Biologie , oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte . Von Gottfried Reinhold Treviranus. Vierter Band . Göttingen , bey Johann Friedrich Röwer. 1814 . Vorrede . E s sind neun Jahre seitdem der dritte Theil dieser Biologie erschien. Ich entwarf als Jüngling zu diesem Werke den Plan, weihete demselben die schönsten Jahre mei- nes Lebens, und hoffte ohne Unterbrechung es zu beendigen. Aber Veränderungen mei- ner Lage, der Drang der Geschäfte, das Geräusch des Kriegs, und der Jammer mei- nes unterdrückten Vaterlands raubten mir Musse und Ruhe. Doch blieb mir der Baum, den ich in glücklichen Jugendstunden ge- pflanzt hatte, über alles theuer. Ich habe seiner zu jeder Zeit gepflegt, die ich mein nennen konnte, und bringe hier die Früchte, die unterdess zwar langsam, aber vielleicht vollkommener, als bey mehr Eile der Fall gewesen seyn würde, an ihm gereift sind. * 2 Nach Nach so langen Jahren haben sich mei- ne Ansichten in manchen Stücken geändert. Vieles in den drey ersten Bänden dieses Werks würde, jetzt herausgegeben, eine ganz andere Gestalt haben. Allein in der Hauptsache ist meine Ueberzeugung dieselbe geblieben. Ich habe auf dem Grund, den ich früher legte, fortbauen können, und hoffe darauf diese Arbeit zu vollenden. Bey mehrern Abschnitten des gegenwär- tigen Bandes hatte ich an Haller ’s Ele- menten der Physiologie eine Vorarbeit, auf die ich bey ältern Erfahrungen in den mei- sten Fällen verweisen konnte. Indem ich mich blos auf dieses Werk bezog, wo ich sonst sehr weitläuftig hätte seyn müssen, verschaffte ich mir Raum zur ausführlichen Darstellung der neuern Erfahrungen. Von den letztern glaube ich keine erhebliche übergangen zu haben, als einige von denen, die erst in den drey verflossenen, unglückli- chen Jahren, wo eine wahnsinnige Tyranney sogar jeden wissenschaftlichen Verkehr mit dem Auslande zum Verbrechen gemacht hatte, hatte, bekannt geworden sind. Zu diesen ge- hören freylich manche wichtige, z. B. Ber- zelius ’s neueste Arbeiten in der thieri- schen Chemie. Aber es ist einmal das Schicksal eines jeden Werks über Gegen- stände der Erfahrung, Vollständigkeit nie ganz erreichen zu können, und was zu je- der andern Zeit nicht zu entschuldigen ge- wesen wäre, kann in der verflossenen auf Entschuldigung einigen Anspruch machen. Der billige Leser wird übrigens Mängel dieser Schrift, die von der Beschaffenheit des Gegenstandes derselben herrühren, nicht dem Verfasser zur Last legen. Bey allem Philosophiren über die Natur als ein Gan- zes lässt sich das Allgemeine nicht ohne das Besondere, und dieses nicht ohne jenes be- greifen. Beydes ist von keinem endlichen Wesen ganz zu ergründen. Wer blos mit der Untersuchung einzelner Gegenstände der Natur sein Leben hindurch beschäftigt war, wird manches besser wissen müssen, als er es hier geschildert finden wird. Vielleicht aber wird er dafür manches Resultat hier * 3 antref- antreffen, auf welches die Betrachtung des Einzelnen allein nicht hätte führen können. Ich glaube indess auch gethan zu haben, was in meinen Kräften stand, um allenthal- ben mit eigenen Augen zu sehen, und man- ches richtiger als meine Vorgänger beobach- tet zu haben. Bremen , im März 1814. Inhalts- Inhaltsverzeichniss . Geschichte des physischen Lebens . Fünftes Buch. Die Ernährung. Erster Abschnitt. Einleitung. S. 3. Zweyter Abschnitt. Die vegetabilische Ernäh- rung. §. 1. Ernährungsorgane der Vegetabilien. S. 7. §. 2. Funktionen der äussern vegetabilischen Er- nährungsorgane. S. 30. §. 3. Bewegung des Safts in den Pflanzen. S. 46. §. 4. Chemische Nutritionsprocesse der Pflanzen. S. 68. Dritter Abschnitt. Die animalische Ernäh- rung. Erstes Kapitel. Das Athemholen und die Haut- ausdünstung. §. 1. Mechanismus des Athemholens und der Haut- ausdünstung. S. 123. * 4 §. 2. §. 2. Chemische Erscheinungen des Athemholens und der Hautausdünstung. S. 171. §. 3. Einfluss des Nervensystems auf das Athemho- len. S. 215. Zweytes Kapitel. Der Blutumlauf. §. 1. Beweise für den Blutumlauf. S. 228. §. 2. Verschiedene Art des Blutumlaufs bey den verschiedenen Thierclassen. S. 232. §. 3. Mit dem Blutumlauf verbundene Erscheinun- gen. S. 253. §. 4. Ursachen des Blutumlaufs. S. 260. §. 5. Einfluss des Nervensystems auf den Blutum- lauf. S. 266. Drittes Kapitel. Speise und Trank. Aufnahme, Verähnlichung und Aneignung derselben. §. 1. Nothwendigkeit der Speise und des Tranks für den thierischen Körper. S. 279. §. 2. Nährende Beschaffenheit der verschiedenen Naturkörper. S. 284. §. 3. Aufnahme der Nahrungsmittel. Stadien der Ernährung. S. 288. §. 4. Nahrungsmittel der verschiedenen Thiere. S. 295. §. 5. Mechanismus der Aufnahme und Zertheilung der Speisen. S. 311. §. 6. Das Verschlucken der Speisen. Der Spei- chel. S. 319. §. 7. Der Schlund und der Magen. S. 333. §. 8. Der Magensaft. S. 343. §. 9. §. 9. Der Chymus. S. 363. §. 10. Bewegungen des Magens. Beziehung der Bildung desselben auf die Beschaffenheit der Nahrungsmittel. S. 377. §. 11. Ausleerung des Magens. S. 397. §. 12. Uebergang der flüssigen Nahrungsmittel aus dem Magen in die Masse der Säfte. S. 401. §. 13. Der pankreatische Saft. S. 407. §. 14. Die Leber und die Galle. S. 412. §. 15. Der Darmcanal und die daraus entspringen- den Gefässe. S. 446. §. 16. Bewegungen des Darmcanals. Uebergang der Speisen in Chylus. Darmausleerung. S. 464. §. 17. Uebergang des Chylus in die Masse der Säfte. S. 487. §. 18. Einsaugungsvermögen der Venen des Darm- canals. Das Netz und das Fett. S. 497. §. 19. Funktion des Zellgewebes bey der Ernäh- rung. S. 512. §. 20. Die Milz. S. 525. §. 21. Die Schilddrüse, die Thymus und die Ne- bennieren. S. 531. §. 22. Das Blut. S. 545. §. 23. Uebergang des Bluts in feste und flüssige Theile. S. 571. §. 24. Die Harnwerkzeuge und der Harn. S. 593. §. 25. Chemische Processe der thierischen Ernäh- rung. S. 614. Vierter Vierter Abschnitt. Grundzüge einer Theorie der Ernährung. S. 624. Zusätze. I. Ueber das Eindringen der Luft in die Spuhlen der Federn beym Athmen der Vögel. S. 641. II. Ueber die Entstehung von Stickgas beym Athmen. S. 641. III. Versuche über den Einfluss der Durchschneidung und Zerstörung des Rückenmarks und einzelner Ner- ven auf den Blutlauf. S. 644. IV. Beobachtungen über die freywilligen Bewegungen des Bluts. S. 654. V. Versuche über den Einfluss des Magensafts auf Glas, und über die Säure dieses Safts. S. 659. Geschicht Geschichte des physischen Lebens . Fünftes Buch. IV. Bd. A Fünftes Buch. Die Ernährung . Erster Abschnitt. Einleitung . I n allem Lebendigen ist ein beständiges Wirken und Gegenwirken der Reitze, von welchen jeder die Erregbarkeit in Beziehung auf sich herab- stimmt, indem er sie für andere erhöhet Biologie. Bd. 3. S. 591. . Die- se unaufhörlichen Veränderungen setzen einen Wechsel der Bestandtheile des lebenden Körpers voraus, wobey die Fortdauer desselben in einer- ley Form des Lebens nicht statt finden könnte, wenn er sich bey den Einflüssen der materiellen Welt blos leidend verhielte und nicht gegensei- tig A 2 tig auf diese einwirkte. Ohne ein solches Ein- wirken würde auch kein Wachsthum und keine Fortpflanzung des Geschlechts möglich seyn Biologie. Bd. 3. S. 592. . Der lebende Körper muss sich ferner die Bedin- gungen seines Lebens bis auf einen gewissen Grad selber schaffen Ebendas. S. 593. , und auch dieses würde er nicht können, wenn er nicht die Aussenwelt zu verändern im Stande wäre. Alles Lebendige muss also beständig formlose Materie aufnehmen, sich verähnlichen und aneignen. Diese Aufnah- me, Verähnlichung und Aneignung ist die Er- nährung im allgemeinern Sinn, die folglich den dreyfachen Zweck hat: 1) die Mischung des lebenden Organismus, die durch den Einfluss der äussern Welt bestän- dig verändert wird, zu reproduciren; 2) den Stoff zum Wachsthum und zur Fort- pflanzung des Geschlechts zu bilden; und 3) die äussern Bedingungen des Lebens so weit, als es die Beschränktheit des Lebens zulässt, hervorzubringen. In dem gegenwärtigen Buch, dessen Gegen- stand die Ernährung ausmachen wird, werden wir also folgende Fragen zu beantworten haben: Welches sind die Hauptwirkungen der äussern Welt Welt auf den lebenden Körper? Welche mecha- nische und chemische Actionen setzt derselbe je- nen Einwirkungen entgegen? Wie entsteht bey diesen Wechselwirkungen die Materie des Leben- digen? Wie und in welchem Grade bringt der lebende Körper die Bedingungen seines Lebens sich selber hervor? Wir dürfen uns nicht schmeicheln, alle Räth- sel, worauf uns die Untersuchung dieser Fragen führen wird, lösen zu können. Was Urstoffe und was zusammengesetzte Materien sind? Welche Rolle das Licht und die Elektricität bey der Zer- setzung und Zusammensetzung der Körper spie- len? Diese und noch viele andere Dinge, die uns zu einer befriedigenden Beantwortung jener Fragen zu wissen nothwendig wären, wissen wir nicht. Es werden also nur Bruchstücke seyn, was wir liefern können. Bey unsern Un- tersuchungen werden wir übrigens ganz den Weg der Erfahrung gehen. Wir werden zuerst von der vegetabilischen und dann von der ani- malischen Ernährung handeln. Jede dieser Er- nährungsarten verdient besonders in Betrachtung gezogen zu werden. Bey der erstern werden die aufgenommenen Stoffe in denselben Gefässen, wo- von sie aufgenommen sind, verähnlicht; bey der letztern durchgehen sie in verschiedenen Organen verschiedene Grade der Assimilation. Die vege- A 3 tabili- tabilische Ernährung ist den Pflanzen und Phyto- zoen, die animalische den Thieren und Zoophy- ten eigen. Bey jenen besteht jedes einzelne Or- gan aus einerley Grundtheilen; bey diesen giebt es mehrere, in ihrer Zusammensetzung sehr ver- schiedene Organe, oder organische Systeme. Zweyter Zweyter Abschnitt. Die vegetabilische Ernährung . §. 1. Ernährungsorgane der Vegetabilien. D ie Pflanze bildet aus den einfachsten Stoffen sehr zusammengesetzte und höchst mannichfaltige Produkte. Wasser und Luft sind für viele zur Ernährung allein hinreichend. Ihr äusserer Bau zeigt dabey wenig verschiedenartige Theile, und im Innern dieser Organe findet das unbewaffnete Auge fast allenthalben einerley Textur. Es gab eine Zeit, wo man die Hoffnung hegte, aus mechanischen Principien die Geheim- nisse des Pflanzenlebens erklären zu können. Der einfache Bau der Gewächse war dieser Hoffnung nicht günstig. Man überredete sich aber, dass dieser nur scheinbar sey, und dass das Vergrösse- rungsglas enthüllen würde, was das blosse Auge nicht zu entdecken vermag, eine grosse Man- nichfaltigkeit der innern Theile bey der grössten Feinheit derselben. Man sahe, was man zu se- hen wünschte, beschrieb eine Menge verschie- A 4 dener dener Pflanzengefässe, eignete diesen einen sehr zusammengesetzten Bau zu, und wies jeder Art eine eigene Funktion an, die meist von der Ana- logie thierischer Organe hergenommen war. Als ich vor zwölf Jahren den ersten Theil meiner Biologie herausgab, war ich von dem Ungrund der meisten jener Lehren durch eigene Beobachtungen überzeugt. Indess reichten meine Untersuchungen nicht hin, jeden Irrthum meiner Vorgänger zu verbessern. Ich läugnete mit Recht das Vorhandenseyn der vielen, besonders von Hedwig angegebenen Pflanzengefässe Biologie. Bd. 1. S. 427. ; Spren- gel ’s, Link ’s, Rudolphi ’s und meines Bruders Beobachtungen haben gezeigt, dass hierin die Wahrheit auf meiner Seite war. Aber ich ging freylich zu weit, als ich alle Pflanzengefässe aus- ser den Spiralgefässen verwarf. Ich nehme diese Behauptung jetzt zurück, und theile hier, als Grundlage zu den folgenden, die Ernährung der Pflanzen betreffenden Untersuchungen, die Resul- tate meiner neuern Beobachtungen über den in- nern Bau der Pflanzen so weit mit, als der Plan dieses Werks und der durch die Menge der ab- zuhandelnden Gegenstände beschränkte Raum ge- statten. Der Anfang jeder Pflanze und jedes neuen Theils derselben sind Bläschen, die unter einan- der der keine Verbindung haben. In dieser Lehre, die ich schon im 3ten Bande der Biologie (S. 233.) vorgetragen habe, stimmen alle neuern Pflanzenphysiologen mit mir überein Vergl. K. Sprengel ’s Anleitung zur Kenntniss der Gewächse. B. 1. S. 89. 98. — L. C. Treviranus vom inwendigen Bau der Gew. §. 1. — Dessen Beyträge zur Pflanzenphysiologie. S. 1. — Link ’s Nachträge zu den Grundlehren der Anat. u. Phy- siologie der Pflanzen. S. 3. . Aber nicht alle Pflanzentheile entstehen aus diesen Bläschen. Eine solche Bildung habe ich nie behauptet. Man hat mir sehr Unrecht ge- than, mir diese Lehre aufzubürden. Meine Mei- nung ist nur diese, dass die Entstehung jener Bläschen der Bildung aller übrigen Theile vor- hergeht Im 3ten Bande der Biologie (S. 233.) habe ich mich wegen des Satzes, dass der erste Anfang aller Or- ganisation des Lebendigen ein Aggregat von Bläs- chen ist, die unter einander keine Verbindung ha- ben, auf C. F. Wolff ’s Theoria generationis beru- fen. Herr J. J. P. Moldenhawer tadelt mich des- halb in seinen Beyträgen zur Anatomie der Pflanzen (S. 67.). und versichert: “in allen Stel- „len der Wolffschen Schrift wäre auch nicht ein „Wort, welches darauf leitete, dass alle organische „Elemente, alle Gefässe aus einzelnen, für sich be- „stehen- . Jene A 5 Jene Bläschen sind in der ersten Zeit ihres Entstehens immer rund und immer durch Zwi- schenräume von einander getrennt. Bey ihrem Wachsthum rücken sie näher an einander, be- kommen eine cylindrische oder eckige Gestalt, und bilden nun das vegetabilische Zellgewebe. Hierbey verdicken sich zugleich ihre Ränder, und erhalten das Ansehn einer Faser. In diesem Zu- stand erscheinen sie als regelmässige Körper, wo- von die Seitenflächen aus durchsichtigen Häuten und die Seitenlinien aus einem undurchsichtigen Faden „stehenden Bläschen entständen, welche unter sich „gar keine Verbindung haben.” Aber man sehe doch unter andern die von mir angeführte 93ste Seite der zweyten Ausgabe des Werks von Wolff nach, und man wird hier folgende Worte finden: Partes constitutivae, ex quibus omnes corporis ani- malis partes in primis initiis componuntur, sunt globuli, mediocri microscopio cedentes semper. Dass sich Wolff die Entstehung der Pflanzen und Thiere nicht aus einem Aneinanderreihen dieser Bläschen dachte, hat allerdings seine Richtigkeit. Aber wo habe ich Wolff diese Behauptung aufgebürdet? Und wo habe ich selber eine solche Meinung ver- theidigt? Es sind zwey sehr verschiedene Dinge, zu sagen, dass die ersten, in formloser Materie sich erzeugenden Gestalten Bläschen sind, und zu be- haupten, dass diese Bläschen sich an einander fü- gen, um Gefässe, Nerven u. s. w. zu bilden. Faden bestehen. J. J. P. Moldenhawer Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 117. hat diese verdickten Ränder der Zellen für einen ei- genen Pflanzentheil angenommen, und ihn das Zellgewebe genannt, das aber, was wir unter Zellgewebe verstehen, mit dem Namen der zel- lichten Substanz belegt. Ich kann ihm hierin nicht beystimmen. Jene Seitenlinien der Zellen haben ganz die Beschaffenheit der Häute dieser Theile; sie sind starr, wo diese starr, und weich, wo diese weich sind. Das Letztere ist z. B. der Fall bey mehrern Agaven und andern fleischigen Gewächsen, wo sie wie schleimige Fäden er- scheinen. In allem jüngern Zellgewebe, dessen Bläs- chen noch nicht an einander gedrängt sind, giebt es Zwischenräume zwischen den letztern. In älterm Zellgewebe verlieren sich diese an man- chen Stellen ganz; an andern bleiben sie übrig, und nehmen zum Theil noch an Weite zu. Diese Zwischenräume sind die Intercellular- gänge , von welchen einige Pflanzenphysiologen angenommen haben, dass sie zusammenhängende, durch das Zellgewebe der ganzen Pflanze fort- gehende Canäle bilden. Das Letztere ist eine Meinung, womit Beobachtungen an frischen Pflanzen nicht ganz übereinstimmen. An man- chen Stellen liegen die Zellen so dicht an ein- ander, ander, dass sich gar keine Zwischenräume wahr- nehmen lassen. Inzwischen ist es wahr, dass die Zellen ein Vermögen besitzen, sich bald mehr zusammenzuziehen, bald mehr auszudehnen, und dass im zusammengezogenen Zustand derselben Intercellulargänge entstehen können, wo sonst keine vorhanden sind. Es findet unläugbar ein Uebergang aus den Zellen in die Intercellulargänge, und aus diesen in jene statt, da gefärbte Flüssigkeiten, die von abgeschnittenen Pflanzentheilen eingesogen sind, sich von Zelle zu Zelle verbreiten. Es giebt aber zuverlässig keine Oeffnungen in den Wänden der Zellen. Schon Rudolphi Anatomie der Pflanzen. S. 35. und Link A. a. O. H. 2. S. 8. haben dies bemerkt, und meine Beobachtungen stimmen mit den ihrigen ganz überein. Moldenhawer A. a. O. S. 111 ff. fand zwar an den Wänden der innern Zellen in Blattstielen der Cycas revoluta und im Mark des gemeinen Hollunders Stellen, die er für wahre Poren annehmen zu müssen glaubt. Aber es ist bey mikroskopischen Untersuchungen nichts leichter, als sich in Betreff der Gegenwart von Poren zu täuschen. Ich fand an einem Stück Hollundermark an einigen, neben einander lie- genden genden Zellen ovale Stellen, die das Ansehn von Oeffnungen hatten, bey näherer Untersuchung aber blos Vertiefungen waren. Beym Entstehen des Zellgewebes zeigt sich zugleich eine Oberhaut, welche die ganze Masse der Bläschen einschliesst. Späterhin, nachdem die Bläschen schon eine bestimmte Form angenom- men haben, erscheinen zwischen denselben Fa- sern und endlich grosse Gefässe. Die Oberhaut der Pflanzen ist eine eigene Membran, die sich durch grössere Dicke und stärkern Zusammenhang von den Häuten der in- nern Pflanzentheile unterscheidet. In derselben giebt es ein Netz von Gefässen, die ich die Ge- fässe der Oberhaut nennen werde. Sie sind enge, auf der untern Fläche der Epidermis her- vorragende, in gleicher Weite und ununterbro- chen fortgehende, häufige und regelmässige Ana- stomosen bildende Canäle. Hedwig Samml. zerstreuter Abhandl. u. Beobachtungen. Th. 1. S. 116. hat sie zu- erst als eigene Gefässe beschrieben. In neuern Zeiten hat man sie verworfen, und sie für die Ränder der unmittelbar unter der Oberhaut lie- genden, mit dieser verwachsenen Zellen ange- nommen. Nach meinen Beobachtungen muss ich sie aber mit Hedwig für Gefässe halten. Die unmit- unmittelbar unter der Epidermis liegenden Zel- len sind immer viel kleiner, und haben eine ganz andere Gestalt als die Maschen des Netz- werks der Epidermis. Ich habe auch nie eine Spur von abgerissenen Häuten an den netzför- migen Streifen der Oberhaut bemerken kön- nen. Rudolphi A. a. O. S. 57. , der behauptet, das unter der Oberhaut liegende Zellgewebe zeige immer dasselbe Netz, wie die Epidermis, hat wahr- scheinlich diese Meinung aus Beobachtungen an Aloen und andern fleischigen Gewächsen gezogen, bey welchen sehr leicht eine Täuschung möglich ist. Hier sind die Adern des Netzes der Epi- dermis sehr dick und fasrig, so dass man mit einem feinen und scharfen Messer eine obere Lage davon wegnehmen kann. Auf dieser sieht man denn dieselben Maschen, wie auf der un- tern. Aber man sieht dann auch, dass nur eine einfache Haut zwischen den Adern ausgespannt ist, und dass die darunter liegenden Zellen rund- lich, die Figuren des Netzwerks hingegen eckig und weit grösser sind. Dass übrigens die Adern der Oberhaut wirkliche Canäle sind, habe ich un- ter andern sehr deutlich bey der Aloe verrucosa Ait . gesehen. Wenn ich ein Stück der Oberhaut dieser Pflanze, nachdem sie eine Zeitlang der Sonne ausgesetzt gewesen war, unter Wasser schabte, so drangen allenthalben am Rande des Stücks Stücks aus den Oeffnungen jener Adern Luft- blasen hervor. In den Zwischenräumen der Oberhaut grüner Pflanzentheile, besonders der Blätter, findet man bey den meisten Pflanzen kreisförmige, oder läng- lichrunde Stellen, in welchen die Gefässe der Oberhaut häufig zusammenlaufen, und die in der Mitte eine, mit einer dunkeln Einfassung umge- bene Spalte zu haben scheinen. Dies sind die Spaltöffnungen oder Poren der Oberhaut. Moldenhawer A. a. O. S. 92 ff. hat das Verdienst, die Struk- tur dieser Theile an einigen Pflanzen näher be- stimmt und manche irrige Vorstellungen seiner Vorgänger in Betreff derselben berichtigt zu ha- ben. Nach seinen Beobachtungen werden die Spaltöffnungen von eignen Zellen gebildet, die sich durch die Beschaffenheit ihrer Haut, ihre Form und die Farbe des in ihnen befindlichen Safts von den übrigen Zellen unterscheiden und so zusammengefugt sind, dass sie oben und un- ten an einander schliessen, in der Mitte aber von einander abstehen. Die zwischen ihnen befind- liche Oeffnung führt zu einer verhältnissmässig grossen Höhle, welche mit den Intercellulargän- gen des Blatts Gemeinschaft hat. Meine Beobach- tungen stimmen mit diesen in so fern überein, dass die Oeffnungen der Poren blos Zwischen- räume zwischen Zellen von einer eigenen Struk- tur tur sind. Doch scheinen mir bedeutende Abwei- chungen bey verschiedenen Pflanzen in der Bil- dung dieser Organe statt zu finden. So ist bey der Hyacinthe die untere Fläche der Poren von einer gewölbten Haut bedeckt, woran ich keine Spur von einer Oeffnung bemerken kann. Auf dieser Haut liegen zu beyden Seiten zwey läng- liche, undurchsichtige Theile, die bald an einan- der schliessen, bald zwischen sich einen Zwi- schenraum haben, der dann das Ansehn einer Spalte hat. Die beyden undurchsichtigen Theile sind von zwey grössern, halbmondförmigen Zel- len eingeschlossen, die durchsichtig sind, und wie aus mehrern kleinern Zellen zusammenge- setzt aussehen. Bey der Aloe verrucosa Ait. fin- de ich in dem Mittelpunkt jeder Masche des Ge- fässnetzes der Oberhaut eine runde, durchsich- tige Vertiefung, die zuweilen in der Mitte eine Oeffnung zu haben scheint. Ausserdem aber giebt es auf der Oberhaut dieser Aloe hin und wieder noch andere runde Vertiefungen, die mit einem bräunlichen, undurchsichtigen Kreise um- geben sind, und in der Mitte eine deutliche Oeffnung haben, in welcher die Adern des Netzes der Oberhaut zusammenlaufen. Ich ge- stehe, dass mir noch vieles an diesen Organen räthselhaft ist. Einige andere Bemerkungen über dieselben werden unten, wo von ihrer Funktion die Rede seyn wird, vorkommen. In In Pflanzentheilen, worin die Bläschen noch nicht an einander gereihet und noch nicht von eckiger Form sind, zeigen sich zwischen diesen noch keine andere ungleichartige Organe. So- bald sich aber die Bläschen auf eine bestimmte Art mit einander verbunden haben, finden sich im Innern jener Pflanzentheile Fasern , die bündelweise neben einander liegen. Unter stär- kern Vergrösserungen erscheinen diese Theile als cylindrische, gewöhnlich an beyden Enden zu- gespitzte, bald längere, bald kürzere, durch- sichtige Canäle. Selten gehen sie in gerader Rich- tung fort; gewöhnlich sind sie unter einander verschlungen. Bey vielen Pflanzen haben sie in längern Zwischenräumen schiefe Queerstriche; bey andern, z. B. den Linden, findet man zu- weilen auf den Wänden derselben undurchsich- tige Punkte. Diese Bildungen scheinen aber nichts Wesentliches zu seyn. Die Queerstriche ha- ben zwar das Ansehn von Scheidewänden. Allein bey mehrern Pflanzen, z. B. beym Pinus Larix und Spartium scoparium, sieht man keine Spur derselben. Bey jenem erscheinen die Fasern als cylindrische, gerade, sehr lange, nirgends unter- brochene Canäle, die eben so weit wie die grossen Gefässe sind. Ich glaube daher, dass man auch bey andern Gewächsen an den Stellen, wo die Fa- sern Queerstriche haben, keine Unterbrechung des Canals der Fasern anzunehmen berechtigt ist. IV. Bd. B Un- Unläugbar führen diese Fasern Flüssigkeiten und verdienen den Namen von Gefässen. Dass sie inwendig hohl sind, kann man in den er- sten Monaten des Jahrs an jedem Zweig von Weiden, Pappeln, Linden, Hollunder u. s. w. se- hen. Man findet um diese Zeit im Innern der Fasern, besonders derer, die in der Nähe des Marks liegen, Luftblasen, welche die cylindri- sche Gestalt des Canals derselben haben Weidenfasern, die solche Luftblasen enthalten, hat mein Bruder (L. C. Treviranus vom inw. Bau der Gew. T. I. fig. 7.) abgebildet. . In jüngern Pflanzentheilen sind sie immer weich, feucht und schleimig. In älterm Holze verdicken sich ihre Wände, und ihre innere Höhlung wird immer enger. Ganz scheint sich diese aber nicht zu verlieren, so lange die Vegetation in dem Holze fortdauert L. C. Treviranus a. a. O. S. 20. J. J. P. Mol- denhawer a. a. O. S. 13. 58. . Ich glaube daher, dass die Fasern saftführende Röhren sind, und werde sie künftig Faserngefässe , oder auch, da sie im Bast vorzüglich ausgebildet sind, Bastge- fässe nennen. In einigen Pflanzen scheinen mir die Canäle derselben durch Anastomosen mit ein- ander Gemeinschaft zu haben. Ich wage aber nicht zu behaupten, dass diese Struktur allge- mein ist. Diese Diese Gefässe sind vom Zellgewebe ver- schieden. Sie entstehen nicht, wie sich einige Schriftsteller vorgestellt haben, aus langen und engen, cylindrischen Zellen. Man findet sie auch in den Lichenen, die doch kein eigentliches Zellgewebe besitzen. Doch sind sie bey einigen Pflanzen, z. B. bey der Cucurbita ovifera, (in deren Stamm die Zellen so lang und schmal sind, dass man zweifelhaft wird, ob man sie für Fa- sern, oder für Zellgewebe halten soll) mit dem Zellgewebe, so wie bey den Nadelhölzern mit den grossen Gefässen, nahe verwandt. Die er- sten Anfänge der Fasern scheinen mir bey meh- rern Gewächsen Bündel von stabförmigen Kör- pern zu seyn, die in den Zwischenräumen des Zellgewebes liegen. Sprengel und Link haben diese Körper, die sie prismatische Körper nennen, ebenfalls schon bemerkt, sie aber für Crystallisationen gewisser Bestandtheile des Pflan- zensafts gehalten. Link Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pflanzen. S. 97. Fig. 33. fand sie vorzüglich häufig in der Wurzel der Oenothera biennis. Ich glaube bey einigen Arten der Crassula, wo sie zwischen dem Zellgewebe des Stamms in Bün- deln, zum Theil um die grossen Gefässe lagen, einen deutlichen Uebergang derselben zu den Fa- sergefässen gesehen zu haben. Zwi- B 2 Zwischen den Bündeln der Fasergefässe lie- gen in mehrern Pflanzentheilen, besonders im Holze, die grossen Gefässe , lange, cylin- drische, meist in gerader Richtung aufsteigende Canäle, die gewöhnlich weiter als die Faserge- fässe sind, und sich vorzüglich durch einen, oder mehrere, ihrer Haut eingewebte Dräthe auszeichnen. Diese Dräthe laufen entweder spi- ralförmig um das Gefäss; oder sie bilden Ringe die in kurzen Zwischenräumen parallel über einander liegen. Jene Struktur ist den Spiral- gefässen , diese den Ringgefässen eigen. Von den letztern sind die Treppengänge eine blosse Modifikation, welche daher rührt, dass jeder Ring mit dem nächstfolgenden an einigen Stellen verbunden ist Vergl. J. J. P. Moldenhawer a. a. O. S. 254. . Bey einer dritten Art von grossen Gefässen giebt es zarte Fäden, die in ziemlich weiten Entfernungen der Queere nach und etwas schief in der Haut der Röhre liegen, und diese in Absätze theilen; zu- gleich aber sind die Wände mit spiralförmigen Reihen undurchsichtiger Punkte besetzt. Dies sind die punktirten oder porösen Gefässe . Ueber die Beschaffenheit der Punkte dieser punktirten Gefässe ist viel gestritten worden. Man hat sie für Löcher, für Vertiefungen und für Körner gehalten. Moldenhawer A. a. O. 264 ff. glaubt gefun- gefunden zu haben, dass die punktirten Gefässe wirkliche Spiralgefässe sind, deren punktirtes Ansehn daher rührt, dass von einer Windung der Spirallinien zur andern längslaufende Fäden gehen, wodurch Zwischenräume entstehen, die desto rundlicher erscheinen, je weniger stark die Vergrösserung ist, und sich zuletzt bey schwa- chen Vergrösserungen als Punkte darstellen. Ich kann hierin Moldenhawer ’n nicht geradezu wi- dersprechen. Doch ist es mir nicht wahrschein- lich, dass die von ihm angegebene Struktur, die vorzüglich von Beobachtungen an der Mayspflanze hergenommen ist, bey allen punktirten Gefässen statt findet An einer andern Stelle seiner Beyträge (S. 279 ff.) nennt Moldenhawer noch eine zweyte Ursache, die den grossen Gefässen zuweilen das Ansehn porö- ser Röhren giebt. “Die Spiralgefässe der Linde”, sagt er, “zeigen sich da, wo sie an andern anlie- „gen, so weit sie dieselben berühren, als poröse „Röhren; da aber, wo sie von zellichter Substanz „umgeben sind, sind sie Treppengänge. Betrachtet „man nehmlich ein Gefäss, welches an der einen „Seite von einem andern Spiralgefäss, an der an- „dern von zellichten Schläuchen gedeckt war, und „zwar so, dass es mit derjenigen Seite, welche als „ein Treppengang gebildet ist, dem Beobachter „zugekehrt ist, so wird das netzförmige Gewebe „der . Sie sind unter den grossen Ge- fässen B 3 fässen am nächsten mit den Fasergefässen ver- wandt, auf deren Wänden man auch zuweilen undurchsichtige Punkte wahrnimmt, die eine spiralförmige Stellung haben. Diese rühren aber gewiss nicht von einer solchen Struktur her, wie Moldenhawer an den punktirten Gefässen der Mayspflanze antraf. Die grossen Gefässe sind immer von Faser- gefässen und cylindrischen, in longitudinale Rei- hen geordneten Zellen umgeben, und endigen sich zwischen diesen in kegelförmige Spitzen. Oeffnungen habe ich so wenig an ihnen, als an den Schläuchen des Zellgewebes und den Faser- gefässen, jemals gefunden. Sie sind nicht ästig, wohl aber anastomosiren sie in den Knoten der Gräser und überhaupt an solchen Stellen mit einander, wo die Vegetation eine andere Richtung annimmt Vergl. Rudolphi ’s Anat. der Pfl. §. 136. Molden- hawer a. a. O. S. 294 ff. . Sie verwandeln sich nicht in ein- ander, „der abgekehrten Seite durch die Spalten der zu- „gekehrten durchschimmern, und man wird die „durch feine Fäden abgesonderten dunkeln Punkte „in den Spalten der obern, umgekehrten Wand der „Röhre dunkeln Körnern ähnlich wahrzunehmen „glauben, kurz man wird ein punktirtes Gefäss „haben.” Diese Täuschung kann vielleicht statt fin- den. Aber ich glaube bey allem dem, dass es punk- tirte Gefässe giebt, deren Punkte weder von dieser, noch von der obigen Ursache herrühren. ander, sondern jede Art bleibt unverändert in ihrem ursprünglichen Zustande Moldenhawer a. a. O. S. 238. 242. . Wenn Link Nachträge zu den Grundlehren der Anat. und Phy- siol. der Pfl. H. 2. S. 21. gefunden zu haben glaubt, dass die Spiral- und Ringgefässe diejenigen wären, die sich zuerst bildeten, und dass sich nach ihnen erst Trep- pengänge und dann punktirte Gefässe zeigten, so lässt sich gegen diese Beobachtung erinnern, dass die punktirten Gefässe in ihren ersten Anfän- gen gar nicht, oder doch sehr schwer zu erken- nen sind. Ich glaube aber auch, in ganz jun- gen Pflanzen des Helianthus annuus Ringgefässe und punktirte Gefässe gesehen zu haben. Die bisher erwähnten Theile sind allen voll- kommenen Pflanzen, mit Ausnahme einiger Na- jaden, eigen. Es giebt aber auch eigene Ge- fässe, die nur gewissen Pflanzen zukommen. Man hat diese geläugnet, und sie für blosse Höhlungen des Zellgewebes angenommen. Bey vielen Gewächsen ist allerdings blos in solchen Zwischenräumen ein eigener Saft enthalten. In einigen sind es auch senkrechte Reihen cylindri- scher Zellen, die eine besondere Flüssigkeit füh- ren. Dies ist z. B. der Fall bey der Tagetes erecta. An ganz jungen Pflanzen dieses Gewäch- ses, B 4 ses, woran die ersten Blätter zwischen den Co- tyledonen erscheinen, giebt es in der Mitte jedes der Gefässbündel, welche rings um die Axe des Stengels liegen, ein eigenes Gefäss, das oft einen rothen Saft enthält, oft auch farbenlos und nicht zu unterscheiden ist, und aus einer Reihe cylin- drischer Zellen besteht. Mehrere Gewächse be- sitzen aber auch eigene, röhrenförmige Behälter, worin ein ausgezeichneter Saft abgeschieden und aufbewahrt wird. Solche findet man z. B. im Rhus typhinum. Sie erscheinen, wenn man im Februar, wo der Saft noch dick und zähe ist, die grüne Rinde abgezogen hat, schon dem blossen Auge als gerade, senkrechte, in regelmässigen Ent- fernungen zwischen den Bastfasern liegende, mit einem weissen Saft angefüllte Canäle. Sie steigen ausserdem vertikal zwischen dem Marke herab. Der Saft, den sie führen, ist blos in ihnen, und nicht in den übrigen Pflanzentheilen enthalten. Er dringt, wenn man sie verwundet, mit Leb- haftigkeit aus ihnen hervor. Mit den umliegen- den Bastfasern hängen sie so locker zusammen, dass man sie leicht davon absondern kann. Ihre Haut besteht aus sehr feinen, in vertikalen Rei- hen liegenden Zellen Vergl. L. C. Treviranus Beytr. zur Pflanzenphy- siol. S. 50. Tab. IV. fig. 36. , und ist von den übrigen Membranen der Pflanze sehr verschieden. Erwägt man man diese Umstände, so sehe ich nicht ein, wie man läugnen kann, dass diese Gefässe eine eigene und sehr ausgezeichnete Classe ausmachen. Wahr ist es freylich, dass sie fast bey jeder Pflanze, wo sie sich finden, auf eine besondere Art modificirt sind, und dass sich schwerlich ein allgemeiner Charakter derselben angeben lässt Die Charaktere, die Link (Nachträge zu den Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. H. 2. S. 31.) von ihnen angiebt, passen schon nicht auf die eigenen Gefässe des Rhus typhinum. . Aber bis die verschiedenen Arten derselben näher bestimmt sind, können wir immer den Namen der eigenen Gefässe für sie beybehalten. In einigen Pflanzen giebt es regelmässige Höh- lungen, die blos mit Luft angefüllt sind. Ge- wöhnlich sind diese Luftbehälter cylindrische Ca- näle, die im Stamm von der Wurzel zum Gip- fel gerade heraufsteigen, und in den Gelenken der Pflanzen durch Scheidewände unterbrochen sind. Sie entstehen immer erst in einem gewis- sen Alter der Pflanze. Ob sie dann blos Folge des Wachsthums sind, oder ob die in ihnen enthaltene Luft mit der Ernährung des Gewäch- ses in einer gewissen Beziehung steht, scheint mir noch zweifelhaft zu seyn. Doch glaube ich, dass bey vielen Pflanzen Moldenhawer ’s Mei- nung B 5 nung A. a. O. S. 167. 170. richtig ist, nach welcher die Luftbehälter ursprünglich Zellgewebe enthalten, das nur bis zu einer gewissen Periode mit dem übrigen Or- ganismus in Wechselwirkung steht, nach dieser Periode aber verschwindet. In der Art, wie das Zellgewebe, die Fasern und die grossen Gefässe im Pflanzenkörper ver- theilt und unter einander verbunden sind, fin- den bey mancher Gleichförmigkeit doch auch mehrere Verschiedenheiten in den verschiedenen Classen und Familien des Gewächsreiches statt. Gemeinschaftliche Charaktere der Pflanzen in Be- treff jener Vertheilung sind: dass unmittelbar unter der Oberhaut immer Zellgewebe liegt, und dass nach diesem erst Fasern und grosse Ge- fässe folgen; dass die Bildung des Zellgewebes sich desto mehr der ursprünglichen, blasenför- migen nähert, je näher es der Oberhaut ist; dass die grossen Gefässe immer von Fasern und einem cylindrischen, in vertikalen Reihen ge- ordneten Zellgewebe umgeben sind, und dass sie mit diesen Theilen Bündel bilden, die in dem Stamm, der Wurzel und den Aesten der Länge nach herabsteigen. Eine Hauptverschie- denheit findet im innern Bau zwischen den Mo- nocotyledonen und Dicotyledonen statt. Bey je- nen laufen die Bündel von grossen Gefässen und Fasern Fasern einzeln im Stamm zwischen dem Zellge- webe herab, und es giebt in der Mitte des Stamms kein saftleeres Zellgewebe oder Mark; bey diesen liegen die Gefässbündel im Stamm an einander gedrängt, und bilden concentrische Kreise um einen Cylinder von Mark. Desfon- taines war der Erste, der diesen Satz als allge- mein aufstellte Vergl. Biologie. Bd. 1. S. 434. . Rudolphi, Link und L. C. Treviranus haben nach ihm gezeigt, dass, wie allenthalben in der Natur, so auch in Betreff jener Verschiedenheit Uebergänge und Ausnah- men gefunden werden. Im Allgemeinen findet indess jener Unterschied allerdings statt. Bey den Dicotyledonen macht das unter der Oberhaut liegende Zellgewebe des Stamms und der Aeste die Rinde aus. Sie besteht immer aus mehrern Schichten, die bey einigen Pflan- zen stärker, bey andern schwächer unter einan- der zusammenhängen. Auf die Rinde folgt der Bast , eine Schicht von Fasergefässen, die mit langen, in vertikalen Reihen geordneten Zellen durchflochten sind. Der Bast schliesst den Holz- körper ein, der aus ähnlichen, aber weniger saftreichen Fasern und Schläuchen, und aus gro- ssen Gefässen besteht. Bey einem Queerdurch- schnitt zeigt dieser netzförmige, concentrische Schichten, die von aussen nach innen an Dich- tigkeit tigkeit zunehmen, und mit den Jahren des Baums an Zahl übereinkommen. Die äussern Schichten enthalten vorzüglich punktirte Gefässe und Trep- pengänge; in der innersten findet man mehr Spi- ralgefässe. Die innerste Schicht schliesst das Mark ein, ein Gewebe, welches aus grossen, eckigen Zellen besteht, welche in frühern Zei- ten Flüssigkeiten führen, in der Folge aber diese verlieren, doch niemals ganz austrocknen. Von diesem Mark gehen nach allen Seiten zwischen den Gefässbündeln bis zur Rinde horizontale, strahlenförmige Fortsätze des Zellgewebes, von Grew Insertionen des Parenchyma der Rinde in den Holzkörper genannt. Sie sind wie das Mark nur in frühern Zeiten saftreich; hingegen mit dem Alter ziehen sie sich immer mehr zu- sammen, und erscheinen endlich, unter dem Ver- grösserungsglase von der Seite angesehen, nur noch als dünne Queerlinien. Das Mark ist derjenige Theil des Pflanzen- körpers, der am frühesten die Gränze seines Wachsthums erreicht. In ganz jungen Pflanzen aber ist dasselbe noch nicht vorhanden. Unter- sucht man den Keim einer Sonnenblume (He- lianthus annuus), woran sich die Cotyledonen noch nicht entfaltet haben, so findet man in der Axe des Keims einen, aus Fasergefässen bestehen- den Cylinder, und zwischen diesem und der Rinde Rinde vertikale Reihen länglicher Zellen. Unter- sucht man ihn später, wenn die ersten Blätter zwischen den Cotyledonen sich zu zeigen anfan- gen, so findet man unter der Rinde die längli- chen Zellen wieder, unter diesen aber mehrere vertikale Bündel von grossen Gefässen und Bast- fasern, und zwischen diesen Bündeln in der Axe des Stamms ein grosszelliges Gewebe, welches mit einem farbenlosen Saft angefüllt, sonst aber dem Zellgewebe des künftigen Marks ganz ähn- lich ist. Der bey jüngern Pflanzen in der Mitte des Stamms liegende Cylinder von Fasern theilt sich also bey zunehmendem Wachsthum in meh- rere Bündel; diese weichen aus einander; es er- zeugen sich in ihnen grosse Gefässe, und in dem Raum, den sie einschliessen, bildet sich das Zell- gewebe des Markkörpers. Bey jüngern Pflanzen geht also das Wachsthum nicht nur im Umfange, sondern auch in der Mitte des Stamms vor sich. Der Markcylinder scheint zwar, wenn er einmal ausgebildet ist, nicht weiter an Dicke zuzuneh- men. Aber zwischen ihm und dem Holzkörper dauert der Ansatz neuer Theile fort. Linden- zweige, im ersten Frühjahr untersucht, zeigen um das Mark eine Schicht von saftreichen Fa- sern und grünem Zellgewebe, die offenbar von neuer Entstehung ist, und sich ohne Zweifel nachher in Holz verwandelt. §. 2. §. 2. Funktionen der äussern vegetabilischen Ernährungsorgane. Die bisherigen Bemerkungen werden als Ein- leitung zu den folgenden Untersuchungen hin- reichend seyn. Wir werden jetzt zuerst sehen, wie die Nahrungsstoffe der Pflanzen auf das Aeussere derselben wirken, und wie dieses wie- der auf sie zurückwirkt. Folgende Sätze sind in Beziehung auf diese Punkte unmittelbare Re- sultate der Erfahrung. 1. Die Hauptorgane der vegetabili- schen Ernährung sind die Wurzel und die Blätter. Beyde saugen Feuchtigkei- ten ein, und zwar die Blätter im Allge- meinen mit der untern Fläche . Die Ernährung der Pflanzen durch die Wur- zel bedarf keines Beweises. Die übrigen Punkte dieses Satzes ergeben sich aus den Versuchen Bonnet ’s. Dieser legte zwey gleich grosse Blät- ter von einerley Pflanze, das eine mit der obern, das andere mit der untern Fläche auf Gläser voll Wasser, und beobachtete die Zeit ihres Ab- sterbens. Unter vierzehn Arten von Kräutern lebten die Blätter von acht Arten ohngefähr gleich lange, sie mochten das Wasser durch die obere oder untere Seite einziehen. Von sechs andern Arten schien die obere Fläche geschickter zur Einsaugung als die untere zu seyn. Unter sechs- zehn zehn Arten von Bäumen und Sträuchern waren nur zwey, deren Blätter mit der obern Seite eben so gut als mit der untern die Nässe ein- sogen. Bey den übrigen Arten wurde die obere Fläche von der untern in der Einsaugung merk- lich übertroffen. Blätter des weissen Manlbeer- baums, die das Wasser durch die untere Fläche aufnahmen, lebten fast ganze sechs Monate, in- dem andere, die mit der obern Fläche auf dem Wasser lagen, schon am fünften Tage welk wurden Bonnet ’s Untersuchungen über den Nutzen der Blätter bey den Pflanzen. Uebers. von Arnold . Abth. 1. §. 4—6. . Bey den Kräutern geschieht also die Einsaugung der Feuchtigkeit sowohl durch die obere, als durch die untere, bey den holzarti- gen Gewächsen mehr durch die untere Fläche der Blätter. Man sieht hieraus, warum die Blät- ter an den Pflanzen so vertheilt sind, dass je- des untere von dem nächst höhern nicht be- deckt wird Biologie. Bd. 1. S. 170 ff. . 2. Der Einsaugung entspricht eine Ausdünstung, die vorzüglich durch die Blätter, und zwar zur Tageszeit ge- schieht . Nach Nach Versuchen von Hales Statik der Gewächse. Erf. 1—5. , Duhamel Physique des arbres. T. I. p. 135. und St. Martin Voigt ’s Magazin f. d. Neueste aus d. Physik etc. B. 7. St. 2. S. 18. ist diese Ausdünstung sehr beträchtlich. Hales fand, dass binnen zwölf Ta- gesstunden eine viertehalb Fuss hohe Sonnenblu- me im Durchschnitt 16 Unzen, ein mittelmässi- ger Kohlkopf 3 Unzen, ein Weinstock 5 Unzen 240 Gran, ein Apfelbaum 9 Unzen, und ein Ci- tronenbaum 6 Unzen ausdünstete. Schrank Briefe naturhist. physikal. u. ökonom. Inhalts an Nau . S. 146. hat zwar richtig bemerkt, dass die meisten dieser Versuche die Menge der verdünsteten Materie zu gross angeben. Aber auch nach einem beträchtli- chen Abzug bleibt diese noch gross genug. Dass die Ausdünstung vorzüglich durch die Blätter, und zwar während des Tages, geschieht, ergiebt sich aus einem andern Versuch von Ha- les , wobey dieser einem von zwey Aesten eines Apfel-, Birn-, Kirsch- und Aprikosenbaums, die 3 bis 6 Fuss lang waren, seine Blätter nahm, und dann beyde in Gläser mit einer abgewogenen Menge Wasser setzte. Die Aeste, denen die Blät- ter gelassen waren, zogen 15 bis 30 Unzen Was- ser ser binnen 12 Tagesstunden ein, und waren des Abends leichter als des Morgens. Die entblät- terten Aeste hingegen nahmen nicht mehr als Eine Unze auf, und waren des Abends schwerer als des Morgens Hales a. a. O. S. 17. Erf. 7. . Hales beobachtete auch, dass eine Musa und eine Aloe von fünf Uhr Morgens bis Mittag mehr, als von Mittag bis Abends sechs Uhr ausdünste- ten, und dass sie in der Nacht nicht nur viel weniger an Gewicht als am Tage verloren, son- dern zuweilen an Gewicht zunahmen Ebendas. S. 13—15. . Von dem Einfluss des Lichts auf die Aus- dünstung der Pflanzen überhaupt kann man sich auf eine einfache Art überzeugen, wenn man von zwey mit Glasglocken bedeckten Topfpflanzen die eine in ein helles, die andere in ein finsteres Zimmer setzt. Die Glocke des erstern Topfs wird man immer mit Wassertropfen bedeckt, die letztere hingegen trocken finden. Nach Knight ’s Erfahrungen ist es vorzüg- lich die untere Fläche der Blätter, wodurch die Ausdünstung, wie nach Bonnet ’s Versuchen die Einsaugung, geschieht. Jener legte an Blättern von verschiedenen Pflanzen bey einigen auf die untere, IV. Bd. C untere, bey andern auf die obere Fläche eine Glasplatte. Die auf der untern Fläche liegende Platte war immer nach einiger Zeit mit Thau be- deckt; hingegen zeigte sich auf der, welche mit der obern Fläche in Berührung gewesen war, keine Feuchtigkeit Philos. Transact. 1803. P. 2. p. 277. . 3. Was die Pflanzen einsaugen und was sie ausdünsten, sind sowohl gas- förmige, als wässrige Materien. Luft wird vorzüglich durch die Blätter ein- gesogen und ausgehaucht. Die Aufnah- me derselben geschieht in der Dunkel- heit, die Ausleerung aber beym Einfluss des Sonnenlichts . Die Pflanze saugt Wasser durch die Wurzel ein, wie die tägliche Erfahrung zeigt. Auch von den Blättern wird Wasser sowohl aufgenommen, als ausgeleert, wie unter andern die obigen Er- fahrungen Bonnet ’s und Knight ’s beweisen. Dass die Blätter auch gasförmige Stoffe aufneh- men, sieht man, wenn man einen mit Blättern versehenen Zweig unter einen Recipienten mit atmosphärischer Luft bringt. Während des Nachts vermindert sich dann das Volumen der einge- schlossenen Luft; hingegen des Tages, beym Einfluss des Sonnenlichts, nimmt dieses wieder zu zu Th. von Saussure ’s chemische Untersuchungen über die Vegetation. Uebers. von Voigt . S. 54. 66. 73 ff. . Dieses Einsaugen gasförmiger Stoffe scheint aber bey manchen Pflanzen nur in feuch- ter Luft von statten zu gehen. Link Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 283. versi- chert gefunden zu haben, dass gesunde Zweige von Maurandia semperflorens, Jasminum fruticans und Cactus curassavicus, in ein völlig trocknes, mit Quecksilber gesperrtes Glas gebogen, nicht die geringste Veränderung in dem Volumen der Luft, weder des Nachts, noch am Tage, her- vorbrachten. Ueberhaupt wird das Athmen der Pflanzen durch Feuchtigkeit befördert. Setzt man frische Pflanzenblätter unter Wasser dem Son- nenlichte aus, so bedecken sich die Blätter au- genblicklich mit Luftblasen, und diese Einsau- gung wird gegen Abend geringer und hört mit Sonnenuntergang ganz auf. Einige Gewächse, z. B. der Weinstock, die Linde und der Nuss- baum, geben viele, andere, z. B. der Epheu, nur wenig Luftblasen. Manche, z. B. die Kar- toffelnblätter, fangen sehr früh des Morgens an auszuhauchen, und hören sehr spät des Abends mit dieser Ausleerung auf; andere, z. B. die Kirschlorbeerblätter, fangen sehr spät an und hören bald wieder auf. Die meisten Baumblätter bilden C 2 bilden ihre Luftblasen zuerst auf der untern, die Kirschlorbeerblätter zuerst auf der obern Fläche; bey noch andern, z. B. den Malvenblättern, ent- stehen die Luftblasen auf beyden Seiten zu glei- cher Zeit Ingenhouss ’s Versuche mit Pflanzen. Uebers. von Scherer . S. 25. 28. . Vergleicht man diese Erfahrungen mit den obigen Resultaten der Versuche von Bon- net und Knight , so wird man finden, dass sich die Blätter bey der Bildung der Luftblasen auf ähnliche Art wie bey der Einsaugung des Wassers verhalten, und dass ihre einsaugende und aus- dünstende Fläche zugleich diejenige ist, durch welche Luft ausgehaucht wird. Für die bisher vorgetragenen Lehren sprechen so viele und so wenig zweydentige Erfahrun- gen, dass sich keine erhebliche Zweifel dagegen vorbringen lassen. Mehr Schwierigkeiten hat die Beantwortung der Frage: Durch welche Theile der Oberfläche der Blätter und der Wurzel die Aufnahme und Ausleerung von Wasser und Luft eigentlich geschieht? Manche jener Schwierigkei- ten rühren indess nur von unrichtigen oder un- vollständigen Beobachtungen, oder von einer fal- schen Auslegung der Erfahrung her. Die Oberfläche der Pflanzen hat keine andere Organe, die eine eigene Funktion haben könnten, als die Spaltöffnungen und Haare. Die Spaltöff- nungen nungen sind vorzüglich den Blättern eigen. Sie finden sich nie an der Wurzel, selten an den Geschlechtstheilen und Früchten. Sie kommen nicht bey den Tangen, Conferven, Pilzen, Flech- ten, Lebermoosen, Najaden und unter dem Was- ser lebenden Pflanzen vor Rudolphi ’s Anat. der Pfl. S. 62 ff. . Unter den Laub- moosen giebt es nur einige Arten, welche Spalt- öffnungen haben, und diese besitzen sie blos an den Fruchtkapseln L. C. Treviranus ’s Beyträge zur Pflanzenphysiol. S. 9 ff. . Die Poren fehlen also im Allgemeinen solchen vegetabilischen Körpern und solchen Pflanzentheilen, die blos im Wasser oder wenigstens in einer feuchten Atmosphäre wach- sen. Hieraus folgt, dass sie nicht zur Einsau- gung des Wassers dienen können. In dem Vor- kommen dieser Organe an den beyden Flächen der Blätter ist aber, wie Rudolphi A. a. O. S. 101. gezeigt hat, eine grosse Uebereinstimmung mit den Re- sultaten der obigen Bonnet schen Versuche über das Einsaugungsvermögen dieser Flächen nicht zu verkennen. Ferner ist, wie wir oben gesehen ha- ben, die einsaugende Blattfläche zugleich die aus- hauchende, und das Einsaugen wie das Aushauchen erstreckt sich sowohl auf Luft, als auf Wasser. Wir müssen also weiter schliessen, dass die Spalt- C 3 Spaltöffnungen die Respirationsorgane der Pflanzen sind . Mit dieser Theorie stimmt auch der Bau der Poren und die Art, wie die Luft in den Pflanzen befindlich ist, überein. Die Poren zeigen sich, wo sich ihre Struktur deutlich wahrnehmen lässt, als Zwischenräume zwischen Zellen von eigenem Bau, die mit den Intercellulargängen und mit den Gefässen der Oberhaut Gemeinschaft haben M. s. oben §. 1. dieses Abschn. . Diese Gänge und Gefässe scheinen die eingeath- mete, oder zum Aushauchen bestimmte Luft zu enthalten. Sowohl aus den Gefässen der Epider- mis mancher Aloen und ähnlicher fleischigen Gewächse, als aus den Intercellulargängen meh- rerer Pflanzenblätter, z. B. der Saamenblätter des Helianthus annuus, sahe ich immer eine Menge Luftblasen hervordringen, so oft ich, nachdem das Gewächs der Sonne ausgesetzt gewesen war, ein Stück der Oberhaut, oder des grünen Zellge- webes unter Wasser brachte und gelinde drückte. Schon Rudolphi A. a. O. S. 158. hat ähnliche Beobachtungen gemacht, aber für eine seltene Erscheinung ge- halten, was in der That bey allen Pflanzen, nur nicht bey allen in gleichem Grade statt findet. Hiermit übereinstimmend sind ferner die Resultate einiger Versuche, die Jurine über die Wir- Wirkung des luftverdünnten Raums auf Blätter von Geranium peltatum, Rumex sanguineus und Olea fragrans machte. Die Blätter der beyden erstern Pflanzen, die ihre Spaltöffnungen auf beyden Seiten haben, gaben, in Wasser unter den Recipienten der Luftpumpe gebracht, aus beyden Flächen eine Menge kleiner Luftblasen von sich, die sich in das Blatt zurückzogen, wenn die Luft in den Recipienten wieder ein- gelassen wurde. Hingegen bey den Blättern der Olea fragrans, deren Poren nur auf der untern Seite liegen, drangen nur aus dieser Fläche Luft- blasen hervor Journal de Physique. T. (XIII.) 56. p. 185. . Nicht so leicht scheinen einige, von Mol- denhawer, Sennebier, Link und Schrank über die Funktion der Spaltöffnungen gemachte Beobachtungen mit unserer obigen Theorie zu vereinigen zu seyn. Bey näherer Prüfung wird man aber finden, dass die Einwürfe, die sich von diesen hernehmen lassen, nicht von Ge- wicht sind. Moldenhawer Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 97. will gefunden haben, dass die Spalten an regenhaften Tagen und thauigen Nächten immer geschlossen, hingegen an einem heitern Morgen, wenn die Blätter von der Sonne beschie- C 4 beschienen wurden, immer offen waren. Er schliesst hieraus, dass die Funktion der Poren nicht Einsaugung, sondern Aushauchung ist, und findet eine Bestätigung seiner Meinung in dem erwähnten Versuche Jurine ’s. Die Ein- würfe, die sich gegen seine Meinung von den Bonnet schen Erfahrungen hernehmen lassen, sucht er durch die Voraussetzungen zu ent- kräften, dass sich von dem, Verhalten kränkeln- der, vor dem Versuch immer etwas einschrum- pfender Blätter auf die Wirkungsart der gesunden nicht schliessen lässt, und dass die Oberhaut beyder Blattflächen, besonders der untern, mit grosser Leichtigkeit wässrige Materie durchlässt. Ich gestehe, dass ich nicht begreife, wie sich des Nachts die Beschaffenheit der Spaltöffnungen an der mit dem Blatt verbundenen Oberhaut wahrnehmen lässt, und dass ich deshalb wenig Gewicht auf diese Beobachtung legen kann. Viel- leicht hat Moldenhawer die Oberhaut erst ab- gezogen, ehe er sie unter das Vergrösserungsglas brachte. Dass aber nach dieser Operation die Poren noch dieselbe Beschaffenheit haben soll- ten, wie vorher, wird man doch nicht glauben. Wäre indess jene Beobachtung auch richtig, so bewiese sie doch nur, dass an Regentagen und feuchten Nächten keine, oder nur eine geringe Absorbtion der atmosphärischen Luft durch die Poren Poren statt findet, nicht aber, dass diese über- haupt nicht einhauchen. Sollte Moldenhawer ’s Erfahrung vollständig seyn, so hätte die Be- schaffenheit der Poren auch an dunkeln, aber trocknen Tagen und trocknen Nächten unter- sucht, und ausgemacht werden müssen, ob sich die Spalten an sonnigen Tagen eben so auf der untern, als auf der obern Fläche der Blätter ver- halten. Wie Moldenhawer aus dem Jurine schen Versuch blos auf Aushauchung durch die Poren schliessen kann, sehe ich ebenfalls nicht ein. Dass die Luftblasen in die Poren zurücktraten, sobald wieder Luft unter den Recipienten der Luftpumpe zugelassen wurde, lässt ja gerade auf Einhauchung schliessen. Was endlich Molden- hawer ’s Einwürfe gegen die Bonnet schen Ver- suche betrifft, so ist dagegen zu bemerken, dass an den abgeschnittenen Blättern, womit diese ge- macht wurden, die Funktionen zwar geschwächt, aber nicht in die entgegengesetzten verwandelt seyn konnten. Ein anderer Einwurf lässt sich von Senne- bier ’s Beobachtung hernehmen, nach welcher die Luftblasen, die sich aus Blättern unter Wasser beym Einfluss des Sonnenlichts entwickeln, vor- züglich an den Rippen und Nerven derselben, und nicht so sehr aus den Zwischenräumen der Adern, welche doch allein die Spaltöffnungen be- C 5 sitzen, sitzen, aufsteigen Sennebier Expériences sur l’action de la lumière solaire sur la végétation. p. 77. . Aber diese Beobachtung ist sehr unzuverlässig. Die entwickelten Luft- blasen sammeln sich nur an den Rippen und Nerven als an den rauhern Theilen an, ohne doch aus denselben zu entstehen. Wenn ferner Link Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 113 ff. Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 33 ff. sowohl das Einsaugen, als das Aushauchen durch die Spaltöffnungen läugnet, weil viele Pflanzen diese Poren nicht ha- ben, die doch einsaugen; weil die Blumen sie nicht besitzen, die doch sehr stark ausdünsten; und weil Blätter, deren beyde Flächen gleich locker und zart sind, deren obere aber keine Spaltöffnungen hat, dennoch mit beyden gleich viel tropfbare Flüssigkeiten einsaugen: so treffen diese Einwürfe nur die Hypothese, dass tropf- bare Flüssigkeiten durch die Spaltöffnungen aufgenommen werden, und dass blos durch sie das Einsaugen und Ausdünsten geschieht, nicht aber die Meinung, dass Luft durch sie ein- und ausgeathmet wird, und dass auch die Oberhaut das Vermögen besitzt, einzusaugen und auszu- dünsten. Es verhält sich in Betreff des Athem- holens und der Ausdünstung mit den Pflanzen, wie mit den Thieren. Diese dünsten durch die ganze Oberfläche des Körpers aus, und hauchen zu- zugleich dadurch ein, obgleich dieselben Funktio- nen auch durch die Lungen, Kiemen und andere eigene Organe geschehen. Wenn endlich Link Nachträge. H. 1. S. 35. noch den Umstand geltend macht, dass die Poren oft durch einen stärkemehl- oder wachsartigen Ueberzug verschlossen sind, so heisst dies be- haupten, dass eine Funktion im gesunden Zu- stand nicht statt findet, weil sie in Krankheiten gestört oder aufgehoben ist. Es ist überhaupt, um die Funktion der Spalt- öffnungen richtig einzusehen, nöthig zu bemer- ken, dass einige Pflanzen mehr die Luft im gas- förmigen Zustande, andere aber dieselbe mehr mit Wasser oder Wasserdünsten vermischt ein- athmen Vergl. Biologie. Bd. 2. S. 474. 475. , und dass nur die erstern der Spalt- öffnungen zur Respiration bedürfen, die letztern aber schon durch die blosse Oberhaut lufthaltiges Wasser einziehen und ausleeren. Zur letztern Classe gehören die unter dem Wasser lebenden Pflanzen und die fleischigen Gewächse. Jene haben gar keine Spaltöffnungen. Diese ziehen wenig Wasser durch die Wurzeln, aber desto mehr durch die Blätter ein Biol. Bd. 1. S. 460. . Manche derselben haben grosse Spaltöffnungen. Wenn ihnen aber Sprengel Ueber den Bau und die Natur der Gewächse. S. 191. im Allgemeinen grosse Poren zu- schreibt, schreibt, so kann ich hierin nicht mit ihm ein- stimmen. Bey mehrern Arten der Aloe und Cras- sula habe ich nicht grössere Poren, als bey man- chen Gewächsen mit dünnern Blättern gefunden, und immer traf ich bey Saftpflanzen, die grosse Poren hatten, eine weit geringere Anzahl der letztern, als bey den meisten nicht saftigen Pflan- zen an. Auf der Rochea falcata, einem sehr saft- reichen Gewächs, habe ich sogar nirgends Spalt- öffnungen entdecken können. Diejenigen Pflanzen, die keine Poren be- sitzen und sich vorzüglich von den Wasserdün- sten der Atmosphäre nähren, zeigen eine andere Eigenheit im Bau der Oberhaut ihrer Blätter. Bey der Rochea falcata, welcher die Poren feh- len, ist die Oberfläche der Blätter mit einem kurzen, aber sehr dichten, blaugrünen Filz be- deckt. Einen ähnlichen Ueberzug fand Rudol- phi Anat. der Pfl. S. 84. bey mehrern andern Pflanzen, die keine Spaltöffnungen haben. Dieser Ueberzug besteht aus Haaren, und die Haare sind Fortsätze der Oberhaut und der unter derselben liegenden Zellen. Sie entstehen auf der Oberfläche des Stamms, der Zweige, oder der Blätter bey Pflan- zen, die auf einem trocknen Boden und in einer feuchten Atmosphäre wachsen; hingegen ver- schwinden sie an jenen Theilen und treiben dafür dafür desto stärker an den Wurzeln hervor bey Pflanzen, die auf einem nassen Boden stehen. Der gemeine Quendel (Thymus serpyllum L.) hat auf feuchtem Grunde ganz glatte, auf dürrem Boden behaarte Blumenköpfe. Beständig rauh ist Myosotis arvensis, immer glatt aber Myosotis palustris. Auf den Alpen, wo die Luft immer feucht ist, sind die meisten Pflanzen behaart; die Sumpf- und Wasserpflanzen hingegen haben immer glatte Stengel und Blätter. Die untere Blattfläche, die nach Bonnet ’s Versuchen ge- wöhnlich am stärksten einsaugt, und nach Knight ’s Erfahrungen auch am meisten aus- dünstet, ist bey den mehrsten Pflanzen zugleich die am stärksten behaarte Schrank ’s Baiersche Reise. S. 15. — Du Hamel Physique des arbres. T. I. p. 183. — Vergl. Biol. Bd. 2. S. 493, 494., wo aber auf der letztern Seite in der 3ten Zeile statt nassen Boden zu lesen ist: trocknen Boden . . Aus diesen Erfahrungen folgt, dass, so wie die Spaltöffnungen zum Ein- und Aus- hauchen der Luft, so die Oberhaut über- haupt, besonders aber die als Haare sich zeigenden Fortsätze derselben, zum Einsaugen und Ausdünsten der atmos- phärischen Wasserdünste dienen . Inso- fern die Wasserdünste immer Luft enthalten, wird durch die Haare auch Luft mit eingesogen. Es lässt lässt sich also erklären, wie diese Theile die Stelle der Spaltöffnungen einigermassen ersetzen können. Wenn übrigens die Haare der Pflan- zen von einigen Schriftstellern blos für ein- saugende, von andern blos für aushauchende Or- gane angenommen sind, so sind diese von unrichtigen Begriffen ausgegangen, haben Man- nichfaltigkeit finden wollen, wo Einfachheit ist, und aus einzelnen Erfahrungen zu allgemeine Schlüsse gezogen. Im ganzen Thierreiche ge- schieht das Ein- und Ausathmen durch einerley Organe. Warum sollte der weit einfachere ve- getabilische Organismus zu beyden Funktionen verschiedene Organe besitzen? Dass die Haare aushauchen, beweist das Cicer arietinum, an wel- chem diese Theile die Kichernsäure ausschwit- zen Deyeux Journ. de Pharmacie. T. I. No. 13. S. 131. . Wer aus dieser einzelnen Erfahrung blos auf Exkretion durch jene Organe schliesst, übersieht, dass die Haare der Wurzeln, denen doch niemand die Funktion des Einsaugens ab- sprechen kann, ebenfalls zugleich wässrige oder schleimige Flüssigkeiten absondern K. Sprengel über den Bau u. die Natur der Gew. S. 404 ff. . §. 3. Bewegung des Safts in den Pflanzen. Auf den untersten Stufen der Organisation, besonders bey den Conferven, sind die Grund- theile theile des Organismus blos an einander gereihet, ohne durch andere heterogene Organe mit ein- ander in Verbindung zu stehen. Bey diesen Körpern nährt sich daher jeder einzelne Theil für sich, ohne zur Erhaltung des Ganzen bey- zutragen. Bey allen wahren Pflanzen aber lebt jeder Theil für das Ganze und das Ganze für jeden Theil. Die Wurzel führt dem Stamm, den Aesten und jedem einzelnen Blatt Nahrung zu, und jedes einzelne Blatt saugt dagegen nicht nur für sich selber, sondern auch für die ganze Pflanze ein. Bonnet Untersuch. über den Nutzen der Blätter bey den Pflanzen. Abh. 1. §. 9. S. 13. fand bey seinen Ver- suchen über das Einsaugungsvermögen der Blät- ter, dass einige dieser Organe, die mit ihrer untern Fläche auf Wasser lagen, andere, die mit ihnen durch den abgeschnittenen Stengel zusammenhiengen, aber nicht das Wasser berühr- ten, mehrere Tage und selbst Wochen lang er- nährten. Eine ähnliche, sehr auffallende Beob- achtung von einem einzelnen Blatt des Sinapis arvensis, das die ganze übrige Pflanze drey Wo- chen hindurch lebend erhielt, hat Rudolphi A. a. O. S. 101. gemacht. Der Einfluss der Wurzel und der Blätter auf die Ernährung des ganzen vegetabilischen Orga- Organismus setzt eine Bewegung des Nahrungs- safts von den einsaugenden Organen zu den übri- gen Theilen voraus. In welchen Gefässen und nach welchen Gesetzen geschieht nun diese Be- wegung? Eine ziemlich allgemein angenommene Mei- nung ist, dass die Rinde das Hauptorgan ist, worin sich der Saft der Gewächse bewegt. Al- lein diese Hypothese ist, so allgemein ausge- drückt, keinesweges richtig. Versteht man unter Rinde die unter der Oberhaut liegenden Schich- ten von Zellgewebe, so ist jener Satz ganz un- gegründet. Die Zellen sind allenthalben mehr Behälter der Säfte, als zuführen- de Organe . Es findet zwar ein Uebergang der Flüssigkeiten aus einer zur andern statt. Aber dieser geschieht zu langsam, als dass jene Schläu- che zur Fortleitung der Säfte von der Wurzel zu den Blättern, und umgekehrt tauglich seyn könn- ten. An der Rinde deutet alles darauf hin, dass in ihr eine langsame Einsaugung und Ausleerung, nicht aber eine schnelle Fortbewegung der Säfte statt findet. In der Mitte ihrer Zellen liegen körnige Niederschläge, die nicht ihre Stelle ver- ändern, so lange nicht der Bau dieser Theile durch Maceration, oder durch mechanische Ge- walt zerstört wird, und die Zellen sind alle durch Scheidewände von einander abgesondert, durch welche welche nur ein langsamer Uebergang der Flüssig- keiten möglich ist. Eher noch könnte man den Intercellulargängen die Funktion der Bewegung des Pflanzensafts zuschreiben, wenn diese nicht im Ganzen zu eng wären, um eine erhebliche Menge Flüssigkeit fassen zu können. Die Beob- achtungen, woraus man die Bewegung des Safts durch die Rinde darzuthun gesucht hat, lassen sich auch insgesammt auf andere Art erklären. Sie beziehen sich alle auf Versuche, wo die Rinde verletzt oder unterbunden war. An solchen Stel- len entsteht aber von dem Einfluss der Luft, oder vom Druck der Ligatur ein Zufluss des Safts aus allen Theilen der Pflanze, der im gesunden Zu- stande nicht statt findet. Zudem lassen sich jene Versuche nicht leicht machen, ohne den Bast zu verletzen, und dieser ist allerdings ein Haupt- organ der Bewegung des Pflanzensafts. Aber auch der Bast ist es keinesweges allein, worin die Bewegung der Säfte vorgeht. Beym Anbohren von Birken, Ahornen und andern thrä- nenden Bäumen im Frühjahre findet man die Rinde ganz trocken. Zwischen ihr und dem Bast aber ist Flüssigkeit enthalten, und diese dringt noch häufiger aus dem Holzkörper, besonders aus dem jüngern Holze. In dem Holz steigt der Saft immer höher auf, so dass anfangs nur die un- tern und erst später auch die höhern Einschnitte IV. Bd. D thrä- thränen Walker Transact. of the Royal Soc. of Edinburgh. Vol. 1. p. 3. . Diese Erfahrungen führen auf den Schluss, dass der ganze Holzkörper Flüs- sigkeiten leitet . Der Holzkörper besteht aus Fasern, grossen Gefässen und den Insertionen des Parenchyma. Dass die Fasern, besonders des Basts, Flüssig- keiten führen, ist schon oben (§. 1.) gezeigt wor- den. Indess besitzen sie bey den meisten Pflan- zen nicht die Länge und Weite, die zur schnel- lern Ueberbringung einer grössern Menge Safts erforderlich ist. Dass die Zellen des Parenchyma hierzu ebenfalls nicht tauglich sind, haben wir vorhin gesehen. Es müssen also die gro- ssen Gefässe seyn, wodurch die schnel- lere Leitung des Safts geschieht . Mehrere Pflanzenphysiologen haben zwar von diesen Gefässen geglaubt, dass sie blos Luft und nicht Saft führten, aber ohne hinreichende Be- weise. Der Hauptgrund, den man seit Mal- pighi ’s Zeit für diese Hypothese angeführt hat, ist die Aehnlichkeit der Spiralgefässe der Pflan- zen mit den Luftröhren der Insekten. Diese Analogie findet allerdings statt. Einige Schrift- steller haben sie geläugnet, weil jene Spiral- gefässe sich nicht, wie die Tracheen der In- sekten, zerästeln, und weil man voraussetzte, dass dass die Windungen der Spiraldräthe bey jenen nicht, wie bey diesen, durch eine Haut ver- bunden wären A. a. O. §. 134. 135. . Allein die Hauptähnlichkeit be- ruhet immer auf den spiralförmigen Dräthen, die beyde mit einander gemein haben. Moldenha- wer fand aber auch ausser diesen Spiralfäden an den grossen Pflanzengefässen eine ähnliche, den Canal des Gefässes einschliessende Haut, wie es an den Luftröhren der Insekten giebt Moldenhawer Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 205 ff. . Mit grösserm Recht lässt sich die Richtigkeit der aus jener Analogie gezogenen Folgerung bezweifeln. Es giebt auch bey den Insekten Ge- fässe, die ebenfalls aus einem spiralförmigen Band bestehen, und doch nicht Luft, sondern Saft ent- halten. Von dieser Art sind die Spinngefässe mancher Raupen, z. B. der Weidenraupen Lyonnet Traité de la chenille du saule. p. 500. , und der Canal des Rüssels der Bienen und Wespen. Ausser jener Analogie hat man auch die Ab- wesenheit aller andern Organe, wodurch die ein- gesogene Luft im Pflanzenkörper verbreitet wer- den könnte, als einen Grund für die Meinung, dass die grossen Gefässe luftführende Behälter sind, D 2 sind, angeführt. Aber dieser Grund beruhet auf der unrichtigen Voraussetzung, dass blosse Luft im Pflanzenkörper fortgeleitet wird. Nach mei- nen Beobachtungen enthält das Innere des Pflan- zenkörpers nicht anders Luft, als in den Luft- behältern, im Mark, in den Intercellulargängen des Zellgewebes der Rinde und in den Gefässen der Oberhaut. Das in den Luftbehältern und im Mark befindliche Gas rührt gewiss nicht von aussen her, sondern ist immer aus den Pflan- zensäften entbunden. Im Mark findet man es vorzüglich während des Februars zur Zeit der wieder beginnenden Vegetation. Gewöhnlich ent- halten dann auch die in der Nähe desselben lie- genden Fasern in ihren Canälen hin und wieder Luft. Aber selten giebt es in den benachbarten grossen Gefässen eine Luftblase. In den Intercel- lulargängen des Rindenzellgewebes und in den Gefässen der Oberhaut befindet sich die einge- athmete, oder zum Aushauchen bestimmte Luft, doch niemals als blosse Luft, sondern immer mit dem Pflanzensafte vermischt. Zum Einsaugen und zur Entbindung von Luft bedürfen auch die Pflanzen der grossen Gefässe gewiss nicht, da jene Funktionen eben so lebhaft bey den Con- ferven und Najaden, denen diese Gefässe fehlen, als bey den vollkommenern Pflanzen von stat- ten gehn. Wenn Wenn endlich Link Nachträge zu den Grundlehren. H. 2. S. 25. daraus, dass die gro- ssen Gefässe immer trocken erscheinen, bewei- sen will, dass sie luftführend sind, so ist dies ein Grund, der auf einer unrichtigen Beobach- tung beruhet. In vielen saftigen Pflanzen, z. B. in der Hyacinthe, sind die Spiralgefässe nichts weniger als trocken, sondern durch und durch feucht. Dass sie im Holzkörper unter dem Ver- grösserungsglase trocken zu seyn scheinen, rührt von ihrer Sprödigkeit und davon her, dass sie meist eine dünne, wässrige Flüssigkeit führen. So wenig haltbar diese Gründe sind, so er- hebliche Beweise giebt es dagegen für die Mei- nung, dass die grossen Gefässe tropfbare Flüssig- keiten leiten. Zuerst ist es eine bekannte That- sache, dass die grossen Gefässe abgeschnittener und in eine farbige Flüssigkeit gesetzter Zweige diese einsaugen, dass hingegen die Zellen und Fasern niemals unmittelbar, sondern erst nach einiger Zeit durch Mittheilung aus den grossen Gefässen gefärbt werden Die bisherigen Versuche über diesen Gegenstand hat Sprengel (Ueber den Bau u. die Natur der Gew. S. 153.) zusammengestellt. . Aus H. D. Mol- denhawer ’s Erfahrungen ergiebt sich auch, dass die von den grossen Gefässen eingesogene Flüs- sigkeit D 3 sigkeit wirklich zur Ernährung der Pflanze dient, indem ein Zweig, an dessen unterm Ende man alles Zellgewebe bis auf die Bündel der grossen Gefässe weggenommen hat, und wovon man blos diese in Wasser taucht, allein durch diese eine Zeitlang frisch erhalten wird H. D. Moldenhawer de vasis plantarum. p. 30. . Man hat die Resultate, die sich hieraus in Hinsicht auf die Funktion der grossen Gefässe ziehen lassen, durch die Beobachtung umzusto- ssen gesucht, dass das Aufsteigen gefärbter Flüs- sigkeiten blos in den Spiralgefässen abgeschnitte- ner Zweige statt findet, ganz unverletzte Wur- zeln aber niemals Pigmente aufnehmen J. L. F. Mayer ’s Naturgetreue Darstellung der Entwickelung, Ausbildung und des Wachsthums der Pflanzen. S. 17. — Link ’s Grundl. der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 72. — Dessen Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 18. — Sprengel a. a. O. S. 153. . Al- lein diese Beobachtung beweiset nur, was man auch schon vorher wissen konnte, dass gröbere Färbestoffe nicht durch die Oberhaut eingeso- gen werden. Die grossen Gefässe endigen sich in den mit Saft angefüllten Zwischenräumen des Zellgewebes. Es ist nicht einzusehen, warum sie in unverletzten Pflanzen diesen Saft nicht eben so wohl aufnehmen sollten, als sie in ab- geschnittenen Zweigen die Flüssigkeit, worin diese gestellt gestellt sind, absorbiren. Wendet man ein, dass die grossen Gefässe in unverletzten Gewächsen keine sichtbare Oeffnungen haben, wodurch die Absorbtion geschehen könnte, so macht man ei- nen Einwurf, der eben so wohl die Hypothese trifft, dass jene Gefässe luftführende Canäle sind. Ueber die Gegenwart oder Abwesenheit von ein- saugenden Oeffnungen an zarten Gefässen ist es aber überhaupt so schwer, etwas Gewisses zu bestimmen, dass sich davon kein Grund für oder wider eine Meinung hernehmen lässt. J. J. P. Moldenhawer Beytr. zur Anat, der Pfl. S. 329. hat indess an dem Sphagnum obtusifolium eine Entdeckung gemacht, woraus sich nicht nur vermuthen lässt, dass die grossen Gefässe mit solchen Oeffnungen versehen sind, sondern die auch überhaupt über die Funktion der Spiralgefässe Licht verbreitet. Es giebt in der äussersten Schicht des Stengels und in den Blät- tern dieses Mooses Schläuche, die offenbar die erste Anlage zu den Spiralgefässen der eigentli- chen Pflanzen sind. Diese zeigen deutliche run- de Oeffnungen, und saugen durch dieselben Was- ser ein. Taucht man die Blätter der untern hän- genden Zweige, welche die Stelle der Wurzeln vertreten, und deren Spiralgefässe vorzüglich viele Oeffnungen haben, in eine gefärbte Flüssigkeit, ohne dass der Stengel diese berührt, so färbt die- D 4 dieselbe sehr bald die Spiralgefässe des Stengels, dringt aus diesen in die Gefässe der übrigen Blät- ter, und schwitzt so stark aus den runden Oeff- nungen derselben hervor, dass die ganze Ober- fläche der Blätter von dem Pigment bedeckt wird. Zu diesen Gründen kömmt endlich noch, dass sich die grossen Gefässe abgeschnittener Pflan- zentheile beym Einsaugen gefärbter Flüssigkei- ten keinesweges nur als leblose Haarröhren ver- halten, sondern dass ihre absorbirende Kraft mit der Vegetationskraft der ganzen Pflanze in Ver- bindung steht. Ich habe oft Zweige von Wei- den, Pappeln, Linden, Hollunder und mehrern Stauden des Winters in eine Abkochung von Fer- nambukholz gesetzt, und drey bis vier Tage hindurch im geheitzten Zimmer stehen lassen, ohne dass die Flüssigkeit in den grossen Gefässen der Zweige aufgestiegen wäre, da doch die Ge- fässe belaubter Zweige im Sommer sehr schnell von dem Pigment durchdrungen werden. Eben so wenig steigen gefärbte Decokte in verwelk- ten Pflanzentheilen auf, und alle Zusätze zu sol- chen Abkochungen, die dem vegetabilischen Le- ben nachtheilig sind, z. B. geistige Tinkturen, verhindern das Einsaugen. Nach allen diesen Gründen halte ich für wahrscheinlich, dass die grossen Gefässe eben so wie wie die Fasern saftführende Canäle sind, dass beyde ihre Flüssigkeiten aus den Intercellular- gängen erhalten, und dass durch jene alles schnellere Aufsteigen des Pflanzensafts geschieht. Jedes grosse Gefäss kann den Saft sowohl aufwärts, als abwärts leiten , wie die bekannte Erfahrung beweist, dass abge- schnittene Zweige mancher Bäume, mit dem obern Ende in die Erde gesteckt, Wurzeln schlagen. Indess zeigen Knight ’s Versuche, dass das Wachsthum solcher umgekehrten Zweige doch weit langsamer als die Vegetation von Stecklingen, die mit dem untern Ende gepflanzt sind, von statten geht In sechs Zweigen der Salix Capraea, die mit den obern Enden gepflanzt waren, nahm die Vegetation mit der Entfernung von dem untern Ende immer mehr ab, und hörte gegen Ende des Sommers in einer Höhe von vier Fuss fast ganz auf. In sechs andern ähnlichen Zweigen hingegen, die mit den untern Enden in die Erde gesteckt waren, ging die Vegetation an den höchsten Punkten auf das kräf- tigste von statten. (Philos. Transact. 1804. P. 1. P. 183.) . Die Umkehrung der Bewegung des Pflanzensafts muss also Schwie- rigkeiten haben, und es lässt sich daher schlie- ssen, dass diese Gefässe entweder zur Führung des Safts nach oben, oder zur Leitung dessel- ben D 5 ben nach unten, oder theils zu dieser, theils zu jener Funktion bestimmt sind. Welcher von die- sen möglichen Fällen wirklich statt findet, dar- über werden die folgenden Bemerkungen Auf- schluss geben. Es giebt in den Pflanzen keinen so regel- mässigen Umlauf der Säfte, wie in den Thie- ren, sondern der Trieb der Pflanzensäfte ist immer nach denjenigen Theilen ge- richtet, worauf äussere Potenzen am meisten wirken . Das Ausströhmen von Luft- blasen aus den Blättern geschieht nur beym Ein- fluss des Sonnenlichts. Wirkt dieses in Verbin- dung mit Wärme auf den obern Theil einer Pflanze, z. B. eines in ein Treibhaus geleiteten Asts eines Weinstocks, so fängt derselbe schon an zu grünen, wenn die Vegetation des untern Theils noch weit zurück ist. Licht und Wärme sind überhaupt die vor- nehmsten unter den äussern Potenzen, wodurch die Bewegung der Pflanzensäfte bestimmt wird. Da der Einfluss derselben während der Jahres- und Tageszeiten regelmässig wächst und abnimmt, so muss auch in dieser Bewegung eine regel- mässige Veränderung statt finden. Die letztere besteht in einem Auf- und Abfliessen des Safts . Bey den baumartigen Gewächsen unsers Himmelsstrichs tritt das Aufsteigen im Frühjahre. das das Absteigen gegen das Ende des Sommers ein. Beym Aufsteigen hebt sich der Saft täglich nach der verschiedenen Temperatur der Luft bald mehr, bald weniger, doch so, dass er, nach Wal- ker ’s Versuchen Transact. of the Roy. Soc. of Edinburgh. Vol. 1. p. 3. , bey der Birke fünf bis sechs Wochen braucht, um zwanzig Fuss hoch zu steigen. Nach dem Aufsteigen fangen die ver- schiedenen Lagen der Rinde und des Holzes an, sich von einander zu trennen Walker a. a. O. , und von die- ser Zeit an bis zur Mitte des Sommers treiben die Pflanzen vorzüglich ins Laub, nachher aber mehr in die Wurzeln. Ausserdem geht bey al- len Pflanzen, sobald sie Blätter haben, des Ta- ges die Bewegung des Safts mehr nach unten, des Nachts mehr nach oben. Gewächse, die im Dunkeln aufwachsen, schiessen schnell in die Höhe, treiben aber wenig Wurzeln; umgekehrt verhält es sich mit Pflanzen, die dem Lichte aus- gesetzt sind. Diese Regeln sind indess nicht ohne Ausnahmen, und können es nicht seyn, da es ausser dem Einfluss des Lichts noch an- dere Ursachen giebt, wovon der Trieb der Säfte abhängt. So treibt jede Pflanze im Anfang ihres Entstehens vorzüglich nach unten, und bildet Wurzeln, ehe sie aus der Erde hervordringt, und eben so sieht man an jeder, im Wasser stehen- den den Hyacinthenzwiebel, dass das Wachsthum der Wurzeln schneller als das der Blätter von statten geht. Die auf- und absteigende Bewegung des Safts ist auch nicht so streng an die Zeit des Tages und der Nacht gebunden, dass in der letztern Periode gar kein Wachsthum nach oben und in der letztern keines nach unten statt fände. Wir können jetzt auf unsere obige, die Funk- tion der grossen Gefässe betreffende Frage zurück- kommen, und diese dahin beantworten, dass die äussern, der Rinde zunächst liegen- den Fasergefässe, oder der Bast, den Pflanzensaft abwärts, die um das Mark liegenden grossen Gefässe, besonders die Spiralgefässe, aber denselben aufwärts führen . Folgende Gründe beweisen diesen Satz: 1. Wo blos eine absteigende Bewegung des Pflanzensafts ist, finden sich nur Fasergefässe umgeben von Zellen. Dies ist der Fall mit den Flechten, den meisten Moosen und mehrem Na- jaden, die sich blos durch die Blätter ernähren, ohne etwas von der Wurzel zu empfangen. Dies hat ferner bey den Blättern der meisten Dicoty- ledonen statt. Die Nerven derselben bestehen grösstentheils aus Bastbündeln ohne zahlreiche Spiralgefässe, und ihre übrige Substanz enthält blos Zellen. Sie führen aber auch dem Stamm weit weit mehr zu, als sie von ihm empfangen. Früchte verwelken, wenn man dem Zweige, der sie trägt, die über ihnen sitzenden Blätter nimmt, und ein Stück Rinde, das durch Einschnitte von der übrigen Rinde getrennt ist, verdorret, wenn sich keine Knospen daran befinden, grünet aber fort, wenn es Knospen hat, deren Blätter ihm Nah- rung zuführen Link ’s Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 49. . Ein Tropfen Salzsäure auf ein Blatt gebracht, verursacht einen gelben Fleck, der sich wenig gegen die Spitze, desto mehr aber gegen die Basis des Blatts, und von dieser durch den Blattstiel bis zum Stamm verbreitet, und blos durch die Nerven des Blatts fortgeht Link a. a. O. S. 20. . 2. Eine blos absteigende Bewegung findet auch in dem ersten Keim der Pflanze statt. Die- ser erhält anfangs seine Nahrung blos aus den Saamenblättern, und das Erste, was sich an ihm bildet, ist die Wurzel. Indem diese entsteht, geht der Trieb des Nahrungssafts aus den Co- tyledonen blos abwärts, und während dieser Zeit sieht man in dem Keim noch keine andere Ca- näle als Fasergefässe. Sobald aber der Anfang des Stamms hervorzubrechen und der Trieb der Säfte aufwärts zu gehen anfängt, zeigen sich in der Mitte des Pflänzchens Spiralgefässe. 3. 3. Spiralgefässe giebt es allenthalben, wo die Bewegung der Säfte aufwärts gerichtet ist. Bey den baum- und strauchartigen Dictyledonen bildet sich jährlich im Herbst eine neue Lage derselben um das Mark, die bey manchen Bäu- men, z. B. den Linden, im Frühjahre mit grü- nen Zellen und saftreichen Fasern umgeben ist. Die grüne Farbe dieser, von der Oberhaut durch den ganzen Holzkörper getrennten und dem Lichte völlig unzugänglichen Theile, und ihre saftige Beschaffenheit beweisen, dass zwischen dem Mark und dem Holz ein ähnlicher Process, wie zwischen der Rinde und dem Holze, statt findet. Völlig gleich können aber beyde Processe nicht seyn, indem es zwischen der Rinde und dem Holz keine Spiralgefässe, wie in der Nähe des Marks, giebt, und eine andere Verschiedenheit in den Funktionen beyder Theile ist nicht zu den- ken, als dass der Saft durch die einen auf-, durch die andern niedersteigt. In dem Mark und den dem Marke zunächst liegenden Fasergefässen der Bäume und Sträucher findet man aber auch im Januar und Februar eine Menge Luftblasen. Mit der Entbindung dieser Luft beginnt ohne Zweifel die Vegetation. Nie trifft man sie um jene Zeit in dem Zellgewebe der Rinde und in den Bastfasern an. Der Anfang der Vegetation geschieht daher in der Mitte des Stamms, und wahrscheinlich tritt also auch die nächste Wir- kung kung dieser innern Bewegung des Safts, das Aufsteigen desselben, nicht im Umfange des Stamms, sondern in den um das Mark liegen- den grossen Gefässen ein. 4. Werden diese Gefässe im Frühjahr an einem Ast ausgeschnitten, so treibt zwar der- selbe im folgenden Sommer aus den im Bast und der Rinde vorräthigen Säften noch Blätter; aber im folgenden Jahre ist er abgestorben J. L. F. Mayer ’s naturgetrene Darstellung der Ent- wickelung u. s. w. der Pfl. S. 49. . Nimmt man alles Holz weg, und lässt blos die Rinde übrig, so fängt der Zweig sogleich an zu welken und ist in kurzer Zeit völlig leblos. Hingegen kann man rings um einen blätterrei- chen Ast die Rinde und einen beträchtlichen Theil des Holzes wegschneiden; der Ast fährt doch fort in allen Theilen zu grünen, wenn nur eine Lage Holz um das Mark übriggeblieben ist. 5. Endlich geschieht, wie oben gezeigt ist, alle schnellere Bewegung des Pflanzensafts durch die grossen Gefässe. Nur von der Wurzel zu den Blättern findet aber eine schnelle Bewegung der eingesogenen Flüssigkeiten statt; hingegen was von den Blättern aufgenommen ist, gelangt nur langsam zur Wurzel. Durch das blosse Be- giessen der Wurzel lässt sich eine Pflanze bey kräftigem Wachsthum erhalten, und sie richtet sich, sich, wenn sie Mangel an Wasser leidet, schnell wieder auf, sobald ihre Wurzeln hinreichend getränkt sind; aber das blosse Begiessen der Blätter unterhält nur dürftig die Vegetation, und eine welke Pflanze wird nur langsam dadurch gestärkt. Auch aus diesem Gesichtspunkt er- scheinen also die grossen Gefässe als diejenigen, die den Saft aufwärts führen. Diese Meinung von der Bewegung des Pflan- zensafts hat zwar mehrere wichtige Authoritäten gegen sich. Seitdem Perrault, Mariotte und ein Hamburgischer Arzt, Major , zuerst bewie- sen, dass es ein Auf- und Abfliessen des Safts in den Gewächsen giebt, und dass beyde in ver- schiedenen Theilen geschehen Perrault Oeuvres de Physique et de Mechanique. Vol. 1. p. 69. — Hist. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1709. Ed. 8. p. 56. , hat man fast allgemein für das Organ der absteigenden Bewe- gung die Rinde, und für die Theile, die den Saft aufwärts leiten, die Bastfasern angenommen. Die letztere Funktion des Basts hat besonders Sprengel zu beweisen gesucht. Doch glaubt die- ser, dass das Aufsteigen auch im Holze, und das Absteigen zwischen dem Bast und dem Holze erfolgt Sprenoel über den Bau u. die Natur der Gew. S. 431. 440. 463. . Für Für die Hypothese von dem Abfliessen des Safts durch die Rinde giebt es aber keinen erheb- lichen Grund, als die Erfahrung, dass wenn rings um den Stamm oder den Ast eines Baums ein Streifen Rinde weggenommen ist, sich mehr Saft aus dem obern, als aus dem untern Rande der Wunde ergiesst, und der Baum über dem Schnitt anschwillt, unter demselben aber nicht zunimmt Cotta ’s Naturbeobachtungen über die Bewegung u. Funktion des Safts in den Pflanzen. Weimar 1806. S. 14. — Link ’s Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 85. — Dessen Nachträge zu den Grund- lehren. H. 1. S. 21. . Gegen diesen Beweis gilt, was schon oben gegen die Meinung von der Bewegung des Safts durch die Rinde im Allgemeinen erin- nert ist. Nach meinen Erfahrungen findet aber auch jener Erfolg keinesweges in allen Fällen statt, wenn man, statt die Rinde auszuschneiden, sie unterbindet. Ich liess vor einigen Jahren um neu gepflanzte Obstbäume meines Gartens Eisen- dräthe, woran Bleche mit den Namen der Bäume hingen, theils unter dem Anfang der Krone, theils an dem untern Ende eines Hauptasts legen. An sieben Stämmen, die aus Pflaumen, Kirschen, Aepfeln und Birnen bestanden, wurden die Drä- the beym Wachsen der Bäume nicht genug er- weitert. Im folgenden Jahr waren sie schon so weit IV. Bd. E weit in das Holz eingedrungen, dass sie sich ohne eine sehr gewaltsame Operation nicht wieder her- ausziehen liessen. Jetzt sind zum Theil selbst die Bleche ganz verwachsen. Alle diese unterbunde- nen Stämme oder Aeste verlieren im Herbste weit früher als die übrigen ihre Blätter, schlagen aber auch im Frühling weit zeitiger wieder aus, blü- hen sehr voll, und tragen zum Theil viele, doch kleine, unschmackhafte Früchte. Bey allen fin- det sowohl unter, als über dem Bande eine An- schwellung statt. Da, wo das Band um den Stamm unter dem Anfang der Krone liegt, ist bey einigen, doch auch nicht bey allen, die An- schwellung oberhalb dem Bande stärker als unter- halb demselben. Bey den übrigen Bäumen hin- gegen, an welchen blos ein Ast unterbunden ist, finde ich keinen Unterschied zwischen der obern und untern Anschwellung. Nach Ligaturen tritt also wenigstens nicht immer eine stärkere Ver- dickung über dem Bande ein, und vielleicht ist auch nach kreisförmigen Ausschnitten der Rinde diese Verdickung nicht allgemein. Fände sie aber auch ohne Ausnahme statt, so würde doch noch erst zu beweisen seyn, was noch nicht bewiesen ist, dass die Verdickung ursprünglich von der Rinde, und nicht von dem Bast oder Holz her- rührt, ehe man daraus auf ein Absteigen des Safts durch die Rinde schliessen dürfte. Uebrigens weiss man ja auch, dass manchen Bäumen die ganze ganze Rinde, ihrem fortdauernden Wachsthum unbeschadet, abgeschält werden kann. Wie wäre dies möglich, wenn sie eine so wichtige Funktion hätte, wie sie bey jener Meinung haben müsste! Die zweyte Hypothese, dass das Aufsteigen des Safts durch den Bast geschieht, hat man dar- aus beweisen wollen, weil es Bäume gäbe, in welchen das Mark mit dem Holze verfault, und blos der Bast nebst der Rinde noch gesund wären, und welche doch Jahre lang fortlebten. Aber diese Beobachtung halte ich für unrichtig. Nie habe ich inwendig verfaulte Bäume gesehen, die noch vegetirt und nicht unter dem Bast noch ge- sundes Holz gehabt hätten Das Nehmliche erinnert Rudolphi (Anat. der Pfl. S. 231.) . Kein Baum, der dieses nicht besitzt, kann dem Winde widerste- hen. Das übrig gebliebene Holz enthält aber noch so viele grosse Gefässe, als zur Unterhal- tung des immer nur sehr kümmerlichen Lebens solcher Bäume nöthig ist. Was endlich Sprengel ’s Hypothese betrifft, dass das Absteigen des Safts zwischen dem Bast und dem Splint geschieht, so ist diese eine Folge seiner übrigen Meinungen. Dass die Rinde zu jener Funktion nicht passend wäre, sahe er ein; den Bast und die Fasergefässe des Holzes nahm er E 2 er für die Organe des Aufsteigens an; die grossen Gefässe aber liess er nicht für saftführend gelten. So blieb freylich kein anderer Ort zum Absteigen des Safts als der Zwischenraum zwischen dem Bast und dem Splint übrig. Dass im Frühling zwischen dem Bast und der Rinde viele Flüssig- keit enthalten ist, hat freylich seine Richtigkeit. Allein diese ergiesst sich dahin aus dem Holzkör- per. Schon Walker A. a. O. sagt ausdrücklich in sei- nen Bemerkungen über die Bewegung des Safts in den Bäumen, dass sich im Frühling der Saft zwar häufig zwischen dem Bast und der Rinde zeigt, dass er aber erst beym Anbohren des Hol- zes in Menge hervordringt. Auch bemerkt Wal- ker , dass sich der Bast von der Rinde erst nach dem Aufsteigen des Safts und nicht früher trennt. Der Saft muss also schon im Holze aufgestiegen seyn, ehe er sich in den Zwischenraum zwischen dem Bast und der Rinde ergiessen kann. §. 4. Chemische Nutritionsprocesse der Pflanzen. Was wir bisher von innern Bewegungen des Pflanzenkörpers aufgefunden haben, ist der blosse Mechanismus der Vegetation, der erst durch die dabey zum Grunde liegenden, oder daraus hervorgehenden chemischen Veränderun- gen eine höhere Bedeutung erhält. Wir kommen jetzt jetzt auf diese chemischen Erscheinungen des Pflanzenlebens, und fangen unsere Untersuchun- gen mit der Beantwortung der Frage an: Wel- chen Einfluss das Athmen der Pflanzen auf die umgebende Luft äussert? Es war zuerst Priestley , und auf dessen Veranlassung Scheele , die über diesen Gegen- stand Versuche anstellten Priestley ’s Versuche u. Beobacht. über verschie- dene Gegenstände der Luft. Th. 1. S. 89. — Dessen Vers. u. Beobacht. über versch. Theile der Natur- lehre. Th. 1. S. 229. . Beyde fanden, dass die Pflanzen in einigen Fällen Sauerstoffgas, in andern eine mephitische Luft aushauchten. Ueber die Ursache des entgegengesetzten Erfolgs ihrer Versuche blieben beyde in Ungewissheit. Diese wurde in der Folge von Ingenhouss Versuche mit Pflanzen. Uebers. von Scherer . — Dessen vermischte Schriften. Uebers. von Molitor . 2te verm. Aufl. und Sen- nebier Ueber den Einfluss des Sonnenlichts auf alle drey Reiche der Natur. entdeckt. Die letztern fanden, dass grüne Pflanzentheile, besonders die Blätter, beym Einfluss des Sonnenlichts unter Wasser Sauerstoff- gas ausathmen, dass aber dieselben Organe im Dunkeln die atmosphärische Luft für Thiere irre- spira- E 3 spirabel machen, und dass diesen Einfluss die Wurzeln, Schoten, reifen Früchte, Saamenkörner und andere nicht grüne Theile zu allen Zeiten, doch mehr in der Nacht und im Schatten, als bey Tage, und am wenigsten im Sonnenlichte, auf die Atmosphäre äussern. Diese Beobachtungen wurden durch spätere Erfahrungen von Sternberg Mayer ’s Samml. physikal. Aufsätze von einer Ge- sellsch. Böhmischer Naturforscher. B. 2. S. 47. , Succow Commentat. Acad. Theodor. Palatin. Vol. V. phys. p. 166. , Spallanzani Journ. de Phys. T. (V.) 48. p. 135. und dem jüngern Saussure Chemische Untersuchungen über die Vegetation. Uebers. von Voict . in der Hauptsache völlig bestätigt. Nur darin ha- ben die Resultate der Versuche von Ingenhouss und Sennebier einige Einschränkungen erlitten, 1) dass die Menge Sauerstoffgas, welche die Blätter beym Einfluss des Tageslichts in der Luft erzeugen, weit geringer ist, als die, welche sie unter Wasser liefern Spallanzani a. a. O. ; 2) dass die grüne Farbe nicht, wie Ingenhouss ohne Einschränkung behauptete, ein wesent- licher Charakter der Pflanzentheile ist, welche Sauer- Sauerstoffgas ausathmen, sondern dass es ei- nige, obgleich nicht häufige Ausnahmen hier- von giebt Saussure a. a. O. S. 50. ; 3) dass auch unreife Weintrauben den Sauer- stoffgehalt der atmosphärischen Luft an der Sonne vergrössern Saussure ebendas. S. 119. §. 10. ; 4) dass die Blätter bey der Entwickelung von Sauerstoffgas auch Stickgas entweichen las- sen Ebendas. S. 51. . Wie die Blätter der Pflanzen, so verhalten sich auch unter den Phytozoen die zur Familie der Wasserfäden gehörigen Arten, die eine grüne Farbe haben, vorzüglich Priestley ’s grüne Ma- terie. Alle diese Körper entbinden eine sehr grosse Menge Sauerstoffgas, und zwar die letztere nicht nur bey der Einwirkung des Lichts, son- dern auch im Dunkeln, ja selbst wenn sie ge- trocknet, zerrieben und wieder angefeuchtet ist; die übrigen aber nur beym Einfluss der Sonnen- strahlen Ingenhouss ’s verm. Schriften. B. 2. S. 189. — J. A. Scherer ’s Beobacht. u. Vers. über das pflanzenähn- liche Wesen in dem warmen Carlsbader u. Töplitzer Wasser. . Auch E 4 Auch die Blasen des Fucus vesiculosus ent- halten eine Gasart, die weit reicher an Sauerstoff als die atmosphärische Luft ist Priestley ’s Vers. u. Beobacht. über versch. Theile der Naturl. Th. 1. S. 241. . Die Schwämme hingegen hauchen nach von Humboldt ’s Versuchen Tag und Nacht Wasser- stoffgas aus Von Humboldt ’s Aphorismen aus der chem. Phy- siologie der Pflanzen. S. 107. 122. . Auf eine andere Art wie die schon gebildete Pflanze wirkt das keimende Saamenkorn auf die atmosphärische Luft. Während des Keimens ver- mindert sich der Sauerstoffgehalt der letztern; es entsteht dagegen kohlensaures Gas, und zwar im Verhältniss zu dem verschwundenen Sauerstoff- gas Rollo , Annales de chimie. T. 25. p. 37. — Saus- sure ’s chem Untersuch, über die Vegetat. S. 7. — Huber u. Sennebier über den Einfluss der Luft und einiger gasartigen Stoffe auf die Keimung ver- schiedener Saamenkörner. Uebers. von Riem . S. 21. 22. — An Inquiry into the Changes, induced on atmospheric Air by the Germination of Seeds, the Vegetation of Plants and the Respiration of Animals. By D. Ellis . . Befinden sich die Saamenkörner unter Reci- Wasser. S. 15 ff. — Sennebier , Journ. de phys. T. (V.) 48. p. 357. Recipienten, die mit reinem Stickgas oder Was- serstoffgas angefüllt sind, so keimen darin zwar nicht alle, doch manche Arten von Körnern, z. B. Erbsen, und man findet dann auch in diesen Luftarten kohlensaures Gas, zugleich aber auch blossen Kohlenstoff, der sich von den Saamen- körnern abgesondert, und jene Gasarten in koh- lenhaltiges Stickgas oder Wasserstoffgas verwan- delt hat Huber u. Sennebier a. a. O. S. 11. 35. 50. 139. 151. — Zwölf Erbsen hatten in Wasserstoffgas eine Quantität kohlensaures Gas erzeugt, die einer Masse von 60 Unzen Wasser gleich war. Ebendas. S. 146. . Kohlensaures Gas ist es auch, welches von den nehmlichen Pflanzentheilen, die beym Ein- fluss des Lichts Sauerstoffgas aushauchen, in der Dunkelheit erzeugt wird Spallanzani a. a. O. — Gough, Nicholson Journ. of nat. Philos. Vol. 3. No. 26. p. 1. — Saus- sure a. a. O. S. 60. . Sie absorbiren da- bey ebenfalls, wie die keimenden Saamenkörner, Sauerstoffgas, doch die Blätter der fleischigen Gewächse weniger, als die der meisten übrigen Pflanzen Saussure a. a. O. S. 82. , die Sumpfgewächse weniger, als der grösste Theil der übrigen krautartigen Ge- wächse, die Blätter der immergrünen Bäume we- niger, E 5 niger, als die der Bäume, die im Winter ihr Laub verlieren, und die Blätter solcher Pflanzen, welche auf einem magern Boden, oder in tief- liegenden und feuchten Gegenden wachsen, we- niger als diejenigen, die nur auf einem frucht- baren Boden unter freyem und reichlichem Zu- tritt der atmosphärischen Luft gedeihen Saussure ebendas. S. 86. 87. . Viel- leicht aber findet in der Dunkelheit auch eine ge- ringe Aushauchung von Sauerstoffgas statt Ebendas. S. 49. . Ferner ist es kohlensaures Gas, welches von den Wurzeln, den holzigen, entblätterten, vom Stamm getrennten Zweigen, und den Blüthen der Pflanzen unter allen Umständen ausgehaucht wird. Die Wurzeln absorbiren blos das Sauer- stoffgas, nicht aber das Stickgas der atmosphä- rischen Luft Ebendas. S. 99. . Das Holz und die Blüthen ab- sorbiren ebenfalls Sauerstoffgas, und zwar die letztern mehr im Sonnenschein, als im Dunkeln. Auch erzeugen diese mit dem kohlensauren Gas zugleich Stickgas Ebendas. S. 104. 114. — Nach einer von Saussure (S. 117.) mitgetheilten Tabelle war in sechs Fällen von sieben die Menge des erzeugten Stickgas der des absorbirten Sauerstoffgas gleich. . Woher Woher und wozu nun diese verschiedenen Gasarten, die von der Pflanze ausgehaucht und eingesogen werden? Die Beantwortung dieser Frage ist der erste Schritt zur Enthüllung der Geheimnisse der Vegetation. Am wenigsten befriedigend hat sie ohnstrei- tig Rumford beantwortet. Dieser behauptete, die unter Wasser gehaltenen Blätter befänden sich in einem unnatürlichen Zustande, und man erhalte auch von andern Körpern, z. B. von fein gespon- nenem Glase, roher Seide, gemeiner Baumwolle und der Wolle des Pappelbaums im Sonnenlicht und unter Wasser Sauerstoffgas Philosoph. Transact. Y. 1782. . Allein die erste dieser Behauptungen wird durch Spallanza- ni ’s und Saussure ’s Versuche widerlegt, nach welchen grüne Pflanzentheile auch in der Luft dem Sonnenlichte ausgesetzt Sauerstoffgas ausath- men. Die Versuche, worauf sich die zweyte Be- hauptung gründet, lehren, dass 40 Gran roher Seide nach 3 Tagen nicht mehr als 3¾ Cubikzoll Luft lieferten, und dass zuweilen 4 Tage vergin- gen, ehe sich so viel sammelte, als zu einer eu- diometrischen Prüfung der Luft nöthig war. Kann nicht diese unbedeutende Quantität Gas durch eine geringe, vielleicht kaum sichtbare Menge grüner Materie, die sich während des Ver- suchs im Wasser erzeugte, gebildet seyn? Aber Wood- Woodhouse ’s Beobachtungen zeigen auch, dass jene von leblosen Körpern im Wasser hervorge- brachte Luft mit der von lebenden Blättern aus- geathmeten so wenig der Qualität, als der Quan- tität nach verglichen werden kann. Woodhouse setzte Asbestfäden, gesottene Pferdehaare, gemei- ne Baumwolle, Wolle der Asclepias Syriaca, die Blüthenrispen des Rhus Cotinus, die feinhaarigen Federn von Clematis crispa, die Aehren von Panicum glaucum und gepulverte Holzkohle in 40 Unzen Brunnenwasser einen Tag hindurch dem Sonnenlichte aus. Jeder von diesen Körpern lieferte 2 bis 4 Drachmen unreines Sauerstoffgas, indem Blätter von irgend einer Pflanze, in dem nehmlichen Wasser der Sonne ausgesetzt, binnen wenig Stunden 8 bis 19 Drachmen weit reinere Luft gaben Nicholson Journ. of nat. Phil. Vol. 2. p. 150. . Jetzt lässt sich die obige Frage bestimmter so stellen: Rührt das Sauerstoffgas, das von den Pflanzenblättern beym Licht excernirt wird, und das kohlensaure Gas, das sie im Dunkeln aus- hauchen, von der eingesogenen atmosphärischen Luft, oder von dem aufgenommenen Wasser her? Denn nur aus diesen beyden Quellen können jene Gasarten entstehen. Vorzüglich Woodhouse und Saussure sind es, welche diese Fragen durch Versuche zu be- antwor- antworten gesucht haben. Beyder Meinung ist, dass das kohlensaure Gas der Atmosphäre und des Wassers die Quelle ist, aus welchem das Sauerstoffgas herrührt, das beym Sonnenlicht von den Pflanzen entbunden wird. Die Gewächse zie- hen, ihnen zufolge, jenes kohlensaure Gas ein, zersetzen dasselbe, eignen sich dessen Kohlenstoff nebst einem Theil des darin befindlichen Sauer- stoffs an, und hauchen den übrigen Sauerstoff aus. Die Ausscheidung des kohlensauren Gas im Dunkeln ist nach Woodhouse die Folge eines krankhaften Zustandes, indem sie, seinen Erfah- rungen nach, nur bey verwundeten Pflanzen- theilen statt findet. Indess beweisen Saussure ’s Versuche, dass allerdings auch unverletzte vege- tabilische Organe diese Gasart von sich geben, und zwar leitet sie Saussure von einer Ver- bindung’ des Kohlenstoffs der Pflanzen mit dem Sauerstoff der Atmosphäre her. Wir werden zuerst die einzelnen Gründe prüfen, worauf jene Schriftsteller ihre Meinung bauen, ehe wir über diese Hypothese im Allge- meinen ein Urtheil fällen. Woodhouse A. a. O. beruft sich auf folgende Er- fahrungen: 1) Die Blätter von vierzehn verschiedenen Pflanzen, die man in einem Recipienten von 40 40 Unzen mit Flusswasser umgeben hatte, er- zeugten etwa 10 Drachmen-Maass Luft, deren Hauptbestandtheil Stickgas war; hingegen lieferto eine gleiche Quantität eben solcher Blätter in dem nehmlichen Wasser, welches aber vorher mit Kohlensäure geschwängert worden war, 77 Drach- men-Maass sehr reinen Sauerstoffgas. 2) Eine Handvoll Blätter von mehrern Pflan- zen wurden, jede besonders, in 16 Unzenmaass atmosphärischer Luft, welche mit 4 Unzenmaass aus Kreide und Schwefelsäure gezogenem Gas vermischt waren, 7 Stunden lang dem Sonnen- lichte ausgesetzt. Die kohlensaure Luft ver- schwand hierbey, und die Reinheit der atmo- sphärischen Luft hatte so zugenommen, dass sie 2 Maass Salpetergas verschluckte. So setzte auch Woodhouse eine Quantität Blätter der Mimosa virgata und Amygdalus persica, jede besonders, 40 Unzenmaassen atmosphärischer Luft, worin er einen Schwamm hatte verfaulen lassen, 9 Stun- den lang dem Sonnenlichte aus. Das vom Schwamm entstandene kohlensaure Gas ver- schwand, und die Reinheit der Luft stieg von 30 bis 80. Auf dem ersten dieser Gründe bauete auch vor Woodhouse schon Sennebier Recherches sur l’influence de la lumière solaire pour die Mei- nung, nung, dass die Pflanzen das kohlensaure Gas beym Sonnenlichte zersetzen, den Kohlenstoff des- selben sich aneignen, und den Sauerstoff entwei- chen lassen. Aber ist es nicht richtiger, aus die- sem Grunde zu schliessen, dass die Kohlensäure zu den formellen Bedingungen der Vegetation ge- hört, als jene Hypothese daraus zu folgern? Man weiss, dass die Pflanzen in den meisten Versu- chen, die bisher über den Einfluss der Kohlen- säure auf die Vegetation angestellt sind, nur ei- nen geringen Zusatz von kohlensaurem Gas zu dem Wasser, oder der Luft, worin sie vege- tirten, ohne Nachtheil vertrugen Biol. Bd. 2. S. 477 ff. — Ich habe an dieser Stelle die Vormuthung geäussert, dass der entgegengesetzte Erfolg der Versuche Priestluy ’s, Percival ’s und Henry ’s über den Einfluss des kohlensauren Gas auf die Vegetation vielleicht in dem verschiedenen Grade des Lichts, dem die Pflanzen dabey ausgesetzt waren, zu suchen sey. Spätere Versuche Saussure ’s, nach welchen die nehmliche Quantität Kohlensäure, die das Wachsthum der Pflanzen im Sonnenlichte begün- stigt, dieselben Gewächse im Dunkeln tödtet, und Pflanzen, die ihre Vegetation in Stickgas unterhalten können, auch in der Sonne sterben, wenn man die- sem Gas eine Quantität Kohlensäure zumischt, die ihr Wachsthum in der atmosphärischen Luft beför- dern . Ein solcher Ein- pour metamorphoser l’air fixe en air pur par la ve- getation. Genève 1783. Einfluss ist wohl von den formellen, nicht aber von den materiellen Bedingungen des Lebens denkbar. Im Thierreiche wenigstens giebt es kein Beyspiel von einer Potenz der letztern Art, die im Uebermaass dem Leben so leicht gefährlich würde. Der zweyte Grund lässt sich zwar zu Gun- sten der Hypothese Woodhouse ’s deuten. Aber er reimt sich eben so wohl mit der unsrigen. Es ist von Woodhouse nicht bemerkt worden, ob die Pflanzen dem Sonnenlicht unter Wasser, oder in der Luft ausgesetzt waren. Fand das Erstere statt, so war das kohlensaure Gas vom Wasser und nicht von den Pflanzen verschluckt worden. Im letztern Fall konnte es zwar nur von den Vegetabilien aufgenommen seyn. Allein vermittelst der nehmlichen Schlussfolge, deren sich Woodhouse bey diesem Beweise bedient, liesse sich darthun, dass auch das Wasserstoffgas, ja sogar dern würde, haben diese Vermuthung völlig bestä- tigt. ( Von Crell ’s chemische Annalen. 1798. Bd. 1. S. 25. Saussure ’s chem. Untersuch. über die Ve- getat. S. 25. §. 2.) — Schnurrer ’s Versuche zeigen, dass auch die oxydirte Salzsäure dieselben Saamen im Dunkeln tödtet, deren Keimen beym Einfluss des Lichts durch sie befördert wird. (F. Schnurrer observ. de materiarum quarund. oxydat. in germina- tionem efficientia etc. Tubing. 1805. Uebers. in Geh- len ’s Journ. f. d. Chemie u. Physik. B. 2. S. 56.). sogar das Salpetergas, zu den Nahrungsmitteln der Pflanzen gehört, indem mehrere Pflanzen die- se Gasarten begierig verschlucken, und dafür Sauerstoffgas ausathmen In einem von Priestley ’s Versuchen verschluckte eine Pflanze des Epilobium hirsutum atmosphärische Luft, Wasserstoffgas und Salpeterluft ( Priestley ’s Vers. u. Beobacht. über versch. Theile der Naturl. Th. 1. S. 246 ff.). Reines Wasserstoffgas, in welchem eine solche Pflanze vegetirt hatte, war in Knallluft verwandelt, ja in einigen Fällen sogar der entzünd- lichen Eigenschaft beraubt worden. ( Priestley a. a. O. Th. 2. S. 5 ff.). Salpeterluft, in welchem eine andere Pflanze jener Art einen Monat lang vegetirt hatte, und die bis auf den vierten Theil dadurch war vermindert worden, hatte sich so verändert, dass ein Licht in derselben mit einer ruhigen, blauen, sich ausbreitenden Flamme brannte. ( Priestley a. a. O. S. 12.). Ganz anders verhielt sich jene Pflanze in Sauerstoffgas. In diesem starb sie sehr bald ab, ohne die Luft merklich zu vermindern. (A. a. O. S. 13.) Nach Priestley (A. a. O. S. 14.) kamen auch die Wallwurzel und das Geissblatt in Wasserstoffgas sehr gut fort, und nach Ingenhouss (Versuche mit Pflan- zen. S. 335 ff.) hauchten Pfeffermünz-, Wallnuss- und Wasserpfefferblätter am Sonnenlicht unter Wasser, worüber Wasserstoffgas gesperrt war, eben so wohl als bey gleichen Umständen in der atmosphärischen Luft, Sauerstoffgas aus, und verwandelten die ent- zündbare Luft in Knallluft. Link bemerkte, dass eine Pflanze . Zahl- IV. Bd. F Zahlreicher als Woodhouse ’s Erfahrungen sind die Versuche, worauf Saussure die obige Mei- nung gebauet hat. Saussure fand, dass das Volu- men des beym Keimen der Saamen verzehrten Sauerstoffgas der Menge des in der nehmlichen Zeit sich erzeugenden kohlensauren Gas gleich ist. Da nun der Kohlenstoff bey seiner Verbren- nung mit dem Sauerstoff das Volumen des letztern nicht merklich verändert, so schliesst Saussure : 1) dass das atmosphärische Sauerstoffgas wäh- rend dem Keimen nicht von den Saamenkör- nern verschluckt, sondern lediglich zur Bil- dung des kohlensauren Gas mit dem Kohlen- stoff der Saamen verwandt wird; 2) dass der keimende Saamen, in Berührung mit der atmosphärischen Luft, das kohlen- saure Gas nicht ganz aus seiner eigenen Sub- stanz bildet, sondern nur einen Bestandtheil desselben, den Kohlenstoff, liefert Saussure , Journ. de Phys. T. (VI.) 49. p. 92. — Dessen chem. Untersuch. über die Vegetat. S. 6. §. 2. . Die nehmlichen Folgerungen hatte auch schon Sennebier aus seinen und Huber ’s Erfahrungen gezogen. Diesen zufolge vermindert sich wäh- rend Pflanze des Sedum Telephium, die sich in Wasserstoff- gas befand, dieses bis auf 1/12 verzehrte, und dass der Rückstand auslöschte und sich nicht entzündete. ( Usteri ’s neue Annalen der Botanik. St. 14.). rend dem Keimen das Sauerstoffgas. Geschieht das Keimen unter Recipienten, die mit Lebens- luft angefüllt und durch Kalkwasser gesperrt sind, so trübt sich dieses und es entsteht ein Nieder- schlag von Kalkerde, indem das Sauerstoffgas ab- nimmt Huber ’s u. Sennebier ’s Bemerkungen über den Einfluss der Luft u. s. w. auf die Keimung verschie- dener Saamenkörner. S. 21 ff. . Alle diese Versuche aber beweisen keineswe- ges, was sie beweisen sollen. Der Sauerstoff der Atmosphäre kann formelle Bedingung der Erzeu- gung des kohlensauren Gas seyn, und die Ab- sorbtion desselben mit dieser in sehr genauem Verhältniss stehen, ohne dass er zur Bildung der Kohlensäure unmittelbar beyträgt. In der That führen Huber und Sennebier auch einen Ver- such an, der dieser Voraussetzung günstig ist. Erbsen keimten sehr gut sowohl in Stickgas, als in Wasserstoffgas, das aus Zink und Schwefel- säure gezogen war, und nach dem Keimen ent- hielten diese Luftarten viel kohlensaures Gas Zwölf Erbsen hatten in Wasserstoffgas eine Menge kohlensauren Gas erzeugt, die einer Masse von 60 Unzen Wasser gleich war. Huber u. Sennebier a. a. O. S. 151. §. 19. S. 50. §. 9. S. 139. §. 18. S. 75. . Wie wäre dies möglich gewesen, wenn das Saa- menkorn F 2 menkorn beym Keimen nicht einen beträchtli- chen Theil kohlensauren Gas ohne Hülfe des Sauerstoffgas der Atmosphäre entbände? Frey- lich beobachteten Huber und Sennebier bey eben diesem Versuch auch eine Erscheinung, die es wahrscheinlich macht, dass nicht alle Kohlen- säure, welche beym Keimen entbunden wird, aus der Substanz des Saamenkorns herrührt, sondern dass ein Theil derselben aus der Verbindung des Kohlenstoffs des Saamenkorns mit dem Sauerstoff der Atmosphäre entsteht. Das zu wiederholten Keimungen gebrauchte Wasserstoffgas nehmlich brannte blau, und zwar auch dann noch, wenn es mit Kalkwasser gewaschen war. Wurde es mit reinem Sauerstoff im Volta ’schen Eudiome- ter verbrannt, so erzeugte sich eine grosse Menge Kalkerde. Indess frägt es sich, ob die Saamen, die in dem letztern Versuch blossen Kohlenstoff aushauchten, nicht in einer Art von Fäulniss waren? Saussure A. a. O. S. 13. wenigstens versichert wahr- genommen zu haben, dass Saamen, die sich in reinem Stickgas unter Wasser befanden, zwar auch kohlenhaltiges Wasserstoffgas aushauchten, aber nur wenn sie zu faulen anfingen. Ein zweyter Gegenstand der Untersuchungen Saussure ’s war die Frage: Ob die Quantität des Sauerstoffgas, welches die Pflanzen beym Lichte aus- aushauchen, grösser, geringer, oder gleich der Quantität des Sauerstoffgas ist, welches in die Zusammensetzung des von ihnen aus der Atmos- phäre geschöpften kohlensauren Gas eingeht? Um diese Frage zu beantworten, brachte Saussure von mehrern Pflanzenarten einige, deren Wurzeln sich in einem besondern Gefäss befanden, worin die Wassermenge so gering war, dass sie keine merkliche Quantität kohlensauren Gas einsaugen konnte, unter einen Recipienten, welcher eine Mischung von atmosphärischer Luft und einer ab- gemessenen Menge kohlensauren Gas enthielt, an- dere unter eine Glasglocke, welche mit atmosphä- rischer, ihres Kohlenstoffs beraubter Luft ange- füllt war. Die unter dem erstern Recipienten be- findlichen Pflanzen brachten das kohlensaure Gas der Atmosphäre, worin sie eingeschlossen waren, zum Verschwinden, vergrösserten den Gehalt der letztern an Sauerstoffgas und Stickgas, doch den Gehalt an Sauerstoffgas nicht in dem Maasse, wie der Fall gewesen seyn würde, wenn sie von je- nem absorbirten kohlensauren Gas alles in des- sen Zusammensetzung befindliche Sauerstoffgas wieder ausgehaucht hätten, und enthielten nach dem Versuch mehr Kohlenstoff, wie vor dem- selben. In dem andern Recipienten hatte sich die Luft weder an Reinheit, noch an Volumen geändert, und die Pflanzen, die darunter einge- schlossen gewesen waren, hatten vielmehr einen F 3 Ver- Verlust, als einen Zuwachs an Kohlenstoff erlit- ten. Saussure schliesst hieraus, dass die Pflan- zen ihren Kohlenstoff und einen Theil ihres Sauerstoffs aus der Atmosphäre schöpfen, indem sie das kohlensaure Gas derselben zersetzen, sich den Kohlenstoff und einen Theil des Sauerstoffs dieses Gas aneignen, und den übrigen Sauerstoff am Sonnenlichte von sich geben A. a. O. S. 36 ff. §. 4. 5. . Allein es findet ein wichtiger Umstand bey jenen Versu- chen statt, wodurch dieser Schluss sehr unsicher gemacht wird. In dem letztern Recipienten hatte sich weder die Reinheit, noch das Volumen der Luft verändert, und doch hatten die eingeschlos- senen Pflanzen Kohlenstoff verloren. Wo war nun dieser geblieben? Er konnte nur von dem mit einer dünnen Wasserschicht bedeckten Queck- silber, womit die Glocken gesperrt waren, aufge- nommen seyn. War aber in dem letztern Reci- pienten von dem nassen Quecksilber kohlensaures Gas absorbirt worden, so kann dieses auch in dem erstern davon verschluckt seyn, und so lässt sich überhaupt aus diesen Versuchen nichts fol- gern. Ferner verfolgte Saussure die Erscheinungen, welche Blätter und überhaupt grüne Pflanzen- theile äussern, die im Dunkeln der atmosphäri- schen Luft ausgesetzt sind. Die Resultate, die er hier- hierbey erhielt, sind von doppelter Art. Einige beweisen weder für, noch gegen seine Hypo- these; in den übrigen glaubt er Gründe für die letztern zu finden. Zu jenen gehören folgende Beobachtungen: 1) Die Blätter der meisten Gewächse, die eine Nacht in atmosphärischer Luft liegen, ver- mindern das Volumen dieser Luft, indem sie Sauerstoffgas absorbiren und freye Kohlen- säure bilden, welche an Volumen geringer ist, als das verbrauchte Sauerstoffgas Saussure a. a. O. S. 54. . 2) Fleischige Gewächse vermindern das Volu- men ihrer Atmosphäre, indem sie Sauerstoff- gas einsaugen, ohne jedoch merklich kohlen- saures Gas auszuhauchen, wenn der Versuch nicht länger als eine Nacht dauert Ebendas. S. 56. . Sie thun dies aber nur bey unverletzter Struk- tur und Textur. Zerschnitten und zerquetscht nehmen sie keine bemerkbare Einathmungen vor Ebendas. S. 66. . 3) Eine Opuntie absorbirt im Dunkeln blos Sauerstoffgas ohne Stickgas. Verlängert man ihren Aufenthalt im Dunkeln und in einer eingeschlossenen Atmosphäre, so fährt sie, aber F 4 aber immer langsamer, fort, das Sauerstoff- gas zu absorbiren, bis sie davon ohngefähr 1¼ ihres eigenen Volumen erhalten hat. Dann findet keine Einsaugung weiter statt. Sobald die Pflanze bis zu diesem Punkt gekommen ist, fängt sie an, kohlensaures Gas zu bil- den Ebendas. S. 59. 60. . Wird sie aber von Zeit zu Zeit wieder ins Freye gebracht, so athmet sie immer von neuem eine der vorigen gleiche Quantität ein Ebendas. S. 65. . 4) Das von der Opuntie aufgenommene Sauer- stoffgas wird in derselben durch eine so starke Anziehung zurückgehalten, dass es sich weder durch Wegnahme des Drucks der Atmosphäre unter dem Recipienten der Luft- pumpe, noch durch eine mässige Wärme ohne Licht davon trennen lässt Ebendas. S. 61. . Aus allen diesen Thatsachen lässt sich we- der für, noch gegen Saussure ’s Hypothese etwas schliessen. Anders aber ist es mit folgenden Beobachtungen: 1) Die Blätter nehmen bey der Abwesenheit des Tageslichts in solchen luftförmigen Um- gebungen, welche kein freyes Sauerstoffgas enthalten, keine merkbare Einathmungen vor. Sie Sie vergrössern vielmehr ihre Atmosphäre, indem sie kohlensaures Gas aushauchen, doch desto weniger, je mehr Kraft und Leben die Pflanze hat Ebendas. S. 63. . — Diese Behauptung stimmt indess mit den oben erzählten Beob- achtungen Priestley ’s und Ingenhouss ’s über das Einathmen des Wasserstoffgas und Salpe- tergas durch Sumpfpflanzen keinesweges über- ein. Das kohlensaure Gas aber, welches die Pflanze in einem solchen Medium aushaucht, es sey dessen so wenig als es wolle, muss doch aus ihrer eigenen Substanz kommen. Mithin beweiset diese Beobachtung mehr gegen als für Saussure ’s Meinung. 2) Eine Opuntie athmet im Finstern das koh- lensaure Gas in dem nehmlichen Verhältniss ein, wie das Sauerstoffgas, wenn das er- stere dem letztern in einer kleinen Quanti- tät zugemischt ist Ebendas. S. 64. . — Aber andere Pflan- zen hauchen ja im Dunkeln kohlensaures Gas aus. Wie ist dies zu reimen? 3) Eine Opuntie leert des Tages fast die nehm- liche Quantität Sauerstoffgas wieder aus, die sie des Nachts eingesogen hat. Sie ent- wickelt beym Sonnenlicht desto mehr von diesem F 5 diesem Gas, je mehr sie im Finstern da- von absorbirt hat, und sie athmet desto we- niger aus, je geringer ihr Einathmen war. Die Ausathmung des Sauerstoffgas steht da- her mit der Einathmung desselben in Verhält- niss Ebendas. S. 73 ff. . — Dieses Resultat steht aber in offenbarem Widerspruch mit der obigen Be- obachtung, nach welcher die Quantität des Sauerstoffgas, das die Pflanzen beym Lichte ausathmen, nicht derjenigen, die sie im Fin- stern eingesogen haben, sondern der, welche bey der Zerlegung des kohlensauren Gas ihrer Atmosphäre entbunden wird, gleich seyn soll. Zwar ist die obige Beobachtung an nicht fleischigen Gewächsen gemacht, das letztere Resultat hingegen aus Versuchen, die mit der Opuntie angestellt sind, abstrahirt. Allein wenn von dieser kein Schluss auf jene, und von jenen kein Schluss auf diese gilt, so lässt sich überhaupt aus den obigen Beob- achtungen nichts Allgemeines schliessen. Dies sind die Thatsachen, die man für die Meinung von der Ernährung der Pflanzen durch das kohlensaure Gas der Atmosphäre bisher vor- gebracht hat. Ich glaube hinreichend gezeigt zu haben, dass jene Erfahrungen insgesammt eine andere Deutung zulassen, und jetzt werde ich auch auch beweisen, dass diese Meinung überhaupt ganz unhaltbar ist. Ihr zufolge nimmt die Pflanze beym Sonnenlicht kohlensaures Gas auf, eignet sich den Kohlenstoff desselben an, und haucht den darin enthaltenen Sauerstoff wieder aus; zur Nachtzeit hingegen athmet sie Sauer- stoffgas ein, verbindet den Sauerstoff dieser Luft mit dem Kohlenstoff, den sie am Tage sich an- geeignet hat, und leert diese Verbindung als kohlensaures Gas aus. Wie ist nun hierbey ein Fortschreiten der Vegetation, wie eine Anhäufung des Kohlenstoffs in der Pflanze möglich? Nach dem langsamen Verkohlen eines Gewächses bleibt ein Gerippe desselben zurück, welches grösstentheils aus Kohlenstoff zu bestehen scheint. Woher bey jener Hypothese die grosse Menge dieses Stoffs? Antwortet man, dass vielleicht in der Periode des steigenden Lebens die Aufnahme des Koh- stoffs grösser ist, als die Entbindung desselben, so widerspricht dieser Voraussetzung die be- trächtliche und anhaltende Ausleerung von koh- lensaurem Gas durch das keimende Saamenkorn. Aber es giebt auch Erfahrungen, die gerade- zu beweisen, dass der Kohlenstoff ein Produkt der Vegetation ist. Schon Chaptal, Hassen- fratz und Sennebier fanden einen grossen Un- terschied in der Menge des Kohlenstoffs zwi- schen Pflanzen, die im Dunkeln aufgewachsen waren, waren, und solchen, auf welche das Licht Ein- fluss gehabt hatte Thomson ’s System der Chemie. Uebers. von Wolff . B. 4. S. 272 ff. . Von Crell verfolgte diese Erscheinung weiter. Er zog eine Sonnenblume (Helianthus annuus), zwey Hyacinthen, drey Pflanzen der Calla palustris und ein Alisma Plantago in destillirtem Wasser auf. Der Saame der Sonnenblume gab eine ganz ausgebildete Pflanze, deren reifer Saame ebenfalls blos in destillirtem Wasser wieder eine vollständige Pflan- ze lieferte. Die sämmtlichen Erzeugnisse beyder Pflanzen, in verschlossenen Gefässen verkohlt, ga- ben 92 Gran Kohle. Wenn man gleich, sagt von Crell , hiervon allen den Kohlenstoff ab- zieht, den, nach einer sehr freygebigen Voraus- setzung, die Luft der Pflanze durch die Kohlen- säure zugeführt haben konnte, so behält man doch einen bedeutenden Ueberschuss von neu er- zeugter Kohle. — Noch deutlicher zeigte sich diese Erzeugung von Kohlenstoff durch die Ve- getation bey Versuchen mit Hyacinthenzwiebeln, die in destillirtem Wasser, worüber 50 Cubik- zoll atmosphärischer Luft eingeschlossen waren, beym Zutritt des Lichts und der Wärme zum Wachsen gebracht, und nachher bey der chemi- schen Zerlegung mit andern Zwiebeln, die frisch gewogen und dann an der Luft ausgetrocknet waren, verglichen wurden. Die eine von jenen Zwie- Zwiebeln lieferte 47 Gran, die andere 15 Gran Kohle mehr, als sie ohne Vegetation gegeben haben würde, Ueberschüsse, zu welchen die ein- geschlossene Luft, worin sich nur ein halber Gran Kohlensäure befand, nichts beygetragen ha- ben konnte. — Aehnliche Versuche mit Calla palustris und Alisma Plantago bewiesen, dass es das Licht ist, wodurch die Erzeugung des Koh- lenstoffs vermittelt wird. Eine im Dunkeln auf- gewachsene Calla hatte binnen einer sechszigtä- gigen Vegetation fast gar nicht an Kohlenstoff zugenommen, da drey andere Pflanzen dieser Art und ein Alisma Plantago, die beym Zutritt des Lichts aufgezogen waren, beträchtlich an Kohlenstoff gewonnen hatten L. de Crell in Commentat. Societ. Reg. s c. Got- ting. recent. Vol. 1. Comm. phys. no. 5. . Wir können also jetzt mit Wahrscheinlich- keit das Resultat aufstellen, dass der Koh- lenstoff ein Produkt der Vegetation ist, und dass die Bildung desselben durch den Einfluss des Sonnenlichts vermit- telt wird . Wie entsteht aber der Kohlenstoff der Ge- wächse? In welchen Theilen wird er zuerst gebildet? Entstehen aus ihm die übrigen un- zerlegbaren Substanzen, die wir in der Mischung der Pflanzen antreffen? Oder haben diese einen andern andern Ursprung? Dies sind Fragen, die eine vollständige Theorie der Vegetation genügend zu beantworten haben würde. Ich gestehe, dass ich diese nicht zu liefern vermag. Was ich geben kann, sind nur einzelne, aus Erfahrungen ge- folgerte Sätze. Es giebt einen dreyfachen Erfahrungsweg zur Entdeckung des Bildungsprocesses der verschie- denen Pflanzentheile. Auf dem einen untersuchen wir zuerst die in dem Zellgewebe der Blätter und der grünen Rinde befindlichen Säfte, die den Stoff zur Bildung aller übrigen Theile liefern; auf dem zweyten verfolgen wir die Veränderun- gen, welche die Bestandtheile der Saamen und Knollen beym Keimen erleiden; der dritte fängt mit der Zerlegung des im Frühjahre aufsteigen- den rohen Pflanzensafts, dem ersten Produkt der erwachenden Vegetation, an. Wir wollen zuvör- derst den ersten dieser Wege einschlagen. In allen Pflanzentheilen, worauf das Licht Einfluss hat, enthalten die Zellen der Blätter und der jüngern Rinde grüne Körner, die in dem ausgepressten Saft mancher, besonders saftiger Gewächse zu Boden sinken, so dass man sie durch Filtriren von der übrigen Flüssigkeit ab- sondern kann. Diese Körner sind den Blutkü- gelchen der Thiere analog. Wie in den letztern die Farbe des Bluts, so hat in ihnen die Farbe der der Gewächse ihren Sitz. Getrennt von dem übrigen Saft fliessen sie in der Wärme zu einer käseartigen Materie zusammen, werden beym Trocknen hornartig und elastisch, und fangen unter Wasser im Sommer sehr bald an zu fau- len, wobey sich der Geruch von thierischen Ex- krementen entwickelt, und Schwefelwasserstoff nebst kohlensaurem Ammonium entbunden wird. So lange sie feucht sind, lässt sich durch Alco- hol oder Aether aus ihnen eine grüne Materie ausziehen, welche die Eigenschaften eines Harzes oder Wachses hat, und derjenige Bestandtheil ist, worin die grüne Farbe der Gewächse ihren Sitz hat Proust , Journal de phys. T. (XIII.) 56. p. 97. — Einhof in Gehlen ’s neuem allgem. Journal der Chemie. B. 6. S. 67. . Eine ähnliche Materie bildet sich auch in der Gestalt von Flocken in ausgepressten Pflanzen- theilen, woraus sich kein Niederschlag von selber absetzt, wenn man sie in eine Wärme von ohngefähr 50° R. bringt, oder ihnen Alcohol, Säuren, Schwe- felwasserstoffwasser, oder Ammonium zusetzt. Diese Materie hat alle Eigenschaften jener Kör- ner, nur dass sie nicht grün ist, und dass Al- cohol aus ihr keine harzige Theile auszieht. Sie zeigt sich auch in der Gestalt von weissen Kör- nern in Pflanzentheilen, worauf das Licht nicht gewirkt gewirkt hat. Das Licht verwandelt diese weisse Pflanzenmaterie in jene grüne, indem es einem Theil der erstern eine harzige Beschaffenheit giebt. Es scheint hierbey in dem Pflanzenkörper derselbe Process statt zu finden, wie in Aufgüs- sen vegetabilischer und animalischer Substanzen, worin sich bey dem Einfluss der blossen Wärme farbenlose infusorische Organismen erzeugen, die keine Spur von harzigen Bestandtheile zeigen, bey der Mitwirkung des Lichts aber Priestley - sche grüne Materie bildet, woraus Alcohol einen grünen Stoff aufnimmt, der, wie Sennebier ’s Versuche Journ. de Phys. T. (V.) 48. p. 357. beweisen, mit dem harzigen Bestand- theil der grünen Pflanzenkörner übereinkömmt. Diese, von Proust mit dem Namen des Satzmehls (fecula) belegte Substanz ist der am allgemeinsten im Pflanzenreiche verbreitete Grundtheil, und derjenige, aus welchem die fe- sten Theile der Gewächse vorzüglich gebildet werden. Der ungefärbte, nach der Absonderung des harzigen Wesens zurückbleibende Theil des- selben ist der vegetabilische Eyweissstoff , oder der Kleber (gluten), dieselbe Substanz, die zurückbleibt, wenn Mehl durch Kneten und Ausspülen mit Wasser alles Stärkemehls be- raubt wird; den andern harzigen Bestandtheil kann man den grünen Färbestoff der Ge- wächse nennen. Indem Indem ich jenen Theil den vegetabilischen Eyweissstoff nenne, und für einerley mit dem Kleber erkläre, bedarf ich einer Rechtfertigung. Jene Benennung setzt eine Aehnlichkeit oder Gleichheit der flockenartigen Substanz, die sich in ausgepressten Pflanzensäften niederschlägt, mit dem thierischen Eyweiss voraus. Fourcroy Annales de chimie. T. 3. p. 252. bemerkte jene Aehnlichkeit, und nannte die flok- kenartige Substanz Pflanzeneyweiss . Proust A. a. O. widersprach ihm hierin, und zählte mehrere Ver- schiedenheiten zwischen dieser Materie, die er weisses Satzmehl nennt, und dem thierischen Eyweiss auf, wovon die wichtigsten sind: dass das letztere in einer niedrigern Temperatur als das erstere und auf eine andere Art gerinnt; dass das thierische Eyweiss ein freyes Alkali, das weisse Satzmehl hingegen eine freye Säure zeigt; dass alle Säuren, Ammonium, Schwefelwasser- stoffwasser, und alle im Wasser auflösliche Salze das weisse Satzmehl niederschlagen, hingegen in dem thierischen Eyweiss keine Veränderung her- vorbringen. Ich kann Proust ’s Meinung nicht beytreten. Der thierische Eyweissstoff und das weisse Satzmehl der Pflanzen sind eine und die- selbe Substanz; nur ist jenes in einem Alkali, dieses in einer Pflanzensäure aufgelöst, und auf dieses IV. Bd. G dieses wirken zugleich ätherische Oele und an- dere Substanzen, die nicht im thierischen Körper vorhanden sind. Blos hiervon rühren die Ver- schiedenheiten beyder Materien her. Die folgen- den Versuche zeigen, dass, wenn thierisches Ey- weiss in einer Säure aufgelöst ist, das Gerinnen auf andere Art erfolgt als in Eyweiss, worauf keine Säure gewirkt hat; dass auf eine noch andere Art das Vermögen zu coaguliren durch Alkalien modifizirt wird; und dass Alkalien und Erden, die sonst den Eyweissstoff auflösen, ihn niederschlagen, wenn er in Säuren aufgelöst ist. 1. Ohngefähr eine Drachme einer Auflösung des Weissen eines Hühnerey in concentrirtem Essig, die mit 1½ Unzen Wasser verdünnt war, gerann zwischen 60 und 70° R. zu ähnlichen, zer- theilt in der Flüssigkeit schwimmenden Flocken, wie das Pflanzeneyweiss in ausgepressten und erhitzten vegetabilischen Säften; hingegen eine gleiche Menge reines Eyweiss, mit eben so viel Wasser vermischt, gerann bey jener Temperatur zu einer zusammenhängenden Masse. 2. Eine Auflösung einer Drachme Eyweiss in 6 Drachmen einer gesättigten Lauge des ätzenden Natrum wurde mit einer Unze Wasser verdünnt, und zum Kochen gebracht. Das Eyweiss ge- rann, aber weder zu einer zusammenhängenden Masse, noch zu Flocken, sondern zu einer Sub- Substanz, welche das Ansehn von zerriebenem Käse hatte. 3. Zu einer käseartigen Substanz wurde auch Eyweiss, welches in einer Mischung von einer halben Drachme Salpetersäure und einer Unze Wasser aufgelöst war, durch kohlensauren Baryt niedergeschlagen. 4. Beym Zugiessen von 3 Drachmen einer es- sigsauren Eyweissauflösung zu 2 Unzen einer Lauge des ätzenden Natrum erfolgte ein Nieder- schlag von kleinen, weissen Häuten, deren Zahl sich mehrte, nachdem die Flüssigkeit bis zum Kochen erhitzt worden war. Nach dem Erkalten setzte sich ein flockenartiger Bodensatz ab. Ich könnte diesen Erfahrungen noch mehrere ähnliche hinzufügen. Die vorstehenden sind aber schon hinreichend zum Beweise, dass der Eyweiss- stoff in Hinsicht auf die Form seiner Niederschlä- ge, und auf die Ursachen, wodurch derselbe nie- dergeschlagen wird, mehrerer Abänderungen fähig ist, und dass diese Verschiedenheiten nicht auf eine wesentliche Verschiedenheit der präcipitirten Substanz zu schliessen berechtigen. Das weisse Satzmehl, oder das Pflanzen- eyweiss, halte ich für einerley mit dem Kleber des grünen Satzmehls. Proust A. a. O. hat diese Gleich- G 2 Gleichheit ebenfalls anerkannt. Einhof Gehlen ’s neues allgem. Journal der Chemie. B. 5. S. 138. hin- gegen hielt beyde Substanzen für verschieden, weil sich nicht das vegetabilische Eyweiss, wohl aber der Kleber in Alcohol auflöst. Allein ich glaube, dass die Auflöslichkeit des letztern in Weingeist blos von der mit ihm verbundenen harz- oder wachsartigen Materie herrührt. Schon Rouelle Journal de Médécine. T. 40. Juillet. p. 59. erinnert, dass es schwer hält, den kleberartigen und den harzigen Bestandtheil des grünen Satzmehls ganz von einander abzuson- dern, und nach Macquer ’s Bemerkung In dessen Chymischem Wörterbuch. Art. Mehl . zieht der Weingeist auch aus dem Kleber des Mehls bey der Digestion eine geringe Quantität einer Substanz aus, welche die Kennzeichen eines har- zigen Oels besitzt. Einhof A. a. O. bemerkt auch selber, dass der Alcohol, der mit Kleber in Be- ziehung gestanden hatte, milchig geworden wäre: ein Beweis, dass ein fremdartiger Bestandtheil darin enthalten war. In einigen Pflanzentheilen zeigt sich das Pflan- zeneyweiss mit etwas veränderten Eigenschaften als Stärkemehl (Amylum). Dieses setzt sich bekanntlich aus dem Spülwasser des Mehls von Weitzen, Weitzen, Kartoffeln, Orchiswurzeln und andern nährenden Früchten und Wurzeln zu Boden. Doch ist es auch in den grünen Blättern und Stengeln der krautartigen Pflanzen enthalten Einhof a. a. O. B. 6. S. 116. . Man findet es, wie das Satzmehl, in dem Zell- gewebe als ein körniges Wesen Link ’s Grundl. der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 32. . Einerley mit demselben ist die vegetabilische Gallerte, z. B. des Isländischen Mooses Berzelius in Schweigger ’s neuem Journal für Chemie u. Physik. B. 7. S. 336 ff. . Man hat dieses Stärkemehl bisher für ganz verschieden von dem Eyweissstoff gehalten, und in der That weicht es in mehrern Stücken von dem letztern ab. Es ist auflöslich in heissem Wasser; bey der Destillation desselben entbindet sich kein Ammonium, und in der Wärme geht es in die saure Gährung über. Dies sind Eigen- schaften, die nicht der Eyweissstoff besitzt. Al- lein von andern Seiten zeigt es Aehnlichkeiten mit diesem, worin sich eine Verwandtschaft bey- der Materien nicht verkennen lässt. Alcohol und Naphten schlagen jenes zwar nicht, wie den Ey- weissstoff, vollkommen nieder, bewirken aber doch eine Zusammenziehung desselben; Galläpfel aufguss G 3 aufguss erhärtet beyde Substanzen, ohne sie, wie die thierische Gallerte, gänzlich zu fällen; Säuren lösen beyde zum Theil auf, und verwandeln ei- nen Theil derselben in Faserstoff. In denen Stücken, worin das Stärkemehl von dem Ey- weissstoff verschieden ist, nähert es sich theils der thierischen Gallerte, theils dem Schleim. Die Gallerte entsteht, wie wir unten Abschn. 3. Kap. 3. §. 9. dieses Buchs. sehen wer- den, aus dem Eyweissstoff, wenn Säuren bis zu einem gewissen Grad auf diesen wirken, und in Schleim geht der Eyweissstoff über, wenn er mit reinen Alkalien verbunden und das überschüs- sige Alkali ihm durch Säuren wieder entzogen wird. Bey der Zerlegung des Stärkemehls findet man darin wirklich auch Kali, und bey der Destillation liefert dasselbe brandige Schleimsäure, zum Beweise, dass es einen gewissen Grad von Säurung erlitten hat; auch enthält das Wasser, worin man die Stärke bey der Fabrikation der- selben gähren lässt, Phosphorsäure Vauquelin , Annales de Chimie. T. 38. p. 248. , die zu- gleich, wie unten erhellen wird, eine Begleiterin der thierischen Gallerte ist. Ich glaube daher, dass das Stärkemehl in der Reihe der vegetabili- schen Grundtheile zunächst auf den Eyweissstoff folgt, und dass es sich von diesem durch einen Gehalt an Kali, und durch eine Säurung unter- scheidet, die nicht gross genug sind, um dasselbe in in den Zustand der thierischen Gallerte oder des Schleims zu versetzen. Die nächste Bildungsstufe nach dem Stärke- mehl nimmt das Gummi ein. Nach Bouillon- Lagrange Bulletin de pharmacie. T. 3. p. 395. wird jenes durch schwaches Rösten dem Mimosengummi ähnlich gemacht. Ich habe diesen Versuch angestellt und gefunden, dass der Erfolg allerdings einigermaassen so ist, wie jener Schriftsteller ihn angegeben hat, dass jedoch das künstliche Gummi dem natürlichen an Auflöslich- keit in kaltem Wasser nicht ganz gleich kömmt. Solches geröstetes Stärkemehl in heissem Wasser aufgelöst und wieder abgekühlt, zog sich zu einer gallertartigen Masse zusammen, indem sich ein Theil des Wassers davon abschied. Auch von dieser Seite war also die ursprüngliche Natur der Stärke durch das Rösten nicht ganz aufgehoben worden. Nach dem Abdampfen und Austrocknen des Rückstandes erhielt ich eine Masse, die im Aeussern mit dem Mimosengummi völlig überein- kam, aber ebenfalls nicht die Auflöslichkeit des- selben in Wasser besass. Völlig gleich wurde also die Stärke dem Gummi in diesen Versuchen nicht. Es kömmt indess hierbey ohne Zweifel viel auf den Grad und die Gleichförmigkeit des Röstens an, die gehörig zu treffen schwer hält Aehnliche Bemerkungen hat Döbereiner (in Schweig- . Von G 4 Von dem Gummi scheint mir der vegetabi- lische Schleim blos darin verschieden zu seyn, dass dieser etwas unzersetzten Eyweissstoff ent- hält. Der letztere wird durch das essigsaure Bley zu häutigen Flocken niedergeschlagen. Ich finde, dass eben dies auch dem Althäenschleim wider- fährt, dass hingegen eine wässrige Auflösung des Mimosengummi von jenem Bleyoxyd blos ge- trübt wird. Auf denselben Schluss führen auch Vauquelin ’s Erfahrungen Ann. de Chimie. T. 80. p. 316. , nach welchen das Gummi und der Pflanzenschleim nur darin ver- schieden sind, dass dieser eine bedeutende Menge einer an Stickstoff reichen Materie enthält, die keine andere als Pflanzeneyweiss seyn kann. Durch Kochen des Stärkemehls mit schwe- felsaurem Wasser und nachheriges Sättigen der Säure mit Alkali, nach Kirchhof ’s bekanntem Verfahren, erhält man eine Materie, die theils aus Zucker , theils aus einer Substanz besteht, welche alle Eigenschaften des Gummi besitzt, aus- genommen die, mit Salpetersäure Schleimsäure zu bilden Vogel in Schweigger ’s neuem Journal für Chemie u. Phys. B. 5. S. 80. . Der Zucker wird hierbey ohne Zweifel durch Oxydation des Stärkemehls gebildet. Die- ses Schweigger ’s neuem Journ. für Chemie u. Physik. B. 8. S. 207.) gemacht. ses geschieht jedoch nicht auf Kosten der Schwe- felsäure Vogel a. a. O. — Pfaff ebendas. S. 94. , sondern durch Aufnahme von Sauer- stoff entweder des Wassers, oder der Luft. Wel- ches von beyden der Fall ist, und ob der Zucker aus dem Stärkemehl unmittelbar entsteht, oder erst gebildet wird, nachdem dieses zuvor durch den Zustand des Gummi gegangen ist, darüber geben die bisherigen Versuche mit Schwefelsäure keinen Aufschluss. Cruikshank ’s Versuche über die Verwandlung des Stärkemehls und Schleims in Zucker beym Malzen des Getreides aber leh- ren, dass hierbey der Sauerstoff der Atmosphäre absorbirt wird, dass der Zucker sich von dem Gummi durch einen grössern Gehalt an Sauerstoff unterscheidet, und dass sich dieses in jenen durch Entziehung des Sauerstoffs vermittelst Phosphor- kalk und Schwefelalkalien verwandeln lässt Nicholson Journ. of nat. Phil. Vol. 1. p. 337. . Es ist hiernach wahrscheinlich, dass auch bey dem Kochen des Stärkemehls mit schwefelsaurem Wasser der absorbirte Sauerstoff der Luft die Stärke in Zucker umändert, und dass sie erst zu Gummi wird, ehe sie in Zucker übergeht. Ich glaube aber, dass nicht blos die Schwefel- säure diesen Uebergang vermittelt, sondern dass auch der Kalk, der nach dem Kochen zugesetzt wird, G 5 wird, um die Säure zu neutralisiren, auf die Zuckerbildung einen Einfluss hat. Einhof fand, dass bey der Behandlung des Pflanzenschleims mit Kalk ein zuckerartiger Saft entstand Gehlen ’s neues allgem. Journ. der Chemie. B. 4. S. 473. , und ich glaube bey der Wiederholung der Kirchhof - schen Versuche bemerkt zu haben, dass die ei- gentliche Zuckerbildung erst bey dem Zusatz des Kalks zu dem schwefelsauren Wasser, worin das Stärkemehl gekocht ist, eintritt. Aus dem Stärkemehl entsteht ferner bey der Einwirkung von Säuren der vegetabilische Faserstoff . Chaptal ist der Erste, der beob- achtete, dass die oxydirte Salzsäure in dem Saft der Euphorbien und mehrerer anderer Pflanzen einen häufigen weissen Niederschlag hervorbrachte, der in Wasser und Alkalien unauflöslich war, und theils die Beschaffenheit eines Harzes, theils die des vegetabilischen Faserstoffs hatte Annales de Chimie. T. 21. p. 285. . Nach ihm fand R. Jameson , dass Stärkemehl mit ver- dünnter Salpetersäure langsam digerirt, zu einer gewissen Zeit einen Niederschlag giebt, welcher die Form der Holzfaser annimmt, und nun nicht mehr in Alkalien auflöslich ist Biblioth. Brittann. Vol. 8. No. 60. p. 141. . Nach meinen eigenen Erfahrungen bildet sich mit jeder nicht zu zu starken Säure, unter Mitwirkung der Luft und einer Temperatur von 60 bis 70° R., auf der wässrigen Auflösung des Stärkemehls eine Haut, die sich ganz wie Faserstoff verhält. Setzte ich Galläpfelaufguss zu einer Auflösung des Stärke- mehls in Wasser, so erzeugte sich auf ihr beym Erkalten eine farbige Haut, die sich immer er- neuerte, so oft ich, nach dem Abnehmen der vo- rigen, die Mischung von neuem aufkochen und erkalten liess. Diese Haut verhielt sich ganz wie vegetabilisches Zellgewebe, z. B. des Hollunder- marks. Sie wurde von ätzenden Alkalien weder kalt, noch erwärmt, und in der Kälte auch nicht von der Salpetersäure aufgelöst. Mit dieser ge- kocht ging sie in eine gelbe, bittere Flüssigkeit, wie überhaupt aller Faserstoff, über. — In die- sem Versuch war es die Gallussäure, die den Faserstoff aus dem Stärkemehl abschied. Aber auch Salpeter- und Phosphorsäure lieferten mir ihn aus dieser Materie. Eine Auflösung des Stär- kemehls in 3 Unzen Wasser mit einer halben Drachme Salpetersäure überzog sich, als sie eine Viertelstunde bis ohngefähr zum 70° R. erhitzt gewesen war, mit einer weissen Haut, die das Ansehn der auf kochender Milch sich erzeugen- den Membran hatte, und gegen chemische Rea- gentien dasselbe Verhalten wie die mit dem Gall- äpfelaufguss gebildete Haut zeigte. Die Die erwähnten vegetabilischen Grundtheile gehen bey fortdauernder Einwirkung von Säuren endlich in die verschiedenen Pflanzensäuren über. Das grüne Satzmehl liefert, nach Proust , mit Salpetersäure behandelt, Benzoesäure und Sauerkleesäure. In Sauerkleesäure und zugleich in Aepfelsäure wird auch, nach Jameson , die Stärke durch Salpetersäure verwandelt. Mit Salz- säure geht der Schleim, nach Vauquelin , in Ci- tronensäure über. Poulletier de la Salle fand, dass die con- centrirten mineralischen Säuren aus dem Kleber eine Substanz abschieden, die den Geruch und die Consistenz solcher fetten Oele hatte, welche den Einfluss mineralischer Säuren erlitten ha- ben Macquer ’s chymisches Wörterb. Art. Mehl . . Diese Beobachtung giebt einige Aufklä- rung über die Entstehung der öligen und har- zigen Substanzen des Pflanzenreichs. Das Licht, welches in Theilen, worauf es unmittelbar wirkt, einen Theil des Klebers in den grünen Färbestoff, eine harzige Materie, umwandelt, scheint da, wo es nicht so unmittelbaren Einfluss hat, statt die- ser Substanz fette Oele zu bilden. Diese finden sich auch nur in den Saamenkörnern, also in Organen, die nicht dem Lichte ausgesetzt sind, und sie lassen sich durch Behandlung mit Mine- ralsäuren in Harze verwandeln. Aus dem harzi- gen gen Färbestoff des Klebers werden vielleicht die ätherischen Oele blos durch den Einfluss einer höhern Temperatur abgeschieden. Aus jedem Harz entwickelt sich, wenn es erhitzt wird, ein Oel, das bey wiederholter Destillation die Be- schaffenheit eines ätherischen Oels annimmt. Aus der Einwirkung von Säuren auf die ätherischen Oele entstehen ferner mehrere vegetabilische Sub- stanzen, unter andern der Campher. Das salz- saure Gas scheidet aus dem Terpenthinöl eine Materie, die zwar nicht, wie der Entdecker der- selben, Kind , glaubte Trommsdorff ’s Journal der Pharmacie. B. 2. S. 132. , mit dem natürlichen Campher ganz einerley Gehien in dessen Journal für Chemie. B. 6. S. 458. — Th é nard , Mém. de la Soc. d’Arcueil. T. 2. p. 27. , doch demselben von vielen Seiten so ähnlich ist, dass man auch auf eine ähnliche Entstehungsart des natürlichen schliessen darf. Zu denselben Schluss berechtigt auch die, zwar nicht gleiche, doch immer sehr ähnliche Natur des von Hatchett entdeckten künstlichen Gerbestoffs, den man durch Digestion der Harze mit Salpeter- oder Schwefelsäure er- hält, und des natürlichen Hatchett , Philos. Transact. Y. 1805. 1806. — Vergl. Chevreul , Ann. de Chimie. T. 72. 73. . Wir sehen also, dass alle allgemeinern Grund- theile der vegetabilischen Körper ihre Entstehung aus aus dem Eyweissstoff haben. Aber wie der Ey- weissstoff selber gebildet wird, darüber geben die bisherigen Untersuchungen keinen Aufschluss. Diesen können wir nur auf den beyden übrigen der Wege, die zur Entdeckung der vegetabili- schen Grundtheile führen, erhalten. Vergleichen wir zuerst die Substanzen mit einander, die sich in den Saamen und Knollen vor und nach dem Keimen befinden, so zeigt sich hier erst ein Uebergang des Schleims und Zuckers in Stärke- mehl, und dann wieder eine rückgängige Ver- wandlung des letztern in jene. Nicht völlig aus- gewachsene Knollen, z. B. der Kartoffeln, und die unreifen Saamen des Getreides und der Hül- senfrüchte enthalten mehr Schleim und Zucker als die reifen Die Keimfeuchtigkeit der Erbsen besteht grössten- theils aus Syrup. ( Einhof in Gehlen ’s neuem all- gem. Journ. der Chemie. B. 6. S. 120.) . In den letztern giebt es da- gegen mehr Stärkemehl. Dieses wird wieder beym Keimen der Kartoffeln zersetzt. Man trifft keine Spur desselben in den Wurzeln und dem Kraut an; dagegen enthalten jetzt die Knollen einen süssen Schleim Einhof a. a. O. B. 4. S. 199., und in Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie, Physik u. Mineral. B. 5. S. 341. . Unter- Untersuchen wir den im Frühjahr aufsteigen- den rohen Pflanzensaft Den Saft der Hainbuche (Carpinus Betulus L.) und des Weinstocks untersuchte Deyeux (Journ. de Pharm. T. I. p. 46.), den der Ulme (Ulmus campestris L.), der Buche (Fagus sylvestris L.), der Hainbuche, der weissen Birke (Betula alba L.) und des Kastanien- baums Vauquelin (Ann. de Chimie. T. 31. p. 20.), und den der weissen Birke John (Chemische Unter- such. mineral. vegetab. u. animalischer Substanzen. 2te Forts. S. 4 ff.). , so finden wir in die- sem Kohlenstoff, und zwar theils als Kohlen- säure, theils mit Sauerstoff und Wasserstoff ver- bunden als essigte Säure, in beyden Fällen aber mit Kali und Natron vereinigt, und ausserdem noch Zuckerstoff nebst einer vegetabilischen Ma- terie, die John in dem Birkensaft für Schleim und Eyweissstoff, Deyeux in dem Saft der Hain- buche und des Weinstocks für eine dem Kleber des Mehls ähnliche Substanz annimmt. Die es- sigte Säure scheint aber, nach Deyeux ’s Beobach- tungen, nicht schon gebildet in dem Saft enthal- ten zu seyn, sondern erst beym Zutritt der Luft zu entstehen. Vauquelin ’s Versuche mit Ulmen- saft führten auf das merkwürdige Resultat, dass darin die Quantität der vegetabilischen Materie mit zunehmender Vegetation zunahm, indem sich die des essigsauren Kali und der kohlensauren Kalkerde verminderte. So nimmt auch, nach Knight ’s Knight ’s Erfahrungen an Birken und Ahornen, der Saft dieser Bäume an specifiquer Schwere und an Süssigkeit desto mehr zu, je höher er im Stamme aufsteigt Philos. Transact. Y. 1803. P. 1. p. 88. . Der rohe Pflanzensaft schreitet also zu den höhern Stufen der vegeta- bilischen Organisation fort, indem sich erst in ihm Kohlenstoff bildet, dann Zucker und Schleim, hierauf Stärke und Satzmehl. Aus den beyden letztern Substanzen entstehen auf dem entgegen- gesetzten Wege die sämmtlichen festen und flüssi- gen Theile des Pflanzenkörpers. Nehmen wir jetzt alles zusammen, was wir bisher über die Ernährung der Pflanzen Wahr- scheinliches ausgemacht haben, so ergiebt sich folgende allgemeine Theorie der Vegetation: Die aus der Luft und dem Boden aufgenommenen Nahrungsstoffe vereinigen sich in den Gefässen der Oberhaut zu einer wässrigen Flüssigkeit, de- ren Hauptbestandtheil Kohlensäure ist. Diese ge- langt in die grossen Gefässe und hieraus in das Zellgewebe, indem sich auf ihrem Wege immer mehr gummöse und zuckerartige Theile in ihr entwickeln. In dem Zellgewebe bildet sich aus diesem Gummi und Schleim auf eine noch un- bekannte Art Stärkemehl, Eyweissstoff und Satz- mehl. Die letztern Substanzen sind aber, inso- fern sie zur Ernährung dienen, nicht als Nieder- schläge, schläge, sondern aufgelöst in den Zellen enthalten. Als körnige Niederschläge zeigen sie sich nur, wenn die auflösende Kraft der Flüssigkeit, worin sie befindlich sind, nicht hinreichend ist, sie auf- gelöst zu erhalten. Aus dem Zellgewebe werden sie von den Fasergefässen aufgenommen, in wel- chen sie von neuem eine Umwandlung in Gummi, Zucker, Faserstoff, Oele, Pflanzensäuren u. s. w. erleiden. Diese neuen Produkte werden entweder als Faserstoff in die Zwischenräume der festen Theile abgesetzt, und zum Ersatz, oder zur Ver- grösserung der letztern verwandt; oder sie wer- den theils auf der Oberfläche der Pflanze excer- nirt, wie mit dem Reif und Firniss, der die Blät- ter und Früchte vieler Pflanzen überzieht, so wie mit der Kichernsäure der Fall ist; theils sammeln sie sich, wie bey den Nadelhölzern, den Askle- piadeen, Euphorbiaceen u. s. w. in eigenen Ge- fässen oder Zellenlagen an; theils durchdringen sie die ganze Substanz der Wurzel, des Stamms, der Blätter, oder der Früchte. Eine Materie der letztern Art, welche mehr oder weniger durch alle Theile der Pflanze ver- breitet ist, besitzt jedes Gewächs. Man kann sie das herrschende Princip (Principium rector) der Pflanze nennen. Sie ist keinesweges immer ein Stoff von eigener Beschaffenheit Fourcroy , Ann. de Chimie. T. 26. p. 232. . Bey eini- gen IV. Bd. H gen Gewächsen ist sie ein ätherisches Oel, bey andern Campher, Gerbestoff u. s. w. Oft reagirt gegen sie nur der thierische Körper, und es ist keine völlige Trennung derselben von den übri- gen Bestandtheilen möglich. Immer modifizirt sie die Natur aller übrigen Materien der Pflanze. Daher rührt es, dass kein Pflanzenschleim, kein fettes oder ätherisches Oel, kein Harz u. s. w. dem andern ganz gleich ist Link ’s kritische Bemerkungen zu Sprengel ’s Werk über den Bau der Gew. S. 28. , und dass es so schwer hält, reine Charaktere der vegetabilischen Grundtheile anzugeben. Bey vielen Pflanzen lässt sich das herrschende Princip durch Digestion mit Wasser oder Weingeist ausziehen. Die Be- schaffenheit dieses Extrakts steht in manchen Fäl- len mit der Struktur der Pflanze in einer gewis- sen Beziehung. Doch giebt es auch viele Fälle, wo dies nicht statt findet. Die Familie der Sola- neen enthält unter den giftigsten Pflanzen auch das milde Verbascum, und zu den, meist so gif- tigen Nachtschattenarten gehört auch die näh- rende Kartoffel. Diese Unabhängigkeit der chemischen Eigen- schaften mancher Pflanzen von ihrer Struktur ver- dient die grösste Aufmerksamkeit. Erwägt man, dass die Form immer in unzertrennlicher Verbin- dung mit der Mischung stehen müsste, wenn es nichts nichts Höheres gäbe, wovon beyde abhiengen, so ist kaum zu glauben, dass sich aus der Struktur der Gewächse in Betreff ihrer Ernährung viel er- klären lässt. An dieser Unzulänglichkeit aller, blos von der Organisation hergenommenen Erklä- rungen des Ernährungsprocesses ist aber auch aus andern Gründen nicht zu zweifeln. Es bilden sich Infusionsthiere in formlosen Flüssigkeiten beym Zutritt der blossen Wärme, und diese erhal- ten bey der Einwirkung des Lichts das Vermö- gen, Sauerstoffgas zu entwickeln. In dem kei- menden Saamenkorn giebt es keine Spiralgefässe, so lange die Säfte noch blos zur Bildung der Wurzel verwandt werden. Erst mit der Bildung des Stamms fängt die Entstehung derselben an. Der Trieb der Säfte nimmt also schon eine an- dere Richtung an, ehe diese Gefässe vorhanden sind; sie sind nicht Ursache der Entstehung des Stamms, sondern Mitwirkung derselben Ursache, worin diese begründet ist. So verhält es sich mit allen Theilen. Die Kraft ist früher vorhan- den, als das Organ; dieses ist nur der bleibende sichtbare Ausdruck derselben. Aber mit der Bildung des Organs treten al- lerdings Wirkungen ein, die vorher nicht statt fanden. Vorzüglich scheinen es Galvanische Actio- nen zu seyn, die im Innern des Pflanzenkörpers vorgehen, und mancherley Zersetzungen und Ver- H 2 bindun- bindungen hervorbringen. Solche Actionen müs- sen in den Säften jedes sich berührenden Zellen- paars, zwar nur in geringem, doch immer in einigem Grade vorhanden seyn. Sie müssen an den in unmittelbarer Berührung stehenden Wän- den zweyer Zellen oder Gefässe statt finden, und es muss hier eben so ein Uebergang der ent- bundenen Elementarstoffe durch diese Wände ge- schehen, wie in der Volta ischen Säule durch eine Blase, wodurch zwey in der Kette befind- liche Wassermassen von einander getrennt sind. Dieser Durchgang der Grundstoffe durch häutige Scheidewände ist überhaupt in der ganzen lebenden Natur das Mittel, wodurch gänzliche Veränderungen der Mischung von Flüssigkeiten bewirkt werden . Nie tritt eine solche Umwandlung ein, wo ein Gefäss sich unmittelbar in ein anderes öffnet, wenn nicht etwa, wie im Nahrungscanal, der Flüssigkeit des erstern andere verschieden- artige Säfte zugemischt werden. Ein mechani- sches Durchschwitzen bey jenem Uebergang an- zunehmen, ist ganz und gar unrichtig. Es muss ferner in dem Pflanzenkörper ein entgegengesetztes elektrisches Verhältniss zwischen dem Stamm und der Wurzel statt finden, und indem die grossen Gefässe von den Zellen der Wurzel zu den Zellen des Stamms gehen, diesel- ben ben mit einander verbinden und in Wechselwir- kung setzen, müssen dadurch wieder andere che- mische Processe eingeleitet werden. Dieser Hy- pothese gemäss gehören auch Oxydationen und Desoxydationen zu den Hauptprocessen, wodurch der rohe Pflanzensaft in die verschiedenen vege- tabilischen Materien verwandelt wird. Doch glau- be ich nicht, dass jene Processe die einzigen bey dieser Verwandlung sind. Metalle zersetzen bey einer hohen Temperatur das Ammonium, ohne diesem Gas einen wägbaren Stoff zu entziehen oder mitzutheilen Thénard , Annales de Chimie. Ann. 1813. Janv. p. 61. . Diese Thatsache beweist, dass es Actionen giebt, die den Galvanischen ähn- lich sind, wobey aber der Sauerstoff nicht mit wirksam ist, und die sich nicht auf die Grund- bedingung des Galvanismus, Einfluss zweyer un- gleichartigen festen Körper auf einen flüssigen, oder zweyer verschiedenen flüssigen auf einen fe- sten, zurückführen lassen. Vielleicht sind diese Actionen in der ganzen Natur weit thätiger, als wir bisher ahneten. Auf alle Vegetationsprocesse hat ohne Zwei- fel das Licht den wichtigsten Einfluss. Dieses scheint hierbey, wie bey vielen che- mischen Zersetzungen und Verbindun- gen H 3 gen Gay-Lussac et Thénard Recherches physico-chi- miques. T. 2. p. 186. , einer Hitze von 100 bis 200° R. gleich zu wirken . Man begreift also, wie bey der Vegetation in einer sehr niedrigen Tem- peratur Produkte entstehen können, welche die Kunst nur vermittelst eines hohen Wärmegrades hervorzubringen vermag. Alle diese Kräfte sind und bleiben aber nur untergeordnete. Man täuscht sich, wenn man sich mit der Hoffnung schmeichelt, dass mit der Erforschung derselben das Geheimniss der Vege- tation ganz wird enthüllet werden. Was sich bey dem jetzigen Zustand unserer Kenntnisse aus der Voraussetzung des Wirkens Galvanischer Actionen und anderer Kräfte der todten Natur im vegetabilischen Organismus erklären lässt, ist auch nur der geringste Theil der zu erklärenden Erscheinungen. Nicht nur das Hauptproblem der Vegetation, die Erzeugung des Kohlenstoffs, bleibt bey diesen Hypothesen unaufgelöst, sondern auch die Entstehung vieler andern, in den Pflanzen vorkommenden Materien, besonders der Kiesel-, Thon- und Bittererde, und des Eisens, lässt sich dabey nicht nachweisen. Dass diese Substanzen eben so wenig als der Kohlenstoff immer von aussen aufgenommen sind, wird durch mehrere wichtige Erfahrungen wahrscheinlich gemacht. Schra- Schrader fand in Roggen, der blos in kohlen- saurem Wasser aufgezogen war, nicht nur alle Bestandtheile, welche der auf dem Felde gewach- sene Roggen liefert, sondern auch in jenem fast dreymal so viel Kieselerde, als in dem letztern Hermbstädt ’s Archiv für Agriculturchemie. B. 1. S. 85. , und Einhof Kalkerde in Pflanzen, die auf einem Boden gewachsen waren, welcher keine Spur von dieser Erde zeigte Gehlen ’s neues allgem. Journal der Chemie. B. 3. S. 563. . Braconnot erhielt aus Senfkörnern, die er in reine Bleyglätte, in Schwefelblumen, in feine Schrotkörner und in feinen, weissen Sand, der vorher durch Salz- säure von allen Kalktheilen gereinigt war, ge- säet, mit destillirtem Wasser begossen, und mit Glaskasten oder Glocken bedeckt gehalten hatte, Pflanzen, die blühten, Saamen ansetzten, und bey der chemischen Zerlegung Kohle, Alkali, Ei- senoxyd, kohlen- und phosphorsauren Kalk, Bit- ter-, Kiesel- und Thonerde lieferten Gehlen ’s Journal der Chemie. B. IX. S. 130. . Zwar könnte der beträchtliche Ueberschuss an Kieselerde in Schrader ’s Versuchen von den por- cellanenen Gefässen, worin der Roggen aufgezo- gen war, herrühren. Gläser mit Wasser, worin man H 4 man Pflanzen eine längere Zeit vegetiren lässt, verlieren immer an Durchsichtigkeit. Es ist also möglich, dass sich in Wasser, worin Pflanzen wachsen, eine Materie erzeugt, wodurch etwas Kieselerde aufgelöst wird. Man kann auch, wie Davy gethan hat, alle salzige, erdige und metal- lische Bestandtheile der Gewächse in Schrader ’s und Braconnot ’s Versuchen von mineralischen Stof- fen ableiten, die in der Luft, im destillirten Wasser, im reinsten Sande, und überhaupt in jedem Medium, worin Pflanzen vegetiren können, aufgelöst bleiben. Aber man muss wenigstens zu- geben, dass diese Einwürfe auf Folgerungen füh- ren, die unwahrscheinlicher als die bestrittene Meinung sind. Es giebt freylich einen Umstand bey solchen in blossem Wasser wachsenden Pflanzen, der be- weiset, dass der Boden nicht blos insofern er Wasser und Kohlensäure besitzt, die Vegetation unterhält. Die meisten jener Gewächse kommen nicht völlig zur Reife, und liefern selten reifen Saamen Link ’s kritische Bemerkungen zu Sprencel ’s Werk über den Bau der Gew. S. 36. . Hiermit übereinstimmend ist auch die Erfahrung, dass die Pflanzen erst dann den Boden erschöpfen, wenn sie Blüthen und Früchte ansetzen, und dass viele Gewächse einer eigenen Mischung des Bodens zu ihrem Fortkommen be- dürfen. dürfen. Allein man muss immer zwischen for- mellen und materiellen Bedingungen der Vegeta- tion unterscheiden. Ein Stoff kann von der Pflanze aufgenommen werden, um gewisse che- mische Processe zu vermitteln, ohne selber in die Produkte dieser Processe als wesentlicher Bestand- theil mit einzugehen. Wie ein geringer Zusatz von Kohlensäure zu dem Wasser, worin Gewächse vegetiren, das Wachsthum derselben befördert, und dadurch die Erzeugung von Kohlenstoff in den Pflanzen beym Einfluss des Lichts vermit- telt, so kann auch ein kalkhaltiger Boden bey manchen Gewächsen die Bildung von Kalkerde befördern, ohne selber einen erheblichen Beytrag zu dem Kalkgehalt der Pflanze zu liefern. Wie ist es sonst auch zu erklären, dass Saussure Journal de Physique. T. (VIII.) 51. p. 9. in Gewächsen von einem Kalkboden, worin sich noch nicht 0,02 Theile Kalkerde befanden, fast eben so viel Kalkerde fand, als in Pflanzen, die auf einem Boden gewachsen waren, der über 0,24 Theile enthielt, und dass in dem Boden, worin die Pflanzen vegetirt hatten, Erden be- findlich waren, die sich weder vorher in ihm, noch nachher in den Gewächsen entdecken liessen? Doch es ist Zeit, uns zur Untersuchung des Ernährungsprocesses der Thiere zu wenden. Ist eine H 5 eine Theorie der Ernährung bey dem jetzigen Zustand unserer Kenntnisse möglich, so lässt sich diese wenigstens nicht aus den Erscheinungen ei- nes einzelnen Naturreichs, sondern nur aus einer Zusammenstellung des Gemeinschaftlichen und Verschiedenen aller Reiche und Classen der leben- den Körper ableiten. Dritter Dritter Abschnitt. Die animalische Ernährung . Erstes Kapitel. Das Athemholen und die Hautausdünstung. §. 1. Mechanismus des Athemholens und der Hautausdünstung. D ie vornehmste materielle Bedingung des Pflan- zenlebens ist Wasser. Das Thier aber bedarf zu seiner Existenz, mehr noch als des Wassers, einer Luft, die Sauerstoff enthält, und welcher dieser Bestandtheil durch einfache Verwandtschaft entzo- gen werden kann, und zwar steht das Bedürf- niss einer solchen Luft im geraden, das des Wassers aber im umgekehrten Verhältniss mit der Stufe der Organisation, worauf sich das Thier befindet. Diese Sätze sind Resultate der Unter- suchungen, die wir im zweyten Buche über die allgemeinen Bedingungen des Lebens angestellt haben Biologie. Bd. 2. S. 456 ff. . Zuerst nun entsteht die Frage: Welche Ver- Veränderungen jene sauerstoffhaltige Luft erlei- det, die dem Thier nothwendiges Bedürfniss ist? Bey den Säugthieren, den Vögeln, den aus- gewachsenen Amphibien und denjenigen Mollus- ken, welche Lungen besitzen, wird diese Luft von der Geburt an bis zum Tode abwechselnd aufgenommen und wieder ausgeleert, das heisst, es findet hier ein beständiger Wechsel von Ein- athmen und Ausathmen statt. Die Schnelligkeit dieses Wechsels ist ver- schieden sowohl bey den verschiedenen Thier- classen, als bey den verschiedenen, zu einerley Art gehörigen Individuen. Bey dem Menschen variirt die Zahl der Inspirationen in einer Mi- nute, nach Seguin ’s und Lavoisier ’s Beobach- tungen Bulletin des sciences par la Soc. philomath. A. 1797. Avril. p. 8. , von 11 bis 20. Ich fand im Decem- ber bey einer mässigen Wärme vor dem Abend- essen die Zahl der Inspirationen in einer Minute bey mir selber 20, und bey einer andern Person 14 Cf. Haller Elem. Phys. T. III. L. 8. S. 4. §. 29. p. 289. . Bey dem Igel zählte man höchstens 7 Nat. Gesch. der in der Schweitz einheimischen Säugth. von Römer u. Schinz . S. 126. , bey einem Esel 12, bey einem Pferde 16, bey einer einer jungen Katze 43, und bey Vögeln 25 bis 50 Athemzüge in einer Minute Haller l. c. p. 290. . Frösche ath- men 62 bis 100mal während eines solchen Zeit- raums Von Humboldt über die gereitzte Muskel- und Nervenfaser. Th. 2. S. 279. — R. Townson observ. physiol. de amphibiis. P. 1. p. 21. — Von der Rana arborea sagt Townson : Tam celeres sunt motus gulae, ut plane numerari non possint. . Eben so verschieden ist die Menge der bey jedem Athemzug aufgenommenen Luft. Bey dem Menschen setzt Borelli De motu animal. diese auf 20. Good- wyn . Erfahrungsmässige Untersuch. der Wirkungen des Ertrinkens. A. d. Engl. S. 32. 33. auf 14, Menzies Tentam. physiolog. de respiratione. Edinb. 1791. mit Jurin Dissertat. physico-mathem. Lond. 1732. auf 40 Kubikzoll. Nach Seguin ’s und Lavoisier ’s Versuchen A. a. O. variirt sie von 16 bis 130 Kubikzoll. Abilgaard Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordisches Archiv f. Natur- und Arzneywissensch. B. 1. St. 1. S. 205. fand sogar durch Versuche an sich selber, dessen Brust, wie er sagt, zu den klei- nen gehörte, dass er bey jedem Athemzug nicht mehr mehr als 3 Kubikzoll Luft einathme, eine Quan- tität, die gerade nur zureicht, um die Luftröhre zu füllen. Davy Researches chemic. and philosoph. chiefly concer- ning nitrous oxide and its respiration. Lond. 1800. p. 331. konnte, wenn er die Lunge vorher durch gewaltsames Aushauchen möglichst frey von Luft gemacht hatte, auf Einen Athem- zug, bey einer Temperatur von 61° F. 141 Ku- bikzoll Luft einathmen. Beym natürlichen Re- spiriren athmete er im Mittel aus zwanzig Ver- suchen bey jedem Athemzug 16 Kubikzoll Luft ein. Man sieht, dass dieses Resultat ziemlich genau mit dem der Versuche von Seguin und Lavoisier übereinstimmt, von Jurin ’s und Men- zies ’s Angabe aber bedeutend abweicht. Diese Abweichungen rühren zum Theil gewiss von der verschiedenen Capacität der Lungen bey verschie- denen Individuen, noch mehr aber wohl von der Verschiedenheit des zur Bestimmung der geath- meten Luftmenge angewandten Verfahrens her Eine Critik dieser Verfahrungsarten hat Bostock (Vers. über das Athemholen. A. d. Engl. übers. von Nolde . Erfurt. 1809. S. 22 ff.) geliefert. . Der von Menzies hierzu gewählte Apparat scheint indess die meiste Genauigkeit zu versprechen. Wir werden daher vermuthlich der Wahrheit am nächsten kommen, wenn wir die Menge der von gut gut gebauten und ruhig athmenden Menschen bey jeder Inspiration eingezogenen Luft auf 30 bis 40 Kubikzoll schätzen. Jener Wechsel von Aufnahme und Ausleerung der Luft erfordert eine gleichzeitige Vergrösse- rung und Verkleinerung der Lungen über und unter ihren mittlern Zustand, und der letztere eine Veränderung der Brusthöhle. Das Haupt- organ, wodurch die Capacität des Thorax verän- dert wird, ist das Zwerchfell. Bey dem gesun- den, ruhig athmenden Menschen bewirkt dasselbe fast allein die Respiration. Dieser Muskel, der die Brusthöhle von der Bauchhöhle trennt, und die Basis des von der erstern gebildeten After- kegels ausmacht, befindet sich in einem bestän- digen Wechsel von Zusammenziehung und Aus- dehnung. Bey seiner Contraktion wird er fla- cher, da er vorher gewölbt war, treibt die Ein- geweide des Unterleibes nach unten und nach vorne, und vergrössert die Höhe der Brusthöhle um eben so viel, als er die der Bauchhöhle ver- kleinert. Zugleich zieht er die untern falschen Rippen und den Knorpel des Brustbeins, wenn dieser noch beweglich ist, einwärts nach dem Rückgrat herauf Haller l. c. L. 8. S. 1. §. 36. p. 83. . Schon hierdurch wird die Cavität des Thorax um ein Beträchtliches erwei- tert Haller ibid. S. 4. §. 6. p. 232. . Die Action des Zwerchfells wird aber noch noch durch eine gleichzeitige Zusammenziehung der Intercostalmuskeln unterstützt, welche theils verhindert, dass die Rippen durch die Bauchmus- keln nicht herabgezogen werden, theils auch die Brusthöhle durch Hinaufziehung des zweyten und der folgenden zehn Rippenpaare zu dem ersten, das durch die Rippenhalter (Musculi scaleni) und vielleicht auch durch die Schlüsselbeinmuskeln festgehalten wird, erweitert. Diese Erweiterung geschieht sowohl nach beyden Seiten, als nach vorne; nach beyden Seiten, indem die Rippen, mit ihren Enden auf dem Brustbein und der Wirbelsäule gestützt, ihre im Zustand der Ruhe niederwärts gekehrten mittlern Theile aufrichten; nach vorne, indem sie bey dieser Umdrehung mit ihren elastischen Knorpeln von beyden Sei- ten gegen das Brustbein drücken, und dieses von der Wirbelsäule entfernen Ibid. S. 1. §. 7. p. 23. — §. 8 sq. p. 28 sq. — S. 4. §. 9. p. 238. . So wird die Brusthöhle durch die Zusam- menziehung des Zwerchfells und der Intercostal- muskeln nach jeder Dimension erweitert, doch beym ruhigen Einathmen weit mehr nach unten, als nach vorne und nach den Seiten. Da nun die Oberflächen der Lungen mit den innern Wän- den der Brusthöhle in unmittelbarer Berührung stehen, und die Luft ihrer Zellen mit der äussern Luft Luft Gemeinschaft hat, so muss diese bey der Erweiterung des Thorax in die Zellen dringen und die Lungen ausdehnen Ibid. S. 4. §. 7. p. 236. — §. 11. p. 243. . Die Rückkehr des Zwerchfells und der Inter- costalmuskeln aus dem Zustande der Contraktion in den der Ausdehnung bewirkt das Ausathmen. Die Brusthöhle wird hierbey von allen Seiten wie- der verengert; die Lungen werden zusammenge- drückt, und die aufgenommene Luft muss also wieder entweichen Ibid. §. 20 sq. p. 274 sq. . Eine gewisse, und nicht unbeträchtliche Quantität der letztern bleibt aber immer zurück. Man sieht dies, wenn man an einem Leichnam in beyde Säcke des Brustfells ei- nen Einschnitt macht. Die Atmosphäre dringt dann durch diese Wunden augenblicklich in die Brusthöhle, presst die Lungen zusammen, und treibt aus denselben durch die Luftröhre die nach dem letzten Ausathmen zurückgebliebene Luft hervor. Nach Kite Ueber die Wiederherstellung scheinbar todter Men- schen. A. d. Engl. Leipzig. 1790. S. 19. beträgt dieser Rückstand 87, nach Goodwyn A. a. O. S. 27. 90 bis 125 Kubikzoll. Davy A. o. O. schätzt IV. Bd. I schätzt sie nur auf 31,8 Kubikzoll, die eine Tem- peratur von 59° Fahr. haben. Aber diese Schät- zung ist auf Respirationsversuchen mit Wasser- stoffgas gebauet, die kein so genaues Resultat liefern konnten, als diejenigen, worauf Kite ’s und Goodwyn ’s Angaben beruhen. Das Athmen dieses Gas erregt ein unangenehmes Gefühl in der Brust, einen kurzen Verlust der Muskelkraft, und zuweilen einen vorübergehenden Schwindel. Es kann also schwerlich von demselben eine so grosse Quantität, wie von der atmosphärischen Luft, aufgenommen werden. Auch musste vor dem Einathmen des Wasserstoffgas von der vori- gen Respiration eine Quantität Luft in den Lun- gen übrig seyn, die Davy zwar durch ein ge- waltsames Ausathmen auszuleeren suchte, die sich aber dadurch gewiss nicht ganz wegschaffen liess, und die er willkürlich auf 7,8 Kubikzoll schätzt. Ein ähnlicher Wechsel von Zusammenziehung und Erweiterung, wie beym Athemholen im Zwerchfell und den Brustmuskeln statt findet, geht bey dieser Funktion auch im Kehlkopf und in der Luftröhre vor sich. Beym Einathmen er- weitert sich die Stimmritze und wird rund; beym Ausathmen verengert sie sich wieder, indem sich die beckenförmigen Knorpel (Cartilagines arytae- noidei) einander nähern Le Gallois Expériences sur le principe de la vie. à Paris 1812. p. 241. . Die Luftröhre wird beym beym Einathmen kürzer und weiter, beym Aus- athmen länger und enger Bremond , Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1739. p. 343. . Wie bey den Säugthieren der Zwerchmuskel das Hauptorgan der Respiration ist, so sind bey den Vögeln, die ein häutiges Diaphragma ha- ben, und deren Lungen mit dem Brustfell zu- sammenhängen, die Intercostalmuskeln die vor- nehmsten Werkzeuge des Athemholens. Bey die- sen ist daher mit jeder Inspiration eine weit stär- kere Erhebung der Rippen und des Brustbeins verbunden, als bey den übrigen Säugthieren Swammerdamm de respirat. S. 2. C. 4., in Man- geti Bibl. anat. T. 2. p. 161. — C. Bartholini Diaphragm. structura nova. P. 2. S. 1. Ibid. p. 12. 13. — Haller l. c. L. 8. S. 4. §. 9. p. 239. . Dass übrigens bey diesen Thieren die eingeath- mete Luft aus den Lungen in die Spuhlen der Federn und in die markleeren Höhlen der Kno- chen dringt, ist schon im ersten Buche bemerkt worden Biologie. Bd. 1. S. 229. . Auf eine noch andere Art geschieht das Athem- holen bey den Amphibien. Nur die Crocodile scheinen noch vermittelst eines dem Diaphragma ähnlichen Muskels zu respiriren. Bey diesen Thie- I 2 Thieren erstrecken sich von dem untern und hin- tern Rande der beyden Lappen, woraus die Leber besteht, über die convexe Oberfläche derselben bis zum untern Ende des Brustbeins, zwey Mus- keln, die bey ihrer Zusammenziehung die Leber niederdrücken, und dadurch den Raum der Brust- höhle erweitern Geoffroy , Annales du Muséum d’Hist. nat. T. 2. p. 49. . Bey den übrigen Amphibien geht das Athemholen auch dann noch, wenn die Brust- und Bauchhöhle geöffnet, und die Lungen gänzlich entblösst sind, also unabhängig von den Bewegungen des Thorax von statten. Nach Mor- gagni ’s Advers. anat. V. 29. p. 42. , Herholdt ’s Bulletin des sc. de la Soc. philom. A. VII. n. 30. p. 42. Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordisches Archiv für Naturkunde u. s. w. Bd. 2. St. 1. S. 48. und Townson ’s Obs. physiol. de amphib. P. 1. p. 19 sq. Untersuchungen ist es hier die Höhle des Mun- des, durch deren Erweiterung und Verengerung die Respiration hervorgebracht wird. Beym Ein- athmen verschliessen jene Thiere den Mund, und vergrössern den innern Raum desselben, indem sie die in der Höhle der untern Kinnlade lie- genden Muskeln und Membranen nach aussen ziehen. Die äussere Luft dringt hierauf durch die offenen Nasenlöcher in den Rachen. Jetzt ver- verschliesst das Thier die Nasenlöcher, und ver- engert wieder den innern Raum des Mundes und des Rachens durch Einwärtsziehen der weichen Theile der untern Kinnlade und Aufheben der Luftröhre. Eine Folge hiervon ist, dass die ein- geschlossene Luft zusammengedrückt wird, und vermöge ihrer Elasticität einen Ausweg sucht, den sie auch findet, indem sie durch die offene Luftröhre in die Lungen dringt und diese aus- dehnt. Die Amphibien inspiriren also durch Er- weiterung des Mundes, so wie die Säugthiere und Vögel durch Erweiterung der Brust, und wie bey den Säugthieren das Athemholen auf- hört, wenn die äussere Luft in den Zwischen- raum zwischen dem Thorax und den Lungen gelangt, so tritt bey den Amphibien ein Still- stand dieser Funktion ein, wenn ihnen das Ver- schliessen des Mundes unmöglich gemacht wird. Die Exspiration übrigens kann bey diesen Thie- ren nicht anders, als durch eine Contraktion der Lungen selber geschehen. Bey einigen Amphibien bleibt die eingeath- mete Luft, wie bey den Vögeln, nicht blos auf die Lungen beschränkt, sondern geht in die Zwi- schenräume zwischen der äussern Haut und den Muskeln über. Dies gilt besonders vom Chamä- leon, bey welchem diese Zwischenräume von der inspirirten Luft so vollkommen und so allgemein I 3 durch- durchdrungen werden, dass Alles, bis auf die En- den der Beine und des Schwanzes, ja bis auf die Augen, die mehr Rundung erhalten und wei- ter hervorspringen, damit angefüllt wird Golberry ’s Reise durch das westl. Afrika. Uebers. von Bergk . Th. 2. S. 10. . Den Säugthieren und Vögeln ist das Athem- holen eine so nothwendige Funktion, dass es ohne Lebensgefahr nicht unterbrochen werden darf. Anders aber verhält es sich mit demselben bey den Amphibien. Diese können ohne nachtheilige Folgen ihr Athemholen einschränken, oder gar auf einige Zeit ganz aufheben. Von Humboldt Ueber die gereizte Muskel- und Nervenfaser. B. 2. S. 279. sahe einen Frosch, der in atmosphärischer Luft unter einer Glocke 62 mal in der Minute einath- mete, in einer Luft, die nur 0,19 Theile Sauer- stoffgas enthielt, die Zahl seiner Inspirationen in der ersten Minute auf 27, in der zweyten auf 18, in der dritten auf 16 einschränken. Bey allen diesen Thieren kann das Einathmen, und bey den Säugthieren und Vögeln auch das Ausathmen durch eine blos leidende Bewegung der Lungen vor sich gehen. Nur bey dem Aus- athmen der meisten Amphibien müssen wir eine thätige Bewegung dieser Organe annehmen. Dass aber jene Bewegungen blos leidend seyn können, bewei- beweiset nicht, dass sie wirklich von dieser Art sind. Es wird uns in der Folge wichtig seyn, diesen Gegenstand aufs Reine gebracht zu ha- ben. Wir werden daher, ehe wir in der Unter- suchung des Respirationsgeschäfts der verschie- denen Thierclassen weiter gehen, bey demselben verweilen. Dass die Lungen sich bey dem Athemholen nicht blos leidend verhalten, sondern eine eigene bewegende Kraft besitzen, ist eine Meinung, die schon von dem Araber Averrhoes vertheidigt wurde. Nach der Wiederherstellung der Wissen- schaften machten Riolan Anthropogr. L. 3. c. 11. und Plater Quaest. physiol. posthum. 29. Beob- achtungen, die ihnen dieser Meinung günstig zu seyn schienen. Sie sahen bey Thieren, denen die Brusthöhle geöffnet war, die Lungen nicht immer zusammenfallen, sondern in einigen Fällen sich fortdauernd bewegen, obgleich die Brust- muskeln ausser Thätigkeit gesetzt waren. Meh- rere Physiologen, unter andern Sennert Institut. med. L. 1. c. 11. , tra- ten jener Theorie bey. Sie fand aber auch meh- rere Gegner, z. B. an Th. Bartholin Anat. p. 418. . Die- merbroeck Opp. omn. p. 317. und Mayow Opp. omn. p. 241. , die gegen Rio- lan ’s I 4 lan ’s und Plater ’s Beobachtungen einwandten, dass die eigene Bewegung der Lungen bey geöff- neter Brusthöhle nur scheinbar wäre, und von den Zusammenziehungen des Zwerchfells und der unzerschnittenen Intercostalmuskeln herrühre, und dass, wenn bey Brustwunden die Lungen nicht gleich zusammenfielen, der Grund darin läge, weil die Lungen die Wunde ausfüllten und das Eindringen der Luft in die Brusthöhle verhin- derten. Gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts machten indess Wilh. Houstoun Philos. Transact. Y. 1736. no. 441. (Abrigd by Mar- tin .) Vol. 9. p. 138. und Benj. Hoadley Lectures on the organs of respiration. Lond. 1740. p. 17. neue Beobachtungen bekannt, wo- durch die ältern von Riolan und Plater bestä- tigt wurden. Kurz nachher erschienen auch Bre- mond ’s zahlreiche Versuche Mém. de l’ Acad. des sc. de Paris. A. 1739. p. 333. , und im Jahre 1746 Herissant ’s Erfahrungen Ebendas. A. 1743. p. 69. , welche eben- falls für eine eigene bewegende Kraft der Lun- gen sprachen. Auch gegen diese neuern Erfahrungen wur- den aber Einwendungen, besonders von Haller ’n, gemacht. gemacht. In seinen Anmerkungen zu Boerhaa- ve ’s Praelect. academ. Vol. 4. P. 1. p. 34. 35. erinnert dieser, dass in den Fällen, wo die Bewegung der Lungen nach zerschnittenen Brustmuskeln fortdauerte, die Zu- sammenziehungen der Bauchmuskeln diese Be- wegung hervorgebracht hätten, und in seinen Elem. Physiol. T. III. L. 8. S. 4. §. 3. p. 227. wendet er gegen die erwähnten Versuche ein, dass dabey sehr leicht die Brust- wunde durch einen Theil der Intercostalmuskeln oder der Lungen hätte verstopft werden können; dass immer bey solchen Versuchen das Athemho- len sehr erschwert würde, wenn auch nur die eine Seite der Brusthöhle geöffnet wäre, obgleich das Leben dabey fortdauern könnte; und dass, wenn die Luft von beyden Seiten in die Brust- höhle dränge, die Lungen immer zusammenfielen und ihre Bewegung verlören, das Thier stumm würde und umkäme, auch alle Bewegungen des Thorax die Lungen nicht wieder ausdehnen könn- ten, und das Athemholen in eben dem Verhält- niss schwerer von statten ginge, je grösser die Menge der eingedrungenen Luft wäre. Gegen Houstoun ’s und Bremond ’s Erfahrungen bemerkt er besonders, dass bey manchen derselben die Thiere nicht wirklich geathmet hätten, sondern dass blos ein Theil der Lungen von den zu- sammen- I 5 sammengezogenen Rippenmuskeln hervorgetrieben wäre. Die Lungen, fügt er noch hinzu, könn- ten keine eigene Bewegungskraft besitzen, weil sie keine Muskelfasern hätten, sondern blos aus weichem Zellgewebe beständen, und bey man- chen Thieren durch ein solches Gewebe an das Brustfell befestigt wären. Von diesen Einwürfen scheinen allerdings ei- nige gegründet zu seyn. Wahr ist es, dass in allen den Fällen, wo sich die Lungen zu bewe- gen fortfuhren, das Anschwellen derselben nicht mit der Erweiterung, sondern mit der Verenge- rung des Thorax, so wie ihr Zusammensinken mit der Ausdehnung des letztern zusammentraf. Dies scheint freylich der Vermuthung Gewicht zu geben, dass das Anschwellen der Lungen in jenen Versuchen blos von dem Druck des Zwerchfells oder der Brustmuskeln herrühre. Allein wenn man die Versuche der angeführten Schriftsteller, besonders Bremond ’s, aufmerksam durchgeht, so findet man unter den Resultaten derselben meh- rere, die wichtig, und von Haller ’n, dem daran lag, eine eigene Thätigkeit der Lungen nicht gel- ten zu lassen, damit seine Lehre von den Mus- kelfasern als den einzigen irritabeln Organen nicht beeinträchtigt würde, gar nicht beachtet sind. Es ergiebt sich aus jenen Erfahrungen: 1) Dass die Bewegungen der Lungen noch fort- dauern können, wenn auch schon Luft in die die Brusthöhle eingedrungen ist, und selbst wenn mehrere Rippen weggenommen und die Lungen dem ganzen Druck der Atmosphäre ausgesetzt sind Bremond a. a. O. p. 338. 339. 340. — Herissant a. a. O. p. 73. . Dieser Erfolg beweist wenigstens eine gewisse, in den Lungen statt findende Turgescenz. Ohne eine solche Span- nung würden sie jedesmal augenblicklich zu- sammenfallen müssen, sobald ihre äussere Fläche mit der Atmosphäre in Berührung käme. 2) Dass die Lungen nur dann nach dem Oeff- nen der Brusthöhle zusammenfallen, wenn das Thier viel Blut verloren hat Bremond a. a. O. p. 344. . Die Fälle, wo ein Zusammensinken der Lungen nach der Entblössung derselben statt fand, sind also keine Beweise gegen die Selbstthä- tigkeit derselben. Ueberhaupt können nega- tive Erfahrungen hier nicht von grossem Ge- wicht seyn, da die eigne Kraft der Lungen nach der Verschiedenheit der Art, des Al- ters, der Constitution u. s. w. sehr verschie- den seyn, und auch bey einerley Blutverlust bald früher, bald später erschöpft werden muss. 3) Dass die Luftröhre sich beym Einathmen merklich verkürzt und zugleich erweitert, beym beym Ausathmen hingegen sich verlängert, indem sie zugleich enger wird Bremond p. 343. . Diese Zusammenziehung ist gewiss nicht blos auf die Luftröhre beschränkt; sie erstreckt sich ohne Zweifel auch auf die feinsten Zweige der Bronchien. Wenn also auch die Bläs- chen der Lungen sich bey der Respiration leidend verhalten, so wird doch in der Luft- röhre und deren Zweigen eine eigene Bewe- gung statt finden. 4) Dass die entblössten Lungen auch in Lagen gebracht, wo weder das Zwerchfell, noch die Brustmuskeln darauf wirken können, Zusam- menziehungen und Erweiterungen zu äussern fortfahren. Bremond machte diese Erfahrung an zwey Katzen und zwey Hunden A. a. O. p. 351. . In neuern Zeiten fanden Flormann in Lund und Rudolphi sie bestätigt. Jener beobachtete, dass die Lungen eines ersäuften Hundes selbst nach Zerschneidung des Zwerchfells noch fortfuhren sich zu bewegen, und dieser sahe die Bewegung der Lungen an einem er- drosselten Hunde, dem er das Brustbein ganz weggenommen und die Intercostalmuskeln nebst dem Zwerchfell völlig zerstört hatte Rudolphi ’s anatom. physiologische Abhandlungen. Berlin. 1812. S. 110 ff. . Wägt Wägt man jetzt Gründe und Gegengründe gegen einander ab, so, glaube ich, ist das Ueber- gewicht auf Seiten der Meinung, dass die Lun- gen bey der Respiration nicht blos leidend sind. Man könnte für diese Hypothese auch noch Be- weise anführen, die von dem Mechanismus des Athemholens der Vögel hergenommen wären. Doch würden hierbey manche Umstände vorkommen, die noch nicht hinreichend untersucht sind. Aber bey den Amphibien giebt es eine Erscheinung, die ich mir nicht ganz ohne die Voraussetzung eines eigenen Bewegungsvermögens der Lungen zu er- klären weiss, nehmlich den Wechsel von An- schwellung und Zusammenziehung dieser Theile bey Amphibien, denen die ganze Brusthöhle ge- öffnet, und selbst das Herz ausgeschnitten ist. Schon Blumenbach Specimen Physiol. comp. inter animantia calidi et frigidi sanguinis. p. 14. leitete dieses Phänomen von einer eigenen Lebenskraft der Lungen her, ohne jedoch auf Morgagni ’s Erklärung desselben aus einer Erweiterung und Verengerung der Mund- höhle Rücksicht zu nehmen. Ich habe Versuche beschrieben, woraus sich ergiebt, dass die Be- netzung solcher angeschwollenen Lungen mit Lau- danum und Belladonna-Extrakt Zusammenziehun- gen und dann wieder Turgescenzen derselben her- vor- vorbringt Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordisches Archiv f. Natur- u. Arzneywissensch. B. 1. S. 305. . Wie jene Mittel diese Veränderun- gen zur Folge haben können, wenn sich die Lun- gen blos leidend verhalten, sehe ich nicht ein. Besitzen aber die Lungen ein eigenes Bewegungs- vermögen, so lassen sich diese Wirkungen aus dem analogen Einfluss jener Substanzen auf an- dere, mit einem solchen Vermögen versehene Or- gane erklären. Auf ähnliche Art wie die Lungen der Säug- thiere, der Vögel und der ausgewachsenen Am- phibien die Luft abwechselnd einziehen und wie- der ausstossen, wird von den Fischen, den Frosch- und Salamanderlarven, den meisten Mollusken, den Crustaceen, mehrern Würmern und Zoophy- ten, und überhaupt von denjenigen Thieren, wel- che Kiemen besitzen, das Wasser aufgenommen und wieder ausgeleert. Bey den Fischen gelangt das durch den Mund aufgenommene Wasser aus dem Schlund zwi- schen die Kiemen, die sich von einander entfer- nen, aber gleich darauf wieder nähern, indem die Kiemenöffnungen vermittelst der niederge- drückten Kiemendeckel geschlossen bleiben. Die letztern erheben sich hierauf; die Kiemenhaut entfaltet sich, und das Wasser, das bis dahin zwischen den Kiemen und Kiemendeckeln einge- schlos- schlossen war, dringt aus den Kiemendeckeln hervor. Sobald dieses ausgeleert ist, senken sich diese Deckel wieder; die Kiemenhaut zieht sich wieder zusammen, und die Branchien erhalten aus dem Schlunde eine neue Quantität Wasser, welche auf dieselbe Art wie vorhin wieder aus- getrieben wird Gouan Hist. piscium. p. 32. . Diese Bewegung geschieht 25 bis 30 mal in einer Minute Haller El. Phys. T. III. L. 8. S. 4. §. 29. p. 290. . Die Fische aber besitzen, ausser den Kiemen, noch ein secundäres, den Lungen der höhern Thierclassen analoges Respirationsorgan an der Schwimmblase, wie ich in einer eigenen Abhand- lung umständlicher gezeigt habe Annalen der Wetterauischen Gesellsch. f. d. ge- sammte Naturkunde. B. 3. S. 147. . Mit ihrer Hülfe scheinen diejenigen Fische zu athmen, die ein sehr thätiges Leben führen, und oft eine grössere Quantität Luft verzehren, als das Wasser ihren Kiemen zu liefern vermag. Sie häufen zu Zeiten, wo sie mehr athmenbare Luft aufnehmen, als sie verbrauchen, eine solche Luft in diesem Behälter an, und zehren davon unter Umständen, wo sie einer grossen Menge derselben bedürfen. Die Bestandtheile der in der Schwimmblase be- findlichen Luft, welche mit denen der Atmosphäre übereinkommen, haben daher, wie wir im fol- genden genden §. sehen werden, ein sehr veränderliches Verhältniss. Bey den meisten Fischen giebt es in der Schwimmblase eigene Organe von rother Farbe, welche die Absonderungswerkzeuge der in jenem Behälter befindlichen Luft zu seyn scheinen. Sie befinden sich zwischen den beyden Häuten der Schwimmblase, und bestehen aus einer Menge zarter, unter sich paralleler, gedrängt an einan- der liegender Gefässe. Zur Mitte des Raums, den die rothen Organe einnehmen, gehen grosse Blut- gefässe, die sich strahlenförmig zwischen den beyden Membranen der Blase verbreiten. An dem andern Ende der rothen Organe, welcher dem Eintritt dieser Blutgefässe entgegengesetzt ist, ent- stehen gefässartige Zweige von einem bleichen Roth, die sich divergirend auf einer hier befind- lichen Anschwellung der innern Blasenhaut ver- theilen, und sich auf der innern Haut der letz- tern zu öffnen scheinen Delaroche , Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. 13. p. 204. — Cuvier u. Duvernoy ebendas. p. 176. . Alle Fische, welche diese rothen Organe be- sitzen, nur die Muränen ausgenommen, haben eine von allen Seiten verschlossene Schwimmblase. Bey den übrigen Fischen, in deren Schwimm- blase die rothen Körper nicht zugegen sind, steht jene durch einen Luftgang mit dem Schlunde in Ver- Verbindung. Nur die Muränen haben beydes, so- wohl einen Luftgang, als die rothen Organe. Immer aber ist die Schwimmblase eines der reich- sten Theile an Blutgefässen, so dass nothwendig in ihr entweder aus dem Blute etwas ausgeschie- den, oder von demselben etwas aufgenommen werden muss. Bey denjenigen Fischen, deren Schwimmblase einen Luftgang hat, findet in ihr vermuthlich blos ein Uebergang gasförmiger Stoffe zum Blute statt, und die Luft, die sie enthält, gelangt in sie aus dem Schlunde durch den Luft- gang. Provençal und von Humboldt , welche Schleihen sowohl in Wasserstoffgas, als in Wasser, das mit diesem Gas geschwängert war, athmen liessen, fanden zwar in der Schwimmblase jener Fische keine Spur von Wasserstoffgas Mém. de Phys. et de Chimie de la Soc. d’ Arcueil. T. 2. p. 400. . Aber hiervon lässt sich kein Einwurf gegen unsere Ver- muthung hernehmen, da die Fische gewiss nicht jede Gasart ohne Unterschied in die Schwimmblase aufnehmen. Eine wichtige Thatsache, die sowohl für die Bestimmung der Schwimmblase zum Athemholen, als für die Aufnahme verschluckter Luft durch den Luftgang in die mit einem solchen Canal versehene Schwimmblase spricht, ist die Darm- respi- IV. Bd. K respiration des Schlammpeitzgers (Cobitis fossilis). Diese Fische, die eben so wohl als andere durch Kiemen athmen, verschlucken dabey von Zeit zu Zeit mit dem aus dem Wasser hervorgestreckten Munde Luft, und geben dieselbe durch den After wieder von sich. Sie thun dies in unregelmässi- gen Zwischenräumen. Ein Dutzend derselben, die sich in einem Glase voll Regenwasser befan- den, sahe ich an manchen Tagen ganze Stunden ohne jenes Verschlucken zubringen; zu andern Zeiten nahmen sie dasselbe sehr häufig vor, am häufigsten aber immer, wenn sie durch Schütteln des Glases in Bewegung gebracht wurden. Er- man , der das Verdienst hat, diese merkwürdige Erscheinung zuerst näher untersucht zu haben, fand an ihr alle Kennzeichen eines wahren Athem- holens. Die Kiemenrespiration hört nach jedem Verschlucken zehn bis funfzehn Minuten auf; die Darmrespiration kann ohne alle Hülfe des Athem- holens durch die Kiemen das Leben des Fisches auf unbestimmte Zeit unterhalten, und die ver- schluckte Luft erleidet im Darmcanal dieselben Veränderungen, wie die im Wasser enthaltene Luft durch die Einwirkung der Kiemen Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 30. S. 140. . Der Schlammpeitzger hat dabey keine Schwimmblase. Man findet zwar bey ihm einen mit Luft ange- füllten Behälter. Aber dieser liegt hinter dem Ge- hirn, ist in einer knöchernen Kapsel eingeschlos- sen sen und so klein, dass er unmöglich mit der Schwimmblase der übrigen Fische etwas gemein haben kann. Mir ist es wahrscheinlich, dass er vermöge der in ihm befindlichen Luft dem Schlamm- peitzger, der bekanntlich das Vermögen, den Wechsel der Witterung vorher zu empfinden, in bedeutendem Grade besitzt, zur Aeusserung die- ses Vermögens dient. Die verschluckte Luft, die bey andern Fischen in die Schwimmblase gelangt, und hier geathmet wird, geht also bey dem Schlammpeitzger durch den Nahrungscanal, der bey ihm zugleich Werkzeug des Athemholens und der Verdauung ist. Die Mollusken respiriren theils durch Lun- gen, theils durch Kiemen. Bey den erstern ist das Werkzeug des Athemholens eine mit einer sehr dünnen Haut ausgekleidete Höhle, um wel- che eine dicke, weiche, poröse, gleichsam schwam- mige Substanz liegt Wenigstens finde ich diesen Bau bey den Limax- Arten. . Das Athemholen geschieht bey ihnen willkührlich und in unregelmässigen Zwischenräumen. Spallanzani Mém. sur la respiration. I. p. 133. 243. 244. bemerkt dies von der Helix nemoralis L. und dem Limax agre- stis L., und ich habe das Nehmliche an mehrern Schnecken des süssen Wassers beobachtet. Die Planor- K 2 Planorbis purpura Müll . (Helix cornea L.) sahe ich, nachdem sie respirirt hatte, zum Boden des Wassers zurückkehren, und hier eine halbe Stun- de, ja zuweilen fünf Viertelstunden verweilen, ehe sie wieder an die Oberfläche kam, um den Schliessmuskel ihres Respirationsorgans von neuem zu öffnen. Dieser Sphinkter blieb ohngefähr drey Minuten offen. Dass hierbey ein wirkliches Aus- athmen statt findet, erhellet sowohl aus dem Ge- räusch, das man beym Oeffnen jenes Muskels wahrnimmt, als auch daraus, weil die Flamme einer kleinen Kerze, die man vor der Oeffnung hält, etwas gekrümmt wird Spallanzani a. a. O. p. 134. 135. . Auch sahe ich bey einer Wasserschnecke, der ich in dem Augen- blick, wo sie den Sphinkter des Respirationsor- gans zum Einathmen öffnete, durch eine Röhre in die Lunge blies, die Luft mit grosser Hef- tigkeit aus der Lunge unter dem Wasser wieder hervordringen, welches ohne eine Zusammenzie- hung dieses Theils nicht hätte geschehen können. Spallanzani A. a. O. p. 135. versichert, bey einer Helix ne- moralis, deren Gehäuse er weggebrochen hatte, die Lunge beym Einathmen auch anschwellen gesehen zu haben. Ob dieses Anschwellen und das darauf folgende Zusammenziehen blos durch eigene Thätigkeit der Lunge, oder mit Hülfe von Muskeln geschieht, muss ich unentschieden las- sen. sen. Swammerdamm ’s De respirat. S. 2. c. 4. §. 3. In Manceti Bibl. anat. T. 2. p. 163. Behauptung, dass die Respiration der Schnecken durch eine abwech- selnde Ausdehnung und Zusammenziehung ihres ganzen Körpers bewirkt wird, habe ich aber nicht bestätigt gefunden. Die Respiration der mit Kiemen versehenen Mollusken ist ebenfalls, wie die der Landschnek- ken, willkürlich. Oft hört sie ganze Stunden auf Poli Testacea utriusque Siciliae. Vol. 1. Introd. p. 51. . Die Entenmuscheln respiriren, indem sie ihre Schaalen öffnen, eine kleine Quantität Was- ser aussprützen, und dann jene von neuem schliessen Spallanzani a. a. O. p. 304. 305. . Von den Crustaceen hat man bisher geglaubt, dass sie insgesammt durch Kiemen respiriren. Ich habe indess an der Cypris pubera Müll . eine Bemerkung gemacht, die mich vermuthen lässt, dass diese Respirationsweise bey denselben nicht ohne Ausnahmen ist. Bey jenem Thier liegen zu beyden Seiten des Rückens zwischen den Fühl- hörnern und den Eyerbehältern zwey cylindrische Schläuche von höchst zarter, zellenartiger Textur, die K 3 die ich um so mehr für eine Art von Lungen halten zu müssen glaube, da ich an der Cypris keine andere Werkzeuge des Athemholens habe entdecken können. Diejenigen Insekten, die Stigmate haben, wel- che zu ästigen, im ganzen Körper sich verbrei- tenden Röhren führen, athmen insgesammt Luft. Solche, welche unter Wasser sich aufzuhalten genöthigt sind, versorgen sich auf mancherley Weise mit einem Luftvorrath. Die Dytisken z. B. strecken von Zeit zu Zeit das Ende des Hinter- leibs aus dem Wasser hervor, erheben die Flü- geldecken, verschliessen Luft zwischen diesen Theilen und dem Hinterleib, und zehren unter dem Wasser von diesem Vorrath. Bey den Hy- drophilen ist der untere Theil des Körpers, an welchem sich die Luftlöcher befinden, besonders unter dem Halsschild und der Brust, mit feinen, dichten Haaren besetzt; zwischen diesen haftet die Luft unter dem Wasser wie ein silberner Ueberzug, den sie erneuern, indem sie eines ih- rer auf eben die Art behaarten und mit Luft bedeckten Fühlhörner aus dem Wasser hervor- strecken, und so ihre Lufthülle mit der obern Atmosphäre in Verbindung bringen Nitzsch in Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 10. S. 440. . Es Es findet aber unter den Insekten eine grosse Verschiedenheit in der Abhängigkeit des Lebens von dem Zutritt der Luft zu den Respirations- organen statt. Eine Weidenraupe, die ich in ei- nem Glase voll Wasser verschlossen hatte, lebte darin über vier und zwanzig Stunden, und ihre entblössten Muskeln änsserten, als ich sie hierauf zergliederte, noch ziemlich starke Contraktio- nen Lyonnet (Traité de la chenille du saule. p. 78.) will eine solche Raupe unter Wasser sogar nach acht Ta- gen, und unter der Luftpumpe nach zwey Stunden noch lebend gefunden haben. Er fügt die Bemer- kung hinzu, dass Weidenraupen, die er unter Was- ser gebracht hatte, gleich in der ersten Stunde nach dem Untertauchen alle Bewegung verloren hätten. Hiermit stimmen meine Erfahrungen nicht überein. Die oben erwähnte Raupe bewegte sich noch meh- rere Stunden unter dem Wasser. . Eine gemeine Assel (Oniscus Asellus L.) und eine Scolopendra forficata, die ich wieder- holt in Oel tauchte, litten wenig oder nichts von dieser Operation, da ein Carabus ruficornis gleich nach dem Eintauchen sehr ermattet und ohnge- fähr nach einer Stunde völlig todt war. In einem andern Versuch bestrich ich bey einer Larve des Scarabaeus nasicornis die Stigmate wiederholt mit Oel, und brachte eine andere unter ein umge- stürztes Glas voll Wasser. Beyde Thiere lebten noch K 4 noch über sieben Stunden. Ein fast eben so zä- hes Leben hat der Nashornkäfer selber. Ein Weib- chen, das ich unter Wasser brachte, war nach zwey Stunden zwar betäubt, aber noch nicht todt. Hingegen eine Wespe, der ich die untere Seite der Brust und des Bauchs mit Mandelöl bestrich, wurde schon nach einigen Minuten steif und unbeweglich, und kam auch nicht wieder ins Leben zurück. Das Bestreichen der Stigmate mit Oel und das Untertauchen des ganzen Körpers unter Was- ser wirken bey diesen Versuchen auf einerley Art. Ich bestrich bey einer weiblichen Meloe maialis die fünf, ausserhalb den Flügeldecken liegenden Luftlöcher mit Mandelöl. Das Thier kroch noch eine halbe Stunde eben so munter herum, wie vorher. Als ich es hierauf unter Wasser getaucht hielt, war es schon nach einigen Minuten ohne Bewegung. Bey einem andern Weibchen nahm ich die Flügeldecken weg, unter welchen das sechste Paar der Luftlöcher liegt, und bestrich sowohl dieses, als die übrigen Stigmate mit Oel. Jetzt war der Erfolg der nehmliche, wie bey dem vorigen Thier nach dem Tauchen unter Wasser. Die Füsse fingen an zu zittern; die Bauchmus- keln machten heftige wellenförmige Bewegungen, und nach einigen Minuten hörten alle Zeichen von Leben auf. Beyde Thiere erholten sich wie- der, der, nachdem ich das Oel abgewaschen hatte, doch sehr langsam. Das erstere äusserte erst sechs Stunden nach dem Versuch, und das letztere noch später einiges Leben. Ich habe diese Versuche so umständlich er- zählt, weil Moldenhawer Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 309 ff. , gestützt auf einige unrichtige Beobachtungen Reaumur ’s, behauptet, das Bestreichen der Insekten mit Oel wirkte nicht tödtlich, insofern die Stigmate dadurch verschlos- sen würden, sondern insofern das Oel die Reitz- barkeit der Theile aufhöbe; Raupen stürben sehr bald, wenn man den ganzen Körper mit Oel be- striche, und nur die Luftlöcher frey liesse; die Er- scheinung, dass ein Insekt plötzlich stürbe, wenn die Stigmate mit einer Flüssigkeit bedeckt wür- den, bewiese also nichts für die gewöhnliche Meinung von dem Athemholen der Insekten durch die Tracheen; auch vertrüge sich der plötzliche Tod, welcher sogleich erfolgte, wenn die Stigmate mit Oel bedeckt würden, mit dieser Meinung nicht, da selbst vollkommnere Thiere, welche durch eigentliche Lungen athmen, des erneuerten Zutritts der atmosphärischen Luft weit länger ent- behren könnten, und die Canäle der Tracheen zu- sammengenommen gewöhnlich einen verhältniss- mässig weit grössern Raum, als die Lungen dieser Thiere K 5 Thiere, einschlössen. Alle diese Behauptungen sind, wie die obigen Versuche zeigen, ungegründet. Von der Unrichtigkeit der Versicherung Reaumur ’s, dass das Bestreichen der Insekten mit Oel auch ohne Verschliessung der Luftlöcher diese Thiere tödte, hätte sich Moldenhawer schon aus Mal- pighi ’s Werke De bombyce In eiusd. Opp. omn. Lugd. Bat. 1687. p. 19. eines Bessern be- lehren können, indem hier ausdrücklich bemerkt ist, dass die äusserliche Anwendung des Oels keine nachtheilige Wirkungen auf die Insekten äussert, wenn nur die Stigmate frey bleiben, und dass Honig dieselbe Wirkung wie Oel hervorbringt. Bey dieser Gelegenheit erinnere ich zugleich, dass auch die durch Bonnet ’s und Reaumur ’s Versuche in Umlauf gekommene, und von Mol- denhawer ’n ebenfalls zur Widerlegung der bis- herigen Theorie von dem Athemholen der Insek- ten benutzte Meinung von partiellen Lähmungen, welche nach dem Bestreichen einzelner Luftlöcher mit Oel bey den Insekten entstehen sollen, we- nigstens nicht allgemein richtig ist. Ich bestrich bey einer Weidenraupe die vier hintern Paare der Stigmate wiederholt mit Mandelöl. Die Rau- pe hielt hierauf, indem sie an der Wand des Glases, worin ich sie gesetzt hatte, hinaufkroch, den Hinterleib ausgestreckt und zitterte mit dem- selben. Nach einigen Minuten aber kroch sie eben so so kraftvoll wie vorher herum. Am folgenden Tage waren keine Zeichen von Uebelbefinden, und noch weniger von Lähmung an ihr zu be- merken. Ich wiederholte jetzt den Versuch; aber der Erfolg blieb derselbe. Endlich bestrich ich alle Stigmate mit Oel. In der ersten halben Stun- de schien die Raupe nicht zu leiden; nach an- derthalb Stunden aber war sie ohne Zeichen von Leben. — Eben so wenig zeigten sich an einem Gryllus viridissimus, dem ich die Bruststigmate mit Oel bestrichen hatte, Spuren von Lähmung der vordern Extremitäten. Das Thier schien über- haupt in der ersten Stunde wenig von dem Be- streichen zu leiden. Das Oel floss aber nach und nach am Hinterleibe herab, und bedeckte die Bauchstigmate. Jetzt trat freylich Schwäche und endlich der Tod ein, doch weit langsamer, als ich bey diesem Insekt, das unter Wasser sehr bald stirbt, erwartet hätte. — Ich vermuthe, dass man für Lähmung ansah, was blos Folge des Anklebens der mit dem abgeflossenen Oel bedeck- ten Gliedmassen war. — Wie ist es auch zu glauben, dass bey den Insekten der gehemmte Zugang des atmosphärischen Sauerstoffs zu ein- zelnen Theilen so leicht Lähmung in diesen be- wirken sollte, da schon bey den Amphibien Un- terbindung der Arterien eines Gliedes nicht, wie bey den Säugthieren, das Bewegungsvermögen desselben aufhebt? Die Die Luft, welche von den Insekten geathmet ist, gelangt durch die Stigmate in die Tracheen, und verbreitet sich durch deren Aeste im gan- zen Körper. Bey der Zergliederung solcher In- sekten, die man durch Ersäufen, oder durch Be- streichen mit Oel getödtet hat, steigen immer grosse Luftblasen aus den zerschnittenen Luft- röhren unter Wasser auf. Besonders ist dies der Fall bey den Schmetterlingen und den Insekten der Bienenfamilie, deren Tracheen in grosse Luft- säcke übergeben. Doch habe ich dieses Hervor- dringen von Luftblasen auch an den Luftröhren vieler Insekten aus andern Familien, z. B. an de- nen der Phryganaea phalaenoides, der Metolon- tha vulgaris, des Carabus granulatus, der Meloe maialis und Meloe Proscarabaeus beobachtet. Mol- denhawer A. a. O. S. 310. hat also sehr Unrecht, wenn er un- ter seinen übrigen Einwürfen gegen die Lehre von dem Athemholen der Insekten durch die Stigmate und Tracheen auch die Behauptung auf- stellt, dass man beym Oeffnen erstickter Insekten keine Luftblasen aus den Luftröhren unter Was- ser aufsteigen sähe. Zum Durchlassen der Luft hat jedes Stigma eine Spalte, die entweder durch eine knorpelar- tige Klappe geöffnet und verschlossen wird, oder deren Ränder bey einigen Arten mit zarten, dicht an an einander stehenden Haaren, bey andern mit einer ausgezackten Haut besetzt sind. Die erste Struktur habe ich an den Bauchstigmaten der Heuschrecken, die zweyte bey den Raupen, die dritte bey Meloe Proscarabaeus angetroffen Dass irgend ein wahres Stigma im natürlichen Zu- stande je durch eine Haut verschlossen seyn sollte, wie Moldenhawer (a. a. O. S. 315 ff.) und ein Re- censent in der Leipziger Litteratur-Zeitung (J. 1813. May. S. 998.) gefunden haben wollen, muss ich ge- radezu für eine unrichtige Beobachtung erklären. . Die Spalte führt zu einem häutigen Sack, aus wel- chem die Stämme der Luftröhren entspringen. Zur Erweiterung der Spalte beym Einathmen die- nen eigene Muskeln, die von Lyonnet an der Wei- denraupe beschrieben, nach der verschiedenen Struktur der Stigmate aber sehr verschieden sind. Bedeutend ist die Erweiterung nicht. Ich habe bey athmenden Insekten nie mehr als ein abwech- selndes Heben und Senken jedes Stigma, ohne dass sich die Ränder der Spalte von einander zu entfernen scheinen, entdecken können. Bey den Libellen, Cicaden, Heuschrecken, einigen grössern Käfern und Schmetterlingen be- merkt man auch ein abwechselndes Heben und Senken der Ringe des Körpers, welches den Be- wegungen der Brust und des Bauchs, die beym Athemholen der Säugthiere und Vögel statt finden, ähnlich ähnlich ist Severini Zootomia Democritea. p. 344. — Mal- pichius de bomb. p. 31. — Schenkius in Sachsii Gammorologia. p. 935. — Perrault Oeuvres de phys. et de mechan. p. 471. — Rösel ’s Insekten- belustigung. B. 2. Wasserinsekten. Cl. 2. S. 8. . Bey dem Baumhüpfer (Gryllus vi- ridissimus L.) geschieht diese Ausdehnung und Zusammenziehung, nach Vauquelin Annales de Chimie. T. 12. p. 273. , 50 bis 65 mal in einer Minute. Eben so viele Pulsatio- nen des Unterleibs zählte ich an einem Baum- hüpfer, den ich in ein umgestürztes Glas mit Wasser gesetzt hatte. Zugleich war bey diesem Thier jedes der beyden an der Brust befindlichen Luftlöcher mit einer grossen Luftblase bedeckt, die sich bey den Zusammenziehungen und Erweite- rungen des Bauchs hob und senkte. Verschliesst man ein solches Thier in dem obern Theil einer gläsernen Röhre, welche unten durch Wasser ge- sperrt ist, so sieht man, nach Hausmann De animal. exsanguium respirat. Hannov. 1803. p. 8. , bey jeder Bewegung des Unterleibs das Wasser stei- gen und fallen. Was aber Malpighi De bomb. p. 20. erinnerte, dass es ei- ner nähern Untersuchung bedarf, ob diese Pul- sationen von den Respirationsorganen, oder von dem dem Herzen herrühren, gilt auch noch zu un- sern Zeiten. Ich vermuthe, dass das Herz die Ursache derselben ist. Bey einer Heuschrecke, der ich die Bauchmuskeln auf beyden Seiten des Unterleibs durchschnitten hatte, gingen jene Pul- sationen sehr unregelmässig von statten. Man weiss aber, dass bey den Insekten die Bauch- muskeln mit dem Herzen in Verbindung stehen. Der Erfolg dieses Versuchs war folglich so, wie er seyn musste, wenn die Bewegungen des Un- terleibs Wirkungen der Bewegungen des Her- zens sind. Doch sind allerdings mit den Pulsa- tionen des Unterleibs Contraktionen in den Mus- keln der Luftlöcher verbunden. Nach Sorg Disqu. physiol. circa respirat. insector, et vermium. Rudolstadii. 1805. p. 27. 46. 66. contrahiren sich die Stigmate eines Lucanus Cer- vus 20 bis 25 mal, die eines Weibchens des Gryl- lus viridissimus 50 bis 55 mal, und die einer Sphinx euphorbiae ohngefähr 20 mal in einer Minute. Merkwürdig ist es dabey, dass diese Zu- sammenziehungen nicht immer in allen Stigma- ten zu gleicher Zeit und mit gleicher Stärke vor sich gehen. Bey dem Carabus auratus giebt es auf jeder Seite des Bauchs sechs Stigmate. Wenn das Thier sich heftig bewegt, oder eben gefres- sen hatte, so zogen sich alle diese Oeffnungen abwechselnd und in kurzen Zwischenräumen zu- sammen. sammen. Hatte dasselbe aber eine Zeit lang ge- hungert, so ging die Bewegung nicht mehr in allen Luftlöchern gleichzeitig, sondern bald in diesem, bald in jenem, dabey kraftlos und nach langen Pausen vor sich. Reitzte man solche ausgehungerte Thiere zu heftigen Bewegungen, so wurde dadurch die Funktion der beyden vor- dern Paare der Luftlöcher beschleunigt, indem die der beyden hintern unverändert blieb. Bey Thieren, die wohl genährt waren, und einige Zeit gehungert hatten, constringirten sich die bey- den mittlern Paare am kräftigsten Soro l. c. p. 136. . Ich habe eine ähnliche Erfahrung an einem Weibchen der Meloe maialis gemacht, woran ich die Rückkehr ins Leben beobachtete, nachdem ich sie bis zum Scheintod unter Wasser gehalten hatte. Rings um die beyden vordersten, unter den Flü- geldecken liegenden Paare der Stigmate hob und senkte sich die Bauchdecke abwechselnd und in unregelmässigen Zwischenräumen, zuerst an dem vordersten Paar, dann an dem zweyten, anfangs schwach und langsam, nach und nach kräftiger und schneller. An den übrigen Stigmaten hin- gegen waren gar keine Bewegungen zu bemerken. Ueber den Mechanismus, wodurch die Respi- ration bey den durch Luftröhren athmenden In- sekten hervorgebracht wird, fehlt es ebenfalls noch noch an Untersuchungen. Bey den Bienen, Schmet- terlingen und mehrern Käfern, deren Tracheen in häutige Luftsäcke übergehen, lässt sich das Ein- und Ausathmen aus einem Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung dieser Behäl- ter erklären. Ich muss zwar gestehen, dass ich an den Tracheen eines lebendig geöffneten Nas- hornkäfers keine Bewegungen habe wahrnehmen können. Allein die Stigmate waren bey diesem Thier ebenfalls in Ruhe, und das Athemholen schien also aufgehoben zu seyn. Comparetti Obs. anat. de aure interna comp. p. 290. versichert dagegen, an den entblössten Luftröhren lebender Heuschrecken Zusammenziehungen und Erweiterungen beobachtet zu haben. Mir ist es auch um so wahrscheinlicher, dass solche Bewe- gungen in den Tracheen statt finden, da manche Insekten das Vermögen besitzen, Theile ihres Kör- pers durch eine grössere Menge eingeathmeter Luft anschwellend zu machen. So treten die Ge- schlechtstheile der Biene gegen die Zeit der Be- gattung umgestreift und turgescirend aus dem Kör- per hervor Reaumur Mém. pour servir à l’hist, des ins. T. V. Mém. 2. p. 145. der 8. Ausg. . Wenn man aber erwägt, dass bey den Raupen die Luftröhren einen knorpelar- tigen, spiralförmigen Drath enthalten, der keine beträchtliche Ausdehnung und Zusammenziehung gestatten IV. Bd. L gestatten kann, so muss man fast vermuthen, dass hier kein Wechsel von Ein- und Ausathmen, son- dern blos ein mechanisches Eindringen der Luft in die offenen Tracheen statt findet. Hiermit har- monirt auch ein Versuch von Lyonnet , welcher die Luftlöcher einer Schmetterlingslarve mit Sei- fenwasser bestrich, und dieses lange und auf- merksam beobachtete, ohne eine Spur von Luft- blasen darin wahrnehmen zu können, die doch nothwendig hätten entstehen müssen, wenn hier ein Ausathmen statt gefunden hätte Lesser Théologie des ins. T. 1. p. 225. . Doch wird man zugleich jenen Insektengattungen das Vermögen nicht absprechen können, den Eintritt schädlicher Luftgattungen in die Tracheen zu verhindern, indem hierzu die Schliessmuskeln, womit die Luftröhren an mehrern Stellen verse- hen sind Biolog. Bd. 1. S. 371. , und welche von den Insekten will- kürlich geöffnet und verschlossen werden kön- nen Lyonnet Tr. de la chenille du saule. p. 72. , zu dienen scheinen. Aber nicht alle Insekten athmen durch Luft- röhren. Die Skorpionen, Spinnen und Asseln (Oniscus) haben, obgleich in der Luft sich auf- haltend, doch wahre Kiemen, und machen den Uebergang zu den Crustaceen. Bey Bey den Skorpionen giebt es vier Paar, aus einer grossen Menge zarter Blätter bestehender Branchien, die zu beyden Seiten des Unterleibs unter den Bauchringen liegen, und zu welchen ähnliche Stigmate wie bey den geflügelten Insek- ten zu den Luftröhren führen. Die Spinnen haben nur Ein Kiemenpaar, wel- ches am Anfang des Hinterleibs unter zwey hornartigen Platten liegt. Jede dieser beyden Kiemen besteht, wie bey dem Skorpion, aus vie- len zarten, häutigen Lamellen. Eine Aranea atrox, der ich diese Theile mit Petroleum bestrich, zog gleich darauf die Beine zusammen, und war nach einer Viertelstunde völlig leblos. Die Wasserspinne (Aranea aquatica L.), die sich unter dem Wasser aufhält, athmet ebenfalls Luft und auf eben die Art, wie die Landspinnen. Sie versieht sich in jenem Element mit Luft, indem sie, wie die Hydrophilen, zwischen den langen und dichten Haaren, womit ihr Körper be- setzt ist, eine Lufthülle mit sich führt, und diese von Zeit zu Zeit an der Oberfläche des Was- sers erneuert. Auch füllt sie ein kappenförmiges, blos am untern Ende offenes Gewebe, worin sie sich unter dem Wasser aufhält, mit Luft an, wahrscheinlich indem sie ihre Lufthülle an der inwendigen Fläche desselben abstreift. Bey den Onisken giebt es drey Kiemenpaare, die sich unten am Hintertheil des Körpers befin- L 2 den, den, und mit dreyeckigen Platten bedeckt sind. Die einzelne Kieme wird durch zwey zarte, auf einander liegende Häute gebildet; in den Zwi- schenraum beyder ergiesst sich das Blut. An le- benden Asseln sieht man jene Organe sich ab- wechselnd senken und heben. Bey der gemei- nen Assel (Oniscus Asellus L.) gehen diese Bewe- gungen nur langsam, hingegen bey der Wasser- assel (Oniscus aquaticus L.) sehr schnell vor sich. Bey jener wird aber das Spiel der Kiemen be- schleunigt, wenn man die letztern mit Wasser be- streicht. An solchen benetzten Branchien habe ich ohngefähr 60 Zusammenziehungen in einer Minute bemerkt, während das Herz 100 und ei- nige Pulsationen machte. Bey den Zuckerthieren (Lepisma) scheinen mir die Schuppen, womit der Körper derselben be- deckt ist, eine Art Kiemen zu seyn; wenigstens habe ich beym Zergliedern von etwa dreyssig die- ser Insekten keine andere Respirationsorgane ent- decken können. Die übrigen flügellosen Insekten (Phalangium, Hydrachna, Acarus, Pulex, Pediculus, Julus, Sco- lopendra) athmen, wie die sämtlichen geflügelten Thiere dieser Classe und deren Larven, durch Luftröhren Ausführlicher habe ich die Respirationsorgane der ungeflügelten Insekten in meiner Schrift Ueber den innern . Die Die Respiration mehrerer Würmer liegt noch sehr im Dunkeln. Viele Thiere dieser Classe ath- men offenbar durch Kiemen. Aber die Blutigel und Regenwürmer müssen auf eine andere Art Luft schöpfen. Bey der Hirudo medicinalis L. und Hirudo sanguisuga L. traf Braun Systematische Beschreibung einiger Egelarten. Ber- lin. 1805. zu beyden Seiten des Körpers, in gleichen Entfernungen, 11 bis 13 Paar linsenförmige Organe an. Sie fingen unterhalb dem Uterus an, und endigten einen Zoll weit vom hintern Ende des Egels. Ein weis- ser, weicher Canal verband sie an der äussern Seite so mit einander, dass jedes einzelne Organ seinen eigenen Gang aus dem Hauptcanal erhielt. Jedes Organ enthielt 4 bis 6 eyerförmige Körper, und der Verbindungscanal liess sich bis zu den Hoden verfolgen. Braun sahe jene Organe für die Eyerstöcke an. Hingegen Thomas Mém. pour servir à l’Hist. nat. des sangsues. p. 67. , der nach Braun die beyden erwähnten Egelarten un- tersuchte, fand keine Verbindung zwischen jenen Organen und den Hoden. Nach den Zergliederun- gen dieses Französischen Naturforschers öffnen sich die linsenförmigen Organe auf der Oberfläche des Körpers durch kleine Löcher, die das Thier öffnen innern Bau der Arachniden (Nürnberg. 1812.) beschrieben. L 3 öffnen und verschliessen kann. Jedes Organ ist ein Bläschen, das aus einer doppelten Haut be- steht. Auf der innern Membran verbreiten sich eine Menge Blutgefässe. Aus den äussern Oeff- nungen der Bläschen kommen zuweilen Luftbla- sen und eine weissliche Flüssigkeit hervor. Tho- mas folgert aus diesen Beobachtungen, dass die Bläschen die Respirationsorgane der Blutigel sind. Die darin befindliche Flüssigkeit hält er für ein Exkrement, das der Lungenausdünstung ähnlich ist, und nur wegen der kalten Temperatur der Blutigel eine tropfbare Form hat. Man sieht hieraus, wie ungewiss unsere Kennt- nisse vom Athmen der Blutigel noch sind. Die von Thomas aufgestellte Meinung hat nicht mehr Wahrscheinlichkeit als die Braun sche. Sie ist nicht bewiesen, so lange man nicht ein ähnliches Beyspiel von einer so starken, bey keiner andern bekannten kaltblütigen Thierart statt findenden Absonderung einer tropfbaren Flüssigkeit in den Respirationsorganen aufgefunden hat; so lange Braun ’s Behauptung, dass der Verbindungscanal dieser angeblichen Respirationsorgane in unmittel- barer Verbindung mit den Hoden steht, nicht wi- derlegt ist, und so lange sich nicht ein drittes Or- gan angeben lässt, das mehr Aehnlichkeit mit ei- nem Eyerstock hat, als zwey kleine, in der Nähe des Uterus liegende und mit diesem blos durch einen dünnen Faden verbundene Drüsen, welche Tho- mas ohne alle weitere Gründe für den Eyerstock annimmt. Unter den Zoophyten haben mehrere Arten offenbare Kiemen. Bey andern, z. B. den Poly- pen des süssen Wassers, scheinen die Fangarme zugleich die Werkzeuge des Athemholens zu seyn. Diese äussern, wie die Kiemen der Frosch- und Salamanderlarven, eine anziehende und zurück- stossende Wirkung auf das Wasser, und zwar im Zustand der Ruhe sowohl, als der Bewegung, ja auch nach der Trennung vom Körper. An den Fangarmen der Polypen findet man unter einer starken Vergrösserung und bey einem günstigen Licht sehr zarte Borsten, durch deren Bewegung diese Anziehung und Zurückstossung hervorge- bracht wird Steinbuch ’s Analekten neuer Beobacht. u. Unter- such. f. d. Naturkunde. S. 24. 89. . Die Vibrationen der Vorticellen bewirken ebenfalls eine Attraktion und Repulsion des Wassers, die ein Athemholen zu seyn scheint. Dass wenigstens nicht durch diese Bewegungen nährende Partikeln von der Thierpflanze angezo- gen werden, sahe ich an der Vorticella racemosa O. F. Müll ., einer in den Gewässern um Bremen nicht seltenen Vorticelle. Der Wirbel, den dieser Polyp im Wasser erregt, reisst die Infusionsthiere, die L 4 die ihm zu nahe kommen, vielmehr von dem Mund der Vorticelle weg, als dass er sie diesem zuführt. So verhalten sich die verschiedenen Thierclas- sen in Betreff des Athemholens von der Geburt bis zum Tode. Auf eine ganz andere Art aber geht bey ihnen diese Funktion von statten, so lange sie noch im Mutterleibe oder im Ey von ih- ren Häuten umkleidet sind. In diesem Zustand athmet kein Thier weder durch Lungen oder blosse Luftröhren, noch durch Kiemen, sondern die Er- nährung im engern Sinn und das Athemholen ge- schehen hier durch einerley Organe, wie wir in der Folge näher zeigen werden. Zwar haben Winslow und Scheel eine diesem Satz wider- dersprechende Hypothese aufgestellt. Beyde, und mit ihnen auch Abilgaard, Viborg, Rafn und Herholdt fanden, dass die Luftröhre der Em- bryonen von Säugthieren und Vögeln vor der Ge- burt mit dem Fruchtwasser angefüllt ist. Wins- low und Scheel bemerkten ferner, dass die Früchte von Hunden und Katzen während ihres Lebens im Fruchtwasser auf ähnliche Art, wie das athmende Thier, die Nasenlöcher, die Brust und den Unterleib bewegen. Sie schlossen hier- aus, dass vor der Geburt das Fruchtwasser, so wie nach der Geburt die atmosphärische Luft, von den Säugthieren und Vögeln geathmet wür- de de Scheel de liquoris amnii asperae arteriae foetuum humanorum natura et usu. p. 9 sq. . Allein ohne den Satz in Zweifel zu zie- hen, dass das Fruchtwasser in die Luftröhre der Embryonen eindringt und dieselbe anfüllt, einen Satz, der sowohl theoretische Gründe, als That- sachen für sich hat; ohne auch zu läugnen, dass dieses eingedrungene Fruchtwasser in unregelmä- ssigen Zwischenräumen wieder ausgeleert wird, lässt sich doch sehr zweifeln, dass diese Bewe- gungen den Namen der Respiration verdienen. Es ist nicht das mechanische Einziehen und Aussto- ssen der atmosphärischen Luft, es sind die chemi. schen Wirkungen dieser Luft, welche das Athem- holen zu einer der wichtigsten Funktionen machen. Man wird daher nur dann von dem Foetus sa- gen können, dass er das Fruchtwasser athme, wenn dieses für die Lungen desselben in chemi- scher Rücksicht von Wichtigkeit ist. Dass es aber dieses nicht seyn kann, beweisen die zahlreichen Beobachtungen von Früchten, die weder Nase noch Mund hatten, denen der Kopf ganz fehlte Biol. Bd. 3. S. 429 ff. — Vergl. Herholdt in Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordischem Archiv für Natur- u. Arz- neyw. B. 2. St. 1. S. 11 ff. , deren Luftröhre mit einem zähen Schleim ange- füllt L 5 füllt war Portal Rapport fait par ordre de l’Acad. des sc. sur les effets des vapeurs mephitiques. Ed. 3. p. 86. , oder die mehrere Monate vor der Geburt das Fruchtwasser verloren Mauriceau Obs. sur la grossesse et les maladies des femmes. T. 2. Obs. 60. 113. — De Koning im Neuen Journal der ausländischen med. chirurg. Lit- teratur von Harles u. Ritter . B. 4. St. 2. S. 176. , und welche doch im Mutterleibe ihre völlige Grösse erreichten. Die Lungen sind aber nicht die einzigen Or- gane, durch welche die Thiere mit der Atmo- sphäre in Wechselwirkung stehen. Auch auf der ganzen Oberfläche des Körpers geht etwas Aehn- liches wie in den Lungen vor. Im Bade steigen von derselben allenthalben Luftblasen auf, welche in kurzer Zeit immer grösser werden, sich end- lich losreissen, und sich in einer umgestürzten Flasche voll Wasser sammeln lassen De Milly , Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1777. p. 221. . Diese Luft rührt wohl zum Theil aus dem Wasser her. Aber allein hieraus kann sie nicht entste- hen, da, wenn man die Hand oder den Fuss in eine leere Flasche bringt, den Zwischenraum zwi- schen der Mündung des Gefässes und dem Gliede durch eine Blase verschliesst, und die Flasche durch Umschlagen nasser Tücher erkältet, die in- wendige Seite derselben sehr bald trübe wird, und sich sich eine helle, geschmacklose Flüssigkeit ansam- melt Cruikshank ’s Abhandl. über die unmerkliche Aus- dünstung. Uebers. von Michaflis . S. 45 ff. . Aus diesen Erfahrungen erhellet, dass durch die Haut eben so eine Transpiration , wie durch die Lungen eine Exspiration, vor sich geht. In wie fern nun zwischen diesen beyden Funktionen Analogieen oder Verschiedenheiten statt finden, darüber werden wir uns erst im fol- genden §phen erklären können. §. 2. Chemische Erscheinungen des Athemholens und der Hautausdünstung. Nach den bisherigen Untersuchungen werden wir jetzt die Frage zu beantworten haben: Welche Veränderungen die Luft bey ihrem Eintritt in die Respirationsorgane erleidet, und welchen Einfluss jene auf den Organismus äussert? Alle an warmblütigen Thieren über den er- stern Gegenstand angestellte Versuche gaben das Resultat, dass die atmosphärische Luft beym Ein- athmen einen Theil ihres Sauerstoffs verliert und mit kohlensaurem Gas und Wasserdämpfen bela- den aus den Lungen zurückkehrt. Schon Robert Boyle, Mayow, Hales und Veratti waren dieser Entdeckung nahe, indem sie beobachteten, dass das Volumen einer einge- athme- athmeten Quantität Luft vermindert, und diese zur Unterhaltung sowohl des Lebens, als der Flamme untauglich gemacht wird Haller El. Phys. T. III. L. 8. S. 3. §. 11. p. 206. . Aber erst Priestley, Black und Lavoisier verbreiteten helleres Licht, wo vor ihnen noch blosse Däm- merung gewesen war. In Lavoisier ’s und Seguin ’s Versuchen Mém. de l’Acad, des sc. de Paris. A. 1789. p. 572. verzehrten Meerschweinchen 40 bis 50 Cubikzoll Sauerstoffgas in einer Stunde, und jene Quantität blieb dieselbe, die Thiere mochten diese Gasart un- vermischt, oder mit einem Zusatz von Stickgas ath- men. Das Stickgas erlitt dabey keine Vermehrung oder Verminderung. Seguin selber verbrauchte nüchtern und im ruhigen Zustand 1344 Cubikzoll Sauerstoffgas bey einer Temperatur von 26° R. in einer Stunde. Diese Quantität nahm zu nach dem Essen und nach körperlichen Bewegungen. Es ergab sich überhaupt, dass die Menge des verbrauchten Sauerstoffgas bey verschiedenen Individuen sehr verschieden, und fast in keinem Augenblick dieselbe ist. Für die Mittelzahl nehmen indess Lavoisier und Seguin einen Cubikfuss binnen einer Stunde, oder 2 Pfund 1 Unze 1 Drachme binnen vier und zwanzig Stunden bey dem Menschen an. Von Kohlensäure werden, ihrer Schätzung nach, ohn- gefähr 2 Pfund 5 Unzen 4 Drachmen, und von Wasser Wasser 5 Drachmen 41 Gran in eben dieser Zeit ausgeleert. Goodwyn Erfahrungsmässige Untersuch. der Wirkungen des Ertrinkens. S. 43 ff. , welcher über eben diesen Ge- genstand Versuche anstellte, fand gleichfalls nach dem Athmen die Menge des Stickgas unverändert, die des Sauerstoffgas aber, welche 0,21 der atmo- sphärischen Luft beträgt, auf 0,05 vermindert, und die des kohlensauren Gas, wovon die Atmosphäre ohngefähr nur 0,02 enthält, auf 0,13 vermehrt. Menzies Tentam. physiolog. de respirat. — Gren ’s Journal d. Physik. B. 6. S. 117. setzt die Quantität der Kohlen- säure, die man in einmal geathmeter Luft antrifft, auf 0,05, und die Menge dieser Säure, welche binnen einem Tage in den Lungen des Menschen gebildet wird, auf 3,96 Pfund Troygewicht. Die Verschiedenheit dieser Angabe von den Resultaten der Versuche Lavoisier ’s und Goodwyn ’s bestä- tigt einigermassen die Bemerkung des erstern, dass die Menge des bey der Respiration verbrauchten Sauerstoffgas bey verschiedenen Individuen ver- schieden ist. Doch muss zum Theil dieser Unter- schied auch der Unvollkommenheit der damaligen eudiometrischen Werkzeuge zugeschrieben werden. In In Davy ’s Researches chemic. and philosoph. chiefly concerning nitrous oxide and its respiration. p. 331. Versuchen verschwanden bey ei- nem gewaltsamen Einathmen, wobey 141 Kubik- zoll atmosphärischer Luft eingezogen, und 139 Kubikzoll wieder ausgestossen wurden, 1 bis 3 Kubikzoll Stickgas nebst 5 bis 6 Kubikzoll Sauer- stoffgas, und es entstanden 5 bis 5.5 Kubikzoll kohlensaures Gas. Beym natürlichen Respiriren athmete Davy 13 Kubikzoll atmosphärischer Luft ein, welche enthielten 9,5 Kubikzoll, oder 0,73 Stickgas, 3,4 K. Z. oder 0,26 Sauerstoffgas, 0,1 K. Z. oder 0,07 kohlensaures Gas. Ausgeathmet wurden dagegen 9,3 Kubikzoll, oder 0,71 Stickgas, 2,2 K. Z. oder 0,16 Sauerstoffgas, 1,2 K. Z. oder 0,09 kohlensaures Gas. Man sieht, dass hier beträchtliche Abweichun- gen von den Resultaten der Versuche Lavoisier ’s, Goodwyn ’s und Menzies ’s statt finden, worunter die wichtigste der Verlust an Stickgas ist, den die atmosphärische Luft beym Athmen erleiden soll. Indess versichert Davy diesen Verlust in allen sei- nen Versuchen bestätigt gefunden zu haben. So athmete er fast eine Minute lang bey einer Tem- peratur von 63° Fahrenh. 161 Kubikzoll Luft, wel- che enthielten 117 117 Kubikzoll Stickgas, 42,4 K. Z. Sauerstoffgas, 1,6 K. Z. kohlensaures Gas. Es geschahen neunzehn Respirationen in dieser Luft, nach welchen sie sich auf 152 Kubikzoll vermindert hatte, worin enthalten waren 111,6 Kubikzoll Stickgas, 23,0 K. Z. Sauerstoffgas, 17,4 K. Z. kohlensaures Gas. Es waren folglich 5,4 K. Z. Stickgas verschwun- den. Ferner setzte Davy eine Maus in einen Glas- recipienten, der 15 Kubikzoll atmosphärischer, von Kohlensäure freyer Luft enthielt, und liess sie darin, bis sie sich nach 50 Minuten auf die Seite legte und nach 55 Minuten scheinbar todt war. Das Thier hatte während dieser Zeit 0,4 Kubikzoll Stickgas und 2,6 K. Z. Sauerstoffgas verzehrt, wofür 2 K. Z. kohlensaures Gas entstan- den waren. Eine der vorigen ganz ähnliche Maus, die er auf gleiche Art in einer Luft athmen liess, welche aus 10,5 K. Z. Sauerstoffgas und 3 K. Z. Stickgas bestand, fing schon nach einer halben Stunde an zu leiden, und lag nach einer Stunde im Sterben. Als sie nach fünf Viertelstunden herausgenommen wurde, lebte sie zwar noch, konnte sich aber nicht bewegen und athmete tief. Das Gas hatte um 0,8 Kubikzoll abgenommen, und 0,4 Stickgas nebst 2,1 Sauerstoffgas verloren, wofür 1,7 kohlensaures Gas entstanden waren. Nach Nach den beyden letztern Versuchen scheint beym Athmen der atmosphärischen Luft in dersel- ben Zeit mehr Sauerstoffgas absorbirt und eine grössere Menge kohlensauren Gas gebildet zu werden, als beym Athmen des Sauerstoffgas. Die- ses Resultat scheint auch durch zwey Respira- tionsversuche in Sauerstoffgas bestätigt zu wer- den, welche Davy mit sich selber anstellte. In- zwischen steht dasselbe mit zu vielen andern Erfahrungen im Widerspruche, um es für allge- mein annehmen zu können. Der Verlust an Stickgas, den die atmosphä- rische Luft nach Davy beym Athmen erleidet, wird aber auch durch Henderson ’s und Pfaff ’s Erfahrungen bestätigt. In drey Respirationsversu- chen, welche Henderson mit sich selber in atmo- sphärischer Luft anstellte, wurden das erste mal von 600 Kubikzoll jener Luft binnen vier Minu- ten 17,7 K. Z. Stickgas, das zweyte mal von ei- ner eben so grossen Quantität in derselben Zeit 12 K. Z. dieses Gas, und das dritte mal von 1000 K. Z. atmosphärischer Luft binnen fünftehalb Mi- nuten 15,1 K. Z. Stickgas absorbirt Nicholson Journ. of Nat. Phil. Vol. 8. p. 40. . In Pfaff ’s Versuchen wurde das Volumen ei- ner gewissen Quantität Luft durch ein einmaliges Athmen um 1/36, durch ein zweymaliges um 1/18, durch durch ein dreymaliges um 1/10, durch ein vierma- liges um 2/27 und durch ein zwölfmaliges um 1/13 vermindert. Die absolute Verminderung des Stick- gas war bey Einer Respiration in einem Versuch = 0,808, in einem zweyten = 0,852. Von koh- lensaurem Gas fanden sich in geathmeter Luft nach einer einmaligen Respiration 0,49, nach ei- ner zweymaligen 0,5, nach einer viermaligen 0,58, und nach einer achtmaligen 0,82 Theile. Bey ei- nem viermaligen Athmen von reinem Sauerstoff- gas wurde dieses um 2/11 vermindert, und es er- zeugten sich 0,82 Theile kohlensauren Gas Pfaff ’s, Scheel ’s u. Rudolphi ’s Nordisches Ar- chiv f. Naturkunde u. s. w. B. IV. St. 2. S. 132. . Dass beym Athmen des reinen Sauerstoffgas eine grössere Menge Sauerstoff verzehrt und mehr kohlensaures Gas erzeugt wird, als bey der Re- spiration der atmosphärischen Luft, ist eine Beob- achtung, die auch noch von Berger und Jurine gemacht wurde. Diese bemerkten zugleich, was Pfaff sahe, dass beym fortgesetzten Athmen ei- ner und derselben Luft die Erzeugung des koh- lensauren Gas und die Verminderung des Volu- mens der geathmeten Luft eine abnehmende Pro- gression befolgt. Sie fanden aber auch, dass diese Verminderung beym fortgesetzten Athmen endlich ganz unterbleibt, obgleich noch immer eine Ab- sorbtion IV. Bd. M sorbtion des Sauerstoffs und eine Entbindung von Kohlensäure statt findet. Berger und Jurine schliessen hieraus, dass jetzt eine andere Luftart, die sie für Stickgas annahmen, erzeugt wird Voigt ’s Magazin f. d. neuesten Zustand der Na- turk. B. 12. S. 139 ff. . Allen und Pepys , die mit einem grössern Gasometer Versuche machten, als einer ihrer Vor- gänger, und sich des mit Salpetergas gesättigten Eisenvitriols zur Ausmittelung des Sauerstoffgas bedienten, erhielten ein Resultat, welches mit Da- vy ’s Erfahrungen übereinstimmt. Sie fanden, dass die Menge des ausgeathmeten kohlensauren Gas, der Masse nach, genau der Quantität des ver- brauchten Sauerstoffgas gleich war In einem der obigen Davy schen Versuche enthielt die eingeathmete atmosphärische Luft 3,4 Kubikzoll Sauerstoffgas, und es wurden dagegen 2,2 K. Z. Sauerstoffgas und 1,2 K. Z. kohlensaures Gas wieder ausgeathmet. Die Menge des verbrauchten Sauer- stoffgas betrug also 1,2 K. Z., mithin gerade so viel wie die des respirirten kohlensauren Gas. In einem andern Versuch wurden eingeathmet 42,4 K. Z. Sauerstoffgas, ausgeathmet 23,0 — — — Der Verlust betrug also 19,4 — — — Das ausgeathmete kohlensaure Gas betrug 17,4 K. Z., folg- . Sie be- merkten merkten ferner, dass die einmal geathmete Luft mit 0,80 bis 0,85 Theilen kohlensauren Gas aus den Lungen zurückkam, und dass der Gehalt an dieser Gasart nur 0,1 Theil betrug, wenn das Athmen einer und derselben Luft so oft wie mög- lich wiederholt wird. Geschah das Athmen schnel- ler als gewöhnlich, so wurde eine grössere Menge kohlensauren Gas in einer bestimmten Zeit aus- geathmet, doch blieb das Verhältniss desselben fast einerley, nehmlich 8 Theile von hunderten. Unter Umständen, wo das Athemholen sehr er- schwert war, schien etwas Sauerstoff absorbirt zu werden. In Sauerstoffgas wurde eine grössere Menge kohlensauren Gas als in der atmosphäri- schen Luft gebildet. Ausser dem kohlensauren Gas schien weder Wasserstoffgas, noch eine an- dere Luftart beym Athmen entbunden zu werden. Die Person, mit welcher Allen und Pepys ihre Versuche anstellten, athmete 19mal in der Mi- nute, und nahm beym natürlichen Athmen 16 bis 17 Kubikzoll Luft auf. Die Verminderung des ganzen Betrags der geathmeten Luft schien sehr gering zu seyn, und sich nur auf 0,006 Theile zu belaufen. Versuche mit geathmetem Sauerstoff- gas bewiesen, dass die Menge der nach dem Ein- athmen in den Lungen zurückbleibenden Luft sehr beträcht- folglich nur 2 K. Z. weniger als das verbrauchte Sauerstoffgas. M 2 beträchtlich ist, und überhaupt glauben Allen und Pepys , dass alle Respirationsversuche mit kleinen Quantitäten Luft keine genaue Resultate liefern können Philosoph. Transact. Y. 1808. P. 2. p. 249. . So viele Vorzüge aber auch diese Versuche wegen des dabey angewandten grossen Apparats haben mögen, so scheint es doch, dass das Mittel zur Prüfung des Sauerstoffgehalts der Luft, des- sen sich Allen und Pepys bedienten, nicht das vorzüglichste war, und dass die Quantität des Sauerstoffs in der geathmeten Luft von ihnen im- mer zu gering angegeben ist. Wenigstens von den Fischen ist es nach von Humboldt ’s und Pro- vençal ’s genauen Versuchen ausgemacht, dass sie beym Athmen weit mehr Sauerstoff absorbiren, als Kohlensäure erzeugen, und es ist glaublicher, dass diese Verschiedenheit zwischen den Erfahrun- gen der letztern und denen der beyden Englän- der in dem bessern eudiometrischen Mittel, des- sen sich von Humboldt und Provençal bedien- ten, als in einer Verschiedenheit des Respirations- processes beym Menschen und bey den Fischen, deren Athmen doch in allen übrigen Stücken ei- nerley ist, ihren Grund haben. Auffallend ist es auch, dass Allen und Pepys nicht die von Davy, Henderson und Pfaff beobachtete Absorbtion von Stickgas beym Athemholen bemerkten. In- dess dess fand Berthollet , der mit dem genauesten eudiometrischen Werkzeug, das wir besitzen, mit dem Volta ischen Eudiometer, experimentirte, ebenfalls kein Verschwinden dieser Gasart bey der Respiration der Säugthiere, wohl aber eine ge- ringe Absorbtion von Sauerstoffgas Mém. de la Société d’ Arcueil. T. 2. p. 454. . Es ist also zu vermuthen, dass das Stickgas von diesen Thieren nicht unter allen Umständen verzehrt wird. Im Allgemeinen ergeben sich ähnliche Resul- tate aus den bisherigen Versuchen über das Athem- holen der Amphibien und Fische. Priestley Vers. u. Beobacht. über versch. Gattungen der Luft. Th. 3. fand, als er die Luft aus einer Quantität Wasser, worin Fische gelebt hatten, durch Kochen ausge- trieben hatte, dass sie einen kleinern Raum als vorher einnahm und ein Licht auslöschte, indem die Luft, die er aus einer ähnlichen Menge Was- ser, worin sich keine Fische befunden hatten, er- hielt, der atmosphärischen gleich war. An den- selben Thieren, und zugleich an Fröschen, wurde die nehmliche Beobachtung auch von Sylvester Bulletin des sc. de la Soc. philomath. Vol. 1. p. 17. und Corradori Scherer ’s Journal der Chemie. B. 2. S. 669. 676. gemacht. Doch erhielt der letzte- M 3 letztere zugleich ein Resultat, welches eine wich- tige Verschiedenheit in der Respiration derer Thiere, die im Wasser athmen, und derer, die in der Luft respiriren, bewiesen haben würde, wenn es sich bestätigt hätte. Er fand nehmlich, dass die Frösche und Fische beym Athmen im Wasser nicht so, wie andere Thiere, kohlensaures Gas aushauchen. Allein an der Unrichtigkeit dieser Behauptung lässt sich nicht zweifeln, da Sylve- stre A. a. O. versichert, bey seinen Versuchen über die Respiration der Fische gefunden zu haben, dass diese kohlensaures Gas ausleeren; da, nach von Humboldt ’s Beobachtungen Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. 2. p. 305. , die Crocodile das Volumen der Luft, worin sie leben, sogar ver- mehren, indem jüngere Thiere der Art 1000 Theile atmosphärischer Luft, welche 274 Theile Sauer- stoffgas, 15 Theile kohlensauren Gas und 711 Theile Stickgas enthielten, in einer Stunde und 43 Minuten bis auf 1124 Theile vergrösserten, worin sich 106,8 Theile Sauerstoffgas, 79 Theile kohlensauren Gas und 938,2 Theile Stickgas, ver- mischt mit andern unbekannten Gasarten, befan- den; und da endlich von Humboldt ’s und Pro- vençal ’s genaue und umständliche Versuche über das Athemholen der Frösche und Fische die Er- zeugung von kohlensaurem Gas bey diesem Pro- cess ausser Zweifel setzen. Die Die letztern bedienten sich bey diesen Versu- chen des Volta ischen Eudiometers. Sie fanden, dass die aus dem Wasser der Seine durch Ko- chen entwickelte Luft 0,30 bis 0,31 Theile Sauer- stoffgas, und 0,06 bis 0,11 Theile kohlensauren Gas enthielt, und dass durch die Respiration der Fische der Gehalt jener Luft an Sauerstoffgas und Stickgas vermindert, die Menge des kohlensauren Gas in derselben aber vermehrt wird. Die Absorb- tion des Sauerstoffgas ist sehr gering. Die Fische athmen noch in einem Wasser, welches nur 0,0002 seines Volumens an Sauerstoffgas enthält. Ueber- haupt verhalten sie sich wie Landthiere, die eine Luft athmen, deren Gehalt an Sauerstoffgas noch nicht den hundertsten Theil beträgt, indem die im Wasser befindliche Luft nur 0,027 des Volu- mens jener Flüssigkeit ausmacht, und hierin nur 0,31 Theile Sauerstoffgas enthalten sind. Ihre Respirationsorgane müssen daher zwar langsamer, doch auch weit kräftiger, als die der warmblüti- gen Thiere, auf dieses Gas wirken, Fische, die in verschlossenen Gefässen athmen, leiden auch weit mehr von der Erschöpfung des Sauerstoffgas, als von der Anhäufung der kohlensauren Luft. Sie hauchen die letztere bey weitem nicht in dem Verhältniss aus, wie sie das erstere verzehren. Die Menge des verbrauchten Sauerstoffgas beträgt bey ihnen oft das Doppelte der Quantität des ab- geschiedenen kohlensauren Gas. Sie gleichen hierin M 4 den den Fröschen, die in verschlossenen Gefässen ein Drittel weniger Kohlensäure bilden, als sie Sauer- stoff verzehren. Diese aber nehmen beym Athem- holen kein Stickgas auf; die Fische hingegen ver- zehren auch dieses, und es verhält sich bey ih- nen die Absorbtion desselben zu der des Sauer- stoffgas wie 1 : 2, oder auch wie 5 : 4. Uebrigens wirken die Fische auch ausserhalb ihrem Element noch vermittelst der Kiemen auf den Sauerstoff der atmosphärischen Luft Mém. de la Soc. d’ Arcueil. T. 2. p. 359. . Eben so wie in den Kiemen wird die atmo- sphärische Luft auch in dem Nahrungscanal des Co- bitis fossilis, von welchem im vorigen §. bemerkt ist, dass er von Zeit zu Zeit Luft verschluckt und durch den After wieder ausleert, verändert. Sie verliert auch bey diesem Durchgang ihren Sauer- stoff, and nimmt dagegen Kohlensäure auf Erman in Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 30. S. 140. . Bey dieser starken Anziehung nicht nur der Kiemen, sondern auch der ganzen Oberfläche des Körpers, und bey dem Cobitis auch der innern Fläche des Nahrungscanals gegen den Sauerstoff, ist es höchst auffallend, in der Schwimmblase vieler Fische unter gewissen Umständen eine grosse Menge Sauerstoffgas zu finden. Zuweilen geht der Gehalt derselben an dieser Gasart auf 0,8, und und sogar auf 0,9 Theile. Vorzüglich reich an Sauerstoffgas ist die Schwimmblase bey Fischen, die aus grossen Tiefen des Meers hervorgezogen sind; hingegen bey solchen, die sich am Ufer, oder in geringen Tiefen aufhalten, enthält sie oft nur 0,1 von jener Luft. Ueberhaupt scheint die Quantität des Sauerstoffgas der Schwimmblase mit der Tiefe des Aufenthalts der Fische in Ver- hältniss zu stehen Biot , Mém. de la Soc. d’ Arcueil. T. 1. p. 252. — Erman a. a. O. S. 113. — Consigliachi sull’ ana- lysi dell’ aria contenuta nella vescica natatoria dei pesci. Pavia. 1809. — Provençal u. von Hum- boldt , a. a. O. p. 400. — Delaroche , Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. 13. p. 198. . Es ist nicht wahrschein- lich, dass jener Sauerstoff von den im vorigen §. beschriebenen rothen Körpern der Schwimmblase unmittelbar abgeschieden wird. Vielleicht ist es ursprünglich nur atmosphärische Luft, was sich in dieser Blase anhäuft, und die Zunahme des Gehalts derselben an Sauerstoff entsteht nur da- her, dass unter gewissen Umständen die Absorb- tion des Stickgas bey der Respiration der Fische sehr zunimmt, indem die des Sauerstoffgas sehr vermindert ist. Die ersten Versuche über den Einfluss des Athemholens der wirbellosen Thiere auf die atmo- sphäri- M 5 sphärische Luft machte Scheele Abhandl. von der Luft u. dem Feuer. S. 118 ff. an Fliegen, Bienen, Raupen und Schmetterlingen. Er be- merkte keine Veränderung des Volumens der ge- athmeten Luft. Aber Kalkwasser verminderte das- selbe auf den vierten Theil, und der Rückstand war zur Unterhaltung der Flamme untauglich. Nach Scheele stellte Vauquelin Ann. de Chimie. T. 12. p. 273. ähnliche Versuche mit verschiedenen Landschnecken und Insekten an. Es ergab sich hieraus, dass diese Thiere, gleich denen der höhern Classen, das Sauerstoffgas zum Athmen bedürfen, dasselbe aus der atmosphärischen Luft absorbiren, und dafür Wasser und kohlensaures Gas erzeugen. Zugleich beobachtete Vauquelin , dass die Mollusken, be- sonders die rothe Erdschnecke und die Garten- schnecke, eine sehr beträchtliche Respirationskraft und wenig Empfindlichkeit für die Gegenwart der Kohlensäure haben, indem sie alles Sauerstoffgas vom Stickgas und von dem sich bildenden koh- lensauren Gas abscheiden, und erst in dem Au- genblick sterben, wo kein Sauerstoff mehr darin übrig ist. Das erstere dieser Resultate bestätigte sich auch in den Versuchen Hausmann ’s De animal. exsang. respirat. p. 59. 65 sq. nicht nur an einer Menge Insekten, und an mehrern Arten der der Geschlechter Limax und Helix, sondern auch an Gammarus Locusta, Astacus fluviatilis, Hirudo medicinalis, Hirudo stagnalis, und Lumbricus ter- restris. Hausmann erwähnt zwar nichts von der grossen Respirationskraft, welche Vauquelin an den Mollusken und Insekten bemerkt haben will. Doch wird diese durch Spallanzani ’s und Sorg ’s Versuche bestätigt, die ungleich zahlreicher, als die sämmtlichen ihrer Vorgänger, und dabey zum Theil so reich an andern merkwürdigen Resulta- ten sind, dass sie eine umständlichere Anzeige verdienen. Nach den Versuchen Spallanzani ’s Mém. sur la respiration. absor- biren die Helix nemoralis, lusitanica und vivipara, Limax flavus, ater, albus, maximus und agre- stis L. den Sauerstoff der atmosphärischen Luft und erzeugen dagegen kohlensaures Gas. Jene Absorbtion ist aber in einem verschlossenen Ge- fässe nicht ganz so vollkommen, wie Vauquelin behauptet. Die Schnecken sterben, ehe aller Sauerstoff verzehrt ist. Beym Athemholen der Helix nemoralis wer- den, wie Vauquelin schon gefunden hatte, eben so wie bey der Respiration der Säugthiere und Vögel, mit dem kohlensauren Gas zugleich Was- serdünste erzeugt. Die Die Helix vivipara absorbirte den Sauerstoff der atmosphärischen Luft nur langsam, wenn sie sich unter Wasser befand, hingegen weit schnel- ler, wenn sie der Luft unmittelbar ausgesetzt war. Sogar die aus der Gebärmutter dieser Schnecke ge- nommenen Jungen verzehrten schon Sauerstoff. Atmosphärische Luft, die über Wasser stand, worin zwey Entenmuscheln (Mytilus anatinus L.) lagen, hatte nach sieben Tagen an 0,07 an Sauer- stoffgas verloren. Befand sich statt der atmosphä- rischen Luft reines Sauerstoffgas über ausgekoch- tem Wasser, so wurde von jener Luftart 0,08 bin- nen acht Tagen von einer einzigen Entenmuschel absorbirt. Eben diese Muschel absorbirte fast dreymal so viel Sauerstoff, wenn sie der Luft ausgesetzt war, als wenn sie sich unter dem Wasser befand. Die nehmlichen Resultate gaben Versuche mit Mytilus cygneus, Mytilus edulis, Ostrea edulis und Ostrea Jacobaea L. Bey Versuchen mit der Helix nemoralis ging die Absorbtion des Sauerstoffgas desto schneller vor sich, je höher, und desto langsamer, je nie- driger die Temperatur war. Unter dem Gefrier- punkt hörte sie, und zugleich die Bewegung des Herzens gänzlich auf. Schneller als in der atmosphärischen Luft ging bey Helix nemoralis und Helix lusitanica die Ab- sorbtion sorbtion des Sauerstoffs in reinem Sauerstoffgas von statten. Zugleich wurde in diesem eine grö- ssere Menge kohlensauren Gas als in jener erzeugt. Die Mollusken überhaupt absorbiren den Sauer- stoff der atmosphärischen Luft weit langsamer, aber auch weit vollkommener, als die Säugthiere und Vögel. Diese sterben schon, wenn sie höch- stens 0,19 des Sauerstoffs der Atmosphäre verzehrt haben. Bey jenen hingegen tritt der Tod erst ein, wenn sie eben so viel Sauerstoff wie der Kunkel - sche Phosphor, nehmlich 0,2 absorbirt haben. So- bald diese Quantität verbraucht ist, hört die Be- wegung der Lungen, des Herzens und der Säfte völlig auf, und eben dies geschieht, wenn man die Mollusken in mephitisches Gas bringt. Die Helix nemoralis und Helix lusitanica aber verzehrten nicht blos den Sauerstoff, sondern auch mehr oder weniger von dem Stickstoff der atmosphärischen Luft. Doch war die Absorbtion des erstern weit beträchtlicher, als die des letz- tern. Hingegen beym Athemholen des Limax fla- vus, Limax agrestis, Mytilus anatinus, Mytilus cygneus, Mytilus edulis, der Ostrea edulis und Ostrea Jacobaea blieb der Stickstoffgehalt der at- mosphärischen Luft unverändert. Bey Helix ne- moralis, Helix lusitanica und Helix itala beobach- tete aber Spallanzani einige male auch, statt ei- ner Verminderung, eine Zunahme des Stickstoffs der der geathmeten Luft, und zwar trat dieser Fall entweder kurz vor dem Tode, oder dann ein, wenn die Thiere reichlich und mit Begierde ge- fressen hatten. Die Insekten absorbiren, nach Spallanzani , den Sauerstoff der Atmosphäre mit bewunderungs- würdiger Schnelligkeit. Eine Larve von dem Ge- wicht einiger Gran nimmt fast eben so viel Oxy- gene auf, wie ein Amphibium von einem tau- sendmal grössern Volumen. Mit der letztern und manchen andern Be- hauptungen Spallanzani ’s sind nun zwar die Resultate der erwähnten Hausmann schen Versu- che schwer zu vereinigen. Unter zwey und vier- zig Insekten, Mollusken und Würmern, über de- ren Athemholen Hausmann Versuche anstellte, war nur ein einziges Thier, nehmlich Libellula Puella L., welches binnen vier und zwanzig Stunden die so sehr geringe Quantität von 0,0107 Sauer- stoffgas verbrauchte. Alle übrige verzehrten noch weit weniger, unter andern Astacus fluviatilis nur 0,0006, Helix Pomatia 0,0028, Limax ater jun. 0,0057, und Limax flavus jun. 0,0002 Hausmann l. c. Tab. 1 et 2. ad pag. 66 et 67. . Hin- gegen in Spallanzani ’s Versuchen absorbirten zwey Exemplare der Helix lusitanica binnen drey- ssig Stunden in gemeiner Luft 0,2 Sauerstoff Spallanzani a. a. O. p. 219—221. , und und ein Limax agrestis binnen acht und zwanzig Stunden in eben dieser Luft 0,18 Oxygene Spallanzani ebend. p. 254. ! Es ist wahr, dass sich bey allen Hausmann schen, und auch bey vielen der Spallanzani schen Ver- suche, keine Angabe der Temperatur findet, worin dieselben angestellt sind, und dass sich Haus- mann der Schwefelleber, hingegen Spallanzani des Phosphors zur Prüfung der geathmeten Luft bediente. Aber die Verschiedenheit der Resultate ist doch zu beträchtlich, als dass sie sich blos in diesen Umständen suchen liesse. Indess, wenn manche von Spallanzani ’s Be- obachtungen auch unrichtig sind, so stimmen doch mit vielen derselben die zahlreichen Ver- suche Sorg ’s so sehr überein, dass man die mei- sten für zuverlässig halten muss Prunelle sagt in seiner Abhandlung über den Winterschlaf einiger Säugthiere von Spal- lanzani : “Ich glaube, dass man sich im Allge- „meinen auf die angeblichen Erfahrungen dieses Na- „turforschers nur so weit verlassen darf, als sie von „andern Beobachtern bestätigt sind. Diese Behaup- „tung wird ohne Zweifel denen, die den Abbé Spal- „lanzani nicht persönlich gekannt haben, und die „Art, wie er seine Versuche machte, nicht wissen, „auffallend seyn. Ich habe mich aber mehrere Mo- „nate mit der Prüfung dessen beschäftigt, was er „über . Sorg Sorg Disqu. physiol. circa respirat. insectorum et ver- mium. stellte mit mehr als funfzig Arten fast aus allen Familien der Insekten und Crusta- ceen Versuche an. Zur Prüfung der geathmeten Luft bediente er sich des Fontana schen Eudio- meters, und in einigen Fällen auch des Phosphors und des Schwefelalkali. Alle jene Thiere absorbirten den Sauerstoff der atmosphärischen Luft und erzeugten kohlen- saures Gas. Viele verzehrten jenen Stoff so voll- kommen, dass kein Ueberbleibsel desselben in der geathme- „über das Athemholen der verschiedenen Helixarten „und über den Einfluss, welchen selbst todte Thiere „noch auf die atmosphärische Luft sowohl selber, „als vermöge ihrer Schaale äussern sollen, gesagt „hat, und fast immer Resultate erhalten, die den „von ihm angegebenen entgegengesetzt waren, ob- „gleich ich auf eine weit genauere Art, als zu sei- „ner Zeit möglich war, dabey zu Werke gegangen „bin”. (Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. 18. p. 56.). Prunelle mag dieses harte, ohne einen einzigen nähern Beweis über einen Todten ausgesprochene Urtheil vor Spallanzani ’s Schatten verantworten. So viel ist gewiss, dass niemand ohne die grösste Ungerechtigkeit Spallanzani ’s Verdienste um die Biologie verkennen kann, und dass, wenn er auch oft menschlich irrte, er eben so oft die Wahrheit fand. geathmeten Luft zu entdecken war. Eine Melo- lontha vulgaris und eine Sphinx euphorbiae aber starben in reinem Sauerstoffgas lange vorher, ehe dieses Gas völlig absorbirt war. Insekten, die an eingeschlossenen, dunkeln Orten leben, verzehrten weniger Sauerstoffgas, und dauerten länger in mephitischen Gasarten aus, als solche, die sich im Freyen aufhalten. Auch starben solche Insekten, die vor dem Versuch ge- hungert hatten, nicht so schnell in eingeschlosse- ner Luft und in mephitischen Gasarten, als wohl- genährte Thiere. Die Erzeugung des kohlensauren Gas bey der Respiration stand mit der Absorbtion des Sauer- stoffs nicht immer in Verhältniss. Nach einer reichlichen Mahlzeit wurde eine grosse Menge kohlensauren Gas erzeugt. Thiere hingegen, die keine Nahrungsmittel zu sich ge- nommen hatten, brachten nur eine geringe Men- ge dieser Luft hervor. Eine Aranea Diadema, die einen Monat ohne alle Nahrung in 78 Cubikzoll atmosphärischer Luft eingeschlossen gewesen war, hatte während dieser Zeit an Gewicht nicht nur ab-, sondern zugenom- men. Krebse, die sich in destillirtem, mit Oel be- decktem Wasser befanden, starben sehr bald. In eingeschlossenem Brunnen- oder Flusswasser leb- IV. Bd. N ten ten sie desto länger, je grösser die Quantität die- ser Flüssigkeit war. Ferner stellte Sorg mit folgenden Mollusken und Würmern Versuche an: Nerita fluviatilis, Helix arbustorum, Mya pictorum, Limax ater, Li- max flavus, Hirudo medicinalis, Lumbricus ter- restris, Ascaris lumbricoides. Auch diese Thiere absorbirten den Sauerstoff der atmosphärischen Luft und erzeugten kohlensaures Gas, und einige verzehrten jenen eben so vollkommen, wie man- che Insekten. Der Erdregenwurm, der Blutigel und die Mahlermuschel nahmen jenen Stoff so- wohl in der Luft, als im Wasser auf, die übri- gen in der Luft, der Spuhlwurm aber nur in sehr geringer Quantität. An dem Blutigel machte auch noch Thomas Mém. sur l’ Hist. nat. des sangsues. p. 68. die Beobachtung, dass er das Volumen einer Luft- masse, womit er unter Wasser eingeschlossen ist, vermindert, und dieser das Vermögen benimmt, die Flamme zu unterhalten. Aus allen diesen Erfahrungen ergiebt sich so viel, dass auch die sämmtlichen Mollusken, Cru- staceen und Insekten, und wo nicht alle, doch manche Würmer, den Sauerstoff der atmosphäri- schen Luft beym Athemholen aufnahmen, und da- für kohlensaures Gas ausschieden; dass viele die- sen Stoff einer eingeschlossenen Luftmenge mit gleicher gleicher Stärke wie der Phosphor und andere eu- diometrische Mittel zu entziehen im Stande sind; dass jedoch nicht alle ein so starkes Absorbtions- vermögen besitzen, und dass dieses auch bey ei- nem und demselben Individuum nicht immer in gleicher Stärke vorhanden ist. Sorg ’s Versuche geben auch den Schlüssel zur Erklärung der von Davy gemachten, aber mit Pfaff ’s, Berger ’s und Spallanzani ’s Erfahrungen nicht überein- stimmenden Beobachtung, dass in Sauerstoffgas weniger Kohlensäure als in atmosphärischer Luft beym Athemholen hervorgebracht wurde, indem sie zeigen, dass die Ausleerung dieser Säure eben so sehr von der Verdauung, als von der Quali- tät der geathmeten Luft abhängt. Doch ehe wir aus den angeführten Thatsa- chen allgemeine Folgerungen zu ziehen wagen, wird es nöthig seyn, erst die chemischen Erschei- nungen zu untersuchen, welche die Oberfläche der Haut und andere Theile der lebenden Körper auf die Luft äussern, und die Resultate dieser Untersuchungen mit jenen Thatsachen zu ver- gleichen. Dass durch die ganze Oberfläche des Kör- pers Luft und Wasserdünste ausgeleert werden, ist schon im vorigen §. bemerkt worden. In je- ner Luft erlöschen brennende Körper; Kalkwasser wird von ihr getrübt; Salpetergas verschluckt N 2 nur nur eine geringe Quantität derselben. Sie ist also, wie das Produkt des Ausathmens, kohlen- saures Gas De Milly , Mém. de l’ Acad. des sc. de Paris. A. 1777. p. 221. — Cruikshank ’s Abh. über die un- merkliche Ausdünstung. S. 45 ff. . Die Menge der Materie, welche binnen einer gewissen Zeit transpirirt wird, ist bey verschie- denen Individuen und unter verschiedenen Um- ständen verschieden. Cruikshank A. a. O. S. 47 ff. schätzte sie bey dem Menschen binnen vier und zwanzig Stunden auf 7 Pfund 6 Unzen, und auf das Fünf- zehnfache dessen, was durch die Lungen ausge- haucht wird. Aber diese Schätzung ist gewiss zu hoch. Nach Lavoisier ’s und Seguin ’s Ver- suchen Mém. de l’ Acad. des sc. de Paris. A. 1790. p. 601. , die mit einem eigenen Apparat ange- stellt wurden, und genauer zu seyn scheinen, ist die Mittelzahl der Hautausdünstung für vier und zwanzig Stunden 52,89 Unzen Troygewicht. Diese Versuche lehren zugleich, dass die Quan- tität der ausgedünsteten Materie durch flüssige, nicht aber durch feste Nahrungsmittel vermehrt wird, und dass die Transpiration unmittelbar nach der Mahlzeit am schwächsten, während der Verdauung aber am stärksten ist. Ver- Verschieden von der Ausdünstungsmaterie ist die Hautschmiere (Sebum cutaneum), die eben- falls durch die Haut hervordringt, aber von den Balgdrüsen der Haut abgesondert wird. Wahr- scheinlich haucht diese Flüssigkeit auch gasför- mige Stoffe aus, die sich mit der Transpirations- materie vermischen. Es hält daher schwer zu bestimmen, ob manche durch die Haut entwei- chende Stoffe Bestandtheile dieser Materie, oder der Hautschmiere sind. So haucht, nach Sorg ’s Experim. physiol. et med. Wirceb. 1788. und C. Schmidt ’s Der Zitterstoff und seine Wirkungen in der Na- tur. S. 14 ff. Beobachtungen, die Haut auch Wasserstoffgas aus. Vielleicht aber ist die- ses ein gasförmiger Theil der Hautschmiere. Von ihr scheint auch der specifische Geruch der Thiere und mancher Menschen herzurühren. Der Schweiss ist gewiss ebenfalls das Produkt einer vermehrten Absonderung der Hautbälge, und nicht, wofür er von manchen Schriftstellern angesehen wird, eine verdichtete Ausdünstungsmaterie. Diese verdichtet sich nur in der Kälte zu einer tropf- baren Flüssigkeit. Vermehrte Wärme kann nicht dieselbe Wirkung hervorbringen. Die chemische Beschaffenheit des Schweisses, so unvollkommen auch die bisherigen Versuche darüber sind Der einzige, der den Schweiss näher untersucht hat, , be- weiset N 3 weiset ebenfalls, dass derselbe nichts mit der Ausdünstungsmaterie gemein, wohl aber Aehn- lichkeit mit dem Harn hat. Bey der Ausdünstung geht auch, wie beym Athemholen, eine Absorbtion des Sauerstoffs der Atmosphäre vor sich. Spallanzani A. a. O. p. 77. fand, dass lethargische Fledermäuse, die kein Zeichen von Athemholen äusserten, in gemeiner Luft bey ei- ner Temperatur von — 3½ R. 0,05 Theile Sauer- stoff verzehrten. Nach den Erfahrungen eben dieses Schriftstellers A. a. O. p. 71. 72. ist bey den Amphibien die Absorbtion des Sauerstoffs durch die Lungen sehr gering in Vergleichung mit derjenigen, wel- che durch die Haut geschieht. Amphibien, denen die hat, ist Thénard . (Ann. de Chim. T. 59. p. 262.). Dieser verschaffte sich denselben durch ausgewa- schene flanellene Kamisöler, die er zehn Tage auf dem blossen Leibe tragen, und dann mit heissem, destillirtem Wasser auswaschen liess. Dass durch diese Operation der Schweiss sehr verändert werden musste, bedarf keines Beweises. Indess fand Thé- nard in dem Waschwasser freye Essigsäure, salz- saures Natrum, eine geringe Menge phosphorsauren Kalk, etwas phosphorsaures Eisenoxyd, und eine kaum merkliche Quantität einer thierischen Sub- stanz, die er mit der Gallerte vergleicht. die Lungen ausgeschnitten sind, und welche die- sen Verlust sonst gewöhnlich einige Tage überle- ben, sterben daher sehr bald, wenn man ihre Haut auch nur leicht mit Theer oder Firniss be- streicht Th. Bartholini Tract. de pulmonibus. — Spal- lanzani a. a. O. . Auch an der Luft des Wassers ver- schlossener Gefässe, worin Schleihen (Cyprinus Tinca) blos mit dem Hintertheil des Körpers ein- getaucht gehalten wurden, beobachteten von Hum- boldt und Provençal Mém. de la Soc. d’ Arcueil. T. 2. p. 393. , dass sie dieselbe Mi- schungsveränderung erlitt, als wenn die Fische mit den Kiemen darin geathmet hätten. Doch wirkte die Oberfläche des Körpers nicht so kräf- tig, wie die Kiemen, und jene hatte ausserhalb dem Wasser, wo die Kiemen das Athemholen eine Zeit lang noch fortsetzen können, gar keinen Ein- fluss auf die Luft. Die nehmliche Einwirkung, wie die Lungen und die Haut, äussern auch die Eyer der Vögel Spallanzani a. a. O. p. 232. und Insekten Sorg l. c. Exp. 68—70. 71—73. auf die Atmosphäre. Ferner nehmen Muskelfasern, Nerven, Ge- hirnsubstanz, kurz alle thierische Organe, die der atmosphärischen Luft ausgesetzt sind, eine be- trächt- N 4 trächtliche Menge Sauerstoff aus derselben auf. Die Absorbtion ist aber verschieden, nach der Verschiedenheit jener Substanzen. Bey der Mus- kelfaser vermindert sie sich mit der abnehmenden Vitalität dieses Organs Aldini in Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 14. S. 335. 336. . Auch die flüssigen Theile der Thiere saugen den Sauerstoff der Luft ein, und das Blut besitzt dieses Absorbtionsvermögen nicht, wie man ver- muthen könnte, im höchsten Grade Spallanzani a. a. O. p. 87. — Grimm in Gfh- len ’s neuem allg. Journal der Chemie. B. 4. S. 161. . Nur die Galle macht, nach Spallanzani ’s Versicherung A. a. O. , hiervon eine Ausnahme, und äussert keinen Ein- fluss auf den Sauerstoff. Nach den Versuchen des letztern Schriftstel- lers ziehen alle Thiere selbst nach dem Tode den Sauerstoff der Luft noch an, und erzeugen dafür kohlensaures Gas, doch in weit geringerm Grade als während des Lebens. Diese Absorbtion dauert, ihm zufolge, so lange fort, als die Fäulniss dauert, und hört erst auf, wenn das Thier gänz- lich zersetzt ist. Sogar die blossen Gehäuse der Schnecken und die Schaalen der Muscheln sollen, jenen Versuchen nach, atmosphärischen Sauerstoff auf- aufnehmen und kohlensaures Gas aushauchen. Ja, nicht nur frische Gehäuse, sondern auch solche, die schon über ein Jahr alt sind, sollen dieses Absorbtionsvermögen besitzen. Doch soll dasselbe mit der Verwitterung der Gehäuse verloren ge- hen. Für den Sitz dieses Vermögens hält Spal- lanzani den membranösen Theil der Gehäuse, von welchem sich bekanntlich der erdige Theil durch verdünnte Salpetersäure absondern lässt. Bey diesen letztern Beobachtungen hat aber gewiss eine Täuschung statt gefunden, wovon sich auch der Grund mit Wahrscheinlichkeit angeben lässt. Grimm ’s A. a. O. , Berger ’s Journal de Phys. T. 57. p. 1. , von Humboldt ’s und Gay-Lussac ’s Ebendas. T. 60. p. 129. Versuche nehmlich bewei- sen, dass im Wasser ein beständiges Bestre- ben statt findet, mit den Luftarten, mit welchen dasselbe in Berührung ist, sich ins Gleichgewicht zu setzen, dass es unter Sauerstoffgas Oxygene aufnimmt und Stickgas fahren lässt, und unter Stickgas diese Luftart verzehrt, indem es Sauer- stoffgas aushaucht. Es war also vermuthlich bey Spallanzani ’s Versuchen Wasser mit im Spiele, und hiervon rührte die Absorbtion des Sauerstoff- gas her. Diese Vermuthung ist um so wahr- schein- N 5 scheinlicher, da Spallanzani ausdrücklich be- merkt A. a. O. p. 167. , dass er die Schnecken, die er zu den Versuchen über die Absorbtion des Sauerstoffgas durch todte Thiere gebrauchte, in siedendem Was- ser getödtet, und gleich nach dem Eintauchen, also noch nass, in die Absorbtionsröhren gebracht hatte. Nach allen den bisherigen Erfahrungen kön- nen wir folgende Resultate als hinreichend be- gründet ansehen: 1. Alle thierische Organismen absorbiren durch alle mit der atmosphärischen Luft in Berüh- rung stehende Theile ihres Körpers immer Sauerstoffgas und unter gewissen Umständen auch Stickgas, und hauchen dafür kohlensau- res Gas und Wasserdünste aus. 2. Die Lungen sind die Organe, in welchen diese Einwirkung auf die Luft vorzüglich statt findet. 3. Die Entbindung des kohlensauren Gas steht nicht immer mit der Absorbtion des Sauer- stoffs in Verhältniss. 4. Die Thiere der höhern Classen äussern eine stärkere Einwirkung auf den Sauerstoff als die der niedern. Aber diese Einwirkung nimmt bey ihnen früher ab, als bey den letztern, letztern, weil ihnen das entbundene kohlen- saure Gas früher nachtheilig wird. 5. Die Absorbtion des Sauerstoffs der atmosphä- rischen Luft ist im allgemeinen keine den thierischen Individuen ausschliesslich eigene Erscheinung. Sie ist es aber insofern, als sie bey ihnen stets mit relativer Gleichförmigkeit vor sich geht, hingegen bey den Pflanzen abhängig von dem Einfluss des Lichts, und bey den Körpern der leblosen Natur in jedem folgenden Augenblick immer geringer wie in dem vorhergehenden ist. Welchen Einfluss äussert nun das eingeath- mete Sauerstoffgas auf den thierischen Körper? Dies ist die zweyte Frage, die wir zu beantwor- ten haben. Seit Lower ist es eine bekannte Thatsache, dass bey dem Menschen, den meisten der übri- gen Säugthiere und den Vögeln das Blut der Lungenvenen und derjenigen Arterien, die aus der Aorta entspringen, eine hohe Röthe, dasjenige aber, das sich in den Lungenarterien und den Zweigen der Hohlvene befindet, eine dunklere Farbe hat Haller El. Phys. T. II. L. 5. S. 1. §. 4. p. 8 sq. — T. III. L. 8. S. 5. §. 8. p. 328. . Es ist auch gewiss, dass diese Verschiedenheit des Arterien- und Venenbluts de- sto geringer ist, je weniger Sauerstoff in einer gewis- gewissen Zeit verbraucht wird. Geringer als bey den Säugthieren und Vögeln ist sie bey den Am- phibien und Fischen, und auch unter den Säug- thieren ist sie weit geringer bey den Robben und ähnlichen Thieren, welche eine beträchtliche Zeit unter dem Wasser leben können, als bey denen, die sich blos auf dem Lande aufhalten Haller l. c. T. III. p. 328 sqq. . Bey dem menschlichen Foetus findet entweder gar keine Osiander ’s Annalen der Entbindungsanstalt zu Göttingen. B. 2. St. 2. , oder doch nur eine sehr geringe Ver- schiedenheit beyder Blutarten statt Scheel de liquor. amnii asperae arter. foetuum human. natura et usu. p. 47. . Man hat ferner bemerkt, dass nach aufgehobener Respira- tion das arterielle Blut eben so schwarz wie das venöse Haller l. c. T. II. p. 8. — Bey der blauen Krank- heit, wo, eines organischen Fehlers des Herzens und der Respirationsorgane wegen, das Athemholen nur unvollkommen von statten geht, fällt die Farbe des Körpers, besonders die der Lippen und der Nä- gel, ins Blaue. Morgagni de sed. et causis morb. Ep. 17. §. 12. — Hunter , Med. Obs. and Inquiries. Vol. 6. p. 292. — Nevin , Samml. für prakt. Aerzte. B. 17. S. 86. — Trotter , ebendas. B. 17. S. 103. — Baillie , ebendas. B. 20. S. 332. — Pultney , Med. Trans- , und nach Zulassung der atmosphäri- schen schen Luft zu dem letztern dieses eben so hoch- roth wie das erstere wird Haller l. c. T. III. L. 8. S. 5. §. 8. p. 328. §. 15. p. 340. . Man hat gefunden, dass dieser Uebergang des venösen Bluts in arte- rielles nicht erfolgt, wenn der Zutritt der Atmo- sphäre zu demselben durch Aufgiessung von Oel verhindert, oder die Luft über demselben durch eine Luftpumpe verdünnt wird Haller l. c. . Man will end- lich beobachtet haben, dass das Arterienblut im luftleeren Raume sehr viele, das venöse aber weit weniger Luftblasen von sich giebt Haller l. c. T. II. L. 5. S. 1. §. 4. p. 8. — Diese Beobachtung bedarf aber noch einer nähern Prüfung. . Aus diesen Erfahrungen ergeben sich zwey Folgerungen: 1. Dass ein Umlauf des Bluts von den Lun- genarterien zu den Lungenvenen, von diesen durch die linke oder hintere Vorkammer des Her- Transact. Vol. 3. — Wilson in Reil ’s Archiv f. d. Physiol. B. 4. S. 448. — Nasse ebendas. B. 10. S. 213. — Abernetty ’s chirurg. u. physiolog. Versu- che. S. 156. — Lentin ’s Beytr. zur ausübenden Arz- neywiss. B. 2. S. 68. — Sachse in Hufeland ’s Neuem Journ. f. d. prakt. Arzneyk. B. 8. S. 126. — Seiler in Horn ’s neuem Archiv für med. Erfahr. B. 2. S. 201. Herzens und den linken oder hintern Herz- ventrikel zur Aorta und deren Zweigen, hier- aus zu den sämmtlichen Venen, und aus den letztern durch die rechte oder vordere Vor- kammer und Kammer des Herzens wieder in die Lungenarterien statt findet. 2. Dass das Blut bey seinem Uebergang aus den Lungenarterien zu den Lungenvenen ent- weder Stoffe an die Atmosphäre absetzt, oder dieser einen Bestandtheil entzieht. Wir werden zuerst die letztere dieser Hypo- thesen untersuchen, und die nähere Prüfung der erstern bis zum folgenden Kapitel versparen. Wir wissen, dass die Atmosphäre bey dem Einathmen Sauerstoff verliert, und durch das Ausathmen mit Wasser und Kohlenstoff geschwän- gert wird. Jene Hypothese ist also mehrerer Mo- dificationen fähig. Es ist 1) möglich, dass der Sauerstoff der atmosphärischen Luft von dem Lungenblut absorbirt wird, und dass dieses dafür Wasser und kohlensaures Gas, die schon vor die- ser Absorbtion in demselben vorhanden sind, fah- ren lässt. Es lässt sich 2) denken, dass das Blut der Lungen nur einen Theil des Sauerstoffs der atmosphärischen Luft aufnimmt, dass es dafür entweder Wasserstoff und kohlensaures Gas, oder Wasser und Kohlenstoff, oder Wasserstoff und Kohlenstoff aushaucht, und dass der übrige Theil jenes jenes Sauerstoffs zur Bildung des Wassers, oder der Kohlensäure, oder beyder verwandt wird. Es kann endlich 3) seyn, dass das Lungenblut der Atmo- sphäre gar keinen Sauerstoff entzieht, sondern dass dieser blos zur Zusammensetzung der Koh- lensäure, oder des Wassers, oder beyder ver- braucht wird, indem die Lungen blos Wasserstoff, oder blos Kohlenstoff, oder beyde Stoffe abson- dern. Das Vermögen der Mollusken, Insekten und Würmer, in Stickgas und Wasserstoffgas eine ziem- lich lange Zeit leben zu können, giebt uns ein Mittel, um zu entscheiden, welche von diesen Modifikationen der obigen Hypothese die richtige ist. Wird das beym Ausathmen entstehende koh- lensaure Gas ohne den Sauerstoff der geathmeten Luft gebildet, so müssen jene Thiere auch in Stickgas und Wasserstoffgas kohlensaures Gas erzeugen; wird dieses ausgeathmete Gas aber mit Hülfe des Sauerstoffs der respirirten Luft er- zeugt, so kann dasselbe nicht beym Athmen von Thieren entstehen, die sich in einem Medium be- finden, welches keinen Sauerstoff enthält. Spal- lanzani stellte aus diesem Gesichtspunkt Versu- che an, wovon das Resultat war, dass das aus- geathmete kohlensaure Gas im Körper präexisti- rend ist, und nicht erst durch eine Verbindung des Kohlenstoffs mit dem atmosphärischen Sauer- stoff stoff zusammengesetzt wird Spallanzani Mém. sur la respir. p. 64. 344 sv. . Dieser Grund wird auch durch von Humboldt ’s, Provençal ’s und Sorg ’s oben erwähnte Beobachtungen unter- stützt, denen zufolge die Menge des bey dem Athemholen der Amphibien, Fische und Insekten erzeugten kohlensauren Gas keinesweges mit der Quantität des verzehrten Sauerstoffgas in Verhält- niss steht, welches nicht der Fall seyn könnte, wenn die Kohlensäure nicht schon vor dem Aus- athmen vorhanden wäre. Es ist wahr, Berthollet Mém. de la Soc. d’ Arcueil. T. 2. p. 462. fand, als er coa- gulirtes Blut mit atmosphärischer Luft in seinem Manometer eingeschlossen hatte, dass die Menge des absorbirten Sauerstoffs mit der Quantität der entbundenen Kohlensäure übereinstimmte. Ein neuerer Schriftsteller Creve über den Chemismus der Respiration. Frankf. a. M. 1812. S. 22. hat hieraus folgern wol- len, dass auch bey dem Athemholen aller Sauer- stoff blos zur Bildung der Kohlensäure verwandt würde. Aber aus einem blos chemischen Vorgang lässt sich nicht auf einen Process schliessen, wo- bey höhere Kräfte mit wirksam sind. Und selbst bey Berthollet ’s Erfahrung muss man die ent- bundene Kohlensäure für präexistirend im Blut, und das Resultat seines Versuchs für einerley mit der der Erscheinung annehmen, die blosses Wasser zeigt, welches mit einem Gas geschwängert, und mit einem andern in Berührung gesetzt, jenes entweichen lässt und dieses aufnimmt, eine Er- scheinung, die vorzüglich dann eintritt, wenn dem Wasser kohlensaures Gas zugemischt ist Henry , Philos. Transact. Y. 1803. P. 1. , da der Kohlenstoff keine Verbindung mit dem Sauerstoff als nur in einer sehr hohen Tempera- tur eingeht Ich glaube nicht, dass einige Versuche, woraus Rumford schliessen zu müssen glaubt, dass sich der Kohlenstoff in einer niedrigern Temperatur, als man bisher annahm, verbände, ( Gilbert ’s Annalen der Physik. Neue Folge. B. 15. S. 142.) diesen Satz um- stossen. Unter Rumford ’s Versuchen ist keiner, der beweist, dass sich da, wo er eine Entbindung von kohlensaurem Gas annimmt, dieses wirklich gebildet hatte, und es ist kein Beweis von ihm geführt, dass, wenn die bey seinen Versuchen entwichenen Stoffe, die er für kohlensaures Gas hält, dies auch wirk- lich gewesen wären, das Gas nicht vor dem Ver- such schon vorhanden war und von der Wärme blos ausgetrieben wurde. Wenn aber auch seine Erfah- rungen keinen Zweifeln ausgesetzt wären, so würde doch nichts daraus zu Gunsten der Meinung folgen, dass der Kohlenstoff des Bluts sich bey dem Athem- holen mit dem Sauerstoff der Atmosphäre in den Lungen unmittelbar verbindet, da Rumford ’s Ver- suche . Wie IV. Bd. O Wie das kohlensaure Gas, so ist ohne Zweifel auch das Wasser, welches bey der Respiration ausgeleert wird, schon vor der Ausscheidung im Körper vorhanden. Wir finden eine ganz ähnliche Flüssigkeit auch in Höhlen, zu welchen die at- mosphärische Luft gar keinen Zutritt hat, z. B. in den Hirnhöhlen und in dem Zwischenraum zwischen den Lungen und dem Brustfell. Was übrigens von dem bey dem Athemholen entstehenden kohlensauren Gas und Wasser ge- sagt ist, gilt auch von dem, welches bey der Hautausdünstung ausgeleert wird. Nach dieser Theorie muss also das venöse Blut reicher an kohlensaurem Gas als das arte- rielle seyn. Hiermit stimmen auch Luzuriaga ’s Beobachtungen überein, nach welchen Sauerstoff- gas, das mit venösem Blut gesperrt gewesen war, Kalkwasser mehr trübte, als Sauerstoffgas, wel- ches mit arteriellem Blut in Berührung gestan- den hatte Luzuriaga von der wechselseitigen Thätigkeit des Blut- und Nervensystems. Uebers. von Winkel- mann . S. 41. . Doch folgt hieraus nicht, dass das venöse suche in einer geheitzten Darre angestellt wurden, das aus dem Blute entweichende kohlensaure Gas aber bey den kaltblütigen Thieren selbst in einer Temperatur noch ausgehaucht wird, die nur um wenige Grade die des gefrierenden Wassers übersteigt. venöse Blut auch mehr von der Basis des koh- lensauren Gas, mehr Kohlenstoff, als das arterielle enthält. Dies würde nur dann der Fall seyn, wenn das bey der Respiration und Transpiration entweichende kohlensaure Gas nicht im Blute präexistirend wäre, sondern erst bey der Einwir- kung der Atmosphäre mit dem Sauerstoff dersel- ben gebildet würde. In der That hat auch Abil- gaard Versuche bekannt gemacht, welche bewei- sen, dass im arteriellen Blut mehr Kohlenstoff als im venösen befindlich ist. Dieser liess gleiche Theile von getrocknetem Venen- und Arterien- blut mit Salpeter verpuffen, und fand, dass das letztere weit mehr Salpeter zum Alkalisiren be- darf, mithin mehr Kohlenstoff enthält, als das erstere Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordisches Archiv für Natur- und Arzneywissensch. B. 1. S. 493. . Dieses Resultat widerspricht zwar sehr den gangbaren Meinungen. Doch für mich ist nichts desto weniger der grössere Reichthum des Arte- rienbluts an Kohlenstoff sehr wahrscheinlich. Alle chemische Vegetationsprocesse liessen uns eine Er- zeugung des Kohlenstoffs im Pflanzenkörper ver- muthen Abschn. 2. §. 4. des gegenwärtigen Buchs. . Wir haben um so mehr Grund, eine Entstehung dieses Stoffs auch im thierischen Kör- per O 2 per anzunehmen, da der animalische Organismus den vegetabilischen an Bildungskraft weit über- trifft. Diese Entstehung kann aber nirgends vor- gehen, als in dem Blut, das mit erhöhter Le- benskraft aus den Lungen zurückkehrt. Der in demselben erzeugte Kohlenstoff wird theils auf den äussersten Gränzen des arteriellen Systems zur Bildung anderer flüssiger oder fester Theile verwandt, theils vereinigt er sich hier mit dem Sauerstoff, den jenes Blut in den Lungen auf- nahm und der bis dahin mit denselben in keiner Verbindung stand, zu kohlensaurem Gas, welches mit dem Venenblut zu den Lungen geführt und beym Durchgang durch diese Organe ausgeleert wird. Die Materie zur Erzeugung des Kohlen- stoffs erhält das arterielle Blut aus dem Chylus. Darum erzeugen Insekten, nach Sorg , mehr Koh- lensäure und absorbiren mehr Sauerstoff bey der Verdauung, als nüchtern, und darum ist, nach La- voisier und Seguin , die Hautausdünstung zu je- ner Zeit stärker als zu dieser. Jetzt frägt sich: Ob der Sauerstoff, den das Blut beym Athemholen aufnimmt, sich als Luft oder im nicht gasförmigen Zustand mit demselben verbindet? Es fehlt uns noch an Mitteln, um diese Frage aus andern Gründen als aus der Ana- logie des Wassers zu beantworten. Nach dieser aber scheint es nicht die blosse Basis des Sauer- stoffgas stoffgas zu seyn, was sich mit dem Blute ver- einigte, indem sich das von dem Wasser aufge- nommene Sauerstoffgas durch blosses Kochen wie- der davon absondern lässt. Doch ist es auf der andern Seite auch gewiss, dass die Verbindung der Luft mit dem Wasser nicht auf eine blos mechanische Art, sondern durch eine chemische Verwandtschaft geschieht, welches sich schwerlich erklären lässt, wenn man nicht eine gewisse Zer- setzung der von dem Wasser absorbirten Luft annimmt Von Humboldt u. Gay-Lussac , Journ. de Phys. T. 60. p. 129. . Giebt es also vielleicht, wie Acker- mann Versuch über die Lebenskräfte. vermuthet hat, einen mittlern Zustand der Luftarten zwischen der Gasform und dem gänzlichen Mangel der Elasticität? Hier ist noch völlige Dunkelheit. Bis diese aufgehellt ist, wird in unserer Kenntniss des Athemholens noch eine beträchtliche Lücke seyn. Solcher Lücken giebt es aber noch mehr. So weiss man, dass der Phosphor in Luft, die voll- kommen mit Feuchtigkeit gesättigt ist, viermal schneller als in vollkommen trockner Luft ver- brennt Parrot in Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 10. S. 168. . Zwischen dem Verbrennen des Phos- phors und dem Athemholen findet aber eine all- gemein O 3 gemein anerkannte Analogie statt. Sollte also die Feuchtigkeit der Luft nicht auch beym Athem- holen mit wirksam seyn? Tödtet vielleicht, wie von Hauch glaubte Pfaff ’s, Scheel ’s u. Rudolphi ’s Nordisches Ar- chiv für Natur- u. Arzneywiss. , der Sirocko durch die grosse Trockenheit der Luft, die er mit sich führt? Aber worin besteht denn jene Wirksam- keit? Vermittelt die Feuchtigkeit der Luft die Verbindung des Sauerstoffs mit dem Blut? Oder geht das Wasser selber eine Verbindung mit dem Blute ein? So lässt sich ferner fragen: Ob sich das koh- lensaure Gas der Atmosphäre bey dem Athemho- len der Thiere ganz unthätig verhält? Bey der Respiration der Pflanzen spielt jenes Gas als Reitz- mittel eine wichtige Rolle. Was berechtigt uns, dasselbe beym Athemholen der Thiere ganz ausser Acht zu lassen? Es lässt sich endlich fragen: Ob nicht viel- leicht die Luft noch auf eine ganz andere Art, als durch ihren Gehalt an Sauerstoff, bey dem Athemholen wirksam ist? Gattani fand die Luft eines Sumpfs an der Mündung eines klei- nen Flusses um 2 Grad reichhaltiger an Sauerstoff als die Luft eines benachbarten Gebirges, welches 2880 Fuss über der Meeresfläche liegt. Demohn- geachtet waren die Bewohner des Gebirges ge- sund, sund, während diejenigen, die in der Nachbar- schaft des Sumpfs lebten, jährlich von Gallen- und Wechselfiebern heimgesucht wurden Alibert Dissertat. sur les fievres pernicieuses et ataxiques intermittentes. p. 185. . Es erhellet hieraus, dass es nicht der blosse Sauer- stoffgehalt ist, wovon die nachtheiligen oder vor- theilhaften Einwirkungen der Atmosphäre auf den thierischen Körper abhängen. Aber wenn dies ist, so kann es vielleicht noch etwas Höheres, als die Absorbtion des Sauerstoffgas seyn, was die Re- spiration zu einer der wichtigsten Funktionen macht. Diese Vermuthung wird noch durch eine an- dere Classe von Erscheinungen, durch den Ein- fluss, den das Nervensystem auf die chemischen Wirkungen des Athemholens hat, unterstützt. Wir kommen hier auf einen Gegenstand, den wir erst in der Folge mit andern verwandten Phäno- menen in Verbindung werden bringen können. Hier begnügen wir uns, blos erst Thatsachen und deren unmittelbare Resultate mitzutheilen. §. 3. Einfluss des Nervensystems auf das Athemholen. Es ist eine alte, schon von Rufus dem Ephe- sier gekannte Thatsache, dass die Durchschnei- dung O 4 dung der Stimmnerven Störungen in dem Me- chanismus des Athemholens nach sich zieht. Aus- ser den Haller schen und Galvani schen Versu- chen über die Erregung von Muskelbewegungen durch mechanische und chemische Schärfen und durch den Metallreitz sind wohl keine andere physiologische Erfahrungen häufiger als diese ge- macht worden. Vorzüglich wurde sie von Ga- len De anat. administr. L. 8. C. 5. — De locis affect. L. 1. C. 6. , Riolan Anthropograph. L. 7. p. 414. , Plempius Fundam. medicinae. p. 112. , Willis Nervor. descript. et usus. C. 24. , Lo- wer Tractatus de corde. p. 90. , Boyle Birch History of the Royal Society. T. 1. p. 504. , Chirac In E. Königii regno animal. p. 98. , Bohn Circulus anatom. physiolog. p. 96. , Duver- noy In Zeller Diss. de vasis lymphat. C. 2. , R. Vieussens Traité nouveau du coeur. p. 122. , Schrader Additam. ad Veslingii Syntagm. C. X. n. 7. , Baglivi Diss. de observat. anat. et pract. Exp. 7. , Courten Philosoph. Transact. No. 335. , Berger Physiol. med. p. 63. , Ens De causa vices cordis alternas producente. No. 4. , Valsalva In Morgagni epist. 13. p. 504. 505. 512. 513. , Senac Senac Traité du coeur. T. 1. p. 122. , Heuermann Physiologie. B. 1. S. 300. , Varignon Hist. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1706. p. 27. (der Octav-Ausg.). , Brunn Experim. circa ligaturas nervor. in variis animali- bus institutas. , Molinelli In Commentar. Institut. Bonon. T. 3. , Petit Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1727. P. 1. p. 1. (der Oct.Ausg.). , Haller Mém. sur les parties sensibles et irritables. T. 1. p. 224. , Fontana Traité sur le venin de la vipére. T. 2. p. 177. , Arnemann Versuche über die Regeneration. B. 1. S. 261 ff. , Cruikshank Phil. Transact. Y. 1797. P. 1. p. 197. , Haigthon Ebend. p. 159. , Bi- chat Recherches phys. sur la vie et la mort. P. 2. Art. 10. §. 1. und Ackermann Der Scheintod u. das Rettungsverfahren. Ein chi- miatrischer Versuch. Frankf. a. M. 1804. Kap. 7. wiederholt. Die Re- sultate dieser Versuche waren im Allgemeinen Ver- lust der Stimme, erschwertes Athemholen, Un- ordnungen in den Bewegungen des Bluts, Austre- ten des Bluts in die Lungenzellen, gehinderte Umwandlung des venösen Bluts in arterielles. Störungen in der Verdauung, in einigen Fällen Fort- O 5 Fortdauer des Lebens und der Gesundheit bey all- mähliger Abnahme jener Zufälle, in andern aber auch baldiger Tod. Bey allen diesen frühern Versuchen blieb aber die Frage unbeantwortet: ob die gehinderte Um- wandlung des venösen Bluts in arterielles blos Folge des gestörten Mechanismus der Respiration ist, oder ob die Stimmnerven einen unmittelbaren Einfluss auf das Blut haben, dessen Aufhebung eine Veränderung in den chemischen Wirkungen des Athemholens nach sich zieht? Der Erste, der in Beziehung auf diese Frage Versuche anstellte, war Dupuytren Bibliothéque médicale. T. 17. p. 1. . Dieser erhielt folgende Re- sultate, als er bey Pferden und Hunden das her- umschweifende Nervenpaar bald nur auf einer, bald auf beyden Seiten unterband, zusammen- drückte, oder durchschnitt. Durchschneidung der Nerven beyder Seiten zog bey Pferden erschwertes Athemholen, heftige Beängstigungen und endlich den Tod nach sich. Geringer waren diese Zufälle, wenn blos der eine Nerve ganz, der andere aber nur zum Theil durchschnitten wurde, und noch geringer, wenn die Durchschneidung nur auf der einen Seite ge- schah. Eine auffallende Veränderung zeigte bey diesen Versuchen das Blut; in den Arterien war dasselbe schwarzroth, und in den Venen noch dun- keler keler wie gewöhnlich, obgleich die Lungen fort- fuhren sich zu bewegen und mit Luft angefüllt zu werden. Die nehmlichen Zufälle, die nach der Durch- schneidung entstanden, besonders die Veränderun- gen der Farbe des Bluts, erfolgten noch schneller nach einem auf die Nerven angebrachten Druck. Doch verloren sich diese wieder, so wie der Druck nachliess. Ein zu heftiges Drücken zog aber den Tod, und zwar noch früher wie die Durchschneidung nach sich. Bey Hunden stellten sich ausser den erwähn- ten Zufällen auch Verlust der Stimme und Erbre- chen ein. Der Tod erfolgte bey ihnen weit spä- ter, als bey Pferden. Hall é und Pinel , welche diese Versuche wiederholten, erhielten dieselben Resultate. Sie beobachteten zugleich noch, dass bey einem Pfer- de, dem beyde Stimmnerven durchschnitten wa- ren, die Carotis zwar anfangs ein schwarzrothes Blut gab, dass aber einige Minuten nachher ein weniger dunkeles, mit schwarzen Flecken durch- sprengtes und mehr lymphatisches Blut ausfloss, dass sich das Blut in jenen Versuchen bey Hun- den nicht so sehr wie bey Pferden veränderte, und dass die Lungen der nach dem Durchschnei- den der Stimmnerven gestorbenen Thiere gesund und im Zustande des Einathmens waren. Dupuy- Dupuytren und mit ihm Hall é und Pinel schlossen aus diesen Versuchen, dass der che- mische Process des Athemholens nicht bloss von der Bewegung der Lungen abhängt, sondern dass auch der ungehinderte Einfluss des Nervensystems dazu nothwendig ist. Gegen die Richtigkeit dieser Folgerung lassen sich indess Einwendungen machen. Sie wird durch keine der obigen Beobachtungen als blos durch diejenige bewiesen, nach welcher das Ar- terienblut der Thiere, denen die Stimmnerven durchschnitten waren, eine schwarzrothe Farbe hatte, obgleich die Bewegungen der Lungen fort- dauerten. Alle Umstände aber zeigen, dass bey solchen Thieren ein heftiger Krampf in den Lun- gen statt fand. Es waren vermuthlich blos die Bewegungen des Zwerchfells und der Intercostal- muskeln, die hier fortdauerten, und die eingeath- mete Luft drang blos in die Luftröhre, ohne in die Lungen zu gelangen. Dupuytren hat ausser- dem zu wenig Rücksicht auf die Störung des Blutumlaufs genommen, die, wie schon Willis A. a. O. an einem Hunde beobachtete, nach Unterbindung des herumschweifenden Nerven erfolgt. Es lässt sich also aus jenen Versuchen nur schliessen, dass die mechanischen Bewegungen des Athemholens durch das Unterbinden oder Durchschneiden der Stimm- Stimmnerven gestört werden. Ob aber die dabey statt findende Schwächung der Umwandlung des venösen Bluts in arterielles von dieser verminder- ten Bewegung der Lungen, oder von dem auf- gehobenen unmittelbaren Einfluss des Nervensy- stems auf das Blut herrührt, ist durch Dupuy- tren ’s Versuche nicht entschieden. Dupuytren ’s Versuche wurden von Ducro- tay de Blainville, Dumas und Emmert wie- derholt. Diese erhielten Resultate, die der Mei- nung des erstern keinesweges günstig sind. Ducrotay de Blainvilze durchschnitt das herumschweifende Nervenpaar an Kaninchen, Tau- ben und Hühnern. Die Kaninchen starben ohn- gefähr sieben Stunden, die Vögel erst sechs bis sieben Tage nach der Operation, und zwar die letztern an völliger Abzehrung. Bey keinem die- ser Thiere hatte die Operation einen unmittel- baren Einfluss auf das Athemholen. Weder in der Menge der eingeathmeten Luft, noch in den chemischen Erscheinungen der Respiration, und in der Farbe des Arterien- und Venenbluts zeigte sich nach der Durchschneidung eine Verände- rung Nouveau Bulletin des sc. de la Soc. philomath. A. 1808. No. 12. p. 226. . Dumas fand, dass Hunde, denen er das her- umschweifende Nervenpaar durchschnitten hatte, nicht nicht die Zufälle eines Thiers, das an dem Ath- men einer irrespirablen Gasart stirbt, sondern die des Erstickens aus Mangel an athmenbarer Luft bekamen, und dass das Arterienblut seine helle Farbe bald wieder erhielt, wenn atmosphärische Luft oder Sauerstoffgas in die Lungen geblasen wurde Journal général de Médecine etc. rédigé par Sedil- lot . T. 33. A. 1808. Decembre. . Emmert , welcher Dupuytren ’s Versuche an Kaninchen wiederholte, beobachtete, dass das Ath- men nach dem Durchschneiden der herumschwei- fenden Nerven seltener, langsamer und mühsamer wurde, unter grösserer Anstrengung der Rippen- muskeln erfolgte, und besonders ein längeres An- halten des Ausathmens zur Folge hatte; dass die Stimme sich nach jener Verletzung dann erst ganz zu verlieren schien, wenn sowohl der obere, als der untere Nerve des Kehlkopfs vom Gehirn ge- trennt war; dass die Umwandlung des venösen Bluts in arterielles nach der Durchschneidung der Nerven zwar etwas geschwächt war, doch, so viel sich aus der äussern Beschaffenheit des Bluts abnehmen liess, fortdauerte, wenn nur die gehö- rige Menge Luft in die Lungen gelangte und der Kreislauf nicht zu sehr gestört war; endlich dass der Umlauf des Bluts durch die Operation zwar nicht nicht aufgehoben, doch immer in Unordnung ge- bracht wurde Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 9. S. 380 ff. . In einem Nachtrag zu diesen Beobachtungen bemerkt Emmert , was auch schon Morgagni Epist. anatom. 13. p. 516. erinnert hat, dass bey den meisten unserer grö- ssern Säugthiere sich der grosse sympathische Nerve bald nach seinem Austritt aus dem obern Hals- knoten mit den Stimmnerven verbindet, und dass man deshalb den letztern nicht wohl ohne den er- stern unterbinden oder durchschneiden kann. Du- puytren musste daher in seinen Versuchen den sympathischen Nerven mit dem Stimmnerven zer- schnitten haben, weil beyde bey dem Pferde innig mit einander verbunden sind und bey dem Hunde in Einer Nervenscheide liegen, während in Em- mert ’s Versuchen an Kaninchen und in Blain- ville ’s Versuchen an Vögeln blos der Stimmnerve verletzt wurde. Das Abweichende in Dupuytren ’s und Emmert ’s Erfahrungen konnte daher blos von der Verletzung des sympathischen Nerven herrühren, die in des erstern Versuchen statt fand. Um hierüber Gewissheit zu erhalten, stellte Emmert einen Versuch an einem Pferde an. Die Stimm- und sympathischen Nerven wurden erst auf der einen Seite, und nach einiger Zeit auch auf auf der andern durchschnitten. Die Zufälle wa- ren lange nicht so heftig, wie sie Dupuytren be- obachtete. In der Hauptsache stimmte der Erfolg dieses Versuchs mit dem der frühern an Kanin- chen überein. Das Blut der Arterien des Aorten- systems war nach dem Zerschneiden beyder sym- pathischen Nerven und Stimmnerven hellröther und gerinnbarer als das der Venen, und dies selbst beym Verbluten des Thiers, wo das Blut des Hohlvenensystems sonst gemeiniglich eine arte- riöse Beschaffenheit annimmt Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 11. S. 117 ff. . Nach diesen Erfahrungen, und besonders nach den Emmert schen lässt sich der Satz, dass nach Durchschneidung der Stimmnerven die mechani- schen Bewegungen des Athemholens und die Um- wandlung der dunkeln Farbe des Venenbluts in die röthere des Bluts der Arterien fortdauern, oder wenigstens fortdauern können, nicht weiter in Zweifel ziehen. Allein wenn Dupuytren ’s Beob- achtungen einen beym Athemholen statt finden- den unmittelbaren Einfluss der Stimmnerven auf das Blut nicht beweisen, so lässt sich doch aus den entgegengesetzten Erfahrungen noch keines- weges schliessen, dass ein solcher Einfluss gar nicht vorhanden ist. Dass das Venenblut eine hellere Farbe annehmen würde, so lange die Cir- culation culation des Bluts und der Eintritt der Luft in die Lungen fortdauert, war vorherzusehen. Al- lein die Wirkungen des Athemholens sind gewiss nicht auf diese Farbenveränderungen des Bluts beschränkt, die selbst ausserhalb dem Körper noch vor sich geht. Könnte es nicht seyn, dass zur Entbindung der thierischen Wärme, einer Haupt- wirkung des Athemholens, der unmittelbare Ein- fluss der Stimmnerven erforderlich wäre? Wir berühren hier eine Erscheinung des thie- rischen Lebens, wovon wir erst in der Folge um- ständlich werden handeln können. So viel dür- fen wir indess hier schon als ausgemacht voraus- setzen, dass das Athemholen eine der vornehm- sten Bedingungen des Processes ist, wodurch die thierische Wärme hervorgebracht wird. Entsteht in diesem Process nach der Verletzung der Stimm- nerven eine bedeutende Störung, so ist es gewiss, dass die Wirkungen der Respiration nicht blos auf die sichtbare Beschaffenheit des Bluts beschränkt sind. Dieser Punkt wurde erst von Provençal und Le Gallois beachtet. Provençal fand, dass das Durchschneiden oder Zusammendrücken der Nerven des achten Paars (nach der ältern Benen- nung) in den Lungen das Vermögen, Sauerstoff- gas zu absorbiren und Kohlensäure hervorzubrin- gen, zwar nicht aufhebt, aber mindert, und dass die Wärme des Thiers dadurch herabgestimmt IV. Bd. P wird wird Journ. général de Médecine etc. rédigé par Sedil- lot . T. 37. A. 1810. Janv. . Diese Erfahrung ist inzwischen noch nicht entscheidend. Es liess sich erwarten, dass Störung der mechanischen Bewegungen des Athem- holens nicht ohne Einfluss auf die thierische Wär- me bleiben würde. Entscheidender ist eine von Le Gallois gemachte Erfahrung. Nach den Ver- suchen des letztern kann man bey Säugthieren, denen der Kopf abgeschnitten ist, die Bewegun- gen des Athemholens und den Blutumlauf eine ziemlich lange Zeit dadurch unterhalten, dass man durch eine in die Luftröhre gebrachte Sprütze abwechselnd Luft in die Lungen treibt und wieder auszieht. Aber bey diesem künstlichen Athemho- len tritt die merkwürdige Erscheinung ein, dass die Entbindung der thierischen Wärme aufhört und das Thier fast so kalt wie eine Leiche wird Le Gallois Expériences sur le principe de la vie. p. 248. . Le Gallois hat übrigens noch das Verdienst, die Ursache des verschiedenen Erfolgs der bis- herigen Versuche über das Durchschneiden der herumschweifenden Nerven entdeckt zu haben. Er fand sie in einer Verengerung der Stimmritze, die immer entsteht, wenn bey der Durchschnei- dung der herumschweifenden Nerven am Halse die rücklaufenden Nerven mit verletzt werden. Diese Diese ist bey verschiedenen Thieren verschieden, im Allgemeinen aber desto stärker, je jünger das Thier ist. Jüngere Thiere sterben daher nach jener Operation häufig an Erstickung. Die Ver- engerung der Stimmritze entsteht, indem die Muskeln der beckenförmigen Knorpel (musculi arytenoidei) gelähmt werden, diese Knorpel sich der Stimmritze nähern und die Bänder der letz- tern erschlaffen. Ausserdem erfolgt oft nach der Durchschneidung der Nerven des achten Paars eine Ergiessung von Blut und einer serösen, schau- migen Flüssigkeit in die Lungen, die ebenfalls tödtlich wird, indem sie den Eintritt der Luft in die Lungenbläschen verhindert Le Gallois a. a. O. p. 105. . P 2 Zwey- Zweytes Kapitel. Der Blutumlauf . §. 1. Beweise für den Blutumlauf. I m vorigen Kapitel (§. 2.) wurden wir auf den Satz geführt, dass bey dem Menschen und den verwandten Thieren eine Bewegung des Bluts von den Lungenarterien zu den Lungenvenen, von diesen durch die linke oder hintere Vorkam- mer des Herzens (den Lungenvenensack) und den linken oder hintern Herzventrikel (die Aortenkam- mer) zur Aorta und deren Zweigen, hieraus zu den sämmtlichen Zweigen der Hohlvene und zur Hohlvene selber, und aus der letztern durch die rechte oder vordere Vorkammer (den Hohlvenen- sack) und Kammer (die Lungenkammer) wieder in die Lungenarterien statt finde. Wenn diese Hypothese richtig ist, so wird die Erfahrung folgende Sätze bestätigen müssen: 1) Dass eine unterbundene Arterie, die nicht mit andern anastomosirt, zwischen dem Ban- de und dem Herzen anschwillt, zwischen der Ligatur und ihren peripherischen Enden aber von Blute leer wird. 2) 2) Dass hingegen eine unterbundene Vene, die ebenfalls keine Verbindung mit andern Venen hat, zwischen dem Bande und ihren peri- pherischen Enden vom Blute ausgedehnt, zwi- schen der Ligatur und dem Herzen aber von Blute leer wird. 3) Dass die Klappen, die man im Herzen und in den Venen antrifft, den Fortgang des Bluts aus dem Herzen durch die Arterien zu den Venen, und den Rücklauf desselben aus den Venen durch das Herz zu den Arterien ge- statten, die entgegengesetzte Bewegung des Bluts aber verhindern. Diese Sätze sind der Erfahrung völlig ge- mäss. Dass eine unterbundene Schlagader zwischen dem Herzen und der Ligatur anschwillt, beob- achtete schon Vesal. Harvey, Pecquet, Mor- gagni und besonders Haller fanden seine Beob- achtung in zahlreichen Versuchen an mehrern Thieren und an verschiedenen Arterien bestätigt. Sie sahen die angeschwollene Stelle der unter- bundenen Schlagader blau werden, und, wenn sie verwundet wurde, eine Menge Blut mit gro- sser Heftigkeit aussprützen, hingegen die Arterie unter dem Bande sich entleeren, und kein Blut von sich geben, wenn sie in dieser Gegend ge- P 3 öffnet öffnet wurde Haller El. Phys. T. I. L. 3. S. 1. §. 4. p. 198. . Nur dann zeigt sich eine Aus- nahme von dieser Erfahrung, wenn die unter- bundene Arterie Seitenverbindungen mit andern Arterien hat, und ihre Gemeinschaft mit dem übrigen Schlagadersystem durch die Ligatur nicht völlig aufgehoben ist Ibid. §. 5. 6. p. 200. 201. . Versuche über die Unterbindung entblösster Venen machten unter andern Harvey, Waläus, Pecquet, Drake, Verheyen, Dionis, Morgagni und Haller . Alle diese Beobachter sahen in ei- ner unterbundenen Vene das Blut sich zwischen der Ligatur und den peripherischen Enden des Gefässes anhäufen, hingegen sich zwischen dem Herzen und dem Centralende der Vene verlieren, wenn nicht die Blutader über dem Bande mit einer andern Vene anastomosirte, in welchem Falle die Unterbindung so gut wie nicht vorhanden war Ibid. S. 2. §. 12—15. p. 212 sq. . Klappen am Herzen giebt es fünf: die der untern Hohlvene, die dreyzipfelige Venenklappe der Lungenarterienkammer, die Klappen der Lun- genarterie, die zweyzipfelige Venenklappe der Aor- tenkammer, und die Anfangsklappe der Aorta. Der Nutzen dieser Valveln ist offenbar, den Rück- fluss des Bluts zu verhindern, indem sie den Ein- Einfluss gestatten. Vorzüglich deutlich zeigt sich dieser Zweck an den Klappen der Lungenarterio, die, in Wasser schwimmend und gegen die Mün- dung der Arterie gedrückt, diese schon verschlie- ssen, ehe sich noch ihre Ränder erreichen Sömmering ’s Gefässlehre. §. 19. S. 28. . Auch durch krankhafte Veränderungen im Her- zen und den grössern Blutgefässen, die eine ähn- liche Wirkung wie Unterbindungen hervorbrach- ten, wird die obige Theorie bestätigt. Von einem Herzpolyp entstand eine grosse Geschwulst an den Endigungen der Venen; von einem Polyp in der rechten Höhlung des Herzens eine ausserordent- liche Erweiterung der Jugularvenen; von harten Concrementen im rechten Herzventrikel eine un- gewöhnlich grosse Hohlvene, und von einer äus- sern, auf die Venen drückenden Geschwulst eine auffallende Anschwellung derselben Haller l. c. T. I. L. 3. S. 2. §. 13. p. 214. . Hinder- nisse im rechten Herzventrikel verursachten eine Ausdehnung des rechten Herzohrs Ibid. L. 4. S. 4. §. 10. p. 403. . In einem Fall, wo die eine der drey halbmondförmigen Klappen verknöchert war, und die beyden übri- gen knorpelartig geworden waren, fand sich ein Aneurysma des Herzens. Eine Erweiterung des Herzens zeigte sich bey einer Verwachsung der Klappen P 4 Klappen der Aorta mit den Wänden dieser Arte- rie, so wie bey einer Verknöcherung jener Val- veln. Endlich eine Anschwellung der linken Herz- höhle beobachtete man bey einer Verknöcherung der Mündung der Aorta, ferner bey einer Verkür- zung ihrer Valveln, und in einem Fall, wo sich eine kalkartige Materie in diesen Klappen abge- setzt hatte Haller l. c. §. 18. p. 414. 415. . §. 2. Verschiedene Art des Blutumlaufs bey den verschiedenen Thierclassen. Mit der im vorigen §. bewiesenen Theorie und der aus dem ersten Buche unsers Werks be- kannten Struktur des Herzens und der Blutgefässe der verschiedenen Thierclassen ist uns auch die Erklärung der Art gegeben, wie der Umlauf des Bluts bey den letztern von statten geht. Bey den Vögeln, die ein ähnliches Herz wie die Säugthiere haben, muss auch ein gleicher Blutumlauf wie bey diesen statt finden. Anders aber muss es sich mit der Bewegung des Bluts bey den Embryonen dieser Thiere verhal- ten. Der Foetus derselben durchläuft vor seiner völ- ligen Ausbildung mehrere Verwandlungsstufen, die sich vorzüglich in dem Gefässsystem ausdrücken. Der Kreis, den das Blut desselben beschreibt, liegt zum zum Theil ausserhalb seinem Körper. Dieses geht theils aus der Aorta durch die Nabelarterie bey den Säugthieren zum Mutterkuchen, bey den Vögeln zum Chorion, und kehrt durch die Na- belvene zur Hohlader zurück; theils fliesst es durch die Gekrösearterie zum Nabelbläschen der Säugthiere, oder zur Dotterhaut der Vögel, und nimmt durch die Dottervene den Rückweg zur Pfortader. Das aus diesen Venen und den Blut- adern des Körpers sich in dem gemeinschaftlichen Stamm der Hohlader sammelnde Blut geht jetzt einen weit einfachern Weg, als bey dem ausge- bildeten Thier. Es giebt in jener frühern Lebens- periode nur Eine Vorkammer des Herzens, die alles Blut aus der Hohlvene empfängt, und Einen Ventrikel, welcher dieses blos durch die Aorta wieder aussendet. Zusammengesetzter wird das Herz in der spätern Entwickelungsperiode des Foetus, wo bey den Säugthieren das Nabelbläs- chen zu schwinden, und bey den Vögeln sich der Dotter in den Unterleib zurückzuziehen anfängt. Jetzt bilden sich Scheidewände in den beyden Höh- lungen des Herzens, und mit denselben die An- lage zu der künftigen vierfachen Cavität dieses Organs. Aber die Scheidewand der Vorkammer ist noch unvollkommen; es bleibt in ihr bis zur Geburt das eyförmige Loch, welches dem in die rechte Nebenkammer aus der Hohlvene kommen- den Blut den Eintritt in die linke Nebenkammer P 5 erlaubt, erlaubt, indem zugleich die an der Mündung der Hohlvene liegende Eustachische Klappe das Blut auf diesen Weg leitet, und nur einem Theil des- selben den Uebergang zum rechten Ventrikel ge- stattet. Von dem aus diesem rechten Ventrikel in die Lungenarterien gelangenden Theil wird auch noch das meiste durch ein anderes, dem Foetus eigenthümliches Gefäss, den Schlagadergang, zur Aorta geleitet. Nur eine geringe Quantität fliesst also den noch unthätigen Lungen zu, und die- ses vermischt sich, nachdem es durch die Lun- genvenen zurückgekehrt ist, in der linken Ne- benkammer mit dem Blut der Hohlvene, um mit demselben durch den linken Ventrikel in die Aorta zu gehen. Diese niedern Bildungsstufen des Gefässsystems der Säugthier- und Vögelembryonen finden wir in den folgenden Thierclassen bey den völlig ausge- bildeten Organismen wieder. In der Classe der Amphibien giebt es bey einigen Schildkröten zwey Vorkammern des Herzens, in welchen, wie bey den Säugthieren und Vögeln, die Venen der Lun- gen und der übrigen Organe sich endigen, und die auch, wie bey diesen höhern Thieren, keine Verbindung unter einander haben. Es sind hier aber drey Ventrikel vorhanden, die alle mit einan- der in Verbindung stehen Biol. B. I. S. 252. — Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. . Hier gelangt also nicht nicht alles durch die Venen zum Herzen zu- rückgeführte Blut in die Lungen, ehe es durch die Aorta wieder im übrigen Körper vertheilt wird. Es kann hier eine Störung des Blutumlaufs in den Lungen eintreten, indem die Circulation im übrigen Körper noch frey von statten geht. Daher die geringe Verschiedenheit in der Farbe des venösen und arteriellen Bluts bey diesen Thieren. Noch unabhängiger von dem Umlauf des Bluts durch die Lungen ist die Circulation dieser Flüssigkeit im übrigen Körper bey den Fröschen und den übrigen Amphibien, deren Lungenarterie ein blosser Ast der Aorta ist Biol. B. I. S. 465. . Bey den Fischen, die überhaupt eine noch unvollkommenere Respiration als die Frösche ha- ben, geht dagegen, zum Ersatz für dieses un- vollkommene Athemholen, alles Blut erst durch die Kiemen, ehe es den übrigen Organen zuge- führt wird, wie aus dem erhellet, was im ersten Buch dieses Werks über die Struktur des Systems der Blutgefässe dieser Thiere gesagt ist Ebendas. S. 280. . Es ergiebt sich hieraus, dass das Herz der Fische aus T. 4. p. 217. — Blumenbach ’s Handb. der vergl. Anat. S. 228. — H. A. Wrisberg observ. anat. de corde testud. marinae, Midas dictae. Gotting. 1808. aus Einem Ventrikel und Einer Vorkammer be- steht, von welchen Theilen jener das Blut zu den Kiemen sendet, dieser dasselbe aus dem gan- zen übrigen Körper aufnimmt. Das den Kiemen zugeführte Herzblut fliesst durch die Lungenve- nen in eine Aorta; diese zerästelt sich, und ihre Aeste führen jenes Blut allen übrigen Theilen zu; aus den letztern wird es von den Wurzeln der Hohlvene aufgenommen, und von dieser zur Vor- kammer geführt, worauf es wieder in den Ven- trikel gelangt und von neuem den vorigen Weg nimmt. Bey den Mollusken geht ebenfalls alles Blut erst durch die Respirationsorgane, ehe es sich im übrigen Körper vertheilt. Aber es geht hier den entgegengesetzten Weg, den es bey den Fischen nimmt. Nachdem es aus der Lunge oder den Kiemen zurückgekehrt ist, fliesst es in den Herz- ventrikel, in die Aorta und in alle Theile, ausge- nommen die Werkzeuge des Athemholens. Die Venen führen es in einen oder mehrere Stämme der Hohlvene zurück, und diese zerästelt sich auf der Lunge oder den Kiemen. Der Uebergang des Bluts aus den Respirationsorganen zum Herzven- trikel geschieht bey einigen unmittelbar, bey an- dern durch eine einfache oder doppelte Vorkam- mer. Jenes ist der Fall bey den Sepien, dieses bey den übrigen Mollusken. Die Sepien haben dagegen dagegen ausser dem eigentlichen Herzen, wodurch das Blut in die Aorta gesandt wird, noch zwey, von diesem ganz abgesonderte, einfache Neben- herzen, welche die zu den Kiemen gehenden Stämme der Hohlvene aufnehmen, und den Ge- fässen, worin das Blut den Kiemen zugeführt wird, zum Ursprunge dienen. Bey den übrigen Mollusken giebt es nur Eine Vorkammer zum Empfang des Lungen- oder Kiemenbluts in den Familien der Schnecken und Pholaden, hingegen zwey neben einander liegende Vorkammern zur Aufnahme des Bluts der Kiemen beyder Seiten in der Familie der Austern Biol. Bd. I. S. 311. 330. — Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 393. . Unter den Mollusken zeichnen sich noch die Sepien und Aplysien durch einen höchst merk- würdigen Bau der das Blut zu den Kiemen bringenden Gefässe aus. Bey den Sepien sind die Zweige der Hohlvene, die zu den Nebenherzen gehen, woraus das Blut zu den Kiemen gelangt, mit Oeffnungen durchbohrt, welche zu ganz ei- genen, zahlreichen, drüsenartigen Anhängen füh- ren Cuvier a. a. O. T. 4. p. 394. . Bey den Aplysien giebt es auf jeder Seite in der muskulösen Decke des Thiers einen gefässartigen Canal, der das sämmtliche Venen- blut aufnimmt, und dieses in einen gemeinschaft- lichen lichen Stamm führt, woraus es durch Aeste des letztern in die Kiemen gelangt. Beyde Canäle be- stehen aus muskulösen, transversalen und schie- fen, sich nach allen Richtungen durchkreutzenden Bändern, zwischen welchen es Oeffnungen giebt, die schon dem blossen Auge sichtbar sind, allen Arten von Einsprützungen den Durchgang ver- statten, und eine freye Verbindung zwischen dem Gefäss und der Bauchhöhle zulassen. An Einer Stelle fliessen diese fast ganz zusammen; einige von einander entfernte Muskelstränge sind die ein- zigen bemerkbaren Gränzen, die hier beyde von einander trennen Ebendas. p. 401. — Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 2. p. 287. — Ich kann diesen merkwürdigen Bau, den mir Herr Cuvier an einer Aplysia zeigte, die er für mich zu zergliedern die Gefälligkeit hatte, aus eigener Ansicht bestätigen. . Bey mehrern der bisher erwähnten Thiere lässt sich die Bewegung des Bluts mit Hülfe des Vergrösserungsglases wahrnehmen. Die Resultate dieser Beobachtungen sind zum Theil wichtig für die Theorie des Blutumlaufs, und verdienen deshalb hier eine Stelle. Malpighi war der Erste, welcher solche mi- kroskopische Beobachtungen in dem zweyten sei- ner Briefe über die Lungen bekannt machte. Diese betreffen aber nur im Allgemeinen den Fortgang des des Bluts in den Arterien und den Rückfluss des- selben durch die Venen. Mehr ins Einzelne ge- hen diejenigen, die nach seinem Tode in seinen nachgelassenen Werken erschienen, und in der Folge unter Baglivi ’s Namen wieder abgedruckt wurden G. Baclivi Opp. omn. Antwerp. 1719. p. 678. . Diese wurden vorzüglich an den ent- blössten Gekrösen von Fröschen gemacht. Mal- pighi sahe in den Gefässen dieser Theile das Blut sich mit grosser Schnelligkeit in geraden Linien bewegen, in der Mitte des Gefässes etwas langsa- mer als an den Seiten. Mit dem Aufhören des Lebens wurde diese Bewegung immer langsamer. Im Tode schwollen die Venen von Blut an, in- dem die Arterien gänzlich ausgeleert wurden. An lebenden Fröschen sahe er, dass das Venenblut bey jeder Zusammenziehung des Herzens aus den kleinern Venen in die grössern, aus diesen in die Hohlvene, und endlich in die Lungen, wie eine Welle von einer andern, fortgedrängt wurde. Durch Leeuwenhoek, Molyneux, Chesel- den, Baker, Hales, Joh. Bernoulli, Poli- niere, De Heyde und Joblot wurden diese Er- fahrungen noch durch Beobachtungen an andern Thieren vermehrt M. s. die Citate in Haller ’s Elem. Phys. T. I. L. 3. S. 3. §. 21 sq. . Sie fanden, was Malpighi noch nicht deutlich gesehen zu haben scheint, dass dass das Blut, wenigstens an mehrern Stellen, aus den letzten Endigungen der Arterien in die ersten Anfänge der Venen übergeht, ohne sich erst in einen Zwischenraum zu ergiessen. Hierauf erschienen Haller ’s Mém. sur le mouvement du sang. Lausanne. 1756. Latine vers. in Opp. min. T. 1. p. 63. — De sang. mortu exp. anat. in Comment. soc. reg. sc. Gotting. T. IV. p. 396. et in Opp. min. T. 1. p. 172. , und dann Spallanzani ’s Physikal. u. mathemat. Abhandl. Leipzig. 1769. S. 67 ff. Beobachtungen an Fröschen, Kröten und Salamandern. Die letztern sind im Ganzen nur Bestätigungen der Hallers chen. Die vornehmsten, hierher gehörigen Resultate beyder sind folgende. Die Bewegung des Bluts vom Herzen aus durch die Schlagadern geschieht mit reissender Geschwindigkeit. Nicht selten fliesst dasselbe in einigen Arterien langsamer, in andern schneller. Doch wird es nicht, wie die Jatromathematiker behaupteten, in den Enden der Arterien zurück- gehalten. Die regelmässige Bewegung des venö- sen Bluts ist, dass es aus den Haargefässen in die Aeste, hierauf in die Zweige, dann in die Stämme, und endlich zum Herzen gelangt. Die Geschwin- digkeit dieses venösen Bluts scheint etwas gerin- ger, ger, als die des arteriellen, doch nur in dem Ver- hältniss der grössern Weite, worin die Venen ge- gen die Arterien stehen, zu seyn. Oft aber lässt sich auch gar kein Unterschied in der Geschwin- digkeit beyder Blutarten bemerken, und beym Nachlassen der Bewegung des arteriellen Bluts fliesst zuweilen das venöse schneller als jenes. In den Haargefässen der Venen bewegt sich das Blut etwas langsamer als in den Stämmen, aber auch mit Ausnahmen. Im allgemeinen fliesst das- selbe in den Venen gleichförmiger, als in den Arterien. — Die Blutkügelchen schwimmen in einer durchsichtigen Flüssigkeit, und bewegen sich in geraden, unter sich parallelen Linien ohne Rei- bung, ohne Zusammenstossen, ohne Rotation, und ohne Veränderung ihrer Gestalt, doch, wie Mal- pighi schon bemerkt hat, an den Wänden der Schlagadern etwas langsamer als in der Axe. Sie werden weder an den Stellen, wo sich die Ge- fässe theilen, noch durch die Biegungen der letz- tern zurückgehalten. Ueber Stellen, wo sich Aneu- rysmen befinden, wird die Bewegung des Bluts etwas langsamer, unter denselben nimmt sie wie- der zu. Zwey entgegengesetzte Blutröhren stossen auf einander; aber der schwächere wird gleich von dem stärkern fortgerissen. Nähert sich der Blutumlauf dem Stillstande, so wird derselbe bald langsamer, bald, wenn das Herz sich zusammen- zieht, wieder etwas geschwinder. Zugleich ent- IV. Bd. Q stehen stehen Oscillationen, wobey das Blut abwechselnd vorwärts und rückwärts fliesst, und entgegenge- setzte Ströme, besonders an den Theilungen der Arterien. Zuweilen fliesst auch, wenn die Kräfte des Herzens ganz gebrochen sind, das Blut über- haupt, und vorzüglich das venöse, zum Herzen zurück. Das Ende aller Bewegung des Bluts ist, dass sich die Arterien, wenigstens die Stämme derselben, ganz ausleeren, und dass sich alles Blut in den Stämmen der Venen anhäuft. Das Vergrösserungsglas zeigt auch die Bewe- gung des Bluts bey den Thieren der niedern Classen. In der Squilla quadrilobata Müll . (Cancer Ato- mos L.), einem sehr durchsichtigen Thier, erblickt man die Blutgefässe, und in diesen das strömen- de Blut O. F. Müller Zool. Dan. Vol. 2. p. 48. . Ueber die Art der Bewegung des Bluts der krebsartigen Thiere giebt inzwischen das Mikroskop keinen Aufschluss. Bey der Zer- gliederung dieser Thiere aber findet man ein ein- faches, auf der Leber liegendes Herz mit einer Art von Venensack, in welchen sich das aus den Kiemen zurückkehrende Blut ergiesst. Aus dem Herzen selber entspringt eine Aorta, die bis zum hintern Ende des Körpers geht, und auf ihrem Wege Seitenäste abgiebt, die sich zu den Mus- keln und Eingeweiden begeben. So habe ich das Herz Herz beym Craugon vulgaris Fabr . gefunden, und auf ähnliche Art ist es, nach Rösel Insektenbelustigung. Th. 3. S. 323. , beym Astacus fluviatilis F., so wie, nach Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 408. , beym Pagurus Bernhardus F. und Astacus mari- nus F. beschaffen. Die Art der Rückkehr des Bluts zum Herzen habe ich bey der Garnele nicht bemerkt. Cuvier aber fand bey der Squilla fasciata F. eine Hohlvene, die der Länge nach unter dem Darmcanal fortging und das Blut den Kiemen zu- führte. Nach diesem Bau ist also der Umlauf des Bluts bey den krebsartigen Thieren derselbe, wie bey den Schnecken. Indess erwähnt Rösel bey dem Flusskrebs ausser den beyden Gefässen, die das Blut von den Kiemen zurückführen, noch eines dritten Venenstamms, der sich zwischen je- nen in den Venensack öffnet, und aus dem Kopfe entspringt. Wenn Rösel richtig beobachtet hat, so ist zu vermuthen, dass dieses Gefäss einen Theil Blut zum Herzen zurückführt, der entwe- der nicht durch die Kiemen, oder unmittelbar von den Kiemen zum Kopf gegangen ist. Von dem Blutumlauf der meisten Kiemenfüss- ler wissen wir nichts mit Gewissheit, als dass das Hauptorgan desselben ein längliches, röhrenförmi- ges, längs dem Rücken liegendes Herz ist. Nur von Q 2 von dem Argulus foliaceus Jur. kennen wir die Bewegung des Bluts, durch Jurine ’s Beobachtun- gen Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 7. p. 437. , etwas näher. Bey diesem Thier findet man ein wahres, muskulöses Herz, das in einer cylindrischen Kapsel hinter dem Rüssel liegt, und bey jeder Zusammenziehung einen Blutstrom nach dem Vordertheil der Schaale treibt, der sich bald in vier Zweige theilt, von welchen zwey gerade nach den Augen, und zwey nach den Hörnern ge- hen. Die letztern biegen sich nachher um, verei- nigen sich mit den erstern und bilden auf jeder Seite einen einzigen Strom, der nach der Saug- warze herabsteigt, um deren Basis läuft, und sich hier den Augen des Beobachters entzieht. Eine zweyte Blutsäule sieht man bey dem Anfang der beyden Hintertheile der Schaale. Diese dringt in das Innere der letztern, circulirt hier, indem sie dem Umriss der Schaale in einiger Entfernung von deren Rande folgt, und steigt dann bis zum zwey- ten Paar der Schwimmfüsse herab, wo sie sich nicht weiter wahrnehmen lässt. Noch eine dritte Blutsäule entdeckt man an der Wurzel des Schwan- zes. Diese geht bis dahin, wo sich der Schwanz gabelförmig spaltet, und theilt sich hier in zwey Aeste, die in den Unterleib zurückkehren. Es findet hier also ein wirklicher Umlauf des Bluts statt. Aber merkwürdig ist es, dass Jurine keine Gefässe, wenigstens in dem Vordertheil des Kör- pers, pers, entdecken konnte, worin sich das Blut fort- bewegt hätte, sondern dass der Lauf und die Ver- breitung dieser Flüssigkeit hier ganz so erschien, als ob die Blutkügelchen vielmehr in dem Paren- chyma der Theile zerstreut, als in Gefässen einge- schlossen wären. Dies ist schon eine bedeutende Abweichung von der Bewegung des Bluts bey den Thieren der höhern Classen. Noch auffallendere Verschie- denheiten kommen bey den Insekten vor. Bey den Spinnen und Skorpionen giebt es ein röhren- förmiges, längs dem Rücken liegendes Herz, wel- ches deutliche Gefässe hat. Aber in diesen Ge- fässen scheint, wenigstens bey den Spinnen, kein eigentlicher Umlauf des Bluts statt zu finden. Das Herz der Spinnen hat am vordern Ende auf je- der Seite Eine Ader, wodurch die Kieme dieser Seite mit demselben in Verbindung steht; die übrigen Gefässe entstehen aus dem mittlern und hintern Theil desselben, und zerästeln sich in ei- ner körnigen Masse, die alle Eingeweide des Bauchs einschliesst und dem Fettkörper der ge- flügelten Insekten ähnlich zu seyn scheint. Bey dem Skorpion verbreiten sich in dieser Masse zu- gleich auf jeder Seite vier ästige, aus dem Nah- rungscanal entspringende Gefässe. Bey der Spinne löset sich der Nahrungscanal gleich nach seinem Eintritt in den Hinterleib auf eine kurze Strecke Q 3 in in ein zartes, mit jenem Fettkörper aufs innigste verbundenes Gewebe auf, welches dieselbe Funk- tion wie die Seitenröhren am Nahrungscanal des Skorpions zu haben scheint. Es ist klar, dass bey dieser Organisation der Spinnen das einzige zu den Kiemen gehende Paar von Gefässen entweder zugleich als Arterie und Vene dient, oder dass es den Kiemen nur Blut zuführt, ohne dasselbe wieder zurückzufüh- ren. Im letztern Fall müsste sich das Blut aus den Kiemen unmittelbar in den übrigen Körper verbreiten. Dies lässt sich aber nicht annehmen, da es keine Verbindung zwischen den Kiemen und dem übrigen Körper giebt, wodurch eine solche Verbreitung geschehen könnte Eine ausführliche Beschreibung des Gefässsystems der Skorpionen und Spinnen habe ich in meiner Schrift Ueber den innern Bau der Arachni- den geliefert. . Ein wirklicher Blutumlauf findet wieder bey der Wasserassel (Oniscus aquaticus L.) statt. Ich sahe, was schon De Geer Mém. pour servir à l’Hist. des Insectes. T. 7. p. 512. beobachtete, in den Füssen und Fühlhörnern dieses Insekts unter dem Vergrösserungsglas verhältnissmässig grosse, aber ziemlich weit von einander entfernte Kügelchen, die zwey parallele Ströme, einen aufsteigenden und einen absteigenden, bildeten, und zwischen den den Kiemen das klopfende Herz. Die Bildung des Herzens habe ich aber, wegen der äussersten Zart- heit desselben, bey der Wasserassel nicht entdecken können. Hingegen beym Oniscus Armadillo L. fand ich an dem Hintertheil des cylindrischen Herzens zwey Paar Gefässe, die nach den Sei- tentheilen des Körpers fortgingen, und neben dem Vordertheil jenes Organs auf jeder Seite ein enges, herabsteigendes Gefäss. Weder bey dieser, noch bey der gemeinen Assel (Oniscus Asellus L.) habe ich aber in den äussern Theilen einen Umlauf des Bluts wahrnehmen können. Ein ähnliches röhrenförmiges, längs dem Rük- ken liegendes Herz, wie es bey den Skorpionen, Spinnen und Asseln giebt, besitzen alle Insekten, die durch Luftröhren Athem holen. Man bemerkt an diesem Theil einen Wechsel von Zusammen- ziehung und Erweiterung, der vom After zum Kopf durch die einzelnen Ringe des Körpers fort- geht, und hinten am stärksten ist Malpighi de bomb. p. 20, 30, 42, in Opp. — Lyon- net Tr. de la chenille du saule. p. 105. 427. . Die in demselben befindliche Flüssigkeit muss also eine Bewegung vom After nach dem Kopf, und an der letztern Stelle einen Ausfluss haben. Aber kein Anatom hat bis jetzt an diesem Herzen Ge- fässe bemerkt. Es lässt sich also nicht anders schlie- Q 4 schliessen, als dass sich das Blut der Insekten unmittelbar aus dem Herzen in das Parenchyma der Eingeweide ergiesst, und in den letztern fort- bewegt wird. Dieser Schluss bestätigt sich auch an einer Erscheinung, die bey der Verwandlung der Larven in vollkommene Insekten eintritt. Bey dieser Veränderung sieht man eine Menge Feuch- tigkeit in die Flügel dringen, und an verwunde- ten Stellen ausfliessen Swammerdamm ’s Bibel der Nat. S. 171. . Die Insektenflügel ha- ben aber gewiss keine saftführende Gefässe. Für jenen Schluss spricht ferner die Analogie des Ar- gulus foliaceus Jur . und der Asseln. Jurine konnte, wie schon erzählt ist, in dem Vordertheil jenes Thiers keine Gefässe entdecken, worin sich das Blut fortbewegt hätte; die Blutkügelchen schienen sich blos in dem Parenchyma der Ein- geweide zu verbreiten. Ich habe in den äussern Theilen der Wasserassel zwar auf- und absteigen- de Blutströme gesehen; aber es hat mir immer geschienen, dass diese Ströme sich nicht in Ge- fässen, sondern in den Zwischenräumen der Mus- keln bewegten. Auch habe ich in den Kiemen dieser Thiere, worin doch eine kreisförmige Be- wegung des Bluts vorgehen muss, nie eine Spur von Gefässen wahrnehmen können. Ein wirklicher Blutumlauf, der aber ohne ein Herz, blos in Arterien und Venen statt findet, zeigt zeigt sich wieder bey den Würmern, denselben Thieren, die auch ein rothes Blut haben Biol. Bd. 1. S. 392. . In dem durchsichtigen Körper der Nais litto- ralis Müll . findet man neben dem Nahrungscanal zwey längslaufende Gefässe, worin das Blut zum Vordertheil des Körpers fliesst O. F. Müller Zool. Dan. Vol. 2. p. 121. . Bey der Hirudo vulgaris L. windet sich an jeder Seite des Körpers vom Kopfe bis zum Schwanz ein ziemlich grosses, geschlängeltes Ge- fäss, worin sich das Blut so bewegt, dass das eine angefüllt wird, während sich das andere ent- leert Braun ’s system. Beschreib. einiger Egelarten. S 40. . Bey der Hirudo medicinalis und Hirudo sanguisuga L. entspringt aus jedem dieser Gefässe in Zwischenräumen, die mit denen ziemlich über- einstimmen, welche zwischen den verschiedenen Abtheilungen des Darmcanals befindlich sind, ein grosser Zweig, der sich in mehrere kleinere Aeste theilt. Nach dem vordern und hintern Ende des Thiers spalten sich jene in fünf bis sechs grosse Zweige, die bey ihrem Fortgang immer enger werden, und sich in ganz feine Haarröhren endi- gen. Thomas Mém. pour servir à l’Hist. nat. des Sangsues. p. 56. fand hier auch noch ein drittes Hauptgefäss, das vom vordern zum hintern Ende des Q 5 des Thiers an der Rückenseite fortging, einen et- was kleinern Durchmesser als die beyden Seiten- gefässe hatte, mit seinen Zweigen auf der innern Darmhaut zahlreiche und grosse Netze bildete, und in seinem Stamm ebenfalls rothes Blut, aber in seinen netzförmigen Zerästelungen einen weis- sen Saft enthielt. Durch jeden Zweig der beyden Seitengefässe lassen sich diese nebst ihren Ramifi- kationen aussprützen. Hingegen dringen Ein- sprützungen, die in die Seitengefässe gemacht sind, nicht in das Rückengefäss. Auch bleibt dieses noch mit Blut angefüllt, wenn jene schon leer sind. Das rothe Blut dieser Gefässe hat in allen einerley Farbe. Es scheint hier also keine Ver- schiedenheit zwischen Arterien und Venen als in der Richtung des Blutlaufs vorhanden zu seyn. Die Seitengefässe pulsiren sieben- bis achtmal in einer Minute. In welcher Verbindung das dritte mittlere Ge- fäss mit den beyden Seitengefässen steht, und ob dieses als Arterie oder als Vene wirkt, ist noch unausgemacht. Deutlicher ist, nach Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 411. , die Funktion der sämmtlichen Gefässe bey dem Lum- bricus marinus L., einer durch Kiemen athmenden Wurmart. Hier liegt zwischen den Kiemen längs dem Rücken ein Gefäss, welches das Blut durch Seitenzweige aus den Branchien empfängt, und sich sich durch das vordere Ende in zwey andere, an dem Nahrungscanal herabsteigende Gefässe ent- leert. Diese haben die Funktion einer Aorta. Das durch sie im Körper verbreitete Blut wird von zwey Venenstämmen aufgenommen, wovon der eine auf dem Nahrungscanal unmittelbar unter demjenigen, welcher das Blut aus den Kiemen empfängt, der andere unter jenem Canal liegt. Diese Stämme führen zugleich das Blut den Kie- men wieder zu. Ob bey den Würmern aller Blutumlauf auf- hört, ob diese Bewegung nicht vielmehr allen Or- ganismen, die an der thierischen Natur Theil neh- men, in einem gewissen Grade eigen ist, darüber werden künftige Beobachtungen entscheiden. Ich zweifele nicht, dass die Antwort auf die letztere Frage bejahend ausfallen wird. Selbst bey den schon den Pflanzen sich so sehr nähernden Sertu- larien sieht man allenthalben in der mit einer weichen thierischen Substanz inwendig bekleide- ten Röhre, welche sich durch den Stamm und die Aeste des hornartigen, meist durchsichtigen Ske- letts erstreckt, eine körnige Masse, die sich be- ständig wirbelförmig bewegt Cavolini ’s Abhandl. über Pflanzenthiere des Mit- telmeers. Uebers. von W. Sprengel . S. 56. . Ja sogar an der Chara flexilis, einem Wesen, das auf der Gränze zwischen den Phytozoen und den eigentlichen Pflan- Pflanzen steht, giebt es eine solche Bewegung. Jedes Glied der artikulirten, durchsichtigen Aeste dieser Chara enthält eine Flüssigkeit, worin be- ständig ein wahrer Umlauf unter dem Vergrösse- rungsglase wahrzunehmen ist. Ich habe diese, zuerst von Corti Osservazioni microscopiche sulla tremella e sulla circolazione de fluido in una pianta acquajuola, dell’ Abate B. Corti . Lucca. 1774. — Letera sulla circo- lazione de fluido scoperta in varie piante. Modena. 1775. entdeckte, und nachher von Fontana Rozier Observat. sur la Physique, sur l’Hist. nat. etc. A. 1776. Avril. und meinem Bruder Beyträge zur Pflanzenphysiologie von L. C. Trevi- ranus . S. 91 ff. beobachtete Erscheinung mehrere Wochen hindurch verfolgt. Die Flüssigkeit eines jeden Gliedes der Pflanze enthielt eine Menge grüner Bläschen, die auf der einen Seite des Gliedes angehäuft waren, und sich ununterbrochen und gleichförmig an dieser Seite von oben nach unten bewegten, am untern Ende des Gliedes zu der gegenüberstehenden Seite über- gingen, an dieser von unten nach oben flossen, am obern Ende des Gliedes wieder nach der er- stern Seite umkehrten, und so einen wahren Um- lauf machten, der selbst in jedem abgeschnittenen Gliede fortdauerte, wenn nur der Schlauch des- selben selben unverletzt war, durch hinzugetröpfelten Weingeist aber plötzlich gehemmt wurde. Der Schlauch verhielt sich dabey völlig leidend. §. 3. Mit dem Blutumlauf verbundene Erscheinungen. Ein bey allen Thieren den Blutumlauf be- gleitendes Phänomen ist der Puls , oder ein Wech- sel von Zusammenziehung (Systole) und Erweite- rung (Diastole) in dem Herzen und den grössern Blutgefässen. Bey denjenigen Thieren, die eine doppelte Herzkammer haben, ziehen sich in der Systole beyde Ventrikel zu gleicher Zeit zusammen. Un- ter Umständen, wo die Lebenskraft erschöpft ist und die Bewegung des Herzens nur noch lang- sam von statten geht, erscheinen im Anfang der Zusammenziehung erst an einzelnen Stellen der Oberfläche des Herzens Runzeln; diese fliessen wellenförmig von einer Stelle zur andern fort, verbreiten sich immer weiter, und vereinigen sich endlich zu einer Zusammenziehung des ganzen Herzens. Sie fangen an den beyden Enden des letztern an, und kommen in der Mitte desselben zusammen. Das ganze Herz wird dabey härter und fester. Die rechte Herzkammer steigt in der Systole zur Scheidewand und zum linken Ventri- kel herauf; dieser linke aber wird zur Scheide- wand herabgezogen. Die Scheidewand verkürzt sich sich ebenfalls, zieht die Spitze des Herzens zur Basis herab, und macht so dasselbe kürzer. Fer- ner verkürzen sich die zu den Herzklappen ge- hörigen Muskeln, indem ihre sehnenartigen Strän- ge erschlaffen. Auch die Lage des Herzens än- dert sich bey dieser Zusammenziehung. Die Ba- sis desselben rückt etwas von der Stelle; die Spitze krümmt sich bey dem Menschen nach der rech- ten Seite und nach vorne, und berührt am Ende dieser Bewegung die Gegend der fünften oder sechsten Rippe. Endlich ziehen sich auch die Vorkammern des Herzens so zusammen, dass die Höhlungen derselben nach jeder Dimension veren- gert werden, wobey sich die kammförmigen An- hänge der rechten Vorkammer aufrichten und krümmen Haller El. Phys. T. I. L. 4. S. 4. §. 3. p. 389. — §. 5. 6. p. 393. 394. . Alle diese Bewegungen hören mit dem Ein- tritt der Diastole wieder auf. Das ganze Herz wird jetzt glatt und turgescirend, und die innern Höhlungen desselben werden nach jeder Dimen- sion erweitert Ibid. §. 8. p. 398. . So ist die Bewegung des Herzens bey den Säugthieren und den übrigen Thieren, die in der Struktur jenes Organs mit diesen übereinkommen. Bey den Fischen sind die Phänomene der Systole und und Diastole von den obigen etwas verschieden. Das Herz des Aals wird in der Systole verlängert, und die Spitze desselben nach unten herabgezo- gen Haller l. c. §. 4. p. 392. . Doch besteht auch hier, wie bey allen Thieren, die Systole in einer Verengerung und die Diastole in einer Erweiterung der Herzhöhlen, welche erst in der Vorkammer und dann im Ven- trikel eintritt Tiedemann ’s Anatomie des Fischherzens. S. 29. . Ein ähnlicher Wechsel von Zusammenziehung und Erweiterung geht auch in den grössern Blut- gefässen vor. Er findet zuerst in der Hohlvene statt. Hier erstreckt er sich auf der einen Seite bis zum obern Ende der Brust, auf der andern bis zur Leber. Bey den Fröschen ziehen sich auch die Leberzweige der Hohlvene zusammen Haller l. c. §. 9. p. 399. . Ferner verengern und erweitern sich die Lungen- venen Ibid. §. 15. p. 410. . Bey den Säugthieren und Vögeln pul- siren auch alle Arterien, bey den Amphibien aber blos die Stämme derselben Ibid. L. 2. S. 1. §. 14. p. 74. — L. 4. S. 4. §. 37. p. 441. . An dem entblössten Gekröse von Fröschen und an jungen durchsichtigen Amphibien sieht man unter dem Vergrösserungsglase, dass der Puls entsteht, entsteht, indem das aus dem Herzen getriebene Blut die Arterien ausdehnt. Man sieht diese in demselben Augenblick sich erheben, wo die Spitze des Herzens sich krümmt. Unterbindet man sie, so erheben sie sich nicht nur, sondern werden auch länger. Alle Arterien pulsiren zu gleicher Zeit. Unter einer Ligatur hört der Puls auf. Durch Arterien, die eine starre, unnachgiebige Haut ha- ben, z. B. durch die absteigende Aorta und die grössern Gekrösearterien der Frösche, fliesst das Blut ohne Pulsationen Haller Opp. min. T. I. p. 185 sq. . Alle diese Bewegungen geschehen vorzüglich wegen des Athemholens. Wo die atmosphärische Luft nicht das ganze Innere bis auf die kleinsten Theile durchdringen kann, da giebt es einen Blut- umlauf; und wo kein wahrer Kreislauf des Bluts statt findet, wie bey den geflügelten Insekten, da sind alle Organe mit Luftröhren durchwebt. Da- her steht auch der Puls mit dem Athemholen in einem gewissen Verhältniss. Das Pferd respirirt 16, der Vogel bis 50 mal in einer Minute. Aber in eben dieser Zeit hat das Pferd nur 34, die Taube hingegen über 100 Pulsschläge Haller El. Phys. T. II. L. 6. S. 2. §. 14. p. 249. . Alles, was den Puls beschleunigt oder langsamer macht, vermehrt oder vermindert gewöhnlich auch die Schnelligkeit des Athemholens, so wie umgekehrt, was was auf dieses Einfluss hat, meist auch auf jenen wirkt Haller El. Phys. T. III. L. 8. S. 4. §. 29. p. 291. . Bricht man von den grössern Windun- gen des Gehäuses der Landschnecken einen Theil weg, so sieht man das Anschwellen und Zusam- menfallen der Lungen, das Oeffnen und Schliessen der Respirationsöffnung beym Athmen, die Pulsa- tionen des Herzens und den Umlauf des Bluts in den Gefässen. Setzt man eine so zubereitete Schnecke einer immer kältern Temperatur aus, so nehmen alle diese Bewegungen in gleichem Verhältniss immer mehr ab, und hören ganz auf, wenn die Temperatur der äussern Luft bis zum Gefrierpunkt herabsinkt. Erhöhet man die Tem- peratur wieder, so fängt die Lunge von neuem an sich zu erheben, das Herz sich zusammenzu- ziehen, und das Blut in den Gefässen zu fliessen, anfangs langsam, allmählig aber, so wie die Wär- me zunimmt, lebhafter. Die nehmlichen Erschei- nungen, welche die Kälte hervorbringt, bewirkt auch jede mephitische Luft, und dasselbe, was die Wärme thut, erfolgt auch beym Einfluss des Sauerstoffgas Spallanzani Mém. sur la respirat. p. 150. 321. . Diese Verbindung des Athemholens mit der Bewegung des Bluts leidet freylich Einschränkun- gen. Jenes kann auf einige Zeit unterbrochen werden, IV. Bd. R werden, indem der Blutumlauf fortdauert. Kin- der haben einen schnellen Puls und ein langsa- mes Athemholen. In einigen Krankheiten nimmt die Schnelligkeit des Pulses zu, indem die Respi- ration wenig verändert wird; in andern weicht die letztere vom gesunden Zustand beträchtlich ab, indem der Puls an dieser Abweichung wenig Theil nimmt Haller l. c. T. III. L. 8. S. 4. §. 29. p. 291. . Das Athemholen der Fische ge- schieht 25 bis 30mal in einer Minute Ibid. p. 290. ; das Herz derselben pulsirt auch nur 22. höchstens 33mal während dieser Zeit Tiedemann ’s Anatomie des Fischherzens. S. 29. . Hingegen schlägt das Herz der Weinbergschnecke ohngefähr 30mal in einer Minute, und doch schöpft dieses Thier zuweilen in einer Viertelstunde kaum einmal Athem Baker (Employment for the microscope. p. 326.) zählte bey einer Wasserschnecke 60 Pulsschläge in einer Minute. Ich habe bey einer Helix Pomatia an einem mittelmässig warmen Tage des August nur 30 Schläge in einer Minute gezählt, und der Puls war bey diesem Thier, dem ich die ganze Schaale vor- her weggebrochen hatte, von der gewaltsamen Ope- ration gewiss noch beschleunigt. Allein wenn man auch nur 20 Pulse in einer Minute annimmt, so steht hier doch die Zahl dieser Schläge mit dem langsa- men . Bremond ’s und Emmert ’s Ver- suche suche beweisen auch, dass der Blutumlauf bey Säugthieren noch einige Zeit fortdauert, sowohl wenn die Lungen ganz zusammengefallen oder zusammengedrückt sind, als wenn man die Lun- gen ganz mit Luft angefüllt und dann die Luft- röhre unterbunden hat. Alle diese Ausnahmen beweisen aber nicht die Unabhängigkeit des Athemholens von der Re- spiration. Bremond ’s und Emmert ’s Versuche zeigen eben dadurch, dass der Puls nur kurze Zeit bey unterbrochener Respiration fortdauert, die gegenseitige Abhängigkeit der Funktionen des Herzens und der Lungen, und aus den übrigen der angeführten Beyspiele lässt sich nur schliessen, dass der Puls und das Athemholen extensiv ver- mehrt seyn können, indem sie intensiv vermin- dert sind, so wie umgekehrt. Was ist es aber, wodurch das Athemholen auf den Blutumlauf Einfluss hat? Mechanisch kann diese Einwirkung nicht seyn. Das Blut strömt zwar mit grösserer Leichtigkeit durch die Lungen beym Einathmen, wobey die gekrümm- ten Blutgefässe dieser Theile ausgedehnt werden, als men Athemholen nicht in dem Verhältniss, wie bey den Thieren der höhern Classen. b) Mém. de l’ Acad. des sc. de Paris. A. 1739. p. 356. c) Reil ’s Archiv f. d. Physiologie. B. 5. S. 401. R 2 als beym Ausathmen, wo Biegungen und Winkel in denselben entstehen Haller El. Phys. T. II. L. 6. S. 4. §. 9. p. 332. . Aber bey dem Foetus findet, wenigstens in der ersten Zeit seines Le- bens, keine Bewegung der Lungen statt, und doch bewegt sich das Blut desselben. Nur von der Art kann also jener Einfluss seyn, entweder dass das Blut selber ein Bewegungsvermögen be- sitzt, welches durch den Zutritt der eingeathme- ten Luft in Thätigkeit gesetzt wird, oder dass die Bewegung des Bluts durch Einwirkungen der Gefässe hervorgebracht wird, zu deren Entstehung eine gewisse Beschaffenheit dieser Flüssigkeit er- forderlich ist, welche dieselbe bey der Einwir- kung der respirirten Luft erhält. Wir sind hier auf einen Gegenstand gekom- men, dessen Aufklärung für die ganze Biologie von der grössten Wichtigkeit ist, und welche da- her eine nähere Untersuchung verdient. §. 4. Ursachen des Blutumlaufs. Betrachtet man unbefangen mehrere Erschei- nungen bey der Bewegung des Bluts und der blut- ähnlichen Säfte auf den untern Stufen der leben- den Natur, so kann man nicht zweifeln, dass hier eine Thätigkeit aus einem innern Princip ist. Bey dem Umlauf, den die Flüssigkeit in den Glie- Gliedern der Chara flexilis macht, lässt sich keine Spur von Oscillationen oder Zusammenziehungen der innern Haut jener Glieder bemerken, und bey den Insekten, wo das Blut in dem Parenchyma ohne Gefässe fliesst, kann es unmöglich eine me- chanische Ursache seyn, wodurch dasselbe getrie- ben wird. In den bebrüteten Eyern der Vögel und in reproducirten Theilen zeigen sich anfangs zer- streute Blutstropfen, die nach und nach zu Strö- men zusammenfliessen, und erst, wenn diese Ströme schon vorhanden sind, entstehen Gefässe für dieselben C. F. Wolff Theoria generat. — Hunter über das Blut. . Selbst an dem hüpfenden Punkt des Eys lassen sich bey seinen ersten Bewegun- gen auch unter dem Vergrösserungsglase noch keine Fibern wahrnehmen, und das Gefässsystem ist zu dieser Zeit noch unentwickelt, indem das Blut in einerley Gefässen hin und her fliesst Home , Philos. Transact. Y. 1805. P. I. . Auf den höhern Stufen der thierischen Orga- nisation hat allerdings das Herz einen wichtigen Einfluss auf den Blutumlauf, und wer nur jene Stufen kennt, wird kaum anstehen, das Herz für die einzige Triebfeder der Bewegung des Bluts zu halten. In diesen Irrthum verfiel Haller . Man erkannte in spätern Zeiten die Unrichtigkeit seiner R 3 seiner Hypothese an, nahm indess eine nicht we- niger unzulängliche Kraft, die Zusammenziehun- gen der Arterien, als Erklärungsgrund zu Hülfe. Diese und alle ähnliche Ursachen sind aber nur mitwirkend zur Unterhaltung des Kreislaufs. Be- trachtet man unter dem Mikroskop diese Bewe- gung in jüngern durchsichtigen Amphibien, oder in dem Gekröse ausgewachsener Thiere, so fin- det man hier Erscheinungen, die den vorhin er- wähnten an der Chara ganz ähnlich sind, und offenbar eine andere Ursache als eine blos mecha- nische voraussetzen. Das Blut fährt selbst bey Fröschen, denen das Herz ausgeschnitten ist, noch fort zu fliessen. Zuweilen strömt es ununterbro- chen nach dem Ursprung der grossen Schlagader zurück; in andern Fällen oscillirt es; in noch an- dern setzt es im Gekröse seinen natürlichen Lauf fort; und diese Bewegungen dauern oft eine hal- be und ganze Stunde. Oeffnet man eine Ader, so wird dadurch die abnehmende Bewegung wie- der angefacht, und es fliesst, wenn das geöffnete Gefäss eine Vene ist, alles Blut aus den sämmt- lichen, mit dieser in Verbindung stehenden Ve- nen reissend schnell zur Wunde hin. Weder die Schwere des Bluts, noch Zusammenziehungen der Adern, noch eine Einsaugung in die klein- sten Gefässe sind die Ursachen dieser Bewegun- gen. Sie geschehen auch der Schwere entgegen; eine Zusammenziehung der Gefässe lässt sich nicht nicht bemerken, und kann auch nicht statt fin- den, da selbst dann, wenn sich eine Schlagader alles Bluts entleert, keine Abnahme ihres Durch- messers wahrzunehmen ist; die Blutkügelchen oscilliren auch eben so anhaltend in Blut, das sich zwischen den Häuten des Gekröses ergossen hat, als in demjenigen, das sich in den Gefässen befindet; endlich sind jene Bewegungen nicht blos nach den Enden der Gefässe, wo allein eine Ein- saugung möglich wäre, sondern eben so oft nach den Stämmen, wo diese ganz wegfällt, gerichtet. Alles dies hat Haller Opp. min. T. I. p. 229 sq. — 236 sq. selber bemerkt, und er selber gestand, dass er keine andere Ursache dieser Erscheinungen anzugeben wüsste, als die Anziehung, welche theils die Häute auf das Blut, theils die Blutkügelchen gegenseitig auf einander äussern, eine Ursache, die sich auch nicht be- zweifeln lässt, weil ergossenes Blut immer von den Rändern durchschnittener Gefässe und von dem Zellgewebe, womit diese Gefässe befestigt sind, angezogen wird, und weil nach einer Stelle, wo sich mehrere Blutkügelchen vereinigt haben, die Kügelchen aller mit dieser Stelle in Verbin- dung stehenden Gefässe beständig hinfliessen. Bey allem dem konnte sich Haller nicht von seiner Meinung losmachen und dem Gedanken hingeben, dass R 4 dass eine Ursache, die noch beym erlöschenden Leben so mächtig ist, viel wirksamer im unge- schwächten Zustande seyn müsste. Ausser den angeführten Bewegungen des Bluts giebt es aber noch viele andere, welche eben so wenig aus mechanischen Ursachen herrühren kön- nen. In einer Schrift von C. F. Daniel Sammlung medicin. Gutachten und Zeugnisse, sammt einer Abhandl. über eine besondere Missgeburt ohne Herz und Lungen. Leipzig. 1776. — Einen neuern Fall dieser Art hat Brodie (Philos. Transact. Y. 1809. p. 161.) beschrieben. findet sich die Zergliederung eines Kindes, welches ohne Herz und Lungen gebohren wurde, dennoch aber Arterien und Venen hatte. Daniel schloss mit Recht aus diesem Fall, dass das Herz nicht die einzige Triebfeder des Blutumlaufs seyn könne. Haller Götting. gel. Anzeigen. J. 1777. S. 524. suchte dagegen seine Meinung durch die ganz willkürliche und höchst unwahrschein- liche Voraussetzung zu retten, dass ursprünglich ein Herz vorhanden gewesen wäre, dass dieses aber zerstört worden sey, und dass nach dem Verlust desselben das Blut die unentbehrliche, obgleich schwache Bewegung von der Natur er- halten hätte. Im Im Journal de Médecine T. 32. p. 411. ist eine Ente be- schrieben, in welcher die Herzohren, die Herz- kammern und ein Theil der aus dem Herzen ent- springenden Gefässe völlig verknöchert waren, und welche dennoch ganz gesund zu seyn schien. Ein Beyspiel von einem Menschen, bey dem sich die ganze linke Herzkammer in eine steinar- tige Masse verwandelt hatte, und die Temporal- arterien, die Kinnbackenschlagader und ein Theil der Spindelschlagader verknöchert waren, dessen Puls aber demohngeachtet voll und an beyden Händen gleich war, hat Renauldin erzählt Journ. de Médec. A. 1806. Janv. p. 254. . Erdmann fand bey einer 83jährigen Frau die Kranzarterien des Herzens, die Aorta, die Becken- arterien und die Schenkelschlagadern bis an die Kniekehle verknöchert Horn ’s Archiv für med. Erfahrung. Bd. 3. H. 1. S. 95. . Bey dem Stöhr dringt die Aorta gleich nach ihrem Ursprung in einen knorpelartigen Canal der Wirbelsäule, und legt hier ihre Häute ganz ab. Aus den Oeffnungen dieses Canals entspringen die Zweige der Aorta. Das arterielle Blut fliesst also bey jenem Thier eine ziemlich weite Strecke durch eine Röhre mit ganz unbeweglichen Wänden Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 177. . Bey R 5 Bey der Aplysia öffnen sich, wie wir oben §. 2. dieses Kapitels. sahen, die beyden Canäle, welche die Stelle der Hohlvene vertreten, an vielen Stellen durch weite Spalten in die Bauchhöhle. Und doch geht bey diesem Thier der Blutumlauf eben so regelmässig als bey andern von statten. Alle diese Beyspiele, die sich leicht noch vermehren liessen, beweisen, dass der Blutumlauf ohne Mitwirkung sowohl des Herzens, als der Arterien fortdauern kann, und dass Wilson An Enquiry into the moving powers employed in the circulation of the blood. London. 1774. und Rosa Lettere sopra alcune curiosita fisiologiche. Napoli. 1788. Recht hatten, in dem Blute selber eine Ursache der Bewegung desselben anzunehmen. §. 5. Einfluss des Nervensystems auf den Blutumlauf. Die im vorigen §. vorgetragene Theorie er- hält noch von einer andern Seite Bestätigung, wenn wir den Einfluss des Nervensystems auf die Bewegung des Bluts untersuchen. Die Erfah- rung lehrt hierüber folgendes. 1. Durchschneidung des Stamms, woraus die sämmtlichen Nerven eines Gliedes entspringen, z. B. der ischiadischen Nerven, zieht sogleich den Verlust Verlust der Bewegung und Empfindung in den- selben nach sich. Der Blutumlauf dauert in dem gelähmten Theil noch einige Zeit fort; doch hört er ebenfalls auf, und das Glied stirbt völlig ab, wenn nicht, was zuweilen der Fall ist, die durch- schnittenen Nervenenden wieder zusammenwach- sen Nach den Versuchen von Ens (De causa vices cortis alternas producente. §. 4. 5.) hört auch der Puls in Arterien auf, deren Nerven unterbunden sind, und nach einer Erfahrung Arnemann ’s (Vers. über die Regeneration. S. 48.) scheint das Blut in Gefässen, deren sämmtliche Nerven zerschnitten sind, schwärzer als im natürlichen Zustande zu seyn. . Im übrigen Körper setzt das Blut seine Bewegung nach wie vor fort. 2. Derselbe Erfolg, den die Durchschneidung der ischiadischen Nerven hat, tritt ein, wenn das Rückenmark über dem Ort des Ursprungs dieser Nerven durchschnitten wird. Doch hat diese Ope- ration gewöhnlich auch einen bedeutenden Ein- fluss auf den ganzen Blutumlauf. 3. Durchschneidet man das Rückenmark am entgegengesetzten Ende unter dem Hinterhaupts- loche, so hören die von den Nerven des achten Paars abhängenden Bewegungen des Athemho- lens auf, und der Blutumlauf geräth in Stocken. Er wird aber wieder rege, wenn man abwech- selnd selnd Luft in die Lungen bläst und wieder aus- zieht Haller El. Phys. T. III. L. 8. S. 4. §. 12. p. 247. — Le Gallois Expériences sur le principe de la vie. p. 31. 37. . 4. Oeffnet man den hintern Theil des Schä- dels und zerstört das Rückenmark durch diese Oeffnung, indem man einen Griffel in den Ca- nal der Wirbelsäule bringt, und diesen erst bis zum dritten oder vierten Wirbel, nach einer Pause bis zum sechsten oder achten u. s. w. ein- stösst, so dauert der Blutumlauf anfangs noch ei- nige Zeit fort, hört aber endlich mit dem Athem- holen auf, und lässt sich dann nicht wieder durch das Einblasen von Luft in die Lungen erwecken Le Gallois a. a. O. p. 119. 120. . 5. Schneller tritt dieser völlige Stillstand des Bluts ein, wenn man das Rückenmark nicht all- mählig zerstört, sondern den Griffel plötzlich einstösst Ebendas. p. 32. . 6. Nicht weniger hört der Kreislauf des Bluts auf, wenn man durch plötzliches Einstossen des Griffels auch nur den Lendentheil des Rücken- marks vernichtet. Und auch in diesem Fall wird er durch Einblasen von Luft in die Lungen nicht wieder rege gemacht Ebendas. p. 49. 50. . 7. 7. Bey dieser, auf die Zerstörung des Rük- kenmarks folgenden Hemmung des Blutumlaufs dauert der Schlag des Herzens dennoch einige Zeit fort, obgleich mit etwas verändertem Rhyth- mus Le Gallois a. a. O. p. 62. 312. . 8. Der Herzschlag dauert selbst an einem ausgeschnittenen Herzen noch fort. Reitzungen der Herznerven haben auf ihn keinen unmittel- baren Einfluss. Wohl aber wirken mechanische und chemische, unmittelbar an die Muskelfasern des Herzens angebrachte Reitzungen auf ihn ein Dies sind die Resultate der Erfahrungen Hal- ler ’s (El. Phys. T. IV. L. 11. S. 3. §. 7. p. 526.), de- nen ich beystimmen muss. Wenn Fowler (Experi- ments on the influence lately discovered by Mr. Gal- vani .), von Humboldt (Vers. über die gereitzte Muskel- und Nervenfaser. B. 1. S. 340.) und einige andere Schriftsteller einen Einfluss des Galvanischen Reitzes auf die Bewegung des Herzens wahrgenom- men haben wollen, so stimmen meine eigenen Ver- suche mit dieser Beobachtung so wenig überein, und es ist so leicht dabey eine Täuschung möglich, dass ich dieselbe nicht für richtig halten kann. . Was lässt sich aus diesen Thatsachen schlie- ssen? Die Antwort hierauf ergiebt sich, wenn man Folgendes in Erwägung zieht. Vermöge der beyden ersten Thatsachen un- terhält jeder Theil des Rückenmarks und jeder daraus daraus entspringende Nervenstamm den Blutum- lauf in denjenigen Organen, die er mit Nerven- zweigen versorgt. Diese Wirkung kann er nicht etwa dadurch hervorbringen, dass er auf das Herz, als die erste Triebfeder des Blutumlaufs, Einfluss hat; denn der allgemeine Kreislauf geht ungestört fort, nachdem in dem Gliede, dessen Verbindung mit dem ganzen Nervensystem auf- gehoben ist, das Blut schon zu fliessen aufge- hört hat. Mit jener Voraussetzung stimmt auch die dritte Thatsache überein. Hier kömmt zwar das Blut im ganzen Körper zum Stillstand, obgleich blos das Gehirn vom Rückenmark getrennt ist; aber dieser Frfolg tritt nicht ein, weil das Gehirn ei- nen Einfluss auf den ganzen Kreislauf hat, son- dern nur, weil durch dessen Einwirkung das Athemholen hervorgebracht wird, von welchem der allgemeine Kreislauf abhängig ist. Der letz- tere wird wieder rege, sobald die Lungen wieder in Thätigkeit gesetzt werden. Eben so einleuchtend ist es bey der obigen Voraussetzung, warum der Blutumlauf nach par- tiellen Zerstörungen des Rückenmarks noch einige Zeit fortdauert. Er wird nicht augenblicklich ge- hemmt, weil jeder Nerve nach seiner Trennung vom Gehirn und Rückenmark noch ein gewisses Maass Kraft behält, welches hinreicht, die Be- wegung wegung des Bluts einige Zeit zu unterhalten; er hört aber endlich auf, weil dieses Maass doch zuletzt erschöpft wird, und weil kein Ersatz der Nervenkraft wegen der aufgehobenen Verbindung mit dem Gehirn und Rückenmark mehr mög- lich ist. Anders ist es in der fünften und sechsten Erfahrung bey dem Einstossen eines Griffels in die ganze Wirbelsäule. Hier tritt eine Erschütte- rung des ganzen Nervensystems ein, wodurch die Kraft desselben eben so, wie bey einem Schlag auf den Kopf, den Rückgrat und die grossen Ner- vengeflechte des Bauchs, augenblicklich vernich- tet wird. Geschieht das Einstossen blos in den untern Theil der Wirbelsäule, so ist die Zerstö- rung zwar in Betreff des Rückenmarks nur par- tiell. Doch pflanzt sich die Erschütterung durch die zahlreichen Verbindungen des sympathischen Nerven über den grössten Theil des Nervensy- stems fort, und so tritt auch in diesem Fall der Stillstand des Bluts sehr bald, obgleich bey jün- gern Thieren nicht so schnell wie nach der Zer- störung des ganzen Rückenmarks Le Gallois a. a. O. p. 93. ein. Nun aber währt in allen jenen Fällen, wo der Kreislauf gehemmt ist, die Bewegung des Herzens, der siebenten und achten Erfahrung zu- folge, fort. Die Kraft dieses Organs ist dann zwar zwar geschwächt. Aber bey Sterbenden bewegt sich das Blut noch, obgleich die Kraft des Her- zens gewiss eben so gering, und oft wohl noch geringer, als in jenen Fällen ist. Besitzen also etwa die Arterien ein Vermögen sich zusammen- zuziehen und zu erweitern? Sind es diese Be- wegungen, die den Umlauf des Bluts vorzüglich unterhalten, und welche mit dem aufgehobenen Einfluss des Nervensystems verloren gehen? Aber die Blutgefässe der Amphibien verhalten sich, wie wir im vorigen §. sahen, bey dem Blutumlauf ganz leidend, und doch treten bey diesen eben so wohl als bey den warmblütigen Thieren die an- geführten Erscheinungen nach der Zerstörung des Rückenmarks ein. Es lässt sich also kein ande- res Resultat ziehen, als dieses, dass das Blut eine eigene bewegende Kraft hat, die von dem Nervensystem abhängt, und zu deren Fortdauer der ungestörte Ein- fluss dieses Systems, besonders des Rük- kenmarks, nothwendig ist . Von den Erfahrungen, worauf dieses Resultat beruhet, gehören diejenigen, welche den Einfluss der Zerstörung des Rückenmarks auf den Kreislauf betreffen, einem neuern Schriftsteller, Le Gallois . Dieser hat aus denselben Folgerungen gezogen, welche von den meinigen sehr abweichen. Seine Hypothese scheint in Frankreich den allgemeinsten Bey- Beyfall gefunden zu haben. Ich bin daher genö- thigt, sie hier zu beleuchten. Nach Le Gallois ist das Herz die einzige Triebfeder der Bewegung des Bluts. Dieses er- hält seine Kräfte aus allen Theilen des Rücken- marks durch den sympathischen Nerven. Der Herzschlag ist nicht, wie Haller glaubte, unab- hängig von dem Einfluss des Nervensystems. Die nach der Zerstörung des Rückenmarks im Herzen übrig bleibenden Bewegungen der Haller schen Irritabilität sind sehr verschieden von denen, wel- che den Blutumlauf hervorbringen Le Gallois a. a. O. p. 138. . Le Gallois scheint gar nicht geahnet zu ha- ben, dass eine andere Theorie der Bewegung des Bluts möglich wäre, als die Haller sche, nach welcher das Herz die einzige Triebfeder dieser Bewegung ist. Es war daher freylich keine an- dere Hypothese als die obige zur Erklärung der Abhängigkeit des Blutumlaufs von dem Einfluss des Rückenmarks für ihn möglich. Frägt man aber nach den Beweisen dieser Hypothese, so findet man bey ihm blos folgende Gründe. Wenn nach jener Voraussetzung das Herz die Kraft, vermittelst welcher das Blut von demsel- ben umgetrieben wird, aus dem ganzen Rücken- mark schöpft, so wird nach der Zerstörung eines Theils IV. Bd. S Theils dieses Marks, z. B. des Lendenmarks, jene Kraft nicht mehr hinlänglich seyn, um die ganze Blutmasse in Umlauf zu setzen; doch wird sie noch zureichen, um das Blut durch einen Theil des Gefässsystems zu treiben. Schränkte man also nach einer solchen partiellen Zerstörung des Rückenmarks den Weg, den das Blut vom Herzen aus zu machen hat, durch Unterbindun- gen der Gefässe ein, so würde sich der Blutum- lauf in einem Theil des Körpers unterhalten lassen, und legte man die Ligaturen immer nä- her zum Herzen an, so würde man einen im- mer grössern Theil des Rückenmarks ohne gänz- liche Unterbrechung des Kreislaufs zerstören kön- nen. Le Gallois stellte in Beziehung auf die- sen Schluss mehrere Versuche an. Er unterband an einigen Kaninchen die Aorta in der Gegend der Lendenwirbel, und zerstörte das Rückenmark zwischen dem letzten Rückenwirbel und dem er- sten Lendenwirbel; andern Kaninchen schnitt er den Kopf ab, unterband die Carotiden und die Jugularvenen, zerstörte den Halstheil des Rücken- marks, und ersetzte das Athmen durch Einbla- sen von Luft in die Lungen; bey noch andern nahm er die ganze untere Hälfte des Körpers bis auf die Brust, den Magen, die Leber und den zu diesen Organen gehörigen Theil des Rücken- marks, und oben den Kopf weg, legte Ligaturen um die Gefässe, und setzte die Lungen durch Ein- Einblasen in Bewegung. In allen drey Fällen dauerte der Kreislauf zwischen dem Herzen und den Ligaturen eine längere oder kürzere Zeit fort, wenn die Versuche mit der gehörigen Vorsicht angestellt waren, unter andern bey einem drey- tägigen Kaninchen, woran der dritte Versuch ge- macht war, länger als drey Viertelstunden Le Gallois a. a. O. p. 112. 117. 129. . Ich gestehe, dass ich an der Richtigkeit die- ser Erfahrungen einigen Zweifel hege. Es kömmt bey denselben vorzüglich darauf an, woraus Le Gallois den Stillstand und die Fortdauer des Kreislaufs beurtheilte? Seine Antwort auf diese Frage ist, dass die Kennzeichen des gehemmten Blutumlaufs sind: die Abwesenheit einer Blutung beym Durchschneiden einer grossen Arterie, oder bey der Amputation eines Gliedes; die schwarze, selbst beym Aufblasen der Lungen fortdauernde Farbe des Schlagaderbluts, besonders des Bluts der Carotiden, und das leere, zusammengefallene Ansehn der letztern; endlich die Abwesenheit der eigenthümlichen Sensibilitätsäusserungen jedes Theils, z. B. der Inspirationsbewegungen des Mun- des Ebendas. p. 68. . Die beyden erstern Merkmale scheinen zuverlässig zu seyn. Aber das letztere ist so un- sicher wie möglich. Die Schenkel eines Frosches, die S 2 die ich so präparirt hatte, dass sie blos noch durch ihre Nerven mit dem von dem Gehirn und dem ganzen übrigen Körper getrennten Rücken- mark zusammenhingen, zogen sich, wenn sie an den Zehen gedrückt oder gekniffen wurden, auf dieselbe Art zurück, als ob sie noch dem gan- zen lebenden Frosch angehört hätten. Dauerte in diesen Gliedern, worin die eigenthümlichen Sen- sibilitätsäusserungen noch vorhanden waren, auch der Blutumlauf noch fort? Le Gallois ’s eigene Worte in seiner Beschreibung der obigen Versu- che beweisen aber, dass er oft allein aus diesem trüglichen Kennzeichen auf die Fortdauer des Kreislaufs geschlossen hat. Doch setzen wir dies auch bey Seite, so be- weisen die obigen Erfahrungen doch nicht das mindeste für Le Gallois ’s Hypothese. Es ist ein- leuchtend, dass die Unterbindungen der Gefässe nichts thun können, als das von dem Herzen kommende Blut aufhalten, und dasselbe nöthigen, durch die anastomosirenden Adern einen kürzern Weg zu nehmen. Aber bringt denn nicht das in den Gefässen der gelähmten Theile stockende Blut schon dieselbe Wirkung hervor? Dass die Bewe- gung des Bluts in der Nähe des Herzens länger dauert, wenn man einen Theil der Gefässe vor der partiellen Zerstörung des Rückenmarks unter- bunden hat, als wenn keine Ligaturen angelegt sind, sind, hat ganz andere Ursachen, als die von Le Gallois angegebenen. Im letztern Fall findet das vom Herzen kommende Blut zwar eben so- wohl einen Widerstand, als im erstern; aber es findet ihn erst nach der Zerstörung eines Theils des Rückenmarks, da es im erstern Fall schon vor dieser Operation darauf stösst. Dass der Erfolg in beyden Fällen verschieden seyn muss, ist augenscheinlich. Hierzu kömmt noch, dass die Anlegung der Ligaturen sich nicht ohne ei- nen bedeutenden Blutverlust bewerkstelligen lässt. Es ist aber bekannt, dass durch Aderlässe der gehemmte Blutumlauf wieder rege gemacht, und der abnehmende länger als sonst unterhalten wird Haller Opp. min. T. I. p. 236. . Eine so unrichtige Hypothese, wie die Gal- loissc he, konnte auf keine andere als sehr ge- zwungene Erklärungen führen. Eine solche giebt Le Gallois von der Thatsache, dass der Blut- umlauf nicht so schnell aufhört, wenn das Rük- kenmark bey kleinen Stücken und pausenweise zerstört wird, als wenn die Zerstörung auf ein- mal geschieht. Hier sollen die partiellen Zerstö- rungen die nehmlichen Wirkungen wie Unterbin- dungen der Gefässe hervorbringen, indem sie den Blutumlauf in den mit dem vernichteten Mark zusammenhängenden Theilen schwächen oder ganz auf- S 3 aufheben, und so den Kreislauf auf die zunächst am Herzen liegenden Theile einschränken Le Gallois a. a. O. p. 120. . Nach dieser Erklärung und nach der ganzen Gal- loiss chen Hypothese müsste aber, wenn man die Hälfte des Rückenmarks plötzlich zerstörte, der Kreislauf sich in der Nähe des Herzens weit län- ger, als nach partiellen Zerstörungen jenes Theils erhalten; denn die erstere Operation bewirkte ja in kürzerer Zeit und mit weniger Aufwand von Kräften dasselbe, was die letztern thun. Und doch ist der Erfolg der ganz entgegengesetzte! So viel hielt ich für nöthig über eine Hypo- these zu sagen, von der man ein neues grosses Licht für die Lehre des Lebens verkündigt hat. Ihrem Urheber wird das Verdienst bleiben, be- wiesen zu haben, dass der Einfluss des Rücken- marks auf den Blutumlauf grösser ist, als man vor ihm annahm. Aber seine Hypothese wird schwerlich den Ruhm behalten, der ihr in dem über seine Entdeckungen dem Französischen In- stitut abgestatteten Bericht ertheilt ist, dass erst durch sie die Genauigkeit und die strenge Logik in die Physiologie gebracht wären, denen die übrigen physischen Wissenschaften ihre grossen Fortschritte verdanken So sehr Le Gallois in jenem Bericht erhoben ist, so tief Drittes Drittes Kapitel. Speise und Trank. Aufnahme, Verähn- lichung und Aneignung desselben . §. 1. Nothwendigkeit der Speise und des Tranks für den thierischen Körper. D ie Pflanzen sind im Stande, sich blos durch Einsaugung der atmosphärischen Luft und des Wassers tief ist Haller darin herabgesetzt. Diesem werden in Betreff seiner Theorie der Bewegung des Herzens auffallende Widersprüche vorgeworfen, die das Lesen dessen, was er darüber sagt, ermüdend machen sol- len. “Allenthalben”, heisst es dort, “ist Haller ’s „grosser Zweck, zu beweisen, dass die Bewegungen „des Herzens von der Nervenkraft unabhängig sind; „alle Thatsachen, alle Versuche und Beobachtungen, „die er anführt, haben diesen Zweck. Und doch „scheint er an mehrern Stellen zuzugeben, dass die „Nerven auf das Herz Einfluss haben.” ( Le Gal- lois a. a. O. p. 264). Kann der Verfasser des Be- richts wohl einen richtigen Begriff von dem Geist der Hallers chen Irritabilitätslehre gehabt haben? Wusste er denn nicht, dass nach dieser Theorie zu jeder Thätigkeit eines muskulösen Organs ausser dem Reitz S 4 Wassers bis auf einen gewissen Punkt auszubil- den. Aber der thierische Körper verliert durch das Ausathmen und durch die Hautausdünstung mehr an ponderablen Bestandtheilen, als er durch das Einathmen und durch die Hauteinsaugung ein- nimmt. Wir haben oben Kap. 1. §. 2. dieses Abschnitts. zweyer Respirations- versuche Reitz auch Reitzbarkeit gehört? Sahe er nicht, dass ihr zufolge der ungehinderte Einfluss der Nerven- kraft Bedingung der Reitzbarkeit in jedem Theil ist, dass aber die Nervenkraft nur auf die willkühr- lichen Muskeln, hingegen nicht auf die unwillkühr- lichen, und besonders nicht auf das Herz, als Reitz wirkt, und dass die Gemüthsbewegungen den Herz- schlag verändern, nicht indem sie das Herz reitzen, sondern indem sie die Reitzbarkeit erhöhen oder her- abstimmen? Man lese doch folgende Worte Hal- ler ’s: Si insita eorum organorum (cordis, intesti- norum etc.) vis est, cur accipiunt nervos? Ii nisi voluntatis imperia adferunt, quid agunt aliud? Pri- mo sensum adferunt, qui absque nervis nullus est. Adferunt etiam ex cerebro efficacia imperia, non vo- luntatis, sed legum, corpori animato scrip- tarum, quae volunt, ad certos stimulos certos nasci motus . (Elem. Phys. T. IV. L. 11. S. 3. §. 3. p. 516.). Ist der Sinn dieser Worte nicht der obige? Wer hier Dunkelheit findet, muss we- nigstens zugeben, dass Le Gallois ’s Hypothese, bey der man gar nicht einsieht, worin die Abhängig- keit des Herzens vom Nervensystem eigentlich be- steht, noch dunkeler ist. versuche gedacht, die Davy mit Mäusen unter Glasrecipienten anstellte. Diese beweisen die Wahrheit jener Behauptung. In dem einen Ver- such verzehrte eine gesunde Maus binnen 55 Mi- nuten von 15 Kubikzoll atmosphärischer, der Koh- lensäure beraubten Luft 0,4 Kubikzoll Stickgas und 2,6 Kubikzoll Sauerstoffgas, und hauchte da- gegen 2 Kubikzoll kohlensaures Gas wieder aus. Setzt man nun mit Lavoisier das Gewicht eines Kubikzolls Stickgas = 0,444, das eines K. Z. Sauer- stoffgas = 0,506, und das Gewicht eines gleichen Volumens kohlensauren Gas = 0,689, so wird sich die Menge der verzehrten Luft gegen die des er- zeugten kohlensauren Gas wie 1,4 zu 1,3 verhal- ten. Ausser dem kohlensauren Gas wurden aber auch Wasserdämpfe entbunden, deren von Davy nicht untersuchtes Gewicht ohne Zweifel weit be- trächtlicher als 0,1 war. Dasselbe Resultat ergiebt sich aus Davy ’s zweitem Versuch. Hier verzehrte eine Maus von 10,5 Kubikzoll Sauerstoffgas und 3 K. Z. Stickgas binnen fünf Viertelstunden 2,1 K. Z. Sauerstoffgas und 0,4 K. Z. Stickgas, wofür 1,7 K. Z. kohlensauren Gas entstanden war. In diesem Falle verhielt sich also das Gewicht des verzehrten Sauerstoffgas und Stickgas gegen das Gewicht des erzeugten kohlensauren Gas wie 1,2 zu 1,1. Geringer ist zwar das Gewicht des ausge- hauchten kohlensauren Gas gegen das des ver- S 5 zehrten zehrten Sauerstoffgas und Stickgas bey den Thie- ren der niedern Classen. In einem von Spallan- zani ’s Versuchen zehrte eine Helix nemoralis in atmosphärischer Luft 20 Theile Sauerstoffgas nebst 5 Theilen Stickgas auf, und entband dafür 7 Theile kohlensauren Gas. In einem zweyten Versuch wurden von einer Helix nemoralis in atmosphä- rischer Luft 16 Theile Sauerstoffgas nebst 3 Thei- len Stickgas verbraucht, und 5 Theile kohlensau- ren Gas ausgeleert Spallanzani Mém. sur la respirat. p. 161. . Im erstern Fall verhielt sich das Gewicht der verzehrten Luft zu dem der ausgeleerten wie 12,3 zu 4,8, im zweyten Fall wie 9,4 zu 3,4. Hier übersteigt, wie man sieht, die Einnahme an gasförmigen Stoffen bey weitem den Verlust. Eben deswegen können die Thiere der niedern Classen weit länger als die der höhern sich blos von Luft erhalten, und blos in dieser sogar an Gewicht zunehmen, wie Sorg ’s oben Kap. 1. §. 2. dieses Abschn. erzählte Erfahrung beweist, nach welcher eine Aranea Diadema in 78 Kubikzoll atmosphäri- scher Luft ohne alle weitere Nahrungsmittel bin- nen einem Monat an Schwere zugenommen hatte. Allein diese Fortdauer des Lebens bey der blossen Aufnahme gasförmiger Stoffe findet auch bey je- nen Thieren nicht in allen Perioden ihrer Exi- stenz statt. So ist zu vermuthen, und Sorg ’s Ver- Versuche In dessen Disquis. physiol. circa respirat. insector. et vermium. p. 62. Cap. 3. — Von atmosphärischer Luft, worin Raupen geathmet hatten, wurde die Lackmustinktur lebhaft geröthet, und Kalkwasser ab- sorbirte eine beträchtliche Menge derselben. Hinge- gen atmosphärische Luft, worin Puppen und auch verschiedene Schmetterlinge eingeschlossen gewesen waren, zeigte keine Wirkung auf jene Tinktur. begünstigen diese Muthmassung, dass die Thiere der Schmetterlingsfamilie wohl als Pup- pen, nicht aber als Raupen, der Atmosphäre mehr Sauerstoff und Stickstoff entziehen, wie sie ihr Kohlensäure zurückgeben. Spallanzani ’s erwähn- te Versuche beweisen übrigens nicht, dass die Schnecken mehr aus der Atmosphäre aufnehmen, als sie überhaupt excerniren, da bey diesen Er- fahrungen keine Rücksicht auf die wässrigen Dün- ste genommen ist, die von den Schnecken eben sowohl als von den Thieren der höhern Classen ausgeleert werden. Einige Thiere bedürfen also in allen, und ei- nige wenigstens in gewissen Perioden ihres Le- bens zur Fortdauer dieses Zustandes noch anderer Stoffe als derer, die sie blos aus der Atmosphäre schöpfen können; sie bedürfen mit Einem Wort auch der Speise und des Tranks. Die Aufnah- me, Verähnlichung und Aneignung dieser Mate- rien macht das aus, was wir im ersten Abschnitt dieses dieses Buchs die Ernährung im engern Sinn ge- nannt haben, und wovon im gegenwärtigen Ka- pitel die Rede seyn wird. §. 2. Nährende Beschaffenheit der verschiedenen Naturkörper. Die Nahrungsmittel der Zoophyten und Thiere sind vegetabilische und animalische Substanzen. Es giebt zwar mehrere Beyspiele von Thieren, die sich von mineralischen Substanzen zu nähren scheinen. Pallas fand in dem Darmcanal des Lumbricus echiurus blos einen sehr feinen Sand Neque, sagt Pallas , praeter hanc arenosam mate- riam unquam quidquam esculenti in dissectis copio- sissime lumbricis nostris inveni, credoque et hunc et innumeros alios vermes marinos, Nereides, Ser- pulas, Lumbricos cet. mera terra pingui nutriri. Pal- las Spicil. zoolog. Fasc. 10. p. 6. 7. , und Bonnet Insektologie. Uebers. von Goeze . Th. 2. S. 181. 221. bey den Regenwürmern der er- sten Art, woran er seine Reproductionsversuche machte, (Lumbricus variegatus?) den Darmcanal mit Erde angefüllt. Auch schien es diesem, dass solche Würmer, denen er Erde gegeben hatte, ab- geschnittene Theile geschwinder ersetzten, als diejenigen, die blos Wasser hatten. Beym Ju- lus terrestris besteht der Koth aus Sandkörnern. Doch frisst dieses Thier zugleich Fleisch und Zucker Zucker De Geer , Mém. pour servir à l’Hist. des Ins. T. 7. p. 582. . Bory de St. Vincent traf viele Exemplare des Pyrosoma atlanticum Peron . an, die inwendig Sand enthielten Voigt ’s Magaz. f. d. neuesten Zustand der Naturk. B. 9. St. 1. S. 12. . Nach Reau- mur Mém. pour servir à l’Hist. des Ins. T. V. P. 1. p. 14. 15. der OctavAusg. nähren sich die Larven verschiedener Ar- ten der Tipula von blosser Erde. Ich habe in dem Koth des Limax cinereus und der Helix Po- matia immer eine beträchtliche Menge Sand ge- funden. Home Philos. Transact. Y. 1802. P. 2. p. 348. traf in dem Nahrungscanal des Ornithorynchus Hystrix Sand an. Das mit dem Schnabelthier verwandte Schuppenthier Dahlmann , Abhandl. der Schwed. Akad. B. XI. S. 277. , und alle hühnerartige Vögel verschlucken Steine. Eine Menge anderer Thiere, in deren Nahrungscanal Sand oder Steine gefunden werden, erwähnt Hal- ler El. Phys. T. VI. L. 19. S. 3. §. 10. p. 214. S. 4. §. 6. p. 269. . Sogar von Völkerschaften giebt es Bey- spiele, die Erdarten und Steine verschlucken. Schon Gumilla Hist. nat. de l’Orenoque. p. 271. 282. erwähnt einer solchen Nation in in Südamerika. Von Humboldt Ansichten der Natur. B. 1. S. 142. fand am Oro- noko eine Völkerschaft, (vielleicht dieselbe, wo- von Gumilla erzählt,) welche die drey Monate hindurch, wo der Strom zu hoch ist, um Schild- kröten zu fangen, fast ganz von einer Erde lebt, die sie leicht brennt und befeuchtet. La Bil- lardiere Reise nach dem Südmeere. Th. 2. (Hamburg. 1801.) S. 147. sahe die Neucaledonier den Hunger mit einem grünlichen, weichen und zerreiblichen Speckstein stillen. Vauquelin Bulletin des sc. de la Soc. philomath. An. X. Nr. 55. , der diesen Stein untersuchte, fand darin Kalkerde, Kieselerde, Ei- senoxyd, etwas Kupfer und Wasser. Allein diese Beyspiele, so merkwürdig sie auch in anderer Rücksicht sind, beweisen doch nicht, dass irgend ein Thier oder Zoophyt sich blos von mineralischen Substanzen nährt. Die Säugthiere und Vögel, welche Steine und Sand verschlucken, thun dies, nach Harvey ’s De generat. animal. Exerc. 6. wahr- scheinlicher Vermuthung, um die Insekten und Körner, wovon sie sich nähren, vermittelst der- selben zu zerreiben. Bey den Würmern und In- sekten, in deren Darmcanal Sand angetroffen wird, würde dieser blos in dem Magen gefunden wer- den, den, in dem Darmcanal aber schon aufgelöst und dem thierischen Körper verähnlicht seyn müssen, wenn jene Thiere sich blos von demselben nährten. Bey allem dem ist es sehr wohl möglich, dass eine gewisse Quantität mineralischer Mate- rie dem thierischen Körper zur Nahrung dienen kann. Wenigstens aufzulösen vermag dieser selbst die härtesten Steine. Nach einer von Blumen- bach Handb. der vergl. Anat. S. 149. angeführten Beobachtung F. Plater ’s war ein Onyx, den eine Henne verschluckt hatte, nach vier Tagen um den vierten Theil kleiner ge- worden. Dass einige Völker ihren Hunger mit Mi- neralien stillen, lässt sich auch nicht wohl erklä- ren, wenn man nicht etwas Nährendes in diesen Substanzen annimmt. La Billardiere ’s und Vauquelin ’s Behauptung, jene Steinarten dienten blos, um das Gefühl des Hungers durch Füllung des Magens abzustumpfen, ist deswegen nicht wahrscheinlich, weil blosse Ausdehnung des Ma- gens den Hunger nicht zu betäuben vermag. Dieser ist nicht blosse Empfindung von Leerheit des Magens, sondern ein Gefühl des Bedürfnisses zum Ersatz der Kräfte. Nur excitirende und nar- kotische Mittel können dieses Gefühl auf einige Zeit unterdrücken, nicht aber Dinge, die den Magen blos auf eine mechanische Art anfüllen. §. 3. §. 3. Aufnahme der Nahrungsmittel. Stadien der Ernährung. Ausser vegetabilischen und animalischen Stof- fen nimmt jeder thierische Körper auch Wasser als Nahrungsmittel auf, und zwar, wie schon im zweyten Buche dieses Werks Biol. Bd. 2. S. 456. bemerkt ist, desto mehr, je niedriger die Stufe der Animalität ist, worauf er sich befindet. Das Organ, wodurch diese Aufnahme vorzüglich geschieht, ist die gan- ze äussere Fläche des Körpers. Unaufhörlich ab- sorbirt die äussere Haut nicht nur den Sauerstoff und einen Theil des Stickstoffs der Atmosphäre, sondern auch den in der Luft enthaltenen Was- serdunst. Bey dem Menschen erhellet diese Ein- saugung daraus, weil manche blos äusserlich angewandte Arzneymittel in die Masse der Säfte übergehen, und mit dem Harn, Schweiss, oder Speichel wieder ausgeleert werden, und weil in der Harnruhr oft eine lange Zeit hindurch täglich mehr Urin abgeht, als der Kranke an Speisen und Getränken zu sich nimmt, und als die ganze Quantität seiner Säfte ausmacht Haller El. Phys. T. V. L. 12. S. 2. §. 20. p. 85. . Deutlicher und auffallender aber zeigt sich diese Inhalation bey den Thieren der niedern Classen. Die Die Amphibien aus der Familie der Frösche trinken nicht. Dagegen besitzt ihre Haut ein de- sto stärkeres Absorbtionsvermögen. Sie magern im Trocknen sehr schnell ab, erhalten aber in einem feuchten Medium eben so bald ihr voriges Volumen wieder. Oft saugen sie eben so viel Wasser ein, wie ihr ganzes Gewicht beträgt, und zwar geschieht diese Absorbtion blos mit der un- tern Fläche des Körpers Townson Observ. physiol. de amphib. P. 2. p. 21. . Eine Helix nemoralis L., die man unter Was- ser ersticken lässt, saugt während ihrem Aufent- halt in diesem Element eine beträchtliche Menge desselben ein. Sie verliert dasselbe aber nach zwölf bis funfzehn Stunden, und kömmt zu ih- rem vorigen Gewichte zurück, wenn man sie der Luft aussetzt Spallanzani Mém. sur la respirat. p. 137. §. 13. . Viele Eingeweidewürmer ziehen, wenn man sie aus ihrem Wohnort unmittelbar ins Wasser bringt, eine so grosse Menge Flüssigkeit durch die Oberfläche ihres Körpers ein, dass ihre Runzeln sich entfalten und dass sie oft bis zum Platzen ausgedehnt werden Zeder ’s Anleitung zur Nat. Gesch, der Eingeweide- würmer. §. 20. 47. . Es IV. Bd. T Es giebt vielleicht unter den infusorischen Zoophyten manche, die sich blos durch diese Haut- absorbtion nähren. Vielleicht gehören dahin auch die Riemenwürmer (Ligula), an welchen sich gar keine äussern Organe entdecken lassen Biol. Bd. 1. S. 393. . Aber alle mehr zusammengesetzte thierische Organis- men nehmen durch eine oder mehrere Oeffnungen ihres Körpers Nahrungsmittel aus dem Thier- und Pflanzenreiche auf. Bey den meisten giebt es nur einen einzigen Mund, und da, wo mehrere sol- cher Oeffnungen vorhanden sind, vereinigen sich doch die aus ihnen entspringenden Canäle zu ei- nem einzigen Behälter. Durch mehr als Einen Mund nähren sich auf die einfachste Art die Rhizostomen, die ohngefähr achthundert Oeffnungen haben, vermittelst wel- cher sie das Meerwasser aufnehmen, die Hydati- den, und einige andere mit Saugwarzen oder Saug- blasen versehene Eingeweidewürmer Biol. Bd. 1. S. 393. 394. 409. . Wenn es wirklich Zoophyten giebt, die sich blos von den Flüssigkeiten erhalten, welche sie durch die Oberhaut einsaugen, so sind jene die nächsten Verwandten derselben. Bey den Rhizostomen gelangt der aufgenom- mene Nahrungssaft durch Canäle, die sich unter einander verbinden, in einen gemeinschaftlichen Behäl- Behälter, aus welchem derselbe durch andere sich zerästelnde Canäle im Körper weiter vertheilt wird. Eben diese Struktur finden wir bey den meisten Eingeweidewürmern. Nur die Kratzer (Echinorynchus), deren Nahrung in zwey blinde, frey im Körper herabhängende Canäle gelangt, ma- chen hiervon eine Ausnahme. Die einfachste Ernährungsart durch einen ein- zigen Mund treffen wir bey den Hydern, After- polypen (Brachionus) und Vorticellen an. Der Armpolyp nährt sich von kleinen Wasserthieren. Er ergreift diese mit seinen Fangarmen. Der sack- förmige Behälter, woraus sein Körper grössten- theils besteht, öffnet sich und nimmt die Beute auf. Kaum ist sie verschlungen, so wird sie schon verändert; sie verwandelt sich in eine homogene Masse, und verliert dabey immer mehr von ih- rem Volumen; endlich öffnet sich der Mund des Polypen wieder, und ein Theil der aufgenom- menen Speise wird auf eben dem Wege, worauf er in den Magen der Hyder gekommen ist, aus- geleert. Diese schnelle Auflösung dessen, was in den letztern gelangt ist, geht sogar dann vor sich, wenn, wie nicht selten der Fall ist, die verschlun- genen Thiere lange Würmer sind, die der Magen nur zur Hälfte fassen kann. Die eine Hälfte sucht dann oft noch zu entfliehen, indem die an- dere schon verdauet ist. Ja, der Polyp ist auch T 2 im im Stande, mit seiner äussern Fläche zu ver- dauen. Man kann ihn umstreifen, und die in- nere Fläche seines Magens zur äussern machen, und doch erfolgen die erwähnten Phänomene noch eben so wie zuvor. Auf eine eben so einfache Art muss die Er- nährung bey dem Pyrosoma atlanticum Peron . vor sich gehen, einem Zoophyt, das blos aus ei- nem an dem einen Ende verschlossenen, an dem andern offenen, an dieser Oeffnung mit einem Ringe dicker Hervorragungen versehenen, und auf der innern Fläche mit einem zarten Netz von Gefässen bekleideten Sack besteht Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 4. p. 445. . Denkt man sich mehrere zu einem einzigen Stamm verbundene und mit ihren Darmsäcken in einen gemeinschaftlichen Behälter sich öffnende Armpolypen, so hat man das Bild einer Thier- pflanze aus der Familie der Seefedern. Hier giebt es eine Menge Oeffnungen zur Aufnahme der Speisen, wie bey den Rhizostomen; aber jeder Mund ist eine nicht blos zum Einsaugen von Flüssigkeiten organisirte, sondern mit Fangarmen umgebene Oeffnung, durch welche feste Nah- rungsmittel aufgenommen werden. Bey Pennatula Cynomorium Pall . ist der Schaft allenthalben mit Organen besetzt, welche eben so vielen Armpo- lypen gleichen. Den Mund jedes dieser Organe umge- umgeben acht kegelförmige, sägeförmig ausge- zahnte Fangarme, und der Magen endigt sich in fünf dünne, gelbliche, geschlängelte Därme, wel- che nicht völlig bis zum letzten Drittel der Länge des Organs hinabreichen, sich dann in fünf noch feinere Gefässe verlängern, in die Substanz des Stamms der Seefeder eindringen, und mit den von den übrigen Organen kommenden Gefässen zu einem gemeinschaftlichen Netz anastomosiren, wodurch der Nahrungssaft im ganzen Körper ver- breitet wird Cuvier , Bulletin des sc. de la Soc. philomath. No. 78. . Aus diesen von den untersten Stufen der Organisation hergenommenen Beyspielen erhellet, dass jede, und selbst die einfachste thierische Er- nährung vier Stadien hat: Das Stadium der Auf- nahme der Speise; das der Verähnlichung derselben; das der Aneignung des Assimilirten, und das der Ausleerung dessen, was dem Or- ganismus unbrauchbar ist. Es könnte scheinen, dass das letztere Stadium bey einigen Thieren oder Zoophyten fehle. Allein wenn auch bey vielen keine sichtbare Exkre- tionen vorhanden sind, so ist doch nicht zu zwei- feln, dass bey allen eine mit der Nutrition in Be- ziehung stehende Ausleerung gasförmiger Stoffe durch T 3 durch die Haut und die Respirationsorgane statt findet. Ernährung und Athemholen stehen in en- ger Verbindung. Wo mehrere Theile ein gemein- schaftliches Ganzes ausmachen und sich wechsel- seitig ernähren, da findet eine gemeinschaftliche Respiration statt. Dies ist der Fall bey den See- federn, welche dergestalt Athem holen, dass sie durch das untere Ende ihres Stamms Wasser ein- ziehen und wieder aussprützen Biol. Bd. 1. S. 409. . Ohne diese gemeinschaftliche Respiration würden jene Zoo- phyten blosse Aggregate von Polypen seyn. Nach Sorg ’s Disq. physiol. circa respirat. etc. p. 136. Beobachtungen ziehen sich bey Insekten, die wohl genährt sind und eine Zeit lang geruhet haben, die beyden mittlern Paare der Stigmate, also gerade die, durch welche das Hauptorgan der Ernährung, der Magen, mit Luft versorgt wird, am kräftigsten zusammen. Eben diesem Schriftsteller zufolge Ibid. p. 16. 27. 81. 82. sterben wohl- genährte Thiere schneller in mephitischen Gas- arten, als solche, die vor dem Einschliessen ge- hungert haben, woraus erhellet, dass das Bedürf- niss des Athemholens mit der Menge der zu assi- milirenden Materie in Verhältniss steht. Es ist ferner eine von Spallanzani A. a. O. p. 230. an der Helix ne- moralis, moralis, lusitanica und itala L. gemachte Bemer- kung, dass statt einer Verminderung eine Zunah- me des Stickstoffs der geathmeten Luft eintritt, wenn die Thiere reichlich und mit Begierde ge- fressen haben. Auch nahm Sorg A. a. O. p. 161. wahr, dass nach einer reichlichen Mahlzeit eine grosse Menge kohlensauren Gas erzeugt wird, hingegen Thiere, die eine Zeit lang gehungert haben, nur eine ge- ringe Quantität desselben ausathmen. Alle diese Beobachtungen führen auf den Schluss, dass die Verdauung immer von einer Ausleerung gewisser Gasarten begleitet ist, einer Exkretion, die so allgemein ist, wie die Hautausdünstung und das Athemholen. §. 4. Nahrungsmittel der verschiedenen Thiere. Die Art der Ernährung steht nicht immer mit den verschiedenen Classen und Familien der leben- den Organismen in genauer Beziehung. Die Thiere lassen sich in dieser Hinsicht unter drey grössere Abtheilungen bringen. Zur ersten gehören die- jenigen, die sich blos von thierischen Substanzen nähren; zur zweyten die, welche blos vegetabi- lische Stoffe zu sich nehmen, und zur dritten die, deren Nahrungsmittel sowohl vegetabilischer, als animalischer Art sind. Jede T 4 Jede dieser Abtheilungen hat wieder mehrere Unterordnungen. Auf eine andere Art geschieht die Ernährung bey denen Thieren, die sich von Fleisch nähren; anders ist sie bey denen, die harte Crustaceen und Insekten unzermalmt ver- schlucken, und noch anders bey denen, deren Nahrung blos in thierischen Säften besteht. Eben so unterscheiden sich die pflanzenfressenden Thiere in solche, die weiche vegetabilische Theile ver- zehren; in solche, die Körner oder Insekten ver- schlucken, und in solche, die vegetabilische Flüs- sigkeiten einsaugen. Nur wenig Thiere gehören aber einer dieser Ordnungen ausschliesslich an. Die meisten ste- hen zwischen mehrern Ordnungen in der Mitte, indem sie sich bald mehr zu dieser, bald mehr zu jener Nahrungsweise neigen. Durch die Noth gezwungen gehen sogar manche aus einer Ord- nung in die andere über. Dies ist z. B. häufig der Fall mit den Rindern und Pferden. Schon Herodot und Strabo erzählen von Asiatischen Völkern, die ihre Ochsen und Kühe mit Fischen fütterten. Eben dies geschieht noch jetzt in eini- gen Gegenden von Irland Buffon Hist. nat. Quadrup. T. 8. p. 75. der Octav- Ausg. . Im südlichen Afrika fressen die Ochsen als Gegenmittel gegen die scharfen Säfte der Salzpflanzen, wovon sie sich dort dort zu nähren gezwungen sind, Lumpen, Felle, trocknes Leder, Knochen, ja Kieselsteine, Sand, und ihren eigenen Mist Barrow ’s Reise im südl. Afrika. S. 98. . Etwas Aehnliches er- zählen Schöpf Reise durch die vereinigten Nordamerikan. Staaten. und Hearne Reise nach dem nördl. Weltmeere. A. d. Engl. von Sprengel . S. 170. von den Pfer- den einiger Gegenden von Nordamerika. Hearne A. a. O. sahe auch bey den Nordamerikanischen Wilden ge- zähmte Biber, die Rebhühner und frisches Wild- pret gerne frassen. Noch eine Menge anderer Beyspiele der Art hat Haller El. Physiol. T. VI. L. 19. S. 3. §. 10. p. 214. 215. gesammelt. Es ist daher keine scharfe Trennung der Thiere und Zoophyten nach der Verschiedenheit ihrer Nahrungsmittel möglich. Wenn also in den folgenden Bemerkungen von fleisch-, körner-, oder insektenfressenden Thieren die Rede seyn wird, so ist darunter nicht zu verstehen, dass sich diese ausschliesslich von jenen Substanzen nähren, son- dern nur, dass jene Materien vorzüglich ihre Nah- rung ausmachen. Der Mensch hat den Vorzug vor den meisten übrigen Thieren, dass er an kein Nahrungsmittel gebunden ist. Es giebt ganze Völker, die blos von T 5 von Fleisch leben; es giebt andere, die sich blos von Vegetabilien nähren. Er ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von den Affen, die sich vorzüglich von Vegetabilien nähren und nur, wenn ihnen Pflanzenkost fehlt, sich an thierischen Nahrungsmitteln, besonders an Insekten, sättigen. Fleisch von vierfüssigen Thie- ren fressen die meisten Affen entweder gar nicht, oder nur wenn es gekocht ist, und auch gegen gekochtes Fleisch haben manche einen Wider- willen. Die Makis nähern sich schon mehr den ei- gentlichen fleischfressenden Thieren. Der Mon- goz (Lemur Mongoz) frisst Früchte. Der Benga- lische Lori (Lemur tardigradus) nährt sich eben- falls von Früchten, aber noch lieber von Insek- ten, Eyern und Vögeln. Früchte, Wurzeln und Insekten sind auch die Nahrungsmittel der meisten, zur Familie der Faulthiere gehörigen Arten. Die eigentlichen Faulthiere (Bradypus didactylus und tridactylus) und die meisten Gürtelthiere nähren sich von Pflanzen Dass die Gürtelthiere Melonen, Bataten und andere Früchte oder Wurzeln fressen, sagt Buffon (A. a. O. T. 4. p. 139.), und sein Zeugniss wird durch Beob- achtungen unterstützt, die er selber an einem Gürtel- thier , die Ameisenbären (Myrmecophaga), Schup- Schuppenthiere (Manis), und vermuthlich auch das Schnabelthier (Ornitorynchus) von kleinen In- sekten, besonders Ameisen, der Orycteropus Geoffr . von Ameisen und Wurzeln. Vorzüglich von Insekten nähren sich auch die meisten kleinern Arten der Fledermäuse. Doch ist dieses Thiergeschlecht den eigentlichen Carni- voren schon verwandter, als eines der vorhin er- wähnten. Unter den grössern Fledermäusen, die oben und unten vier Schneidezähne haben, giebt es wahre fleischfressende Thiere. Von den zur Hundefamilie gehörigen Thieren giebt der Bär ein auffallendes Beyspiel, wie ver- schieden oft sehr verwandte Thiere, und sogar blosse Varietäten, in ihrer Nahrungsweise sind. Der Europäische Landbär hat zwey Spielarten, eine, die fast blos von Vegetabilien lebt, und eine, die sehr begierig auf Fleisch ist. Beyde Varietäten hat man bisher blos nach der Farbe und thier gemacht hatte. Azara ’s entgegengesetzte Be- hauptung (in dessen Quadrup. de la province du Pa- raguay. T. 2. p. 126.) hat keine als theoretische Grün- de für sich, und kann also jenes Zeugniss nicht um- stossen. Möglich ist es indess, dass einige Arten der Gürtelthiere mehr fleischfressend, andere mehr pflan- zenfressend sind. So frisst der Dasypus sexcinctus L. ausser Früchten, Wurzeln und Insekten, auch kleine Vögel. ( Buffon a. a. O. T. 4. p. 122.). und Grösse unterschieden. Diese Kennzeichen sind aber gewiss nicht zureichend. Klein und Rcaczinsky geben die pflanzenfressende Art für schwarz und für die grössere, die fleischfressende aber für braun und für die kleinere aus. Hearne A. a. O. S. 49. sagt ebenfalls, dass es in Nordamerika der schwar- ze Bär ist, der im Sommer, wenn die wilden Beeren reif sind, diese Früchte so übermässig verschlingt, dass er täglich eine grosse Menge der- selben unverdauet wieder von sich giebt. Worm hingegen beschreibt die erstere Art als braun und als die grössere, die letztere als schwarz und als die kleinere. Vermuthlich unterscheiden sich diese Varietäten durch andere, noch unbemerkte Cha- raktere. Auf jeden Fall aber sind sie so nahe ver- wandt, dass sie sich schwerlich für etwas mehr als blosse Spielarten annehmen lassen. Von den übrigen Bärenarten gehört der Eisbär ganz zu den fleischfressenden Thieren Pallas Spicil. zoolog. Fasc. 14. p. 9. . Der Amerika- nische Bär nähert sich wieder mehr den pflan- zenfressenden Thieren, obgleich er wohl nicht, wie Du Pratz Hist. de la Louisiane. T. 2. p. 77. sagt, sich blos von Vegetabi- lien nährt, sondern, nach Brickell Nat. Hist. of North-Carolina. p. 110. , auch von Fischen lebt. Nach Hearne A. a. O. S. 96. giebt es im nörd- lichsten lichsten Theile von Amerika noch eine Bärenart, die vorzüglich kleine Eichhörnchen und Mäuse liebt, und grosse Strecken Landes in Furchen aufwühlt, um sich diese Lieblingskost zu ver- schaffen. Jener von Dupratz und Brickell er- wähnte Bär ist vielleicht von dieser Art noch ver- schieden. Rein fleischfressende Thiere sind die sämmt- lichen Arten des Katzengeschlechts. Blos die Haus- katze frisst zum Theil auch Pflanzen. Alle übrige Thiere dieses Geschlechts rühren aber, selbst in der Gefangenschaft, keine Vegetabilien an. Zwar sollen, nach de la Borde ’s Versicherung Bey Buffon . A. a. O. T. 9. p. 38. , der Jaguar und Couguar junge Zweige und Knospen fressen. Allein Azara A. a. O. T. 1. p. 150. widerspricht geradezu dieser unwahrscheinlichen, von keinem andern glaubwürdigen Zeugniss unterstützten Erzählung. Nächst den Katzen nimmt das Hundegeschlecht in der Reihe der fleischfressenden Thiere die erste Stelle ein. Durch zwey Arten, den Fuchs und den Haushund, nähert sich dieses jedoch schon wieder den pflanzenfressenden Thieren. Der Fuchs liebt bekanntlich Früchte, besonders Weintrauben. Der Hund lässt sich an blosse Pflanzenkost ge- wöhnen, obgleich er im Zustande der Wildheit ein eben so reissendes Thier wie der Wolf ist. Noch Noch mehr als der Fuchs und der Haushund le- ben von gemischter Nahrung die Viverren, Wie- sel (Mustela), Ottern (Lutra), Robben (Phoca), Dachse (Meles) und Beutelthiere (Didelphis), am meisten aber die Maulwürfe (Talpa), Spitzmäuse (Sorex) und Igel (Erinaceus). Einige dieser fleischfressenden Thiere genie- ssen blos frische animalische Substanzen; andere ziehen faulendes Fleisch vor. Das Erstere thun alle Katzenarten, die meisten Viverren und Wie- sel. Viele dieser Thiere würgen blos des frischen, warmen Bluts ihrer Schlachtopfer wegen. Das Letztere geschieht von den meisten Arten des Hundegeschlechts, besonders der Hyäne, dem Cha- kal und dem Wolf. Die vegetabilischen Nah- rungsmittel der hundeartigen Thiere bestehen meist in Wurzeln und Früchten. Gras und Kräuter fressen blos die Ottern. Die gemeine Otter nährt sich im Frühling von jungem Grase, die See- otter von Meergras. Von der letztern bemerkt aber Steller Beschreibung sonderbarer Meerthiere. S. 199. ausdrücklich, dass sie nur dann zum Meergrase ihre Zuflucht nimmt, wenn ihr Seekrebse, Mollusken und Fische fehlen, die ihre gewöhnliche Nahrung ausmachen. Die Nagethiere bilden in Hinsicht auf ihre Nahrungsweise zwey Reihen, von denen die eine mehr den rein fleischfressenden Thieren, die an- dere dere mehr den blossen Herbivoren verwandt ist. Zur erstern gehören vorzüglich die mäuseartigen Thiere (Marmota, Spalax, Lemmus, Cricetus, Mus, Glis). Einige, z. B. die Waldmaus (Mus sylvaticus) und der Hamster (Cricetus germanicus), sind wahre Raubthiere. Alle diese mäuseartigen Thiere haben dabey dies mit den Thieren der Hundefamilie gemein, dass ihre vegetabilischen Nahrungsmittel meist in Saamen, Früchten oder Wurzeln, seltener in Blättern und andern weni- ger nahrhaften Pflanzentheilen bestehen. Unter ihren Pflanzenspeisen giebt es einige, die für den Menschen heftige Gifte sind. So frisst der Lem- mus Oeconomus die Wurzeln einer giftigen Art von Fingerhut und Anemone Pallas Novae species quadrup. e glirium ord. Ed. 2. p. 229. . Keines dieser Nagethiere nährt sich aber ausschliesslich von ge- wissen Thier- oder Pflanzenarten. Die Nahrungs- mittel der Ratze sind so verschieden, als die Pro- dukte der sämmtlichen Welttheile, worüber sich diese Mäuseart verbreitet hat. Auf den Societäts- inseln leben sie zum Theil von den Blumen und Schoten der Erythrina Corallodendron R. Forster bey Buffon . A. a. O. T. 14. p. 67. . Nagethiere, die sich mehr den Herbivoren nähern, sind vorzüglich die Hasen, und nächst diesen die Stachelschweine, Savien, Eichhörner, Spring- Springhasen (Jaculus) und Bieber. Die Hasen sind blos Herbivoren, und, wie in mehrern an- dern Stücken, so auch darin den Rindern-ver- wandt, dass sie Blätter, Zweige und Rinden fres- sen. Merkwürdig aber ist es, dass, so sehr sie auch sonst Herbivoren sind, doch die Weibchen derselben den Mutterkuchen nebst dem Nabel- strang ihrer Jungen verzehren Ein Beyspiel giebt Lepus pusillus. Pallas l. c. p. 36. . Die Stachel- schweine und Savien scheinen ebenfalls blos Her- bivoren zu seyn. Das Wasserschwein (Savia Ca- pybara) ist zwar nach Buffon Buffon a. a. O. T. 5. p. 372. , so wie der Coen- dou (Hystrix brachiura Linn . Syst. Nat. Ed. X.), nach Piso und Marggraf , fleischfressend. Allein Azara ’s Beobachtungen A. a. O. T. 2. p. 13. 19. 107. beweisen, dass beyde Thiere pflanzenfressend sind. Piso ’s und Marg- graf ’s Zeugniss verdient auch gar keinen Glau- ben, da diese offenbar ein anderes Thier mit dem Coendou zusammengeworfen haben. Doch giebt es ein Alles fressendes Thier unter den Savien, die Savia Aguti Azara a. a. O. T. 2. p. 26. . Mehr fleischfressend sind die Eichhörner, die zuweilen junge Vögel überfallen, die Springhasen, die begierig auf Fleisch sind Pallas l. c. p. 290. . und und auch die Biber, wenn es wahr ist, was Buffon A. a. O. T. 3. p. 46. 50. sagt, dass diese nicht nur Baumrin- den, sondern auch Fische und Krebse fressen. Die Nagethiere haben noch das Eigene, dass sie sehr wenig trinken, und dass viele ihren eige- nen Urin begierig auflecken. Sulzer Versuch einer Nat. Gesch. des Hamsters. erzählt dies vom Hamster, und Pallas Pallas l. c. p. 103. 105. 134. 290. von dem Bo- bak (Marmota Bobac), dem Souslik (Marmota Ci- tillus) und der Springmaus (Jaculus Jerboa). Der Bobak säuft niemals Wasser, wenn es ihm auch vorgesetzt wird; der Souslik hingegen trinkt nur seinen Urin, wenn er kein Wasser hat. Jener aber nährt sich von Vegetabilien, und verschluckt sehr begierig fette Erde, die vom Regen ange- feuchtet ist; dieser hingegen ist fleischfressend. Der Hase macht, wie in seinem Bau, so auch in seiner Nahrungsweise, den Uebergang von den Nagethieren zur Familie der Rinder. Gleich ihm leben alle Thiere dieser Familie blos von Vegeta- bilien. Die meisten sind dabey sehr begierig auf Salz, dessen Genuss die Absonderung des Fetts bey ihnen befördert. Der Alpensteinbock leckt beständig an Steinen, die Salztheile enthalten. Es giebt Felsen in der Schweitz, die an einigen Stel- len IV. Bd. U len von diesem Lecken ganz ausgehöhlt sind Gesner Hist. quadrup. p. 292. . In Südamerika, auf der Nordseite des Plata- flusses, sind alle Rinder, und auch andere gras- fressende Thiere so begierig auf Salz, dass sie sich selbst durch Schläge vom Auflecken einer ge- wissen salzigen Erdart nicht abhalten lassen, wenn sie dieselbe lange haben entbehren müssen, und in einigen der dortigen Gegenden lässt sich gar kein Vieh ohne Salz aufziehen. Wahrscheinlich ist eine eigene Mischung der dortigen Gräser die Ursache dieser Nothwendigkeit des Salzes Voyage dans l’Amérique méridion. par F. d’Azara . T. 1. p. 55. . Von Pflanzen leben auch alle Arten der Schwei- nefamilie. Nur das gemeine Schwein ist auch im wilden Zustande ein Alles fressendes Thier. Ein von Allemand Bey Buffon . A. a. O. T. 10. p. 30. beschriebener Tapir, der in Holland herumgeführt wurde, frass ebenfalls al- les, was man ihm vorwarf, Wurzeln, Fische, Fleisch, und, wenn er hungrig war, sogar seine eigenen Exkremente. Vielleicht aber war dieses Thier nur in der Gefangenschaft an gemischte Nahrung gewöhnt worden. Wenigstens stimmen alle, die den Tapir in seinem Vaterlande zu be- obachten Gelegenheit gehabt haben, darin überein, dass er im Zustande der Wildheit blos von Ve- getabilien lebt. Von Von vegetabilischen Substanzen, und nament- lich von Tangen (Fucus), nähren sich ferner alle Arten von Seekühen. Nur das Wallross (Rosma- rus), dessen Bau auch von der Struktur der übri- gen Seekühe beträchtlich abweicht, lebt zugleich von Schaalthieren, die es mit seinen langen Eck- zähnen von den Felsen losstösst, und macht den Uebergang zu den übrigen Cetaceen, die insge- sammt Raubthiere sind, und sich von Fischen, Crustaceen und Mollusken nähren Beyträge zur Nat. Gesch. der Wallfische. Uebers. von Schneider . Th. 1. S. 56. . Die Vögel zeigen ähnliche Verschiedenheiten in der Nahrungsweise wie die Säugthiere. Die Fa- milie der Habichte enthält blos fleischfressende Thiere, die der Strausse, Hühner und Sperlinge meist pflanzenfressende Arten; die Vögel der übri- gen Familien nähren sich theils mehr von Fleisch, theils mehr von Vegetabilien. Es giebt aber kei- nen pflanzenfressenden Vogel, der nicht auch In- sekten und Würmer frässe. Die Raubvögel hin- gegen nehmen nicht so leicht zu vegetabilischen Nahrungsmitteln ihre Zuflucht, wenn ihnen ani- malische Kost fehlt, und lassen sich nicht leicht an Pflanzenspeisen gewöhnen. Doch leidet dieser Satz auch Ausnahmen. So sind die Möven (La- rus) die Raubvögel des Meers. Sie haben dabey so U 2 so viel Aehnlichkeit im Aeussern mit den Geyern, dass man vermuthen sollte, auch ihre Ernährungs- organe müssten mit denen der letztern überein- kommen. Aber ihr Nahrungscanal gleicht ganz dem der Eulen, und sie lassen sich leicht gewöh- nen, blos von Körnern zu leben F. Cuvier , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XI. p. 283. . In den niedern Thierclassen werden die blos pflanzenfressenden Arten immer seltener. Unter den Amphibien, den Fischen, denjenigen Mollus- ken und Würmern, welche Bewohner der Ge- wässer sind, und allen Zoophyten giebt es wohl nicht eine einzige Art, die nicht entweder blos von thierischer, oder wenigstens von gemischter Kost lebt. Manche dieser Thiere, deren Nahrung man für vegetabilisch hielt, haben sich bey nä- herer Untersuchung als fleischfressend gezeigt. So fand J. F. Meckel Beyträge zur vergl. Anatomie. B. 1. H. 1. S. 13. im Magen der Thetis leporina, die Bohadsch für pflanzenfressend hielt, jedesmal kleine Squillen. Nur die Classe der In- sekten macht von jenem Satz eine Ausnahme und enthält, wo nicht mehr, doch eben so viel blos pflanzenfressende, als fleischfressende Arten. In ihr findet man auch, was man in keiner andern Classe antrifft, eine Menge Thiere, die an eine einzige Pflanzenart gebunden sind und keine an- dern Gewächse als diese anrühren. Die Raupen geben geben hiervon ein Beyspiel. Die Insekten, und besonders die pflanzenfressenden Arten, sind aber diejenigen Thiere, die allen übrigen zur Nah- rung dienen. Sie scheinen daher die erste Stufe des Uebergangs der vegetabilischen Mischung zur animalischen auszumachen, und die Pflanzensub- stanz für das übrige Thierreich zu assimiliren. Ihre Organisation hat auch etwas Pflanzenartiges. Sie haben, wie die Gewächse, keinen regelmässi- gen Kreislauf der Säfte; sie haben, gleich diesen, Tracheen, die sich im ganzen Körper verbreiten, und sie erzeugen eine bey keinen andern Thie- ren vorkommende Säure, die Ameisensäure, die, wo nicht einerley, doch nahe verwandt mit der vegetabilischen Essig- und Aepfelsäure ist. Die Thiere der niedern Classen verzehren im Allgemeinen weit mehr als die der höhern. In dem Magen eines Hayfisches fand Barrow Reise nach Cochinchina. Uebers. von Ehrmann . S. 210. einen Kopf von einem Büffel, ein ganzes, noch unversehrtes Kalb, eine zahllose Menge von Ein- geweiden und Knochen, und grosse Stücke von der Schaale einer ziemlich grossen Schildkröte. Eine ähnliche Gefrässigkeit findet man bey keinem Säugthier, als etwa bey dem Caschelot, der ganze Hayfische verschlingen soll, der aber auch zu den Mittelgliedern zwischen den Säugthieren und Fischen U 3 Fischen gehört. Unter den Amphibien giebt es viele, die ebenfalls eine unglaubliche Menge Nah- rungsmittel verschlucken, und merkwürdig ist es, dass diese Thiere nach einer solchen reichli- chen Mahlzeit immer in eine Art von Erstar- rung gerathen Barrow a. a. O. S. 256. — Azara Voyages dans l’Amérique méridion. T. 1. p. 226. 230. . Mehrere Insekten, besonders die Raupen, fressen unaufhörlich. An der Pla- norbis Purpura Müll . (Helix cornea L.) habe ich bemerkt, was meines Wissens bisher unbeachtet gewesen ist, dass sie beständig den Mund ab- wechselnd öffnet und verschliesst, um Nahrung aufzunehmen. Das Buccinum palustre Müll . (He- lix palustris Gmel .) macht ebenfalls diese Bewe- gungen mit dem Munde, doch in längern Zwi- schenräumen. Bey diesen Schneckenarten scheint das Athmen eine willkührliche, hingegen die Auf- nahme der Nahrungsmittel eine unwillkührliche Funktion zu seyn. Zwischen den Herbivoren und den fleischfres- senden Thieren giebt es noch den Unterschied, dass diese weit länger als jene der Nahrung ent- behren können. Thiere, die von Hunger bis auf einen gewissen Grad entkräftet sind, gelangen auch weit schneller von Fleischspeise als von Pflanzenkost zu ihren vorigen Kräften. Ein Geyer, der eilf Tage hindurch gefastet hatte, war am Ende Ende dieser Zeit noch ziemlich fett, und von zwey gleich alten Sperlingen, die durch Hunger so weit entkräftet waren, dass sie die ihnen an- gebotene Nahrung nicht mehr annehmen konnten, erhohlte sich der eine, den man gehacktes Fleisch verschlucken liess, binnen kurzer Zeit; der an- dere aber, der zerstossene Körner verschlucken musste, starb zwey Stunden nachher Vaillant ’s zweyte Reise in das Innere von Afrika. Berlin. 1796. Bd. 1. S. 20 ff. . §. 5. Mechanismus der Aufnahme und Zertheilung der Speisen. Die Aufnahme der Nahrungsmittel geschieht bey den Thieren entweder durch Saugen , oder durch Verschlingen . Auf jene Art nähren sich die Säugthiere in der ersten Zeit ihres Lebens; ferner unter den Insekten die Familien der Wan- zen, Schmetterlinge und Mücken, so wie die Ge- schlechter Acarus, Pediculus, Pulex. und einige Wurmarten, besonders die Blutigel. Die zur Wes- penfamilie gehörigen Insekten nähren sich auf beyderley Art, durch Saugen und durch Ver- schlingen. Das Saugen der Mammalien geschieht be- kanntlich vermittelst der Lungen. Was den In- sekten beym Saugen die Stelle der Lungen ver- tritt, U 4 tritt, habe ich in einer eigenen Abhandlung Ueber das Saugen und das Geruchsorgan der In- sekten, und über den Nutzen der Schwimmblase bey den Fischen, in den Annalen der Wetterauischen Gesellsch. für die gesammte Naturk. Bd. 3. S. 147. gezeigt. Ich habe dort bemerkt, dass diese Thiere sich in Hinsicht auf jene Funktion in zwey Clas- sen eintheilen lassen; in solche, welche das Sau- gen mit Hülfe enger Saugstacheln verrichten, und in solche, die sich vermittelst eines fleischigen Rüssels nähren. Zu jener Classe gehört die Wan- zenfamilie. Bey diesen Insekten steigt die einzusau- gende Flüssigkeit ohne sonstige Hülssmittel, wie in allen Haarröhren, bis zum Schlunde auf. In- sekten der letztern Classe sind die Familien der Schmetterlinge, Wespen und Mücken. Diese ha- ben im Bauche eine Saugblase, deren Mündung in den Schlund übergeht, und durch deren Er- weiterung die einzusaugenden Flüssigkeiten in dem Rüssel aufzusteigen bestimmt werden. In der angeführten Abhandlung habe ich zugleich erinnert, dass die Schwimmblase mancher Fische mit jener Saugblase eine unverkennbare Aehnlich- keit hat, und dass auch diese ausser der Funk- tion, die ihr als vicariirendem Respirationsorgan zukömmt, bey einigen Arten, wo sie mit einem Luftgang versehen ist, noch den Zweck zu ha- ben scheint, Luft oder tropfbare Flüssigkeiten, die der Fisch in den Magen aufnehmen will, und welche welche ohne sie den Weg durch die Kiemen nach aussen nehmen würden, in den Magen zu bringen. Bey den übrigen Thieren, welche feste Nah- rungsmittel zu sich nehmen, geschieht die Auf- nahme derselben meist durch Kinnladen. Nur mehrere Mollusken der Schneckenfamilie Doris, Buccinum, Murex, Voluta. Cuvier Leç. d’Anat. comp. T. 3. p. 342. , und unter den Würmern die Aphroditen Cuvier a. a. O. p. 328. , bedienen sich hierzu eines Rüssels. Die Kinnladen sind bey den Säugthieren zugleich die Werkzeuge, wo- durch die aufgenommene Speise zerschnitten, zer- malmt und zur Verdauung geschickt gemacht wird. Bey ihnen steht auch die Gestalt und Bewegung dieser Organe, so wie die Form der darin befind- lichen Zähne, mit der Beschaffenheit der Nah- rungsmittel in Beziehung. So findet bey den fleischfressenden Thieren, deren Speise blos zer- schnitten und zerdrückt zu werden braucht, nur eine Bewegung der untern Kinnlade von unten nach oben, bey den Nagethieren aber, deren Zäh- ne oft als Feilen wirken müssen, von vorne nach hinten, und umgekehrt, bey den Rindern, die von Kräutern und überhaupt solchen Substanzen le- ben, welche zerrieben werden müssen, von der einen Seite zur andern, und bey den Thieren der Schwei- U 5 Schweinefamilie bald mehr auf diese, bald mehr auf jene Art statt, je nachdem sie sich mehr den Nagethieren, oder mehr den Rindern in ihrer Ver- dauungsweise nähern. Der Mensch hat unter allen Säugthieren die vollkommensten Kauwerkzeuge. Bey ihm kann sich die untere Kinnlade nach jeder Richtung be- wegen; zugleich finden sich bey ihm, was man bey keiner andern Thierart antrifft, alle drey Ar- ten von Zähnen in einer ununterbrochenen Reihe und so gestellt, dass alle obern genau auf die untern passen. Je weiter wir uns in der Reihe der Thiere von dem Menschen entfernen, desto seltener kommen Organe vor, die zum Fassen, Zerschneiden und Zerreiben der Speisen gleich ge- schickt sind. Weder bey den Amphibien, noch bey den Fischen, und noch weniger bey den Mollusken und Würmern dienen die Kinnladen zu etwas mehr, als zum Ergreifen und Festhal- ten der Speise, oder zum Erdrücken ergriffener Thiere, obgleich bey manchen Amphibien und Fischen die Kinnladen mit so vielen Zähnen be- setzt sind. Nur bey denjenigen Insekten und Cru- staceen, die mit Fresswerkzeugen versehen sind, und bey einigen Zoophyten, besonders dem Echi- nus, scheint wieder eine Art von Mastication statt zu finden. Doch erreicht die Natur bey dem Echinus, wo ein so grosser Apparat von Kau- werk- werkzeugen ist, nur einen Zweck, zu welchem sie bey den Thieren der höhern Classen durch weit einfachere Mittel gelangt. Die Zertheilung der Speisen, welche die Säug- thiere durch ihre mit Zähnen versehenen Kinnla- den bewirken, wird aber bey vielen Thieren der niedern Classen durch andere Mittel hervorge- bracht. Nehmlich 1) Durch einen mit Kauwerkzeugen versehenen Schlund . Diese Einrichtung findet aber nur bey einigen Fischen, unter andern den Karpfen, statt, wo die Speisen auf einem platten Knochen, der hinten an der Grundfläche des Schädels befestigt ist, durch die mit Zähnen besetzten Knochen des Pharynx (Ossa pharyngaea) zerrieben werden. 2) Durch einen knorpelartigen Magen , der sich abwechselnd zusammenzieht und er- weitert, und dessen innere schwielenartige Fläche die genossenen Nahrungsmittel zer- malmt. Diese Art von Magen findet am häu- figsten bey denjenigen Vögeln, die sich von Körnern und Insekten nähren, besonders bey denen der Hühnerfamilie Biol. Bd. 1. S. 231. , ausserdem aber auch bey dem Crocodil Ebendas. S. 261. , einigen Mollus- ken ken Z. B. dem Onchidium. Cuvier , Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. V. p. 37. und Würmern Z. B. den Aphroditen. Biologie. Bd. 1. S. 390. , und selbst schon un- ter den Säugthieren bey der Manis pentadactyla. Die mit diesem Magen versehenen Vögel, so wie auch die Manis pentadactyla Burt , Asiatik Researches. Vol. 2. p. 353. , haben die Gewohnheit, Steine zu verschlucken, um, wie schon im 2ten §. dieses Kapitels bemerkt ist, durch das Reiben derselben bey der Zusam- menziehung des Magens das Zermalmen der genossenen Körner und Insekten zu beför- dern. Sie verschlingen sie nicht, wie Spal- lanzani behauptete, blos zufällig, sondern, nach Fordyce ’s Treatise on the digestion of food. London. 1791. Beobachtungen, mit Aus- wahl und nach ihren Bedürfnissen. Dass je- ner Magen einen hohen Grad von Tritura- tionskraft besitzen muss, lässt sich schon aus der Struktur desselben vermuthen. Die Stärke desselben ist aber auch durch mehrere Beob- achtungen Haller El. Phys. T. 6. L. 19. S. 4. §. 6. p. 266. , besonders durch Reaumur ’s Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1752. p. 272 sv. und Spallanzani ’s Versuche über das Verdauungsgeschäft des Menschen und verschiedener Thierarten. Uebers. von Michae- lis . S. 7 ff. Versuche bewiesen, aus welchen welchen sich ergiebt, dass metallene Röhren, Glasstücke und stählerne Nadeln durch die Pressungen der innern Wände dieses Magens zusammengedrückt und zerbrochen werden. 3) Durch einen mit Zähnen versehe- nen Magen . Diesen finden wir bey mehrern Crustaceen, Insekten, Mollusken und Wür- mern, namentlich bey den Krebsen Biol. B. 1. S. 342. , den Zuckerthieren (Lepisma) Ramdohr (Abhandl. über die Verdauungswerk- zeuge der Insekten. S. 150.) schreibt diesem Thier unrichtig einen blossen Faltenmagen zu. Ich finde in dem kugelförmigen Magen desselben sechs Zähne von verschiedener Struktur. , den Rüsselkäfern (Curculio) Ramdohr a. a. O. S. 97. und Wasserkäfern (Dytiscus) Ebendas. S. 79. , der Schabe (Batta) Ebendas. S. 74. , dem Ohrwurm (Forfi- cula) Biol. Bd. 1. S. 364. 365. , den Aplysien Ebendas. S. 316. — Cuvier , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. II. , der Bulla ligna- ria Draparnand , Bulletin de la Soc. philomath. No. 39. und aperta Cuvier a. a. O. T. 1. p. 156. , und einigen Aphrodi- ten Biol. Bd. 1. S. 390. . Bey den erwähnten Insekten ist der Zahn- Zahnmagen kugelförmig und cartilaginös; die Zähne sind auf der innern Fläche desselben in einem Kreise so befestigt, dass ihre Spitzen sich in dem Mittelpunkt des Magens befinden. Bey einigen andern Insekten hat der Magen statt der Zähne Schwielen, die der Länge nach herabgehen, und mit hornartigen Blät- tern oder Borsten besetzt sind. Dahin gehö- ren die Heuschrecken Biol. Bd. 1. S. 365. — Ramdohr a. a. O. S. 70 ff. , der Carabus granu- latus Ramdohr a. a. O. S. 83. , die Cicindela campestris Ebendas. S. 85. , der Sta- phylinus politus Ebend. S. 87. , die Sylpha obscura Ebend. S. 91. , und der Tenebrio Molitor Ebend. S. 93. . Bey der Syl- pha obscura ist zugleich der Oesophagus in- wendig mit Borsten besetzt. Unter den Mol- lusken giebt es etwas Aehnliches bey der Scyl- laea pelagica, deren kurzer, cylindrischer, knorpelartiger Magen auf seiner innern Fläche der Länge nach mit zwölf hornartigen schar- fen Lamellen bewaffnet ist Cuvier a. a. O. T. VI. p. 416. . §. 6. §. 6. Das Verschlucken der Speisen. Der Speichel. Bey den Säugthieren, deren Speisen gekäuet in den Schlund gelangen, wird das Verschlucken der letztern durch einen sehr zusammengesetzten Mechanismus bewirkt. An dem Schlundkopf (Pha- rynx) jener Thiere befinden sich mehrere ver- schiedene Muskeln, und diese, unterstützt von den Bewegungen der Zunge, sind es, durch deren Zusammenziehung die gekäueten Speisen in den Schlund (Oesophagus) gebracht werden. Bey dem Menschen lassen sich jene Muskeln auf vier zu- rückführen; auf drey, durch welche der Schlund- kopf verengert wird, und Ein Paar, welches zum Heraufziehen desselben dient. Bey dem Elephan- ten, dem Bären und einigen andern Säugthieren gehen ausserdem noch die longitudinalen und kreisförmigen Fasern des Oesophagus bis in den Pharynx fort, und bilden hier eine eigene mus- kulöse Haut Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 3. p. 286. . Diesen Muskeln wird die ge- käuete Speise durch die Zunge zugeführt. Die letztere schwillt an, indem sie zugleich kürzer und oben hohl wird; sie fasst in dieser Höhlung den Bissen, drückt ihn gegen den Gaumen und macht ihn zum Schlundkopf herabgleiten; dieser wird in dem nehmlichen Augenblick durch das Muskelpaar, welches zum Aufheben desselben dient, dient, in die Höhe gehoben; zugleich erweitert sich wahrscheinlich seine Höhlung; sobald die Speise aufgenommen ist, fangen die zusammen- ziehenden Muskeln an zu wirken, verengern den Schlundkopf von oben nach unten, und drücken den Bissen in den Oesophagus hinab. Bey diesem Verschlucken zieht sich die Stimmritze so fest zusammen, dass der Eingang zur Luftröhre völlig verschlossen ist. Der Kehldeckel, von dem man sonst glaubte, dass er das Eindringen der Speise und Getränke in die Luftröhre verhindere, scheint, nach Magendie ’s Mémoire sur l’usage de l’épiglotte dans la dégluti- tion. à Paris. 1813. Versuchen, dabey nicht unumgänglich nothwendig zu seyn. Das Verschlucken wird dadurch erleichtert, dass die ganze innere Fläche des Mundes, des Pharynx und der Speiseröhre einen wässrigen Dunst und eine schleimige Feuchtigkeit absondert, welche den Weg, den die Speisen zu nehmen haben, immer schlüpfrig erhalten. Während dem Käuen vermischt sich aber auch mit den Speisen der Speichel , eine Flüssigkeit, die bey der Verdauung von der grössten Wich- tigkeit ist. Es ist auffallend, die speichelabsondernden Organe bey einer Menge von Thieren anzutref- fen, die auf den untersten Stufen der thierischen Orga- Organisation stehen, hingegen bey vielen andern Thieren, die von weit zusammengesetzterm Bau sind, gar keine, oder nur eine geringe Spur da- von zu finden. Die Speicheldrüsen finden sich bey allen Säug- thieren, mit Ausnahme der Wallfische Cuvier Leçons. T. 3. p. 207. . Sie finden sich bey den Vögeln und Amphi- bien, aber von ganz anderm Bau, wie bey den Säugthieren Cuvier Ebendas. p. 220. 222. . Bey den Fischen fehlen sie ganz Ebendas. p. 225. . Sie zeigen sich wieder in der Classe der Mol- lusken bey den Geschlechtern Sepia Biologie. Bd. 1. S. 312. , Limax Ebendas. S. 321. , Aplysia, Doris, Clio, Pneumoderma, Tritonia, On- chidium, Phyllidia, Pleurobranchus, Janthina, He- lix, Buccinum, Bulimus, Murex, Halyotis Cuvier a. a. O. p. 336., und dessen Zergliederun- gen der angeführten Mollusken in den Annales du Mus. d’Hist. nat. . Bey der Lingula anatina (Patella unguis L.) ist der Zwischenraum zwischen den Muskeln und dem Nahrungscanal mit zwey drüsenartigen Organen angefüllt Cuvier , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. I. p. 69. . Cuvier hält das eine für die Leber, das IV. Bd. X das andere für eine Speicheldrüse. Doch ist dies blos Vermuthung. Keine den Speicheldrüsen ana- loge Organe aber giebt es bey der Salpa Cuvier ebendas. T. III. p. 360. , der Phasianella Lam . Ebend. T. XI. p. 130. , der Thetis leporina J. F. Meckel ’s Beytr. zur vergl. Anatomie. B. 1. H. 1. S. 9. und den sämmtlichen Mollusken der Austernfamilie Poli Testacea utriusque Siliciae. . Bey den Crustaceen sind noch keine Speichel- gefässe entdeckt worden. Von den mit Kinnladen versehenen Insekten habe ich im 1sten Bande der Biologie (S. 361.) bemerkt, dass sie zu beyden Seiten der Speise- röhre zwey lange, gewundene Speichelgefässe hät- ten. Dies bedarf aber einer Einschränkung. Man kann sich zwar auf die Angaben mancher Schrift- steller in Betreff der Gegenwart oder Abwesen- heit jener Organe nicht immer verlassen, da diese Theile bey manchen Insekten leicht zu überse- hen, oder mit andern zu verwechseln sind. Doch scheinen, nach Ramdohr ’s Abhandl. über die Verdauungswerkzeuge der In- sekten. , Posselt ’s Beytr. zur Anat. der Insekten. — Ejusd. diss. sist. tentam. circa anat. forficulae auriculariae L. Jenae. 1800. und meinen meinen eigenen Untersuchungen, folgende Insekten Speichelgefässe zu besitzen: Alle Schmetterlinge. Die meisten Arten der Mückenfamilie (Diptera L.), ausgenommen, nach Ramdohr A. a. O. S. 185. , die Hippobosca ovina. Die Bienen Ramdohr in Germar ’s Magazin der Entomologie. Jahrg. 1. H. 1. S. 135. . Die meisten wanzenartigen Insekten (Ryngota Fabr .). Ausnahmen sind, nach Ramdohr Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 194 ff. , Cimex lacustris, Notonecta glauca, Chermes alni und Cicada spermaria. In der Heuschrecken-Familie (Orthoptera Oliv .) die Blatta, bey welcher zwar Ramdohr kei- ner Speichelgefässe erwähnt, die aber nach meinen Zergliederungen allerdings damit ver- sehen ist. In der Ordnung der Libellen (Neuroptera L.) Hemerobius Perla. Unter den Käfern Curculio lapathi. Unter den flügellosen Insekten Aranea, Oniscus, Julus, Pulex. Beym Oniscus Asellus habe ich zu beyden Seiten des Schlundes sechs häutige Schläuche gefunden, welche die Spei- chel- X 2 chelgefässe sind. Ramdohr A. a. O. S. 204. hat bey die- sem Thier für Speichelgefässe angesehen, was ohne Zweifel der Fettkörper ist. Die Speichelgefässe fehlen hingegen folgen- den Insekten: Allen Raupen, ausgenommen den Weidenbohrer. In der Heuschrecken-Familie den Linne ischen Geschlechtern Gryllus und Forficula. Den meisten Libellen und Käfern. Unter den flügellosen Insekten dem Skorpion, der Afterspinne (Phalangium), dem Zucker- thier (Lepisma) und der Laus. In der Classe der Würmer findet sich eine Art von speichelabsondernden Organen bey der Terebella cylindracea Biologie. Bd. 1. S. 389. , so wie unter den Zoo- phyten bey der Holothuria tubulosa Gmel . Ebendas. B. 1. S. 407. . Allein die meisten Würmer und Thierpflanzen haben nichts Aehnliches. Manche Thiere aber, denen die Speichelge- fässe fehlen, haben doch einen Saft, der im Schlunde abgeschieden und durch eine rückgän- gige Bewegung dieses Organs in den Mund ge- bracht wird. Dies ist unter andern der Fall bey den Heuschrecken und Laufkäfern (Carabus), die, obgleich mit keinen Speichelgefässen versehen, doch doch beym Fressen ihre Speise mit einem Saft benetzen, der beym Gryllus verrucivorus eine ätzende Kraft besitzen soll. Bey vielen Vögeln wird die zur Erweichung des Futters dienende Flüssigkeit durch eine Menge kleiner Drüsen ab- geschieden, womit die inwendige Fläche des Schlundes, und bey denen, die einen Kropf ha- ben, auch die des letztern besetzt ist Spallanzani ’s Vers. über das Verdauungsgeschäft. S. 41 ff. . Bey den hühnerartigen Vögeln durchziehen sich die Nahrungsmittel im Kropfe mit jener Feuchtig- keit, verändern ihren Geruch und Geschmack, werden erweicht und in den Stand gesetzt, von dem knorpelartigen Magen zermalmt zu werden Ebendas. S. 49 ff. . Bey dem Raben, der keinen Kropf hat, ist der Schlund inwendig mit einer Menge Hohldrüsen be- setzt, die eine klebrige, weisslichgraue und süssliche Feuchtigkeit absondern Ebend. S. 71. . Bey dem Karpfen ist der Gaumen hinter den Zähnen mit einer weissen, klebrigen, unschmackhaften Flüssigkeit bedeckt, welche, wenn man sie wegwischt, sich gleich wieder erneuert. Auch finden sich an dieser Stelle viele Drüsen, die gedrückt eine Feuchtigkeit von sich geben. Bey dem Barben und dem Hecht giebt es keine ähnliche Drüsen. Doch ist auch hier X 3 hier der Schlund mit einem Saft überzogen, wel- cher auf der innern Fläche desselben ausschwitzt Spallanzani a. a. O. S. 130. 131. . Es ist nicht glaublich, dass bey dieser Unbe- ständigkeit in der Gegenwart und Abwesenheit der Speichelgefässe dieselben bey allen Thieren von einerley Beschaffenheit seyn und einerley Zweck haben sollten. Bey manchen Vögeln hat der Speichel gewiss einen mechanischen Nutzen. Bey den Spechten z. B. ist er ein klebriger, die Zunge überziehender Saft, der blos dienen kann, dem Thier das Auflecken kleiner Insekten zu er- leichtern. Man kann inzwischen im Allgemeinen eine dreyfache Funktion des Speichels annehmen, eine mechanische, chemische und dynamische. Die mechanische Funktion des Speichels ist, die Speisen zu verdünnen und ihnen den ersten Grad von Flüssigkeit zu geben. Alle Säugthiere, die ihre Speise im Munde käuen, haben deswe- gen einen wässrigen Speichel. Der Speichel hat aber gewiss auch einen che- mischen Einfluss auf die Speisen. Warum hätten sonst die Wanzen und viele andere Insekten, die sich blos von Flüssigkeiten nähren, Speichelge- fässe und einen so grossen Apparat derselben? Von vorzüglicher Wirksamkeit muss die zersetzen- de de Kraft in dem Speichel der Weidenraupe, ei- ner dicken, bräunlichen, in Wasser und Wein- geist unauflöslichen Flüssigkeit seyn, da die blo- ssen Kinnladen dieses Insekts zum Zernagen des harten Eichenholzes nicht stark genug sind. Zwar fand Lyonnet Traité de la chenille du saule. p. 512. nicht, dass geschabtes Weiden- holz von jenem Saft merklich erweicht wurde. Doch scheint er selber kein grosses Gewicht auf diesen Versuch zu legen. Eine ähnliche auflösen- de Kraft scheint der Speichel der Tettigonia ple- beja zu besitzen J. F. Meckel ’s Beytr. zur vergl. Anat. B. 1. H. 1. S. 3. . Die wiederkäuenden Thiere geben ungekäuetes, in einer durchlöcherten Röhre eingeschlossenes Futter unverdauet wieder von sich; sie verdauen aber dasselbe, wenn sie es ge- käuet und mit Speichel vermischt erhalten Reaumur , Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1752. — Spallanzani a. a. O. S. 134 ff. . Nach von Humboldt ’s Ansichten der Natur. B. 1. S. 141. Beobachtung wird durch den Speichel, womit die Boa ihre Beute bedeckt, das Fleisch des erlegten Thiers so erweicht, dass die Schlange ganze Glieder des erlegten Thiers durch den Schlund zu zwingen vermag. Der männliche Saamen ertheilt der formlosen Materie eine bestimmte, und zwar der Gestalt des X 4 des Vaters ähnliche, Form Biol. Bd. 3. S. 404 ff. . Diese Funktion ist es, die wir unter der dynamischen verste- hen, und eine ähnliche besitzt auch der Speichel. Beweise dafür geben die Erscheinungen, die nach dem Biss toller Hunde und der giftigen Schlangen erfolgen. Der Speichel der erstern erregt in dem gebissenen Thier eine specifique Krankheit, die Wasserscheu, und der Speichel des gebissenen Thiers erhält hierbey das Vermögen, die nehm- liche Krankheit wieder in andern Thieren her- vorzubringen. Die Aehnlichkeit, welche das Schlan- gengift in seinen Wirkungen auf den thierischen Körper mit dem männlichen Saamen hat, haben wir schon im 4ten Buch dieses Werks Ebendas. Bd. 3. S. 408. bemerkt. Aus diesen Sätzen lässt sich die Thatsache erklären, dass kräuterfressende Thiere ein grösse- res Speicheldrüsensystem als die fleischfressenden haben G. L. Duvernoy , Bulletin de la Soc. philomath. No. 83. . Je unähnlicher nehmlich die zu assi- milirende Materie dem Körper ist, dem sie ver- ähnlicht werden soll, desto mehr bedarf sie eines auflösenden und assimilirenden Menstruum. Ueber alle jene Funktionen des Speichels müs- sen genauere chemische Untersuchungen dessel- ben Licht verbreiten. Was wir bis jetzt in die- sem sem Fache besitzen, ist aber sehr unbefriedigend. Vergleicht man, was Haller El. Phys. T. VI. L. 18. S. 2. §. 10. p. 52. darüber gesam- melt, und nach ihm Hapel de la Chenaye Mém. de la Soc. Roy. de Médecine de Paris. A. 1780 et 81. p. 325. , Fourcroy Ann. de Chimie. T. 28. p. 262. — Syst. des connaiss. chimiques. T. 9. p. 365. , Thomson System der Chemie. Uebers. von Wolff . B. 4. S. 514. , Juch Siebold hist. system. salivalis. p. 45. — Tromms- dorf ’s Journal der Pharmacie. B. 4. St. 2. S. 141. und Bo- stock Nicholson Journ. of Nat. Phil. Vol. 14. p. 140. bekannt gemacht haben, so ist das Re- sultat folgendes. Der Speichel ist eine bey ge- sunden Menschen geschmacklose, bey den fleisch- fressenden Thieren schärfere und etwas gesalzene Flüssigkeit, die eine etwas grössere specifische Schwere als das Wasser besitzt, bey einigen Men- schen ein freyes Alkali zeigt, bey andern hingegen sich gegen Pflanzenpigmente neutral verhält, der atmosphärischen Luft den Sauerstoff leicht ent- zieht, ihn aber auch eben so leicht an andere Körper wieder abtritt, und Wasser, Eyweissstoff, Schleim, nebst einigen Neutral- und Mittelsalzen enthält. Unter diesen salzigen Bestandtheilen nen- nen Alle, die den Speichel analysirten, salzsaures Natrum; X 5 Natrum; die Meisten fanden zugleich phosphor- saures Natrum und phosphorsaure Kalkerde, und Einige auch Ammonium. Diese Angaben sind meist unzuverlässig und wenig belehrend. Keiner der angeführten Schrift- steller, ausser Hapel de la Chenaye , hat reinen Speichel untersucht. Blos dieser analysirte die unmittelbar aus dem geöffneten Speichelgang eines Pferdes ergossene Flüssigkeit. Er fand an der- selben weder eine saure, noch alkalische Re- aktion; sie enthielt kein Ammonium, so lange sie nicht mit dem Saft der Schleimdrüsen des Mundes vermischt war. Es fallen also schon zwey der von andern Schriftstellern angegebenen Bestandtheile des Speichels, der Schleim und das Ammonium, weg, und es bleiben als solche blos Wasser, Eyweissstoff, salzsaures und phosphor- saures Natrum, und phosphorsaure Kalkerde übrig. Substanzen, die man auch in allen übrigen thieri- schen Säften findet, und welche gar keine Auf- klärung über die Wirkungsart des Speichels geben. Ich habe im Speichel zwey Bestandtheile ge- funden, die ohne Zweifel eine wichtige Funktion haben: der eine ist milchsaures Natrum ; den andern nenne ich Blutsäure . Das milchsaure Natrum ist die nehmliche Sub- stanz, die Thouvenel durch Digestion des Flei- sches mit Weingeist erhielt und unter dem Namen des des Fleischextrakts beschrieb. Man erhält dasselbe, zugleich mit der Blutsäure aufgelöst, wenn man den Speichel mit Alcohol gelinde auf- kochen lässt, und die Flüssigkeit durch Filtriren von dem geronnenen Eyweissstoff trennt. Die Gegenwart dieser Substanz im Speichel verräth sich sowohl durch den Niederschlag, den Gall- äpfeltinktur darin hervorbringt, als dadurch, dass nach dem Abdampfen des Auszugs eine thierische Materie zurückbleibt, die nicht, wie der Leim, gelatinirt, und nach dem Eintrocknen nicht von Wasser und Säuren, wohl aber von ätzendem Lau- gensalz aufgelöset wird. Wir werden unten se- hen, dass die Milchsäure eines der Auflösungsmit- tel der Speisen im Magen ist. Diese ihre auflö- sende Kraft ist im Speichel durch ihre Verbin- dung mit Natrum zwar geschwächt, aber nicht aufgehoben, indem sie von dem letztern nicht gesättigt ist. Der Speichel wirkt also, vermöge der in ihm befindlichen Milchsäure, im mindern Grade wie der Magensaft; er löset die Speise zwar nicht völlig auf, aber er bereitet sie zur völligen Auflösung vor. Von der Blutsäure, die zugleich ein Bestand- theil des Bluts ist, wird in der Folge umständ- licher die Rede seyn. Hier erwähne ich vorläu- fig ihrer Haupteigenschaften. Der Hauptcharakter derselben ist, mit einer gesättigten Auflösung des Eisens Eisens in Salpetersäure, oder verdünnter Schwefel- säure, eine Verbindung einzugehen, welche ganz die Farbe des Bluts hat. Man erhält diese Farbe sogleich, wenn man eine jener Eisenauflösungen in Speichel tröpfelt. Stärker aber tritt sie hervor, wenn man den Speichel abdampft, den Rückstand schwach calcinirt, und so die Blutsäure von dem Eyweissstoff, wovon sie im Speichel verhüllet ist, trennt. Sowohl aus dem frischen Speichel, als aus dem verkalkten Rückstand desselben, wird sie durch Wasser, und noch reiner durch Alcohol ausgezogen. In dieser Auflösung reagirt sie auf Lackmustinktur als eine Säure. Doch enthält die Weingeistauflösung immer noch milchsaures Na- trum, wovon ich sie nicht ganz habe trennen kön- nen. Sie wird von Salzsäure, Salpeter- und Es- sigsäure aufgelöst, ohne ihren röthenden Einfluss auf das salpeter- und schwefelsaure Eisen zu ver- lieren. Setzt man hingegen Alkalien zu der Ver- bindung der Blutsäure mit dem salpetersauren Ei- sen, so vereinigen sich jene mit dem letztern, und geben einen orangefarbenen Niederschlag. Schwefelsaure Kupferauflösung wird von der Blut- säure grünlich gefärbt. Mit salpetersaurer Silber- auflösung giebt sie einen schwarzbraunen Nie- derschlag. Auf das blausaure Kali hat sie kei- nen Einfluss. Alle diese Eigenschaften charakte- risiren sie als eine Säure von eigener Art. In der Lehre vom Blut werden wir sehen, dass von ihr die die rothe Farbe des letztern abhängt. Der Spei- chel ertheilt also, vermöge dieser Säure, den Speisen die erste Anlage zur Verwandlung dersel- ben in Blut. §. 7. Der Schlund und der Magen. Die durch Vermischung mit dem Speichel in eine breyartige Substanz verwandelte Speise ge- langt durch eine fortschreitende Zusammenziehung des Schlunds in den Magen, wo sie durch Zumi- schung des gastrischen Safts und durch die Con- traktionen des Magens noch weiter verändert wird. Wir werden zuerst von dem Einfluss, den jener Saft auf sie äussert, und dann von den Zusam- menziehungen des Magens reden. Doch ist es nöthig, vorher einiges im Allgemeinen über die Form und Textur des Schlundes und Magens zu bemerken. Man kann den Polypen umstreifen und die Oberfläche seines Körpers zur innern Fläche des Magens machen, ohne dass die Verdauung we- niger als vorher von statten geht. Bey ihm müs- sen also die Oberhaut und die innere Magenhaut von gleicher Beschaffenheit seyn. Was bey dem Polypen der Fall ist, findet, aber im mindern Gra- de, bey allen Thieren statt. Dieselben Häute, wel- che die Oberfläche des Körpers bedecken, ziehen sich durch die Nasenhöhle, den Mund und den After After in das Innere des Körpers, und bilden die innern Membranen des Nahrungscanals. Dieser besteht also zuerst aus einer innern Haut, die ein Fortsatz der Epidermis ist. Auf derselben liegt eine zweyte, die in das Fell (Co- rium) übergeht. Hierauf folgt eine dritte musku- löse Membran, die man mit dem Muskelfell (Pan- niculus carnosus) der Säugthiere verglichen hat. Bey den Thieren der höhern Classen giebt es noch eine vierte, von dem Bauchfell herrührende Membran. Die Aehnlichkeit der innern Haut des Nah- rungscanals mit der Epidermis ist bey mehrern Säugthieren unverkennbar. Weniger deutlich ist sie bey manchen Thieren, deren Körper mit einer horn- oder schwielenartigen Decke umgeben ist, z. B. den Gürtelthieren (Dasypus), den Schuppen- thieren (Manis), den meisten Amphibien und Fi- schen, und den Insekten. Untersucht man indess jene vor, oder kurz nach dem Auskriechen aus dem Ey, und die Insekten zu der Zeit, wo sie sich zu verwandeln im Begriff sind, so zeigt sich bey ihnen ebenfalls die Gleichartigkeit der erwähn- ten Häute. Uebrigens ist auch die innere Haut des Nahrungscanals in dem Knorpelmagen vieler Thiere schwielenartig. Bey manchen Insekten, z. B. der Afterspinne (Phalangium), der Skolopender, der Larve des Nashorn- Nashornkäfers (Scarabaeus nasicornis) und der Lar- ve der Bremse (Tabanus bovinus) ist diese Haut äusserst zart, und viel enger als die umliegende Membran. Bey der Larve der Bremse bildet sie, was Swammerdamm Bibel der Natur. S. 268. einen engern Darm in einem weitern nannte. Die zweyte Haut des Nahrungscanals lässt sich in zwey Blätter trennen, die in frühern Zei- ten für zwey verschiedene Häute angenommen wurden. Das innere Blatt, das man für einerley mit der Epidermis ansah, hiess die flockige , das äussere die nervige Membran. Diese Blät- ter hängen in der That auch schwächer unter sich, als mit der innersten Haut und der musku- lösen Membran zusammen. Doch bestehen beyde aus einem schwammigen Zellgewebe, das nur in dem äussern Blatt fester, in dem innern weicher ist. Das Zellgewebe des innern Blatts bildet in einem Theil des Nahrungscanals hervorragende Zotten, die den Hautwärzchen ähnlich zu seyn scheinen. Diese finden sich indess nicht bey al- len Thieren, und überhaupt ist die zweyte Haut jenes Canals nicht im ganzen Thierreiche von ei- nerley Bau. Bey vielen Insekten ist sie eine schleim- oder gallertartige Substanz. Bey allen Thieren der fünf obern Classen, und auch bey vielen Insekten, giebt es, wenigstens an einigen Stellen, Stellen, zwischen ihr und der Muskelhaut Schleim- drüsen, deren Oeffnungen auf der innern Fläche des Nahrungscanals liegen. Die Muskelhaut besteht ebenfalls an den mei- sten Stellen aus einem doppelten Blatt, einem äussern, dessen Fasern längslaufend sind, und ei- nem innern, dessen Fasern die Gestalt eines Halb- kreises haben und jene der Queere nach durch- kreutzen. An einigen Stellen, besonders am Ma- gen, ist aber die Richtung dieser Fasern von an- derer Art. Auch ist die Dicke derselben an ver- schiedenen Stellen des Nahrungscanals und bey den verschiedenen Thierclassen sehr verschieden. Bey einigen Thieren, z. B. dem Skorpion, sind die Fasern so fein, dass sie sich auch unter stär- kern Vergrösserungen kaum erkennen lassen. Die äusserste, vom Bauchfell abstammende Haut bekleidet nur den untern, in der Bauch- höhle befindlichen Theil des Nahrungscanals, nicht aber den Schlund. Sie gehört zu der Art von Membranen, die Bichat seröse genannt hat, und ist nur den vier obern Thierclassen eigen. Die Röhre, welche durch diese Häute gebil- det wird, ist bey den meisten Thieren einfach, nicht in sich zurückkehrend, und unausgefüllt. Ausnahmen von dieser Regel giebt es nur unter den Insekten, und zwar unter denjenigen, die sich durch Saugrüssel oder Saugstacheln nähren, also bey bey den Schmetterlingen, den Wanzen und den zweyflüglichen Insekten. Bey diesen fängt der Nahrungscanal nicht als eine einfache Röhre vom Munde an, sondern er wird durch das Zusam- menfliessen so vieler Canäle, als es Saugröhren giebt, gebildet. Beym Cimex rufipes L. theilt sich derselbe, nach meinen Untersuchungen, während der letzten Hälfte seines Verlaufs in vier, neben einander liegende, cylindrische Gefässe, die mit einem schleimartigen Gewebe ausgefüllt sind Annalen der Wetterauischen Gesellsch. f. d. ge- sammte Naturk. B. 1. S. 175. . Bey den Cicaden kehrt er in sich zurück, und giebt am Schlunde eine zum After gehende Röhre ab Meckel ’s Beytr. zur vergl. Anat. B. 1. H. 1. S. 1. — Ramdohr ’s Abhandl. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 199 ff. . Bey den Insekten der Bienenfamilie, die einen mit Kauwerkzeugen versehenen Mund und zu- gleich einen Saugrüssel haben, giebt es einen doppelten Apparat von Verdauungsorganen. Der Mund führt zu einem bis zum After fortgehen- den Nahrungscanal, wie bey andern mit Kinnla- den und Kinnbacken versehenen Insekten. Aber der Canal des Rüssels setzt sich in eine eigene Röhre fort. Bey der Erdbiene finde ich den Bau dieser Theile von folgender Art. Der Rüssel ist eine IV. Bd. Y eine an der Basis cylindrische, nach der Spitze kegelförmig zulaufende Röhre, die aus halbkreis- förmigen, durch eine feste, sehnenartige Haut unter einander verbundenen Reifen besteht. Auf der Rückenseite geht eine Rinne von der Spitze zur Basis fort. Auf der Bauchseite fehlen von der Basis an bis ohngefähr zur Mitte des Rüssels die knorpelartigen Queerreifen; hier ist es eine dünne, weiche Membran, die den Canal des Rüs- sels bedeckt. Vorne endigt sich der letztere in eine Saugöffnung; hinten geht er in einen fla- schenförmigen Behälter, und dann in ein enges, aber sehr langes Gefäss über. Dieses Gefäss hat ganz die Textur der Luftröhren; es besteht aus einer zarten Haut, die mit einem knorpelartigen Band dicht umwunden ist. — Bey der Hornisse finde ich einen fächerförmigen Rüssel, an dessen vorderm, breiterm Ende es vier Saugöffnungen giebt, und dessen hinteres, schmaleres Ende sich in einen ähnlichen Canal, wie bey der Biene, fort- setzt. — Bey der Honigbiene geht dieser Canal, nach Ramdohr ’s Untersuchungen, mit dem Schlun- de durch den Hirnring, nimmt vor diesem Durch- gang die Ausführungsgänge zweyer Organe auf, die Ramdohr anfangs für Geruchsorgane hielt, nachher aber für Speichelgefässe erklärt hat, und theilt sich dann in zwey Arme, die sich endlich in ein zottiges, dem Netz der Insekten ähnliches, die Speiseröhre bis zum Hinterleib begleitendes Wesen Wesen erweitern Magazin der Gesellsch. naturf. Freunde zu Berlin. Jahrg. 5. Quart. 4. S. 386. — Germar ’s Magaz, der Entomol. J. 1. H. 1. S. 135. . Wenn Huber Nouvelles observat. sur les abeilles. Genéve. 1792. richtig be- obachtet hat, dass das Wachs, welches die Bienen bereiten, durch die Zwischenräume der hornarti- gen Ringe ihres Körpers hervordringt, so glaube ich, dass jener zottige Körper das Absonderungs- werkzeug des Wachses ist. Gewöhnlich bildet der Nahrungscanal, nach- dem er in cylindrischer oder trichterförmiger Ge- stalt vom Schlundkopf eine gewisse Strecke her- abgestiegen ist, eine oder mehrere Erweiterungen. Jener herabsteigende Theil ist der Schlund, diese Erweiterung der Magen. Fälle, wo die Nahrungs- röhre mit gleichem Durchmesser vom Munde zum After geht, giebt es keine bey den Säugthieren und Vögeln, sondern nur in den übrigen Thier- classen. Doch auch in diesen finden sich nur wenig Arten, bey welchen sich nicht ein Theil jenes Canals durch eine veränderte Textur als ein Magen zu erkennen giebt. Zu denen Thieren, deren Nahrungscanal von so einfachem Bau ist, dass sich kein Unterschied zwischen Schlund, Ma- gen und Gedärmen angeben lässt, gehört unter den Fischen der Schlammpeitzger (Cobitis fossilis) und Y 2 und noch mehr der Hornhecht (Esox Belone), un- ter den Mollusken die Lingula anatina Cuvier , Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. I. p. 69. , und un- ter den Insekten der Skorpion. Der Magen unterscheidet sich von dem übri- gen Nahrungscanal nicht nur durch seine Gestalt, sondern vorzüglich auch durch die Beschaffenheit seiner Häute und durch seinen Reichthum an Blut- gefässen, Saugadern und Nerven. Die Fasern seiner Muskelhaut laufen nicht blos, wie im Schlunde und Darmcanal, der Länge und Queere nach, sondern gehen zum Theil auch nach andern Richtungen und bilden Stränge, die sich zerästeln und mit ihren Aesten sich durch- kreutzen. Seine Epidermis ist höchst zart, und sehr genau mit dem weichen, fast schleimartigen innern Blatt der zweyten Haut verbunden. Die Arterien des Magens entspringen bey al- len Thieren der fünf höhern Classen unmittelbar aus der Aorta Bey der Aplysia fasciata theilt sich die Aorta gleich nach ihrem Ursprung in drey Aeste, von welchen der mittlere blos zu dem vierfachen Magen geht. ( Cuvier a. a. O. T. II. p. 287.). , und bilden mit den Venen des- selben, die sich bey den Säugthieren, Vögeln, Amphibien und Fischen in die Pfortader öffnen, in dem äussern Blatt der zweyten Magenhaut ein ein zartes Netz, woraus eine zahllose Menge der feinsten Zweige in das innere Blatt dieser Mem- bran dringt. Bey den Insekten sind der Magen und die Zeugungstheile diejenigen Eingeweide, zu welchen vorzüglich grosse und zahlreiche Luft- gefässe gehen. Besonders ist dies der Fall bey den Larven, bey welchen die Verdauung das Ue- bergewicht über alle übrige Funktionen hat. Sehr zahlreich sind auch im Magen derer Thiere, die lymphatische Gefässe besitzen, diese Saugadern. Der Magen endlich ist unter allen Eingewei- den der Bauchhöhle dasjenige, welches am ge- nauesten mit dem ganzen Nervensystem in Ver- bindung steht. Bey den Thieren der höhern Clas- sen ist er nicht nur durch die sympathischen Nerven mit dem Rückenmark, sondern auch durch die Nerven des achten, oder, nach der neuern Benennung, des zehnten Paars mit dem Gehirn verbunden. Wir finden diesen genauen Zusam- menhang selbst bey den Insekten. Der Magen derselben erhält ebenfalls nicht nur Nerven aus den ihm zunächst liegenden Knoten des Rücken- marks, sondern auch vom Gehirn durch Swam- merdamm ’s rücklaufende Nerven, ein Nervenpaar, welches aus einem von zwey bogenförmigen Hirnnerven gebildeten Knoten entspringt, und das Y 3 ich ich bey mehrern Insekten aus den verschiedensten Familien angetroffen habe. Der ungestörte Zusammenhang des Magens durch jene Nerven des achten Paars mit dem Ge- hirn ist eine Hauptbedingung der Verdauung. Die meisten Schriftsteller, die Versuche über die Durch- schneidung jenes Nervenpaars angestellt haben, merken an, dass nach der Operation Erbrechen eintrat M. s. unter andern Baglivi dissert. de observ. anat. et pract. Exp. 7. — Valsalva in Morgagni epist. anat. XIII. p. 504. 505. 512. 513. — Petit , Mém. de l’Acad. Roy. des sc. de Paris. A. 1727. p. 1. der OctavAusg. — Dupuytrens , Biblioth, médic. T. 17. p. 1. . Nachher frassen die Thiere nicht mehr, oder die Speise blieb unverdauet im Magen Baglivi l. c. — Ducrotay de Blainville , Nouv. Bulletin de la Soc. philom. T. 1. p. 226. — Le Gal- lois Expér. sur le principe de la vie. p. 214. . Dieser wurde nach dem Tode von Valsalva Morgagni l. c. p. 505. bey einem Hunde zusammengezogen, von Le Gal- lois A. a. O. bey einem Meerschwein sehr ausgedehnt gefunden. Einige Beobachter wollen auch Fäulniss der Speisen im Magen bemerkt haben Brunn Exper. circa ligaturas nervorum in vivis animal. institutas. Gotting. 1753. — Haller Mém. . Meist aber aber fand man die Speisen im Magen unver- ändert Arnemann ’s Versuche über die Regeneration. B. 1. S. 262. — Emmert in Reil ’s u. Autenrieth ’s Ar- chiv f. d. Physiol. B. 9. S. 380. — Le Gallois a. a. O. p. 217. . Einige Erfahrungen von Brunn ma- chen wahrscheinlich, dass jene Fäulniss nur schein- bar war und von Exkrementen herrührte, die durch eine antiperistaltische Bewegung der Gedär- me in den Magen geführt waren. §. 8. Der Magensaft. Der Magen und der Darmcanal sondern auf ihrer innern Fläche eine grosse Menge Flüssigkeit ab. In beyden secerniren die vielen Schleimdrü- sen, womit diese Fläche besetzt ist, eine grosse Menge Schleim; in dem Magen erzeugt sich aus- serdem noch der Magensaft , und in den Ge- därmen die enterische Flüssigkeit . Die Hauptquelle des Magensafts sind die letz- tern Zweige der Schlagadern, die sich in der Ma- genhaut zerästeln Wepfer hist. cicutae aquat. p. 80. — Spallan- zani ’s Vers. über das Verdauungsgeschäft. S. 157. . Ein anderer Bestandtheil dessel- sur les parties sensibles et irritables. T. 1. Exp. 182. 185. 186. 188. Y 4 desselben wird vielleicht durch die zahlreichen Drüsen abgesondert, die sich bey dem Menschen vorzüglich häufig in der Nähe des untern Magen- mundes befinden, und welche von den Schleim- drüsen verschieden zu seyn scheinen. Jener Saft ist das vornehmste Auflösungsmittel der Speisen. Von einigen Thieren genommen, äus- sert er seine auflösende Kraft noch einige Zeit ausserhalb dem Körper. Diese Kraft aber ist ver- schieden nach der Verschiedenheit der Thierarten. Bey denen, die einen knorpelartigen, zum Zer- malmen der Nahrungsmittel eingerichteten Magen haben, z. B. den Hühnern, werden unzerriebene Fruchtkörner nicht von ihm aufgelöst, sondern nur zermalmt Diese und die folgenden Erfahrungen über den Magensaft sind, wo man nicht andere Gewährs- männer findet, aus Spallanzani ’s angeführtem Werk genommen. . Zugleich löst er rohes Fleisch auf, und greift selbst Steine und Metalle an Brugnatelli in Crell ’s chemischen Annalen. J. 1787. B. 1. S. 231 ff. . Bey den Krähen, Reihern und andern, sich sowohl von vegetabilischen, als animalischen Sub- stanzen nährenden Thieren, deren Magen nicht so stark als der der hühnerartigen Vögel, doch stärker als der Magen der Amphibien, Fische, wie- derkäuenden Thiere, Raubvögel und fleischfres- senden senden Säugthiere ist, löst der Magensaft auch nur zerriebene Fruchtkörner auf. Vorzüglich aber wirkt derselbe auf weichere vegetabilische und animalische Substanzen, z. B. auf Früchte und Fleisch. Dieses wird durch ihn erweicht, verän- dert seine Farbe, geht in eine Gallerte und zu- letzt in einen Brey über. Unzerschnittenes Fleisch wird schichtweise von der Oberfläche zum Mittel- punkt aufgelöst. Knorpel werden ebenfalls von diesem Saft angegriffen. Hingegen auf Knochen hat er keine Wirkung. Bey jenen Thieren äussert auch nicht nur der Magen, sondern schon der Schlund in seiner ganzen Länge auf die in ihm verweilenden Speisen eine auflösende Kraft; bey den hühnerartigen Vögeln hingegen werden die Fruchtkörner im Kropfe nur erweicht, nicht auf- gelöst. Der Magensaft der Amphibien und Fische ist von vorzüglicher Wirksamkeit. Er löst nicht nur unzermalmtes Fleisch, sondern auch ganze Kno- chen vollkommen auf. Doch wirkt er weit lang- samer, als der Magensaft der Säugthiere und Vö- gel, und seine Wirkungen sind einigermassen ab- hängig von der Wärme der Atmosphäre. Die wiederkäuenden Thiere haben eine grosse Menge Magensaft. Vorzüglich ist es der vierte Magen, worin derselbe erzeugt wird. Doch son- dert auch schon der erste und zweyte Magen Y 5 eine eine verdauende Flüssigkeit ab. Nach den Versu- chen von Stevens De alimentorum concoctione. Edinb. 1777. In The- sauro medico Edinburg. T. 3. wurde Futter, welches in durchlöcherten Röhren eingeschlossen war, in dem Wanst eines Ochsen aufgelöst. Der gastrische Saft der Wiederkäuer vermag aber weder im Ma- gen, noch ausserhalb dem Körper seine Kraft zu äussern, wenn die aufzulösenden Substanzen nicht vorher zermalmt und mit Speichel vermischt sind. Der Magensaft der Raubvögel zeichnet sich dadurch aus, dass er auf vegetabilische Theile we- nig oder gar keine Wirkung, eine desto grössere aber auf thierische Substanzen äussert. Fast eben so wirksam auf thierische Materien ist der Magensaft der Katzen, der Hunde und des Menschen. Der gastrische Saft des Menschen greift Knochen und Metalle an Kongl. Vetenskaps Academiens nya Handlingar. J. 1782. 1stes Viertelj. No. 12. . In dem Magen der Hunde erleidet sogar der Schmelz der Zähne, der von dem Magensaft anderer Thiere nicht an- gegriffen wird, einige Veränderung. Bey allen diesen Thieren äussert auch der Magensaft einen eben so grossen Einfluss auf vegetabilische Sub- stanzen, doch bey dem Menschen mehr, wenn dieselben gekäuet sind, als wenn sie unzermalmt in den Magen kommen. Ver- Vermöge der nach dem Tode noch fort- dauernden Wirksamkeit des gastrischen Safts greift er in der Leiche zuweilen den Magen selber an Stellen, wo er sich gesammelt hat, und ausser- halb den durchlöcherten Magenwänden auch die benachbarten Eingeweide an. Hunter Philos. Transact. Y. 1722. p. 447. machte diese Beobachtung zuerst an menschlichen Leichen, und blos an diesen ist meines Wissens seine Er- fahrung bis jetzt wiederholt worden Vergl. Burns , Edinburgh medical and surgical Journal. Vol. 6. p. 129. . Ich habe aber auch an mehrern Thieren der niedern Clas- sen, die eine Zeitlang in Weingeist gelegen hat- ten, und an welchen alle übrige Theile noch frisch waren, den Magen und die ihm zunächst gelegenen Theile zum Theil aufgelöst gefunden. Jäger Hufeland ’s u. Himly ’s Journal der prakt. Heilk. J. 1811. St. 5. S. 1. hat zwar Hunter ’s Meinung von der Ursache jener Erscheinung zu bestreiten gesucht. Seine Gründe scheinen mir aber nur zu bewei- sen, was ohnehin zu vermuthen war, dass einige Krankheiten den Magen, indem sie seine Spann- kraft schwächen, zur Auflösung geneigter machen. Aus den angeführten Thatsachen folgt, dass der Magensaft bey einigen Thieren blos zermalmte, bey andern auch unzerriebene Nahrungsmittel auf- löst; löst; dass bey einigen diese Auflösung unabhängig von der äussern Temperatur, bey andern hinge- gen nur bey einem gewissen Grade von Wärme vor sich geht, und dass einige nur thierische Sub- stanzen, andere sowohl diese, als vegetabilische Materien aufzulösen im Stande sind. Die zer- setzende Kraft des Magensafts ist aber, selbst in Beziehung auf nährende Substanzen, keinesweges unbeschränkt. Das allgemeinste Nahrungsmittel, das es giebt, die Milch, wird von ihm zum Gerin- nen gebracht, und geht zum Theil in diesem coagulirten Zustande durch eine ziemlich lange Strecke des Darmcanals. Auch enthalten die Ex- kremente nach jeder Speise eine Menge unzer- setzter Fasern und Häute. Die auflösende Kraft ist auch nicht dem Ma- gensaft ausschliesslich eigen. Im mindern Grade besitzt jeder Theil des thierischen Körpers das Vermögen, fremdartige Substanzen zu verzehren. Knochen, Fleisch und andere thierische Theile, die P. Smith in die Bauchhöhle, oder unter das Fell lebender Thiere brachte, wurden hier völ- lig aufgelöst Pfaff ’s u. Scheel ’s Nordisches Archiv für Naturk. u. s. w. B. 3. St. 2. S. 134. . Hieraus lässt sich eine merk- würdige Beobachtung erklären, die Cuvier an der Salpa octofora machte. Er fand bey mehrern die- ser Thiere im Innern derselben, aber ausserhalb ihrem ihrem Magen, Theile einer Anatifa, woran alles, bis auf die äussere Haut, zerschmolzen und ver- schwunden war, und die vermuthlich durch die Oeffnung, wodurch die Salpen Wasser einziehen, hereingekommen waren Annales du Muséum d’Hist. nat. T. IV. p. 380. . Diese Thiere haben zwar einen Magen. Vielleicht aber verdauen sie eben so viel ausserhalb, als innerhalb demselben, und machen den Uebergang zu denjenigen Orga- nismen, bey welchen das Athemholen, die Ver- dauung und mehrere andere Funktionen durch ei- nerley Organe geschehen. Bey den fleischfressenden Thieren und vielen von denen, die sich sowohl von animalischen, als thierischen Substanzen nähren, zeichnet sich noch der Magensaft durch einen hohen Grad von fäulnisswidriger Kraft aus. Er verhindert nicht nur die Fäulniss, sondern hebt sogar die ange- fangene wieder auf. Es findet daher bey der Auf- lösung der Speise keine Fäulniss statt. Nach den Versuchen von Davy und Brande ist aber auch das Gas, welches sich bey der Zersetzung der Speisen im dritten Magen der Wiederkäuer entbin- det, weder entzündbar, noch mit Kohlensäure vermischt Philos. Transact. Y. 1807. P. 1. p. 163. . Jene Auflösung geht also auch ohne Gährung von statten. Von Von welcher Art ist nun dieser auflösende Saft? Was er unvermischt ist, lässt sich schwer bestimmen. Immer enthält er Speichel, den Saft der Schleimdrüsen des Schlundes und Magens, und oft auch etwas Galle. Im Magen der mei- sten, lebendig geöffneten, oder eben getödteten Thiere aber ist er eine reine und helle, doch et- was ins Gelbliche fallende Flüssigkeit, von etwas bitterm und salzigem Geschmack, nicht entzünd- lich, weder an der Luft, noch im Feuer gerin- nend, und bey den Thieren der obern Classen eine freye Säure enthaltend. Diese saure Beschaffenheit des Magensafts ist zwar von mehrern Schriftstellern bezweifelt wor- den. Allein es gibt zu wichtige Beweise dafür, als dass sie sich mit Recht bezweifeln lässt. Zu- erst ist es gewiss, dass Milch und Eyweiss durch jenen Saft zum Gerinnen gebracht werden J. Hunter Observat. on certain parts of the animal oeconomy. . Die- ses Vermögen hat er freylich mit mehrern andern thierischen Substanzen, z. B. den Muskeln, der Lunge, dem Herzen u. s. w. gemein Doch besitzt dieses Vermögen nicht die Leber, wenn anders Werner (Diss. sist. exper. circa modum, quo chymus in chylum mutatur. Praes. Autenrieth . Tu- bing. 1800. p. 20.) gegen Spallanzani (A. a. O. S. 280.), der das Gegentheil beobachtet haben will, Recht hat. . Allein der der gastrische Saft röthet auch die Lackmustink- tur. Viridet Tractatus med. physic. de prima coctione. Genevae. 1692. C. 10. 11. 22. beobachtete dies an dem Magen- saft des Schweins, Werner L. c. p. 7. 9. 11. 56. an dem des Pfer- des, des Schaafs, des Kaninchens, des Hundes und der Katze, Marsigli Danubius Pannonico-Mysicus. T. VI. Obs. misc. 9. 10. an dem des Adlers und der Kropfgans, und Brugnatelli Crell ’s Beyträge zu den chem. Annalen. B. 1. St. 4. S. 74 ff. an dem Ma- gensaft mehrerer fleisch- und körnerfressenden Vö- gel. Ich habe das Nehmliche an dem Saft des Vormagens der Hühner bemerkt. Bey manchen Thieren äussert sich die Säure des Magensafts auch durch den Geruch. Neergard Vergleichende Anat. u. Physiol. der Verdauungs- werkzeuge der Säugth. u. Vögel. Berlin. 1806. S. 166. fand oft bey getödteten Hühnern, dass Futter, welches mehrere Stunden im Kropfe verweilt hatte, mit einer beträchtlichen Menge eines stark säuerlich riechenden Safts durchdrungen war. Auch spürte er an dem Fleisch, das sich in dem Vormagen eines Falco Lagopus befand, und schon hin und wieder aufgelöst zu werden anfing, einen säuer- lichen Geruch Ebendas. S. 125. . Die Die Versuche, worauf Spallanzani und an- dere Schriftsteller ihre Behauptung von der Abwe- senheit der Säure im Magensaft gegründet haben, sind keinesweges beweisend. Diese bedienten sich gewöhnlich eines Magensafts, der durch Erbre- chen ausgeleert war. Ein solcher ist aber immer mit Galle vermischt, welche die Säure desselben zerstört. Dabey gebrauchten sie zur Prüfung der Säure Alkalien, die hier zu wenig empfindliche Reagentien sind. Carminati Untersuchungen über die Natur und den verschiede- nen Gebrauch des Magensafts in der Arzneywissensch. u. s. w. Wien. 1785. S. 108. , der den ga- strischen Saft der fleischfressenden Thiere für sauer, und den der pflanzenfressenden für alka- lisch hielt, widerspricht sich, wie schon Wer- ner L. c. erinnert hat, an mehrern Stellen, und er- klärt in einer spätern Schrift Beobachtungen über den Gebrauch des Magensafts, gesammelt von Sennebier . Mannheim. 1785. S. 37. selber, dass er den Magensaft der pflanzenfressenden Thiere eben- falls für sauer, und die von ihm beobachtete Al- kalescenz desselben für Wirkung der Fäulniss hal- te. Brugnatelli A. a. O. S. 69. , der in dem Magensaft der Schaafe nach dem Abdampfen desselben Ammo- nium fand, bediente sich zu seinen Versuchen des Safts des ersten Magens. Aber nicht der erste, son- sondern der dritte und vierte Magen enthält bey den wiederkäuenden Thieren das eigentliche Auf- lösungsmittel der Speisen. Das von ihm erhal- tene Ammonium rührte wahrscheinlich von dem Saft der Schleimdrüsen des ersten Magens her. Bey allen Vögeln, sowohl den kräuterfressenden, als denen, die sich blos von Fleisch, oder von Fleisch und Pflanzen zugleich nähren, fand auch er immer den Magensaft sauer. Wenn, wie zu vermuthen ist, die Wirksam- keit des Magensafts mit der Stärke dieser Säure in Verhältniss steht, so muss jene desto grösser seyn, je näher dem untern Magenmunde der ga- strische Saft abgesondert ist. Dies ist wirklich auch der Fall. Viridet L. c. p. 224. untersuchte vermittelst der Lackmustinctur den Saft der Speiseröhre eines Schweins von oben an bis zum Magen. Im Schlun- de zeigte sich nirgends eine Spur von Säure; hin- gegen im Magen wurde die Tinktur lebhaft gerö- thet. In Werner ’s Versuchen L. c. p. 56. machte die in dem obern Theil des Magens eines Pferdes be- findliche, noch unaufgelöste Speise nur einen schwachen Eindruck auf die Lackmustinktur; stärker wirkte die Flüssigkeit aus dem Grunde des Magens, und am stärksten der in der Nähe des IV. Bd. Z des Pylorus gesammelte Chymus. In einem an- dern Versuch dieses Schriftstellers L. c. p. 11 sq. hatte der aus dem ersten Magen von Schaafen genommene Chymus gar keinen Einfluss auf die Lackmustink- tur; der im zweyten Magen enthaltene Saft be- wirkte nur langsam eine schwache Röthe dieser Tinktur; der Chymus des dritten Magens wirkte schon stärker, und der des vierten sehr lebhaft. Aus dieser grössern Wirksamkeit des im Grun- de des Magens befindlichen gastrischen Safts lässt es sich erklären, warum E. Smith Reil ’s Archiv f. d. Physiol. B. 3. S. 179. in einigen Versuchen, wo er verschiedenen Thieren animali- sche und vegetabilische Substanzen in durchlöcher- ten und an Fäden gebundenen Röhren so bey- brachte, dass diese nicht bis auf den Grund des Magens reichten, keine Veränderungen jener Sub- stanzen beobachtete. Smith schliesst aus diesen Versuchen, dass es die Galle und nicht der Ma- gensaft ist, der die Auflösung der Speisen be- wirkt, ohne zu bedenken, dass die Galle nicht anders als beym Erbrechen in beträchtlicher Men- ge zum Magen gelangt. Er führt zwar noch eine andere Beobachtung an, nach welcher Fleisch ausserhalb dem Körper in Galle, nicht aber in Magensaft aufgelöst wurde. Allein diese ist so oberflächlich erzählt, und widerspricht so vielen andern andern Erfahrungen, dass sie mir gar keine Rück- sicht zu verdienen scheint. Was ich bisher von der Säure des Magen- safts gesagt habe, gilt nur in Beziehung auf die Säugthiere, Vögel, Amphibien und Fische. Bey den Thieren der niedern Classen findet keine freye Säure jenes Safts statt. Ramdohr Abhandl. über die Verdauungswerkz, der Ins. S. 30. beob- achtete, dass der Magensaft von der Raupe der Bombyx quercus mit Säuren stark aufbrauset, und die durch Essig geröthete Lackmustinktur wie- der blau färbt. Ich habe ebenfalls gefunden, dass der Magensaft des Oniscus Asellus, des Dytiscus marginalis, der Sphinx ligustri und der Raupe der Noctua dysodea Vienn . die blaue Farbe der gerötheten Lackmustinctur wieder herstellt. Bey der Sphinx ligustri war das Blau nur schwach, bey den übrigen aber sehr lebhaft. Bey der er- wähnten Raupe färbte die ganze innere Fläche des Nahrungscanals das durch Essig geröthete Lackmuspapier blau. Die innere Fläche des Ma- gens brachte in diesem Versuch die stärkste, die des Mastdarms die schwächste Färbung hervor. Bey andern Thieren der niedern Classen, unter andern bey dem Scarabaeus nasicornis, Limax ci- nereus und der Helix Pomatia war der Magen- saft weder sauer, noch alkalisch. Deutet Z 2 Deutet diese verschiedene Beschaffenheit des gastrischen Safts bey den Thieren der höhern und niedern Classen auf eine Verschiedenheit in der Ernährungsweise derselben hin? Und steht diese Verschiedenheit mit der abweichenden Mischung des Bluts der rothblütigen Thiere und der Mol- lusken, Insekten u. s. w. in Beziehung? Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist. Nach chemi- schen Gründen kann zwar das Auflösungsmittel der Speisen eben sowohl ein Alkali, als eine Säure seyn. Aetzende Alkalien lösen im Ganzen mehr thierische und vegetabilische Substanzen, als die meisten Säuren auf. Allein es ist auch möglich, dass bey den Mollusken und Insekten der reine Magensaft ebenfalls sauer und die Säure desselben blos durch den alkalischen Schleim des Nahrungs- canals verhüllt ist. Auch der Speichel ist an sich sauer; er erhält erst durch die Zumischung des Safts der Schleimdrüsen des Mundes eine alkali- sche Beschaffenheit; aber seine Säure wird da- durch nicht aufgehoben, sondern zeigt sich fort- dauernd durch seine Kraft, die Milch zum Ge- rinnen zu bringen Veratti in Commentar. Bonon. T. VI. S. 269. . Diese Vermuthung, dass die Säure des Magensafts bey den Thieren der niedern Classen blos verhüllt ist, halte ich um so mehr für wahrscheinlich, da ich, wie ich in der Folge umständlicher erzählen werde, in dem Koth der Weinbergschnecke die Galle durch den Ver- Verdauungsprocess auf eine Art verändert fand, wie sie nur durch Säuren verändert wird. Chemische Untersuchungen würden hier Licht geben können. Aber diese sind bis jetzt in Be- treff des Magensafts höchst unbefriedigend. Nach Scopoli In Spallanzani ’s angeführtem Werke. S. 273 ff. besteht der gastrische Saft des Raben aus reinem Wasser, aus einer thierischen Sub- stanz, die seifenhaft und gallertartig ist, aus salz- saurem Ammonium, und aus einer ähnlichen er- digen Materie, wie man in allen thierischen Sub- stanzen antrifft. Brugnatelli A. a. O. fand in dem Magensaft von Eulen Wasser, eine Säure, einen harzigen Bestandtheil, eine thierische Substanz und etwas salzsaures Natrum. Der Saft des er- sten Magens eines Schaafs lieferte ihm vieles Was- ser, Ammonium, eine gallertartige Materie und salzsaures Ammonium. Macquart Mém. de la Soc. Roy. de Médécine. A. 1786. p. 355. hingegen erhielt aus dem Saft des ersten Magens eines Ochsen und Schaafs Wasser, eine gerinnbare Ma- terie, Phosphorsäure, phosphorsauren Kalk, Harz, salzsaures Natrum und salzsaures Ammonium. Die beyden letztern Angaben sind von geringem Werth, da der eigentliche Magensaft der wiederkäuenden Thiere nicht in dem ersten Magen enthalten ist. Die Z 3 Die harzige Materie, die Brugnatelli und Mac- quart in dem Magensaft fanden, war gewiss nichts anders, als durch die Säure des Magens abgeschiedenes Gallenharz. Mir scheint ein Bestandtheil des Magensafts Milchsäure zu seyn. Man findet diese, mit etwas Natrum verbunden, in allen serösen Flüs- sigkeiten, welche ebenfalls im mindern Grade das Vermögen besitzen, thierische Substanzen aufzu- lösen. Schon der Analogie nach ist sie also auch im Magensaft zu vermuthen. Ich habe aber auch bey Versuchen über die Verdauung der Hühner gefunden, dass Wasser, womit die im Vormagen und muskulösen Magen dieser Vögel enthaltenen Materien ausgezogen waren, erwärmt den Geruch des Fleischextracts, welches vorzüglich aus milch- saurem Natrum besteht, aushauchte, und dass dies selbst dann der Fall war, wenn die Thiere blos mit vegetabilischen Nahrungsmitteln gefüttert waren. Das Resultat eines Versuchs, den ich über die Wirkung der sauren Molken auf Weitzen- mehl und Fleisch anstellte, war ebenfalls meiner Meinung günstig. In einer Wärme von 60 bis 70° R. verband sich das Mehl mit den Molken zu einer weissen Flüssigkeit, welche das nehmliche Ansehn hatte, wie der in dem Zwölffingerdarm von Hühnern, die mit Getreidekörnern gefüttert waren, enthaltene Chymus, und sich auch auf ähn- liche liche Art wie dieser gegen chemische Reagentien verhielt. Gebratenes Kalbfleisch wurde in jener Wärme von den Molken an der Oberfläche ange- griffen, und gab mit denselben eine der Fleisch- brühe ähnliche Flüssigkeit. Indess von der Milchsäure allein lässt sich die auflösende Kraft des Magensafts nicht ableiten. Es muss noch eine andere stärkere Säure in die- sem enthalten seyn, wovon er das Vermögen hat, Knochen und selbst Steine angreifen zu können. Nach den obigen chemischen Analysen würde die- selbe Phosphorsäure seyn. Diese scheint aller- dings einen Bestandtheil des Magensafts auszu- machen. In dem Saft des Vormagens von Hüh- nern, welcher bey diesen Thieren das eigentliche Auflösungsmittel des Futters ist, sahe ich von sal- petersaurem Bley, Quecksilber und Silber, so wie von schwefelsaurem Silber Niederschläge entste- hen, die auf Phosphorsäure deuteten. Allein ich fand auch, dass salzsaurer und salpetersaurer Ba- ryt ebenfalls gefällt wurden. In Betreff der Ver- wandtschaftsstufe des Baryts gegen die Phosphor- säure sind nun zwar die Angaben der Chemiker verschieden Gren ’s Handb. der Chemie. 3te Aufl. Th. 2. S. 306. 307. — Süersen in Scherer ’s allgem Journ. der Chemie. B. 8. S. 115. — Pfaff im Nordischen Ar- chiv f. Naturk. u. s. w. B. 4. St. 3. S. 186. . Doch ist so viel gewiss, dass der phos- Z 4 phosphorsaure Baryt von der Salpetersäure aufge- löst wird Pfaff a. a. O. . Wenn also auch der Niederschlag, den die salzsaure Schwererde in jenem Versuch bewirkte, von Phosphorsäure entstanden wäre, so hätte doch diese Säure keine Fällung in der salpetersauren Barytauflösung verursachen können. Es musste also noch eine andere, der Schwererde näher als Salz- und Salpetersäure verwandte Säure in der Flüssigkeit enthalten seyn. Für Schwefel- säure liess sich diese nicht annehmen, da das schwefelsaure Silber ebenfalls gefällt wurde. Aus- ser dieser Säure war aber keine andere übrig, worauf man schliessen konnte, als Flusssäure . Um diesen Schluss zu prüfen, brachte ich den Saft des Vormagens von Hühnern, theils blos mit Wasser, theils auch mit etwas Schwefelsäure vermischt, in einem Gefäss, worüber eine Glasta- fel lag, zum Kochen. Der Erfolg entsprach zwar jenem Schluss nicht; an dem Glase war keine Auflösung zu bemerken. Aber ich erwartete sel- ber nicht viel von diesem Versuch. Nach dem Zusatz der Schwefelsäure entwickelte sich beym Kochen so viel Ammonium, dass das flusssaure Gas, welches vielleicht mit entbunden wurde, gleich wieder neutralisirt werden musste, und aus dem blos mit Wasser verdünnten Saft konnte schwerlich die blosse Siedewärme das flusssaure Gas austreiben. Meh- Mehrere andere Gründe scheinen mir dagegen zu beweisen, dass Flusssäure wirklich im Magen- saft enthalten, und das Hauptauflösungsmittel der Speisen ist. Nach Plater ’s Beobachtung wurde ein Onyx in dem Magen einer Henne binnen vier Tagen um den vierten Theil kleiner M. s. oben §. 2. dieses Kap. . In Reau- mur ’s Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1752. p. 272. 275. und Spallanzani ’s Vers. über das Verdauungsgeschäft. S. 10. 13. 15. Versuchen wur- den kleine Glaskugeln, die über der Lampe ge- blasen waren, und welche die Stärke hatten, dass man sie gewaltsam gegen den Boden werfen konn- te, ohne sie zu zerbrechen, in dem Magen eines Kapauns und einer Henne binnen drey Stunden in kleine Stücke zermalmt, deren Enden so rund waren, als wenn sie absichtlich wären abgerundet worden. Selbst Stücke einer Glasscheibe wurden in dem Magen der hühnerartigen Vögel zerrieben, und zwar ohne Verletzung der Magenwände. Die- ses Zerreiben lässt sich nicht ohne Hülfe eines chemischen Auflösungsmittels erklären, da dasselbe auch bey Versuchen statt fand, wo der Magen keine Steine enthielt Spallanzani a. a. O. S. 20. , und die mechanische Wir- kung blos von den Magenwänden herrühren konn- te, die nothwendig hätten verwundet werden müssen, Z 5 müssen, wenn nicht ein auflösender Saft die Spitzen der Glassplittern erweicht hätte. Bey ei- nem meiner Versuche über die Verdauung der Hühner bemerkte ich auch, dass das Email einer porcellanenen Tasse, worin ich den Aufguss ei- nes Theils der in dem Nahrungscanal befindli- chen Materien hatte digeriren lassen, stark ange- griffen war. Ich machte diese Bemerkung aber erst, nachdem die bey den Versuchen gebrauchten Tassen schon wieder gereinigt waren, und kann daher die nähern Umstände nicht angeben. — Die auflösende Kraft, die man bey allen diesen Erfahrungen anzunehmen genöthigt ist, lässt sich nur in der Flusssäure suchen. Die Phosphorsäure wirkt zwar auch einigermassen auf Glas und Porcellan, doch nicht in dem Grade, wie man hier voraussetzen muss. Jene Hypothese hebt zugleich eine Schwie- rigkeit, die sonst schwer aufzulösen ist. Bey meh- rern Thieren zeigt der Magensaft weder eine freye Säure, noch ein freyes Alkali, und da, wo er jene besitzt, äussert sich dieselbe oft nur durch eine schwache Wirkung auf Pflanzenpigmente. Wie demohngeachtet dieser Magensaft bedeutende auf- lösende Kräfte haben kann, lässt sich bey der Voraussetzung, dass Flusssäure ein Bestandtheil desselben ist, aus Wiegleb ’s bekannter Erfahrung erklären, nach welcher das flusssaure Ammonium noch noch eben sowohl, wie die freye Flusssäure, die Kieselerde auf dem nassen Wege angreift. Unsere Hypothese hat endlich nichts, was der Analogie zuwider ist. Man fand die Flusssäure auch schon in den Knochen und im Harn Berzelius in Gehlen ’s Journal f. d. Chemie u. Physik. B. 3. S. 1 ff. , und vielleicht wird man sie noch in andern thierischen Substanzen entdecken. §. 9. Der Chymus . Die von dem Magensaft aufgelöste Speise ist eine noch ungleichartige Flüssigkeit, worin sich sehr viel von einer Substanz, die Emmert für Gallerte hält, eine freye fixe Säure, und stark oxydirtes Eisen findet, die aber nicht von der Wärme zum Gerinnen gebracht wird, und über- haupt keinen Eyweissstoff enthält. Diese von Emmert Reil ’s Archiv f. d. Physiol. B. 8. S. 176. und Werner Exp. circa modum, quo chymus in chylum muta- tur. p. 15. gemach- ten Erfahrungen führen auf merkwürdige Resul- tate. Emmert beobachtete die gallertartige Be- schaffenheit des Chymus an einem Pferde, also an einem pflanzenfressenden Thier, dessen Nah- rungsmittel vorzüglich durch die darin enthalte- nen nen kleber- und stärkemehlartigen Bestandtheile nährend sind, aber keine Gallerte enthalten. Wo- her nun die gelatinöse Natur des Speisebrey in den obigen Beobachtungen? Wir wissen aus dem zweyten Abschnitt des gegenwärtigen Buchs, wo von der vegetabilischen Ernährung die Rede war, dass beym Keimen der Saamenkörner und Knollen das Stärkemehl in Schleim und Zucker zersetzt wird, und dass um- gekehrt im Stamm und den Zweigen der Schleim und Zucker wieder in Stärkemehl übergeht. Fin- det ein ähnlicher Process etwa bey der thierischen Verdauung statt? Um hier zu sichern Resultaten zu gelangen, ist es nothwendig, das Verhalten des Eyweiss- stoffs, als desjenigen Bestandtheils der thierischen sowohl, als vegetabilischen Körper, welcher vor- züglich nährend ist, und der, seiner Gerinnbar- keit wegen, bey der Verdauung am meisten ver- ändert werden muss, gegen seine Auflösungsmit- tel zu untersuchen. Ich habe eine Reihe von Versuchen über diesen Gegenstand angestellt, und bin dabey auf das Resultat gekommen, dass der Eyweissstoff durch einen gewissen Grad von Säu- rung in Gallerte verwandelt wird; dass die ver- einigte Wirkung von Säuren und Alkalien den- selben in den Zustand des Schleims versetzt, und dass ein höherer Grad der Säurung, be- sonders sonders von Metalloxyden, ihn als Faserstoff nie- derschlägt. Schon Hatchett Philos. Transact. Y. 1800. P. 2. p. 327. bemerkte, dass Eyweiss nach langer Einweichung in verdünnter Salpeter- säure sich in kochendem Wasser auflöst, und nach dem Abdampfen eine gallertartige Masse lie- fert, die eben so wie der Leim durch Gerbestoff niedergeschlagen wird. Ich erhielt zuerst eine gelatinöse Materie, als ich eine Auflösung des Ey- weiss in concentrirtem Essig eine Stunde in Ko- chen erhielt, von Zeit zu Zeit statt des verdün- steten Essigs Wasser nachgoss, und endlich das niedergeschlagene Eyweiss durch Filtriren abson- derte. Die Auflösung ging nach dem Erkalten in eine weissliche Gallerte über, und wurde über dem Feuer wieder flüssig. Doch schlugen sich bey der Wiederholung des Kochens immer noch häutige Concremente nieder, die sich nicht wieder auflösten. Es bildete sich hier also eine der Gal- lerte zwar ähnliche, doch, wie die fortdauernde Präcipitation des Eyweiss bewies, noch nicht ganz gleiche Substanz. Eine wahre Gallerte entstand aber, als ich eine Mischung aus zwey Drachmen Eyweiss, einer halben Unze Phosphorsäure und ei- ner Unze Wasser zwey Stunden in einer Wärme von 60° R. erhielt. Am Ende dieser Zeit hatte sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit eine weisse, feste feste Haut gebildet, unter welcher alles eine was- serhelle, gleichförmige Auflösung war. Erkaltet ging die letztere in eine der Knochengallerte ganz gleiche Masse über, indem sie alles Wasser in sich aufnahm. Mit neu hinzugegossenem Was- ser erwärmt, löste sie sich wieder auf, und mit wässrigem Galläpfelaufguss vermischt, gab sie dasselbe flockenartige Präcipitat, das man aus Knochengallerte mit Gerbestoff erhält. Lässt man Eyweiss mit einer nicht zu star- ken Säure digeriren, und setzt dann ein Alkali hinzu, oder löst man umgekehrt Eyweiss erst in einer alkalischen Lauge auf, und vermischt dann die Auflösung mit einer nicht zu starken Säure, so schlägt sich zwar ein Theil des aufge- lösten Eyweiss als ein festes Präcipitat nieder; aber ein Theil bleibt mit der Säure und dem Al- kali vereinigt, und bildet eine schleimige Masse, die weder wie Gallerte beym Erkalten erstarrt, noch wie Eyweissstoff in der Hitze gerinnt, sich also wie thierischer Schleim verhält. In eine ähn- liche Masse wird auch Gallerte durch den Einfluss der Alkalien versetzt. Ueber die Entstehung des Faserstoffs aus dem Eyweiss werde ich unten, in der Lehre vom Blu- te, meine Beobachtungen mittheilen. Hier bemer- ke ich nur noch, dass sich bey der Digestion des Eyweiss mit Säuren immer eine häutige Sub- stanz stanz absondert, welche ganz die Eigenschaften des Faserstoffs hat. Das Eyweiss löst sich also in Säuren auf, indem es sich dem Zustand der Gallerte nähert, zugleich aber einen geronnenen Theil als Faser- stoff zurücklässt. Dieser ist, wie aller Faserstoff, nur mit Hülfe der Wärme in concentrirten mine- ralischen Säuren, z. B. in Salpetersäure, und nicht anders als mit gänzlicher Veränderung seiner Na- tur auflöslich. Er wird aber von ätzenden Al- kalien aufgenommen, und lässt sich daraus durch Säuren wieder fällen. Die Gallerte und der Schleim lösen sich so- wohl flüssig, als trocken in Säuren völlig auf, und zwar die Gallerte ohne in der Kälte ihre Na- tur merklich zu verändern. Eyweissstoff, Gallerte, Schleim und Faserstoff sind die gemeinschaftlichen und vorzüglich näh- renden Grundtheile aller thierischen Organe und Säfte. Der Eyweissstoff und der Schleim sind auch den Pflanzen eigen. Der vegetabilische Fa- serstoff scheint von dem animalischen dem We- sen nach nicht verschieden zu seyn. Eigenthüm- lich dem Thierreiche ist aber die Gallerte, wie das Stärkemehl und das Gummi dem Pflanzen- reiche. Diese vegetabilischen Grundtheile werden jedoch, wie die Gallerte, von Säuren, Alkalien und blossem Wasser aufgelöst. Wenden Wenden wir diese Sätze auf den Verdauungs- process an, so folgt, dass der Magensaft vermöge seiner Säure und seines Wassers von den ange- führten nährenden Grundtheilen der Thiere und Pflanzen den Eyweissstoff, die Gallerte, den Schleim, das Stärkemehl und das Gummi auflöst; dass hingegen der Faserstoff für ihn unauflöslich ist, und dass auch bey der Aufnahme des Eyweiss- stoffs immer ein Niederschlag von Faserstoff er- folgt; endlich dass jene auflöslichen Substanzen von dem gastrischen Saft als Schleim oder Gallerte aufgenommen werden. Es lässt sich zwar gegen diese Folgerung der Einwurf machen, dass die Umwandlung des Eyweissstoffs in Gallerte vermit- telst chemischer Mittel nur bey einer Temperatur geschieht, die nicht bey der Verdauung statt fin- det. Allein wir haben schon oben (§. 7.) gesehen, dass eine Hauptbedingung des Digestionsprocesses die ungestörte Einwirkung der Nervenkraft auf den Magen ist, und unten werden wir finden, dass diese Einwirkung in vielen Fällen dem Ein- fluss einer hohen Temperatur ganz analog ist. Ueber die Richtigkeit aller dieser Schlüsse können nur Erfahrungen entscheiden. Die oben erwähnten Resultate der Versuche von Emmert stimmen mit denselben schon überein. Ich habe Versuche an Hühnern gemacht, die ebenfalls der- selben günstig sind. Von mehrern dieser Thiere. die die in Käfigen gehalten wurden, liess ich einige mit einer Mischung aus vegetabilischer und ani- malischer Kost, die übrigen blos mit Gerstenkör- nern und Wasser füttern. Beyde bekamen dabey Sand und kleine Steine. Die erstern hatten den Tag vor ihrem Tode Gerstenkörner und Küchen- abfall, welcher aus Milch, Fleischbrühe und Grau- pen bestand, erhalten. Bey der Untersuchung ihres Nahrungscanals fand ich den Inhalt dessel- ben von folgender Art. In dem Kropf war das Futter noch unver- ändert. Der Vormagen enthielt Stücke geronnener Milch, aufgequollene Gerstenkörner und saure Molken. In dem Knorpelmagen fand ich eine grosse Menge Sand und zerriebene Gerstenkörner. Der dünne Darm war mit einem Brey ange- füllt, der bis zu der Gegend, wo sich die Gallen- gänge in jenen öffnen, eine graue Farbe hatte. Bis zu jener Stelle erstreckt sich bey den Hühnern das erste Stadium der Verdauung. Hier theile ich meine Beobachtungen nur so weit mit, als sie dieses betreffen. Die weitern Veränderun- gen des Chylus in den folgenden Theilen des Darmcanals werde ich in der Folge beschreiben. Der Inhalt des Vormagens färbte Lackmuspa- pier röthlich, und verbreitete erwärmt einen star- IV. Bd. A a ken ken Geruch nach Milchsäure. Die übrigen Mate- rien des Nahrungscanals reagirten gegen die Lack- mustinktur weder sauer, noch alkalisch. Sowohl in dem Vormagen, als in dem Knor- pelmagen, in welchem letztern die Speisen bey den Hühnern erst zerrieben werden, waren noch wenig assimilirte Substanzen zu suchen. Diese konnten erst im Anfang des dünnen Darms zu finden seyn. Doch goss ich auf den Inhalt des Knorpelmagens kaltes Wasser, erhielt den Aufguss eine halbe Stunde in einer Wärme von ohnge- fähr 70° R., seihete ihn durch und prüfte die durch das Filtrum gegangene Flüssigkeit, die das Ansehn einer schwachen Auflösung von Satzmehl hatte, mit wässrigem Galläpfelaufguss. Bey dem Erhitzen gab die Flüssigkeit den Geruch des Fleischextrakts von sich, da der Inhalt des Vor- magens blos nach Milchsäure roch. Nach dem Zusatz des Galläpfelaufgusses bildete sich ein Prä- cipitat, welches zunahm, als die Mischung von neuem über ein gelindes Feuer gebracht wurde. Dieser Niederschlag konnte von drey verschiede- nen Substanzen herrühren, von Stärkemehl, Gal- lerte, oder Fleischextrakt. Dass sich Stärkemehl in ihr befand, war deshalb nicht wahrscheinlich, weil sich eine mit Galläpfelaufguss vermischte und erwärmte Auflösung dieser Substanz immer mit einer Haut von Faserstoff überzieht, welches mit mit jener Flüssigkeit nicht der Fall war. Das Hauptkennzeichen der thierischen Gallerte, in der Kälte zu erstarren, fehlte ihr aber auch. Sie liess sich daher nur für Fleischextrakt annehmen, mit welcher Annahme auch ihr Geruch überein- stimmte. Den in dem obern Theil des dünnen Darms befindlichen Chymus verdünnte ich mit kaltem Wasser, und drückte ihn durch ein leinenes Fil- trum. Die durchgegangene Flüssigkeit A bestand aus einem klaren, wässrigen Theil, und einer dickern, weisslichen Materie. Auf einem Filtrum von Löschpapier blieb die letztere zurück, indem blos der wässrige Theil durchging. Der auf dem leinenen Filtrum gebliebene Rückstand hatte gröss- tentheils das Ansehn geronnener Milch. Ich setzte zu der filtrirten Flüssigkeit A eine gleiche Quantität Alcohol, und liess diese Mischung B damit gelinde aufkochen. Nach dem Erkalten hatte sich Eyweissstoff, doch nur in geringer Quantität, niedergeschlagen. Der letztere wurde vermittelst Filtrirens abgesondert, und die eine Hälfte a der durchgeseiheten Mischung B mit Gall- äpfeltinktur versetzt. Diese brachte in der Kälte keinen Niederschlag hervor; bey mässiger Er- hitzung bildete sich in der Flüssigkeit eine braune Wolke. Zugleich entwickelte sich statt des Ge- ruchs nach Fleischbrühe, den der Inhalt des Knor- A a 2 pel- pelmagens hatte, wieder derselbe Geruch nach sauren Molken, den die Materien des Vormagens aushauchten. In der Kälte löste sich die erwähnte braune Wolke wieder auf; die Flüssigkeit be- deckte sich dabey mit einer Haut, gelatinirte aber nicht. Es war also auch hier keine Gallerte vor- handen. Jene Haut aber deutete auf Stärkemehl. Die andere Hälfte b der vom Eyweissstoff ge- reinigten Flüssigkeit B vermischte ich mit einer gleichen Menge ätzender Kalilauge, liess die Mi- schung gelinde aufkochen, und setzte nach dem Erkalten geistigen Galläpfelaufguss hinzu. Es entstand hierauf ein starkes, körniges, braunes Präcipitat. Dieses musste von einer thierischen Substanz herrühren. Das ätzende Kali fället zwar auch den blossen Gerbestoff aus seiner Auflösung. Aber dieser Niederschlag erscheint als eine braune oder gelbliche Wolke, nicht als eine körnige Ma- terie. Ein ganz ähnliches Präcipitat erhielt ich dagegen, als ich eine durchgeseihete Auflösung von Nasenschleim in verdünnter Salpetersäure mit ätzendem Kali und Galläpfeltinktur vermischte. Der Gerbestoff scheint hier, verbunden mit thie- rischem Schleim, durch das Kali gefällt zu wer- den. Diese Versuche beweisen also, dass ein Theil der Flüssigkeit des dünnen Darms aus thierischem Schleim bestand. Es frägt sich indess, ob dieser Schleim verähnlichter Nahrungssaft, oder blos Darm- Darmschleim war? Dass er zum Theil aus Darm- schleim bestand, ist allerdings möglich. Dass er aber nicht grösstentheils von assimilirten Nah- rungsmitteln herrührte, lässt sich kaum bezwei- feln, da es sonst nicht einzusehen ist, was der eigentliche, zur Einsaugung bestimmte Nahrungs- saft gewesen seyn sollte. Die Resultate dieses Versuchs waren also fol- gende. Der Knorpelmagen enthielt weiter keine aufgelöste Substanz als Fleischextrakt, welches aber wohl nicht blos von der Fleischbrühe, wo- mit die Hühner gefüttert waren, sondern auch von dem gastrischen Saft herrührte, da ich den Geruch desselben auch an dem Chymus von Thie- ren, die blos Pflanzennahrung erhalten hatten, bemerkt habe. Die Auflösung des Futters geht bey den Hühnern erst im Anfange des dünnen Darms vor sich. In diesem fanden sich an aufge- lösten thierischen Substanzen Eyweissstoff, Stärke- mehl und thierischer Schleim. Der Eyweissstoff war aber in zu geringer Quantität vorhanden, als dass er bey der Ernährung von Wichtigkeit seyn konnte. Nur das Stärkemehl und der Schleim liessen sich für aufgelöste und zur Verwandlung in Chymus vorbereitete Substanzen annehmen. Bey einem der übrigen Hühner, die blos mit Gerstenkörnern und Wasser gefüttert waren, ent- A a 3 hielt hielt der Nahrungscanal bis zum Eintritt der Gal- lengänge folgende Materien. Im Kropf fanden sich blos unveränderte Ger- stenkörner. Der Vormagen enthielt einen weissen Saft ohne Futter. Der Knorpelmagen war mit zerriebenen Körnern, und der Zwölffingerdarm mit einem grauen Brey angefüllt. Wie in dem vorigen Versuch zeigte auch hier blos der Saft des Vormagens eine Säure, und dieser verbreitete erwärmt einen scharfen Fleisch- geruch. Die übrigen Materien des Nahrungsca- nals reagirten weder sauer, noch alkalisch. Auf den Inhalt des Knorpelmagens gegossenes kaltes Wasser wurde weiss und undurchsichtig. Galläpfelaufguss schlug aus demselben nichts nie- der. Weingeist und Schwefeläther fällten eine geringe Menge Eyweissstoff. Ich erhielt den Auf- guss eine Stunde in einer Wärme von 60 bis 70° R. und prüfte ihn dann von neuem mit Galläpfel- aufguss; es entstand Trübung, doch kein voll- ständiger Niederschlag. Ich goss von neuem Was- ser auf den unaufgelösten Rückstand, und brachte dieses zum Kochen. Jetzt entwickelte sich deut- lich der Geruch des Stärkemehls. Zugleich wurde der untere Theil der Flüssigkeit klebrig, wie ge- kochte Stärke. Als der Aufguss durchgeseihet und erkaltet war, hatte sich ein Bodensatz von klei- nen weissen Körnern gebildet, die ganz das An- sehn sehn des weissen Satzmehls (fecula) hatten. Der auf dem Filtrum gebliebene Rückstand war eine gelbliche, klebrige Materie, die sich in ätzendem Natrum selbst beym Kochen nicht ganz auflöste, und meist aus vegetabilischen Fasern zu beste- hen schien. Von der breyartigen Materie, womit der obere Theil des dünnen Darms angefüllt war, nahm kaltes Wasser so wenig auf, dass kaum die Far- be desselben dadurch verändert wurde. Als der Aufguss eine Stunde in einer Wärme von 60 bis 70° R. gestanden hatte, war ein Theil des Chy- mus aufgelöst worden. Nach dem Erkalten setzte sich wieder ein weisses Pulver ab, das sich wie weisses Satzmehl verhielt. Die durchgeseihete Abkochung gab mit Galläpfelaufguss einen Nie- derschlag, welcher ebenfalls weisses Satzmehl ent- hielt. Weingeist schlug, selbst als die Mischung zum Kochen gebracht war, keinen Eyweissstoff nieder. Galläpfelaufguss und ätzendes Kali, wel- che zu dieser Mischung mit Weingeist gesetzt wurden, fällten blossen Gerbestoff ohne Schleim. Der auf dem Filtrum gebliebene Rückstand wur- de von ätzendem Kali aufgelöst, und durch Essig- säure wieder gefällt; der Niederschlag hatte das Ansehn des vegetabilischen Eyweissstoffs. In diesem Versuch, wo das Thier blos mit einer vegetabilischen Substanz gefüttert war, de- A a 4 ren ren nährende Bestandtheile in Stärkemehl und Kle- ber bestanden, fand sich also in den ersten We- gen keine Gallerte, sondern die aufgelösten Sub- stanzen waren blos Eyweissstoff und Stärkemehl. Jener machte aber auch hier, wie im vorigen Versuch, einen so unbedeutenden Theil aus, dass man ihn nicht für eine assimilirte Materie an- nehmen konnte. Nur die Auflösung des Stärke- mehls konnte zur Verwandlung in Chylus be- stimmt seyn. Der in den Nahrungsmitteln be- findliche Kleber schien selbst im Zwölffingerdarm noch keine Veränderung von dem gastrischen Saft erlitten zu haben. Im vorigen Versuch, wo die Thiere mit ge- mischter Kost gefüttert wurden, war die Ver- dauung im Anfang des dünnen Darms schon wei- ter vorgeschritten. Es bestätigt sich also hier, was auch andere Erfahrungen lehren, dass die Verdauung bey animalischer Kost schneller als bey vegetabilischer vor sich geht. So wenig übrigens jene Versuche auf Voll- ständigkeit Anspruch machen können, so stimmen doch die Resultate derselben mit unsern obigen Schlüssen so sehr überein, dass wir diese für mehr als blosse Vermuthungen anzunehmen be- rechtigt sind. §. 10. §. 10. Bewegungen des Magens. Beziehung der Bildung desselben auf die Beschaffenheit der Nahrungsmittel. Indem der Magensaft seinen chemischen Ein- fluss auf die Speise äussert, wirkt zugleich der Magen mechanisch auf diese ein. Mechanische sowohl als chemische Schärfen bringen Zusammenziehungen des Magens hervor, und auch ohne angebrachte Reitzungen sahe man ihn bey geöffneten lebenden Thieren sich zusam- menziehen Haller El. Physiol. T. VI. L. 19. S. 4. §. 4. p. 260. . Die Zusammenziehung des Magens ist von vorzüglicher Stärke bey den hühnerartigen Vögeln, bey welchen durch dieselbe Münzen umgebogen, eiserne Röhren zusammengedrückt, und Glasröh- ren zerbrochen werden Ibid. §. 6. p. 266. — Spallanzani ’s Vers. über das Verdauungsgesch. S. 8. 10. 13. 15. 20. 30. . Hier vertritt der knor- pelartige Magen zugleich die Stelle der Zähne. Eben so heftig müssen diese Contraktionen bey denjenigen Insekten und Mollusken seyn, deren Magen knorpelartig, oder mit Zähnen besetzt ist. Schwächer ist jene Zusammenziehung bey den übrigen Thieren, die einen muskulösen oder häu- tigen Magen haben. Doch fehlt sie auch bey die- sen nicht. Man hat sie sogar bey mehrern Poly- pen A a 5 pen und Insekten beobachtet Haller l. c. §. 7. p. 270. — Ramdohr ’s Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 28. . Ich sahe sie un- ter andern beym Dytiscus marginalis L. und Sca- rabaeus nasicornis L. sehr lebhaft vor sich gehen. Bey den Krähen, Reihern und mehrern andern Vögeln, die zwar keinen so starken Magen wie die Hühner haben, bey welchen dieser Theil aber auch aus ziemlich starken Muskelfasern besteht, äussert derselbe seine Contraktilität dadurch, dass schwache, von dünnem Bley verfertigte Röhren durch ihn eingedrückt, und selbst stärkere Röh- ren, die eine längere Zeit in ihm verweilen, an den Rändern eingebogen werden Spallanzani a. a. O. S. 54. . Bey lebendig geöffneten Amphibien und Säugthieren findet man den Magen zuweilen in Ruhe, oft aber auch in Be- wegung. Eine Menge hierher gehöriger Beobach- tungen enthalten Wepfer ’s Historia cicutae aquati- cae, Peyer ’s Merycologie, Haller ’s Elemente L. c. und Spallanzani ’s Werk über die Verdauung S. 214. 216. . Bey den Fischen muss jene Bewegung träger seyn, da sie bey diesen noch nicht beobachtet ist. Die Zusammenziehung des Magens wechselt mit einer Ausdehnung desselben ab, und zwar zieht zieht er sich nicht in seinem ganzen Umfange, sondern stellenweise zusammen, so dass bald ein Theil constringirt wird, indem ein anderer er- schlafft, und bald der letztere sich wieder zusam- menzieht, indem jener sich erweitert. Die zusam- mengezogenen Stellen werden dicker und runzlich. Der Magen ändert daher, wenn er in Bewegung ist, immer seine Gestalt, und hat dann oft ein ge- gliedertes Ansehn. Im Allgemeinen ist daher die Bewegung eine wurmförmige. Sie geht bald von oben nach un- ten, bald wieder von unten nach oben. Dieser Wechsel von gerader und rückgängiger Bewegung scheint aber nur so lange statt zu finden, bis die Speisen durch den Magensaft aufgelöst sind. Bis dahin ist wahrscheinlich der untere Magenmund verschlossen. Sobald aber die Auflösung vor sich gegangen ist, öffnet sich dieser; die peristaltische Bewegung geht dann nach unten, und der Speise- brey wird in den Zwölffingerdarm ausgeleert. Haller und mehrere andere Schriftsteller ha- ben ausser der Zusammenziehung des Magens noch den Druck des Zwerchfells und der Bauch- muskeln als mitwirkend bey der Ausleerung der Speisen angenommen. Durch das Zwerchfell, sagt Haller , werden beym Einathmen alle in dem Bauchfell befindlichen Eingeweide, besonders der vordere Theil der Leber und der Magen, zusam- men- mengedrückt; die Bauchmuskeln, setzt er an ei- ner andern Stelle hinzu, kann man als einen gro- ssen, an den Wirbelknochen befestigten, und vorne um das Bauchfell gelegten Gürtel betrach- ten, welcher bey seiner Zusammenziehung alle Baucheingeweide an den Rücken drückt und aus- leert Haller l. c. §. 2. 3. p. 258. 259. . Diese Ursachen können aber im gesun- den Zustande nicht von grosser Wichtigkeit seyn. Der Druck des Zwerchfells findet blos bey den Säugthieren statt. Zum Beweise der Wirkung dieses Theils auf den Magen führt zwar Haller eine Beobachtung von Wepfer aus Peyer ’s Me- rycologie (p. 275.) an, nach welcher aus einer Magenwunde eines Kalbes der Speisebrey auf weiter als einen Schritt hervorgesprützt wurde, und zwar nicht anhaltend, sondern nur von Zeit zu Zeit. Aus dem letztern Umstand schliesst Hal- ler , dass das Hervordringen nicht durch die Zu- sammenziehung des Magens, welche anhaltend wirke, sondern durch den Druck des Zwerchfells verursacht sey. Aber Wepfer sagt nirgends, dass das Ausfliessen des Speisesafts mit dem Einath- men in einer Beziehung gestanden habe. Auch ist es eine unrichtige Behauptung, dass die Zu- sammenziehung des Magens anhaltend wirke. Anders aber ist es beym Erbrechen, wo die Speisen auf einem ungewöhnlichen Wege ausge- leert leert werden. Schon Chirac Ephemer. Nat. Curios. Dec. 2. Ann. 4. 1686. Obs. 125. und Franz Bayle De corpore animato. Tolos. 1700. bemerkten, dass der Magen der Säug- thiere sich hierbey leidend zu verhalten schiene, und die Resultate der Versuche Magendie ’s Mémoire sur le vomissement. Paris. 1813. stimmen mit dieser Beobachtung überein. Nach des letztern, von Commissarien des Französischen Instituts wiederholten, und richtig befundenen Erfahrungen bemerkt man bey Hunden, denen durch Brechmittel Brechen erregt ist, in der ge- öffneten Bauchhöhle keine Zusammenziehungen des Magens, wohl aber eine starke, von den Zusammenziehungen des Zwerchfells und der Bauchmuskeln herrührende Pressung. Während der dem Erbrechen vorhergehenden Uebelkeit tritt immer Luft in den Magen. Wird derselbe aus der Oeffnung der Bauchdecken hervorgezogen, so dass diese und das Zwerchfell nicht auf ihn wirken können, so erfolgt keine Ausleerung des- selben, obgleich das Thier dieselben Anstrengun- gen wie beym Erbrechen macht. Diese Anstren- gungen werden bey einem geöffneten Hund schon durch ein gelindes Ziehen des Schlundes erregt. Sie erfolgen sogar, wenn nach der völligen Ex- stirpation des Magens eine Auflösung von Brech- weinstein in die Cruralvene gesprützt wird. Die Zusam- Zusammenziehungen des Zwerchfells und der Bauchmuskeln beym Erbrechen sind also ganz un- abhängig von dem Einfluss der Brechen erregen- den Mittel auf den Magen. Bey Hunden, denen der Magen ausgeschnitten, und der Schlund an eine mit einer biegsamen Röhre verbundene und mit Wasser angefüllte Blase befestigt war, die in die Bauchhöhle gebracht wurde, entleerte sich diese bey den Anstrengungen zum Erbrechen eben so, wie sonst der Magen. Hunde, denen die Zwerchfellsnerven durchschnitten waren, er- brachen sich, selbst bey Anwendung der kräftig- sten Vomitive, nur sehr schwach. Es erfolgte gar kein Brechen, sondern blos eine geringe Uebel- keit, wenn nicht nur jene Nerven durchschnitten, sondern auch die Bauchmuskeln von ihren Befe- stigungspunkten abgelöst waren. Hingegen brach- te das blosse Zwerchfell noch Erbrechen hervor, wenn nur die weisse Linie, die dem Druck der Eingeweide Widerstand leistet, unverletzt war. Magendie schliesst mit Recht aus diesen Er- fahrungen, dass der Magen sich beym Erbrechen nicht immer zusammenzieht, und dass diese Be- wegung erfolgen kann, wenn auch jener sich ganz unthätig verhält. Er behauptet aber nicht, dass niemals antiperistaltische Bewegungen des Magens beym Erbrechen statt finden, die Haller dabey gesehen zu haben versichert. Die Com- missa- missarien des Französischen Instituts hingegen beschuldigen in ihrem Bericht über Magendie ’s Schrift Haller ’n wegen dieser Beobachtung des Mangels an Genauigkeit, obgleich ihre wenigen Versuche Haller ’s so zahlreiche bey weitem nicht aufwiegen, und Eine positive Beobachtung hier mehr als viele negative beweist. Zuweilen findet an solchen Stellen des Ma- gens, worauf ein heftiger Reitz wirkt, eine an- haltende Zusammenziehung statt, die nicht eher wieder aufhört, als bis der Reitz entfernt ist, und die zuweilen noch nach dem Tode fortdauert. Hieraus würde sich erklären lassen, wie manche unverdauliche Sachen so sehr lange im Magen verweilen konnten, z. B. eine Speckschwarte zwey Jahre, ein Stück eines Darms vierzehn Jahre Haller l. c. §. 7. p. 272. , und Kirschkerne fünf Jahre M. G. Thilenius ’s med. u. chirurg. Bemerkungen. Neue Aufl. Th. 1. , wenn diese und ähnliche Geschichten nicht manchen Zweifeln ausgesetzt wären. Sehr merkwürdig ist es, dass man eine sol- che anhaltende, und auch nach dem Tode noch fortwährende Zusammenziehung besonders in der Mitte des Magens beobachtet hat. Schon bey äl- tern Schriftstellern, vorzüglich bey Wepfer , fin- det man mehrere wichtige Erfahrungen über die- sen Gegenstand. Bey Bey einem Wolfe, dem die Wurzel des Eisen- hütlein (radix napelli) gegeben war, zog sich der Magen abwechselnd bald am Pylorus, bald in der Mitte zusammen Wepfer hist. cicutae aquat. p. 179. . Ein ähnlicher Wechsel von Zusammenziehun- gen fand bey einer Katze statt, die Jalappe erhal- ten hatte Ibid. p. 221. . Bey einer Wölfin, die den Saft des Schierlings bekommen hatte, fand Wepfer am obern Theile des Magens, anderthalb Zoll weit von der Cardia, eine so anhaltende Zusammenziehung, dass der Magen wie aus zwey Theilen bestehend aus- sahe Ibid. . Die merkwürdigste unter Wepfer ’s Beobach- tungen ist aber die, welche er an einer mit der Wurzel des Eisenhütlein vergifteten Katze machte. Hier war der Magen sehr ausgedehnt. Wepfer schnitt ihn ganz heraus. Es erfolgte in demsel- ben eine wurmförmige Bewegung. Dann zog sich das obere Magen-Ende so fest zusammen, dass auch nicht ein Tropfen herausdringen konnte. Nun erfolgte eine Zusammenziehung der Mitte des Magens, und von dieser ging eine langsame Bewegung nach dem Pylorus hin. Der letztere richtete sich auf, und es drang eine helle, theils schau- schaumige, theils zähe Flüssigkeit, zuweilen all- mählig, zuweilen stossweise daraus hervor. Jetzt zog sich der Pylorus zusammen; der Magen schwoll wieder an; es erfolgte von neuem in der Mitte desselben eine Zusammenziehung, und von neuem ein Hervordringen von Flüssigkeit aus sei- nem untern Ende. Diese abwechselnde Zusam- menziehung und Erweiterung hielt sieben bis acht Minuten an, und das obere Magen-Ende blieb dabey immer verschlossen Ibid. p. 177. . Wepfer wendet diese Beobachtungen auf die Erklärung der Thatsache an, dass beym Erbre- chen nicht immer alle genossene Speisen ausge- leert werden, und führt das Beyspiel eines Mönchs an, der, wenn er fette Sachen genossen hatte, bald nach der Mahlzeit Erbrechen bekam, wobey blos das Fett, welches als die leichtere Flüssig- keit die obere Höhlung des Magens einnahm, ausgebrochen wurde Ibid. p. 187. . Auch Haller L. c. §. 5. p. 263. §. 12. p. 282. fand häufig eine Zusammen- ziehung in der Mitte des Magens. Indess blieben diese Beobachtungen immer unbeachtet. Erst Home Philos. Transact. Y. 1807. P. 1. p. 139. erkannte die Wichtigkeit derselben, ver- folgte sie weiter, und zeigte, dass jene Verenge- rung IV. Bd. B b rung keine blos in seltenen, krankhaften Fällen, sondern eine überhaupt bey der Verdauung statt findende Erscheinung ist. Nach Home ’s Untersuchungen, die auch Burns Edinburgh med. and surgical Journ. Vol. 6. p. 137. bestätigt fand, besteht der Magen bey denjenigen Säugthieren, deren Nahrungsmittel leicht verdaulich sind, aus zwey Abtheilungen, aus einer obern, oder Cardiacal-Abtheilung, und einem untern, oder pylorischen Theil. Diese Tren- nung aber findet bey ihnen nur während der Ver- dauung statt, und wird blos durch die Zusam- menziehung der mittlern, ringförmigen Muskel- fasern bewirkt. Hingegen bey denen Thieren, die sich von schwer verdaulichen Substanzen nähren, giebt es mehrere Abtheilungen des Ma- gens, die nicht blos zu gewissen Zeiten, sondern fortdauernd von einander abgesondert sind. Zu den letztern gehören vorzüglich die Wiederkäuer, zu den erstern die blos fleischfressenden Säug- thiere. Zwischen beyden giebt es mehrere Mittel- glieder, die eine Stufenfolge vom Einfachern zum Zusammengesetztern bilden. Die Struktur der vier Magen der Wiederkäuer ist schon im ersten Bande der Biologie (S. 199.) beschrieben worden. Das mit den Vorderzähnen abgeschnittene Futter gelangt bey diesen Thieren aus dem Schlunde in den ersten und dann in den zwey- zweyten Magen. In dem ersten bleibt, nach Ho- me ’s Bemerkung, immer eine gewisse Quantität Speise zurück, mit welcher sich das neue Futter vermischt. Doch ist dies nicht blos den Wieder- käuern eigen. Der Magen der Hunde ist eben- falls selten von Speisen leer, wenn sie auch seit sechszehn Stunden nichts gefressen haben Waläus de motu chyli. p. 763. in Th. Bartho- lini Anat. L. B. 1763. . Nicht selten enthält der erste Magen der Wie- derkäuer, so wie der Magen der Hunde, Bälle, die aus abgeleckten und verschluckten Haaren be- stehen. Diese sind immer rund oder oval, und die Haare liegen darin beständig nach einerley Richtung. Die Bewegung jenes Magens muss also eine rotatorische seyn, und die in ihm be- findlichen Substanzen müssen sehr genau mit einander vermischt werden J. Hunter Observat. on certain parts of the anim. oecon. . Aus dem zweyten Magen geht die Speise nach einiger Zeit zurück in den ersten Magen, in den Oesophagus und in den Mund, wo sie von den Backenzähnen zermalmt und mit Speichel ver- mischt wird. Auf ihrer Rückkehr nimmt sie aber, nach Camper ’s Sämmtl. kleinere Schriften. Uebers. von Herbell , B. 3. S. 75. Meinung, nicht den vorigen Weg, B b 2 Weg, sondern gelangt unmittelbar in den dritten Magen. Dieser steht durch eine Rinne, die sich nach Beschaffenheit der Umstände entweder schliesst, indem sich ihre Seitenränder an einan- der legen, oder öffnet, indem sich dieselben von einander entfernen, unmittelbar mit dem Schlun- de in Verbindung, und der letztere öffnet sich unten an derselben Stelle, wo die drey ersten Ma- gen in einander übergehen. So tritt das Futter, wenn die Ränder jenes Canals offen sind, in den ersten Magen, und dieses Offenstehen findet beym Verschlucken der rohen Speise statt; der Zugang zu den beyden ersten Magen ist hingegen ver- sperrt, und das wiedergekäuete Futter wird gera- des Weges zum dritten Magen gebracht, wenn jene Ränder geschlossen sind. Durch den erwähn- ten Canal gehen, wie Camper glaubte, auch alle Flüssigkeiten in den dritten Magen, ohne den er- sten und zweyten zu berühren. Es lässt sich in- dess nicht läugnen, dass diese Meinung keines- weges bewiesen ist. Unter andern steht ihr der Umstand entgegen, dass auch das Faulthier, wel- ches doch nicht wiederkäuet, jene Rinne besitzt Vink ’s Vorlesungen über das Wiederkäuen des Rindviehs. A. d. Holländ. übers. Leipzig. 1779. — Wiedemann in dessen Archiv für Zoologie u. Zoo- tomie. B. 1. St. 1. S. 149. . Im dritten Magen muss eine Zersetzung der Speise vorgehn, indem eine grosse Menge Luft in in demselben entbunden, und jene hier in eine homogene Masse verwandelt wird. Der eigentli- che Verdauungsprocess geht jedoch erst im vier- ten Magen vor sich, wo zahlreiche Drüsen ihren Saft auf den Speisebrey, der im dritten Magen noch wenig Flüssigkeit hatte, ergiessen. Das Wiederkäuen scheint blos bey den Thie- ren der Rinderfamilie eine beständige Funktion zu seyn. Man hat zwar noch bey andern Thie- ren, und sogar bey manchen Insekten, besonders den Heuschrecken, eine Rumination angenommen, aber gewiss mit Unrecht. Die Zähne dieser In- sekten dienen gar nicht, wie es beym Wieder- käuen seyn müsste, zum Zerreiben, sondern blos zum Zerschneiden der Speise. Das Zerreiben der letztern geschieht erst in dem knorpelartigen Ma- gen jener Thiere. Manche geben zwar, wenn sie geängstigt werden, das genossene Futter wieder von sich. Dies thun aber, wie schon Ramdohr Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 18. erinnert hat, auch Insekten, bey welchen man auf keinen Fall ein Wiederkäuen annehmen kann. Indess giebt es ausser der Rinderfamilie noch Thiere, die zwar nicht beständig, doch zu gewis- sen Zeiten wiederkäuen. Zu diesen gehört der Hase, das Kaninchen und der Känguruh. Der letztere B b 3 letztere scheint nur wiederzukäuen, wenn er har- tes Futter bekommen hat. Die übrigen Säugthiere ruminiren nicht. In Hinsicht auf die Struktur des Magens schliessen sich aber an den Hasen und das Kaninchen die übrigen Nagethiere und meh- rere Fledermäuse, so wie an den Känguruh die Familie der Schweine, die der Wallfische und das Faulthier zunächst an. Der Magen des Hasen und Kaninchen besteht aus zwey Abtheilungen, und so auch der der meisten übrigen Nagethiere und verschiedener Fledermäuse. Bey dem Kängu- ruh giebt es einen Magen, der bey gewissen Veranlassungen in eine grössere Menge Abtheilun- gen, als irgend ein anderer, geschieden ist. Jede dieser Abtheilungen gleicht einem Darmstück. Er hat dabey zwey blinde Anhänge an der obern Ma- genöffnung. Durch ähnliche Säcke an der Cardia zeichnen sich die meisten schweineartigen Thiere, durch einen vielfachen Magen aber die Wallfische und das Faulthier aus Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 3. p. 390. . Unter den Vögeln haben die körnerfressenden Arten in Betreff der Verdauung eine grosse Aehn- lichkeit mit den Wiederkäuern. Wie bey den letz- tern das Futter unzermalmt in den ersten und zweyten Magen kömmt, und erst, nachdem es in diesen Behältern erweicht ist, gekäuet, mit Spei- chel vermischt, und den beyden letzten Magen zur zur Verwandlung in Speisebrey zugeführt wird, so gelangt auch bey jenen Vögeln die Speise un- zermalmt in den Kropf; dieser wirkt eben so auf dieselbe, wie die beyden ersten Magen der Rinder; der knorpelartige Magen aber thut das Nehmliche, was bey den Wiederkäuern die Bak- kenzähne verrichten Spallanzani a. a. O. S. 146. — Home , Philos. Transact. Y. 1810. P. 2. . Bey den übrigen Vögeln, und noch mehr bey den Amphibien und Fischen, ist der Magen weit einfacher, als bey den Säugthieren. Bey vielen Fischen lässt sich gar keine Gränze zwischen die- sem Organ und dem übrigen Nahrungscanal an- geben. Von sehr verwickeltem Bau ist hingegen der Magen bey den meisten Insekten. Viele kommen in der Struktur desselben mit den körnerfressenden Vögeln überein. Dies ist der Fall mit den sämmt- lichen Arten der Heuschreckenfamilie (Orthoptera Oliv .) und mit vielen Käfern, z. B. Carabus, Dytiscus, Curculio, Tenebrio. Es giebt hier ei- nen weiten Kropf, der beym Dytiscus marginalis L. auf seiner innern Fläche mit deutlichen Drü- sen besetzt ist, und einen kleinen schwielenarti- gen Magen, in welchem sich Zähne, hornartige Blätter, Borsten oder Haarbüschel befinden Vergl. §. 5. dieses Kap. . Viele B b 4 Viele andere Insekten haben mehrere Magen, die zum Theil von einer Gestalt sind, wovon es bey den übrigen Thieren nichts Aehnliches giebt. In dieser Rücksicht zeichnen sich vorzüglich die wanzenartigen Insekten (Ryngota Fabr .) aus. In- dess hält es schwer, zu bestimmen, wo bey die- sen Thieren der Anfang und das Ende des Ma- gens ist. Ramdohr A. a. O. S. 7. nimmt die Stelle, wo sich die Gallengefässe in den Nahrungscanal öffnen, für das Ende des Magens an. Allein diese Gefässe inseriren sich bey mehrern Geschlechtern, z. B. den Wanzen und Spinnen, so nahe am After, dass hier, bey Ramdohr ’s Eintheilung, fast der ganze Nahrungscanal ein Magen seyn und beynahe gar kein Darm übrig bleiben würde. Es lässt sich, dieser Ungewissheit halber, die Untersuchung der Funktionen des Magens bey den Insekten, und überhaupt bey den Thieren der niedern Classen, von der Betrachtung der Ver- richtungen des Darmcanals nicht wohl trennen. Doch ist, wenn man die Reihe der sämmtlichen Thiere in Hinsicht auf die verschiedene Bildung des Magens durchgeht, und auch die Gränzen des letztern unbestimmt lässt, so viel einleuchtend, dass zwar die Struktur dieses Organs in einer gewissen Beziehung mit der Beschaffenheit der Nahrungsmittel steht, dass diese Regel aber sehr viele viele Ausnahmen hat, und dass sich aus der Gleichheit der Nahrungsmittel keinesweges auf einerley Bildung des Magens schliessen lässt. Fleischspeisen sind im Allgemeinen verdauli- cher als vegetabilische Nahrungsmittel. Von zwey Hühnern, wovon das eine mit Gerste, das andere mit Fleisch gefüttert wurde, behielt jenes das Fut- ter immer sechszehn bis zwanzig Stunden, dieses nur acht bis zehn Stunden im Kropfe, obgleich dieses jedesmal doppelt so viel als das erstere frass Neergard ’s vergl. Anat. u. Physiol. der Ver- dauungswerkz. der Säugth. u. Vögel. S. 167. . Die fleischfressenden Thiere haben da- her einen einfachern Magen, als die kräuterfres- senden Arten. Aber unter den vegetabilischen Sub- stanzen sind auch einige leichter, andere schwe- rer verdaulich. Zu jenen gehören die Baumfrüch- te, zu diesen die Gräser. Von jenen nähren sich unter andern das Eichhorn und die Meerkatzen. Diese haben daher einen Magen, der sich an Ein- fachheit dem der fleischfressenden Thiere nähert Home , Philos. Transact. Y. 1807. P. 1. p. 170. . Die Gräser hingegen sind ganz unverdaulich schon für den Menschen, und noch mehr für die rein fleischfressenden Thiere. Bey den Wiederkäuern, deren Hauptnahrungsmittel Gräser sind, giebt es daher Verdauungsorgane von sehr zusammenge- setztem Bau. Allein B b 5 Allein das Pferd ist ebenfalls grasfressend, und hat doch einen sehr einfachen Magen. Die Wall- fische hingegen, fleischfressende Thiere, haben ei- nen sehr zusammengesetzten Magen. Aehnliche Ausnahmen von der obigen Regel kommen vor- züglich bey den Insekten vor, wie schon Ram- dohr A. a. O. S. 41. bemerkt hat. Hier hat die Bildung so- wohl des Magens, als des Nahrungscanals über- haupt, auf die Beschaffenheit der Nahrungsmittel sehr wenig Beziehung. Die Nahrungsweise ist es daher keinesweges allein, welche die Bildung des Magens bestimmt. Die ganze übrige Organisation hat auf diese Ein- fluss. In einiger Beziehung steht dieselbe mit der Beschaffenheit der Zähne. So haben alle wieder- käuende Thiere mit Hörnern einerley Struktur des Magens, so wie alle mit Hauzähnen versehene Säugthiere. Doch giebt es auch hiervon Ausnah- men. Das Faulthier hat einen ähnlichen Magen, aber ein ganz anderes Gebiss, wie die Wieder- käuer Home a. a. O. p. 169. . Mehr Beziehung als mit irgend einem andern Organ scheint mir der Magen mit den Or- ganen der willkührlichen Bewegung zu haben. Unter den Säugthieren haben alle, die mit Hän- den versehen sind, einerley Magen; ferner alle, deren Huf gespalten ist, und auch alle einhufige Arten. Arten. Unter den Insekten findet, wie wir im ersten Bande der Biologie (S. 363.) gesehen ha- ben, die Regel statt, dass die Länge des Nah- rungscanals im umgekehrten, die Weite desselben im geraden Verhältniss mit der Zahl der Gelenke steht. Die Raupen und die Asseln (Oniscus), zwey sehr verschiedene Insektenarten, die aber in der Bildung der Bewegungsorgane einander ver- wandt sind, stehen sich daher in der Struktur des Magens ziemlich nahe. Allein auch diese Bezie- hung wird durch andere Umstände modifizirt. Die Spinnen und die Phalangien, die sich in der Form der Bewegungsorgane sehr nähern, sind in der Gestalt des Nahrungscanals so weit wie möglich von einander entfernt. Aus allem diesem folgt, dass es Formen des Magens giebt, die keinesweges eine Beziehung auf die Verdauung haben, sondern welche Re- sultate der Sympathie oder des Antagonismus sind, worin der Nahrungscanal mit dem übrigen Orga- nismus steht. Bey manchen Thieren lassen sich die Zwecke dieser Formen mit ziemlicher Gewiss- heit angeben. So zerästeln sich auf der innern Fläche des Nahrungscanals beym Cobitis fossilis ungewöhnlich viele Arterien und Venen. Aber hier dient jener Canal zugleich als Respirations- organ, und vorzüglich als solches ist er so reich an Blutgefässen. So giebt es bey den Schmetter- lingen lingen und den zweyflügligen Insekten einen häu- tigen Sack, welcher sich in den Schlund öffnet und ein Speisesack zu seyn scheint So nennt ihn auch Ramdohr (a. a. O. S. 11.). , der aber in der That ein Saugwerkzeug ist Vergl. §. 5. dieses Kap. . Solcher Bildungen sind vielleicht noch viele andere vor- handen. Alle Formen des Magens aber, die sich auf die Verdauung beziehen, haben wahrscheinlich einen doppelten Nutzen, einen mechanischen, oder einen chemischen. Der mechanische ist, die Speise zu zerreiben und inniger zu mengen, oder sie zurückzuhalten, um sie dem Einfluss des Ma- gensafts desto länger auszusetzen; der chemische, ihr eigene auflösende Säfte beyzumischen. Zum Zerreiben der Speisen dienen alle Arten von Ma- gen, die cartilaginös, schwielenartig, oder mit Zähnen bewaffnet sind. Auf die innige Vermi- schung der Speisen zweckt vielleicht die an dem Magen der Raupen befindliche Struktur ab, wel- che in zwey längslaufenden, starken Sehnen be- steht, die durch viele queerlaufende Sehnen mit einander verbunden sind. Das Zurückhalten der Speisen scheint die Bestimmung aller Verengerun- gen des Magens, besonders der blinden Seitenbe- hälter zu seyn, womit derselbe bey dem Kängu- ruh, den schweineartigen Thieren, und mehrern Insek- Insekten, vorzüglich den Phalangien, versehen ist. Endlich ein Beyspiel von einer Bildung des Magens, die ohne Zweifel den erwähnten chemi- schen Zweck hat, finden wir unter andern beym Bieber. Dieser hat neben der obern Magenöff- nung eine grosse Drüse, welche einen schleimi- gen Saft absondert Home a. a. O. p. 147. . Der eigentliche Magen- saft wird durch die Schlagadern des Magens se- cernirt. Jener muss also von diesem verschie- den seyn. §. 11. Ausleerung des Magens. Bey den meisten Thieren geht im gesunden Zustande alle in dem Magen aufgenommene Speise durch den Pylorus zum Zwölffingerdarm, und nur in Krankheiten wird ein Theil derselben durch Er- brechen ausgeleert. Einige Thiere aber giebt es, bey welchen das Erbrechen eine regelmässige Funktion ist. Hierher gehören die Reiher, Adler, Falken und Krähen, mehrere Fische, z. B. die Karpfen, Barben und Hechte, und unter den In- sekten die Bienen. Jene Vögel brechen alles wie- der aus, was sie nicht verdauen können, beson- ders die Federn und Haare der verschluckten Thiere. Bey den Adlern und Falken erfolgt diese Ausleerung alle vier und zwanzig Stunden nur Ein Ein mal, bey den Krähen weit öfterer Spallanzani a. a. O. S. 56. — Reaumur , Mém, de l’Acad. des sc. à Paris. A. 1752. p. 472. . Die er- wähnten Fische geben unverdauliche Sachen schon nach einigen Stunden wieder von sich Spallanzani a. a. O. S. 131. . Bey den Bienen verwandelt der erste Magen einen Theil des eingesogenen Blumensafts in Honig, und excernirt ihn durch Erbrechen wieder. Das Uebrige geht in den Darmcanal über, und wird zur Ernährung der Biene verwandt Reaumur Mém. pour servir à l’Hist. des Ins. T. V. P. 2. Mém. 8. p. 87. der Oct.Ausg. — Vergl. Haller El. Phys. T. VI. L. 19. S. 4. §. 14. p. 290. 291. . Die Ausleerung des Magens muss aber, je nachdem die Speisen mehr oder weniger verdau- lich sind, in verschiedenen Zeiten vor sich ge- hen, und von mehrern zu einerley Zeit genos- senen Nahrungsmitteln müssen die schwerern län- ger als die leichtern durch den Magen vermittelst seines Vermögens, sich durch Zusammenziehung einzelner seiner Theile in mehrere Fächer abzu- sondern, zurückgehalten werden. Hiermit stim- men auch die Erfahrungen des Waläus L. c. über- ein. Nach diesen umfasst der Magen jede Speise, wenn sie auch nur einige Unzen beträgt, von al- len Seiten, wie ein zusammengezogener Beutel eine eine Kugel; zugleich verengert sich der obere und untere Magenmund. Doch scheint die untere Magenöffnung mehr zusammengefallen, als zu- sammengezogen zu seyn, da sie den Speisebrey beym geringsten Druck ausfliessen lässt. Die im Magen befindliche Speise wird durch und durch nass, dann porös und schwammig. Hierauf zerfällt sie in kleine Stücke, und bekömmt die Consistenz eines dünnen Gerstenschleims; nun geht sie in den Darmcanal über. Diese Veränderungen tre- ten aber nicht immer und nicht bey jeder Speise in gleicher Zeit ein. Sie erfolgen schneller am Tage und bey weniger, dünner, gut gekäueter Speise; langsamer in der Nacht, und bey vieler, dicker und in grossen Stücken verschluckter Nah- rung. Auch wird das leichter Verdauliche durch das schwerer Auflösliche im Magen nicht aufge- halten, sondern jede Speise wird, sobald sie auf- gelöst ist, in den Darmcanal gebracht, wenn auch der Magen mit der Verdauung des Uebrigen noch beschäftigt ist. Waläus versichert, alle diese Erfahrungen an Hunden gemacht zu haben, die er zu verschiede- nen Zeiten nach dem Fressen lebendig öffnete. Es ist mir inzwischen nicht wahrscheinlich, dass alle jene Sätze unmittelbare Resultate dieser Ver- suche sind. Manche scheinen aus andern Wahr- nehmungen abgeleitet zu seyn. So sehe ich nicht ein, ein, wie Waläus durch Vivisektionen hat ausma- chen können, dass die Verdauung am Tage schnel- ler als in der Nacht vor sich geht. Doch das Hauptresultat jener Beobachtungen, dass der Ma- gen das Vermögen besitzt, die schwerer verdau- liche Speise zurück zu halten, indem er die leich- ter verdauliche, schon aufgelöste, dem Darmcanal übergiebt, lässt sich nicht in Zweifel ziehen, da mit dieser sowohl andere ältere, schon von Hal- ler L. c. §. 11. p. 279. gesammelte Erfahrungen, als die Versuche von Gosse übereinstimmen. Gosse besass das Vermögen, sich durch verschluckte Luft Erbre- chen zu erregen. Indem er dieses Mittel einige male nach dem Mittagsessen anwandte, erhielt er folgende Resultate. Eine halbe Stunde nach der Mahlzeit war das Essen fast noch ohne alle Ver- änderung; es hatte noch den vorigen Geschmack, beynahe noch das vorige Gewicht, und nur eine geringe Zumischung von Magensaft. Ein ähnli- ches Essen, nach einer Stunde ausgebrochen, war in Brey verwandelt, und mit einer grossen Menge Magensaft vermischt. Der Geschmack aber hatte sich noch wenig verändert. Zwey Stunden nach einer ähnlichen Mahlzeit waren die Nahrungsmit- tel ganz in dem nehmlichen Zustande, wie in dem vorigen Versuch. Aber es wurde jetzt nur die Hälfte des Genossenen ausgebrochen Spallanzani a. a. O. S. 396 ff. . §. 12. §. 12. Uebergang der flüssigen Nahrungsmittel aus dem Magen in die Masse der Säfte. Es giebt einige Thiere der niedern Classen, bey welchen die Verdauung noch einige Zeit fort- dauert, nachdem die Bauchhöhle geöffnet und der Nahrungscanal entblösst worden ist, und andere, deren Körper so durchsichtig ist, dass sich die Veränderungen, die in den Digestionsorganen bey der Verdauung vorgehen, beobachten lassen. Zu jenen gehören die Insekten; dieses ist unter an- dern bey dem Argulus foliaceus Jur . der Fall. Um noch weitere Aufklärungen über den Process der Verdauung zu erhalten, wird es zweckmässig seyn, die Erscheinungen, die sich bey jenen Thieren während der Digestion zeigen, in Erwägung zu ziehen. Bey Insekten, die man lebendig unter Wasser geöffnet hat, dauern oft in der äussern musku- lösen Magenhaut ringförmige Zusammenziehungen noch eine Zeit lang fort, und durchlaufen den Magen von vorne nach hinten. Zwischen der äussern und innern Haut zeigt sich dann der durch die innere Haut durchschwitzende Chylus als eine bräunliche Feuchtigkeit Ramdohr im Mag. der Gesellsch. naturf. Freunde zu Berlin. Jahrg. 1. Quart. 3. S. 212. — Ebendes- selben Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 28. . — Bey dem Argu- IV. Bd. C c Argulus foliaceus, der schon oben S. 244. erwähnten Art von Kiemenfüsslern, die parasitisch auf meh- rern Fischen lebt, und sich durch einen Saug- rüssel nährt, sahe Jurine Annales du Mus. d’Hist. nat. T. VII. p. 439. die Verdauung auf folgende Art vor sich gehen. Die im Magen und dessen ästigen Anhängen befindliche Nahrungs- materie wurde unaufhörlich durch eine peristal- tische Bewegung hin und her getrieben. Der in den Anhängen enthaltene Chylus verschwand da- bey plötzlich, floss dann wieder in den Magen zurück, und kam nachher in jenen ästigen Thei- len von neuem zum Vorschein. So ging hier die Verdauung der Speise und die Absonderung der nährenden Theile in dem Magen vor sich. Der auszuleerende Theil der Nahrungsmittel gelangte aus dem Magen gerades Weges zum Blinddarm, verweilte hier, indem er eine dunklere Farbe an- nahm, und gelangte dann stückweise in den Mast- darm, woraus er excernirt wurde. Aus diesen Beobachtungen folgt, dass bey den Thieren der niedern Classen schon im Magen ein Theil der verdauten Nahrungsmittel unmittelbar in die Masse der Säfte übergeht, ohne durch den Darm- canal geführt zu werden. Es lässt sich also fra- gen: Ob auch bey den Thieren der höhern Clas- sen ein ähnlicher Uebergang statt findet? Man hat hat um so mehr Grund, diese Frage aufzuwerfen, da es nicht unwahrscheinlich ist, dass Flüssig- keiten, besonders reines Wasser, welches zu- gleich mit fester Speise in den Magen gelangt ist, keiner so weitläuftigen Vorbereitung als die letztere bedarf, um dem Blute zugemischt zu werden. Es ist auffallend, dass kein älterer Physio- loge die Frage, wie Flüssigkeiten und feste Sub- stanzen, die zu gleicher Zeit in den Magen auf- genommen sind, assimilirt werden können, ohne einander bey der Verdauung hinderlich zu seyn? einer Untersuchung gewürdigt hat. Man kannte schon lange die Thatsache, dass oft in der Mitte des Magens eine anhaltende Zusammenziehung statt findet; man wusste, dass bey dem Bieber die eine Zelle des Magens Flüssigkeit, die andere feste Speise enthält Haller l. c. §. 5. p. 263. §. 12. p. 282. . So nahe indess die An- wendung dieser Beobachtungen auf die Beantwor- tung der obigen Frage lag, so blieben dieselben doch immer unbeachtet. Home hat das Verdienst, sie zuerst gewürdigt, weiter verfolgt, und zur Auflösung des obigen Problems benutzt zu haben. Nach Home ’s Versuchen Philos. Transact. Y. 1808. p. 45. 133. sind die genosse- nen Flüssigkeiten vorzüglich in der Cardiacal-Ab- theilung C c 2 theilung des Magens enthalten; die Speise ist ge- wöhnlich von gleichförmiger Consistenz, wenn sie sich in der pylorischen Abtheilung befindet; die Flüssigkeiten (diejenigen ausgenommen, welche die Verdauung bewirken) scheinen aus dem Ma- gen gebracht zu werden, ohne bis zum Pylorus zu gelangen, und bey diesem Vorgang scheint die Milz eine Rolle zu spielen. Die Versuche, die dieses Resultat geben, wur- den an Hunden, Eseln und Pferden gemacht. Zwey Hunden wurde, nachdem ihnen der Pylo- rus unterbunden war, eine abgewogene Quantität Flüssigkeit durch den Mund in den Magen ge- sprützt. Einige Zeit nachher wurden die Thiere getödtet. Bey dem einen Hund fand man den pylorischen Theil des Magens leer und zusam- mengezogen; die Cardiacal-Abtheilung enthielt ohngefähr 2 Unzen fester Substanz, die in einer gallertartige Materie eingehüllt war, und Eine Unze Wasser. Von fünf Unzen Wasser, welche man diesem Hunde eingesprützt hatte, waren zwey wieder ausgebrochen worden; Eine war noch im Magen übrig; zwey mussten also durch die Wände des Magens einen Ausweg gefunden haben. Bey dem andern Hund befanden sich in der pylorischen Abtheilung des Magens zwey Un- zen halb verdaueter Speise, aber keine Flüssig- keiten. In der Cardiacal-Abtheilung waren vier Unzen Unzen Flüssigkeit und eine halbe Unze fester Speise enthalten. Bey beyden Thieren war die Milz sehr angeschwollen, und beym Hineinschnei- den fanden sich die Zellen derselben allenthalben mit einer wässrigen Flüssigkeit angefüllt. Die lymphatischen Gefässe der äussern Fläche des Ma- gens aber waren ganz saftleer. Einem dritten Hunde, dessen Pylorus unterbunden war, wurde eine Mixtur von Rhabarbertinktur und Wasser in den Schlund gesprützt. Vorher hatte sich Home überzeugt, dass sich die Gegenwart der Rhabar- bertinktur in thierischen Flüssigkeiten durch den Zusatz von ätzendem Alkali entdecken liess. Auch bey diesem Thier fand sich die Milz sehr ange- schwollen. Der Zusatz des ätzenden Alkali zu dem Saft derselben und zum Urin brachte in bey- den die Rhabarberfarbe hervor. Hingegen be- wirkte dasselbe keine Veränderung in dem Saft der Leber. Sehr breit, angeschwollen, und mit Flüssig- keit angefüllt, fand sich auch die Milz bey Eseln und Pferden, denen ebenfalls eine Mischung von Rhabarbertinktur und Wasser eingegeben war, welchen man aber nicht den Pylorus unterbunden hatte. Die lymphatischen Gefässe, die zwischen der Milz und dem Magen liegen, waren auch hier unangeschwollen. Nach dem Zusatz des ätzenden Alkali erhielt der Urin, die Flüssigkeit der Milz, C c 3 und und das Blutwasseer die Rhabarberfarbe, doch in verschiedenem Grade. Am tiefsten wurde der Urin gefärbt; dann folgte die Flüssigkeit der Milz und das Serum der Milzvene; die schwächste Färbung bekam das Serum des linken Herzohrs. Ganz anders verhielt sich die Milz bey zwey Eseln, die, nachdem sie in vier Tagen kein Was- ser und in zwey Tagen kein Futter erhalten hat- ten, eine Unze Rhabarberpulver bekamen. Bey diesen war jenes Organ nur halb so gross, als in den vorigen Versuchen. Die Zellen desselben waren so klein, dass es eines Vergrösserungsglases bedurfte, um sie wahrzunehmen. Der Magen enthielt eine gallertartige, mit Rhabarber vermisch- te Materie. Die dünnen Därme waren leer. Aber im Blinddarm und Colon befanden sich mehrere Quartiere einer Flüssigkeit, die stark mit Rhabar- ber angefüllt war. Die am Rande des Colons liegenden lymphatischen Gefässe und Drüsen wa- ren von ausgezeichneter Grösse. Der Urin ent- hielt Rhabarber; aber die Flüssigkeit der Milz und das Blutwasser zeigten wenig oder gar kei- ne Spuren von dieser Substanz. Auf die Folgerungen, die sich aus diesen Ver- suchen in Beziehung auf die Funktion der Milz, des Colons und Blinddarms ergeben, werden wir unten zurückkommen. Hier machen wir nur auf das Resultat aufmerksam, dass wässrige, in dem dem Magen befindliche Materien in die Masse der Säfte übergehen, ohne zum Darmcanal zu gelangen, und dass dieser Uebergang nicht durch die absorbiren- den Gefässe des Magens geschieht . §. 13. Der pankreatische Saft. Nachdem der Speisebrey durch die untere Ma- genöffnung in den Zwölffingerdarm gelangt ist, wirken drey neue chemische A gentien auf ihn ein, der pankreatische Saft, die Galle und der enterische Saft . Wir werden zuerst den pankreatischen Saft und dessen Quelle untersuchen. In der linken Biegung des Zwölffingerdarms, hinter dem Magen, zum Theil bedeckt von den beyden Blättern des Gekröses, liegt beym Men- schen die Bauchspeicheldrüse (Pancreas), die grösste unter den zusammengesetzten Drüsen, und die Quelle eines eigenen, bey der Verdauung wirksa- men Safts. Aehnlich den Speicheldrüsen in ihrem Bau besteht sie aus sehr kleinen, durch die fein- sten Aeste der Bauchspeicheldrüsen- und Zwölffin- gerdarm-Arterie, so wie der Gekrös- und Milz- vene, durch Saugadern und durch die Wurzeln ihres Ausführungsgangs gebildeten Verflechtungen von Gefässen, die durch ein Zellgewebe, in wel- chem sich wahrscheinlich eine eigene Substanz C c 4 befin- befindet, unter einander verbunden, erst körner- artige Massen, dann grössere Stücke, und endlich Lappen ausmachen. Die Wurzeln des Ausfüh- rungsgangs vereinigen sich zu grössern Zweigen, und diese endlich zu einem einzigen Stamm, der sich nicht weit vom Pylorus, gewöhnlich durch eine gemeinschaftliche Mündung mit dem Gallen- gang, zuweilen aber auch abgesondert von die- sem, in den Zwölffingerdarm öffnet. Alle Säugthiere, Vögel und Amphibien be- sitzen diese Drü se , und es giebt bey ihnen keine wesentliche Verschiedenheiten derselben. Die mei- sten Abweichungen finden wir unter diesen Thie- ren bey den Vögeln, deren Pankreas mehrere Aus- führungsgänge hat, welche abgesondert von dem Gallengang in den Zwölffingerdarm übergehen Haller El. Phys. T. VI. L. 22. §. 1. p. 427. — Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 47. . Allein da auch bey dem Menschen der pankreati- sche Gang zuweilen doppelt ist, und die Oeff- nung desselben bald dem Pylorus sehr nahe, bald ziemlich weit von demselben entfernt liegt, so kann diese Mehrheit der Ausführungsgänge nichts Erhebliches seyn. Wichtigere Abweichungen zeigen sich bey den Fischen. Bey den Hayen und Rochen finden wir das Pankreas in ähnlicher Gestalt, wie bey den höhern Thierclassen wieder. Aber der Hecht, der Karpfe Karpfe und mehrere andere Fische haben an der Stelle, wo bey den übrigen Thieren das Pan- kreas mit dem Darm in Verbindung steht, auf der innern Fläche des letztern eine drüsenartige Masse; und noch andere, z. B. die Quappe, be- sitzen an dieser Stelle die schon im ersten Bande der Biologie (S. 282.) erwähnten pylorischen An- hänge Swammerdamm in Obs. anat. collegii privati Am- stelod. P. 2. — Cuvier a. a. O. p. 50. 56. . Der Stöhr hat eine Bauchspeicheldrüse, die von aussen dem Pankreas der Rochen gleicht, inwendig aber aus kleinen Blinddärmen zu beste- hen scheint, und in einem zur Auspressung des Safts dienenden Muskel eingeschlossen ist Monro über den Bau u. die Physiol. der Fische. S. 22. . Eben diese Anhänge giebt es bey der Blatta und bey vielen Käfern (Dytiscus, Carabus, Cicin- dela, Staphylinus, Tenebrio, Sylpha, Nicropho- rus, Hister, Attelabus) Ramdohr ’s Abh. über die Verdauungswerkz, der Ins. S. 20. . Hingegen bey den Mollusken ist nichts vorhanden, was sich mit dem Pankreas vergleichen liesse. Die Menge des Safts, den diese Drüse abson- dert, ist sehr beträchtlich. In der Farbe und dem Geschmack kömmt er mit dem Speichel überein. In C c 5 In Betreff der chemischen Eigenschaften desselben wissen wir aus den vielen Versuchen, die über denselben im siebenzehnten Jahrhundert für und wider die Sylvi schen Meinungen angestellt wur- den, nur so viel, dass er keine freye Säure ent- hält. Doch haben diese Versuche ein anderes Resultat geliefert, welches wichtig bey Bestim- mung der Funktion des Pankreas ist. Sie bewei- sen, dass dasselbe den Säugthieren nicht nur ohne Lebensgefahr ausgeschnitten werden kann, son- dern dass auch die Verdauung und Ernährung nach der Exstirpation ungeschwächt fortgehen, und der Hunger sogar zunimmt M. s. vorzüglich die Versuche in Brunner ’s Exper. nov. circa pancreas. Amstel. 1683. Recus. in Man- coti Bibl. anat. T. 1. p. 212. . Diese Thatsache ist unerklärbar, wenn man nicht annimmt, dass der mangelnde Saft des Pan- kreas durch die stärkere Absonderung eines an- dern ähnlichen Safts ersetzt werden kann. Es giebt aber keine Drüsen, die mit dem Pankreas in der Bildung übereinkommen, und eine dem Saft desselben analoge Flüssigkeit abscheiden, als die Speicheldrüsen. Schon aus diesem Grunde ist es wahrscheinlich, dass jenes mit den letztern ei- nerley Funktion hat. Bey den Insekten finden wir aber einen Umstand, wodurch diese Wahr- scheinlichkeit noch mehr erhöhet wird. Die blin- den den Anhänge des Nahrungscanals, welche bey die- sen Thieren die Stelle des Pankreas vertreten, kommen immer nur bey denjenigen Arten vor, die einen knorpelartigen Magen haben, und da, wo sie vorhanden sind, fehlen gewöhnlich die Spei- chelgefässe; hingegen sind sie nicht vorhanden, wo es Speichelgefässe giebt. Nur die Familien der Käfer (Coleoptera L.) und der Heuschrecken (Or- thoptera Oliv .) sind es, in welchen wir jene An- hänge antreffen; aber diese haben auch einen Knorpelmagen. Von den oben erwähnten Ge- schlechtern jener Familien, welche pylorische An- hänge besitzen, hat nur die Blatta Speichelgefässe; hingegen hat nach Ramdohr A. a. O. Tab. XVII. fig. 6. der Curculio lapa- thi einen Knorpelmagen und Speichelgefässe, doch keine pylorische Anhänge. Wie der Speichel auf die rohe Speise, so scheint also auch der pankreatische Saft auf den Chymus als assimilirend zu wirken. Was der Speichel zu assimiliren vermag, geht vermuthlich schon aus dem Magen in die Masse der Säfte über; der pankreatische Saft dient, um die übri- ge, der Assimilation fähige Speise zu verähnli- chen. Aus dieser Voraussetzung lässt sich die Ursache des grössern Hungers solcher Thiere an- geben, denen die Bauchspeicheldrüse ausgeschnit- ten ist. Hier, wo die Verähnlichung blos durch den den Speichel geschehen kann, und dieser nicht immer dazu hinreicht, müssen viele nährende Theile verloren gehen, die sonst durch den pan- kreatischen Saft wären assimilirt worden, und da- her muss dass Bedürfniss einer grössern Menge Nahrungsmittel eintreten. §. 14. Die Leber und die Galle. Mit dem pankreatischen Saft ergiesst sich zu- gleich in den Darmcanal die Galle, eine der merk- würdigsten Flüssigkeiten des thierischen Körpers, merkwürdig sowohl wegen ihrer chemischen Ei- genschaften, worin sie mit keinem andern thie- rischen Saft ganz übereinkömmt, als wegen der ausgezeichneten Bildung des Organs, worin sie er- zeugt wird. Das letztere ist die Leber , das grösste unter allen secernirenden Organen. Den grössten Theil der rechten Hälfte des obern Raums der Bauch- höhle, und selbst einen Theil der linken Hälfte einnehmend, und durch bänderartige Fortsätze des Bauchfells befestigt, liegt sie bey dem Men- schen unmittelbar unter dem Zwerchfell und auf den meisten der übrigen Eingeweide des Unter- leibs. Sie ist oben gewölbt, unten ausgehöhlt, auf dieser untern Fläche durch mehrere Furchen, worin die Stämme ihrer Gefässe liegen, abgetheilt, mit mit einer glatten, dünnen Haut bedeckt, welche durch die erwähnten Bänder in das Bauchfell übergeht, von rothbrauner Farbe und körniger Textur. In jedem Körnchen ihrer Substanz zei- gen sich nach gelungenen Aussprützungen sehr ausgezeichnete, von Lobstein In N. M. Ambodick ’s Disp. de hepate. Argentor. 1775. und Prochas- ka Disqu. anat. physiol. organismi corp. human. ejus- que processus vitalis. p. 104. näher angegebene Netze der feinsten Ge- fässe, die zu vier grossen Stämmen gehören, zu der Leberarterie, den Lebervenen, der Pfortader und dem Gallengang. Die Leberarterie, ein Zweig der innern Bauch- pulsader (Art. coeliaca), der zugleich Aeste für den Zwölffingerdarm, das Pankreas, den Magen und das Netz abgiebt, und die Lebervenen, die sich unmittelbar in die untere Hohlvene öffnen, haben nichts Merkwürdiges. Die Pfortader aber ist das einzige Beyspiel einer nach der Geburt noch fortdauernden Vene, die sich nach Art einer Arterie zerästelt. Ihr Stamm, dessen Haut von grösserer Stärke als bey den übrigen Venen ist, und welcher, nebst seinen sämmtlichen Zweigen, auch den Mangel an Klappen mit den Arterien ge- mein hat, wird durch das Zusammenfliessen aller Blutadern der im Bauchfell enthaltenen Ver- dauungs- dauungsorgane bildet. Er theilt sich nach seinem Eintritt in die Leber gewöhnlich in zwey Aeste, deren Zweige die Leberarterie bey deren Verbrei- tung überall begleiten. Bey dem Foetus zerästeln sich auch noch mehrere Zweige des aus den Ve- nen des Mutterkuchens entstehenden Stamms der Nabelvene auf ähnliche Art, wie die Pfortader, in der Leber; aber dieses Gefäss schliesst sich nach der Geburt, und geht dann in das runde Band der Leber über. Neben den Zweigen der Pfortader laufen die Gallengefässe fort, welche durch ihre Vereinigung den zum Zwölffingerdarm gehenden Lebergang bilden. Zwischen allen diesen Gefässen und zahlrei- chen Saugadern liegt in der Leber noch eine Substanz eigener Art, die auf ähnliche Art wie das Gehirn aus Mark und Rinde besteht, doch mit dem Unterschied, dass alles Mark nicht, wie in dem letztern, einen einzigen Kern ausmacht, sondern dass es unzählige solcher Kerne giebt, von welchen jeder durch eine Lage von Rinden- substanz eingeschlossen ist Autenrieth in Reil ’s Archiv f. d. Physiol. B. 7. S. 299. . Mit dem Lebergang verbindet sich vor seinem Eintritt in den Darmcanal der Gallengang, wel- cher, sich allmählig erweiternd, in die Gallenblase übergeht, einen häutigen, in der hohlen Fläche der der Leber liegenden, und zur Aufbewahrung der Galle dienenden Behälter. In Fällen, wo der Gal- lengang durch einen Stein verstopft war, enthielt diese Blase gar keine Galle R. Forsten quaest. selectae physiologicae. Praos. W. van Doeveren . Lugd. Bat. 1774. — J. C. B. Bernard Diss. sist. quaestiones medic. argumenti. L. B. 1796. . Sie bekömmt also die letztere durch jenen Canal aus der Leber, und hat nicht das Vermögen, selber Galle zu erzeugen M. Rossi in Weigel ’s Italiän. med. chirurg. Bi- bliothek. B. 2. St. 2. . Es giebt nächst dem Nahrungscanal kein Ein- geweide, welches so allgemein im ganzen Thier- reich verbreitet ist, als die Leber. Sie findet sich bey allen Säugthieren, Vögeln, Amphibien, Fi- schen und Mollusken. Selbst in der Classe der Würmer scheinen die Aphroditen an den, einen dunkelgrünen, bittern Saft enthaltenden Säcken, womit ihr Darmcanal auf beyden Seiten besetzt ist Biol. Bd. 1. S. 391. , gallenabsondernde Organe zu besitzen. Aehnliche Säcke giebt es an dem Nahrungscanal der Holothurien Ebendas. S. 407. , und eine wirkliche Leber zeigt sich wieder bey den Asterien Spyx , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XIII. p. 438. . Bey Bey den Insekten scheinen die Gefässe, die ich im ersten Bande der Biologie (S. 365.) unter dem Namen der Gallengefässe beschrieben habe, die Stelle der Leber zu vertreten. Lyonnet er- klärte diese zwar für Organe, durch welche eine Flüssigkeit aus dem Darmcanal aufgenommen würde; er führte aber keine erhebliche Gründe für seine Meinung an. Ramdohr A. a. O. S. 45. glaubt, einen Beweis für die letztere in seiner Beobachtung ge- funden zu haben, dass die Gallengefässe sich nicht in die Höhlung des Darmcanals, sondern allein in den Zwischenraum zwischen den beyden Häuten desselben öffnen. Bey manchen Insekten, wo die innere Darmhaut viel enger als die äussere ist, hat diese Beobachtung wohl ihre Richtigkeit. Al- lein bey andern, wo diese Häute genauer mit ein- ander verbunden sind, hält es schwer, die Mün- dungen der Gallengefässe mit Bestimmtheit anzu- geben. Indess dringt bey allen Insekten der Chy- mus durch die innere Darmhaut in den zwischen dieser und der äussern befindlichen Zwischenraum. Es ist also nicht einzusehen, warum nicht auch umgekehrt die Galle durch jene innere Haut des Darmcanals in die Höhlung desselben sollte über- gehen können. Ramdohr ’s Beobachtung ist also noch kein hinreichender Beweis für Lyonnet ’s Hypothese, und kein Einwurf gegen die Meinung, dass die erwähnten Gefässe gallenabsondernde Or- gane gane sind. Die letztere hat aber auch folgende Gründe für sich, da sich für jene keine weitere Beweise anführen lassen. 1. Jene Gefässe öffnen sich meist an derselben Stelle in den Darmcanal, wo bey den übrigen Thieren der Gallengang in denselben eintritt. 2. Bey der Raupe der Phalaena fagi fand ich an den Gallengefässen vor ihrem Eintritt in den Darmcanal zwey kugelförmige Behälter, die et- was Aehnliches von einer Gallenblase zu seyn schienen, und in denselben bey einer dieser Rau- pen rothe, den Gallensteinen ähnliche Concre- mente. 3. Bey den Thieren der höhern Classen ent- stehen die Wurzeln der Pfortader aus dem Netze. Ein ähnliches Organ aber ist der Fettkörper, wor- aus die Gallengefässe der Insekten ihren Ursprung nehmen. 4. Reaumur Mém. pour servir à l’Hist. des Ins. T. 1. P. 2. p. 204. der OctavAusg. beobachtete, dass der Saft, wo- mit die Gallengefässe angefüllt sind, um die Zeit, wo die Raupen ihr Gespinnst machen, in die Ge- därme tritt, und durch den After ausgeleert wird. Diese Erfahrung beweist, dass wenigstens unter gewissen Umständen die in jenen Gefässen ent- haltene Flüssigkeit sich in den Darmcanal ergiesst. 5. IV. Bd. D d 5. Bey den Krebsen sind ähnliche Gefässe vor- handen, die sich durch ihre braune Farbe und ihren bittern Geschmack als wahre Gallengefässe verrathen Biol. Bd. 1. S. 342. , und die Geschlechter Squilla und Craugon haben an der Stelle dieser Gefässe eine wirkliche, drüsenartige Leber. Unter den Insekten giebt es zwar ein Ge- schlecht, bey welchem von diesen Gallengefässen nur noch schwache Spuren vorhanden sind, nehm- lich das der Asseln (Oniscus). Doch bleibt die Leber demohngeachtet das, nächst dem Nahrungs- canal, am allgemeinsten im Thierreich vorhan- dene Eingeweide, und eines der wichtigsten Or- gane in der thierischen Oekonomie. Nehmen wir die meisten Insekten und einige Würmer aus, so ist auch der Bau desselben un- ter den übrigen Thieren im Wesentlichen von ei- nerley Art. Die Verschiedenheiten, die wir daran finden, betreffen ihre Grösse und Gestalt, den Ursprung und die Vertheilung ihrer Blutgefässe, die Gegenwart oder Abwesenheit der Gallenblase, die Verbindungsart dieser Blase mit der Leber, und den Uebergang des Gallengangs in den Darm- canal. In Betreff der Grösse der Leber gilt das Ge- setz, dass diese von den Säugthieren an bis zu den Mollusken zunimmt. Schon bey den Vögeln ist ist sie grösser als bey den Säugthieren; noch grö- sser ist sie bey den Amphibien und Fischen; bey den Mollusken umgiebt sie den grössten Theil der Verdauungsorgane. Die drey letztern Thier- classen sind grösstentheils Wasserthiere. Der Foe- tus, ebenfalls ein Wasserthier, hat auch eine ver- hältnissmässig weit grössere Leber als das erwach- sene Thier. Man hat aus diesen Thatsachen ge- schlossen, dass das Leben im Wasser einen Ein- fluss auf die Vergrösserung der Leber hätte. Ich selber habe diese Meinung ehedem für wahrschein- lich gehalten Biol. Bd. 2. S. 170. . Allein ich glaube nicht mehr, dass dieselbe richtig ist. Schon der Umstand, dass die Vögel überhaupt eine grössere Leber als die Säugthiere haben, lässt sich aus ihr nicht er- klären. Dann aber zeichnen sich unter den Vö- geln nicht etwa die Wasservögel, sondern die zah- men Vögel durch eine vorzüglich grosse Leber aus B. Robinson on the food and discharges of human bodies. p. 97. . Auch haben unter den Mollusken die auf dem Trocknen lebenden Wegschnecken eine, wo nicht grössere, doch eben so grosse Leber, als die sich im Wasser aufhaltenden Thiere dieser Classe, und bey den Insekten sind die Gallenge- fässe der Dytisken und anderer Bewohner des Wassers nicht grösser als die der übrigen Arten. Rich- D d 2 Richtiger ist es, dass die Leber der Wasserthiere mehr ölige Theile als die der Landthiere enthält. Man könnte vermuthen, dass die Grösse der Le- ber mit der Vollkommenheit und Energie der Werkzeuge des Athemholens im umgekehrten Ver- hältniss stände, wenn nicht auch diese Voraus- setzung mit der Thatsache, dass die Vögel eine relativ grössere Leber als die Säugthiere haben, unvereinbar wäre. Am wahrscheinlichsten ist es mir, dass jene Grösse mit der Stärke des Assimila- tionsvermögens wächst und abnimmt. Diese lässt sich indess nicht nach der Quantität der Nahrung, die in einer bestimmten Zeit verbraucht wird, sondern blos nach der Stärke des Reproductions- vermögens schätzen. Da nun die letztere mit der abnehmenden relativen Grösse des Gehirns zu- nimmt Biol. Bd. 3. S. 486. , so scheint auch die Leber mit dem Ge- hirn in einem gewissen Antagonismus zu stehen. Die Verschiedenheit in der Gestalt der Leber besteht vorzüglich in der Zahl ihrer Einschnitte. Diese Abtheilungen können aber nichts Wesentli- ches seyn, da sie weder mit der übrigen Organi- sation, noch mit der Art der Nahrungsmittel irgend eine Verbindung haben. Nur von geringer Zahl und schwach sind sie z. B. bey dem Menschen und in den Familien der Schweine, Rinder, Pferde und Wallfische; hingegen besteht die Leber aus drey, drey, vier, fünf und noch mehr Lappen bey den meisten Affen, Raub- und Nagethieren. Vorzüg- lich ist die Zahl dieser Lappen höchst veränder- derlich bey den letztern. Es giebt z. B. nach Pallas ’s und D’Aubenton ’s Untersuchungen An den im 1sten Bde der Biol. S. 210 ff. mitgetheil- ten Stellen. , drey Lappen bey dem Bobak (Marmota Bobac), fünf bey dem Murmelthier (Marmota alpina) und dem Siebenschläfer (Glis esculentus), sechs beym Lemmus amphibius und Mus agrarius, und sie- ben beym Lemmus oeconomus M. vergl. Haller El. Phys. T. VI. L. 23. S. 1. §. 4. p. 461. — Cuvier Leç. d’Anat. comp. T. 4. p. 9. . Bedeutender ist eine Verschiedenheit, die zwi- schen den Thieren der höhern Classen und der Mollusken in Ansehung des Ursprungs der blut- führenden Gefässe der Leber statt findet. Wir haben gesehen, dass bey dem Menschen die Le- ber ihr Blut nicht blos aus der Leberarterie, son- dern auch aus der Pfortader erhält. Eben diese Einrichtung findet wahrscheinlich auch bey den Vögeln, Amphibien und Fischen statt. Man hat zwischen dem Blut der Pfortader und der Galle eine Aehnlichkeit gefunden zu haben geglaubt, und theils hieraus, theils aus Malpighi ’s Erfah- rung, zufolge welcher die Absonderung der Galle nach D d 3 nach Unterbindung der Leberarterie fortdauert Malpighi de liene. p. 357., in Mangeti Bibl. anat. T. 1. , geschlossen, dass es das Blut der Pfortader sey, woraus die Galle bereitet wird. Gegen diesen, für die Lehre von der Verdauung nicht unwich- tigen Schluss lassen sich indess mehrere Ein- würfe machen. Malpighi bemerkt ausdrück- lich in der Erzählung der erwähnten Beobachtung, dass die nach dem Unterbinden der Leberarterie abgesonderte Galle weniger flüssig, nicht so bitter und von anderer Farbe als sonst war. Er leitet dieses von dem Umstande her, dass bey seinen Versuchen zugleich die Gallenblase zerstört war. Es ist möglich, dass hierin der Grund lag. Doch eben so möglich ist es, dass der gehinderte Zu- fluss des Schlagaderbluts die Ursache war, und dass also die Leberarterie ebenfalls den Stoff zur Bereitung der Galle liefert. Ein Beweis dieses Antheils ist ein Fall, wo bey einem jährigen, wohl genährten Kinde die Pfortader gar nicht zur Le- ber, sondern unmittelbar zur Hohlader ging, die Leberarterie aber grösser wie gewöhnlich war Autenrieth ’s Handb. der empirischen menschl. Physiol. Th. 2. S. 93. . Mit Recht fragte auch schon Marherr Praelect. in Boerhaavii Instit. med. T. 2. p. 468. , warum die Enden der Leberarterie unmittelbar in die Wur- Wurzeln der Gallengänge übergehen, wenn jene Ader zur Absonderung der Galle nichts beytrüge? Hierzu kömmt noch, dass bey den Mollusken die Leber gar kein Blut aus dem Venensystem, son- dern blos aus der Aorta erhält Cuvier a. a. O. p. 147. . Wahrscheinlich hat also auch bey den Thieren der höhern Clas- sen die Leberarterie eben so viel Antheil an der Bereitung der Galle, als die Pfortader. Ein wichtiger Anhang der Leber scheint die Gallenblase, und wichtig daher der Umstand zu seyn, dass dieser Theil bey vielen Thieren nicht vorhanden ist. Allein die Gegenwart und Abwesen- heit desselben steht doch nicht so genau, wie man vermuthen sollte, mit der übrigen Organisation, oder mit der Beschaffenheit der Nahrungsmittel in Verbindung. Man findet ihn in den Familien der Affen, der Hunde und der Faulthiere, und bey allen Amphibien; hingegen fehlt er bey vielen Nagethieren, bey mehrern Arten der Schweine- ordnung, in der ganzen Familie der Pferde, bey mehrern Rindern, Cetaceen, Vögeln und Fischen, und bey den sämmtlichen Mollusken Haller l. c. S. 2. §. 1. p. 519. — Cuvier a. a. O. p. 35. . Im All- gemeinen sind es also vorzüglich die fleischfres- senden Thiere, die eine Gallenblase besitzen. Al- lein D d 4 lein da der Ochse, der Hase, der Biber und viele andere pflanzenfressende Thiere ebenfalls damit versehen sind, so kann man schwerlich eine Be- ziehung derselben auf animalische Nahrung an- nehmen. Eben diese Beyspiele stehen auch der von Haller L. c. p. 522. aufgestellten, sonst sehr wahr- scheinlichen Hypothese entgegen, dass diejenigen Thiere eine Gallenblase haben, die, wie die Raubthiere, selten, aber viel zur Zeit fressen, und dass sie denen fehlt, die wenig auf einmal, dieses aber in kurzen Zwischenräumen zu sich nehmen. Bey dem Menschen erhält die Gallenblase blos aus dem Lebergang ihre Galle. Bey den meisten Thieren aber gelangt dieser Saft entweder gar nicht aus jenem Canal, oder doch nicht aus einem solchen einfachen Gang in die Gallenblase, son- dern es giebt hier mehrere eigene Canäle (Ductus hepaticocystici), die aus der Leber zum Blasen- gang, oder auch unmittelbar zur Gallenblase ge- hen Haller l. c. S. 1. §. 19. p. 504. S. 2. §. 4. p. 529 sq. — Cuvier a. a. O. p. 42. . Doch dieser Umstand hat wohl keinen erheblichen Einfluss auf die Verdauung. Wichti- ger ist die Nähe oder Entfernung der Mündung des Gallengangs vom untern Magenmund. Zwar steht dieselbe nicht, wie einige Schriftsteller ge- glaubt haben, mit der Nahrungsweise in Bezie- hung. hung. Aber in anderer Rücksicht scheint sie doch von Bedeutung zu seyn. Sehr nahe beym Pförtner öffnet sich der Gal- lengang in den Darmcanal bey den Nagethieren, sehr entfernt von demselben bey dem Känguruh und den meisten Vögeln. Beym Papagey giebt es zwey Gallengänge, die sich, von einander getrennt, zum Darmcanal be- geben. Doch bey allen Säugthieren, Vögeln, Amphi- bien und Fischen, die zwey von einander ge- trennte Gallengänge haben, oder deren Lebergang in keiner Verbindung mit dem Blasengang steht, öffnen sich diese Canäle nahe bey einander in den Darmcanal Haller a. a. O. — Cuvier a. a. O. . Anders aber verhält es sich bey vielen Mol- lusken. Diese haben insgesammt mehrere Leber- gänge, von welchen jeder für sich zum Nahrungs- canal geht. Bey einigen öffnen sich dieselben schon in den Magen, und nicht erst in den Darm- canal. Dieser Fall findet bey dem Pleurobranchus Cuv. statt, einem Geschlecht der Schneckenfami- lie, das einen häutigen Kropf hat, in dessen Grund sich die Galle ergiesst Cuvier , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. V. p. 266. . Andere Bey- spiele D d 5 spiele geben die Geschlechter Mytulus, Spondylus und Arca Cuvier Leç. d’Anat. comp. T. V. Pl. 49. fig. 11. 12. 13. . Bey dem Onchidium Cuv. giebt es sogar drey verschiedene Lebern, zwey grössere und eine kleinere. Die Ausführungsgänge der beyden grössern öffnen sich in den Oesophagus bey der Cardia, die der dritten kleinern Leber aber in den ersten, knorpelartigen Magen Cuvier , Ann. du Mus. d’Hist. nat. T. V. p. 37. . Diese Beyspiele lassen vermuthen, dass die Galle nicht nur auf eine chemische Art wirkt, sondern auch als Reitzmittel, in welcher Eigen- schaft sie die Thätigkeit des Nahrungscanals bey der Verdauung befördern hilft. In dieser letztern Wirkung liegt vielleicht mit der Grund, warum die Amphibien und Fische eine grössere Leber ha- ben, als die Vögel und Säugthiere, und die Mol- lusken eine noch grössere als jene. Die Erreg- barkeit des Nahrungscanals ist nehmlich geringer bey den Mollusken, als bey den Fischen und Am- phibien, und geringer bey diesen, als bey den Vögeln und Säugthieren. Nimmt man also an, dass die Menge der abgesonderten Galle desto grö- sser ist, je weniger Reitzbarkeit der Darmcanal besitzt, und dass sich jene Quantität nach der Grösse der Leber richtet, so sieht man den Grund der Zunahme in dem Volumen der letztern bey den niedern Thierclassen ein. Aus diesem Bedürf- niss niss einer stärkern Erregung bey geringerer Reitz- barkeit lässt es sich auch erklären, warum bey den angeführten Mollusken, die insgesammt einen schwielenartigen, also sehr unerregbaren Magen haben, die Galle sich schon in diesen Magen und nicht erst in den Darmcanal ergiesst. Unter den Mollusken und Insekten finden wir noch andere Beyspiele, die vermuthen lassen, dass die Galle, wenigstens bey einigen Thieren, zum Theil ein blosses Exkrement ist. Bey Doris la- cera und Doris Solen hat die Leber eine Menge Ausführungsgänge, die sich durch eben so viele Mündungen in den häutigen Magen öffnen, und noch einen andern excernirenden Canal, der zu einer eigenen, neben dem After liegenden Oeff- nung geht Cuvier ebendas. p. 447. . Der letztere Gang kann blos zur Ausleerung eines Exkrements dienen. Inzwischen ist es möglich, dass dieser nicht aus der Leber, sondern aus einer in der Leber verborgen liegen- den Drüse entsteht. Es giebt aber ein anderes ähnliches Beyspiel, gegen welches sich kein sol- cher Zweifel erheben lässt, bey den Wanzen. Hier öffnen sich die Gallengefässe so nahe am After, dass die Galle schwerlich eine Funktion bey der Verdauung haben, sondern blos ein Auswurfsstoff seyn kann Annalen der Wetterauischen Gesellsch. f. d. gesamm- te . Die Die in den bisher beschriebenen Theilen ab- gesonderte Flüssigkeit ist ein dicker, grünlicher, bey den meisten Thieren bitterer, doch bey dem Foetus süsslicher, im Wasser auflöslicher Saft. Es giebt keine thierische Materie, womit in ältern Zeiten so viele, und doch so wenig frucht- bare Versuche angestellt sind, als die Galle. Nur darin kommen alle jene frühern Untersuchungen überein, dass dieser Saft bey der Destillation Was- ser, Geist, Oel, Luft und Kohle liefert, und dass die Menge des Wassers darin sehr beträchtlich ist. In den Angaben des Verhältnisses jener übrigen Be- standtheile herrscht die grösste Verschiedenheit Die Resultate der ältern Versuche über die Galle bis auf Röderer (De natura bilis. Argentor. 1767.), Cadet (Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1767. p. 471. A. 1769. p. 66.) und Willink (Consider. bilis physiolog. et patholog. Lugd. Bat. 1778.) findet man in Haller ’s Elem. Physiol. T. VI. L. 23. S. 3. §. 13 sq. p. 570 sq. gesammelt. . Ausser diesen Substanzen giebt es nach Neu- mann, Bruno, Stief, Bagliv und Willink in der Galle auch Ammonium, dessen Gegenwart aber von Hoffmann und Spielmann geläugnet wurde. Sylvius, Neumann, Hoffmann, Bruno, Hart- mann, Willink und Cadet entdeckten auch Na- trum te Naturk. B. 1. S. 176. — Ramdohr ’s Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 189. §. 117. trum in der Galle. Ramsay und Macbride hin- gegen läugneten alle alkalische Bestandtheile der- selben. Spielmann und Röderer fanden zwar Cadet ’s Versuche bestätigt, leiteten aber das Na- trum von der Zerlegung des Kochsalzes her, das in der Galle enthalten seyn sollte. Endlich traf Cadet noch Kalkerde und Milch- zucker in der Galle an, und Durande nebst Wil- link entdeckten in derselben Eisen. Alle diese Versuche lehren wenig in Bezie- hung auf die Wirkungsart der Galle. Ueber diese haben erst Schröder Opusc. med. collect. studio G. Ackermann . Vol. 2. p. 459. und Goldwiz Neue Versuche zu einer wahren Physiologie der Galle. Bamberg. 1785. einiges Licht verbreitet. Ich werde zuerst die Resultate erzählen, die sich aus den Versuchen der letztern und der neuern Schriftsteller ergeben, und hier- auf meine eigenen Erfahrungen folgen lassen. Die Galle enthält kein reines Oel. Dasjenige, welches ältere Chemiker aus derselben abschie- den, war ein Produkt der Destillation. Der Milchzucker, den Cadet in der Galle fand, ist entweder nicht beständig darin enthal- ten, oder er war, nach Fontana Mém. de l’Acad. roy. des sc. de Turin. T. 3. p. 397. , mit Phos- phorsäure gesättigte Bittererde. In In sehr geringer Quantität, und vielleicht auch nicht beständig, ist das Eisen in der Galle ent- halten Maclurg Vers. mit der menschl. Galle in Th. Coe ’s Abh. von den Gallensteinen. Leipzig. 1783. S. 321. 348. — Goldwiz a. a. O. S. 90. — Leonhardi animadv. chemico-therap. de ferro. Viteb. 1785. p. 19. — Thenard (Mém. de Phys. et de Chimie de la Soc. d’Arcueil. T. 1. p. 38.) fand in 800 Theilen Och- sengalle nur einige Spuren Eisenoxyd. . Nähere und beständige Bestandtheile der Galle hingegen sind: Wasser, Eyweissstoff, Gal- lenstoff , eine geringe Quantität Erde und et- was Natrum . Die Quantität des Wassers in der Galle ist so beträchtlich, dass dieses, nach Thenard , sie- ben Theile von acht, und oft noch mehr beträgt. Eyweissstoff findet sich, nach Thenard , in der Galle des Menschen und der Vögel. In der Galle des Ochsen, des Schaafs, der Katze und des Hundes will er eine andere Substanz, die er die gelbe Materie nennt, gefunden haben. Sie ist, ihm zufolge, unauflöslich in Wasser, Oelen und Weingeist, hingegen auflöslich in Alkalien, woraus sie, wie aus der Galle, durch Säuren in der Gestalt braungrüner Flocken niedergeschlagen wird. Unter allen diesen Kennzeichen ist aber keines, wodurch sich jene Substanz von dem Ey- weiss- weissstoff unterscheidet, als die braungrüne Farbe, die schwerlich für etwas Wesentliches gelten kann, sondern wohl blos von einem sehr fest mit ihr verbundenen Antheil an Gallenstoff herrührt. Der Gallenstoff ist eine grüne, bittere, in Wasser auflösliche Materie, welche mit dem Ey- weissstoff durch mineralische Säuren aus der Galle niedergeschlagen wird. Er vereinigt sich bey die- ser Fällung mit der Säure, und lässt sich durch kohlensauren Baryt, der ihm die letztere entzieht, wieder herstellen Berzelius in Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie. Phy- sik u. s. w. B. 7. S. 583. . In seiner Verbindung mit Säuren bildet er, durch Weingeist von dem mit ihm gefällten Eyweissstoff geschieden und abge- dampft, das Gallenharz , eine grünliche, zähe, sehr bittere, dem Fettwachs verwandte Substanz, welche schmelzbar, am Feuer entzündlich, und sehr auflöslich in Weingeist und alkalischen Lau- gen ist, und sich aus dem Weingeist durch Was- ser, aus den Laugensalzen durch Säuren nieder- schlagen lässt Thenard a. a. O. — Proust , Journ. de Phys. T. (XXI.) 64. p. 152. . Die Quantität derselben be- trägt, nach Thenard , in der Ochsengalle 24 Theile von 800, in der Menschengalle 41 von 1000. In der Galle des Ochsen und einiger anderer Thiere will Thenard noch eine andere, mit die- sem sem Gallenharz verbundene Materie gefunden ha- ben, die er Picromel genannt hat, und deren Charaktere seyn sollen: ein scharfer, etwas bitte- rer und süsslicher Geschmack, Auflöslichkeit in Wasser und Weingeist, Unfähigkeit zu krystallisi- ren, und die Eigenschaft, in den Auflösungen von salpetersaurem Quecksilber, salpetersaurem Eisen, und essigsaurem Bley mit Uebermass von Bley- oxyd Niederschläge hervorzubringen. Thenard erhielt diese Materie durch Behandlung der Galle mit essigsaurem Bley. Wenn man aber erwägt, dass dieses Reagens Eyweissstoff, Schleim, Gallen- stoff, und zugleich noch Erden und Salze nieder- schlägt, so kann man nicht zweifeln, dass jenes Picromel eine Verbindung mehrerer verschiedener Substanzen und nichts weniger als ein Edukt ist. Der erdige Bestandtheil der Galle ist Kalk- erde Leonhardi in der Anmerk. S. 318. zu Macquer ’s chym. Wörterb. Th. 2. — Thenard a. a. O. . Die Gegenwart des Natrum in der Galle be- zweifelte zwar Goldwiz . Seine Gründe sind aber nicht von Gewicht. Richter ’s Experim. et cogitat. circa bilis naturam, imprimis ejus principium salinum. Erlang. 1789. und Thenard ’s Versuche beweisen, dass dieses Alkali allerdings in der Galle enthalten ist. Nach des letztern Er- fahrun- fahrungen beträgt die Quantität desselben in der Ochsengalle 4 Theile von 800. Sowohl die Kalkerde, als ein Theil des Na- trum, scheinen in phosphorsaurem Zustande Be- standtheile der Galle zu seyn Leonhardi a. a. O. und in seinen Zusätzen zu Macquer ’s Wörterb. B. 1. S. 424. . Ein Theil des Natrum aber ist, nach Thenard ’s Vermuthung, mit Schwefelsäure, ein anderer mit Salzsäure, und der übrige mit dem Gallenstoff verbunden. Der Gallenstoff scheint vorzüglich der Theil zu seyn, von welchem die Galle ihre charakteri- stischen Eigenschaften hat. Ihre übrigen Bestand- theile sind in zu geringer Quantität vorhanden, und zu veränderlich, als dass sich von ihnen bedeutende Wirkungen annehmen lassen. Man hat oft die Galle eine Art Seife genannt, und eben so oft ihr diesen Namen abgesprochen. Versteht man unter Seife blos eine Verbindung zwi- schen reinem Oel und einem Alkali, so kömmt ihr jene Benennung freylich nicht zu. Sie löset nicht, wie die alkalischen Seifen, Oele, Harze und Balsame auf, sondern bringt die Oele zum Gerinnen, und scheidet sie aus wässrigen Emul- sionen Schröder u. Goldwiz in den angef. Schriften. . Ob sie aber nicht in die Classe der sauren Seifen gehört, werden wir unten sehen. Die IV. Bd. E e Die Galle endlich verhindert die Essiggährung, und verwandelt diese in die Weingährung. Säu- ren werden durch ihre Zumischung abgestumpft Goldwiz a. a. O. S. 160. 169. . Nach einem einzelnen Versuche Werner ’s Exper. circa modum, quo chymus in chylum mu- tatur. p. 49 sq. hält sie auch die Gerinnung des Bluts zurück. Diese Beobachtung bedarf vielleicht einer nähern Bestätigung. Dass aber, wie Schröder und Gold- wiz gefunden haben wollten, die Galle das Ge- xinnen der Milch befördern soll, ist nach den Ver- suchen Veratti ’s Comment. Bonon. T. VI. p. 269. und Cadet ’s Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1769. p. 67. , von wel- chen die letztern gerade das Gegentheil lehren, gewiss unrichtig. Dies ist es, was aus den bisherigen Unter- suchungen der Galle an zuverlässigern Resultaten hervorgeht. Ich komme jetzt auf meine eigenen Erfahrungen, die mich diese Flüssigkeit von eini- gen neuen Seiten kennen gelehrt haben. 1. An frischer Ochsengalle bemerkte ich immer den Geruch des schwefelhaltigen Wasser- stoffgas , der sich noch stärker entwickelte, wenn etwas verdünnte Schwefelsäure zugegossen wurde. Uebereinstimmend hiermit ist die That- sache, dass schwefelhaltiges Wasserstoffgas auch das das Erste ist, was bey der Destillation der Galle übergeht Fourcroy Elem. de Chimie. Ed. 4. T. 4. p. 348. — Vogel in Schweigger ’s neuem Journ. f. Chemie u. Physik. B. 6. S. 325. . Man hat diesen Bestandtheil, der gewiss bey der Funktion der Galle eine wichtige Rolle spielt, bisher nicht beachtet, vermuthlich weil man die Galle selten frisch genug unter- suchte Blos Cadet bemerkte ihn beym Zugiessen von Salzsäure zu Ochsengalle. (Mém. de l’Ac. des sc. de Paris. A. 1767. p. 475.) Er hielt ihn aber un- richtig für Folge der eingetretenen Fäulniss. . An solcher, die über vier und zwan- zig Stunden gestanden hat, ist schon der Geruch jenes Gas nicht mehr zu spüren. Wahrscheinlich rührt dasselbe und zugleich die grüne Farbe der Galle von einer Verbindung aus Schwefel, Natrum und Kohlenstoff her. Der Schwefel, den die Galle enthält, ist wohl nicht, wie Thenard glaubt, blos im gesäuerten Zustand ein Bestandtheil derselben. 2. Giesst man zu frischer Ochsengalle rektifi- cirten Weingeist, so schlägt sich der Eyweissstoff nieder, und der Weingeist wird gelb gefärbt. Sei- het man den Aufguss durch, und dampft die fil- trirte Flüssigkeit ab, so geht die gelbe Farbe der- selben in ein schmutziges Grün über, und man erhält den Gallenstoff als eine gelbgrüne, schmie- rige Masse, die sich in warmem Wasser völ- lig E e 2 lig auflöst, und beym Erkalten nicht wieder ab- scheidet. 3. Dieser Gallenstoff haucht einen eigenen Ge- ruch aus, woran ich den der Blausäure zu erken- nen glaubte, und der mich auf den Gedanken brachte, dass freye Blausäure in der Galle ent- halten seyn möchte. Um diese Vermuthung zu prüfen, setzte ich zu einer Unze einer wässrigen Auflösung des durch Weingeist ausgezogenen Gal- lenstoffs eine halbe Drachme einer gesättigten Auflösung des grünen schwefelsauren Eisens. Die- ser Zusatz brachte keinen Niederschlag hervor, und veränderte nicht die Farbe der Flüssigkeit. Ich tröpfelte hierauf eine Lauge von ätzendem Natrum hinzu, und sogleich entstand ein Präci- pitat von Berlinerblau. Säuren erhöheten nicht die Farbe dieses Niederschlags, sondern verwan- delten das blaue Eisenoxyd in rothes. Ich habe diesen Versuch mehrere male mit immer gleichem Erfolg angestellt. Der Gallenstoff enthält also freye Blausäure . 4. Die wässrige Auflösung des Gallenstoffs wurde mit Essig-, Phosphor- und Salpetersäure anfangs milchig, nachher grüner, und setzte nach vier und zwanzig Stunden einen grünen Nieder- schlag ab. Der Geruch der Säuren verminderte sich auffallend gleich nach ihrer Vermischung mit dem Gallenstoff. Dieser äussert also, wie auch schon schon andere Schriftsteller bemerkt haben, eine starke Anziehung zum Sauerstoff. 5. Galläpfeltinktur brachte in der wässrigen Auflösung des Gallenstoffs leichte Flocken, aber keinen festern Niederschlag hervor. Wenn also nicht etwa diese Fällung von etwas Gallerte oder milchsaurem Natrum herrührte, so muss der Gal- lenstoff eine Verwandtschaft zur Gallussäure oder zum Gerbestoff haben. 6. Giesst man verdünnte Schwefelsäure zu fri- scher Ochsengalle, so zieht sich der gerinnbare Theil derselben zu einer einzigen Masse zusam- men, die in einer weissen Haut eingeschlossen ist. In dieser Haut findet man den übrigen Theil der Galle als eine grüne, dem zerriebenen Käse ähnliche Substanz. Auf ähnliche Art wird die Ochsengalle durch Alcohol coagulirt; doch schwimmt die hierbey sich bildende Haut gewöhnlich auf der Oberfläche der Flüssigkeit. Diese Haut ist offenbar geronnener Eyweissstoff, der also keines- weges, wie Thenard behauptet, der Ochsengalle fehlt. Aus der käseartigen Substanz erhält man, nach Ausziehung des Gallenstoffs, Thenard ’s gelbe Materie, die ich aber, aus den schon oben angeführten Gründen, für nichts anders als Ey- weissstoff halten kann. 7. Die verdünnte Schwefelsäure löst einen Be- standtheil jener geronnenen Masse auf, indem sie E e 3 eine eine saftgrüne Farbe annimmt. Lässt man sie ab- dampfen, so wird ihr Grün immer dunkler, und man erhält zuletzt eine schwarzgrüne, zähe Ma- terie, die sich in Weingeist auflöst, indem das Natrum, womit sie verbunden war, als schwefel- saures Natrum zurückbleibt. Die Weingeistauf- lösung liefert endlich nach dem Abdampfen das Gallenharz, eine pechartige Substanz, deren Far- be nach der Stärke der angewandten Wärme ver- schieden ist, und in stärkerer Hitze braunroth, doch in der Kälte nach und nach wieder grün wird. Kürzer und ohne Veränderung des ur- sprünglichen reinen Grüns erhält man dasselbe, wenn man die Schwefelsäure abgiesst, nachdem sie den geronnenen Theil der Galle grün gefärbt hat, diesen durch Weingeist ausziehen lässt, und den Auszug gelinde abdampft. Der Process ist aber in diesem Fall nicht so belehrend als im vo- rigen, weil sich die Abscheidung des Natrums von dem Gallenharz, das hier mit dem Eyweiss- stoff verbunden bleibt, dabey nicht beobachten lässt. 8. Kocht man dieses grüne Gallenharz in einer Lauge von ätzendem Natrum, so löst sich das- selbe mit Beybehaltung der grünen Farbe voll- kommen darin auf. Setzt man zu dieser Auflö- sung Schwefelsäure, so schlägt sich das Harz theils als eine schwarzbraune, pechähnliche Mate- rie, theils als ein grünes Pulver wieder nieder. Diese Diese Auflöslichkeit des Gallenharzes in Alkali be- weist, dass der Name eines Harzes demselben nur sehr uneigentlich zukömmt. Alle Eigenschaf- ten des Gallenstoffs sind die eines thierischen, mit Säure innigst verbundenen Fetts; das Gal- lenharz unterscheidet sich von ihm blos durch einen Antheil freyer Säure. Liest man Achard ’s Chem. physische Schriften. S. 305 ff. , Macquer ’s Chym. Wörterb. Uebers. von Leonhardi . Th. 5. S. 50. — Crell ’s chem. Journal. Th. 5. S. 172. , Cornette ’s Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1780. p. 542. 558. 567. und Brandis ’s De oleorum unguinosorum natura. Gotting. 1785. Beobachtungen über die Wirkungen der minerali- schen Säuren auf fette Oele, so ist die Analogie zwischen den Produkten dieser Wirkungen und dem Gallenstoff nicht zu verkennen. Jene sind von bitterm Geschmack, von zäher, schmieriger Consistenz, und auflöslich sowohl in Wasser, als in Weingeist; die Weingeistauflösung wird von kaltem Wasser milchig gemacht; sie schmelzen in der Wärme und erstarren in der Kälte; ein Theil der angewandten Säure ist so innig mit ihnen vereinigt, dass sie sich mit Alkalien ver- binden, ohne sich von ihm zu trennen; sie ent- halten eben so, wie der Gallenstoff, freye Blau- säure; E e 4 säure; kurz, sie besitzen alle Eigenschaften dieses Stoffs. Die Galle ist also zwar keine alkalische Seife, aber allerdings eine saure Seife, die jedoch blos gebundenen Sauerstoff enthält. 9. Für einerley mit dem Gallenharz halte ich auch die Substanz, die man durch Digestion mehrerer thierischer und vegetabilischer Substan- zen mit Salpetersäure erhält. Fourcroy und Vau- quelin untersuchten den Einfluss dieser Säure auf Fleisch und Indigo Mém. de l’Institut des sc. et arts. Gehlen ’s Jour- nal f. d. Chemie u. Physik, B. 2. S. 231. 243. . Ich habe die nehmli- chen Versuche mit Hühnereyweiss und Hausen- blase gemacht, und immer im Wesentlichen die- selben Produkte erhalten. Unter andern liess ich eine Mischung aus 2 Drachmen Eyweiss, 3 Unzen Wasser und einer Drachme Salpetersäure, wovon ich den coagulirten Theil abgesondert hatte, an- haltend kochen, indem ich statt des verdünsteten Wassers immer neues hinzu goss. Im Anfange des Kochens schlug sich der aufgelöste Eyweiss- stoff zum Theil wieder nieder. Dann hauchte die Flüssigkeit einen säuerlichen, wachsartigen Geruch aus. Das niedergeschlagene Eyweiss wur- de gelb, zertheilte sich, und löste sich wieder auf. Auf der Flüssigkeit bildete sich eine Haut, die ein wachsartiges Ansehn hatte. Als in der Mitte des Kochens neues Wasser hinzugegossen war, war, bekam die Mischung eine grünliche, dem des aufgelösten Gallenstoffs ähnliche Farbe, die sich aber bald wieder verlor. Endlich erhielt ich ohn- gefähr eine halbe Unze einer gelben Substanz von butterartiger Farbe und Consistenz, die in der Kälte erstarrte, sich in Weingeist und ko- chendem Wasser auflöste, durch kaltes Wasser in der Weingeistauflösung milchig gemacht wur- de, mit Alkalien sich unter Aufbrausen zu einer orangegelben Materie verband, und mit wässrigem Galläpfelaufguss einen bräunlichen Niederschlag machte, die sich also wie Gallenharz verhielt. 10. Die grünliche Farbe, welche die Eyweiss- auflösung des vorigen Versuchs in der Mitte des Kochens bekam, zeigte sich auch in einem an- dern Versuch, wo ich Wasser so lange mit dem Blutkuchen von Rindsblut schüttelte, bis es dunkelroth gefärbt war, dasselbe von dem Blut- kuchen abgoss, es in der Temperatur des ko- chenden Wassers erhielt, bis sich kein Nieder- schlag von Eyweissstoff weiter bildete, und die abgegossene, ungeronnene Flüssigkeit, mit etwas ätzendem Natrum versetzt, von neuem aufkochen liess. Bey diesem Kochen bildete sich ein neues Präcipitat von Eyweissstoff; die Flüssigkeit, die vorher schmutzigroth aussah, bekam eine dun- kelrothe, und dann eine schmutziggrüne Farbe, wobey sich zugleich ein grünlicher, dem durch E e 5 Säuren Säuren gefällten Gallenstoff ähnlicher Niederschlag absetzte, und die Mischung einen süsslichen Ge- ruch aushauchte. — Schon Fourcroy Ann. de Chimie. T. 7. p. 146. machte eine ähnliche Beobachtung, indem er eine Mi- schung von Ochsenblut und Wasser kochen liess, bis alles Gerinnbare abgeschieden war, und die durchgeseihete Flüssigkeit bis zur Honigdicke ver- dünsten liess. Der Rückstand hatte die Farbe und den Geruch der Galle, und verhielt sich auch wie diese gegen Reagentien. Fourcroy ’s Erfahrung ist vergessen worden, weil Parmentier und Deyeux Journ. de Phys. T. (I.) 44. P. 1. p. 372. sie nicht bestätigt fanden. Die obi- gen Versuche aber beweisen, dass Fourcroy al- lerdings richtig beobachtet hat, obgleich die Be- dingungen, unter welchen die Verwandlung des Bluts in eine grüne Flüssigkeit eintritt, von ihm übersehen sind, und der Schluss, den er aus seiner Wahrnehmung zog, dass die Galle schon gebildet im Blut enthalten sey, sich nicht verthei- digen lässt. 11. Löst man die alkalische Verbindung der im 10ten Versuch durch die Einwirkung der Sal- petersäure gebildeten Substanz in heissem Was- ser auf, so schiesst sie beym Erkalten zu Kry- stallen an, die von scharfem, bitterm Geschmack sind, und auf glühenden Kohlen wie Schiesspul- ver ver verpuffen. Diese krystallisirte Substanz ist der von Welter Ann. de Chimie. T. 29. p. 301. beschriebene Bitterstoff. Chevreul Ebendas. T. 72. 73. hat gezeigt, dass derselbe seine ex- plodirende Eigenschaft blos von der mit ihm verbundenen Salpetersäure hat. Die eigentliche Be- schaffenheit dieser Substanz ist aber von Chevreul unbestimmt gelassen. Ich vermuthete nach der Entstehung und den Eigenschaften derselben, dass sie nichts anders seyn könne, als die Verbindung einer dem Gallenstoff gleichen Materie mit Sal- peter. Um hierüber Gewissheit zu erhalten, löste ich Gallenstoff mit etwas Salpeter in Wasser auf, liess diese Mischung bis zur Trockenheit abdam- pfen, und brachte den pulverisirten Rückstand auf glühende Kohlen; der Erfolg war, dass die nehm- liche Explosion wie vom Bitterstoff entstand. 12. In dem obigen 7ten Versuch bekam Gal- lenharz, mit Schwefelsäure erhitzt, eine braun- rothe Farbe. Ganz die nehmliche Farbe entsteht, wenn man concentrirte Schwefelsäure in eine Weingeistauflösung des Benzoeharzes tröpfelt. Sie ist aber auch hier, wie in dem obigen Versuch, nicht dauernd, sondern geht bald in ein schmutzi- ges Braun über. Die Benzoesäure hat an dieser Farbe keinen Antheil, sondern es ist das Oel des Harzes, wodurch sie hervorgebracht wird. Jene Jene Säure verändert weder für sich, noch mit Alkali verbunden, beym Zusatz der Schwefelsäure ihre Farbe. Das unaufgelöste Benzoeharz erhält von concentrirter Schwefelsäure eine schwarzrothe Farbe; hinzugegossenes Wasser bringt heftiges Aufschäumen und starke Erhitzung hervor, und scheidet das Harz in kleinen, violetten Concre- menten wieder ab. Nimmt man zu dieser Analo- gie, dass die Benzoesäure ebenfalls, wie das Gallenharz und der Bitterstoff, mit Salpeter ex- plodirt, und dass sich bey der Bildung des Bit- terstoffs immer auch eine Säure erzeugt, die gewiss eine unreine Benzoesäure ist, so lässt sich schliessen, dass der Gallenstoff und der Bitterstoff mit dem Benzoeharz ein gemeinschaftliches Prin- cip haben. Aus den erwähnten Erfahrungen ergeben sich folgende Hauptresultate: 1) Der vornehmste Bestandtheil der Galle, der Gallenstoff, ist ein thierisches Fett, das ge- bundenen Sauerstoff enthält, mit Natrum, Schwefel und vielleicht auch mit Kohlenstoff vereinigt ist, in dieser Verbindung schwefel- haltiges Wasserstoffgas aushaucht, und freye Blausäure zeigt. 2) Säuren entziehen diesem Stoff das Natrum, treten ihm ihren Sauerstoff ab, und verdicken ihn, ohne ihn jedoch in ein wirkliches Harz zu zu verwandeln; Alkalien neutralisiren diesen ihm abgetretenen Sauerstoff, und versetzen ihn wieder in den vorigen Zustand. 3) Der mit Salpetersäure verbundene Gallenstoff ist einerley mit dem Welter schen Bitterstoff; durch den Einfluss der Schwefelsäure wird unter Mitwirkung einer höhern Temperatur Benzoe-Oel in ihm entwickelt. Welche Anwendungen sich von diesen Sätzen in der Lehre von der Verdauung machen lassen, werden wir im 14ten §. sehen. Ehe wir unsern bisherigen Gegenstand verlassen, wird es aber nicht überflüssig seyn, eine Meinung von der Funktion der Leber, die in neuern Zeiten ziem- lich allgemein angenommen ist, noch zu berüh- ren. Die Galle ist vermöge ihres öligen Bestand- theils reich an Kohlenstoff und Wasserstoff. Sie scheint auch zum Theil ein Auswurfsstoff zu seyn. Das letztere ist sie, jener Meinung zufolge, ver- möge ihres Gehalts an den beyden erwähnten Stoffen. Die Leber, sagt man, wirkt auf eine ähnliche Art wie die Lungen, indem sie dem Blut dessen Ueberfluss an Wasser- und Kohlen- stoff entzieht und mit der Galle ausführt. Ich gestehe, dass ich diese Hypothese für sehr un- wahrscheinlich halte. Mit der Ausdünstungsmate- rie und dem Harnstoff wird vielleicht mehr Was- ser- und Kohlenstoff als mit der Galle ausgeleert, und und diese Exkretionen sind sehr leicht einer be- trächtlichen Zunahme fähig. Zu jener Entziehung bedurfte es also keines so grossen und so zusam- mengesetzten Organs, wie die Leber ist. §. 15. Der Darmcanal und die daraus entspringenden Gefässe. Die nehmlichen Häute, woraus der Magen besteht, bilden den Darmcanal. Bey vielen Thie- ren aber hat der obere Theil des letztern eine andere Textur, als der untere. Dieser, der dicke Darm, ist im Allgemeinen viel weiter und kür- zer, und hat eine weit dickere und festere Haut, als der obere. Gewöhnlich ist auch die Gränze zwischen beyden Theilen durch einen Schliess- muskel, und oft zugleich durch eine Klappe, sehr genau bestimmt. Wir finden diese Einrichtung selbst bey manchen Thieren der niedern Clas- sen. Bey einigen Insekten giebt es sogar drey bis vier Schliessmuskeln, wodurch die verschiede- nen Abtheilungen des Darmcanals von einander getrennt sind. Allgemein ist aber jener Unterschied nicht. Fast in jeder Thierclasse giebt es Arten, bey welchen die Verschiedenheit zwischen dünnem und dickem Darm sehr unmerklich, oder wenig- stens durch keine feste Gränze bestimmt ist. Vor- züglich ist der Darmcanal der Mollusken sehr ein- fach. fach. Doch erweitert er sich auch bey diesen Thieren gewöhnlich in der Nähe des Afters. Da, wo eine Trennung zwischen dünnem und dickem Darm statt findet, giebt es aber meist unter diesen Theilen noch andere Verschie- denheiten als die, welche die Länge und Weite der Därme, und die Dicke ihrer Häute betreffen. Bey den höhern Thierclassen hat zuvörderst die innere Haut des dünnen Darms einen eigenen Bau. Sie bildet hier entweder eine Menge dicht neben einander liegender, cylindrischer, ovaler, coni- scher, oder keulenförmiger Fortsätze, die soge- nannten Flocken oder Zotten (villi), wovon sie den Namen der Flockenhaut erhalten hat; oder es giebt in ihr ein Netz sehr feiner, ge- kräuselter Falten. Jene Flocken sind den Säug- thieren, mit Ausnahme des Maulwurfs, und den meisten Vögeln eigen; dieses, zuerst von Rudol- phi Reil ’s Archiv f. d. Physiol. B. 4. S. 63. näher untersuchte Netzwerk findet sich bey dem Maulwurf, bey mehrern Vögeln, bey den Amphibien und Fischen. Sowohl die Flok- ken als die Netze sind bey den verschiedenen Thierarten und selbst an den verschiedenen Stel- len des Darmcanals von verschiedener Gestalt. Vorzüglich lang sind jene bey dem Rindvieh, dem Nashorn, der Katze, dem Hund und dem Huhn. Bey dem Ochsen hat die innerste Darm- haut haut ausser den Flocken zugleich ein Netz zar- ter Falten. Nur klein sind hingegen die Flocken bey den Schaafen. Bey der Gans erstrecken sie sich bis in den dicken Darm hinab. Die Mollusken waren bisher in Betreff des Baus der innern Haut des Nahrungscanals noch wenig untersucht. Ich habe in dieser Hinsicht den Limax cinereus L. zergliedert, und in dem Nahrungscanal desselben die innere Haut von ei- ner Beschaffenheit gefunden, die ich nicht anders als flockenartig zu nennen weiss. Sie hängt mit der äussern Muskelhaut, worauf sich die Blut- gefässe verbreiten, so locker zusammen, dass sie sich zuweilen schon beym Oeffnen des Magens und Darmcanals von derselben trennt, zieht sich nach dieser Trennung zusammen, ist dick, weich, zähe, schwammartig, und, unter der Loupe be- trachtet, von sammtartigem Ansehn. Unter einer stärkern Vergrösserung zeigen sich in ihr Bläs- chen, die theils rund, theils birnförmig sind, und eine ölige Feuchtigkeit enthalten. Im dünnen Darm, oder dem Theil des Darmcanals, welcher unmittelbar auf die Stelle folgt, wo sich die Gal- lengefässe inseriren, wird diese Haut dünner. Bey den Insekten liegt eine schleim- oder gallertartige Substanz zwischen der äussern und der höchst zarten innern Haut des dünnen Darms. Man Man hat, durch Lieberkühn De fabrica et actione villorum intestinor, tenuium hominis. Lugd. Bat. 1745. p. 5. verleitet, un- ter dem Vergrösserungsglase an der Spitze jener Darmzotten eine Oeffnung zu sehen geglaubt. Allein Rudolphi A. a. O. S. 66. 71. 76. 363. , dessen Zeugniss hier gewiss von Gewicht ist, fand nie eine solche Oeff- nung; der jüngere Hedwig Disquis. ampullularum Lieberkühnii phys. micro- scop. Lips. 1797. S. 1. beobachtete sie in einigen wenigen Fällen, und in diesen fand ohne Zweifel bey den starken Vergrösserungen, die er gebrauchte, eine optische Täuschung statt; von Bleuland Vasculorum in intestinorum tenuium tunicis, sub- tilioris anatomes opera detegendorum descriptio. Tra- ject. ad Rhen. Tab. 2. f. 1. hat man eine colorirte Abbildung, worin die Flocken der menschlichen Darmhaut mit Oeffnungen vorgestellt sind, aber sicherlich blos nach der Phantasie, da es bey der schwa- chen, von Bleuland angewandten Vergrösserung unmöglich war, die Oeffnungen wahrzunehmen. Eben so zweifelhaft ist es, ob es, wie Lie- berkühn beobachtet zu haben glaubte, in jedem dieser Flocken eine mit Zellgewebe angefüllte Höhlung (ampullula) giebt. Hewson Exper. Inquiries into the lymphatic System. und Ru- dol- IV. Bd. F f dolphi A. a. O. S. 79. bemerkten auch hiervon keine Spur, und ich sehe nicht ein, wie man sich von der Gegenwart einer solchen Höhlung überzeugen will. Durch schwache Vergrösserungen lässt sich darüber nichts ausmachen, und für stärkere sind die Flocken zu wenig durchsichtig. Dem Anschein nach ist zwar die Frage, ob es Oeffnungen und Höhlungen in den Flocken giebt, von keiner grossen Erheblichkeit. Allein von ei- ner gewissen Seite ist sie allerdings wichtig. Sind Lieberkühn ’s Behauptungen ungegründet, so fin- det eine grosse Analogie zwischen den Flocken des Darmcanals und den Papillen der Haut statt; die innern Häute jener Röhre erscheinen dann als Fortsetzungen der äussern Bedeckungen des Körpers, und es lässt sich auf eine Gleichartig keit in den Funktionen dieser Membranen schlie- ssen. Jene Analogie wurde von Bichat Traité des membranes. be- stimmt angenommen. Aber schon vor ihm be- merkte sie Haase De vasis cutis et intestinorum absorbentibus. p. 19. . Nur wagte dieser noch nicht, Lieberkühn ’s Hypothese zu verlassen. Eine andere Verschiedenheit zwischen dem dünnen und dicken Darm besteht in den vielen Queerfalten (valvulae conniventes), welche die beyden innern Darmhäute in dem dünnen Darm, beson- besonders in dem mittlern Theil desselben, bil- den, und die nach dem dicken Darm hin seltener werden, oder sich ganz verlieren. Sie finden sich, wie die Flocken, sowohl bey fleischfressen- den, als pflanzenfressenden Thieren, und fehlen bey andern, die ebenfalls zu beyderley Classen gehören Haller El. Phys. T. VII. L. 24. S. 1. §. 12. p. 25. — Neergard ’s vergl. Anat. u. Physiol. der Verdauungs- werkz. der Säugth. u. Vögel. S. 209. . Auf der Gränze zwischen dem dünnen und dicken Darm giebt es bey vielen Thieren einen Theil, der unsere Aufmerksamkeit sehr verdient, den Blinddarm (Intestinum coecum). Wir fin- den dieses Organ in der Classe der Säugthiere bey dem Menschen, den sämmtlichen Affen und Makis, allen Thieren der Hundefamilie, ausge- nommen den Marder und die Geschlechter Ursus, Meles, Talpa, Sorex, Erinaceus, allen Nagethie- ren mit Ausnahme des Hamsters, dem Galeopithe- cus und Orycteropus (Myrmecophaga capensis Gmel .), allen zu den Familien der Schweine, Rinder und Pferde gehörigen Thieren, und bey den Wallrossen (Trichecus). Der Mensch, der Orang-Outang und das Geschlecht Phascolomis haben an dem Blinddarm zugleich einen wurm- förmigen Anhang; bey den übrigen aber fehlt dieser. F f 2 dieser. Der Klipdas (Hyrax) hat zwey wurm- förmige Anhänge am Anfang des Mastdarms, und ähnliche Theile giebt es auch bey den Ameisen- fressern (Myrmecophaga). Die letztern aber ha- ben dabey keinen Blinddarm, den der Klipdas, und zwar von vorzüglicher Länge und Weite, besitzt. Die Echidna und der Ornithorynchus ha- ben einen einfachen wurmförmigen Anhang ohne Blinddarm. Ausser den angeführten Thieren ge- hören noch zu denen, welchen der Blinddarm fehlt, das Geschlecht der Fledermäuse und alle Cetaceen, die Wallrosse abgerechnet. Dieser Theil ist ein auffallendes Beyspiel von dem Einfluss mehrerer ganz verschiedener Ursa- chen auf den Bau des Nahrungscanals. Eine Ausnahme von der Regel, dass die fleischfressen- den Thiere einen Blinddarm besitzen, machen die Bären, Dachse, Maulwürfe, Spitzmäuse und Igel. Aber diese Thiere nähren sich zum Theil von Vegetabilien, und unterscheiden sich zugleich von den übrigen Thieren der Hundefamilie darin, dass sie beym Gehen auf die ganze Fusssohle, und nicht wie diese blos auf die Zehen treten. Al- lein die Gegenwart oder Abwesenheit eines Blind- darms muss doch von noch andern Umständen abhängen. Der Marder, ein rein fleischfressendes Thier, hat kein Coecum; hingegen besitzt das- selbe die Viverra Ichneumon L., ein Thier, das wie wie die Bären beym Gehen auf die ganze Fuss- sohle tritt. Am meisten ist indess der Blinddarm bey den pflanzenfressenden Thieren und denen, die von gemischter Nahrung leben, ausgebildet. Bey dem Hasen und Kaninchen ist er länger als das ganze Thier und inwendig hat er eine schneckenförmige, von seiner Mündung bis zum entgegengesetzten Ende fortgehende Klappe. Beym zweyhörnigen Rhinoceros ist er, nach Sparrmann Reise nach dem Vorgebirge der guten Hoffn, S. 415 ff. , im Anfang eben so weit und mehr als viermal so lang wie der Magen. Bey den fleischfressenden Thieren ist er durchgängig klein und von einfacher Bildung. Bey den Vögeln giebt es ebenfalls einen Blinddarm, und auch hier ist dieser Theil ge- wöhnlich weit kürzer und weit einfacher bey den fleischfressenden Arten, als bey den übrigen. Nicht selten fehlt er bey jenen auch ganz. Die meisten Vögel haben zwey Blinddärme, die sich beym An- fang des Mastdarms in den Darmcanal öffnen Biol. Bd. 1. S. 232. . Doch ist diese Regel nicht allgemein. Eine Aus- nahme von derselben habe ich unter andern bey einer in der Gegend von Bremen gefangenen En- ten- F f 3 tenart Strix capite laevi, corpore supra fusco, fasciis trans- versariis undulatis nigris, remige tertio longiore. gefunden, die mit Strix stridula ver- wandt, doch nicht ganz einerley ist. Hier war der Magen knorpelartig, und in der Mitte des Darmcanals befand sich ein ebenfalls knorpelarti- ger, doch nur kurzer und enger Blinddarm. Sonst haben auch alle Reiherarten ( Buffon ’s Hérous) nur Ein Coecum, statt dass der mit ihnen so nahe verwandte Kranich deren zwey besitzt. Unter den Amphibien, Fischen und Mollus- ken sind sehr wenig Arten mit einem Blinddarm versehen. In der Classe der Amphibien findet man ihn blos beym Leguan, und unter den Fi- schen beym Polypterus niloticus Geoffroy , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 1. p. 64. — Cuvier (Leçons d’Anat. comp. T. 3. p. 543.) aber erwähnt keines Blinddarms bey diesem Fisch. . Unter den Mollusken haben einige Arten der Austernfamilie einen blinden Anhang des Darmcanals. Dieser befindet sich aber neben dem Pylorus, also an einer ganz andern Stelle, wie bey den Thieren der höhern Classen. Unter den Insekten giebt es, nach Ram- dohr Abh. über die Verdauungswerkz. der Ins. S. 40. , nur wenige, die einen Blinddarm be- sitzen. Er führt als solche blos die Sylpha ob- scura, den Nicrophorus Vespillo und die Nepa cinerea cinerea an. Ich muss hierin aber Ramdohr ’n widersprechen. Alle Schmetterlinge haben im aus- gebildeten Zustande einen Blinddarm, der sich in den Anfang des Mastdarms öffnet, am Darm- canal herauf liegt, und den Saft enthält, den mehrere Sphinxe, wenn sie geängstigt werden, durch den After aussprützen. Nach der Auslee- rung des Safts zieht sich aber dieser Theil so zusammen, dass man ihn bey der Zergliederung leicht übersieht. Einen ähnlichen Blinddarm be- sitzen die Spinnen. Ein Coecum, das fast so lang wie der ganze übrige Darmcanal ist, und sich in die Mitte desselben öffnet, habe ich beym Dytiscus marginalis gefunden. Bey allen Säugthieren, die einen wahren Blinddarm besitzen, hat der folgende Theil des dicken Darms, in welchen sich jener öffnet, bis zum Mastdarm, mit dem Coecum in seinem In- nern gewöhnlich einerley Bildung. Man unter- scheidet diesen Theil von dem letztern unter dem Namen des Grimmdarms (Colon). In der That aber macht er mit dem Blinddarm nur ein ein- ziges Organ aus, welches als eine Art von Ma- gen anzusehen ist. Bey mehrern Thieren zeich- net sich der Grimmdarm durch eine Menge Zel- len aus, worin dessen Höhlung abgetheilt ist. Diese werden durch drey Fleischstränge der Mus- kelhaut gebildet, die von dem verschlossenen F f 4 Ende Ende des Blinddarms an bis zum Anfang des Mastdarms über das Coecum und Colon der Länge nach fortgehen, und, indem sie kürzer als die übrigen Darmhäute sind, in den letztern blinde Säcke hervorbringen. Solche Zellen giebt es bey den meisten Säugthieren, die sich von Vegetabi- lien, oder von beyderley Nahrungsmitteln nähren, doch mit Ausnahme der rinderartigen Thiere und des Mäusegeschlechts. Sie fehlen hingegen bey den fleischfressenden Thieren und den Vögeln. Unter den letztern macht blos der Strauss eine Ausnahme. In der Classe der Insekten aber giebt es bey vielen Arten, besonders bey mehrern Kä- fern, ein zelliges Colon. Ein Blinddarm findet sich an dem obern Ende desselben nicht. Aber in der Muskelhaut desselben laufen der Länge nach mehrere solcher fleisch- und sehnenartiger Bänder, wie in dem Grimmdarm, und geben ihm ein gekerbtes Ansehn Ramdohr (a. a. O. S. 32.) nennt diesen Darm den Dünndarm . . Bey dem Dytiscus mar- ginalis L., der, wie oben bemerkt ist, einen sehr langen Blinddarm in der Mitte des Darmcanals besitzt, hat dieses Coecum solche Ligamente, da der übrige Darm ein weiter, häutiger Sack ist. Die Amphibien und Fische haben zwar kei- nen eigentlichen Grimmdarm. Doch findet sich bey einigen der letztern ein Bau, welcher der zellen- zellenartigen Struktur des Colons ähnlich ist. Es giebt nähmlich bey den Rochen, Hayen, Stöhren und dem Polyodon Geoffr . eine lange, spiral- förmige Falte der Darmhäute, die sich vom Pfört- ner bis zum Anfang des Mastdarms erstreckt Haller a. a. O. p. 25. — Cuvier a. a. O. T. 3. p. 518. . Etwas Aehnliches trifft man auch bey den Insek- ten der Bienenfamilie an. Jene Fische haben einen sehr kurzen Darm- canal, und die spiralförmige Falte dient zur Ver- grösserung der innern Fläche desselben. Einen ähnlichen Zweck haben alle Falten und Zellen im Innern dieser Röhre. Die Länge eines Darms kann daher unbeträchtlich seyn, und doch kann er, wegen vieler solcher Falten und Zellen, eine grosse innere Fläche besitzen. Bringen wir die- sen Umstand mit in Anschlag, und sehen dabey auf die Weite des Darmcanals, so wie auf den mehr oder weniger zusammengesetzten Bau des Magens, so lässt sich annehmen, dass im Allge- meinen auch der Darm, wie der übrige Nah- rungscanal, eine grössere innere Fläche bey den pflanzenfressenden, als bey den fleischfressenden Arten hat. Ohne Ausnahme ist aber diese Regel so wenig wie jede andere, die das Verhältniss der Verdauungsorgane zur Beschaffenheit der Nah- rungs- F f 5 rungsmittel betrifft. Das Eichhorn, ein pflanzen- fressendes Thier, hat einen kurzen Darmcanal; einen sehr langen hingegen haben die Robben und der Eisbär, Thiere, die sich von Fleisch nähren Haller l. c. §. 2. p. 7. — Von den Robben sind aber nicht alle Arten fleischfressend. Aubert du Petit-Thouars (Descript. abrégée des Isles de Tri- stan d’Acugna. p. 13, in dessen Mélanges de Botan. et de Voyages. 1. Recueil.) hatte eine junge Phoca ur- sina, die kein Fleisch anrührte, hingegen Meergras sehr begierig verschlang. . In Betreff der Insekten hat schon Ramdohr A. a. O. S. 41. den Satz aufgestellt, und durch Be- weise unterstützt, dass sich bey ihnen die Bil- dung des Darmcanals weniger nach den Nah- rungsmitteln, als nach ihrer natürlichen Verwandt- schaft richtet. Der ganze Darmcanal enthält in dem Zellge- webe, wodurch die Muskelhaut mit der darunter liegenden Membran verbunden ist, eine grosse Menge Schleimdrüsen, deren Ausführungsgänge sich auf der innern Wand des Darms öffnen. Sie sind an einigen Stellen häufiger, an andern selte- ner, am häufigsten im Blinddarm und Colon. An den meisten Stellen liegen sie einzeln. Bey einigen Thieren aber bilden sie hin und wieder im im dünnen Darm, traubenförmig zusammenge- häuft, die sogenannten Peyer schen Drüsen A. a. O. S. 342. . Aus diesen Drüsen ergiesst sich ein Saft, der den ganzen Darmcanal inwendig wie eine Haut überzieht, und ihn gegen den Eindruck der Ex- kremente schützt. Ausserdem hauchen auch die Schlagadern des Darms, wie die des Magens, eine wässrige Feuchtigkeit aus, die in Verbindung mit jenem Schleim den Darmsaft (Liquor en- tericus) bildet. Wir kennen den letztern blos erst aus einem wenig erheblichen Versuche Pech- lin ’s Exercitat. de purgantium medicament, facultatibus. . Dieser unterband den Darmeanal eines Hundes ausserhalb den Mündungen des pankrea- tischen Canals und des Gallengangs zu der Zeit, wo der Speisesaft in den dicken Darm überzuge- hen anfängt. Der unterbundene Theil schwoll sogleich an, und beym Oeffnen desselben floss eine grosse Menge wässriger Feuchtigkeit aus, die einen salzigen Geschmack hatte. Dieselbe Flüssigkeit aus dem Darm eines Schweins gerann in warmem Wasser. Man weiss übrigens, dass der Saft, welcher die innere Fläche des Darms bedeckt, nie sauer, wohl aber bey manchen Thieren alkalisch reagirt. Der enterische Saft muss also von dem Magensaft, womit ihn einige Schriftsteller verglichen haben, verschieden seyn. Wir Wir haben oben gesehen, dass der Magen sehr reich an Blutgefässen ist. Der dünne Darm giebt ihm hierin nicht viel nach. Auf der in- nern Haut dieses Theils bilden die letzten Aeste jener Gefässe ein dichtes Netz, das beynahe das Ansehn einer eigenen Haut hat. Weniger zahl- reich sind die Gefässe, die zum dicken Darm ge- hen. Alle, bey den Thieren der höhern Classen von der Oberbaucharterie und der obern und un- tern Gekrösearterie abstammenden Schlagadern des Darmcanals aber gehen zwischen den beyden Blättern des Gekröses zu den Gedärmen, und auf eben dem Wege vereinigen sich auch die sämmt- lichen Venen jenes Canals zu immer grössern Zwei- gen und Aesten, um sich mit der Milzvene zum Stamm der Pfortader zu verbinden und nach dieser Vereinigung von neuem in der Leber zu zerästeln. Jener Fortsatz des Bauchfells, der den Darm- canal überzieht, und zwischen welchem die Blut- gefässe desselben fortgehen, ist vorzüglich den vier höhern Thierclassen eigen. Man findet ihn nicht bey den Insekten. Doch unter den Mol- lusken, denen man das Gekröse bisher absprach, finde ich bey den nackten Wegschnecken (Limax) allerdings einen Fortsatz des Bauchfells, der die Krümmungen des Darmcanals mit einander ver- bindet, und in welchem die Zweige der Blutge- fässe fässe liegen. Ein deutliches Gekröse giebt es auch bey den Holothurien und Asterien. Den Venen des Darmcanals ist ausser der ausgezeichneten Art, wie sie von dem letztern zurückkehren und sich zur Pfortader vereinigen, noch der merkwürdige Umstand eigen, dass ih- nen die Klappen der übrigen Venen gänzlich feh- len, eine Eigenheit, die sich, wie schon oben erwähnt ist, auch auf die Pfortader erstreckt. Die Thiere der vier obern Classen besitzen nebst den Blutgefässen noch eine andere Art Adern, die Saugadern , die gleich jenen in alle Organe, ausgenommen das Rückenmark, den Augapfel und den Kindestheil des Mutterkuchens, dringen. Sie haben einen geschlängelten Fortgang, verbinden und trennen sich häufig während ihres Verlaufs, besitzen zahlreiche Klappen in ihrem Innern, die ihnen auswendig ein gegliedertes Ansehn geben, enthalten eine durchsichtige Flüssigkeit, und füh- ren diese durch einen einfachen oder doppelten Hauptstamm, in welchem sie sich insgesammt vereinigen, in die Hals- oder Schlüsselbeinvene. Bey den Säugthieren, und vorzüglich bey dem Menschen, dringen die kleinern Stämme aller die- ser Gefässe, ehe sie zum Hauptstamm gelangen, erst durch eine oder mehrere Drüsen, länglich- runde, meist platte Organe, die aus Zellgewebe und einem Netz von Blutgefässen bestehen, und an an manchen Stellen deutliche Höhlungen zeigen Sömmering ’s Gefässlehre. S. 443. . Die zu ihnen gelangenden Saugaderstämme zer- ästeln sich in ihnen zu den feinsten Aesten, und diese Aeste sammeln sich wieder zu grössern und immer grössern Zweigen, und endlich zu einem einzigen Stamm, der sich oft, verbunden mit an- dern Stämmen, von neuem in andern Drüsen zerästelt. Das Gebiet dieser Drüsen aber ist weit eingeschränkter als das der Saugadern. Bey den Vögeln sind sie nur noch am Halse vorhanden; bey den Amphibien und Fischen fehlen sie ganz. Doch finden sich bey den letztern noch eben sowohl Saugadern, als bey den Säugthieren und Vögeln. Hingegen bey den Mollusken scheinen auch diese Gefässe zu fehlen; wenigstens sind die Theile, die Poli für Lymphgefässe hielt Biologie. Bd. 1. S. 327. , wahr- scheinlich Nerven Cuvier , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 2. p. 308. . Bey den Insekten, die durch Luftröhren athmen, fehlen sie zuverlässig. Sehr reich an diesen Saugadern ist auch der ganze Darmcanal. Die des dünnen Darms sind von vorzüglicher Weite. Sie dringen bis in die Flockenhaut, und enthalten zur Zeit der Ver- dauung eine weisse, undurchsichtige Flüssigkeit. Man hat sie deshalb von den übrigen durch den Namen der Milchgefässe unterschieden. Allein Allein in ihrer Struktur giebt es keine Verschie- denheit zwischen ihnen und den übrigen Saug- adern. Alle lymphatische Gefässe der Gedärme gehen, wie die Blutgefässe, zwischen den beyden Platten des Gekröses fort, indem sie häufige und dichte Geflechte bilden, und zwischen diesen Plat- ten liegen auch die vielen Drüsen, wodurch sie ihren Fortgang nehmen. Diese Gekrösdrüsen bil- den bey einigen Säugthieren, besonders bey den Arten der Hundefamilie, eine beträchtliche Anhäu- fung, das sogenannte Asellische Pankreas. Alle jene Saugadern des Darmcanals vereinigen sich mit den sämmtlichen Lymphgefässen der untern Gliedmassen und aller, sowohl äussern, als in- nern Theile des Unterleibs, mit Ausnahme eini- ger Saugadern der Leber, zu dem linken Haupt- stamm des Saugadersystems (dem Brustgange , der Milch- oder Speisesaft-Röhre ), der im Unterleibe bey mehrern Säugthieren eine beträcht- liche Anschwellung (Cisterna chyli), bey den Am- phibien und Fischen ein grosses Geflecht bildet. Wo überhaupt keine lymphatische Gefässe vorhanden sind, giebt es auch keine Milchge- fässe. Diese fehlen also den Mollusken und den übrigen Thieren der niedern Classen. Indess giebt es eine Art Adern an dem Nahrungscanal des Skorpions, die insofern Aehnlichkeit mit den Milchgefässen haben, dass sie ebenfalls eine Flüs- sigkeit sigkeit aus jenem Canal in den übrigen Körper leiten, von einer andern Seite aber diesen ganz unähnlich sind, indem die Milchgefässe sich an den Gedärmen zerästeln, und sich von hier zu Zweigen und einem gemeinschaftlichen Stamm vereinigen, jene hingegen mit acht Stämmen aus dem Nahrungscanal entstehen und sich in dem Fettkörper verbreiten M. vergl. §. 2. Kap. 2. Abschn. 3. dieses 5ten Buchs. . Eine ähnliche Organi- sation scheint auch den Spinnen und mehrern Kiemenfüsslern eigen zu seyn. Bey allen Thieren hat der Darmcanal zahlrei- che, aber nicht starke Nerven. Bey dem Men- schen und den Säugthieren kommen sie grössten- theils von den Geflechten der Intercostalnerven, und nach unten auch von den Kreutznerven. Nur der obere Theil des dünnen Darms erhält auch einige Aeste von dem achten Paar der Hirnnerven. Der übrige Darmcanal steht mit dem Gehirn in keiner unmittelbaren Verbindung. §. 16. Bewegungen des Darmcanals. Uebergang der Speisen in Chylus. Darmausleerung. Im ganzen Darmcanal findet, so oft er Speise enthält, oder ein sonstiger Reitz auf ihn wirkt, eine wurmförmige Bewegung statt, welche fort- dauert, bis die Speise theils eingesogen, theils aus- ausgeleert, oder der Reitz entfernt ist. Der Darm verengert sich dabey an der gereitzten Stelle ver- mittelst seiner Queerfasern, und verkürzt sich zugleich der Länge nach bis auf eine gewisse Strecke durch Zusammenziehung seiner longitudi- nalen Fasern. Die Verengerung schreitet von Stelle zu Stelle fort; auf die Verkürzung folgt eine Aus- dehnung, und aus beyden Bewegungen entsteht eine dritte zusammengesetzte, vermöge welcher sich der Darm aufrichtet, wieder senkt, und schlangenförmig windet. Dieses Fortwälzen geht vorzüglich vom Pförtner zum After. Von Zeit zu Zeit aber wird dasselbe durch eine rückgängige Bewegung unterbrochen, die bald in diesem, bald in jenem Theile des Darmcanals eintritt, bald eine längere, bald eine kürzere Zeit mit der absteigen- den Bewegung wechselt, doch im gesunden Zu- stande immer von dieser zuletzt überwunden wird. Es giebt keine Thierclasse, in welcher jene Bewegung nicht wahrgenommen ist Eine neuere Beobachtung der peristaltischen Bewe- gung an den Gedärmen eines lebenden Menschen s. m. in Scheidemantel ’s Fränkischen Beyträgen zur Arzneygelahrtheit. Dessau. 1784. . Auch bey den Amphibien und Fischen, an deren Magen nur selten, oder noch gar nicht Zusammenziehungen beobach- IV. Bd. G g beobachtet sind, ist der Darmcanal oft in Thätig- keit gesehen worden Haller El. Phys. T. VII. L. 24. S. 2. §. 14. p. 77 sq. . Doch ist diese wurmför- mige Bewegung nicht zu allen Zeiten, nicht im- mer in gleichem Grade, und nicht bey allen Thie- ren in gleicher Stärke vorhanden. Am trägsten ist sie bey den Amphibien und Fischen. Die durch den Magensaft aufgelösten und durch den Pförtner in den Zwölffingerdarm über- gegangenen Speisen werden durch jene Zusam- menziehung endlich von der untern Magenöff- nung bis zum After fortbewegt, und gehen auf diesem Wege durch ein doppeltes Stadium der Verdauung, von welchen das erste im dünnen, das zweyte im dicken Darm statt findet. In dem obern Theil des dünnen Darms er- scheint der Chymus, der im Magen eine noch un- gleichartige Flüssigkeit war, als ein mehr gleich- artiger, gelblichweisser, dicker Saft Haller l. c. §. 1. p. 51. — Neergard ’s vergl. Anat. u. s. w. S. 136. , der noch die nehmlichen Bestandtheile wie im Magen ent- hält, worin aber das Eisen weniger stark oxydirt und die Säure weniger hervorstechend als zuvor ist Emmert in Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 8. H. 2. S. 176. — Werner Exper. circa modum, quo chymus in chylum mutatur. p. 29 sq. . Bey dieser Veränderung entwickelt sich Wasser- Wasserstoffgas, indem der Sauerstoffgehalt der Luft des dünnen Darms abnimmt Jurine beym Hall é, Annales de Chimie. T. XI. p. 158. . Die Eigenschaft, die wir oben (§. 14.) an der Galle in so ausgezeichnetem Grade fanden, alle Säuren abzustumpfen, lässt schon vermuthen, dass sie es ist, die durch ihre im Zwölffingerdarm vorgehende Zumischung zum Speisebrey jene Ver- änderung hervorbringen hilft. Diese Vermuthung wird auch durch andere Thatsachen ausser Zwei- fel gesetzt. Die Galle wird zu der Zeit, wo der Chymus in den dünnen Darm tritt, weit häufiger als im nüchternen Zustande abgesondert. Wäh- rend der Nüchternheit fliesst nur ein Theil der- selben, der hellgelb und wenig bitter ist, in den Darmcanal; das Uebrige geht in die Gallenblase. Bey der Verdauung aber tritt die aus der Leber kommende Galle in das Duodenum, und die Gal- lenblase entleert sich zugleich des Safts, der sich in ihr angesammelt und mehr Bitterkeit erhalten hat Bichat Traité des membranes. . Wo der Zutritt der Galle zum Chymus gehemmt ist, geht derselbe fast unverändert durch den After ab. Der Erfolg von Werner ’s Versuchen über die Zumischung der Galle zum Chymus stimmt eben- G g 2 ebenfalls hiermit überein. Bey dieser Vermi- schung erfolgt etwas Aehnliches, wie beym Zu- satz der Galle zu Milch oder öligen Emulsionen (§. 14.); es bildet sich ein weisser, einem ver- dickten Schleim ähnlicher Niederschlag, von wel- chem die Lackmustinktur nur noch schwach, und weit weniger als vom Chymus geröthet wird. Diese Wirkung erfolgt sowohl in der Kälte, als in der Wärme, sowohl von der Galle eines an- dern gleichartigen Individuum, als von eigener Galle, doch weniger stark von der Galle eines ge- nerisch verschiedenen Thiers. Zumischung von Wasser zum Chymus und zur Galle hindert die- selbe nicht, sondern befördert sie vielmehr. Der Gallenstoff ist es, wodurch sie hervorgebracht wird. Sie entsteht nicht mehr, wenn dieser der Galle entzogen wird Werner l. c. p. 39 sq. . Die obige Vermuthung wird endlich auch durch meine Erfahrungen bewiesen. Bey den im 8ten §. dieses Kapitels erzählten Versuchen über die Verdauung der Hühner beobachtete ich, dass der Chymus derjenigen dieser Thiere, die mit ge- mischter Nahrung, worunter sich Milch befand, gefüttert waren, im Anfange des dünnen Darms, wo jener noch nicht mit Galle vermischt war, er- wärmt einen starken Geruch nach Milchsäure aus- stiess, dass aber von der Stelle an, wo sich die Gallen- Gallengänge in den Darmcanal öffnen, keine Spur von dieser Säure weiter zu bemerken war. Der Gallenstoff scheint sich also mit der von dem Magensaft herrührenden Säure des Chymus auf ähnliche Art wie mit andern Säuren zu ver- binden. Doch kann sich die Funktion der Galle auf diese Verbindung allein nicht beschränken. Autenrieth und Werner , die dies zu glauben scheinen, werden durch eine ihrer eigenen Erfah- rungen widerlegt, nach welcher der Niederschlag, den man durch künstliche Vermischung des Chy- mus mit Galle hervorbringt, sich getrocknet an- zünden lässt, welches nicht mit dem in dem dün- nen Darm befindlichen Speisebrey der Fall ist Werner l. c. p. 45. . Wir werden unten auch sehen, dass sich der Gal- lenstoff zwar in den Exkrementen findet, aber auf eine Art verändert, die nicht blos durch den Einfluss einer Säure verursacht seyn kann. Ohne Zweifel wird die Galle im Zwölffinger- darm durch den mit dem Chymus vermischten Speichel, und den sich mit ihr ergiessenden pan- kreatischen Saft modifizirt. In Betreff des Spei- chels habe ich gefunden, dass derselbe sich mit der Galle verbindet, ohne einen Niederschlag zu machen, und ohne seiner Eigenschaft, von Eisen- salzen die Blutfarbe zu erhalten, beraubt zu werden. G g 3 werden. Tröpfelte ich eine Auflösung des Eisens in verdünnter Schwefelsäure zu einer Mischung von Gallenstoff und Speichel, so wurde diese erst milchig; dann schied sich der Eyweissstoff des Speichels, verbunden mit Gallenharz, ab, und nun trat nach und nach die rothe Farbe, doch nur schwach, ein. Vollständiger, doch ebenfalls nur langsam, erschien diese, wenn ich eine sal- petersaure Eisenauflösung zu einer Auflösung des Speichels und Gallenstoffs in ätzendem Natrum goss. Ueber die Funktion des pankreatischen und enterischen Safts sind wir noch sehr im Unge- wissen. Bis diese Dunkelheit aufgeklärt seyn wird, muss in unserer Kenntniss des Chylifika- tionsprocesses eine bedeutende Lücke bleiben. Die Galle wirkt gewiss bey der Verdauung vorzüglich durch ihren Gehalt an Schwefel-Was- serstoffgas und Blausäure. Beyde Substanzen ge- hören zu den wirksamsten Zersetzungsmitteln des Eyweiss. Wasser, das mit ihnen geschwängert ist, nimmt das Eyweiss ohne allen Rückstand auf. Laugen von ätzenden Alkalien, worin Eyweiss aufgelöst ist, lassen beym Zusatz von Säuren ei- nen Theil dieser Substanz immer wieder fallen. Setzte ich hingegen concentrirte Schwefelsäure zu einer Auflösung von Eyweiss in Wasser, das Schwefelkali enthielt, so schied sich anfangs blos eine eine dünne Haut ab, die sich aber gleich wie- der zertheilte, und ich erhielt blos einen aus Schwefelmilch bestehenden Niederschlag. Noch weniger wirkte die Schwefelsäure auf das Ey- weiss, als ich dieses in 2 Unzen Wasser, welches mit Blausäure gesättigt war, und wozu ich 3 Gran Schwefelkali gesetzt hatte, auflöste, und ohngefähr einen Scrupel jener Säure zumischte; es schied sich unter einem unerträglich stinken- den Dunst blos Schwefel und gar kein Eyweiss ab. Auch bey Thieren, die durch Blausäure ge- tödtet sind, zeigt sich die zersetzende Kraft der- selben an dem Blut, welches nicht geronnen, sondern halbflüssig wie Oel, blauschwarz und klebrig ist Von Ittner ’s Beytr. zur Geschichte der Blausäure. S. 121 ff. . Wie aber die Magennerven bey der Bildung des Chymus mitwirkend sind, so haben gewiss auch die Darmnerven an der Scheidung des Spei- sebreys in eine assimilirte und auszuleerende Ma- terie wichtigen Antheil. Die Fällung, welche die Galle im Duodenum erleidet, lässt sich allerdings zum Theil aus dem Einfluss des sauren Magen- safts erklären. Allein so vollständig, wie sie wirklich ist, könnte sie nicht seyn, wenn sie blos durch diesen hervorgebracht würde. Die Nerven sind G g 4 sind vielleicht bey der Abscheidung des Gallen- stoffs auf ähnliche Art mitwirkend, wie die Pole einer Galvanischen Säule bey der Abscheidung des Eyweissstoffs aus animalischen Flüssigkeiten. Nach den bisherigen Gründen vermuthe ich, dass der Chymus, der mit dem Magen- saft eine gallertartige Substanz aus- machte, nicht nur durch die Galle sei- ner überflüssigen Säure beraubt, son- dern auch völlig zersetzt, und in einen schleimartigen Zustand gebracht wird . Der im dünnen Darm befindliche Speisebrey ist indess eine Mischung aus assimilirten und aus- zuleerenden Stoffen. Es ist nicht leicht durch Versuche auszumachen, welche Bestandtheile des- selben zu den erstern, und welche zu den letz- tern gehören. Indess so viel ist ausgemacht, dass der Chymus nach dem untern Ende des dünnen Darms hin eine graue Farbe und ein milchartiges Ansehn bekömmt; dass die Säure, die er noch hatte, sich ganz, oder doch grösstentheils verlo- ren hat, und dass die in ihm befindlichen Eisen- theile noch weniger als vorher oxydirt sind Neergard a. a. O. — Werner l. c. p. 29 sq. — Emmert a. a. O. . Wenn aber Werner L. c. p. 27. fand, dass der Chymus im untern dünnen Darm an der Luft und in der Wärme Wärme gerann, so muss man voraussetzen, dass der Speisebrey bey diesen Erfahrungen noch un- zersetzten Gallenstoff enthält; wenigstens ist es unwahrscheinlich, dass die Bildung des Eyweiss- stoffs früher als in den Milchgefässen eintritt. Diese Bemerkungen sind zum Theil Resultate meiner eigenen Erfahrungen. Im 8ten §. dieses Kapitels habe ich erzählt, dass ich bey Hühnern, die mit Fleischbrühe, Milch, Graupen und Ger- stenkörnern gefüttert waren, im Anfange des dünnen Darms an unaufgelösten Substanzen ge- ronnene Milch, an aufgelösten Stärkemehl und thierischen Schleim fand. In dem folgenden Theil des Darms dieser Thiere, von der Insertion der Gallengänge an, fand ich einen grauen Brey, der sich bis zum Anfang des Colon erstreckte, und an der Stelle, wo sich die Galle mit ihm ver- mischt hatte, gelb gefärbt war. Ich sammelte denselben von einem der Hühner, und infundirte ihn mit kaltem Wasser. Dieses färbte sich gelb- lich, und liess eine flockenartige Materie unauf- gelöst zurück. Die letztere löste sich in ätzen- dem Kali vollständig auf, und schied sich, mit Alcohol vermischt und bis zum Kochen erhitzt, nicht wieder davon ab. Sie war also nicht Ey- weissstoff, welcher, in Laugensalz aufgelöst, durch Alcohol und durch die Siedehitze wieder nieder- geschlagen wird. Von der Gallerte hatte er gar G g 5 keine keine Eigenschaften. Ich konnte ihn also nur für erhärteten Schleim annehmen. Das gelbliche Wasser hauchte nach dem Filtriren und Abdam- pfen den Geruch des Fleischextrakts aus. Der Rückstand gelatinirte in der Kälte nicht. Er war auflöslich in Alkalien, und zum Theil auch in Säuren; von Weingeist wurde nichts daraus ge- fällt; essigsaures Bley brachte einen weissen, flockenartigen Niederschlag darin hervor; blosser Galläpfelaufguss wirkte nicht darauf; wurde aber zu der Mischung mit Galläpfelaufguss Kali und Weingeist gesetzt, so fiel ein ähnlicher körniger Bodensatz, wie aus einer mit eben diesen Rea- gentien vermischten Auflösung des thierischen Schleims in Säuren, nieder. Alle diese Eigenschaf- ten sind die des thierischen Schleims M. s. den 8ten §. dieses Kap. . Hier fand sich also überhaupt nur Schleim; selbst der Eyweissstoff der Galle war so verändert, dass er sich allen den Reagentien entzog, die sonst seine Gegenwart anzeigen Eben so fand Emmert (a. a. O.) im Speisebrey des obern dünnen Darms eines Pferdes keine Spur von Eyweissstoff. . Anders verhielt sich der mit Galle gefärbte Speisebrey bey dem im 8ten §. erwähnten Huhn, welches blos mit Gerstenkörnern und Wasser ge- füttert war. Hier war der Chymus in dem mitt- lern lern und untern Theil des dünnen Darms stark gelb gefärbt. Kaltes Wasser zog diese Farbe aus. Nach dem Filtriren und Abdampfen des Aufgus- ses wurde die Farbe desselben braun. Ein Zu- satz von Alcohol brachte eine ähnliche Wirkung darin hervor, wie in der Galle; es entstand eine weisse Wolke von gerinnendem Eyweissstoff, worin der Gallenstoff eingeschlossen war. Dieser hatte indess nicht mehr seine ursprüngliche grüne Far- be, sondern war eine braune, pulverartige, in Essig- und Salpetersäure auflösliche Materie. Der Bodensatz des Aufgusses löste sich nicht, wie der des vorigen Versuchs, in ätzendem Laugen- salz vollständig auf, sondern hinterliess einen Rückstand, der aus unzersetzten vegetabilischen Fasern zu bestehen schien. Bey diesem Thier, wo die Verdauung im obern Theil des Darmca- nals noch nicht so weit als bey dem vorigen vorgeschritten war, hatte sich also eine beträcht- liche Menge Galle ergossen, die aber noch nicht vollständig zersetzt war. Es fand sich hier Ey- weissstoff; allein dieser rührte offenbar von der Galle her, und war kein assimilirter Bestandtheil des Speisebreys. Mit dem Uebergang des Chymus in den Blind- darm und das Colon fängt ein neues Stadium der Verdauung an. Wir haben schon oben eine Aehnlichkeit jener beyden Därme mit einem Ma- gen gen bemerkt. Bey einigen Thieren ist diese Aehn- lichkeit unverkennbar. Der Magen des Känguruh sieht ganz wie ein Blinddarm mit dem Colon aus Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 5. Pl. 37. fig. 1. 2. , und diese beyden Därme haben beym Rhinoceros ganz das Ansehn eines Magens Ebendas. Pl. 39. fig. 12. . Der Blinddarm hat dabey eine grössere Menge Saugadern und Drüsen, und es wird in ihm eine grössere Menge Feuchtigkeit abgesondert, als in irgend einem andern Theile des Darmcanals. Diese Absonderung scheint, dem im 12ten §. erzählten Versuch von Home zufolge, vorzüglich dann stark zu seyn, wenn eine Substanz unzer- setzt in den Blinddarm gelangt. Wir sahen, dass bey zwey Eseln, denen, nachdem man sie meh- rere Tage ohne Futter und Trank gelassen hatte, Rhabarberpulver eingegeben war, das Coecum und Colon mehrere Quartiere einer stark mit Rhabar- ber angefüllten Flüssigkeit enthielten. Die vielen Drüsen und die grosse Menge Flüssigkeit trifft man auch in dem Coecum der Insekten, und selbst solcher Arten, deren Nahrungscanal sonst keine Drüsen hat, z. B. der Schmetterlinge, an. Dabey ist es merkwürdig, dass der Saft des Blind- darms bey mehrern Insekten, besonders bey den Spinnen, ein ähnliches Ansehn wie die in dem Fettkörper derselben enthaltene Materie hat. Es Es scheinen daher in dem Coecum und Colon neue Einwirkungen auf den Speisebrey statt zu finden, wodurch die noch übrigen unzersetzten Bestandtheile der Speisen aufgelöst und verähn- licht werden. Eine für den Magensaft nicht ganz auflösliche Substanz ist unter andern die Milch. Diese gerinnt im Magen; ihr fetter und käsiger Theil wird hier zu einem zähen Schleim erweicht, aber nicht aufgelöst. Veratti Comm. Bonon. T. 6. p. 269. will sie noch im Grimmdarm als eine gelbe, zähe Materie an- getroffen haben. So weit habe ich sie bey Hüh- nern nicht verfolgen können. Aber im Zwölffin- gerdarm dieser Thiere konnte ich sie noch deut- lich erkennen. Solche Substanzen werden im Coecum und Colon aufgelöst, indem die wichtige Veränderung mit ihnen vorgeht, dass sich bey ungeschwächter Verdauung alle Spur von Säure an ihnen verliert, dass sie dagegen bey einigen Thieren die entgegengesetzte Beschaffenheit der Alkalescenz annehmen Emmert a. a. O. , und dass sich Stickgas dabey entwickelt Jurine a. a. O. . Die Galle, die mit dem Chy- mus der dünnen Därme einen Niederschlag macht, wird von dem Speisebrey des Colons nicht ge- fällt Werner l. c. p. 43. . Bey den meisten Thieren, die einen Blind- Blinddarm von einiger Grösse haben, fängt auch in diesem Theile der Koth an, sich zu bilden Neergard a. a. O. S. 120. 211. . In Krankheiten, wo der Speisebrey im dün- nen Darm zurückgehalten wird, erhält derselbe oft schon in dem letztern eine kothartige Be- schaffenheit. Man hat hieraus geschlossen, dass es blos der Aufenthalt der verdauten Speisen an irgend einer Stelle des Darmcanals, und die da- bey vorgehende Einsaugung der nährenden Be- standtheile desselben sey, wodurch er in Exkre- mente verwandelt würde, ohne dass die Säfte des dicken Darms an dieser Umänderung Antheil hätten Haller El. Phys. T. VII. L. 24. S. 2. §. 1. p. 51. — S. 3. §. 4. p. 121. . Allein in einem von Berzelius Gehlen ’s neues allgem. Journ. der Chemie. B. 3. S. 276. angestellten Versuch gab eine Mischung von ge- käuetem Braten und Hühnereyweiss, die in Gäh- rung gerathen und dann mit Galle vermischt war, nachdem sie zwölf Stunden in einer verstopften Flasche an einem warmen Ort gestanden hatte, den Geruch des frischen und dünnen Koths von sich. Hier war es eine chemische Zersetzung ohne alle Einsaugung, welche jenem Gemisch die kothartige Beschaffenheit gab. Blosse Einsaugung könnte auch nicht den Uebergang der verdauten Speisen Speisen von der sauren Beschaffenheit zur entge- gengesetzten alkalischen hervorbringen. Bey den lethargischen Thieren, wo der Chymus während dem Winterschlaf entweder gar nicht, oder nur äusserst langsam sowohl eingesogen, als fortbe- wegt wird, geht dieser doch keinesweges im Ma- gen oder Zwölffingerdarm in Exkremente über Chymis contentus in hyeme dissectis plerumque lu- tum terreum, particulis roseis mixtum. So beschreibt Pallas (Nov. spec. quadrup. e glirium ord. Ed. 2. p. 250.) den Speisebrey des im Winter erstarrten Lem- mus rutilus. . Nachdem die Speisen im Colon in Exkremente verwandelt sind, gelangen sie in den Mastdarm, wo keine weitere Veränderung mit ihnen vorzu- gehen scheint, als dass ihnen die noch übrigen nährenden Bestandtheile völlig entzogen werden. und dass sie mehr Festigkeit bekommen. Sie verweilen hier eine gewisse Zeit, und werden dann als Koth ausgeleert. Diesen Auswurfsstoff erhält man unvermischt nur von den Säugthieren und den Thieren der niedern Classen. Bey den Vögeln, Amphibien und Fischen vermischt sich mit ihm in der Cloake der Urin. Er ist überhaupt verschieden nach der Verschiedenheit der Gattungen, der Nah- rungsmittel und des körperlichen Zustandes. Schon die eigene Art, wie der Mist verschiedener Thiere als als Dünger wirkt, giebt einen Beweis davon. Je gesunder das Thier ist, und je verdaulicher die genossenen Nahrungsmittel sind, desto weniger unzersetztes Futter geht durch den Mastdarm ab, und eine desto homogenere Materie sind die Exkremente. Doch enthält der Koth selbst bey den gesundesten Thieren immer ein fasriges Ue- berbleibsel der genossenen Speisen, worin aber, auch bey blosser thierischer Kost, keine fleisch- artige Bestandtheile mehr befindlich sind Thaer und Einhof in Gehlen ’s neuem allgem. Journ. der Chemie. B. 3. S. 276. — Berzelius eben- das. B. 6. S. 509. . Die Beschaffenheit des Koths nimmt auch im- mer an der Natur der Nahrungsmittel einigen An- theil. Bey dem fliegenden Eichhorn, welches von den Knospen und Sprossen der Birken und Fich- ten lebt, sind der Speisebrey und die Exkremente von grüngelber Farbe und so harziger Beschaffen- heit, dass sie getrocknet sich am Feuer gleich ent- zünden, und mit einer hellen, anhaltenden Flam- me verbrennen Pallas l. c. p. 356. . Nach Grew ’s Versuchen brauset der Koth ei- niger Thiere mit Salpetersäure auf Haller l. c. S. 4. §. 3. p. 172. . Er enthält also vielleicht ein freyes Alkali. Doch in dem Ochsen- Ochsenmist findet sich weder dieses, noch eine freye Säure Thaer und Einhof a. a. O. . In dem Menschenkoth giebt es, nach Berzelius A. a. O. , von salzigen und erdigen Bestandtheilen kohlensaures, salzsaures und schwe- felsaures Natrum, etwas Kieselerde, phosphorsau- re Bittererde und phosphorsaure Kalkerde. Die Hauptbestandtheile des Koths sind Sub- stanzen, die von den gastrischen Säften, beson- ders von der Galle, herrühren. Berzelius A. a. O. fand in den menschlichen Exkrementen unzer- setzte Galle, Eyweissstoff, Gallenharz und zwey eigenthümliche Substanzen. Das Gallenharz des Koths hat im Wesentli- chen dieselbe Beschaffenheit wie dasjenige, wel- ches aus der frischen Galle durch Säuren gefällt wird. Berzelius führt zwar einige Verschieden- heiten zwischen jenem und dem letztern an, z. B. dass das Harz des Koths, mit Schwefelsäure ge- fällt, nicht wie das der frischen Galle beym Ab- dampfen rothbraun, sondern schmutzig graubraun wird. Aber diese Unterschiede scheinen mir nicht wesentlich zu seyn. Jenes Gallenharz der Exkremente ist in dem Bodensatz, den der wässrige Auszug derselben absetzt, IV. Bd. H h absetzt, mit dem einen der beyden erwähnten eigenthümlichen Stoffe verbunden. Dieser löst sich, abgesondert von dem Gallenharz, in Wasser auf, ist geruch- und geschmacklos, sieht dem Leim ähnlich, gelatinirt aber nicht, und wird nicht durch den Gerbestoff gefällt. Den andern eigenthümlichen Stoff findet man in dem wässrigen Auszug des Koths aufgelöst, woraus er durch den Gerbestoff mit rother Farbe und als ein Pulver gefällt wird, wenn dessen Menge nicht hinreicht, um alles niederzuschlagen; hingegen mit graubrauner Farbe und in an einan- der hängenden Flocken, wenn dieser in Ueber- mass zugesetzt wird. Er ist ausserdem im Alco- hol auflöslich; seine rothbraune Farbe wird durch Säuren hochroth gemacht; zu den Neutralsalzen hat er keine Verwandtschaft, hingegen eine grosse zu den Metalloxyden; im offenen Feuer verbrennt er mit Rauch und ammoniakalischem Geruch, und lässt eine Asche zurück, die Natrum und phos- phorsaure Erdsalze in sehr geringer Quantität ent- hält. Berzelius schliesst aus einigen mit dieser Materie gemachten Versuchen, dass sie nicht als solche im Darmcanal abgeschieden wird, sondern sich erst durch Einwirkung der Luft aus dem Gallenharz und vielleicht auch dem Eyweissstoff der Galle bildet. Die Die Exkremente der Vögel gehen vermischt mit dem Urin ab, und lassen sich daher nicht abgesondert von dem letztern zerlegen. Leichter ist diese Trennung bey den Amphibien zu be- werkstelligen, wo zwar auch beyde Materien zu- gleich excernirt werden, der Harn aber eine fe- ste, weisse, kreidenartige, dem schwärzlichen Darmkoth blos mit dem einen Ende anhängende Substanz ist Von Schreibers in Gilbert ’s Annalen der Phy- sik. Neue Folge. B. 13. S. 83. . Bey den Vögeln bildet sich in- dess der Koth schon in den Blinddärmen, und hier ist er mit dem Urin noch nicht vermischt. Ich habe ihn aus diesen Theilen der beyden Hüh- ner gesammelt, über deren Verdauung ich meine oben gedachten Versuche anstellte, und in dem- selben die nehmlichen Bestandtheile gefunden, die Berzelius in den menschlichen Exkrementen antraf, zugleich aber noch folgende Bemerkungen daran gemacht. 1. Bey beyden Hühnern, und selbst bey dem mit gemischter Nahrung gefütterten, dessen Chy- mus in dem mittlern Theil des Darmcanals kei- nen Eyweisssoff enthielt, fand ich diesen Stoff doch im Koth der Blinddärme. Im untern Theile des Darmcanals müssen also eyweisshaltige Stoffe abgesondert werden. 2. H h 2 2. Der Kothgeruch der Exkremente wurde nicht durch Säuren, wohl aber durch ätzendes Kali aufgehoben. 3. Die von Berzelius in den menschlichen Exkrementen entdeckte rothbraune Materie traf ich auch in dem Hühnerkoth an. Ich fand zu- gleich die Bemerkung dieses Schriftstellers bestä- tigt, dass dieselbe, in Säuren aufgelöst, eine röth- liche Farbe annimmt. Diese Beobachtung liess mich in ihr die in dem Speichel befindliche Blut- säure, welche die Eigenschaft hat, mit Auflösun- gen des Eisens in Säuren eine blutrothe Farbe anzunehmen, vermuthen M. vergl. §. 6. dieses Kap. . Um hierüber Ge- wissheit zu erhalten, vermischte ich jene Materie mit einer Auflösung des Eisens in Salpetersäure. Die Mischung erhielt in der That eine rothe Farbe, obgleich bey weitem nicht die Farbe des Bluts. Sie entstand aber nur bey dem mit ge- mischten Nahrungsmitteln gefütterten Huhn, hin- gegen nicht bey dem, welches blos Gerstenkör- ner erhalten hatte. Nach dieser Erfahrung scheint also die Bildung der rothbraunen Materie durch thierische Nahrung befördert zu werden. 4. Diese Materie ist ohne Zweifel, wie Berze- lius schon vermuthet hat, ein modifizirter Gallen- stoff. Bey einem meiner Versuche fand ich, dass Galläpfelaufguss aus dem Wasser, womit der in dem dem untern Theile des dünnen Darms enthaltene, mit Galle gefärbte Speisebrey ausgezogen war, ein braunes Pulver niederschlug, welches einem durch dasselbe Reagens aus der rothbraunen Materie des Koths gefällten Niederschlag sehr ähnlich war, und nur von verändertem Gallenstoff herrühren konnte. Ich bemerkte auch, dass ein Weingeist- auszug des Koths nach dem Abdampfen eine Sub- stanz von harzigem Ansehn zurückliess, welche die nehmliche rothbraune Farbe wie eine abge- dampfte Auflösung des Gallenharzes in Schwefel- säure hatte, und dass sich dabey Krystalle ab- setzten, die mir schwefelsaures Natrum zu seyn schienen. Ich glaube daher, dass der Gallenstoff sich in die rothbraune Materie des Koths ver- wandelt, indem in dem untern Theile des Darm- canals Schwefelsäure entsteht, die sich mit dem Gallenharz verbindet, und in dieser Verbindung durch den Einfluss der Nervenkraft auf gleiche Art, wie durch eine hohe Temperatur, verändert wird. 5. Sowohl aus den Auflösungen des Koths, als aus denen der Materie des ganzen Nahrungs- canals wurde durch Sauerkleesäure sehr wenig Kalk niedergeschlagen. Diese Beobachtung ist um so auffallender, da bey den Vögeln eine so grosse Menge Kalk in den Urin und in die Eyer- schalen abgesetzt wird. H h 3 Nach Nach den bisher angeführten Erfahrungen zeigt der von der Galle herrührende Theil des Koths deutliche Spuren der Einwirkung einer Säure auf den Gallenstoff, die ursprünglich blos von dem Magensaft herrühren kann. Dass sich diese Spuren bey den Thieren der höhern Classen, deren gastrischer Saft eine freye Säure hat, fin- den würden, war zu erwarten. Aber es war zweifelhaft, wie die Beschaffenheit der galligen Bestandtheile des Koths bey den Thieren der nie- dern Classen seyn würde, deren Magensaft keine saure, oder gar eine alkalische Reaktion zeigt. Um diesen Punkt auszumachen, untersuchte ich die Exkremente der Weinbergschnecke (Helix Poma- tia L.) Diese bilden lange, gewundene, mit Gal- lerte überzogene, schwarzgrüne Cylinder. Ein Aufguss derselben mit Alkohol bekam eine saft- grüne Farbe. Während dem Abdampfen dieses Aufgusses entstand eine weisse, fettartige Haut auf der Flüssigkeit; zuletzt blieb eine grüne, wachsartige Materie zurück, die einen Fettgeruch hatte, und sich in Wasser, doch mit Verlust ih- rer grünen Farbe, auflöste. Diese Eigenschaften sind die nehmlichen, welche der durch Säuren niedergeschlagene und in Alcohol wieder aufge- löste Gallenstoff der Säugthiere zeigt; nur scheint das Fett des Gallenstoffs nicht so stark im Schnek- kenkoth, als in der Rindergalle gesäuert zu seyn. Meine obige Vermuthung, dass bey den Thieren der der niedern Classen der Magensaft ebenfalls eine Säure enthält, die nur durch zugemischten Schleim verhüllt ist M. vergl. §. 8. dieses Kap. , erhält also hierdurch Bestätigung. Ausser dem Gallenharz fand ich in dem Schnek- kenkoth noch etwas Eyweissstoff, vegetabilischen Faserstoff und eine beträchtliche Menge Sand, aber keine Kalkerde. Slevogt ’s Voigt ’s Mag. f. d. neuesten Zustand der Naturkun- de. B. 6. S. 465. Bemerkung, dass der Koth der Waldschnecke keine Kalktheile ent- hält, gilt also auch von der Weinbergsschnecke. Die Kalkerde scheint hier theils in das Gehäuse, theils in den Kalkbeutel abgesetzt zu werden, welcher letztere vielleicht eine Art Harnblase ist. Der Koth der Weinbergschnecke enthält aber nicht Thonerde, die Slevogt in dem Auswurf der Waldschnecke antraf, und auch bey dieser ist jene Erde wohl nicht immer, sondern nur, wenn sie sich auf Thonboden aufhält, darin anzutreffen. §. 17. Uebergang des Chylus in die Masse der Säfte. Wohin gelangt der im Nahrungscanal assimi- lirte Theil des Speisebreys (der Speisesaft , Chylus)? Seit der Entdeckung der lymphatischen Gefässe und deren Verlaufs liegt die Antwort auf diese H h 4 diese Frage sehr nahe. Erwägt man die Art, wie jene Gefässe aus dem Darmcanal entspringen, wie sie sich zu grössern und immer grössern Zweigen, und endlich zu einem gemeinschaftlichen Stamm vereinigen, und wie dieser in das Blutadersystem übergeht; erwägt man zugleich, dass alle jene Gefässe mit Klappen versehen sind, die einge- sprützten Flüssigkeiten den Weg vom Darmcanal zum Brustgang verstatten, aber die Rückkehr verschliessen; so muss man es schon hieraus wahrscheinlich finden, dass der Chylus in die Milchgefässe übergeht, und aus diesen durch den Brustgang zum Herzen gelangt. Eine Menge Beobachtungen an lebenden Thie- ren beweisen auch die Richtigkeit dieser Vermu- thung. Bey Thieren, die zu der Zeit, wo der Milchsaft durch die dünnen Därme geht, geöff- net sind, findet man die Milchgefässe mit einer weissen Flüssigkeit angefüllt, die immer weiter nach dem Brustgange fortschreitet, und endlich auch diesen anfüllt. Wird eines jener Gefässe unterbunden, so schwillt es auf ähnliche Art wie eine unterbundene Ader hinter dem Bande nach der Seite des Darmcanals an, und entleert sich auf der andern Seite. Diese Erscheinungen dauern noch eine ziemlich lange Zeit nach dem Tode des Thiers fort. Werden gefärbte, oder mit riechen- den Substanzen geschwängerte Flüssigkeiten in den den Darmcanal gesprützt, so gehen auch diese in die absorbirenden Gefässe mit Beybehaltung ih- rer Farbe und ihres Geruchs über Haller El. Phys. T. VII. L. 25. S. 2. §. 1 sq. p. 227 sq. . Nicht weniger thätig sind die absorbirenden Gefässe des dicken Darms. Beträchtliche Quanti- täten einer in den Mastdarm gesprützten Flüssig- keit werden durch sie eingesogen. Vermöge die- ser Thätigkeit derselben ist es möglich, blos durch nährende Klystiere das Leben zu fristen Ibid. L. 24. S. 4. §. 5. p. 177. . Jenes Einsaugungsvermögen ist überhaupt al- len lymphatischen Gefässen eigen, und alle füh- ren die aufgenommenen Flüssigkeiten zum Brust- gange Ibid. T. I. L. 3. S. 4. p. 250 sq. . Monro durchschnitt einem lebenden Hunde diesen Canal, rieb in die hintern Extremi- täten und in den Bauch des Thiers eine Campher- emulsion ein, und sprützte dieselbe Flüssigkeit in die Bauchhöhle. Der aus dem untern Theil des durchschnittenen Brustgangs ausgeflossene und auf- gefangene Saft verrieth sowohl durch den Geruch, als durch den Geschmack, dass der Campher ein- gesogen und in den gemeinschaftlichen Stamm der Lymphgefässe gelangt war. Auf diesem Durchgang durch die Milchgefässe wird der Chylus dem Blute immer ähnlicher, so dass H h 5 dass er in dem Brustgange zuweilen schon die rothe Farbe des Bluts besitzt. Auffallend zeigt sich diese allmählige Verähnlichung in den Ver- suchen, die Reuss und Emmert , und nach ih- nen Vauquelin , mit dem Speisesaft der Milch- gefässe von Pferden anstellten. Nach Reuss ’s und Emmert ’s Versuchen Scherer ’s allgem. Journal der Chemie. B. 5. S. 164. — Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 8. S. 145. ist der Chylus der Pferde eine Flüssigkeit von milch- weisser, gelblicher, oder gelblich-grauer Farbe, salzigem Geschmack, und einem Geruch, welcher dem des männlichen Saamens ähnlich ist. Er lässt sich wie das Blut durch die Einwirkung der atmosphärischen Luft und des Wassers, so wie durch mechanische Mittel, in drey, dem Blut- wasser, dem Faserstoff und dem Cruor ähnliche Bestandtheile trennen. Der seröse Theil enthält, wie das Blutwasser, sehr viel Wasser, etwas ätzendes Natrum und Kochsalz, Eyweissstoff, ei- nen Bestandtheil, den Reuss und Emmert für Gallerte halten, und phosphorsaures Eisen. Der dem Cruor ähnliche Theil besteht aus Eyweiss- stoff, der Substanz, die Jene Gallerte nennen, und phosphorsaurem Eisen. Der faserige Theil ver- hält sich wie der Faserstoff des Bluts. Der Speisesaft unterscheidet sich aber von dem Blut durch einen geringern Grad von Ge- rinnbar- rinnbarkeit und Ausbildung seiner nähern Be- standtheile, durch schwächere Verkalkung des Eisens, und durch eine geringere Menge gerinn- baren Stoffs. Von der Milch ist er gänzlich ver- schieden. In den einzelnen Stellen des Systems der Milchgefässe zeigt er Verschiedenheiten, die als eben so viele Stufen der Näherung desselben zum Blute zu betrachten sind. In den Wurzeln der Milchgefässe ist er eine ziemlich gleichartige, milchweisse Flüssigkeit, die nur durch die in ihr schwimmenden Kügelchen und durch die grössere Consistenz, die sie an der Luft bekömmt, einige Ungleichartigkeit zeigt. In den grössern Milch- gefässen und der Cisterne erscheint er schon he- terogener. Die Einwirkung der Luft macht die- sen etwas röthlich, aber nicht ganz gleichförmig; auch bringt sie ihn, jedoch nur einem kleinen Theile nach, zum Gerinnen. Der Chylus aus der obern Hälfte des Brustgangs erhält an der Luft in seiner ganzen Masse eine Farbe, welche der des Schlagaderbluts ziemlich nahe kömmt; auch trennt er sich in Serum und in eine Art von Blutkuchen, welcher sich fester und in grö- sserer Menge als in dem andern Chylus zeigt. So weit die Resultate der Versuche von Reuss und Emmert. Vauquelin ’s Erfahrungen Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XVIII. p. 240. stim- men mit denselben im Allgemeinen überein. Auch diesen diesen zufolge trennt sich der Chylus ausserhalb den Milchgefässen in einen flüssigen und einen gerinnenden Theil, welcher letztere in dem Spei- sesaft aus der Mitte des Brustgangs an der Luft eine röthliche Farbe annimmt. Der flüssige Theil besteht meist aus Eyweissstoff, welches überhaupt den grössten Theil des Chylus ausmacht, und ent- hält ein freyes Alkali; der gerinnende Theil ist dem Faserstoff des Bluts ähnlich. In der Asche des verbrannten Chylus fanden sich kohlensau- res, salzsaures und schwefelsaures Natrum, Eisen und phosphorsaure Kalkerde. Aber Vauquelin erwähnt keiner Gallerte als Bestandtheil des Chy- lus, und Emmert ’s Versuche beweisen auch nicht die Gegenwart desselben in dem letztern. Em- mert schloss auf diese aus dem flockigen Nie- derschlag, den Galläpfeltinktur in dem flüssigen, mit Wasser vermischten Theil des Speisesafts, woraus der Eyweissstoff durch Kochen abgeschie- den war, hervorbrachte, und aus dem gallertarti- gen Ansehn der Substanz, die nach dem Ab- dampfen zurückblieb Reil ’s Archiv. B. 8. S. 163. . Allein durch das Ko- chen des mit Wasser verdünnten Serum wird nicht aller Eyweissstoff daraus abgeschieden; Al- cohol schlägt noch immer einen ungeronnen ge- bliebenen Rückstand dieses Stoffs daraus nieder. Vielleicht also wirkte in jenem Versuch die Gall- äpfeltinktur nur vermöge des Weingeists, womit sie sie bereitet war, und es war Eyweissstoff, was durch sie niedergeschlagen wurde. Der Gerbe- stoff schlägt aber auch nicht nur die Gallerte, son- dern auch das Thouvenel sche Fleischextrakt nie- der. Die gallertartige Masse, die nach dem Ab- dampfen des flüssigen Theils des Chylus zurück- blieb, kann ebenfalls Eyweissstoff oder Fleisch- extrakt gewesen seyn. Statt der Gallerte gedenkt Vauquelin einer andern, im flüssigen Theil des Serum enthalte- nen Materie, die sich in kochendem Alcohol auf- löst, sich nach dem Erkalten zum Theil in der Gestalt von Flocken daraus absetzt, und dem Al- cohol die Eigenschaft mittheilt, auch nach dem Erkalten von zugegossenem Wasser getrübt zu werden. Vauquelin hält sie für eine Art Fett. Sie hat allerdings manche Eigenschaften dieser Substanz. Aber es fehlt ihr die Haupteigenschaft des Fetts, sich mit Alkalien zu verbinden. Mehr Aehnlichkeit scheint sie mir mit dem Gallenharz zu haben. Den an der Luft gerinnenden Theil des Chy- lus fand Vauquelin dem Faserstoff des Bluts von manchen Seiten zwar ähnlich, doch auch in einigen Stücken von diesem verschieden. Je- ner hatte nicht die fibröse Textur, die Stärke und Elasticität des letztern, und löste sich schneller als dieser und ohne Rückstand in ätzendem Na- trum trum auf. Vauquelin sieht ihn für Eyweiss an, welches in Faserstoff überzugehen anfängt, und glaubt, dass die Nahrungsmittel im thierischen Körper erst in Eyweissstoff und aus diesem in Faserstoff verwandelt werden. Die letztere Vermuthung ist der schon von Hattchet Philos. Transact. Y. 1800. P. 2. p. 327. und Hall é Encyclop. method. Art. Aliment . aufgestellten Hypo- these ähnlich, dass der Eyweissstoff das erste Produkt des thierischen Bildungs- processes ist . Von dieser glaube ich, dass sie sich immer mehr bestätigen wird, je näher wir die lebende Natur werden kennen lernen. Auch bey den Insekten, und zwar bey denen so- wohl, die sich blos von Pflanzen nähren, als bey den fleischfressenden Arten, finde ich, dass sich aus dem rohen Nahrungssaft immer zuerst Eyweissstoff erzeugt. Bey diesen Thieren füllt der Milchsaft die Zwischenräume aller in der Bauchhöhle enthaltenen Eingeweide an, und fliesst nach dem Oeffnen der Bauchhaut in beträchtli- cher Menge aus. Bey einer Raupe der Notua dysodea Rösel ’s Insektenbelustigung. Th. 1. Tab. 55. fand ich diese Flüssigkeit von dun- kelgrüner Farbe, und im Aeussern dem ausge- pressten Pflanzensaft ganz ähnlich. Sie vermischte sich mit Wasser, und zeigte Spuren von Alkali. Nach- Nachdem sie mit Alcohol vermischt und erhitzt war, bildeten sich sogleich in ihr eine Menge grauer Flocken von gerinnendem Eyweissstoff, wobey ihre grüne Farbe ganz verschwand. Eben so verhielt sich die unter der Bauch- haut des Käfers und der Larve vom Scarabaeus nasicornis, und in dem Fettkörper der Spinnen befindliche Flüssigkeit. Der Chylus der Larve des Nashornkäfers scheint mir reines Eyweiss zu seyn. Er ist weiss, dick, zähe, und überhaupt schon dem Aeussern nach von der Beschaffen- heit des ungeronnenen Eyweiss. In kaltem Was- ser löste er sich nicht auf. In kochendem Was- ser und von zugesetztem Alcohol gerann er gröss- tentheils. Das Geronnene wurde von ätzendem Natrum wieder aufgelöst. Die übrige Flüssigkeit gab mit einem Galläpfelaufguss keinen Nieder- schlag, und enthielt mithin keine Gallerte. Es findet also in dieser Hinsicht eine merk- würdige Analogie zwischen der Vegetation, durch welche ebenfalls die Nahrungsstoffe in Eyweiss verwandelt, so wie die festen Theile und die abgeschiedenen Säfte aus Eyweiss gebildet wer- den M. vergl. Abschn. 2. §. 4. dieses Buchs. , und dem thierischen Bildungsprocess statt. Die Verähnlichung des Nahrungssafts geschieht bey einigen Individuen derselben Thierart und zu zu gewissen Zeiten früher, zu andern später. Bey den Säugthieren scheint der Chylus zuweilen schon im Brustgange in wirkliches Blut überzuge- hen. In den Fällen, wo man in diesem Canal zurückgetretenes Blut bemerkt haben will, war dieses, nach Emmert ’s wahrscheinlicher Vermu- thung, nicht Venenblut, sondern schon in Blut verwandelter Chylus Emmert führt zwanzig Fälle der Art an, die von Elsner und Hildebrandt erzählt sind. Noch wich- tiger ist Monro ’s Versicherung, dass, wenn er erst die Bauchhöhle eines lebenden Thiers, und dann nach einiger Zeit das obere Ende des Brustgangs ge- öffnet hätte, immer rothe Kügelchen in dem Saft dieses Canals befindlich gewesen wären. (A. Monro Vergleichung des Baues u. der Physiol. der Fische u. s. w. S. 43.) . Ob es aber, wie Em- mert glaubt, nicht Chylus war, sondern Blut, welches eine der Entzündungshaut ähnliche Be- schaffenheit angenommen hatte, das man in eini- gen Fällen als eine weissliche Materie aus geöff- neten Venen ausfliessen sah und für unassimilir- ten Chylus hielt, scheint mir zweifelhaft zu seyn. Hewson ’s Vom Blute, seinen Eigenschaften u. s. w. Nürn- berg. 1780. S. 110. Beobachtungen machen es wahr- scheinlich, dass dieser weisse Saft von eingesoge- nem und noch unassimilirtem Fett herrührt. Die Die Lymphe der übrigen absorbirenden Ge- fässe ist verschieden an den verschiedenen Stellen des Körpers Mascagni vasorum lymphat. corp. hum. hist. p. 28. . Die aus einem der grössern lymphatischen Gefässe an der rechten Seite der Len- dengegend eines Pferdes genommene Flüssigkeit war durchsichtig, klar, blassgelblich, etwas ins Grünliche spielend, von keinem besondern Geruch, aber einem schwachen, dem des Blutwassers ähn- lichen Geschmack. Sie gerann an der Luft zu einer klaren, zitternden Gallerte, wovon sich durch Schütteln ein flüssiger, gelblicher Theil ab- scheiden liess, und unterschied sich von dem Chylus der Milchgefässe und des Brustgangs darin, dass sie weniger Gehalt an Eyweissstoff hatte, langsamer an der Luft coagulirte, ihre Farbe an der Luft nicht in die rothe verwandelte, und keine Kügelchen enthielt Reuss und Emmert in Scherer ’s Journal der Chem. B. 5. S. 691. — Emmert in Reil ’s Archiv f. d. Phys. B. 8. S. 174. 175. . §. 18. Einsaugungsvermögen der Venen des Darmcanals. Das Netz und das Fett. So ausgemacht es aber auch ist, dass der Chylus durch das System der absorbirenden Gefässe dem Blute zugeführt wird, so lässt sich doch die Frage IV. Bd. I i Frage aufwerfen, ob nicht noch andere Wege vorhanden sind, auf welchen ebenfalls nährende Bestandtheile zur Blutmasse gelangen? Die Venen des Darmcanals haben in der Art, wie sie sich zu einem gemeinschaftlichen Stamm vereinigen, dann wieder in der Leber zerästeln, hierauf von neuem zusammenfliessen, und nun erst zur Hohl- ader gehen, so etwas Eigenes, dass, wenn es sol- che Wege giebt, sie vor allen andern dafür anzu- sehen sind. Die Frage, ob auch die Venen dem Blute nährende Theile zuführen? lässt sich aber auf die zurückführen, ob überhaupt den Venen ein Einsaugungsvermögen zukömmt? Diese war seit der Entdeckung der absorbirenden Gefässe der Gegenstand eines fortwährenden, und selbst zu unsern Zeiten noch nicht entschiedenen Streits. Die meisten neuern Physiologen haben sich zwar für die Meinung erklärt, dass keine Einsaugung durch die Venen statt finde, Doch ist es vielleicht eben so sehr der Glanz wichtiger Autoritäten und Unlust zur weitern Untersuchung einer so lange abgehandelten Frage, als das Uebergewicht der Gründe, was dieser Hypothese Eingang verschafft hat. Es ist wahr, die Resultate der Versuche Hun- ter ’s Med. Commentaries. P. I. scheinen erhebliche Beweise für diese Meinung zu seyn. Hunter sprützte Milch in ein unter- unterbundenes Stück des Darmcanals eines leben- den Hundes, verhinderte durch eine zweyte Liga- tur das Ausfliessen der Milch, unterband zugleich die Arterie und Vene des Gekröses, und leerte das Blut durch eine gemachte Oeffnung aus. Als die Vene nach einiger Zeit untersucht wurde, fand sich keine Spur von Milch in derselben. Eben so wenig liess sich diese in ihr entdecken, als der Versuch mit der Abänderung wiederholt wurde, dass die Blutgefässe ununterbunden blieben. Auch bey einem Schaaf, dem in ein unterbundenes Darmstück eine blaugefärbte Auflösung von Hau- senblase gesprützt war, zeigte sich nicht die mindeste blaue Farbe an dem Blut der Gekrös- vene, und selbst nicht an dem Serum desselben, da doch der Saft der Milchgefässe blau gefärbt war. Bey eben diesem Thier wurde an jenem Darmstück eine unterbundene Arterie unterhalb dem Bande geöffnet, und in die Oeffnung so lange Milch gesprützt, bis diese in die zugehörige Vene übergieng. Aber auch an der Milch der Vene war keine blaue Färbung zu bemerken. Bey ei- nem Esel, dem eine Auflösung von Moschus in ein unterbundenes Darmstück gesprützt war, hatte nach einiger Zeit der Saft der Milchgefässe den Geruch des Moschus angenommen, hingegen war an dem Blut der Gekrösvene keine Spur dessel- ben zu bemerken. I i 2 Diese Diese Gründe sind indess nicht so wichtig, als sie auf den ersten Anblick zu seyn scheinen. Sie beweisen nur das Unvermögen der Venen, unassi- milirte Flüssigkeiten aufzunehmen, nicht aber das Unvermögen, Säfte, die dem Körper schon bis auf einen gewissen Grad verähnlicht sind, ein- zusaugen. Ein Vermögen der letztern Art muss man allerdings den Venen beylegen, sobald sich zeigen lässt, dass nicht alles Blut, welches diese zum Herzen zurückführen, aus den letzten En- digungen der Arterien kömmt, sondern dass das Schlagaderblut zum Theil auf die Bildung an- derer Theile verwandt wird, und das Venenblut zum Theil von zersetzten Organen und Flüssig- keiten herrührt. Für diese Meinung lassen sich aber folgende Gründe anführen: 1. Bey den Insekten ist nur ein einziges Gefäss vorhanden, welches die Stelle einer Vene oder Arterie vertritt. Es können also Arterien ohne Venen, oder Venen ohne Arterien seyn. 2. In dem bebrüteten Ey zeigt sich schon früh ein Venenstamm mit vielen Zweigen. Aber weit später erscheinen die Arterien, und diese sind viel weniger zahlreich, weit kleiner und blasser, als die Venen Lobstein Essai sur la nutrition du foetus. . 3. 3. Es giebt eine Beobachtung von einem Foe- tus, der kein Herz und keine Arterien hatte Journal de Trévoux. A. 1706. Juillet. ; eine andere von einer Frucht, der die Arterien des Kopfs und der Arme fehlten Mém. de l’ Acad. de Montpellier. , und eine dritte von einem Foetus, in welchem kein Herz und keine Venen vorhanden waren Mém. de l’ Acad. des sc. de Paris. A. 1740. p. 811. der Octav-Ausg. . 4. Die Venen sind zahlreicher und zugleich weiter, als die Arterien Haller . El. Phys. T. I. L. 2. S. 2. §. 10. 11. p. 131. 133. . Nähmen sie nur das Blut auf, welches ihnen die letztern zuführen, so müssten sie mit diesen einerley Anzahl und Durch- messer haben. Wenden wir nach diesen Beweisen den obigen Satz auf die Venen an, so ist allerdings so viel gewiss, dass diese keine rohe Flüssigkeiten ein- saugen, Es könnte aber seyn, dass das Zellgewebe an gewissen Stellen einen bis auf einen gewissen Grad assimilirten Saft enthielte, und dass dieser von den Venen absorbirt würde. Lassen sich Beweise für diese Hypothese an- führen? Ich glaube allerdings; der Verfolg des gegenwärtigen §. wird dieselben enthalten. Hier mache I i 3 mache ich zuvörderst auf eine Erfahrung aufmerk- sam, die sich schwerlich erklären lässt, wenn man nicht eine organische Verbindung zwischen den Blutgefässen und den Höhlungen des Zell- gewebes annimmt. Schon Stahl Theoria med. vera. p. 376. fand es merk- würdig, dass man bey jüngern Thieren das Mark der Knochen überhaupt, und bey ältern dasjenige, welches in den Zellen der Knochenfortsätze ent- halten ist, mit Blut vermischt findet M. vergl. Glissonii Tractat. de ventriculo et in- testinis. Cap. XI. §. 5. , und Sömmering Eingeweidelehre S. 142. bemerkt, dass der Zellstoff zwi- schen den beyden Blättern des grössern Netzes bey sehr magern Leuten zuweilen ein röthliches Blutwasser enthält. Diese Erfahrungen zeigen, dass die Blutgefässe sich in die Höhlungen des Zellgewebes, worin das Fett eingeschlossen ist, öffnen. Gerade das Fett ist es aber, welches, wenn eine Einsaugung durch die Venen statt fin- det, durch sie gewiss absorbirt wird. Jene halbflüssige, sowohl den Pflanzen, als den Thieren eigene Substanz ist in beyden Rei- chen die erste Nahrung des entstehenden Organis- mus. Sie bildet einen Hauptbestandtheil der Co- tyledonen, woraus die keimende Pflanze ihren ersten Unterhalt empfängt; sie macht den grössten Theil Theil des Eygelbs aus, wodurch die Früchte der eyerlegenden Thiere vor dem Auskriechen genährt werden; bey den Säugthieren ist sie in der Milch, dem ersten Nahrungsmittel des gebohrnen Thiers, in beträchtlicher Menge enthalten. Die Säugthiere haben zugleich eine milch- artige Flüssigkeit in den Zellen des Mutterkuchens, und zu diesem gehen, nach dem einstimmigen Zeugniss aller Zergliederer, keine andere Gefässe, als Venen und Arterien. Hier ist folglich keine andere Einsaugung als durch Blutadern möglich, und was diese einsaugen ist wahrscheinlich eine Flüssigkeit von ähnlicher Natur, wie die Oel oder Butter enthaltenden Säfte, die der keimenden Pflanze und der entstehenden Frucht der übrigen Thiere den ersten Stoff zur Bildung liefern. Noch deutlicher ist jene Funktion der Venen an dem Dotter des bebrüteten Eys. Dieser, durch einen zarten Canal (Ductus vitello-intestinalis) mit dem Darm des Embryo zusammenhängende, und das Eygelb enthaltende, häutige Sack dient offenbar zur Bereitung des Bluts für den Embryo. Gegen die Mitte der Zeit des Bebrütens zeigen sich auf der äussern Haut desselben Arterien, die aus den Gekrösearterien des Embryo entstehen, und Venen, welche in die Pfortader übergehen. Zu- gleich bilden sich auf der innern Dotterhaut an denselben Stellen, wo auswendig jene Adern liegen, I i 4 eine eine Menge in den Dotter herabhängender Ge- fässe mit flockigen Enden, deren Funktion keine andere seyn kann, als das Eygelb einzusaugen, und in Blut umgewandelt zu den Venen der Dotterhaut zu führen Blumenbach glaubt, sogar den wirklichen Ueber- gang des Eygelbs aus den flockigen Anhängen in die nach dem Küchelchen laufenden Blutadern als deutliche gelbe Streifen zwischen und neben dem rothen Blut dieser Venen unter dem Vergrösserungs- glase gesehen zu haben. ( Blumenbach ’s Handb. der vergl. Anat. S. 524.). . Diese Einsaugung findet auch nicht blos bey den Vögeln statt. Es giebt bey den Eidechsen einen mit ähnlichen Gefässen ver- sehenen Dotter, und bey den Säugthieren das dem Dotter analoge Nabelbläschen Emmert u. Hochstetter in Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 10. S. 117. . Bey den Sepien fand Cuvier in den Venen, die das Blut aus der Hohlader zu den Kiemen führen, Oeff- nungen, die zu ganz eignen Anhängen führen, welche, nach Cuvier ’s Beschreibung zu urtheilen, mit den gelben flockigen Anhängen der Dotter- haut in der Form und Funktion übereinkommen M. vergl. Kap. 2. §. 2. dieses Abschn. . Hier ist also ein Fall, wo die Venen noch bey dem ganz ausgebildeten Thier fortdauernd ein- saugen. Wir Wir haben jetzt wichtige Analogien für uns, wenn wir annehmen, dass auch die Venen ein Einsaugungsvermögen besitzen, und dass es vorzüglich das Fett ist, was durch sie aufgenommen und in Blut verwan- delt wird . Für diese Absorbtion des Fetts lassen sich aber noch andere wichtige Gründe anführen. Bey den Säugthieren ist der Hauptbehälter des Fetts das aus beutelförmigen Fortsätzen des Bauchfells bestehende Netz. Dieses ist von vor- züglicher Grösse bey denjenigen Nagethieren, die den Winter in einem Zustande von Erstarrung zu- bringen, und bey mehrern derselben giebt es ausser dem gewöhnlichen Netz noch zwey ande- re, die zu beyden Seiten von den Lenden nach dem Nabel herauf liegen Biol. Bd. 1. S. 211 ff. . Gegen die Zeit des Winterschlafs sind diese Netze immer mit einer grossen Menge Fett angefüllt. Schon Perrault Oeuvres de Phys. et de Mechanique. p. 476. vermuthete, dass das letztere während dem Win- terschlaf eingesogen würde, und diese Meinung ist in der That höchst wahrscheinlich. Hal- ler L. c. L. 1. S. 4. p. 47. 48. und mehrere andere Schriftsteller haben zwar I i 5 zwar dagegen den Einwurf gemacht, dass dieje- nigen Thiere, die im Winter schlafen, während der Erstarrung keine Ausleerungen haben, wenig ausdünsten, und nicht sehr abgemagert aus ihren Höhlen hervorkommen. Allein die Murmelthiere magern beträchtlich in den ersten Tagen nach dem Erwachen ab Saussure ’s Reise durch die Alpen. Th. 3. S. 175. §. 735. — Prunelle sagt ausdrücklich in seiner Ab- handlung über den Winterschlaf, (Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. XVIII. p. 36.) dass die Murmelthiere ausserordentlich fett sind, wenn sie sich in ihre Höh- len begeben, aber äusserst abgemagert, wenn sie die- selben wieder verlassen. , und gerade dann ist ihnen die im vorigen Jahr gesammelte Fettmasse erst von Nutzen, um nehmlich ihren während der Lethargie in Unthätigkeit gewesenen Nutritionsor- ganen als sanftes Erregungsmittel zu dienen. Ei- nigen Verlust an Substanz erleiden sie aber auch schon während der Erstarrung. Sie nähren sich von ihrem Fett nicht blos in diesem Zustand, sondern auch während des Wachens, worin sie von Zeit zu Zeit durch zu grosse Kälte oder Wärme versetzt werden Mangili in Reil ’s u. Autenrilth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 8. S. 429. 431. . Die Souslike (Marmota Citillus) werden schon während des Winterschlafs äusserst mager. Nach ihrem Erwachen ist blos noch in den Weichen, unter den Achseln und im Gekröse Gekröse etwas von dem vielen Fett übrig, das sich im Herbste angehäuft hatte. Diese Thiere aber werden durch den Winterschlaf zur Begat- tung vorbereitet. So abgemagert ihr übriger Kör- per beym Erwachen ist, so vollsäftig sind dann ihre Geschlechtstheile Pallas Nov. spec. quadrup. e glirium ord. Ed. 2. p. 137. . Bey ihnen wird also das angesammelte Fett zur Bereitung der Zeu- gungssäfte verwandt. Ein wichtiger Beweis für diesen Uebergang des Fetts in das Blut bey den lethargischen Thieren ist übrigens Sulzer ’s Nat. Gesch. des Hamsters S. 169. Beobachtung, dass auf dem Blut der Hamster während der Erstarrung ölige Punkte schwammen. Diese Anhäufung von Fett findet auch nicht blos bey den lethargischen Thieren, sondern al- lenthalben statt, wo zu gewissen Zeiten bey auf- gehobener oder verminderter Ernährung des gan- zen Körpers der Bildungsprocess in einzelnen Thei- len verstärkt ist. So häufen die Cetaceen eine grosse Menge Fett an, um sich zur Brunstzeit, wo sie gar keine Nahrung zu sich nehmen, da- von zu erhalten, und so ist, wie Riegels De usu glandularum suprarenalium in animalibus, nec non de origine adipis. Havniae. 1790. versichert, bey den Ratten und Igeln zur Brunst- zeit die Prostata mit sehr vielem Fett umgeben. Aus Aus eben dem Grunde ist bey den Fischen, Mollusken, und mehrern andern Thieren der nie- dern Classen, denen das Netz fehlt, und die bald lange aller Nahrung entbehren müssen, bald wie- der eine grosse Menge Futter verschlingen, zu dessen Verdauung eine reichliche Absonderung von Galle erforderlich ist, die Leber so ausserordent- lich reich an Fett, dass dieses z. B. bey dem Ro- chen mehr als die Hälfte der Leber ausmacht Vauquelin , Annales de Chimie T. 10. p. 193. . Ueberhaupt steht das Fett mit der Bereitung der Galle gewiss in einer nähern Beziehung M. vergl. Lorry ’s Abhandl. über das Fett in dem menschl. Körper. Uebers. von Lindemann . Berlin. 1797. — Journal der Erfindungen u. s. w. in der Natur- u. Arzneywissensch. St. 2. S. 15 ff. . Alle Theile, aus welchen die Aeste der Pfortader ent- springen, sind mit sehr vielem Fett angefüllt. Wäre es ausgemacht, dass die fettesten Thiere allemal die bitterste Galle haben Journal der Erfind. St. 2. S. 19. , und dass, wie Riegels A. a. O. beobachtet haben will, das Blut der Pfortader immer viele Fetttheile enthält, so würden sich auch hiervon Beweise hernehmen las- sen, gegen welche sich schwerlich gegründete Einwürfe erheben liessen. Mit der Beobachtung von Riegels stimmt in- dess nicht nur die obige Erfahrung Sulzer ’s über- ein, ein, sondern sie hat auch Zeugnisse mehrerer der grössten Anatomen auf ihrer Seite, die man zwar angefochten hat, doch nur weil sie mit den herr- schenden Hypothesen nicht vereinbar waren. Diese Zergliederer sind namentlich: Severinus, Char- leton, Malpighi, Glisson, Ruysch, Morgagni und Hewson. Morgagni Adversar. anatom. II. Animadv. 6. p. 15. trägt seine Beobach- tung mit Misstrauen vor. Aber Glisson Tractatus de ventriculo et intestinis. Cap. XI. p. 13. , Mal- pighi Exercit. de omento, pinguedine etc. p. 63., in Man- ceti Bibl. anat. T. I. und Hewson Vom Blute, seinen Eigenschaften u. s. w. S. 105. erzählen die ihrigen so umständlich, dass man an der Richtigkeit der Sache nicht zweifeln kann. Der letztere fand, dass die weisse, milchartige Farbe des Serums, die nicht selten bey fetten, oder an den Folgen von unterdrückten natürlichen Blutausleerungen lei- denden Menschen beobachtet ist, und die noch häufiger bey den Gänsen vorkömmt M. vergl. Ledel de ansere mactato loco sanguinis album liquorem stillante, in Miscell. Acad. Nat. Cu- rios. Dec. 2. A. VI. (1687.) p. 154. , von Fett- kügelchen, die in denselben enthalten sind, her- rührt. Wurde dieses Blutwasser getrocknet, so drang eine so grosse Menge Oel daraus hervor, dass das Papier, worauf es lag, davon fett wur- de. de. Wahrscheinlich gehören hierher auch Swam- merdamm ’s, Meckel ’s und Cruikshank ’s Beobach- tungen von weissen Streifen in dem Blut der Ge- krösvenen, wobey allemal die Milchgefässe leer wa- ren, und also keine Einsaugung aus den Gedärmen statt gefunden haben konnte The Anatomy of the absorbent Vessels by W. Cruik- shank . . Diese Fälle von absorbirtem Fett mögen zum Theil wohl krank- hafter Art seyn. Mascagni ’s Vasorum lymphat. C. H. hist. et ichnogr. Beobachtungen, nach welchen in fetten Körpern die Stämme der lymphatischen Gefässe immer mit einem öligen Saft angefüllt sind, beweisen auch, dass diese Ge- fässe Fett aufnehmen. Aber auch in Krankheiten würden Fetttheile schwerlich unverähnlicht in die Blutmasse gelangen, wenn alle Einsaugung des Fetts blos durch die Saugadern geschähe, und die- ses erst den weiten Weg durch das lymphatische System und die Schlagadern machen müsste, um in die Arm- oder Gekrösvenen zu kommen. Nirgends aber zeigt sich die Wichtigkeit des Fetts bey der Ernährung deutlicher als in dem Körper der Insekten. Bey den Raupen häuft sich eine Fettmasse an, die den grössten Theil der Bauchhöhle anfüllt; von dieser zehrt nachher die Puppe, und in ihr bilden sich die Gliedmaassen des des vollkommenen Insekts Lyonnet Traité de la chenille du saule. p. XIII. 428. 483. — Ramdohr ’s Abh. über die Verdauungs- werkz. der Ins. S. 64. . Aus eben diesem Fettkörper entspringen sowohl bey der Larve, als dem vollkommenen Insekt, alle absondernde Gefä- sse. Man sieht dies vorzüglich bey der Scolopendra forficata L., bey welcher jener Körper aus mehrern von einander ganz getrennten Massen besteht. Eine derselben liegt am vordern Ende des Leibes un- ter dem Schlunde. An dieser endigen sich die Gallengefässe, und vielleicht dient sie auch einer Art Speichelgefässe zum Ursprunge. Vier andere kleinere Massen befinden sich am entgegengesetzten Ende des Körpers neben den innern Zeugungsthei- len, und aus jeder derselben geht ein kurzer Aus- führungsgang zu diesen Organen. Ich darf zwar nicht unerwähnt lassen, dass Ramdohr A. a. O. S. 63. die in dem Fettkörper der Insekten enthaltene Materie nicht für Fett, sondern für eine Art Chylus hält. Allein Ramdohr ’s Meinung stützt sich blos auf Versuchen mit der Larve des Bom- byx quercus. Bey dieser, und überhaupt bey allen Raupen scheint freylich auch mir jene Substanz mehr Aehnlichkeit mit Eyweiss, als mit Fett zu haben. Aber bey den Heuschrecken ist sie ein wahres thierisches Oel, das die Oberfläche des Was- Wassers, worin das Thier geöffnet ist, mit gelben glänzenden Kügelchen bedeckt. Diese ihre ver- schiedene Beschaffenheit bey den verschiedenen Insekten und ihre Verwandtschaft mit dem Ey- weiss bey den Raupen beweist gerade, dass das Fett sehr grosser Mischungsveränderungen fähig ist, und deswegen sehr leicht in die verschieden- sten thierischen Säfte verwandelt werden kann. Eben so findet man oft bey den Säugthieren an Stellen, die sonst mit Fett angefüllt sind, Gal- lerte Haller El. Phys. T. I. L. 1. S. 4. p. 44. . Ich erinnere hier auch an die oben (S. 448.) erwähnte Beobachtung, dass ich aus den geöffneten Bläschen der innern Haut des Nahrungscanals beym Limax cinereus wirkliche Oeltropfen habe hervordringen sehen. Vielleicht ist überhaupt der Chylus bey den Mollusken und Würmern zum Theil von öliger Beschaffenheit. §. 19. Funktion des Zellgewebes bey der Ernährung. Es giebt noch einen dritten Weg, worauf das Blut neue Bestandtheile erhält. Dieser ist bisher unbeachtet geblieben, weil man vor der Ent- deckung der lymphatischen Gefässe die Venen, und seit derselben die Saugadern für hinreichend zur Ernährung hielt. Aber schon für minder wichtige Funktionen besitzt der thierische Körper mehrere Orge- Organe, die in Fällen, wo die Thätigkeit des ei- nen gehemmt ist, einer des andern Stelle ver- treten. Um so weniger ist es glaublich, dass die wichtigste von allen, die Ernährung, blos den Milchgefässen anvertraut seyn sollte, die zudem nicht einmal zweckmässig wirken können, wenn nicht der einzige gemeinschaftliche Stamm dersel- ben, der Brustgang, unverletzt ist. In der That giebt es Fälle, wo dieser Canal verstopft war, und die Thiere zwar starben, wenn nicht, wie sich zu- weilen zeigte A. Cooper , Med. Records and Researches. Vol. I. p. 86. , ein Seitengefäss den Fortgang des Chylus zu dem obern Theile des Brustgangs verstattete, doch auch der Tod nicht so schnell eintrat, wie er bey gänzlich aufgehobener Ernäh- rung hätte erfolgen müssen. Jene Theile, die zugleich mit den lymphati- schen Gefässen einsaugen, sind das Zellgewebe. Dieses tränkt sich allenthalben mit Flüs- sigkeit, wo es damit in Berührung kömmt, führt dieselbe von Zelle zu Zelle, und endlich zur Milz, der Thymus, der Schild- drüse, den Nebennieren, und ähnlichen drüsenartigen Eingeweiden, welche den aufgenommenen Saft in Blut umwandeln . Einen IV. Bd. K k Einen Beweis dieser Theorie geben die im 12ten §. des gegenwärtigen Kapitels erzählten Ho- me schen Versuche. Wir haben dort gesehen, dass bey Thieren, denen nach Unterbindung des Pylo- rus Rhabarbertinktur in den Magen gesprützt war, von dieser ein grosser Theil durch die Wände des Magens einen Ausweg gefunden hatte, ohne durch die lymphatischen Gefässe eingesogen zu seyn, und dass sich zugleich die Milz sehr ange- schwollen und in ihren auffallend erweiterten Zel- len allenthalben mit einer Flüssigkeit angefüllt zeigte, worin chemische Reagentien die Gegen- wart des Rhabarbers bewiesen. Hier waren ausser dem Zellgewebe nur zwey Wege, auf welchen die eingesprützte Flüssigkeit aus dem Magen in die Milz gelangt seyn konnte, die Saugadern und die Blutgefässe. Die Saugadern des Magens aber wa- ren immer saftleer. Die Blutgefässe hat zwar Home selber in einem spätern Aufsatz Philos. Transact. Y. 1811. , den ich indess nur erst aus einer kurzen Inhaltsanzeige kenne, für den Weg, wodurch der Uebergang vom Magen zur Milz geschehen soll, angenommen. Allein der Gründe für den Satz, dass die Blutge- fässe keine unassimilirte Säfte unmittelbar aus dem Nahrungscanal aufnehmen, sind so viele und so wichtige, und jene Annahme führt auf so unwahr- scheinliche Folgerungen, dass sie gewiss nicht die richtige seyn kann. Das Das Zellgewebe besitzt auch alle Erfordernisse eines einsaugenden und das Eingesogene fortlei- tenden Organs. Kein Theil des thierischen Kör- pers tränkt sich so leicht mit Flüssigkeit, und kei- ner ist so weit durch alle Organe verbreitet, als diese weiche, dehnbare Substanz. Sie füllt den Zwischenraum zwischen den äussern Bedeckungen des Körpers und den Muskeln aus; sie dringt in das Innere des Fleisches, und vereinigt die Fa- sern zu Bündeln, die Bündel zu Muskeln; sie überzieht beyde Flächen aller Häute, worin die Eingeweide der Brust und des Bauchs eingeschlos- sen sind, umgiebt als Arachnoidea das Gehirn, und bekleidet als solche die Wände der Ventrikel desselben, bildet Scheiden um alle Nerven und Gefässe, und Zwischenlagen zwischen den verschie- denen Membranen, woraus der Nahrungscanal, die Gallen- und Harnblase, die Saamenbläschen und alle übrige hohle Eingeweide bestehen; sie füllt als Markhaut das Innere der Knochen aus, und mit ihr ist selbst das Parenchyma aller drüsenar- tigen Eingeweide durchwebt. Alle diese Ausbrei- tungen des Zellstoffs stehen dabey unter einander in der engsten Verbindung. Luft, die an einer einzelnen Stelle in das Zellgewebe der Haut ein- geblasen ist, breitet sich unter der Oberfläche des ganzen Körpers aus, und umgekehrt lässt sich bey der Hautwassersucht das unter der Oberfläche des ganzen Körpers angehäufte Wasser durch eine K k 2 Oeff- Oeffnung an einer einzelnen Stelle ausleeren. Das Zellgewebe endlich besitzt ein Zusammenziehungs- vermögen, vermöge welchem es nicht nur Flüssig- keiten, sondern selbst feste Körper fortzubewegen im Stande ist. Dadurch gelangten verschluckte Na- deln in eine der Brüste oder in die Spitze eines Fingers, und eine verschluckte Kornähre in die Lende Haller El. Phys. T. I. L. 1. S. 2. §. 10. , oder in einen Abscess zwischen den Rippen Desgranges , Journ. de Médecine etc. rédigé par Se- dillot . T. 44. . Unsere Theorie lässt sich ferner aus dem schnellen Uebergang mehrerer, sich durch ihre Far- be, ihren Geruch oder Geschmack auszeichnender Substanzen, vorzüglich des Rhabarbers, des Ter- penthins und des Weingeists, in die Milch, den Urin und die Ausdünstungsmaterie beweisen Haller l. c. T. VII. L. 24. S. 2. §. 2. p. 56. 57. — L. 26. S. 3. §. 1. p. 339. . Am auffallendsten ist der Uebergang jener Mate- rien in den Harn, und dieser hat die bekannte Hypothese von unmittelbaren Verbindungsgefässen zwischen dem Darmcanal und den harnbereitenden Organen veranlasst, eine Meinung, die mit Grün- den vertheidigt ist, wovon freylich manche wenig Gewicht haben, gegen welche aber auch Einwürfe gemacht sind, die sich ebenfalls leicht entkräften lassen. lassen. Die Vertheidiger derselben haben sich un- ter andern auf die Versuche von Kratzenstein De diabete, in Halleri disp. patholog. p. 63. und auf mehrere ähnliche Erfahrungen berufen, nach welchen fortdauernd Urin ausgeleert wurde, obgleich die Harnleiter unterbunden oder durch- schnitten, oder die Nieren zerstört waren Haller l. c. L. 26. S. 4. §. 3. p. 379. — Horst in Hufeland ’s u. Himly ’s Journ. der prakt. Heilk. J. 1812. St. 12. S. 68. . Ihre Gegner haben theils diesen positiven Resultaten von Versuchen, die unmöglich immer gelingen konnten, einige negative Resultate entgegengesetzt, theils jene Beobachtungen der Täuschung verdäch- tig gemacht, und angenommen, dass der ausge- leerte Urin sich schon vor dem Versuch in der Harnblase hätte gesammelt gehabt. Beyde Einwürfe sind die nichtigsten, die sich gegen physiologische Erfahrungen machen lassen. Mit mehrerm Rechte hätte man jene Beobachtun- gen unangetastet gelassen, aber vorausgesetzt, dass nach aufgehobener Gemeinschaft der Nieren mit der Harnblase die letztere als stellvertretendes Se- kretionsorgan zu wirken anfinge, so wie in einem von Meckel beobachteten Fall bey einer gehemm- ten Absonderung des Harns eine grosse Menge einer dem Urin ganz ähnlichen Flüssigkeit unter den K k 3 den Achseln ausschwitzte J. F. Meckel Nov. exper. et observ. de finibus ve- narum ac vasorum lymphat. p. 101. . Von nicht grösserm Gewicht ist auch der neueste Einwurf, den Roose Physiologische Untersuchungen. 4te Abth. von einigen Fällen hernahm, wo man bey einem angebohrnen Vorfall der umgekehrten Harnblase den Urin aus den offen vorliegenden Mündungen der Harnleiter nach vorher genossenem häufigen Getränk in kleinen Ströhmen ausfliessen sah. Diese Beobachtung beweist nur, was sich ohnehin ver- steht, dass die Nieren den Harn absondern, und dass dieser nach häufigem Getränk stärker als zu andern Zeiten abgeht. Ein Einwurf, der sich nicht heben lässt, wenn man, wie die Vertheidiger der Hypothese von so- genannten geheimen Harnwegen thaten, Gefässe für die unmittelbaren Verbindungsorgane zwischen dem Darmcanal und den Harnwerkzeugen annimmt, der hingegen wegfällt, wenn man das Zellgewebe dafür ansieht, ist dieser, dass wenn es dergleichen Gefässe zwischen den Gedärmen und den Nieren oder der Urinblase gäbe, ähnliche Canäle auch von jenen zu den Brüsten und zur äussern Haut ge- hen müssten, da die wichtigste der Erscheinungen, woraus man in Betreff des Urins auf das Vorhan- denseyn solcher Gefässe geschlossen hat, auch bey der Milch und dem Schweiss statt finden. Dieses Dieses Phänomen ist der schon erwähnte schnelle Uebergang gewisser Materien von dem Nahrungscanal zu den excernirenden Organen. Man hat von der einen Seite behauptet, dass der- selbe sich nicht erklären liesse, wenn jene Mate- rien erst ins Blut geführt und hieraus durch die ausleerenden Organe abgeschieden werden müssten; von der andern aber eingewendet, dass keine Er- fahrungen uns berechtigten, die Geschwindigkeit des Uebergangs mancher Stoffe durch die Milchgefässe zum Blute und der Ausleerung derselben durch den Urin auf eine bestimmte Zeit einzuschränken. Inzwischen kommen bey der Ausleerung einiger Substanzen doch Umstände vor, die sich nicht mit der Abscheidung derselben aus der Blutmasse vereinigen lassen. Home Philos. Transact. Y. 1808. p. 45. 133. bemerkte, dass ge- nommene Rhabarbertinktur binnen siebenzehn Mi- nuten mit dem Urin abzugehen anfängt, einige Stun- den durch die Harnwerkzeuge ausgeleert zu werden fortfährt, und dann verschwindet; dass sie nach sechs bis sieben Stunden auf die Gedärme wirkt und deutlich den Stuhlgang färbt, und dass sie um diese Zeit wieder stärker als nach einer Stunde im Urin zum Vorschein kömmt. Diese Beobach- tungen zeigen, dass allerdings ein Uebergang der Rhabarbertinktur durch die Blutgefässe zu den Nieren K k 4 Nieren statt findet, dass dieser aber erst nach sechs bis sieben Stunden, also zu derselben Zeit, wo die Verdauung beendigt ist und der Chylus dem Blute zugemischt wird, eintritt, dass aber schon unmittelbar nach dem Einnehmen der Tink- tur ein Uebergang derselben zum Urin erfolgt, der auf einem weit kürzern Wege als der erstere geschehen muss. Home Ebendas. — M. vergl. §. 12. dieses Kap. fand aber auch, dass bey Thieren, die Rhabarbertinktur bekommen hatten, das Serum des Bluts, welches aus der Hohlvene oder aus dem Herzen genommen war, weit weniger Rha- barber als der Urin enthielt. Dieser Erfolg ist der ganz entgegengesetzte von dem, welcher einge- treten seyn würde, wenn der Rhabarber blos durch die Blutgefässe zu den Harnwerkzeugen gelangt wäre, da in diesem Falle das Blut mehr Rhabarber als der Urin hätte enthalten müssen. Noch entscheidender sind die Resultate der Versuche Wollaston ’s und Marcet ’s Philos. Transact. Y. 1811. über den Uebergang des blausauren Kali in den Harn und das Serum. Jene liessen mehrere Personen so viel von diesem Mittel nehmen, als ohne Nachtheil vertragen werden konnte. In dem Urin zeigte sich sehr bald beym Hinzutröpfeln des schwefelsauren Eisens Eisens die Gegenwart der Blausäure; in dem unter einem Blasenpflaster ergossenen Blutwasser, und dem aus dem Blut erhaltenen Serum hin- gegen war keine Spur von der Anwesenheit dieser Substanz zu entdecken. Es folgt hieraus, dass, wenn es möglich wäre, das zwischen den Häuten des Nahrungscanals lie- gende Zellgewebe ohne Zerreissung der Blutgefässe und Saugadern zu untersuchen, bey Thieren, die eine Flüssigkeit von ausgezeichnetem Geruch, Ge- schmack oder Aussehen erhalten hätten, diese sich in dem Zellgewebe des Unterleibs finden müsste. Bey den Säugthieren lassen sich hierüber schwer- lich direkte Erfahrungen machen. An den Fischen aber hat man schon lange eine Beobachtung ge- macht, die mit unserer Meinung ganz überein- stimmt und einen dritten Beweis für dieselbe lie- fert. Bey diesen Thieren ist zwischen den Hirn- und Rückenmarkshäuten, innerhalb des Bauchfells, und überhaupt in allen Höhlungen eine grosse Menge Flüssigkeit enthalten, die bey den Seefischen salzig ist, und oft nicht weniger als ⅚ Seesalz von ihrem Gewicht enthält Monro ’s Vergleichung des Baus u. der Physiol. der Fische mit dem Bau des Menschen u. s. w. S. 19. — Camper in seinen Zusätzen zu diesem Werke, S. 157. . Vielleicht dringt dieses Wasser von aussen durch zwey, neben dem After K k 5 After liegende Oeffnungen ein Monro a. a. O. — Bloch , Schriften der Berliner Gesellsch. naturf. Freunde. B. 6. S. 386. , und diese Oeff- nungen ersetzen dann den mit Schuppen bedeck- ten und keiner Einsaugung durch die Oberfläche des Körpers fähigen Fischen die Stelle der bey den übrigen Thieren für Feuchtigkeiten durchdring- lichen Oberhaut. Aber wie es sich hiermit auch verhält, so ist doch gewiss jene Flüssigkeit nicht eine aus dem Blute abgeschiedene Materie, da hierzu ihr Salzgehalt viel zu gross ist. Ohne Zweifel wird sie in dem Zellgewebe assimilirt, und nach dieser Verähnlichung von den absorbi- renden Gefässen oder den Venen eingesogen, da in vielen Fällen statt derselben ein gallertartiger Saft gefunden ist, der in einer zelligen Haut einge- schlossen war Haller l. c. T. IV. In Addendis. p. 591. . Zu diesen Gründen kömmt noch ein vierter, der sich von der Analogie der Insekten hernehmen lässt. Cuvier Mém. de la Soc. d’Hist. nat, de Paris. An VII. p. 34. zeigte zuerst, dass bey allen durch Luftröhren athmenden Insekten die Ernäh- rung ohne alle ästige Gefässe, blos vermittelst des in den Zwischenräumen der Eingeweide und im Parenchyma derselben enthaltenen Nahrungssafts geschieht. Seitdem nachher von Posselt, Ram- dohr und mir eine beträchtliche Anzahl Insekten zerglie- zergliedert, und bey denen Arten, die durch Luft- röhren athmen, nie eine Ausnahme von jenem Satz gefunden ist, kann an der Richtigkeit des- selben kein Zweifel weiter statt finden. Nach mei- nen Untersuchungen giebt es sogar bey dem Onis- cus Asellus kein System von Blutgefässen, obgleich das Athemholen dieses Thiers durch Kiemen ge- schieht. Mir scheint die Ernährung der mit Tracheen versehenen Insekten auf folgende Art vor sich zu gehen. Bey dem Durchgange der Speisen durch den Nahrungscanal dringt der nährende Theil der- selben durch die innere Haut dieses Canals, die gewöhnlich höchst zart, und von der äussern musku- lösen Membran durch eine gallertartige Substanz ge- trennt ist. Die letztere tränkt sich mit dem Chylus, und aus ihr dringt derselbe durch die äussere Haut in die Bauchhöhle, wo er sich als eine Flüs- sigkeit zeigt, die sich mit dem Saft des Milchader- systems der höhern Thierclassen vergleichen lässt. Diese Flüssigkeit trennt sich innerhalb des Bauch- fells in zwey Theile, von welchen der eine den Fettkörper bildet, der andere aber von dem hin- tern Ende des Herzens aufgenommen, und in eine, dem Blut der höhern Thiere ähnliche Ma- terie verwandelt wird. Aus dem Fettkörper zie- hen die in der Bauchhöhle liegenden secerniren- den Eingeweide den zu ihren Absonderungen dienenden Saft. Das Blut aber dient zur Ernäh- rung aller Theile, die ausserhalb dem Bauchfelle liegen. liegen. Dieses gelangt vermöge der Bewegung des Herzens, die von dem hintern Ende des Körpers zum vordern gerichtet ist, in die Brust- höhle, und aus dieser in die Zwischenräume aller jener, ausserhalb dem Bauchfelle befindlichen Or- gane, zu welchen vorzüglich die Nerven und die willkührlichen Muskeln gehören. Nach Abschnei- dung der äussern Gliedmaassen fliesst daher die nehmliche Flüssigkeit aus, die in dem Herzen ent- halten ist. Alle innern Theile der Insekten haben eine schwammartige Beschaffenheit, um diesen Nahrungssaft einzuziehen; sie blähen sich vermöge dieser Beschaffenheit im Wasser auf, und fallen ausserhalb demselben so zusammen, dass sie wie ein blosser Schleim aussehen. Endlich liefern auch die Mollusken einen Be- weis für die obige Meinung. Mehrere dieser Thiere, z. B. die Wegschnecken (Limax) geben, wenn sie gereitzt werden, durch die ganze Ober- fläche des Körpers eine so grosse Menge einer zähen Materie Diese Materie der Schnecken besteht nach meinen Versuchen aus Gallerte und etwas Eyweiss. Sie erstarrt in kaltem Wasser zu einer zitternden Masse, löst sich in kochendem Wasser zu einer klaren Flüs- sigkeit auf, indem sich einige Klumpen von geron- nenem Eyweiss bilden, und giebt mit einem Gall- äpfelaufguss dünne Häute von schwärzlicher Farbe. von sich, das Herz und die Blut- gefässe gefässe derselben haben dabey ein so kleines Ver- hältniss gegen die Masse des übrigen Körpers und gegen die Quantität dieser Materie, und das Blut bewegt sich so langsam, dass die letztere unmög- lich blos aus dem Blute abgeschieden seyn kann. §. 20. Die Milz . Die von dem Zellgewebe aufgenommene Flüs- sigkeit scheint aber nicht unmittelbar zur Ernäh- rung zu dienen. Sie wird, wenigstens zum Theil, zur Milz, zur Thymus, der Schilddrüse und den Nebennieren geführt, um in Blut verwandelt zu werden, und in dieser Verwandlung besteht die Funktion jener drüsenartigen Eingeweide. Wir werden zuerst die Milz in Beziehung auf diese Funktion untersuchen. Die Milz ist ein den Thieren der vier höhern Classen eigenes, und bey allen in der Nähe des Magens, oder der obern Hälfte des Darmcanals liegendes Eingeweide, dessen Grösse abnimmt, je weiter man von den Säugthieren zu den Vögeln, und von diesen zu den Amphibien und Fischen übergeht Dies gilt indess nur im Allgemeinen. Bey einzel- nen Arten finden sich Ausnahmen. Manche Fische haben . Bey den Säugthieren ist sie von einer einer doppelten Haut umgeben, einer äussern, die mit dem Bauchfell zusammenfliesst, und einer innern, welche ihr eigen und sehr elastisch ist. Ihr Inneres besteht grösstentheils aus Blutge- fässen. Bey den Säugthieren sind ihre Arterien Zweige eines aus der Eingeweidearterie (Art. coeliaca) entspringenden, und blos für die Milz bestimmten Hauptstamms. Bey den übrigen Thie- ren nehmen die Milzarterien immer mehr an Grösse ab, so wie dieses Organ selber an Grösse verliehrt, und sind nur noch Nebenzweige der Arterien des Magens, des Zwölffingerdarms, oder des Gekrö- ses Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 56. . Mithin ist die Milz vorzüglich bey den Säugthieren von Wichtigkeit, also bey denen Thie- ren, die auch ein vorzüglich ausgebildetes Drü- sensystem besitzen. Das von der Milz zurückkehrende Blut nimmt bey allen mit diesem Eingeweide versehenen Thieren den Weg zur Leber Cuvier ebendas. p. 61. . Bey den Säug- thieren vereinigen sich die Milzvenen zu einem Hauptzweig der Pfortader. Der Stamm der Milz- vene haben eine verhältnissmässig eben so grosse Milz wie der Mensch. ( Monro ’s Bau und Physiol. der Fische. S. 44.). vene ist gegen den Stamm der Milzarterie ausser- ordentlich weit. Bey dem Schwein fand Home Phil. Trans. Y. 1808. p. 45. das Verhältniss des Umfangs der erstern zu dem der letztern wie fünf zu eins, ein Verhältniss, das grösser ist, als das, worin die Venen zu den Arterien in irgend einem andern Organ stehen, und woraus sich schliessen lässt, dass die Milz- vene weit mehr Flüssigkeit zurückführt, als die Milzarterie zuleitet. Die letztere besitzt bey dün- nen Häuten eine grosse Festigkeit, und die Milz- vene eine beträchtliche Elasticität. Bey Thieren, die gleich nach dem Tode unter- sucht werden, trifft man die Milz in einem dop- pelten Zustande an: entweder angeschwollen, wenn jene kurz vor dem Tode getrunken haben, oder zusammengezogen, wenn sie eine längere Zeit vorher kein Wasser erhalten haben. Im erstern Falle findet man im Innern der Milz eine Menge mit einer Flüssigkeit angefüllte Zellen; im letztern Falle sind diese Zellen nicht sichtbar, sondern kleinen, weissen Körnern ähnlich. Nach diesem doppelten Zustande der Milz erscheint die Ver- theilung der Blutgefässe im Innern derselben auf verschiedene Art. Im Allgemeinen verbreiten sich indess sowohl die Arterien, als die Venen in ihr netzförmig, und endigen sich zuletzt in Büschel der der feinsten Zweige, die auf den Wänden der Zellen zu liegen scheinen Lobstein in J. J. Busch diss. de liene. Argentor. 1774. — Prochaska disqu. organismi C. H. ejusque processus vitalis. p. 104. Home a. a. O. . In Betreff des Bluts der Milz bemerkten schon Senac, Rolof, Meckel und andere ältere Zer- gliederer, dass es nie geronnen ist, und mehr Wasser als das Blut der übrigen Eingeweide ent- hält Haller El. Phys. T. VI. L. 21. S. 1. §. 4. p. 404. sq. . Hewson Experim. Inquiries. P. 3. C. 2. fand, dass sich jener Mangel an Gerinnbarkeit nur auf das Blut der Vene er- streckt, dass hingegen das Blut der Arterie leicht coagulirt. Die Saugadern der Milz sind weder gross, noch zahlreich Monro a. a. O. S. 43. . Sie fliessen hinter dem Pan- kreas mit den lymphatischen Gefässen der Leber und des Magens zusammen, und gehen mit diesen zum Brustgange. Die aus einem eigenen Geflecht (Plexus lie- nalis) entstehenden Milznerven zeichnen sich durch ihre enge Verbindung mit den Zweigen der Milz- arterie aus. Die Milz ist sowohl bey Menschen als bey Thieren nicht nur ohne Verlust des Lebens, son- dern dern sogar ohne merklichen Einfluss auf die Ge- sundheit ausgeschnitten worden Haller l. c. S. 2. §. 5. p. 421. . Nach dieser Operation haben mehrere Beobachter in verschie- denen Versuchen häufigeres und stärkeres Har- nen beobachtet Brunner Exper. nov. circa pancreas. In praefat. — Malpighi de liens. . Dies ist das Wichtigste, was wir bis jetzt von der Milz wissen. So viel ist augenscheinlich, dass in der Milz irgend eine Flüssigkeit dem Venen- blute zugemischt wird. Dafür spricht die beträcht- liche Weite der Milzvene, ihre grosse Dehnbar- keit, die wässrige Beschaffenheit ihres Bluts, und der Mangel an Gerinnbarkeit desselben. Aber wo- her jene Flüssigkeit? Wird sie aus der Milzarte- rie abgesondert, oder auf einem andern Wege der Milz zugeführt? Der erstern Voraussetzung wi- derspricht der Umstand, dass die Milzarterie weit enger als die Milzvene ist. Nur aus dem Magen kann jener Saft herrühren. Dies erhellet aus Ho- me ’s Versuchen, nach welchen die Zellen der Milz nur nach genommenem Getränk mit Flüssigkeit angefüllt sind, und vorzüglich auch aus dem Um- stande, dass dieser Saft eine beträchtliche Menge Rhabarber enthielt, wenn das Getränk in Rhabar- bertinktur bestand. Sind es die lymphatischen Gefä- IV. Bd. L l Gefässe des Magens, die jene Flüssigkeit aufneh- men und der Milz zuführen? Aber diese gehen nicht zur Milz, sondern verbinden sich nur mit den Saugadern derselben, Auch waren diese in Home ’s Versuchen immer saftleer und zusammen- gezogen. Es ist also kein anderer Weg als das Zellgewebe, auf welchem jene Flüssigkeit zur Milz gelangen kann. Alle obigen Thatsachen sprechen auch für die Vermuthung, dass aus den Zellen der Milz ein Uebergang des von ihnen aufgenommenen Safts in die Milzvene statt findet, und dass in dieser, und weiterhin in der Pfortader, eine Assimilation desselben zum Blute vorgeht. Hiermit stimmt überein, was Home bemerkte, dass bey Thieren, die Rhabarbertinktur bekommen hatten, das Blut der Milzvene eine beträchtliche Menge Rhabarber, und nächst dem Urin und dem Saft der Milz mehr als das Blut eines der übrigen Gefässe ent- hielt. Bey dieser Hypothese ist es begreiflich, wie die Milz als ein Organ, das nur eine Hülfsver- richtung bey der Ernährung hat, dem übrigen Organismus ohne tödtliche Folgen entzogen werden kann. Bey ihr lässt sich erklären, warum nach der Exstirpation der Milz stärkerer Abgang des Urins eintritt, weil nehmlich die Flüssigkeit des Zellgewebes, die zuvor in der Milz dem Blute zugemischt wurde, jetzt einen andern Weg nimmt, und und als ein Auswurfsstoff durch die Harnwerk- zeuge ausgeleert wird. §. 21. Die Schilddrüse, die Thymus und die Nebennieren. Mit der Milz haben die Schilddrüse, die Thy- mus und die Nebennieren im Wesentlichen so viele Aehnlichkeit, dass wir auch bey diesen eine gleiche Funktion anzunehmen berechtigt sind. Sie zeigen insgesammt einen drüsenartigen Bau, ohne einen Ausführungsgang zu besitzen; alle haben im Innern Zellen oder Höhlungen, die mit einem chylösen Saft angefüllt sind, und bey einigen giebt es eine deutliche Verbindung zwischen diesen Zel- len und den letzten Zweigen der zu ihnen gehen- den Venen; alle liegen ausserhalb dem Bauch- und Brustfell, und stehen mit dem Zellgewebe, das die äussere Fläche der Luftröhre und dieser Häute bedeckt, und welches sich zwischen dem Bauchfell und den Gedärmen über diese und den ganzen Nahrungscanal ausbreitet, in genauem Zu- sammenhang. Verschieden sind sie überhaupt darin von der Milz, dass sie schon in den ersten Le- bensjahren das Ziel ihres Wachsthums erreichen, und zum Theil nach der Geburt an Grösse wie- der abnehmen. Allein dieser Unterschied ist nicht wesentlich. Der Grund desselben liegt blos darin, dass jene Organe bey dem Kinde, wo Ernährung die wichtigste Funktion ist und alle Nahrung blos L l 2 in in Flüssigkeiten besteht, weit mehr als bey dem Erwachsenen zu verähnlichen haben. Doch auf diese und einige andere Verschiedenheiten werden wir zurückkommen, nachdem wir erst jedes der erwähnten Organe einzeln untersucht haben werden. Die Schilddrüse gehört zu den grössten un- ter den drüsenartigen Eingeweiden. Bey dem Menschen erreicht sie ihre Grösse schon vor der Geburt. Bey andern Thieren dauert zwar ihr Wachsthum nach dieser Periode noch fort So fand Steller (Beschreibung sonderbarer Meer- thiere. S. 129.) die Schilddrüse bey einem zweyjäh- rigen Seebär (Phoca ursina) grösser als bey einem einjährigen. ; doch scheint auch hier die Gränze ihrer Zunahme schon lange vor der völligen Ausbildung des übrigen Kör- pers einzutreten. Ihre Lage ist vor dem Ring- und Schildknorpel des Kehlkopfs und vor den obern Ringen der Luftröhre. Sie besteht bey dem Menschen aus einer rechten und linken Hälfte, die unten abgerundet, oben spitzer, und gewöhnlich mit einander verbunden sind. Man findet sie auch bey allen übrigen Säugthieren, doch verhältnissmässig kleiner als bey dem Menschen, und von verschiedener Gestalt bey den verschie- denen Geschlechtern und Arten. Unter den übri- gen Thieren sind es blos die Schlangen, bey welchen welchen eine ähnliche Drüse entdeckt ist Cuvier Leçons d’Anat. comp. T. 4. p. 527. 534. . Bey den Vögeln sind vielleicht die vielen, am Halse derselben liegenden Drüsen Stellvertreter der Schild- drüse Morgagni Epist. anat. IX. p. 271. — J. F. Me- ckel (Abhandl. aus der menschl. u. vergl. Anat. u. Physiol. S. 215.) vergleicht diese Drüsen mit der Thymus. . Bey dem Menschen besteht sie ganz aus Zellgewebe und Blutgefässen. Fallopia, Mor- gagni, Lalouette , und mehrere andere Zerglie- derer sahen in ihr Zellen, die mit einem oeligen Saft angefüllt waren; andere haben diese nicht gefunden Haller El. Phys. T. III. L. 9. S. 1. §. 22. p. 396 sq. . Wahrscheinlich verhält es sich mit diesen Höhlungen, wie mit denen der Milz, dass sie unter gewissen Umständen ausgedehnt, unter andern zusammengezogen sind. Dass aber jener Saft nicht etwas Zufälliges ist, darüber hat sich schon Morgagni L. c. sehr bestimmt und ausführ- lich erklärt, und dies ergiebt sich auch aus neuern Beobachtungen. Bey der Seekuh (Trichecus bo- realis) fand Steller A. a. O. S. 81. eine Schilddrüse von aus- gezeich- L l 3 gezeichneter Grösse, die zerschnitten zweyerley Säfte von sich gab. Der eine, der aus den Enden hervordrang, war milchfarbig, etwas dicker als Schaafmilch, und von süssem Geschmack; der an- dere, welcher aus dem mittlern Theile ausfloss, war dick, kleisterartig, etwas süss, doch mit eini- ger Bitterkeit, und von weissgelber Farbe. Diese Charaktere sind so ausgezeichnet, dass man jene Säfte nicht für krankhafte Produkte, oder für Flüssigkeiten, die etwa nach dem Tode erst aus- geschwitzt sind, halten kann. Cuvier A. a. O. p. 534. fand auch in dem der Schilddrüse ähnlichen Organ der Schlangen sehr deutliche Zellen, die eine weisse, gerinnbare, halbdurchsichtige Feuchtigkeit enthiel- ten, und deren Wände beym Aussprützen der Arterien geröthet wurden, ohne dass die Injektions- materie diese Flüssigkeit färbte. Endlich John Chem. Untersuchungen mineral. vogetab. u. animali- scher Substanzen. 3te Forts. S. 262. fand in dem Saft einer von scrophulöser Ursa- che krankhaft vergrösserten Schilddrüse sehr viel Eyweissstoff und eine geringe Menge zweyer Ma- terien, die er für Fett und Schleim hält. Hier war die Absonderung des Safts der Drüse zwar in der Quantität verändert. Aber in der Qua- lität desselben, die mit der des Chylus sehr überein- kömmt, scheint keine Abweichung vom gesunden Zustande statt gefunden zu haben. Die Die Schilddrüse liegt nicht wie die Milz in einer elastischen Kapsel; dagegen verbreitet sich auf ihr bey dem Menschen ein bandförmiger Muskel (Levator glandulae thyreoideae), welcher vom Zungenbein entspringt, und dessen Fasern sich mit ihrem mittlern Theil verbinden. Bey dem Elephant ist sie ganz von einer starken Apo- neurose bedeckt Cuvier a. a. O. p. 532. . Diese Muskeln müssen zu- sammengezogen eine starke Pressung auf die Zel- len der Schilddrüse hervorbringen. So weit zeigt sich die Schilddrüse der Milz im Wesentlichen ähnlich. Doch in Betreff der Blut- gefässe giebt es zwischen ihr und der letztern eine Verschiedenheit. Ihre von der obern und untern Schlüsselbeinarterie kommenden, und von Fäden des sympathischen Nerven begleiteten Schlagadern sind gegen die zu ihr gehörigen Venen nicht so klein, wie bey der Milz; sie gehören, in Ver- hältniss gegen die Grösse der Schilddrüse, zu den grössten des ganzen Körpers, und machen dabey häufige Anastomosen durch grosse Zweige. Man hat diese Verbindung mit dem Wundernetz der Rinder verglichen, und Brechung des Andrangs des Bluts gegen den Kopf für einen Nutzen der Schilddrüse gehalten. Allein dieser Zweck hätte sich weit einfacher durch eine Schicht von blossem Zellge- L l 4 Zellgewebe erreichen lassen. Da aber die Venen der Schilddrüse nicht viel mehr aufnehmen kön- nen, als die Arterien zuführen, so ist zu vermu- then, dass blos die Saugadern den Saft dieser Drüse absorbiren. Unterhalb der Schilddrüse, in der vordern Höhle der Brustscheidewand, liegt die Thymus . Diese besteht bey dem Menschen aus zwey grössern Lappen, die zu beyden Seiten nach oben und un- ten vier längliche Fortsätze bilden, und sich in mehrere kleinere, durch Zellgewebe unter einan- der verbundene Lappen trennen lassen. Nach einem Einschnitt zeigen sich allenthalben auf der Fläche des Schnitts Zellen, die mit einem weiss- gelblichen, der Milch Bartholini Anat. p. 349. , oder dem Chylus Albicans et fere chylosum serum. Morgagni Ad- vers. anat. IV. p. 19. ähnlichen, vom Weingeist gerinnenden Saft ange- füllt sind, der in mancher Thymus und in man- chen Theilen derselben häufiger als in andern, immer aber in dem obersten Theil am reichlichsten ist S. C. Lucä in den Abh. der physikal. Societät zu Erlangen. B. 2. S. 22. — Ebendesselben anat. Unters. der Thymus in Menschen u. Thieren. H. 1. S. 30 ff. H. 2. S. 21 ff. . Beym Einblasen von Luft in eine gemachte Oeffnung schwellen alle diese Zellen an, und die ganze ganze Drüse bekömmt ein schwammartiges An- sehen. Beym stärkern Blasen dringt die Luft auch in das zwischen den Lappen liegende Zellgewebe. Die Zellen müssen also durch Oeffnungen in Ver- bindung stehen. Diese Verbindung findet aber nur zwischen den einzelnen Höhlen jedes Haupt- lappens, nicht zwischen den Hauptlappen, welche blos durch Zellgewebe zusammenhängen, statt Lucä ebendas. . In den Zwischenräumen der Lappen schlängeln sich die Arterien und Venen fort. Die erstern sind zahlreich, aber klein, die letztern von mit- telmässiger Grösse, und beyde sehr veränderlich in Ansehung ihres Ursprungs und ihrer Endigun- gen. Nerven erhält die Thymus einige kleinere von dem Zwerchfellsnerven. Ihre Saugadern gehen zu den Achseldrüsen Haller l. c. L. 8. S. 2. p. 114. sq. . Bey dem Menschen fährt sie nach der Geburt noch einige Zeit fort zu wachsen, fängt aber gegen das zwölfte Jahr an zu schwinden Lucä ’s anat. Untersuch. H. 1. S. 14. H. 2. S. 49. . Blos die Säugthiere scheinen diese Drüse zu besitzen. Vorzüglich gross ist sie bey den Ce- taceen Haller l. c. p. 115. , und bey den Nagethieren, die einen Winterschlaf halten. Die letztern haben auch noch mehrere L l 5 mehrere ähnliche Drüsen, die man nicht bey den übrigen Säugthieren findet. Bey dem Bobak (Mar- mota Bobac) füllt die Thymus den ganzen Raum der Brusthöhle vor dem Herzen aus, und hat sehr grosse Gefässe. Zwey ähnliche, aber etwas weniger gefässreiche Drüsen liegen zu beyden Sei- ten der Brust unter den grössern Brustmuskeln, und gehen bis unter die Achseln fort Pallas Nov. spec. quadrup. e glirium ord. Ed. 2. p. 117. . Beym Lemming (Lemus migratorius) ist auch die ganze untere Seite des Halses bis zu beyden Oh- ren mit einer Drüse bedeckt, die dem Kopfe an Grösse gleich kömmt, und aus einem grossen halb- mondförmigen Mittelstück mit mehrern kleinern Seitenlappen besteht Pallas ibid. p. 202. . Alle diese Drüsen schwel- len bey den lethargischen Thieren im Herbste ausserordentlich an, da sie zum Theil im Som- mer kaum sichtbar sind Prunelle , Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 18. p. 308. . Im Winter haben sie eine höhere Röthe als im Sommer. Sie ver- halten sich während des Winterschlafs wie die Thymus des Embryo, die auch eine hohe Röthe besitzt. Pallas L. c. p. 118. schloss schon aus dieser Ana- logie, dass der Zweck jener Organe in Verähnli- chung gewisser Säfte besteht. Wie Wie die Shilddrüse dem Halse und die Thy- mus der Brust, so gehören die beyden Neben- nieren dem Unterleibe an. Diese liegen an den obern Enden der Nieren, auf der innern Seite derselben. Gleich jenen erreichen sie schon in den ersten Perioden des Lebens das Ziel ihres Wachs- thums. Man findet sie bey allen Säugthieren und Vögeln, und bey allen haben sie einerley Lage. Ihre Grösse und Gestalt aber ist sowohl bey ver- schiedenen Thieren, als bey einer und derselben Art nach der Verschiedenheit des Alters verschie- den. Bey dem erwachsenen Menschen sind sie gewöhnlich dreyseitig. Die rechte liegt unter der Leber, die linke unter der Milz, dem Pankreas und dem Magen. Beyde hängen durch Zellgewebe mit den Nieren und der Bauchhaut zusammen, und haben einen dünnen, aus Zellstoff bestehenden Ueberzug. Bey den Säugthieren haben diese Drüsen im Innern Aehnlichkeit mit den Nieren. Wie diese bestehen sie aus einer äussern und innern Sub- stanz. Aber die letztere kömmt mit der Rinde, und die erstere mit dem Mark der Nieren über- ein. Was also bey den Nieren nach aussen liegt, findet sich bey den Nebennieren inwendig, und umgekehrt. Die äussere Substanz enthält Fasern, die nach dem Mittelpunkt gerichtet sind; an der innern, die weicher ist, lassen sich keine ungleich- artige artige Theile unterscheiden Cuvier a. a. O. T. 5. p. 241. — Hunter fand die- sen Bau auch bey den Wallfischen. (M. s. dessen Beyträge zur Nat. Gesch. der Wallf. Uebers. von Schneider . Th. 1. S. 58.). . Bey den Vögeln findet der Unterschied zwischen Mark und Rinde in den Nebennieren nicht mehr statt, ausser beym Casuar Meckel a. a. O. . Die beyden Substanzen der Nebennieren bil- den Lappen, die durch Zellgewebe unter einander verbunden sind, und eine Höhlung einschliessen, worin eine Flüssigkeit enthalten ist. Mit der letztern verhält es sich wie mit den Zellen und dem Saft der Schilddrüse. Viele Zergliederer Bartholin, Bauhin, Veslinc, Morgagni . haben sie sowohl bey Menschen, als bey Thie- ren angetroffen; Andere Riolan, Bianchi . haben sie nicht ent- decken können. Haller L. c. T. VII. L. 26. S. 1. §. 26. p. 290. fand sie in sechszehn Fällen, und nur in dreyen nicht, und ein ähn- liches Resultat geben Morgagni ’s Epist. anat. XX. p. 426. Untersuchun- gen. Die Nebennieren müssen also, wie alle ähn- liche Organe, einer Ausdehnung und Zusammen- ziehung fähig seyn, und mit dieser Annahme stimmt stimmt auch die Veränderlichkeit ihrer Gestalt Morgagni l. c. p. 428. überein, die wohl nicht blos Folge des Alters, sondern auch ihrer Anschwellung oder Auslee- rung ist. Der Saft der Nebennieren ist bey dem Foetus weisslich, also dem ähnlich, den man in der Schilddrüse und der Thymus jüngerer Thiere fin- det. Mit dem Alter verändert er sich. Bey Er- wachsenen hat man ihn zuweilen gelblich, oft röthlich, wie mit Blut vermischtes Wasser, und in andern Fällen schwarz gefunden. Von Wein- geist wird er, wie der Saft der Thymus, zum Gerinnen gebracht Haller l. c. . Die Arterien dieser Drüsen sind Zweige der Schlagadern des Zwerchfells, der Aorta und der Nebennieren. Sie sind klein, aber zahlreich. Die Venen hingegen, die auf der rechten Seite in die Hohlader, auf der linken in die Nierenvenen über- gehen, sind weniger zahlreich, aber von beträcht- licher Grösse, und darin merkwürdig, dass sich mehrere ihrer Zweige mit deutlichen Mündungen in die Höhlungen der Nebennieren öffnen, und dass sie, wie die Pfortader, keine Klappen ha- ben Haller ibid. p. 290. 293. . Saugadern kommen sowohl aus dem In- nern, nern, als von der Oberfläche der Nebennieren. Sie vereinigen sich mit den Lymphgefässen der Leber. Nerven gehen zu diesen Organen theils von dem halbmondförmigen Knoten, theils von dem Nierengeflechte. Bey den Fröschen liegen zwischen den Nieren und den Hoden oder Eyerstöcken zwey Organe, die ihrer Lage und ihrer Verbindung mit den umliegenden Theilen nach den Nebennieren ähn- lich, in andern Stücken von diesen verschieden und mehr dem Netze verwandt sind. Sie beste- hen aus cylindrischen Blinddärmen, die theils ein- fach, theils ästig, und mit einem öligen Saft an- gefüllt sind. Aus dem untern Ende eines jeden dieser Säcke kömmt eine Vene hervor, die unge- theilt aus einer Höhlung des letztern entspringt, und sich mit den Venen der übrigen Därme zu einem gemeinschaftlichen, in die Nierenvenen übergehenden Stamm vereinigt. Am grössten sind diese Organe bey den Kaulquappen Swammerdamm ’s Bibel der Natur. S. 314. — Rösel Hist. ranar. nostratium. — Cuvier Leçons. T. 5. p. 248. . Es ist allerdings, wie Cuvier bemerkt hat, schwer zu sagen, ob man diese Theile mit den Nebennieren, oder mit dem Netz vergleichen soll. Allein eben diese Ungewissheit beweist, dass bey aller Verschiedenheit in dem Bau des Netzes und der der Nebennieren doch die Funktionen derselben nicht sehr verschieden sind, und dass beyde einen Nahrungssaft absondern, dessen Bestimmung ist, von den Venen aufgenommen zu werden. Die- ser Beweis wird auch durch eine Bemerkung un- terstützt, die Pallas L. c. p. 299. am Jerboa gemacht hat. Bey dem letztern giebt es ausser den übrigen, der Thymus ähnlichen Organen, die derselbe mit den übrigen lethargischen Nagethieren gemein hat, noch zwey Paar andere Drüsen, von welchen das eine zu beyden Seiten im Bauche an der untern Beckenöffnung, das andere hinter den Nieren an den Psoasmuskeln liegt. Pallas fand jene den Nebennieren ähnlich. Die Substanz beyder Paare aber hielt das Mittel zwischen dem Fett und den Drüsen Pallas nennt sie: Substantiam glanduloso-lar- dosam. , und in der Wärme drang aus ihnen ein Oel hervor. Auch diese Drüsen sind also theils dem Netze, theils den Nebennie- ren verwandt. Man sieht aus diesen Beschreibungen, dass die Schilddrüse, die Thymus und die Nebennie- ren bey manchen Verschiedenheiten doch im We- sentlichen unter sich und mit der Milz überein- kommen. Ihre Verschiedenheiten beziehen sich vorzüglich auf das gegenseitige Verhältniss der zu zu ihnen gehenden Arterien und Venen. Bey ei- nigen sind jene diesen gleich, bey andern aber weit kleiner als diese, Bey den letztern scheint die Absorbtion des Nahrungssafts vorzüglich durch die Venen, bey den erstern hingegen durch die einsaugenden Gefässe zu geschehen. Eine Frage lässt sich aber noch aufwerfen, nehmlich aus welchen Theilen jene Organe die zu assimilirenden Säfte erhalten? In Betreff der Milz ist diese Frage schon oben beantwortet. Bey den übrigen fehlt es an Versuchen. Doch ist so viel einleuchtend, dass die Schilddrüse und die Thymus gerade an den Stellen liegen, wo sich das Zellgewebe der obern Extremitäten mit dem des Kopfs und des Halses verbindet, und wo der Zusammenfluss aller, durch die Hautabsor- btion in dasselbe gelangten Säfte statt finden muss. Die Schilddrüse hat ausserdem eine solche Lage, dass ihr alle Flüssigkeit, die sich in den Ventrikeln des Kehlkopfs beym Athemholen sam- melt, auf dem kürzesten Wege zugeführt wer- den kann. Es ist auch noch nicht ausgemacht, ob es nicht, wie viele der vorzüglichsten unter den ältern Anatomen gefunden zu haben glaub- ten Haller l. c. T. III. L. 9. S. 1. §. 22. p. 398. , und wie noch in neuern Zeiten Uttini Commentar. Bononiens. T. VII. p. 27. behaup- behauptete, Verbindungscanäle zwischen dieser Drüse und der Luftröhre giebt, die dann aber gewiss nicht Ausleerungsgänge, sondern Einsau- gungsgefässe der aus der eingeathmeten Luft ab- gesetzten Feuchtigkeit sind. Die Nebennieren end- lich liegen an einem Ort, wo sie sowohl mit dem Zellgewebe der untern Extremitäten, als mit dem, welches sich über die äussere Fläche des Bauch- fells fortzieht und die äusserste Zellenhaut des Darmcanals bildet, in der nächsten Verbindung stehen. Die durch die Haut eingesogenen Flüssig- keiten scheinen also die zu seyn, zu deren Assi- milation jene Drüsen vorzüglich bestimmt sind. Diese Absorbtion ist am grössten bey der Frucht und den Wasserthieren. Bey jener muss auch in den Ventrikeln des Kehlkopfs beständig eine An- häufung des durch die Nase und den Mund ein- dringenden Kindswassers statt finden. Es ist also erklärbar, warum die Schilddrüse und die übrigen Organe dieser Art bey dem Embryo sich so früh entwickeln, und bey den Cetaceen von vorzügli- cher Grösse sind. §. 22. Das Blut . Wir sind jetzt zu der Quelle, woraus alle Theile den Stoff zu ihrer Bildung und Erhaltung nehmen, und worin jedes aufgelöste Organ zu- rückkehrt, zu dem Blute , gekommen. Mehrere IV. Bd. M m That- Thatsachen, welche auf diese Flüssigkeit Bezie- hung haben, sind schon in den vorigen Abthei- lungen dieses Werks mitgetheilt worden. Hier werden wir die Bestandtheile derselben unter- suchen. Alle Thiere der vier höhern Classen haben rothes Blut von dicker, klebriger Beschaffenheit, worin man unter dem Mikroskop Kügelchen sieht, die bey allen Thieren von einerley Gestalt, doch bey den Amphibien und Fischen etwas grösser als bey den Säugthieren und Vögeln sind C. Sprengel Institut. physiolog. P. I. p. 379. . Man findet diese Kügelchen auch in dem Blut der weissblütigen Thiere, und selbst in dem Saft, den das Herz der Insekten enthält Lyonnet Traité de la chenille du saule. p. 426. . Im frischen Zustande haucht diese Flüssigkeit einen eigenen Geruch aus, der von der Luft, dem Wasser und Weingeist aufgenommen wird, und hierin Aehnlichkeit mit dem riechbaren Stoff der Pflanzen hat Parmentier et Deyeux , Journ, de Phys. T. (I.) 44. p. 372. 435. . Nach dem Ausfliessen aus dem Körper ver- liert das Blut etwas an Ausdehnung, und es bil- det sich im Umfange des Gefässes, worin das- selbe enthalten ist, ein rothes Coagulum, das sich nach nach der Mitte hin immer mehr zusammenzieht, und endlich ohngefähr die Festigkeit der Kno- chengallerte erlangt. Ueber dem letztern sammelt sich eine helle, durchsichtige Flüssigkeit, worin keine rothe Kügelchen enthalten sind. Jener ge- ronnene Theil ist der Blutkuchen (Crassamen- tum); diese durchsichtige Flüssigkeit das Blut- wasser (Serum). Ein solcher Blutkuchen bildet sich selbst in dem Blut der Insekten. Die Kügel- chen des in dem Herzen der Weidenraupe befind- lichen Safts fliessen im Wasser zu teigartigen Massen zusammen, die sich getrocknet in eine gummöse Substanz verwandeln Lyonnet a. a. O. . Die Gerinnung des Bluts wird befördert durch Ruhe, den Einfluss der atmosphärischen Luft, Wärme, Säuren und Alaun; sie wird gehindert durch Kälte, durch Alkalien und mehrere Mit- telsalze. Weder Ruhe, noch Wärme, noch der Einfluss der Atmosphäre sind aber die Ursachen jener Ge- rinnung, obgleich diese und noch viele andere Um- stände, z. B. die Weite der Oeffnung, woraus das Blut ausfliesst, und die Tiefe oder Flachheit des Gefässes, worin dasselbe aufgefangen wird, auf dieselbe Einfluss haben. Man kann hieran nicht zwei- M m 2 zweifeln, wenn man de Haen ’s Rat. med. P. I. p. 80. P. III. p. 129. P. IV. p. 217. , Hewson ’s Vom Blute, seinen Eigenschaften u. s. w. und Autenrieth ’s Diss. sist. exper. et observ. de sanguine, praesertim venoso. Stuttgardiae. 1792. Beobachtungen über jene Erscheinungen liest. Die Vereinigung der ver- schiedenen Bestandtheile des Bluts zu einer ein- zigen Flüssigkeit scheint ein erzwungener Zustand zu seyn, der durch die Einwirkung des übrigen Organismus unterhalten wird, und aufhört, so- bald das Blut von dem letztern getrennt ist. Nach dieser Trennung gerinnt gesundes Blut immer, wenn nicht während oder gleich nach dem Aus- fliessen aus der Ader die Mischung desselben durch chemische Mittel zerstört wird. Die Art der Ge- rinnung hängt aber theils von dem Einfluss ab, den der übrige Körper auf das Blut äusserte, als dasselbe noch in den Adern enthalten war, theils von den Umständen, worin dasselbe während und nach dem Ausfliessen aus dem Körper ver- setzt wird. Beweise jenes Einflusses sind die von Highmor, Willis und mir Physiologische Fragmente. Th. 2. S. 241. bemerkte schnelle Gerinnung des in den Anfällen convulsivischer Krankheiten gelassenen Bluts, so wie mehrere, von Hewson A. a. O. S. 63. angeführte Versuche, woraus dieser dieser folgerte, “dass die Eigenschaften des Bluts „von der Beschaffenheit der Blutgefässe abhängen, „oder dass diese eine bildende Kraft auf dasselbe „äussern,” und Sulzer ’s Beobachtungen über die Beschaffenheit des Bluts des Hamsters im Win- terschlaf. Das letztere gerinnt während der Er- starrung des Thiers langsamer als zu andern Zei- ten; der Blutkuchen verliert in diesem Zustande seine Flüssigkeit nicht ganz, und das Serum ist nicht, wie bey andern Thieren, durchsichtig und wässrig, sondern zinnoberfarben Sulzer ’s Vers. einer Nat. Gesch. des Hamsters. S. 93. . Eine merkwürdige Erscheinung zeigt sich beym Gerinnen frischer, unter das Vergrösserungsglas gebrachter Blutstropfen. Man sieht hier ein netz- förmiges Gewebe entstehen, welches ohngefähr zehn Minuten lang ununterbrochene Bewegungen äussert, die mit schwachen Zusammenziehungen und Ausdehnungen der Muskelfasern Aehnlichkeit haben. Diese Bewegungen stehen mit der Dauer des Gerinnens in Verhältniss. Sehr verdünnte oxygenirte Salzsäure verstärkt dieselben; andere, stärkere Säuren hingegen heben augenblicklich alle Bewegungen auf, und bringen einen flockenarti- gen Niederschlag hervor Heidmann in Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 17. S. 1 ff. . Die M m 3 Die Menge des Blutwassers ist verschieden nach der verschiedenen Art und Constitution des Thiers. Am wenigsten Serum habe ich in dem Blut von Hühnern gefunden. Das Blutwasser der Säugthiere färbt den Veilchensyrup grün; das von Hühnern, mit diesem Reagens vermischt, giebt eine Flüssigkeit, die blos am Rande etwas ins Grüne fällt; von dem Serum eines Störs (Acipen- ser Sturio) habe ich gar keinen Einfluss auf den Veilchensyrup bemerkt. Für die nächsten Bestandtheile des Blutwassers halte ich Wasser, Eyweissstoff und milch- saures Natrum . Diese Vorstellung ist von den gangbaren sehr verschieden. Ich werde deshalb etwas umständlicher darüber seyn müssen. Dass Wasser und Eyweissstoff zu den nächsten Bestandtheilen des Blutwassers gehören, darüber ist man allgemein einverstanden. Dass auch das milch- saure Natrum, oder das Thouvenel ’sche Fleisch- extrakt, ein Bestandtheil dieser Flüssigkeit ist, wurde zuerst von Berzelius bemerkt Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie, Physik u. Mineral. B. 7. S. 585. B. 9. S. 586. . Ich er- hielt dasselbe am reichlichsten, indem ich Rinds- blut mit rektificirtem Weingeist in einer gelinden Wärme digerirte, das hierbey geronnene Blut nach Abgiessung des Weingeists wieder mit Wasser ge- linde aufkochen liess, beyde Auszüge zusammen- goss, goss, und die Mischung von neuem bis zum Verdünsten des Weingeists kochte. Bey der letz- tern Operation scheidet sich aller Eyweissstoff ab, und die durchgeseihete Flüssigkeit verräth ihren Gehalt an milchsaurem Natrum durch ihren scharfen Geschmack, durch den Niederschlag, den Galläpfelaufguss in ihr hervorbringt, obgleich keine Spuren von Gallerte in ihr enthalten sind, und durch das Hinterlassen einer gelbbraunen Materie nach dem Abdampfen, welche die Feuchtigkeit der Luft an sich zieht. Von andern Schriftstellern sind noch Schwefel, Natrum, Kali, Salzsäure, Gallerte und Schleim als Bestandtheile des Blutwassers angegeben wor- den. Allein der Schwefel, die beyden feuerbe- ständigen Alkalien und die Salzsäure sind theils im Eyweissstoff, theils in der Milchsäure enthal- ten, und gehören keinesweges zu den nächsten Bestandtheilen des Blutwassers. Gallerte glaubten Fourcroy und Vauquelin im Serum entdeckt zu haben Annales de Chimie T. 7. p. 146. . Parmentier und Deyeux machten in der Folge neue Versuche be- kannt, welche diese Entdeckung zu bestätigen schienen A. a. O. . Gegen die Richtigkeit jener Erfah- rungen M m 4 rungen wurden von Bostock Zweifel erhoben Medico-chirurg. Transact. published by the med. and chriurg. Society of London. Vol. 1. p. 47. . Mit Recht erinnert dieser, dass weder Fourcroy und Vauquelin , noch Parmentier und Deyeux Eigenschaften der von ihnen für Gallerte ange- nommenen Materie angegeben haben, welche diese als wahre Gallerte charakterisiren. Die erstern schlossen auf das Daseyn des Leims im Blutwas- ser, blos weil in diesem, nachdem es mit Was- ser vermischt und der Eyweissstoff zum Gerinnen gebracht war, eine Substanz zurückblieb, die beym Erkalten nach und nach starr wurde. Sie bemerken aber nicht, was sie hätten bemerken müssen, um die gallertartige Natur dieser Substanz wirklich zu beweisen, dass sie sich in der Hitze wieder aufgelöst hätte. Parmentier und Deyeux gestehen auch, dass sie bey Wiederholung jenes Versuchs keine befriedigende Resultate erhalten hätten. Diese glaubten aber wahre Gallerte er- halten zu haben, als sie reines Serum eine halbe Stunde im Marienbade hatten digeriren lassen, wobey sich ausser dem geronnenen Eyweissstoff noch eine Materie erzeugte, die ganz das Ansehn der Gallerte hatte, und sich in Wasser auflöste. Ich habe diese Versuche auf verschiedene Art wiederholt und gefunden, dass, wenn Serum nur mit einer geringen Quantität Wasser gekocht wird, aus aus dem geronnenen Eyweiss eine gelbliche Sub- stanz hervordringt, die zwar einige Aehnlichkeit mit Gallerte hat, doch kein wahrer Leim, und blos ein Produkt des Kochens ist. Wir haben schon im 9ten §. dieses Kapitels gesehen, dass das Eyweiss durch mineralische Säuren, besonders durch die Phosphorsäure, in Gallerte verwandelt wird. Eine ähnliche Umwandlung scheint in dem obigen Fall bey der Einwirkung der Milchsäure des Blutwassers auf das Eyweiss desselben vor- zugehen. Bostock , welcher Blutwasser durch Hitze und zugleich durch den Zusatz des salzsauren Quecksilbers zum Gerinnen brachte, und diese Operation so lange wiederholte, bis alles Eyweiss völlig abgeschieden war, erhielt aus der übrigen Flüssigkeit weder beym Zusatz eines Aufgusses der Gerberlohe einen Niederschlag, noch beym Abdampfen einen gallertartigen Rückstand. Als das Abdampfen bis zum Austrocknen fortgesetzt wurde, blieb eine zähe Haut von thierischer Ma- terie zurück, die in keiner Hinsicht getrockneter Gelatina glich, und sich schwer in Wasser auf- löste. Bostock ist geneigt, diesen Rückstand für thierischen Schleim zu halten. Allein der einzige Grund, worauf sich seine Vermuthung stützt, ist ein Fall, wo der Zusatz des essigsauren Bley zu Wasser, worin Eyweissstoff des Serums digerirt M m 5 war, war, einen häufigen Niederschlag hervorbrachte. Er schliesst hieraus auf die Gegenwart des Schleims, weil er das essigsaure Bley für das Fällungsmittel des Schleims, so wie Hitze und ätzendes salzsau- res Quecksilber für die Reagentien des Eyweiss- stoffs, und den Gerbestoff für das Reagens der Gallerte hält Nicholson Journ. of nat. Phil. Vol. XI. p. 244. . Diese Charaktere sind aber auf willkührliche Voraussetzungen gebaut, und ganz unzureichend. Bostock nahm ohne alle Beweise eine filtrirte Mischung von Speichel mit kaltem Wasser, und die durchgeseihete Flüssigkeit, die er durch Schütteln einer Auster in kaltem Wasser erhielt, für reinen Schleim an. Allein der Spei- chel enthält Eyweissstoff und nicht blos Schleim. Ueber die Flüssigkeit der Austern habe ich keine eigene Erfahrungen. Der zähe Saft, den die nack- ten Schnecken von sich geben, besteht indess fast blos aus Gallerte. Der Analogie nach ist zu vermuthen, dass die Flüssigkeit der Austern eben diese Beschaffenheit hat. Folgende Versuche, die ich über das Verhalten des Schleims, der Gallerte und des Eyweissstoffs gegen chemische Reagentien angestellt habe, zeigen das Unzurei- chende der von Bostock angegebenen Merkmale dieser Substanzen, und beweisen ausserdem, dass es Fälle giebt, wo sich die letztern der Einwir- kung anderer, sonst sicherer Reagentien entziehen. 1. 1. Lungenschleim gerann in einer wässrigen Auflösung des essigsauren Bleys zu einer gelati- nösen Haut. Eine Auflösung desselben in einer Lauge von ätzendem Natrum gab mit essigsaurem Bley einen Niederschlag von weissen Partikeln, die fast das Ansehn des käsigen Theils der Milch hatten. Hingegen eben dieser Schleim in verdünnter Salpetersäure aufgelöst, gab weder mit essigsau- rem Bley, noch mit kohlensaurem Natrum ei- nen Niederschlag. 2. Aus einer Abkochung des Hirschhorns wurde die Gallerte durch Galläpfeltinktur in bräunlichen Flocken präcipitirt. Essigsaures Bley und ätzendes salzsaures Queck- silber bewirkten in derselben keinen Niederschlag. 3. Das Weisse eines Hühnereys gerann vom Zusatz des essigsauren Bleys zu festen, häutigen Concretionen, welche der auf gekochter Milch sich erzeugenden Haut glichen. Vom ätzenden salzsauren Quecksilber gerann dasselbe ebenfalls, doch nicht zu so festen Häuten, als vom essigsauren Bley. Von einer Galläpfelabkochung wurde es ver- dichtet, nicht aber zum wirklichen Gerinnen ge- bracht. 4. 4. Ich löste Eyweiss in einer kochenden Lauge des ätzenden Natrum auf, und setzte einem Theil dieser Auflösung nach dem Erkalten essigsaures Bley, einem zweyten Salpetersäure, und einem dritten Alcohol zu. Beym Zusatz des essigsauren Bleys und der Salpetersäure gerann das Eyweiss sogleich; der Alcohol hingegen bewirkte kein Ge- rinnen. 5. Ich vermischte eine Auflösung des Eyweiss in ätzendem Natrum mit einer gleichen Quantität einer Abkochung des Hirschhorns, und tröpfelte Galläpfeltinktur hinzu. Es entstand aber kein Nie- derschlag. Aus diesen Versuchen ergiebt sich 1) dass essigsaures Bley eben so wohl auf den Schleim, als auf das Eyweiss wirkt, und dass jenes keinesweges blos den Schleim anzeigt; 2) dass Schleim, Eyweiss und Gallerte gewisse Verbindungen haben können, wobey der erste nicht vom essigsauren Bley, das zweyte nicht vom Alcohol, und die dritte nicht von der Galläpfel- tinktur niedergeschlagen wird. Es frägt sich nun, ob etwa Gallerte und Schleim in Verbindungen dieser Art dem Blut- wasser beygemischt sind? Ich antworte hierauf, dass Schleim mit Säure, und Gallerte mit ätzen- dem Natrum verbunden, nicht mehr Schleim und Gallerte sind, sondern sich dem Zustande des Ey- weiss- weissstoffs nähern. Wenn also diese Substanzen in den erwähnten Verbindungen Bestandtheile des Blutwassers sind, so befinden sie sich darin als Eyweiss. Mithin stimmen alle Erfahrungen dar- in überein, dass der Eyweissstoff und das milch- saure Natrum die nähern Bestandtheile des Serums sind. Der zweyte von den beyden Theilen, worin sich das Blut ausserhalb dem Körper trennt, ist der Blutkuchen . Dieser besteht aus dem Fa- serstoff , oder dem fadenartigen Theil (Fibra sanguinis), und dem rothen Theil (Cruor). Der letztere wird von aufgegossenem Wasser zum Theil aufgenommen, indem der erstere auf dem Bo- den des Gefässes zurückbleibt. Die Absonderung beyder wird durch Schütteln, Umrühren u. d. gl. befördert. Zur Bildung des Faserstoffs trägt aber diese Bewegung nicht, wie einige Schriftsteller zu glauben scheinen, bey. In gewissen Krankheiten und unter gewissen Umständen sondert sich der fa- denartige Theil freywillig von dem Cruor ab, und bildet auf der Oberfläche des Blutwassers eine Art von Membran, die Entzündungshaut (Crusta pleuritica.). Von dem Faserstoff rühren auch die Pal- pitationen her, die man in gerinnendem Blut unter dem Vergrösserungsglase wahrnimmt. Im Schlag- aderblut soll er fester als im venösen Emmert in Reil ’s u. Autenrieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 11. S. 124. 125. , und bey er- wachse- wachsenen Thieren zäher als bey jüngern seyn Parmentier u. Deyeux a. a. O. . Ich habe ihn bey Thieren von ohngefähr glei- chem Alter und gleicher Constitution so verschie- den an Festigkeit gefunden, dass ich es für sehr schwer halte, alle Umstände, die auf seine Bil- dung Einfluss haben, mit Sicherheit zu be- stimmen. Man hat den Faserstoff bisher für einen eige- nen, von dem geronnenen Eyweissstoff ganz ver- schiedenen Bestandtheil des Bluts gehalten, und als unterscheidende Charaktere desselben ange- führt, dass sich aus ihr eine grössere Menge Stickstoff als aus irgend einem andern Theil des thierischen Körpers entwickeln lasse, und dass er in Säuren auflöslich sey. Ich kann dieser Mei- nung nicht beypflichten. Ich weiss nicht, dass jemand die Menge Stickstoff, die der Faserstoff liefert, mit der, welche sich aus dem durch Säuren oder Alcohol in einen häutigen Nieder- schlag verwandelten, und nicht blos durch Wär- me geronnenen Eyweissstoff entbinden lässt, ver- glichen hat. Was die Auflöslichkeit des Faser- stoffs in Säuren betrifft, so finde ich diese nicht anders als beym geronnenen Eyweissstoff. Ich bereitete mir Faserstoff, indem ich den mit Wasser vermischten Blutkuchen von Ochsenblut anhaltend schüttelte, und die dadurch erhaltenen weissen, weissen, häutigen Concretionen wiederholt mit Wasser abspühlte. Concentrirter Essig und ver- dünnte Salpetersäure lösten nur wenig von diesem Faserstoff auf. In dem Essig wurde der letztere etwas erweicht; das salpetersaure Wasser wurde etwas milchig. Der Essig nahm, auch bis zum Kochen erhitzt, nicht viel mehr als in der Kälte auf. Fest geronnenes Eyweiss verhielt sich eben so gegen jene Säuren. Durch anhaltendes Ko- chen wird zwar der Faserstoff wie der Eyweiss- stoff in mineralischen Säuren aufgelöst, aber nur indem beyde in ihrer Mischung gänzlich verän- dert werden. Ich glaube also, dass der Faser- stoff nichts anders als geronnener Eyweissstoff ist. Zur weitern Rechtfertigung meiner Meinung muss ich mich über das Gerinnen des Eyweiss- stoffs und über die verschiedenen Modifikationen desselben ausführlicher erklären. Das Gerinnen des Eyweissstoffs ist eine bis jetzt unerklärte Erscheinung. Fourcroy leitete dasselbe vom Zutritt des Sauerstoffs der Atmo- sphäre ab Annales de Chimie. T. 7. p. 146. . Aber diese Meinung wird dadurch widerlegt, dass das Coaguliren auch ohne den Zutritt der atmosphärischen Luft eintritt. Ich füllte ein Glas mit Eyweiss und ausgekochtem Wasser an, stürzte dasselbe in einer Schaale voll ausgekochten Wassers um, und brachte dieses zum zum Sieden. Das Eyweiss gerann in jenem Glase, zu welchem die Luft gar keinen Zutritt hatte, eben so schnell und vollkommen, als in einem offenen Gefäss. Schmidtmüller Commentat. de lympha. Erlang. 1801. fand auch, dass Eyweiss in Wasserstoffgas eben so wohl als in der atmosphärischen Luft gerinnt. Diese Erfahrungen beweisen, dass beym Ge- rinnen des Eyweiss etwas Ähnliches wie bey der Weingährung statt findet. Wie die letztere bloss aus dem Einfluss entsteht, den die Bestandtheile des Mostes gegenseitig auf einander äussern, so muss auch jene von Zersetzungen und Zusam- mensetzungen herrühren, die unter den Bestand- theilen des Eyweiss selber vorgehen. Man muss also voraussetzen, dass nur ein Theil dieser Substanz beym Gerinnen in den Zustand der Fes- tigkeit übergeht, der übrige aber sich als Flüs- sigkeit von jenem trennt. Bey dem durch Hitze verursachten Coaguliren tritt zwar eine solche Trennung nicht ein; hier nimmt der gerinnende Theil den flüssigen in sich auf. Aber bey der Wirkung von Säuren auf das Eyweiss zeigt sich eine Absonderung beyder Bestandtheile. Ich ver- mischte einen Theil Eyweiss mit drey Theilen concentrirten Essigs. Ein Theil des Eyweiss blieb in der Mitte der Flüssigkeit als eine gelbliche Wolke schweben; der grössere Theil verband sich sich mit dem Essig zu einer weisslichen, schlei- migen, vollkommnen Auflösung. Vermehrte ich die Quantität des Essigs in dieser Mischung, so blieb die unaufgelöste Wolke doch unverändert. Diese blieb auch unaufgelöst, nachdem ich sie von der übrigen Flüssigkeit abgesondert, und mit concentrirtem Essig übergossen hatte. Eben so löste sich nur ein Theil Eyweiss in sehr ver- dünnter Salpetersäure auf, indem die Flüssigkeit milchweiss und undurchsichtig wurde; der unauf- gelöste Theil bildete eine auf dem Boden des Gefässes schwimmende, weisse Membran. Diese in Säuren unauflösliche Substanz wird zugleich mit der auflöslichen von ätzenden Alkalien aufge- nommen, und durch Säuren daraus zum Theil wieder niedergeschlagen; umgekehrt scheiden koh- lensaure Alkalien und kohlensaurer Baryt die in Säuren aufgelöste Substanz des Eyweiss daraus zum Theil wieder ab. Folgende Theorie der Ernährung scheint mir nun aus den vorstehenden Erfahrungen hervorzu- gehen. Was den Eyweisstoff im Blute aufgelöst erhält, ist ein Alkali, das seine Gegenwart durch die Reaktion, die es gegen Pflanzenpigmente äus- sert, zu erkennen giebt. Wird dieses Auflösungs- mittel dem Eyweiss entzogen, so erfolgt immer ein Niederschlag des gerinnbaren Theils. Daher coagulirt Eyweiss in der Volta ischen Säule am negativen Pol, wo das Alkali abgeschieden wird, IV. Bd. N n indem indem am positiven Pol kein Spur, oder nur einzelne Flocken davon zu bemerken sind Brande , Philos. Transact. Y. 1809. P. 2. No. 21. — Hisincer in Gilbert ’s Annalen der Physik. B. 27. S. 304. — Hisinger nennt das den negativen Pol, was bey Brande der positive heisst. Die Verschie- denheit der Benennung rührt aber blos von der ver- schiedenen Construktion her, deren sie sich bedienten. . Daher findet man nur in dem ungeronnenen Theil des Bluts, nicht aber in dem Faserstoff desselben, Natrum Hildebrand in Crell ’s chem. Annalen. 1799. B. 1. S. 150. ; hingegen verbindet sich, wenn man Serum oder Eyweiss durch Säuren zum Gerinnen bringt, die Säure auf’s innigste mit dem geron- nenen Theil Thénard , Mém. de la Soc. d’ Arcueil. T. 2. p. 36. . Es geht hier etwas Aehnliches wie in jenem Fall zwischen den Polen der Vol- ta ischen Säule vor; das Alkali wird nicht von der Säure neutralisirt, sondern jenes verlässt eine Materie, deren sich dieses bemächtigt. Das Nehm- liche geschieht beym Gerinnen der Milch. Bringt man dieses durch eine Säure, z. B. durch Salpe- tersäure, hervor, so findet man keine Spur von Salpeter in den Molken. Schon Scheele bemerkte dies Neue Abhandl. der Schwed. Akademie. J. 1780. S. 111. . Er übersah aber, was nachher Fourcroy beobachtete Mém. de l’ Institut. Sc. mathém. et phys. T. 6. p. 332. , dass sich die angewandte Säure, wenn wenn sie nicht in Uebermaass zugesetzt ist, ganz mit dem gerinnenden Theil verbindet. Die Ausscheidung des Alkali aus dem gerin- nenden Theil des Eyweiss kann aber nicht nur durch eine von aussen hinzukommende, sondern auch durch eine von innen sich entwickelnde Säure geschehen. Auf die letztere Art gerinnt das Eyweiss in der Siedehitze und bey der frey- willigen Trennung des Bluts. Bey dieser Schei- dung ist es vermuthlich das im Blute befindliche Eisenoxyd, das einen Theil seines Sauerstoffs ab- tritt. Der Faserstoff hat dasselbe Ansehn wie Eyweiss, das in einer alkalischen Lauge aufgelöst und durch ein Metalloxyd niedergeschlagen ist. Warum übrigens das Eisenoxyd des Bluts nur in dem gelassenen Blut, und nicht während dieses noch im Umlauf begriffen ist, seinen Sauerstoff zum Theil fahren lässt, dies lässt sich freylich nur aus der Einwirkung erklären, die der übrige Organismus auf das Blut äussert, so lange dasselbe noch einen Theil von ihm ausmacht. Indess frägt es sich, ob nicht auch in dem circulirenden Blute das Eyweiss schon einigermaassen geronnen ist? und ob nicht die Blutkügelchen dieser coagulirte Theil sind? Wir kommen jetzt auf den Cruor, den noch am wenigsten bekannten Theil des Bluts. So viel ist ausgemacht, dass derselbe bey allen rothblüti- N n 2 gen gen Thieren Eisen enthält, und dass in diesem Metall ein Hauptgrund der rothen Farbe des Bluts liegt Ob auch das Blut der Mollusken und Würmer Eisen enthält, ist schwer zu bestimmen. Erman will zwar, wie Rudolphi in seinen Beyträgen zur Anthro- pologie und allgem. Naturgeschichte (S. 86.) erzählt, in dem Blut der Helix Pomatia und des Planorbis corneus sowohl Eisen, als Braunstein ge- funden haben. Ich gestehe aber, dass ich die Rich- tigkeit dieser Erfahrungen bezweifele. Ich habe oft versucht, das Blut der Weinbergschnecke aus dem geöffneten Herzen aufzufangen. Aber immer ergoss sich dasselbe in so geringer Quantität, und vermischte sich gleich so mit der in dem Herzbeutel und unter der Bauchhaut befindlichen Flüssigkeit, dass alle meine Mühe, auch nur einige Tropfen davon rein aufzu- fangen, vergeblich war. Vielleicht hat man die un- ter dem Bauchfell der Weinbergschnecke enthaltene Flüssigkeit für das Blut gehalten. Jene ist aber von diesem sehr verschieden. Sie ist von bläulicher Farbe, wirkt auf Pflanzenpigmente weder als Säure, noch als Alkali, und wird weder von Alcohol, noch von essigsaurem Bley coagulirt; hingegen mit Gall- äpfeltinktur mässig erwärmt, geht sie in eine gela- tinöse Substanz über. Sie besteht also aus Gallerte. . Aber unausgemacht ist es, von welcher Verbindung des Eisens die rothe Farbe entsteht. Zum Theil scheint diese Farbe von der Nah- rung, zum Theil auch von der eingeathmeten Luft abzuhängen. Goeze fand im Winter bey Frö- Fröschen, vorzüglich wenn sie von Kälte ganz starr waren, das Blut in den Adern weiss und durchsichtig Der Naturforscher. St. 20. — Nützliches Allerley aus der Natur u. dem gemeinen Leben von G. E. Goeze . B. 4. S. 43. . Eben so verliert sich die Röthe des Bluts bey ausgehungerten Fröschen. Andere Erfahrungen lassen ferner schliessen, dass es eine mit dem Eisen des Bluts verbundene Säure ist, welche jenem die rothe Farbe ertheilt, dasselbe im Blutwasser auflöslich macht, sich beym Verkohlen des Bluts leicht von dem Eisen trennt, dieses Metall aber, so lange sie mit demselben im Blute aufgelöst ist, dem Einfluss der gewöhn- lichen Reagentien entzieht. Blausaures Kali, Gall- äpfelaufguss und ähnliche gegenwirkende Mittel des Eisens zeigen keine Spur desselben im Blute an Berzelius in Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie, Physik u. s. w. B. 7. S. 583. . Verkohlt man aber Cruor über einem gelin- den Feuer, so erhält man eine schlackenartige Masse, die den Geruch angezündeter Haare von sich giebt, und an einem Lichte mit Prasseln verbrennt. Vor dem Verbrennen wird das Pulver derselben vom Magnet angezogen; auf die Asche hingegen äussert dieser keine Wirkung mehr. Von N n 3 Von welcher Art ist nun jene mit dem Eisen des Bluts verbundene Säure? Wir haben gesehen, dass der Speichel eine Säure enthält, die mit sal- petersaurer und schwefelsaurer Eisenauflösung eine Flussigkeit giebt, welche ganz die Farbe des Bluts hat M. vergl. §. 6. dieses Kap. . Fände sich die nehmliche Substanz auch im Blute, so würde wahrscheinlich diese jene gesuchte Säure seyn. Aus dem Speichel lässt sich die erwähnte Säure unmittelbar sowohl vermittelst Weingeist, als durch Wasser ausziehen. Dass sie auf diesem einfachen Wege aus dem Blute zu erhalten seyn wird, ist nach den obigen Erfahrungen über ihre fe- ste Verbindung mit dem Eisen des noch aufgelösten Cruors nicht zu erwarten. In der That sind auch alle meine Versuche, sie auf dem nassen Wege darzustellen, fruchtlos gewesen. Ich liess Cruor von Ochsenblut in einer Lauge des ätzenden Natrum bis zur Trockenheit kochen, und zog den Rückstand mit Weingeist aus; ich kochte Cruor mit Weingeist, und versuchte die fremdar- tigen Säuren durch caustisches Natrum und koh- lensauren Baryt abzuscheiden. Aber in keinem dieser Versuche bekam ich die verlangte Säure. Hingegen erhielt ich sie, wenn ich zwey Theile pulverisirter Blutkohle mit einem Theil ätzenden Natrum eine halbe Stunde mässig glühen liess, und und diese Mischung entweder unmittelbar mit Al- cohol auszog, oder erst mit Wasser kochte, die filtrirte Abkochung abdampfen liess, und den Rückstand mit Alcohol behandelte. In beyden Fällen gab der Weingeistauszug mit einer Auflö- sung des Eisens in Salpetersäure die nehmliche blutrothe Farbe, wie der mit Speichel digerirte Alcohol. Die Entdeckung dieser Säure des Cruors ge- hört nicht mir. Schon Winterl Die Kunst, die Blutlauge zu bereiten. Wien. 1790. §. 2. erhielt, in- dem er Blut mit Kali verkohlte, eine in Alcohol auf- lösliche Substanz, die nicht, wie das blausaure Kali, das Eisen aus seinen Auflösungen niederschlug, sondern roth färbte. Rink Gehlen ’s neues allgem. Journal der Chemie. B. 2. S. 461. fand Winterl ’s An- gabe bestätigt, und bemerkte unter andern, dass eine sehr verdünnte Auflösung sowohl von salzsau- rem, als schwefelsaurem Eisen durch den Weingeist- Auszug der Blutlauge dunkelroth gefärbt wurde Ittner (Beyträge zur Geschichte der Blausäure. S. 61.) bemühte sich zwar vergeblich, diese Säure zu erhalten. Ich vermuthe aber, dass dieser Schriftsteller den Wein- geist-Auszug der Blutlauge gleich nach der Bereitung untersucht hat. In diesem Falle bekam ich ebenfalls nicht immer mit Eisenauflösungen eine rothe Flüssig- keit. . Die N n 4 Die Beobachtung aber, dass auch der Speichel eben diese Säure enthält, ist meines Wissens bis- her noch nicht gemacht worden. Winterl nannte jene Säure Blutsäure . Ich werde diese passende Benennung beybehalten. Um die Beschaffenheit derselben zu entdecken, stellte Rink einige Versuche an, die aber kein ge- nügendes Resultat gaben. Ich gestehe, dass ich nicht glücklicher gewesen bin. Ueber das Verhal- ten derjenigen Blutsäure, die der Speichel liefert, habe ich schon im 6ten §. dieses Kapitels meine Erfahrungen mitgetheilt. An dem Weingeist-Aus- zug einer filtrirten, und bis zur Trockenheit ab- gedampften Blutlauge, die mit ätzendem Natrum bereitet war, habe ich noch Folgendes bemerkt. Nach dem Verdünsten des Auszugs fand ich den Boden des Gefässes mit kleinen, gelblichen Krystal- len und einer rothbraunen Substanz bedeckt. Beyde lösten sich schnell und vollständig in Was- ser auf. Die Auflösung färbte nach wie vor das salpetersaure Eisen roth. Salzsäure gab mit dem Weingeistauszug keinen Niederschlag, wohl aber Krystalle, die inzwischen von denen, welche sich ohne den Zusatz dieser Säure bildeten, nicht ver- schie- keit. Prüfte ich hingegen den Auszug mit salpeter- saurem Eisen, nachdem derselbe ohngefähr vier und zwanzig Stunden in einem offenen Glase gestanden hatte, so zeigte sich die rothe Farbe. schieden waren. Winterl ’s Angabe A. a. O. , dass die Blutsäure aus ihrer Auflösung durch Salzsäure in käsiger Gestalt abgeschieden wird, bestätigte sich also nicht. Der Weingeist-Auszug mit den ge- wöhnlichen Reagentien behandelt, zeigte Spuren von Eisen, Kalkerde und einem feuerbeständigen Alkali. Aber diese Bestandtheile waren gewiss blos fremdartige. Eine Vermuthung über die Be- schaffenheit der Basis dieser Säure werde ich im folgenden §. mittheilen. Man könnte durch eine Hypothese Fourcroy ’s Syst. des connoissances chimiques. T. 9. p. 152. verleitet werden, die Blutsäure für phosphorsaures Eisen zu halten. Diesem Schriftsteller zufolge befindet sich das Eisen als phosphorsaures Oxyd mit einem Ueberschuss der Basis im Blute. Zum Beweise seiner Meinung führt er an, dass Salpe- tersäure aus geglüheter Blutkohle einen Theil aufnimmt, der durch Ammonium weiss gefällt wird; dass der Niederschlag, mit ätzendem Kali behandelt, wieder eine rothe Farbe annimmt, und dass dieses rothe Oxyd sich in Eyweiss und Blut- wasser leicht auflöst. Er glaubt, dass der weisse Niederschlag phosphorsaures Eisen ist, dem das feuerbeständige Alkali einen Theil seiner Säure entzieht, und welches dadurch in phosphorsaures Eisen N n 5 Eisen mit einem Ueberschuss der Basis verwan- delt wird. Ich halte diese Hypothese für sehr unrichtig. Auf dem von Fourcroy angegebenen Wege ent- steht keinesweges eine blutfarbene, sondern blos eine rothbraune Flüssigkeit, und diese erhält man weit kürzer, wenn man metallisches Eisen in Sal- petersäure auflöst, und kohlensaures Natrum oder Kali zusetzt. Wäre Fourcroy ’s Meinung gegrün- det, so müsste das rothe phosphorsaure Eisen- oxyd auch entstehen, wenn man zu einer Auflö- sung des Eisens in Phosphorsäure ein Laugensalz setzt. Ich habe diesen Versuch angestellt, aber dabey kein rothes Eisenoxyd erhalten; im Gegen- theil verlor eine salpetersaure Eisenauflösung ihre färbende Wirkung auf Alkalien, wenn sie mit Phosphorsäure vermischt wurde. Hierzu kömmt, dass, nach Fourcroy ’s eigenen Versuchen Ann. de Chimie. T. 7. p. 162. , das Blut des Foetus keine Phosphorsäure enthält, und dass doch der färbende Bestandtheil darin dunkler und häufiger als beym Erwachsenen seyn soll “Es ist mir,” sagt auch Berzelius , “durchaus nicht „gelungen, aus Eyweiss oder Blutwasser mit Zusatz „von phosphorsaurem Eisenoxyd ein gefärbtes Blut- „wasser zu erhalten, wie Fourcroy angiebt.” ( Geh- len ’s Journ. f. d. Chemie, Physik u. Mineral. B. 7. S. . Nach Nach einer Vermuthung Autenrieth ’s Handbuch der empirischen menschl. Physiol. Th. 1. S. 28. hat Braunstein an der rothen Farbe des Bluts Antheil. Um diese Meinung zu prüfen, vermischte ich eine Auflösung des Braunsteins in Salpetersäure mit Speichel, der durch salpetersaures Eisen geröthet war. Die rothe Farbe verlor sich aber, und die Mischung wurde anfangs grünlich, nachher ganz farbenlos. Ich läugne hiermit nicht, dass Phosphorsäure und Braunstein im Blute enthalten sind. Ich glaube aber, dass diese Substanzen nicht anders als in sehr zusammengesetzten Verbindun- gen dem Blute beygemischt seyn können. §. 23. Uebergang des Bluts in feste und flüssige Theile. So weit wir also das Blut kennen, sind die Ele- mentarsubstanzen desselben: Eyweissstoff, milch- saures Natrum, und blutsaures Eisen. Wenn sich die Entstehung aller thierischen Theile aus diesen Substanzen bey dem jetzigen Zustande der Chemie noch S. 583.). Grindel ’s Versuch, aus phosphorsaurem Eisen, Kochsalz, Eyweiss und Wasser vermittelst der Volta ischen Säule Blut zu bereiten, ( Hufeland ’s u. Himly ’s Journ. der prakt. Heilk. J. 1811. St. 1. S. 24. — St. 8. S. 98. — J. 1812. St. 2. S. 99.) verdient nach dem, was Fischer (Ebendas. J. 1811. St. 12. S. 43.) darüber gesagt hat, keiner Erwähnung mehr. noch nicht ganz befriedigend erklären lässt, so halte ich es doch für möglich, dass die Chemie zu dieser Erklärung gelangen kann, und hiervon wer- de ich den Beweis an den nähern, allen thieri- schen Körpern gemeinschaftlichen und ihnen eigen- thümlichen Bestandtheilen jetzt zu führen suchen. Ausser den erwähnten Elementarsubstanzen des Bluts gehören zu diesen Bestandtheilen: Die Gallerte. Der Schleim. Der Faserstoff. Der käsige Theil der Milch. Der Milchzucker. Das Fett mit dessen verschiedenen Modi- fikationen, der Butter, dem Markfett u. s. w. Das Gallenharz. Die ölige Materie des Gehirns, des Chy- lus, der Haare und der Hautschmiere. Das Ohrenschmalz. Der Harnstoff. Die leimige Materie des Gliedwassers. Die Benzoesäure. Die Milchzuckersäure. Die Blausäure. Einige andere thierische Materien, wie der Moschus, das Biebergeil u. d. gl. sind theils auf zu wenig Thierarten beschränkt, theils noch zu wenig wenig untersucht, um hier in Betracht kommen zu können. Die Entstehung der Gallerte, des Schleims und des Faserstoffs aus dem Eyweissstoff ist schon oben (§. 9. u. 22. dieses Kap.) gezeigt worden. Gallerte bildet sich, wenn Eyweissstoff mit einer mineralischen Säure bey einer Temperatur, deren Stärke und Dauer nach der Stärke und Beschaffen- heit der Säure verschieden ist, behandelt wird. Der bey der Einwirkung von Säuren, Metalloxy- den, Alcohol und Naphten gerinnende Theil des Eyweissstoffs ist Faserstoff. Schleim ist Gallerte, die durch den Einfluss von Alkalien ihre Eigen- schaft, in der Kälte zu gerinnen, verloren hat. Diese Substanzen, besonders der Faserstoff und die Gallerte, sind aber in der Gestalt, worin wir sie durch chemische Operationen abscheiden, wohl nur in den Auswurfsstoffen des thierischen Kör- pers befindlich. Den Faserstoff enthalten die be- lebtern Theile wahrscheinlich nur im halbgeron- nenen Zustande. Sieht man an zarten, halbdurch- sichtigen Theilen, z. B. an der Bauchscheibe von Schnecken, die auf einer gegen das Licht gehal- tenen Glastafel kriechen, dem Spiel der Muskeln zu, das wellenförmigen Bewegungen einer halb- flüssigen Materie gleicht, so wird man gestehen müssen, dass diese Bewegungen nicht von einer so starren Substanz, wie der aus unbelebten Thei- len len abgeschiedene Faserstoff ist, herrühren können. Die Gallerte ist ebenfalls als solche gewiss wenig thierischen Theilen eigen, und in den meisten Fällen ein Produkt der beym Kochen eintretenden Verbindung des Eyweissstoffs mit der Phosphor- säure, die in allen Theilen, welche viel Gallerte liefern, sehr reichlich vorhanden ist. Schon Hat- chett Philos, Transact. Y. 1800. p. 327. fand es merkwürdig, dass sich beym phosphorsauren Kalk immer viel Gallerte findet, und dass Theile, welche blos kohlensaure Kalkerde besitzen, keine Gallerte liefern. Er wagte aber nicht, daraus zu schliessen, dass der phosphorsaure Kalk einen Hauptbestandtheil der Gallerte aus- macht, weil die Hausenblase keine Spur davon zeigt. Diese Bemerkung ist allerdings richtig. Auch nach meinen Versuchen bringt die Sauer- kleesäure in der Auflösung der Hausenblase keinen Niederschlag hervor. Allein die Kalkerde ist frey- lich keine wesentliche Bedingung zur Bildung der Gallerte; wohl aber halte ich die Phosphor- säure dafür. Wenn ich aus meinen Erfahrungen schliesse, dass Säuren und Alkalien den Eyweissstoff in Gal- lerte, Faserstoff und Schleim verwandeln, so be- haupte ich aber damit keinesweges, dass diese Veränderungen blos auf Vermehrung oder Ver- minderung des Gehalts an Sauerstoff beruhen. Eine Eine solche einseitige Ansicht führt auf sehr dürf- tige Resultate. Ich glaube vielmehr, dass wenn durch den Einfluss von Säuren und Alkalien der Gehalt der thierischen Grundtheile an Sauerstoff zwar vermehrt oder vermindert wird, doch zu- gleich andere Mischungsveränderungen eintreten, die wichtiger als jene Vermehrung oder Vermin- derung sind. Dies lehren auch Hatchett ’s und Fourcroy ’s Versuche, nach welchen Gallerte, Ey- weiss und Faserstoff sich nicht sowohl in dem Grade der Säurung, als in der verschiedenen Menge ihrer salzigen und erdigen Rückstände, und in dem Verhältniss ihres Kohlenstoffs und Stickstoffs un- terschieden Am wenigsten Kohlenstoff enthält die trockne Hau- senblase, mehr das trockne Eyweiss, und am meisten die Muskelfaser. ( Hatchett a. a. O.). Dasselbe Verhältniss findet in Betreff des Stickstoffs statt, wel- cher durch Salpetersäure aus diesen Substanzen ent- wickelt wird. ( Fourcroy , Mém. de la Soc. d e Médéc. A. 1786. p. 246.). . Ich glaube ferner, dass bey der Einwirkung von Säuren auf den Eyweissstoff nicht nur die Stärke der Säure, die Dauer ihres Einflusses, und die dabey statt findende Temperatur eine Verschie- denheit in den Produkten hervorbringt, sondern dass diese auch von der Beschaffenheit der Basis jener Säure abhängt. Dies ist vorzüglich deutlich bey der Wirkung der Metalloxyde auf belebte thieri- thierische Theile. Die Bleyoxyde verändern diese auf andere Art, als die Verbindungen des Sauer- stoffs mit Quecksilber; diese wirken anders als die Arsenikoxyde u. s. w. Für alle die hieraus entstehenden mannichfaltigen Modifikationen der thierischen Elementartheile sind zwar unsere che- mischen Reagentien nicht empfindlich genug; aber ihr verschiedenes Verhalten gegen den lebenden Körper beweist ihre Verschiedenheit desto deutli- cher. Der Darmschleim, der Schleim des Saamens, und derjenige, welcher dem Viperngifte zum Vehi- kel dient, zeigen wenig Abweichungen in ihrem Verhalten gegen chemische Agentien. Aber wel- che Verschiedenheit in ihrem Einfluss auf den leben den Körper! Aus den obigen Bemerkungen folgt endlich, dass es zwischen den Elementartheilen des Kör- pers keine genaue Gränzen giebt. Der Eyweiss- stoff geht in den Faserstoff und die Gallerte, und diese in den Schleim durch Mittelstufen über. Da- her sind alle Versuche, die man gemacht hat, für jede dieser Substanzen allgemein passende Charaktere anzugeben, unbefriedigend, und muss- ten es seyn So nimmt Hatchett (A. a. O. p. 369. 381.) für den Charakter des Schleims das Unvermögen, in der Kälte zu gerinnen, verbunden mit der Unauflöslichkeit in kaltem . Die Die Milch enthält drey Bestandtheile, welche von den bisher erwähnten verschieden sind: den Käse, den Milchzucker und die Butter. Sie zeigt aber von mehrern Seiten eine so unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Blute, dass sich schon hieraus eine kaltem Wasser an, Eigenschaften, die auch das Ey- weiss besitzt. — Thomson (System der Chemie. Uebers. von Wolff . B. 4. S. 369.) nennt als Kennzei- chen des Schleims: Auflöslichkeit in kaltem Wasser, Unauflöslichkeit in Alcohol, Abwesenheit der Gerinn- barkeit in der Hitze und des Gelatinirens in der Kälte, und die Eigenschaft, sowohl vom Gerbestoff, als vom salpetrig-salzsaurem Zinn niedergeschlagen zu werden. Aber von dieser Zinnauflösung wird auch der Eyweissstoff gefällt; die Präcipitation vom Gerbestoff findet auch bey der Gallerte, dem Fleisch- extrakt, und mehrern andern Substanzen statt, und die übrigen Kennzeichen passen ebenfalls theils auf die Gallerte, theils auf den in Säuren aufgelösten Eyweissstoff. — Die Gallerte und der Eyweissstoff haben auch mit dem Schleim die Auflöslichkeit in Säuren gemein, worin Fourcroy (Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XII. p. 61.) den positiven Charak- ter des Schleims gefunden haben wollte. — Wenn endlich Bostock (Nicholson Journal of nat. Phil. Vol. XI. p. 244.) glaubt, dass der Schleim nicht vom Gerbestoff und vom ätzenden Sublimat, sondern blos vom Bleyextrakt gefällt wird, so ist dies, wie wir schon im vorigen §. gesehen haben, eine auf unrichtigen Voraussetzungen gebauete Meinung. IV. Bd. O o eine Abkunft ihrer Bestandtheile von denen des letztern erwarten lässt. Wie dieses trennt sie sich, sobald sie mit dem übrigen Organismus nicht mehr in Wechselwirkung steht, in einen flüssigen und geronnenen Theil, und diese Absonderung erfolgt sowohl in der Ruhe, als während der Be- wegung, sowohl beym Einfluss der atmosphäri- schen Luft, als in verschlossenen Gefässen. Der geronnene Theil besteht aus Käse, Butter, phos- phorsaurem Eisen, phosphorsaurer Kalk- und Talkerde; der flüssige aus Wasser, Milchsäure, Milchzucker, salzsaurem und schwefelsaurem Kali, und salzsaurem Natrum. Die Milchsäure ist in ihr weit reichlicher, als in irgend einer andern thie- rischen Flüssigkeit enthalten. Ueberhaupt zeugt alles an ihr von einer grossen Neigung zur Säu- rung. Diese Säurung ist es auch, vermittelst welcher jene eigenthümlichen Bestandtheile der Milch aus dem Eyweissstoff gebildet werden. Der käseartige Bestandtheil verhält sich wie der durch eine Säure niedergeschlagene, und durch die fortdauernde Einwirkung dieser Säure in eine unvollkommene Gallerte verwandelte Theil des Eyweiss. Er wird in kocheudem Wasser weich, ohne doch sich aufzulösen, und erstarrt wieder beym Erkalten; ätzende Alkalien, vegetabilische und verdünnte mineralische Säuren lösen ihn auf; bey bey seiner Auflösung in Alkalien entwickelt sich aus ihm, wie aus dem Eyweiss, geschwefeltes Was- serstoffgas; concentrirte mineralische Säuren, die rauchende Salpetersäure ausgenommen, erhärten ihn Parmentier et Deyeux , Journ. de Phys. T. 37. P. 2. p. 361. 415. — Fourcroy , Annales de Chimie. T. 7. p. 173. . Bey diesem Einfluss einer Säure geht zugleich ein Theil des Eyweissstoffs in Butter, und ein an- derer in Milchzucker über. Die Butter ist eine Art des thierischen Fetts überhaupt, das sich immer zugleich bildet, wenn Eyweissstoff bey einer Temperatur, die unter der Wärme des kochenden Wassers ist, mit Salpeter- säure digerirt, und dadurch in eine unvollkom- mene Gallerte verwandelt wird. Bey einer ge- wissen Art Fäulniss, wobey blos Stickstoff ohne Wasserstoff zu entweichen scheint, geht ebenfalls der Faserstoff in eine ölige Materie über Fourcroy , Annales de Chimie. T. 8. p. 17. . Auch der Käse nähert sich dem Zustande des Fetts, wenn die Auflösung desselben in ätzendem Kali oder Natrum durch eine Säure zersetzt wird Fourcroy ebendas. T. 7. p. 173. . Wenn es eine richtige Bemerkung ist, dass frischer Rahm nicht so viele und so vollkommene Butter giebt, als O o 2 solcher, der eine gewisse Zeit an der Luft gestan- den hat Fourcroy ebendas. p. 146. , so wird vielleicht die Butter schon durch den blossen Einfluss der Atmosphäre aus dem Käse der Milch gebildet. Die Bildung des Milchzuckers ist eine noch unerklärte Erscheinung. Vielleicht wird die Ver- folgung der bekannten Scheele schen Entdeckung, dass sich bey dem Kochen der fetten Oele mit Bleyglätte eine im Wasser auflösliche, süsse Sub- stanz bildet, hier einst Licht geben. Ich erhielt, als ich zum Behuf eines andern Versuchs Ey- weiss, welches durch Alcohol zum Gerinnen ge- bracht und in ätzendem Natrum wieder aufgelöst war, mit verdünnter Schwefelsäure einige Stun- den hatte kochen lassen, und die überschüssige Säure mit Kalk weggenommen hatte, eine hell- braune Flüssigkeit von süsslichem, dem des La- kritzensafts etwas ähnlichen Geschmack. Ich wage nicht, aus diesem einzelnen Versuch, der mir nachher nie wieder gelungen ist, das Resultat zu ziehen, dass der Milchzucker auf ähnliche Art aus dem Eyweissstoff, wie der Mehlzucker aus dem Stärkemehl entsteht. Doch glaube ich, dass derselbe weiter verfolgt zu werden verdient. Der Käsestoff und der Milchzucker sind blos der Milch eigen. Aber das Fett ist ein allgemei- nerer nerer Bestandtheil der thierischen Säfte und Or- gane, welcher, durch Oxydation noch weiter mo- dificirt, in verschiedene andere Substanzen über- geht. Zu diesen rechne ich: den Gallenstoff; die ölige Materie des Gehirns, des Chylus, der Haare und der Hautschmiere; das Ohrenschmalz; den Harnstoff; und das Gliedwasser. Ueber die Entstehung des Gallenstoffs aus dem Fett durch die Einwirkung von Säuren habe ich mich schon im 14ten §. dieses Kapitels erklärt. Der Gallenstoff und die übrigen erwähnten Materien sind im Wesentlichen von gleicher Be- schaffenheit. Die ölige Materie des Gehirns wurde zuerst von Vauquelin Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XVIII. p. 212. näher bestimmt. Sie ist von doppelter Art. Die eine ist weiss, pech- artig und krystallisirbar; sie befleckt das Papier nach Art der Oele, schmilzt in der Wärme, doch ohne so flüssig wie Fett zu werden, wird bey einer niedrigern Temperatur als diejenige ist, welche die Farbe des Fetts verändert, braun, löst sich in warmem Alcohol auf, fällt aber in der Kälte daraus zum Theil wieder nieder, färbt sich an der Sonne gelb, und verbrennt mit Rauch und Flamme. Die andere Materie unterscheidet sich von jener durch eine rothbraune Farbe, durch weni- O o 3 weniger Festigkeit, durch einen leichten Nebenge- schmack nach Fleischbrühe, den die erstere nicht hat, und durch eine grössere Neigung zum Krystal- lisiren; sie schmeckt wie ranziges Fett, und verbin- det sich mit kaltem Wasser zu einer Art von Emul- sion, woraus sie durch Mineralsäuren und Galläpfel- aufguss niedergeschlagen wird; das Wasser, woraus sie gefällt ist, verbreitet beym Faulen einen stin- kenden Geruch, der auf die Gegenwart einer thieri- schen Materie hindeutet; beym Verbrennen giebt sie anfangs den Geruch angezündeter thierischer Mate- rie, und nachher den des dampfenden Fetts von sich. In allen diesen Eigenschaften lässt sich eine Sub- stanz nicht verkennen, die mit dem Gallenstoff gleichartig, und von diesem nur durch die Ver- bindung mit einer andern thierischen Materie, vielleicht mit Fleischextrakt, welches ebenfalls ei- nen Bestandtheil der Hirnmasse ausmacht, ver- schieden ist. Eben diese Gleichartigkeit zeigt sich, wenn man die Eigenschaften der von Vauquelin ent- deckten öligen Substanz des Chylus M. vergl. §. 17. dieses Kap. mit denen des Gallenstoffs vergleicht. Das Oel der Haare, die Hautschmiere und das Ohrenschmalz kennen wir noch nicht genug von allen Seiten, um aus ihren chemischen Ei- gen- genschaften mehr schliessen zu können, als dass sie von der Abkunft des Fetts sind Das Oel der Haare ist bis jetzt erst von Vauquelin (Ann. de Chimie. T. 58. p. 41.) bemerkt worden. In dem Zustande, worin dieser dasselbe fand, war es aber schwerlich ein Edukt, sondern ein Produkt des starken Kochens der Haare im Papinianischen Di- gestor. . Aber der Uebergang derselben in eine dem Gallenstoff, der Farbe nach, ähnliche Materie bey der Gelbsucht, beweist ihre Verwandtschaft mit dem letztern. Derselbe Uebergang findet in der Gelbsucht bey dem Harnstoff statt, auf den wir im folgenden §. zurückkommen werden. Dass auch das Gliedwasser eine dem Gallen- stoff ähnliche Materie enthält. schliesse ich aus Margueron ’s Beobachtungen über die Eigenschaf- ten jenes Safts beym Rindvieh. Im frischen Zu- stand ist, ihm zufolge, das Gliedwasser halbdurch- sichtig, weissgrünlich und leimig; es färbt die blauen Pflanzensäfte grün, und schlägt den Kalk aus seiner wässrigen Auflösung nieder; abgedampft lässt es einen Rückstand, der salzsaures und koh- lensaures Natrum enthält; es löst sich in Wasser auf, macht dieses leimig und schäumend; durch Kochen und durch Alcohol wird etwas Eyweiss- stoff abgeschieden. Die leimige Materie löst sich in O o 4 in Alcohol auf; Säuren fällen sie daraus als eine klebrige und etwas elastische Materie Ann. de Chimie. T. XIV. p. 123. . Alle diese Eigenschaften nähern sich denen der Galle. Bey der Digestion des Eyweiss, der Gallerte und des Faserstoffs mit mineralischen Säuren, be- sonders mit Salpetersäure, bildet sich während der Erzeugung des Fetts zugleich eine Säure, die mit der Benzoesäure und der Thenard schen Fett- säure wo nicht völlig einerley, doch sehr nahe verwandt ist. Es ist merkwürdig und mit ein Beweis der Richtigkeit unserer Theorie, dass die Basis dieser Säure sich auch in der Galle, dem Harn und der Milch findet. Dass die Galle sie enthält, ist schon oben §. 14. dieses Kap. gezeigt worden. Von ihrer Gegenwart im Harn wird im folgenden §. die Rede seyn. In der Milch kannte man sie bisher nicht. Es giebt aber eine bisher unerklärte Er- scheinung, die für ihre Anwesenheit in dieser Flüssigkeit zeugt, nehmlich die rothe Farbe, wel- che die Milch beym Kochen mit ätzendem, feuer- beständigem Alkali erhält, und die gelbe, in der Hitze sich in Braun verwandelnde Farbe der Auf- lösung des Käse in solchem Laugensalz. Man erhält dieselben Farben, wenn man die gelbe Flüssigkeit, welche durch Digestion sowohl des Benzoeharzes, als des Eyweiss, der Gallerte und des Faserstoffs mit mit Salpetersäure entsteht, mit reinem Kali oder Natrum sättigt, und diese Mischung, die krystal- lisirt den Welter schen Bitterstoff ausmacht, er- hitzt Fourcroy und Vauquelin beschreiben die mit reinen Alkalien gesättigte Auflösung dieses Stoffs als dunkel blutroth. Ich habe sie immer gelbbraun, oder braunroth gefunden. Sie scheint sich aber freylich nach der Stärke der Säure, der Reinheit des Alkali und dem Grade der Digestionshitze zu verändern. . Die Basis der Benzoesäure ist gewiss eine Mo- difikation, oder ein Bestandtheil mehrerer anderer thierischer und vegetabilischer Materien, die bis- her für eigene Substanzen gegolten haben, beson- ders der Gallussäure, der Milchzucker- und Harn- säure. Alle diese Säuren haben mit einander ge- mein, dass sie sich in Weingeist und kochendem Wasser, nicht aber, oder nur in sehr geringer Quantität, in kaltem Wasser auflösen, sich bey der Destillation grösstentheils unverändert sublimiren, und mit Salpetersäure digerirt in Sauerkleesäure übergehen. Die Gallussäure und Milchzuckersäure hauchen erhitzt auch den Geruch des Benzoehar- zes aus, und die Blasensteinsäure hat die, eben- falls ihre Verwandtschaft mit der Benzoesäure be- weisende Eigenschaft, mit Salpetersäure gesättigt und abgedampft eine rothe Materie zu geben, die in O o 5 in der Kälte farbenlos wird, aber in der Wärme die rothe Farbe wieder annimmt Reinecke in Crell ’s chem. Annalen. J. 1801. B. 2. S. 12. 94. — Kopp in den Annalen der Wetterauischen Gesellsch. f. d. gesammte Naturk. B. 1. H. 1. S. 118. . Auch die Blutsäure scheint mir mit der Ben- zoesäure ein gemeinschaftliches Princip zu haben. Eine mit Salpetersäure versetzte Auflösung der Blutsäure in Alcohol, die ohngefähr vier Wochen in einem verschlossenen Glase gestanden hatte, gab beym Oeffnen des Glases einen Geruch von sich, der mir dem des Benzoeharzes ähnlich zu seyn schien. Die Eigenschaft, durch salpeter- saures Eisen geröthet zu werden, hatte sich wäh- rend jener Zeit verloren, und es hatte sich ein Niederschlag von schwärzlichen Körnern in der Mi- schung gebildet. Kennten wir die Basis der Benzoesäure, so würden viele Punkte der thierischen und vegeta- bilischen Chemie aufgeklärt seyn. Aber bis jetzt lassen sich über die Beschaffenheit derselben nur Vermuthungen wagen. Mir ist es wahrscheinlich, dass dieselbe einerley mit der Blausäure ist. Berthollet ’s Beobachtungen über die Oxydation der letztern durch oxydirte Salzsäure, und Lich- tenstein ’s Versuche über die Zersetzung der Ben- zoesäure durch Destillation mit mineralischen Säu- ren sprechen für diese Hypothese. Berthollet fand, fand, dass Wasser, welches Blausäure enthielt, der oxydirten Salzsäure am Sonnenlicht den Sauerstoff entzog, und damit in ein aromatisches Oel über- ging, welches in Wasser zu Boden sank, nicht entzündbar war, aber durch schwache Wärme in Dünste verwandelt wurde, die sich nicht in Wasser auflösten, und sich beym Stehen an der Sonne endlich in kleine, weisse, krystallinische Nadeln verwandelten. Weder Schwefelsäure noch Eisen stellten die Blausäure wieder her, wenn sie diese Veränderung ein mal erlitten hatte Mém. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1787. p. 148. . In Lichtenstein ’s Versuchen gieng ein Theil des Ben- zoesalzes bey der Destillation mit Salpetersäure in Blausäure über Crell ’s Auswahl aus den neuesten Entdeckungen in der Chemie. B. 1. S. 335. . Es ist wahr, Berthollet ’s Versuch wurde ohne Erfolg von Ittner Beyträge zur Geschichte der Blausäure. S. 26. wie- derholt. Aber ein einzelnes negatives Resultat kann eine Erfahrung, zu deren Gelingen ohne Zweifel der Grad des Sonnenlichts, die Tempera- tur der Luft, und andere Umstände, worauf Itt- ner keine Rücksicht genommen zu haben scheint, beytragen, gewiss nicht umstossen. Ob sich Blausäure im lebenden Thierkörper anders als bey der Verdauung im Darmcanal ent- wickelt, lässt sich bezweifeln. Wo sie sich aber zeigt, zeigt, entsteht sie bekanntlich durch eine Ver- bindung von Kohlenstoff, Stickstoff und Wasser- stoff. Diese Grundstoffe finden sich in allen thie- rischen Organen, und jedes von diesen ist daher fähig, Blausäure zu geben. Man erhält sie aber nicht blos daraus durch Verkohlen derselben mit Alkali, und Digeriren dieser Kohle mit Wasser, sondern auch sehr reichlich, und vielleicht noch reichlicher durch Destillation mit Salpetersäure Dies hat schon Fourcroy bemerkt (Ann. de Chi- mie. T. 6. p. 177. — Syst. des connoiss. chim. T. 9. p. 86.) Ittner erinnert dagegen in seiner angeführ- ten Schrift (S. 23.), dass er aus thierischen Stoffen mit Salpetersäure sehr wenig Blausäure erhalten habe. Ich muss hierin aber Fourcroy ’n beytreten. Herr Apotheker Henschen in Bremen, der auf Veran- lassung meiner Versuche über die Blutsäure, Blut mit Salpetersäure destillirte, stellte mir ohngefähr sechs Unzen Wasser zu, die auf diese Art vollkommen mit Blausäure geschwängert waren. . Bey dieser Bildung der Blausäure durch Sal- petersäure liefert die letztere keinen Bestandtheil jener Substanz. Eine Wasserzersetzung findet eben- falls dabey nicht statt. Auch aus verkohlten, und mit höchst concentrirter Schwefelsäure befeuchte- ten Knochen entwickelt sich Blausäure Ittner a. a. O. S. 59. . Sowohl die Salpetersäure, als die Schwefelsäure kann hier nur wirken, indem sie Trennungen und neue Verbin- Verbindungen in den thierischen Grundstoffen ver- mittelt, und vielleicht einen der atmosphärischen Bestandtheile mit diesen vereinigt. So wird auch die Stärke durch die Schwefelsäure in Zucker und Gummi ohne Veränderung dieser Säure geschie- den M. s. oben S. 105. . Ueberhaupt scheint die ganze Reihe von Verwandlungen, die der Eyweissstoff durchläuft, indem Säuren auf ihn wirken, weniger durch un- mittelbare Oxydation, als durch Veränderung des Verhältnisses, worin der Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff vereinigt sind, hervorgebracht zu werden. Man kann die Blausäure für die mittelste Stufe jener Reihe annehmen. Von ihr geht die Reihe auf der einen Seite durch das Gallenharz und die verwandten Substanzen, durch das Fett, den Milch- zucker, Käsestoff, Faserstoff, Schleim und die Gallerte zum Eyweissstoff fort; auf der andern Seite erstreckt sie sich von der Blausäure durch die Benzoe-, Harn-, Milchzucker- und Milchsäure bis zur Sauerkleesäure. Die Materien der erstern Reihe enthalten blos innigst gebundenen Sauer- stoff, und diesen in geringer Quantität; die Sub- stanzen der letztern Reihe besitzen freyen Sauer- stoff, und diesen in grösserm Verhältniss. Ueber- Uebereinstimmend mit den bisherigen Sätzen und Bestätigungen derselben sind die Schlüsse, worauf Gay-Lussac und Thenard durch ihre Versuche über das Verbrennen vegetabilischer und thierischer Substanzen im Sauerstoffgas geführt wurden Gilbert ’s Annalen der Physik. J. 1811. St. 4. S. 401. . Nach diesen Erfahrungen enthalten diejenigen vegetabilischen Körper, welche weder saurer, noch harziger Natur sind, Sauerstoff und Wasserstoff in dem Verhältniss, worin diese als Bestandtheile im Wasser enthalten sind Gay-Lussac und Thenard versichern, das Ver- hältniss beyder Stoffe sey genau dasselbe, worin dieselben das Wasser ausmachen. Aber diese Gleich- heit der Verhältnisse ist sehr unwahrscheinlich, und durch Versuche, die mit so vielen Schwürigkeiten verbunden sind, wie beym Verbrennen halbflüssiger Materien in Sauerstoffgas statt finden mussten, ge- wiss nicht streng zu beweisen. . Zu ihnen gehören die Stärke, das Gummi, der Zucker und die Holzfaser. Mit ihnen verwandt sind un- ter den thierischen Substanzen der Eyweissstoff, der Faserstoff, die Gallerte und der Käsestoff. Doch ist in diesen mehr Wasserstoff vorhanden, als in dem Verhältniss, worin er mit Sauerstoff Wasser bildet. Je grösser in denselben der Ueber- schuss an Wasserstoff ist, desto mehr Stickstoff enthalten sie auch, und diese beyden Stoffe ste- hen in ihnen fast in demselben Verhältniss, worin sie sie sich im Ammonium befinden. Alle Pflanzen- körper, in welchen des Sauerstoffs im Verhält- niss zum Wasserstoff weniger als im Wasser vor- handen ist, sind öliger, harziger, oder alcoholischer Natur. Mit ihnen gehören die verschiedenen Arten des thierischen Fetts in einerley Classe. Endlich sind diejenigen Substanzen des Pflanzen- und Thierreichs, welche mehr Sauerstoff im Verhältniss zum Wasserstoff als das Wasser enthalten, Säuren. Unter ihnen steht die Sauerkleesäure in der Menge des Sauerstoffs auf der äussersten Gränze. — Wenn gleich diese Sätze im Einzelnen auf grosse Genauigkeit schwerlich Anspruch machen können, so lässt sich doch nicht mit Grund läugnen, dass sie im Allgemeinen Zutrauen verdienen, und die allgemeinern Resultate stimmen, wie man sieht, mit unsern obigen Lehren überein. Nach diesen Sätzen scheint der Process der Animalisation vorzüglich auf Entwickelung von Wasserstoff und Stickstoff gerichtet zu seyn. Koh- lenstoff wird ebenfalls in beträchtlicher Menge von dem thierischen Körper hervorgebracht. Aber der grösste Theil desselben wird beständig durch die Haut und die Lungen wieder ausgeleert. Der absorbirte Sauerstoff wird bey den Thieren der höhern Classen wohl grösstentheils zur Bildung der Kohlensäure verwandt. Bey den Insekten, die sich von mehrern Seiten in Betreff des Er- näh- nährungsprocesses den Pflanzen nähern, verhält es sich vielleicht anders. Diese excerniren zum Theil eine beträchtliche Menge Säure in flüssiger Gestalt. Unter andern schwitzen die Ameisen be- ständig eine sehr concentrirte Säure aus, die nach Fourcroy und Vauquelin Annales du Mus. d’Hist. nat. T. I. p. 333. eine Mischung von Aepfel- und Essigsäure, nach frühern Versuchen Marggraf ’s, Arvidson ’s, Hermbstädt ’s und Richter ’s, und auch nach Süersen ’s neuern Zer- legungen Gehlen ’s Neues allgem. Journ. der Chemie. B. 4. S. 3. aber eine Säure von eigener Art ist. Auch giebt die Gabelschwanzraupe einen sauern Saft durch eine zwischen der Unterlippe und dem ersten Fusspaar liegende Queerspalte von sich Bonnet ’s Insektologie. Uebers. von Goeze . Th. 3. S. 109. . Bey unsern bisherigen Untersuchungen führten uns Erfahrung und Analogie. Die Substanzen, deren Bildungsstufen wir verfolgten, sind ihren Grundstoffen nach im Blute enthalten, und wer- den aus diesem durch Veränderung des Verhält- nisses dieser Grundstoffe erzeugt. Aber es giebt Bestandtheile der thierischen Organe, die sich nicht im Blute finden. Zu ihnen gehören vorzüglich die Talkerde, Kieselerde und Thonerde. Woher rühren diese? Sind sie bey den bisherigen Ana- lysen lysen des Bluts unbemerkt geblieben; oder gelan- gen sie aus dem Nahrungscanal durch das Zell- gewebe zu den Organen, worin sie befindlich sind, ohne in die Blutmasse zu kommen? Beydes ist möglich. Aber könnte es nicht auch seyn, dass diese und andere unzerlegte Stoffe, wie der Phos- phor, der Kohlenstoff, die Kalkerde u. s. w., wel- che Bestandtheile des Bluts ausmachen, in diesen erst gebildet würden? Wir sind hier auf eine Frage gekommen, zu deren Beantwortung uns die Chemie der todten Natur wenig oder gar keine Data giebt. Um dar- über etwas auszumachen, ist es nothwendig, vor- her die Entstehung und Bildung des Harns zu untersuchen, und diesen nebst den Auswurfsma- terien mit den bleibenden Bestandtheilen des thie- rischen Körpers zu vergleichen. §. 24. Die Harnwerkzeuge und der Harn. Bey allen Thieren der vier höhern Classen giebt es Organe, wodurch eine eigene Flüssigkeit, der Harn , abgesondert und ausgeleert wird. Bey den Säugthieren, wo sie am meisten zusammen- gesetzt sind, bestehen sie aus den Nieren , den Harnleitern , der Urinblase und der Harn- röhre . Die Nieren sind bey dem Menschen zwey länglichrunde, auf der innern Seite concave, auf der IV. Bd. P p äussern äussern convexe Organe, die neben der Wirbel- säule, rechts unter der Leber, links unter der Milz und dem Pankreas, hinter dem Bauchfell, in einem mit vielem Fett angefüllten Zellgewebe liegen, und von einer eigenen, sehr festen und gefässreichen Haut umgeben sind. Jede derselben besteht aus mehrern kleinern Theilen, die beym Erwachsenen sehr eng, bey der Frucht hingegen nur schlaff, durch Zellgewebe verbunden sind. Diese Theile lassen sich mit Kegeln vergleichen, die so geordnet sind, dass sie mit ihren Spitzen in der hohlen Fläche der Nieren zusammenstossen, mit den Grundflächen aber nach der convexen Fläche hin divergiren, und durch Scheidewände von einander getrennt sind. An jedem Kegel giebt es eine nach aussen liegende, gelbröthliche, weiche Rinde, und eine innere, röthere, härtere, weissgestreifte Marksubstanz. Beyde bestehen vor- züglich aus Blutgefässen und aus den Wurzeln der Harnleiter, den sogenannten Bellinischen Röhren . Jene bilden mit ihren feinsten Zweigen in der Rinde kleine traubenförmige Verflechtungen, und hieraus entspringen diese Wurzeln, die in gerader Richtung zur Marksubstanz gehen, sich hier paarweise zu grössern und immer grössern Röhren, und endlich in jedem Kegel zu einem einzigen Gang vereinigen. Dieser dringt aus einer warzenförmigen Hervorragung des Marks jedes Kegels in der hohlen Fläche der Nieren hervor, und und hier wird sein hervorragendes Ende von der trichterförmigen Ausbreitung eines Canals umfasst, der mit den übrigen Canälen (den Nierenkel- chen ) zusammenfliesst, und endlich mit drey oder vier Aesten in das Nierenbecken , eine den An- fang der Harnleiter bildende, häutige Erweiterung, übergeht. Die beyden Nierenarterien sind die grössten und festesten unter allen, zu Absonderungsorga- nen gehenden Schlagadern. Sie entspringen un- mittelbar aus der Aorta, dringen mit mehrern grossen Aesten in den hohlen Theil der Nieren, und bilden Netze um die Grundflächen des Marks der kegelförmigen Theile, aus welchen eine Menge der feinsten Zweige schlangenförmig gekrümmt zur Rinde, und in geraderer Richtung zum Marke gehen. Diese setzen sich in die Venen fort, und unmittelbar aus den Verbindungszweigen beyder Gefässe entspringen die Bellinischen Röhren. Es findet hier also ein ähnlicher Bau wie in der Leber statt. Die Nierenvenen sammeln sich auf ähn- liche Art, wie sich die Arterien theilen, zu Aesten, und endlich auf jeder Seite zu einem einzigen, aus der Höhlung der Nieren in die untere Hohl- ader übergehenden Stamm Autenrieth ’s Handb. der empirischen menschl. Physiol. Th. 2. S. 347 ff. . Aus der hohlen Flä- che P p 2 che der Nieren gehen zugleich die Saugadern der- selben hervor, die sich zu den an der Aorta und Hohlvene liegenden Drüsen begeben, und in eben diese Cavität dringen auch zahlreiche Zweige des zum System des sympathischen Nerven gehörigen rechten und linken Nierengeflechts, die mit den Arterien eng verbunden sind, und sich mit diesen zerästeln. Die von den Nierenbecken zur Urinblase ge- henden Harnleiter sind zwey ziemlich lange cy- lindrische Canäle, die aus einer weissen, festen, inwendig mit einem schleimigen Ueberzug und auswendig mit Zellgewebe bedeckten Haut beste- hen, zu beyden Seiten der Wirbelsäule hinter dem Bauchfell herabsteigen, und ehe sie sich in den Grund der Harnblase öffnen, auf eine kurze Strecke zwischen den Häuten der letztern fortgehen. Die Harnblase liegt in der vordern und un- tern Gegend der Bauchhöhle, zwischen dem Mast- darm und den Schaamknochen. Ihre hintere Flä- che ist von dem Bauchfell bedeckt, das sich von hier zum Mastdarm fortzieht. Ihre Gestalt ist veränderlich, doch beym erwachsenen Menschen im Allgemeinen eyförmig. In ihrer Textur hat sie einige Aehnlichkeit mit dem Darmcanal. Ihre äussere Bedeckung ist eine Lage von Zellgewebe, worin sich zahlreiche, zu mehrern Stämmen der Blutgefässe des Unterleibs gehörige Arterien und Venen Venen netzförmig verbreiten. Unter dieser liegt ein Gewebe von starken Muskelfasern, die theils der Länge nach, theils in schiefer Richtung laufen, und an mehrern Stellen beträchtliche Zwischen- räume haben, die blos durch die übrigen Häute ausgefüllt sind. Hierauf folgt eine zweyte Schicht von Zellgewebe, worin sich die kleinern Zweige der Blutgefässe des äussern Zellgewebes zerästeln, und dann eine weiche, sehr elastische Membran (Membrana nervea), die offenbar eine Fort- setzung des Fells (Corium) ist, welches die Ober- fläche des Körpers bedeckt. Die innerste Haut ist der Epidermis ähnlich, und geht durch die Harnröhre in diese über. Doch giebt es in der Blase keine Flocken, wie auf der innern Fläche des dünnen Darms. Unter der innern Haut liegen zahlreiche Schleimdrüsen, deren Saft die Blase in- wendig überzieht, und gegen die Schärfe des Urins schützt. Jene Häute gestatten dem Wasser einen sehr leichten Durchgang Haller El. Phys. T. VII. L. 26. S. 2. §. 19. p. 329. . Es ist also begreif- lich, wie Flüssigkeiten aus dem äussern Zellge- webe der Blase in die Höhlung derselben gelangen können. An der vordern Fläche der Blase, nach un- ten, giebt es eine Oeffnung, wodurch der Harn aus derselben in die Harnröhre gelangt. Diese wird P p 3 wird durch einen Fortsatz der beyden innern Bla- senhäute gebildet. Ihr Anfang ist trichterförmig; nachher verengert sie sich, erweitert sich aber von neuem, und geht in cylindrischer Gestalt zur Spitze der Eichel bey den Männern, zur vordern Gegend der Schaam beym weiblichen Geschlecht. Um den Uebergang der Blase in die Harnröhre (den Blasenhals ) setzen sich die Fasern der Muskelhaut der Queere nach fort, und bilden ei- nen Schliessmuskel. So ist die Bildung der Harnwerkzeuge bey dem Menschen. Bey den übrigen Thieren findet zu- erst eine wichtige Abweichung von dieser Struktur in der Abwesenheit und Gegenwart der Harnblase statt. Die letztere fehlt bey allen Vögeln mit Ausnahme des Strausses und Casuars, und bey vielen Amphibien und Fischen. Bey den Thieren der beyden letztern Classen lässt sich kein Gesetz angeben, wovon dieses Vorhandenseyn oder Fehlen der Blase abhängt. Man findet sie nicht bey meh- rern Schlangen und Eidechsen, z. B. dem Croco- dil; hingegen andere Arten dieser Thiere, z. B. die Blindschleiche (Anguis fragilis L.) Emmert u. Hochstetter in Reil ’s u. Auten- rieth ’s Archiv f. d. Physiol. B. 10. S. 114. , die Leguane, so wie die Schildkröten und Frösche sind damit versehen, oder haben doch ein ähn- liches Organ. Unter den Knorpelfischen haben die die Rochen und Hayen keine Blase, indem andere dieselbe besitzen. Ist vielleicht Townson ’s Observ. physiol. do amphibiis. P. 2. p. 21. Be- hauptung, dass bey den Anphibien die Blase mit den Nieren nicht in Verbindung steht, und nicht zur Ausleerung des Urins, sondern gleich dem vierten Magen des Canals zur Aufbewahrung des Wassers auf Zeiten des Mangels dient, gegrün- det? Townson führt als Gründe für diese Mei- nung an, dass jene Thiere, die, wie das starke Absorbtionsvermögen ihrer Haut beweist M. vergl. §. 3. dieses Kap. , einer grossen Menge Flüssigkeit bedürfen, einen solchen Wasserbehälter nöthig haben; dass die Harngänge sich bey ihnen nicht, wie Rösel angiebt, in die Blase öffnen; dass die in der letztern befindliche Flüssigkeit so klar und geschmacklos wie destil- lirtes Wasser ist, und dass bey zwey Individuen der Testudo orbicularis, die in gefärbtem Wasser gesessen hatten, eben diese farbige Flüssigkeit aus der Blase, worin ein Catheter gebracht war, her- vordrang. Zu diesen Gründen kömmt noch, dass auch von Schreibers bey mehrern Fröschen und Eidechsen die Blase in keiner unmittelbaren Ver- bindung mit den Nieren fand Gilbert ’s Annalen der Physik. Neue Folge. B. 13. S. 85 ff. ; dass sich die Harnleiter auch bey dem Schnabelthier und der Echid- P p 4 Echidna mehr in die Harnröhre, als in die Blase zu öffnen scheinen Cuvier Leçons d’ Anat. comp. T. 5. p. 239. , und dass der Harn der Amphibien eine feste Substanz ist, die in Verbin- dung mit dem Koth abgesetzt wird, und sich schwerlich in einer Blase ansammeln kann Von Schreibers a. a. O. S. 84 ff. . Eine andere Abweichung zeigen die Vögel, Amphibien und Fische in der Art, wie sich die Ausführungsgänge des Urins nach aussen öffnen. Bey den Vögeln, Amphibien, und denjenigen Fi- schen, die keine Blase haben, liegt diese Oeffnung immer in der Cloaca. Bey den mit einer Blase versehenen Fischen aber giebt es eine eigene, hinter dem After liegende Oeffnung, die den Eyern und zugleich dem männlichen Saamen zum Aus- gange dient Biologie. Bd. 1. S. 285. . Eine dritte Verschiedenheit findet zwischen dem Menschen und den übrigen Thieren im Bau der Nieren statt. Bey mehrern Säugthieren beste- hen diese aus Lappen, die immer getrennt blei- ben, da sie bey dem Menschen nur vor der Ge- burt diese Absonderung zeigen. Es lässt sich aber auch hier kein Gesetz angeben, wovon jene Theilung abhängt. Man findet sie bey dem Ochsen, dem Elephant, dem Bären, der Otter, der Robbe und und den Cetaceen, also bey Thieren von ganz verschiedenen Familien. Bey den Vögeln, Amphi- bien und vielen Fischen sind die Nieren immer in Lappen getheilt, und von ganz einförmigem Bau. Die Harngänge, deren Stämme sich bey den Säugthieren in die Kelche der Harnleiter öffnen, setzen sich bey jenen unmittelbar in die letztern fort Cuvier a. a. O. p. 220. . Die bisher beschriebenen Theile sind die wichtigsten unter den ausleerenden Organen. Die Nieren sind diejenigen, in welchen der Harn ab- gesondert wird. Aus ihnen gelangt derselbe durch die Harnleiter in die Blase, und hier häuft er sich an, bis die Häute der letztern bis auf einen gewissen Grad ausgedehnt sind, und durch diese Spannung die zusammenziehende Kraft ihrer Mus- kelfasern in Thätigkeit gesetzt wird, bey deren Verkürzung sich die ganze Blase verengert und der Urin durch die Harnröhre hervordringt. Frisch gelassen und beym gesunden Menschen ist diese Flüssigkeit durchsichtig, ins Gelbe spie- lend, und von dem Geruch des frischen Fleisches. So lange sie warm ist, zeigt sie Spuren von Säure Gärtner Observ. circa urinae naturam. Tubing. 1796. — Schultens Disp. de causis imminutae in rep. Batav. morbi calculosi frequentia. Lugd. Bat. 1801. , die P p 5 die schwächer im Urin der Kinder, stärker in dem der Erwachsenen sind Nach Gärtner wird diese Säure durch Pflanzenkost vermehrt. Hiermit stimmt zwar seine Beobachtung, dass der Harn des Menschen und der fleischfressenden Thiere nach dem Genuss vegetabilischer Speisen sau- rer wird, und das Resultat der Versuche Vauque- lin ’s (Annales du Mus. d’ Hist. nat. T. 18. p. 83.), nach welchen der Harn des Löwen und Tigers, rein fleischfressender Thiere, in dem Augenblick, wo er gelassen ist, freyes Ammonium zeigt, überein. Aber ich sehe nicht ein, wie damit eine andere Bemerkung Gärtner ’s, nach welcher bey Thieren, die blos Pflanzenkost geniessen, z. B. bey Pferden und Och- sen, der frischgelassene Urin deutliche Spuren von Alkalescenz verräth, so wie Brande ’s (Philos. Tran- sact. Y. 1806. P. 2. p. 372.) und Vauquelin ’s ( Four- croy Syst. des conn. chim. T. 10. p. 188.) Beobach- tungen, dass der Urin des Pferdes, Esels und Meer- schweinchens den Veilchensaft grün färbt, zu ver- einigen sind. . Nach dem Erkalten verändert sich der Urin merklich. Er wird allmählig trübe und setzt eine weisse, leichte Wolke ab, die nach und nach zu Boden sinkt. Oft entwickelt sich in ihm statt der Säure, die er vorher zeigte, ein Alkali; zuweilen nimmt 1801. — Cruikshank in Rollo ’s Cases on diabetes mellitus. p. 438. — Thenard , Ann. de Chimie. T. 59. p. 262. — Fourcroy Syst. des connoiss. chim. T. 10. p. 139. nimmt auch seine Säure zu. Oft entsteht mit je- ner Wolke, oder einige Zeit nachher, ein krystal- linischer Niederschlag. Beyde Sätze sind in Be- treff der Menge, Gestalt, Farbe u. s. w. schon bey Gesunden sehr verschieden, und noch mehr verändern sie sich in Krankheiten Gärtner a. a. O. . Frisch zerlegt liefert der Menschenharn, nach Fourcroy ’s und Vauquelin ’s Untersuchungen Ann. de Chimie. T. 31. p. 48. — Ann. du Mus. d’Hist. nat. T. 12. p. 66. , salzsaures Natrum, salzsaures Ammonium, phosphorsauren Kalk, phosphorsaure Bittererde, phosphorsaures Natrum, verbunden mit phosphorsaurem Ammonium, Harnsäure, Benzoesäure, und thierischen Schleim. Zuckersäure und Kieselerde, die einige Che- miker im Urin gefunden haben wollen, konnten Fourcroy und Vauquelin in demselben nicht entdecken. Ihren Analysen entgiengen aber die Milchsäure, und der flusssaure, in Phosphorsäure aufgelöste Kalk, die von Berzelius Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie und Physik. B. 3. S. 1. — B. 9. S. 587. im Urin ent- deckt deckt wurden. Von der Milchsäure rührt, diesem Chemiker zufolge, die saure Reaktion des Harns her. Einer der merkwürdigsten unter den Bestand- theilen des Harns ist die Harnsäure . Von ihr entsteht der rothbraune Satz in erkaltetem Urin. Sie krystallisirt sehr leicht, löst sich schwer in Wasser, aber leicht in caustischen Alkalien, bey einer hohen Temperatur auch in Salpetersäure auf, und verfliegt zum Theil in der Hitze. Die Auflösung in Salpetersäure erhält eine rothe Far- be, wenn sie eingedickt wird. Man findet diese Säure vorzüglich in den Blasensteinen und in gichtischen Concretionen Fourcroy u. Vauquelin , Ann. de Chimie. T. 32. p. 213. — Reinecke in Crell ’s chem. Annalen. J. 1800. B. 2. S. 12. 94. . Hingegen giebt es kaum eine Spur derselben in dem Urin scrophu- löser und verminöser Kranken Gärtner a. a. O. . Die Phosphorsäure ist vielleicht als un- vollkommene Säure im Harn enthalten Gärtner ebendas. . Zu- weilen scheint sich die Basis derselben von dem Sauerstoff zu trennen, und es entsteht dann der leuchtende Urin, wovon Henkel Acad. Nat. Curios. T. 5. p. 332. und Hufe- land Bey Gärtner a. a. O. Beobachtungen gemacht haben. Nach Nach Gärtner ’s Versuchen scheint bey dem Menschen mit dem Alter die Quantität der Phos- phorsäure und der Harnsäure, und zugleich der Grad ihrer Oxydirung zuzunehmen. Die Quanti- tät der Harnsäure nimmt ab bey verletzter Ver- dauung. In der Kindheit und gegen die Periode der Mannbarkeit wird die Phosphorsäure und die Kalkerde in grösserer Quantität ausgeschieden, als zu der Zeit, wo das Wachsthum aufhört. Durch- fälle und Schweisse vermindern sehr den Gehalt des Urins sowohl an Phosphorsäure, als an Harn- säure. Während starker Anstrengungen des Kör- pers pflegt die Phosphorsäure in geringerer Quan- tität, nach derselben aber in grösserer Menge zu- gegen zu seyn. Ein ruhiger Schlaf vermehrt beyde Arten von Säure. Die Phosphorsäure wird durch Fleischspeise vermehrt. Bey Menschen, Katzen und Hunden ist bey vegetabilischer Kost am wenigsten, bey gemischter Nahrung mehr, und bey Fleischdiät am meisten von dieser Säure im Urin enthalten. Die Harnsäure findet sich bey Menschen in grosser Menge bey gemischter Nahrung, weniger bey Fleischspeisen, und am wenigsten bey blosser Pflanzenkost. Diese von Gärtner aufgestellten Sätze ver- dienen Aufmerksamkeit, jedoch ohne neue Versu- che nicht unbedingten Glauben. Gärtner kannte die Milchsäure im Harn noch nicht, und nahm alle alle freye Säure des Urins unrichtig für Phosphor- säure an. Die Benzoesäure ist zwar vorzüglich dem Pferde- und Kuhharn eigen. Doch enthält sie auch der Urin des Menschen in den ersten Le- bensjahren. Eine merkwürdige Verbindung mehrerer der im Urin enthaltenen Stoffe ist der Harnstoff (Urée). Man erhält diesen, nach Vauquelin ’s Vorschrift, wenn man eingedickten Harn krystalli- siren lässt, die Krystalle in Alcohol auflöst, und die Auflösung so lange destillirt, bis aller Alcohol über- gegangen ist. In der rückständigen Masse kry- stallisirt sich der Harnstoff. Nach Cruikshank ’s Angabe wird derselbe auch durch den Gerbestoff aus dem Urin niedergeschlagen. Die Krystalle dieses Stoffs sind tafelförmige, glänzende Blätter, die eine weissgelbliche, hin und wieder bräunliche Farbe haben. Sie riechen wie Knoblauch, zerfliessen an der Luft zu einer dicken, braunen Flüssigkeit, die einen eigenen, sehr widrigen Geruch wie Schwefelarsenik hat, und sind, von den Gefässen losgemacht, eine zähe, schwer zu durchschneidende Masse. In Wasser lösen sie sich sehr leicht, in Alcohol etwas schwe- rer auf. Die wässrige Auflösung hat eine braune Farbe, die beym Verdünsten alle Nuançen von Orange, Dunkelgelb und Hellgelb durchgeht. Der Harn- Harnstoff fault sehr leicht, und verwandelt sich dabey in Essigsäure, Kohlensäure und Ammonium. Bey einer höhern Temperatur geht er in Harn- säure, kohlensaures Ammonium und ein braunes Oel über. Mit der Salpetersäure bildet er ein fast unauflösliches, leicht krystallisirbares Salz, das beym Erwärmen roth wird und wie Oel schmilzt. Seine Grundstoffe sind: Stickstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und Sauerstoff. Ausserdem liefert er bey der Destillation Benzoesäure, salzsaures Am- monium, und etwas salzsaures Natrum Fourcroy u. Vauquelin , Ann. de Chimie. T. 31. p. 48. T. 32. p. 80. 113. — Annales du Mus. d’Hist. nat. T. XI. p. 226. . Ich glaube nicht, dass dieser Harnstoff so, wie ich ihn nach Fourcroy ’s und Vauquelin ’s Versuchen geschildert habe, ein Bestandtheil des Urins ist. Ich halte ihn für eine Verbindung einer dem Gallenharze ähnlichen Substanz mit mehrern, dem Urin eigenen Salzen, welche ihm die Eigenschaft zu krystallisiren mittheilen, und zwar aus folgenden Gründen. 1. Nach Berzelius ’s sehr zuverlässigen Erfah- rungen A. a. O. B. 9. S. 587. ist der Harnstoff mit Milchsäure und mehrern andern Salzen des Urins verbunden, und diese hängen ihm so fest an, dass sie nur durch Glühen davon getrennt werden können. Wie sehr aber aber durch Beymischung fremdartiger Substanzen die Beschaffenheit des Gallenstoffs modifizirt wird, erhellet aus dem verschiedenen Verhalten dieses Stoffs und der Gallensteine, die eine Verbindung desselben mit verschiedenen Neutral- und Mittel- salzen sind, gegen Auflösungsmittel M. vergl. Fourcroy ’s Abh. Ann. de Chimie. T. 7. p. 146. . 2. Lässt man Urin, welcher eingedickt und von dem krystallinischen Niederschlag abgegossen ist, mit etwas Schwefelsäure aufkochen, so entbindet sich essigte Säure, und es schlägt sich der Harn- stoff nicht als eine krystallinische Masse, sondern als ein Harz nieder, welches in Alcohol, und auch einigermassen in Wasser auflöslich ist. Schon Proust Ann. de Chimie. T. 26. p. 258. bemerkte dieses Harz und die Aehnlichkeit desselben mit dem Gallenharz, wo- von er es blos in zufälligen Beymischungen für verschieden hält. 3. Wir haben im vorigen §. gesehen, dass die Benzoesäure eine Begleiterin der dem Gallenharze ähnlichen Substanzen ist, und dass die Harnsäure von ihr eine Modifikation zu seyn scheint. Eine dieser beyden Säuren ist aber gewöhnlich zugegen, wo der Harnstoff vorhanden ist. Der Cameelharn, der keine Harnsäure enthält, hat dagegen neben der Benzoesäure und dem Harnstoff noch ein riechen- riechendes Oel, welches die dem Benzoe-Oel zu- kommende Eigenschaft besitzt, mit mineralischen Säuren eine rothe Farbe anzunehmen Chevreul , Ann. de Chimie. T. 72. p. 294. . 4. Bey der Gelbsucht nimmt der Harnstoff ganz die Farbe und Beschaffenheit des Gallen- stoffs an Nouvelles recherches sur l’urine des ictériques. Par M. Orfila . Paris. 1811. . Von dem Harn des Menschen ist der Urin der Rinder, des Pferdes, Esels und Camels in mehrern Stücken verschieden. Dieser ist immer von einem ihm beygemischten Oel trübe. Er enthält wenig oder gar keine Phosphorsäure und keine Harnsäure, hingegen eine beträchtliche Menge Benzoesäure. Gewöhnlich scheint die Phosphorsäure darin ganz zu fehlen. Dass jedoch diese Abwesenheit nicht immer statt findet, beweisen Brande ’s Analysen des Camel- und Kuhharns Phil. Trans. Y. 1806. P 2. p. 372. , nach welchen beyde phosphorsauren Kalk, obgleich nur in geringer Quantität, enthalten. Fourcroy ’s, Vauquelin ’s und Chevreul ’s entgegengesetzte Beobachtungen Annales de Chimie. T. 72. p. 294. können diese positive Erfahrung um so weni- ger umstossen, da Stromeyer auch in dem Bla- senstein IV. Bd. Q q senstein eines Pferdes phosphorsaure Bittererde fand Gilbert ’s Annalen der Physik. J. 1811. St. 8. S. 470. . Das Verhältniss der Benzoesäure ist in dem Harn dieser Thiere eben so veränderlich, als das der Harnsäure im Menschenharn. In dem Urin des Pferdes ist sie oft so reichlich enthalten, dass sie sich schon beym blossen Zusatz der salzigen Säure abscheidet. Ein krankhaftes Erzeugniss ist sie, wie Giese Scherer ’s allgem. Journal der Chemie. B. 7. S. 581. glaubte, gewiss nicht. Statt der phosphorsauren Salze, die dem Urin der grasfressenden Thiere meist fehlen, giebt es in diesem blos kohlen-, schwefel-, und salzsaure Verbindungen mit Kalk, Bittererde und Alkalien. Die Phosphorsäure geht bey ihnen theils in den Mist über, welcher eine beträchtliche Menge phos- phorsauren Kalk, und selbst mehr als in den Nah- rungsmitteln befindlich ist, enthält; theils wird sie durch den Schweiss ausgeleert, und theils geht sie in die Knochen, Hörner, Hufe und Haare über. Wegen der Menge Kalkerde, die der Mist dieser Thiere enthält, sind sie häufig Concretionen im Darmcanal, sogenannten Bezoaren, unterworfen, da bey dem Menschen häufiger Blasensteine vor- kommen Fourcroy u. Vauquelin , Journ. de la Soc. des Pharmac. à Paris. T. 1. p. 41. 129. — Ann. de Chimie. T. 47. p. 244. . Dem Dem Urin der Rinder nähert sich der Harn des Biebers, Kaninchens und Meerschweinchens. Auch bey diesen Thieren enthält der Urin weder Phosphorsäure, noch Harnsäure. In dem des Bie- bers fand Vauquelin Ann. du Mus. d’Hist. nat. T. 18. p. 85. : kohlensauren Kalk, koh- lensaure und essigsaure Bittererde, schwefelsaures Kali, salzsaures Natrum, Benzoesäure und Harn- stoff. Aehnliche Bestandtheile traf er in dem Harn des Kaninchen an. Doch bemerkte er darin we- der Essig-, noch Benzoesäure, hingegen Schwefel und eine gallertartige Substanz Fourcroy Syst. des connoiss. chimiques. T. 10. p. 188. . Bey allen die- sen Thieren fand sich aber in dem Urin kein freyes Natrum und Ammonium, welche in dem Rinder- und Pferdeharn vorhanden sind. Der Harn der rein fleischfressenden Thiere weicht ebenfalls von dem menschlichen ab. Der des Löwen und Tigers enthält Harnstoff, salzsau- res und phosphorsaures Ammonium, phosphorsau- res Natrum, und eine grosse Menge schwefelsauren Kali, aber keine Harnsäure, keinen phosphor- sauren Kalk und äusserst wenig salzsaures Na- trum Vauquelin , Ann. du Mus. d’Hist. nat. T. 18. p. 83. . Auffallend ist es, dass sich die Harnsäure ohne Harnstoff in dem Urin des Strausses findet. Aus- ser Q q 2 ser jener Säure liefert dieser schwefelsaures Kali, schwefelsauren Kalk, salzsaures Ammonium, eine thierische Materie und eine ölige Substanz, welche die Stelle des fehlenden Harnstoffs zu ersetzen scheint. Die Harnsäure und die Mittelsalze sind ihm in grösserer Menge als dem menschlichen Harn beygemischt Vauquelin ebendas. T. 17. p. 310. . Die Exkremente der Vögel, welche eine Mi- schung von Koth und Harn sind, enthalten eben- falls Harnsäure, nebst phosphorsaurem und koh- lensaurem Kalk, und zwar von diesen beyden Mittelsalzen mehr, als sich aus dem Futter abschei- den lässt Vauquelin , Ann. de Chimie. T. 29. p. 3. — Che- vreul ebendas. T. 72. p. 294. . Der Harn der Amphibien ist eine feste, dem Koth anhängende Substanz. Bey den deutschen Landeidechsen ist sie weich, fettig anzufühlen, kreideweiss, von stark urinösem Geruch, aber ohne merklichen Geschmack. Scholz fand in ihr 0,94 Theile Harnsäure, 0,02 Ammonium, und 0,03 phosphorsauren Kalk, aber keinen Harnstoff Von Schreibers a. a. O. S. 89 ff. . Die Harnsäure traf Proust Ann. de Chimie. T. 1. p. 198. auch in dem Harn der Lacerta Iguana an. Vauquelin Fourcroy Syst. des conn. chim. T. 10. p. 264. glaubt glaubt sie in dem Harn einer Schildkröte, und John Chemische Untersuch. mineral. vegetab. u. animal. Substanzen. in dem Koth der Schmetterlinge bemerkt zu haben. Eine nähere Untersuchung verdient noch die Frage, ob der Urin der rothblütigen Thiere nicht auch Eisen enthält? Bedeutend kann die Quanti- tät dieses Metalls nicht darin seyn. Indess giebt es Erfahrungen, die einigen Eisengehalt des Harns vermuthen lassen. Stromeyer A. a. O. fand Eisenoxyd in dem Harnstein eines Ochsen, so wie Che- vreul A. a. O. im Camelharn, und Vauquelin Annales du Mus. d’Hist. nat. T. 18. p. 82. in dem Urin des Löwen und Tigers, und in den Commentarien des Bononischen Instituts T. V. P. 1. In opusc. p. 275. fin- det sich eine Beobachtung von einem blauen Satz des Urins, der wohl nicht anders als aus der Verbindung einer krankhaft gebildeten Blausäure mit dem Eisenoxyd des Harns entstanden seyn kann. Dass übrigens der Harn oft noch manche an- dere Stoffe enthält, die unzersetzt aus dem Ma- gen durch das Zellgewebe unmittelbar zur Blase gelan- Q q 3 gelangen, ist schon im 19ten §. dieses Kapitels be- merkt worden. §. 25. Chemische Processe der thierischen Ernährung. Wir sehen jetzt, dass es vier Wege giebt, wor- auf bey den Thieren eine beständige Ausleerung statt findet: die Lungen, die Oberhaut, der Mast- darm und die Harnwerkzeuge. Durch alle diese Organe wird eine grosse Menge Wasser ausgeleert. Es werden zugleich aus dem menschlichen Körper excernirt durch die Haut und die Lungen: Kohlen- säure, und, wenn man sich auf Thenard ’s Analyse Ann. de Chimie. T. 59. p. 262. verlassen darf, durch die Haut mit dem Schweiss auch freye Essigsäure, salzsau- res Natrum, eine geringe Menge phosphorsau- ren Kalks, etwas phosphorsaures Eisenoxyd, und thierische Materie; durch den Mastdarm: Galle, Eyweissstoff, zwey eigenthümliche thierische Materien, Gal- lenstoff, kohlensaures, salzsaures und phos- phorsaures Natrum, phosphorsaure Bittererde und phosphorsaurer Kalk; durch die Harnwerkzeuge: Schleim, Harn- stoff, Milchsäure, Harnsäure, Benzoesäure, salzsaures Natrum, salzsaures Ammonium, phos- phosphorsaurer und flusssaurer Kalk, phos- phorsaure Bittererde, phosphorsaures Natrum und phosphorsaures Ammonium. Diese sämmtlichen Stoffe sind nicht blos fremdartige, zur Assimilation unfähige Substan- zen; es sind dieselben Theile, woraus die thieri- schen Organe bestehen. Die Bestandtheile des Harns treffen wir vor- züglich in den Knochen wieder an. Berzelius fand in den trocknen, frischen Menschenknochen, ausser der gallertartigen Knorpelsubstanz und dem Faserstoff der Gefässe, phosphorsauren, flusssauren und kohlensauren Kalk, freyes Natrum und etwas salzsaures Natrum Gehlen ’s Journ. f. d. Chemie u. Physik B. 3. S. 1. — Berzelius erwähnt auch der phosphorsauren Bit- tererde als eines Bestandtheils der Menschenknochen. Hildebrand ’s neuere Versuche (in Schweigger ’s neuem Journal für Chemie u. Physik. B. 8. S. 1.) ma- chen aber wahrscheinlich, dass, wie schon Four- croy und Vauquelin gelehrt hatten, diese Erde wohl in den Rindsknochen, nicht aber in den Menschen- knochen enthalten ist. . Fourcroy und Vauquelin entdeckten in den Thierknochen auch Braunstein, Eisen, Kieselerde und Alaun, doch nur in gerin- ger Quantität Ann. de Chimie. T. 47. p. 244. — Ann. du Mus. d’ Hist. nat. T. 12. p. 136. T. 13. p. 267. . Mehrere Q q 4 Mehrere von jenen Stoffen machen auch Be- standtheile der Haare aus, welche, ausser einer schleimigen und öligen Substanz, Eisen, einige Spuren von Braunsteinoxyd, phosphorsauren und kohlensauren Kalk, Kieselerde in merklicher Quan- tität, und eine beträchtliche Menge Schwefel ent- halten Vauquelin , Ann. de Chimie. T. 58. p. 41. . In den Muskeln, und vermuthlich auch in den häutigen Theilen, giebt es ebenfalls neben dem Faserstoff und derjenigen Substanz, die sich beym Kochen in Gallerte verwandelt, kohlensauren und phosphorsauren Kalk Hatchett , Philos. Transact. Y. 1799. P. 2. p. 327. . Das menschliche Gehirn enthält, ausser den beyden schon im 23sten §. erwähnten fettartigen Materien, Eyweissstoff, milchsaures und salzsau- res Natrum. Verbindungen der Phosphorsäure mit Kalk, Kali und Bittererde, Phosphor und Schwefel Vauquelin , Ann. du Mus. d’Hist. nat. T. 18. p. 212. . Diese Vergleichung scheint, obenhin betrach- tet, auf den Schluss zu führen, dass bey der Ver- dauung eine grössere Menge Materie assimilirt wird, als die zu ernährenden Organe sich anzueignen im Stande sind, und dass dieser Ueberschuss unver- ändert durch die Exkretionsorgane ausgeschieden wird. wird. Allein bey näherer Untersuchung ergeben sich Missverhältnisse zwischen den Bestandtheilen der Nahrungsmittel, den assimilirten Materien und den Auswurfsstoffen, die sich mit jener Annahme nicht vereinigen lassen. Besonders zeigen sich diese an der Phosphorsäure und der Kalkerde. Fourcroy und Vauquelin fanden im Mist der Pferde mehr phosphorsauren Kalk, so wie im Koth der Vögel mehr kohlensauren und phosphor- sauren Kalk, als sich aus dem Futter abscheiden liess. Bey den Vögeln verschwindet dagegen eine gewisse Quantität im Futter befindlicher Kiesel- erde Journ. de la Soc. des Pharmac. à Paris. T. 1. No. 13. p. 129. — Ann. de Chimie. T. 29. p. 326. . An dem Schwefel würde sich vielleicht dasselbe zeigen, wenn dessen Ursprung im thie- rischen Körper genau untersucht würde. Das Na- trum aber findet sich auch in dem Körper pflan- zenfressender Thiere, in deren Nahrungsmitteln keine bedeutende Quantität dieses Salzes enthal- ten ist. Hingegen liefert der Urin des Löwen und Tigers, worin man weit eher Natrum erwar- ten solle, nach Vauquelin ’s Versuchen Kali, und zwar in grosser Menge. Das Eisen macht einen Bestandtheil der Gewächse aus, und geht vielleicht aus diesen in den thierischen Körper über. Wenn man aber bedenkt, dass die Menge desselben im Blute nicht ganz unbeträchtlich ist, dass nur sehr wenig Q q 5 wenig davon in die Knochen und Haare übergeht, und dass, wenn auch ein Theil desselben mit dem Harn ausgeleert wird, dieser doch nur äus- serst gering seyn kann, so kann man sich schwer- lich der Vermuthung erwehren, dass eine Zer- setzung jenes Metalls beym Nutritionsprocess statt findet. Nimmt man endlich hierzu, dass unsere Untersuchungen über die Ernährung der Pflanzen uns auf ganz ähnliche Resultate führten Abschn. 2. §. 4. dieses Buchs. , so ist es mehr als wahrscheinlich, dass überhaupt in allen lebenden Körpern Trennungen und Verbin- dungen vor sich gehen, welche die Kräfte der bis jetzt bekannten chemischen Agentien überstei- gen. Wir fanden, dass im Pflanzenreiche eine der Galvani schen Elektricität ähnliche Kraft und das Sonnenlicht die einzigen chemischen Agentien sind, woraus sich ein Theil der Vegetationsprocesse eini- germassen erklären lässt, dass aber beyde Kräfte nur untergeordnete seyn können Ebendas. . Jene Kraft ist vielleicht auch im thierischen Körper thätig. Sie scheint, wie wir schon bemerkt haben Ebendas. , vor- züglich auf den beyden Flächen der häutigen Zwischenlage, wodurch jede Zelle des thierischen Zellgewebes von der zunächst liegenden, und jedes Einge- Eingeweide von den übrigen abgesondert ist, statt zu finden, und es geht hier vielleicht ein ähnli- ches Hindurchführen der Grundstoffe, wie zwi- schen den Polen einer Volta ischen Säule durch vegetabilische und animalische Substanzen vor. Sie wird, wie wir an den verschiedenen Produk- ten der Schleimhäute, der serösen Membranen u. s. w. sehen, modifizirt durch die verschiedene Beschaffenheit dieser Häute. Diese Kraft kann indess nicht ganz einerley mit derjenigen seyn, die in der Volta ischen Säule wirkt. Die Grundbedingung der letztern sind drey verschiedenartige Materien, worunter sich wenig- stens Eine flüssige befinden muss. Diese Bedin- gung findet zwar allenthalben im thierischen Kör- per statt. Aber eine zweyte ist, dass jene Materien isolirt auf einander wirken, und diese vermissen wir in den thierischen Theilen. Die erwähnte Kraft kann auch nur eine unter- geordnete seyn. Das Resultat aller Galvani schen Thätigkeit ist nur Entsäurung, und Trennung in zwey Elementarstoffe. Es muss noch eine höhere Einwirkung geben, wodurch das Getrennte zu neuen Produkten und zu Verbindungen vielfacher Grundstoffe vereinigt wird. Für den Pflanzenkör- per scheint das Licht ein solches, obgleich auch noch untergeordnetes Bindungsmittel zu seyn. Auf den thierischen Ernährungsprocess aber hat das- selbe selbe keinen Einfluss. Für diesen kann nur die Nervenkraft jenes höhere Agens seyn, dieselbe Kraft, die wir schon als die Quelle alles dynami- schen Wirkens in der lebenden Natur kennen lernten Biolog. Bd. 3. S. 557. 591. , und von deren Einfluss auf die wich- tigsten Funktionen des thierischen Organismus wir schon Beweise in der Lehre von dem Athem- holen Abschn. 3. Kap. 1. §. 3. dieses 5ten Buchs. , dem Blutumlauf Ebendas. Kap. 2. §. 5. und der Verdau- ung Ebend. Kap. 3. §. 7. fanden, indem wir sahen, dass die Ent- bindung der thierischen Wärme, die Bewegung des Bluts und die Thätigkeit des Magens nach Durchschneidung gewisser Theile des Nervensy- stems aufhören. Jener Einfluss der Nervenkraft zeigt sich auch an dem Schwinden eines jeden Gliedes, dessen Nerven unterbunden oder durchschnitten sind Haller El. Phys. T. IV. L. 10. S. 8. §. 30. p. 405. . Diese Abnahme ist zwar nicht in allen Fällen gleich; Arnemann Versuche über die Regeneration B. 1. S. 260. fand sie nicht so bedeutend, wie sie von andern Schriftstellern geschildert ist. Al- lein es ist unmöglich, alle Nerven eines Gliedes zu durchschneiden, ohne den ganzen Zusammen- hang desselben mit dem übrigen Körper aufzuheben. Wo Wo aber nur ein Theil dieser Nerven durchschnit- ten ist, wird oft die Ernährung durch die übri- gen so lange einigermassen unterhalten, bis die getrennten Stücke sich wieder vereinigt haben. Das Mehr oder Weniger in dem Erfolg jener Versuche schwächt also nicht die beweisende Kraft derselben. Liessen sich reine Erfahrungen über die Wir- kung des getrennten Zusammenhangs der Nerven an drüsenartigen Eingeweiden anstellen, so wür- den sich gewiss hierbey ebenfalls sehr auffallende Beweise von dem Einfluss des Nervensystems auf die Absonderungen ergeben. Hier aber sind reine Versuche noch weniger als an andern Theilen möglich. Nuck Adenographia curiosa. §. 16. beobachtete zwar nach dem Durchschneiden der Speicheldrüsennerven ver- minderte Absonderung des Speichels. Allein Söm- mering Hirn- und Nervenlehre. 1te Ausg. §. 193. hat schon mit Recht erinnert, dass diese verminderte Sekretion eben sowohl von der Verletzung der Drüsen, als dem Durchschneiden der Nerven herrühren kann. Wäre dieses ohne jene möglich, so würde vielleicht der Erfolg nicht so sehr Abnahme der Quantität, als Veränderung der Qualität des abgesonderten Speichels seyn. Die Kraft der Nerven ist es also, wodurch das Zerlegte im thierischen Körper wieder gebunden wird, wird, wodurch Processe vermittelt werden, wel- che die Chemie nur vermittelst sehr hoher Wär- megrade, oder mächtiger Säuren nachzuahmen ver- mag. Sie hält aber auch getrennt, was sich ohne ihren Einfluss verbindet. Von ihr rührt die gleich- förmige Mischung des Bluts her, welche aufhört, sobald dieses nicht mehr unter ihrer Herrschaft steht. Säuren, Alkalien und Erden, die wir in thierischen Säften, worauf sie keinen Einfluss mehr hat, zu Neutral- und Mittelsalzen vereinigt antreffen, sind wahrscheinlich zum Theil unver- bunden in diesen Flüssigkeiten vorhanden, so lange die Einwirkung der Nerven darauf dauert. Doch auch in dieser Kraft dürfen wir nicht glauben, den letzten Grund der thierischen Bil- dungsprocesse gefunden zu haben. Es giebt noch keine Nerven in der gleichartigen Flüssigkeit, woraus der thierische Körper entsteht, und die Nerven verändern sich von der Geburt an bis zum Alter mit den Organen, worin sie verwebt sind, indem einige der letztern zunehmen oder neu gebildet werden, und andere abnehmen oder ganz verschwinden. Die Ursache, welche diese Veränderungen hervorbringt, kann nicht an das Nervensystem, und noch weniger an Häute, Zel- len und Gefässe gebunden seyn. Das Lebende lässt sich also nur aus dem Le- benden, und nicht aus erzwungenen Analogien mit der der todten Natur erklären. Jede Theorie der Er- nährung, die sich der Wahrheit nähern soll, muss von diesem Grundsatze ausgehen. Wir werden im folgenden Abschnitt eine solche zu finden su- chen. Dass dieselbe von allen Seiten befriedigend seyn wird, dürfen wir bey dem mangelhaften Zustand unserer Kenntnisse nicht hoffen. Wir dürfen uns aber schmeicheln, dass sie, wenn auch mehr Lücken, doch weniger Irrthümer ent- halten wird, als jede, die auf dem entgegenge- setzten Wege gefunden ist. Vierter Vierter Abschnitt. Grundzüge einer Theorie der Ernährung. U m die Ernährung der lebenden Körper befrie- digend zu erklären, ist es nothwendig, diese Er- scheinung aus einem andern Gesichtspunkt zu be- trachten, als woraus sie in frühern Zeiten ange- sehen wurde. Da noch mechanische Principien in der Lebenslehre herrschend waren, nahm man den Process, wodurch die festen Theile gebildet und erhalten werden, für ganz verschieden von dem- jenigen an, wodurch die Absonderung der Flüs- sigkeiten geschieht, und suchte für beyde Wir- kungen verschiedene Erklärungsgründe auf. Aber beyde sind im Wesentlichen einerley. Bey der Ernährung der festen Theile geht das Blut in eine feste und in eine flüssige Materie über; bey der Absonderung der Säfte trennt sich dasselbe in zwey verschiedene Flüssigkeiten; dies ist der ein- zige Unterschied. Beyde Wirkungen sind nicht Resultate der Gestalt und Mischung der festen Theile. Dieselbe Kraft, Kraft, die das Organ hervorbringt, bewirkt auch die Erhaltung desselben und die darin vorgehen- den Absonderungen. Indem sie einen gewissen Theil bildet, schafft sie sich damit nur eine Be- dingung zur Fortdauer ihrer auf einen be- stimmten Punkt gerichteten Wirksamkeit. Beweise für diesen Satz geben die Metastasen. Bildet sich nicht in Krankheiten Milch ausser- halb den Brüsten, Galle ausserhalb der Leber, und Urin in andern Theilen als den Harnwerk- zeugen? Man kann hierauf erwiedern, dass nach der Entstehung des Organs die ursprüngliche Bildungs- kraft zu wirken aufhört, und dass jene metasta- tischen Erscheinungen sich auch auf eine Art er- klären lassen, wobey es nicht der Voraussetzung bedarf, dass eine gewisse Flüssigkeit ausserhalb dem zu ihrer Absonderung bestimmten Organ erzeugt werden kann. Allein bey der Reproduk- tion der Amphibien, Fische, Würmer, Zoophy- ten u. s. w. werden ganze, verlorne Theile er- setzt. Wo ist hier das Organ, welches den sich aus der Wunde ergiessenden Saft zu neuen Glied- massen umformt? Ueberhaupt verlieren alle Gegengründe wider den obigen Satz ihr Gewicht, wenn wir von rich- tigen Begriffen über das Wesen der bildenden Kraft ausgehen. IV. Bd. R r So So wenig deutlich auch die Begriffe waren, die man bis auf die neuern Zeiten vom Wesen des Lebens hatte, so ist doch so viel offenbar, dass man sich diesen Zustand als das Resultat entwe- der eines unbedingten , oder eines beding- ten Wirkens dachte. Jenes war die Vorstellung, die sich Helmont und Stahl von ihm machten; diesen Begriff findet man in den meisten, seit Haller ’s Zeit entstandenen, biologischen Syste- men, besonders in der Lehre Brown ’s. Aber nur die Fortdauer, nicht der Ursprung des Lebens ist das Produkt einer Wechselwirkung zwischen einer erregbaren Substanz und äussern erregenden Potenzen. Wir suchen vergeblich eine Erklärung der wichtigsten Erscheinungen des Le- bens, wenn wir nicht als Grundsatz annehmen, dass das Entstehen des Lebens in einem Princip begründet ist, dem ein gewisser Grad der Unabhängigkeit von äussern Einflüssen, von Selbstbestimmung zur Wirksamkeit, ein Analogon von Spontaneität zugeschrieben werden muss. Eine Erscheinung, wobey dieser Grundsatz Anwendung findet, ist die Fortpflanzung des Ge- schlechts. Alle biologische Systeme erklären nur das Warum , nicht das Wie derselben M. vergl. Biol. Bd. 1. S. 86. 93. . Aber darin darin gerade liegt das Unerklärbare dieses Phäno- mens, weil dabey eine gewisse Unabhängigkeit von äussern Einwirkungen statt findet. Pflanzen, die unter so ungünstigen Um- ständen vegetiren, dass sie kaum das Leben zu fristen vermögen, eilen, Blüthen und Früchte hervorzubringen, ehe sie vergehen, und aus ih- rem Saamen keimt unter günstigen Verhältnissen wieder eine gesunde Nachkommenschaft hervor. Die Vegetation würde, wenn sie Wirkung eines geistigen Princips wäre, sich gerade so verhalten, wie sie sich in diesem Falle verhält. Eben diese Aehnlichkeit zwischen den Handlungen eines gei- stigen Wesens und den Wirkungen des Lebens- princips deutet aber auf eine Art von Sponta- neität des letztern hin. Zu einer andern Classe von Erscheinungen, woran sich dieses unbedingte Wirken des Lebens- princips äussert, gehören die Missgeburten. Ich habe im dritten Bande dieses Werks (S. 453.) zu zeigen gesucht, dass diese Körper im Innern so zweckmässig organisirt sind, wie es der Grad der äussern Deformität nur immer zulässt, bey allen sich ein Bestreben ihres Bildungstriebs äussert, auch unter den ungünstigsten Umständen einen möglichst vollkommenen Organismus hervorzu- bringen. Jede Hypothese, die es wagt, dieses Ge- setz aus der Voraussetzung einer ganz von äus- R r 2 sern sern Einflüssen abhängigen Wirksamkeit zu er- klären, muss gezwungen und höchst unbefriedi- gend ausfallen. Was sich hier an den einzelnen lebenden Kör- pern zeigt, erhellt auch aus den Bildungsstufen, welche die ganze lebende Natur erstiegen hat. Die Geschichte der Erde lehrt, dass die ersten Organismen derselben aus Zoophyten und Schaal- thieren bestanden; dass diesen Fische und Amphi- bien folgten; dass hierauf erst Säugthiere erzeugt wurden, und dass der Mensch mit den ihm zunächst verwandten Thieren das letzte Produkt der schaffenden Kraft war. Sie lehrt, dass die Art, wie das Individuum, ihre Perioden der Aus- bildung, der Blüthe und des Vergehens hat, und dass das Ganze wie das Einzelne in ewigen Ver- wandlungen begriffen ist Biol. B. 3. S. 1 ff. . Diese Veränderun- gen lassen sich keinesweges blos aus der verän- derten Wirkungsart cosmischer Einflüsse erklären; sie müssen in den Gesetzen des Lebens selber ih- ren Grund haben. Die Lebenskraft jedes Einzel- nen, in so fern sie sich als Bildungskraft äussert, ist ein Ausfluss einer gemeinschaftlichen Grund- kraft, die sich, dem im Prisma gebrochenen Lichte gleich, in unzählige Strahlen spaltet, und so gespal- ten die Mannigfaltigkeit der Arten und Individuen des Reichs der lebenden Organismen hervorbringt. Ver- Vermöge dieser Abhängigkeit des Lebensprincips jedes einzelnen Wesens von einer gemeinschaft- lichen Grundkraft nimmt alles Lebende an den Veränderungen der Urquelle des Lebens Theil, und es giebt daher Erscheinungen in der lebenden Natur, deren Ursachen weit höher als in der Ein- wirkung mechanischer oder chemischer Potenzen liegen. Dem Bildungsprincip der lebenden Körper muss folglich ein gewisser Grad der Unabhängigkeit von äussern Einflüssen zugeschrieben werden. Von dieser Kraft ahnete man auch schon früher ein solches Wirken. Indem ihr Blumenbach den Namen des Bildungstriebs beylegte, erklärte er sie damit für etwas der Schwere und dem Magnetismus Aehnliches, zu dessen Wirksamkeit keine äussere Anlässe erforderlich sind, sondern das den Grund seiner Thätigkeit in sich selber hat. Selbst schon im Alterthum fanden scharfsin- nige Denker in der Voraussetzung eines zweck- mässig und unabhängig von Erregungen wirken- den Princips die Auflösung des Problems von dem Ursprunge des Lebens. Ein solches war die Welt- seele der Platoniker und die plastische Natur des Cudworth . Wegen der Aehnlichkeit zwischen den menschlichen Kunstprodukten und den Wir- kungen des Bildungsprincips, und wegen des die- sem zukommenden Analogon von Spontaneität war R r 3 auch auch der Name Anima vegetativa , der jener Kraft von ältern Physiologen beygelegt wurde, keine ganz unpassende Benennung. Es ist also unläugbar, dass die Ernährung der festen Theile so wenig, als die Abscheidung der flüssigen. Resultate der Gestalt und Mischung des zu ernährenden Organs oder des secernirenden Eingeweides sind. Das Organ ist Schranke, nicht aber Ursache der Thätigkeit des Bildungstriebs; dasselbe begränzt die Wirkungen des letztern auf eine gewisse Sphäre, und macht die Fortdauer jener Wirkungen in dieser Sphäre möglich. Die fortwährende Richtung der Thätigkeit des Bildungstriebs auf die Erhaltung eines bestimmten Ganzen macht einen Charakter des individuellen Lebens aus. Jenes Ganze ist ein Organismus, der den veränderlichen Einflüssen der äussern Welt beständig ausgesetzt ist, und dessen Materie eben sowohl als jede unorganische von diesen Ein- wirkungen verändert wird. Das Bildungsprincip hingegen wird von der Aussenwelt nicht erreicht. Eben darum aber bleibt dieses fortwährend für jenen Organismus in Thätigkeit, weil dessen Ma- terie unaufhörlich durch äussere Agentien zersetzt wird, und das Zerstörte in ihm beständig zu reproduciren ist. Diese Zersetzungen und Repro- duktionen erscheinen uns als eine Wechselthätig- keit zwischen einer dem lebenden Körper eige- nen nen Erregbarkeit und erregenden Potenzen. Daher hat alles individuelle Leben in Erregungen sein Bestehen, obgleich die Urquelle des Lebens un- abhängig von äussern Antrieben fliesst. Was sich also aus chemischen Grundsätzen an- geben lässt, sind die Elemente, woraus ein leben- der Körper zusammengesetzt ist. Vielleicht ist es selbst möglich, durch chemische Processe eine thierische oder vegetabilische Flüssigkeit aus ihren Elementen zu bilden. Aber diese Processe werden immer von denen verschieden seyn, wodurch eine solche Flüssigkeit im lebenden Körper hervor- gebracht wird. Mag man daher alle Spuren von Elektricität, Magnetismus und allen sonstigen physischen Kräf- ten in den lebenden Körpern aufsuchen, und so weit wie möglich verfolgen! Das Resultat dieser Nachforschungen wird immer nur seyn, dass jene Agentien im thierischen und vegetabilischen Orga- nismus sowohl als ausserhalb demselben wirk- sam sind; aber nie wird dadurch das eigentliche Geheimniss des Lebens enthüllet werden. Was wir zu bestimmen vermögen, sind nur die Ge- setze des Bildungstriebs, und diese werden wir jetzt, in so fern sie sich auf die Ernährung bezie- hen, aufzustellen versuchen, Wir werden uns dabey kurz fassen können, da die Belege zu den R r 4 folgen- folgenden Sätzen schon in den vorhergehenden Abschnitten dieses Werks enthalten sind. 1. Das vornehmste Substrat der bildenden Kraft ist in der ganzen lebenden Natur der Eyweissstoff, eine Substanz, die ausser dem Sauerstoff, Was- serstoff, Stickstoff und Kohlenstoff auch Phosphor in ihrer Mischung enthält. Die vier ersten die- ser Stoffe hat sie mit mehrern andern Materien, worin sich gar keine, oder nur schwache Spuren des Bildungstriebs äussern, gemein; der Phosphor aber ist ihr eigenthümlich. Dieser scheint daher bey dem Lebensprocess von grosser Wichtigkeit zu seyn. 2. Alle thierische und vegetabilische Substanzen, worin sich die bildende Kraft äussert, sind der Fäulniss fähig, und mit dem Eintritt der Fäulniss fängt diese Kraft an, ungebunden zu wirken, da ihre Thätigkeit vorher, als jene Substanzen noch Theile eines organischen Ganzen ausmachten, be- schränkt war. 3. Sind jene Substanzen mit zuckerartigen Stof- fen verbunden, so tritt die Fäulniss und die un- beschränkte Thätigkeit des Bildungstriebs erst dann in ihnen ein, wenn sie die weinige oder saure Gährung erlitten haben. Hierbey wird von der gährenden Materie Sauerstoff aus der atmosphäri- schen Luft aufgenommen, und Kohlensäure ent- bunden. bunden. Es geht hier also den freyen Aeusserun- gen des Bildungstriebs derselbe Process vorher, der in jedem thierischen und vegetabilischen Kör- per das ganze Leben hindurch fortdauert. 4. Die ersten Produkte des Bildungstriebs in faulenden Substanzen sind Bläschen, und aus die- sen entstehen Zoophyten. Ich habe für diesen wichtigen Satz schon im zweyten Bande der Biologie (S. 264 ff.) so viele Gründe angeführt, dass ich ihn für ausgemacht halten zu können glaube. Indess füge ich hier noch Einiges aus fremder und eigener Erfahrung zum weitern Beweise desselben bey. Von der Auflösung thierischer Substanzen in Infusionsthiere erzählt Ramdohr in seinen Mikro- graphischen Beyträgen zur Entomologie und Helminthologie (Th. 1. S. V ff.) ein auf- fallendes Beyspiel. Dieser sahe eine durchschnit- tene Fasciola caudata Müll . sich unter seinen Augen in Infusorien des Geschlechts Volvox auf- lösen. Beyde Hälften des durchschnittenen Wurms bewegten sich durch schwaches Ausdehnen und Zu- sammenziehen. An den Rändern, wo der Schnitt geschehen war, fanden beständige Wirbel statt, wie sie die Vorticellen zu machen pflegen, deren Entstehung folgende war. Der Wurm fing an sich aufzulösen, und die von ihm sich trennenden R r 5 Stäub- Stäubchen geriethen bald hier bald dort blitzschnell in eine wirbelnde, kreisförmige Bewegung, wo- von noch mehrere nahe liegende Stäubchen der Art ergriffen und verschlungen zu werden schie- nen. Hierdurch entstand eine kleine Kugel, die sich auf dem Platz ihrer Entstehung äusserst schnell drehte, dann plötzlich fortschnellte, und mehrere Sekunden lang umherrollte, worauf sie ruhete und sogleich wieder in Stäubchen aufgelöst wurde, oder, welches am häufigsten der Fall war, ihre Bewegung von neuem anfing und fortsetzte. Die andere Hälfte des Wurms, die noch immer schwa- che Zeichen von Leben äusserte, wurde ebenfalls in reines Wasser gebracht, und auch dieses füllte sich mit solchen Kugeln an, während der Wurm merklich an Umfang abnahm, und spät in der Nacht ganz verschwand. Nicht alle Theile der Fasciola wurden aber so belebt; einige zerflossen wie ein äusserst feiner Staub. Den Uebergang der Conferven in Infusions- thiere, und dieser in jene, beobachtete Trentepohl an der Conferva dilatata Roth . Roth ’s botanische Bemerkungen und Berichtigungen. Leipz. 1807. S. 180. . An dieser Alge war im August die Spitze einer Menge von Aesten keulenförmig, schwarz und undurchsichtig, und dieses in der Keule enthaltene Schwarze äusserte eine schwache Spur von Bewegung. Bey fortge- setzter setzter Beobachtung wurde die Bewegung immer merklicher, und das Schwarze trennte sich von dem Grünen, so dass zwischen beyden ein ganz wasserheller Raum in dem untersten Theil der Keule entstand. Dieser helle Zwischenraum wur- de immer breiter; das Schwarze verhielt sich ganz wie ein Infusionsthier, und fing an, einen Haufen Körner und Fasern aus der Spitze der Conferve vor sich wegzustossen. Bald darauf drängte sich das Thier nach der Spitze der Keule zu, und endlich schlüpfte es durch eine runde, am Ende dieser Anschwellung entstandene Oeffnung hervor, wobey der Körper desselben deutlich zusammen- gedrückt wurde. Das Schwarzwerden der Keule geschah blos des Nachts; das Ausschlüpfen der Thiere fing am frühen Morgen an, und währte ohngefähr bis Mittag. Sobald das Thier die Keule verlassen hatte, bewegte es sich mit Schnelligkeit im Wasser nach allen Richtungen fort. Seine Fi- gur war völlig eyförmig oder elliptisch, seine Far- be schwarz, fast ohne alles Grün, glänzend und undurchsichtig; blos der obere Rand war weiss- lich und durchsichtig. Nachdem es jene Bewe- gung eine Zeitlang fortgesetzt hatte, suchte es sich einen Ruheplatz, wo es ohne einige fernere Bewegung liegen blieb. Dieses scheinbare Sterben war der Anfang ei- ner neuen Entwickelung. Fünf bis sechs Stunden nach nach dem Aufhören aller Bewegung wurden die Thiere nicht nur grösser, sondern viele auch voll- kommen kugelrund, und grünlich. Nach einiger Zeit hatten eine Menge dieser Kügelchen theils an einer, theils an zwey einander gegenüberste- henden Seiten eine kleine Röhre getrieben, die den jüngern Fäden der Conferva dilatata ganz ähnlich, und eben so wie das Kügelchen selber inwendig an der Haut mit kleinern Körnern dicht besetzt war. Einige trieben auch nach wenig Ta- gen schon Aeste. Diese jungen Conferven wur- den nach zehn Tagen wieder Mütter. Um diese Zeit, wo sie die Länge von ohngefähr einer Linie hatten, zeigten sich an ihnen schon schwarze, hochschwangere Keulen. Die von dem Thier verlassene Keule wurde wasserhell, welk und faltig. Unter ihr verengerte sich die Röhre der Conferve, und, indem sie sel- ber allmählig aufgelöst wurde, trieb aus dieser verengerten Stelle bald ein neuer Fortsatz hervor, der ebenfalls eine schwarze Keule bekam, und die nehmliche Folge von Erscheinungen wie der abgestorbene Ast zeigte. So weit die Erfahrungen Trentepohl ’s, der ein völlig unbefangener Beobachter war. Ich ha- be im Mai 1805 gefunden, dass die ersten Anfänge der Conferva limosa Dillw . ebenfalls Infusions- thiere sind. Eine Ulva lubrica Roth . war am Ran- de de mit dieser Conferve besetzt. Neben der- selben befanden sich Stäbchen, die hinten und vorne lanzettförmig waren. Die kleinern von die- sen schwammen frey in dem Wasser, worin die Ulve lag, und äusserten ganz ähnliche, doch we- niger schnelle Bewegungen wie Infusorien. Die grössern näherten sich schon mehr der cylindri- schen Gestalt, sassen meist mit dem einen Ende fest, und äusserten blos noch pendelartige Bewe- gungen. Von den kleinern zu den grössern, und von diesen zu den Fäden der ausgebildeten Con- ferve war der Uebergang so deutlich, dass sich die Entstehung der letztern aus den erstern nicht bezweifeln liess. 5. Die Bläschen, worin faulende Substanzen aufgelöst werden, sind in unaufhörlicher Bewe- gung, und in dieser Bewegung äussert sich die Vitalität der Flüssigkeiten. 6. Diese Bläschen finden wir auch in animali- schen und vegetabilischen Säften, die noch Bestand- theile eines lebenden Ganzen ausmachen. Hier aber bewegen sie, und mit ihnen die Flüssigkei- ten, worin sie schwimmen, sich nicht wie in faulenden Substanzen, nach unbestimmten Rich- tungen, sondern nach gewissen Punkten. 7. Bey den Pflanzen sind diese Punkte verän- derlich, indem sie von dem Einfluss des Lichts, der der Wärme und anderer wechselnden Einflüsse abhängen. Im Thierreiche aber sind sie unver- änderlich, und hier äussert sich die vitale Bewe- gung der Flüssigkeiten vorzüglich an dem Umlauf des Bluts. Aeussere mechanische Einwirkungen, besonders die Zusammenziehungen des Herzens, unterstützen den letztern, sind aber keinesweges die einzigen Triebfedern desselben. Durch blosse mechanische Kräfte werden nur auszuleerende Ma- terien, die keine Vitalität und keine eigenthüm- liche Bewegung haben, z. B. der Harn und die Exkremente des Darmcanals, fortbewegt. 8. Wie die belebten Flüssigkeiten vermöge ei- ner innern Kraft sich fortbewegen, so gehen sie auch auf ihrem Wege vermöge eben dieses innern Princips in verschiedenartige Materien über. Es ist nicht eine durch den Zusatz anderer Stoffe aufgeregte Wahlverwandtschaft, was das Blut in Speichel, Galle, Saamen u. s. w. verwandelt; denn was giebt es in den Speicheldrüsen, der Leber u. s. w., das die Bestandtheile des Speichels, der Galle u. s. w. anzieht und die übrigen zurück- stösst? Es geht bey jener Verwandlung mit dem Blut etwas Aehnliches vor, wie mit dem Licht bey der Spaltung desselben im Prisma. 9. Die Thätigkeit jenes innern Princips ist bey den Pflanzen abhängig, bey den Thieren hingegen unabhängig von der Einwirkung des Lichts. Bey den den letztern wird sie durch den Einfluss des Ner- vensystems bestimmt, und in dieser Bestimmung unterhalten. Man kann in dieser Hinsicht die Thiere Pflanzen nennen, die ein inneres, vom Gehirn und Rückenmark ausgehendes Licht haben. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass diese Ver- gleichung für jetzt blos Vergleichung ist, und nicht als Erklärungsgrund angewandt werden darf. 10. Alle Ernährung geht auf Hervorbringung der Bedingungen des Lebens. Diese sind theils innere, theils äussere. Die innern bestehen in dem angemessenen Verhältniss jedes einzelnen Theils zum ganzen übrigen Organismus, und des letztern zur äussern Welt. Dieses Verhältniss wird durch die stets rege Thätigkeit des Bildungs- princips wieder hergestellt. wenn dasselbe von zufälligen äussern Ursachen, die jedoch gewisse Gränzen nicht überschreiten dürfen, gestört ist. Die äussern Bedingungen des Lebens würde nur ein Körper von unbegränzter Lebenskraft sich selber schaffen können. Doch einige derselben muss auch jeder Körper von beschränkter Lebens- kraft hervorbringen können, und die er nicht sel- ber zu bilden vermag, muss er wenigstens in der äussern Natur aufzusuchen und sich anzueignen im Stande seyn. Die vornehmsten jener äussern Bedingungen sind Wärme und Licht. In wie fern die lebenden Körper diese zu erzeugen vermögen, werden werden wir im nächsten Buche ausmachen. Die Aufsuchung derjenigen äussern Bedingungen, die der lebende Organismus nicht selber hervorbringen kann, setzt ein Vermögen, von den Gegenständen der äussern Welt Eindrücke aus der Ferne zu empfangen, und diesen gemäss willkürliche Hand- lungen zu äussern, voraus, womit wir uns in den folgenden Büchern beschäftigen werden. Zusätze. Zusätze . I. Ueber das Eindringen der Luft in die Spuh- len der Federn beym Athmen der Vögel. (Zu S. 131.) N ach J. und K. Wenzel ’s Bemerkungen über die Struktur der ausgewachsenen Schwung- und Schweiffedern. Tübingen. 1807. Untersuchungen ist die von Hunter und Camper sich herschrei- bende Meinung, dass bey den Vögeln die einge- athmete Luft in die Spuhlen der Federn tritt, unrichtig. II. Ueber die Entstehung von Stickgas beym Athmen. (Zu S. 189. und 190.) Die Zunahme des Stickstoffs der geathmeten Luft, die Spallanzani in einigen Fällen bey der Respiration der Schnecken bemerkte, ist auch von Allen und Pepys bey neuern, an Meer- schweinchen gemachten Versuchen beobachtet wor- den. IV. Bd. S s den Philosoph. Transact. Y. 1809. p. 404. . Athmeten diese Thiere blos atmosphäri- sche Luft, so fanden Allen und Pepys eben so, wie bey ihren frühern Versuchen, die Quan- tität des Stickgas unvermindert, und das verzehrte Sauerstoffgas durch eine gleiche Menge kohlensau- sen Gas ersetzt. Athmeten sie hingegen reines Sauerstoffgas in einem Apparat, der so eingerich- tet war, dass die respirirte Luft gegen neue um- getauscht und zur Untersuchung abgesondert wer- den konnte, so fand sich eine bedeutende Menge Stickgas, welches jedoch bey den neu hinzuge- setzten Portionen Luft immer mehr abnahm. Eben dieses Resultat ergab sich, als ein Meerschwein eine Stunde lang in einer Mischung aus Wasser- stoffgas und Stickgas athmete, worin das erstere zum letztern in demselben Verhältniss, wie das Stickgas zum Sauerstoffgas in der atmosphärischen Luft, stand. In einigen dieser Versuche überstieg die Menge des entbundenen Stickgas das Volumen des Thiers. Wenn bey dem letztern Versuch die Thiere eine bedeutende Menge Wasserstoffgas ah- sorbirt hatten, so wurden sie schläfrig, und ath- meten weniger kohlensaures Gas als vorher aus. In Einem Fall, wo ein Meerschwein eine Mischung von Wasserstoffgas und Sauerstoffgas respirirte, übertraf die Quantität des ausgehauchten kohlen- sauren Gas die Menge des verzehrten Sauerstoffgas um den hundertsten Theil. Spal- Spallanzani glaubte gefunden zu haben, dass diese Zunahme des Stickgas der respirirten Luft entweder kurz vor dem Tode, oder nach einem reichlich genossenen Futter eintrat. Es ist zu bedauern, dass Allen und Pepys diese Beobach- tung Spallanzani ’s nicht gekannt haben, oder dass wenigstens von ihnen keine Rücksicht darauf genommen ist. Vielleicht würden sie bey weite- rer Verfolgung derselben gefunden haben, dass das Stickgas, welches bey ihren Versuchen ent- bunden wurde, von ganz andern Ursachen, als von dem Athmen des Sauerstoffgas oder Wasser- stoffgas herrührte. Berzelius erzählt in seinem View of the progress and present state of animal chemistry Translated from the Swedish by G. Brunmark . London. 1813. p. 33. , dass er in der Erwartung, die kräuterfressenden Thiere, deren Futter nicht so viel Stickgas ent- hält, als in der Mischung ihrer Theile befindlich ist, müssten dieses Gas beym Athemholen ab- sorbiren, Allen und Pepys zur Anstellung der erwähnten Versuche veranlasst hätte, und zieht aus dem seiner Vermuthung ganz entgegengesetz- ten Erfolg der letztern einige Folgerungen, wobey er die Entstehung von Stickgas im thierischen Kör- per anzunehmen scheint. Ohne diese Hypothese verwer- S s 2 verwerfen zu wollen, kann ich doch nicht um- hin zu bemerken, dass es noch einer Untersuchung bedarf, ob nicht beym Verschlucken der Speisen, besonders roher, saftiger Kräuter, eine beträcht- liche Menge atmosphärischer Luft in den Magen und Darmcanal gelangt, die vielleicht mit dem Chylus in das Blut übergeht, und wovon das Stickgas, beym Durchgange des Bluts durch die Lungen, abgesondert und ausgeleert wird. III. Versuche über den Einfluss der Durchschnei- dung und Zerstörung des Rückenmarks und einzelner Nerven auf den Blutlauf. (Zu S. 266. §. 5.) Erst nachdem der grösste Theil dieses Bandes schon abgedruckt war, ist es mir möglich gewe- sen, Versuche zur Entscheidung der Frage anzu- stellen, ob die Durchschneidung und Zerstörung des Rückenmarks und einzelner Nerven einen unmittelbaren Einfluss auf die Bewegung des Bluts in denjenigen Theilen hat, worin sich diese Or- gane verbreiten; oder ob, nach Le Gallois ’s Hy- pothese, der Blutlauf blos von den Zusammen- ziehungen des Herzens abhängt, und partielle Zerstörungen des Nervensystems ihn nur durch ihre Einwirkung auf dieses Organ schwächen oder ganz aufheben. Le Gallois experimentirte fast blos blos an Kaninchen, bey welchen er die Fortdauer und das Aufhören des Blutlaufs in einzelnen Thei- len nur aus Merkmalen, die meist ganz unzu- verlässig sind, beurtheilte. Meine Erfahrungen habe ich an Fröschen gemacht, und zwar auf eine solche Art, dass ich die Bewegung des Bluts vor und nach jedem Versuch unter dem Ver- grösserungsglase beobachten konnte. Ich theile hier dieselben so mit, wie ich sie in meinem Ta- gebuche aufgezeichnet habe. 1. An einem noch unausgewachsenen, erst kürzlich gefangenen Frosch entblösste ich auf der untern Seite das Herz und die Lungen, auf der obern das Gehirn, und zerstörte vermittelst eines Messingdraths dieses und das Rückenmark. Es er- folgten einige Zuckungen, und die mit dem Athem- holen verbundenen Bewegungen der Kehle wur- den unregelmässig. Das Herz setzte unterdess sei- nen Schlag fort, und wurde bey der Diastole roth, bey der Systole blass. Der Blutumlauf hatte also, wenigstens in der Nähe dieses Organs, noch seinen Fortgang. Die Lungen waren fortdauernd von Luft ausgedehnt, und machten abwechselnde Zusammenziehungen und Erweiterungen, doch nur in geringem Grade. — Ich brachte von neuem einen Metalldrath in das Gehirn, und zerstörte dasselbe so vollständig wie möglich. Jetzt fielen die Lun- gen zusammen. Aber das Herz setzte seinen S s 3 Schlag Schlag immer noch fort. Doch blieb die Farbe desselben bey der Systole eben so blass, wie bey der Diastole. Der Blutumlauf hatte also jetzt auch in der Nähe desselben aufgehört, indess nur, weil das Athemholen aufgehoben war. 2. Einen zweyten, dem vorigen an Grösse glei- chen, aber von Mangel an Nahrung etwas abge- matteten Frosch spannte ich auf einer dem Lie- berkühn schen Equuleus ähnlichen Maschine aus, die so eingerichtet war, dass ich in den ausge- dehnten, und durch einen Spiegel von unten er- leuchteten Schwimmhäuten der Hinterfüsse die Bewegung des Bluts unter einer 32mal vergrössern- den Linse beobachten, und dabey an allen Thei- len des Thiers operiren konnte. Ich entblösste die ischiadischen Nerven von der Rückenseite ohne bedeutenden Blutverlust. Der Blutlauf gieng nach dieser Operation auf dieselbe Art wie vor derselben in den Gefässen der Schwimmhäute von statten. Ich durchschnitt hierauf beyde ischiadi- sche Nerven. Als ich jetzt nach zwey Minuten jene Gefässe wieder betrachtete, war keine Bewe- gung des Bluts in denselben mehr zu bemerken. Das Athemholen und der Herzschlag giengen un- terdess regelmässig fort; das Herz wurde bey der Diastole dunkelroth, und erblasste bey der Systole. Ich öffnete das untere Ende des Rückenmarks, und stiess durch dasselbe einen Metalldrath bis zum zum Gehirn. Das Athemholen wurde in den ersten drey Minuten etwas unregelmässig, dauerte aber dennoch fort. Das Herz pulsirte ebenfalls fort, und wurde bey der Erweiterung mit Blut angefüllt. Nach einer Viertelstunde schnitt ich das ganze Rückenmark bis zum Hinterhaupt weg. Aber auch jetzt währte das Athemholen und der Herzschlag noch länger als zwanzig Minuten fort. Das Herz wurde zwar bey der Diastole immer weniger roth; doch war noch beständig eine Veränderung der Farbe desselben hierbey zu be- merken. 3. Ich spannte drey dem vorigen ähnliche Frö- sche auf der erwähnten Maschine aus. Bey dem ersten hörte der Lauf des Bluts in den Schwimm- häuten auf, nachdem die ischiadischen Nerven durchschnitten waren. Aber nach dem Durch- schneiden, wobey ein grosses Gefäss verletzt war, entstand eine so heftige Blutung, dass es zweifel- haft blieb, ob die Stockung des Bluts blos von der Trennung des Zusammenhangs der Nerven mit dem Rückenmarke herrührte. — Bey dem zweyten Frosch bewegte sich das Blut, nach dem Durch- schneiden der Schenkelnerven, in den Schwimm- häuten noch einige Zeit, doch nur langsam. — Bey dem dritten Thier, bey welchem der Kreis- lauf sehr lebhaft vor sich ging, durchschnitt ich nicht die ischiadischen Nerven, sondern das Rücken- S s 4 mark, mark, und zwar in der Mitte desselben. Hier dauerte die Bewegung des Bluts nach der Opera- tion länger als eine Viertelstunde in den Schwimm- häuten, ohne selbst merklich langsamer zu wer- den. Ich stiess hierauf einen Messingdrath in den obern Theil des Rückenmarks von hinten nach vorne bis zum Gehirn, und zerstörte das Mark durch öfteres Umdrehen und Hin- und Herziehen des Draths völlig. Jetzt war der Kreislauf in den Hinterfüssen zwar langsamer geworden, doch noch keinesweges aufgehoben; ich beobachtete ihn noch länger als sieben Minuten. Er hörte erst auf, nachdem ich das ganze Rückgrat weggeschnit- ten hatte, womit aber auch das Athemholen auf- gehoben war. — Bey allen diesen Versuchen pul- sirte das Herz nach dem Aufhören des Athem- holens fort. — Bey dem zweyten Thier floss aus den zerschnittenen Schenkelmuskeln noch Blut, nachdem die ischiadischen Nerven zerschnitten wa- ren, und der Kreislauf in den Schwimmhäuten aufgehört hatte. 4. An einem jungen, aber nicht sehr lebhaften Frosch beobachtete ich erst ohngefähr 10 Minuten lang die Bewegung des Bluts sowohl in den Zehen der Vorderfüsse, als in den Schwimmhäuten der Hinterfüsse, um die Geschwindigkeit desselben ge- nau zu kennen. Dann entblösste ich die ischiadi- schen Nerven von der Rückenseite, indem ich die die Verletzung der grössern Blutgefässe des Hin- terleibs sorgfältig vermied. Der Blutverlust bey der Operation war auch sehr gering. Jetzt beoh- achtete ich von neuem 10 Minuten lang den Blutlauf in den Schwimmhäuten der Hinterfüsse, den ich eher beschleunigt, als vermindert fand. Ich durchschnitt nun die ischiadischen Nerven gleich unter ihrem Ursprung am Rückgrat, und untersuchte dann wieder den Blutlauf in den Hin- terfüssen. Zwischen dem Durchschneiden und die- ser Untersuchung waren nur wenige Sekunden verstrichen, und doch hatte alle Bewegung des Bluts in den hintern Gliedmassen völlig aufge- hört. In den Vorderfüssen hingegen dauerte der Kreislauf nach wie vor fort. In den ersten 5 Mi- nuten schien er hier nicht einmal langsamer ge- worden zu seyn. Nach einer Viertelstunde hatte er zwar etwas nachgelassen; doch war die Ver- minderung der Geschwindigkeit desselben kaum merklich. 5. Bey einem schon völlig ausgewachsenen und sehr lebhaften, weiblichen Frosch dauerte der Blutlauf in den Hinterfüssen nach der Durch- schneidung des mittlern Theils des Rückenmarks noch zehn Minuten. In den ersten fünf Minuten nahm die Bewegung des Bluts in jenen Theilen nur langsam, in den folgenden aber sehr schnell ab. Beym Durchschneiden des Rückenmarks war S s 5 die die Blutung ziemlich bedeutend. In der vordern Hälfte des Körpers hatte die Respiration acht Stunden nach der Operation noch ihren Fortgang. Als ich um diese Zeit die Gefässe der Schwimm- häute von neuem beym Sonnenlichte untersuchte, war ich sehr überrascht, das Blut in den klein- sten dieser Gefässe wieder in Bewegung zu fin- den. In den grössern Adern konnte ich indess keine Bewegung mehr bemerken. 6. Bey einem männlichen Frosch, der dem vo- rigen an Stärke und Grösse gleich war, durch- schnitt ich ohne erheblichen Blutverlust blos den ischiadischen Nerven der rechten Seite. Anfangs schien der Blutlauf im rechten Fuss geschwächt zu seyn. Nachher aber schien er mir in den klein- sten Gefässen eben so lebhaft wie vor der Ope- ration vor sich zu gehen. In den grössern Ge- fässen stockte er. Doch ging er in einigen von diesen schon vor der Operation stossweise von statten. Ueberhaupt habe ich bey diesem sowohl, als dem vorigen Frosch, die Bewegung des Bluts in den Haargefässen, die nur ein einziges Blut- kügelchen durchlassen, weit lebhafter als in den grössern Zweigen gefunden. — In den kleinern Gefässen des andern Schenkels dauerte ebenfalls der Blutlauf noch fort, nachdem der ischiadische Nerve desselben durchschnitten war. — In bey- den Hinterfüssen beobachtete ich den Kreislauf noch noch länger als eine halbe Stunde nach der Tren- nung der Nerven. 7. Bey mehrern Kaulquappen, die eine Länge von ohngefähr anderthalb Zoll hatten, und in de- ren durchsichtigem Schwanz sich der Blutumlauf sehr deutlich beobachten liess, hörte derselbe in diesem Theil augenblicklich auf, sobald das un- tere Ende des Rückenmarks durchschnitten war. Das Athemholen und der Herzschlag dauerten da- bey fort. Diese Funktionen hörten auch nach dem Durchstechen des Gehirns nicht auf. Das Athem- holen wurde aber gleich gehemmt, sobald der vordere Theil des Rückenmarks zerstört war. Durch diese Erfahrungen erhält alles, was ich oben (S. 272 ff.) über die Unrichtigkeit der Schlüsse gesagt habe, die Le Gallois aus seinen Versuchen gezogen hat, volle Bestätigung. Zuerst folgt dar aus, dass die Entstehung von Blutungen aus ver- wundeten Theilen, wovon Le Gallois ein Haupt- kennzeichen der Fortdauer des Blutumlaufs in diesen Theilen hernahm, eben so unzuverlässig ist, als das auf der Fortdauer des Empfindungs- vermögens in einzelnen Organen gebauete Merk- mal, dessen Trüglichkeit ich schon oben (S. 275.) bewiesen habe. Im 3ten Versuch entstand bey dem zweyten Frosch aus den zerschnittenen Schen- kelmuskeln noch eine Blutung, obgleich der Kreis- lauf in diesen Theilen aufgehört hatte. Dagegen floss floss aus denselben verwundeten Muskeln bey an- dern Fröschen, in deren Hinterschenkeln der Blutlauf noch ungeschwächt war, nur sehr wenig Blut. Alle Erfahrungen über das Aufhören oder Fort- dauern des Blutumlaufs in einzelnen Theilen, die nicht auf unmittelbaren Beobachtungen beruhen, müssen also sehr unsicher seyn. Die meinigen dürfen, wie ich glaube, auf mehr Zuverlässig- keit Anspruch machen, und diese führen auf fol- gende Resultate. 1. In einigen Fällen hörte der Blutumlauf in den hintern Gliedmassen nach der Durchschnei- dung der ischiadischen Nerven oder des Rücken- marks sehr schnell auf (Vers. 2, 4.); in andern dauerte er selbst nach der Durchschneidung des Rückenmarks in diesen Theilen fort (Vers. 3, 5, 6.). In den letztern Fällen liess er jedoch in den grössern Gefässen jener Glieder nach (Vers. 5, 6.). Nur in den kleinsten Adern währte er oft ziem- lich lange fort, und kehrte selbst nach einiger Zeit zurück, nachdem er schon gehemmt gewesen war (Vers. 5.). 2. Bey allen diesen Beobachtungen ging das Athemholen, der Herzschlag und der Blutumlauf in dem Vordertheil des Körpers fort. In Einem Fall (Vers. 4.), wo der Blutlauf in den hintern Theilen nach der Durchschneidung der ischiadi- schen schen Nerven augenblicklich aufhörte, war anfangs in den Vorderfüssen nicht einmal eine bedeutende Abnahme der Geschwindigkeit desselben zu bemer- ken. Selbst gänzliche Zerstörung des Rückenmarks hob diese Funktionen nicht auf (Vers. 1, 2.). Nur wenn das Gehirn nebst dem obern Ende des Rücken- marks völlig zerstört war, kamen das Athemho- len und der Blutumlauf zum Stillstand (Vers. 1, 3, 7.). Das Herz fuhr aber auch in diesem Falle fort zu pulsiren (Vers. 1, 3.). 3. Haller ’s Lehre, dass der Schlag des Herzens in keiner unmittelbaren Abhängigkeit von dem Ein- fluss des Nervensystems steht, ist also unwiderlegt. Unrichtig ist aber die Meinung Haller ’s, dass blos dieser Schlag den Kreislauf bewirkt; denn wie hätte in den obigen Versuchen die blosse Durchschneidung der ischiadischen Nerven den Stillstand, oder wenigstens die Abnahme der Be- wegung des Bluts in den hintern Extremitäten bey der Fortdauer des Kreislaufs im übrigen Kör- per zur Folge haben können, wenn diese Meinung gegründet wäre? 4. Alle obige Erfahrungen finden nur eine be- friedigende Erklärung in der Voraussetzung, dass der Blutumlauf von einer eigenen bewegenden Kraft des Bluts entsteht, welche von dem Athem- holen und dem Einfluss des Nervensystems ab- hängig ist, und deren Wirkungen durch die Zu- sammen- sammenziehungen des Herzens blos unterstützt werden. Die Abhängigkeit dieser Kraft von dem Einfluss der Nerven ist verschieden nach der Ver- schiedenheit des Individuums. Sie wird auf ähn- liche Art, wie die Muskelkraft in einzelnen Thei- len, nach der Trennung der zu denselben gehen- den Nerven vom Gehirn und Rückenmark, bald früher, bald später erschöpft. IV. Beobachtungen über die freywilligen Bewe- gungen des Bluts. (Zu S. 260. und 549.) Wenn es wahr ist, dass der Kreislauf des Bluts nicht blos von dem mechanischen Einfluss des Herzens herrührt, sondern dass diese Flüssigkeit ein eigenes Bewegungsprincip besitzt, so lässt sich erwarten, dass die Thätigkeit dieses Princips, wie die aller übrigen Lebenskräfte, auch nach der Trennung des Bluts vom übrigen Organismus noch einige Zeit fortdauern wird; und findet diese Fort- dauer wirklich statt, so erhält dadurch jene Lehre eine neue Bestätigung. Ich hatte schon vor längerer Zeit über diesen Gegenstand Untersuchungen angestellt, ohne aber auf zuverlässige Resultate gekommen zu seyn. Oft fand ich in den Kügelchen von Blutstropfen, die ich unter dem Vergrösserungsglase betrachtete, Ströme Ströme und Wirbel, die mir von einer innern Kraft zu entstehen schienen. Aber in der Folge entdeckte ich einen Umstand, der mir diese Beob- achtungen verdächtig machte. Ich hatte jenes Blut meist von Fröschen und Kaulquappen genom- men. In dem Wasser, worin sich diese Thiere aufhalten, befinden sich immer Vorticellen und an- dere Infusionsthiere, die leicht mit unter das Blut gerathen, und dasselbe durch ihre abwechselnden Zusammenziehungen und Ausdehnungen in Bewe- gungen setzen, die mit freywilligen die grösste Aehnlichkeit haben. Indess waren mir auch Fälle vorgekommen, wobey diese Täuschung nicht statt gefunden haben konnte. Als ich im letzten Früh- jahr meine Untersuchungen über diesen Gegen- stand wieder vornahm, erhielt ich endlich die Ge- wissheit, dass es automatische Bewegungen nicht nur in gelassenem Blute, sondern auch in mehrern andern thierischen Säften giebt. Die freywilligen Bewegungen des Bluts sind von zweyerley Art. Die eine besteht in Wirbeln und Strömen der Blutkügelchen. Man sieht un- ter einer hinreichenden Vergrösserung Ich bediente mich einer 150maligen, einfachen Ver- grösserung. entweder bald hier, bald dort in dem Tropfen einen Wir- bel entstehen, woraus sich ein Strom von Kü- gelchen ergiesst; oder man erblickt die ganze Masse der der Blutkügelchen in einer wirbelnden Bewegung. Dieses Phänomen findet nur unmittelbar nach dem Ausfliessen des Bluts aus einer Ader statt, und dauert meist nur einige Sekunden. Dann tritt das Gerinnen des Bluts, und mit diesem die zweyte Art von Bewegung ein, die schon von Heidmann bemerkt und S. 549. dieses Buchs an- geführt ist. Sie besteht in einer plötzlichen, zuckenden Zusammenziehung des ganzen Blutku- chens, die zuweilen ganz das Ansehn einer Mus- kelbewegung hat. Die stärksten Zuckungen beob- achtete ich einige male, als ich das Blut wäh- rend der Bildung des Blutkuchens mit Wasser vermischt hatte. Das Wasser beförderte hier aber nur die Bewegungen, indem es das Ankleben des Blutkuchens an dem Glase verhinderte. In einigen Fällen waren an einzelnen, noch flüssigen Stellen des Bluts die Kügelchen vor dem Eintre- ten der Zuckung in starker Bewegung. In den meisten Fällen aber trat das Phänomen bey völ- liger Ruhe der Blutkügelchen ein. Bedingungen dieser Beobachtungen sind: dass man das Blut, nachdem es aus einer eben erst geöffneten, grössern Ader gedrungen ist, so schnell wie möglich unter das Vergrösserungsglas bringt; dass das Thier noch nicht durch Blutverlust, durch heftige Reitzungen des Nervensystems u. d. gl. erschöpft ist; und dass man nicht zu kleine Bluts- tropfen tropfen zu der Beobachtung nimmt. Vorzüglich wichtig ist die zweyte Bedingung. So oft ich Blut von Fröschen untersuchte, an welchen ich vorher das Rückenmark durchschnitten, oder an- haltend gereitzt hatte, bemerkte ich daran gar keine, oder doch nur schwache Bewegungen, wenn auch das Athemholen und der Herzschlag noch ihren Fortgang hatten. Ich versuchte, jene Bewegungen durch war- mes Wasser zu verstärken, doch ohne Erfolg. Eben so wenig bemerkte ich eine Zunahme dersel- ben, wenn ich das Glas des Objektenträgers durch Reiben elektrisch machte, ehe ich das Blut darauf fallen liess. Phosphorsäure machte, dass die Blut- kügelchen in kleinere Kügelchen zerfielen, brachte aber keine Zuckungen in dem Blutkuchen hervor. Aber nicht blos das Blut äussert freywillige Bewegungen. In dem mit Wasser verdünnten Saft der Eyerstöcke eines Frosches, worin die Eyer noch unentwickelt waren, traf ich Kügel- chen an, die kaum den zehnten Theil des Durch- messers der Blutkügelchen hatten, und in einer beständigen, jedoch sehr langsamen und nur bey einer 300maligen Vergrösserung deutlich bemerk- baren Bewegung waren. An Einer Stelle, wo sich mehrere Kügelchen zusammengehäuft hatten, fand eine stärkere, zuckende Bewegung statt, die eine ziemlich lange Zeit anhielt. IV. Bd. T t Eben Eben solche Kügelchen, und die nehmliche langsame, aber nicht zu verkennende Bewegung derselben entdeckte ich in der bläulichen Flüssig- keit, die sich aus den durchschnittenen Muskeln der Weinbergschnecke ergiesst. Die stärksten und schnellsten Bewegungen habe ich an dem unmittelbar aus den Hoden genom- menen, männlichen Saamen von Fröschen, die ich während ihrer Begattung geöffnet hatte, beobachtet. Ich sahe hier bey einer 300maligen, einfachen Vergrösserung die ganze unter das Mi- kroskop gebrachte Masse schnelle, wellenförmige Bewegungen machen, die offenbar ganz unabhän- gig von den Bewegungen der Saamenthiere waren. Wie diese Erscheinung an einer Flüssigkeit, die doch häufig genug mikroskopisch untersucht ist, bisher unbeachtet hat bleiben können, weiss ich mir nicht anders als unter den Voraussetzungen zu erklären, dass man über die Betrachtung der Saamenthiere alles Andere übersehen hat; oder dass man nie den Saamen brünstiger Thiere beob- achtete; oder auch, dass man ihn nicht schnell genug, nachdem er aus den Hoden genommen war, unter das Vergrösserungsglas brachte. Leeu- wenhoek Anatomia, seu interiora rerum cum animat. tum inanimatarum etc. p. 5, 6. ist der einzige Beobachter, der dieses Phänomen an dem Saamen eines Hahns, den er eine eine Zeitlang abgesondert von Hühnern gehalten hatte, gesehen zu haben scheint. Er leitete aber unrichtig dasselbe von den Bewegungen der Saa- menthiere her. V. Versuche über den Einfluss des Magensafts auf Glas, und über die Säure dieses Safts. (Zu S. 359 ff.) Ich muss gestehen, dass ich bey neuern Ver- suchen mit dem Magensaft von Krähen und einer Möve eben so wenig sichere Beweise von der Ein- wirkung dieser Flüssigkeit auf Glas, als bey mei- nen frühern, S. 360. erzählten Versuchen erhalten habe. Ich liess drey junge Krähen einen soliden, an den Rändern abgefeilten Glascylinder, der 48 Gran wog, verschlucken. Die erste bekam ihn des Abends um sieben Uhr, und hatte ihn am folgen- den Morgen wieder ausgebrochen. Der Cylinder war hin und wieder an den abgefeilten Stellen mit einer bräunlichen Materie bedeckt, die in Wasser zu Boden sank, und aus Flocken bestand, worin eine erdige Materie eingehüllt zu seyn schien. Beym Wägen des Glases fand sich ein Gewichtsverlust von ohngefähr einem Drittel Gran. Es blieb aber zweifelhaft, ob dieser von einer Auflösung des Glases, oder davon, dass etwa beym Ausbrechen des Cylinders und dem dabey einge- T t 2 trete- tretenen Fall desselben auf den Boden des Käfigs, kleine Glastheile abgesprungen waren, herrührte. Die zweyte Krähe erhielt den Cylinder um neun Uhr Morgens, und behielt ihn bis Mittag bey sich. Hierauf wurde er gleich der dritten beygebracht, die ihn erst am folgenden Morgen ausbrach. Nach diesen Versuchen konnte ich gar keine Gewichts- verminderung des Glases bemerken. Ich sammelte von denselben Krähen, die zu den vorigen Versuchen gedient hatten, vermittelst Schwämme, die ich ihnen beybrachte und welche nach einiger Zeit wieder ausgebrochen wurden, etliche Drachmen Magensaft, vermischte diesen mit halb so vieler concentrirter Schwefelsäure, die ich mit dem vierfachen Gewicht Wasser verdünnt hatte, legte denselben Glascylinder, der bey den vorigen Versuchen gebraucht worden war, in die Mischung, und erhielt die Flüssigkeit eine halbe Stunde in der Siedehitze. Der Cylinder hatte aber keine bemerkbare Veränderung seines Ge- wichts erlitten. Ich liess endlich eine Möve (Larus canus) den erwähnten Glascylinder verschlucken. Dies ge- schah des Nachmittags um 3 Uhr. Am folgenden Morgen hatte die Möve ihn wieder ausgebrochen. Das Gewicht des Cylinders war etwas vermindert, doch höchstens nur um ¼ Gran. Die polirten Stel- len des Glases waren nirgends angegriffen. So So wenig diese Erfahrungen für meine Mei- nung, dass die Flusssäure ein Bestandtheil des Magensafts ist, etwas beweisen, so kann ich doch diese Vermuthung noch nicht aufgeben. Ich sehe noch immer nicht ein, von welcher andern Säure als der Flusssäure die starken auflösenden Wirkun- gen des Magensafts mancher Thiere herrühren kön- nen. Es lassen sich ausser ihr blos noch Schwe- fel-, Salz-, Phosphor- und Milchsäure in diesem Saft annehmen. Aber keine der letztern ist kräf- tig genug zu jenen Wirkungen. Die Säure des Magensafts muss auch flüchtiger Art seyn, da die Reaktion derselben gegen Pflanzenpigmente mit der auflösenden Kraft des gastrischen Safts nicht in Verhältniss steht. Diese Flüchtigkeit lässt sich aber ebenfalls nur von der Flusssäure annehmen. Dass wirklich diese Säure auch als Gas im thieri- schen Körper vorkömmt, dafür geben die Bey- spiele von einer ätzenden Wirkung, welche die Ausdünstung der Augen mancher Menschen auf Brillen äusserten De Witry hat eine solche Beobachtung in den Mém. de l’ Acad. de Bruxelles vom Jahre 1787 bekannt gemacht, und dabey mehrere ältere Beyspiele dieser Art angeführt. Eine Uebersetzung seines Aufsatzes findet man in Lichtenberg ’s und Voigt ’s Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte (B. V. St. 1. S. 116.). , einen Beweis, Beyspiele, die sich T t 3 sich schwerlich ohne die Voraussetzung, dass flusssaures Gas ein Bestandtheil der Augenaus- dünstung war, erklären lassen. Ich habe übrigens den gastrischen Saft der Krähen, den ich mir durch Schwämme verschafft hatte, noch weiter untersucht, und gefunden, dass man sich auf die Resultate aller chemischen Versuche, die mit dem auf diese Weise gesam- melten Magensaft gemacht sind, gar nicht verlas- sen kann. Der letztere greift immer die Schwäm- me an, und erhält von denselben fremdartige Theile. Er bekömmt davon eine gelbe Farbe, die sich verliert, wenn man ihn durch dichte Leine- wand seihet. Die gelben Theile bleiben auf dem Filtrum zurück, und die filtrirte Flüssigkeit ist von weisslicher Farbe. Schwefelsaures Silber brachte in diesem durchgeseiheten Saft einen weis- sen Niederschlag hervor; salpetersaures Bley prä- cipitirte nur einige, kaum bemerkbare Flocken; salpetersaurer und salzsaurer Baryt bewirkten gar keine Fällung. Diese Erscheinungen deuteten auf freye Salzsäure hin, und wichen sehr von denen, S. 359. beschriebenen ab, die ich bey der chemi- schen Untersuchung des Magensafts der Hühner beobachtete. Ich zweifele aber nicht, dass die Abweichung blos von den Schwämmen herrührte, wovon der Magensaft der Krähen einen Theil auf- gelöst hatte. Druckfehler . S. 51. In dem Citat l) lese man: Rudolphi a. a. O. §. 134. 135. S. 82. Anmerk. i). In der 3ten Zeile. Statt Rückstand auslöschte l. m. Rückstand Lichter auslöschte . S. 209. Z. 4. St. eine l. m. einer . Ebendas. In der Anmerk. a). Z. 3. Nach Kohlenstoff setze man hinzu: mit dem Sauerstoff . S. 225. Z. 4. St. Farbenveränderungen l. m. Far- benveränderung . S. 315. Z. 21. Nach findet setze man hinzu: sich . S. 453. In der untersten Zeile. St. Entenart l. m. Eu- lenart . S. 454. Z. 6. St. Hérous l. m. Hérons . S. 459. In dem Citat m) l. m. Rudolphi a. a. O. S. 342. S. 494. Z. 21. St. Notua l. m. Noctua . S. 496. In der Anmerk. n). Z. 1. St. zwanzig l. m. zwey . S. 558. Z. 12. St. aus ihr l. m. aus ihm . S. 604. In dem Citat z) l. m. Acta Acad. Nat. Cu- rios . T. 5. p. 332.