Sittenlehre , ge- recht und selig. Christus hat sich auf mehr als eine Art um das Juden- und Menschengeschlecht ver- dient gemacht; sein vornehmstes Verdienst aber be- steht darin, daß er den Willen seines und unsers himmlischen Vaters, besser als sonst irgend ein Pro- phet, geoffenbaret hat. Wer ihn also fuͤr einen goͤtt- lichen Propheten haͤlt und alles glaubt und ausuͤbt, was er gelehrt hat, ist ein gerechtfertigter Christ und wird selig. Diese Saͤtze trug ich den Kindern vor. Ob sie selbige besser verstanden haben, als die abgeschmack- ten Lehren des Kompendiums, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß Herr Pastor Nebe entweder selbst, oder sonst ein Jemand, welcher die heiligen Anstalten vor Ketzerei schuͤtzen wollte, gehorcht hatte. Dann gleich einige Tage nachher citirte mich Herr Nebe und befragte mich in merklich rauhem Ton, uͤber die Ketzereien, die ich mich erdreistet haͤtte, den Kindern zum Schaden ihrer Seelen vorzutragen. Sogleich erklaͤrte er mir auch, daß ich des Tisches, den ich damals genoß, verlustig waͤre. Nun war mirs freilich nicht so sehr um den Tisch zu thun, als um die Furcht, der Herr D. Semler moͤchte dies er- fahren und boͤse werden: denn als ich diesem to- leranten Manne meine freiern Meinungen in seinem Zwinger mittheilte, gab er mir den wei- sen Rath, ja auf dem Waisenhause nichts davon merken zu lassen. Daher lenkte ich jezt bei Herrn Nebe ein und versprach, meine Gedanken uͤber Rechtfertigung und Verdienst Christi schriftlich auf- zusetzen und sie der Censur des hochwuͤrdigen Herrn Pastors vorzulegen. Das that ich auch in lateinischer Sprache, aber so unbestimmt und so zweideutig, daß der arme Nebe gewiß selbst nicht wußte, was er aus meinem Aufsatz ma- chen sollte. Ich ging hierauf zum Direktor, erzaͤhlte ihm den Vorfall und bat: er moͤchte mir, im Fall er meiner sich ferner bedienen wollte, eine Stunde auf der lateinischen Schule anweisen. Das Kollegium uͤber Rambach sey fuͤr mich eine arge Poͤnitenz. Freilingshausen laͤchelte und einige Tage hernach er- hielt ich die dritte griechische und zweite hebraͤische Klasse. In der dritten griechischen Klasse las man da- mals noch, nach der gewoͤhnlichen Unart, nichts als das Neue Testament Lehranstalten mit Buchhandlungen verbunden, haben gewoͤhnlich diesen Nachtheil: da muß erst die Auflage vergriffen seyn, ehe ein besseres Lehrbuch statt finden koͤnne. Und ist das Lehrbuch gar ein stehender Arti- kel, — da ist er allerdings eine res sac a! — Das war vor Zeiten auch so die Maxime der Jesuiten-Schu- len! Ja, irgendwo lieset ein sehr ansehnlicher Mann uͤber ein sehr unansehnliches Compendium, blos, um den Verleger desselben — freilich nach dem Sprichworte: die eine Hand waͤscht die andere — seine starke Auflage unterbringen zu helfen, wozu sonst nach dem Abster- ben des Verfassers wenig Hoffnung gewesen waͤre. — Eine merkantilische Art von den Hindernissen der Auf- klaͤrung, die man nicht genug zu beachten scheint. , ein Buch, das sich eben so gut zum Geiechisch-Lernen schickt, als das Brevia- rium oder Missale Romanum zum Latein-Lernen. Ich bat meine mir gewiß sehr ergebenen Schul doch die vom Herrn Prof. Schulze herausgegebe- nen Selecta Capita sich anzuschaffen, welche wir statt der Episteln St. Pauli lesen wollten. Die Schuͤler folgten meinem Rath und so war ich der er- ste, welcher es wagte, in graeca tertia auf dem Waisenhause zu Halle, etwas anders zu lesen, als das so dunkel und altmodisch geschriebene Buch, Neues Testament genannt. Im Hebraͤischen fand ich meine Schuͤler in den ersten Grundregeln der Grammatik versaͤumt, und doch sollte ich ihnen die Psalmen, ein an tausend Stellen korruptes, schweres Buch vorerklaͤren. Ich ermahnte sie, mir zu folgen und Grammatik zu trei- ben. Auch hierin fand ich folgsame Juͤnglinge, die sichs gefallen ließen, daß ich ihnen die einfachsten Regeln vordemonstrirte, welche sonst schon ein An- faͤnger wissen muß. Ein Hauptfehler der damaligen Einrichtung auf dem Waisenhause war, daß die Inspektoren, den Herrn Feldhan ausgenommen, in Absicht der Schulwissenschaften sehr kleine Meister waren, um nichts schlimmeres zu sagen. Daher konnten sie un- moͤglich die Faͤhigkeiten der Lehrer pruͤfen: wer nur vor ihnen sich schmiegen konnte, erhielt eine Klasse, wie er sie verlangte; wer aber das nicht konnte, der mußte nehmen, was man ihm gab, und gefiel ihm das nicht, so konnte er wegbleiben. Als Herr Zweiter Theil. G Wald , jezt Professor der Philosophie zu Koͤnigs- berg, mein gewesener fidus Achates in Halle, ein in allem Betracht gelehrter Mann, sich mit dem Inspektor Schmidt entzweite und deshalb die gro- be Antwort erhielt: „Wenns ihm nicht anstaͤnde, so koͤnnte er sich packen, wohin er wollte,“ — ging er ab und hatte Recht dazu; denn er wußte gewiß mehr als alle Herren Inspektoren, selbst Herrn Feldhan nicht ausgenommen. Der Inspektor, welchem die Wahl der Lehrer anvertrauet war, troͤ- stete sich gleich uͤber den Abgang des Herrn Walds und sagte: „Lehrer koͤnne man genug haben, wenn man nur genug haben wollte! Wald habe ohnehin von Subordination nicht viel hoͤren wollen.“ Man muß wissen, daß die damaligen Herren Inspektoren einen gewissen geistlichen Stolz besaßen, der freilich sich blos in der Stuzperuͤcke gruͤndete, aber eben deswegen, weil er ein so seichtes Funda- ment hatte, ganz unertraͤglich war. Ueberhaupt haͤtte ich gar viel an so mancher oͤffentlichen Schul- anstalt, besonders in Ruͤcksicht auf Erzie - hung zu tadeln; aber hier ist der Ort nicht dazu, und was wuͤrde es frommen? Genug, wer diese Schrift liest, den ermahne ich, durch Erfahrungen belehrt, sein Kind ja nicht auf zu große, schwer zu uͤbersehende Schul- und Erziehungsanstalten zu schicken, wenn er nicht will, daß es Gefahr laufe, an Leib und Seele verdorben zu werden. Von Er- ziehung uͤbrigens abgesehen, muß ich bekennen, daß unter den vielen Lehranstalten, die ich weit und breit kenne, das Hallische Waisenhaus, noch immer eine der vorzuͤglichsten ist, und die vorzuͤglichste als- dann gewiß werden koͤnnte, wenn man auf einen Fond bedacht waͤre, um durch angemessene Besol- dungen den faͤhigsten Koͤpfen unter den vielen in Halle Studierenden Muth und Lust zu einer stabi - len Inspections- oder Lehrstelle beizubringen, und dadurch dem zu oͤftern und zu schnellen Abwechseln mit beiden vorzubeugen. — Den Fond dazu koͤnnte man wohl leicht alsdann haben, wenn — nach Schad- loshaltung der jezt einmal bestallten Lehrer durch an- derweitige Versorgung — die Einkuͤnfte des Hallischen reformirten und lutherischen Gymnasiums, deren An- sehn ohnehin das bluͤhendste nicht ist, dem Waisen- hause zufielen, und dann dieses selbst angehalten wuͤr- de, durch eine systematischere Aufsicht auf Buchla- den, Apotheke, Seidenbau und Landoͤkonomie die Versuchung unmoͤglich zu machen, auf Kosten des Ganzen — sich einzeln zu bereichern. — Ich fand gar bald die seligen Folgen einer or- dentlichen Lebensart: Mein Koͤrper war gesund und munter und meine Seele erhielt eine Heiterkeit, wel- che von jener burschikosen Lustigkeit weit entfernt war. Fast taͤglich, wenigstens viermal die Woche, besuchte ich den treflichen Semler , und begleitete ihn zuweilen auf seinen Spaziergaͤngen, die er alle Tage anstellte. Bei solchen Gelegenheiten waren die Reden dieses großen Mannes jedesmal sehr lehrreich und fuͤr mich aͤusserst interessant. Ich las mehrere seiner Schriften, besonders sein unsterbliches Werk vom Kanon , und seine Selecta capita Histor. eccles. Stieß ich auf etwas, was ich nicht ver- stand, oder anders verstand als er, da bat ich ihn um Belehrung oder disputirte dag e gen. In beiden Faͤl- len betrug sich Semler als ein Mann, dem es da- rum zu thun ist, daß der, welcher ihn hoͤrt, die Wahrheit kennen lerne, und nicht, daß er seine Gelehrsamkeit bewundere, welches so viele bezwecken wenn sie uͤber wissenschaftliche Dinge mit Andern sich unterhalten. Semler hatte mir vor allen Dingen ein ge- naues Studium der Geschichte empfohlen, ohne wel- che, wie er dachte, gar keine gelehrte Kenntniß statt finden koͤnne: besonders hatte er mir Kirchenhistorie empfohlen, und in dieser Absicht mußte ich, auf sei- nen Rath das Neue Testament studiren. Er borgte mir zu diesem Behuf Wettsteins Ausgabe und mehrere gute Buͤcher. Da ich wußte, daß Semler von den sogenannten Zeichen und Wundern durchaus nichts hielt, so bat ich ihn einst, in seinem Garten, mir einen Weg zu zeigen, diese Geschichten ver- nuͤnftig zu erklaͤren. Allein er erklaͤrte mir gerade heraus: diese Historien litten gar keine vernuͤnftige Erklaͤrung: man muͤsse sie stehen lassen: sie enthiel- ten ja keine Glaubensartikel, so wenig uͤberhaupt Glaubensartikel in einem geschriebenen Buche stehen und geschriebene Autoritaͤt haben koͤnnten. Ich be- stand aber auf meiner Behauptung, daß, wenn ge- wisse Wunder, z. B. die Auferstehung Jesu wegfie- len, auch der Grund der Religion wegfiele, da die Apostel ihren einzigen Beweis von daher genommen haͤtten. „Was wollen Sie damit sagen? — er- wiederte Herr Semler mit Hitze, —“ die Apostel nehmen ihren Beweis von Jesu Religion aus seinen Wundern? das war ja sehr natuͤrlich! woher, um Gottes Willen, sollten sie ihn denn sonst nehmen, bei einem Volke, das Wunder uͤber Wunder haben mußte und wollte? Hat das aber bei uns auch noch statt? Koͤnnen wir aus der Uebereinstimmung unse- rer Vernunft mit Jesu Religion nicht Beweis genug fuͤr uns finden, daß er ein Gesandter Gottes war? Ist seine Sittenlehre nicht gut? ist sein moralisches ewiges Leben nicht wuͤnschenswerth? — Und was gut und wuͤnschenswerth ist, muß doch wohl ver- nuͤnftig und wahr seyn?“ Ich wendete ein: daß auf diese Art das Neue Testament gar keine eige- ne Autoritaͤt behalte, keine Offenbarung sey, und daß folglich der Deist recht habe, wenn er mit Hin- tenansetzung aller so genannten Religionslehren, al- lein das fuͤr wahr halte, was er mit seiner Vernunft in Uebereinstimmung bringen koͤnnte. Herr Sem - ler hatte wider dieses nichts einzuwenden; doch meinte er, der Deismus, wie er vorlaͤge und in Schriften vorgetragen wuͤrde, sey mehr schaͤdlich als nuͤtzlich wegen des polemischen Tons, womit die Verfechter desselben zu Werke gingen Wie Unempfaͤnglichkeit fuͤr ruhige Vernunftbelehrung beinahe bei allen Theologen. Verschmuzte Lumpen erfordern Lauge, um rein zu werden: und Furcht vor beschaͤmt oder belacht zu werden, wirkt oft mehr, als alle Logik. . Spoͤtterei in Religionssachen waͤre uͤberall nichts: und die faͤn- de man doch beinahe bei allen Deisten Wie wenn der Semlerische Ton wider die Deisten nicht auch einen Anstrich von Polemik gehabt haͤtte! . Doch ich wuͤrde meine Leser ermuͤden, wenn ich mehrere Aeusserungen dieses Mannes anbringen wollte: fuͤr mich waren sie immer lehrreich und be- staͤrkten mich in dem Gedanken, den ich schon lange zur Grundlage meiner Religion gemacht hatte, naͤm- lich, es giebt uͤberhaupt keine goͤttliche unmittelbare Offenbarung: die gewoͤhnlichen beruhen auf Mißver- staͤndniß oder hoͤchstens auf fanatischen Grillen; es giebt daher auch keine Geheimnisse, keinen Gottes- dienst nach hoͤhern Vorschriften und keine uͤberna- tuͤrliche Gnade. Was ich begreifen kann, ist fuͤr mich wahr; und was mich besser und ruhiger ma- chen kann, ist fuͤr mich ein Gut, nach dessen Besitz ich streben muß. — Ich hatte freilich viel moralische Kenntnisse; allein, leider auch ich erfuhr, daß Theo- rie und Praxis, Denken und Handeln himmelweit von einander verschieden sind. Zehntes Kapitel. Auch ein Wort vom hallischen Komment! D ie Herren Giesser, Jenaer, Goͤttinger, Heidel- berger, Strasburger, Mainzer und andere, deren Comment ich in meiner Biographie bisher beschrie- ben habe, moͤchten boͤse werden, wenn ich ganz von dem Wesen der Hallenser schwiege; und dazu haͤtten sie auch Recht. Ja, wuͤrden sie sagen, da sieht mans, er lebt in Halle und hat da so sein Wesen un- ter den Studenten; daher findet man von diesen kein Wort. Vielleicht war auch der Herr Censor schuld, welcher das Nachtheilige fremder Universitaͤten ste- hen ließ; das aber von der Hallischen wegstrich. — Allein, gemach, meine Herren! Sie irren, wenn sie glauben, ich wuͤrde hier partheiisch seyn. Eben so freimuͤthig, wie ich von andern Universitaͤten ge- schrieben habe, werde ich auch von der Hallischen schreiben, und eben so werde ich von den hiesigen Studenten das sagen, was der Zweck meines Bu- ches mit sich bringt. Warum ich aber keine Bildergallerie der Halli- schen Professoren aufstelle? Ob ich die Herren viel- leicht nicht kenne? — Hoͤren Sie, meine Herren, ich kenne die Herren meist alle, sowohl von Person, als nach ihren Schriften: — aber urtheilen mag ich doch nicht uͤber alle . Die meisten sind uͤber meine Schilderung erhaben; und bei einigen koͤnnte ich mir den Verdacht der Schmeichelei zuziehen; also — oder vielmehr bedenken sie, meine Herren, daß Friedrich II. allezeit ganz besonders fuͤr die hie- sige Akademie gesorgt hat, und daß ein Zedlitz sehr lange ihr Curator gewesen ist: und nun machen Sie den Schluß, daß ein Ouvrier oder ein Bech - told hier schwerlich Professoren werden konnten oder bleiben, wie man noch vor kurzem an einem Herrn Peucker gesehen hat. Ist ja dann und wann ein Nebenfaden passirt, je nun, — keine Re- gel ohne Ausnahme! Aber ich vergesse die Ueberschrift dieses Kapi- tels: Also vom Burschen-Komment in Halle! Als ich ankam, fand ich den Comment sehr verschieden, wie es auf einer so zahlreichen Univer- sitaͤt nicht anders zu erwarten ist. Meine Lands- leute, die Pfaͤlzer und alle sogenannten Reichslaͤn- der, zeichneten sich damals nicht vortheilhaft aus. Herr Dambmann , den ich gleich anfangs kennen lernte, beschrieb mir die Leute und warnte mich vor ihnen. Willst du bei Kredit bleiben, so meide die Reichslaͤnder: das sind groͤßtentheils Leute, die sich in allerlei Haͤndel verwickeln und endlich, wenn sie in Schulden bis uͤber die Ohren stecken, sich heim- lich davon machen Ski iren spricht der Student. . Das Ding gefiel mir nicht; aber leider die Erfahrung bestaͤtigte mirs. Warum die Reichslaͤnder in Halle so wa- ren? — Der Grund ist leicht einzusehen. Wer draussen Geld hat und liberal erzogen ist, laͤuft nach Goͤttingen, Jena oder Erlangen; wer aber keins hat, kommt nach Halle, um sich da ans Waisen- haus zu halten, und so seine Brodstudien durchzu- laufen. Was aber aus dergleichen Leuten zu werden pflege, wissen wir. Ich besuchte bald nach meiner Ankuuft die Breuhansschenke foͤrmlich und traf eine ganze Menge Studenten an. Ich forderte zu trinken; der Wirth Trautmann brachte Breuhan und trank mir zu mit den Worten: Prost ( prosit ) Mosje Fuchs ! dies fand ich impertinent und als ich dem Kerl einen Filz gab, hieß es: das sey so Mode: man muͤsse bei ihm erst commersiren; sonst sey man noch Fuchs. — Die Studenten, lauter Reichslaͤnder, die zu der Zeit ihren Zug dahin hatten, sezten sich nun hin, stimmten das: „Lustig sind wir, lieben Bruͤder!“ an und luden meinen Begleiter, den Herrn Schellenberg und mich zum Mitcommer- siren ein; aber wir hatten keine Lu Bruͤderschaft- Trinken konnte ich indessen nicht vermeiden. Ich muß sagen, daß dieser Commersch nach den Regeln des Jenaer Comments sehr elend war: es wurden gar Gnoten-Lieder gesungen. An Saufen aber, Schuldigbleiben und endlich nicht bezahlen, liessen die Herren Reichslaͤnder es nicht ermangeln. Kurz, der Commersch und der Ton dieser Leute gefiel mir nicht. Die andern Landmannschaften, die Schlettau, Passendorf, Riedeburg, oder die Koffeehaͤuser in Halle besuchten, gefielen mir besser. Besonders ge- fielen mir die Maͤrker. Diesen kann ich mit Wahr- heit nachruͤhmen, daß sie groͤßtentheils Leute von sehr guten Grundsaͤtzen sind. Die Ursache davon ist auch leicht einzusehen. Sie gehen meistens, ohne in ihrer fruͤhesten Jugend, wie die Berliner Kinder selbst, durch Luxus und den Residenzien-Ton ver- hunzt zu seyn, nach Berlin auf Schulen, wo durch- aus ein guter Ton herrscht, wo Orbilismus und Pedanterei eben so weit entfernt sind, als Zuͤgello- sigkeit oder Unflaͤterei. O wenn ich das Gluͤck ge- habt haͤtte, einem Gedike , Buͤsching oder Meierotto in die Haͤnde zu fallen! — — — — — — — Der Schluͤssel zu diesen und allen Zeilenlang folgenden Gedankenstrichen wird dereinst geliefert werden. . Die Pommeraner, Magdeburger, Halber- staͤdter, Westphaͤlinger und Ostfriesen, sind meist robust, schlicht und ehrlich; gewandter, poetischer und musikalischer sind die Schlesier. Professionisten und Speisewirthe verstehen sich auf die moralische Physiognomik der Landmannschaften sehr genau. Die wissen einem beinahe aufs Haar anzugeben, wem man im Durchschnitt mit Sicherheit borgen koͤnne oder nicht. Daß es aber auch hierbei Aus- nahmen gebe, weiß man. Wohl der Landmann- schaft, bei der es ein gewisses National-Ehrgefuͤhl giebt, das sie antreibt, gemeinschaftlich fuͤr Abwen- dung der Schande von sich zu sorgen. Nach und nach lernte ich die Herren Hallenser naͤher kennen, und machte manch artige Bekannt- schaft. Mein angenehmster Umgang waren die Her- ren, Wald , jetzt Professor in Koͤnigsberg, Schel - lenberg , mein Landsmann, Moes aus West- phalen, Bartholdy , Kiefer aus Saarbruͤcken, Herr von Hammerstein und einige andere. Wir be- suchten uns gegenseitig, unterhielten uns uͤber Sa- chen aus dem Fache der Gelehrsamkeit, und mach- ten uns dann und wann uͤber die hochheiligen Dog- men lustig, doch niemals, wie mein Deisten-Club in der Pfalz gewohnt war, mit Frechheit und So- phisterei. Zotologie oder anderes verfaͤngliches Zeug wurde gar nicht gehoͤrt. Die Unart der Orden hatte auch die Hallische Universitaͤt vergiftet. Besonders regten sich da- mals die Konstantisten und Unitisten und suchten die andern Orden, die so unter der Hand entstehen wollten, z. B. den der Desparatisten , deren Amulet ein Todtenkopf mit einem daran haͤn- genden Kreutze war, und den der Juviolabili - sten und noch mehr dergleichen — in der ersten Geburt zu ersticken und eine gewisse dirigirende Su- perioritaͤt auf der Universitaͤt zu behaupten. Aber das wollte ihnen doch in Halle, bei der großen Menge der Studirenden, niemals so recht gelingen. Da gab es selbst unter den beiden Orden Schlaͤge- reien, aber auch Profane und Landmannschaften, welche Muth genug hatten, den Ordensbruͤdern bei Aufzuͤgen und andern Feierlichkeiten die Spitze zu bieten und sie von ihren Zusammenkuͤnften auszu- schließen. Dies letztere verfuͤgten die Westphaͤlinger zuerst, drangen gluͤcklich durch, und erhielten mit der Zeit die Schlesier zu Bundesgenossen wider die Orden. Durch ihr Hauptgesetz: keinen Ordensbru- der oder Anhaͤnger derselben in ihr Kraͤnzchen auf- zunehmen, oder ihres Umganges zu wuͤrdigen, hat- ten sie es dahin gebracht, daß zu der Zeit, da ich dieses schreibe, die Orden beinahe all ihr Ansehn verlohren haben und in den letzten Zuͤgen zu liegen scheinen. Die Universitaͤt hat zwar bestaͤndig sehr scharf auf die Orden inquirirt, und es befinden sich unter den akademischen Gesetzen strenge Verordnun- gen gegen dieses Unwesen. Aber, wie ich schon oben bemerkt habe, Poͤnal-Proceduren tilgen der- gleichen nicht. Nur von Seiten der Obrigkeit sie nicht geneckt, sie keiner inquirirenden Aufmerksam- keit gewuͤrdigt, und sie verschwinden nach und nach von selbst. Die Sprache der hallischen Studenten war da- mals viel ruͤder als sie jetzt ist. Man weis, daß die Stu- denten uͤberhaupt ihre ganz eigene Sprache haben, die man ausser der Burschenwelt nicht wohl versteht. Sie ist ein Aggregat von den schnurrigsten Ausdruͤcken dieser oder jener Provinz, Stadt, Schule, Univer- sitaͤt, und oft eines einzelnen lustigen Kopfs. Je fideler aber der Comment irgendwo ist, desto reicher ist die Burschensprache, und umgekehrt. In Jena koͤnnte ein großes Woͤrterbuch mit diesem Dialekt an- gefuͤllt werden. Den Hallischen hat der bekannte Magister Kindleben in ein Lexicon gefaßt und bei Hendeln herausgegeben. Wer hoͤrt aber der- gleichen heut zu Tage noch! Alles ist jetzt edler. Die Waisenhaͤuser haben indeß noch eine ganz besondere Mundart. So heißt z. B. schiessen in der ge- meinen Burschensprache soviel, als heimlich entwen- den; bei den Herren Waisenhaͤusern aber — auf- passen. Daher Schießhund ein Aufpasser. Ich hatte mir es ehedem sehr angelegen seyn lassen, die akademische Burschensprache in ihrer ganzen Ausdeh- nung zu erlernen, und daher kommt es, daß ich jetzt bei jeder Gelegenheit dergleichen unwillkuͤhrlich an- bringe. Die Leser moͤgen mir das verzeihen, und der- lei Kleinigkeiten nicht als große Suͤnden anrechnen, wie der Recenfent meiner Beitraͤge zu Bahrdts Leben — in der Greifswalder Zeitung. Ich gehe ja noch immer mit Studenten um; warum sollte mir ihre Sprache nicht anhaͤngen? „Daß hier und da ein poͤbelhafter Ausdruck vor- kommt,“ — sagt sogar ein Salzmann — wird man mir hoffentlich verzeihen Wenn man schildern will, muß man die Sache vorstellen, wie man sie fin- det. Ein netter, reinlicher Anzug, den der Maler um den Koͤrper eines Bettlers haͤngen wollte, wuͤrde das Auge des Kenners mehr beleidigen, als ein zerrissener Rock.“ — ( Krebs - Buͤchlein 3te Auflage S. XXIV. Vorrede.) — Und nun ein Musketier! — Variatio delectat. Einen Gebrauch habe ich bei den Hallischen Studenten — denn hier heißen sie nicht Bursche — bemerkt, den ich noch nirgends gefunden hatte. Das war das Singen bei der Prorektor-Wahl. Diese wird in Halle auf den 12. Julius, als den Stif- tungstag der Universitaͤt, bekannt gemacht. An die- sem Tage zogen die Studenten sonst schaarenweise zu sechs, acht und mehreren Hunderten durch alle Straßen und groͤlten Burschenlieder, auch die aller- schaͤndlichsten. Das Wesen ing schon gegen fuͤnf Uhr an, und dauerte bis in die spaͤte Nacht. Keine Straße wurde vergessen: die Herren durchbruͤllten auch die Winkel der Stadt. Man denke, welches Fest das fuͤr den Poͤbel, oder wie's in Halle heist, fuͤr das grobe Zeug gewesen sey und wie sich der Jan Hagel muͤsse gefreut und angeschlos- sen haben. Daß bei dieser schoͤnen Expedition manche Ex- cesse vorfielen, ohne gerade allemal von Studenten herzuruͤhren, laͤßt sich vermuthen. So sehr aber dies spektakuloͤse Singen ehedem allgemein beliebt war, so allgemein verhaßt und veraͤchtlich ist es nach und nach geworden. Der edlere Theil der Stu- denten fand es unter seiner Wuͤrde, bacchantenmaͤs- sig auf der Straße herum zu groͤlen und sich zum skurrilischen Poͤbelsaͤnger herabzusetzen, und unter- ließ es. Der kleine obskure Theil, der sein Gassen- jungen-Recht behaupten zu muͤssen waͤhnte, ward des Schreiens endlich auch muͤde, und so kam es dahin, daß im Jahr 1789 als Herr Semler Pro- rector ward, die Kinderei aufhoͤrte, und seitdem nicht wieder gehoͤrt ist. Die erste Prorector-Wahl, welche ich 1782 in Halle erlebte, traf den Herrn Professor Wol - taͤr . Er befand sich gerade zu Lauchstaͤdt im Bade. Um ihm ihre allgemeine Liebe und Hochachtung feierlich zu bezeugen, hatten die Studenten beschlos- sen, ihn im Aufzuge mit Musik von Lauchstaͤdt nach Halle abzuholen. Dies stritte wider die akademi- schen Gesetze, und eben darum ließ der abgehende Prorektor, Herr D. Noͤsselt , diese Feierlichkeit untersagen. Herr Professor Woltaͤr hatte sie ohnehin schon verbeten. Er war zu einsichtig, um sich dem Neide preis zu geben. Hinausgeritten und gefahren wurde indeß doch, und auf lautes Murren folgten endlich Excesse. Man erwischte einige Tu- multuanten, schleppte sie ins Carcer, und andere bestrafte man anders. Dies empoͤrte noch mehr und lenkte den Tumult bis zum Einschmeissen der Fenster. — — — — — — — Herr Professor Woltaͤr ist aber immer der Liebling der Studenten geblieben. So viel vermag Fleiß und Leutseligkeit! Grobiane und Bequemlinge liebt man nirgends. Das Besuchen der Doͤrfer ist in Halle eben so sehr Mode, als immer in Giessen und Jena. Der Student liebt uͤberall Natur und Zerstreuung. Auf den Doͤrfern um Halle findet sich freilich eben nichts besonders, nicht einmal eine gute Kegelbahn. Aber der Hallische Student muß einmal Doͤrfer besuchen, und wenns auch nur waͤre, um gekuͤnstelte Gesichter zu begaffen, Merseburger Bier zu trinken, mit die- ser oder jener Schneidertochter, Stiefelwichserinn oder Peruͤckenmacherhure zu tanzen, oder des Som- mers irgend einer Kornnymphe nachzuwittern, und der Accise ein Compliment zu machen. Da die von den Hallensern besuchten Doͤrfer meist Saͤchsisch sind, so wird viel Geld ausser Landes geschleppt. Schlettau, Passendorf und Reideburg sind daher wahre Blutigel fuͤr die Beutel der Stu- denten. Das Accise-Departement hat eben darum sehr klug gethan, daß es dem Bahrdtischen Wein- berg, der schon seiner Lage wegen, einer der ange- nehmsten Zerstreuungsoͤrter um Halle ist, erlaubt hat, Merseburger Bier zu fuͤhren, und dadurch das Ausschwaͤrmen auf die Saͤchsischen Doͤrfer, wenig- stens von dieser Seite, unvermerkt einzuschraͤnken. Wer jetzt um dieses Biers willen sich eine Motion machen will, hat es im Preussischen und na e: er versaͤumt also weniger Zeit, erspart Reitkosten, da Zweiter Theil. H er diese kleine Tour leicht zu Fuße macht, laͤuft nicht Gefahr, mit saͤchsischen Soldaten oder Bauern hand- gemein zu werden, und entgeht der Versuchung, bei Gelegenheit des Merseburger-Bier-Trinkens auf saͤchsischen Doͤrfern, auch von da aus zu contreban- diren. Wahrlich, wer Halle und die Hallenser kennt, und Patriotismus hat, wuͤrde eben dieser Gruͤnde wegen es gern sehen, wenn das Accise-De- partement es dahin braͤchte, daß das Merseburger- Bier eben so wohlfeil in Halle waͤre, als es um Halle herum ist: dadurch wuͤrde mancher Unfug ge- hoben, und gewiß an Tausenden weniger ausser Lan- des geschleppt werden. Auch Lauchstaͤdt ist des Sommers ein wahres Verderben fuͤr die hallische Universitaͤt, ja selbst fuͤr die Buͤrgerschaft. Im Jahr 1783 kam ein Brief eines Reisenden , und 1787 ein Schriftchen: Lauchstaͤdt , ein kleines Gemaͤhlde — her- aus, worin von den Tugenden dieses Bades und der gewoͤhnlichen Badegaͤste sehr zweideutig gespro- chen wird; das kuͤmmert aber den Studenten nicht: genug, wenn er nur seine Tour nach Lauchstaͤdt ma- chen kann! Und warum denn wohl? Welches Ver- gnuͤgen kann der Herr Student in Lauchstaͤdt erwar- ten? Die Gesellschaften der Badegaͤste stehen ihm nicht offen: keine Dame, kein Herr von Stande wuͤrdigt ihn eines Anblicks, er sey denn von Adel, und zwar von bekanntem Adel. Der Ton ist die Ba- dezeit uͤber so steif, als er es nur da seyn kann, wo Stiftsadel den Ton angiebt: Was sucht er also da? Er, der sonst Ehrgefuͤhl zu haben praͤtendirt? — Je nun, was der Student sucht! Er geht dahin, weils zum hallischen Komment gehoͤrt! Da sitzen sie beisammen, die Herren, gehen herum, vigiliren, und machen sich selbst Gesellschaft, spielen mit ein- ander, besuchen die Komoͤdie und helfen das Geld unter die Leute bringen. Viele ruiniren gleich den ersten Sommer ihre Kasse durch das Rennen nach Lauchstaͤdt dergestalt, daß sie die Zeit ihres Studie- rens uͤber nicht wieder zu Kraͤften kommen koͤnnen, und immer große Schulden haben. Durch nichts aber setzen sich die Hallenser mehr zuruͤck, als durch ihre ewige Touren auf Leipzig zur Meßzeit. Es ist nichts seltenes, daß einige ihren ganzen Wechsel da sitzen lassen. Viele Tausende rei- chen wahrscheinlich nicht zu, das alles baar zu ma- chen, was ihnen Jubel, Komoͤdie, Maͤdchen, Pfer- de, neumodische Kleidungen und der uͤbrige Stu- dentenkram Jahr fuͤr Jahr blos in Leipzig kostet. Ich weiß gewiß, daß noch die vorige Ostermesse ei- nem halb bemittelten Baron nur die Livree fuͤr sei- nen Bedienten 129 Rthlr. gekostet hat. Nun schließe man weiter. — Und unter diesen lustigen Bruͤdern gibts leider manchen armen Schlucker, des- sen Eltern es blutsauer wird, ihn nur halbweg zu unterhalten, oder die sich seinetwegen in Schulden stecken, oder gar kuͤmmerlich zu Hause behelfen muͤs- sen. Aber wer denkt an diesen Hochverrath der kind- lichen Liebe eher, als bis alles verjubelt, nichts ge- lernt, und oft Ohre und Gesundheit zum groͤßten Kummer der Eltern zu Grunde gerichtet ist! — Die Buͤrger in Halle machens den Studenten treulich nach, und laufen eben so wie diese auf die Doͤrfer, nach Lauchstaͤdt und nach Leipzig, auch um sich zu verlustiren und ihr Geld an den Mann zu bringen. Ueberhaupt wird man finden, daß da, wo Universitaͤten sind, die Buͤrger groͤstentheils studen- tenmaͤßig leben, und den Ton derselben nachaͤffen. Man gehe z. B. nach Berlin oder nach Frankfurt am Main, auch nur nach Mainz und Strasburg, als wo die Universitaͤt von gar keiner Bedeutung ist, und daher keinen Einfluß auf den allgemeinen Ton hat, — und sehe, ob da die Buͤrger in den Wein- Bier- und Schnappshaͤusern ihre Zeit verschleu- dern. Da findet man arbeitsame, haushaͤlterische Leute: hingegen in Jena, Halle, Giessen und an andern Orten, wo Burschenkomment herrschender Ton geworden ist, sieht es anders aus. In Halle zum Exempel sind alle Kneipen taͤglich voll: man ge- he zu welcher Stunde man will, auf den Rathskel- ler, in die Bierhaͤuser und Branteweinschenken, und man wird da nicht eine finden, wo nicht mehrere Schneider, Schuster, Peruͤckenmacher u. a. m. an- zutreffen waͤren. Daß dieses kein gutes Zeichen ist, versteht sich von selbst: daß man wenig wohlhabende Handwerker da antreffen werde, kann man schließen, und man schließt ganz richtig. Die Leute haben gu- ten Verdienst; aber ihre studentische Lebensart bringt sie um dessen Fruͤchte. In Jena ist das noch viel aͤrger: da glaubt der Philister, es bringe ihm Schan- de, wenn er von seinem Verdienste des einen Tages mehr auf den andern spare, als er gerade noch fruͤh zu seinem Schnapse braucht. Leicht verdienen koͤn- nen, macht also nicht haushaͤlterisch. — Eilftes Kapitel. Fortsetzung . Bordelle in Halle . Waisenhaus . Professor Wolf . I m Sommer 1782 war der bekannte Aventurier Abt mit einer Gesellschaft groͤstentheils elender Schauspieler zu Reideburg angekommen, und hatte da bei Meister Zacharias Schmid Quartier ge- nommen. Abt hatte diesem Schmid und seiner Frau weis gemacht, daß er durch ihn reich werden koͤnnte, und Schmid ließ sich bereden, ein Schauspielhaus von Brettern aufzubauen. Nun ward angefangen zu spielen. Ich besuchte gleich anfangs dieses Spekta- kel, fand aber eine sehr elende Vorstellung recht gu- ter Stuͤcke, obgleich einige Akteurs, vorzuͤglich die Madame Abt, noch ziemlich waren. Allein die hal- lischen Studenten, die groͤstentheils noch nichts von dergleichen gesehen hatten, und die Philister mit ih- ren Weibern und Toͤchtern liefen nach Reideburg schaarweise, und beklatschten die Aktionen, als haͤtte ein Reinike oder Fleck agirt, und eine Mara oder Claͤron gesungen. Das Schauspielhaus war immer voll, und wer ein wenig spaͤt kam, fand kei- nen Platz. Der Prorektor ließ scharfe Befehle wider das Komoͤdienbesuchen anschlagen: wer einen angeben wuͤrde, naͤmlich von den Studenten, der wirklich in der Komoͤdie gewesen waͤre, sollte fuͤnf Thaler Be- lohnung erhalten, und sein Name sollte verschwie- gen bleiben. Der Schuldige sollte in solchen Faͤllen zehn Thaler Strafe geben. Dieser Verordnung ohn- erachtet, und so viele auch darnach gestraft wurden, wurde doch Abts Theater noch immer besucht. Und Abt konnte dennoch nicht subsistiren: er war ein Mensch, der die Rechnung ohne den Wirth machte, und ins Gelag hinein lebte, in Hoffnung besserer Zeiten. Nachdem er demnach eine Menge Schulden gemacht hatte, ging er fort, und ließ dem hochwei- sen Zacharias Schmid seine Garderobe zum Ersatz. Das Jahr darauf kam eine noch weit elen- dere Bande nach Passendorf. Ihr Direktor hieß Schmettau . Sie spielten abscheulich, und spiel- ten, wenn sie gleich nicht mehr als zwei Thaler loͤsen konnten. Minna von Barnhelm habe ich auch da gesehen. Das Ding wurde aͤrgerlich verhunzt. Schmettau hatte sich in die sogenannte Oberschenke einlogirt; seine Leute waren im Dorfe verstreut. Er konnte sich nicht lange halten. Denn seine Buͤhne wurde nur selten besucht, weil das Verbot noch im- mer fortdauerte, ja gar erneuert und mit aller Strenge befolgt wurde. Zwar verkleideten sich die Studenten, welche die herrlichen Schauspiele den- noch sehen wollten, in Bauern, Fleischer, Maͤdchen, Peruͤckenmacher u. dergl. sie vermaskirten sich, und suchten auf diese Art den Spuͤrhunden zu entgehen: allein die Anzahl der Zuschauer reichte doch zum Auskommen nicht zu. Endlich machte ein Verbot des Dresdner Hofes diesem theatralischen Unwesen auf den Doͤrfern um Halle ein Ende: die hallische Universitaͤt hatte dies durch Vermittelung des Berli- ner Hofes bewirkt: und seitdem waren keine Komoͤ- dianten mehr um Halle herum. Saufen und Besaufen ist der hallischen Stu- denten Fehler nicht: das ist in Jena und Gießen Mode; in Halle herrscht in Absicht des Trinkens viel Decenz. Das Bier ist hier nicht stark, und wer sich darin benebeln wollte, muͤste eine gewaltige Portion zu sich nehmen. Brantewein wird noch we- niger, oder vielmehr gar nicht getrunken. Wenn daher schon dieser oder jener sich nun und dann den Kopf schwer macht durchs kleine Glas, oder durch Wein und Punsch, so kommt dergleichen doch nicht auf die Rechnung der ganzen Studentenschaft. Ge- nug, daß die meisten sehr sauber und ordentlich — in Absicht des Trunkes sind. Ich wuͤnschte, daß ich unsere Studenten in Absicht der uͤbrigen jugendlichen Ausschweifungen eben so ruͤhmen koͤnnte. Allein ich muß, um die Aufrichtigkeit nicht zu beleidigen, mit welcher ich meine und meiner Bekannten Haͤndel erzaͤhlen will, gestehen, daß hier manches peccirt wird. Es giebt zwar keine Bordelle oͤffentlich in Halle: aber es giebt doch Loͤcher, worin der Auswurf des weiblichen Geschlechts dem thierischen Wolluͤstling mit ihrer halbfaulen Fleischmasse fuͤr ein geringes Geld zu Ge- bote steht. Doch muß ich gleich auch bekennen, daß die Zahl dieser Loͤcher sich seit einiger Zeit sehr ver- mindert hat. Ich berichte also denen, welche sonst in Halle gewesen sind, und den Buffkeller, die tiefe Demuth, das rothe Laͤppchen, den Korb und mehr dergleichen scheusliche Loͤcher gekannt haben, daß diese nicht mehr sind, und daß nur noch einige meist ganz unbekannte Spelunken dieser Art uͤbrig sind. Frei- lich schaden diese unbekannten Moͤrdergruben um so mehr, je unbekannter und verborgener sie sind. Die Menscher, welche sich da bei kuppelnden Soldaten- weibern hinlegen, kommen gewoͤhnlich von Leipzig, sind groͤstentheils inficirt, und verbreiten ihr Gift weiter. Und wie es nun sonst geht, daß Pfuscher die venerischen Kuren uͤbernehmen, so geht es auch hier. Mir sind mehrere traurige Exempel bekannt, wie diese Pfuscher zu Moͤrdern geworden sind. Ein gewisser B... der hier zweien abscheulichen Bart- kratzern uͤber 50 Thaler fuͤr ihre Sudelei hatte ge- ben muͤssen, verließ im Herbst das Waisenhaus, um nach seiner Heimath zuruͤck zu kehren; er kam aber nicht weiter als nach Jena, und starb da. Schur- ken waren seine Aerzte gewesen. Ein Lieflaͤnder, der im Jahre 1785 gleichfalls einem von jenen beiden Pfuschern in die Haͤnde gefallen war, muste in Luͤ- beck den Geist aufgeben. Eben so ging es 1786 ei- nem meiner Landsleute: er erreichte zwar noch sei- ne Vaterstadt, starb aber gleich den folgenden Tag nach seiner Ankunft: den hatten die Bartkratzer auch verpfuscht! Es ist hier der Ort nicht, zu untersuchen, ob man uͤberhaupt Bordelle dulden solle: aber derglei- chen Loͤcher, wie die hallischen sind, sollten durch- aus nicht gestattet werden: die Policei koͤnnte sich ein Verdienst erwerben, wenn sie diese Kammern der niedrigsten Wollust vernichten und zerstoͤren ließ. Pflicht ist es doch immer, als Vormund der ganzen Buͤrgerschaft auch fuͤr das Wohl der Jugend zu sor- gen und diese vor Schaden zu sichern. Der Uni- versitaͤt kann die Fortdauer dieses Unwesens auf kei- ne Weise zur Last gelegt werden. Der Prorektor hat den abscheulichen Makeros und Makerellen nichts zu befehlen: er kann hoͤchstens die Studenten bestra- fen, von denen er erfaͤhrt, daß sie an solchen Oer- tern gewesen sind. Aber die Policei kann und sollte auch billig die Loͤcher selbst zerstoͤren; oder wenn es durchaus noͤthig ist, mit den Bordellen durch die Finger zu sehen, je nun, so koͤnnte man von Poli- cei wegen solche Einrichtungen treffen, daß der Schaden, der sonst gestiftet wird, wo nicht ganz verhuͤtet, doch verringert wuͤrde. Ausserdem geht es den Hallensern, wie den Goͤttingern, Giessern, Jenensern und andern Uni- versitaͤtern: sie muͤssen oft wegen anomalischer Bei- traͤge zur Bevoͤlkerung starke Summen Die aber fuͤr Halle nur in Alimentations-Kosten bestehen. auszah- len; doch soll man auf der hiesigen Universitaͤt sich alle gerichtliche Verschwiegenheit versprechen koͤnnen. Ein gewisser R..., der ohngefaͤhr vor 16 Jahren in Halle studirt hatte, sollte in der Pfalz bei einem Edelmanne Pfarrer werden: die Bauern, die den Mann Gottes aus andern Gruͤnden nicht haben woll- ten, entdeckten, daß Herr R... in Halle zu zaͤrt- lich gewesen waͤre. Ihr Advokat muste dahin schrei- ben, bekam aber zum Bescheid: daß dergleichen nicht bekannt geworden waͤre. — Das ist loͤblich! wozu Bekanntmachung von Dingen dieser Art? Die hal- lische Universitaͤt verfaͤhrt in diesem Stuͤck kluͤger, als die Marburger. Diese schickte noch vor kurzem, wie sonst, eine große Liste ihrer Relegirten, oder mit dem Consilium abeundi entlassenen an andere Universitaͤten herum, und ließ die Namen derselben an die schwarzen Bretter anschlagen. Diese Proce- dur hat der Marburger Universitaͤt sehr geschadet. Wer will wohl gern einen Sohn auf eine Univer- sitaͤt schicken, wo er Gefahr laͤuft, wegen einer Lapperei relegirt, und hernach an allen schwar- zen Brettern, wie auch im frankfurter Ristretto blamirt zu werden? Quaevis castigatio ca- lumnia vacare debet, lehren die Juristen. Ich kenne Maͤnner, welche jezt in großen Aemtern stehen, und doch ehedem von Halle relegirt wurden. Aber man ist hier vernuͤnftig, und dehnt seine Gewalt nicht uͤber die Graͤnzen der Universitaͤt hinaus. Das aͤussere der Hallenser haͤlt eine gute Mittel- straße zwischen dem ruͤden Wesen der Jenenser und Giesser, und der firlefanzischen Ziererei der Herren Leipziger. Vor zehn Jahren war die Kleidung der hallischen Studenten noch sehr mittelmaͤßig. Rei- chere kleideten sich gut, einige gar praͤchtig: bei den uͤbrigen war ein Flausch, oder ein Rock der ganze Putz. Gestiefelt gehen beinahe alle, Winters und Sommers, wegen des elenden hallischen Pflasters und um seidene Struͤmpfe zu ersparen. Die Form der Stiefeln ist meist reutermaͤßig, so wie der Stutz der Huͤte, die jedoch mehr rund getragen werden. Dies Reutermaͤßige schreibt sich von denen her, die aus Reuter-Cantons gebuͤrtig sind, und aus der all- gemeinen Begierde junger Leute, zu Pferde zu para- diren. Alles Uebrige ist jetzt entweder englisch oder franzoͤsisch, und veraͤndert sich von der einen Leipziger Messe zur andern: und gerade diese schleunige Ab- aͤnderung in der Kleidung, in Ruͤcksicht auf Mate- rie, Farbe und Zuschnitt, macht, daß man auf den Troͤdeln eine Menge recht niedlicher Kleider antrifft, und der hallische Buͤrger und Handwerksbursche sich um ein geringes sehr elegant kleiden kann. Diese Art Luxus ist erst seit zehn Jahren nach und nach hier so eingerissen, daß unsere jetzigen Studenten an guter Kleidung den Goͤttingern nichts nachgeben, obgleich sie noch weit von der Leipziger Pinselei ent- fernt sind, und wahrscheinlich auch noch so lange bleiben werden, als das Martialische der Preußi- schen Verfassung fortdauern wird. Vor Zeiten hatten die Studenten in Halle den Ruf, daß sie uͤbertrieben heilig waͤren. Man sieht dies aus dem ersten jener Verse, die man ehedem zur Karakterisirung einiger Universitaͤten geschmiedet hat. Ich will sie hersetzen: Ach Gott, wie ist die Welt so blind! Ich lobe mir ein schoͤnes Kind! Wer mir noch spricht ein Wort, den soll der Teufel fressen, A bonne amitiè , so spricht der Bursch in Hessen. Der erste dieser Verse zielte auf Halle , der zweite auf Leipzig , der dritte auf Jena , und der vier- te auf Gießen . Daß die Hallenser von der Stiftung der Uni- versitaͤt an, bis ohngefaͤhr auf die Zeiten des sieben- jaͤhrigen Krieges Froͤmmlinge gewesen sind, ist aller- dings wahr, und daß der boͤsartige Einfluß dieses froͤmmlichen Wesens sich von da aus weit und breit ausgedehnt hat, ist auch wahr. Allein wer noch jetzt uͤber Hyperdulie der Hallenser klagen wollte, wuͤrde ihnen wahrlich zu viel thun. Seitdem ich die Stu- denten in Halle kenne, waren sie zwar keine Athei- sten, aber auch keine pietistischen Kopfhaͤnger. Die Kopfhaͤngerei hat ehedem ihren Ursprung zu Leipzig in den frommen Zusammenkuͤnften einiger superfrom- men Magister gehabt, und wuchs hernach auf dem hallischen Waisenhause zu einer solchen Groͤße her- an, daß man alle fuͤr Satanskinder ausschrie, die den Kopf gerade trugen, und ihre freie unbefangene Mine jederman hinzeigten. Lustigkeit und aufge- wektes Wesen hießen grobe Suͤnden, und nur der war Gott, oder was gleich viel galt, den Vorste- hern der heiligen Waisen-Anstalten angenehm, wel- cher aussah, wie ein Buͤßender. Kirchen versaͤumen war Hochverrath, und nicht alle Jahre vier oder acht mal zum Nachtmal gehen, hieß den Heiland verleugnen. Die meisten theologischen Studenten, wenn sie auch die Waisenhaͤuser Beneficien nicht ge- nossen, ahmten diesem froͤmmelnden Wesen nach, und lernten sehr bald die Kunst, wie so mancher uͤber- tuͤnchte Pietist, in der Welt ohne Kopf, ohne Herz, ohne Kenntnisse und ohne reelle Sitten sein Gluͤck zu erheucheln. So wurden nun die meisten Stu- denten Froͤmmlinge, und seufzten: „Ach Gott, wie ist die Welt so blind!“ — Aber Dank sey es dem bessern Genius der Musensitze! Unter Friedrichs des Großen Regierung fiel diese Froͤmmelei in die verdiente Ver- achtung. Die Singereien, die Stuben-Betstun- den und andre sogenannten Andachtsuͤbungen wurden als Fratzen und Possen angesehen, woran nur ein Schwindelkopf oder ein Heuchler Gefallen finden koͤnnte. Der Waisenhaͤuser Ton verlohr gluͤcklich sein Ansehn, und niemand, als wer mußte, machte ihn noch so zum Scheine mit; ja man ging noch weiter: man fing an, den Ton des Waisenhauses zu verach- ten und zu spoͤttischen Vergleichungen anzuwenden. Studenten koͤnnen auch keine Heilige seyn. Selbst auf dem Waisenhause lebt und denkt man schon men- schenwuͤrdiger: die alte pietistische Moͤncherei hat nur noch wenig Spuren. Die Stutzperuͤcken sind schon meist verschwunden: die beiden Herren Mitdirecto- ren, Knap , Niemeyer und die Inspectoren der lateinischen Schulen dieser Anstalt tragen ihr ei- gnes Haar, und kleiden sich nach der Mode. Das ewige Gesinge hat auch schon nachgelassen. Kurz, auch hier wird schon alles werden gut, und Froͤmme- lei seyn und bleiben der Brandmark — verschmitz- ter kleiner Seelen. An Fleiß lassen es die Hallenser nicht fehlen — im Allgemeinen, versteht sich: denn es giebt auch traͤge und nachlaͤssige Studenten hier, wie uͤberall. In Gießen und Jena sind freilich die Bursche auch nicht faul; aber den Hallensern kommen sie im Ei- fer zu studiren nicht gleich. Ob aber der Hallenser allemal den rechten Weg bei seinem Studiren ein- schlage, ist eine andre Frage, und ob das Einige der Herren Professoren selbst thun, moͤchte noch zu un- tersuchen seyn. Einige lesen ihre Wissenschaften nach Dictaten, und das ist allemal verfaͤnglich. Warum lassen die Herren kein Kompendium drucken, oder warum nehmen sie nicht schon gedruckte Kompen- dien zum Leitfaden ihrer Vorlesungen? Man beden- ke die Zeit, welche mit dem Dictiren der Paragra- phen hingebracht wird, — wie fehlerhaft selbst diese Paragraphen aufgeschrieben werden: und man wird finden, daß die Kuratoren der goͤttingischen Univer- sitaͤt Recht hatten, da sie den Professoren befahlen, nur uͤber gedruckte Compendien zu lesen. Bei meiner Ankunft in Halle waren alle Facul- taͤten vortreflich besetzt: bei den Theologen lehrten Semler und Noͤsselt : in der Juristenfakultaͤt waren Nettelbladt und Woltaͤr : Goldha - gen und Meckel waren Mediciner, und bei den Philosophen waren Karsten und Eberhard : das waren Maͤnner, deren Einer so eine ganze an- dre Akademie aufwog! Die uͤbrigen waren entweder Anfaͤnger, oder noch ohne großen Ruf und Kredit. Nur die Philologie schien vernachlaͤßigt zu seyn. Der einzige Herr Niemeyer las zuweilen einige Phi- lologica, z. B. uͤber Ciceros Redner, uͤber einige griechische Tragoͤdien u. s. w. Die philologischen Vor- lesungen des Herrn M. Fabri kamen noch weniger in Anschlag. Aber im Herbst 1783 wurde Herr Professor Wolf hieher gerufen, und der hat die ganze Lage der Sachen in diesem Stuͤck gewaltig veraͤndert. Ich werfe mich zwar nicht zum Richter auf, aber das muß ich sagen, daß Herr Wolf das philologi- sche Studium in Halle recht wieder empor gebracht hat, so sehr es auch, seit Herrn Schuͤtzens Abzug nach Jena, gaͤnzlich darnieder lag. Dieser recht- schaffene Mann, Herr Schuͤtz , hatte sonst hier viel geleistet; allein gewisse unruͤhmliche Kabalen, welche auf Akademien nicht selten sind, machten, daß der vortrefliche Mann wegging, so sehr auch Herr Semler sich bemuͤhte, ihn hier zu behalten. Das geschah schon, wenn ich nicht irre, 1780. — Wolf fing an, Kollegien zu lesen; aber da die Studenten auf dergleichen gar nicht achteten, so waren anfaͤng- lich seine Lehrstunden wenig besetzt. Aber bald lern- te unsre Jugend, was sie an Wolfen hatte, und Wolf wurde fleißiger besucht. Selbst Herr D. Sem - ler war sein geflissentlichster Werber. Wolf ist in- deß der Mann nicht, der erst in die Welt hinein- posaunt, und à la Basedow allerhand philanthro- pinische Luftschloͤsser baut; daher wurde auch sein Seminarium der Welt erst durch durch den Effekt bekannt: und doch hat dieses Seminarium schon mehr Gutes geleistet, als alle Dessauische, Marsch- Zweiter Theil. I linzer und Heidesheimer Philanthropine: selbst Herrn Heynes Seminarium ist mit dem hallischen in Ruͤcksicht des wirklich gestifteten Nutzens kaum zu vergleichen. Ich sage nur noch, daß die schon ruͤhmlich bekannten jungen Maͤnner, Schellen - berg , Fuͤlleborn , Ideler , Fischer , Koch , Rambach und mehr andere, Herrn Wolfs Schuͤler gewesen, und durch seine Bemuͤhung in den Stand gesetzt sind, die alte griechische und roͤmische Litteratur und nach beiden die deutsche zweck- maͤßig zu benutzen. — Semler ehrte und liebte Wolfen sehr: est, sagte er einst zu mir: in graecis et latinis atque adeo in omni antiqui- tate . Ich werde aber schon noch in der Folge das eine und andere von unserer Universitaͤt anbringen: nun ist es einmal Zeit, zu meinen eigenen Begeben- heiten zuruͤck zu kehren. Zwoͤlftes Kapitel. Anekdoten von Semler. Gelehrte Unternehmungen. M. Kindleben. Leipzig. M eine Auffuͤhrung in Halle war die erste Zeit uͤber so beschaffen, daß selbst Herr Semler mir in sei- nen Briefen an meinen Vater das beste Zeugniß er- theilte. Der gute Mann both mir sogar seine Kasse an, damit, wie er sich ausdruͤckte, unsre Freund- schaft nicht blos moralisch bleiben moͤchte. Er gab mir einen Zettel, worauf ich von der Universitaͤts- Bibliothek die mir nothwendigen Buͤcher holen konn- te; ja, er bath mich mehrmals zu Gaste, und erwies mir mehr Freundschaft, als ich von einem solchen Manne erwarten konnte. Sehr oft war ich bei Semlern, und jedesmal lernte ich dies oder jenes. Er erzaͤhlte mir auch manche Anekdoten von seinem eignen Leben, und von seinen Bekannten. Ich denke, daß es meinen Le- sern nicht unangenehm seyn wird, einige davon zu erfahren. Der verstorbene Doctor Gruner , fuͤr dessen Gelehrsamkeit und hellen Kopf Semler große Ach- tung bezeugte, war ein litterarischer . und Semler waren darin einig, daß viele Fratzen im kirchlichen Systeme herrschten: Aber daruͤber hatten sie verschiedene Gedanken, wie diese Fratzen entstanden waͤren. Gruner leitete alles aus der Neuplatonischen Philosophie her, und brachte immer seine veteres Platonizantes an; Semler hinge- gen hatte seine Judaizantes, und so entstand bei ihren Unterredungen mancher Zwist. Einst war Gru- ner am Neujahrstage bei Semlern zu Tische gebeten: sie gingen, um Luft zu schoͤpfen, in den Garten, wo sich gleich ihr Zank erhob uͤber Platonizantes und Judaizantes . Semler warf Grunern vor, daß es ihm an Einsicht in die aͤltere Kirchengeschichte fehlte, und dieser raͤchte sich, daß er Semlern sagte, er spraͤche und schrieb kein reines roͤmisches Latein. Nachdem der Streit eine Zeitlang gewaͤhrt hat- te, gerieth Gruner dergestalt in Hitze, daß er davon lief, und noch auf der Straße uͤberlaut Semlern des Starrsinns beschuldigte. Man schickte zu ihm, und ließ ihn bitten, zuruͤck zu kommen; aber dazu war er diesen Tag nicht zu bewegen. Der hallische Stadtpopanz Der Poͤbel in Halle ist, wie der Poͤbel aller Orten, sehr aberglaͤubisch. Er hat eine Menge Gespenster, glaubt an Hexereien, giebt sogar Karaktere von den , der Moͤnch genannt, hat dem guten Semler auch zu schaffen gemacht. Der brave Mann lachte allemal recht herz- lich, wenn er auf das Kapitel vom Moͤnch kam. Da wuste er Maͤnner zu nennen, die sich durch die laͤp- pischen Erzaͤhlungen der Halloren hatten bewegen las- sen, an den Moͤnch zu glauben. Unter diesen Maͤn- nern waren wirklich Gelehrte, die auch Philosophen heißen wollten, und doch großen Glauben ans Gei- sterreich aͤußerten. Einer davon ging einst mit Sem- lern spatziren: auf dem Ruͤckwege kehrten sie auf Begehren eines angesehenen Mannes ein, und aßen zu Nacht. Beim Zuhausegehen nach zehn Uhr geht ihnen jemand vorbei, ohne daß Semler ihn beson- ders beachtet hatte. Der Freund des seligen Doktors schweigt zehen oder zwoͤlf Schritte still, zupft aber den Doktor aͤngstlich und sagt endlich leise: Haben Sie den Kerl da nicht gesehn? das war der Moͤnch wahr und wahrhaftig! — Semler, ohne weiter zu fragen, kehrte sich um und rief: hoͤr' er guter Freund, ein Wort! — Da kam nun jemand Hexen an, macht Kreutze uͤbers Brod, ehe ers an- schneidet, befiehlt der Woͤchnerin waͤhrend der Wochen ja nicht zum Fenster hinaus zu sehen, und was der albernen Possen mehr sind. Ich hab ine Wirthin ge- habt, welche die Traͤume recht gut erklaͤren und dar- aus weissagen konnte. So giebt es hier Weiber, die sich mit Kartenschlagen ernaͤhren, und jungen mann- suͤchtigen Maͤdchen ihren kuͤnftigen Gatten schildern u. dergl. heran, und siehe da, es war ein Schaͤfer, welcher spaͤt zur Stadt gekommen war. Freilich schaͤmte sich jetzt der Herr Philosoph seines unphilosophischen Ir- thums, wollte aber dennoch, da Semler von hieraus Gelegenheit nahm, das Daseyn solcher Dinge zu leugnen, durchaus nicht einstimmen, und allegirte so viel Begebenheiten und Erscheinungen, welche sei- nem Vater, Großvater, Mutter und Großmutter seinen Tanten und ihm selbst sichtbar geworden waͤ- ren, daß Semler sein Raisonniren aufgab. Wer kann, sagte er, geglaubte Thatsachen widerlegen? der Glaube an Mirakel ist ja auch historisch: und den historischen Glauben resutirt keine Philosophie Ausser da, wo von dem nullatenus oder nunquam fieri potuisse , auf das semel oder usquam factum esse geschlossen wird: ein Weg, auf dem D. Bahrdt den Theologen zu Leibe ging, und in Ruͤcksicht auf un- befangene Koͤpfe weit compendioͤser als – Semler . . Dieser Satz war so Semlers Steckenpferd, dem ich selbst gern nachsuckelte. Durch meinen Umgang mit Semlern, durch mein haͤufiges Lesen und Vorzeigen guter Buͤcher, und selbst durch meine wenigen Kenntnisse war ich unter meinen Bekannten in einiges Ansehn gekom- men, und wurde uͤberhaupt auf der Universitaͤt als ein Mensch betrachtet, der das Seine gelernt haͤtte. Mehrere Studenten beredeten mich daher, ihnen die hebraͤische Grammatik zu erklaͤren. Ich that das, und die Studenten waren mit meinem Unterrichte zufrieden, so daß ich im folgenden Winter nochmals dergleichen Unterricht ertheilen muste. Ich hatte von Semlern Schultens Proverbia und einige ande- re sehr gute Buͤcher zur hebraͤischen Litteratur ge- borgt, welche mir einst gute Dienste leisteten. Semler bekannte mir sehr aufrichtig, daß er in seiner Jugend auf Schulen das Hebraͤische we- nig getrieben haͤtte, daß er erst als Magister und Professor den Nutzen der morgenlaͤndischen Spra- chen eingesehn, und sie folglich fuͤr sich selbst ge- trieben haͤtte. Im hebraͤischen hatte es der große Mann nach seinem eignen Gestaͤndniß nur so weit gebracht, daß er den Kodex nothduͤrftig expo- niren konnte In den andern orientalischen Spra- chen und Dialekten war er gar nicht vorwaͤrts ge- ruͤckt: arabisch, syrisch und samaritanisch konnte er blos lesen, aber nicht wohl verstehen: kaum leistete er das mit Huͤlfe eines Woͤrterbuchs, wie er mir selbst bekannt hat. Aber nach Herrn Semlers Meinung war das auch nicht sehr noͤthig: denn die Uebersetzungen in syrischer, arabischer und andern Sprachen sind einmal sehr neu, sagte er, und sind aus korrupten griechischen, ja, aus lateinischen Co- dicibus gemacht worden: und dann findet sich auch nicht sehr viel darin, was man brauchen koͤnn- te. Mehr sollte noch in den juͤdischen Schriften, im Talmud und andern Fratzen-Buͤchern zu holen seyn fuͤr die Erklaͤrung einzelner Stellen des alten Testa- ments, — auch des Neuen. Bei allem dem aber wuͤrde man doch wenig Nutzen haben: denn ob man z. B. wisse, wie das erste Kapitel im Buch Esther zu erklaͤren sey, daran liege nichts Es hat große Gelehrte gegeben, und giebt deren noch, welche gern leer Stroh dreschen, und fuͤrchterlich wich- tige Untersuchungen uͤber — Nichts anstellen. Ich mag keine neuern Beispiele anfuͤhren. . Ueberhaupt sey die Philologie des alten Testaments sehr unfrucht- bar, und fuͤr den Mann von Einsicht und billiger Denkungsart vollends abscheulich und ekelhaft. Nach solchen Urtheilen des großen Mannes dachte ich, daß ich immer noch so viel hebraͤisch, ara- bisch nun syrisch lernen koͤnnte, als ein Gelehrter, der nun auch Theolog von Profession werden woll- te — denn das war mir jetzt wieder angekommen, um dereinst Professor, und zwar theologischer Pro- fessor werden zu koͤnnen — noͤthig haͤtte. Meine Leser fragen hier ohne Zweifel: ob ich mich denn nun bekehrt, und die Theologie lieb gewon- nen habe? denn oben habe ich doch die deutlichsten Bekaͤnntnisse meines Deismus abgelegt. Nein, mei- ne Herren! Ich haßte die Pfafferei, fand aber bei Semlers Gedanken uͤber Theologie, daß man dar- aus ein sehr angenehmes Studium fabriciren koͤnnte. Da war mir Theologie nicht mehr System, son- dern Kritik, Raͤsonnement, historische Bemerkun- gen uͤbers System. Da hatte man gute Gelegenheit, die Grillen, Possen und Alfanzereien der Pfafferei kennen zu lernen, und diese Dinge von Hause aus herunter zu machen. Da entstand aus Theologie wahre Gelehrsamkeit und nuͤtzliche Wissenschaft, und so gefiel mir das Ding. Ich fing daher an, nach Semlers Rath, Theologie zu treiben, d. i. ich hoͤrte seine Dogmatik, eine Vorlesung, worin ein Schatz von guten treffenden Bemerkungen vor- kam — freilich nach Semlers Art, ziemlich verwor- ren, und das Naͤmliche wol dreimal in einer Stunde. Dann las ich seine Vorrede zu Baumgartens Polemik und einige andre Buͤcher, welche der große Mann zu Aufhellung der historischen Theolo- gie, oder wenn man lieber will, der theologischen Historie geschrieben hat. Da Semler das Philo- sophiren in historischen Dingen verwarf Das ist: — aus Ideen ein Gespinst zu weben, z. B. uͤber die goͤttliche Offenbarung und deren Inhalt, und hernach auch dies Gespinst in den Dingen der Welt allwege finden zu wollen. In factis, sagte er, findet sich die Sache allemal anders, als im Gehirn. Die , so wi- derrieth er mir philosophisch-theologische Buͤcher zu lesen, bis ich erst den Mist hinlaͤnglich aus der Ge- schichte kennen wuͤrde. Die Exegese lobte Semler; aber ohne große Kenntniß der alten christlichen Hi- storie sey auch Exegese ein sehr geringes Huͤlfsmittel, um in der eigentlichen Theologie klug zu werden. Meine Leser verzeihen mir, daß ich so manche Urtheile des vortreflichen Semlers anfuͤhre: sie waren gewiß von ihm durchdacht, und verdienen allemal von Liebhabern der Theologie, die keine bloßen Nachbeter oder Systematiker seyn und bleiben wol- len, uͤberlegt zu werden. Semler empfahl mir, Vorlesungen zu halten. Man lernt da viel, sagte er, und fuͤhlt die Luͤcken besser, als wenn man so blos fuͤr sich studirt: man setzt sich auch in den Principien fester. Er hob sogar die Schwierigkeiten, die ich ihm entgegenstell- te, und rieth mir, deutsche Reichshistorie vorzutra- gen. Semler wuste recht wohl, daß diese Historie viele Schwierigkeiten hat; aber er wuste auch, daß ich Molfischen, Kantischen und andern theologischen Phi- losophen und philosophischen Historiker dienen zum Bei- spiel. Die Herren machens um kein Haar besser, als Duns Scotus, welcher schloß: Quicquid Deus potest facere, quodque cum decet facere, id et facit . Atqui matrem filii sui facere immacu- latam a labe originali etc. Ergo. — schon ziemlich viel vorgearbeitet finden koͤnnte. Ich folgte also dem Rath des Herrn Doctors, und fing schon im August 1782 an, uͤber Herrn Selchows Kompendium die vaterlaͤndische Geschichte abzuhandeln. Ich hatte zwoͤlf Zuhoͤrer, und las auf einer Stube im Hause des sel. Buchbinders Muͤnnich, gerade gegen Semlern uͤber. Meine Huͤlfsmittel waren wenig und einfach: es waren die hieher gehoͤrigen Schriften des Mascow , des Grafen von Buͤnau , Hahns , Struvs , Schmidts und Haͤberlins . Meine Zuhoͤrer waren mit mir zufrieden, und schwaͤnzten nur selten, weil ich nicht vergaß, Anekdoten anzubringen, welche ich bei Struv und Hahn in Menge vor- fand. Ich bekam von der Person zwei Thaler Hono- rar: aber nicht sowol des Honorars als der eignen Uebung wegen las ich, und erhielt auch dadurch eine ziemliche zusammenhaͤngende Kenntniß der vaterlaͤn- dischen Geschichte. Ich setzte den Winter uͤber diese Lektionen fort bis zu Ende des Februars, und kam bis auf das En- de des dreißigjaͤhrigen Kriegs. Auch las ich von Michaelis an uͤber die Kirchengeschichte, nach den Tabellen des Herrn Seilers , nicht wegen der in- nern Vortreflichkeit dieser Tabellen: denn die sind leider nichts, als eine Aneinanderreihung der Mos- heimischen Lemmaten, wobei noch sehr grobe Fehler mit untergelaufen sind, die der Herr Editor wahr- scheinlich, weil er sie nicht wahrnahm, bei allen vie- len Editionen dieser Tabellen nicht verbessert hat, — sondern weil die Dingerchen so huͤbsch leicht zu er- klaͤren sind. Wer Mosheims Institutionen und den Weismann hat, kann immer mit Seilers Ta- bellen fertig werden. Ich hatte aber noch nebenher Semlers selecta capita, seinen fruchtbaren Aus- zug und den Heinsius , in welchem letztern ich nicht wenig gutes fand, obgleich auch viel Aus- schuß. Herr Semler lieh mir ferner Baronii an- nales, mit den notis criticis des Pagi: allein das Zeug war mir zu weitlaͤuftig, und daher habe ich es nur selten gebraucht. Auch hier waren meine Zuhoͤrer mit mir zufrieden. Ich kam vom Herbst bis zu Ende des Februars bis auf die so genannte Reformation. Meine Leser muͤssen doch hier meine Aufrichtig- keit merken: — ich muß doch auch dann und wann sagen, daß etwas gutes an mir gewesen ist! — Wollte ich prahlen, so koͤnnte ich hier oͤffentlich, wie auch damals in den Vorlesungen, mich ruͤhmen, daß ich die Quellen der Kirchengeschichte — deren einige ich in der That aus der Semlerischen Bibliothek auf meiner Stube hatte, selbst benutzt haͤtte: aber wozu das? Ich war schon zufrieden, daß ich meine That- sachen in andern systematischen Buͤchern vorfand, und da hab ichs ehrlicher gemacht, als mancher pro- fessorirende Herr Blasius, der blos aus Huͤlfsmit- teln kopirt, und dennoch seine Kopieen fuͤr Resultate einer starken Lektuͤre der Quellen selbst den Herren Zuhoͤrern, ja gar oft auch dem lieben Publikum auf- tischt. Im Grunde schadet das auch nicht viel; denn wenn der Student nur das lernt, was ihm vorgesagt wird, so lernt er fuͤrs Kollegium allemal genug: freilich koͤnnte der Student dieser Art Weis- heit leichter selbst fuͤr sich aus den Buͤchern schoͤpfen: allein der Herr Student muß ja nach der eingefuͤhr- ten loͤblichen Gewohnheit alles von der Katheder hoͤ- ren, was er lernen soll und lernen will! Ich habe in dem Sommer dieses Jahres 1782 auch einmal im theologischen Seminarium des Herrn Professor Niemeyers disputirt als Opponent. Herr Wald vertheidigte den Satz, daß die Unsterblich- keit der Seelen im alten Testament nicht gelehrt wuͤrde. Meiner Meynung nach, kam aber die Leh- re von der Unsterblichkeit, so wie sie als eine Fort- dauer dieser gegenwaͤrtigen Seele mit ihren jetzigen Moralischen und intellectuellen Faͤhigkeiten beschrie- ben wird, aus dem Judenthume her, oder vielmehr aus den chaldaͤischen Traͤumereien, welche die Ju- den hernach aufnahmen. So dachte ich damals, und muste folglich aus Ueberzeugung widersprechen. Ich that das fleissig, und fuͤhrte vielle Stellen aus dem alten Testamente an, die von der Fortdauer der See- len, von kuͤnftigen Belehnungen und dergleichen zu sprechen scheinen. Ich muß sagen, daß die Ant- worten sowol des Respondenten als des Herrn Nie- meyers, mir gar nicht genuͤgten: doch mußte ich nach- geben, um meine Nebenopponenten auch ein Bissel mit katzbalgen zu lassen. Den Magister Kindleben Man sehe von diesem theuren Mann den Belle - tristen - Almanach , wie auch Kindlebens eignes Buch: Matthias Lucretius , und den Flori - do , worin er seine Begebenheiten selbst erzaͤhlt. lernte ich die- sen Sommer auch kennen. Er war sonst in Halle gewesen, hatte das dortige Wochenblatt geschrieben, und selbst, wie der Katalogus ausweist, Vorlesun- gen gehalten. Hernach wurde er wegen seines Sau- fens und anderer groͤberer Excesse fortgewiesen: man sagte damals, die Haͤscher haͤtten ihn fortgebracht. Kindleben war wirklich kein Dummkopf, ob er gleich blutwenig litterarische Kenntnisse inne hatte: er ver- stand ziemlich Latein und franzoͤsisch, seine Verse wa- ren auch nicht schlecht; aber an Politur fehlte es ih- nen durchaus. Seine Sitten waren aͤusserst ver- derbt, selbst niedertraͤchtig. Hieher gehoͤrt, daß er so gar am hellen Tage in die Puffkeller ging, daß er Reisen that und unterwegs die Gastwirthe prellte u. s. w. Ich sprach ihn zuerst auf der Mail oder Malje, wies in Halle heist, und war froh, den Mann kennen zu lernen, welcher durch allerhand Schriften schon weit und breit bekannt war. Kind- leben hatte kein Geld: er gestand dies frei heraus; aber jeder von uns machte sich ein Vergnuͤgen dar- aus, ihn zu bewirthen. Da kamen denn derbe Apo- strophen auf diesen und jenen zum Vorschein — doch mit Maͤßigung: denn Kindleben beklagte sich nur, und schalt und schimpfte nicht: und dergleichen macht gewaltigen Eindruck. Ich weiß nicht, ob alle Be- schwerden, die dieser ungluͤckliche Mann vorbrachte, wahr gewesen sind — einige waren indeß gewiß wahr: und da fiel mir jene Stelle ein aus dem Dichter —: instant morientibus ursae. Wa- rum muste der armselige Kindleben so lange hinge- halten werden, bis er beinahe Hungers starb? Er war freilich ein ausschweifender ungesitteter Mensch; aber doch immer ein Mensch. — — Die Sache ist aͤrgerlich: ich will sie daher nicht weiter beruͤhren. Kindleben schwebte so in der Welt herum, und hielt sich meistens im Saͤchsischen auf: das Saufen war sein Hauptfehler; und in der Besoffenheit be- ging er manchen Exceß. Bald verbreitete sich das Geruͤcht, dieser Meister der freien Kuͤnste — wie er sich gewoͤhnlich nannte, sey in einem Saͤchsischen Dor- fe ohnweit Leipzig auf dem Mist krepirt. So un- wahrscheinlich nun auch diese Maͤhre war, so hatte doch der verstorbene Pastor Niemeyer , Verfasser des Journals fuͤr Prediger , sie in sein Buch aufgenommen. Nicht lange hernach erschien Kind- leben wieder, und beschwerte sich laut uͤber die von seinem Tode verbreiteten Luͤgen. Der Pastor hatte zwar vom Sterben auf dem Mist nichts gesagt, doch aber Kindleben als todt angegeben Wie vor einiger Zeit der politische Don Quixote, Cranz , den Herrn Rath und Professor Schiller in seinem Geschmiere — Fragmenten betitelt. , woraus man ohngefaͤhr auf die in dieser Schrift vorfindliche Rich- tigkeit der Begebenheiten und auf die Genauigkeit des Herrn Herausgebers schließen kann. In Leipzig bin ich auch einmal gewesen: Herr Kaufmann Rummel zahlte mir da mein Geld aus. Gleich das erstemal als ich da war, spielte ich auf einem Koffeehause und gewann eine ansehnliche Sum- me. Ich weis nicht, da ich allemal im Spiel gluͤck- lich gewesen bin, daß ich doch so selten gespielt, und das liebe Spiel niemals geliebt habe! — Einige Ge- lehrte lernte ich auch kennen: es waren die Herren Morus , Dathe , Beck und Platner . Plat- ners Vorlesungen wohnte ich einigemal bei, und be- wunderte dessen huͤbschen Vortrag nebst dem huͤbschen schoͤn gezierten Auditorium. Herrn Fischer hab ich auch gesprochen, und das an ihm gefunden, was so viele schon an ihm gefunden hatten — viel philo- logischen Stolz und Pedanterie. Herr Burscher ist ein gelehrter Mann — aber graͤulich orthodox, und zwar demonstrativ orthodox: und mit solchen Maͤnnern ist nicht gut auszukommen. Die Studenten in Leipzig haben mir durchaus nicht gefallen: ihr Wesen ist weder burschikos noch fein, und an Fleiß lassen sies auch nicht wenig fehlen. Sie haben der Zerstreuungen zu viel, vorzuͤglich des Sommers und zur Meßzeit. Aus Rousseaus Kapitel uͤber die Erziehung und Bildung der uns umgebenden Gegenstaͤnde, ließe sich hier Manches anbringen. — Viele, besonders Theologen naͤhren sich von Informationen, und kommen den oben be- schriebnen Strasburger Schanzern ziemlich gleich. Es ist ein trauriges Leben fuͤr einen Studenten, wenn er der Gnade eines Philisters leben muß: der Phi- lister betrachtet ihn, als seinen ersten Bedienten. Ich hatte schon im Jahr 1777 in Gießen einen gewissen Lischke kennen gelernt, welcher sonst in Leip- zig Theologie studirt hatte, und damals in die Pfalz reisete, um sich dort zu einer Pfarre zu empfehlen Es giebt mehrere Pfarrer in der Pfalz, welche als Saͤchsische Kandidaten in ihrem Lande nicht ankommen konnten. . Zweiter Theil. K Auf dem Wege dahin sprach er in Gießen zu. Lischke kam in der Pfalz nicht unter, entweder weil er her- nach nicht wollte, oder weil er fuͤr die Herren Kon- sistorial- und andern Raͤthe kein Geld hatte, oder weil er seiner großen Unwissenheit wegen das sonst aͤußerst leichte Examen in Heidelberg scheute: Kurz, er kehrte zuruͤck in die Lausiz, wo er zu Hause war, verging sich aber in puncto puncti — wie Herr D. Bahrdt zu sagen pflegte, da er in puncto puncti das Seine noch leisten konnte — und verdarb sich dadurch seine geistliche Hoffnungen. Er sattelte jezt um, und lernte Juristerei. In Halle hatte er mich schon bald nach meiner Ankunft besucht und mir da viel von Leipzig vorgeruͤhmt, Halle aber dagegen her- abgesetzt. In Leipzig suchte ich ihn auf, und bath ihn, mich in Studentengesellschaften einzufuͤhren. Aber, siehe da, es gab dergleichen nicht. Die Stu- denten verlieren sich unter Kaufmannsdienern und Gnoten, und machen nirgends eine Gesellschaft fuͤr sich aus: auch nicht ein einziges Leipziger Koffeehaus oder Billard ist den Studenten eigen: nicht einmal ein Traͤtoͤrhaus. Sie sitzen, je nachdem sie Geld haben, in den Gasthaͤusern zerstreut, wohl auch kom- men einige dann und wann auf Richters Koffeehaus, oder auf die Hotels de Baviere und de Saxe: jedoch selten. Man findet aber auch Studenten in den allerniedrigsten Kneipen, in Kneipen, wohin kein Hallenser gehen wuͤrde. Nein! die Leipziger moͤgen an sich ruͤhmen was sie wollen, — da lob ich mir doch den Hallenser! Man suche in Halle einen Stu- denten in einem Bier- oder Branteweinhaus, ob man ihn da finden wird. Bei der Jungfer Flei- schern auf dem Rathskeller laͤßt sich gewiß kein Stu- dent sehen, oder in der Knochenkammer bei Lukas. Das wird in Halle fuͤr weggeworfen gehalten, und nicht ohne Ursache. In Jena ist man daruͤber nicht so delikat: man laͤßt sichs da nicht verdriessen, mit einem Fleischer, Friseur u. dergl. zusammen zu zechen, und gar Bruͤderschaft zu machen. In Leipzig und Wittenberg geht es darin nicht viel besser: da sitzt der Mosjeh Student mitten unter Gnoten, Phili- stern und anderm Gesindel in den Kneipen, und spielt sogar unter diesen keine Figur, wie er denn in Leipzig uͤberhaupt keine Figur spielt. Freilich wer dort viel Geld hat, der kann es zur Noth einem Ladenschwen- gel gleich thun; aber das koͤnnen Wenige: — und so hat der Scheeren- und Ellen-Major in genere große Vorzuͤge vor den Studenten. Meine guten Leser glauben vielleicht, ich uͤber- treibe die Sache: aber ich versichere, daß sich das Ding so verhaͤlt, ob ich gleich mehrere Ausnahmen gern zugebe. Lischke hat mich auch auf einige Stuben zu sei- nen Bekannten gefuͤhrt. Da fand ich steife Men- schenkinder, welche das Ungezwungene und Unbefan- gene nicht an sich hatten, das man sonst am Stu- denten gewohnt ist. Die Leutchen machen Kompli- mente und schneiden Reverenzen bis zur Erde: alles geht da per Sie : das trauliche dem Studenten so angemessene Du ist verbannt: da werfen sie mit ge- horsamster Diener, mit — ich empfehle mich, — haben Sie doch die Guͤte! — o ich bitte ganz gehor- samst! und aͤhnlichen Floskeln um sich, daß es einem schlimm wird. Das heißt denn guter Ton! darin besteht das feine Wesen, welches die Mosjehs zu Leipzig von allen andern so vortheilhaft unterscheiden soll! O weh, dachte ich, als ich auf eine andere Stube kam, und fuͤnf bis sechs solcher Herren vom edlen Ton beaͤugelte, o weh, das ist schofele Peti- maͤterei! Ich hatte zwar damals keine Anhaͤnglich- keit mehr an dem eigentlichen Komment; allein ich fing doch mit einigen folgendes Gespraͤch an. „Meine Herren, sagte ich, ihre Universitaͤt ist wohl stark? Herr A : O ja, uͤber 1400. Herr B : Bitte gehorsamst, mein Bester: es sind uͤber 1600 Studenten hier. Ich : Darf man nichts von der Summe ab- ziehen? Herr B : Nein, noch eher hinzusetzen, wenn Sie's guͤtigst erlauben wollen. Ich : Ja, ja, ich weis es schon: man macht Fremden immer weis, die Universitaͤt sey so oder so stark, wenns schon uͤbertrieben ist. — Aber Leipzig ist immer noch stark genug, zumal wenn man die Laden-Studenten mit hinein rechnet. Aber der Ton hier — wie ist der? Herr A : Unverbesserlich, mein Theuerster! Ich : So? — und worin besteht die Unver- besserlichkeit? Herr A : Je, mein Himmel! Bester, es faͤllt doch in die Augen, daß der Leipziger Student zehnmal artiger und hoͤflicher ist, als der ruͤde Jenaer! Ich (aͤrgerlich): Ja, ja ich weis schon: es sind mehrentheils Jungfernknechte, welche mit den Ladendienern und Gnoten um die Wette hinter den Maͤdchen herrennen, und nach dem hohen Gluͤck schnappen, ein Pfoͤtchen zu lecken, oder ein Maͤul- chen zu ganfen (stehlen). Herr B : Ei, da beschreiben Sie uns ja huͤbsch! Verzeihn Sie aber guͤtigst, daß ich einiges erinnere. Sie wissen doch, daß ein junger Mensch in Gesellschaft der Frauenzimmer feiner — Ich (einfallend): Ich verstehs schon. Aber hole mich der Teufel, ich kann nicht begreifen, wie ein Student in Gesellschaften von Frauenzimmern kommen will, worin er profitiren koͤnnte. Frauen- zimmer, welche dem Burschen Zugang verstatten, taugen samt und sonders nichts: das sind meist luftige, habsuͤchtige oder verbuhlte Dingerchen, an denen selten etwas gelegen ist. So mags auch in Leipzig seyn. Lischke : Du hast nicht Unrecht, Bruder Herz: unsre hiesigen Studenten machen Kuͤchenmaͤd- chen, Aufwaͤrterinnen und Buͤrgerdirnen ihren Hof, und fuͤhren sich sogar mit Menschern aus den Par- duzloͤchern, mit Etceteras So heißen die Huren bei den Leipziger Studenten. Man sehe den sonst herzlich magern Roman: unter dem Titel: Sie studiren ! auf den Straßen und Promenaden herum. Das sind so die Frauenzim- mer, womit unsre Herren Umgang haben. Ich : Und bei denen kann man seine Sitten doch beim Teufel nicht poliren! In solchem Umgang wird man zum Firlefanz. Aber um von was an- derm zu reden: wie stehts mit den Schlaͤgereien? Herr A : Je nun, wenns an uns gebracht wird, so machen wir unsre Sachen aus, wie's ho- netten Maͤnnern ziemt. Lischke : Ja, mit dem Schuhpfriemen. Wann fallen denn hier Schlaͤgereien vor? die Kerls lassen sich ausmaulschelliren und muchsen nicht: oder wenn sie sich ja schlagen, so geschieht es à la mode der Gassenbuben mit Stoͤcken und Faͤusten. — Ich war dieses Gespraͤches muͤde, und brach es ab. Ueberall fand ich bei den Herren Leipzigern große Armseligkeit und glaͤnzendes Elend. Sie tra- gen zwar seidne Struͤmpfe beim tiefsten Dreck, gehn wie die Tanzmeister parisisch: schleichen hundertmal des Tags vor den Fenstern vorbei, wo sie ein huͤb- sches Gesicht wittern, und werden in den dritten Himmel entzuͤckt, wenn ihnen ein solches Gesicht freundlich zulaͤchelt: ist das aber maͤnnliches Wesen, das den Hallenser so kenntlich auszeichnet? — Sonst ist das l'Hombre-Spiel unter den Leipzigern sehr ge- woͤhnlich. Zur Zeit der Messe muͤssen die meisten auf dem Boden unterm Dache, oder hinten neben dem Abtritt wohnen, weil zu dieser Zeit ihre Stuben von Fremden bezogen werden. — Wenn die Hallenser nach Leipzig kommen, so machen sie da doch Figur, und jederman sieht nach ihnen: wenn aber Leipziger sich zu Halle einfinden, so werden sie gar nicht be- merkt, wenigstens nicht fuͤr Studenten angesehen. — Uebrigens sind die Herren gut zu Fuße, und koͤnnen taͤglich fuͤnf, sechs, acht Meilen laufen. Doch ge- nug von diesem Artikel. Dreizehntes Kapitel. Meine Wenigkeit von ohngefaͤhr im Bordell ertappt. Semlers Strafpredigt. Mein Bruder. Liebelei. H err Semler, dem mein bisheriges Betragen ge- fallen hatte, rieth mir, vom Waisenhause in die Stadt, und zwar in sein Haus zu ziehen. Es war naͤmlich ein gewisser Schmitz von Mont-Joie aus dem Herzogthum Juͤlich von Erlangen nach Halle ge- kommen. Mit diesem Herrn Schmitz war ich bekannt und Freund geworden. Er miethete sich ein Zim- mer in Semlers Hause, und bath mich, zu ihm zu ziehen: er wolle die Miethe fuͤr mich mit bezahlen. Der Vorschlag gefiel mir: ich sprach mit Semlern daruͤber, und erhielt den Rath, nicht zu saͤumen: ich koͤnnte sodann seine Bibliothek besser benutzen, und besser studiren. Also zog ich zu Anfange des Oktobers vom Waisenhause zum Leide meiner guten Kameraden Poehler und Molweide , mit welchen ich sehr bruͤderlich gelebt hatte, und bezog Num. 20 im Sem- lerischen Hause. Ich war auf dem Examen Lehrer der ersten he- braͤischen und der zweiten griechischen Classe gewor- den. Dieses schmeichelte meinen Ehrgeitze so, daß ich beschloß, beide Classen beizubehalten, und meiner Pflicht in Unterrichtung meiner Schuͤler nach meinen Kraͤften Genuͤge zu leisten. Herr Freylingshausen mißbilligte zwar meinen Abzug vom Waisenhause nicht, doch setzte er gleichsam ahndend hinzu: es waͤ- re schon mancher in der Stadt verdorben worden, der sich auf dem Waisenhause recht gut betragen haͤtte. Ich wohnte also bei Semlern. Gleich in den ersten vier Tagen begegnete mir ein Possen, den ich erzaͤhlen will. Ich hatte mit einem gewissen Herrn Koͤster , einem alten Kandidaten, der alle Akade- mien besucht und viele Schicksale erlitten hatte, da- mals aber auf dem Waisenhause Lehrer war, Be- kanntschaft gemacht, und konnte ihn seiner Ehrlich- keit und seiner Kenntnisse wegen, gut leiden. Die- ser besuchte uns eines Abends, Herrn Schmitz und mich, und als wir ihn fragten, wo man sich ein we- nig zerstreuen koͤnnte, versprach er uns an einen Ort zu fuͤhren, wo es uns gefallen wuͤrde. Wir gingen und wurden von ihm vors Moritzthor in das erste gelbe Eckhaus, das man damals den Korb nannte, gefuͤhrt. In diesem Hause wohnte eine Muͤllers Frau von Wettin, mit fuͤnf nicht haͤßlichen Toͤchtern; und diese Toͤchter standen — wie Schmitz und ich erst nachher erfuhren — im Rufe, als wenn sie eben nicht grausam gegen ihre Anbeter waͤren — wenn man das sonst von einem großen Theil der Hallense- rinnen auch nur uͤberhaupt sagen koͤnnte. Wir mochten wohl eine Stunde da gewesen seyn, ohne jedoch das geringste Unanstaͤndige unter- nommen zu haben: denn, wie gesagt, Schmitz und ich wusten von der Beschaffenheit dieses Hauses gar nichts, als noch vier Studenten, die wir aber nicht kannten, herein traten, und sich bei den Maͤdchen etwas mehr Freiheit herausnahmen. Koͤster und Schmitz zankten uͤber eine Stelle im Horatz, und dieser Zank schien dem einen Studenten, Namens Kuͤhkaͤfer, in einem solchen Hause sehr uͤbel statt zu finden. Er trat also zu den Streitenden, und zog sie mit ihrer Pedanterei auf; allein Koͤster, schon durch den Schnapps erhitzt, trumpfte ihn gewaltig ab, und hieß ihn einen dummen Jungen. Dar- uͤber kam alles in Harnisch, und ich muste mit zu- greifen, um meine beiden Compagnons nicht im Stick zu lassen. Es setzte Ohrfeigen, und die Glaͤ- ser flogen schon hin und her, als auf einmal Min - chen , die schoͤnste Es fraͤgt sich: ob man Nymphen dieser Art auch schoͤn nennen koͤnne? — Vielleicht loͤsen uns der Herr Profes- sor Heidenreich nach Dero bekannten Gruͤndlichkeit die- se Frage bald im 2ten Theile ihrer vortreflichen Aesthe- tik auf. der Nymphen, hereinsprang, und mit aͤngstlichem Tone ausrief: der Pedell! die Haͤscher! — Die Studenten fuhren zusammen; ich nicht: ich glaubte unser Zank haͤtte den Pedell von ohngefaͤhr herbei gelockt. Der Pedell Huͤbner trat jezt herein und fing an: „Im Namen seiner Ma- gnifizenz“ — Ich fiel ihm in die Rede, um ihm den Hergang des Zanks zu erklaͤren; aber vergebens: ich und die andern wurden demnach grob: aber auch Grobheit half nicht. — „Wir sollten uns schleppen lassen aufs Karzer!“ — Ich fluchte wie ein Boots- knecht: Koͤster wimmerte, Schmitz zitterte wie Espen- laub: die vier andern Studenten brummten in den Bart und liessen dann und wann einen Fluch hoͤren: von den Menschern und ihrer Mutter hoͤrte man nichts, als — ach Herr Je — daß Gott erbarm! Herr Huͤbner wiederholte sein „No, meine Herren, no, no! gehn Sie mit!“ — Ins Teufels Namen rief ich endlich, Minchen schenk ein! Minchen griff zitternd nach dem Glaͤschen. „Laß sie das seyn, Jungfer, sagte der Pedell, dazu ist keine Zeit mehr!“ Was, schrie ich! will Er mir verbieten, Schnapps zu trinken? — Nur immer eingeschenkt! — Ich nahm mein Glaͤschen, bot mit laͤcherlichen Grimas- sen dem Pedell es an und fuͤgte hinzu: das waͤre so gut wie Markgrafen-Pulver: es schluͤge den Aer- ger nieder. Er trank nicht: ich leerte das Glaͤschen, streckte mich hin auf einen Stuhl, und ließ mir noch eins geben. Meine Consorten standen schon bereit, dem Pedell und dem Haͤscher Baͤr, der mit seinen Trabanten vor der Thuͤr wartete, zu folgen: aber ich war in dieser halben Stunde wieder ganz Bur- sche und neckte den Pedell auf alle nur moͤgliche Weise Man sehe das schon von Luthers Zeiten her gebraͤuch- liche Liedlein: Gaudeamus igitur, wo es in einer Strophe heißt: Pereat Trifolium (die drei Decani) Pereant philistri, Lictor atque famuli Nobis odiosi! ! Herr Huͤbner, ein wirklich feiner, hoͤf- licher Mann, gerieth dadurch in Verlegenheit, bis endlich auch ich aufbrach, und mich so mit fortbrin- gen ließ. Meister Baͤr naͤherte sich mir, und gab mir mit einem wichtigen Tone zu verstehen, daß die Sache nichts zu bedeuten haͤtte. Denks auch, er- wiederte ich: nur nicht wie Spitzbuben geschleppt! — Bewahr der Himmel! versetzte Baͤr, Sie werden ja nicht als Spitzbuben geschleppt: es geschieht ja blos, weil Sie im Bordell gewesen sind. Das bestaͤtigte auch Herr Huͤbner: und so wußte ich, warum. — Als wir aufs Carcer kamen, alle sieben in eine Stube, weil wir durchaus zusammen bleiben woll- ten, rief ich mit starker Stimme: wo ist der Car- cerknecht? ich dachte mir hier den Gießer Carcer- knecht, den Cordanus. — Man antwortete mir nicht: wo ist der verdammte Carcerknecht? schrie ich nochmals: der Kerl soll herkommen, oder der Teu- fel soll ihm in den Magen fahren! Klappenbach kam, und fragte, was ich haben wollte. So, sagte ich, er ist also der Carcerknecht? das nahm Klap- penbach, ein sonst braver Mann, uͤbel, einmal we- gen des Titels und dann, daß ich Er und nicht Sie gesagt hatte. Er machte also seine Remonstranz; doch versprach er zu holen, was wir verlangten: „wir waͤ- ren ja alle so huͤbsche Herren: es thue ihm leid, daß wir so ein Malheur gehabt haͤtten, und was ihm die Stockmeisterische Hoͤflichkeit noch sonst eingab. Ich forderte Schreibzeug, und schrieb dem D. Semler: daß Schmitz und ich aus dem Korbe waͤren geschleppt worden: daß der Korb ein Hurenhaus waͤre, daß wir aber dieses nicht gewußt, sondern ihn fuͤr eine ordinaͤ- re Kneipe ( caupona ) gehalten haͤtten: daß er auf unsre Befreiung bedacht seyn moͤchte, u. dgl. — Eine halbe Stunde nachher kam Herrn Semlers Aufwaͤrter, Feyge, und sagte, daß der Doctor gleich mein Billet nebst einem von seiner Hand an den Prorector abge- schickt haͤtte. — Feyge mußte uns allen nun Pro- viant holen, — Wein, Schnapps und Chokolade: dann fingen wir an, Tarok und lustig zu spielen, und verbrachten die Nacht ohne weitere Grillen. Fruͤh um neun Uhr wurden wir vors Conci- lium gefordert, wobei aber niemand als der Pro- rector, Herr Woltaͤr , und Herr Prof. Schulze gegenwaͤrtig waren. Ich und Schmitz wurden be- sonders verhoͤrt. Schmitz sprach kein Wort; ich desto mehr. Aber was halfs? Nach einigen Debat- ten uͤber unsre Unschuld u. dgl. sahen wir uns genoͤ- thigt, jeder 4 Rthl. 12 gl. Schleppgebuͤhren fuͤr die Herren Haͤscher auszuzahlen: und so waren wir wie- der frei und so ehrlich als vorhin. Kaum war ich und Schmitz in unsrer Woh- nung angekommen, als schon Herrn Semlers Feyge da war, und uns zu ihm in seinen Garten einlud. Hier ließ sich der gute Mann sehr wider uns aus: er nannte unser Betragen unwuͤrdig, schlecht und poͤbelhaft: da galt auch nicht einmal die Ausflucht, daß wir nicht gewust haͤtten, daß der Korb ein Hu- renhaus waͤre. Es sey sogar, sagte er, einem Man- ne, der den Wissenschaften obliege, unanstaͤndig, Wirthshaͤuser und Kneipen zu besuchen. Ich erin- nere mich noch, daß er bei dieser Gelegenheit einige bittere Anmerkungen uͤber den Moralisten Bahrdt anbrachte, der auch Kneipen und Bordelle besuchen sollte. Und so gings fort in einem Schelten ohnge- faͤhr eine Viertelstunde: denn wenn Semler einmal ins Keifen kam, so konnte er das Ende nicht leicht wieder finden. Indeß alle seine Bemerkungen tra- fen zu, und vertrieben den Burschen wieder aus mei- nem Sinn, der seit gestern Abend da Platz genom- men hatte. Endlich, nachdem er vom Keifen muͤde war, lud er uns zum Abendessen ein, um uns zu zeigen, wie er sagte, daß man in muͤßigen Abendstunden Vergnuͤgen und Nutzen verbinden koͤnnte. Wir wa- ren auch wirklich selbigen Abend sehr aufgeraͤumt. — Nachher hat Herr Kiefer ein ganz niedliches Sing- spiel gemacht, den Korb , worin die Begebenheit auf eine drolligte Art abgehandelt war. Das Ding sollte auch gedruckt werden; weil aber sehr viele An- zuͤglichkeiten auf gewisse Leute darin vorkamen, die, wie alle wohlbestalten Heuchler, oft manch dummen Streich ausuͤben und doch als Heilige unangetastet bleiben wollen, so unterblieb der Druck; desto haͤu- figer aber circulirte es im Manuscript. Um diese Zeit kam mein Bruder, welcher schon zwei Jahre in Goͤttingen studirt hatte, nach Halle, um seine Studien hier fort zu setzen. Ich muß sa- gen, daß ich uͤber seine Ankunft erfreut war, ob wir gleich sonst niemals solche herzliche Freunde gewesen waren, als es sich fuͤr Bruͤder geschickt haͤtte. Er bat mich, ihm ein gutes Logis auszumachen, und ich verschaffte ihm ein schlechtes. Dies hatte folgen- den Zusammenhang. In der Klausstraße, rechter Hand, ohnweit dem halben Mond, wohnte eine Frau, welche außer andern Schimpfnamen auch Beutlersba- nise genannt wurde. Mit dieser Frau ward ich durch deren Haus-Studenten bekannt, besonders durch einen gewissen Hano , welcher ihrer Tochter Chri- stel die Cour machte. Ich ließ mirs gefallen, auch den Tisch bei ihr anzunehmen. Das alte Weib war wie mehrere ihres Gleichen, eitel genug, sich Ma- dam nennen zu lassen. Sie wußte von ihren jugend- lichen Aventuͤren sehr viel zu erzaͤhlen Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. Das gehoͤrt so zum Lustmachen. . Ich hoͤrte ihre Schnurren gern, und konnte so beim Bierglas und einer Pfeiffe Taback bis zehn Uhr Abends sitzen, und mich beluͤgen lassen. Diese Madam Chemi - non — so hieß sie, vorher Frau Doͤrnerin — hatte erfahren, daß mein Bruder kommen wuͤrde, und ersuchte mich, ihn bei ihr einzumiethen; und ich thats, und mein Bruder zog mit einem gewissen Herrn Michaelis, der auch von Goͤttingen gekom- men war, bei ihr ein. Herr Semler erfuhr das, und nahm mir es uͤbel: er hatte von seinem Aufwaͤrter gehoͤrt, daß das Haus eben nicht im besten Rufe stehen sollte. Wirklich fuͤhrte es damals den Beinamen Hanauer Puff , weil immer mehrere Hanauer da gewohnt hatten. Aber es war nun einmal nicht anders! An- faͤnglich war auch mein Bruder und sein Freund Michaelis ungehalten, daß ich sie in ein solches Loch gebracht hatte; aber dies gab sich: sie fanden bald Geschmack an der dasigen Fidelitaͤt, und wohnten gern weiter da. Es kamen immer viele Studenten und huͤbsche Maͤdchen dahin, und das war so was fuͤr sie. Noch jetzt sehe ich manche angesehene Frau hier herum figuriren, welche vor Zeiten im Hanauer Puff ihre Rolle gespielt hat. So geht es in der Welt! Hand, Christchens Liebhaber, war im Herbst abgegangen, und mehrere Studenten strebten nach seiner Stelle bei dem Maͤdchen. Das merkte ich, und beschloß mein Gluͤck auch zu versuchen — nicht aus Drang der Liebe, sondern um meine Nebenbuh- ler zu necken: das war so mein Zweck, und ich fing wirklich an, mit Christchen Doͤrnerin schoͤn zu thun, und den Verliebten so ganz nach meiner Art zu er- zwingen. Meine Liebelei gelang mir, und Christel ward meine erklaͤrte Geliebte: von der Zeit an hoͤr- ten die Bemuͤhungen meiner Nebenbuhler auf; aber eben deswegen verringerte sich auch meine Anhaͤng- lichkeit merklich. Es war eine Liebschaft, der es auf meiner Seite an Grund fehlte; doch kam sie in der ganzen Stadt herum, sogar bis zu Semlern, der mir Vorwuͤrfe daruͤber machte, und im Ernste dro- Zweiter Theil. L hete, meinem Vater von solchen laͤppischen Histo- rien Semler uannte alles Historie . Wer seine Schrif- ten verstehen will, muß die Bedeutung vieler Woͤrter vorher wissen, welche der große Mann damit verband, sowol im Lateinischen als im Deutschen: und dahin ge- hoͤrt auch das Wort Historie . Nachricht zu geben. Ich waͤre ihm einmal empfohlen, sagte er, er muͤsse also auch ehrlich fuͤr mich sorgen. — Ich bemaͤntelte die Sache, und versprach forthin mehr auf meiner Hut zu seyn: und damit war er zufrieden. Semlers Haus sahe den Winter uͤber einem Traiteur-Hause aͤhnlich. Moes, Schmitz, Schmid und ich wohnten bei ihm, und liessen unser Essen von Pauli holen: darneben kamen noch taͤglich um zwoͤlf Uhr neun andre Bekannte, die anderwaͤrts wohnten, aber mit uns zusammen aßen: und so war unsre Tischgesellschaft dreizehn Mann stark. Das Bier gab Semlers Aufwaͤrter fuͤr uns alle her, und seine Tochter holte das Essen. Um ein Uhr jagte ich, auf den Schlag, alle Gaͤste aus der Stube, damit ich, mich auf meine Lectionen vorbereiten koͤnnte, und diese fuhren dann mit der groͤsten Eile auf ihren be- hufeiseten Stiefeln zur Treppe hinab, daß das Haus erbebte. D. Semler litt diesen Tumult einige Wo- chen, dann aber ward es ihm zu viel: er ließ mich kommen, und stellte mir vor, daß es ihm allemal vor dem Schlage ein Uhr graute: da entstaͤnde ein Laͤrmen und ein Gerassel die Treppe herab, als wenn der wilde Jaͤger seinen Aufzug hielte. Dabei kam der gute Mann recht in Hitze: sein Haus sey ein Haus des Friedens und der Ruhe; und wir haͤtten es zu einer Garkuͤche gemacht. Ich versprach das Unwesen einzustellen, und hielt Wort: denn die Speiserei wurde in Muͤnnichs Haus auf die Stube des Studenten Dykershoff verlegt. Muͤnnich muste das schon eher leiden, als Semler, welcher mir hernach sogar dafuͤr dankte, daß ich sein Haus vom Tumulte befreit haͤtte. Einmal habe ich mich auch geschlagen, und zwar wegen einer Lumperei mit einem meiner Landsleute. Die Schlaͤgerei hatte eine kleine Verwundung auf meiner Seite zur Folge, und kam nicht heraus, weil keine Zeugen ausser den beiden Sekundanten dabei waren. Vierzehntes Kapitel. Siehe da, ein Herr Magister ! — Gelehrte Unternehmungen . M ein Kollegienlesen war bekannt geworden, und Herr Semler befuͤrchtete, man moͤchte mir das Hand- werk verbieten, wenn ich mich nicht in die gelehrte Innung einschreiben ließ, oder nicht Magistrirte. Ich war dazu bereit: denn ich wußte schon, wie we- nig man zu wissen noͤthig hat, um diese akademische Spiegelfechterei mit zu machen. Ich verschrieb mir also von meinem Vater Geld, um die Fakultaͤt und andere Promotionskosten bezahlen zu koͤnnen. Mein Vater zeigte sich froh, daß ich Magister Legens wer- den wuͤrde, und schickte mir dreißig Louisd'ors. Diese reichten zu, da er mir nicht lange vorher einen huͤb- schen Wechsel geschickt hatte. Jetzt meldete ich mich beim Dekan, dem Herrn Schulze, und dieser bestimmte mir einen Tag zum Examen. Zugleich schritt ich zur Ausarbeitung einer Dissertation uͤber Ruprecht, den Pfalzgrafen, der von 1400 bis 1410 die Roͤmische Koͤnigskrone ge- tragen, und einigen Antheil an dem 1409 zu Pisa veranstalteten Concilium gehabt hatte. So wenig Huͤlfsmittel ich außer der Sammlung des Pistorius und dem Thesaurus Anecdotorum hatte, so su- delte ich doch so ein Ding de Ruperto Palatino zu- sammen, das ich Dissertatio inauguralis betitelte. Nach Semlers Rath sollten blos Ruprechts Bemuͤ- hungen fuͤr die Herstellung der Einigkeit der Kirche und fuͤr die Aufhebung des damals fuͤrchterlichen Schismas der Paͤbste, der Gegenstand der Dispu- tation seyn; da ich aber kaum acht Tage uͤbrig hatte, so war mir dies Thema zu weitlaͤuftig und muͤhsam. Wie viel haͤtte ich da nicht lesen muͤssen! Ich stop- pelte also zusammen, was ich vorfand, und theilte das Zusammengestoppelte in §§ ein. Machens doch viele Dissertationen-Schmiede auch so! Und meiner Mei- nung nach sollte niemals eine wichtige Materie in einer Disputation verhandelt werden. Solche Kleinigkeiten werden auf den Jahrmaͤrkten der Litteratur selten ver- handelt, und ihr Inhalt geht mit ihnen verlohren. Es giebt besonders aͤltere von reichhaltigem Werthe, die man jetzt vergeblich sucht. — Und an jeder noch so kleinen Abhandlung kann man doch so ohngefaͤhr sehen, ob der Verfasser wissenschaftlich schreiben kann, oder nicht Viele, besonders Mediciner, lassen sich ihre Disputa- tionen von Andern fabriciren: da giebt es expedite Schreiber, welche in zwei oder drei Tagen ein Ding ; und dann kommt doch die Hauptsache auf die Vertheidi ng an. Nach diesen Regeln betrachtet, war meine Disputation immer gut. Nun sollte ich ins Examen, welches im Hause des Herrn Schulze gehalten wurde. Ich erschien nachdem ich den Tag vorher die Herren von der phi- losophischen Fakultaͤt alle eingeladen hatte, am 11ten Jaͤnner 1784, nachmittags um zwei Uhr. Nicht alle Fakulisten waren zugegen. Herr Forster sag- te mirs gleich ab, mit dem Zusatz: er liebe dergleichen Pruͤfungen nicht, wo man nicht wissen koͤnnte, ob man examinirte oder examinirt wuͤrde. — — — — — — — ‒ Herr Sprengel war ebenfalls nicht da: Herr Trapp entschuldigte sich damit, daß er nicht gern Maͤnner saͤhe, die ihm nicht wohl wollten. Zudem wuͤrde er der Fakultaͤt, oder vielmehr den Herren Professoren nicht lange mehr laͤstig seyn. Herr Goldhagen war verreiset. Also waren nur die Herren Eberhard , Christian Foͤrster , der aushecken, voll Gelehrsamkeit, das heist, voll Citaten aus alten und neuen, in- und auslaͤndischen Schrift- stellern, sogar aus Arabern und Rabbinen. So ein Ding kostet zwei, drei Louisd'ors, auch mehr, nach den Umstaͤnden Wer eins noͤthig hat, und selbst derglei- chen nicht fertigen kann, darf sich nur bei mir mel- den: ich will ihm so einen, oder auch, wenn er die Auswahl haben will, mehrere Dissertations-Fabrikan- ten nachweisen, die sie schichtweise liegen haben. verstorbene Hofrath Karsten und Herr Schulze , der Dekan, gegenwaͤrtig. Es wurde uͤberall Latein gesprochen, welches ich ziemlich fertig mitreden konnte. Die Fragen und Antworten uͤbergehe ich: sie betra- fen meistens philosophische, historische, geographische und philologische Gegenstaͤnde. Das Examen dauer- te bis gegen sieben Uhr Abends, wo ich abtrat, und bald zuruͤck gerufen wurde, und die troͤstliche Ent- scheidung vernahm, daß ich immerhin promoviren koͤnnte. Wer war froher als ich! ich lief gleich zu meinem Bruder, theilte ihm meine Freude mit, und schlief hernach ganz unvergleichlich wol. Meine Disputation wurde inzwischen abgedruckt, und am 18ten Jaͤnner disputirte ich. Meine Op- ponenten waren Herr D. Semler , Herr Wald und mein Bruder, nebst einem Schlesier Teisner . Ich hatte am Ende meiner Dissertation einige Saͤtze aus meines Vaters System angehaͤngt, und man hatte das nicht einmal bemerkt Hier sind einige davon: unicitas Dei est ex essentia numeri demonstrabilis. Deus in rebus omnibus existit, sed nulli rei coexistit: ipsa rerum possibili- tas a Deo dependet: Deus supremam perfectionem s. realitatem non gradu, sed complexu possidet. Die Saͤtze sind freilich sehr dunkel; aber ein Kenner des Pantheismus sieht leicht, daß hier eine Schlange im Grase liege. : ich war froh dar- uͤber; sonst haͤtte man sie vielleicht gestrichen. Den Tag vor der Disputation machte mein Bruder uͤber meinen Umgang mit seiner Hausjung- fer einige spoͤttische Anmerkungen, welche mich auf- brachten, so daß es zu Bitterkeiten kam: das Ge- zaͤnk endigte sich damit, daß er mir erklaͤrte, er wuͤr- de nicht opponiren. Meine Antwort hierauf war protzig; und er ging fort, schmollend. — Fruͤh, da der Tanz vor sich gehen sollte, schickte er mir ein Billet, worin er mir meldete, daß er allerdings op- poniren wuͤrde, entweder ordentlich, wenn ich nichts dawider haͤtte, oder ausserordentlich, wenn ich ihm unter den ordentlichen Opponenten keine Stelle ge- statten wollte. Ich sollte mich nur auf ganz neue Argumente gefaßt halten: denn er habe sich vorge- nommen, mich zu hecheln ( carminare ). Ich schrieb ihm wieder, er solle immer den dritten Platz einneh- men: seine Argumente wuͤrde ich auch schon beant- worten: davor sey mir nicht bange u. dgl. Als wir auf die Wage kamen, war diese so voll Studenten, daß wir kaum durchkonnten: denn fast die ganze Universitaͤt kannte mich, und jeder wollte gern hoͤren, wie ich meine Sachen machen wuͤrde. Herr D. Semler fing die Oppositionen an, und brachte einige Schluͤsse vor, welche von seiner Ge- lehrsamkeit allerdings zeugten. Er machte es aber, weil ihm nicht recht wohl war, gar nicht lange. Ich hatte bei diesem Umstand die schoͤnste Gelegenheit, oͤf- fentlich zu bezeugen, wie viel ich Semlern schuldig war, wie sehr ich ihn verehrte: und das that ich mit einem mir sonst ungewoͤhnlichen Feuer. Ich konnte dazu meinen zu Hause entworffenen Aufsatz nicht brauchen, sondern ließ hier meiner Empfindung freien Lauf, und diese bildete meinen Vortrag so gluͤcklich, daß ich mit mir in Absicht dessen, was ich Semlern sagte, selbst zufrieden war. — Herr Wald hat auch recht artig opponirt. Nun kam die Reihe an meinen Bruder, welcher freilich ganz neue Argumente auftischte. Ich hatte meine Dissertation dem Herrn von Oberndorf , Kurpfaͤlzischen ersten Staatsminister zugeschrieben, und in der Dedication freilich Vorzuͤge an diesem Herrn geruͤhmt, die ich ihm im Herzen selbst ab- sprach. Allein das ist ja der Fall bei den meisten Dedicationen! Mein Bruder griff also die Zuschrift an, und zwar mit Argumenten von folgender Art: Ein niedertraͤchtiger Schmeichler ist ein Luͤgner, je- ner bist du; folglich bist du auch dieser. Ich stutzte gewaltig bei diesem Schluß, leugnete aber natuͤrlich den Untersatz; er indeß bewies ihn aus meiner Zu- schrift. Ich hatte hier gesagt, Herr von Oberndorf mache die Pfalz gluͤcklich: mein Bruder fuͤhrte meh- rere Thatsachen an, woraus das Gegentheil erhellete, und woruͤber die Zuhoͤrer lachten. Ich hatte ferner gesagt, Herr von Oberndorf sorge fuͤr die Heidelber- ger Universitaͤt: mein Bruder bewies, daß die Uni- versitaͤt zu Heidelberg nie elender gewesen sey, als gerade seit der Zeit Herr von Oberndorf am Ruder saͤße. — Daß dabei manche groͤbere Invektiven un- terliefen, kann man sich vorstellen. Herr Schulze, der Promotor, sagte kein Wort, wie er mich denn ganz allein meine Siebensachen defendiren ließ. End- lich wandte sich mein Bruder zu den Zuhoͤrern und sagte: Auctor dissertationis se veritati colaphos infregisse optume et ipse perspicit; verum si- bi amissum patriae magnatum favorem sua se impudentia adulandique studio recuperaturum persuadet. Was sollte ich auf dergleichen Sar- kasmen antworten? Mein Bruder hatte freilich Recht; aber sagen haͤtte ers doch nicht sollen. Herr Teisner hat nicht viel gesagt. So hatte ich nun einen akademischen Gradus, und konnte ein großes M. vor meinem Namen hin- pflanzen: das hab ich aber doch nur selten gethan. Auch hoͤrte ich lieber meinen Namen, als den Ma- gister-Titel: denn alle akademischen Wuͤrden kommen mir so zunftmaͤßig vor, und waren mir immer laͤ- cherlich. Ich hatte dergleichen bei den Alten nicht gefunden, und wuste recht gut, daß diese Titulatu- ren und die Art, sie zu erlangen, Erfindungen der barbarischen Zeiten waren. Daher hat der Doktor, Licentiat, Magister und andere dergleichen Frivoli- taͤten wenig bei mir gegolten. Auch hab ich mich immer gewundert, wie Herr Bahrdt, der sich doch uͤber manches Vorurtheil weggesetzt hatte, wenig- stens vorgab, sich daruͤber weggesetzt zu haben, noch immer den theologischen Doktor vor seinem Namen figuriren ließ. Er war, wie er in seiner Lebens- geschichte selbst gesteht, auf sehr anomalische Weise dazu gelangt: hatte hernach alles Verhaͤltniß mit der lieben Theologie aufgegeben, und war Billar- deur und Schenkwirth geworden; und doch blieb er dem Titel nach — noch immer Doktor der Theologie. Das hat mich sehr befremdet. Er haͤtte sollen schlechtweg Herr Bahrdt heißen: das wuͤrde ihm an seinem Ansehn und an seiner Gelehrsam- keit gar nichts geschadet haben. Doch dies im Vorbeigehn! Da ich jetzt mehr Recht als vorher hatte, Vor- lesungen zu halten, so erklaͤrte um mich als Magister zu produciren, die dunkeln atyren des Perseus; und so gewaltig viel Erudition ich auch da- bei auskramte, so war ich doch mit meinen Lektionen innerhalb zwei Monaten fertig. Diese Vorlesung war gratis, und meine Zuhoͤrer hoͤrten mich gern. Daraus schloß ich, daß wenn ich auf Ostern meine Kollegien ankuͤndigen wuͤrde, ich nicht wenig Zuhoͤ- rer haben duͤrfte. In wie fern diese Hoffnung ge- gruͤndet war, wird die Folge zeigen. Ich nahm mir nun vor, auch etwas zu schrei- ben, und in der Welt als Schriftsteller aufzutre- ten. Auch das hatte mir Herr Semler empfohlen, weil, wie er sagte, ein junger Mann schreiben muͤßte, um bekannt zu werden. Ich wollte ein historisches Thema behandeln, und zwar eins aus der Pfaͤlzi- schen Geschichte, naͤmlich die Geschichte der Graf- schaft Sponheim . Ich suchte also auf der hiesi- gen Universitaͤts-Bibliothek mit vieler Muͤhe und Geduld das auf, was dahin gehoͤrt, fand aber lei- der sehr wenig. Doch ließ ich mich nicht abschre- cken, und brachte wirklich vielerlei zusammen, was mir bei meiner Absicht nuͤtzlich werden konnte. Ich wuͤnschte, daß ich meine Schreibereien noch haͤtte, besonders meine Briefe: allein durch einen Zufall ging alles zum Kaͤsekraͤmer: ich werde die- sen Zufall mit Anmerkungen weiter unten anfuͤh- ren. Es waren einige Sammlungen historischer Denkwuͤrdigkeiten darunter, welche freilich fuͤr den Liebhaber abgeschmackt, aber fuͤr den Kenner in- teressant seyn musten. Ich habe insbesondere viel gesammelt von meinem Helden, dem Kaiser Ju- lian II. den man aus christlicher Liebe den Apo- staten nannte, und dem Voltaire den Beina- men des Philosophen gab. Beide Namen schi- cken sich fuͤr den vortreflichen Julian nicht recht. Jenes ist ein Sektenname, und dieses ein Kom- pliment: es ist hier der Ort nicht, meine Behaup- tung zu beweisen. Meine Stunden auf dem Waisenhause gab ich indeß auf, muste aber mit Unmuth von meinen Schuͤlern hoͤren, daß mein Nachfolger in der hebraͤi- schen Klasse kein Verbum analysiren koͤnnte. Das that mir leid, denn ich wuste, wie sehr noch Analyse den Schuͤlern in prima hebraea noͤthig war. Ueberhaupt wurden damals auf dem Waisenhause die Grundsaͤtze der Sprachen zu sehr versaͤumt: acht- zehnjaͤhrige Schuͤler machten die groͤbsten Schnitzer wider die lateinische Grammatik: allein — da gar die Lehrer sich dergleichen erlaubten, so mustens ihnen die Schuͤler ja wol absehen! Ich muß hier eine philologische Schnurre er- zaͤhlen. Mein Landsmann Sch***, ein nicht un- ebner Lateiner, wollte nach Art aller Philologen von geringerm Gehalt, nichts Lateinisches leiden, was in Meister Marx Tullius hinterlassenen Buͤchern nicht befindlich waͤre. Sein zweites Wort war immer ciceronianisch Herr Scheller hat so'n Buch gemacht, woraus man soll ciceronianisch griffeln lernen. Der Titel ist: Prae- cepta stili bene latini, imprimis ciceroniani. Kennern muß bei dem Titel schon klar werden, daß man aus dem Buche nicht kann ciceronianisch schreiben lernen, weil Herr Scheller selbst — nicht ciceronianisch schreibt. . Ich hatte fuͤr jemanden ein soge- nanntes Curriculum Vitaͤ aufgesetzt, und Herr Sch*** hatte es wohl an funfzehn Stellen verbes- sert, weil es nicht aͤcht ciceronianisch abgefaßt waͤre. Dies aͤrgerte mich, und ich beschloß, dem Kritiker einen Possen zu spielen. Ich stellte mich also, als hielt ich ihn fuͤr einen Mann, der den Geist des Cicero neun und neunzigfach inne haͤtte, und un- terwarf Einiges seiner Kritik. Das freute dem Ci- roner so sehr, daß er mich mit lateinisirender Sal- baderei fuͤrchterlich quaͤlte, und mir da ein langes und breites von der ciceronischen Wortstellung herschwazte, wovon er ein Buch schreiben wollte. Ich uͤbersetzte endlich ein Stuͤck aus Cicero's Bu- che von der Natur Wehn, wie Kinder aser uͤbersetzt der Goͤtter, schrieb Cicero's Latein darneben, und gab mein Geschreibsel dem Herrn Sch***, um seine Censur zu vernehmen. Herr Sch*** korrigirte den Text des Cicero an mehr als dreißig Stellen, und gab mir ihn so wie- der. Ich versuchte es, meine Constructionen in Gegenwart mehrerer Studenten als ciceronisch zu vertheidigen; aber vergebens: Sch*** wollte und mußte recht haben. Endlich holte ich meinen Cicero aus der Tasche, und zeigte ihm, daß er den Mei- ster selbst, seinen angebeteten Cicero, korrigirt hatte. Gelaͤchter auf meiner und der Studenten, und große Beschaͤmung auf Sch***s Seite, war die Folge. Nachher ist Herr Sch*** mir niemals wieder recht gut geworden. — Man werfe dem Afterphilologen allerhand dumme Streiche vor, schelte ihn einen Esel: er wird nicht so boͤse werden, als wenn man ihm beweißt, er verstehe das Wesen des ciceroniani- schen Styls selbst nicht recht In der zweiten Auflage der Beleuchtung der Trenkischen Lebensgeschichte kommt eine merk- wuͤrdige Stelle uͤber diese Bemerkung vor. Die zweite und dritte Auflage dieses Werkchens soll von Herrn Bispink seyn. . — Wer schoͤn denkt, wird schoͤn schreiben: und wenn er gleich mit Fehlern schreibt, wird man doch lieber sein Geschrie- benes lesen, als das allerfeinste grammatisch-rich- tige, welches ohne Gedanken ist. Wer mag gern die Deklamationen des Quintilians lesen, mit samt dem schoͤnen Latein? Um selbige Zeit war ich nirgends lieber, ausser meinem redlichen Semler , als bei Herrn Profes- sor Sprengel , nicht dem jetzigen Vicharzte, son- dern dem alten und beruͤhmten Historiker. Der freie offene Karakter dieses Mannes freute mich un- endlich, und ob ich gleich in einem Fache lesen wollte, worin auch er las, so war er doch freundschaftlich gegen mich, und theilte mir sowohl von der Univer- sitaͤts-Bibliothek, als aus seiner eignen mit, was ich begehrte. Weit anders dachte ein anderer Herr, der damals Magister war: er offenbarte den Stu- denten, und namentlich Herren Sussenbeth und Rebenack meine Schwaͤche in der Reichsgeschichte, und sagte ihnen, daß ich die Quellen nicht recht kennte: daß ich ein Wicht waͤre: — gerade als wenn der liebe Herr Magister nicht haͤtte denken sollen, daß ich, wie er, ja noch lernen koͤnnte, was ich zur Zeit nicht wuste! Herrn M. Fabri habe ich mir auch zum Feinde gemacht. Er hatte den alten Zopf verbessert Herr Professor Wolf hatte neulich einen guten Ein- fall, den alten Zopf betreffend. Er sagte: der alte Zopf sey schon von so manchem ausgekaͤmmt worden, sey aber immer der alte Zopf geblieben! ; hatte aber bei seiner Arbeit derbe Schnitzer gemacht. So hieß es z. B. daß Philipp der Schoͤne, von Oesterreich, der Tochtermann Ferdinands des Ka- tholischen, die ganze Spanische Monarchie geerbt haͤtte: daß Emmerich Joseph, Erzbischof zu Mainz noch 1783 lebte, und was der Balhornereien mehr waren. Ich raisonnirte also derb uͤber dieses Brod- buch, wodurch Herr Fabri meinem Freund, dem Herrn Professor Mangelsdorf, wehe gethan hatte: die Studenten referirten Herrn Fabri, was ich ge- sagt haͤtte, und Herr Fabri raͤchte sich durch Anekdo- tensammlungen von mir: sogar suchte er Herrn Semler wider mich einzunehmen, das ihm aber nicht gelang. Ueber die Syrische Sprache hoͤrte ich ein Kol- legium bei Herrn Professor Schulze, dem jetzigen Direktor unsers Waisenhauses, und profitirte wenig- stens so viel, daß ich die Michaelische Chrestomathie, nebst dem syrischen neuen Testamente ziemlich verste- hen konnte. Ich fing auch an, in den Werken des Ephraem zu gruͤbeln, und kam mit Huͤlfe der Ueber- setzung so halb und halb zu rechte. Ich habe die orientalischen Sprachen immer sehr leicht gefunden, und wundre mich eben darum sehr uͤber den Unfleiß unsrer Studenten auf allen Akademien in diesem Stuͤck. Die Herren begehren gelehrte Religion ken- nen zu lernen, und lernen die Sprachen ihrer hei- ligen Buͤcher nicht! Das kommt mir vor, als wenn ein Pandektenkauer das Latein, oder eine Hofdame das Franzoͤsische versaͤumen wollte. Das waren nun so meine gelehrten Arbeiten den Winter uͤber; aber meine Leser werden sich jetzt auch wieder gefallen lassen, dumme Streiche von mir zu hoͤren! Also uͤberschreibe ich mein Zweiter Theil. M Funfzehntes Kapitel, Dumme Streiche von allerhand Art . E in kuͤnftiger Dozent haͤtte billig sollen klug han- deln. Wir brauchen keine Tugend, sagt der große Rousseau , wenn wir nur klug sind Il ne faut point de vertu, si nous sommes sages , heißt der goͤttliche Spruch. . Ich habe nachher gelernt, daß man unter dem Namen Recht- schaffenheit, Menschenliebe und uͤberhaupt Tugend blos Klugheit — so oder so modificirt — meynt. Damals aber verband ich noch mit diesen Worten die Bedeutungen, welche ich in der Moralphilosophie gelernt hatte, und fand erst spaͤterhin, daß die Mo- ralisten gar uͤble Sprachmeister sind, so wie die Her- ren Metaphysiker. Das war nun schon dumm genug! Dem zu- folge schmeichelte ich niemanden, ich besuchte sogar keinen, weil ich mich nicht scheniren wollte; und die Herren sagten denn, wenn von mir die Rede war, allemal: den Magister Laukhard kennen wir nicht; wie wir aber hoͤren, so soll er ein Kerl ohne Kopf und von sehr schlechten Sitten seyn. Dieses loͤbliche Gezeugniß gaben mir die Herren aus Menschenliebe, um die Leute vor mir zu warnen. Ganz unrecht hatten sie wohl nicht: denn im Grunde hatte ich diese Stimmung der Herren gegen mich vielleicht selbst verschuldet; und so — mag ich den Herren Theologen und Philosophen nichts aufbuͤrden, was ihnen vielleicht nicht gehoͤrt. Ich machte einen Aufsatz, dem ich den Ti- tel gab, deutsche Synonymen . Da brach- te ich alle mir bekannten Woͤrter zusammen, wel- che die Besoffenheit und den unflaͤtigen Umgang mit Frauenzimmern auf deutsch bezeichnen. Das war nun so ein Stuͤckchen Arbeit aus der lieben Zotologie! Ich machte den Aufsatz gemeinnuͤtzig, indem ich erlaubte, daß jeder Student, der nur wollte, ihn abschrieb: ich war sogar willens, ihn drucken zu lassen, und Herr Adelung haͤtte alsdann einen derben Beitrag zu seinem Woͤr- terbuch gefunden. Herr Semler erfuhr das, und koramirte mich nicht schlecht: da ließ ich denn das Ding; abes mein Aufsatz war schon zu sehr ins Publikum, als daß er haͤtte koͤnnen unter- druͤckt werden: sogar die Philister auf dem Raths- keller lasen die deutschen Synonymen von Magister Laukhard und gaudirten sich hoͤchlich uͤber die drollig- ten Ausdruͤck. Auch hab ich Skandal in Reideburg gehabt. Ich war da sehr oft beim Einne mer, welcher da- mals drei ledige Toͤchter hatte, wovon jetzt zwei ver- heirathet sind. Bei der aͤltesten soll man contra formam excipirt haben, denn in Hinsicht auf die Materie war nichts einzuwenden. Ich habe mich niemals mit den Maͤdchen eingelassen: sie hatten schon das Ihrige, naͤmlich Anhang unter den Stu- denten von einer gewissen Gesellschaft, mit denen ich nicht gern zu schaffen haben mochte. Einst war ich nebst mehrerern Studenten beim Einnehmer, und stimmte sein Klavier. Diese Arbeit hielt mich bis in die Nacht auf, und dabei tranken wir einen Krug nach dem andern. Der Spiritus war uns allen zu hoch gestiegen, und wir beschlossen, noch erst zu Nacht zu essen, und hernach mit Eberts Kutsche zu- ruͤck zu fahren. Ueber Tische fielen allerlei Gespraͤche vor: unter andern machte der Einnehmer uͤber eine gewisse Jungfer Brillmeiern aus Halle, mit der ich um diese Zeit vertraut umging, einige An- merkungen, die mir misfielen. Ich wollte das Ge- spraͤch ablenken, aber der Einnehmer setzte es geflis- sentlich fort: er sahe, daß es mir nahe ging. Da fragte ich ihn mit recht unverschaͤmtem Ton, ob seine Toͤchter bald heurathen wuͤrden, und ob er glaubte, Großvater zu werden? — Letztere Frage befremdete ihn; ich machte aber zu ihrer Erklaͤrung solche Glos- sen, daß ihm ein Licht aufging. Meine Leser wuͤrde ich beleidigen, wenn ich diese Glossen hersetzen wollte. Freund Einnehmer fing Feuer, und gab mir seinen Zorn durch einen Stoß zu erkennen. Nun fiel alles uͤber mich her, sogar die Toͤchter und der Sohn: kurz, es wuͤrde mir klaͤglich ergangen seyn, wenn nicht meine Begleiter recht handfeste Leute gewesen waͤren. Es war eine allgemeine Balgerei: am En- de zogen wir ab, und fuhren nach Halle — ohne zu bezahlen. Den andern Tag fuhr ich mit drei Studenten abermals nach Reideburg; aber zu Zacharias Schmid. Dieser freute sich unendlich uͤber den gestrigen Vor- fall, wie sich denn immer ein Wirth freut, wenn bei dem andern Spektakel gewesen ist. Von da aus schickte ich zum Einnehmer zwei Briefe, einen an ihn, und den andern an die juͤngste Mamsell, worin ich beide nach meiner Art — ohne es recht zu wollen, um Pardon ansprach, und mir meine Rechnung vom vorigen Tage ausbat. Der Einnehmer ließ mir wie- der sagen: es wuͤrde ihm lieb seyn, wenn ich ihn besuchte. Aber das konnte ich nicht; schickte jedoch die 20 Groschen, die ich schuldig war. Mit der Jungfer Brillmeierin habe ich freilich einen kleinen Roman gespielt. Sie war die Tochter eines hiesigen Buchbinders, und ich war mit ihr auf der sogenannten Loge bekannt geworden. Sie hing sich fest an mich, und wo ich hinging, war sie auch: sogar besuchte sie mich auf meiner Stube, bald in Gesellschaft ihres Vaters, bald allein. Dieser Ro- man hat mir viel Zeitvertreib, aber auch manche Kosten gemacht, und ich wiederhole es noch einmal, daß ein Akademiker allemal einen kreuzdummen Streich macht, wenn er sich mit einem Maͤdchen abgiebt. Wenn alles noch hingeht, so empfindet doch der Beutel sehr nachtheilige Folgen. — — In Jungfer Fieckchens Boͤrnerin Gunst war ich der Dritte: mein Successor war Herr Stork , auf welchen noch fuͤnf andre folgten: der letzte verdarb dem guten Maͤdchen die Taille. Dann ging sie nach Berlin, und ließ ihr Kind bei ihrem Alten. Einst kam ich nach Reideburg, wo gerade eine ge- wisse Studenten-Innung ihren Landtag hielt. Der Beschluß davon war ein Kommers, zu dem ich ein- geladen wurde. Ich ging hin und mußte, weil ich Magister war, honoris caussa das Praͤsidium uͤber- nehmen. Ich praͤsidirte mit allem Ansehn und aller Wuͤrde eines aͤchten alten Burschen, der nicht rien! rien! sondern courage! courage! ruft, und den Komment recht versteht. Da gings munter uͤber munter! Es leb der Bruder Magister hoch! Ein Hunzfott, der ihn schimpfen sollte! erschallte zu mei- ner Freude aus allen Kehlen. Ich dachte dabei an nichts Arges; doch kam es mir selbst etwas spanisch vor, daß ein Mann, der auf dem Catheder docirte, auch Praͤses eines Burschenkomments seyn sollte; aber — ich setzte mich daruͤber weg. Zwei Tage nachher wußte mein Semler schon alles: er nahm mich vor und las mir den Text nach Noten. Ich haͤtte ohnehin, sagte er, bei der philosophischen Fa- kultaͤt keine Freude: ich sollte sehen, daß man mir die Erlaubniß, Kollegien zu lesen, verweigern und mich aus der Lehrer Liste ausstreichen wuͤrde. — Das that mir freilich wehe, machte mich aber nicht kluͤger. Ich fuhr fort, die Wirthshaͤuser nach wie vor zu besuchen und mich in den Gesellschaften einzu- finden, an die ich einmal gewoͤhnt war. Ein gewisser Heuser hatte auf seiner Stube im Schmiedischen Hause auf dem alten Markte eine sogenannte gelehrte Societaͤt gestiftet, wobei auch ich war. Die Person zahlte jedesmal 8 Gr. wofuͤr Kaffee, Taback, Bier und Abendbrod gegeben wurde. Einer um den andern mußte eine Vorlesung halten, und ich machte den Anfang. Etwan sechs Wochen blieb unsre Gesellschaft ungestoͤhrt: dann bekam einer von uns mit einem Innungs- oder Ordensbruder in Passendorf Haͤndel. Man hatte naͤmlich unsre ge- lehrte Gesellschaft fuͤr einen neu aufkeimenden Orden angesehn, und war daruͤber nach aͤchten Ordens- grundsaͤtzen eifersuͤchtig. Man beunruhigte uns so so lange, bis es endlich zur foͤrmlichen Schlaͤgerei am. Unser Kumpan hatte indeß Gluͤck, und ver- wundete den Ordensmann: dieß brachte alle Ordens- Kinder auf, daß sie in allen ihren Gelagen uͤber unsre Gesellschaft spoͤttelten. Es entstunden daher mehrere Haͤndel, und am Ende wurde alle gelehrte Beschaͤf- tigung vergessen, da wir nur mit Haͤndeln und Schlaͤ- gereien zu thun hatten. Ich nahm zwar keinen An- theil an den Haͤndeln selbst, sprach aber doch immer in der Versammlung, was jedesmal der Komment forderte. Auf einen Sontag war ich bei Herrn Prof. Trapp zu Gaste. Ich war gut angezogen, und trug seidne Struͤmpfe. Abends gegen zehn Uhr ging ich fort, traf unterwegs meinen alten Koͤster, der mich bat, ihn in den Puffkeller auf dem Markt un- term Rathhause zu begleiten Dieser sogenannte Puffkeller war ein Bordell der nie- drigsten Gattung. Er gehoͤrte zum Rathhause, und wurde fuͤr 12 Rthlr. jaͤhrlich vermiethet. Erst seit der Aufsicht des jetzigen Stadtpraͤsidenten, Herrn von Barkhausen , hat diese skandaloͤse Wirthschaft da aufgehoͤrt. . Ich stellte ihm vor, daß es fuͤr einen Magister sich schlecht schicken wuͤrde, in den Puffkeller zu gehen: aber Koͤster besiegte alle meine Gruͤnde und Einwendungen, und der Herr Magister ging in den Puffkeller. Im Puffkeller war ein gewisser Herr, den ich noch taͤglich herum- gehen sehe: er wird es vielleicht auch nicht vergessen seyn. Ich ließ mir Schnapps geben, konnte ihn aber nicht trinken, und stellte ihn mit einem Fluche auf den Tisch. Mosjeh Firlefanz sagte drauf mit einer altklugen Mine, es sey freilich kein Magister- schnapps! Blox! steckte ich ihm eine Ohrfeige, Koͤ- ster half, und Meister Firlefanz wurde zum Loch hinaus geschmissen. Wir blieben nicht sehr lange. Als wir in der Galgstraße der Ulrichskirche nahe ka- men, trat ploͤtzlich Mosjeh Firlefanz vor uns, und forderte Rechenschaft wegen der Beleidigung im Puff- keller. Da wir ihm jetzt noch groͤber antworteten, und mit Pruͤgeln droheten, siehe, da kamen noch zwei baumstarke Bengel aus dem Hinterhalt, und schlugen auf uns zu. Wir wehrten uns ritterlich, warfen einen von den Bengeln zur Erde, und Mos- jeh Firlefanz selbst bekam derbe Schlaͤge mit der Faust ins Gesicht, daß die Marken davon noch vierzehn Tage zu sehen waren. Endlich kam der Nachtwaͤch- ter, der alte ehr Hase : er kannte den Firlefanz und mich, und drohte uns, wenn wir nicht Ruhe hielten, mit der Compagnie des Herrn Baͤrs. Wir hielten also inne, und schieden von dannen. Aber man denke, wie mein hellgruͤner Rock, meine seidne Weste und meine seidnen Struͤmpfe ausgesehen haben! Ich muste selbst uͤber meine Figur lachen: Koͤster sah nicht besser aus: er schlief die Nacht bei mir. Den folgenden Tag erhielt ich einen anonymi- schen Zettel durch einen Soldaten. Man schrieb mir, daß man mich auf der Maille zu sprechen wuͤnschte: ich moͤchte zwischen drei und vier Uhr hin- kommen. Das that ich, und ecce homo, mein Herr Firlefanz stand mit seinem zerkratzten Gesichte vor mir. Er bath mich, die Sache geheim zu hal- ten: denn er haͤtte von seiner Madam — so nannte er seine rothhaarige Frau — großen Skandal, wenn sie erfuͤhre, daß er im Puffkeller gewesen waͤre. Er sey besoffen gewesen u. dgl. — Ich war willig, die Sache zu unterdruͤcken, und trug dem Firlefanz auf, auch den Nachtwaͤchter Hase zu befriedigen, damit nur der keinen Spuck machte. Und so ging jeder sei- nen Weg. — Aber nicht wahr, mein Herr, ich habe Wort gehalten, und nenne Sie noch jetzt nicht! — Ich habe noch einmal einen Handel in eben demselben Puffkeller gehabt mit einem gewissen noch hier lebenden Chirurgus, den ich aber uͤbergehe: es kam nicht zum balgen. Bei allen meinen erzdummen Streichen, die einem akademischen Docenten so sehr unanstaͤndig waren, machte ich immer meine Apologie, und ver- theidigte mich mit dem Beispiele andrer angesehener Maͤnner, welche auch dergleichen getrieben haͤtten: besonders half ich mir mit den Thaten des verstorb- nen Geheimenraths Klotz , des Herrn M. Schi - rach Jetzt Herr von S**. — Dieses asotische Maͤnnlein hat so erhabene Begriffe uͤber Ehre und Schande ge- hegt, daß er bei lichtem Tage die Bordelle in Halle be- sucht, und einmal die philosophische Geduld gehabt hat, sich von da aus, von Haͤschern zum Prorector, dem ver- storbenen Herrn Professor Meyer , fuͤhren und von diesem die bittersten Wahrheiten sich in Gegenwart einer vornehmen Tischgesellschaft — zu mehrerer Ein- dringlichkeit — sagen zu lassen. Einige Augen- und Ohrenzeugen dieser Begebenheit leben noch. — sonder- bar aber, daß entmaͤrkelte Wolluͤstlinge, die mit etwas Kopf viel Freigeisterei des Herzens verbinden, die Großen der Erde fuͤr so gutmuͤthige Kurzsichtlinge halten, daß sie wie tollkuͤhn es wagen, ihnen Rechte und Vorzuͤge anzuschmeicheln, auf die jeder selbststaͤn- dige Fuͤrst aus Ueberzeugung, als auf Usurpationen Verzicht thut. Indeß um koͤniglich seinen verwachsenen Luͤsten froͤhnen zu koͤnnen, haben schlaue niedertraͤchtige Seelen Koͤnigen von jeher geschmeichelt, und Menschen- und Voͤlkerrecht als Kleinigkeit behandelt. Kurzsichtige Theologen haben es mit dem lieben Gott nicht anders gemacht. Dies sollte der Herr Licentiat Wittenberg in Erwaͤgung ziehen, um sein vortrefliches historisch- politisches Magazin nicht mit Debatten gegen einen so elenden und niedertraͤchtigen Sudler, als Herr von S** ist, zu verstellen. S**, Hoffmann und Con- sorten brandmarken sich selbst genug, um sie der Ver- achtung der Mit- und Nachwelt unbekuͤmmert zu uͤberlassen. , des Professors Hausen und des M. Traͤ - ger , von welchen damals noch allerhand skandaloͤse Anekdoͤtchen herum gingen. Es ist eine wunderliche Sache um den Eindruck, den das boͤse Beispiel, vor- zuͤglich von sonst angesehenen Maͤnnern, auf die Seele derer macht, die mehr vom Ansehn und dem Schlendrian, als von den Vorschriften einer unbe- fangenen Vernunft abhaͤngen. Billig haͤtte mich da- mals das Beispiel dieser großentheils sonst verdien- ter und wirklich gelehrter Maͤnner von aͤhnlichen Streichen abziehen sollen, um so mehr, da man mir zugleich erzaͤhlte, daß sie durch ihre Possen allen Kre- dit verlohren haͤtten, und sogar der Kinder Spott geworden waͤren. Aber bei mir war gerade entge- gengesetzte Wirkung: ich entschuldigte mich selbst bei mir mit diesen Beispielen: haben es jene nicht besser gemacht, sagte ich mir, je nun, so kann dir es auch hingehen! Ein sehr schiefer, schaͤdlicher, aber doch sehr gewoͤhnlicher Syllogismus! Mein Schmitz legte sich auch stark aufs Trin- ken, und that es mir immer zuvor; wenigstens konnte er noch einmal so viel saufen als ich, ohne besoffen zu werden. In unserm Hause wohnte ein gewisser Z*** aus Berlin, ein witziger, heller Kopf, aber ein Hans ohne Sorgen, wie jener Ukalegon in der Ge- schichte des Aesopus. Er ging beinahe in kein Kol- legium, studirte aber doch fleißig fuͤr sich, und lernte mehr als die Herren Heften-Schmierer: er war vollkommen erfahren in der lateinischen, griechischen und deutschen Sprache; denn sein Vetter, der ver- storbene gelehrte Professor Z*** zu Berlin, hatte ihn vortreflich unterrichtet. Er las die besten Aus- gaben der klassischen Schriftsteller mit der groͤßten Emsigkeit. Er machte viele Noten uͤber das, was er las; und die Noten waren immer sehr treffend, besser als die, welche große Philologen uͤber die alten Schriftsteller hinzugiessen gewohnt sind. Aber ich will ja der Gelehrsamkeit meines redlichen Z*** keine Lobrede halten! die vermuthet doch niemand in einem Kapitel, das so eine Ueberschrift traͤgt, wie das meinige! Z*** war ein Ohnesorg und zog sich nicht eher an, als bis er ausgehen wollte, und er ging nur alle drei oder vier Tage einmal aus. Er saß da ohne Beinkleider in der warmen Stube, und zeigte sich nicht selten in puris naturalibus. Wenn nun Ein Narre ist, so machen gleich ihrer zehn die Thorheit nach, und so ging es auch hier: die Ge- wohnheit, sich nicht anzuziehen, riß im ganzen Sem- lerischen Hause ein — mich ausgenommen: denn an dieser Saͤuerei fand ich trotz meiner zotologischen Ideen doch keinen Geschmack. Semler selbst erfuhr es, und ermahnte mich, diesem Unwesen Einhalt zu thun, und das Rauhe heraus zu kehren. Ich thats zum Theil; aber die Hosen wurden noch nicht ange- zogen. Da schrieb uns Semler in lateinischer Spra- che: er wundre sich sehr, wie Leute, quorum alii bonas litteras discere se dicerent, quidam et docere so weit sich vergessen koͤnnten, in seinem Hause die honestatem publicam zu beleidigen, und den Maͤdchen, quae essenta servitiis, quin et suis interdum filiabus partes corporis hinzuweisen, quas melior mos verdeckt wissen wollte. Er muͤßte uns nur sagen, wenn der Skandal fortwaͤhrte, er schlechterdings den Herrn Prorector angehn, und um unsre Wegschaffung aus seinem Hause anhalten wuͤrde, u. s. f. das Briefchen that seine Wirkung; doch nur halb: denn Herr Z*** zog sich, so lange er da war, naͤmlich bis auf den Herbst 1783 wo er nach Jena ging, dennoch nicht mehr als zweimal die Woche uͤber an. Sechszehntes Kapitel. Jenaischer Komment . M ein Freund Dambmann war nach Jena ge- zogen, und hatte mich in seinen Briefen immer ge- beten, ihn da zu besuchen. Ich nahm mir also diese Reise vor, und marschirte zu Anfang des Maͤrzen 1783 zu Fuße nach Jena. In Lauchstaͤdt traf ich einen Franzosen an, einen Tabuletkraͤmer, den ich schon in Manheim gekannt hatte. Der Kerl erkannte mich nicht. Als ich daher hin und her uͤber die Pfalz fragte, n er unter andern auch meinen Namen, und setzte da einen Roman zusammen, uͤber den ich erschrack. Ich fing an zu widerlegen, bis endlich der Kerl meiner Person sich wieder besann, und um Vergebung bath mit dem Vorgeben: man spraͤche so von mir in der Pfalz: er erzaͤhle blos wieder, was andre Leute uͤber mich gesagt haͤtten. Zugleich erfuhr ich, daß ein gewisser Herr Latus , sonst Huber genannt, um mein Thereschen angehalten; aber den Korb erhalten haͤtte. Diese Nachricht bestaͤtigte sich 1787, wo Herr Latus noch immer nach Thereschen freite, den Korb abermals erhielt, und von mir, wie ich nachher er- zaͤhlen werde, beinahe waͤre ausgehaͤnselt worden. Den Namen Latus hatte Meister Huber in Erbesbudesheim bekommen, als er fuͤr den Pastor Neuner die Zinsen einheben wollte. Alle Bauern brachten die Zinsen; aber Mosjeh Latus — das war unten die Summe — wollte nicht erscheinen, und hatte doch natuͤrlich den staͤrksten Posten. Huber ging daher zum Schulzen und verklagte den Latus: der Schulz, ein Pfiiffiker, lachte derb, machte die Historie des Dumkopfs bekannt, und Herr Huber behielt den Beinamen Latus, nach der edlen Ge- wohnheit der Pfaͤlzer Sollten meine Leser vielleicht wissen wollen, wie ich vulgo in der Pfalz geheißen habe, so dient zur Ant- . In Neumark kehrte ich bei dem Wirth Tho - mas ein. Das ist ein Original von Wirth: Er ist immer eher besoffen, als seine Gaͤste, und dabei ein gefaͤhrlicher Mensch. Kaum war ich bei ihm einge- kehrt, als er mir Bruͤderschaft anboth, und mich zum Trinken noͤthigte. Ich mußte uͤber Nacht bei ihm bleiben. Abends wurde gespielt, ich nahm Theil an dem Spiele — es war Tippen — und verlohr mein Reisegeld bis auf 12 Groschen. Nach meinem Leichtsinn machte ich mir nicht viel daraus, und hoffte noch immer nach Jena reisen zu koͤnnen mit 12 Gr. Den folgenden Tag regnete es, und ich kam nicht weiter, als nach Leiha; einem Dorfe ohnweit Roß- bach. Hier ward mein Geld alle. Ich schickte also den Sohn des Wirths nach Halle an meinen Bru- der, und bat ihn um einige Thaler Reisegeld. Mein Bruder schickte sie, aber er schickte auch einen Stu- denten mit, Namens Stork, einen Landsmann, der an Liederlichkeit, und Sauferei alle andre auf der Universitaͤt uͤbertraf. Das war mir freilich sehr zuwider. Ich kannte den Stork, und dachte mir wort, daß man mich den Großen schlechthin, auch den großen Gigo nannte. Ich war uͤber diese Namen niemals boͤse, weil sie eigentlich auf nichts boͤ- ses deuteten: es war doch besser, ich hieß großer Gigo, als — Magister Weitmaul, Curtius Rufus, anghals, Gaͤnshals, u. s. w. schon, wie unanstaͤndig er sich in Jena betragen wuͤrde. Aber was wollt' ich machen! Wir blieben uͤbernacht in Leiha, und marschirten den folgenden Tag nach Naumburg. Stork fuͤhrte mich da ins Sieb, einen Gasthof. Des Abends ging ich auf den Rathskeller, Billard zu spielen, und kriegte mit einem Officier Haͤndel, aber blos in Worten. Mein Spektakel hatte indeß doch Aufsehn gemacht, und nach meiner Abreise dem Officier Verdruß zugezogen. Im Grunde war er Schuld daran: warum nannte er mich einen Bengel, da ich den Hund eines Frauen- zimmers, fuͤr welches er Achtung haben muste, ge- treten hatte? Am folgenden Tag kamen wir endlich nach Je- na: wir hatten wegen des schlechten Wetters, und weil Stork sich die Fuͤße aufgegangen hatte, in Naumburg Pferde genommen. Stork ritt in Jena vorweg, und rannte im vollsten Galopp vor das Haus, wo Herr Dambmann wohnte: es war des Protonotarius Hoffmanns Haus. Er schrie auf der Straße, wie unsinnig: Dambmann! Dambmann! einmal uͤbers andre, so, daß die Leute an der Straße alle zum Fenster hinausgukten, den Menschen zu se- hen, der so fuͤrchterlich spektakeln konnte. Also wurde gleich in ganz Jena herumposaunt: der Magister Lauk- hard von Halle und ein hallischer Bursch seyen eben Zweiter Theil. N angekommen, waͤren abscheulich betrunken — was doch nicht wahr war — und haͤtten einen fuͤrchter- lichen Skandal schon auf der Gasse angehoben. Ich logirte in Jena bei Herrn Dambmann; Stork trieb sich bei den Mosellanern herum, und besoff sich alle Tage zweimal. Ich hatte in Halle schon angefangen, einen Ro- man zu schreiben, naͤmlich Leben und Thaten des Herrn Magisters Baldrian Weit - maul . Meine Leser wissen schon, wen ich zunaͤchst gemeint habe. In Jena arbeitete ich fleißig daran, webte noch Jenaische Schnurren hinein, und brachte ihn zu Stande. Das Buch ist aber damals nicht gedruckt worden, weil man ihm in Halle die Censur weigerte, wie ich bald erzaͤhlen werde. Ich fand den jenischen Komment 1784 noch immer, wie ich ihn schon sechs Jahre vorher gefun- den hatte: nur etwas feiner war er geworden, wie der Anzug der Bursche. Im Ganzen waren die Herren auch fleißiger. Ich sprach einen gewissen Ißbeck aus Saarbruͤcken, den ich schon in Darm- stadt gekannt hatte: er erzaͤhlte mir seine Fatalitaͤten, wie er von Gießen und Erlangen waͤre relegirt wor- den, und nun in Jena auf der Schaukel stuͤnde; er mache sich aber nichts daraus! Seine Brust sey durch das unbaͤndige Saufen und andre wilde zer- stoͤrende Lebensart ganz ruinirt, und er haͤtte die Schwindsucht: es moͤchte indeß werden, wie es wolle, er muͤsse doch bald sterben, stuͤrbe aber mit Vergnuͤ- gen, weil er doch den Burschen nach dem aͤchten Komment gespielt haͤtte. — Schoͤner Trost! Die Mosellaner zeichneten sich noch immer durch fidele Lebensart von den andern Landmann- schaften aus, und saßen mehr als die uͤbrigen auf dem Fuͤrstenkeller und in den Schenken der Doͤr- fer Studenten aus Gegenden, wo Trinkgelage zur Na- tional Sitte geworden sind verderben oft eine ganze Universitaͤt. Nur erst zu Hause den Brodkorb hoͤher gehaͤngt! . Ich saß auch oft bei ihnen, als meinen Lands- leuten, und brachte mich dadurch in sehr uͤblen Kre- dit, so daß auch Herr D. Griesbach , den ich wiederum besuchte, mir nicht undeutlich zu verstehen gab, daß ihm mein Betragen nicht gefiele: ein gra- duirter Mann, meinte er, muͤßte mehr Decenz in sein Benehmen zu bringen suchen. Er hatte Recht: ich that mir eben darum auch wirklich Zwang an, und besuchte den Fuͤrstenkeller nicht weiter. Das Kommersiren auf den Stuben waͤhrte auch damals noch fort: ich selbst habe einem solchen lustigen Gelage beigewohnt, in D. Doͤderleins Behausung. So wenig Respekt hatten die Herren Jenenser fuͤr einen Doctor der Theologie! Der Kirchmesse in Lobstaͤtt habe ich ebenfalls beigewohnt: es ging recht lustig da zu. Die Nym- phen aus Jena waren mit ihren Scharmanten zuge- gen, und tanzten sich recht satt. Das jenaische Frauenzimmer ist uͤberhaupt nicht sproͤde. In Halle mischt kein gemeiner Philister sich in die Gelage der Studenten: aber in Jena ist das anders. Die Philister sitzen in den Schenken neben dem Studenten, und mit vielen hat der Student gar Bruͤderschaft. Ich selbst erinnere mich noch gut, damals mit dem Friseur Stahlmann und dem dicken Fleischer Schmid Bruͤderschaft gemacht zu haben, und zwar auf der Schneidemuͤhle, wo damals fluͤch- tige Wirthschaft gefuͤhrt wurde. In Wenigen-Jena bin ich auch gewesen, und habe da die Wirthschaft des lustigen Schneiders angesehn. Es war doch auch gar nicht der geringste Anstand mehr in dieser Wirthschaft! Das Puffloch zu Wenig-Jena ist noch elender als die Schandloͤcher dieser Art zu Halle: Pfui! Damals kam in Jena eine Zeitung heraus, deren Verfasser der Herr Hoffactor war. Sie war uͤber alle Beschreibung elend, elender noch als die sagenannten Bauern, welche in Merseburg und Halle herauskommen Hier muß ich eine Anmerkung machen. In Merse- burg und Halle erscheint woͤchentlich ein Blatt, worin . Sie ist nicht fortgesetzt worden. In Kala hatte ich einige lustige Auftritte. Meine Jenaischen Freunde wollten mir ein Vergnuͤ- gen machen, und fuhren mit mir dahin. Es ist ein Staͤdtchen ohngefaͤhr zwei Meilen von Jena. Wir divertirten uns da im Stern, wo die Toͤchter des ein franzoͤsischer Soldat und ein Bauer mit einander uͤber neue Weltbegebenheiten sich unterhalten. Das Blatt wird wegen seiner Wohlfeilheit von der niedri- gen Volksklasse stark gelesen. Es koͤnnte recht gut Kenntnisse verbreiten helfen, wenn es zweckmaͤßiger eingerichtet waͤre. Allein ich habe vieles daran aus- zusetzen. Neulich stand im hallischen Bauer: Anspach und Bayreut seyen groͤßer als Schlesien, haͤtten 5 Mil- lionen Einwohner, und traͤgen 8 Millionen Thaler ein. Das haͤtte Herr Kolbatzky , der ein Mathema- tiker seyn will, nicht schreiben sollen. — Von den Schriften des D. Bahrdts hieß es: man haͤtte sie in Sachsen verboten, weil sie die Leute zum Selbstmord verleiteten. — Noch auffallender ist die Pluͤnderung schwulstiger Stellen aus der Schubartischen Chronik. Hier ein Proͤbchen aus dem 19ten Stuͤcke dieses Jah- res 1792. „Europens grauer Weltgeist schreitet ernst- haft auf die Franzosen los: ihm zur Seite der fuͤrch- terliche Moloch: — schon haben Deutschlands unge- heure große und furchtbare Zughaͤuser (Zeughaͤuser) ihre graͤulichen Eingeweide ausgespieen, und werden den franzoͤsischen Stockspielern einen scheußlichen An- blick geben!“ — Das mag doch Styl seyn! — Ich tadle den Bauer nicht ganz, ich wuͤnsche blos, daß er besser eingerichtet werde: mehr faßliche Belehrung und weniger schales Raisonnement wuͤrde ihn nuͤtzlicher machen. Wirthes die Burschen gehoͤrig zu unterhalten wußten. Mir haben die Maͤdchen wegen ihres offenen Wesens gefallen: um ihr geheimes Betragen bekuͤmmerte ich mich wenig. Der Herzog von Wuͤrtemberg war damals mit dem Herzoge von Weimar in Jena, und ließ sich auf dem Kollegienhause von den Professoren Vorle- sungen halten. Ich habe da viele Herren gehoͤrt, und ihre Lectionen gut vorbereitet gefunden — wahrschein- lich mehr wegen ihrer zuhoͤrenden Herren Kollegen als wegen der beiden Fuͤrsten. — Herr Gruner hat mir damals besonders gefallen: er war freimuͤ- thig genug, seinen vortreflichen Fuͤrsten auf viele wichtige Wahrheiten oͤffentlich aufmerksam zu ma- chen. Ueber einige sehr hoͤrbare Anmerkungen, die auf einen gewissen Gelehrten zielten, applaudirten ihm die Studenten laut. Der Herzog von Wuͤrtemberg hatte auch in Halle den Vorlesungen des Herrn D. Semlers , Eberhards , Karsten und einiger andern bei- gewohnt. Man sagte damals, er suchte Maͤnner fuͤr seine neue Akademie zu Stuttgard. An Anek- doten uͤber den Herzog fehlte es nicht: in Halle er- innerten sich die aͤltern Buͤrger einander an das Be- nehmen der schwaͤbischen Truppen in dem siebenjaͤh- rigen Krieg. Herr Semler erzaͤhlt im ersten Bande seiner Lebensgeschichte Einiges aus jenen Zeiten, das den Wuͤrtembergischen Herren Kriegern zur War- nung fuͤr die Zukunft dienen kann. Galgen anzuͤn- den, die Leute zum Zeitvertreibe necken, das Stall- vieh ohne Noth fortschleppen, und die Pfluͤge im Felde verbrennen, ist nicht die Sache eines wahren Soldaten. Der Herzog soll auch das Benehmen seiner Truppen, im siebenjaͤhrigen Kriege, oͤffentlich getadelt haben: das hat ihm Lob und Aussoͤhnung in Halle bewirkt. Ich blieb wohl vier Wochen in Jena, und die Jenenser erwiesen mir alle Freundschaft, besonders die Herren Asol , Loͤw , Dambmann , Merk , Eisenlohr , Albrecht und andre Reichslaͤnder oder Mosellaner. Der Senior dieser Landmann- schaft, Herr Weisgerber , kettete sich sehr fest an mich, und machte mir viel Vergnuͤgen: er war auch mein Landsmann, und aus Gruͤnstadt gebuͤrtig. Wenn Schadenfreude dem Menschen uͤberhaupt ansteht, so hat mir der jenaische Pedell viel anstaͤn- diges Vergnuͤgen verursacht: er erzaͤhlte mir in Lob- staͤdt von dem jungen Koch aus Gießen, von dessen ausschweifender Lebensart in Gießen und Jena ich schon vieles gehoͤrt hatte. Der Pedell beschrieb mir die Bemuͤhungen des verstorbenen Hellfelds fuͤr die Besserung dieses Menschen; der aber nicht mehr zu bessern gewesen waͤre, und der sich so weit ver- gangen haͤtte, daß er sich oͤffentlich geruͤhmt habe, sogar seine eigne Schwester — doch wozu das wei- tere! von Kochs Hannchen auch nichts weiter: In Jena wissen das die Leute doch. Von Herrn D. Danows Tod zog ich in Jena genaue Nachrichten ein: sie liefen alle dahin aus, daß der gute Mann sich aus Aerger uͤber seine Frau ersaͤuft haͤtte. Das kraͤnkte mich in der Seele, und ich ward im Ernst boͤse uͤber das Weib. Ich kannte den verstorbenen Doctor, und wußte, daß er zu den wenigen wuͤrdigen Theologen gehoͤrte, die einen hellen Kopf mit einem guten Herzen verbinden. Mein Stork, der immer blieb, und nicht eher zuruͤck wollte, als bis ich mitginge, trieb taͤglich neue Possen, und war selten nuͤchtern. Die Jenen- ser hatten ihren wahren Spaß mit ihm, und nannten ihn den Doctor. Er stiftete auch ein laͤcherliches Lie- besverstaͤndniß mit einem Aufwaͤrtermaͤdchen, wel- ches er anbetete, und fuͤr welches ich ihm Verse machen muste. Er hat noch von Halle aus an das Maͤdchen geschrieben. Endlich begab ich mich nach Halle zuruͤck, wohin mich Herr Merk und Brachel begleiteten. Keiner von uns hatte Geld, sowohl wir, als die Jenenser nicht. Was war zu thun? Ich versetzte meine Uhr, und so war uns geholfen. Der Doctor Stork machte unterwegs allerhand Possen, und amusirte uns nicht uͤbel. In drei Tagen waren wir in Halle, wo ich meine Herren Begleiter gleich auf die Loge fuͤhrte, um sie mit der hallischen Lebensart bekannt zu ma- chen. Sie gefiel ihnen und kam ihnen viel huͤbscher vor, als die schmutzige Lebensart auf den jenaischen rauchrichten Kneipen. Semler ließ mich gleich den folgenden Tag zu sich kommen und las mir die Leviten: er hatte von Jena aus Briefe erhalten, worin mein Beneh- men eben nicht vortheilhaft geschildert war. Es hieß darin: der Magister Laukhard fuͤhre mit den Stu- denten auf allen Doͤrfern herum, laͤge auf den Muͤh- len, mache Kommerse mit, kurz, er betruͤge sich hoͤchst unanstaͤndig. S mler machte mir, wie billig, ernstliche Vorwuͤrfe: und ich Thor ward empfindlich; aber nicht zu meiner Besserung: vielmehr beschloß ich, Semlers Haus zu verlassen, um mir die be- staͤndigen Vorwuͤrfe zu ersparen. Herr Semler sah dies freilich gern. Ich miethete mich also ein in das Haus des Buchbinders Muͤnnich. Schmitz war schon abgegangen waͤhrend der Zeit ich in Jena war, und meine uͤbrigen Bekannten waren fast alle fort. Ich bath jezt meinen Bruder, das liederliche Haus, den sogenannten Hanauer Puff zu verlassen, und zu mir zu ziehen. Er that es, und von dieser Zeit an kam ich hoͤchst selten dahin. Dies benutzte Jungfer Chri- stel und hing sich an einen andern Studenten: sie kam aber hernach doch wieder zu mir, erhielt mir ihre Gunst, auch noch in der Zeit, da ich schon Soldat war, und bezeigte sich dann und wann recht zaͤrtlich. Ihre Zaͤrtlichkeit hat mich manch- mal gefreut, manchmal aber belaͤstiget, je nach- dem ich gestimmt war. Sie ist noch jetzt unver- heurathet, und dienet auf einem Edelhofe zehn Meilen von hier. Meine beiden Begleiter machten, als Bruͤder des schwarzen Ordens zu Jena, gar bald mit den hiesigen Unitisten Bekanntschaft, und lagen von der Zeit an immer auf den Doͤrfern, groͤßtentheils in Reideburg, wo diese Innung damals ihre Auflage hatte Die Constantisten hatten sie in Schlettau, mei- stentheils des Freitags, weil gerade an diesem Tage fast gar keine andern Gaͤste herauskommen. . Ich glaube sie haben sich hier auch ge- schlagen, und giengen erst nach sechs Wochen wie- der nach Jena. Achtzehntes Kapitel. Censur-Angelegenheiten. Gelehrte Unternehmungen. Ungeschliffenheit. I ch wollte auf Ostern meine Vorlesungen anfangen und hatte die Anzeige davon gehoͤrigen Orts einge- reicht. Zu gleicher Zeit hatte ein hiesiger Buchdru- cker meinen Roman, den Baldrian Weitmaul , der Censur uͤbergeben. Ungluͤcklicher Weise enthielt dies Buch einige Stellen, die auf eine versteckte Art eben den Mann betrafen, dem es zur Censur mitgetheilt war. Als Censor strich er also diese Stellen, und untersagte den Abdruck des Buches gaͤnzlich. Er theilte mir diese Nachricht selbst mit, und als ich hierauf meine Handschrift in Schutz neh- men wollte, fuͤgte er hinzu: er habe sie bei der Fa- kultaͤt cirkuliren lassen, und die vota der Herren Fa- kultisten gingen einstimmig dahin, den Abdruck der- selben zu verbiethen, ja, Einige bestaͤnden sogar darauf, daß man mir das Collegienlesen verbiethen sollte — eben wegen meines Romans. Ich machte große Augen uͤber diese Aeußerun- gen meines Herrn Censors, aber noch groͤßere, als er mir obendrein zu verstehen gab: daß in Halle jetzt fuͤr mich nichts mehr zu machen waͤre, und daß ich wol thun wuͤrde, wenn ich mich anderswohin begaͤbe. Ja, er fuͤgte sogar hinzu: „Gleichwie die Schuster- und Schneider-Zunft, wenn sie wollten, allen Pfuschern das Handwerk legen koͤnnten; eben so koͤnnte es auch die Fakultaͤt.“ — Ich aͤrgerte mich haͤßlich uͤber diese Parallele, wodurch er mir so deut- lich zu verstehen gab, daß er mich als einen Pfu- scher ansaͤhe, und erklaͤrte gerade heraus: daß als- dann Mancher gewiß große Ursache haͤtte, sich zu der besondern Gunst seiner philosophischen Mitgenossen- schaft Gluͤck zu wuͤnschen. —. Kurz, wir debat- tirten nicht wenig, und, um meiner auf eine glimpf- liche Art los zu werden, hieß es: er koͤnne eigentlich nichts davor, und wenn ich mich nicht fuͤgen wollte, so stuͤnde wir ja der Weg noch offen, mit einer Schrift bei der Fakultaͤt einzukommen! — Ich sollte also an eben diejenigen appelliren, von denen es zu- vor hieß, daß sie mich und mein Buch verdammt haͤtten! — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Daß es bei dieser Verhandlung dienstfertige Geister gab, die aus purer Menschenliebe Jagd auf Anekdoten uͤber mich machten, um mich als einen schaͤdlichen Menschen darzustellen, der sich zum Do- centen durchaus nicht schickte, ist nicht noͤthig, erst zu erinnern. Freude war mir es aber und Genug- thuung zum Theil, hintendrein zu erfahren, daß einige ansehnliche Maͤnner sich meiner angenommen hatten, und man mir das Collegienlesen fernerhin erlaubte, nachdem ich mich in einer Schutzschrift ver- theidigt und um die erwaͤhnte Erlaubniß schriftlich angesucht hatte. Semlern gab ich jedesmal Nach- richt von den einzelnen Auftritten dieses Vorfalls, und Semler schuͤttelte gewaltig den Kopf, mit dem Zusatz: es ginge auf Universitaͤten nicht anders zu: — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — ich sollte aber hierdurch gewitzigt, und doch endlich einmal kluͤger werden! Wohl wahr! — Indessen kam die Zeit heran, wo die Sommer- kollegien ihren Anfang nahmen, und da las ich alte Geschichte nach Mangelsdorf , und Roͤmische nach meinem eignen Kompendium. Ich hatte viele Zuhoͤrer, besonders wurde meine Roͤmische Geschichte fleißig besucht. Ich freute mich uͤber den Beifall, und fragte nach den Kabalen und nach der Abgunst gewisser Herren nicht viel. Da ich wenig Buͤcher selbst besaß, so muste mir die Universitaͤts-Bibliothek, nebst der des Herrn Semlers aushelfen. Auch Herr D. Knapp , Herr Professor Sprengel , der Historiker, und Herr Professor Forster hatten die Guͤte, mir mit manch gutem Buche auszuhelfen. Also hatte ich in diesem Stuͤck keinen Mangel, und konnte meinen Vorle- sungen allemal die erforderliche Vollstaͤndigkeit geben, und sie mit allerlei Anekdoten ausschmuͤcken, um die Aufmerksamkeit meiner Zuhoͤrer mehr zu fixiren. Ich las in dem Auditorium des Herrn Professor Wol - taͤrs , welcher mir dasselbe in seiner Zwischenzeit uͤberließ. Ich war den Sommer uͤber sehr fleißig, und studirte ohne Unterlaß: ich bereitete mich jedesmal auf meine Lectionen gehoͤrig vor, hielt sie gewissen- haft, und erwarb mir dadurch einen nicht uͤblen Kre- dit. Man fand in meinen Vorlesungen mehr Zu- sammenhang und Deutlichkeit, als in denen eines gewissen andern Herrn Magisters — und ich hatte eben darum mehr Zuhoͤrer als dieser. Ich bin nie- mals fleißiger gewesen, als diesen Sommer: waͤre ich doch so geblieben! Allein es eraͤugneten sich Um- staͤnde, die mich aus meinem Gleise herausrissen. Man hoͤre erst weiter! Eben der Herr Censor ließ mir von Zeit zu Zeit sagen, „daß ich noch einmal disputiren muͤßte pro loco: wuͤrde ich es nicht thun, so muͤßte er mir auf den Herbst da Lesen uͤberhaupt untersagen: ich muͤßte mich durchaus habilitiren.“ Ich stellte dem Herrn vor, daß ich ja doch eben so viel jetzt wuͤste, als dann, wenn ich noch einmal disputirt haͤtte: ich sey eben nicht reich, und baͤte also sehr, mir die Disputation pro loco zu erlassen. — Aber ver- gebens. — — — — — — — — — — — — — — — — Da ich hierbei einige Animositaͤt wahrzuneh- men glaubte, so nahm ich mir vor, mich nach einer andern Universitaͤt zu begeben, und zwar nach Jena. Ich schrieb demnach an den dortigen Prorector, den Herrn Professor Wiedeburg , und an Herrn Professor Schuͤtz . Beide gaben mir sehr bald und freundschaftlich genaue Auskunft uͤber alles; jedoch mit der Besorgniß, daß ich mich durch Kollegienlesen auf dieser mittelmaͤßigen Universitaͤt schwerlich wuͤrde ernaͤhren koͤnnen. Herr Schuͤtz besonders suchte mir das Vorurtheil zu benehmen, als wenn außer einer Akademie kein Heil zu hoffen sey. Ich war zwar wegen der fehlgeschlagenen Hoffnung etwas nieder- geschlagen: aber die gutmuͤthige Freundschaft zweier großer Maͤnner staͤrkte meinen Muth, und machte, daß ich nun auf Alle die, welche mich vielleicht druͤcken wollten, mit ziemlich veraͤchtlichem Blick herabsah. Ich blieb also in Halle, und suchte hier das zu thun, was ich thun sollte, naͤmlich noch einmal zu disputiren. Ich schrieb einige Bogen zusammen uͤber den zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zu Rom wegen Atheisterei oder Pantheisterei verbrannten Aventuriers, Jordan Brunus , dessen Leben Herr Adelung in seiner Geschichte der menschli- chen Narrheit beschrieben hat. Ich nahm meine Data aus Bayle 's Woͤrterbuch, Brucker und la Croze : hinten hing ich aus dem System der brunischen Metaphysik einige Saͤtze an, welche ich glaubte mit andern schon bekannten Systemen ver- einigen zu koͤnnen, ja, es sollte nach meiner Meinung zwischen den Saͤtzen des Brunus und denen des Herrn von Leibnitz einige Aehnlichkeit statt finden. Diesen Aufsatz erhielt eben der Mann zur Cen- sur, der meinen Roman verworfen hatte. Ich kam um meiner Disputationsschrift einigemal zu ihm, und mußte mir in aller Demuth gefallen lassen, ge- fragt zu werden: ob ich mich auch auf Philosophie gelegt haͤtte? Ob ich wuͤßte, worin die formelle Wahrheit der Syllogismen bestehe? Was eine adaͤ- quate Idee sey? u. dgl. Da mir diese Fragen ein wenig kindisch vorkamen, beantwortete ich sie auch nur obenhin. Dies mußte den guten Herrn verdros- sen haben, und daher vielleicht die Aeußerung gegen seine damalige Hausmamsell, die jetzt einen Schuster geheurathet hat: „Ich sey ein naseweises Magister- lein, das gern gelehrt thun wollte, aber noch erfah- ren muͤste, daß ein Professor Ordinarius ein ganz anderer Mann sey, als so ein Magisterlein.“ Die Hausmamsell sagte dieses ihrem damaligen Liebhaber, einem Peruͤckenmacher, der Peruͤckenmacher verkuͤn- digte es Studenten, und durch diese erfuhr es endlich ich. Wenn ich zu der Zeit noch so rasch em- pfindlich gewesen waͤre, als einige Zeit vorher in der Pfalz, oder wenn ich — um die Sache besser zu sagen — wirkliche Achtung fuͤr den Mann gehegt haͤtte, so haͤtte ich mich zu raͤchen gesucht, und von ihm auch raͤsonnirt. Der gute Herr haͤtte mir ja auch herhalten muͤssen, wenn ich die Anek- doten, die damals von ihm und seiner Frau her- umkursirten, haͤtte in meinen Zirkeln so aufti- schen wollen, wie er allerlei dergleichen von mir auftischte, um mich dadurch zu blamiren! Ich weiß es recht sehr gut, daß ich damals den gelehrten und ungelehrten Muͤßiggaͤngern in und um Halle reichlichen Stoff hergab, zum Zeitver- treib: aber das ist nun einmal so Mode, und ich hatte mir es im Grunde doch meistentheils selbst zuzuschreiben. Ich disputirte pro loco als Praͤses, und mein Bruder respondirte: dieser konnte mit dem Latein ziemlich zurechtekommen, und befriedigte seine Op- ponenten nicht uneben. Meine Abhandlung, deren Abdruck ich nicht selbst korrigirt hatte, war voll Druckfehler, doch nicht so, daß sie den Sinn verstellt haͤtten und ausgesehen, wie grammatika- Zweiter Theil. O lische Schnitzer, nach Art jener Dissertation pro loco , wovon ich oben geredet habe. Außer meinen Kollegien unterrichtete ich auch noch in der hebraͤischen Sprache, und in der Dog- matik. Man denke sich ein Privatissimum, welches ich einigen Theologen uͤber die Dogmatik hielt. Ich hatte laͤngst das ganze System mit allen seinen In- gredienzien weggeworfen, und nun, da ich es vortra- gen sollte, schlug ich folgenden Weg ein. Ich er- klaͤrte gleich Anfangs, daß ich meine guten Gruͤnde haͤtte, ein System zu verwerfen, welches auf Offen- barung gebaut waͤre. Darnach trug ich auf gut Tin- dalisch meine Argumente daruͤber vor. So brachte ich mit meinen Saͤtzen ohngefaͤhr acht Stunden zu. Hernach griff ich das Werk anders an. Wir muͤssen, sagte ich, System wissen, um gelehrte Theologen heissen zu koͤnnen, und um im Examen zu bestehen. Nach diesem fuͤhrte ich alle Artikel aus, und sprach uͤber die heilige Schrift, uͤber Dreieinigkeit, Satis- faction, und die andern Theile des dogmatischen Systems gerade so, wie einst Johann Jakob Rambach , Siegmund Jakob Baumgar - ten , und Johann Ernst Schubert Ich kenne diese drei Maͤnner, weiß, daß sie erzgelehrt waren, und schaͤtze sie deswegen hoch. Allein bei al- lem dem wird jeder Sachkundige herzlich gern gestehen, , deren dogmatische Schriften ich zu meiner Vorbereitung benutzte. Ich verfaßte die Lehren ( dogmata ) in kurze Saͤtze, versah diese mit den gewoͤhnlichen Spruͤchen, und so ging ich in wenigen Monaten die heiligen Schibbolets durch, und meine Zuhoͤrer wa- ren zufrieden. Sonnabends hielt ich ein Repetito- rium, worin ich in lateinischer Sprache meine Stu- denten uͤber die durchgegangenen Artikel befragte, gerade wie es in den meisten Consistorien Mode ist, wo man blos nach dem fragt, was der Kandidat im Gedaͤchtniß hat, seinen Verstand aber und seine praktischen Kenntnisse ganz und gar in Ruhe laͤßt — fuͤr die denn manches auch freilich nicht ist. Ich habe hernach noch als Soldat dergleichen Uebungen mehrmals angestellt, und dabei mich der Tab len bedient, die Luͤdecke aus den Thesen des Baumgartens fabricirt hat. Die Tabellen enthalten wirklich einen Schatz von dogmatischen Grillen von theologia archetypos und ectypos, von pecca- tum clamans und non clamans, von genera communicationis u. dergl. Aber bekennen kann ich's und mich ruͤhmen, daß ich zwar den alten daß ihre dogmatischen Schriften voll Kohl stecken, wie leider alle dogmatischen Schriften, selbst Herrn Sem- lers Buͤcher nicht ausgenommen, wie dies der große Mann gern eingestand. Sauerteig bei solchen Gelegenheiten vortrug, ihn aber doch immer als alten Sauerteig beschrieb, und meine Freunde, welche solchen Sauerteig von mir foderten, jederzeit und angelegentlich ermahnte, ja dem alten unbrauchbaren Wust nicht nachzuhaͤn- gen, und lieber sonst was zu studieren, als Dogma- tik, es sey denn, daß es geschaͤhe, um das System naͤher kennen zu lernen und zu verwerfen: das sagte ich selbst Semlern, und Semler hieß mein Beneh- men gut. Das erste halbe Jahr meiner oͤffentlichen Lese- reien verging ruhig, wenn ich die vorhin erzaͤhlten Haͤndel mit meinem Herrn Censor ausnehme, welche ich aber bald vergaß. Meine Sitten waren den Sommer uͤber sehr gut, naͤmlich wie man Sitten von außen als sehr gut ansehen muß. Ich besuchte keine Kneipen, keine Doͤrfer, als nur hoͤchst selten, und wo ich hinkam, ging wenigstens alles ehrbar zu, so lange ich da war. Große Gesellschaften habe ich selten besucht, und vornehme ganz und gar nicht. Einmal haßte ich allen Zwang, der in vornehmern Zirkeln gewoͤhnlich ist, und war sodann in Halle zu wenig bekannt, als daß ich auch nur Eingang dazu haͤtte finden koͤnnen. Meine Sitten waren oben- drein zu rauh und zu wenig abgehobelt, als daß ich haͤtte gefallen koͤnnen. Der Burschenkomment macht keine feinen Sitten; und ich hatte von jeher das Petimaͤterwesen gehaßt, konnte mich deshalben we- der in die Komplimente noch in die Gespraͤche der schoͤnen Welt schicken: und so wuͤrde ich aller Orten, wo ich zur feinen Welt gekommen waͤre, das fuͤnfte Rad am Wagen gewesen seyn. — Ein hiesiges Frauenzimmer sagte mir einmal unter die Augen, daß ich in der feinen Monde niemals mein Fortune ma- chen wuͤrde, weil mir das bel air fehlte. Aber statt uͤber die richtige Bemerkung dieser Dame nachzuden- ken, fiel mir es nur auf, daß sie deutsch und fran- zoͤsisch untereinander sprach. So geht es aber in der Welt! Man gewoͤhnt sich aus studentischem He- roismus einen ungeschliffenen Ton an, und behaͤlt ihn hernach immer, weil man sich schaͤmt, den ein- mal angenommenen Ton abzulegen, oder weil man keine Gelegenheit mehr hat, sich abzufeilen. — Ich war von Jugend auf selten unter feinen Leuten ge- wesen: Vornehme hatte ich zwar mehrmals um mich gehabt, und war mit Vornehmen auch umgegangen; allein die waren entweder selbst nicht fein, oder zeig- ten damals, als ich mit ihnen umging, ihre Fein- heit nicht: und wenn sie es auch gethan haͤtten, so wuͤrde ich gelacht und ihre Gesellschaft vermieden haben. In meiner Jugend war ich unter rohen Leuten aufgewachsen, hatte hernach auf einer aͤußerst ruͤden Akademie meine Bildung gesucht, war dem Burschen- komment nachgelaufen, und so ein vollkommener Bursche, im burschikosesten Sinn geworden. Ueber- haupt scheinen mir die Universitaͤten gar der Ort nicht zu seyn, wo man feine Sitten lernen koͤnnte. In der Pfalz hatte ich zwar vielerlei Umgang; allein dieser Umgang konnte mich nicht bessern. Die Frauen- zimmer, mit denen ich umging, waren auch nicht dazu geschickt. Mit Thereschen stand ich, wie man schon weis: und da sah das Maͤdchen nur mich; und alles, was an mir war, gefiel ihr. — Die an- dern Damen und Mamsellen, mit denen ich umging, freuten sich, nach Art des Pfaͤlzischen Frauenzim- mers, mehr uͤber mein ungezwungenes Benehmen und meine Lustigkeit, als wenn ich noch so sein ge- wesen waͤre. — Jetzt freilich mache ich mir gar nichts mehr daraus: Komplimente und dergleichen Possen schicken sich fuͤr einen Soldaten eben so wenig, wie fuͤr den Mosellaner Senior in Jena. Aber damals bedaurte ich doch, daß ich nicht besser Komplimente machen und mit Dezenz ein Pfoͤtchen kuͤssen und nicht Stundenlang die Weibleins mit Taͤndeleien und nichts und wieder nichts unterhalten konnte, und tausend andre Possen nicht verstand, wodurch sich die bessere Lebensart markirt. Denn dieser Mangel zog mir den Namen eines Toͤlpels und Grobians zu, und versperte mir den Zutritt zu vornehmen Zirkeln wie zur Gunst der Damen. Tanzen konnte ich auch nur wenig, und hatte es niemals ordentlich getrieben. Zudem hatte ich den Grundsatz, und habe ihn noch: jemehr feine Gewandheit, desto mehr Schein, List, Be- trug und Schelmerei: jemehr Geradheit, desto mehr Wahrheit, Ehrlichkeit und Biedersinn. Man denke an Semlern ! — Daher besaß ich die Kuͤnste nicht, welche in sogenannten Honoratiorenklubs hauptsaͤch- lich empfehlen, und muste immer hoͤren, daß ich außer andern Maͤngeln auch den Mangel der feinen Lebens- art haͤtte. Und das muste ich mir sogar von Maͤd- chen sagen lassen, die ich wegen ihrer Lebensart und wegen ihres laͤppischen Wesens verachtete! Auch in dieser Ruͤcksicht muͤssen sich meinen Lesern Anmerkungen darbieten, von welchen ich ihnen viel Nutzen wuͤnsche. Wehe dem, uͤber den die Weiber und die — Gelehrten erst herfallen! Neunzehntes Kapitel. Geschichtchen von anderer Art . D er Sohn des Herrn Kanzlers Koch zu Gießen hat mich diesen Sommer auch besucht, der juͤngere naͤmlich, welcher jetzt Regierungsrath in Gießen ist. Sein Besuch war mir sehr angenehm: denn ob ich gleich mit seinem Vater niemals zufrieden war, wie ich schon im ersten Theile berichtet habe, so konnte ich doch diesen jungen Herrn Koch gut leiden, und war ihm wirklich gewogen, mehr als seinem Bruder. Er blieb ohngefaͤhr acht Tage bei mir, und nahm hernach seinen Ruͤckweg uͤber Goͤttingen nach Gießen. Von ihm hoͤrte ich damals, wie es in Gießen her- ging, und bedauerte, daß die Universitaͤt von Zeit zu Zeit herabsank. Es konnte auch nicht anders seyn, da man die Lehrstellen mit immer traurigern Subjecten besetzte. Herr Rosenmuͤller war zwar an D. Benners Stelle gekommen; verließ aber bald nachher Gießen, um eine Professur in Leipzig anzutreten. Hierauf ward Freund Bechthold erster Professor der Theologie! — So ging es auch in den andern Fakultaͤten, bis endlich in ganz neuern Zeiten bessere Maͤnner angestellt wurden, z. B. Herr Roos und Herr Schmid . — Im Sommer dieses Jahres habe ich wieder eine Liebschaft gestiftet; bin aber schoͤn angekommen! In Reideburg lernte ich die Tochter eines Saͤchsischen Amtmanns kennen, welche an meinem damals noch sehr muntern Wesen Geschmack fand. Sie gab mir das sehr deutlich zu verstehen, und ich versicherte sie gegenseitig meiner Achtung, und so war unsre Lieb- schaft abgeschlossen. Ich sah das Maͤdchen hernach bei ihren Verwandten in Halle, und hier lud sie mich ein zu einem Besuch bei ihrem Vater aufs Land. Ich machte Schwierigkeiten, die sie aber hob, da sie mich versicherte, ihr Vater kenne mich schon, und denke sehr vortheilhaft von mir. Ich war im Grun- de nicht verliebt in sie; aber ein gewisses Beduͤrfniß zog mich zu dem Maͤdchen hin, das so ziemlich alles besaß, was man an einer Geliebten nur wuͤnschen mag. Sie war huͤbsch gewachsen, hatte eine zarte Hand, blaue Augen, einen ziemlichen Verstand, und was mir mehr als alles das gefiel, sie liebte meine Schnurren, lobte meine Einfaͤlle, und sagte mir tausendmal in einem Athem, daß ich ihr angenehmer waͤre, als ihr Junker, der auch Liebschaft mit ihr habe stiften wollen, den sie aber schoͤn abgewiesen haͤtte. Ich besuchte sie also bei ihrem Vater auf einen Sonnabend, da ich keine Kollegien las. Der Alte war sehr artig gegen mich, und lobte seine Tochter, daß sie mit einem so huͤbschen Manne Bekanntschaft gemacht haͤtte: er hoffe, wir wuͤrden schon noch be- kannter werden, und einander mit der Zeit naͤher angehoͤren. Ich hoͤrte dergleichen Reden nicht ohne innigstes Vergnuͤgen. Acht Tage hierauf besuchte mich Vater und Tochter auf meiner Stube. Ich war sehr erfreut, und bemuͤhte mich, sie recht huͤbsch zu bewirthen. Beide verbatens und wuͤnschten nichts, als meine Gesellschaft, besonders das Maͤd- chen, welches nach meinem Vornamen fragte, und mich nun ihren lieben Fritz nannte, da ich vor- her lieber Herr Magister hieß. Nicht lange, so erhielt ich auch einen Brief vom Alten, worin er sich nach meiner eigentlichen Gesinnung gegen seine Tochter erkundigte: es waͤre Zeit, daß ich mich erklaͤrte. Ich antwortete, daß ich nur ehrliche Absichten hegte, daß ich aber jetzt wegen der Lage meiner Umstaͤnde noch an keine naͤhe- re Aeußerung denken duͤrfte: inzwischen hoffte ich, es wuͤrde nach und nach besser gehen, und alsdann wollte ich beweisen, wie gut ich es meinte. — Man war mit meiner Erklaͤrung zufrieden, und der Umgang wurde fortgesetzt, bis auf die Reideburger Kirchmesse, wo meine Liebschaft eine fatale Kata- strophe erlitt. Ich kam naͤmlich nach Reideburg zum Einneh- mer, und hoͤrte die Studenten unter sich erzaͤhlen, wie des Amtmanns Tochter von ... seit gestern schon da sey beim Zacharias Schmid, wie sie nebst ihren Kusinen von Halle, den verheuratheten und unverheuratheten uͤber Nacht auf dem Stroh mit- ten unter Studenten gelegen, wie da dies und jenes vorgegangen sey, und was des Skandals mehr war. Ich fiel wie aus den Wolken, schwieg aber still, und ging, wie wenn ich jemanden aufsuchte, zum Zacha- rias, traf da meine Dulcinea mitten unter den Stu- denten, mit denen sie schmaußte. Als sie mich er- blickte, sprang sie auf, umarmte mich mit der groͤßten Frechheit, und fuͤhrte mich auf die Bank neben sich. Die Kusinen kamen dazu. Ich konnte nicht reden, bis die Reflexion, daß ich mich durch Vorwuͤrfe laͤcherlich machen wuͤrde, meinen Unwil- len besiegte. Jetzt sucht' ich mein lustiges Wesen hervor, und schaͤkerte mit Mamsell Dorchen und ihren Kusinen; ja ich konnte sie sogar nach Halle begleiten, am Arme fuͤhren, kuͤssen, u. dgl. Zu Hause uͤberlegte ich die Beleidigung, und beschloß, geradezu zu brechen. Ich schrieb einen Brief an Dorchen, und sagte ihr derbe Wahrheiten, und bath, ferner nicht an mich zu denken. Das war ein erzdummer Streich, den ich nicht haͤtte spielen sollen! Verachtung und nicht Empfindlichkeit muß man bei dergleichen Gelegenheiten zeigen. Jung- fer Dore schrieb mir wieder: meine Vorwuͤrfe seyen zwar ungerecht, doch aber sey sie froh, daß sie mei- ner los waͤre: es haͤtte aus uns ohnedies nichts wer- den koͤnnen: sie moͤchte keine Liebste eines Menschen seyn, der sie doch nimmermehr nehmen koͤnnte u. s. w. Bald hernach hoͤrte ich, daß Mamsell Dorchen aus- sprengte, ich haͤtte um sie angehalten; aber den Korb bekommen. Das war mir schon recht! Wer hieß mich so einen tollen Roman anzufangen? — Welch ein Unterschied zwischen einer so feilen Nymphe und einem unschuldigen verliebten Maͤdchen, wie weiland meine Therese war! Noch kraͤnkt mich der Gedanke an dieses gute, ehrliche Geschoͤpf! Nun muß ich meine Begebenheit mit dem hal- lischen Nachtwaͤchter erzaͤhlen. — Ich war in dem Hause des Kaufmanns Alles, was etwas feil hat, heißt in Halle Kaufmann. Zu Frankfurt am Main, Mainz, Mannheim und sonst- wo, weiß man sehr gut zu unterscheiden zwischen Kauf- mann und Kraͤmer. Moͤrtschke auf dem alten Markte bekannt geworden. In diesem Hause war des Abends ein Schnapps- und Tabacks-Kollegium. Es bestand aus dem Zinngießer Leiche, dem Kauf- mann Moͤrtschke, seinem Bruder, dem Traͤtoͤhr, dem Kaufmann Kraft vom Strohhofe, ferner aus dem Kontrolloͤhr Bauer, aus zwei Waisenhaͤuser Stu- denten, deren einer hernach Inspector ward, und endlich aus mir. Ich muß gestehen, daß ich in die- ser sehr gemischten Gesellschaft manche angenehme Stunden verlebt habe: es wurde Taback geraucht, Schnapps dazu getrunken, und uͤber die Zeitungen, auch wohl manchmal uͤber gelehrte Dinge gekannen- giessert. Selten paßirte eine Schnurre; und gewoͤhn- lich gingen wir so vergnuͤgt auseinander, als wir zusammen gekommen waren. Der Kaufmann hatte zwei Toͤchter, damals noch Kinder: die aͤlteste gefiel dem Kaufmann Kraft, und er hat sie hernach geheurathet. An einem Sonntag-Abend hatte ich mir dort aus Aerger, den ich damals genug hatte, eine Schnur- re getrunken. Auf meinem Ruͤckwege rennte ich gegen den Nachtwaͤchter: der Kerl gab mir einen Schupp, der mich verdroß. Ich nahm mein Stoͤck- chen, und schlug auf den baumstarken Bengel los: er wehrte sich tuͤchtig, bis endlich einige Haͤscher dazu kamen, und mich nebst ihm aufs Rathhaus schlepp- ten. Ich hatte den Kerl in seiner Verrichtung ge- schuppt und geschlagen; ich mußte daher, wie billig, Unrecht haben. Also kam ich aufs Karzer. Fruͤh ließ der Prorector Schulze befehlen, daß man mich gegen Erlegung des Schleppegeldes loslassen sollte. Das geschah, und Meister Klappenbach ver- sprach mir, die ganze Sache zu unterdruͤcken. Er selbst mag Wort gehalten haben; allein ein Stiefel- wichser, der damals an Klappenbachs Tochter liebelte, erzaͤhlte mir schon gleich den folgenden Tag meinen Skandal. Leute dieser Art wollen sich bei uns in Ansehn setzen dadurch, daß sie sich als Mitwissende unsrer dummen Streiche angeben; aber die guten Menschenkinder wissen nicht, daß eben dergleichen Mitwissenschaft verhaßt macht! Nachmittags muste ich zum Prorektor kom- men: dieser gab mir einen sehr freundschaftlichen Verweis und vielen guten Rath. Die Sache, meinte er, wuͤrde verschwiegen bleiben, und das waͤre auch recht gut: sonst moͤchten meine Gegner von neuem gegen mich debattiren wollen. — Ich dankte dem Herrn Schulze fuͤr seinen vaͤterlichen Rath, und versprach, mich darnach zu fuͤgen. Daß ich es nicht that, war hernach nicht ganz meine Schuld. — Bahrdt hat, wie er in seiner Le- bensgeschichte III. B. erzaͤhlt, einmal mit einem Juden und einem Handwerkspurschen um Papier- schnitzeln gespielt. Er meinte, das waͤre so eine ar- tige Spielgesellschaft fuͤr einen Doctor der Theologie gewesen! Eine Balgerei zwischen einem Magister und einem Nachtwaͤchter war gewiß auch artig! — Aber so geht es: Nil admirari! Ich bin von jeher — weil ich Nerven darnach habe — ein Liebhaber der rauschenden lustigen Mu- sik gewesen: aus diesem Grunde suchte ich die Oer- ter auf, wo dergleichen Musik gemacht wurde, Pas- sendorf, Schlettau und die Loge. Den Sommer uͤber besuchte ich diese Oerter wenig oder gar nicht, weil ich alsdann zu viel zu thun hatte, und mich nicht viel abmuͤßigen konnte. Des Winters und waͤhrend der Ferien Es ist eine haͤßliche Sache mit den gar zu langen Fe- rien, welche aber in Halle und Leipzig laͤnger dauern , wo ich mehr Zeit hatte, meiner Neigung abzuwarten, besuchte ich die genann- ten Doͤrfer und die Loge fleißiger, Sonntags naͤm- lich und Montags: denn an diesen Tagen konnte ich meine Begierde, Musik zu hoͤren, und tanzen zu sehen, befriedigen. Bei dergleichen Spatziergaͤngen ward ich mit vielen Buͤrgern bekannt, worunter ei- nige sehr vernuͤnftige Maͤnner waren, mit denen ich ein weit angenehmeres Gespraͤch fuͤhren konnte, als mit manchem haͤmischen Gelehrten. Allein es geschah auch zuweilen, daß ich unan- genehme Auftritte erlebte. So kam ich einmal auf der Loge mit einem Philister zusammen, weil ich als auf irgend einer andern deutschen Universitaͤt. Ei- nige hallische Professoren kuͤrzen zwar diese n da- durch ab, daß sie immer noch fortlesen, wenn schon dieselben angegangen sind: aber manche Herren machen im Fruͤhling sieben, im Herbst sechs, auf Pfingsten eine und auf Weihnachten zwei Wochen Ferien, und das macht das Jahr uͤber nicht mehr als sechzehn Wochen Ferien, und weihet mehr als den vierten Theil des Jahrs dem Muͤssiggang: denn die Studenten studieren in den Ferien beinahe gar nicht, wie ich aus Erfahrung weiß. Das Curatorium sollte billig die Ferienzeit be- stimmen, wie sie in Gießen, wo es doch sonst hergeht, wie es kann, und neuerdings im Oestereichischen, ziem- lich enge begraͤnzt ist – fuͤnf Wochen durchs ganze Jahr, und mehr nicht. Dies wuͤrde auch das ewige Wandern der Hallenser zur Meßzeit nach Leipzig und das damit verbundene Geldzersplittern merklich ver- mindern. Mich wundert, daß patriotische Professoren hierauf noch nicht ernstlicher gedacht haben. mich zum Schiedsrichter zwischen ihm und seiner Frau aufwarf, die auf ihn schroͤcklich eifersuͤchtig war. Die Frau mochte, wie ich aus vielen Um- staͤnden schon damals schloß, und in der Folge noch mehr inne ward, große Ursach haben, eifersuͤchtig zu seyn. Ich legte mich, als die Frau zu derbe loszog, ins Mittel, und wollte sie beruhigen. Dies aber brachte sie noch mehr auf, und sie fing an, nun auch auf mich zu schelten. Sie griff gar nach mir aus, als ich sie einen alten Drachen nannte, dem ein geschma- ckiger Mann unmoͤglich treu bleiben koͤnnte. Was, schrie sie, einen alten Drachen? alten? Ich alt Sonderbar, daß die lieben Weiber nichts weniger lei- den koͤnnen, als alt genannt zu werden. Dies wird man an denen vorzuͤglich bemerken, die von jeher ver- stohlne Koketterie getrieben haben, und dann, wenn sie erst uͤber die Funfzigen hinaus sind, das durch Putz oder Geschenke zu erschleichen suchen, was sie sonst durch etwas anderes eroberten Eiteler, eifersuͤchtiger, aber auch kurzsichtiger und anmaßlicher kann keine ab- gelebte Theater Prinzessin verfahren, als eine funf- zigjaͤhrige Creatur von der genannten Art. Zu Furien koͤnnte Pluto nichts passender finden als sie, vorzuͤglich, wenn ihre Kehle hoͤckerweibermaͤßig abgeschliffen ist! Wehe jedem jungen Weibe, das die Kunst nicht ver- steht, in ihrer Gegenwart sich zu verkennen, um ihr den Vorrang nirgend zu bestreiten: aber auch wehe dem Manne, der nicht dazu gemacht ist, der Eitelkeit eines solchen alten Weibes das aufzuopfern, was seine Wuͤrde ausmacht! — So spricht Trublet und hat recht. ? Ploͤtzlich kehrte sich auch die Wuth des Mannes wi- der mich, und beide gingen ganz unbarmherzig mit mir um, bis ich endlich dem Manne einen Stoß gab, daß er ruͤcklings wider den Tisch fuhr. Nun ward der Krieg allgemein, und es gab von beiden Seiten tuͤchtige Rippenstoͤße. Koͤster, von dem ich schon oben geredet habe, war mein Beistand. Der Mann hatte aber auch seine Helfershelfer, als Faͤr- ber unter den Faͤrbern und Consorten, und so mußten wir uns zuruͤckziehen. — Diese am hellen Tage vorgefallene Katzbalgerei hat mir viel uͤble Nachrede zugezogen: der Herr Schulze ließ mir einen Verweis daruͤber geben: er theilte naͤmlich das Spaͤßchen dem D. Semler mit Daher die Regel: wenn Mann und Frau sich zanken, so mische dich nicht hinein: es setzt Rippenstoͤße, und blamirt dich. – NB . Die emigrirten Franzosen! – . San Fasson trat im Sommer 1783 jemand in meine Stube, und fragte: Sind Sie der Magister Laukhard? Ich : Ja, mein Herr, was steht zu Diensten? Fremder : Nichts zu Diensten! (setzt sich) doch ehe wir weiter reden (er ergreift eine Tasse Kaffee, die vor mir eingeschenkt stand und trinkt sie aus). Geben Sie mir doch eine Pfeiffe Taback! Zweiter Theil. P (Nachdem er angeraucht): Hoͤrt Freund, ich bin der Komoͤdiant Schlosser — hab hier und da Ehre und Applaus, aber auch hier und da Spott und Aus- zischung eingeerndet. Aber ich scheere mich den Hen- ker drum! Ich weiß von meinem Collegen Keller Verfasser des Schauspiels: Die Nationaltracht und anderer. , daß es Euch eben so gegangen ist, wenn Ihr schon kein Komoͤdiant von meiner Art seyd. Also muͤssen wir Freunde werden. Schlagt ein! Der Ton des Herrn Schlossers gefiel mir. Ich erzaͤhlte ihm meine und er mir seine Schicksale, und da lachten wir uns herzlich satt. Ich behielt ihn den Tag uͤber bei mir, des Nachts schlief er auf dem Loͤwen. Einst trat er fruͤh morgens mit tausend Fluͤchen in meine Stube. Nachdem er viele tausend Schock Teufel und viele Wagen voll Schwerenoth den hallischen Philistern in den Wanst gewuͤnscht hatte, erzaͤhlte er mir, er habe einen Louisd'or wech- seln wollen; die Philister haͤtten aber nur 2 Thaler 12 Groschen darauf geboten, und doch sey der Louis- d'or Preußisch. Da muͤßte doch der Teufel drein schlagen, daß Preußisches Geld im Preußischen selbst nicht gelten sollte u. s. w. Ich ließ mir das Gold- stuͤck zeigen, und fand, daß es eins von jenen aus dem siebenjaͤhrigen Kriege war. Ich stellte ihm vor, daß diese herabgesetzt waͤren, aber das half nicht: er konnte des Raͤsonnirens kein Ende finden. Um klein Geld zu haben, ließ er zwar bei meinem Wirthe einen andern Louisd'or wechseln; allein dabei ver- sicherte er, die Preussen muͤsten den vorigen auch noch nehmen, oder der Teufel sollte sie frikassiren. Des Nachmittags besuchten wir Passendorf: die Nacht schlief er wieder auf dem Loͤwen, den fol- genden Tag wollte er nun mit Gewalt seinen Louis- d'or gewechselt wissen. Kein Kaufmann wollte ihn fuͤr den Stempelwerth, und einige boten ihm gar ein Spottgeld. Schlosser erkundigte sich nach dem Stadtpraͤsidenten, und da dieser gerade nicht zu Hause war, lief er hin zum Kriegsrath Quein - zius , und stellte dem das Unrecht, das ihm mit unguͤltigem Gelde angethan wuͤrde, in sehr derben Ausdruͤcken vor. Queinzius suchte ihm Gruͤnde ent- gegen zu stellen: aber Schlosser fing an zu bramar- basiren. Der alte Kriegsrath aͤrgerte sich uͤber die Dreistigkeit des Komoͤdianten, besonders da er selbst einsehen muste, daß er Unrecht hatte. Um also dem Spektakel ein Ende zu machen, ließ er sich den Louis- d'or nochmals vorzeigen, trat dann hin, warf ihn in seinen Spint, und gab dem Bramarbas fuͤnf Thaler acht Groschen Preußische Sechser. Hier, sagte er, ist Ihr Geld! nehmen Sie's: aber huͤten Sie sich, ferner so zu raͤsonniren! — Schlosser ward betroffen, forderte sein Goldstuͤck zuruͤck: aber er muste mit seinen Sechsern abziehen. — „Das haͤtte ich nicht gedacht, sagte er hernach zu mir: ich hatte so meine Lust, uͤber Ungerechtigkeit zu spekta- keln! Wenn ich gewußt haͤtte, daß der Alte mir das Maul so stopfen wuͤrde, ich haͤtte gewartet, bis der Praͤsident zu sprechen gewesen waͤre.“ — Wahrscheinlich wuͤrde der Herr Praͤsident nicht auf solche Art die Ehre seines Landesherrn gerettet haben. — Schlosser ist uͤber acht Tage in Halle geblieben: wohin er nachher gegangen ist, weis ich nicht: ich habe nichts weiter von ihm gehoͤrt. Wieder ein seltsames Stuͤck von Menschen! Zwanzigstes Kapitel. Schulden sind eine schwere Buͤrde: sie verleiten oft zur Verzweiflung. B ewirthungen von der vorigen Art, meine Reise nach Jena, meine Liebeleien, meine beiden Dispu- tationen, der Verlust des Honorars fuͤr meinen Baldrian , die Geldausgaben, um mich durch Zerstreuungen von dem Aerger uͤber dies und jenes zu erholen, nebst meiner Gutmuͤthigkeit, einem jeden gern mitzutheilen, was ich hatte: — das alles hatte mir Schulden zugezogen, zu deren Tilgung mein Wechsel nicht zureichte. Daß ich mit meinen Colle- gien wenig werde verdient haben, versteht sich fuͤr mich als Anfaͤnger schon von selbst. Einmal ist in Halle das Freirennen der Collegien gar sehr gewoͤhn- lich: da denken viele Studierende, das Geld koͤnne in Lauchstaͤdt, Leipzig, auf den Doͤrfern und beim Spiel besser angewandt werden, als zum Honorar fuͤr die Docenten Noch vor einem halben Jahre hoͤrte ich mit Verwun- derung, wie ein Student, der doch, wie ich weis, woͤ- chentlich einigemal spatzieren ritt oder fuhr, mit dem Herrn D. Knapp so lange kriechend herumkapitulirte, bis endlich der Herr Doctor, um der Bettelei los zu werden, das Honorar fuͤr zwei Lehrstunden erließ. Und heute, da ich dieses schreibe, bin ich in einer Studen- ten-Gesellschaft gewesen, wo folgendes Gespraͤch zwi- schen einem Fuchs und einem Veteran vorfiel. Veteran : Welche Collegia willst du denn hoͤren? Fuchs : Die Logik und Metaphysik bei Maaß , die Exegese bei Noͤsselt , und die Mathematik bei Kluͤgel . Veteran : Nicht uͤbel gewaͤhlt! Aber wirst du den Brast auch alle bezahlen? Fuchs : Warum nicht? Ich praͤnumerire. Veteran : (bißig) Du bist nicht klug, Herr Bru- der! Du mußt keinen Heller zahlen, vielweniger praͤ- numeriren. Fuͤr die zwoͤlf Rthlr. kannst du dreimal den Sommer nach Lauchstaͤdt fahren. . Zu dem war ich von jeher nachgiebig, und wer mich um etwas bath, dem konnte ich nichts abschlagen. Und so hatte ich von dreißig Zuhoͤrern kaum zehne, die bezahlen wollten; und unter diesen Zehnen waren doch einige, die es hernach ganz und gar vergaßen. Ich glaube aber doch, wenn ich weiterhin bei der Universitaͤt geblie- ben waͤre, daß ich in Zukunft bessere Einkuͤnfte von Collegien wuͤrde gehabt haben; weil ich mehr in Rutine gekommen waͤre, und ohne Zweifel auch ei- nige Kuͤnste gelernt haͤtte, wie man gutzahlende Zu- hoͤrer in sein Auditorium hineinlockt. Fuchs : Ja, sie werden's mir nicht freigeben! Veteran : Warum denn nicht? Du mußt nur huͤbsch arm thun — sagen, du haͤttest wenig Wech- sel — es waͤren Eurer zu Hause Viele — dein Vater haͤtte eine schlechte Besoldung; oder sag' gar, du f est ein Waise. Darnach mußt du da das Uhrband weg- thun, und auch eine andere Weste anziehen, wenn du gehst, dich zu melden. Verstehst du's? Fuchs : Ja, wenn das die andern hoͤren, so bla- mir ich mich ja! Veteran : Was blamiren! Kein Satan nimmt dir das uͤbel. Da sind die und die — und die haben alle huͤbsche Wechsel und prellen die Professoren doch. Das Geld kann man sonst gescheuter brauchen. Mach du's nur, wie ich dir's gesagt habe. Der Fuchs versprach, dem edlen Rathe seines Freun- des zu folgen: er meldete sich auf die angerathene Art; und die Herren Maaß, Noͤsselt und Kluͤgel wurden — geprellt. Meine Schulden haͤuften sich also von Tag zu Tag, und ich sahe weiter kein Mittel, mich zu ret- ten, als auf das Versprechen meines Bruders zu rechnen, der meine Umstaͤnde kannte, und wußte, wie mir zu helfen war. Dieser war im Herbste nach Hause abgegangen und hatte mir wie eidlich versprochen, gleich nach seiner Ankunft unsern Vater dahin zu bewegen, daß, außer 40 Rthlr. zur Til- gung seiner Schulden, ich noch 100 Rthlr zur Til- gung der meinigen erhalten sollte. Wie er Wort gehalten habe, wollen wir gleich sehen, so leid es mir auch thut, meinen Bruder der Welt als einen schlechten Menschen darzustellen. Ich kann aber einmal nicht anders: es ist gar zu noͤthig zum Ver- staͤndniß der folgenden Katastrophe. Mein Bruder war schon lange fort, ehe er oder der Vater schrieb: endlich schrieb der letztere, und sein Brief war — kalt. Er enthielt viel hoͤfliche Vorwuͤrfe, und spielte auf Dinge an, welche ihm wohl niemand konnte berichtet haben, als eben mein Bruder. So wußte er zum Beispiel von meiner Liebelei und von meinem Skandal im Hause des Ein- nehmers zu Reideburg. Doch fuͤgte er hinzu: er wuͤrde mir noch einmal Geld schicken, ich sollte aber einen bessern Gebrauch davon machen, als von dem, das er mir sonst geschickt haͤtte: es waͤre doch wahr- lich einmal die hoͤchste Zeit, klug zu werden. — Dieser Brief kraͤnkte mich um so mehr, je wahrschein- licher ich schließen konnte, daß meinem falschen Bru- der ich das alles zu verdanken hatte. Um mir indeß volles Licht zu verschaffen, schrieb ich erst meinem Bruder einen recht derben Brief, worin ich ihm sein Versprechen vorhielt, und auf die Erfuͤllung desselbigen drang. Dann schrieb ich auch an einen andern Freund Da ich meinen Bruder kenne, so nenne ich diesen Freund hier nicht: mein Bruder wuͤrde sich gewiß an dem braven Manne zu raͤchen suchen, so recht nach seiner Art , auf gut pfaffisch. Unten ein mehreres hiervon. , und bath diesen, mir von mei- nes Bruders Gesinnungen gegen mich ehrliche Re- chenschaft zu geben: ich wollte ihn nie verrathen. Ich merkte, schrieb ich, daß mein Vater gegen mich erkaͤltete: ich schriebe dies meinem Bruder zu; doch koͤnnte ich vielleicht irren: ich wuͤnschte daher Ge- wißheit zu haben: er moͤchte mir also Auskunft ge- ben. Mein Freund antwortete bald, und bedaurte sehr, daß er mir einen Beitrag zu dem Beweise der Wahrheit liefern muͤßte: daß man sich auf seine Ver- wandten — die Eltern ausgenommen — nicht oder doch sehr selten verlassen duͤrfe. Er berichtete mir, daß mein Herr Bruder gleich bei seiner Zuhausekunft vorgegeben habe: er habe auch nicht einen Kreutzer Schulden zu Halle hinterlassen. Nicht lange hernach waͤre aber ein Brandbrief von einem hallischen Ma- nichaͤer Manichaͤer heissen in der Burschensprache die Schuldner, welche auf Bezahlung dringen: daher manichaͤern . Die Sekte der Manichaͤer ist die schlimste intoleranteste Sekte aller Ketzereien — fuͤr Bursche. eingelaufen, und als jetzt der Vater den Bruder koramirt haͤtte, da habe dieser alle Schuld auf mich geschoben, habe abscheulich uͤber meine Aus- schweifungen geklagt, habe gesagt, daß ich alles den Maͤdchen hingaͤbe, daß ich alle Tage auf den Doͤr- fern laͤge u. dergl. Nun sahe ich deutlich, daß mein Bruder Schuld an meines Vaters Kaͤlte und an den Vorwuͤrfen war, welche mir der ehrliche Alte gemacht hatte. Ich er- grimmte in der Seele, um so mehr, da ich dem Menschen alle bruͤderliche Freundschaft erwiesen hatte. Kein Mensch kann es mir verargen, daß ich damals voll Tuͤcke ward. Etwan acht Tage nach dem Empfang dieses Briefes kam auch einer von meinem Bruder. Da war nun der Ton gar maͤchtig anders geworden! Er schrieb mir steif und protzig: hier waͤren 40 Thaler, seine Schulden zu bezahlen: ich sollte es nur sogleich thun, oder wenn ich es nicht thaͤte, so sollte ich mich ja auf keine weitere Unterstuͤtzung von Haus aus verlassen. Auch waͤre der Vater durch Briefe des Doctor Semlers — so wuste er, oder so wollte er den ehrlichen Herrn Semler zum Urheber der Ab- neigung meines Vaters gegen mich, und der daher entstandenen Verschlimmerung meiner Lage ma- chen! — von meinen Ausschweifungen und unnoͤ- thigen Geldausgaben unterrichtet: ich moͤchte also an ihn ja nicht schreiben. Dann sollte ich auch alle meine Briefe an ihn — den Bruder — die er aber sich selten ausbaͤte — wegen des großen Porto's — unter der Adresse des Schulmeisters von Wendels- heim, Forchers, ihm zuschicken, und was des laͤp- pischen Gesudels mehr war. Ich warf den Brief mit innigster Verachtung weg, erboßte gewaltig, und stieß graͤßliche Verwuͤnschungen aus. An jenem Tage waͤre ich im Stande gewesen, einen Mord zu bege- hen, wenn ich von jemanden grob waͤre beleidiget worden. Um mich auf der Stelle zu raͤchen, griff ich die geschickten 40 Rthlr an, kaufte mir Tuch zu einem Ueberrock und bezahlte meine druͤckendsten Schulden, so daß ich schon zwei Tage hernach keinen Pfennig mehr in Haͤnden hatte. Einiges Holz schafte ich mir auch. Meine Manichaͤer hatten von diesem Gelde gehoͤrt, und quaͤlten mich nun auf Rothwaͤlsch, daß ich einigemal ungeduldig ward, und die groben Kerls, besonders den Schuster Sauer , und den Schneider Thieme zur Thuͤr hinaus schmiß. Die Kerls liefen nun hin zum Prorector; allein da wur- den sie mit dem alten Weidspruche abgewiesen: wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Dieses mußte ich mir dann wider sagen lassen, und aͤrgerte mich nicht wenig. Indessen setzte ich doch meine Vorlesungen fleis- sig fort: da es mir aber an Holz fehlte, auch das Auditorium zu heitzen, so verloren sich meine Zuhoͤ- rer nach und nach. Die Studenten hatten sich zwar zum Holzgelde unterschrieben: allein nur wenige zahl- ten; und das Bissel Holz, welches fuͤr das wenige Geld angeschaft werden konnte, war gar bald ver- brannt, zumal, da ich das Einheitzen durch Leute mußte geschehen lassen, welche mich derb prellten. Was Wunder, wenn nun der eine Student — wie ich es selbst gehoͤrt habe — zum andern sagte: gern ging ich in Laukhards Reichshistorie: er gefaͤllt mir besser, als der —; aber es ist zu kalt in seinem Kollegium: man moͤchte das Fieber kriegen: — und der andre dann replicirte: es ist Schade, daß der Mann so in Noth ist: haͤtt' ich Geld, ich kauf- te ihm Holz. — Wie gesagt, ich hoͤrte dies von ohngefaͤhr, und hoͤrte hintendrein noch eine weit- laͤuftige Beschreibung meiner fatalen Lage, welche durchaus wahr aber desto schmerzhafter fuͤr mich war. Unter diesen Umstaͤnden wuͤnschte ich mich wie- der in die Pfalz zuruͤck, und bedaurte, daß ich kein Bonzen- oder Talapoinen-Gehirn von der Natur bekommen hatte. Ich rannte nach Haus, als ich dies gehoͤrt hatte, — ich hoͤrte es auf der Straße — es war ohngefaͤhr den 6ten Dezember 1783, — und schrieb einen aͤusserst heftigen Brief an meinen Vater, dem ich einen an meinen Bruder beischloß. Daß ich im letztern schroͤcklich loszog, vermuthet jeder. Ich bat um schleunige Antwort, und setzte dazu den 21sten Dezember fest. Wuͤrde ich in dieser Zeit keinen Brief erhalten und kein Geld, so muͤste ich das aͤußerste wagen: es kaͤme auf sie an, ob sie mich retten woll- ten, oder nicht. — Bitten konnte ich nicht mehr, blos trotzen und rasen. Solch abscheuliche Briefe sind noch niemals aus meiner Feder geflossen. Fruͤh schickte ich sie auf die Post, und schien mir selbst ruhiger zu seyn. Indessen ward ich krank, und mußte einen Arzt haben. Der Chirurgus Noskovius hielt meine Krankheit fuͤr ein Faulfieber: aber er irrte. Ich mußte aber einen Arzt haben. Goldhagen kannte ich noch nicht: ich schickte also zu einem gewissen an- dern Herrn, und ließ ihn bitten, mich zu besuchen. Es hieß, er waͤre nicht zu Hause: ich jagte die Auf- waͤrterin in einem Tage wohl zehnmal hin, aber der Herr kam nicht. — — — — — — — — — — — — — — — — Das druͤckte mich beinahe ganz zu Boden: ich ließ mir also von Noskovius Arzenei vorschreiben. Den falgenden Tag kam der Student Dykershof , ein Westphaͤlinger, zu mir, dem ich meine traurige Lage in Ruͤcksicht meiner Gesundheit und der versagten Huͤlfe vorstellte. Er lief augenblicklich zum Herrn Goldhagen , und dieser große menschenfreundliche Arzt erschien ohne Verzug, gab mir Arzenei, und erklaͤrte meine Krankheit zwar fuͤr ein Fieber, aber fuͤr eine Art von hitzigem Fieber. — Im Bette blieb ich nicht lange, und war bald im Stande, zwei Lectionen auf meiner Stube zu halten, wozu ich meine Zuhoͤrer einladen ließ. Einige Tage vor Weynachten gieng ich schon trotz des Verbots des Herrn Goldha- gens wieder aus, und besuchte einige Bekannte im Semlerischen Hause. Das Fieber hatte mich zwar bald verlassen, aber meine Gesundheit war zerruͤttet, und meine ganze Munterkeit niedergeschlagen. Ich troͤstete mich noch auf den letztern Posttag vor dem Feste: dann aber, wenn ich dann nichts erhielte, wußte ich wahrlich nicht, was ich ergreifen sollte. Ich gestehe, daß ich mir damals Glauben, und rechten Heldenglauben an Vorsehung gewuͤnscht habe; aber leider war Vorse- hung fuͤr mich ein wahres Wunderding, und Wun- derdinge hatte ich schon laͤngst aus meinem Gehirne verbannt. Ach, wie traurig war meine Lage! Phan- tastische Trostgruͤnde schlugen bei mir nicht an; und im Reiche der Wirklichkeit fand ich keine. Eine Frau, Namens Wilkin , welche mit den Studenten fleißig handelte, und sie auf gut hallisch derb dafuͤr prellte, war auch meine Geschaͤfts- traͤgerin in der Noth. Diese Frau hatte mir so nach und nach, seit dem Abschiede meines Bruders, meine beiden guten Kleider, meine Waͤsche, kurz alles, was ich entbehren konnte, versetzt. In meiner Krank- heit muste sie wieder Rath schaffen, und jetzt verkaufte sie mein uͤbriges rothes Kleid mit Weste und Hosen, und brachte mir nur fuͤnf Thaler und einige Gro- schen. Aber was wollte ich machen? ich mußte ein- mal so handeln. Dem Herrn Semler war ich schon 6 Thaler schuldig, welche mein Vater erst im Fe- bruar des folgenden Jahres bezahlt hat: und an wen sonst sollte ich mich wenden? Ich hatte ja keine Bekannten in Halle weiter; und die Erfahrung hat mich nachher noch belehrt, daß ich auch da wuͤrde umsonst gebeten haben: und in diesem Falle waͤre mein Unmuth in Raserei uͤbergangen. Ich uͤberlegte in dieser Noth, wie es wohl wer- den wuͤrde, wenn ich mich anderswohin begaͤbe? Allein wohin? Ich traute den Menschen einmal nicht mehr, weil ich Vater und Bruder nicht mehr traute: und wie sollte ich fortkommen? Ich hatte weder Waͤsche noch ganze Stiefeln, und im Winter, der es war, mußte ich befuͤrchten, unterwegs gar umzukommen! Der bestimmte Posttag kam heran; aber leider wieder kein Brief! Man versetze sich in meine Lage, und ermesse darnach den Drang und Sturm meiner Empfindungen. Abends durchlief ich alle Gassen, gleichsam ausser mir: es war der heilige Abend vor Weinachten. Koͤster begegnete mir, und fragte, wie mir's ginge? Ich stieß ihn zuruͤck ohne zu antwor- ten, und rennte weiter. Koͤster mir nach, und bath mich um Gottes willen, ihm meine Noth oder den Grund meines Unwillens zu entdecken. Ich schwieg hartnaͤckig. Er wiederholte seine Frage mehr- mals, warum ich ihm nicht antworten wollte? Weil du ein Schurke bist, erwiederte ich endlich. Koͤster : Ums Himmels willen Bruder, sag', was ist dir? So spricht mein Laukhard nicht! so spricht ein boͤser Genius aus dir. Ich : Du bist ein Mensch: alle Menschen sind Schurken, also auch du! Hast du meinen Schluß verstanden? Geh! — Koͤster : Ich lasse dich nicht gehn: Bruder sag', wo du hin willst? ich gehe mit und wenn du zum Teufel gingst. Ich lasse dich so nicht gehn! Koͤster verfolgte mich, so sehr ich mich bemuͤhte auszureissen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ich noch niemals gewesen war. Koͤster fuhr mir nach. Es saßen Gnoten, Soldaten und Menscher drin Dieses fuͤr mich und meine Psychologie so merkwuͤr- dige Loch war eine Branteweinskneipe auf dem soge- nannten Bechershofe zu Halle am Markte. Man nann- te diese Kneipe gewoͤhnlich die Knochenkammer oder Sankt Lukas Residenz. . Die Leute waren gewaltig lustig, tanzten, huͤpften, spielten, thaten schoͤn und zeigten auch keine Spur von Gram oder Unmuth. O wie beneidete ich diese Gnoten und diese Soldaten! — Soldaten, und vergnuͤgt? — Und du Magister, und so elend? — Soldaten? — Dieser Gedanke umfaßte meine ganze Seele, hallte anhaltend wieder, und vertiefte mich immer mehr in mich. — Koͤster forderte Brandte- wein, setzte sich, fing an lateinisch zu sprechen, und drang jetzt dringender in mich, um die Ursache mei- nes Kummers mir zu entlocken: aber ich war stumm: es schwaͤrmten dunkle Bilder in mir herum, von dem, was ich thun wollte. So sehr auch Koͤster zudrang, so sehr verhaͤrtete ich mich. Endlich sagte er: Hoͤr' Bruder, ich habe noch deine particulas graecas : vergieb, daß ich sie noch habe. — Es hat nichts zu sagen, erwiederte ich. Wenn du je- manden weist, der sie kaufen will, so gieb sie hin, und stelle mir das Geld zu: weist du aber keinen, so schick sie mir Morgen fruͤh. — Koͤster fragte, ob ich sie ihm fuͤr den Praͤnumerationspreis, 1 Thaler 14 Gr. ablassen wollte? Ich hatte nichts dawider, und Koͤ- ster lief den Augenblick nach Hause, um mir das Geld zu holen. Vielleicht war er auf den Gedanken gekommen, daß die hoͤchste Geldnoth der Grund meines Kummers sey. Er kam wieder, und wir verließen das liederliche Loch. Ich lief noch einige- mal durch die Straßen, lief auch zum Kaufmann Moͤrschke , und kam gegen gegen eilf Uhr — aber ohne Trunkenheit — nach Hause. Vor lauter Aer- ger warf ich mein Bette auf den Fußboden, und legte mich drauf. Aber meine Unruhe war zu groß: ich konnte nirgends bleiben, wuste auch nicht, wo ich war, und was ich that. Das war ein schroͤck- licher Zustand! Lachen konnte ich uͤberlaut: Alles, woran ich dachte, kam mir sehr laͤcherlich vor, aber fuͤr den traurigsten Gedanken hatte ich keine Em- pfindung. Fruͤh war ich noch in Kleidern. Ich las in Tasso 's Gierusalemme liberata, und las die aͤusserst ruͤhrende Stelle, wo Tancredi sein Maͤd- chen ermordet. Diese Stelle hatte mich mehrmals innigst geruͤhrt; aber damals muste ich uͤberlaut da- bei lachen. Zweiter Theil. Q Ich ließ mich frisiren, und lief sodann sporen- streichs zur Christmette um 6 Uhr: aus der Christ- mette lief ich, ohne zu wissen wohin, zum Thor hinaus, zu dem Wirthe in den Pulverweiden. Ich forderte Breuhan; und die guten Leute wunderten sich, daß ich schon so fruͤh Breuhan trinken wollte. Hier saß ich nun fast drei Stunden, ehe ich recht zu mir kam, und untersuchte meine Empfindungen. Die gestrige Lustigkeit der Gnoten und der Soldaten kam mir zuerst wieder in den Sinn, und da hob sich denn der Gedanke aus dem Gewuͤhl der verwirrten Vorstellungen heraus: es waͤre doch huͤbsch fuͤr dich, wenn du Soldat wuͤrdest Daß ich den Soldatenstand jenem der Gnoten vor- zog, war, unter andern mit, wohl eine Folge von den Schimpfnamen- womit der Herr Student den Buͤrgerstand zu bezeichnen pflegt. Buͤrgerlich intole- rant; ist dies doch, beim Lichte betrachtet, immer: aber wer achtet auf Kinderei! Und doch hat ein Minimum von der Art Kinderei oft Folgen, wie hier. — ! Dieser Gedanke schuͤttelte mich anfaͤnglich frei- lich gewaltig zusammen, kam aber immer wieder, und wieder, und ich ward endlich mit ihm vertrau- ter. Das war alles noch bloße Vorstellung; aber von nun an kam auch Ueberlegung dazu. Wenn du Soldat wirst, dachte ich, so bist du auf einmal von den hallischen Manichaͤern los: dann bist du auch an deinem Bruder und Vater geraͤcht — an deinem Vater? — deinem guten biedern Vater? — o, man vergebe mir diesen tollen Gedanken, und denke an meine Lage! — und endlich findest du ohne Zwei- fel Mittel und Wege, dir ein ruhigeres Leben zu verschaffen. Ruhe, von welcher Art sie seyn, welchen Aufwand sie auch kosten moͤchte, Ruhe schien mir da- mals bei der gewaltig anhaltenden Unruhe, worin ich schwebte, das hoͤchste Gut auf Erden zu seyn. Aber wo denn willst du Soldat werden? — Diese Frage loͤßte sich bald auf. In Halle und an keinem andern Orte! In Halle bist du gekraͤnkt, in Halle mußt du geraͤcht werden. — So kindisch rach- suͤchtig dachte ich damals in der Verwirrung! Ein und zwanzigstes Kapitel. Der Herr Magister wird endlich gar — Soldat. I n diesen Gedanken saß ich bis Nachmittags um drei Uhr bei meinem Philosophen So nannten wir damals den Wirth in den Pulver- weiden. , der immer mit mir reden wollte, aber wenig Worte von mir herauszerren konnte: ich war zu sehr weg, und blos mit dem Gedanken, Soldat zu werden, be- schaͤftiget. Ich kam gegen Abend in die Stadt zuruͤck, ging in die Knochenkammer, nicht um zu trin- ken, sondern um frohe Leute aus der Klasse zu sehen, zu welcher ich von nun an gehoͤren wollte. Ich sprach mit einigen, fragte sie, wie es ihnen gin- ge? und erhielt natuͤrlich lauter befriedigende Ant- worten. Dieses machte meinen Entschluß immer fester. Nun war die Frage, an wen ich mich wen- den sollte? — Allein dazu dacht' ich, sollte gleich fruͤh Rath werden. Also verließ ich diesen Ort des laͤrmenden Vergnuͤgens froh, so froh, als ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war. Zum Ueber- fluß besuchte ich noch einen Klub bei Busch auf dem Rathskeller, wozu ich schon laͤngst gehoͤrt hatte, und der sich sehr oft, allemal aber Sonntags und Frei- tags regelmaͤßig versammelte. Die Leute waren alle froh, mich wieder zu sehen, da sie mich schon seit so langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Ich war uͤber alle Gewohnheit lustig, und dies kam dem Ex- Schustermeister Michaelis , welcher eben auch zu diesem Klub gehoͤrte, so befremdend vor, daß er nach seiner Art Anmerkungen daruͤber machte. Man stutzte aber nicht wenig, als ich meinen Entschluß, Soldat zu werden, deutlich genug zu verstehen gab. Wir waren indeß im Preußischen, und so widersprach keiner. — So weicht der Mensch dem Buͤrger: der Ernaͤhrer dem Zuchtmeister! — Vom Rathskeller ging ich in das Haus, wo- rin sonst mein Bruder gewohnt hatte, und welches, wie ich schon gesagt habe, der Hanauer-Puff hieß. Hier wohnte die oben beschriebene Cheminonin mit ihrem Manne, einem Soldaten von des dama- ligen Hauptmanns von Muͤffling Compagnie. Ich kannte diesen Cheminon, und beschloß, ihm meine Absicht zu entdecken. Nachdem ich mehrere Glaͤser Schnapps — alles aus betaͤubender Lustigkeit — eingestuͤrzt hatte, nahm ich ihn auf die Seite, und bath ihn, doch ja dafuͤr zu sorgen, daß ich ganz fruͤh einen Hauptmann sprechen koͤnnte, gleichviel welchen. Ich kannte damals noch keinen Officier, als den Leutenant, jetzt Hauptmann von Knoblauch , und den Leutenant von Bomsdorff : ersterer hatte mich damals mit seiner Freundschaft beehrt, und hat seine gute Gesinnung gegen mich auch nachher nicht geaͤndert. Cheminon machte große Augen, als er von mir vernahm, daß ich Soldat werden wollte: er wollte es Anfangs nicht einmal glauben, und dachte, ich haͤtte ihn zum Besten. Allein ich betheuerte ihm hoch und theuer, das sey mein Ernst, und so glaubte ers. Nun lobte er mir, wie natuͤrlich, seinen eignen Hauptmann, den Herrn von Muͤffling , und versprach mir, mich gleich am folgenden Mor- gen fruͤh zu ihm zu begleiten. Ich blieb daher diese Nacht uͤber in Cheminons Wohnung, und — soff mich voll in lauter Fuselbrantewein, welchen Ma- dam Cheminon damals fuͤr Likoͤr ausschenkte. Ich glaube, daß ich vergessen habe, zu sagen, daß der beruͤchtigte Hanauer-Puff weiter nichts war, als eine Schnappskneipe. Madam Cheminon wußte aber auch zu leben, und sorgte fuͤr immer artige Jungfern Jungfer heißt nach ha ischem Sprachgebrauch eine Buͤrgerstochter, die keinen Mann hat: Kinder mag sie gehabt haben, das schadet nichts. Mamsell wird jedes mit frisirtem Kopf einhertretendes Frauenzimmer ohne Mann genannt: doch faͤngt gegenwaͤrtig der Name Mamsell auch schon an, unfrisirten Haubenstoͤcken ge- geben zu werden: daher Mamsell Minchen, Roͤschen, Nanettchen. . Das sahen einige Studenten gern, fanden sich fleißig ein, und tranken den elenden Fusel fuͤr Likoͤr. Fruͤh erinnerte ich den Cheminon an sein Ver- sprechen: er war willig dazu, sagte mir aber: sein Hauptmann kaͤme diesen Tag auf die Wache; da koͤnnte ich ihn auf der Hauptwache sprechen. Das war mir denn recht. Nachdem also die Wache auf- gezogen war, ging ich mit Cheminon zum Haupt- mann, dessen offenes Wesen mir gleich gefiel. Er war sehr gefaͤllig, und wir redeten von allerlei, doch aber kam das Gespraͤch immer wieder auf mein Sol- datwerden. Herr von Muͤffling hatte einen Band von der deutschen Uebersetzung des Polybius vo sich, worin er lesen wollte. Ich hatte auch viel von Polybius gelesen, und war mit der Historie dieses Schriftstellers bekannt. Daher raͤsonnirten wir lange uͤber die Kriegskunst der Alten, von welcher wir aber beide wenig verstanden. Der Leutenant von Dry- galsky war die dritte Person. Endlich kamen wir unserm Zwecke naͤher: wir kamen auf gewisse Punkte, welche mir Herr von Muͤffling zu erfuͤllen versprach. Einige davon sind freilich gehalten worden, aber — — —: doch ich enthalte mich aller Anmerkungen, die sich mir hier aufdringen wollen: vielleicht theile ich dergleichen einmal in meinem Alter — wenn naͤmlich das gute oder schlechte Schichsal mich alt werden laͤßt — der Welt mit, unter der Aufschrift: Bemerkungen eines alten Soldaten uͤber das Soldatenwesen uͤberhaupt, und uͤber das Preußische insbesondere. Ein Mus- ketier sieht oft mehr, und richtiger, als mancher Herr Officier, sammt seinem Koͤnig. Diesen fehlt es an geschaͤrftem Gefuͤhl dazu. — Herr von Muͤffling both mir 8 Louisd'ors Handgeld, und drang in mich, daß ich jetzt gleich entweder ja sagen, oder alles abbrechen sollte: und ich sagte — Ja. So war ich also angeworben. Nun ließ der Hauptmann einschenken, was das Zeug hielt, und da ich die Schnurre noch von der vorigen Nacht im Kopfe hatte, so war es natuͤrlich, daß ich derb besoffen ward. Ich ging nach der großen Wachtstube, machte mit allen Soldaten, die da waren, Bruͤderschaft, und war nun seelenfroh, daß ich — Soldat war. Die Nacht uͤber schlief ich in der großen Wachtstube, und zwar auf der Prit- sche, obgleich Herr von Muͤffling mir in der Officier- stube ein Bette hatte bereiten lassen. Man sollte denken, daß ich fruͤh die Sachen anders, als den vorigen Abend angesehn, und mich derb uͤber meinen unbesonnenen Schritt werde ge- kraͤnkt haben. Das war aber nicht so: meine Stim- mung hatte sich nicht geaͤndert, und als ich erwachte, freute ich mich noch immer uͤber das, was ich gethan hatte. Das Grundgefuͤhl von Rache, die Sehnsucht nach Ruhe, nebst der taͤuschenden Erwartung der Dinge, die jetzt alle kommen wuͤrden, unterhielten die Spannung meiner Seele, und versetzten mich zu sehr außer mir, als daß ich meinen damaligen gegenwaͤrti- gen Zustand haͤtte nach der Wahrheit pruͤfen und werthigen koͤnnen. Ich sprach mit dem Hauptmann so unbefangen, als wenn ich schon zehn Jahre bei den Soldaten gewesen waͤre. Herr von Muͤffling freute sich uͤber dies mein aufgeraͤumtes Wesen, und wiederholte mir sein Versprechen, daß ich es gut bei ihm haben sollte . Ich hatte schon am vorigen Abend auf Begeh- ren des Hauptmanns einen Zettel an den Prorector geschrieben, und ihm berichtet, daß ich aus gewissen Gruͤnden Soldat geworden waͤre. Das war nun freilich unnoͤthig: denn der Prorector hat in solchen Dingen nichts zu verfuͤgen. Der Hauptmann fragte mich, ob ich noch haben wollte, daß er den Zettel an den Herrn Schulze abschicken sollte: ich bejahte es, und Zutzel , der Unterofficier, muste ihn hintra- gen. Herr Schulze ließ dem Hauptmann wieder sagen, daß er ihm zu mir gratulire. Auf meine Frage, was Schulze fuͤr eine Mine gemacht habe, antwortete Zutzel, er habe gelacht, und seiner Frau die Sache mit Lachen erzaͤhlt. Das aͤrgerte mich. Der Unbefangene findet aber freilich manches nicht so wichtig, als der Befangene — im Taumel. Wohl dem, der hierdurch allmaͤlig ein Koͤrnchen vom Salz der Weisheit einsammelt, um nichts wichtiger zu finden, als es — ist. Ich wurde noch auf der Hauptwache eingeklei- det, und kam zu dem Unterofficier Zutzel ins Quar- tier: das war am dritten Weinachtstage, 1783. Aber nun kam der Laͤrmen in der ganzen Stadt herum, und alle Straßen, alle Kneipen, alle vorneh- me Zirkel und alle Puffkeller ertoͤnten von der einzi- gen Nachricht: „Magister Laukhard ist Soldat geworden!“ Man schrieb es gar weit und breit herum. — Wer die Hallenser kennt, der weis, daß das rechtes Wasser auf ihre Muͤhle war. Ich habe wenig Oerter gefunden, wo der vornehme und der niedrige Poͤbel so neugierig waͤre, als in Halle. Wenn etwas zu sehen ist, und sey es auch noch so unbedeutend, so laͤuft gleich alles zusammen, bleibt stehen, und gafft halbe Tage lang, als wenn eine Kaiserkroͤnung zu sehen waͤre. An den Verlust, den dieses Stillstehn des Erwerbstandes nach sich zieht, denkt man nicht. Sodann werden alle Neuigkeiten, alle Maͤhren, sie moͤgen wichtig oder laͤppisch seyn, in allen Zirkeln herum ausposaunt, und ohne alle weitere Untersuchung geglaubt. Womit wollten die vielen Haar- und Bart-Putzer ihre leerkoͤpfigen Kunden in Halle auch sonst unterhalten? Wie still wuͤrde es in den Damen-Klubs zugehen, wenn sie das Hoͤckerweiber-Geschaͤfte unter ihrer Wuͤrde fin- den sollten! Wie mancher Herr Professor, Student, Buͤrger und Soldat wuͤrde vom Langweilen-Fieber ergriffen werden, wenn er an der Zeitverkuͤrzung der Janhagelschaft keinen Antheil nehmen koͤnnte! Jetzt, da ich dieses schreibe, troͤdelt man so viele sich selbst widersprechende Maͤhren uͤber den Feldzug gegen die Neufranken herum, daß einem die Ohren davon gaͤllen moͤchten. Insbesondere verstehn die Herren, welche den Rathskeller besuchen, und die Gesellschaf- ten bei Sandern, dem Branteweinschenken, recht derb zu kanngießern, und die politischen Possen und Stadtmaͤrchen jeder nach seiner Art auszu- schmuͤcken. Also war auch ich damals die Maͤhre des Tages: viele Philister, Menscher, und ander Grobzeug, kamen vor das Haus, wo ich logirte, mich zu sehen, und zu schauen, wie mir die Montur wohl stehen moͤchte. Ich ging diesen Tag einigemal aus, und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menscher, Studenten und Philister. Die Kinder sangen sogar: Laukhard hin, Lauk- hard her, Laukhard ist ein Zottelbaͤr! — Andere: Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Magi- ster mehr! — Und das alles sah und hoͤrte Laukhard mit vieler Gleichguͤltigkeit. Wohl ihm, daß er Fas- sung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolirter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! Man hatte ihn vorher hier und da degradirend genug dazu be- handelt. Denn wer kann sich selbst noch achten, wenn Andere sich bemuͤhen, ihn politisch zu vernich- ten! Aber so saͤget man die Menschen ab! — Ueber- dem reiniget das Recensenten-Wesen von der Galle, und schafft manchem milzsuͤchtigen Thoren, Schurken und Muͤssiggaͤnger, wo nicht immer Geld, doch Zeit- vertreib. Gegen Mittag schickte mir Herr Schulze zwei Studenten, und ließ mir sagen, daß wenn ich wie- der los seyn wollte, und Mittel dazu angeben koͤnnte, er bereit waͤre, alles fuͤr mich thun. Ich schrieb ihm einen lateinischen Brief, dankte ihm, und bezeigte, daß das wohl nicht mehr gehen wuͤrde: wenn er aber mich befreien koͤnnte, haͤtte ich nichts dawi- der. — Ich wußte aber schon, daß dieses nicht mehr moͤglich war. — — — Meine Bekannten und Freunde unter den Stu- denten, besonders einige meiner Landsleute kamen haͤufig und mit Thraͤnen in den Augen zu mir, und baten mich, doch Himmel und Erde fuͤr meine Be- freiung zu bewegen: es wuͤrde ja alles noch gehen. Ich wurde sehr geruͤhrt durch die Vorstellungen der ehrlichen gutmeinenden Juͤnglinge, besonders durch die Thraͤnen meines Stubers , Sohns des schon im ersten Theile mehrmals genannten Pastors von Flon- heim, dann des Rebenacks und des Kiefers . Die guten Leute nahmen sich meiner sehr thaͤtig an, ohnerachtet ich es verbath. Sie liefen mehrmals zum Hauptmann, und als dieser sich nicht so erklaͤrte, wie sie es wuͤnschten, bombardirten sie den damaligen General des Regiments, den Fuͤrsten Adolph von Anhalt - Baͤrenburg . Der Fuͤrst versprach den Studenten, um sich von ihnen los zu machen, daß er mich selbst vernehmen, und dann resolviren wollte, was Rechtens waͤre. Als ich diese Nachricht hoͤrte, hatte ich genug, und erklaͤrte den Studenten, daß alle ihre Muͤhe verlohren waͤre: es wuͤrde bleiben, wie es waͤre. Nachmittags schrieb mir auch Herr D. Sem- ler einen großen lateinischen Brief, welchen ich 1787 nebst mehr andern Schreibereien mit nach Hause nahm, und zu Wendelsheim zuruͤck ließ. In diesem Briefe erschien das edle Herz des guten Mannes auf eine sehr sichtbare Weise. Ich haͤtte, schrieb er, dergleichen nicht unternehmen koͤnnen, wenn ich nicht allen Glauben an die goͤttliche Vorsehung verlohren haͤtte: dieser Glaube sey das hoͤchste Gut des Men- schen: man muͤsse ihn beibehalten, gesetzt auch , er sey Vorurtheil . Haͤtte ich mich in meinen uͤbeln Umstaͤnden, die ihm nun recht gut bekannt waͤren, mich an ihn gewandt, so wuͤrde er wohl Wege zu meiner Beruhigung entweder selbst einge- schlagen, oder sie mir doch gewiesen haben. Indessen sey das nun einmal nicht mehr zu aͤndern; deswegen sollte ich auf eine Zeitlang Geduld haben, und er- warten und hoffen, daß alles koͤnnte verbessert und fuͤr meine Ruhe gut eingerichtet werden. Auf ihn sollte ich mich immer verlassen: er wuͤrde mir immer Freund und Beistand seyn: se enim nemini esse alienum, multo minus ei, quem sciret esse in- f licem, quocunque modo adversa fuerit accita fortuna. Am Ende ermahnte er mich, ja fleißig zu studieren: die Studia waͤren wahrer Balsam fuͤr Ungluͤckliche. Dabei fuͤhrte er mir einige Stellen aus Cicero und Ovidius an. Semlers Brief ruͤhrte mich im Innern meiner Seele: ich kannte den Mann und wußte, daß seine Worte Realitaͤten bezeichneten. Ich habe selten den Worten getraut, womit mir je- mand seine Freundschaft und Dienste beweisen wollte: aber bei den Worten einiger redlicher Maͤnner machte ich immer eine Ausnahme, und das war auch bei Semlern der Fall. Semler war der wohlwollend- ste, thaͤtigste Menschenfreund. Den folgenden Tag — es war ein Sonn- abend — war ich viel ruhiger, als den vorigen: ich konnte uͤber alles, was mir begegnete, gehoͤrig nachdenken; und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwaͤrtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm. Mein natuͤrlicher Leichtsinn kam mir hier, wie sonst bei vielen Vorfaͤllen meines Le- bens, zu statten: ich legte alles auf die leichte Achsel. Es wird schon alles noch gut werden, dacht ich; und wenns nicht gut werden will, je nun, am Ende bleibt dir doch das Mittel uͤbrig, welches keinem Menschen entsteht — das Pistol oder der Strick. Auch in dieser Vorstellung lag damals Beruhigung und etwas Angenehmes fuͤr mich. Die stoische Philosophie ist wahrlich kein dummes System, und der Mensch, welcher sich mit ihren Grundsaͤtzen vertraut macht, kann unmoͤglich verzweifeln. Denn was die Mora- listen, insbesondere die Pfaffen sagen: Selbstmord sey allemal Verzweiflung, ist mit der gnaͤdigen Er- laubniß dieser Herren so wenig wahr, als er allemal Kleinmuth oder Verbrechen ist. Ich habe meine guten Gruͤnde fuͤr diese Behauptung. Meine Leser werden daher nicht zuͤrnen, wenn ich ihnen meine Gedanken so ganz trocken hinlege. Ich gehoͤre nicht zu denen, welche aus Heroismus, zur Ehre Gottes oder zum Preis der Tugend alles Ungluͤck und alle Noth gern ertragen moͤchten. Wuͤrde ich meinen Zustand uͤbermaͤßig elend fuͤhlen, so wuͤrde ich ihn schon endigen. Alle Gruͤnde und Beweise fuͤr die sogenannte allwaltende Vorsehung, wie diese von Leß , Hermes und Jerusalem beschrieben wird, haben mich niemals uͤberfuͤhren koͤnnen. Ich will gern jedem seinen Glauben in diesem Stuͤck lassen, und es jedem gern goͤnnen, in dem Vertrauen auf die goͤttliche Vorsehung und Regierung der Welt sei- ne Beruhigung zu finden: aber mir muß man es auch lassen, daß ich mich auf eine gewisse fatale Ver- kettung der Dinge gruͤnde, und dadurch mein Schick- sal mir erleichtere. Mein Fatalismus hebt die Freiheit nicht ganz auf, und ist daher unschaͤdlich. Friedrich der Große , und sein scharfsinniger Commentator, Schulz in Gielsdorf, lehrten das auch Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre fuͤr alle Menschen, Berlin 1783. . Wer sich aber an diesem meinen of- fenherzigen Bekenntniß stoßen will, der muß sich noch mehr an den Leiden des jungen Werthers von Goͤthe stoßen: diese gehen dogmatisch zu werke, da ich es blos historisch thue. Doch was hilft hier disputiren! Wem es wohlgeht, erschießt oder erhaͤngt sich nicht; und wem es so uͤbel geht, daß ers thut, dem ists zu verzeihen: Er geht mehr mechanisch, als moralisch zu Werke. Und darum hob Friedrich II. die schaͤndlichen Strafen dafuͤr auch auf. Sonntags fruͤh wurde ich zum Fuͤrsten gefuͤhrt: er bewies mir in Form Rechtens, daß ich mich wirk- lich haͤtte anwerben lassen, und folglich Soldat blei- ben muͤßte. Er sprach mir noch allerhand Trost zu, der aber bei mir nicht anschlug: Zutzel hatte mir den Herrn Fuͤrsten schon den Tag vorher naͤher beschrie- ben. Man legte mir ohne weitere Complimente den Soldaten-Eid vor, und ich schwur ihn: und so war mein Herr Soldat voͤllig fertig. Mein Handgeld wollte mir der Hauptmann zwar uͤbergeben, doch stellte er mir vor, daß ich bes- ser thaͤte, wenn ichs in seinen Haͤnden liesse: ich wuͤrde sonst drum geprellt werden. Er hatte Recht! Auf der Revuͤe 1787 hatte ich noch einen Rest davon. Freilich muste ich jedesmal, wenn ich etwas haben wollte, mein eigen Geld gleichsam herausbetteln, wenigstens genau angeben, wozu ich es haben wollte: allein da dieses Benehmen des Herrn von Muͤffling, zu meinem Nutzen ab- zweckte, so hat es mich niemals verdrossen, so empfindlich mir es sonst ist, wenn man mir Un- recht thut. Der Hauptmann wollte mich zu Cheminon ins Quartier legen, allem da Zutzel mir Anfaͤnglich nicht uͤbel gefallen hatte, und ich bei Cheminon nicht gern seyn wollte, weil immer Studenten hinkamen, so bath ich den Herrn von Muͤffling, mich bei Zutzeln zu lassen. Er wollte mirs freilich nicht versagen, und sagte mir gleich, Zutzel sey ein wunderlicher Mensch, und seine Frau sey vollends des Sa- tans; ich moͤchte also sehen, wie ich mit ihnen zurecht kaͤme. Um mich indeß mehr zu sichern, schaͤrfte er beiden ein, mit mir ordentlich umzu- gehen, und nicht zu machen, daß ich klagen muͤste. Wuͤrde man mir aber dennoch etwas in den Weg legen, so sollte ich es ihm nur gleich anzeigen: er wollte dann seine Sachen schon machen u. s. w. Wie uͤbel ich aber fuͤr mich gesorgt hatte, wird die Folge ausweisen. Zweiter Theil. R Der andre Soldat, der mit mir bei Zu- zeln lag In der hallischen Garnison liegen gemeiniglich zwei unverheurathete Soldaten bei einem Verheuratheten, der ihnen Holz, Licht und Bette geben muß, dafuͤr aber den Koͤnigl. Servis, d. i. die Miethe zieht. Es steht den Verheuratheten frei, sich nach Gefallen ein- zumiethen: und da diesen das Wohlfeilste das Beßte ist, und sie folglich sehr schlechte Wohnungen miethen; so ergiebt sich von selbst, daß manche Inkonvenienz bei diesen Quartiren vorfaͤllt. In dieser Absicht sollte bil- lig eine Aenderung getroffen werden. In Magde- bung ist die Einquartirung besser: der ledige Soldat liegt da blos beim Buͤrger. , hieß Trautwig, und war ein sehr guter treuer Bursche, der mir gerade alles that, was er nur von weitem errathen konnte, daß es mir gefallen wuͤrde. Ich schafte mir nun alles an, was der Sol- dat so an Kleinigkeiten haben muß, Buͤrsten, Haarwachs, Kreide, Thon, Puder, und andre Kleinigkeiten, welche zur sogenannten Propretaͤt erfordert werden. Meine Gewaͤhrs-Sachen ha- be ich immer von Andern, wenn ich naͤmlich nicht fuͤr gut fand, es selbst zu thun, rein machen lassen. Zwei und zwanzigstes Kapitel. Meine erste Lage bei den Soldaten . M ein Wirth, der Untrrofficier Zutzel, war ein aͤusserst schnurriger Mensch, von haͤmischem Karakter, der sich so recht freute, wenn er jemanden einen Stein stoßen konnte. Ich muß ihn etwas naͤher beschreiben, vorher aber anmerken, daß die meisten Unterofficiere, die ich habe kennen lernen, Preußi- sche sowohl als andere, eine große Aehnlichkeit mit den Verschnittenen haben, welche die Weiber im Orient bewachen muͤßen. Da sie, wie diese, ihren Vorgesetzten auf eine ganz vorzuͤgliche Art, und noch unendlich mehr als der gemeine Bursche unterworfen und gehorsam seyn muͤssen, auch sehr oft mishan- delt und belastet werden, so suchen sie ihren Un- muth und ihre beleidigte Eigenliebe an den Soldaten auszuuͤben, wie jene an den Weibern; werden aber auch nicht selten von den pfiffigen Burschen ange- fuͤhrt, wie die schwarzen Kastraten von ihrem intri- ganten Frauenzimmer: dies nebenher. Zutzel mit seiner Eheliebsten war sehr fromm, das heißt, er las alle Tage in einer alten dicken Po- stille, und ging alle Sonntage regelmaͤßig zur Kirche. Er ist, wie er mir selbst oft gesagt hat, recht froh gewesen, als man ihn zum Abend- und Fruͤh-Visi- tiren ernannt hat — blos weil er dadurch vom Wachtthun befreit wurde, und also jeden Sonntag die Kirche besuchen konnte, welches bei den Dienst- thuenden den Monat zweimal wegfaͤllt. Vom lieben allmaͤchtigen Gott wußte Zutzel sehr viel zu reden, wie auch vom frommen Koͤnige und Propheten Da- vid, vom lieben Gebet und andern dergleichen Din- gen. Bei jeder Gelegenheit kam so was Gesalbtes vor: aber man denke ja nicht, daß dieser Mensch nicht auch geflucht habe. Es giebt wohl keinen Boots- knecht bei der ostindischen Kompagnie, der besser flu- chen und schwoͤren koͤnnte, als Freund Zutzel: beten und fluchen war bei ihm in einem Oden. Bei diesen Tugenden besaß er, wie manche seines Gleichen, eine große Fertigkeit im Branteweinsaufen, den er sich jedesmal selbst holte, und mit seiner Eheliebsten — welche ein ganzes Noͤßel doch immer noch ein Troͤpf- chen nannte — in bona pace verzehrte. Nichts war possirlicher anzusehen, als wenn Freund Zutzel da saß mit dem Seitengewaͤhr, und einen blauen Mantel um hatte, eine schwarze Pudelmuͤtze auf dem Kopf, die Brille auf der Nase, die Schnappspulle vor sich, und so — Struͤmpfe stopfte, oder strickte, welches beides er aus dem Fundament verstand. Die Madam Zutzel war ordentlich gemacht, einen Mann unter die Erde zu bringen, wenn er weniger unempfindlich gewesen waͤre, als der ihrige. Einer war ihr schon davon gelaufen, weil er ihre ab- surde Grillen nicht weiter vertragen konnte: darauf war sie geschieden worden, und so hatte sie Freund Zutzel genommen. Den ganzen langen Tag noͤrgelte sie, besonders wenn sie besoffen war, zankte mit ihrem Manne und ihren Soldaten, und wenn sie nichts zu zanken hatte, so schlug sie ihren Hund Perl oder ihre Katze Minette . In diesem Quartire lag ich nun! Wie wirds da dem armen Schelm gegangen seyn? werden mei- ne gutmuͤthigen Leser ausrufen: und wenn sie das thun, so will ich ihnen mit einem Worte antworten: sehr schlecht, meine Herren! Einige Proͤbchen. Ich fing gleich, wie es sich von selbst versteht, an zu exerciren, und zwar in Zutzels Stube. Freilich lernte ich nicht schnell: theils war ich des Dings nicht gewohnt, theils dachte ich, Zeit genug zu haben, diese große Kunst, welche hauptsaͤchlich in der gleich- maͤßigen Fertigkeit und Akkuratesse besteht, und vom duͤmsten Bauerjungen begriffen wird, zu erlernen. Daß ich nun nicht fluchs lernte, aͤrgerte meinen Zutzel, und er klagte mich beim Hauptmann als einen Menschen an, der viel zu dumm und zu tuͤckisch zum Exerciren sey. Herr von Muͤffling verschwieg mir das nicht, und ich konnte mich nicht besser rechtfer- tigen, als wenn ich fleißiger und aufmerksamer ward. Das ward ich, und Zutzels Klagen von dieser Seite fielen weg. Freund Zutzel war gewohnt, mit den Rekruten, die er uͤbte, umsonst zu fruͤhstuͤcken. Einige Zeit uͤber ließ ich mir das auch gefallen: allein da er gar anfing zu fordern, wies ich ihn ab, und trank meinen Schnapps fuͤr mich allein. Das verdroß ihn haͤßlich. Da er nun sahe, daß ich oft mit andern Kamera- den zur Frau Buchin oder auf die Baͤckerherberge ging, so beschrieb er mich dem Hauptmann als einen Trunkenbold, der taͤglich in den Kneipen saͤße, sich voll soͤffe, und sich von andern prellen ließe. Der Hauptmann ließ dieses Vorgeben durch den Feldwe- bel untersuchen, und da er keine Excesse fand, schwieg er. Der Feldwebel Wurm rieth mir aber, wenn ich ausginge, sollte ich nur den Unterofficier nicht wissen lassen, wohin: der sey ein Kalefaktor Kalefaktor heißt bei den Soldaten ein Officier- Bedienter, der einheitzen und andere Handdienste ver- richten muß, und zugleich Soldat ist. Dieser Name wird aber auch denen aus Spott zugelegt, die bei den Vorgesetzten alles Nachtheilige, was sie von ihren Cameraden erfahren, anbringen. Daher das Zeitwort Kal - faktern . , vor dem man sich huͤten muͤßte. Ein Student aus Westphalen, Namens Huͤ - king, hatte mich zu einer Nachmittags-Schmauserei eingeladen. Weil aber Freund Zutzel nicht dabei seyn konnte, so misgoͤnnte er mir dieses Vergnuͤgen, und machte mir weis, der Hauptmann wolle den- selben Machmittag zu uns kommen und sehen, wie weit ich im Exerciren gekommen waͤre. Also lauer- ten wir bis Abends um sechs Uhr, und es kam kein Hauptmann. Zu Herrn Huͤking hatte er gesagt, der Hauptmann wollte nicht zugeben, daß ich Studen- ten besuchen duͤrfte. Ich entdeckte diese Kabbalistik, und als ich mich beim Herrn von Muͤffling daruͤber beschwerte, wußte dieser von nichts, und erlaubte mir, Studenten zu besuchen, wenn und so oft ich wollte. Aber nun ein Stuͤckchen von schaͤndlicherer Art. Es war uns ein Soldate desertirt, dessen hinterlassene Sachen Zutzel in die Kammer gelegt hatte, wo Trautwig und ich schliefen. Etwan acht Tage her- nach wollte Zutzel die Sachen wegtragen, und siehe da, es fehlten einige Stuͤcke an der Waͤsche. Ohne weiter zu untersuchen, ob das jetzt Fehlende nicht schon vorhin gefehlt habe, behauptete er: entweder Trautwig oder ich muͤste sie verkauft oder versetzt haben. Trautwig nahm das Ding sehr uͤbel, und suchte mich sogleich auf, um mir diese Beschuldigung mitzutheilen. Ich lief zu Hause, und nun gabs schoͤne Auftritte; wir schlugen uns bald mit einander. Unsern Hauptmann fand ich nicht zu Hause: Zutzel aber wußte, daß er beim Obersten war; er ging also hin, und klagte uns an, Herr von Muͤffling schwieg fuͤr den Tag, und befahl dem Unterofficier bei Fuchteln und Arrest, zu uns von der Sache nichts zu sagen: er wuͤrde das Ding selbst untersuchen. Fruͤh ließ mich Herr von Muͤffling zu sich holen, und fragte sehr freundlich, ob ich nichts um die verlohrne Waͤsche wuͤste? Er supponire zwar nicht, das ich selbige genommen haͤtte, allein mein Kamerad koͤnnte es doch gethan haben: und wenn ich davon wuͤste, sollte ich es nur sagen; es sollte verschwiegen bleiben, ja es sollte sogar keine Strafe erfolgen, weil er die Sache ersetzen wollte! Ich leug- nete alles, weil ich wirklich nichts wuͤste, und der Hauptmann war sehr in Verlegenheit, was er thun sollte. Es vergingen mehrere Tage: die Sache blieb wie sie war, und wir musten manche Anspielungen von Zutzeln anhoͤren, worauf allemal ein derbes Gezaͤnk folgte. Endlich auf einen Sonnabend kam eine alte Frau zum Feldwebel Wurm, welche fuͤr den desertirten Soldaten gewaschen hatte, und zeigte an, daß sie noch einige Waͤsche von diesem habe, welche sie an die Kompagnie abgeben wollte. Und siehe da, die Waͤsche war die verlohrne. Wurm zeigte die Sache alsobald dem Kapitain an, und der gute Angeber erhielt den folgenden Sonntag bei der Kirchenparade durch den Faͤhndrich Roeder fuͤnf und zwanzig derbe Fuchtel. „Das ist, sagte der Kapitain fuͤr Lug und Trug und Fikfakkerei Ein Soldaten-Wort zu Halle: es bedeutet so viel, als listiges Hinterbringen. : wer mir einen Soldaten faͤlschlich angiebt, der kriegt seine fuͤnf und zwanzig Fuchtel aus dem Salze.“ Es war mir, ohnerachtet der groben Beleidigung, die mir Zutzel zugefuͤgt hatte, doch unangenehm, daß er so war gestraft worden: wer aber das Ding mit kaltem Blute uͤberlegt, wird finden, daß er sich sehr grob vergangen, und die Fuchtel verdient hatte. Freilich mochte er wohl geglaubt haben, daß er die fehlende Waͤsche in unsre Kammer wirklich gebracht haͤtte: aber da haͤtte er vorher besser zusehen und nicht auf sein bloßes Dafuͤrhalten gleich unschuldige Leute des Diebstahls beschuldigen sollen. Der Hauptmann nahm hierauf Zutzeln die Sol- daten, und legte mich zu einem gewissen Muͤller, wo es mir besser ging. Zutzel beging hernach die Toll- heit, und begab sich freiwillig in Arrest; allein da ihm Herr von Muͤffling schlimmere Folgen von die- sem Schritt vorstellte; so besann er sich eines bessern, und ging zu Hause. Daß von dieser Zeit an mein Exerciermeister Zutzel werde gesucht haben, mir beim Exerciren seine Ungnade sehr merkbar zu machen, daß ich mich aber auch besser angriff, laͤßt sich denken. Schlagen und schimpfen durfte er ohnehin nicht, und so hatte ich eben nicht viel von ihm zu fuͤrchten. Mit meinen Kameraden lebt ich in gutem Vernehmen, und gleich wie ich ehedem mir den Bur- schenkomment bald eigen machte, so lernte ich auch in kurzer Zeit jetzt den Sodatenkomment, der aber freilich, weil manches dahin Gehoͤrige, versteckt ausgefuͤhrt werden muß, weit schwerer in seiner Theorie und Praxis ist, als der der Burschen. Meine Leser kennen mich schon so viel, daß sie mir ohne Muͤhe glauben werden, wenn ich ihnen sage, daß ich die Soldaten-Kneipen fleißig besucht habe, namentlich die Preußische Krone, die Kutsche, die Frau Buchin — ja auch manchesmal die Kno- chenkammer und Meister Philipp Schauffert. Wo soll der Soldat auch sonst hingehen? was soll er machen? Soll er zu Hause sitzen, und sich mit Gril- len herumschlagen? Vornehme Gesellschaften sind fuͤr ihn ja verschlossen: also, da der Soldat meist rasch und ohne Umstaͤnde ist, so sucht er Gesellschaften seines Gleichen, und findet sie in den Bier- und Schnapps-Kneipen. Daß mir diese Gesellschaften bas behagten, ist keinem Zweifel unterworfen. Sie hatten die meiste Aehnlichkeit mit dem Gießer Burschen Komment, an dem ich einmal gewohnt gewesen war. Zudem muß ich hier einmal fuͤr allemal sagen, daß meine Kameraden von der ganzen Garnison mich alle gern um sich hatten, und mir mit einer gewissen Art von Distinktion begegneten. Wer ist aber nicht gern bei seines Gleichen, wenn er mit einiger Auszeichnung behandelt wird! Jeder Soldat, den ich Du hieß, rechnete es sich zur Ehre, der Dutzbruder eines ge- wesenen Magisters zu seyn. Außerdem ist auch die Lebensart unsrer Soldaten bei weitem so ruͤde und roh nicht, als sich mancher wohl vorstellt, der sie weniger kennt: denn obgleich unsre Leute den Fran- zoͤsischen Truppen in diesem Stuͤck, wie in sehr vielen andern, noch weit nachstehen, so ist doch gewiß, daß viele unter ihnen recht wohl gezogen und artig sind. Freilich werden die Soldatengesellschaften ekelhaft und fatal, wenn die Exercierzeit ist, und die Landbeurlaubten sich in der Garnison einfinden. Diese sind meistens Bauern, Bergleute oder Tage- loͤhner, und haben neben ihrer angeerbten Grobheit und Ungeschliffenheit, auch noch einen hohen Grad von dummen Stolz und Impertinenz, wodurch ihr Umgang hoͤchst abgeschmackt und ekelhaft aus- faͤllt. In Ruͤcksicht der Liebschaften ahmen unsre Sol- daten den Jenischen Studenten nach Die Herren Jenenser moͤgen mir diese Vergleichung zu gute halten: vor fuͤnf Jahren war es noch so, und soll nach dem Berichte glaubwuͤrdiger Zeugen auch noch jetzt so seyn. Wenns aber ja nicht mehr so ist, so bitte ich recht sehr um Vergebung! : denn gleich wie diese fast alle ihre Scharmanten haben, so haben unsre Leute, die Ledigen, auch fast alle ihre Lieb - chen . Was das aber auch immer fuͤr welche sind — laͤßt sich leicht denken. Herr von Muͤffling mora- lisirte einst uͤber diese Creaturen, und schloß seine Rede mit den Worten: „So gehts aber! wenn die Beester das halbe Land ausgehurt haben, duͤnken sie doch noch fuͤr einen Soldaten gut genug, und mehr als zu gut zu seyn. Einen Achtgroschen - mann Oder Soldaten. denken sie, kriegen wir noch immer!“ Dieses Urtheil, welches sich auf Erfahrung gruͤndet, ist sehr wahr. Die Maͤdchen, welche von den Sol- daten karessirt werden, sind groͤßtentheils aus der niedrigsten Klasse, und von der schlechtesten Lebens- art — Soldatentoͤchter gemeiniglich, die da denken, sie muͤßten in der Freundschaft bleiben. Ihre Lieb- schaften spinnen sie meistens auf der Straße, oder in den Kneipen an. In den Soldaten-Kneipen naͤm- lich wird fast taͤglich musicirt: freilich hoͤchst elend, aber es kann doch dabei getanzt werden, oder mit andern Worten, man kann doch nach dem Takt Bocksspruͤnge machen, und das ist fuͤr den Geschmack der besagten Nymphen genug. Wer nun Lust hat, eine Liebschaft von der Art anzufangen, der darf nur diese Oerter besuchen, und da wird er schon ankommen. Freilich sind die Gegenstaͤnde, wenig- stens in moralischer Ruͤcksicht — denn im Gesicht und Schnitt sehen einige noch so halbwege aus — von sehr trauriger Art, und unterscheiden sich von den Bordelnymphen beinahe blos durch Concentra- tion, wie Freund Yorik sagt. — Was fuͤr Folgen von daher auf die Gesundheit der Soldaten entste- hen, kann man daraus abnehmen, daß die Herren Feldscheerer zuweilen eine gewisse Besichtigung vor- nehmen muͤssen, die von den Soldaten Schw — Visitation genannt wird. Dennoch ist der Soldat oft froh, wenn er mit so einer Kreatur zusammen kommen kann: sie sorgt nicht nur fuͤr seine thierischen Beduͤrfnisse, sondern naͤhrt ihn oft noch obendrein. Bei diesem Stande ist es nicht, wie bei andern, wo die Mannsperson dem Frauenzimmer kontribuiren muß; denn der Soldat laͤßt sich fuͤr seine Aufwartung belohnen, und das Maͤdchen muß losziehen, wenn es will, daß ihr Galan Stich halte. Daher kommt es auch, daß viele Menscher ihre Kleider im Fall der Noth verkaufen oder versetzen, und ihre Burschen, oft auch einen Herrn Officier, aushelfen: besonders ist das bei alten verschabten abgenutzten Dirnen der Fall. Ja, ich habe sogar einige gekannt, die das Verdienst ihres niedertraͤchtigen Hurengewerbes Stat meretrix parvo cuivis mercabilis aere. Et miseras jusso corpore quaerit opes, sagt Ovid . Vor acht Jahren hoͤrte ich gar einen Pro- fessor seinem Bedienten auftragen: daß er ihm ein Maͤdchen schaffen sollte; aber ja nicht hoͤher als 18 Pf. — Fuͤr dieses aes parvum , das der geizige Mann jedoch oͤfters ausgab, hat er endlich seine Gesundheit ruinirt, sich uͤberall Koͤrbe zubereitet, u. dgl. — Aber so gehts! — ihren Lieb- habern hernach hingaben. Diese wußten zwar um die Natur des Erwerbes, wurden aber nicht boͤse, da das Geloͤßte ihnen zufiel. Aber was wird denn endlich aus dergleichen Kommers? Je nun, wies koͤmmt! Sehr oft werden die Leutchen getraut, und leben hernach so gut sie koͤnnen, wie Mann und Frau. Daß die meisten dieser Ehen sehr ungluͤcklich, groͤßtentheils kinderlos, und selbst dann, wenn Kinder daher kommen, fuͤr den Staat wegen der nothwendig schlechten Kinder- zucht, von gar geringem Nutzen sind, laͤßt sich ohne große Untersuchung abnehmen. Der Soldat, wel- cher so heurathet, thut doch fuͤr sich eben nicht unrecht. Soll er denn ewig im Quartier bei andern egen, wo er gleichsam wie im Gefaͤngniß sitzen muß? Lieber nimmt er sich eine Frau, wie er sie kriegen kann, und dann ist er doch gewissermaßen sein eigner Herr. Daher kann ichs keinem verdenken, der heu- rathet, gesetzt auch, er muͤste eine Nymphe von ge- woͤhnlichem Schlage nehmen. Was ich hier von den Soldatenschaͤtzchen gesagt habe, ist zwar meistentheils wahr: doch giebt es einige, obgleich seltenere Ausnahmen. Dann und wann geraͤth wohl einer an ein ehrliches Maͤdchen, mit der er, so viel sein Stand und seine Lage es erlauben, ruhig, vielleicht auch gluͤcklich leben kann; aber der Anblick der meisten Soldaten-Ehen verlei- det jedem Nachdenkenden eine Verbindung von der beschriebenen Art. Aber ich will meine Leser nicht laͤnger bei einem Gegenstande aufhalten, woruͤber sich sonst gar vieles sagen ließe. In solchen Kommerschen, wo getanzt und lu- stig gelebt wurde, befand ich mich oͤfters, und war allemal froh, wenn ich mich da mit einigen unterhal- ten konnte, die nach meinem Geschmack waren. Man kann wirklich mehr nach Geschmack seine Kameraden bei den Soldatrn waͤhlen, als bei den Studenten: wer mir dort nicht gefaͤllt, den lasse ich gehn; aber bei den Studenten geht dieses, gewisser Verhaͤltnisse wegen, nicht allemal an, vorzuͤglich wenn man mit Landsleuten oder Ordensbruͤdern umgeben ist. Ich hatte besonders mit einigen Franzosen, die ihre Spra- che gut redeten, Umgang, und da ich seit sehr langer Zeit nicht mehr franzoͤsisch zu sprechen Gelegenheit gehabt hatte, so war es mir lieb, mir bei ihnen die verlohrne Fluͤchtigkeit im Reden wieder zu verschaf- fen. Oft hab ich die Bemerkung gemacht, daß eine vier Wochen unterlassene Uebung in einer Sprache die Fertigkeit im Reden gleich hemmt; eine Uebung aber nur einige Tage fortgesetzt, dieselbe wieder herstellt. Daß ich auch bei den Soldaten ein Fuchs war, und als Fuchs geprellt worden bin, laͤßt sich leicht abnehmen. Oft mußte ich fuͤr meine Mitkonsorten die Zeche bezahlen, bald ihnen Geld borgen, das ich niemals wieder bekam, bald mich sonst anfuͤhren las- sen. Allein das ist einmal nicht anders: Fuͤchse muͤs- sen geprellt seyn, und unter dem Militair giebt es eben so pfiffige, ja noch viel pfiffigere, als unter den Studenten. Drei und zwanzigstes Kapitel. Sturm und Sonnenschein . D as deutsche Sprichwort: Jung gewoͤhnt , alt gethan , — ich wiederhole es — ist sehr gegruͤndet. Ich war, wie meine Leser schon wissen, von Jugend auf ans Trinken gewoͤhnt, und hatte hernach diese schoͤne Gewohnheit so fortgesetzt, daß ich zwar dann und wann einige Pausen, selbst recht lange Pausen machte; aber doch immer wieder zur alten Unart zuruͤckkehrte. Als ich Soldat ward, faßte ich den festen Vorsatz, nur nach Nothdurft zu trinken und dem Saufen gaͤnzlich zu entsagen. Ich blieb diesem Vorsatz auch eine Zeitlang getreu, und konnte wenigstens schon Monate zaͤhlen, daß ich nicht betrunken war. Allein was helfen alle guten Vor- saͤtze, wenn die Neigung aus Gewohnheit uns schon verdorben und verhunzt hat! Ich war an einem Sonntage bei der Frau Bu- chin, wo ein gewisser Soldat, Bornmeister, mir stark zusetzte, und zum Trinken noͤthigte. Der Kerl raͤsonnirte von vielerlei Dingen, und da er kein Dummkopf, und weit in der Welt herumgeflogen Zweiter Theil. S war, als Schuhknecht, so raͤsonnirte er gar nicht uͤbel. Ich will lieber einem gereiseten Schuhknecht, der kein Dummkopf ist, zuhoͤren, als manchem Pro- fessor, der die Dogmatik herbetet. Locke ward erst durch den Umgang mit dieser Art Leuten praktisch, oder das, was Baco von Verulam an den Gelehrten foderte. Kurz, Meister Bornmeister zog mich an sich, und da kam es einst so weit, daß wir beide im Kopf warm wurden. Endlich, es mochte wohl neun Uhr seyn, sagte Bornmeister: „Hoͤr', was sitzen wir da hier bei dem elenden Brantewein? komm, wir wollen wo sonst hinwandern!“ Ich ging gern mit: denn wohin folgte ich nicht gern, wenn mich ein Trinkbruder einlud? Und Ehrgefuͤhl, — du lieber Gott! Gießen und Ehrgefuͤhl, — uͤber- haupt Universitaͤt und Delikatesse! — Freund Bor- meister fuͤhrte mich also in die Halle, wo damals ein beruͤchtigter, jetzt aber ausgestorbener Pufkeller war: wir traten hinein, und blieben da bis gegen Mitter- nacht; dann verliessen wir diesen Ort der schmutzigen Freude, und wanderten oder stolperten vielmehr auf die Bruno's-Warte — Braune Schwarte in Halle genannt — wo gleichfalls ein solches beruͤchtigtes Haus anzutreffen war. Ich fand einige Studenten Damals naͤmlich! heut zu Tage sind die Herren in Halle delikater. Ich bitte, meine Zeitpunkte genau von meiner Bekanntschaft, mit denen ich mich so gut unterhielt, als mir es moͤglich war — mit mei- nem schweren Kopfe. Indessen hatten die Unterofficiere mein allzulan- ges Aussenbleiben bemerkt, und rannten nun Straße auf Straße ab, um mich und den Bornmeister in allen Kneipen aufzusuchen. Endlich kamen sie auch in das Loch, wo wir uns befanden, und brachten uns nach Hause. Am folgenden Morgen fruͤh kam mein Kapi- tain, und nachdem er mir einen sehr derben Ver- weis gegeben hatte, ließ er mich in Arrest bringen, wo ich auf 12 Stunden krumm geschlossen wurde. Meinem Compagnon widerfuhr das naͤmliche. Es ist uͤberhaupt eine sehr inkommode Sache, krumm zu liegen: man ist ganz gewaltig dabei schenirt! Mein Bornmeister machte sich zwar nicht viel dar- aus, da er an dergleichen Tractament schon gewoͤhnt war; ich aber hatte nie so etwas erfahren, und da- her muste mich dieser Auftritt sehr auffallend inkom- modiren. Fruͤh Morgens wurden wir unsers Arre- stes entlassen, und ich vergaß in wenig Tagen den ganzen Handel um so eher, da meine Kameraden mir begreiflich zu machen suchten, daß der Soldat zu bemerken, um mir das oportet esse memorem nicht vorzurupfen. keine Schande von Strafen haͤtte, außer denen fuͤr Diebstahl. Strafen an sich naͤmlich beschimpfen den Soldaten und den Officier uͤberhaupt nicht, wohl aber die Ursache der Strafen. Ist diese beschimpfend und entehrend, so wird der Soldat selbst prostituirt, gesetzt auch, die Strafe sey noch so klein. Man er- faͤhrt dies beim Spiesruthenlaufen unwidersprech- lich: der Dieb wird da am wenigsten geschont. Und das ist schon recht so! Aber leider rechnet man gar viele Excesse nicht unter die entehrenden, obgleich sie wirklich als solche angesehen werden sollten — Saufereien, Balgereien, Vernachlaͤssigung des Dien- stes, und andre Dinge, welche eben so gut ihren Veruͤber beschimpfen, als Diebstahl. Aber das ist so die eigne Moral der Staͤnde! — Da dies nun einmal so ist, so ließ ich mir den ersten Arrest nicht zur Warnung dienen, und zog mir bald einen zweiten zu. Ich wuste naͤmlich, daß ich damals, als unvertrauter Auslaͤnder, schlech- terdings um acht Uhr Abends zu Hause seyn sollte. Diesen Befehl uͤbertrat ich oft, und dann musten mich die Unterofficiere uͤberall aufsuchen. Das Aus- senbleiben an sich hatte wohl wenig zu sagen: der Kapitain Muͤffling hatte das gute Zutrauen zu mir, daß ich nicht davonlaufen wuͤrde, und dieses Zu- trauen habe ich auch niemals gekraͤnkt oder gemis- braucht. Aber Ordnung muß einmal seyn, zumal beim Militair. — Einstmals war ich auch wegge- gangen, und in einer Kneipe bis zehn Uhr oder wohl noch laͤnger sitzen geblieben. Philister und Gnoten waren da in einer Gesellschaft, und mit diesen wuste ich mich so zu divertiren, daß die Kerls mir stark zutranken, wodurch ich eine Schnurre bekam, sitzen blieb, und die Zeit vergaß. Endlich kam der Feld- webel Wurm, welcher mich, wer weis wie lange, mochte gesucht haben, und brachte mich nach dem Ar- rest. Doch wurde ich diesmal nicht krumm gelegt, und schon fruͤh um sechs Uhr nach Hause geschickt. Das waren denn so die ersten Wehen, die ich bei meinem neuen Stand erfahren habe. Viel mehr als dieses, ist es auch nicht geworden. Ich muß freilich noch einige Excesse weiter unten anfuͤhren, allein das waren doch nur Kleinigkeiten, und wur- den — einen ausgenommen, der am gehoͤrigen Orte vorkommen wird — von meinen heroischen Stu- dentenstuͤckchen weit uͤbertroffen. Das Studenten- wesen verleitet uͤberhaupt zu Gesetzlosigkeit, und ver- woͤhnt uns fuͤr uns und Andere. In ganz Halle hatte man ausgesprengt, ich waͤre Soldat geworden, um die Jungfer Christel Doͤrnerin zu heurathen: man wußte meinen Umgang mit diesem Maͤdchen Allein man ward bald inne, daß das meine Absicht weder war, noch seyn konnte, und schwieg davon. Ich widerlegte selbst dieses Ge- ruͤcht recht ernstlich; aber wohl aus uͤbertriebener Delikatesse, die sonst mein Fehler nicht war: denn wenn ein Herr Professor sich mit einem huͤbschen Maͤdel auf eine Viertelstunde einlassen kann, ohne auf Stand und dergleichen zu achten: warum ein Magister nicht auf immer? die Liebe laͤßt sich doch wahrlich durch einen gesetzlichen Machtspruch nicht so modificiren, wie man einen Bauerkerl durch den Korporalstock modificirt: Sonst muͤßten die Herren Moralisten und Regenten die untadelhaftesten Mu- ster in der Liebe seyn! Madam Cheminon hatte ein Maͤdchen, Namens Fiekchen — den Zunamen habe ich vergessen — zu sich genommen, weil das Maͤdchen Obdach suchte, und woͤchentlich 16 Groschen zu verzehren hatte. Fiekchen war noch nicht 16 Jahre alt, sah sehr gut aus, und hatte durch ihr gutes Ansehen einen Stu- denten, S* aus M***, in sich verliebt gemacht. Dieser hatte ihr versprochen, sie zu heurathen, und bis dahin das Kostgeld fuͤr sie herzugeben. Anfaͤng- lich wurde Fiekchen gut gehalten, hernach aber ver- stoßen, weil sie den Respekt gegen das alte gebiete- rische Fegfeuer manchmal aus den Augen setzte, und, was das wichtigste war, endlich das Kostgeld aus- blieb. In dieser traurigen Lage begegnete mir das arme Maͤdchen mit roth geweinten Augen. Auf meine Frage nach der Ursache ihrer Thraͤnen, erwaͤhnte sie der Grausamkeit der alten Cheminon, von der sie nicht nur verstoßen, sondern auch unter dem Vorwande einer Schuldfoderung ihrer wenigen Kleider waͤre beraubt worden. Dieses Unrecht brachte mich so auf, daß ich die Verlassene auf der Stelle mitnahm, und ihr versprach, fuͤr sie zu sor- gen — und das, lieben Leser, aus der reinsten Ab- sicht. Ungluͤckliche gingen mir von jeher nahe, und fremde Beleidigungen wieder ins Gerade bringen helfen, war staͤts meine Sache. Meine Wirthin, die Muͤllern, welche viel auf mich hielt, und mir in allem gern willfahrte, haͤtte das arme Maͤdchen den Augenblick aufgenommen, wenn sie nur Platz dazu gehabt haͤtte: — doch be- sorgte sie ihr ein wohlfeiles Obdach, und verkoͤstigte sie auf meine Kosten, bis das Maͤdchen wieder Geld erhielt. Und dies erhielt sie, nachdem ich ihrem Liebhaber so nach meiner Art sehr dringend einge- schaͤrft hatte, eine Ungluͤckliche nicht zu verlassen, die es doch durch ihn geworden waͤre u. dgl. Die Frau Cheminon erfuhr nicht sobald, wo das Maͤdchen sich aufhielt, als sie sich hinter den Feldwebel Wurm steckte, der mir es verbieten, oder es doch beim Hauptmann dahin bringen sollte, daß mirs verboten wuͤrde, sie zu naͤh en. Aber da traf sie es gar schlecht! Wurm kam zwar, und widerrieth mir den Umgang mit einem venerischen Mensch — so hatte die alte Madonna das Maͤdchen beschrieben, nach Art aller alten Weiber, welche Fehler an Andern erdichten, um dadurch ihre eigenen zu begruͤnden oder zu beschoͤnigen: — ich aber stellte dem Feldwebel die wahre Beschaffenheit der Sache vor, und belehrte ihn uͤber die Haͤrte und die Un- gerechtigkeit der alten Tyrannin. Dies war genug: denn Herr Wurm , welcher im Grunde auch wußte und fuͤhlte, was Schufterei war, brachte es jetzt beim Hauptmann dahin, daß das alte Fegefeuer nebst einem großen ellenlangen Wischer, den Befehl erhielt; auf der Stelle die vorenthaltenen Sachen herauszugeben. Das war recht, und machte mir die lebhafteste Freude! Aber was halfs! Fiekchen starb ohngefaͤhr drei Monate nachher, und Herr S* schickte das Geld zu ihrem Begraͤbniß. Das hallische Grobzeug sprengte gleich aus, sie sey an der venerischen Krankheit ge- storben, das aber blos eine Erdichtung der Chemi- non war, wie ich und der Chirurgus bezeugen koͤn- nen. So geht es aber! hat doch das Grobzeug auch dergleichen von D. Bahrdt ausgesprengt! Man moͤchte beinahe sagen: Wohl dem, der keine Vorzuͤge hat: man wird ihn nicht beneiden und we- niger verschwaͤrzen. Ich habe diese Historie hier angefuͤhrt, weil ich doch auch einmal zeigen muß, daß an dem boͤsen Laukhard zuweilen noch ein Fleckchen Gutes war: denn sich der Bedraͤngten mit Aufopferung annehmen und sie nach Vermoͤgen unterstuͤtzen, ist gut und loͤblich. Herr von Muͤffling vertraute mir bald nach meiner Annahme bei seiner Kompagnie, den Unter- richt seines aͤltesten Sohns, des jetzigen Herrn Leutenants, Friedrich von Muͤffling, in der franzoͤsischen Sprache an. Er wußte, daß ich schon damals auf wohlfeilerm Fuß, als die gewoͤhn- lichen Sprachmeister, unterrichtete, und gab mir doch, so sehr ich auch widersprach, eben so viel, als einem ordentlich privilegirten Universitaͤts-Sprach- meister und Lector gegeben wird. Die Frau von Muͤffling, eine Dame, die alle Ehrfurcht verdient, und die die Menschenliebe und Leutseligkeit selbst ist, behandelte mich besonders guͤtig. Die Muͤfflingischen Kinder hatten zwar schon einen Hofmeister, Herrn Schimmelpfennig aus Weimar; da dieser aber wenig franzoͤsisch verstand, wenigstens es nicht spre- chen konnte, so ersetzte ich das, und ich muß beken- nen, daß der junge Baron sichtbar zunahm. Ueber- haupt waren die Kinder des Hauptmanns fuͤr ihr Alter sehr gut erzogen und unterrichtet: ihr Vater gab genau auf alle ihre Schritte und Tritte selbst mit Acht, und ausser den Lehrstunden, waren sie gemei- niglich bei ihrer vortreflichen Mutter. Die beiden juͤngern Soͤhne, Franz und Wilhelm waren fuͤr den franzoͤsischen Unterricht damals noch zu jung; also hatte ich blos mit dem aͤltern zu thun. Ich habe diesen Unterricht zwar nur bis nach Michaelis des Jahres fortgesetzt, hernach aber dennoch immer freien Zutritt ins Muͤfflingische Haus behalten, bis endlich der Herr von Muͤffling Chef eines gruͤnen Bataillons in Magdeburg ward. Wollte Gott, alle Compagnien haͤtten einen solchen Vorgesetzten, und alle Kinder solche Eltern! Sehr ungerecht wuͤrde ich seyn, wenn ich uͤber- haupt es nicht oͤffentlich ruͤhmen wollte, daß auch die uͤbrigen Haͤupter der Kompagnie mich jederzeit gut und gewissermaßen mit Distinktion behandelt haben. Freilich muste ich die Exercitien lernen; allein da dies auf sehr verschiedene Art geschehen kann, so war es ein Gluͤck fuͤr mich, daß man viel Geduld mit mir hatte. Damals lebte der große Koͤnig noch; und der Grundsatz, daß derbe Hiebe gute Exerciermeister waͤren, war ein Lieblingsgrundsatz des damaligen Inspectors der Magdeburger Brigade, des General- Leutenants von Saldern , bei dessen Namen unsre alten Krieger noch zittern. Aber dieser Grundsatz wurde bei mir nicht angewandt, und kein Officier hat mir jemals Hiebe angeboten, vielweniger gegeben oder geben lassen. Das verdient meinen Dank! — Herr von Henning , der damals als erster Leute- nant bei der Kompagnie stand, war mir merklich gewogen, und unterhielt sich gern mit mir in der franzoͤsischen Sprache, welche er mit guter Fertig- keit redete. Mein Vater lag mir, wie billig, gleich vom Anfang meiner neuen Lebensart, stark im Sinne. Was wird der ehrliche Alte empfinden und sagen, wenn er erfaͤhrt, daß nun alles an dir auf einmal, ohne alle Hoffnung verlohren ist? Dieser Gedanke fuhr mir immer durch Kopf und Herz, und vergaͤllte mir jeden Augenblick. Um dieser Quaal los zu wer- den, bath ich den D. Semler schriftlich — denn per- soͤnlich wollte ich den ehrwuͤrdigen Mann in meiner Soldaten-Uniform noch nicht angehen — er moͤchte suchen, meinem Vater meinen Schritt zum Soldaten- stande auf die glimpflichste Art beizubringen. Der gute Mann antwortete mir, das sey schon geschehen: er hoffe, mein Vater wuͤrde mich mehr bedauren, als uͤber mich zuͤrnen. Der Hauptmann hatte auch schon geschrieben: allein lange erschien keine Ant- wort. Endlich kam ein Brief von meinem Vater an den Herrn von Muͤffling in sehr gemaͤßigtem und ge- setztem Ton. „Er kenne, schrieb er, das mensch- liche Herz, und mein Schritt kaͤme ihm, da er meine Sitten, meine Denkungsart, und meinen Leichtsinn auch kenne, gar nicht fremde vor. Er vergaͤbe mir von Herzen meine Verirrungen, sogar den letzten desperaten Schritt, so sehr er ihn sonst schmerzte, Ich wuͤnsche, fuhr er fort, einen recht langen Brief von meinem Sohn zu lesen, und bitte Ew. Hoch- wohlgeboren, ihn denselben in Ihrer Gegenwart oder in Gegenwart eines andern braven Mannes schreiben zu lassen, damit er gerade so schreibe, wie es ihm ums Herz ist, ohne lange herumsinnen und kuͤnsteln zu koͤnnen: ich moͤchte gern aus dem Briefe sehen, wie er jetzt wohl denkt.“ — Ich schrieb die- sem gemaͤß, in der Stube des Herrn von Muͤfflings an meinen Vater, und dieser Brief besaͤnftigte ihn so, daß alle seine folgenden Briefe an mich, an den Hauptmann und an den D. Semler auch nicht die geringste Spur von Vorwuͤrfen oder Unwillen enthielten. Meinem Bruder schrieb ich auch, jedoch in einem galligtbittern Ton: er antwortete mir nicht. — Aber Haag , der ehrliche Freund, schrieb mir dafuͤr desto oͤfterer, und seine Briefe gossen jedesmal bele- bende Wonne in meine Seele. Die erste Exercierzeit Die Exerzierzeit ist die Zeit, wo das vollstaͤndige Re- giment woͤchentlich fuͤnfmal auf dem Felde exercirt wird. Unter Friedrichs II. Regierung dauerte sie ge- woͤhnlich zwei Monate: der jetzige Koͤnig hat sie ab- gekuͤrzt. ist mir, wie jedem Soldaten, beschwerlich gefallen: allein ich uͤberstand sie, und die folgenden Exercierzeiten sind mir immer leichter geworden. Es fiel mir oft der Gedanke da- bei ein, ob die Verdammten in der Hoͤlle, welche doch nach der erbaulichen Lehre der orthodoxen Buch- staben-Kirche ewig gepeiniget werden sollen, nicht endlich allen Sinn fuͤr Quaal und Angst und Noth verlieren, und alle Feuer- und Schwefelpfuͤhle, alle Haken des Satans u. dergl. nicht fuͤr Kleinigkeiten halten werden? Die Gewohnheit vermag doch ge- waltig viel! — Im Mai 1784 machte ich meine erste Revuͤe bei Magdeburg, und sah da den großen Koͤnig zum erstenmal. Sein Anblick erschuͤtterte mich durch und durch: ich hatte nur Auge und Sinn blos fuͤr Ihn! Auf Ihn war ich und alles concentrirt! viele tau- send Personalitaͤten in eine einzige umgeschmolzen! Ein Heer, Eine Handlung! — — Mit seinen Thaten war ich schon bekannt durch Buͤcher und Er- zaͤhlungen. Es ist wahrlich etwas Goͤttliches, einen so großen Mann zu sehen! der Gedanke, daß man zu Ihm mit gehoͤre, erhebt zum Olymp hinaus. — — — — — — — — — — — — — Aber siehe da den Unterschied zwischen den orientalischen Despoten und unsern Fuͤrsten! In Orient ehrt man die Despotie und nicht den Despo- ten. Die Person des Regenten kommt da gar nicht in Anschlag: ein Abkoͤmmling des aͤltesten Koͤnigs- stamms hat eben nicht mehr Gewalt, als der nie- drigste Sklav, wenn dieser sich auf den Thron hin- aufschwingt. So lange der Regent auf dem Throne sitzt, wird er verehrt oder vielmehr knechtisch ange- betet, sey er auch der aͤrgste Bube. Der verstorbene Regent aber wird sogleich verachtet und vergessen, wenn er auch noch so vortreflich regiert hat: das be- weißt das Beispiel des Schach Nadir und So - limans des Andern . In Europa ist das anders. Die fuͤrstliche Wuͤr- de giebt hier zwar etwas; aber die Ehrfurcht fuͤr den Regenten, selbst seine Gewalt muß sich auf persoͤn- liche Eigenschaften und Verdienste gruͤnden. Wer hat je unumschraͤnkter regiert, als Friedrich der Zweite ? Und welcher Koͤnig war je ohnmaͤchtiger als Ludwig XV gegen das Ende seines Lebens? Er hing sogar von seinem Koch und einem Gaͤrtner- maͤdchen ab, und ließ von diesen sein Verhalten len- ken. Ich mag diese Bemerkung nicht weiter aus- fuͤhren; aber sie ist wahr, und darf beim Unterricht der Fuͤrsten-Kinder nicht uͤbergangen werden. Im Orient braucht der Regent keine Tugenden; aber im Occident muß er sie haben: sonst ist er nicht Regent in der That, sondern blos nach dem Namen. — Die Revuͤe war ein rechtes Fest fuͤr mich. Ich muste zwar derbe Maͤrsche thun — man geht in drei Maͤrschen eilf Meilen — allein die Neuheit der Sache und die Abwechselung der Gegenstaͤnde mach- ten, daß ich alle Muͤhe vergaß, und blos an dem hing, was ich noch nicht gesehen hatte. In Mag- deburg besuchten mich meine Freunde, besonders Herr Molweide, von welchem ich schon oben geredet habe. Jeder bedaurte mich, und jeder sprach mir guten Muth ein. Ich hatte aber die Troͤstungen nicht noͤthig. Man maaß mich nach sich, und — irrte. Man hat hin und wieder die Gewohnheit zu sagen: „So grob, wie ein Magdeburger!“ Dieses Sprichwort thut den guten Magdeburgern zu viel. Ich habe die Leute oͤfters gesehen, und bin seit neun Jahren, alle Jahr zur Revuͤezeit, mit ihnen umgegangen. Es giebt freilich einige Superfeine, auch Grobe und Ungeschliffene zu Magdeburg, wie uͤberall; im Durchschnitt aber sind die Einwohner dieser Stadt nach aͤcht deutscher Sitte bieder, zuvorkommend und mittheilend, be- sonders das Frauenzimmer — in allen Ehren, — welchem auch der Ruhm der Schoͤnheit vor andern Staͤdterinnen zukoͤmmt. Vier und zwanzigstes Kapitel. Gelehrte Beschaͤftigung waͤhrend meines Soldatenstandes. Etwas uͤber Romanenleserei und Lesebibliotheken. I ch hatte schon vor der Revuͤe einige Stundenten zu unterrichten im Lateinischen und Franzoͤsischen. Mei- ne ersten Scholaren waren Herr Salpius , aus der Mark, Herr Boͤhm , jetzt Doktor der Medicin in Berlin, und Herr Gassel aus Westphalen. Nach und nach erhielt ich mehrere. Wenn einige, welche ich zu unterrichten die Ehre gehabt habe, ihre Na- men in meinem Buche nicht finden, so koͤnnen sie versichert seyn, daß dies nicht daher ruͤhre, weil ich sie vergessen haͤtte, oder es fuͤr zu gering hielte, sie zu nennen: ich verehre vielmehr jeden, der zugleich mein Freund war, und das sehr aufrichtig; sondern, weil ich befuͤrchte, manchem Leser lange Weile zu machen, wenn ich da ein großes Namen-Register anfuͤhren wollte, wobei ich doch weiter nichts zu sagen haͤtte, als dem gab ich Stunden im Lateini- schen, Italiaͤnischen — Franzoͤsischen: mit dem las ich den Livius — diesen lehrte ich dies, jenen jenes. Als ich von der Revuͤe zuruͤck kam, nahm ich Stadt-Urlaub, das heißt, ich ließ das Traktament dem Kapitain, that keine Wachen, und konnte da- her meine Lehrstunden nach mehr Ordnung und Be- quemlichkeit abwarten. Dies noͤthigte mich aber, meine Sachen so einzurichten, daß ich von meinem Verdienst bei Studenten leben konnte, welches an einem Orte, wie Halle, wo so ziemlich alles theuer ist, und bei einer blos von Studenten abhaͤngenden Lebensart etwas schwer haͤlt. Ich kann indeß nicht klagen, daß es mir jemals an Scholaren gefehlt habe: meine Stunden waren so ziemlich besetzt; wuͤrden es aber nicht gewesen seyn, wenn ich soviel dafuͤr haͤtte nehmen wollen, als die gewoͤhnlichen Sprachmeister. Daß ich das nicht that, kann man mir im geringsten nicht verdenken: ich konnte ja meine Lektionen ganz und gar umsonst geben, und folglich auch so wohl- feil, als ich dies fuͤr mich und meine Kundschaft fuͤr gut fand. Wie es indeß zu gehen pflegt, daß das Handwerk neidet, so ging es auch hier. Der hiesige italiaͤnische Sprachmeister Boselli , setzte meine Lectionen uͤberall herab, blos darum: weil ich mir ja nur zwei Groschen fuͤr die Stunde geben ließe! Eben so machten es einige andere dieser Herren: ich ließ sie aber machen, und versah meine Scholaren so gut ich konnte. Fuͤr mich selbst studirte ich nach Semlers Rath in Tertullians Werken, aus welchen ich die dogmati- Zweiter Theil. T schen Stellen auszeichnen sollte. Es ist gewiß sehr seltsam, daß ein Soldat den alten Knaster liest, und noch seltsamer, daß er ihn liest, um die Historie der sogenannten heiligen Lehren und Fratzen dadurch auf- zuhellen. Herr Semler hielt, wie jederman weis, sehr viel auf das Lesen der aͤltern Kirchenvaͤter, und das blos aus dem Grunde, weil man sehr viel zur allmaͤligen Entstehung der Dogmengeschichte aus ih- nen lernen koͤnnte: in jeder andern Ruͤcksicht hielt er sie groͤßtentheils fuͤr arme Suͤnder, die weder gelehrt gewesen waͤren, noch hell und richtig gedacht haͤtten. Tertullianus war fuͤr mich wirklich schwer, und an mancher Stelle muste ich lange klauben, ehe ich einen Sinn in das hoͤchst verworrene Zeug des schwaͤrme- rischen Afrikaners bringen konnte: doch gefiel mir manches an diesem Schriftsteller, besonders seine Frei- muͤthigkeit und sein Haß gegen die Pfaffen. Ich kam aber nicht weit, und durchging blos die Buͤcher von der Keuschheit , vom Mantel , das gegen den Marcion nebst dem von der Soldaten - Krone . Dogmatische Stellen zog ich viele heraus, die ich nach dem Kompendium des Baumgartens ordnete, und Semlern hernach vorzeigte: er war damit zufrieden, und rieth mir, fortzufahren. Weil es aber eine Holzmacher-Arbeit ist, den Tertullian so zu lesen, mir auch das Ding weiter keinen Nutzen brachte, so gab ich diese Arbeit auf. So etwas war nicht fuͤr einen Menschen, der fuͤrs liebe Brod ar- beiten muß: dergleichen Geschaͤfte muͤßte man den muͤßigen Dickwaͤnsten auftragen, welche in der christ- lichen Kirche sich nach Pauli Ausspruch, vom Evan- gelio maͤsten — einem Brum* und Consorten, um dieser Art Leuten das niedertraͤchtige Geschaͤft eines verraͤtherischen Spions gegen Maͤnner zu legen, deren Schuhriemen sie nicht werth sind aufzuloͤsen. Um diese Zeit fing ich auch an, Romane und Komoͤdien zu lesen. Ich hatte zwar schon vorher dergleichen Saͤchelchen in Haͤnden gehabt, sowohl franzoͤsische als deutsche: aber niemals war ich er- picht darauf, und ward es erst im Jahr 1784 und blieb es lange Zeit. Der verstorbene Antiquar Ernst , welcher mit guten und schlechten Buͤchern der ange- nehmen Leserei mittelmaͤßig versehn war, und um den ich mich auf mehr als eine Art verdient gemacht hatte, brachte mir, da er fand, daß ich dergleichen Buͤchleins liebte, faß taͤglich einige, die ich Anfangs nur so durchblaͤtterte, dann mit Behagen las, und endlich gar verschlang. Dies ging so weit, daß ich zuletzt nicht mehr im Stande war, zwei Stunden nach einander bei einem ernsthaften Buche auszuhal- ten, ob ich gleich Tage lang in den abgeschmacktesten Romanen lesen konnte, sogar in denen, welche vom Verfasser der Emilie Sommer und Consorten fabricirt waren. Fuͤr mich konnte das noch so hingehen, wie- wol auch ich meine Zeit haͤtte besser anwenden koͤnnen und sollen: wenn aber junge Studierende nichts lesen, als Skarteken dieser Art, so ist es beinahe unver- zeihlich. In Giessen war dieses Unwesen zu meiner Zeit noch nicht Mode; denn da hatte es dem Herrn Buchhaͤndler Krieger Als ich 1787 mit einem Studenten bei diesem Buch- haͤndler, welcher zugleich sewirth und Pferdever- leiher ist, in Gießen zu age aß, hatte ich Gele- genheit, die Lesebibliothek der Herren Gießer zu be- schauen. Sie bestand aus lauter Schofelzeug, welches im Laden liegen geblieben und eingebunden worden war, um wenigstens das Lagergeld heraus zu bringen. Gangbare und gute Artikel waren nicht darunter: wer so was lesen wollte, hieß es, moͤchte sichs selbst kaufen. Herr Krieger fuͤhrt keinen gedruckten Katalog von sei- ner Bibliothek; vielleicht weil er sich schaͤmt, solch fata- les Zeug zum Lesen aufzustellen — wie die Scharte- kenkraͤmer, Wolf und Schneider, in Halle. Gut waͤr es immer, wenn auch diesen beiden ein wenig auf die Finger gesehn wuͤrde. Es ist doch aͤrgerlich, Saͤchel- chen zum Lesen heimlich herum zu tragen, die durch- aus die unerfahrne Jugend zu Ausschweifungen ver- leiten muͤssen . Ich mag die Schriften nicht nennen, die von ihnen zum Lesen verborgt werden, und worin alle Arten von Wollust, sogar die Bestialitaͤt, in Kup- fern abgebildet sind. Ein schlechter Mensch kann noch zuweilen, da er sich nicht immer gleich bleibt, einen guten Rath ertheilen, auch selbst oft gut handeln; aber ein Buch von der angefuͤhrten Art! — Wenn physische Giftmischer bestraft werden: warum auch nicht noch nicht beliebt, sein Roma- nenmakulatur einbinden und zirkuliren zu lassen: und der Giesser Bursche kauft selten ein anderes Buch, als was er im Kollegium braucht: und so war die so genannte schoͤne Lektuͤre, oder das Romanen- und Komoͤdienlesen zu der Zeit in Giessen ganz fremde In der 88sten N. des Intelligenzblattes der A. L. Z. fuͤr dieses Jahr, wird Col.722. von Ulm aus gemeldet: „Wir haben hier auch eine Lesegesellschaft, die aus sehr vielen Mitgliedern besteht, und uͤbrigens sehr gut angelegt ist; aber das Auffallende an sich hat, daß kei- nem der hiesigen Studierenden der Zutritt verstattet ist. Es mag seyn, daß diese noch nicht den hoͤchstmoͤg- lichen Grad der Cultur erreicht haben; doch scheint mir aber eine solche Herabwuͤrdigung alles Emporstreben zu unterdruͤcken“ — Ein sonderbarer Bericht uͤber eine noch sonderbarere Einrichtung! Wer erreicht denn wohl, so lange noch Odem in ihm ist, den hoͤchstmoͤgli - chen Grad der Cultur? Und wozu Emporstreben fuͤr . solche moralische? Wenigstens sollte man keine Buͤcher zum Lesen verleihen duͤrfen, woruͤber kein gedrucktes Verzeichniß vorlaͤge. Wer kann sonst die heimlichen Buͤcherverleiher kontrolliren, zurechtweisen, oder sie, deren viele selbst eben so wenig Geschmack als Littera- tur haben, hindern, das zum Sittenverderb anzuschaf- fen und herum zu leihen, was ihnen von verdorbenen und luͤsternen jungen Wuͤstlingen empfohlen wird? Und nun die uͤbertriebene Prellerei fuͤr ein solches Buch auf einige Tage! Das Buch zuweilen auf einen Tag drei Groschen! — Aber lucri bonus odor qualibet ex re, ist bei gewissen Leuten das, was Gefuͤhl und Ach- tung fuͤr gute Sitten und brauchbare Kenntnisse bei andern ist. — Indeß ex ungue leonem! — . Mit Zotologie hat man sich da beschaͤftiget, und zo- tologische Gedichte waren die Modelektuͤre, bis end- lich die Studenten-Komoͤdie und mit ihr das Lesen der Komoͤdien seinen rechten Anfang nahm. In Goͤttingen waren zu meiner Zeit zwar einige Anti- quarien, die Romane u. dergl. zum Verleihen hat- ten. — Aber in Leipzig und Halle sind jetzt mehrere Buͤchereien, die einen reichen Vorrath fuͤr den Ro- manenleser enthalten. Man kann da Tag und Nacht lesen, und liest doch kaum den meßlichen Zuwachs dieser Stuͤtzen schwacher, weibischer Seelen durch. Da hab ich denn sehr viele gekannt, und kenne noch viele, die woͤchentlich drei, vier und mehrere Baͤnde Romane und Komoͤdien durchlesen. Wie viel bei solcher unsinnig aͤmsiger Lektuͤre fuͤr andre Berufsarbeiten Zeit uͤbrig bleibe, laͤßt sich denken, und wie sehr dadurch der Geschmack verdorben werde, lehrt die leidige Erfahrung. Ein fleißiger Romanleser scheut ernsthaftes wissenschaftliches Lesen eben so sehr, als einer, der saure Gurken gegessen, und sich die Zaͤhne ben, der ihn erreicht hat? Der Kranke bedarf des Arztes, so wie der Hungrige der Speisen. Vielleicht ist aber die Ulmer Lesebibliothek blos ein Zerstreuungs- mittel wider die Langeweile: und die soll ein Studie- render freilich nicht haben, ob er gleich auch einer von denen ist, die die Veraͤnderung lieben. Est modus in rebus! — abgestampft hat, feste Speisen scheut. Solche Le- ser sind und bleiben unwissende Stuͤmper, und dann, wenn sie die Akademie verlassen, sehen sie ein, daß sie nichts gelernt haben. Erst vorige Woche gi gewisser P... von hier ab, der den ganzen R ram beim Buchdruckergesellen Wolf und dem Soldaten Schneider durchstudiert hatte; nun aber, da er fort sollte, nicht einmal ein Thema aus einem sehr leichten Text finden konnte, der ihm von Konsistorium aufgegeben war. Herrliche Zuberei- tung auf Brod und kuͤnstige Gemeinnuͤtzigkeit! Ich misbillige keinesweges die Lesebibliothe- ken Wenn Luther nicht gekommen waͤre — sagte man zu seiner Zeit — so wuͤrden die Paͤpste uns Heu zu fressen verordnet haben. Die politischen Paͤpste wuͤrden heut zu Tage vielleicht das naͤmliche thun, wenn wir keine Lesebibliotheken haͤtten. „Aber wir sind nicht geboren, sagte Julius von Tarent , um neben einander zu grasen; und der Mensch kann sich mit einem suͤßern Gedanken schlafen legen, als daß er satt ist. „Wer dies naͤher erwaͤgen will, der lese die Ab- handlung: — „Ueber das angemessenste und sicherste Mittel, den theologischen oder religioͤsen Despotismus aus der Welt zu schaffen“ — und man wird meiner Meinung seyn. Man findet sie im XII. Heft des neuen deutschen Zuschauers von S. 225- 261. Diese Abhandlung soll den D. Bahrdt veran- laßt haben, seine Wuͤrdigung der natuͤrlichen Religion zu schreiben. Auch hat er sie wichtig genug : ich weiß, daß sie das beßte Mittel sind, gute Kenntnisse und deren Anwendung durch wohlfeilen Umlauf gemeiner zu machen; aber wer in einer sol- chen Bibliothek nichts sucht oder aufstellt, als Ro- mane, verfehlt diesen Zweck sehr: ja, Bibliotheken, die weiter nichts enthalten, als Romane, sind von keinem Nutzen, sind sogar offenbar schaͤdlich. Sie verwoͤhnen die Seele zu einem unverhaͤltnißmaͤßigen Gebrauch ihrer Kraͤfte, sie bringen ihr einen ent- scheidenden Hang bei, sich mehr mit Vorstellungen von bestimmter als unbestimmter Art abzugeben, und erhoͤhen dadurch die Empfindungs- und Einbildungs- kraft auf Kosten der Denkkraft oft ungeheuer. Da uͤberdies die Gegenstaͤnde, oder die Bearbeitung der meisten Romane uͤber das Gebiet der wirklichen Welt hinausschwaͤrmen, so floͤßen sie jungen Koͤpfen idealische Maaßstaͤbe ein, die, gegen die wirkliche Welt gehalten, nie und nirgend passen, und bilden gefunden, sie in seine Schrift uͤber die Rechte und Obliegenheiten der Regenten und Unter - thanen — von S. 273-299 aufzunehmen. Man schreibt sie dem Herrn Bispink zu. Merkwuͤrdig und historisch wahr ist — beilaͤufig zu sagen — der Gedanke darin: „Daß gerade die schwaͤchsten Regen- ten die Religion und die Priester am meisten als eine Stuͤtze ihrer Regierung gebraucht haben; und daß eine Nation um desto unreifer, kurzsichtiger, unmoralischer und aͤrmer sey, jemehr Kirchenreligion und Prie- ster-Ansehn man bei ihr antrift: und umgekehrt. ( Zuschauer — S. 229.) sie so zu Mysanthropen, denen uͤberall nichts recht ist Und darum werdens unser Herr Feldprediger, Lafon - taine , verzeihen, wenn ich seiner Meynung nicht bin, daß naͤmlich Romane mehr bilden helfen, als die Geschichte. Seine Gedanken daruͤber stehen im I sten St. des II. B. der Zeitschrift fuͤr Gattinnen, Muͤtter und Toͤchter — 1792. . Im geschaͤftigen Leben, wo ernsthaftes und angestrengtes Ueberlegen erfordert wird, kann man aber diese Leutchen nicht brauchen, und am Ende werden sie politische oder geistliche Hieremiasse oder Jonasse, die weit eher im Stande waͤren, allgemeine Unzufriedenheit anzuzetteln und dadurch nach und nach zum Aufruhr zu verleiten, als die freimuͤthig- sten Schriften, die irgend ein Philosoph zum Zucht- spiegel fuͤr Regenten und Unterthanen aufstellt. Ist aber hieran unsere heutige Lehrmethode nicht haupt- saͤchlich Schuld? Kann das uͤbertriebene Basedo - wisiren zum gesetzten maͤnnlichen Denken vorbe- reiten? Wird nicht uͤberall mehr getaͤndelt und ge- spielt, als allmaͤlig zum ausdauernden Fleiß bei Ge- genstaͤnden des Denkens und Handelns angefuͤhrt? Wird nicht mehr auf aͤsthetisches Scheinen als auf philosophisches Seyn gearbeitet Man lese hierzu die Bemerkungen uͤber die Fehler unserer modernen Erziehung , von einer praktischen Erzieherin. Herausgegeben vom Ver- fasser des Siegfrieds von Lindenberg. Leipzig bei ? — Aber wir leben in den Zeiten der Spiele und der Taͤuschung! Koͤnige spielen, Minister spielen, Soldaten spie- len, Universitaͤter spielen, Consistorialraͤthe spielen, und nur der geplagte Buͤrger und Bauer arbeitet oft bis aufs Blut, und rechnet auf Belohnuug im Himmel! — Wer da glaubt, daß ich das Wesen und die Folgen des Romanlesens zu hoch berechne, den wird schon der bloße Anblick einer Lesebibliothek, und etwas Umgang mit Romanenlesern belehren koͤnnen. Wenigstens stehen in der akademischen Lesebibliothek zu Halle die wissenschaftlichen Werke, wie alle Werke von mehreren Baͤnden, sobald sie nicht Romane sind, noch beinahe wie ganz neu da, und die lieben Romane sind beschmutzt und beschaͤdiget. Ich be- Schneider, 1791. — Unter andern Fehlern unserer neumodischen Erziehung wird auch hier oberflaͤch - liche Vielwisserei , Duͤnkel und verfruͤhte Reife angegeben: und diese Fehler sollen sich immer um so viel deutlicher zeigen, jemehr man bei Behandlung der Zoͤglinge von den neuern Kinderschriften und Er- ziehungsmethoden Gebrauch macht. Wer kann das leug- nen? Es faͤllt doch gar sehr auf, daß die allermeisten und beliebtesten neuen Kinderschriften mehr Nahrung fuͤr Sinne und Einbildungskraft, als fuͤr Verstand und Gedaͤchtniß liefern. — Kurz, man lese diese merk- wuͤrdige Schrift selbst, und merke wohl, daß auch diese Berfasserin sagt: „Unsere Paͤdagogen versuͤndigen sich, indem sie Kindern alles versinnlichen wollen.“ daure den Herrn Bispink , als den Inhaber die- ser Anstalt, daß er sein saures Verdienst fuͤr eine Grille hingiebt, die weder ihm noch Andern from- met. Er faͤhrt naͤmlich eigensinnig fort, die beßten Werke von Messe zu Messe anzuschaffen, die in Ge- schichte, Statistik, Laͤnder- und Voͤlkerkunde, Phi- losophie, Theologie u. dgl. einschlagen: und wer lieset sie! Er hat nicht einmal in Halle so viel Lieb- haber der ernsthaften Lectuͤre finden koͤnnen, um ein Journalistikum aus den besten Englischen, Franzoͤsi- schen und Italiaͤnischen Zeitschriften gegen die billig- sten Bedingungen zu Stande zu bringen. Wenn es aber auf der beruͤhmten hallischen Universitaͤt so ist, wie mag es an kleinern und minderberuͤhmten Oer- tern seyn! Wie gesagt, wir leben in den Tagen der Spiele und der Taͤuschung Sonderbar, daß wenigstens in Halle, laut des Haupt- buches in der akademischen Lesebibliothek, Studenten aus minder cultivirten Gegenden die solidesten Leser im Durchschnitt sind, und die unsolidesten — die aus cul- tivirtern. Buͤcher von der Art koͤnnten vortrefliche Dienste thun, um Data zu Thermometern der Koͤpfe zu sammeln, fuͤr Gegenden, wo Nepotismus und an- dere kleine Nebendinge die Posten nicht vertheilen. . So denke ich jetzt; 1784 dachte ich anders: und daher kam es denn, daß ich das Romanlesen so lange fortsetzte, als meine Freundschaft mit dem An- tiquar Ernst waͤhrte. Diese hoͤrte aber auf, als ich einigen Philistern beistand, welche von der Donna Ernstn eben nicht vortheilhaft sprachen. So sehr nun Ernst geduldiger Ehemann war, so wollte er doch nicht leiden, daß die Philister und Soldaten die Sti- chelsdoͤrfer und Reideburger Geschichtchen, die seine Frau betrafen, auf dem Rathskeller durchgehen soll- ten: er wurde, da das Gespraͤch trotz seines Wider- spruchs und Bittens nicht aufhoͤren wollte, im Ernst boͤse, und unser Umgang hatte auf lange Zeit ein Ende, und damit auch mein Romanlesen. Ich legte mich um diese Zeit auch staͤrker, als sonst, auf die italiaͤnische Sprache. Es kam damals, als ich ohngefaͤhr ein halbes Jahr beim Regiment war, ein gewisser Italiaͤner hieher, Namens Barto - lini , der sich fuͤr adelich ausgab, und mit dem be- ruͤhmten Pilati verwant seyn wollte. Der Mensch hatte sich im Reiche anwerben lassen, und kam so zum hallischen Regiment. — Er ist schon vor zwei Jahren wieder weggelaufen. — Er hatte in seiner Jugend bei den Jesuiten studirt, und aͤchte Jesuiti- sche Grundsaͤtze eingesogen, auch aͤchtes Jesuitisches Latein Sonst war er ein ganz guter Mensch, und mir besonders zugethan. Da er sahe, daß ich seine Muttersprache liebte, so gab er sich Muͤhe, mich in derselben weiter zu bringen, und sprach, wenn wir beisammen waren, bestaͤndig italiaͤnisch mit mir. Seine Schicksale hat er mir oft erzaͤhlt, wie er den Venedigern, Franzosen und Spaniern gedient ha- be, wie er als Schnurrant durch ganz Italien, die Schweitz und Deutschland gereiset sey, in Heidel- berg, Gießen und Goͤttingen Kollegia gehoͤrt habe, u. s. w. Er war ein wahrer Aventurier, dessen Um- gang allemal unterhaltend war, ob er gleich selbst jene Wissenschaften bei weitem nicht besaß, die er zu besitzen vorgab. Er war kein Badiggi , aber doch zehnmal ehrlicher als Badiggi . Bartolini gab hier in seiner Sprache Unter- richt, und ernaͤhrte sich ganz ordentlich. Unser ge- meinschaftliche Brodt-Erwerb verband uns noch genauer, besonders da wir niemals in Kollision ka- men, indem er ganz andre Lectionen gab, als ich. Allein fuͤr mich hatte Bartolinis Umgang eben nicht die besten Folgen. Freund Bartolini war stark an die geistigen Getraͤnke gewoͤhnt, und trank den Bran- tewein wie Wasser. Ich habe ihn mehrmals bei Schaͤfern auf dem Schlamm drei bis vier Noͤsel oder zwei Kannen binnen sechs Stunden saufen gesehen, ohne daß er stark waͤre besoffen worden. Wollte ich also seinen Umgang recht geniessen, so mußte ich die Schnappskneipen auch besuchen, die er besuchte, muste mich oft halbe Tage lang bei Schaͤfern oder Tanneberg hinsetzen, und beim kleinen Glas philoso- phiren. — Ein gewisser Stantke , welcher eben- falls post varios casus, unter die Soldaten ge- kommen war, und sich von Gelegenheits-Dichterei und Collegien-Repetiren mit Juristen naͤhrte, schloß sich auch an uns an: weil er aber durch sein uͤbertrie- benes Saufen sich sogar zum Kinderspott machte, und den Philistern in den Kneipen jeden Tag reich- lichen Stoff zum Raͤsonniren gab, so entfernten wir ihn von unsern Gelagen. Er durfte ohnehin nicht oft in eine Kneipe kommen, weil er immer schuldig blieb, und keinen Credit mehr hatte. Der Umgang mit Bartolini zog mir einmal einen verdruͤßlichen Handel auf den Hals. Er hatte mit einem Erzsaufer, Schulz, Bekanntschaft gemacht, und sich in dessen funfzehnjaͤhrige Tochter vergaffet. Ich muste ihn bei diesem mehrmals aufsuchen, und mein guter Kerl schrieb mein wiederholtes Dahinkom- men meiner Neigung zu Lottchen zu — so hieß die Schoͤne. Er ward also eifersuͤchtig, und zeigte mir seinen ganzen italiaͤnischen Karakter. Ich merk- te das bald, sprach mit dem Verliebten deutsch, und bewies ihm, daß mir Jungfer Lottchen — die sich auch gern Mamsell schelten ließ, weil Bartolini ihr ein Bissel franzoͤsisch beigebracht hatte — ganz gleich- guͤltig seyn muͤßte. Da besaͤnftigte er sich, und wir machten nun gemeinschaftliche Sache gegen einen gewissen Feldscheerer Dachmann, welcher sich um Lottchen gewaltige Muͤhe gab. Dieser Firlefanz war mir zuwider, weil er einen unausstehlichen Hoch- muth besaß, wie mancher Buchdruckerherr, und dabei doch ein elender Stuͤmper in seiner Kunst war, wie dieser in der Orthographie und den ersten Elementen der Litteratur. Er hatte einmal einem Soldaten ein Brechpulver wider die Apoplexie gegeben Es ist hier der Ort nicht, von der Kur-Art zu reden, womit man die kranken Soldaten behandelt. Ich weis wohl, daß es geschikte Leute unter den Feldscheerern, oder wie sie jetzt heißen sollen, Chirurgen giebt: allein der meiste Haufen besteht — ich muß es nur sagen — aus armen Suͤndern, welche nicht einmal das A B. C. der Chirurgie, geschweige denn der Medicin verstehen. Dieses bekennt sogar der Generalchirurgus, Herr The - den . — Und solchen Stuͤmpern uͤberlaͤßt man alle, auch die gefaͤhrlichsten Krankheiten, wenigstens im An- fang; und nur dann erst, wenn die Krankheit selbst in den Augen des unwissenden Feldscheerers gefaͤhrlich scheint, nimmt sich der Oberchirurgus des Patien- ten an. . Als nun einst Meister Dachmann bei Schulzen war, und wir unser Konvivium, wie man sagt, auch daselbst hatten, kam Lottchen, und brachte Birnen, davon sie mir und Bartolini mittheilte. Das verdroß den guten Freund, und er ließ sich sogar in groben An- merkungen daruͤber aus. Ich nahm mich hierauf der Sache an, und sprach da viel von dummen Ker- len, die, weil sie Feldscheerer hießen, nun auch große Helden seyn wollten. — Meister Dachmann nahm meine Apostrophe sehr uͤbel, und schimpfte: ich schimpfte auch; endlich kam es zum Katzbalgen, wo denn freilich Meister Dachmann verlohr, und tuͤch- tig abgedroschen wurde. Nun fanden wir fuͤr gut, uns zu entfernen, damit der Laͤrmen nicht Andere herbeizoͤge und die Wache uns nicht uͤberraschen moͤch- te. Wir setzten uns zu Schaͤfers, und blieben da bis auf den Abend. Allein obgleich Meister Dach- mann seiner eignen Beschimpfung wegen still schwieg, so war die Sache doch durch die Weibsleute und den alten Saufaus Schulz ruchtbar geworden und dem Obristen zu Ohren gekommen. Dieser gab den an- dern Tag unsern Hauptleuten davon Nachricht, und wir spazierten alle drei, den Feldscheerer nicht aus- genommen, in — Arrest. Von dieser Zeit an wur- de uns Schulzens Haus verboten, woruͤber ich aber nicht boͤse ward, weil ich einsah, daß dieses Haus denen, die es besuchten, zum groͤßten Nachtheil ge- reichte. Im Sommer 1784 war auch ein großer Krieg zwischen den Studenten und dem Prorektor (noch immer wegen der Folgen des Komoͤdiebesuchens) wo- bei gar viele Fenster, besonders die des Antiquarius Specht Specht war beinahe fuͤr die Hallischen Studenten das, was Eulerkapper fuͤr die Giesser Bursche war. eingeschmissen, und einige Haͤscher derb ausgepruͤgelt wurden. Der Ausgang war, daß man einige verwies, viele um Geld bestrafte, und an- dere ins Carcer setzte. Dieser Spektakel hatte eine Untersuchungs-Commission von Berlin nach Halle gezogen, die vorzuͤglich Semlern gar nicht genuͤgte. Semler zeigte hier neuerdings sein Vaterherz ge- gen die Studenten. — — Unter dem verstorbenen Koͤnig muste sich die Magdeburgische Brigade jaͤhrlich im Oktober in Magdeburg versammeln, und da manoͤvriren. Der Koͤnig wohnte diesem Manoͤver nicht bei, sondern der Guverneur zu Magdeburg, der General Sal - dern mußte die Regimenter drei Tage nach einander exerciren lassen. Daß dergleichen Marsch im Herbste nicht allein sehr beschwerlich, sondern auch fuͤr den armen Soldaten, der dabei alle gespahrte Habe zu- setzte, ein rechter Ruin war, ist gewiß. Ich habe drei solche Manoͤver in Magdeburg mitgemacht, und allemal ist meine Kleidung von dem uͤblen Wetter verdorben, und meine kleine Kasse rein ausgeleert Bei jeder Gelegenheit, bei jedem Kommers und Auf- lauf wurde Specht perirt, und mit einer Fensterkano- nade begruͤßet. Sonst war er eben so possierlich, als Eulerkapper. Er ist jetzt todt, und mit ihm ist der letzte Gegenstand des Perirens in Halle verschwunden. Zweiter Theil. U worden. Die Revuͤe im Fruͤhling ist nicht so be- schwerlich. Der jetzige Koͤnig hat aber unter andern fuͤr uns Soldaten vortheilhaften Anordnungen auch die getroffen, daß das Hallische Regiment seine Herbst- uͤbungen jetzt bei Halle macht, und nicht mehr nach Magdeburg zu marschiren braucht. Man will auch sagen, daß in Zukunft die Revuͤe nur alle drei Jahre gehalten werden solle. Das waͤre eine herrliche An- stalt, und ein wahrer Vortheil fuͤr den armen Sol- daten. Man koͤnnte zwar einwenden: eine bestaͤn- dige Uebung sey eigentlich die Seele des Soldaten- standes. Allein wenn nur die Officiere, Unteroffi- ciere und etwan die Haͤlfte der Soldaten den Dienst puͤnktlich verstehen, so hat es fuͤr das Ganze keine Noth. Doch hier ist der Ort nicht, hieruͤber zu raͤsonniren. Sechs und zwanzigstes Kapitel. Meines Vaters Bemuͤhungen, mich vom Soldatenstande zu befreien. Caution zu Urlaub. Folgen davon. Heuraths-Project. M ein Vater schrieb mir fleißig, wenigstens hatte ich alle zwei Monate einen recht langen Brief von ihm, worin er sogar uͤber Dinge schrieb, welche in die Gelehrsamkeit einschlugen: von meinem tuͤckischen Bruder konnte ich aber keine Zeile herauszwingen, so sehr ich ihn auch darum bath. Ich hatte ihn ein- mal seiner Meinung nach beleidigt, und das vergab er mir auf sich levitisch nicht mehr. Mein guter Vater bemuͤhte sich auch recht ernstlich, mich vom Soldaten-Stande loszumachen: er schrieb an den General Leipziger , sogar an den Herzog von Braunschweig; aber alles war umsonst: ich selbst wuͤnschte es nicht einmal im Ernst. Meines Vaters wegen waͤre ich freilich gern los gewesen; aber wenn ich nun uͤberlegte, was alsdann aus mir werden wuͤrde, so fiel mir aller Muth, und ich dachte mir weiter nichts, als Soldat zu bleiben. Ich war nicht verliebt in mich selbst: ich kannte meine Fehler, fuͤhlte, daß ich zu schwach war, meine tief eingewur- zelten Unarten abzulegen. Daher sah ich auch recht wohl ein, daß ich mich zu andern Geschaͤften und zu einer andern Lebensart nicht gut schicken wuͤrde. Erinnerte ich mich ferner an meine Feinde, und an die Ohnmacht und den Leichtsinn meiner Goͤnner, so verlohr ich vollends alles Vertrauen, und das „du mußt Soldat bleiben“ blieb mir allein zuruͤck. Weil ich uͤberdies, seit dem ich diesen Stand erwischt, — ja, erwischt — hatte, mich niemals ganz ungluͤck- lich fuͤhlte, vielmehr manchen frohen Augenblick ge- nossen hatte, so war mir die Vorstellung einer ewi- gen Soldatenschaft gar nicht bitter, wielweniger unertraͤglich. Du aber, junger Wuͤstling, merke dir das Spruͤchwort wohl: Wer nicht hoͤren will, der muß fuͤhlen — oder wie man anderwaͤrts sagt — dem Kalbfell folgen, das ist — der Trommel. — Der redliche Hr. Baron von F***, welchen ich schon als meinen besten Freund beschrieben habe, schrieb mir auch, und hielt mir in sehr derben Aus- druͤcken meinen Schritt, und besonders das vor, daß ich ihn dabei vergessen haͤtte. Sein ganzer Brief war in einem Ton geschrieben, dessen sich ein aufrich- tiger aber zum Zorn gereizter Freund bedienen muß. Er warf mir vor, daß ich so ein Esel gewesen waͤre, und an meinem Gluͤck verzweifelt haͤtte, da doch er mir noch uͤbrig gewesen waͤre! Wenn auch Alles zu Grund ginge, so wollte er sich meiner allein doch noch annehmen, und dann muͤßte der Teufel selbst kommen, wenn mir Schaden geschehen sollte u. s. w. Ich freute mich uͤber des Barons guten Willen, und danke ihm noch heute dafuͤr, aber ich konnte und mochte von seinen Anerbietungen keinen Gebrauch machen. Ich habe ihm nicht einmal geantwortet, welches freilich manchem Leser undankbar scheinen kann. Meine damalige Lage ließ es aber nicht an- ders zu. Und bei so bewandten Sachen ists am besten, man schweigt. So schwieg ich auch auf einen Brief, den mir meines Vaters Bruder aus Bauzen schrieb. Er war auf einer Reise nach Halle gekommen, und wollte mich besuchen. Mein Wirth, Muͤller, lief aller Or- ten herum, mich aufzufinden: er fand mich; als er mir aber sagte, mein Onkel waͤre da, mich zu spre- chen, so ging ich nicht nach Hause, bis er fort war. Das mußte ich schon thun: wie sollte ich mich unter den Augen eines so nahen Anverwandten haben stel- len koͤnnen, welcher mich in meiner Kindheit gekannt hatte, und um alle Hofnungen wuste, welche mein Vater auf mich gesetzt hatte? Er schrieb mir darauf von Bauzen aus; allein diese Briefe — es kamen deren mehrere — hab ich alle unbeantwortet gelassen. Erst noch im letzt vergangenen Winter hat er mir aus Schlesien geschrieben, wo er zu Michelwitz bei Oels Verwalter fuͤr den Herzog von Wuͤrtemberg ist; allein das Gesetz, das ich mir gemacht habe, keinem Anverwandten, selbst meiner Mutter nicht zu schreiben, ließ mich seinen Brief, der sonst nicht un- interessante Nachrichten fuͤr mich enthielt, gleichguͤl- tig hinlegen. Seit meines Vaters Tod hab ich alle Liebe und alle Achtung fuͤr Verwandte und Bluts- freunde verlohren: da mein Bruder selbst ein Schuft an mir geworden ist, was kann ich mir von andern noch versprechen? Und was haͤlfe mein Schreiben am Ende? Es wuͤrde uns alle durch Zuruͤckerinne- rung kraͤnken; und – meine Lage bliebe dieselbe. – Da mein Vater sahe, daß ich den Abschied nicht erhalten wuͤrde, so entschloß er sich, Kauzion fuͤr mich zu stellen, damit ich ihn noch einmal besu- chen koͤnnte. Freilich war seine Absicht dabei, mich bei sich zu behalten, den Preussen die 150 Rthlr. zu Anwerbung eines Andern an meiner Stelle zu lassen, und so den Abschied selbst zu nehmen. Er eroͤffnete mir sein Vorhaben in einem Briefe, fuͤgte aber hin- zu, daß ich es mir ja nicht sollte in den Sinn kom- men lassen, ihn auf eine andere Art zu besuchen: in Desertion koͤnne und wolle er aus gar vielen Gruͤn- den nicht einwilligen, und er wuͤrde es mir sehr uͤbel nehmen, wenn ich so was auch gluͤcklich ausfuͤhrte. Unsre Briefe waren in einer Sprache geschrieben, die nur mir, meinem Vater und Bruder bekannt war: wir hatten sie zusammen erfunden, und oft darin gesprochen und geschrieben. Unten findet sich eine Probe fuͤr die Herren, die alle kryptische Schrif- ten lesen und verstehen koͤnnen Fa, fis fa, foti Schroft mitip wolst, dist Eip Itim Monrip lirl, and mil noch on ersch. Wer sich uͤben will, bringt es in einigen Wochen in dieser Sprache, die nicht blos Steganographie ist, zu einer großen Fertigkeit. . Allein diese Vor- sicht war nicht noͤthig: Herr von Muͤffling for- derte mir nie die Briefe ab, welche ich bekam, und las auch die nicht, die ich fortschickte. Ich muß ihm nachruͤhmen, daß Mistrauen seine Sache nicht war, so wie es uͤberhaupt den Karakter des redlichen Mannes entehrt, und seiner Klugheit auch eben keine Ehrensaͤule setzt. Die schlechtesten Menschen sind gewoͤhnlich die mistrauischten. Und da Herr von Muͤffling das gegen mich nicht war, so waͤre es mir unmoͤglich gewesen, sein Zutrauen zu mir auf eine schurkhafte Art zu misbrauchen. Im Sommer 1786 trieb mein Vater das Ge- schaͤfte mit dem Urlaub weit aͤmsiger, als die ganze Zeit her. Er wollte mich durchaus noch einmal se- hen, und so ließ ich mirs denn gefallen, ihn mit Ur- laub zu besuchen. Mein Vater hatte allemal mehr Betriebsamkeit fuͤr dieses Geschaͤft, als ich selbst, so sehr es mich auch zunaͤchst anging. Der Kapitain bestimmte 150 Rthlr. zur Kaution, wofuͤr der hie- sige Herr Leveaux nur gut sagen sollte, wie hernach auch geschehen ist. Mein Vater war das zufrieden, und so wurde Anstalt gemacht, daß ich auf Jakobstag abreisen sollte; aber auf einmal mach- ten mir die Herren Philister einen Queerstrich. Ich hatte, wie man schon weis, als ich Sol- dat ward, noch eine artige Summe Schulden zu bezahlen. Als Soldaten liessen mich die kluͤgern meiner Glaͤubiger freilich gehen, und musten mich schon in Ruhe lassen, weil ich von keinem Gericht konnte zur Zahlung gezwungen werden, und – nichts hatte. Der Schneider Thieme nur und der Buch- binder Muͤnnich beliefen den Kapitain einigemal, und forderten, daß er mich zum zahlen anhalten sollte. Dieser endlich, des Lauffens uͤberdruͤssig, schmiß sie zur Treppe hinunter: und ihr Rennen hatte ein Ende. Freilich attakirten mich die Kerls oft auf der Straße: allein da ich anfing, ihnen grob zu begegnen — es war ja doch ein toller Gedanke, bei einem Menschen Zahlung zu fodern, der gar nichts hat! — so liessen sie mich alle in Ruhe. Der einzige Schuster Sauer ließ sich durch die alleraͤrgsten Grobheiten und ange- botenen Nasenstuͤber nicht abhalten, mich beinahe taͤglich anzuzapfen und nach Noten zu Manichaͤern. Aber ich habe mich fuͤr seine Impertinenz auch an ihm geraͤcht: denn als alle meine Glaͤubiger bezahlt wurden, bekam meister Sauer nichts, blos deswe- gen, weil er zu unbescheiden und zu grob gewesen war. Als er hernach seine Flegeleien fortsetzte, ja gar einige derbe Redensarten einfliessen ließ, machte ich meine Drohungen einmal reel, und da hoͤrte er denn ganz und gar auf, mich zu quaͤlen. Wird er so fortfahren, so soll ihm sein Thaler 16 gr. binnen hier und Weinachten richtig bezahlt werden, wenn ich naͤmlich bis dahin wieder aus dem Felde zuruͤck bin. Meine Herren Manichaͤer also, da sie vernah- men, daß ich abreisen wuͤrde, begaben sich in cor- pore zu einem gewissen Herrn, der in der Gros- singischen Geschichte eben in keinem vortheilhaften Lichte erschienen ist, und baten ihn um Rath, wie sie es machen muͤsten, daß ich ihnen nicht entschluͤpfte. Dieser Herr rieth ihnen, eine Schrift – die Sache konnte ja muͤndlich abgethan werden, da bei dem Militaͤr die schriftlichen Verhandlungen nicht Mode sind; allein, so wuͤrde der gute Herr seinen Dukaten nicht verdient haben; und um dergleichen soll es ihm, wie ich hoͤre, eben so sehr, und wohl noch mehr zu thun seyn, als um die liebe Gerechtigkeit: vi- deatur der Grossingische Proceß! – also rieth ih- nen dieser Herr, eine Schrift durch ihn an den Ge- neral Leipziger ergehen zu lassen; und das ge- schah. In dieser Schrift war aber nicht wenig ge- logen Um meine Leser zu uͤberzeugen, daß, wenn ich diesem theuren Mann Luͤgen vorwerfe, ich Belege dazu habe, will ich kurz sagen, daß der genannte Herr von dem be- ruͤchtigten Schuft, Meister Rudolph Grossinger sich hat mit Geld bestechen lassen, schriftlich zu bezeugen: 1) daß der Rosenorden, von welchem Meister Grossinger gewaltig viel Rotomontaden machte, wirklich existire. 2) daß er aus den angesehensten Damen Deutschlands bestehe, 3) daß eine deutsche Prinzessin Großmeisterin desselben sey, daß endlich 4) die Frau von Rosenwald keine erdichtete Person sey, sondern eine wirkliche Da- me, die er nach ihrem eigentlichen Namen und Karak- ter persoͤnlich kenne. — Dieses schoͤne Zeugniß steht ge- druckt in Grossings Damenjournal fuͤr den Mai 1785. Grossings Bedienter, Namens Zeising , er- zaͤhlte die Bestecherei oͤffentlich. Die Herren Sommer und Wagner wissen auch davon. Heu prisca fides! wenn man obrigkeitlichen Personen auf Namen und Siegel nicht mehr trauen darf! — : er hatte darin gesagt, ich besaͤße zu Hause uͤber 6000 Thaler Vermoͤgen, wuͤrde auch nie zu- ruͤck kommen, indem man von sicherer Hand wuͤßte, daß ich eine Stelle bekommen sollte, und was der Possen mehr waren. Endlich wurde der General ersucht, mich nicht eher zu beurlauben, bis ich mei- ne Schulden bezahlt haͤtte. Der General war ein guter Mann, der viel Gefuͤhl fuͤr Recht und Billigkeit hatte Er war 1784 auf den Fuͤrsten von Anhalt gefolgt. . Er ließ also den Hauptmann Muͤffling wissen, daß ich erst zahlen muͤste, ehe ich zu Hause reisen koͤnnte. Dieser war sehr daruͤber aufgebracht, und das mit Recht: denn nach den Kriegsgesetzen ging meine Schuld den General gar nichts an: doch ließ er mich kommen, und sagte mir, daß ich mich selbst beim General stel- len und meine Sache ausfechten muͤßte: er hoffe, die Philister wuͤrden abgewiesen werden. Allein als ich einwendete, daß es doch Recht waͤre, daß ich meine Schulden bezahlte, und ihn um die Guͤte ersuchte, meinem Vater vorzustellen, daß ohne Zahlung mei- ner Schulden, von 130 Thaler, kein Urlaub zu haben sey, so lobte er dies, schrieb gleich hin, und in Zeit von drei Wochen antwortete mein Vater: daß er seine Pflicht kenne, und jemanden schicken wuͤrde, der in allen Stuͤcken thun sollte, was man von einem ehrlichen Manne fodern koͤnnte. An die- sen Aeusserungen erkannte ich meinen Vater. Ehe ich weiter gehe, muß ich einiges nachho- len — eine Heurathsgeschichte. Ich war des Quar- tierliegens bei Andern im Fruͤhling 1786 uͤberdruͤßig geworden, und entschloß kurz und gut, wie viele meiner Mitbruͤder, zu heurathen, und fuͤr mich zu leben. Ich entdeckte mein Vorhaben einem Officier, auf den ich viel Vertrauen setzte, und dieser billigte es, nur meynte er, ich muͤste mich in Acht nehmen, daß ich kein Beest mir anschafte, und ein geschlagener Mensch wuͤrde mein Lebelang. Ich dachte also mit Ernst, mir so was anzuschnallen, und siehe da, ich traf dergleichen auf dem kuͤhlen Brunnen . Hier wohnte zu der Zeit eine gewisse Frau Pabstin , die Bier schenkte, und bei der ich eben darum zuweilen einsprach. Sie hatte einige Toͤchter, welche nicht schlimm aussahen, und deren eine mir in die Au- gen stach. Ich sprach mit dem Maͤdchen: das Maͤd- chen war mir nicht abgeneigt; ich sprach mit der Alten, und unser Handel ward richtig. Man hieß mich da schon ganz gewoͤhnlich — Herr Tochter- mann: und das gefiel mir. Nun fehlte noch der Trauschein, auf den ich aber ohne alle Besorgniß rech- nete. Ich ging zum Herrn von Muͤffling, und trug meine Angelegenheit vor. Er erschrack, und sah mich haͤßlich an: „Ist er ein Narre, Laukhard! sprach er, oder ist er gescheid? — Wie kanns Ihm einfallen, so ein Nickel zu heurathen? Ich wußte wohl, daß er da Umgang hatte; dacht' aber, das waͤre so fuͤr Juxerey, und schwieg. Aber heurathen, das ist zu arg! Ich : Herr Hauptmann, es ist aber ein huͤb- sches Maͤdel! Er : Ja, eine huͤbsche Hure. Pfuy, die ganze Freundschaft taugt nichts! Mutter, Toͤchter sind kei- nen Heller werth. Ich : Aber ich kenne die Leute besser — Er (gesetzt): Weis er was, lieber Lauk- hard, geh er hin, und wenn er in sechs Wochen das Mensch noch will, so soll er sie auf mein Wort haben; aber eher nicht: das ist mein Be- scheid. — Die Worte meines Hauptmanns, der sonst nicht gewohnt war, uͤbles von Andern zu reden, machten mich aufmerksam, und ich beschloß, Untersuchungen anzustellen, welches ich bisher aus leichtsinniger Ver- blendung unterlassen hatte, Ich nahm daher dann und wann meinen Bartolini mit, und ging her- nach fort, unter dem Vorgeben, daß ich Geschaͤfte haͤtte. Bartolini machte sich alsdann an meine soge- nannte Braut; aber die war klug genug, sich mit ihm nicht abzugeben: sie kannte unsre genaue Bekannt- schaft, und fuͤrchtete Verrath. Endlich kam das Manoͤver herbei, und ich mußte als Freiwaͤchter die letzte Wache vor dem Ausmarsch thun, welche da- mals nur von Freiwaͤchtern oder Stadtbeurlaubten gethan wurde. Ich kam auf die Hauptwache, und zwar ins Stockhaus, wo ich, weil keine Arrestanten da waren, gar nichts zu thun hatte. Abends nach neun Uhr fiel es unserm Junker ein, noch auszuflie- gen, und er bat mich, mitzugehen. Ich ließ mir das gefallen, und wir liefen da und dort hin, und endlich auch in den beruͤchtigten Puffkeller unterm Rathhaus, wo damals Madam Plank ihre saubere Wirthschaft trieb. — Aber wie erschrack ich, als ich meine Schoͤne, meine unvergleichliche Jungfer Braut hier auf dem Schooß eines Gnoten sah! Sie lief zwar sogleich vom Gnoten weg, und ver- barg sich hinterm Ofen: mir aber verging die Lust, sie dort hervor zu suchen, oder ihr gar Vorwuͤrfe zu machen. Ich begab mich vielmehr auf meine Wache, legte mich auf die Pritsche und schlief bis an den Tag. Seit diesem Abend war ich von meiner Liebe, oder vielmehr von meiner Lust, die Jungfer Pabstin zu heurathen, geheilt, und das kaum vier Wochen nach obigem Gespraͤch mit meinem Hauptmann. Da war ich denn wieder haͤßlich geprellt! Den beruͤchtigten Baron Grossing lernte ich 1785 kennen, nachdem er seine Spitzbubereien in Leipzig nicht mehr fortsetzen konnte, und nach Halle gekommen war. Ich habe auch einigemal mit ihm gesprochen, und viele von seinen Großspreche- reien angehoͤrt. Seine betruͤgerischen Unternehmnn- gen will ich vorbeigehen, da sie schon in oͤffentlichen Schriften, besonders in der A. L. Z. in dem Leben dieses Schwindelkopfs von meinem Freunde, dem Herrn Professor Wadzeck zu Berlin, im deutschen Zuschauer, und in der Beleuchtung der Trenkischen Lebensgeschichte hinlaͤnglich geruͤgt sind. Ich fuͤhre daher nur noch einen Handel an, den ich mit diesem Erzschuft gehabt habe. Ich ging einmal mit einem Schlesier, Herrn Martin , durch die Maͤrkerstraße: Grossing be- gegnete uns, steif und gravitaͤtisch auf dem breiten Stein einherschreitend. Herr Martin wich ihm aus, ich aber sagte aus Aerger auf franzoͤsisch zu ihm: warum weichen sie denn einem Schuft aus? der Kerl ist ja ein Schurke! Grossing schritt fort, mir nichts, dir nichts. Am folgenden Tag ging ich uͤber den großen Berlin, wo der Aventurier damals wohnte: er erblickte mich aus seinem Fenster, und schickte sei- nen Bedienten Zeising , der noch jetzt in Halle ist, hinter mir drein, daß ich zu ihm kommen sollte. Ich besann mich einen Augenblick, und ging zu dem sogenannten Baron. Er redete mich dreiste an, ob ich franzoͤsisch spraͤche, und ob ich gestern so und so gesprochen haͤtte? und ohne meine Antwort abzuwar- ten, drohte er mir, mich beim Obristen, unserm jetzigen General von Thadden , anzugeben. Da wuͤrde ich denn auf sein Wort in Arrest geworfen werden, und da sollte mirs gehen, wie dem Gug - genthal Guggenthal war Soldat und Grossings treuer Ge- huͤlfe bei Huren- und Pasquillgeschaͤften. Es ist sehr wahrscheinlich, daß eben er am hiesigen Soldatengalgen die schaͤndliche Bemerkung geklebt habe: daß der Koͤnig von England besser gethan haben wuͤrde, den Johann Rheinhold Forster zum Schweinhirten zu machen, als . Die Großsprecherei und Imperti- nenz des Betruͤgers aͤrgerte mich so sehr, daß ich ihm sagte, er moͤchte ins Teufels Namen thun, was er wollte — und ging. Noch an selbigem Tage des Abends begegnete mir Zeising , welchen ich frag- te, ob sein Herr mich verklagt haͤtte? Zeising ver- neinte es, und sagte, Grossing wuͤrde mich wohl schwerlich verklagen, da er sich vor Entdeckungen fuͤrchtete. Es schien, als wenn er vermuthete, daß ich um seine Geschichten wuͤßte, und daher wuͤrde er froh seyn, wenn die Sache liegen bliebe. — Nicht lange hernach rief er mich von neuem aus seinem Fenster, und redete sehr freundlich mit mir, ohne der Geschichte mit einem Worte zu gedenken. Er ging bald hernach nach Berlin, wo er seine Rolle weiter spielte. Mehr gehoͤrt von diesem Charletan hieher nicht. Wie er einige der hiesigen Gelehrten in schriftstellerische Thaͤtigkeit fuͤr seine Broschuͤren gesetzt und sie hinten drein schelmisch geprellt habe, moͤgen diese Herren selbst ruͤgen, oder es verschmer- zen, wenn sie dem Schimpf entgehen wollen, in das Netz eines Betruͤgers gefallen zu seyn. ihn mit Cook um die Welt segeln zu lassen. Ganz Halle weis noch, was fuͤr ein Skandal hieraus entstanden ist. — Und dieser Kerl, der auch ein Edelmann und vorher oͤsterreichischer Officier gewesen seyn wollte, ward end- lich selbst an Grossingen zum Verraͤther. Sieben und zwanzigstes Kapitel. Urlaub. Kirchlicher Zustand im Weimarischen. Abentheuer des Hofrath Schnauberts in Jena. E s war mitten im Winter 1786, als mich mein Vetter, Herr Dietsch , der Weinhaͤndler, zu sich auf den Kronprinzen kommen ließ und mir sagte: er habe Vollmacht von meinem Vater, Kaution fuͤr mich zu stellen und mir Urlaub auszuwirken. Ich kann nicht sagen, daß mich diese Nachricht sehr er- freut haͤtte. Ich hatte damals viele Herren, welche mich alle sehr ordentlich honorirten. Besonders muß ich die Herren Ideler , Schwerin , Buͤlow , Klose , Gaͤrtner , Brau , von Faͤhrentheil und andere meiner damaligen Scholaren in diesem Stuͤck ruͤhmen. Fuͤrs andre war es Winter, und das Reisen um diese Zeit sehr beschwerlich. Dann hatte ich auch gar wenig Lust, die Pfaͤlzer Mosjehs je wieder zu sehn und mich von den schwarzen Hans-Narren in meinem Vaterlande bekritteln zu lassen. Aber diese und mehr andre Gruͤnde wichen dem Willen meines ehrlichen Vaters, den ich zwar immer, leider nur nicht auf die rechte Art, geehrt, und geliebt habe. Zweiter Theil. X Herr Dietsch mahlte mir meinen Herrn Bruder eben nicht vortheilhaft: er habe sich, sagte er, sehr gefreut, als er gehoͤrt haͤtte, daß ich Sol- dat geworden waͤre: er habe naͤmlich geglaubt, daß mein Vater sich jetzt nicht ferner um mich bekuͤm- mern, und blos ihn fuͤr seinen lieben Sohn halten wuͤrde u. s. w. Nun fragte sichs, wie wirs mit meinen Schul- den machen sollten? Herr Pauli, der Traͤteur, er- ließ mir gleich zehn Thaler, so auch der Buchbinder Muͤnnich, aber der Schneider Thieme erst nach langem Akkordiren. Von kleinern Schulden wurde nichts abgezogen. Nachdem die Schuldensache in Ordnung war, erlaubte der General, daß ich abrei- sen konnte. Ich hatte noch einiges Geld von Studenten zu fodern: an diese wies ich meinen Wirth Muͤller, der es auch richtig bekommen hat. Eben dem Muͤller schenkte ich meine sonstigen Effecten, die ich nicht mitnehmen konnte. Auch loͤßte ich meine Uhr ein, welche viele Jahre versetzt gewesen war, kaufte mir ein paar Stiefeln, und einen blauen Oberrock zur Reise, erhielt meinen Paß, und schob ab. Herr Leveaux hatte nach meines Vetters Einrichtung die Kaution beim Regimente ausgestellt. Man kann leicht denken, daß die Empfindung der Freiheit, welche ich jetzt wieder genoß, eine sehr angenehme Empfindung gewesen sey. In Passendorf schon kehrte ich ein, so auch in Schlettau und Lauch- staͤdt. In Neumark traf ich beim Wirth Thomas , von dem ich schon oben gesprochen habe, die Neu- jahrssaͤnger an: es war gerade der Tag nach Neu- jahr. Es ist naͤmlich in Sachsen Mode, daß die jungen Bursche auf den Doͤrfern zur Neujahrszeit in die Haͤuser der beguͤterten Bauern einkehren, und da Neujahrslieder, z. B. „Das alte Jahr ver- gangen ist“ — „Das neugeborne Kindelein“ — „Hilf Herr Jesu, laß gelingen“ u. a. herkraͤchzen, und dafuͤr nach der Observanz belohnt werden. Das Geld wird hernach gemeinschaftlich versoffen. In der Pfalz singt blos der Nachtwaͤchter in der Neu- jahrsnacht dergleichen Lieder, und die jungen Bursche schießen das neue Jahr an, indeß die aͤltern Bauern es anlaͤuten. Alle sind zu der Zeit en canaille be- soffen. Das ist so der Anfang der neuen Zeit. In Naumburg blieb ich uͤber Nacht, bekam sehr schlechtes Essen und noch schlechteres Quartier, muste aber doch den andern Tag fruͤh derb bezahlen. Es waren noch andere Fremde da, welche auch sehr uͤber des Wirths Prellerei klagten. Das Wirths- haus ist vor dem Thore, wo man nach Erfurt zu geht: den Namen hab ich vergessen; sonst setzte ich ihn zur Warnung her. Auf dem Wege nach Erfurt mußte ich liegen bleiben. Meine engen Stiefeln hatten mir die Fuͤße Meine Leser verzeihen, daß ich nicht — mit Erlaub- niß zu melden — oder so was sage. Wir Soldaten nehmens nicht so genau. aufgerieben. Schon in Naumburg merkte ich das, und wusch mir das Ge- schundene mit Spiritus: aber es ward auf dem hol- pricht-gefrornen Wege nur noch schlimmer, und noͤthigte mich, in einem weimarischen Doͤrfchen liegen zu bleiben. Das Doͤrfchen hieß Neustaͤdt, gemein- hin Neischt, und der Wirth Krippenstapel. Dieser war Bierbrauer, Branteweinbrenner und maͤstete beiher auch Schweine. Es war ein lustiger, mun- trer Mann, der gern von politischen Neuigkeiten schwadronirte: seine Frau und Toͤchter waren auch recht gute Dinger. Der Mann schien Vermoͤgen zu haben. Ich muste vier ganze Tage da bleiben, bis mein Fuß wieder fort konnte. Um mir die Zeit zu vertreiben, las ich in einem lateinischen alten theo- logischen Schmoͤcher, den mir der Hr. Kantor borg- te — es war Waltheri Harmonia Biblica — und unterhielt mich des Abends mit dem Herrn Kantor. Dieser Mann, sonst ein großer Liebhaber vom Schnapps, liebte das Sprechen uͤber theologische Sachen, und haßte alle Freigeisterei. Doch war er, wie er sagte, dem Aberglauben gram, und sprach von Gespenstern, Hexen und Kobolten mit Verach- tung. Er erzaͤhlte mir eine Anekdote von seiner gnaͤ- digen Herrschaft, welche mir damals unwahrschein- lich vorkam, die ich aber hernach in einem Buche Absichtlich nenne ich dieses Buch nicht: die Recensenten muͤssens ja so kennen, und Andre geht der Name des Buches nicht an. Fuͤr die mag die Autoritaͤt des Neu- staͤdter Kantors genug seyn. bestaͤtigt gefunden habe. Des jetzigen Herzogs von Weimar Großvater sollte naͤmlich vor ohngefaͤhr 40 Jahren befohlen haben, daß man in jedem Dorfe an einem gewissen Tag einige hoͤlzerne Teller auf eine gewisse Weise konsekriren sollte. Diese konsekrir- ten Teller sollte man unter gewissen magischen Zeichen und Worten, wenn eine Feuersbrunst entstuͤnde, einen nach dem andern hinein werfen: es wuͤrde als- dann beim Wurf des dritten Tellers das Feuer ge- wiß erloͤschen. — Wenn aber noch vor vierzig Jah- ren der Weimarische Landesherr und seine Raͤthe so finster waren: wen koͤnnte es wundern, daß noch 1787 die dickste Finsterniß auf den Weimarischen Doͤr- fern herrschte! Man sollte gar nicht glauben, daß diese einem Landesherrn angehoͤrten, dessen Residenz- stadt mit den hellsten Koͤpfen Deutschlands geschmuͤckt ist. Hier sieht man recht augenscheinlich, daß auch die besten Schriftsteller nicht einmal in ihrem naͤchsten Umkreise auf die Volksklasse wirken, wenn Kirchen- und Schullehrer nicht die verdollmetschenden Vehikel ihrer Belehrung werden. Selbst lesen thut der ge- meine Mann in Staͤdten und Doͤrfern selten: und ließt er auch, so ist das Meiste fuͤr ihn zu ho : wo soll er also Licht hernehmen, wenn man es ihm in der Schule und Kirche unter Scheffeln versteckt, oder was noch aͤrger ist, wenn selbst Schul- und Kirchen- lehrer so duͤster leuchten, daß sie des Putzens von allen Seiten selbst beduͤrfen! Und daß dies der Fall auf den meisten Weimarischen Doͤrfern sei, wird uns nicht befremden, wenn wir wissen, daß selbst Wei- mar hiervon nicht ausgenommen ist. Gar Weime- ranerinnen bekennen, daß es keinen elendern Maͤd- chen-Schulmeister geben koͤnne, als ihr Hr. Knob - lauch gewesen sey: und dieser Stuͤmper vor dem Herrn ist jetzt Pastor auf einem Dorfe! Stecken nicht auch die Predigten des jetzigen Vicepraͤsidenten Herders gegen die Predigten seiner orthodoxen Herren Amtsbruͤder in und um Weimar gegen ein- ander ab, wie Tag gegen Nacht und Licht gegen Finsterniß? Und doch haben die letztern mehr Zuhoͤ- rer, als der erstere — allerdings aus der Classe der christlichen Kretis und Pletis, die auch im Weima- rischen noch uͤber alle Erwartung hinaus ist. Hierzu nehme man den Weimarischen Katechismus, nebst Gesangbuch und Kirchen-Agende: welch ein alter Sauerteig riecht nicht in allen dreien! Herder , der goͤttliche Herder , hat gewiß Verbesserungen vorgeschlagen; aber die uͤbrige liebe Geistlichkeit hat vielleicht die Delikatesse ihrer orthodoxen Denkungs- art so weit getrieben, daß sie lieber alles aufopfern, als Herdern folgen wollte — so folgsam als naͤm- lich die Buchstaben-Theologen gegen Christi Geist — den gesunden Menschenverstand — sind, und so zaͤrtlich leise sie auf den Wunsch eines vaͤterlichen Lan- desherrn horchen, um durch die Verbreitung besserer Einsichten gluͤcklichere Menschen machen zu helfen. — Und so haͤtte auch Weimar seine Gelehte mehr fuͤrs Ausland, als fuͤr sich. — Ich nahm mir, als ich wieder gehen konnte, vor, nach Jena und von da aus weiter zu reisen. Ich hatte in Jena Freunde aus dem Vaterland und sogar einen Vetter Vitriarius . Also ging ich von Neustaͤdt uͤber Apolda dahin. Ich kehrte sogleich, nachdem ich mich bei dem Invaliden-Major gemel- det, und als beurlaubten Preussischen Soldaten le- gitimirt hatte, im halben Mond ein, meinen hung- grigen Magen auszufuͤllen. Nach dem Essen ging ich auf den Fuͤrstenkeller, wo ich Studenten anzutreffen dachte. Ich betrog mich auch nicht: denn der Tisch war mit fidelen Mosellanern besetzt. Ich forderte ein Maaß Koͤstritzer Bier, und setzte mich auf die Seite. Da kam der Peruͤkenmacher Stahlmann und klotzte mich an; hernach der dicke Fleischer Schmidt , der es eben so machte. Sie wiederhol- ten ihre Besichtigung mehrmals, „Er ists, hohl mich der Teufel,“ fing endlich Schmidt an. „Frei- lich ist ers, oder ich will ein Hunzfott seyn,“ erwie- derte Stahlmann. Ich hatte Muͤhe, mich des Lachens zu enthalten. Nachdem sie lange so raͤson- nirt hatten, trat Schmidt zu mir, und sagte: Gelt du bists? Ich : Herr, seit wann sind wir denn Dutzbruͤ- der? Weis der Herr nicht besser zu leben? Schmidt : Sag du, was du willst, du alter lieber Bursche: mich soll gleich der Teufel holen, und in Luͤften zerreissen, wenn ich dir nicht gut bin! Ich : Herr, ich kenne Sie ja nicht! Schmidt : Nicht! Alter Laukhard sey kein Narr! durch hundert Thuͤren kenn' ich dich durch! Komm, trink! — Schmollis! Indessen waren die Herren Bursche am langen Tisch auf uns aufmerksam geworden, und hatten von Stahlmann vernommen, wer ich waͤre. Sie kamen also alle um mich herum, freuten sich meiner, und noͤthigten mich, mich mit an ihren Tisch zu setzen, und mit ihnen zu trinken — alles so recht nach dem aͤchten jenaischen Mosellaner Kommang. Ich wollte meinen Krug mitnehmen, aber Heinold , der da- malige Senior der Mosellaner, nahm ihn, goß ihn aus, und ließ mir gleich ein halb Stuͤbchen Koͤstritzer geben. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich schon alle die Herren, an der Zahl uͤber dreißig, zu Dutzbruͤdern. Ich wollte wieder nach dem halben Mond zuruͤckkehren; aber das hieße die jenaische Gast- freiheit beleidigen, und daher muste ich bei einem Burschen, eben bei dem obengenannten Herr Hei - nold einkehren, und bei ihm uͤbernachten. Ich hab drei Nachte bei ihm zugebracht, habe taͤglich den Fuͤrstenkeller besucht, und bin einmal zu Dorfe ge- wesen. Die beiden Nebel von Worms, Heinold , Kaufmann , Vitriarius , Martin und an- dre haben mir waͤhrend meines damaligen Auffent- halts in Jena viel Vergnuͤgen gemacht. Noch ein- mal Dank dafuͤr! Ich kannte zwei Professoren in Jena, die erst dahin gekommen waren, — die Herren Fabri und Schnaubert . Letzteren wollte ich besuchen, und versprach mir gute Aufnahme; allein ich irrte mich. Schnaubert war ehemals, als katholischer Kapel- lan ohnweit Bingen am Rhein, in einen zu genauen Umgang mit seiner Koͤchin gerathen, und da die Fol- gen dieses Umgangs sichtbar wurden, fuͤrchtete sich Meister Schnaubert vor Marienborn Ist ein Dorf eine Stunde von Mainz, wo man die Pfaffen, welche sich vergangen haben, einsperrt. Der ungluͤckliche Isenbiehl ist auch da gesessen. Sonst ist ein Gnadenbild der heil. Maria zu Marienborn, das , ward mit seiner Dulcinea fluͤchtig, und kam nach Giessen, einem Orte, wo man von jeher die Proselyten will- kommen hieß. Hier meldete er sich bei der Geistlich- keit, insbesondere bei Bennern , der ihm aber ein sauer Gesicht machte: Benner naͤmlich, so or- thodox er sonst war, hielt nichts auf Proselyten, wel- che mit dickbaͤuchigen Mamsellen ankamen. Bech - told , Ouvrier und Diez nahmen ihn besser auf. Ob man gleich keine Konvertitenkasse in Gies- sen hat, so erhielt doch Freund Schnaubert funfzig Gulden, und dieser heilige Geist machte, daß er das lutherische Glaubensbekaͤnntniß in die Haͤnde des Herrn Diez ablegte. Eben das that auch seine Madonna. Nun adressirte sich Schnaubert, der von der Welt nichts mitgebracht hatte, als einen al- ten verschabten grauen Flausch, schwarze Weste, Ho- sen und dergleichen Struͤmpfe; einen Hut mit Ma- rasmus Senilis, wie Herr Bahrdt spricht, und dessen Mamsell auch nichts hatte, als wie sie ging und stand — an die Studenten, und diese gutmuͤ- thigen Juͤnglinge gaben her, so viel gerade in ihrem Vermoͤgen war. Ich habe, ohne Ruhm zu melden, auch zu denen gehoͤrt, welche Herrn Schnaubert unfruchtbare Weiberbaͤuche fruchtbar machen soll — durch Huͤlfe des Glaubens, der freilich sehr oft selig, — aber nicht minder auch naͤrrisch macht. unterstuͤtzt haben; ja, ich habe in meinem Kraͤnz- chen, dessen Senior ich damals war, eine Kollekte fuͤr ihn angestellt. So versorgt, studierte Herr Schnaubert Jura, und ward mit den Studenten so fideel, daß er fuͤr einen ordentlichen Kerl und guten Zotologen gehalten wurde. Durch Fleiß und Buͤcherlesen erlangte er in kurzer Zeit eine artige Kenntniß der Rechte, und sein kriechendes jesuitisch-pfaffisches Wesen erwarb ihm die Gunst des Kanzlers Koch in hohem Grade, und er wußte sich derselben durch Anbringung neuer Maͤhren von allerlei Art, besonders von Studen- tenhistoͤrchen immer mehr zu versichern. Alles, was in der Stadt bei den Burschen-Parlamentern im Rappen und Stern, bei den Expeditionen aufm Schießhause u. s. w. vorging, wußte Herr Koch, und warf es bei Gelegenheit den Studenten vor. Man untersuchte, woher wo Koch das alles wissen moͤchte: und siehe da, Meister Schnaubert ward als Maͤhrentraͤger entdeckt. Als er hierauf einmal zu Wiesek beim Schwarzen — wie wir den einen der dortigen Wirthe nannten — in eine Studenten- gesellschaft eintrat; so wurde er nicht nur erbaͤrmlich ausgehunzt, sondern obendrein noch mit hundert Rippenstoͤßen aus der Stube herausgeschmissen. Von der Zeit an hatte Schnauberts Umgang mit den Studenten ein Ende. Indessen ward Herr Schnaubert Doctor und Schriftsteller: er ließ etwas uͤber Boͤhmers Lehrbuch des Lehnrechts drucken, unter dem Titel — Kom- mentar Es muß doch zu unsern Zeiten traurig mit der Gelehr- samkeit ausleben, wo solche Hefte oder Kommentare mehrere Auflagen erleben koͤnnen, z. B. Hoͤpfners Kommentar uͤber Heinneccius Institutionen. Man sehe auch Bauriedels , des theologischen Kandidaten Kom- mentar uͤber Hellfelds Pandekten, wie auch Herrn Gluͤcks allmaͤchtigen dickleibigen und doch in den er- sten Grundsaͤtzen mangelhaften Kommentar uͤber das naͤmliche Kompendium. — versprach auch einen aͤhnlichen uͤber desselben Autors Kompendium des geistlichen Rechts. Das verschaffte ihm einigen Ruf — und er kam als Professor nach Helmstaͤdt, und von da nach Jena, wo er nach Art der Jenaischen Herren Professoren, die mit dem simpeln Professor-Titel Ein gewisser Meister in Halle, den ich aber nicht ge- druckt nennen mag, aͤusserte neulich gegen einige Stu- denten: Herr Eberhard waͤre doch immer weit we- niger, als er: Er — sey — — Rath, und Herr Eberhard nur — Professor! — O uͤber den theoretisch- philosophischen Meister! mein Tage nicht zufrieden sind, sich mit dem Hofrathstitel schmuͤcken ließ. Schnaubert war noch nicht lange in Jena, als ich jetzt dahin kam. Ich dachte gewiß von einem Manne gut aufgenommen zu werden, um den ich mich mehr als einmal verdient gemacht hatte. Ich trat also an seine Thuͤr und klopfte; Herr Schnau- bert kam heraus: „Was will Er?“ — Ei, ei, Herr Professor, Sie kennen mich wohl nicht mehr? Hier hatte ich vergessen, den Hofraths-Titel herzu- beten, und auf diese Art hatte ich den Meister vol- lends außer Fassung gebracht. „Ja, ja, sagte er, Sie sind Laukhard: „ist mir Lieb, Sie zu sehen: aber pardonniren Sie, ich hab' Geschaͤfte!“ — Sapper- ment, wie mich das Ding aͤrgerte! in die Augen haͤtt' ich ihm spucken moͤgen. — „Ich habe, fuhr er fort, von ihren Switen gehoͤrt: der Kanzler Koch hat mirs nach Helmstaͤdt geschrieben.“ So! erwie- derte ich: wahrscheinlich wollte er Ihnen die Maͤhr- chen wieder vergelten, die Sie ihm in Gießen so reichlich zutrugen. Hat er Ihnen vielleicht auch sein Heft uͤbers Kanonikum von Boͤhmer geschickt, daß Sie es damit machen koͤnnen, wie Sie es mit dem Gatzertischen Man muß wissen, daß Schnauberts berufener Kom- mentar uͤber das Kompendium juris feudalis weiter nichts ist, als die Vorlesungen des gelehrten Herrn Gatzert . gemacht haben?“ Mein Mann er- boßte, und lief in seine Stube, und ich — schob ab. Auf dem Keller erzaͤhlte ich, wie billig, die ganze Historie mit allem Kolorit, den Studenten: diese murrten gewaltig. „Es ist 'n Schl**, sagte der eine: Es ist 'n B**, sagte der andere.“ Nein, er ist ein Jesuit, sagte ich: ein Mensch, der Pfaf- fismus und Juristismus verbindet, und so allemal ein — etc. ist Wie grob und unwuͤrdig eben dieser Held dem Herrn Weisse noch vor kurzem begegnet sey, ist S. 244 u. f. zu lesen in Weissens Schicksalen und Ver - folgungen in Deutschland und Spanien , von ihm selbst beschrieben. (1792). „Das Benehmen „dieses Mannes, — des Herrn Hofrath und Profes- „sor Schnanberts — sagt Herr Weiße – war „so ganz wider alte konventionelle Lebensart, daß ich „glaubte, nicht vor einem gebildeten Gelehrten und „oͤffentlichen Beamten, sondern vor irgend einem ge- „meinen Manne zu stehen, der zwischen Er und Sie „keinen Unterschied zu machen, und uͤberhaupt von „feiner Sitte, feiner Lebensart nichts weiß – „„Un- „„willen empfindet man, wenn Leute, die selbst den „„Zustand der Duͤrftigkeit, die selbst so manches Un- „„angenehme in der Welt erfahren haben, dies alles „„bei erfolgten gluͤcklichern Umstaͤnden so weit verges- „„sen, daß sie sogar uͤbermuͤthig in ihrem G e werden. „„Ich habe durchgehends die Bemerkung bestaͤtigt ge- „„funden, daß je hoͤhern Standes, je edlerer Geburt, „„je feinerer Erziehung und Bildung ein Mensch ist, „„er auch um so viel hoͤflicher ist, und selbst dem „„geringsten Menschen die ihm zukommende Ach- „„tung beweiset: dahingegen ein Mensch von niedri- „„ger Herkunft, von schlechter Erziehung und Bil- „„dung gemeiniglich dieses Gepraͤge behaͤlt, auch — „„wenn – er – zu hoͤchsten – Wuͤrde gelangt ist““ Und daher die vielen Hoͤckermaͤnner troz ihres Amtes und Reichthums und die vielen Hoͤckerweiber troz ihrer Wird Herr Schnaubert fuͤr gut finden, sich auch durch irgend einen getreuen Cumpan vertheidi- gen zu lassen, wie Kanzler Koch in Gießen durch Herrn Schmidt gethan hat, so hat er die Litteratur- Zeitung ja recht in der Naͤhe. Aber er mag sich vertheidigen lassen, oder nicht, — ich werde noch mehr Gelegenheit haben, mit ihm deutsch weiter zu sprechen: seine skandaloͤse Geschichte ist mir zu gut bekant. Du aber, lieber Leser, lerne hieraus, Nie- manden geringschaͤtzig zu behandeln: denn Berg und Thal begegnen sich nicht; wohl aber der eine Mensch dem andern: und wie diese in den Wald hineinru- fen, so schallt es zuruͤck! — Ich schied an einem Sonnabend von Jena in Gesellschaft mehrerer Studenten, welche mich bis Weimar begleiteten, wo sie die Komoͤdie sehen woll- ten. Ich hatte keine Lust dazu, und lief noch eine Meile weiter auf ein Mainzisches Dorf, wo ich die Nacht blieb. In diesem Dorfe war ein Kaiserlicher Werber, der mich gern anwerben wollte. Ich mußte nur lachen uͤber die naͤrrischen Bemuͤhungen des Halters. Hauben und neumodisch umfabricirter Kleidung. Gott behuͤte uns alle vor diesen Drachen der buͤrgerlichen Gesellschaft! Acht und zwanzigstes Kapitel. Gar zur Seite eines gnaͤdigen Fraͤuleins! Fernere Be- gebenheiten zu Erfurt, Gotha, Hersfeld, Gießen, Frank- furt am Mayn und Alzey. Ein Wink fuͤr Fuͤrsten. F ruͤh wollte ich meine Reise fortsetzen, als ein Kutscher hereintrat und Schnapps foderte. Wohin die Reise, Schwager? „Nach Gotha!“ — So? kann ich mitfahren? „Warum nicht: acht Groschen, und Sie sitzen hinten auf.“ — Ich praͤnumerirte, und saß hinten auf. — Wer sitzt denn da hinten? fragte ein funfzigjaͤhriges Fraͤulein. — Ja, das weis der liebe Gott, antwortete der Schwager: er muß doch wohl einen Paß haben! er will ja durch Erfurt. — Es waͤhrte nicht lange, und Fraͤulein mußte aussteigen: es war, wie Yorik sagt, rien que pisser. Ich stieg auch ab, und steckte meine Pfeiffe an. Da ließ sich das Fraͤulein mit mir ein ins Ge- spraͤch: erzaͤhlte, daß sie ein Hoffraulein von Gotha waͤre, in Weimar Freunde besucht hatte, und daß der junge Mosjeh, den sie bei sich haͤtte, Junker Karl hieße. Ich belehrte sie jetzt auch von meinen Umstaͤnden, und Fraͤulein, nach vielen „Herr Gott! Herr Jesus!“ gestattete mir, mit in der Kutsche zu sitzen, und sie da mit Gespraͤch zu unterhalten. Fraͤulein war belesen, verstand auch Franzoͤsisch und Musik, wie sie sagte: hatte viel Freier gehabt, auch recht angesehene Kavaliers und Officire; hatte sich aber niemals entschließen koͤnnen, sich in die Bande und ins Bloch der heiligen Ehe zu begeben. — Diese Sprache war mir schon seit meiner lieben Jungfer Tante bekannt. Am Erfurter Thor muste ich absteigen, meinen Paß vorlangen, und mich sodann von einem Gefrei- ten auf den Petersberg zum General fuͤhren lassen. Im Preußischen, wo doch gewiß das Militaͤr zur hohen Vollkommenheit gestiegen ist, macht man nicht so viel Umstaͤnde: da ist das Vorzeigen des Passes am Thor hinlaͤnglich, weil die Preußischen Generale mehr zu thun haben, als daß sie jedes fremden Sol- daten Paß durchsehen sollten. Der Gefreite verlohr den Paß, und darob wurde schwerer Mohr auf dem Petersberg: denn ich bestand schlechterdings auf meinen Paß, und schimpfte auf die jaͤmmerliche Di- sciplin, welche Paͤsse fremder Soldaten verlohren gehen ließe. Der Herr General suchte mich mit al- lerlei Gruͤnden zu besaͤnftigen; sagte aber zuletzt, da ich durchaus nicht nachgab: „Es waͤre vielleicht nicht einmal wahr, daß ich wirklich einen Preußischen Paß gehabt haͤtte. „Hier erboßte ich und versetzte: „Was Zweiter Theil. Y meynen Sie, Herr General, wenn das sonst jemand so hoͤrte? Ihr Unterofficier laͤßt mich zum Thor herein, und schickt den Gefreiten mit mir; und doch lassen Sie sich einfallen, zu aͤußern, daß ich vielleicht keinen Paß gehabt haͤtte!“ — Der General erroͤ- thete uͤber meine Bemerkung, und befahl, daß mir sein Adjutant einen neuen Paß schreiben sollte. Das geschah denn: allein kaum hatte ich den neuen Paß, als ein Soldat meinen Preußischen herauf brachte: er war auf der Straße gefunden worden, wo ihn der Gefreite verlohren hatte. Hierauf begab ich mich in das Wirthshaus, wo meine Gesellschaft abgestiegen war, aß daselbst zu Mittage, und ging sodann ins Thor, bis die Kutsche ankam, und ich mich wieder einsetzen konnte. Fraͤu- lein wollte doch nicht, daß ich mit ihr durch die Stadt fahren sollte! Junker Karl hatte sich gar sehr bezecht, und machte allerlei naͤrrische Possen, welche erst recht drolligt herauskamen, wenn er aus- stieg, seine Nothdurft zu verrichten. Der Schwa- ger lachte laut ob des Junkers Possen; dem Fraͤulein aber war nicht recht wohl zu Muthe, und ich mußte mich neben dem schnurrigen Junker hinsetzen, indeß Fraͤulein ruͤckwaͤrts fuhr. Ich stellte ihr vor, daß der Junker und ich ruͤcklings fahren koͤnnten, und sie nur geradeaus sitzen bleiben moͤchte. Allein das wollte sie nicht: Junker Karl moͤchte schlimm werden, und sich uͤbergeben — das geschah aber doch, trotz der Vorsicht des Fraͤuleins, und ich hatte alle Muͤhe, bei dem komischen Vorfall nicht uͤberlaut zu lachen. Das Fraͤulein bedaurte nichts mehr, als daß nun der Wagen den uͤblen Geruch behalten wuͤrde. Wir kamen des Abends in Gotha an, wo ich von Pontius zu Pilatus herumgefuͤhrt wurde, bis ich mich endlich in die Schelle , einen Gasthof hin- ter der Hauptwache, einquartirte, mich am Waizen- bier ergoͤtzte, und hernach den Kaufmann Made - lung besuchte, an den ich eine Adresse hatte, nach welcher er mir fuͤnf Thaler Saͤchs. auszahlte. Bei meiner Zuruͤckkunft fand ich einige italiaͤnische Tabu- lettentraͤger und einige gothaische Soldaten, welche sich zu mir drangen, und vom Dienst sprachen. Un- ser Diskurs fiel bald auf den verstorbenen Koͤnig, und ich, voll Enthusiasmus, den freilich das Wai- zenbier vermehren half, breitete mich uͤber die Vor- zuͤge des großen Friedrichs so aus, daß ich einige eben nicht hoͤfliche Ausdruͤcke gegen andre Regenten fallen ließ. Unter andern sagte ich, der Koͤnig von Sardinien sey eigentlich ein Maͤusefallen - Koͤ - nig . Dieser Ausdruck, der freilich nicht fein war, brachte einen Piemonteser auf, der mich deswegen zur Rede stellte. Ich vertheidigte mich sehr anzuͤg- lich, und als mein Piemonteser fortfuhr, loszuziehen, schmiß ich ihm hinter die Ohren. Nun ward das Geschlaͤge allgemein: denn die andern Italiaͤner nah- hen sich ihres Landsmanns an, und spektakelten fuͤrch- terlich. Die Gothaer standen aber mir bei, und die Italiaͤner wurden aufs Haupt geschlagen und zur Stube hinausgeschmissen. — In Halle war dieser Auftritt schon bekannt worden, ehe ich dahin zu- ruͤck kam. Am folgenden Tage besah ich die Gothaische Wachtparade, wo mich die Hrn. Major und Haupt- mann von Henning sehr freundlich behandelten. Letzterer ist ein Bruder des Hrn. von Henning , welcher Kapitain beim Hallischen Regiment ist. Ich habe ihn bei meiner Ruͤckreise noch einmal besucht, wie er mir erlaubt hatte. Auf se Hersfe fiel nichts vor. In Hersfeld wollen ch einen meiner ehemaligen Ordens- bruͤder besuchen N ens Klemens , fuͤr den ich mich einmal in G haͤtig verwendet hatte. Ich trat in sein Haus sahe da eine alte Ma- donna, mir seine Mutter zu seyn schien, in in der That aber seine Frau war. Nachdem ich mein Anliegen, den Hr. Klemens zu sprechen, angebracht, und Madame mich von oben bis unten aus stark be- gafft hatte, fuͤhrte sie mich endlich an eine Thuͤr, trat aber vor mir hinein, kam dann zuruͤck, und erlaubte mir, auch einzutreten. Klemens empfing mich so kalt, als immer Hr. Schnaubert in Jena: er kannte mich kaum, stellte mir indeß doch ein Glas Hersfelder Bier Unter allen Bieren in ganz Deutschland das elender noch elender als das Gießer und Marburger Bier. hin: ich aber aus Aer- ger uͤber den undankbaren Ordensbruder machte, daß ich fort kam. Ich fuͤhlte schon lange tiefe Verach- tung gegen alle dergleichen Institute, und diese Ver- achtung gegen das Ganze heftete sich jetzt auch an den einzelnen Bruder, oder vielmehr dieser einzelne Bruder machte mir das ganze Institut nur noch verhaßter. Aber nun hatte ich einen Auftritt von besserer Art! Ich besuchte die vortreflichen Limbergerin - nen , von denen ich schon oben Seite 82. in diesem Theil. geschrieben habe, jedoch ohne sie zu nennen. Lehnchen war verheu- rathet, und recht gut verheurathet: ihr Mann war ein gar guter Mann, den ich innigst lieb hatte, und dem ich seine liebe Frau herzlich goͤnnte. Marian - chen war noch ledig. Die guten Leutchen, welche ich bei dem jungen Manne aufsuchte, waren so froh, als sie mich wieder sahen, daß sie mir ihre Freude nicht genug zu verstehen geben konnten: ich wurde gedruͤckt und gekuͤßt, ob ich gleich einen Bart hatte, wie ein Jude, den ich aber noch selbigen Abend ra- siren ließ. Die alte Mama war auch gar fideel mit mir. Kurz, ich vergaß bei diesen ehrlichen Leutchen die Grobheiten meines massiven Ordensbruders. — Was es doch eine herrliche Sache um Leutseligkeit ist! In Alsfeld hoͤrte ich vor lauter langer Weile den beruͤchtigten Saͤufer und H**jaͤger Schwarz , D. Bahrdts ehemaligen Antagonisten und großen Kloppfechter in den theologischen Katzbalgereien Man erinnere sich der 81 u. 82. Seite in diesem Bande. : nach der Predigt besuchte ich meinen Freund, den Hn. Rektor Muͤnch , einen hellen Kopf, und ge- lehrten Mann. Zu Gruͤneberg erwiesen mir meine Freunde, be- sonders Hr. Assessor Briel , viel Ehre. In Gießen kam ich gleich nach zwoͤlf Uhr Mit- tags an, und die Gießer Buͤrger, welche mich noch recht gut kannten, blieben auf der Straße stehen, und sagten zu einander: „da ist ja Laukhard!“ oder: „wißt ihr was neues? Laukhard ist hier.“ Und so war binnen einer Stunde die Nachricht von Lauk- hards Ankunft durch die ganze Stadt. Als ich zu Magnus in den Stern kam, hatte dieser schon laͤngst gewußt, daß ich da war. — Auf dem Bil- lard, wo ich den Billardeur Moͤller noch von der Universitaͤt her kannte, versammelten sich die Bursche um mich, und da mußte ich denn erzaͤhlen, was ich so wußte. Sie waren von meinen Schicksalen un- terrichtet, weil einige Hallenser dorthin gekommen waren, und von mir erzaͤhlt hatten. Von meinen alten Bekannten besuchte ich blos die Herren Koͤster , Roos , Boͤhm , den Sekretaͤr Reuß und einige andere. Fuͤr mehrere blieb keine Zeit uͤbrig: die Studenten blockirten mich so, daß ich die vier Tage, die ich in Giessen war, beinahe immer in ihrer Ge- sellschaft seyn mußte. Der Kommang in Giessen hatte sich zwar etwas verfeinert, war aber noch immer Giesser Kommang: sogar die Gemaͤlde im Karzer waren noch zu sehen: die Eulerkappereien dauerten auch noch fort, wie das Periren des Schusters Wannig: die Bier- und Schnappsgelage florirten nicht minder. — Ich wuͤrde meine Leser beleidigen, wenn ich ihnen aber- mals eine Beschreibung des Giesser Wesens auftischen wollte; sie haben im ersten Theil vielleicht schon mehr als zu viel davon lesen muͤssen. — Die Zahl der Studenten hatte sehr abgenommen, aber die der Professoren war gestiegen. Bei Herrn Hetzel ho- spitirte ich. Den Tag vor meinem Abschied kam der In- spektor Birau von Alzey nach Giessen, aus dem Hinterlande, wo er Geschaͤfte gehabt hatte. Er war froh, mich zu treffen, und ich, — einen Rei- segefaͤhrten nach der Pfalz zu haben. Hr. Birau fing an, mir allerhand vorzuwerfen; als er aber merkte, daß mich das Ding verdroß, so ließ ers gut seyn. Wir fuhren den folgenden Tag mit dem Post- wagen fort, wurden in Nauheim bei Friedberg ge- schnuͤrt, und kamen fruͤh um zehn Uhr zu Frankfurt am Main an. Ich suchte einige Bekannte auf, und ging auch in ein Wirthshaus, wo Preussische Werber sich auf- hielten. Die Herren dachten anfangs, daß ich so was fuͤr sie werden koͤnnte; allein da sie meinen Paß sahen, so liessen sie zwar den Gedanken, mich anzu- werben, fahren, behandelten mich aber doch aufs freundlichste, und gingen sogar mit mir in den rothen Ochsen Eben das Werbhaus, wovon im I. Th. S. 238. ein mehreres in Ruͤcksicht auf mich zu lesen war. als das Oestreichische, und den Tannen- baum, als das Daͤnische Werbhaus spatzieren. In Frankfurt spielen die Preussen eine ganz andere Rolle, als die Daͤnen und Oestreicher, welche freilich an der Zahl die Preussen weit uͤbertreffen; aber kein Geld haben, daher wenig Aufwand machen und so — weniger locken koͤnnen. Hr. Birau war in Frankfurt krank geworden, und daher mußten wir einige Tage laͤnger bleiben. Nachher reißten wir mit Retourschaͤsen uͤber Mainz nach Alzey. Am folgenden Tag kam mein Vater und meine Mutter, und holten mich in ihrer Kalesche ab. In Alzey lernte ich den lutherischen Rektor ken- nen, welcher dem Meister Grim , einem der groͤß- ten Saufaußen in der ganzen Pfalz, nachgefolgt war. Der neue Hr. Rektor hier Herrenschnei - der , ein Bruderssohn des im I. Theil beschriebenen Hofpredigers Herrenschneider von Strasburg, und war, nach Strasburger Zuschnitt, Magister der Philosophie: diese Wuͤrde hatte er sich durch eine ganz exzellente Disputation uͤber die Apokalypse er- worben! Einen schalern Kopf, der aber sehr viel von sich und seiner Gelehrsamkeit aufschnitt, hab' ich mein Tage nicht gesehen. Ich kappte ihn einigemal derb ab; allein er ließ sich das nicht anfechten, sondern zwang mich gleich am ersten Tage unsrer Bekannt- schaft, das fuͤrchterliche Ding, die Dissertation uͤber die Apokalypse durchzulesen, und ihm daruͤber mein Urtheil zu eroͤffnen. Ich lobte sie zwar uͤberhaupt; bemerkte aber doch, daß der Autor manches neuere Buch, besonders die Semlerischen Buͤcher uͤber den Canon, und den Horus , oder das astrognostische Endurtheil uͤber dieses Sibillenbuch, gar nicht ge- kannt, wenigstens nicht benutzt haͤtte. Das verdroß meinen Meister Herrenschneider, und ich fand auch bei diesem faden Menschen, daß, wenn ein Autor, er sey auch wer er wolle, jemanden um sein Urtheil uͤber eine Schrift fragt, er nur gelobt seyn will; und wer ihn tadelt, sein Freund gewesen ist. Damals war der Landschreiber von Alzey, der Geheime-Rath Koch , gefaͤhrlich krank, so, daß man jeden Augenblick sein Ende erwartete. Ich hoͤrte das in der Krone zu Alzey, wohin ich einiger Ver- richtungen wegen gegangen war. Eine ganze Stube voll Leute saß da, von welchen der eine immer mehr, als der andere die Bedruͤckungen und Ungerechtigkei- ten auffuͤhrte, welche dieser Hr. v. Koch, oder wie man ihn dort nannte, der große Mogul , veruͤbt hatte. Die fuͤrchterlichsten Verwuͤnschungen folgten allemal auf die scheußlichsten Nachrichten. In sol- chen Gelagen sollten sich die Fuͤrsten dann und wann inkognito einfinden: sie wuͤrden Dinge von ihren Lieblingen und vermeinten getreuen Bedienern hoͤren, woruͤber sie erschrecken muͤßten. Der Kurfuͤrst von Pfalz-Baiern ist gewiß ein recht gutmuͤthiger Fuͤrst — so kenne ich ihn, und so kennt ihn jedermann — und doch wird kein Land mehr durch Ungerechtigkeit miß- handelt, als eben sein Pfalz-Baiern. Es geht ihm wie allen gutmuͤthigen Fuͤrsten: sie glauben wunder, wie gut es in ihrem Lande zugehe! wie gluͤcklich ihre Unterthanen seyen, indeß das Klagen und Lamenti- ren beim geringern Stande kein Ende hat. — Koch ist damals zur hoͤchsten Betruͤbniß der Ein- wohner im Oberamt doch nicht gestorben. Neun und zwanzigstes Kapitel. Wie mich Vater, Mutter, Tante und Bruder empfangen haben. M ein Vater machte mir ganz und gar keine Vor- wuͤrfe: geschehene Sachen, meynte er, waͤren ein- mal nicht zu aͤndern, und da muͤßte man auch nicht weiter davon reden. — Ein nur halb wahrer Grund- satz! Man muß allerdings davon reden, wenn man Klugheitsregeln daraus fuͤr sich oder Andere nehmen kann. Allein mein Vater hatte so sein System; und nach demselben war mehr das Schicksal, als ich selbst Schuld an meinen Unfaͤllen. Meine Mutter bedaurte freilich hauptsaͤchlich das huͤbsche Geld, das ich gekostet hatte, und das nun nach ihrem Ausdruck, in'n Dreck geworfen war: aber der Alte bath sie, zu schweigen, und uns keine truͤben Stunden zu ma- chen: Da schwieg sie dann. Meine alte Tante war vollends außer sich, da sie mich wieder sah, und konnte ihrer Fragerei gar kein Ende finden. Ich mußte mit meinem Vater allein auf sein Stuͤbchen kommen: da erklaͤrte er mir, daß mein Soldatenwesen die uͤblen Gespraͤche, welche von mir laͤngst herumgegangen waͤren, stark vermehrt und alle alten Geschichtchen wieder ins frische Andenken gebracht haͤtte. Man hatte naͤmlich mein Soldatwer- den in einige Zeitungen eingeruͤckt — als wenn es eine so große Sache waͤre, wenn ein Magister Soldat wird! Ist denn uͤberhaupt der Herr Magi- ster eine so wichtige Creatur? Alsdann waͤren ja die Herren Avenarius Bahrdts ehemaliger Abschreiber. Wie dieser arme Schlucker zur Magisterwuͤrde gelangt sey, steht im II. Band der Bahrdtischen Lebensgeschichte. , Mese Latinisirt Masius . Man hat ihm erst neuerlich in Hamburg seine Spiegelfechtereien u. dgl. gelegt. , Weisse , sonst Albus Dieses hochfahrende und unruhige Maͤnnlein hat jetzt eine Schrift edirt, die manche interessante Bemerkun- gen uͤber einige Gegenden Deutschlands, die Schweiz und Spanien enthaͤlt, auch etwas uͤber die Gießer und Jenaer Universitaͤt. Sie heißt, wie wir schon wissen: Weissens Schicksale und Verfol - gungen . — Vergleicht man diese Schrift mit jener: Weissens (sonst Albus genannt) Uebertritt zur katholischen Kirche so soll, wie ich von Herrn Bispink gehoͤrt habe, Herr Weisse in die Alternative gerathen: entweder vor Zeiten oder jetzt hintergangen zu seyn, oder selbst hintergangen zu ha- ben. Das erstere waͤre kurzsichtig; das andere nicht brav. Ich muß die Gruͤnde fuͤr diese Behauptung hier dahin gestellt seyn lassen, und will nur noch bemerken: daß Herr Weisse vorgiebt, zu Barcelona zum Doctor der Philosophie — nicht zum Magister — promovirt worden zu seyn. Hier moͤcht' ich beinahe ausrufen: credat judaeus apella! Es ist naͤmlich bekannt, daß genannt, und hundert andere zu zu Wittenberg, oder sonstwo fabricirte Magisterlein, auch sehr wichtige Leute Zu Wittenberg kostet ein Herr Magister gerade so viel, als ein fettes Schwein. ! Aber vielleicht hatten die Herren Zeitungsschreiber zu Gotha und Frank- furt am Main damals gerade noch einige Zeilen noͤ- thig, ihre Blaͤtter vollzumachen: vielleicht wollte sich ein haͤmischer Mensch an mir raͤchen! Wer es von Halle aus nach Gotha geschrieben habe, weis ich: es war ein Herr Muͤßiggaͤnger. — Genug, mein Soldatwerden war in den Zeitungen gestanden, und hatte die alten Maͤhren wieder aufgeregt. Daher fuhr mein Vater fort, muͤßte ich, wenn ich da blei- ben wollte, lange, lange Zeit einen sehr eingeschraͤnk- ten Lebenswandel fuͤhren, damit das hundertmaͤulige auf den meisten katholischen Universitaͤten, vorzuͤglich in Spanien, der Promotions-Eid auch das Bekaͤnnt- niß der unbefleckten Empfaͤngniß Mariaͤ einschließt. Hierauf schwoͤrt kein Protestant; und um dieser bis zum Tode bleiben zu koͤnnen, will Herr Weiße im In- quisitions-Gefaͤngniß zu Barcelona gesessen haben, — ob er gleich auch, nach der andern Schrift, schon in Prag katholisch geworden seyn will. — Wie reimt sich das! Ein Diplom uͤber seinen Barcelonaischen Doctor hat er auch nicht. Oder sollte man bei Promotions- faͤllen nachgiebiger seyn in Barcelona, als in Mainz, wo man eben wegen des Promotions-Eides, meinen Vetter, einen Mediciner, zuruͤckwies, wie ich im I. B. erzaͤhlt habe? — Schwindelei ist doch nirgend gut! Ungeheuer, die Pfaͤlzische Fraubaserei, sonst fama genannt, endlich schweigen oder bessere Nachrichten von mir verbreiten muͤßte. — Ob mein Vater hier fuͤr sein System konsequent gesprochen habe, will ich nicht untersuchen: ich erklaͤrte nur kurz, daß ich nicht bleiben wuͤrde: ich ginge nach Verlauf meines Ur- laubs wieder zum Regiment. — Und dazu hatte ich meine guten Gruͤnde, die ich hier angeben muß, weil man sich in Halle und anderwaͤrts sehr gewundert hat, daß ich zuruͤckgekommen bin. Einmal war ich in der ganzen Pfalz verschrieen, als ein Mensch ohne Sitten, und ohne Religion; und dieses boͤse Geruͤcht gruͤndete sich auf unwider- legliche Thatsachen. Die Nachrichten aus Halle und andern Orten hatten es nur noch verstaͤrkt: und so hatte ein jeder Mosjeh Firlefanz Gelegenheit, mir zu schaden, sobald seine Firlefanzerei, sein Interesse oder seine Rachsucht es erfoderten. Wodurch haͤtte ich nun den Leuten die Maͤuler stopfen sollen? die Pfaͤlzer vergessen alles eher, als die skandaloͤsen Ge- schichtchen. — Man siehts ja an mir! — Und da war nun gar keine Wahrscheinlichkeit, jemals wieder in Kredit zu kommen. Zum andern konnte ich gleich in den ersten Ta- gen mein Maul nicht bezwingen. Ich raͤsonnirte schon in Alzey — von Frankfurt am Main, wo ich mit den Leuten im Wirthshause uͤber Christi Geburt sprach, will ich nichts sagen — im Beyseyn des Jaͤ- gers Damian und anderer theils Katholiken, theils Protestanten, sehr frei uͤber die heiligen Dogmen, sprach von Pfaffen uͤbel, und lachte uͤber alles, was dort uͤbern Rhein heilige Waare ist. Da hieß es nun allgemein: Laukhard ist noch der alte Spoͤtter: ein alter Wolf laͤßt seine Nuppen nicht. Und endlich drittens traute ich mir selbst nicht viel Gutes zu. Ich konnte mich nicht so weit ein- schraͤnken, daß ich mein Trinken gemaͤßiget, und or- dentlich gelebt haͤtte. Ich fuͤhlte das sehr gut, und beschloß also, nicht da zu bleiben. Es fielen auch gleich in den ersten Tagen einige Excesse vor, und machten neues gehaͤssiges Aufsehen. So war ich eines Tages, nicht lange nach meiner Ankunft, zu Flonheim im Bock, wo mir der Wirth, Herr Diel , mein seit langer Zeit erprobter Freund, und treuer Kumpan, recht derb auswichste, und rothen Wein fließen ließ, so viel ich nur wollte. Wir waren am und sonders recht lustig, bis endlich ein gewisser Herr von Forster aus Mainz, der Kleesaamen Das Gewinnen des Kleesaamens ist seit zehn Jahren ein betraͤchtlicher Nahrungszweig in der Pfalz gewor- den, und ist es noch. Die Hollaͤnder kaufen den Klee- saamen fleißig auf. Man sagt, er wuͤrde zur Verfer - gung gewisser Farben gebraucht. ein- kaufen wollte, im Bock ankam, und sich mit mir ins Gespraͤch einließ. Herr von Forster wußte um meine Historien, und machte viel schiefe Anmerkungen uͤber den Koͤnig von Preussen, und dessen Militaͤr. Das aͤrgerte mich, und ich ward grob, so grob, daß der Edelmann foderte, Herr Diel sollte den Schulzen holen lassen, der mir das Maul stopfen wuͤrde. Aber nun ging erst der Skandal recht an, bis ich endlich selbst aufbrach, und meinen Her - mann besuchte. Die Geschichte hat mir einigen Ver- druß und Vorwuͤrfe bei meinem Vater zugezogen. Meinen Bruder sah ich in den ersten Tagen nicht: er war Vikarius in Dalheim, einem zur kai- serlichen Grafschaft Falkenstein gehoͤrigen Dorfe. Er wußte zwar, daß ich da war, allein er uͤbereilte sich nicht: unsre Freundschaft hatte laͤngst aufgehoͤrt, und so waren wir eben nicht versessen, uns zu sehen. Endlich kam er doch; empfing mich aber kalt, und ich bewill- kommte ihn noch kaͤlter. Er bath mich, ihn zu besuchen: das hab ich einmal gethan, aber nur ohngefaͤhr auf vier Stunden. Seine Unterhaltung gefiel mir nicht, und die meinige muͤßte ihm laͤstig seyn. Meines Bru- ders Bibliothek musterte ich damals auch: ich fand unter andern die beruͤchtigte Aloysia Sigaea Aloysia Sigaea, satyra sotadica, seu de elegantia la- tini sermonis libri quatuor. Ein im feinsten Latein geschriebenes, und dem beruͤhmten Meursius zuge- schriebenes Zotenbuch. , ein Buch, nach welchem mich schon lange verlangt hatte. Ich nahm es mit, las es zu Hause durch und bewunderte die unselige Muͤhe des gewiß geschick- ten Verfassers, welcher in dem feinsten lateinischen Styl die allerabscheulichsten Zoten und Schweinige- leien hingestellt hat. Gegen diese Aloysia sind einige unserer neuern verfaͤnglichen Buͤcher dieser Art, noch sehr ertraͤgliche Buͤcher. Es wundert mich, daß man sie in unsern zotologischen Zeiten noch nicht uͤbersetzt hat. Vielleicht macht das die Seltenheit des Buchs, das man oft mit drei bis vier Karolinen bezahlt hat, oder auch die Unerfahrenheit unsrer Zotologen in der lateinischen Sprache. Daß ich viel angenehme Stunden im Umgang mit meinem lieben Haag genossen habe, ist außer Zweifel. Der rechtschaffene Mann war noch immer derselbe. Er hatte kurz vorher die Schwester seiner Frau heurathen wollen; hatte aber die Erlaubniß da- zu vom Vikariat zu Mainz nicht erhalten koͤnnen. Er mußte sich daher an den Nuntius des heiligen Va- ters Pabst, den der Kurfuͤrst gegen alle Grundre- geln und gegen das Interesse und die Ehre des deut- schen Reichs zu Muͤnchen hielt, wenden; und dieser ertheilte ex plenaria potestate sibi concessa, die Erlaubniß: und die Herren Vikariatsraͤthe zu Mainz gaben durch ihre Nachgiebigkeit zu verstehen, daß der Zweiter Theil. Z Nuntius mehr zu befehlen habe, als ihr Erzbischof. — Hilf heiliger Febronius ! Meine wenigen andern Pfaͤlzer Freunde waren mir treu geblieben: das waren die Herren Stuber zu Flonheim, Fresenius , Hermann , beide Koͤster , J b zu Erbesbudesheim und einige andre. Diese hab ich besucht, und sie haben mir viel Freude gemacht. Insbesondere beehrten mich die Herren von la Roche , der Major und der Hauptmann, mit ihrer immer ununterbrochenen Freundschaft. — Die im ersten Theil S. 373. genannte Tochter des reformirten Predigers hab ich auch gesehen, und mein Verstaͤndniß mit ihr erneuert. Thereschen haͤtte ich sehen und sprechen koͤn- nen; aber ich fuͤrchtete mich vor dem Eindruck, den sie auf mich machen wuͤrde, und so wollte ich sie lie- ber gar nicht sehen. Sie war noch ledig. Ein ge- wisser Herr Huber , sonst Latus genannt, hatte, wie wir wissen, um sie angehalten, aber den Korb bekommen. Ich aͤrgerte mich haͤßlich uͤber den La - us , daß er mein Maͤdchen hatte haben wollen, und war froh, daß sie ihn abgewiesen hatte. Was man aber ein Thor ist! Man mißgoͤnnt Andern ein Gut, woran man keinen Theil haben kann und kei- nen haben will. Sonst war es noch in der Pfalz, wie ich es im ersten Theil beschrieben habe. Der Schlappohr, und der alte Schulz, Hahn , spuckten noch immer: noch immer lief der feurige herum, und das Maar druͤckte noch i Doch sahe ich auch da einen katholischen , den Herrn Pastor Hoffmann zu an des ver- setzten Neun war, und stark wider Gespenster und , auch den Ka- techismus des Pater Vogels nicht mehr oͤffentlich lehrte. Gott vergelte dem redlichen Mann seine Bemuͤhungen, und gebe ihm viele Nachfolger unter allen drei Religionen in der Pfalz, auch sonst wo, wenns noͤthig ist! Die Pfaͤlzer Firlefanze, die orthodoxen Pfaf- fen, welche mich sonst gedruͤckt und geplagt hatten, ließ ich gehen, und sah sie nicht. Doch habe ich den theuren Schmuckmann in Bechtolsheim gespro- chen, und ganz abgeschmacktes Zeug von ihm hoͤ- ren muͤssen. Ueber den D. Bahrdt mußte ich hundert tau- send Fragen beantworten: denn wohin ich kam, woll- ten die Leute etwas von ihm wissen. Bahrdt hatte sich zu sehr in der Pfalz bekannt gemacht; und von Halle aus waren viele Schnurren und Luͤgen uͤber ihn dorthin versprengt worden. Ich war da- mals noch ein großer Verehrer dieses Mannes, den ich noch immer von der beßten Seite ansah, und ihn folglich manchmal vertheidigte. Und wenn ich auch damals schon in Absicht des verstorbenen Doctors so ge- dacht haͤtte, wie ich hernach dachte, so wuͤrde ich doch den Pfaͤlzer Bonzen, Derwischen und Fraubasen die Freude nicht gemacht haben, uͤber ihn zu raͤsonniren. Die Pfaͤlzer kennen keinen Ketzer weiter, als den D. Bahrdt : der hat unter ihnen gehauset; die andern aber, z. B. Semler , sind ihnen blos dem Namen nach bekannt: ihre Schriften haben sie nicht gelesen. Alles, was ich sah und hoͤrte, machte den Ent- schluß immer mehr bei mir fester, nach Halle zuruͤck zu gehen, ja, oft wuͤnschte ich mich schon wirklich wieder da. Die Gesellschaften auf dem Keller bei der Jungfer Fleischern zu Halle, so abgeschmackt diese sonst seyn moͤgen, schienen mir doch lange so abgeschmackt nicht, als die Versammlungen der Pfaͤlzer Herren und Damen. Mein Gluͤck in der Pfalz war einmal verscherzt, und ich war der Mann nicht, der es haͤtte wieder herstellen koͤnnen. Sollte ich nun durch meine Gegenwart den Kummer meiner Eltern ver- mehren, und sie mir noch abgeneigter machen? Ich sprach deswegen sehr ernstlich mit meinem Vater, und er hatte nichts dagegen, so sehr auch meine Mutter sich zu widersetzen schien . Denn daß sie es nicht ernstlich mit mir meinte, und mich lieber weit von sich weg wuͤnschte, hab' ich nachher erfahren. Sie war meinem Bruder einmal gewogen, und dieser wollte nicht, daß ich in der Naͤhe bleiben sollte. der bei sich zu sehen. Krippenstapel begleitete mich bis Steckelbergen, und am folgenden Tage kam ich zu Halle an. Der Major von Muͤffling freute sich sehr uͤber meine Zuruͤckkunft, die er, wie er sagte, im- mer erwartet haͤtte, obgleich alle Andere daran ge- zweifelt haͤtten. Er ermahnte mich, besonders nun, da ich gleichsam wieder von neuem anfing in Halle zu leben, die verfuͤhrerischen Gelage, und den Trunk zu meiden, welche Dinge allemal die schaͤdlichsten Folgen haben muͤßten. Freilich hatte der gute Mann recht: denn nichts hat mir mehr geschadet, als der Trunk: der hat mich sogar zu Vergehungen verleitet, die ich mich zu bekennen schaͤme; doch aber bekennen muß, theils, weil sie in meine Geschichte gehoͤren, theils aber, um die Folgen des Trunkes desto anschaulicher zum Ver- abscheuen darzustellen. Wollte ich dergleichen aus- lassen, so wuͤrde ich erstlich nicht durchaus aufrichtig seyn, und dann wuͤrde man Beitraͤge liefern und mich einer Luͤge oder Verheimlichung zeihen koͤnnen, welches mir sehr unangenehm seyn wuͤrde. Also will ich noch einiges gestehen; so hart mir sonst das Ge- staͤndniß dessen ankommt, wozu mich die Trunken- heit verleitet hat. Ich habe, wenn ich in Saufgelagen war, und das Geld fehlte, einigemal Dinge, die nicht mein waren, veraͤussert, um nur Geld zu bekommen und der einmal rege gemachten Begierde zu trinken, und mit andern lustig zu leben, genug zu thun. Freilich geschah dieses allemal in der Absicht, das z. B. ver- setzte Buch, wieder bei Gelegenheit einzuloͤsen, und es dem Eigenthuͤmer zuzustellen. Es ist auch groͤßten theils geschehen! — Alle die, welche ich auf solche Art beleidigt habe, koͤnnen meiner Reue daruͤber, nebst der Schaam, versichert seyn, und so vergeben sie mir herzlich gern, was ich that: folglich ists nicht noͤthig, die Herren mit Namen zu nennen, denen ich auf diese Art zu nahe getreten bin. Eben so hoffe ich, wird man mirs verzeihen, wenn ich im Tau- mel der Trunkenheit, meine Lehrstunden nicht gehoͤ- rig abgewartet, oder waͤhrend derselben vielleicht selbst dummes Zeug getrieben habe. Weil ich aber einmal dran bin, die uͤblen Fol- gen meines Saufens zu erzaͤhlen, so will ich noch aus dem ersten oder zweiten Jahre — ich weis es nicht mehr recht — meines Soldatenlebens einen Spektakel anfuͤhren, den ich mit einen hiesigen Pfaf- fen, und hernach mit einem alten Magister, der sonst Prediger gewesen war, gehabt habe. Ich kam einmal mit einem gewissen Buͤrger aus einer Schenke, und raͤsonnirte gerade auf der Straße uͤber Pfaffen, uͤber sogenannten Gottesdienst und dergleichen. Ein hiesiger Schwarzrock, der hin- ter uns her kam, widersprach oͤffentlich, und drohte mir auf gut pfaffisch, mich zu verklagen, und mir durch meine Vorgesetzten das laͤsterliche Maul stopfen zu lassen. Diese Bravade brachte meinen ohnehin schon heroischen Kopf vollends in Harnisch, so daß ich dem Gottesmann mit Nachdruck vorwarf: Er, ja Er waͤre der Rechte, der noch Ursache haͤtte, sich zu bruͤsten! Er moͤchte doch nur erst sein Haloren- Mensch fahren lassen, und durch die seine Frau nicht noͤthigen, ihren Kummer in Brantewein zu versaufen. Es sey wahrlich sehr sauber, sich nach- sagen zu lassen, daß er seine viehischen Triebe nicht einmal im Beichtstuhl baͤndigen koͤnnte! Er moͤchte sich zum Teufel scheeren, wohin er gehoͤrte! u. dgl. Jetzt wollte ich auf den gleißnerischen Hurenbengel mit geballter Faust los, und ich wuͤrde wahrschein- lich sehr unsanft mit ihm verfahren seyn, wenn mich mein Begleiter nicht abgehalten, und in eine nahe Kneipe gefuͤhrt haͤtte. Hier saßen wir, bis ich vol- lends meine Ladung hatte, und endlich aufbrach. In der Maͤrkerstraße begegnete mir der alte Magi- ster von Sangerhausen , den ich aus Verse- hen schuppte, und der nun anfing loszuziehen. — „Was willt du alter Pfaffe,“ schrie ich, und lief ihm nach. Er rettete sich in des Juden Josephs Haus, wohin ich ihn verfolgte: weil aber die Thuͤr verschlossen wurde, so klopfte ich so stark an die Fen- ster, daß diese hineinstuͤrzten und einige Scheiben zerbrachen. Der Spektakel ward auf der Straße allgemein, bis endlich Bartolini hinzukam, und mich nach Hause fuͤhrte. Die Sache kam zwar vor meine Vorgesetzte, allein da weiter niemand klagte, so blieb es bei einem Wischer. Der Schwarzrock that freilich klug, daß er meine Vorwuͤrfe geduldig einstach und verschmerzte. Haͤtte er sich rein gefuͤhlt, so wuͤrde er schon als hochhinauswollender Pfaffe geklagt haben; so aber schwieg er, um seine Schande nicht auch noch gericht- lich zu vernehmen. Was fuͤr Erbauung laͤßt sich in- deß von einem Mann erwarten, der die aͤrgsten Praͤsumptionen durch selbstverschuldete boͤse Geruͤchte wider sich hat? Und doch will dieser Mann die reine Lehre retten helfen!! Sonderbar ist das immer! — — — — — — — — — — — — — — — — — — Doch was ist leichter, als kirchliche Schibolets papageienmaͤßig nach- zubeten; und was ist schwerer, als als Mann von Einsicht und Ehre zu handeln? Zu jenem ließe sich gar ein Rabbi bestechen; und nur ein Vanini be- steigt fuͤr dieses den Scheiterhaufen als — Mann „Geh mit deinem Christus! der schwizte Blut vor Angst; ich aber gehe meinem Tod unbekuͤmmert entge- gen,“ — versezte Vanini , als auf der Hinfuͤhrung zum Scheiterhaufen einer von den Inquisitoren ihm . Und was gewinnt man mit dem ganzen Brast von — — sogenannter reiner Lehre? Nirgend sieht man auf diese eifriger, als in Italien, Portu- gal und Spanien: und wo herrscht oͤffentliche Sicher- heit, National-Industrie, Commerz und Wohl- stand weniger als dort? Kurz, je naͤher bei der Kir- che, — so sagt der Englaͤnder — desto ferner von Gott, und je naͤher bei Rom — so sagt der Katho- lik — desto aͤrgerer Christ „England liegt jaͤmmerlich danieder: Bigotterie und Pfaffen haben den Koͤnig — Jakob II — zu Grun- de gerichtet. — Besser ist es, sich an die irdische, als himmlische Sternseherei zu halten: und so — bleibt es wahr: Froͤmmelei und Pfaffen fuͤhren alle diejenigen , die sich von ihnen beherr - schen lassen , unvermeidlich ins Elend .“ — Dies schrieb die endlich selbst gewitzigte Koͤnigin, Chri - stine von Schweden an Olivekrans uͤber die Thronrevolution in England. Man lese die Mémoires concernant Christine , Reine de Suede. T. II. pag. 295. und 297. — Eben so bedaurte Friedrich der Grosse jedes Land, dessen Regent ein Freund der Pfaffen und der Pfafferei sey. ! — Doch zuruͤck zu mir! Ich habe die vorhin erzaͤhlten Begebenheiten auch noch anfuͤhren wollen, weil sie in Halle damals sehr bekannt waren, und weil sie doch auch zu mei- ein Crucifix vorhielt, mit der Vermahnung, sich an diesem zu spiegeln. Zweiter Theil. Aa ner Geschichte gehoͤren. Wenn ich sie aber auch weg- gelassen haͤtte, so wuͤrde doch an dummen Streichen von meiner Seite kein Mangel gewesen seyn, und der Beweis, der praktische Beweis, daß Besoffen- heit allemal schlimme beschimpfende Folgen hat, wuͤr- de doch seine hinlaͤngliche Vollstaͤndigkeit auch in mei- nem Buche gehabt haben. Aber niemand soll mir vorwerfen, daß ich etwas wesentliches, das mich angehe, absichtlich ausgelassen, oder bemaͤntelt habe. Das bin ich dem Publikum, und besonders jenen schuldig, welche bei mir uͤbel weggekommen sind. Das freie unbefangene Gestaͤndniß meiner eignen Thorheiten muß die Freimuͤthigkeit rechtfertigen, mit welcher ich die dummen Streiche Anderer angefuͤhrt und geruͤgt habe. Ich bin wirklich nach und nach von dergleichen Possen, besonders von dem un- baͤndigen Saufen zuruͤckgekommen; doch davon wei- ter unten. Ein und dreißigstes Kapitel. Militaͤrische Metamorphose. Wiederum Liebelei. Patrioten- Spektakel in Holland. Kirchenparade. Folgen des Kir- chenzwangs. Avis an die Prediger. B ei meiner Zuruͤckkunft nach Halle, war die Exer- cierzeit angegangen, und weil alle Quartiere belegt waren, so mußte ich bei einem gewissen Kolbach fuͤr lieb nehmen. Hier lag noch ein Soldat, Namens Koggel , der vorzeiten in Halberstadt die Schule besucht hatte, hernach aber zum Soldatenstand ge- zwungen war. Mit diesem braven geschickten Mann, der endlich Unterofficier geworden ist, habe ich da- mals die genaueste Freundschaft gestiftet und bis jezt fortgesezt. Ich habe viel Vergnuͤgen in seinem Um- gang genossen. Meine Stunden fing ich gleich nach meiner Zu- ruͤckkunft wieder an; und meine damaligen Scho- laren waren Kochlovius , Verfasser eines Ro- mans und vertrauter Freund des beruͤchtigten Gros- sings, Herr Richter aus Schlesien, Buchholz , Schulz , Solbrig , Preuß , Martin und andere. Allen meinen Scholaren danke ich, und werde ihnen immer danken fuͤr ihre Freundschaft gegen mich. Nach dem Absterben unsers großen Koͤnigs, fand der jetzige Wilhelm bei der naͤchsten Revuͤe fuͤr gut, mit der Armee einige Abaͤnderungen vorzuneh- men, welche aͤhnliche bei den Regimentern nach sich zogen. Das unsrige bestand seit 1783 aus achtzehn Compagnien: von diesen nahm Wilhelm sechse weg, ließ zwei von Briezen dazu stoßen und richtete so zwei Fuͤselier-Bataillons auf. Die Compagnie, bei der ich stand, war auch eine von denen, welche zu den neuen Battaillons gezoge wurden; und da alle großen Leute beim Regiment bleiben sollten, so wur- de auch ich ausgehoben und zur Kompagnie des da- maligen Hauptmanns von Manteufel abgegeben. Ich verließ meine vorige Kompagnie und den Ma- jor von Muͤffling sehr ungern: ich war einmal der Leute gewohnt, kannte sie alle und wußte, wie man mit ihnen leben mußte; allein nun kam ich zu einer Kompagnie, deren Officiere und Soldaten mir alle unbekannt waren. Da war ich gleichsam wie- der Rekrut. Ich kam ins Logis zum Feldwebel Gruneberg , einem recht guten Mann, wo ich auch bis auf diesen Tag geblieben bin. Ich wuͤrde sehr wenig Achtung gegen meine Leser aͤußern, wenn ich meine oͤkonomische Lage naͤher beschreiben wollte: das sind fuͤr sie Kleinigkeiten, welche man uͤbergehen muß: kuͤmmerlich war freilich alles! Ich habe schon oben gesagt, daß es mir einmal eingefallen sey, eine Frau zu nehmen, weil ich des Quartierliegens bei andern uͤberdruͤssig war. Eben solche Gedanken hatte ich auch 1787. Ich ward naͤmlich mit einem robusten vollbusigten Maͤdchen be- kannt, das mit Vornamen Roͤse hieß. Ich fand, wenn ich mich selbst so fragte, daß ich mit ihr wuͤrde leben koͤnnen, und beschloß, da sie und ihre Eltern einwilligten sie auf Ostern des folgenden Jahres zu heurathen. Wir gingen schon ziemlich vertraut mit einander um, doch ohne den Wohlstand oder die Ehr- barkeit zu beleidigen. Dieses habe ich auch niemals bei Frauenzimmern gethan, fuͤr welche ich einige Achtung hatte: der rohe ungeschliffene Mensch nur kann dergleichen unternehmen. Indessen war ich von Liebe weit entfernt: ich sahe in Roͤsen blos ein Geschoͤpf, in dessen Gesell- schaft ich meine noch uͤbrige Zeit ruhig und friedlich zubringen koͤnnte: und so schaͤtzte ich sie allerdings, ohne jemals von dem einiges zu fuͤhlen, was ich bei meinem Thereschen vor dreizehn Jahren so lebhaft gefuͤhlt hatte. Ich konnte drei Wochen leben, ohne Roͤsen zu sehen, und machte mir daruͤber keinen truͤ- ben Augenblick. Zum Ehestande, dachte ich aber, gehoͤre ganz und gar keine Liebe: diese sey oft die Quelle von tausend Unannehmlichkeiten und Qua- len — folglich mehr schaͤdlich als nuͤtzlich. Ich hatte dergleichen gelesen, gehoͤrt und mir es auch durch Reflexion abstrahirt. Es sollte aber aus mei- nem Vorhaben auch diesesmal nichts werden. Ich war zu der Zeit noch immer ziemlich lustig, lebte in den Tag hinein, und verthat mein Geld, wie und wo ich konnte. Diese Wirthschaft gefiel meiner Mam- sel nur halb, und sie machte mir deswegen Vorstel- lungen und Vorwuͤrfe. Allein ich kehrte mich wenig daran, und so ward unser Umgang immer kaͤlter. Vorwuͤrfe und dergleichen sind allemal der kuͤrzeste Weg zur Trennung. — Ausserdem bemerkte ich, daß meine Scharmante einen ihrer Vorder-Zaͤhne ver- lohren hatte: und diese Endeckung zog wirklichen Widerwillen von meiner Seite nach sich. Ich hatte sie gewiß der Schoͤnheit wegen nicht fuͤr mich be- stimmt: sie war nichts weniger, als schoͤn: jedoch wollte ich auch nicht haben, daß sie haͤßlicher werden sollte, als sie war: und daher verminderte die bloße Bemerkung eines fehlenden Zahns ihren Werth fuͤr mich gar sehr. Das Ding geht, duͤnkt mich, ganz natuͤrlich zu. Allein es kam noch mehr, das uns trennen sollte. Ich erfuhr, daß meine Roͤse vorher mit einem andern Soldaten gut gewesen war, wie man in Halle sagt: ihre eigne Mutter eroͤffnete mir dieses Geheimniß, setzte aber hinzu, daß sie dem Dinge ein Ende gemacht haͤtte. Das gefiel mir noch weni- ger, und machte meine Eifersucht, oder vielmehr meinen Stolz gewaltig rege. Sollst du denn, dachte ich, der Nachfolger eines andern dummen Kerls seyn? Dieser Gedanke quaͤlte mich bis zur reifen Ueberlegung. Waͤre ich verliebt gewesen, so haͤtte ich dergleichen vielleicht uͤbersehen, aber so behandelte ich meine Liebschaft nach gewissen Grundsaͤtzen, mit welchen eine fruͤhere durch die Mutter verhinderte Liebschaft schlechterdings nicht uͤbereinkam. Ich untersuchte die Sache genauer, und da erfuhr ich denn, daß mein Maͤdchen sehr traulich mit ihrem vorigen Galan, der aber bei weitem nicht ihr erster gewesen war, umgegangen sey. Das verdroß mich schroͤcklich, und ich beschloß, zu brechen. Dieses Vor- haben wurde noch beschleunigt, als ich erfuhr, daß sie sich, um sich vielleicht fuͤr meine Kaͤlte schadlos zu halten, an den Bedienten der Herrschaft, bei welcher sie damals diente, gehaͤngt hatte, und fleißig mit demselben die Kneipen in und außerhalb der Stadt besuchte. Nun war es bei mir alle, und ich bekuͤmmerte mich gar nicht weiter um ein Maͤd- chen, von dem ich voraussahe, daß es mich, wenn es meine Frau seyn wuͤrde, mit Hoͤrnern kroͤnen muͤßte. Das Maͤdchen hat hernach einen Leinenweber geheurathet, mit welchem sie ziemlich vergnuͤgt lebt. Ich goͤnne ihr alles Gluͤck. — Diese Erzaͤhlung soll auch die letzte dieser Art seyn, welche ich meinen Le- sern auftische. Ich glaube, daß sie eben so viel Un- lust empfinden, derlei Possen zu lesen, als ich — sie zu beschreiben. Sinds doch Lappereien! Im Sommer 1787 mußten die Fuͤselier nach Holland marschiren, um da den Patrioten-Spekta- kel beizulegen. Sie kamen schon zu Anfang des fol- genden Jahres zuruͤck und hatten beinahe alle eine Sackuhr u. dgl. erobert; aber nur einen einzigen Mann, Schauerte , durch das feindliche Geschuͤtz eingebuͤßt. Durch Desertion gingen freilich viele ab; aber das ist nun einmal bei den Soldaten nicht an- ders. Mich wunderts, daß kein Preußischer Augen- zeuge die Beschuldigungen widerlegt hat, die den Pa- trioten-Baͤndigern von dem Verfasser der Schrift: Die Preussen vor Europas Richterstuhl angeklagt , gemacht sind. Fuͤr mein Theil lebte ich ziemlich ruhig, und da ich immer Stadt-Urlaub hatte, kam ich weiter nicht zur Kompagnie, als zu Zeiten bei der sogenann- ten Kirchenparade. Ich muß doch hiervon auch ein Woͤrtchen anbringen. Diese Parade, welche Sonn- und Feiertags fruͤh gehalten wird, hat allerdings ih- ren mannigfaltigen Vortheil. Sie macht, da man dabei desonders auf guten Anzug sieht, daß der Sol- dat nicht vergißt, sich reinlich und proper anzuziehen. Das sollte aber auch billig das Einzige seyn, was man dabei beabsichtete. Wer sonst in die Kirche ge- hen will, — und das wollen allemal Viele, da viele Soldaten noch große Verehrer des Kirchengehens u. dgl. sind — der geht ohne allen Zwang hinein; und wer nicht hinein will, den sollte man durchaus nicht hineinzwingen. Es ist ja selbst nach den ortho- doxesten christlichen Begriffen ein toller Gedanke, je- manden zum Gottesdienst, wie das Predigthoͤren, Nachtmahllaufen u. dgl. misbraͤuchlich genannt wird, zu zwingen und die Versaͤumniß derselben zu bestra- fen. Ich darf nicht erst die Tollheit dieses Gedan- kens beweisen. Selbst unter Katholiken erregte es bei den Vernuͤnftigern ein lautes Gemurre, als der Geheimerath Babo , der Onkel des braven Herrn Professors Babo zu Muͤnchen, weil er einige oͤster- liche Zeiten versaͤumt und die Messe selten besucht hatte, mit dem Herrn von Montbuisson , der des naͤmlichen Staatsverbrechens beschuldigt war, in Manheim mit kirchlichen Strafen belegt wurde. Das geschah, wenn ich nicht irre, 1784 und zwar in der Pfalz, wo Pfaffen immer das Regiment ge- fuͤhrt haben und noch fuͤhren Ein neuer Beweis davon ist, daß, nach neuern Be- richten aus Muͤnchen , ein dortiger Hof-Jesuit die Wiedereinfuͤhrung des Jesuiten-Ordens schon an fuͤnf Hoͤfen, besonders an einem maͤchtigen Protestanti - schen zur Sprache gebracht hat, um — wer sollte es den- ken! — Revolutionen auf eine bequemere Art vorzubeu- gen. Aber — ab insidiis Diaboli — libera nos Domine! heißt es in der Allerheiligen-Litanei der Katholiken. . Allein in einem Lande, wie das Preußische ist, wo die Pfafferei kein selbstaͤndiges Pfaffenrecht mehr hat, sollte billig dergleichen nicht weiter gehoͤrt werden. Es hat mich daher immer sehr gewundert, daß bei uns noch ein solcher kirchlicher Zwang statt findet: ja, nichts hat mich mehr gekraͤnkt und aufgebracht, als wenn ich die Kirche besuchen mußte . Ich hatte zwar vernuͤnf- tige Vorgesezte, welche es nicht so genau nahmen, wenn ich zuweilen vorbeispazierte: allein um dem Arrest zu entgehen, sah ich mich doch oft genoͤthigt, mich in der Kirche pfahlweise hinzustellen: denn die Sitze sind schon vorher alle durch Buͤrger, Weiber, Maͤdchen, Nymphen u. dgl. in Beschlag genommen. Da ich nun einen unbezwinglichen Widerwillen gegen alle und jede Pfafferei in mir fuͤhle, so glaubte ich mir keine bessere Genugthuung gegen diesen Zwang verschaffen zu koͤnnen, als wenn ich meine Kirchzeit mit Buͤcherlesen hinbrachte: und gerade waͤhlte ich zu diesem Behufe Buͤcher, welche ich zu Hause gewiß nie gelesen haͤtte. Um keinen zu aͤrgern, mag ich sie nicht einmal nennen: genug, sie waren hoͤchst profan und schaͤndlich. Die andere Art, mich gegen diesen Zwang schadlos zu halten, war, daß ich die nun und dann aufgefangen, oder mir von meinen Cameraden vorgeruͤhmten Lehrsaͤtze derb persiflirte, und von da auf Pfaffen und Pfaffenwesen in den bittersten Aus- druͤcken losfuhr. Auch habe ich bemerkt, daß dieser verbitterte Zustand meines Innern mich die lezte Zeit, wo ich oft Monate lang meine Neigung zum Trunke gluͤcklich bezwungen hatte, gerade an diesem Tage hinriß, meinen geaͤrgerten Muth durch ein Getraͤnke nur noch mehr zu erhitzen, wodurch ich ihn zu kuͤh- len dachte. — Dies und die Erfahrung, daß gerade Italien und Frankreich die meisten und scharfsinnig- sten sogenannten Freigeister erzeugt haben, lehrt, wie mich duͤnkt, unwidersprechlich: Daß Religion oder Religioͤsitaͤt erzwingen wollen, gerade das Mittel sey, sie vollends zu untergraben. — Des Predigers Pflicht waͤre es allerdings, dar- auf zu sehen, daß niemand mit Gewalt ihm zuhoͤren duͤrfte. Um aber dies zu bewirken, muͤßte der groͤßte Theil dieser Herren das Geschick haben, moralische Wahrheiten so gemeinverstaͤndlich, buͤndig und schoͤn, hinreissend vorzutragen, wie vor Zeiten De - mosthenes und Cicero politische vortrugen. Wer zwang hier jemanden, diesen zuzuhoͤren? Jeder, auch der gemeinste Mann, drang sich von selbst hin- zu, horchte, begriff und folgte. Der Vortrag hatte Interesse fuͤr Alle! War das aber zu der Zeit moͤg- lich: warum nicht auch noch jezt — wenn wir naͤm- lich nur auch noch jezt solche Redner und Rednerfrei- heit haͤtten, wie man sie damals hatte? Das ist in- deß der Knoten! Haͤtten jene Fuͤrsten der Redner vorschriftsmaͤßig unnuͤtzes, unbegreifliches Zeug her- faseln muͤssen: wuͤrde der einsichtigere Theil ihrer Mitbuͤrger ihr Zuhoͤrer geworden seyn? Wuͤrden die Herren Redner nicht sich und ihr Fach veraͤchtlich ge- macht haben? — Haͤtten sie hingegen gemeinnuͤtzige Wahrheiten schwuͤlstig oder schwerbegreiflich vorge- tragen: wuͤrde der gemeine Mann nicht aus Furcht vor Langerweile weggeblieben seyn? — Also huͤbsch den Mittelweg gegangen wie jene, aber ja praktisch, praktisch und nicht mysterioͤs, nicht hyperphysisch: und wer wuͤrde es verschmaͤhen — hoch oder nie- drig, gelehrt oder ungelehrt — sich von einem gesez- ten, sachkundigen Mann uͤber moralische Angelegen- heiten ein stuͤndchenlang gemeinschaftlich unterhalten zu lassen? — So machte es groͤßtentheils Herr Tiede , jezt Inspector zu Liegnitz. Dieser ehrwuͤr- dige Mann verband mit einem gemeinnuͤtzigen und leicht faßlichen Vortrag den schoͤnsten Ausdruck in Worten und Gebaͤhrden: und seine Kirche war im- mer voll. Allein mancher Herr wuͤrde keine oder doch nur wenige Zuhoͤrer haben, wenn ihm nicht ein Hau- fen gezwungener Menschen zuhoͤren muͤßte. Freilich stiften dieser Art Herren heilige Reden von der Erge- bung in den Willen Gottes — von den Aussichten in die Ewigkeit und andern dergleichen Siebensachen blutwenig Nutzen; aber sie haben doch ein zahlreiches Auditorium, und daran haben sie genug. — Zwei und dreißigstes Kapitel. Herr Bispink. Kryptokatholizismus. Proselyterei. Almaͤ- lige Besserung von meiner Seite. Verlust meines Stadt-Urlaubs. I m Jahre 1787 kam ich in naͤhere Bekanntschaft mit einem Mann, der hernach mein beßter Freund und wahrer Wohlthaͤter geworden ist. Dieser Mann ist Herr Bispink . Ich kannte ihn vorher schon et- was; allein unser naͤhere Umgang entstand erst, als er mir eine Abhandlung aus dem Italiaͤnischen zu uͤbersetzen auftrug. Sie hieß im Original: Dell influenza del Commercio sopra i Talenti e sui Costumi. Eine Uebersetzung davon hatte der hiesige Buchdrucker, Herr Francke , zum Verlag uͤber- nommen und schon bis zum dritten Bogen absetzen lassen. Von ohngefaͤhr war dem Herrn Bispink ein Bogen davon zu Gesicht gekommen, und gleich war ihm die Unbrauchbarkeit dieser Uebersetzung fuͤrs Pu- blikum aufgefallen, die auch wirklich, außer der skla- vischen Wortfolge, so verworren und verstuͤmmelt aussah, daß sich bei mehreren Stellen gar kein Sinn herausklauben ließ. Um also den Herrn Francke vor Makulatur zu sichern, trug mir Herr Bispink, der zu der Zeit noch in keiner naͤhern Verbindung mit Herrn Francke stand, auf, das Original noch einmal woͤrtlich zu uͤbersetzen. Ich that dies: und diese meine Arbeit, verglichen mit dem Original, sezte den Herrn Bispink in Stand, mit weniger Zeitverlust, eine ganz neue Uebersetzung vorzunehmen, die dem Sinn und der Gedankenfolge des Originals mehr angemessen war. Ich muß gestehen, daß ich hier den Unterschied zwischen einer woͤrtlichen und saͤch- lichen Uebersetzung recht auffallend bemerkt habe. Wie gluͤcklich die leztere dem Herrn Bispink gera- then sey, haben die Goͤttinger Anzeigen ent- schieden, und es lehrt es der Augenschein in — des Grafen von Arco Abhandlung uͤber den Einfluß des Handels auf den Geist und die Sitten der Voͤlker Aus dem Italiaͤnischen, mit Anmerkungen, 1788. . Waͤhrend dieser Arbeit kam ich mehrmahls zu Herrn Bispink: und so lernten wir uns gegenseitig naͤher kennen, und er fand an mir vielleicht Einiges, das mir seine Ach- tung zuzog. Ich will den Herrn Bispink hier eben nicht karakterisiren: das wuͤrde ihm selbst, als dem Mit- verleger dieser Schrift, am wenigsten lieb seyn. Aber Einiges muß ich doch von ihm sagen, da er so vielen Einfluß auf meine Lage gehabt hat. Herr Bispink war, wie bekannt ist, vor Zeiten Franziskaner. Wer ihn naͤher kennt, wird gern glauben, daß das Moͤnchswesen fuͤr seinen Kopf eben so wenig war, als fuͤr sein Herz. Durch Huͤlfe des Selbstgruͤbelns und des fleißigen Lesens in den Wer- ken der Kirchenvaͤter hatte er sich allmaͤlig seiner Ge- wissensfesseln so weit entledigt, daß er nach und nach anfing, ohne Skrupel protestantische Schriften zu Rathe zu ziehen und die Unfehlbarkeit der Kirche zu bezweifeln. Volle neun aͤngstliche Jahre soll es ge- kostet haben, ehe es ihm gelungen sey, nach gewissen- hafter, sorgfaͤltiger Pruͤfung sich erst uͤber den Ka- tholicismus und endlich gar uͤber Alles, was hoͤhere Offenbarung heißt, mit ruhiger Ueberzeugung weg- zusetzen. Bei dieser Denkungsart war es wohl un- vermeidlich, nicht hier und da durch freimuͤthigere Aeußerungen im Sprechen und Handeln den Ver- dacht und Haß seiner Ordens- und Glaubensgenossen sich zuzuziehen. Dies geschah vorzuͤglich die vier Jahre hindurch, die er als Professor der Philoso- phie im Franziskanerkloster zu Warendorf docirte. Der Erfolg davon war, daß man ihn bei den Fran- ziskanern zu Rittberg so lange gefaͤnglich verwahrte, bis man ihn im dritten Jahre fuͤr todt erfroren sei- ner Gefangenschaft entließ. Drei Vierteljahre gin- gen hin, ehe er sich von den Folgen dieses Zustandes erholte. Kaum war er aber seiner Glieder wieder maͤchtig, so sann er auf Mittel, sich den geistlichen Cannibalen, samt allem, was Gewissens- und Kir- chenzwang heißt, auch auf Kosten seines Lebens, zu entziehen, und auf Gottes weiter Welt als freier Mensch zu bestehen. Er entwarf lange und vorsichtig, und es gelang ihm, 1783 aus dem Franziskanerklo- ster zu Hardenberg nach Schwelm in der Grafschaft Mark gluͤcklich zu entwischen. Hier begab er sich unter Preußischen Schutz, fand an Herrn Pastor Spitzbarth einen zweiten Vater, und kam end- lich 1784, auf des Herrn Professor Eberhards Rath, nach Halle. Und diesen Mann der Leiden — wer sollte es glauben! — hielten ansehnliche Hallenser eine Zeit- lang fuͤr einen — Kryptokatholiken. Ich selbst habe dergleichen schnurrige absurde Urtheile uͤber ihn ge- hoͤrt. Aber so uͤber Herrn Bispink zu urtheilen, hieß doch gewiß recht komisch urtheilen! Ein Mann, welcher drei Jahre lang im Gefaͤngniß schmachten mußte, wegen Antijesuitismus und Antimonachismus, sollte nun ein Emissar seiner Peiniger werden? — sollte ein Unwesen verbreiten helfen, das ihm so viel Ungluͤck und Verfolgung und dadurch einen unver- soͤhnlichen Haß gegen Alles, was Pfaffe und positive Religion heißt, zugezogen hatte? Kein Vernuͤnftiger haͤtte so denken sollen: und doch dachten und sprachen mehrere so, welche sich, wer weis, fuͤr welche helle Koͤpfe halten. Da ich den katholischen Pfaffismus ziemlich aus der Pfalz her kannte, so war mir es immer ange- nehm, wenn unser Gespraͤch auf diesen Gegenstand sich lenkte, und Herr Bispink seine freiern Urtheile uͤber dergleichen Fratzen aͤußerte. Er hat auch eini- ges uͤber diese Possen anonymisch geschrieben, wel- ches, so viel ich davon verstehe, in nuce das Beßte ist, was man uͤber diese Materie hat. Ließen ge- wisse Umstaͤnde es zu, ihn als den Verfasser dieser Werkchen zu nennen, ich bin gewiß, der vorhin angefuͤhrte Verdacht wuͤrde sich selbst zernichten. Schade! daß der gute Mann sich im Gefaͤngniß zu- viel Stoicismus eigen gemacht hat, um sich nirgend auf- oder vorzudraͤngen. Die vielen und mannigfaltigen Kenntnisse, wel- che er troz allem pfaffischen Druck der Kloͤster, und troz der fuͤrchterlichen Unterrichtsmethode der Jesui- ten und Franciskaner, blos durch eignen verstohlnen Fleiß, der freilich von heißer Lernbegierde unterstuͤzt wurde, erwarb, machten mir ihn eben so schaͤtzbar, als seine unveraͤnderliche Anhaͤnglichkeit an allem, was liberal, edel und recht ist. In seinem Umgang haͤtte ich bald ein guter Mensch werden koͤnnen, wenn die Krankheit bei mir nicht zu tief eingewur- zelt gewesen waͤre, und wenn nicht Jahre, viele Jahre erfordert wuͤrden, solche ulcera inveterata zu heilen. Daß ich aber bei ihm in manchen Kenntnis- sen weiter gekommen bin, bekenne ich mit Dank. Oft hat es mich gewundert, warum Herr Bispink, der doch unsern hiesigen Gelehrten, durch sein oͤfteres Disputiren bei Semler , Eberhard und Nie - meyer , von der vortheilhaftesten Seite bekannt war, und um dessen willen der verstorbene Basedow sich dreimal hieher begeben hatte, um ihn zu seinem Mitarbeiter anzuwerben, nicht als Schulmann auf Zweiter Theil. Bb einen Posten gestellt wurde, der seinen Kenntnissen und Talenten entsprochen haͤtte? Allein hernach konnte ich mir diese Frage leicht aufloͤsen: Herr Bispink ist ein Philosoph zu Fuße, der sich aus der Complimen- ten-Welt nicht viel macht, und Freimuͤthigkeit ge- nug besizt, das zu tadeln, was Tadel verdient. Auch mag es seyn, daß einige Herren nicht gern mit einem Mann zusammenkommen mochten, der in manchem Stuͤcke sie uͤbersah. Ueberdies weiß man, daß der liebe Nepotismus viele wuͤrdige und verdienstliche Maͤnner zuruͤcksezt, um die Herren Vetter zu Amt und Brodt zu verhelfen. „Aber Herr Bispink ist — Proselyt!“ — Gut! er wards, um seine buͤrgerliche Freiheit auf seiner Reise nach Halle im Koͤllnischen Sauerland wider alle moͤglichen Anfaͤlle der dortigen katholi- schen Obrigkeit, nach dem Westphaͤlischen Frie- den und Bergischen Receß, zu sichern. Wer ihn kennt, wird wissen, daß Brodsucht oder eingeengte theologische Denkungsart der Grund davon bei ihm nicht war. Er weis sehr wohl, daß es immer Thor- heit ist, die eine Thorheit gegen die andere auszu- tauschen: aber warum machen unsere buͤrgerlichen Verfassungen dies oft zur Noth? — Und was ist denn ein Proselyt? Nicht wahr, ein Mensch, dem es beliebt, mit den Materialien und der Form seines kirchlichen Denkens und Handelns eine autori- sirte Umaͤnderung vorzunehmen? Ist dies ein Fehl- tritt, um dessen willen — zumal wenn er vom Ka- tholicismus zum Protestantismus geschieht — man jemanden sein buͤrgerliches Fortkommen erschweren muß? Ist denn der philosophische Proselytismus — im Ganzen genommen — von dem theologischen ver- schieden? Ist Herr Rheinold zu Jena darum minder zu schaͤtzen, weil er vom Leibnitzismus zum Kantismus uͤbergangen ist? Oder kann man es dem Herrn Professor Eberhard verargen, daß er in seiner Apologie des Sokrates ganz anders sich aͤußert, als die gewoͤhnlichen kirchlichen Denk- und Lehrformen es erheischen? Ist ferner — dem Gesetze der Perfectibilitaͤt gemaͤß — nicht jeder Mensch, in gewisser Rucksicht, Proselyt? — — Aber so widersprechend handeln wir Menschen, zu- mal wir Protestanten! Ueberall wollen wir auf- klaͤren, uͤberall Gewissensfreiheit als ein Heilig- thum aufrecht erhalten: und treten Maͤnner, von eben diesen Grundsaͤtzen und Gesinnungen beseelt, aus dem Gedraͤnge einer andern Kirchenparthei zu uns heruͤber, so erschweren wir ihnen ihr Vorankommen als Buͤrger, achten ihre Brauch- barkeit weniger und brandmarken eben dadurch den despotisch-paͤpstelnden Geist unsers Mittel- dings von — Protestantismus. Fort daher mit allem Kirchenplunder, der nur das kuͤnstlich trennt, was Vernunft natuͤrlich vereinigt wissen will! — Man wuͤrde mich misverstehen, wenn man diese meine Aeußerung dahin deuten wollte, daß man jeden Proselyten gleich mit offenen Armen empfan- gen sollte. Dies waͤre wider alle Menschenkennt- niß und Klugheit. Nein, man pruͤfe hier, wie uͤberall, erst seinen Mann recht und lange, und be- handle ihn dann nach Befinden. Ist er gut, ist er brauchbar, und hat man an ihm weiter nichts aus- zusetzen, als daß er ein Proselyt ist; so finde ich es aͤußerst hart, ihn blos darum zuruͤckzusetzen. Ich denke, jeder Vernuͤnftige wird hierin mit mir uͤber- einstimmen. Zu wuͤnschen waͤre es also immer, daß man zur Ehre der Toleranz in Preußen das alte Gesez: daß kein Proselyt irgend ein Kirchen- oder Schulamt bekleiden solle, dahin abaͤnderte, daß man dies nur von ungepruͤften, unbewaͤhrtgefundener, oder notorisch schlechten Proselyten verstanden wis- sen wolle. Daß man dem Herrn Bispink von Seiten seiner Lebensart nichts Nachtheiliges vorwerfen kann, werden alle diejenigen gern bezeugen, welche ihn die acht Jahre hindurch, die er jezt hier ist, genauer gekannt haben. Stiller, haͤushaͤlterischer, thaͤtiger, wohlwollender, kurz, vernuͤnftiger und nuͤtzlicher, als er, leben wohl wenige in Halle — troz seiner schwaͤchlichen Gesundheit und troz dem kuͤmmerlichen Druck, mit dem er die ganze Zeit uͤber noch bis jezt zu kaͤmpfen gehabt hat. Weiter will ich von Herrn Bispink hier nichts sagen: vielleicht tritt er bald selbst mit seiner Lebensgeschichte hervor. Was ich aber gesagt habe, ist so wahr, daß ich den Vorwurf der Schmeichelei gegen ihn, als meinen Freund und Wohlthaͤter, nicht befuͤrchte. Man er- kundige sich: und man wird hoͤren, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Die Freundschaft dieses Mannes blieb nicht blos beim Moralischen stehen: er kannte meine Lage genau, und ohne mein Bitten zu erwarten, kam er meinen Beduͤrfnissen sehr oft zuvor. Und dieser seiner Unterstuͤtzung verdanke ich es, daß ich anfing, weit gemaͤchlicher, aber auch mit mehr Besinnung zu leben, als meine Lage vorher es zuließ. Nach meiner eignen Empfindung habe ich freilich die Guͤ- te dieses Mannes nicht allemal so gebraucht, wie ein guter Mensch mit der Wohlthaͤtigkeit anderer braver Leute schalten muß; aber er selbst hat nie- mals uͤber Misbrauch geklagt. Allerdings billigte er nicht immer, was ich that; aber grobe Vorwuͤrfe oder kraͤnkende Verweise habe ich niemals von ihm gehoͤrt. Vielmehr verriethen alle seine Winke auf mich und meine Lebensart, eine gewisse Delikatesse, die mehr Mitleid mit mir, und mehr regen Wunsch meiner Besserung zum Grunde hatte, als herrsch- suͤchtige Ruͤge. Ja, von allen meinen Zuchtmei- stern hat er am angemessensten auf mich gewirkt. Meine meisten Fehltritte in Halle entstanden aus Mangel an Lebensunterhalt und Beschaͤftigung. Die- sem Mangel half er absichtlich, wie ich hintendrein bemerkte, auf allerhand Art ab. Bald unterstuͤzte er mich mit Geld, bald gab er mir etwas zu uͤber- setzen oder auszuziehen: uͤber dieses wurde gemein- schaftlich gesprochen, dies oder jenes geruͤgt und ver- bessert: bald uͤber allerhand philosophische Materien sowohl dentsch als lateinisch disputirt: zur andern Zeit machte er mich auf neuere Buͤcher aufmerksam, und hatte uͤberhaupt die Guͤte, mir zu jeder Zeit freien Zutritt zu ihm, und freien Gebrauch von sei- ner Bibliothek zu erlauben. Hierdurch ward ich allmaͤlig an bestimmte Arbeiten und Lectuͤre gewoͤhnt, fand sogar endlich Geschmack daran, und entzog mich, um diesen zu befriedigen, meinen ehe- maligen schlechten Zusammenkuͤnften, uͤbernahm mich seltner im Trunk, und kurz, ich fing allmaͤlig an, — mich zu bessern. So viel vermag die Behandlung eines Mannes, der, durch die Nothphilosophie ge- uͤbt, mit Dido sagen kann: Non ignara mali, Miseris fuccurrere disco. Daß aber Herr Bispink die Nothphilosophie theore- tisch und praktisch gelernt habe, beweisen seine Ge- faͤngniß-Gedichte unter dem Titel: Fragmenta psychologico-moralia Hagae, in Comitatu Marcano. 1784. . — Wie viel Gutes ließe sich von vielen verirrten Ungluͤcklichen, oder moralischen Kruͤppeln erwarten, wenn ihre Vorge- sezten ein — Bispink waͤren! — Doch ich muß ja noch mehr von diesem rechtschaffenen Mann sa- gen: daher will ich jezt in meiner uͤbrigen Erzaͤhlung fortfahren. Um Weihnachten dieses Jahres (1787) kam Herr Dietsch, der Weinhaͤndler, der mir den Ur- laub bewirkt hatte, nach Halle. Er ließ mich kom- men, und ich mußte ihm die Gruͤnde meiner Ruͤck- kehr anzeigen, womit er sich auch vollkommen be- gnuͤgte. Er streckte mir einen Louisd'or vor auf Rechnung meines Vaters. Er gab mir viele Nach- richten von meinen Verwandten, woruͤber ich zum Theil lachte, zum Theil aber mich gewaltig aͤrgerte. Von letzterer Art war folgende: Herr Leveaux hatte, wie ich erzaͤhlt habe, fuͤr mich Kaution gemacht, und wuͤrde sie fortgesetzt haben, wenn mein Vater nicht hieher geschrieben haͤtte, daß sie aufgehoben seyn sollte. Ich konnte mir dies von Seiten meines Vaters nicht erklaͤren: denn er sowohl, als meine Mutter, hatten mir hei- lig versprochen, die Kaution fuͤr mich stehen zu las- sen. Ich schrieb freilich an meinen Vater; aber seine Antwort war so allgemein, daß ich selbst nicht klug daraus werden konnte. Nun aber erfuhr ich, daß mein Bruder meinem Vater vorgestellt hatte: ich koͤnnte ja, wenn die Kaution stehen bliebe, im Lande herumstreichen, allerlei Possen ausuͤben, und mei- ner Familie noch mehr Schimpf und Schande an- haͤngen. — Mein Vater hatte den Vorstellungen des theuren Herrn Sohns Gehoͤr gegeben, und mei- ne Kaution aufgehoben. Dadurch verlohr ich mei- nen Thorpaß, und muste mit dem Bezirk in den hallischen Ringmauern fuͤr lieb nehmen. Aber trotz den Anstalten meines saubern Herrn Bruders hab doch durch mein Betragen, und meine Dienst-Treue mich zum vertrauten Mann gemacht. — Mein Bruder dachte freilich recht pfaffisch-po- litisch: er befuͤrchtete naͤmlich, wenn ich noch einmal nach Hause kommen moͤchte — und das konnte er nur immer in seiner Rechnung streichen: ich hatte gar keine Lust, jemals das liebe Bonzenland, die theure Pfalz, wieder zu sehen — so wuͤrde ich mich vielleicht wieder in die Gunst meiner Eltern und An- derer setzen, und sein Interesse dadurch stoͤren oder doch hindern. Ein Beweis, zu dem Ovidischen Fratrum quoque gratia rara est! Herr Dietsch berichtete mir auch, daß mein Bruder habe wollen Pfarrer zu Dahlheim werden; daß ihm aber das kaiserliche Oberamt zu Winweiler allerhand Haͤndel gemacht habe, obgleich mein Bru- der die Praͤsentation vom Herrn von Dienheim , als dem Patron, gehabt haͤtte. Mein Bruder hatte daruͤber mit dem Oberamte processirt, und war so- gar selbst nach Freiburg, zur Regierung gereiset; aber alles vergeblich: ein gewisser Schweikert hatte auf Betrieb des Oberamtmanns zu Winweiler die Pfarre erhalten. Ich muß gestehen, daß ich mich bei dieser Erzaͤhlung gar nicht betruͤbt habe: Vielmehr empfand ich eine Art von Schadenfreude, die freilich unanstaͤndig, aber doch sehr natuͤrlich ist, zumal wenn der Schade Menschenkinder betrift, die uns empfindlich gekraͤnkt haben. Her Dietsch treibt auch Weingeschaͤfte in Halle, und so habe ich ihn hernach mehrmals gesprochen. Zwei und dreissigstes Kapitel. Maskirte Schlittenfahrt. Haͤndel mit Quacksalbergesindel. Tod meines Vaters. I m Winter 1788 hielten die Studenten eine mas- kirte Schlittenfahrt, dergleichen ich noch nie gesehen hatte. Die Gießer Schlittenfahrten en masque wa- ren zwar grell genug; hatten aber weiter nichts als Fratzen, Schlotfeger, Juden, Hanswuͤrste, Bauern, Menscher u. dgl. Allein die Hallische enthielt Mas- ken, welche zu allerlei Auslegungen Gelegenheit ga- ben, und als persoͤnliche Anspielungen von verschiede- nen gedeutet wurden. So fuhr zum Beispiel ein Schwarzrock mit einer Ente im Arme herum, welche koßte und kuͤßte: und das sollte auf einen ge- wissen Herrn nebst Appenbix zielen. Eine andere Maske persifflirte die Lehre vom Teufel u. s. w. — Der Prorektor schickte den Pedell zwar hin, und ließ die Fortsetzung der Schlittenfahrt verbieten; al- lein die Stunde war herum, und die hallische Welt hatte neuen Stoff zur Erschuͤtterung des Zwergfells und zur Medisan e. In eben diesem Winter kam ein gewisser Augen- arzt nach Halle, einer von jenen hundert und neun und neunzig Hallunken Ein Straßenraͤuber verdient die Verachtung kaum, die ein solcher Schuft verdient; daher wird man mir meine derbe Sprache in Absicht solcher Menschenschin- gute halten. , welche in Deutschland herumziehen, sich großer geheimnisse ruͤhmen, den Leuten die Beutel fegen, und sie, wenn sie ihnen trauen, um Gesundheit und Leben bringen. Solche Afteraͤrzte, die alle Krankheiten kennen und heilen wollen, und doch arme Suͤnder in dem A B C der Arzneikunde sind, ziehen mit Privilegien im Lande herum, und haben sich fuͤr ihr gestohlnes Geld das Recht erkauft, durch Betruͤgereien ferner zu stehlen. Das ist abscheulich, und Obrigkeiten, denen das Le- ben ihrer Unterthanen theuer ist, sollten allen solchen Schuften eine Stelle im Zuchthause oder auch nach Befinden, am Galgen anweisen. Denn wenn ja jemand Zuchthaus oder Galgen verdient, so ist es gewiß ein solcher Doktor Theriak. Der, von dem ich jetzt rede, schlug seine Bude mitten auf dem Markte auf. Seine Begleiter wa- ren eine alte Matrone, welche seine Frau hieß, aber nach dem Bericht seines Hanswurstes eine verlossene Kaufmannsfrau war, die den Mosjeh in Stand ge- setzt hatte, Arzneyen und andere Hanswurstiaden an- zuschaffen: sodann ein junges Maͤdchen, das in Mannskleidern auf dem Seil tanzte: endlich ein Hr. Hanswurst, ohne welchen kein Doktor von dieser Art subsistiren kann. Der Hallische Poͤbel von ver- schiedenen Staͤnden lief da zusammen, gaffte den Wundermann an und freute sich gewaltig, wenn er seine unglaublichen Kuren mit aller nur denkbaren Unverschaͤmtheit h rperorirte. Die medicinische Rede des Kerls schien aber doch nicht hinlaͤnglich: es mußte auch noch der Hanswurst auftreten, und mit aller- hand Zoten und Schnurren, das Hallische Grob in Bewegung setzen. Hier zur Probe ein Gespraͤch, das er unter dem groͤßten Beifall des hiesigen Publi- kums mit seinem Herrn hielt. Herr : Hoͤre du, mein lieber Bigaz, wo bist denn du gestern Abend gewesen? Hanswurst : In einer recht vornehmen Ge- sellschaft. Herr : Du kaͤmst in vornehme Gesellschaften? Sag, wer war denn alle da? Hanswurst : Da waren lauter Leinweber, Schornsteinfeger, Bruchschneider, wie auch die hoch- loͤbliche Innung der Besenbinder und Privetputzer. (starkes Gelaͤchter von Seiten der Zuschauer) Sie haben auch von Euch geredet, Herr Doktor! Herr : Was sagten sie denn von mir? Hansw .: Ja, das darf ich nicht sagen. Herr : Sags doch, lieber Bigaz! Hansw .: Ja, wenn Ihr mich nicht schlagen wollt! Herr : Nein, es mag sein, was es will: sags gerade heraus; ich will dir auf Ehre nichts thun. Hansw .: Sie sagten Ihr waͤrt ein E.. E.. (die Zuschauer sperrten die Maͤuler auf.) Herr : Ein E.. E.. was soll das seyn? Hansw .: Ja, ja ein E.. E.. sagten sie, waͤrt Ihr. Herr : Sie sagten vielleicht, ich sey ein ehr- licher Mann? Hansw .: Warum nicht gar, ein ehrlicher Mann! Ein E.. E.. sagten sie, waͤrt Ihr. Herr : Vielleicht sagten sie, ich sey ein Ehe- mann. Hansw .: Proost die Mahlzeit! Ein E.. E.. sagten sie. (die Maͤuler der Zuschauer gingen noch weiter auf.) Herr : Nun, was mag denn das seyn, ein E.. E.. So sags doch, lieber Bigaz! Hansw .: Je nun, weil Ihrs mit Gewalt wissen wollt (dem Herrn in die Ohren, aber aus allen Kraͤften schreiend) Sie sagten, Ihr waͤrt ein — Esel. (Allmaͤchtiges Gelaͤchter und unsinniges Haͤn- deklatschen des Poͤbels.) An solchen Possen und kindischem Geschwaͤtz konnte sich der Poͤbel von der niedrigen Klasse wohl noch vergnuͤgen; aber ich habe da auch Leute stehn und sich gaudiren sehn, welche Erziehung und Sit- ten haben wollen. Das war unverzeihlich. Das Maͤdchen, welches auf dem Seile tanzte, war eben nicht haͤßlich, und hatte auch schon deswe- gen, daß sie auf dem Seile tanzte, einiges Ansehn. Eben darum zogen auch die Studenten fleißig nach dem blauen Hecht, wo die noble Gesellschaft logirte, machten dem Maͤdchen ihre Kur, und verjubelten ihr Geld mit ihr. Eifersuͤchtig war der Herr Doktor keinesweges, und der Wirth noch weniger. Ein gewisser Student, Namens Zander , den ich da- mals unterrichtete, fuͤhrte mich auch einmal in den blauen Hecht, wo ich den Quacksalber bramarbasiren hoͤrte. Ich war so lang still, bis der Kerl endlich gar anfing, sich uͤber alle Aerzte hinauszusetzen, und unsern Meckel , Reil und andere Maͤnner als Leute zu beschreiben, die weit unter ihm staͤnden, und wohl noch von ihm, dem Dokter Theriak, lernen muͤßten. Das verdroß mich haͤ lich, und ich sagte ihm derb die Wahrheit, so derb, daß ich meine Dissertation mit Schurken, Betruͤgern, u. dergl. ausstaffirte, und von Galgen und Staupbesen sprach. Wer mich kennt, und bedenkt, daß ich damals eine halbe Schnurre hatte, der kann sich vorstellen, wie ich werde Disserirt haben. Den Quacksalber verdroß das Ding gewal- tig, und sogar der Hanswurst und das Nymphchen legten sich drein. „Ja, sagte ich, wenn das Quack- salbergesindel nicht Hanswuͤrste und Menscher mit sich 'rum fuͤhrte, wuͤrden sie keinen Abgang haben.“ Nun war vollends alles wider mich! sogar nahmen sich die Studenten aus Gefaͤlligkeit fuͤrs Nymphchen des Dokters an, und beinahe haͤtte ich Haͤndel mit der Faust bekommen: aber Herr Zander nahm mich weg. Der Wirth, Meister Frenzel , verwies mir meine Heftigkeit. Ei was, sagte ich, darf so ein Spitzbube, ausser seinen Betruͤgereien, denn auch noch wuͤrdige Maͤnner verkleinern, und von ihnen schlecht sprechen? Hohl ihn der Teufel den Hallunken! — Ja, erwiederte Meister Frenzel, weder Meckel noch Reil trinken ein Glas Brante- wein bei mir, oder auch nur eine Bouteille Bier: aber der Doktor und seine Leute verzehren hier ihr Geld. — Das war freilich ein oͤkonomisches Argu- ment, worauf ich nichts antworten konnte. Uebri- gens war es doch eine wahre Suͤnde, daß ein solcher Afterarzt, ein Kiliansbrustfleck, in Halle, wo so beruͤhmte, große Aerzte sind, ohngehindert Arzneien geben durfte, und dabei Beifall und Verdienst fand. Pfuy! — Diese Nachricht ist freilich etwas weit- l ustig gerathen; aber man muß wissen, daß ich die Quacksalber beinahe eben so stark hasse, als die Pfaffen! Im Fruͤhling 1789 starb mein ehrlicher Vater. Er war nur sieben Stunden krank gewesen, und war so ruhig, so schmerzenlos ad aethereum patrem — wie er sich immer ausdruͤckte — hinuͤbergeschwun- den, als er es jederzeit gewuͤnscht hatte. Er starb bei sehr heiterer Seele, und sprach bis auf den letzten Augenblick. Er hatte mich meinem Bruder drin- gend empfohlen, wie dieser mir selbst geschrieben hat. Ich bin versichert, daß der gute Mann keine Ge- wissensbisse wegen seines Lebens empfunden hat; und wegen seines Glaubens und der Zukunft konnte er seinem philosophischen System Es giebt wohl schwerlich eine Philosophie, vielweniger eine Religion, welche die Seele mehr aufheitern kann, als der Pantheismus. Das ist so meine Meinung. Zenos Philosophie konnte Helden hervorbringen, die sich mitten im Ungluͤck noch gluͤcklich fuͤhlten: aber wel- che Maͤnner sollte Spinosas Lehre bilden, wenn sie gemeinnuͤtziger gemacht wuͤrde, und wenn das Volk der Pfaffen und der Afterphi osophen diese trefliche Lehre nicht mit dem Unnamen Atheisterei gebrandmarkt — und obendrein verdreht haͤtte? Man sehe nur, wie Brucker , der große Brucker! und selbst der tolerante Bayle die Lehre des Spinosa verhunzt haben! Von andern Wichten, die aus diesen Werken abschrie- ben, ohne die Quellen selbst zu Rathe zu ziehen, mag ich nichts sagen. Spinosas Lehre zeigt Realitaͤten fuͤr die Zukunft: die andern — nur Ideen. Man lese: Gott ! — Einige Gespraͤche von Herder . Go- tha 1787. zufolge, keine Un- ruhe fuͤhlen. Ich darf meinen Lesern wohl nicht sagen, daß ich den Tod meines biedern Vaters sehr tief gefuͤhlt, und ihm viele Thraͤnen geschenkt habe. Noch jetzt schmerzt mich sein Verlust. — O, uͤber mich! — Mein Bruder berichtete mir diese Trauerpost, und schien in seinem Briefe vielen Antheil an meinem Schicksal zu nehmen. Er fuͤgte hinzu, er wolle fuͤr mich sorgen; denn mein Vater habe noch etwas An- sehnliches hinterlassen. Er hoffe sein Nachfolger zu werden, und dann wollte er mich los machen, und zu sich nehmen, und was des Dinges mehr war. Da mir aber seine Gesinnungen bekannt waren, so bauete ich auf seine Versprechungen wenig. Er wird doch nichts halten, dacht ich, und dies mein Denken traf zu, wie die Folge zeigen wird. Ich schrieb an meine Mutter und ihn, und bat sie, mir mit etwas Geld beizustehen: sie versprachens; aber drei Monate vergingen, ehe ich etwas erhielt.. Mein Bruder ist indessen nicht Pfarrer an der Stelle meines Vaters geworden: denn ein gewisser Schoͤnfeld , ein Pfaͤlzer Pfarrer, einer von de- nen, die ich im I. Th. S. 38. beschrieben habe, hat zu Mainz tausend Gulden spendirt, und durch diesen Kanal die Pfarre erwischt. — — — Mein Bruder wurde aber auch bald versogt. Seit dem Briefe, den er mir wegen des Absterbens meines Vaters geschrieben hatte, hab ich auch weiter keine Zeile von ihm gesehen, ob ich ihm gleich mehr als sechsmal geschrieben habe. — — Herr Haag , Herr Gimpel und noch einige Freunde haben mir doch noch von Zeit zu Zeit aus der Pfalz Nachrichten mitgetheilt, wofuͤr ich ihnen recht sehr danke. Zweiter Theil. Cc Drei und dreissigstes Kapitel. Kriegerische Aussichten. Hartherzigkeit meiner Mutter, und daher entstandene Fatalitaͤt mit meiner Wirthin. Rettung. Tagebuch. S chon seit dem Tode Koͤnig Friedrichs II schien das gute Vernehmen zwischen Preussen und Oestreich sehr erschuͤttert zu seyn. Joseph II war, nach dem Bericht einiger Schriftsteller Man lese Histoire secreter de la Cour de Berlin. eben kein per- soͤnlicher Freund von unserm jetzigen Koͤnig, und das Buͤndniß des Kaisers mit Rußland schien vollends gegen das Interesse von Preussen zu verstoßen. Da- her plauderte man immer sehr viel von einem nahen Krieg, wenigstens hatten die politischen Kanngieser aller Staͤnde reichhaltigen Stoff bei Wein, Bier und Schnapps uͤber Krieg und Frieden ihre Lungen zu erschuͤttern. Ich habe mich mein Tage uͤber solche Sachen wenig bekuͤmmert, doch hab ich meine Zirkel gern uͤber dergleichen raͤsonniren hoͤren. Dabei wer- den oft recht komische Urtheile gefaͤllt, die in der Unwissenheit der Raͤsonneurs ihren Grund haben. Besonders sieht man da recht deutlich den Unterschied in den Gesinnungen und Urtheilen der Protestanten und Katholiken. Letztere sehen den Kaiser, als den obersten Beschuͤtzer ihres Glaubens an, sind ihm da- her mit Leib und Seele gewogen, und goͤnnen dem Koͤnige von Preussen, als einem Ketzer, Niederlage und Ungluͤck, ob sie gleich in seinem Lande Schutz und Brod finden und geniessen. Es ist doch eine wunderbare Sache mit dem Religionswesen, vorzuͤg- lich von Seiten der katholischen: diese ist immer egoistisch, immer rechthaberisch, immer despotisch. — „Der Protestant darf dem aͤchten Katholiken nie trauen!“ sagte Friedrich V. Koͤnig von Daͤne- mark, als sich ein vornehmer Katholik bei ihm zu einer Officierstelle beim Seewesen meldete. „Ich bin ein Ketzer, und Sie muͤssen mich schon nach den Grundsaͤtzen Ihrer Kirche hassen: wie sollten Sie also im Stande seyn, mein Interesse gegen den aller- christlichsten oder gegen irgend einen katholischen Koͤ- nig zu vertheidigen?“ Sehr wahr Dies vorausgesetzt und ein wenig hobbesich -psycho- logisch nachgedacht, muß der Erfolg es lehren: ob die Feldherren in dem Heerzuge gegen die Neufranken, durch militaͤrische Disciplin und Politik, es werden da- hin bringen koͤnnen, daß der Katholik und der Prote- stant, der Oestreicher und der Preusse, ihre innere sich entgegenarbeitende Seelen-Maschinerie — durch Reli- gion und manch bitteres Andenken aus dem siebenjaͤh- rigen Kriege geschaͤrft — so baͤndigen, daß beide mit . vereinten Kraͤften von Seiten der Befehlshaber sowohl, als der Subalternen, ohne Eifersucht und ohne Falsch, auf Einen gemeinschaftlichen Punkt hinarbeiten. Selt- sam komplicirt ist die Kraft, Masse und deren Richtung hier allerdings; und faͤhrt Freund Zufall, von Seiten der Franzosen selbst keinen Alexander herbei, so koͤnnte der jetzt geschlungene Knoten weit schwerer zu loͤsen seyn, als vorzeiten der Gordische. Im Februar 1790 starb K. Joseph II, und nun kam es bald zu Irrungen. Preussen verlangte, Oestreich sollte Frieden mit den Tuͤrken machen, aber Leopold straͤubte sich. Also wurden von Preussischer Seite Anstalten zum Feldzuge gemacht, und endlich wurde selbst marschirt. Der Preussische Soldat, im ganzen genommen, geht weit ungerner ins Feld, als irgend ein anderer. Ich sage dieses gar nicht, als zweifelte ich an dem Muth unserer Krieger: ich bin vielmehr versichert daß sich bei keiner Armee mehr wahrer Muth reget, als bei der Unsrigen. Die Sache hat aber einen ganz andern Grund. Bei der kaiserlichen Armee, und bei der ehemaligen Franzoͤsischen, wie auch bei andern Heeren, ist das Heurathen dem Soldaten sehr erschwert: kaum kann langer Dienst und beson- dere Umstaͤnde endlich ihm die Erlaubniß dazu aus- wirken. Allein bei unserer Armee ist nichts leichter, als einen Trauschein zu erhalten. Es ist daher sogar das Spruͤchwort entstanden: „fuͤr einen Thaler und vierzehn Groschen bekommt man eine Frau!“ Eben darum sind auch unsre meisten Soldaten verehlicht, und wenn es kaͤme, daß unsre Weiber und Kinder mit ins Feld zoͤgen, so wuͤrde unsre Armee allerdings einem Haufen ziehender Nationen aus den Zeiten der Voͤlkerwanderungen aͤhnlich sehen. Ausser dem sind wenigstens die Haͤlfte unsrer Krieger Landeskinder, welche immer Urlaub haben, auf dem Lande bei den ihrigen leben, und sich da von Ackerbau, und andern Gewerben naͤhren. Nimmt man das alles zusam- men, so findet man den wahren Grund, warum ich sagen kann, daß unsre Leute ungern ins Feld ziehen. Weib und Kind und Nahrung fesseln sie ans Haus, und machen ihnen den Feldzug verhaßt. Allein eben das, was den Feldzug erschwert, macht die Leute auf der andern Seite getreu, giebt ihnen Anhaͤnglichkeit an ihr Vaterland, und bewahrt sie vor dem Aus- reissen. Man halte mir diese Anmerkung zu gute: sie schien mir hier am rechten Ort zu stehen. Unser Regiment brach den fuͤnften Junius auf. Ich hatte vorher meiner Mutter geschrieben, und sie um etwas Geld gebeten, damit ich meine Schulden bezahlen koͤnnte. Ich war meiner Wirthin gegen die acht Thaler schuldig, und diese plagte mich darob nicht schlecht: sie hielt mir immer vor das Beispiel eines gewissen Gutgluͤcks, der sie ehedem auch bei seiner Abfahrt um einiges Geld betrogen haͤtte, und machte die Anwendung so unter der Hand auf mich. Es giebt uͤberhaupt eine gewisse Menschenart, welche in der Anwendung und Deutung skandaloͤser schlechter Histoͤrchen recht erfahren ist, und dadurch aͤusserst beleidigend wird: und das war auch der Fall bei der Frau Gruneberg . Doch es sei darum! — Also ich bat meine Mutter, mir zur Tilgung meiner Schulden einiges Geld zu schicken: der aber weder Antwort noch Geld erhielt, war ich — wahrschein- lich durch die Bemuͤhungen meines Herrn Bruders. Ich schrieb demnach an den Pastor Stuber und an den Inspektor Birau , aber auch vergebens: denn auch diese antworteten nicht. Endlich ging ich zu D. Semlern , der mir nach seiner bekannten Dienstwilligkeit versprach, mein Anliegen bei der Mutter auszuwirken. Dies machte denn, daß sich endlich meine Wirthin beruhigte. Bezahlt ist diese aber nicht eher, als gegen den Herbst, nachdem Hr. Bispink einen durchdringenden Brief an meine Mutter geschrieben, und diese dann meine Schulden bezahlt hat. Als ich nach Halle zuruͤckkam, war die Frau Gruneberg und mein Gewehrpolierer Rich - ter befriedigt: wer war froher als ich! denn welche Neckereien haͤtte ich nicht von neuem ausstehen muͤs- sen, wenn die Leute noch Forderungen an mir ge- habt haͤtten? Ich habe mir es oft so abstrahirt, daß man beim Schuldenmachen, welches doch sehr oft ganz unvermeidlich ist, hauptsaͤchlich auf die Personen sehen muͤsse, denen man in die Kreide geraͤtht. Den- ken diese gut, je nun, so haben sie Geduld, und warten, bis man bezahlt: sind sie aber von gemeiner niedriger Denkungsart, so quaͤlen sie Euch, daß Ihr moͤchtet schwarz werden. Da ist des Erwaͤhnens ihrer Guͤte gegen Euch kein Ende! Da giebts Vor- wuͤrfe uͤber Vorwuͤrfe, Verdacht uͤber Verdacht, zu- mal bei denen, die selbst keiner Puffbohne werth sind! — Da verlangt man oft gar die groͤßten Un- gerechtigkeiten von Euch, blos, weil Ihr ihre Schuld- ner seyd — und folgt ihr nicht, so schilt man Euch undankbar, weil Ihr rechtschaffner denkt und handelt als sie, und ist eben dann am zudringlichsten, wenn Ihr durchaus nicht bezahlen koͤnnt. Ich habe dieses in meinem Soldatenstand bitterer erfahren, als da- mals, da ich noch Student war. Wie oft hat mich meine Wirthin, die doch, wenn ich ihr in allem Recht gab, ihr nie widersprach, und fuͤnf gerade seyn ließ, mir allen Gefallen erzeigen zu wollen schien, bei dem ersten Widerspruch gegen ihre Behauptungen, oder bei dem ersten Verweise und der geringsten Be- schwerde, die ich wegen mancher Vorfaͤlle anbringen mußte — blos wegen einer ganz geringen Schuld gedruͤckt, und mir in Beiseyn anderer fremder Leute, das Wenige, was sie von mir bekam, in den belei- digendsten Ausdruͤcken abgefordert! Die Vorfaͤlle sind fuͤr mich zu aͤrgerlich, als daß ich sie hier erzaͤh- len moͤchte. — Wohl mir, daß Herr Bispink oft im Stillen, ohne daß ich darum wußte, sie be- friedigte, und mir dadurch auf eine Zeitlang Frieden und Ruhe verschafte! Ob ich gern aus Halle ging? — je nun, wie mans nimmt! Meine Lage war damals so, daß ich ohne Ungemach leben konnte. Ich wußte zwar nicht aus eigner Erfahrung, doch aus Nachrichten meiner Kameraden, daß das Marschiren und im Felde ste- hen eine sehr boͤsartige beschwerliche Sache sey — allein ich hoffte auch viel zu sehen, viel zu erfahren: und da machte die dem Menschen so natuͤrliche Neu- gierde, daß ich an das Ungemach nicht mehr dachte, welches ein Feldzug mit sich fuͤhrt. Ich hatte mich durch Unterstuͤtzung meiner Freunde, besonders des Herrn Bispink , nicht nur mit allem Nothwendigen versehen, sondern konnte auch noch etwas zu meinem Traktament hinzulegen, und dadurch weit gemaͤchlicher leben, als andere, die sonst nichts hatten, als ihre Loͤhnung. D. Semler ließ mich den Tag vor unserm Ausmarsch zu sich kommen, und trug mir auf, auf die Lage und die Denkungsart der Laͤnder Acht zu geben, durch die ich kommen wuͤrde. Der gute Mann bedachte wohl nicht, daß dieses fuͤr einen Sol- daten sehr schwer, ja oft ganz unmoͤglich ist. Wo soll der in Reih und Glied, oder vom Marsche ab- gemattet, Ort, Zeit und Lust hernehmen, um etwas Befriedigendes von der Art zu sammeln? — Dabei rieth er mir, ein Tagebuch zu fuͤhren, und taͤglich aufzuschreiben, was mir begegnen oder merkwuͤrdig scheinen wuͤrde. Eben diesen Rath hatte mir schon Herr Bispink gegeben, und ich habe ihn auch in sofern befolgt, daß ich taͤglich Einiges aufschrieb. Da ich aber damals das Tagebuch, oder wie es mei- me Kameraden nannten, das Strambuch, blos zu meinem kuͤnftigen Gebrauch bestimmte, so ließ ich alles Allgemeine weg, und blieb blos bei Einzelhei- ten stehen, welche mir dereinst eine angenehme Zu- ruͤckerinnerung machen sollten. Schon jetzt macht mir das Nachlesen meines Buͤchleins angenehme Au- genblicke: denn auch Kleinigkeiten werden interessant, wenn sie zu einer Zeit aufgezeichnet wurden, die in- dividuel wichtig ist. Noch ehe wir abgingen, hieß es schon durchaus, daß der Krieg nicht vor sich gehen wuͤrde: man wuͤr- de alles zwischen Preussen und Oestreich mit der Fe- der ausmachen: diese Vorhersagung ist auch hernach wirklich eingetroffen. Meine Leser werden es indeß nicht ungern sehen, wenn ich ihnen den Feldzug, in so fern er mich anging, beschreibe. Ich wuͤnsche, daß sie keine Langeweile dabei haben moͤgen. Vier und dreissigstes Kapitel. Der Feldzug 1790. Dessau, Nowaweß. Berlin. Ein No- tabene fuͤr den theologisch- politischen Wiener Kasperl, Bulgo Hoffmann. Berlinisches Bordelwesen. W ie gesagt, wir marschirten den 5ten Junius 1790 aus der Garnison zu Halle, und unser erster Ruhe- tag war in Dessau. Unterwegs waren unsre jungen Soldaten gleich von Anfange munter und lustig: die aͤltern aber hingen den Kopf, und sahen muͤrrisch aus, bis sich endlich nach und nach der Geist der Munterkeit durchaus verbreitete, und das ganze Re- giment zu einem Haufen lustiger Bruͤder ward. Ich habe es immer recht gern gesehen, wenn unsre Leute sangen und jubelten, ob ich gleich selbst nicht mitsinge. Die gewaltigen Zoten, welche gewoͤhnlich gesungen werden, konnten mich nicht beleidigen, sie beleidigen auch wohl niemanden, weil sie zu diesem Wesen zu gehoͤren scheinen. Das macht so das Hergebrachte! In Dessau hatte der dortige Fuͤrst die Anstalt getroffen, daß wir alle recht gut bewirthet wurden. Die Dessauer sind uͤberhaupt artige, gute Leute, welche sich alle Muͤhe gaben, uns Vergnuͤgen zu machen; besonders war mein Wirth, ein Ziegeldecker, ein recht guter Mann. Ich ließ mir in Dessau aller- lei erzaͤhlen, und hoͤrte da manche Anekdote von Basedow , Wolke , Reiche , Demaree , und Andern, die ich in mein Tagebuch eintrug. Base - dow steht bei dem Dessauer Buͤrger in geringem Kredit, wahrscheinlich weil ihn die Pfaffen als einen Freigeist beschrieben haben. Seine Haͤndel mit Rei- che werden noch auf Befragen in den Schenken weit- laͤuftig erzaͤhlt. Wie noͤthig ist es doch, sich vor der Publizitaͤt des Poͤbels zu huͤten! — Dem Prinzen Albert sind die Hrn. Dessauer nicht gewogen, weil er blos fuͤr sich lebt, und einige Gewohnheiten an sich hat, die ihnen nicht behagen. Aber Meister Demaree , dieser hochbornirte Zionist, steht bei ihnen in großem Ansehen. Als ich dies und jenes von ihm sagte, sah man mich haͤßlich an. Ich glaubte nicht, die Leute in ihrer Orthodoxie irre ma- chen zu muͤssen, und schwieg. — Hier wurde auch ein Deserteur von uns eingebracht; allein weil der Fuͤrst fuͤr ihn bat, so kam er ohne weitere Strafe da- von. Die Fuͤrbitte, wozu sich der menschenfreundliche Fuͤrst herabließ, hat ihn in meinen Augen sehr erhoͤht. Ueberhaupt verdient der Fuͤrst von Anhalt Des - sau den Ruhm, den er durch ganz Deutschland hat. Alle seine Unterthanen lieben ihn, und ruͤhmen die trefflichen Anstalten, welche er zur Verbesserung sei- nes Landes, und zum Wohl seiner Unterthanen ge- macht hat. Wie herrlich reiset es sich durch ein Land, dessen Fuͤrst ein rechtschaffener Mann ist! Aber wo man Jeremiaden hoͤren muß, wie in der Pfalz und im Hessenland, da fallen einem alle Suͤnden der Großen bei, und man wuͤnscht sich weit weg. Unser Marsch ging uͤber Berlin, oder vielmehr in Berlin sollten wir bis auf weitere Order kantoni- ren: und so war unser naͤchstes Nachtquartier in No- waweß, einem boͤhmischen Kolonistendorf bei Pots- dam. Ich logirte beim Schulmeister, welcher auch zugleich ein Kattunweber war. Der Mann klagte sehr uͤber den Verfall der boͤhmischen Sprache in sei- nem Dorfe, so, daß die Jugend nicht mehr Boͤh- misch lernen wollte, die boͤhmischen Buͤcher nicht mehr verstuͤnde, und daß die Leute sogar keine Boͤh- mischen Predigten mehr verlangten; alles sollte auf deutsch gehen! Ich stellte dem Manne vor, daß es großer Unsinn sey, mitten in Deutschland noch die boͤhmische Sprache unter den gemeinen Leuten fort- setzen zu wollen: die Leute koͤnnten sonst was nuͤtzli- chers lernen. Aber da hatte ich des Herrn Schul- meisters Gunst gehabt! Er behauptete den Vorzug seiner Sprache vor allen andern, und als ich ihn noch weiter widerlegte, ward er grob, und ich muste, um Haͤndeln vorzubeugen, dem Meister nachgeben, und stille seyn. Er sagte nachher zu einem meiner Kameraden, ich sey ein superkluger Mensch, ders Gras wachsen hoͤrte! — Du lieber Gott! Mein Hauptmann, Hr. v. Mandelslohe — der Major von Manteuffel war den Tag vor dem Ausmarsch aus Halle vom Regiment weg zu einem Depotbataillon versetzt worden, und Herr v. Mandelslohe hatte unsre Kompagnie erhalten — logirte beim Hrn. Pastor. Dieser hatte von mir ge- hoͤrt, und wuͤnschte mich zu sprechen. Das war mir schon recht: denn fremde Geistliche habe ich immer gern gesprochen: man sieht da oft seine Lust, wenn man so rechte Vorfechter aus der Schule des Pastor Goͤtzen antrift. Aufgeklaͤrte Maͤnner darf man unter Professionisten dieser Art nicht erwarten, ob es gleich keine geringe Freude ist, einen hellen Kopf unter Leu- ten dieses Standes anzutreffen. Letzteres war bei dem Herrn Pastor zu Nowaweß der Fall nicht: er raͤson- nirte stark uͤber den D. Bahrdt und Semler, welche er als Kompagnons ansah: Sehr gewogen war er dage- gen dem Hallischen Hrn. Schulze, von welchem er we- gen der Orthodoxie maͤchtig viel Gutes gehoͤrt haͤtte. Seine Kinder informirt dieser Herr Pastor selbst, und zwar so, daß er sie das Cellarische Vokabelbuch der Nase nach auswendig lernen laͤßt, ohne auf Anwen- dung zu sehen: eben so macht ers mit der Gramma- tik. Die Jungens koͤnnen eine Menge Vokabeln und Regeln auswendig, aber an Verbindung und Anwen- dung haben sie noch nicht gedacht. Ich aͤusserte uͤber diese verkehrte Lehrmethode, in welche er doch sehr ver- liebt ist, mein Befremden; allein der Herr Pastor versicherte mich, daß ich das Ding nicht verstuͤnde: einer, der da ein Haus bauen wollte, hohlte erst die Materialien zusammen u. s. w. Seine Tochter erster Ehe ist sehr belesen in — Romanen, und erhaͤlt diese herrlichen Produkte von den Officiren aus Potsdam, welche, wie sie versicherte, ganz artige Leute sind. In Berlin bemerkte ich den großen Unterschied zwischen den Einwohnern großer und denen kleiner Staͤdte. Wenn in Halle oder sonst wo etwas vor- geht, dann steht der Poͤbel auf allen Gassen und gafft; hingegen in Berlin sahen uns nur wenige zu, als wir einzogen. Sie hielten dergleichen ihrer Auf- merksamkeit nicht werth, und hatten Recht. — Es waren mehrere fremde Regimenter in Berlin zusam- men gekommen, nachdem die ganze dasige Garnison ausmarschiert war. Unter diesen hatte unser Regi- ment, nach dem Gestaͤndniß aller Berliner, den Vorzug sowohl in Absicht der Sitten der Soldaten, als in Ruͤcksicht auf ihren guten Anzug. Herzog Friedrich von Braunschweig , ein Bruder des regierenden Herzogs, uͤbernahm hier das Kom- mando uͤber unser Korps. Berlin hat zwar recht huͤbsche Haͤuser, und in diesen Haͤusern giebt es ganz artige Zimmer, allein wir wurden groͤßtentheils in Gemaͤcher geworfen, welche den Hoͤlen wilder Thiere aͤhnlicher sahen, als Lager- staͤtten fuͤr Menschen. Die reichen Buͤrger gaben den aͤrmern, besonders Soldatenweibern u. dergl. Geld, daß sie ihre Mannschaft einnehmen mußten: und so wurden wir zu armen Leuten hingelegt, welche freilich nicht in Palaͤsten wohnen. Wer uns selbst aufnahm, der hatte entweder eine unterirdische Woh- nung oder einen Boden oder sonst ein Loch, wohin er uns werfen konnte: kurz, die Quartiere in Ber- lin waren durchaus schlecht, und gaben zu sehr vielen Klagen der Soldaten Anlaß: allein was war zu thun: man muste Geduld haben! Ich hatte in dieser Stadt viele Bekannte, de- ren Einige meine Schuͤler gewesen waren. Etliche kamen selbst, mich zu besuchen, und etliche suchte ich auf, und fand, wo ich hinkam, unveraͤnderte Freund- schaft und viel Gefaͤlligkeit. Die Herren Zierlein , Uhde , Stahn , Boehm , Ziesemer , Rhau , von Hagen , Zaehr , Schul der Poete, und andere haben mir recht viel ver n gte Stunden waͤh- rend meines Auffenthalts in Berlin gemacht. Herr Zierlein hat mir wegen seiner philophischen Le- bensart besonders gefallen. Er hat Theologie und andre Wissenschaften recht gut studiert, ob er gleich auf Universitaͤten nicht taͤglich sieben bis acht Stun- den in den Kollegien zubrachte, und noch weniger Hefte sudelte. Da er so viel Vermoͤgen hat, als seine wenigen Beduͤrfnisse fodern, so hat er sich bis- her noch um kein Amt bemuͤhet, und wird sich auch wohl schwerlich jemals um eins bemuͤhen. — — — — — — — — — — — — — Herr Zierlein hat eine auserlesene Bibliothek von philologischen und historischen Buͤchern, und einen Schatz guter Musikalien, womit er, wie er sagt, seine Einsamkeit troͤstet. So ein Leben ist wirklich beneidenswerth fuͤr den, der es zu schaͤtzen weis. Er erzaͤhlte mir von Bruder Hochhausen aus Jena das, was in diesem Bande S. 86. schon steht. Den Berlinern fiel der Jenaische Ton anfaͤnglich auf, und die Burschensprache, deren sich Hochhausen aller Orten, wohin er kam, als Renommist bediente: aber eben diese Burschensprache — die freilich von Manchen als Ausdruck des Kraftgefuͤhls faͤlschlich ge- nommen wird — verschafte ihm endlich Eingang in sehr viele auch vornehmere Zirkel — und Hoch- hausen ward beliebt. So verschieden ist der Ge- schmack! — Herr Stahn ist jetzt Lehrer auf dem Schindlerischen Waisenhause: er studiert noch im- mer fleißig Philologie, und hat es darin gewiß weit gebracht. Herr D. Boehm , ein juͤdischer Arzt, hat starke Praxis, besonders unter den Christen: in Berlin ist man von dem Vorurtheil geheilt, daß der Christ ceteris paribus besser sey, als der Nicht- christ. Sonst ist Boehm ganz Philosoph, der den Menschen schaͤtzt, ohne auf seinen Stand und Rock zu sehen. An mir hat er diese brave Denkungsart bewiesen, indem er sich nicht scheute, mit mir unter den Linden und an andern oͤffentlichen Orten spa- tziren zu gehen und sich mit mir ganz freundschaftlich zu unterhalten. So was versoͤhnt uns allemal ge- wissermaßen mit unserm Schicksal. — Ich wuͤrde nur ohne Noth weitlaͤuftig seyn, wenn ich von mei- nen andern Freunden, die ich zu Berlin antraf, viel sagen wollte. Sie haben mich alle mit viel Wohl- wollen empfangen, wofuͤr ich ihnen hier noch ein- mal oͤffentlich danke. In der Strahlauer Straße auf einem Keller oder Garten ward ich mit einem Klub berlinischer Buͤrger bekannt, welche mir auch manche frohe Stunde gemacht haben. Ich kam durch einen Zufall dahin, foderte eine Buteille Bier Nirgends habe ich besser Bier getrunken als zu Ber- lin. Ja, meine Herren, das ist fuͤr mich und meines gleichen etwas Wichtiges! , und trank ru- hig bei meiner Pfeife Taback. Die Herren des Klubs sprachen von dem verstorbenen Koͤnig, und da hatte ich Gelegenheit mitzureden, weil man mich auffoderte, zu sagen: ob es je einen Koͤnig gegeben haͤtte, der koͤniglicher und ohne Minister, Maͤtres- sen, und — — mehr selbst regiert haͤtte, als Er? Zweiter Theil. Dd Er, der grosse Fritze ? Diese Aufforderung war mir gerade recht. Voll Enthusiasmus ruͤhmte ich unter andern seine — — — Toleranz und Gewis- wissensfreiheit, die er allen und jeden seiner Unter- thanen gestattet habe, und wodurch er eigentlich den rechten Grund zu der jetzigen Groͤße der Preussischen Monarchie gelegt haͤtte. — Das gefiel den Buͤrgern, und sie noͤthigten mich, mitten unter ihnen Platz zu nehmen, welches ich auch that, da es lauter artige sehr gescheute Maͤnner waren. Sie hatten alle eini- ge gute Buͤcher gelesen, waren alle aufgeklaͤrt, — — — — und wuͤnschten, daß gewisse Anstalten zur Aufrechthaltung der sogenannten reinen Lehre nicht moͤchten getroffen seyn. Unser Gespraͤch dehnte sich aus, und als ich vergnuͤgt von ihnen schied, mußte ich versprechen, den folgenden Tag wieder zu kommen. Ich habe hernach diesen Buͤrgerklub noch sehr oft besucht, und allemal mit Vergnuͤgen. Oft hat es mich gewundert, wie frei der Berliner uͤber alles, was vorgeht, urtheilt, und wie richtig alle- mal sein Urtheil zutrift. Hierdurch unterscheidet er er sich merklich von andern Preussischen Unterthanen. Ueberhaupt sind die Raͤsonnements der Preussen weit lieberaler als die der Sachsen, der Hessen, oder gar der Pfaͤlzer. In manchen Laͤndern darf man sich kaum ins Ohr sagen, was man im Preussischen oͤf- fentlich zu predigen wagt. Unter den Preussen selbst trift man aber nirgends freiere Raͤsonnements als in Berlin. Die Leute ziehen hier alles unter ihre Kri- tik, beleuchten alles, und loben selten. Ich schloß von dieser Freiheit im Urtheilen auf das Wohl des Buͤrgers und auf die Guͤte der Regierung, worunter die Leute stehen muͤssen. Denn eine Regierung, wel- che niemanden verbietet, seine Gedanken laut zu sa- gen, muß eine — gute Regierung seyn, weil eine schlechte diese Urtheile scheuen und verhindern wuͤrde. Das ist allemal so der Fall! Verdunkeln doch gar Kaufleute, die verdorbene, schlechte Waaren fuͤhren, ihre Laden! Und warum verbietet die Roͤmische Kirche die Untersuchung ihrer Dogmen? deswegen, weil bei einer halbweg freien Untersuchung der Un- grund und die Alfanzerei vieler solcher Fratzen ans Licht kommen wuͤrde. Und warum untersagt die Regie- rung zu Venedig alles Gespraͤch uͤber Staatssachen? damit man die Schwaͤchen und Maͤngel der Regie- rung nicht einsehen und vielleicht zu ihrem Nachtheil benutzen moͤge. Gluͤcklich wird Preussen seyn, so lange noch in Berlin Klubs existiren, die ihr Lob und ihren Tadel frey und ungescheut sagen duͤrfen. — Mag doch ein dummer Meister Hoffmann zu Wien, der leibliche Verfasser einer sogenannten Zeit- schrift, Gift und Galle uͤber alle die ausschuͤtten, welche Despotismus und Pfafferei nicht fuͤr Dinge halten, die der liebe Gott selbst vom Himmel auf die Erde geschickt und da als ewige Norm aller Zukunft bestaͤtigt habe: wir fuͤhlen zu gut, was wir als Men- schen, die keine Heuochsen sind, fuͤhlen muͤssen, und lachen den Meister Dummkopf aus! Doch was hilft Lachen! Lieber sey es mir er- laubt, zur Erbauung fuͤr Herrn Hoffmann , samt dessen hohen und niedrigen Patronen, Anhaͤngern und Goͤnnern, besoldeten Wischschmierern und Rau- pen, Weibverkupplern und Heuchlern, denen wir zum zehnten Heft der Fragmente von Cranz , Gluͤck wuͤnschen — falls diese alle samt und sonders nicht schon, nach diesem oder jenem Ordenszuschnitt, zu sehr verjesuitet sind, um noch einiger Erbauung faͤhig zu seyn, — hier eine Stelle aus der allgemeinen Schreib- und Druck-Freiheits-Verordnung fuͤr Schweden herzusetzen, die sich, wie mich duͤnkt, ad majorem Dei und Sanae mentis gloriam lesen laͤßt weit besser, als manches Edikt, Manifest, und Zeitschriftel vom Wiener-Kasperl, Vulgo Hoff - mann . — Unter andern merkwuͤrdigen Saͤtzen heißt es in dieser Verordnung: „Daß eine allgemeine „Aufklaͤrung der erste und sicherste Schritt zum allge- „meinen Wohl ist, und daß die Denk- und Preß- „freiheit eines der theuersten Guͤter eines freyen „Volks, und eine unschaͤtzbare Gabe ist, die der „Schoͤpfer selbst dem menschlichen Geschlechte ver- „liehen hat, und die man, ohne dessen in der Na - „tur gegruͤndete Rechte zu verkennen und zu beleidi- „gen, nicht einschraͤnken kann, und daß diese Freiheit, „weit entfernt, die Ordnung und Ehrfurcht gegen „die Gesetze, worauf aller Staaten Wohl und Be- „stand beruhet, zu stoͤhren, vielmehr, wenn man „sie recht handhabet, hauptsaͤchlich zu deren Befesti- „gung dadurch leitet, daß sie schaͤdliche Vorurtheile „aufdeckt, die Finsternisse der Unwissenheit zerstreuet, „und statt deren im Lichte der Wahrheit die Beloh- „nung fuͤr die Ausuͤbung theurer Pflichten gegen „Gott, den Koͤnig und das Vaterland zeigt, deren „eifrige und unbedingte Erfuͤllung, wie Wir uͤber- „zeugt sind, das wahre Ziel der Ehrbegierde eines „jeden redlichen Schweden ausmacht, und wodurch „allein die entflohene Ruhe und die Gluͤckseligkeit der „Vorfahren mit deren auf Treue und Redlichkeit ge- „gruͤndeten Ehre wieder zu uns gefuͤhret werden „koͤnnen, und daß diese Freyheit auch die wuͤrdigen „und edlen Gesinnungen unterhalten, anfeuern und „beleben wird, die in allen Zeiten der Nation eigen „gewesen, und deren Erloͤschung fuͤr Uns das groͤste „Ungluͤck waͤre: eine Freyheit, die vom Zwang nicht „leiden, noch unter der Menge mehrerer widerspre- „chender Verordnungen, die seit laͤngern Zeiten dar- „uͤber gegeben worden, erstickt werden und schwin- „den mag. Es geschieht also mit einem wahren „Vergnuͤgen, daß Wir jetzt eilen, solches zu verbes- „sern, da Wir auch dadurch eine gewuͤnschte Gele- „genheit gewinnen, Unsern treuen Unterthanen einen „neuen Beweis Unserer zaͤrtlichen Fuͤrsorge fuͤr ihr „Wohl, und unserer ungezwungenen Achtung fuͤr „ihre und der Menschheit geheiligten Rechte zu geben, „doppelt sprechend zu einer Zeit da, — die meisten — „europaͤischen — Regenten — beschaͤftiget sind, neue „Verschanzungen gegen das Volk um ihre Throne „aufzuwerfen. — Wir freuen Uns, auf diese „Weise der Zukunft einen lichtvollern Zeitpunkt, der „Wahrheit und Stimme des Volks einen Weg, zum „Throne zu dringen; der Klage des Gedruͤckten und „der Unschuld eine Leichtheit, an den Tag zu kom- „men; der Gerechtigkeit eine Staͤrke; der Parthey- „lichkeit, Gewaltthaͤtigkeit und Ungerechtigkeit neue „Schranken; dem tugendhaften guten Mitbuͤrger „einen Sieg; dem Verbrecher und Lasterhaften ein „Grauen; dem Armen eine Stuͤtze; dem Leidenden „einen Trost, und Uns selbst, da wir bestaͤndig bloß „die Befestigung des wahren Bestens Unserer treuen „Unterthanen suchen, die angenehmste Belohnung „verschaffen zu koͤnnen.“ — So etwas, mein lieber Herr Hoffmann , enthalten ihre Exercitia spiritualia nicht, auch nicht ihr La Croix und Busenbaum . Ist es Ihnen daher vielleicht zu hoch: so kriechen Sie als animal inplume bipes, nicht als jesuitisirender Probabilist, zum Kreutze; und die Herren Mauvil - ton und Campe denken mitleidig genug, auch einem reumuͤthigen Lojolisten die ersten Elemente des Men- schenverstandes und des Menschenrechts einzuimpfen, wenn naͤmlich des Patienten Kopf nur noch etwas Empfaͤnglichkeit fuͤr eine Einaͤugelung von der Art an sich hat, woran doch viele in Ruͤcksicht auf Sie, mein Herr, zweifeln, indem Sie als ein Incorrigibilis, statt Sich zu bessern, Sich immer mehr und mehr verschlimmern. Fatale Jesuiten-Natur! Fort da- mit! Lieber hinuͤber zu den Jesuitessen des schoͤnen Geschlechts in Berlin! Also — die Berliner Bordelle hab ich auch be- sucht; allein in ganz anderer Absicht, als ehemals die der Madam Agrikola zu Frankfurt am Main, oder die der Postmeisterin zu Wezlar. Da ich in diesem Fache bisher sehr aufrichtig im Bekennen ge- wesen bin, so werden mir meine Leser doch auf mein Wort glauben, daß ich in Berlin mit keinem feilen Maͤdchen naͤhern Umgang gehabt habe: aber die Bordelle habe ich besucht, oder besehen, und muß daher auch von dem, was ich gesehn habe, meinen Lesern Notiz geben. Es versteht sich hier von selbst, daß ich weder bei der Madam Schuwitzn , noch bei der Madam Lindemann , noch sonst in einer vor- nehmen stillen Wirthschaft, wie man dergleichen in Berlin nennt, gewesen bin: denn wie sollte ich, als Soldat, eine Schuwitzn besuchen, die sogar Kandi- daten der hochheiligen Theologie abgewiesen hat Vorige Ostern ist das noch geschehen — vielleicht, weil nichts Unreines ins Himmelreich hineingeht! ! Die Schuwitzn hatte kurz vor der Zeit, als wir nach Berlin kamen, sehr gelitten. Ihre Maͤd- chen, oder ihre Damen waren eines Abends unter den Linden genekt worden, und hatten angefangen, dagegen zu schimpfen. Einige Officiers bestellten hierauf einen pudelnaͤrrischen Kerl, welcher die Gas- senbuben wider die Nymphen aufbringen mußte. Die Jungen insultirten die Maͤdchen nach Noten, bis sie sich endlich aus lauter Angst in ihren Wagen zu- sammenpackten, und nach Hause fuhren. Die Jun- gen waren aber auf Anstiften ihrer Fuͤhrer noch nicht zufrieden, und verfolgten den Wagen mit Stei- nen und Koth, und machten selbst bei dem Hause der Schuwizn einen gefaͤhrlichen Spektakel. Die Dame, welcher es bekannt seyn mochte, woher eigentlich der Skandal entspringe, wollte eine Klage einlegen; allein das Resultat davon war, daß ihr untersagt wurde, Kutsche und Bedienten zu halten. In Berlin ist das Haus dieser Markerelle sehr be- kannt, und wer die Friedrichsstraße mit einem Frem- den geht, und an das kleine niedliche Haͤuschen koͤmmt, der spricht: „Sehn Sie hier das Haus der Madam Schuwitz!“ In allen vornehmen und ge- ringern Gesellschaften wird von Madam Schuwitzn gesprochen, und die Berliner beruͤhmen sich, daß selbst ein gewisser Herzog, welcher waͤhrend seines ersten Aufenthalts in Berlin beinahe von diesem Freu- denorte nicht weg kam, gestanden habe, er habe so- gar in London keine so gute Wirthschaft von der Art angetroffen. Die Dame soll auch wirklich immer fuͤr recht gute Waare sorgen, d. h. fuͤr Maͤdchen von schlankem Wuchs, und einnehmenden Gesichtszuͤgen, welchen hernach die Schminke, dieses große Ingre- dienz aller feilen Maͤdchen, noch zu Huͤlfe kommen muß. Wenn nun Madam Schuwiz eine solche Per- son annimmt, so laͤßt sie selbige einige schoͤne Stellen aus empfindsamen Romanen, Dichtern und Schau- spielen auswendig lernen , Ich habe in Halle ein ganz gemeines Maͤdchen gekannt, welches blos dadurch, daß sie viel las, und das Gele- sene behielt und bei Gelegenheit wieder hersagen konn- te, einen recht braven Studenten so einnahm, daß er einige Jahre hernach, nachdem er ein Amt bekommen hatte, kam, sie abholte und heurathete. Es ist doch wahrlich eine huͤbsche Sache ums Buͤcherlesen! , uͤbt sie im Komplimen- temachen, und im Putzen: und das gefaͤllige Maͤd- chen, vulgo Hure, ist fertig. Bei der Madam Linde- mann und einigen andern vornehmen Orten ists bei- nahe eben so, obgleich die Schuwizn allemal das Praͤ hat, wie man sagt. Wollust ist uͤberhaupt dem Beutel gefaͤhrlich: das hab ich selbst erfahren, wie ich schon aufrichtig genug bekannt habe; aber niemals ist sie kostspieliger, als wenn man sie bei habsuͤchtigen Schoͤnen, oder in kostbaren Bordellen sucht, und das ist auch der Fall in den besagten berlinischen Wirthschaften. In den Galanterien von Berlin hat Herr Cranz oder wer sonst Verfasser dieses Buches ist, gesagt: an manchen theuren Orten dieser Art muͤsse man ei- nen Louisd'or zuviel haben, wenn man sich ein Ver- gnuͤgen machen wolle. Allein bei der Schuwizn reicht wirklich der Louisd'or nicht zu, auch bei der Linde- mann schwerlich. Wer nun vollends sich will sehen und etwas aufgehen lassen, der koͤmmt unter vielem schweren Gelde nicht weg. Den neuesten Nachrichten aus Berlin zufolge soll die Wirthschaft der Madam Schuwizn jetzt gaͤnz- lich zu Grunde gerichtet seyn. Ein gewisser in die- sem Bordel beleidigter Graf schickte, wie man erzaͤhlt, einen Schinderknecht dahin, der sich wer weis wofuͤr ausgab, und daselbst die Nacht zubrachte. Den folgen- den Morgen versetzte der Kerl selbst bei der Schuwizn seine Uhr, weil er, wie er vorgab, nicht Geld genug bei sich haͤtte, seine Schuldigkeit abzutragen. Gegen Mittag fuhr er mit einer krepirten Sau auf seinem Karren vor das Haus der Schuwizn, trat in seiner Schinderuniform hinein, und foderte seine Uhr, um sie auszuloͤsen. Diese Begebenheit wurde gleich in der ganzen Stadt bekannt, und das beruͤhmte Bor- dell verlohr durch diese skandaloͤse Geschichte alles Ansehn, und soll seit dem wenig oder gar nicht mehr besucht werden. So viel vermag ein politisches Minimum auch gar uͤber Triebe der stuͤrmischen Natur. Fuͤnf und dreißigstes Kapitel. Fortsetzung. Rettung einer Ungluͤcklichen. Huren-Comment. Koͤnigliche Bibliothek. D ie Bordelle waren von der Einquartirung nicht frei, naͤmlich die vom geringern Kaliber, und ich ha- be selbst, nachdem ich mich mit meinem ersten Wirth uͤberworfen hatte, einige Tage in einem solchen Loche gewohnt. Ich hatte schon von langen Zeiten her so- viel von Berlinischen Bordellen gehoͤrt: hatte ge- hoͤrt, daß sie alle andre, selbst die zu Strasburg und zu Frankfurt am Main uͤbertreffen sollten: man hatte mir viel von ihrer guten Policei gesagt, und von der Fuͤrsorge fuͤr die Reinlichkeit der Maͤd- chen u. s. w. daß ich recht im Ernst begierig war, diese Dinge in Natura zu besehen. Was ich fand, will ich kuͤrzlich mittheilen. Ich besuchte die Talgfabrike, die Tranbulle, den zotlichen Jud Es ist aller Orten Mode, daß man den Bordellen schimpfliche Namen giebt. Das soll noch von einigem guten moralischen Gefuͤhl des Publikums zeugen. Und wer das bedenkt, der wird bei den Namen, blutiger Finger , rothes Laͤppchen , schwarze Schuͤr - ze , allemal huͤbsche Reflexionen machen koͤnnen. Es soll hingegen eine große Verdorbenheit der Sitten an- zeigen, wenn man dergleichen obscure Sachen mit feinen Namen belegt, wenn man z. B. eine Hure ein Freudenmaͤdchen nennt: warum nicht schlechtweg ge- sagt Hure, Hurenhaus? Wer diese Woͤrter nicht hoͤren kann, verraͤtht, daß er ein systematischer Wolluͤstling ist. Doch solche Benennungen sollen den Kindermord befoͤrdern helfen. – , Legers- und Heils-Saal und einige andre. Aller Orten wars dasselbe. Es halten sich gemeiniglich sechs, acht bis zwoͤlf Nym- phen in einer Wirthschaft auf, meist Maͤdchen von ganz geringem Stande, welche ehemals von adlichen und unadlichen Wolluͤstlingen verfuͤhrt oder benutzt wurden, und hernach, der Arbeit entwoͤhnt, keinen andern Weg, sich zu naͤhren wußten, als den der feilen Wollust. Einige davon fuͤhlen das Unwuͤr- dige ihrer Handthierung, und wuͤnschen sich eine bessere Lebensart. So fand ich in der Talgfabrike ein Maͤdchen, Namens Jettchen , von Schwed, welche mir feine Gesichtszuͤge zu haben schien, und mit der ich mich daher abgab. Sie erzaͤhlte mir ih- ren Lebenslauf, und ich ward geruͤhrt. Ich fragte sie, ob sie Lust haͤtte, aus diesem Leben herauszu- kommen, und sie gestand: — nur ihre Schulden hielten sie zuruͤck: sonst ging sie herzlich gern gleich wieder weg. — Das Ding fuhr mir im Kopf her- um; ich wußte aber nicht, wie ich es anfangen sollte, sie zu retten, da ich kein Geld hatte, um fuͤr sie zu bezahlen, und sie dadurch auszuloͤsen. Endlich machte ich gemeinschaftliche Sache mit einigen derben Kava- leristen und zwei Soldaten von unserm Regimente. Ich stellte ihnen die abscheuliche Lage des ungluͤckli- chen Maͤdchens vor, und den Wunsch, den sie hatte, zu ihren Verwandten zuruͤckzukehren. Dann ver- sicherte ich sie, das Vorgeben solcher Wirthe von Schuld, sey nur ein Kniff, die Maͤdchen festzuhal- ten: die Kerls waͤren Erzpreller: es sey uͤbrigens ein sehr gutes verdienstliches Werk, ein solches Geschoͤpf vom Untergang zu retten. Dabei brauchte ich mei- ne militaͤrische Beredsamkeit dergestalt, daß die bra- ven Kavaleristen und Musketiers schwuren: „der Teufel sollte sie alle samt und sonders holen, wenn das Maͤdchen nicht innerhalb 24 Stunden frey seyn sollte! Den folgenden Tag gegen Abend gingen wir alle auf einen Haufen in die Talgfabrike, tranken Bier und schaͤkerten so herum. Endlich gab ich Jett- chen ein Zeichen, daß sie sich nur zu uns halten sollte: dann nahm ein Kavalerist sie beim Arm, und wollte mit ihr weg. Der Wirth aber hatte helle Augen, lief hinzu und sagte: „Wohin mein Herr? Der Kavalerist : Spatziren! Der Wirth : Die Mamsell geht nicht spa- tziren! Der Kavalerist : Warum denn nicht? — Ich will sehen, wer ihrs wehren soll! Der Wirth : Sie soll nun nicht! (will sie wegreißen). Ein andrer Kavalerist : Kerl reise, oder der Teufel soll dich frikassiren! (schleudert ihn weg). Der Wirth setzte sein loses Maul fort; bekam aber derbe Rippenstoͤße: der Kavalerist und einige andre waren indeß mit Jettchen abgefahren, und Meister Maquerau hatte das Nachsehen. Er sprach zwar viel von Raͤubereien, drohte mit Verklagen; aber wir lachten ihn nur aus, da er uns alle nur nach der Uniform, nicht aber nach dem Namen, ja nicht einmal nach der Kompagnie kannte. Jettchen ging nach der Neustadt, zu einer alten Frau, mit der sie bekannt war, und begab sich hernach, wie ich gehoͤrt habe, zu den Ihrigen nach Schwed. Viel- leicht ist sie auf den Weg der Tugend zuruͤck ge- kehrt, und wenn das ist, so haben wir ein gutes Werk gethan. Um den reumuͤthigen Maͤdchen es unmoͤglich zu machen, ihr schaͤndliches Gewerbe zu verlassen, so sorgen die Wirthe dafuͤr, daß sie immer viel an ihnen zu fordern haben. Der Wirth schaft der Un- gluͤcklichen Kleider, Waͤsche und Putz, bekoͤstigt sie und giebt ihr Quartier: alles rechnet er uͤbermaͤßig theuer an, so daß ein Maͤdchen nimmermehr bezah- len kann. Ihren Verdienst theilt er obendrein mit ihr, und laͤßt ihr nur eine Kleinigkeit, welche das zu Leckereien verwoͤhnte Maͤdchen in lauter Kuchen und Zuckerwerk vernascht. So muͤssen denn die Kreaturen bleiben, bis entweder der Wirth selbst sie fortjagt, oder bis sie entwischen, oder irgend ein Liebhaber sie ausloͤßt. Zu wuͤnschen waͤre es immer, daß die Berlinische Policei hier angemeßne Gegen- anstalten traͤfe, um einer Ungluͤcklichen das Laster nicht wider Willen zur Zwangspflicht werden zu lassen. Im Durchschnitt sind die Maͤdchen unverschaͤm- te Nickel, die gar nichts von Anstand und Delikatesse wissen. Schaamlose Worte begleiten alle ihre Reden, und durch schaͤndliche Gebehrden wiegeln sie die thie- rische Luͤsternheit nur noch frivoler auf. Dabei koͤn- nen sie saufen, sogar Brantewein, wie die Pack- knechte. Koͤmmt jemand in so ein Haus, so greift ihn gleich die erste beste an, nennt ihn lieber Junge, dutzet ihn, und fodert sogleich, daß er ihr Wein, Chokelade, Kaffe, Brantewein und Kuchen geben lasse: Und das alles ist in diesen Haͤusern noch ein- mal so schlecht, als anderswo; und doch noch ein- mal so theuer. Nun kommt es darauf an, ob der angehaltene Mosjeh so galant ist, daß er dem Nymph- chen willfaͤhrt, oder nicht. Im erstern Falle bleibt das Maͤdchen bei ihm, streichelt ihm die Backen, nennt ihn allerliebst — bis ihre Viktualien verzehrt sind, oder jemand anders zu einem ernstlichern Ge- schaͤft sie auffordert. Im andern Fall trollt sich das Kreatuͤrchen gleich, und sucht eine willfaͤhrigere Ge- sellschaft. Und auf diese letztere Weise kann man ganz ungestoͤrt in einem Bordelle sitzen, seine Pfeife rauchen, und dem Spektakel zusehen, ohne daß man noͤthig habe, der niedern Wollust zu froͤhnen, oder etwas mehr, als das, was man selbst verzehrt, zu bezahlen. Es wird uͤberhaupt in Berlin gar nicht fuͤr an- stoͤßig oder schaͤndlich gehalten, in ein Bordel zu gehen. Viele, selbst angesehene Ehemaͤnner gehen dahin; und kein Mensch, selbst ihre Weiber, nehmen ihnen das nicht uͤbel. Man weis, daß der Zehnte blos aus Neugierde hingeht, oder zum Zeitver- treib. — Sonst ruͤhmt man, daß wegen der stren- gen Aufsicht niemand Gefahr laufe, in einem Berli- nischen Bordel inficirt zu werden, oder doch nur sehr selten. Allein welcher Arzt kann hieruͤber mit Gewißheit entscheiden! wenigstens in den gemeinen Bufkellern habe ich das Gegentheil bemerkt. Viele unsrer Leute, wie man leicht denken kann, besuchten diese Kneipen, und waren uͤber die frisirten Koͤpfe und die gemalten Gesichter und den mamsellmaͤßigen Anzug der Frauenzimmer ganz entzuͤckt! Sie eilten also, um an dem Gluͤck, solche Maͤdchen zu umar- men, Theil zu nehmen: und siehe da — viele wur- den mit dem haͤßlichen Uebel begabt, dem unsre Leu- te hernach den Namen der berlinischen Stramkrank- heit gaben. — Durch die Musik, welche taͤglich in den niedrigen Loͤchern gemacht wird, erhalten diese noch mehr Zulauf. Waͤhrend der Zeit, da sich die fremden Regi- menter in Berlin aufhielten, standen viele Bordelle den Soldaten offen, wohin sonst blos Vornehmere zu kommen pflegen. Ob das vielleicht Achtung fuͤr die Fremden war? Genug der Saal des Legers , jetzt Solbrigs , dann Heils Wirthschaft, wur- den von jedem besucht. Die Maͤdchen selbst waren so hoͤflich, ihren Preis auf die Haͤlfte herabzusetzen: wo man sonst zwoͤlf Groschen zahlen mußte, zahlte man jetzt nur sechs, doch ohne den Pudergroschen mit zu rechnen. Nur noch ein Wort von den berlinischen Stras- sennymphen! Von diesen giebt es eine sehr große Anzahl: man heißt sie schlechthin Straßenmenscher, Kurantmenscher und dergl. Sie schwaͤrmen, trotz Zweiter Theil. Ee der scharfen Aufsicht, die ganze Nacht auf den Gas- sen, theils einzeln, theils haufenweise herum, und sehen zu, wer ihnen fuͤr den Genuß schmutziges Ver- gnuͤgens einige Groschen zollen will. Ich bin einige- mal Augenzeuge von Auftritten gewesen, woruͤber ich erroͤthete. — Die Gesellschaftsmamsellen, welche ganz einzeln fuͤr sich wohnen, und dann und wann fuͤr Geld und gute Worte sich von schmucken jungen Leuten besuchen lassen, habe ich nicht kennen gelernt. Aber nun mags von der Schwelgerei des Herzens genug seyn: jetzt zur Schwelgerei des Kopfs! Die Koͤnigliche Bibliothek wurde eben damals in Ordnung gebracht. Einer meiner Bekannten, Herr Julius Erduin Koch , Wolfs Schuͤler, und Verfasser einiger huͤbscher Werkchen, half bei diesem Geschaͤfte. Die Bibliothek hat einen großen Vor- rath recht guter, auch mit unter rarer Buͤcher und Handschriften; aber an einen Katalogus hatte man bis jetzt noch nicht gedacht. Dies hatte die Folge, daß viele Buͤcher, welche allerdings da waren, ver- gebens gesucht wurden, und daß man endlich ein und eben dasselbe Werk doppelt, dreifach, ja oft mehrfach ankaufte. Wer konnte nun auch wissen, ob das ge- suchte Werk da war oder nicht! Diese artige Einrich- tung machte den Herren Bibliothekaren freilich nicht viel Ehre: ihr Buͤchersaal glich dadurch einem Koͤr- per ohne Seele. — Unsre Soldaten, welche Arbeit fanden, verdien- ten sich huͤbsches Geld: der Arbeitslohn ist in Berlin weit hoͤher als in Halle und sonstwo. Vielleicht ga- ben auch die Herren Berliner etwas mehr, um sich bei den Fremden einen Namen zu machen. Immer gut! Wer aber nichts verdienen konnte, mußte in Berlin ganz kuͤmmerlich leben, wegen der dortigen großen Theurung. Daher sehnten wir uns beinahe alle wieder weg, und wuͤnschten, daß wenns einmal vorwaͤrts gehen sollte, es nur recht bald vorwaͤrts gehen moͤchte. Ich selbst fing an, des Dings uͤber- druͤssig zu werden, und ob ich gleich im Vergleich mit Andern ein recht gutes Logis hatte, so war mir doch das Herumliegen verhaßt, und ich strebte weiter zu kommen. Wo man nicht immer bleiben kann, da mag man auch nicht gern lange bleiben. Sechs und dreissigstes Kapitel. Vorwaͤrts. Schon wieder ein luͤderlicher Pfaffe! Respekt vor dem Herrn Pastor Schulz in Gielsdorf! Naturalismus mit Positivismus verglichen. Etwas uͤber Frankfurt an der Oder, und Leopolds Ehrensaͤule. I m Anfang des Julius marschirten wir an einem Montag aus Berlin auf Frankfurt zu. Das Land hier ist sehr sandigt und unfruchtbar, und die Leute sind groͤßtentheils arm. Sie heissen nach der Berli- ner Sprache die Sandmaͤrker . In Petershagen , ohngefaͤhr fuͤnf Meilen von Berlin, hoͤrte ich, daß die Bauern uͤber ihren Herrn Seelsorger sehr schwierig waren. Die Ursache dieser Feindschaft lag in der Neigung des Ehrenman- nes zu den Grasnymphen. Man hatte ihn mehr- mals im Felde und im Walde mit Maͤdchen und Weibern angetroffen, ihn deshalb verklagt, und sei- ne Predigten verachtet. Ob seine Bauern den Pro- ceß gewonnen haben, weis ich nicht; allein das ganz allgemeine Geruͤcht nicht nur im Dorfe, sondern in der ganzen Gegend von des Pastors verliebten Le- bensart, bewies hinlaͤnglich, daß er die Klage selbst verschuldet hatte. An seiner Orthodoxie war uͤbri- gens nichts zu tadeln. Erfreulicher waren die Nachrichten, die ich uͤber den Herrn Pastor Schulz zu Gielsdorf von einigen sachkundigen Maͤnnern einzog. Man ruͤhmte ihn durchaus als den hellsten, wohlwollendsten und thaͤ- tigsten Menschenfreund. Seine Gemeinden sollen unter allen Sandmaͤrkern die friedfertigsten Leute seyn und wohlhabender, als alle ringsherumwohnen- de: und das sollen sie seinem vaͤterlichen Umgang und seinen oͤkonomischen und moralischen Belehrun- gen zu danken haben. Er ist wohl der Erste, der durch eine zweiundzwanzigjaͤhrige Erfahrung bewie- sen hat: daß die natuͤrliche Religion oder vielmehr die Moral schon vollkommen genug sey, auch die gemeinsten Leute zu recht guten Menschen und ge- treuen Unterthanen zu bilden — was sonst angeseh- ne Theologen und Politiker nach ihrer Stubenge- lehrtheit laͤugneten. Einige derselben sind noch jezt hartnaͤckigt der Meinung: daß ohne positive Reli- gion das gemeine Wesen nicht bestehen koͤnne, wie wenn dies da so recht bluͤhend bestaͤnde, wo man recht viel positive Religion gehabt hat und noch hat — in Italien, Portugal und Spanien! Ich weis nicht: es giebt gewisse Leute, die, trotz aller Belehrung der Geschichte und der Laͤnder- und Voͤl- kerkunde, dennoch in Absicht auf positive Religion, wie mit sehenden Augen blind sind. Aber freilich um Licht zu sehen, muß man Licht haben, und wer dies hat, sieht durch den umnebelnden Wust durch und ist fest uͤberzeugt: daß es wenig Ehre fuͤr den Urheber der Menschheit seyn wuͤrde, wenn man diese durch Wahn, Aberglauben und Irrthum weiter brin- gen koͤnnte, als durch Wahrheiten, die das Gepraͤge der simpeln Natur an sich haben. Ich meyne: hat man die Menschen durch positive Religion bisher so palliativ gaͤngeln konnen, warum sollte man sie durch die natuͤrliche nicht ganz curativ fuͤhren und behan- handeln koͤnnen! Fuͤr Wahrheit sind wir doch mehr geschaffen als fuͤr Irrthum: mehr fuͤr Licht — wenn wir wachen — als fuͤr Finsterniß! „Allein das Un- „natuͤrliche ist uns“ — wie Herr Pofessor Muͤl - ler , der Schweitzer, bemerkt Die Dorfschule . Berlin 1786. S. 3. u. ff. — „in sehr vie- „len Dingen gewoͤhnlich geworden; und deswegen „scheint uns das Natuͤrliche unnatuͤrlich. Man ist „nun ziemlich darin einig, daß Orthodoxie einzig „bei den Heterodoxen zu finden sey. „— Gebetbuͤ- „cher —“ faͤhrt er fort — „die voller Unsinn, Ab- „geschmacktheit, Unmoralitaͤten und zuweilen wohl „gar Laͤsterungen sind: Predigten, die an diesen Ei- „genschaften die Gebetbuͤcher noch uͤbertreffen: an- „dere Erbauungsbuͤcher von gleichem Schlage: die „Bibel selbst ist solchen simpeln und ungelehrten „Menschen mehr zum Schaden, als zum Nutzen: „Fuͤr einen Punkt, den sie recht verstehen, sind „hundert, die sie misverstehen.“ „Wie konnte man doch ein Buch zum allge - „ meinen Gesetzbuch machen, in welchem jedes „Wort eine scharfe kritische Pruͤfung, diese eine ge- „laͤuterte Philosophie, und beides die ausgebreiteste „Gelehrsamkeit erfodert, die wieder der schaͤrfsten „Kritik bedarf! Wenn ich dieses auseinander setze, „so thuͤrmt sich die Unvernunft einer solchen Ein- „richtung zu einem Alpengebuͤrge auf: alle meine „Sinnen stehen stille.“ „Es ist vielleicht kein Buch, das dem gemei- „meinen Mann schaͤdlicher waͤre: denn es schadet „nur dem Verstaͤndigen, dem Redlichen. Der „Schlimme lieset es nicht: der Gleichguͤltige kehrt „sich daran nicht: der Stumpfe versteht es nicht: „der Verstaͤndige, der Gewissenhafte allein studiert „es, verwirrt sich und wird ein Opfer seiner Gewis- „senhaftigkeit. Mir blutet die Seele, wenn ich an „die vielen redlichen Menschen aus meiner Bekannt- „schaft denke, die durch ihre eigene Froͤmmigkeit bei „Lesung der Bibel ungluͤcklich geworden sind. Einer „haͤngte sich, zwei stuͤrzten sich ins Wasser, mehrere „verloren den Gebrauch ihres Verstandes: eine noch „weit groͤßere Anzahl wurden von ihren Zweifeln „herumgetrieben, Tag und Nacht gemartert, fuͤr „ihr Hauswesen unbrauchbar und den Ihrigen zur „Last. Sprecht redliche Pfarrer in Laͤndern, wo „dem Landmann Muße gelaßen ist zu denken: wie „oft Ihr mit diesen Bibellesern zu kaͤmpfen hab't! „Welch unsinniges Zeug sich aus diesem Lesen in den „Koͤpfen solcher Leute erzeugt! Welcher Aberglaube „ist moͤglich, den sie nicht in diesem Buche bestaͤtigt „glauben! Geisterbeschwoͤrung, Schatzgraͤberei, Teu- „felsbannerei, Hexen, Gespenster, Goldmacherei, „Zauberei: alle diese Undinge finden Sie in Glau- „bensartikel verwandelt, und manche wohl gar, wie „sie meynen, als erlaubt gerechtfertigt. Schwaͤrme- „reien aller Arten nehmen Stoff aus diesem Buche, „und Betruͤger, Sektenstifter, falsche Messias, fal- „sche Propheten, falsche Apostel, gewinnen die Ein- „faͤltigen durch dieses Buch. Allein, sagt man, gute „Erklaͤrungen koͤnnen allem diesem vorbeugen. Diese „Sage ist wahrer Unsinn! Hart, aber wahr! Es „ist ein Widerspruch, ein Buch von dieser Art à la „portée de tout le monde einzurichten So viel Koͤpfe , so viel Sinne ! Dieses Spru- ches bescheide ich mich hier, wie uͤberall gern, um uͤber das Ruͤgen des theologischen Unsinns nicht selbst in den philosophischen zu verfallen, oder gar in Intoleranz, und ersuche daher jeden meiner cordaten Leser, hier ja das dagegen zu lesen, was der warme, edle Menschen- freund, der helle Herr von Rochow in seinen Be - richtigungen S. 209. uͤber die Bibel gesagt hat. Wie sehr Er recht habe, beweiset selbst der Lehrvor- trag und der Religionsproceß des Herrn Pastors Schulz zu Gielsdorf. . — „Natuͤrliche Religion ist aber die faßlichste und „einfachste Religion: sie ist so leicht, so jedermans Faͤ- „higkeiten angemessen, daß man erstaunen muß, wenn „man Philosophen ernsthaft behaupten hoͤrt: —“ „sie sey nicht fuͤr den gemeinen Mann, und koͤnne „niemals allgemein werden In Schulzens dreien Gemeinden ist das doch wirk- lich der Fall: warum denn auch nicht uͤberall, wenn man uͤberall nur Prediger haͤtte, wie — Schulz ? Man sieht aber den Wald vor lauter Baͤumen nicht! !“ Diese Herren ver- „rathen dadurch eine doppelte sehr unphilosophi- „sche Unwissenheit: sie kennen weder den gemeinen „Mann, noch ihre eigene Religion. Natuͤrliche Re- „ligion ist Religion, auf welche — dem Gesetze der „reellen Caussalitaͤt zu folge — sowohl aͤußere Na- „tur als die Natur des Menschen von selbst fuͤhret; „sie aber setzen metaphysische Schulreligion an deren „Stelle.“ — „Vielfaͤltig habe ichs beim Landmann versucht, „ihm die natuͤrlichen Ideen vom obersten Wesen „vorzulegen: jedesmal begriff er schnell, behielt fest, Um indessen meinen Lesern mich ganz liberal zu zeigen, so will ich sie hier auf ein Buch aufmerksam machen, das uͤber die vorliegende Sache so ausfuͤhrlich, so gruͤnd- lich und so unpartheiisch handelt, wie es bis jezt ge- wiß von wenig Theologen, und Philosophen ge- schehen ist. Es heißt: Kritische Theorie der Offenbarung , nebst Pruͤfung der Schrift: Christus und die Vernunft . 1792. Ich will alles verwettet haben, wenn es jemanden gereuen wird, diese Theorie gelesen zu haben, gleichviel ob er orthodox oder heterodox ist, — vorausgesezt, daß er nur Kopf und Herz fuͤr Wahrheit hat. Der Name des Verfassers wuͤrde auch schon dafuͤr buͤrgen, wenn ge- wisse Zeit-Aspekten es nicht noͤthig gemacht haͤtten, ihn zu verschweigen, um eine wichtige Angelegenheit mit desto groͤßerer Freimuͤthigkeit von jeder Seite un- tersuchen und wuͤrdigen zu koͤnnen. Daß die wichtig- sten Schriften der neuern Zeit uͤber diesen Gegenstand mit zur Pruͤfung gezogen sind, zeigt der dreißigste Paragraph. „urtheilte richtig: er fuͤhlte ihre Kraft, sie erheiter- „ten, sie beruhigten, sie staͤrkten seine Seele. Diese „Ideen sind mit allem, was schoͤn, gut und voll- „kommen unter den Menschen ist, verwandt: sie „geben diesem Licht und erhaltens von ihm: eins „macht das andere anschaulich, eines verstaͤrkt das „andere.“ „Halte ich die Leichtigkeit natuͤrlicher und die „Schwierigkeit sogenannter geoffenbarter Begriffe „gegen die Behauptung: — der Bauer koͤnne die „zweiten, nicht aber die ersten verstehen, so steht „mein Verstand stille. Sonderbare Behauptung! „Das Leichteste ist nicht fuͤr den Schwaͤchsten! Was „hell ist, wie der Tag, was von allen Seiten star- „kes Licht empfaͤngt, ist schwer zu sehen: man braucht „philosophische, metaphysische Augen dazu! Aber ge- „heimnißvolle Saͤtze, durch eine Menge exegetischer „Regeln herausgebrachte, sehr componirte, sehr ver- „wickelte Systeme — das soll Religion seyn, die „dem gemeinen Mann verstaͤndlicher waͤre, als die „natuͤrliche!“ — Sehr wahr! Doch wieder ins Geleis! Gern haͤtte ich die Universitaͤt zu Frankfurt an der Oder naͤher kennen gelernt; allein wir gingen diese Stadt nur eben durch: und da ließ sich freilich wenig bemerken. Ich sahe zwar einige Studenten auf der Straße, die alle recht artig gekleidet gingen und gar nicht renommistisch aussahen: ich schloß da- her, daß der Komment auf dieser Universitaͤt jezt auch sehr verfeinert sey. Allein nach meiner Zuruͤck- kunft nach Halle sprach ich mit einigen, welche sonst zu Frankfurt studiert hatten, unter andern auch mit einem, der von da religirt war: und diese Herren beschrieben mir den Frankfurter Ton als sehr roh, viel roher, als er in Halle ist, und, um dieses zu beweisen, erzaͤhlten sie mir, wie vor noch nicht langer Zeit die Studenten die Hauptwache gestuͤrmt und allerlei Unfug veruͤbt hatten. Ueberdem hat auch das Ordensgift die dortige Universitaͤt inficirt; denn auch da findet man Unitisten und Constantisten, wider welche die Universitaͤt zwar von Zeit zu Zeit procedirt, aber wenig ausrichtet: und wo es Orden giebt, da kann es an Unordnungen nicht fehlen. Unter dem vielen Frauenzimmer, welches ich in Frankfurt auf der Straße und an den Fenstern gesehen habe, sah ich auch nicht eine einzige Schoͤn- heit. Ob diese da so rar ist? An der Oder betrachtete ich die Saͤule, welche dem vortreflichen Herrn Leopold von Braun - schweig errichtet ist, und fuͤhlte recht lebendig, daß dieser edle Fuͤrst eines schoͤnern Todes starb, als man- cher Held, der hunderttausend unschuldige Menschen auf die Schlachtbank fuͤhrt, und endlich auf Truͤm- mern der Menschheit im Triumphe als Sieger ein- herschreitet, uneingedenk des schoͤnen Lessingi - schen Spruchs: — „Was Menschenblut kostet, ist Menschenblut nicht werth, „— dann sich hinlegt und stirbt, und nun aus widervernuͤnftiger Verwoͤh- nung ein Mausolaͤum erhaͤlt! — Wahrlich Leopold hat die Ehrensaͤule mit groͤßerm Recht verdient! Aber einen bessern Biographen haͤtte er haben sollen, als er an Meister Geißler dem Juͤngern gefunden hat. Die Sudelei dieses General-Stuͤmpers liest nie- mand ohne Ekel. Zu Trettin , einem Dorfe ohnweit Frank- furt, konnte ich das Feld uͤberschauen, wo vorzeiten Friedrich der Zweite die ungebetenen Gaste, die Russen, theils zusammengehauen, theils in die Oder gejagt hat. Mein Wirth hatte dieser Men- schenschlachterei beigewohnt, und konnte vielerlei Partikularitaͤten davon erzaͤhlen. Er war ein aufge- weckter muntrer Mann, mit welchem ich mir die Zeit recht angenehm vertrieb. Er sprach von den Russen sehr erniedrigend, und fuͤhrte viele Beispiele von Grausamkeiten an, welche sie in jenen Gegenden veruͤbt haͤtten. Sie pflegten, um nur eins anzufuͤh- ren, die Haare der Weiber und Maͤdchen um ihre Saͤbel zu wickeln, hernach die armen Geschoͤpfe ver- mittelst des Saͤbels an der Erde zu befestigen, und auf diese Art ihre viehische Wollust ungestoͤhrter zu stillen. Die Russischen Officiere erlaubten das alles und lachten uͤber die Klagen des gedruͤckten Land- manns. Aber so soll auch ihre Schande fortdauern bis an den juͤngsten Tag! Der Feind sey immerhin Feind, nur vergesse er die Menschlichkeit nicht, und man wird ihn loben und ehren! Aber wenn er bru- talisirt, und sich gegen die Unterthanen dessen, gegen den er streitet, alle Bubereien erlaubt, so mag ihn ewige Schande brandmarken und allen kuͤnftigen Zei- ten als einen Schuft darstellen. In Crossen hat es mir gefallen: die Stadt scheint sich gut zu naͤhren. Hier giebt es herrliches Bier. — Freilich eine Kleinigkeit fuͤr den, der Wein hat! Im ersten schlesischen Dorfe, Reichenau, kam Herr Frisch , der Candidat zu mir und bewies mir viel Freundschaft. Er war in Halle mein Schola gewesen. Zu Dittersbach bei Sagan standen wir, das zweite Bataillon, wobei ich mich befand, 14 Tage still. Dies verursachte der Reichenbacher - Congreß , von dessen Ausgang Krieg und Frieden nun abhing. Unsere Leute disputirten taͤglich bis zum Zanken und zu Grobheiten, ob Leopold nachgeben, oder den Krieg fortsetzen wuͤrde? Viele behaupteten das erstere; viele das leztere, und wurden oft so auf einander erbittert, daß sie sich mit Schlaͤgen drohe- ten. Ich sah dergleichen Auftritte gern: sie erin- nerten mich an die Zaͤnkereien und die Spektakel der aͤltern und neuern Theologen und Philosophen, wel- che oft uͤber Dinge disputirten, die kein Mensch be- jahend oder verneinend entscheiden kann Religions - Streitigkeiten , schreibt Herr von Rochow , heißen, nach dem Sprachgebrauch, solche Zwisten, die uͤber das Unbegreifliche entstehen, und wobei die Ehre Gottes ins Spiel gezogen wird, um den Dissidenten der Gotteslaͤsterung beschuldigen, ihn seines Amtes entsetzen, verdammen, und, wenn die Macht da ist, auch wohl verbrennen zu koͤnnen.“ – Ueber Religions - System in den Berichtigun - gen S. 69 u. f. – Im klaͤglichen Koͤnig heißt es S. 33: – – – Die Christus-Religion Liegt in den lezten Zuͤgen schon, Stirbt an der Theologie ! . Hier in Dittersbach machte ich mich mit der Landesart und andern dahin gehoͤrigen Sachen be- kannt, und ich muß mit Erlaubniß der Herren Schlesier bekennen, daß ich wenig Genugthuung ge- funden habe. Die Ackerfruͤchte waren freilich dieses Jahr wegen der großen Duͤrre schlecht: dabei war es aber doch nicht schwer, einzusehen, daß an dem Schlesischen Ackerbau noch gar viel zu verbessern sey. Ganze Strecken recht gutes Landes lagen oͤde, und niemand konnte sich entsinnen, daß je ein Pflug darauf gekommen waͤre. Der Gartenbau taugt vol- lends nichts, wenigstens auf den Doͤ ern nicht. Die Leute sehnen sich nicht einmal nach Gartenfruͤch- ten: sie essen Jahr aus Jahr ein ihre Knoͤtel Mehl wird in Wasser geruͤhrt, sehr schwach gesalzen, geknetet, zu laͤnglichen Stuͤcken geformt und in bloßem Wasser gesotten. Das sind Schlesische Knoͤtel, welche noch obendrein ohne Schmelze gegessen werden. und ihre Suppe, bloßes Mehl mit Salz und Was- ser, selten mit Milch, und sind damit zufrieden. Es giebt Familien, die das ganze Jahr hindurch auch nicht ein Loth Fleisch essen. An Einschlachten und an Geraͤuchertes ist gar nicht zu denken, ich meine noch immer, auf den Doͤrfern: denn in schle- sische Staͤdte bin ich nicht gekommen. Die Lebens- art der dortigen Bauern ist also sehr einfach: ihre allgemeine, ewige Kost, von der sie nie abgehen, ist — Suppe und Knoͤtel: selten etwas Butter und Kaͤse. Die Tracht oder die Kleidung dieser Leute ist sehr einfach und zeugt von der Armuth der meisten. Fast alle beklagten sich, daß sie kaum so viel erwer- ben koͤnnten, als hinreicht, die Abgaben an den Koͤ- nig und den Edelmann zu entrichten: woher nun Kost und Kleidung! Der Schlesische Landmann ist in allem Betracht ein Sklave. Die koͤniglichen Abgaben, hoͤrte ich meh- rere sagen, wollten sie gern geben, wenn sie nur von der Tyrannei des Adels befreit waͤren. Der groͤßte Theil des Adels tyrannisirt zwar aller Orten, wo er nur kann, und sieht die Landleute als Geschoͤpfe an, welche aus einer ganz andern Masse gebildet sind, als der gnaͤdige Junker. Das thut der Adel sogar in der Pfalz, wo ihm sonst die Klauen gar sehr ver- schnitten sind Kurfuͤrst, Friedrich IV, und Karl Ludwig ha- ben dem Adel in der Pfalz bald durch feine Kunstgriffe, bald aber durch offenbare Gewalt beinahe alles Ansehn genommen, so daß in der Kurpfalz kein Mensch mehr der Despotie des Edelmanns unterworfen ist: und so waͤre doch noch etwas Gutes in der Pfalz! . Auch da uͤbt er so unter der Hand in den sogenannten ritterschaftlichen Doͤrfern seine Obermacht aus, und saugt den Armen Unter- thanen das Blut unter den Naͤgeln hervor. Aber nirgend ist die adeliche Tyrannei aͤrger als in Schle- sien: da koͤnnen die Herren Unmenschen so recht nach Herzenslust die armen Unterthanen scheeren. Der Bauer da muß seinem Edelmann oder Gutsherrn ar- beiten, so oft und viel er es verlangt; und was der Edelmann ihm dafuͤr erstattet, ist der Rede nicht werth. Widersezt sich der Bauer, so laͤßt ihn der Junker einsperren. — — — — — — — — Ich habe Beispiele gehoͤrt, wobei mir die Haut schauderte. Und geht auch endlich der Land- mann klagen, so bekommt auf den aͤußersten Fall der Edelmann eine Nase so ganz im stillen, wird auch wohl einmal, wenn ers gar zu arg macht, etwas derber bestraft; behaͤlt aber doch immer die volle Ge- walt, seinen Klaͤger nun noch weit aͤrger zu quaͤ- len Im klaͤglichen Koͤnig sagt ein Deputirter S. 41: Ach, mein Herr Koͤnig, das Gott erbarm! Man geht sich halt an Stiefeln arm, Eh man das Wunder-Angesicht Der Herrn Sub-Fuͤrsten zu schauen kriegt. Auch macht der Kammerdiener Heer Im voraus unsre Beutel leer, Und kommt nun selbst der gnaͤd'ge Herr, So han wir keinen Groschen mehr.“ . Ein Bauer wollte seinen Sohn zu einem edelmaͤnnischen Amtmann qualificiren lassen und be- diente sich dabei in vollem Ernst des Ausdrucks: Er sollte ein Bauernschinder werden. Wer mehr von den winzigkleinen Schlesischen Despoten wissen will, der findet es im deutschen Zuschauer fuͤr 1791. — Und so faͤdelt man Volks-Aufstand — — — — — — — — — — — — — — Wenn also Schlesien auch gleich ein recht gutes und fruchtbares Land ist, so laͤßt sichs doch leicht den- ken, daß der Wohlstand der arbeitenden Classe, vor- zuͤglich auf dem Lande, sehr gering seyn muͤsse, und daß die armen, gedruͤckten Leute das Unnatuͤrliche noch nicht einsehen, was Herr Hofrath Schloͤzer Zweiter Theil. Ff darin findet: „Daß Ein Hochwohlgeborhner Schwachkof und Faullenzer von dem Verstand und der Arbeit Hundert gescheuter und arbeitsamer Leute leben solle Staats-Anzeigen, Heft 64. S. 457. .“ — An Holz haben die Leute freilich einen Ueberfluß, gehen aber damit so unspar- sam um, daß es eine Schande ist Herr Georg Forster aͤußert im I. B. seiner An - sichten vom Niederrhein : daß der Holzmangel die Voͤlker dereinst wieder noͤthigen werde, auszuwan- dern: meynt aber, zum Trost aller armen Suͤnder auf dem Thron, daß es wohl noch tausend Jahre waͤhren koͤnnte. . Um eine Was- sersuppe zu kochen, verbrennt der Schlesier so viel Holz, als man in Halle braucht, eine ganze Mahl- zeit zuzurichten. Den ganzen Tag brennt da das Feuer auf dem Heerde, damit, wenn ja einem ein- faͤllt, etwas anzusetzen, er nicht noͤthig habe, erst Feuer anzumachen. Die Leute brauchen taͤglich drei- mal warmes Wasser fuͤr ihr Vieh: da nun das Was- ser in Ofenschiffen gewaͤrmt wird, so werden die Stuben in diesem Lande taͤglich wenigstens dreimal geheizt. Ich konnte in solchen Stuben gar nicht bleiben, eben so wenig meine Kameraden: die Ein- wohner aber ruͤhrte das gar nicht. Wenn also uͤber- haupt, wie man sagt, diese Nation von etwas schwa- chem Geiste ist, so mag das ewige Heizen der Stu- ben vielleicht eben so viel dazu beitragen, als der despotische Druck ihrer Gutsherren. Schoͤne Maͤdchen in Schlesien habe ich wohl bei Vornehmern einige gesehen; unter den Gemei- nen aber nicht eine einzige. Bei Crossen indeß in Alt-Rehfeld sah ich ein gemeines Crossisches Maͤd- chen, Regine Schmidin genannt, welche da so allerlei zum Verkauf herumtrug. Diese wuͤrde, als Dame gekleidet, fuͤr eine vollkommne Schoͤnheit pas- siren koͤnnen. Mein Tagebuch enthaͤlt uͤber sie noch allerhand. In Kleinigkeiten sind die Schlesier erfinde- risch. So sah ich in Sprottau eine Wiege, wel- che vom Wasser, durch ein angebrachtes Trieb- werk, in Bewegung erhalten wurde. Ich habe noch mehr Raritaͤten von der Art bemerkt, die aber keinesweges Beweise fuͤr die Kultur eines Lan- des sind. In Merzdorf , einem Dorfe uͤber Hirsch- berg, nahe an der Boͤhmischen Graͤnze, war unsere lezte Cantonnirung. Hier besuchte mich der Candi- dat Walter , der Hirschberger. Er war der ein- zige Sohn einer reichen Kaufmannswittwe, hatte in Halle studiert, ziemlich gut gelernt, auch meinen Un- terricht benuzt. Allein, leider, muͤssen ihn innere Leiden gequaͤlt haben, welche zu lindern der aͤußere Wohlstand nicht zuließ: denn im vorigen Jahre hat er sich ersaͤuft. Was doch nicht alle mit den Men- schenkindern geschehen kann! In Merzdorf weiß man recht viel zu erzaͤhlen von Meister Ruͤbezal . Ueberhaupt sind die Schle- sier sehr orthodox, folglich auch sehr aberglaͤubig; aber die Bergschlesier sind es uͤber alle Maaßen. Stun- denlang wissen sie von ihrem Ruͤbezal und andern Gespenstern zu schwatzen, faseln tausend Fratzen her, und wenn man ihnen diese widerlegt, so werden sie grob und fangen an zu schelten. Wo Gespenster zu Hause sind, sinds auch Hexen, also auch hier. Eine gute Eigenschaft darf ich aber nicht uͤber- gehen, die ich an den Schlesiern bemerkt habe: sie ist freilich zum Theil in ihrem Aberglauben gegruͤn- det: — sie fluchen und schwoͤren nicht, reißen auch keine Zoten. Sie kreuzten und segneten sich allemal, wenn unsere Leute fuͤrchterliche Fluͤche und derbe Zo- ten ausstießen. — Die Schlesier Bauermaͤdchen sind auch lange nicht so gefaͤllig und aufgeweckt, als die in der Mark, in Sachsen und anderswo. An meinen braven Bispink hatte ich von Dittersbach aus geschrieben, und erhielt seine erste Antwort schon in Merzdorf. Ich freute mich, in dem Briefe des ehrlichen Mannes alle Gesinnun- gen zu finden, welche ich immer bei ihm gefunden habe. Ich antwortete gleich wieder und bath ihn, doch an meine Mutter zu schreiben, damit diese der Grunebergen ihre Foderung bezahlen moͤchte: an un- angenehmen Erinnerungen daran fehlte es sogar nicht im Felde. Herr Bispink thats, und was erfolgte, wissen wir. Eine kleine Rebellion bei unserer Compagnie, woran die Unterofficiere am meisten selbst Schuld waren, noͤthigte unsern Hauptmann, hier Wachen mit geladenem Gewaͤhre auszustellen. Die Bursche, welche an dem Tumulte Theil gehabt hatten, wur- den auch noch auf dem Marsch einige Zeit scharf be- wacht. So Violent diese Vorkehrungen waren, so konnte man sie unserm Hauptmann nicht verargen: im Felde ist nichts gefaͤhrlicher als Aufstand und Meuterei. Sieben und dreissigstes Kapitel. Reichenbacher Frieden. Ruͤckmarsch. Orthodoxie in Schlesien. Herzog Friedrich von Braunschweig, einer der ersten Menschen! E ndlich that der Reichenbacher Congreß seine Wirkung: es war Friede, und wir erhielten Befehl, zuruͤck zu marschiren. Ich bin nicht im Stande, die Freude zu beschreiben, welche den groͤßten Theil unserer Soldaten auf einmal beseelte. Sie gebaͤhrdeten sich wie die Kinder, wenn sie ein huͤb- sches Geschenk erhalten haben. Nur wenige sahen es nicht gern, daß der Spektakel ein Ende haben sollte: diese wuͤnschten sich ihren alten Fritze zu- ruͤck: Der , meynten sie, wuͤrde kein Ungemach gescheut haben, wuͤrde entweder ganz ruhig zu Hause geblieben, oder in Boͤhmen fluchs vorgedrungen seyn so lange, bis die Tuͤrken von selbst Frieden erhalten haͤtten. Viel Blut wuͤrde es auch nicht gekostet ha- ben: Oestreich waͤre schon zu schwach, um den Ueber- rest von Schlesien nicht gern willig abzutreten, die Kriegskosten zu ersetzen, und sich wenigstens in vier- zig Jahren die Lust nicht wieder werden zu lassen, Europa in Krieg zu verwickeln, und so auf Kosten Anderer, im Truͤben fuͤr sich zu fischen. — — — — — — Die guten Leute sprachen aber, wie sies verstanden; und es war sehr klug, einem je- den dies nach seiner Art nicht zu wehren: dadurch kuͤhlt sich der erhizte Muth ab, und man ist vor anderartigen Thaͤtlichkeiten sicher. Ich hoͤrte dem allen so im Stillen zu, verglich, pruͤfte, und wenn es mir auf der einen Seite auch schien, daß der Reichenbacher Friede etwas vom Frieden Gottes an sich habe, der, wie Herr Cranz in seinen Fragmenten sagt, uͤber alle Vernunft erha- ben ist: so schien es mir doch auf der andern Seite, daß unser gutmuͤthiger Koͤnig sich bei diesem Feldzug doppelten Ruhm erworben habe. Es gehoͤrt doch wahrlich etwas mehr dazu, als eine kaufmaͤnnische Seele, um die Kosten zur Mobilisirung der Armee nicht zu achten, Verzicht auf Eroberungen zu thun, und da dem Feinde selbst die Hand zum Frieden zu biethen, wo es etwas kleines gewesen waͤre, ihn durch Krieg vollends aufzureiben. Und so war unser liberale Koͤnig in meinen Augen doppelt groß! Als ich daher zu Merzdorf bei einem Leinweber sein Bild- niß auf einem Kupferstich erblickte, worauf sein Koͤ- nigliches Kostuͤme ziemlich getroffen war, außer dem Kopf, so schrieb ich, ob ich gleich kein Versifer bin, folgendes Distichon darunter: Armato brachio patriae das munera pacis: Non habuere parem Teutonis arva Tibi! Geruͤstet schenktest Du dem Vaterland den Frieden: Wer glich auf Deutschlands Fluren Dir! Ich weiß wohl, daß diese Zeiten nicht weit her sind: da sie aber meine damalige Empfindung aus- druͤcken, so moͤgen sie hingehen. Wir nahmen bis Sagan beinahe denselben Ruͤckweg, worauf wir hingezogen waren; doch ka- men wir auf andern Doͤrfern ins Quartier. Das Obst fing an zu reifen, und der vollste Baum war oft in einer halben Stunde leer. Die Soldaten machen es einmal nicht anders! Die Landleute schie- nen uns auch gewogner zu seyn auf dem Ruͤckmarsch als auf dem Hinweg, ob ich gleich uͤberhaupt sagen muß, daß die Schlesier eben kein großer Freund von den Preußen und der Preußischen Regierung sind. Die Katholiken besonders erinnern sich noch mit vie- lem Vergnuͤgeu an die Oestreichische Herrschaft, und ruͤhmen es, wie gut sie es damals gehabt haͤtten. Die Protestanten gestehen zwar, daß sie fuͤr ihren Gottesdienst jezt Freiheit hinlaͤnglich haͤtten; meynen aber doch auch, daß sie weit mehr abgeben muͤßten, als sonst. Ich belehrte bei solchen Gespraͤchen die Leute allemal, daß in den Kaiserlichen Laͤndern jezt auch alles anders sey, und daß die dortigen Unter- thanen in neuern Zeiten weit aͤrger mit Abgaben ge- quaͤlt wuͤrden, als irgend andere in Europa... Diese Rede gefiel den Bauern und da wuͤnschten sie sich denn doch, lieber Preußische Unterthanen zu seyn, als Oestreichische. In Hoßlau ohnweit Bunzlau traf ich mei- nen alten Freund, Herrn Kiesel an, der an die- sem Orte Pastor ist. Er war ehedem Waisen- Praͤceptor zu Halle, und ist jezt zu meiner Freude recht gut versorgt. Dieser Herr Kiesel hat mir eben keinen vortheilhaften Begriff von den Schlesi- schen Pfarrern und der dortigen Landes-Toleranz beigebracht. Die lieben Herren hoͤren meistens mit ihrem Studieren auf, wenn sie ein Amt weghaben. Neue Buͤcher sind bei ihnen Contrebande, und dies soll es machen, daß von den Messen so wenig Buͤcher nach Schlesien abgehen, und die noch dahin abge- hen, meist an Adliche und dergleichen verkauft wer- den. Da nun die Herren auch groͤßtentheils mit Wissenschaften uͤbel, mit Heften aber reichlich ver- sehen, die Universitaͤt verlassen — man muß naͤm- lich wissen, daß unter allen Landmannschaften in Halle keine das Heftesudeln mehr liebt, als die Schle- sische — so bleiben sie, im Ganzen genommen, auch meist Ignoranten ihr Lebelang. Daß die Herren bei diesen Qualitaͤten sehr orthodox sind, und dadurch der Tirannei des Adels Vorschub thun, zeigt die Natur der Sache. Sie verfolgen zwar nicht oͤffent- lich: aber durch haͤmische Raͤnke, die den Pfaffen al- ler Voͤlker und aller Sekten so gewaltig eigen sind, suchen sie doch denen zu schaden, die hier und da vom System abweichen, oder gar sich beigehen las- sen, an der Heiligkeit und den Vorrechten der Pfaf- ferei und des Adels zu zweifeln. Ein liberaldenken- der Kandidat koͤmmt in Schlesien an sich schon nicht fort, nicht einmal als Informator bei einem Edel- mann. Wenn dieser eines solchen Hausmoͤbels be- darf und sich jemand dazu antraͤgt, so ist allemal die erste Frage: Ob der Herr Gevatter den alten oder den neuen Glauben habe? Stuzt der Herr und weiß er nicht, was diese Frage bedeute, so geht man ins Detail, und fragt weiter: was er von Christo halte? Ob dieser wahrer Gott sey? Ob er durch sein Blut, oder durch seine Lehre die Menschen erloͤset und fuͤr die Suͤnden der Welt genug gethan ha- be? — Besteht hier der Meister als orthodox, so wird er Hofmeister: besteht er nicht — marsch mit ihm! Nach andern Dingen, als Paͤdagogik, Spra- chen, Wissenschaften und Sitten wird wenig gefragt. Ich berufe mich hier zum Ueberfluß noch auf das Zeugniß der schlesischen Hofmeister in Halle, sammt dem ihrer Eleven. Ich mag die nicht nennen, de- nen es so gegangen ist. Das ist aber noch so ein Anstrich oder Nachhall von dem Religionszustande der Schlesier unter der Regierung Oestreichs. Laut dieses Anstrichs galt selbst Friedrich der Ein - zige als Freigeist: und welcher Orthodoxe nimmt gern von Freigeistern etwas an! Gut nur, daß dieser Freigeist recht wohl wußte, daß zum hoͤlzernen Hermes freilich jeder Klotz schon tauge, aber nicht zu einem Hermes nach der Vorstellung der Alten von dem es hieß: Non fit cx quovis stipite Mercurius! Gut nur, sage ich, daß Friedrich das wußte, und darum es sich nie einfallen ließ, nach Roms Art, seine Privatmeynungen, so koͤniglich sie auch waren, — mit inquisitorischer Gewalt Andern auf- zudringen, und sie auf diese Art zu herrschenden zu machen Dieser große Mann wußte naͤmlich recht gut, daß wenn es eine Offenbarung gebe, diese nur eine moralische Absicht haben koͤnne, und daß jede vorgebliche Offenba- rung, die etwas anders als blos Befoͤrderung der Moralitaͤt zur Absicht hat, gewiß nicht von Gott ist Daher seine ausgedehnte Toleranz fuͤr Kirchen- Systeme: daher seine Maxime: In meinem Lande kann jeder glauben was er will u. dgl. Und daß er hierbei sehr richtig verfuhr, erhellt aus der Absicht jeder Reli- gion, die ihren Grund in der Offenbarung haben will. „Die Endabsicht aller Offenbarung,“ schreibt der Ver- fasser der vorhingenannten kritischen Theorie der Offenbarung — S. 54, „ist die Befoͤrderung der „reinen Moralitaͤt: Moralitaͤt aber ist ganz allein durch „Freiheit moͤglich, und durch keine Art von Gewalt, „selbst durch die Gewalt der Allmacht nicht. — Dem- „nach sind alle gewaltsamen Mittel zur Befoͤrderung „der Moralitaͤt an und fuͤr sich ungereimt. Da nun „Gott zur Erreichung seiner Absichten keine an sich „ungereimten Mittel kann gebrauchen wollen, so ist „jede Offenbarung, die sich gewaltsamer Mittel „auf irgend eine Art bedient, gewiß nicht von „Gott. — Wenn also eine vorgeblich geoffenbarte „Religion sich durch Feuer und Schwert verbreitet „sich durch angezuͤndete Scheiterhaufen behauptet, und „durch irgend eine Gewalt sich ankuͤndigt oder auf- „dringt, so ist der ohnfehlbar getaͤuscht, der sie fuͤr „goͤttlich haͤlt, und das, qui nolunt intrare in ec- „clesiam, fustibus coge, heißt die Religion selbst fuͤr „ungoͤttlich erklaͤren. . Was also einen ansehnlichen Haufen Schlesier noch heut zu Tage, in gewisser Ruͤcksicht, erniedrigt, das erhebt unsern Friedrich ewig. Die Edelleute in Schlesien sind also sehr or- thodox, so wie die geistlichen; und ich erinnere mich noch recht genau, im Jahr 1786 hier in Halle einem gewissen Herrn von Frankenberg Stunden gege- ben zu haben, dem sein Vater ausdruͤcklich befahl, und dies mehr als einmal: ein Collegium uͤber die Dogmatik und eins uͤber die theologische Moral zu hoͤren, aber ja bei Herrn D. Noͤsselt : und doch war Frankenbergs Hauptstudium — Juristerei! Herr D. Noͤsselt ist das Orakel der Schlesier; und wer einen Sohn nach Halle schickt, der empfiehlt demsel- ben, wenigstens die Dogmatik bei ihm zu hoͤren: der habe doch noch Dreifaltigkeit und eine Genug- thuung Jesu — wie wenn Herr D. Noͤsselt nicht Einsicht und Geschicke genug haͤtte, die Dinge so vorzutragen, daß der Buchstaben-Theologe Buch- staben, und der geistige, Geist daraus nehmen koͤnnte. Wer Ohren hat zu hoͤren, der hoͤre, und wer Kopf hat zu fassen, der fasse! Und wenn das je- suitisch ist, dann war auch Christus Jesuit. — Der gute ehrliche Semler stand bei diesen Leuten in sehr uͤblem Ruf. Der haͤtte sich sogar in seinem Werke uͤber den Canon selbst am Worte des Lebens ver- griffen! Herr D. Knapp passirte so halb und halb. Aber niemand ist in Schlesien beruͤchtigter als der arme Bahrdt: den kannten und verfluchten sogar die gemeinen Leute aus den christlich-milden Schilde- rungen ihrer Prediger. Gewiß, wer bei Bahrd - ten Collegia gehoͤrt, oder sonst nur Umgang mit ihm gehabt hat, der darf nimmermehr auf eine Be- foͤrderung in Schlesien rechnen. So tief versteckt steht dort das Licht unter den Scheffeln, und es ist sobald nicht zu befuͤrchten, daß die sogenannte Aufklaͤrung das Gesicht der Schlesier abstumpfen werde. Von Sagan gingen wir durch die Lausitz nach Berlin. Vor Sagan ist das ganze Leiden Christi in steinernen Figuren abgebildet und auf eine Viertel- meile in Stationen vertheilt — ohne Zweifel zur groͤßern Erbauung des hartgedruͤckten Landmanns. Sorau war die erste Saͤchsische Stadt, wo wir Nachtquartier hatten. Hier war der Abstand zwi- schen Schlesien und der Lausitz auffallend sichtbar: denn hier gabs Gartengemuͤß die Menge, und doch war der Sommer hier eben so trocken gewe- sen als dort. Es muß doch viel Fehler in der Nie- dergeschlagenheit der Schlesischen Landleute, und der daher entstehenden Schlaffheit zur Industrie - gen. Wer zur Schadloshaltung sich dumpf in die Ewigkeit hinein bruͤtet, der ist nicht fuͤrs Zeit- liche! — Die Wendischen Meilen, welche in der Lausitz Mode sind, wollten unsern Leuten gar nicht behagen: sie sind beinahe noch einmal so stark als die Schlesischen. In Leskow ließ uns der Herzog Friedrich von Braunschweig , unser Generalissimus, die Patronen abnehmen und sie auf der Spree nach Berlin schiffen. Das war ein großer Vortheil, den uns der vaͤterliche Fuͤrst verschafte: denn nun mar- schirten wir weit leichter, als zuvor. Nicht weit von Berlin hatte ich selbst das Gluͤck, diesem edlen Herrn persoͤnlich bekannt zu wer- den. Ich habe diesen Vorfall schon in der Zuschrift des ersten Theils dieser Biographie erwaͤhnt, und halte ihn fuͤr einen der schoͤnsten meines Lebens mit Recht. Ich muß ihn naͤher beschreiben. Gute Fuͤr- sten findet man doch nicht sehr oft. In Guben , einer huͤbschen Saͤchsischen Stadt, speiseten unsere saͤmmtlichen Officiere bei dem genann- ten Generalissimus. Unter andern fiel das Gespraͤch auf die verschiedeuen Subjecte, welche sich manchmal bei den Soldaten einfanden. Der Herzog selbst er- zaͤhlte, daß er einmal zu gleicher Zeit drei Geistliche von drei Religionen bei seinem Regimente gehabt haͤtte — einen Lutheraner, einen Reformirten und einen Katholiken, der Kapuziner gewesen war. Das hatte meinem Hauptmann, dem Herrn von Man - delsloh , Gelegenheit gegeben, dem Herzog zu sa- gen, daß bei seiner Compagnie sich ein Magister be- finde, der vorzeiten in Halle Collegia gelesen haͤtte. Diese Nachricht war dem Herzog aufgefallen, und er hatte geaͤußert, daß er mich sprechen wolle. Mein Hauptmann gab mir hiervon Nachricht, und ich freute mich, daß ich einen Herrn sprechen sollte, des- sen vortreffliche Eigenschaften mir schon aus vielen Nachrichten bekannt waren, und den ich schon als einen der ersten Menschen verehrte. Er kam an einem Morgen wirklich an die Com- pagnie geritten mit dem Herrn Generalleutenant von Kalkstein . Ich trat aus, und Herzog Friedrich redete mich sehr herablassend an — wie er allerlei Gutes von mir gehoͤrt haͤtte, und nun mich sprechen wollte. Er fragte hierauf bald nach diesem, bald nach jenem, was auf mich bezug hatte, und spaßte nach seiner ihm ganz besonders eignen witzigen Art uͤber mancherlei. Sogar fiel unser Gespraͤch auf den Ruͤbezal , und der Herzog machte sehr treffende Bemerkungen. Unter andern fragte er mich: ob ich Theologie studiert haͤtte, und als ich dies bejahte, laͤchelte er und sagte: „Siehe da, so sind wir ja alle drei Pfaffen: ich als Domprobst, Sie Alter (zum Generalleutenant Kalkstein ) als Domherr, und Laukhard da, als theologischer Gelehrter. Nun, nun die Pfaffen sollen leben, die uns gleichen, und es mit dem Vaterland und dem Koͤnige gut meynen! (Zu mir) Nicht wahr, mein Freund? — Er hatte von meinem Tagebuch gehoͤrt, und befahl mir, ihm einen Auszug daraus in Berlin selbst zu uͤberbrin- gen. Er foderte zwar das Tagebuch selbst; allein so gern ich es gleich hingegeben haͤtte, war es doch nicht so eingerichtet, daß es den Haͤnden eines sol- chen Fuͤrsten haͤtte koͤnnen uͤberliefert werden. Ich sprach beinahe eine halbe Meile mit dem Herzog, indem ich immer neben ihm herging und auf der andern Seite den Generalleutenant von Kalkstein hatte. Endlich kamen wir an ein Dorf und wir mußten uns trennen. „Leb' er wohl, mein Lieber,“ sagte der Herzog,“ und in Berlin sehen wir uns wieder. Aber daß ers ja nicht vergißt, mich zu besuchen! Ich bin Soldat: also Sans façon! “ Darauf ritt er vorwaͤrts, und sein Stallmeister uͤberreichte mir in seinem Namen ein Goldstuͤck. Da stand ich, und das menschenfreundliche Betragen des herrlichen Fuͤrsten hatte mich so entzuͤckt, daß ich vor Freude denen, die jezt mit mir sprechen wollten, kaum antworten konnte. Wahrlich, ich weis es recht wohl, daß Fuͤr- sten Menschen sind, wie ir aber wenn der Mensch durch Tugenden und Vorzuͤge des Geistes sich der Gottheit naͤhern kann: welche Ehrfurcht verdient ein Fuͤrst, der bei allen Reizen zum Stolz, zur Despotie und zur Haͤrte, mitten im Haufen der Schmeichler, Muth genug hat, Mensch zu bleiben und seine wohlthaͤtigen, menschenfreundlichen Gesin- nungen nicht nur Andere fuͤhlen zu lassen, sondern auch an den Freuden Anderer selbst Vergnuͤgen zu finden! — Ueber diese Betrachtung vergaß ich bei- nahe, daß Herzog Friedrich mir Geld hatte ge- ben lassen. Seine herablassende Guͤte beschaͤftigte mich inniger. Und nur diese, Ihr Großen, kostet es Euch, Euch des Wohlwollens Eurer Unterge- benen zu versichern! Erst ein Officier machte mich auf das Geschenk des Herzogs aufmerksam, und rieth mir, etwas zur Ausbesserung und Verneuerung mei- ner Geraͤthschaft anzuwenden, die auf dem Feld- zuge beinahe ganz aufgerieben war. Ich fand seinen Rath gut und befolgte ihn in Berlin. An Struͤmpfen hatte ich besonders gelitten: ich war schon von Merz- dorf aus ohne Socken in den Bloßen Schuhen mar- schiert bis nach Berlin. Im lezten Nachtquartier vor Berlin reinigten wir uns zum erstenmal wieder recht und puzten uns nach ordentlicher Soldaten-Art: denn bisher hatten wirs gemacht, wie wirs gekonnt hatten. Es wurde nicht darauf gesehen und konnte nicht darauf gesehen werden. Doch sahen wir noch immer aus als Sol- daten: nur ein einziger von der Compagnie mußte sei- nen Rock wegen gewisser Insekte wegschmeißen: den Rock hingen die Bursche an einen Baum nicht weit von Kloster Celle in der Lausitz. Aber unser Putz in Buka war unnuͤtz: unterwegs durchnaͤßte uns ein Zweiter Theil. Gg Platzregen bis auf die Haut, und so hielten wir un- sern Einzug in Berlin — nach Studenten-Art zu sprechen — als nasse Prinzen. — Acht und dreißigstes Kapitel. Berlin zum andernmal. Haͤndel mit meinem Wirth. Arrest. Herr von La Roche. Aufwartung beim Herzoge Friedrich . Krankheit. Universitaͤt zu Wittenberg. Endlich wieder Halle. A uch diesmal waren unsere Quartiere in Berlin eben so elend als das erstemal, fielen uns aber jezt, da es schon anfing, unfreundliches Wetter zu werden, weit beschwerlicher. Wir brachten volle fuͤnf Wochen hier zu, und da begegnete mir manches, was ich er- zaͤhlen muß. Daß ich meine Freunde und den oben beschrie- benen Buͤrgerklub besucht, fleißig besucht habe, er- raͤtht man schon. Ich traf noch alles, wie ich es verlassen hatte. Ich bin zwar kein Freund von Zank und Streit und liebe besonders den Hausfrieden: dennoch konnte ich einem Skandal mit meinem Wirth Pasenow , einem Fuhrmann oder Kutscher, nicht entgehen. Dieser Pasenow hatte uns ein unterirdisches Gewoͤlbe zum Aufenthalt angewiesen, wo man schon am hellen Tag Licht haben mußte. Der Gang hinab war so abscheulich finster, daß man die groͤßte Vorsicht noͤ- thig hatte, um nicht Hals und Bein zu brechen. Ueberdies war der Herr Fuhrmann ein geitziger gro- ber Kerl, der uns sogar das Holz zum Kochen ver- sagte, welches er doch zu geben schuldig war. Zu- dem gab er uns taͤglich nur ein Dreierlicht, welches kaum zwei Stunden zureichte. Ich war, wie alle Kameraden, die da lagen, sechs an der Zahl, sehr unzufrieden, und hatte allein das Herz, dem Mei- ster Pasenow vorzustellen, daß er uns besser behan- deln muͤßte. Aber was halfs! So oft ich diese Vor- stellung wiederholte, machte er eine haͤßliche Larve, antwortete grob und ließ mich stehen. Dieses gar- stige Benehmen verdroß mich sehr, zumal da ich hoͤr- te, daß er mich gegen seine Frau als einen großmaͤu- ligen Kerl beschrieben hatte. Hierzu kam noch ein anderer Umstand. Neben unserm Logis wohnte ein Kaufmann, Herr Fischer , bei dem ich des Abends einen Schnapps zur Erfrischung trank. Gewoͤhnlich ging ich erst um 9 Uhr, auch wohl noch spaͤter hin, und so war Pasenows Hausthuͤr oft schon zu, wenn ich zu- ruͤck kam. Er muste alsdann oͤffnen und brummte alle- mal; ich kehrte mich aber an sein Gebrumme wenig. Eines Abends war ich spaͤter, als sonst, von Herrn Fischer zuruͤckgekommen, doch nuͤchtern, wie immer: Pasenow machte auf, und sprach anzuͤglich: ich antwortete eben so, und legte mich, nachdem wir wir uns tuͤchtig herum gekampelt hatten, schlafen. Fruͤh ging ich auf den Hof, mit der brennenden Pfeife, welches in Berlin gar sehr scharf, und das mit Recht, verbothen ist: ich dachte gerade nicht ans Verboth. Pasenow hatte demnach gute Gelegenheit, mit mir rechtscheinlich anzubinden, und mir das Rau- chen auf seinem Hof zu verbieten. Hierbei nahm er sich aber so brutal, daß ich ihn nicht nur einen Fle- gel, Esel u. dgl. schalt, sondern auch, da er Anstalt machte, mich zu maulschelliren, sogar ein Stuͤck Holz ergriff, und ihn damit bis in seine Wohnstube fort- trieb. Er verrammelte indeß die Thuͤre, und seine Madam fing ein so hoͤllisches Zetergeschrei an, daß alle Leute im Hause zusammenliefen. Ich ging ruhig in mein Souteraͤn. Pasenow lief zum Hauptmann, und was sollte der anders thun, als mich in Arrest schicken? Ich kam wirklich auf die Hauptwache, wo ich aber einen Leutenant von dem Kalksteinischen Re- gimente antraf, der mir sehr artig begegnete. Er sprach Latein, denn er hatte studiert, und verstand Mathematik und Geschichte. Sein Name ist mir entfallen: es war aber ein kreuzbraver Mann! Da konnte ich wohl sitzen in so guter Gesellschaft! Ohn- gefaͤhr zwoͤlf Stunden hernach kam ich los, und er- hielt mein Quartier beim Schuster Kirchner in der Baͤrenstraße. Meine neue Wohnung stand zwi- schen zwei Bordellen: auf der einen Seite war Ma- dam Lindemann, und auf der andern eine andere stille Wirthschaft, die man die diamantne Schnalle nannte. Der neue Wirth war ein aͤusserst schnurriger Mensch, alle Tage en canaille besoffen mit allen seinen Hausleuten, seiner Frau, Sohn, Sohnsfrau und Nichte. Eine possirlichere Haushaltung habe ich nie gesehen. Ein Bursche von der Kompagnie hatte gerade gegen uͤber sein Quartier auch in einem Bordelle. Man muß wissen, daß jenes ganze Viertel fast aus lauter Bordellen besteht, und daher das Hurenviertel heißt: es begreift die Baͤren-Franzoͤsische und Ka- nonier-Straße in sich. Der Bursche stand Abends vor der Thuͤr, als ein Kanonier-Leutenant kam, und in dieses Stramhaus — so nannten die Soldaten diese Haͤuser in Berlin — gehen wollte. Er fragte den Burschen, was er da stuͤnde, und ohne seine Antwort abzuwarten, hieß er ihn alsobald reisen. Der Bursche erwiderte, daß hier sein Quartier sey, und daß er sich da nicht wegjagen liesse. Das ver- droß den Herrn Officier so sehr, daß er nach dem Degen griff, und Gerstenbergen , so hieß der Soldat, damit schlug. Gerstenberg sprang fort, und verklagte den Officier, dessen Nane nun bekannt ge- worden war. Herr von Mandelsloh meldete die Sache an den Obristen der Kanonierer, und da mußte der Herr Leutenant sich mit dem Soldaten abfinden, und ihm Abbitte thun. So war es auch schon recht! Die Herren wuͤrden sonst denken, der Soldat sey blos da, sich von ihren naͤrrischen Grillen hudeln zu lassen! Ich hatte das Vergnuͤgen, den Herrn von La Roche , meinen Landsmann, in Berlin zu spre- chen. Dieser rechtschaffene Mann ist ein Sohn des in unsrer Gegend ruͤhmlichst bekannten Rittmeisters von la Roche, des besten Freundes meines Vaters, ein Bruder des Herrn von la Roche , dessen Herr Bahrdt in seiner Lebensbeschreibung III. B. S.144 Man sehe auch meine Beitraͤge zu die- ser Biographie S 105. einigemal Erwaͤhnung thut, der ihm sogar auf seiner Flucht behuͤlflich gewesen ist. Dieser, von welchem ich hier rede, war sonst Major bei der Preußischen Cavale- rie, hat aber nachher seinen Abschied genommen, und lebt jetzt in Berlin als — Philosoph. Er hat ein ganz artiges Vermoͤgen, und kann so fuͤr sich ganz bequem leben, ohne von jemanden abzuhaͤngen. Der vortreffliche Mann hatte von mir gehoͤrt, und ließ mich zu sich bitten. Welche Freude war das, einen wuͤrdigen rechtschaffenen Mann aus meinem Vater- lande zu sehen, aus einem Lande, wo dergleichen leider so selten ist! Und daß ich hier einen so guten Landsmann nennen kann, ist mir jetzt, da ich dieses schreibe, noch immer ein Vergnuͤgen. Ich lobe wahrlich gern, wenn ich etwas finde, das ich loben darf, ohne zu luͤgen: allein nach meinem Vorneh- men, die Sachen zu beschreiben, wie ich sie gefunden habe, mußte ich gar oft scapham scapham, ligo- nem ligonem nennen. Herr von la Roche war vor einem Jahre zu Hause gewesen, und hatte da eben die fatalen Ge- sinnungen meines Bruders gegen mich wohl eingese- hen. Seine Nachrichten daruͤber stimmten mit de- nen meiner andern Freunde uͤberein. — Ich habe einige Stunden recht vergnuͤgt mit Herrn von la Roche zugebracht, und rothen Wein bei ihm ge- trunken, der auf seinen eignen Guͤtern waͤchst, und dem Burgunder nicht viel nachgiebt. Bei meinem Abschied gab er mir, so sehr ich es auch verbath, ein ansehnliches Praͤsent. Maͤnner von der Art soͤhnen uns mit der neckenden Welt wieder aus Indessen arbeitete ich an dem Aufsatz fuͤr Her- zog Friedrich . Ich sezte alles franzoͤsisch auf, haͤtte es aber gern durch einen andern abschreiben las- sen, wenn er mir nicht ausdruͤcklich befohlen haͤtte, alles selbst zu schreiben: denn als ich mich unter an- dern entschuldigte: ich koͤnnte mein Tagebuch, wegen meiner unleserlichen Hand Seiner Durchlaucht nicht uͤberreichen, sagte der unvergleichliche Fuͤrst: „Ich kann alle Haͤnde lesen: was er in Berlin fuͤr mich aufsetzt, muß er selbst auch schreiben.“ — Wie sehr bedaure ich, daß ich in meiner Jugend nicht habe lernen schoͤn schreiben! Mein Aufsatz enthielt einen kleinen Abriß mei- ner Schicksale, und dann einige Anmerkungen uͤber den Schlesischen Feldzug. Ich gab ihm den Titel: Extrait du Journal d'un Mousquetaire Prussien fait dans la Campagne de 1790. Freilich war das Ding mehr als ein bloßer Auszug aus meinem sogenannten Strambuch: es war vielmehr eine con- centrirte Biographie. Nebenbei machte ich ein la- teinisches Karmen auf den Herzog: denn ich wußte, daß er an der lateinischen Poesie Vergnuͤgen fand, und selbst ganz artige Gedichte in dieser fuͤr die Poe- terei gewiß recht schicklichen Sprache gemacht hatte. Herzog Friedrich ist nicht blos ein Maͤcen der Gelehrten: er ist auch ein Kenner der Gelehrsamkeit und der Wissenschaften selbst. Nachdem ich fertig war — ich verschob dieses Geschaͤft absichtlich bis kurz vor unserm Auszug aus Berlin, um nicht zu- dringlich zu scheinen — meldete ich meinem Kapitaͤn, daß ich dem Herzoge einen Aufsatz uͤberreichen wollte. Dieser gab mir der Unterofficier Schaͤffer mit. Schaͤffer dachte, weil er Unterofficier waͤre, so muͤßte er natuͤrlich bei dem Herrn eher zur Sprache kom- men, als ich: er ermahmte mich daher, ja nicht eher zu reden, als bis er fertig waͤre: das schicke sich nicht anders u. s. w. O tempora, o mores! dacht ich und zuckte die Achseln uͤber die Praͤsumtion dieses Herrn Unterofficiers. Als wir das Palais des Herzogs erreicht hat- ten, kam dieser eben von der Parade. Er erkannte mich sogleich, kam auf mich zu, sagte: „Aha, da ist ja mein Gelehrter! reichte mir die Hand, wuͤnsch- te mir guten Morgen, und fragte: hat er den Auf- satz fertig?“ — Ich uͤbergab meine Papiere. „Nun gut!“ fuhr er fort, in einem Augenblick sprechen wir uns weiter.“ — Sofort trat er in sein Zim- mer, aber nach einigen Minuten ließ er mich herein- rufen. „Ich habe, sagte er, schon etwas gelesen: es gefaͤllt mir. Wenn er kuͤnftig was gutes macht, schicke er mirs!“ — Diese Huld des edeln Fuͤrsten machte mir Muth, und ich konnte nun unbefangen mit dem wuͤrdigsten Enkel Heinrichs des Loͤ - wen , des groͤßten deutschen Helden, weiter spre- chen. Unsere Unterredung war nicht kurz. Endlich sagte Friedrich: „Hier, mein Freund, ein Zehrpfen- nig nach Halle! Gott stehe ihm bei, und erhalte ihn gesund!“ Ich empfahl mich dem großen Fuͤr- sten zu Gnaden: er aber erwiederte: „Meine Gunst ist ihm gewiß: sey er ein braver Mann, und dann rechne er auf mich: ich werde ihn niemals vergessen. So schied ich vom Herzoge Friedrich , dem Menschenfreunde, und segnete den beßten Fuͤrsten von Grund meiner Seele. Ich hoffe, daß nun meine Leser einsehen werden, warum ich diese Bio- graphie diesem Fuͤrsten-Muster zugeschrieben habe. In Berlin war bei unsrer Kompagnie ein klei- ner Komplot zur Desertion entstanden. Die Schul- digen wurden als Arrestanten fortgebracht, und be- kamen erst in Halle eine ganz leidliche Strafe. Den letzten Tag ward ich in Berlin krank: ich marschirte aber doch noch den ersten Marsch mit: allein in Detow zeigte sichs, daß ich eine Art von Halsbraͤune hatte. Diese haͤtte sehr gefaͤhrlich wer- den koͤnnen, wenn mir der Feldscheerer Haupt , welcher bei aller seiner Faselei, immer noch fuͤr einen Feldscheerer genug gelernt hat, nicht in vier Tagen siebenmal zur Ader gelassen, und haͤufige Injektionen gemacht haͤtte. Dem heroischen Aderlassen des Herrn Haupt verdanke ich, daß ich damals nicht erstickt bin. Erst vier Tage hernach konnte ich wieder schlucken und reden. Wie abgemattet ich von dem vielen Aderlassen werde geworden seyn, kann man denken, wenn man dazu nimmt, daß ich innerhalb fuͤnf Tagen keinen Bissen Nahrung zu mir nehmen konnte. Unser Weg ging uͤber Treuenbriezen und Witten- berg. Ich haͤtte schon fruͤher eine Beschreibung von dieser aͤchtlutherischen Universitaͤt anbringen sollen, da ich sie schon im Jahr 1782 besucht habe. Ich hab's aber damals vergessen, und will hier nur noch Eini- ges nachholen, um doch diese theure Akademie nicht ganz zu uͤbergehen. Die Theologen in Wittenberg waren 1782 steif orthodox: selbst Herr Schroͤeckh , einer der groͤßten Historiker unsrer Zeit, haͤngt noch stark am alten System, wie seine Schriften, besonders seine Lebensbeschreibungen beruͤhmter Gelehrten auswei- sen, wo er die Fehler und die Bubenstuͤcke ortho- doxer Leute, eines Pfeffingers , Flacius I - lyricus und andrer huͤbsch mit dem Maͤntelchen der christlichen Liebe zudeckt. Christus wußte vom Maͤntelchen der christlichen Liebe nichts, wenn er uͤber die Pharisaͤer und Schriftgelehrten herfuhr: und gerade diese Leute sind es, die es am wenigsten verdienen, wenn sie es gleich am anmaßlichsten fodern. Herr Reinhard ist jetzt zwar ein heller Kopf, aber leider, er darf nicht reden. Die Philosophen dieser Universitaͤt kenne ich gar nicht: weiß auch nicht einmal, obs da Philosophen giebt! Den vortrefflichen Ze e habe ich gekannt: Schade, daß der große Mann todt ist! Der Ton der Wittenberger Studenten ist nicht gar sehr von dem der Gnoten unterschieden: selbst ihre Kleidung ist ziemlich gnotenmaͤßig, Sie treten einher wie Leute ohne Erziehung — a potiori fit de- nominatio — und sitzen den ganzen Tag in den Bierkneipen, wo sie ihren Gukkuk trinken, und Ta- back qualmen, bis keiner den andern mehr sieht. Der Fleiß der Herren Wittenberger soll sehr klein seyn. So viel im Vorbeigehen von Wittenberg. Es sind ohnehin Nachrichten, welche zum Jahr 1782 gehoͤren. Die Sachsen bewirtheten uns, wo wir hinka- men, recht gut. — Unser letztes Nachtquartier war zu Zoͤrbig. Am 10ten Oktober 1790 ruͤckten wir wieder in Halle ein, nachdem wir gerade 18 Wochen und einen Tag abwesend gewesen waren. Herr Bispink kam mir vor der Stadt entgegen, und empfing mich mit aller Freundschaft eines treuen, bie- dern Mannes. Ich mußte sogleich zu ihm kommen; und mit ihm zu Mittag essen. Meine andern Be- kannten waren auch froh, daß sie mich wieder sahen, und ich selbst war froh, daß ein Feldzug geendigt war, der nur muͤde Knochen gemacht hatte. Neun und dreißigstes Kapitel. Neue Lebensart in Halle. Lectuͤre. Dogmatik. Ueber Ge- wissensbisse wider Rousseau. Folgen meiner Besserung. Semlers Tod. I ch mußte nun in Halle freilich meine Stunden wieder anfangen, und diejenigen Scholaren, wel- che von meinen vorigen noch da waren, nahmen meinen Unterricht auch gleich wieder an. Das wa- ren die Herren Kaumann , Muͤller , Segnitz , Wiedt , Wasserfuͤhrer , Jossow und Herr von Wuͤlknitz . Zu diesen erhielt ich bald noch mehrere. Ich kann mich ruͤhmen, daß ich jetzt in meinem Stundengeben weit regelmaͤßiger gewesen bin, als sonst. Allein ich war ja auch in meinem Betragen, in meiner Auffuͤhrung selbst viel regel- maͤßiger und ordentlicher geworden. Der Trunk, meine bisherige haͤßliche Leidenschaft, hatte bei mir um ein merkliches abgenommen. Die freundschaft- lichen Winke und die Unterredungen des Herrn Bis - pinks hatten meine moralische Empfaͤnglichkeit ge- weckt, und mich zu mehr Reflexion uͤber mich und die Folgen meiner Handlungen angeschaͤrft. Hierzu kam der Feldzug, der auch nicht wenig zu meiner wirklichen moralischen Besserung beitrug. Ich lernte immer mehr selbst nachdenken, und fand, daß das Ungluͤck, ich meyne das moralische Ungluͤck, die Ver- stimmung der moralischen Saiten, der fatale Mis- klang der innern Gefuͤhlnerven, und was davon in meinem Aeußern abhing, blos in meinem Leichtsinn und in meinem schwaͤrmenden Wesen zu suchen war. Aus Bosheit hatte ich wahrlich nie gefehlt: dazu hat- te ich wirklich zu viel Leichtsinn und zu wenig Festig- keit des Karakters. Wie kann ein Mensch aus Bos- heit fehlen, der blos fuͤr den Augenblick sorgt, und das Gegenwaͤrtige entweder fuͤr das hoͤchste Gut, oder fuͤr das hoͤchste Uebel haͤlt, und dann nach sol- chen schoͤnen, freilich sehr wirksamen Vorstellungen auch jedesmal handelt? Allein was hilfts dem Un- gluͤcklichen, ob er es durch Bosheit oder durch Leicht- sinn geworden ist! Genug, mein Leben war ein aus- schweifendes zum Theil schaͤndliches Leben, wie meine Leser ja schon von Anfange dieses Buches bis jetzt in beinahe ununterbrochener Reihe von Erzaͤhlungen gesehen haben. Ich sah das endlich nach und nach immer besser ein, und das hatte Einfluß auf meine moralische Genesung. Dazu kam noch besonders, wie ich zum Theil schon oben beruͤhrt habe, eine meinem Zustande an- gemessene Unterhaltung im Lesen. Ich hatte bisher zwar viel, und sehr viel gelesen und behalten. Die meisten alten Schriftsteller, und recht viele neuere waren mir ganz gut bekannt — allein wie hatte ich gelesen? — blos um zu lernen, oder um mich zu zerstreuen! Ich wußte und kannte keinen andern Zweck der Lektuͤre, als Lernen oder Zeitvertreib: an individuelle moralische Anwendung des Gelesenen hatte ich noch nicht gedacht: ja, wenn ich das be- kannte aut prodesse aut delectare haͤtte vorhin er- klaͤren sollen, so haͤtte ich jenes vom Nuͤtzen durch Lehren oder Lernen, dieses vom Unterhalten erklaͤrt. Aber nach und nach aͤnderte sich auch hierin meine Einsicht, so wie mein Geschmack: ich fing an, syste- matisch zu lesen, und waͤhlte hierzu Buͤcher, die mei- nen intellectuellen und moralischen Umstaͤnden und Beduͤrfnissen angemessen waren, oder vielmehr — warum sollt ichs nicht sagen? — gab mir Herr Bispink eine solche Lektuͤre an die Hand, und theilte mir die Buͤcher und Journale aus seiner Lese- bibliothek dazu mit Es giebt mehrere Lese-Anstalten in Halle, welche aber außer ihrer allerhoͤchsten Unvollstaͤndigkeit, indem sie die guten Schriften unsrer Zeit gar nicht haben, noch mit den schaͤdlichsten poͤbelhaftesten Fratzen angefaͤllt sind. Da findet man, wie ich schon einmal erwaͤhnt habe, die abscheulichsten Produkte unsrer unmoralischen faden Skribaxen in Menge. Der unbesonnene leichtsinnige Leser greift freilich am ersten nach solchem Sauzeug, leidet aber großen Schaden fuͤr jetzt und fuͤr die Zukunft. Ich spreche aus Erfahrung. . Es versteht sich schon, daß dieser wohlwollende Mann mir seine Buͤcher unent- geldlich gab: denn haͤtte ich fuͤr jedes Buch, das ich aus seinem Vorrathe gehabt habe, nur einen Sech- ser zahlen sollen, wie viele Thaler wuͤrden das be- tragen haben? Ueberhaupt muß ich hier, zur Nachahmung fuͤr aͤhnliche Anstalten es ruͤhmen, daß Herr Bispink je- den duͤrftigen Landprediger, Schullehrer und Stu- dierenden ganz unentgeldlich Theil an seiner Lesebi- bliothek nehmen laͤßt, und dies ohne langes Nach- forschen nach diesem oder jenem, ja gar mit zuvor- kommender Guͤte und Bereitwilligkeit. „Darf ich jetzt nicht mehr predigen,“ sagte er einst im Spaße, „so moͤgen es statt meiner meine Buͤcher thun: ich bin versichert, es sind recht gute Apostel!“ Und auf diese Art benuzte ich seine Apostel auch, eroͤffnete mir das Verstaͤndniß von moralischer Harmonie und menschlicher Wuͤrde taͤglich heller, spuͤhrte mehr ge- ordnete Thaͤtigkeit bei allen meinen Verrichtungen: mein Fleiß nahm im Halten meiner Stunden zu, mein Unterricht war ordentlicher, deutlicher und gruͤndlicher, und so fing ich wirklich an, der Uni- versitaͤt zu nuͤtzen. Meine Leser belieben aber nicht zu denken, daß ich nun gar auch orthodox geworden sey. Nein! ich behielt meine freie theoretische Vorstellungsart uͤber die intellectuellen Dingen immer, und werde sie auch wohl so lange behalten, als ich sie fuͤr wahr halte, und das werde ich, wie mich duͤnkt, bis an mein Ende thun. Und da man immer von aller po- sitiven Religion, Offenbarung und System nichts halten, und doch die Dogmatik vortragen kann, so uͤbernahm ich es diesen Winter, die Dogmatik mit einigen Studenten zu repetiren, und dies nach dem Compendium des Herrn D. Doͤderleins . Ich schlug hier folgenden Weg ein. Ich erzaͤhlte kurz die Entstehung der Meinung von Offenbarungen uͤber- haupt, und der altjuͤdischen und der nicht weit davon abgehenden christlichen im besondern. Dann zeigte ich aus der Geschichte, wie die in Buͤcher verfaßte Offenbarung nach und nach entscheidendes Ansehn er- halten, und wie man das neue Testament insonder- heit zum Grund aller Christen-Religion gemacht habe. Hierauf schritt ich zur Lehre der heutigen Theologen von der Bibel, und fing an, die Artikel der Reihe nach so durchzugehen und zu erklaͤren, wie es einige Theologen der lutherischen Kirche, z. B. Herr Doͤderlein , Noͤsselt und andere zu thun pflegen. Mir blieb immer mein freies Urtheil un- befangen, und meine Scholaren lernten das, was die Theologen lehren, historisch-dogmatisch: und das war ja der Hauptzweck unsrer Lektionen. Ob die Sachen an und fuͤr sich wahr waren, oder nicht, das Zweiter Theil. Hh ging uns nichts an: ich wenigstens hielt von hundert Saͤtzen allemal 99 fuͤr ganz falsch, und den hunder- sten fuͤr schief. Was meine Scholaren sonst noch da- bei dachten, kuͤmmerte mich nicht. So viel weiß ich aber doch, daß ich einige recht gut zum Examen zu- bereitet habe, welches auch um so leichter ward, da ich jedesmal und zwar auf lateinisch, den ganzen Brast mit allem seinem Anhange von Beweisstellen, wie ehedem, forschweise durchnahm. Meine Vor- bereitungsbuͤcher waren Doͤderleins groͤßere Dogmatik, Schuberts Institutiones Theo- logiae dogmat. und Bahrdts systema or- thodoxum. So beschaͤftigte ich mich auf eine sehr anstaͤndige Art, und meine Herren Scholaren fanden Genuͤge und behandelten mich sehr freundlich. Gaben sie mir gleich keine reichlichen Honorare, so bekam ich doch so viel, daß ich ziemlich auskommen konnte. Ich muß hier besonders den Herrn Baron von Wuͤlknitz ruͤhmen, welcher sich uͤber alle Maaßen freundschaftlich und guͤtig gegen mich bewiesen hat. Ich danke allen diesen guten Leuten fuͤr ihre Liebe! Gute Menschen machen wieder gute Menschen, und ich fuͤhlte immer neue Kraft und Muth, im Gu- ten fortzufahren, zumal, wenn ich den Umgang ir- gend eines rechtschaffenen Mannes genossen hatte. Da sah ich, was auch ich haͤtte werden koͤnnen, und fuͤhlte nun meinen Abstand schmerzlicher. Freilich war ich zu stark verdorben, als daß ich in Allem haͤtte auf einmal gut werden koͤnnen. Gute und boͤse Fer- tigkeiten entstehen nur nach und nach durch wieder- holte Uebungen; und so wenig jemand auf einmal ein Teufel wird, so wenig wird er auch auf einmal ein Engel. Spruͤnge giebt es nirgend, trotz Predigt, Sakramenten, Gnade und Allmacht. Dies erfuhr ich nun auch an mir. Immer leuchteten die Spu- ren der alten Verirrungen hervor, immer wollte meine Sinnlichkeit mit meiner Vernunft davon lau- fen, immer kaͤmpften meine verjaͤhrten boͤsen Ge- wohnheiten wider meine neuen guten Entschluͤsse. Allein absichtlich aufgetragene oder selbst gewaͤhlte Arbeiten ließen mir keine Zeit, auf boͤse Foderungen von der Art zu hoͤren. Auch der Gedanke, daß sich selbst uͤberwinden, der Siege schoͤnster sey, nebst der Hoffnung, durch meine Beschaͤftigung und mein Betragen den Beifall guter Menschen zu verdienen, halfen mir sehr oft, meinen Kampf mit Ehren zu be- stehen. Hierdurch gewann ich allmaͤlig an Selbstge- fuͤhl, Selbstmacht und Selbststaͤndigkeit: und so ge- lang es mir groͤßtentheils, als ein moralisches Men- schen-Wesen zu handeln, und nicht immer als ein ver- woͤhntes sinnliches Thier. Das Gesetz der moralischen Causalitaͤt trat bei mir als geltend wieder ein: meine praktische Vernunft hoͤrte dessen Vorschriften an, und mein Wille ward geneigter, sie zu befolgen. Der Ausspruch des großen Rousseau : „Stre- be nicht nach Besserung, verdorbener Mensch, du machst dir Gewissensbisse!“ traf allerdings auch mich. Ich erblickte immer mehr Scheußlichkeit an meiner vorigen Lebensart, und es entstanden bittere Gewissensbisse, gegen welche aller Glaube an Christi Verdienst und Gerechtigkeit nichts hilft. Ich habe zwar diesen Glauben niemals dawider angewandt; desto mehr aber mich bestrebt, auf dem nun ein- mal eingeschlagenen bessern Wege weiter zu gehen, und die angewoͤhnten Laster, besonders das des Leicht- sinns, und der Versoffenheit zu meiden. Schwer hat das im Anfange freilich gehalten, und nicht sel- ten fiel ich dennoch so, daß ich manchmal mit einem Rausch zu Herrn Bispink , und einmal zum Herrn Professor Eberhard gekommen bin. Herr Bispink that in solchem Falle, als merkte er nichts, und gab mir erst spaͤterhin einen freundschaftlichen Verweis. Auch hatte er die Vorsicht, mich zuwei- len in meinem Quartier zu uͤberraschen, und sich nach dem Fortgang meiner Beschaͤftigung zu erkundigen. Ich liebte und schaͤtzte ihn, und war ihm Dank schul- dig. Um ihm dies in der That zu bezeugen, war ich um so strenger auf meiner Huth, und habe schon uͤber zwei Jahre das Gluͤck gehabt, daß er mich zu Hause staͤts beschaͤftiget und immer nuͤchtern gefunden hat. Die Zufriedenheit, die er daruͤber bezeugte, war mir ein suͤßer Lohn, und spornte mich zum Ausdauern im Guten fernerhin an. Alle Gelage konnte ich indessen nicht ganz mei- den: und wer wuͤrde das fordern! Ich konnte nicht immer ungestoͤhrt zu Hause arbeiten, hatte nicht im- mer mit Studenten zu thun, und den Herrn Bis - pink wollte ich bei seinen Beschaͤftigungen nicht zu oft stoͤhren: also ging ich zu Zeiten und gehe noch auf den Keller , oder in eine andere honette Gesell- schaft, wo ich Leute antreffe, die nicht alle Augen- blicke den lieben Gott, das liebe himmlische Vaͤter- chen, und dergleichen im Munde fuͤhren, oder die sich nicht um alle Stadtmaͤhrlein, um alle Freiereien, Schlaͤgereien, Saufereien und dergleichen bekuͤm- mern. Auf dem Keller finde ich fast immer Leute, mit denen man ein gescheutes Wort sprechen und sich anstaͤndig, auch lehrreich unterhalten kann. Aber die niedrigen Kneipen, die Knochenkammer und an- dere heillose Loͤcher vermeide ich schon seit langer Zeit. Ich schreibe dies blos fuͤr hallische Leser: denn Auswaͤrtige werden an dieser Apologie wenig Behagen finden. Sie wissen, wenn man den Bo- gen zu hoch spannt, bricht er, oder, wie der Latei- ner sagt: Insani sapiens, ferat aequus nomen iniqui So muß dieser Vers gelesen werden, wenn er sein ge- hoͤriges Silbenmaaß behalten soll. Dies hat der Leip- ziger und Carlsruher Herr Corrector an dem Motto zu Wielands Diogenes von Sinope uͤbersehen. Da heißt es: Insani sapiens, aequus ferat nomen iniqui. Ueberhaupt bedaure ich, daß Bahrdt zu fruͤh verstor- ben ist, um sein Vorhaben, nach Art seines Kirchen- und Ketzer-Almanachs auch einen Buchhaͤndler- und Buchdrucker Almanach zu schreiben, auszufuͤhren. Da wuͤrde mancher arme Suͤnder von den Handlangern der Litteratur in seiner Bloͤße erschienen seyn, vorzuͤglich von Seiten der elenden Buchdrucker-Herren. Einige derselben sind so gelehrt, wie mancher Schneidergeselle, und rechnen um ihre Siebensachen nur so halbweg zu machen, auf arme Gelehrte. Diese werden aber so aͤrmlich, und so dummstolz von ihnen behandelt, daß es kein Wunder ist, wenn jene ihre Correcturen u. dgl. nicht besser liefern, als diese ihren Druck liefern. Hier- uͤber zu seiner Zeit ein Mehreres mit Belegen. , Ultra quam satis est, virtutem si petat ipsam! Das heißt: Der Kluge heiße Thor: unbillig der Gerechte, Wenn er auf Tugend dringt, mehr als ersprieslich ist. Gewissensbisse, um noch einmal darauf zuruͤck- zu kommen, sind freilich unangenehm, aber St . Preux bei Rousseau hat Unrecht, wenn er ih- rer wegen nichts von der Besserung eines Ver- dorbenen wissen will. Aus eigener Erfahrung sage ich vielmehr: — Wohl dem, der ihrer noch em- pfaͤnglich ist! Sie sind fuͤr die sittliche Heilkunde das, was der Schmerz einer Wunde fuͤr die koͤrperliche ist. Dieser verraͤtht einen widernatuͤrlichen Zustand, und fodert uns durch seinen wehen Eindruck auf, daß wir suchen ihn zu heben. Ohne seine zweckmaͤßige Einwirkung wuͤrde die Wunde um sich greifen, und endlich Unheilbarkeit und Tod nach sich ziehen. So auch Krankheiten der Seele! Fuͤr Misempfindung, fuͤr Misklang, fuͤr Disharmonie sind wir nicht: Seelen-Toͤne von der Art sind unangenehm, zumal wenn sie selbst verschuldet sind, anhalten und in Harmonie sich nicht aufloͤsen. Und dies ist nicht Kunst, nicht Folge der Erziehung: es ist allgemein, es ist Natur hier, wie da beim Schmerz, wenig- stens Grundlage der Natur, die nach Organisation, Gebluͤt, Clima, Nahrung, Umgang, Beispiel, Er- ziehung, Unterricht, Leserei, Religion, Regierung, und wie die physischen und moralischen Bestimmun- gen alle heißen, von denen die Begruͤndung, Ent- wickelung und Richtung der Charaktere der Menschen- kinder abhaͤngt, freilich unendlicher Modifikationen empfaͤnglich, aber vom hoͤchsten Ideal der Natur — der groͤbern und feinern – als Substrat einer jeden richtigen Vervollstaͤndigung ihrer Individuen einge- richtet ist. Hebt man diesen Zweck aus der Natur heraus, so gaͤbe es einen wichtigen Grund ohne eine entsprechende Folge, und Gott waͤre ein Tyrann, aͤrger als irgend ein Sultan, der nur neckte oder necken ließ, blos — um zu necken. Gewissensbisse sind also ein wesentlich bestimmender Bestandtheil un- serer moralischen Natur, und — ich wiederhole es — wohl dem, der ihrer noch empfaͤnglich ist! Benutze sie, wer du sie fuͤhlst: sie benutzt zu haben, versuͤßt ihr erstes Unangenehme so uͤberwiegend beruhigend, daß es die Muͤhe reichlich lohnt, schon deswegen nach Besserung zu streben. Jede Besserung, so klein sie anfaͤnglich auch ist, ersetzt schon alle ihre Marter. — Und benutzt man sie nicht: sie schweigen darum doch nicht ganz: einmal gewiß legt sich der physische Sturm, und ist man diesem blindlings gefolgt, so tobt der moralische hernach um so aͤrger, aber leider vielleicht zu spaͤt. — Die mitbelohnenden Folgen meines bessern Be- tragens blieben nicht aus. Ich erhielt gleich mehr Achtung meiner Vorgesezten, und ich kann mich ruͤhmen, das Zutrauen meines Hauptmanns und anderer Officiere jezt in ziemlich hohem Grade zu besitzen. Die Herren Sojazinsky und von Drygalsky , welche bei der Kompagnie stehen, haben mir sogar schon manche Gefaͤlligkeit erwie- sen. Auch dieses bestaͤrkt meinen Vorsatz, den einmal gut angetretenen Weg fernerhin gut zu verfolgen. Haͤtte ich nur auch noch das Gluͤck haben koͤn- nen, mir den Beifall und die Achtung des Herrn D. Semlers durch meine Besserung ganz wieder zu erwerben! Allein der edle Mann, dessen Ver- dienste so lange sich im Segen erhalten werden, als wahre Gelehrsamkeit geschaͤtzt und geehrt seyn wird, und dessen gutes edles Herz die Achtung jedes Tu- gendfreundes verdient, starb im Fruͤhling 1791. Glauben Sie mir, meine Leser, auch ich habe an diesem großen Manne viel, viel verlohren! Er hat es gewiß recht gut mit mir gemeint, hat mich gern retten wollen, und hat meine Kenntnisse be- traͤchtlich vermehrt. Ich bin ihm also Dank schuldig, und meine Verehrung gegen ihn, wird erst dann aufhoͤren, wenn die feine Modification meiner Seele, die jetzt denken heißt, sich ver- aͤndern, und in eine andre Form uͤbergehen wird. Daß diese aber laͤnger dauern wird, als die groͤ- bere Organisation meines Koͤrpers, davon bin ich uͤberzeugt. — Ich freute mich damals uͤber den Eifer aller unsrer Studenten, dem großen Mann, dieser ho- hen Zierde der hiesigen Universitaͤt, ein angemessenes Leichenbegaͤngniß zu verschaffen. Semlers Schat- ten verlangte zwar dergleichen Pomp nicht, aber der Pomp war doch ein Beweis, daß unsre akademi- schen Buͤrger die Verdienste dieses großen Lehrers schaͤtzten Als Petrus de la Ramée , oder Ramus , in jener abscheulichen Bartholomaͤusnacht ermordet wor- den war, schleppten die Studenten seinen Koͤrper her- um und trieben ihr Gespoͤtte mit ihm. Der Leichnam des großen Ramus von studierenden Bestien verun- ehrt! Pfuy! Man lese den de Thou . , und ihm ein Denkmal stiften wollten. O moͤchte doch Semler bald wieder in Halle ersetzt werden! Aber ein Semler ist in seiner Art eben so schwer zu ersetzen, als ein Friedrich der Einzige . Halle hat, seitdem ich mich hier aufhalte, viel große, herrliche Maͤnner verloren: einen Gold - hagen , Karsten , Semler , Nettelbladt — o welche Namen! lauter Matadore der Gelehrsam- keit, lauter Maͤnner, welche Epochen in ihrer Wis- senschaft gemacht haben. Es laͤßt sich auf diese großen Maͤnner anwenden, was Curtius Curtii de Reb. gest. Alex. M. L. 10. C. 5. von Alexan- der dem Großen sagt: Illi successor quaerebatur, sed major moles erat, quam ut ullus subire il- lam posset. Dies ist kein schiefer Seitenblick auf unsre Herren Professoren: es ist eine Wahrheit, die kein Mensch, und die Herren selbst als kompetente Richter, am wenigsten in Zweifel ziehen werden. Vierzigstes Kapitel. Haͤndel mit D. Bahrdt und Dreyssig . H err D. Bahrdt hatte im Jahr 1790 angefan- gen, seine Lebensbeschreibung herauszugeben. Anfaͤng- lich sollte Herr Pott in Leipzig die Materialien dazu von ihm erhalten, und sie nach Belieben bearbeiten, wie Herr D. Bahrdt es selbst mit diesem verabredet hatte: beide Herren, die sonst so Herzensfreunde ge- wesen waren, entzweiten sich aber, und nun uͤber- nahm Bahrdt selbst diese Arbeit. Er bewerkstelligte sie im Gefaͤngnisse zu Magdeburg, worein er wegen des beruͤchtigten Dramas, das Religionsedikt benannt, 1789 gesteckt wurde. Jederman war be- gierig, das Leben eines Gelehrten zu lesen, welcher in der Welt so viele und so mancherlei Rollen gespielt hatte. Allein schon beim ersten Bande fanden sich manche Abweichungen von der historischen Wahrheit, nebst Verdrehung und Verfaͤlschung der Begebenhei- ten, und Mangel an Nachrichten uͤber gewisse Ge- schichten, welche der Doktor fuͤr gut gefunden hatte auszulassen, um vor dem Publikum durchaus in ei- nem vortheilhaften Lichte zu erscheinen. Die Bahrd- tische Biographie ist immer ein Meisterstuͤck von ei- ner subtilen Einfaͤdelung der Begebenheiten, welche endlich zu einem wo nicht durchaus vortheilhaften, doch sehr gemaͤßigten Urtheile den Leser fuͤhren muß. Seine guten Seiten — und deren hatte Bahrdt mehrere — stellte er ins vortheilhafteste Licht; seine moralischen Krankheiten aber bemaͤntelte er so artig, daß man, wie er sie und sich stellt, geneigt wird, immer mit Schonung uͤber ihn zu urtheilen. Ich will nur die Geschichte mit seiner Frau anfuͤhren, welche schon in dem zweiten Bande anfaͤngt, und sich am Ende des Vierten mit der Christine endigt. Die Christiniade ist wirklich etwas skandaloͤses; wer aber blos die Bahrdtische Biographie ließt, kann hoͤchstens die Achsel zucken, aber unmoͤglich uͤber den Doktor zuͤrnen. Nach meiner Zuruͤckkunft aus dem Felde kam eben der zweite Band zum Vorschein. Ich las ihn, und merkte gleich, wo Bahrdt hinaus wollte. Es kam endlich der dritte und vierte heraus: und, siehe da, meine Bemerkung traf ein. Ueberall Kunst, uͤberall Verstellung fuͤr einige der Hauptmomente seines Lebens, uͤberall zu viel Licht in diesem Gemaͤl- de: und aus Mangel an Schatten glich es der dar- gestellten Person nicht mehr. Ich theilte meine Be- merkungen dem Herrn Bispink mit, und dieser hatte die Guͤte, sie noch mit einigen Hauptbemer- kungen zu bereichern. Ich wußte zwar, daß Herr Bispink des Doktors Freund war; aber ich wußte auch, daß er Vieles an ihm nicht billigte. Er zeigte die groͤßte Achtung gegen Bahrdts Talent und Schriften, und bedaurte um beider willen, daß er nicht mehr Mann im Leben waͤre. Einmal hoͤrte ich ihn Bahrdten gar ein moralisches Ungeheuer nen- nen, das der Kraft nach zum Herrschen bestimmt waͤre; aber, wie er sie verschwendete, zum Sklaven herabsaͤnke. Das alles wußte ich; dem aber ohngeachtet konnte ich von Herrn Bispink , als Bahrdts Ver- trauten und zugleich Mitverleger von dessen Schrif- ten, wohl nicht fuͤglich erwarten, daß er meine Be- merkungen uͤber ihn und dessen Lebensgeschichte wuͤrde drucken lassen, wenn ich sie auch fuͤrs Publikum be- stimmen wollte. Sie schienen mir indeß wichtig ge- nug zu seyn, um bekannt und verbreitet zu werden, und ich entschloß mich, sie fuͤr irgend einen andern Verleger auszufertigen und sie so dem Publikum mit- zutheilen. Ein Zufall uͤberhob mich der Nuͤhe, die- sen lange aufzusuchen. Ich war naͤmlich m Som- mer des vorigen Jahres in einer Gesellschaft, wo eben von D. Bahrdts Biographie gesprochen wurde. Ich nahm das Buch — es war der dritte Theil — und bemerkte und verdollmetschte so fleißig, daß die Gesellschaft ihre große Freude — wie die Menschen nun einmal sind! — daruͤber ezeugte. In eben diesem Zirkel befand sich der Corrector des Buch- druckers Hendel, Herr Herold . Dieser nahm mich mit auf seine Stube, und sprach also zu mir: Blitz, wenn Sie so alles wissen, so setzen Sie's doch auf: ich schaffe Ihnen einen Verleger. Nur machen Sie's fein derb: je derber desto besser! — Gesagt gethan! Herr Hendel uͤbernahm den Verlag, und so entstan- den die leider der skandaloͤsen Kronik wegen so be- kannten Beitraͤge und Berichtigungen zu Herrn D. Carl Friedrich Bahrdts Lebensbeschreibung , in Briefen eines Pfaͤlzers . Nun ein Wort, ehe ich weiter gehe! die Bei- traͤge haben wirklich grobe Fehler: dahin rechne ich erstlich die vielen und grellen Druckfehler. Ich habe das Werkchen nicht selbst korrigirt: daher sind viele Schnitzer eingelaufen. So steht oft Philantropin, statt Philanthropin: manche Stellen sind so verhunzt, daß man e gar nicht verstehen kann, z. B. S. 61. S. 222 fehlt ein ganzer Absatz, und mehr derglei- chen. De eignen Namen sind vollends hin und wie- der sehr verstellt, z. B. Klokson statt Kloksin, Lu- cerner fuͤr Lucomo, Herr bood fuͤr Herrnbrod. Al- lein das moͤchte noch hi ehen. Die rauhe Burschen- sprache aber, welc e de Greifswalder Recensent mit Recht g tadelt hat, haͤtte muͤssen gemildert seyn. So haͤtten auch viele, von den Kritikern geruͤgte, stu- dentische Ausdruͤcke wegbleiben koͤnnen. Allein ich sollte ja derb schreiben, und in welchem Tone schreibt man wohl derber, als im Burschenton, mit Einmi- schung solcher Woͤrter und Ausdruͤcke, wie die geruͤg- ten sind? Ich weis, daß Mancher blos wegen der derben ungehobelten Schreibart diese Schrift gekauft hat. Es giebt eine Klasse von Lesern, und diese ist bei weitem die staͤrkste, welche einen derben Ton wohl leiden mag, und die nicht so delikat ist, als die Herren Kunstrichter, die freilich auch nicht im- mer die hoͤflichsten sind. Das war aber ein Fehler, den ich gern einraͤume. Fuͤrs andere habe ich auch ohne Noth, blos weil Gelegenheit dazu da war, manche Leute, nicht eben grosse wuͤrdige Maͤnner , in ein sehr unvor- theilhaftes Licht gestellt. Das war Unrecht! In mei- ner eignen Biographie — wenn diese anders voll- staͤndig werden sollte — mußte ich das thun: allein in einer Widerlegung der Bahrdtischen Lebensbe- schreibung waren die Anekdoten vom Herrn Profes- sor Schulz , die weitere Ausfuͤhrung des Karakters des D. Bechtold , die Schilderung des Kanzlers Koch, und andere dergleichen Dinge entbehrlich. Ich sage nicht, daß sie falsch sind: ich bekenne nur, daß sie entbehrlich waren. Aber ich sollte ja derb schrei- ben, und Interesse hinein bringen: so wollt es ja Herr Herold, Herrn Hendels Correktor! Und was giebt einem Buche wohl mehr Interesse, als die Chronique scandaleuse! Freilich muͤßte es nicht so seyn, freilich sollte ein Herr Autor kluͤger als ein Herr Corrector seyn; allein ich bin einmal hierin dem großen Haufen gefolgt. Ich hatte die Bahrd - tische Biographie und Petts Buch vor mir, und beide habens eben so, wo nicht noch aͤrger gemacht. Auf Ritter Zimmermann , Kotzebue , und die politischen Kasperle, Cranz , Schirach und Hoff - mann mag ich mich nicht einmal berufen. Mancher unserer Musketiers ist konsequenter, bescheidener und hoͤflicher als die! — Bessere Muster haͤtte ich aller- dings waͤhlen koͤnnen. Ich gestehe auch, daß man- che Erzaͤhlung, die ich anbrachte, blos vom Hoͤren - sagen herruͤhrte, und folglich nicht hierher gehoͤrte. Zu diesen rechne ich vorz lich die Aeußerung uͤber Herrn Bispink S. 238. Hier schilderte ich ihn — „als einen Mann von sehr rechtschaffenen Grundsaͤ- tzen und einer ganz unerschuͤtterlichen Anhaͤnglichkeit an allem, was man sonst honestum und ae uum nennt; — und doch (fuͤgte ich hinzu) ließ er sich da- zu brauchen, daß er die Madame Bahrdt beredete, zu weichen und Christinen Platz zu machen.“ — Inkonsequent war dies letztere immer, wenn schon gangbare Sage vieler Hallenser: ich haͤtte vorsichtiger seyn und es nicht blos nach dem Geruͤchte in die Welt hineinschreiben sollen: Jenes wußte ich aus Erfahrung; dies — vom Hoͤrensagen: es waͤre also vernuͤnftig gewesen, mehr mir als Andern zu glauben. Billig haͤtte ich Herrn Bispink selbst um Auskunft hier- uͤber bitten sollen, wenigstens schriftlich: denn muͤnd- lich konnte ich es zu der Zeit, als ich das schrieb, nicht, weil er damals zur Herstellung seiner Gesund- heit auf vier Wochen den Brunnen außer den Ring- mauern der Stadt trank. Ich unterließ dies, hielt es indeß fuͤr Pflicht, meine Aeußerung zuruͤck zu neh- men, sobald ich eines Bessern belehrt wurde. Dies ist im Intelligenzblatt der allgemeinen Litte - ratur - Zeitung fuͤr dieses Jahr geschehen. Den Herren Herausgebern dieser Zeitung danke ich fuͤr die unentgeldliche Einruͤckung meines Aufsatzes hiermit nach Schuldigkeit! Wohl uns, daß das Litteraͤr-We- sen noch nicht uͤberall blos merkantilisch ist! — Daß meine Widerrufung Grund gehabt habe, zeigen die Briefe, welche Herr Bispink von Bahrdts Hand uͤber diese ganze Unterhandlung in Haͤnden hat. Einige derselben sind auch in mancher andern Ruͤcksicht wichtig. Ueberhaupt fodere ich den Herrn Bispink auf, einen Auszug daraus dem Publikum vorzulegen. Angemeßnere Aufschluͤsse uͤber einige Hauptpunkte von Bahrdts Leben, Schriften, deutscher Union und Gefaͤngniß-Geschichte findet man nirgends. — Zweiter Theil. Ii So viel uͤber meine Beitraͤge! Allein dies alles abgerechnet, wuͤnschte ich doch, daß der kuͤnftige Bio- graph des D. Bahrdts meine Beitraͤge benutze, den Waitzen von der Spreu absondere: und er wird kei- nen unebnen Beitrag fuͤr die Geschichte dieses gewiß merkwuͤrdigen Mannes finden, besonders was seine Heidesheimer Geschichten angeht. Daß mich uͤbrigens die Recensenten die Revuͤe wuͤrden passiren lassen, konnte ich mir schon im vor- aus an den Fingern abzaͤhlen. Aber mit engbruͤsti- gen Leuten habe ich nicht gern zu schaffen, zumal wenn sie, wie der Vicegott zu Rom, ex cathedra sprechen. Belehren lasse ich mich indeß gern. Doch, um auf Bahrdt zu kommen! Bevor nun diese meine Beitraͤge ins Publikum kamen, sprach man schon in ganz Halle davon. Man hatte Einiges von meinem Manuscript sogar im Gelehrten-Club auf dem goldenen Loͤwen vorge- lesen. Auch die Herren Gelehrten haben ihr Ste- ckenpferd! Konnte es nun anders kommen, als daß auch Bahrdt von meiner Schrift wider ihn er- fuhr! Er erfuhr davon, und erhielt endlich durch einen Zufall gar einen Correcturbogen, naͤmlich den achten. Hier misfiel ihm Vieles und da ergrimmte er hoͤchlich, und verklagte mich bei unserm Genera dem Herrn von Thadden . Seine Klagschrift war voll Bitterkeit, und seine Foderung, daß ich einige Punkte oͤffentlich in den Zeitungen widerrufen sollte, war abgeschmackt: dies weis jeder, der das Kapitel de injuriis et libellis famosis in dem Cri- minalrecht inne hat. Die Gesetze kennen keinen Wi- derruf als den coram judicio: Widerruf in Zeitun- gen ist abgeschmackt: Bahrdt haͤtte keine neuen Criminalgesetze sollen einfuͤhren wollen. Ja, von Bahrdt haͤtte man eine Klage dieser Art gar nicht erwarten sollen. Aber so geht es mit den Morali- sten! Sich — erlauben sie alles und deklamiren ohne Unterlaß gegen die Schaͤrfe der Gesetze — greift man aber sie an, o dann wuͤnschten sie, daß die Gesetze zehnmal strenger und die Richter zehnmal schaͤrfer waͤren! Das ist so der Gang der Moralisten! Bahrdt hatte die uneingeschraͤnkteste Preßfreiheit behauptet theoretisch und praktisch und so ungescheut, daß er selbst Koͤnige nicht schonte. Da aber nun ich ihn tadelte, so foderte er gleich Strafe und Zeitungs- widerruf zur Genugthuung: denn seine Ehre — schrieb er — sey gekraͤnkt! — Allein von Seiten des Regiments war man ge- maͤßigter: man fuhr nicht faktisch zu, wie Bahrdt verlangt hatte: der Herr General gestattete mir Verhoͤr und Vertheidigung. Herr Kreie , der Au- diteur, kommunicirte mir Herrn Bahrdts Schrift, welche ich beantwortete, und diese Beantwortung wurde dem Doktor zugeschickt. Ich hielt ihn fuͤr befriedigt, weil ich weiter nicht behelliget wurde. Er soll aber doch, wie mir Herr Bispink gesagt hat, noch einmal an den General haben schreiben wollen: wenigstens hat Herr Bispink unter dem Bahrdti- schen Nachlaß den Aufsatz dazu vorgefunden. Diese Schrift aber ist entweder nicht eingegeben oder mir nicht mitgetheilt. Freilich haͤtte er den rechten Weg, mich vorm Publikum anzugreifen, vielleicht dereinst eingeschlagen, wenn ihn der Tod nicht verhindert haͤtte. Er ruhe indeß im Frieden, der Ungluͤck- liche! — Auch Herr Dreyßig ließ sichs einfallen, wegen meiner Beitraͤge mit mir anzubinden — ich mey- ne den Dreyßig, welcher an der Post wohnt und da mit Buͤchern, Bleistiften, Siegellack, Silhouetten, Kupferstichen, Zahnstoͤchern, Nadelbuͤchsen, Strick- beuteln etc. etc. etc. handelt. Er hatte waͤhrend des Ab- drucks erfahren, daß ich seiner auch in meinen Bei- traͤgen erwaͤhnt, und die Geschichte erzaͤhlt haͤtte, wel- che er auf dem Bahrdtischen Weinberge erlebt hatte. Dreyßig hatte naͤmlich den Doktor auf eine sehr gro- be Art beleidiget: denn Beleidigung ist es doch im- mer, wenn man das Manuscript eines Andern wider dessen ausdruͤckliches Verboth drucken laͤßt, und durch Jungen gar im Bezirk des widersprechenden Eigen- thuͤmers zum Verkauf herumschickt! — Dafuͤr hatte Bahrdt mit ihm deutsch gesprochen. Dreyßig war grob geworden, und da kam's denn zum Kazbalgen, wobei Meister Dreyßig mit seinem eignen Handstock von Bahrdts Pferdeknecht und von der Christine mit deren Pantoffel so jaͤmmerlich ausgepruͤgelt wurde, daß er schrie und winselte, wer weis wie sehr. Diese Schnurre hatte ich dem wahren Hergange nach be- richtet, und Mosjoͤh Dreyßig ließ es sich einfallen, diese Stelle unterdruͤcken zu wollen. Er kam also in Herrn Hendels Druckerei, wo ich eben auch gegenwaͤrtig war, und hier ist unser Gespraͤch: Dreyssig : Hoͤren Sie, Liebeler , (so hieß der Setzer der Beitraͤge) Sie sollen die Passage in Laukhards Schrift auslassen, welche da von mir vor- koͤmmt — hat Herr Hendel gesagt. Liebeler : Wo hat das Herr Hendel gesagt? Dreissig : An der Post, wie er eben aufstei- gen wollte. Liebeler : Ei, das ist gelogen! wenn Herr Hendel das haͤtte haben wollen, so wuͤrde ers wohl selbst gesagt haben: er war erst noch vor kur- zem hier! Dreyssig : Er hats, hohl mich der Teufel, gesagt! Ich : Und wenn er's auch gesagt haͤtte, dann soll und kann die Stelle nicht wegbleiben! Dreyssig : Das geht Sie eigentlich gar nichts an! Herr Hendel kann auslassen, was er will. Ich : Ei, seht doch, Auslassen! Das Ding ist censirt, und da darf nun nichts ausgelassen oder geaͤndert werden: verstehn Sie das? Dreyssig (protzig): Ich will der Hacke schon einen Stiel machen! ich gehe zum Censor, und dann soll das Pasquill schon wegbleiben! Ich : Hoͤren Sie, sprechen Sie nicht von Pas- quill! Ist etwa die Begebenheit nicht wahr? Haben Sie etwan Bahrdts Zettel nicht unrechtmaͤßiger Weise und wider Ihr gegebenes Ehrenwort abdru- cken lassen? Haben Sie nicht des Pferdeknechts schwere Hand, und Christinens schmutzigen Pantof- fel gefuͤhlt? Haben die Jungen ihre — Mamsells nicht von Bahrdts Weinberge weggejagt? Haben die Studenten Sie nicht als einen armen Suͤnder von der hohen Bruͤcke zu Bahrdten unter allerhand Beschimpfungen zuruͤck gefuͤhrt? Haben Sie da nicht im geschlossenen Kraise, und zwar auf den Knieen, Ihre Insolenz dem Doktor und den Stu- denten abbitten muͤssen? Haben Sie ihre endliche Befreiung und Sicherheit nicht selbst Bahrdts Fuͤr- bitte bei den Studenten zu danken gehabt? Ist das nicht alles wahr? Und kurz, Liebeler, Du laͤßt die Stelle stehen, wie sie steht: Herr Professor Sprengel hat sie censirt. Dreyßig war haͤßlich erboßt, und lief unter Flu- chen und Drohungen fort, und die Jungen in der Druckerei lachten hinter ihm drein. Einige Stun- den hernach konstituirte er mich von neuem, spannte aber jetzt sehr gelinde Saiten auf, und bat ganz er- gebenst um Weglassung des Vorfalls. Ich versicher- te ihn aber, daß ich dieses nicht koͤnnte. Herr Hen - del hat, sagte ich, die Handschrift gelesen, und hat von Weglassen nichts erwaͤhnt, bezahlt hat er mir auch. Soll ich nun dem Buͤchelchen seinen Werth durch Weglassung unterhaltender und den groͤßten Theil der Leser anziehender Stellen verschlechtern und dem guten Manne seinen Gewinn schmaͤlern? Ueberdem muͤßte er von der christlichen Billigkeit einen heidnisch unbilligen Begriff haben: denn sonst muͤste er auch das fuͤr sich angemessen finden, was er so oft und so famoͤs an Andern praktisirt haͤtte. Er haͤtte ja ordentlich in der Stadt herum spionirt und herum spioniren lassen, um nur die Schwaͤchen, oft gar physische, an einzelnen Personen und ganzen Familien auszuspaͤhen: und haͤtte er etwas etdeckt, fluchs haͤtte ers von seinen Helfershelfern auf eine haͤ- mische Art in seinem beruͤchtigten Wochenblatte auf- mutzen lassen, bis endlich die Obrigkeit ihm das Handwerk gelegt haͤtte. Was er demnach von sei- ner Seite fuͤr Andere recht gefunden haͤtte, das muͤßte er von der Seite Anderer nun auch fuͤr sich recht finden. Er haͤtte ja nicht einmal diejeni- gen geschont, von deren milden Guͤte den Seini- gen eine Unterstuͤtzung zufloͤsse. Kurz, ich koͤnnte ihm nicht helfen: auf einen solchen Klotz gehoͤre ein solcher Keil! — Dreyßig machte sich nun an Liebeler, den Se- tzer, und brachte es bei diesem dahin, daß ohne des Censors und meine Einwilligung Manches wegblieb, und mein Bericht nun so verstuͤmmelt erschien, wie er jetzt in den Beitraͤgen S. 247 vorkoͤmmt. Ich hatte Dreyßig einen omnis homo , ein mo- bile perpetuum genannt, und das war auch ge- strichen, auch die Beschreibung jener beiden Mam- sells, welche er bei der Tragikomoͤdie auf Bahrdts Weinberge bei sich gehabt hatte u. dergl. Diese Vermessenheit verdroß mich allerdings: allein da Liebeler ein guter Mensch, und einer meiner laͤngst erprobten Freunde war, so beschwerte ich mich nicht hoͤhern Orts. Herr Hendel hatte auch zu Dreyßigen gar nicht gesagt, daß die Stelle weg- bleiben sollte. Es war Dreyßigs Luͤge, und wei- ter nichts. Nachher, als die Beitraͤge erschienen, kursirten sie natuͤrlich fleißig unter den hiesigen Studenten, welche dann den saubern Herrn unbarmherzig aufzo- gen. Dreyßig schimpfte nun zur Schadloshaltung auf mich ein wenig à la Dreyssig , nannte mich einen Skribar, elenden Sudler, — bei dem er wohl leicht noch ein wenig in die Schule gehen koͤnnte, um das suum cuique und dann etwas Orthographie so fuͤrs Haus zu lernen — verdorbenen Exmagister, Freundlein Laukhardchen u. dergl. Dies sagten mir die Studenten wieder, und ermunterten mich, an Meister Dreyßig Revanche zu nehmen. Allein was sollte ich mit dem Menschenkinde machen? Ihn schimpfen? oder gar durchhauen? das brach- te mir keine Ehre. Kurz, ich lachte uͤber die laͤp- pischen Sottisen des laͤcherlichen Menschen, und ließ es gut seyn. Wer Meister Dreyßigen kennt, der weis auch, ohne daß ichs ihm sage, daß er ein seltsames Stuͤck von Menschen ist, der sich alle Augenblicke prosti- tuirt. Er macht Spekulationen, die alle so laͤppisch herauskommen, daß es zum Erbarmen ist. Er nimmt es sich sogar im Preußischen heraus, auf eine plumpe Art, den Nachdrucker zu spielen. Kaum erscheint in Leipzig, Nuͤrnberg oder sonstwo irgend ein Ge- sellschafts-Spiel oder eine Sammlung von Raͤth- seln, Fragen u. dgl. — den Augenblick nimmt er — unter getreuer Assistenz seiner Schmieraxe — diese oder jene Veraͤnderung damit vor, laͤßt es frisch weg nachstechen und nachdrucken, und sezt sich durch dieses noble Handwerk in die Klasse jener Buͤcherdiebe her- ab, welche in Reutlingen, Karlsruhe, Wien, Fran- kenthal, Straßburg, Tuͤbingen und anderwaͤrts den rechtmaͤßigen Verlegern ihren Verdienst schwaͤ- chen, und der Erwerbsamkeit den meuchelmoͤrderischen Dolch an die Kehle setzen. Wie uͤbrigens Meister Dreyßig so ganz unbe- rufen bei jeder Gelegenheit sein Publikum zu aͤffen sucht, davon gab er neulich bei Bahrdts Abster- ben eine koͤstliche Probe. Die letztern Umstaͤnde die- ses gewiß merkwuͤrdigen Mannes, auf den das ganze Publikum schon so lange her aufmerksam gewesen ist, verdienen allerdings, von einer guten Feder beschrie- ben zu werden: allein von einer ganz andern, als die des armseligen Stuͤmpers — Dreyßigs ist. Indessen ließ er doch — natuͤrlich fuͤr sein Publikum, den Poͤbel — einen Wisch drucken, dem er — vor selbst eigner lauter Unruhe — den Titel gab: „ D. Bahrdts unruhiges Leben und schmerzvoller Tod.“ — Das Ding war wie alle Dinger von der Art, in den Bierschenken, Kneipen und Gela- gen so recht zu Hause. Wer Einsicht und Geschmack hat, nahm keine Notiz davon. Statt des Mottos steht ein Citat aus dem Sirach , wo dieser Mann so nach seiner Art, derb genug von den schaͤdlichen Fol- gen der Hurerei spricht. Das soll sich nun auf Bahrdts Lebensart beziehen! Der gute Dreyßig muß doch in der Folgenkunde dieser Art ziemlich be- wandert seyn: denn — nur der Dieb sieht uͤberall Diebe, — wie es im Moͤnch von Libanon heißt: auch deuten die Recensenten des gruͤnen Mannes auf etwas aͤhnliches in Ruͤcksicht seiner Berichte: uͤber — Bordelle. Uebrigens ist das Ding, so klein es auch ist, doch aͤusserst nachlaͤssig und schlotrig geschrieben, daß man es ohne Ekel nicht lesen kann. Dreyßig hatte auch gar keine naͤhere Nachrichten; denn zu Bahrdten selbst durfte er nicht kommen: Clarens Faust und Christinens Pantoffel scheuchten ihn da weg: und andere Freunde des Doktors sahen das Menschenkind nur uͤber die Ach- sel an. Zuverlaͤssige Auskunft konnte er also nicht geben, und nun sudelte er so hin, was er vom Hoͤ- rensagen des Poͤbels und seines Gleichen hatte. Man kann daher leicht denken, wie sein Wisch ge- rathen mußte. Von sich selbst spricht er indeß in sehr hohem Ton, und wundert sich hoͤchlich, daß man seine Verdienste verkenne, und ihn, wer weiß, wozu! noch immer nicht mache. Ich den- ke gar, er will das Privilegium haben, ausschließ- lich mit Pfeifenspitzen und Zahnstoͤchern zu han- deln! — Wie wichtig aber Meister Dreyßigen der Wisch uͤber Bahrdts Tod habe vorkommen moͤgen, sehe ich aus dem diesjaͤhrigen hiesigen Intelligenzblatt St. 45. Hier berichtet er auf die abgeschmackteste Art: daß der genannte Wisch allein bei ihm, und nicht auch beim Buͤcherverleiher Bispink zu haben sey. Dies ist so ein Seitenblick nach dreyßigscher Manier! Der gute Mann haͤtte aber bedenken sollen, daß Herr Bispink zu viel Einsicht, Geschmack und Achtung gegen sein Publikum hat, als daß er es sich auch nur aus der Ferne je sollte beigehen las- sen, Wische von der Art aus dem dreyßigschen Scho- felarchiv zum Lesen aufzustellen. Herr Bispink ist indeß uͤber dergleichen Kleinigkeiten hinaus und wuͤr- diget sie nicht einmal eines Seitenblicks: ich aber habe mich uͤber die Impertinenz des Menschen nicht wenig geaͤrgert. Daß Herr Bispink Buͤcher ver- leiht, und recht ausgesuchte neuere verleiht, und da- durch die Luͤcken der hiesigen Universitaͤtsbibliothek ersezt, ist wahr ipso facto: er fuͤhrt ja die hiesige akademische Lese-Bibliothek. Daß er aber auch noch andere wichtigere Verrichtungen hat, daß er Gelehr- ter und Buͤcherverleger ist, und als solcher weit an- sehnlichere Werke ins Publikum foͤrdert, als Dreys- sig, ist auch wahr. Warum mußte denn Meister Dreyßig sich blos am Buͤcherverleihen halten? Wenn nun jemand — nach eben diesem Zuschnitt — den einseitigen Dreyßig so geradehin einen Zahnstoͤ - cher - oder Schweinebuchshaͤndler nennen wollte, weil er unter andern Kleinigkeiten auch mit Zahnstoͤchern und einem Buͤchelchen uͤber die Schwei- ne handelt: da wuͤrde er seine dreyßigsche Majestaͤt gewiß hoͤchlich beleidigt finden, zumal er ja auch Sie- gellacks-Lichtputzer-Federkiel-Lorgnetten- und Neu- jahrwuͤnsche-Haͤndler ist! So viel von Meister Dreyßig: und so viel soll auch meine Genugthuung seyn fuͤr seine Schimpfe- reien auf mich: fuͤr seinen Scribax, Sudler, Ex- magister, Freundlein Laukhardchen und andere Aus- faͤlle des gruͤnen Mannes. Aber halt! Bald haͤtte ich ja vergessen, daß Herr Dreyßig ein Wochenblatt vom Hallischen Carcer — bis zum drikten Stuͤck — herausgegeben hat, und daß eine andere Wochen- schrift, die er mit Huͤlfe seiner Mamsells besorgte, wegen ihres großen Elends und wegen vieler, laͤppi- scher, ehrenruͤhrischer Anzuͤglichkeiten, wie ich vor- hin erwaͤhnte, ist verbothen worden. — Meine Le- ser moͤgen mir diese Digression zu gute halten: ich dachte, ich muͤßte sie doch mit dem gruͤnen Mann , d. i. mit Herrn Dreyßig naͤher bekannt machen. Mehr Auskunft uͤber diesen Prinzen findet man in der allgemeinen Litteratur-Zeitung und der allgemeinen deutschen Bibliothek, da, wo die Scho- feleien des gruͤnen Mannes recensirt sind. Sein verkupferter Kopf sieht wohl auch eben so gruͤn aus inwendig, als auswendig in Halle der rothe Thurm als ein Paar edle Bruͤder! — Zum Beschluß moͤchte ich noch erinnern, daß die Buhlerinnen von Athen nicht die einzigen waren, welche das Bereuen theuer verkauft haben. Friedrich Christian Dreyßig handelt zu Halle, neben der Post, mit eben der Waare: zuerst bereuet man, etwas aus seinem Scho- felarchiv gelesen, und dann noch mehr — etwas daraus gekauft zu haben. Aber — wie das Huhn, so das Ey, und — auf einen solchen Klotz gehoͤrt ein solcher Keil! Ein und vierzigstes Kapitel. Meine jetzige Lage. Gesichtspunkte fuͤr die Beurtheiler meiner Geschichte. I m vergangenen Winter gab Herr Bispink die Buͤcherverlagsverbindung auf, in der er seit 1788 mit Herrn Francke gestanden war. Wenn ich hier- uͤber weiter nichts sage, und die vielen und wichtigen Gruͤnde nicht beruͤhre, welche den Herrn Bispink dazu bestimmt, ja genoͤthigt haben; so geschieht es aus Ruͤcksicht auf seine ausdruͤckliche Bitte, diese ganze Sache, bis zur Herausgabe seiner Lebensge- schichte, auf sich beruhen zu lassen. Großmuͤthig ist das in der That! Denn — Verunglimpfungen Anderer durch allerhand Kunstgriffe ..... kaltblu- tig zuzusehen, ohne uns einmal zu ruͤhren, wenn es gleich etwas leichtes seyn wuͤrde, unsern Gegner durch seine eigne Tollkuͤhnheit jeden Augenblick recht empfindlich zu zuͤchtigen — ist wohl mehr, als die Sache kleiner, rachsuͤchtiger Seelen. Aber — Herr Bispink ist ein Stoiker. Ich hatte die Freundschaft dieses guten Man- nes, der Broschuͤre wider Bahrdt ohngeachtet, Zweiter Theil. Kk immer behalten. Zwar haͤtte Herr Bispink boͤse wer- den koͤnnen, da ich eine Begebenheit, die ihn betraf, zwar nicht ihm zum Nachtheil, auch nicht aus Er- dichtung, aber doch nicht so, wie sie eigentlich war, vorgestellt hatte. Allein Herr Bispink nahm von dem Dinge keine Notiz, und blieb nach wie vor mein Freund. Ich entdeckte ihm, in seiner neuen Lage, mein Vorhaben, meine Lebensgeschichte zu schreiben, und zeigte ihm den Plan an, den ich befolgen wollte. Er billigte ihn, und versprach, den Verlag davon selbst zu uͤbernehmen. Ich fing also an, zu arbeiten, und gegenwaͤrtiges Werkchen kam, troz der Exerzierzeit, in vier Monaten zu Stande. Ob es dabei dem Pu- blikum nun auch das seyn werde, was ich gern wollte, daß es seyn moͤchte, muß erst die Zeit lehren. Zwar werden die Herren Recensenten eben nicht uͤberall gut darauf zu sprechen seyn; denn ich habe Manches von den Universitaͤten und den Universitaͤtern gesagt, das ihnen schwerlich behagen wird. Wie koͤnnte ich z. B. auf Unpartheilichkeit in Goͤttingen rechnen, da ich einen Leß und Puͤtter nicht zum ruͤhmlichsten geschildert habe! Hier mich ohne Winkelzuͤge loben, hieß ja mein Urtheil uͤber diese Herren bestaͤtigen: und dazu wissen die Herren Gelehrten, — auf einen aͤhnlichen Nothfall, — fuͤr einander zu gut zu le- ben. Die eine Hand waͤscht die andere, ist so das alltaͤgliche Sprichwort: und fuͤrs Alltaͤgliche hat auch mancher Recensent Empfaͤnglichkeit. Ich ken- ne diese Art von Etikette, und erwarte von den Tribunalen aͤhnlicher Gelehrten-Fabriken das Aehnliche. Nun steht mir ein harter Stand vor, indem unser Regiment bestimmt ist, mit an den Rhein zu gehen, um die Inkursionen zu verhindern, womit die Neufranken dem Kaiser gedroht haben. Ich fuͤhle schon im voraus, daß ich da manche un- angenehme Stunde haben werde: allein es ist meine Pflicht, sie zu uͤbernehmen, und was Pflicht ist, muß einem nie als boͤse vorkommen. Non est virtutis — sagt Herr Bispink Fragmenta psychologico-mor. pag. 26. — bene jussum dicere: Nolo! Turpis erit miles, qui Regis jussa subit vi. Et tu talis eris, mala si patiare coactus: Sponte feras isthaec; quae si fers sponte, trium- phas ... Stat Sapiens et in aerumnis manet usque beatus: Infringit sortem, sed ab hac non frangitur ipse: Occidi poterit, non vero vulnere laedi! Das heißt auf deutsch: Der Feige flieht den Kampf, troz rechtlichem Befehle. Veraͤchtlich ist der Mann, der nothgedrungen folgt: Auch du wirst solcher seyn, wenn Zwang dich leiden lehrt: Freiwillig dulde du; nur dadurch wirst du Sieger! .. Er steht — der weise Mann, im Ungluͤck staͤts noch gluͤcklich: Er lenket das Geschick; ihn selbst beugt dieses nie: Erschlagen kann man ihn; doch nicht durch Wunden kraͤnken! Uebrigens habe ich den festen Vorsatz, immer nach mehr moralischer Besserung zu streben, und wenn nicht noch ganz gut zu werden, doch der mo- ralischen Vollkommenheit so nahe zu kommen, als es mir moͤglich ist. Ich habe doch gefunden, daß man, so man nur will, manche Unart ablegen kann: wa- rum sollte ich mit der Zeit nicht alles wieder gut ma- chen, was die lange Uebung in Possen und Aus- schweifungen verdorben hat? Ob aber auch meine Lage sich so in koͤrperlicher Hinsicht und im aͤußern Verhaͤltniß verbessern werde, muß das Schicksal ent- scheiden, da es nicht ganz von mir abhaͤngt. Ich fuͤhle nun zwar auch wieder Menschen-Wuͤrde, und fuͤhle recht gut, daß ich in einem andern Zustande, in einer andern Lage, mehr nuͤtzen koͤnnte und nuͤtzen wuͤrde, als ich im Soldatenstande kann; allein es mag mir in Zukunft ergehen, wie es will, ich werde zufrieden seyn und mein Schicksal preisen, daß es mir nicht noch viel schlimmer geht. Meine Verir- rungen waren wirklich zu grob, als daß ich murren sollte, wenn unangenehme Stunden eintreten. Jezt ist meine Zufriedenheit mit meinem Zustande nicht mehr Leichtsinn oder Fuͤhllosigkeit, wie sonst: es ist Resultat mancher ernsthaften Reflexionen, welche ich uͤber das menschliche Leben im Allgemeinen und uͤber das meinige im Besondern angestellt habe. Diese Reflexionen belehrten mich, daß nur gedruͤcktes, unerkanntes Verdienst sich beklagen darf, wenn es ihm nicht geht, wie es sollte; nicht aber ein Mensch, der sein Gluͤck durch seine Verirrungen auf die schaͤndlichste Art von sich ge- stoßen hat, wie ich. Meine Unfaͤlle haben mich indeß sehr biegsam gemacht, so, daß ich gar — wenn ich will — die oftmals weitgehenden Grobheiten Anderer, auch schlechter Leute, vertragen kann, ohne den Gedan- ken, mich zu raͤchen. Ich bin mit allem zufrie- den, bin auch gegen jederman dienstfertig: daher ist auch jeder mit mir zufrieden, und ich habe wenigstens bei unserm hiesigen Militaͤr lauter gute Freunde. Leid thut mir es uͤbrigens, daß ich meine hie- sigen Freunde verlassen muß: verlassen den biedern deutschen Bispink , den Herrn Cand. Buͤchling , Verfasser einiger mit Recht gelobter philologischer Schriften, auch einen von denen, die mir viel reelles Gute erwiesen haben: die Herren Studenten, welche mich mit ihrer Freundschaft beehrt haben und meine Scholaren zum Theil gewesen sind, die Herren Kau - mann , Muͤller , Wohlers , Richter , Gruel , Bauer , Krause und mehr andere junge hoff- nungsvolle Maͤnner mit biederer Seele: alle diese verlasse ich mit Unlust und Schmerzen. Allein wer kann gegen das leidige Oportere! Sollten meine lieben Leser kein Misfallen an meiner Biographie finden: sollte diese vielleicht ihrer Aufmerksamkeit und ihres Beifalls nicht ganz unwuͤr- dig seyn; so werde ich ihnen, wenn ich lebe, mit der Zeit die Folge meiner Begebenheiten darlegen. Ich hoffe ihnen alsdann viel mehr Gutes und Angeneh- mes sagen zu koͤnnen, als jezt und dies in einem an- gemeßnern Ton, als der studentische zuweilen hier ist. Ich weiß wirklich keinen, der so, wie ich, sich ohne alle Maske hingestellt haͤtte: dadurch rechne ich auf die Freundschaft des kluͤgern und unpartheiischen Publikums, und bekuͤmmere mich nicht um den Tadel und den Unwillen Einiger, denen ich et- was nahe getreten bin. Und eben daher glaube ich, daß mein Publikum es nicht ungern sehen wird, wenn ich zu seiner Zeit mit einem Nach- trage herausruͤcke. Außerdem habe ich mir vorgenommen, ein Ta- gebuch auf dem bevorstehenden Marsch zu halten: finde ich viel Merkwuͤrdiges, so theile ich dereinst einen Auszug daraus mit. Gute Leute kommen uͤberall gut bei mir durch, und was nicht gut ist, und es nicht von selbst werden will, dem mag eine Neckerei von meiner Art zur Beschaͤmung oder zur Besinnung eines Bessern dienen: die uͤbrigen moͤgen sich daran spiegeln und sich huͤten, nichts Boͤses zu thun, um sich nichts Boͤses nachsagen lassen zu muͤssen. Ich habe gesagt: daß ich keinen wuͤßte, der so, wie ich, sich ohne alle Maske hingestellt haͤtte. Ich denke, man wird davon uͤberzeugt seyn. Ueberwin- dung hat dies um so mehr gekostet: da ich troz allen meinen Verirrungen noch Mensch genug bin, das Schaͤndliche meines Betragens einzusehen und nebst bitterer Reue tiefe Schaam zu empfinden, nicht nur vor Andern, sondern auch wieder vor mir. Mein Sturm hat sich gelegt: und nun sehe ich ein, was er zertruͤmmert und zerruͤttet hat. Es be- trifft meine innere Personalitaͤt, und da schmer- zen Wunden tiefer. Mein aͤußeres Gluͤck ist auch dahin! — Moralisirt habe ich selten: ich schrieb vorzuͤg- lich fuͤr die akademische Jugend; und diese haͤlt vom Predigen wenig. Ueberhaupt hoͤren und sehen nicht einmal Koͤnige gern, was ihre Sinnlichkeit ein- schraͤnkt, zumal die Koͤnige auf Akademien nicht. Da- her so sparsam moralische Imperative! Die uͤbrigen Bemerkungen moͤgen die Ganglienen meiner Ge- schichte seyn fuͤr Denker von allerhand Art. Moͤch- ten sie doch viel Gutes stiften! — Ich schrieb fuͤr die akademische Jugend vorzuͤg- ich — sagte ich vorhin: daher die eigene Art von Anlage, Ausfuͤhrung und Ton. Alles rasch, vieles studentisirt, burschikos und Einiges gar renommi- stisch. Das Familiaͤre, dachte ich, das Aehnliche gleitet bei seines Gleichen mit minderem Widerstand herab: — und das wollte ich, damit das Ganze am Ende seinen Stachel desto tiefer und sicherer zu- ruͤckließe. Habe ich hierin gefehlt, so war es ein Fehler meiner Einsicht aus Erfahrung; nicht meines Willens. Irren wuͤrde gewiß der, welcher aus dem allen folgern wollte, daß ich noch immer Behagen an meinen Verirrungen finden muͤßte. Du lieber Gott, Behagen an dem, was mich ungluͤcklich ge- macht hat! was mich jezt mit der bittersten Reue zuͤchtiget, was mir gewiß immer zur quaͤlendsten Zu- ruͤckerinnerung dienen wird! O, es war keine Kleinigkeit, da im Studenten-Ton zu schildern, wo gepreßter Kummer mein Herz oft zerriß, und mich zuweilen, vorzuͤglich bei Nachrichten uͤber meinen biedern, edeln Vater, noͤthigte, die Feder hinzule- gen, um mein Inneres zu luͤften! Es ist etwas Schroͤckliches um ein Gespenst in der Seele! — Und daher Du, Juͤngling, mit feuriger, rascher Seele, der Du vielleicht auf eben dem Pfade herum- schluͤpfst, auf dem mich — das Ungluͤck erhascht und zum Sklaven meines Irrsinns gemacht hat, Dich beschwoͤre ich bei Allem, was Dir lieb ist, fasse meine Geschichte recht ins Auge, entkleide sie von ihrem studentischen Vehikel, erwaͤge meine Fehltritte Schritt fuͤr Schritt — vorgezeichnet sind sie getreu und lebhaft genug dazu — fuͤhre sie auf ihre Ursa- chen zuruͤck, betrachte ihre Folgen fuͤr mich, die Mei- nen und den Stand, fuͤr den ich zunaͤchst bestimmt war: — und schaudert Dich dann vor dem Stand- ort, worauf Du mich endlich in der blauen Uniform erblickst: — dann, Freund, geh ein wenig ich Dich! dann denke: — So gehts, wenn man leichtsinnig in den Tag hineinlebt, wenn man sich an Renommi- sten anschmiegt, bei Gelagen den Vorrang im Sau- fen erringen will, in Ordensverbindungen sich ein- laͤßt, kindisch heroisch sich herumtummelt, die aka- demische Freiheit bis zur Sittenlosigkeit ausdehnt, auf Eltern, Freunde und gutmeinender Menschen Rath, Warnung und Bitten nicht achtet, Ehrgefuͤhl ab- stumpft, luͤderlich ausschweift, wenig lernt, Schul- den anhaͤuft, allgemeine Verachtung verdient, allen Anspruch auf Befoͤrderung verscherzt, und leider end- lich der Welt zur Warnung, und sich und den Seinen zur druͤckenden Last und Schande kuͤmmerlich herum- irrt. Dies, dies, Freund, sey ein Wort ans Herz gelegt: und, hier meine Hand, Du laͤssest es Dir wohlmeynend gesagt seyn! Worauf Eltern, Erzieher und Lehrer bei meiner Geschichte zu sehen haben, um sie auf diese oder jene Art fuͤr ihre Kinder und Zoͤglinge zu benutzen, das sey der Einsicht eines jeden von ihnen uͤberlassen: Data und Winke enthaͤlt sie ge- wiß fuͤr alle. Wohl dem, der sie gehoͤrig benu- tzen wird! Vielleicht finden Einige in meiner Biographie Manches als uͤberfluͤßig, ja Einiges gar als schaͤdlich: hieher rechne ich meine Bubenstreiche, die Eul ap- pereien und Erzaͤhlungen von aͤhnlicher Art. Ich stellte sie aber hin, um mich ganz zu zeigen, und dann, um Leuten, die immer das Alte loben, das Neue herabsetzen, den ehemaligen Studenten-Ton anzu- geben und ihnen dadurch das Bekenntniß abzunoͤthi- gen: Nein, so toll treibens die Studenten doch jezt nicht mehr! Heutzutage sind sie wirklich civilisir- ter! — Wem indeß das nicht behagt, oder wem meine Gruͤnde dafuͤr nicht genug thun, und der also den gekuͤnstelten Laukhard lieber haͤtte haben moͤgen, als den natuͤrlichen, den bedaur' ich schenirt zu haben, und bitte ihn bei seiner Delikatesse und Praͤcision um Verzeihung „Nicht immer – sagt Herr Schiller im Vorbe- richt zum I. Theil seiner kleinern prosaischen Schrif- ten – ist es der innere Gehalt einer Schrift, der den Leser fesselt; zuweilen gewinnt sie ihn bloß durch ka- rakteristische Zuͤge, in denen sich die Individualitaͤt ih- res Urhebers offenbart.“ – Ein Schiller bin ich nun freilich nicht! ! — Fuͤr Fehler von anderer Art sage ich kurz: – – – Quandoque bonus dormitat Homerus, oder: Dicite Pierides, non omnia discimus omnes! Das Uebrige enthaͤlt die Vorrede, nebst S. 11 im diesem Theile. Hiernach richte man mich! Da steht nun Laukhard, wie er leibt und lebt, von vorzeiten und von jezt, so individualisirt von innen und von außen, nach Anlage, Ausfuͤhrung, Folge — Grundsaͤtzen, Maximen, Gesinnungen, Handlungen, Sprache — so, daß in der Gallerie der Menschen noch keiner sich ihm gleich hingestellet hat! Begaffe und begukke ihn denn jezt, wer da will und kann! Mitleiden erregen wollte er nicht: nur ein wenig warnen, zuruͤckscheuchen und — bessern! Und so, meine theuersten Leser, leben Sie wohl!, und goͤnnen Sie mirs, wenn mein moralischer und oͤkonomischer Zustand sich bessert! Nach dem Feldzuge sprechen wir uns vielleicht wieder! Ende des zweiten Theils . Gedrukt bei Fr . Wilh . Michaelis . Verbesserungen im ersten Theile . Seite 2. Z. 3 von unten lese man: der ontologi- sche Satz. – 3. Z. 2. haͤngte. – 7. Z. 11. Sendivogius. – 9. Z. 1. von unten: Maͤure. – 25. Z. 7. v. u. Grumbach. – 39. Z. 6. wenn ihm. – 64. Z. 18. Bloͤdigkeit. – 135. lezte Zeile: mehrere. – 136. Z. 16. oder. – 150. Z. 20. so gut ich. – 167. Z. 10. Empfindung. – 192. Z. 10. leiden kann er. – 229. Z. 15. dem Sechsten. – 263. Z. 2. Frau Mag. F – –. – 272. Z. 23. wegen, der. – 289. Z. 19. Heddaͤus : und so in der Folge. – 305. Z. 17. fuͤr uns nicht. – 310. Z. 18. Allein das that ich. – 314. Z. 4. aus einem, u. Z. 22. geheimer. – 315. Z. 3. v. u. wo sie ein. – 316. Z. 5. Supe ntendent. – 317. Z. 2. rechtglaͤubigen. – 320. Z. 6. Augenblicke. – 322. Z. 15. langer Zeit. – 332. Z. 21. verwendete. – 334. Z. 21. uͤber die Nase. – 339. Z. 10. denen. – 364. Z. 7. hatte. – 393. Z. 23. einzelnen. – 396. Z. 5. untergangen. Sobald diese Nachricht. Im zweiten Theile . Seite 60. Z. 15. betrunken. – 62. Z. 5. von unten: unsern. – 65. Z. 6. v. u. Koridonischen. – 66. Z. 4. lese man statt bloß – hauptsaͤchlich. – 69. Z. 8. v. u. Testa abgesezt. – 89. Z. 5. v. u. Misanthropen. – 95. Z. 7. Denn. – 116. Z. 6. oft Ehre. – 129. Z. 2. berufen. – 136. Z. 14. und syrisch. – 183. Z. 7. keine Freunde. – 190. Z. 3. essent a ferv. – 258. Z. 10. sie sich. – 280. Z. 11. noch hell. – 339. Z. 6. v. u. in Barcelona – gesezt auch, daß es dort eine Universitaͤt gaͤbe – als. – 243. Z. 17. waͤren, nur an ihn. – 358. Z. 8. geduldig einsteckte. – 368. Z. 16. dann aufgefangenen. – 412. Z. 6. Zeit, da. – 424. Z. 14. Erduin Julius. – 431. Z. 14. Sache – christlich - theolo - gisch davon zu sprechen – so ausfuͤhrlich. – 433. Z. 6. relegirt. – 436. Z. 16. Doͤrfern.