Gemæhlde von S t. Petersburg Erster Theil von Heinrich Storch Riga , 1794 . bei Johan̄ Friedrich Hartknoch . Ihrer Kaiserlichen Majestaͤt Katharina der Zweyten Selbstherrscherinn von ganz Rußland . Allergnaͤdigste Kaiserinn! I ch habe es gewagt, das Gemaͤlde einer Residenz zu entwerfen, die Ew. Majestaͤt ihr zweytes verschoͤnertes Daseyn und ihre erhoͤhete buͤrgerliche Gluͤckseligkeit verdankt. Ich habe das suͤße Vergnuͤgen gehabt, Thatsachen zu- sammenzustellen, die den milden Glanz Mark Aurels verherrlichen, den Schim- mer des Weltbeherrschers Augustus uͤber- stralen und Stoff fuͤr die Geschichte eines Jahrhunderts hergeben koͤnnten. Meine Belohnung ist das Bewußtseyn, einzelne Zuͤge aus dem Bilde einer großen und guten Fuͤrstinn fuͤr die Bewunderung meiner Zeitgenossen aus- gestellt und der Nachahmung kommen- der Geschlechter uͤberliefert zu haben. Schuͤchtern lege ich Ew. Majestaͤt diese Erstlinge einer von Vaterlands- liebe befruchteten Muse zu Fuͤßen; gluͤcklich, wenn ich es wagen darf, bey dieser Gelegenheit die ehrfurchtsvolle Bewunderung laut werden zu lassen, mit welcher ich bin Ew. Kaiserlichen Majestaͤt allerunterthaͤnigster Heinrich Storch Kollegie n assessor beym Kabinett, in der Kanzelley S. E. des Grafen Besborodko. Vorerinnerung. E s scheint ein gewagtes Unternehmen, die Sittengeschichte der Menschen zu schreiben, in deren Mitte man lebt. So unzertrenn- auch immer Licht und Schatten in jedem Gemaͤlde sind, so unausbleiblich gewiß macht doch jedes Publikum die Forderung, in sei- nem Gemaͤlde keinen Schatten zu finden. Der Verfasser dieses Buchs sah diese Schwierigkeit voraus, und — gieng ihr ge- trost entgegen. Der ernste Vorsatz, sich keines, auch noch so verzeihlichen Muth- willens schuldig zu machen; das Ideal sei- nes Gegenstandes selbst, der an schoͤnen, lichten und glaͤnzenden Zuͤgen so reich ist; * 3 endlich ein gewisses dunkles Gefuͤhl von der Billigkeit seines Publikums gaben ihm den Muth, ein so schweres, aber in sich so be- lohnendes Geschaͤft zu uͤbernehmen. Thatsachen und Raisonnements sind der Stoff dieses Gemaͤldes. Ueber beydes ist der Verfasser dem Leser einige Rechenschaft schuldig. Wenn sich unter einer so großen, auf so wenige Bogen zusammengedraͤngten An- zahl von Thatsachen einzelne Irrthuͤmer finden sollten, so duͤrfte dies wol weniger der Traͤgheit oder Leichtglaͤubigkeit des Ver- fassers, als dem allgemeinen Schicksal mensch- licher Unternehmungen zuzuschreiben seyn. Nur hin und wieder war es moͤglich und schicklich sich auf Quellen und Gewaͤhrs- maͤnner zu beziehen. Ein großer Theil der angefuͤhrten Thatsachen gruͤndet sich auf eigne Beobachtung, und fuͤr diese giebt es keine andere Autoritaͤt, als die historische Glaubwuͤrdigkeit, oder das Zutrauen, wel- ches der Schriftsteller seinem Leser in hoͤ- herm oder geringerm Grade einzufloͤßen weiß. Mehrere Angaben sind aus hier gedruck- ten Anzeigen, Planen und fliegenden Blaͤt- tern genommen, die nicht leicht außer der Sphaͤre ihrer Bestimmung bekannt werden, und deren Anfuͤhrung also dem deutschen Leser unnuͤtz gewesen seyn wuͤrde. Die Hauptquelle endlich, an welche der Verfas- ser sich uͤberall gehalten hat, wo die Huͤlfs- mittel seiner eigenen Nachforschungen ihn verließen, die Beschreibung des Herrn Aka- demikus Georgi Bersuch einer Beschreibung der Russisch-Kaiserlichen Refidenzstadt St. Petersburg und der Merkwuͤrdigkeiten der Gegend, von J. G. Georgi. St. Petersb. 1790. — Der Titel verspricht nur eine Topographie, aber es finden sich in diesem Buche auch mehrere Kapitel uͤber Lebensart, Sit- ten, und dergleichen. , ist nur deswegen so selten genannt, weil sie sonst zu oft haͤtte genannt werden muͤssen, und weil von der Kritik ohnehin die Vergleichung zweyer, in einiger Hinsicht so aͤhnlichen Arbeiten * 4 zu erwarten sieht. In den mehresten Zahl- angaben ist der Verfasser diesem seinem Vorgaͤnger ohne Abweichung gefolgt, theils weil ihm oft die Mittel zur Pruͤfung der- selben versagt waren, theils auch weil er da, wo er pruͤfen und vergleichen konnte, eine Genauigkeit und Uebereinstimmung fand, die sein Zutrauen zu diesem Schriftsteller um vieles erhoͤhten. Einzelne Abschnitte haben durch die Kritik einsichtsvoller Maͤn- ner, deren Gewerbe und Aemter ihnen ei- ne richtigere Kenntniß der Dinge gewaͤh- ren, an Vollkommenheit und Bestimmtheit gewonnen. Alles was Raisonnement in diesem Bu- che ist, gehoͤrt dem Verfasser; der Werth oder Unwerth dieser Parthie darf also nur auf seine Rechnung geschrieben werden. Seine Sorgfalt, sich von keinem fremden Urtheil leiten zu lassen, bewog ihn zu dem Entschluß, uͤberall keins zu lesen; ein Ent- schluß, den er durch eine jahrelange Auf- merksamkeit, und vielleicht durch eine klei- ne Gabe zu beobachten, aufzuwiegen suchte. So entstand ein fruͤherer Versuch, der auf seiner Reise zum Druckorte verloren gieng, und den die berichtigte Einsicht des Ver- fassers seinem unbekannten Schicksale mit einer Gelassenheit uͤberließ, die sich an den rege gewordnen Wunsch kettete, etwas bes- sers zu leisten. Drey Jahre unausgesetz- ter Beobachtung waren dem ersten Versuch gewidmet gewesen; ein aͤhnlicher Zeitraum ist jetzt uͤber der Vollendung des zweyten verstrichen; und wenn die Horazische For- derung bey der Erscheinung dieses Werks noch nicht erfuͤllt wird, so ist das Uebel weniger dem guten Willen des Verfassers, als dem Ueberdruß zuzuschreiben, welcher ihm natuͤrlich aus einer so einfoͤrmigen Be- schaͤfftigung entstehen mußte. Der Verfasser koͤnnte hier schweigen und das Schicksal seines Buchs der alles richtenden Zeit uͤberlassen, die fruͤh oder spaͤt ihr immer gerechtes Urtheil faͤllt. Aber unter allen Vorwuͤrfen die man den * 5 Buͤchermachern auf den Hals werfen kann, ohne daß sie daruͤber unwillig zu werden oder zu erroͤthen brauchen, giebt es den- noch einen, gegen den sich das Gefuͤhl je- des ehrlichen Mannes empoͤrt. Dieser Vorwurf, den der Verfasser von einer ge- wissen Klasse von Lesern schon bey der bloßen Ansicht des Titelblattes erwartet, ist nichts geringers als — die goͤttliche Wahrheit in der geschloßnen Hand behalten zuhaben . Wahrheit und Unwahrheit stehen be- kanntlich sehr weit auseinander. Geflis- sentlich Unwahrheit verbreiten, ist das schaͤnd- lichste und fuͤr die Menschheit schaͤdlichste Geschaͤfte, welchem sich ein Schriftsteller preis geben kann; aber Wahrheit zuruͤckbe- halten wo es Noth thut (und daß es je- zuweilen Noth thut, darf hier wol nicht bewiesen werden) ist ein Verdienst, welches zwar nur undankbare Fruͤchte traͤgt, zu des- sen Erwerbung aber ein sehr aufgeklaͤrter und durch praktische Welt und Menschen- kenntniß gelaͤuterter Kopf und ein sehr ge- fuͤhlvolles, fuͤr Menschengluͤck und Men- schenelend empfaͤngliches Herz gehoͤren. Ohne sich eigenmaͤchtig in diese Kathegorie draͤngen zu wollen, uͤberlaͤßt es der Ver- fasser der Lesewelt oder vielmehr den Op- timaten in derselben, den Ausspruch zu thun, in wie weit er, mit Ruͤcksicht auf sei- ne buͤrgerlichen und moralischen Verhaͤlt- nisse, die haarfeine Linie zwischen dem Zu- viel und Zuwenig gehalten, oder disseits und jenseits uͤberschritten habe. Unter der großen Menge von Thatsa- chen die in diesem Buche aufgefuͤhrt sind, gehoͤrt ein betraͤchtlicher Theil zu der Gat- tung derer, welche die Nachwelt auflesen und die Geschichte dereinst in einen Kranz flechten wird, um ihn im Tempel der Un- sterblichkeit um Katharinens Denkmal zu winden. Selbst ein Buͤrger Ihres Staats, ein Zeitgenosse dieser Begebenhei- ten, ist der Verfasser vielleicht durch seine allzuinnige Theilnahme hie und da aus der Bahn des kalten Beobachters in den ma- gischen Kreis staunender Bewunderung fort- gerißen worden; aber nie hat er wissent- lich die Wahrheit verkauft, um erborgten Enthusiasmus dafuͤr einzutauschen. Ein Mann, der ein Buch dieser Art an den Fuß dieses Thrones niederlegt, darf den Vorwurf der Schmeicheley nicht befuͤrchten, und wuͤrde ihn verachten, wenn er ihn zu befuͤrchten haͤtte. St. Petersburg im No- vember 1792. Anmerkung . D ie Bestimmung dieses Buchs, welches sein Publikum weniger unter eigentlichen Gelehrten, als in der großen Lesewelt suchen muß, macht folgende Erlaͤuterungen nothwendig. Wo uͤber- all von Maaßen und Gewichten die Rede ist, da werden Russische verstanden, wenn nicht aus- druͤcklich das Gegentheil bemerkt ist. Der russi- sche Fuß ist dem englischen voͤllig gleich. Eine Klafter (Sashen’) haͤlt 7 Fuß, und eine Werst 500 Klafter. Auf eine geographische (deutsche) Meile gehen also ungefaͤhr 6 Werst und 475 Klafter. Die Arshin hat 28 englische Zoll. Ein Tsyetwe- rik (Getreidemaaß) haͤlt an getrocknetem Roggen 1 Pud. Das Pud hat 40 Pfund, 45 solcher rus- sischen Pfunde sind 38 hamburgischen gleich. — Es bedarf wol kaum der Anzeige, daß der Rubel aus hundert Kopeken besteht, und daß im ganzen Reiche der Julianische Kalender oder der alte Stil gebraͤuchlich ist. Die Rechtschreibung russischer Wor- te im deutschen ist noch so unbestimmt, daß es jedem Schriftsteller verziehen werden kann, wenn er sich seine eigne waͤhlt. Man hat sich in diesem Buche durchgehends so genau als moͤglich an die Aussprache gehalten, so weit es sich ohne Affek- tation thun ließ. Einzelne russische Mitlauter, fuͤr die wir kein entsprechendes Zeichen haben, sind auf eine willkuͤhrliche Art ersetzt. Dahin ge- hoͤrt das Shiwete, welches dem franzoͤsischen g vor e und i entspricht, und durch sh bezeichnet ist, z. B. Sashen’. Statt des kleinen Jev’s, welche den Sylben, hinter welche es gesetzt wird, eine eigenthuͤmliche Dehnung in der Aussprache giebt, ist uͤberall das Auslassungszeichen gebraucht, z. B. Sbiten’. Die Kupfer , mit welchen der Herr Verleger dem Publikum hoffentlich ein eben so willkomm- nes als interessantes Geschenk macht, erklaͤren sich wahrscheinlich jedem Leser von selbst. Nur uͤber die Suͤjets der Titelvignetten scheint eine kurze Erlaͤuterung nicht uͤberfluͤßig zu seyn. Um ihre Bedeutung zu fuͤhlen, muß man sich an die Betrachtungen (Th. 1. S. 72. folg.) erin- nern, zu welchen sich der Verfasser bey dem Ue- berblick uͤber diese prachtvolle Residenz und von dem Gedanken an ihre wunderbar schnelle Ent- stehung und Vollendung hinreissen ließ. Diese beyden so nahen und durch die Geistesver- wandschaft Peter’s und Katharinens so merkwuͤrdigen Epoken auf eine sinnliche Art in Parallele zu bringen, ist der Zweck des Kuͤnstlers. Auf dem ersten Blatte sehen wir den Stifter der Kaiserstadt mit dem Entwurf zu ihrer Erbauung beschaͤftigt. Es war am 16 May 1703 als der Grund zur Festung gelegt wurde; in eben diesem Jahr landete das erste Schiff, vom Zufall gefuͤhrt, in der Neva. Peter hatte Anfangs diese Stelle nur zur Errichtung einer Schanze bestimmt, um die Muͤndung des Flusses zu decken; das Schick- sal schien ihm einen Wink uͤber die kuͤnftige hoͤ- here und nuͤtzlichere Bestimmung derselben zu ge- ben, und Peter verstand diesen Wink. Er eil- te den Fuͤhrer des Schiffs, einem Hollaͤnder, ent- gegen, bewillkommte ihn freundlich, kaufte ihm seine Ladung ab und ermunterte ihn, jaͤhrlich ein- mal wieder zu kommen, um sich eine Belohnung zu holen, die ihm auch bis auf seine letzte Reise ausgezahlt ward. Von diesem Zeitpunkt bis zu der Epoke der glaͤnzendsten Vollendung durch Katharina die Zweyte ist nur ein Zeitraum von achtzig Jahren, die Dauer eines Menschenlebens, verflossen. Im Jahr 1782 errichtete diese Fuͤrstinn ihrem Vor- gaͤnger das beruͤhmte Monument, dessen Darstel- lung wir auf dem Titelblatte des zweyten Theils erblicken. Alle die unzaͤhligen Denkmahle, mit welchen Katharina sich und ihrem Ahnherrn die Unsterblichkeit sicherte, auf einem so begrenz- ten Umfange auch nur symbolisch andeuten zu wollen, hieße die Kunst und ihren Gegenstand her- abwuͤrdigen; dieses große Suͤjet faßt sie alle. Der außerordentlichste Mann seines Volks mußte auf eine außerordentliche Art verewigt werden. Ein seltner Kuͤnstler, eine sublime Idee, ungeheu- re Anstrengungen und die Schaͤtze der freygebig- sten Monarchinn vereinigten sich zu diesem End- zweck, selbst die Natur schafte aus ihrer geheimen Werkstatt eine riesenmaͤßige Masse herbey. Am 7 August 1782 ward das Denkmal in Gegenwart der Kaiserinn, unter dem Donner der Kanonen und dem Jubelgeschrey eines unermeßlichen Volks eroͤffnet. Dies ist der Moment, welchen der Kuͤnst- ler in der Darstellung gefaßt hat. Die Kaiserinn stand auf dem Balkon des Senatspallastes und unter den Zuschauern befand sich ein Greis der schon im Jahr 1715 bey der Flotte in Dienst ge- treten und zehn Jahre hindurch ein Augenzeuge von Peters Thaten gewesen war. Das Anden- ken dieses merkwuͤrdigen Tages ward nicht bloß durch kostbare Medaillen gesichert. Eine Gnaden- ukase — durch welche alle mehr als zehnjaͤhrige Prozesse aufgehober, alle fuͤnf Jahr in Verhaft gewesene Schuldner frey gegeben, und alle Forde- rungen der Krone unter 500 Rubel erlassen wur- den — erhaͤlt die Ruͤckerinnerung an diesen Tag noch in den Herzen aller gefuͤhlvollen Menschen. Inhalt des ersten Theils . Erster Abschnitt. Lokale der Stadt Politische Lage von St. Petersburg. — Physikali- sche. Klima. Eigenthümlichkeiten jeder Jahrszeit. — Physiognomie der Stadt. Situation. Um- fang. Begrenzung. Rigisches Thor. — Die Ne- wa, ihre Einfassung, ihre Brücken, und ihre Eis- decke im Winter. Kanäle. — Anzahl und Be- schaffenheit der Häuser. Gassen. — Stadttheile. Lokale und Eigenthümlichkeiten derselben. Erster Admiralitätstheil. Winterpallast. Eremitage. Hof- theater. Marmorpallast. Amphitheater. Admira- * lität. Marmorne Isaakskirche. Sommergarten. Oeffentliche Plätze. Die newskische Perspektivgasse. Karakteristik dieses Stadttheils. — Zweyter Admiralitätstheil. Opernhaus. Kasanische und Nikolaikirche. — Dritter Admiralitätstheil. Neue Bank. — Stückhof. Arsenal. Tautischer Pal- last. — Roshestwenskischer Stadttheil. Woskre- senskisches Nonnenkloster. Kloster des heil. Alex- ander Newski. — Moskowischer Stadttheil. Jägerhof. — WassiliOstrow . Akademie der Künste. Landkadettenkorps. Akademie der Wis- seuschaften . Neue und alte Börse. — Peters- burgischer Stadttheil . Ländliche Inseln und Som- merpalläste. Festung. — Wiburgischer Stadt- theil. Landhäuser. — Ruhepunkt und Rückblick auf das Ganze. Seite 3 Zweyter Abschnitt. Umliegende Gegend . Der peterhoffsche Weg. Seine Beschaffenheit. Rei- zende Ansichten von demselben. — Strelna. Rui- nen. — Peterhof. Lage. Wasserkünste. Bad. Prächtige Bauerhütte. — Oranienbaum. Ein- siedeley. Rutschberg. Künstlicher See. Kleine Fe- stung. — Kronstadt. Anblick des Hafens. Gra- niteinfassug. Peterskanal. Docken. Neuer Kanal. Magazin. Einwohner. — Der zarskojeseloische Weg. — Jägerhof. — Tschesme Fürstengal- lerie. — ZarskojeSelo . Gegend und Umfang. Anblick. Schloßplatz. Pallast. Garten. Denk- mäler. — Pawlowsk. — Marienthal. — Gatschina. — Der schlüsselburgische Weg. — Alexandrowsk. — Pella. Seite 75 Dritter Abschnitt. Einwohner . Volksmenge. — Ursprüngliche Einwohner. Ingrier und Finnen. Hauptstamm der Bevölkerung. Rus- sen. Fremde Einwohner. — Fruchtbarkeit, Sterblichkeit und Gesundheitszustand. Fortschritt der Bevölkerung. — Physischer Karakter der Einwohner. — Bürgerliche Verfassung. Hof und Stadt. Bürgerbuch. Gilden. Stadtgemeine. — Kirchliche Verfassung. Seite 104 * 2 Vierter Abschnitt. Konsumtion . Einheimische Bedürfnisse der Residenz. Brod; öf- fentliches Mehlmagazin. Wasser. Salz. Fleisch. Fische. Vegatibilien. Getränke. — Brennholz. Holzmagazin. — Lebensart und Bedürfnisse der untersten Volksklasse. — Märkte für Lebens- mittel. Rasnoschtschiki. Seite 139 Fuͤnfter Abschnitt. Oeffentliche Sicherheit . Polizey. Wichtigkeit dieses Gegenstandes. Persönliche Sicherheit, durch Katharina die Zweyte gesetzmä- ßig konstitnirt . Das Gewissensgericht, ein für die persönliche Sicherheit errichtetes Tribunal. — Oeffentliche Sicherheit, zum Theil aus dem Volks- karakter entspringend. Anekdote hierüber. Orga- nisation der Polizey. Aufsicht auf Ankommende, Abreisende und verdächtige Leute. Beyspiele der Wachsamkelt und Mäßigung der Regierung bey Staatsverbrechern und Abentheurern. Aufsicht auf geheime Gesellschaften. Spielhäuser. Anstal- ten gegen Unfugmacher und Händelsüchtige. Das mündliche Gericht. Bettler. Gesindemäkler. Das Arbeitshaus. Das Zuchthaus. Das Stadtge- fängniß, eine nach Howard’s Vorschlägen ein- gerichtete Anstalt. Das Polizeygefängniß; Schil- derung desselben. Edelmüthige Aufopferung eines Lustmädchens für ihren gefangenen Liebhaber. — List und Betrug im Handel und Wandel. Erzäh- lung einzelner Vorfälle dieser Art. — Anstalten gegen natürliche und zufällige Verletzungen der öffentlichen Sicherheit. Verminderte Feuer und Wassergefahr. Schnelles Fahren, unschädlich ge- macht durch Volkssitten. Wachsamkeit der Polizey bey großen Versammlungen, bey Volksfesten, beym Eisgange der Newa. Vorsicht bey der Ver- sendung der Arzneyen. — Merkwürdige Form bey der Bekanntmachung der Gesetze. Seite 156 Sechster Abschnitt. Oeffentliche Bequemlichkeit . Pflaster. Unterirdische Reinigungskanäle. Trottoirs. Erleuchtung. Straßenöfen. Droschken und Schlit- ten, statt der Fiakres. Wasserkommunikationen. * 3 Diligencen für die umliegende Gegend. — Be- quemlichkeiten für Fremde. Mängel der Gast- höfe, durch die Gastfreyheit aufgewogen. Be- dürfnisse und Kosten eines bestimmten Aufenthalts für Fremde. Möblirte Zimmer. — Garküchen. Trakteurs. Chartschewni. Speisetische auf den Gassen für den Pöbel. — Märkte für Be- dürfniß und Luxus. Gostinnoi Dwor. Eng- lische, französische und andre Magazine. Markt in der Jämskoi für fertige Equipagen. Markt in Newski für gemeine Bedürfnisse. Kramlä- den, Lawken. — Privateinrichtungen für die öffentliche Bequemlichkeit. Podrjätschiki, Unter- nehmer. Artels, geschlossene Gesellschaften von Arbeitern. Dworniki. Thorhüter. Seite 213 Siebenter Abschnitt. Kranken- und Armenanstalten . Allgemeine Vortheile und Nachtheile derselben, in der Lokalverfassung begründet. Das Kollegium der allgemeinen Fürsorge, ein Tribunal zur Min- derung des menschlichen Elends. Merkwürdige Theilnahme des Publikums an der Stiftung desselben. — Oeffentliche Krankenhäuser. Hos- pitäler für Land und Seetruppen. Stadthospital, Irrenhaus. Geheime Anstalt für venerische Kranke. Klinisches Hospital und Entbindungshaus des medizinischchirurgischen Instituts. Pockenhaus. Entbindungsanstalt des Findelhauses. Wohlthä- tige Krankenanstalt, ein Privatunternehmen. — Armenanstalten. Findelhaus. Erziehungsanstalt für Waisen und uneheliche Kinder. Armenhaus. Invalidenhaus des Großfürsten. Wittwenkasse. Privatsterbekassen. — Oeffentliche Anstalten zur Unterstützung des Publikums. Lombard. Lei- hebank für den Adel und die Städte. Seite 248 Achter Abschnitt. Erziehungs- und Unterrichtsanstalten. Militairische Erziehungshäuser. Das Landkadetten- korps. Physische, moralische, wissenschaftliche und militairische Bildung in demselben. Seekadet- tenkorps. Ingenieur- und Artilleriekadettenkorps. Griechisches Korps. Pagenkorps. — Wissen- schaftliche Lehranstalten. Medizinischchirurgische Schule. Schulen beym Land- und Seehospital. Bergkadettenkorps. Priesterseminarium. Gym- nasium der Akademie der Wissenschaften. — Bildungsanstalten für Künstler. Erziehungsan- stalt der Akademie der Künste. Theaterschule. — Gewerbschule für Navigation. — Weibliche Erziehungsanstalt im Fräulein- und Jungfern- stift des woskresenskischen Klosters. — Nor- mal und Volksschulen. — Allgemeine Ueber- sicht. Anzahl der Zöglinge und Einkünfte aller dieser Institute. — Privaterziehung. Pensionsan- stalten. Utschitel. Seite 276 Berlin, gedruckt bei Johann Georg Langhoff . Gemaͤhlde von St. Petersburg. Erster Theil . A Erster Abschnitt. Lokale der Stadt . Politische Lage von St. Petersburg. — Physikalische. Klima. Eigenthümlichkeiten jeder Jahrszeit. — Phy- siognomie der Stadt. Umfang. Situation. Begren- zung. Rigisches Thor. — Die Newa, ihre Einfas- sung, ihre Brücken und ihre Eisdecke im Winter. Ka- näle. — Anzahl und Beschaffenheit der Häuser. Gas- sen. — Stadttheile. Lokale und Eigenthümlichkeiten derselben. Erster Admiralitätstheil. Winterpallast. Eremitage. Hoftheater. Marmorpallast. Amphithea- ter. Admiralität. Marmorne Isaakskirche. Sommer- garten. Oeffentliche Plätze. Die newskische Perspek- tivgasse. Karakteristik dieses Stadttheils. — Zweyter Admiralitätstheil. Opernhaus. Kasanische und Niko- laikirche. — Dritter Admiralitätstheil. Neue Bank. — Stückhof. Arsenal. Taurischer Pallast. — Ros- hestwenskischer Stadttheil. Woskresenskisches Nonnen- kloster. Kloster des h. Alexander Newski. — Mos- kowitischer Stadttheil. Jägerhof. — Wassili-Ostrow. Akademie der Künste. Landkadettenkorps. Akademie der Wissenschaften. Neue und alte Börse. — Peters- burgischer Stadttheil. Ländliche Inseln und Sommer- palläste. Festung. — Wiburgischer Stadttheil. Land- häuser. — Ruhepunkt und Rückblick auf das Ganze. A 2 D ie doppelte Bestimmung, die Peter der Große seiner neuerbauten Stadt gab, als er sie zum Handelsplatz und zur Residenz erschuf, veranlaßt natuͤrlich bey der Betrachtung ihrer Lage eine doppelte Ruͤcksicht. Daß die Wahl des Kaisers fuͤr die erstere Bestimmung gut ausgefallen sey, ist, so viel ich weiß, noch von keinem Schriftsteller bezweifelt worden, aber desto mehr Stimmen haben sich gegen die po- litische Lage von St. Petersburg, als Re- sidenz, erhoben. Peter der Große hatte unstreitig sehr viele Gruͤnde, seinen Wohnsitz hier zu waͤhlen. Außerdem, daß seine schwedischen Kriege ihn noͤthigten, sich in einer Gegend aufzuhalten, von welcher aus er alles leichter uͤbersehen, anordnen und zur Ausfuͤhrung bringen konnte: war es ihm wesentlich darum zu thun, seine neuen Besitzungen so viel als moͤglich seinem Reich einzuverleiben, und die Nation ein ge- wisses Interesse fuͤr die eroberten Provinzen beyzubringen. Das erstere ward durch man- cherley bekannte Einrichtungen und durch die persoͤnliche Gegenwart des Monarchen erreicht; das letztere konnte nicht fuͤglicher geschehen, als wenn er den Großen des Landes Besitzungen in diesen Gegenden gab und sie veranlaßte sich hier anzubauen. Ein zweyter eben so wichtiger Grund war dieser. Die Absicht Peters des Großen , Fremde in seine Staaten zu ziehen, um durch sie eine schnellere Verbreitung der Kultur zu befoͤrdern, wurde dadurch ungemein beguͤnstigt, daß die Auslaͤnder, nach einer kurzen, nicht sehr kostbaren Seereise sogleich in der Residenz eintreffen konnten, wo sie natuͤrlich weit mehr Gelegenheit als irgendwo zu ihrem Fortkom- men hoffen durften. Waͤre Moskau die Resi- denz geblieben, so wuͤrden unter hundert hier ansaͤssigen Fremdlingen vielleicht nicht fuͤnfe Lust und hinlaͤnglichen Geldvorrath gehabt ha- ben, die weite Landreise zu unternehmen, und der Staat wuͤrde des Gewinns von so viel neuen und arbeitsamen Buͤrgern verlustig ge- gangen seyn. Der Einwurf, daß durch die eingewanderten Fremden von der Mitte des Reichs aus die Kultur schneller und allgemeiner haͤtte verbreitet werden koͤnnen, faͤllt hiedurch zum Theil von selbst weg. Ueberdem lehrt die A 3 Erfahrung, daß die Auslaͤnder sich von hier sehr leicht im Lande vertheilen, wodurch der eben erwaͤhnte Vortheil eben so gut und viel- leicht noch zweckmaͤßiger erreicht wird. Es war endlich dem Kaiser daran gelegen, in naͤhere Verbindung mit den uͤbrigen euro- paͤischen Staaten zu treten, die Staatskorre- spondenz zu befoͤrdern, und den Kurierwechsel zu erleichtern. Man koͤnnte zwar einwenden, daß, unter den vorhandenen Umstaͤnden, die Vertheilung der Befehle und Nachrichten im Reich desto langsamer von Statten gehen muͤs- se; aber eines Theils betraͤgt der Unterschied der Entfernung immer nur sehr wenig im Verhaͤltniß zu der Groͤße des Reichs: und andern Theils sind im Lande selbst die Rei- seanstalten so gut und die ausserordentliche Schnelligkeit etwas so gewoͤhnliches, daß hiebey kein Theil der Staatsverfassung lei- den kann. Die Nachfolger Peters des Großen sind wahrscheinlich durch eben diese und andere Gruͤnde bewogen worden, seinen Plan nicht zu verlassen. Wenn man bedenkt, welche uner- meßliche Schaͤtze bis dahin zur Verschoͤnerung dieses Platzes und zur Abhelfung der natuͤrli- chen Unbequemlichkeiten seiner Lage aufgewen- det sind; wenn man einen Blick auf die Was- serkommunikation wirft, welche Petersburg mit den innersten und entlegensten Provinzen des Reichs in Verbindung setzt; auf den Handel, der diese Residenz zur Stapelstadt der russischen Produkte macht; auf die Vortheile der Lage an der Muͤndung eines vielarmigen Flusses, der die ganze Stadt in ihren entferntesten Thei- len mit reinem gesunden Wasser versorgt — so wird man den Entschluß, diese Residenz beyzu- behalten, nicht minder weise finden, als die erste Idee ihrer Erbauung. Zu bedauren ists, daß die physische La- ge und das Klima von St. Petersburg die- sen großen Vorzuͤgen nicht entsprechen. Die Lage der Residenz an der Muͤndung und auf den Inseln der Newa ist niedrig und sumpfig. Die Gegend umher ist Morast und Wald, bis auf die einzelnen Stellen, welche Menschenfleiß und Kunst, trotz der kargen Natur, zu reizen- den Gefilden umgeschaffen haben. Welch ein Abstand von der gluͤcklichen Lage von Moskau! wo die Jahrhunderte durch einheimische Kultur A 4 Hand in Hand mit der schoͤnen Natur geht, wo der Segen des Landmanns dem Staͤdter aus dem Fenster seines Hauses entgegen lacht. Nach der Berechnung des Akademikus Krafft hat St. Petersburg in einem Durch- schnitt von zehn Jahren nur 97 heitere, dage- gen aber 104 Regen- 72 Schnee- und 93 truͤ- be Tage. Jaͤhrlich entstehen 12 bis 67 Stuͤr- me; die zum Theil, wenn sie westlich sind, Ueberschwemmungen verursachen. Nach einer Erfahrung von mehr als sechzig Jahren bricht das Eis der Newa nie vor dem 25. Maͤrz, und nie nach dem 27. April; sie friert am fruͤhesten den 20. Oktober und am spaͤtesten den 1. Dezember zu. Seit 1741 war die groͤßte Hitze 27 und die groͤßte Kaͤlte 33 Grad. Diese Uebersicht beweist, wie wenige Tage unter diesen Himmelsstrich in freyer Luft ge- nießbar, und wie eingeschraͤnkt die Freuden unsers Sommers sind. Der Winter ist un- sere beste Jahrszeit und hat große Vorzuͤge vor seinen feuͤchten und neblichen Bruͤdern in suͤdlichen Laͤndern. Eine ausdaurende gleiche Kaͤlte staͤrkt und erfrischt den Koͤrper. Die vortreffliche Schlittenbahn erleichtert das Rei- sen und macht es angenehm; eine Winterreise bey maͤßiger Kaͤlte in mondhellen Naͤchten ist ein Genuß den man nur unter diesen Himmels- strich kennt. Das rußische Volk, an Ausdauer gewoͤhnt, lebt beym Einbruch des Winters gleichsam auf; selbst Fremde sind hier unem- pfindlicher gegen die Kaͤlte als in ihrem Vater- lande. Wahr ist es aber auch, daß man sich nirgends besser gegen ihre Wirkungen zu schuͤ- tzen weiß, als hier. Bey der Annaͤherung des Winters setzt man in allen Haͤusern doppelte Fen- ster ein, deren Zwischenraͤume mit Werg verstopft und mit Papier uͤberklebt werden. Diese Vor- sicht schuͤtzt nicht nur gegen Kaͤlte und Wind, sondern gewaͤhrt auch mitten im Winter eine freye Aussicht, da die Glasscheiben auf diese Art nie mit Eise belegt werden. Die Aussen- thuͤren, oft auch die Fußboͤden in den Zimmern, bekleidet man mit Filz. Unsere Oefen, deren Groͤße und Bauart freylich viel Holz erfordern, bewirken in den weitlaͤuftigsten Wohnungen und oͤffentlichen Saͤlen eine Temperatur, die das Andenken an den Winter vertilgt. Wenn man die Stube verlaͤßt, bewaffnet man sich noch ernsthafter gegen die Kaͤlte. A 5 Muͤtze, Pelz, gefuͤtterte Ueberstiefel und Muff gehoͤren zur Winterbekleidung. Ein lustiger An- blick ists, die kolossalischen Huͤllen im Vorzim- mer zu sehen, aus denen sich nach wenigen Minuten die elegantesten Stutzer entwickeln. Der gemeine Russe sorgt nur fuͤr warme Be- kleidung der Fuͤße. Mit einem einfachen Pelz versehen, mit unbedecktem Halse und einem zu Eise gefrornem Bart halten Fuhrleute und Kleinverkaͤufer den ganzen Tag auf offner Straße. Bey einer Kaͤlte von 25 Graden ste- hen Weiber stundenlang auf den Kanaͤlen und spuͤlen Waͤsche. Der Winter vermehrt die Lebensnothwen- digkeiten und der Luxus vergroͤßert sie. Die Winterkleidung, das Holz und die Lichte gehoͤ- ren in diese Rubrik. Daß hier in Pelzen ein großer Aufwand herrscht, ist vorauszusetzen; die Mode wechselt oft so schnell, daß man mehr als wohlhabend seyn muß, um ihr allemal folgen zu koͤnnen. Der Holzverbrauch ist unge- heuer. In den Kuͤchen, Baͤdern und Bedienten- zimmern, die wie Baͤder geheizt werden, geht eine unglaubliche Menge dieses ersten Beduͤrfnisses fuͤr unser Klima verloren. Nach einem maͤßigen Anschlage werden hier jaͤhrlich uͤber 200,000 Klafter verbraucht, deren Geldwerth gegen eine halbe Million Rubel betraͤgt. Diese fuͤrch- terliche Konsumtion und der steigende Preis des Holzes sind der Aufmerksamkeit des Patri- oten werth. Der Aufwand in Lichten und Wachskerzen ist verhaͤltnißmaͤßig eben so groß. Den langen Winter hindurch lebt man beynah in einer ewigen Nacht, da unser kuͤrzester Tag nur sechstehalb Stunden waͤhrt. In Haͤusern von gutem Ton werden die Kerzen angezuͤndet, ehe man sich zur Mittagstafel setzt. Der Fruͤhling ist so kurz, daß er kaum unter die Jahrszeiten gerechnet werden darf. Der Maͤrz und April werden gewoͤhnlich durch heitere Tage angenehm, aber die Luft ist noch rauh, und die Newa traͤgt oft noch ihren Eis- ruͤcken. Im May veraͤndert sich ploͤtzlich die Scene: die Wintertracht verschwindet ganz, aber den balsamduftenden Fruͤhling verjagen kalte noͤrdliche Winde. Durch einen raschen Uebergang werden wir in den Sommer ver- setzt. Auch sein Daseyn ist von kurzer Dauer; kaum erwacht, kaum genossen, eilt er voruͤber — er mox bruma recurrit iners. So kurz indessen unser Sommer ist, so fehlt es ihm doch nicht an Annehmlichkeiten, und vielleicht wird er hier um desto besser ge- nossen, weil er so kurz ist. Bey dem ersten Laͤcheln der wiederkehrenden Sonne begiebt man sich auf die nahe gelegenen Landsitze, wo die bessere Jahrszeit im Genuß gastfreundschaftli- cher Geselligkeit nur allzubald verfließt. Zu den eigenthuͤmlichen Vorzuͤgen des hiesigen Som- mers gehoͤren die hellen und zum Theil war- men Naͤchte. Der sanfte Schimmer der kaum untergetauchten Sonne roͤthet den Horizont und verschoͤnert die Gegenstaͤnde; die geraͤusch- volle Thaͤtigkeit in den Gassen verliert sich, aber nicht zu einer todten Stille, sondern zu jener muͤßigen Geschaͤftigkeit, die wolluͤstiger als die Ruhe selbst ist; uͤberall trifft man auf Spaziergaͤnger, die sich zuweilen von Musik begleiten lassen; auf der Newa und auf allen Kanaͤlen schwimmen Schaluppen, von denen der einfache melodische Volksgesang der Matrosen ertoͤnt — durch die Neuheit der Scene und ihren Reiz verfuͤhrt und in der Erwartung der kommenden Nacht sieht man sich durch eine an- nehme Ueberraschung um seinen Schlaf betro- gen, wenn die ersten Stralen der Sonne die Spitzen der Haͤuser vergolden. Noch habe ich keinen Fremdling gekannt, der bey dem ersten Genuß einer solchen Sommernacht unempfindlich geblieben waͤre. Aber ach zu welchen Scenen bereiten diese wolluͤstigen Augenblicke vor! dem kurzen Som- mer folgt ein Herbst , der durch seine tausend- fachen Unannehmlichkeiten das Andenken an die wenigen schoͤnen Tage verloͤscht. Um diese Jahrs- zeit verwandelt sich Petersburg in den haͤßlichsten Winkel der Erde. Der Horizont bedeckt sich auf mehrere Wochen mit dicken schwarzgrauen Wolken, durch die kein Stral der Sonne bricht; die ohnehin schon kurzen Tage werden zu einer melankolischen Daͤmmerung; der unaufhoͤrliche Regen macht die Gassen, trotz der kostbaren un- terirrdischen Kanaͤle, so kothig, daß es jedem wohlgekleideten Menschen unmoͤglich ist, zu Fuße zu gehn; und um das haͤßliche Ideal eines Herbstabends vollkommen zu machen, gesellen sich haͤufige Stuͤrme dazu. So ist der Boden und der Himmel beschaf- fen, auf und unter welchem St. Petersburg liegt. Jetzt wollen wir einen Blick auf die Stadt selbst werfen, aber nur einen fluͤchtigen Blick: denn um alles auf einmal zu sehen, wuͤrden wir wahr- scheinlich nichts sehen. Die Physiognomie der Residenz ist la- chend. Gerade, breite und zum Theil sehr lan- ge Straßen, die sich haͤufig in stumpfen und spi- tzen Winkeln durchschneiden — große freye Plaͤtze — Mannigfaltigkeit in der Bauart der Haͤuser — endlich die vielen Kanaͤle und der schoͤne Newafluß mit ihren dauerhaften und ge- schmackvollen Einfassungen, machen den großen Anblick heiter und angenehm. In Ansehung der Regelmaͤßigkeit und Anlage zur Schoͤnheit laͤßt Petersburg sich nur mit wenigen großen Staͤdten in Europa vergleichen. Paris, trotz der Menge seiner Pallaͤste und der fortdaurenden Aufmerk- samkeit auf die Verbesserung seiner fehlerhaften Anlage, kann nie eine schoͤne Stadt werden, und London ist es nur in seinen neuerbauten Theilen. Berlin wetteifert mit jeder andern Stadt in Ruͤck- sicht auf schoͤne Regelmaͤßigkeit, aber Petersburg hat mehr große Anlagen. Dort stoͤßt das Auge seltner auf leere unbebaute Plaͤtze oder hoͤlzerne Huͤtten; hier findet man mehrere Palaͤste und große Privatgebaͤude, breitere Straßen und eine Menge schoͤner Kanaͤle. Der Anblick von Pe- tersburg vergnuͤgt weniger durch das was da ist, als durch die Idee des nach einer so großen und schoͤnen Anlage zu vollendenden Ganzen; eine Idee die sehr natuͤrlich durch das stete ausseror- dentlich schnelle Bauen erweckt wird. In kurzer Zeit sieht man weitlaͤuftige wuͤste Felder mit Haͤu- sern bedeckt, und wer einige Jahre hindurch ge- wisse Gegenden nicht besucht hat, wie dies in großen Staͤdten leicht der Fall ist, findet sich oft mit Ueberraschung in unbekannte Gassen versetzt. Der Admiralitaͤtstheil, jetzt die schoͤnste Gegend der Stadt, war noch vor wenigen Jahren so wuͤste, daß viele Einwohner schon itzt die Pallaͤste bemerken, an deren Stelle sie Morast oder Vieh- triften gesehen haben. Der Fontanka-Kanal, vor zehn Jahren noch ein sumpfiger Bach, der die umliegende Gegend ungesund machte und des- sen Ufer mit hoͤlzernen Huͤtten bebaut waren, ist itzt in seiner prachtvollen Einfassung die schoͤnste Zierde der Residenz, so wie die Haͤuserreihe zu beyden Seiten des Ufers in zwanzig Jahren eine der schoͤnsten Gassen in Europa seyn wird, wenn man fortfaͤhrt, so viel und so geschmackvoll in derselben zu bauen. — Indessen ist nicht zu leugnen, daß die zum Theil schlecht, zum Theil gar nicht bebauten Plaͤtze, selbst in den bessern Gegenden der Stadt, oft einen widrigen Anblick erregen; ein Umstand, dem, wegen der unge- heuren Ausdehnung der Residenz, selbst durch die Bauwuth des hiesigen Publikums, nicht leicht abgeholfen werden kann. Zur Physiognomie einer Stadt gehoͤrt das Leben, die Thaͤtigkeit, das Gewuͤhl das in ihren Gassen herrscht. St. Petersburg gehoͤrt in die- ser Ruͤcksicht unter die großen Staͤdte von der zweyten Klasse. Die Hauptstraßen ausgenom- men, in denen es zum Theil von Wagen und Fußgaͤngern wimmelt, sind die uͤbrigen fast ohne Leben. Dies liegt sowol an der großen Ausdeh- nung und Weitlaͤuftigkeit der Stadt, als an dem unguͤnstigen Klima. Des Abends werden die Gassen fruͤh von Menschen leer; die Thaͤtigkeit des gemeinen Mannes hoͤrt gewoͤhnlich mit dem Einbruch der Dunkelheit auf, und die Stille der Nacht wird nur zuweilen durch das Gerassel einzelner Wagen gestoͤrt. Um sich einen deutlichen Begriff von der Situation einer Stadt zu verschaffen, giebt es freylich kein besseres Mittel, als Thuͤrme zu bestei- besteigen, die eine große Uebersicht des Ganzen gewaͤhren. Da uns dieses Huͤlfsmittel fehlt, so wollen wir durch eine moͤglichst anschauliche Dar- stellung diese Luͤcke zu ergaͤnzen versuchen. St. Petersburg liegt an den Ufern und auf den Inseln der Newa , die hier einen Winkel macht, weil ihr Lauf erst nordlich und dann west- lich geht. In diesem Winkel, und also auf der linken Seite der Newa, liegt in einer Form die einem Dreyeck nahe koͤmmt, der ansehnlich- ste, bebauteste und bewohnteste Theil der Re- sidenz. Das Kloster des h. Alexander Newski macht bey der nordlichen Richtung des Flusses den Anfang der Stadt; folgt man dieser Rich- tung, so gelangt man in das woskresenskische Kloster, bey welchem die Newa ihren Lauf aͤn- dert, der von hier bis zu ihrem Ausfluß in den kronstaͤdtischen Busen in westlicher Rich- tung die zweyte Seite des Dreyecks bildet, wodurch die dritte Seite oder die Ausdehnung von dem Ausfluß der Newa bis zum Alexan- der-Newski Kloster theils von selbst, theils auch durch einen Stadtgraben und durch den ligowischen Kanal bestimmt wird. Man ver- gesse nicht, daß wir bis hieher nur dem linken Erster Theil. B Newaufer gefolgt sind, welches durch keine Arme unterbrochen ist. Nun beginnen wir unsere Reise laͤngs dem rechten Ufer des Flusses. Hier finden wir bey der Biegung desselben, dem woskresenskischen Kloster gegenuͤber, die Slobode Ochta , die thren Namen von dem kleinen Flusse Ochta hat, der hier in die Newa faͤllt. Von hier an wird, wie wir wissen, der Lauf der Newa westlich. In dieser Richtung theilt sie an ih- rem rechten Ufer zwey breite Arme ab; der erstere heißt die Newka , und der folgende westlichere die kleine Newa . Alles was zwischen dem rechten Ufer der Newa und an der Ostseite der Newka liegt, wird der wi- burgische Stadttheil genannt. Jetzt bleiben uns natuͤrlich noch zwey große Inseln uͤbrig. Die erstere, die von der Newa, New- ka, und kleinen Newa eingeschlossen wird, heißt die Petersinsel , und macht nebst mehreren kleinen Inseln die durch die ferneren Theilun- gen der Newka gebildet werden, den peters- burgischen Stadttheil aus. Die zweyte Insel, die durch die kleine Newa und den Hauptstrom entsteht, heißt Wassili-Ostrow und ist ein besonderer Stadttheil. Aus dieser Darstellung ergiebt sich, daß der Umfang der Residenz sehr groß seyn muß. Er betraͤgt, zufolge einer Angabe des Akademikus Georgi , vier und zwanzig Werst, oder viertehalb deutsche Meilen. Nach eben dieser Quelle nimmt der eigentlich bebaute Theil nur etwa das Viertheil dieses Flaͤchen- raums ein. In dieser ungeheuren Ausdehnung liegt der Grund, warum St. Petersburg nicht so bald seiner Vollendung nahe gebracht werden kann. Noch immer trifft man in den besten Gegenden der Stadt auf leere Plaͤtze, weil diese in den entfernteren Theilen wohlfeiler sind und daher eher bebaut werden. An der Landseite hat Petersburg nun zwar eine Gren- ze durch den Stadtgraben , aber auch die- ser ist so weit uͤber die bebaute Gegend hin- ausgeruͤckt, daß der große Zwischenraum fuͤr eine neue Stadt hinreichend waͤre. Außer diesem eben angefuͤhrten Graben hat die Residenz sonst keine Begrenzung und nur ein einziges Thor , durch welches B 2 die Heerstraße nach Riga fuͤhrt. Es hat die Form eines Wuͤrfels, ist durchaus von Granit und auf jeder Ecke mit einer großen Urne von Marmor geziert. Die kolossalische Groͤße, die Simplicitaͤt und die Schoͤnheit des Steins ma- chen dieses Monument seiner Bestimmung werth, und stimmen den Reisenden bey seinem Eintritt zu der Empfindung die der Anblick so vieler Pracht und Groͤße in dem Innern dieser Re- sidenz erregen muß. Ehe ich meine Leser in die Gassen und Pallaͤste fuͤhren kann, die der vorzuͤgliche Ge- genstand dieses Abschnitts sind, muͤssen wir noch einmal zu dem Terrain zuruͤckkehren. Die Newa und ihre Kanaͤle sind ein so merkwuͤr- diger Theil des Lokale, daß meine Leser nur einen sehr unvollstaͤndigen Begriff von dem Ganzen haben wuͤrden, wenn sie von der Lage, der Beschaffenheit und den Verbindungen der- selben nicht hinlaͤnglich unterrichtet waͤren. Zuerst also von der Newa . Dieser Fluß, dessen Vorzuͤge allein die Lage von St. Peters- burg unschaͤtzbar machen, fließt in oben beschrie- bener Richtung durch die Stadt in den kron- staͤdtischen Busen, und bildet durch zwey von seinem rechten Ufer ausgehende Arme und de- ren Theilungen die vorhin erwaͤhnten Inseln. Der Hauptstrom, der zum Unterschiede die große Newa genannt wird, hat eine Breite von 150 bis 200 Klafter und traͤgt Schiffe von mittlerer Groͤße. Das linke Ufer desselben, welches, wie meine Leser sich erinnern werden, ununterbrochen fortlaͤuft, ist vom Gießhause bis an die Ecke des Galeerenhofes (die Stelle aus- genommen, welche der Admiralitaͤtswerft ein- nimmt) also ungefaͤhr eine Strecke von 1650 Klaftern, mit einem Kay von Granitqua- dern versehen. Dieses große Monument, wel- ches in Ruͤcksicht auf Nutzbarkeit und Pracht seine Parallele nur unter den Ruinen des al- ten Roms suchen darf, ist sein Daseyn der jetzigen Kaiserinn schuldig. Die Hoͤhe des pi- lotirten Ufers uͤber der Wasserflaͤche betraͤgt zehn Fuß; das Ufer selbst ist mit einem Trot- toir von der Breite eines Klafters versehen, und hat eine Wand oder Lehne, die drittehalb Fuß hoch und fuͤnf viertel Fuß breit ist. Diese Einfassung ist stellenweise von Auffahrten und Ruhebaͤnken unterbrochen, die in regelmaͤßigen Entfernungen abwechseln. Letztere haben die B 3 Form eines halben Zirkels und sind von beyden Seiten mit Stiegen umgeben, die vom Kay herunter zu bequemen Landungsplaͤtzen fuͤhren. Alles was ich hier genannt und beschrieben ha- be, ist durchaus von gehauenem Granit. Man kann sich leicht vorstellen, daß das linke Ufer der Newa durch diese Einfassung eine der glaͤnzendsten Gegenden der Stadt wer- den mußte. Und in der That, wenn der große Geist Katharinens hier ein Denkmal ge- meinnuͤtziger Pracht stiftete, so hat der Wett- eifer reicher Privatleute alles gethan, die Nach- barschaft desselben zu einem Denkmal des ge- schmackvollsten Aufwands zu machen. Die Haͤu- serreihe laͤngs dem Kay darf keine Verglei- chung mit irgend einer Gasse in Europa scheu- en. — Ich wuͤrde meinem Plan vorgreifen, wenn ich meine Leser auf die malerischen Schoͤn- heiten aufmerksam machen wollte, die ein Spa- ziergang an diesem Ufer darbietet. Genug, daß sie den Standpunkt kennen, zu welchem ich sie kuͤnftig einmal, aber nicht als trockner To- pograph, begleiten werde. Jetzt gehen wir zu dem rechten Ufer der großen Newa uͤber, welches, wegen der schlech- ter bebauten Stadttheile, keine eigentlichen Merkwuͤrdigkeiten hat. Laͤngs der wiburgischen Seite ist es mit keiner Einfassung versehen; aber am Ufer der Petersinsel bespuͤlen die Wellen der Newa die praͤchtigen mit Granitquadern beklei- deten Mauern der Festung. Das Ufer von Wassili-Ostrow hat zum Theil ein hoͤlzernes Bollwerk, das aber wahrscheinlich mit einem Granitkay vertauscht werden wird, da diese durchaus gut und zum Theil praͤchtig bebaute Gegend zu einer solchen Verschoͤnerung reif ist. Die Ufer der großen Newa sind durch zwey Schiffbruͤcken mit einander verbunden, deren eine den Stuͤckhof mit der wiburgischen Seite, und die andere den ersten Admiralitaͤtstheil mit Wassili-Ostrow verbindet. Da alle Bruͤk- ken, die uͤber die Newa und ihre Arme fuͤhren, einerley Einrichtung und Bauart haben, so will ich nur die letztere beschreiben, die wegen ihrer Lage die merkwuͤrdigste ist, da sie die Hauptver- bindung der volkreichsten und besten Gegenden der Stadt bewirkt. Diese Bruͤcke hat eine Laͤnge von 130 Klafter und ruht auf ein und zwanzig Barken, die besonders zu diesem Zweck erbaut sind, und durch zwey Anker auf ihrer Stelle er- B 4 halten werden. Zum Behuf des Durchgangs der Schiffe sind zwey Zugbruͤcken angebracht, die nur des Nachts geoͤfnet werden. Der Me- chanismus dieser Bruͤcke ist so einfach, daß sie im Herbst bey der Ankunft des Treibeises in we- niger als zwey Stunden aus einander genommen werden kann, daher das Publikum ihrer auch nur wenige Zeit vor dem Zufrieren der Newa entbehrt. Sobald das Eis steht, wird sie wie- der aufgesetzt und bleibt zur Sicherheit und Be- quemlichkeit der Einwohner bis in das Fruͤhjahr stehen. Wenn in dieser Jahrszeit das Eis der Newa bricht, wird sie zum zweytenmal aus ein- ander genommen und nicht eher wieder herge- stellt, als bis das Treibeis aus dem Ladogasee voruͤber ist, welches oft vier bis sechs Wochen dauert. Der Standpunkt auf dieser Bruͤcke gewaͤhrt eine der interessantesten Aussichten. Die ansehn- liche Breite des Flusses, der praͤchtige Kay an dem linken Ufer desselben, die schoͤnen Haͤuserrei- hen zu beyden Seiten, der Anblick der Festung, die vergoldeten Thuͤrme, das Denkmal Peters des Großen , die hin und wieder schwimmen- den, oder in Gruppen versammelten, oder se- gelnden Schiffe — und dann wieder das Gewuͤhl von vorbeyrollenden Wagen, schwerbeladenen Karren, geschaͤftigen und muͤßigen genießenden Fußgaͤngern — alle diese einzelnen Zuͤge versam- meln sich hier zu einem Ganzen, das wol gese- hen und empfunden, aber nicht gemalt und be- schrieben werden kann. Da wir uns einmal mit den Kommunika- tionen der Newa beschaͤftigen, so duͤrfen wir auch der großen Eisdecke nicht vergessen, welche die Natur im Winter uͤber diesen Fluß breitet, und wodurch sie einen betraͤchtlichen Theil des Jahrs hindurch alle Bruͤcken entbehrlich macht. Der Zeitpunkt dieser merkwuͤrdigen Veraͤnderung ist oben schon angemerkt: hier etwas von den Erscheinungen, die dieselbe begleiten. Das Ge- frieren der Newa kuͤndigt sich durch kleine Eis- schollen an, die einen oder mehrere Tage auf dem Wasser treiben, sich allmaͤlig vergroͤßern, dann stocken und zusammenfrieren. Diese Ver- aͤnderungen erfolgen oft so schnell hinter einan- der, daß man zu Wasser uͤber den Fluß und ei- nige Stunden nachher trocknen Fußes zuruͤckkom- men kann. Sobald das Eis steht, werden Fuß- steige und Fahrwege gebahnt und durch Tannen- B 5 zweige bezeichnet. Diese sonderbaren Straßen, die nur unter diesem Himmelsstrich so gefahrlos werden koͤnnen, daß man bey ihrer Benutzung auch sogar den Gedanken an den schiffbaren Fluß verliert uͤber welchen sie hinlaufen, werden dem Publikum wegen der Verkuͤrzung der Wege sehr nuͤtzlich. Durch das Fahren und Gehen erhal- ten sie eine solche Kondensitaͤt, daß sie auch dann noch ohne Gefahr sind wenn uͤberall das Eis schon locker wird. Aber nicht bloß in der Stadt oder auf kleine Strecken bereitet man solche Win- terstraßen. Der gewoͤhnliche Fahrweg von Pe- tersburg nach Kronstadt geht aus der Newa in gerader Linie uͤber den Meerbusen hin; er wird ebenfalls mit Gestraͤuchen bezeichnet, und auf demselben sind mehrere Wachthaͤuser und eine Schenke befindlich. — Wenn im Fruͤhjahr die Sonne ihre Wirkungen aͤußert, sammelt sich Schneewasser auf dem Eise. So lange dieses sichtbar bleibt, ist keine Gefahr; aber wenn das Wasser verschwindet und die Oberflaͤche grau wird, ist der Eisbruch nahe, der gewoͤhnlich bey einem westlichen Winde erfolgt. Die Wege hal- ten am laͤngsten; oft sieht man noch Leute hinuͤ- ber gehn, wenn einige Schritte davon Schalup- pen fahren. Der gemeine Russe achtet diese Gefahr wenig und begiebt sich oft um der elen- desten Kleinigkeit in dieselbe. Die Polizey sucht diesen zwecklosen Muth durch Befehle und Stock- pruͤgel zu kuͤhlen, indessen die Englaͤnder ihn oft durch Wetten und Praͤmien ermuntern. Die Arme der Newa sind weiter durch nichts merkwuͤrdig, als daß sie zum Theil Schiff- bruͤcken haben, die eine freye Kommunikation unter allen, auch den entferntesten, Stadtthei- len erhalten. Wir kehren also zum linken Ufer der Newa zuruͤck, wo Gegenstaͤnde hoͤherer Art unsere Aufmerksamkeit beschaͤftigen werden. Das große Dreyeck von Haͤusern, welches an dieser Seite des Flusses liegt, wird von drey Hauptkanaͤlen durchschnitten, die eben so viele, freylich nicht sehr regelmaͤßige, Halbzirkel bilden, deren einer immer den andern einschließt. Wenn man seinen Standpunkt so nimmt, daß man die Newa im Ruͤcken hat, und nun in eine der großen Perspektivgassen hineingeht, so stoͤßt man zuerst auf die Moika , die den kleinsten Halbzirkel macht, alsdann auf den Kathari- nenkanal , der die Moika einschließt, und zu- letzt auf die Fontanka , die mit ihrem regel- maͤßigern Halbzirkel beyde umgiebt. Die Fon- tanka wird eigentlich von einem groͤßern Bogen eingeschlossen, den der Stadtgraben und der li- gowsche Kanal machen, aber diese letztere sind von keiner Bedeutung. Eine genaue Beschreibung der Richtung und Verbindung dieser Kanaͤle wuͤrde sehr langweilig und unnoͤthig fuͤr den groͤßten Theil meiner Leser seyn. Ich lasse es bey der anschaulichen Dar- stellung bewenden, die ich hievon habe geben koͤnnen, und will jetzt versuchen, das Karakte- ristische und Merkwuͤrdige derselben zu zeichnen. Die Moika war ehedem ein Morastbach und ward unter der vorigen Regierung ausgegra- ben. Ihr Bette ist seicht und an vielen Orten ver- schlammt, ihre Einfassung von Holz und in ih- rem Lauf macht sie viele Kruͤmmungen. Auch die Gassen zu beyden Seiten des Kanals sind groͤßtentheils schmal; eine Unbequemlichkeit, die hier um so laͤstiger wird, da man der geraden, breiten und mit Trottoirs versehenen Straßen gewohnt ist. Was aber diese Maͤngel in das uͤbelste Licht stellt, ist der Umstand, daß dieser Kanal gerade durch den Kern der Stadt, durch die bebautesten und bewohntesten Gegenden laͤuft. Doch, vielleicht ist der Grund zu diesen Klagen nicht mehr vorhanden, wenn das auswaͤrtige Publikum sie liest. — Die Moika hat mehrere hoͤlzerne Bruͤcken, die nach den Farben genannt werden, mit welchen sie bestrichen sind. Der Katharinenkanal war ebenfalls ein Morastbach; Katharina die Zweyte gab ihm seine jetzige Gestalt. Er ist vier Werste lang, sieben bis acht Klafter breit und einen Klafter tief. Seine Ufer sind mit Granitqua- dern bekleidet und bilden ein Trottoir, welches mit einer geschmackvollen, eisernen, durch Gra- nitpfeiler verbundenen Lehne versehen ist. In regelmaͤßigen Entfernungen sind Abfahrten und Treppen angebracht, die immer mit einander ab- wechseln. — Der Nikolaikanal , der den Katharinenkanal mit der Newa verbindet, ist auf eben diese Art eingefaßt. — Die Bruͤcken sind theils gewoͤlbt, theils niedlich geformte Zug- bruͤcken. Die Fontanka gehoͤrt zu den groͤßten Merkwuͤrdigkeiten von Petersburg. Auch dieser Kanal, der ehemals ein kleiner Bach war und die umliegende Gegend verpestete, hat seine glaͤnzen- de Regeneration der jetzigen Kaiserinn zu danken. Seine Laͤnge betraͤgt dreytausend Klafter oder ungefaͤhr sechs Werst, seine Breite zehn bis zwoͤlf, und die Tiefe seines Wasserbettes uͤber eine Klafter. Er hat Ufer, Einfassung und Trot- toir wie der Katharinenkanal, nur daß letzteres hier breiter ist. Diese Vorzuͤge, das vortreff- liche Wasser und die Breite der Gassen zu bey- den Seiten sind dem Baugeist der beguͤterten Einwohner ein maͤchtiger Sporn. Schon reihen sich Pallaͤste an geschmackvolle Buͤrgerhaͤuser, ganze Strecken sind in wenigen Jahren bebaut, uͤberall sieht man Materialien zu neuen Schoͤp- fungen liegen. Diese Gasse wird sicherlich so einzig in ihrer Art, als die Idee ihrer Anlage kuͤhn und die Ausfuͤhrung groß war. Um von dieser Idee und ihrer Ausfuͤhrung einen Maaßstab zu geben, merke ich hier nur mit Georgi an: daß jede Klafter dieses Granitufers, ohne das Aus- graben des Flusses, ohne das Pilotiren und ohne die kost- baren Bruͤcken, anfangs 182 Rubel, nachher immer mehr und endlich 300 Rubel kostete. — Die Fontanka hat fuͤnf Bruͤcken, saͤmtlich aus Gra- nit. Sie ruhen, eine ausgenommen, auf zwey Boͤgen, zwischen welchen Zugbruͤcken angebracht sind. Jede derselben ist mit vier Granitthuͤr- men, welche die Gewinde enthalten, und mit eben so vielen zylinderfoͤrmigen Granitsaͤulen umgeben, deren jede auf eisernen Armen zwey Kugellampen traͤgt. Der kleine, mit Holz eingefaßte Krukow- kanal wird durch eine schoͤne Zugbruͤcke merk- wuͤrdig, die bey seiner Vereinigung mit der Ne- wa auf dem Galeerenhofe steht. Sie ist mit vier einfachen Granitsaͤulen umgeben, die drittehalb Klafter hoch sind und vier Fuß im Durchmesser haben. Jede derselben ruht auf einem Granit- wuͤrfel von vier Kubikfuß. Die Saͤulen und ih- re Stuͤhle sind ausgehoͤhlt und enthalten Win- den vermittelst welcher die Zugbruͤcke, wie die Uhr, aufgezogen wird. — Jetzt kennen wir das Terrain von St. Pe- tersburg. Wenn es mir gelungen ist, der Ein- bildungskraft meiner Leser bey diesem trocknen Gegenstande ein Bild unterzulegen, so werden sie einen hinlaͤnglichen Begriff von den Vorthei- len und Eigenthuͤmlichkeiten desselben haben. An und zwischen diesen Fluͤssen und Kanaͤlen also liegt die große Haͤusermasse , mit deren naͤherer Betrachtung wir uns itzt beschaͤftigen werden. Nach dem Kataster von 1787 zaͤhlte man 3431 Haͤuser, unter denen 1291 von Stein, die uͤbrigen aber von Holz waren. Diese Zahl ist nur anscheinend klein, weil die Haͤuserplaͤtze, im Ganzen genommen, von außerordentlicher Groͤße sind, und fast jedes steinerne Haus ins Gevierte gebaut wird. Das Verhaͤltniß der stei- nernen Gebaͤude zu den hoͤlzernen scheint ebenfalls gering; da aber die erstern durchgehends bey wei- tem groͤßer und hoͤher sind, so kann man anneh- men, daß mehr als die Haͤlfte der Bevoͤlkerung von Petersburg in steinernen Haͤusern wohnt, oder doch wohnen koͤnnte, wenn in denselben nicht der Bequemlichkeit und Prachtliebe so vieler Wohnraum aufgeopfert wuͤrde. Das Nachthei- lige dieses Verhaͤltnisses mindert sich von Jahr zu Jahr, theils durch die Verwuͤstungen des Feu- ers, die immer vorzuͤglich die hoͤlzernen Gebaͤude treffen, theils durch die Wirksamkeit des herr- schenden Baugeistes, und theils durch die obrig- keitliche Befehle und Verordnungen. Kein hoͤl- zernes Haus darf ausgebessert, oder wenn es abgebrannt ist, von neuem aufgefuͤhrt werden; nur in den entferntesten Stadttheilen wird hievon zuweilen eine Ausnahme gemacht. Der gute Erfolg dieser Huͤlfsmittel zur Verschoͤnerung beweist beweist sich aus der Vergleichung zweyer Zeit- punkte der jetzigen Regierung. Im Jahr 1762 zaͤhlte man 460 steinerne und 4094 hoͤlzerne Haͤu- ser; im Jahr 1787 hatten sich die erstern schon zu 1291 vermehrt, und die letztern zu 2140 ver- mindert. Diese wirklich erstaunenswuͤrdige That- sache ist der Grund eines Sprichworts geworden: Katharina die Zweyte , sagt man, hat Petersburg hoͤlzern empfangen, und wird es steinern zuruͤcklassen. Die hoͤlzernen Haͤuser werden gewoͤhn- lich aus runden uͤber einander gelegten Balken erbaut, deren Zwischenraͤume man mit Moos und Werg ausfuͤllt. Um ihnen ein besseres An- sehn zu geben, bekleidet man ihre Aussenseite haͤufig mit Brettern und giebt diesen eine belie- bige Farbe. Ein hoͤlzernes Haus hat gewoͤhnlich ein vier bis sieben Fuß hohes Kellergeschoß und selten mehr als Ein Stockwerk. Diese leichten, im Norden einheimischen Wohnungen haben mehrere nicht unbedeutende Vorzuͤge. Sie sind im Winter sehr warm; ihre Erbauung kostet sehr wenig; auf steinernem Fundament dauern sie sechzig und mehrere Jahre; ihre einfache Konstruktion erlaubt alle nur erdenkliche Veraͤn- Erster Theil. C derungen der Form; sie sind endlich auch sogar transportabel. In Moskau findet man auf ge- wissen Maͤrkten fertige Haͤuser zum Verkauf; die nur zusammengesetzt werden duͤrfen. Ein Eigenthuͤmer, der sich in einer andern Gegend der Stadt niederlassen will, fuͤhrt mit seinen Mobilien auch sein Haus mit sich, und laͤßt es auf seinem neuen Wohnplatz wieder aufstellen. Diese und andere Vortheile rechtfertigen die Vor- liebe der Nation fuͤr hoͤlzerne Gebaͤude, die so weit geht, daß beguͤterte Leute, vorzuͤglich in Moskau, oft neben ihrem steinernen Hause ein hoͤlzernes Wohngebaͤude zu ihrer eignen Benuz- zung erbauen. Die steinernen Haͤuser in St. Peters- burg werden im Allgemeinen mit sehr viel Ge- schmack und Bequemlichkeit, aber nicht mit eben so viel Soliditaͤt gebaut. Sie sind durchgehends ganz von Stein, nie von Fachwerk und haben gewoͤhnlich uͤber dem Erdgeschoß nur zwey, selten weniger, und noch seltner mehr Stockwerke. Es giebt zwar auch Haͤuser von außerordentli- cher Hoͤhe, da man hier aber in Ruͤcksicht auf Wohnung mit mehr Luxus lebt, als an irgend einem Ort den ich kenne, so ist die naͤmliche Hoͤhe, die z. B. in Paris zu fuͤnf Stockwerken hinreichen wuͤrde, hier nur zu zweyen benutzt. Die meisten Haͤuser haben nach italiaͤnischer Bau- art ein Erdgeschoß, dessen Fenster nur wenig uͤber dem Pflaster hervorragen und welches zu Bedientenzimmern und Lawken (kleinen Kram- laͤden) eingerichtet ist. Dieser Erdgeschoß wird jetzt haͤufig mit Granit bekleidet. Die Fassaden der Haͤuser sind groͤßtentheils geschmackvoll und in gutem Stil, zuweilen aber auch mit Zierra- then uͤberladen, die der Herrschaft der Mode so gut unterworfen sind als die Form der Kleider. Jetzt ist der Geschmack an Saͤulenverzierungen herrschend, und so lange dieser dauert, wird hierinn so gut uͤbertrieben wie in jeder andern Mode. Da man hier durchgehends von Back- steinen baut, so werden die aͤußern Mauern mit mancherley Farben uͤbertuͤncht, unter denen jetzt die gruͤne und café au lait die beliebtesten sind. Die Daͤcher werden theils mit Ziegeln, theils mit Kupfer- und Eisenblech gedeckt, welche letz- tere, außer ihrer Dauerhaftigkeit und Sicher- heit, einen angenehmen Anblick gewaͤhren, wenn sie, wie jetzt haͤufig geschieht, mit gruͤner oder rother Farbe uͤberzogen werden. Die Form der C 2 Daͤcher, ist nach den Regeln der schoͤnen Bau- kunst, platt; daß hier nirgend ein Giebel zu se- hen ist, versteht sich bey einer Stadt von so neu- er Anlage von selbst. In der innern Bauart und Einrichtung der Haͤuser (ich spreche nicht von Pallaͤsten) ist fuͤr die Bequemlichkeit und den Luxus so sehr gesorgt als in irgend einer Stadt in Europa; eine Sorg- falt, die das unfreundliche Klima hier freylich nothwendiger macht als anderswo. Fast alle gute Privathaͤuser haben gewoͤlbte Thorwege, unter welchen man, fuͤr jede Witterung geschuͤtzt, aus und in den Wagen steigen kann; geraͤumige Hofplaͤtze, die viele hundert Klafter Holz fassen, und dennoch Raum genug fuͤr wartende Equipa- gen enthalten; breite steinerne Treppen, Vor- zimmer fuͤr die Bedienten der besuchenden Herr- schaften, abgesonderte Speisesaͤle, Balkons, u. s. w.. Eine naͤhere Beschreibung der innern Be- schaffenheit der Haͤuser werden wir in einem der folgenden Abschnitte finden. Die Anzahl der Gassen geht sicherlich uͤber hundert und funfzig hinaus, wenn man alle Ver- bindungsgassen (Pereulki Perenlok heißt eine jede Gasse, die zwey oder mehrere Hauptstraßen mit einander verbindet. Man denke sich aber nur keine enge, krumme, finstere Gäßchen oder impasses unter dieser Benennung. Sie laufen sämtlich eben so gerade als alle andere Gassen und manche derselben haben die Breite der schönsten Straßen in Paris. und die Linien von Wassili-Ostrow mit in Anschlag bringt. Ihre groͤßten Vorzuͤge sind Regelmaͤßigkeit und Breite. Sie laufen fast alle in geraden Linien hin und durchschneiden sich in rechten, stumpfen und spitzen Winkeln. Diese Abwechselung und die Mannigfaltigkeit der Bauart gewaͤhrt dem Auge weit mehr Vergnuͤgen, als die monotonische Sym- metrie der Straßen, die man z. B. in Mann- heim findet. Wassili-Ostrow macht eine Aus- nahme von dieser allgemeinen Bemerkung; drey lange Perspektivstraßen werden dort in rechten Winkeln von zwoͤlf Gassen durchschnitten, die man Linien nennt und nach den Haͤuserreihen nennt, so daß jede Gasse zwey Linien hat. Die Breite der petersburgischen Gassen ist von sechs bis funfzehn Klafter; aber die breiteste unter al- len ist die große Perspektive auf Wassili-Ostrow: C 3 sie hat dreyßig Klafter. Auch durch ihre Laͤnge werden mehrere Gassen merkwuͤrdig, wie z. B. die newskische Perspektive, die bey der Admira- litaͤt anfaͤngt und beym Alexander-Newski Klo- ster, nach einem Lauf von mehr als vier Wersten endigt. So wenig ich diesen Abschnitt zu einer trock- nen Topographie machen moͤchte, so nothwendig finde ich es doch, meine Leser mit der buͤrgerli- chen Eintheilung der Residenz bekannt zu machen. Sie ist, zufolge der Polizeyordnung vom Jahr 1782, in zehn Stadttheile getheilt, deren jedes mehrere Quartiere hat, die man hier, nach der russischen Benennung, Quartale nennt. Die Lage dieser Stadttheile wird groͤßtentheils durch die natuͤrlichen Grenzen bestimmt, welche der Fluß und die Kanaͤle bilden, und es ist mir daher leicht, meinen Lesern, auch ohne Plan, einen sinnlichen Begriff von derselben zu geben. Sie werden sich erinnern, daß die Residenz zur Linken der Newa ein unregelmaͤßiges, von diesem Fluß und dem Stadtgraben begrenztes, Drey- eck bildet, welches von drey Hauptkanaͤlen durch- schnitten wird. Der Raum zwischen diesem Ufer der Newa und der Moika heißt der erste Admi- ralitaͤtstheil — zwischen der Moika und dem Katharinenkanal, der zweyte — und zwischen dem Katharinenkanal und der Fontanka, der dritte Admiralitaͤtstheil . Was jenseits der Fontanka an der Newa liegt, heißt der Stuͤckhof ; unter dem Stuͤckhof, laͤngs der Fontanka, liegt der moskowische , und laͤngs dem ligowschen Kanal, der roshestwenski- sche , an welchen der Jaͤmskoi -Stadttheil stoͤßt. Den wassiliostrowschen, peters- burgischen und wiburgischen kennen meine Leser schon aus dem vorhin Gesagten. — Jeder dieser Theile enthaͤlt, im Durchschnitt gerechnet, uͤber zwanzigtausend Menschen, und kann daher, sowohl in Ruͤcksicht seiner Bevoͤlkerung als auch seiner Lage und Eigenthuͤmlichkeiten, als eine besondere Stadt angesehen werden. Der erste Admiralitaͤtstheil liegt im Mittelpunkte der Residenz. Er ist der kleinste, aber auch der schoͤnste und vollendeteste unter al- len. Was das Quartier du palais royal fuͤr Paris ist, das ist dieser Stadttheil fuͤr St. Pe- tersburg: der Kern der Stadt, in welchem Luxus und Reichthum zu Hause sind, die sich von hier aus mit immer abnehmender Kraft bis an C 4 die aͤußersten Grenzen der Residenz verbreiten; der Mittelpunkt des Gewuͤhls und der Geschaͤfte; der glaͤnzendste Sammelplatz aller Vergnuͤgungen von der hoͤhern Art. — In seinem Bezirk lie- gen drey und zwanzig der vorzuͤglichsten Pallaͤste, unter welchen der kaiserliche Winterpal- last der merkwuͤrdigste ist. Die kolossalische Groͤße dieses Gebaͤudes, Er ist 450 englische Fuß lang und 350 Fuß breit. die Pracht die in und um dasselbe herrscht, die Schaͤtze von Kostbarkeiten und Seltenheiten die hier aufgesammelt sind, machen es allerdings zu einem der sehenswerthesten Gegenstaͤnde der Re- sidenz. Unendlich interessanter aber wird es durch den Gedanken, daß in demselben Katharina die Zweyte wohnt, daß dies der Schauplatz einer der laͤngsten, gluͤcklichsten und thatenreich- sten Regierungen ist, deren Wirkungen sich uͤber dreyßig Millionen Menschen, uͤber Europa und die Welt ergießen. Das Aeußere dieses Pallastes, welcher in Verbindung mit der Eremitage den Umfang einer kleinen Stadt begreift, ist durch seine Groͤße im- posant, aber sonst durch seine Bauart nicht sehr merkwuͤrdig. Der Stil und die Ueberladung mit Verzierungen verrathen das Zeitalter in wel- chem er sein Daseyn erhielt. Die ganze Hoͤhe, welche 70 Fuß betraͤgt, hat nur ein Erdgeschoß, ein Hauptstockwerk und ein Entresol. Die Lage dieses Pallastes ist herrlich. An die Vorderseite schließt sich der mit praͤchtigen und schoͤnen Ge- baͤuden umgebene Schloßplatz, der groͤßte den ich je gesehen habe, und an der Hinterseite fließt die Newa in ihren mit Granit bekleideten Ufern vorbey. Der linke Fluͤgel, an welchen die Ere- mitage stoͤßt, gewaͤhrt durch einen Vorsprung die Aussicht in die große Million, eine der schoͤn- sten Gassen; zur Rechten liegt die Admiralitaͤt. Der untere Stock wird durch eine Menge sich durchkreuzender Gewoͤlbe und Saͤulenreihen dem Pallast des Daͤdalus aͤhnlich; man muß mehrere Male in demselben gewesen seyn, um sich ohne Fuͤhrer wieder hinaus zu finden. Eini- ge dieser Gaͤnge sind dunkel, und fast alle geben, durch den Mangel zureichender Erleuchtung, ei- nen melankolischen Anblick. Unter den vielen Treppen, die aus diesem Erdgeschoß in das Hauptstockwerk fuͤhren, ist die marmorne Pa- C 5 radetreppe durch ihre Pracht und schoͤne Bauart merkwuͤrdig. Der zweyte Stock enthaͤlt die Hofkirche, den Audienzsaal, das Kleinodienzimmer, mehrere Maskeraden- und Gesellschaftssaͤle und die saͤmt- lichen Wohnzimmer der Kaiserinn und der kaiser- lichen Familie. So sehr sich die erstern durch die ausgesuchteste Pracht und durch den uner- meßlichen Werth der darinn enthaltenen Kostbar- keiten auszeichnen, so uͤberraschend ist die edle Simplicitaͤt, die in den eigentlichen Wohnzim- mern der Kaiserinn herrscht, wo die Verschwen- dung nirgend, der Reichthum aber nur unter dem Gepraͤge der Nuͤtzlichkeit und des Geschmacks eine Stelle behauptet. Den Geldwerth der Ge- maͤlde und Kunstsachen abgerechnet, welche hier zur Befriedigung des geistigen Luxus aufgestellt sind, ist Katharina die Zweyte nicht besser mit Hausgeraͤthe versehen, als so viele ihrer wohlhabenden und reichen Unterthanen. Ein un- willkuͤhrliches Gefuͤhl, die Huldigung die sich moralische Groͤße immer zu erzwingen weiß, be- meistert sich des Beobachters, wenn ihm der An- blick dieser Gegenstaͤnde das Bild der großen Fuͤrstinn sinnlicher und gegenwaͤrtiger macht, fuͤr deren Gebrauch sie da sind. — Doch was ist merkwuͤrdig, wenn es an Sie erinnert! Wer kann seinen Blick auf die Gegenstaͤnde heften, die Katharina umgeben, ohne Sie zu denken, und wer kann Sie denken, ohne zu fuͤhlen was sie fuͤr ihr Volk und fuͤr die Unsterblichkeit that! — An die linke oder oͤstliche Seite des Win- terpallastes stoͤßt die Eremitage , ein aus zwey abgesonderten, praͤchtigen Gebaͤuden bestehendes Ganze, welche durch bedeckte Gaͤnge unter sich und mit dem Winterpallast verbunden sind. Dieser Tempel, den Katharina der gesell- schaftlichen Erholung und dem zwanglosen Ver- gnuͤgen erbaute, ist vielleicht unter allen, welche diesem Zweck von Koͤnigen gewidmet worden sind, einzig in seiner Art. Jeder geistige Genuß hat hier seinen Altar, auf welchem die erhabne Prie- sterinn dieses Tempels mit weiser Wahl und Maͤßigung das heilige Feuer unterhaͤlt, um wel- ches sich die Auserwaͤhlten ihres vertrauten Zir- kels versammeln. Die Schaͤtze der Kunst und des gesellschaftlichen Fleißes gehoͤren zwar nicht in dieses Kapitel, aber eine kurze Anzeige der einzelnen Merkwuͤrdigkeiten dieses Pallasts kann ich hier nicht uͤbergehen. Hier ist die Privatbi- bliothek der Kaiserinn, die Gemaͤldegallerie, die so- genannte Loge des Raphael (eine Kopie der vatika- nischen) eine Kupferstichsammlung, ein Medaillen- und Muͤnzkabinett, eine naturhistorische, vorzuͤg- lich mineralogische Sammlung, eine Kunst- und Modellensammlung, ein Kabinett von antiken und modernen Kostbarkeiten befindlich, der schoͤ- nen Kunstwerke nicht zu erwaͤhnen, die sich dem Au- ge uͤberall darbieten. Hin und wieder sind die Buͤ- sten großer Menschen, wie in einem Tempel des Verdienstes, aufgestellt. Einige Zimmer sind zu musikalischen Belustigungen, andere zum Bil- liard oder zu anderen Spielen bestimmt. In einem der Hoͤfe ist ein Lustgarten angebracht, dessen gewoͤlbter Boden im Winter geheizt wird. Ein kleines mit Drath uͤberzogenes Gestraͤuch dieses Gartens ist der Sammelplatz schoͤner und seltner Voͤgel, denen Katharina oft mit eigner Hand das Futter reicht. — Ein bedeck- ter Gang fuͤhrt aus diesem Zaubertempel in das Hoftheater , in welchem ebenfalls bey den Vorstellungen nur eine selbstgewaͤhlte Ge- sellschaft erscheint. Die Aussenseite dieses pal- lastartigen Gebaͤudes ist mit Saͤulen und ko- lossalischen Statuͤen griechischer, roͤmischer und russischer Theaterdichter verziert; in der innern Einrichtung herrscht eine geschmackvolle Sim- plicitaͤt. Die Buͤhne ist nur von maͤßigem Um- fange, daher die großen Opern, zu denen viel Maschinenwerk gehoͤrt, hier nicht vollstaͤndig vorgestellt werden koͤnnen. Der Saal fuͤr die Zuschauer hat keine Logen, sondern bildet in einem sich immer verengernden Halbzirkel Stu- fen, die uͤberall mit Tuch bezogen und eine um die andere mit Polstern belegt sind, auf wel- che sich die Zuschauer setzen. Die zweyte Merkwuͤrdigkeit dieses Stadt- theils ist der Marmorpallast . Dieses, durch seine Pracht vielleicht einzige, Gebaͤude bildet ein laͤngliches Viereck, dessen eine schmalere Seite durch zwey hervorspringende Fluͤgel ei- nen Hofplatz erhaͤlt. Die beyden Fluͤgelseiten stehen nach der Newa und nach der Million; die Hinterseite ist durch eine Quergasse von den daneben stehenden Haͤusern getrennt, und die Vorderseite hat einen zweyten geraͤu- migen Hof, der an den Fluͤgelseiten mit einem eisernen, zum Theil vergoldeten Gegitter ein- geschlossen ist, vorne aber durch die Manege des Pallasts begrenzt wird. So schoͤn die Lage desselben auch ist, so sehr ist es doch zu be- dauren, daß die Hauptfassade nicht nach der Newa sieht, wo sie einen ungleich praͤchtigern Eindruck gemacht haben wuͤrde. Da die Fluͤ- gel, deren Breite nicht vollkommen gleich ist, an der schmalen Seite des Gebaͤudes angebracht sind, so ist der innere Hofraum nur klein, und wegen der Farbe des Marmors auch weniger hell, als es fuͤr die Wirkung des Anblicks zu wuͤnschen waͤre. Doch die solide Pracht, die uͤberall an diesem Pallaste blendet und in Er- staunen setzt, laͤßt dem Zuschauer keinen Blick fuͤr diese Maͤngel uͤbrig. Seine riesenhafte Masse thuͤrmt sich in drey Stockwerke empor, von denen die Aussenseite des untern mit Gra- nit, der obere aber mit grauem Marmor be- kleidet und mit Pfeilern von roͤthlichem Mar- mor verziert ist. Alles was das Auge erblickt, ist Stein und Metall. Die Fensterrahmen sind von gegossenem Messing und stark vergoldet, die Scheiben facettirtes Spiegelglas. Die Balkons an den Fluͤgelseiten haben metallene vergoldete Gelaͤnder. Selbst das Dach ruht auf eisernen Sparren und ist mit Kupfer ge- deckt. — Eine Beschreibung des Innern wird hoffentlich keiner meiner Leser erwarten. Die Wunder der Geisterwelt, mit welchen die rei- che und uͤppige Fantasie unsers Wielands uns bekannt gemacht hat, sind hier zur Wirk- lichkeit hervorgerufen; seine Feentempel, die er dem geistigen Auge vorgezaubert, sind das Gemaͤhlde des Marmorpallastes, der es wol werth ist, — daß Zevs, wenn ihn der Sorgen Last vom Himmel treibt, hier seine Wohnung mache. Das Kollegium der auswaͤrtigen Geschaͤfte , die Postgebaͤude , der Se- nat , und die Leihbank gehoͤren zu den oͤf- fentlichen Gebaͤuden, die ihrer Pracht oder der Baukunst wegen zu den groͤßten Merkwuͤrdig- keiten dieses Stadttheils gerechnet zu werden verdienen, und deren Anzahl durch dreyzehn Privatpallaͤste und eine Menge schoͤner und großer Haͤuser vermehrt wird. Unter die- sen zeichnet sich das aus drey zusammenhaͤn- genden Pallaͤsten bestehende Amphitheater vorzuͤglich aus, welches die jetzige Kaiserinn ihrem Wohnsitz gegen uͤber am Schloßplatz er- baute. Die Vorzuͤge desselben sind die kolossa- lische Groͤße, der einfache edle Stil, der nur durch zwey ungeheure Marmorsaͤulen an jedem der drey Thore gehoben wird, und endlich die Lage dieses Gebaͤudes, welches wechselsweise den Schloßplatz verschoͤnert und durch ihn ver- schoͤnert wird. Einen sehr wichtigen Rang in dem Lokale dieses Stadttheils behauptet ferner die Admi- ralitaͤt , ob sie gleich durch ihr Aeußeres der Nachbarschaft unwerth scheint in welcher sie steht. Rundum von Pallaͤsten und Tempeln umgeben, an denen Gold und Marmor prangt, muͤßte sie sich ihres Erdwalls schaͤmen, wenn sie das verwoͤhnte Auge dafuͤr nicht durch ihren schoͤnen, hohen, die Perspektive von drey mei- lenlangen Straßen bildenden, vergoldeten Thurm entschaͤdigte. Das Gebaͤude selbst ist ein lan- ges Viereck, welches nur durch sein haͤßliches Ansehen merkwuͤrdig wird. Die Newaseite der Admiralitaͤt gewaͤhrt den Einwohnern der Re- sidenz zuweilen eins der praͤchtigsten Schauspie- le; hier ist der Stapel, auf welchem Kriegs- schiffe von sechzig bis hundert Kanonen erbaut werden und deren Ablassen eine der groͤßten Feyerlichkeiten ist. Die Landseiten sind mit ei- nem Erdwall umgeben, der mit hundert Ka- nonen nonen besetzt ist, die durch ihren Donner das Publikum von merkwuͤrdigen Begebenheiten unterrichten. Die einzige oͤffentliche Kirche dieses Stadt- theils, die Isaakskirche , die zugleich die praͤchtigste der Residenz werden wird, ist noch nicht vollendet. Sie ruht, wie der Marmor- pallast, auf einer Grundlage von Granitqua- dern, und wird von außen und innen mit Marmor, Jaspis und Porphyr bekleidet. Der Bau, der nun schon vier und zwanzig Jahre waͤhrt, ist bis unter das Dach vollfuͤhrt; itzt, da ich dies schreibe, wird der Anfang mit den Kuppeln gemacht. Auch der erste Sommergarten , Diesen sonderbaren Namen scheint er wol nicht, wie Georgi meynt, von seinen kühlen Gängen, oder im Gegensatz der hier vorhandenen Wintergärten erhalten zu haben. Wahrscheinlich soll es: der Garten des Sommerpallasts heißen, woraus die obige Benen- nung durch Korruption entstanden ist. oder der vorzuͤglichste oͤffentliche Spaziergang liegt innerhalb den Grenzen dieses Admiralitaͤts- theils. Seiner eigentlichen Bestimmung nach gehoͤrt er zum kaiserlichen Sommerpallast, wel- Erster Theil. D ches ein weitlaͤuftiges hoͤlzernes Gebaͤude ist, das seine Benennung nicht mehr verdient, und welchen die Kaiserinn nur zuweilen auf einzelne Tage besucht, wenn sie von ihrem Sommer- aufenthalte in Zarskoje Selo nach der Residenz koͤmmt. Der Garten, der itzt gaͤnzlich dem Publikum gewidmet ist, wird seine Schilde- rung in einem der folgenden Abschnitte finden; nur der Balluͤstrade muß ich hier erwaͤhnen, durch welche er seit kurzem eine der vorzuͤglich- sten Zierden dieses Stadttheils geworden ist. Dieses praͤchtige Kunstwerk bestimmt die Grenze des Sommergartens, indem es in der Haͤuser- reihe laͤngs der Newa fortlaͤuft, und besteht aus sechs und dreyßig zylinderfoͤrmigen Granitsaͤulen, die durch ein eisernes Gegitter verbunden sind. Die Hoͤhe der Saͤulen betraͤgt zwey Klafter und ihr Durchmesser uͤber drey Fuß. Sie ruhen auf Granitwuͤrfeln von sechs Kubikfuß und sind oben in abwechselnder Ordnung mit Urnen und Vasen verziert. Die großen Steinmassen, die treffli- che Arbeit an dem Eisengitter, dessen Verzie- rungen stark vergoldet sind, die Verbindung des Ganzen mit den praͤchtigen daneben stehenden Gebaͤuden und der Anblick der Newa und ihres Granitufers geben dieser Stelle in der Residenz Vorzuͤge, die ihr vielleicht von keiner der Wunder- staͤdte Europens streitig gemacht werden koͤnnen. Der erste Admiralitaͤtstheil hat vier oͤf- fentliche Plaͤtze , die bey aller Vollkommen- heit einzelner Theile dennoch großer Verschoͤne- rungen beduͤrfen, um ihres Ranges werth zu seyn. Eine Ausnahme von dieser Bemerkung macht der Schloßplatz , der zwar durchaus gut, aber doch sehr ungleich, bebaut ist. Seine un- geheure Groͤße ist der wesentlichste aber auch nothwendigste Vorzug, da sich hier an Courta- gen und bey oͤffentlichen Gelegenheiten mehrere tausend Equipagen versammeln. Die Form die- ses Platzes ist ein etwas unregelmaͤßiger halber Zirkel, dessen Grundlinie der Winterpallast bil- det. Zur Rechten dieses Pallasts liegt die Admi- ralitaͤt, gegen uͤber das Amphitheater, und zur Linken eine gerade fortlaufende auf das Amphi- theater zustoßende Reihe von Haͤusern, die saͤmtlich gut ins Auge fallen, aber durch ihre ungleiche Hoͤhe mit den eben genannten Gebaͤu- den kontrastiren. — Der Platz neben den Sommergaͤrten ist durch nichts merkwuͤr- dig. Sein laͤndliches Ansehn (denn er ist uͤber- D 2 all mit Gras bewachsen und zum Theil von Baͤumen umgeben) wird durch die Nachbar- schaft des marmornen und anderer Pallaͤste ge- hoben. — Der Isaaksplatz , auf welchem die Kirche dieses Namens erbaut wird, hat die Form eines verschobenen Dreyecks; er ist von schoͤnen Haͤusern eingeschloßen und wird einer der vorzuͤglichsten in seiner Gattung seyn, wenn die hoͤlzernen Huͤtten, die zum Behuf des Baus an der Isaakskirche aufgeschlagen sind, ihn nicht mehr verunzieren werden. — Der Peters- platz endlich ist durch seine Schoͤnheit sowol als Haͤßlichkeit der merkwuͤrdigste unter allen. Sei- ne Form ist nicht zu beschreiben, denn er hat wirklich noch keine; seine Grenzen sind der Isaaksplatz, die Admiralitaͤt, die Newa und der Senatspallast. Wenn man von dem Isa- aksplatz ausgeht, so stoͤßt man zuerst auf einen kleinen morastigen Kanal, dessen hoͤlzerne Bruͤcke eben nicht auf den großen Anblick vorbereitet, welchem man entgegen geht: hier nimmt der Petersplatz seinen Anfang, indem er sich allmaͤ- lig erweitert, bis er endlich mit seiner groͤßten Breite auf die Newa stoͤßt. Zur rechten hat man in dieser Stellung die Admiralitaͤt, zur linken den Senat. So unangenehm der Eindruck ist, welchen diese zum Theil haͤßlichen, verfallenen und durch Luͤcken unterbrochenen Begrenzungen machen, so leicht vergißt man ihn doch, wenn sich das uͤberraschte Auge in die Ferne stuͤrzt und auf dem großen lebendigen Gemaͤlde verweilt, welches hier der Fluß, die herumschwimmenden Schiffe und Schaluppen, die gewuͤhlvolle Bruͤcke und das mit Pallaͤsten und schoͤnen Haͤusern be- kraͤnzte Ufer von Wassili-Ostrow bilden. Auf diesem Platz nun steht das mit Recht beruͤhmte Denkmal Peters des Großen , von wel- chem ich nichts sagen werde, weil schon so viel daruͤber gesagt ist. Das Gewuͤhl von Menschen und Pferden reißt hier nie ab, da die Bruͤcke der Vereinigungspunkt mehrerer Stadttheile ist. Man kann mit Zuverlaͤßigkeit behaupten, daß dieser Platz schlechterdings einzig in seiner Art werden wird, wenn die Verschoͤnerungen zu Stande kommen, von welchen man jetzt im Publikum spricht. Es heißt, daß die Admiralität nach Kronstadt ver- legt, und an ihrer Stelle ein großer Pallast für die Gou- D 3 In diesem Stadttheil nehmen drey gerade, lange und schoͤne Gassen ihren Anfang, die man Perspektive nennt, weil sie aus allen Stand- punkten die Aussicht auf den vergoldeten Admi- ralitaͤtsthurm gewaͤhren. Die newskische Perspektive ist unter diesen die vorzuͤglichste. Ihre Laͤnge geht, eine kleine Beugung ausge- nommen, in gerader Richtung von der Admira- litaͤt bis zum Alexander-Newski Kloster, ihre Breite wetteifert mit den praͤchtigsten Straßen in Europa. Die vielen Hotels und die Kramlaͤ- den, die hauptsaͤchlich in diese Gasse zusammen- gedraͤngt sind, verursachen einen Zusammenfluß von Menschen und ein Gewuͤhl, wodurch sie ein Interesse erhaͤlt, welches den meisten Gegenden von St. Petersburg fehlt. So merkwuͤrdig die newskische Perspektive durch alle diese Vorzuͤge wird, so ist sie es in den Augen des philosophi- schen Beobachters doch unendlich mehr als Denk- mal einer weisen und aufgeklaͤrten Toleranz vernementskollegien erbaut werden soll. Der Senat soll erweitert, die kleine hölzerne Brücke in eine marmorne verwandelt und durch eine Kolonnade von Granit mit dem Senat verbunden werden. Ein Tempel kettet sich hier an den andern: Re- formirte, Katholiken, Armenier und Griechen haben in dieser Gasse ihre Kirchen neben und ge- genuͤber einander. Daß dieser Stadttheil vorzuͤglich von Gro- ßen und Reichen bewohnt ist, wird man aus dem Gesagten leicht einsehen. Der Kay des Galeerenhofes und der vom Winterpallast gehoͤ- ren zu den besten und gesuchtesten Gegenden und sind mit praͤchtigen Haͤusern besetzt, die den Gro- ßen des Hofes oder Kaufleuten gehoͤren. Die Miethe ist in diesen Gegenden um die Haͤlfte theurer als anderswo, und auch die Lebensmittel und uͤbrigen Beduͤrfnisse werden durch die Bereit- willigkeit gesteigert, mit welcher der Luxus der Einwohner die ausschweifendsten Preise dersel- ben bezahlt. So wie man sich weiter von diesem Mit- telpunkte entfernt, erhaͤlt die Stadt ein stille- res, buͤrgerlicheres Ansehen, die laͤngsten und breitesten Gassen ausgenommen, in welchen das Gewuͤhl sich bis an die aͤußersten Grenzen der Stadt erstreckt. — Die vorzuͤglichsten oͤf- fentlichen Gebaͤude des zweyten Admirali- taͤtstheils sind der neue Stallhof , das D 4 medizinische Kollegium und das Opern- haus . Dieses letztere ist ein großes massives Gebaͤude in edlem einfachem Stil, bey dessen Erbauung auf alle Erfordernisse seiner Bestim- mung Ruͤcksicht genommen ist. Es steht auf einem sehr großen, freyen, gutumbauten und durch seine Regelmaͤßigkeit in die Augen fal- lenden Platz, der von dem Nikolaikanal durch- schnitten wird. Da dieses Theater zunaͤchst fuͤr große Opern bestimmt ist, so sind die in- nern Einrichtungen diesem Zweck entsprechend, und es ist mit allen Maschinerien hinlaͤnglich versehen. Der Saal fuͤr die Zuschauer hat vier Reihen Logen, die aber zum Theil nicht vortheilhaft angelegt sind; das Parterre wird durch die kaiserliche Loge in die Haͤlfte getheilt, wodurch ein zweytes uͤber derselben befindliches Parterre entsteht. Der ganze Saal kann uͤber dreytausend Menschen fassen. Fuͤr den moͤgli- chen Fall einer Feuersgefahr sind acht Treppen und sechzehn Ausgaͤnge vorhanden und unter dem Dach sind vier große Wasserbehaͤlter und mehrere Schlaͤuche und Pumpen angebracht. In dem Bezirk dieses Stadttheils liegen zwey der merkwuͤrdigsten griechischen Kirchen. In der Kirche der Kasanischen Mut- ter Gottes , deren Marienbild in großer Achtung steht, werden gewoͤhnlich die feyerlichen Dankopfer fuͤr die gluͤckliche oͤffentliche Bege- benheiten verrichtet, bey welchen die Kaiserinn zuweilen persoͤnlich zugegen ist. Die Niko- laikirche behauptet, so lange die Isaakskir- che noch unvollendet ist, den Rang als die schoͤnste der Residenz. Sie besteht aus zwey Stockwerken, von denen das untere im Win- ter geheizt werden kann. Ihre fuͤnf Kuppeln sind schoͤn vergoldet. Die groͤßte Merkwuͤrdigkeit des dritten Admiralitaͤtstheils ist die neue Wech- selbank , vielleicht das schoͤnste Gebaͤude in St. Petersburg. Es besteht aus drey abge- sonderten Pallaͤsten, von denen das mittlere, als das Hauptgebaͤude, zuruͤcksteht, wodurch ein Hofplatz gebildet wird, der an der Gasse von einem gut ins Auge fallenden Gegitter eingeschlossen ist. Zwey bedeckte Kolonnaden verbinden das Hauptgebaͤude mit den Seiten- gebaͤuden. Jenes sowol als diese haben zwey Stockwerke uͤber dem Erdgeschoß und praͤchti- ge Peristyle. Die edle Einfalt des Stils und D 5 die imposante Masse des Ganzen sind von der trefflichsten Arbeit. Unter den Kirchen dieses Stadttheils verdienen nur die katholische und arme- nische einer Erwaͤhnung; beyde zeichnen sich mehr durch ihre geschmackvolle Bauart als durch ihre Groͤße aus. Der zweyte und dritte Admiralitaͤtstheil zaͤhlen acht zum Theil sehr bemerkenswerthe Privatpallaͤste . Im Ganzen gehoͤren die Einwohner dieser Gegend mehr zu den gewerb- treibenden Klassen. Hier liegen die groͤßten und meisten Handelshoͤfe und Kramlaͤden, die Banken und die Statthalterschaftstribunale. Wenn man hier also weniger Pallaͤste und glaͤnzende Equipagen sieht, so ist das Gewuͤhl beschaͤftigter Menschen um so groͤßer. Der Stuͤckhof ist weitlaͤuftiger bebaut und einsamer. Stiller Fleiß, eingeschraͤnktere Verfassung und militairische Sloboden bevoͤl- kern diesen Stadttheil hauptsaͤchlich mit arbeit- samen Kuͤnstlern, ruhigen Verzehrern und Soldaten. Eine Ausnahme hievon machen zwey bis drey der groͤßern Gassen, in denen sich schoͤne Haͤuser und Pallaͤste an einander reihen und das Gewuͤhl so groß als irgend wo ist. Hieher gehoͤrt die große Stuͤckhofsgasse, welche durch die Nachbarschaft der Garden vorzuͤglich lebhaft wird. Auch dies ist karak- teristisch, daß man in den schon genannten und mehreren andern Stadttheilen fast gar keine militairische Aufzuͤge zu sehen bekoͤmmt, welche auf dem Stuͤckhofe taͤglich vorfallen. — Un- ter den oͤffentlichen Gebaͤuden desselben ist das Arsenal das merkwuͤrdigste. Es bildet in drey Gassen ein freystehendes Viereck von drey Stockwerken, ist in großer Manier gebaut und hat ein Ansehn von Wuͤrde, das seinem Zweck entspricht. An der Stuͤckhofsstraße hat es ein praͤchtiges Portal und das Dach ist mit Ar- maturen und allegorischen Figuren von treffli- cher Bildhauerarbeit verziert. Gegenuͤber der Hauptfassade auf der andern Seite der Gasse ist ein großer Platz mit Kugeln und Bomben angefuͤllt. Merkwuͤrdig an sich und durch seine jetzi- ge Bestimmung ist das ehemalige Pantheon des Fuͤrsten Potemkin, welches die Kaiserinn gekauft und zu ihrer Herbstwohnung bestimmt hat. Dieses praͤchtige Gebaͤude, welches jetzt der taurische Pallast heißt, besteht ei- gentlich nur aus Einem Stockwerk; aber das Hauptgebaͤude, dessen Fluͤgel bis an die Gasse reichen, hat uͤber dem von Saͤulen ge- tragenen Portal zwey Stockwerke, die oben mit einer großen Kuppel gedeckt sind. Der linke Fluͤgel ist in diesem Jahr durch eine lan- ge Reihe neuer Gebaͤude verlaͤngert, welche eine ganze Gasse einnehmen, die zu Wohnhaͤu- sern, Orangerien und dergl. eingerichtet wer- den. Auch das Innere des Hauptgebaͤudes ist veraͤndert und mit einem Theater vermehrt. Ueber funfzehnhundert Menschen waren mit dieser Arbeit beschaͤftigt, die auch des Nachts bey Fackeln fortgesetzt wurde, weil die Kaise- rinn den vollendeten Pallast im Herbst zu sei- ner neuen Bestimmung einweihen wollte. Da ich diese Veraͤnderungen noch nicht gesehen ha- be, so werde ich hier nur das anfuͤhren, was er nach seiner ehemaligen Einrichtung enthielt. Bey dem Eintritt in das Hauptgebaͤude findet man sich in einem offnen Gemach, an welches zu beyden Seiten die Wohnzimmer stoßen. Vor sich hat man einen von Saͤulen umgebenen Eingang in ein Vestibuͤle von aus- serordentlicher Groͤße, welches die Form eines Vierecks hat, und von oben herab durch die Fenster des zweyten Stocks erleuchtet wird. Ringsum ist es in einer betraͤchtlichen Hoͤhe mit einer Gallerie umgeben, die fuͤr das Or- chester bestimmt ist und auf welcher sich auch eine Orgel befindet. Aus diesem Vestibuͤle geht man mitten durch eine doppelte Saͤulenreihe hindurch in den Hauptsaal. Wenn es moͤglich ist, den Eindruck den der Anblick dieses archi- tektonischen Riesentempels hervorbringt, durch Schriftmalerey fuͤr das geistige Auge zu bewir- ken, so kann dies nur durch die einfachste und kunstloseste Darstellung geschehen. Man denke sich also einen uͤber hundert Schritte langen, verhaͤltnißmaͤßig breiten, von einer doppelten Kolonnade kolossalischer Saͤulen getragenen Saal. Ungefaͤhr in der halben Hoͤhe sind zwi- schen diesen Saͤulen Logen befindlich, die mit seidenen Vorhaͤngen und Festons aufgeputzt sind. In dem Gange den die doppelten Saͤu- lenreihen bilden, haͤngen in bestimmten Ent- fernungen krystallene Glaskugeln, deren Er- leuchtung durch zwey an jedem Ende angebrach- te Spiegel von seltner Groͤße zuruͤckgeworfen wird. Der Saal selbst hat sonst weder Ver- zierungen noch Moͤbeln, da er zu großen Fe- sten bestimmt ist; aber in den beyden von Waͤnden umgebenen Halbzirkeln, in welche sich die Kolonnaden verlieren, stehen zwey Vasen von karrarischem Marmor, die durch ihre aus- serordentliche Groͤße und den Werth der Kunst, der Groͤße und Pracht des Ganzen entspre- chen. — Der Seite des Vestibuͤle gegenuͤber liegt der Wintergarten, ein ungeheueres, zu einem Garten eingerichtetes Gebaͤude, welches nur durch die eben beschriebene Kolonnade vom Saal getrennt ist. Da die Groͤße desselben nicht ohne Pfeiler zu erhalten war, so hat man diese als Palmbaͤume maskirt. Die Waͤrme wird durch zahlreiche in den Waͤnden und Pfei- lern verborgene Oefen erhalten, und selbst un- ter dem Boden sind blecherne Roͤhren vorhan- den, die unaufhoͤrlich mit kochendem Wasser angefuͤllt werden. Die Gaͤnge dieses Gartens winden sich zwischen bluͤhenden oder fruchttra- genden Hecken in Kruͤmmungen uͤber kleine Huͤ- gel hin und geben bey jedem Schritt Gelegen- heit zu einer neuen Ueberraschung. Bald trifft das Auge, von dem uͤppigen Gemisch der Pflanzenwelt ermuͤdet, auf die erlesensten Pro- dukte der Kunst; hier ladet ein griechischer Kopf zur Bewunderung ein, dort fesselt eine bunte Sammlung seltner Fische in krystallenen Becken unsere Aufmerksamkeit auf einen Mo- ment. Man reißt sich von diesen Gegenstaͤnden los, um in eine Spiegelgrotte zu gehen, die alle diese Wunder vervielfacht zuruͤckwirft, oder in den Facetten eines Spiegelobelisks das selt- samste Farbengemisch anzustaunen. Die milde Waͤrme, der Bluͤthenduft edler Pflanzen, das wolluͤstige Schweigen, die in diesem Zauber- garten herrschen, wiegen die Fantasie in suͤße, romantische Traͤume; man glaubt sich in den Haynen Italiens, indessen die erstorbene Na- tur durch die Fenstern dieses Pavillons den herbsten Winter predigt. — Mitten unter diesen kuͤhnen Schoͤpfungen steht auf einem ho- hen Piedestal das Bildniß Katharinens der Zweyten aus karrarischem Marmor. — Unter den Kirchen des Stuͤckhofs ist die Lutherische Annenkirche durch ihre gute Bauartbemerkenswerth. — An der Fontanka, deren eine Seite dem dritten Admiralitaͤtstheil und die andere dem Stuͤckhof gehoͤrt, entstehen jaͤhrlich immer schoͤnere Haͤuser und Pallaͤste. Da man jetzt mit mehr Geschmack und Ele- ganz baut, als ehemals, so ist es abzusehen, daß die Haͤuserreihe an diesem Kanal in kurzer Zeit eine der glaͤnzendsten Parthien der Resi- denz werden wird. So klein und unbedeutend der roshest- wenskische Stadttheil auch ist, so ent- haͤlt er doch zwey große Merkwuͤrdigkeiten, ein Moͤnchs- und ein Nonnenkloster; beyde die einzigen die es in der Residenz giebt, und beyde durch ihre kostbaren Depots beruͤhmt. Das woskresenskische Nonnenklo- ster war urspruͤnglich ein der Kaiserinn Eli- sabeth gehoͤriger und von ihr ehemals be- wohnter Pallast. Jetzt ist die unter dem Na- men des Fraͤulein und Jungfernstifts bekannte weibliche Erziehungsanstalt mit jener frommen Stiftung verbunden, und die Gebaͤude sind zu dieser Absicht verhaͤltnißmaͤßig vermehrt. Sie bilden saͤmtlich ein großes Viereck, das von ei- ner hohen Mauer umgeben ist und in dessen Mittelpunkt die Hauptkirche steht. Das Kloster des heiligen Alexan- der-Newski enthaͤlt in seinem großen Um- fange fange den Wohnsitz des Mitropoliten, ein Klo- ster fuͤr sechzig Moͤnche, fuͤnf Kirchen, ein Seminarium, u. s. w. Das beruͤhmte Grab- mal des heiligen Alexanders, welches aus lau- ter geschlagenem und getriebenem Silber besteht, ist unlaͤngst in die zu diesem Zweck neuerbau- te, aͤußerst geschmackvolle Kirche niedergelegt. Unter den oͤffentlichen Gebaͤuden des mos- kowischen Stadttheils verdient der kai- serliche Jaͤgerhof vorzuͤglich eine Bemerkung. Er steht auf freyem Felde, ausserhalb dem be- bauten Theil der Stadt, und wird nach seiner Vollendung einer der groͤßten und praͤchtigsten Pallaͤste seyn. Seine Form ist ein Viereck, dessen Seiten nach innen zu halbe Zirkel bil- den, und durch Saͤulenverzierungen erhoben werden. — Auch das Stadthospital ist durch seine edle Bauart bemerkenswerth. Diese beyden Stadttheile sind noch nicht uͤberall bebaut, haben viele Gartenplaͤtze, hin und wieder auch ungepflasterte Gassen, und werden wenig von Auslaͤndern bewohnt. Eben dies gilt auch vom Jaͤmskoi Stadttheil , der keine Merkwuͤrdigkeiten enthaͤlt, die hier angefuͤhrt zu werden verdienten. Erster Theil. E Wassili-Ostrow ist der Sitz des Han- dels und des ersten Tribunals fuͤr die Gelehr- samkeit in Rußland. Die Boͤrse und die Aka- demie der Wissenschaften liegen auf dieser In- sel. Kaufleute und Gelehrte bewohnen hier, letztere nur zum Theil, die bessern Gegenden, auch nimmt das Landkadettenkorps mit seiner ansehnlichen Bevoͤlkerung einen vorzuͤglichen Rang in der Karakteristik von Wassili-Ostrow ein. Die entferntern Linien sind groͤßtentheils mit hoͤlzernen Haͤusern bebaut, die um so schlech- ter und unansehnlicher sind, jemehr man sich der Grenze des bebauten Theils der Insel naͤhert. Hier lebt man wie auf dem Lande; in den gro- ßen Gaͤrten und bey den laͤndlichen Aussichten wuͤrde man oft vergessen, daß man sich in einer großen und praͤchtigen Residenz befindet, wenn das entfernte Rasseln der Wagen und das Laͤu- ten der Glocken diese Taͤuschung nicht stoͤrte. In der That giebt diese Insel das lebendigste Bild von dem schnellen Anwachs der Stadt. Hier ist Wuͤste und Morast, Dorf und Flecken, Stadt und Residenz. Das letztere ist Wassili-Ostrow vorzuͤglich am Ufer der Newa, gegenuͤber dem Admiralitaͤtstheil. Hier liegt die Akademie der Kuͤnste , einer der praͤchtigsten, und vielleicht der edelste und geschmackvollste Pallast in St. Petersburg. Weiter hinauf ist das Ufer mit den weitlaͤuftigen Gebaͤuden des Landkadettenkorps besetzt und die oͤstlichste Spitze der Insel wird durch drey große, gut ins Auge fallende und zum Theil mit Saͤulen verzierte Haͤuser der Akademie der Wissenschaften , und durch die neue Boͤrse , verschoͤnert. Diese letztere, deren Vollendung nahe ist, wird, nach der Anlage und dem Modell zu urtheilen, eins der schoͤnsten Ge- baͤude seiner Art werden. Bis itzt versammeln sich die Kaufleute in der alten, von Holz erbau- ten Boͤrse, die durch nichts merkwuͤrdig ist. In dieser Gegend ist auch der Packhof, das uner- meßliche Waarenlager des petersburgischen Han- dels, befindlich. Laͤngs dem Ufer, welches mit Brettern belegt ist, liegt ein Theil der hier an- kommenden Schiffe vor Anker, wodurch diese Stelle eine ausserordentliche Lebhaftigkeit erhaͤlt und als eine angenehme Promenade benutzt wird. — Unter den vielen auf Wassili-Ostrow befind- lichen Kirchen zeichnet sich die lutherische Katha- rinenkirche durch ihre gute Bauart aus. E 2 Der petersburgische Stadttheil besteht aus mehreren Inseln, die nur zum Theil zur Stadt gerechnet werden koͤnnen, weil viele derselben wenig bebaut und mit Wald bedeckt sind. — Die petersburgische Insel hat zwar keine Pallaͤste, aber sie bewahrt die Mutter aller jetzt vorhandenen, das erste hoͤl- zerne Haͤuschen Peters des Großen , in einem steinernen Schoppen. Diese Insel ist groͤßtentheils, doch nur von Holz bebaut; ihre Straßen sind aber nicht alle gepflastert. — Pe- trowskoi Ostrow hat ausser einem kleinen hoͤlzernen Sommerhause des Großfuͤrsten keine Merkwuͤrdigkeit und ist zum Theil mit Gehoͤlze bedeckt. — Von eben dieser Beschaffenheit ist die Apothekerinsel , die ihren Namen von dem hier befindlichen Garten des medizinischen Kollegiums hat. Auf diesen Inseln sind viele kleine Landhaͤuser vorhanden, die den Einwoh- nern der Residenz zum Sommeraufenthalt die- nen. — Eine andere kleine Insel, die keinen Namen hat, ist mit Hanfmagazinen bebaut, wodurch sie im Sommer stets eine Flotte von Barken und Schiffen um sich her versammelt. — Kammenoi Ostrow , welches dem Groß- fuͤrsten gehoͤrt, hat einen geschmackvollen Som- merpallast, ein Invalidenhaus und eine Menge allerliebster Landhaͤuser. — Die Insel Jela- gin , welche nach ihrem Besitzer so heißt, ist durch Kunst verschoͤnert und einem großen engli- schen Garten aͤhnlich gemacht. Hier ist ein Som- merpallast, ein kleiner Tempel, ein Wintergar- ten u. s. w. — Krestowskoi Ostrow , die groͤßte dieser Inseln, welche dem Grafen Rasumowski gehoͤrt, ist zwar weniger durch Kunst veraͤndert, wird aber wegen der schoͤnen Ansichten, welche die herrlichen Alleen und die Ufer der umliegenden Inseln gewaͤhren, sehr haͤufig von den Stadteinwohnern besucht. — Die letzte und groͤßte Merkwuͤrdigkeit dieses Stadttheils ist die Festung , welche in der Ne- wa, auf einer vierhundert Klafter langen und halb so breiten Insel, neben der petersburgischen und kurz oberhalb Wassili-Ostrow, also unge- faͤhr dem Marmorpallast gegenuͤber, liegt. In der Geschichte der Residenz ist das Jahr ihrer Erbauung merkwuͤrdig, weil es zugleich das Entstehungsiahr der Stadt selbst ist. Als Pe- ter der Große im Jahr 1703 hier einen Erdwall aufwerfen ließ, ahndete er wol, daß E 3 dieser Flecken, vor Ablauf eines Jahrhunderts, von marmornen Tempeln und Pallaͤsten umkraͤnzt seyn wuͤrde? Auch seinen Erdwall hat ein glaͤn- zendes Schicksal getroffen, er ist an der Newa- seite mit Granitquadern bekleidet worden. Die Festung hat zwey Thore: eins nach der petersburgischen Insel, zu welcher eine Zug- bruͤcke fuͤhrt, und eins nach der Admiralitaͤtsseite, an welchem man nur zu Wasser landen kann. Die regelmaͤßigen Gebaͤude, die Alleen und die einsame Lage geben dem Innern der Festung ei- nige Aehnlichkeit mit einem Kloster. Das merk- wuͤrdigste Gebaͤude hier ist die Peterpauls- kirche , die ihren Ursprung auch dem großen Kaiser verdankt. Sie steht auf einem freyen Platz, fast im Mittelpunkt der Festung; ihr Kirchendach hat nur Eine hohe Kuppel, und ei- nen funfzig Klafter hohen Thurm, der mit einem Glockenspiel versehen ist, welches Peter der Große fuͤr 45,000 Rubel kaufte. Die Spitze desselben ist, in einer Hoͤhe von zwoͤlf Klaftern, vergoldet, und giebt von mehreren Seiten einen schoͤnen Gesichtspunkt. Diese Kirche enthaͤlt die Koͤrperreste ihres unvergeßlichen Erbauers und mehrerer seiner Nachfolger. — Zu den uͤbrigen Merkwuͤrdigkeiten der Festung gehoͤren vorzuͤg- lich die kaiserlichen Gold- und Siberscheidefabri- ken und der Muͤnzhof. Der wiburgische Stadttheil endlich hat unter allen das laͤndlichste Ansehn, denn außer der Ufergasse an der Newa ist er nur mit Bauerhaͤusern besetzt; auch beschaͤftigt sich seine geringe Bevoͤlkerung vorzuͤglich mit laͤndlicher Industrie. Trotz dieser Karakteristik zaͤhlt er zwey Pallaͤste unter seinen Gebaͤuden. Einer derselben gehoͤrt dem Grafen Besborodko , liegt an der Newa, ist von beyden Seiten mit Kolonnaden umgeben, welche ein Amphiteater bilden, und hat einen schoͤnen englischen Garten. Ein zweyter durch seine sonderbare Bauart auf- fallender Sommerpallast gehoͤrt dem Grafen Stroganow und ist ebenfalls mit einem gro- ßen Garten verbunden. — Eine Merkwuͤrdig- keit dieses Stadttheils, die wir hier doch wenig- stens nennen muͤssen, ist der Schiffswerft fuͤr Kauffartheyfahrer. Hier ist unsere fluͤchtige Musterung geen- digt. Wir sind die einzelnen Theile dieses unge- heuren Ganzen nach einem sehr eingeschraͤnkten Beobachtungsplan durchlaufen; die Merkwuͤr- E 4 digkeiten, die wir auf diesem Wege fanden, sind nur die Blumen eines großen Gartens, die man ohne Beschwerde pfluͤckt und mit sich nimmt. Die groͤßere und nuͤtzlichere Parthie desselben traͤgt einen unermeßlichen Vorrath von Fruͤchten, deren Reichthum und Fuͤlle wir aus der Ferne bewundern, weil unsere Scheuren, sie aufzu- nehmen, zu klein sind. Ein neues nicht minder ergoͤtzendes Feld zieht jetzt unsere Blicke an sich; aber muͤde von der Reise die wir so eben vollen- det haben, ruhen wir einen Augenblick an den Marmorsaͤulen aus, unter welchen wir stehen. Die Wunder der Kunst, welche um uns her versammelt sind, koͤnnen aus der Physiognomie des Ganzen die Zuͤge der Kindheit nicht verwi- schen: uͤberall Luͤcken, uͤberall neue Entstehun- gen. — Diese ungeheure Masse von Steinen, diese Tempel und Pallaͤste, diese Kanaͤle, diese Bruͤcken sind das Werk unsers Zeitalters, un- serer Generation, und zugleich der sprechendste Beweis der Allmacht menschlicher Kraͤfte. Auf der sumpfigen Kuͤste des finnischen Meerbusens, unter einem unfreundlichen Him- mel, in Nebel und Schnee vergraben, liegt ein armseliges Dorf, von Fischern bewohnt, die ihren duͤrftigen Unterhalt dem Meere abgewin- nen. Das Machtwort eines Fuͤrsten erhebt den rauhen, wilden, von Natur und Menschen ver- lassenen Platz zur Werkstaͤtte der Kuͤnste, zum Wohnsitz seiner Groͤße, zur Wiege der Kultur sei- nes sich bildenden Volks. Menschlicher Fleiß und menschliche Kraͤfte trotzen der Natur ihre verwei- gerten Gaben ab, schaͤdliche Suͤmpfe verbluten sich zu wohlthaͤtigen Kanaͤlen, die Felsen der nachbarlichen Wildniß thuͤrmen sich zu Pallaͤsten und Denkmaͤlern auf, Schiffe aus den entle- gensten Laͤndern besuchen das unbefahrne Meer, die Pflanzstadt des beeisten Nordens wird der Sitz des Luxus, die Quelle des Lichts, die Sta- pelstadt des Handels fuͤr den Welttheil des russi- schen Reichs, und — der Zeitraum Eines Menschenlebens ist hinreichend diese Wun- der zu Stande zu bringen. Mehr als Ein gluͤck- licher Greis war Zeitgenosse von Peters kuͤh- nem Entwurf und Katharinens großer Vol- lendung. Freylich ist dieses kolossalische Denkmal menschlicher Kraft nicht ohne Beyspiel. Adria- nopel, Palmyra und Stambul verewigen die Namen ihrer Stifter und sind die Aufschriften E 5 ihrer Jahrhunderte. Aber von der Natur be- guͤnstigt und unter dem gluͤcklichen Einfluß einer allgemein verbreiteten Kultur war es weniger erstaunenswerth, diese stolze Fuͤrstensitze zu der Groͤße gelangen zu sehn, die das Andenken der- selben in der Geschichte unsterblich macht und die Kenner des Schoͤnen noch itzt zu ihren Ruinen lockt. Ach, zu ihren Ruinen! Sie sind dahin die stolzen Denkmaͤler der Vorwelt: duͤrfen wir ein besseres Schicksal erwarten? — Nach zehn Jahrhunderten schreibt vielleicht ein Irokese uͤber die Ruinen des nordischen Palmyra und citirt Autoritaͤten aus den Fragmenten meines Buchs. Zweyter Abschnitt. Umliegende Gegend . Der peterhofsche Weg . Seine Beschaffenheit. Reizen- de Ansichten von demselben. — Strelna. Ruinen. — Peterhof. Lage. Wasserkünste. Bad. Prächtige Bauerhütte. — Oranienbaum. Einsiedeley. Rutsch- berg. Künstlicher See. Kleine Fesiung. — Kronstadt. Anblick des Hafens. Graniteinfassung. Peterskanal. Docken. Neuer Kanal. Magazine. Einwohner. — Der zarskojeseloische Weg . — Jägerhof. — Tschesme. Fürstengallerie. — ZarskoieSelo. Gegend und Umfang. Anblick. Schloßplatz. Pallast. Garten. Denkmäler. — Pawlowsk. — Merienthal. — Gatfchina . — Der schlüsselburgische Weg . Alexandrowsk. — Pella. W enn die Merkwuͤrdigkeiten der Stadt unsere Aufmerksamkeit und Bewunderung in nicht ge- woͤhnlichem Grade gespannt und unterhalten ha- ben, so duͤrfen wir uns bey der Reise in die um- liegende Gegend keine geringere Befriedigung ver- sprechen. Immer die naͤmlichen Gruppen, aber immer auf veraͤndertem Grunde; eben diese Be- siegung natuͤrlicher Hindernisse, aber zu einem andern Zweck; eben dieser erstaunenswuͤrdige Aufwand menschlicher Kraft, aber mit andern Resultaten. Dort fesselt unsern Blick der Sieg der Kunst uͤber die Schwierigkeiten ihres Gebiets, hier uͤber die widerstrebende Natur. Bey einem so ungleichartigen Kampf kann der Ausgang nicht einerley seyn; alle Forderungen sind erfuͤllt, wenn die Kunst, unuͤberwunden von der staͤrkern Natur, mit ihr zugleich den Kampfplatz be- hauptet. Mit diesem Maaßstabe in der Hand, wer- den wir dem Gegenstande Gerechtigkeit wieder- fahren lassen, dessen Untersuchung uns jetzt be- schaͤftigen soll. Was die Kunst besiegen konnte, hat sie besiegt: wo der Natur aufgeholfen wer- den konnte, ist ihr aufgeholfen; aber freylich vermißt man unter diesen erkuͤnstelten Wundern jene Fuͤlle, jenes Streben und Draͤngen der or- ganisirten Schoͤpfung, welche nur eine mildere Sonne zu erzeugen vermag. Immer fehlt den kaͤrglich ausgespendeten Gaben die frische Farbe, das Leben, die Bluͤthe, der Stempel des Indi- genats; durch die Kunst unter fremden Himmel und auf fremden Boden gefesselt, scheinen sie nur ihr gluͤcklicheres Vaterland zu betrauren. Unser Reiseplan fuͤr die Gegend um St. Petersburg ist sehr einfach. Die Merkwuͤrdig- keiten derselben reihen sich zu unserer Bequem- lichkeit an drey große Heerstraßen, die wir von der Residenz aus so lange verfolgen wollen, als sie uns Gegenstaͤnde darbieten werden, die unse- rer Aufmerksamkeit werth sind. Wir machen mit dem peterhofschen Wege , oder der rigischen Heerstraße, den An- fang; ehe wir aber einen Blick auf die umher- liegenden Gegenstaͤnde werfen, wollen wir der Beschaffenheit desselben eine kleine Untersuchung widmen. Dieser Weg hat eine Breite von acht Klaftern; zu beyden Seiten laufen erhoͤhete Fußsteige und neben diesen tiefe, mit Steinen aus- gefutterte Graben hin, die durch gewoͤlbte und bedeckte Quergraben verbunden sind. Ueberall wo er durch Kanaͤle oder Gewaͤsser unterbrochen wird, ist er mit gewoͤlbten steinernen Bruͤcken versehen, deren Lehne aus Granitquadern zusam- mengesetzt sind. Die Entfernung der Werste wird durch geschmackvolle Granitsaͤulen bezeich- net, die auf hohen marmornen Gestellen stehn. Die Konstruktion dieses merkwuͤrdigen Weges ward durch den General Bauer auf folgende Weise zu Stande gebracht. Der zu diesem Zweck uͤberall geebnete und erhoͤhete Boden erhielt eine dreyfache Grundlage: zuerst von Griessand, dann von Granitbrocken und endlich von Ziegel- steinen. Diese letzte wurde abermals mit Gries- sand uͤberschuͤttet, und hierauf mit Feldsteinen uͤberpflastert. Um den Weg ebner zu machen und das Fahren zu erleichtern, wurde auch dieses Pflaster mit Gries und zerklopften Steinen uͤber- deckt. — Die Kosten einer so ausserordentlichen Unternehmung mußten natuͤrlich sehr groß seyn; jede Werst kam, ohne Saͤulen und Bruͤcken, auf 25,000 Rubel zu stehen. Dieser in seiner Art einzige Weg nimmt sei- nen Anfang bey dem praͤchtigen rigischen Thor, welches wir schon aus dem vorigen Abschnitte kennen. Von hier bis zur siebenten Werst gleicht er eher einem Lustgarten als einer Heerstraße. Eine ununterbrochene Kette von Landhaͤusern reiht sich hier an einander. Pracht und Ge- schmack, Aufwand und Kunst haben sich hier vereinigt eine Wuͤste zu einem Paradiese umzu- schaffen, dessen Reiz durch die abstechende Man- nigfaltigktit der Anlagen und Ideen erhoͤht wird. Praͤchtige Landsitze, hollaͤndische Doͤrfer, Ein- siedeleyen, Teiche, Inseln, laͤndliche Aussichten wechseln unaufhoͤrlich ab. Der uͤberraschte Rei- sende, der sich aus den morastigen Waͤldern In- germannlands ploͤtzlich auf diese Heerstraße ver- setzt sieht, glaubt sich in den Regionen einer Fe- enwelt, wo Natur und Kunst einen zauberischen Reihentanz um seinen Wagen tanzen. Von der siebenten Werst behalten wir diese Kette von Landhaͤusern nur zur Linken, da sich hier der Weg dem Gestade naͤhert, und dadurch auf der rechten Seite den Anblick des finnischen Busens gewaͤhrt. So langen wir unter den mannigfaltigsten Abwechslungen der Aussicht, nach einer uͤberaus unterhaltenden Reise von sie- benzehn Wersten, bey dem kaiserlichen Lustschloß Strelna und auf der ersten Poststation vor Petersburg an. Wir wuͤnschen den Reisenden, deren Weg hier ab nach Riga geht und von de- nen die Heerstraße wimmelt, eine hinreichende Einbildungskraft, um sich die bevorstehenden Muͤhseligkeiten ihrer Reise durch die Ruͤckerin- nerung dieser zauberischen Scenen zu versuͤßen — und verweilen hier noch ein wenig, um uns mit den praͤchtigen Truͤmmern bekannt zu machen, die wir in einer sehr romantischen Gegend vor uns liegen sehn. Strelna verdankt seine Entstehung dem Stifter der Residenz; was es unter ihm ward, ist es noch bis auf diese Stunde, die Zerstoͤrun- gen abgerechnet, die es durch die Zeit erlitten hat. Durch nichts merkwuͤrdig, als durch seine unerfuͤllte Bestimmung, wollen wir uns nicht der Gefahr aussetzen, unter seinen Truͤmmern begraben zu werden, so wahrscheinlich es auch ist, daß von der Zinne dieses verfallenen Palla- stes eine herrliche Aussicht unsere Wanderschaft belohnen wuͤrde. Seine Lage an dem steilen Ufer des Meerbusens, in einer durch Wald und Huͤgel romantischen Gegend, die Naͤhe eines großen wohlgebauten Dorfs und das Leben auf der dicht vorbeylaufenden Heerstraße, waͤren immer Gruͤnde genug, diesem in Vergessenheit gerathenen Landsitz einen Theil seines ehemaligen Glanzes wiederzugeben. Von hier bis Peterhof haben wir einen an abwechselnden Aussichten reichen Weg von acht acht Wersten. Ursprung und Lage hat dieses kaiserliche Lustschloß mit Strelna gemein, aber das Schicksal dieser beyden Schoͤpfungen Pe- ters des Großen war bis itzt sehr verschie- den. Unter jeder neuen Regierung mit neuen Verschoͤnerungen bereichert, behauptet Peter- hof jetzt durch seine natuͤrlichen Vortheile den ersten, und durch seine kunstmaͤßigen Anlagen den zweyten Rang unter allen kaͤiserlichen Land- sitzen. Die Lage von Peterhof ist vielleicht ein- zig. Ungefaͤhr fuͤnfhundert Klafter von dem Gestade des Meers hat diese Gegend ein zwey- tes sehr steiles, etwa zwoͤlf Klafter hohes Ufer. Hart an diesem Absprunge liegt das Schloß, welches dadurch eine gewiß seltne Aussicht uͤber die Gaͤrten und den Meerbusen, nach der ka- relischen Kuͤste, nach Petersburg und Kron- stadt erhaͤlt. Es ward unter Peter dem Großen durch le Blond erbaut, hat aber unter den nachfolgenden Regierungen so man- nigfaltige Verschoͤnerungen erhalten, daß es dadurch zu einer Musterkarte des Geschmacks jeder dieser Epoken geworden ist. Der Einfluß desselben zeigt sich in der Menge architektoni- Erster Theil. F scher Verzierungen, die alle reichlich vergoldet sind. Das Innere ist der Bestimmung dieses Pallastes angemessen; uͤberall sind die Spuren antiker Pracht sichtbar, denen der bessere Ge- schmack unserer Zeit zur Vergleichung dient. Interessanter durch ihre eigenthuͤmlichen Schoͤnheiten sind die Gaͤrten. Der obere Theil derselben, vor der Landseite des Schlosses, ist in Gaͤnge, Waldparthieen und Blumenplaͤtze geformt, die durch die Nachbarschaft eines großen, mit Wasserkuͤnsten versehenen Bassins belebt und gehoben werden. Der Absprung, vor der Hinterseite des Schlosses, nach der See zu, hat zwey praͤchtige Kaskaden, die sich uͤber die Terrassen hin in große Becken stuͤr- zen, und unter welchen man, wie unter einem Gewoͤlbe, in eine schoͤne Grotte geht. Der ganze Flaͤchenraum vor diesem Absprunge bis an das Meerufer ist ein großer Prachtgarten in alter Manier, und durch seine ausserordent- lichen Wasserkuͤnste beruͤhmt. Einige derselben spruͤtzen Wassersaͤulen von anderthalb Fuß im Durchmesser in einer Hoͤhe von drittehalb bis drey Klafter. Ein schoͤn gefutterter, zehn Klaf- ter breiter Kanal, der von der Mitte des Schlosses bis in den Meerbusen geht, theilt diesen Garten in zwey Haͤlften. In einer ein- samen Waldparthie desselben liegt das artige Gartenhaus Monplaisir, welches unter andern durch eine praͤchtige Kuͤche merkwuͤrdig ist, in welcher die Kaiserinn Elisabeth sich zuwei- len das Vergnuͤgen gemacht haben soll, selbst fuͤr ihre Tafel zu sorgen. In einer andern Gegend des Gartens, hart am Ufer des Bu- sens steht ein niedliches hoͤlzernes Gebaͤude, der ehemalige Lieblingsort Peters des Gro- ßen , weil er von hier aus Kronstadt und die Flotte uͤbersehen konnte. Merkwuͤrdig ist auch das Badehaus, welches in einer kleinen Wal- dung liegt. Man tritt in einen großen, ova- len, von einer hoͤlzernen Wand umgebenen Platz, der oben nicht bedeckt ist, sondern den Himmel uͤber sich hat und von den umherste- henden Baͤumen beschattet wird. In dieser Wand sind Zimmer und Nischen befindlich, die mit allem Hausgeraͤth versorgt sind, welche Luxus und Bequemlichkeit zu diesem Zweck er- heischen. Mitten in diesem Platz ist ein großes Bassin, von einer Gallerie umgeben und mit Treppen, Floͤssen und Gondeln versehen. Das F 2 Wasser wird durch Roͤhren hieher geleitet, die das Becken nur bis zu einer gewissen Hoͤhe fuͤllen. Der Thiergarten dieses Lustschlosses ent- haͤlt nichts was unsere Aufmerksamkeit verdien- te; aber desto interessanter ist der noch nicht vollendete englische Garten. Wer diese Manier kennt, der bedarf keiner Beschreibung, und fuͤr diejenigen welche sie nicht kennen, wuͤrde jede Schilderung langweilig seyn. Daß es auch hier nicht an Pallaͤsten und Tempeln fehlt, wird Jeder leicht vermuthen; uͤberraschender ist eine kleine Bauerhuͤtte, welche von aussen die Behausung des Elends verkuͤndet und in- wendig auf das praͤchtigste und geschmackvollste eingerichtet ist. Das Erstaunen, welches dieser unerwartete Anblick hervorbringt, wird durch die scheinbare Groͤße und Entfernung der Ka- binette vermehrt, die sich in kuͤnstlich verborge- nen Spiegeln verdoppeln. — In der Naͤhe von Peterhof liegt eine Slobode von hoͤlzernen aber gut gebauten Haͤusern, die einem artigen Flecken gleicht. Jetzt setzen wir unsere Reise nach dem acht Werst entfernten Lustschloß Oranien- baum fort. Dieser Weg, der nun nicht mehr Chaussee ist, wird durch mancherley Abwechse- lungen sehr unterhaltend. Die Lage von Ora- nienbaum ist im Ganzen der von Peterhof und Strelna aͤhnlich, aber die erstere erhaͤlt durch den Reichthum pittoresker Ansichten und durch die angenehme laͤndliche Gegend den Vorzug. Der Boden, der bis Strelna flach, und von hier bis Peterhof wellig war, erhebt und senkt sich hier in kleine romantische Huͤgel und Thaͤler. Das Lustschloß Oranienbaum steht eben- falls auf einem hohen, in Terrassen geformten Abhange des obern Gestades, und bildet drey abgesonderte Gebaͤude, von denen das mittlere durch Kolonnaden mit den zur Seite stehenden verbunden ist. Ich uͤbergehe die innere, nicht sehr praͤchtige aber geschmackvolle Einrichtung, um Wiederholungen zu vermeiden. Dieses Schloß ist jetzt dem Seekadettenkorps uͤberge- ben, welches in diesem Jahr von Kronstadt hierher versetzt worden ist. Der Garten theilt sich hier, wie in Pe- terhof, in den obern und untern. Der letztere ist nur durch den schoͤnen uͤber eine Werst lan- gen Kanal merkwuͤrdig, durch welchen man in den Meerbusen und nach Kronstadt faͤhrt. Der F 3 obere Garten ist in hollaͤndischer Manier. Sei- ne groͤßte Sehenswuͤrdigkeit ist die Einsiedeley, welche Katharina die Zweyte als Groß- fuͤrstinn erbaute. Sie liegt mitten in einem, den Sonnenstralen unzugaͤnglichen, melankoli- schen Waͤldchen, und besteht etwa aus zwoͤlf Zimmern, die mit dem auserlesensten Geschmack eingerichtet und moͤblirt sind. Eins derselben ist von Mosaik von Pasten und Glasfluͤssen ausgelegt, in einem andern sind die Waͤnde mit Schmelzwerk und Korallen bedeckt, einige sind in griechischer, persischer und chinesischer Manier aufgeschmuͤckt, und mehrere dieser Ver- zierungen sollen von der Kaiserinn mit eigner Hand verfertigt seyn. — Die zweyte Merk- wuͤrdigkeit dieses Gartens ist der Rutschberg, wahrscheinlich der groͤßte unter allen vorhande- nen. Er besteht aus einer schiefliegenden Flaͤ- che, deren erhabenes Ende etwa zehn Klafter uͤber dem Boden durch ein Gewoͤlbe getragen wird, und welche durch mehrere kleine Huͤgel in abnehmender Groͤße unterbrochen ist. Ueber diese Flaͤche gleitet man in kleinen Wagen hin, deren Raͤder in ihre Gleise passen, und die durch die Gewalt mit welcher sie von jedem Huͤgel herunter rollen, Kraft genug bekommen uͤber den folgenden wegzulaufen, bis sie endlich auf der horizontalen Flaͤche stille stehn. Laͤngs dieser Bahn ist an jeder Seite eine bedeckte Kolonnade von hundert Saͤulen befindlich, de- ren Ensemble einen unbeschreiblich praͤchtigen Eindruck macht. — An den Garten stoͤßt ein kleiner ausgegrabener See, auf welchem eini- ge Fahrzeuge schwimmen, die als Kriegsschiffe, Jagden und Galeeren gebaut sind, und die Aussicht aus den Fenstern des Pallasts ver- schoͤnern helfen. Neben diesem See steht eine kleine regelmaͤßige Festung, deren Inneres or- dentliche Wohnungen enthaͤlt. — Der Flecken Oranienbaum, der seit einigen Jahren zur Kreisstadt erklaͤrt ist, giebt der umliegenden Gegend ein Leben, welches die natuͤrlichen Rei- ze derselben erhoͤht. Peterhof sowol als Ora- nienbaum werden, trotz der Vorzuͤge ihrer un- vergleichlichen Lage, nur selten vom Hofe be- sucht, aber dennoch sorgfaͤltig unterhalten. In dem erstern dieser Lustschloͤsser pflegt die Kaise- rinn gewoͤhnlich das Fest des Peterpaulstages durch eine Maskerade und Illumination zu feyern, an welchen das ganze Publikum Theil F 4 nimmt. Eine Schilderung dieses seltnen und außerordentlichen Festes werden wir unter der Rubrik der oͤffentlichen Vergnuͤgungen finden. Die Naͤhe von Kronstadt , welches wir vor uns liegen sehn, ist zu verfuͤhrerisch, als daß wir nicht die kleine Seereise dahin antreten sollten. Eine Menge Fahrzeuge liegen zu die- sem Behuf am Fuß des Lustschlosses fertig. Von hier bis an das Meerufer machen wir eine Reise auf dem Kanal und unser Boot wird von den Matrosen gezogen. Die Entfernung von Kron- stadt betraͤgt sieben Werst, die man bey stillem Wetter durch Rudern in einer Stunde zuruͤck- legt. Die Insel, auf welcher Kronstadt liegt, hatte ehemals einen andern Namen, und wird jetzt nach dieser Stadt benannt. Sie ist etwa sieben Werst lang und eine Werst breit; ihre einzige Merkwuͤrdigkeit ist die Stadt, die auf dem oͤstlichsten Ende derselben erbaut ist. Ganz in ihrer Nachbarschaft liegen zwey kleinere In- seln, die durch ihre Verschanzungen unter dem Namen Kronslot bekannt sind. Je mehr man sich dem kronstaͤdtischen Ha- fen naͤhert, desto praͤchtiger wird sein Anblick. Die Kriegsschiffe, Fregatten und Kauffarthey- fahrer, deren Masten einen undurchdringlichen Wald bilden — die mit Granitquadern bekleide- ten Verschanzungen, deren kuͤhne Massen aus dem unruhigen Meer hervorragen — die hohen Magazine und Gebaͤude welche das entferntere Ufer bekraͤnzen — bilden ein großes und pitto- reskes Ganze, welches durch das Gewuͤhl be- schaͤftigter Seeleute und durch die ewige Bewe- gung ab- und zusegelnder Schiffe belebt wird. Der Eintritt in die Stadt entspricht der ge- spannten Erwartung nicht, welche dieser Anblick erregt. Die ungeheuren Magazine und Werke und die wenigen gut gebauten Haͤuser stehen un- ter dem Schutt unvollendeter Unternehmungen wie die Denkmaͤler eines Riesengeschlechts unter den Ruinen eines Erdbebens da. Wirklich gehoͤ- ren alle Merkwuͤrdigkeiten dieser sonderbaren Stadt in die kolossalische Gattung. Diese aus dem Meere steigenden Vesten, deren muͤhsam polirte Oberflaͤche den wuͤthenden Wellen trotzt, diese Kanaͤle, diese Maschinen scheinen nicht das Werk unserer kraftlosen Generationen zu seyn. Der Peterskanal, der seinen Namen und Ursprung dem unsterblichen Stifter Kronstadts F 5 dankt, hat eine Laͤnge von 1050 Klafter, mit welcher er 358 Klafter weit ins Meer hinaus geht. Seine Breite betraͤgt oben 100, und unten 60, seine Tiefe 24 Klafter. Neben diesem Kanal, dessen Unternehmung und Ausfuͤhrung durch zwey Denksaͤulen angezeigt wird, sind die Docken befindlich, in welchen zehn und mehrere Schiffe zugleich ausgebessert werden koͤnnen. Sie wer- den durch Schleusen eingelassen, und die Docken alsdann vom Wasser befreyt, welches ein großes ausgemauertes Bassin aufnimmt. Das Aus- pumpen wird jetzt durch die bekannte Feuerma- schine bewirkt, welche die Stempel vermittelst der Elastizitaͤt der Daͤmpfe in Bewegung setzt. Um sich von der Beschaffenheit des Kriegs- hafens einen deutlichen Begriff zu machen, ist weder der wirkliche Anblick noch die vollstaͤndigste Beschreibung hinreichend; die Uebersicht uͤber ein so weitlaͤuftiges Ganze kann nur ein Plan geben. Ein neues großes Unternehmen geht jetzt feiner Vollendung entgegen: ein Kanal, durch welchen die Schiffe in den Stand gesetzt werden, ihre Vorraͤthe fuͤr die Flotte sogleich an den Ma- gazinen abzuladen. Auch dieser Kanal wird, wie alle hier vorhandene, mit Werkstuͤcken aus- gefuttert, und in eben dem Maaße in welchem die Arbeit an demselben fortruͤckt, thuͤrmen sich riesenmaͤßige Waarenlager an seinen Ufern auf. Es ist wol moͤglich die sinnlichen Verhaͤltnisse die- ser außerordentlichen Unternehmung anzugeben, aber der Eindruck den das Resultat menschlicher Kraͤfte unter diesen Bestimmungen macht, kann nur durch das Auge in die Seele uͤbergehen. Die Volksmenge von Kronstadt laͤßt sich we- gen der bestaͤndig Ab- und Zureisenden nicht ge- nau bestimmen; im Durchschnitt aber schaͤtzt man sie auf 30,000 Menschen, von denen ein sehr betraͤchtlicher Theil zur Flotte gehoͤrt. Die sonderbare Lage der Stadt, welche, isolirt im Meerbusen, den Sommer hindurch nur zu Was- ser eine Verbindung mit den umliegenden Gegen- den hat; die daher entstehende Abhaͤngigkeit von der Zufuhr der Lebensmittel; die Mischung so mannigfaltiger Nationen und Menschenklassen, unter welchen die roheste die zahlreichste ist, der herrschende Ton, der sich, wenigstens zum Theil nach diesen Bestimmungen modifizirt — alle die- se Umstaͤnde zusammengenommen, sind hinrei- chend, die Erscheinung zu erklaͤren, daß so we- nige Menschen freywillig und gerne ihren Au- fenthalt in dieser Inselstadt waͤhlen. Wir eilen nach der Residenz zuruͤck, um von dort aus eine zweyte Wanderung zu beginnen. — Der Weg den wir vor uns haben heißt der zars- kojeseloische . Er ist in seiner Beschaffenheit dem peterhofschen voͤllig gleich und hat ebenfalls Werstsaͤulen aus Marmor, Jaspis und Granit. An den Seiten dieses Weges hin stehen eilfhun- dert Kugellampen, die bey oͤffentlichen Gelegen- heiten, wenn der Hof in Zarskoje Selo ist, er- leuchtet werden. Auch hier hat man die Aussicht auf einige Privatgaͤrten; die aber weder an An- zahl noch Schoͤnheit und Mannigfaltigkeit mit denen am peterhofschen Wege verglichen werden koͤnnen. Die erste Merkwuͤrdigkeit, die sich uns auf unserer jetzigen Wanderung darbietet, ist der kaiserliche Jaͤgerhof , der zwar noch im mos- kowischen Stadttheil, aber im offnen Felde zur Linken der Heerstraße liegt, und welchen wir schon aus dem vorigen Abschnitte kennen. — Etwas weiter hin, zwischen der sechsten und sie- benten Werst, ragen die Mauern von Tsches- me aus einer morastigen mit Gestraͤuch bedeckten Flaͤche hervor. Das Lustschloß, welches eine dreyeckige Form hat, ist durchaus in gothischem Geschmack gebaut, mit alten gothischen Verzie- rungen, hohen Fenstern, bemalten Scheiben, kleinen Thuͤrnen. Das Innere desselben wird durch eine aͤußerst vortreffliche Gemaͤldesamm- lung aller um das Jahr 1775 in Europa herr- schenden Fuͤrstenfamilien merkwuͤrdig, die groͤß- tentheils von den Hoͤfen selbst hieher geschenkt ist und unter welchen sich Meisterstuͤcke vom ersten Range befinden. Der Schloßplatz ist mit den Wohnungen der Schloßbedienten umgeben und hat eine kleine gothische Kirche. Die umliegende Gegend, so weit sie zum Gebiet gehoͤrt, ist großentheils wie ein englischer Garten einge- richtet. Auf dem Verfolg unsers Weges kommen wir durch ein deutsches Dorf , welches, nach der Zahl seiner Haͤuser, die Kolonie der Zwey und Zwanziger genannt wird; und nun setzen wir unsere Reise, ohne weiter auf einen interessanten Gegenstand zu stoßen, zwey und zwanzig Werste bis an das erste aller kaiserlichen Lustschloͤsser fort. Zarskoje Selo , der bestimmte Sommer- aufenthalt Katharinens der Zweyten , liegt in einer offnen, anmuthigen, durch kleine Huͤgel und Waldparthien abwechselnden Gegend. Der Flaͤchenraum des ganzen Schloßgebiets be- traͤgt 420,000 Quadratklafter. Seine Entste- hung ist dieser Fuͤrstensitz der Kaiserinn Katha- rina der Ersten und seine Erweiterung und Verschoͤnerung der Kaiserinn Elisabeth schul- dig; aber seine geschmackvolle Vollendung und den groͤßten Theil seiner jetzigen Pracht verdankt er der schoͤpferischen Regierung Katharinens der Zweyten . Wir befinden uns jetzt im Angesicht dieses Schlosses, in einem kleinen Walde. Zur Linken haben wir die Mauer des Thiergartens und vor uns den Eingang von der petersburgischen Seite. Er besteht aus zwey von Moostufstein in der Form von Ruinen aufgefuͤhrten Portalen, deren eines ein chinesisches Wachthaus hat. Wir tre- ten durch diesen Eingang in den Schloßplatz und sehen zur Rechten den Garten und zur Linken ein chinesisches Dorf, durch welches der Weg uͤber eine chinesische Bruͤcke in den Thiergarten fuͤhrt. Vor uns haben wir die Straße nach der kleinen nachbarlichen Kreisstadt Sophia, welche durch ein kolossalisches eisernes Thor geht. Der Schloßplatz selbst bildet ein Amphitheater von Gebaͤuden der Hauptfassade des Schlosses gegen- uͤber, und wird durch zwey eiserne Gitter an je- der Seite geschlossen. Laͤngs der Ostseite des Gartens liegt eine Slobode von zwey gut gebau- ten Haͤuserreihen, die zu Wohn- und Wirth- schaftsgebaͤuden bestimmt ist. Das Aeußere des Pallastes ist durch seine Groͤße imposant und durch seine zum Theil ver- goldeten Verzierungen blendend. Er hat drey Stockwerke und an beyden Seiten zuruͤcksprin- gende Fluͤgel, von denen der eine die Schloßka- pelle und der andere Badezimmer enthaͤlt. Der mittlere Theil ist die Wohnung der Kaiserinn. Eine marmorne Treppe fuͤhrt hier in den zwey- ten Stock, in welchem die Prachtzimmer nach der Seite des Schloßhofs und die eigentlichen Wohnzimmer nach dem Garten zu liegen. Unter den erstern sind die meisten durch den seltensten Reichthum an Kostbarkeiten aller Art und durch die geschmackvollste Pracht so weit uͤber alles er- haben, was ich in dieser Gattung in andern Laͤn- dern gesehen habe, daß es mir schlechterdings an Vergleichungen fehlt. Eine Musterung dieser Gegenstaͤnde wird man hier nicht erwarten, da diese, wenn sie ihrem Zweck entsprechen sollte, ein eigenes Werk von mehreren Baͤnden anfuͤl- len wuͤrde. Nur dies kann hier nicht uͤbergangen werden, daß Katharina die Zweyte , mit- ten unter Schoͤpfungen ihres großen Geistes, dem einsamen Genuß und dem ruhigen Nachden- ken einen kleinen einfachen Tempel gewidmet hat, in welchem sie, von Buͤchern und der schoͤnen Natur umgeben, zuweilen des unermeßlichen Kreises ihrer Wirksamkeit vergißt, um sich den stillen Freuden der Menschheit zu schenken. An den suͤdlichen Schloßfluͤgel stoͤßt eine funfzig Klafter lange Arkade, uͤber welcher eine bedeckte Kolonnade von Marmorsaͤulen steht. — Der Garten ist in englischer Manier; seine Vollkommenheit laͤßt sich nach der Groͤße seines Flaͤchenraums und nach dem Maaßstabe leicht be- rechnen, den der Inhalt dieses und des vorigen Abschnittes geben. Unter die beschreibbaren Merkwuͤrdigkeiten dieses Gartens gehoͤren vorzuͤglich folgende Ge- genstaͤnde. Ein kleiner Tempel, der eine ausge- suchte Sammlung antiker und moderner Statuͤen enthaͤlt; enthaͤlt; eine Einsiedeley zum Speisen, wie die in der Eremitage; ein praͤchtiges Bad; ein Rutschberg, wie der in Oranienbaum; maleri- sche Ruinen; eine kleine Stadt, das Anden- ken der Besitznehmung Tauriens, u. s. w. Zwey kuͤnstliche Seen werden durch einen Bach ver- bunden, uͤber welchen eine gewoͤlbte Bruͤcke fuͤhrt, die mit marmornen Saͤulenreihen uͤber- baut ist. Auf einer der Inseln dieser Seen ist ein tuͤrkischer Tempel, auf einer andern ein großer Saal fuͤr musikalische Belustigungen vorhanden. In einem Gebuͤsch stoͤßt man auf eine Pyramide in egyptischer Form, in deren Nachbarschaft zwey Spitzsaͤulen stehen. — Zarskoje Selo, das praͤchtigste Heiligthum der Natur und der Kunst, ist zugleich der schoͤnste Tempel des Verdienstes. Aus den Grundgebirgen unserer Erde geformt, thuͤrmen sich hier die Denkmaͤler großer Thaten him- melan, ohne den zerstoͤrenden Wechsel der Zeit zu befuͤrchten. Ein marmorner Obelisk erin- nert an den Sieg beym Kagul und an den Sieger Rumaͤnzow-Sadunaiskoi . Dem Tag bey Tschesme und dem Helden Orlow- Tschesmenskoi ist eine marmorne Saͤule Erster Theil. G auf einem Fußgestelle von Granit gewidmet. Ein praͤchtiger Triumfbogen verkuͤndet den pa- triotischen Muth des Fuͤrsten Orlow , mit welchem er sich dem Aufruhr und der Pest in der Hauptstadt entgegenwarf und beyde be- siegte. Den Sieg bey Morea und den Namen Feodor Orlow verewigt eine Schnabel- saͤule. — Einfach und riesenhaft, wie die Ge- danken der Helden, deren Andenken in diesen Felsmassen lebt, stehen sie da, von der freund- lichen Natur umgeben, die ihre Majestaͤt durch den Schleyer kunstloser Grazie mildert. Die heilige Stille, welche in dem Bezirk dieses Thatentempels wohnt, erhebt den Fluͤgelschlag der Fantasie, die sich hier von den sinnlichen Erinnerungen moralischer Groͤße zu dem Ideal der Vollkommenheit emporschwingt. Dies ist der Eindruck, mit welchem man den Sommersitz Katharinens verlaͤßt. — Ueberall sind die hoͤchsten Bestrebungen der Kunst sichtbar, denen sich die sproͤde Natur nach einer hartnaͤckigen Weigerung nur um so willfaͤhriger uͤberlassen zu haben scheint; uͤberall die Spuren dieser idealen Gemeinschaft, deren Zeugungen den Adel ihres Stammes verra- then. Diese ganze Schoͤpfung ist Ein schoͤner Gedanke, der sich in die Vollkommenheit sei- ner einzelnen Bestandtheile aufloͤst. — Der Weg von Zarskoje Selo bis Paw- lowsk , dem ersten großfuͤrstlichen Lustschlosse, betraͤgt fuͤnf Werst, und geht durch anmuthige belebte Gefilde. Dem Wanderer, dessen Seele fuͤr den Eindruck der Gegenstaͤnde empfaͤnglich ist, kann der Austausch der Empfindungen nicht entgehen, welcher hier durch den Ueber- gang aus den Regionen der Pracht und der Groͤße in den Kreis des heitern Geschmacks und der kunstlosschemenden Einfalt hervorge- bracht wird. Wenn die Fantasie sich dort von Wesen hoͤherer Art begleitet glaubte, so waͤhnt sie hier unter den Goͤtterchen der Freude zu seyn, welche die nachbarlichen Fluren und Hayne bewohnen. Nichts stoͤrt den suͤßen Irrthum, nicht einmal der Anblick des Schlosses. Mit- ten unter den Schoͤpfungen der Blumenkoͤni- ginn, in einem der reizendsten Standpunkte dieser schoͤnen Wildniß, steht es in seiner edlen Einfalt, ein Denkmal des feinsten Geschmacks, da, nicht um die Wirkung des Ganzen zu stoͤren, sondern um sie durch das Gefuͤhl zu G 2 erhoͤhen, daß Natur und Kunst in diesem Ely- sium auf Einen Zweck berechnet sind. Eben diese Uebereinstimmung ist in dem Innern des Pallastes sichtbar. — Der Garten, dessen kuͤhne Regellosigkeit durch die groͤßere Mannigfaltig- keit der Natur unterstuͤtzt wird, hat, außer einer Eremitenwohnung und einem verfallenen Tempel, keine kuͤnstliche Anlage, die hier der schoͤnen Wirkung nur hinderlich waͤre. — In der Naͤhe von Pawlowsk hat die Großfuͤrstinn sich eine kleine Einsiedeley geschaffen, wo die ruͤhrende Simplicitaͤt der Natur durch keinen Schleyer verhuͤllt wird. Das geschmackvolle Wohnhaus ist mit einer Meyerey umgeben, in welcher diese liebenswuͤrdige Fuͤrstinn sich an dem Anblick laͤndlicher Beschaͤftigungen ver- gnuͤgt. Marienthal ist der Name dieser kleinen romantischen Schoͤpfung. Zwanzig Werste von Zarskoje Selo liegt Gatschina , der Herbstwohnsitz des Groß- fuͤrsten. Das Schloß, ein schoͤnes Gebaͤude in einfachem edlem Stil, ist durch eine Arkade von Marmorsaͤulen mit einem Fluͤgel verbun- den. Rings umher sind mehrere geschmack- volle Haͤuser befindlich, die den Anblick des Ganzen geselliger machen. Auch hier ist im Aeußern und Innern der ausgesuchteste Ge- schmack Karakter. Die reizende Gegend wird mit jedem Jahr durch neue Ideen verschoͤnert, welche dieses Lustschloß allmaͤlig zu dem Range eines der geschmackvollsten Landsitze in Europa erheben. Die Wunder von Chantilly, die un- ter dem zerstoͤrenden Einfluß der Zeitbegeben- heiten im Suͤden verloren gehen, werden hier im Norden erneuert. Wir haben jezt die Musterung der merk- wuͤrdigsten Gegenstaͤnde beendigt, die sich an den beyden großen Heerstraßen finden. Es bleibt uns noch eine kleine Wanderung auf dem schluͤsselburgischen Wege uͤbrig, wo eine neue praͤchtige Schoͤpfung ihr Daseyn em- pfaͤngt. Die Heerstraße, die nach Schluͤsselburg fuͤhrt, beginnt beym Alexander-Newski-Klo- ster und laͤuft laͤngs dem linken Newaufer hinan. An Dauerhaftigkeit und Pracht steht sie zwar bey weitem hinter den beyden Wegen, die wir schon aus diesem Abschnitte kennen; aber an Mannigfaltigkeit und Schoͤnheit der Aussichten giebt sie, wenigstens dem letztern, G 3 nichts nach. Eine Reihe wohlgebauter Haͤuser, die sich mit kleinen Unterbrechungen an diesen Weg schließt, giebt ihm eine angenehme Leb- haftigkeit und ein gewisses staͤdtisches Ansehn. Hier sind einige der beruͤhmtesten Werkstaͤtten und Fabrikanlagen der Residenz befindlich. Wei- terhin, in einer sehr romantischen Gegend, liegt der Landsitz des Fuͤrsten Waͤsemskoi, Alex- androwsk . Ein schoͤnes Dorf von steinernen Haͤusern begrenzt hier zu beyden Seiten die Landstraße, an welcher auch einige gutgebaute Fabriken und eine Kirche liegen, die durch ihre edle Form auffaͤllt. Der Anblick dieser Ge- baͤude, des Pallasts, des Schloßgartens und einer kleinen Meyerey bildet ein sehr gefaͤlliges und pittoreskes Ganze. Wir eilen bey den ge- ringeren Merkwuͤrdigkeiten dieses Weges vor- uͤber, um das Ziel unserer Reise, das kaiser- liche Lustschloß Pella , zu erreichen, welches fuͤnf und dreißig Werst von der Residenz, zwi- schen dem linken Newaufer und der Muͤndung des kleinen Flusses Tosna liegt. Nichts ist uͤberraschender als der Anblick dieser großen Haͤusermassen, die durch die Wirkung der Bau- kunst in der Ferne Ein großes Ganze scheinen. Mehrere Pallaͤste und Pavillons reihen sich hier in berechneter Unordnung an einander und sind durch Arkaden und Saͤulenreihen verbun- den. Der Garten und die innere Einrichtung sehen i h rer Vollendung entgegen; ein Zeitpunkt, der dieser neuen Schoͤpfung ihren Rang unter den uͤbrigen Lustschloͤssern anweisen wird. G 4 Dritter Abschnitt. Einwohner . Volksmenge. — Ursprüngliche Einwohner, Ingrier und Finnen. Hauptstamm der Bevölkerung, Russen. Frem- de Einwohner. — Fruchtbarkeit, Sterblichkeit und Gesundheitszustand. Fortschritt der Bevölkerung. — Physischer Karakter der Einwohner. — Bürgerliche Verfassung. Hof und Stadt. Bürgerbuch. Gilden. Stadtgemeine. — Kirchliche Verfassung. B is hierher habe ich versucht, meinen Lesern eine Darstellung des Aeußern dieser Residenz zu geben. Wir sind dem Plan eines Reisen- den gefolgt, der bey seiner Ankunft in einer großen unbekannten Stadt zuerst die Außen- linien der Gegenstaͤnde zu fassen sucht, und waͤh- rend der ersten Tage seines Aufenthalts nur Gassen mißt, um Haͤuser zu sehen. Um so weit mit Petersburg bekannt zu werden, als wir es bis jezt sind, bedurfte es nur gesunder Augen; von nun an naͤhern wir uns dem vorzuͤglichern Gegenstande unserer Betrachtung, dem Menschen . Die Modifikationen seiner Existenz, seine Beduͤrfnisse, sein Lebensgenuß, sein Karakter und seine Individualitaͤt sind die reichhaltigen Zuͤge, aus denen das Gemaͤlde seiner Gattung zusammengesetzt werden muß. — Wenn kein Studium groͤßeres Interesse fuͤr den Menschen hat, als das Studium des Men- schen, so hat auch keins groͤßere Schwierig- keiten. Gluͤcklich, wem der Blick und die Ga- be ward, das Wahre vom Falschen zu sondern, allgemeine Zuͤge fallen zu lassen, Eigenthuͤm- lichkeiten zu greifen, und aus tausend einzelnen Bemerkungen ein großes, wahres und anzie- hendes Ganze zu bilden! Die große Haͤusermasse, mit deren Anblick wir uns bis jezt beschaͤftigt haben, wird von einer so zahlreichen, und, in religioͤser und po- litischer Hinsicht so verschiedenartigen, Men- schenmenge bewohnt, daß ohne die naͤhere Kenntniß dieser Verhaͤltnisse ein großer Theil der nachfolgenden Untersuchungen und Schil- derungen unzulaͤnglich und unverstaͤndlich seyn G 5 wuͤrde. Ehe wir uns mit dem geistigen Zu- stand der Menschen beschaͤftigen die hier leben, muͤssen wir ihren koͤrperlichen Zustand ken- nen: so wie die Thatsachen, die wir hier und in der Folge uͤber die buͤrgerlichen Ver- haͤltnisse derselben einsammeln, uns den Weg zu der Darstellung ihrer moralischen Ver- haͤltnisse bahnen. Die Volksmenge von St. Petersburg ist nur erst seit kurzem ein aufgeloͤstes Pro- blem. Die Kenntniß dieses Gegenstandes dankt das Publikum der aufgeklaͤrten Vorsorge der jetzigen Regierung, waͤhrend welcher zuerst zweckmaͤßige Listen und Zaͤhlungen anbefohlen und ausgefuͤhrt wurden. Die Resultate der- selben, welche zum Theil von einsichtsvollen Gelehrten kommentirt worden sind, werden mich bey der Untersuchung dieser wichtigen That- sache leiten. Nach den Berechnungen und Schluͤssen des Akademikus Krafft Nova acta Acad. scient. Imp. Petrop. p. a. 1782. pars prior. betrug in dem Zeitraum von 1764 bis 1780 die Mittelzahl aller Lebenden 164,000. Die letzten fuͤnf Jahre von 1775 bis 1780 allein genommen, laͤßt sich die Menschenmenge auf 174,778 schaͤtzen. Nach den letztern Zaͤhlungen belief sie sich im Jahr 1784 auf 192,846, und im Jahr 1789 auf 217,948. Georgi , Th. 1. S. 135. Es waren naͤmlich in diesem Jahr Maͤnner Weiber Zusammen Garden, Artille- rie, u. s. w. 30,635 5,792 36,427 Flotte _ _ 710,160 3,717 13,877 Ueberhaupt Mi- litaire _ _ 40,795 9,509 50,304 Uebrige registrir- te Einwohner 107,725 59,919 167,644 Zusammen _ _ 148,520 69,428 217,948. Da aber in diesen Angaben noch der Hof- staat, die Akademieen, das in Friedenszeiten hier liegende Militaire, (welches in zwey In- fanterie- und einem Kavallerieregimente besteht) ferner alle Fremde, Reisende, Schiffer, perio- dische Arbeiter, fehlen; da endlich auch der Zu- wachs der Bevoͤlkerung, welcher, nach der Ana- logie der obigen Angaben zu schließen, sehr be- traͤchtlich seyn muß, in Anschlag gebracht wer- den darf St. Petersburg hat, nach diesen Angaben, seit 1774 bis 1789 an Volkmenge zugenommen um 53,948 Menschen, also jährlich um 3596. Wenn man dieses Verhaͤltniß auch für die drey Jahre von 1789 bis 1792 annimmt, so giebt dies eine Zunahme von 10,788 Menschen, welche, mit der Zählung von 1789, und mit Ausschluß aller nicht registrir- ten Einwohner, schon eine Summe von 228,736 Menschen ausmacht. , so glaube ich der Wahrheit am naͤchsten zu kommen, wenn ich fuͤr die izt (1792) bestehende Volkmenge von St. Peters- burg 225,000 Menschen annehme. In der Bevoͤlkerungsstufe der großen europaͤischen Staͤdte nimmt diese Residenz also den sechsten Rang ein, denn sie steht in dieser Ruͤcksicht nur unter Konstantinopel, London, Paris, Neapel und Wien; am naͤchsten kommt ihr Amsterdam, welches, nach Pestel und andern, ungefaͤhr 212,000 Einwohner zaͤhlt; dann folgen, nach der Groͤße ihrer Bevoͤlkerung, Rom, Venedig, Berlin, Madrit, Lissabon. Der Hauptstamm dieser Bevoͤlkerung, die im Ganzen aus der mannigfaltigsten Mischung aller Nationen besteht, sind die Russen, welche jetzt den bey weitem uͤberwiegenden Theil der Volkmenge ausmachen, ob sie gleich nicht die urspruͤnglichen Bewohner der Gegend sind, in welcher die Beherrscher des russischen Reichs jezt ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. St. Petersburg ist also eine Kolonialstadt, und die ganze Bevoͤlkerung derselben zerfaͤllt natuͤrlich in folgende, zum Theil wieder zusammengesetzte Bestandtheile: urspruͤngliche Einwohner, Haupt- stamm der Bevoͤlkerung, Fremde. Die urspruͤnglichen Bewohner der Gegend, und selbst des Gebiets, auf welchem jezt die Residenz steht, sind Ingrier und Finnen . Von ihren Ueberwindern verdraͤngt, und durch Nationalkarakter und Verfassung in dem Fortschritt ihrer Kultur gehemmt, machen die sparsamen Nachkoͤmmlinge der alten Ein- wohner dieses Landes nur einen der unbetraͤcht- lichsten Theile der jetzigen Bevoͤlkerung. Sie leben theils in einiger Verbindung in den so- genannten finnischen Doͤrfern in und um Pe- tersburg, theils, als Dienstboten, zerstreut und vermischt in der großen Menschenmasse. Die Anzahl aller in der Residenz befindlichen Men- schen dieser Nation betraͤgt gegen viertausend. Den Hauptstamm der jetzigen Bevoͤlke- rung bilden die Russen . Nach der Berech- nung des Akademikus Krafft , der das Ver- haͤltniß dieser Nation zu den fremden Einwoh- nern wie sieben zu eins annimmt, wuͤrde die Anzahl der Russen, wenn wir der Zaͤhlung von 1789 folgen, 190,700 seyn. Da ich aber Gruͤn- de habe, dieses Verhaͤltniß jezt fuͤr zu groß zu halten, und es eher auf sechs Sieben- theile der ganzen Volkmenge zu berechnen Georgi berechnet es gar nur auf vier Fünftheilt oder fünf Sechstheile. Th. 1. S. 133. , so nehme ich mit der uͤberwiegendsten Wahr- scheinlichkeit, und nach der oben ausgezeichne- ten Angabe, die Anzahl der Russen in St. Pe- tersburg auf 193,000 an. Die Menge der auf eine Zeitlang oder auf immer angesessenen Fremden ergiebt sich nach diesen Bestimmungen von selbst. Sie machen den siebenten Theil der Bevoͤlke- rung aus und ihrer sind also 32,000. Das Verhaͤltniß der einzelnen Nationen zu einan- der genau zu bestimmen, ist unmoͤglich; es faͤllt jedoch bey dem leichtesten Ueberblick in die Augen, daß die Deutschen ohne allen Vergleich die zahlreichsten sind, und daß, naͤchst ihnen, die Franzosen und Schwe- den den groͤßten Antheil an der exotischen Be- voͤlkerung haben. Um indessen zu einer etwas anschaulicheren Kenntniß dieser fuͤr auswaͤrtige Leser so interessanten Verhaͤltnisse zu gelangen, habe ich nach den Kirchenlisten der nicht grie- chischen Religionsverwandten die mittlern Sum- men der Getauften mit 31, als dem allgemei- nen Verhaͤltniß der hiesigen Fruchtbarkeit, mul- tiplicirt. Die Resultate dieser Berechnung sind folgende. Es leben in St. Petersburg 17,660 Deutsche , 3,720 Finnen , 2,290 Franzosen , 1,860 Schweden , 930 Englaͤnder , 50 Hollaͤnder , und 2,490 Katholiken, die nicht Franzosen und Deutsche sind, also Po- len, Italiener, Spa- nier, Portugiesen , u. s. w. 29,000. Es fehlen also noch 3,000 Menschen, unter denen die Letten und Esthen wol den be- traͤchtlichsten Theil ausmachen. Der Arme- nier sind etwa hundert, und eben so viele kann man fuͤr die Grusiner und Tarta- ren annehmen. Der Rest erklaͤrt sich durch die Zunahme der Bevoͤlkerung, durch die pe- riodischen Fremdlinge und Reisenden, und durch die hier angesessenen Glaubensverwandten, die keine eigentliche Kirchenverfassung haben; der- gleichen sind die Mohammedaner, Mohren, u. s. w. Es ist dem aufgeklaͤrten Welt- und Staats- buͤrger nicht genug, die wirklich vorhandene Bevoͤlkerung zu wissen: er will auch ihre Ten- denz zur Vergroͤßerung oder Verringerung, und die Ursachen kennen, durch welche die Ver- mehrung derselben befoͤrdert oder gehemmt wird. Diese Kenntniß, zu welcher man durch die Anwendung der Grundsaͤtze der politischen Arithmetik gelangt, gruͤndet sich auf die Un- tersuchung der Fruchtbarkeit, der Sterblichkeit und des Gesundheitszustandes der Menschen. Um diese so nothwendigen und interessanten Verhaͤltnisse, in Ruͤcksicht auf die Menschen, die die in St. Petersburg leben, durch eine leichte Uebersicht anschaulich zu machen, wird folgen- der Auszug aus der angefuͤhrten vortrefflichen Abhandlung des Akademikus Krafft hinlaͤng- lich seyn Alle hier angeführte Resultate sind Mittelzahlen aus der Vergleichung eines vierzehnjährigen Zeitraums zwi- schen 1764 und 1780. Wenn von Perioden die Rede ist, so versteht man unter der ersten den Zeitraum von 1764 bis 1770, unter der zweyten den von 1770 bis 1775, und unter der dritten den von 1775 bis 1780. . Um die Fruchtbarkeit der Einwohner dieser Residenz zu erfahren, muͤssen wir wissen: wie viel Ehen geschlossen werden — wie viel Kinder jede Ehe giebt — und wie viel Men- schen im Verhaͤltniß zu allen Lebenden geboren werden. Die Resultate der Kirchenlisten unsers Zeit- raums beweisen, daß hier jaͤhrlich unter 126 Menschen Eine Ehe geschlossen wird, oder daß von 63 Menschen Einer heyrathet. Dieses Verhaͤltniß, welches in Vergleichung mit andern großen Staͤdten nur mittelmaͤßig ist, beweis’t, daß es hier sehr viele freywillige Celibataires geben muͤsse. Sonderbar ist es, daß gegen Erster Theil. H sieben Wittwen nur fuͤnf Wittwer zur zweyten Heyrath uͤbergehen. Auf 100 Ehen rechnet man 408 Kinder. Dieses Verhaͤltniß, welches im Allgemeinen sehr vortheilhaft ist, war in der dritten Pe- riode noch guͤnstiger, denn in dieser gaben 100 Ehen 420 Kinder, welches sehr viel ist, da man sonst in großen Staͤdten gewoͤhnlich nur 330 bis 380 annehmen darf. Auch hier bestaͤ- tigt sich das, in allen Laͤndern zutreffende, Ver- haͤltniß des maͤnnlichen Geschlechts zu dem weib- lichen. Es werden 105 Knaben gegen 100 Maͤdchen geboren. Nun bleibt uns, um alle Verhaͤltnisse der Fruchtbarkeit zu kennen, nur noch zu wissen uͤbrig, wie viele Menschen jaͤhrlich in Verglei- chung mit allen Lebenden geboren werden. Die Resultate unsers Zeitraums ergeben, daß man auf 31 Menschen Einen Gebornen rechnen kann. Eben dieses Verhaͤltniß trifft fast in allen gro- ßen Staͤdten zu. Jetzt wollen wir die Sterblichkeit mustern. — Im Allgemeinen stirbt jaͤhrlich von 35 Menschen Einer; wenn also die Bevoͤlke- rung der Residenz mit jedem Jahrswechsel einen Zuwachs von einem Einunddreißigtheil seiner Volkmenge erhaͤlt, so verliert sie auch jaͤhrlich ein Fuͤnfunddreißigtheil derselben. Diese Sterb- lichkeit ist indessen außerordentlich gering; ge- woͤhnlich sterben in großen Staͤdten von tau- send Menschen 42, in mittlern 36, in kleinern 31; hier aber nur 28. Das Verhaͤltniß der Gebornen zu den Ge- storbenen ergiebt sich hieraus von selbst; es ist wie 114 zu 100. In der letzten Periode war es wie 130 zu 100. Die Bevoͤlkerung gewann also in diesem Zeitraum bey dem Tausch zwi- schen Lebenden und Todten. Indessen aͤußert sich hier eine sonderbare Erscheinung. Der Ueberschuß der Gebornen uͤber die Gestorbenen ruͤhrt beynahe gaͤnzlich vom weiblichen Ge- schlechte her; ein auf jeden Fall sehr nachthei- liger Umstand, der sich jedoch in der letzten Periode schon betraͤchtlich gemindert hatte. Aus dem ganzen Zeitraum ergiebt sich die Anzahl der maͤnnlichen Gestorbenen zu den weiblichen wie 184 zu 100. Wichtiger noch fuͤr den Forscher ist die Untersuchung der Sterblichkeit eines jeden Al- ters. Hier werden wir Abweichungen von der H 2 allgemeinen Regel der Natur finden, die ihre Quelle theils in der festern Organisation, oder mit einem Kunstausdruck, in der staͤrkern Vi- talitaͤt, theils auch in der Lebensart und in den Sitten haben. Die Bevoͤlkerung aller Staͤdte und Laͤnder leidet dadurch einen großen Verlust, daß viele zur Existenz bestimmte Menschen schon bey ih- rer Geburt fuͤr diesen Zweck und den Staat verloren gehn. Die Resultate unsers ganzen Zeitraums ergeben, daß hier unter tausend neu- gebornen Kindern 7 todt zur Welt gebracht werden. Diese Anzahl, die in Vergleichung mit andern Arten aͤußerst gering ist, (selbst unter den fremden Einwohnern von St. Pe- tersburg werden unter tausend Kindern 25 todt- geboren) hat dennoch in den auf einander fol- genden Perioden immer mehr abgenommen. In der ersten finden sich unter tausend Gebor- nen 10, in der zweyten 7 und in der dritten 3 Todtgeborne. Dieses unerhoͤrt kleine Ver- haͤltniß hat seinen Grund in dem starken und abgehaͤrteten Koͤrperbau der russischen Muͤtter. Unter tausend Russinnen sterben nur 7 im Wo- chenbette; unter eben so vielen hiesigen Aus- laͤnderinnen 15. — Von tausend neugeborneu Knaben werden 9, von eben so vielen Maͤd- chen 5 todt zur Welt gebracht. In dem ersten Lebensjahr sterben von tau- send Kindern 279. Dieses Verhaͤltniß ist zwar staͤrker, als es nach dem gewoͤhnlichen unge- stoͤrten Gange der Natur seyn sollte, aber doch immer noch schwaͤcher, als in andern großen Staͤdten und selbst unter den fremden Einwoh- nern von St. Petersburg, unter welchen 309 Kinder von tausend im ersten Jahre sterben. In diesem Zeitraum des Lebens gehen mehr Knaben als Maͤdchen verloren. Von den er- stern sterben 370 und von den letztern nur 227 von tausend. Vom ersten bis zum funfzehnten Jahre sterben von tausend Kindern 215. Die Sterb- lichkeit in diesem Zeitraum von vierzehn Jah- ren ist also geringer als die in dem einzigen ersten Jahre. Auch dieses Verhaͤltniß zeigt, wie muͤtterlich die Natur fuͤr die Bewohner Rußlands gesorgt hat. Von tausend Kindern sterben bis zum funfzehnten Jahr in Schwe- den 279, in Stockholm 258, in London 435, und unter den hiesigen Auslaͤndern 346. — H 3 Die Sterblichkeit, die in dem ersten Lebens- jahr fuͤr die Maͤdchen groͤßer war als fuͤr die Knaben, ist es auch hier. Unter tausend Kna- ben sterben in diesem Alter 174, unter eben so vielen Maͤdchen aber 305. Hieraus folgt, daß unter tausend Kindern von funfzehn Jahren, die in St. Petersburg leben, 602 Knaben und 398 Maͤdchen seyn muͤssen. Vom zwanzigsten bis zum sechzigsten Jahr endlich sterben von tausend Menschen 813. Bis zum zwanzigsten Jahr ist die Sterblich- keit in Petersburg geringer als in allen großen Staͤdten; nach diesem Zeitpunkt aber nimmt sie in so außerordentlichem Maaße zu, daß man die Quelle dieser traurigen Erfahrung nur in einer der wohlthaͤtigen Natur entgegenstreben- den Wirkung suchen kann. Weder durch die koͤrperliche Beschaffenheit noch das Klima laͤßt sich diese große Sterblichkeit erklaͤren: beyde sind der Lebensdauer guͤnstig, wie die Perioden bis zum funfzehnten Jahre beweisen. Nichts als die Lebensart kann also an diesem Staats- uͤbel schuld seyn, und da auch hier die allge- meinen Nachtheile derselben allen großen Staͤd- ten eigen sind, so bleibt keine Ursache uͤbrig, die wir dieser schrecklichen Wirkung wegen an- klagen koͤnnten, als — der Brantewein. Naͤ- here Gruͤnde zu dieser Vermuthung wird die unten folgende Bemerkung uͤber die herrschen- den Krankheiten geben. Um die Groͤße des Verlusts anschaulich zu machen, den die Be- voͤlkerung der Residenz in diesem Zeitraum leidet, wollen wir nur noch anfuͤhren, daß von tausend Menschen in eben dieser Lebensperiode in Schweden nur 516, in Stockholm 712, in London 720, und in Petersburg selbst, unter den Auslaͤndern, nur 764 weggerafft werden. — Die Sterblichkeit, die bis zum zwanzigsten Jahr das weibliche Geschlecht immer staͤrker als das maͤnnliche getroffen hatte, aͤndert hier ploͤtzlich ihren Gang. Von tausend Maͤnnern sterben 856, von eben so vielen Weibern nur 702. Aus dieser Berechnung folgt, daß es nur wenige sehr alte Leute in St. Petersburg ge- ben koͤnne. Von 332 Gebornen erreicht nur Einer das neunzigste Jahr, da nach dem ge- woͤhnlichen Lauf der Natur mehr als drey zu diesem ehrwuͤrdigen Lebensalter gelangen soll- ten. In dem Zeitraum von siebzehn Jahren, H 4 den unser Kalkul umfaßt, finden sich dennoch 39 Menschen, die uͤber hundert Jahre alt ge- worden sind; drey unter diesen hatten es bis zu einem Alter von 120 bis 130 Jahren ge- bracht. Jezt ist uns noch die Untersuchung des oͤffentlichen Gesundheitszustandes und der Staͤrke der Krankheiten uͤbrig. Ein langes Register aller Gattungen derselben wuͤrde fuͤr unsern Zweck unnoͤthig seyn; wich- tig aber ist die Bemerkung, daß mehr als drey Fuͤnftheile aller Gestorbenen bloß durch folgen- de Krankheiten weggerafft wurden. Die Mit- telzahl aller Gestorbenen war 4616, und es starben jaͤhrlich 1348 Menschen an der Pleu- resie, 1007 an der Auszehrung, und 671 an hitzigen Fiebern. — Die natuͤrlichen Pocken, die uͤberall von 14 Gebornen Einen toͤdten, nehmen hier nur von 31, und, seit der Ein- fuͤhrung der Inokulation, nur von 35 Einen weg. Das Maaß fuͤr den Fortschritt der Bevoͤlkerung ist das endliche Resultat aller dieser Verhaͤltnisse. Es erhellt aus dem Ueber- schuß der Gebornen uͤber die Gestorbenen, wel- cher, um ein Beyspiel zu geben, in der ersten Periode unsers Zeitraums 445, in der zweyten 194, und in der dritten 1327 betrug. Die Bevoͤlkerung selbst hatte sich in dieser letzten Periode wahrscheinlich nur um ein Zehntheil vermehrt, aber ihre Staͤrke, ihre Tendenz zur Vergroͤßerung war in der dritten Periode mehr als dreymal staͤrker wie in der ersten und bey- nahe siebenmal staͤrker als in der zweyten. Wie sehr uͤbrigens die Volkmenge von St. Peters- burg seit dem Jahr 1775 wirklich zugenom- men hat, ist aus der Vergleichung der oben angefuͤhrten Berechnungen und Zaͤhlungen sicht- bar. Wenn diese Zunahme bis zu Ende des Jahrhunderts gleichen Schritt haͤlt, so wird die Residenz im Jahr 1800 mehr als 250,000 Einwohner haben. — Der physische Karakter dieser Men- schenmasse ist so verschieden, als die Mischung ihrer einzelnen Bestandtheile. Von der koͤr- perlichen Beschaffenheit des Russen bis zu der des asiatischen Fremdlings — und hinwie- derum von der durch Nationalsitte abgehaͤrte- ten Konstitution des gemeinen Russen bis zu dem durch auslaͤndische Verfeinerung ge- H 5 schwaͤchten Koͤrperbau des vornehmen, welch ein Abstand! So mannigfaltig aber auch die Schattirungen sind, welche hier durch Erzie- hung, Lebensart und Sitten verursacht werden, so koͤnnen sie es doch nie so sehr seyn, daß die großen Umrisse und Grundzuͤge gaͤnzlich ver- loren giengen, aus welchen die Individualitaͤt einer zahlreichen, auf einen Fleck zusammen- gedraͤngten Menschenmenge hervorspringt. We- sentlicher sind die Verschiedenheiten die aus der Abstammung fließen. So sehr sich auch zu- weilen das Gepraͤge des geistigen Karakters verwischt, so bleibend sind die unterscheidenden Eigenthuͤmlichkeiten des koͤrperlichen; und wenn der hiesige Deutsche, um ein Beyspiel zu ge- ben, in Sprache, Denkungsart und Sitten dem Russen gleicht, so kann er doch den Stamm- baum nicht verleugnen, den die Natur in seine koͤrperliche Bildung verwebt hat. Die Petersburger sind im Ganzen (so weit eine so allgemeine Karakteristik Wahrheit haben kann) ein großer, derber, fleischiger Schlag von Leuten. Der Einfluß des Him- melsstrichs auf Umriß und Organisation, der, wie feinere Beobachter schon bemerkt haben, im ganzen Norden statt haben soll, laͤßt sich auch hier ohne physiognomische Seherey wahr- nehmen. So schoͤn die Formen auch seyn moͤgen, in welche die hiesigen Menschengestal- ten gegossen sind, so fehlt ihnen doch jener scharfe bestimmte Kontour, welchen die bilden- de Natur nur unter mildern Himmelsstrichen mit so sichrer Hand zu zeichnen scheint. Auch die edelsten Grundlinien daͤmmern nur aus uͤp- pigen Fleischmassen hervor, in deren elastischen Woͤlbungen sich die feinern Umrisse und das sanfte Spiel der Muskeln verlieren. Wenn diese Vorzuͤge fuͤr diese Maͤngel entschaͤdi- gen koͤnnen, so sind wir entschaͤdigt: denn schoͤneres Fleisch, blendendere Haut und ver- fuͤhrerischeres Inkarnat sieht man wol nirgend. Auch der Geschmack, der hier, wie uͤberall, die Gesetze des Schoͤnen von den Modellen seiner Natur abstrahirt, scheint diese Eigen- schaften als die wesentlichsten Erfordernisse der Schoͤnheit anzuerkennen, und wahrscheinlich wuͤrde das vollkommenste griechische Ideal in unsern Zirkeln kein Gluͤck machen, wenn es ungluͤcklicher Weise keine rothe Backen haͤtte, und sich gerade nicht getrauen duͤrfte, gewisser Vorzuͤge wegen, einen Wettstreit mit den He- ben des Alterthums zu beginnen. Dieser Ge- schmack ist so festgesetzt und so allgemein, daß in der russischen Sprache die Begriffe roth, schoͤn und Farbe nur Eine Bezeichnung ha- ben, und es ist daher auch unsern Damen von hohem und niederm Range nicht zu ver- uͤbeln, wenn sie der Natur nachzuhelfen su- chen, wo sie etwa in der Austheilung dieser Gaben kaͤrglich gegen sie verfahren seyn sollte. In allen großen Staͤdten, die ich kenne, ge- hoͤrt die Schminke zum guten Ton; hier aber ist sie mehr, denn hier schminkt sich das Bau- ernmaͤdchen so gut als die Graͤfinn, nicht um die Mode mitzumachen, sondern um schoͤn zu seyn. Wer sie so malen koͤnnte die russischen Kaufmannsweiber, wie sie die Last ihrer wohl- gepflegten, blendendweißen und getuschten Fleisch- massen langsam fortwaͤlzen —! doch man kennt aus Gabalis glaubwuͤrdigen Verichten die Reize der Ondinen schon: auch Rubens liebte sie um Amphitritens Thron in großen Gruppen aufzuschichten, so wohlgenaͤhrt, so uͤppig und, mit Zuͤchten, so nackt, daß einem Mann davon die Augen uͤbergehn. Wir sollten also denken, ihr koͤnntet uns die Muͤh, ihn zu kopiren, schenken. Das maͤnnliche Geschlecht ist nicht nur im Ganzen schoͤner als das weibliche, sondern je- nes naͤhert sich in einzelnen Bildungen mehr dem Ideal der schoͤnen Menschenform. Unter den Offizieren der Garden, haͤusiger aber noch unter dem Landvolk, welches aus den Provin- zen hierher koͤmmt, giebt es manchen Kopf, der das Gegenstuͤck zum Antinous machen koͤnnte. In Deutschland, wo das allgemeine Urtheil uͤber koͤrperliche Schoͤnheit nicht sehr von dem hiesigen abweicht, bin ich oft Zeuge von dem Beyfall gewesen, welchen die Damen reisenden Russen in dieser Hinsicht bewilligten. Ueberhaupt aber verlieren sich die schoͤnen Um- risse hier sehr fruͤh, weil Maͤnner sowol als Weiber aus mehreren Ursachen zum Fettwer- den geneigt sind. — Bemerkungen uͤber die Physiognomie werden meine Leser hier nicht erwarten; denn wenn es ausgezeichnete eigenthuͤmliche Zuͤge in der menschlichen Ge- sichtsbildung giebt, so sind die allgemeinen Uebereinstimmungen derselben doch wol nur bey ganzen Nationen zu suchen, und es wuͤrde zum mindesten pedantisch seyn, unter einer so klei- nen und so aͤußerst vermischten Menschenge- sellschaft eine Lokalphysiognomie ausspuͤren zu wollen. So waͤre denn die Darstellung der physi- schen Existenz dieser Menschengesellschaft geen- digt. Wir gehen jezt zur Schilderung ihrer moralischen Verhaͤltnisse uͤber, unter welchen uns die politischen und religioͤsen auf dem Wege unserer Untersuchung am naͤchsten liegen. Um uns von der buͤrgerlichen Ver- fassung der Residenz einen richtigen Begriff zu machen, duͤrfen wir nie vergessen, daß St. Petersburg als eine große gewerbtreibende Stadt und als der Sitz des Hofes aus zwey sehr verschiedenartigen Theilen besteht. Als Stadt betrachtet ist sie der naͤmlichen Norm unterworfen, die jezt alle Staͤdte dieses Reichs haben; als Residenz ist sie eines theils der Wohnsitz des Monarchen und des Hofes, und andern theils der periodische Aufenthalt der Großen und einer Menge reicher und armer, gluͤcklicher und gluͤcksuchender, beschaͤftigter und muͤßiger Menschen, die groͤßtentheils ohne Ver- bindung, ohne bestimmte Thaͤtigkeit, oft selbst ohne Zweck fuͤr ihr politisches Daseyn, sich in dem allgemeinen Wirbel dieser zahlreichen Men- schenmasse herumdrehen. Wenn man zu dieser zweyten Haͤlfte auch noch das Militaire hinzu- rechnet, so ist sie die bey weitem staͤrkere an Zahl, wie sie es ohnehin an Wichtigkeit und Einfluß ist. Der Hof , oder die zahlreiche und in Ruͤck- sicht auf ihre buͤrgerliche Rangordnung so un- endlich verschiedene Menschenklasse, die dieses Wort begreift, ragt zwar in dem zusammen- gesetzten Begriff, den wir mit dem Gedanken an die Residenz verbinden, eben so sehr her- vor, als er in der That einen der wesentlich- sten Theile der Bevoͤlkerung ausmacht; aber seine Verfassung ist zu allgemein, und auch zu sehr gekannt und beschrieben, als daß sie ein Gegenstand dieser Schilderung seyn koͤnnte. Die Organisation des Militaire liegt gaͤnzlich außerhalb den Grenzen derselben, und der große Haufe der Einwohner, der eigentlich keine Ru- brik hat, schmiegt sich an die oͤffentliche Ver- fassung wo er muß und entbehrt ihrer gern wo er kann. Es bleibt uns also nur noch die gewerbtreibende Klasse uͤbrig, welche die einzig bestaͤndige, von der Residenz unabhaͤngige, aber mit der Stadtverfassung innig verbun- dene Bevoͤlkerung ausmacht. Der Vereinigungspunkt aller Einwohner, die zu den gewerbtreibenden Klassen gehoͤren, ist der Stand als Buͤrger , und das sicht- bare Dokument desselben ist das Buͤrger- buch , oder das unter oͤffentlicher Autoritaͤt ge- fuͤhrte Verzeichniß aller Stadteinwohner, die Grundeigenthum besitzen oder buͤrgerliche Ge- werbe treiben. Die Rechte dieses Standes bestehen (außer mehreren allgemeinen, welche die bekannte kaiserliche Stadtordnung namhaft macht) in einer gaͤnzlichen uneingeschraͤnkten Gewerbfreyheit ; die Pflichten desselben in der Unterwuͤrfigkeit gegen die Landesgesetze, und in der Leistung bestimmter Abgaben und der Rekrutenlieferung; seine Organisation endlich beruht im Wesentlichen auf folgenden Einrichtungen. Alle im Buͤrgerbuch verzeichnete Menschen sind entweder bloße Stadteinwohner , die nur wegen ihrer Besitzungen im Stadtgebiet hierher gerechnet werden, oder Gildever- wandte , oder endlich Zunftgenossen . Es Es giebt drey Gilden . Zu der ersten gehoͤren alle Menschen von jedem Alter, Stan- de und Geschlecht, welche ein Kapital von zehn- tausend bis funfzigtausend Rubeln zu besitzen angeben. Diese Klasse ist zum Seehandel und zur Anlage von Huͤtten und Fabriken berech- tigt, darf Seeschiffe besitzen, ist keiner Leibes- strafe unterworfen, und kann in der Stadt in einem mit zwey Pferden bespannten Wagen fahren. — Zur zweyten Gilde werden alle diejenigen gerechnet, welche sich zu einem Ka- pital von fuͤnf bis zehntausend Rubeln beken- nen. Sie sind auf den innlaͤndischen Handel eingeschraͤnkt, duͤrfen Huͤttenwerke und Fabri- ken anlegen, Flußschiffe besitzen, innerhalb der Stadt in einem Halbwagen mit zwey Pferden fahren, und sind von Leibesstrafen befreyt. — Das Kapital der dritten Gilde ist tausend bis fuͤnstausend Rubel. Sie ist fuͤr Kraͤmerey und den Kleinhandel bestimmt, darf nur Werk- stuͤhle und Manufakturen anlegen, Gasthoͤfe und Badestuben halten, und in der Stadt nur mit Einem Pferde fahren. Die Abgabe dieser Gilden besteht in Eins vom Hundert des angegebenen Kapitals. Erster Theil. J Die Angabe desselben „ist dem Gewissen eines „jeden uͤberlassen, weshalb auch nirgend und „unter keinem Vorwand, wegen Verheimlichung „eines Kapitals irgend ein Angeber gehoͤrt, „noch eine Untersuchung angestellt werden „soll.“ Stadtordnung. 97. Die Rekrutenlieferung wird nicht in natura gefordert, sondern kann, nach einem von der Regierung bekannt gemachten Anschlage, durch eine Geldsumme geleistet wer- den. Wenn aber ein Buͤrger oder der Sohn eines Buͤrgers freywillig in den Dienst treten will, so steht ihm dieses frey, und sein Ein- tritt wird der Stadt bey der naͤchsten Aushe- bung angerechnet. Noch gehoͤren zu den Gildeverwandten die namhaften Buͤrger und die Gaͤste . — Zu den erstern werden alle diejenigen gerechnet, welche ein Kapital uͤber funfzigtausend Rubel, oder Bankiers, die zu ihren Wechselgeschaͤften hundert bis zweymalhunderttausend Rubel an- geben; ferner Gelehrte und Kuͤnstler, die mit Diplomen versehen sind; Buͤrger, die mehr- mals Stadtdiensten vorgestanden haben, u. s. w. Die Rechte dieser Klasse sind ungefaͤhr gleich mit denen der ersten Gilde; außerdem duͤrfen sie mir vier Pferden fahren. — Unter der Benennung: Gaͤste, versteht man solche Leute aus andern Staͤdten und Provinzen oder aus fremden Laͤndern, die sich ihrer buͤrgerlichen Geschaͤfte wegen in das Stadtbuch einschrei- ben lassen. Zu den Zunftgenossen gehoͤren alle Handwerker, die in dem Buͤrgerbuch verzeich- net sind. — Alle uͤbrige Einwohner der Stadt, die zu keiner dieser Abtheilungen gerechnet wer- den, sind unter der Rubrik Beysassen be- griffen. Das gesammte Personale aller dieser Klas- sen bildet die Stadtgemeine , welche ein fuͤr sich bestehendes, respektables und mit kai- serlichen Verordnungen und Privilegien ver- sehenes Korps ist. Sie versammelt sich alle drey Jahre im Winter in ihren oͤffentlichen Angelegenheiten, und um die Aemter und Stel- len, die der Buͤrgerschaft anvertraut sind, durch Wahlen zu besetzen. In diesen Versammlun- gen haben alle Buͤrger Sitz und Stimme und alle sind wahlfaͤhig, diejenigen ausgenommen, J 2 welche noch nicht fuͤnfundzwanzig Jahre er- reicht haben, oder weniger als funfzig Rubel von ihrem Kapital entrichten. Die Aemter welche durch Buͤrger besetzt werden, sind vor- zuͤglich folgende. Das Haupt der Buͤrger- schaft, die Buͤrgermeister und Rathmaͤnner, werden alle drey Jahre, die Stadtaͤltesten und Richter des muͤndlichen Gerichts aber jaͤhrlich gewaͤhlt. Da die Residenz zugleich die Gou- vernementsstadt der St. Petersburgischen Stadt- halterschaft ist, so geschehen aus der hiesigen Stadtgemeine auch die Wahlen fuͤr den Gou- vernementsmagistrat und das Gewissensgericht, zu welchen sie Beysitzer hergiebt. Auch fuͤr das Polizeyamt waͤhlt sie zwey Rathmaͤnner, und das Waisengericht wird aus ihrem Mittel be- setzt. — Bey allgemeinen Angelegenheiten oder Beduͤrfnissen wendet sie sich an den Gouver- neur, und bey gerichtlichen Vorfaͤllen wird sie durch einen Anwald vertreten Wenn es Leser geben sollte, denen dieses Detail langweilig schiene, so ersuche ich sie, zu bedenken, daß in diesem Detail die buͤrgerliche Verfassung und das buͤrger- liche Glück einer Klasse von Einwohnern auseinander ge- . Die Register vom Jahr 1789 fuͤhren nur 1747 Gildeverwandte an, unter denen sich 12 namhafte und 169 Buͤrger und Gaͤste der ersten Gilde befanden. In eben diesem Jahr waren 3583 Meister bey den Zunftgenossen verzeich- net. Diese geringen Angaben beweisen, daß der bey weitem groͤßere Theil der gewerbtrei- benden Einwohner außer diesen Verbindungen lebt, und sind ein auffallendes Beyspiel von der seltnen politischen Toleranz der Regierung. So billig und sogar unbetraͤchtlich die Ab- gaben in Vergleichung mit den Hauptstaͤdten anderer Laͤnder sind, so wichtig sind dennoch die Einkuͤnfte , welche der Staat aus den Gewerben der Residenz erhebt. Im Jahr 1790 betrug die Vermoͤgensteuer der Gilden 43,104 R. — Im Jahr 1787 belief sich die J 3 setzt ist, die schon im Jahr 1784 über hunderttausend Men- schen begriff; und sich bis auf die folgenden Abschnitte zu gedulden, in denen die nähere Karakteristik einiger der hier angeführten Tribunäte ihnen wahrscheinlich durch ein größeres Interesse die Trockenheit dieser kurzen und zur Vollständigkeit des Ganzen nothwendigen Darstellung ver- güten wird. Einnahme des Zolls auf 3,910,006 R. — Der Betrag der Prozente fuͤr die Schulen und der Strafgelder fuͤr Zollbetrug war in eben diesem Jahr 84,955 R. — Diese drey Zweige der oͤffentlichen Einkuͤnfte geben also allein schon eine Summe von 4,038,065 Rubel. Wenn man die Abgabe vom Verkauf der Haͤuser, die Verpachtungen, u. s. w. nur nach dem kleinsten wahrscheinlichen Ertrage hinzu rechnen wollte, so ließe sich diese Summe vielleicht um die Haͤlfte verdoppeln. — So groß sind die Huͤlfs- quellen dieses maͤchtigen Staats, daß blos das Gewerbe seiner Residenz, ohne die mindeste Bedruͤckung und bey einer Finanznachgiebigkeit, die in allen Laͤndern ohne Beyspiel ist, eine Einnahme hergiebt, deren sich manche europaͤi- sche Koͤnigreiche nicht erfreuen Polen hatte von 1782 bis 1784 im Durchschnitt nicht mehr als etwas über 3 Millionen Thaler. Neapel hat 4 bis 5, und der Kirchenstaat etwa 2 Mill. . Wenn die buͤrgerliche Verfassung der Re- sidenz mit einer der Aufklaͤrung unsers Zeit- alters angemessenen Weisheit auf das Gluͤck und das Wohlseyn ihrer Einwohner berechnet ist, so hat die kirchliche Verfassung der- selben sich nicht minder dieses Vorzugs zu ruͤh- men. Der allgemeine Geist derselben ist — Toleranz. Ein System, auf so gutem Grunde gebaut, bedarf keiner pomphaften Anpreisung; die einfachste Darstellung ist die groͤßte Lobrede desselben. Das Haupt der griechischen Kirchen- verfassung ist bekanntlich der heilige dirigirende Synod , der seinen Sitz in St. Petersburg hat. Ihm ist die Ausuͤbung der hoͤchsten kirch- lichen Gewalt anvertraut, aber mit einer Mil- derung des hierarchischen Systems, durch wel- che die Nachtheile desselben vermieden werden, ohne die Vortheile desselben zu hindern. Auch die Protokolle dieses ehrwuͤrdigen Tribunals athmen den Geist der Duldung, der sich hier vom Throne herab durch alle Zweige der Staats- verwaltung ergießt. Man hat sehr haͤufig von der kirchlichen Freyheit der nicht griechischen Religionsverwandten gesprochen, und daruͤber den beweisendern Fall vergessen, daß die grie- chische Sekte der Raskol’niki einer eben so un- eingeschraͤnkten Freyheit genießt; ein Fall, den man noch vor kurzem in den Annalen aller J 4 Religionspartheyen vergeblich suchte. — Die Residenz hat in ihrem Umfange sechs und funf- zig griechische Kirchen, aber nur Ein Moͤnchs- und Ein Nonnenkloster. Unter den geduldeten Religionsver- wandten sind die Protestanten die zahl- reichsten, und unter diesen sind es die Luthe- raner . Sie bilden acht Gemeinen, unter de- nen fuͤnf deutsche, eine schwedische, eine finni- sche und eine lettische sind, und besitzen in den verschiedenen Theilen der Stadt sieben zum Theil schoͤn gebaute Kircheu, von denen zwey der Krone gehoͤren. Die Reformirten thei- len sich in die deutsche, franzoͤsische, englische und hollaͤndische Gemeine, von denen die er- stern beyden eine gemeinschaftliche Kirche, aber besondere Prediger, die beyden letztern aber jede einen eigenen Betsaal haben. Die evan- gelischmaͤhrischen Bruͤder sind nur in geringer Anzahl; sie haben indessen sonntaͤgli- chen Gottesdienst in ihrem Betsaal. — Saͤmmt- liche protestantische Gemeinen bestreiten die Ko- sten ihres Gottesdienstes aus den Einkuͤnften der Kirchen, von Kollekten und durch eine Ab- gabe von fuͤnf Rubel, die jedes an einen aus- laͤndischen Kaufmann adressirte Schiff entrich- tet. Hievon sind jedoch die beyden lutherischen Gemeinen ausgenommen, welche mit dem Land- und Artilleriekadettenkorps verbunden sind und deren oͤffentliche Kosten von der Krone bestrit- ten werden. Die oͤkonomischen Angelegenhei- ten jeder Gemeine werden von einem Konvent besorgt, die Prediger aber von der Gemeine erwaͤhlt und berufen. Ihre aͤußere Verfassung ist uͤbrigens der Aufsicht des sogenannten Ju- stizkollegiums untergeordnet, welches seit der Errichtung der Statthalterschaften auf diesen Wirkungskreis begrenzt ist, nun aber, wie man glaubt, in ein eigentliches Konsistorium um- geaͤndert werden soll. Die große Religions- freyheit dieser Gemeinen ist nur durch das Verbot eingeschraͤnkt, daß sie keine Glocken auf den Thuͤrmen haben, und keine Proselyten aus der griechischen Kirche machen duͤrfen. — Die katholische Gemeine ist aus den mehresten Nationen zusammengesetzt; sie hat aber nur Eine, jedoch vorzuͤglich schoͤne, Kirche. Sie genießt der naͤmlichen gesetzmaͤßigen Freyheit, deren sich die Protestanten erfreuen, und steht in Kirchensachen unter dem Erzbischof von Mo- J 5 hilow, der bekanntlich das Oberhaupt der ka- tholischen Hierarchie in Rußland ist. — Die armenische Gemeine ist klein; besitzt aber eine geschmackvolle Kirche. — Die Moham- medaner haben Geistliche unter den Ge- werbleuten ihres Glaubens. — Der oͤffentli- che Gottesdienst in St. Petersburg wird unter acht verschiedenen Formen und in vier- zehn Sprachen verrichtet. Vierter Abschnitt. Konsumtion . Einheimische Bedürfnisse der Residenz. Brod; öffentliches Mehlmagazin. Wasser. Salz. Fleisch. Fische. Ve- getabilien. Getränke. — Brennholz; Holzmagazin. — Lebensart und Bedürfnisse der untersten Volks- klasse. — Märkte für Lebensmittel. Rasnoschtschicki. A lle große und volkreiche Staͤdte erhalten ihre Lebensbeduͤrfnisse mehr oder weniger aus der Ferne; auch die reichste und ergiebigste Pro- vinz ist nicht hinreichend, Produkte in solcher Menge und Mannigfaltigkeit zu liefern, als die Bevoͤlkerung und der Luxus dieser unge- heuren Steinmassen erheischen: aber ihre ge- meinern Konsumtionsartikel pflegen sie doch aus der Nachbarschaft zu beziehen. Die Gegend um St. Petersburg ist so weit in Anbau und Kultur zuruͤck, daß sie ihr ganzes Beduͤrf- niß aus der Ferne herbeyholen muß. Nicht nur die Gegenstaͤnde der Schwelgerey, sondern sogar die einfachsten Lebensnothwendigkeiten von mehr als zweymalhunderttausend Menschen, werden unter fremden, zum Theil sehr ent- fernten, Himmelsstrichen erzeugt. Ohne die großen und unschaͤtzbaren Wasserverbindungen wuͤrde die einheimische Versorgung von St. Petersburg unmoͤglich seyn; in ihrer jetzigen Beschaffenheit wird sie eine Quelle der Indu- strie fuͤr eine zahlreiche Klasse von Menschen, deren einziges Gewerbe sie ist; und der Um- tausch der Produkte gegen Geld und verarbei- tete Waaren vertheilt den aufgesammelten Reichthum der Residenz durch tausend kleine Kanaͤle in die entlegensten Statthalterschaften. Das Brod , dieses erste und allgemeinste Beduͤrfniß, erhaͤlt St. Petersburg aus den Provinzen an der Wolga. Man ißt hier Rog- gen- und Weizenbrod: das letztere ist selbst un- ter den niedrigsten und aͤrmsten Volksklassen eine gewoͤhnliche Speise. Die Guͤte desselben haͤngt natuͤrlich großentheils von der Art der Zubereitung ab, und ist also sehr verschieden. Im Ganzen baͤckt man hier sehr gut und zum Theil vortrefflich; ich habe nirgend, selbst in Paris nicht, besseres Brod gegessen, als hier. An den Tafeln der Großen und in den soge- nannten guten Haͤusern ißt man nur Weizen- brod; wie betraͤchtlich dieser Artikel zuweilen werden kann, ist aus der Haushaltung des Grafen Rasumowski erweislich, in welcher, bey viel wohlfeileren Zeiten, jaͤhrlich fuͤr mehr als tausend Rubel dieser einzigen Brodgattung verbraucht wurde. Das Roggenbrod ist schmack- haft und giebt mehr Nahrung. Es wird all- gemein, und selbst in den Haͤusern wohlha- bender Leute gegessen, wo man jedoch immer die Wahl zwischen dieser und der eben genann- ten Gattung hat. Aermere Leute essen das sogenannte schwarze Brod, welches aus unge- beuteltem Roggenmehl bereitet wird und unge- mein nahrhaft ist. Der russische gemeine Mann ißt neben diesem schwarzen Brode auch haͤufig Semmel von groͤberm Weizen, die man Ka- latsch nennt und die auf allen Gassen feilge- boten werden. Die Konsumtion dieses Beduͤrfnisses laͤßt sich nach der Angabe der Barken ziemlich ge- nau bestimmen. Es werden jaͤhrlich an Mehl, Gersten, u. s. w. uͤber 4,800,000 Pud hierher gebracht. Der Preis des gebeutelten Weizen- mehls ist jezt 2 Rubel 20 Kopeken fuͤr das Pud. Ein Pfund Roggenbrod kostet jezt bei den Baͤckern 4 Kopeken; ein Pfund schwarzes Brod anderthalb Kopeken. Da die Mehlpreise durch zufaͤllige Um- staͤnde und die staͤrkere oder geringere Zufuhre oft wechseln und zuweilen lange in der Hoͤhe erhalten werden, so hat die menschenfreundliche Kaiserinn, um den minder beguͤterten Theil der Einwohner ihrer Residenz dem Druck der Ge- treidehaͤndler zu entziehen, im Jahr 1780 ein großes Mehlmagazin errichtet, in welchem sich jedermann zu einem billigen Mittelpreise mit diesem unentbehrlichen Beduͤrfniß, jedoch nur in kleinen Quantitaͤten, versorgen kann. Mit Wasser ist wol nicht leicht eine Stadt von dem Umfange so gut versorgt, als diese Residenz. Die vielarmige Newa und ihre Kanaͤle vertheilen dieses wesentlichste aller Beduͤrfnisse durch die ganze Stadt, so daß kein Theil ganz davon entbloͤßt ist, oder es aus der Ferne herbey holen muͤßte. Die Haͤuser, welche an den Kanaͤlen liegen, lassen sich durch ihre Traͤger mit Wasser versehen; weiter ent- legene aber muͤssen es in großen Tonnen durch Pferde herbeyfuͤhren lassen, in einigen dersel- ben uͤbernimmt der Eigenthuͤmer die Versor- gung des ganzen Hauses. Die Beschaffenheit des hiesigen Flußwassers ist vortrefflich, man wird es selten so hell und rein finden, als hier. Nach Georgi’s chemischer Untersuchung ent- hielten funfzig Pfund desselben, welche inner- halb der Stadt geschoͤpft waren, nur 40 Gran Kalkerde und 5 Gran vegetabilischen Extrakt. Die kleinen Unbequemlichkeiten, welchen sich Fremde kurz nach ihrer Ankunft ausgesetzt se- hen, und die man gewoͤhnlich dem hiesigen Wasser Schuld giebt, scheinen also von der ver- aͤnderten Lebensart oder von andern Ursachen herzuruͤhren. Nicht uͤberall ist jedoch das Was- ser der Newa von gleicher Guͤte; an den Ufern, welche nicht mit Granitquadern eingefaßt sind, ist es truͤbe und mit fremdartigen Theilen ver- mischt, weshalb auch mehrere Einwohner die- ser Gegenden es aus der Mitte der Newa schoͤpfen lassen. Das Wasser der Fontanka ist eben so gut als das der Newa, schlechter ist es schon im Katharinenkanal, und beynahe nicht trinkbar in der Moika. Aus dieser und andern Ursachen ist es sehr zu wuͤnschen, daß der letztere Kanal auch eine steinerne Einfassung erhalten und ausgetieft werden moͤchte. Das Salz ist hier kein so theurer Kon- sumtionsartikel als in andern großen Staͤdten. Es wird aus Solikamsk und vom Jeltonsee hierher gebracht: das erstere ist gesottenes Kuͤ- chensalz. Von beyden Gattungen erhaͤlt die Residenz jaͤhrlich gegen 600,000 Pud, die gro- ßentheils hier verbraucht werden. Das Pud Salz wird uͤberall im Reiche zu 35 Kopeken verkauft; das Pfund desselben kommt also nicht einmal einen Kopek zu stehen. Eine uͤberaus wichtige Rubrik unter den hiesigen Lebensnothwendigkeiten macht das Fleisch . Nirgend wird vielleicht, London aus- genommen, außer den Fastenzeiten mehr Fleisch gegessen, als hier. In einer Entfernung von mehr als zweytausend Wersten sorgt der Ukrai- ner und der Kalmuͤcke fuͤr dieses Beduͤrfniß der petersburgischen Tafeln; aber diese Muͤhe und dieser weite Weg bezahlen sich gut. Das Rindfleisch war noch vor kurzem ein theurer Artikel; Artikel; ein Pfund desselben von der besten Gattung galt 10 bis 12 Kopeken. Jezt ist der Preis wieder gefallen, und man kauft fuͤr 4 Kopeken sehr gutes Fleisch. Die Beschaffen- heit desselben ist natuͤrlich im Allgemeinen sehr verschieden, aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß es hier von der vortrefflichsten Art und in der groͤßten Voll- kommenheit zu erhalten ist. — Kaͤlber werden aus einigen Gegenden der Wolga hierher ge- bracht, aber die groͤßten und wohlschmeckend- sten kommen aus Archangel. Schaafe, Schwei- ne, zahmes und wildes Gefluͤgel und Wildpret erhaͤlt man gewoͤhnlich im Winter gefroren. Die Guͤte, die Zufuhre und der Preis dieser Artikel werden großentheils durch die Witte- urng und die Beschaffenheit der Schlittenbahn bestimmt. Die Fische gehoͤren, wegen der vielen Fasten zu den Beduͤrfnissen, wegen ihrer Man- nigfaltigkeit und des Wohlgeschmacks einiger Gattungen, zu den Leckereyen, und wegen der Wohlfeilheit mehrerer derselben zu den gemein- sten Konsumtionsartikeln. Eine der koͤstlichsten Erster Theil. K und theuersten Fischarten ist der Sterlet, von welchen St. Petersburg jaͤhrlich gegen 25,000 Stuͤck lebendig aus der Wolga erhaͤlt, die uͤber- dem von andern Fischgattungen uͤber eine Mil- lion Stuͤck hierher liefert. Der Ladogasee ver- sorgt die Residenz mit den gewoͤhnlichsten Gat- tungen lebendiger Fische; unter den gesalzenen sind der Hausen (Beluga) und der Stoͤr (Osetr) die wohlschmeckendsten und theuersten. Die gefrornen und an der Luft getrockneten Fische sind groͤßtentheils die Speise der aͤrmern Volks- klassen; zu einer Schuͤssel, die Einen Mann saͤttigen soll, werden tausende solcher kleinen getrockneten Fische genommen, die man Snetki nennt. Die Newa ist reich an Laͤchsen, die aber an Wohlgeschmack den rigischen weichen. Krebse werden auch in der Newa gefangen; außerdem liefert die Wolga deren jaͤhrlich ge- gen eine Million. Die Vegetabilien sind der einzige Kon- sumtionsartikel, den die Residenz zum großen Theil aus ihrer Naͤhe bezieht. Die Kultur der Gartengewaͤchse ist hier so weit getrieben, daß man die feinsten exotischen Produkte fast zu allen Jahrzeiten und in seltner Vollkom- menheit erhalten kann. Mehrere derselben, z. B. Blumenkohl, Spargel, waren hier noch vor zwanzig Jahren so unbekannt, daß man sie nur durch Schiffe aus dem Auslande er- hielt, und sind jezt eine allgemeine und eben nicht sehr theure Speise. Unter den Kuͤchen- gewaͤchsen sind Kohl und Gurken eine vorzuͤg- lich beliebte und so allgemeine Nahrung, daß sie hier als solche angefuͤhrt zu werden verdie- nen. Der Sauerkohl, den die Russen Schtschi nennen und dessen heilsame antiskorbutische Kraͤfte ihm auch in andern Laͤndern eine gute Aufnahme verschafft haben, ist die taͤgliche Schuͤssel des gemeinen Mannes. Die russische Zubereitung weicht jedoch von der auslaͤndischen ein wenig ab; selbst an großen Tafeln wird er oft als Nationalgericht und Leckerey aufgetra- gen. Die Gurken werden eben so haͤufig ge- gessen; in allen Gassen und auf oͤffentlichen Plaͤtzen bietet man sie feil. Der Poͤbel genießt sie roh; in den Haͤusern werden sie mit eini- ger Zubereitung, als ein schmackhafter Sallat, gegessen. K 2 Das Obst , welches in den Gaͤrten und Treibhaͤusern in und um Petersburg gezogen wird, ist bey weitem nicht hinreichend die For- derungen der Liebhaberey und des Luxus zu befriedigen. Einheimisches Obst kommt aus der Ukraine und von der Wolga und Ocka; fremdes jaͤhrlich fuͤr etwa 100,000 Rubel aus Rostock und Stettin. Die ersten Schiffe, die im Fruͤhjahr hier ankommen, bringen Aepfel- sinen, Zitronen und Pomeranzen in solcher Menge mit, daß der Verkauf dieser Waare oft kaum die Fracht derselben bezahlt. Ein Kasten, der 400 Stuͤck Zitronen enthaͤlt, wird um diese Zeit gewoͤhnlich fuͤr zwey bis drey Rubel gekauft. Diese wohlschmeckenden und heilsamen Fruͤchte koͤnnen also an den Ufern der Newa haͤufiger und wohlfeiler genossen werden, als an den Ufern der Seine, Dank sey es der Schiffahrt und dem Handel, die entfernte Welttheile mit einander verbinden und die Produkte der ungleichartigsten Klimate uͤberall versammeln, wo Verzehrer bezahlen. Von den hier uͤblichen Getraͤnken nenne ich zuerst den Quas , weil sein Verbrauch der allgemeinste und seine Erfindung durchaus na- tional ist. Es ist ein saͤuerliches, kuͤhlendes und gesundes Getraͤnk, dessen Zubereitung man in allen Reisebeschreibungen finden kann, und wel- ches an den Ecken der Gassen in großen Faͤs- sern feil geboten wird. Im Sommer pflegen die Verkaͤufer es mit Eis zu kuͤhlen. Der aus- gepreßte Saft der Moosbeeren giebt ein vor- treffliches Getraͤnk, welches unter dem Namen Kljukwa sehr haͤufig genossen wird und hier die Stelle der Zitronen ersetzt. Man verbessert durch die Kljukwa nicht nur den Quas und andere Getraͤnke, sondern man bedient sich ihrer, selbst in guten Haͤusern, zum Punsch, wenn die Zitronen theuer oder nicht zu haben sind. Der Sbiten’ wird aus Honig und Pfef- fer mit Wasser gekocht, und von Leuten, die sich von dessen Verkaufe naͤhren und Sbiten’- schicki heißen, auf den Gassen feil geboten. In den Trinkhaͤusern sind mehrere Gattungen Bier, Meth und Brantewein zu haben. Zu den feinern einheimischen Getraͤnken gehoͤrt die Wishnewka und Malinowka, ein aus Kirschensaft bereiteter und durch Zucker K 3 und Wein in Gaͤhrung gesetzter Fruchtwein; der Kislischtschi, eine Art Quas von besserer Zubereitung, und dergl. Ihr Verbrauch ist indessen sehr eingeschraͤnkt im Verhaͤltniß zu der starken Konsumtion auslaͤndischer Getraͤnke. Man trinkt uͤberall Wein, Porter, englisches Bier. Von dem erstern werden jaͤhrlich uͤber 250,000 Oxhoft, und von dem letztern fuͤr mehr als 260,000 Rubel zur See eingefuͤhrt, von denen ein sehr betraͤchtlicher Theil hier ver- braucht wird. Seit einigen Jahren braut man ein vortreffliches und wohlfeiles englisches Halb- bier. Ein großer Theil des Porters, der un- ter diesem Namen verkauft wird, ist ebenfalls hier gebraut. Ich beschließe diese kurze Rubrik mit einem der wichtigsten Lebensbeduͤrfnisse fuͤr unser Kli- ma. Das Brennholz , welches die Gegend um Petersburg liefert, ist fuͤr die ungeheure Konsumtion nicht zureichend; jaͤhrlich werden gegen 150,000 Klafter, groͤßtentheils Birken- holz, hierher gebracht. Man kennt noch kein anderes Material zur Feurung, und mit die- sem geht man, trotz der zunehmenden Theu- rung (eine Klafter Birkenholz gilt izt zwey bis drittehalb Rubel) unglaublich verschwende- risch um. Die hiesige oͤkonomische Gesellschaft hat zwar verschiedene Preisschriften uͤber die bessere Struktur der Oefen und uͤber die Mit- tel Holz zu sparen, bekannt gemacht: aber vor- laͤufig ist es mit diesem Gegenstande noch beym Alten geblieben. Die Barken, welche aus dem Innern des Reichs kommen, gehen nicht wie- der zuruͤck, sondern werden hier verkauft und theils zum Aufbau hoͤlzerner Haͤuser, theils zum Verbrennen von armen Leuten verbraucht. — Auch fuͤr dieses Beduͤrfniß ist ein oͤffentli- ches Magazin vorhanden, aus welchem sich das aͤrmere Publikum unter eben den Bedingun- gen mit Holz versorgen kann, die wir vorhin bey dem Mehlmagazin angegeben haben. Da in diesem Abschnitt einmal von Be- duͤrfnissen die Rede ist, so gehoͤrt eine kleine Schilderung der Lebensart des gemeinen Mannes hierher, weil diese in keinem Stuͤck uͤber die ersten Lebensnothwendigkeiten hinaus geht. Selbst sein Brantewein ist nur, im Ue- bermaaß genossen, Luxus; denn die vielen stren- K 4 gen Fasten und die Beschaffenheit seiner Spei- sen machen ihm starke Getraͤnke unentbehrlich. Die Klasse von Menschen, die ich hier meyne, besteht gaͤnzlich aus Russen, denn auch der aͤrmste hiesige Deutsche oder Franzose genießt eine bessere Nahrung; aber selbst unter den gemeinen Russen ist es nur der niedrigste Poͤ- bel, der sich an diese Tafel haͤlt, periodisch hierher kommende Arbeiter, Tagloͤhner, Fuhr- leute, u. s. w. Ihre taͤglichen Gerichte sind der Schtschi oder die Kohlsuppe, deren vorhin schon erwaͤhnt worden ist; Kascha, ein dicker Gruͤtzbrey; Botwinja, eine kalte Schaale von Quas, mit Fischen oder Fleisch und Gurken; Snetki, klei- ne an der Luft getrocknete Fische; Piroghi, Kuchen mit Fleisch oder Eyern und rothen Ruͤ- ben gefuͤllt und in Butter oder Lein- und Hanfoͤl gebacken; Twarock, gekaͤsete Milch; gebratene Schwaͤmme, u. s. w. Alle diese Spei- sen sind russischer Erfindung und seit langer Zeit bey der Nation gebraͤuchlich. Sie wer- den auch in den groͤßten russischen und vielen auslaͤndischen Haͤusern, aber freylich mit einer feinern Zubereitung und in einer ziemlich ver- aͤnderten Gestalt aufgetragen, und mehrere der- selben gewinnen den Beyfall der verwoͤhntesten Gaumen. Alles zusammengenommen, ist die Nah- rung des Poͤbels in Petersburg nicht einmal so armselig als die des Poͤbels in Paris. Dieser kann hoͤchstens nur Brod, Salz und Kaͤse kaufen; jener hat die Wahl unter vielen Speisen, die ihm durch Gewohnheit und An- haͤnglichkeit an vaterlaͤndische Sitten wohl- schmeckend werden. Der geringste Tagelohn eines Arbeiters in St. Petersburg ist 15 bis 20 Kopeken Im Durchschnitt kann man 75 bis 80 Kop. als den Mittelpreis des Arbeitslohns annehmen. . Um auf die schlechteste Art satt zu werden, kostet es ihn nur 5 bis 7 Ko- peken. Er behaͤlt also einen Ueberschuß, und den hat der Pariser Tageloͤhner nicht. — Auch ist es nur die armseligste, nicht sehr zahlreiche Klasse des Poͤbels, die so wenig gewinnt; alle Arbeiter, deren Beschaͤftigung einige Kunstfer- K 5 tigkeit erfordert, Maurer, Steinmetzen, Zim- merleute, Bediente, Friseurs, u. dergl. werden besser und zum Theil uͤbermaͤßig bezahlt. Diese Leute sammeln sich in der Residenz gewoͤhnlich ein kleines Kapital, und ziehen nach einigen Jahren damit in ihre Heimath. Fast jeder Stadttheil hat einen oder meh- rere Maͤrkte fuͤr Lebensmittel; sie sind fast durchgehends von Stein in großen Vierecken, mit Arkaden, erbaut. Aber ein eigenthuͤmli- cher Vorzug von Petersburg ist dieser, daß man alle Lebensnothwendigkeiten in den Haͤu- sern selbst kaufen kann, weil sie von Leuten umhergetragen werden, die den Einzelverkauf zu ihrem Gewerbe machen. Man nennt diese Leute Rasnoschtschiki ; sie gewoͤhnen sich an die Haͤuser, bringen taͤglich alle Beduͤrf- nisse, die man fordert, und in solcher Menge und Guͤte als man sie bestellt. Sie halten auch monatliche oder halbjaͤhrige Rechnung mit Leuten, die sie einmal kennen, wobey sie zuweilen ihre Forderung verlieren, wenn der Hausherr stirbt, oder die Familie verarmt oder verwais’t. — Ich erinnere mich bey dieser Gelegenheit der seltnen Großmuth eines Men- schen dieser Art, welcher einer Familie, deren Fischlieferant er in ihrem ehemaligen Wohl- stande gewesen war, auch nach mehreren Un- gluͤcksfaͤllen, die sie außer Stand setzten, ihn zu bezahlen, noch immer mit dem Gegenstande seines Handels versorgte und schlechterdings nicht eher Geld annehmen wollte, als bis er erfuhr, daß der Herr des Hauses wieder eine eintraͤgliche Stelle erhalten hatte. — Zuͤge dieser Art, aus dieser Klasse von Men- schen, verdienen in einem Sittengemaͤlde doch wol ihr Plaͤtzchen. Fuͤnfter Abschnitt. Oeffentliche Sicherheit . Polizey. Wichtigkeit dieses Gegenstandes. Persönliche Si- cherheit, durch Katharina die Zweyte gesetzmäßig kon- stituirt. Das Gewissensgericht, ein für die persönliche Sicherheit errichtetes Tribunal. — Oeffentliche Si- cherheit, zum Theil aus dem Volkskarakter entsprin- gend. Anekdote hierüber. Organisation der Polizey. Aufsicht auf Ankommende, Abreisende und verdächtige Leute. Beyspiele der Wachsamkeit und Mäßigung der Regierung bey Staatsverbrechern und Abentheurern. Aufsicht auf geheime Gesellschaften. Spielhäuser. An- stalten gegen Unfugmacher und Händelsüchtige. Das mündliche Gericht. Bettler. Gesindemäkler. Das Ar- beitshaus. Das Zuchthaus. Das Stadtgefängniß, eine nach Howard’s Vorschlägen eingerichtete Anstalt. Das Polizeygefängniß; Schilderung desselben. Edel- müthige Aufopferung eines Lustmädchens für ihren gefangenen Liebhaber. — List und Vetrug im Han- del und Wandel. Erzählung einzelner Vorfälle dieser Art. — Anstalten gegen natürliche und zufällige Verletzungen der öffentlichen Sicherheit. Verminderte Feuer- und Wassergefahr. Schnelles Fahren, unschäd- lich gemacht durch Volkssitten. Wachsamkeit der Po- lizey bey großen Versammlungen, bey Volksfesten, beym Eisgange der Newa. Vorsicht bey der Versen- dung der Arzneyen. — Merkwürdige Form bey der Bekanntmachung der Gesetze. U nter allen politischen Einrichtungen und Ver- fassungen hat keine naͤhern Bezug auf das Wohlseyn und die Zufriedenheit jedes Einzel- nen, als die Polizey . Die ehrwuͤrdigen Zwecke dieses Theils der Staatsverwaltung: Sicherheit und Bequemlichkeit, vereinigen sich in dem großen Begriff von buͤrgerlicher Gluͤck- seligkeit, ohne welche sich keine Staatsgluͤckse- ligkeit denken laͤßt. Die Verhaͤltnisse der aus- waͤrtigen Macht, des Staatsreichthums, ja selbst der politischen Freyheit haben einen weit entferntern Bezug auf die Gluͤckseligkeit der In- dividuen, weil sie mehr die ganze Masse der Nation treffen, da die Ausuͤbung der Polizey es gerade mit solchen Pflichten zu thun hat, die den Menschen in seinen feinsten und zarte- sten Verhaͤltnissen, als Buͤrger, Geschaͤftsmann, Gatten und Vater, beruͤhren. Es giebt Laͤn- der, in denen der Buͤrger bey der groͤßten Schwaͤche und Nullitaͤt des Staatskoͤrpers, zu welchem er gehoͤrt, oder bey den auffallend- sten Kraͤnkungen der politischen Freyheit des- selben, gluͤcklich ist, weil seine buͤrgerliche Si- cherheit und Freyheit geschuͤtzt sind; so wie es Staaten giebt, in denen die groͤßte oͤffentliche Macht und die vollkommenste politische Orga- nisation den einzelnen Buͤrger nicht fuͤr den Mangel oder den Verlust einer wohlgeordne- ten Polizey schadlos halten koͤnnen. Buͤrgerliche Sicherheit setzt buͤrgerliche Freyheit voraus. Ohne diese wuͤrde jene frey- lich eine Ruhe bewirken, die aber der Ruhe im Grabe aͤhnlich waͤre, deren Folgen Faͤulniß und Verwesung sind. Jene ist das Resultat sehr zusammengesetzter und kuͤnstlich verbunde- ner Zwecke: diese hingegen die Wirkung Eines einfachen Grundsatzes. Mit einem Wort: Si- cherheit muß von der machthabenden Gewalt erzwungen, Freyheit vergoͤnnt werden. Der Zustand der buͤrgerlichen Sicherheit in jedem Staat ist ein aufgeloͤstes Problem; die Gesetze und die Mittel zur Handhabung derselben sind Gegenstaͤnde der oͤffentlichen Kennt- niß. Der Zustand der buͤrgerlichen Freyheit kann, in solchen Laͤndern, die keine eigentliche Konstitution haben, nur aus der Zusammen- stellung einer großen Menge einzelner Thatsa- chen, aus dem Geist der Regierungen, aus der Stimmung des Volks erkannt werden. Jene ist eine bestimmte Rubrik der Statistik: diese gehoͤrt in das Kapitel der Denkungsart, Meynungen und Sitten. — In einem Lande, welches keinen Schatten von Verfassung hatte, in welchem alle die verwickelten Verhaͤltnisse einer großen buͤrger- lichen Gesellschaft durch einzelne, deutungsfaͤ- hige, sich oft widersprechende Verordnungen bestimmt, und diese der willkuͤhrlichen Ausle- gung einzelner Gerichtsstellen uͤberlassen waren, in einem solchen Lande konnte die persoͤnliche und buͤrgerliche Sicherheit sich weder einer rechtmaͤßig begruͤndeten noch gesicherten Existenz erfreuen. In diesem Fall befand sich Rußland vor Peter dem Großen . Die mannigfal- tigen Anordnungen dieses weit uͤber sein Zeit- alter erhabenen Fuͤrsten beweisen, daß er den Mangel einer buͤrgerlichen Verfassung und die Nothwendigkeit einer festen Bestimmung der gesetzmaͤßigen persoͤnlichen Sicherheit fuͤhlte. So viel er auch fuͤr diesen großen Gegenstand gethan hatte, so viel blieb ihm noch zu thun uͤbrig; „ein fruͤhzeitiger Tod noͤthigte ihn, diese „wohlthaͤtigen Einrichtungen, als ein kaum an- „gefangenes Werk zu verlassen. Die hierauf „erfolgten haͤufigen Veraͤnderungen, die Ver- „schiedenheit der Grundsaͤtze und der Denkungs- „art, und die oͤftern Kriege schwaͤchten zwar „keinesweges die Macht und das Ansehn des „Reichs; sie veranlaßten aber in den Anord- „nungen dieses großen Kaisers entweder Ver- „aͤnderungen, oder sie entfernten den Gedan- „ken von der Fortsetzung seines angefangenen „Werks, oder fuͤhrten andere Regeln ein, die „sich theils nach den von der Sache gefaßten „Begriffen, theils nach den veraͤnderten Um- „staͤnden und dem natuͤrlichen Lauf der Dinge „richteten.“ Worte Katharinens der Zweyten . S. die Ukase vom 12. Nov. 1775. die den Verordnungen zur Ver- waltung der Gouvernements zur Einleitung dient. Endlich uͤbergab der Genius Rußlands das Schicksal dieses großen Reichs in die Haͤnde Ka- Katharina der Zweyten . Der weitum- fassende Geist dieser Monarchinn, der sich schon mit der Erweiterung und Befestigung der aus- waͤrtigen Macht, mit der Gruͤndung einer phi- losophischen Gesetzgebung, mit der Verbesse- rung der Erziehung, mit der Verbreitung der Aufklaͤrung und des Geschmacks, und mit der Abstellung unzaͤhliger Mißbraͤuche beschaͤftigt, und an diesen großen Gegenstaͤnden seine Kraft geuͤbt aber nicht erschoͤpft hatte — schuf nun auch eine Verfassung fuͤr Rußland Die auf einander folgenden Konstitutionen, durch welche Rußland eine gleiche und zweckmäßige Eintheilung in Statthalterschaften, eine gleiche bürgerliche Form- gleiche Gerichtsstellen und Tribunale, eine Polizey, eine Stadtordnung, bestimmte Rechte und Verhältnisse des Mittelstandes und Adels — mit einem Wort, eine Ver- fassung erhielt, sind namentlich folgende: Verordnun- gen zur Verwaltung des Gouvernements des russischen Reichs. — Russisch-kaiserliche Ordnung der Handels- schiffahrt auf Flüssen, Seen und Meeren. — Vom Adel. — Stadtordnung. — Polizeyordnung. Sie sind sämmt- lich vom Hofrath Arndt ins Deutsche übersetzt. . Die Sammlung von Verordnungen, aus welchen diese Verfassung entstand, athmet uͤberall den freyen philosophischen Geist, die Achtung Erster Theil. L fuͤr die Menschen und ihre Rechte, und den milden, gleichweit von Strenge und Nachgie- bigkeit entfernten Karakter, womit die Indivi- dualitaͤt des Gesetzgebers sie stempelte, und der ihre ehrwuͤrdigste Sanktion ist. Die Erhaltung und Befoͤrderung der per- soͤnlichen Sicherheit konnte in einem Ge- setzbuche dieser Art nicht der letzte Gegenstand seyn. Sie erhielt ein eigenes Tribunal in dem Gewissensgericht , oder dem Gericht der Billigkeit, welches in jeder Statthalterschaft errichtet wurde, und dessen Zweck, nach den eignen Worten der Verordnung, die Erhaltung der persoͤnlichen Sicherheit, die Milderung des Schicksals ungluͤcklicher Verbrecher, und die guͤtliche Beylegung buͤrgerlicher Streitigkeiten ist. Die Verfassung dieses hoͤchst merkwuͤrdi- gen Instituts ist zu neu, zu wohlthaͤtig und zu wenig bekannt, als daß ich meinen Lesern nicht einen kurzen Auszug aus der Stiftungsakte desselben mittheilen sollte Verordnungen u. s. w. Hauptst. 26 — 395. folg. . Das Gewissensgericht besteht aus einem Richter, der den Vorsitz fuͤhrt, und aus sechs Gliedern, von denen, alle drey Jahre, zwey aus der Buͤrgerschaft und eben so viele aus dem Bauerstande gewaͤhlt werden. Jeder Stand hat es nur mit den Klaͤgern und Beklagten seines Standes zu thun. Das Gewissensge- richt richtet uͤberhaupt, wie alle andere Tribu- nale, nach den Gesetzen; da es aber zu einer Schutzwehre der besondern oder persoͤnlichen Sicherheit angeordnet wird, so sollen seine Re- geln in allen Faͤllen folgende seyn: allgemeine Menschenliebe, Achtung fuͤr den Menschen als solchen, und Abneigung von aller Bedraͤngniß und Kraͤnkung der Menschheit. Aus dieser Ursache soll das Gewissensgericht nie das Schick- sal irgend eines Menschen erschweren, sondern vielmehr die ihm anvertraute gewissenhafte Er- oͤrterung und mitleidige Beendigung der ihm uͤbertragenen Sachen sich angelegen seyn las- sen. Es mischt sich nie aus eigener Bewegung in irgend eine Sache, sondern nimmt sich der- selben nur auf Befehl der Regierung, auf Kom- munikation eines andern Gerichtshofes oder auf Bitte und Klage an. Die Sachen solcher Verbrecher, die durch einen ungluͤcklichen Zu- fall oder durch den Lauf verschiedener Umstaͤnde L 2 in Verschuldungen gefallen sind, die ihr Schick- sal weit uͤber das Verhaͤngniß ihrer Thaten erschweren, die Verbrechen der Unsinnigen oder Minderjaͤhrigen, und alle Zaubergeschichten, mit denen Dummheit, Betrug und Unwissen- heit verknuͤpft sind, gehoͤren fuͤr dieses Tribu- nal. Die Pflicht desselben in buͤrgerlichen Rechts- sachen ist, diejenigen streitenden Parteien zu vergleichen, die bey demselben deswegen Ansu- chung thun. Der Vergleich geschieht entweder durch das Gericht allein, oder gemeinschaftlich mit Schiedsrichtern, die von beyden Parteien gewaͤhlt werden. Wenn die Schiedsrichter un- ter sich nicht einig werden koͤnnen, so legt das Gericht ihnen sein Gutachten vor, wie der Klaͤger und Beklagte, ohne ihren Ruin, ohne Prozeß, Streit, gegenseitige Vorwuͤrfe und Chikane zu vergleichen sind. Wenn die Schieds- maͤnner sich dennoch nicht vergleichen koͤnnen, so laͤßt das Gericht den Klaͤger und Beklagten vor sich kommen, und legt ihnen die Mittel zum Vergleich vor. Nehmen sie solche an, so bestaͤtigt es ihren Vergleich durch das Gerichts- siegel; im gegenseitigen Fall deutet es beyden an, daß es mit ihrem Streit weiter nichts zu thun habe, und daß sie sich deshalb an die in den Gesetzen bestimmten Gerichte wenden moͤgen. Die wichtigste Befugniß des Gewissensge- richts aber, wodurch es auf gewisse Weise das ehrwuͤrdigste Tribunal der Nation, und im ei- gentlichsten Verstande das Palladium der per- soͤnlichen Sicherheit wird, besteht in folgendem. Wenn jemand eine Bittschrift ins Gewissens- gericht einschickt, daß er uͤber drey Tage im Gefaͤngniß gehalten werde, und daß man ihm in diesen drey Tagen nicht angezeigt habe, warum er im Gefaͤngniß gehalten werde, oder daß er in diesen drey Tagen nicht befragt wor- den, so ist das Gewissensgericht verpflichtet, sobald es eine solche Bittschrift erhalten und ehe die Versammlung auseinander geht, Be- fehl zu ertheilen, daß dieser im Gefaͤngniß sitzende Mensch (wenn er nicht wegen Beleidi- gung der Person Kaiserlicher Majestaͤt, nicht wegen Verrath, Mord, Diebstahl oder Raub gefangen sitzt) an das Gewissensgericht abge- schickt und selbigem vorgestellt werde, mit Bey- fuͤgung der Ursachen, warum er unter Arrest gehalten werde, oder warum er nicht befragt worden. Die Befehle des Gewissensgerichts L 3 sollen in diesem Fall an dem Ort, an welchem sie anlangen, ohne eine Stunde zu saͤumen, vollzogen werden; wenn aber der Befehl inner- halb vierundzwanzig Stunden nicht in Erfuͤl- lung gebracht worden, so sollen die Vorsitzer des Gerichts in eine Geldstrafe von fuͤnfhun- dert, die Beysitzer aber in eine Geldstrafe von hundert Rubeln verfallen seyn. In Absicht des Weges werden 25 Werst auf einen Tag gerechnet. — Wenn dann das Gewissensge- richt findet, daß der Arrestant wegen keines der vorhin bezeichneten Verbrechen in Verhaft gehalten wird, so befiehlt es, ihn, auf erhaltene Buͤrgschaft sowol fuͤr seine Auffuͤhrung als auch fuͤr seine Stellung vor dasjenige Gericht der Statthalterschaft, welches er selbst waͤhlt und wohin alsdann seine Sache abgeschickt wird, auf freyen Fuß zu stellen. Es soll sich darauf niemand unterstehen, einen solchen, durch die Befugniß des Gewissensgerichts aus dem Gefaͤngniß befreyten Menschen, derselben Sache wegen, vor deren Entscheidung, wieder ins Ge- faͤngniß zu setzen; seine Sache aber soll nach der Vorschrift der Gesetze entschieden werden. In den Faͤllen aber, wenn der Supplikant we- gen der oben bezeichneten Verbrechen sitzt, oder das Gewissensgericht hintergangen hat, oder keine Buͤrgschaft stellt, soll ihn das Gewissens- gericht wieder in das Gefaͤngniß abliefern, um daselbst haͤrter als vorhin gehalten zu werden. Die oͤffentliche Sicherheit unter- scheidet sich von der persoͤnlichen durch einen allgemeinern Zweck. Jene ist der eigentliche Gegenstand der Polizey; diese ist in den meh- resten Laͤndern der Justizverwaltung uͤbertragen. Nach dem Verhaͤltniß der Groͤße, Weit- laͤuftigkeit und Bevoͤlkerung ist die oͤffentliche Sicherheit hier so groß als irgendwo. Man hoͤrt so selten von Beraubungen oder Mord- thaten, daß der Gedanke an Gefahren dieser Art fremd ist. Daher sieht man taͤglich ein- zelne Leute, ohne Stock und ohne Begleitung, zu allen Stunden der Nacht, uͤber die Straße und selbst in die entlegensten und unbebaute- sten Gegenden gehn. Diese, unter solchen Um- staͤnden, seltne Erscheinung ist weniger das Werk der wohlorganisirten, wachsamen Polizey, als die Wirkung des gutmuͤthigen Volkskarak- ters. Der gemeine Russe, wenn er nicht durch langen Aufenthalt in der Residenz verderbt, L 4 durch den Hang zur Voͤllerey verfuͤhrt, oder durch den aͤußersten Mangel gedruͤckt wird, ist selten zu Ausschweifungen dieser Art geneigt. Hiezu kommt eine gewisse Ehrfurcht gegen die hoͤhern Staͤnde, die dem Volk durch das Ge- fuͤhl der Leibeigenschaft und durch die Art sei- ner Erziehung (wenn man dies uͤberall Erzie- hung nennen darf) eigenthuͤmlich wird, und die — sollte man es glauben! — auch bey einem naͤchtlichen Tete a Tete auf offner Straße ihre Wirkungen aͤußert. Die Erfahrung hie- von ist so allgemein, daß man eine Offizier- schleife am Hut als ein sicheres Mittel ge- braucht, sich zu solchen Zeiten gegen Angriffe zu schuͤtzen, in welchen das Volk sich zur Voͤl- lerey privilegirt glaubt, und folglich zu Aus- schweifungen vorzuͤglich geneigt ist. Ein gebie- tendes Wort, im Ton des Herrn gesprochen, wirkt oft mehr als die beherzteste Gegenwehr. Um diese Mittel mit Nachdruck gebrauchen zu koͤnnen, muß man freylich die Landessprache mit einiger Fertigkeit sprechen; wer aber die- sen Vortheil besitzt, und mit den Sitten und dem Karakter der Nation vertraut ist, kann zuweilen durch eine kuͤnstliche Wendung die na- tuͤrliche Gutmuͤthigkeit des Poͤbels erwecken, und seinen Beutel oder sein Leben vor den An- griffen desselben sichern. Unter mehreren auf- fallenden Beyspielen, welche diese Verfahrungs- art bewaͤhren, nur eins zur Probe. Eine Dame von meiner Bekanntschaft reiste vor einigen Jahren im Innern des Reichs. Ihr Weg gieng durch ein Dorf, das sich seit kurzem durch Raͤubereyen und Mordthaten in der ganzen Gegend furchtbar gemacht hatte. Durch unvorhergesehene Umstaͤnde verzoͤgert sich ihre Ankunft bis in die Nacht, und da die Postbauern sich schlechterdings weigern, sie wei- ter zu fuͤhren, sieht sie sich genoͤthigt, in einer Huͤtte abzusteigen. Eine Unterredung ihres Fuͤhrers mit einigen Leuten des Dorfs, der sie unter der Beguͤnstigung der Dunkelheit bey- wohnt, floͤßt ihr die gerechtesten und schreck- lichsten Besorgnisse ein. Bey ihrem Eintritt in die Huͤtte wird sie mehrere Kerle gewahr, die sich nach Landessitte auf dem Ofen gela- gert haben. Ein altes Weib, deren Physio- gnomie eben nicht geschickt war, Zutrauen ein- zufloͤßen, beginnt ihren Empfang mit der Frage: warum sie sich geweigert habe, die Nacht im L 5 Dorfe zu verweilen, ob sie etwa glaube, daß es in ihrem Hause nicht sicher sey? und be- theuert zugleich, daß sich keine Mannsperson in demselben befinde. Die Reisende, mit dem Karakter der Nation aus langen Erfahrungen bekannt, huͤtet sich wohl, diese Luͤge zu wider- legen; sie aͤußert im Gegentheil das vollkom- menste Zutrauen, setzt sich mit der groͤßten Ruhe zu ihrem Abendessen, langt eine Brant- weinsbouteille aus ihrem Flaschenfutter hervor, noͤthigt die auf dem Ofen gelagerten Kerle herunter und theilt ihren Vorrath unter sie aus. Dieses Betragen, die Branteweinsflasche und die freundliche Mine der Geberinn thun ihre Wirkung; das eingeschlummerte aber nicht erstickte Gefuͤhl der Menschlichkeit erwacht, und die originelle gutmuͤthige, sorgenlose und froͤli- che Laune, die dem gemeinen Russen so eigen- thuͤmlich ist, ergießt sich bald in lermende Ge- saͤnge. Als die Reisende sieht, daß sie ihren Zweck erreicht hat, legt sie sich in einem dar- anstoßenden Zimmer, dem Anschein nach ohne Unruhe, zu Bette, verbietet ihrem Bedienten Gepaͤck und Gewehr in die Stube zu bringen, und loͤscht endlich sogar das Licht aus. Beym Anbruch des Tages findet sie ein russisches Fruͤhstuͤck bereit, und ihren Wagen zur Abreise fertig. Ihr Abschied von diesem Raͤubervolk war eine der sonderbarsten moralischen Karri- katuren. Mit dem Eingestaͤndniß ihrer straf- baren Handlung erhaͤlt sie von diesen Menschen zugleich die Versicherung, daß sie und alle Durchreisende, die ihren Namen nennen wuͤr- den, gut aufgenommen und mit Sicherheit be- herbergt werden sollten; ein Versprechen, wel- ches mit den rohen aber unverstellten Beweisen einer herzlichen Zuneigung vergesellschaftet war. Die Polizey von St. Petersburg hat eine sehr einfache und zweckmaͤßige Organisa- tion. Außer dem Gouverneur, dessen Wirk- samkeit sich natuͤrlich auch in Ruͤcksicht der Re- sidenz auf alle Gegenstaͤnde des oͤffentlichen Wohls erstreckt, ist der Oberpolizeymei- ster der eigentliche Chef der ganzen Polizey- verfassung. Seine Thaͤtigkeit ist, bey dem gro- ßen Umfange dieser Bestimmung, doch nur auf die allgemeinen Gegenstaͤnde der oͤffentlichen Sicherheit und Ordnung begrenzt. Er ist hier nicht, wie in andern großen Staͤdten, der fuͤrch- terliche Mitwisser der Familiengeheimnisse und der ungesehene Zeuge der Handlungen des Pri- vatmannes. Wir haben hier keine Spione, und muͤssen keine haben, wenn Montesquieu Recht hat Faut-il des espions dans la monarchie? — Cen’est pas la pratique des bons princes. Esprit des loix. I. XII. Ch. 25. . Unter dem Oberpolizeymeister steht das Polizeyamt, in welchem ein Polizeymeister, zwey Vorsteher, einer fuͤr peinliche, der an- dere fuͤr buͤrgerliche Sachen, und zwey aus der Buͤrgerschaft gewaͤhlte Rathmaͤnner sitzen. Dieser Stelle ist die Sorge fuͤr Wohlanstaͤn- digkeit, gute Ordnung und Sitten; die Auf- sicht uͤber die Beobachtung der Gesetze, und die Vollstreckung der Befehle der Regierung und der Entscheidungen der Gerichtshoͤfe uͤber- tragen Polizeyordnung. 30. . Die Ausfuͤhrung dieser Zwecke wird durch folgenden Mechanismus bewirkt. Die Residenz ist, wie schon oben bemerkt worden, in zehn Stadttheile getheilt. Jeder derselben hat einen Vorsteher , der zum Waͤchter der Gesetze, der Sicherheit und der Ordnung in seinem Bezirke bestellt ist. Die Pflichten und Rechte dieses Postens sind so ausgedehnt als wichtig. Ein Vorsteher muß genaue Kenntniß von den Einwohnern seines Stadttheils haben, uͤber welche ihm eine Art von vaͤterlichrichterlicher Gewalt vertraut ist; er ist der Sittenaufseher seines Stadttheils; sein Haus darf weder bey Tage noch bey Nacht verschlossen werden, sondern soll ein bestaͤndiger Zufluchtsort’ fuͤr jeden Gefahr- und Nothlei- denden seyn; er selbst darf sich nicht auf zwey Stunden aus der Stadt entfernen, ohne seinen Dienst einem andern zu uͤbertragen. Das Po- lizeykommando und die Wachtposten des Stadt- theils stehen unter seinem Befehl, und er wird, in Geschaͤften seines Dienstes, von zwey Ser- geanten begleitet. Ueber ein widerrechtliches Verfahren des Vorstehers kann man sich beym Polizeyamt beschweren Polizeyordnung. 85 bis 131. . Jeder Stadttheil ist wieder in drey bis fuͤnf Quartiere abgetheilt, deren in der Re- sidenz in allem zwey und vierzig sind. Jedes derselben hat einen Quartieraufseher , dem ein Quartierlieutenant untergeord- net ist. Die Pflichten dieser Polizeybeamten stimmen mit denen der Vorsteher uͤberein, nur daß sie in ihrer Wirksamkeit auf einen kleine- ren Bezirk eingeschraͤnkt sind. Sie schlichten geringe Haͤndel und Streitigkeiten auf der Stelle und haben uͤberall ein wachsames Auge. Die Nachtwaͤchter eines jeden Quartiers stehen unter dem Aufseher desselben, und sind auf jeden Wink zu seinem Befehle bereit. Die Anzahl der Nachtwaͤchter in der Stadt belaͤuft sich auf fuͤnfhundert. Sie ha- ben ihre angewiesenen Plaͤtze in kleinen, an den Ecken der Gassen erbauten Wachthaͤusern, und dienen, außer ihrer eigentlichen Bestimmung, auch zum Verhaftnehmen und zu jedem Dienst, der ihnen bey Tage oder bey Nacht von ihren Befehlshabern aufgelegt wird. Außerdem ist zur Ausfuͤhrung der Polizeybefehle und zum Patroulliren noch ein Kommando von 120 Mann vorhanden, welches in vorkommenden Faͤllen von einem Kasackenpulk oder Husaren- regiment unterstuͤtzt wird. Diese aus so vielen untergeordneten Thei- len bestehende Maschine erhaͤlt in ihrem regel- maͤßigen Gange jene Sicherheit und Ruhe, die die Bewunderung aller Fremden erregt. Die Thaͤtigkeit jedes einzelnen Gliedes loͤs’t sich auf in die Thaͤtigkeit des Ganzen, und nur durch diese Vertheilung wird die Erreichung eines so vielseitigen Zwecks moͤglich. — Alle Quartier- aufseher eines Stadttheils finden sich des Mor- gens um sieben Uhr bey ihrem Vorsteher ein, um ihm den Rapport von allem abzustatten, was innerhalb vierundzwanzig Stunden in ih- ren Quartieren vorgefallen ist, und um acht Uhr bringen saͤmmtliche Stadttheilsvorsteher diese gesammelten Berichte ins Polizeyamt, worauf dieses sogleich und zuerst die Sachen der uͤber Nacht Verhafteten untersuchen muß. In dringenden Faͤllen versammelt sich das Po- lizeyamt zu jeder Stunde. Diese Organisation und die außerordentliche Wachsamkeit der Polizey, die auch fuͤr ein zahl- reicheres und unruhigeres Volk hinreichen wuͤrde, machen die geheimen Kundschafter entbehrlich Die Polizey hat Kenntniß von allen in der Re- sidenz vorhandenen Menschen; Ankommende und Abreisende sind gewissen Formalitaͤten unterwor- fen, die eine Verheimlichung des Aufenthalts oder Entweichung erschweren. Zu diesem End- zweck ist jeder Hausbesitzer und Gastwirth ver- pflichtet, der Polizey anzuzeigen, wer bey ihm wohnt, oder welche Fremde bey ihm eingekehrt sind. Wenn ein Fremder oder Miethsmann uͤber Nacht aus dem Hause bleibt, so muß der Wirth die Polizey hievon spaͤtstens am dritten Tage des Außenbleibens benachrichtigen. Stren- ger noch sind die Vorsichtsmaaßregeln bey Ab- reisenden. Diese muͤssen ihren Namen, ihren Stand und ihre Wohnung dreymal in die hie- sigen Zeitungen setzen lassen, und diese Blaͤtter als eine Beglaubigung im Gouvernement vor- zeigen, worauf sie alsdann ihren Paß erhal- ten, ohne welchen es beynah unmoͤglich ist, aus dem Reiche zu kommen. Diese Einrich- tung sichert nicht nur die Glaͤubiger der Ab- reisenden, sondern macht der Polizey auch eine naͤhere Aufsicht uͤber alle verdaͤchtige Einwoh- ner moͤglich. Die große Mischung von fremden Einwoh- nern aller Nationen macht diese Aufsicht jeder- zeit, besonders aber in gewissen kritischen Zeit- punkten, nothwendig. Immer finden sich in großen volkreichen Staͤdten unruhige Leute, Gluͤcksritter und Betruͤger, die durch kuͤhne Pro- Projekte, durch eine schaͤndliche Industrie, oder durch straͤfliche Gaukeleyen die Ruhe der buͤr- gerlichen Gesellschaft zu stoͤren, oder den Beutel des Publikums zu pluͤndern suchen. Die Milde der Regierung, die gastfreye Aufnahme die jeder rechtliche Fremde hier genießt, die leichten und vielfaͤltigen Mittel zum Erwerb und die unein- geschraͤnkte in allen Laͤndern so sehr erschwerte Erlaubniß, diese ohne Unterschied der Nation und des Glaubensbekenntnisses auf eine recht- maͤßige Art zu benutzen — alle diese und andere Vortheile sind dennoch nicht zureichend, selbst solche Leute, denen das Gluͤck einen betraͤchtli- chen Theil derselben zuwarf, von der Undank- barkeit gegen das Land zuruͤckzuhalten, in wel- chem sie diese Vortheile fanden. — Der Zeit- punkt des letzten schwedischen Krieges hat meh- rere Beyspiele dieser traurigen Wahrheit aufzu- weisen. Unter den zahlreichen hier angesellenen Schweden, die entweder als Gewerbleute oder auch im Dienst des Staats ein ruhiges Loos und eine gute Versorgung hatten, ließen sich manche durch einen mißverstandenen Patriotis- mus, durch Intriguengeist, oder durch die Hof- nung ihr Gluͤck zu machen, zur schaͤndlichsten Erster Theil. M Undankbarkeit gegen ihr zweytes Vaterland ver- leiten; gegen ein Land, das ihnen Brod und Ansehn gab, und sie, beym Ausbruch und waͤh- rend der ganzen Fortsetzung eines so unrechtmaͤ- ßig angefangenen als mit Erbitterung gefuͤhr- ten Krieges, in dem vollen und ungestoͤrten Genuß ihrer hier erworbenen buͤrgerlichen Vor- theile schuͤtzte. Die Wachsamkeit, die schnelle Entdeckung, und mehr als dieß, die Maͤßigung und Großmuth, mit welcher die Regierung ge- gen diese Staatsverbrecher verfuhr, sind eine allzuauffallende und merkwuͤrdige Widerlegung des auswaͤrtigen Vorurtheils und der partheyi- schen Stimmen einzelner Schriftsteller, als daß ich den Raum bedauern sollte, den eine unge- schmuͤckte und wahre Erzaͤhlung eines der inter- essantesten Vorfaͤlle dieser Art hier einnehmen duͤrfte. Die Eilfertigkeit, mit welcher die hier be- findlich gewesene schwedische Gesandtschaft sich beym Ausbruch des Krieges aus dieser Residenz entfernte, hatte die Folge, daß ein Theil des Gesandtschaftsarchivs in guter Verwahrung zu- ruͤckbleiben mußte. Ein beherzter und verschla- gener Mensch, der bey dem schwedischen Lega- tionssekretair als Kammerdiener gestanden hat- te, uͤbernahm einige Zeit nachher den gefaͤhrli- chen Auftrag, nicht nur diese Papiere nach Schweden hinuͤber zu bringen, sondern auch Er- kundigungen uͤber gewisse Dinge einzuziehen, die in allen Laͤndern als Staatsgeheimnisse betrachtet werden, und es zur Zeit des Krieges wirklich in mehr als Einer Ruͤcksicht seyn muͤssen. Mit Geld und allen Talenten zu einer solchen Unter- nehmung hinlaͤnglich versehen, erschien er hier in Petersburg unter dem Namen eines Kauf- manns und dem Vorwande Getreide einzuhan- deln, und hatte das Gluͤck, nicht nur seinen Endzweck zum Theil zu erreichen, sondern auch mit seinen geretteten Papieren und Briefschaften bis Riga zu kommen. Hier, auf der Grenze des Reichs, ereilte ihn die Wachsamkeit der pe- tersburgischen Polizey; er ward in Verhaft ge- nommen, nach der Residenz zuruͤckgebracht, und in dem Hause des Generalprokureurs in Ver- wahrung gesetzt. Sein Prozeß war kurz, da die Beweise seiner Unternehmung jede Entschul- digung unmoͤglich machten; er hielt es daher fuͤr das zutraͤglichste, unter diesen Umstaͤnden alles freymuͤthig zu gestehen. Nach einigen Verhoͤren M 2 ward ihm sein Urtheil mit folgenden Worten an- gekuͤndigt: „Sie haben ein Verbrechen began- gen, fuͤr welches Sie in jedem andern Lande mit dem Leben wuͤrden buͤßen muͤssen; die Gnade der Kaiserinn schenkt Ihnen, in Ruͤcksicht auf Ihr offenherziges Gestaͤndniß, nicht nur dieses, sondern mildert Ihre Strafe in eine Entfernung nach einem abgelegenen Grenzort, wo Sie so lange bleiben werden, bis der Krieg geendigt seyn wird. Alsdann steht es Ihnen frey, dieses Land zu verlassen.“ Der uͤberraschte und be- taͤubte Inquisit hatte noch nicht Zeit, sich von seiner angenehmen Bestuͤrzung zu erholen, als ihm eine Banknote von hundert Rubeln mit der Aeußerung eingehaͤndigt wurde, daß er dieses Geschenk einem erhabenen Wohlthaͤter zu danken habe, der sein Schicksal durch diese Kleinigkeit zu erleichtern wuͤnsche. Der Verbannungsort des Gefangenen lag im aͤußersten Sibirien. Er sollte hier taͤglich eine bestimmte Summe zu sei- nem Unterhalt empfangen, die ihm aber durch zufaͤllige Umstaͤnde nicht ausgezahlt ward; doch fand er unter den dortigen Einwohnern gutmuͤ- thige Menschen, die sichs recht herzlich angelegen seyn ließen, fuͤr alle seine Beduͤrfnisse zu sorgen. — Kaum war der Friede geschlossen, als mit der Nachricht desselben auch der Befehl an dem Orte seiner Verbannung ankam, ihm die Freyheit wiederzugeben. Er kehrte nach St. Petersburg zuruͤck, meldete sich hier bey der Behoͤrde, er- hielt die ganze Summe seiner Tagegelder bis auf den Tag seiner Befreyung ausgezahlt, legte mit diesem kleinen Kapital einen Handel an, heyra- thete eine Russinn, und lebt jetzt hier, zufrieden und gluͤcklich, als ein merkwuͤrdiger Beweis der politischen Toleranz unter der Regierung Ka- tharinens der Zweyten . Dieses Beyspiel, so auffallend es ist, ist nicht das einzige seiner Art. Alle diejenigen, die sich waͤhrend des schwedischen Krieges verdaͤchtig gemacht hatten und ihres Verbrechens uͤberfuͤhrt waren, sind auf eine aͤhnliche glimpfliche Art be- handelt worden. Die mehresten unter ihnen wurden in die Provinzen verschickt, wo sie ent- weder ein geringes Jahrgeld bekamen, oder nach Maaßgabe ihrer Brauchbarkeit angestellt wur- den. Einer derselben, der als Lehrer beym Land- kadettenkorps gestanden hatte, ward Schuldirek- tor in der Provinz mit Beybehaltung seines voͤl- ligen Gehalts. Die gewoͤhnliche Strafe fremder M 3 Gluͤcksritter die sich durch unerlaubte Wege fort- zuhelfen suchen, ist diese, daß sie schleunigst uͤber die Grenze gebracht werden, wobey sie oft noch etwas an Gelde erhalten. Ein Beyspiel dieser Gattung war der sogenannte Graf Palatin , der die Geschichte seiner Abentheuer selbst be- kannt gemacht hat Schlözers Staatsanzeigen. Heft 1. S. 109. . Dieser Gluͤcksritter ließ sichs einfallen, einen Vorschlag zur Ver- besserung Rußlands auf der Post an die Kaiserinn zu senden und eine persoͤnliche Unterre- dung mit dieser Monarchinn zu verlangen, bey welcher, außer dem Großfuͤrsten, niemand zu- gegen seyn duͤrfte. Als er hierauf keine Ant- wort erhielt, schrieb er einen Brief voll Grob- heiten an den Staatsrath Kusmin , und hatte sogar die Unverschaͤmtheit, dem Feldmarschall, Fuͤrsten Gallizin , bey seiner Unterredung mit demselben zu sagen, seine Absicht sey, die Kaise- rinn die Kunst zu lehren, ihre Hofleute kennen zu lernen. Ein Benehmen dieser Art ließ keinen Zweifel uͤber die Person und die Absichten dieses Menschen; er ward uͤber die Grenze gebracht, nachdem er zuvor, waͤhrend eines kurzen Ver- hafts, seinen fuͤr die Verbesserung Rußlands er- sonnenen Plan aufgegeben hatte, erhielt hundert Rubel und eine Winterkleidung, und mußte eine schriftliche Versicherung geben, daß er sich nie mehr wolle auf russischem Gebiet be- treffen lassen. „Eine Versicherung, setzt der Abentheurer hinzu, die ich mit Freuden gab, weil ich das fand, was ich eigentlich suchte.“ Wenn einzelne Menschen dem Staate ver- daͤchtig seyn muͤssen, deren Lebensart, Umgang, Erwerb und Thaͤtigkeit unbekannt sind, so koͤn- nen ganze Gesellschaften demselben um so weniger gleichguͤltig seyn, wenn diese die Zwecke ihrer Verbindung oder gar ihre Existenz selbst den Augen des Publikums entziehen. Die Po- lizey wacht hier mit einer lobenswuͤrdigen Sorg- falt uͤber geheime Gesellschaften aller Art, und so oft sich auch der Schwindelgeist religioͤser und politischer Sektirer oder die Schwaͤrmerey vor- geblicher Mystagogen hier einzunisten versucht haben, so ist es ihnen dennoch niemals oder nur auf eine kurze Zeit gelungen. Magnetismus, Martinismus, Rosenkreuzerey und wie die Na- M 4 men aller aͤhnlichen Verirrungen des menschlichen Verstandes heißen moͤgen, haben ihr Gluͤck mit einerley schlechtem Erfolg auf dieser Buͤhne ver- sucht. Mit gleicher Sorgfalt ist die Polizey be- muͤht, die dunkeln Schlupfwinkel zu zerstoͤren, in welche die Begierde zum Gewinn arbeitscheue Muͤßiggaͤnger versammelt. Wenn die Grenzen der buͤrgerlichen Freyheit der Polizey die Anwen- dung der aͤußersten Mittel zur Vertilgung der Spielwuth verwehren, so ist die Fortpflan- zung und Ausbreitung dieses schrecklichen politi- schen Uebels doch wenigstens erschwert und ge- hindert. Nach der Polizeyordnung Polizeyordnung. 67. sind nur solche Spiele erlaubt, die sich auf Staͤrke und Gewandheit des Koͤrpers oder auf erlaubten Zu- fall und Geschicklichkeit gruͤnden. Die naͤhere Erklaͤrung dieser Bestimmungen ist dem Gesetz vorbehalten. Bey verbotnem Spiel soll das Polizeyamt auf die Absicht der Spielenden se- hen. Alle Klagen und Forderungen wegen Spielschulden und deren Bezahlung sind fuͤr nichtig erklaͤrt. Daß hier, wie im ganzen russischen Reiche, kein Lotto geduldet wird, ist bekannt. Nach dieser Schilderung wird man leicht erwarten, daß die Zahl der Unfugmacher und Stoͤrer der oͤffentlichen Ruhe nicht sehr groß seyn kann. Zank und Schlaͤgereyen auf der Straße oder in den Schenken sieht man selten. Der Angreifende ruft dem naͤchst- stehenden Wachtkerl, und im Augenblick sind Klaͤger und Beklagter verhaftet und werden in die naͤchste Sjesha (Polizeywachthaus) gefuͤhrt, wo die Ursache ihres Streits untersucht und bestraft wird. — Fuͤr Haͤndel von einiger Bedeutung besteht ein eigenes Tribunal unter der Benennung des muͤndlichen Gerichts , welches wegen seiner Individualitaͤt eine kleine Schilderung verdient. In jedem Stadttheil sind ein oder meh- rere Richter des muͤndlichen Gerichts verord- net, die aus der Buͤrgerschaft erwaͤhlt und denen einige Geschworne zugegeben werden. Dieses Gericht versammelt sich taͤglich Vormit- tags, und schlichtet alle ihm vorgetragene Streitigkeiten muͤndlich, wobey jedoch ein Ta- gebuch uͤber die Klagen und Entscheidungen M 5 gefuͤhrt wird, welches woͤchentlich dem Ma- gistrat vorgelegt werden muß. Sobald eine Klage angebracht wird, zeigt das Gericht es dem Vorsteher des Stadttheils muͤndlich an, worauf der Beklagte nicht spaͤter als den Tag nach geschehener Ladung vor der Polizey er- scheinen darf. Jede Sache muß in Einem, oder wenn Erkundigungen einzuziehen sind, in dreyen Tagen entschieden werden. Die Ent- scheidung theilt das muͤndliche Gericht dem Vorsteher des Stadttheils vermittelst seines Tagebuchs mit, um sie in Erfuͤllung zu setzen. Wer mit dem gesprochenen Urtheil nicht zufrie- den ist, kann sich an die in den Verordnun- gen bestimmten Gerichtshoͤfe wenden. Polizeyordnung. 161 bis 178. Die unermeßliche Cirkulation welche der Luxus und die Beduͤrfnisse der Residenz veran- lassen, wuͤrde einer groͤßern Volksmenge die Mittel zu ihrer Existenz hergeben koͤnnen. Der zunehmende Anwachs der Stadt und die gro- ßen Unternehmungen der Regierung, die sich hier wie in einem großen Mittelpunkt vereini- gen, beschaͤftigen so viele Haͤnde als zur Ar- beit vorhanden sind, und wuͤrden mehr be- schaͤftigen koͤnnen; die leichten Erwerbmittel und der hohe Arbeitslohn lassen daher der Faulheit und dem Muͤßiggange keine Entschul- digung uͤbrig. Wirklich sieht man hier keinen Bettler , wenn man nicht etwa die kleinen Kinder hierher rechnen wollte, die den Vor- uͤbergehenden zuweilen um eine Gabe anspre- chen. Alten, mit Krankheiten behafteten Men- schen, Kruͤppeln und andern solchen Gegen- staͤnden des Ekels wird das Betteln schlechter- dings nicht gestattet. Fuͤr die wirklich Armen und zu jeder Art des Erwerbs unfaͤhigen Per- sonen ist ein wohleingerichtetes Armenhaus vor- handen, dessen naͤhere Anzeige einer der fol- genden Abschnitte enthaͤlt; fuͤr arbeitsuchen- de Fleißige und arbeitsfaͤhige Muͤßiggaͤnger aber bestehen folgende nuͤtzliche und heilsame Anstalten. Zufolge der Polizeyordnung vom Jahr 1782 sind in der Residenz Gesindemaͤkler angeordnet, bey welchen sich taͤglich zu gewis- sen Stunden sowohl dienst- und arbeitsuchende Leute, als auch Herrschaften melden koͤnnen, denen es an Gesinde fehlt. Der Maͤkler ist gehalten, den Namen, die Zeit und die For- derungen oder Antraͤge eines jeden der sich bey ihm meldet, in sein Maͤklerbuch einzutragen, in welchem auch die Dienstkontrakte aufgezeich- net werden und welches bey vorfallenden Strei- tigkeiten zum Beweise dient. Um das Publi- kum zur Benutzung dieser gemeinnuͤtzigen An- stalt aufzumuntern; ist zugleich verordnet, daß das muͤndliche Gericht und das Polizeyamt keine Klage zwischen Diensthalter und Gesinde annehmen sollen, wenn der Kontrakt nicht durch durch das Maͤklerbuch bescheinigt werden kann; Dienst- und Arbeitsleute aber, welche sich beym Maͤkler zu melden unterlassen, wer- den aus der Stadt und dem Kreise verwiesen. Das Arbeitshaus der Residenz nimmt nicht nur solche Leute auf, welche gerne arbei- ten wollen, aber keine Beschaͤftigung finden, sondern ist zum groͤßten Theil mit aufgegriffe- nen Muͤßiggaͤngern, Unfugmachern, gesunden Bettlern und Dieben angefuͤllt, welche nicht uͤber den Werth von zwanzig Rubeln gestohlen haben. Da eine solche Vereinigung der Ver- brechen mit huͤlfloser Arbeitsamkeit gegen die Grundsaͤtze einer aufgeklaͤrten Polizey ist, so war dies Institut, seiner urspruͤnglichen Be- stimmung nach, nur der letztern gewidmet. Verordnungen. Hauptst. 25. — 390. Weil sich aber von dieser Klasse, entweder aus Vorurtheil gegen die Anstalt, oder weil es, wie ich glaube, einen Ueberfluß von Er- werbmitteln giebt, nur sehr wenige Menschen einfanden, so ward dies Institut beynahe gaͤnzlich fuͤr Zwangarbeiter bestimmt. Die Oberaufsicht uͤber dasselbe fuͤhrt das Kollegium der allgemeinen Fuͤrsorge, welches daher auch die Art und das Maaß der Beschaͤftigung nach den Bestimmungen des Geschlechts, des Al- ters und der koͤrperlichen Beschaffenheit aus- theilt. Es ist auch Privatleuten erlaubt, ihr Gesinde zur Bestrafung in diese Anstalt zu schicken; doch muͤssen sie fuͤr jeden Menschen taͤglich drey Kopeken Kostgeld entrichten, wo- bey der Vortheil der Arbeit der Anstalt zu- faͤllt. Im Durchschnitt werden hier jaͤhrlich gegen achthundert Menschen aufbehalten. Ein kleines Hospital, welches mit diesem Hause verbunden ist, hatte am ersten Januar 1790, 107 Kranke beyder Geschlechter. Fuͤr Verbrecher, die nach den Gesetzen zur Arbeit verurtheilt sind, ist das Zucht- haus . Auch dieses steht unter dem Kollegi- um der allgemeinen Fuͤrsorge, welches die Strafarbeit dieser Leute dem Staat, besonders in Ruͤcksicht auf Fabriken, nuͤtzlich zu machen sucht. Den Gouvernementsverordnungen zu- folge Hptstck. 25, — 391. ist das Zuchthaus fuͤr folgende Gat- tungen von buͤrgerlichen und sittlichen Verbre- chern bestimmt; fuͤr Kinder, die ihren Eltern ungehorsam sind oder ein anhaltendes boͤses Leben fuͤhren, fuͤr Leute die ihr Vermoͤgen durchbringen, doppelt so viel Schulden auf- haͤufen als ihr Vermoͤgen betraͤgt, oder schaͤnd- licher Vergehungen gegen die Ehrbarkeit schul- dig sind, fuͤr Menschen die offenbar eine Auf- fuͤhrung annehmen welche guten Sitten und guter Polizey zuwider ist, fuͤr unnuͤtze und faule Knechte und Landstreicher, fuͤr vorsetzli- che und muthwillige Muͤßiggaͤnger und Bettler, endlich fuͤr Weibspersonen die ein schaͤndliches, freches und aͤrgerliches Leben fuͤhren. — Ver- brecher dieser Art werden entweder auf das Urtheil eines Gerichtshofes, oder auf die Bit- te der Eltern, Vorgesetzten oder Hausherren, wiewol nicht ohne Zeugniß, warum? ins Zuchthaus gesetzt. Auch hier muͤssen Privat- leute, wie im Arbeitshause, ein geringes Kostgeld bezahlen. Das maͤnnliche Geschlecht ist vom weiblichen abgesondert und jeder Zuͤcht- ling darf nur bey seinem Taufnamen genannt werden. Die Widerspenstigen kann der Ober- aufseher zur Zeit mit Ruthen, oder mit Ein- sperrung auf Wasser und Brod bestrafen. Die jaͤhrliche Anzahl der Zuͤchtlinge ist zwischen sie- ben und neunhundert. Diese Anstalten, in welchen sich die Re- sidenz, wie in einem Behaͤlter, aller faulen, unreinen und ansteckenden Theile entledigt, ste- hen in so genauer Verbindung mit den Ver- wahrungsoͤrtern der Gerechtigkeit, daß ich es am schicklichsten finde, ihrer hier sogleich zu erwaͤhnen. Das neue Stadtgefaͤngniß , welches, so viel es thunlich war, nach Howard’s Vorschlaͤgen erbaut und eingerichtet ist, besteht aus einem großen, massivgebauten, zwey Stock hohen, fuͤnfeckigen Gebaͤude. Von außen hat es keine Fenster und nur Eine eiserne Pforte; das Dach ist auf jeder der fuͤnf Ecken mit ei- ner hohen großen Kuppel versehen, die zu Magazinen bestimmt sind. Jeder Stock hat nur Eine Reihe Zimmer, und vor derselben einen Gang. Die Zimmer sind ungleich an Groͤße, aber haben voͤllig einerley Einrichtung. Ueberall sind die Fenster hoch; jeder Kerker hat einen kubischen Ofen, einen kleinen ge- mauerten Tisch und Sessel, eine eiserne Au- ßenthuͤre, und in der Thuͤrwand die Bequem- lichkeit. Auf dem freyen Platz den dies Ge- baͤude einschließt, steht ein gleichfoͤrmiges klei- neres Gefaͤngniß, welches nebst aͤhnlich einge- richteten Kerkern, auch eine Kapelle, ein Komtoir, eine Wachtstube und ein Zuͤchtigungs- zimmer enthaͤlt. — Der uͤbrigbleibende Hof- raum, dessen Breite etwa sechs Klafter ist, hat die Bestimmung den Gefangenen den Ge- nuß der freyen Luft zu verschaffen. Bis itzt steht dies Gebaͤude noch voͤllig leer. Unter Unter den uͤbrigen Gefaͤngnissen, deren uͤber- haupt nur drey sind, ist das Polizeygefaͤng- niß das merkwuͤrdigste. Dieses Haus, welches man gewoͤhnlich die Polizey nennt, weil hier ehe- mals die Kanzelley derselben war, ist seiner jetzigen Bestimmung nach, der vorzuͤglichste Verwahrungsort fuͤr alle Straffaͤllige mit de- nen es die Polizey zu thun hat. Man findet hier also ungerichtete Verbrecher aller Art, boͤ- se Schuldner, Bankerotteurs, falsche Spie- ler, Haͤndelmacher, Betruͤger, Diebe, Nacht- schwaͤrmer von allen Glaubenssekten und von allen Nationen in bunter Mannigfaltigkeit un- ter einander. Dieses Beysammenseyn einer so sonderbaren Menschengattung ist die Quelle sehr sonderbarer Wirkungen. Der Reichere erkauft sich Bequemlichkeiten vom Aermern; der Verschmitzte uͤberlistet den Einfaͤltigen; ausge- sondert von der menschlichen Gesellschaft bildet sich innerhalb dieser Mauern eine kleine Repu- blik, in welcher die beyden großen Hebel der menschlichen Thaͤtigkeit, Beduͤrfniß und Lei- denschaft, ihre Rolle so gut als ausserhalb spielen. So wucherte vor einigen Jahren ein Bewohner dieses Hauses mit den Geheimnissen Erster Theil. N eines bekannten Ordens, dessen Mitglied er war, er machte gegen sehr geringe Rezepti- onsgebuͤhren eine Menge wuͤrdiger Proselyten. Ein anderer hatte die Verguͤnstigung erhalten, seine Schlafstaͤtte durch eine Scheidewand ab- zusondern, wo er in Gesellschaft seines Be- dienten lebte, der durch die Leibeigenschaft ge- zwungen war, ihm in diesen Aufenthalt zu folgen. Hier nahm er die Ankoͤmmlinge, de- ren Mine und Anzug etwas zu versprechen schienen, freundlich auf, und lockte ihnen ihre Baarschaft entweder im Spiel oder bey einem Glase Punsch mit solcher Schlauigkeit ab, daß selten einer ohne Verlust seiner Habseligkeiten den gefaͤhrlichen Schutzwinkel verließ. — Die- ses Haus, dessen Mauern nur Laster und Verbrechen zu beherbergen scheinen, wird zu- weilen auch der Schauplatz einer schoͤnen mensch- lichen Handlung, wie sich einzelne Lichtstralen in die dunkeln Farben eines Nachtgemaͤldes mi- schen. Nicht um die Schatten zu heben, son- dern als ein kleines Denkmal fuͤr eine unbe- kannte edle That, mag folgende Anekdote hier ihren Platz finden. Ein junger Deutscher Edelmann, der sich in dieser Residenz eine Zeitlang den gewoͤhnli- chen Ausschweifungen seines Alters mit dem groͤßten Leichtsinn preis gegeben hatte, war endlich so ungluͤcklich, von seinen Glaͤubigern in die Polizey gesetzt zu werden. In dieser schrecklichen Lage, von allen seinen ehemaligen Bekannten verlassen, bleibt ihm ein Maͤdchen von der feilen Klasse treu, das einst in guten Tagen einen Antheil an seiner Boͤrse gehabt hatte. Sie folgt ihm in das Gefaͤngniß, wird bey einer schweren Krankheit seine unermuͤdete Pflegerinn, sorgt fuͤr alle seine Beduͤrfnisse, verkauft, da ihre Baarschaft nicht zureichend ist, alle ihre Habseligkeiten, und bettelt end- lich fuͤr ihren ungluͤcklichen Freund. Als diesen nach eilf Monaten der Tod aus seiner trauri- gen Lage befreyte, ließ ihn das Maͤdchen von ihrem erbettelten Gelde anstaͤndig begraben und — willigte nun erst in den laͤngst geschehenen Antrag eines wohlhabenden Mannes, durch welchen sie sich Bequemlichkeit und Vergnuͤgen verschaffen konnte, und den sie bis dahin aus dem Grunde ausgeschlagen hatte, weil sie es N 2 schaͤndlich fand, ihren ersten Liebhaber in sei- nem Ungluͤck zu verlassen. — So groß die Sicherheit in Ruͤcksicht auf oͤffentliche Gewaltthaͤtigkeiten ist, so sehr muß man gegen listige Betruͤgereyen und feine Streiche auf seiner Hut seyn. Die haͤufigen Beyspiele dieser Art machen jeden Russen ge- gen den andern wachsam, und es gelingt ih- nen daher nicht so leicht ein Betrug gegen ih- re eigene Landsleute; aber desto mehr halten sie sich an Fremden und Auslaͤndern schadlos, besonders wenn sie die Landessprache nicht ver- stehen. Die Kraͤmer und Kaufleute fordern ge- woͤhnlich drey und zuweilen auch fuͤnfmal so viel als die Waare werth ist; der Unkundige bietet die Haͤlfte, und glaubt einen guten Kauf gethan zu haben, da er doch betrogen ist. Schlechter Waare ein gutes Ansehen zu geben, im Maaß und Gewicht auf eine un- merkliche Weise zu uͤbervortheilen, die schlech- tere Waare der gekauften besseren unterzuschie- ben, alle diese und eine Menge anderer Kuͤn- ste versteht kein Kaufmann besser als der rus- sische. Da die Russen im Ganzen viel Witz und einen lebhaften Verstand haben, so sind sie zu dieser Art von Industrie vorzuͤglich auf- gelegt, und die Pickpockets von Petersburg und Moskau koͤnnen sicherlich jeden Wettstreit mit denen zu London und Paris eingehen. Vor einiger Zeit trug sich in Moskau fol- gende Geschichte zu, die dort sowol als hier Aufsehen erregte und ihrer Originalitaͤt wegen in dieser Rubrik eine Stelle verdient. Ein reicher Edelmann, der wegen seiner Liebhaberey fuͤr kostbare Steine bekannt war, trifft zufaͤlli- ger Weise in einer Gesellschaft einen Unbe- kannten an, der einen Ring von sehr großer Schoͤnheit und hohem Werth am Finger trug. Nach einer langen Unterredung uͤber den ei- gentlichen Werth desselben, bietet der Edelmann dem Besitzer eine ansehnliche Summe dafuͤr, die dieser anfangs aus dem Grunde ausschlaͤgt, weil er keine Lust habe, den Ring zu verkau- sen, endlich aber, um den fortgesetzten Zu- dringlichkeiten des Edelmanns auszuweichen, erklaͤrt, daß er ihn nicht verkaufen koͤnne, weil — die Steine nicht aͤcht seyen. Diese Erklaͤ- rung setzt alle Anwesende, unter denen sich Kenner befanden, in Erstaunen. Der Edel- mann, um seiner Sache gewiß zu werden, N 3 bittet sich den Ring auf einige Tage gegen Sicherheit aus, erhaͤlt ihn, und eilt damit zu allen Juwelirern, die ihn saͤmmtlich fuͤr aͤcht und von großem Werth erklaͤren. Mit dieser Gewißheit und der Hofnung eines guten Kaufs bringt er den Ring seinem Besitzer zuruͤck, der ihn, beym Empfange, gleichguͤltig in seine Westtasche steckt. Man faͤngt von neuem an zu handeln; der Unbekannte beharrt auf sei- nem Entschluß, bis endlich der Edelmann eine Summe bietet, die dem eigentlichen Werth ziemlich nahe kam. „Dieser Ring, erwiedert der Unbekannte, ist ein Geschenk der Freund- schaft, aber ich bin nicht reich genug, eine so große Summe auszuschlagen, als Sie dafuͤr bieten. Doch eben dieses hohe Gebot ist die Ursache meiner Unentschluͤssigkeit. Wie koͤnnen Sie, wenn Sie Sich dessen voͤllig bewußt sind, was Sie thun, so viel Geld fuͤr einen Ring geben, von welchem der Besitzer selbst eingesteht, daß er unaͤcht sey?“ — Wenn Ihr Entschluß nur davon abhaͤngt, versetzt der Kaͤufer, so empfangen Sie hier sogleich die Summe (er legte sie in Banknoten auf den Tisch) und ich nehme die Herren, die hier zugegen sind, zu Zeugen, daß ich sie freywil- lig und mit Ueberlegung zahle. — Der Ver- kaͤufer nahm das Geld und uͤbergab dem Edel- mann den Ring, mit der abermaligen Erklaͤ- rung, daß er unaͤcht sey, und daß es noch Zeit waͤre, den Handel unguͤltig zu machen. Die- ser beharrte auf seinem Entschluß, eilte voller Freude nach Hause, und fand — was meine Leser schon errathen haben — daß der Unbe- kannte nur zu wahr gesagt hatte. Statt des aͤchten Ringes hatte er einen falschen von der hoͤchsten Aehnlichkeit mit jenem erhalten. Die Sache ward gerichtlich; da aber der Verkaͤu- fer bewies, daß in dem ganzen Handel von aͤchten Steinen gar nicht die Rede gewesen sey; daß der Kaͤufer ausdruͤcklich nur auf einen fal- schen Ring geboten, und er hinwiederum auch nur einen falschen Ring verkauft habe: so muß- ten die Richter zum Vortheil des letztern sprechen. Man versteht sich hier so gut wie in Pa- ris darauf, Lebensmittel zu verfaͤlschen und ihnen ein besseres Ansehn zu geben. Alltaͤgli- che Betruͤgereyen dieser Art tragen sich uͤberall zu; aber wenn man Huͤhner sieht, die wohl- N 4 gemaͤstet scheinen, weil sie mit Luft angefuͤllt sind, oder Spargel, die ihres eßbaren Theils beraubt, zugespitzt und gefaͤrbt sind; so wird man dies doch nicht alltaͤglich nennen. Eine Dame, die erst seit kurzem aus Deutsch- land gekommen war, und von ihren hiesigen Bekannten vieles von dergleichen listigen Be- truͤgereyen gehoͤrt hatte, faßte den Vorsatz, bey jedem Handel die aͤußerste Vorsicht zu ge- brauchen, um die allgemeine Meynung zu wi- derlegen, daß jeder Fremde ein kleines Lehr- geld bezahlen muͤsse. Mehrere Tage gieng es gut; einsmals aber tritt ein Rasnoschtschick ins Zimmer, und bietet ihr ein Pfund Thee, den letzten Rest seines Verkaufs, an. Sie waͤgt die Waare, und findet das Gewicht rich- tig; sie versucht eine Probe, der Thee war unverfaͤlscht und wohlschmeckend; sie schuͤttet den ganzen Vorrath aus, auch hier war kein Betrug zu merken. Sie fraͤgt nach dem Preise, und bietet ein Drittheil des Geforderten; der Verkaͤufer ist natuͤrlich mit diesem Gebot nicht zufrieden, schuͤttet seinen Thee wieder in die Buͤchse, wickelt ein Tuch um dieselbe, und steckt sie in den Busen. Endlich wird der Han- del geschlossen und die Waare ausgeliefert. Tuch und Buͤchse waren die naͤmlichen; indes- sen, Vorsicht schadet nicht; die Dame oͤffnet die Buͤchse und findet den gekauften Thee. Sie schließt ihn ein, zur großen Belustigung des Verkaͤufers, der unterdessen uͤber ihre aͤngst- liche Behutsamkeit gelacht und sie gefragt hatte, woher sie denn eine so gar uͤble Meynung von seiner Ehrlichkeit habe. Das Geld wird be- zahlt, der Rasnoschtschik entfernt sich — und Tags darauf findet man die Buͤchse voll Sand und Graus, die Oberflaͤche ausgenommen, die freylich mit Thee bedeckt war. Dinge dieser Art sind uͤbrigens in allen großen Staͤdten zu Hause, wo die starke Be- voͤlkerung jede Entdeckung schwieriger macht, und der Abstand und die Verschiedenheit der Gluͤcksumstaͤnde die Leidenschaften weckt und den menschlichen Geist zur Industrie aller Art reizt. Die hoͤchste Kultur und Verfeinerung so wie die hoͤchste Sittenlosigkeit und Verderb- niß, muß man nur in Stadten vom ersten Range suchen. Die Mittel gegen diese Uebel sind nicht in den Haͤnden der Polizey; keine menschliche Erfindung wird eine Wirkung ver- N 5 hindern koͤnnen, wo eine natuͤrliche Ursache ist; und diese zu heben, muͤßten wir dem Vorschlage der Philosophen folgen, die das Menschenge- schlecht in Waͤlder und Gebirge verweisen, wo die hoͤchste Unverdorbenheit neben der hoͤchsten Brutalitaͤt wohnt. — Die oͤffentliche Sicherheit wird nicht nur durch Gewalt und Betrug der Menschen be- faͤhrdet; auch die Natur scheint sich zuweilen gegen dieselbe verschworen zu haben. Die Re- sultate der großen, ewigen und wohlthaͤtigen Gesetze, nach welchen sie auf das Ganze wirkt, sind nichts destoweniger sehr oft zerstoͤrend fuͤr das Einzelne; und der Mensch ist, seiner un- entraͤthselten Bestimmung nach, gezwungen, sich gegen eben die Natur wie gegen einen Meuchelmoͤrder zu bewaffnen, aus deren Haͤn- den er sein Daseyn, seine Erhaltung und sei- nen Genuß empfaͤngt. Die natuͤrlichen und zufaͤlligen Verletzungen der oͤf- fentlichen Sicherheit sind daher nicht minder ein wichtiger Gegenstand der Polizey. Ein genaues Detail aller einzelnen Anstalten zu diesem Zweck wuͤrde außerhalb den Grenzen dieses Buches liegen; folgende aus dem Gan- zen herausgehobene Zuͤge werden zur Karakte- ristik dieses Theils der hiesigen Polizeyverfas- sung hinlaͤnglich seyn. St. Petersburg ist wegen seiner Lage an der Muͤndung eines großen schiffbaren Stro- mes sehr oft Ueberschwemmungen aus- gesetzt. Bey anhaltendem Westwinde steigt das Wasser bis und uͤber zehn Fuß uͤber die Mit- telhoͤhe desselben. Mit fuͤnf Fuß uͤberschwemmt es nur die westlichsten Gegenden der Stadt, an den Stellen, wo die Newa kein Bollwerk hat; aber bey einer Wasserhoͤhe von zehn Fuß bleibt nur der oͤstlichste Theil von einer allge- meinen Ueberschwemmung verschont. Im Jahr 1777 am 10. September, Vormittags 10 Uhr war das Wasser bis auf 10 Fuß 7 Zoll uͤber seinen Mittelstand gestiegen, und ob es gleich zwey Stunden nachher schon wieder in seinen Ufern war, so hatte diese kurze Ueberschwem- mung doch außerordentliche Wirkungen. Ein luͤbeckisches Schiff ward in den Wald von Wassili Ostrow getrieben, viele hoͤlzerne Haͤuser waren verschoben und mehrere Menschen hat- ten waͤhrend der Dunkelheit der Nacht ihr Leben verloren. Seit dieser merkwuͤrdigen Ueberschwem- mung hat man Vorsichts- und Warnungsan- stalten gegen aͤhnliche Faͤlle getroffen. Schon viele Jahre hindurch war der Wasserstand an der Festung bemerkt worden. Jezt verordnete die Admiralitaͤt Signale zur Wachsamkeit bey steigendem Wasser. Wenn dieses in der Muͤn- dung der großen Newa uͤber seine Ufer hin- austritt, so geschehen daselbst drey Schuͤsse, die bey steigender Gefahr wiederholt werden. Innerhalb der Stadt werden in diesem Fall fuͤnf Kanonen von dem Admiralitaͤtswall ge- loͤset, und auf dem Thurm derselben bey Tage vier weisse Fahnen, bey Nacht aber vier La- ternen ausgehaͤngt; zugleich werden die Glo- cken langsam gelaͤutet. An den Stellen, die der Ueberschwemmung am meisten ausgesetzt sind, werden Fahrzeuge zur Rettung der Men- schen in Bereitschaft gehalten. — Diese An- stalten, der zunehmende Anbau und die Erhoͤ- hung der meisten Gegenden, die Einfassungen und Bollwerke der Newa, und die Vergroͤße- rung des Wasserspiegels durch die Kanaͤle ma- chen den Cinwohnern von Petersburg die west- lichen Stuͤrme immer weniger fuͤrchterlich, so daß man bey einem Anwachs von fuͤnf Fuß uͤber die Mittelhoͤhe wenig oder gar keine Be- sorgniß aͤußert. Auch die Gefahr der Fenerverwuͤstun- gen ist nicht mehr so groß als ehedem, da die Zahl der hoͤlzernen Haͤuser sich vermindert und die Einrichtungen zur Loͤschung und Rettung besser und vollkommner sind. Die Polizey be- soldet zu diesem Behuf zehn Brandmeister und 1622 Menschen, die bloß zu dieser Absicht ge- braucht werden. Man hoͤrt jezt uͤberhaupt selten von Ungluͤcksfaͤllen dieser Art; am haͤu- figsten tragen sie sich noch in den entlegenen, mit Holz bebauten Stadttheilen zu. Waͤhrend der letzten sechs Jahre ist in den bessern Ge- genden nie mehr als Ein Haus niedergebrannt, aber auch diese waren groͤßtentheils von Holz. Bey einem der letztern Vorfaͤlle, dem ich selbst beywohnte, ward ein dicht daneben stehendes kleines hoͤlzernes Haͤus so vollkommen gerettet, daß es auch nicht die mindeste Beschaͤdigung erlitt. — Mit der kaiserlichen Leihbank ist eine Assekuranzanstalt fuͤr Feuerschaͤden verbun- den, in welcher man von drey Vierteln des taxirten Werths der Haͤuser und Fabriken jaͤhr- lich anderthalb vom Hundert bezahlt. Das schnelle Fahren auf den Gassen ist zwar verboten, allein wegen unzaͤhliger Schwierigkeiten ist es nicht gut moͤglich, dem- selben voͤllig Einhalt zu thun; auch ist es, aus folgenden Ursachen, nirgend weniger gefaͤhrlich als hier. Alle Straßen in Petersburg haben durchgehends eine betraͤchtliche Breite; ihre gerade Richtung setzt die Kutscher in den Stand, jedes Hinderniß in großer Entfernung zu sehen; in vielen Gassen sichern die bequemen Trot- toirs die Fußgaͤnger fuͤr jede Gefahr. Ueber- dem sind die Russen uͤberaus gute Kutscher, und da sie fuͤr jedes durch ihre Schuld verur- sachte Ungluͤck verantwortlich werden, so rufen sie den Fußgaͤngern nicht nur in der Entfer- nung zu, sondern beugen ihnen sogar im Noth- fall aus. Die Art dieses Zurufs ist fast jedes- mal bezeichnend, z. B. „Alter! Muͤtterchen! Soldat! Fischtraͤger!“ Nicht nur hier, son- dern in ganz Rußland ist die Sitte allgemein, im Fahren bestaͤndig die rechte Hand zu hal- ten, daher das unaufhoͤrliche Geschrey auf den Gassen: „na prawa!“ d. i. rechts. Wer ge- gen diese Sitte fehlt, ist in Gefahr, auf der Stelle uͤbel behandelt, oder wenigstens tuͤchtig ausgeschimpft zu werden. Bey allen Gelegenheiten, wo viele Men- schen oder Equipagen sich versammeln, sind Polizeybeamte gegenwaͤrtig, die mit Huͤlfe rei- tender Soldaten oder Kasacken eine solche Ord- nung erhalten, daß man selten oder niemals von Ungluͤcksfaͤllen und Beschaͤdigungen hoͤrt. Bey den Schauspielhaͤusern, bey Hofe, bey den Klubben, vorzuͤglich aber bey Hofsbelusti- gungen und bey den Promenaden, die das Publikum an gewissen Tagen nach den nahe- gelegenen Vergnuͤgungsoͤrtern macht, finden sich oft mehrere tausend Wagen und eine unzaͤhlige Menge Fußgaͤnger ein, wobey die erstern in ihrer vorgeschriebenen, genau bewachten Ord- nung fortfahren, und die letztern ohne die mindeste Gefahr, selbst fuͤr den berauschten Poͤbel gegenwaͤrtig seyn koͤnnen. Man muͤßte wirklich aͤußerst partheyisch seyn, wenn man diese, von jedem Fremden bewunderte Vorsicht und Wachsamkeit nicht anerkennen wollte. Bey jedem Gastmal in der Stadt, bey jeder Ge- legenheit, wo die Zahl der Equipagen einiger- maͤßen anwaͤchst, finden sich sogleich Polizey- bediente ein, um Ordnung zu halten und Un- gluͤck zu verhuͤten. Auf den Bruͤcken uͤber die Newa sind stets einige derselben gegenwaͤrtig, weil hier das Gedraͤnge vorzuͤglich groß ist. Eben diese Sorgfalt wird auch bey gefaͤhrlichen Geruͤsten, beym Bauen und bey Volksvergnuͤ- gungen angewendet. Die Eisberge, die Schau- keln und andere Nationalspiele wuͤrden gewiß jedesmal das Leben mehrerer Menschen kosten, wenn diese guten Anstalten nicht waͤren, durch welche dennoch nicht allemal Ungluͤck verhuͤtet werden kann, daher die Regierung sie auch allmaͤlig einzuschraͤnken und abzuschaffen sucht. Da das Zufrieren und Aufgehen der Newa der oͤffentlichen Sicherheit gefaͤhrlich werden kann, so sind auch hier die noͤthigen War- nungsanstalten nicht vergessen. Die Auf- und Abfahrten werden, sobald das Eis locker wird, abgebrochen, und das Publikum durch an den Ufern angeschlagene Zettel gewarnt. Ueberdem sind um diese Zeit bestaͤndig Polizeysoldaten gegenwaͤrtig, welche den tollkuͤhnen, oft um eine Kleinigkeit sein Leben wagenden Poͤbel zu- ruͤckhalten muͤssen. Ich war einsmals Zeuge, wie wie ein solcher Mensch mit der aͤußersten Ge- fahr uͤber das lockere, schwarzgraue, zum Theil schon losgebrochene Eis gieng, indem er ein bey sich habendes Brett uͤber seinen Weg legte, und wenn er bis zum Ende desselben gekom- men war, behutsam auf das Eis trat, und sich alsdann aufs neue ein Stuͤckchen sichern Weges bahnte. Auf diese Weise war er bis nahe an das gegenuͤber stehende Ufer gelangt, als er auf demselben einen Polizeybeamten ansichtig ward, der ihn mit seinem Stock zu bewillkom- men drohte. Die Furcht fuͤr diese kleine Zuͤch- tigung uͤberwog die Furcht fuͤr sein Leben; er vergaß seine ebengebrauchte Vorsicht, sein Brett und seine Gefahr; eilte so schnell er konnte, zuruͤck, und kam gluͤcklich am andern Ufer an. Die Austheilung der Arzney in den Apo- theken, und die Versendung derselben durch unvorsichtige oder boshafte Bediente kann so leicht zu den schrecklichsten Ungluͤcksfaͤllen oder Verbrechen Anlaß geben, daß man hier des- wegen besondere Vorsichtsanstalten eingefuͤhrt hat. Jedes Rezept muß nicht nur mit dem Namen des Arztes, sondern auch des Kranken fuͤr welchen es verschrieben wird, und mit der Erster Theil. O Angabe des Tages versehen seyn. Der Medi- zin wird eine Etikette beygefuͤgt, auf welcher, außer diesen Angaben, auch der Preis und der Name des Apothekers und der Apotheke ange- zeigt sind. Die beste Einrichtung aber ist diese, daß jede, auch die gleichguͤltigste Arzney ver- siegelt seyn muß. — Alle Aerzte, Wundaͤrzte und Hebammen, die im russischen Reich ihre Wissenschaft oder Kunst ausuͤben wollen, sind der Pruͤfung des medizinischen Kollegiums un- terworfen, welches ihnen, auf vorhergegangene Untersuchung, diese Erlaubniß ertheilt, und alsdann durch die Zeitungen bekannt machen laͤßt. Die Anstalten und Gesetze zur Verhuͤ- tung gefaͤhrlicher und ansteckender Krankheiten, die Aufsicht uͤber verdorbene Lebensmittel und eine Menge Anordnungen dieser Art, treffen mit denen in andern Laͤndern so sehr zusam- men, daß ich fuͤrchten muͤßte, bekannte oder alltaͤgliche Dinge zu sagen, wenn ich den gan- zen Vorrath von Nachrichten und Bemerkun- gen erschoͤpfen wollte, der mir uͤber diese Ge- genstaͤnde zur Hand liegt. — Ich beschließe daher diese Rubrik mit der Anzeige einer der wichtigsten und interessantesten, zur allgemeinen Polizeyverfassung gehoͤrigen Einrichtungen. Meine Leser werden sich erinnern, daß die Bekanntmachung und Vollstreckung der obrig- keitlichen Befehle, nach der oben mitgetheilten Instruktion, eine der wesentlichsten Pflichten des Polizeyamts ist. Die Ausuͤbung derselben hat durch die jetztregierende Kaiserinn folgende merkwuͤrdige Form bekommen Polizeyordnung. 51. 52. . Wenn ein von der Alleinherrschenden Macht ausgegebe- nes und von Kaiserlicher Majestaͤt eigenhaͤndig unterschriebenes Gesetz, oder eine von den dazu befugten Stellen gegebene Verordnung dem Polizeyamt zugesandt wird, so soll dieses in besonders dazu bestimmte Buͤcher einzeichnen, wann, woher und wie es dieses Gesetz erhal- ten habe. Ist es zur Bekanntmachung zuge- sandt, so soll man den Kronsanwald des Po- lizeyamts rufen und seine Rechtsmeynung ver- langen; zeigt sich alsdann irgend ein Zweifel, so soll man deshalb gehoͤrigen Orts Vorstel- lung thun; findet sich aber kein Zweifel, so O 2 wird ein Schluß wegen der Publikation ge- macht, das Gesetz erst in der Versammlung der Glieder des Polizeyamts, dann bey offnen Thuͤren den Vorstehern der Stadttheile und den Quartieraufsehern vorgelesen, und hierauf die Bekanntmachung verrichtet. — Die oben beschriebene Organisation der Polizey macht die groͤßte Schnelligkeit der Verbreitung moͤglich. Alle Befehle und Verordnungen werden in den verschiedenen Quartieren an den Wacht- haͤusern angeschlagen. Die in diesem Abschnitt angefuͤhrten That- sachen werden wahrscheinlich hinreichend seyn, ein Bild von dem Zustande der hiesigen Poli- zeyverfassung zu geben, und den Geist zu be- zeichnen, der in den Stiftungen lebt, die ihr Daseyn Katharina der Zweyten zu danken ha- ben. Wenn die Schilderung der Beduͤrfnisse einer großen und merkwuͤrdigen Stadt meinen Lesern keine Langeweile gemacht hat, so darf ich ihnen bey dem Gemaͤlde der Bequemlich- keiten und des Luxus derselben um so eher einige Unterhaltung versprechen. Sechster Abschnitt. Oeffentliche Bequemlichkeit . Pflaster. Unterirdische Reinigungskanäle. Trottoirs. Er- leuchtung. Straßenöfen. Droschken und Schlitten, statt der Fiakres. Wasserkommunikationen. Diligen- cen für die umliegende Gegend. — Bequemlichkeiten für Fremde. Mängel der Gasthöfe, durch die Gast- freyheit aufgewogen. Bedürfnisse und Kosten eines bestimmten Aufenthalts für Fremde. Möblirte Zim- mer. — Garküchen. Trakteurs. Chartschewni. Speisetische auf den Gassen für den Pöbel. — Märkte für Bedürfniß und Luxus. Gostinnoi Dwor. Englische, französische und andre Magazine. Markt in der Jämskoi für fertige Equipagen. Markt in Newski für gemeine Bedürfnisse. Kramläden, Law- ken. — Privateinrichtungen für die öffentliche Be- quemlichkeit. Podrjätschiki, Unternehmer. Artels, geschlossene Gesellschaften von Arbeitern. Dworniki, Thorhüter. F uͤr die Gegenstaͤnde der oͤffentlichen Be - quemlichkeit ist nach Verhaͤltniß aller Lokalum- staͤnde so gut gesorgt, daß St. Petersburg in O 3 dieser Ruͤcksicht bey der Vergleichung mit den mehresten großen Staͤdten in Europa eher ge- winnen als verlieren wird. Das Studium der Polizey, und dieser Rubrik insbesondere, ist noch so neu, und die Ausfuͤhrung ihrer Grundsaͤtze so abhaͤngig von der Erfahrung und von dem lokalen und individuellen Zustan- de eines Orts, daß uͤberhaupt noch sehr wenig Großes und nichts durchaus Vollkommnes in dieser Gattung menschlicher Bestrebungen ge- leistet ist. Der raisonnirende Beobachter, der den ganzen Umfang dieses Gegenstandes kennt, und die Ausfuͤhrung desselben nicht nur nach der Groͤße des Ideals, sondern auch nach den Schwierigkeiten mißt, die der Wirklichkeit im Wege stehen, wird im Ganzen und Einzelnen mehr Vollendetes finden, als er nach diesem Maaßstabe zu erwarten berechtiget war. Das Pflaster der Residenz ist, aus mehreren Ursachen, nicht so gut, als es fuͤr den Glanz einer praͤchtigen Kaiserstadt und fuͤr die Bequemlichkeit des Publikums zu wuͤnschen waͤre. Wenn es uͤberall in den Plan dieses Werks paßte, nicht nur das wie? sondern auch das warum? jedes einzelnen Dinges zu unter- suchen, so wuͤrde ich den weichen morastigen Boden als eine Hauptursache dieses Uebelstan- des anfuͤhren. Das unaufhoͤrliche und schnelle Fahren in den bessern Gegenden, und die Nach- laͤssigkeit der Pflasterer sind freylich auch Schuld; aber dem erstern Umstande ist auf keine schick- liche Weise abzuhelfen, und der Nachtheil des letztern faͤllt auf die Hauseigenthuͤmer zuruͤck, weil sie gezwungen sind, ihr schlechtes Pflaster desto oͤfter verbessern zu lassen. Die Methode des hiesigen Pflasterns ist diese. Man legt gewoͤhnlich die groͤßern Steine in die Form eines Vierecks, fuͤllt dieses mit kleinern Stei- nen aus und stampft sie nur leicht in den Bo- den. In die Zwischenraͤume stopft man Zie- gelscherben, und das Ganze wird so stark mit Gries uͤberschuͤttet, daß es eher einer Chaussee, als einem Gassenpflaster aͤhnlich sieht. So lange es neu ist, faͤhrt sichs sehr sanft darauf; aber der Regen und das unaufhoͤrliche Rollen der Wagen und Karren verdirbt es sehr bald. Der viele Sand macht die Gassen im Fruͤh- jahr und Herbst so kothig, daß es Fußgaͤngern schlechterdings unmoͤglich ist, gut gekleidet zu gehn, und verursacht im Sommer einen un- O 4 ausstehlichen, und wegen der Ziegelscherben, der Gesundheit nachtheiligen Staub. Selten werden die Gassen gereinigt; denn nur im Fruͤhjahr, wenn der Schnee schmilzt, laͤßt man den Koth in große Haufen zusammenkehren, die aber, wie ich bemerkt habe, nicht allemal weggefuͤhrt werden, und den Staub bey trock- ner Witterung vermehren helfen. — Eine Aus- nahme von dieser Schilderung machen die oͤf- fentlichen Plaͤtze, die zum Theil vortrefflich gepflastert sind. Unter der jetzigen Regierung hat man eine große und kostbare Unternehmung ange- fangen, um die Reinigung der Straßen zu erleichtern. In den besten Gegenden der Stadt sind die Gassen mit gemauerten Kanaͤ- len versehen, die etwa zwey Fuß unter dem Pflaster mit einer sanften Neigung in die Ne- wa fuͤhren. Der Koth fließt durch Oefnungen ab, die mit eisernen Rosten belegt sind. We- gen des sanften Abhangs der Kanaͤle bleibt der Schlamm in denselben zuruͤck, daher sie ein Jahr um das andere gereinigt werden muͤssen. Im Newaufer sind Gitter angebracht, die den groͤbern Unrath zuruͤckhalten. Diese gemeinnuͤtzige Anstalt leistet auch bey Ueber- schwemmungen Nutzen, da das Wasser schnel- ler ablaufen kann. Es giebt viele Gassen, in denen Trot- toirs vorhanden sind; aber nur sehr wenige erreichen ihre Bestimmung, den Fußgaͤngern einen trocknen und gefahrlosen Weg zu sichern. Fast jedes Haus hat einen Thorweg ( porte cochere ) wodurch das Trottoir unterbrochen wird, und Kellerbuden (Lawken) die gewoͤhnlich mit Treppen versehen sind. In der Newski- schen Perspektivgasse ist diese Unbequemlichkeit dadurch vermieden, daß die Trottoirs zu bey- den Seiten in einiger Entfernung von den Haͤu- sern angebracht sind, welches hier wegen der außerordentlichen Breite der Gasse moͤglich war; aber der Fußweg ist nur so wenig uͤber dem Pflaster erhoͤht, daß er bey kothigem Wetter keinen Vortheil gewaͤhrt. So wenig indessen diese Anstalten ihrer Bestimmung ent- sprechen, so ganz vorzuͤglich erfuͤllen sie die Trottoirs an der Newa und den Kanaͤlen, deren Beschreibung im ersten Abschnitt vorge- kommen ist. — Trotz aller dieser Vortheile haben es die Fußgaͤnger doch immer sehr uͤbel; O 5 ein Nachtheil, der, London ausgenommen, allen großen Staͤdten eigen ist. Die Erleuchtung der Gassen ist in den bessern Gegenden gut, in den entferntern Stadt- theilen aber nur mittelmaͤßig. Dies beweis’t schon die geringe Anzahl der Laternen, deren uͤberall nur 3500 sind. Sie haben eine kugel- runde Form und werden von hoͤlzernen Saͤu- len getragen. Die Erleuchtung kostet der Stadt- kasse jaͤhrlich 17,000 Rubel. Eine ganz besondere und hoͤchst eigenthuͤm- liche Einrichtung in dieser Residenz sind die Straßenoͤfen , die hier nicht nur wegen dieser Eigenthuͤmlichkeit, sondern auch wegen ihres menschenfreundlichen, auf das Beduͤrfniß der aͤrmsten und niedrigsten Volksklasse berech- neten Zwecks, eine kurze Schilderung verdie- nen. Ein solcher Ofen besteht eigentlich aus einem mit Granitgelaͤndern umgebenen Platz, der zuweilen mit Baͤnken, jederzeit aber mit einem auf eisernen Stangen ruhendem Dach versehen ist, und in dessen Mitte ein großes Feuer angezuͤndet wird, an welchem sich zwan- zig bis dreyßig Menschen bequem waͤrmen koͤn- nen. Auf allen großen Plaͤtzen, wo sich viele Equipagen versammeln und die Kutscher und Bedienten mehrere Stunden hindurch der Kaͤlte ausgesetzt sind, hat man solche Feuerbehaͤlter angebracht. Da sie saͤmmtlich aus Granit er- baut sind und eiserne bemalte Daͤcher haben, so dienen sie auch zur Verschoͤnerung der Plaͤtze auf welchen sie stehen. In allen großen Staͤdten von Europa giebt es Fiakre s oder Lehnkutschen, die be- staͤndig auf den Straßen halten und fuͤr ein- zelne Wege gemiethet werden koͤnnen. Hier, wo die Weitlaͤuftigkeit der Stadt, das Klima und das Pflaster eine solche Einrichtung dop- pelt nothwendig machen, fehlt sie bis izt. Statt bedeckter zwey- oder viersitziger Wagen halten Iswoschtschiki (die allgemeine Benennung fuͤr Fuhrleute, Kutscher, Fiakres, Postillions, Kaͤrrner) auf den Straßen, die im Sommer mit Droschken, und im Winter mit Schlitten fahren. Die Droschka besteht aus einer ge- polsterten Bank auf vier Raͤdern, und hat, nach den Launen eines jeden, sehr mannigfal- tige Formen. So sieht man z. B. einige mit Lehnen, die entweder nur auf einer Seite oder auf beyden dergestalt angebracht sind, daß Eine der darauf sitzenden Personen rechts und die Andere links sieht; mehrere haben Fußtritte und Kothfluͤgel; noch andere sind mit einem Himmel bedeckt, u. s. w. Die oͤffentlichen, zum Dienst des Publikums bestimmten Droschken haben die oben beschriebene einfachste Form; sind aber großentheils sehr sauber und leicht gearbeitet und uͤberaus bunt bemalt. Auf einer solchen koͤnnen hoͤchstens zwey Personen, außer dem Iswoschtschik, ziemlich unbequem sitzen. Ihr groͤßter Vortheil ist die außerordentliche Leichtigkeit des Fuhrwerks, aber dieser wiegt die Maͤngel und Unbequemlichkeiten nicht auf. Da sie keine Bedeckung und oft auch keine Kothfluͤgel haben, so ist man der Witterung und dem Gassenkoth voͤllig preis gegeben. Der Mangel einer Lehne, und die Erschuͤtterung die man im Fahren empfindet, und die den Droschken ihren Namen gegeben hat, kann eine Spazierfahrt auf denselben sehr zutraͤglich fuͤr die Gesundheit machen; aber fuͤr Leute, die dies Fuhrwerk nicht als Kur benutzen wol- len, ist die Bewegung peinlich. Zu allen die- sen Unannehmlichkeiten gesellt sich die haͤßliche Nachbarschaft des Iswoschtschiks, die, beson- ders in Fastenzeiten, der Nase sehr beschwer- lich wird. — Die Lehnschlitten sind nicht viel bequemer; aber die Schnelligkeit mit wel- cher man die weitesten Wege zuruͤcklegen kann, und der geringe Preis dieses Fuhrwerks, sind uͤberwiegende Vorzuͤge. Um die Zeit der ersten Schlittenbahn finden sich eine große Menge Bauern aus den umliegenden Gegenden ein, die den Winter uͤber als Iswoschtschiks Geld verdienen, und wegen der schlechtern Beschaf- fenheit ihrer Pferde und Schlitten unter dem Zunamen Iwannuschka (Johannchen) be- kannt sind. Die Anzahl aller Lehnschlitten, die in der Stadt auf den Gassen halten, soll uͤber 3,000 betragen. — In den besuchtern Ge- genden findet man schoͤne Rennschlitten mit starken Laͤufern; es giebt unter diesen welche die vierzehn bis funfzehnhundert Rubel kosten. Das schnelle Fahren gehoͤrt zu den vorzuͤglich- sten Winterbelustigungen der Russen. Fast taͤg- lich sieht man in den laͤngsten und breitesten Gassen Wettrennen von zwey bis sechs und mehreren Schlitten. Wer nicht Augenzeuge gewesen ist, kann sich schwerlich einen Begriff von der Schnelligkeit machen, mit welcher man hier uͤber den spiegelblanken, gefrornen Schnee hingleitet. Auch die Geschicklichkeit der Is- woschtschiks setzt jeden Fremden in Erstaunen. In den lebhaftesten Gassen durchkreuzen sich eine ungeheure Menge Schlitten, fast alle fah- ren sehr schnell, und doch geschieht seiten ein Ungluͤck. Jeder muß im Fahren die rechte Seite halten, da die meisten Gassen aber sehr breit sind, so hindert dies niemand, so geschwinde zu fahren, als es ihm beliebt. Der Preis dieser Lehnschlitten ist sehr verschieden, da sie keiner Taxe unterworfen sind; der naͤmliche Weg, den man einem Iwannuschka mit fuͤnf Kopeken bezahlt, wuͤrde mit einem Rennschlit- ten anderthalb bis zwey Rubel kosten. Jeder Iswoschtschik traͤgt ein Stuͤck Blech auf dem Ruͤcken, worauf der Stadttheil in welchem er steht und seine Nummer bezeichnet sind. Da die Bruͤcken uͤber die Newa und die Kanaͤle fuͤr die Kommunikation der verschiede- denen Stadttheile nicht hinreichen, so hat man an mehreren Orten Ueberfahrten errichtet, bey welchen bestaͤndig Schaluppen in Bereitschaft sind, die einen einzelnen Menschen fuͤr einen bis zwey Kopeken aufnehmen. Im Herbst und Fruͤhlinge, wenn die Schiffbruͤcken auseinander genommen werden, wimmelt es auf der Rewa von kleinern und groͤßern Fahrzeugen. Um mit einigem Anstande zu fahren, miethet man eine Schaluppe fuͤr sich oder seine Gesellschaft; wer aber darauf ausgeht, Beobachtungen zu machen, und hin und wieder Zuͤge aus dem Karakter der untern Volksklassen zu sammeln, kann zuweilen in der gemischten und zahlreichen Gesellschaft einer großen Schaluppe reichhalti- gen Stoff dazu finden. Die außerordentliche Weitlaͤuftigkeit der Stadt macht alle diese Kommunikationen noth- wendig. Da nicht leicht ein Ort in Europa mehr große Plaͤtze, breitere Gassen und zahl- reichere Luͤcken enthaͤlt, so ist es natuͤrlich, daß man hier zerstreuter wohnt, als anderswo. Es ist etwas sehr alltaͤgliches, daß man einen Freund besucht, dessen Wohnung uͤber eine deutsche Meile entfernt ist; und es traͤgt sich daher auch nicht selten zu, daß man diese Reisen auf eine sehr abwechselnde Art zuruͤcklegt. So geht man zuweilen eine Strecke zu Fuß, bis man an den Fluß koͤmmt; hier kann man sich den Weg sehr verkuͤrzen, wenn man eine Scha- luppe miethet, und den Rest der Reise setzt man sich vielleicht auf eine Droschka. Alle diese Huͤlfsmittel sind jedoch, wie sichs von selbst ver- steht, nicht im bon Ton; Leute die zu dieser Klasse gehoͤren, halten Equipage, und ihnen sind daher alle hier genannten oͤffentlichen Be- quemlichkeiten entbehrlich. Um auf eine wohlfeile Art in die umliegen- den Gegenden zu kommen, giebt es mehrere Anstalten. Nach Kronstadt, Peterhof und Zarskoje Selo gehen taͤglich Posten und Dili- gencen, wenn der Hof an den beyden letztern Orten ist. Man fuͤhlt hier uͤbrigens das Be- duͤrfniß fahrender Posten nicht sehr, da das Postgeld sehr geringe ist (jedes Pferd kostet auf die Werst zwey Kopeken) und da man fast nicht anders als auf Vorspannpaͤße, oder mit Extra- post, reis s t. Die Lage von St. Petersburg, in einem der noͤrdlichsten Theile von Europa, ist die na- tuͤrliche Ursache, daß sich hier nicht ein solcher Zusammenfluß von Reisenden findet, als in den großen Staͤdten in Deutschland, Frankreich und andern Laͤndern. Durchreisende sieht man fast gar nicht; wer hierher koͤmmt, hat hier fast immer immer den Bestimmungsort seiner Reise. Fuͤr die bloße Befriedigung der Wißbegierde liegt Petersburg mit allen seinen Merkwuͤrdigkeiten zu weit von dem Mittelpunkt des kultivirten Europa. Die mehresten Reisenden haben die Absicht, diese Residenz zu ihrem Aufenthalt zu waͤhlen, und halten sich daher nur kurze Zeit in Gasthoͤfen auf. Eigentliche Fremde wenden sich an ihre Adressen oder Bekannt- schaften, und miethen sich auch oft in Buͤr- gerhaͤuser ein. Hierinn liegt der Grund, wes- wegen die hiesigen Gasthoͤfe in Einrichtung, Bequemlichkeit und Vollkommeit noch so weit hinter denen in andern Laͤndern zuruͤckstehen. In den bessern Stadtthellen giebt es zwar einige große Hotels, in welchen man geraͤu- mige moͤblirte Zimmer, eine Table d’ Hote und andere Bequemlichkeiten, z. B. Mieth- equipage, Lohnlakeyen, und dergleichen, fin- det; aber sie halten dennoch keinen Vergleich mit den Gasthoͤfen der zweyten Klasse in Pa- ris, Berlin, und Frankfurt aus. Die Zim- mer und Moͤbels sind hoͤchstens mittelmaͤßig; der Tisch einfach, und an der Table d’ Hote oft nicht zureichend; Aufwaͤrter fuͤr die Bedie- Erster Theil. P nung der Fremden findet man nirgend; Jeder- mann sieht sich gezwungen, sogleich einen Lohn- lakay zu miethen, weil er ohne diesen kein Glas Wasser erhalten wuͤrde, und seine Schu- he selbst putzen muͤßte. Um billig zu seyn, muß man, außer den angefuͤhrten Ursachen, noch zur Entschuldi- gung der schlechten Tafel bemerken, daß hier die Gasthoͤfe nicht, wie in Deutschland und Frankreich, von den Eingebornen zugleich als Speisehaͤuser benutzt werden. Fast jeder Pe- tersburger der keine eigne Kuͤche haͤlt, ist Mitglied von einer oder mehreren Klubben, wo er fuͤr sehr maͤßige Bezahlung einen aus- gesuchten Tisch findet und in einem selbstge- waͤhlten Zirkel speist. Auch Fremde essen sel- ten im Gasthofe; ihre Adressen oder Geschaͤfte oder auch der Zufall verschaffen ihnen bald Be- kanntschaften, bey denen sie, nach dem Ton und den Regeln der hiesigen Gastfreyheit, zu Mittage und zu Abend eingeladen werden, und einige Tage nach ihrer Ankunft sind sie der Sorge fuͤr dieses Beduͤrfniß uͤberhoben. Um diese gefaͤllige und in Petersburg einheimische Tugend mit Anstand benutzen zu koͤnnen, ist die Equipage fast unentbehrlich; wenigstens wuͤrde der Fremde, wenn er, besonders bey kothigem Wetter, zu Fuß kaͤme, sich dem Vorwurf der Knauserey, oder des Mangels an Welt, oder — der Armuth aussetzen muͤs- sen. Daß das letzte beynah noch schimpflicher ist, als das erste, brauche ich meinen Lesern aus der feinen und großen Welt wol nicht erst zu sagen. Die Fremden haben also die Wahl, ent- weder in ihrem Gasthofe einsam, oder in un- bekannter, gemischter Gesellschaft, und schlecht zu speisen; oder in vertraulichen, angenehmen und glaͤnzenden Zirkeln an dem Wohlleben der sogenannten guten Haͤuser Theil zu nehmen. Doch die Equipage ist nicht das einzige Erfor- derniß, hier zugelassen und — gerne gesehen zu werden. Ist es dem Fremden auch um das letztere zu thun, so muß er spielen , und nicht erschrecken, wenn ihm ein Spielchen angeboten wird, wie er es in Deutschland seinen Herzog spielen sah. Das Gluͤck kann er freylich fuͤr und wider sich haben, aber den Vortheil hat er wahrscheinlich wider P 2 sich: denn alle Fremde gestehen ein, daß man hier uͤberaus gut spiele. Um alles zusammenzunehmen was zu die- ser Rubrik gehoͤrt, wollen wir nach obigen Angaben berechnen, wie hoch sich die Kosten eines monatlichen Aufenthalts fuͤr einen Fremden belaufen, der mit einigem Anstande in Gesellschaften erscheinen, und die Gegenstaͤnde der Wißbegierde nicht unbenutzt lassen will, die sich ihm, innerhalb der Re- sidenz, darbieten. Ein Zimmer in den besten Gasthoͤfen des Admiralitaͤtstheils, etwa _ _ 10 R. Der Lohnlakey, etwa _ _ 18 — Wagen und zwey Pferde, nebst Trink- geldern _ _ 75 — Friseur, Puder und Pomade _ _ 5 — Barbier _ _ 1 — Kaffe, nebst Semmel oder dergl. zum Fruͤhstuͤck _ _ 8 — Eine Mittagsmahlzeit (mit dem Schaͤlchen, einer halben Bouteille Wein oder Porter und einer Tasse 117 R. 117 R. Kaffee) kostet im Demuthschen Gasthofe 1 R. Angenommen daß der Fremde einmal die Woche zu Hause speist, und ein paar Fruͤh- stuͤcke und Abendessen dazu gerechnet _ _ 8 — Trinkgelder, wenn man die Sehens- wuͤrdigkeiten besucht _ _ 15 — Theater. Ein Platz auf dem Par- terre kostet 1 R. Etwa _ _ 4 — Unbestimmbare Ausgaben, Ankauf ein- zelner unbetraͤchtlicher Kleidungs- stuͤcke, Parthieen denen nicht aus- zuweichen ist, Verlust im Spiel _ _ 50 — 194 R. Man glaube ja nicht, daß dieser Anschlag uͤbertrieben ist; im Gegentheil ist alles auf die maͤßigste Summe und die groͤßte Ersparniß berechnet, wie man aus folgenden Anmerkun- gen uͤber diese Liste sehen kann. — Wenn man nur Ein Zimmer miethet, muß man sich die Gesellschaft des Bedienten gefallen lassen, oder sich der Unbequemlichkeit aussetzen, ihn uͤber den Hof in dem allgemeinen Bedienten- P 3 zimmer zu suchen, wenn man seiner bedarf. Der angegebene Preis ist nur in einigen deut- schen Gasthoͤfen gebraͤuchlich; in den franzoͤsi- schen ist er hoͤher. — Der Lohnlakay erhaͤlt taͤglich einen Rubel; monatlich bedungen ist er etwas wohlfeiler. — Der Preis der Equi- page ist nach den Jahrszeiten und andern Um- staͤnden verschieden, und steigt zuweilen auf 80 bis 85 Rubel. Dieser Artikel ist dem Frem- den, auch außer den angefuͤhrten Ursachen, unentbehrlich, weil er bey der großen Weit- laͤuftigkeit der Stadt und der Veraͤnderlichkeit der Witterung weder seine Bekanntschaften be- nutzen noch die Absicht seines Reiseplans ver- folgen koͤnnte, dieser letztere mag nun buͤrger- liche Geschaͤfte oder bloße Befriedigung der Wißbegierde zum Gegenstande haben. — Der ganze Anschlag ist auf die berechneteste Spar- samkeit eingerichtet, und noch fehlt eine große Rubrik, die wol schwerlich ein Fremder von einiger Kultur ganz außer seinem Gesichtskreise lassen duͤrfte: der Besuch der umliegenden Ge- genden und der kaiserlichen Lustschloͤsser. Wer sich zu diesen kleinen Reisen seiner einmal ge- mietheten Equipage bedienen will, muß fuͤr die Zeit seiner Abwesenheit einen neuen Kon- trakt mit dem Iswoschtschik machen und ein oder zwey Pferde mehr miethen; die Kosten der Zehrung, der Trinkgelder, u. s. w. lassen sich nie genau bestimmen und haͤngen von Um- staͤnden ab. Je groͤßer die Gesellschaft fuͤr eine solche Tour ist, desto maͤßiger wird der Beytrag eines Jeden. Die moͤblirten Zimmer oder sogenann- ten chambres garnies, die man fast in allen großen Staͤdten findet, sind eine vortrefliche Einrichtung fuͤr Fremde, die die Zeit ihres Aufenthalts nicht bestimmen koͤnnen und die Ausgaben im Gasthofe zu vermeiden suchen. Noch vor wenigen Jahren fehlte es gaͤnzlich an dieser oͤffentlichen Bequemlichkeit. Jeder Frem- de der fuͤr sich Zimmer in einem Privathause miethete, sah sich auch gezwungen, sie auf seine Kosten zu moͤbliren. Seit kurzem aber sind einzelne Haͤuser zu diesem Behuf einge- richtet, wie z. B. das Haus der Generalinn von Borosdin , (newsk. Perspekt. gegen- uͤber der Buden) in welchem man sehr nied- lich moͤblirte Zimmer, und bey einem daselbst P 4 wohnenden Kaffeschenken, auch die gewoͤhnli- chen Getraͤnke erhalten kann. Die Garkuͤchen , deren es eine sehr große Menge in und außerhalb der Residenz giebt, sind von zweyerley Art. Die bessern und anstaͤndigern, die fast darchgehends von Deutschen oder doch von Auslaͤndern gehalten werden, heißen Trakteurs . In diesen Haͤu- sern kann man, oft um einen ziemlich billigen Preis, speisen, oder auch einzelne Portionen nebst Getraͤnke abholen lassen. Die Gesellschaft und der Ton in denselben ist aber so gemischt, daß sie fast gar nicht von Leuten aus den fei- nern Klassen besucht werden, die sich lieber auf den Klubbs oder in den großen Gasthoͤfen versammeln, wo der hoͤhere Preis Gaͤste sol- cher Art verscheucht. Fast in allen Trakteurs sind auch Billiards zu finden. — Die zwey- te Gattung von Speisehaͤusern sind die Chart- schewni oder rusische Garkuͤchen, in welchen den ganzen Tag uͤber fuͤr den gemeinen Mann der Tisch gedeckt ist. Hier findet man alle rußische Nationalgerichte und Fastenspeisen, oft schmackhaft genug zubereitet, in solchen Por- tionen zum Verkauf, daß auch der Aermste, nach dem Verhaͤltniß seiner Baarschaft, etwas erhalten kann. Doch, der gemeine Russe darf nicht erst eine Chartschewna aufsuchen, um satt zu wer- den. Ueberall, in jeder Gegend der Stadt und zu jeder Jahrszeit kann er seine Mahlzeit unter freyem Himmel halten. An den Ecken der Straßen sind Tische und Huͤtten aufgeschla- gen, in welchen Quas und Sbiten’ verkauft wird. Neben denselben sitzen gewoͤhnlich Wei- ber, die mit Brod, Kalatsch, u. dergl. han- deln. Die Piroghi werden von Kerlen umher- getragen, die uͤberall wo sie Kaͤufer finden, einen bey sich habenden Feldtisch aufschlagen und ihre Waare ausbieten. — Diese Ein- richtung ist sehr nothwendig, da man wegen der weiten Entfernungen, seinen Wagen und Bedienten gewoͤhnlich bey sich behaͤlt, wenn man irgend wohin faͤhrt. Das ungeheure Beduͤrfniß einer so volk- reichen und luxurioͤsen Stadt, fordert unge- heure Vorraͤthe. Daher die große Menge von Magazinen, Buden und Waarenlagern aller Art, die sich hauptsaͤchlich in den Mittelpunkt der Residenz zusammendraͤngen. Nach der rus- P 5 sischen Sitte werden die Kramlaͤden alle in Ei- nem großen Gebaͤude neben einander angelegt; ein solcher Handelshof, deren es in allen rus- sischen Staͤdten giebt, heißt Gostinnoi Dwor . Dieser Gebrauch, den die neuere Polizey auch in andern Laͤndern einzufuͤhren sucht, gewaͤhrt den Vortheil, daß die Kaͤufer nicht nur sogleich wissen wo sie die Gegenstaͤn- de ihrer Beduͤrfnisse zu suchen haben, sondern diese auch in der groͤßten Mannigfaltigkeit vor- finden, und durch die Konkurrenz und den Wetteifer der Kaufleute, auch gewoͤhnlich wohl- feiler einkaufen. — Einer der groͤßten Han- delshoͤfe dieser Art ist der in der newskischen Perspektive, durch seine treffliche Lage und den Reichthum seines Vorraths der besuchteste und merkwuͤrdigste. Die Laͤnge des ganzen Ge- baͤudes betraͤgt hundert und funfzig Klafter; in der großen Perspektive ist es hundert und an der entgegengesetzten Seite funfzig Klafter breit. Es hat die Gestalt eines unregelmaͤßigen Vierecks und ist von allen Seiten mit breiten Gassen umgeben. Die Buden, deren Anzahl sich auf dreyhundert und vierzig belaͤuft, sind in zwey uͤbereinander stehenden Reihen ange- bracht, und vor denselben laufen Arkaden hin, unter welchen man bey jeder Witterung trocken und angenehm gehen kann. Alle Kramlaͤden, in denen einerley Waare verkauft wird, sind nebeneinander. Der große Umfang und das Gewuͤhl von Menschen und Wagen giebt die- sem Handelshofe das Ansehen einer kleinen Stadt. Aus dem ganzen Gebiet der Noth- durft und der Bequemlichkeit, zum Theil auch des Luxus, wird man hier nicht leicht verge- bens nach einem Artikel fragen. Ohne durch eine genaue Herzaͤhlung aller Gegenstaͤnde die hier fuͤr Geld zu haben sind, meinen Lesern Langeweile zu verursachen, wollen wir die vor- zuͤglichsten und auffallendsten derselben nur mit einem fluͤchtigen Blicke mustern. — Die Laͤ- den fuͤr die Kleidung und den Putz beyder Ge- schlechter nehmen den ersten Rang ein. Auf diese folgen die Moͤbelbuden, in welchen man alle die mannigfaltigen Artikel dieser Gattung in den abwechselndsten und modigsten Formen findet. Dann die Linnenbuden; dann eine Reihe von Laͤden, mit allem versehen was zum Tischgeraͤthe gehoͤrt; dann die Eisenbuden, die wieder theils nur Kuͤchengeraͤthe, theils Mes- singwaaren, theils andere Verarbeitnngen ent- halten; Pelzbuden; Laͤden in welchen fertige Kleidungsstuͤcke aller Art verkauft werden; andere in denen nur Schuhe, oder Schnallen und Knoͤpfe, oder Huͤte zu finden sind — ich uͤberlasse es der Einbildungskraft und dem Ge- daͤchtniß meiner Leser, dieses Register vollstaͤn- dig zu machen, und schließe mit den Lumpen- buden, als dem letzten und geringfuͤgigsten Gegenstande dieses bunten Gemaͤhldes. Die Gegend von Gostinnoi Dwor scheint der eigentliche Sitz alles Handels und Wandels zu seyn. Rund um dasselbe sind nach und nach so viele neue aber kleinere Kaufhoͤfe entstanden, daß dieser Bezirk dadurch Ein großer Markt geworden ist. In der großen Gartenstraße, an der west- lichen Seite von Gostinnoi Dwor sind ebenfalls Buden mit Arkaden erbaut worden. In den untern Stockwerken der Haͤuser in dieser Gas- se sind die Laͤden fuͤr Troͤdelwaaren. Der schmalsten Seite gegenuͤber sind hoͤlzerne Buden fuͤr Zwirn, Struͤmpfe, und solche Kleinigkei- ten. Der dritten Seite gegenuͤber steht eine Linie von hundert Gewoͤlben, mit Waaren man- cherley Art. Hier kann man fertige Betten, Decken, Matratzen, mit allem was dazu gehoͤrt, bekommen. Neben Gostinnoi Dwor in der Perspektive, sind vierzehn Silberlaͤden, und diesen gegenuͤber haben einige Nuͤrnberger und Schweizer ihre Gewoͤlbe mit Arkaden in den Haͤusern der katholischen Kirche. Auch der Vogel- und Troͤdelmarkt sind hier in der Naͤhe und vermehren das Leben und Gewuͤhl dieser Gegend. Wer die untern Volksklassen studiren will, der suche sie hier auf ihrem großen Theater. Bey der Aufzaͤhlung der Einrichtungen fuͤr die oͤffentliche Bequemlichkeit darf ich der sogenannten englischen, franzoͤsischen und anderer Magazine nicht vergessen. — Bekanntlich giebt es hier, wie im ganzen rus- sischen Reiche, keinen Gewerbzwang. Jeder Auslaͤnder, der St. Petersburgischer Buͤrger wird und sich nach dem Verhaͤltniß seines Ver- moͤgens in eine der Gilden einschreiben laͤßt, kann alle Zweige der Industrie kultiviren; und folglich auch Gewoͤlbe anlegen und Waaren im Detail verkaufen. Dies haben viele derselben, besonders Englaͤnder und Franzosen, gethan; und daher sind eine große Menge Laͤden fuͤr fremde Luxuswaaren entstanden, die man Ma- gazine nennt. Diese Gewoͤlbe sind gewoͤhnlich nur mit den Kunstprodukten derjenigen Natio- nen versehen, von welchen sie den Namen fuͤhren, und so findet man z. B. in einem englischen Magazin groͤßtentheils nur englische Waaren, aber von der mannigfaltigsten Art und Bestimmung. Einer der merkwuͤrdigsten Laͤden dieser Gattung ist der Hawksford’s che, der an Vorrath, Reichthum und Werth selbst in London nur wenige seines Gleichen haben soll. Alles was die Moͤbelwuth des reichsten, uͤppigsten und erfinderischsten Volks seltnes, schoͤnes und kostbares aufzuweisen hat, kann man hier in verfuͤhrerisch ausgelegten Proben anstaunen und bewundern. Glas, Krystall, Stahl, mit Silberplatten belegte Metallwaa- ren, Moͤbeln aus den feinsten Holzarten, mu- sikalische Instrumente, Tuͤcher, Zeuge, u. s. w. sind in zwoͤlf großen Saͤlen in der buntesten und anziehendsten Mannigfaltigkeit vertheilt und geordnet. Ein Einkauf von zwanzig und mehreren tausend Rubeln macht keine große Luͤcke in diesem kostbaren Vorrath, wie ich selbst Zeuge davon gewesen bin. — In den uͤbrigen englischen Magazinen findet man zum Theil eben diese und andere Waaren, z. B. englische Tuͤcher, Zeuge, Linnen, Huͤte, Stiefeln und Schuhe, Fußteppiche, mathe- matische und chirurgische Instrumente, Ka- mine von der schoͤnsten Stahlarbeit, Pferde- geschirr, Reitzeug, u. s. w. alles im auser- lesensten Geschmack, von der trefflichsten Ar- beit und in den modigsten Formen. Die franzoͤsischen Magazine sind nicht voͤl- lig so gut versehen, weil der Geschmack an englischen Waaren der herrschende ist. Unter- dessen giebt es einige vorzuͤgliche Laͤden, in de- nen Seidenwaaren, Huͤte, Struͤmpfe, ge- stickte Westen; andern, in denen bloß Papier- tapeten, aber von der schoͤnsten Erfindung und Arbeit zu haben sind. Gesuchter und eintraͤg- licher sind die franzoͤsischen Mode- und Putz- haͤndlergewoͤlbe, die ebenfalls Magazine ge- nannt werden. Seit wenigen Jahren hat sich ihre Anzahl so sehr vermehrt, daß man in der newskischen Perspektive und andern Gassen fast bey jedem Schritt auf ein magazin de modes oder de nouveautés stoͤßt. Es besteht auch ein deutsches Moͤbelmagazin, das zwar nicht Waaren von dem Werth wie das vorhin ge- nannte englische, aber doch in großen Vorraͤ- then von der besten Arbeit und nach den neu- esten Erfindungen enthaͤlt. Dieses Gewoͤlbe ist unter allen das unschaͤdlichste fuͤr den Reich- thum des Landes; denn alles was hier feil ge- boten wird, ist in Petersburg verfertigt. Diese Vorrathshaͤuser des Luxus und der Beduͤrfnisse sind keiner der geringsten Vorzuͤge der Residenz. Es ist ein nothwendiger Karak- ter einer großen und praͤchtigen Stadt, daß jedermann in derselben ohne Muͤhe und Weit- laͤuftigkeit seine Launen befriedigen und fuͤr sein Geld alles haben koͤnne, wofuͤr er es wegzu- geben fuͤr gut findet. Durch die eben beschrie- benen Einrichtungen ist ein Fremder im Stan- de, sich gleich am ersten Tage seiner Ankunft auf das praͤchtigste und geschmackvollste zu meu- bliren und zu kleiden, und sein Haus und seine Kuͤche mit allen Nothwendigkeiten zu ver- sorgen. Nichts wuͤrde der vollstaͤndigsten haͤus- lichen Einrichtung fehlen, als Equipage . Doch auch fuͤr diese ist ein eigener Marktplatz vorhanden. In dem Jaͤmskoi Stadttheil ist ein ein großes Revier mit Remisen bebaut, in welchen fertige Wagen, Halbwagen, Droschken und Schlitten von der mannigfaltigsten Gat- tung zum Verkauf stehen. Wir sind jetzt die Vorrathshaͤuser und Maͤrkte der Residenz nach allen Klassen und Abstuffungen des Luxus und der Beduͤrfnisse durchgegangen. Die Schilderung dieser reichen und bunten Gallerie mag sich hier mit der Karakteristik eines armseligen, aber fuͤr die Be- duͤrfnisse des groͤßten Theils der Einwohner, hoͤchstnothwendigen Marktplatzes schließen. Nicht weit vom Kloster des heiligen Alex- ander Newski, und also nahe an der Grenze der Stadt, hat die newskische Perspektivstraße einen seltsamen Markt, auf welchem Waaren von der mannigfaltigsten Art feil geboten wer- den. In zwanzig großen freystehenden Haͤu- serrn findet man hier alles fuͤr Kuͤche und Wirthschaft noͤthige Holzgeraͤthe, Frachtwagen, Schlitten, Pferdegeschirre, Seile, Toͤpfer- waaren, und eine Menge kleiner Nothwendig- keiten, deren Namen man zuweilen nicht kennt, und an deren Gebrauch man nicht denkt. Es giebt, wie gesagt, kein Beduͤrfniß der haͤus- Erster Theil. Q lichen Einrichtung, welches in Petersburg nicht sogleich fertig zu haben waͤre. Hier braucht man kein langes Register der unzaͤhligen klei- nen Geraͤthschaften fuͤr die Kuͤche und das Haus; man darf nur vor einer Bude stehen bleiben, und in wenigen Minuten ist die halbe Gasse mit den groͤßten und kleinsten Beduͤrfnissen die- ser Art besetzt, unter denen man die Wahl hat. — Auch dieser Markt ist ein Versamm- lungsort des Volks, von welchem es an ge- wissen Tagszeiten wimmelt. Trotz aller der großen Marktplaͤtze und Waarenlager, deren Musterung wir eben ge- endigt haben, wuͤrde dem Publikum, und besonders dem aͤrmern Theile desselben, doch eine große Bequemlichkeit fehlen, wenn es keine Kramlaͤden gaͤbe, in denen man die nothwendigsten und allgemeinsten Lebens- und Hausbeduͤrfnisse im kleinsten Detail zu Kauf haben koͤnnte. Solcher Kramlaͤden giebt es eine außerordentliche Menge in St. Peters- burg; sie heißen Lawken Die allgemeine Benennung für Buden. und werden ge- woͤnlich in den Kellergeschossen der Haͤuser an- gelegt. In einer solchen Lawka ist alles zu haben: Kaffee, Thee, Zucker, Essig, Zwirn, Siegellack, Naͤgel, Papier, Lichte, und alles wird in den kleinsten Quantitaͤten verkauft. Dieser Umstand, der das arme und geringe Publikum an die Lawken bindet, der große Vortheil den die Verkaͤufer nehmen, der Be- trug in Maaß und Gewicht und das Agio beym Geldwechseln, machen diese Kraͤmer, die groͤßtentheils aus dem Poͤbel sind, in kur- zer Zeit reich. — So gewiß die Sorge fuͤr die oͤffentliche Bequemlichkeit hier kein vernachlaͤßigter Zweig der Staatsverwaltung ist, so wahr ist es auch, daß es selbst der weisesten und thaͤtig- sten Regierung nicht gelingen kann, demselben ohne Mitwirken des Volks einen hohen Grad von Vollkommenheit zu verschaffen. Sehr oft lassen sich gewisse Einrichtungen weder durch Befehle noch Zwangsmittel, sondern bloß durch den eigenen Trieb der Nation zur Verfeinerung und Verbesserung ihres gesellschaftlichen Zustan- des erhalten. Unter gebildeten und aufgeklaͤr- ten Voͤlkern wird der Erfindungsgeist bald die Mittel zu diesem Zweck aufsuchen, und wenn Q 2 diese einmal bekannt sind, fuͤhrt das Interes- se immer Leute herbey, die sich der Ausfuͤh- rung unterziehen. — Folgende Einrichtungen die ich fuͤr den Plan dieses Werks aus vielen ihrer Gattung heraushebe, gehoͤren zu dieser Rubrik. Es giebt hier Leute, welche jede oͤffentli- che oder Privatunternehmung, die von eini- gem Umfange oder mit einigen Schwierigkei- ten verknuͤpft ist, gegen eine verhaͤltnißmaͤßige Summe, uͤbernehmen und ausfuͤhren. Diese Leute werden Podrjaͤdschiki , und ein sol- cher Kontrakt Podrjaͤd genannt. Wenn Je- mand ein Haus bauen, sich aber nicht den Verdruͤßlichkeiten und Beschwerden unterziehen will, die hier vorzuͤglich groß sind, wenn man die Sprache nicht versteht, so laͤßt er mehrere Podrjaͤdschiki kommen, denen er sei- nen Plan und die Idee seiner Ausfuͤhrung vorlegt. Man wird mit dem billigsten einig, und hat nun weiter keine Sorge, als die be- stimmten Termine zu halten. Da die Unternehmer sich mit allen Materialien in der gelegensten Zeit versehen, alles im Großen einkaufen und je- den Vortheil kennen und benutzen, so sind sie im Stande wohlfeiler und geschwinder zu bau- en, als es andern moͤglich ist. Daß sie schlech- tere Arbeit liefern, als man bey eigner Auf- sicht erhalten wuͤrde, liegt in der Natur der Sache. — Auf diese oder aͤhnliche Weise werden fast alle große und schwierige Unter- nehmungen in Rußland ausgefuͤhrt, als weit- laͤuftige Transporte, große und kostspielige Lieferungen, oͤffentliche Bauten, Ausbesse- rungen des Pflasters und der Bruͤcken, sogar zuweilen Schiffbau, und dergleichen. Eine andere Einrichtung, die zwar nur den Kaufleuten nuͤtzlich wird, aber hier doch nicht uͤbergangen werden kann, sind die Ar- tels oder geschlossenen Gesellschaften von Ar- beitsleuten, zum Behuf der Handarbeiten an der Boͤrse, in den Magazinen, Gewoͤlben und Kellern. Ein Artel besteht aus vierzig bis sechzig starken, gewandten und ehrlichen Leu- ten, die unter sich einen Aeltesten waͤhlen, nach welchem die Gesellschaft gewoͤhnlich benannt wird. Jeder Artelschtschik muß zu seiner Auf- nahme von den uͤbrigen vorgeschlagen und ge- waͤhlt seyn, und eine hinlaͤngliche Sicherheit fuͤr fuͤnf bis siebenhundert Rubel stellen, wo- Q 3 gegen der Artel fuͤr alle Verwahrlosungen und Veruntreuungen seiner Glieder steht. Durch diese Einrichtung sehen sich die Kaufleute im Stande, diesen Leuten nicht nur Arbeiten die bloß Staͤrke und Gewandheit erfordern, son- dern auch Geldgeschaͤfte und andere Dinge von Wichtigkeit anzuvertrauen. Ich habe mehrmals Artelschtschiki gesehen, die viele tausend Rubel in Bankassignationen in dem Busen trugen, wo sie gewoͤhnlich Sachen von Werth aufbe- wahren. Ihrer Gewandheit gebuͤhrt eben so viel Lob als ihrer Ehrlichkeit. Sie wissen mit den feinsten, zerbrechlichsten und kostbarsten Waaren, trotz den beruͤhmten porte-faix in Paris, umzugehen, die man aus Merciers interessanter Schilderung kennt. Ein jedes Haus in Petersburg (die klei- nen Huͤtten in den aͤußersten Theilen der Stadt ausgenommen) haͤlt einen Dwornik oder Thuͤrhuͤter, der ein Mittelding zwischen dem deutschen Hausknecht und dem franzoͤsischen Portier ist, sich aber sehr vom eigentlichen Schweizer unterscheidet, deren es hier auch in allen großen und vornehmen Haͤusern giebt. Ein solcher Dwornik ist der allgemeine Bediente des Hauses, er sorgt fuͤr die Reinigung des Ho- fes, schafft Wasser herbey, und oͤffnet das Haus- thor zu jeder Stunde des Nachts, sobald ge- klingelt wird; denn jedes ordentliche Haus ist hier mit einer Klingel versehen, die in der Stu- be des Dworniks angebracht ist, und außerhalb dem Hause durch einen an der Mauer befestigten Drath in Bewegung gesetzt wird. Dieses muͤh- selige Amt, bey welchem keine Nacht auf eine Stunde ununterbrochnen Schlafs zu rechnen ist, findet doch seine Liebhaber, weil es zuweilen sehr eintraͤglich wird. — Vor einiger Zeit fand man bey dem ploͤtzlich verstorbenen Dwornik ei- nes großen Hauses, in welchem auch oͤffentliche Maͤdchen wohnten, eine Baarschaft von mehre- ren tausend Rubeln in kleinen Silbermuͤnzen, die er sich durch seine Dienstfertigkeit bey Nacht er- worben hatte. Kaum ward dies ruchbar, als sich eine Menge Kompetenten um den Platz des Ver- storbenen bewarben, und dieser Dienst, der sonst dem Eigenthuͤmer des Hauses eine Ausgabe von hundert Rubeln verursacht hatte, ward nun an den Meistbietenden verpachtet. Q 4 Siebenter Abschnitt. Kranken- und Armenanstalten . Allgemeine Vortheile und Nachtheile derselben, in der Lo- kalverfassung begründet. Das Kollegium der allgemei- nen Fürsorge, ein Tribunal zur Minderung des menschlichen Elends. Merkwürdige Theilnahme des Publikums an der Stiftung desselben. — Oeffent- liche Krankenhäuser. Hospitäler für Land und See- truppen. Stadthospital. Irrhaus. Geheime Anstalt für venerische Kranke. Klinisches Hospital und Ent- bindungshaus des medizinischchirurgischen Instituts. Pockenhaus. Entbindungsanstalt des Findelhauses. Wohlthätige Krankenanstalt, ein Privatunternehmen. — Armenanstalten. Findelhaus. Erziehungsanstalt für Waisen und unetzeliche Kinder. Armenhaus. In- validenhaus des Großfürsten. Wittwenkasse. Privat- sterbekassen. — Oeffentliche Anstalten zur Unterstü- tzung des Publikums. Lombard. Leihebank für den Adel und die Städte. I ch fuͤhre jetzt meine Leser von den Gegenstaͤn- den der Pracht und der Bequemlichkeit in die Anstalten fuͤr die kranke und leidende Menschheit. Wem dieser Uebergang auffaͤllt, der kennt die Verkettung der Extreme und die wunderbare Mischung von Licht und Schatten in der mora- lischen Welt nicht. Kein gewisseres Kennzei- chen der Armuth — als Luxus; beyde sind durch unaufloͤsliche Bande verbunden. Die Verfeinerung und zunehmende Kultur unserer Zeiten treibt alle Voͤlker zu beyden Extremen hinan, und die goldne Mittelstraße ist das Problem der Staatswirthe, wie die Quadra- tur des Zirkels das Problem der Mathemati- ker ist; beyde werden immer gesucht und nie- mals gefunden. So gewiß ohne raͤsonnirte Theorie keine zweckmaͤßige Ausuͤbung statt findet, so wahr ist es auch, daß Theorien Ideale sind, und daß kein Ideal, als solches, Wirklichkeit er- halten kann. Der Umriß des Ideals ist die Grenzlinie der Vollkommenheit; in der wirk- lichen Welt ist es die Linie auf welcher sich Maͤngel und Vollkommenheiten im Gleichge- wichte begegnen, und das Resultat der voll- kommensten dieser Kombinationen ist — ein leidlicher Zustand. Q 5 „Die Red’ ist, sprecht ihr, wie es sollte nicht wie es ist —“ So? wie es sollt? — Ihr also wißt es besser? So, so sollt ’ es — wenn es wollte ! Allein es will nun nicht! All der Ideenkram der Weltenflicker, sagt, was hat er je gebessert? Verschoben hat er viel! und wessen ist die Schaam? „ Es sollte “ — Nein, ihr Herrn! verkleinert und vergrößert nur nicht was ist, in eurer Fantasie, so ists just recht , und euch ersparts die Müh dem lieben Gott in seine Kunst zu pfuschen. Es geht ja manchmal wol ein wenig konterbunt und garstig zu auf diesem Erdenrund, das läßt sich freylich nicht vertuschen; allein, dann gehts just wie es kann, und dafür ist gesorgt, daß doch nichts überwieget . Um den Maaßstab fuͤr die Vollkommen- heit buͤrgerlicher Einrichtungen zu finden und sich gegen ein allzustrenges oder glimpfliches Urtheil zu verwahren, ist es schlechterdings nothwendig, die Individual- und Lokalver- haͤltnisse jedes Landes zu kennen, weil diese allen auf das Ganze gehenden Anstalten eine entscheidende, eigenthuͤmliche Richtung geben. Ein und derselbe politische Zweck, nach einer ley Grundsaͤtzen und durch einerley Mittel zur Ausfuͤhrung gebracht, wird in zwey verschiede- nen Laͤndern einen sehr ungleichen Ausgang ge- winnen, und der unterrichtete Beobachter wird im Stande seyn, die Modifikationen des Er- folgs mit der hoͤchsten Wahrscheinlichkeit zu be- rechnen. — Folgende kurze Einleitung mag dazu dienen, meine Leser in den rechten Ge- sichtspunkt zu stellen, um die unter dieser Rubrik aufgefuͤhrten Thatsachen wuͤrdigen zu koͤnnen. Der uneingeschraͤnkte Wille eines weisen und fuͤr das Wohl seines Volks thaͤtigen Fuͤr- sten kann hier Dinge moͤglich machen, die in vielen Laͤndern unausfuͤhrbar bleiben wuͤrden. Der Wille des Souverains ist Gesetz; sein Befehl laͤhmt jeden Widerstand, den Vorurtheil, Aber- glauben oder Privatinteresse seinen gemeinnuͤtzi- gen Absichten entgegen setzen moͤchten. Dieser Vortheil, dessen Wichtigkeit in einem Lande, wo Licht und Finsterniß noch in regem Streite, wo Anhaͤnglichkeit an das Alte, Gewohnte, und Furcht und Abneigung fuͤr Neuerungen wenigstens beym niedern Volk noch herrschend sind — unglaublich groß ist, verdient mit Recht die erste Stelle der guten Seite. Die Abneigung oder die Kaͤlte, mit welcher fast alle große und gemeinnuͤtzige Unternehmungen bey ihrem Anfange aufgenommen sind, ist der zuverlaͤßigste Beweis, daß sie, ohne diesen wohlthaͤtigen Despotismus, nie zu Stande gekommen seyn wuͤrden. Jetzt ist das Vorur- theil verschwunden; die Zeitgenossen lassen der Weisheit ihrer Beherrscherinn Gerechtigkeit wiederfahren; die Nachwelt wird ihr Altaͤre bauen. Aber wie eingeschraͤnkt wuͤrde diese Macht in ihren Wirkungen seyn, wenn die Mittel zur Ausfuͤhrung ihrer Plane nicht der Groͤße derselben entspraͤchen. Die Ressourcen welche ein von der Natur so freygebig ausgesteuerter Welttheil und eine Bevoͤlkerung von dreyßig Millionen Menschen darbieten, geben die Moͤglichkeit zu den kuͤhnsten und ausserordent- lichsten Entwuͤrfen her. Die leidige Frage: „woher der Fonds?“ die in allen Laͤndern, England ausgenommen, der Wirklichkeit der nuͤtzlichsten Vorschlaͤge Schwierigkeiten erregt, ist hier voͤllig unbekannt. Mit diesem gluͤcklichen Umstande vereinigt sich die allgemeine Stimmung des hoͤhern und reichen Publikums zur Theilnahme an großen auffallenden Unternehmungen. Diese Stim- mung, die bey einigen aus Gemeingeist und Patriotismus, bey vielen aus dem eigenthuͤm- lichen, nationalen Hang zur Freygebigkeit, und bey den meisten aus Nachahmungssucht und Ehrgeiz entspringt, wird, bey so verschiedenen Quellen die Mutter Einer großen und wohl- thaͤtigen Wirkung fuͤr den Staat. Die Bey- spiele, die das Zeitalter Katharinens hie- von gegeben hat, werden in den Annalen der russischen Geschichte nicht verloren gehn. Der denkende Beobachter, der diese gute Seite des Gegenstandes kennt, wird das Land gluͤcklich preisen, in welchem sich so viele und wichtige Vorzuͤge zum Vortheil oͤffentlicher An- stalten vereinigen; aber seine Forderungen an dasselbe werden auch um desto strenger seyn. Doch jedes Ding unter dem Monde hat zwey Seiten. Die natuͤrlichen, unausweichlichen Schwierigkeiten und Hindernisse abgerechnet, die in dem Wesen solcher Einrichtungen liegen, ist es hauptsaͤchlich das praktische Detail, wel- ches hier die dunkle Seite macht. Wenn das schoͤne Ideal, welches der Seele des Erfin- ders vorschwebt, schon bey seinem Entwurf zur Ausfuͤhrung so viel von seiner urspruͤngli- chen Vollkommenheit verliert, wie unendlich mehr muß es nicht bey der Ausfuͤhrung selbst leiden, wenn diese zum Theil der Sorgfalt ungeuͤbter oder gar widriggesinnter Menschen uͤberlassen ist. Das Loos einer kleinen einfa- chen Anstalt ist bald entschieden: der Kopf und das Herz des Mannes der ihr vorgesetzt ist, geben den Ausschlag. Bey großen, zusam- mengesetzten Maschinen haͤngt der Erfolg von der Summe der Kraͤfte und Anstrengungen aller Einzelnen ab. Diese Maͤngel, deren groͤßerer oder geringerer Einfluß der wachsa- men Regierung nicht entgangen ist, werden durch mehrere treffliche Anstalten gemindert, die diesen oͤffentlich bekannt gemachten Zweck haben. — Es waͤre laͤcherlich, in buͤrgerli- chen Einrichtungen uͤberall nur Vollkommenheit finden zu wollen, da selbst die Natur ihre Anomalien nicht verleugnet. Es fraͤgt sich nur, ob die gute Seite das Uebergewicht hat. Dies ist, wie jeder unpartheyische Beobachter einge- stehen wird und muß, bey den hier anzufuͤh- renden Anstalten so gewiß der Fall, daß die Nation, ohne dieselben, einen großen Theil ihrer Staatsgluͤckseligkeit entbehren wuͤrde. — Unabhaͤngig von den Maͤngeln der Ausfuͤhrung aber bleibt der Plan des Stifters; und die- ser wird dem großen und erleuchteten Geist und dem mutterliebenden Herzen, aus welchen diese patriotischen und wohlthaͤtigen Ideen ent- sprangen, nach Jahrhunderten noch ein dau- erndes Denkmal seyn. In jeder Statthalterschaft des russischen Reichs ist ein Tribunal, unter dem Namen des Kollegiums der allgemeinen Fuͤr- sorge , errichtet, welchem die Sorge fuͤr alle Anstalten uͤbergeben ist, welche die Min- derung des menschlichen Elends zum Zweck ha- ben, diejenigen ausgenommen, die mit beson- dern Privilegien oder Gnadenbriefen versehen, oder einer besondern Direktion anvertraut sind. Zu diesen Anstalten gehoͤren, nach dem Stif- tungsbefehl, namentlich folgende: Volksschu- len, Waisenhaͤuser, Hospitaͤler und Kranken- haͤuser, Armenanstalten, Haͤuser fuͤr unheil- bare Kranke, Irrenhaͤuser, Arbeitshaͤuser und Zuchthaͤuser Verordnungen. 25 Hauptst. 380. . Das Kollegium eines jeden Gouvernements erhielt bey seiner Stiftung von der Kaiserinn 15,000 Rubel, welche nebst den angewiesenen Einkuͤnften und den Beysteuern patriotischer Menschenfreunde, auf Zinsen aus- gethan werden, um eine fortdauernde Quelle fuͤr die Errichtung neuer, oder fuͤr die Ver- besserung schon vorhandener Anstalten zu sichern. Die Bereitwilligkeit, mit welcher das Publi- kum zur Befoͤrderung dieser wohlthaͤtigen und gemeinnuͤtzigen Absichten mitwirkte, war so allgemein, und die Freygebigkeit einzelner Glie- der desselben so ausgezeichnet, daß man wol nicht leicht ein Land anfuͤhren koͤnnte, in wel- chem einzelne Privatpersonen aͤhnliche Sum- men zu einem aͤhnlichen Zweck hergegeben haͤt- ten. Außer den 15,000 Rubeln welche die Kai- serinn jedem Gouvernement zur Errichtung ei- nes Kollegiums der allgemeinen Fuͤrsorge gab, schenkte sie dem St. Petersburgischen insbe- sondere eine Summe von 52,659 Rubeln, wel- che der Adel der Statthalterschaft und die Buͤr- ger- gerschaft der Residenz zu einem Monument Katharinens der Zweyten bestimmt hatten. Der schoͤne Gedanke, dieser mit Recht bewunderten Fuͤrstinn, das Denkmal ihrer Thaten lieber in den Herzen ihrer duͤrftigen und leidenden Unterthanen als auf dem Pfla- ster von Petersburg errichtet zu sehen, hat zwar die Existenz eines großen Kunstwerks ver- hindert; aber dafuͤr eine nuͤtzliche Anstalt erzeugt; und an der Stelle, wo sich vielleicht die Be- wunderung der Kenner in Worte ergossen haͤt- te, ergießt sich jetzt der Dank geretteter Un- gluͤcklichen in stille Gebete fuͤr das Wohl einer Monarchinn, deren Herz Gefuͤhl fuͤr die edelste und suͤßeste Pflicht ihrer erhabenen Bestimmung hat. Diese großen Beyspiele waren das Sig- nal zum Wetteifer des Publikums. Der Staats- rath Demidow gab 20,000 Rubel, der As- sessor Twerdischew 14,000, der Geheime- rath Betzkoi 5,000, der Assessor Saiva Jakowlew eben so viel, der Kaufmann Wolodimerow 4,000; eine Menge Privat- leute, der Adel, die Kaufmannschaft und mehrere Unbekannte kamen mit groͤßern oder kleinern Summen ein, und der ganze Betrag Erster Theil. R aller Beytraͤge, die angewiesenen Einkuͤnfte mitgerechnet, belief sich in den ersten zwey Jahren nach der Stiftung auf 303,173 Rubel. Jetzt wollen wir uns mit den vorzuͤglich- sten hier bestehenden Anstalten bekannt machen. Nicht alle von denen die in diesem Abschnitte angefuͤhrt werden, sind der Aussicht des Kol- legiums der allgemeinen Fuͤrsorge unterworfen, und nur die wenigsten haben demselben ihre Entstehung, viele aber eine bessere, ihrem Zweck angemeßnere Verfassung zu danken. Wir machen mit den oͤffentlichen Kran- kenhaͤusern den Anfang. — Die beyden großen Hospitaͤler fuͤr die Land- und Seetruppen beduͤrfen hier nur einer blo- ßen Anzeige, da sie nicht fuͤr das ganze Pu- blikum, sondern zum Behuf eines einzelnen Standes eingerichtet sind. Das Hospital fuͤr Landtruppen hat gewoͤhnlich tausend, zuweilen aber auch mehr und bis auf zweytausend Bet- ten. Die Kosten desselben betragen, die Un- terhaltung der Kranken abgerechnet, im Durch- schnitt gegen 10,000 Rubel. Das Hospital fuͤr Seetruppen kostet ebenfalls, ohne Unter- haltung der Kranken und ohne Arzneyen, ge- gen 7,000 Rubel. In den Jahren 1788 und 1789 hatte es 16,733 Kranke, von welchen 13,998 genasen. Das Stadthospital verdient sowol wegen seines allgemeinern Zwecks, als seiner trefflichen Einrichtung eine naͤhere Anzeige. Die Lage desselben, an der Fontanka, in einer nicht sehr bewohnten Gegend, ist zweckmaͤßig gewaͤhlt. Das Gebaͤude selbst ist freystehend und hat zwey Stockwerke; an die Mitte der Hinterseite stoͤßt ein Fluͤgel, in welchem ein Haus fuͤr Wahnsinnige angelegt ist. Zu bey- den Seiten des Hauptgebaͤudes sind zwey Wohnhaͤuser fuͤr die Aerzte und Bedienten des Instituts, welche noch durch drey Fluͤgel ver- groͤßert werden sollen. Die Fassade des Haupt- gebaͤudes ist mit Saͤulen verziert, welche, nebst der einfachen und geschmackvollen Archi- tektur und der Groͤße des Ganzen, dieser wohlthaͤtigen Stiftung einen Rang unter den schoͤnern Gebaͤuden der Residenz geben. Auf dem sehr geraͤumigen Hofplatz sind sechs hoͤl- zerne Haͤuser auf steinernen Grundlagen fuͤr den Sommeraufenthalt der Kranken erbaut; ein Garten, der zum Spazierengehn fuͤr Ge- R 2 nesende bestimmt werden soll, ist noch in der Anlage. Der untere Stock dieses großen und schoͤ- nen Gebaͤudes ist fuͤr die Haushaltung, und der obere fuͤr die Kranken eingerichtet, dessen eine Haͤlfte den Mannspersonen und die an- dere den Weibern gewidmet ist. Die Kranken- stuben sind hoch und geraͤumig; die Winter- waͤrme darf nie uͤber 10 bis 12 R. Grade seyn. Reinlichkeit und gesunde Luft sind hier in sol- chem Maaße vorhanden, als ich sie nur bey aͤußerst wenigen Anstalten dieser Art in Deutsch- land und Frankreich gefunden habe. Selbst in den Zimmern der Kranken, deren Ausduͤn- stungen die Luft verpesten, ist die Veraͤnde- rung derselben beynah unmerklich. Die Bet- ten sind ringsum, aber nicht oben, mit Vor- haͤngen versehen und stehen in geraͤumiger Ent- fernung von einander. In den Baͤdern, Kuͤ- chen und Vorzimmern herrscht uͤberall die naͤm- liche Sorgfalt fuͤr Reinlichkeit, die man in den Krankenstuben bewundert. Die Genesen- den haben einen großen und zweckmaͤßig einge- richteten Saal zum Spazieren. Dieses Hospital enthaͤlt dreyhundert Bet- ten, die in vorkommenden Faͤllen bis auf vier- hundert vermehrt werden koͤnnen. Es werden in demselben Kranke aller Art, nur venerische nicht, aufgenommen, die Armen unentgeld- lich, herrschaftliche Leute, Handwerker, und dergleichen aber gegen eine monatliche Bezah- lung von vier Rubeln. Die ankommenden Kranken werden sogleich geschoren und geba- det, und erhalten eine reinliche Kleidung. Eine eigenthuͤmliche Einrichtung dieses In- stituts ist die Anstellung eines Professors der Elektrizitaͤt fuͤr die Heilung solcher Krankhei- ten die durch die Wirkung derselben gehoben werden koͤnnen. In fuͤnf Jahren, von 1785 bis 1789 wurden hier 9895 Kranke aufgenommen, von welchen 2075 starben, und 237 am Ende des letzten Jahrs noch im Hospital waren. Daß die Sterblichkeit, trotz der anerkannten Vor- zuͤge dieses Instituts, dennoch so groß ist, ruͤhrt wol mehr von dem Umstande her, daß sehr viele Kranke sich nur im aͤußersten Noth- fall hieher bringen lassen, wenn es zu spaͤt ist, ihnen wirksame Huͤlfe zu leisten. R 3 Das Haus fuͤr Wahnsinnige besteht aus vier und vierzig Kammern in zwey gegenuͤber- stehenden Reihen, deren eine fuͤr maͤnnliche und die andere fuͤr weibliche Ungluͤckliche dieser Art bestimmt ist. Auch hier herrscht die moͤg- lichste Reinlichkeit; hierdurch und durch die sanfte Behandlung der Kranken werden viele der menschlichen Gesellschaft wieder geschenkt. Die Wuͤthenden sind nicht mit Ketten, sondern mit Riemen an ihre Betten gefesselt, und man bedient sich uͤberhaupt nur gelinder Mit- tel, einer strengen Diaͤt, u. s. w. Das Ver- haͤltniß der Russen zu den Auslaͤndern ist hier nur gering; die Zahl der Mannspersonen ist fast um ein Viertel staͤrker als die des weibli- chen Geschlechts; Schwermuth, Liebe und Stolz sind hier wie uͤberall die gewoͤhnlichen Quellen des Wahnsinns, aber die Trunken- heit ist hier die ergiebigste. Von 229 Kranken, die in drey Jahren in dieses Haus aufgenom- men wurden, sind 161 genesen, 11 als Un- heilbare ins Armenhaus geschickt, und 47 ge- storben. Das Stadthospital steht unter dem Kollegium der allgemeinen Fuͤrsorge. Von eben so allgemeiner Bestimmung als dies vortreffliche Institut ist das venerische Hospital , welches dreyßig Betten fuͤr Maͤn- ner, und eben so viele fuͤr Weiber hat, und jeden sich Meldenden unentgeldlich aufnimmt, aber nicht eher als nach der voͤlligen Wieder- herstellung entlaͤßt. Kein Ankoͤmmling darf um seinen Namen befragt werden und Jeder erhaͤlt bey seinem Eintritt eine reinliche Klei- dung und eine Muͤtze, auf welcher das Wort „Verschwiegenheit“ steht. Auch die medicinischchirurgische Schule S. den folgenden Abschnitt. wird durch ihre klinischen An- stalten duͤrftigen und huͤlflosen Kranken nuͤtz- lich. In dem kleinen aus zwanzig Betten be- stehenden Hospital, welches zur praktischen Bildung junger Wundaͤrzte bestimmt ist, werden jaͤhrlich mehr als hundert Arme unentgeldlich verpflegt und geheilt. — Das mit eben diesem Institut verbundene Entbindungshaus , welches acht bis zehn Schwangere zu gleicher Zeit aufnehmen kann, verpflegt und besorgt R 4 die sich Einfindenden mit der groͤßten Ver- schwiegenheit und ohne irgend eine Bezahlung. Es steht den jungen Muͤttern frey, ob sie ihre Kinder mit sich nehmen, oder fuͤr das Findel- haus hinterlassen wollen. Die Lehrlinge der Entbindungskunst sind zugleich Krankenwaͤrte- rinnen und koͤnnen sich zu diesem Behuf auch in der Stadt vermiethen. Das Pockenhaus , welches die Kaise- rinn 1768 zur wirksamern Verbreitung der Einimpfung stiftete, steht unter dem Kollegi- um der allgemeinen Fuͤrsorge, und nimmt jaͤhrlich zweymal Kinder unentgeldlich auf. Im Jahr 1789 wurden 135 Knaben und 55 Maͤd- chen die Pocken eingeimpft. Diese gemeinnuͤ- tzige Anstalt kostet jaͤhrlich etwa 6000 Rubel. Das mit dem Findelhause verbundene Entbindungshaus nimmt alle Schwangere die sich melden ohne Ausnahme, ohne Unter- sachung und Bezahlung auf. Bey diesem In- stitut ist ein Geburtshelfer angestellt, der zu- gleich Lehrer der Entbindungskunst ist. Außer diesen oͤffentlichen Einrichtungen be- steht seit dem Jahr 1788 eine Privatanstalt zur Verpflegung und Heilung duͤrftiger Kran- ken in ihren Haͤusern, die unter dem Namen der wohlthaͤtigen Krankenanstalt be- kannt ist. Die Kosten derselben werden durch gesammelte Beytraͤge des Publikums bestritten; die Aerzte und Wundaͤrzte, die dieser Anstalt beygetreten sind, leisten den in ihrer Gegend wohnenden Kranken unentgeldlichen Beystand, und die Apotheker nehmen ihre Waaren mit einem Abzug von zwanzig vom Hundert be- zahlt. Ganz Arme erhalten aus der Kasse des Instituts von Zeit zu Zeit eine kleine Geldsum- me zu ihrer Erquickung, in noͤthigen Faͤllen werden auch Krankenwaͤrter angestellt. Die Besorgung des Ganzen hat der Prediger der lutherischen Petrigemeine, Lampe , uͤber- nommen, dem auch das Verdienst gehoͤrt, diese gemeinnuͤtzige Anstalt zu Stande gebracht zu haben. Unter den oͤffentlichen Armenanstalten steht das Findelhaus mit Recht oben an. Es wurde im Jahr 1770 als eine Abtheilung des großen moskowischen errichtet, und ist, aus- ser seiner eigentlichen Bestimmung, zugleich ein Entbindungs- und Erziehungshaus, daher es im Rußischen nur mit dieser letztern Benen- R 5 nung belegt wird. Die Einrichtung dieser An- stalt ist die uͤberall gewoͤhnliche. Auf das Zei- chen mit der Klingel wird sogleich ein Korb herunter gelassen, welcher die gebrachten Kin- der aufnimmt; findet sich kein Zettel bey den- selben, so wird bloß angefragt, ob das Kind getauft sey und wie es heiße. Die Kinder werden zum Theil an Ammen und Bauerwei- ber außer der Stadt abgegeben. Ihre Erzie- hung wird nach den verschiedenen Bestimmun- gen eingerichtet, die sie sich, bey reiferm Al- ter, waͤhlen; diejenigen, welche vorzuͤgliche Anlagen zeigen, werden in die Akademie der Kuͤnste, in die Theaterschule, ins Gymnasi- um der Akademie der Wissenschaften, u. s. w. abgegeben; der groͤßere Theil aber wird zu Handwerkern und fuͤr Gewerbe erzogen. Rein- lichkeit und Ordnung sind uͤberall herrschend, und es ist Jedermann erlaubt, dieses Haus zu jeder Zeit zu besuchen. Die Knaben wer- den mit dem vier und zwanzigsten, und die Maͤdchen im zwanzigsten Jahr, ohne alle Ver- pflichtungen gegen das Institut entlassen. Ueber die Mortalitaͤt des Hauses sind keine Listen bekannt geworden; im Jahr 1788 befanden sich 300 Kinder in demselben. Die oͤffentliche Erziehungsanstalt fuͤr Waisen und uneheliche Kinder steht unter dem Kollegium der allgemeinen Fuͤrsorge, und gehoͤrt nicht nur der Residenz sondern auch dem Kreise an. Sie nimmt ge- gen hundert Kinder beyder Geschlechter auf, die nach vollendeter Erziehung als freye unab- haͤngige Leute entlassen werden. — Ein klei- nes Waisenhaus fuͤr acht Knaben, welches ein wohlhabender Buͤrger vor einigen Jahren stif- tete (der ehrwuͤrdige Mann heißt Kestner und ist ein Deutscher) ist mit der Schule der lutherischen Annenkirche auf dem Stuͤckhofe verbunden. Die Kinder werden in allem gaͤnz- lich frey gehalten, zu Handwerkern erzogen, und hernach an Meister abgegeben, wobey dieses Institut sie noch waͤhrend der Lehrlings- jahre unterstuͤtzt. Seit dem Jahr 1781 hat die Residenz ein großes Armenhaus , welches unter der Aufsicht des Kollegiums der allgemeinen Fuͤr- sorge sieht, alle Armen beyder Geschlechter aufnimmt und sie mit allen Lebensnothwendig- keiten versorgt. Sie werden in drey Klassen getheilt. Die erste enthaͤlt solche, die unheil- bare Krankheiten oder Schaͤden haben; im Jahr 1789 waren deren 149 maͤnnliche und 328 weibliche vorhanden. Zur zweyten Klasse gehoͤren die voͤllig Unvermoͤgenden, und zu der dritten solche, die noch einige Arbeit ver- richten koͤnnen; diese letztern muͤssen der zwey- ten Klasse Handreichungen leisten, wofuͤr sie aber eine Verguͤtung erhalten. Im Jahr 1789 waren von diesen beyden Klassen 227 maͤnnli- che und 759 weibliche vorhanden; im ganzen Armenhause also 1463 Personen beyder Ge- schlechter. — Reinlichkeit, Pflege und Sorg- falt sind in diesem Hause so gut, als es den Umstaͤnden nach moͤglich ist; alle Bewohner desselben sind in einheimisches, weisses Tuch gekleidet und tragen auf dem Arm die An- fangsbuchstaben der russischen Worte: „St. Petersburgische Armenhaͤusler.“ Kleiner in seiner Anlage, aber merkwuͤr- dig durch seine zweckmaͤßige Einrichtung ist das Invalidenhaus , welches der Großfuͤrst Paul Petrowitsch neben seinem Sommer- pallast auf Kammenoi Ostrow angelegt hat. Die Idee, in der Naͤhe seines Wohnsitzes ei- nen Zufluchtsort fuͤr alte und duͤrftige Krieger zu erbauen, macht dem Herzen dieses mensch- lichen und liebenswuͤrdigen Fuͤrsten unendliche Ehre, und die Ausfuͤhrung derselben entspricht der Vorstellung, die man sich nach dieser Vor- aussetzung macht. Achtzig alte Matrosen wer- den hier aufgenommen und bis zur Vollendung ihrer Laufbahn verpflegt. Unter den hier anzufuͤhrenden Armenan- stalten verdient auch die Wittwenkasse be- merkt zu werden, die mit dem Findelhause verbunden ist und im Jahr 1772 kaiserliche Sanktion erhielt. Sie hat vier Klassen, in welchen nach Verhaͤltniß des Alters jaͤhrlich ei- ne Summe entrichtet wird, welche die Witt- wen nach dem Tode ihrer Maͤnner ebenfalls jaͤhrlich erhalten. In dem entgegengesetzten Fall bekoͤmmt der Mann drey Viertheile seines Einsatzes zuruͤck. — Unter den mehreren Privatsterbekassen zeichnet sich die vor- zuͤglich aus, welche der Pastor Grot bey der lutherischen Katharinenkirche auf Wassili Ostrow gestiftet hat. Sie besteht aus 550 Gliedern, die zum Einsatz 10 Rubel und bey jedem Sterbefall 2 Rubel zahlen, wogegen die Erben eine Summe von 1000 Rubeln er- halten. Ich beschließe diese Rubrik mit der An- zeige zweyer der wichtigsten Anstalten zur Unterstuͤtzung und Bequemlchkeit des Publikums . Diese sind der Lombard und die Leihebank fuͤr den Adel und die Staͤdte . Der Lombard ist eine mit dem Findel- hause verbundene und von der Kaiserinn ga- rantirte Einrichtung, deren Verfassung im Wesentlichen mit denen in andern Laͤndern uͤber- einkommt. Diese Anstalt leiht auf Gold und Silber drey Viertheile des Werths, auf un- edle Metalle die Haͤlfte, und auf aͤchte Stei- ne, Kleider, Pelzereyen, u. s. w. so viel als nach Maaßgabe der Umstaͤnde gut gefunden wird, doch nie unter zehn und uͤber tausend Rubel. Der Werth der eingebrachten Sachen wird durch beeidigte Taxatoren bestimmt. Die Gelder werden auf drey, sechs oder neun Mo- nate, hoͤchstens auf ein Jahr, aber nie auf eine laͤngere Zeit ausgegeben. Den Verpfaͤn- dern wird zur Einloͤsung nur eine dreywoͤchent- liche Frist nach Verlauf des Termins, gegen Er- legung der Zinsen fuͤr einen ganzen Monat zuge- standen. Nach dieser Zeit werden sie durch oͤf- fentlichen Ausruf verkauft, wobey die Eigenthuͤ- mer alles, was uͤber die Anleihe, Zinsen und Unkosten einkoͤmmt, gewissenhaft zuruͤckerhalten. Die Zinsen betragen, fuͤr jeden auf drey Mona- te laufenden Schein, einen halben Kopeken fuͤr jeden Rubel, einen ganzen Kopeken aber, wenn Diamanten oder aͤhnliche Kostbarkeiten verpfaͤn- det werden. — Der Lombard gewaͤhrt dem Publikum auch die Bequemlichkeit, daß man Gelder in demselben auf eine unbestimmte Zeit niederlegen, oder auch jahrweise auf Zinsen geben kann. Im letztern Fall erhaͤlt man die gesetzmaͤßigen Zinsen in der Muͤnze des Kapi- tals Die vollständige Einrichtung des Findelhauses und der Entbindungsanstalt, wie auch des Lombards und der Wittwen- und Depositokasse finden Deutsche Leser in dem ersten Vande der Denkwürdigkeiten der Regierung Katha- rina der Zweyten, daher hier nur das Wesentlichste der- selben kurz angezeigt ist. . Von ausgedehnterer Bestimmung und groͤ- ßerer Wichtigkeit ist die Leihebank fuͤr den Adel und die Staͤdte. Dieses sehr merkwuͤrdige Institut erhielt sein Daseyn durch eine ebenfalls sehr merkwuͤrdige Ukase, die so reichhaltig an statistischen Factis, und so unterscheidend durch ihren Zweck und durch die Behandlung desselben ist, daß ein fruchtbarer Auszug dem groͤßten Theil meiner Leser hier gewiß willkommen seyn wuͤrde, wenn der Gegenstand und der Plan dieser Blaͤtter eine Abweichung von dem Umsang ge- stattete. Wir werden uns also, um unserm Zweck getreu zu bleiben, nur auf die Kenntniß der wesentlichsten Einrichtungen der Leihbank be- schraͤnken. Katharina die Zweyte legte im Jahr 1786 zwey und zwanzig Millionen Rubel zu Darlehnen fuͤr den Adel, eilf Millionen fuͤr die Staͤdte, und drey Millionen fuͤr die taurische Provinz nieder, die zur Befoͤrderung der Land- wirthschaft, der staͤdtischen Industrie und der Kultur uͤberhaupt ausgeliehen werden sollten. Die Bedingungen, unter welchen dies geschieht, sind im Wesentlichen folgende Ukase vom 2ten Juli 1786. . Die Die Bank leiht nur auf unbewegliche Guͤ- ter. Da der Werth eines russischen Landguts nach der Anzahl der Bauern bestimmt wird, so setzt die Bank die letzte Revision als Richt- schnur fest, und nimmt den Bauer zu vierzig Rubel an; so daß ein Gutsbesitzer, der tau- send Rubel verlangt, fuͤnf und zwanzig Bau- ern als Unterpfand stellen muß. Das Darlehn wird auf zwanzig Jahre gegeben; der Ver- pfaͤnder zahlt naͤmlich alle Jahre fuͤnf vom Hundert Zinsen, und drey vom Hundert vom Kapital ab, so daß er nach zwanzig Jahren sein ganzes Darlehn zuruͤckbezahlt hat. Die Anlehne werden fuͤr Niemand und durch nichts, als durch den Werth und die Zuverlaͤßigkeit des Unterpfandes beschraͤnkt; Jeder kann daher so viel Geld verlangen und erhalten, als er dafuͤr gesetzliches Unterpfand zu geben im Stande ist. Doch leiht die Bank nicht unter tausend, und nur zu tausend Ru- beln, letzteres um den Verwirrungen einer weitlaͤuftigen und schwierigen Berechnung zu entgehn. Man kann also nur 25, oder 75, oder 100 u. s. w. Bauern verpfaͤnden. Erster Theil. S Das verpfaͤndete Vermoͤgen ist keinem Be- schlage, keiner Konfiskation, keiner Krons- oder Privatforderung unterworfen. — Alle vier Jahre wird ein, dem schon bezahlten Theile des Kapitals, an Werthe gleicher, Theil des Pfandes freygegeben. — Die Bank kann anderwaͤrts verpfaͤndete oder zur Bezahlung der Schulden angewiesene Guͤter einloͤsen; auch verpfaͤndete Guͤter koͤnnen ver- kauft werden, aber alsdann uͤbernimmt der Kaͤufer alle Verpflichtungen des Verkaͤufers gegen die Bank. Den Werth des Pfandes bescheinigt der buͤrgerliche Gerichtshof des Gouvernements und muß dafuͤr haften. Die Zinsen werden nach Verlauf eines Jahres entrichtet. Die Bank giebt zehn Tage Frist; wer einen Monat saͤumt, zahlt ein Prozent Strafe; eben dies gilt auch vom zweyten und dritten Monat. Wenn aber Jemand uͤber drey Monate zoͤgert, so nimmt das adliche Vormundschaftsamt das verpfaͤndete Gut in Verwaltung. Von den Einkuͤnften werden die Zinsen und Strafgelder abbezahlt und der Rest wird dem Gutsherrn zugestellt. Die Einwohner der Staͤdte erhalten Dar- lehen auf ihr unbewegliches Vermoͤgen, und zahlen jaͤhrlich vier vom Hundert Zinsen und drey vom Hundert Kapital; sind also in zwey und zwanzig Jahren von ihrer Schuld befreyt. Mit der Bank ist eine Depositokasse verbunden, welche Gelder zu vier und ein hal- bes vom Hundert annimmt. Die niedergeleg- ten Summen koͤnnen zu jeder Zeit zuruͤckgefor- dert werden. Bey sehr großen Summen ist eine vorhergehende Aufkuͤndigung noͤthig. Die Versicherungsanstalt fuͤr stei- nerne Gebaͤude, die zu dieser Bank gehoͤrt, kennen wir schon aus dem fuͤnften Abschnitt. — Alle die Thatsachen, welche diese und die vorhergehende Rubriken enthalten, sind eben so viele Beweise fuͤr das große Wort, welches Katharina die Zweyte in der Stiftungs- ukase der Leihebank sagt: „ Das Wohl der Menschheit, besonders aber Unserer Unterthanen , ist Gesetz fuͤr Unsere Gedanken und fuͤr die Empfindun- gen Unsers Herzens .“ S 2 Achter Abschnitt. Erziehungs- und Unterrichtsanstalten . Militairische Erziehungshaͤuser. Das Landkadettenkorps. Physische, moralische, wissenschaftliche und militai- rische Bildung in demselben. Seekadettenkorps. In- genieur- und Artilleriekadettenkorps. Griechisches Korps. Pagenkorps. — Wissenschaftliche Lehran- stalten. Medizinischchirurgische Schule. Schulen beym Land- und Seehospital. Bergkadettenkorps. Prie- sterseminarium. Gymnasium der Akademie der Wis- senschasten . — Bildungsanstalten fuͤr Kuͤnstler. Erziehungsanstalt der Akademie der Kuͤnste. Theater- schule. — Gewerbschule fuͤr Navigation. — Weib- liche Erziehungsanstalt im Fraͤulein- und Jungfernstift des woskresenskischen Klosters. — Normal und Volksschulen. — Allgemeine Uebersicht. Anzahl der Zoͤglinge und Einkuͤnfte aller dieser Institute. — Privaterziehung. Pensionsanstalten. Utschitel. S o wie St. Petersburg der Mittelpunkt der verfeinerten Industrie und der Aufklaͤrung ist, so ist es auch der vorzuͤglichste Sitz der großen oͤffentlichen Anstalten fuͤr Nationalbil- dung. Wenn diese gleich nicht auf den Vor- theil und die Beduͤrfnisse de r Residenz allein berechnet sind, so werden ihre naͤhern und entferntern Wirkungen doch nirgend merklicher als hier, und sie verdienen daher mit Recht ihren Platz in diesem Gemaͤhlde. Seit der Regeneration die Peter der Große mit seinem Volke begann, war Na- tionalbildung ein Gegenstand der oͤffentlichen Sorge. Dieser große Fuͤrst machte selbst den Anfang zu einem, des Schoͤpfers der russi- schen Nation so wuͤrdigen Unternehmen: ihm verdanken das akademische Gymnasium und das Seekadettenkorps ihren Ursprung. Unter sei- nen Nachfolgern zeichneten sich die Kaiserinnen Anna und Elisabeth durch die Befolgung dieses seines wichtigsten Planes aus. Unter der Regierung der erstern ward der Grund zu der groͤßten Erziehungsanstalt des russischen Reichs, zum Landkadettenkorps, gelegt; und Elisabeth gab der Akademie der Kuͤnste ihr Daseyn, und dem von Petern gestifteten See- kadettenkorps eine neue, erweiterte Verfas- sung. S 3 Aber so glaͤnzend auch diese wohlthaͤtigen Stiftungen in den Annalen des Jahrhunderts hervorschimmern, so sehr werden sie doch von den spaͤtern Entstehungen verdunkelt, wenn wir die Geschichte der russischen Volksbildung bis in die Zeiten Katharinens der Zwey- ten verfolgen. Diese Fuͤrstinn, unsterblich in den Jahrbuͤchern der Welt durch alles was sie gethan hat, aber unvergeßlich in den Her- zen aller Menschenfreunde und Philosophen durch Gesetzgebung und Schulen, hat den Plan ihres großen Vorgaͤngers zur Aufklaͤrung und Bildung der Nation nach solchen Grund- saͤtzen und in einem solchen Umfange vollendet, als Er selbst, bey aller Riesengroͤße seines Geistes, in einem so nahen Zeitalter nicht ge- ahndet haben kann. Von ihrer wohlthaͤtigen Hand geleitet, hat sich die Masse gemeinnuͤ- tziger Aufklaͤrung, die bisher in den Haupt- staͤdten, wie in einem Behaͤlter, mehr zum Prunk als zum Nutzen, zusammengehalten war, in viele tausend kleine Kanaͤle vertheilt, die sich uͤber das ganze Land verbreiten und den Boden uͤberall fuͤr den Saamen einer hoͤheren Kultur empfaͤnglich machen. Ihr weiht der Patriot und der Weltbuͤrger seinen Dank, wenn er jetzt in den oͤffentlichen Blaͤttern liest, wie der Geist der Aufklaͤrung und nuͤtzlicher Kenntnisse neue Gebiete erobert, deren Be- wohner bisher dem eisernen Himmel glichen, unter welchem sie ihr pflanzenaͤhnliches Daseyn vertraͤumten. Die oͤffentlichen Anstalten fuͤr National- bildung, die jetzt in der Residenz bluͤhen, sind ihre Entstehung zum groͤßern Theil — ihre Erweiterung und zweckmaͤßige Verbesserung aber alle ohne Ausnahme der jetzigen Kaiserinn schuldig. Um diese fuͤr das Reich so wichtigen und fuͤr den Philosophen so interessanten Ge- genstaͤnde in einer gewissen nicht ganz willkuͤhr- lichen Ordnung zur Musterung aufzufuͤhren, wollen wir sie, nach ihren wesentlichsten Zwe- cken, in sechs Klassen theilen. Die erste begreift fuͤnf der militairi- schen Bildung vorzuͤglich gewidmete Anstalten, und unter diesen behauptet das Landkadet- tenkorps , wegen seines allgemeinern Zwecks und seiner Groͤße und Wichtigkeit, den ersten Rang. Aus dieser Ursache, und weil die Ein- richtung dieses Instituts fast bey allen militai- S 4 rischen Erziehungskorps zum Grunde liegt, wer- de ich bey der Schilderung desselben so aus- fuͤhrlich seyn, als es der Plan dieses Ge- maͤhldes gestattet. Zuerst also von dem Lokale dieser merk- wuͤrdigen Anstalt. Der Umfang ihres Gebiets, welcher drittehalb Werst betraͤgt, ist theils mit den noͤthigen Gebaͤuden besetzt, und theils zu einem großen Garten und Lagerplatz einge- richtet. Die vorzuͤglichsten Gebaͤude des Korps sind der ehemalige Mentschikowische Pal- last, in welchem es gestiftet ward, und das eigentliche Hauptgebaͤude, welches, außer dem Erdschoß, nur zwey Stockwerke hat, und in einer Linie von 366 Klaftern fortlaͤuft. Die aͤußere und innere Einrichtung dieses letztern ist, seinem Zweck gemaͤß, sehr einfach; uͤber- all ist der Prunk der Bequemlichkeit aufge- opfert. Es enthaͤlt, außer den noͤthigen Woh- nungen, Schlafgemaͤchern, Lehr- und Kran- kenzimmern, auch drey große, fuͤr ihre Ab- sicht gut ausgeschmuͤckte Erholungssaͤle. In dem erstgenannten Pallast sind die mit mehr Aufwand eingerichteten Saͤle fuͤr die Assem- bleen befindlich. Diese und die uͤbrigen Ge- baͤude enthalten ferner die Kanzelley, eine Reitbahn, eine Schriftgießerey und Druckerey, ein naturhistorisches und physikalisches Kabinett, eine Bibliothek, einen Schauspielsaal, eine russische Kirche, und eine lutherische und ka- tholische Kapelle. — So viel von dem Lokale dieses großen und vielumfassenden Instituts, das in vieler Ruͤcksicht das einzige seiner Art ist; und nun einige Zuͤge, um die Organi- sation desselben zu karakterisiren. Das Landkadettenkorps ist, wenigstens sei- nem Hauptzweck nach, eine Militairschule; das System der Erziehung, und folglich auch die Leitung und Aufsicht derselben, sind mili- tairisch. Die Direktion der ganzen Anstalt wurde bey ihrer erneuerten Stiftung im Jahr 1766, einem Generaldirektor uͤbertragen, wel- chem ein Administrationsrath zugeordnet war, der aus vier, von der Kaiserinn ernannten Personen bestand. Itzt ist dieser Rath einge- gangen, und der Graf zu Anhalt bekleidet die Stelle eines Oberaufsehers ohne alle Ein- schraͤnkung. In der allgemeinen Sorge fuͤr das Ganze ist der Obristlieutenant des Korps S 5 sein Gehuͤlfe; das saͤmmtliche uͤbrige Perso- nale ist zu untergeordneten Zwecken bestimmt. Immer um das dritte Jahr nimmt das Korps hundert und zwanzig, fuͤnf- bis sechs- jaͤhrige Knaben auf. Zu den Erfordernissen der Aufnahme gehoͤrt, daß die Vaͤter von Adel seyn, d. h. in buͤrgerlichen oder Kriegs- diensten den Rang als Stabsoffiziere haben, und daß die Kinder vollkommen gesund seyn muͤssen, weshalb sie auch der Besichtigung des Arztes unterworfen werden. Vorzuͤgliche Anspruͤche an die Aufnahme haben die Kinder, deren Vaͤter arm sind, oder in Schlachten fuͤr das Vaterland ihr Leben verloren haben, oder die aus sehr entfernten Provinzen hierher geschickt sind. Alle einmal Aufgenommene koͤnnen unter keinerley Vorwand wieder weggenommen wer- den, sondern muͤssen, bis zur Vollendung ihrer Erziehung im Institute bleiben. Außer diesen hundert und zwanzig Knaben, werden, nach einer Stiftung des wirklichen Geheimen- raths Bezkoi , noch fuͤnfe unter eben diesen Bedingungen aufgenommen; und im Jahr 1772 legte die Kaiserinn eine Summe von 100,000 Rubeln nieder, deren Zinsen dazu bestimmt sind, bey jeder Aufnahme funfzehn und mehrere Knaben, deren Vaͤter nicht in dem Range eines Stabsoffiziers stehen, die Erziehung im Korps genießen zu lassen. Die Summe aller Aufzunehmenden ist also 140 und druͤber, und die Anzahl aller Kadets uͤber 700. Bey ihrer Aufnahme treten die Kadets in das erste Alter , tragen eine braune Ma- trosenkleidung mit blauen Guͤrteln, und ste- hen unter weiblicher Aufsicht, zu welchem Be- huf eine Direktrice, nebst zehn Gouvernanten und mehreren Aufwaͤrterinnen angestellt sind. Nach drey Jahren ruͤcken sie in das zweyte Alter , wo sie eine der vorigen aͤhnliche Klei- dung von blauer Farbe bekommen, und der Aufsicht von acht Gouverneurs anvertraut wer- den, denen ein Inspektor vorgesetzt ist. Der Bedienten sind hier schon wenigere, als im ersten Alter. Nach Verlauf eines ebenmaͤßigen Zeitraums von drey Jahren gehen die Zoͤglin- ge in das dritte Alter uͤber, welches eine graue Kleidung hat, und in welchem die Auf- sicht Feldoffizieren uͤbergeben ist. Wenn die Kadets hier ebenfalls drey Jahre zugebracht haben, welches auch bey den folgenden Altern der bestimmte Zeitraum ist, so treten sie in das vierte , oder erste militairische Alter , in welchem sie ihre bisherige Kleidung gegen eine einfache und zweckmaͤßige Uniform vertauschen. In diesem und dem fuͤnften Alter stehen sie unter der Aufsicht der Offi- ziere des Korps, welche im Rang eine Stufe vor die Feldarmee voraus haben. Der Etat derselben besteht, außer dem Obristlieutenant, in zwey Majors, sechs Kapitains, zwoͤlf Lieutenants und sechs Faͤhnrichs. — Zu dem uͤbrigen Personale des Korps gehoͤren: ein Polizeymeister, ein Stallmeister, (izt) fuͤnf und sechzig Lehrer, von denen einige das Praͤ- dikat als Professoren haben, mehrere Zeichen- Fecht- und Tanzmeister, ein Arzt, ein Staab- und zwey Unterwundaͤrzte, ein Apotheker, ein Ober- und zwey Unteroͤkonomen, und, aus- ser den Kanzelleybedienten und allen zur innern Wirthschaft des Korps gehoͤrigen Leuten, auch ein griechischer, ein lutherischer und ein katho- lischer Geistlicher. Der allgemeine Zweck dieser Anstalt zer- faͤllt, seiner Natur nach, in folgende unter- geordnete Zwecke: physische, moralische, wis- senschaftliche und militairische Bildung. Die Wichtigkeit eines Instituts, in welchem ein großer, maͤchtiger, zur Kultur hinanstreben- der Staat, ein fuͤr das Wohl des Ganzen so wichtiges Ziel, an einer solchen Anzahl junger Buͤrger aus den ersten Staͤnden des Volks zu erreichen sucht, ist ein allzumerkwuͤrdiger Ge- genstand der Untersuchung, als daß eine un- partheyische Schilderung desselben hier an der unrechten Stelle seyn koͤnnte. Wenn die einzelnen Theile dieses großen Ganzen hin und wieder gerechtem Tadel aus- gesetzt sind, (und welche menschliche Anstalt ist das nicht?) so kann dieser die physische Erziehung am wenigsten treffen. Das Sy- stem derselben ist Abhaͤrtung; aber ohne in Barbarey auszuarten, oder das Leben der jungen Zoͤglinge paͤdagogischen Versuchen preis zu geben. Die wichtigste Grundlage der physi- schen Bildung in großen Instituten, Reinlich- keit, ist durchaus und uͤberall in so hohem Grade vorhanden, als sie selten in aͤhnlichen Anstalten statt finden wird. Die Kleidung ist zu- reichend und bequem; aber selbst im haͤrtesten Winter wird weder Pelz noch Mantel gestat- tet. Die Nahrung der Kadets ist einfach und gut zubereitet; Mittags erhalten sie Fleisch, des Abends nur gekochte Fruͤchte, und dergl. Ihr Fruͤhstuͤck ist eine Semmel, ihre Vesper- kost eine Schnitte schwarzes Brod, ihr Ge- traͤnk Wasser. Jedes Alter hat einen großen Schlafsaal, der des Winters nur sehr wenig geheizt wird, und jeder Kadet sein eigenes reinliches Bette. Die Tageordnung, in Ruͤck- sicht auf koͤrperliche Erziehung ist diese. Mor- gens, nach fuͤnf Uhr stehen sie auf; die Zeit bis sieben ist der Reinlichkeit, dem Fruͤhstuͤck, u. s. w. gewidmet. Von sieben bis eilf genie- ßen sie den Unterricht, wobey jedoch eine kleine Pause einfaͤllt, waͤhrend welcher sie die Lehr- saͤle verlassen duͤrfen. Die letzte Stunde des Vormittags ist koͤrperlichen Uebungen bestimmt. Um zwoͤlf wird gegessen; bis zwey Uhr ist Erholungszeit. Von zwey bis sechs sind Lehr- stunden; dann wieder eine Pause zur Erho- lung. Um sieben Uhr Abendtafel; der Rest des Tages ist der Vorbereitung, Wiederho- lung, u. s. w. gewidmet. Nach neun Uhr ist alles zu Bette. — Die Zeit von einem Ta- ge zum andern ist also in drey gleiche Theile getheilt: acht Stunden Schlaf, acht Stun- den sitzende Beschaͤftigung, und acht Stunden Bewegung und Erholung; ein Verhaͤltniß welches fuͤr den menschlichen Koͤrper das zu- traͤglichste ist. Die Art, wie dieser letzte Zeit- raum ausgefuͤllt wird, ist nicht weniger zweck- maͤßig. Drey große Rekreationssaͤle sind haupt- saͤchlich zu dieser Absicht bestimmt. Hier koͤn- nen sich die Kadets im Fechten, Voltigiren und andern koͤrperlichen Geschicklichkeiten uͤben, und fuͤr Unterhaltungen edlerer Art ist auch gesorgt. Buͤcher, Zeitungen, Journale, Erd- und Himmelskugeln bieten ihnen den mannig- faltigsten Zeitvertreib dar; selbst die Verzie- rungen, mit denen diese Saͤle geschmuͤckt sind, laden zum Unterricht ein, indem sie nur zu vergnuͤgen scheinen. In dem Saal des vierten und fuͤnften Alters sind die Buͤsten großer Maͤnner des Alterthums und die Bildnisse merkwuͤrdiger Menschen unserer Zeit aufgestellt; die Erholungssaͤle der uͤbrigen Alter sind statt der Wandtapeten mit den Abbildungen der ver- schiedenen Nationen des russischen Reichs in ihren eigenthuͤmlichen Trachten bemalt. Im Sommer, waͤhrend welchem die militairischen Alter einige Wochen hindurch im Lager stehen, wird der Garten des Korps eine Quelle man- nigfaltiger Unterhaltung fuͤr die juͤngern Zoͤg- linge. Hier sind kleine Felder und Gaͤrten von ihrer eigenen Anlage, wo sie die Arbeiten des Feldbaus in kleinen praktischen Versuchen ken- nen lernen. Bey allen diesen Erholungen wer- den sie von den Aufsehern begleitet, die uͤber ihre koͤrperlichen und geistigen Beschaͤftigungen wachen muͤssen. — Das System der physischen Erziehung ist Strenge: das der moralischen , Gelin- digkeit. Man sucht die Unsittlichkeit zu verhuͤ- ten, um sie nicht bestrafen zu duͤrfen. Das erste und wichtigste Mittel, dessen man sich zu diesem Endzweck bedient, ist ununter- brochene Aufsicht. Diese, und folglich auch die ganze moralische Ausbildung, ist den Gou- verneuren und Offizieren uͤbergeben. Jeder derselben hat eine bestimmte Anzahl Kadets unter seiner besondern Aufsicht, fuͤr deren Auffuͤhrung er haften muß. Selbst in den Lehrstunden sind bestaͤndig welche zugegen, weil die Lehrer es bloß mit dem Unterricht zu thun haben; haben; eben so in den Rekreationssaͤlen und Schlafzimmern. Da der sittliche Karakter des Aufsehers hier alles entscheidet, so ist man natuͤrlich in der Auswahl der Leute zu diesen Stellen sehr behutsam; und nie vielleicht hat das Kadettenkorps mehr Sorgfalt in dieser Ruͤcksicht bewiesen, als unter der Direktion des Grafen zu Anhalt . Ehre und Schan- de sind die einzigen Motive, welche der vorge- schriebene Plan zu gebrauchen erlaubt. Koͤr- perliche Strafen sind durchaus verbannt; bey wichtigen Fehltritten werden kleine militairische Zuͤchtigungen und Ehrenstrafen angewandt; man setzt die Kadets auf Wasser und Brod, man nimmt ihnen die Erlaubniß, ihre Eltern oder Verwandte zu besuchen, u. s. w. Das Gefuͤhl der Ehre wird durch Auszeichnungen und Belohnungen erweckt, die in kleinen Ge- schenken und Preisaustheilungen von Buͤchern, Instrumenten, oder in goldenen und silbernen Medaillen, auf den Rock gestickten Marken, u. s. w. bestehen. Diese sanfte Erziehungsart, welche bey gutartigen Kindern vortreffliche Wirkung thut, scheint dennoch ein wenig zu allgemein berechnet zu seyn; denn nach diesen Erster Theil. T Grundsaͤtzen, die sehr genau befolgt werden, giebt es fast kein Mittel, die Faulen, Wider- spenstigen, Unempfindlichen zur Besserung zu zwingen, deren doch unter einer so großen An- zahl nicht wenige seyn koͤnnen. Da die Auf- seher, wie gesagt, saͤmmtlich Leute von gutem moralischen Karakter und einer gewissen Aus- bildung sind, so bleibt den Kadets fast keine Gelegenheit zur Verfuͤhrung uͤbrig. Sie wer- den nur selten, auf die besondere Erlaubniß des Chefs, nie ohne Begleitung, und nur auf wenige Stunden des Sonntags aus dem Hau- se gelassen, um ihre Eltern und Verwandten zu besuchen, die sie jedoch im Korps selbst zu sehen und zu sprechen oͤftere Gelegenheit haben. Den Winter hindurch ist monatlich an einem Sonntage oͤffentliche Assemblee, wobey das ganze anstaͤndige Publikum zugelassen wird. Die Kadets treten nach der Ordnung der Al- ter paarweise unter kriegerischer Musik in den Saal, wo sie durch Schranken von den Zu- schauern abgesondert sind, mit welchen sie sich zwar unterhalten duͤrfen, aber ohne Geld oder Geschenke anzunehmen. Um ihnen eine anstaͤndige Dreistigkeit einzufloͤßen, werden sie hier zum Tanzen aufgefordert, und in eben dieser Absicht ist es ihnen auch erlaubt, jaͤhr- lich einmal auf ihrem sehr schoͤn eingerichteten Theater zu spielen. Zuweilen, aber sehr sel- ten, wird ein oͤffentlicher Ball gegeben, wobey die Kinder aus dem Fraͤuleinstift zugegen sind. — So lange die Kadets im Korps erzogen werden, duͤrfen sie weder Geld noch irgend etwas besitzen, was ihnen nicht nach dem Plan zugestanden ist; es wird daher dem Sohn des reichsten Fuͤrsten nicht erlaubt, fei- nere Waͤsche oder Kleider, als der aͤrmste sei- ner Mitzoͤglinge zu tragen. Das Resultat dieser Erziehungsart ist, nach allen vorhandenen Umstaͤnden, immer sehr vortheilhaft. Bosheit, Intrigue, Unsittlich- keit, und alle die Laster, die gewoͤhnlich in großen Erziehungsanstalten zu Hause sind, werden hier nicht gefunden; im Gegentheil ist eine gewisse Gutmuͤthigkeit und Lenksam- keit, wenigstens bey dem groͤßern Theile, herr- schend. Nach denen seit kurzen entlassenen Zoͤglingen zu urtheilen, ist kein hervorstechen- der Karakter sichtbar, den man der Erziehungs- methode zuzuschreiben Grund haͤtte; im Gegen- T 2 theil fallen die Proben, nach den mannigfal- tigen Anlagen und innern Bestimmungen, auch sehr mannigfaltig aus. Immer genug, und mehr als genug, wenn die zufaͤlligen Kombina- tionen einer funfzehnjaͤhrigen, sehr zusammen- gesetzten, auf siebenhundert Koͤpfe und Herzen gerichteten, und dennoch auf Einen Plan be- rechneten Erziehung die Gegenstaͤnde ihrer Ver- arbeitung nicht schlechter an Gehalt und besser an Form zuruͤckliefern, als sie sie aus den Haͤn- den der schaffenden Natur empfingen. So wie die sittliche Bildung den Aufse- hern allein uͤbergeben ist, so haben die Lehrer es nur mit der wissenschaftlichen zu thun; man sieht also, daß diese Gegenstaͤnde voͤllig von einander abgesondert sind. Der Unterricht theilt sich in den militairischen und buͤrgerli- chen; jener ist nur fuͤr das vierte und fuͤnfte Alter und fuͤr die adlichen Zoͤglinge, die sich dem Kriegsdienste widmen, bestimmt. Die gesammten Gegenstaͤnde des Unterrichts, die gegenwaͤrtig gelehrt werden, sind, außer den allgemeinen Elementarkenntnissen und der Reli- gion: die russische, deutsche und franzoͤsische Sprache, Erdbeschreibung, Statistik, Ge- schichte, Physik und Naturgeschichte, schoͤne Wissenschaften, Logik, buͤrgerliche und Kriegs- baukunst, Geometrie und Algebra. Ausserdem werden die Zoͤglinge des Korps, nach ihrem Alter, im Zeichnen, Tanzen, Reiten, Fechten, Voltigiren, Drechseln, Recitiren und Dekla- miren, Ausmessen und Aufnehmen eines Ter- rains, u. s. w. unterwiesen. Jedes Alter ist in Ruͤcksicht auf den wissenschaftlichen Unter- richt in fuͤnf Klassen getheilt, so daß also in Einer nicht mehr als etwa acht und zwanzig Zoͤglinge im Durchschnitt zugegen sind. Die Kenntnisse die in jeder Klasse gelehrt werden, sind dem Alter vollkommen angemessen, und uͤberhaupt ist diese Einrichtung ohne Tadel. Einem strengern Urtheil aber ist die Methode des Unterrichts selbst ausgesetzt, denn hier wird sicherlich nicht alles geleistet, was doch nach allen Verhaͤltnissen noch immer fuͤglich geleistet werden koͤnnte. Es ist nicht zu leugnen, daß, mit Ausnahme mehrerer sehr gebildeter und kenntnißreicher junger Maͤnner die das Korps dem Staate geschenkt hat, der groͤßere Theil den Erwartungen nicht vollkommen entspricht, zu welchem das Publikum, nach der Groͤße T 3 der angewendeten Mittel, berechtiget ist. Der Fehler liegt weder in der Vernachlaͤßigung der Direktion — denn wer kennt nicht die uner- muͤdete Thaͤtigkeit und den redlichen Eifer des Grafen zu Anhalt ? — noch in dem Mangel an geschickten Leuten, denn das Korps besoldet deren fuͤnf und sechzig, unter welchen sich Maͤnner von Talent, Ruf und paͤdago- gischer Erfahrung befinden: sondern in dem Plan und der Methode des Unterrichts selbst. Einmal ist die gaͤnzliche Absonderung der wis- senschaftlichen und moralischen Erziehung, und der daraus folgende Mangel aller Autoritaͤt bey den Lehrern, eines der wesentlichsten Ge- brechen. Wenn der Lehrer, besonders in den untern Altern, nicht die Macht hat, Unacht- samkeit, Faulheit und Ungehorsam auf der Stelle und durch sich selbst zu bestrafen, son- dern sich bey jedem einzelnen Fall an den, ge- rade nicht immer anwesenden Gouverneur oder Offizier wenden muß, der auch nicht strafen darf, sondern erst an seinen Obern, und so hinauf an den hoͤchsten Chef rapportiren muß: so ist es unausbleiblich gewiß, daß unter hun- dert Faͤllen kaum Einmal geklagt werden wird, und daß also der muthwillige Verbrecher die Wahrscheinlichkeit vor sich hat, in neun und neunzig Faͤllen unbestraft zu bleiben. Wenn ferner in jenem Einen Fall der Chef, seiner Instruktion und des Geists der Statuten ein- gedenk, und durch die scheinbare Seltenheit solcher Vorfaͤlle getaͤuscht, immer geneigt ist, so gelinde als moͤglich zu verfahren, so ist leicht zu ermessen, wie sehr hierdurch der Geist der Insubordination uͤberhand nehmen muß, und wie wenig dem Lehrer, auch bey dem besten Willen, zu leisten moͤglich ist. — Ein zweytes Gebrechen liegt in dem Mangel eines zweck- und folgemaͤßigen Plans fuͤr den Unterricht. Das Korps hat, vorzuͤglich durch die Vorsorge seines itzigen Chefs, viele, und zum Theil vortreffliche Lehrbuͤcher; aber es fehlt an einem systematischen Zusammenhange derselben. Die Lehrer haben keine Instruktion, keine Bestimmung des Umfangs fuͤr ihren Vor- trag. Es ist daher sehr moͤglich, daß, um ein Beyspiel zu geben, in drey oder vier auf einander folgenden Klassen, in einer Wissen- schaft immer dasselbe gelehrt, oder daß es in der untern Klasse sehr weitlaͤuftig und in der T 4 obern sehr kurz vorgetragen wird. — Das wichtigste Hinderniß liegt endlich darinn, daß nur sehr wenige Wissenschaften und Kenntnisse russisch vorgetragen werden. Die Folgen die- ses Mangels sind so in die Augen springend, daß es uͤberfluͤßig waͤre, weiter etwas hieruͤ- ber zu sagen, da selbst der von der Kaiserinn unterschriebene Generalplan dieses Uebel mit ei- ner sehr treffenden Bemerkung ruͤgt. — Ich uͤbergehe mehrere kleine Maͤngel mit Still- schweigen, weil sie von geringerm Einfluß sind und leicht gehoben werden koͤnnten, wenn diesen wesentlichern Gebrechen abgeholfen waͤre. Die Resultate der wissenschaftlichen Erzie- hung lassen sich nach dieser Schilderung leicht berechnen. Das Talent schlaͤgt sich auch durch die groͤßten Hindernisse durch, und fuͤr den gutgearteten, wißbegierigen Juͤngling sind der Quellen des Unterrichts immer genug. Wenn hie und da ein Kadet entlassen wird, der nach einem funfzehnjaͤhrigen Unterricht die franzoͤsi- sche Sprache, in welcher ihm die mehresten Wissenschaften vorgetragen wurden, kaum lal- len kann: so giebt es dagegen auch welche, die schon als Zoͤglinge ihre Muttersprache durch gutgerathene Uebersetzungen aus fremden Spra- chen bereichern, und diese sowol als jene in einer Vollkommenheit sprechen und schreiben, die ihrem Kopf und Fleiß Ehre macht und die Lehrer des Instituts gegen einen Tadel ret- tet, der nicht sie, ondern die zufaͤllige Ver- bindung der Dinge treffen muß, unter deren Einfluß sie wirken. Die militairische Bildung soll, nach dem Urtheil der Kenner, fuͤr den Zweck des Instituts zureichend seyn. Der wesentlichere Theil derselben, der theoretische Unterricht in den einzelnen Faͤchern die zur Kriegswissenschaft gehoͤren, wird durch geschickte Lehrer und er- fahrne Offiziere besorgt. Im Sommer stehen die Kadets etwa sechs bis acht Wochen im La- ger, wo sie den Dienst praktisch kennen ler- nen, und in den Manoͤvres und Evolutionen unterwiesen werden. Ehe sie das Lager verlas- sen, wird eine oͤffentliche Revuͤe gegeben, bey welcher natuͤrlich ein Theil des Publikums als Zuschauer sehr interessirt ist, und die daher vorzuͤglich gefaͤllt. Nach einem Zeitraum von funfzehn Jah- ren, waͤhrend welchem der Staat zweyhun- T 5 dert vierzig junge Buͤrger ernaͤhrt, gekleidet, und zu ihrer allgemeinen und besondern Be- stimmung vorbereitet hat, werden diese als Lieutenants (wenn sie vorzuͤglich gute oder schlechte Zeugnisse erhalten, als Kapitains oder Faͤhnrichs) oder wenn sie sich dem Civilstande widmen wollen, in gleichem buͤrgerlichen Ran- ge, ohne alle Verpflichtung gegen das Insti- tut, entlassen. So groß die Wohlthat ist, die der Staat durch diese Erziehung dem aͤr- mern Theil seiner Buͤrger zuwendet, so wich- tig ist auch der Vortheil, den er hinwiederum aus derselben erhaͤlt; denn wenn auch die Bi- lanz fuͤr den Staat guͤnstiger seyn koͤnnte, so ist es doch unwidersprechlich gewiß, daß sie guͤnstig ist. — Die ganze Erziehung eines Kadets, von der Aufnahme bis zur Entlas- sung, kostet 4410 Rubel. Nach dieser Darstellung glaube ich die Ausfuͤhrlichkeit derselben nicht rechtfertigen zu duͤrfen. Durch sie werde ich in den Stand gesetzt, die hier folgenden Gegenstaͤnde um so kuͤrzer zu behandeln, da sie saͤmmtlich auf den naͤmlichen Grundsaͤtzen beruhen. Das Seekadettenkorps nimmt 600 Zoͤglinge, unter den naͤmlichen Bedingungen wie das Landkadettenkorps auf, die in fuͤnf Kompagnien von 120 getheilt sind, und fuͤr den Seedienst erzogen werden. Der Unterricht erstreckt sich, außer den allgemeinen Kenntnis- sen, vorzuͤglich auf die besondern Erfordernisse dieser Bestimmung; es wird daher nautische Geographie, Astronomie, Steuer- und Schiff- baukunst, englische Sprache; so wie unter andern koͤrperlichen Uebungen, Klettern, Schwim- men, und dergleichen gelehrt. Die Kadets der ersten Kompagnie, welche Uniform tragen und Mariniers heißen, werden in dem prak- tischen Seedienst unterwiesen und kreuzen jaͤhr- lich auf dem baltischen Meer. Sie muͤssen wenigstens drey solcher Seereisen gemacht ha- ben, ehe sie aus dem Korps entlassen werden, und alsdann treten sie als Midschipsmaͤnner bey der Flotte in Dienst. Dieses Institut, welches seither in Kronstadt befindlich war, izt aber nach Oranienbaum verlegt ist, steht un- ter der Direktion eines Admirals; die Aufse- her sind Offiziere von der Flotte. Das Ingenieur- und Artillerieka- dettenkorps nimmt 360 adliche und 85 Soldatenknaben auf. Die Benennung dieses Instituts zeigt die Bestimmung desselben an. Die Kadets sind in Kompagnien vertheilt, von denen die juͤngsten Jaͤgerkleidung und die aͤlte- sten Artillerieuniform tragen. Die Soldaten- knaben bilden eine eigene Kompagnie. Die Direktion des Ganzen ist einem General von der Artillerie uͤbergeben, und die Stellen der Aufseher sind mit Artillerieoffizieren besetzt. Un- terricht und Erziehung sind hier vorzuͤglich mi- litairisch. Der erstere erstreckt sich, außer den drey gewoͤhnlichen Sprachen, hauptsaͤchlich auf Physik, Mathematik, Artillerie, Fortifika- tion, Taktik und militairische Zeichnungen, und wird durch acht und funfzig Lehrer besorgt, denen ein Studiendirektor vorgesetzt ist. Die- ses Korps hat den Ruhm, daß der praktische Unterricht in den Theilen der Kriegswissenschaft, die fuͤr den Zweck desselben gehoͤren, vortreff- lich seyn soll. Die militairischen Uebungen im Lager versammeln hier im Sommer ein großes Publikum, welches sich vorzuͤglich an der Ge- wandheit der kleinen Jaͤger und an der Fer- tigkeit der Ausfuͤhrung ergoͤtzt. — Bey ihrer Entlassung werden die Kadets als Stuͤckjunker bey der Artillerie, oder als Kondukteurs beym Ingenieurkorps; die Soldatenknaben aber als Unteroffiziere angestellt. Das griechische Korps ist seiner Stif- tung nach zur Erziehung und Ausbildung ge- borner Griechen, Albaner, u. s. w. bestimmt, und fuͤr 200 Zoͤglinge eingerichtet, von denen aber ein großer Theil Einheimische sind. Die Knaben werden in einem Alter von zwoͤlf bis sechzehn Jahren angenommen, und duͤrfen nur bey den russischen Konsuls abgegeben wer- den, die sie auf Kosten der Kaiserinn nach St. Petersburg senden. Der Zweck dieser An- stalt ist weniger militairisch als der vorherge- henden; doch wird die Direktion und Aufsicht durch Offiziere besorgt, und die Kadets tragen Uniform. Der Unterricht, fuͤr welchen fuͤnf und zwanzig Lehrer angestellt sind, ist dieser allgemeinen Bestimmung angemessen; auch werden hier die italiaͤnische und andere Spra- chen gelehrt. Wenn die Erziehung vollendet ist, haben die Kadets die Wahl, ob sie als Offiziere oder Translateurs in russische Dienste treten, oder nach ihrem Vaterlande entlassen seyn wollen. In dem Pagenkorps werden 60 bis 70 junge Edelleute, die zugleich bey Hofe den ge- woͤhnlichen Dienst versehen, zu buͤrgerlichen und militairischen Bestimmungen gebildet. Bey ihrer Entlassung erhalten sie den Rang als Lieu- tenants oder Kapitains. Zu der zweyten Klasse der oͤffentlichen Er- ziehungsanstalten rechne ich solche, deren Haupt- zweck wissenschaftlich ist. Der Arzney- und Wundarzneykunde sind drey derselben gewidmet. Die medizinisch- chirurgische Schule nimmt 30 Zoͤglinge auf, die durch Alter und Vorkenntnisse in den Stand gesetzt werden, den hoͤhern Unterricht zu benutzen. Außer dieser Anzahl, die gaͤnzlich auf kaiserliche Kosten unterhalten wird, steht der Eintritt noch funfzig Juͤnglingen, gegen eine maͤßige Bezahlung, offen. Sieben Professoren ertheilen hier den noͤthigen Unterricht, der sich auf die vorzuͤglichsten Zweige der medizinischen Wissenschaften erstreckt. In dem klinischen Hospital, dessen im vorigen Abschnitt erwaͤhnt ist, werden die aͤltern Zoͤglinge zur Praxis an- gefuͤhrt. Mit diesem Institut ist zugleich eine praktische Lehranstalt fuͤr die Entbindungskunst verbunden. — Aehnliche Schulen sind in den beyden großen Hospitaͤlern fuͤr die Land- und Seetruppen vorhanden; in jeder derselben werden 50 Zoͤglinge auf kaiserliche Kosten ernaͤhrt und unterwiesen. Beyde Institute sollen izt vereinigt und nach einem ausgebreitetern und verbesserten Plan eingerichtet werden. Das Bergkadettenkorps nimmt 60 Zoͤglinge auf, die in allen Kenntnissen des Berg- baus Unterricht erhalten, und hernach als Bergoffiziere angestellt werden. Zehn Knaben aus den niedern Staͤnden werden nach vollende- tem Kursus mit einer jaͤhrlichen Unterstuͤtzung von 50 Rubel in fremde Laͤnder verschickt, wo sie bis zu Untersteigern dienen muͤssen, um in ih- rem Vaterlande als Oberschichtmeister anzukom- men. Dieses Institut, dessen große Nutzbar- keit allgemein anerkannt ist, nimmt auch Pen- sionairs auf. In dem Seminarium des Alexander Newski Klosters, welches unter der Aufsicht des Mitropoliten steht, werden Priestersoͤhne zu kuͤnftigen Geistlichen gebildet. Das Gymnasium der Akademie der Wissenschaften endlich, bereitet 60 bis 70 Kna- ben zu allen Bestimmungen vor. Sie haben freyen Unterhalt, und die faͤhigsten und ge- schicktesten unter ihnen werden auf kaiserliche Kosten nach auswaͤrtigen Universitaͤten versendet. Diese Anstalt, die auch Kostgaͤnger zulaͤßt, hat dem Staat viele brauchbare und gelehrte Maͤn- ner geliefert. Auch die schoͤnen Kuͤnste haben zwey ih- rer Fortpflanzung und Ausbreitung gewidmete Institute. Das wichtigste und vielumfassendste ist die Akademie der Kuͤnste , die den doppelten Zweck einer eigentlichen Akademie und einer Lehranstalt hat. In jener Ruͤcksicht ver- sparen wir ihre Schilderung auf einen der fol- genden Abschnitte; als Schule ist ihre Einrich- tung diese. Die Anzahl der Lehrlinge, welche aus den sechsjaͤhrigen Knaben freyer Eltern der untern Volksklassen genommen werden, ist 325, von denen 25 durch eine Stiftung des Gehei- menraths Bezkoi unterhalten werden. Außer diesen nimmt das Institut auch Pensionairs ge- gen ein geringes Jahrgeld an. Saͤmmtliche Zoͤglinge sind in fuͤnf Klassen getheilt, und werden werden bis ins vierzehnte Jahr in allen einem jungen Kuͤnstler nothwendigen Vorkenntnissen unterrichtet; alsdann aber muͤssen sie sich fuͤr eins der Faͤcher bestimmen, welche in der Aka- demie gelehrt werden. Diese sind: die Male- rey, die Kupferstecherkunst, die Bildhauer- kunst, die Musik, die Baukunst, und die Verfertigung kuͤnstlicher mechanischer Arbeiten. Jaͤhrlich werden Pruͤfungen und oͤffentliche Ausstellungen veranstaltet, welchen das Pu- blikum beywohnt. Die talentvollesten und flei- ßigsten Zoͤglinge, welche viermal den Preis er- halten haben, werden sechs Jahre hindurch auf Kosten der Akademie nach England, Ita- lien und Frankreich auf Reisen geschickt. Wenn ihre Ausbildung vollendet ist, sind sie von aller Verbindlichkeit gegen das Institut entlas- sen. — Die Akademie hat schon manches große Talent zur Vollkommenheit gefuͤhrt und man- ches schlafende Genie erweckt, welches ohne dies fuͤr die Kunst verlohren gegangen waͤre; daß dies bey allen der Fall seyn sollte, wird nie- mand erwarten. Aber zu bedauren ists, daß selbst unter den gelungenen Zoͤglingen dieser Schule nur wenige in ihrem Vaterlande ein Erster Theil. U Gluͤck machen. In den Hauptstaͤdten, wo die Kunst geschaͤtzt und belohnt wird, unterdruͤckt der Geschmack und das Vorurtheil fuͤr aus- waͤrtige Produkte die Strebsamkeit und den Muth des russischen Kuͤnstlers, und in den Provinzen suchen Talente dieser Gattung ver- gebens ihr Brod. Es ist daher das gewoͤhn- liche Schicksal junger Kuͤnstler, daß sie ge- zwungen sind, den Zweck ihrer Erziehung, der oft zugleich der Gegenstand ihrer feurigsten Lei- denschaft ist, zu verlassen, um sich durch das erste beste Gewerbe Unterhalt zu verschaffen — gluͤcklich, wenn der Mangel anderer Kennt- nisse sie nicht zwingt, in die niedere Abhaͤn- gigkeit zuruͤckzukehren, die groͤßtentheils bey der Geburt ihre Bestimmung zu seyn schien, und aus welcher die großmuͤthige Stiftung Katharinens sie gerissen hatte. Eine zweyte Lehranstalt dieser Gattung schraͤnkt sich einzig auf die Ausbildung zur the- atralischen Kunst ein. Die Zoͤglinge sind von beyden Geschlechtern und werden ebenfalls aus den untern Volksklassen, aus den Findel- haͤusern, u. s. w. genommen. Der Unterricht umfaßt alle Gegenstaͤnde des Theaters: Mu- sik, Tanz, Mimik, Schauspielkunst, und findet hier einen empfaͤnglichen Boden, da die große na- tuͤrliche Anlage der Nation zur Erreichung einer fruͤhen Vollkommenheit mitwirkt. Mehrere Zoͤg- linge dieser Schule haben schon das Theater der Residenz betreten, und einige derselben den Bey- fall des Publikums auf immer erobert. Die buͤrgerlichen Gewerbe sind bis izt nur der Gegenstand Einer Lehranstalt, die sich auf eine bestimmte Gattung derselben einschraͤnkt. Die Navigationsschule , eine Stiftung der jetzigen Kaiserinn, erhielt zugleich mit der Anlage des petersburgischen Kauffartheywerfts ihr Daseyn. In derselben werden die englische Sprache, die Schiffbaukunst, Astronomie, Steuermannskunst, u. s. w. gelehrt. Diese Anstalt hat 65 Zoͤglinge, die auf Kosten der Kaiserinn unterrichtet werden, und nimmt fremde Lehrlinge gegen Erlegung eines gerin- gen Schulgeldes an. Auch die Erziehung des weiblichen Ge- schlechts ist in dem großen Plan fuͤr die Nationalbildung nicht vergessen, mit dessen einzelnen Theilen wir uns bisher beschaͤftigt haben. Eine der kostbarsten und wichtigsten U 2 Anstalten ist diesem Gegenstande gewidmet: das Fraͤulein- und Jungfernstift im woskresenskischen Kloster. Diese Benennung stammt noch von der ehemaligen, durch die Kaiserinn Elisabeth verordneten Bestim- mung her, welche Katharina die Zwey- te in die jetzige wohlthaͤtigere und gemeinnuͤtzi- gere umgewandelt hat. Die ganze innere Einrichtung des Stifts beruht, mit einigen Modifikationen, auf den naͤmlichen Grundsaͤtzen, nach welchen das Land- kadettenkorps organisirt ist. Die Anzahl der Zoͤglinge, die in einem Alter von sechs Jah- ren aufgenommen werden, ist 480, deren eine Haͤlfte von Adel, die andere buͤrgerlich ist. Die Direktion ist einem Konvent, zunaͤchst aber einer Direktrice uͤbergeben; die Aufsicht wird durch acht Inspektricen und vierzig Klas- sendamen besorgt. Das Personale aller ange- stellten Leute ist, in einem gewissen Verhaͤlt- niß, dem des Landkadettenkorps gleich. Die adlichen sowol als buͤrgerlichen Maͤd- chen sind in vier Klassen vertheilt, die sich durch die Farbe ihrer Kleidung unterscheiden. In jeder derselben bleiben sie drey Jahre, und nach dieser zwoͤlfjaͤhrigen Erziehung werden sie in einem Alter von achtzehn bis neunzehn Jah- ren entlassen. — Die Grundsaͤtze der physi- schen Erziehung sind im allgemeinen eben die, welche man bey dem Plan des Landkadetten- korps zum Grunde gelegt hat. Ihre Guͤte erweist sich aus der geringen Sterblichkeit im Institute selbst, und aus dem gesunden, bluͤ- henden Zustande der entlassenen Maͤdchen. Mehrere Jahre nach einander ist keine dersel- ben im Kloster gestorben, und die Sterblich- keit der nachtheiligsten Jahre war nie uͤber sie- ben. — Das Urtheil, welches einige schlecht- unterrichtete und leichtglaͤubige Reisende uͤber die moralische Erziehung im Stift gefaͤllt ha- ben, ist keiner Widerlegung werth, weil es sich taͤglich und stuͤndlich durch das allgemeine Zutrauen widerlegt, in welchem diese Anstalt beym hoͤhern und niedern Publikum steht, und wodurch die angesehensten und reichsten Fami- lien bewogen werden, derselben ihre Kinder zu uͤbergeben. Die Erholungen und Zerstreu- ungen die man den Zoͤglingen erlaubt, beste- hen auch hier in anstaͤndigen Ergoͤtzlichkeiten, Assembleen, Tanz, und zuweilen in theatra- U 3 lischen Vorstellungen. Der Geist der Erzie- hung ist auch hier Gelindigkeit, auch hier sind Belohnungen, als das wirksamste Mittel be- nutzt. Sie bestehen vorzuͤglich in oͤffentlichen Auszeichnungen durch Bandschleifen und Medail- lons, die im Stift getragen werden; bey der Ent- lassung aber erhalten sechs von den Fraͤuleins, die ihrer Sitten und Ausbildung wegen von der Direktrice dazu vorgestellt sind, den Chiffre der Kaiserinn in Golde, welchen sie, so lange sie leben, auf der Brust tragen. Auch hier findet noch eine Auszeichnung statt, denn die zwey vorzuͤglichst Empfohlenen erhalten einen durch seine Groͤße unterschiedenen Chiffre. Fuͤr die zwoͤlf, nach diesem Maaßstabe folgenden Fraͤuleins, sind sechs goldene und eben so viele silberne Medaillen bestimmt. — Die Kenntnisse, die man den Zoͤglingen beyzubrin- gen sucht, sind ihren kuͤnftigen Verhaͤltnissen angemessen. Sie erhalten Unterricht in meh- reren Sprachen, vorzuͤglich in der franzoͤsischen in der Religion, Erdbeschreibung, Geschichte, Naturlehre, im Briefschreiben, in der Mu- sik, im Tanz, im Deklamiren und in der Schauspielkunst. Die buͤrgerlichen Maͤdchen, welche an diesem Unterricht Theil nehmen, werden auch besonders zur Handarbeit ange- fuͤhrt. Die entlassenen Zoͤglinge aus dieser Klasse werden der Verbreitung einer gesitteten Lebensart in den untern Staͤnden sehr nuͤtzlich; sie verdraͤngen auch hier und da schon die Aus- laͤnderinnen, welche bisher einzig und allein zur Erziehung in großen Haͤusern herbeygeru- fen wurden; aber ihr Schicksal ist ihnen nicht allemal guͤnstig. Einer feinen Lebensart gewohnt, und durch ihre Ausbildung weit uͤber ihre Angehoͤrigen erhaben, koͤnnen sie sich in dem Zirkel derselben nicht allemal gluͤcklich fuͤhlen; ein Umstand, der jedoch dadurch gemildert wird, daß sie, eben dieser Erziehung wegen, leichter verheyrathet werden. In diesem Fall erhalten sie von dem wohlthaͤtigen Institut, welchem sie ihr moralisches Daseyn zu danken haben, eine Mitgabe von 100 Rubeln. Die sechste und letzte Klasse der oͤffentli- chen Erziehungsanstalten begreift die Normal- und Volksschulen , deren Bestimmung durchaus allgemein ist. Die Residenz hatte im Jahr 1790 eine Oberschule , in wel- cher Physik, Naturgeschichte, Geometrie, U 4 Sprachen, u. s. w. gelehrt werden; und in allen Stadttheilen dreyzehn mittlere und niedere Schulen , in denen das Volk im Lesen, Schreiben, Rechnen, in der russi- schen Geschichte und Erdbeschreibung, u. s. w. unterrichtet wird, und welche zusammen uͤber 3200 Schuͤler (unter diesen etwa 550 Maͤd- chen) hatten, die bey weitem zum groͤßesten Theil auf Kosten des Staats ihren Unterricht und sogar die noͤthigen Buͤcher erhielten. Die Deutsche Schule bey St. Petri, das Haupt der Deutschen Normalschulen im Reich, ist eine sehr gemeinnuͤtzige und vortrefflich einge- richtete Anstalt, deren Zweck mehr darauf geht, brauchbare Geschaͤftsmaͤnner als eigent- liche Gelehrte zu bilden. Welcher unter meinen Lesern, die diese Gegenstaͤnde mit mir durchgegangen sind, er- staunt nicht uͤber das, was geleistet ist, wer unter ihnen segnet nicht eine Fuͤrstinn, die in dem ungeheuren Plan fuͤr die Schoͤpfung ihres unermeßlichen Reichs, einem einzelnen und in den Augen der meisten Fuͤrsten unbetraͤchtlichen Theil desselben, eine so zaͤrtliche und bestimm- te Vorsorge zugewandt hat? Das Gold, wel- ches sie mit freygebiger Hand zur Stiftung dieser Anstalten hergab, die Summen, wel- che sie der Erhaltung derselben zufließen laͤßt, sind zwar nur Eine Rubrik des großen ver- dienstvollen Unternehmens, wodurch Katha- rina die Zweyte das Gluͤck ihres Volks auf immer gruͤndete — aber auch diese Eine Rubrik ist ein Maaßstab fuͤr die Berechnung des Ganzen. Folgende Liste zeigt die Einkuͤnf- te der oͤffentlichen Erziehungsanstalten und die Anzahl der in denselben auf kaiserliche Kosten ernaͤhrten, gekleideten und unterwiesenen Zoͤg- linge. Das Land K. K. hat 700 Zoͤgl. u. 200,000 R. See K. K. ‒ 600 ‒ ‒ 120,000 ‒ Artillerie K. K. ‒ 445 ‒ ‒ 121,722 ‒ Griechisches K. ‒ 200 ‒ ‒ 41,613 ‒ Pagen K. ‒ 65 ‒ Med. chir. Schule 30 ‒ L. u. Seehosp. Sch. 100 ‒ ‒ 16,000 ‒ Berg K. K. ‒ 70 ‒ ‒ 15,000 ‒ Priesterseminarium Akad. Gymnasium 65 ‒ Akad. der Kuͤnste 325 ‒ ‒ 60,000 ‒ Theaterschule U 5 Navigationsschule 65 ‒ Fraͤuleinstift ‒ 480 ‒ ‒ 180,000 R. V. u. Normalsch. 3,200 ‒ Erziehungshaus 300 ‒ Waisenanstalt 100 ‒ Nach dieser unvollstaͤndigen Uebersicht wer- den also in den 31 hier benannten Erziehungs- anstalten und Schulen gegen 6,800 Kinder beyder Geschlechter in der Residenz auf Kosten des Staats erzogen. Die hier angefuͤhrten Summen betragen 754,335 Rubel. Ungeachtet dieser großen Anzahl oͤffentlicher Erziehungshaͤuser gedeihen hier dennoch eine Menge Pensionsanstalten . Sie stehen saͤmmtlich unter dem Kollegium der allgemeinen Fuͤrsorge, welches sie alle halbe Jahre unter- suchen laͤßt und den oͤffentlichen Pruͤfungen durch einen Abgeordneten beywohnt. Alle Leh- rer die in Pensionen Unterricht geben wollen, muͤssen sich vorher bey der Deutschen Ober- schule einem Examen unterwerfen. Die inne- re Einrichtung und die Guͤte dieser Institute ist sehr verschieden; in den mehresten wird deutsche, franzoͤsische und russische Sprache, Religion, Geschichte, Geographie, Musik, Zeichnen, Tanzen, gelehrt. Doch auch diese Anstalten reichen nicht fuͤr das Beduͤrfniß des Publikums hin. Noch giebt es eine zahlreiche Klasse von Menschen, die sich mit dem Unterricht und der Erziehung beschaͤftigen, die Hofmeister und Privatlehrer. Da der groͤßte Theil derselben jetzt aus Deut- schen besteht, da viele junge Gelehrte dieser Nation einzig in der Absicht nach St. Peters- burg kommen, sich auf diesem Wege fortzu- helfen, und da diese Einwanderungen von Jahr zu Jahr betraͤchtlicher werden: so glau- be ich, in einem Buche welches fuͤr Deutsche Leser bestimmt ist, eine kurze Schilderung des Zustandes und der Verhaͤltnisse nicht uͤberge- hen zu duͤrfen, in welchen sich diese Klasse von Leuten befindet. Der groͤßte Theil der fremden Ankoͤmm- linge von denen diese Residenz jaͤhrlich uͤber- stroͤmt wird, ist in der festen Ueberzeugung, daß nirgend in der Welt leichter Gluͤck zu machen sey, als hier. Ein Aufenthalt von wenigen Wochen oͤffnet ihnen, und oft auf eine fuͤr sie sehr traurige Art, die Augen. Ohne Geld und ohne Empfehlung sehen sie sich dem schrecklichsten Schicksal preis gegeben. Der Handwerker meldet sich bey seinen Zunft- genossen und findet Brod; der Homme de lettres, der bankerottirte Kaufmann, der Projekteur — wird Utschitel . Utschitel heißt zu deutsch: Paͤdagog, aber der Deutsche Paͤdagog ist nicht Utschitel Der Russe verbindet mit diesem Wort einen unbe- schreiblich erniedrigenden Begriff. Die Armuth des groͤßern Theils der Auslaͤnder die sich als Paͤdagogen ankuͤndigen, die Unwissenheit, das schlechte Betragen und die gaͤnzliche Un- brauchbarkeit so vieler unter ihnen; der Um- stand, daß dies das letzte Mittel ist, zu wel- chem Jeder greift, um den Hunger zu stillen, haben ein Geschaͤft in den Augen der Nation veraͤchtlich gemacht, welches an sich eins der edelsten, und in Ruͤcksicht auf die Mensch- heit eins der wohlthaͤtigsten und unbelohnbar- sten ist. Den groͤßten Theil dieser Schuld tragen die Franzosen. Koͤche, Friseurs und Kammer - diener kamen hierher, um — Erzieher zu werden; und wenn Beyspiele dieser Art jetzt nicht mehr gesehen werden, so gebuͤhrt das Verdienst den Deutschen. — Ein Franzose der sich zum Utschitel anbietet, ist der Inbe- griff aller Wissenschaften und Kuͤnste. Juris- prudenz, Mathematik, Geschichte, Heral- dik, Musik, Fechten und jede ritterliche Uebung gehoͤrt in sein Fach, und in allen ist er Meister. Nicht selten besitzt er Thaͤtigkeit und Geschicklichkeit genug, nebenher das Amt eines Rechnungsfuͤhrers oder Haushofmeisters zu verwalten. Wenn sich noch obendrein Ge- legenheit findet, als Vorleser bey der Frau vom Hause in Dienste zu kommen, so schlaͤgt es dem Utschitel selten fehl, sein Gluͤck fuͤr die Zukunft zu gruͤnden. Das allgemeiner werdende Beduͤrfniß der Erziehung, und der Mangel an Leuten von Talent und Bildung die sich unter den vorhan- denen Umstaͤnden zu Hofmeisterstellen entschlie- ßen, bringen eine große Menge untauglicher Leute zu diesem Geschaͤft. Der reichere und aufgeklaͤrte Theil des Adels sieht sich daher ge- noͤthigt, außerordentliche Bedingungen zu ma- chen, um Maͤnner von Verdienst zur Erzie- hung seiner Kinder zu bekommen. Nirgend vielleicht werden geschickte Hofmeister freygebi- ger belohnt als in Rußland. Tausend bis zwoͤlfhundert Rubel ist ein sehr gewoͤhnlicher Gehalt; daß hiezu freye Lieferung aller Le- bensbeduͤrfnisse, Bedienung, Equipage, und dies alles auf herrschaftlichem Fuß, gehoͤre, versteht sich von selbst. Gemeiniglich ist eine Reise durch die merkwuͤrdigsten Laͤnder von Eu- ropa in dem Erziehungsplan begriffen, und wenn dieser mehrere Jahre erfordert, erhaͤlt der Hofmeister ein bestimmtes Kapital oder lebenslaͤngliche Renten Ich kenne zwey Männer, die als Hofmeister in gro- ßen Häusern stehen, und von welchem der eine 25,000, und der andere 30,000 Rubel für die Erziehung erhält. Diese Beyspiele sind allgemein bekannt, und, obgleich selten, doch nicht die einzigen. . Die haͤufigen Bey- spiele dieser Art moͤgen vielleicht ein Bewe- gungsgrund fuͤr viele Auslaͤnder seyn, auf die Hofnung eines aͤhnlichen Schicksals nach Ruß- land zu reisen; da aber nur Maͤnner von an- erkannter Brauchbarkeit, Weltkenntniß und feiner Bildung einer solchen Bestimmung ge- wachsen sind, und man mit solchen Anspruͤ- chen uͤberall in der Welt sein Fortkommen fin- den kann, so hebt sich der anscheinende Vor- theil von selbst: denn Leute von wenigem oder keinem Verdienst zu einem betraͤchtlichen Gluͤck zu verhelfen, bedarf es hier so gut als irgend- wo eines freundschaftlichen Daͤmons. Nachschrift . D ie weite Entfernung des Verfassers vom Druckorte hat, ungeachtet der groͤßten Sorg- falt, folgende Druckfehler veranlaßt, die man vor dem Durchlesen zu verbessern bittet. Vorerinnerung. S. 1. Z. 3. lies unzertrennlich, statt: unzertrenn- Anmerkung. S. XIII. Z. 12. lies Arschin, st. Arshin. ebendas. – Tschetwerik st. Tshetwerik. S. XIV. Z. 7 – Jer’s st. Jev’s. Im Buche selbst: S. 3 Z. 6 von unten. Moskowischer st. Mosko- witischer. – 4 – 5 v. u. der Nation st. die Nation. – 6 – 9 v. u. außerordentlichste st. außeror- dentliche. – 6 – 7 v. u. Staatsverwaltung st. Staats- verfassung. – 17 – 15 an st. in. – 31 – 14 wie eine st. wie die. – 32 – 7 v. u. muß das Wort: die , weg. – 37 – 4 v. u. zaͤhlt st. nennt. S. 43 Z. 4 v. u. wissenschaftlichen st. gesell- schaftlichen. – 46 – 10 v. u. der obern st. der obere. – 55 – 1 muß vor dem Wort: Reformir- te , das Wort Lutheraner eingeschoben werden. – 57 – 4 muß das Wort: die , weg. – 58 – 2 Wirkung st. Arbeit. – 77 – 2 v. u. Lehnen st. Lehne. – 86 – 9 ist mit st. ist von. – 96 – 7 muß nach den Worten: mitten unter , das Wort: den , ein- geschoben werden. – 100 – 4 v. u. ist an jeder Seite durch. – 107 – 9 10,160 st. 710,160. – 116 – 14 Orten st. Arten. – 149 – 6 u. 7 Sbiten’schtschiki st. Sbiten’schiki. – 181 – 9 Petersburgerinn st. Russinn. – 183 – 3 aufgegessen st. aufgegeben. – 186 – 6 von st. vor. – 188 – 13 muß einmal durch weggestrichen werden. – 194 – 2 Klubbs st. Klubben. Eben diese Verbesserung S. 226 Z. 13. – 231 – 2 v. u. den st. der. – 232 – 6 v. u. russische st. rusische. – 237 – 6 v. u. Sawa st. Saiva. – 284 – 9 vor der st. vor die. – 291 – 4 v. u. seit kurzem st. seit kurzen. – 294 – 6 Lehrern st. Leuten.