Der Erdgeist Frank Wedekind Der Erdgeist Eine Tragödie A L Paris und Leipzig (Paris 112, Bd Malesherbes) Verlag von Albert Langen 1895 Bühnenmanuscript. Personen : Dr. Goll. Dr. Schön. Alwa Schön. Schwarz. Prinz Escerny. Schigolch. Rodrigo, Artist. Hugenberg, Gymnasiast. Escherich. Lulu. Gräfin Geschwitz. Ferdinand. Henriette. Ein Bedienter. Die Rolle Hugenberg wird von einem Mädchen gespielt. Erster Aufzug. Erster Aufzug. Geräumiges Atelier. — Links hinten Entreethür, links vorn Seitenthür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrna- teppich. Rechts vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brust- bild eines jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. Darüber ein Tigerfell. Links an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter. Erster Auftritt. Schwarz und Schön . (auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brust- bild auf der hinteren Staffelei). Wissen Sie, daß ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne? (Pinsel und Palette in der Hand steht hinter der Ottomane). Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. — Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten. (auf das Bild deutend, ihn ansehend) Finden Sie das darin? Ich habe das Erdenklichste gethan, um durch meine Unterhaltung während der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen. Dann verstehe ich den Unterschied. (taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die Gesichtszüge). Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher? Man kann nicht mehr thun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie möglich nehmen. Sagen Sie mal … (zurücktretend) Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen. (ihn ansehend) Haben Sie jemals in ihrem Leben jemanden geliebt? (geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurück). Der Stoff ist noch nicht genügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, daß ein lebender Körper darunter ist. Ich zweifle nicht daran, daß die Arbeit gut ist. Wenn Sie hierher treten wollen. (sich erhebend) Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben. So weit wie möglich zurück. (zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um). Pardon … (den Rahmen aufhebend) O bitte … (betroffen) Was ist das … Kennen Sie sie? Nein. (setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand). Ein Kostümbild. Erlauben Sie … Lieber Gott … Die ist Ihnen aber gelungen. Sie kennen sie? Nein. Und in dem Kostüm? Es fehlt noch die ganze Ausführung. Na ja. Was wollen Sie. Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren Mann zu unterhalten. Sagen Sie … Über Kunst natürlich, um mein Glück zu ver- vollständigen. Wie kommen Sie denn zu der reizenden Be- kanntschaft? Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie runz- lich wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Thüren auf und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle jetzt noch, wie mir die Kniee schwankten. Ein stocksteifer, saftgrüner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie sich meine Lage. Ich öffne die Thür da (nach links deutend). Nur ein Glück, daß schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schüttelnd) Ich habe nie so was gesehen. (Geht nach links und starrt an die Schlafzimmerthür hin.) (der ihm mit dem Blick gefolgt) Und der Schmerbauch steht Schildwache? (sich umwendend) Der ganze Körper im Einklang mit dem un- möglichen Kostüm, als wäre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben — mir schießt oft das Blut zu Kopf … Das sieht man dem Bild an. Unsereiner, wissen Sie … Hier führt das Modell die Conversation. Sie hat den Mund noch nicht aufgethan. Ist’s möglich! Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Kostüm zeige. (nach links ab). (allein, vor dem Pierrot) Eine Teufelsschönheit. (Vor dem Brustbild) Hier ist mehr Fond. (Nach vorn kommend) Er ist noch jung für sein Alter. (kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück). Was das für Stoff sein mag. (den Stoff befühlend) Atlas. (das Kostüm hochhaltend). Stellen Sie sich vor. Sie sind gütig. In einem Stück. Wie kommt man denn da hinein? Das kann ich Ihnen nicht sagen. (das Kostüm bei den Beinen nehmend) Diese riesigen Hosenpfeifen! Die linke rafft sie hinauf. (auf das Bild sehend) Bis übers Knie. Sie macht das zum Entzücken. Und transparente Strümpfe. Die wollen gemalt sein. Das können Sie. Dabei von einer Koketterie. (Auf das Bild deutend) Sehen Sie hier bitte die Achselhöhle. Ist das kokett? Da zeigt sie in dem kräftigen matten Fleisch- ton zwei brandschwarze Löckchen — gefärbt natürlich. Woher wissen Sie das? Wenn nicht mit der Schere gekräuselt. Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht? Es giebt Dinge, von denen sich unsere Schul- weisheit nichts träumen läßt. (Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer.) (allein). Wenn man schläft . . . . (kommt zurück, sieht nach der Uhr). Wenn Sie Ihre Bekanntschaft machen wollen … Nein. Sie müssen im Augenblicke hier sein. Wie oft wird die Dame noch sitzen müssen? Ich werde die Tantalusqual ein Vierteljahr zu erdulden haben. Und die Andere? Entschuldigen Sie. Dreimal höchstens. (Ihn zur Thür geleitend) Wenn mir die Dame dann nur ihre Taille dalassen will. Mit Vergnügen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stößt in der Thür auf Dr. Goll und Lulu.) In Gottes Namen. Zweiter Auftritt. Dr. Goll. Lulu. Die Vorigen . Darf ich vorstellen … (zu Schön). Was treiben denn Sie hier? Wedekind , Der Erdgeist. 2 (Lulu die Hand küssend) Frau Medizinalrat. Sie wollen doch nicht schon gehen? Welcher Wind führt denn Sie hierher? Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen. (nach vorn kommend) Ihre Braut ist hier? Sie lassen hier auch arbeiten? (vor dem Brustbild). Sieh da! Bezaubernd … (sich umsehend) Sie halten sie wol hier irgendwo versteckt? Das ist das süße Wunderkind, das Sie zu einem neuen Menschen gemacht … Sie sitzt nachmittags. Und davon erzählen Sie einem nichts? (sich umwendend) Ist sie so ernst? Wol noch die Nachwirkung der Pensionszeit. (vor dem Brustbild). Man sieht, daß Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben. Nun dürfen Sie sie aber auch nicht länger warten lassen. In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekannt zu machen. (zu Lulu). Laß uns keine Zeit verlieren. (zu Schön). Denken Sie, wir fuhren im Trab über die neue Quaibrücke. Ich habe selber kutschiert. (will sich verabschieden). Nein, nein. Wir sprechen nachher weiter. Geh, Nellie. Jetzt kommt’s an mich! 2* Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab. Ich hatte mir das viel amüsanter vorgestellt. Sie haben die Genugthuung, uns den seltensten Genuß zu bereiten. (nach links gehend) Na, warten Sie nur. (vor der Schlafzimmerthür). Wenn Frau Obermedizinalrat so freundlich sein wollen. (schließt die Thür hinter ihr und bleibt davor stehen). Ich habe sie in unserem Ehekontrakt nämlich Nellie getauft. Ja. Was halten Sie davon? Warum nennen Sie sie nicht Mignon? Das wäre auch was. Daran habe ich nicht gedacht. Glauben Sie, daß das so viel dabei ausmacht? Sie wissen, ich habe keine Kinder. (sein Cigarettenetui aus der Tasche nehmend). Sie sind kaum ein paar Monate verheiratet. Ich wünsche mir keine. Rauchen Sie eine Cigarette? (sich bedienend). Ich habe an dem Einen vollkommen genug. (Zu Schwarz) Sagen Sie mal, was macht denn Ihre kleine Tänzerin? Eine Tänzerin? Die Dame saß mir nur aus Gefälligkeit. Ich kenne sie von einem Ausflug des Cäcilienvereines her. (zu Schön). Ich glaube, wir kriegen anderes Wetter. Das geht wol nicht so rasch mit der Toilette? Das geht wie der Blitz. Die Frau muß Vir- tuosin in ihrem Fach sein. Das muß jeder von uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei werden soll. (Ruft.) Nellie! (an der Thür). Frau Obermedizinalrat! (von innen). Gleich, gleich. (zu Schön). Ich begreife solche Stockfische nicht. Ich beneide sie. Sie kennen nichts Heiligeres als ihr Hungertuch. Sie fühlen sich reicher als mit 30000 Mark Renten. Sie können nicht über einen Menschen urteilen, der von Kindesbeinen an von der Palette in den Mund lebt. Nehmen Sie es auf sich, ihn flott zu machen. Es ist ein Rechen- exempel. Mir fehlt der moralische Muth. Man verbrennt sich leicht die Finger … (als Pierrot in spitzer weißer Perücke aus dem Schlafzimmer tretend). Da bin ich. (wendet sich um, nach einer Pause). Superb! (tritt näher). Nun? Sie beschämen die kühnste Phantasie. Wie gefall’ ich Ihnen? Ein Bild, vor dem die Kunst verzweifeln muß. Finden Sie nicht auch? (zu Lulu). Sie wissen nicht, was Sie thun. Ich bin mir meiner vollkommen bewußt. Dann dürften Sie etwas besonnener sein. Ich thue meine Schuldigkeit. Sie sind gepudert? Was fällt Ihnen ein! Sie hat eine weiße Haut, wie ich sie nirgends gesehen habe. Trotz der weißen Seide! Ich habe unserem Raffael auch gesagt, er möge sich mit dem Fleisch nur so wenig wie möglich abgeben. (zu Schön). Mir ist der Brummbär überhaupt entsetzlich. Ich kann mich einmal für die moderne Klexerei nicht begeistern. (an den Staffeleien, seine Farben präparierend). Dem Impressionismus dankt es die heutige Kunst, wenn sie sich alten Meistern ohne Erröten an die Seite stellen darf. Für ein Stück Schlachtvieh mag sie ja ganz angebracht sein. Nur keine Aufregung! (fällt Goll um den Hals und küßt ihn). Man sieht dein Neglig é . Du mußt es herunter ziehen. Ich hätte es am liebsten weggelassen. Es geniert nur. Er wäre imstande und malte es hin. (nimmt den Schäferstab, der an der spanischen Wand lehnt, auf das Podium steigend, zu Schön). Was würden Sie jetzt sagen, wenn Sie zwe Stunden Parade stehen müßten? Meine Seele verschriebe ich dem Teufel, um mit Ihnen tauschen zu dürfen. (sich links setzend) Kommen Sie hierher. Das ist mein Beobach- tungsposten. (das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz). So? Ja … (es um eine Idee höher raffend) So? Ja, ja … (zu Schön, der neben ihm Platz genommen). Ich finde sie nämlich von hier aus noch vor- teilhafter. (ohne sich zu rühren). Ich bin von allen Seiten gleich vorteilhaft. Das rechte Knie weiter vor, bitte. (mit einer Geste). Der Körper zeigt vielleicht feinere Linien … (den Kopf wendend). Haben Sie doch wenigstens ein klein wenig Mitgefühl. Die Beleuchtung ist heute zum mindesten er- träglich. Sie müssen Sie flott hinwerfen. Fassen Sie Ihren Pinsel etwas länger. Gewiß, Herr Medizinalrat. Behandeln Sie sie als Stillleben. Gewiß, Herr Doktor. Sie verträgt keine pastose Behandlung. Sie hat nicht das Giganteske. (zu Lulu). Sie pflegten den Kopf um eine Idee höher zu halten. (den Kopf hebend) Malen Sie mir die Lippen etwas offen. Malen Sie Schnee auf Eis. Wenn Sie tiefer gründen, wird Ihre Kunst unkünstlerisch. Gewiß. Die Kunst, wissen Sie, muß die Natur so wiedergeben, daß man wenigstens geistig dabei ge- nießen kann. (den Mund etwas öffnend, zu Schwarz). So — sehen Sie. Denken Sie sich als Hintergrund eine Gaisblatt- laube. Sobald die Sonne kommt, wirft die Mauer gegenüber warme Reflexe herein. (zu Lulu). Du mußt dich in deiner Stellung verhalten, als ob unser Velasquez gar nicht vorhanden wäre. Ein Maler ist doch auch eigentlich kein Mann. Ich glaube nicht, daß Sie von einer rühmlichen Ausnahme auf die ganze Zunft schließen dürfen. So wenig wie ein Friseur. (von der Staffelei zurücktretend). Ich hätte mir vergangenen Herbst ein anderes Atelier mieten müssen. (zu Goll). Haben Sie die kleine O’Morphi als peruanische Perlenfischerin gesehen? Morgen sehe ich sie mir zum viertenmal an. Fürst Polossow führte mich hin, die dickste Perle, die sie bis jetzt gefischt hat. Sein Haar ist vor Vergnügen wieder dunkelblond geworden. Finden Sie sie so fabelhaft? Wer will das beurteilen. Ich glaube, es hat geklopft. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. (Geht zur Thür und öffnet.) Du darfst ihn getrost etwas ungenirter an- lächeln. Dem macht das nichts. Und wenn! — Wir sind ja da! Dritter Auftritt. Alwa Schön. Die Vorigen . (noch hinter der spanischen Wand). Darf man eintreten? Mein Sohn. Herr Alwa! Kommen Sie nur. (vortretend, reicht Goll die Hand). Herr Medizinalrat … (sich nach Lulu umwendend) Seh ich recht? — Wenn ich Sie doch für meine Hauptrolle engagiren könnte! Ich würde für Ihr Stück kaum gut genug tanzen. Sie haben einen Tanzlehrer, wie man ihn an keiner Bühne Europas findet! Was gäbe ich dafür, einmal auf der Bühne tanzen zu dürfen. Was führt dich denn hierher? Sie lassen hier wol auch ins geheim jemand porträtiren? (zu Schön). Ich wollte dich zur Generalprobe abholen. (erhebt sich). Lassen Sie heute schon in vollem Kostüm tanzen? Versteht sich. Kommen Sie mit. In fünf Minuten muß ich auf der Bühne sein. (Zu Lulu.) Ich Unglücklicher! Ich habe ganz vergessen — wie nennt sich doch Ihr Ballett? Dalailama. Ich glaubte, der wäre im Irrenhaus. Sie meinen Niemeier. Sie haben recht. Ich verwechsle die Beiden. Ich habe dem Buddhismus auf die Beine ge- holfen. An den Beinen erkennt man den Bühnendichter. Die Corticelli tanzt den jugendlichen Buddah als hätte sie am Ganges das Licht der Welt erblickt. Solang die Mutter noch lebte tanzte sie mit den Füßen … Solange sie frei war, tanzte sie mit Verstand … Jetzt tanzt sie mit dem Herzen. Wenn Sie sie sehen wollen? Danke. Kommen Sie doch mit! Unmöglich. Wir haben übrigens keine Zeit zu verlieren. Kommen Sie mit, Herr Medizinalrat. Im dritten Akt sehen Sie Dalailama in seinem Kloster, mit seinen Mönchen … Mir wäre es nur um den jugendlichen Buddah zu thun. Was hindert Sie denn? Es geht nicht. Es geht nicht. Wir gehen nachher zu Peters. Da können Sie Ihrer Bewunderung Ausdruck geben. Sie kommt zu Peters? Die Corticelli? Dringen Sie nicht weiter in mich. Ich bitte Sie. Wedekind , Der Erdgeist. 3 Sie sehen die zahmen Affen, die beiden Bra- manen, die kleinen Mädchen … Bleiben Sie mir mit den kleinen Mädchen vom Halse! Reserviren Sie uns eine Prosceniumsloge auf Montag. Wie konnten gnädige Frau daran zweifeln. Wenn ich zurückkomme, hat mir der Höllen- Breugel das Bild verpatzt. Das wäre kein Unglück. Das läßt sich über- malen. Ich halte Ihre Befürchtungen für unbegründet. Wenn man dem Caravacci nicht jeden Pinsel- strich explizirt … Es wäre ein Kunststück, ihn auf seiner Sternen- bahn zu beirren. Das nächste Mal, meine Herren. Die Bramanen werden ungeduldig. Die Töchter Nirvanas schlottern in ihren Tricots. Verdammte Klexerei! Man wird uns auszanken, daß wir Sie nicht mitbringen. In fünf Minuten bin ich zurück. (Stellt sich rechts vorn hinter Schwarz und vergleicht das Bild mit Lulu.) (zu Lulu). Mich ruft die Pflicht, gnädige Frau. (zu Schwarz). Sie müssen hier ein wenig mehr modelliren. Das Haar ist schlecht. Sie sind nicht genug bei der Sache … Kommen Sie. Nun nur schnell. Zu Peters bringen mich keine zehn Pferde. (Alwa und Goll folgend) Wir nehmen meinen Wagen, der unten steht. 3* Dierter Auftritt. Schwarz. Lulu . (beugt sich nach rechts, spuckt aus). Pack! — Wäre doch das Leben zu Ende! — Der Brotkorb! — Brotkorb und Maulkorb! — Jetzt bäumt sich mein Künstlerstolz. (Nach einem Blick auf Lulu.) Diese Gesellschaft! — (Erhebt sich, geht nach links hinten, betrachtet Lulu von allen Seiten, setzt sich wieder an die Staffelei.) Die Wahl würde einem schwer. — — Wenn ich Frau Obermedizinalrat ersuchen darf, die rechte Hand etwas höher. (nimmt den Schäferstab so hoch sie reichen kann, für sich). Wer hätte das für möglich gehalten! Ich bin wol recht lächerlich? Er kommt gleich zurück. Ich kann nicht mehr thun als malen. Da ist er. (sich erhebend) Nun? Hören Sie nicht? Es kommt jemand … Ich wußte es ja. Es ist der Hausmeister. Er putzt die Treppe. Gott sei Dank. Sie begleiten Herrn Obermedizinalrat auf seine Praxis? Das fehlte noch. Weil Sie es nicht gewohnt sind, allein zu sein. Wir haben eine Haushälterin. Die Ihnen Gesellschaft leistet? Sie hat viel Geschmack. Wofür? Sie zieht mich an. Sie gehen viel auf Bälle? Nie. Wozu dann die Toiletten? Zum Tanzen. Sie tanzen wirklich? Csardas — Samaqueca — Skirtdance … Widert Sie denn das nicht an? Sie finden mich häßlich? Sie verstehen mich nicht. — Wer giebt Ihnen denn den Unterricht? Er. Wer? Er. Er? Er spielt Violine. — — — Man lernt jeden Tag ein neues Stück Welt kennen. Ich habe in Paris gelernt. Erzählen Sie mir ein wenig von Paris. Diesen Winter gehen wir wieder hin. Ihr Bild wird besser, wenn Sie erzählen. Jeden Abend sah ich eine andere Tänzerin, weiß der Himmel auf welchem Theater, und hätte es dann immer auch gleich können sollen. Man muß auch viel Elend in Paris sehen. Wir fuhren nur nachts aus. Den Tag haben Sie verschlafen? Tags über war er in der Ecole de Médecine . Ich saß am Feuer und rauchte. Dann haben Sie sozusagen nichts von dem eigentlichen Paris kennen gelernt. Ich nahm Stunden bei Eugenie Foug è re. Sie hat mich auch Kostüme kopieren lassen. Wie sind denn die? Grünes Spitzenröckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletirt natürlich, sehr dekolletirt und fürchterlich geschnürt. Hellgrüner Unterrock, dann immer heller. Schneeweiße Dessous mit handbreiten Spitzen … Ich kann nicht mehr … Malen Sie. Ein Seelenabwürgen! Ich bitte Sie drum. Die Beleuchtung hat sich geändert. Die können Sie regulieren. Ich muß alles wegkratzen, was ich jetzt male. Was macht denn das. Ich verderbe das Bild. Was macht denn das. Was das macht? Er sieht nach, wie weit Sie sind. (mit dem Spachtel schabend) Ist Ihnen denn nicht kalt? Nein. Das wäre für mich eine Ersparnis von hundert Mark monatlich. Ist Ihnen so kalt? Heute nicht. Man kann atmen. Wieso … (atmet tief ein). Lassen Sie das bitte! — (Springt auf, wirft Pinsel und Palette weg, geht auf und nieder.) Der Stiefelputzer hat es wenigstens nur mit den Füßen zu thun. Die Farbe frißt ihm auch nicht ins Geld. Wenn mir morgen das Abendbrot fehlt, fragt mich kein Weltdämchen, ob ich mich auf Austern verstehe. Der Unhold! (nimmt die Arbeit wieder auf). Was jagt den Kerl auch in diese Probe! Mir wäre es auch lieber, er wäre dageblieben. Wir sind die Märtyrer unseres Berufes. Ich wollte Ihnen nicht weh thun. Ich sehe Irrlichter … Um Gottes Barmherzigkeit willen, malen Sie! Wenn mir die Farben vor den Augen tanzen … Dann thun sie wenigstens so. Wenn Sie links — das Beinkleid — ein wenig höher … Hier? (tritt zum Podium). Erlauben Sie … Was wollen Sie? Ich zeige es Ihnen. Es geht nicht. Sie sind nervös … (Will ihre Hand fassen.) (wirft ihm den Schäferstab ins Gesicht). Lassen Sie mich in Ruhe! (Eilt zur Entreethür.) Sie sind ungebärdig. Sie bekommen mich noch lange nicht. Sie verstehen keinen Scherz. Doch ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen Sie gar nichts bei mir. Ich bitte Sie um Verzeihung. Gehen Sie an Ihre Arbeit. So war es nicht gemeint. (auf dem Podium). Sie haben kein Recht, mich zu belästigen. (sich nähernd) Ich muß Ihnen Ihre Stellung zeigen. (flüchtet hinter die Ottomane). Setzen Sie sich erst hinter Ihre Staffelei. (will rechts um die Ottomane). Sobald ich Sie bestraft habe. Dazu müssen Sie mich erst haben. (will links herum). Dann lernen Sie mich aber kennen. Wissen Sie das? (Neckend.) Gus-gus … Sie sollen was erleben! (Tappt rechts herum.) (nach links ausweichend) Da-da-da-da! Warten Sie! (sich emporrichtend) Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie erwischen mich doch nicht. (hin und herzuckend) Seien Sie auf der Hut. In langen Kleidern wäre ich Ihnen längst verfallen … Sie Kindskopf! Aber in dem Pierrot! (sich der Länge nach über die Ottomane werfend). Habe ich dich! (schlägt ihm das Tigerfell über den Kopf). Gute Nacht! (Springt über das Podium, klettert auf die Trittleiter.) Ich sehe über alle Städte der Erde weg … (sich aus der Decke wickelnd). Dieser Balg! Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar. (ihr nachkletternd). Ich schüttle, bis Sie herunterfallen. (höher steigend). Wenn Sie nicht aufhören, werfe ich die Leiter um. Kapitulieren Sie! Ich trete Ihnen das Gehirn ein. Treten Sie nur. Werden Sie meine Beine loslassen. Flehen Sie um Gnade. Gott schütze Polen! (Bringt die Leiter zu Fall, springt auf das Podium und wirft Schwarz, wie er sich vom Boden aufrafft, die spanische Wand an den Kopf. Nach vorn eilend) Die Himmels- kinder jagen über das Schlachtfeld. (hervorkriechend). Bleiben Sie nur um Gottes willen von den Bildern weg. (an den Staffeleien). Ich habe Ihnen ja gesagt, daß Sie mich nicht bekommen. (nach vorn kommend). Lassen Sie uns Frieden schließen. (Will sie umfassen.) Bleiben Sie mir vom Leib, oder … (Sie wirft ihm die Staffelei mit dem Brustbild entgegen, daß beides krachend zu Boden stürzt.) (schreit auf). Unselige! (rechts hinten). Das Loch haben Sie selber hineingeschlagen. Zehn Wochen Arbeit, meine Reise, meine Aus- stellung. — Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. (Stürzt ihr nach.) (springt über die Ottomane, über die umgestürzte Trittleiter, kommt über das Podium nach vorn). Ein Graben! — Fallen Sie nicht hinein! (Stapft durch das Brustbild.) Sie hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht! (Fällt vornüber.) (fällt über sie her). Aus mir wird ein neuer Mensch! (windet sich vor und entwischt). — Sie haben mir drei Rippen gebrochen. (über die spanische Wand stolpernd). Ich kenne kein Erbarmen mehr. (im Hintergrund). Lassen Sie mich jetzt in Ruhe. — Mir wird schlecht. — — O Gott, o gott … (Kommt nach vorn und sinkt auf die Ottomane.) (verriegelt die Thür. Nach vorn kommend). Ich soll mir als Hintergrund eine Gaisblatt- laube denken. (Setzt sich neben sie, ergreift ihre Hand und be- deckt sie mit Küssen, hält inne; man sieht ihm an, daß er einen inneren Kampf kämpft.) (schlägt die Augen auf). Er kann zurückkommen. Wie ist dir? Sturm. Nellie … Als wäre ich ins Wasser gefallen … Ich liebe dich. Ich liebte einmal einen Studenten. Nellie … Mit vierundzwanzig Schmissen … Ich liebe dich. Ich ging zur Konfirmation. Nellie! Ich heiße nicht Nellie. (küßt sie). Ich heiße Lulu. Wedekind , Der Erdgeist. 4 Ich würde dich Eva nennen. Wissen Sie, wieviel Uhr es ist? (nach der Uhr sehend) Halb elf. (nimmt die Uhr und öffnet das Gehäuse). Du liebst mich nicht. Doch … Es ist fünf Minuten nach halb elf. Unsere Französischlehrerin liebte einen ver- heirateten Pastor. Eva … Wir schrieben ihr die glühendsten Briefe in seinem Namen. Gieb mir einen Kuß! (nimmt ihn am Kinn und küßt ihn, wirft die Uhr in die Luft und fängt sie auf). Sie riechen nach Tabak. Warum sagst du nicht Du? Es würde unbehaglich. Du verstellst dich! Das hatte ich niemals nötig . Du willst mich nicht verstehen. Hm? Dein Pierrot … Er mißfällt Ihnen? Er ist eifersüchtig … Er verhätschelt mich. Wer? Er! Er sieht dich tanzen. 4* Hm …? (erhebt sich, fassungslos, sich mit der Hand über die Stirn fahrend) Allmächtiger! Ich kenne die Welt nicht … (schreit). Bringen Sie mich nicht um! (sich rasch umwendend) Du hast noch nie geliebt …! (sich halb aufrichtend) Sie haben noch nie geliebt …! (von außen). Machen Sie auf! (ist aufgesprungen). Verstecken Sie mich! O Gott, verstecken Sie mich! (gegen die Thür polternd) Machen Sie auf! (will zur Thür). (hält ihn zurück). Er schlägt mich tot. (gegen die Thür polternd) Machen Sie auf! (vor Schwarz niedergesunken, umfaßt seine Knie). Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot. Stehen Sie auf … (Die Thür fällt krachend ins Atelier.) Fünfter Auftritt. Goll. Die Vorigen . (mit blutunterlaufenen Augen stürzt mit erhobenem Stock auf Schwarz und Lulu los). Ihr Hunde! — Ihr … (Schlägt vornüber auf die Diele.) (wankt in den Knieen). (hat sich zur Thür geflüchtet). — (Pause.) (tritt an Goll heran). Herr — Herr Medi — Herr Medizi — Herr Medizinal — Herr Medizinalrat. (in der Thür). Bringen Sie erst das Atelier in Ordnung. Herr Obermedizinalrat. (wagt sich nach vorn). Doch kein — Unglück? Nein. (Beugt sich nieder.) Herr … (Tritt zurück.) Er blutet. Er hat sich die Stirne geritzt. Helfen Sie mir, ihn auf die Ottomane legen. (tritt zurück). Nein, nein. (sucht ihn umzukehren). Herr Medizinalrat. Herr Obermedizinalrat. Er hört nicht. Es ist ein Schlaganfall. Helfen Sie mir doch nur. Wir heben ihn zu zweit ebensowenig. (sich emporrichtend) Man muß zum Arzt schicken. Er ist furchtbar schwer. (seinen Hut nehmend) Seien Sie bitte so freundlich und richten Sie die Stellagen ein wenig zurecht. (Ab.) Sechster Auftritt. Lulu. Goll . Auf einmal springt er auf. — (Eindringlich.) Bussi! Schnuggel! — — Er läßt sich nichts merken. — (Geht im Bogen nach hinten.) Er hat mich überall im Auge. — (Sie berührt ihn mit der Fußspitze.) Bussi! — (Zurückweichend.) Es ist ihm ernst. — — Der Tanz ist aus. — — Er läßt mich sitzen. — — Was fang’ ich an. — — (Kommt nach vorn, beugt sich zur Erde.) Ein wildfremdes Gesicht! — (Sich aufrichtend.) Nie- mand, der ihm den letzten Dienst erweist. — Ist das trostlos … Siebenter Auftritt. Schwarz. Die Vorigen . Noch nicht wieder zur Besinnung gekommen? (links vorn). Was fang’ ich an … (über Goll gebeugt). Herr Medizinalrat. Ich glaube, es ist schlimm. Reden Sie doch anständig! Er würde mir das nicht sagen. (hat Goll auf den Rücken herumgelegt, zu Lulu, auf die Ottomane deutend) Geben Sie mir das Kissen dort. (ihm das Kissen reichend) Ich muß tanzen, wenn er sich nicht wohl fühlt. (Goll das Kissen unter den Kopf schiebend) Der Arzt muß im Augenblick da sein. Arznei hilft ihm nicht. Man thut, was man kann. Er glaubt nicht daran. Wollen Sie sich denn nicht wenigstens um- ziehen? Ja. — Worauf warten Sie denn? Ich bitte Sie … Was … Schließen Sie ihm die Augen. Sie sind entsetzlich. Lange nicht so wie Sie! Ich? Sie sind eine Verbrechernatur. Rührt Sie denn dieser Moment gar nicht? Mich trifft es auch mal. Ich bitte Sie, jetzt schweigen Sie endlich mal! Sie trifft es auch mal. Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich bitte Sie … Es wäre an Ihnen. Er sieht mich an. Mich auch … Sie sind ein Feigling! (schließt Goll die Augen). Es ist das erste Mal in meinem Leben. Haben Sie es Ihrer Mutter nicht gethan? Nein. Sie waren auswärts? Nein. Sie fürchteten sich? (heftig). Nein. (bebt zurück). Ich wollte Sie nicht beleidigen. Sie lebt noch. Dann haben Sie doch noch jemand. Sie ist bettelarm. Das kenne ich. Spotten Sie nicht! Jetzt bin ich reich … Es ist grauenerregend. (Geht nach links.) Was kann sie dafür! Was fang’ ich an. Vollkommen verwildert! (Schwarz links, Lulu rechts, sehen einander mißtrauisch an.) (geht auf sie zu, ergreift ihre Hand). Sieh mir ins Auge. Was wollen Sie … (führt sie zur Ottomane, nötigt sie neben ihm Platz zu nehmen). Sieh mir in die Augen! Ich sehe mich als Pierrot darin. (springt auf, stößt sie von sich). Verwünschte Tanzerei! Ich muß mich umziehen … (hält sie zurück). Eine Frage … Ich darf ja nicht antworten. (wieder an der Ottomane). Kannst du die Wahrheit sagen? Ich weiß es nicht. Glaubst du an einen Schöpfer? Ich weiß es nicht. Kannst du bei etwas schwören? Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich. Sie sind verrückt. Woran glaubst du denn? Ich weiß es nicht. Hast du denn keine Seele? Ich weiß es nicht. Hast du schon mal geliebt —? Ich weiß es nicht. (erhebt sich, geht nach links). Sie weiß es nicht! (ohne sich zu rühren). Ich weiß es nicht. Er weiß es … (sich ihm nähernd) Was wollen Sie wissen? (empört). Geh, zieh dich an! (geht ins Schlafkabinett). Achter Auftritt. Schwarz. Goll . Ich möchte tauschen mit dir. Ich gebe sie dir zurück. Ich gebe dir meine Jugend dazu. Mir fehlt der Mut und der Glaube. Ich habe mich zu lange gedulden müssen. Es ist zu spät für mich. Ich bin dem Glück nicht gewachsen. Ich habe eine höllische Angst davor. Wach auf. Ich habe sie nicht angerührt. Er öffnet den Mund. Mund auf und Augen zu, wie die Kinder. Bei mir ist es umgekehrt. Wach auf! Wach auf! (Kniet nieder und bindet ihm sein Taschentuch um den Kopf.) Hier flehe ich zum Himmel, er möge mich befähigen glücklich zu sein. Er möge mir die Kraft geben und die Herrlichkeit, nur ein klein wenig glücklich zu sein. Um ihret- willen, einzig um ihretwillen . Neunter Auftritt. Lulu. Die Vorigen . (tritt aus dem Schlafkabinett, vollständig angekleidet, den Hut auf, die rechte Hand unter der linken Achsel; zu Schwarz, den linken Arm hebend) Würden Sie mich hier zuhaken. Meine Hand zittert. Zweiter Aufzug. Zweiter Aufzug. Sehr eleganter Salon. Links hinten Entreethür. Vorne rechts und links Portieren. Zu der rechts, führen einige Stufen hinan. An der Hinterwand über dem Kamin in prachtvollen Brokatrahmen Lulus Bild als Pierrot. Rechts ein hoher Spiegel. Davor eine Chaiselongue. Links ein Schreibtisch in Ebenholz. In der Mitte einige Sessel um ein chinesisches Tischchen. Erster Auftritt. Lulu. Schwarz. Dann Henriette . (in grünseidenem Morgenkleid steht regungslos vor dem Spiegel, runzelt die Stirn, fährt mit der Hand darüber, befühlt ihre Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem mißmutigen, halb zornigen Blick, geht nach links, sich mehrmals umwendend, öffnet auf dem Schreib- tisch eine Schatulle, zündet sich eine Cigarette an, sucht unter den Büchern, die auf dem Tisch liegen, nimmt eines zur Hand, legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel gegenüber, läßt, nachdem sie einen Moment gelesen, das Buch sinken, nickt sich ernsthaft zu, nimmt die Lektüre wieder auf. (Pinsel und Palette in der Hand, tritt von links ein, beugt sich über Lulu, küßt sie auf die Stirn, geht nach rechts die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um). Eva ! (lächelnd) Befehlen? Wedekind , Der Erdgeist. 5 Ich finde, du siehst heute außerordentlich reizend aus. (mit einem Blick in den Spiegel). Es kommt auf die Ansprüche an. Dein Haar atmet eine Morgenfrische … Ich komme aus dem Wasser. (sich ihr nähernd) Ich habe heute furchtbar zu thun. Das redest du dir ein. (legt Pinsel und Palette auf den Teppich und setzt sich auf den Rand der Chaiselongue). Was liest du denn da? (liest). Plötzlich hörte sie einen Rettungsanker die Treppe heraufwinken. Wer in aller Welt schreibt denn so ergreifend? (liest). Es war der Geldbriefträger. (durch die Entree, eine Hutschachtel am Arm, setzt eine Tablette mit Briefen auf den Tisch). Die Post. — Ich gehe, der Putzmacherin den Hut bringen. Haben gnädige Frau noch etwas zu befehlen? Nichts. (winkt ihr sich zu entfernen). (verschmitzt lächelnd ab). Was hast du vergangene Nacht denn alles ge- träumt? Das hast du mich doch schon gefragt heute. (erhebt sich, nimmt die Briefe von der Tablette). Ich zittere vor Neuigkeiten. Ich fürchte jeden Tag, die Welt könnte untergehen. (Zur Chaiselongue zu- rückgekehrt, Lulu einen Brief gebend.) An dich. (führt das Billet zur Nase). Die Corticelli. (Birgt es in ihrem Busen.) (einen Brief durchfliegend). Meine Samaquecatänzerin verkauft — für 50000 Mark! Wer schreibt denn das? 5* Gundermann in Paris. Das ist das dritte Bild seit unserer Verheiratung. Ich weiß mich vor meinem Glück kaum zu retten. (auf die Briefe deutend) Da kommt noch mehr. (eine Verlobungsanzeige öffnend) Sieh da! (Giebt sie Lulu.) (liest). Herr Regierungsrat Heinrich Ritter von Zar- nickow beehrt sich, Ihnen von der Verlobung seiner Tochter Charlotte Marie Adelaide mit Herrn Dr. Ludwig Schön ergebenste Mitteilung zu machen. (einen anderen Brief öffnend.) Endlich! Es ist ja eine Ewigkeit, daß er darauf lossteuert, sich vor der Welt zu verloben. Ich be- greife nicht, ein Mann von seinem Einfluß. Was steht denn der Heirat im Wege. Was ist das? Eine Einladung, mich an der Ausstellung in Petersburg zu beteiligen. — Ich weiß nicht, was ich malen soll. Ein hübsches Mädchen natürlich. Wenn du Modell stehen willst? Es giebt doch weiß Gott hübsche Mädchen genug. Für zehn Mark den Vormittag. Du weißt nicht was du sagst. Wenn man eben ein Bild für Fünfzigtausend verkauft hat. Zu dem du gestanden. Ich gelange einem andern Modell gegenüber, und wenn es pikant wie die Hölle ist, nicht zu dieser vollen Ausbeutung meines Könnens. Ich muß ja wohl. — Ginge es denn nicht liegend? Am liebsten möchte ich das wirklich deinem Ge- schmack, ganz und gar dir überlassen. (Die Briefe zu- sammenfaltend.) Daß wir nicht vergessen, Schön jeden- falls heute noch zu gratuliren. (Geht nach links und schließt die Briefe in den Schreibtisch.) Das haben wir doch längst gethan. Seiner Braut wegen. Du kannst es ihm ja noch einmal schreiben. Und jetzt zur Arbeit. (Nimmt Pinsel und Palette auf, küßt Lulu, geht rechts die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um.) Eva! (läßt ihr Buch sinken, lächelnd). Befehlen? (sich ihr nähernd). Mir ist täglich als sähe ich dich zum aller- erstenmal. Du bist schrecklich. (sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, liebkost ihre Hand). Du trägst die Schuld. (ihm die Locken streichelnd). Du vergeudest mich. Du bist ja mein. Ich erzähle dir was. O Gott, nur keine Überraschung! (flüstert ihm ins Ohr). (freudig). Eva! (bedeckt ihr Gesicht). Eva, Eva! Das Einzige, was unserem Himmel noch fehlte! Es ist dein Werk. (setzt sich neben sie, umschlingt sie). Danke, tausend Dank! Jetzt weiß ich doch, wo- für ich arbeite, wofür ich auf der Welt bin. Du bist herzlos. Schäm dich doch. Wofür ist mein Name in ganz Europa bekannt! Und ich? Aber dir danke ich es. Meine Schaffensfreude, mein Selbstvertrauen danke ich dir. Und mehr braucht es nicht, das habe ich erfahren, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Ich möchte ein wenig auf die Veranda. (ruhiger). Ich bin Künstler. Das muß mich bei dir ent- schuldigen. (lächelnd). Weswegen? Und du bist auch nie bestrickender, als wenn du um Gottes willen einmal ein paar Stunden recht häßlich sein solltest! (küßt ihn). Ich werde mir eine Flasche Kupfervitriol übers Gesicht gießen. Ich sperre dir das Köpfchen in eine eiserne Maske, zu der ich den Schlüssel führe. Da kann ich dann aufschließen, wann ich will. Und wenn ich dich dann mit eisernen Lippen küsse? Dann ist es aus mit mir. — Wo soll das hin. — Ich habe nichts mehr, seit ich dich habe. — Ich bin mir vollständig abhanden gekommen … Nicht so aufgeregt! (erhebt sich, schleicht auf den Zehen zur Entree). (Es läutet auf dem Korridor.) (zusammenfahrend). Verwünscht. Niemand zu Hause! Vielleicht ist es der Kunsthändler … Und wenn es der Kaiser von China ist. Einen Moment. (Ab.) (visionär). — Du? — du? — (Schließt die Augen.) (zurückkommend). Ein Bettler, der den Feldzug mitgemacht haben will. Ich habe kein klein Geld bei mir. (Pinsel und Palette aufnehmend.) Es ist die höchste Zeit, daß ich endlich an die Arbeit gehe. (Nach rechts ab.) (ordnet vor dem Spiegel ihre Toilette, streicht sich das Haar zurück und geht hinaus). Zweiter Auftritt. Lulu. Schigolch . (von Lulu hereingeführt). Ich hatte ihn mir etwas chevaleresker gedacht; ein wenig mehr Nymbus. Er ist etwas verlegen. Er brach ein wenig in die Knie, als er mich vor sich sah. (rückt ihm einen Sessel zurecht). Wie kannst du ihn auch anbetteln. Deswegen habe ich meine siebenundsiebzig Lenze nämlich hergeschleppt. Du sagtest mir, er halte sich morgens an seine Malerei. Er hatte noch nicht ausgeschlafen. Wieviel brauchst du? Zweihundert, wenn du so viel flüssig hast; meinetwegen dreihundert. Es sind mir einige Klienten verduftet. (geht an den Schreibtisch links und kramt in den Schubladen). Bin ich müde! (sich umsehend) Das hat mich nämlich auch bewogen. Ich hätte lange gerne gesehen, wie es jetzt so bei dir zu Hause aussieht. Nun? Es überläuft Einen. (Emporblickend.) Wie bei mir vor fünfzig Jahren. Statt der chinesischen Bumme- lagen hatte man damals noch alte verrostete Säbel. Den Teufel noch mal, du hast es weitgebracht. (Scharrend.) Die Teppiche … (giebt ihm zwei Billets). Ich gehe am liebsten barfuß darauf. (Lulus Porträt bemerkend). Das bist du? (zwinkernd). Fein? Wenn das alles Gutes ist. Einen Süßen? Was denn? (erhebt sich). Elixir de Spaa. Hilft nichts! — Trinkt er? (nimmt aus einem Schränkchen neben dem Kamin Karaffe und Gläser). Noch nicht. (Nach vorn kommend.) Das Labsal wirkt so verschieden! Er schlägt aus? (zwei Gläser füllend). Er schläft ein. Wenn er betrunken ist, kannst du ihm auf’s Eingeweide sehen. Lieber nicht. (Setzt sich Schigolch gegenüber.) Erzähl’ mir. Die Straßen werden immer länger, und die Beine immer kürzer. Und deine Harmonika? Hat falsche Luft, wie ich mit meinem Asthma. Ich denke nur immer, das Ausbessern ist nicht mehr der Mühe wert. (Stößt mit ihr an.) (leerte ihr Glas). Ich glaubte schon, du wärest am Ende … Das glaubte ich auch schon. Aber wenn so erst die Sonne hinunter ist, dann läßt es Einen doch noch nicht ruhen. Ich hoffe auf den Winter. Da wird (hustend) mein — mein — mein Asthma wol eine Fahrgelegenheit ausfindig zu machen wissen. (die Gläser füllend). Du meinst, man könnte dich vergessen haben. Wär’ schon möglich, weil es ja nicht der Reihe nach geht. (Ihr das Knie streichelnd.) Nun erzähl’ du mal — lange nicht gesehen — meine kleine Lulu. (zurückrückend, lächelnd). Das Leben ist doch unfaßlich! Du bist noch so jung. Daß du mich Lulu nennst. Lulu, nicht? Habe ich dich jemals anders ge- nannt? Ich heiße seit Menschengedenken nicht mehr so. Eine andere Benennungsweise? Lulu klingt mir ganz vorsündflutlich. Kinder! Kinder! Ich heiße jetzt … Als bliebe das Princip nicht das gleiche! Du meinst? Wie heißt es jetzt? Eva . Gehupft wie gesprungen! Ich höre darauf. (sieht sich um). So habe ich es für dich geträumt. Du bist darauf angelegt. Was soll denn das? (sich mit einem Parfümflacon besprengend). Heliotrop. Riecht das besser als du? (ihn besprengend). Saure Trauben! Wer hätte den königlichen Luxus vorausgesehen. Wenn ich denke … (ihr das Knie streichelnd). Wie geht’s dir denn? Treibst du immer noch Französisch? Ich liege und schlafe. Das ist vornehm. Das sieht immer nach so was aus. Und weiter? Und strecke mich — bis es knackt. Und wenn es geknackt hat? Was interessiert dich das! Was mich das interessiert? Was mich das interessiert? Ich wollte lieber bis zur jüngsten Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden Verzicht leisten, als meine Lulu hinieden in Kon- flikten lassen. Was mich das interessiert? Es ist mein Mitgefühl. Ich bin ja mit meinem besseren Ich schon verklärt. Aber ich habe noch das Ver- ständnis für diese Welt. Ich nicht. Dir ist zu wohl. (schaudernd). Blödsinnig … Wohler als bei dem alten Tanzbär? (wehmütig). Ich tanze nicht mehr … Für den war es auch Zeit. Jetzt bin ich … (Stockt.) Sprich, wie es dir ums Herz ist, mein Kind! Ich hatte Vertrauen in dich, als noch nichts an dir zu sehen war als deine zwei großen Augen. Ein Tier … Daß dich der! — Und was für ein Tier! — Ein feines Tier! — Ein elegantes Tier! — Ein Prachtstier! — — — Dann will ich mich man bei- setzen lassen. — Mit den Vorurteilen sind wir fertig. Auch mit dem gegen die — die … Die Wäscherin? — Du hast nicht zu fürchten, daß du noch mal gewaschen wirst! Man wird doch wieder schmutzig. (ihn besprengend) Es würde dich noch mal ins Leben zurückrufen. Wir sind Moder. Bitte recht schön! Ich reibe mich mit Kamm- fett ein und dann Puder darauf. Auch wol der Mühe wert, der Zierbengel wegen. Das macht die Haut wie Satin. Als wäre es deswegen nicht auch nur — hm. Ich will zum Anbeißen sein. Sind wir auch. Geben nächstens ein großes Diner. Halten offene Tafel. Wedekind , Der Erdgeist. 6 Deine Gäste werden sich kaum überessen. Geduld Mädchen! Dich setzen deine Verehrer auch nicht in Weingeist. Das heißt schöne Melu- sine, solang es seine Schwungkraft behält. Nachher? Man nimmt’s im zoologischen Garten nicht. (Sich erhebend) Die holden Bestien bekämen Aufstoßen. (sich erhebend) Hast du auch genug? Es bleibt noch was, um mir eine Terebinthe aufs Grab zu pflanzen. — Ich finde selber hinaus. (Ab.) (begleitet ihn und kommt mit Dr. Schön zurück). Dritter Auftritt. Lulu. Schön . Was thut denn Ihr Vater hier? Was haben Sie? Wenn ich Ihr Mann wäre, käme mir der Zopf nicht über die Schwelle. Warum sagen Sie denn Sie zu mir? Weil es — weil sich das doch wol von selbst versteht. Ich verstehe nicht. Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber möchte ich nämlich gerne mit Ihnen sprechen. (sich unsicher setzend) Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt? Bitte jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt. (nervös). Ach so. Hm. Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzu- stellen. Darf ich Ihnen ein Elixir … Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden? 6* (schüttelt den Kopf). Gut. Sie haben die Wahl. — Sie zwingen mich zu den äußersten Mitteln — entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen … Oder? Oder — Sie zwingen mich — ich müßte mich an diejenige Persönlichkeit wenden, die für Ihre Aufführung verantwortlich ist. Wie stellen Sie sich das vor? Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu überwachen. (erhebt sich, geht rechts die Stufen hinan). Wo wollen Sie denn hin? (unter der Portiere). Walter! (aufspringend). Bist du verrückt?! Aha. Ich mache die übermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der Gesellschaft zu erhöhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer sein, als auf meine Vertraulichkeit … (kommt die Stufen herunter, legt Schön den Arm um den Hals). Was fürchten Sie jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind? Keine Komödie! Am Ziel meiner Wünsche? Ich habe mich verlobt, endlich. Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu führen. (sich setzend) Sie ist zum Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren. Sie sieht Einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf. Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir können ein- ander treffen, wo es Ihnen angemessen scheint. Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes! Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen. Dann muß doch Er daran glauben. Ruf’ ihn nur. Durch seine Verheiratung mit dir, durch das, was ich für ihn gethan, ist er mein Freund ge- worden. (sich erhebend) Meiner auch. Dann werde ich mir das Schwert über dem Kopf herunterschneiden. Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein Glück. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder ver- heiratet sind. Du beurteilst die Frauen nach dir. Er ist ein Kindergemüt. Er wäre deinen Kabriolen sonst längst auf die Spur gekommen. Ich wünsche gar nicht mehr! Er würde seine Kinderschuhe endlich ausziehen. Er pocht darauf, daß er den Heiratskontrakt in der Tasche hat. Die Mühe ist überstanden. Jetzt kann man sich geben und sich gehen lassen, wie zu Hause. Er ist kein Kindergemüt. Er ist banal. Er hat keine Er- ziehung. Er sieht nichts. Er sieht mich nicht und sich nicht. Er ist blind, blind, blind … Wenn dem die Augen aufgehen! Öffnen Sie ihm die Augen. Ich verkomme. Ich vernachlässige mich. Er kennt mich gar nicht. Was bin ich ihm. Er nennt mich Schätzchen und kleines Teufelchen. Er würde jeder Klavierlehrerin das gleiche sagen. Er erhebt keine Pretensionen. Alles ist ihm recht. Das kommt, weil er nie in seinem Leben das Bedürfnis gefühlt hat, mit Frauen zu verkehren. Ob das wahr ist! Er sagt es ja ganz offen. Jemand, der seit seinem vierzehnten Jahr alles Erdenkliche porträtirt. Er hat Angst vor Frauen. Er bebt für sein Heil. Mich fürchtet er nicht! Wie manches Mädchen, würde sich in deinem Fall Gott weiß wie selig preisen. (bittend). Verführen Sie ihn. Sie verstehen sich darauf. Bringen Sie ihn in lustige Gesellschaft. Sie haben die Bekanntschaften. Ich bin ihm nichts als Weib und wieder Weib. Ich fühle mich so blamirt. Er wird stolzer auf mich sein. Er erlegt sich etwas mehr Beherrschung auf. Er kennt keinen Unter- schied. Ich denke mir das Hirn aus, Tag und Nacht, ihn aufzurütteln. In meiner Verzweiflung tanze ich Cancan. Er gähnt und mault etwas von Obscönität. Unsinn. Er ist doch Künstler. Er glaubt es wenigstens zu sein. Das ist schon die Hauptsache! Wenn ich mich als Modell hinstelle. Er glaubt auch, er sei ein berühmter Mann. Dazu haben wir ihn auch gemacht. Er glaubt alles. Er ist mißtrauisch, wie ein Dieb und läßt sich anlügen, daß man jeden Respekt verliert. Als wir uns kennen lernten, machte ich ihm weis, ich hätte noch nie geliebt … (fällt in einen Lehnsessel). Er hätte mich ja sonst für ein verworfenes Geschöpf gehalten! — Du stellst weiß Gott was für exorbitante Anforderungen an legitime Verhältnisse. Ich stelle keine exorbitanten Anforderungen. — Ost träumt mir noch von Goll. Der war nicht banal. Er ist da, als wär’ er nie fortgewesen. Nur geht er wie auf Socken. Er ist mir nicht böse Er ist furchtbar traurig. Und dann ist er furcht- sam, als wäre er ohne polizeiliche Erlaubnis da. Sonst fühlt er sich behaglich mit uns. Nur kommt er nicht darüber hinweg, daß ich seither so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen habe … Du sehnst dich nach der Peitsche zurück! Ich tanze nicht mehr. Erzieh’ ihn dir. Verlorne Müh’! Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Männer erziehen. Er liebt mich. Das ist fatal. Er liebt mich … Das ist eine unüberbrückbare Kluft. Er kennt mich nicht, aber er liebt mich! Hätte er nur eine vage Vorstellung von mir, er würde mir einen Stein an den Hals binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist. Kommen wir zu Ende. Wie Ihnen beliebt. Ich habe dich verheiratet. Ich habe dich zwei- mal verheiratet. Du lebst im Luxus. Ich habe deinem Mann eine Position geschaffen. Wenn dir das nicht genügt und er sich dazu ins Fäustchen lacht, ich trage mich nicht mit idealen Forderungen. Aber laß mich dabei aus dem Spiel! Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt an- gehöre, gehöre ich Ihnen. Ohne Sie wäre ich — ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergißt sich? Jeder andere hätte den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich Lebensart lernen lassen. Was sind mir die Kinderseelen! Ich lasse mich auf ihre Albernheiten ein, weil das meine Pflicht ist. Wer außer Ihnen auf der weiten Welt hat je etwas für mich übrig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und war selber froh, mich für meinen Lebensunterhalt quittiren zu können. Aber auf Kommando lieben , das kann ich nicht. (der sich erhoben). Laß mich aus dem Spiel! Thu’ was du willst Ich komme nicht, um Skandal zu machen. Ich komme, um mir den Skandal vom Halse zu schaffen. Meine Verbindung kostet mich Opfer genug! Ich hatte vorausgesetzt, mit einem gesunden jungen Mann, wie ihn sich eine Frau in deinem Alter nicht besser wünschen kann, würdest du dich endlich zufrieden geben. Wenn du mir verpflichtet bist, dann wirf dich mir nicht zum drittenmal in den Weg. Soll ich denn noch länger warten, bis ich mein Teil in Sicherheit bringe? Soll ich riskiren daß mir der ganze Erfolg meiner Konzessionen nach zwei Jahren wieder ins Wasser fällt? Was hilft mir dein Verheiratetsein, wenn man dich zu jeder Stunde des Tages bei mir ein- und ausgehen sieht? Warum in aller Welt ist Dr. Goll nicht auch wenig- stens ein Jahr noch am Leben geblieben! Bei dem warst du in Verwahrung. Dann hätte ich meine Frau längst unter Dach! Was hätten Sie dann! Das Kind fällt Ihnen auf die Nerven. Das Kind ist zu achtungswert für Sie. Das Kind ist viel zu sorgfältig erzogen. Was kann ich mit Ihrer Verheiratung zu thun haben. Aber Sie täuschen sich über sich selber, wenn Sie glauben, mir Ihres glücklichen Erfolges wegen Ihre Verachtung zum Ausdruck geben zu können! Verachtung? Ich werde dem Kind schon die richtige Fa ç on geben! Wenn etwas verachtenswert ist, so sind es deine Intriguen! Bin ich auf das Kind eifersüchtig? Das kann mir doch nicht einfallen … Das Kind! Das Kind ist auf den Tag ein Jahr jünger als du. Laß mir meine Freiheit, zu leben, was ich noch zu leben habe! Sei das Kind erzogen, wie es will, das Kind hat seine fünf Sinne … Vierter Auftritt. Schwarz. Die Vorigen . (einen Pinsel in der Hand, rechts unter der Portiere). Was ist denn los? (zu Schön). Nun? Was habt ihr denn? Nichts was dich betrifft … (rasch). Ruhig! Man hat mich satt. (führt Lulu nach rechts ab). (blättert in einem der Bücher, die auf dem Tisch liegen). Es mußte zur Sprache kommen. — — Ich muß reine Bahn schaffen. (zurückkommend). Ist denn das eine Art zu scherzen? (auf einen Sessel deutend). Bitte. Was ist denn? Bitte. (sich setzend). Nun? (sich setzend). Du hast eine halbe Million geheiratet. Ist sie weg? Nicht ein Pfennig. Erklär’ mir den eigentümlichen Auftritt. Du hast eine halbe Million geheiratet … Daraus kann man mir kein Verbrechen machen. Du hast dir einen Namen geschaffen. Du kannst unbehelligt arbeiten. Du brauchst dir keinen Wunsch zu versagen. Was habt ihr gegen mich? Seit sechs Monaten schwegst du in allen Himmeln. Du hast eine Frau, um deren Vorzüge die Welt dich beneidet und die einen Mann verdient, den sie achten kann. Achtet sie mich nicht? Nein. — Ich komme aus den düstren Tiefen der Gesellschaft. Sie ist von oben her. Ich hege keinen heißeren Wunsch, als ihr ebenbürtig zu werden. (Schön die hand reichend) Ich danke dir. Bitte, bitte. Sprich. Nimm sie etwas mehr unter Aufsicht. Ich — sie? Wir sind keine Kinder. Wir tändeln nicht. Wir leben. Sie fordert ernst genommen zu werden. Ihr Wert giebt ihr das volle Recht dazu. Was thut sie denn? Du hast eine halbe Million geheiratet. (erhebt sich, außer sich). Sie … (nimmt ihn bei der Schulter). Nein, das ist der Weg nicht. (Nötigt ihn, sich zu setzen.) Wir haben hier sehr ernst mit einander zu sprechen. Was thut sie?! Rechne dir erst genau an den Fingern nach, was du ihr zu verdanken hast, und dann … Was thut sie — Mensch!! Und dann mach dich für deinen Fehler ver- antwortlich und nicht sonst jemand. Mit wem? Wenn wir uns schießen sollen … Seit wann? — Ich komme nicht hierher, um Skandal zu machen. Ich komme, um dich vor dem Skandal zu retten. — Du hast sie mißverstanden. Damit ist mir nicht gedient. Ich kann dich so nicht weiterleben sehen. Das Mädchen verdient eine anständige Frau zu sein. Sie hat sich, seit ich sie kenne, zu ihrem Besseren entwickelt. Seit du sie kennst? — Seit wann kennst du sie denn? Wedekind , Der Erdgeist. 7 Seit ihrem zwölften Jahr. Davon hat sie mir nichts gesagt. Sie verkaufte Blumen vor dem Alhambra-Caf é . Sie drückte sich barfuß zwischen den Gästen durch, jeden Abend zwischen zwölf und zwei. Davon hat sie mir nichts gesagt. Daran hat sie recht gethan. Ich sage es, damit du siehst, daß du es nicht mit moralischer Ver- kommenheit zu thun hast. Das Mädchen ist außer- gewöhnlich gut veranlagt. Sie sagte, sie sei bei einer Tante aufgewachsen. Das war die Frau, der ich sie übergab. Sie war die beste Schülerin. Die Mütter stellten sie ihren Kindern als Vorbild hin. Sie besitzt Pflicht- gefühl. Es ist einzig und allein dein Versehen, wenn du bis jetzt versäumt hast, sie bei ihren besten Seiten zu nehmen. O Gott …! Kein o Gott. An dem Glück, das du gekostet, kann nichts etwas ändern. Geschehen ist geschehen. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu ge- winnen. Mit dem „O Gott“ ist nichts gewonnen. Einen größeren Freundschaftsdienst habe ich dir noch nicht erwiesen. Ich spreche offen und biete dir Rat und Hilfe. Zeig’ dich dessen nicht unwürdig. Als ich sie kennen lernte, sagte sie mir, sie habe noch nie geliebt. Wenn eine Witwe das sagt! Ihr gereicht es zur Ehre, daß sie dich zum Manne gewählt. Stelle die nämliche Anforderung an dich, und dein Glück ist makellos. Er habe sie kurze Kleider tragen lassen. Er hat sie doch geheiratet! — Das war ihr Meisterstreich. Wie sie den Mann dazu gebracht, ist mir unfaßlich. Du mußt es jetzt wissen. Du genießt die Früchte ihrer Diplomatie. 7* Woher kannte Dr. Goll sie denn? Durch mich. Es war nach dem Tode meiner Frau, als ich die ersten Beziehungen zu meiner gegenwärtigen Verlobten anknüpfte. Sie stellte sich dazwischen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, meine Frau zu werden. Und als ihr Mann dann starb? — Du hast eine halbe Million geheiratet. Wär’ ich geblieben, wo ich war! Wär’ ich Hunger gestorben! Glaubst du denn, ich mache keine Zugeständ- nisse? Wer macht keine Zugeständnisse? Du hast eine halbe Million geheiratet. Du bist heute einer der ersten Künstler. Dazu kommt man nicht ohne Geld. Du bist nicht derjenige, um über sie zu Gericht zu sitzen. Bei einer Herkunft, wie sie Mignon hat, kannst du unmöglich mit den Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft rechnen. Von wem sprichst du denn? Ich spreche von ihrem Vater. Du bist Künstler, sag’ ich. Du hast eine halbe Million geheiratet. Deine Ideale liegen auf einem anderen Gebiete, als die eines Lohnarbeiters. Ich verstehe von alledem kein Wort. Ich spreche von den menschenunwürdigen Ver- hältnissen, aus denen sich das Mädchen dank ihrer Führung zu dem entwickelt hat, was sie ist. Wer denn? Deine Frau. Eva . Ich nannte sie Mignon. Ich meinte, sie hieße Nellie. So nannte sie Dr. Goll. Ich nannte sie Eva … Wie sie eigentlich hieß, weiß ich nicht. Sie weiß es vielleicht. Bei einem Vater, wie sie ihn hat, ist sie ja bei allen Fehlern, das helle Wunder. Ich verstehe dich nicht … Er ist im Irrenhause gestorben. Er war ja eben hier! Wer? Ihr Vater. Hier — bei mir? Er drückte sich, als ich kam. Da stehen noch die Gläser. Sie sagt, er sei im Irrenhause gestorben. Laß sie Autorität fühlen. Sie verlangt nicht mehr, als unbedingt Gehorsam leisten zn dürfen. Bei Dr. Goll war sie wie im Himmel und mit dem war nicht scherzen. Sie sagte, sie habe noch nie geliebt. Aber mach’ mit dir selber den Anfang. Raff’ dich zusammen. Geschworen hat sie. Du kannst kein Pflichtgefühl fordern, bevor du nicht deine eigene Aufgabe kennst. Bei dem Grabe ihrer Mutter. Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Geschweige das Grab. — Ihre Mutter hat gar kein Grab. Ich passe nicht hinein in die Gesellschaft. Was hast du? Einen grauenhaften Schmerz. (erhebt sich, tritt zurück, nach einer Pause). Wahr’ sie dir, weil sie dein ist. — Der Moment ist entscheidend. Sie kann morgen für dich ver- loren sein. (auf die Brust deutend). Hier, hier. Du hast … Sie ist dir verloren, wenn du den Augenblick versäumst. Wenn ich weinen könnte! — Oh, wenn ich schreien könnte! (legt ihm die Hand auf die Schulter). Dir ist elend … (sich erhebend). Du hast recht, ganz recht. (seine Hand ergreifend). Wo willst du hin? Mit ihr sprechen. Recht so. (Begleitet ihn zur Thüre links.) Fünfter Auftritt. Schön. Gleich darauf Lulu . (zurückkommend). Das war ein Stück Arbeit. (Nach einer Pause, nach rechts sehend.) Er hat sie ins Atelier gebracht … (Fürchterliches Stöhnen von links.) (eilt an die Thür links, findet sie verschlossen). Mach’ auf! Mach’ auf! (rechts aus der Portiere tretend). Was ist … Mach’ auf! (kommt die Stufen herab). Das ist grauenvoll. Hast du kein Beil in der Küche? Er wird schon aufmachen … Ich mag sie nicht eintreten. Wenn er sich ausgeweint hat. (gegen die Thür stampfend). Mach’ auf! (Zu Lulu.) Hol’ mir ein Beil. Zum Arzt schicken … Du bist nicht bei Trost. Das geschieht Ihnen recht. (Es läutet auf dem Korridor. Schön und Lulu starren einander an.) (schleicht nach hinten, bleibt in der Thür stehen). Ich darf mich hier jetzt nicht sehen lassen. Vielleicht der Kunsthändler. (Es läutet.) Wenn wir nicht antworten … (schleicht nach der Thüre). (hält sie auf). Bleib. Man ist sonst auch nicht immer gleich bei der Hand. (Geht auf den Fußspitzen hinaus.) (kehrt zu der verschlossenen Thür zurück und horcht). Sechster Auftritt. Alwa Schön. Die Vorigen. Später Henriette . (Alwa hereinführend). Sei bitte ruhig. In Paris ist Revolution ausgebrochen. Sei ruhig. (zu Lulu). Sie sind totenbleich. (an der Thür rüttelnd). Walter! — Walter! (Man hört röcheln.) Gott erbarm dich … Hast du kein Beil geholt? Wenn eines da ist … (Zögernd nach links hinten ab.) Er mystifizirt uns. In Paris ist Revolution ausgebrochen? Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß, was er schreiben soll. (Es läutet auf dem Korridor.) (gegen die Thür stampfend). Walter! Soll ich sie einrennen? Das kann ich auch. Wer da noch kommen mag. (Sich emporrichtend.) Das freut sich des Lebens und läßt es Andere verantworten. (kommt mit einem Küchenbeil zuück ). Henriette ist nach Hause gekommen. Schließ’ die Thür hinter dir. Geben Sie her. (Nimmt das Beil und stößt es zwischen Pfosten und Thürschloß.) Du mußt es länger fassen. Es kracht schon. (Die Thür springt aus dem Schloß. Er läßt das Beil fallen und taumelt zurück.) — — (Pause.) (auf die Thür deutend, zu Schön). Nach Ihnen. (weicht zurück). Ihnen wird — schwindlig …? (wischt sich den Schweiß von der Stirn und tritt ein). (rechts auf der Chaiselongue). Gräßlich! (sich am Thürpfosten haltend, die Finger zum Mund erhoben, schreit jäh auf). Oh! — Oh! (Eilt zu Alwa.) Er hat ihm den Kopf zurückgebogen. Grauenhaft! (ihn bei der Hand nehmend). Kommen Sie. Wohin? Ich kann nicht allein sein. (Mit Alwa nach rechts ab.) (kommt von links zurück, ein Schlüsselbund in der Hand; die Hand zeigt Blut; zieht die Thür hinter sich zu, geht zum Schreib- tisch, schließt auf und schreibt zwei Billets). (von rechts zurückkommend). Sie zieht sich um. Sie ist fort? Auf ihr Zimmer. Sie zieht sich um. (klingelt). (tritt ein). Sie wissen, wo der Doktor Bernstein wohnt. Gewiß, Herr Doktor. Gleich nebenan. (ihr ein Billet gebend). Bringen Sie das hinüber. Im Fall, daß der Herr Doktor nicht zu Hause sind. Er ist zu Hause. (Ihr das andere Billet gebend). Und das bringen Sie auf die Polizeidirektion. Nehmen Sie eine Droschke. (ab). Ich bin gerichtet. Mir stockt das Blut. (nach links). Der Narr! Er hat Licht bekommen? Er hat zuviel mit sich selbst verkehrt! (auf den Stufen rechts in Staubmantel und Spitzenhut). Wo wollen Sie hin? Hinaus. Ich sehe es an allen Wänden. Wo hat er seine Papiere? Im Schreibtisch. (am Schreibtisch). Wo? Rechts unten. (Kniet vor dem Schreibtisch nieder.) Hier. Es ist nichts zu fürchten. Er hat alles deklarirt. Er hat den letzten Pfennig versteuert. Jetzt kann ich mich von der Welt zurückziehen. (knieend). Schreiben Sie ein Feuilleton. Nennen Sie ihn Michel Angelo. Was hilft das! Ich kann mich kaum auf den Füßen halten. (nach links deutend). Da liegt meine Verlobung. Das ist der Fluch deines Spiels! Schrei es durch die Straßen. (auf Lulu deutend, die zwischen ihnen kniet). Hättest du, als meine Mutter starb, an dem Mädchen gehandelt, wie es recht und billig ge- wesen wäre. (nach links). Da verblutet meine Verlobung! (sich erhebend). Es riecht nach Blut. Ich bleibe nicht. In einer Stunde verkauft man die Extrablätter. Ich darf mich nicht über die Straße wagen. Was können Sie dafür. Deshalb! Man steinigt mich. Du mußt verreisen. Um dem Skandal freies Feld zu lassen. (an der Chaiselongue). Vor zehn Minuten noch lag er hier. Das ist der Dank für das, was ich für ihn gethan! Sie haben ihn soweit gebracht. Wirft mir in einer Sekunde mein Leben in Trümmer! Mäßige dich. (auf der Chaiselongue). Wir sind unter uns. Und wie! (zu Lulu). Was willst du der Polizei sagen? Nichts. Er wollte nichts schuldig bleiben. Wedekind , Der Erdgeist. 8 Ich sehe schon die Leitartikel von morgen früh. Er hatte immer gleich Mordgedanken. Er hatte, was sich ein Mensch nur erträumen kann! Er hat es teuer bezahlt. Er hatte, was wir nicht haben! Ich kenne deine Gründe. Ich habe nicht Ur- sache, Rücksicht auf dich zu nehmen! Wenn du alles in Bewegung setzst, um keine Geschwister neben dir zu haben, so ist das für mich ein Grund, mir andere Kinder zu erziehen. Du bist ein schlechter Menschenkenner. Geben Sie selber ein Extrablatt aus. Er hatte kein moralisches Gewissen. — Paris revolutionirt —? Unsere Leute sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt. Das muß mir darüber hinweghelfen! — — Wenn nun nur die Polizei käme. Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen. (Es läutet auf dem Korridor). Da sind sie … (will zur Thüre). (aufspringend). Warten Sie, Sie haben Blut. Wo …? Warten Sie, ich wische es weg. (Besprengt ihr Taschentuch mit Heliotrop und wischt Schön das Blut von der Hand.) Es ist deines Gatten Blut. Es läßt keine Flecken. Ungeheuer! Sie heiraten mich ja doch. 8* (Es läutet auf dem Korridor). Nur Geduld. (links hinten ab). Siebenter Auftritt. Escherich. Die Vorigen . (von Schön hereingeleitet, atemlos). Erlauben Sie, daß ich — daß ich mich Ihnen — Ihnen vorstelle … Sie sind gelaufen? (seine Karte überreichend). Von der Polizeidirektion her. Ein Selbstmord, hör’ ich. (liest). Fritz Escherich, Korrespondent der Kleinen Neuig- keiten. — Kommen Sie. Einen Moment. (Nimmt Notizbuch und Bleistift vor, sieht sich im Salon um, schreibt einige Worte, verbeugt sich gegen Lulu, schreibt, wendet sich zu der erbrochenen Thür, schreibt.) Ein Küchenbeil … (Will es aufheben.) (ihn zurückhaltend). Bitte. (schreibt). Thür aufgebrochen mit Küchenbeil. (Untersucht das Schloß.) (die Hand an der Thür). Sehen Sie sich vor. Wenn Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben wollen. (öffnet die Thür). (läßt Buch und Bleistift fallen, fährt sich in die Haare). O du barmherziger Himmel noch mal …! Sehen Sie sich alles genau an. Ich kann nicht hinsehen. Wozu sind Sie denn hergekommen. Sich mit dem — Ra — Rasiermesser — den Ha — Hals abschneiden … Haben Sie alles gesehen? Das muß ein Gefühl sein! (zieht die Thür zu, tritt zum Schreibtisch). Setzen Sie sich. Hier ist Papier und Feder. Schreiben Sie. (der mechanisch Platz genommen). Ich kann nicht schreiben … (hinter seinem Stuhl stehend). Schreiben Sie — Verfolgungswahn. (schreibt). Verfolgungswahn. (Es läutet auf dem Korridor). Dritter Aufzug. Dritter Aufzug. Garderobe im Theater, mit rotem Tuch ausgeschlagen. Rechts hinten die Thür. Links hinten eine spanische Wand. In der Mitte, mit der Schmalseite gegen den Zuschauer, ein langer Tisch, auf dem Tanzkostüme liegen. Rechts und links vom Tisch je ein Sessel. Rechts vorn Tischchen mit Sessel. Links vorn ein hoher Spiegel, daneben ein hoher, sehr breiter, altmodischer Armsessel. Vor dem Spiegel ein Puff, Schminkschatulle ꝛc. ꝛc. Erster Auftritt. Lulu. Alwa, gleich darauf Schön . (rechts vorn, füllt zwei Gläser mit Champagner und Rotwein). Seit ich für die Bühne arbeite, habe ich kein Publikum so außer Rand und Band gesehen. (unsichtbar, hinter der spanischen Wand). Geben Sie mir nicht zu viel Rotwein. — Sieht er mich heute? Mein Vater? Ja. Ich weiß nicht, ob er im Theater ist. Er will mich nicht sehen. Er hat so wenig Zeit. Seine Braut nimmt ihn in Anspruch. Spekulationen. Er gönnt sich keine Ruhe. — (Da Schön eintritt.) Du? Eben sprechen wir von dir. Ist er da? Du ziehst dich um? (über die spanische Wand wegsehend, zu Schön). Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tänzerin, die je die Bühne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was weiß ich, und finden mich nicht mal geistvoll genug, um sich davon zu überzeugen! Du siehst, daß ich recht hatte. Ich habe soviel zu schreiben. Es waren kaum mehr Plätze zu haben. — Du mußt dich etwas mehr im Proscenium halten. Ich muß mich erst an das Licht gewöhnen. Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten. (zu Alwa). Du mußt deine Darsteller besser ausnützen. Du verstehst dich noch nicht genug auf die Technik. (Zu Lulu.) Als was kommst du jetzt? Als Blumenmädchen … (zu Alwa). In Tricots? Nein. (Zu Lulu.) Wollen Sie nicht trinken? Ich kann jetzt nicht. (zu Lulu). Verlier’ deine Zeit nicht. Wär’ ich nur wieder draußen. (Verschwindet hinter der spanischen Wand.) (zu Schön). In fußfreiem Kleid. Du hättest dich nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen. Ich sehe der Tänzerin auf die Füße. Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht. Eine Erscheinung wie sie läuft nicht Gefahr zu langweilen. Das Publikum sieht nicht aus, als ob es sich langweilte! Weil ich seit sechs Monaten auf ihren Erfolg hingearbeitet habe. — War der Prinz hier? Es war niemand hier. Wer wird eine erste Tänzerin zwei Akte hindurch in Schleppgewändern hinausschicken! Wer ist denn der Prinz? — Wie sehen uns noch? Bist du allein? Mit Bekannten. — Bei Peters? Um Zwölf? Um Zwölf. (Ab.) Ich hatte schon daran verzweifelt, daß er je kommen werde! Lassen Sie sich nur ja nicht beirren. (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreien ärmellosen weißen Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im Haar, einen Korb voll Blumen in den Händen). Wenn ich mir heute die Seele nicht aus dem Leibe tanze … Daß Sie sich nicht vor der letzten Nummer ausgeben! (das Glas an den Lippen). Er hat es nicht gemerkt, wie Sie Ihre Darsteller ausnützen! Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen. Sie enthüllen mich gradatim. Ich wußte, daß Sie sich darauf verstehen, das Kostüm zu wechseln. Hätte ich meine Blumen so vor dem Alhambra- caf é verkaufen wollen, die Polizei hätte mich schon in der ersten Nacht hinter Schloß und Riegel gesetzt. Sie waren ein Kind! Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat? (nickt). Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet. Man mußte mich verstecken und wußte nicht wo. Meine Mutter lag schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett … Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle. Wir spielten Theater! Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben. Es war mir noch lange die grauenvollste Er- innerung, wie ich mit einem Mal klar in die Ver- hältnisse sah. Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich. Ach Gott — ich schämte mich meiner kindlichen Harmlosigkeit. Ich sah etwas so unendlich hoch über mir Stehendes in Ihnen. Ich hegte vielleicht eine höhere Verehrung für Sie, als für meine Mutter. Denken Sie, wie meine Mutter starb, — ich war siebzehn Jahre alt — da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, daß er Sie augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst müßten wir uns duelliren. Das hat er mir damals erzählt. Seit ich älter bin, kann ich ihn nur noch be- mitleiden. Er wird mich nie verstehen. Da phantasirt er sich eine kleinliche Diplomatie zu- sammen, die mich dazu bestimmen soll, seiner Ver- heiratung mit der Comtesse entgegenzuarbeiten. — Ist sie noch immer so niedlich? Sie liebt ihn; das ist meine Überzeugung. Ihre Familie hat alles in Bewegung gesetzt, um sie zum Rücktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht, daß ihr ein Opfer auf dieser Welt zu groß wäre, um seinetwillen. (hält ihm ihr Glas hin). Noch etwas, bitte. (ihr einschenkend). Sie trinken zu viel. Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen. Er glaubt an nichts. Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet, der reich genug ist, um mich zu heiraten. Was braucht uns das zu kümmern. Um so besser für mich — wenn ich mich in das Herz eines Millionärs hineintanzen kann. Gott verhüte, daß man Sie uns entführt! Sie haben die Musik dazu komponirt. Sie wissen, daß es immer mein Wunsch war, ein Stück für Sie zu schreiben. Ich bin nicht für die Bühne geschaffen. Sie sind als Tänzerin auf die Welt gekommen. Es ist zu kindisch, was sich das Publikum weis- machen läßt. Gott sei Dank, daß es noch nicht so abge- brüht ist. Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht wenigstens so interessant, wie das Leben ist? Weil uns das kein Mensch glauben würde. Wedekind , Der Erdgeist. 9 Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstände, als man auf der Bühne spielt, was hätte aus mir werden wollen! Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmöglichkeiten ausgestattet. Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirk- lichkeit noch keinen Hund vom Ofen. Genug, daß sich das Publikum in die wahn- sinnigste Aufregung versetzt sieht. Ich will mich selbst in die wahnsinnigste Auf- regung versetzt sehen! (Trinkt.) Dazu scheint Ihnen doch auch nicht viel zu fehlen. Weil mein Auftreten einen höheren Zweck hat. (sich abwendend). Sie können Einen verrückt machen. Es gehen schon Einige ernstlich mit sich zu Rate. — Ich fühle das, ohne daß ich hinsehe. Wie fühlen Sie denn das? Keiner ahnt was vom Anderen. Jeder meint, er sei allein der Unglückliche. Wie können Sie denn das fühlen? Es läuft Einem so ein eisiger Schauer am Körper herauf. Sie sind … (Eine elektrische Klingel tönt über der Thür.) Mein Tuch … Ich werde mich im Proscenium halten! (ihr einen breiten Shawl über die Schultern legend). Hier ist Ihr Tuch. Er soll nichts mehr seiner schamlosen Reklame wegen fürchten. Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung! 9* Wolle Gott, daß ich Einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus tanze. (Ab.) Zweiter Auftritt. (allein). Über die ließe sich freilich ein interessanteres Stück schreiben. — Man macht kein Geld damit. Das Publikum sieht es sich einmal an, dann flüchtet es hierher zurück, um sich an Irrlichtern und Walzergedudel zu recreiren. — Irrlicht! — Das wäre ein Titel. (Setzt sich rechts, nimmt sein Notizbuch vor und notirt. Aufblickend.) Erster Akt: Dr. Goll. Da wird das ganze Theater schon rappelköpfig. Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer citiren, oder wo er seine Orgien büßt, man wird mich für seine Sünden verantwortlich machen. — (Langanhaltendes, starkgedämpftes Klatschen und Bravorufen wird von außen hörbar.) — Das tobt, wie in der Menagerie, wenn die Atzung vor dem Gitter erscheint. — Zweiter Akt: Walter Schwarz. Wenn wir noch ein Damen- publikum hätten, das anspruchsvoll genug wäre, um sich am Spiel um Leib und Leben zu erfreuen: „Wie viel hast du heute umgebracht, mein Herzens- Heinrich? — Gebt meinem Rappen zu saufen, antwortet er, und eine halbe Stunde später: So, Stücker vierzehn. Bagatell! Bagatell!“ — Die Todesscene! Wie die Seelen die letzte Hülle ab- streifen im Licht solcher Blitzschläge — wie jetzt ihr Körper vor dem Lampenlicht! — Wenn ich an meinen Vater denke, wie er in seinen Grundvesten erschüttert war. Er hat sich nicht aus dem Sattel werfen lassen. — — Und der dritte Akt? — Geht es so fort? — (Die Garderobiere öffnet von außen und läßt Escerny eintreten.) Dritter Auftritt. Escerny. Alwa . (nimmt links neben dem Spiegel Platz). (rechts sitzend). Es kann im dritten Akt nicht so fortgehen! Bis zur Mitte des dritten Aktes schien es heute nicht so gut zu gehen, wie sonst. Ich war nicht auf der Bühne. Jetzt ist sie wieder in vollem Zug. — Sie zieht die Nummer in die Länge. Ich hatte bei Herrn Dr. Schön einmal das Vergnügen, der Künstlerin zu begegnen. Mein Vater hat sie durch einige Besprechungen beim Publikum eingeführt. (sich leicht verneigend). Ich konferirte mit Herrn Dr. Schön der Heraus- gabe meiner Forschungen am Tanganjika-See wegen. (sich leicht verneigend). Seine Äußerungen lassen keinen Zweifel über das lebhafte Interesse, das er an dem Werk nimmt. Ich erinnere mich nicht, in der Welt einem Mann von so umfassenden Interessen begegnet zu sein. Der Journalist kann von Glück sagen, wenn er aus der Zersplitterung noch einen Teil der eigenen Persönlichkeit rettet. — Ich habe mich gefragt, wie in Ihnen die Idee zu dem Stück entstanden sein mag. Ich habe sie aus der Kabbala. Wohlthuend berührt es an der Künstlerin, daß das Publikum für sie nicht vorhanden ist. Ich konnte damit rechnen, daß sie sich an einem Abend zwanzigmal umzukleiden hat. Sie hat das als Kind gelernt. Aber ich war überrascht, eine so bedeutende Tänzerin in ihr entdeckt zu haben. Wie sie eben als Blumenmädchen vor dem gött- lichen Querilinth tanzt, richtet sie ihre Verführungs- künste so ausschließlich nur an ihren Partner, daß im Publikum schwerlich jemand dadurch verführt werden könnte. (Tumultuarisches Klatschen und Bravorufen wird hörbar.) Wenn sie sie nur nicht in Stücke reißen. Wenn sie ihr Solo tanzt, berauscht sie sich selber an ihrer Schönheit — in die sie zum Sterben verliebt ist! Da ist sie. (Erhebt sich, öffnet die Thür.) Vierter Auftritt. Lulu. Die Vorigen . (ohne Kranz und Blumenkorb, zu Alwa). Sie werden herausgerufen. Ich war dreimal vor dem Vorhang. (Zu Escerny, der sich erhoben.) Herr Dr. Schön ist nicht in Ihrer Loge? In meiner Loge nicht. (zu Lulu). Haben Sie ihn nicht gesehen? Er wird wieder fort sein. Er hat die letzte Parquetloge links. Er schämt sich meiner! Er hat keinen guten Platz mehr bekommen. (zu Alwa). Fragen Sie ihn doch, ob ich jetzt besser war. Ich werde ihn heraufschicken. Er hat applaudirt. Hat er? Gönnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab.) Fünfter Auftritt. Lulu. Escerny . (schenkt sich ein und trinkt). Ich muß mich ja wieder umziehen. Wo ist Ihre Garderobiere? Ich kann das rascher allein. Sie haben sie wol mißhandelt? Wo sagten Sie, daß Dr. Schön sitzt? Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links. Jetzt habe ich noch fünf Kostüme vor mir: Dancinggirl, Ballerina, Königin der Nacht, Ariel und Lascaris … (Tritt hinter die spanische Wand zurück.) Würden Sie es für möglich halten, daß ich bei unserem ersten Rencontre nicht anders gewärtig war, als mit einer jungen Dame aus der litera- rischen Welt bekannt zu werden? — — — (Setzt sich rechts neben den Mitteltisch, wo er bis zum Schluß der Scene sitzen bleibt.) Sollte ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das Lächeln, das die dröhnenden Beifallsstürme auf Ihren Lippen hervor- rufen, richtig gedeutet? — —: daß Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor Leuten von zweifel- haften Interessen entwürdigen zu müssen, leiden? — — — (Da Lulu nicht antwortet:) Daß Sie den Schimmer der Öffentlichkeit jeden Augenblick gegen ein ruhiges, sonniges Glück in vornehmer Abge- schlossenheit eintauschen würden? — — — (Da Lulu nicht antwortet:) Daß Sie Hoheit und Würde genug in sich fühlen, einen Mann zu Ihren Füßen zu fesseln — um sich an seiner vollkommenen Hilf- losigkeit zu freuen? — — — (Da Lulu nicht antwortet:) Daß Sie sich an einem würdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort ausgestatteten Villa fühlen würden — bei unbegrenzten Mitteln — um durchaus als Ihre eigene Herrin zu leben? (in kurzem hellem Pliss é -Unterrock und weißem Atlaskorset, schwarze Schuhe und Strümpfe, Schellensporen unter den Absätzen, tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnüren ihres Korsets beschäftigt). Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann träume ich die ganze Nacht hindurch, daß ich tanze, und fühle mich am folgenden Tag wie gerädert … Wenn Sie am Abend wirklich tanzen, dann spüren Sie am folgenden Tag keine Ermüdung? Nein. — Das heißt, ich schleppe mich vom Sofa zum Diwan, vom Diwan zur Chaiselongue und fühle mich wie im Himmel — — bis es mich am Abend wieder überkommt … Aber was könnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pöbels nur einen Zuschauer vor sich zu sehen? Das könnte mir gleichgültig sein. Ich sehe ja doch niemanden. Es wird Ihnen schwer, sich hineinzudenken? — Ein erleuchteter Gartensaal — das Plätschern vom See herauf … (vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend). Sie spielen Violine … — — Ich bin auf meinen Forschungsreisen zur Ausübung eines unmenschlichen Despotismus gezwungen … Eine gute Schule! Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der Gewalt einer Frau zu überliefern, so ist das ein natürliches Bedürfnis nach Abspannung … Ich möchte gar keinen Herrn, der nicht wie mit seiner Sklavin mit mir verfährt. Diesen Herrn findet eine Frau wie Sie nie! Warum nicht? — Aber in welcher Sphäre! In meiner. Sie sind herzlos. (mit den Absätzen klirrend). In diesen Schuhen tanzt es sich so schwer — ich fühle nachher, als Ballerina, keinen Teppich mehr unter den Füßen. Können Sie sich ein höheres Lebensglück für eine Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben? (mit den Absätzen klirrend). Ja! (in ihren Anblick vertieft). Ich habe den Skirtdance von keinem Londoner Dancinggirl lebendiger gesehen, als von Ihnen. Das sagen die Andern auch. (verwirrt). Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenüber nicht den Kopf verliert. Ihre Wünsche erfüllt Ihnen niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen. Von einem Mädchen wie Sie hintergangen zu werden, muß noch zehnmal beglückender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden. Sie sind noch von keinem Mädchen aufrichtig geliebt worden! Das lag auch nie in meiner Absicht. Ihr Ehrgeiz hat edlere Ziele? — Ich habe Sie beleidigt … (sich rücklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend). Würden Sie mir den Knoten auflösen. (in die Tasche greifend). Warten Sie … Um Gottes willen! (versucht es mit der Hand). Ich habe mich zu fest geschnürt. Es geht nicht … Sie können es nicht? Es ist verwickelt … Ich bin immer so aufgeregt beim Ankleiden. Darf ich das eine Band denn nicht wenigstens durchschneiden? Sie sind ein Barbar! Dann ist alles aus. (nach wiederholtem Versuch.) Dann kann ich Sie nicht aufschnüren … Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach links.) Ich gestehe ein, daß es mir an Geschicklichkeit gebricht. Es fehlt Ihnen nur an der nötigen Geduld. Ich war vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug. Dazu haben Sie in Afrika wol auch nicht viel Gelegenheit? In Afrika tragen die Frauen kein Korset. Das glaube ich. — Geht es? Es geht. (ernst). Lassen Sie mich Ihnen offen gestehen, daß mir meine Vereinsamung in der Welt manche Stunde verbittert. Sie sollten nicht in die Wüste reisen, wenn Sie Gesellschaft suchen. Ich reise in die Wüste, um meine Verein- samung zu vergessen. Sie können einen Umgang, der Ihnen genügen soll, nur in Ihrer Sphäre finden. Bitte, nicht weiter! Gleich ist der Knoten auf … — Ich träumte mich sechs Monate in dem unfaßbaren Glück, verstanden zu werden. — Es kann mir nicht leicht mehr einfallen, einer Frau etwas mehr gelten zu wollen, als das, was ich dem blinden Zufall verdanke … (hört ihn mit gesenktem Blick an). Was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Tanz. Es ist Ihre Noblesse, wie sie sich in jeder Ihrer Bewegungen offenbart. Durch jedes Kunst- werk hindurch, läßt sich der Künstler als Mensch erkennen. Wer sich so sehr wie ich für Kunstwerke interessirt, kann sich darin nicht täuschen. Ich habe während zehn Abenden Ihr Seelenleben aus Ihrem Tanze studirt, bis ich heute, als Sie als Blumenmädchen auftraten, vollkommen mit mir ins Klare kam. Sie sind eine großangelegte Natur — uneigennützig. Sie können niemanden leiden sehen. Sie sind das verkörperte Lebensglück. Als Gattin werden Sie einen Mann über alles glücklich machen … (hat die Schnüre ihres Korsets etwas gelockert, holt tief Atem, mit den Absätzen klirrend). Jetzt kann ich wieder atmen. Ihr ganzes Wesen ist Offenherzigkeit. — Sie wären eine schlechte Schauspielerin … (Die elektrische Klingel tönt über der Thür.) Der Vorhang geht auf. (Sie nimmt vom Mitteltisch Wedekind , Der Erdgeist. 10 ein Skirtdancekostüm — Pliss é , hellgelbe Seide, ohne Taille, am Hals geschlossen, bis zu den Knöcheln reichend, weite Blousenärmel, — und wirft es sich über.) Ich muß tanzen. (erhebt sich und küßt ihr die Hand). Erlauben Sie mir, noch ein wenig hierzubleiben. Bitte, bleiben Sie. (sie zur Thür geleitend). Ich bedarf etwas der Einsamkeit. (Lulu ab.) Sechster Auftritt. (allein). Was ist Noblesse? — Ist es Verschrobenheit, wie bei mir? — Oder ist es leibliche und geistige Vervollkommnung, wie bei diesem Mädchen? — (Klatschen und Bravorufen wird hörbar.) — Eine Tänzerin! — Ich habe mich um die besten Jahre damit be- trogen, einem Grame zu leben, über den ein Mann in vier Wochen hätte hinwegkommen müssen. Wer mir den Glauben an die Menschen zurückgiebt, giebt mir mein Leben zurück. — — Eine Tänzerin! — Mein dunkles Blut läßt sich nicht aus meiner Welt regeneriren. Will ich meinen Stamm nicht erlöschen lassen — was vielleicht das beste für ihn wäre — dann schulde ich meinen Kindern frischen Lebenssaft, strotzende Gesundheit, Herrlichkeit … Eine Tänzerin!! — Sollten Kinder dieser Frau nicht fürstlicher sein an Leib und Seele, als Kinder, deren Mutter nicht mehr Lebensfähigkeit in sich hat, als ich bis heute in mir fühlte? — Der Tanz hat ihren Körper geadelt … (Er setzt sich rechts vorn) — Wenn ich mir ein Leibpferd auswähle — dem ich mein Leben anvertraue … Siebenter Auftritt. Alwa. Escerny . Man ist keinen Moment sicher, daß nicht ein armseliger Zufall der Vorstellung den Garaus macht! (Setzt sich links, neben dem Spiegel.) (rechts sitzend). Hatten Sie etwas zu befürchten? Der Vorhang funktionirte nicht. Sie haben Herrn Dr. Schön nicht heraufge- schickt? 10* Ich wurde auf der Bühne zurückgehalten. (Klatschen und Bravorufen wird hörbar.) So dankbar hat sich das Publikum nie gezeigt. Sie hat den Skirtdance beendet. — Ich höre sie kommen … Sie kommt nicht. — Sie hat keine Zeit. — Sie wechselt das Kostüm hinter der Coulisse. Wie kann sie sich hinter der Coulisse aus dem Dancinggirl zur Ballerina transformiren? Sie ist unglaublich flink. Überdies sind die Kostüme darauf eingerichtet. Aber die Tricots? Die trägt sie während der ganzen Vorstellung. Sie hat zwei Ballerinakostüme? Ich finde, daß ihr das weiße besser steht, als das in Rosa. Finden Sie? Sie nicht? Ich finde, sie sieht in dem weißen Tüll zu körperlos aus. Ich finde, sie sieht in dem Rosatüll zu anima- lisch aus. Ich nicht. Der weiße Tüll bringt mehr das Kindliche ihrer Natur zum Ausdruck. Der Rosatüll bringt mehr das Weibliche ihrer Natur zum Ausdruck. Geschmacksache … Eigentümlich, wie die rhythmische Bewegung des Körpers auf die Lebensgeister wirkt. Ich habe das schon in Afrika gesehen. Die Neger, bevor sie zum Kampf ausziehen, lassen sich von ihren Tänzerinnen vortanzen, bis sie sich vor Lebensglut nicht mehr zu halten wissen. Es kommt nicht selten vor, daß sie dann schon während des Marsches übereinander herfallen, oder gar, bevor die Vor- stellung noch zu Ende ist, Selbstmord begehen … (Die elektrische Klingel tönt über der Thür.) (aufspringend). Um Gottes willen, was ist da los! (sich gleichfalls erhebend). Sie ist ja nicht hier! (Die elektrische Klingel tönt fort bis zum Schlusse der Scene.) Da ist was passiert … Wie können Sie so erschrecken. Das muß eine höllische Verwirrung sein. (Ab.) (folgt ihm). (Die Thür bleibt offen. Man hört gedämpfte Walzerklänge.) (Pause.) Achter Auftritt. (in langem Theatermantel, tritt ein und zieht die Thür hinter sich zu. Sie trägt ein Rosa-Ballettkostüm mit Blumenguirlanden, geht quer über die Bühne und nimmt in dem Armsessel neben dem Spiegel Platz. — Pause). Neunter Auftritt. Alwa. Lulu. — Gleich darauf Schön . Sie hatten einen Ohnmachtsanfall? Ich bitte Sie, schließen Sie zu. Kommen Sie wenigstens auf die Bühne. Haben Sie ihn gesehen? Wen gesehen? Mit seiner Braut. Mit seiner … (Zu Schön, der eintritt.) Den Scherz hättest du dir sparen können. Was ist mit ihr? (Zu Lulu.) Wie kannst du die Scene gegen mich ausspielen!! Ich fühle mich wie geprügelt. (nachdem er die Thür verriegelt). Du wirst tanzen — so wahr ich mir die Ver- antwortung für dich aufgeladen! Vor Ihrer Braut? Hast du ein Recht, dich darum zu kümmern, vor wem? — Du bist hier engagirt. Du hast deine Bezahlung … Ist das Ihre Sache? Du tanzt vor Jedem, der sein Billet löst. Mit wem ich in meiner Loge sitze, hat keine Beziehung zu deiner Thätigkeit. Wärst du in deiner Loge sitzen geblieben! (Zu Lulu.) Sagen Sie mir bitte, was ich thun soll. (Von außen wird gepocht.) Da ist der Direktor. (Ruft.) Gleich, gleich. Einen Augenblick. (Zu Lulu.) Sie werden uns nicht zwingen wollen, die Vorstellung abzubrechen! (zu Lulu). Auf die Bühne mit dir! Lassen Sie mir nur einen Augenblick. Ich kann jetzt nicht. Mir ist sterbenselend. Hol’ der Henker den ganzen Theaterkram! Schalten Sie die nächste Nummer ein. Das merkt kein Mensch, ob ich jetzt tanze, oder in fünf Minuten. Ich habe keine Kraft in den Füßen. Aber dann tanzen Sie? So gut ich kann … So schlecht Sie wollen. (Da von außen gepocht wird.) Ich komme. (Ab.) Zehnter Auftritt. Schön. Lulu . Sie haben recht, daß Sie mir zeigen, wo ich hingehöre. Das konnten Sie nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen lassen … Ich verbiete dir, noch mit einer Silbe von ihr zu sprechen! Sie thun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist. Ich sage kein Wort von der Dame. Hast du verstanden?! Es fuhr mir wie ein Schlag durch den Körper. — Ich werde mich rasch daran gewöhnen. Als ob du dich an etwas zu gewöhnen brauchtest! Deshalb danke ich Ihnen aufrichtig, daß Sie mit ihr ins Theater gekommen sind. Bei deiner Herkunft ist es ein Glück sonder- gleichen für dich, daß du noch Gelegenheit hast, vor anständigen Leuten aufzutreten. Auch wenn sie über meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen. Albernes Geschwätz! — Schamlosigkeit? — Mach’ aus der Tugend keine Not! — Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir für jeden Schritt mit Gold aufwiegt. — Gebärde dich so schamlos, daß die Wände rot werden, aber kümmere dich nicht darum, wofür man dich hält! — Der Eine schreit Bravo, der Andere schreit Pfui — das heißt für dich das Gleiche! — Kannst du dir einen glänzenderen Triumph wünschen, als wenn sich ein anständiges Mädchen kaum in der Loge zurückhalten läßt?! Dann will ich alles daransetzen, so verab- scheuenswürdig wie möglich zu sein! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! — So lang du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte Tänzerin! — Die Seele macht die Tänzerin! — Die Schamlosig- keit! — Nicht das Exterieur! — Die Gymnastik haben Andere auch in den Beinen. — — Je fürchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so größer stehst du in deinem Beruf da!! Es ist mir ja auch vollkommen gleichgültig, was man von mir denkt! Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. Ich möchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wol dabei. Eine Korruption!! Ich wüßte nicht, daß ich je einen Funken Ach- tung vor mir gehabt hätte. Keine Harlequinaden … O Gott — ich weiß sehr wol, zu was ich ge- worden wäre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten. Bist du denn etwas anderes?? Nein. Das ist echt! (lacht). (spuckt aus). Wirst du jetzt tanzen? Wie und vor wem es ist. Auf die Bühne!! Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht halten. — Man wird klingeln. Du bist es geworden, trotz allem, was ich für deine Erziehung und dein Wohl geopfert habe. Sie hatten Ihren veredelnden Einfluß über- schätzt. Verschone mich mit deinen Witzen. — Der Prinz war hier. So? Er nimmt mich mit nach Afrika. Nach Afrika? Sie haben mich ja zur Diva gemacht, damit Einer kommt und mich mitnimmt. Aber doch nicht nach Afrika! Warum haben Sie mich nicht ruhig in Ohn- macht fallen lassen, und im stillen dem Himmel gedankt? Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben. Sie hielten es unten nicht aus …? Weil ich dir zum Bewußtsein bringen muß, was du bist und zu wem du nicht aufzublicken hast! Sie fürchteten, ich könnte doch vielleicht ernstlich Schaden genommen haben? Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist. — Sieh mich nicht so an! Es hält Sie niemand hier. Sobald es klingelt. Sobald Sie die Energie haben. — Wo ist Ihre Energie? — Sie sind seit drei Jahren ver- lobt. Warum heiraten Sie nicht? — Sie kennen keine Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? — Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll dazu gezwungen. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. — Sie creiren Künstler, Sie protegiren Prinzen. Warum heiraten Sie nicht? Glaubst du vielleicht, daß du mir im Weg stehst?! Wüßten Sie, wie Ihre Wut mich glücklich macht! Wie stolz ich darauf bin, daß Sie mich mit allen Mitteln demütigen! Sie erniedrigen mich so tief — so tief, wie man ein Weib er- niedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie könnten sich dann eher über mich hinwegsetzen. Sie haben sich unsäglich weh gethan durch alles, was Sie mir sagten. Ich sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen Sie! Um Ihrer Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine Minute noch, dann schlägt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine andere Scene, die Sie jetzt nicht verantworten können. Ich fürchte dich nicht mehr. Mich? — Fürchten Sie sich selber. — Ich bedarf Ihrer nicht. — Ich bitte Sie, gehen Sie. Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, daß ich nicht ohnmächtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstören. Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Gehen Sie, Sie verlieren die Kraft. Sie glauben nicht nur, daß ich ein schönes Menschenkind bin; Sie glauben auch, daß ich das beste Mädchen auf dieser Welt bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Schlimme ist nur, daß Sie so von mir denken. Laß meine Gedanken gehn! Du hast zwei Männer unter der Erde. Nimm den Prinzen, tanz’ ihn in Grund und Boden! Ich habe dich ausstudirt. Ich weiß, wo der Engel bei dir zu Ende ist, und der Teufel beginnt. Wenn ich die Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trägt der Schöpfer die Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung. Weil Sie Ansprüche an das Leben stellen, wie sie höher niemand auf der Welt stellen kann … Wenn ich, seit ich dich kenne, eine ruhige Stunde gehabt habe, will ich auf alles, was ich besitze, verzichten! Sagen Sie mir, wer ist anspruchsvoller, Sie oder ich?! Schweig! — Wenn du das beste Mädchen auf dieser Welt bist, dann schweig mir davon! Wenn Wedekind , Der Erdgeist. 11 du ein schönes Menschenkind bist, dann trag’ dich wie Andere! Ich weiß nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich höre, denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwöre dich — bei dem Engel, der in dir ist — bei deiner Schönheit — beschwöre ich dich, komm mir derweil nicht mehr zu Gesicht! Ich will meine Thüre verschließen. Die Tigerin hat sich festgebissen — sie läßt sich rütteln und schütteln und läßt nicht luck mit den Zähnen! Gehen Sie — gehen Sie! Prahl’ noch mit dir! — Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit dem Leben ringe, noch Niemandem so geflucht! So sind Sie auch keiner anderen Frau gegen- über! Ich habe den Widerhaken im Fleisch. Meine niedere Herkunft. Deine Verworfenheit! Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich. Sie müssen sich rein fühlen. Sie brauchen moralisches Selbstbewußtsein. Sie müssen sich für den Mann von eisernen Grundsätzen halten — sonst können Sie das Mädchen nicht heiraten … Willst du, daß ich mich an dir vergreife! Was muß ich sagen, damit Sie es thun? Schweig’, wenn Menschlichkeit in dir ist! Um kein Königreich möchte ich jetzt mit ihr tauschen! Mach’ mich nicht rasend! Sie liebt Sie, wie kein Weib Sie geliebt hat!! 11* Schweig’, Bestie! Heiraten Sie sie — dann tanzt sie mir vor! (hebt die Faust). Verzeih’ mir Gott … Schlagen Sie mich! Bitte, schlagen Sie mich! Wo haben Sie Ihre Reitpeitsche. Ich werde wie wahnsinnig tanzen! Schlagen Sie mich an die Beine … Fort, fort …! (Stürzt zur Thüre, wendet sich um.) Kann ich so vor das Kind treten? — Nach Hause! — Wenn ich zur Welt hinaus könnte! Seien Sie ein Mann. — Blicken Sie sich ins Gesicht. — Sie haben keine Spur von Gewissen. — Sie schrecken vor keiner Schandthat zurück. — Sie wollen das Mädchen, das Sie liebt, unglücklich machen. — Sie erobern die halbe Welt. — Sie machen mit den Menschen, was Sie wollen — und Sie wissen so gut wie ich — daß … (ist auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch zusammengesunken). Schweig! Daß Sie zu schwach sind — sich von mir los- zureißen … Oh! Oh! Du thust mir weh! Mir thut es wohl — ich kann nicht sagen wie. Mein Alter! Meine Welt! — Er weint wie ein Kind — der allgewaltige Weltmann! — Jetzt gehen Sie so zu Ihrer Braut. Sagen Sie ihr, ich sei eine Seele von einem Mädchen — keine Spur eifersüchtig. Ich habe die Kraft nicht! Wie kann der eingefleischte Teufel so weich werden. Das Kind! Das schuldlose Kind! Jetzt gehen Sie aber, bitte. — Jetzt sind Sie nichts mehr für mich. Ich kann nicht zu ihr. Hinaus! Sag’ mir — sag’ mir, was ich thun soll. Seien Sie ein Mann! Ganz wie du willst. (erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem Mitteltisch die Kostüme beiseite schiebend). Hier ist Briefpapier … Ich kann nicht schreiben. (auf die Lehne seines Sessels gestützt). Schreiben Sie. — Sehr geehrtes Fräulein … Ich nenne sie Adelheid. Sehr geehrtes Fräulein … (schreibend). Mein Todesurteil! Nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich kann es nicht mit meinem Gewissen — schreiben Sie Ge- wissen — vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln … (schreibend). Du hast recht. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrer Liebe — schreiben Sie Liebe — unwürdig bin. Diese Zeilen sind der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureißen; ich habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich beherrscht. — Vergessen Sie mich. — Doktor Ludwig Schön. O Gott! Ja kein o Gott! — Doktor Ludwig Schön. — — Postskriptum: Versuchen Sie nicht, mich zu retten. (nachdem er geschrieben). Das ist der Anfang vom Ende. Vierter Aufzug. Dierter Aufzug. Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond in geschnitztem Eichenholz. Die Wände bis zur halben Höhe in dunklen Holzskulpturen. Darüber an beiden Seiten verblaßte Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhängte Galerie abge- schlossen, von der rechts eine monumentale Treppe bis zur halben Tiefe der Bühne herabführt. In der Mitte unter der Galerie die Eingangsthür mit gewundenen Säulen und Frontespice. An der linken Seitenwand ein geräumiger hoher Kamin. Weiter vorn ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der rechten Seitenwand vor dem Treppenfuße eine geschlossene Portiere in genueser Sammet. Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor dem Fußpfeiler des freien Treppengeländers auf einer dekora- tiven Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisirtem Goldrahmen. Rechts vorn eine breite Ottomane, links davor ein Fauteuil. In der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem Tisch steht ein weißes Bouquet. Erster Auftritt. Schön. Lulu. Gräfin Geschwitz . (auf der Ottomane, in pelzbesetzter Husaren-Taille, hoher Stehkragen, riesige Manschettenknöpfe, Schleier vor dem Gesicht, die Hände krampfhaft im Muff; zu Lulu). Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, Sie auf unserem Künstlerinnenball zu sehen. (rechts vorn). Sollte denn für Unsereinen keine Möglichkeit bestehen, sich einzuschmuggeln? Es wäre Hochverrat, wenn jemand von uns einer solchen Intrigue Vorschub leistete. (nach links gehend). Die prachtvollen Blumen. (links im Fauteuil, in großblumigem Morgenkleid, das Haar in schlichtem Knoten, in goldener Spange). Die hat mir Fräulein von Geschwitz gebracht. Bitte. — Sie werden sich als Herr kostümiren? Glauben Sie, daß mir das steht? (auf das Bild deutend). Hier sind Sie wie ein Märchen. Mein Mann mag es nicht. Ist es von einem Hiesigen? Sie werden ihn kaum gekannt haben. Er lebt nicht mehr? Er hatte genug. Du bist verstimmt. (beherrscht sich). (sich erhebend). Ich muß gehen, Frau Doktor. Ich kann nicht länger bleiben. Wir haben heute abend Aktzeichnen, und ich habe noch so viel auf den Ball vorzu- bereiten. — Herr Doktor. (Von Lulu geleitet, durch die Mitte ab.) Zweiter Auftritt. (allein, sich umsehend). Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel zeigen, der noch rein ist. Mir graut, mich hier auf einen Stuhl zu setzen. Die Pest im Haus. Der ärmste Taglöhner hat sein sauberes Nest. Soll ich fort, alles stehen lassen, wie es steht, nach Amerika, nach Indien? Dreißig Jahr Arbeit, Emporringen, und das der Abend — mein Familienkreis, der Kreis der Meinen. Schmutz, daß es von den Wänden starrt, von den … (Sich umsehend.) Gott weiß, wer mich hier … (Zieht einen Revolver aus der Brusttasche.) Man ist ja kaum seines Lebens sicher. Ich bin der Fremdeste in meinem Haus. (Geht nach links, an die ge- schlossene Fenstergardine hinsprechend.) Das mein Familien- kreis! Der Kerl hat noch Mut. Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schießen? Gegen Todfeinde kämpft man, aber der … (Schlägt die Gardine in die Höhe.) Der Schmutz — der Schmutz … (Nach rechts gehend.) Ich bin überge- schnappt, oder Ausnahmen bestätigen die Regel. (Steckt den Revolver ein.) Drilter Auftritt. Lulu. Schön . Könntest du dich für heute nicht frei machen? Was wollte diese Gräfin eigentlich? Ich weiß nicht. Sie will mich malen. Das Unglück in Menschengestalt, das seine Visite macht. Könntest du dich nicht frei machen? Ich würde so gerne durch die Anlagen fahren. Gerade der Tag, an dem ich auf der Börse sein muß. Du weißt, daß ich heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen. Lieber wollte ich beerdigt sein, als mir mein Leben durch meine Habe verbittern lassen. Wem das Leben leicht wird, dem fällt das Sterben nicht schwer. Als Kind hatte ich entsetzliche Angst davor. Deswegen habe ich dich ja geheiratet. (an seinem Hals). Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zu viel Sorgen. Ich habe nichts von dir. (ihr Haar streichelnd). Du solltest mich erleichtern. Du hast mich ja nicht geheiratet. Wen habe ich denn geheiratet? Ich habe dich geheiratet. Was ändert das. Ich fürchtete sehr, es werde etwas ändern. Es hat viel unter die Füße gestampft. Nur eines nicht. Ich wäre begierig. Deine Liebe. (zuckt mit dem Gesicht, winkt ihr voranzugehen. Beide nach rechts vorn ab). Dierter Auftritt. (öffnet vorsichtig die Mittelthür, wagt sich nach vorn und lauscht; schrickt zusammen, da Stimmen auf der Galerie laut werden). O Gott … (Versteckt sich hinter dem Kaminschirm.) Fünfter Auftritt. Schigolch. Rodrigo. Hugenberg . (tritt über der Treppe aus den Gardinen, wendet sich um). Hat sein Herz wol im Caf é „Ludwig“ ver- gessen?! (zwischen den Gardinen). Er ist noch zu klein und kann noch nicht so weit zu Fuß gehen. (Verschwindet.) (kommt die Treppe herunter). Gott sei Dank, daß wir wieder zu Hause sind. Welcher Stinkpeter die Treppe gewichst hat! Wenn ich mir meine Knochen vor der Heimrufung noch mal in Gips gießen lassen muß, dann kann sie mich zwischen den Palmen hier ihren Relationen als mediceische Venus vorstellen. Nichts als Klippen. Nichts als Fallstricke. Wedekind , Der Erdgeist. 12 (kommt, Hugenberg auf dem Arm tragend, die Treppe herunter). Das hat einen königlichen Polizeidirektor zum Vater und nicht so viel Courage im Leib, wie der abgerissenste Landstreicher. Wenn es auf nichts als auf Tod und Leben ginge … Das Brüderchen wiegt samt seinem Liebes- kummer hundertundfünfundzwanzig Pfund. Darauf will ich mich jede Minute hängen lassen. Wirf ihn an die Decke und fang ihn mit den Füßen auf. Das bringt ihm das Blut in Umlauf. Ich werde von der Schule gejagt … (ihn niedersetzend). Bist noch auf keiner gewesen. Die ersten Sporen! Nur keine Schüchternheit! Jetzt werde ich euch einen Tropfen vorsetzen, wie er für Geld nicht zu haben ist. (Öffnet ein Schränkchen unter der Treppe.) Wenn sie nicht kommt, dann prügle ich euch beide durch, daß ihr euch noch im Jenseits den Buckel kratzt. (hat sich links an den Tisch gesetzt). Laß dir von Mutterchen erst lange Hosen an- ziehen. Borg mir lieber deinen Schnurrbart. Damit sie dich zur Thür hinauswirft. (sich rechts an den Tisch setzend). Wüßte ich nur, was ich sagen soll. Das weiß sie schon. (setzt zwei Flaschen und drei Gläser auf den Tisch). Die eine habe ich gestern angebrochen. (Füllt die Gläser.) (Hugenbergs Glas schützend). Nicht zu viel. (sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützend). Rauchen die Herren? (sein Cigarrenetui öffnend). Da sind Havanna. 12* (sich bedienend). Von Papa Polizeidirektor? (sich setzend). Ich habe alles im Hause. Braucht nur zu be- fehlen. — Ich habe ihr ein Gedicht gemacht. Was hast du ihr gemacht? Was hat er ihr gemacht? Ein Gedicht. (zu Schigolch). Ein Gedicht. Einen Thaler hat er mir versprochen, wenn ich ausspionire, wo sie wohnt. Mich fragt er, was er ihr sagen soll! Wer wohnt denn hier? Wir! Jour fix — jeden Börsentag. — Soll ich es ihr vorlesen? Was meint er? Sein Gedicht. Schraub ihm der Docht ein wenig hinauf. Die Augen!! Die haben es ihr eingetränkt. (zu Rodrigo). Kannst dich einpökeln lassen. Zum Wohl, Gevatter Tod. Ich will mich nicht umdrehen im Grabe. Zum Wohl Springfritze. Wenn es besser kommt — zum Wohl! — ich bin keine Schlafmütze, aber … Sechster Auftritt. Lulu. Die Vorigen. Später Ferdinand . (von rechts, in eleganter Pariser Balltoilette, weit decolletirt, mit Blumen vor der Brust und im Haar). Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch! Aber sie müssen es sich was kosten lassen! (hat sich erhoben). (sich auf die Armlehne seines Sessels setzend). Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder. Da muß ich mir wol auch was vorstecken. (Sucht in dem Bouquet, das auf dem Tisch steht.) Sehe ich gut aus? Was sind das? Orchideen. (Sich mit der Brust über Hugenberg neigend.) Riechen Sie. Ist es der Prinz Escerny? (schüttelt den Kopf). Den könnten Sie doch in Ihren Gemächern empfangen. Der Prinz ist verreist. Sein Königreich auf Auktion bringen? Er kundschaftet eine frische Völkerschaft in der Gegend von Afrika aus. (Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein.) — Er habe sie ursprünglich heiraten wollen. (sich eine Lilie vorsteckend). Ich habe sie ursprünglich auch heiraten wollen. Du hast sie ursprünglich heiraten wollen? Hast du sie nicht auch ursprünglich heiraten wollen? Ich habe sie urspünglich heiraten wollen. Wer hat sie nicht ursprünglich heiraten wollen — So gut hätte ich’s nie gekriegt! Hättest es noch besser gekriegt! Ich hätte sie gehandhabt! Sie hat es Keinen bereuen lassen. — Sie ist also nicht dein Kind? Fällt ihr nicht ein. Wie heißt denn ihr Vater? Es wäre auch zu wunderlich. Sie hat mit mir renommirt! Wie heißt denn ihr Vater? Was meint er? Wie ihr Vater heißt. Sie hat nie einen gehabt. (kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu Hugenberg auf die Armlehne). Was habe ich nie gehabt? Einen Vater. Ich bin ein Wunderkind. (Zu Hugenberg.) Wie sind Sie mit Ihrem Vater zufrieden? Er raucht wenigstens eine anständige Cigarre. Hast oben zugeschlossen? Da ist der Schlüssel. Hättest ihn lieber stecken lassen. Warum? Damit man von außen nicht aufschließen kann. Ist er denn nicht auf der Börse? Er leidet an Verfolgungswahn. Ich nehme ihn auf die Füße und jupp — daß er oben kleben bleibt. Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch. (seinen Arm entblößend). Sehen Sie sich bitte den Biceps an. Zeigen Sie. (Geht nach links.) (sich auf den Arm schlagend). Granit. — Schmiedeeisen. (befühlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen). Wenn Sie nur nicht so lange Ohren hätten. . . . (durch die Mitte eintretend). Herr Doktor Schön. (aufspringend). Der Lumpenkerl. (Will hinter den Kaminschirm, fährt zurück.) Gott behüte Einen! (Versteckt sich links vorn hinter den Gardinen.) Gieb den Schlüssel. (Nimmt Lulu den Schlüssel ab und schleppt sich die Treppe zur Galerie hinauf.) (ist vom Sessel unter den Tisch geglitten). Ich lasse bitten. (ab). (lauscht unter dem Saum der Tischdecke vor, für sich). Er bleibt hoffentlich nicht — dann sind wir allein … (berührt ihn mit der Fußspitze). St! (verschwindet). Siebenter Auftritt. Alwa Schön. Die Vorigen . (läßt Alwa eintreten. Ab). (in Soireetoilette). Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden. Ich habe . . (Schigolch bemerkend, der sich mühsam die Treppe hinaufschleppt.) Was ist denn das? Ein alter Freund deines Vaters. Mir unbekannt. Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm schrecklich … Ist mein Vater hier? Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mußte auf die Börse. — Wir dejeuniren vorher? Wann geht es denn an? Nach zwei. (Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt.) Wie findest du mich …? (über die Galerie ab). Warum sollte ich dir das nicht verschweigen dürfen. Ich meine die Toilette. Deine Schneiderin kennt dich besser als ich — dir erlauben würde, dich zu kennen. Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen … (Sich unterbrechend.) mein Mann! — Ich hätte ein Ragout aus mir gemacht. Was solche Himmelspracht an höllischen Ab- gründen aufthut! — Es graut Einem. (Lulu rechts, Alwa links. Er betrachtet sie mit scheuem Wohlgefallen.) (durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei Couverts auf; Flasche Pommery, Hors d’Oeuvres). Haben Sie Zahnschmerzen? (zu Alwa hinüber). Nicht. Herr Doktor …? Er scheint so weinerlich. (durch die Zähne). Man ist auch nur ein Mensch. — — (Ab.) Es hat dir immer ein wenig vor mir gegraut? Wie vor etwas Überirdischem. — Wenn mir je eines Menschenkindes Glück heilig war … (sich zu Tisch setzend, rechts). Du stehst so himmelhoch über uns, du kennst Jeden von Grund der Seele aus und denkst so groß — du kannst eben nur Glück um dich haben … (hat sich ihr gegenüber gesetzt). Du kennst mich von meiner besten Seite. Das ist dein Verdienst. — Was ich am höchsten an dir schätzen gelernt, ist deine Charakterfestigkeit. Du bist deiner so sicher. Wenn du fürchten mußtest, dich mit deinem Vater zu überwerfen, du bist wie ein Bruder für mich eingestanden … Lassen wir das. Es ist einmal mein Los … (Will vorne die Tischdecke heben.) Das war ich. Nicht möglich. Es ist einmal mein Los, bei den schwärzesten Gedanken immer das Beste zu erzielen. Du bildest dir etwas ein, wenn du dich schlecht machst. Es lebt kein so schlechter Mensch wie ich — der so viel Gutes zuwege gebracht hätte. Du bist der Einzige auf dieser Welt, der mich beschützt hat, ohne mich vor mir selbst zu er- niedrigen! Hältst du das für so leicht …? Achter Auftritt. Schön. Die Vorigen . (erscheint auf der Galerie zwischen den beiden mittleren Säulen, indem er vorsichtig den Vorhang teilt. Über die Bühne wegsprechend). Mein eigener Sohn! … Mit deinen Gottesgaben macht man seine Umgebung zu desperaten Verbrechern, ohne sich’s träumen zu lassen. — Ich bin auch Fleisch und Blut. Wenn wir nicht wie Geschwister nebeneinander auf- gewachsen wären … Deshalb gebe ich mich dir auch ohne Rückhalt. — Ich habe nichts zu fürchten. Du kennst die Menschen nicht! — Ich versichere dich, es giebt Augenblicke, wo man gewärtig ist, sein ganzes Innere einstürzen zu sehen. — Je mehr sich ein Mann aufbürdet, um so leichter bricht er zusammen. Darüber hilft nichts hinweg, als … (Will unter den Tisch sehen.) Was suchst du? Laß mich mein Glaubensbekenntnis für mich behalten! Du warst mir mehr, als du irgend Jemandem sein konntest. — Dafür werde ich dir ewig dankbar bleiben. Du bist doch ganz anders als dein Vater. (durch die Mitte, wechselt die Teller und servirt Brathähnchen mit Salat). Sind Sie krank? Laß ihn! Er zittert. Ich bin das Serviren noch nicht so gewohnt. Sie müssen sich was verschreiben lassen. (durch die Zähne). Ich kutschiere gewöhnlich. — — (Ab.) (auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend). Der also auch. (Nimmt hinter der Brüstung Platz, sich nach Erfordernis mit dem Vorhang deckend.) Was sind das für Augenblicke, von denen du sprechen wolltest? Ich habe es vergessen. Wo man gewärtig ist, sein Inneres zusammen- stürzen zu sehen? Ich wollte nicht davon sprechen. Du sagtest, es lebe kein so schlechter Mensch wie du … Sagt’ ich das? Wedekind , Der Erdgeist. 13 Was hast du dir aufgebürdet? Dein Glück heilig zu halten! War das so schwer? Du erleichterst es Einem nicht. Wenn wir nicht wie Geschwister neben einander aufgewachsen wären … Nimmt das deinen Augen die Glut? — Deinen Lippen die —? Was hast du? — Ich möchte nicht gern über einem Glas Cham- pagner verscherzen, was mir während zehn Jahren mein höchstes Lebensglück gewesen. Ich habe dir weh gethan — Du könntest etwas weniger unbesonnen plaudern! Ich will nicht wieder davon anfangen. Versprichst du mir? Meine Hand darauf. (Reicht ihm ihre Hand über den Tisch.) (ergreift sie zögernd, preßt sie in der seinigen, drückt sie lang und innig an seine Lippen). Was thust du … (steckt links den Kopf aus den Gardinen). (wirft ihm über Alwa hinweg einen wütenden Blick zu). (zieht sich zurück). (auf der Galerie, über die Bühne wegsprechend). Und da ist noch Einer! (ihre Hand haltend). Eine Seele — die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt … (will ihre Hand zurück ziehen). Bitte … Der Arm … Was findest du daran … Einen Körper … Junge, Junge — wenn du über den Halys gehst, wirst du ein großes Reich zerstören! 13* Laß … Ich habe sie bis heute nur im Handschuh ge- sehen. — Ich habe dich bis heute nur … Sieh mich nicht so an — um Gottes willen! Ich habe dich in meinem Leben nicht angesehen!! (sich erhebend). Laß uns lieber gehen, ehe es zu spät ist. Mignon! — Mignon … Du bist ein verworfener Mensch! (auf sie zugehend). Und du? — die du mich …? (flehentlich). Hab Erbarmen! — Hab Erbarmen! — Du machst uns unglücklich. Ich sagte dir ja, ich bin der niederträchtigste Schurke … Das sehe ich!! Ich habe kein Ehrgefühl — keinen Stolz … Du hältst mich für Deinesgleichen! Du? — du stehst so himmelhoch über mir wie — wie die Sonne über dem tiefsten Abgrund … (Knieend.) Richte mich zu Grunde! — Ich bitte dich, mach’ ein Ende mit mir! — Mach’ ein Ende mit mir! (sich auf die Ottomane niederlassend). Liebst du mich denn? Ich bezahle dich mit Allem, was mein war! Liebst du mich?! Liebst du mich — Mignon …? Ich? — Keine Seele. Ich liebe dich. (Birgt seinen Kopf in ihrem Schoß.) (beide Hände in seinen Locken). — Ich habe deine Mutter vergiftet … (steckt links den Kopf aus den Gardinen, sieht Schön auf der Galerie sitzen und macht ihn durch Zeichen auf Lulu und Alwa aufmerksam). (richtet seinen Revolver auf Rodrigo). (bedeutet ihn, den Revolver auf Alwa zu richten). (hebt den Revolver gegen Rodrigo). (fährt hinter die Gardinen zurück). (sieht Rodrigo zurückfahren, sieht Schön auf der Galerie sitzen, erhebt sich). Sein Vater! (erhebt sich, läßt den Vorhang vor sich nieder). (bleibt regungslos auf den Knieen). (Pause.) (durch die Mitte, eine Zeitung in der Hand, nimmt Alwa bei der Schulter). Alwa! (erhebt sich wie schlaftrunken). In Paris ist Revolution ausgebrochen. Das kann mir darüber hinweghelfen … Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand … (Entfaltet das Zeitungsblatt, geleitet Alwa durch die Mitte hinaus.) (stürzt links aus den Gardinen, will die Treppe hinan). (vertritt ihm den Weg). Sie können hier nicht hinaus. Lassen Sie mich durch! Sie rennen ihm in die Arme. Er jagt mir sein Pistol durch den Kopf. Er kommt. (zurücktaumelnd). Himmel, Tod und Wolkenbruch! (Hebt die Tischdecke.) Kein Platz. Verdammt und zugenäht. (Sieht sich um, verbirgt sich rechts hinter der Portiere.) (durch die Mitte, verschließt die Thür, geht, den Revolver in der Hand, auf das Fenster links vorn zu, schlägt die Gardine in die Höhe). — Wo ist denn der hin? (auf den untersten Treppenstufen). Hinaus. Über den Balkon?? Er ist Kunstturner. Das war nicht vorauszusehen. — Du Creatur, die mich durch den Straßenkot zum Martertode schleift! Warum hast du mich nicht besser erzogen? Du Würgengel! Du Fluch, der über mein Lebenswerk kam! Du unabwendbares Verhängnis! Du Advocatus diaboli , der mich mit Peitschenhieben zum Abgrund treibt: Mörder werden oder im Schmutz ertrinken; mich einschiffen wie ein ent- lassener Sträfling, oder mich über dem Morast auf- hängen. Du Freude meines Alters! Du Dankes- frucht meiner Sorgfalt, meiner Liebe, meiner Mensch- lichkeit, meiner Opfer! Du Hohn auf alles, was Menschenseele heißt! Du Henkerstrick des Uner- forschlichen! Töte mich. Spar deine Worte. Ich habe dich nackt aus dem Straßenkot ge- zogen. Ich habe dich gepflegt, wie nie ein Vater ein leiblich Kind gepflegt hat. Ich habe auf dich gehäust, was mir an Glück auszuteilen vergönnt war. Ich habe mich dir überantwortet. Ich habe meine grauen Haare deinem Takt anvertraut. Ich habe dir Hab und Gut verschrieben und nichts ge- fordert, als die Achtung, die meinem Haus jeder Dienstbote zollt. Dein Kredit ist erschöpft. Ich kann noch auf Jahre für meine Rechnung einstehen. Nicht eine Stunde mehr. Die Rechnung ist aus. Dein Konto ist geschlossen. (von der Treppe nach vorn kommend). Wie gefällt dir mein Kleid? Weg mit dir, sonst schlägt’s mir morgen über den Kopf, und mein Sohn schwimmt in seinem Blute. (näher tretend). Weg mit mir. Du bist eine reißende Bestie unter uns groß- geworden. Du packst Seele um Seele bei ihrem Höchsten, um sie Satanas in den Rachen zu jagen. Du haftest mir als unheilbare Seuche an, an der ich bis in mein Grab meine Lebenszüge verächzen soll. Ich will mich heilen. Begreifst du mich? (Ihr den Revolver aufdrängend.) Das ist dein Specificum. — Brich nicht in die Knie! — Du sollst es dir selbst appliziren. Du sollst es in dich hinein- würgen. Du oder ich, wir messen uns. Du bist wie ein freilaufender toller Hund, den die öffentliche Sicherheit niederzuschlagen befiehlt. (hat sich, da die Kräfte sie zu verlassen drohen, auf den Diwan niedergelassen). Das geht ja nicht los. Weißt du noch, wie ich dich der Korrektions- polizei aus den Klauen riß? Hat sich ein Funke in dir belebt zur Entschuldigung meines Verbrechens! Hast du dir die Glücksgüter der guten Gesellschaft in den Schoß regnen lassen, um auch nur ein Haar breit deines angestammten Sumpfes zu opfern? Du hast viel Zutrauen … Weil ich eine Dirne nicht fürchte? Soll ich dir die Hand führen? Hast du selbst kein Er- barmen mit dir? (Da Lulu den Revolver gegen ihn hebt.) Keinen blinden Lärm! (kuallt einen Schuß gegen den Plafond). (springt aus der Potiere, die Treppe hinauf, über die Galerie ab). Was war das …? Nichts. (die Portiere hebend). Was kam da herausgeflattert? Du leidest an Verfolgungswahn. — Hältst du noch mehr Männer hier versteckt? (Ihr den Revolver entreißend.) Ist noch sonst ein Mann zu Besuch? (Nach links gehend.) Ich will deine Männer regaliren! (Schlägt die Fenstergardinen in die Höhe, wirft den Kaminschirm zurück, packt die Geschwitz am Kragen und schleppt sie nach vorn.) — Kommen Sie durch den Rauchfang herunter? (zu Lulu). Retten Sie mich vor ihm. (sie schüttelnd). Oder sind Sie auch Kunstturner? Sie thun mir weh. (sie schüttelnd). Jetzt müssen Sie notwendig noch zum Diner bleiben. (Schleppt sie nach rechts, stößt sie ins Nebenzimmer, verschließt die Thür hinter ihr.) Wir wollen keine Aus- rufer. (Setzt sich neben Lulu, drängt ihr den Revolver auf.) Es ist noch genug drin. — Schämst du dich der In- timitäten nicht, die du feil bietest? Sieh mich an! Ich kann in meinem Haus meinem Kutscher nicht helfen, mir die Stirn zu verzieren. Sieh mich an! Glaubst du, ich will meinem Kutscher sein Glück streitig machen? Sieh mich an! Ich be- zahle meinen Kutscher. Sieh mich an! Ist mein Kutscher zufrieden? Sieh mich an! Sieh mich an! Vergönne ich meinem Kutscher was, wenn ich den infamen Stallgeruch nicht verschnupfen kann? Laß anspannen. Bitte. Wir fahren in die Oper. Wir fahren zum Teufel! Jetzt kutschiere ich. Wir sind höllisch aufgedonnert. Glaubst du, man leidet Todesqualen in meinen Jahren und sagt: Geh und sündige nicht wieder? (Den Revolver in ihrer Hand von sich ab und auf Lulus Brust wendend.) Nicht, nicht. Faß dir ein Herz. Ich habe noch Zeit. Glaubst du, man läßt sich mißhandeln, wie du mich miß- handelst, und besinnt sich zwischen einer Galeeren- schande von Lebensabend und dem Verdienst, die Welt von dir zu befreien? Sieh mich an, sag ich! Du wartest, bis man dich totschlägt. Ich bin gleich zurück … (hält sie am Arm nieder). Nicht mehr der Mühe wert! Du weißt, wo du hin mußt. Ich müßte von dir nicht zu Stein verhärtet worden sein, um dich mir noch einmal entwischen zu lassen. Mach’s kurz. Ich müßte dir nicht gleich geworden sein an Menschlichkeit. Komm zu Ende. Es soll mir die glücklichste Erinnerung meines Lebens sein. Hör’ auf. Drück’ los. — Du kannst dich scheiden lassen. (sich erhebend). Das war noch übrig. Damit morgen ein Nächster seinen Zeitvertreib findet, wo ich von Ab- grund zu Abgrund geschaudert, den Selbstmord im Nacken und dich vor mir. Das wagt sich dir über die Lippen? Siehst du den roten Kopf mit dem weißen Haar? Siehst du die verdrehten Augen, die blutige Stirn? Siehst du die dicke gelbe Hand nach dir vorgestreckt, nach deinem Pierrot? Das ist dein Geschiedener, Mörderin. Dem gehörst du mit Leib und Liebe. Geh ihm nach. Hol ihn ein. Du hast keine Zeit zu verlieren. Er hat dich ge- liebt. In seine Arme! In seine Arme! Erbarm dich mein. Du sollst ihm Tararabumdiä vortanzen. Drück’ los! Ich mich scheiden lassen? Was ich von meinem Leben in dich hineingelebt, soll ich wilden Tieren vorgeworfen sehen? Ich mach’ es wie du. Siehst du die Decken triefen? Siehst du den Blut- altar, dein Ehebett, mit dem Schlachtopfer darauf? Siehst du den Hals offen stehen? Der Junge hat Heimweh nach dir — seine schönen blauen Augen, seine patente Figur, seine Küsse, seine Umarmung — er war noch nicht fertig. Du hattest dir den Ekel an ihm geküßt. Hast du dich scheiden lassen? Du hast ihn in den Tod gepeitscht, ihn unter die Füße getreten, ihm die Seele zerfleischt, ihm das Gehirn ausgeschlagen, ihm den Hals abgeschnitten, sein Blut in Goldstücken aufgefangen. Das ist die Art, sich scheiden zu lassen. Ich mich scheiden lassen! Läßt man sich scheiden, wenn die Menschen ineinander hineingewachsen und der halbe Mensch mitgeht? (Nach dem Revolver langend.) Gieb her. Erbarm dich mein. Ich will dir die Mühe abnehmen. (erhebt sich, den Revolver niederhaltend, mit gepreßter Stimme). — Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab. — Du hast so gut gewußt, weswegen du mich zur Frau nimmst, wie ich gewußt habe, wes- wegen ich dich zum Mann nehme. — Du hattest deine besten Freunde mit mir betrogen, du konntest nicht gut auch noch dich selber betrügen. — Wenn du mir deinen Lebensabend zum Opfer bringst, so hast du meine ganze Jugend dafür gehabt. Du verstehst dich zehnmal besser als ich darauf, was höher im Wert steht. — Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen, als was ich bin. — Du willst mich dazu zwingen, mir eine Kugel ins Herz zu jagen. Das ist eine eigentümliche Zu- mutung. Ich bin keine sechzehn Jahr mehr; das braucht man mir nicht zu sagen. Aber um mir eine Kugel ins Herz zu jagen, dafür bin ich mir doch noch zu schön. (auf sie eindringend). Nieder, Mörderin! Nieder mit dir! In die Knie, Mörderin! (Er drängt sie bis vor die Treppe. Die Hand erhebend.) Nieder — und wage nicht wieder auf- zustehn! (ist in die Knie gesunken). Bete zu Gott, Mörderin! Falte die Hände! Bete zu Gott, daß er dir Kraft giebt! Flehe den Himmel um Kraft an, Mörderin — daß der Himmel dir die Kraft dazu verleiht! Geduld — Geduld — Blick nicht auf, Mörderin! Blick nicht auf! Bitte den Himmel um Kraft! Blick nicht auf! (rechts unter dem Tisch aufspringend, den Sessel bei- seite stoßend). Hülfe! (wendet sich zurück). (feuert fünf Schüsse gegen Schön und hört nicht auf, den Revolver abzudrücken). (vornüberstürzend, von Hugenberg aufgefangen, der ihn in den Sessel niederläßt). Und — da — ist — noch — Einer … (auf Schön zustürzend). Allbarmherziger … Aus meinen Augen! — — — Alwa! (auf den Knieen). Der Einzige, den ich geliebt! Dirne! Mörderin! — Alwa! Alwa! — Wasser! Wasser; er verdurstet. (Füllt ein Glas mit Champagner und setzt es Schön an die Lippen.) (hat sich die Hand mit einem blutigen Taschentuch verbunden, hält Lulu ein Glas hin). Mir auch, bitte. Mir wird schwarz. Alwa! Alwa! Alwa! Mörderpack! (kommt über die Galerie, die Treppe herunter). Mein Vater! Um Gottes willen, mein Vater! Ich habe ihn erschossen. Wedekind , Der Erdgeist. 14 Sie ist unschuldig! (zu einem Diener, der ihm gefolgt ist). Zum Arzt! Zum Arzt! (Der Diener über die Galerie ab.) (zu Alwa). Du bist es. Es ist mißglückt. (Zu Lulu.) Fort, Mörderin. (will ihn aufheben). Du mußt zu Bett. Komm. Faß mich nicht so an. — Ich verdorre … (kommt mit dem Champagnerkelch). Du bleibst dir gleich. (Nachdem er getrunken, zu Alwa.) Laß sie nicht entkommen. — Du bist der Nächste … (zu Hugenberg). Helfen Sie mir, ihn aufs Bett bringen. Nein, nein, bitte, nein. — Ein Advokat. Sekt, Mörderin … (flößt ihm Champagner ein). Mörderin. — Sie soll mit, Alwa. (zu Hugenberg). Fassen Sie mit an. (Nach rechts deutend.) Ins Schlaf- zimmer. (Beide richten Schön empor und führen ihn nach rechts. Lulu bleibt neben dem Tisch, das Glas in der Hand.) (stöhnend). O Gott, o Gott, o Gott … (findet die Thür verschlossen, dreht den Schlüssel und öffnet). (tritt heraus). (sich steif emporrichtend). Der Teufel! — (Schlägt rücklings auf den Teppich.) (wirft sich neben ihn, nimmt seinen Kopf auf den Schoß, küßt ihn). Du hast zu gut von den Menschen gedacht! — Sieh mich an: Ich mich umbringen! (zu Lulu). Zurück! (hat Schön die Augen zugedrückt, läßt ihn auf den Teppich nieder). Er hat es überstanden. — (Richtet sich auf, will die Treppe hinan.) Nicht von der Stelle! — (Lulu und Alwa messen sich mit dem Blick.) (zu Lulu). Ich glaubte, du wärest es. 14* (zu Alwa). Laß mich fort. Wir bleiben zusammen. Du kannst mich nicht dem Gericht ausliefern. Es ist mein Kopf, den man mir abschlägt. Ich habe ihn erschossen, weil er mir den Revolver gab. Er hat mich gehetzt und gemartert, bis ich von Sinnen war. Ich habe keinen Menschen auf der Welt geliebt, als ihn . Alwa, Alwa, verlang, was du willst. (Sich niederwerfend.) Hier bin ich. Nimm mich mit dir fort. Aber laß mich hinaus. Ich beschwöre dich. Laß mich nicht der Gerechtigkeit in die Hände fallen. Man bringt mich um. Es ist schade um mich! Nimm du mich, Alwa. Ich bin noch jung. Nimm du mich. Verlang, was du willst. Ich bitte dich. Höre mich, Alwa. Laß dich erweichen. Was soll ich thun. Ich will dir treu sein mein Leben lang. Ich will nur dir ge- hören, dir allein. Sieh mich an, Alwa. — Mensch, sieh mich an! Sieh mich an! (Von außen poltert man an die Thür und ruft: Polizei). Die Polizei. (Geht um zu öffnen.) Ich werde von der Schule gejagt. Druck von Hesse \& Becker in Leipzig