Siegwart. Eine Klostergeschichte . Zweyter Theil . Leipzig in der Weygandschen Buchhandlung. 1776 . K ronhelm war lange, wie betaͤubt; Er sah aus dem Kutschenschlag hinaus, und doch sah er nichts, und fuͤhlte nichts von dem Reiz der Ge- gend, uͤber der sich nach und nach der Himmel aufklaͤrte, und die, vom Regen erquickt, nun in hellerm Gruͤn prangte, und den suͤssen Duft der Pflanzen und der Blumen rings umher ver- breitete; Siegwart war auch traurig, und wollte seinen Freund nicht stoͤren. Endlich fieng dieser selbst zu sprechen an, und gieng die schoͤnen Ta- ge wieder durch, die sie mit einander durchlebt hatten. Deine Schwester, sagte er, uͤbertrifft doch alle Maͤdchen, die ich noch gesehen habe! Wenn sie mir nur fleissig schreibt! Sonst wird mir der Aufenthalt in der Stadt unertraͤglich werden. — Sie stiegen wieder in dem Dorf, und vor dem Wirthshaus ab, wo sie neulich gewesen waren. Ein Werber saß drinn, der eben einen Bauerkerl angeworben hatte. Dieser machte grossen Lerm, und war betrunken; schimpfte auf seine Mutter, die ihm sein Maͤdchen nicht habe lassen wollen; dann trank er auf die Gesundheit des Kaysers, der Kayserin und seiner Kathrine, und schmiß das Glas beym Fenster hinaus. End- lich kam seine Mutter mit grossem Geschrey: Hanns, ists wahr, daß du Soldat worden bist? Du Teufelskind, was hast du jetzt getrieben? Wer hat dir den verfluchten Einfall eingegeben? Hanns. Du selbst, Mutter! haͤttest mir nur meine Dirne lassen duͤrfen! Jch hab dirs immer gesagt. Nun ists zu spaͤt. Vivat der Kayser und die Kayserin! Da trink auch mit! Mutter. Geh mir weg mit dem Glas! Mir thuts Noth, zu trinken! Du gottloser Bub! Laͤßt mich nun allein sitzen und scharren. Wer soll nun ’s Feld bauen, und mich ernaͤhren hel- fen? Gelt! nun soll ich verderben und Hunger leiden? O, ich elendes, g’schlagnes Weib! Hanns. ’s Jammern hilft nun nichts mehr, Mutter! Jch hab dir’s vorher gesagt; Aber wolltest immer nichts hoͤren, wenn ich von Kathrinen anfieng! Da hattest du den Kopf drauf gesetzt, und lachtest mich nur aus, wenn ich vom Soldatenleben sprach! Gelt, nun bin ichs? Mutter. Nun, so komm nur, Hanns! Sollst sie ja haben, wenns nicht anders seyn kann? Komm nur mit mir heim! Hanns. Ja, wenns der Herr haben woll- te, bin ichs schon zufrieden. Werber. Ey, das bitt ich mir aus! Du must da bleiben, Hanns, haͤttest du das ein paar Stunden eher bedacht! Jetzt gehts nicht mehr an. Mutter. Was? Jhr wollt mir meinen Sohn nicht lassen? Jst das auch erlaubt? Er muß mirs Feld bauen! Jch bin ein armes Weib! Werber. Ja, das geht mich nichts an. Er ist selbst zu mir gekommen, und muß mit mir fort. Mutter. Jch will ihm ja seine Kathrine lassen! Er soll sie noch heut haben! Komm nur! Werber. Fort! oder ich will euch was anders sagen! Er soll mit in Krieg! Mutter. Jn den Krieg, wo man d’ Leute todt schlaͤgt? Nein, das thu ich nicht! Es ist mein einziger Sohn. Hab sonst keinen Men- schen auf der Welt! Hanns. Laß seyn, Mutter! ’s hilft nichts. Jch muß halt schon mit fort! Mutter. Nein, du sollst nicht! sag ich. Jch will dich loskaufen. Was muß ich fuͤr ihn geben? Werber. Hundert Thaler, und ’n andern Kerl dazu, von seiner Groͤsse! Mutter. Hundert Thaler? Lieber Gott! hab keine hundert Kreuzer! wenn ich auch mein Aeckerlein verkaufen wollte, wuͤrd ich doch keine 70 Gulden draus loͤsen. Ach lieber Herr Feld- waibel! hab er doch Mitleiden mit einer armen Frau! Jch will ja gerne hundert Rosenkraͤnze fuͤr ihn beten. Werber. Was hilft mir das? Und, wenn ihr zweyhundert fuͤr mich betet! Wir muͤssen Leut haben, und da ist uns euer Sohn eben recht. Er gibt ’n guten Fluͤgelmann. Mutter. Ach du lieber himmlischer Vater! Jst denn gar keine Barmherzigkeit mehr auf der Welt? — Hanns, Hanns! das wird mich noch vor der Zeit ins Grab bringen. Hannns . Nun, Mutter, mach mir ’s Herz nicht weich! Ein Soldat muß Kourage ha- ben! ’s thut mir leid; aber du hasts nicht anders haben wollen. Gruͤß mir Kathrinen! Jch werd sie doch nicht mehr sehen. Das arme Ding wird sich wol zu todt heulen. Aber ohne sie haͤtt ich doch nicht im Dorf leben koͤnnen. Jetzt ists besser, ’n Kugel vor den Kopf! — So gehts, wenn ihr Leut alles besser wissen wollt! — Da hast zwoͤlf Gulden von meinem Handgeld. Ver- brauchs g’sund! Jndem kam Kathrine mit Heulen und Schreyen in die Stube, und fiel ihrem Hanns um den Hals. Hanns! Gelt, ’s ist nicht wahr? Wirst nicht Soldat? Kannst mich nicht verlassen? — Was? hast ’n Federbusch schon aufm Hut? Geh! wirf ihn zum Teufel! Du bist mein, und sollst mein bleiben! — Lieber Hanns! sieh mich doch an! Gelt du bleibst hier? Hanns. Ja, Kathrine, ich wollts gern! Aber ’s geht nun nicht mehr an. Kathrine. Was sagst? ’s geh nun nicht mehr an? Nun, so geh ich mit dir, wo du hin gehst! Ohne dich kann ich nicht seyn! Wir wollen uns mit einander todt schiessen lassen. Werber. Das geht auch nicht an. Jhr muͤßt hier bleiben! Macht nur bald ein End! Wir muͤssen weiter; muͤssen diesen Morgen noch nach Guͤntzburg! Kathrine. So? Jhr wollt mich nicht mit- nehmen? Wollt mir meinen Hanns nicht las- sen? — Jch kann auch Soldat werden! kann auch ’n Flint tragen, und mich todt schlagen lassen! Jch muß mit! Oder ich kratz dir die Augen aus, du alter, schwarzer Kerl! Kronhelm (gieng zum Werber, und sagte) O, ich bitte Sie, Herr Sergeant! Seyn Sie doch auch menschlich! Lassen Sie das arme Maͤd- chen mit! Werber. Ja, Herr! ich wollt schon; aber was hilfts? Wenn wir zum Hauptmann kommen, so laͤßt er sie wieder fortjagen. Wir koͤnnen im Feld nicht so viel Bagage brauchen. Unser Haupt- mann ist gar streng. Kathrine. Sey ers auch! Er wird doch ein Mensch seyn! Und wenn er auch ein Tyger waͤr, ich wollt ihm ’s Herz weich machen. Werber. Nun, meintwegen wohl! Bis nach Guͤntzburg koͤnnt ihr schon mitlaufen. Moͤgt dann sehn, wies weiter geht! Kathrine. Ja, ja! Das will ich schon sehn! — O, Hanns! Nun ist mir wieder wohl. Hoͤr! nun will ich g’schwind zu meinem Bauren, und mir meinen Lohn geben lassen, und mein Bis- sel Sach’ einpacken! (Sie gieng weg.) Werber. (ihr nachrufend) Macht nur kurz! Jn einer Viertelstunde muͤßt ihr wieder da seyn! Wir muͤssen fort! — Der Hauptmann wird ihrs schon sagen! — Kronhelm. Jch kenn’ Jhren Hauptmann auch, und komm noch heut nach Guͤntzburg; da will ich gleich mit ihm reden. Werber. Ja, wenn Sie ein Vorwort ein- legen, dann kanns gehen, aber sonst nicht! Hanns (zu Kronhelm ) O Herr, vergessen Sies ja nicht, und gehn Sie heut zum Haupt- mann! Sie sind auch gar zu brav! — Heh, Mutter! ’s Weinen hilft nun nichts. Bet fleis- sig fuͤr mich! Vielleicht komm ich doch einmal wieder! Jch hab nur auf 5 Jahr akkordirt. Mutter. Ja, da werd ich wol im Grab seyn! Das Herzeleid haͤttest mir nicht anthun sollen, Hanns! Gott verzeih dirs! Wenn das dein Vater dacht haͤtt! — Jch war auch ver- blendet, daß ich dir das Maͤdel mit Gewalt nicht lassen wollt; aber ich dacht eben nicht, daß du gleich so oben ’naus seyn wuͤrdest. — Jch hab schon viel Kreutz g’habt, aber das ist ’s groͤßt, das ich wol nicht uͤberleben werd. — Haͤttest so ruhig in unserm Huͤttlein leben koͤnnen! Nun muß ich allein drinn schmachten! — O Hanns, Hanns! Wenn ihr Leute daͤchtet, was ihr euren Eltern fuͤr Kummer macht! ’s ist ein Elend, eine Mut- ter zu seyn! — Sie jammerte noch immer so fort; Endlich kam Kathrine mit einem Buͤndel Kleider. Der Werber fuͤhrte Hanns bald darauf fort, weil er fuͤrchtete, die Bauren moͤchten zusammen laufen; die Mutter hieng sich ihrem Sohn an den Hals, und wollte ihn nicht loslassen. Endlich mußte sie; heulte jaͤmmerlich, und schlug die Haͤnd uͤber dem Kopf zusammen. Sie wollte noch mit vors Dorf hinaus, aber der Werber, der den Laͤrm fuͤrchtete, gab es nicht zu. Kronhelm versprach es Hanns noch einmal, beym Hauptmann fuͤr ihn und seine Kathrine zu sprechen. — Nach einer halben Stunde fuhren Kronhelm und Siegwart auch wieder weiter. Sie spra- chen viel uͤber den Rekruten, und seine Mutter. Das muß ein schreckliches Leben fuͤr die beyden seyn, sagte Kronhelm, wenn sie getrennt waͤren, und das Maͤdchen keinen Augenblick wuͤßte, ob nicht ihrem Hanns der Kopf gespaltet, oder eine Kugel ins Herz geschossen wuͤrde? So ist sie doch um ihn, und kann ihn warten, wenn er verwun- det wird. Der Hauptmann laͤßt sie gewiß bey- sammen, ich kenne ihn von meinem Vater her; und der Kerl ist groß; denen sieht man schon nach, wenn sie Weiber haben; sie gehen dann auch weniger durch. — Nach anderthalb Stunden trafen sie den Hauptmann auf einem Spatzierritt an. Kron- helm trug ihm sogleich seine Bitte wegen Hanns vor. Jch habe den Kerl dort angetroffen, und sein Mensch auch, sagte der Hauptmann. Sie fiel mir gleich zu Fuͤssen, und bat, daß sie mit in Krieg duͤrfte. Jch versprach ihr nichts Gewisses, denn man sieht die Weibsleute im Feld nicht gern; sie hindern nur auf dem Marsch. Aber zuweilen macht man wol eine Ausnahme; und weil Sie auch fuͤr den Kerl bitten, und er schoͤn und groß ist, so will ichs so mit hingehen lassen. Wenn ich einmal auf Jhr Schloß komme, so beding’ ich mir eine Bouteille Burgunder dafuͤr aus. Herzlich gerne, sagte Kronhelm, und nahm von dem Hauptmann Abschied. — Er war nun recht froh, daß er et- was zur Vereinigung dieser beyden Leute mit bey- getragen hatte, und dachte nun mit desto groͤsserm Vergnuͤgen, aber auch mit groͤßrer Wehmuth an seine Therese . Siegwart mußte ihm tausenderley kleine Geschichten von Theresens Kindheit erzaͤh- len; manche gefielen ihm so wohl, daß er sie sich zwey- und dreymal erzaͤhlen ließ. Endlich kamen sie auf ihrer Schule wieder an. Kronhelm gab dem Kutscher ein paar Zei- len mit, die an den Amtmann und an Theresen zugleich gerichtet waren, und blos die Nachricht von ihrer gluͤcklichen Ankunft, und Danksagungen fuͤr die viele genossene Freundschaft enthielten. Sie giengen dann sogleich zu ihrem lieben P. Philipp, der sich herzlich uͤber ihre Ankunft freute. Sie mußten ihm sehr viel von ihrer Landlust erzaͤhlen. Kronhelm vermied es sorgfaͤltig, Theresens Na- men zu nennen, oder nur entfernt von ihr beson- ders zu reden, weil er sich zu verrathen fuͤrchtete; denn die erste Liebe ist mehrentheils sehr furchtsam und zuruͤckhaltend. Nach etlichen Tagen fiel aber P. Philipp selbst auf die Vermuthung, daß er verliebt sey; denn er war so still, und verfiel oft auf Einmal in ein tiefes Nachdenken, und sah aus, als ob er weinen wollte. Unserm Kronhelm muß was wichtiges begegnet seyn, sagte er, und wandte sich zu Siegwart; Er ist seit der Reise ganz veraͤndert. Jch weis nicht, antwortete Xa- ver; und Kronhelm ward feuerroth. — Nein, es fehlt mir nichts, sagte er; ich weis nicht, wie Sie darauf kommen? Aber gewiß, es fehlt mir nichts! — Nun, nun, ich hab auch kein Recht zu Jhren Geheimnissen, sagte P. Philipp; wenns nur nichts schlimmes ist, was die Veraͤnderung hervorbrachte. Kronhelm ward so verwirrt, und entschuldigte sich so viel, daß er sich zuletzt selbst verrieth, und mit vielen Umstaͤnden und weit hergeholten Wendungen dem Pater das ganze Ge- heimnis entdeckte. Das ist ja was gutes, und un- schuldiges, sagte Philipp, und braucht der Be- schoͤnigungen gar nicht. — Ja, ich weis wohl, sagte Kronhelm; aber es wird mir so sonderbar zu Muth, wenn man davon spricht. Es ist ge- wiß um die Liebe die unschuldigste Sache, der man sich mehr zu ruͤhmen, als zu schaͤmen Ursache hat; aber es haͤlt einen immer so was zuruͤck. — Das kommt von der Erziehung her, sagte Phi- lipp. Nun, ich wuͤnsch ihm von Herzen Gluͤck; denn ich hoffe, daß er nicht so auf Gerathewohl gewaͤhlt hat; und was ich bisher von Theresen gehoͤrt habe, bringt mir die beste Meynung von ihr bey. Sie muß ein frommes, unschuldiges und liebenswuͤrdiges Geschoͤpf seyn, das vor Tausen- den den Vorrang hat. Nur Eine wohlgemeynte Warnung kann ich nicht zuruͤckhalten, und Er wird mir sie nicht uͤbel nehmen! Mach Er die Liebe nicht zur Haupttriebfeder seiner Handlun- gen, und vergeß Er seine uͤbrige Bestimmung nicht druͤber! Dieß ist der gewoͤhnliche Fehler bey jun- gen Leuten. Sie glauben nur fuͤr ihr Maͤdchen allein geschaffen zu seyn, und gegen die uͤbrige Welt weiter keine Pflicht zu haben. Bey Jhm fuͤrcht ich das nun weniger. Die Liebe sollte uns am meisten zur Vervollkommung unsrer selbst an- treiben. Denn je mehr Vorzuͤge und innre Voll- kommenheiten wir haben, desto gluͤcklicher koͤnnen wir einst den geliebten Gegenstand machen. Durch Kenntnisse und Wissenschaften bahnen wir uns den Weg zu Ehrenstellen, ansehnlichen Aemtern und Besoldungen; und dann koͤnnen wir erst mit gutem Gewissen einem Frauenzimmer unsre Hand anbieten. Er kann zwar auch ohne Aemter le- ben; aber es ist doch besser, wenn man zu allem geschickt ist. Kronhelm dankte fuͤr den Rath, und versprach, ihn zu besolgen. Er fuͤhle sich jetzt, sagte er, zu allem staͤrker; alles sey ihm leichter. Er liebe die Menschen mehr. Sein Herz sey weicher und mitleidiger geworden, und das Schick- sal eines jeden Menschen, besonders eines leiden- den lieg ihm weit naͤher am Herzen, als sonst. Gleich den Tag nach seiner Ankunft hatte Kronhelm einen ziemlich weitlaͤuftigen Brief an Theresen, und auch einen an ihren Vater geschrie- ben, und ihn dem Bothen mitgegeben. Er war- tete nur mit Verlangen auf den Sonnabend, da der Bothe wieder kommen sollte. Er zaͤhlte alle Stunden bis dahin, und lief am Sonnabend so- gleich nach dem Hause, wo die Briefe gewoͤhn- lich abgegeben wurden. Der Bothe war da gewesen, und hatte keinen Brief mitgebracht. Der sonst gelaßne Kronhelm ward durch diese Nachricht wie rasend, knirschte mit den Zaͤhnen, und stampfte auf den Boden. Nun so wollt’ ich, daß ich die Welt zertruͤmmern koͤnnte! rief er, und alles, was drinn und drauf ist! — Keinen Brief? Und sie hat mirs so theuer ver- sprochen? — Nun so trau mir einer mehr den Menschen, und zumal den Maͤdchen! — Alles, alles ist nichts! Jst Tand! Jst abscheulicher Betrug! — O ich Thor, daß ich so drauf bau- te! Den Kopf moͤcht ich mir einrennen! — Das verfluchte Geschlecht! So tobte er, und lief, ohne zu wissen, war- um? vors Thor hinaus. Alles, was ihm be- gegnete, war ihm zuwider. Die ganze Welt kam ihm vor, wie ein Narrenhaus, und Zucht- haus. Jeder war ihm ein Narr, oder Boͤse- wicht! Er kam an die Donau; setzte sich ans Ufer nieder; scharrte den Sand mit seinem Stock auf, und staͤubte ihn ins Wasser. Gott! dachte er, auch Therese untreu! Auch die, auf die ich alles gebaut haͤtte! O, wir Maͤn- ner sind doch rechte Narren! — Er dach- te hin und her, was sie so schnell auf andre Ge- danken koͤnnte gebracht haben? Es war ihm un- begreiflich; und doch hielt ers fuͤr ausgemacht gewiß. Er fand tausend Ursachen, und verwarf sie wieder. Endlich hub er sich wieder auf, und gieng nach Haus. Siegwart war ausgegangen, um ihn aufzusuchen. Nach einer Stunde kam er wieder; Da ist ein Brief von meiner Schwe- ster, sagte er. — Was? rief Kronhelm; Willst du mich auch fuͤr einen Narren halten? Jch hab schon nach dem Bothen gefragt! Er hat nichts! — Da lis nur selber; sagte Siegwart. Der Bothe hat mir den Brief selbst eingehaͤn- digt, weils meine Schwester haben wollte. Kron- helm brach den Brief mit Zittern auf, und riß ihn vor Ungeduld fast entzwey. Therese schrieb so: Bester, theurester Freund! Der vergnuͤgteste Abend nach Jhrer Abreise war mir der, da ich Jhren lieben Brief erhielt; vielen, vielen herzlichen Dank dafuͤr, mein bester Freund! Gottlob, daß Sie gluͤcklich wieder ange- kommen sind! Meine besten Wuͤnsche begleiteten Sie auf Jhrer ganzen Reise; aber besonders mach- te mir der fatale Weg, und der starke Regen viele Sorge. Jch freute mich recht fuͤr Sie, als der Regen wieder nachließ. Also sind Jhre Lehrer nicht boͤse, wegen Jh- res etwas laͤngern Ausbleibens? Nun, das ist mir sehr lieb; mir war schon recht bange dafuͤr, und ich dachte, Sie koͤnntens gar daruͤber bereuen, daß Sie laͤnger hier blieben; das wollt ich doch nicht gerne! Ach, mein theurester Freund! oft denk ich noch an den traurigen Scheidetag und an die letzte trauri- ge Nacht. Dann seh ich noch immer den, mit schwar- zen Wolken umgebenen Mond, der uns gegenuͤber stand; dann hoͤr ich noch immer den rollenden Don- ner, und seh die schnellen Blitze. Alles war so feyerlich! Erst sinds acht Tage, und mir duͤnkts schon so lange! F f Jetzt sind wir ganz einsam, und alles ist so stille, nun Sie nicht mehr hier sind! Am Tage nach Jhrer Abreise schrieb ich ein paar Lieder aus Kleist ab; hernach hab ich im Hagedorn gelesen, den Sie mir geschenkt haben. Jch fand vieles drinn, was mir gefiel; aber fuͤr mein Herz, das jetzt so viel verlangt, hats zu we- nig Nahrung. Sonst hab ich nichts gelesen. Theils hatt’ ich nicht Zeit dazu, theils nicht Lust; und dann haben Sie mich so ganz verwoͤhnt, daß ich fast nichts mehr allein lesen mag. Einmal hab ich Besuch gegeben bey meiner Freundin, der Postverwalterstochter; und den Abend gieng ich am kleinen Bach spatzieren, mit meinem Vater, der so ganz fuͤr Sie ist. Wir sprachen recht viel von Jhnen. Vorgestern war Hauptmann Northern, aber nur allein, hier. Wir kamen oft auf Sie zu sprechen; er haͤlt sehr viel auf Sie, und ich bin ihm deswegen noch ein- mal so gut. Wenn er nur oft kaͤme, und von Jh- nen spraͤche! Mir ist so wohl dabey, und so bang. Jch wuͤnschte immer, daß man davon anfienge; und faͤngt man an, so wuͤnscht ich wieder, daß ich weit davon waͤre! Aber nachher freu ich mich doch immer recht druͤber. Von unangenehmen Dingen spricht man nicht gern; sonst koͤnnt ich Jhnen viel sagen, von den Spoͤttereyen und Sticheleyen, die ich von mei- ner Schwaͤgerin anhoͤren muß; doch so etwas ist zu gering, sich daruͤber zu aͤrgern. Jch kann Jh- nen nicht mehr schreiben, weil ich recht viel wegen der Habererndte zu thun habe; aber wenn das vor- bey ist, so werd ichs gewiß nachholen. Jch habe Jhnen noch so viel zu sagen, so viel! Aber ein Brief ist immer nur eine halbe Unterredung. Leben Sie so gluͤcklich, mein Theurester, als es mein stuͤndlicher Wunsch ist! Meine Seele ist oft bey Jhnen. Th. Siegwart. Als Kronhelm diesen Brief gelesen hatte, gieng er ans Fenster, und die hellen Zaͤhren stuͤrzten ihm aus den Augen. Sein Herz machte ihm tausend Vorwuͤr- fe. Gott! Was ist das fuͤr ein himmlisches Maͤdchen! dachte er; und was bin ich fuͤr ein Kerl! Lauter Zaͤrt- lichkeit und Liebe! Und ich that dem Engel Unrecht! That ihm teuflisches Unrecht! — O vergib, vergib, Engel, wenn ichs werth bin! — Jch habe vorhin recht gerast, sagte er zu Siegwart. Das ist was Entsetzliches um die Liebe, wie sie mit dem Menschen umgeht, und so alles aus ei- nem macht, was sie will! Da wollt ich dir den Brief holen; es hieß, der Bothe hab keinen mit- gebracht, und da wars, als ob ich auf Einmal ein ganz andrer Mensch wurde. Jch raste, und haͤtt einen umbringen koͤnnen, der mir in Weg gekommen waͤre! Jch sah und hoͤrte nichts; oder, was ich sah, das war mir aͤrgerlich. Jch lief, wie ein Unsinniger beym Thor hinaus; fluchte bey mir selbst, und haͤtte darauf geschworen, deine Schwester hab mich schon vergessen! — Und nun schreibt sie mir da einen so herrlichen und lieben Brief. O ich moͤchte mich vor den Kopf schlagen, daß ich so ein Tollkopf bin, und ihr so Unrecht that! — Da siehst du, sagte Siegwart, daß der P. Philipp Recht hat: Man soll sich von der Lie- be nicht so ganz beherrschen lassen! Du bist seit der Zeit viel ungeduldiger und auffahrender. Alles aͤrgert dich, wenns nicht immer gleich nach Wunsch geht. — Freylich; sagte Kronhelm ; aber hab nur Geduld mit mir, Bruder! Jch will mich war- lich bessern! Deine Schwester ist so ein sanftes, nachgiebiges Maͤdchen; sie weis sich in alles so zu schicken; und ich bin so ein aufbrausender Kerl , der gleich mit dem Kopf durch die Wand will. O sie soll mich noch Gelassenheit und Sanftmuth leh- ren, oder ich waͤr ihrer Liebe nicht werth! Schreib ihr nur nichts davon! Jch muͤßt mich schaͤmen! — Da kannst du ihren Brief lesen. Es ist der Wie- derschein ihrer Seele. Die Zaͤrtlichkeit hat ihr ihn selbst eingegeben. Siegwart ließ ihn auch den Brief lesen, den sie ihm geschrieben hatte. — Es ist herrlich, wie das Maͤdchen schreibt! sagte Kronhelm; so natuͤrlich und so wahr! Man sieht doch gleich, was Natur ist! — Kronhelm und Siegwart schrieben nun wie- der an Theresen und an ihren Vater. Kronhelm ward oft sehr bewegt, und mußte inne halten, so gegenwaͤrtig stellte er sich das Maͤdchen vor. Er konnte es nicht ganz lassen, und schrieb ihr doch einiges von seiner Ungeduld, in die er uͤber ihr vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den Nachmittag schickten sie die Briefe fort. Den Sonntag darauf besuchten sie den jungen Gruͤnbach, und erzaͤhlten ihm von ihrer Reise. Seine Schwester Sophie kam, unter dem Vor- wand, Musikalien zu holen, auch aufs Zimmer, und blieb uͤber eine Stunde da. Das arme Maͤd- chen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabey, daß er so wenig auf sie zu achten schien. Die Juͤnglinge sprachen viel von Klopstock, und als sie Siegwarten mit solcher Waͤrme von ihm sprechen hoͤrte, bat sie sich den Messias von ihrem Bruder zum Lesen aus. Jhr Vater kam, und sie mußte in den Laden hinab. Der alte Gruͤnbach erkundigte sich mit vielen Um- staͤnden bey Siegwart nach dem Befinden seines Vaters und seiner Familie. Die Schulstunden wurden nun wieder angefan- gen, und die beyden Juͤnglinge beschaͤftigten sich mehrentheils mit den Buͤchern; zumal, da man bey den unbestaͤndigen und rauhen Herbsttagen wenig mehr aufs freye Feld hinaus konnte. Kronhelm liebte zwar die Wissenschaften sehr, und brannte vor Begierde, seine Kenntnisse zu vermehren; aber der Gedanke an Theresen uͤberraschte ihn alle Au- genblicke uͤber den Buͤchern, und dann wars ihm unmoͤglich, weiter zu lesen. Er fieng an zu phan- tasiren, stellte sich ihr Bild ganze Stunden ganz lebendig vor, und hielt, wenn er allein war, laute Gespraͤche mit ihr. Sie schrieb ihm, wo nicht alle 8 Tage, doch wenigstens alle 14 Tage gewiß. Sie wurden, auch in der Entfernung, immer noch ge- nauer mit einander verbunden. Sie liessen ihre Seele in den Briefen reden; sagten sich ihre in- nersten Gedanken, und so entdeckte eines immer mehr Vorzuͤge und Vollkommenheiten an dem an- dern. Kurz, sie waren das gluͤcklichste Paar, weil Tugend und Weisheit ihre Seelen an einander kettete, und immer fester mit einander verband. Der alte Siegwart wurde, ohngeachtet der Verschie- denheit der Jahre, Kronhelms warmer und ver- trauter Freund. Er hielt alles auf ihn, und wuͤnsch- te nur, daß kein Ungluͤck ihn von seiner Tochter trennen moͤchte! Unsre Liebende vergassen der Ge- fahr, so bald sie ihnen aus den Augen verschwand; freuten sich nur ihrer Liebe, und sahen nichts, als einen heitern, unbewoͤlkten Himmel vor sich. Siegwart, der auf der Schule, wegen seines Fleisses, immer weiter fortruͤckte, ließ sich diese Aufmunterung nur desto mehr anspornen, und vermehrte seine Kenntnisse mit jedem Tage. Ti- bull und Properz, die man in der Schule las, verfeinerten sein ohnedies zartes und richtiges Ge- fuͤhl; er las sie sehr fleissig, und schaͤtzte besonders den Properz; aber nicht, wie gemeiniglich geschieht, auf Kosten der Neuern. Er sah wohl, daß die Deutschen eben so gut, und in den meisten Faͤchern weit bessere Dichter aufzustellen haben, wie die Roͤmer; besonders in Dingen, die mehr die Em- pfindung, als die Kunst betreffen. P. Philipp lehrte ihn auf seinem Zimmer aus Freundschaft das Griechische, das auf der Schule nicht getrie- ben wurde, und las mit ihm das neue Testament, die Fabeln des Aesop und den Anakreon. Auf den Winter, versprach er, mit ihm den Herodot , vielleicht auch den Homer zu lesen. Auch lieh er ihm einen Livius , und erklaͤrte ihm die schweren Stellen, uͤber die er ihn befragte. Kurz, Sieg- wart war auf dem rechten Wege, ein vernuͤnftiger Gelehrter zu werden. Den Abend brachten sie entweder allein zu, und da muste Xaver mit Kronhelm fleissig von Theresen sprechen; oder sie giengen zu P. Phi- lipp, dessen Umgang ihnen immer der liebste und lehrreichste war; Sie lasen, oder zeichneten mit ihm, oder sprachen abwechselnd uͤber ernsthafte und muntre Gegenstaͤnde. Oder sie machten mit Gruͤnbach Musik, und kamen durch die Uebung merklich weiter. Siegwart besuchte auch noch oft die L. Frauenkirche, und hoͤrte da die Nonnen sin- gen. Oft traf er auch Sophien da an. Die schoͤne Andaͤchtige gefiel ihm wohl. Er schaͤtzte sie wegen ihrer Andacht nur noch hoͤher; aber doch fuͤhlte er nicht das gegen sie, was sie gegen ihn fuͤhlte. Jn der Mitte des Winters, als Kronhelm einst an einem heitern Tage mit Siegwart spa- zieren gegangen, und nach dem langen Stubenhuͤ- ten ausserordentlich vergnuͤgt gewesen war, fand er, bey seiner Nachhausekunft auf des P. Philipps Zimmer einen Brief, den sein Vater durch einen eignen Bothen hereingeschickt hatte, folgenden Jnhalts: Verfluchter Son! Hol Dich der Teufel mit Deinem ganzen Hu- renpack! Da hast Du ’n rechten Hundestreich ge- macht. Bist denn gar ein Narr? Was treibst mit des Amtmanns Maͤdel, der unadelichen nichts- nutzigen Kanale? Hoͤr Kerl, Du bist keinen Schuß Pulver wehrt — hol mich dieser und je- ner, Mann sollt Dich todtschlagen, wie einen Dags. Jch hab mir g’aͤrgert, daß ichs Zibberlein kruͤgen thaͤt, sonst waͤr ich selbst komen, und haͤtt Dich todtg’schlagen. Jnvamer Kerl, daß Du Dich so wegwerfen thust, als ob Du von einer Buͤrgers- hur herkommen thaͤtest! Jch muß mich ja ob Dir schamen wo ich hinkomm. Aber ich schwoͤr Dir bei Godd, daß, wenn Du mir noch Augenblikk an das Burgersmaͤdel denken thust, so reit ich weck, und wenn ich keinen Fuß haͤtt, und schieß Dir nie- der, und schlag Dich dann mitn Flintenkolben fol- lendts tod. Laß Dirs nur nit einfallen, daß Du noch ’n Buchstaben an sie schreibst, oder Du bist, meiner Seel! des Teufels. Jch habs ’m Amt- man dem Kerl schon g’sagt, und seiner Dirn auch, ’s kostet Dir und ihm und ihr ’s Leben. Solang ich auf Godds Erdboden bin, sollst Du nicht mit ihr z’samen kommen, und wenns die ganz Welt hahn wollt. Jch reiss euch von ein- ander, und sollts mit den Zaͤhnen sein. Da hast Du mein Wort. So wahr ich ’n alter Edelmann, und sie ’n kahle Amtmansdirn ist. Verteufelter Son, das heisst ’m alten Vater Herzleid anthun. So hats noch keiner g’macht seit vil dausend Jah- ren, seit ’s Kronehelm geben hat, und Du muest grad anfangen, und willt doch mein Son sein? Ja ’n Teufelskerl bist, und kein Gaballiers Son. Jch sag Dirs, wenn Du noch a Zeil schreiben thust, so must Du sterben, und wenn Du auch am Hi- mel hangen thaͤtest, Du must mir runter; und ’s Maͤdel zerreiss ich mit den Naͤgeln, das merk Dir! Laß mir ja kein Wort hoͤren, und wenn Du nur Mukker gegen mir thust, so schick ich drey Kerl zu Dir, die sollen Dich lebendig oder tot zu mich bringen. Da sollt Du Deine liebe Not haben. Braten will ich Dich, wie ’n Hasen, Lauskerl Du! Jch hab meine Spijon, Einen Buochstaben, und Du bist hin, und Deine Hur auch. Jch hab mir g’aͤrgert, daß ich nicht mer schreiben kan. Du weist noch nit, wie ich bin, wenn ich wild werd. Schwoͤr mir heilig, daß Du nit mer an sie den- cken, und noch minder schreiben willt, sonst sind auf d’ Woch die drey Kerl bey Dir, und holen Dich, und ich laß Dich schliessen, und beym Maͤ- del forbey fuͤhren, und sie mit der Kugel vor den Kopf brennen, daß sie verrecken muß, wie ’n ang’schoßnes Thier. Schreib mirs nur gleich, oder du lebst keine 6 Taͤg mehr, das schwoͤr ich dir bey allen Teufeln. Veit Kronehelm. Kronhelm stand, wie vom Blitz getroffen da, als er diesen Brief gelesen hatte. Er ward blaß, und zitterte an allen Gliedern. — Da, lies! sagte er zu Siegwart, gieng einigemal auf und ab; blieb oft ploͤtzlich stehen, als ob er nach- daͤchte, und konnte doch keinen Gedanken halb ausdenken. — Hasts gelesen? Nicht wahr , es ist schoͤn? Jch bin ein rechtes Gluͤckskind! — O ich wollte! — — der verdammte, hoͤllische Adel! — Aber, ich wollte nicht nachgeben! — Sprich! Was denkst du denn? Stehst ja da, wie ein Klotz! Siegwart. Jch weiß nicht, was ich sagen soll? Es ist schrecklich! Jch bedaure dich von ganzem Herzen. Kronhelm. So? Weiter nichts? Siegwart. Was kann ich sonst thun? Kronhelm. Was weiß ich? Mir rathen! Oder mich todtschlagen, wenn du willst. Siegwart. Jch bitt dich um Gotteswillen, Kronhelm! Du must dich maͤssigen! Kronhelm. Du bist ein Narr! — Aber, halt, Siegwart! Nicht wahr? ich thu dir Un- recht? Siegwart. Ja, das daͤcht ich auch. Kronhelm. Nu, so verzeih mir! Du weist schon, wie’s ist; ich kann nicht dafuͤr. — Sag, Bruͤderchen, was muß ich anfangen? Sags doch! Jch weiß ja nicht — Siegwart. Du must deinem Vater schreiben, denk ich. Kronhelm. Nun ja, schreiben! Und was denn? Siegwart. Daß du mit meiner Schwester nichts mehr — Kronhelm. Was? Siegwart. Daß du nichts mehr mit ihr zu thun haben wollest. Kronhelm. Bist du vom Teufel, Kerl? Siegwart. Bessers weiß ich nichts. Kronhelm. Nun, so pack dich zu allen Hen- kern! — Den Rath kann mir nur mein Tod- feind geben! Aufsetzen will ich mich, und zu mei- nem Vater hinausreiten! Das will ich thun, Kerl! Siegwart. Jch kann dirs nicht rathen. Kronhelm. Und warum nicht, Memme? Glaubst, er werd mich gleich niederschießen? Laß ihn nur! Das waͤr mir eben recht! So kaͤm ich auf einmal von der verdammten Welt weg! Siegwart (schwieg, und sah seinen Freund mitleidig an.) Kronhelm. Gefaͤllt dir das nicht? — Was soll ich denn thun? Siegwart. Jch habs schon gesagt. Kronhelm. Schreiben? — Aber denk: Mein eignes Todesurtheil! Siegwart. Traurig ists genug! Du kennst aber deinen Vater, und hast seinen Brief noch nicht genug gelesen. Kronhelm. Ja, ich habs! Sonst waͤr ich nicht so rasend! — Jesus, Maria! Was soll ich anfangen? — Gibts denn gar kein andres Mittel? — Sag doch! Bist mir ja sonst im- mer gut gewesen. Siegwart. Bins auch noch; mehr als du glaubst. — Aber ich weiß nichts bessers. Be- denks nur selber! Kronhelm. Ja, was bedenken? Jch kann nicht, sag ich dir! — Und so sollt ich meinem Vater schreiben? — Sollt Theresen aufgeben? — Gott, wie kann ich das? Siegwart. Es kann sich aͤndern. Kronhelm. Was, aͤndern! Es kann nicht, sag ich! — Therese! Therese! Dich aufge- ben? — Und wie kann sichs aͤndern? Sprich doch! Siegwart. Dein Vater koͤnnte sterben; oder sonst so etwas — Kronhelm. Ja, der stirbt nicht! — Grosser Gott! was ich da fuͤr Gedanken habe! — Ja, wenn er stuͤrbe! — Wenn er aber auch nicht stuͤrbe …? Siegwart. Du hast doch indessen eine Aus- flucht. Sonst hast du gar keine. Kronhelm. Gar keine! — Das ist schreck- lich! — Bey Gott! schrecklich! — Kann ich ihm denn sonst gar nichts schreiben? Siegwart. Jch weiß nichts, wenn du sei- nem Zorn entgehen willst, und wenns nicht mei- ne Schwester und mein Vater mit entgelten sollen. Kronhelm. Wie das? Siegwart. Er droht ja, daß er sie umbrin- gen will. Hasts nicht gelesen? Kronhelm. Ja, das ist wahr! Ja, ich muß schreiben; Siegwart, ich muß! Siegwart. Aber nur behutsam, Bruder! ich bitte dich. Wenn du trotzen willst, so gehts nicht. Jetzt must du nachgeben, so viel du kannst. Kronhelm. Ja, wenn man nur so koͤnnte. Denk einmal, in so was nachgeben! — Haͤtt er nur nicht Theresen gedroht! Mir moͤcht er dro- hen wie er wollte! Jch achte nichts. — Aber ich weiß, wie er ist; sie waͤr nicht sicher vor ihm. — O ich weiß nicht, was ich noch anfange? — Waͤrs nur nicht mein Vater! — Gott! was wird deine Schwester sagen! — Jch halts nicht aus, Bruder. Sterben, oder mein seyn! — Ja, ich will ihm schreiben, daß ich nicht mehr an sie schreiben will. Das kann ich wohl. Sie ist ja doch mein; ich ja doch ihr. Ja, ich will ihm schreiben. Gib nur Dinte her! Wo ist der Schandbrief? Gott verzeih mirs! Aber ’s ist so! Gib nur her Papier und Dinte. Siegwart. Bruder, du kommst mir ganz son- derbar vor. Jetzt auf einmal so nachgiebig, und eben vorher noch so heftig! Jch kann mich in dich nicht finden. Kronhelm. Jch mich auch nicht, gib nur her! Siegwart. Aber du must mich den Brief erst sehen lassen. Nicht? Kronhelm. Ja freylich! Gib nur her! (Er schreibt) „Lieber Papa!‟ Ja, es ist nicht wahr. — „Jhr nicht mehr schreiben will.‟ Das ist fuͤrch- terlich! — Da! Jch kann nichts bessers schrei- ben. Lis nur! — Nun, gefaͤllt dirs? Kann ichs anders machen? Siegwart. Nein; es ist gut. Jch hoffe, das soll ihn beruhigen! — Kronhelm. Ja, ihn! Aber auch mich! Solls auch mich beruhigen? — Gib her! Jch wills wie- der zerreissen, den verdammten Wisch! Siegwart. Laß doch, Bruder! Du kannst Ein- mal nichts anders schreiben. Denk, daß du The- resen dabey schonst! Kronhelm. Nun so seys! Siegl’ es zu! Jch mag mit dem Quark nicht laͤnger umgehn! Siegwart siegelte den Brief zu, und erbot sich, ihn des Junker Veits Bedienten zu bringen; denn er fuͤrchtete, Kronhelm moͤchte den Brief wieder zerreissen. Dieser blieb indessen allein auf dem Zimmer, und verwuͤnschte sein Schicksal. Bald war er wild und heftig, bald wieder wehmuͤthig, und zum tiefsten Schmerz herabgebeugt, wenn er an Theresen dachte. Siegwart kam bald wieder, und nun besprachen sie sich uͤber die traurige Geschichte; Kronhelm war nun aͤusserst besorgt, was Therese zu seinem Betragen denken, und ob sie ihn nicht verachten werde, wenn sie hoͤre, daß er seinem Vater versprochen habe, ihr nicht mehr zu schreiben? Siegwart beruhigte ihn aber wieder, indem er ver- sprach, ihr die Sache im Zusammenhang zu schrei- ben, und sie zu uͤberzeugen, daß er, nach Erforder- G g niß der Umstaͤnde so habe schreiben muͤssen. Sie wird es selber einsehen, sagte er, da sie nun deinen Vater selbst kennt. Und deswegen, daß du verspro- chen hast, ihr nicht mehr zu schreiben, kannst du auch ziemlich unbesorgt seyn, da ich ihr alle Wochen schreibe; da kannst du mir ja alles in die Feder sa- gen, was du an sie geschrieben haben willst; und so kann sie’s wieder in den Briefen an mich ma- chen, dieß beruhigte zwar Kronhelm etwas, aber doch nicht viel; und er zitterte vor Theresens naͤch- stem Briefe. P. Philipp, dem sie die Geschichte auch erzaͤhlten, arbeitete sehr daran, unserm Kron- helm einen gesetzten Muth beyzubringen, denn er befuͤrchtete nicht ohne Grund noch traurigere Auf- tritte. Er hielt ihm, mit der groͤßten Ruͤhrung, die Pflichten vor, die er seinem Vater, der Welt, The- resen und sich selber schuldig sey. Jch will, sagte er, das Verfahren seines Vaters nicht entschuldigen; aber ganz Unrecht hat er doch auch nicht, daß er sich einer Verbindung widersetzt, die ohne sein Vorwis- sen, und (wie Er vorauswissen konnte) ohne seine Bewilligung mit einer Person eingegangen wor- den ist, die sein Vater nicht kennt, und die von ei- nem andern Stand ist, als er. Zwar an sich be- trachtet, ist der Stand nichts, aber in unsre jetzige buͤrgerliche Verfassung hat er Einfluß, und man kann ihn nicht ganz aus den Augen setzen. Mach er sich auf alles gefaßt, und bedenk er dieß zuerst, daß man durch Heftigkeit und Unbesonnenheit im- mer am wenigsten ausrichtet. Wenn er das gethan hat, was ihm moͤglich war, und was er, ohne seine Pflichten zu verletzen, thun konnte, dann uͤberlaß er das Uebrige der Vorsehung, die nie ohne weise Guͤte handelt, wenn man sich ihr nicht selbst wider- setzt. Es kann, so unglaublich es ihm jetzt auch vorkommt, sein Gluͤck seyn, wenn er Theresen nicht kriegt. Wenn ihr Besitz sein wahres Gluͤck ist, so bekommt er sie gewiß. Stell er sich im Voraus al- les, auch das aͤrgste, was ihm begegnen kann, vor! So kommt ihm nichts unerwartet, und sein Herz wird weniger erschuͤttert. Jch sage nicht, daß er die Hofnung ganz sinken lassen soll. Hofnung naͤhrt das Herz des Menschen, und ist nur dann schaͤdlich, wenn wir sie zu tief wurzeln lassen, und Gewiß- heit aus ihr machen wollen. — Kronhelm hoͤrte zu; er fuͤhlte, daß der Pater Recht hatte, aber die Wahrheiten waren ihm zu traurig; doch hielten sie ihn von der allzugrossen Heftigkeit zuruͤck. Zween Tage darauf kamen Briefe von Theresen und ihrem Vater. Kronhelm erbrach sie mit Zit- tern und dem baͤngsten Herzklopfen. Sie schrieb ihm folgendes: Theurester Freund! Jch schreib Jhnen mit dem kummervollsten Her- zen, und mit nassen Augen den letzten Brief in meinem Leben. Der vergangene Montag ist fuͤr mich der traurigste und fuͤrchterlichste Tag gewesen. Jhr Vater, den ich noch nicht kannte, kam mit einem Edelmann und zween Jaͤgern in unsern Hof angesprengt. Jch hoͤrte ihn mit Ungestuͤm nach meinem Vater fragen, und sah aus dem Fenster. Bist du die Hur? rief er zu mir herauf. Jch wußte nicht, was ich aus dem Mann machen soll- te? und lief zitternd zu meinem Vater. Als wir hinunter wollten, kam Jhr Vater uns schon auf der Treppe mit dem Edelmann entgegen. — Jst Er der Amtmann Siegwart? fragte er. Ja, mein Herr! antwortete mein Vater, was befehlen Sie? — Nichts befehlen! rief Jhr Vater, und kam die Treppe vollends herauf. — Er ist ein Schurke, daß Ers weis! Er will meinen Sohn verfuͤhren! — Das ist wohl das saubre Mensch da, (indem er sich zu mir wandte) an der er den Narren gefressen hat? Ein saubres Thierchen! Mein Seel! — Und so fuhr er fort, und gab mir und meinem Va- ter Reden, die ich mich schaͤmen wuͤrde, niederzu- schreiben. Kurz, er begegnete uns auf die groͤbste, beleidigendste Weise; sprach immer vom Einsetzen, Verfuͤhrungen, Lumpen- und Hurenpack, und droh- te mit Mord und Todschlag, wenn ich mir einfal- len lassen wollte, seinen Sohn ferner zu infamiren, wie ers nannte. Jch stand da, und dachte, ich muͤß- te in die Erde sinken. Einigemal konnt ich mich nicht enthalten, ihm grobe Reden zu geben, als er meine Unschuld — das einzige, worauf ich stolz bin — angrif. Der Junker, der mit Jhrem Vater kam, ist der niedertraͤchtigste Mensch, der mir auf die schimpflichste Art begegnete, und mich immer nur Kanaille, und buͤrgerliche Gassenhure nannte. — Mein Vater, der auch hitzig seyn kann, wenn man ihn erst aufbringt, sagte Jhrem Vater, er moͤchte sich in Acht nehmen, und mit solchen Beschimpfun- gen einhalten. Er sey ein ehrlicher Mann, und ich ein ehrlich Maͤdchen; ich korrespondire zwar mit seinem Sohn, aber auf die erlaubteste Art; er koͤnn die Briefe selber sehen u. s. w. Jhr Vater wollte von dem allen nichts hoͤren, schimpfte unauf- hoͤrlich fort, und drohte, Sie und mich, und meinen Vater zu erschiessen, wenn wir nur noch eine Zeile an einander schrieben, oder einen Gedanken auf ein- ander haben wollten. Mein Vater sagte, das woll er wol versprechen, daß ich nicht mehr an Sie schrei- ben, und weiter keine Gemeinschaft mit Jhnen ha- ben soll; aber die uͤbrigen Beleidigungen woll er sich auch inskuͤnftige verbitten. Der andre Junker schlug ein lautes Gelaͤchter auf. Jhr Vater aber sagte: Nu Jobst, laß uns weiter! Vorjetzt hab ich gnug; aber noch ein Brief, und — hier zog er eine Pistole hervor — die erste Kugel gehoͤrt dir, Maͤdel! und die zweyte ihm, Monsieur Amtmann! Merk er sichs! Mit diesen Worten gieng er wieder die Treppe hinunter, setzte sich aufs Pferd, und ritt mit seinen Jaͤgern davon. Sie koͤnnen sich vorstellen, Theurer Freund! wie mir seit der Zeit zu Muthe seyn muß. Das ganze Leben ist mir verhaßt, die ganze Welt eine Einoͤde. Jch schreib Jhnen diesen Brief auf Befehl meines Vaters, ders bey Jhrem Vater verantworten will, wenn ers erfahren sollte. Jch soll von Jhnen Ab- schied nehmen auf ewig! Gott, von Jhnen! und doch muß es seyn! — Jch habe Sie geliebt, Theu- rer, aber verkennen Sie mich nicht! Nicht aus Stolz, weil Sie von Adel sind. Um des Adels Jhres Herzens willen, liebt ich Sie; lieb ich Sie noch! Das darf ich sagen, denn ich sags ohne Ab- sicht auf Jhre Hand. Jch hab auf ewig alle Hofnung von mir weggebannt. Es muß seyn! — Leben Sie gluͤcklich! Sie verdienen es. Bleiben Sie mein Freund in Jhrem Herzen! Denken Sie zuweilen an das Maͤdchen, das bald sterben wird! … Jch habe mein Herz in Thraͤnen ausgeschuͤt- tet, und komme nochmals, Jhnen das letzte Lebe- wohl zu sagen. Kuͤnftig kann ich keine Zeile mehr von Jhnen annehmen. Jch werd Jhnen jeden Brief unerbrochen zuruͤck schicken. Das hab ich zugesagt. Leben Sie denn wohl, auf ewig wohl, mein Theurester! Gott staͤrke Sie, und belohne Jhre Tugend! . . Betruͤben Sie sich nicht zu sehr! Sie muͤssen andre Menschen, und ein besseres Maͤdchen gluͤcklich machen, als ich bin… Sagen Sie ihr einst, daß ich edel dachte, und Sie darum liebte… Meine Freundin kann sie auf dieser Welt nicht mehr werden, denn bis dahin bin ich todt… Jch murre nicht gegen die Vorsicht; aber ich kann diese Last nicht tragen. Mein Herz muß drunter brechen. — Leb wohl, Edelster und Beß- ter! Jm Himmel sehen wir uns wieder, und freuen uns, daß wir geduldet haben… Leb wohl! Siehst Du einst mein Grab, so wein drauf! Jch ver- diens! Der Engel der Liebe sey Dein Schutzgeist! oder ich werds… Mein Herz schlaͤgt gewaltiger. Hier faͤllt eine Thraͤne hin, kuͤß die Stelle! . . Schreib mir keine Zeile! Du wuͤrdest mich betruͤ- ben… Nun das letzte Wort, das ich an Dich schreibe. Leb ewig wohl, Geliebtester! und denk an Deine ungluͤckliche Therese. Was Kronhelm bey Lesung dieses Briefs em- pfunden hat, laͤßt sich nicht beschreiben. Jedes zaͤrtliche und liebevolle Herz, das auch einmal ge- litten hat, denke sich noch Einmal in sein Ungluͤck zuruͤck! Fuͤhle noch Einmal die Leiden seiner Liebe, und wein’ unserm Edeln, mit mir, eine mitleidige Zaͤhre! . . Er lehnte sich ans Fenster, huͤllte sein Gesicht ein, und war sprach- und thraͤnenlos. Siegwart weinte, und hatte den Brief, den seine Schwester ihm geschrieben hatte, in der Hand. Kronhelm drehte sich schnell um, sah ihn mit un- beschreiblicher Wehmuth an; drauf warf er sich aufs Bette, huͤllte sein Gesicht ins Kissen ein, und blieb so eine Viertelstunde unbeweglich liegen. Laß uns vors Thor hinaus, sagte er, ich muß Luft krie- gen! Siegwart gieng mit ihm, ob es gleich stark schneyte. Kronhelm waͤlzte sich im Schnee, und wollte da bleiben. Aber Siegwart riß ihn mit Gewalt auf. Endlich fieng er an bitterlich zu weinen. Siegwart sprach kein Wort, und weinte mit. Nun ist mir wohl, sagte Kronhelm, herzlich wohl. Jch dachte, ich koͤnne nicht mehr weinen… Bruder, Bruder! Jn mir tobt mehr, als Hoͤllen- qual. Therese ist hin fuͤr mich. Weist dus schon! — Ja, sie hat mirs geschrieben, sagte Siegwart. — Hat sie das? Mir hat sies auch geschrieben. O, der Engel ist verloren! Aber meynst du, daß das lange waͤhren soll? Jch kann auch sterben, Bruder! Bey Gott! ich kanns auch! — Jhr seyd rechte Troͤster, du und Philipp! Aber, ich brauch ja kei- nen Trost! Der Tod hat so viel Trost; wird mir auch wohl welchen geben! O, der Engel ist verlo- ren! — So sprach er immerfort, ohne daß Sieg- wart ihm ein Wort antworten konnte, als daß er ihn zuweilen mit Thraͤnen und einsylbichten Woͤr- tern bedauerte. Sie giengen wieder nach Haus. Siegwart bat in der Stille den P. Philipp auf sein Zimmer, weil er sich zu schwach fuͤhlte, jetzt bey sei- nem Freund allein zu seyn. Philipp wußte ihm selbst wenig zu seinem Trost zu sagen. Sein eig- nes Herz litt zu viel bey den Qualen seines jungen Freundes. Er hatte selbst einmal ungluͤcklich ge- liebt; und die Erinnerung aller seiner vorigen Lei- den kehrte wieder in sein Herz zuruͤck. Kronhelm sprach wenig; er sah immer mit seinen Blicken starr auf Einen Ort, und schien gar nichts mehr zu fuͤhlen. Zuweilen nur ward sein Koͤrper durch einen hervorbrechenden Seufzer ungewoͤhnlich stark erschuͤttert. Die ganze Nacht aͤchzte er, und Sieg- wart, der nicht schlafen konnte, aber doch sich stell- te, als ob er schliefe, hoͤrte ihn oft mit sich selbst, aber immer abgebrochen, sprechen. Er litt bey den Leiden seines Freundes, und bey den Qualen seiner Schwester, deren tieffuͤhlendes Herz er kann- te, unendlich viel. Den andern Morgen saß Kronhelm immer auf der Stube, und schrieb; denn es war ein Sonntag. Siegwart stoͤrte ihn nicht, und schrieb indessen an seine Schwester. Endlich gab ihm Kronhelm ein Blatt, und sagte: Jch will deiner Schwester keinen Brief mehr schrei- ben, sie hat mirs verboten. Aber nur um Eine Wohlthat fleh ich dich; die must du mir gewaͤh- ren. Schreib dieses Blatt ab, es ist kein Brief, was ich geschrieben habe. Es ist mein letztes Ver- maͤchtnis an Theresen. Schreib es ab, und legs in deinen Brief, ohn ein Wort davon zu schrei- ben! Versag mir diese letzte traurige Wohlthat nicht! Siegwart wagte es nicht, seinem Freund zu widersprechen, und schrieb folgendes ab: Stirb nur, Engel! Jch flehe Gott darum, und folg dir bald nach. Diese Welt ist viel zu klein fuͤr Liebende. Wenn ich die Stern’ am Himmel funkeln seh, so denk ich: Einer von den Sternen allen wird doch einen Wohnplatz fuͤr die Liebe ha- ben. Du Gott, kannst dein Kind, dein herrliches Geschoͤpf, nicht ganz aus deinem Weltgebaͤu ver- bannen. Ja, sie lachen mir lieblicher die Sterne. Dieser Stern dort mit dem blaͤulichen und reinen Lichte winkt mir. … Stirb nur Engel! sieh, er lacht uns. … Fall in Staub dahin, du schwa- che Huͤtte! denn du hast genug geduldet. Hat dich nicht der Sturm des Lebens gnug erschuͤttert? … Auf mein Geist! und schuͤttle deine Thraͤnen ab. Auf zum Stern mit dem blaͤulichen und reinen Lichte! … Die Natur ist todt; sie ist gestor- ben. Willst du laͤnger hier im Thal des Todes weilen? — Ach, Therese, laß uns eilen an den Ort, wo keine Menschen sind! Denn der Mensch ist hart und grausam. … Weine nicht, du Theu- re! Diese Nacht im Traume hab ich ihn gesehn, den Tod. Er ist ein hellleuchtender Engel, und hat Palmen in der Hand zum Trost der Liebenden… Und du weinft noch? Sieh, ich laͤchle ja; der En- gel mit den Palmen hat uns zugewinket, dir und mir. … Wohlauf, ihr Menschen, raubt mir mei- ne Liebe! Unter Engeln wohn ich. Raubt mir meine Liebe! . . Warum wein’ ich denn, du Theu- re? Kann doch die Natur nicht weinen. Schau hinaus! Sie ist versteinert. Auch der Bach, der immer weinte; auch die Donau steht versteinert da. Weine doch, o Donau, daß ich einen Gespielen ha- be meiner Thraͤnen! . . Wenig Tage noch, so sind wir hingewandelt, ins Gefild der Liebe… Duld, o meine Liebe! Sey getreu bis an das En- de! Sieh! ich will getreu seyn, bis ans Ende! Und du willst mir eine Freundin geben? Duld, o meine Liebe! sey getreu bis an das Ende! Amen! Kronhelms Seele versank in die tiefste, duͤsterste Melancholie; sein ganzer Karakter bekam eine an- dere Wendung. Er ward heftig, und auffahrend, und uͤber alles aͤrgerlich. Sein natuͤrlich sanftes und gefaͤlliges Wesen verwandelte sich in eine muͤr- rische, verdruͤßliche Laune. Alles, was er sah und hoͤrte, und die ganze Welt ward ihm zuwider. Er verachtete das ganze Menschengeschlecht; nur den P. Philipp und seinen Siegwart nicht. Aber der letztere stand doch sehr viel bey ihm aus. Er konn- te ihm nichts recht machen; jede Bewegung, die er auf dem Zimmer vornahm, konnte seinen Freund verdruͤßlich machen, und er verzog die Minen dar- uͤber. Wenn er lachte, war ihms nicht recht; wenn er traurte, auch nicht. Siegwart trug alles mit der groͤßten Geduld, und gab seinem Freund in allem nach. Zuweilen uͤberfiel seinen Kronhelm schnell die Wehmuth, daß er weinen konnte; dann sprach er von Theresen. Siegwart konnte ihm we- nig von ihr sagen, denn sie schrieb nichts mehr von Kronhelm, aber immer traurig und wehmuͤthig. Einmal schrieb sie ihm: Die Ursache meiner Leiden ist unsre Schwaͤgerin. Sie war einmal bey uns, als ein Brief von dir kam. Jch uͤbereilte mich, und brach ihn auf. Ein versiegelter Brief von Kronhelm lag darinn. Jch steckte ihn schnell ein, und ward roth. Das hat sie vermuthlich gemerkt, und an Kronhelms Vater geschrieben; denn sie sagte gleich: Sie korrespondiren ja auch mit dem jungen Herrn von Kronhelm? Jch konnte meine Verwirrung nicht verbergen, noch es ganz verheh- len. — Kronhelm fieng von neuem an zu toben; daß eine solche Kleinigkeit an seinem Ungluͤck Schuld haben sollte. P. Philipp suchte ihn auf alle moͤg- liche Weise zu zerstreuen; aber es half wenig. Er nahm ihn oft, mitten im Winter, mit spatzieren. Das traurige Stillschweigen der Natur naͤhrte nur seine Traurigkeit. Er las in seinen Buͤchern nichts, als duͤstre, wehmuͤthige Stellen. Die Musik er- goͤtzte ihn auch nicht mehr. Nur zuweilen phanta- sirte er in lauter Dissonanzen und wimmernden Toͤnen. Die Einsamkeit war ihm das liebste, und sie lobte er allein. Oft pries er unsern Siegwart wegen des Entschlusses selig, die Welt zu verlassen, und sich in ein Kloster zu verschliessen. Das war gewiß ein weiser und ungluͤcklicher Mann, sagte er, der wie ich geliebt hat, der zuerst den Einfall hatte, in eine Einsiedeley zu ziehen, oder sich durch Mau- ren vom unseligen Menschengeschlecht abzusondern. Man muß aufhoͤren, ein Mensch zu seyn, wenn man gluͤcklich werden will! Jch wollte, daß ich alle meine Leiden mit dir in einer Zelle vergraben koͤnnte! Diese Reden, und das ganze Schicksal seines Freundes machte bey unserm Siegwart den Gedan- ken ans Klosterleben aufs neue wieder zum allein- herrschenden und angenehmsten. Er sah die Liebe als die groͤßte Feindin des Menschengeschlechts an, und glaubte, sich nicht stark und fruͤh genug vor ihr verwahren zu koͤnnen. Er dachte sich nur seinen P. Anton und die andern Paters, wie ruhig und zufrieden die in ihren Zellen lebten. Er glaubte, die Liebe koͤnne sich der Klostereinsamkeit nicht na- hen, und schmachtete recht darnach, bald in diesem sichern Hafen einzuschiffen. Ostern ruͤckte nun heran, an dem Kronhelm die Schule verlassen, und nach Jngolstadt ziehen sollte. Er waͤre gern noch laͤnger in der Nachbarschaft Theresens geblieben, ob ihn dieses gleich nichts half, und hatte deswegen auch an seinen Onkel in Muͤn- chen geschrieben; aber dieser fand nicht fuͤr gut, es ihm zu erlauben; denn er hatte durch seinen Bru- der Veit die Liebe seines Neffen erfahren. Ob er gleich von Vorurtheilen ziemlich frey war, so konn- te er doch Kronhelms Wahl nicht beguͤnstigen, denn er hielt seine Liebe fuͤr eine voruͤbergehende, aufbrau- sende Leidenschaft, und kannte auch das Maͤdchen gar nicht, das er gewaͤhlt hatte. Die Entfernung, hoffte er, wuͤrde die beste Arzeney fuͤr sein krankes Herz seyn, und ihm bald seine vorige Heiterkeit und Ruhe wieder geben. Kronhelm reiste also an Ostern ab. Sein Va- ter hatte zwar gewollt, er sollte ihn vorher noch in Steinfeld besuchen, aber dieß war ihm unmoͤg- lich. Er sah alle die Vorwuͤrfe voraus, die ihm sein Vater wegen Theresen machen wuͤrde, und wußte, daß er dazu unmoͤglich still schweigen koͤnn- te. Er verachtete auch seinen Vater wegen seiner rohen, unmenschlichen Seele, und wegen seines Be- tragens gegen ihn zu sehr, als daß er nicht seine Gesellschaft soviel, als moͤglich, haͤtte vermeiden sol- len. — Bey dem herannahenden Abschied von sei- nem innigsten und ersten Freunde, von dem Bru- der seiner ewiggeliebten Therese, erwachte sein gan- zer Schmerz von neuem. Die ganze Zeit uͤber, da er die Vorbereitungen zur Abreise machte, war er wie betaͤubt; alles war todt um ihn herum; dann uͤberfiel ihn ploͤtzlich wieder eine Aengstlichkeit; er lief in einen Winkel, um allein zu seyn, und seine Thraͤnen auszuschuͤtten. Er erschrack, wenn er allein war, und Siegwart ungefaͤhr aufs Zim- mer kommen seh, und Zaͤhren schossen ihm in die Augen. Den Tag vor seiner Abreise gieng er zu Gruͤnbach, um von ihm Abschied zu nehmen. So viel er auch auf ihn hielt; so fuͤhlte er doch nichts da- bey, und ward nicht im mindesten bewegt. Unten in der Thuͤre stand Sophie, um ihm auch ihr Lebe- wohl zu sagen; sie weinte, und nun weinte er auf einmal mit, weil ihm seine Therese mit aller Leb- haftigkeit einfiel. Er lief, so schnell er konnte, uͤber die Strasse. Dann nahm er von seinen Leh- rern Abschied. Beym P. Johann ward er sehr bewegt. Der kraͤnkliche Mann wuͤnschte ihm mit der herzlichsten Ruͤhrung allen Segen des Him- mels. Kronhelm dankte ihm fuͤr seinen Unter- richt. Jch wuͤnsche, sagte Johann, daß meine Leh- ren auch bey Jhm Frucht bringen, und Jhn, wie mich, in Freud und Leid erquicken moͤgen. Sie flossen aus reinem Herzen, und nie ohne vorher- gehendes Gebeth, daß Gott sie segnen moͤge! Jch wuͤnschte so gern alle Menschen, und besonders meine Schuͤler, am meisten aber Jhn, mein lie- ber Herr von Kronhelm gluͤcklich, weil er so sitt- sam und rechtschaffen ist; und das wird man am ersten durch Religion. Vergeß Er also Gottes Wort und meine Lehren nicht! Jch werd oft an Jhn denken, und fuͤr Jhn beten. Denk Er auch zuweilen an mich, und bet Er, daß mich Gott fer- ner treu und geduldig in der Leidenszeit erhalte, die wol nicht mehr lange waͤhren wird. Leb Er H h wohl! Gott segn Jhn! Hier gab er unserm Kron- helm die Hand; dieser kuͤste sie mit heisser Jnn- brunst, und ließ seine Thraͤnen drauf fallen. — Der Abend ward auf P. Philipps Zimmer sehr traurig zugebracht. Kronhelm sprach fast gar nichts, und Siegwart auch nur wenig, denn auf beyden lag die Last der nahen Trennung schwer. Phi- lipp, der nun drey Jahre schon unsern Kronhelm gekannt, und seine Seele taͤglich unter seiner An- fuͤhrung sich hatte vervollkommen sehen; der ihn, ob er wol sein Schuͤler war, wie seinen Freund liebte, der jetzt alle seine Leiden kannte, und vor- aus sah, daß sie sich nach der Trennung von sei- nen Freunden noch verdoppeln wuͤrden, war selbst von allen diesen Vorstellungen danieder gedruͤckt, und hatte Muͤhe, seinen tiefen Kummer zu ver- bergen, um nicht seine jungen Freunde noch weh- muͤthiger zu machen. Er noͤthigte sie, etwas mehr Wein zu trinken, um ihre Traurigkeit in etwas zu zerstreuen, und sie wurden wirklich um ein gu- tes munterer. Aber mit den Lebensgeistern wach- te bey Kronhelm das Andenken an Theresen auch wieder lebhafter auf; er nahm ein Glas; stand auf; brachte Theresens Gesundheit aus; und trank; und Thraͤnentropfen fielen ihm in den Wein. Alle Hindernisse, sie jemals zu erhalten, schwanden vor ihm weg. Er fuͤhlte sich zu allem stark, und sagte, kein Mensch solle sie ihm rauben. P. Philipp hatte sich dieser Wendung nicht versehen; er war gesinnt gewesen, ihm noch etwas Lehren auf den Weg zu geben, sich in sein Schicksal zu finden, und nach und nach ihr Bild aus seinem Herzen zu entfernen; aber er sah wohl, daß dieses jetzt uͤbel angebracht seyn, und seine Leidenschaft mehr erhiz- zen wuͤrde; er beschloß also, ihm lieber davon zu schreiben, da ohnedieß Briese mehr Eindruck ma- chen, als Reden, weil man sie oͤfter lesen, und die darin enthaltenen Ermahnungen mehr uͤberdenken kann. Er bat Kronhelm, ihm zuweilen zu schrei- ben, und versprach, es auch zu thun. Kronhelm nahm diesen Antrag mit Freuden und Dankbar- keit an. — Um zehn Uhr nahmen sie von einan- der Abschied. Beyde sprachen wenig, weil Thraͤ- nen ihre Reden erstickten. Gott sey mit dir, mein Sohn! sagte Philipp, und umarmte Kronhelm. Dieser sah seinen Freund und Lehrer noch einmal an, druͤckte ihm mit unaussprechlicher Empfindung die Hand, und gieng mit Siegwart schweigend weg. — Als er auf sein Zimmer kam, stand er ans Fenster, sah stillschweigend den Mond, und die Donau, die in seinem Glanz dahin tanzte; und uͤberdachte alle das Gute, was er hier im Kloster, besonders von seinem lieben P. Philipp genossen hatte. Siegwart stand am andern Fen- ster, und weinte. Endlich fieng Kronhelm schwei- gend an, das noch noͤthige zu packen. Siegwart half ihm. Es lag noch ein Buch auf dem Tisch. Willst du das nicht auch einpacken? sagte Sieg- wart. Nein, es gehoͤrt dir, sagte Kronhelm, nimms zum Andenken! — Siegwart schlug es auf. Es waren Geßners Jdyllen. Vorne stand drinn: Denk, o Lieber! Deines armen Freundes! Stark, und heiß, und treu, wie Geßners Schaͤfer, hat sein Herz geliebt; Aber weine, Freund! Jch werde sterben! Denn ich liebte stark, und heiß, und treu! Ach die Zeiten sind dahin, Da ich gluͤcklich war, wie Geßners Schaͤfer! Weine, Freund! und denke meiner! K. W. Kronhelm. Als dieß Siegwart gelesen hatte, druͤckte er sei- nen Freund mit heftiger Bewegung an sein Herz, und weinte. O es muß dir wohl gehen; sagte er. Bleib nur standhaft, und verzag nicht! — Dank dir, Lieber! fuͤr das Andenken! Aber ster- ben must du nicht! Schon dich, Lieber! Glaub, es kann dir nicht ungluͤcklich gehen. — Jch will dulden, sagte Kronhelm, schreibs auch Theresen, daß sie dulde! Hoͤr! Jch kann dirs nicht ver- schweigen, was ich vorhab! Jch fahre durch dein Dorf. Es ist nur zwo Stunden Umweg. Viel- leicht seh ich meinen Engel, und werd auf Jahre lang gestaͤrkt! Um Gottes und Maria willen, nicht! sagte Siegwart. Willst du sie und dich ganz ungluͤcklich machen? Jhr wuͤrdet wieder dop- pelt leiden, wenn ihr aufs neu einander saͤhet. Und wenns meine Schwaͤgerin erfaͤhrt, und schreibts deinem Vater? Auch meinem Vater wuͤrd es sehr mißfallen. Thu’s um Gottes wil- len nicht! — Nein, ich wills nicht thun, sag- te Kronhelm weinend. Es war nur so ein Ein- fall, der mir erst gestern Abend kam. Du hast Recht; ich kanns nicht thun. Gruͤß den Engel! Segn’ ihn tausendmal in meinem Namen! Schreib ihm: Sey getreu bis an das Ende! Hier brach ihm wieder das Herz, daß er nicht weiter spre- chen konnte. — Siegwart uͤberredete hierauf seinen Freund, sich drey oder vier Stunden nie- derzulegen; denn um fuͤnf Uhr war der Mieth- kutscher bestellt, der ihn nach Jngolstadt fuͤhren sollte. Anfangs wollt es Kronhelm nicht thun, weil er doch nicht schlafen koͤnne; aber endlich gab er seines Freundes Bitten nach. Siegwart sah indessen die vom Monde blaßerhellte Gegend, war voll tiefer Wehmuth, und schrieb in ihr diese Ver- se nieder: An meinen Kronhelm, als Er mich verließ. Die bange Scheidestunde naht Mit allen ihren Qualen; Der Mond beleuchtet ihren Pfad Mit blassen Todesstralen. Wo nehm’ ich Muth, zu scheiden, her, Daß nicht das Herz mir breche? Schau du, o Gott, vom Himmel her, Und blick auf meine Schwaͤche! Leb wohl, du Theurer! Ach, ich kann Dir keinen Segen geben. Geh! Leb als Christ, und duld’ als Mann, Und blick ins beßre Leben! Vielleicht, daß dir nach langer Nacht Noch hier ein Morgen glaͤnzet; Vielleicht daß Liebe noch dir lacht, Und dich mit Freuden kraͤnzet. Jetzt scheiden unter Seufzern wir, Und treuen Herzenszaͤhren; Jetzt muß ich ohne Trost von dir, Allein, zuruͤcke kehren. Doch kurze Zeit, so werd ich dich, Geliebter, neu umfangen; O moͤchtest du getroͤstet mich Und froher dann empfangen! Siegwart schrieb das Gedicht unter Thraͤnen ab, und legte es auf den Tisch, hierauf las er etwas im Geßner. Um vier Uhr wachte Kronhelm wie- der auf. Einigemal gieng er schweigend im Zim- mer auf und ab. Das Gedicht fiel ihm in die Au- gen, er las es, und sank an die Brust seines Freun- des. Wie kann ich dir dafuͤr danken, Xaver? sagte er. Nimms zum Andenken! antwortete Siegwart; ich hab nichts bessers. Sey standhaft, Lieber! Jn einem Jahr bin ich wieder bey dir. Dann solls besser mit dir stehen, hoff ich. — Ach, wie kann das? sagte Kronhelm. Wenn du nur gleich mit mir reistest! Wie werd ich das allein aus- halten koͤnnen? Gruͤß mir Theresen! Segne sie tausendmal! Sag ihr, daß ich ewig ihr gehoͤre, wenn ich sie auch niemals wiedersehe! Sprich ihr Muth ein und Geduld! — Wie viel ist die Glocke? Jch werd wohl bald fort muͤssen? Siegwart sagte, daß es noch eine halbe oder dreyviertel Stunden anstehen koͤnne. — Sie giengen mit einander auf und ab; und sprachen wenig. Endlich kam der Thorwart, und sagte, der Fuhrmann sey da. Nun leb wohl, Liebster, Bester! sagte Kronhelm, und um- armte Xavern. Vergiß mich nicht! Schreib mir oft! Sie hiengen lang an einander, und sprachen nichts. Als sie an P. Philipps Zimmer vorbey- giengen, sagte Kronhelm: Gruͤß mir den lieben Mann tausendmal! Segn’ ihn tausendmal fuͤr alle seine Liebe! — An der Kutsche umarmten sie sich noch einmal und schieden. Siegwart eilte auf sein Zimmer zuruͤck, um sei- nem Schmerz freyen Lauf zu lassen. Er konnte sich kaum maͤssigen, rang die Haͤnde, sprach und weinte laut. Endlich warf er sich auf seine Knie nieder: Gott, du Vater aller! Segn’ ihn! Troͤst ihn! Staͤrk ihn! Er ist der edelste, der beste Mensch. Segn’ ihn! Staͤrk ihn! Troͤst ihn! Jhn und mei- ne Schwester! Mach die beyden gluͤcklich! Ach, be- lohn ihm alle Freundschaft, die er mir erwiesen hat! Vergib mir alle Kraͤnkungen, die ich ihm vielleicht, wider Willen, anthat! Gott, vergib mir sie, und segn’ ihn! — O mein Freund, du Theurer! War- um must du mich verlassen? Gib mir ihn bald wie- der, Gott! Laß mich ihn bald wieder sehen! — Endlich warf sich Siegwart, vom Wachen und vom Schmerz ermuͤdet, in den Kleidern aufs Bette, um noch ein paar Stunden zu schlafen. Den andern Tag war die ganze Welt ihm oͤde, und ein unausfuͤllbares Leere war in seinem Her- zen. Er vermißte seinen Kronhelm immer, und wollte alle Augenblick mit ihm reden. Des Abends vergaß er sich oft selbst, und dachte, so oft er je- mand auf dem Gang vor seinem Zimmer gehen hoͤrte, sein Freund komme nun. Dann sah er sei- nen Jrrthum; es fiel ihm ein, daß er ferne sey, und seine Wehmuth erwachte staͤrker. Er gieng auf P. Philipps Zimmer, um ihm das letzte Le- bewohl seines Freundes zu sagen; die beyden bra- chen in sein Lob aus, erzaͤhlten alles, was an ihm vortreflich war, mit Lebhaftigkeit nach einander her, und bedaurten dann gemeinschaftlich ihren Verlust. Siegwart zeigte dem Pater den Geßner, den ihm sein Freund geschenkt, und was er vorne hinein ge- schtieben hatte. — Jch bedaure den armen Kron- helm, sagte Philipp! Er hat von der Liebe ganz unendlich viel gelitten. Er ist ganz veraͤndert, und so ungestuͤm und heftig geworden. Man sieht, daß er doch vieles von seines Vaters Temperament ha- ben muß. Seine Einbildungskraft, die sonst zu schlummern schien, ist schrecklich aufgewacht. Das traurigste ist, daß er alles so tief fuͤhlt, und so fest in seinem Herzen verschliest. Die Liebe hat ihm eine tiefe Wunde geschlagen, und ich fuͤrchte, daß sie eher nicht, als durch den Besitz Theresens geheilt werden wird; aber dieses ist so weitaussehend und unwahrscheinlich, daß er vorher druͤber zu Grund gehen kann. — Ja, und meine Schwester kanns auch, sagte Siegwart. Das arme Maͤdchen leidet so viel. Alles, was sie schreibt, ist so duͤster und schwermuͤthig. Und dann schrieb sie mir auch neu- lich, daß sie kraͤnkle und den Tod hoffe. Jch durf- te das Kronhelm nicht sagen; er wuͤrde mit ihr sterben. Ach, die Liebe ist was fuͤrchterliches, sagte Philipp. Sie verzehrt die edelsten und besten See- len. Unter hundert Juͤnglingen und Maͤdchen, welche sterben, wuͤrde man immer, wenn man ihre Krankengeschichten wuͤßte, zehen finden, die die Lie- be getoͤdtet, oder doch um etliche Jahre dem Grabe naͤher gebracht hat. Huͤt er sich, mein lieber Xa- ver! so viel als moͤglich, vor dem Umgang mit Frauenzimmern! Man muß vorher Vorsicht ge- brauchen. Wenn man schon zu lieben anfaͤngt, dann ist alle Flucht zu spaͤt. Huͤt er sich, da er, nach seiner Bestimmung, nie gluͤcklich lieben kann und darf! Siegwart gieng auch wirklich deswegen weniger zu Gruͤnbach, weil Sophie allemal aufs Zimmer kam, wenn er da war. Doch glaubte er, hier, von seiner Seite sicher genug zu seyn, denn er fuͤhlte keine Neigung zu dem Maͤdchen, ob er sie gleich ihrer sittsamen Bescheidenheit, und ihrer tiefen, richtigen Empfindung wegen, sehr hochschaͤtzte. Die Einsamkeit, so sehr er sie auch liebte, war ihm doch zuweilen unertraͤglich, weil sie ihn oft gar zu leb- haft und zu traurig an seinen Kronhelm erinner- te; und die Liebe zur Musik, die er jetzt allein we- nig treiben konnte, rief ihn manchen Abend zu Gruͤn- bach. Sophie saß oft ganze Stunden lang in einem Winkel da, hoͤrte ihnen zu, und ward im Jnnersten bewegt. Siegwart schrieb das der Musik zu, was die Liebe bey ihr that. Doch war sie dabey so aͤngstlich und zuruͤckhaltend, daß sie ihm nie einen deutlichen und redenden Beweis ihrer Liebe gab. Sie litt in der Stille, verzehrte sich in sich selbst, und vertraute ihre Seufzer und Thraͤnen nur der Einsamkeit. Sie erlaubte sich nur selten einen Blick auf Siegwart, und zog ihn gleich wieder erschrocken zuruͤck, wenn er sie ansah. Er selbst war in der Liebe noch zu unerfahren, als daß ers haͤtte mer- ken sollen. Wenn sie am Klavier spielte und sang, so bebte ihre Stimme, weil sie sich durch zu vielen Ausdruck zu verrathen fuͤrchtete. Zuweilen war ihr Ton so wehmuͤthig und schmelzend, daß Sieg- wart innigst dadurch geruͤhrt wurde, und da glaubte sie, er sey gegen sie nicht ganz gleichguͤltig; und dieß naͤhrte ihre Liebe. Acht oder zehen Tage nach Kronhelms Abreise bekam Siegwart folgenden Brief von ihm: Einziger und liebster Freund! Frag mich nicht, wie ich lebe? Dein eignes Herz muß Dir antworten: bang und elend. O Lieber! was ist doch des Menschen Leben? Schon so elend oft im Arm des Freundes! Was ists ohne Freund? Wenn ich nicht eine Religion haͤtte, die mich dul- den lehrte, weil sie dem Dulder Kronen zeigt, so sucht’ ich einen Ausweg. — Dank Dir fuͤr Dei- nen lieben Vers, den ich hundertmal auf dem Weg hieher wiederholte: Geh! Leb als Christ! und duld als Mann! Und blick ins beßre Leben! Jch wuͤrde hier in Jngolstadt unzufrieden seyn, wenn ich auch ein gesunderes Herz mitgebracht haͤt- te. Die Lage des Orts ist verdruͤßlich und ber- gicht. Jn der Stadt sind lauter Misthaufen. Wir sind bisher immer in stinkende und ungesunde Ne- bel eingehuͤllt gewesen. Man soll leicht Krankhei- ten davon kriegen. Das waͤre noch das beste, wenn mich eine suchen, und es enden mit mir wollte! Aber man sagt, der Tod sey der Ungluͤckli- chen Freund nicht. Die Gesellschaften unter den Studenten hier sind ekel, elend und mehr als ein- schlaͤfernd. Die Leute koͤnnen kaum deutsch. Er- baͤrmliches Kuͤchenlatein wird uͤberall gesprochen. Laß dichs ja nicht merken, wenn Du hier bist, daß Du deutsche Verse, noch weniger von einem Pro- testanten lesest. Dieß waͤre schon genug, Dich laͤ- cherlich zu machen, und zum Ketzer. Jch waͤre bald um meine deutsche Buͤcher und um meinen Klopstock gekommen. Ein Student, der mich be- suchte, sah, daß vorn’ auf dem Titel: Halle stand. Das ist ja wohl bey den Ketzern, sagte er. Ja, antwortete ich, Halle ist ein protestantischer Ort im Preussischen. — So lassen Sie ja das Buch nicht oͤffentlich sehen! sagte er ganz aͤngstlich; das wuͤrd Jhnen gleich weggenommen werden. Man ist hier gar scharf. So, sagte ich, denket man hier so? und schnitt das Titelblatt heraus; und so hab ichs auch mit meinen andern Buͤchern gemacht. Brauch diese Vorsicht auch, mein Lieber! — Du kannst aus diesem wenigensehen, wies hier aussieht? Beym alten und beym jungen Herrn von Jckstatt hab ich Aufwartung gemacht; das sind noch Leute, die bil- lig und vernuͤnftig denken. Aber der junge Herr hat auch auf einer reformirten Universitaͤt, ich denk, in Marpurg studirt. Wann nur Du hier waͤrest, Lieber! dann waͤr mir jeder Ort noch ertraͤglich; aber so kann ichs kaum aushalten. Jch irre allein auf den Bergen herum, spreche mit mir selber laut, und wein’ um Theresen und uͤber mein Schicksal. Was macht der Engel? Das wollt ich Dich zuerst fragen. Jch hab ihren Namen in Buchen eingeschnitten und in Felsen geritzt an der Donau. Schreib ihr, daß ich dulde, und getreu sey! — Jch sah den Himmel, der ihr Dorf umzieht, und weinte. Damals konnt ich beten; noch selten konnt ichs. — Mein Vater hat mir geschrieben, und mir fuͤrchterlich gedroht. Jch lache seiner Drohungen. Mir kann nichts mehr schaden auf der Welt. — Vor zwey Tagen war ich etwas unpaß. Jch dachte, der Tod wuͤrde kommen, aber er wars nicht. Jch habe Theresen gesehen im Traum, sie hatte ein hellleuchtendes Ge- wand an, und lachte. So seh ich sie nun immer vor mir. — OLieber! ich duld unaussprechlich viel; so allein, und so elend! komm doch bald! — Nicht wahr? Therese schreibt Dir nichts von mir? Warum thut sies nicht? Bin ichs nicht werth? — O Gott, du weist, daß ichs bin. — Hier leg ich einen Brief bey, an den rechtschaffnen P. Philipp. Gruͤnbach must Du gruͤssen! Jch kann nicht schreiben. Jch bin nie so unthaͤtig gewesen. Zu nichts kann ich mich entschliessen. — Theresens Namen kritzl’ ich auf jedes Papier, in jeden Tisch, und loͤsch ihn wie- der aus. Gruͤß den Engel tausendmal, und schreib mir von ihm! Komm bald und hilf mir meine Lei- den tragen! Sie sind schwer. Dein Kronhelm. Siegwart antwortete seinem Freund sogleich, und suchte ihn, so viel als moͤglich war, zu troͤsten. We- gen Theresen schrieb er ihm wenig, und weiter nichts, als: sie habe sich nach ihm erkundigt, und scheine, nach Umstaͤnden, ziemlich ruhig. Dieß schrieb er nur, um seinen Freund zu schonen. Aber im Grunde war Therese sehr elend. Sie hatte ihm kuͤrzlich, in Absicht auf Kronhelm, folgendes geschrieben: — Jch kann Jhn nicht vergessen. Tag und Nacht schwebt er mir vor Augen: Das Andenken an die seligsten von allen Tagen quaͤlt mich ganze Naͤchte durch, und raubt mir den Schlaf, die ein- zige Wohlthat, die der Leidende hienieden bat. Jch fuͤhls durch mein ganzes Wesen, daß nur Er, der Einzige, mich meiner Qual entreissen, und mich wieder gluͤcklich machen koͤnnte. Aber ich kann und will ihn nicht besitzen! Jch wuͤrde seine Hand aus- schlagen, wenn er sie mir heut anboͤte, denn er soll durch mich nicht auf sein ganzes Leben ungluͤcklich werden. Jch weis, sein Vater und seine Verwand- ten wuͤrden ihn durch Spott und Verachtung zu Tode quaͤlen. Jch waͤr eine Schlange an seinem Busen, die er mit seinem eignen Leben naͤhrte. Schreib ihm, aber nicht gerade zu, daß er alle Hofnung aufgiebt! Jch will nie die Seinige wer- den! Er soll mich vergessen! Gott! wie ist das Wort so hart! Aber schreib ihms doch! Vielleicht thut ers, und das wollt ich, denn es wuͤrd mich toͤdten… Unser redlicher Vater leidet mit mir, und zehrt sich ab. Das ist mein groͤster Schmerz. — Jch verberg ihm meine Qual, so viel ich kann; Schliesse sie in meinen Busen ein, und ich fuͤhls, daß sie schon mein Herz angefressen hat. Es wird bald brechen. Wuͤnsch mir Gluͤck dazu, Bruder! Es ist Wohlthat. — Jch leid’ jetzt doppelt. Jn- nerlich tobt verzehrende Glut, und aussen kalte, spoͤttische Verhoͤhnung. Salome ist hier, und bringt unsre Schwaͤgerin, die wieder aus dem Wochenbett aufgestanden ist, taͤglich ins Haus. Da hoͤr ich nichts als Spoͤttereyen und muß dazu schweigen. Das kraͤnkt mehr als alles! Und doch unterstuͤtzt mich Gott! Jch hab oft heitre Stunden, kann sogar zuweilen hoffen, aber freylich nur wie Abadonna, auf Begnadi- gung. Klopstock ist auch ein Freund der Leiden- den; er erquickt mich oft. Nun kann ich ihn erst ganz schaͤtzen. Denn im Leiden sieht man, was ein Freund ist; und das ist er uͤber alle Maaßen, Gott und Er! — Auch Hauptmann Northern bedauert mich, und der alte Pfarrer. Northern meynt, Kronhelm soll in seines Koͤnigs Dienste treten, und mich mitnehmen. Er will ihn em- J i pfehlen. Aber ich wills nicht, obs gleich Trost waͤre. Kronhelm soll ganz gluͤcklich werden! Mit mir kann ers nicht. Jch beschwoͤre dich bey allen Heiligen, Bruder! sag ihm nicht ein Wort davon! Gruͤß ihn nicht von mir! Er wuͤrde hoffen, und betrogene Hoffnung toͤdtet. Leb wohl, theurer Bruder! Bitt fuͤr mich um Geduld und Erloͤ- sung! Siegwart folgte dem Rath seiner Schwester, und schrieb seinem Freund nur einzelne Worte von Theresen. Kronhelm haͤrmte sich daruͤber sehr ab, und sein innrer Gram nahm immer zu. Der alte Gruͤnbach hatte dieses Fruͤhjahr einen Garten gekauft, in dem sein Sohn und Siegwart sich sehr viel aufhielten. Sie spielten nun auch die Floͤte, und brachten damit manchen schoͤnen Fruͤh- lingsabend hin. Sophie nahm ihre Arbeit mit hinaus, saß bey ihnen im Gruͤnen, hoͤrte ihrer Musik zu, und sang zuweilen eine Arie. Oft blieben sie des Abends noch da; spielten im Mond- schein; die Nachtigall sang dazwischen; und Sophie weinte. Oft lud sie auch die stille Nacht zu ver- traulichen und halb melancholischen Gespraͤchen ein. Sie unterhielten sich sehr oft von Kronhelm. So- phie hatte seine tiefe Traurigkeit vom ersten Augen- blick an bemerkt, und sogleich die Ursache davon er- rathen. Denn die Liebe macht scharfsichtig; und Liebende erkennen sich, so wie edle Seelen, meh- rentheils beym ersten Anblick. Sie fuͤhlte tiefes, inniges Mitleid mit ihm; dieses lehrt die Liebe. Kronhelm muß recht ungluͤcklich seyn, fieng der junge Gruͤnbach einmal an; seine Briefe sind so duͤster. Jch moͤchte wohl wissen, was ihm fehlt? — Siegwart war ausserordentlich gewissenhaft in der Freundschaft. Er glaubte seinen Freund zu beleidigen, wenn er eine Sache, um die er gefragt wuͤrde, verschwiege, oder sie nicht zu wissen, vorgaͤ- be. Dieß machte ihn, sobald er mit einem Freund allein war, sehr offenherzig; wozu noch seine edle Denkungsart kam, die ihn von den meisten gut den- ken, und fast jeden nach sich beurtheilen lehrte. Er war also auch dießmal auf Gruͤnbachs Frage ziem- lich offenherzig, und sagte: Jch fuͤrchte, daß der ar- me Kronhelm ungluͤcklich liebt; er ließ mich eini- gemal etwas davon merken. — Dann bedaur ich ihn von Herzen, sagte Sophie, und suchte bey die- sen Worten einen Seufzer zu unterdruͤcken. — Weichherziges Geschoͤpf! sagte Gruͤnbach. Siegwart. Wie, Bruder? — Das ist doch kein Tadel? Gruͤnbach. Tadel nicht. Aber es steht doch auch nicht fein, gleich so weinerlich zu thun. — Freylich, Maͤdchen muß man das verzeihen. — Siegwart. Ja, wenn Mitleid Fehler ist. Aber ich halts fuͤr einen Vorzug des weiblichen Ge- schlechts. Wir thun oft so hart und rauh; und doch wuͤrden wirs einem Freund uͤbel auslegen, der nicht Antheil dran naͤhme, wenn uns ein Ungluͤck, oder eine Krankheit zustoͤßt. Sophie. Jch will mich meines Mitleids eben nicht ruͤhmen, denn man ist immer etwas eigen- nuͤtzig dabey, weil man selbst Vergnuͤgen daruͤber fuͤhlt, und sich beym Mitleid wohlgefaͤllt; aber ich halte dieses Gefuͤhl fuͤr eine Wohlthat Gottes; und einen ungluͤcklich Liebenden zu bedauren, halt ich fuͤr die erste Pflicht, weil sein Leiden wirklich groß seyn muß. Siegwart. Ja, gewiß groß, Jungfer Sophie! Jch habs bey meinem Freund erfahren. — Ach, wenn er so des Abends bey mir saß im Mondschein, oder in der Daͤmmerung; mir meine Hand druͤck- te, und dann schwer aufseufzte, da fuͤhlt ichs ganz, welche Qual in ihm toben mußte. Gruͤnbach. Ja das sind so Empfindungen, die man zuweilen hat; aber Kronhelm sollte selbst mehr Mann seyn. Siegwart. Mann seyn? Haͤltst du Liebe gar fuͤr eine Schwachheit? Jch liebe selbst nicht, Gruͤn- bach! Wuͤnsch auch nie zu lieben; aber das weis ich, daß die edelsten und groͤßten Menschen auch geliebt haben. Gruͤnbach. Geliebt; das will ich nicht leugnen. Nur nicht klagen soll man, wenns nicht gehen will! Siegwart. Als ob man nicht schon uͤber koͤrperli- che Leiden klagte! Und Seelenleiden sind doch wohl noch groͤsser. Ein vollkommenes Geschoͤpf zu sehen, dessen man sich werth fuͤhlt, und von ihm verkannt, oder misverstanden zu werden, das muß schmerzen. Und noch groͤsser muß der Schmerz seyn, wenn man gekannt, verstanden und geliebt wird; wenn man fuͤhlt, daß man im Besitz dieses Geschoͤpfes das seligste Leben kosten koͤnnte, und nun macht uns Vorurtheil, oder unnatuͤrliches Verhaͤltniß in der Welt, oder Eigensinn der Eltern und Verwandten den Besitz dieser Seligkeit unmoͤglich. Jst es da noch Schwachheit, wenn man leidet; seine Leiden nicht ganz verbergen kann, und zuweilen in unge- duldige Klagen ausbricht? Kronhelm hat sonst ge- wiß maͤnnliches genug! Aber ich glaube, je zarter und richtiger und tiefer einer fuͤhlt, und je mehr er seinen eignen Werth kennt, desto mehr muß ihn un- gluͤckliche, verschmaͤhte, oder durch Lumpenumstaͤnde zernichtete Liebe kraͤnken. — Nein! ich bedaure meinen Freund im Jnnersten der Seele, und schaͤtz ihn nur noch hoͤher, seit ich gesehen habe, wie er mit sich selbst ringt, und doch seinen Schmerz so bekaͤmpft, daß er niemals ganz verzagt. Sophie. Hat denn der Herr von Kronhelm gar keine Hofnung, daß er in seiner Liebe jemals gluͤcklich werden wird? Siegwart. Wenig, oder keine, Jungfer Sophie! Sophie. Das ist traurig! Wenn ich an seiner Stelle waͤr, ich gieng ins Kloster. Ueberhaupt halt ich viel vom Klosterleben. Man kann da all sein Leid in der Stille so verseufzen, und wird von Men- schen nicht gestoͤrt. Die Einsamkeit ist des Men- schen beste Freundin, und die wohnt im Kloster. Siegwart. O, da haben Sie vollkommen recht, Jungfer Sophie. Ja, das Klosterleben geht vor allem andern. Jch weis, wie es da so gut ist, und kanns kaum erwarten, bis ich da bin. — Jndem setzte sich eine Nachtigall nahe bey ihnen auf einen bluͤhenden Apfelbaum, und fieng an, aus voller Kraft zu schlagen. Auf Einmal schwiegen die jungen Leute, horchten zu, sahn einander oft mit Verwunderung an, und nickten sich laͤchelnd zu, wenn die Saͤngerin mit ihren Toͤnen auf den hoͤch- sten Gipfel stieg, dann wieder langsam und weh- klagend ihren Ton herabsenkte. Oft druͤckte sie die ganze Sehnsucht und das Schmachten aus, mit dem Sophiens Seele an Siegwarts seiner hieng. Das arme Maͤdchen mußte weggehn, und weinen, Sie gieng einen Heckengang hinauf, und blieb alle Augenblicke stehen. Siegwart kam durch einen an- dern Weg, oben in den Gang herunter. Er stand auch still, und hoͤrte den Gesang der Nachtigall, die nun nahe bey ihm auf den Zweigen saß. Dann gieng er allmaͤhlig auf Sophien zu, nahm sie in der Entzuͤckung bey der Hand. Ach, Sophie, sagte er, das ist himmlisch! Sie sind auch bewegt. Es geht ihnen wohl wie mir; ich denk immer an ei- nen solchen Abend, wenn die Nachtigall so singt, und die Sterne hell blinken, an Personen, die ich liebe, oder an Verstorbne. Ach das Bild mei- ner Mutter schwebt halbsichtbar um mich her, und ich preise sie selig, daß sie schon bey Gott ist. — Auch ich, sagte Sophie, denk an See- len, die ich liebe. Verzeihn sie, daß ich so bewegt bin! Ach, ich hatt einst eine Schwester, die ist nun bey Gott. Die war mein Alles, meine innigste, vertrauteste Freundin. Sie starb in meinem Arm; ach, wenn ich nur schon bey ihr waͤre! Sie ist gluͤcklich, uͤber alles gluͤcklich! Und auf Erden kann mans nicht seyn. — Hier sah sie unsern Siegwart mit einer Wehmuth an, die ihm durchs Herz drang. Wir werdens auch einst; sagte er; druͤckte ihr, ohne daß ers wußte, die Hand, und wischte sich die Augen. Sophie blickte auf die Seite, und Thraͤnen fielen aufs junge Gras. Seit diesem Abend ward Sophie immer duͤstrer und schwermuͤthiger. Die Worte Siegwarts: Jch liebe selbst nicht; wuͤnsch auch nie zu lieben waren wie ein Dolch in ihre Seele gedrungen. Sie hatt’ es bisher nur halb geglaubt, daß er in ein Kloster gehen wolle; nun hatte sie’s aus seinem eignen Mun- de gehoͤrt. — Alle Hofnung war nunmehr fuͤr sie verschwunden; sie gab sie selbst auf, und nahm sich sehr in Acht, ihn zu sehen. Ganze Tage lang war sie auf ihrem Zimmer eingeschlossen, seufzte, betete, stickte traurige Geschichten auf die Leinwand, oder verlohr sich in wehmuͤthigen und schwaͤrmerischen Phantasien am Klavier. Oft schrieb sie auf ein Papier, das sie sorgfaͤltig verschloß. Alle Morgen gieng sie ins Frauenkloster in die Fruͤhmesse, und naͤhrte da ihre Phantasie, bey der feyerlichen Mu- sik, die die Nonnen machten, mit Bildern von uͤber- irrdischer Liebe und himmlischer Seelenfreundschaft. Seit sie gewiß wußte; daß Siegwart ins Kloster gehen wuͤrde, war es auch bey ihr festgesetzt, sich einkleiden zu lassen. Der Gedanke hatte tausend Reiz fuͤr sie, sich eben so wie der, den ihre Seele liebte, ganz dem Himmel zu weihen; eben so, wie er, in der Stille, und von der Welt abgesondert, sich mit dem Heiland zu vermaͤhlen; und einst als eine keusche Braut dem, den sie hier umsonst liebte, als ihrem Braͤutigam entgegen zu gehen. Sie er- hitzte ihre Einbildungskraft noch mehr durch das Lesen einiger mystischen und andaͤchtigschwaͤrmeri- schen Buͤcher. Jhr Herz ward mit einer anschei- nenden Verachtung der Welt erfuͤllt, die an sich mehr Ueberdruß zu leben war, und allein von be- trogner Hofnung herruͤhrte. Wenn sie Siegwart Einmal wieder sah, so war ihre Seele wieder ganz aus ihrer Fassung gebracht; die Welt zog sie wieder an sich, und sie hatte Tage lang zu thun, bis die arbei- tende Phantasie sie aufs neu in den taͤuschenden Schlummer wiegte. Oft glaubte sie, ganz ruhig und ganz gluͤcklich zu seyn; aber der innre Gram ver- schmaͤhter Liebe nagte unsichtbar an ihrem Leben; ihre Kraͤfte verzehrten sich allmaͤhlig: ihre Wangen bleichten ab; ihre Augen verlohren das lebhafte Feuer, und die zarte Pflanze welkte hin. Jhr Va- ter und ihre Mutter merkten endlich die Veraͤnde- rung, und wurden sehr bekuͤmmert druͤber. Sie drangen oft mit Bitten in sie, ihnen die Ursache ihres Kummers zu entdecken, aber Sophie ant- wortete nur mit Thraͤnen, gab die Ursach ihrer Krankheit fuͤr eine natuͤrliche Auszehrung aus, und entdeckte ihren Eltern den Wunsch, den Rest ih- res Lebens im Kloster zubringen zu koͤnnen. Die Eltern wollten lange nicht daran, weil dadurch alle die schoͤnen Hofnungen vereitelt wurden, die sie sich einst von ihrer Tochter versprachen, aber endlich gaben sie nach, weil ihr Beichtvater, dem Sophie ihren Wunsch anvertraut hatte, auch sehr daran ar- beitete, und es ihnen zur Gewissenssache machte, wenn sie ihre Tochter von einem so heilsamen Ent- schluß abhielten, und Gott und dem Himmel eine Seele zu stehlen suchten. Sophie erhielt endlich die Erlaubnis von ihren Eltern, auf Michaelis das Noviziat bey den Nonnen anzutreten. Siegwart erzaͤhlte das alles seinem P. Phi- lipp, der sogleich die Ursache von Sophiens trau- rigem Zustand errieth. Er suchte daher Xavern so viel als moͤglich abzuhalten, daß er nicht viel in Gruͤnbachs Haus oder Garten gieng, weil er ver- muthete, Sophie wuͤrde mehr leiden, je oͤfter sie ihn saͤhe. Daher lud er den jungen Gruͤnbach oͤf- ters zu sich, oder gieng mit den beyden Juͤnglingen spatzieren, und machte Anstalt, daß der junge Pa- ter oft im Kloster ein Konzert anstellte, damit sie doch die Musik forttreiben koͤnnten. — Um diese Zeit starb P. Johann ploͤtzlich. Man traf ihn Mor- gens mit gefalteten Haͤnden in seinem Bette todt an. Der gute Mann ward allgemein bedauert; am mei- sten aber von P. Philipp und von Siegwart. Bey- de giengen mit seiner Leiche auf den Kirchhof, sahn den Redlichen in die Ruhestaͤtte legen, und segne- ten sein Andenken mit tausend Thraͤnen. P. Hya- cinth ward nun an seine Stelle zum Lehrer der The- ologie ernannt, und nun sah Siegwart den Unter- schied erst recht zwischen einem redlichen Mann, der die Lehren der Religion aus Ueberzeugung und mit Waͤrme, weil er ihre Kraft selbst so oft an sich gefuͤhlt hat, andern vortraͤgt; und zwischen einem Eiferer, der den Religionsunterricht als Handwerk ansieht, und sein Gedaͤchtnis blos mit Worten oh- ne Saft und Kraft, und mit der Geschichte von nichtswuͤrdigen Streitigkeiten und Zaͤnkereyen an- gefuͤllt hat. Dieser trockne und muͤrrische Mann entleidete unserm Siegwart, der nur Leben und Waͤrme, besonders in der Religion suchte, den Auf- enthalt auf dem Kloster ziemlich. Er sehnte sich nach seinem lieben Kronhelm, der ihm viele, aber immer die klaͤglichsten und schwermuͤthigsten Brie- fe schrieb, und ihn aufs herzlichste bat, ja recht bald nach Jngolstadt zu kommen! Therese schrieb ihm auch noch immer traurig, aber doch gelassen. Jhr Schmerz daurte zwar be- staͤndig fort, aber sie gewoͤhnte sich nach und nach daran, und klagte weniger. Ungefaͤhr in der Mit- te des Sommers ließ sie ihren Bruder einmal drey Wochen lang auf Briefe warten. Er ward ver- druͤßlich druͤber, und konnte sich die Ursache ihres Schweigens nicht erklaͤren. Als er an einem Sonnabend wieder einmal vergeblich gewartet hat- te, so schlug ihm P. Philipp auf den Nachmittag einen Spatziergang vor. Sie giengen zwischen den Kornfeldern hin, und ein Bettelbube bat sie wei- nend um ein Allmosen. Ach, liebe geistliche Herren, sagt’ er, mir ist so gar uͤbel g’fehlt! Vor drey Ta- gen ist mein Vater g’storben, und nun hab ich kei- nen Menschen auf der Welt mehr. Siegwart griff hurtig in die Taschen, gab ihm reichlich, und sag- te dann zu P. Philipp: Lieber Gott! was ist das traurig, wenn man sich an gar keinen Menschen auf der Welt halten kann! P. Philipp. Ja wohl hat man Gott zu danken, wenn man seine Eltern und Verwandte hat; man kann nie genug thun, um ihnen das Leben ange- nehm zu machen und sie nicht zu kraͤnken. Siegwart. Das hab ich auch immer bey mei- nem Vater gedacht. Ach, ich wuͤste nicht, was ich anfangen sollte, wenn er stuͤrbe. P. Philipp. Und doch muͤst Er Gott danken, daß er ihn Jhm so lang erhalten hat. Er hat doch seine Erziehung ganz genossen, und kann sich schon eher sich selbst auf der Welt fort bringen. Siegwart. Das wohl, Gottlob! Aber es waͤr doch fuͤr mich das groͤste Ungluͤck! P. Philipp. Und doch muß Ers mit Gelassen- heit annehmen, die Nachricht moͤchte heut oder morgen kommen. Sein Herr Vater kann doch nicht so jung mehr seyn? Siegwart. Neun und funfzig, glaub ich, wird er auf den Herbst alt werden. P. Philipp. Sieht Er, das ist doch schon ein Al- ter, bey dem man ein bischen Sorge haben kann. Mach Er sich auf alle Faͤlle gefaßt! Es koͤnnte bald eine schlimme Nachricht einlaufen. Siegwart. (Sah den Pater aͤngstlich an) Herr Professor … ich fuͤrchte … P. Philipp. Ach, mein lieber Siegwart! Es thut mir leid . . aber ich muß ihms sagen … Siegwart. Was! Jst er todt? Gott im Himmel! — P. Philipp. Todt nicht, mein Lieber! Aber … Siegwart. Aber krank! … Ja, sagen Sies nur! Jch sehs Jhnen an. P. Philipp. Nur gelassen! Und bedenk Er, daß Er ein Christ ist! Jch hab wuͤrklich heute Nach- richt bekommen, daß sein Vater gar nicht wohl ist. Siegwart. Lieber, lieber Gott! — Ach das ist ja schroͤcklich! Wie wird mirs gehn? P. Philipp. Jch hab ihn schon gebeten, etwas gelassener zu seyn. Vielleicht ist noch Hofnung da. Siegwart. Ja damit wirds wohl vorbey seyn! P. Philipp. Das weiß er ja noch nicht. Er weiß noch keine Umstaͤnde. Wenn er sich erst etwas ge- saßt hat, so will ich ihm einen Brief geben. Siegwart. O ich bin schon gefaßt! Lieber Herr Pater! Geben Sie mir nur den Brief her! P. Philipp. Er ist schon gefaßt? — Hoͤr er mich erst an! Seine Schwester hat mir geschrieben, und mich himmelhoch gebeten, ihm erst Muth ein- zusprechen. Jch glaub, er ist nun vorbereitet. Sieht er, sein Vater ist schnell krank geworden; es sieht mislich mit ihm aus; aber man kann noch nichts gewisses wissen; der Arzt ist erst aus der Stadt ge- holt worden. Halt Er sich an Gott; es mag gehen, wie es will! Bedenk er, daß es Gott noch nie boͤs mit ihm gemeynt hat! — Da kann er nun den Brief selber lesen. Siegwart las ein kleines Briefchen von There- sen hurtig und zitternd durch; die Thraͤnen stuͤrzten ihm aus den Augen; er steckte es schweigend ein. — Das ist fuͤrchterlich! sagte er nach einer langen Pau- se; Gott steh mir bey, und helf mirs tragen! Jch hab mir tausendmal gewuͤnscht, eher zu sterben, als mein Vater, um den Schmerz nicht zu erleben; und nun kommts doch — P. Philipp. Seiner Zaͤrtlichkeit und kindlichen Liebe macht das sehr viel Ehre, mein lieber, bra- ver Xaver! Aber denk er nur, wenn all unsre Wuͤnsche ersuͤllt wuͤrden, zumal solche … Siegwart. Jst der Wunsch etwa ungerecht? — P. Philipp. Mir deuchts so. Wenn alle Soͤh- ne vor den Vaͤtern stuͤrben, wo kaͤm eine Nachwelt her? Der Mensch muß sich in einer Welt, die der Veraͤnderung so unterworfen ist, im Voraus und in frohen Tagen auf alles Widrige gefaßt machen. Jch fuͤrchte, daß ihm bey seinem gefuͤhlvollen Her- zen noch groͤssere Pruͤfungen und Leiden bevor- stehen. Siegwart. Groͤßre Leiden kanns nicht geben, wie dieses ist! … P. Philipp. So muß er jezt auch denken. Aber alles kommt auf die Lage an, in der uns ein Lei- den trift; je, nachdem wir gestimmt sind; nach- dem’s eine Saite unsers Herzens trift. Jch tadl’ ihn gar nicht, daß er jezt so niedergeschlagen ist. Der Tod seines Vaters bleibt fuͤr ihn immer ein Ungluͤck. Siegwart. Ja wohl! und das groͤste, denk ich! — Grosser Gott! Einen solchen Vater zu verlieren! … Und wenns auch moͤglich waͤr, mich dabey zu vergessen, wie wirds meiner Schwester, meiner armen Schwester gehen? (Hier weinte er heftiger.) P. Philipp (weinte auch mit) Seiner Schwe- ster … Auch dieser wird Gott sich erbarmen; Wird fuͤr sie auch Trost haben. Wir wollen fuͤr sie beten… Ach, ich weis, wies mir gieng! Jch war in Freyburg, als mein Vater starb; wir waren sieben Waisen. — Aber Gott hat keins von uns verlassen; keins! und mich am wenigsten… Faß er sich, mein lieber Siegwart! Vielleicht hilft Gott noch… Hoff ers zu dem Vater aller Waisen! — Sie kehrten nun wieder nach der Stadt zuruͤck. Siegwart sprach wenig, und schluchzte nur zuweilen. Der Betteljunge stand wieder am Wege. Da hast du noch was, sagte Siegwart, und gab ihm einen Sechsbaͤtzner. Jn der Stadt lief er sogleich zum Arzt, um sich nach seines Vaters Umstaͤnden zu er- kundigen. Der Arzt zuckte die Achseln. Es ist so so, sagte er. Jch ward aus dem Haus ihres Vaters auf ein andres Dorf geholt zu einem Predi- ger, und konnte die Krisin nicht abwarten. Wir muͤssen sehen. Uebermorgen komm ich wieder hin- aus. O lieber Herr Doktor, sagte Siegwart, Mor- gen! Jch bitte Sie bey allem, was heilig ist, reiten Sie doch Morgen hinaus! Thun Sie, was sie koͤnnen! Retten Sie, retten Sie meinen Vater! Der Doktor machte Entschuldigungen, daß er Morgen viel zu thun habe; versprach aber doch, gegen Abend hinaus zu rei- K k ten. — Siegwart verschloß sich nun auf sein Zim- mer; gieng auf und ab; rang die Haͤnde; fieng zu- weilen ein Gebeth an; ward vom Schmerz wieder vom Gebeth ab, in Labyrinthe hineingerissen, wo er keinen Ausweg sah; nahm ein Buch; wollte le- sen; warf es wieder weg; sank auf die Knie; sprang wieder auf, und fand nirgends keine Ruhe. Er gieng in den kleinen Garten am Kloster; da erblick- te er eine hohe Sonnenrose, die von einem Wurm angefressen war, und zu welken anfieng. Gott! rief er, und Thraͤnen schossen ihm in die Augen; denn er dachte sich seinen Vater. Alles erinnerte ihn jetzt an den Tod; jede Blume ward fuͤr ihn ein Bild der Verwesung. — Zuweilen dachte er sich alles Gute, was er seinem Vater zu verdanken hatte, und nun schauerte er zuruͤck, und wollte vergehen. — Die ganze Nacht ward von ihm durchweint; seine kurzen Schlummer waren aͤngstlich; oft war ihms, als ob sein Vater ihm zulispelte und Abschied naͤhme, und dann fuhr er auf und aͤchzte. — Den andern Tag war er wie betaͤubt; er gieng noch ein- mal zum Doktor, und bat ihn, ja gewiß zu seinem Vater hinaus zu reiten. Er gab ihm ein kleines Briefchen mit an seinen Vater, und ein kleines an Theresen, das er mit der heftigsten Bewegung ge- schrieben hatte; worinn er seinem Vater fuͤr alle sei- ne Wohlthaten dankte, und halb Abschied von ihm nahm. Seine Schwester suchte er zu troͤsten, ob er gleich selbst trostlos war. P. Philipp gieng den Nachmittag mit ihm spatzieren, und floͤßte ihm durch seine sanfte liebreiche Lehren, die immer mit dem zaͤrtlichsten Mitleid untermischt waren, eine ziemliche Gelassenheit und Ergebung in den goͤttli- chen Willen ein. Vorher hatte es in Siegwarts Seele ungestuͤm gestuͤrmt, jetzt folgte dem Sturm ein sanfter Regen, und sein Schmerz goß sich in Thraͤnen aus. Der Doktor kam den andern Tag wieder zuruͤck. Siegwart war wohl zehnmal in seinem Hause gewesen; und nun dachte er gewiß, sein Vater sey gestorben, oder in den letzten Zuͤgen. Er beweinte ihn als todt. Sein Schmerz war unendlich groß, aber doch gemaͤssigter und ruhiger, wie vorher. Die Angst, ein theures Gut zu verlie- ren, erschuͤttert mehr, und schlaͤgt die Seele schreck- licher danieder, als der wirkliche Verlust des Gutes. — Der Doktor war den folgenden Morgen wie- der in die Stadt gekommen; muste aber nach einer Stunde gleich wieder fort, eh ihn Siegwart spre- chen konnte. Er hatte nur die Nachricht fuͤr ihn hinterlassen: Er moͤchte sich auf alles gefaßt ma- chen! Nun zweifelte Siegwart gar nicht mehr am Tode seines Vaters. P. Philipp zuckte auch die Achseln, und hielt es fuͤr wahrscheinlich, oder gar gewiß. Siegwart setzte sich in seinem ganzen Schmerz nieder, um seinem Kronhelm zu schreiben. Unter anderm schrieb er: Sag mehr, du seyst allein un- gluͤcklich auf der Welt! Jch bins auch, mehr als du. Mein Vater — o wie kann ichs schreiben? — mein Vater ist gestorben. — Schreckliches, banges Wort! ich schreibe dir zum erstenmal und mit Zittern: Jch bin — ein Vater- und Mut- terloser Waise. Gott! ein Waise! Aber du bist noch mein Vater! Wenn ich dich nicht haͤtte, o was waͤr ich! — Sieh, Kronhelm, so kanns Men- schen gehen. Bist du nun allein elend? — Noch ist der Todesbote nicht gekommen; aber Thorheit waͤr es, noch zu hoffen. Alle Umstaͤnde predigen mir Tod. — Tod! — O du suͤsses Wort. Wenns von mir auch gaͤlte! — u. s. w. Den folgenden Morgen schrieb er wieder an eben diesem Briefe. Man klopfte an die Thuͤr, und ein Bauer aus seinem Dorfe trat herein. Sieg- wart wagte es nicht, ihn zu fragen; er nahm den Brief an, gieng auf die Seite, brach ihn zitternd auf, konnt ihn kaum halten, und las ihn durch. — Wie erschrack er! Es war die Handschrift seines todtgeglaubten Vaters: Liebster Sohn! Du wirst in tausend Aengsten meinethalben seyn, und du hattest es auch Ursach. Jch war dem To- de nah, aber Gott rief mich noch einmal zuruͤck. Der Arzt versichert mich, ich sey jetzt ausser aller Gefahr. Wir koͤnnen Gott nicht genug dafuͤr lo- ben; denn es waͤr mir schwer gewesen, unversorgte Kinder zu verlassen, besonders Dich und Theresen. Das arme Maͤdchen hat unendlich viel an mir ge- than, und unendlich viel gelitten. Gott belohn es ihr! Sie gruͤßt Dich herzlich. Bin noch matt, und kann nicht allzuviel schreiben. Muß nun eine Brunnenkur brauchen. Laß Dir diesen Zufall zur Warnung dienen, Dich nicht zu sehr auf Men- schen zu verlassen! So lang ich lebe, thu ich fuͤr Dich, was ich kann, wenn Du brav bist. Aber nach meinem Tode must Du Dir groͤstentheils selbst helfen. Leb wohl, mein liebster Sohn! Jch bin Dein getreuer Vater, Johann Maria Siegwart. Nun Gott Lob und Dank! sagte Siegwart, und wandte sich zu dem Bauren. Ja, Herr, das war ein Schrecken, den wir hatten; sagte dieser. Das ganze Dorf war in Aengsten; habs mein Lebetag nicht so gesehen, und bin doch schon ein alter Mann. Alle Leut liefen in die Kirche. Wenns der Lands- herr waͤre, koͤnnts nicht aͤrger seyn. Aber so ’n Herrn kriegen wir halt nicht wieder; das sagen alle Leut, alt und jung; wenn schon der junge Herr auch ein braver Herr ist. Euer Vater hat ’s prae vor allen, das ist nur gewiß. Wenn ich denk, was die arme Leut, und Wittwen, und Waisen an ihm verlohren haͤtten, d’ Augen gehen mir uͤber. ’s ist halt ’ne schoͤne Sach um ’n braven Mann! — und hier wischte sich der ehrliche Bauer die Augen. — Siegwart schrieb ein kleines Briefchen an seinen Vater, und gab dem Bauer sechs Batzen. Der gutherzige Schwabe wollt’ es lang nicht nehmen. Nein, Herr! sagte er, mit so einer Nachricht waͤr ich Euch bis Wien umsonst gelaufen. ’s haͤtt mir weh gethan, wenn man’s einem andern auftragen haͤtt. Bin schon zwanzig Jahr ’n Tagwerker in ’s Vaters Haus; darfs nicht nehmen, warlich nicht! — Siegwart aber ließ nicht nach, bis er’s nahm. Er warf sich nun auf seine Knie, dankte Gott; schrieb etliche Worte an Kronhelm, daß sein Vater noch lebe; und lief dann in seiner Freude auf P. Philipps Zimmer, der an seiner Freude herzlichen Antheil nahm. Therese schrieb ihm acht Tage dar- auf wieder, daß ihr Vater sich taͤglich mehr beßre, und schon eine halbe Stunde in den Garten habe gehn koͤnnen. Siegwart war nun wieder wie neu- gebohren, und nahm aufs neu an allem Antheil, was um ihn vorgieng. Einmal gieng er mit Gruͤnbach in seinen Garten; Sophie war auch da, um sich bey der schoͤnen Witterung etwas zu erho- len, weil sie schon etliche Wochen sich zu Haus auf- gehalten hatte. Sie erschrack, als sie unsern Sieg- wart eroͤlickte. Er erschrack auch, denn das schoͤne bluͤhende Maͤdchen sah blaß und eingefallen aus. Jn ihren Augen saß eine tiefe schweigende Schwer- muth. — Jch werd Jhnen noch zuvor kommen, sagte sie; auf Michaelis geh ich schon ins Kloster. Werden Sie wohl auch zuweilen noch an mich den- ken? Jch werd es oft thun. — Jch warlich auch, sagte Siegwart. Der guten Seelen sind doch so wenig. Ja, ich werd oft an die Stunden denken, die wir am Klavier, und hier in der Daͤmmerung zubrachten. Sie waren so heilig und so suͤß! — Ja wohl, suͤß und heilig! sagte Sophie seufzend. Werden Sie aber auch noch an mich denken wenn ich todt bin? — Auch da noch oft! antwortete Xaver. Jch werde dann an die Zeit denken, da wir uns begluͤckter wieder sehen werden, an die Zeit im Himmel. O, das ist suͤß und troͤstend! sagte das Maͤdchen. Jch werd bald im Himmel seyn; folgen Sie mir bald nach! — Jhr Auge glaͤnzte, als sies sprach, und Siegwart war auch tief bewegt. Nun wurden wieder die Rollen zu dem kuͤnfti- gen Schuldrama ausgetheilt. Der Pater, der es machte, waͤhlte den Thomas Aquinas zum Hel- den seines Singspiels, und zwar den Theil seines Lebens, da Thomas, wider den Wunsch seiner An- verwandten, und besonders seiner Mutter, zu Nea- pel unter die Dominikaner geht. Der Kampf des Juͤnglings war nicht uͤbel geschildert; da er auf der Einen Seite die zaͤrtlichen Bitten seiner Anver- wandten, die Thraͤnen seiner Mutter, die Lockspei- sen, die man ihm vorhaͤlt, in der Welt zu bleiben, besonders ein schoͤnes junges Maͤdchen, gegen das sein Herz nicht ganz gleichguͤltig ist, sieht; und auf der andern Seite den Ruf ins Kloster, den er fuͤr goͤttlich haͤlt, den Traum von Verdienstlichkeit und Heiligkeit, und alles, was eine lebhafte Einbildungs- kraft, von einem guten Herzen unterstuͤtzt, reizendes am Klosterleben findet. Diese Rolle war nun ganz fuͤr unsern Siegwart gemacht, und er bekam sie auch, weil sie die staͤrkste und schwerste zum Singen war. Er war davon ganz bezaubert, und dachte sich, ohne viele Muͤhe, ganz in die Rolle, und die Lage des h. Thomas hinein. Er uͤbte sich Tag und Nacht im Singen, und taͤuschte sich oft dabey so sehr, daß er nicht mehr Siegwart, sondern der h. Thomas selbst zu seyn glaubte. Unter The- resen, die ihm auch einmal vom Kloster abgerathen hatte, dachte er sich die Mutter seines Helden, und wendete alle Umstaͤnde genau auf sich an. Dieser Umstand fesselte sein Herz aufs neue wieder so fest ans Kloster, daß ihm die ganze Welt zuwider und ekelhaft wurde. Oft ward er dem jungen Gruͤn- bach, der die Rolle der Mutter hatte, ganz im Ernst boͤse, wenn sie ihre Arien zusammen probirten. Als das Stuͤck selbst wirklich aufgefuͤhrt wurde, ruͤhrte er durch sein empfindungsvolles Spiel, und seinen ausdruͤckenden, herzlichen Gesang fast alle Zuschauer, und besonders alle Maͤdchen, bis zu Thraͤ- nen. Jn allen jungen Herzen stieg der Wunsch auf, auch ins Kloster zu gehen. Sophie saß, im Jnnersten bewegt, da; jeder Ton drang ihr ans Herz; sie war auf dem Scheideweg zwischen Him- mel und Erde; hier das Kloster, das ihr lieber Juͤngling mit aller Staͤrke der Beredsamkeit, und dem Zauber des Gesangs abschilderte — dort die Welt und Er, der reizende und sanfte Juͤngling selbst. Jhr Herz ward zerrissen; endlich hub die Staͤrke der Musik sie uͤber alles weg; und als Thomas uͤber alle Ueberredungen und Hindernisse siegte, riß auch sie sich von allem los, und flog in ihrem Geist dem Kloster und dem Himmel zu. Drey oder vier Wochen darauf gieng sie, ungeach- tet aller Bitten ihrer Eltern als Novize ins Klo- ster. Den Tag vorher nahm sie noch von Sieg- wart Abschied. Sie hatte ein schneeweisses Kleid mit schwarzen Schleifen an. Jch bin eine Braut des Himmels und des Todes, sagte sie. Jch habe Freuden von der Welt gehofft, und sie gab mir Thraͤnen. Leben Sie wohl, mein Theurer, ewig theu- rer Freund! Ach, Sie wissen nicht, wie theuer sie mir sind; aber, wenn ich todt bin, sollen Sies er- fahren. Siegwart war sehr geruͤhrt bey ihrem Abschied; er beweinte sie und ihr Geschick, ohne zu wissen, daß er selbst die Ursache davon sey. Keine Seele wußte sie, als P. Philipp, der aber weiter nichts, als muthmaßte. Das ungluͤckliche Maͤd- chen schloß sich und ihren Gram in die Zelle. Jh- re Tage waren zwischen Thraͤnen und Gebeth ge- theilt. Der Tod war ihr einziger Freund, und die Gedanken an ihn waren ihr die suͤssesten. Sie wurde taͤglich mit ihm vertrauter, und fuͤhlte seine nahe Ankunft taͤglich mehr. Jhre Klosterpflichten beobachtete sie genau; man sah sie vor Anbruch des Tages immer zuerst im Chor; oft kniete sie mit blassem, abgehaͤrmtem Gesicht allein am Al- tar; ihre Thraͤnen flossen hinter dem Schleyer an den Fuß des Altars nieder; sie betete laut und bruͤn- stig, und war oft durch gluͤhende Andacht so ermuͤ- det, daß sie kaum allein wieder aufstehen konnte. Beym Essen sprach sie gar nichts, und sah blos ihre Schwestern, eine nach der andern an, und bemerk- te in ihren Gesichtern den verschiednen Ausdruck des mannigfachen Kummers, der in ihren Seelen wohnte. Sie hatte keine ganz vertraute Freundin; nur Caͤcilia, ein zwanzigjaͤhriges Maͤdchen, saß oft bey ihr auf der Zelle, denn sie hatte auch Gram im Herzen, und das Ungluͤck sucht Gesellschaft. Es schien, daß die beyden Seelen einen gemeinschaftli- chen Kummer hatten, aber sie wagten’s nicht, ihn einander zu entdecken. Oft sahn sie sich Stunden- lang stillschweigend an; druͤckten sich die Haͤnde, kuͤßten sich, und blickten dann weg, um ihre Thraͤ- nen zu verbergen. Wenn Sophie allein war, so kniete sie vor ihrem Krucifix, bat um ihren Tod, und setzte sich dann hin, um Stickereyen, oder Agnus Dei zu machen. Sie stickte Blumen, aber immer nur mit blassen Farben, oder halbverwelkte. Oft zeichnete sie einen Grabhuͤgel aufs Papier, und Cypressen drum herum. Auf den Grab- stein schrieb sie ihren Namen; dann weinte sie aufs Papier, und zerriß es wieder. Sieg- warts Bildnis schwebte unter tausenderley verschie- denen Vorstellungen immer ihr vor Augen; der Ge- danke an ihn mischte sich in ihre Andacht, und in alles, was sie vornahm. Oft betruͤbte sie sich dar- uͤber, und machte sich ein Gewissen draus, an ihn zu denken. Sie wollte ihn vergessen; aber alles, alles erinnerte sie wieder an den theuren Juͤngling. Jn dem Augenblick, da sie Gott um Vergebung bat, daß sie noch so sehr an der Welt haͤnge, und so viel an Siegwart denke, in dem Augenblick stellte ihr die Liebe sein Bild wieder dar, und sie hieng sich ihm in Gedanken an seinen Arm. Unter die- sen fortwaͤhrenden Kaͤmpfen, und der unaufhoͤrli- chen Arbeit ihrer Seele zehrte sich ihr Leben ab; ihre Saͤfte vertrockneten, wie ein Quell in der Sonnenhitze; sie ward taͤglich schwaͤcher, und muß- te oft auf ihrer Zelle bleiben. Oft schrieb sie gan- ze Stunden lang, muste dann, wegen ihrer haͤufig fliessenden Thraͤnen aufhoͤren, und schloß das Pa- pier ein. Alle Wochen sprach sie zweymal mit ih- rer Mutter und andern Verwandten am Sprach- gitter. Jhre Mutter suchte sie mit Thraͤnen zu bereden, wieder in die Welt zuruͤckzukehren, aber alle Thraͤnen und Bitten halfen nichts. Endlich ward sie ganz bettlaͤgerig; Caͤcilia war bestaͤndig um sie. Einst, in einer schlaflosen Nacht, erzaͤhlte ihr Sophie ihre ganze Geschichte, und die Liebe zu Siegwart. Aber, sagte sie, verschleuß mein Ver- trauen in dich, und nimms ins Grab mit! Belei- dige deine todte Freundin nicht durch Untreue! Sonst koͤnnen wir uns im Himmel nicht mit Freu- den entgegen gehn. Hier hab ich ein versiegeltes Packet an Siegwart. Gibs meiner Mutter, wenn ich todt bin, daß sies ihm einhaͤndige! Dank ihr in meinem Namen tausendmal fuͤr ihre Liebe, und meinem Vater auch! Kuͤß ihre Hand, wie ich die deinige kuͤsse; eben so heiß und bruͤnstig! Sag ihr, daß ich gluͤcklich werde! Sie soll sich nicht zu sehr betruͤben! Noch wenig Schritte — denn was sind Jahre in diesem Leben anders? — so werden wir uns widersehn, und ohne Seufzer, ohne Thraͤnen wiedersehn. — Auch du hast grosse Leiden, liebe Schwester! Trag sie mit Geduld! Jhre Frucht wird Freude seyn. Folg mir bald nach! — Caͤ- cilia weinte; sie erzaͤhlte Sophien auch ihre Ge- schichte. Sie war traurig; ungluͤckliche Liebe war ihr Jnhalt. Sophie weinte viel, legte sich auf die Seite; huͤllte ihr Gesicht ins Bett, schlummerte ein, und wachte den andern Morgen kraftlos auf. Jhre Stimme war gebrochen; man konnte sie kaum mehr verstehen. Ein Kapuziner gab ihr die letzte Oelung. Gegen Abend ward sie noch einmal mun- ter; betete eine halbe Stunde laut, und mit der groͤsten Jnbrunst; dann entgieng ihr die Sprache wieder; ein paarmal sah sie Caͤcilien an, machte einen Zug mit ihrem Finger auf das Bette, der ein S, vermuthlich Siegwarts Namen, vorstellte; dann starb sie. Caͤcilia gab den andern Tag ihrer trostlosen Mutter das Packet, auf welchem Siegwarts Na- me stand. Er brach es mit Zittern auf. Es ent- hielt eine Art von Tagebuch, das an ihn gerichtet war. Einige Stuͤcke daraus wollen wir denen, die es fuͤhlen koͤnnen, mittheilen. Erst die Einleitung: An den lieben frommen Siegwart. Wenn das Grab mich deckt; wenn meine Seel’ in Gottes Hand ist; wenn ich unter Engeln wand- le, und der Leiden dieser Zeit vergesse: dann, mein Auserwaͤhlter, wirst Du diese Blaͤtter lesen, und weinen. Laß sie Dir erzaͤhlen, was mein Herz ge- litten hat, um deinetwillen, weils mein Mund nie durfte! Wein’ in meine Leiden! Das Bild der Thraͤnen, die Du mir vergiessen wirst, troͤstet mich in truͤben Stunden. — Betruͤb Dich nicht zu sehr, Juͤngling! und mach Dir keine Vorwuͤrfe! Nicht Du bift die Ursache meines Jammers; mein zu fuͤhlendes, zu weiches Herz ists. Jch will Deinem Auge keine Thraͤnen erpressen, als Thraͤnen des Mitleids, und auch die sollen suͤß seyn. Denk, daß meine Leiden, wenn Du sie erfaͤhrst, voruͤber; daß alle Thraͤnen, die die Liebe weinte, abgetrocknet sind; daß ich ausgerungen habe jeden Kampf, und geklei- det bin ins glaͤnzende Gewand des Glaubens, und geschmuͤckt mit Siegerpalmen. O Du Theurer! Weine nicht! Blick auf! Jch bin bey Gott, und bey der hochgelobten Jungsrau. Sieh, sie nennt mich Schwester und Tochter, weil ich ausgeduldet habe meinen schweren Kampf; weil mein Mund nicht murrte, da die Last mir schwer ward. Troͤ- ste Dich, mein Auserwaͤhlter! Jch will um Dich seyn bey Deinen Thraͤnen, will Dir Ruhe herab- lispeln aus den Luͤften, wenn Dirs truͤbe wird im Herzen; will im Traume Dir erscheinen, und Dir sagen, daß ich nicht mehr leide. Vergib mir, daß ich Dich geliebt habe! Gott vergibt mirs auch. Jch kaͤmpfte lang, aber Du bist gar zu fromm und lieb. Waͤrst Du wild und leichtsinnig, wie die Jugend, ich haͤtte Dich nicht geliebt; aber Du bist gut, und fromm, und sanft. Mein Herz ist keusch, und rein, und kennt keine wilde Flamme. Vergib, daß ich Dich geliebt habe! Vergib, daß ich an Dich schreibe! Jch habe lang gelitten, und meinen Mund nicht aufgethan. Laß mich nach dem Tode zu Dir reden! — Gott weis, daß ich Dich nicht kraͤnken wollte; wie koͤnnt ich Dich kraͤnken, Du Geliebter? Lis und lerne Trost aus meinem Schreiben! Lerne dulden, wie einst ich that, wenn das Ungluͤck einbricht! Lerne, Gott Dich widmen, wie ich Jhm mich widme! Blick auf zu den Sternen, und zu mir, wenn die Welt, dir oͤd und ekel wird! Lern aus meinem Schick- sal, und du wirst mich segnen. Vom dritten May (als sie Abends im Garten zu- sammen gewesen waren). Jch liebe selbst nicht; wuͤnsch auch nie zu lie- ben! So hast du selbst gesagt, du Theurer, den ich uͤber alles liebe. Fasse dich, meine Seele! Er liebt nicht, wuͤnscht auch nie zu lieben. Also sind die Hofnungen gesunken, die die Liebe baute. Also wirst du nie geliebt werden, armes, liebekrankes Herz! O ihr Heiligen, erbarmet euch mein, und troͤstet mich! Nicht geliebt werden, und lieben, ach so heiß und innig lieben — ist ein harter Kampf, den ein armes schwaches Maͤdchen ohne Gott nicht kaͤmpfen kann; Gott, du wirst mich nicht verlas- sen! — Komm, Gedanke des Todes! Komm, und kuͤsse mich statt seiner! Hauche mich kalt an, daß ich hinsink und sterbe! — Ach, du liebst mich nicht, Erwaͤhlter, und ich liebe dich doch uͤber alles. — Singt mir ein Todtenlied, ihr Gespie- linnen der Jugend! Jhr Vertraute meiner Kin- derjahre, kommt und haͤngt den Flor um, und singt: Sie liebte, wurde nicht geliebt, und starb. — L l Horch! das Kaͤuzlein ruft herab vom Kirchthurm! Hu! ich zittre. — Schoͤn war der Abend, mein Erwaͤhlter! Deine Floͤte klang suͤß, wie das Lied der Liebe. Hell schien der Mond, aber traurig. Ach, ich sah ihn wohl, wie er hinter eine Wolke trat und weinte. Aber du hasts nicht gesehen, wie ich mit ihm weinte. Lieblich sang die Nachtigall, aber traurig. Jch hoͤrt es wohl, und dachte, der arme Vogel liebt wie ich; aber, du Erwaͤhlter, dach- test’s nicht. Wehmuͤtig warst du, wie ein Lieben- der, und liebtest nicht. Thraͤnen flossen dir vom Aug, und Liebe hieß sie nicht fliessen. — Sagen wollt ichs dir, daß ich dich liebe. Meine Stimme zitterte und ward ein Seufzer. O ein Engel Got- tes hielt das Wort zuruͤck, das dich betruͤbt, mich nichts geholfen haͤtte, denn du liebst nicht; wuͤn- schest nie zu lieben. — Jns Kloster willst du gehn, mein Auserwaͤhl- ter, willst ein Heiliger werden, und bist schon so heilig. Aber ich bins nicht; Liebe flammt in mei- nem Herzen. Gott du weist es, fromme Liebe; aber dennoch Liebe, und er liebt nicht. Nun so will ich dann hingehn, wo mein Auserwaͤhlter hin- geht! will vor Gott treten, und mich heiligen. Nimm mich an um seinetwillen, weil er heilig ist, o Gott! Suͤsser Trost des Klosters und der Ein- samkeit! traͤufle herab in mein Herz; erfuͤll es ganz! — O wie will ich sitzen in der Einsamkeit und weinen, bis der Tag kommt der Erloͤsung! — Du bist heilig; ich will heilig werden, daß ich dei- ne Braut sey, wenn der Tag kommt der Erloͤsung. Jm August. Lang hab ich dich schon nicht gesehen, mein Er- waͤhlter, und doch bist du schoͤn, wie die Liebe, und mein Herz haͤngt fest an dir, und ewig. Aber ich will dulden in der Stille, und dich Gott nicht rauben, dem du dienen willst im Kloster. Jm Him- mel will ich deine Braut seyn, und mich heiligen auf Erden. — Schoͤn bist du, mein Geliebter; bluͤhst wie die Rose, die am Morgen aufwacht im Thau. Blaß bin ich, und welke, wie die Rose, die des Abends hin sinkt in der Sonnenhitze, und ihre Blaͤtter flattern aus einander, wenn der Sturm kommt. Moͤcht’ er bald aufstehn, und meinen Staub zerstreuen! Aber noch nicht ganz reif ist die Frucht; noch nicht gnug getroffen vom heissen Stral der Liebe. — Schoͤn bist du, mein Braͤutigam! Deine Wan- gen sind rosenroth; blau dein Auge, wie der Mit- tagshimmel; mild dein Laͤcheln, wie die Abendson- ne; golden sind deine Locken, wie die goldbesaͤum- ten Wolken, wenn die Sonne sinkt. Der du jezt schon so lieblich bist, wie wirst du einst geschmuͤckt seyn in den Tagen der Belohnung! Wie einher- gehn unter Engeln und Gerechten! Jch bin blaß geworden wie die Lilie des Gar- tens, und mein Haupt senkt sich zur Erde. Meine Mutter weint und traurt: Ach meine Tochter, war- um bist du blaß geworden, wie die Lilie des Gar- tens? Warum senket sich dein Haupt zur Erden? — Ach meine Mutter, laß mich schweigen, und mein Leid nicht kund thun! Ach, ich kann nicht reden; laß mich schweigen, Mutter! Bringt die welke Blum’ in Schatten, daß sie wieder aufleb in der kuͤhlen Daͤmmerung des Klosters! Warum willst du trauren, meine Tochter, in der Einsamkeit des Klosters? Warum soll ich einsam seyn mit deinem Vater, und nicht bluͤhen sehen deine Schoͤnheit, daß sich unser Herz daran ergoͤtze! Ach, mein Vater, meine Mutter trauren, und ich darf nicht reden. Meine Schoͤnheit kann nicht bluͤhen vor euren Augen. Seht ihr nie die Rose, wie sie welkte, weil ein Wurm in ihrem Busen nagte? Meine Schoͤnheit kann nicht bluͤhn vor euren Augen. Jch will eine Braut des Himmels werden, und flehen meinen Braͤutigam, daß er Ruhe sende mei- nem Vater, und dem Herzen meiner Mutter! Ger- ne will ich leiden, wenn nur sie getroͤstet werden. Aber, Mutter, ich kann nicht reden! Jm September. Gesegnet seyst du, mein Erwaͤhlter, daß du heu- te freundlich gesprochen hast mit meiner Seele; daß du wahrgenommen meine bleichen Wangen, und geseufzt hast uͤber meine Blaͤsse! O, wie war mir so wohl, als ich an deiner Seite gieng im Garten, als ich dacht’ ans Paradies, wo ich auch einst mit dir gehen, und dir sagen werde, daß ich dein war auf der Welt, und um deinetwillen duldete. Du lobtest mich, Geliebter, daß ich auch ins Kloster geh, wie du. Ach, dein Lob ist mir so lieb, du Auserwaͤhlter, und ich durft es dir nicht sagen. Al- les, alles will ich dir im Paradiese sagen. Dann wird meine Stimme nicht mehr beben; meine Wange nicht mehr gluͤhen. Meine Seele wird dir sagen, daß sie dein ist; daß sie Gott zur Freundin schuf, fuͤr dich. Am 26sten September. Jch habe deinen Freund gesehn im Traume, den bescheidnen Kronhelm. Blaß war seine Wange, gleich der meinigen, und truͤb sein Auge. Er klagte, daß ein Maͤdchen untreu sey, daß er so heiß und treu geliebt hat; daß sie sich durch Menschen len- ken lasse, von ihm ab; daß sie wanke von der Lie- be, die ihm stark schien, wie der Tod. — Jst das moͤglich, mein Erwaͤhlter, daß man weiche von der Liebe? Koͤnnt ich weichen von dir, du mein Braͤutigam? — Alle Maͤdchen, sagt’ er, waͤren schwach und unbestaͤndig; waͤren allzubieg- sam; liessen sich von jedem Winde lenken. Jst das wahr, mein Lieber? Sind die Maͤdchen so? Bin ich nur allein treu bis ans Ende? — O so will ich meine Schwestern hassen, wenn sie falsch sind; wenn sie den betriegen koͤnnen, der ihr Herz liebt. — Als er klagte, stand ein Maͤdchen in der Ferne, hatte Zuͤge fast wie du, aber traurig wars, wie ich. Und dieß Maͤdchen, das so gut schien, dir so aͤhn- lich war, mein Theurer, koͤnnte falsch seyn? — Sag ihr, daß ich treu sey, ohne Hofnung! Jm Anfang des Oktobers. Bald werd ich hingehn ins Kloster, eher noch als du. Die hochgelobte Jungfrau hat mir zuge- winkt, und einen Perlenkranz geflochten fuͤr mein Haupt. Als ich durch die goldnen Pforten ein- gieng, kamst du, mein Erwaͤhlter, mir entgegen; warest angethan mit einem glaͤnzenden Gewand. — Hier ist gut seyn, mein Erwaͤhlter, laß uns Lau- ben flechten von den Lebensbaͤumen, und in ihrem Schatten wohnen! Meine Mutter weint; mein Vater klagt. Trock- net eure Thraͤnen, ihr Geliebten! Denn ich wer- de wohnen bey dem Mann, den meine Seele liebt; werde mit ihm Huͤtten bauen, daß ihr wohnen moͤget an der Seite eurer Kinder! Am 25sten Oktober. (als das Schuldrama auf- gefuͤhrt worden) Meine Seele dankt dir, o du Heiliger und Aus- erwaͤhlter, daß du mich verachten lehrtest diese Welt mit ihren Freuden! Eine Braut des Himmels will ich werden, wie du wirst ein Braͤutigam des Him- mels. Ach, wie hast du heut mein Herz erschuͤt- tert, als du da standst in aller deiner Lieblichkeit; als die Welt dich fesseln wollte; als die Mutter weinte, und dir zeigte alle Reize dieses Lebens; als Hilaria dich binden wollte mit dem Band der Liebe — wie du da, du mehr als Thomas, nie- dersahst mit hohem Aug auf alle goldne Fesseln; wie du blicktest nach dem Palmenzweig im Him- mel; ihn ergriffest mit entschlossener Hand! durch alle Reizungen hinweggiengst nach dem Sitz des Friedens und der Ruhe! Oefne dich, o Zelle, daß ich eingeh, wie mein Auserwaͤhlter, an den Ort der Stille, wo gerei- nigt wird das Herz, und geheiliget zur Braut des Himmels! Folg mir nach, o Bild des Auser- waͤhlten, den ich bald zum letztenmal erblicke, bis wir uns begegnen in den Thaͤlern Edens! — Hei- liger Thomas, dessen Bild mein Auserwaͤhlter ist, bald erblick ich dich mit ihm, und singe Siegeslie- der! — Wenig Tage noch, mein Braͤutigam, so wirst du meinem Aug entrissen, denn die Zelle hat sich aufgethan; aber meine Seele soll dich sehen, bis ich lieg’ und schlaf im Grabe. Am 12ten November. (als sie ins Kloster ge- treten war.) Jch bin eingegangen in den Ort der Ruhe; aber noch ist keine Ruh in meinem Herzen. Gestern hab ich dich zum letztenmal gesehn, mein Braͤuti- gam! Ach, zum letztenmal! Schoͤner warst du mir, als jemals, weil du traurig warst und wein- test. — Heilig ist der Ort, den ich bewohne. Heilig soll mein Herz seyn, und entfernt vom Jrr- dischen. Aber sollt ich dein nicht mehr gedenken, du Erwaͤhlter? Du bist heilig, wie ein Tempel Gottes; ich gedenke deiner. — Still und oͤd ists um mich her; meine Schwestern schlafen, aber mei- ne Seele wacht noch, und bespricht sich mit der deinigen. Moͤchtest du zuweilen noch der Abge- schiedenen gedenken, die so heiß und heilig dich ge- liebt hat! Aber in dein Herz drang nie der Stral der Liebe; mich allein hat er entzuͤndet, daß ich brenne sonder Nahrung. Jch murre nicht, Geliebter! Wohl dir, daß du Ruhe hast im Herzen, und den Sturm der Leidenschaft nicht hoͤrest! Doppelt wuͤrd ich lei- den, wenn auch deine Seele litte. Geh im Frie- den ein in deine Zelle! Schlummre sanft, wie ich einst schlummern konnte, eh ich dich erblickte! Wandle ruhig auf dem Pfad des Lebens, bis am Ziel du bist, wo das Maͤdchen wartet, das gedul- det hat bis an ihr Ende! Am 30sten November. Meine Kraft nimmt ab; mein Leben welkt da- hin; aber meine Liebe gruͤnt und waͤchst. Ewig ist sie, wie das ewige Licht, das in der Lampe brennt im Chor. Der Hauch des Todes wird sie nicht ausloͤschen, oder meine Seele stuͤrbe mit. Wenn die Glocke mich erweckt zum Beten, so ists, als ob mir deine Stimme rufte, du Erwaͤhl- ter. Du befeuerst meine Andacht, und hebst hoch mein Herz. — Oft zittert meine Seele, daß sie dich erblickt am Altar, wenn sie betet; aber du bist ja heilig, und darfst wohl vor Gott erscheinen. — Meine Schwestern fragen mich, warum ich blaß sey? Sie bedauren mich, und weinen, daß ich nahe sey dem Grabe. O, sie wissen nicht, wie suͤß das Grab ist; und sehn doch so blaß aus; oder gibts noch andre Leiden, als den Schmerz trostloser Liebe? Am ersten Jenner. Jhr fangt in der Welt ein nenes Jahr an. Das alte gab mir Thraͤnen; wird das neue mir den Tod geben? Ja, ich hoff ihn, Lieber; denn mein Auge wird truͤb und matt; meine Kraͤfte schwinden, daß ich kaum mehr gehen kann ins Chor, fuͤr dich zu beten, und fuͤr mich. Meine Hand zittert, wenn ich an dich schreibe; meine Thraͤnen sind vertrocknet. — Sey mir willkom- men, Jahr des Friedens und des Todes! Sende Segen meinem Braͤutigam, daß er Freuden ernd- te an jedem deiner Tage! O du Lieber, Auser- waͤhlter, warum bin ich heut so traurig, da ich doch den Tod erwarte, meinen Freund? Jm Februar. (zween Tage vor ihrem Tode.) Endlich, endlich! Lieber, Theurer, auserwaͤhl- ter Braͤutigam, o du, den meine Seele liebet, wie ist mir so wohl! Der Tod, mein Freund, mein Retter, der einst dir mich wieder geben soll, ist vor der Thuͤr, und hat schon angeklopft. Jch fuͤhls, in wenig Tagen werd ich schlummern in der Gruft der Todten. — Leb wohl du Theurer! Ach, nun wird mirs schwer, die Welt zu lassen, welche du bewohnst! — Aber deine Huͤtte wird einst sin- ken, und du wirst hinuͤbergehen in die Wohnung der Gerechten, wo ich dich erwarte im Gewand des Lichts. — Verschweig, ich beschwoͤre dich bey Gott, zu dem ich uͤbergehe, verschweig meine Zaͤrt- lichkeit, und alles, was ich dir geschrieben habe! Jch schaͤme mich nicht meiner Liebe; aber meine Mutter und mein Vater wuͤrden noch mehr trau- ren, wenn sies wuͤsten, und dir minder gut seyn. — Ach, du Theurer, nimm den letzten, letzten Se- gen, den mein Herz dir gibt! Lebe fromm, und folg mir bald nach! — Mein Herz hat dich rein geliebt, und keusch; ich kann ruhig sterben, denn ich seh dich bald, und weine nicht mehr. — Mei- ne Hand wird matt … ich kann nicht mehr schreiben. … Leb wohl, komm bald! … ich erwarte dich … Bin deine Braut Sophie. Siegwart blieb einen halben Tag eingeschlossen, um das Tagebuch, von dem dieses nur einige ab- gerißne Stuͤcke sind, zu lesen. Er las es mit un- unterbrochner Ruͤhrung durch, und hoͤrte fast nie- mals auf zu weinen. Nun klaͤrte sich ihm auf Ein- mal so vieles auf, was ihm in Sophiens Betra- gen so sonderbar und unbegreiflich vorgekommen war, denn er dachte zu bescheiden von sich selbst, als daß er Liebe gegen ihn fuͤr die Ursache davon haͤtte halten sollen. Anfangs machte ihm sein zar- tes Herz Vorwuͤrfe, daß sie seinetwillen so viel aus- gestanden hatte; als er aber uͤber sein Betragen nachdachte, fand er nichts, daß er sich vorzuwer- fen haͤtte, und beruhigte sich von dieser Seite. Doch beschaͤftigte sich seine Seele lange mit den traurig- sten Gedanken. Das Bild der leidenden Sophie begleitete ihn aller Orten hin, und erschien ihm manche Nacht im Traum. Er bekam aufs neue die staͤrkste Abneigung vor der Liebe, die so vieles Ungluͤck auf der Welt anrichtet. Er vermied sorg- faͤltig, viel in Gruͤnbachs Haus zu gehen, weil ihn da alles, besonders die schwarze Kleidung ih- rer Eltern, zu lebhaft an Sophien erinnerte. Die Mutter wollte wissen, was das Packet ihrer Toch- ter an ihn enthalten habe? Er kam uͤber die Fra- ge in Verlegenheit, und sagte: Es seyen ein paar Buͤcher drinn gewesen, die er Sophien geliehen habe. Seine meiste Zeit brachte er nun in der Einsamkeit auf seinem Zimmer, oder bey P. Philipp zu, mit dem er aber so wenig, als moͤglich, von Sophien sprach. Kronhelm schrieb ihm fleißig, aber trau- rig, und erwartete mit aller Sehnsucht seine An- kunft in Jngolstadt. Therese und sein Vater schrie- ben ihm auch, daß er auf Ostern dahin abreisen koͤnne, welches ihm sehr lieb war, da ihm die Einsamkeit immer trauriger und unertraͤglicher wurde. Acht Tage vor Ostern bekam er von seinem Va- ter einen Wechsel, Reisegeld, und einen Brief an den Hofrath Fischer in Jngolstadt, dem er, als seinem alten Freunde, seinen Sohn empfahl. Sieg- wart brachte seine Sachen in Ordnung, um gleich nach Ostern abgehen zu koͤnnen. Er schrieb auch seinem Kronhelm, daß er ihm, wo moͤglich, ein paar Stunden weit entgegen kommen moͤchte. Der Abschied wurd ihm blos um des P. Philipps, und einigermassen um der Gruͤnbachischen Fami- lie willen schwer. Ein paar Tage vor der Reise gieng er noch in das Nonnenkloster, wo Sophie gestorben war. Er besuchte ihr Grab, und weihte dem Andenken des ungluͤcklichen Maͤdchens seine Zaͤhren. Leb wohl, theurer Staub, sagte er bey sich, beym Weggehn! Leb wohl, Ueberrest So- phiens! Jhr Beyspiel soll mich dulden lehren, wenn ich leiden muß. Jch will dir treu seyn, und dein Braͤutigam im Himmel werden. Hier- auf gieng er nach Haus, und las ihr Tagebuch wieder mit zwiefacher Ruͤhrung durch. Den an- dern Tag nahm er von ihren Eltern, und von ihrem Bruder Abschied. Sein Herz ward sehr bewegt, und er muste eilen, um die armen El- tern nicht zu weich zu machen. Der junge Gruͤn- bach versprach ihm, in einem Jahr nach Jngol- stadt nachzukommen. Den lezten Abend brachte er bey seinem lieben P. Philipp zu. Dieser theilte ihm noch viel gu- te Lehren mit, und zeigte ihm alle die Behutsam- keit, die ein Neuling auf einer hohen Schule zu beobachten hat, wo Verfuͤhrung, Reizung und Betruͤgereyen so gewoͤhnlich sind. Wegen Kron- helms sagte er ihm auch verschiedenes, wie er glaub- te, daß sein krankes Herz am besten geheilt wer- den koͤnnte. Er rieth ihm, ihn so viel als moͤg- lich zu zerstreuen; Theresens Briefe vor ihm ge- heim zu halten, und wenig, oder nichts mit ihm von ihr zu sprechen! Er wird mir doch zuweilen Nachricht von sich geben, und mich nicht ganz vergessen? sagte er. Ach Gott! Wie koͤnnt ich Sie vergessen? antwortete Siegwart, und wein- te. Wenn ich Jhnen nur schreiben darf, ich werds gewiß oft thun. Jhnen hab ich ja alles zu verdanken. — Nichts zu verdanken, lieber Xaver! Was ich that, geschah aus willigem und gutem Herzen; weil ich wuste, daß es bey ihm wohl angewendet ist. Siegwart wollte ihm hier die Hand kuͤssen, aber P. Philipp gab ihm einen Kuß auf den Mund. — Da will ich ihm ein kleines Andenken auf den Weg geben, sagte er, und gab ihm die Berliner Ausgabe vom Virgil. Siegwart wuste nicht, was er vor Ruͤhrung und Dankbarkeit sagen sollte? Vorn hatte P. Philipp seinen Namen eingeschrieben. Der Famulus brachte unserm Siegwart ein sehr guͤnstiges Testi- monium, das alle seine Lehrer unterschrieben hat- ten. Als ers las, gingen ihm die Augen uͤber. Das ist zu viel! sagte er. Nein, mein Lieber! antwortete P. Philipp; er verdients; er hat sich brav gehalten; bleib er ferner brav, so wird ihms wohl gehen. Als es zehn Uhr schlug, stund Sieg- wart auf, ohne ein Wort zu sagen; gieng ans Fenster, und weinte, und sagte endlich: ja, nun muß ich gehen. Weiter ließ ihn der Schmerz nicht reden. Philipp gab ihm seinen Segen, kuͤßte ihn, und sie schieden. Siegwart weinte auf seinem Zimmer noch ei- ne Stunde lang. Den Virgil packte er nicht ins Koffre, sondern steckte ihn zu sich. Das Ge- schenk war ihm gar zu lieb. Endlich, als er sich ganz muͤde geweint hatte, warf er sich aufs Bette, um noch einige Stunden zu schlafen. Des Morgens um halb sechs Uhr kam der Thor- wart, um ihn aufzuwecken. Der Mann war sehr geschaͤftig, ihm das noch uͤbrige einpacken zu helfen. Als Siegwart eben gehen wollte, stand er in einer Ecke des Zimmers, sah zur Erde hin, und auf Einmal stuͤrzten ihm die Thraͤnen aus den Augen. Er druͤckte unserm Siegwart die Hand mit der groͤsten Treuherzigkeit, und kuͤste sie. Ja, Sie sind so gar ein braver Herr, sagte er, und es geht mir recht nah, daß Sie fortreisen. Es muß Jhnen gewiß wohl gehen! Siegwart war daruͤber sehr geruͤhrt, gab ihm noch ein Trinkgeld; der Mann wollte es nicht nehmen. Sie haben mir schon so viel Guts gethan, und Sie brauchens jezt auf Jhrer Reise, sagte er in seiner Einfalt. Siegwart legte das Geld aufs Gesimse, und gieng mit schwerem Herzen weg. Nach sieben Uhr gieng der Postwagen ab. Die Reisenden waren ein junger baierscher Offizier, ein Jude, und der Kondukteur, ein dicker, star- ker Mann, dem seine grobe baierische Aussprache recht drollicht ließ. Siegwart war die erste Stun- de ganz betaͤubt. Er dachte an den P. Philipp, und an alles, was er ihm, und dem ganzen Klo- M m ster zu verdanken hatte. Der Offizier, und der Kondukteur fiengen an, den armen Juden auf alle Art zu necken. Keine halbe Stunde durfte er auf seiner Stelle sitzen bleiben. Bald fiels dem Offizier ein, vorwaͤrts, bald wieder ruͤckwaͤrts zu fahren. Der Jude ließ sich alles gefallen, und setzte sich stillschweigend hin, wohin mans wollte. Endlich fiel dem Kondukteur ein, daß er ein wildes Schwein auf dem Wagen habe. Er sagte dem Juden, er soll sich weiter hinten hin im Postwagen setzen. Der Jude thats. Hierauf fieng der Kondukteur mit dem Offizier ein lautes Gelaͤchter an. Mauschel, Mauschel, hast du Gelust zu Schweinefleisch? Seht mir doch, da setzt er sich neben die Bache hin! Jndem zog der Kondukteur die Decke weg, unter der das Schwein lag. Der Jude sprang mit grossem Geschrey aus dem Postwagen: O weh, o weh! Jch bin verunreinigt! Bin ein armer Mann! Unserm Siegwart that das in der Seele weh. Man sollt’ ihn doch in Ruhe lassen! sagte er, und wurde feuerroth im Gesicht, weil er noch ziemlich erschreckt war. Ey was! junger Herr, sagte der Offizier. Er versteht das nicht! Das ist Postwagenrecht. Siegwart schwieg, weil er das grimmige Gesicht des Offiziers fuͤr Tapferkeit hielt. Der Jude war nicht mehr zu bewegen, in die Kutsche zu sitzen. Er setzte sich von aussen hin, ungeachtet es heftig regnete. Auf der Station aß der Jude nichts als trockenes ungesaͤuertes Brod, das er bey sich hatte, weil der Jude nichts von Christen Zubereitetes geniessen darf. Sieg- wart bedaurte recht von Herzen das Schicksal die- ser armen Leute, und sah den Juden oft mitleidig von der Seite an, der zuweilen bey sich selbst seufzte. Der Offizier, mit dem Siegwart aß, sprach ihm immer zu, brav zu trinken, vermuth- lich in der Absicht, ihn betrunken zu machen; aber unser Xaver nahm sich sehr vor ihm in Acht. Eh der Postwagen abgieng, kam ein Amtmann mit seinem Sohn, und der ganzen Familie, die den jungen Herrn begleitete, der auch auf die Uni- versitaͤt nach Jngolstadt gehen sollte. Die Mutter, und zwo Schwestern standen unaufhoͤrlich um den jungen Menschen herum, und weinten, als ob sie auf ewig von einander Abschied nehmen sollten. Sie steckten ihm die Taschen voll mit Le- kerbißchen, und Arzneyglaͤsern. Der Amtmann, der gehoͤrt hatte, daß Siegwart auch nach Jngol- stadt gehe, setzte sich zu ihm; ließ eine Bouteille Burgunder kommen; trank tapfer drauf los, setz- te unserm Siegwart auch brav zu, und empfahl ihm seinen Sohn mit tausend Fluͤchen und Betheurun- gen, daß er ein rechtschaffener Kerl werden muͤsse, weil er schon dreyhundert Gulden an ihn gewen- det habe. Mitmachen darf mein Kaspar alles! sagte er. Es will mir gar nicht eingehn, daß meine Amtmaͤnnin so ein Ammensoͤhnchen aus ihm ziehen will. Sakrebleu! ich hab ihm einen Degen angeschafft, mit dem er sich herum hauen kann, daß es eine Lust ist. Er soll mir kein Hundsfott werden! Eine Schramme im Gesicht mehr oder weniger! Mit Maͤdels mag ers auch zu thun haben! Nur vor liederlichen Nickeln soll er sich in Acht nehmen! Da koͤmmt nichts Gutes hinterher. He! Kaspar! was greinst wieder, wie eine alte Hure? Komm her! trink! Vivat die Universitaͤt! Jch sag dirs; werd mir ein braver Kerl! Laß dir keinen zu nah kommen! Oder stich ihn nieder! Hoͤr ich einen schlechten Streich von dir; so sollst du deine liebe Noth haben. Da, das ist ein rechter Herr, (auf Siegwart deutend) der sticht jeden uͤbern Haufen, der ihm auf die Zaͤhne fuͤhlen will. Siehst, was er fuͤr einen Schlaͤger an hat? Der hat gewiß schon Blut gesehen. Nicht wahr, Herr? Siegwart sagte, daß er ihn erst vor zwey Tagen neu gekauft habe. — Ja, ja, so sagt man! antwortete der Amtmann; indem bließ der Postillion zum Abfahren. Die Amtmaͤnnin er- schrack, ward todtblaß, und eilte mit ihren Toͤch- tern herzu, ihrem Knaben Filzschuhe, ein dickes Halstuch, und einen Ueberrock anzulegen. Der Amtmann trank hurtig seine Bouteille aus, und sprang mit den uͤbrigen an den Wagen. Die Amtmaͤnnin herzte und druͤckte ihren Sohn; hub ihn in den Wagen, fieng ein grosses Geheul an, und wollte den Schlag, der schon zu war, wieder aufreissen, um ihren Sohn noch einmal zu umar- men. — Fahr zu, Schwager! schrie der Amt- mann, und schlug mit seinem Stock auf die Pfer- de zu. Der Wagen fuhr fort. Siegwart saß bey dem Officier. Jhm gegen- uͤber der junge Kaspar, neben dem Juden. Er weinte wie ein Kind, und wollte immer aus dem Schlag gucken, um seine Mutter noch einmal zu sehen; aber der Wagen gieng zu schnell, und schmiß ihn immer wieder zuruͤck, wenn er auf- stehen wollte. Der Jude, der die Geschwaͤtzigkeit mit seiner ganzen Nation im hohen Grad gemein hatte, plauderte bestaͤndig mit dem jungen Kaspar; erzaͤhlte ihm alle seine Familienumstaͤnde, daß er ei- nen Sohn habe, der so alt sey, wie er; daß ihm seine Rebekka vor zwey Jahren gestorben sey u. s. w. Seine Neugierde wollte aus Kaspar eine gleiche Vertraulichkeit herauslocken; aber dieser sagte immer nur: So! und Ja, und Nein. Der Offizier und der Kondukteur spotteten bestaͤndig uͤber den Ju- den, fragten ihn verschiedenes; und wenn er zu erzaͤhlen anfieng, lachten sie uͤber ihn. Der Offi- zier rief alle Maͤdchen an, die den Wagen vorbey giengen, und rief ihnen Zoten zu. Wenn ein Bettler an den Wagen kam, so stellte er sich, als ob er etwas Muͤnze herauswuͤrfe; die armen Leu- te suchten lang umsonst im Koth herum, und der Offizier lachte recht aus vollem Halse uͤber seinen, wie er glaubte, gluͤcklichen Einfall. Als sie auf die naͤchste Station kamen, und den Postillion be- zahlen sollten, kannte Kaspar keine Muͤnze, und wollte dem Schwager statt sechs Kreuzern einen Sechsbaͤzner geben. Siegwart nahm sich seiner an, und zahlte fuͤr ihn aus, sonst waͤr er in kurzer Zeit um all sein Geld gekommen. Nun setzte sich auch ein junges Maͤdchen von Donauwerth in den Postwagen, an das sich der Offizier sogleich mach- te. Er brachte so grobe Zoten und Zweydeutigkei- ten vor, daß Siegwart die Augen zuthat, als ob er schliefe, so aͤrgerlich war ihm das Geschwaͤtz. Er wurde durch ein grosses Geplapper aufgeweckt, indem eine Wallfahrt, die ein halbes Dorf ausmach- te, und nach Koͤniginbild im Burgauischen gieng, am Wagen vorbey kam. Der Offizier rief ihnen zu: Sie moͤchten doch auch fuͤr ihn beten! denn er sey ein grosser Suͤnder. Hieruͤber schlug er ein lautes Gelaͤchter auf. Gegen Abend wurde der Jude, der sein Abendgebeth verrichten wollte, von dem Offizier unaufhoͤrlich so geneckt, daß er sich end- lich, ungeachtet des aͤrgsten Regens, aus dem Wagen hinaussetzte, und die ganze Nacht da sitzen blieb. — Jn Donauwerth giengen alle vom Postwagen ab, ausgenommen der junge Kaspar und der Kondukteur. Dagegen traten drey Stu- denten von Jngolstadt ein, die auf der Vakanz ge- wesen waren. Sie sprachen mehrentheils lateinisch, und Siegwart mischte sich in ihr Gespraͤch. Kas- par aber konnte mit dem Lateinischen nicht fort- kommen. Er beklagte sich sehr uͤber die Kaͤlte, un- geachtet die Witterung ziemlich gelinde war; zog seine Leckerbißchen hervor, und zehrte eins nach dem andern auf. Sie fuhren auf eine Anhoͤhe, und sahn unten eine Ueberschwemmung, die die Do- nau machte. Es sah traurig aus. Die Felder la- gen unter Wasser; nur zuweilen ragte eine Anhoͤ- he, oder ein Gestraͤuch hervor. Tannen und Ei- chen hiengen halb ausgewurzelt uͤber’s Wasser. Oben, wo sie fuhren, stand ein gutgesatteltes Pferd, ohne Reuter, das der Postillion mitnahm. Gan- ze Doͤrfer waren vom Wasser, das wild und laut unten hinrauschte, umzingelt. Halbe Scheunen und Haͤuser, oder losgerissene Balken nahm die Flut mit fort. Die Bauren standen, zum Theil nur halb gekleidet, mit Weib und Kindern, und ihrem Vieh auf der Hoͤhe; sahen stillschweigend ins Thal hinab; oder streckten die Haͤnde aus, und fiengen ein lautes Wehklagen an, wenn ihre Huͤt- ten einstuͤrzten. Siegwart uͤbersah die Scene mit Thraͤnen; einer von den Studenten kramte witzi- ge Einfaͤlle aus. Auf Einmal ward er blaß, und schwieg. Es erhub sich ein grosses Geschrey. Der Wagen, der sich bisher immer auf der Hoͤhe gehal- ten hatte, muste nach dem Dorf, wo die Station war, ins Thal hinabfahren. Du kannst hier nicht durch, riefen alle Bauren dem Postillion zu. Jch muß durch! sagte dieser, und peitschte auf die Pfer- de los. Ploͤtzlich blieb der Wagen stecken, und das Wasser stroͤmte wild drum herum. Zween Bau- ren sprangen, ungeachtet sie, wegen des Feyertags, gut gekleidet waren, ins Wasser, und huben die Raͤder in die Hoͤhe, daß der Wagen wieder fort konnte. Draussen rief ein altes Weib ihrem Sohn aͤngstlich zu, der fast unter’s Rad kam, als es sich zu drehen anfieng. Der Postillion fluchte, und lachte die Bauren aus, als er aus dem Wasser heraus war. Siegwart warf ihnen zween Drey- baͤzner zu. — Herr Gott! Das ist unsers Herrn Gaul! rief eine Magd; und gleich drauf sprang die Verwal- terin aus ihrem Haus heraus, und rief: halt, Schwager, halt! Wo ist mein Mann? Das ist sein Schimmel. Schwager, Schwager, sag um Gottes willen, wo er ist? Das weis ich nicht, sagte der Postillion ganz kalt. Da habt ihr den Gaul, wenn er euer ist. Jndem ließ er das Pferd gehen, das sogleich seinem Stall zulief. Die Ver- walterin lief dem Wagen nach ins Posthaus; zwey Kinder sprangen heulend hintennach. Sie wand- te sich an Siegwart, um zu fragen, wo ihr Mann sey? Auf seine Antwort: Daß sie das Pferd, zwo Stunden vor dem Dorf draussen, ohne Reu- ter angetroffen haben, fiel sie in eine Ohnmacht, und ward in ihr Haus getragen. — Nach zwey Stunden fuhr der Wagen weiter, nachdem die Reisenden erst versichert worden waren, daß sie von der Ueberschwemmung nichts mehr zu befuͤrch- ten haͤtten, weil man immer auf der Hoͤhe fah- ren koͤnne. Als die drey Studenten drauf von Jngol- stadt sprachen, ward Siegwart sehr aufmerksam. Sie musterten die Jngolstadter Maͤdchen. Die Korn- feldin ist eben ein fideles Mensch, sagte der Eine, mit der man einen wahren Jokus haben kann. Sapperluft, sie sieht so frisch aus, wie ein Bor- storferapfel, und das Best’ ist, daß sie einem nichts uͤbel nimmt. Weist du, Kirner, wie wir letzt bey ihr waren, als wir die Musikanten hatten? Narr, warum wirst roth druͤber? Man sieht dir noch recht den Fuchs an; darfst dich ja nicht schaͤmen; Man weis wohl. — Auf dem Billard gehts auch noch an; die Franzel macht noch wohl so was mit; aber um das andre Geschmeiß geb ich all zusam- men keinen Heller! — Was verziehst das Maul so, Gutfried? steckt dir wieder deine Fischerin im Kopf, der Zieraffe? — Jhr moͤcht sagen, was ihr wollt, antwortete Gutfried; die Fischerin ist ein trefliches Frauenzimmer; aber sie ist euch zu gut; ihr wollt nur leichte Waare, wo man wenig Um- staͤnde machen darf. — Das ists eben, sagte Bo- ling; die Fischerin ist ein stolzes Mensch, die so juͤngferlich thut, als ob sie nicht fuͤnfe zaͤhlen koͤnn- te, und einen ehrlichen Kerl uͤber die Achsel an- sieht. Schoͤn ist sie, das kann man ihr nicht neh- men; aber eben deswegen sollte sie mehr mit unser einem umgehn. Narr! sie hat doch auch Fleisch und Blut! Aber du siehst sie immer als einen Engel an. Wenn ein Maͤdel nicht mit Studenten um- geht, so wird ihr Lebetag nichts rechts aus ihr! — Schoͤne Moral! sagte Gutfried. — Moral hin, Moral her! versetzte Kirner, um der Moral wil- len bin ich nicht nach Jngolstadt gegangen. Das kanst du doch nicht leugnen, Gutfried, daß die Fischerin mit all ihrem glatten runden Gesicht ein dummes, hoffaͤrtiges Ding ist! Jch wollte letzt- hin mit ihr im Schlitten fahren; da zog sie die Nase in die Hoͤhe, und sagte, sie muͤss’ es sich ver- bitten. — Verbitt du den Henker und seine Groß- mutter! Gelt, wenn der feine Herr von Kronhelm kommt, da reicht sie gleich ihr Pfoͤtchen her, weil er eine goldbeschlagene Jack’ an hat. Das sind mir die rechten Menscher! Jch bekuͤmmre mich viel um ihre feine Haut. Das Maͤdel lob ich mir allein, Das Leib und Seele kann erfreun: Dem Tag und Nacht zu jeder Frist Der Pursche fein willkommen ist! Als die beyden Herren ausgesungen hatten — denn Gutfried sang nicht mit — so fragte Sieg- wart, ob sie den Herrn von Kronhelm kennen? O ja! sagte Boling, er hoͤrt mit mir das Ius Ca- nonicum. Es ist ein trocknes eingebildetes Buͤrsch- chen, das immer aussieht, als obs weinen wollte. Der Kerl ist mir recht fatal, weil er immer allein auf der Stube sitzt, und sich viel zu gut duͤnkt, mit andern ehrlichen Kerls umzugehen. — Er ist doch sehr artig in Gesellschaft, sagte Gutfried; ich hab ihn ein paarmal im Konzert beym Hofrath Fischer gesprochen. Er ist nichts weniger als stolz. Ein Bißchen schwermuͤthig scheint er wol zu seyn. Es muß ihm etwas fehlen. Sonst aber ist er sehr artig, und hat viele Lebensart. — Er ist mein vertrauter Freund, sagte Siegwart zu Gutfried; ich habe zwey Jahre auf der Schule mit ihm zu- sammen gelebt; wir wurden Ein Herz und Eine Seele. Jch glaube, daß er mir entgegen kom- men wird. — Das soll mir lieb seyn, antworte- te Gutfried; ich habe schon laͤngst gewuͤnscht, ge- nauer mit ihm bekannt zu werden; aber es wollte sich nicht schicken: vielleicht geschiehts jetzt. Ein paar Buͤcher hab ich durch die dritte Hand von ihm zu lesen bekommen, die sehr schoͤn waren. Das Eine hieß der Messias, und im andern stund ein grosses Gedicht, der Fruͤhling. — O, die kenn ich wohl, die hab ich selbst auch, sagte Siegwart. Sie lesen wol gern solche Buͤcher, mein Herr Gutfried? Ausserordentlich gern! antwortete dieser; wenn man nur in Jngolstadt dergleichen auch bekommen koͤnnte! — Die beyden Juͤnglinge fiengen nun ein vertrauteres Gespraͤch uͤber diese Materie an; denn nichts macht vertrauter, als die gemeinschaftliche Liebe zu den schoͤnen Wissenschaften. Sie beschaͤf- tigt sich mit der Empfindung, und da begegnet man sich alle Augenblick auf Einem Wege. — Da hat er nun einmal den rechten Mann gefunden, sagte Boling zu Kirner, vor dem er sein Herz ausschuͤtten kann. Wir muͤssen immer hoͤren, daß wir von nichts, als Studentenmaͤhrchen reden koͤn- nen. — Es ist auch wahr, fiel ihm Gutfried ein, ihr bekuͤmmert euch um nichts, was geschrieben wird. — Um Vergebung! sagte Boling; wir le- sen doch den Triller und den Guͤnther. Das ist wol ein herrlich Lied im Guͤnther: Jhr Schoͤnen hoͤret an ꝛc. Jndem kam ein Kapuziner an den Postwagen, und bat den Schwager, ihn doch einzunehmen, weil er sehr ermuͤdet, und von der langen Reise halb krank sey. Meinetwegen wol, sagte der Post- knecht, wenns die Herren da zufrieden sind. So- gleich machte Siegwart den Schlag auf, und ließ den Kapuziner ein. Er setzte sich neben Kaspar, der sich aͤngstlich vor ihm zuruͤck zog. Bleib er sitzen, junger Herr! sagte Siegwart, und schlag er sei- nen Mantel mit um den Ehrwuͤrdigen Herrn her- um! Er sieht ja, daß er halb erfroren ist. Kas- par thats halb unwillig, und der Kapuziner sah unsern Siegwart dankbar an. — Wo geht denn die Reise bey den jungen Herren hin? fragte er. — Nach Jngolstadt, war die Antwort. — So? da- hin will ich auch. Will Gott recht danken, wenn ich da bin; denn nun marschir ich schon seit fuͤnf Tagen aus dem Frankenland heraus. Jch glaubt’ oft, ich koͤnnt’s kaum mehr aushalten. — War- um gehn Sie denn bey dieser veraͤnderlichen Jahrs- zeit so weit, Herr Pater? fragte Siegwart. — Ach, was thut man nicht um des lieben Gehor- sams willen! antwortete er. Jch habe Geschaͤfte fuͤr meinen Provinzial gehabt. Freylich kommt michs hart an, da ich schon seit Jahr und Tag nicht recht gesund bin. Jch hoffte aber auch, mei- ne Leut’ im Aichstaͤttischen noch einmal zu sehen. Lieber Gott! wie ich da vor meines Vaters Haus komm, und denk, ich will dem alten Mann eine Freude machen, daß er mich nach 20 Jahren wieder einmal sieht; da find’ ich alles ganz und gar ver- aͤndert; lauter fremde Gesichter; und als ich frag, da weis kein Mensch nichts von meinen Leuten. Die sind seit zehen Jahren weg, und gestorben, hieß es — das drang mir durch Mark und Bein, daß ich nicht mehr wuste, wo ich war? — Hei- lige Mutter Gottes! sagt ich; sind sie alle gestor- ben? — Hier stuͤrzten dem ehrlichen Kapuziner die Thraͤnen aus den Augen. Siegwart und Gut- fried weinten mit. — Was ist denn das fuͤr ein Kerl da? rief Kirner zum Postillion, als sie bey einem Rad vorbey fuhren, auf dem ein kuͤrzlich hingerichteter Mensch lag. Ja, das war ein feiner Geselle! Herr! antwortete der Schwager. Er ist auf der Muͤhle dort Knecht gewesen. Der hat seinem Herrn die Kasten aufgebrochen, und das Geld herausgenommen, und dann seine Tochter mit dem Beil umgebracht, weil sies sah, und ih- rem Vater sagen wollte. Meynen Sie, er habe gebetet, als man ihn raͤderte? Geflucht und ge- sungen hat er, bis man ihn aufs Rad legte. Jch stand nah dabey, dort auf dem Huͤgel, und hab alles recht mit angesehen. Das war ein Teufels- kerl! Aber er hat auch sein Lebtag nichts ge- than, als gesoffen und gespielt, und mit Menschern ganze Naͤchte zugebracht. Jch hab ihm oft gesagt: Hans, so wirst dus nicht weit bringen. — Das ist mir doch ganz unbegreiflich, sagte der Kapuzi- ner, wie ein Mensch die Bosheit so weit treiben, und sich vom Teufel so verblenden lassen kann! Jch wuͤrds nicht glauben, wenns der Schwager da nicht selbst sagte. Daß man einem etwas nimmt, wenn man sich nicht mehr zu helfen weis, und Hungers sterben muͤste, das laͤst sich wohl noch denken, obs gleich auch grausig ist; aber wie man einen umbringt, das geht uͤber meinen Verstand hinaus. — Ueber meinen auch, sagte Siegwart; ich haͤtte nie geglaubt, daß es so verdorbne Men- schen gibt. — Wohl euch, edle, unschuldsvolle Seelen, denen das Laster unbegreiflich, und der Gang einer boshaften Seele unerforschlich ist! Moͤchtet ihr immer bey eurer unwissenden Einfalt bleiben! Der Kapuziner unterhielt sich noch viel mit Siegwart, und erzaͤhlte ihm von seiner eigenen Geschichte, und vom Kloster; zuweilen seufzte er, aber nur verstohlen, und furchtsam, uͤber die Stren- ge seines Ordens. Die liebenswuͤrdige Einfalt, und die fast kindische Unerfahrenheit im Lauf der Welt, besonders in der Bosheit der Menschen, die der Pater alle Augenblick aͤusserte, nahm un- sern Siegwart, der seine idealische Vorstellungen hier so lebendig vor sich sah, sehr fuͤr ihn ein. Mit Gutfried, an dem er sehr viel edles fand: ward er auch bald Freund. Den andern Tag, als sie noch drittehalb Stun- den weit von Jngolstadt entfernt waren, kam Kronhelm hergeritten. Seine, und Siegwarts Freude war unbeschreiblich. Jeder fuͤhle sie mit mir, der seinen Freund, den er so zaͤrtlich liebt, wie Siegwart seinen Kronhelm, nach einer Jahr- langen Trennung wieder umarmt, und nun wie- der ganz sein ist! Boling erbot sich, zu reiten, und Kronhelm setzte sich in den Wagen. Anfangs sprachen sie wenig, und hielten sich nur bey der Hand fest. Sie fragten sich tausend Dinge, be- antworteten die Fragen nur halb, und fiengen so- gleich wieder eine neue an. Als sie einander steif, und mit dem seelenvollsten Ausdruck ansahen, N n erschrack Siegwart auf Einmal, weil er jetzt erst wahrnahm, wie blaß und mager Kronhelm aussah. Du bist doch gesund? sagte er. So ziemlich; war die Antwort. Und nun stunden dem armen Kronhelm die Thraͤnen in den Augen, denn er dachte sich sei- ne Therese lebhaft, und erkannte sie in den Zuͤgen ihres Bruders ganz wieder. Hast du mir nichts mitgebracht? sagte er. — Nichts als Gruͤsse von dort her, und vom P. Philipp. Kronhelm schwieg eine Zeitlang, und versank in tiefe Wehmuth. Gutfried mischte sich nun auch ins Gespraͤch. Kronhelm wunderte sich, daß sie sich nicht schon fruͤher haͤtten genauer kennen lernen, da er so viel Gleichheit in ihrer Denkungsart wahrnahm, und da dieses Siegwart noch mehr bestaͤtigte. Er bat ihn zu sich, und versprach, ihn oͤfters zu besuchen, und ihm alle Buͤcher zu leihen, die er haͤtte. Kir- ner haͤnselte indessen den jungen Kaspar, der sich alles gefallen ließ, und nun froh war, daß er das Ende der Reise vor sich sah. Der Kapuziner freu- te sich innerlich recht herzlich uͤber die Freundschaft der beyden Juͤnglinge, und uͤber die Freude, die sie an einander hatten. Das ist schoͤn, sagte er, wenn man einander so recht gut ist. Jch weis, daß mein P. Jgnatz auch viel Freude haben wird, wenn ich wieder komme. Wir sind Herzensfreun- de zusammen. Eine Viertelstunde vor der Stadt gieng der ehrliche Pater vom Postwagen ab, und dankte Siegwart noch besonders, daß er sich seiner so angenommen, und fuͤr ihn gesorgt habe. — Sieh, dort an dem mittlern Thurm, sagte Kron- helm zu Siegwart, indem er nach der Stadt wies, ist mein Zimmer, gleich in dem Hause rechter Hand. Du kannst erst bey mir seyn, bis wir um eine Wohnung fuͤr dich sehen; ich glaub, daß in mei- nem Haus noch ein Zimmer ledig wird. Das waͤr herrlich, sagte Siegwart; aber koͤnnten wir nicht auf Einem Zimmer beysammen wohnen, wie im Kloster? Nein, Bruder, antwortete Kronhelm; aber ich kann dir jetzt nicht sagen, warum? Endlich kamen sie in der Stadt an, und giengen gleich auf Kronhelms Zimmer. Hier umarmten sie sich erst mit herzlicher, bruͤderlicher Liebe. Sieg- wart bemerkte gleich beym Eintritt in die Stube ein unter dem Spiegel haͤngendes Portrait, das ihm sehr bekannt deuchte. Wen soll das vorstel- len? fragte er. Kennst du das nicht! antwortete Kronhelm. Es ist Therese. — Ja wahrhaftig! Recht gut und aͤhnlich! Fiel mirs doch nicht gleich ein. Aber, wo hast du’s denn her? Wer hats gemacht? — Aus mir selber hab ichs; ich habs ge- macht. Das war dir eine Freude, als ichs fertig hatte. O Bruder, ich kann nichts anders thun und denken! — Du daurst mich, armer Junge! Jch hoffte, die Zeit wuͤrd es aͤndern. — Da kennst du die Liebe recht. Wer einmal liebt, liebt ewig. — Hierauf erkundigte er sich mit Aengstlichkeit nach Theresen. Siegwart wich seinen Fragen aus, so gut er konnte, und antwortete immer nur ins Allgemeine. Bey Kronhelm wachte der ganze, etwas eingeschlummerte Schmerz wieder auf. Alles war ihm wieder neu. Es kam ihm vor, als ob er Theresen erst gestern gesehen, und ver- lohren haͤtte. Alle Bilder der Vergangenheit stell- ten sich ihm wieder dar. Er betrachtete seinen Siegwart genau, eilte dann zum Portrait hin, und brachte sogleich einen Zug drinn an, den The- rese mit ihrem Bruder gemein hatte. Das hat noch gefehlt, sagte er, das konnt ich nicht treffen; nun ists noch aͤhnlicher. Und wirklich hatte die Aehnlichkeit des Bildes durch diese Aenderung sehr gewonnen. Sieh, das Zimmer waͤre groß genug, sagte Kronhelm, daß wir bey einander wohnen koͤnnten. Aber ich habs besser uͤberlegt. Du hast in der letz- ten Zeit im Kloster sehr viel von mir ausgestanden; ich war so wunderlich und verdruͤßlich. Seit der Zeit bin ichs noch mehr geworden. Oft ist mirs so zu Muthe, daß ich keinen Menschen, nicht ein- mal meinen besten Freund um mich leiden kann. Wenn du hier im Hause wohnst, so kannst du doch immer bey mir auf dem Zimmer seyn; aber wenn ichs zu arg mache, kannst du ausweichen. Mir ists leid, daß ich so bin; aber ich kanns nicht aͤn- dern. Siegwart machte erst Einwendungen, aber endlich ließ er sichs gefallen. Den andern Tag besahen sie die Stadt mit ein- ander. Sie gefiel unserm Siegwart besser, als seinem Freunde, der, bey seinem Eintritt, alles in die Farbe der Melancholie gekleidet gesehen hatte. Siegwart erkundigte sich bey ihm nach dem Hof- rath Fischer, und erfuhr, daß es eben der sey, von dem die Studenten auf dem Postwagen gesprochen hatten. Er wird dir nicht sehr gefallen, sagte Kronhelm, denn er ist ziemlich stolz; aber seine Tochter, denk ich, wird dir mehr gefallen; es ist ein herrliches Maͤdchen. Mir wirst du dieses Lob um so mehr glauben, da ich so ganz unpartheyisch bin, und nur fuͤr Theresen allein lebe. Meinetwe- gen mag sie seyn, wie sie will! versetzte Sieg- wart, was gehen mich die Maͤdchen an? Jch bring einmal dem Hofrath meines Vaters Brief, und damit aus! Wenn er stolz ist, so bin ichs auch! — Nun, wir wollen sehen, sagte Kron- helm laͤchelnd. Den Nachmittag waren sie zu Gutfried gebeten, der ihnen sehr gefiel, und mit dem sie Freundschaft errichteten, und eine woͤchent- liche Zusammenkunft ausmachten, weil er die Floͤte recht gut spielte. Es war auch ein Sohn vom Hofrath Fischer da, dem Gutfried gegenuͤber wohn- te. Dieser junge Mensch studierte, und war un- baͤndig stolz. Er gab sich mit Kronhelm etwas, und mit Siegwart gar nicht ab, ob ihm dieser gleich sagte, sein Vater habe ehedem das Gluͤck gehabt, ein Freund des seinigen zu seyn. Alle Augenblicke besah er sich im Spiegel, und bewun- derte sein glattes, karmesinrothes Gesicht. Den andern Tag gieng Siegwart zum Kanzler, der ihm hoͤflich begegnete, und von da zum Hofrath Fischer, dem er seines Vaters Brief brachte. Der Hofrath empfieng ihn in seinem damastenen Schlaf- rock sehr kalt und stolz, und noͤthigte ihn nicht ein- mal zum Sitzen. Als er den Brief durchgelesen hatte, sagte er: Also lebt sein Vater noch? Jch dachte, er waͤre schon laͤngst gestorben. Nun, Nun! Wenn ich ihm gelegentlich worinn dienen kann, so komm er wieder zu mir! Er kann auch seinen Vater von mir gruͤssen, wenn er an ihn schreibt. Siegwart buͤckte sich, und nahm seinen Abschied. Der Hofrath gieng bis an die Thuͤre mit, und klingelte dem Bedienten, der ihn die Treppe hinab begleitete. Voll Unmuths gieng nun Siegwart zu Hause, und schimpfte unterwegs bey sich selbst auf den kalten Weltton, und das stolze, veraͤnderliche, menschliche Herz. Der kriegt mich gewiß nicht wieder! sagte er zu Kronhelm; das ist ein rechter Hofmann. Haͤtt ich das gewust, er haͤtte weder mich, noch den Brief gesehen! Meinem Vater darf ich das nicht schreiben, der wuͤrde sich zu sehr druͤber aͤrgern. O Kronhelm, wenn ich denke, daß einer von uns einmal so werden koͤnnte, ich moͤchte toll werden! — Wie kannst du auch so was denken? sagte Kronhelm, Hast du aber seine Tochter nicht gesehen? — Nein! antwortete Siegwart halb unwillig; was willst du nur im- mer mit seiner Tochter? Jch mag sie gar nicht sehen! — Nach ein paar Tagen ward in dem Haus ein Zimmer leer, das Siegwart sogleich miethete und bezog, ob er gleich seine meiste Zeit auf Kronhelms Zimmer zubrachte. Dieser sprach bestaͤndig nur von Theresen. Siegwart muste ganze Abende durch mit ihm von ihr reden, ohngeachtet er jetzt selbst wenig von ihr wuste; denn sie schrieb seltener, als sonst, vermuthlich um Kronhelms willen. Sieg- wart haͤtte so gern seinem Freund eine Neigung ausgeredet, die allem Anschein nach nie einen gluͤck- lichen Ausgang nehmen konnte; aber wenn er sich nur von fern etwas dergleichen merken ließ, so ward Kronhelm boͤse oder traurig, und argwohn- te, daß er nicht sein Freund mehr sey. Zerstreuen ließ er sich auch wenig, denn er saß bey den schoͤn- sten Fruͤhlingstagen fast immer zu Hause, und wollte nicht einmal gern Musik machen, wenn Gutfried kam. Gieng Siegwart einmal allein aus, und kam er nicht sogleich wieder heim, so ward er druͤber unruhig und unzufrieden. Er wollte den Bruder seiner Therese bestaͤndig um sich haben, und sagte ihm oft, daß die Freundschaft so wohl eifer- suͤchtig sey, als die Liebe. Siegwart, der ihn so unaussprechlich liebte, fuͤgte sich ganz in seine Laune, bedaurte ihn in der Stille, und that ihm alles zu Gefallen. Nun giengen auch die Kollegia an: Siegwart, der auf der Schule durch seinen Fleiß schon so weit gekommen war, hoͤrte die Philosophie, und die Physik. Der junge Jckstatt, der die Wolfische Philosophie inne hatte, und uͤberhaupt sehr aufge- klaͤrt dachte, gefiel ihm vorzuͤglich, und machte ihm das philosophische Studium sehr angenehm. Sei- ne andern Lehrer, die groͤstentheils Jesuiten waren, gefielen ihm schon weniger. Kronhelm hatte blos eine Stunde bey Jckstatt, und eine andre auf der Reitbahn. Die ganze uͤbrige Zeit brachte er zu Haus in der Einsamkeit zu. Gutfried war fast ihr einziger Gesellschafter. So gieng der Fruͤhling und der Sommer hin, ohne daß Siegwart Ein- mal in eine eigentliche Studentengesellschaft kam, wobey er freylich blutwenig verlohr. Sein Ver- stand ward durch die Wissenschaften und den Vor- trag seiner Lehrer immer mehr aufgeklaͤrt; sein Herz durch das Lesen der Alten, und besonders der Geschichtschreiber, immer maͤnnlicher und fe- ster; und seine Empfindung durch das Lesen der alten und neuen Dichter, durch fleissige Uebung in der Musik, und genaue Beobachtung der Natur immer feiner, richtiger, und reizbarer. Oft fuͤhlte er in sich ein gewisses Leere, und ein Verlangen, wovon er den Gegenstand nicht kannte. Sein Herz war oft, besonders in der Daͤmmerung, ungewoͤhn- lich weich; oft flossen ihm Thraͤnen aus den Au- gen, ohne daß er wuste, warum? Er hielts fuͤr eine Sehnsucht nach dem Kloster, und fuͤr einen goͤttlichen Aufruf, sich zu diesem Stande recht vor- zubereiten; daher studierte er auch unaufhoͤrlich, oft bis in die tiefe Nacht hinein. Wenn sein Herz recht weich, und er allein war, so erhub sich seine Seele zu hoher Andacht; er betete mit grosser Jnbrunst, und heiligte sich Gott ganz. Das Le- sen der Bibel machte ihn taͤglich vollkommener und besser, und jeder grossen Handlung saͤhig. Seine Liebe zur Tugend, und seine Gewissenhaftigkeit ward beynahe schwaͤrmerisch. Ein paarmal traf er von ungefaͤhr bey Gutfried andre Studenten an, besonders Boling und Kirner, welche ziemlich frey und leichtsinnig sprachen. Dieß that ihm so weh, und brachte ihn so auf, daß er ganz freymuͤthig sein Misfallen druͤber an den Tag legte, und fast in Ungelegenheit und Streit kam. Das rohe und verderbte Wesen, das er unter den Studenten wahrnahm, machte ihn beynah zum Einsiedler und zum Menschenfeind, so daß er bey keinem Men- schen gern war, als bey Kronhelm und Gutfried. Das Andenken an Sophien, und ihr Tagebuch, worinn er fleissig las, erhoͤhten seine Schwaͤrmerey noch mehr. Theresens traurige Briefe, und sei- nes Kronhelms duͤstre Denkungsart lehrten ihn die Welt, die den besten Seelen so wenig Freude ge- waͤhrt, und sie in so tiefen Kummer stuͤrzt, immer mehr gering schaͤtzen. Dabey war ihm bey seiner halbfanatischen Denkungsart so wohl, daß er sich in keine andre Lage wuͤnschte. Die Kirchen, und besonders die Frauenkloster- kirche besuchte er alle Sonn- und Feyertage, und naͤhrte da seine Phantasie noch mehr durch das heilige Gepraͤnge, und die feyerliche Musik. Ein- mal sah er ein Maͤdchen neben sich knien, uͤber dessen Anblick er erschrack. Es hatte die Augen andachtsvoll gen Himmel gerichtet, und warf, als er es anblickte, einen Blick auf ihn, der sein Jnnerstes umkehrte. Er war auf einmal aus aller Fassung, und konnte, ohngeachtet aller Bemuͤhung, seine Andacht nicht mehr sammeln. Es uͤberfiel ihn ein solches Zittern und Beben, daß er sich kaum mehr auf den Knien halten konnte. Noch Einmal blickte er hinuͤber; sie ließ eben ein Kuͤgelchen an ihrem Nosenkranz fallen, sah ihn wieder an, und sein Blick fuhr wie der Blitz zuruͤck. Nach etli- chen Minuten stand sie auf; er hoͤrte ihr Gewand rauschen, wagte es aber nicht, nach ihr hinum zu blicken. Er wollte wieder beten, aber er konnte nicht vier Worte zusammen bringen. Drauf mach- te er ein Kreuz, schlug sich auf die Brust, stund auf, und, indem er sich umwendete, sah er das schlanke Geschoͤpf mit langsamem, majestaͤtischem Gang der Kirchenthuͤre zugehn, sich mit Wieh- wasser besprengen, und aus seinen Augen verschwin- den. Er kam aus der Kirche, ohne selbst zu wissen, wie? Gutfried stand in einem Seiten- stuhle, und gruͤste ihn; aber er nahm ihn nicht wahr. Als er vor die Kirche kam, sah er das Maͤdchen nicht mehr, und wuste nicht, wo er sich hin wenden sollte? — Gott! Was ist das? dachte er. War das ein Engel, oder wars Maria? Seine ganze Empfindung war ihm unerklaͤrlich. Es war ihm nicht wohl, und auch nicht weh! Seine See- le war immer ausser ihm, und er wuste doch nicht, wo? Er sah nur das, gen Himmel gehobene Au- ge, und die schlanke Gestalt, wie sie majestaͤtisch vor ihm hin schwebte. Ein paar Stunden lang gieng er, ohne sich seiner bewust zu seyn, auf sei- nem Zimmer auf und ab. Er wollte beten, wollte lesen; aber seine Gedanken waren immer anders- wo. Zuweilen seufzte er, und hustete, um vor sich selbst den Seufzer zu verbergen. Kronhelm hatte schon eine halbe Stunde mit dem Essen auf ihn gewartet. Als er nicht kam, gieng er zu ihm auf sein Zimmer. Siegwart fuhr zusammen. — Was treibst du denn, Xaver? Jch warte schon uͤber eine Stunde auf dich. Das Essen steht schon eine hal- be Stunde auf dem Zimmer; es wird ganz kalt. — So? ists denn schon Essenszeit? Das kann ja kaum seyn! — Je freylich! antwortete Kron- helm; sieh nur nach der Uhr! Es ist schon halb Eins. — Siegwart gieng schweigend mit ihm auf sein Zimmer, und sprach waͤhrend dem Essen fast kein Wort; auch aß er wenig. — Kronhelm, der mit seinen Gedanken bey Theresen war, merkte davon nichts. Nach Tische gieng Siegwart auf sein Zimmer, unter dem Vorwand, daß er Briefe nach Haus zu schreiben habe. Kronhelm trug ihm einen Gruß an Theresen auf. Siegwart schrieb nicht, sondern gieng nur hin und her. Er wollte das Maͤdchen und ihren andaͤchtigen Blick wieder vergessen, dachte an tausend verschiedne Dinge, aber immer am Ende wieder an sie. Zuweilen phantasirte er auf seiner Violine; gleich war ihms wieder entleidet, und er hieng sie wieder auf. Um halb vier Uhr holte ihn Kronhelm ab, um zu Gutfried zu gehen, wo sie ein woͤchentliches Privatkonzert hatten. Siegwart zog sich an, und gieng mit ihm. Als sie schon unter der Hausthuͤre waren, sagte Kronhelm: Nimmst du denn deine Violine nicht mit? Ach, das ist wahr! die haͤtt ich bald vergessen! ant- wortete Siegwart, und sprang die Treppe wie- der hinauf. Als das Band, an dem die Violine hieng, sich am Nagel verwickelt hatte, riß er es mit Gewalt entzwey. Jm Konzert spielte er ohne alle Aufmerksamkeit mit, und hoͤrte endlich, als ein andrer kam, der die erste Violine spielte, gar auf, weil er vorgab, es sey ihm nicht recht wohl. Er setzte sich in eine Ecke, hielt die Hand vors Gesicht, versank in Wehmuth, und dachte nichts, als das schoͤne andaͤchtige Maͤdchen. Zuweilen konnte er sich ihr Gesicht nicht mehr deutlich vor- stellen; es schwebte blos sein Umriß vor ihm her- um, und da ward er auf sich selbst boͤse, und gab sich alle Muͤhe, sich das ganze Bild wieder zuruͤck zu rufen. Kronhelm merkte wohl, als er mit ihm nach Haus gieng, daß ihm etwas sehlte, aber er beruhigte sich wieder, als er hoͤrte, daß es nur von Kopfschmerzen herruͤhre. Siegwart blieb wohl noch drey Stunden auf, sprach oft mit sich selbst, sang zuweilen etwas, betete, und flehte Gott um Ruhe und Vergebung, denn er hielt, aus zu genauer Gewissenhaftigkeit, seine Empfindung fuͤr Suͤnde. Er wuste nicht, war es Liebe, oder was es war? Endlich legte er sich zu Bette. Lang bemuͤhte er sich umsonst, einzuschlafen. Wenn er die Augen zumachte, so stand das Maͤdchen lebendiger, als ers sich den Tag uͤber hatte vorstellen koͤnnen, ihm vor Augen. Den andern Morgen wachte er fruͤh auf; die eben aufgehende Sonne schien in seine Kammer; eine Thraͤne schoß ihm in die Augen, denn sein erster Gedanke war das Maͤdchen. Jhr gen Himmel gehobnes Auge gab seiner Andacht Schwingen. Er stand auf, streckte die Arme aus, als ob er sie umfangen wollte, und betete so feu- rig, als er fast noch nie gebetet hatte. — Gott! Gott! seufzte er: Jch kenne mich selbst nicht mehr! Was will ich? Was fehlt mir? Warum denk ich immer an den Engel? Wenn es Suͤnde ist, o Gott! so vergib mir! Du hast ihn erschaffen! Jch kann nicht anders. Jch bin immer bey ihm! Ach, wo mag sie seyn, die Heilige, die unaus- sprechlich Holde? Ach, wo mag sie seyn, dann betete er wieder. Aber immer schien ihms, als ob sie sich zwischen Gott und ihn stellte, oder mit ihm betete. — Er gieng ins Kollegium. Auch da war sie immer um ihn. Er hoͤrte nichts, was der Lehrer sagte. Er zwang sich, aufzumerken, aber nur vergeblich. So gieng die ganze Woche hin. Zuweilen dachte er minder lebhaft an sie; aber tau- senderley Dinge zogen ihn wieder zu ihr zuruͤck. Wenn er in Gesellschaft sie auf einige Augenblicke vergaß, so wachte er ploͤtzlich wieder, wie vom Schlummer, auf. Wenn er nur das Wort: Maͤd- chen, aussprechen hoͤrte, so stand sein Maͤdchen wie- der vor ihm. Nie war sein Geist in der Gesell- schaft seiner Freunde ganz gegenwaͤrtig; immer schwebte er in der Kirche vor dem Altar, oder er wuste selbst nicht, wo? Er war immer zu Thraͤ- nen gestimmt, und muste oft aufstehn, um seine Wehmuth vor seinen Freunden zu verbergen. Sie riethen hin und her, was ihm fehlen moͤchte? Auf Liebe fielen sie gar nicht, da er bey jeder Gelegen- heit dagegen eiferte. Endlich wusten sie seiner Zer- streuung keine andere Ursach zu geben, als sein lan- ges Aufsitzen bey Nacht. Kronhelm bat ihn sehn- lich, es zu unterlassen, und seine Gesundheit zu schonen! Er war uͤber die zaͤrtliche Besorgniß sei- nes Freundes sehr geruͤhrt, und versprach, es zu thun. Den kuͤnftigen Sonntag konnte er kaum erwarten. Da dachte er, das Maͤdchen wieder in der Kirche zu sehen. Hundertmal des Tags sah er nach seinem Wandkalender, wie viel Tage es noch dahin bis sey? Jmmer vergaß ers wieder, und rechnete oft einen Tag weniger. Zuletzt zaͤhlte er sogar die Stunden. Er stellte sich vor, was er thun, wo und wie er sich anstellen wolle? wenn sie in die Kirche komme. Als der Sonntag kam, wachte er fruͤh auf, kraͤuselte seine Haare sehr sorgfaͤltig, und kleidete sich praͤchtiger und netter, wie gewoͤhnlich. Jn der Fruͤhmesse traf er das Maͤdchen nicht. Sein Herz erhub sich zu Gott mit schwaͤrmerischer Andacht; seine Einbildungskraft drang bis an den Thron der Gottheit; sein Geist war ausser dem Leibe, und unmittelbar im Himmel. Auf Einmal uͤberfiel ihn wieder eine aͤusserliche Beklemmung; sein Herz klopfte laut und sichtbar. Alle Augen- blicke, dacht’ er, kann sie kommen, und neben mir niederknien. Er bebte vor dem Augenblick, und wuͤnschte ihn doch so sehnlich herbey. — Jn die Predigt kam das Maͤdchen auch nicht. Sein Au- ge suchte aͤngstlich umher, verweilte auf jedem gut- gekleideten Frauenzimmer, und wandte sich unwil- lig wieder weg, weil es nicht fand, was es suchte. So oft die Kirchenthuͤre aufgieng, blickte er hin, O o und zitterte. Sie kam nicht. Nach der Predigt gieng er in den Chor, kniete auf die Stelle nie- der, wo sie gekniet, und die er sich so genau gemerkt hatte. So oft er etwas hinter sich gehen, oder ein seidenes Gewand rauschen hoͤrte, ward ihm bange; aͤngstlich blickte er dann um sich, weil er fuͤrchtete, jedermann bemerke ihn: Einmal sah er ein Maͤdchen mit einem Flor vor dem Ge- sicht ihm zur Rechten niederknien. Es hatte die schlanke Gestalt seines Maͤdchens. Sein Gesicht gluͤhte, er zitterte, sein Gebet ward laut; er glaub- te zu vergehen und zu sinken. Schwankend stand er auf. Das Maͤdchen war nicht das seini- ge. Heilige Mutter Gottes! dachte er, wo ist sie? — Schnell steckte er den Rosenkranz ein, gieng aus der Kirche, ohne das Weihwasser zu nehmen, und nach der obern Stadtkirche. Hier fand er sie wieder nicht. Nun uͤberfiel ihn tiefe Wehmuth. Tausenderley traurige Vorstellungen bekaͤmpften sich in seiner Brust: Jst sie krank? Jst sie todt? Hab ich sie durch meinen Blick erzuͤrnt? Haͤtt ich sie doch nie gesehen! Stuͤrb ich doch auch! O ich bin der ungluͤcklichste Mensch auf Gottes Erdboden! — Er gieng heim, und weinte, rang die Haͤnde und betete. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer. Jndem erhielt er einen Brief von Theresen mit der Nachricht, daß ihr Vater sich von neuem nicht ganz wohl befinde, doch sey er schon wieder auf dem Weg der Besserung. Waͤh- rend dem Lesen stuͤrzten ihm die Thraͤnen aus den Augen. Kronhelm fragte ihn um die Ursache da- von. Er konnte sie vor Wehmuth kaum erzaͤhlen. Nun weinten beyde Freunde. Siegwart konnte nun einen Grund fuͤr seine Traurigkeit angeben, und Kronhelm argwohnte desto weniger eine andre Ursache. Der doppelte Schmerz bestuͤrmte nunmehr Siegwarts Seele mit aller Gewalt. Er dachte sich die beyden theuren Personen immer zusam- men, und wuͤnschte sich nichts als den Tod, das einzige Ende seines Jammers, das er vor sich sah. — Den Nachmittag schrieb er an seine Schwester und an seinen Vater einen bangen und schwermuͤthigen Brief. Unter andern schrieb er an Theresen: — Jch sehe wohl, daß die Welt keine Freuden hat. Jeder Tag hat seine Plage, und mit jedem Tage steigt sie. Moͤcht ich doch bald diese Welt verlassen, und im Grab von allem Kummer ausruhen! O meine Schwester, es gibt viele Leiden, die du noch nicht kennst. Sterben, sterben ist das Beste! Und wenn dieses Ziel vom Schoͤpfer noch nicht gesetzt ist, ist es dann nicht Weisheit, der Welt so viel abzusterben, als man kann und darf? Du verstehst mich; der Eintritt ins Kloster ist ein Bild des Todes. Duͤrft’ ich ihn doch morgen thun! ꝛc. Dießmal war das Konzert auf Kronhelms Zim- mer. Siegwart spielte nicht mit, sondern saß in einem Winkel, und weinte. Seine Phantasie ward durch die Musik aufs aͤusserste gespannt. Zuwei- len irrte er durch Nacht und Graͤber; sah sei- nen Vater mit dem Tode ringen, schauerte zuruͤck, und stand hastig auf. Dann ward er wieder in das suͤsse, heilige Gefuͤhl der Liebe versenkt; sah sein andaͤchtiges Maͤdchen vor dem Altar knien; sah sie wehmuͤthig und traurig; bildete sich ein, sie laͤchl’ ihm zu. — Dann schwand sie ihm wieder aus den Augen. Er sah kein Mittel, sie jemals zu sprechen. Jch werde sie nie, nie sehen! dachte er. Sie flieht mich; sie muß mich verachten; Jch bin nichts, gar nichts gegen sie! Sie ist ein En- gel, und ich bin ein Suͤnder, ein Verworfener! O warum hab ich sie gesehen? Warum all mei- ne Ruhe so auf Einmal verlohren? Ploͤtzlich ward er aufmerksam, als eine wild- schwaͤrmerische Symphonie von Fils gespielt wurde. Er stand auf, nahm seine Violine, und spielte mit. — Von wem ist das Stuͤck? fragte er, als es ausgespielt war. Von Fils, antwortete einer. Das war ein herrlicher Kerl! Seine besten Stuͤ- cke hat er in der rasendsten Liebe gemacht; und als es ihm nicht nach Wunsch gieng, aß er Glas, und starb dran. — Das ist vortreflich, sagte Sieg- wart, wir wollen das Stuͤck noch einmal spielen! Sie spieltens wieder. — Bey einem Quatuor von Boccherini versank er wieder in die tiefste Schwer- muth, in der er den ganzen Abend blieb. — Die ganze Woche strich ihm traurig hin. Die Unruhe uͤber die Krankheit seines Vaters verdrang das Bild des Maͤdchens etwas aus seinem Herzen, oder uͤberzog es vielmehr nur mit einer Art von Schley- er. Oft stand es wieder frey, und in allem seinem Reiz vor ihm da. Er lief alle Strassen der Stadt durch, ob er sein geliebtes Maͤdchen nirgends ent- decke? Aber nirgend sah ers. Jn die Kirchen konnte er die Woche uͤber nicht gehen, weil er seine Kollegia gewissenhaft besuchte. Er und Kronhelm machten nun eine traurige Figur zusammen. Kei- ner konnte den andern troͤsten. Sie weideten sich an ihrem wechselseitigen Schmerz, und vereinigten ihre Klagen, obwol Siegwart viel zu furchtsam und zaͤrtlich war, seinem Freunde das Geringste von dem Maͤdchen zu entdecken. Ganze Stunden sassen sie in der Daͤmmerung, ohne Licht, beysam- men; seufzten und klagten mit einander, oder spiel- ten wehklagende Stuͤcke. Am Sonnabend bekam Siegwart einen Brief von Theresen, und die Versicherung, daß ihr Vater wieder ganz hergestellt sey. Dieß war ihm ein grosser Trost, aber ganz freuen konnte er sich nicht. Gott! ich danke dir, sagte er. Du bist guͤtig und barmherzig. Nur verzeihe mir meine Schwachheit! Ach, ich kann mich nur halb freuen. Du weists, ich bin nicht undankbar! Mein Jammer ist dir nicht verborgen! Von einer Seite hast du mich geheilet; aber von der andern frist der Schmerz immer tiefer! Gott! wenn ichs wuͤrdig bin, ach, wenn ichs wuͤrdig bin, so er- barm dich meiner! Laß mich sie sehen, oder laß mich sterben! — Nun dachte er wieder sie nur ganz allein. Morgen, morgen, rief er, Leben oder Tod! — Er gieng auf Kronhelms Zimmer, und brachte ihm die Nachricht von der Genesung seines Vaters. — Und von Theresen hast du mir nichts? sagte Kronhelm wehmuͤthig. — Nichts, mein Lieber, als einen Gruß. Ach du daurest mich unendlich. Jch kann dirs nicht sagen, wie tief ich deine Leiden fuͤhle! Gott weis, ich kanns nicht! — Und nun schwiegen sie lang. — Jch weis nicht, ob ichs lang mehr aushalte? hub Kronhelm wieder an. Wenn sie mich vergessen, mir untreu werden koͤnnte. — Und doch! — soll sie ohne Hofnung harren? Ohne Hofnung! we- nigstens ohne Gewißheit, sogar ohne Wahrschein- lichkeit: O, mein Leiden ist das groͤste! Duld und harre! sagte Siegwart. Die Leiden auf der Welt sind mancherley. Jch bin auch nicht gluͤcklich. — Er wollte reden; aber eine ploͤtzliche Aengstlichkeit hielt ihn wieder zuruͤck. Der Sonntagsmorgen brach an. Siegwart klei- dete sich gut, und gieng voll banger Ahndung in die Kirche. Er setzte sich in einen Stuhl, von dem er die ganze Kirche uͤbersehen konnte. Das Maͤd- chen war noch nicht da. Er ward verwirrt druͤber; dankte aber doch Gott fuͤr die Genesung seines Va- ters bruͤnstig. Nach einer halben Stunde oͤfnete sich die Kirchenthuͤre, und das Maͤdchen trat her- ein, schwarz gekleidet, mit einer etwas bejaͤhrten Frau von angenehmer und sanfter Gesichtsbildung. Sein Herz schlug ungestuͤm. Sie setzte sich ihm gegenuͤber in einen vergitterten Stuhl, an dem aber das Gitter zuruͤckgeschoben war. Sie setzte sich nieder, und las in einem Gebetbuch. Zuwei- len erhub sie ihr schoͤnes nußbraunes Auge zum Himmel; drey- oder viermal glaubte er, sie seh ihn aufmerksam an; und ihm ward bald warm, bald kalt in der Brust. Er hieng mit ganzer Seele an ihr; sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, wie auf dem Antlitz einer Heiligen. Er konnte den unendli- chen Reiz nicht fassen, der sich uͤber das Ganze verbreitete. Alles um sich her vergaß er, Himmel und Erde, und wuste nicht mehr, daß er in der Kirche war. Er dachte nichts; sein ganzes Wesen war Gefuͤhl. Sie sah ihn an; Er schlug die Au- gen nieder, als ob ein Blitz ihn blendete. Gleich sah er wieder auf; sie war verschwunden. Ein breitschultriger Mann mit einer grossen Peruͤcke hatte sich vor sie hingesetzt, und ihm den Anblick des himmlischen Gesichts benommen. Nur zuwei- len, wenn der Mann sich buͤckte, sah er sie auf ei- nen Augenblick. Der Mann ward ihm auf Ein- mal unaussprechlich zuwider. Er knirschte mit den Zaͤhnen, und haͤtt ihn gern mit den Fuͤssen wegge- stossen. — Der dumme, kalte Kerl! dachte er, mit dem abscheulichen Alltagsgesicht! Jch wollte, daß er hundert Meilen weit von hier waͤre! — Nach der Messe stund das Maͤdchen, mit der Frau auf; gieng in den Chor vor den Altar und kniete nieder. Jm Hingehn warf sie einen Blick auf Siegwart, der ihm durch die Seele drang. Er sah sie langsam, und andaͤchtig vor sich hin gehn, und wuste nicht, ob er ihr folgen, oder bleiben sollte? Er zitterte, daß die Kuͤgelchen an seinem Rosenkranze klapperten. Sie kniete schon etliche Minuten, da schlich er sich aͤngstlich und zoͤgernd nach dem Chor. Sie kniete im vordersten Reihen, unter denen, die das Abendmahl geniessen wollten. Er kniete sich an der Seitenwand der Kir- che ihr fast gegenuͤber nieder. Die Musik, die in dem Augenblick gemacht wurde, war ihm sein ganzes Leben durch die liebste, und ruͤhrte, sobald sie angestimmt wurde, alle Saiten seines Herzens. Der Priester, der die Hostie austheilte, gieng um- her, und kam zu ihr. Jn dem Augenblick haͤtt’ er alles hingegeben, um der Priester, oder einer von den Knaben zu seyn., die das Tuch unterhiel- ten. So oft er nachher einen von den Knaben sah, stellte sich ihm die ganze feyerliche Handlung wieder lebendig dar, und seine Seele gluͤhte. Er liebte die Knaben, und war doch eifersuͤchtig auf sie. Als ein dritter ihr den Spuͤhlkelch reichte, da bebte seine Seele vor Verlangen, nach ihr aus dem Kelch zu trinken. Er beneidete das Maͤdchen, das neben ihr kniete, und aus dem Kelch trank. Nun betete sie, und seine Seele flog mit ihr zum Himmel. — Gott! ach Gott, laß sie mein seyn! Sey ihr gnaͤdig, und erhoͤre mein Gebet! — Wei- ter konnte er nichts denken. — Noch lag er auf den Knien, in der Absicht, zu warten, bis sie weg gienge, und zu erfahren, in wel- ches Haus sie gehoͤre? als er auf Einmal durch einen Stoß, den ihm jemand, neben ihm, gab, aus seiner Schwaͤrmerey aufgeweckt wurde. Kronhelm, den er nicht wahrgenommen hatte, stand neben ihm, und winkte, mit ihm weg zu gehen. Er stand un- willig auf, und suchte seine Verwirrung seinem Freunde zu verbergen. So boͤs er druͤber war, so durft er es doch seinen Freund nicht merken lassen, und gieng mit ihm aus der Kirche. — Laß uns etwas spatzieren gehen! sagte Kronhelm; der Tag ist so schoͤn. — Meinetwegen! antwortete Sieg- wart. Sie giengen mit einander durch die Stadt, ohne ein Wort zu sprechen. Siegwart war ganz in Ge- danken verlohren, und bey seinem lieben Maͤdchen in der Kirche. Es schmerzte ihn tief, daß er so von ihr weggerissen worden war, und ihre Wohnung nicht hatte erfahren koͤnnen. Sich nach ihr bey Kronhelm zu erkundigen, wagte er gar nicht. Als sie ausserhalb der Stadt waren, so fieng Kronhelm an: Du bist ja ganz ausser dir gewesen in der Kir- che, und hast mich nicht bemerkt, ob ich gleich eine halbe Viertelstunde neben dir kniete. — Wer? Jch? … stotterte Siegwart. Recht! ich war so in der Andacht; weil ich an meinen Vater dachte… Weil er gesund worden ist… Und da dankt ich Gott — — und da konnt ich dich nicht sehen… Ja, ich war ganz vertieft… Hab dich warlich nicht bemerkt. … Es kam gewiß nur daher… u. s. w. Der helle Herbstmorgen machte auf sein ofnes Herz den tiefsten Eindruck. Die bleichgelben Blaͤt- ter, deren eins nach dem andern von den Baͤumen herabfiel; das Rauschen der verdorrten Blaͤtter im Gestraͤuch; der halb durchsichtige Hain; die einzeln drinn herum fliegenden Voͤgel; die, auf der Wiese sparsam zerstreuten Herbstbluͤmchen; alles brachte ihm das suͤsse Bild des Todes in die Seele. Er fuͤhlte eine dunkle Sehnsucht, sich hinzulegen und zu sterben. Sein Herz ward erweitert, und Thraͤ- nen stunden ihm in den Augen. Kronhelm hatte eben dieses Gefuͤhl; beyde schwiegen. Noch nie hab ich so lebhaft und so ruhig an Theresen gedacht, fieng endlich Kronhelm an; Noch nie eine so suͤsse Melancholie gefuͤhlt. Mir ist so wohl, und so weh- muͤthig! — Mir auch, Bruder! sagte Siegwart mit bebender Stimme. — Sie setzten sich an das, etwas erhoͤhte Donauufer hin, blickten den Wellen nach, und dachten nichts. — Wie alles so geschwind geht! sagte Kronhelm, nach einer langen Pause. Nur das Leben geht so langsam, wenn man ungluͤck- lich ist. Ach Bruder, das Wasser kommt von dei- nem Dorfe her. Wenn jetzt Therese auch so da saͤsse, und an mich daͤchte! — Vielleicht thut sies. Meynst du nicht, Siegwart? — Ja, vielleicht, Bruder, antwortete Xaver. Jch wuͤnsch es dir. — Nun schwiegen beyde wieder. — Jndem schwamm ein todter Mensch in der Donau herunter. Herr Jesus! rief Siegwart, sieh! dort! — Jn dem An- genblick sprang er nach der nah gelegnen Fischerhuͤt- te, und rief dem Fischer, der sogleich in seinem Kahn hinausfuhr, und den Leichnam auffieng. Es war ein junges Maͤdchen, das nicht uͤbel aussah, von neunzehn oder zwanzig Jahren. Der Kleidung nach wars ein Dienstmaͤdchen. Ueber eine Stunde konnte sie noch nicht im Wasser gelegen haben, denn sie sah noch frisch und roth im Gesicht, und ihre Fingergelenke waren noch nicht einmal steif. Der Fischer stuͤrzte sie auf den Kopf, in der ver- kehrten Meynung, daß das Wasser ihr aus dem Mund und aus den Ohren laufen moͤchte. Allein, wenn ein Ertkunkener noch nicht ganz todt ist, so muß er durch dieses Mittel sterben. Das fluͤssige Blut stroͤmt nach dem Kopf zu, und ein Schlagfluß ist fast unvermeidlich. — Sie ist todt, sagte der Fischer, gibt kein Anzeichen mehr — und dann legte er sie wieder nieder, und fieng an, sie genauer zu betrachten. ’s ist meiner Seel, kein unfeines Ding; fieng er an; seht mir nur einmal die vollen Backen, und das glatte weisse Kinn! Der hats ge- wiß um ’n Mann gefehlt, oder ’s hat sie einer an- g’fuͤhrt. Hab schon mehr dergleichen Exempel er- lebt. Erst vorigen Sommermarkt hab ich auch so ’n Maͤdel raus zogen. — Schaut mir einmal an, was sie fuͤr ’n schoͤnen Fingerring hat! Er ist, mei- ner Six, Silber; den will ich mir zu Gemuͤth fuͤh- ren. Er ist gut fuͤr meine Thrine, paßt ihr grad. — Jndem zog er den Ring vom Finger. — Muß doch auch sehen, was sie im Sack hat? — ’n Ro- senkranz! Hat doch auch noch ’n Vaterunser und ein Ave betet! Und da gar ’n Buͤchel! — ’s ist ein Psalter. Nu, nu, sie hat sich doch vorbereitet. Gott sey der armen Seel gnaͤdig! Will auch ein Ave fuͤr sie beten. — Da steckt ja gar ’n Papier im Buch. — ’s ist g’schrieben — Kann nicht G’schriebnes lesen. Da, Herr! (zu Siegwart) le- sets Jhr! — Siegwart las den Brief, der sehr un- leserlich und unrichtig geschrieben war. Hier ist er in deutlicherer Schreibart; sonst ist er unver- aͤndert. — Du hast mirs arg gemacht, Joseph. Hast mir die Eh’ versprochen im Namen der heiligen Jung- frau, und nimmst nun ein anders Maͤdel. Jch weis mir nicht mehr zu helfen; muß mir selber was zu Leid thun. Gott verzeih mirs! mit dem ichs red- lich gemeynt hab mein Lebetag. Jch wollt mir schon einmal die Kehle abschneiden, aber das war mir zu grausig. Jn der Donau haben schon viel ihr Grab gefunden; ich werds auch finden. Gib Acht, wenn du mich siehst, daß ich mich nicht noch einmal um- dreh, und dir den Ring zeig, den ich von dir am Finger trag zum Trauring. Lieber Gott! Ein rechter Trauring! Das hat mir noch am wehesten gethan, daß du mein noch spottest, und letzthin des Abends bey meinem Haus vorbeygiengst mit dei- nem Maͤdel. Jch dacht, ich muͤst dich umbringen! Aber das Leben wird dir doch nicht hell werden, weil dus so gemacht hast mit mir. — Lieber Gott! ich war dir so herzlich gut, und haͤtt gern mein Le- ben fuͤr dich hingegeben! Und du sagtest mir so oft, du meynest’s treu; Nun hast du auf den Montag Hochzeit. Hoͤr, Joseph! auf den Sonntag spring ich ins Wasser. Es kann nicht anders seyn, Jo- seph! Aber gib Acht! Jch lade dich ins Thal Jo- saphat auf den Ersten Tag im neuen Jahr. So lange hast du noch Zeit zur Busse. Bedenks, Jo- seph, und bekehre dich! Jch wollte nicht, daß du ins Fegfeuer, und von dar in die Hoͤlle kaͤmest; denn ich hab dich noch lieb, aber in diesem Leben kann ich dir nicht mehr gut seyn. Mir ists schauerhaft zu Muth! Jesus und Maria mag sich mein erbar- men! Aber laͤnger leben kann ich nicht. Denk an den Ersten Tag im Jahr! Hab Acht, und bekeh- re dich! Das ist| meiner Seel recht herzbrechend, sagte der Fischer, und wischte sich die Augen. Der Joseph moͤcht ich nicht seyn um tausend Gulden! Jch denk, ich steck ihr den Ring wieder an Finger. Jch mag ihn nicht, weils ein Trauring ist, der ist heilig. — Hierauf steckte er dem Maͤdchen den Ring wieder an den Finger. Kronhelm und Siegwart giengen schweigend und traurig weg. — So ein Tod ist doch der schreck- lichste, sagte Siegwart; Gott sey dem armen Maͤd- chen gnaͤdig! — Sie giengen nun wieder der Stadt und ihrem Hause zu. Siegwart konnte lang das Bild des Maͤdchens nicht aus seinem Herzen brin- gen, uud dafuͤr das Bild seines Maͤdchens drein zuruͤckrufen. Endlich war er wieder ganz bey ihr, und versetzte sich ganz in die Kirche. Als er zu Hause angekommen war, gieng er auf sein Zimmer, uͤbersah die ganze Scene in der Kirche wieder, be- tete zu Gott um sein Maͤdchen, sprach oft laut, und warf endlich diese Verse, die mehr Gebet sind, als Gedicht, aufs Papier hin. Sieh, o Gott der Liebe! Wie ein armes Herz, das du erschufest, Aus der Tiefe seiner Leiden Sich zu dir hinaufschwingt! Heut, an deinem Altar Sah ich sie, in Andacht hingegossen, Die du auch, wie mich, erschufest; Ach, um die mein Herz bebt! Kuͤhn erhubs zu dir sich. Auf den Fluͤgeln ihrer reinen Andacht Schwebt’ es, wagte, minder zitternd, Diesen Wunsch: — Erhoͤr ihn, Schoͤpfer! — Leg in deine Wagschaal Meine Tage, die noch kommen sollen! Laß, wenn sie mich liebt, sie sinken! Steigen, wenn sie nicht liebt! Es war ihm recht wohl, als er dieses Gedicht ge- macht hatte. Er las es mehrmals durch; es gefiel ihm, denn er hatte seiner Empfindung doch eini- germassen ein Gewand und Worte gegeben; ob er gleich unendlich mehr hatte sagen wollen. Er schrieb das Gedicht rein ab, und ergoͤtzte sich noch lange dran, bis ihn Kronhelm zum Essen rief. Da schloß ers schnell und aͤngstlich in sein Pult ein. — Gutfried aß nun gewoͤhnlich auch mit ihnen. Sie erzaͤhlten ihm die Geschichte mit dem ertrunkenen Maͤdchen, und den Jnhalt des Briefes. Er seufzte dabey, und sagte: Gekraͤnkte oder unbelohnte Liebe ist al- les zu thun im Stande! Mit diesen Worten sah er Kronhelm an, der in seiner Liebe zu des Hof- rath Fischers Tochter sein Vertrauter geworden war. P p Alle drey Juͤnglinge wurden uͤber diesen Ausruf noch trauriger. Gutfried erzaͤhlte nun ein paar schreckliche Geschichten von Personen, die sich aus ungluͤcklicher Leidenschaft selbst entleibt hatten. Sie bedaurten ihr Schicksal, und wuͤnschten ihnen, durch ihre Seufzer, ein gluͤcklicheres Schicksal, als sie in diesem Leben gehabt hatten. Gutfried schlug ihnen zur Zerstreuung von dem anhaltenden Studieren einen Spatzierritt auf ein, zwo Stunden von Jn- golstadt, gelegnes Dorf, vor. Sie nahmen den Vorschlag an, und ritten hin. Siegwart dachte auf dem ganzen Wege an sein liebes Maͤdchen. Es schmerzte ihn im Jnnersten, die Stadt, in der sie lebte, nur auf einige Stunden zu verlassen. Er glaubte, weis nicht wieviel, zu versaͤumen, ob er gleich nicht die geringste Hofnung hatte, sie zu spre- chen, oder nur zu sehen. — Was mag sie jetzt machen? dachte er bestaͤndig. Jetzt wird der En- gel wohl beten; jetzt wird er vor Gott knien u. s. w. Moͤcht ich sie nur einen Augenblick erblicken! Moͤchte sie nur einen Augenblick an mich denken! Aber, ach, wie kann sie das? Wer weis, ob sie mich bemerkt hat? Vielleicht ist ein andrer bey ihr! Solche und aͤhnliche Vorstellungen stuͤrzten ihn in die tiefste Traurigkeit, aus der ihn fast nichts her- ausreissen konnte. Auf dem Dorfe hatten sie we- nig Vergnuͤgen, und konnten nicht einmal zusam- men sprechen, denn die vielen andern Studenten, die da waren, machten mit Gesang und Zank beym Spiel einen solchen Lerm, daß man kaum sein eig- nes Wort verstand. Gegen Abend ritten sie in der Daͤmmerung wieder zuruͤck. Alle drey Lieben- de waren jetzt noch wehmuͤthiger; jeder dachte sich zu seinem Maͤdchen hin. Als sie gegen die Stadt hin ritten, begegnete ihnen ein Scharfrich- ter, der auf seinem Karren das ertrunkne Maͤdchen fuhr. Der Ungluͤcklichliebende, sagte Kronhelm, der sich mit der ganzen Schwere seines Jammers bela- den, selber in die Grube stuͤrzt, hat also einerley Schicksal mit dem Boͤsewicht, der sich im Kerker umbringt, um dem Galgen zu entgehen; oder mit dem Betruͤger, der, weil er seinen Glaͤubigern nicht mehr entgehen kann, sich dem Tod in den Rachen wirft? Wie wenig sehn doch die meisten buͤrgerli- chen Gesetze auf das Moralische an einer Handlung! Laß sie ruhen! sagte Siegwart; ihr ists einerley, wo ihr Koͤrper liegt. — Das wohl! antwortete Kronhelm; aber das Ungluͤck verdiente doch eine bessere Behandlung, als die Bosheit! Sie hielten nun noch zu Haus ein kleines Kon- cert, das, weil alle gleich traurig gestimmt waren, groͤstentheils aus wehmuͤthigen Trios bestand. Nach- dem Siegwart sich den ganzen Abend nach dem Koncert mit dem Gedanken an seine himmlische Unbekannte beschaͤftiget hatte, so wuͤnschte er nichts mehr, als von ihr zu traͤumen, und sie wenigstens im Traum zu sehen. Aber diese Wohlthat ward ihm nicht zu Theil. Er wuͤnschte sie sich so oft, und immer umsonst. Zu lebhafte und gegenwaͤrti- ge Vorstellungen kommen selten im Traume wieder; sie muͤssen mehrentheils erst mit dem Flor der Ver- gangenheit umzogen seyn. Als Siegwart ein paar Tage drauf des Nach- mittags um drey Uhr aus dem Kollegio gieng, da sah er, etliche Haͤuser vor ihm, sein geliebtes Maͤd- chen gehen. Das Herz schlug ihm, und er eilte, was er konnte. Sie gieng in ein gutgebautes Haus hinein. Wer wohnt hier? sagte er in der Ver- wirrung zu einem kleinen zwoͤlfjaͤhrigen Maͤdchen, und erschrack gleich selbst wieder uͤber seine Frage. Es wohnt ein reicher Herr da, sagte das Maͤdchen; man nennt ihn nur Herr Spiegel. Jetzt wuste er so viel, wie vorhin, und wagte es doch nicht, sonst jemand um den Herrn Spiegel zu fragen; weil er fuͤrchtete, jeder werde sogleich die Absicht seiner Frage muthmassen. Er gieng alle Tage zwey- oder dreymal bey dem Hause vorbey; sah aber seine Holde nie am Fenster. Die ganze Wo- che verfloß ihm unter Seufzern nach dem Sonn- tag, weil er da gewiß wieder sein liebes Maͤdchen in der Kirche zu sehen hoffte. Viele Stunden, ja halbe Tage lang besprach er sich in Gedanken mit ihr, klagte ihr seine Leiden vor, und ließ sie zaͤrtlich wieder antworten. Er sann ganze Romanen aus, und dachte sich in Lagen hinein, in denen sie noth- wendig sein werden muste. Oft wuͤnschte er sie in Lebensgefahr; daß Feuer in ihrem Hause auskom- men moͤchte, und er sie befreyen koͤnnte. Er dach- te sie in Wassergefahr, rettete sie, und nun gab sie ihm zur Dankbarkeit ihre Hand. Aufs lebhafteste fuͤhlte er die Wonne, mit der er sie an sein Herz druͤckte; den Blick der Dankbarkeit und Liebe, den sie auf ihn warf; dann eilte er zu ihrem Vater, zeigte ihm die befreyte Tochter, und ward ihr Braͤutigam. Nur ein Liebender, wie unser Sieg- wart, kann sich die schwaͤrmerischen und zaͤrtlichen Gespraͤche denken, die dann seine Seele mit ihr fuͤhrte. — Aber Seufzer, und Bangigkeit, und Thraͤnen waren immer das Ende dieser suͤssen Traͤu- mereyen. — Den naͤchsten Sonntag kam er erst um neun Uhr in die Kirche. Sein Kronhelm war zu ihm aufs Zimmer gekommen, um von Theresen zu sprechen; und wenn er von ihr anfieng, so konnte er nicht aufhoͤren. Siegwart war mit seiner Seele abwe- send, und antwortete verwirrt, aber Kronhelm merk- te es nicht. Ein paarmal sah er auf die Uhr. Jede Minute ward ihm zu einer Stunde. Dieß war das erstemal, daß ihm sein Freund zur Last fiel; aber er ließ sich doch vorsetzlich nicht das geringste merken. Endlich gieng Kronhelm. Siegwart eil- te, was er konnte, und kam ganz athemlos vor die Kirche. Als die Thuͤre aufgieng kam eben sein Maͤdchen mit der Frau, die er fuͤr ihre Mutter hielt, ihm entgegen. Er war, wie vom Donner geruͤhrt. Sein Gesicht gluͤhte. Er gieng schnell an ihr vorbey, und machte in der Angst kaum eine Verbeugung. Sie gruͤste ihn freundlich. Er eilte, ohne sich seiner bewußt zu seyn, nach dem naͤchscen Stuhl, und sah sich um. Jn dem Augenblick gieng die Thuͤre zu. Sein Herz klopfte laut. Er woll- te wieder umkehren; besann sich aber ploͤtzlich, daß man seine Absicht merken wuͤrde. Er war Kron- helm, sich selbst, und der ganzen Welt boͤse, daß er zu spat gekommen war. Es war ihm unmoͤglich- lang da zu bleiben. Nach etlichen Minuten eilte er wieder weg, und der Strasse zu, wo ihr Haus war, aber er sah sie nicht mehr. Er wollte nach Hause; aber vor der Thuͤre fiel ihm wieder ein, Kronhelm wuͤrde aus seiner ploͤtzlichen Zuruͤck- kunft etwas folgern. Er gieng also wieder weg, rannte noch einige Strassen durch, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Endlich gieng er aus einem Thor; rannte weit ins Feld hinaus, ohne die Na- tur um sich her zu bemerken, und kam nach einer Stunde wieder nach Haus zuruͤck. Gutfried war schon bey Kronhelm auf dem Zimmer. Sie lasen mit einander Lessings Sara, die ein junger Herr von Dahlmund an Gutfried geliehen hatte. Da haben wir was herrliches, sagte Kronhelm zu Sieg- wart; sieh einmal! Lessings vermischte Schriften. Das ist gut! sagte Siegwart ganz zerstreut. Jch hab eben angesangen zu lesen, fiel Gutfried ein; es ist Miß Sara Sampson. Jch kann ihnen mit ein paar Worten sagen, was vorhergieng; wenn sie wollen, les ich weiter. — Ganz wohl, antworte- te Siegwart; setzte sich in eine Ecke des Fensters, und stuͤtzte die Hand an den Kopf. Er hoͤrte fast nichts, und war mit seinen Gedanken weit weg; nur, wenn die andern eine Stelle lobten, sagte er auch: das ist vortreflich! ohne zu wissen, wovon die Rede war; nach dem Essen lasen sie weiter fort, und als das Stuͤck geendigt war, sagten sie einander ihre Meynung druͤber. Als Siegwart die seinige auch sagen wollte, so wuste er gar nichts, oder urtheilte ganz verkehrt. — Wo waren sie denn mit ihren Gedanken? fragte Gutfried. Jch weis nicht, was ihm fehlt? fiel ihm Kronhelm ein. Er ist eine Zeit her ganz zerstreut. Siegwart wur- de feuerroth druͤber, und sah nach dem Fenster. — Den ganzen Tag war er ausserordentlich traurig und verdrießlich. Die folgende Woche floß ihm wieder unter Thraͤnen, Seufzern und schwaͤrmerischen Traͤumereyen hin. Kronhelm merkte die Veraͤnderung, die in seinem gan- zen Wesen vorgieng; er spielte oft drauf an; aber doch nahm er sich Acht, weiter deswegen in ihn zu dringen, theils, weil er merkte, daß ihm Siegwart auf alle moͤgliche Art auswich, theils, weil er selbst ei- ne ungluͤckliche Liebe muthmaste, und aus seiner eigenen Erfahrung wuste, wie hart es einem an- komme, seine Leidenschaft einem andern, auch sei- nem besten Freunde zu entdecken. — Der Sonntag, den sich Siegwart so sehnlich herbeygewuͤnscht hat- te, kam endlich wieder. Er eilte, noch vor sieben Uhr, auf den Fluͤgeln der Liebe, nach der Kirche. Sein Maͤdchen war schon da, schoͤn und heiter, wie ein Engel Gottes. Siegwart saß gegenuͤber, und zerfloß fast vor Wonne in dem Anblick ihrer Schoͤnheit. So genau hatte er sie noch nie betrach- tet. Er sah erst jetzt den ganzen Glanz ihrer un- aussprechlichen Anmuth; ihr grosses, kastanienbrau- nes, mit Feuer und edelm Stolz belebtes Auge, uͤber dem sich die schwarzen Augenbraunen maje- staͤtisch woͤlbten; die hohe, offne, heitre Stirne; die so regelmaͤssig gebildete Nase; den sanftesten, anmuthsvollsten Mund; die frischrothen glaͤnzenden Lippen; das runde, weisse, weiche Kinn, von dem sich zwo zarte blaue Adern nach dem weissesten und schoͤnsten Hals hinabschlaͤngelten; das lieblichste Farbengemisch von Weiß und Roth auf den zarten Wangen; und die nicht zu beschreibende Ueberein- stimmung aller dieser Zuͤge; und die himmli- sche Anmuth, die uͤber das Ganze ausgegossen war, und die die Schoͤnheit erst zur Schoͤnheit macht; und das, nicht kuͤnstlich, aber schoͤn aufgethuͤrmte blonde Haar; und das Ebenmaaß der Glieder, und den schlanken hohen Wuchs, und alles, alles, was man sich von einer regelmaͤssigen und be- lebten Schoͤnheit denken kann. Hiezu kam die Andacht, die jede Schoͤnheit noch verschoͤnert, und die offene Freundlichkeit, mit der sie jeden, der bey ihrem Stuhl vorbeygieng, gruͤste. Jhre Kleidung war geschmackvoll, regelmaͤssig, schoͤn, und doch nicht praͤchtig. Jn ihren Haaren steckten Blumen, die Vergißmeinnichtchen vorstellten; ihr Busen war mit Sittsamkeit verschleyert; ihr Gewand von himmelblauer Seide. Sie sah unsern ausser sich gebrachten Siegwart zu verschiednenmalen, und schlug die Augen nieder, wenn ers merkte. Er ward traurig, sobald sie eine Zeitlang nicht nach ihm blickte, und wandte doch sein Auge von ihr weg, sobald sie’s that. Er machte traurige Gebaͤrden, in der Absicht, daß sies merken, und Mitleid mit ihm haben sollte. Als sie weggieng, gieng er auch, und folgte ihr, ungefaͤhr 20 oder 30 Schritt weit, hinter ihr nach. Sie gieng in des Hofrath Fi- schers Haus. Er erschrack druͤber. Gott! wenn der Hofrath ihr Vater ist, dachte er, so ist mein Ungluͤck vollkommen. Wenn der stolze Mann ihr Vater ist, was fang ich an? — Er gieng zu Gutfried, der, wie schon gesagt, dem Hofrath ge- genuͤber wohnte, und eben aus dem Fenster sah, und ihn hinaufrief. Gutsried, der die Fischerin auch liebte, blieb im Fenster liegen, als Siegwart auf das Zimmer kam, und rief ihn, um neben ihm hinaus zu sehen. — Das ist die Fischerin, sagte er, und seufzte, indem sie eben in der Stube nah am Fenster stand, und ihre Kirchenkleider auszog. Sie warf einen Blick heruͤber, und gieng weg, indem sie die beyden Juͤng- linge erblickte. Siegwart zitterte, ward feuerroth, und konnte kein Wort sprechen. Nun wards ihm erst auf Einmal wichtig, und ein Stachel im Herzen, was er schon so lang gewust hatte, daß sein Freund des Hofraths Tochter liebe. Er gieng einigemal im Zimmer auf und ab, wollte gern noch mehr von ihr erfahren, und hielt hundertmal die Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, wie- der zuruͤck. Endlich stieß er hastig und erschrocken die Frage heraus: Es ist wohl ein gutes Maͤdchen, die Fischerin? und lehnte sich ans Fenster, damit sein Freund sein Gesicht nicht sehen moͤchte, denn es gluͤhte. — O, sie ist ein ausserordentliches Frau- enzimmer, sagte Gutfried, zu deren Lob man ei- gentlich nichts sagen sollte, weil man doch immer nur zu wenig sagt, und ich kanns am wenigsten. Jch kenne sie nun uͤber zwey Jahre, und jeden Tag wird sie artiger und schoͤner. Sie hat das Herz eines Engels, das ist alles, was ich sagen kann. — Beyde schwiegen nun wieder eine Zeit- lang, und sahn aus dem Fenster. Sie kam wie- der in ihr Zimmer, weiß gekleidet mit rosenrothen Baͤndern, stellte sich ans Fenster, und sah ein paarmal heruͤber. Dann gieng sie an ihr Klavier, und spielte. Alles, was Siegwart hoͤren konnte, war bezaubernd schoͤn. Er glaubte im Paradies zu seyn, und Harmonien der Engel anzuhoͤren. — Sie spielt ja himmlisch! sagte Siegwart. — O, bey Nacht sollten Sies erst hoͤren, versetzte Gutfried, wenn alles still ist; da weis man nicht mehr, ob man im Himmel, oder auf der Welt ist? — Zu- mal, wenn sie singt. Das ist ein Silberton! Ein … ein … Ach, man kanns nicht sagen! — Sie singt auch zuweilen im Konzert, da koͤnnen Sie sie hoͤren. — Wo? fragte Siegwart hastig. — Jn ihrem Hause, war die Antwort. — Jhr Va- ter hat im Winter alle Wochen Konzert, es wird nun bald wieder anfangen. — Kann man da auch drein gehen? fragte Siegwart. O ja, ant- wortete Gutfried, wenn man nur den Hofrath drum ersucht; zumal wenn man selbst zuweilen mit- spielt. Kronhelm und ich gehen auch drein. — Aber der Hofrath ist so ein stolzer Mann, erwie- derte Siegwart. — Je nu, das muß man uͤber- sehn! versetzte Gutfried. — Und nun hoͤrten sie dem Spiel Marianens — so hieß die Fischerin — wieder zu, und schwam- men beyde in uͤberirdischem Entzuͤcken, und wol- lustreicher Wehmuth. Mariane trat wieder ans Fenster; die beyden zaͤrtlichen Liebhaber traten zu- ruͤck, um sie nicht zu beleidigen, und blickten nur halb durch die Vorhaͤnge durch. Marianens Bru- der kam nun auch ans Fenster. Der schlaͤgt sei- nem Vater nach, sagte Gutfried, und uͤbertrift ihn noch ein Gutes an Stolz und Hochmuth. Der Mensch ist so in sich vernarrt, als ich noch nicht leicht einen gesehen habe. Auf sein rundes, auf- gedunsenes Gesicht thut er sich unendlich viel zu gut. Er bildet sich ein, er sey ein grosser Violin- spieler, und auf der Floͤte gar ein Virtuose, und doch ist er auf beyden Jnstrumenten kaum mittelmaͤssig. Dabey ist er noch auf eine schaͤndliche Art filzig. Was ich ihm aber am wenigsten vergeben kann, ist, daß er seiner Schwester allen moͤglichen Ver- druß anthut. Jmmer neckt er sie und plagt sie. Jch habs schon hundertmal von hier mit angesehn Einmal hat er, mit Huͤlfe seines Bruders, seinen Vater schon so weit gebracht, daß das Maͤdchen ins Kloster sollte, aber sie wehrte sich ritterlich, und ward von ihrer Mutter, die eine trefliche Frau ist, unterstuͤtzt. — Sehen Sie, da kommt die Mutter eben auch. — Dacht ichs nicht? Da faͤngt er schon wieder einen Zank mit seiner Schwe- ster an. Der verteufelte Kerl! — Aber warum gehn Sie denn mit ihm um? Jch traf ihn ja schon ein paarmal bey Jhnen an, sagte Siegwart. — Gutfried zuckte die Achseln. Was muß man nicht alles in der Welt thun, wenn man Absichten erreichen will? Es ist hundsfuͤtisch genug, daß man sich mit solchen Kerls abgeben und ihrer Gnade leben muß! — Siegwart merkte wohl, wo das hinaus wollte, und suchte das Gespraͤch abzulenken. — Und wo ist denn der andre Bruder? sagte er. — Hier in Jngolstadt, versetzte Gutfried; dort droben wohnt er, an der Ecke. Er ist bey einem Kollegio so viel, als Sekretair, und an sich so toll nicht, wie sein Bruder; aber dafuͤr hat er ein Weib, von dem er sich regieren laͤst; und das Weib ist nicht einen Hel- ler werth; ein bigottes Ding, das immer fromm seyn will, und es meiner Seel! nicht ist. Da ist sie immer hinter den Hofrath drein, und will, er soll seine Tochter ins Kloster stecken, und ist doch selbst nicht drein gegangen. Der verfluchte Aber- glauben mit dem Kloster! Es ist, auf meine Ehre! nur auf das Geld angesehen, das Mariane kriegen soll; das moͤchten die feinen Herren Bruͤder thei- len. O, ich hab so viel Mitleid mit dem armen Maͤdchen, daß ich oft toll werden moͤchte. Sie steht erstaunlich viel aus; mich wundert nur, wie sies aushalten kann! Aber sie hat ausserordentlich viel Standhaftigkeit, und ist bey all ihrem sanften Weiberwesen doch ein halber Mann. Koͤnnt ich sie auf meine Seite bringen, ich wollts den Kerls schon sagen! Aber . . . . und hier seufzte Gut- fried, und gieng auf die Seite. — Es wird Essens- zeit seyn, sagte Siegwart. Gutfried sah auf der Uhr nach, und sie giengen mit einander auf Kron- helms Zimmer. Beym Essen wurde Siegwart durch allerley an- dre Gespraͤche etwas zerstreut, und von dem Ge- danken an seine Mariane abgezogen; aber oft stralte das Bild von ihr wieder, wie ein Blitz, in seine Seele, und machte ihn verwirrt, und weh- muͤthig. Sie waren zum Herrn von Dahlmund gebeten, und blieben den Nachmittag und Abend bey ihm. Dieses war ein junger Edelmann von vielen Kennt- nissen, der, waͤhrend seines Aufenthalts in Augspurg viel mit dem jungen Buchhaͤndler umgegangen war, der unserm Siegwart und Kronhelm die Buͤcher zugeschickt hatte. Durch seinen Umgang, und in seinem Laden war er mit unsern besten protestanti- schen Schriftstellern, und besonders Dichtern be- kannt geworden, und hatte auch die meisten mit nach Jngolstadt gebracht. Als er bey Gutfried von Kronhelm und Siegwart, und ihrer Liebe zu den schoͤnen Wissenschaften hoͤrte, so war er nach ih- rer Bekanntschaft sehr begierig; denn sie waren unter den Studenten die einzigen, die in diesem Stuͤcke aufgeklaͤrt dachten. Alle andre Studenten waren roh und unwissend, und groͤstentheils im tiefsten Aberglauben versunken, worinn die meisten Professors, und die Jesuiten am vorzuͤglichsten, sie zu erhalten sich bestrebten. Er hatte viele Buͤcher, die Siegwart und Kronhelm nicht hatten. Also konnten sie hierinn einander aushelfen. Er hatte auch sonst so viel Gutes an sich, und war so gesittet und tugendhaft, daß unsre vier Juͤnglinge sehr bald Freunde wurden, und eine woͤchentliche Zusammen- kunft ausmachten, wovon hauptsaͤchlich die schoͤnen Wissenschaften der Gegenstand waren. Sein Zim- mer lag sehr angenehm, gegen die Donau hinaus. Er bewirthete seine Gesellschaft dießmal mit Wein, der unsre Juͤnglinge ziemlich lustig und offenherzig machte. Siegwarts erhitzte Einbildungskraft brach- te ihn mit der groͤsten Lebhaftigkeit zu seiner Ma- riane. Die Thraͤnen standen ihm oft in den Au- gen. Als Gutfried anfieng, mit Enthusiasmus sie zu loben, muste er weggehn, um seine Bewegung zu verbergen. Er legte sich ins Fenster, und uͤber- sah die Donau, die im hellen Mondschein dahin- rollte. Das mannigfaltige Spiel der Wellen, die da, wo sie auf den Kieseln huͤpften, lauter goldne Sternchen bildeten, erhitzte seine Einbildungskraft, und brachte tausenderley Vorstellungen hervor, die sich alle auf Marianen bezogen. Kronhelm kam zu ihm; schlang seinen Arm um seinen Arm, sah weh- muͤthig mit ihm hinaus, und kuͤste ihn ein paarmal mit nassen und bethraͤnten Wangen. Siegwarts Zaͤhren flossen auch. Ach Bruder, sagte Kronhelm, weist, an wen ich denke? — Was mag jetzt un- sre Therese machen? Denkt sie wohl jetzt auch an dich und mich? — Ja, sie denkt noch oft an dich, sagte Siegwart; sie kann dich nicht vergessen! Du bist ihr zu tief ins Herz gegraben. Jch hoffe, daß du noch mit ihr gluͤcklich werden wirst. Trage nur Geduld! Ohne Hofnung und Geduld muͤsten Q q wir vergehen. — Hier stuͤrzten ihm die Thraͤnen haͤufiger von den Augen. Er sah seinen Kron- helm ein paarmal mit unausprechlicher Zaͤrtlichkeit an. Es war ihm, als ob er dießmal reden, und sein Herz ausschuͤtten muͤste. Aber Furchtsamkeit hielt ihn immer wieder wie eine geheime, unsichtbare Gewalt zuruͤck. Gutfried und Dahlmund kamen, und riefen sie wieder zum Trinken. — Wir wol- len eins singen! sagte Dahlmund, und fieng das Lied von Kleist an: Freund, versaͤume nicht zu le- ben ꝛc. Endlich sangen sie auch das Studenten- lied: Was den Musen soll gefallen ꝛc. das sich schliest: Vivat deine — — hoch! wo zwischen den zwey letzten Worten jeder den Namen eines Maͤdchens singen muß. Dahlmund sang: Elise; Kronhelm: Therese; und Gutfried: Mariane. Nun kam die Reihe auch an Siegwart. Er stund an, und wuste nicht, welchen Namen er singen soll- te? Er entschuldigte sich, er habe ja kein Maͤd- chen. — Ey, du must eins haben, sagte Kronhelm, du bist ja unaufhoͤrlich traurig. Siegwart erroͤthe- te, und wollte sich entschuldigen. — Nun, schon gut! versetzte Kronhelm, wir wissens ja! Sing, was du willst: Susanne, oder Kunigunde! Sieg- wart sang: Susanne! — Diese Rede Kronhelms machte unsern Siegwart noch furchtsamer und zu- ruͤckhaltender. Beym Nachhausegehen begleiteten sie Gutfried, und giengen also bey des Hofrath Fi- schers Haus vorbey, wo noch Licht war. Sieg- wart blickte mit banger Sehnsucht hinauf, und hoͤrte Marianen Klavier spielen und | singen. Er waͤre so gern stehen geblieben, und haͤtte dem Ge- sang zugehoͤrt, aber seine Schuͤchternheit erlaubte ihm nicht, seinen Kronhelm den Vorschlag zu thun. Er gieng also schweres Herzens mit ihm nach Haus. Den andern Tag konnte er erst uͤber alle das nachdenken, was er den Tag vorher gehoͤrt hatte. Der Umstand, daß Mariane des Hofrath Fischers Tochter war, machte ihn sehr traurig; denn da er aus eigener Erfahrung, den stolzen Karakter dieses Mannes kannte, so sah er alle Schwierigkeiten vor- aus, die er haben wuͤrde, Marianen kennen zu ler- nen; und doch war ihm der Gedanke unertraͤglich, sie, die Vollkommenste, die sein Herz so sehr liebte, nie zu sprechen. Jns Konzert sah er auch keine Gelegenheit, zu kommen; er war theils zu stolz, dem Mann, der ihn das erstemal so veraͤchtlich be- gegnet hatte, noch gute Worte deswegen zu geben; theils war er auch, wenn die Liebe diesen Stolz noch uͤberwunden haͤtte, viel zu schuͤchtern in der Liebe, und haͤtte tausendmal gefuͤrchtet, die Absicht, warum er ins Koncert zu kommen wuͤnschte, moͤch- te verrathen werden. Auch Gutfrieds Liebe zu Marianen machte ihn aͤusserst unruhig, obwohl Gutfried bey ihr nicht gluͤcklich zu seyn schien. Aber eben dieses erregte bey ihm auch die Besorgnis, es koͤnnte ihm eben so gehen. — Auf der andern Seite freute ihn das viele Gute, was er von Ma- rianens Denkungsart gehoͤrt hatte, ausserordentlich, und fesselte seine ganze Seele nur noch mehr an sie. Von allen diesen verschiednen Empfindungen ward sein Herz immer mehr zerrissen, und die schmerz- hafte Wunde immer tiefer, so daß er in eine dun- kele und verdrießliche Melancholie verfiel, die ihm oft die ganze Welt, und sich selbst zuwider machte. — Jn andern Stunden machte er wieder Entwuͤr- fe auf Entwuͤrfe, und baute ein Luftschloß nach dem andern auf. Gegen das Ende der Woche erhielt er einen Brief von P. Philipp. Der rechtschaffene Mann fragte ihn darinn unter andern nach seinen theolo- gischen Studien, ob er noch Geschmack daran finde, und sich gewissenhaft aufs Kloster vorbereitete? Diese Frage gab unserm Siegwart einen Stich durchs Herz. Seit dem Anfang seiner Liebe hatte er zwar seine theologische Kollegia immer fleissig besucht, aber zu Hause hatte er sich weniger mit den Wissenschaften, und besonders den theologischen ab- gegeben. Das Andenken an sein Maͤdchen beschaͤf- tigte ihn allein. Er dachte ungern ans Kloster, und entfernte den Gedanken von sich, so bald er sich ihm aufdringen wollte. Jetzt ward er so unvorbe- reitet dran erinnert, daß er davor zuruͤckschauerte. Sein voriger Enthusiasmus fuͤr das Kloster; die Geluͤbde, die er so oft bey sich selbst Gott gethan hatte, dahin zu gehen; P. Anton; sein Vater — alles fiel ihm auf Einmal ein, und bestuͤrmte sein Herz. — Gott! in welchem Jrrgang bin ich! dachte er. Was fang ich an? Was unternehm ich? Dir ungetreu? Dir, dem ich mich widmete? Und die Welt soll mich fesseln? Die Welt, die ich schon so verachtete? — Gott! Gott! — Nein, ich muß es halten, mein Geluͤbde! Muß ins Kloster! — Mariane! Mariane! (indem er umher gieng, und die Haͤnde rang) Welt! Welt! Dich verlassen! Dich und alles! Dich und Marianen! — So dachte er wild und stuͤrmisch hin und her; fuͤhlte sich von allem losgerissen; wuste nicht, woran er sich halten sollte? — Bald betete er, widmete sich ganz Gott; bat ihn um Vergebung, daß er ihm so lang sein Herz entzogen habe! — Bald war seine ganze Seele wieder bey Marianen, hieng an ihrem Blick, und fuͤhlte es, daß nichts auf der Welt im Stande sey, sie von ihr loszureissen. — P. Phi- lipps Brief schloß er ein, damit er ihm nicht zu Ge- sichte kommen moͤchte; er wollte nicht dran den- ken, und dachte doch immer dran. Es graute ihm schon von fern vor der Beantwortung des Brie- fes; aber auch daran mochte er noch nicht denken. So tief wehmuͤthig, wie jetzt, war er vorher noch nie gewesen. Alle Schwierigkeiten, die sich seiner Liebe haͤtten widersetzen koͤnnen, waren ihm leicht vorgekommen; aber diese letzte, gegen die er sich bisher immer eingeschlaͤfert hatte, schien ihm jetzt unuͤber- windlich. Er wuste wohl, daß er, um seines Va- ters willen, nicht schlechterdings gezwungen sey, ins Kloster zu gehen; aber die Verpflichtung, die er Gott schuldig zu seyn glaubte, erschreckte ihn. Er glaubte eine Untreue an ihm zu begehen, wenn er die Welt der Zelle vorzoͤge. — Einigemal beschloß er fest, alle Gelegenheit, Marianen zu sehen, zu vermeiden, und so wenig, als moͤglich, an sie zu denken. — Nur noch Einmal, dachte er dann wieder, muß ich mich an ihrem Anblick weiden, und auf ewig von ihr Abschied nehmen. Nur noch Einmal will ich in die Kirche! — Jn andern Stunden dacht’ er wieder: Sehen kann ich sie doch wohl; das ist keine Suͤnde; nur nie sprechen muß ich sie, und den Gedanken aus der Seele bannen, mich um ihre Liebe zu bewerben, oder auch nur sie zu wuͤnschen. — Nun ward er ruhig, und glaubte, einen herrlichen Ausweg gefunden zu haben; aber, wie wenig kannte er sich selbst! Kaum sah er Marianen am Sonntag wieder, so waren alle seine Entschluͤsse umgestossen, und er dachte nichts, als sie. — Jch kann, ich kann nicht anders! dach- te er; Gott vergeb mirs! Jch bin nicht mein eig- ner Herr mehr! — Die Antwort an P. Philipp machte ihm bey seiner zarten Gewissenhaftigkeit wieder neuen Kummer. Er wollte ihm nicht schrei- ben, daß er noch eben so eifrig und enthusiastisch ans Klostergehen denke, wie vor Zeiten; und noch weniger konnte er ihm seine Abneigung davon, und die Ursache dieser Abneigung melden. Er schrieb also etwas zweydeutig: Die Theologie gefall ihm wohl, aber er hoͤre jetzt noch mehr philosophische Kollegia, als theologische; und das war auch im Grunde wahr. Jetzt vergaß er wieder alles, und ward, von dieser Seite, ruhig. Die Woche drauf kam des Hofrath Fischers Be- dienter zu Kronhelm, als Siegwart eben bey ihm auf dem Zimmer war, und lud ihn zum kuͤnftigen Winterkonzert ein. Koͤnnen Sie mir nicht sagen, setzte er hinzu, wo Herr Siegwart wohnt? Jch soll auch zu ihm. O ja, antwortete Kronhelm; hier ist Herr Siegwart selbst. Der Bediente richtete eine Empfehlung an ihn vom Hofrath Fischer aus, und sagte ihm, der Herr Hofrath wuͤrde ihn auch gern im Koncert sehen, weil er gehoͤrt habe, daß er die Violine und die Floͤte spiele. Siegwart wuste nicht, was er in der Verwirrung antworten sollte? Machte viele Komplimente, und sagte zu. Als der Bediente weg war, sagte er zu Kronhelm. Es ist mir nur halb lieb, daß ich zugesagt habe; der Hof- rath moͤchte glauben, er erweise mir eine grosse Gnade, und Gnaden nehm ich eben nicht gern an. Kronhelm zeigte ihm, daß das Grillen waͤren; man muͤste in der Welt nicht alles so genau neh- men ꝛc. und beruhigte ihn. Jm Grunde freute sich Siegwart uͤber den Antrag sehr; er wollte sich nur recht gleichguͤltig bey der Sache stellen, um de- sto weniger entdeckt zu werden. Am Sonntag sah er seine Mariane in der Kirche wieder; sie ent- zuͤckte ihn immer mehr, und einigemal glaubte er zu bemerken, daß sie Antheil an ihm nehme. We- nigstens waren ihre Blicke oft auf ihn geheftet- und, wenn er bey Gutfried war, sah sie fleissig aus dem Fenster. Am Mittewoch nahm das Konzert seinen An- fang. Siegwart gieng mit schwerem Herzen hin, nachdem er sich vorher sehr sorgfaͤltig angekleidet hatte. Als er in den Saal trat, machte er dem Hofrath ein verwirrtes Kompliment. Dieser war sehr hoͤflich, freute sich, ihn wieder in seinem Hause zu sehen, sagte, daß er viel Gutes von sei- nem Violin- und Floͤtenspielen gehoͤrt habe, und stellte ihn dann seiner Frau, und seiner Tochter, die an der Seite standen, mit den Worten vor: Das ist der junge Herr Siegwart, dessen Vater ein alter Freund von mir ist. Die Mutter, eine Frau von der angenehmsten Bildung, machte ihm ein sehr verbindliches Kompliment. Mariane ver- neigte sich stillschweigend. Siegwart gluͤhte im Gesicht, und buͤckte sich, ohne ein Wort zu spre- chen, sehr tief. Drauf stellte ihn der Hofrath der uͤbrigen Gesellschaft vor, und bat ihn, bey der Symphonie die zweyte Violine mit zu spielen. Siegwart war froh, daß er etwas auf die Seite gehen, und Luft schoͤpfen konnte. Er stimmte seine Violine, und konnte sie, in der Angst, kaum zu Stande bringen. Endlich gieng das Konzert an. Mariane saß unserm Siegwart gegenuͤber. Er machte in seinem Spiel tausend Fehler, und ward noch verwirrter, weil er fuͤrchtete, die Zuhoͤrer moͤchten es merken. Endlich erholte er sich etwas von seiner Verwirrung, und spielte ordentlicher. — Bey einem Floͤtenkonzerte, das Gutfried machte, ruhte er, und lehnte sich an die Wand, Maria- nen gegenuͤber. Er glaubte, bey der schmelzenden Musik, und dem Anblick seines Maͤdchens, das er noch nie so nah bey sich gesehen hatte, zu ver- gehen. Sie saß, in aller ihrer Anmuth, aufs niedlichste und kunstloseste gekleidet, da; ihre Seele war ganz auf die zaͤrtliche Musik gerichtet; sie schien jeden wahren Ton im Jnnersten zu fuͤh- len, und druͤckte oft ihren Beyfall durch eine kleine Bewegung aus. Oft hub sie ihr schoͤnes Aug in die Hoͤhe, und richtete es dann auf Siegwart, der, in uͤberirdische Entzuͤckungen versunken, da stand, und vor lauter Empfindung nichts von dem fuͤhl- te, was um ihn herum vorgieng. Zuweilen drang sich ihm ein tiefer Seufzer aus der Brust, den er aͤngstlich zu verbergen suchte. Selten wagte ers, sie lange anzusehen, weil er von tausend Augen be- merkt zu werden glaubte. Mariane sang dießmal nicht; ein paar andre Frauenzimmer aus der Stadt sangen ziemlich artig. Als das Konzert zu Ende war, so wurden einige Solos und Konzerte auf die kuͤnftige Woche ausgetheilt; Kronhelm uͤber- nahm eins, und auch Dahlmund; aber unsern Siegwart traf noch keins. Eh man auseinander gieng, sprach Kronhelm mit Marianen ziemlich bekannt. Dieß that unserm Siegwart weh, ob er ihm gleich so herzlich gut war. Sonst aber wars ihm, als ob er neu gebohren waͤre. Nun sah er einen frohen, wonnevollen Winter vor sich. Sie alle Wochen Einmal, und des Sonntags in der Kirche zu sehen, war fuͤr ihn ein Gluͤck, das er jetzt nicht groͤsser wuͤnschte. Jhre Blicke schienen ihm auch viel Gutes zu prophezeihen, und das freundli- che Betragen des Vaters fuͤllte ihn mit tausend Hofnungen. Als sie zu Hause waren, sagte Kron- helm: Nun, wie gefaͤllt dir die Fischerin? Jst sie nicht ein herrliches Geschoͤpf, und zum Anbeten schoͤn? — Von Aussehen gefaͤllt sie mir recht wohl, antwortete Siegwart ganz kalt. — Das glaub ich, sagte Kronhelm; aber ihr Herz solltest du erst ken- nen! Wart, ich will schon machen, daß du noch genauer mit ihr bekannt wirst. Da sollst du deine Wunder sehen! O, sie hat ein himmlisches Ge- muͤth! Nach deiner Schwester kenn ich gar kein beßres Maͤdchen. So viel Verstand, so viel Em- pfindung und Gutherzigkeit, so viel Festigkeit der Seele, und edeln Stolz und Unschuld trift man selten beysammen an. Ueberhaupt hat sie mit The- resen sehr viel Aehnlichkeit, nur daß sie kaͤlter scheint, und, wie mir deucht, etwas eigensinnig ist, wenn mans nicht Standhaftigkeit nennen will. Jhre Mutter haft du auch gesehen; das ist eine trefliche Frau, die es selbst nicht weis, wie gut sie ist. Sie ist die Bescheidenheit und Froͤmmigkeit selbst, und liebt ihre Tochter uͤber alles. Man koͤnnte sie fuͤr uͤbertrieben fromm halten, aber bey ihr kommt alles aus gutem Herzen. Siegwart legte sich voll froher Vorstellungen schlafen. Das Versprechen Kronhelms, ihn mit Marianen genauer bekannt zu machen, gab ihm tausend glaͤnzende Aussichten. Er sah eine wonne- volle Zukunft vor sich, und machte tausend Plane von Gluͤckseligkeit. Zwey- oder dreymal gieng er unter allerley Vorwand zu Gutfried, um sie oft zu sehen, und sie stand oft eine Viertelstunde lang am Fenster, und blickte oft heruͤber. Jn der Kir- che sah er sie auch wieder, und erhoͤhte seine An- dacht durch die ihrige. Den naͤchsten Mittewoch eilte er wieder ins Kon- zert. Sie sang bald zu Anfang eine Arie; er stellte sich, fern von ihr, in die andere Ecke des Saals, um unbemerkt ihren Engelston zu hoͤren. Seine ganze Seele war ausser sich, sobald sie an- stimmte. Eine solche Empfindung hatte er in sei- nem Leben nicht gehabt. Jch kann sie nicht be- schreiben. Mitten in dem schmelzenden Gesang machte ihr Bruder, der ihr auf dem Fluͤgel akkom- pagnirte, solche Fehler im Spielen, daß sie ploͤtzlich abbrach, vom Pult weggieng, und sich unwillig auf ihren Stuhl niedersetzte. Unserm Siegwart wars, als ob er aus dem hellsten Sonnenschein mit Einem- mal in die tiefste schauervollste Gruft herabstuͤrzte. Der Bruder sprang hastig auf, lief zu ihr hin, verzerrte sein Gesicht, und machte ihr die kraͤnkendsten Vorwuͤrfe. Sie ward roth, und unwillig. Noch nie hatte sie unserm Siegwart so gefallen; auf den Bruder warf er einen Blick voll Verachtung, und haͤtt ihn in dem Augenblick vor die Stirne schlagen koͤnnen. Endlich kam der Hofrath und seine Frau, und besaͤnftigten den Bruder; aber Mariane ließ sich nicht mehr bewegen, fort zu sin- gen. Sie saß, immer noch roth im Gesicht, mit hingesenktem Blick da, und konnte die Zaͤhren des Unwillens kaum zuruͤck halten. Hierauf spielten Kronhelm, Dahlmund, und ein paar andre, noch Konzerte. Siegwart hieng mit schmachtendem Blick an Marianens niedergeschlagenen Augen. Der Verdruß und Schmerz, der aus ihren Mienen blickte, drang ihm durch die Seele, und lockte ihm auch Thraͤnen in die Augen. Bey Endigung des Konzerts ward unserm Sieg- wart auf den kuͤnftigen Mittewoch ein Violinkon- zert aufgetragen; er uͤbernahm es, ob ihm gleich bange war, sich vor Marianen hoͤren zu lassen. Heut hatte er auf Gutfrieds Betragen sorgfaͤltig Acht gegeben. Er hatte seine Blicke wohl bemerkt, wie sie schmachtend an ihr hiengen, aber Mariane sah ihn nur Ein- oder Zweymal, und dabey ziem- lich gleichguͤltig an. Noch einen andern Menschen, der schon in den dreyssigen zu seyn schien, und den man Rath nannte, sah er oft, und zaͤrtlich nach ihr blicken; aber diesen schien sie noch weniger zu bemerken. Dagegen ward er wegen seines Kron- helms unruhiger, mit dem sie vor dem Weggehen wieder, und, wie er glaubte, sehr vertraulich, sprach. Auch war ihm kein Blick entgangen, den sie auf ihn| richtete; und, als er sein Konzert aus- gespielt hatte, bemerkte er genau, wie sie ihm Bey- fall zuklatschte. Er kaͤmpfte zwar lang gegen sich selbst, ihr und seinem Freunde nicht Unrecht zu thun, zumal da er von dem letzten so gewiß uͤber- zeugt war, daß seine Seele nur allein an There- sen hange. Er machte sich selbst Vorwuͤrfe, daß er gegen seinen liebsten Freund nur der geringsten Argwohn hegen, und nur einen Augenblick unzu- frieden auf ihn seyn konnte; aber seine Empfindung ließ sich nicht unterdruͤcken; sie widersetzte sich sei- ner Vernunft und Ueberzeugung, und beunruhigte ihn sehr. Wenigstens, dachte er, kann doch Ma- riane etwas fuͤr ihn fuͤhlen, wenn gleich er nichts fuͤr sie fuͤhlt. Zu Hause sprachen er und Kronhelm noch uͤber das Konzert. Kronhelm schimpfte sehr auf Ma- rianens Bruder, und bestaͤtigte alles das, was Gut- fried schon von ihm unserm Siegwart erzaͤhlt hat- te. Das Mitleiden, das Kronhelm mit Marianens Schicksal hatte, und das Lob auf sie, in das er aufs Neue ausbrach, machte unsern Siegwart noch unruhiger. Er mochte sich selber dagegen sa- gen, was er wollte, so ließ sich doch sein Herz nicht uͤberreden, billiger zu denken. Er fuͤhlte an- ders, als er glaubte. Am Sonntag drauf gieng Kronhelm mit ihm in die Kirche. Auch das kam ihm verdaͤchtig vor. Aber Mariane kam dießmal nicht. Halb war ihms lieb, halb schmerzlich. Den Montag drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, und nach dieser ein Ball. Kronhelm sagte zu Sieg- wart: Du must auch mit machen, Xaver. Wenn du willst, so will ich bey des Regierungsraths, Os- walds Tochter fuͤr dich anhalten. Sie ist eine Freundin von Marianen. Jch muß die Fischerin fahren; ich hab ihrs schon im Herbst zugesagt. — Ein neuer Donnerschlag fuͤr den liebekranken, schon halb eifersuͤchtigen Siegwart. Nun ward ers ganz. Nichts war im Stande, ihn zu uͤberreden, die Schlittenfahrt mitzumachen. Kronhelm drang lang in ihn, aber endlich ließ er nach. Die Schlitten fuhren bey seinem Haus vorbey. Er sah hinaus. Kronhelm lachte freundlich zu ihm herauf. Ma- riane sah auch herauf, und gruͤste freundlich. Aber dießmal ruͤhrte ihn ihr Gruß nicht; er schlug das Fenster zu, zog sich an, und lief aufs Feld hin- aus. Hier irrte er lang im hohen Schnee herum; zeichnete mit seinem Stock ihren Namen in den Schnee, zernichtete ihn wieder, und sprach viel mit sich selber. Er war halb erfroren, eh ers merkte. Gegen Abend, als er wieder in die Stadt kam, traf er gerade auf die Schlitten. Kronhelm flog an ihm vorbey; er und Mariane gruͤsten. Siegwart nahm den Hut trotzig ab, und setzte ihn wieder tief ins Gesicht. Er gieng auf eine halbe Stunde zu Gutfried, der sich nicht recht wohl befand. Aber er konnte nicht lang an einem Orte bleiben, und gieng wieder nach Haus. Gutfried hatte ihn nach der Schlittenfahrt gefragt; er sagte aber, er wuͤste nichts davon. Der ganze Abend, und die Nacht war ihm eine der traurigsten und quaͤlendsten. Er machte sich tausend ungeheure Vor- stellungen, die, so unwahrscheinlich sie auch waren, seine aufgebrachte Leidenschaft fuͤr wahr hielt. — Jetzt tanzt sie, dachte er; ist von Stutzern und abgeschmackten Kerls umgeben; denkt an ihren ar- men Freund, der hier im Stillen um sie traurt, nicht einen Augenblick; reicht vielleicht meinem gluͤcklichern Freund die Hand, blickt ihn liebeschmach- tend an! — Gott ich kanns nicht aushalten! Mach ein Ende mit mir! — So quaͤlte er sich uͤber eine Stunde mit den schrecklichsten Gedanken. Endlich lehnte er sich matt in seinen Lehnstuhl zuruͤck und schlief ein. Erst nach drey Stunden, R r um halb zwoͤlf Uhr wachte er wieder auf. Sein Licht war ausgegangen. Der Mond schien hell ins Zimmer. Er legte sich ins Fenster, sah ihn trau- rig an, wie er bald hell und klar am Himmel lief, bald wieder hinter leichte Woͤlkchen sich versteckte, und sie golden machte. Eine unaussprechliche Weh- muth uͤberfiel ihn; ploͤtzlich machte er Licht, und schrieb folgendes Gedicht nieder: An den Mond. Heiliger, keuscher Mond! Sieh herab auf meine Leiden! Habe Mitleid, und erbarm dich meiner! Weinend und todtenbleich Seh ich dich, du Kind des Himmels, Ringe meine Haͤnd’, und schmacht in Jammer. Heiliger, keuscher Mond! Ach, ich lieb’, ich lieb’ ein Maͤdchen, Und sie weis es nicht, daß ich sie liebe! Heilig und keusch, wie du, Brennt ihr meine ganze Seele, Alle Heilige und Engel wissens! Aber Sie weis es nicht! — Gott im Himmel, laß mich sterben, Wenn du nicht fuͤr mich den Engel schufest! Noch zwey Stunden blieb er auf, und verfiel aufs neu in aͤngstliche Zweifel wegen seiner Mariane. Er glaubte, er muͤste Kronhelm noch erwarten; aber endlich ward sein Zimmer zu kalt, und er legte sich zu Bette. Kein Schlaf kam in seine Augen, jede Viertelstunde hoͤrte er schlagen. Seine Phantasie arbeitete fuͤrchterlich. Um vier Uhr hoͤrte er endlich die Hausthuͤre oͤffnen, und seinen Kronhelm kom- men. Ein kalter Schauer lief ihm uͤber seine Glie- der. — Gott! — der Gluͤckliche! dachte er; huͤll- te sein Gesicht ins Kissen ein, und weinte. End- lich kam ein kurzer und unruhiger Schlummer. Den andern Morgen, als er ins Kollegium gieng, schlief Kronhelm noch; um eilf Uhr gieng er bey Marianens Haus vorbey. Das Haus war ein Eckhaus; sie sah in die Strasse, durch die Sieg- wart gieng; und als er sich in die andre wendete, sah sie auf der andern Seite auch heraus, ihm nach. Dieß bemerkte er nachher immer, und schloß mit Recht viel Gutes draus. Aber heut war ihm al- les gleichguͤltig, und er fuͤhlte nichts, als Gram und Eifersucht wegen des gestrigen Tages. — Zu Haus kam Kronhelm auf sein Zimmer, und that ganz freundlich. Siegwart konnt’ ihn kaum ansehen, so viel quaͤlende und schmerzende Gedanken bemaͤch- tigten sich auf Einmal seiner Seele. O Bruder- fieng Kronhelm an, gestern waren wir recht froͤlich! Seit ich hier bin, war mirs nie so wohl. Du haͤt- test auch dabey seyn sollen! Jch dachte hundertmal an dich. Die Fischerin hat mich zweymal nach dir gefragt; sie glaubte ganz gewiß, du wuͤrdest auch kommen. Du darfst dir recht was drauf zu gut thun, Bruder! Sie lobte dein Violinspielen sehr, und freut sich auf den Mittewoch, wenn du Kon- zert spielst. — Jch sagt ihr auch, du singest gut. — Das haͤttest du wohl bleiben lassen koͤnnen, sagte Siegwart hastig und verwirrt. Es liegt mir viel dran, was die Maͤdchen von mir denken! Und nun gieng er schneller auf und ab. — Jmmer noch der alte Weiberfeind? sagte Kronhelm. Und nun muß ichs gar entgelten, wenn ich Gutes von dir spreche. Du bist ein wunderlicher Mensch! — Hier brach unserm Siegwart das Herz. Verzeih mir, Bru- der! sagte er, ich bin heut in uͤbler Laune. Es war nicht so boͤs gemeynt. Jch weis nicht, das bestaͤn- dige Stubensitzen macht mich ganz hypochondrisch. Es war warlich nicht so boͤs gemeynt! — Bey mir auch nicht, Bruder, sagte Kronhelm, und nahm seinen Freund bey der Hand. Wir sind ja Freun- de, und du weist, was ich auf dich halte. Du haͤt- test mir auch schon vieles uͤbel nehmen muͤssen. Laß die Grillen fahren! Jch weis am besten, daß man nicht immer aufgeraͤumt ist. Aber ein Wort must du mir erlauben, Xaver! Jch seh wohl, daß das Stubensitzen dir nicht taugt; du solltest dich zerstreuen! drum wollt ich eben, daß du gestern mit gewesen waͤrest! Gelt, bey mir hast du wenig Aufmunterung, dich zu zerstreuen? Jch weis wohl, und es thut mir leid. Aber wer kann fuͤr sein Schicksal? Wenn man so viel Gram im Herzen hat, wie ich, wie kann man da noch froh und mun- ter seyn? Mach dir zuweilen eine Veraͤnderung! — Gut, ich wills thun, Kronhelm! sagte Siegwart zaͤrtlich. Bey der naͤchsten Schlittenfahrt will ich auch seyn! Du must Geduld mit mir haben! Viel- leicht wirds bald besser! — Er gieng auf die Sei- te, und wischte sich die Augen. Kronhelm konnte nichts sprechen, und gieng nach etlichen Minuten auf sein Zimmer, unter dem Vorwand, sich anzu- kleiden, denn sie assen jetzt auf Gutfrieds Zimmer, weil er krank war. — Siegwarts Schmerz brach nun in lautes Schluchzen aus, als Kronhelm weg war. — Gott! was bin ich fuͤr ein Scheusal! dachte er; wie hab ich meinem besten liebsten Kron- helm Unrecht gethan! — Er ist ein Engel, und ich bin ein Teufel! — Ach, ich bin seiner Liebe nicht werth! … Vergib mir, Gott! Vergib mir, Kronhelm! … Ach, ich bin ein Teufel! . . Er meynts so redlich mit mir, und ich bin so treu- los! … Bin so scheuslich undankbar! … Vergib mir, Lieber, wenn dirs moͤglich ist! — Mariane hat nach mir gefragt! … Das ist mehr, als ich verdiene! . . Ach, daß ich so ein schaͤndli- cher Kerl bin! . . Vergib mir, Gott! … Ma- riane, Mariane! O du Engel! . . Wenn ich dei- ner werth waͤre! . . O vergib mir, Gott, daß ich so hart war gegen meinen lieben, sanften, freund- schaftlichen Kronhelm! Jndem kam Kronhelm wieder aufs Zimmer, und sahs noch, wie sein Freund sich die Augen wischte. Er umarmte ihn stillschweigend. Arm in Arm, und Brust an Brust, blieben sie lang so stehen, und giengen endlich mit einander zu Gutfried. Sie trafen ihn sehr bestuͤrzt an. Er hatte einen Brief vor sich liegen, und lehnte sich, mit weinenden Au- gen, uͤber ihn hin. Nun soll ich fort! sagte er. Mein Vater hat mir heut geschrieben. Er ist sehr boͤse, daß ich schon uͤber die Zeit ausgeblieben bin, und droht, mich zu enterben, wenn ich nicht zwi- schen heut und drey Wochen zu Hause sey. Das kostet mich, bey Gott! mein Leben; ich fuͤhls schon. Jch kann an keinem andern Ort seyn, als wo sie ist! Das weis mein Vater, und ich soll doch fort. O, ich moͤchte rasend werden uͤber das verwuͤnschte Schicksal, das mich hieher brachte! Seit ich Ma- rianen sah, hatt ich keinen, ganz frohen, Augenblick, und das dauert nun schon ins zweyte Jahr. Nun soll ich gar sie nicht mehr sehen. Das einzige, was mich bisher noch erhalten hat; sonst waͤre ich laͤngst todt. — Sagt, was fang ich nun an? Beydes ist gleich schrecklich: Ohne sie seyn, und von seinem Va- ter enterbt und verflucht werden. Er haͤlt Wort; ich kenn ihn schon. — Nun rathet mir! Sieg- wart und Kronhelm zuckten die Achseln; keiner wu- ste, was er sagen sollte? — Nicht wahr, sagte er, ihr koͤnnt mir auch nicht rathen? Und wie solls nun ich? — Das beste ist, daß es nicht mehr lang waͤhrt! Es steckt mir so schon etlich Tage her ein Schelm im Leib. — Nur das Weggehn, davor graut mir! Jch wollt mir lieber jetzt gleich eine Kugel vor den Kopf schiessen lassen; so waͤrs doch mit Einemmal aus! — Gleich in drey Wochen weg! Das laͤst sich kaum denken, geschweige thun. Kronhelm und Siegwart troͤsteten ihn, so gut sie konnten; aber alles half nichts. Er war viel zu heftig. — Jhr seyd nicht klug, sagte er, wenn ihr mit Worten etwas auszurichten glaubt! Da, da, (auf die Brust zeigend) sitzt es. Jhr muͤst mir erst dieses Herz aus dem Leibe reissen; dann wirds besser! Jch weis, was ich schon seit Jahren her um sie geduldet habe, da sie mich nicht Einmal an- sah, wie ichs wuͤnschte. Blos an ihrem Anblick hab ich mich geweidet; der erhielt mich noch; aber nun ists aus mit mir. Zwar bleib ich hier, das hab ich schon beschlossen; aber der Fluch meines Vaters, den ich lieb und ehre — denn er ist ein braver Mann — der wird mich toͤdten. — Und ich wette, er laͤst mich mit Gewalt wegholen, wenn ich nicht komme; er wollts schon vor einem halben Jahr thun, da hielt ihn meine Mutter noch zuruͤck. Nun ist sie todt, und kein Mensch auf Erden kann ihn halten. — O, ich bin ein Ungluͤckskind! — Mit diesen Worten schlug er sich vor die Stirne, daß es wiederhallte. — So rasend hab ich dich noch nie gesehen; sagte Kronhelm; mir ist bang fuͤr dich. — Mir auch; fiel Gutfried ein. So toll wars aber auch noch nie! Jch weis, wie mirs war an Ostern, als ich nur acht Tage von ihr weg war; und nun auf mein ganzes Leben! O, ich halt es nicht aus! Wenn nur das Gift, das ich in mir fuͤhl, bald um sich griffe, und Mark und Knochen aufzehrte! Es waͤr ja Wohlthat, wenn gleich das Sterben ohne sie auch schrecklich ist. Aber nach dem Tod hoff’ ich doch Linderung. Kronhelm und Siegwart redeten ihm zu, sich doch selbst zu schonen, und kein Selbstmoͤrder zu wer- den! — Das werd ich auch nicht, sagte er, dazu hab ich zu viel Christenthum, und weis, daß es Suͤnde ist. Aber, lieben Leute! ich hab mir ja den Schmerz, der mich aufzehrt, nicht selbst ge- macht! Jch stritt lang, und wollte sie vergessen, als sie gar nichts von mir hoͤren wollte. Aber der verschloßne Gram wuͤthete nur heftiger in mir, und leckte allen Lebenssaft hinweg. — Jetzt kannst du aber nicht reisen, sagte Kronhelm; du siehst gar zu elend aus. Jch will deinem Vater schreiben, daß du krank bist, oder selber die acht Meilen zu ihm reiten. Vielleicht sieht ers doch ein, und gibt nach. — Thu das, Bruͤderchen! sagte Gutfried; Gott segne dich fuͤr diesen Einfall, und fuͤr deine viele Freundschaft! Jch werd dirs nicht mehr lang verdanken koͤnnen; aber einst im Himmel will ichs thun, wenn mir Gott barmherzig ist, und mich zu sich nimmt. — Kronhelm versprach, morgen hin- zureiten, wenns nicht besser werde. Und nun ward Gutfried etwas ruhiger. Doch aß er nicht mit, und beklagte sich uͤber innerliche Hitze. Siegwart hatte mit seinem Zustand vieles Mitleid, und zit- terte vor gleichem Schicksal. Nach Tische muste er ins Kollegium gehen. Gegen Abend kam er wieder hin. Gutfried beklagte sich sehr uͤber Kopf- weh, und innre Hitze, und muste sich zu Bette le- gen. Kronhelm, der Gefahr befuͤrchtete, erbot sich, diese Nacht bey ihm zu bleiben und zu wachen. Siegwart kann dann morgen da bleiben, wenns noͤthig ist, sagte er, weil ich morgen weg reite. Siegwart gieng nach Haus, und machte sich wegen seines Betragens gegen Kronhelm neue Vorwuͤrfe. Er weinte uͤber seine Thorheit, die ihn auf seinen besten Freund eifersuͤchtig machte, und zu einem so lieblosen Betragen verleitete. Nach vielen Seuf- zern entschloß er sich recht fest, sich kuͤnftig vor die- sem schrecklichen und thoͤrichten Verdacht in Acht zu nehmen, und weder sich, noch seinen edeldenkenden Freund mit einem so ungegruͤndeten Verdacht zu quaͤlen. — Dann uͤberließ er sich ganz dem suͤssen, und schmei- chelnden Gedanken, daß sich Mariane nach ihm erkundigt habe, und zog tausend gute Vorbedeu- tungen draus her. Er aͤrgerte sich, daß er aus blossem Eigensinn und naͤrrischer Verblendung den Ball und die Schlittenfahrt nicht mit gemacht hat- te, und wuͤnschte sehnlich eine so herrliche Gelegen- heit, Marianen kennen zu lernen, bald wieder. Den andern Morgen kam Kronhelm nach Haus, und sagte, daß ihm Gutfried gar nicht gefalle. Es scheine eine schwere Krankheit im Anzug zu seyn. Siegwart fand ihn auch am Mittag um ein gutes kraͤnker, als gestern. Den Nachmittag ritt Kronhelm weg, und versprach, in hoͤchstens vier Tagen wie- der zu kommen. Siegwart blieb bis fuͤnf Uhr bey Gutfried. Dann gieng er nach Haus, um sich anzukleiden, und sein Konzert noch vorher zu spie- len. Nach dem Konzert, versprach er, wieder zu kommen, und bey ihm zu wachen. Er gieng mit ziemlichem Herzklopfen ins Kon- zert, weil ihm bange war, sich vor Marianen hoͤ- ren zu lassen. Sie saß ihm gegenuͤber. Anfangs spielte er sehr aͤngstlich; aber der Beyfall, den sie ihm durch ihre Aufmerksamkeit, und einige Be- wegungen mit dem Kopf zu geben schien, befeuer- te ihn auf einmal, daß er beym Allegro wild in seine Saiten stuͤrmte, und die Herzen aller Zuhoͤ- rer zur Bewunderung hinriß. Er sah ihr die Freude und das Wohlgefallen an, das sie druͤber hatte, und trieb die Kunst immer hoͤher. — Auf Einmal sank er, im Adagio, in den tiefsten Klage- ton herab. Seine Violine sprach; jeder Ton ward eine Sylbe. Sein ganzes Spiel ward die ruͤhrendste Klage, und das wehmuͤthigste Selbstgespraͤch. Sein eignes, liebekrankes Herz schien, es zu halten. Alles lauschte auf dem Saal, kein Laut ward ge- hoͤrt; jeder hielt den Athem an sich; aus jedem Herzen wollt’ ein Seufzer aufsteigen, der nur muͤhsam zuruͤck gehalten wurde. Mariane saß in tieser Wehmuth da; senkte ihr thraͤnenvolles Aug zur Erde, blickte schmachtend wieder auf, und ward vor heftiger Empfindung blaß. Dann warf sie einen Blick, aus dem die ganze Seele sah, auf Siegwart; er fieng ihn auf, stieg in einem Lauf bis auf die hoͤchste Hoͤhe, daß die Seele mit hin- auf stieg, und staunte; senkte sich herab, und preste aus jeder Brust ein Ach! voll Schmerz und Be- wunderung. Jede Hand war aufgehoben, ihm den waͤrmsten Beyfall zuzuklatschen; Mariane war die erste, die es that. Er verneigte sich gegen sie, und gegen die uͤbrige Gesellschaft, und gieng auf die Seite, um sich wieder zu erholen, und den Schweiß vom gluͤhenden Gesicht zu wischen. Jm ganzen Saal entstand ein freudiges Gemurmel; jedes Herz theilte dem andern seine staunende Be- wunderung mit; jeder Zuhoͤrer sah auf ihn, und war bewegt. Der Hofrath Fischer kam, druͤckte ihm die Hand, und dankte ihm. Auch der Engel Mariane kam — ihr Siegwart zitterte. — Sie habens unaussprechlich gut gemacht, sagte sie; ich dank Jhnen aus dem vollsten Herzen. Sie brin- gen Toͤne aus der Violine, die ich niemals drinn gesucht haͤtte. O, Jhr Adagio war goͤttlich! — Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblich zaͤrtlichen Blick an; er ward feuerroth, schlug die Augen nieder, und wagt es nicht, sie anzusehen. Er stund da, und konnte sich kaum halten; jedes Auge, glaubte er, bemerk ihn. — Wo haben sie denn heut den Herrn von Kronhelm gelassen? fieng sie wieder an. — Diese Frage riß ihn wieder etwas aus der schrecklichen Verlegenheit, in der er sich gewiß verrathen haͤtte. Er ist . . sagte er, und hub die Augen wieder auf; er ist … ausgeritten . . weil Herr Gutfried krank ist … weil ers seinem Va- ter sagen will. Drauf erkundigte sie sich nach Gutfrieds Umstaͤnden. — Werden Sie nicht auch einmal eine Schlittenfahrt mitmachen? fragte sie endlich. O ja! war seine Antwort, sobald wieder Gelegenheit da ist — ploͤtzlich fuhr der Gedanke, wie ein Blitz, durch seine Seele: Sollt ich sie wol bitten, mit mir zu fahren? Jndem er noch zweifelte, und eben etwas sagen wollte, kam Ma- rianens Mutter, machte ihm ein ausserordentlich ver- bindliches Kompliment, und lobte ihn mit vieler Waͤr- me wegen seines Spiels. Jndem kamen noch andre, die ihn auch mit Lobspruͤchen uͤberhaͤuften; man hielt sein Erroͤthen fuͤr Bescheidenheit, und er konn- te nun Marianen, die noch bey ihm stand, weit freyer ansehn, und ihre unaussprechlich regelmaͤssige Zuͤge, ihr hellglaͤnzendes Aug, und die feinste weiße Haut bewundern. So wohl und bang, wie in diesem Augenblick, war ihm noch nie gewesen. Waͤhrend daß noch jedermann um den begluͤck- ten Siegwart herum stand, klopfte endlich Maria- nens Bruder, der schon laͤngst vor Eifersucht ge- gluͤht hatte, voll Verdruß auf die Violine, um die Spieler zusammen zu rufen, und fieng ein Kon- zert zu spielen an. Er machte es nicht ganz schlecht; aber nach Siegwart konnte man ihn kaum mehr hoͤren. Als er ausgespielt hatte, klatschte niemand Beyfall. Dieß verdroß den stolzen Knaben sehr, und machte ihn unserm Siegwart, den er schon vorher beneidet hatte, noch aufsaͤtziger. Nach dem Konzert gieng Siegwart nach Haus, um sich umzukleiden. Anfangs wuste er sich vor Freuden uͤber Marianens Beyfall kaum zu fassen. Nach und nach kamen ihm wieder Grillen und aͤngstliche Gedanken. Er dachte: Das alles konnte sie wol sagen, ohne dich zu lieben. Sie sprach nur mit dir, um sich nach Kronhelm zu erkundi- gen. Sie kann ihn lieben, wenn ers auch nicht weis. Er ist unschuldig, aber was hab ich davon? So lang sie sich nicht deutlicher erklaͤrt, und von meiner Liebe weis, so lang ists nichts, u. s.w. Un- ter solchen traurigen Gedanken, die die erste Liebe, solang sie nicht Gewißheit hat, tausendmal in der Brust des Liebenden erzeugt, gieng er zu Gut- fried, um bey ihm die Nacht uͤber zu wachen. — Er war jetzt etwas muntrer. Diesen Abend, sagte er, hatt ich einen harten Kampf. Jch be- kam eine Art von Fieber, und die schrecklichsten Phantasien aͤngstigten mich wol eine Stunde lang. Jetzt ist mirs ganz leicht. Setzen sie sich zu mir her, ans Bette! Siegwart thats. Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Ha- ben Sie sie heut gesehen? Hat sie gesungen? — Gesehen hab ich sie, antwortete Siegwart; aber gesungen hat sie nicht. Sie erkundigte sich bey mir nach Jhnen. — Hat sie das? rief Gutfried hastig, und richtete sich im Bett auf. O der En- gel! Jch muß sie anbeten, ob ich gleich gewiß weis, daß sie ewig nicht die meine wird. — Er legte sich langsam wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu ver- danken! Jch war ein liederlicher Kerl, eh ich sie habe kennen lernen. Gott vergeb es mir! Jch ward verfuͤhrt. Als ich hieher kam, wust ich noch gar nichts von der Welt. Sechs Jahre hatt ich in einem Jesuiterkloster gesteckt; muste da die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht, beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, sah ich sie selber mit den Fuͤssen treten. Wie ein Sklave war ich einge- schraͤnkt, und durfte keinen Schritt thun, ohne Vorwissen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, so hielt ich alles, was ich sah, fuͤr wuͤnschenswuͤrdig, und schmachtete in meinem Kaͤficht wieder desto mehr darnach. Als ich nun hier ankam, und der Freyheit ganz genoß, nach der ich mich so laͤngst gesehnt hatte, da glaubt ich, um mich schadlos zu halten, und das Versaͤum- te wieder einzuholen, muͤss’ ich nun der Freyheit ganz geniessen, und alles mitmachen. Freyheit und Ausgelassenheit hielt ich fuͤr einerley. Alles, was ich sah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel drauf hin, wie ein Geyer auf den Raub, und glaubte mich nie saͤttigen zu koͤnnen. Sie wissen, wozu der naͤrrische Begriff von Universitaͤtsfrey- heit verleitet. Zu allem Ungluͤck waren damals hier die allerschaͤndlichsten Gesellschaften, in denen Gewissen und Vernunft durch Zoten und Unflaͤ- thereyen uͤbertaͤubt, und durch unmaͤssiges Saufen geschwaͤcht, oder gar getoͤdtet wurden. Da gieng ein jeder hin, und that, was ihm gefiel. Mein Trost ist noch, daß ich niemals Freundesblut ver- gossen, und nie eine Unschuld verfuͤhrt habe. Da- vor hat mich Gottes Gnade noch bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuschreiben. Jch waͤr bey meinem tollen, heftigen Temperament, und bey meinen Grundsaͤtzen zu allem faͤhig gewesen. Zweymal ward ein Freund in meiner Gegenwart erstochen; ich seh noch ihr Blut mit Schrecken rauchen. Dem Boling, der sonst noch weit schlechter war, wie S s jetzt, hab ich zweymal das Leben gerettet. Der Um- gang mit liederlichen Menschern entkraͤftete mich so, daß ichs jetzt noch fuͤhle; und ich haͤtte mich zuletzt ganz zu Schanden gerichtet, wenn nicht der Engel Mariane, wie vom Himmel herab, gekom- men waͤre. Das erstemal sah ich sie auf einem Ball wo mich Dahlmund mit Gewalt hinschleppte; denn es gieng mir da viel zu ehrbar zu. Sie sehn, und weg seyn, war Eins! Aber, Gott! was das fuͤr eine Empfindung war! Jch bebte, wie ein Suͤn- der, der vor Gott steht, und schaͤmte mich vor mir selbst. Anfangs wagt’ ichs kaum, sie anzusehen, denn es war, als ob sie mich durchblickte, und den schlechten Kerl in mir entdeckte. Aber weg war ich ganz, und konnt auf der Welt an nichts mehr denken, als an sie. Alles war mir ekelhaft; ich haͤtt in das Lumpengesind und meine liederlichen Saufbruͤder spucken moͤgen! Sie lachten mich aus, als ich nicht mehr mitmachte, ich ließ sie la- chen. Jch blieb allein, aͤrgerte mich uͤber mein ver- gangnes Leben, und schmachtete um Marianen. Daß sie mich lieben sollte, konnt’ ich noch nicht wuͤnschen, denn ich kannte mich selbst zu gut, was ich fuͤr ein Kerl gewesen war; ob gleich jetzt jeder Schatten von Begierde aus mir weg wich. — Aber sie war doch fuͤr mich zu heilig; ich sah zu ihr hinauf, wie zu der Mutter Gottes, und wuͤnschte nichts, als einen einzigen Gnadenblick von ihr. Jch kriegte sie selten zu Gesicht. Einmal sah ich sie, an Allerheiligen, in der Kirche. Jhr Aug und Herz betete voll Andacht. Nun wagt ichs auch zum er- stenmal wieder, meine Augen aufzuheben, und Gott um Erbarmung anzuflehen. Jhre Andacht gab der meinen Muth und Fluͤgel. Es war mir, als ob ein Stral von goͤttlicher Barmherzigkeit sich in mein Herz herab senkte, und es staͤrkte. Mir ward so wohl, daß ich weinen konnte. Dieser Augenblick bleibt mir unvergeßlich; er ist der Anfang meines wahren Gluͤcks. Jch ward nun wirklich fromm, denn ich handelte nach Grundsaͤtzen. Zu Haus warf ich mich nun nieder, und zerfloß in Thraͤnen. Das Gefuͤhl der goͤttlichen Begnadigung goß sich wieder durch mein Herz; ich las auch in der Bi- bel, und ganz anders, als im Kloster ehmals. Jhre Kraft, und der heilige Gedank an Marianen unter- druͤckte, oder maͤssigte meinen wilden, unbaͤndigen Karakter; obgleich noch — das weis der liebe Gott — unendlich viel davon zuruͤck blieb; denn oft will es wieder in mir aufbrausen, und ich habe gnug mit mir zu kaͤmpfen. Mit meiner Besserung keimte auch der Wunsch auf, Marianens Herz zu gewinnen. Jch konnte mich ihr nun eher ohne Zittern nahen, denn ich fuͤhlt es, daß ich besser war. Jm Konzert hatt ich Gelegenheit, mit ihr bekannt zu werden. Sie begegnete mir immer freundlich und gefaͤllig; aber niemals hab ich einen Funken von Liebe an ihr wahrgenommen. Jch fuͤrchte, sie weis meinen vorigen Lebenswandel, und kann des- wegen kein rechtes Zutrauen zu mir haben. O Freund, dieß ist die groͤste Strafe meiner schaͤndli- chen Verblendung! Diese, und daß ich einen aus- gemergelten Koͤrper davon getragen habe, der mich wohl in wenig Wochen oder Tagen ins Grab stuͤr- zen wird. Daß mir Gott vergeben habe, hoff ich um der Leiden seines Sohnes willen, sonst muͤst ich gar verzweifeln. — Jch beschwoͤre Sie um Gottes willen, theurer Freund! Sie sind noch jung, und mancherley Verfuͤhrungen ausgesetzt. O behalten Sie ihr Herz rein! Sie wissen nicht, was das fuͤr ein Kleinod ist, denn ich hoffe, daß Sies nie verloh- ren haben. Glauben Sie mir, daß beym Laster nichts als Unruh ist, und Hoͤllenreue hintennach. Jch schwoͤr Jhnen, daß ich nicht nur jetzt so rede, weil ich krank bin, und den Tod naͤher vor Augen seh, als Sie. Jch hab in gesunden Tagen eben so gedacht, und bin wahrhastig uͤberzeugt, daß nichts auf der Welt ganz gluͤcklich macht, als Kenntniß und Ausuͤbung unsrer heiligen Religion, und Recht- schaffenheit, und Reinigkeit des Herzens. Jch hab alles versucht, bin alles gewesen, Religionsveraͤch- ter, Spoͤtter, Zweifler, Taugenichts, und Christ, und nichts hat mich beruhigt, als das letzte. — Noch einmal, ich beschwoͤre Sie, Freund! bleiben Sie auf dem guten Wege, auf dem Jhnen so wohl ist! Bleiben Sie ein rechtschaffener Mann, ein Christ! Denken Sie an meine Worte! Jch bin jetzt gluͤcklich, und waͤrs noch mehr, waͤr ich immer gut geblie- ben. — Hier konnte der geruͤhrte und entkraͤftete Juͤng- ling nicht mehr reden. Ein heisser Strom von Thraͤnen stuͤrzte ihm aus den Augen, er schluchzte, und verhuͤllte sein Gesicht ins Kissen. — Siegwart konnte sich nicht laͤnger halten; das Herz brannte ihm im Leibe. Thraͤnen schossen uͤber seine Wan- gen; er lief weg ans Fenster, und schluchzte laut. — Gott, erhalt mich fromm und rein! Mehr konnte er nicht seufzen; aber ihm wars, als ob er Gott von Angesicht zu Angesicht erblickte, und gewiß waͤre, daß er bleiben wuͤrd’ in seiner Reinigkeit und Unschuld. Erst nach etlichen Minuten gieng er wieder aus Krankenbette. Gutfried gab ihm seine Hand. Lieber Freund, sagte er mit sanfter Stimme, wir koͤnnten so viel reine Freuden auf der Welt genies- sen, daß wir solcher Ausschweifungen nicht noͤthig haͤtten. Wie viel frohe himmlische Abende gab uns, dieses letzte halbe Jahr, die Freundschaft! Gott! wie sassen wir oft so vergnuͤgt zusammen, und fuͤhl- tens erst am Ende, daß die Zeit so schnell verstri- chen war. Welche reine, unverfaͤlschte Freuden gab uns die Musik! Wie erhub sie unser Herz zu himm- lischen Empfindungen; zu Entschluͤssen, etwas Gros- ses und Edles fuͤr die Welt zu thun. Wie erquick- te sie uns nach unserm Studieren! Am Abend wars uns, als ob wir den ganzen Tag in reiner Wollust zugebracht haͤtten. Und die schoͤnen Wis- senschaften! — Jhnen verdank ich, naͤchst der Liebe zur Tugend und zu Marianen, mein verfeinertes, veredeltes Gefuͤhl am meisten. Jch liebte Maria- nen, und durch sie, die Tugend schon eine geraume Zeit; aber in meinem aͤusserlichen Wesen war im- mer noch viel Rohes und Unbehagliches. Nun sah ich bey ihr einmal ein Buch von Kronhelm liegen; es waren Kleists Werke. Jch sah hinein; und es gefiel mir. Mariane lehnte mir das Buch mit Kronhelms Vorwissen. Freund! wie war mir das so neu! Wie viele, vorher nie gefuͤhlte Empfin- dungen fuͤllten da mein Herz! Wie ward es oft zur Anbetung des Schoͤpfers hingerissen! Jch sah nun die Natur mit ganz andern Augen an. Jede Blume, jeder Vogel, jede schoͤne Gegend ward mir wichtiger, und lehrte mich den Schoͤpfer im Geschoͤpf bewundern. Mein Herz ward reizbarer und em- pfindlicher fuͤrs Gute und fuͤrs Schoͤne. Jch sah die Harmonie der Schoͤpfung, trug sie auf meine Handlungen uͤber; schaͤtzte sie im Leben und der Denkungsart andrer Menschen mehr; sah bey mir selbst mehr auf aͤusserlichen Anstand; und ward ge- gen jedes Elend mitleidig. Sein Gespraͤch ward durch die Ankunft Bolings unterbrochen. Dieser erbot sich, mit Siegwart zu wachen, damit der Eine etwas schlafen koͤnnte, waͤh- rend daß der andre wachte. Unser Siegwart er- waͤhlte die Vormitternacht zum Wachen, denn er sah beym Hofrath Fischer Licht, und hoffte, seine Mariane noch einmal zu sehen. Als Gutfried etwas einschlummerte, setzte sich Boling in den Lehnstuhl, um zu schlafen, und Siegwart legte sich ins Fenster, ob er Marianen nicht erblicke? Ein paarmal sah er etwas am Fenster hin und her gehn, aber er konnte nicht genau unterscheiden, ob es sie sey, oder ihre Mutter? Er war halb freudig, und bald traurig; bald fuͤrchtete er alles Traurige, und hoffte dann auf Einmal wieder nichts als Gu- tes. So stand er, in suͤsser Wehmuth, und voll schwaͤrmerischer Entwuͤrfe eine ganze Stunde da. Endlich hoͤrte er das Klavier anstimmen, riß das Fenster eilig auf, und lauschte, daß er kaum zu ath- men wagte. Erst spielte Mariane eine ernsthafte, langsam gehende Phantasie; dann eine schmelzend zaͤrtliche Sonate, und endlich einen feyerlichandaͤch- tigen Choral, und sang dazu. Siegwart kam uͤber den empfindungsvollen Ton ihrer Silberstimme ganz ausser sich, daß er kaum mehr wuste, wo er war. Er hatte tausend Empfindungen, deren er sich kaum selbst bewust war, und die sich erst nach und nach entwickelten, als sie lange schon schwieg. Er lag noch lang im Fenster, als ob er ihr zuhorchte, ob sie gleich schon das Licht ausgeloͤscht hatte. Endlich ward er wehmuͤthig, setzte sich an den Tisch, und schrieb, als er Dinte und Papier vor sich sah, folgen- des Gedicht nieder: Alles schlaͤft! Nur silbern schallet Marianens Stimme noch! Gott! von welcher Regung wallet Mein gepreßter Busen hoch! Zwischen Wonn’ und bangem Schmerz Schwimmt mein liebekrankes Herz. Schwind, o Erde! Laß mich fliegen Zu des Hochgelobten Thron; Mich mit ihr im Staube liegen, Seufzen mit in ihren Ton: Gott, du hoͤrst es, was sie fleht; Acht’ auch mit auf mein Gebet! Daß ich lang um sie mich quaͤle, Jst der Holden unbewust; Send’, o Gott, der frommen Seele, Lieb’ und Mitleid in die Brust! Waͤr’ ihr nur mein Leid bekannt, Waͤr’ auch meine Qual verbannt. — Gott! ich seh den Himmel offen! Freud und Leben winken mir! Daß mein Herz darf wieder hoffen, Mariane, dank ich Dir. Sing, und zaubr’, o Saͤngerin, Ganz ins Paradies mich hin! Siegwart saß noch eine Stunde da, und uͤber- ließ sich seiner Phantasie, als endlich Boling auf- wachte, um ihn abzuloͤsen. Gutfried schlief sehr aͤngstlich, und unruhig; fuhr oft auf, und sprach oft mit sich selbst. Sie befuͤrchteten den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, das der Arzt den Abend vorher ziemlich deutlich vorausgesagt hatte. Bo- ling versprach, unsern Siegwart sogleich zu wecken, wenn die Krankheit steigen sollte, und nun schlief er im Lehnstuhl ein. Vor Tag weckte ihn Boling durch einen heftigen Schrey auf; denn Gutfried hatte angefangen, zu phantasiren, war aus dem Bett gesprungen, und hielt ihn an der Kehle fest. Laß mich los! rief Gutfried, reiß mich nicht von Marianen, Vater! sonst erwuͤrg ich dich! Sieg- wart sprang hinzu, und riß ihn endlich mit aller Gewalt von Boling weg. Sie hatten Muͤhe, ihn ins Bett zu bringen; seine Augen funkelten und roll- ten fuͤrchterlich; der weisse Schaum stand ihm zwi- schen den Zaͤhnen; er klammerte sich mit den Haͤn- den fest an, wenn er was zu fassen kriegte, und hatte fast uͤbermenschliche Staͤrke. Endlich brach- ten sie ihn doch wieder aufs Lager. Er sprach un- aufhoͤrlich fort, zankte sich mit seinem Vater, glaub- te zuweilen, den boͤsen Feind vor sich zu sehen, lachte fuͤrchterlich laut, und weinte dann wieder, wie ein Kind. Sein Zustand drang seinen beyden Freunden tief ins Herz, daß sie sich mit Thraͤnen, und mit Seufzern ansahen. Einmal hielt er ein langes, ruͤhrendes Gebeth an die Mutter Gottes, richtete sich auf, hub die Haͤnde in die Hoͤhe, nann- te sie zuweilen Mariane, und sank entkraͤftet wieder aufs Bett zuruͤck. Siegwart und Boling wusten sich kaum mehr zu helfen. Nach dem Arzt konn- ten sie nicht gehen, weil keiner sich, allein bey ihm zu bleiben, getraute, und im Hause schlief noch je- dermann. Sie warteten mit Sehnsucht auf den Morgen. Endlich brach er an. Sie schickten ei- ligst nach dem Arzt. Dieser zuckte die Achseln, verordnete eine Aderlaͤsse, und versprach wenig Hofnung. Nach dem Aderlassen ward der Kranke etwas ruhiger, und schlummerte ein wenig ein. Zwey Stunden nachher wachte er mit grossem Schreyen wieder auf, riß die Binde von der Ader weg, und verblutete sich, eh man ihm beykommen konnte, so, daß er in eine Ohnmacht sank. Der Arzt, der herbeygerufen wurde, brachte ihn, nach vieler Muͤhe wieder zu sich selbst. Er war so matt, daß er kaum reden konnte. So lag er den ganzen Tag da, und erholte sich erst gegen Abend wieder etwas. Siegwart kam keine Viertelstunde von seinem Bette. Auf sein Verlangen muste er ihm die letzten Reden Jesu im Johannes, und Se- midas Selbstgespraͤch im vierten Gesang der Mes- siade vorlesen. Beyde waren sehr geruͤhrt. Der Kranke hub seine Augen in die Hoͤhe, und sagte: Segen dem Manne, der die Heiligkeit der Liebe so tief gefuͤhlt hat! Wohl dem, der, wie er, fuͤhlt! Dann betete er still zu Gott; rief einigemal laut: Gnade mir, Erbarmer! und dann weinte er. Seg- ne Marianen! sprach er leiser. Gib ihr einen Mann, der fromm und rein liebt! Den ganzen Tag uͤber lag er matt da; seine Kraͤfte nahmen sichtbar ab. Gegen Abend schien sein Ende nahe. Lieber Siegwart, sagte er: Ver- sichern Sie meinen Vater meiner Liebe, meines Danks, und meiner Reue! Sagen Sie ihm, daß ich Marianen liebte; daß ich durch sie fromm ward, und nun freudiger zu Gott geh! Jch wollt ihn durch mein Aussenbleiben nicht betruͤben. Eine innre, unbekannte Kraft hielt mich zuruͤck. Es war mehr, als Liebe. Jhr zu widerstehen, war mir unmoͤglich. Sagen Sie ihm alles, alles! — Nach einigem Schweigen fuhr er fort: Noch einmal, um Gottes willen, lieber Siegwart, be- wahr das im Herzen, was ich gestern sagte! .. Laß dich nicht verfuͤhren! … Bleibe dir und Gott treu! … Sags auch Kronhelm! … Dank ihm! … Siegwart konnte nichts, als weinen. Auf Ein- mal entstand im Haus unten ein Lerm. Das will ich sehen, obs so schlecht ist? rief eine rauhe Stim- me. Er soll und muß mit mir fort, der Unge- rathene! Jndem stuͤrzte Gutfrieds Vater in das Zimmer, Kronhelm hinter ihm drein, und aufs Bette zu. Heh! Kerl! rief der Vater, und schuͤttelte seinen Sohn. Ploͤtzlich, als er seinen Sohn im Todesschweisse sah, blieb er wie erstarrt stehn. Mit der einen Hand hielt er seinen Sohn, und die andre hub er in die Hoͤhe. — Was ists? sagte er, mit zerstoͤrten Blicken, zu Siegwart. Will er sterben, oder ist er schon? — Karl! und nun schuͤttelte er ihm die Hand; um Gottes willen, Karl! du lieber Karl! Was ists? — Der jun- ge Gutfried hub seine Augen auf; eine Thraͤne glaͤnzte drinn, und schloß es wieder zu. Der kalte Todesschweiß stund ihm auf der Stirne. Er lag unbeweglich da. Der Vater ließ seine Hand un- willig fahren, gieng weg, sah gen Himmel, seufzte tief, und sprach: Nun ists aus mit mir! Deine Mutter, deine Mutter! Gott! ich habs verschul- det! — Karl! Karl! Sie hat mirs gesagt. Nun warf er sich stumm uͤber seinen Sohn her, kuͤste ihm den letzten Athem aus dem Mund; der Sohn war todt. — Der Vater setzte sich ans Bette, sah den Sohn lang und starr an. Endlich mur- melt’ er: Gott! sobald mit deinen schrecklichen Ge- richten! — Hat er mir geflucht? — Sie ge- segnet, sagte Siegwart. — Gut! ich habs doch nicht verdient! versetzte der Vater. Hab doch sei- ne Mutter ins Grab gebracht, durch Untreu! — Aus dem Haus soll sie mir, der Hund! Jch kann keine Hure sehn! Jch bin ein Ehebrecher! — Lieber Karl! Bist du bey der Mutter? Ach, ver- klag mich nicht! Verklag mich nicht! — Nun stuͤrzte er sich wild uͤber seinen todten Sohn her, und kuͤste ihn, daß er ihm die Lippen aufbiß. — Der Bube war doch fromm? Nicht? — Nun, so mag er fuͤr mich bitten! — Aber, ach, nun hab ich keinen Sohn mehr! habe keine Freunde mehr im Alter! Ach, nun moͤcht ich sterben, weil er todt ist! — Du lieber, todter Sohn! Eine Hure hat dir deines Vaters Herz gestohlen! Und du bist gestorben; konntests laͤnger nicht mehr an- sehn! Sags deiner Mutter nicht, Karl! Um Got- tes willen nicht! — Ach, daß du so fruͤh gestor- ben bist! Die Hure soll mirs buͤssen! — Siehst wie deine Mutter aus, als sie gestorben war! — Hat er mich gesegnet, Herr? Mein Weib hats auch gethan! Aber kann beym Ehebruch auch Se- gen wohnen? — Daß du mich gesegnet hast, das hat dich deine Mutter wohl gelehrt; wenn sie mit dir weinte in der Kammer. — Nun sprang er auf: Aber, lieben Herren, sagts der Welt nicht! Jch will selber meine Schande aufdecken! — Lie- ber Karl! Jch kann dich nicht mehr ansehn. Es ist gar zu fuͤrchterlich! — Jndem kam der Arzt herein mit Boling. Der Vater gieng in einen Winkel, sah bestaͤndig starr auf einen Platz, und schwieg, solang der Arzt da war. — Nachher sagte er zu Kronhelm: Lassen Sie meinen Karl begraben! Jch kann nichts thun. Kronhelm machte Anstalten, daß sein Freund in zwey Tagen begraben wurde. Der Vater verschloß sich groͤstentheils auf dem Zimmer seines Sohnes, und ließ sich nur von Siegwart und von Kron- helm sprechen. Sie musten ihm seine ganze Ge- schichte erzaͤhlen. Er hoͤrte stillschweigend, und mit niedergeschlagnen Augen zu. Nur zuweilen seufzte er tief auf, oder klagte sich selber, wegen seines Betragens gegen ihn, an. Jch vermuthete, sagte er, daß ihn etwas anders auf der Universitaͤt zu- ruͤckhielte, so wie mirs ehemals gieng. Wenn man schlechte Streiche macht, so vermuthet man sie bey andern auch. An eine so heilige und keu- sche Liebe, wie die gegen Marianen war, dacht’ ich gar nicht. War denn gar keine Hofnung da, daß ihn das Maͤdchen wieder lieben werde? — Wenig, oder keine; antwortete Kronhelm. Eben jetzt sagte mir Boling, sie werd’ einen hiesigen Assessor heyrathen. — Siegwart wurde uͤber diese Nach- richt ploͤtzlich blaß, und lief weg. Zu Haus sank er in einen Stuhl, blieb eine Stunde lang so sitzen, seufzte, weinte; und verwuͤnschte sein Ge- schick. Den andern Tag wurde Gutfried begraben. Der Vater gieng stumm hinter dem Sarge drein. Es folgten die Freunde seines Sohnes; alle voll tiefen Grams. Siegwart war am meisten bewegt. Der Gedanke an den Verlust eines solchen Freun- des, und der Gedanke an sein eignes truͤbes Schick- sal zerfloß in seiner Seele in einen einzigen, und lag schwer auf ihm. Stumm und starr sah er auf den Sarg ins Grab hinab; bittre Thraͤnen flossen drauf, und sein Herz ward voll von dem Wunsch, wie sein Freund zu sterben; denn zuweilen that er, aus seinem kummervollen Leben einen Blick in die Wonne, der sein Freund nun genoß. Den Abend drauf schrieb er aus dem kummervollsten Her- zen diese Verse nieder: An Gutfrieds Begraͤbnistage. Wuͤrd’ ich doch, wie du, begraben! Saͤnk’ ich auch in Todesnacht! Zaͤrtlichkeit und Jammer haben Mich dem Grab’ auch reif gemacht. Deine Leiden sind voruͤber, Ausgeweinet hat dein Blick; Aber trauriger und truͤber Wird mir jeder Augenblick. Stimmet keine Trauerlieder Auf des Freundes Huͤgel an! Segnet sein Geschick, ihr Bruͤder! Er betrat des Lebens Bahn. Wißt: Der schoͤnste Tag des Lebens Jst der naͤchste an der Gruft. Ach, daß doch mein Wunsch vergebens Jhn, herbeyzueilen, ruft! T t Kronhelm hielt den Kummer seines Freundes fuͤr Schmerz uͤber Gutfrieds Tod, und vereinte sich mit ihm zu klagen. Den naͤchsten Sonntag sah Siegwart seine Mariane in der Kirche. Sie gruͤß- te ihn freundlich, und sah heiter aus. Er hielt diese Heiterkeit fuͤr Freude uͤber ihre nahe Verbin- dung, und ward daruͤber noch unruhiger, und trauriger. Jm naͤchsten Konzert merkte er wohl, daß sie ihn sehr fleissig beobachtete, aber seine Furcht ließ ihn auf nichts vortheilhaftes schliessen. Sie sang eine obligate Arie, und bat Kronhelm, ihr dabey zu akkompagniren. Dieß brachte ihn noch mehr auf, und erfuͤllte ihn mit dem baͤngsten Schmerz. Der halbverborgene Funken von Eifersucht glimmte wieder frisch in ihm auf. Seine Ver- nunft mochte ihm sagen, was sie wollte; sein Herz stritt dagegen. Er merkte kaum auf ihren himm- lischen Gesang, und fuͤhlte nichts von der herz- schmelzenden Zaͤrtlichkeit, mit der sie sang. Jn- dem er so, von tausend kaͤmpfenden Leidenschaften bestuͤrmt, in einem Winkel stand, und nicht be- merkte, daß die Arie ausgesungen war, trat Ma- riane zu ihm, und bat, er moͤchte ihr bey einer zweyten Arie akkompagniren. Er stund da, wie vom Grab erweckt, in der staunendsten Bewegung; neigte sich gegen sie, und nahm zitternd seine Vio- line. Seine Toͤne rangen mit den ihrigen um den Vorrang des Ausdrucks; endlich stroͤmten sie in einander, wie die Empfindung zwoer Seelen, die sich nun zum erstenmal ihr Gefuͤhl entdecken, und es ganz in Seufzer und in Worte ausfliessen lassen. Als er ausgespielt hatte, verneigte sie sich tief vor ihm, mit einem Laͤcheln und einem Ausdruck ihres Auges, der durch sein ganzes Wesen eine, nie ge- fuͤhlte Waͤrme ausgoß. Jn dem Augenblick ver- gaß er aller Zweifel, aller Schwierigkeiten; sie war ganz sein. Es fuͤhlt’ er wohl, und wust’ es nicht, wie Klopstock sagt. Sie bat ihn nun im naͤchsten Konzert ein Duett mit ihr zu singen. Er stotterte was her: Er sey im Singen so geuͤbt nicht, um mit ihr zu singen u. s. w. Sie sagte aber: Sie wisse, durch Herrn von Kronhelm, schon das Gegentheil, und rief Kronhelm selbst zum Zeugen auf. Dieser versicher- te, daß sein Freund nur aus uͤbergrosser Beschei- denheit so rede. Drauf sprachen sie von Gutfried. Mariane bedaurte seinen Tod mit dem herzlichsten Antheil, so daß unserm Siegwart die Thraͤnen in die Augen schossen. Tausend Empfindungen draͤngten sich in seiner Seele. Gutfried, sagte sie, hatte sehr viel Gutes, viel Empfindung, und das ist das Beste. Seine Freundschaft war mir werth und schaͤtzbar. Jch haͤtt ihm ein laͤngeres Leben ge- wuͤnscht. Doch nun ist ihm auch wohl. Hier wandte sie sich auf die Seite, um sich eine Thraͤne aus dem Auge zu wischen. Unsre beyden Juͤng- linge sahn sich an, und weinten auch. Von seiner heftigen Liebe gegen sie schien sie nichts gemerkt zu haben. Dieß ruͤhrte unsern Siegwart noch mehr. Die Hofrath Fischern stellte sich auch zu ihnen, und besprach sich, besonders mit Siegwart, uͤber Gut- frieds Tod. Mariane sprach indessen mit Kron- helm, und sah mehrmals unsern Siegwart seit- waͤrts sehr bedeutend an. Sein Herz ward ihm durch jeden solcher Blicke sehr erleichtert, und Hof- nung nahm die Stelle der Furcht ein. Kronhelm hub zu Hause an: Hoͤr! Xaver, Mariane will den Geßner lesen, und ich hab ihn nicht, willst du mir ihn wohl fuͤr sie leihen? Siegwart. O von Herzen gerne! Sie kann alle Buͤcher von mir haben. Kronhelm. Nun, das heiss’ ich mir einmal vernuͤnftig gesprochen! Nicht wahr, du gibst mir nun auch zu, daß die Fischerin ein vortrefliches Maͤdchen ist! Sie gefaͤllt dir doch? Siegwart. Jch habe nie nichts gegen sie ge- habt; warum sollte sie mir nicht gefallen, wie ein andres braves Maͤdchen auch? Kronhelm. Also mehr gefaͤllt sie dir doch nicht? Was du nicht geheimnißvoll seyn kannst! Siegwart. Geheimnißvoll, Kronhelm? Jch weis gar nicht, was das heissen soll? Kronhelm. Gut, so weis ichs auch nicht! Jch dachte nur, daß ich dir niemals Ursache gegeben ha- be, gegen mich so zuruͤckhaltend zu seyn, da ichs doch nicht gegen dich bin. Und in dieser Sache koͤnnt ich dir vielleicht mehr nuͤtzen, als schaden. Aber, glaub ja nicht, daß ich neugierig bin, oder jemand seine Heimlichkeiten abdringen will. Sieh, dieß Blatt Papier hast du gestern, als du deine Brieftasche durchsuchtest, bey mir auf dem Tische liegen lassen. Die Verse sind wohl an Marianen? Sie hat doch wohl Klavier gespielt, als du bey Gutfried wachtest? Siegwart zitterte, ward roth und blaß, und fiel endlich seinem Kronhelm um den Hals. Du hast Recht, sagte er, ich war ein mistrauischer Narr, der so einen Freund, wie du bist, nicht verdient! Aber, Kronhelm, wenn du in mein Herz sehen koͤnntest; wenn du wuͤstest, was ich ausgestanden habe, daß ich schweigen muste! Denn ich muste schweigen. — O ich weis, du wuͤrdest mir verge- ben. — Du kennst die Liebe, Kronhelm! Weist, wie’s einem ist. Ach, vergib mir, Bruder! War- lich, wenn ichs Einem Menschen haͤtte sagen koͤn- nen, du waͤrst der erste auf der Welt gewesen; warlich! — Kronhelm. Sey ruhig, Bruder! Jch war boͤse, und das must du mir vergeben! Aber jetzt ists schon vorbey. Jch will glauben, daß du mehr um deinetwillen schweigest, als um meinetwillen. Laß es gut seyn! Jch wills auch thun. Freunde muͤs- sen sich so was nicht uͤbel nehmen! Siegwart umarmte seinen Freund noch feuri- ger, und gestund ihm nun seine Liebe zu Maria- nen offenherzig. Es war ihm unaussprechlich wohl dabey, daß er sein, schon so lang geprestes, volles Herz ausschuͤtten konnte. Kronhelm billigte seine Wahl aufs aͤusserste, und machte ihm nicht gerin- ge Hofnung, daß er Marianen gar nicht gleich- guͤltig sey. Zugleich versprach er, sie noch mehr auszuholen, und ihm Gelegenheiten zu verschaffen, genauer mit ihr bekannt zu werden. Dieß Ver- sprechen war unserm Siegwart ausserordentlich an- genehm, nur bat er, seiner angebohrnen Schuͤch- ternheit gemaͤß, seinen Kronhelm sehr, recht be- hutsam drein zu gehen, und sich und ihn auf keine Weise zu verrathen. Zu seiner groͤsten Freude erfuhr er auch, daß ihre Verbindung mit dem As- sessor eine falsche Nachricht sey, und sich bloß auf einen Misverstand von Bolings Seite gegruͤndet habe. — Die beyden Freunde verlohren sich nun in suͤsse Traͤumereyen uͤber das kuͤnftige Gluͤck ihrer Liebe; Kronhelm sprach von seiner Therese, und Siegwart von seiner Mariane mit dem waͤrmsten Enthusias- mus. Jeder lobte das Maͤdchen des andern mit Begeisterung, um eben solches Lob auf das seinige zu hoͤren. Sie blieben bis um Mitternacht bey- sammen, und konnten sich kaum trennen; denn immer fiel, bald dem einen, bald dem andern et- was neues ein. Kronhelm meynte, Siegwart soll- te Theresen etwas von seiner Liebe schreiben, aber Siegwart wollte sich dazu schlechterdings nicht ver- stehen, denn er war in diesem Punkt uͤbermaͤssig furchtsam und zuruͤckhaltend, und zaͤrtlich. Taͤglich sprachen sie nun ganze Stunden lang von ihrer beyderseitigen Liebe. Siegwart sah nun ein, wie unrecht er seinem Freund mit seiner un- gegruͤndeten Eifersucht gethan habe, und ward taͤg- lich offenherziger. Er entdeckte ihm so gar seine ehemaligen Grillen, und auch Sophiens ungluͤckli- che Liebe zu ihm. Sie machten mit einander aus, so bald wieder ein Schnee fiele, eine Schlittensahrt und einen Ball anzustellen, wobey Siegwart seine Mariane bedienen sollte. Dieser machte zwar an- fangs tausenderley Einwendungen, die ihm seine Schuͤchternheit eingab, aber Kronhelm zerstreute seine Zweifel und aͤngstliche Bedenklichkeiten. Den naͤchsten Sonntag gieng Kronhelm mit Siegwart in die Kirche, und wollte in Marianens Blicken und Betragen viele Theilnehmung an Siegwarts Person bemerkt haben. Siegwart machte ihm tausend Einwuͤrfe, um sie nur widerlegt zu sehen. Jm folgenden Konzert sang er mit Ma- rianen das Duett zum Erstaunen aller Zuhoͤrer. Jhre Stimmen waren wie das Lispeln der Liebe; stiegen mit einander in den Himmel, und wieder mit einander in das Grab herab, und klagten. Je- des Herz fuͤhlte Zaͤrtlichkeit und Liebe, doch das ih- rige am meisten. Man haͤtte wenig scharfsinnig seyn duͤrfen, um zu hoͤren und zu fuͤhlen, daß weit mehr aus ihnen sang, als Kunst. Bey einem Tril- ler sah sie unsern Siegwart so schmachtend und be- weglich an, daß ihm Thraͤnen in die Augen kamen, und sein Herz im seligsten Gefuͤhl schwamm. Die ganze Gesellschaft klatschte noch so lang, als sonst ge- woͤhnlich, als die beyden ausgesungen hatten. Sie lobte seinen richtigen Gesang und seinen tiefen Ausdruck mehr mit Blicken, als mit Worten. Wir muͤssen oͤfter singen, sagte sie. Jch sang noch nie mit solchem Erfer und mit solchem Antheil. Jch gewiß auch nie! sagte Siegwart, und seufzte. — Kronhelm kam dazu, und sagte: Hab ich nicht Recht, Jungfer Fischerin, daß er gut singt? — O, sie haben mir nicht halb so viel gesagt, war ihre Antwort. Herr Siegwart singt ausserordentlich Endlich ward das Gespraͤch, durch andre, die dazu kamen, allgemeiner. Siegwart war nun so froh, daß er alles um sich her vergaß. Er glaubte nun selber, daß ihn Ma- riane liebe, und wuͤnschte nur bald Gelegenheit, sie allein zu sprechen, und ihr sein Herz ganz entdecken zu koͤnnen! Beym Weggehen, als er von ihr Ab- schied nahm, sah sie ihn mit dem zaͤrtlichsten schmach- tendsten Blick, in dem eine Thraͤne schwamm, an. Zu Haus machte er sogleich in seiner Freude fol- gendes Gedicht: Der Blick der Liebe. War das nicht ein Blick der Liebe, Der aus ihrem Auge sprach? Sah es nicht bethraͤnt, und truͤbe Mir mit stiller Sehnsucht nach? Ja, bey Gott! Sie muß es wissen, Daß ich so verwundet bin; Muß, von Mitleid hingerissen, Auch fuͤr mich im Stillen gluͤhn! — O ihr Liebesengel, ruͤhret Euch das Flehn des Leidenden, O so steigt herab, und fuͤhret, Mich zu meiner Heiligen! Daß ich ihr zu Fuͤssen sinke, Meine Leiden ihr gesteh, Und durch Einen ihrer Winke Mich zu euch erhoben seh! Mit diesem Gedichte gieng er gleich zu seinem Kron- helm, der damit zufrieden war, und sagte: Die Zeit, die du dir in diesen Versen wuͤnschest, kann bald kommen. Sie liebt dich, daran zweifle ich gar nicht mehr; und bey der ersten Schlittenfahrt sollst du mit ihr fahren, und den Abend drauf beym Ball kannst du ihr dein Herz entdecken. — Sieg- wart war uͤber diese Hofnung und das Verspre- chen seines Freundes ganz ausser sich. Er gieng nun taͤglich mehr als zwanzigmal zu seinem Baro- meter, ob der Merkurius drinn noch nicht falle, und Schnee verkuͤndige? Er blickte immer nach dem Himmel, ob noch kein Gewoͤlk sich aufziehe? und freute sich uͤber jedes aufsteigendes Woͤlkchen, das ihm Schnee zu tragen schien. Endlich umzog sich am Sonnabend der Himmel ganz, und in der Nacht drauf fiel ein tiefer Schnee. Als er am Sonntag Morgens aufwachte, und al- les weiß sah, da wars ihm so wohl, als ob der Fruͤh- ling angebrochen waͤre. Auf den folgenden Tag ward sogleich eine Schlit- tenfahrt fest gesetzt. Kronhelm gieng zu Maria- nen und ihren Eltern, um anzuhalten, ob Siegwart sie fahren duͤrfe? Denn dieser war zu furchtsam, um selbst anzuhalten. Mariane, nebst ihren El- tern, willigten mit Freuden in den Antrag. Sieg- wart, dem sein Freund diese Nachricht brachte, war daruͤber ganz ausser sich. Doch klopfte ihm das Herz, je naͤher die Zeit kam, da er Marianen abholen sollte. Er wuͤnschte oft den so sehnlich er- seufzten Augenblick weit weg, und zoͤgerte, als die Stunde kam, mit dem Schlitten vor ihr Haus zu fahren. Endlich muste er doch hinfahren. Zitternd gieng er die Treppe hinauf in ihr Zimmer; mach- te vor ihr und ihren Eltern eine tiefe Verbeugung, und tausend Entschuldigungen, die man aber nicht verstehen konnte, so leise und verwirrt sprach er. Der Hofrath Fischer und seine Frau waren gegen ihn sehr hoͤflich, und Mariane that gegen ihn sehr offenherzig und freundlich. Mit bangem Zittern ergriff er ihre Hand, und fuͤhrte sie die Treppe hinunter. Jn der freyen Luft ward ihm wieder wohl, und er fuhr zu der uͤbrigen Gesellschaft. Mariane sagte ihm im Fahren: Es sey ihr sehr angenehm, in seiner Gesellschaft zu seyn. Er stotterte: Jhm seys noch angenehmer, und er habe sich schon lange die- ses Vergnuͤgen gewuͤnscht ꝛc. Nachdem die Gesell- schaft in der Stadt herum gefahren war, so fuhr man auf ein benachbartes Dorf. Siegwart wuste nichts zu sprechen; er lobte nur das Wetter, und die angenehme Wintergegend, und freute sich, daß ein so schoͤner Schnee gefallen sey. Es aͤrgerte ihn, daß er so den Stummen spielen sollte; er besann sich hin und her, was er sagen wollte? Es fiel ihm nichts ein, und doch war ihm das Herz so voll. Endlich kam er aufs Konzert zu sprechen. Er fuͤhlte, daß sein Gespraͤch kalt und gleichguͤltig sey; er wollte was anders anfangen, und unter- hielt sich doch davon ganz allein mit ihr, bis sie an das bestimmte Dorf kamen. Hier blieben sie nur eine kleine Stunde, und bedienten das Frauen- zimmer mit Kaffee. Die Studenten trunken ein Glas Wein. Dieses machte, daß Siegwart auf der Ruͤckfahrt etwas minder schuͤchtern war. Er fuͤhr- te seine Mariane an den Schlitten, und wagte es, ein paarmal ihr die Hand zu druͤcken. Sie sah ihn an, und laͤchelte mit einer Wehmuth, die schnell, wie ein Blitz, in seine Seele uͤbergieng, und ihn die Augen niederzuschlagen zwang. Der Abend war der schoͤnste. Die ganze Gegend war ins weisse schweigende Gewand des Winters eingehuͤllt, und stimmte die Seele zum wehmuͤthigfeyerlichen. Die Sonne gieng, wie das reinste, durchsichtigste Gold am Horizont hinab, und breitete am Himmel eine unbeschreib- liche Heiterkeit aus. Als sie, am schwarzen Wald hinab, tiefer in die Duͤnste sank, ward sie blutroth, und faͤrbte durch ihren Wiederschein den halben Him- mel mit Violet und Rosenroth. Marianens Ge- sicht glaͤnzte in dem sanften Wiederschein des Him- mels. Jhre Miene war voll Heiterkeit, und ihr helles braunes Auge voll suͤsser Wehmuth. Ein paarmal sah sie sich nach Siegwart um, der, in ihrem Anschaun ganz versunken, fast vergaß, sein Pferd zu lenken. Alles war ihm so feyerlich; die ganze Flur umher schien ihm ein Tempel. Ein paarmal sah er gen Himmel, und sein Blick, und die Thraͤne drinn, ward ein Gebeth um Maria- nens Liebe. Anfangs sprach er wenig. Nur zu- weilen rief er aus: Was das doch alles schoͤn ist! Sehn Sie dort am Schloß die Fenster! Wie sie glaͤnzen, als obs Gold waͤr! Sehn Sie das herr- liche, uͤberherrliche Abendroth! Und die Waldung dort im Golde! Und das Dunkel dort am Berg! Und die Stille! O, der schoͤnste Tag in meinem Leben! — Kronhelm, der vor ihm fuhr, und sich ein paarmal nach ihm umsah, merkte ihm die Freude an, wie sie ihm aus den Augen blitzte, und in jeglichem Gesichtszuge sich ausdruͤckte. Er freute sich im Jnnersten daruͤber, und sah ihn mit einem vielbedeutenden Laͤcheln an. Jn der Stadt fuhr die Gesellschaft noch einmal die Hauptstrassen durch, und dann nach dem Hau- se, wo der Ball gehalten wurde. Mariane ließ sich erst nach Hause fuͤhren, um sich umzukleiden. Siegwart fuͤhrte den Schlitten weg, und eilte auch nach Haus, um ein andres Kleid, und seid- ne Struͤmpfe anzulegen. Er war vor Freuden uͤber Marianens Betragen ganz ausser sich, huͤpfte hin und her, sang laut, und sprach mit sich selber. Als Kronhelm, der sein Frauenzimmer auch nach Haus gefuͤhrt hatte, kam; sprang er ihm entgegen, druͤckte ihn fest an sich, daß er haͤtte schreyen moͤgen, und frohlockte gegen ihn uͤber sein Gluͤck und uͤber seine Mariane. Bruder, Bruder! sagte er, das ist ein Engel, wie es keinen gibt! Nun fang ich erst recht zu leben an. Vorher war es alles nichts! Wenn sie so bleibt, so bin ich ganz im Himmel! Meynst du nicht, sie sey mir gut? — Ganz unstreitig, sagte Kronhelm! O die Liebe laͤst sich gar nicht lang verbergen, zumal vor einem Lieben- den. Mach deine Sachen nun klug! Sey nicht allzuschuͤchtern! Sie muß es merken, was du fuͤr sie fuͤhlst! Siegwart machte wieder einige Einwen- dungen: Sie koͤnn’ es uͤbel nehmen, und ihm boͤse werden, wenn er so gerade zu geh, u. s. w. Kron- helm aber fiel ihm in die Rede; Da kennst du die Maͤdchen schlecht, wenn du glaubst, sie nehmen so etwas uͤbel. Warum sollten sies auch thun? Es schmeichelt ihnen ja, und muß sie freuen, wenn ein braver Kerl sie ins Auge fast. Du nimmst’s ja auch nicht uͤbel, wenn du einem Maͤdchen wohl- gefaͤllst, zumal wenns von Liebe von der rechten Art herkommt. Fang nur keine Grillen! Das ist bey der Liebe, und zumal im Anfang so gewoͤhn- lich. Wenn du Marianen, wie ich glaube, wirk- lich wohlgefaͤllst, so kann ihr dein Gestaͤndniß nicht misfallen. Wart nur den rechten Zeitpunkt ab, und sprich mit ihr aus dem Herzen! Siegwart versprach, zu thun, was er koͤnnte, und gieng nun, Marianen zum Ball abzuholen. Er gieng aufs Wohnzimmer, wo ihre Eltern wa- ren, die ihm beyderseits sehr hoͤflich begegneten. Die Mutter that besonders ausserordentlich freund- schaftlich, und bat ihn, sie und ihren Mann und ihre Tochter zuweilen am Abend zu besuchen. Wenn Sie den Herrn von Kronhelm mitbringen, und mein Joseph (so hieß Marianens juͤngster Bruder, der auch im Zimmer war) zu Haus ist, so koͤn- nen Sie, wenn es Jhnen gefaͤllig ist, zuweilen ein kleines Privatkonzert machen. Siegwart nahm den Antrag mit Freuden und einer tiefen Ver- beugung an. Der Hofrath Fischer sagte eben die- ses, und war uͤberhaupt ungewoͤhnlich hoͤflich, er- kundigte sich sehr forgfaͤltig nach seinem Vater, trug ihm ein hoͤfliches Kompliment an ihn auf, und bedaurte, daß er noch nicht Zeit gehabt, selbst an ihn zu schreiben. Marianens Bruder, Joseph, war so hoͤflich nicht; er aͤrgerte sich, daß seine Eltern dem Siegwart, seines Violinspielens we- gen, so hoͤflich begegneten; Er hielt es fuͤr eine Verachtung seiner selbst, und hatte es noch nicht vergessen, daß Siegwart einmal im Koncert ihn mit seinem Spiel so verdunkelt hatte. Daher sprach er sehr wenig mit Siegwart, blickte stolz auf ihn herab, und ließ allerley spoͤttische und zweydeutige Reden fallen. Siegwart merkte es, that aber doch sehr freundschaftlich gegen ihn, und gab sich Muͤhe, ihm eine guͤnstigere Gesinnung gegen sich einzufloͤssen. Der Bruder sagte Ma- rianen, es werde nicht gut stehen, wenn sie wie- der so spaͤt nach Hause komme, wie das letztemal; Man spreche von solchen Maͤdchen nicht zum Besten, u. s. w. Mariane, die mit ihrem Anzug beschaͤftigt war, that, als ob sie seine Hofmeiste- rey nicht hoͤrte. Als sie fertig war, gieng sie mit Siegwart nach dem Ball. Auf dem Weg dahin beschwerte sie sich uͤber ihren Bruder. Es ist ein fataler U u Mensch, sagte sie, dem man nichts recht machen kann; er will alles besser wissen. Sie wissen sich gut in ihn zu schicken, und das gefaͤllt mir, u. s. w. Siegwart war uͤber ihre Offenherzigkeit ganz be- zaubert, und zog tausend guͤnstige Schluͤsse daraus. Als sie auf den Tanzsaal kamen, ward alles auf Marianen aufmerksam. Sie hatte ein Kleid von rosenrothem Tafft an, und glich in ihrer Hei- terkeit und der frischen Gesichtsfarbe der Goͤttin der Morgenroͤthe. Kronhelm hatte an der Tafel schon einen Platz fuͤr sie neben sich belegt. Noch vor dem Essen muste Siegwart eine Menuet mit ihr tanzen. Anfangs zitterte er, und machte fast alle Schritte falsch. Nach und nach kam er in den Gang, und tanzte recht zierlich. Alle ihre Bewegungen hatten die groͤste Leichtigkeit und Un- gezwungenheit, und den schoͤnsten Anstand. Sie tanzte nicht aͤngstlich nach dem Takte, sondern mit Empfindung und Gefuͤhl, und machte viele Ab- aͤnderungen. Sie sah unserm Siegwart immer ins Gesicht, so daß er oft die Blicke wegwenden, oder niederschlagen muste. Bey Tisch ward die Gesellschaft aufgeraͤumt und munter. Man sprach viel ins Allgemeine. Das Maͤdchen, das Kron- helm bediente, war eine lustige, etwas vorlaute Bruͤnette, die sehr oft zur Unzeit ihren Spaß anbrachte. Sie wollte immer aller Augen, und die Ausmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich ziehen. Endlich ließ sie sich doch mit Dahl- mund, der ihr auf der andern Seite saß, und nicht gleichguͤltig gegen sie zu seyn schien, allein in ein Gespraͤch ein. Kronhelm unterhielt sich nun mit Marianen, und mit Siegwart, der im Taumel seiner Liebe nicht wuste, was er anfan- gen, oder reden sollte? Kronhelm sah eine Zeit- lang starr und traurig vor sich hin, holte einen tiefen Seufzer, grif endlich hastig nach dem Glas, stieß an Siegwarts seines, und sagte: There- se! O, das trink ich auch mit, sagte Mariane, und stieß mit den beyden an. Kennen Sie sie auch? sagte Siegwart. O ja, gab sie zur Ant- wort: Herr von Kronhelm hat mir viel von ihr erzaͤhlt. Jsts noch immer bey dem Alten? (indem sie sich zu Kronhelm wendete). Jmmer noch, erwiederte dieser, mit einem tiefen Seuszer. — Das ist traurig, sagte sie. Und Sie verdienten doch, so gluͤcklich zu seyn, und Therese gewiß auch. Jhr Schicksal hat mich schon manchen Seuszer gekostet. Hier schossen unserm Kronhelm die Thraͤnen in die Augen. Sie muͤssen eine herrliche Schwester haben, sagte sie zu Siegwart. Was ich von ihr hoͤrte, hat mich ganz fuͤr sie eingenommen. Jch wuͤnschte nichts mehr, als sie von Person zu kennen. — Ja, es ist ein braves Maͤdchen, versetzte Siegwart, und es waͤr ein Gluͤck fuͤr sie, mit Jhnen bekannt zu seyn. Jch liebe sie herzlich, und ihr Schicksal geht mir tief zu Herzen, denn es ist gewiß sehr traurig. Die Liebe hat sie ganz ungluͤcklich gemacht. — Jch hoff immer noch, es soll ein gutes Ende nehmen; sagte Mariane. Herr von Kronhelm verdient sie gar zu sehr, und wuͤrde sie gewiß gluͤcklich machen. Wenn Sie nur Geduld haben koͤnnen, Herr von Kronhelm! Jch habe Ahndungen — Wollte Gott! sie traͤfen ein! sagte dieser seufzend, nahm ein Glas, sah gen Himmel und trank. Wir wollens auch mit trin- ken, sagte sie zu Siegwart, und sah ihn mit einem sehr bedeutenden Blick an, den sein Herz verstand. Er hub sein feuchtes Auge gen Himmel, und trank. Nun ist mirs um ein gutes leichter, sagte Kronhelm. Es war jetzt abgespeist, und ein Paar fieng an zu tanzen. Siegwart tanzte auch mit Maria- nen. Er merkte wieder, daß sie ihm immer in die Augen sah. Nachher gab er Acht, als ein an- drer mit ihr tanzte, ob sie diesem auch so scharf ins Gesicht sehe? und zu seiner groͤsten Freude fand er das Gegentheil. Nachher ward ein Ge- sellschaftstanz mit der Promenade und der Chaine gemacht. Siegwart hatte Marianen zur Taͤnze- rinn. So oft er sie bey der Hand faste, fand er, zu seiner groͤsten Freude, daß sie ihm die Hand weit staͤrker druͤcke, als die uͤbrigen Maͤdchen; er freute sich, so oft er ihr nahe kam, und bey je- dem ihrer Haͤndedruͤcke durchschauerte ihn die an- genehmste, unbeschreiblichste Empfindung. Jhr Auge sah ihn oft auch bedeutend an, und ihre Bli- cke hatten eine Sprache, die mehr ausdruͤckte, als tausend Worte. Er war immer da, wo sie war. Sein Auge merkte sie aus zwanzigen her- aus, und fand sie, wenn sie auch am aͤussersten Ende des Saals stand. Mit andern Maͤdchen tanz- te er wenig; er stand immer da, wo seine Ma- riane tanzte. Einmal bemerkte er einen Menschen, der oft, und immer lang mit ihr tanzte. Er ward daruͤber unruhig, biß sich auf die Lippen und tanzte. Mit hingesenktem, truͤbem Blick stand er in einer Ecke des Saals; alles war um ihn her verschwun- den; er sah und hoͤrte nichts. Mariane kam, oh- ne daß ers merkte, von der Seite auf ihn zu, nahm ihn bey der Hand, sah ihn halblaͤchelnd an, und sagte: Sie sind ja so traurig und so nachdenklich? Wollen Sie nicht mit mir tanzen? Jch kann den Menschen dort im gruͤnen Kleid gar nicht los werden, und das ist mir so verdruͤßlich. Kommen Sie! Ein Schleifer! (So heist der eigentlich schwaͤ- bische Tanz.) Siegwart kuͤßte ihr im feurigen Ent- zuͤcken die Hand, und huͤpfte mit ihr in den Rei- hen. Sie tanzte herrlich schwaͤbisch. Alle Paare wurden muͤd, und hoͤrten auf. Aber das liebe Paar tanzte noch eine halbe Viertelstunde allein, und die andern sahen bewundernd, oder neidisch zu. — So ists eine Freude, sagte sie, indem sie den Tanz schlossen. Sie tanzen so rasch und so leicht weg, daß man glaubt, man fliege. Er fuͤhr- te sie an eine Seitenbank, und stand vor ihr. Sie sind doch warm geworden, sagte sie, und kuͤhl- te ihm mit dem Faͤcher das Gesicht. Er nahm den Faͤcher, und kuͤhlte damit sie und sich. Sie sah nach ihm auf, wie eine Heilige zum Himmel. Er nahm ihre Hand, und wendete das Gesicht weg, denn sein Auge glaͤnzte. Sie druͤckte ihm die Hand; er kuͤste sie. Reden konnt’ er nicht, ob er gleich sich hin und her besann, was er sagen wolle. Das ist ein herrlicher Tag! fieng er end- lich an. Sind Sie auch vergnuͤgt? — Wie sollt ich nicht? war ihre Antwort, und ihr Auge sagte noch mehr. Setzen Sie sich doch! fuhr sie fort; Sie werden muͤde seyn. Er setzte sich, ob er gleich lie- ber so vor ihr gestanden waͤre. Jch habe lange schon gewuͤnscht — fieng er an, und faste sie bey der Hand. Jndem kam ein Student, und zog sie zum Tanz auf. Er blieb unbeweglich sitzen, und ließ sie von sich. Mit schmachtendem, und halb- aufgeschlagenem Auge sah er das herrliche Maͤdchen vor sich herumtanzen. Sein Auge folgte ihr, wohin sie sich wendete. Kronhelm kam, und setz- te sich neben ihn. Wie ist dir, Bruder? Du bist doch vergnuͤgt? Siehst so schmachtend aus, als ob du sterben wolltest. Nicht wahr? Mariane ist dir hold? Jch weis nicht, antwortete Siegwart; Sie hat nichts gesagt. — Ey, das glaub ich, ant- wortete Kronhelm; seit wann fangen denn die Maͤd- chen an, Liebeserklaͤrungen zu machen? Hast du denn ihr Auge nicht gesehen, wie es spricht? Trink Wein, Bruder! Ein Glaͤschen kann nicht schaden, wenn du selber keinen Muth hast. Du must heute weiter kommen! — Ach, ich kann nicht! sagte Siegwart. — Ey, was, Possen? fiel ihm Kron- helm ein, nahm ihn bey der Hand, und fuͤhrte ihn zum Tisch hin. Marianens Wohlseyn! sagte er, indem er zwey Glaͤser eingeschenkt hatte; und Theresens! Was mag nur der Engel machen? Wenn sie mich nur nicht vergißt! — Nein, gewiß nicht, Bruder! sagte Siegwart. Waͤre Mariane so gewiß mein, als sie dein ist, ich wuͤnschte wei- ter nichts mehr! Nun, auf gute Hofnung! und hier fuͤllte er die Glaͤser wieder. Schwager, sag- te Kronhelm, wenn sie mein wird, so soll Maria- ne dein seyn! Eher kann ich nicht ruhen. Wart! Jetzt will ich mit ihr tanzen. Sie ist eben frey. Werd mir nur nicht eifersuͤchtig! Siegwart sah ihm nach, und trank noch ein Glas. Dahlmund kam, und fragte ihn, ob er nicht mit ihm und Kronhelm eine Menuet a six machen wolle? Sieg- wart nahm das erste beste Maͤdchen, und sprang hin. Mariane druͤckte ihm allemal die Hand, wenn er sie hinauf fuͤhrte. Er druͤckte die ihrige wieder, und sah in seinem Sinn so stolz umher, als ob ihm die ganze Welt gehoͤrte. Sie machten eben diesen Tanz auch deutsch, und giengen dann an den Tisch. — Darf ich wuͤrklich zuweilen in Jhr Haus kommen? fragte Siegwart Marianen. O Sie muͤssen kommen! antwortete diese. Halten Sie ja bald Wort! Jch haͤtt es lange schon gewuͤnscht; aber es wollte sich nicht schicken. Kommen Sie doch ja bold! — Lieber Engel! sagte Siegwart gantz ausser sich, und kuͤßte ihr die Hand. — Jch habe noch den Geßner von Jhnen, sagte sie, nach einiger Zeit; in drey oder vier Tagen sollen Sie ihn haben. Jch habe viel herrliches drinn gefun- den. Besonders hat mir sein Daphnis wohl gefal- len. Unschuld und Liebe, wenn man die so wahr geschildert sieht, da geht einem das Herz auf. Es ist einem so wohl, daß man gleich ein Schaͤserwer- den moͤchte. Jch habe solche Gemaͤhlde gern, wenn sie gleich mehr schoͤne Traͤume, als Wuͤrklichkeiten darstellen. Man sieht doch, was die Menschen seyn koͤnnten, und fuͤhlt sich dabey. Jch wuͤrde gern recht viel solche Buͤcher lesen, aber ich behalte sie immer so lang zuruͤck, denn mein Bruder faͤngt sogleich an zu schmaͤlen, wenn ich etwas lese, und da thu ichs nur, wenn er nicht zu Haus ist. Wenn Sie wieder einmal ein Buch eine Zeitlang entbeh- ren koͤnnen, so wollt ich Sie wohl darum bitten. Siegwart war uͤber diese Bitte sehr erfreut: und versprach, ihr alle Buͤcher zu geben, die er von der Art haͤtte. Dann fragte sie mit vielem Antheil nach Theresen, und war bey seinen Erzaͤhlungen von ihr sehr aufmerksam. Das waͤr ein Frauen- zimmer fuͤr mein Herz, sagte sie, hier kann ich keine solche Freundin finden. Meine Vertrauteste ist jetzt aufs Land verheirathet, und da leb ich so in der Einsamkeit; und das ist mir manchesmal sehr traurig. Wenn ich nicht noch meine Mutter haͤtte, so waͤr ich hier sehr ungern, aber sie ersetzt mir alle Beduͤrfnisse. Nachdem die Frauenzimmer mit Kaffee und fremdem Wein bedient waren, wurde noch einmal deutsch getanzt. Endlich sagte Mariane, nun muß ich doch wol nach Haus, mein Bruder macht sonst morgen grossen Laͤrm. Es schien unserm Sieg- wart noch viel zu fruͤh zu seyn, aber er wagte es doch nicht, sie laͤnger aufzuhalten. — Wie doch die Zeit so schnell verfliegt! sagte er. Mir ists, als ob wir erst eine Stunde da waͤren. — Mir ists auch so, sagte sie, und druͤckte ihm sanft die Hand. Jch bin noch nie so vergnuͤgt gewesen, wie heute. — Moͤcht’ ich doch auch etwas dazu bey- getragen haben! sagte er schmachtend. — Vieles, vieles! sagte sie mit tiefem Ausdruck. Er ward wie von einer unsichtbaren Gewalt hingerissen, und kuͤßte sie auf den Mund. Sie hielt willig still. Jn dem Augenblick fuͤhlte er sich uͤber alles erhaben. Welt und alles schwand vor seinen Blicken. Der fatale Mensch, der schon mehrmals mit ihr ge- tanzt hatte, wollte sie wieder aufziehen. Jch tanze mit Herrn Siegwart, sagte sie, sah ihn zaͤrtlich an, und druͤckte ihm die Hand. Er stuͤrmte mit ihr in den Reihen hinein, flog mit ihr herum, als ob ihn Wolken truͤgen. Alle andre hoͤrten auf, und sahn unserm Paar verwundernd zu. Hier und da ward ein Gelipsel: Da wird wohl ein Lie- beshandel draus werden; die sind immer bey ein- ander, u. s. w. Endlich tanzte man den Kehraus, den Mariane und Siegwart anfuͤhrten, und die Gesellschaft gieng groͤstentheils auseinander. Auf dem Heimweg kuͤste Siegwart seine Maria- ne noch ein paarmal. Sie war ausserordentlich vergnuͤgt uͤber diesen Abend, dankte ihm fuͤr das viele Vergnuͤgen, das er ihr gemacht haͤtte; freute sich, mit ihm genauer bekannt worden zu seyn, und bat ihn, sie nur recht bald zu besuchen. Er wuste vor Entzuͤcken nicht, was er reden sollte? Alle Worte fehlten ihm. Er druͤckte ihr nur die Hand, und gab ihr noch einmal einen heiligen Kuß zum Abschied. Als er aus ihrer Strasse kam, huͤpfte und sprang er mehr, als daß er gieng. Zu Haus blieb er noch eine halbe Stunde auf; Kronhelm war schon zu Bette gegangen. Alle Begebenheiten des vorigen Tags und des schoͤnsten Abends schwebten in glaͤn- zendem Gemisch vor ihm herum. Wenn er sich einen Umstand besonders denken wollte, so fielen ihm zwanzig andre ein. Es war ihm, als ob er ein buntes Tulpenbeet vor sich saͤhe, deren jede schoͤn ist, aber er konnte keine einzeln betrachten. Sein Geist irrte, wie ein Schmetterling von einer Blume zu der andern. Zuletzt ward ihms vor den Augen daͤmmerig. Er sah nur noch Far- ben vor sich. Alle flossen in einander. Ma- riane war der Hauptgedanke, den er sich unter tau- senderley Gestalten dachte. Er wiederholte alle Gespraͤche, die er mit ihr gefuͤhrt hatte, und aͤr- gerte sich, daß er so wenig gesprochen hatte. Jetzt, dachte er, jetzt sollte sie da seyn! Jetzt wollt’ ich ihr alles sagen, ihr mein ganzes Herz ausschuͤtten, u. s. w. Jm Bette konnte er nicht schlafen. Der Tanz, den er mit ihr zuerst getanzt hatte, schallte ihm immer in den Ohren. Wenn er die Augen zumach- te, so war ihms, als ob er mit ihr im Kreis herum- floͤge, vor ihr stuͤnde, ihr ins Auge blickte, und sie bey der Hand faßte. Aus dem leisesten Schlum- mer fuhr er wieder auf, denn es dauchte ihm, ein Geltspel, wie Marianens Stimme, fluͤstr’ ihm in die Ohren. Er hielt ganze lange Gespraͤche mit ihr, streckte seine Haͤnde nach ihr aus, wachte auf, und sah sich getaͤuscht. Morgens um acht Uhr stand er, fast muͤder, wieder auf, als er sich niederge- legt hatte, und gieng auf Kronhelms Zimmer. Dieser lachte ihm sogleich entgegen, und wuͤnschte ihm zu Marianens Liebe Gluͤck. Dann nun, sagte er, wirst du doch nicht mehr unglaͤubig seyn? Sie hat sich zu viel verrathen. — Siegwart sagte ihm, er muͤste mehr beobachtet haben, als er selbst. — Das hab ich auch, versetzte Kronhelm. Jch bin in dieser Schule laͤnger schon erfahren, und ein Dritter Unpartheyischer sieht immer mehr. Aber, Bruder, du schienest mir so kalt zu seyn. — Kalt? rief Siegwart voll Verwunderung aus. So muß die Sonne auch kalt seyn! Jch weis gar nicht, wie du so reden kannst? Freylich, da hast du Recht, reden konnt ich wenig; oder, wenns was war, so bracht ich dummes Zeug vor. Da hab ich mich schon gnug druͤber geaͤrgert. Jch weis nicht, wenn ich so allein bin, da haͤtt ich ihr tausend Dinge zu sagen; und kaum steh ich vor ihr, da ists, als ob mir aller Sinn genommen waͤre. Gestern auf dem Schlitten haͤtt ich nun nichts reden koͤn- nen, wenn ich mich Stunden lang besonnen haͤtte. Sie wird mich wol fuͤr einen dummen Einfaltspin- sel halten. — Das gewiß nicht, Bruder! sagte Kron- helm. Die Liebe hat ihre eigne Sprache; das Auge hat da mehr zu thun, als die Zunge. Und Mariane hat dich ganz gewiß verstanden. Man haͤlt alles, was man spricht, fuͤr dummes Zeug, weil man fuͤhlt, daß man das noch lang nicht aus- druͤckt, was das Herz fuͤhlt. Man will lauter Empfindungen und Goͤtterspruͤche sprechen, und da ist unsre Sprache viel zu arm dazu. Jedes Wort soll so voll und warm seyn, wie das Herz ist, und das ist unmoͤglich. Weil man nun doch sprechen will, da kommt man auf allerley entfernte und gleichguͤltige Dinge, die nichts sagen. Die Empfindung ist einsylbig, oder stumm. Jch habe das bey Theresen oft gefuͤhlt. Waren wir allein, so schwieg ich ganz; und wenn andre da waren, so macht’ ich Spaß; das ist noch das Beste. — Mariane hat dich gewiß gefuͤhlt. Waͤrst du wort- reich gewesen, so waͤrs mit deiner Liebe nichts. Redseligkeit ist Larve der Liebe, nicht die Liebe selbst. — Bruder, sieh! wie die Sonne so hell aufgeht! Jch denke, wir gehen spatzieren. Mit deinen theo- logischen Kollegien hats nun doch wohl in En- de? — Erinnre mich daran nicht! sagte Sieg- wart. Aber, zieh dich nur an! Wir wollen spatzieren gehen. Sie giengen mit einander aus. Als sie an die Strasse kamen, wo man nach Marianens Haus hinauf geht, da stellte sich Kronhelm an, als ob er in ei- ne Seitenstrasse gehen wollte. Siegwart sah ihn halb bittend an. Er laͤchelte, und gieng mit ihm bey Marianens Haus vorbey. Sie sah erst auf der Einen, und dann auf der andern Seite des Hauses aus dem Fenster, und gruͤste unsre beyden Juͤnglinge sehr freundlich. Siegwart ward auf Einmal wehmuͤthig. Wir wollen vor das Thor gehen, sagte er, wo wir gestern gefahren sind. Hier erinnert’ er sich an jede Rede, an jede Empfindung wieder, die er gestern hier gehabt hatte. Kronhelm sprach viel von Theresen, und sagte, daß er gestern wieder besonders lebhast an sie gedacht habe. Er fuͤhle es mit jedem Tage mehr, daß er ohne sie nicht leben koͤnne. Es sey ihm unertraͤglich, daß er an sie nicht schreiben duͤrfe, und nicht das ge- ringste von ihr erfahre. Naͤchstens wollt’ er wie- der an sie schreiben, es moͤge daraus kommen, was wolle! u. s. w. Siegwart suchte ihn mit der Vorstellung zu beruhigen, daß Therese ihm gewiß treu bleibe, sie moͤge schreiben oder nicht. Es koͤnne nur einen neuen Laͤrm bey seinem Vater ab- geben, wenn er den Briefwechsel wieder anfange, u. s. w. Nun kamen sie auf die Wuͤrkungen der Liebe in dem Herzen eines Verliebten zu sprechen. Sieg- wart sagte: Jch bin, seit ich liebe, ein ganz an- drer Mensch. Jch glaubte vorher, gut zu seyn, aber die Liebe hat mich noch weit besser gemacht. Jch bin froͤmmer, andaͤchtiger, mitleidiger, und duldsamer geworden. Jch bin auf fremdes Elend aufmerksamer, und fuͤhl es tiefer. Wenn ich ein blasses Gesicht, und ein truͤbes Auge sehe, so ver- muth ich fogleich ungluͤckliche oder hoffnungslose Liebe, und nehme an dem Schicksal dieser Person Antheil. Jch wuͤrde alles thun, um ihr eine Ge- faͤlligkeit zu erweisen, die ihr Elend lindern, oder heben koͤnnte. Jeder Liebender, und Leidender wird auch mein Bruder. Jch theilte gern mit jedem Armen mein Vermoͤgen. Die Gluͤckseligkeit aller Menschen liegt mir nah am Herzen. Jch waͤre faͤhig, alles fuͤr andre zu thun. Jede Pflicht, und jede Tugend wird mir leichter. Wenn ich bete, so wird mein Herz weiter, wie gewoͤhnlich. Es hebt sich leichter, und So glaub ich auch, sagte Kronhelm, und eben deswegen ist es ungerecht und thoͤricht, auf die Liebe loszuziehen, wie viel hochgelahrte, sich weise duͤnkende Leute thun. Es ist Undank gegen Gott, einen Trieb, den er mit dem Leben uns ins Herz pflanzt, zu verdammen, und den Aufruf zu mancher hohen Tugend fuͤr Stimme der Sinnlichkeit, oder gar des Satans auszugeben. Daß die Liebe oft gemis- braucht, oder misverstanden wird, soll doch wol nichts gegen sie beweisen? Denn sonst waͤre die Religion auch ein Uebel, die, wenn sie misverstan- den und gemisbraucht wird, oft groͤssere Verwuͤ- stungen anrichtet, als misverstandne Liebe. An- statt daß man die Liebe mit Gewalt und stolzer Verachtung zu unterdruͤcken, und aus dem Herzen der Jugend zu verdraͤngen sucht, sollte man sich nur bestreben, sie durch Vernunftgruͤnde zu leiten, und auf den rechten Gegenstand zu lenken. Dieß naht sich Gott mit groͤßrer Zuversicht; nie bin ich andaͤchtiger gewesen: als wenn ich Ma- rianen in der Kirche beten sah, oder gleich darauf zu Hause betete. Wenn ich erst an sie denke, dann wird mein Herz weich, und fuͤhlt sich zur Andacht vorbereitet. Liebe ist gewiß die Mutter der Menschlichkeit, und grosser Tugenden. X x wuͤrde viele Leute besser machen, als sie bey ihrer angenommenen, oder erzwungenen Kaͤlte sind. Wer nicht lieben will, und veraͤchtlich von der Lie- be denkt, der schaͤmt sich auch ein Mensch zu seyn; und wer sie schlechterdings verdammt, der begeht einen Hochverrath gegen die Menschheit, denn er will die Quelle der Empfindung und so vieler Tu- genden ableiten, oder austrocknen, und dafuͤr eine duͤrre Sandwuͤste anlegen! — Um 11 Uhr kamen sie wieder zu Haus an, und spielten miteinander auf der Violine. Den Nach- mittag ritten sie mit Dahlmund spatzieren, der auch sehr vergnuͤgt war, weil er seine Bruͤnette ziemlich kirr gemacht hatte. Er erzaͤhlte ihnen: Gutsrieds Va- ter sey gestorben. Als er nach Haus gekommen war, kuͤndigte er seiner Beyschlaͤferin sogleich an, sie koͤn- ne sich innerhalb zwey Tagen aus dem Hause packen. Das Mensch gab ihm spitzige Reden, begegnete ihm grob, und machte grosse Forderungen an ihn. Er erzuͤrnte sich daruͤber, und legte sich den Abend drauf krank zu Bette. Er bekam eine hitzige Krank- heit, deren Samen er vermuthlich von seinem Sohn eingesogen hatte, als er ihm den letzten Hauch von den Lippen kuͤste. Vier Tage drauf starb er, nachdem ihm die Metze drey Tage vor- her eine ansehnliche Summe Gelds, und seine be- sten Kostbarkeiten mitgenommen hatte. — So gehts mit den Huren, sagte Kronhelm. Kronhelm und Siegwart legten sich Abends bald zu Bette, weil sie die vorige Nacht wenig, oder nichts geschlafen hatten. Den folgenden Abend sprach Mariane im Konzert viel mit Siegwart, und bestaͤrkte ihn, durch ihr gefaͤlliges Betragen, immer mehr in der Hofnung, daß sie ihn liebe. Er schwamm jetzt immer in einem Meer von Won- ne; nur zuweilen unterbrach ihn ein Anfall von Wehmuth in seiner Freude. Es stiegen ihm oft wieder Zweifel auf, ob sie ihn auch wirklich liebe? Vor einiger Zeit waͤre ein Blick, wie sie ihm jetzt viele gab, sein groͤster Wunsch, und der hoͤchste Grad von Gluͤckseligkeit fuͤr ihn gewesen; aber jetzt verlangte sein Herz schon mehr; er wollte nun thaͤtige und muͤndliche Versicherungen von ihrer Liebe haben. Sie weis vielleicht noch nicht, dach- te er, wie sehr ich sie liebe. Wie leicht koͤnnte ein andrer kommen, der mehr Kuͤhnheit, und viel- leicht auch groͤssere Anspruͤche hat, als ich, und den kleinen Funken von Liebe ausloͤschen, der vielleicht fuͤr mich in ihrem Herzen glimmt. Bey ihren Vorzuͤgen kann es ihr nicht lang an Freyern feh- len. Jch habe nichts, keinen Stand, kein Ver- moͤgen, kein Amt, wenig aͤusserlich empfehlendes; warum sollte sie mich andern vorziehen? oder mich nicht alsobald vergessen, wenn ein, dem aͤusserlichen Scheine nach, besserer und vorzuͤglicherer Mann kommt, u. s. w. So quaͤlte er sich oft ganze Stunden lang, und thuͤrmte Berge von Zweifeln gegen seine eigne Ruhe auf. Aber wenn er Marianen wieder sah, und sie ihm mit dem Blick der Liebe begegnete, dann verschwanden diese Zweifel wieder, wie Ne- belwolken vor der Sonne. — Etliche Tage nach dem Konzert schickte sie an Kronhelm den Geßner wieder, und ließ ihn, oder Siegwart um ein an- deres Buch bitten. Sigwart schickte ihr den Kleist, und sprang mit dem Geßner auf sein Zimmer, wo er ihn hundertmal an den Mund druͤckte und kuͤßte. Das Buch war ihm nun ganz heilig ge- worden. Er blaͤtterte es durch, und verweilte sich bey jedem Blatt. Jegliches schien ihm zu glaͤnzen, weil ihr Auge drauf geruht hatte. Wie groß war seine Freude, als er ein klein Stuͤckchen blauer Seide drinn liegen fand, von der Farbe, wie sie zuweilen ein Kleid trug. Dieses Stuͤckchen war ihm mehr werth, als dem Aberglaͤubigen das Stuͤckchen vom Gewand eines Heiligen. Nachdem ers lange gnug betrachtet hatte, schloß ers sorgfaͤl- tig in seinen Schreibpult; holte es aber alle Au- genblicke wieder heraus, um es von neuem wieder anzusehen. — Als er noch weiter blaͤtterte, fand er auch ein Schnippelchen Papier, auf welchem Marianens Name stand. Er sprang hoch auf, hub es in die Hoͤhe, druͤckte es hundertmal an seinen Mund, und an sein Herz, und betrachtete jeden Zug unzaͤhligemal. Endlich entdeckte er auch seinem Kronhelm ei- nen Entwurf, den er schon lang bey sich selbst ge- macht hatte, ob sie naͤmlich nicht Gutfrieds Zim- mer beziehen wollten? Er hatte schon Erfahrung eingezogen, daß in dem Hause noch ein andres Zim- mer ledig sey, worauf also Kronhelm wohnen koͤn- ne. Es thut mir zwar leid, unsre Hausleute zu verlassen, sagte er, weil es ehrliche und brave Leu- te sind; aber ich will ihnen gern noch ein halb Jahr Hausmiethe bezahlen, um nur bald meiner Mariane naͤher zu kommen. Kronhelm, der sei- nem Freund alles zu Gefallen that, willigte sehr gern in diesen Vorschlag, und nach wenig Tagen bezogen sie das Zimmer. Nun sah Siegwart sein geliebtes Maͤdchen taͤglich, und fast stuͤndlich. Er hatte seinen Schreibepult am Fenster stehen, und merk- te jede Bewegung, die auf Marianens Zimmer vorgieng; sie stund auch sehr oft am Fenster, und setzte sich, wenn sie allein zu Hause war, so, daß er sie, und sie ihn sehen konnte. Er sah sie stricken, naͤhen, Stickereyen machen, und alle haͤusliche Ge- schaͤfte verrichten. Oft standen ihm Freudenthraͤ- nen in den Augen, wenn er das liebe Maͤdchen, so mit sich vergnuͤgt, der Welt unbekannt, sich in der Stille, in jeder Pflicht, in jeder Tugend uͤben sah. Mit Thraͤnen blickte er zum Himmel. Gott! dachte er, welch ein Gluͤck ist dem bereitet, dem du eine solche Gattin gibst, die, mit jeder Anmuth ge- ziert, noch mehr fuͤr die Schoͤnheit ihrer Seele sorgt, und sich taͤglich innerlich vollkommener zu machen sucht! — Statt Eroberungen zu machen, und von hunderten begafft, und angestaunt, und bewun- dert zu werden, statt ihre Eitelkeit zu naͤhren, sitzt das fromme Maͤdchen da, von ihrem Engel, und von dem nur gesehen, der sie so heiß und heilig liebt, und bildet sich zu einer treuen Gattin, zu einer weisen Hausfrau, und zu einer frommen Mutter. — Gott! wenn ich es werth bin, so erbarm dich mein, und schenk mir diesen Engel, daß ich in ihrer Gegenwart taͤglich besser, taͤglich heiliger, dir taͤg- lich angenehmer und meinem Nebenmenschen nuͤtz- licher werde! Gott, du kannst mich nicht verdam- men, wenn ich in der Welt bleibe; diese Welt ist ja dein Tempel, und ich will dir dienen drinn mit diesem Engel. — So ward die Empfindung uͤber ihr Anschauen oft bey ihm Gebeth. Einmal sah er sie spinnen. Dieser Anblick ruͤhrte ihn unge- mein. Er erinnerte sich aus seinem Homer, den er mit P. Philipp gelesen hatte, an die Toͤchter der Koͤnige, wie sie spannen und Gewebe webten, und sich nicht der gemeinsten Weberarbeit schaͤmten; er erinnerte sich der Toͤchter der Patriarchen, die sich auch zur laͤndlichen Arbeit nicht zu vornehm daͤuch- ten. Ein andermal sah er sie im Kleist lesen, und geruͤhrt zum Himmel blicken. Wie beneidenswuͤr- dig war ihm da das Loos des Dichters, der das fromme Herz eines Maͤdchens zur Bewunderung und zum Dank hinreist; ihre Seele zu zaͤrtlichen Gesinnungen erweicht, Thraͤnen in das schoͤnste Au- ge lockt, und nach seinem Tode noch fuͤr seine from- men Lieder gesegnet wird. — Des Abends hoͤrte er sie oft noch am Klaviere singen, ward bald zu hoher Andacht mit ihr aufgehoben, und betete mit einer Jnnbrunst, die er sonst nie erreicht hatte; bald ward er zu Seufzern und zu Thraͤnen herabge- stimmt, und zerschmolz in suͤsser Wehmuth. Kurz seine neue Wohnung machte ihm jeden Tag zu ei- nem Festtag; alles um ihn her war feyerlich, denn alles erinnerte ihn an Marianen. Jm Konzert spielte er oft; fand sie immer freundlich, und erhielt manchen liebenden und zaͤrtlichen Blick von ihr. Mit ihrem Bruder suchte er, so viel als moͤglich, Freundschaft zu erhalten, und bat ihn zuweilen zu sich. Der Mensch that aͤusserlich freundschaftlich, aber die geheime Tuͤcke, die er auf Siegwart hatte, ließ sich doch nicht ganz verbergen. Endlich wagte er es auch einmal, Marianen und ihre Eltern mit seinem Kronhelm zu besuchen. Er ward aufs freundschaftlichste empfangen; man that ihm viele Ehre an, und Mariane sah so heiter aus uͤber seine Ankunst, wie der junge Tag, wenn die Sonne eben aufgeht. Siegwart und Kronhelm liessen ihre Violinen holen, und machten ein Konzert, bey wel- chem Mariane Klavier spielte, und himmlisch sang. Beym Weggehen bat sie unsern Siegwart, kuͤnftig nachbarlicher zu handeln, und sie oͤfter zu besuchen. Er kuͤßte ihr die Hand, und sie druͤckte ihm die sei- nige. So wahrscheinlich, und beynahe zuversichtlich Siegwart nun hoffen durfte, daß ihn seine Maria- ne liebe, so ward ihm doch die ewige Entfernung, und die, doch immer nur halbe Gewißheit, taͤglich unertraͤglicher. Er schmachtete darnach, sie einmal allein zu sprechen, ihr Herz noch genauer auszufor- schen, und ihr das seinige mehr zu entdecken. Die groͤssere Freymuͤthigkeit, die sie jetzt gegen ihn, und er zum Theil auch gegen sie beobachtete, erregte die- sen Wunsch in ihm noch mehr. Nun, dachte er, wuͤrde er ihr alles sagen, was ihm auf dem Herzen liege. Daher sann er Tag und Nacht auf Gelegen- heit, sie allein zu sprechen. Seine Einbildungs- kraft kam ihm zu Huͤlfe. Er stellte sich schon in Gedanken den kuͤnftigen Fruͤhling vor, wie er sie auf einem Spatzierwege allein antreffe, sich anbiete, sie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schat- ten eines Waͤldchens ihr sein ganzes Herz auf- schliesse. Er hielt in Gedanken lange zaͤrtliche Gespraͤche, fuͤhrte sie und sich redend ein, sank ihr endlich in den Arm, und empfieng mit dem ersten heiligen Kuß die Versiegelung einer ewigen Liebe. Aber dieß waren alles nur Traͤume, und wenn sie verflogen waren, sehnte sich sein Herz desto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er sie besuchen, wenn sie allein zu Hause war, aber er fuͤrchtete, der Bruder moͤchte kommen, oder sie moͤcht es uͤbel nehmen. Er sah vorher, daß | er doch nicht wuͤrde reden koͤnnen, wenn die Sache so vorberei- tet waͤre, und dann wollte er auch allen Schein ei- ner heimlichen Zusammenkunft vermeiden, woge- gen sein zartes Gefuͤhl stritt. Oft dachte er, er woll’ ihr schreiben, aber wie sollte er ihr den Brief beybringen? Kurz, alle seine Entwuͤrfe zerfielen wieder von selbst, bis ihm endlich ein Ungefaͤhr — das Beste in der Liebe — seinen heissen Wunsch erfuͤllte. Wider alles Vermuthen, selbst wider seine Hoff- nung — und ein Liebender hofft doch gewiß nicht wenig — fiel, noch kurz vor Ostern, ein sehr tie- fer Schnee, und zween Tage drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, bey welcher Siegwart Marianen fuhr. Nun sprach er schon mehr, und that minder schuͤchtern. Er und Mariane theilten ihre Freude mit einander uͤber die unvermuthete Gelegenheit, ei- nen Abend mit einander zuzubringen. Sie gestand ihm frey, es haͤtt’ ihr nichts angenehmers begegnen koͤnnen, und sah ihm dabey mit einem unaussprech- lichzaͤrtlichen Laͤcheln ins Gesicht. Er beugte sich auf dem Schlitten vorwaͤrts, um ihr einen Kuß zu geben, und sie hielt willig still. Es ist sehr schoͤn, sagte sie, daß sie nun auf Gutfrieds Zimmer woh- nen, so kann ich sie doch oft Violine oder Floͤte spie- len hoͤren. — Und ich Sie oft sehen und oft hoͤ- ren, fiel ihr Siegwart ein. Diese Wohnung ist mir mehr werth, als wenn man mir das ganze Schloß schenkte. — Sie sind gar zu guͤtig! sagte sie. — Gar zu eigennuͤtzig, sollten Sie sagen, ver- setzte Siegwart. — Sie sprachen auf dem ganzen Weg hin nach dem Dorfe, und zwar so, als ob sie mit einander voͤllig ausgemacht haͤtten, daß sie sich liebten; sie nahmen es stillschweigend fuͤr be- kannt an, und sprachen vertrauter, als sie selbst zu wissen schienen. Auf dem Dorfe ließ er ihre Hand fast niemals los, schenkte ihr Chokolade ein, und trank, weil Mangel dran war, mit ihr aus einer Schaale. Kron- helm selbst muste sich uͤber die Herzhaftigkeit seines Freundes, und uͤber ihre Offenherzigkeit wundern, da sie sonst etwas zuruͤckhaltend, und dem Scheine nach stolz war. So eine maͤchtige Veraͤnderung in ihrem beyderseitigen Karakter hatte die Liebe, die stumme Augensprache, und der Zwang, sich einander nicht ent- decken zu duͤrfen, hervorgebracht. Auf dem Ruͤck- wege sagte Siegwart: dieser Abend ist noch schoͤner, als der letztere; Sie sind noch guͤtiger und freundli- cher. — Sie sind auch noch ungezwungener und munterer, sagte sie, und das lieb ich. Solche Tage muß man ganz der Freude weihen, denn sie kom- men selten. Siegwart ließ sich nun von ihr feyer- lich versprechen, daß sie auf den Abend laͤnger beym Ball bleiben wolle, und sie that es gerne. So fuh- ren sie im rothen Duft des Winterabends nach der Stadt. Vor ihnen stieg der Rauch von den Schorn- steinen saͤulengerad in die Hoͤhe, und ward von der, hinten untergehenden Sonne verguͤldet und geroͤthet. Das Gesicht der Liebenden war heitrer als der Abend. Sie sahn zur Seite schon den Abendstern blinken, zeigten ihn einander, und sahn ihn mit heitern Blicken an: dann blickten sie ein- ander wieder ins Gesicht, und laͤchelten mit na- menlosem Ausdruck. Das ist der Stern der Liebe, sagte Siegwart. Ein herrliches Gestirn, sagte Ma- riane, sah ihren Juͤngling schmachtend an, und er kuͤßte sie. — Schade, daß nicht auch Therese bey uns ist! sagte sie. Jch lieb ihre Schwester sehr, und wuͤnschte sie so gern gluͤcklich! — Sie wirds werden, versetzte Siegwart. Kronhelm meynt es ehrlich, und sie liebt ihn treu. Das gute Maͤdchen muß noch gluͤcklich werden; sie hat gar zu viel ge- litten. — Wird man immer gluͤcklich, wenn man leidet? fragte Mariane, und ward wehmuͤthig. Siegwart schwieg, und sah gen Himmel. Sie kamen nun in der Stadt an. Beym Um- kleiden theilte Siegwart seine Freude mit Kronhelm auf die heftigste Art. — Jch bin alles, alles! Ewig! Unsterblich! Alles! sagte er. Freu dich doch, Kron- helm! Du bist ja so kalt. Denk, sie ist mein, auf ewig mein! Kannst du nicht begreifen, was das ist? Mein, mein! — Wenn man doch sagt, man sey nicht gluͤcklich, und hat nur so Einen Augen- blick! — Denk nur erst den Abend! Die ganze lange Nacht mit ihr tanzen, mit ihr sprechen! O ich moͤchte sterben, so wohl ist mir! — Nun sag mehr: Jch sey nicht kuͤhn! Alles, alles soll sie heut erfahren! — Denk, auch Theresen wuͤnscht sie her, und wuͤnscht sie gluͤcklich! Siehst du, was der En- gel fuͤr ein Herz hat? — Sey nur gutes Muths! Es muß euch auch noch gluͤcklich gehen! Kein Mensch kann auf der Welt ungluͤcklich seyn! Gott hat uns all zur Freud erschaffen! — So sprach er in lauter Ausrufungen fort, bis es Zeit war, Ma- rianen wieder abzuholen. Er fuͤhrte sie im Triumph auf den Tanzsaal, und fieng gleich mit ihr zu tanzen an. Sie schweb- te, wie eine Goͤttin zwischen Himmel und Erde. Jhre Blicke waren immer auf ihn gerichtet. Er glaubte, in dem Saal der Seligen zu seyn. So oft er sie bey der Hand faßte, gab sie ihm einen Haͤnde- druck, der durch Mark und Knochen schauderte. Beym Essen sprach sie nur allein mit ihm, und zu- weilen mit Kronhelm, der in tiefer Wehmuth da saß, weil er an Theresen dachte, und doch zwang er sich, an dem Entzuͤcken seines Freundes Theil zu nehmen, und laͤchelte zuweilen wie die Fruͤhlings- sonn’ im Regenschauer. Mariane trank ihm The- resens Gesundheit zu, und bat ihren Siegwart, es seiner Schwester zu schreiben, daß sie eine unbekann- te Freundin habe, die ihr Schicksal oft beseufze, und fuͤr sie bete. — O dann muß sie gluͤcklich werden, sagte Siegwart, wenn ein Engel fuͤr sie betet. — Und beten sie denn auch fuͤr mein Gluͤck, lieber En- gel? Wuͤrden Sie mich auch wol gluͤcklich machen? — Ob ichs wuͤrde? sagte sie, und sah ihn zaͤrtlich an. Koͤnnt ichs nur! — O sie koͤnnens! Bey Gott! Sie koͤnnens, wenn Sie mir nur gut sind! Sind Sies, lieber Engel? — Herzlich! Herzlich! sagte sie; mehr, als ichs sagen kann! — Er schwieg, und druͤckte ihr die Hand. — Sie hatte ein Stuͤck Torte vor sich auf dem Teller liegen. Er schnitts entzwey. Sie gab ihm ein Stuͤck davon, und aß das andere. Suͤßre Kost hatte Siegwart nie noch genossen. Er schlang seinen Arm um sie, und sah sie seitwaͤrts an. Jhr Gesicht hatte eine Wehmuth, die uͤber Thraͤnen erhaben war. Zuweilen blickte sie zu ihm herum, und schlug schnell das Auge nie- der. Seine Brust war | gespannt, er athmete schwer, und konnte kaum den Seufzer zuruͤckhalten. Es war ihm nicht moͤglich, ein Wort hervorzubringen. Er sah nichts mehr um sich her. Jhr Gesicht zer- floß vor ihm, als ob nur ein leichter Rosenduft vor ihm schwebte. Sie druͤckte ihm mit unaus- sprechlicher Zaͤrtlichkeit die Hand. Er konnte die Empfindung |nicht mehr zuruͤckhalten, und kuͤßte sie, mit einem heissen Seufzer, auf die Wange. Jn- dem kam ein Student, und foderte sie zum Tanz auf. Sie entzog ihm, nach einem sanften Druck, die Hand, legte ihre Handschuh an, sah ihn an, und gieng, halb unwillig, mit dem Studenten weg. Er blieb unbeweglich, ruͤckwaͤrts an den Stuhl gelehnt, sitzen. Endlich sah er sich nach ihr um; sie tanz- te, und hatte ihr schoͤnes Auge immer auf ihn ge- heftet. Er konnts nicht aushalten; Thraͤnen schos- sen ihm in das seinige; er eilte in die Vertiesung des Saals ans Fenster, sah durch die Scheiben nach dem hellen Mond, und weinte. Nach etlichen Mi- nuten kam sie, ohne daß ers merkte, zu ihm, legte ihre Hand auf die seinige, sah ihn an, und sagte: Sie sind traurig? — Ja, vor Freuden, antwor- tete er. Lieber, lieber Engel, sind Sie mein? — Auf ewig! sagte sie, und sank ihm mit dem Ge- sicht an die Brust. Er kuͤßte sie feurig, und em- pfieng von ihr den ersten heiligen Kuß der Liebe. — Drauf folgte eine sprachlose Scene, die sich nicht beschreiben laͤst. Erst nach einiger Zeit giengen sie, mit nassen Augen, um eine Menuet zu tanzen. Dann giengen sie wieder ans Fenster, sahn den Mond an, sahn, wie er sich spiegelte in ihren Thraͤnen, kuͤßten sie sich von den Wangen, und waren uͤber- schwenglich gluͤcklich. Siegwart tanzte fast mit kei- nem Maͤdchen, als mit ihr. Wenn sie mit einem andern tanzte, so stellte er sich in eine Ecke, und hatte fast immer Thraͤnen in den Augen, denn das Maaß der Freuden war fuͤr ihn zu groß. Sie kam immer, wenn sie ausgetanzt hatte, wieder zu ihm hin, nahm ihn bey der Hand, und sah ihn unaus- sprechlich zaͤrtlich an. — Nun muͤssen Sie mich oft besuchen, sagte sie. Meine Mutter liebt Sie, mein Vater ist Jhnen gut, und mein Bruder denkt auch wieder besser von Jhnen, seit Sie auf sein Spiel zu achten scheinen. Etwas behutsam muͤssen Sie nur seyn, doch das sind Sie selbst. O, der heutige Tag ist doch gar zu herrlich! Nicht wahr, Sie sind auch vergnuͤgt, mein lieber Siegwart? Ein feuriger Kuß auf ihre Lippen gab ihr die Antwort. — Wenn wir doch immer beysammen seyn koͤnnten! fuhr sie fort; das Tanzen ist mir heut ganz verdruͤßlich. Kaum hatte sie ausgesprochen, so ward sie wieder aufgezogen. Siegwart ging zu seinem Kronhelm, der in einer Ecke des Saals wehmuͤthig und nach- denklich da saß. — Wenn nur du auch gluͤcklich waͤrest! sagte Siegwart; ich wollt’ Alles geben! — Lieber Schwager! — sagte Kronhelm, und kuͤßte ihn. Da hab ich einen Gedanken, den ich, glaub ich, Morgen oder Uebermorgen ausfuͤhre. Jch will nach Muͤnchen zu meinem Onkel; du must auch mit! — Und was da machen? — Um Theresen anhalten. Er kann und wird sich meiner anneh- men! Von ihm kann ichs ganz allein erwarten. So halt ichs nicht laͤnger aus. Dein Gluͤck hat alle meine Empfindungen wieder aufgeweckt; ich fuͤhle meinen Verlust wieder staͤrker, und mein Zu- stand wird mir unertraͤglich. Nicht wahr, Bru- der, du gehst mit mir? Du must bitten helfen. Er wird deine Schwester auch um deinetwillen Y y schaͤtzen, wenn ich sage: daß du ihr Ebenbild bist. — Wenn ich etwas dazu beytragen kann, sagte Siegwart, so weist du schon, daß ich fuͤr dich ins Feuer ginge. Sie erlaubens doch auch? sagte Kronhelm zu Marianen, die eben zu ihnen kam, daß ich Herr Siegwart mitnehme? — Wohin? fragte sie rasch und aͤngstlich, und sah ihren Siegwart an. Nach Muͤnchen, antwortete Kronhelm; nur auf etliche Tage. Er kann mir einen großen Dienst thun. Es betrifft mein und Theresens Schicksal. — Ja, wenn das ist … sagte sie, sonst … Jch will bey meinem Onkel, dem geheimen Rath, anhalten, sagte Kronhelm, ob ich Theresen heirathen darf? und Siegwart soll meine Bitte unterstuͤtzen. Er kann viel ausrichten, das weis ich. — Nur auf vier, oder fuͤnf Tage. — Tausend, tausend Gluͤck! sagte Mariane, aber kommen Sie bald wieder! Und Sie, Herr Siegwart, Sie vergessen mich doch nicht? — Gott im Himmel! koͤnnten Sie das glauben? rief Siegwart aus. O Sie kennen mich noch nicht! Jch werd an keine Seele denken, als an Sie. — Ein Kuß versiegelte das Versprechen. Sie war nun auch traurig, daß sie ihren Sieg- wart so bald — waͤrs auch nur auf einige Tage — verlieren sollte. Sie saß traurig neben ihm, als sie Kaffee tranken, und konnte die Thraͤnen nicht zuruͤckhalten. Er umschlang sie mit seinem Arm, lehnte sein Gesicht an ihre Brust, und konnte vor Bewegung und Zaͤrtlichkeit nicht sprechen. Er fuͤhlte das Schlagen ihres Herzens, blickte zuwei- len zu ihr hinauf; schmachtend sah ihr Aug auf ihn herab, und eine Thraͤne fiel auf seine Stirne, die sie wieder weg kuͤßte. Kronhelm sah das edle, zaͤrt- liche Paar, und weinte vor Freuden. — Moͤcht ich Sie einmal beysammen sehen! sagte er; Sie und meine Therese! Sie waͤren gleich im Augenblick Ein Herz und Eine Seele. Nun werd ich wol bald nach Hause gehen muͤssen, sagte endlich Mariane; es ist uͤber zwey Uhr. Siegwart wollte das nicht glauben, bis ers selbst auf seiner Uhr sah. Noch ein paar Schlei- fer muͤssen wir doch machen! sagte er, und fing an, mit ihr zu tanzen. Mariane blieb noch uͤber drey Viertel Stunden. Endlich sagte sie: Jch muß, ich muß gehn, wenn ich gleich nicht will! Siegwart stund mit ihr noch eine halbe Stunde unter ihrem Haus, und empfing die zaͤrtlichsten Versicherungen ihrer Liebe. Jch habe keinen noch geliebt, sagte sie, und will auch ausser Jhnen keinen lieben. Mein Herz war unruhig, seit ich Sie erblickt habe. Sie mustens oft an meinen Blicken merken, im Kon- cert und in der Kirche. — Lieber Siegwart, ich bin nun so gluͤcklich; soll ichs ferner bleiben? Jst Jhr Herz auch ganz mein? — Ganz! so wahr als Gott lebt! sagte er. Keiner Seele hats noch an- gehoͤrt, Gott ist mein Zeuge! und soll Gott und Jh- nen nur gehoͤren ewig. Nun folgten wieder Kuͤsse, die den Bund auf ewig schlossen. Endlich trenn- ten sie sich mit Gewalt von einander. Da geht der Stern der Liebe wieder auf, sagte er beym Schei- den. Gestern hat er uns zum erstenmal geglaͤnzt, und nun auf ewig. Nie will ich ihn ansehn, oh- ne dieses Tags und Jhrer zu gedenken. Er soll das Sinnbild unsrer Liebe seyn, ewig rein, und ju- gendlich und ewig! Schlaf sanft, lieber Engel, sanft, sanft, sanft! — Er ging nach seinem Haus hinuͤber, und schloß auf. Andacht, und Entzuͤcken, und Dankbarkeit bebten durch sein Herz. Er sah aus dem Fenster, sie sah noch eine Viertelstunde heraus; endlich war- fen sie sich einen Kuß zu, und sie loͤschte ihr Licht aus. Hastig ging er im Zimmer auf und ab. Mein, o mein ist er, der Engel Gottes! sagte er laut, setzte sich nieder, und schrieb: Mein, o mein ist er, der Engel Gottes! Banges Herz, wie kannst dus fassen? Brich nur! Schmelz in Thraͤnen hin! denn dein ist Die Erwaͤhlte Gottes. O ich sink in Staub vor Dir, Du Geber! Alle Thraͤnen hast Du weggetrocknet! Freuden hast Du mir erschaffen, Ewig, wie mein Herz liebt! Rein und heilig ist die Auserwaͤhlte! Mach, o Gott! mein Herz, wie sie, so heilig! Daß ich werth sey dieses Kleinods, Das vor allen schimmert! O, Du Heilige! Sieh an dieß Streben, Das, Dir gleich zu werden, hoch mein Herz hebt! Sieh es an! Und, wann ich strauchle, Heb mich durch Dein Laͤcheln! Kronen haͤtt’ ich nicht fuͤr Dich genommen! Tausend Kronen legt’ ich Dir zu Fuͤssen! Engel, sieh, ich wein’ vor Freuden, Daß Du ewig mein bist! Noch eine halbe Stunde blieb er auf, und sagte diese Verse oft zum Fenster hinaus. Endlich leg- te er sich zu Bette, aber es kam wenig Schlaf in seine Augen. Um halb sieben Uhr weckte ihn das Morgenroth schon wieder. Er sah hinaus, dachte nichts als Marianen, war im Jnnersten bewegt, und dankte Gott mit solcher Jnbrunst fuͤr ihre Liebe, daß sein Herz mehr im Himmel, als auf Erden war. Sie war auch schon aufgestan- den, und laͤchelte mit Engelanmuth zu ihm her- uͤber. Seine Seele war so heiter, als sie in sei- nem Leben nie noch gewesen war. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer, und sagte, er habe diese Nacht nicht schlafen koͤnnen, und den Plan, zu seinem Onkel zu reisen, vollends ausgedacht. Er sey nun voͤllig entschlossen, morgen nach Muͤnchen zu reiten. Er habe alles uͤberlegt, und soviel ein Mensch voraus sehen koͤnne, koͤnn’ es ihm nicht fehlen. Sein Onkel habe ihn und sein Gluͤck viel zu lieb, und sey zu frey von Vorurtheilen, als daß er ihm seine Einwilligung, Theresen zu hei- rathen, versagen koͤnne. Wenn er diese habe, dann sey es ihm genug. Sein Vater werde ge- wiß nachgeben, denn sein Onkel vermoͤge alles uͤber ihn, und er muͤss’ ihm nachgeben, weil er sonst fuͤrchten muͤste, er vermache seine Guͤter einer an- dern Linie vom Kronhelmschen Haus. Jch trage, setzte er hinzu, diesen Plan schon lang im Herzen; aber noch nie fuͤhlte ich so vielen Muth, und so zu sagen, innerlichen Beruf, ihn auszufuͤhren, wie jetzt. O Bruder, wenn Gott meine Wuͤnsche segnet; wer ist dann begluͤckter, als wir beyde! Hierauf unter- richtete er seinen Freund, wie er seinem Onkel be- gegnen muͤsse, um sein Herz zu gewinnen. Nur geradezu, und frey! Das liebt er. Dein Charak- ter ist so, wie ers wuͤnscht. Zeig dich, wie du bist! Dann kennt er Theresen, und ist ganz gewiß fuͤr meine Wahl. Er ist ungeheuchelt fromm, und man darf mit ihm mehr von der Religion reden, als mit irgend einem Hofmann. Auch von mei- ner Schwester hoff ich viel. Wenn sie so ist, wie sie war, dann tritt sie ganz gewiß auf meine Seite, und uͤber meinen Onkel vermag sie alles. Nur vor meinem Schwager darf ich nichts sagen; der ist ganz Hofmann, und glaubt, zwischen den Buͤr- gerlichen und dem Adel muͤss’ eine ewige Kluft be- festigt seyn. — Sieh, Bruͤderchen, ich denk, es geht gut. Wir wollen Gott drum bitten, und das Beste hoffen! sagte Siegwart. Niemand kann dir mehr einen gluͤcklichen Ausgang wuͤnschen, als ich, denn ich liebe, nach Marianen, dich und meine Schwester uͤber alles. Sie gingen nun aus, um Pferde zu bestellen. Dahlmund kam drauf zu ihnen, und klagte, daß ihm seine Bruͤnette gestern ungetreu geworden sey. Sie habe sich mit einem schlechten Kerl abgegeben, der schon zwey- oder dreymal Schulden und lie- derlicher Streiche halben auf dem Karzer gesessen habe. Er that ganz verzweifelt und untroͤstlich, schlug sich vor die Stirne, knirschte mit den Zaͤhnen, weinte vor Wuth, und sagte endlich: Entweder ich muß sterben, oder Er? Feder und Dinte her! Jch schick ihm eine Ausforderung. Kronhelm, du must mir sekundiren! Bist du toll, Dahlmund? sagte Kronhelm. Mit dem schlechten Kerl dich schlagen! Dein Leben an ihn setzen! Was hast du davon, wenn du ihn nie- derstichst? Wird das Maͤdel dadurch besser? Moͤch- test du sie dann wohl wieder haben? Du weist selbst, daß jeder Zweykampf, den man selbst sucht, Thor- heit und Verbrechen ist; wir haben schon einmal davon gesprochen. Aber hier trifft das doppelt ein. Der Kerl ist schlecht, das sagst du selbst. Alles, was noch Gutes an ihm ist, das ist sein Leben, weil ers noch einmal dazu brauchen kann, sich zu bessern, der Welt etwas nutz zu werden, und dem Elend zu entgehen, das ihn in der Ewigkeit er- wartet. Darfst du einem Menschen den Weg zu seinem Gluͤck abschneiden? Oder willst du sein Teu- fel werden, und ihn in die Hoͤlle jagen, und dir dadurch dein Leben auch zu einer Hoͤlle machen? Denk einmal, was ein Moͤrder fuͤr ein unseliges Geschoͤpf ist? Fliehen muß er vor Menschen und vor Gott; darf nicht mit sich selber reden, denn es ruft aus ihm heraus: Du bist ein Moͤrder. Blut sieht er uͤberall, darf keinem Menschen ins Gesicht sehn, und hat Hoͤllenquaalen, ausser sich und in sich. Das heist sich warlich schoͤn geraͤcht, wenn man sich selbst einen Dolch ins Herz stoͤst, daß es ewig blutet. Dem Teufel gibt man Sa- tisfaktion, und nicht sich selbst, wenn man ihm einen schlechten Kerl zuschickt, und wohl selber nachfolgt. Und dann ists ja so ausgemacht nicht, daß du ihn gerad niederstichst; er hat ja auch einen Degen, und kann eben so gut treffen, als du. Jst der Kerl wol dein Leben werth, und dein Gluͤck in alle Ewigkeit? Darfst du nur damit schalten und walten, wie du willst? Du hast brave El- tern, die so viel an dir thun, und Trost und Freud im Alter von dir erwarten, und nun mit Gram und Kummer vor der Zeit ins Grab saͤnken; die nicht ohne Graus an dich denken koͤnnten, und im Tod einander sagen muͤsten: Er hat uns um- gebracht, und nun treffen wir ihn doch nicht an. Heist das, seinen Eltern Freude machen, und ih- nen fuͤr das lohnen, was sie an uns thaten? Heist das, ein ehrlicher Kerl seyn, geschweige denn ein Christ? Das heiß ich mir recht auf Ehre halten, und ein Schurke gegen sich und andre werden! Besinn dich, lieber Dahlmund! Sieh, du bist der Welt viel schuldig, hast so gute Gaben, die dir Gott gab zur Verwaltung, daß du Menschen segnest, und sie gluͤcklich machtest. Sieh, du hast uns, und wir sind dir herzlich gut, und du bist uns Freundschaft schul- dig! Wirf dein Leben nicht einem schlechten Kerl hin. Handle nicht so gegen Gott, und dein eig- nes Gluͤck! Jch bitte dich um Gottes und um deinetwillen, komm wieder zu dir selbst! Du bist sonst ein Mensch und hast Religion, und willst nun alles das mit Fuͤssen treten. Nicht wahr, du folgst mir, Dahlmund? Jndem umarmte er ihn. Dahlmund ward geruͤhrt, und weinte. Vergebt mir, Bruͤder! rief er, daß ich so ein Narr war! Jch wills nicht thun! Lieber mag man mich fuͤr einen feigen Kerl halten! Das bist du deswegen doch nicht, sagte Siegwart; du hast dich letzthin maͤnnlich gewehrt, als dich die zween Studenten mit dem blossen Degen angriffen. Man kann Muth haben, ohne ihn zum Schaden andrer ohne Noth zu brauchen. Jch schlage mich gewiß nicht, aber deswegen komm mir keiner und necke mich! Jch will ihms zeigen, daß ich meine Faust und meinen Degen nicht umsonst habe. Und bey den groben Schlaͤgern fehlts gar oft an Herz, wenns auf wirkliche Vertheidigung ankommt. Beym boͤsen Gewissen gibts keine wahre Herz- haftigkeit, und ein gutes Gewissen hat der niemals, der vorsetzlich, um einer Kleinigkeit willen, sein Leben aufs Spiel setzt, oder nach dem Leben eines andern trachtet. — Aber die Weissin ist nun doch verloh- ren, sagte Dahlmund, und das thut mir in der Seele weh! — Kanns das wol mit Recht? sagte Kronhelm. Sie hat sich schlecht aufgesuͤhrt, das must du selbst bekennen, da sie dir einen sol- chen Menschen vorzieht. Ein Maͤdchen, das aus- ser uns, noch mit einem andern, auch sonst guten Menschen, liebelt, verdient warlich unsere Liebe nicht. Ganz und allein muß man ein Herz haben, das man ganz liebt. Wenn ich meinem Maͤdchen nicht Alles bin, so bin ich gar nichts, und nehm auch mein Herz zuruͤck. Du must stolz seyn, Dahl- mund, und den Flattergeist verachten koͤnnen. Du verdienst ein ganz andres Maͤdchen. Es fehlt dir nichts, um ein Herz zu fesseln, und gluͤcklich zu machen. Du siehst gut aus; hast Verstand, Ver- moͤgen, Wissenschaften, und ein edles Herz, das treu lieben, und daher wieder treue Liebe fodern kann. Sag einmal, moͤchtest du ein Weib, wie die Weissin, das mit jedem Kerl buhlt, sich von je- dem schmeichlerischen Schurken die Haͤnde und den Mund belecken laͤst; jedem Narren glaubt, und seine unverschaͤmten Schmeicheleyen anhoͤrt, und sich druͤber zur Ehebrecherin machen laͤst? Moͤchtest du so ein Weib? Und man muß kein Maͤdchen haben, das man nicht zum Weib machen will! Der Verdruß uͤber ihre Narrheiten wuͤrde dich umgebracht haben. Laß sie nur nicht merken, daß es dir leid um sie thut, sie wuͤrde heimlich nur daruͤber jauchzen. Sey ein Mann, und wimmre nicht wie eine Memme um ein eitles falsches Maͤ- del! Warlich, sie ist dein nicht werth! — Du hast Recht, Bruder, sagte Dahlmund, ich fuͤhl mich, daß ich etwas bessers werth bin. Sie mag sich zur alten Jungfer buhlen, oder noch was aͤrgers mit dem Kerl thun! Jch frag den Henker nach ihrem Paar schwarzen Augen, wenn sie glaubt, die gan- ze Welt muͤsse sich drein vergaffen! Den Abend drauf ging Siegwart mit Kron- helm zu dem Hofrath Fischer, unter dem Vorwand, ein Konzert zu machen. Aber seine wahre Absicht war, seine Mariane noch einmal zu sehen, und von ihr Abschied zu nehmen. Der Hosrath wur- de gegen Siegwart immer hoͤflicher, theils wegen seines guten Spielens, theils auch, und hauptsaͤch- lich, weil sich Siegwart jetzt taͤglich gut kleidete, denn er sah mehr auf aͤusserliche, als auf wesent- liche Vorzuͤge. Die Hofraͤthin liebte ihn seiner Artigkeit, seiner unbescholtnen Sitten, und seines edeln frommen Herzens wegen, taͤglich mehr, und ließ ihn ihre Achtung deutlich sehen. Joseph, Ma- rianens Bruder, that jetzt auch sehr freundschaft- lich, da er sah, daß ihn Siegwart sehr von an- dern unterscheide. Ueber Marianens Gesicht ver- breitete sich sichtbar eine ausserordentliche Heiterkeit, sobald ihr Geliebter kam. Sie stand von ihrer Stickerey auf, wo sie eben eine Schaͤferinn, und einen Schaͤfer, die im Grase bey einander ruhten, gezeichnet hatte. Sie war sehr beschaͤstigt, die lie- ben Gaͤste zu bewirthen. Siegwart betrachtete in- dessen mit Entzuͤcken ihre Stickerey. Sie trat hin- zu, sah sie ein paar Augenblicke an, und betrach- tete dann sein Gesicht, das mit Wohlgefallen auf der Arbeit ruhte. Er sah sie an, sie laͤchelte mit einem solchen Ausdruck, daß er Muͤhe hatte, sich nicht vor dem Vater und der Mutter zu verrathen. Nachdem er dem Vater und der Mutter erst von seiner vorhabenden Reise erzaͤhlt hatte, so spielten sie ein kleines Konzert, bey welchem Mariane schoͤner und mit mehr Ausdruck sang, als sie noch je gethan hatte. Drauf spielte Joseph ein Konzert auf dem Fluͤgel, und ward uͤber den Beyfall, den ihm Kronhelm und Siegwart gaben, ganz entzuͤckt. Siegwart sang auch, und wurde von Marianen und ihren Eltern sehr gelobt. Um sechs Uhr mach- ten diese viele Entschuldigungen, daß sie weggehen muͤsten, weil sie sich bey ihrem aͤltern Sohn ver- sprochen haͤtten. Kronhelm und Siegwart woll- ten auch weggehen, wurden aber sehr gebeten, da zu bleiben. Mariane bat auch, und Siegwart willigte nur gar zu gern ein. Joseph machte auch Entschuldigungen, daß er zu seinem Zeichenmeister gehen muͤsse. Er wolle um sieben Uhr sogleich wieder da seyn ꝛc. und unsre jungen Leute waren nun allein. Sie sahn aus dem Fenster, als die Eltern weggiengen, und merkten, daß der Wind sich gedreht habe, und aus Mittag wehe, und Thauwetter bringe. Es fing auch bereits an et- was zu regnen. — Seys! sagte Mariane; wir haben nun doch noch die Schlittenfahrt gehabt. Vielleicht koͤnnen Sie auch morgen noch nicht rei- sen. Kronhelm sagte, sie muͤsten, wo moͤglich, fort. Nun stellte sich Mariane an den Fluͤgel, schlug, ohne hinzusehen, ein paar Toͤne, sah ihren Sieg- wart an, gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Seligkeit des Himmels ward um ihn herum, und noch mehr in seiner Seele. — Du must spie- len, sagte er zu Kronhelm, damit man unten und im Hause glaubt, wir machen Musik. Kron- helm spielte sich, ganz allein, auf seiner Violine recht muͤde; oft ganz wild, und heftig wie der Tau- mel der Liebe; dann wieder schmachtend und zaͤrtlich, gleich der Empfindung unsrer Liebenden. Sie sas- sen im Kanapee beysammen, gluͤcklicher als alle Koͤnige der Erden. Jhre Zunge konnte nicht re- den; nur ihr Auge sprach, und ihr Haͤndedruck. Liebes Maͤdchen! Lieber Engel! war alles, was zuweilen Siegwart sagte. Dann lehnte sie wieder ihr Gesicht an seine Brust. Er kuͤßte sie auf ihre schoͤnen Augen. Sie sah auf, erhub sich etwas und kuͤßte seine offne, hochgewoͤlbte Stirne. Wenn ihre Blicke sich begegneten, wenn ihr Auge scharf in seines sah, dann schoß ihm eine Thraͤne drein, und er und sie laͤchelten, und ihr Gesicht sank wie- der an sein Herz, das so laut schlug, daß sies hoͤr- te. — Morgen, morgen! sagte Siegwart traurig. Sie hub ihr Gesicht langsam auf, sah ihn schwei- gend, lang, und wehmuͤthig an! Ein Seufzer bebte ihre Brust herauf, und sie verbarg sich wieder an der seinigen. — Traurig! traurig! rief sie Kron- helm zu, der eben ein Allegro spielte. Auf Ein- mal sank er ins Moll herab, in eine Duͤsternheit, daß den Liebenden schauerte. — Gedenke meiner, sagte Siegwart, wenn ich fern bin! Sie druͤckte ihren Mund fest auf den seinigen; wendete sich ei- lig weg, nahm ihr Schnupftuch, und wischte sich das Auge. — Nur etliche Tage! sagte Siegwart. — Kann ich Jhnen schreiben? Sie schuͤttelte stillschwei- gend mit dem Kopf. Jch habe niemand, sagte sie nach einer Pause. Dann druͤckten sie einander fest ans Herz, und kuͤßten sich, als ob sie den Athem und die Seelen austauschen wollten. — Man laͤu- tete an der Glocke. — Schon vorbey? sagte Sieg- wart seufzend, und stand auf. Joseph kam, und sagte, daß das Wetter sehr schlecht und ungestuͤm sey. Man hoͤrte auch stark stuͤrmen, und der Re- gen wurde heftiger. Wenn es so fort macht, sag- te Mariane, und sah unsern Siegwart bittend an, so reisen Sie morgen doch nicht! Jch bitte Sie. Kronhelm versprach, noch einen Tag zu warten, wenn das Wetter sich verschlimmre. — Um acht Uhr nahmen er und Siegwart Abschied. Sie leuchtete ihnen hinunter. Der Wind loͤschte das Licht aus. Sie stand noch einige Augenblicke bey ih- nen. Siegwart kuͤßte seinen Engel noch aufs zaͤrt- lichste, nahm mit vielen Thraͤnen Abschied, und versprach, bald wieder zu kommen. Den andern Morgen stuͤrmte und regnete es noch so stark, und das Gewaͤsser vom zerfloßnen Schnee war so haͤu- fig, daß sie unmoͤglich wegreiten konnten. Auch am folgenden Tage wars noch so, und sie konnten erst am Anfange der Charwoche abreisen. Mariane sah mit ihrer Mutter aus dem Fen- ster, als sie zu Pferd stiegen. Sie sah traurig aus, und schmachtend. Siegwart blickte noch einmal zaͤrtlich hinauf, nahm den Hut ab, und ritt mit seinem Freund um die Ecke hinum. Mit schwerem Herzen kam er auf das Feld hinaus, und sah sich noch einigemal mit Thraͤnen nach der Stadt um, die seine Mariane einschloß. Der Morgen war sehr heiter, und die Sonne gieng golden auf. Der Schnee war groͤstentheils zer- Z z schmolzen, nur noch an den Rainen, und Hecken, und in den Graͤben lag ein wenig, wo die Son- ne nicht so frey hin scheinen konnte. Die Wie- sen waren schon gruͤn, besonders an den Quel- len; das junge Gras, und die Gaͤnsebluͤmchen keimten schon hervor. Die Lerchen schwangen sich das erstemal in diesem Fruͤhjahr in die Luft, und sangen. Es war, als ob ein himmlisches, uͤberirdisches Konzert uͤber unsern beyden Juͤng- lingen schwebte. Jhre Seelen erweiterten sich, und lebten in der frischen Fruͤhlingsluft, die um sie her spielte, wie neu auf. All ihr Gefuͤhl wur- de geschaͤrft; jeder dachte an sein Maͤdchen und schwieg. Um Mittag kamen sie in ein Dorf, wo sie ihre Pferde fuͤtterten, und assen. Ein Flei- scher saß in der Stube mit zwey großen Hunden. Er erzaͤhlte von einer Frau im naͤchsten Dorf, die n aͤrrisch geworden sey, und nun gebe man ihr Schuld, sie habe ihren Mann umgebracht. Dann erzaͤhlte er von einem alten Mann von 73 Jah- ren, den man draussen im Bach todt gefunden habe. Vermuthlich sey er selbst hineingesprungen, denn sein Sohn, der nun auf seinem Handwerk sey, und bey dem der Vater aus Gnad und Barmherzigkeit gewohnt habe, sey ihm hart und grausam begegnet, hab ihm taͤglich vorgeworfen: Er esse Gnadenbrod, sey der Welt nichts mehr nuͤtz, und duͤrfe wol machen, daß er bald draus fort komme. Diesen Morgen noch hab er ihn einen alten Narren gescholten, ihm gedroht, er woll ihn noch aus dem Hause stoßen, und drauf habe der alte Mann geweint, und gesagt: Gott soll unter uns richten! Hab sein altes zerrissenes Wamms angezogen, sey an seinem Stab aus dem Dorf gegangen, und habe sich am Bach niedergesetzt. Jch hab ihn selber angetroffen, sagte der Metzger; er gab mir noch einen guten Morgen, und nahm die Muͤtze ab, daß ich seine handvoll weisser Haare und seine Glatze sah, und bey mir selber dachte: Lieber Gott, was es doch um einen Alten fuͤr ein Elend ist, wenn sich niemand seiner annimmt, selbst die Kinder nicht, die er groß gezogen hat! — Da hat sich eben der arme Mann hingesetzt, halb kin- disch war er, wuste sich selbst nicht mehr zu helfen, und sprang in das Wasser. Gott verzeih es ihm, er war sonst ein guter Christ, der niemand nichts zu leid that. Aber so Kerls, wie sein Sohn ist, ließ’ ich spiessen, die verdienen nicht zu leben, wenn sie Leuten nicht das Leben goͤnnen, denen sie doch alles zu verdanken haben. Das ist so meine einfaͤltige Meynung. Hab ich Unrecht, Herr? Sieg- wart gab ihm voͤllig Recht. Kronhelm spielte in- dessen mit einem von den Hunden. Das ist ein treues Thier, Herr! sagte der Fleischer. Der lies- se sich eher todt schiessen, als mir was thun. Nun erzaͤhlte er mit treuherziger Geschwaͤtzigkeit die Ge- schichte und die Tugenden seiner beyden Hunde. Sehen Sie, sagte er, die Thiere horchen auf, als ob sies verstuͤnden. Ja, es ist ein gescheides Thier um einen Hund. — Siegwart liebkoste ein paar Kinder mit einem offenen Gesicht, und grossen blauen Augen. Er fragte sie nach ihrem Alter, und nach ihrem Namen, und gab jedem einen Kreuzer. Die Kinder sprangen mit dem Geld zu ihrer Mutter, wiesen es ihr, und dann wieder auf Siegwart, daß ers ihnen gegeben habe. Die Mutter kam zu ihm her, gab ihm die Hand, und sagte: O Herr, warum machen Sie sich Unkosten? Das ist gar zu viel. Drauf musten ihm beyde Kinder die Hand kuͤssen. Jndem kam ein Bedienter in abgeschabter Livree mit verweinten Augen ins Zimmer, und setzte sich an den Ofen. Er machte einige Bewegungen mit der Hand, als ob er mit sich selber spraͤche, und dann zaͤhlte er etwas an den Fingern ab. Was fehlt denn ihm, Marx? sagte die Wirthin. Ey, was wird mir fehlen! antwortete er; sie haben mich im Schloß fortgeschickt, und nun kann ich betteln. Das ist mir eine Haushaltung! Da ist ein welscher Hahn aus dem Schlosse weggekommen, und weil ich nichts davon wissen wollte, und auch meiner Treu nichts wuste; da geben sie mir mei- nen Abschied. Jst das auch erlaubt? Aber ich weis schon wo das her kommt. Die gnaͤdige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch seine Ursachen. Moͤcht ich nur Haͤndel an- richten, und dem gnaͤdigen Herrn ein paar Stuͤck- chen vom Jaͤger und von ihr erzaͤhlen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid thun. Er ist ein kreuz- braver Herr, der so schon seine liebe Noth hat. Nur das ist unverantwortlich und himmelschreyend, daß man einem armen Dienstbothen seinen Lohn nicht gibt. Jch hatte zwanzig Thaͤlerchen zu sodern; da kam die gnaͤdige Frau mit ihrer großen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiß, was all? drauf ge- schrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie gesehen hatte, da war dieß und jenes am Sat- telzeug zerrissen; ein Fuͤllen war gestorben, und da sollt alle ich Schuld dran seyn, und das Ding be- zahlen. Jch mochte sagen, was ich wollt; es half alles nicht, sie summirte, und siehe da: Summa summarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, daß mir also gerad noch 44 Kreuzer heraustrasen. Jch dacht, ich haͤtte Blut weinen muͤssen, wie ichs hoͤr- te. Jch wollt ihr zu Fuͤßen fallen, und ihr mei- ne Unschuld darthun; aber sie gab mir noch harte Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin, und schlug die Thuͤr zu. Jch wollt vor den gnaͤd- gen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber sie stand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts sa- gen. Die Livree gehoͤrt auch noch uns, sagte sie. Ach, mein Schatz, laß ihm das, sagte er; es ist doch nicht viel mehr dran! Nun, so kann er sich aus dem Schloßhof packen, rief sie, und sich nie mehr drinn erblicken lassen! — So hat man mirs gemacht, und Gott weiß, ich hab meinem Herrn treu gedient, das wißt ihr, Wirthin, und alle Leut im Dorf wissens. Nun weiß ich nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als diesen Kittel, an dem man alle Faͤden zaͤhlen kann. Kein Attestat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden. Und ohne Attestat nimmt mich keine Herrschaft an. Und, Gott weiß, meynts einer mit seiner Herr- schaft ehrlich, so thus ich. Jch wollte gleich mein Leben lassen, wenn mein Herr in Gefahr kommt; Jch wollt ihm dienen, daß er mir wie seinem Kind trauen koͤnnte. Ehrlich waͤhrt am laͤngsten. Das hab ich noch von meinem Vater gelernt, der war auch Bedienter, bis er 70 Jahr alt war, und nicht mehr dienen konnte. Drauf zog er seine 44 Kreu- zer heraus, und zaͤhlte 32 davon ab, die er, wie er sagte, noch dem Jaͤger schuldig war fuͤr ein Ge- bethbuch. Kronhelm, der, wie Siegwart, von dem Schick- sal des Bedienten sehr geruͤhrt war, zog die Wir- thin auf die Seite, und erkundigte sich bey ihr nach ihm. Sie gab ihm mit der gutherzigsten Miene, und mit vieler Waͤrme das Zeugniß eines frommen und rechtschaffenen Menschen. Drauf gieng Kron- helm zu dem Bedienten, der ihm, seiner guten, ehrlichen Bildung wegen, gleich gefallen hatte, frag- te ihn, was er monatlich fodre? und nahm ihn zu seinem Bedienten an. Der Kerl war vor Freu- den ganz ausser sich, und konnte kaum Worte fin- den, seine Dankbarkeit auszudruͤcken. Kronhelm sagte ihm, er soll sehen, daß er ein Pferd geliehen kriege, um nach Muͤnchen mitzureiten; in einer Viertelstunde kam er mit einem Pferd wieder. Der Wirthin gab er das Geld fuͤr den Jaͤger, und bat sie, alle gute Freund’ im Dorf noch einmal zu gruͤssen. Als sich Kronhelm die Zeche machen ließ, soderte die Wirthin so wenig, daß er sie ausdruͤck- lich fragte, ob sie nichts vergessen, oder zu niedrig angerechnet habe? Sie sagte aber, Nein: sie hab alles angerechnet; Sie ihn sich nicht Unrecht, aber andern Leuten thu sies auch nicht. Wie gewon- nen, setzte sie hinzu, so zerronnen. Sie dankte auch Siegwart noch einmal fuͤr die 2 Kreuzer. Auf dem Wege erzaͤhlte der neue Bediente, Marx, fast seine ganze Lebensgeschichte mit vielen Umschwei- fen, und der, dem Schwaben so gewoͤhnlichen ge- wissenhaften Aufrichtigkeit. Man sah ihms an, wie viel er auf seinen neuen Herrn halte; er war besorgt, sobald das Pferd stolperte, und stieg ab, sobald es scheute. Neugierig war er auch, wie die meisten Schwaben sind, und fragte Kronhelm und Siegwart mit der treuherzigsten Einfalt, die ein Sachse fuͤr Beleidigung halten wuͤrde, um alles, was sie angieng. Ziemlich spaͤt am Abend kamen sie in Muͤnchen an, und stiegen, weil Kronhelm seinen Onkel und seine Schwester nicht mehr uͤbetraschen wollte, in einem Gasthof ab. Marx war ausserordentlich be- sorgt, seine neue Herrschaft und unsern Siegwart zu bedienen, und lauerte auf alle ihre Winke. Wenn einer nur eine Bewegung machte, so fragte er sogleich, ob man etwas zu befehlen habe? und verrichtete jeden Auftrag mit der geschwindesten Ge- nauigkeit. Den folgenden Morgen schickte ihn Kronhelm sogleich aus, ihn bey seinem Onkel zu melden. Marx kam bald wieder mit der Nach- richt zuruͤck, der geheime Rath sey gegenwaͤrtig nicht in Muͤnchen. Kronhelm, der daruͤber sehr betrof- fen war, gieng selbst nach seinem Hause, und er- fuhr: sein Onkel reise schon seit acht Tagen in Chur- fuͤrstlichen Geschaͤften im Land herum, und werde vor 14 Tagen nicht zuruͤckkommen. Kronhelm kam voll Unmuths wieder in den Gasthof, erzaͤhlte Sieg- wart den verdrießlichen Umstand, und ließ sich nun bey seinem Schwager und seiner Schwester melden. Als er angenommen wurde, gieng Siegwart in- dessen aus, um die Stadt zu besehen. Er erstaun- te uͤber die vielen schoͤnen Haͤuser und Pallaͤste, und noch mehr uͤber die Volksmenge, die ihm auf al- len Straßen entgegen wimmelte. Alles, was er sah, war ihm neu. Anfaͤnglich gefiels ihm, bald aber aͤrgerte er sich, zu sehen, wie hier immer ein Mensch dem andern im Wege steht; |wie sich so viele tausende zusammenthun, ein jeder in der Ab- sicht, von dem andern zu |zehren. Eine Bauren- huͤtte, dachte er, ist mir lieber, wo sein Besitzer ruhig drinn sitzt, sich nur um sich selbst bekuͤmmert, von keines andern Huͤlf’ oder Gnade abhaͤngt, und im Frieden fuͤr sich und seine Kinder sein Feld baut. Am meisten aͤrgerte er sich uͤber die vielen Muͤssiggaͤnger, die, wie Puppen, die Strassen auf und ab tanzten, denen man den Muͤssiggang ansah, und die, um den Muͤssiggang noch zu ver- mehren, eben so grosse Muͤssiggaͤnger, als Bediente, hinter sich drein gehen haben. Es schmerzte ihn, so viel Leute in zerlumpten Kleidern, mit ausge- hungerten Gesichtern, und muthlosen, niederge- schlagnen Mienen zu sehen, die, von den goldbe- deckten Herren umbemerkt, wie Gewuͤrm unter den Fuͤssen des Wanderers herum kriechen. Gott, dachte er, das sind doch auch Menschen, die auch Seelen haben, wie die Herren, und sie werden nicht geachtet! Gibts denn keine Groͤße, und kein Gluͤck, wenn ihm nicht Niedrigkeit und Elend zur Seite steht? Hier vergißt man ja sich selber vor dem ewigen Gelaͤrm der Kutschen, und den stillen rechtschaffenen Buͤrger muß man auch vergessen. Leute mit den frechsten Gesichtern und dem aufge- blasensten Wesen sah er zwischen andern, und be- sonders alten Muͤtterchen sich bruͤsten, die mit der andaͤchtigsten, oft bigottesten Miene, und dem Ro- senkranz in der Hand, nach den Kirchen zuschli- chen. Aberglauben und Unglauben schien sich hier ewig zu durchkreuzen. Als er eine Kirche vorbey- kam, gieng er hinein. Auf einmal dachte er an Marianen, gieng in einen Stuhl, warf sich auf die Knie, und betete mit heisser Jnnbrunst, und mit Thraͤnen in den Augen. Nun fuͤhlte er erst ganz das Gluͤck der Ruhe und der Liebe, das er in ihrem Arm genossen hatte; und jetzt entbehren muste. Mit ungewoͤhnlich starker Sehnsucht sehn- te er sich nach ihr zuruͤck. Jn der Kirche sah er noch mehr die große Kluft zwischen Andacht und Frechheit. Das gemeine Volk lag in tiefster De- muth vor Gott, und die vornehmen jungen Herren und Frauenzimmer stunden frech in ihren goldnen oder seidnen Kleidern da, begafften sich mit stolzer Selbstzufriedenheit; warfen sich, anstatt zum Him- mel zu blicken, und in Demuth vor Gott zu er- scheinen, buhlerische Blicke zu, und vergassen alle Ehrerbietung, die man in einem Gotteshause zei- gen sollte. Siegwart gieng, mit einem schweren Seufzer aus der Kirche, und nach seinem Gasthof zuruͤck. Kronhelm schickte seinen Bedienten dahin, und ließ ihn zu seiner Schwester zum Mittags- essen bitten. Er ward von ihr guͤtig aufgenommen. Sie war ein Frauenzimmer von 25 oder 26 Jah- ren, das in den Gesichtszuͤgen, das feine weibliche abgerechnet, ihrem Bruder ganz aͤhnlich sah. Sie hatte viel Anmuth in der Miene, etwas schwaͤrme- risches im Auge, und viele Lebhaftigkeit und Mun- terkeit in ihrem Wesen. Jhr Mann war auch da; er war schon in den dreyssigen, hatte eine ziemlich angenehme Bildung, die er aber durch ein ange- nommnes, kaltes, steifes Wesen sehr verstellte. Sein Betragen gegen Siegwart war hoͤflich, aber doch von einer Feyerlichkeit und Entfernung begleitet, die alles Zutrauen verbannte. Vor Tisch wurden die Kinder ins Zimmer gebracht, zwey Maͤdchen von 6 und 7 Jahren, und ein Knabe von 9 Jahren, die wie junge Engel aussahen. Sie musten etwas franzoͤsisch plappern, aber mit Siegwart sprach der Knabe deutsch, fragte ihn alles, wo er herkomme? wie er heisse: Ob er auch einen Papa, und auch eine liebe Mama habe? u.s.w. Dann erzaͤhlte er allerley Ge- schichten von sich und seinen Schwestern, von ih- ren Puppen, von seinen zinnernen Soldaten, die er herholte und in Schlachtordnung stellte. Sieg- wart wollte ihm auch helfen, aber er machte, nach seiner Meynung, alles unrecht; der Knabe lachte ihn aus, und belehrte ihn eines Bessern. Dann holte er der Beaumont Magazin, las ihm daraus vor, und erzaͤhlte ihm ein Maͤhrchen. Siegwart muste auch vorlesen, und sich von dem kleinen Karl alle Augenblicke korrigiren lassen. Er mach- te vorsetzlich Fehler, und stellte sich bey den Be- lehrungen des Knaben sehr aufmerksam an, wel- ches diesem ausserordentlich gefiel. Die Maͤdchen unterhielten sich mit ihrer Mama, und mit Kron- helm, dem sie ihre Puppen zeigten, ihre schoͤnen Klei- der hererzaͤhlten, und von andern kleinen Maͤdchen unterhielten. Als die Kinder weggebracht werden soll- ten, bat der Knabe sehr, man moͤcht ihn doch bey dem Herrn lassen! Man versprach ihm aber, daß er wieder kommen duͤrfte. Bleib sein da! sagte er zu Siegwart, als er weggieng. Bey Tisch war auch Kronhelms Bruder, ein etwas fluͤchtiger und leichtsinniger junger Mensch, der die witzigen Franzosen, und beson- ders Voltaͤrs Schriften stark las. Er spottete uͤber Universitaͤten, Professoren, und gelehrte Wis- senschaften, sprach viel von der Historie, in der Voltaire seine Quelle war; sagte, er wuͤnsche nichts mehr, als Paris zu sehen; schimpfte auf die Steifigkeit der Deutschen, nahm aber den Muͤnchnerhof davon aus; erzaͤhlte ein paar Hof- geschichten, und gieng wieder weg, in eine ande- re Gesellschaft. Herr von Eller, so hieß Kronhelms Schwa- ger, der schon ernsthafter dachte, suchte ihm die Annehmlichkeiten des Hoflebens von einer andern Seite darzustellen, und ihm den Hang, auf dem Land zu leben, zu entleiden. Er stellte ihm das Gluͤck vor, um einen großen Herrn zu seyn, im- mer hoͤher zu steigen, und endlich vielleicht gar zu seinem Vertrauen zu gelangen, u. s. w. Fuͤr Kronhelm war dieses kein Gluͤck, und er wich den Ueberredungen seines Schwagers mit Klug- heit und Bescheidenheit aus. Um 3 Uhr muste Hr. von Eller in eine Session, und seine Gemahlin, Kronhelm und Siegwart blieben allein. Das Gespraͤch ward nun vertraulicher. Die Frau von Eller fragte ihren Bruder, warum er so blaß und eingefallen aussehe? Er sey sonst viel munterer gewesen; jetzt hab er so viel Ernst und Schwermuth in seinem Karakter; seine Seele muͤsse eine große Veraͤnderung und tiefe Leiden erfahren haben. Er kenne die Freundschaft, die sie von jeher gegen ihn getragen, und den An- theil, den sie immer an seinen Schicksalen genom- men habe; er moͤchte daher doch offenherzig gegen sie seyn, und ihr alles offenbaren, was er, ohne Ver- letzung seiner Ruhe koͤnne! ꝛc. Kronhelm that es auch, erzaͤhlte ihr mit vieler Ruͤhrung und der groͤsten Aufrichtigkeit seine ganze traurige Geschich- te mit Theresen, und setzte hinzu: So lang ich von ihr getrennt leben muß, und sie nicht bekommen kann, so lang kann ich auch nicht ruhig und nicht gluͤck- lich werden. Mein Herz wird sie ewig lieben, und ewig um sie trauren, wenn ich sie nicht ganz besitzen soll. Fuͤr mich ist dann keine Ruhe, als im Grab! — Seine Schwester sagte: |sie habe von ihrem Onkel einen Theil seiner Geschichte schon gewußt; sie ha- be innerlich um ihn getraurt, seine Liebe und seine Leiden wuͤrden durch die Hindernisse, und durch die Zeit wieder verringert werden; nun erfahre sie mit inniger Betruͤbniß das Gegentheil. — Jch bin in der Absicht hieher gereist, sagte er, den Onkel auf meine Seite zu bringen; denn, wenn ich nur sel- ber mit ihm von Theresen reden, und ihm meinen Zustand schildern koͤnnte, so waͤr alles gut, aber nun ist dieses auch nichts. Seine Schwester beru- higte ihn von dieser Seite mit der Versicherung, daß der Onkel seiner Wahl nicht ganz abgeneigt sey; und jetzt, da er in Theresens Gegend komme, sich gewiß nach ihr erkundigen, oder den alten Hrn. Siegwart selbst besuchen werde. Der Onkel, setzte sie hinzu, haͤlt alles auf dich, und ist fuͤr dein Schick- sal sehr besorgt. Er war mit dem Betragen un- sers Vaters gegen dich nicht zufrieden, aber weil er deine Liebe nur fuͤr ein aufbrausendes Feuer hielt, so glaubte er, behutsam drein gehen zu muͤssen. Er hat sich unter der |Hand fleissig nach dir erkundigt, besonders bey einem Hofrath Fischer in Jngolstadt (hier wurde Siegwart roth) und war oft sehr be- kuͤmmert, wenn er hoͤrte, daß du so niedergeschlagen seyest. Erst noch neulich, als man von dir sprach, sagte er, ich will mich der Sache annehmen, sobald ich kann. — Und was ich dabey thun kann, Bru- der, das thu ich gewiß. |Davon brauch ich dir nicht erst Versicherung zu geben. — Kronhelm war uͤber diese Nachricht aͤusserst froh, und voll suͤsser Hoffnungen. Er und Siegwart musten nun der braven Frau viel von Theresen erzaͤhlen. Sie er- kundigte sich nach allen, sie betreffenden Kleinigkei- ten sehr genau. Kronhelm muste ihr Theresens ganzes Aussehen beschreiben. Er sagte: in den meisten Zuͤgen seh sie seinem Siegwart ganz aͤhn- lich; nur eine feinere Haut hat sie, sagte er, ist nicht so ernsthaft, hat hellere und dunkelblauere Augen, eine nicht so hoch gewoͤlbte Stirne. Die Frau von Eller that gegen unsern Siegwart recht vertraut, trank auf Theresens Gesundheit, und war ganz mit ihm zufrieden. Kronhelm sagte, auf den Karfreytag wollten sie wieder zuruͤckreiten; aber sie drang so lang in sie, am Karfreytag noch in Muͤnchen zu bleiben, um die Prozession zu sehen, und den feyer- lichen Gottesdienst und die Trauermusik bey Nacht mit anzuhoͤren, bis sie endlich nachgaben. Der kleine Karl kam wieder, und spielte mit Siegwart; die Maͤdchen wurden auch nach und nach zuthaͤti- ger und mischten sich mit in die Spiele. Sie er- zaͤhlten in der Reihe herum Maͤhrchen, und Sieg- wart muste das seinige auch erzaͤhlen; aber er sah, wie viel ihm dazu fehle, etwas auch den Kindern wahrscheinliches, zu erzaͤhlen, denn sie machten ihm alle Augenblicke Einwendungen und Fragen, die er nicht beantworten konnte. Der Herr von Eller kam auch wieder zuruͤck, und war gegen unsre bey- den Juͤnglinge ganz verbindlich; aber weil er um 6 Uhr mit seiner Frau in Gesellschaft gehen muste, so bat er sie auf den andern Tag wieder zu Tisch, A a a und sagte, uͤberhaupt, so lang sie in Muͤnchen waͤ- ren, sollten sie immer bey ihm essen. Den Abend assen Kronhelm und Siegwart in ih- rem Gasthof in Gesellschaft, aber sie gingen bald wieder auf ihr Zimmer, denn in der Gesellschaft, die aus gemischten Personen bestand, wurden fast lauter Spoͤttereyen uͤber die Religion, Anspielun- gen auf die Begebenheit, die am bevorstehenden Fest gefeyert werden sollte, und Zweydeutigkeiten vorgebracht, die in der sogenannten grossen Welt, wo der gute Ton herrschen soll, so gewoͤhnlich sind, und Leuten von Verstand und Herz nicht gefallen koͤnnen. Marx erzaͤhlte seinem Herrn, nach seiner Art, die Merkwuͤrdigkeiten, die er in der Stadt ge- sehen hatte. Er habe nicht geglaubt, sagte er, daß so viel Menschen in der Welt waͤren, als er heut angetroffen habe. Es sey in seinem Dorf am Jahrmarkt nicht so voll, wie hier auf allen Stras- sen; und Junker hab er angetroffen, die weit schoͤn- re Kleider haben, als sein vorger gnaͤdger Herr an hohen Festen getragen habe, und doch seys jetzt nur ein Werktag; wie’s nun erst am Sonntag seyn muͤsse? Es geb in seinem Dorf nicht so viele Wagen, als er hier vergoldete Kutschen angetroffen habe. Man hab ihm auch das Haus gezeigt, wo der Herr Kurfuͤrst wohne. Unten sey ein Herr gestanden, von dem er gewiß geglaubt habe, er sey der Kurfuͤrst, denn er hat lauter Silber angehabt, aber, als er sich sehr tief gebuͤckt, hab des Herrn von Eller Bedienter ihn ausgelacht, und gesagt, das sey nur ein Laͤufer. Auch in ein paar Kir- chen sey er gewesen; da sey so viel Gold, daß ei- nem die Augen davon weh thuen. Jn der Einen Kirche sey das Wahrzeichen ein Stein zwischen zwey Pfeilern; wenn man auf dem Stein steh, so koͤnne man kein Fenster in der ganzen Kirche se- hen. Er wisse nicht, wie das seyn koͤnn’, aber es sey so; er habs selbst gesehen. Jn einer andern Kirche blas’ ein Engel die Posaune, daß man glaub, er lebe, und doch sey er nur von Holz. Es muß wohl Zauberwerk seyn, sonst koͤnn’ ers nicht begrei- fen. Jn den Kirchen sey so schoͤne Musik, daß er glaub, die Leute in Muͤnchen muͤssen all in den Himmel kommen, weil man ihn ihnen so schoͤn und anmuthig vormale. Es sey eine Lust, da zu bethen. Das Herz werd’ einem ganz weit und leicht, und man glaub, Gott muͤss’ einem gnaͤdig seyn, wenn man so schoͤne Musik hoͤre; auch glaub er nicht, daß man viel Boͤses thun koͤnn’, wenn man oft so was mit anhoͤre; das Herz werd einem so weich und mitleidig, daß man alles Boͤse druͤber vergesse u. s. w. Kronhelm und Siegwart hoͤrten seiner Beschreibung mit Vergnuͤgen zu. Kron- helm gab ihm Taschengeld, und versprach ihm auch, ihm in Jngolstadt eine neue Livree machen zu las- sen; der arme Kerl war so dankbar, daß er vor Freuden weinte, und sagte: Er moͤchte nur wissen, wie er bey Gott ein so grosses Gluͤck verdient habe? — Kronhelm ließ ihn weggehn, und theilte nun mit seinem Siegwart seine Freude uͤber die frohen Aus- sichten, die er jetzt, in Absicht auf Theresen hatte. Er machte schon Entwuͤrfe, wie er sein kuͤnftiges Leben einrichten wollte. Wenn mein Vater sich nicht zu- frieden geben will, sagte er, so zieh ich auf das Land- guth, wo wir mit unsrer seligen Mutter lebten. Jch weis, daß Therese sich mit Wenigem vergnuͤgt, und mein Onkel wird schon auch fuͤr uns sorgen. Wir sind uns an jedem Ort genug, und brauchen keinen Ueberfluß, wenn uns nur die Liebe mit Zufrieden- heit segnet; und das wird sie thun, so lang wir le- ben. Siegwart gab ihm voͤllig Beyfall, und sagte, so denk er auch in Absicht auf seine Mariane. Kronhelm mochte ihn noch nicht fragen, welchen Plan er sich gemacht habe, und welche Lebensart er zu erwaͤhlen gedenke? Siegwart hatte auch im Taumel seiner Liebe daran noch nicht gedacht. Den andern Morgen gingen sie bey Zeiten wie- der zu Kronhelms Schwager. Dieser wurde nach und nach vertraulicher, und legte den Hofton ziem- lich ab. Er fragte, ob sie nicht die Merkwuͤrdig- keiten der Stadt besehen wollten? und gab ihnen seinen Kammerdiener mit. Sie besahen die Resi- denz und besonders den Prinzenhof, wo sie die vie- len metallenen Bildsaͤulen, die zum Theil sehr gut gearbeitet sind, bewunderten; das Antiquarium, mit den vielen marmornen Bildsaͤulen der aͤltern roͤmischen Kaiser, und die Kunstkammer. Sie be- daurten nur, daß man alles nur so fluͤchtig besehen kann, und von der Menge der Merkwuͤrdigkeiten mehr betaͤubt wird, als daß man das, sich beson- ders auszeichnende, studiren, und seinem Gedaͤcht- niss’ einpraͤgen kann. Auch giengen sie in einige Kirchen, wo die Menge von Gemaͤlden, Kostbar- keiten und Schaͤtzen sie blendete, und kamen um Ein Uhr zum Essen zuruͤck. Herr von Eller frag- te sie nach verschiedenem, was sie gesehen hatten, und freute sich, daß sie auf die Alterthuͤmer und die roͤmischen Bildsaͤulen am aufmerksamsten gewe- sen waren, denn er selbst war ein guter Alterthums- kenner, und ein Freund der alten Litteratur. Bey Tisch sprach er viel von roͤmischen und griechischen Schriftstellern, und war uͤber die Einsichten, die Siegwart und sein Schwager hatte, nicht wenig entzuͤckt. Er rieth ihnen, sich in Jngolstadt, we- gen des Griechischen, an den alten Jckstadt zu wen- den, der es in diesem Fach ausnehmend weit ge- bracht habe, und zuweilen privatissima uͤber den Homer, oder andre Griechen lese. Auch ruͤhmte er ihnen den Prof. Lory (der jetzt geadelt und ge- heimer Rath zu Muͤnchen, auch Praͤsident uͤber die Universitaͤt Jngolstadt ist), als einen Mann, dessen Herz und Verstand, und Gelehrsamkeit gleich groß sey. Jch kenn ihn sehr genau, sagte er, und hab in der Jugend mit ihm studirt. Er war im Studiren unermuͤdet, forschte selbst, und pruͤfte al- les, was er hoͤrte. Jm Griechischen, Lateinischen, Jtaliaͤnischen und Franzoͤsischen war er schon dazu- mal zu Hause, und setzte sich noch immer mehr drinn fest. Alles Wissenswuͤrdige machte er sich zu eigen, und erweiterte nachher seine Kenntnisse in den Wissenschaften noch mehr zu Goͤttingen, wo er, ausser den andern beruͤhmten Lehrern, sich be- sonders an den, in seinem Fache grossen Puͤtter hielt, und sich seine ganze Freundschaft, die er jetzt noch durch Briefe unterhaͤlt, erwarb. Er ist ein trefli- cher Mann, der alle Weisheit der Alten und der Neuen aus ihren Schriften sammelt, und auf sich und den Zustand seiner Mitbuͤrger anwendet, denn er ist ein aͤchter deutscher Patriot, der auf seinen Reisen nach Frankreich und Jtalien nicht, wie ge- woͤhnlich, Thorheiten oder Laster, sondern Wissen- schaften, Menschenkenntniß und Weltklugheit einge- erndtet hat, und sie nun unter seine Mitbuͤrger und in seine Schriften ausstreut. Er hat bey sei- nem standhaften, deutschen, maͤnnlichen Karakter, die uneingeschraͤnkteste Menschenliebe und Recht- schaffenheit. Kurz er ist ein Mann, wie es heut zu Tage wenig mehr gibt. Machen Sie ihm nur eine Empfehlung von mir! Er wird Jhnen auch um meinet willen viele Freundschaft erweisen. — Nach Tische zeigte Herr von Eller unsern Juͤnglin- gen seine ansehnliche Kupfersammlung, und ver- wunderte sich uͤber den natuͤrlich guten Geschmack, den sie zeigten. Er war aufmerksam, als er sie mit so vieler Waͤrme von neuern deutschen Schriftstel- lern reden hoͤrte, und ließ sich sogleich einige Tratt- nersche Nachdruͤcke von deutschen Dichtern aus dem Buchladen holen. Kronhelm und Siegwart blieben diesen Abend bis zehn Uhr da, und giengen sehr vergnuͤgt nach ihrem Gasthof zuruͤck. Den andern Morgen, am Karfreytag, giengen sie in die Jesuiterkirche, wo sie mit der groͤsten Andacht eine sehr schoͤne und ruͤh- rende Trauermusik anhoͤrten, und einen grossen Theil des vornehmen Muͤnchner Adels sahen. Sieg- wart wuͤnschte nichts, als daß seine Mariane auch da seyn moͤchte, denn unter der Menge von Frauen- zimmern, die er sah, konnte keine sein Auge lange auf sich ziehen. Er dachte nur, wie seine Mariane in ihrem schwarzen Kleid, und das himmlische Ge- sicht mit Flor bedeckt, jetzt auch im Chor knien, und uͤber die Leiden ihres Heilandes heilige und un- schuldsvolle Thraͤnen vergiessen werde. Nach dem Essen sahen sie die grosse Prozession, und die Kreuzigung, die das Jahr darauf auf kur- fuͤrstlichen Befehl, zum Triumph der gesunden Ver- nunft, abgeschafft worden ist. Der Geißler und Buͤssenden war eine fast unzaͤhlige Menge. Ganz Muͤnchen, auch der Hof, war an Einem Ort ver- sammelt, und die Buͤssenden waren mehr zum Ge- praͤnge, als aus Andacht da. Marx sagte nachher: das Geisseln hab ihm so wohl gefallen, daß er bey- nahe Lust bekommen habe, auch mitzumachen, wenn er nur gleich ein leinenes Kleid und eine Geissel gehabt haͤtte. Den Abend assen Siegwart und Kronhelm noch einmal beym Herrn von Eller. Kronhelm sprach mit seiner Schwester nochmals allein wegen There- sen, und erhielt die wiederholte ernstliche Versiche- rung von ihr, sie wolle sich seiner aufs moͤglichste annehmen, und gewiß ein kraͤftiges Vorwort bey ihrem Onkel einlegen. Um zehn Uhr nahmen die beyden Juͤnglinge Abschied, denn sie wollten den an- dern Morgen, mit dem Tag, wegreiten. Um 11 Uhr giengen sie in die Frauenkirche, um die grosse Trauermusik, die zum Andenken der Kreuzigung des Erloͤsers aufgefuͤhrt wird, mit anzuhoͤren. Die ganze kurfuͤrstliche Kapelle war zugegen. Der An- blick der Kirche war der feyerlichste. Eine grosse Menge von Wachslichtern erleuchtete die Dunkel- heit der Kirche. Oben im Gewoͤlbe schwebte der Weihrauchsdampf wie eine Wolke. An den Waͤn- den glaͤnzten die vergoldeten Altaͤre, Gemaͤlde und der Marmor. Die Volksmenge draͤngte sich, und ihre Stimmen, und der Schall der Gehenden machten ein dumpfes, fuͤrchterliches Gemurmel. Die schwarze Kleidung der meisten Frauenzimmer machte die Scene noch feyerlicher. Auf Einmal wurde das wehmuͤthige Miserere von Allegri an- gestimmt. Das Gemurmel schwieg; alle Gesichter wendeten sich nach dem Chor hin, und glaͤnzten im Schein der Wachslichter. Jede Brust war von Bangigkeit beklommen. Aus allen Mienen sprach allgemeine Wehmuth. Die Jnstrumente klangen dumpf wie aus dem Grab. Die tiefe Demuth und die Traurigkeit der Singstimmen ergoß sich in jedes Herz. Ein allgemeines Sehnen nach Erbarmung athmete aus jeder Brust. Jn Siegwarts Seele wars wie das Sehnen nach der Auferstehung. Er weinte, denn er dachte sich die Liebe Christi, die fuͤr uns gestorben ist, dachte alle die unabsehlichen Fol- gen dieses Todes, die in alle Ewigkeit fortstroͤmen; sah seinen Heiland am Kreuze hangen, und mit Hei- terkeit hinab ins Grab blicken; sah die Augen aller auf ihn gerichtet, die im Elend schmachten; sah die Dunkelheit der Graͤber, und das aͤngstliche Har- ren der Kreatur nach der Erloͤsung und der Aufer- stehung; sah auch seine Mariane mit schon halbge- brochnen Augen zu ihm aufblicken. Seine Seele bat zu ihm fuͤr sie, fuͤr sich, und alle Menschen. Laß sie Alle Eins werden! dacht’ er, mach sie Alle selig! — Zum Schluß ward noch ein herrliches Oratorium aufgefuͤhrt, das aller Herzen hob, und mit Aussichten in die Ewigkeit erfuͤllte. Marx ging mit Kronhelm und Siegwart heim. Er sprach lange nichts. Endlich sagte er: Er glau- be, im Himmel werde einst lauter Musik gemacht werden, denn schoͤners koͤnne man wol nichts er- denken. Siegwart und Kronhelm legten sich noch in den Kleidern drey oder vier Stunden zu Bette, und mit Sonnenaufgang ritten sie aus der Stadt weg. Siegwart freute sich unaussprechlich, seine Mariane bald wieder zu sehen. Sein Pferd lief ihm viel zu langsam, und er konnte den Abend kaum erwarten. Auf dem ganzen Wege fiel nichts wichtiges vor. Die beyden Freunde unterhielten sich wechselsweis von ihrem Gluͤck, und kamen, mit dem Bedienten, Abends ziemlich fruͤh in Jn- golstadt an, weil Siegwart so sehr getrieben hatte. Seine Mariane lag im Fenster, und winkte ihm mit den Augen, daß er sie besuchen moͤchte. Er hatte auch kaum seine Reisekleider ausgezogen, so gieng er mit Kronhelm hinuͤber. Der Hofrath Fischer war allein bey seiner Tochter im Zimmer, weil die Mutter zu der Schwiegertochter gegangen war, die sich nicht recht wohl befand. Die Liebenden sahn einander mit einer Sehnsucht an, als ob sie sich Jahre lang nicht gesehen haͤtten. Gern waͤren beyde einander in die Arme geflogen, und haͤtten sich ans Herz gedruͤckt, wenn nicht die Gegenwart des Vaters sie zuruͤckgehalten haͤtte. Kronhelm und Siegwart musten viel von Muͤnchen, von der Prozession, und der Trauermusik erzaͤhlen. Ma- riane hieng an den Augen ihres Juͤnglings, wie die Seele eines Jnbruͤnstigbetenden am Krucifix. Sie schenkte ihm Kaffee ein. Er bemerkte die Stelle, wo sie die Schaale gehalten hatte, und druͤckte sie, mit einem Blick auf seinen Engel, an den Mund. Nach einer halben Stunde gieng der Hofrath auch zu seiner Schwiegertochter, und ent- schuldigte sich bey Kronhelm und Siegwart, daß er sie allein lassen muͤsse. Mariane leuchtete ihrem Vater die Treppe hinunter. Als sie wieder zuruͤck kam, sah sie ihren Siegwart zaͤrtlich an, gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Er konnte vor Entzuͤcken so wenig sprechen, als sie. Nur Kuͤsse und seelenvolle Blicke druͤckten die Empfin- dungen ihrer Herzen aus. — Haben Sie zuwei- len auch an mich gedacht? fragte Siegwart endlich. Jmmer, immer! gab sie zur Antwort. Jch sah hundertmal des Tags nach Jhrem Fenster, ob ich Sie nicht sehe? Und dann fiel mir erst ein, daß Sie weit von hier waͤren, und da ward ich trau- rig und weinte. Vorgestern und gestern Abend sah ich unaufhoͤrlich aus dem Fenster, ob Sie noch nicht kommen? und als ich mich in meiner Er- wartung betrogen fand, hatt ich tausenderley trau- rige Vorstellungen, daß Jhnen ein Ungluͤck be- gegnet seyn moͤchte. So oft ich in der Ferne ein Pferd kommen hoͤrte, fing mein Herz laut zu schlagen an, weil ich dachte, nun kommt er. Heut, als ich Sie kommen sah, war ich so ausser aller Fassung, daß ich fuͤrchte, meine Mutter habe es gemerkt. Das Beste ist, daß sie auch aus dem Fen- ster sah, und also meine Bewegung nicht wahr- nehmen konnte. — Er schloß sie fester an sein Herz, und belohnte mit dem heissen Kuß der Liebe ihre Zaͤrtlichkeit. Dann fragte sie, was Kronhelm ausgerichtet habe? und freute sich uͤber die frohen Aussichten, die er hatte. — Alles Gluͤck der Zaͤrtlichkeit ergoß sich diesen Abend uͤber unsre beyde Liebende. Sie empfanden die Seligkeit, ein- ander zu besitzen, nun noch mehr, weil die kurze Trennung sie gelehrt hatte, wie unentbehrlich eins dem andern sey. Marianens Bruder kam ihnen nur allzufruͤh, nach Haus, und das Gespraͤch ward gleichguͤltiger, ausser daß die Liebenden sich zuwei- weilen mit dem beredten Blick der Liebe seitwaͤrts ansahn. Die Hofraͤthin kam bald darauf auch nach Haus, und hatte eine herzliche Freude uͤber die gluͤck- liche Zuruͤckkunft unsrer Juͤnglinge. Beym Weg- gehn leuchtete Mariane ihrem Siegwart und seinem Freund die Treppe hinunter, und erzaͤhlte ihm, wie gut ihm ihre Mutter sey, und wie vortheil- haft sie sehr oft von ihm spreche. Eine Nach- richt, die unserm Siegwart ausserordentlich ange- nehm war. Nach etlichen Kuͤssen und Umarmungen trennten sich die Liebenden, weil sie fuͤrchteten, der Hofrath moͤchte bald zuruͤckkommen, und sie in der Hausthuͤre uͤberraschen. Den andern Morgen, welches der Ostertag war, sah Siegwart seine Mariane in der Kirche. Jhre festliche Kleidung, ihr aufgeheitertes Gesicht, die hohe Andacht, die draus hervorleuchtete, bezau- berten sein Herz mehr als jemals. Als er in sei- ner Freude nach Hause gieng, und sich im Taumel seiner Wonne kaum fassen konnte, da ward er auf Einmal durch Kronhelms Anblick drinn gestoͤrt. Dieser kam ganz bestuͤrzt, mit einem Brief in der Hand zu ihm aufs Zimmer. Jch muß fort! sagte er, und warf den Brief auf den Tisch. Siegwart sah ihn betroffen und stillschweigend an. Lies nur! sagte Kronhelm. Siegwart las: Lieber Son. Daß Zibberlein hat mich abermalen hingeworfen, daß ich glauben thaͤt, es sey aus. Es wirt mir gewiß noch einmal den Fang geben. Will mich in Goddes Nam̃en darauf vorbereiten thun, und mein Schloß bestellen. Du muost darbey seyn, darum komm! hast meiner Seel gnuog Gelt an das verdrakte Stuttieren verwendt, daß ich denk, es sey genuog. Du weist wol, daß bey einem Jun- ker bey den Buͤchern nigs herauskommen thut. Pack also auf, und komm baͤlder als balt, oder ’s geht nicht guot. Wenn du kommen thust in fier Taͤgen, so bin ich dein gedreuer Vatter Veit Kronehelm. Was haͤltst du von dem Brief? sagte Kronhelm. Jch halt ihn fuͤr so schlimm nicht, antwortete Siegwart. Daß du fort must, das ist freylich traurig, und fuͤr mich am meisten, aber sonst seh ich nichts Boͤses bey der ganzen Sache. Wenn dein Vater, wie es scheint, so schwach ist, daß er bald sterben koͤnnte, so wirst du dein eigner Herr, und dann … Schon gut, fiel hier Kronhelm ein; aber ich habe eine Ahndung … Jch weis selbst nicht. Mein Vater koͤnnte leicht andre Absichten haben. Er wird wieder von Theresen anfangen, und da zittr’ ich, wenn ich dran denke. — Sieg- wart suchte ihn, so viel als moͤglich, zu beruhi- gen, und ihm allen Argwohn zu benehmen. Er suchte ihm groͤßre Hofnungen einzufloͤssen, als er selber hatte, und sprach ihm Muth ein, da es ihm doch selbst daran gebrach; denn der Gedanke, sei- nen besten Freund so bald zu verlieren, beugte ihn tief nieder. Wenn alles fehlschlaͤgt, sagte er, so hast du ja deinen Onkel, auf den du dich verlassen kannst. Er wird sich der Haͤrte deines Vaters ge- wiß widersetzen, und sich deiner annehmen. Durch diese und andre Vorstellungen wurde Kronhelm etwas ruhiger, und beschloß, gleich den andern Tag abzureisen. Jch will meine meisten Sachen hier lassen, sagte er; vielleicht komm ich wieder. Wenigstens will ich alles thun, was ich kann; denn was soll ich bey meinem Vater machen, zumal wenn er krank und verdrießlich ist? Siegwart bestellte fuͤr seinen Freund einen Miethkutscher, und fuͤr sich ein Pferd, um ihn einige Stunden weit zu begleiten. Er verbarg seine Traurigkeit sorgfaͤltig, um ihm nicht den Abschied schwerer zu machen, oder seine traurige Vorstellun- gen und Ahndungen zu vergroͤssern. Kronhelm packte indessen seine noͤthigsten Sachen zusammen, und nahm dann beym Hofrath Fischer, und eini- gen wenigen Freunden Abschied. Seine oͤkonomi- schen Umstaͤnde waren bald in Richtigkeit gebracht, da er jedermann sogleich bezahlte. Gegen Abend war er fertig, ohne daß er selber wuste, wie er dazu gekommen war. Nun konnt er sich erst be- sinnen, und an sich selber denken. Nun fiel ihm erst die nahe Trennung von seinem Siegwart schwer aufs Herz. Nun sollte er zum zweyten- mal, und, Gott weis wie lange? sich von seinem Herzensfreund, von dem Bruder seiner Therese, der ihm, nach ihr, alles auf der Welt war, tren- nen. Nun sollt’ er einem Vater entgegen gehen, der wenig oder gar kein menschliches Gefuͤhl hatte, der ihm das Kleinod seines Herzens rauben wollte. Er saß in der Daͤmmerung, sah seinen Siegwart an, und versank in die tiefste Nacht des Kummers. Jn seiner Seele waͤlzten sich tausend Zweifel hin und her. Seine Phantasie thuͤrmte Gefahren auf Gefahren vor ihm auf. Siegwarts Gesicht kam ihm in der Daͤmmerung wie Theresens ihres vor. B b b Die tiefe Traurigkeit, die drinn saß, schien ihm eine ewige Trennung anzukuͤndigen. Er konnte sich nicht laͤnger halten, sprang auf, druͤckte seinen Siegwart fest ans Herz, und rief: Bruder, Bruder, was wird aus uns werden! Unserm Siegwart stuͤrzten die Thraͤnen aus den Augen; er konnte nichts sprechen, und schloß seinen Freund noch fester ans Herz. — Wir werden gar zu traurig, sagte er endlich; laß uns etwas anders sprechen, oder uns ein wenig ausgehen. Jch kann zu keinem Menschen gehen! sagte Kronhelm; ich weis nicht, wie mir ist? Jch bin fuͤr alle Gesellschaft unbrauchbar. Das ist ein erschrecklicher Zustand! Jch seh nichts vor mir, als Trennung und Elend. Jndem ward an die Thuͤre geklopft, und Dahlmund kam. Jch konnte heut nicht genug mit dir reden, Kronhelm! sagte er, weil jemand bey mir war. Dir und Siegwart hab ichs zu verdanken, daß ich von der Weissin los bin, und mit ihrem liederlichen Kerl mich nicht geschlagen habe. Heut ist er durchgegangen, und hat ein paar hundert Gulden Schulden hinterlas- sen. Kuͤrzlich hat er noch beym Kaufmann etliche Ellen Stoff zu einem Kleid ausgenommen, und ihr verehrt. Nun will der Kaufmann von ihr die Bezahlung, oder seinen Stoff wieder, und druͤber wird sie das Gespraͤch der ganzen Stadt. O, ich bin so froh, daß sie mich nicht mehr in ihren Klauen hat. Jhr habt brav an mir gehan- delt, daß ihr mich so von ihr losrisset, und ich werd es nie vergessen. Es thut mir nur leid, Kronhelm, daß wir dich so bald verlieren sollen. — Siegwart lenkte das Gespraͤch, mit Vorsatz, auf etwas anders, und Kronhelm ward nach und nach ziemlich zerstreut, und, nach Umstaͤnden, munter. Dahlmund blieb noch ein paar Stunden da, und nahm von Kronhelm mit vieler Ruͤhrung Ab- schied. Siegwart bat seinen Freund, fruͤhzeitig zu Bett zu gehen, weil sie morgen bald aufstehen wollten. Er war besorgt, sie moͤchten beyde wie- der in den schwermuͤthigen Ton herab sinken, und sein Freund moͤchte Zweifel aufwerfen, die er nicht im Stand waͤre, umzustuͤrzen; denn er schloß wirk- lich aus dem Schreiben des Junker Veit wenig Gutes. Kaum war er allein auf seinem Zimmer, so brach sein Schmerz mit aller Gewalt aus. Er fuͤhlte den Verlust, den er leiden sollte, in seinem ganzen Umfang. Es war ihm jetzt gedoppelt schmerzhaft, seinen einzigen und besten Freund zu verlieren, da er kaum einen Vertrauten seiner Liebe entbehren konnte, und doch keinen Menschen auf der Welt wuste, dem er sich so ganz anvertrauen koͤnnte, denn mit Dahlmund war er nicht vertraut genug. Nach vielen Thraͤnen, und tausend aus- gestoßnen Seufzern legte er sich endlich zu Bette. Um 4 Uhr weckte ihn Kronhelm wieder, und war so bewegt, daß er kein Wort sprechen konnte. Sie tranken stillschweigend mit einander Kaffee, packten das noch uͤbrige zusammen, und reisten um 5 Uhr ab. Mariane trat in ihrem Nachtzeug ans Fenster, gruͤßte Kronhelm noch einmal halb freund- lich und halb traurig; auf ihren Siegwart warf sie einen schmachtenden und liebevollen Blick. Vor dem Thor fragte Siegwart: Weis sies, daß ich dich nur etliche Stunden weit begleite, und heut wieder zuruͤckkomme? Ja, ich hab ihrs gestern gesagt, ant- wortete Kronhelm. Weil Siegwart im Reiten ne- ben der Kutsche nicht gut mit seinem Freunde spre- chen konnte, so ließ er den Marx auf sein Pferd sitzen, und setzte sich zu ihm hinein, denn jetzt, in der freyen Luft, wurden ihre Herzen leichter, und sie konnten eher mit einander sprechen. Jhre Un- terhaltung war, wie natuͤrlich, traurig. Jhre Blicke sprachen mehr, als ihre Zunge. Gruͤß Theresen tausendmal! sagte Kronhelm; schreib mir alles, was du von ihr weist! Unser Schicksal muß sich nun bald entwickeln. Wenn sie nur Muth genug hat, alles zu erwarten! Zwar ich hoffe viel; aber, Bru- der, unser Schicksal steht in Gottes Hand; wir koͤnnen nichts thun, als ihm willig folgen ohne Murren. Jch habe doch bey allem, was mir noch bisher begegnete, erfahren, daß es nichts als weise Guͤte ist, wodurch uns Gott regiert. Dieser Grund- satz kann mich allein bey allen Widerwaͤrtigkeiten troͤsten. Laß ihn in dir leben und weben, und sorg, daß ihn auch mein Engel sich ganz zu eigen macht! Jch schreibe dir, sobald als moͤglich. Lie- ber Freund, daß wir uns trennen muͤssen, ist sehr hart, und doch werden wir noch einsehn, daß es auch weise Guͤte war, die uns trennte. — Wir haͤtten uns weit besser geniessen koͤnnen. Jeder Augenblick, der uns ungenossen hinfloh, schmerzt mich jetzt. Wie oft sassen wir eine Stunde lang beysammen, ohne zehn Worte zu sprechen. O, wenn doch der Mensch die Zeit recht zu geniessen wuͤste! Aber hinter drein wird man weise. — De- sto besser, sagte Siegwart, werden wir die Zeit be- nutzen, wenn uns Gott wieder zusammen fuͤhren sollte. O Freund, wird es wohl geschehen? — Ja, ich hoff es, hoff es, sagte Kronhelm. Ohne diese Hoffnung waͤre mir die Trennung unertraͤg- lich. Aber schreib mir fleissig. Laß mich nicht in meiner Einsamkeit verschmachten! — Du mich auch nicht, Kronhelm! Du weist, wie ich ohnehin zur Schwermuth geneigt bin. Wenn ich dich nicht haͤtte, und es ginge mir in meiner Liebe widerwaͤr- tig! Bruder, Bruder, schreib mir! — Du must gluͤcklich werden, sagte Kronhelm, du, und Mariane! Wenn ein Mensch es werth ist, so seyd ihrs. Aber, Bruder, du must dich bald entschliessen, welche Le- bensart du waͤhlen willst. Ein Geistlicher wirst du nun doch nicht, und das ist recht gut, ich war nie damit zufrieden. Aber, da Mariane weis, was du bisher studirt hast, so koͤnnte sie leicht unruhig werden. Neiß sie bald aus ihrer Unruhe! — Jch wills thun, Bruder! versetzte Siegwart. Es geht mir schon lang im Kopf herum, und quaͤlt mich heimlich. Jch bin selber noch nicht schluͤssig; so bald ichs bin, schreib ich dir davon. Ein Geistli- cher kann ich freylich nicht werden. Gott wird mirs vergeben, und ich hoffe, mein Vater wird es auch zufrieden seyn. Jch muß mich erst an The- resen wenden. — Thu es bald! sagte Kronhelm du weist, wie der Engel denkt. — So fuhren sie unter freundschaftlich wehmuͤthi- gen Gespraͤchen noch drey Stunden fort. Kron- helm fragte seinen Freund etlichemal, ob er nun nicht aussteigen und umkehren wollte? Aber Sieg- wart wollte gar nichts davon hoͤren. Laß mir noch die Freude, sagte er, dich ein paar Stunden laͤnger zu haben! Wer weis, wenn wir wieder so beysam- men sind. Zuletzt wagte Kronhelm nicht mehr, etwas zu sagen, bis sie endlich in ein Dorf, 5 Stun- den von Jngolstadt kamen. Hier hielt der Fuhrmann, um die Pferde zu fuͤt- tern. Siegwart und Kronhelm assen etwas weni- ges zusammen, und sprachen nur sehr selten. Viel- leicht ist dieß das letzte Mittagsessen, sagte Sieg- wart seufzend. — Nicht so zaghaft, Bruder, ver- setzte Kronhelm; man sieht sich immer wieder, hat einmal ein weiser Mann gesagt; seitdem ist dieß mein Trost bey jeder Trennung. Wer weis, ob ich nicht in wenig Wochen oder Tagen wieder in Jngolstadt bin? Und dann sind wir ja nicht so weit von einander. — Hofnung ist freylich das beste, wenn man sonst nichts hat, sagte Siegwart. Endlich sagte der Fuhrmann: Er habe ange- spannt. Kronhelm, der eben ein Glas Mallaga in der Hand hatte, und trinken wollte, stellte das Glas wieder hin, ohne einen Tropfen zu trinken, stand auf, legte seinen Ueberrock an, gab seinem Be- dienten seinen Stock und Degen, und umarmte seinen Siegwart. Keiner konnte ein Wort sprechen. Sie gingen aus der Thuͤre, und und umarten sich noch ein- mal. Gott sey mit dir! sagte jeder! — Gruͤß The- resen tausendmal, und Marianen! Leb wohl, Bruder, vergiß meiner nicht, schreib mir fleißig, und sey gluͤck- lich! Mit diesen Worten stieg Kronhelm in den Wa- gen. Siegwart eilte, thraͤnenlos, an den Schlag, druͤck- te seinem Freunde noch einmal die Hand. Marx nahm den Hut weinend ab, und der Wagen schwand aus Siegwarts Augen. Die Wirthsleute stunden da, und wisperten zu- sammen. Die Herren muͤssen recht viel auf einan- der halten, sagte die Wirthin; sie machen, daß einem das Weinen ankommt. Ja, ja, das scheint ein braver Herr zu seyn, der da fortgefahren ist. Er war so still und freundlich, daß man ihm nicht boͤs seyn konnte. Nun, Gott geb ihm Gluͤck auf den Weg! Diese Rede voll Einfalt ruͤhrte unsern Siegwart so sehr, daß ihm nun erst die Thraͤnen in die Augen schossen. Er trank noch ein paar Glaͤser Wein, bezahlte, und ritt fort. Auf dem Wege brach sein Herz ganz. Nun al- lein zuruͤck zu reiten, sich mit jedem Schritte mehr von dem Freund seiner Seele zu entfernen, der Gedanke begleitete ihn unaufhoͤrlich. Gott segne ihn! war alles, was er denken konnte. Gott! ich hab ihn durch Mistrauen so beleidigt! O vergib mir, wenn es moͤglich ist! Weiter fuͤhlte seine Seele nichts. — An Marianens Busen seinen Schmerz auszuweinen, war der Wunsch, der ihn befluͤgelte, daß er in drittehalb Stunden zu Jngol- stadt ankam. Der Hofrath Fischer sah aus dem Fenster, als er abstieg, und fragte, ob er den Herrn von Kronhelm gluͤcklich verlassen habe? Jch komm hinuͤber, sagte Siegwart, wenn Sie es er- lauben wollen. Nach einer halben Stunde gieng er hinuͤber, und brachte dem Hofrath tausend Em- pfehlungen von Kronhelm. Der Hofrath lobte ihn sehr. Mariane war nicht gegenwaͤrtig. Sieg- wart war daruͤber innerlich sehr unruhig, aber sei- ne Verwirrung schien von der Trennung von Kron- helm herzuruͤhren. Nach anderthalb Stunden wollte er wieder gehen. Der Hofrath sagte aber, ob er nicht noch auf seine Tochter warten wolle? Sie muͤsse alle Augenblicke von einem Besuch bey einer Freundin zuruͤckkommen. Dieß war eine Herz- staͤrkung fuͤr unsern kranken Juͤngling. Nach einer Viertelstunde kam sein Engel. Ver- zeihn Sie! war ihr erstes Wort. Jch vermuthe- te Sie hier, aber ich konnte mich nicht losreissen. Jst er gluͤcklich fortgekommen? — Tausend Gruͤsse, sagte er; der Abschied war unendlich schmerzlich fuͤr uns beyde. Ach, ich glaub es; versetzte sie, und seufzte. Nach einigen Erzaͤhlungen ging der Hof- rath auf sein Zimmer, weil er Geschaͤfte hatte. Siegwart sank in Marianens Arm, und weinte. Eine Stunde lang konnte er nichts, als seufzen. Sein Mund hing fest am ihrigen, und Thraͤnen mischten sich in ihre Kuͤsse. Verzeihn Sie, Theu- re! sagte er, ich kann heut nicht sprechen. Gott weis, wie mir zu Muth ist! Haͤtt’ ich Sie nicht, ich verginge. — Sie streichelte ihm die Thraͤnen von den Wangen, oder kuͤßte sie weg. Nach einer halben Stunde hoͤrten sie ein Geraͤusch. Mariane sprang ans Klavier und spielte eine Phantasie. Es kam niemand auf das Geraͤusch. Sie spielte eine traurige Opernarie von Hasse. Es war ein Ab- schiedslied. Das Wort: Adio! war drinn ausser- ordentlich ausgedruͤckt. Sie hatte ausgespielt, und sah ihn an. Er wollte eben an ihr Herz sinken, als der Hofrath wieder ins Zimmer kam. Nach einer Viertelstunde ging Siegwart weg. Zu Hause machte er ein Lied: Nach Kronhelms zweyten Abschied. Graͤnzt die Freude denn hienieden Jmmer nur an Traurigkeit? Jst uns denn kein Gluͤck beschieden, Das sich ohne Thraͤnen freut? Kronhelm, ach, und du, Erwaͤhlte, Schmerz und Wonne schafft ihr mir! Kaum daß Liebe nicht mehr quaͤlte, Quaͤlet Freundschaft mich dafuͤr. Kaum daß Sie dem wunden Herzen Endlich Linderung ertheilt, Wird mit neuen bangen Schmerzen Die zerrißne Brust zertheilt. An die Eine Seite sinket Das erflehte Maͤdchen hin; Ach, und von der andern winket Unerforschte Schickung ihn. Wandl’, o Freund! nach tausend Thraͤnen, Dem erweinten Maͤdchen zu! Erndte, nach so langem Sehnen, Der erweichten Liebe Ruh! Und Du, Mariane, eile, Segen laͤchelnd, an mein Herz, Und umarme mich, und heile Der verlaßnen Freundschaft Schmerz! Den andern Tag gieng Siegwart traurig und niedergeschlagen umher. Der Schmerz um seinen verlohrnen Freuud begleitete ihn aller Orten hin. Seine Mariane konnte er nur sehen, aber nicht sprechen. Abends fieng er einen sehr wehmuͤthigen Brief an Kronhelm an. Den Tag drauf erhielt er folgenden Brief von Theresen. Allerliebster Bruder! Jch eile, dir die angenehmste Nachricht zu schreiben. Vor drey Tagen ließ sich ein fremder Herr bey unserm theuren Vater melden. Wir machten uns so schnell als moͤglich auf seine An- kunft gefaßt. Er war sehr hoͤflich, und bat sich, auf eine angenehme Art, selbst zu Gast. Er hatte aber seine eigne Kuͤche und drey Bediente bey sich, die ihn Herr geheimer Rath nannten. Jch war in der Kuͤche, und machte einige Zuruͤstungen. Er frug aber nach mir, und sagte, daß ich nothwen- dig mit bey Tische seyn muͤsse. Du kannst dir nicht vorstellen, wie leutselig und herablassend der Herr war, und trug doch einen Stern auf der Brust. Aber ob er gleich so vornehm aussah, so must ich ihn doch lieb haben, denn er hatte nicht den ge- ringsten Stolz an sich. Mit mir gab er sich viel ab, und fragte mich allerley aus. Sie sind ja so blaß, liebes Jungferchen, sagte er; in Jhrem Au- ge sitzt so etwas; ists vielleicht ungluͤckliche Liebe? Jch ward feuerroth, und konnt ihn lange nicht mehr ansehn. Er lobte mich auch gegen unsern l. Vater so, daß ich gern weit weg gewesen waͤre, ob mirs gleich im Herzen wohl that, von einem so braven Mann gelobt zu werden. Mit dem l. Va- ter gieng er auf einen recht vertraulichen Fuß um, daß dieser ganz vergnuͤgt und offenherzig wurde. Einmal, als die Bedienten weg waren, wendete er sich schnell zu mir, und sagte: Kennen Sie nicht einen jungen Kronhelm? dabey sah er mich so steif ins Auge, als ob er mir durchsehen wollte. Gott weis, wie mir da auf Einmal wurde? Mein Ge- sicht brannte. Jch weis nicht, was ich zur Ant- wort gab? Jch glaub, ich sagte: Ja, ich kenn ihn. Er ist mein Neffe, sagte er; ich heiß auch Kron- helm. Unser Vater stand auf, weil der Herr sehr viel in Muͤnchen gilt, und wollte sich wegen sei- ner Vertraulichkeit entschuldigen. Er muste aber gleich wieder nieder sitzen. Wir sind gute Freun- de, Herr Amtmann, sagte er, und muͤssen uns noch naͤher kennen lernen. Keine Komplimente! — So kennt Sie meinen Neffen, gutes Maͤdchen, und liebt ihn auch? Nicht wahr? Scheuen Sie sich nur nicht, es zu sagen! Jch bins wohl zu- frieden! Er verdient Sie, und ist Jhnen auch gewiß recht gut. Fassen Sie sich nur! Es ist mir recht lieb. Mein Wort haben Sie. — O liebster Bru- der, es war mein Gluͤck, daß er so freundlich war, und daß ich weinen konnte; sonst waͤre mein Herz zersprungen. Jch muste mein Schnupftuch vors Gesicht halten, so sehr weint ich. — Diese Thraͤnen sind alles werth, sagte er; und dann zu unserm Vater: Unsre Kinder sind einander auch werth; nicht wahr, lieber Herr Amtmann? Mein Neffe hat eine gute Wahl getroffen. Ein solches Maͤdchen haͤtt ich in meiner Jugend auch geheira- thet, wenn ich eins gefunden haͤtte. Jhr sollt mir an Kindesstatt seyn! Sie lieben ihn doch noch recht herzlich? — Hier nahm er mich bey der Hand. O Bruder, ich dacht, ich haͤlt in Thraͤnen zerfliessen moͤgen. So ein Herr ist mehr werth, als die ganze Welt! Unser bester Vater sprach kein Wort, und ward ganz blaß. — Mein Bruder ist ein harter Mann, sagte der geheime Rath. Jch will ernstlich mit ihm reden. Morgen reis ich zu ihm. Wenn er nicht nachgiebt, so nehm ich mich meines Vetters an; ich kann ihm schon Vermoͤgen geben, denn ich habe keine Kinder. — Dann redete er mit unserm Vater allerley ab. Mir sagte er, ich sollte guten Muth fassen, und mich gar nichts anfechten lassen; sein Vetter muͤsse mein seyn! und was er sonst noch schoͤnes sagte, das ich vor Freuden nicht alle merken konnte. Er versprach, in etlich Wochen Richtigkeit zu machen, und dem lieben Vater, und mir selbst zu schreiben. Gegen Abend fuhr er wieder weg. Unsern Vater umarmte er, wie ein Bruder den andern; und mich kuͤßte er auf die Backe, und sagte: Mein Vetter wird doch nicht eifersuͤchtig werden? Wir schickten ihm 1000 heisse Segenswuͤnsche nach. O Bruder, ich kann dir nicht sagen, was alles in mir vorgeht? Es ist, als ob ich ein ganz neues Leben anfienge. Die Welt hat sich um mich her veraͤndert. Die Thraͤnen stehen mir immer in den Augen, und ich kanns noch kaum glauben, was sich mit mir zugetragen hat. Meinen Kron- helm, meinen ewig, ewig theuren Kronhelm soil ich wieder haben! Grosser Gott! Meine Leiden waren zwar sehr groß, aber diesen Lohn, dieses alles uͤberwiegende Gluͤck hab ich nicht verdient. O mach michs wuͤrdig! Mach michs wuͤrdig! — Bruder, was ist alles Leiden dieser Zeit gegen so eine Stunde? — Und doch — ist mir oft so bang! Jch habe so schwarze Ahndungen, so schwere Traͤume! Jch fuͤrcht immer noch, ich ver- lier es wieder. — Grosser Gott, vergib mir, wenn es Undank oder Mistrauen ist? Hilf mein Gluͤck mir ertragen! Mir ists noch zu schwer! — Tau- send, tausend Gruͤsse und Umarmungen an meinen, meinen Kronhelm! Jch kann ihm noch nicht schreiben. Bruder, Gott weis, ich kann nicht! Mein Herz ist noch gar zu voll. Hilf mir be- ten, und Gott danken! Unser bester Vater ist wie neugebohren und gruͤßt tausendmal. Gott! wie hat sich alles mit uns veraͤndert! — Jch weis, du nimmst an meinem Gluͤck Antheil. O Bruder, Gott mache dich doch auch recht gluͤcklich! Schreib mir doch bald deiner unaussprechlich gluͤcklichen Schwester Therese Siegwart. Siegwart konnte sich der Freudenthraͤnen nicht enthalten, als er diesen Brief gelesen hatte. Gott, wie gut bist du! rief er einigemal aus. Dank! Dank! Du kannst mich auch nicht ver- lassen! O mein Kronhelm, o mein Kronhelm, du bist gluͤcklich! O meine Schwester, meine Schwester! — Er warf sich auf seine Knie. Gott! Barmherziger, Gnaͤdiger! O, auch mich, auch mich! Und Marianen! — Der halbe Tag zerfloß ihm unter einem fortdaurenden Taumel. Bald schrieb er etliche Zeilen in dem Brief an Kronhelm! Bald gieng er wieder auf dem Zimmer auf und ab. Zuweilen grif er nach einem Buche, wollte drinn lesen, und schlug es wieder zu; seine Seele war viel zu zerstreut, und ganz getheilt. Er sehn- te sich nach jemand, dem er seine Freude mitthei- len koͤnnte; aber, ach, er hatte niemand, und nun fuͤhlte er, mitten in seiner Freude, die Tren- nung von seinem Kronhelm doppelt wieder. Er sah Marianen am Fenster: er wuͤnschte, ihr den Brief zeigen, und sie an seiner Freude mit Antheil nehmen lassen zu koͤnnen; aber er wagte es nicht, sie wieder zu besuchen, da er erst vor zwey Tagen da gewesen war. Nach Tische sah er sie mit ihrem Bruder ausgehn, und vermuthete, da sie einen C c c Sonnenschirm trug, daß sie vor das Thor gehen werde. Er zog sich auch an, und gieng vor das naͤchste beste Thor, weil er nicht wuste, wo sie hingegan- gen war. Es war schon ein voͤlliger Fruͤhlingstag, die Sonne schien warm, alle Kraͤuter und Fruͤh- lingsblumen keimten schon hervor; die Lerchen san- gen in der Luft, und die Aemmerlinge, Zaunkoͤni- ge und andre Voͤgel im Gebuͤsch. Seine Seele schwang sich mit den Lerchen auf, und freute sich der reinen aufgehellten Luft. Freude und Weh- muth graͤnzten aneinander; er war bewegt, daß sein Aug in Thraͤnen glaͤnzte. Er sehnte sich nach Marianen, aber sie war nirgends. Von fern sah er ein Frauenzimmer gehn; sein Herz klopfte; er eilte, um sie einzuholen; aber es war nicht sein En- gel, und er ward noch wehmuͤthiger. An einer etwas erhoͤhten Stelle, die von einer Dornhecke geschuͤtzt war, fand er endlich blaue Veilchen. Er schrie laut auf, als er sie sah, pfluͤckte, und band sie mit einem Grashalm in ein Straͤuschen. Haͤtt’ euch Mariane! sagte er halb laut; moͤchtet ihr an ihrem Busen bluͤhn! — O Kronhelm, waͤrst doch du da! Aber du bist gluͤcklich, und ich kann dich nicht beneiden! Singend, und mit sich selber sprechend gieng er wieder nach der Stadt zu. Nur so allein, Herr Siegwart? rief eine Stim- me aus einem Gartenhaͤuschen. Stutzend sah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? sagte er; ich habe Sie gesucht. Jch sahs, daß sie ausgiengen. Das ist mein Garten, antwortete sie. Jch haͤtts Jhnen gern wissen lassen, daß ich hier bin, aber ich konn- te nicht. — Wo ist Jhr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das ist ja erwuͤnscht, daß Sie hier sind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Jhren Kronhelm? — Hierauf erzaͤhlte er ihr die freudige Nachricht, die er heut von seiner Schwester erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu lesen. Sie nahm herzlichen Antheil daran, und freute sich uͤber das Zutrauen sehr, das ihr Juͤngling zu ihr hatte. — Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Sieg- wart — O ja, antwortete sie. Er ist Jhnen jetzt recht gut. Man muß schon ein uͤbriges bey dem Menschen thun. Wenn man nur ihm nicht im Wege steht, dann laͤst er einen schon zufrieden. Mein Vater ist Jhnen auch sehr gut, und beson- ders meine Mutter. Jch glaube, daß sie etwas merkt, und wenn sie mich drum fragen sollte, so wuͤst ich nicht, warum ich ein Geheimniß draus machen muͤste, wenn nur Sie mir gut sind. — Er sank in ihren Arm, kuͤßte sie feurig, und schwur ihr ewig Liebe. Der ganze Abend war fuͤr unsre Liebende ein heiliges Fest. Der Bruder kam erst nach zwo Stunden wieder, und war sehr vergnuͤgt, weil er ein paar Hasen geschossen hatte. Siegwart be- gleitete sein Maͤdchen nach Haus, und hatte nie einen schoͤnern Fruͤhlingstag gehabt. Zween Tage drauf kam der Miethkutscher wie- der, der Kronhelm nach Haus gebracht hatte, und brachte von ihm folgendes Briefchen an Siegwart: Liebster Bruder! Den Augenblick bin ich angekommen, und kann also noch nichts sagen. Die Reise war mir trau- rig, so allein, und von dir getrennt, den ich so sehr liebe! Mein Vater empfieng mich, nach seiner Art, freundlich, und ist lange so krank nicht, als ich glaubte. Er konnte im Zimmer auf und abgehn, als ich ankam. Er fuͤrchtet eben den Tod, daher war er so besorgt beym letztern Anfall. O Bruder, was werd ich hier anfangen unter solchen Leuten? Du verstehst mich. Warum musten wir uns tren- nen? Mein Herz ist voll von tausend Dingen, aber jetzt kann ichs nicht ausschuͤtten vor dir. Naͤch- stens einen großen Brief! Schreib mir ja bald! Was macht Mariane? Tausend Gruͤsse an den En- gel, und dem andern zehntausend! Leb wohl, Be- ster! Der Fuhrmann will weiter, und ich wollt ihn doch nicht leer fahren lassen. Ewig dein! Kronhelm. N. S. Mach uͤber deinen Brief an mich zwey Kouverte, und auf das aͤussere die Aufschrift: Herrn Amtmann Friedrich. Der Brief wird mir richtig eingehaͤndigt. Siegwart hatte nur auf diesen Brief und Nach- richt von seinem Freund gewartet, um seinen Brief abschicken zu koͤnnen; denn er hatte noch keine Adres- se gehabt. Nun schrieb er umstaͤndlich und mit grossen Freuden alles, was ihm Therese berichtet hatte, wuͤnschte seinem Kronhelm tausend Gluͤck und schickte den Brief ab. Das wird eine Freude seyn, dacht’ er, wenn er noch nichts weiß, und diesen Brief erbricht! Nun wird er fuͤr alle seine Leiden getroͤstet werden. Zehn Tage lang wartete er mit der groͤsten Sehnsucht, aber nur vergeblich, auf neue Nach- richten. Endlich kam an einem Mittewochen, wel- ches nicht der gewoͤhnliche Posttag war, folgen- der Brief: Guͤnzburg den 21. May. Liebster Bruder! Seit drey Tagen bin ich hier, in der schrecklich- sten Verfassung, die du dir denken kannst. Alles, alles ist verlohren! Meine Ruhe, meine Hoffnung, meine Therese, alles! O Bruder, es ist aus mit mir! Zwey Tage war ich bey meinem Vater, da giengs an. Seine Krankheit war nur ein Vorge- ben, um mich her zu locken. Eines Abends war ich allein bey ihm auf dem Zimmer. Wie stehts mit deinem Menschen? sagte er; haͤngst du ihr noch an? Jch weiß nicht, ob sie die Jungfer Siegwart meynen? sagte ich. Jch habe noch alle Ursache, sie hochzuschaͤtzen. — Was? Canaille! rief er, und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen? Daß dich alle Teufel holen! Jch zertrete dich, du Ra- benaas! — Mit diesen Worten kam er auf mich zu, packte mich bey der Kehle fest, und wuͤrde mich er- wuͤrgt haben, wenn ich mich nicht vorgesehn, und losgerissen haͤtte. Kaum konnt ich mich zuruͤckhal- ten, mich an ihm nicht zu vergreifen. Als ich los war, sprang ich aus dem Zimmer aufs meinige, und schloß hinter mir zu. Jch hoͤrt ihn noch eine Stunde lang im Haus herum laͤrmen, und die Thuͤren zuschlagen. Kurz vor Sonnenuntergang ritt er weg; ich wuste nicht, wohin? Meine Schwe- ster kam erschrocken zu mir aufs Zimmer, weinte und schrie, und bat fast auf den Knien, daß ich mich doch geben sollte; sonst koͤnns kein Mensch mehr aushalten bey dem Vater. Schon seit vier- zehn Tagen sey man nicht des Lebens bey ihm sicher, seit mein Onkel weg sey. Dieser war nehmlich bey ihm hier, und da gabs grossen Streit, ver- muthlich wegen meiner. Jch konnte nichts Gewis- ses erfahren, denn sie sprachen allein miteinander. Meine Schwester that gar klaͤglich, aber ich sagt ihr: Jch koͤnn es nun nicht aͤndern; Theresen koͤnn ich nicht aufgeben, wenn es auch mein Leben ko- sten sollte, u. s. w. Du weist das alle selbst schon. Das Maͤdchen konnte mir nicht Unrecht geben, aber sie sagte nur: Jch stuͤrzte mich, und Theresen, und sie alle in Lebensgefahr. Kunigunde stecke dahinter, und regiere meinen Vater ganz. Er sey wie ra- send, und koͤnn’ alles thun, u. s. w. Jch beschloß also, wegzugehen; weiß der liebe Gott wohin? und machte meine Einrichtungen so, daß ich in drey oder vier Tagen auf die Jagd zu reiten, und nicht mehr zuruͤck zu kommen dachte. Aber es gieng anders. Den andern Morgen kam mein Vater wieder, that ganz freundlich, und stellte sich, als obs ihm leid waͤre, daß er gestern so mit mir umgegangen war. Auf den Nachmittag, sagte er, wollen wir ein wenig auf die Jagd reiten, und das uͤbrige, zu seiner Zeit, im Frieden mit einander abthun. Jch konnte mich in sein Betragen nicht finden, und vermuthete nichts Gutes; doch konnt ichs auch nicht abschlagen, mit zu reiten. Wir ritten in einen Forst, eine Stunde weit vom Dorf, nur mit Einem Jaͤger; und, nach einigen Schuͤssen, sagte er: wir wollen aufs naͤchste Dorf zum Amtmann reiten; ich muß etwas trinken. Von der Sache sprach er gar nichts. Beym Amtmann war der Baron Striebel; wie es schien, ganz von ungefaͤhr. Der Amtmann sah aus, wie ein Spitzbube, dem ich keinen Heller an- vertrauen moͤchte. Nach drey Viertelstunden kam ein Wagen mit dem alten Seilberg, mit Regine Stellmann, und dem luͤderlichen Jobst. Das kam mir bedenklich vor; aber ich merkte weiter nichts. Die Stellmann war mir jetzt mit ihrer buhlerischen Freundlichkeit noch unausstehlicher, weil ich von meiner Schwester wuste, was sie seit der Zeit mit dem suͤssen Silberling fuͤr einen aͤrgerlichen Liebeshandel gehabt hatte. Jch haͤtte sie lieber an- speyen, als viel mit ihr machen moͤgen, und doch war sie so zuthaͤtig, daß ich nicht wuste, wohin? Man sprach mir stark zu, zu trinken, und im Aerger trank ich ziemlich. Nach und nach fielen von Seiten Jobsts und meines Vaters, und des Amtmanns allerley Anspielungen vor: Wir gaͤben so ein huͤbsches Paar ab, u. s. w. daß ich wol merken konnte, es sey abgekartet, und auf mich gemuͤnzt. Jch that aber, als ob ichs nicht hoͤrte, oder nicht verstuͤnde. Jch sah immer auf der Uhr, und sehnte mich weit weg. Einmal gieng ich in den Stall hinunter, sah nach meinem Pferd, und machte etwas am Gurt zurechte, das vorher auf der Jagd aufgegangen war. Jch hielt mich mit Fleiß lang auf, und kam erst nach einer Viertel- stunde wieder aufs Zimmer. Da sassen sie all auf Einem Haufen, steckten die Koͤpfe zusammen, und fuhren auseinander, als ich herein trat. Das machte mich nun noch stutziger. Mein Vater sagte: Hoͤr, Karl, das Fraͤulein hier wollt ich dir eben wuͤnschen! Sie ist schoͤn, hat Geld, und ist von steinaltem Adel. — Verzeihen Sie, Papa, sagt ich, und zuckte die Achseln; Sie wissen … Ey was? rief er, freylich weis ich! Aber, schlag mich der Donner, da wird nichts draus! Lieber zieh ich dir die Haut ab! — Es leb Fraͤulein Stell- mann! Trinks mit! — Jch konnts, ohne die Hoͤflichkeit zu beleidigen, nicht abschlagen. — So, Karl, das ist brav! Jhr muͤst ein Paar werden; nicht wahr, Fraͤulein? — Sie sah mir unverschaͤmt ins Gesicht, lachte, und gab mir die Hand. Jch ließ es so geschehen, weil ich dachte, hier wird doch nichts ausgemacht, und allein will ich schon mit ihm reden. — Schade, daß nicht gleich ein Pfaff bey der Hand ist! sagte mein Vater; man koͤnnt sie gleich zusammengeben. — O, da ist Rath vor, sagte der Amtmann, hier ist schon ein Pfarrer! indem machte er ein Seitenzimmer auf, und ein dicker Pfaffe trat heraus. Jch riß mich von der Stell- mann los, und sprang auf. Papa, rief ich, ist das Ernst? Freylich, Kerl, rief er, und riegelte die Saalthuͤre zu. Man wird dich schon krie- gen, du vermaledeyte Bestie! — Jch ward in dem Augenblick wie rasend, und sprang in das Zimmer hinter mir, das aus Versehen offen ge- blieben war, und schlug die Thuͤre zu, daß das Schloß zuruͤckfuhr. Von da gieng eine Thuͤre nach dem aͤussern Saal; ich hinaus, die Treppe hinunter, in den Stall aufs Pferd, und beym Hof hinaus! Vom Fenster herab geschah ein Schuß, der mir nichts that. — Nach! Nach! schrie mein Vater. Jch flog beym Dorf hinaus, wie der Blitz. Beym letzten Haus hoͤrt’ ich schon hinter mir her galoppiren. Mein Vater wars, mit 3 oder 4 andern Neutern. Sie waren mir schon so ganz nah aus dem Hals, daß ich ihn fluchen hoͤren konnte. Ueber einen breiten tiefen Grafen setzt ich wie der Wind. Es geschah noch einmal ein Schuß. Mein Pferd wendete seitwaͤrts. Auf Einmal entstand ein schreckliches Geschrey. Jch sah mich um, und sah eben noch meinen Vater in den Graben stuͤrzen. Jch nahm mir nicht Zeit, nochmals umzusehn. Endlich, nach einer halben Viertelstunde merkt ich keinen Menschen mehr hinter mir. Vermuthlich waren sie bey meinem Vater geblieben, um ihm aufzu- helfen. — Jch ritt links in einen dicken Wald hinein. Nach einer guten halben Stunde fand ich einen Holzweg, auf dem ich gerade fort ritt. Es ward schon sehr dunkel, und der Weg war mir gaͤnzlich unbekannt. Endlich kam ich aus dem Holz, und ungefaͤhr um eilf Uhr in ein Dorf, wo ich noch in einer Huͤtte Licht sah und mich erkundigte, wo ich waͤre? Ein altes Muͤt- terchen sagte mir, das Dorf heisse Reisensburg, und lieg eine gute halbe Stunde von Guͤnzburg. Mit dem Namen: Guͤnzburg fuhr der Gedanke durch meine Seele, unter die kaiserlichen Voͤlker zu gehen, und mich bey unserm Hauptmann an- werben zu lassen. Bey dem Gedanken ward mir auf Einmal wohl, denn ich sah nun einen Aus- weg, da mirs vorher war, als ob ich in einem Jrrgang wandelte. Krieg und Tod war mir Eins; denn was kann ich anders wuͤnschen, als den Tod? — Jch spornte mein Pferd, und kam nach einer Viertelstunde zu Guͤnzburg an. Jn der Krone stieg ich ab, weil ich wuste, daß der Haupt- mann da logirt; und als ich hoͤrte, daß er noch nicht zu Bette sey, ließ ich mich bey ihm melden, und trug ihm meine Absicht vor. Er nahm mich mit Freuden auf, und nun geh ich in vier oder fuͤnf Tagen auf der Donau als Freywilliger mit dem Transport nach Schlesien, wo vermuthlich eine Kugel auf mich wartet, und meiner Qual ein Ende macht. O Bruder, so weit ists mit mir gekommen. Das sind nun meine Hoffnungen! Gott, was wird aus Theresen werden? Schick ihr diesen Brief, wenn dus fuͤr gut haͤltst, und schreib ihr das uͤbri- ge! Troͤst sie, wenn du kannst! Jch bins nicht im Stand. An meinen Onkel hab ich vor 2 Tagen geschrieben, daß er Sorge traͤgt, daß ihr mein Va- ter nichts thut, und daß er mir Geld schickt, denn ich hab nur 15 Gulden bey mir, und mein Pferd nehm ich mit. Der Hauptmann will mir indessen Geld auf den Weg mitgeben. Mein Onkel kann meinen Schritt unmoͤglich misbilligen; es war mir nichts anders uͤbrig. Jch gehe nicht aus dem Haus, um nicht entdeckt zu werden; sonst waͤr ich zum P. Philipp gegangen. Schreib mir unter der Adresse an den Hauptmann! Jch kann dir nicht sagen, wie mir ist. An The- resen darf ich kaum gedenken, und doch ist sie fast mein einziger Gedanke. Sie auf ewig nun ver- lieren! Sie auf ewig nicht mehr sehen! Und doch ist dieß all mein Trost, daß ich nun dem Tod ent- gegen gehe. Die Preussen schiessen gut, und ich will mich immer dahin stellen, wo der Tod am naͤchsten ist. O Bruder, ich kann nicht anders. Jch will meine Pflicht thun, als Soldat, aber dann muß der Tod mein Lohn seyn. Mein Va- ter mags bey Gott verantworten, daß er mich so weit gebracht hat! — Troͤste meinen Engel! Dieß ist alles, was du thun kannst. Leb wohl, Bruder, ewig wohl! Vielleicht kriegst du bald den letzten Brief von mir. Hab Dank fuͤr alle deine viele Liebe! Gruͤß deine Mariane! Laß sie mich bedau- ren! Gott bewahre dich vor einem so schrecklichen Schicksal, wie das meine ist! Beth fuͤr mich, daß ich selig sterbe! Jch muß abbrechen. Es wird mir baͤnger ums Herz. Troͤste Theresen, daß einst Gott dich troͤste! Leb ewig wohl, und bewein mich! Schreib ja bald! Der Hauptmann schickt mir den Brief nach. Ewig, bis an meinen Tod der Deinige. Kronhelm. Jn dem Brief lag folgendes Blatt an Theresen, unversiegelt: Was soll ich, ach, was soll ich der Geliebten meiner Seele schreiben? Auch der letzte, schwache Rohrstab ist zerbrochen, den die Hoffnung mir gereicht hatte. Dein Bruder, ewig Theure! mag mein Ungluͤck dir erzaͤhlen! Jch kanns nicht. Die- se blutigen Zaͤhren, die ich auf das Blatt hin wei- ne, sind das Letzte, was ich dir in diesem Leben weihen kann. Meine Seele ist tief gebeugt zur Erden, und schmachtet nach dem Grabe. Dir zu leben, war der Wunsch, der mich bisher noch an den Leib fesselte. Nun er hin ist, kenn’ ich kei- nen Wunsch mehr, als fuͤr dich zu sterben. Jch eile dahin, wo der Tod laurt. Jch will ihn aus seinem Hinterhalt herausweinen, daß er komm, und mich in seinen eisernen Arm schließe. — O Therese! Was ich wuͤnschen kann fuͤr mich, ist ei- ne Thraͤne, daß du sie dem Juͤngling weinest, der dich liebte, wie kein Sterblicher geliebt hat. Wei- ne sie, und sey dann gluͤcklich, wenn dus seyn kannst ohne mich! — Jch hab keinen Trost fuͤr dich! Wie kann der troͤsten, der sonst keinen Freund hat, als den Tod! Bethen kann ich, wenn noch das Gebeth des Elends hilft. Gott! Nur ei- nen Tropfen Trost fuͤr sie! Jch will gerne dursten, bis mein Ende koͤmmt. — Therese! Nicht wahr, ich quaͤle dich? Nun, verzeih! Jch wust es nicht; sonst haͤtt ich meine Hand gelaͤhmt, eh ich dieses Blatt schrieb! — Aber ich muste noch zu dir reden. Leb denn wohl, Engel! und hab Dank fuͤr deine Liebe! Gott, warum muste sie doch so belohnt wer- den? Leb ewig wohl! Jch kann nichts schreiben. Meine Saͤfte stocken. Aber reden mußt’ ich. Wenn Du Bothschaft hoͤrst: Er ist todt, dann jauchze laut auf, und sag: Er ist gluͤcklich. — Ach The- rese, wenn Du doch auch stuͤrbest! Es ist so was suͤsses um den Tod, und wir sind so elend. Stuͤrbst Du doch mit Deinem Kronhelm. Die Bewegung, in die unser Siegwart durch diese beyden Briefe gerieth, kann man sich mehr vorstellen, als beschreiben. Anfangs war er ganz betaͤubt, und konnte es kaum glauben; zuletzt brach sein Schmerz in laute Klagen und in Thraͤnen aus. Nach der ersten heftigen Erschuͤtterung fieng er an, Plane zu machen, ob sein Freund nicht noch zu retten sey? Erst beschloß er, nach Guͤnzburg zu reiten, und, wo moͤglich, seinen Freund noch zu- ruͤck zu halten. Aber, was sollte er ihm sagen? Welche Gruͤnde hatte er, durch die er ihn zuruͤck halten koͤnnte? Und der Weg war weit. Vie- leicht war sein Freund indessen schon abgereist. Endlich, nach tausend Entwuͤrfen, die im ersten Augenblick annehmlich schienen, und im zweyten wieder verworfen wurden, schien ihm dieser noch der beste zu seyn, nach Muͤnchen zu Kronhelms Onkel zu reisen, ihm die Sache so dringend vorzu- stellen, als moͤglich, und ihn zu bewegen, sich seines Vetters thaͤtig anzunehmen, ihn aufs schleunigste zu retten, und entweder selbst sogleich nach Guͤnzburg zu reisen, oder ihn mit genugsamer Vollmacht da- hin zu schicken. Er bestellte sich sogleich ein Pferd, um weg zu reiten, und den andern Tag in Muͤn- chen zu seyn. Nur das lag ihm am Herzen, daß Mariane die Ursache seiner Reise erfahren moͤchte! Zu gutem Gluͤck traf er ihren Bruder an; erzaͤhlte ihm, daß er in Kronhelms Geschaͤften schnell nach Muͤnchen reisen muͤste; und bat ihn, es seinen Eltern und seiner Schwester zu erzaͤhlen, und ihnen seine vielfache Empfehlung zu machen. Nach einer Stunde ritt er weg, und sah, zu sei- ner groͤsten Freude, seine Mariane noch im Fenster, der er einen zaͤrtlichen Blick zuwarf. Er ritt bis spaͤt in die Nacht hinein; schlief auf einem Dorf nur einige Stunden, und kam den an- dern Abend in Muͤnchen an; aber, weils schon spaͤt war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rath zu gehen. Den folgenden Morgen ließ er D d d sich durch einen Miethbedienten nach dem Hause bringen und melden. Aber zu seiner grossen Be- stuͤrzung hoͤrte er, der geheime Rath sey nicht hier. Er erkundigte sich bey einem Bedienten; dieser gab ihm kurzen Bescheid, und sagte, sein Herr sey schon vor drey Tagen mit seinem Kammerdiener unver- muthet auf der Post abgereist, er wisse nicht, wo- hin? Mehr konnte Siegwart nicht erfahren. Jn der Betaͤubung lief er zu Kronhelms Schwester, die ihn sogleich vor sich ließ. Er erzaͤhlte ihr, in der aͤussersten Verwirrung, fast ohne Zusammen- hang die ganze Geschichte ihres Bruders, sagte, warum er nach Muͤnchen gekommen sey, und frag- te sie, wo der geheime Rath hingereist sey? — Sie war aufs aͤusserste betroffen, und hatte, wie versteinert, zugehoͤrt. Als sie etwas von ihrem Staunen zuruͤckkam, und sich durch Thraͤnen Luft gemacht hatte, sagte sie, sie wisse vom geheimen Rath und seiner ploͤtzlichen Abreise nicht das min- deste. Seit seiner Zuruͤckkunft habe sie ihn nur Einmal gesehen, und mit ihm von ihrem Bruder gesprochen. Er habe sie versichert, daß es alles gut gehen werde. Er sey bey ihrem Vater gewesen, dieser nehme durchaus keine Gruͤnde an. Nun woll er sich seines Vetters ernstlich annehmen. Er kenne Theresen; sie hab ihm ausserordentlich gefal- len, und sein Neffe soll sie haben. Diese Nach- richt habe sie ganz beruhigt; sie haͤtte wirklich ih- rem Bruder geschrieben, und gestern den Brief nach Jngolstadt geschickt; denn von seiner ploͤtzli- chen Abreise, und der vorgeblichen Krankheit ihres Vaters habe sie nicht das geringste gewußt. — Nun fieng sie aufs neue an, ihren ungluͤcklichen Bruder zu beklagen, und bitterlich uͤber sein Schick- sal zu weinen. Endlich fing sie sich mit Siegwart zu berathschlagen an, was nun zu thun waͤre? Er wollte selbst nach Guͤnzburg reiten, aber sie wider- rieth es ihm. Wahrscheinlich, sagte sie, werden Sie meinen Bruder, nach seinem eignen Schreiben, nicht mehr da antreffen. Sollt er aber noch da seyn, so koͤnnen wir durch einen Brief, der ohne- dieß schneller hinkommt, eben das ausrichten. Wenn wir ihn versichern koͤnnen, daß mein Onkel sich sei- ner ganz gewiß annehmen, und ihm Jhre Schwe- ster geben will, so muß ihn das zuruͤckhalten! Wir wollen ihm jetzt augenblicklich schreiben; denn in einer Stunde geht die Post ab. — Siegwart, der sich ohnehin sehr nach seiner Mariane zuruͤcksehnte, ließ sich diesen Vorschlag gefallen, und gieng in ein Kabinet, wo er einen sehr beweglichen Brief an seinen Kronhelm schrieb, und ihn um alles in der Welt willen bat, in Guͤnzburg zu bleiben, oder, wenn er schon abgegangen waͤre, sogleich zuruͤckzu- kehren, weil er von den Bemuͤhungen seines On- kels alles hoffen, und gewiß mit Theresen vereinigt werden koͤnne. Die Frau von Eller ließ ihn ihren auch sehr ruͤhrenden Brief lesen, und schickte beyde augenblicklich auf die Post. Sie bat ihn zum Mittagsessen. Er nahms an, sagte aber, er wolle heut noch wegreiten, um noch eine gute Strecke Wegs zu machen. — Jhrem Mann, bat sie, moͤcht er nicht sagen, warum er nach Muͤnchen gekommen sey? Weil er noch nichts davon wisse, und leicht Hindernisse in den Weg legen koͤnnte. — Unserm Siegwart wurde nun wieder leichter ums Herz, weil er Einen Stral von Hoffnung fuͤr seinen un- gluͤcklichen Freund sah. Er gieng in seinen Gast- hof, um sein Pferd auf den Nachmittag zu bestel- len; nach einer Stunde kam er wieder zu der Frau von Eller, die indessen von ihrem Schrecken sich er- holt, und wegen ihres Bruders gute Hoffnung hat- te. Sie lobte unsern Siegwart sehr, daß er fuͤr seinen Freund so viel thue, und die Reise uͤber- nommen habe. Jhre Schwester, sagte sie, muß ein herrliches Maͤdchen seyn, wenn sie Jhnen gleich ist. Jch kann meinem Bruder keine beßre Gattin wuͤnschen, und sehne mich recht darnach, sie bald meine Schwaͤgerin zu nennen. Wenn nur mein Onkel bald zuruͤckkommt, dann soll, hoff ich, alles noch gut gehen. Jndem kam ihr Mann, und em- pfieng unsern Siegwart freundlich. Er erkundigte sich nach seinem Schwager, und verwunderte sich uͤber seine so beschleunigte Abreise von Jngolstadt. Bey Tisch wurde viel uͤber den Junker Veit ge- sprochen. Sie beklagten sich alle uͤber sein rohes Wesen, und daß er sich so von Kunigunden regie- ren lasse. Bald nach dem Essen empfahl sich Siegwart, nachdem er erst noch einige Augenblicke mit der Frau von Eller allein gesprochen hatte, und ritt wieder nach Jngolstadt zuruͤck. Unterwegs dachte er nur an Kronhelm, an Theresen, und an seine Mariane. Er dachte hin und her, ob er seiner Schwester etwas von dem ungluͤcklichen Vorfall schreiben sollte? und konnte nicht mit sich einig werden. Den folgenden Tag kam er sehr spaͤt wieder in Jngolstadt an, denn er wollte nicht noch eine Nacht weg bleiben; der Gedanke, seiner Ma- riane nah zu seyn, hatte zu viel suͤsses fuͤr ihn. Den andern Tag stund er etwas spaͤt auf, und sah, nachdem er eine halbe Stunde vergeblich ausgeblickt hatte, seinen Engel endlich am Fenster. Es war ihm, als ob sie etwas traurig waͤre; dieses beunru- higte ihn sehr, und er sehnte sich nach dem Abend, da er sie im Konzert sehen, und vielleicht auch spre- chen wuͤrde; denn, seit Kronhelm weg war, wagte er es nicht, so oft hinuͤber zu gehen. Er hatte auch gehofft, vielleicht einen Brief von seinem Freund anzutreffen, aber vergeblich. Des Abends im Konzert vermehrte sich seine Un- ruhe noch mehr, als er seine Mariane sehr nieder- geschlagen fand. Erst am Ende des Konzerts be- kam er Gelegenheit, sie auf einige Augenblicke allein zu sprechen. Mit etlichen Worten erzaͤhlte er ihr die Ursache seiner Reise, und von Kronhelms Ungluͤck. Sie seufzte, und sagte: Jch haͤtt’ Jhnen auch viel Unangenehmes zu sagen. Gehen Sie vielleicht morgen Nachmittags bey meinem Garten vorbey? Es waͤr moͤglich, daß ich da waͤre. Eh sie weiter reden konnte, kam ein goldgestickter Herr dazu, der sich mit abgeschmackter Hoͤflichkeit nach ihrem Be- finden erkundigte. Siegwart schlich sich auf die Seite, denn er ward vom Schmerz zu heftig uͤberwaͤltigt, und lief fort, eh noch das Konzert geendigt war. Sein Zustand zu Hause war der grausamste. Gott, was ist das? dachte er, und sann hin und her, was sich zugetragen haben moͤchte? Seine Einbildungs- kraft stellte ihm alles Fuͤrchterliche vor. Er sah nichts als Trennung und Elend vor sich. Maria- nen hielt er schon fuͤr verlohren; nur die Art, wie sies waͤre? war ihm noch ein Raͤthsel. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Tausend Schrecken standen vor ihm; und, wenn er die Augen zuschloß, sah er Blut und Tod. Oft fuhr er auf, und schlug sich vor die Stirne; waͤlzte sich im Bette hin und her, stand auf, legte sich wieder, und aͤchzte, wie ein Sterbender. Endlich erweichte sich die er- muͤdete Natur zu Thraͤnen. Seine Seufzer wur- den nun Gebet und heisses Flehen. Mit dem Tag stand er wieder auf, und sah aus dem Fenster nach dem Wetter, ob es gut bleiben wuͤrde? Der Him- mel war etwas umzogen, aber nach und nach hellte er sich auf, so daß er hoffen konnte, Marianen heut zu sehen. Den ganzen Morgen sann er wieder nach, woruͤber Mariane so bestuͤrzt seyn moͤchte? Zuweilen dachte er an Kronhelm und seine Therese. Hier fand er wieder neuen Stoff zur Unruh. Er war noch nicht mit sich einig, ob er seiner Schwe- ster Kronhelms Brief schicken, oder sie in ihrer fro- hen Hoffnung lassen sollte? Er wartete, da es heu- te Posttag war, mit Sehnsucht auf Briefe; lief selbst ein paarmal auf die Post, aber es war nichts fuͤr ihn da. Der sehnlich erwuͤnschte Nachmittag kam. Ma- riane gieng um drey Uhr allein aus dem Haus. Eine halbe Stunde drauf gieng er mit bangem Zittern, und aͤngstlicher Erwartung, bey einem an- dern Thor hinaus ihrem Garten zu. Wie er- schrack er, als der Garten und das Haͤuschen drinn noch zugeschlossen war! Mit banger Ahndung gieng er in das, nah daran stossende Waͤldchen, und warf sich unter einer Eiche nieder. Alle Blumen um ihn her, und alles Gras riß er mit der Wurzel aus; die Voͤgel, die im Gebuͤsche zwitscherten, ver- scheuchte er; sprang wieder auf, draͤngte sich durchs dichteste Gebuͤsch durch, und machte sich dann, seiner Ungeduld wegen, selbst wieder Vor- wuͤrfe. Endlich gieng er wieder an den Garten; Mariane sah aus dem Haͤuschen, und sprang her- ab, ihm die Thuͤre aufzumachen. Jch kam spaͤt, sagte sie, ich muste eine Freundin mit nehmen, es war nicht zu aͤndern. Wir koͤnnen aber doch al- lein reden. Sie weis schon davon. — Jhre Freundin war ein Frauenzimmer, das Siegwart schon oft im Konzert gesehn, und singen gehoͤrt hatte. Sie sprach mit ihm von der Musik, und lobte sein Spiel, und seine Stimme. Nach einiger Zeit gieng sie von selbst in den Garten hinunter, und ließ unsre Liebenden allein. Siegwart sah Marianen traurig an, und wagte kaum, eine Frage an sie zu thun. Sie fragte erst noch nach einigen Umstaͤnden von Kronhelms und Theresens Schicksal, und sagte dann: Auch uns, lieber Siegwart, droht ein Ungluͤck. Unsre Liebe ist so heimlich nicht mehr, als ich glaubte. Meine Schwaͤgerin weis davon, und vor ihr war ich immer am meisten bange. Jch muß Jhnen nur gestehen; meine Mutter hat mit mir druͤber gesprochen. Jch gestund ihr alles. Sie ist an sich nicht unzufrie- den mit unsrer Liebe, aber sie sagt, daß sie voller Angst sey, wenn mein Vater es erfahre, und das werde durch unsre Schwaͤgerin nur gar zu bald ge- schehen. Jch bedaure dich, meine Tochter, sagte sie. Jch habe eure Liebe lange schon gemerkt, und heim- lichen Gram im Herzen drob getragen. Jch weis nicht, wie dein Vater von Siegwart denkt, aber du kennst ihn, daß man sich in nichts, ohne sein Vorwissen, einlassen soll; und ich kann dirs nicht verbergen, er hat Absichten mit dem Hofrath Schra- ger (der gestern zu mir kam, als ich mit Jhnen sprach). Wenn nun unsers Theodors Frau, die ihm gut ist, noch dazu kommt, dann weis ich nicht, wie es gehen wird? Pruͤf dich recht, meine Toch- ter, wie es um dein Herz steht; ob du den Antrag annehmen kannst? — Jch fiel ihr weinend um den Hals. Ach meine Mutter! sagte ich. — Jch weis wohl, meine Tochter, fiel sie mir ein, und weinte mit; Siegwart waͤre besser. Aber denk, er ist ein Student, und darauf sieht dein Vater sehr. Jch will thun, was ich kann; aber ich kann nichts versprechen. Halt nur alles recht geheim, mit Siegwart! und vertrau auf Gott! das ist das Beste. Jch rathe dir, wenn dein Herz noch nicht ganz an ihm haͤngt, so reiß dich los! Denn ich sehe nichts vor mir, als tausend Kummer und Ver- druß. — O Mutter, sagt ich, thun Sie was Sie koͤnnen, und entfernen Sie den Hofrath! Denn er ist mir unausstehlich. Gott erbarm sich meiner! Siegwart ist allein der Mann. Gott weis, daß ich ohne ihn nicht leben kann. — Hier sank Sieg- wart weinend, und halb ohnmaͤchtig an ihr Herz. — Sie werden mich verlassen, und mir untreu wer- den, sagte er nach einiger Zeit. Nein, bey Gott nicht! war ihre Antwort. Lieber sterben! Aber, Theurer, vorsichtig muͤssen wir uͤber alles seyn! Sonst sind wir verlohren. Ach, es ist doch um- sonst, sagte Siegwart. — Gott, wenn Sie ver- zweifeln wollen, fiel sie ein, was soll dann ich an- fangen? Bey allen Heiligen versprech ich Jhnen, daß ich ewig widerstreben will. Diese Hand soll nie ein andrer haben! Mich soll niemand zwingen. Lieber bleib ich ewig, wie ich bin. Seyn Sie stark, und sprechen Sie mir Muth ein! Meine Mutter wird mir beystehn, und Gott! Mein Va- ter ist doch Vater, und ich bin sein Kind. Meine Thraͤnen sollen vor ihm fliessen, bis sein Herz er- weicht wird. Nur jetzt handeln Sie behutsam! Lieber jetzt auf eine Zeit getrennt, als ewig. Wenn Sie mich noch lieben, Siegwart, o so seyn Sie stark! Meiden Sie mich jetzt! Es kann nicht an- ders seyn. Jch geb ihnen Nachricht, wenn ich kann. Jch schwoͤrs, bey der Mutter Gottes, daß ich standhaft bleibe. Bleiben Sie es auch! Aber gehn Sie jetzt! Wir sind nicht sicher. Kommen Sie das naͤchstemal nicht ins Konzert! — Er kuͤßte sie noch einigemal mit feuervollen Kuͤssen; konnte kaum vor Thraͤnen und vor Schluchzen reden, und nahm Abschied. Um Gottes Willen, bat er, blei- ben Sie mir treu, und geben Sie mir Nachricht, sonst vergeh ich. Bleiben Sie mir treu! Mit diesen Worten gieng er, und lief auf einer andern Seite weit ins Feld hinaus. Seine Seele war in der fuͤrchterlichsten Arbeit. Alles, was sagen konn- te, war: Verflucht seyst du, betruͤgerische Liebe! Von dir allein stammt unser Elend her! Erst in der spaͤten Daͤmmerung kam er zu- ruͤck. Sein Herz war jetzt wehmuͤthiger geworden, und sein Schmerz goß sich in Thraͤnen aus. Eine Stunde lang blieb er ohne Licht auf seinem Zim- mer, gieng schnell auf und ab, rang die Haͤnde, faltete sie zuweilen, und betete. Endlich schrieb er mit der heftigsten Bewegung, und mit tausend Thraͤnen dieses Gedicht nieder: Jm dunkeln Thale stand ich, und jammerte; Der Seele bange Leiden umwoͤlkten mich; Verkannter Liebe Schmerzen hiengen Fuͤrchterlich uͤber mein mattes Haupt her! Da brach ein Glanz aus Wolken, da schimmerte Vor mir der Huͤgel; siehe, da standest du, O Hofnung, hell im Sonnenstrale, Winktest mir armen Verlaßnen freundlich. Hinauf! Hinauf! Da wand ich durch Dornen mich; Des Bluts nicht achtend; lachte die Schlangen an, Die wuͤthig zischten; sah den Glanz nur, Und den eroͤfneten Arm der Hofnung! — O Goͤttin, Goͤttin! Sage, was wandelt dort? Es kommt; es kommt! Es laͤchelt, o Goͤttin, mir! Jsts Mariane? Mariane? Birg mich, o Goͤttin! Es kommt; es lacht mir! — Jn meinem Arm? Jch sinke vor Seligkeit! Am Herzen mir? O Heilige, steh mir bey! — Mein bist Du? — Gott, und Engel Gottes, Helft mir die lastende Freude tragen! — — Wo bin ich, Engel? — Wieder ins Thal gestuͤrzt? Umhuͤllt von neuer, daͤmmernder Traurigkeit? Der Huͤgel wieder truͤb in Wolken? — Engel, und Menschen! Wo bin ich, bin ich? Ein Thraͤnenstrom stuͤrzte auf das Blatt hin, als er dieses ausgeschrieben hatte. Seine ganze Seele schien sich ausgiessen zu wollen. Der Klang von Marianens Klavier riß ihn aus dieser fuͤrch- terlichen Lage. Er legte sich ins Fenster, und lauschte. Sie spielte wehmuͤthig. Er weinte; aber ruhiger; denn ihre sanfte Stimme floß in seine Seele, wie das Lied der Nachtigall nach einem Sturm. Endlich sang und spielte sie ein Lied, voll Entschlossenheit, voll Hofnung, und Ergeben- heit in Gottes Willen. Ruh und Zuversicht traͤu- felte, wie Abendthau in sein Herz herab. Er sah zum Himmel auf. Die goldnen Sterne blinkten hell. — Gott, Gott! seufzte er; du Schoͤpfer aller! und du Vater aller! Jeder Stern in seiner Bahn! Jeden lenkest du, und siehst du! Siehst auch mich, und Marianen! Alles lebt, und jauchzt ob deiner Guͤte. Gott, du Vater aller! Sey auch mein, und Marianens Vater! — Der du diese Sterne schufest; hast auch mich, und sie er- schaffen. — Gott! Barmherziger! Gnaͤdiger! Maͤchtiger! Nein, du wirst, du kannst uns nicht verlassen! O, ich fuͤhls, du kannst uns nicht ver- lassen! Jn deine Haͤnde geb ich mein, und Ma- rianens Schicksal! Sey du unser Vater! Send uns Muth, und Zuversicht und Hofnung! Hilf uns alles tragen, was du sendest! Sey du unser Vater! — Auf Einmal ward sein Herz leicht. Er sah in der ganzen Schoͤpfung nichts, als Selig- keit und Segen; fuͤhlte ganz von Gottes Guͤte sich umflossen; war lebendig uͤberzeugt, daß Gott kein Geschoͤpf ganz ungluͤcklich machen kann; daß alles, was er thut, zu unserm Besten abzweckt. Freu- denthraͤnen flossen in die Thraͤne des Elends. Er dankte Gott fuͤr alles, was er ihm gegeben hatte, auch fuͤr seine Leiden. — Voll sichrer Zuversicht und Hofnung gieng er schlafen; und ward durch einen ruhigen und milden Schlaf erquickt. Am Morgen, als er aufwachte, betete er mit heisser Jnbrunst fuͤr Kronhelms und Theresens Schicksal, und dann erst fuͤr sich und Marianen. — Endlich bekam er auch um zehn Uhr einen dicken Brief von Kronhelm. Mit dem Zittern der Hofnung und Erwartung und der Angst, brach er das Packet auf, und fand einen Brief von Theresen und von Kronhelm. Erst las er Kronhelms Brief: Liebster, bester Schwager! O daß ich endlich diesen Namen schreiben darf mit zuverlaͤßigster Gewißheit! Jauchze laut mit mir, Geliebter meines Herzens! Der Herr hat wegge- nommen meine Leiden, meinen bittern Jammer! Hat in Freude sie verwandelt und Frohlocken. Hoch sey er dafuͤr gepriesen bis in Ewigkeit! O Gelieb- ter, sag, wo fang ich an die Geschichte meiner grossen Freude? Daß sie mein ist, daß sie mein ist! Das ist alles, was ich sagen, was ich preisen kann. Eben wollt ich fort in Guͤnzburg. Ein Trans- port Recruten, den wir noch erwarteten, hatt’ uns laͤnger aufgehalten. Da kam der Engel meiner Liebe, der mich retten sollte, und mir Freude brin- gen uͤber Alles. Mein Onkel kam, der theure Gottesmann, und sagte, daß ich nicht sterben soll- te, sondern leben; daß Therese mein sey, daß die Leiden sich geendigt haben mit dem Tode meines Vaters. Gott sey seiner Seele gnaͤdig! Er warf Blut aus nach dem Sturz vom Pferd, und starb. Daß Therese mein sey, dieß, sonst nichts, konnt ich begreifen, und auch dieß nur wenig. Nach drey Tagen sank ich ihr ans Herz, und glaubte zu ver- gehen. — O Bruder, wenn du fuͤhlen kannst, was das heisse: Das zu finden, was man schon verlohren gab, so fuͤhls! Jch weis nicht, ob ich lebe? Das nur weis ich, lieber, theurer Schwa- ger! daß sie mein ist. Jn sechs Tagen wird uns, die wir lang schon Eins sind, auch des Priesters Hand vereinigen. O Schwager, daß du hier waͤrst, und mit uns dich freuen koͤnntest! Freue dich mit Marianen! Du wirst auch gluͤcklich werden; denn es ist nicht moͤglich, daß ein Mensch auf Erden ungluͤcklich sey. Meine Therese wird |dir auch schreiben. — Hier ist schon ihr Brief. Jch kuͤss’ ihn tausend- mal. Bruder, nun sink ich wieder an ihr Herz. Sie sieht mich an; dieß schreib ich in ihrem Arm. Leb wohl, du Geliebtester! Freund, Schwager, Al- les! Leb wohl! Jch bin ein Gott. K. F. Kronhelm. Theresens Brief, der in den vorigen mit eingeschlossen war, ist dieser: Mein Herz, o geliebtester und bester Bruder, ist so voll von unaussprechlichem Entzuͤcken, daß ich dir mit Worten wenig, oder nichts sagen kann. Mein Kronhelm ist seit vier Tagen hier, und wird in sechs Tagen ganz mein. Jn diesem Wort, o Bru- der, liegt die Seligkeit von Jahrhunderten! Er kam an einem Abend, als ich mit dem besten Vater in der Laube saß. Jch ward in seinem Arm ohn- maͤchtig, und sah, als ich wieder zu mir selber kam, ihn und seinen theuren Onkel vor mir. Jch wuste es schon, daß er nun auf ewig mein sey, eh sies sagten. Erst nach langer Zeit konnt ich dem vor- treflichsten von allen Menschen, seinem besten On- E e e kel danken. Aber meine Worte waren nichts, ge- gen das, was mein Herz fuͤhlte. Mein ganzes Leben ist nicht hinreichend, diesem Mann zu sagen, was ich ihm schuldig bin, und wie ich ihn uͤber alles ehre. — Der ganze Abend war fuͤr mich, und fuͤr uns alle der wehmuͤthigste, und seligste. Nun erfuhr ich erst, was mein Kronhelm noch um meinetwillen ausgestanden hatte. Gott! wie nah war ich dem Verderben, und so ruhig, weil ich nichts davon wuste! Wenn doch wir Menschen alles wuͤsten, welch ein Elend waͤrs um unser Leben! — Aber was der arme Juͤngling um mich ausgestanden hat! Gott im Himmel weis, ich bin so vieler Liebe nicht werth. Nur anbeten kann ich ihn, und danken, und meinem theuren Kronhelm all mein Leben, jeden Athemzug in meinem Leben widmen. — Koͤnnt ich ihn doch so gluͤcklich machen, als ers werth ist! Keinen andern Wunsch trag ich Gott in meinem taͤglichen Gebet vor. Haͤtt ich das Un- gluͤck gewust, das unsrer Liebe drohte, ich lebte nicht mehr; denn der Uebergang von solcher Hofnung in das tiefste Elend haͤtte mich getoͤdtet. Und nun bin ich so ganz, so uͤberschwaͤnglich gluͤcklich. O Bruder, du hast nie ein gluͤcklicheres Geschoͤpf ge- kannt, als mich. Wuͤrdest du doch eben so gluͤck- lich mit deiner | Mariane! Jch kann dirs nicht verhehlen, daß ich um deine Liebe weis. Mein Kronhelm hat es mir erzaͤhlt. Werd ihm druͤber nicht boͤse, ich bitte dich, du wuͤrdest mich betruͤben. Er gestand es mir in der zaͤrtlichen Vertraulichkeit, in der wir gestern Abend in der Laube beyeinander sassen! Er kann und darf mir nichts verhehlen; ich verhehl ihm auch nichts; und was er mir sagte, war ja nur zu deinem Be- sten. Doch du kannst ihm nicht boͤse werden; wer das koͤnnte, muͤste selbst boͤs seyn. Jch freue mich unendlich, liebster Bruder, uͤber deine Liebe. Ma- riane muß, nach dem, was mir Kronhelm von ihr sagte, ganz deiner Liebe werth, und ein Engel seyn. O sey recht gluͤcklich mit ihr; mache sie ganz gluͤck- lich, und laß deinen Traum vom Klosterleben fah- ren! Du kannst durch den geheimen Rath leicht ein gutes weltliches Amt im Baierischen kriegen. Wir wollen mit ihm druͤber reden. Wenn doch alle Welt so gluͤcklich waͤr, als ich und Kronhelm! Wenn doch du und Mariane es am ersten wuͤr- den! Er sagte mir, Mariane sey mir gut. Das freut mich unaussprechlich; ich bin ihrs gewiß auch herzlich; — sag es ihr, und kuͤsse sie in meinem Na- men, und erbitt mir ihre theure Freundschaft! Vielleicht schreib ich einmal an sie, wenn ich erst aus diesem Taumel von Seligkeit heraus bin; jetzt ist mir mein Kronhelm Alles in Allem, und er soll es ewig bleiben. — Eben gieng er vor mei- nem Zimmer vorbey. Mein Herz schlaͤgt ihm zu; ich muß aufhoͤren. Leb wohl, theurer Bruder! nach der Hochzeit schreib ich wieder. — Unser bester Vater ist so froͤhlich, als ich ihn in meinem Leben nie sah. Er, und der vortrefliche Mann, der geheime Rath, sind immer beysammen, und begegnen sich wie Bruͤder. — Gott, wie gluͤcklich hast du mich, und uns alle gemacht! Leb wohl, mein Geliebtester! Jch bringe meinem Kronhelm diesen Brief, und dann kuͤssen wir uns wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel. Leb wohl! Leb wohl! Deine Therese . Siegwart hatte bey dem Lesen dieser Briefe hundertmal absetzen muͤssen, denn seine Freude war zu heftig, und die Freudenthraͤnen stuͤrzten ihm auf das Blatt hin. Eine Zeitlang vergaß er seiner eignen Leiden druͤber, und hielt sich selbst fuͤr gluͤcklich, weil es die waren, die er so unaus- sprechlich liebte. Aber dann empfand er sein eig- nes Ungluͤck nur wieder desto staͤrker, wenn er die Kluft sah, die zwischen ihm und seinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke sah, die uͤber ihm und Marianen hieng, und schon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im hellen Sonnenschein, auf der seine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern uͤberschwenglich gluͤcklich? Dann machte er sich sel- ber wieder Vorwuͤrfe: Gott, vergib mir diesen Un- muth! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid und Misgunst! Laß mich uͤber meiner Freunde Gluͤck sich freuen, wenn ich schon fuͤr mich nicht gluͤcklich bin! — Dann schrieb er ihnen diesen Brief: Unaussprechlich theure Seelen! Jhr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut sich Eures Gluͤcks, das wist Jhr; aber meine Freude ist so duͤster, wie mein Schick- sal. O Geliebteste, Gott segne Eure Liebe! Mach Euch zu den Gluͤcklichsten auf Erden! Jhr verdient es. Wohl Euch, daß der Herr die Thraͤnen abgetrocknet hat, die ich rinnen sah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe fuͤr euch auf- gehen heist! Rosen muͤssen euch durchs ganze Leben bluͤhen, und euch taͤglich einen Kranz geben, euer Haar damit zu schmuͤcken. Euer Grab sey in einem Rosenwaͤldchen, wo ihr unter lieblichen Geruͤchen einschlummert! Mir ist ein Cypressenwald gepflanzt, in dem ich weinen muß. Mich hat die Liebe we- nig Tage nur gesegnet. Jch habe wenig Tropfen ihres suͤssen Zaubertranks gekostet; nun reicht sie mir einen Becher dar voll Wehmuth. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand; nicht ihr Herz, denn das ist mein, und dieß ist der Stab, an dem ich mich im Thal der Leiden halte. — Seyd gesegnet, meine Lieben, seyd gesegnet! Dieß wuͤnsch ich Euch, mit Thraͤnen in den Augen. Moͤcht ichs einmal koͤnnen ohne Thraͤnen! Aber, wie der Herr will, der mir Freuden erst gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebste Schwester, unsern theuren Vater, aber sag ihm nichts von meinen Leiden! daß nicht seine Freude duͤster, und umwoͤlkt werde! Du bist mein Schwa- ger, Kronhelm, und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machst meine Schwester gluͤcklich, und sie lohnet dir mit ihrer Liebe. Jch wollt euch ei- nen Brautgesang singen; aber Brautgesaͤnge sollten freudig seyn. Jch schreib euch aber doch das Lied ab, ob ich gleich nicht sagen konnte, was ich woll- te. Es kam doch aus bruͤderlichem Herzen. Jch will an eurem Hochzeittage fuͤr Euch beten, und mein Leid vergessen. Liebt Euch treu, und seyd gesegnet! Dieß ist alles, was ich wuͤnschen kann. Betet auch zuweilen in Eurem Gluͤck fuͤr Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebeth der Gluͤck- lichen vermag viel. Betruͤbt Euch nicht zu sehr! Meine Leiden sind nicht ewig, und ich glaub an einen Gott, der unser aller Vater ist, auch wenn Er zuͤchtiget. Hier ist noch das Lied. Jch bin ewig Euer Bruder Xaver Siegwart. Auf die Vermaͤhlung meiner theuren Schwe- ster und meines theuren Kronhelms. Keimen sah ich Eure Liebe, Wie den Weidenzweig am Quell; Oft war Euch der Himmel truͤbe, Oft schien Euch die Sonne hell. Stuͤrme beugten oft Euch nieder, Drohten Untergang und Tod, Aber Jhr erhobt Euch wieder Jm erhellten Abendroth. — Ach wie gern, Jhr Lieben, freute Meine Seele sich mit Euch! Wenn nicht ein Geschick mir draͤute, Eurem, nun verfloßnen, gleich. Drohende Gewitter draͤngen Sich in schwarzer Nacht daher; Dunkle Wetterwolken haͤngen Ueber meine Scheitel her. Mit der aͤngstlichbangen Zaͤhre Steigt ein Seufzer aus der Nacht: Daß der Tag auf ewig waͤhre, Der Euch jetzt so heiter lacht! — Blickt aus Eurem Sonnenscheine Mir den hellen Trost herbey: Daß mein Aug nicht ewig weine, Und mich Lieb’ auch einst erfreu! Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, sagte man ihm bey seiner Nachhausekunft, daß ein fremder Bedienter nach ihm gefragt ha- be, der in einer Stunde wiederkommen well- te. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente seyn, und was er bey ihm zu thun haben muͤsse? Er sann hin und her, und machte sich tausenderley Einbildungen, aͤngstliche und angenehme. Nach einer Stunde kam der Be- diente, und — siehe da! Es war Marr, den Kronhelm angenommen hatte. O daß ich Sie nur wieder einmal sehe! fieng er an. Jch bin weit und breit im Land herumge- laufen; koͤnnen Sie mir nichts von meinem gnaͤd- gen Herrn sagen? — O ja, antwortete Siegwart. Er ist wohl auf, und nimmt naͤchstens eine Frau. Gott sey Lob und Dank! rief der Kerl aus, und sprang vor Freuden in die Hoͤhe. Hab ichs doch immer gesagt: so einem braven Herrn kanns nicht uͤbel gehen! Ja, Herr Siegwart, das war ein Jammer! Sie werden mirs kaum glauben. Da brachte man den alten Herrn auf einer Tragbahre heim. Das Blut lief aus Mund und Nase, wie ein Roͤhrkasten; und dabey schimpfte und fluchte er auf meinen gnaͤdgen Herrn, daß ich mich kreu- zigte und segnete. Es hieß, mein Herr sey verlohren, und man wiss’ nichts von ihm. Man muͤss’ ihn uͤberall aufsuchen. Jch konnte das nun nicht begreifen, aber ich nahm den ersten besten Gaul im Stall, und ritt, wo die Maͤhre hin wollte, denn ich wuste — Gott verzeih mirs! — von meinem Herrn so wenig als der Gaul. Keine Seele wollt ihn gesehen haben, wo ich fragte. Jch rannte durch Hecken und Stauden, durch dick und duͤnn; alles nur umsonst. Endlich ritt ich nach drey Tagen recht betruͤbt, mochte nichts essen und nichts trinken, in Gottes Namen wieder heim. Da war nun der Laͤrm erst recht angegangen. Der alte Herr war abgesegelt. Es soll entsetzlich anzusehn gewesen seyn, wie er geschimpft, dann wieder ge- bethet, dann geflucht hat, besonders auf meinen unschuldigen jungen Herrn. Die Augen soll er im Kopfe herum gedreht haben, wie ein Uhu. Er war ganz blau im Gesicht, und die Zung hieng ihm aus dem Mund heraus, sechs Zoll lang, daß alle Menschen im Dorf sagten, der Boͤse — Gott sey uns gnaͤdig — hab ihn abgeholt. — Ja, wie ich eben sah, daß da nichts zu machen war; denn oh- ne meinen Herrn mocht ich gar nicht leben — und daß alles drunter und druͤber gieng — jeder packte ein, und die saubre Jungfer Kunigund am mei- sten — da nahm ich eben in Gottes Namen mei- nen Buͤndel auf den Ruͤcken. Jch haͤtt einen Gaul aus dem Stall mit nehmen koͤnnen, daß kein Hahn darnach gekraͤht haͤtt — aber ich bedanke mich da- fuͤr! Unrecht Gut g’raͤth nie gut! und ehrlich will ich bleiben, es mag gehn wie’s will! Da gieng ich eben auf gut Gluͤck uͤberzwerch ins Land hinein, und dachte: ich will meinen Herrn schon finden, wenns Gotts Will ist. Freylich giengs ein bißchen hart her. Die kaiserlichen Werber wollten mich mit Gewalt wegnehmen, weil ich keinen Paß hatt’, und mir sechzig baare Thaler geben; aber ich rankte michz hinaus; und weil ich meinen Herrn nicht auftreiben konnte, da fiel mirs erst ein, daß ich mich bey Jhnen Raths erholen wollte; Sie wuͤrden schon Bescheid wissen. Gottlob! daß ich auf den Einfall kam. Nun bitt ich gar schoͤn, sa- gen Sie mir gleich, wo er ist? Daß ich mich morgen mit dem fruͤhesten auf den Weg machen kann. Siegwart sagte ihm, wo Kronhelm waͤre. Ey, Ey! sagte er, das ist ein bißchen weit ohne Paß. Jch haͤtte wohl eine Bitte, ob Sie mir ein kleines Briefchen mit gaͤben, wo drinn stuͤnde, daß ich ein ehrlicher Kerl sey. Jch fuͤrchte die Soldaten, wie den Henker. Siegwart gab ihm einen kleinen Brief an Kronhelm, und ein offnes Zeugniß seines Wohlverhaltens. Der Kerl kuͤßte ihm die Hand — Aber, fuhr er fort, und kratzte sich hinter den Ohren. Nun haͤtt ich noch eine Bitte! Sie ist zwar groß, ich weis nicht, ob Sies mir nicht abschlagen? Sie wissen schon so, wie’s auf Reisen geht! Das Geld ist mir eben ausgegangen, und da wollt ich … Gut, gut! rief Siegwart, wie viel braucht Er? — O Herr, Sie sind auch gar zu gut, sagte Marr ganz bewegt. Jch daͤchte, wenn ich sechszehn Batzen haͤtt. Jch wollts Jhnen in vier Wochen wieder schicken; da krieg ich meinen Monatslohn. — Siegwart gab ihm zwey Gulden, und sagte, daß er sie ihm schenke. Der Kerl wollte das Geld nicht geschenkt annehmen, und ließ sich erst da- durch beruhigen, daß ihm Siegwart sagte: Er sey seinem Herrn das Geld schuldig und wolle mit ihm abrechnen. Endlich nahm Marr mit Thraͤnen Abschied. Den folgenden Tag brachte Marianens Maͤd- chen unserm Siegwart seinen Kleist wieder. Es war ein Papier um das Buch geschlagen, und als ers wegnahm, fiel ihm dieser Zettel in die Haͤnde: Mein Allerliebster! Entreissen Sie sich Jhrer Unruh! Es ist wie- der Hofnung fuͤr uns da. Meine Mutter hat aufs neu mit mir gesprochen. Sie ist sehr fuͤr Sie, und versprach mir, alles, was zu unserm Besten dienen koͤnnte, zu versuchen. Sie hat bereits mit meinem Vater gesprochen, und ihn so weit gebracht, daß nun wegen des Hofraths nicht weiter in mich gesetzt werden soll. Nur sollen wir behutsam seyn, und unsre Rechnung nicht zu gewiß machen! Meine Hand soll gewiß kein anderer bekommen; das hab ich Jhnen schon so oft gesagt, und sag es hier auch schriftlich. Jch kann nicht glauben, daß Gott eine so reine und un- schuldige Liebe ungluͤcklich machen wird. Bleiben Sie nur Gott und der Hofnung treu, mein Al- lerliebster! Jch wuͤnsche sehr, Sie zu sprechen, denn ich hab Jhnen mancherley zu sagen. Mor- gen geh ich mit meiner Freundin in ihren Gar- ten, und da koͤnnten wir uns sehen. Es ist, wenn Sie bey meinem Garten sich in das Gaͤß- chen rechter Hand schlagen, der fuͤnfte Garten auf der linken Seite, mit einem schwefelgelben Haͤuschen. Sie koͤnnen nicht leicht fehlen, und ich werd auch heraussehen. Schlag Drey gehen wir hinaus, wenn das Wetter gut ist. Leben Sie wohl, mein Allertheurester! Bauen Sie auf meine Liebe und auf meine Standhaftigkeit; am meisten aber auf die Vorsehung, die unsre Her- zen so fest vereinigt hat! Jch bin ihre, bis in den Tod getreue Mariane Fischern. Siegwarts Seele war durch diesen Brief, und die darinn enthaltne Hofnung wieder wie neu be- lebt. Er gieng den andern Tag um halb vier Uhr in den Garten, wo seine Mariane schon seiner wartete. Sie empfiengen sich mit einem Entzuͤcken, als ob sie Jahre lang getrennt gewesen waͤren. Mariane sah wieder so heiter aus, wie der Fruͤh- lingshimmel. Sie pfluͤckte zwo Aurikeln von glei- cher Farbe; gab die Eine ihm, und steckte die an- dre an ihre Brust. Jn Gegenwart ihrer Freun- din war sie bis zum Muthwillen lustig, und hat- te tausend muntre Einfaͤlle. Siegwart erzaͤhlte den beyden Maͤdchen Kronhelms und Theresens gluͤck- liche Geschichte, und meldete seinem Maͤdchen den Gruß seiner Schwester. Mariane ward uͤber die- se Erzaͤhlung noch munterer, und sagte, mit einem Blick auf Siegwart: Standhaftigkeit und treue Liebe bleibt doch selten unbelohnt. Mit diesen Wor- ten gab sie ihm ihre Hand, und gieng mit ihm durch die Johannisbeerhecken einer dunkeln Geiß- blattlaube zu. Jn ihrem Schatten sank sie an sein Herz; er neigte sich herab, kuͤßte sie auf ihre Stir- ne, auf ihre schoͤne Augen, und auf ihren Mund. Freudenthraͤnen stunden ihm in den Augen, wann sie ihren schmachtenden und liebevollen Blick zu ihm ausschlug. Er laͤchelte; Sie auch, und fuhr ihm sanft mit der Hand uͤber sein Gesicht. Er umschlang sie. Lieber, lieber Engel, sprach er, sind Sie wieder mein? Wollen Sie mein bleiben? Sie lehnte ihr Gesicht an seine Brust, und druͤckte seine Hand sanft. Oft sassen sie lange stillschwei- gend da; Gesicht an Gesicht geschmiegt; Er hoͤrte ihren Athem, wie er erst langsam, nach und nach schneller und staͤrker gieng, und zuletzt ein Seufzer ward. Dann druͤckte er sie wieder fester an sein Herz, seinen Mund an ihren Mund; sog ihren Kuß, und ihren sanften, reinen Athem ein. — Lieben Sie mich auch? fragte er ein paarmal ganz leise. O unendlich! antwortete sie, und ihr Auge, das so zaͤrtlich und so frey ihn ansah, sag- te, daß es wahr sey. Ein paarmal blickte Siegwart zum Himmel. Der ganze Ausdruck seines Blicks war Dank. Gott, ach Gott! dachte er; wie unendlich hast du mich gesegnet! Alles, alles, was du meinem Wunsch auf Erden geben konntest, die ganze Welt in mei- nem Arm! Alles andre ist mir nichts; ist Staub! Laß mir nur Sie, nur Sie! Gott, ach Gott, nur Sie! Und dann druͤckte er sie wieder feucrvoller an sein Herz. — Warlich! Eine solche Liebe muß die Freude Gottes, und die Lust der Engel seyn! Laß zwey solche Liebende auf Erden auch getrennt wer- den! Jn der Ewigkeit eilen sie sich wieder zu, wo ewig keine Trennung seyn wird! — Lieben Sie mich auch? fragte sie nach einiger Zeit, ganz bewegt. Ueber alles, uͤber alles! gab er ihr zur Antwort. — Lieben Sie mich, Sieg- wart? fragte sie bald darauf, noch bewegter wie- der. — Warlich! wie mein Leben; mehr noch, als mein Leben! antwortete er, und ward trau- rig. — Lieben Sie mich mehr noch, als das Klo- ster? fragte sie zum drittenmal. — Thraͤnen stuͤrz- ten ihm hier aus den Augen; ja, bey Gott! auch mehr noch, als das Kloster! rief er aus. Liebstes, bestes Maͤdchen! Jch will naͤchstens meinem Va- ter druͤber schreiben; denn er weis noch nichts. Aber er hat nichts dagegen, davon bin ich uͤber- zeugt. Der geheime Rath von Kronhelm will mir helfen, und im Baierschen ein Amt verschaf- fen. — Nun, das ist ja herrlich! sagte sie; nun bin ich ruhig. Meine Mutter machte mir den Ein- wurf: Sie wuͤrden ja ein Geistlicher, und ich wuste nichts darauf zu antworten. Er versicherte sie nochmals, daß er bald davon an seinen Vater schreiben werde. Und nun goß die Zaͤrtlichkeit von neuem ihre Freuden uͤber sie in vollem Maas aus; jeder Kuß war ein Tropfen aus der Schaale der Liebe, die nur keuschen Liebenden gereicht wird. Eine Nachtigall saß auf dem Zweig des naͤchsten Apfelbaums, und sang ihnen noch mehr Wollust ins Herz. Endlich kam auch Marianens Freun- din zu ihnen. Dieß stoͤrte sie in ihrer Freude nicht. Mariane gab ihrem Siegwart in ihrer Ge- genwart Kuͤsse, und blickte ihn noch eben so zaͤrt- lich an; denn ihre Freundin war mit ihr aufs innigste verbunden, und hatte ihr auch ehmals die Geschichte ihres Herzens anvertraut. Sie sagte ihrem Siegwart, er moͤchte das naͤchstemal wieder ins Konzert kommen, zumal da es das vorletzte sey. Jhre Schwaͤgerinn sey wieder krank, und koͤnne also nicht auflauren. Dann sprachen sie wieder von Kronhelm und Theresen; und endlich gieng Siegwart so selig und vergnuͤgt wieder nach der Stadt, als er seit langer Zeit nicht gewesen war. Zu Haus fieng er sogleich einen Brief an Kron- helm und seine Schwester an, der aber, in sei- ner Freude, so unzusammenhaͤngend ward, daß er ihn wieder zerriß. Nun dachte er ernstlich drauf, F f f was er seinem Vater schreiben wollte? So fest ers auch beschlossen hatte, so ungern gieng er doch dran, weil es ihm schwer fiel, seinem Vater ein Ge- staͤndniß zu thun, das sein zu zaͤrtliches und aͤngst- liches Gefuͤhl lieber nie einer Seele eroͤffnet haͤtte. Daher schob er das Schreiben an seinen Vater von einem Tag zum andern auf. Oft hatte ers an einem Abend beschlossen, und unterließ es den andern Morgen, unter tausend, selbstgemachten, Entschuldigungen wieder. Wenn er Marianen sah, so dachte er, nun muß ich schreiben! Er fieng zu Hause an, war aber nie mit dem, was er ge- schrieben hatte, zufrieden, strich hundertmal aus, und zerriß dann das ganze Blatt wieder. Er hat- te unendlich viele Bedenklichkeiten, daß er seinen Vater beleidigen, oder seine Gunst verlieren moͤch- te, und machte sich selbst tausend Zweifel, die nicht wirklich waren. Nach etlich Tagen erhielt er diesen Brief von Theresen: Zaͤrtlichstgeliebter Bruder! Endlich sind alle Wuͤnsche meines Lebens ganz erfuͤllt, und ich bin die gluͤcklichste Frau des Besten aller Sterblichen. Vor zwey Tagen wurden wir getraut. O Bruder, Bruder, meine Freuden sind zu groß, als daß eine Zunge, oder eine Feder sie ausdruͤcken koͤnnte. Jch kann dir nicht den Schat- ten von dem zeigen, was ich fuͤhle. Genug, fuͤr mich hab ich keinen Wunsch mehr, als das Leben und die Ruhe meines Kronhelms. Und ich hoffe, daß ihn Gott mir lange erhalten werde, denn er ist ein Segen der Welt. Taͤglich lern ich ihn mehr kennen, mehr bewundern und lieben. Taͤg- lich lern ich von ihm, und werde doch gewiß in diesem Leben nie auslernen. Seine Zaͤrtlichkeit gegen mich ist unbeschreiblich. Unsre Seelen sind aufs engeste vereinigt und haben nur einen Wil- len. Doch, du kennst ihn ja selbst. Aber von feinem Lob moͤcht ich unaufhoͤrlich reden, und du fassest so etwas am besten. Bey der Hochzeit waren einige Freunde unsers theuren Vaters, der unaussprechlich heiter war. Auch meinen ehrlichen Prediger in Windenheim hab ich bitten lassen; er konnte aber, leider, wegen einer kleinen Unpaͤßlichkeit nicht kommen. Vor fuͤnf Tagen sind wir, ich und mein Kronhelm, bey ihm gewesen. Der gute Mann hatte eine unbeschreib- liche Freude, die hellen Zaͤhren stunden ihm in den Augen, und er gab uns einen so herzlichen Se- gen, daß ihn Gott gewiß erhoͤren muß. Der gehei- me Rath ist mehr als mein zweyter Vater. Jch kann dir nicht sagen, wie liebreich er mir begegnet! Er nennt mich immer seine Tochter, und das thut so wohl. Auch große, nur zu große Geschenke hat er mir gemacht, an Juwelen, Diamanten, Perlen u. d. gl. Karl und seine Frau waren auch bey der Mahlzeit. Wie hat sich doch alles hier so wunderlich geaͤndert! Sie wuͤnschte mir so viel Gluͤck, schmeichelte mir so sehr, daß ichs zuletzt fast uͤberdruͤssig wurde. Der geheime Rath will, der Papa soll mir gar kein Heyrathsgut mitgeben. Er will, wie er sagt, Vatersstelle bey mir vertreten, und bat den Papa, ihm diese Freude zu goͤnnen, da er keine eigne Kinder habe. Daruͤber ist Karl ganz ausser sich vor Freuden. Deinen Brief, liebster Bruder, haben wir mit vielen Thraͤnen gelesen. Gott stehe dir bey, und mache dich mit deiner theuren Mariane gluͤcklich! Mich deucht, du bist ein wenig zu furchtsam; we- nigstens mein Kronhelm sagt, du seyest viel zu aͤngstlich. Fasse doch Muth! Eine solche Liebe kann kaum ungluͤcklich werden. Denk an unsre Liebe; welche Leiden wir ausgestanden haben, und wie gluͤcklich wir nun sind! Vielleicht ist schon wie- der Hofnung fuͤr dich da. Gott geb es! Jch bitte taͤglich fuͤr dich. Tausend Dank fuͤr dein Gedicht, wollte Gott, du haͤttest ein freudigeres singen koͤn- nen! Aber doch hat es uns sehr gefallen. Gruͤß deine Mariane in meinem Namen herzlich! — Jch will meinen Kronhelm fragen, ob er dir auch schreiben will? O Bruder, ich bin deine unaus- sprechlich gluͤckliche Schwester Therese Kronhelm. Am Schluß des Briefes war noch folgendes von Kronhelm geschrieben: Jch kann nicht schreiben, Bruder! Mein Herz ist zu voll, und tobt vor Freuden. Jch bedaure dich, Gott weis es, herzlich. Aber faß Muth! Es wird sich aͤndern. Marianens Herz ist stark und standhast. Bau darauf! Jch bitte dich, sey nicht gar zu muthlos! — Hier ist alles Freude; und mich deucht, ich bin der Gluͤcklichste von al- len. Koͤnnt ich dir nur den tausendsten Theil von meinem Gluͤck geben; und du waͤrst schon froh. Aber nur getrost! Du must auch noch gluͤck- lich werden; du bist gar zu brav. Uebermorgen reisen wir mit meinem treflichen Onkel nach Stein- feld. Unser Vater ist gar ein vortreflicher Mann, den ich mit der groͤsten Ehrsurcht liebe. Sey ein Mann, Bruder, und kaͤmpf! Die Siegerkrone kann dir nicht fehlen. Du wirst sagen: der hat gut troͤsten, weil ihm nichts mehr auf Erden uͤbrig ist, zu wuͤnschen; und da hast du freylich Recht. Leb wohl, Bester, und sey gluͤcklich! Jch bin ganz Dein treuer Schwager Kronhelm. Siegwart war nun wieder von allen Seiten gluͤcklich. Die Wuͤnsche seiner liebsten Freunde wa- ren ganz erfuͤllt; er besaß die Liebe seiner theuren Mariane ganz, und die Furcht, sie zu verlieren, war wieder groͤstentheils zerstreut. Nur der Ge- danke an das Gestaͤndniß, das er nun bald seinem Vater thun sollte, truͤbte noch zuweilen seine Ruhe. Aber in den vielen Freuden, die er hatte, suchte er ihn zu betaͤuben und einzuschlaͤfern; er schrieb an seinen Schwager und an seine Schwester nach Steinseld; theilte mit ihnen ihre große Freude, und erzaͤhlte ihnen auch die Hofnungen, die er fuͤr sich und seine Liebe hatte. Jm naͤchsten Konzert sang er mit Marianen ein paar Arien, die die Wiedervereinigung zweyer Liebenden zum Jnhalt hatten. Mit welchem Ausdruck sie und er gesun- gen haben moͤgen, kann sich jedes gefuͤhlvolle Herz vorstellen. Jeder Zuhoͤrer war bewegt, und klatsch- te Beyfall. Ueber seinen Blicken wachte er ge- nau, um den Hofrath und den andern Anwe- senden keine Gelegenheit zum Argwohn zu geben. Der Hosrath war sehr hoͤflich, und lud am En- de des Konzerts alle, auch unsern Siegwart ein, nach dem naͤchsten Konzert, weiches das letzte seyn wuͤrde, zu einem Ball da zu bleiben. Sieg- wart sprach zwischen dieser Zeit sein Maͤdchen ein- mal in dem Garten ihrer Freundin, und brach- te einen, der liebe heiligen Abend mit ihr zu. Sie versicherte ihn wieder, daß ihre Mutter ganz fuͤr ihn sey, und daß sie wegen des Hofrath Schragers wenig, oder nichts mehr zu besorgen habe. Am naͤchsten Mittewochen spielte Siegwart noch einmal mit dem allgemeinsten Beyfall ein Kon- zert. Auch Marianens Bruder spielte eins mit ziemlichem Beyfall, weil er sich, unter Sieg- warts Anfuͤhrung, sehr darauf vorbereitet hatte. Dieser Umstand machte, daß auch er unserm Siegwart ziemlich zugethan wurde. Nach dem Konzert gab der Hofrath Fischer ein Abendessen; nach demselben eroͤsnete er, mit seiner Frau, den Ball. Siegwart tanzte zuerst mit Marianen ei- ne Menuet, und dann einen Gesellschaftstanz. Hierauf tanzte er mit ihrer Mutter, die ausse- ordentlich freundschastlich gegen ihn that. Sie setzte sich nach dem Tanz mit ihm auf ein Ka- napee, und fieng von ihrer Tochter an, zu re- den. Es freut mich herzlich, sagte sie, daß Sie so viel Freundschaft gegen meine Tochter tragen; sie wird es Jhnen auch schon gesagt haben. Nur um der Leute, und hauptsaͤchlich um meines Mannes willen, muß ich Sie sehr um Behut- samkeit bitten. Man ist im Stillen weit gluͤck- licher, als wenn man vieles Aussehen macht. Jch wurde schon von verschiednen Seiten her gewarnt. Die Leute hier schliessen aus jeglicher Bekannt- schaft auf die engeste Vertraulichkeit, und erdich- ten aus Langerweile tausenderley Geschichten. Sie sehen ein, was mir daran liegt, daß mei- ne Tochter nicht in der Leute Mund kommt. Meine Schwiegertochter und mein Mann sind gar wunderlich. Suchen Sie ein rechtschaffner und geschickter Mann zu werden; das Uebrige haͤngt von Gott und nicht von uns ab. Jch hoͤre, Sie wollten geistlich werden. Wird es Jhr Herr Vater wol zufrieden seyn, wenn Sie um- satteln? O ja, ganz gewiß! sagte Siegwart; ich will ihm naͤchster Tagen schreiben. Ein anderer, der die Hofraͤthin zum Tanz aufzog, machte dem Gespraͤch ein Ende. Er blieb sitzen, und sah seine Mariane in einiger Entfernung von ihm, tanzen. Jhre Augen waren viel auf ihn gerichtet; oft, wenn sie glaubte, daß es niemand merkte, laͤchelte sie ihm zu. Jhm wars, wie wenn ein Sonnen- blick im Fruͤhling auf die Flur faͤllt. Als der Student, mit dem Sie tanzte, ihr, beym Schluß der Menuet, die Hand kuͤßte, da fuhr ihms wie ein Dolch durchs Herz. Er ward feuer- roth, und gleich drauf traurig; denn er hatte viel, fast zu viel Anlage zur Eifersucht. Der freund- liche Blick, mit dem sie dem Studenten dankte, machte tausend Empfindungen in ihm rege. Er glaubte, Liebe drinn entdeckt zu haben, so unwahr- scheinlich und ungegruͤndet dieß auch war. Die Vernunft mochte ihm auch tausendmal sagen, daß er sich selbst ohne Ursach kraͤnke, und Maria- nen Unrecht thue, er konnte sich und seine Un- ruhe doch nicht gnug bekaͤmpfen. Mariane merkte dieses wohl, und setzte sich, als er ins Zimmer ge- gangen war, zu ihm. Sie blickte ihn zaͤrtlich an, und nun kam die Heiterkeit auf Einmal in sein Aug, und in sein Herz zuruͤck. Er sah die Falsch- heit seines Argwohns ein, machte sich selbst bittre Vorwuͤrfe, und konnte eine Thraͤne nicht verber- gen, die ihm ins Auge schoß. Gern waͤr er an ihr Herz gesunken, und haͤtte sein beleidigtes Maͤd- chen um Verzeihung gebeten, aber die vielen Gaͤste, die zugegen waren, hielten ihn zuruͤck. Der, ihm verhaßte Hofrath Schrager, zog sie nun zum Tanz auf. Es ward ihm kalt und warm, als er den Mann sah. Er tanzte, um seine Verwirrung zu verbergen, mit dem naͤchsten besten Maͤdchen, seiner Mariane gegen uͤber. Sie tanzte ganz kalt, und nachlaͤßig mit dem Hofrath, und warf zuweilen einen liebevollen Blick auf ihren Juͤng- ling. Als Mariane mit Dahlmund schwaͤbisch tanzte, setzte sich Siegwart allein in einen Winkel auf dem Saal, und hatte lauter traurige Gedan- ken. Mariane legte ihre linke Hand auf Dahl- munds Schulter, und flog so mit ihm auf dem Saal herum. Dieser Anschein von Vertraulich- keit kraͤnkte seine zarte Seele tief, zumal da es sonst kein Maͤdchen auf dem Saal so machte. Er sah zwar nachher, daß dieses bey Marianen blos Gewohnheit war, weil sie es bey jedem Taͤnzer ohne Unterschied so machte; aber es that ihm doch im Herzen weh, daß die Geliebte seiner Seele auch nur scheinen sollte, ausser ihm mit einem Menschen auf der Welt vertraut zu seyn. Er haͤtt es ihr so gern gesagt, aber er fuͤrchtete, sie zu betruͤben, oder in den Verdacht der Wunderlichkeit bey ihr zu kommen. Noch trauriger ward er bald dar- auf, als sie mit einem andern tanzte, der sie, wie ein Rasender herumriß, und mit ihr mehr flog, als sprang. Gott! dachte er, wenn ihr diese heftige Bewegung Schaden braͤchte, und ihre Ge- sundheit zerruͤttete! Wie leicht koͤnnte so ein Au- genblick mein Liebstes rauben! Dieser Gedanke versenkte ihn immer tiefer in die traurigsten Vor- stellungen, so daß ihm Thraͤnen in den Augen stan- den. Sie kam nach dem Tanz zu ihm. Das ist schrecklich getanzt! sagte er; Sie gluͤhen recht! und schien aufgebracht zu seyn. Sie sah ihn weh- muͤthig, und halb birtend an. Eine Thraͤne drang aus ihrem Auge. Liebes Maͤdchen, sagte er, und war bewegt; wie leicht koͤnnten Sie sich schaden! Diese Vorstellung hat mich ganz traurig gemacht. Sie nahm ihn bey der Hand. Es wird mir hof- fentlich nicht schaden, sagte sie; aber freylich war es scharf getanzt; ich dachte es selbst; nur kann ich nicht dafuͤr. Jch thu’s nicht gerne. — Neh- men Sie mirs nur nicht uͤbel! sprach er; meine Warnung kam aus gutem Herzen. Sie sah ihn mit der groͤsten Zaͤrtlichkeit an, und waͤr ihm gern ans Herz gesunken, um an seiner Brust zu weinen. Ein paarmal kuͤßte sie ihn doch, weil ihre Eltern in dem Nebenzimmer sassen. Jch will sagen, daß ich mit Jhnen tanze, sagte sie, wenn mich wieder jemand aufziehn will. — Liebes Maͤdchen! Wei- ter konnte er nichts sagen. Man tanzte wieder franzoͤsisch, und Siegwart tanzte nun auch mit den uͤbrigen Frauenzimmern, und noch ein paarmal mit seiner Mariane. Erst um 2 Uhr gieng die Gesellschaft auseinander. Kurz eh man auseinander gieng, entstand noch ein Streit zwischen einem Studenten, Namens Dieling, und Joseph, Marianens Bruder. Die- ling war betrunken, und wollte schwaͤbisch tanzen, als die uͤbrigen eben einen Gesellschaftstanz ange- fangen hatten. Joseph nannte ihn einen Menschen ohne Lebensart. Dieß stieg dem betrunkenen Die- ling zu Kopf; er holte seinen Degen, und rannte damit auf Joseph. Siegwart, der auf der Seite neben Hofrath Schrager stand, der eben weggehen wollte, riß diesem den Degen von der Seite, fieng Dielings Degen auf, und schlug ihn ihm aus der Hand, daß er in das entgegen stehende Fenster flog. Nun kamen andre hinzu, und schafften den Betrunknen weg. Siegwart hatte sich nur etwas an dem Finger geritzt, und blutete. Joseph, der nun erst sah, wer sein Retter gewesen war, sank ihm in den Arm, und dankte ihm mit hundert Kuͤssen. Mariane und ihre Eltern waren indeß auch hinzugesprungen; sie ward todtblaß, als sie Blut sah; er beruhigte sie aber gleich, indem er zeigte, daß er nur geritzt waͤre. Sie sprang in ihrer Angst weg, um ein Stuͤckchen Tafft zum Verband zu holen. Der Hofrath umarmte in- deß unsern Siegwart, und dankte ihm fuͤr die Rettung seines Sohns. Die Hofraͤthin weinte, und nannte ihn den Retter ihres Josephs, ihren zweyten Sohn. Jndeß kam Mariane wieder, die sich nun von ihrer ersten Bestuͤrzung erholt hatte, und verband ihm selbst den Finger. Als Siegwart weggieng, begleitete ihn Joseph noch bis auf die Strasse, umarmte ihn noch einmal, und sagte: Bruder, sag, was kann ich dir fuͤr diesen Dienst thun? Nichts! antwortete Siegwart in der Ruh- rung; als daß du mein wahrer Bruder bleibest, und mir deiner Schwester Liebe goͤnnest! — O das will ich! o das will ich! rief Joseph aus, ja du sollst Sie haben! Wenns auf mich ankaͤme, waͤr sie heute dein! — Jndem kam Marianens aͤlte- rer Bruder aus dem Hause, so daß er Josephs Worte noch gehoͤrt haben konnte. Siegwart er- schrack, und gieng weg. Dieser Umstand beun- ruhigte ihn sehr, weil er fuͤrchtete, daß er uͤble Folgen fuͤr ihn und Marianen haben koͤnnte. Doch richtete ihn der Gedanke wieder auf, daß vielleicht der Hofrath ihm nun guͤnstiger seyn, und sich sei- ner Liebe zu Marianen weniger widersetzen werde. Den andern Morgen brachte er damit zu, daß er sich alle Auftritte des vorigen Tages wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Einigemal stunden ihm die Thraͤnen in den Augen, wenn er uͤberdachte, wie viel Unrecht seine Eifersucht Marianen gethan hat- te. Er beschloß, sich vor dieser Marter seiner selbst, und des geliebten Gegenstandes kuͤnftig recht in Acht zu nehmen. Nun sah er aber erst, wie sehr er sei- ne Mariane liebe; wie so ganz unzertrennlich sei- ne Seele von der ihrigen sey. Er hatte nun auch ihre Liebe ganz gesehen, mit welcher Sorgfalt sie sich um ihn bekuͤmmre; wie genau sie auf jede Veraͤnderung in seinen Gesichtszuͤgen Acht gebe. Er fuͤhlte das Gluͤck, ihre Liebe, und ein solches Maͤdchen, zu besitzen, ganz, so daß seine Emfindun- gen fast immer zwischen Entzuͤcken, Andacht, und Gebeth getheilt waren. Um eilf Uhr kam Marianens Bruder zu ihm, und sagte: seine Schwester wuͤrde heut allein mit ihm auf seinen Garten gehen; ob er nicht auch hin kommen wolle? Siegwart nahm diesen Antrag, der ein Beweis seiner Dankbarkeit, und seiner Zu- neigung zu ihm war, mit dem innigsten Vergnuͤ- gen an; und ward durch dieses Zeichen seiner Liebe zu der groͤsten Offenherzigkeit verleitet, so daß er ihm die ganze Geschichte seines eignen, und des Herzens seiner Schwester erzaͤhlte. Joseph nahm daran sehr vielen Antheil, und sagte: Er sey ganz fuͤr diese Liebe, und wuͤnsche nur, es recht bald beweisen zu koͤnnen. Von seiner Schwaͤgerin, und seinem Bruder, sagte er selbst, waͤr am meisten zu befuͤrchten, weil diese ihren Vater so sehr ein- zunehmen wuͤßte. Doch koͤnnte man vor den beyden diese Liebe sehr wohl verborgen halten, weil sie wenig aus dem Hause kaͤmen, und vielleicht naͤhme gar seine Schwaͤgerin bald ganz von der Welt Abschied. Den Nachmittag um vier Uhr gieng Siegwart, wie er bestellt war, nach dem Garten. Seine Maria- ne, sah so zaͤrtlich, und so schmachtend aus, als er sie noch nie gesehen hatte. Sie nahm ihn gleich bey der Hand, fuͤhrte ihn in eine Laube, und sank ihm in den Arm. Jhre Kuͤsse waren feuriger, wie sonst; ihr Mund verweilte laͤnger auf dem seini- gen, und sog ganz seinen Athem ein. Er setzte sie auf seinen Schooß; druͤckte sie fest an sein Herz, und legte sein Gesicht an das ihrige. Keines konnte vor Empfindungen sprechen. Er kuͤßte ihre Stirne, dann ihr Auge, und da fuͤhlte er, daß es naß war, und kuͤßte eine heilige Thraͤne weg. So eine suͤsse, uͤberirdische Empfindung hatte er noch nie gehabt. Er sah ihr mit der groͤsten, weh- muͤthigsten Zaͤrtlichkeit ins Auge; sie konnts nicht aushalten, und verbarg ihr Gesicht an seinem Bu- sen. — Liebster, liebster Siegwart! Liebstes, bestes Maͤdchen! war alles, was sie sagen konn- ten. — Endlich kam Joseph, der indeß auf dem Gartenhaus gelesen hatte, hurtig auf die Laube zugesprungen, und rief, der Bruder und die Schwaͤ- gerin! Siegwart und Mariane sprangen auf. Joseph wollte wieder zuruͤck. Bleib da! rief Ma- riane, und nun giengen alle drey nach der Gar- tenthuͤre zu, wo das liebe Paar eben herein trat. Das ist der Herr, sagte Mariane ganz ent- schlossen, der gestern unserm Joseph das Leben gerettet hat. Ey, sagte die Schwaͤgerin, sind das der junge Herr Siegwart? Ja, mich deucht, ich habe Sie schon im Konzert gesehen. Siegwart machte eine Verbeugung, und betrachtete nun erst ihr Gesicht recht. Sie sah ausgezehrt, und einge- fallen aus, und hatte ganz die gelbe Farbe des Nei- des. Jhre kleine, matte, graue Augen lagen tief; ihre Augenbraunen waren weiß, und fielen ins gelbliche, daß man sie kaum sehen konnte. Jhre Nase war spitz; ihr Kinn hervorstehend, und die Stirne nie- drig, ohne Ecken, weil die Haare rund herum, tief ins Gesicht herein stunden. Sie gieng vor- waͤrts gebeugt, und der Kopf steckte tief in den Schultern. Jhr Herr Gemahl war ein langer, hagrer Mann, in dessen Gesicht man mehr Aengst- lichkeit und Kummer sah, als Bosheit. Sind Sie nur so ganz allein hier, sagte die Schwaͤgerin zu Marianen. Diese antwortete, ja; aber ihre Eltern wuͤrden vielleicht diesen Abend noch heraus kommen. Sie waren ja wohl gestern recht ver- gnuͤgt, Jungfer Schwaͤgerin? fuhr sie fort. Ja, ja, freylich, in so angenehmer Gesellschast kanns nicht fehlen. Aber der Hofrath Schrager war nicht ganz vergnuͤgt. — Mariane sagte: sie wuͤß- te nicht, daß ihm jemand was zu Leid gethan haͤt- te. Je nu, fuhr die Schwaͤgerin fort, wenn G g g man eben den vierzigen naͤher ist, als den dreyßi- gen, so ist man bey dem jungen Volk nicht mehr so beliebt. — Sie wollen ja ein Geistlicher wer- den, Herr Siegwart, wie ich hoͤre? Jhre Zeit ist wol bald herum! Mich deucht, Sie sind schon lang hier? Siegwart sagte, daß er erst uͤbers Jahr hier sey, und noch nicht fest entschlossen sey, was er studieren wolle! Es komm auf seinen Vater an. Ey, Sie werden ja der Kirche nicht untreu wer- den, sagte sie, werden Sie ja ein Geistlicher, das ist der beste Stand auf Erden. Hoffentlich wird Sie nichts irdisches davon zuruͤckhalten. Mit die- sen Worten sah sie Marianen spoͤttisch an, und machte noch zwanzig andre Anspielungen, die nur zu deutlich zeigten, daß sie von der Liebe unsrer jungen Leute manches wisse. Siegwart und Ma- riane kamen oft in die groͤste Verlegenheit, und wußten nicht, was sie sagen sollten. Jhr aͤlterer Bruder mußte seiner Frau immer Recht geben, weil sie ihn bestaͤndig ansah, wenn sie etwas vor- brachte. Sie affektirte eine laͤcherliche Liebe gegen ihn, und wich nicht von seiner Seite. Oft wur- den ihre Anspielungen so deutlich, daß Siegwart ein paarmal roth wurde. Endlich empfahl er sich, weil er wohl sah, daß das Paar nicht vor ihm gehen wollte. Er war uͤber das, was vorgefallen war, aufs neu in der groͤsten Beaͤngstigung, und stellte sich schon wieder tausend traurige Begegnisse in seiner Liebe vor. Noch denselben Abend schrieb er in der hef- tigsten Bewegung einen Brief an Marianen, wo- rinn er ihr alle seine Besorgnisse entdeckte, und sie um Gottes willen bat, ihm treu zu bleiben. Zu- gleich bat er sie um Nachricht, wie er sich verhal- ten sollte? Den andern Morgen war er sehr be- kuͤmmert, wie er ihr den Brief zustellen koͤnnte? Und endlich, als er keinen andern Weg sah, gab er den Brief ihrem Maͤdchen, die er auf der Strasse antraf, und sagte ihr, er habe diesen Brief geschickt bekommen; sie moͤcht ihn ihrer Jungfrau diesen Morgen noch, und allein geben! Nun war er wieder etwas ruhiger. Endlich entschloß er sich auch ernstlich, seinem Vater zu schreiben, ihm seine Liebe zu entdecken, und ihn um die Erlaubniß zu bitten, daß er nun Jura studieren duͤrfte! Er schrieb dieses alles mit grossen Ausholungen und Umschweifen, oft mit vieler Ruͤhrung, und bat seinen Vater instaͤndig, seine Liebe nicht zu verdammen, oder fuͤr leichtsin- nig zu halten. Er habe seinen Entschluß erst nach vielen Kaͤmpfen gefaßt, weil er befunden habe, daß er im Kloster und ohne Marianens Liebe nie gluͤcklich werden koͤnne. Marianen schilderte er ihm, mit aller Begeisterung eines Liebhabers, und doch wahr ab, und schloß mit der Bitte: Jhn recht bald durch einen Brief aus seiner Ungewißheit zu reissen. Wegen Marianen war er sehr besorgt. Sie hatte seinen Brief nun schon drey Tage, und noch hatte er keine Nachricht von ihr. Am Fenster sah er sie zwar taͤglich, und sie sah auch sehr heiter aus, aber die Ungewißheit, in der er, wegen der letztern Begebenheit im Garten, schwebte, quaͤlte ihn doch sehr. Endlich kam am vierten Tag ihr Bruder zu ihm, und sagte, seine Schwester wuͤrde den Nachmittag in den Garten ihrer Freun- din gehen; er moͤchte auch hin kommen. Um vier Uhr kam er. Mariane war sehr freundlich. Sie haben sich unnoͤthige Besorgnisse gemacht, sagte sie, als sie allein mit ihm in der Laube saß; meine Schwaͤgerin konnte aus dem, daß Sie bey mir waren, nichts schliessen, da mein Bruder mit da- bey war. Um ihre Sticheleyen bekuͤmmre ich mich wenig, da Sie durch den neulichen Vorfall mit meinem Bruder sehr viel in der Gunst meines Va- ters gewonnen haben. Und uͤberhaupt, auf mich koͤnnen Sie sich verlassen. Mein Herz bleibt ewig Jhr, und auch meine Hand soll kein andrer ha- ben. Sie kennen mich noch nicht genug, was ich zu thun im Stand bin. Auf unsre gute Sache, und die Vorsehung duͤrfen wir uns auch verlassen. Das Mistrauen, glaub ich, kann Gott niemals leiden. Wenn der Mensch das seinige thut, dann thut gewiß die Vorsehung noch mehr das ihrige. So lang ich Jhre Liebe habe, bin ich zwar nicht unbekuͤmmert, aber doch nicht muthlos und un- ruhig. Jch hoff, es wird alles noch recht gut gehen. Sie haben mir einen lieben zaͤrtlichen Brief geschrieben; aber, bester Siegwart, er war viel zu aͤngstlich; und dann — erlauben Sie mir, es zu sagen! — Die Art, wie ich ihn erhalten ha- be, war mir nicht die angenehmste. Sie gaben ihn meinem Maͤdchen. Es ist ein gutes Ding, dem man auch wol etwas anvertrauen kann. Es hat auch unsre Liebe laͤngst gemuthmaßt, und ver- schwiegen. Aber Dienstbothen zu Vertrauten brau- chen, scheint mir nicht sehr thunlich. Man macht sich dadurch von ihnen abhaͤngig. Sie glauben, wenn sie einmal ein Geheimniß von uns wissen, unentbehrlich zu seyn, und thun zu duͤrfen, was sie wollen. Wenn man sie des Diensts entlassen will, so trotzen sie; und thut mans nicht, so machen sie Klatschereyen, und buͤrden ihrer Herr- schaft mehr auf, als wahr ist. Jch weis, mein Liebster! Sie nehmen mir diese Erinnerung nicht uͤbel. Nicht wahr? — Siegwart fiel ihr um den Hals, und kuͤßte sie mit Thraͤnen. Er mach- te sich wegen seiner Zaghaftigkeit selbst Vorwuͤrfe, und fuͤhlte, daß ein Frauenzimmer, in Absicht auf die Liebe, mehr Unternehmungsgeist, und mehr edles Vertrauen hat, als ein Mann. Der Mann verlaͤßt sich auf Staͤrke und aufs Geraddurchfah- ren, welches bey der Liebe wenig thut; das Weib baut auf Klugheit und Verschlagenheit, und tau- send Weiberkuͤnste. Bald werden wir uns recht geniessen koͤnnen, sagte Mariane. Jn wenig Ta- gen geht mein Vater mit meiner Schwaͤgerin ins Abacherbad bey Regensburg, und bleibt 5 oder 6 Wochen da. Jch gehe dann mit meiner Freun- din aufs Land zu ihrer Tante, einer herzlichguten Frau. Das Guth liegt nur eine kleine Meile von hier, und Sie koͤnnen taͤglich hinauskommen, wenn Sie wollen. O, das ist herrlich! sagte Siegwart; da wollen wir ein Goͤtterleben fuͤhren! Sie haben Recht; alles geht nach Wunsch. Meinem Vater hab ich nun auch geschrieben, und in hoͤchstens vier- zehn Tagen hab ich Antwort. Lieber Engel! ach, wir muͤssen gluͤcklich werden! — Lieb und Selig- keit umschwebte nun wieder unser keusches Paar. — Was macht Jhr Finger? sagte sie nach einiger Zeit. Jst er wieder heil? Sie haben ja nicht mehr den Tafft drauf, den ich Jhnen gab. Hier ist er, sag- te er, und zog seine Brieftasche heraus; das ist mir ein Heiligthum, das ich bey mir tragen werde, noch im Grab. Und ich dieses, sagte Mariane, und zog ein weisses Schnupftuch aus der Tasche, auf dem ein Tropfen von seinem Blut war. Die- sen Blutstropfen hab ich aufgefangen; das Schnupf- tuch geb ich nie aus meiner Hand; auch solls nie gewaschen werden. — Liebes, liebes Maͤdchen! rief er aus, und druͤckte sie ans Herz. Dieser Tropfen hat einst dir geschlagen; jeder andrer soll dir schlagen; bis ich todt bin! — Sie nahmen hierauf Verabredungen wegen Marianens Reise aufs Land. Sie sagte, daß sie schon mit ihrer Freundin druͤber gesprochen habe. Diese woll ihn Einmal einladen, damit er mit ihrer Tante bekannt werde, und dann koͤnn’ er ohne Anstand alle Tage kommen, denn die Tante sey die billigste und munterste Frau, und werd ihn selber fleißig zu sich bitten. Dieser Abend schloß sich fuͤr unsern Siegwart ausserordentlich vergnuͤgt. Er gieng, mit tausend Kuͤssen, und Versicherungen ihrer Liebe erst in der Daͤmmerung von Marianen und ihrer Freundin weg, und war so frey von al- ler Furcht, so voll ruhiger Freude, als er noch nicht leicht gewesen war. Ein paar Tage drauf bekam er, von Steinfeld aus, Briefe von Kronhelm und Theresen, die von nichts als Zufriedenheit und innigem Bergnuͤ- gen seiner Freunde zeugten. Kronhelm berichtete ihm die Ankunft seines treuen Dieners Marx, und die Freude, die dieser uͤber sein Gluͤck gehabt haͤtte. Auch erzaͤhlte er ihm Kunigundens Abschied. Sie sey nemlich noch vor seiner Ankunft bey Nacht und Nebel von Steinfeld abgegangen, und habe ziemlich viele Kleidungsstuͤcke und Kostbarkeiten mitgenommen, die er ihr auf den Weg schenken wolle. Jetzt sey sie in Augsburg eine Art von Hurenwirthin. Dann fragte er ihn nach Maria- nen, und ermunterte ihn, guten Muth zu fassen; sein Onkel werde ihm gewiß eine anstaͤndige Bedie- nung verschaffen; daher soll er unverzuͤglich seinem Vater schreiben, und die Rechte zu studieren an- fangen u. s. w. Theresens Brief war voll von Lobeserhebungen ihres Kronhelm; voll Freude uͤber ihr gluͤcklichstes Schicksal, und uͤber ihre jetzige Lage. Zugleich machte sie eine ausfuͤhrliche Beschreibung von der Einrichtung ihrer Lebensart in Steinfeld; und schloß mit der Nachfrage um sein eignes Schicksal, und schrieb eben das von Marianen, was ihm schon ihr Mann geschrieben hatte. Noch dieselbe Woche gieng der Hofrath Fischer mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter ins Bad, und einen Tag drauf reiste Mariane zu ihrer Freundin, aufs Land. Gleich zween Tage drauf erhielt Siegwart von dieser und von ihrer Freundinn eine hoͤfliche schriftliche Einladung, welcher Mariane etliche Zeilen beysetzte, die voll Zaͤrtlichkeit und Liebe waren. Er gieng gleich denselben Tag hinaus, und traf seine Mariane, ihre Freundin, und die Tante vor dem Landguth in einer Allee von Fruchtbaͤumen mit Kleists Fruͤhling in der Hand an. Alle drey Frauen- zimmer bewillkommten ihn mit der groͤsten Freu- de. Das Betragen der Tante, die Frau Held hieß, nahm ihn ganz ein. Sie war ungefaͤhr 55 Jahre alt. Jhr Gesicht war sehr regelmaͤßig, und zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schoͤn- heit. Jhr blaues Auge war etwas truͤb, und ver- rieth Hang zur Melancholie. Einige Zuͤge zeig- ten, daß sie oft geweint, und manchen stillen Kummer getragen haben muste. Jetzt war ihr Gesicht zwar heiter; aber doch verrieth es immer noch Anlage zur Schwaͤrmerey und Wehmuth. Jhre Reden zeugten von gleich viel Verstand, und Empfindung. Nur die letztere schlug noch zuweilen vor. Jch habe viel Gutes von Jhnen gehoͤrt, sagte sie zu Siegwart. Seyn Sie mir vielmals willkommen! Zwingen Sie sich vor mir im geringsten nicht, und folgen Sie ganz Jhrer Neigung! Jch weis, wie Sie mit der Jungfer Fischern stehen, und es freut mich. Kommen Sie, Mariane, und geben Sie ihm ihre Hand! Jch kann mir vorstellen, was Sie fuͤhlen muͤssen; ob ich gleich in der Liebe nie so gluͤcklich war. Da ichs nicht seyn konnte, moͤcht ichs doch andre machen koͤnnen! — Mariane druͤckte ihrem Juͤngling seine Hand staͤrker, und sah ihm freundlich ins Gesicht. Hier ist herrlich leben, sagte sie, Gottlob, daß Sie da sind! Tante weis, wie viel wir von Jhnen schon gesprochen haben. Die Gesellschaft gieng nun mit- einander in den Garten, der sehr reizend angelegt war. Statt der vielen todten und einfoͤrmigen Heckengaͤnge waren Alleen von Apfel-und-Kirsch- und Naßbaͤumen angelegt. Der Garten war in vier Haupttheile abgetheilt, die mit Kuͤchengewaͤchs bepflanzt, und mit schmalen Strichen, in denen Blumen aller Art stunden, je nachdems die Jahrszeit mit sich brachte, eingefaßt waren. Hin- ten stund ein schoͤner Gras- und Baumgarten, der sich in ein schoͤnes, buͤschichtes Waͤldchen endigte, wo Amseln, Drosseln, Nachtigallen und Zaunkoͤ- nige durcheinander sangen. Ueber dem steinernen und simpeln Gartenhaus, das einen großen Saal hatte, woͤlbten sich ein paar wilde Kastanienbaͤu- me, die angenehme Kuͤhlung und Daͤmmerung herabgossen. Jn dem Saal setzten sie sich, und assen frische Milch, gluͤcklich wie die Menschen in dem goldnen Zeitalter. Die Tante erheiterte sie noch mehr durch ihren gesunden Witz, der oft in Empfindung uͤbergieng, so daß das Auge, das eben erst gelacht hatte, hell von Thraͤnen wurde. Sie sind eine vortrefliche Frau, sagte Siegwart, daß Sie den Liebenden so guͤnstig sind, da sonst aͤltere Personen, vornehmlich von Jhrem Geschlecht, gemeiniglich auf das Gluͤck juͤngerer Personen nei- disch sind. Lieber Gott! sagte sie, wie koͤnnen sie doch das seyn, da sie wissen, wie es ihnen eh- mals war, und wie leid es ihnen that, wenn sich jemand ihrer Liebe widersetzte! Nein, ich freue mich herzlich, wenn ich andre gluͤcklich sehe, und thu alles, was ich kann, sie in ihrem Gluͤcke zu befestigen. Ach Gott, wenn ich einen solchen Juͤngling, wie Sie sind, in der Jugend haͤtte lie- ben duͤrfen, und man haͤtte mir dieß Gluͤck wollen rauben, was haͤtt ich von solchen Menschen den- ken muͤssen! Soll ichs jungen Leuten uͤbel nehmen, daß sie Menschen sind, und dem Trieb des Schoͤpfers und der Natur solgen? Freun Sie sich, meine Lie- ben, es werden auch truͤbe Tage kommen, ob ichs gleich nicht wuͤnsche. Hier weinte sie. Sie wa- ren also nicht gluͤcklich, theure Frau? fragte Siegwart. — Nein, ich wars nicht, versetzte sie. Denken Sie! Jm sechszehnten Jahr must ich ei- nen Mann heyrathen, den ich nicht kannte und nicht liebte. Gott hab ihn selig. Aber er war weiter nichts, als Regierungsrath und reich. Von Seelenliebe wust er nichts. Er glaubte, wenn man seine Frau in Gesellschaft bringe, und ihr Unterhalt verschaffe, seys genug. Kurz, er war, was wir im Deutschen nicht gut geben koͤnnen, ein bon vivant. Seine Gesellschafter waren lustige Bruͤder, die bey einer guten Mahlzeit und einem guten Glas Rheinwein sich uͤber einen kahlen Ein- fall, oft auch uͤber Zoten, einen halben Abend fast zu Tode lachen konnten. Jch indessen saß auf meinem Zimmer, hatte ein fuͤhlendes Herz, das nicht fuͤhlen sollte; denn ich gestehe gern meine Schwachheit, mancher edeln Seele schlug mein Herz zu, mit der ich gluͤcklich haͤtte leben koͤnnen. Aber ich muste das Feuer unterdruͤcken, das in mir auflodern wollte, und so verzehrte ich mich in- nerlich selbst. Traurigkeit und Schwermuth nutz- ten meine besten Lebensgeister ab, daß ich vor der Zeit alt wurde. Meinen Kummer konnt ich kei- nem Menschen anvertrauen; nur Thraͤnen, Buͤcher, und am ersten die Religion waren all mein Trost. Ganze Tage phantasirt ich weg, mit Aussichten in ein beßres Leben; und da half mir meine Ein- bildungskraft sehr. Jch schmuͤckte meine Hofnun- gen so gut aus, als ich konnte, und ergoͤtzte mich daran. Oft erhitzt ich meine Einbildungskraft so sehr, daß es meinen Nerven, die schon ohnedieß stark gespannt waren, schadete. Jch las Dichter, Jtaliaͤner und Franzosen, die meine Phantasie noch mehr erhitzten; aber, lieber Gott, wenn das Herz nichts zu thun hat, dann nimmt man seine Zuflucht zu der Einbildungskraft. Erst vor kur- zer Zeit lernt ich, durch meine Base hier, einige deutsche Dichter kennen, besonders den Klopstock; und da muß ich gestehen, hier ist freylich tausendmal mehr Nahrung fuͤr den Geist, mehr Wahrheit, mehr tiefgedachtes, und mehr tiesempfundenes; und jetzt les ich fast bestaͤndig deutsch. Aber noch vor ein paar Jahren sah man ja hier zu Lande kaum ein deutsches Buch, das man ohne Ekel lesen konnte. Genug, meine Lebenszeit strich hin, ohne mir oder der Welt Vergnuͤgen zu gewaͤhren. Mein Mann sah meinen stillen Gram, ohne mit zu fuͤhlen, oder Antheil dran zu nehmen, und dann schmerzt das Elend doppelt. Vor zwey Jahren starb er; nun bin ich schon so an die Einsamkeit gewoͤhnt, daß ich mich wenig mehr um die Welt bekuͤmmre. Kin- der hab ich nie gehabt; die haͤtten mir allein mein Elend noch erleichtern koͤnnen. Siegwart seuszte und ward ganz wehmuͤthig bey ihrer Erzaͤhlung. Aber, sagte sie, Karoline, (so hies Marianens Freundin,) wir muͤssen unser Paͤrchen auch allein lassen. Wollen Sie vielleicht spatzieren gehen, Mariane? oder sollen wirs thun? Mariane stand auf, und laͤchelte. Die Tante gieng an ihren Fluͤgel, und Siegwart mit Maria- nen durch den Baumgarten nach dem Waͤldchen. Hoͤren Sie, sagte Mariane, was die arme Frau fuͤr ein trauriges Adagio spielt! Jch bedaure sie recht herzlich, denn sie hat unendlich viel ausge- standen. Hysterische Zusaͤlle, und ihr kummervol- les Leben, setzten ein paarmal ihrem Verstande hart zu, und da nahm die Verleumdung Anlaß, ihr allerley Boͤses nachzureden; aber, weis Gott! sie ist die beste Frau auf Gottes Erdboden, in der kein boͤser Blutstropfen rinnt! Es geht immer so, sagte Siegwart, je besser und vollkommener man ist, desto mehr hat man Neider, und wird mis- verstanden. Jch wollte auch in ihre Seele schwoͤ- ren, daß nichts boͤses an ihr ist. Sie hat mich ganz bezaubert. Sie setzten sich auf eine Rasenbank, die unter einem dickbelaubten Apfelbaum sehr gluͤcklich ange- bracht war. Um sie herum duͤftete in der, nach und nach herannahenden Abendkuͤhle das Geis- blatt. Auf einem Baum vor ihnen hatte ein Eichhoͤrnchen sein Nest, wo es bald heraus, bald hinein schluͤpfte, und oft, als ob es neugierig waͤr, herabsah. Sie belustigten sich lange an seinen pos- sirlichen Spruͤngen und Wendungen; druͤckten sich dann wieder fest ans Herz, und freuten sich ih- rer Liebe, und des himmlischen Abends. Siegwart das seinem lieben Maͤdchen Theresens und Kron- helms Brief vor; sie freuten sich miteinander uͤber das Gluͤck der Edeln, und phantasirten sich in glei- ches Gluͤck hinein, das ihnen einst begegnen wuͤr- de. Unvermerkt steckte Mariane unserm Siegwart einen Ring an seinen Finger. Das ist fuͤr Klop- stock, sagte sie, (den er ihr geschenkt hat- te.) Siegwart war vor Freuden ausser sich, sah bald den Ring an; druͤckte bald sein Maͤdchen an sein Herz; kuͤßte bald den Ring, bald sie, und wuste nicht, was er vor Entzuͤcken und Dankbar- keit sagen sollte. Endlich sagte er, wie haben Sies doch so treffen koͤnnen, daß der Ring so ge- nau paßt? Das macht man so, sagte sie; nahm einen Grashalm; wickelte ihn um seinen Finger, und brach den Grashalm ab. Ach, deswegen, rief er, wickelten Sie letzthin mir den Grashalm um den Finger? Liebes herrliches Maͤdchen, moͤcht ich doch deiner Liebe ganz wuͤrdig seyn. — Sie sind es; Sie sind es! versetzte sie. Er sagte, daß er nun in acht Tagen Antwort von seinem Vater erwarte. Zwar sey er seines Veyfalls, und seiner Einwilli- gung schon gewiß. Es sey blos um des Ceremo- niels willen. — Sie sassen da bis in die Daͤmme- rung, und trafen Karolinen mit ihrer Tante an einem Nosenstrauch sitzend an, der seine Duͤfte um sie her verbreitete. Es kam unsern Siegwart schwer an, schon zu gehen, ob er gleich verspre- chen muste, morgen wieder zu kommen. Auf dem Wege nach der Stadt sann er hin und her, wie er ein Mittel aussuͤndig machte, nicht immer in der schoͤnsten Zeit weggehn zu duͤrfen. Endlich beschloß er, auf dem benachbarten Dorf einen Bauren zu suchen, in dessen Haus er uͤbernachten koͤnnte. Den Ring von Marianen drehte er immer am Finger hin und her; besah und kuͤßte ihn alle Au- genblicke. Seine Seele war ausserordentlich ent- woͤlkt, und ruhig; die Zukunft lag wie ein Fruͤh- lingsgefild vor ihm da; seine Phantasie zauberte sich und Marianen und alles Angenehme hin- ein. Den andern Tag gieng er schon um zwey Uhr wieder hinaus, in der Absicht, auf das Dorf zu gehn, und sich einen Aufenthalt aufzusuchen. Un- terwegs traf er einen Bauren an, der eben auf das Dorf zugieng. Siegwart redete ihn an, frag- H h h te ihn, ob er in das Dorf gehoͤre? und als der Bauer es bejahte, frug er weiter, ob ein Wirths- haus im Dorf sey, oder ob er nicht sonst ein Haus wuͤste, wo er fuͤr Geld und gute Wort zuweilen schlafen koͤnnte? Es ist wohl ein Wirthshaus da, antwortete der Bauer; aber weil Sie, wie ich sehe, so ein braver Herr sind, so koͤnnen sie, um einen Schlafkreuzer fuͤr meine Magd, in meiner Huͤtte schlafen, so oft Sie wollen. Jch hab oben ein Stuͤblein, und |ein Bett drinn. ’s ist zwar ein Bissel hart, aber aufm Land, pfleg ich so zu sa- gen, muß man sich halt nach der Decke strecken. Was wir so im Haus haben, Milch und Butter und Eyer, das steht Jhnen auch zu Dienst, wenns anstaͤndig ist. Siegwart gieng mit ihm auf das Dorf, um das Zimmer zu sehen. Es war reinlich, und frisch ausgeweißt. An der Wand herum hien- gen Bilder von Heiligen, vom Kayser, von der Kayserin, vom Churfuͤrsten und der Churfuͤrstin; vom General Daun und Laudon. Das Bette war auch weiß und reinlich. Das ist ja fuͤrstlich! sagte Siegwart. — Ja ja, versetzte der Bauer Thomas, die Herren haben eben so ihren Spaß mit uns Bauersleuten. Nun, nun! die Freud kann man ihnen ja wohl lassen. — ’s ist doch manchem Bauers- mann woͤhler, als den Leuten in der Stadt. Sieg- wart versicherte, daß er nirgends lieber sey, als auf dem Dorf. So oft ich hier schlafe, fuhr er fort, geb ich sechs Kreuzer, und, was ich esse, das bezahl ich besonders. Der Bauer weigerte sich lange, den Vertrag einzugehen, weil das, wie er sagte, viel zu viel Geld waͤre. Auf den Abend, sagte, Siegwart, komm ich; aber vielleicht etwas spaͤt, weil ich zu meiner Base auf das Landhaus gehe. — So, zu der Frau Held? fiel Thomas ein. Ja ja, das ist eine seelengute Frau, die den Armen hier im Dorf viel Gutes thut. Sie kommt fleißig ruͤber in die Kirche, und bringt alle- mal der Armuth etwas mit. Ey, Ey! So ist das Jhre Bas? Nun, da nimmt michs eben nicht Wunder, daß Sie auch so brav sind. Sagen Sies ihr nur, daß man sie im Dorf hier recht lieb hat! Siegwart gieng aufs Landhaus, das eine klei- ne halbe Stunde vom Dorf lag. Die Fran Held spielte gerad im Gartensaal auf dem Fluͤgel. Er schlich sich leise hinein, um sie nicht zu stoͤren, und setzte sich zwischen Karolinen und Marianen aufs Kanapee. Die Tante spielte mit viel Wahr- heit und Ausdruck; unsre Liebenden druͤckten sich, bey jeder empfindungsvollen Stelle die Haͤnde, und blickten sich oft mit Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit an. Endlich, als die Tante sich umsah, wurde sie un- sern Siegwart gewahr, und hoͤrte auf zu spielen, um ihn zu bewillkommen. Man sprach etwas uͤber die Musik. Fau Held aͤusserte den Wunsch, daß sie unsern Siegwart, den ihr Mariane auch als Musikus sehr geruͤhmt hatte, einmal hoͤren moͤchte! Er versprach, das naͤchstemal seine Floͤte mitzubringen; aber, sagte er zu Marianen, dafuͤr singen sie heut eins. Sie ließ sich nicht lang bit- ten, holte ihre Musikalien, und sang einige ita- liaͤnische und deutsche Arien mit solcher Anmuth, und mit so tiefer Empfindung, als sie im Konzert, wo die Menge von Zuhoͤrern zuruͤckhaltender macht, noch nie gesungen hatte. Drauf setzte man sich ins Gruͤne, und Siegwart muste, weil er eine angenehme und volle Stimme hatte, Kleists Fruͤhling vorlesen. Die Frauenzimmer hoͤrten mit dem innigsten Antheil und herzlicher Aufmerksam- keit zu, und weinten zuletzt dem Andenken und der Asche des Dichters eine dankbare Thraͤne; der schoͤnste Lohn, den sich ein edler Saͤnger nach dem Tode wuͤnschen kann! — Jch mache mir jeden Fruͤhling, sagte Siegwart, einen sestlichen Tag, und lese erst Kleists Fruͤhling, und dann die Ge- schichte seines Lebens, und seines edeln Heldento- des. Ein suͤsseres Vergnuͤgen kenn’ ich gar nicht, als die Thraͤnen des Dankes und der Ruͤhrung, die ich dann ihm weine. Die Frauenzimmer ba- ten einmuͤthig, daß er sein Leben vorlesen moͤchte! Er thats, und ward hundertmal durch seine eig- nen, und die Thraͤnen der Frauenzimmer unter- brochen. Hierauf erzaͤhlte er die Nachricht von der edeln Gaussin in Frankfurt an der Oder, die ihm Hauptmann Northern erzaͤhlt hatte, daß nemlich dieses Maͤdchen jaͤhrlich Blumen auf des Dichters Grab streue. O, wir wollens auch thun! sagte Mariane, sprang auf, pfluͤckte Rosen, Geißblatt und andre Blumen. Karoline, ihre Tante, und Siegwart machtens nach; und an einem schoͤnen, etwas erhoͤhten Platz der einem Grabhuͤgel aͤhn- lich sah, streuten sie die Blumen aus. Hier will ich mich begraben lassen, sagte Frau Held. Karo- line! und Sie auch, Mariane! besuchen Sie dann jaͤhrlich mit Jhrem Siegwart diesen Ort, und denken Sie an mich, und diesen Abend! — Alle wurden uͤber diese Wendung des Gespraͤchs noch wehmuͤthiger. Sie setzten sich auf die Blu- men ins Gras. Frau Held fieng an mit Begeiste- rung von der Ewigkeit und vom Wiedersehn im Himmel zu reden. Ach, so schloß sie, da werd ich auch den edeln Dichter sehen, und ihm danken! Aber heute|, sagte sie, indem sie aufstand, zu Marienen und zu Siegwart, heute haben wir Sie um einen schoͤnen Abend gebracht. Wie waͤrs, wenn sie hier blieben, und im herrlichen Mond- schein mit uns spatzieren giengen? Jch habe schon dafuͤr gesorgt, versetzte Siegwart, und im Dorf da druͤben ein Nachtquartier bestellt. Herr- lich, herrlich! sagte Mariane, und gab ihm einen Kuß. Er gieng nun mit ihr allein ins Waͤldchen spazieren, und setzte sich wieder unter den Apfel- baum. Jndem er sich setzte, flog aus dem naͤch- sten Busch eine Grasemuͤcke: Er sah in den Busch, und fand ein Nestchen mit fuͤnf Eyern. Liebes Maͤdchen, sagte er, wir wollen uns anderswo hinsetzen! Das arme Voͤgelchen wagt sich nicht auf sein Nest, und seine Eyer werden kalt. Sie gien- gen weiter ins Gebuͤsch, und setzten sich unter ei- ne Fichte, durch die die etwas laute Luft majestaͤ- tisch, wie ein Strom rauschte. Hier zwitscherte ihnen eine Grasemuͤcke ihren ungekuͤnstelten Ge- sang vor. Horch! sie dankt dir, sagte Mariane, und sank ihm ans Herz. Eine selige Wehmuth suͤllte ihre Seelen. Mariane lag in seinem Arm, und weinte vor Zaͤrtlichkeit. Sie langte nach dem Schnupstuch, um die Thraͤnen wegzuwischen. Siegwart hielt ihre Hand; nicht wegwischen! sag- te er, ich muß sie wegkuͤssen! Halbe Stunden lang sprachen sie kein Wort. Das Abendroth schien ihr durch die Hecken ins Gesicht. Die Sonne geht schon unter, sagte er, wir muͤssen zur Gesellschaft! Sie stunden auf, und giengen nach dem Garten. Siegwart brach von einem Ro- senstrauch zwo Rosen ab, die auf Einem Zweig stunden. Er wollte sie voneinander reissen, um die Eine davon Marianen zu geben. Trenne sie nicht! sagte sie, sie sind ein Paar. Er steckte beyde an ihren heiligen Busen, mit den Worten: so moͤgen sie denn miteinander sterben! Karoline und ihre Tante sassen vor dem Gartenhaus un- ter den Kastanienbaͤumen. Seyd ihr gluͤcklich? fragte Frau Held. Unaussprechlich! antwortete Mariane. So daß ich fuͤrchte, setzte Siegwart hinzu, unser Gluͤck ist gar zu groß! wir muͤssens bald verlieren! Da sey Gott vor! sagte Karoli- ne. Sie giengen in den Gartensaal, und assen Erdbeeren in Milch. Wenn Mariane eine große fand, so legte sie sie mit dem Loͤffel auf Sieg- warts Teller. Als sie die ihrigen eher aufgeges- sen hatte, so muste sie mit ihm essen. Erst gab er ihr einen Loͤffel voll, und dann nahm er den andern. — Der Mond wird wol bald aufgehn- sagte die Tante, dort hinten wirds schon hell. Sie giengen in den Garten, und blickten immer gegen Morgen, wo der Mond aufgieng. Endlich ward ein Woͤlkchen gantz verguͤldet; sie giengen an einen etwas erhoͤhten Ort, und stellten sich auf die Zehen, um den Mond sogleich zu sehen. Er kommt, er kommt! rief end- lich Siegwart voller Freuden aus. Ja, er glaͤnzt schon an Jhrem Hut, sagte Mariane. Nun kam er in seiner ganzen stillen Majestaͤt herauf, und beglaͤnzte den ganzen Garten. Die Blumen und Gewaͤchse schimmerten im Thau, und verbreite- ten ihren lieblichen Geruch umher. Karoline sah sehr traurig aus. Was fehlt dir, meine Liebe? fragte Mariane. Ach, antwortete sie; ich denke jener Zeiten. Hier gieng ich vor drey Jahren noch mit meinem Wilhelm, und nun scheint der Mond seit zwey Jahren schon auf sein Grab. Sieh nur! wie er so traurig ist, und hinter Wol- ken geht! Ach, Mariane, moͤchtest du das nie erfahren! Tausendmal hab ich mir gewuͤnscht, nie geliebt zu haben! Alle schwiegen, und verlohren sich in tiefer Wehmuth. Endlich wollte Siegwart Abschied nehmen. Wir begleiten Sie die Wiese noch hinauf, sagte die Tante. Oben an der Wie- se, nah am Dorf, nahmen sie von einander Ab- schied. Siegwart kam zu seinem Bauren, der vor sei- nem Haus auf einer Bank saß, und schlief. Er wachte auf, als Siegwart kam, stand ganz schlaf- trunken auf, und nahm seine Muͤtze ab. Es thut mir leid, sagte Siegwart, daß ich ihn so lang aufgehalten habe, ich ward druͤben aufgehalten. Ey was, sagte Thomas, das hat nichts zu bedeu- ten. Jch saß da, und sah den Mond an, bis ich einschlief. Es schlaͤft sich gar gut im Mondschein, und es traͤumte mir eben, als ob ich gestorben waͤr, und in Himmel kaͤme. Da schien Sonn und Mond zugleich. ’s mag auch wol so seyn! Nun, nun, wenn der Herr jetzt ins Bett will, so kann ich ihn hinauffuͤhren. Will gleich ein Licht anma- chen. Siegwart sagte, daß es gar nicht noͤthig waͤre, und gieng ohne Licht hinauf. Er sah noch etwas aus dem Fenster in die mondbeglaͤnzte Ge- gend. Von ferne sah er das weiße Landhaus durch- schimmern, und ein Licht drinn. Er dachte, daß dieß vielleicht Marianens Licht waͤre, und sah hin- aus, bis es ausgeloͤscht wurde. Endlich gieng er, vergnuͤgt wie ein Engel, zu Bette. Um vier Uhr ward er durch das Horn des Kuh- hirten, durch das Gebloͤk der Kuͤhe, und das Schnattern der Gaͤnse, die man austrieb, schon wieder wach gemacht; auch unten in seinem Hau- se war schon alles munter. Er zog sich an, und gieng hinab. Ey, Ey, sagte Thomas, auch schon auf? Das haͤtt ich nicht gedacht, daß die Stadt- herren so bald aus den Federn koͤnnten. Komm, Anne, so hieß sein Weib, gruͤß den Herrn! Du hast ihn doch noch nicht gesehen. ’s ist meiner Seel ein braver Herr, und so gemein; denn er spricht mit unser einem, wie mit seines Gleichen. Anne war ein freundliches Weib, und both Sieg- wart an, in die Stube zu gehen, und Haberbrey mit zu essen. Thomas lachte sie uͤber dieses Aner- bieten aus; Siegwart aber sagte, daß er alles mitmache, und gieng in die Stube. Das Gesin- de saß um eine große, dampfende Breypfanne herum, den rechten Arm auf den Linken gestuͤtzt, und aß nach Herzenslust. Sie gafften unsern Siegwart staunend an, und winkten sich einander zu, als ob sie sagen wollten: Sieh! das ist ein rechter Herr! Er sah auf seine Taschenuhr, und zog sie auf. Die Leute| sahen einander voll Verwunderung an, weil sie nicht wusten, was das waͤre? Ein Bauerkerl sah besonders neugierig zu, und buͤckte sich ganz uͤber den Tisch herum. Weis er nicht, was das ist? sagte Siegwart; und auf die Antwort: Nein, machte er das Uhrgehaͤuse auf, und setzte sich zu ihnen. Die Knechte und Maͤgde wusten nicht, wie sie ihre Verwunderung uͤber das kuͤnstliche Ge- maͤchte genug an den Tag legen sollten. Sie glaub- ten, es gieng ohne Zauberey nicht zu, daß sich die kleinen Raͤder alle so von selbst bewegten. So eine Uhr, glaubten sie, waͤre wol viel Jauchert Ak- kers werth. Anne brachte nun in einer kleinern Pfanne, Brey fuͤr Siegwart. Das Gesinde gieng indessen mit Thomas ins Feld hinaus zur Heu- erndte. Anne war sehr gespraͤchig und sehr neu- gierig. Sie that von fern allerley Fragen, um etwas von Siegwarts Stand und Umstaͤnden zu erfahren. Er sagte, daß er die Frau Held, die seine Base sey, besucht habe. Nun brach die Baͤurin in Lobeserhe- bungen der Frau Held aus, daß sie so fromm und gutthaͤtig gegen die Armen sey, und mit jedem Bauersweibe spreche, als ob sie selbst nicht viel mehr waͤre. Sie war auch schon einmal bey mir, sagte sie, als ich vor einem Jahr im Kindbett lag, und so krank war. Jch hatte da so starke Hitzen, und sie brachte mir Himbeersaft, und andre gute Sachen, daß mir bald drauf besser wurde. Jch sehe sie seitdem immer drum an, und dank ihr in der Stille, so oft ich sie seh. Sie hat auch ein paar recht brave Jungfern bey sich, die man sich nicht besser wuͤnschen koͤnnte. Die Eine davon ist ihre Base, die war schon oft bey ihr. Aber die andre hab ich noch in meinem Leben nicht gese- hen. Das ist gar ein bildschoͤnes Fraͤulein, sie hat ein Gesicht wie Wachs, und Backen wie Milch und Blut. Jch meyne, ich koͤnne sie nicht genug ansehn, wenn sie in die Kirche koͤmmt. Sie gruͤßt da die Leu- te so freundlich, und ist so andaͤchtig, daß es einen in der Seele wohl thut. Sie soll von vornehmen Leuten seyn, und thut doch gar nicht vornehm. Erst letztern Sonntag sagte sie zu mir: Guten Mor- gen, Anne! und kuͤßte meine kleine Kathrine, als obs ihr eignes Kind waͤre. Jndem kamen zwey Kinder, die eben aufgestan- den waren, in die Stube; ein Knabe von sieben, und ein Maͤdchen von fuͤnf Jahren. Sie stutzten anfaͤnglich, als sie den fremden Herrn sahen. Als aber Siegwart freundlich auf sie zu kam, wurden sie nach und nach vertraulich, und endlich ganz zuthaͤtig, und erzaͤhlten ihm allerley Geschichten. Die Baͤurin sah Siegwart wie einen Engel an, weil er mit ihren Kindern so freundlich that, und sich so zu ihnen herabzulassen wußte. Waͤhrend daß er mit ihnen spielte, kam Frau Held mit Marianen und Karolinen, um ihn zu einem Spatziergang abzuholen. Sie spra- chen noch eine Zeitlang mit Annen, und giengen dann, durch das naͤchste Waͤldchen, dem Schloß zu. Siegwart erzaͤhlte ihnen, wie er seine Zeit in dem Dorf zugebracht habe, und machte ihnen durch seine Schilderung viele Freude. Den Mit- tag assen sie zusammen im Gartensaal, und nach dem Essen spielte Frau Held auf dem Fluͤgel. Ge- gen Abend nahm Siegwart Abschied, nachdem er erst versprochen hatte, den andern Tag wieder zu kommen, zumal da Mariane sagte, ihre Mutter wuͤrde dann ein paar Tage bey ihnen zubringen, und also wuͤrde er dann nicht herauskommen koͤn- nen. Er versprach auch, seine Floͤte mitzubringen. Sie begleiteten ihn noch eine halbe Stunde weit. Er kuͤßte seine Mariane aufs zaͤrlichste, und nahm von Frau Held und Karolinen Abschied. Den andern Morgen war das Wetter sehr schwuͤl, und ein Gewitter zog nach dem andern vorbey. Er sah alle Augenblicke nach dem Himmel, und war sehr besorgt, er moͤchte nicht aufs Landguth hinaus gehen koͤnnen. Sein Barometer, den er jede Viertelstunde besah, fiel immer tiefer, und endlich brach um zwoͤlf Uhr ein heftiges Gewitter los, das mit Hagel und Schlossen begleitet war. Er war daruͤber sehr betruͤbt, hoffte aber immer, es wuͤrde sich noch aufheitern. Jede Wasserhelle hielt er fuͤr klaren Himmel, und sah dann mit Mis- vergnuͤgen wieder neue Wolken aufsteigen. Einmal zog er sich schon an, um wegzugehen, weil der Him- mel etwas hell ward; aber, als er aus dem Hause wollte, kam ein neuer heftiger Gewitterschauer; und so giengs den ganzen Abend fort; bis er endlich, wider seinen Willen, sich entschliessen mußte, da zu bleiben. Er stellte sich immer vor, wie sie auf ihn warten wuͤrden, und machte sich dann selber wieder Vorwuͤrfe, daß er doch nicht, trotz dem Wetter, hinausgegangen sey. Der ganze Abend war ihm laͤstig und langweilig; er konnte nichts lesen, und nichts denken. Mariane, mit ihrer laͤndlichen Gesellschaft war sein einziger Gedanke, bis Dahlmund, ihn zu besuchen, kam. Dieser fragte ihn, wo er doch gewesen sey? Er hab ihn so lang schon nicht gesehen. Siegwart antwor- tete, er sey bey Frau Held gewesen. — Bey Frau Held? sagte Dahlmund hastig; von der hab ich wenig Gutes gehoͤrt; und nun erzaͤhlte er allerley Verleumdungen, die man ihm von ihr beygebracht hatte; daß sie ihrem Mann untreu gewesen, aus Liebe alle Augenblicke naͤrrisch geworden sey, und dergleichen mehr. Siegwart fuhr auf, und wollte boͤse werden; aber Dahlmund beruhigte ihn wie- der durch die Versicherung, daß er diese Aussagen selbst nicht glaube, und es sich zur Regel wolle dienen lassen, dergleichen Geschwaͤtze nicht mehr anzuhoͤren. Den folgenden Tag hoffte Siegwart halb und halb, von seinem Vater Antwort zu bekommen, aber vergeblich. Das Wetter war wieder schoͤn geworden, und er waͤre so gern zu seiner lieben Mariane hingeeilt, aber er sah ihre Mutter weg- fahren, und wagte sich also nicht aufs Guth hinaus. Am dritten Tag, als sie wieder zuruͤckkam, gieng er noch denselben Abend hinaus, und kam erst in der Daͤmmerung bey ihnen an, als Mariane mit Karolinen eben die Levkojenstoͤcke begoß. Sie ließ vor Freuden die Gießkanne fallen, als sie ih- ren Siegwart wieder sah, und lief auf ihn zu. Er schloß sie mit Jnbrunst in den Arm, und entschul- digte sich, daß er letzthin nicht Wort gehalten, und herausgekommen sey. Ach, sagte sie, ich haͤtte ge- zittert, wenn Sie bey dem fuͤrchterlichen Wetter gekommen waͤren. Wir glaubten hier, die Welt werde untergehn; es war Feuer an Feuer, und Schlag auf Schlag. Besonders Einmal kam ein Donnerschlag, von dem wir glaubten, er hab unser Haus getroffen; wenigstens muß der Blitz ganz in der Naͤhe eingeschlagen haben. Jetzt ists schon zu daͤmmerig; morgen sollen Sie sehen, wie der Hagel unsre lieben Blumen, und den gan- zen Garten mitgenommen hat. Frau Held kam nun auch, und bewillkommte unsern Siegwart. Sie setzten sich in den Gartensaal zusammen. Frau Held spielte den Fluͤgel, und Siegwart saß mit seiner Mariane auf dem Kanapee, gab und nahm tausend Kuͤsse; und empfand das Gluͤck der Zaͤrt- lichkeit gedoppelt, weil er von seinem Engel einige Tage hatte getrennt leben muͤssen. Nach dem Abendessen giengen sie im Garten spatzieren. Sieg- wart schlich sich unvermerkt weg; setzte sich auf ei- nen halb umgebognen Birnbaum, und fieng an, auf der Floͤte zu spielen. Bravo, bravo! riefen die Frauenzimmer, kamen zu ihm, und setzten sich ihm zur Seite an den Birnbaum. Der Ton sei- ner Floͤte klang wie Silber durch die stille Som- mernacht. Jhre Herzen wurden weich, und weh- muͤthig. Mariane sank ihm endlich an sein Herz. Er ließ die Floͤte sinken, und umarmte sie. Kei- nes konnte vor Entzuͤcken und Empfindung spre- chen. Nachdem er Marianen gnug gekuͤßt hatte, mußte er noch drey, oder vier Arien spielen, und gieng erst um zehn Uhr auf sein Dorf hinuͤber. Die Frauenzimmer begleiteten ihn noch. Unter- wegs freuten sie sich uͤber die haͤufigen Johannis- wuͤrmchen, die wie kleine Feuerfunken durch die Nacht flogen. Siegwart fieng ein paar Wuͤrm- chen. Eins davon legte er auf seinen, und das andre auf Marianens Sonnenhut. Als sie von einander Abschied nahmen, blieb er stehen, und sah das Wuͤrmchen noch lang auf ihrem Hut glaͤn- zen. Seinen Bauren Thomas und sein Weib traf er noch auf der Bank vor dem Haus sitzend an. Er merkte, daß sie niedergeschlagen waͤ- ren, wollte sie aber heut nicht mehr um die Ursa- che davon fragen. Auf der Kammer legte er sich noch ins Fenster, und blies, eh er zu Bette gieng, fuͤnf, oder sechs Floͤtenstuͤcke. Um vier Uhr stand er den andern Morgen auf, und gieng zu Tho- mas hinunter. Dieser saß, die Hand an den Kopf J i i gestuͤtzt, am Tisch, und seine Frau neben ihm. Wo fehlts, Thomas? sagte Siegwart. Ach, uͤber- all, Herr! antwortete der Bauer. Wir sind eben geschlagene Leute, seit uns unser Herr Gott so heimgesucht, und all unser Korn durch den Ha- gel weggenommen hat. Da sitzen meine Leute nun, und haben nichts zu thun, als die Aecker, wo die liebe Saat gestanden hat, umzupfluͤgen, und allenfalls Ruͤben oder Wickenfutter drauf zu saͤen. Jch weis nicht, wie’s mir auf den Winter gehen wird, zumal wenn die Herrschaft doch die Gebuͤhr haben will. Stand nicht unser Feld so schoͤn, und als ich da nach dem Hagelwetter hinauskomm, steht kein Halm mehr, und das Wasser laͤuft mir strom- weis entgegen, und die Leute liegen auf den Knien, schlagen die Haͤnd’ uͤber’m Kopf zusammen, und fangen ein Geheul an, daß ich bald mein eignes Elend drob vergessen haͤtte. Es ist, weis Gott! ein Hartes; und, wenns nicht von Gott herkaͤme, wuͤßt ich mich nicht drein zu finden! Er klagte noch eine gute Zeit so fort, und sagte: wenn er nur zwoͤlf Gulden haͤtte, um neues Saamen- korn einzukaufen, und seine Haushaltung etwas zu bestreiten, so gieng’s noch an, sonst muͤss’ er einen Acker verkaufen; und jetzt gebe niemand nichts drum, weil kein Mensch im Dorf Geld habe. Siegwart troͤstete ihn, so gut er konnte, und gieng um neun Uhr aufs Schloß hinuͤber zu Frau Held und der uͤbrigen Gesellschaft. Es war eben ein Bauer aus dem Dorfe da, der bey Frau Held etwas Geld entlehnte, weil ihm der Hagel auch seine Fruͤchte zerschlagen hatte. Der Bauer gieng mit Thraͤnen in den Augen weg, und dankte. Er mußte den Flachs, den er der Frau Held hatte verehren wollen, wieder mitneh- men, und daruͤber war er noch mehr geruͤhrt. Als er weggegangen war, fieng Siegwart an: Jch haͤtt auch eine Bitte einzulegen fuͤr meinen Hauswirth Thomas. Der arme Mann hat kein Geld zur neuen Aussaat, und wollte doch nicht gern einen Acker verkaufen. Mit zwoͤlf bis funf- zehn Gulden waͤr ihm geholfen. Wollten Sie es wohl mir zu Gefallen thun, Frau Held? Herzlich gern, antwortete sie, und gieng aus dem Saal. — Kommen Sie! sagte Mariane zu Siegwart und Karolinen; wir wollen nach den Blumen sehen, die der Hagel verderbt hat. Sie giengen in den Wurzgarten. Es war ein trauriger Anblick. Den Levkojenstoͤcken waren mehrentheils die Zweige ab- geschlagen, und die schoͤnsten Blumen lagen zerfetzt im Schlamm. Die Rosen hiengen halb entblaͤttert am Strauch; die Knospen waren zerknickt, oder die Blaͤtter durchloͤchert, und gelb. Den Aurickel- stoͤcken waren die Herzblaͤtter abgeschlagen; unter den Baͤumen lag das Laub, und die unreife Frucht dickgesaͤt. Kurz, die Verwuͤstung war fast allge- mein. Siegwart und die Maͤdchen blickten trau- rig drauf hin. Noch vor wenig Tagen, sagte Siegwart, wars hier wie ein Paradies, und nun! — — — Gott! wie unbestaͤndig ist doch alles! — Sie werden zu traurig, sagte Karoli- ne, und fuͤhrte sie wieder in den Gartensaal. Ma- riane setzte sich an den Fluͤgel, und spielte. Frau Held kam dazu, und setzte sich zu Siegwart. Nach einer halben Stunde kam Thomas, und fragte, was die gestrenge Frau zu besehlen habe? Sie erkundigte sich nach einigen ihrer Aecker, die Thomas zu bestellen hatte, ob der Hagel da viel Schaden angerichtet habe? Endlich fragte sie ihn, wie von ungefaͤhr, ob er auch sehr drunter gelitten habe? Und als er es bejahete, und seine jetzige Ver- legenheit erzaͤhlte, bot sie ihm an, ihm 20 oder 25 Gulden vorzuschiessen. Der Bauer wußte nicht, wie ihm war, und was er sagen sollte? Frau Held holte das Geld, und gab es ihm. Er war ganz ausser sich, und konnte vor Thraͤnen nicht zu Worte kommen. Dankend und weinend nahm er Abschied. Die Gesellschaft sprach nun von dem Gluͤck, Reichthuͤmer zu besitzen, wenn man auch die Kunst weis, sie wohl anzuwenden. Jch schaͤme mich nicht, sagte Siegwart, meine Schwachheit zu gestehen, und mir viel Vermoͤgen zu wuͤnschen. Wer viel hat, kann viel geben! Mariane blickte ihn fuͤr diese Gesinnungen mit Zaͤrtlichkeit an; druͤckte seine Hand, und sank stillschweigend an sein Herz. Eine halbe Stunde drauf gieng man zu Tisch. Die Mahlzeit war sehr einfach. Eßt, meine lieben Kinder! sagte Frau Held. Bey mir sieht man dem Koch bald unter die Augen. So ists am besten, sagte Mariane. An den allzusehr beladnen Tafeln will mirs nie ganz schmecken. Man ißt auf Kosten seiner Gesundheit, und der Gedanke macht mir jeden Bissen bitter: Daß von diesem Ueberfluß, wenn er in gemeine nahrhafte Speisen verwandelt wuͤrde, zwanzig und mehr Arme koͤnn- ten gesaͤttigt werden. Jch sah einmal den Hof in Muͤnchen offne Tafel halten. Die Tische waren voll; die Gaͤste uͤbersaͤttigt, und hundert Menschen mit eingefallenen Gesichtern standen da, denen man den Wunsch aus den Augen lesen konnte: Wenn doch meine armen Kinder davon haͤtten! Das gieng mir durch Mark und Bein, und ich dachte: Jch moͤchte nie ein Fuͤrst, oder eine Fuͤrstin seyn, wenn ich fuͤrstlich leben muͤßte. Zumal wenn man denkt, daß mehrentheils der Schweiß der Unterthanen auf den Tisch kommt! — Frau Held hatte nach Tisch mit Karolinen einige Haushaltungsgeschaͤfte zu besorgen. Siegwart gieng mit Marianen nach dem Waͤldchen. Sie haben gestern Abend, fieng Mariane an, mir mit Jhrer Floͤte noch viel Vergnuͤgen gemacht. Jch konnts noch hoͤren, als ich schon zu Bette lag. Es war, als ob ich Jhre Seele sprechen hoͤrte. Ueberhaupt ist der Floͤtenton der Ton der Liebe, oder des guten Herzens. Wenn ich einen gut die Floͤte spielen hoͤre, so ist mirs kaum moͤglich, zu glauben, daß dieser Mensch, wenigstens in diesem Augenblick, etwas Boͤses denken, oder ausuͤben koͤnne. So geht mirs fast bey allen Jnstrumenten, sagte Siegwart. Sie waren nun im Waͤldchen. Gott! Was ist da geschehen! sagte Siegwart. Der Apfelbaum, unter dem sie auf der Rasenbank gesessen hatten, war vom Blitz entzwey geborsten. Die Aeste la- gen umher verstreut, und die Blaͤtter waren ver- sengt. Mariane stand blaß und zitternd da. Das ist der Donnerschlag, den wir gehoͤrt haben, sagte sie. Haͤtten wir denken sollen, daß das unserm lieben Baum gelte! Siegwart hatte indessen in der Hecke nach dem Grasemuͤckenestchen gesehen. Sieh, Mariane! sagte er, und konnte weiter nicht spre- chen. Sie sah hin. Die Mutter saß im Nestchen todt auf ihren Jungen. Neben ihr lag das Maͤnn- chen, mit ausgebreiteten Fluͤgeln, todt. Was half nun meine Vorsicht? sagte er. Haͤtt ichs wegge- jagt vom Nestchen, und sie lebten noch! — Ma- riane setzte sich, ganz betaͤubt, am gespaltnen Stamm auf die Rasenbank. Sie schwiegen lang, und sahn sich traurig an. Wo mag gestern Hofrath Schrager hingefahren seyn? fragte endlich Siegwart. Es war ein Koffre hinten auf dem Wagen aufgepackt. Vermuthlich nach Abach, sagte Mariane; meine Mutter hat davon gesagt. Nach Abach? fragte Siegwart ganz tiefsinnig. Weis Jhr Vater was davon? Vermuthlich; war Marianens Antwort. Mein Vater hat ihm einen Brief zugeschickt. Siegwart. Und das sagen Sie so kalt? Mariane. Warum nicht, mein Lieber? Fuͤrch- ten Sie schon wieder? Siegwart. Sollt’ ich etwa nicht? Ach Maria- ne, Mariane! Jhre Gleichguͤltigkeit ist mir uner- klaͤrlich. Jch kann nie ohne Zittern an den Hof- rath denken. Sie wissen, welchen Schrecken er uns schon gemacht hat. Mariane. Und doch giengs voruͤber. Seyn Sie ruhig! An meiner Liebe werden Sie doch nicht zweifeln? Siegwart. An Jhrer Liebe warlich nicht! Aber schuͤtzt diese uns vor allem? Jch fuͤrchte, ich fuͤrchte, das Schicksal, oder Menschen werden uns nicht zusammen leben lassen. Mariane. So laͤßts uns doch zusammen ster- ben. Denk an die Voͤgel dort im Busch! Ach Siegwart! du hast viel zu wenig Glauben an die Vorsehung, und an dich, und mich. Mein Herz hast du. Meine Hand noch nicht, aber sie soll keines andern werden. Jch schwoͤr es dir aufs neu vor Gott und allen Heiligen. Man koͤnnte dich mir rauben, aber keinem andern geben kann mich niemand. Dazu gehoͤrt mein Wille, und den Willen eines Menschen hat noch kein Mensch gezwungen. Karoline und ihre Tante kamen ins Waͤldchen, eh noch Mariane ausgesprochen hatte. Sie bedaurten zusammen den schoͤnen Apfelbaum, und das ganze Waͤldchen, das von den Schlossen sehr viel gelitten hatte. Ueberall lagen Zweige und Fruͤchte, manch- mal war die Rinde mit abgeschaͤlt. Dieser Anblick machte sie traurig, und still. Sie giengen wieder nach dem Garten. Unterwegs sagte Mariane ih- rem Siegwaat, in acht Tagen werd ihr Vater wieder kommen, und sie selbst zieh in vier Tagen wieder in die Stadt. Er mußte versprechen, we- nigstens noch zweymal herauszukommen; denn heut wollte er in die Stadt, weil er morgen gewiß ei- nen Brief von seinem Vater erwartete. Gegen Abend gieng er also nach der Stadt, und hatte wegen der Nachricht vom Hofrath Schrager tausend unruhige Gedanken, denn er glaubte gewiß, daß seine Reise nach dem Bad die Verheyrathung mit Marianen zur Absicht habe. Marianens Versicherung, daß sie ihm treu bleiben wolle, konnte ihn nicht genug beruhigen, denn er wußte, wie viel Kuͤnste man anwenden koͤnne, ein Maͤdchen durch List und durch Gewalt auf andre Gedanken zu bringen. Er hatte Muth ge- nug, alles zu unternehmen, aber mehr gegen offen- bare Gewalt als gegen List und Kunstgriffe; und mehr, wenn die Gefahr schon da war, als wenn sie erst noch von ferne drohte. Den Tag darauf wartete er mit der groͤsten Sehnsucht auf einen Brief von seinem Vater. Der Briestraͤger kam endlich. Mit klopfendem Herzen sprang er ihm die Treppe hinab entgegen; nahm den Brief an, ohne die Ueberschrift zu le- sen, und brach ihn auf. Wie erschrack er, als er statt der Handschrift seines Vaters, des jungen Gruͤnbachs seine sah, der ihm berichtete: Er wer- de nun gewiß an Michaelis nach Jngolstadt kom- men, da er an Ostern daran verhindert worden sey. Siegwart warf den Brief weg, eh er ihn ausgelesen hatte, und machte sich tausend schreckli- che Vorstellungen, warum wol sein Vater nicht geschrieben haben moͤge, da doch schon vor vier Posttagen ein Brief haͤtte ankommen koͤnnen. Mit alle seinem Nachsinnen bracht er doch nichts heraus, als tausenderley Muthmassungen, deren immer ei- ne die andre wieder aufhob. Voll verdruͤßlicher Grillen und uͤbler Laune gieng er aufs Landguth hinaus. Mariane sahs ihm bald an, daß ihm etwas fehlte. Anfangs vermuthete sie, er habe einen verdruͤßlichen Brief bekommen; als sie aber hoͤrte, daß er gar keinen erhalten habe, und nur deswegen so unruhig sey, stellte sie ihm vor, wie unnoͤthiger Weise er sich selber quaͤle, da es ja eben soviel gute oder gleichguͤltige Ursachen geben koͤnne, warum der Brief einen Posttag laͤn- ger ausbleibe, als boͤse, und unangenehme. Jhre Gruͤnde, und noch mehr ihr freundliches Gesicht hellten seine Seele wieder auf, und bannten alle Zweifel und Gruͤbeleyen draus weg; und dieser Abend war ihm einer der froͤhlichsten, zumal da ihm auch Mariane noch sagte, es sey ihr erst bey- gefallen, daß der Hofrath Schrager schon vor ei- nem Jahr gesagt habe, er wolle diesen Sommer ins Abacherbad reifen. Er blieb bis nach zehn Uhr bey Frau Held, und traf seinen Bauren schon im Bette an. Es that ihm leid, daß er ihn wecken mußte, aber Thomas that ganz freund- lich. Den andern Morgen fand er auch Thomas und sein Weib recht aufgeraͤumt. Sie erzaͤhlten ihm mit grossen Freuden, was er schon wußte, daß Frau Held ihnen in ihrer Noth ausgeholfen, und ihnen mehr vorgeschossen habe, als sie noͤthig gehabt haͤtten. Sie brachen in Lobeserhebungen der gutthaͤtigen Frau Held aus, und Siegwart freute sich mit ihnen gemeinschaftlich druͤber. Als er sagte, daß er eben zu ihr hinuͤber gehe, trugen sie ihm tausend herzliche Gruͤsse und Segens- wuͤnsche an sie auf. Frau Held schlug ihrer Gesellschaft zur Abwech- selung vor, auf einem sehr schoͤnen Teich, der ihr gehoͤrte, und nicht gar weit vom Schloß lag, herumzufahren, und zu angeln. Der Teich war laͤnglicht, und mit einem dicken Gestraͤuch von Hagdorn umgeben, welches eben bluͤhte. Die Bluͤthen, welche sich im klaren Wasser spiegelten, der blaue Himmel, und die Sonne, die daraus zuruͤckstralten; das sanfte Luͤftchen, das die Hitze kuͤhlte, und der Gesang der Voͤgel am Ufer mach- ten die Fahrt ansserordentlich angenehm. Sie fiengen mit der Angel nur so viele Fische, als sie zum Mittagsessen noͤthig hatten. Drauf nahm Siegwart seine Floͤte, und blies; Mariane sang dazu. Sie waren alle so heiter, wie der Som- mermorgen. Die Freude stralte aus ihren Gesich- tern, wie die Sonn aus dem Teich. Am Ufer besteckten sie ihre Huͤte mit Hagdornbluͤthen, und giengen so, Hand in Hand, in den Gartensaal zuruͤck, wo sie bald darauf zusammen assen, und den Nach- mittag mit Scherz und frohem Lachen zubrach- ten. Als Siegwart Abschied nahm, sagte Frau Held: Sie verlassen mich nun; Jhre Mariane will in zween Tagen nachfolgen, und in drey Tagen bin ich mit meiner Nichte in der Einoͤde. Das waͤre doch nicht recht, wenn Sie uns so ganz allein las- sen wollten. Zuweilen, daͤcht ich, koͤnnten Sie uns wol noch einen Nachmittag schenken. Wenn wir Sie gleich nicht so gut, wie Jhre Mariane, unterhalten koͤnnen, so wollen wir doch unser moͤg- lichstes thun; ohne daß Mariane Ursache zur Ei- fersucht bekommen soll. Wollen Sies mir wol in die Hand versprechen, noch zuweilen an uns zu denken? Siegwart gab ihr die Hand, und ver- sprach, sie gewiß oͤfters zu besuchen. Er nahm mit tausend herzlichen Danksagungen Abschied, kuͤßte seine Mariane, und gieng tausendmal vergnuͤgter, als er herausgegangen war, wieder nach der Stadt. Zu Haus fand er einen Brief von seiner Schwe- ster, der fast nichts, als ihr unaussprechliches Gluͤck, die Zaͤrtlichkeit ihres Kronhelm, und Ein- richtungen auf ihren Guͤtern, und in ihrem Haus- wesen zum Jnhalt hatte. Er schrieb ihr und sei- nem Schwager sogleich wieder, meldete ihnen sei- ne jetzige Lage mit Marianen, daß er alle Tage von seinem Vater Antwort erwarte, und diesen Brief so lang zuruͤckbehalten wolle, bis er ihnen zugleich die Antwort mit melden koͤnne. Zween Tage nachher kam Mariane wieder vom Land zuruͤck. Er sah sie aussteigen, und gruͤßte sie vom Fenster aus. Den Tag drauf erhielt er endlich den laͤngst so sehnlich erwarteten Brief von seinem Vater: Aber — Gott! wie erschrak er, als er folgendes las: Theurer Sohn! Dein Schreiben habe erhalten, und wollte es schon beantworten, als mich Gott mit einer schwe- ren Krankheit heimsuchte, und dem Tod nahe brachte. Seit ein paar Tagen fuͤhl ich einige Lin- derung, und der Arzt will von Hofnung sagen; aber ich suͤhle noch Todesschwaͤche, und schreibe dieses, wie du siehst, mit zitternder Hand. Theu- rer Sohn, du weist, was ich auf dich halte, und wuͤnsche ich daher nichts sehnlicher, als dich vor meinem Ende, welches vielleicht vor der Thuͤr ist, noch einmal zu sehen, und dir meinen vaͤterlichen Segen aufzulegen. Von der bewußten Sache koͤnnen wir dann auch sprechen; solltest du mich aber, nach Gottes Willen, schon todt antreffen, so erklaͤr ich mich hiemit, daß nichts dagegen habe, und es gern sehe, wenn du weltlich bleibst, und durch meines Freundes Tochter gluͤcklich wirst. Gruͤß und versichre sie meiner gaͤnzlichen Zunei- gung! Bleib nur fromm und redlich! Dies ist der beste Segen, den dir dein Vater auf der Welt zuruͤck lassen kann. Komm so bald, als moͤglich, denn ich bin sehr schwach, und kann nicht weiter schreiben. Bin dein, auch noch im Tod getreuer Vater Siegwart. Amtmann. Das ganze kindliche Herz unsers Siegwarts ward im Jnnersten erschuͤttert, als er diesen Brief erhielt. Thraͤnen stuͤrzten stromweis auf das Blatt hin. Er wagte es kaum den Brief zum zwey- tenmal zu lesen; und doch hatte er seinen Jnhalt noch nicht halb gefaßt. Die dringende Nothwen- digkeit, sogleich abzureisen, machte ihn noch staͤr- ker, und gewissermaßen unempfindlicher, als er sonst gewesen waͤre. Die Einwilligung seines Va- ters in seine Liebe, war ein Stral, der ihm die tiefe Dunkelheit noch in etwas erhellte. Er lief aus dem Haus, und bestellte ein Pferd. Dann gieng er geradezu in Marianens Haus, und ver- langte, sie zu sprechen. Sie kam zu ihm aufs Besuchzimmer. Verzeihen Sie! sagte er, und gab ihr seines Vaters Brief; ich mußte Sie noch sprechen. Sie las, konnte den Brief kaum vor Zittern halten, ward bald roth, bald blaß, gieng endlich auf ihren Siegwart schweigend zu, und sank weinend in seinen Arm. Gott steh Jhnen bey! sagte sie nach einiger Zeit. — Ach, meine Liebe, antwortete er; ich muß noch heute sort. — Aber, vergessen Sie mich nicht! O vergessen Sie mich nicht! Jch will sobald als moͤglich wieder kommen. Wollten Sie mir wol einmal einen Brief schreiben, meine Liebe? — Wie kann ich das? fragte sie. — Durch Jhren Bruder, war die Antwort. — Gut, ich will es thun, sagte sie. Aber kommen Sie nur bald wieder zuruͤck! Jch will fuͤr Sie, und fuͤr die Genesung Jhres Vaters beten. Er versprach noch einmal, aufs moͤglichstbaldeste zu kommen, und ihr durch ihren Bruder sogleich von Haus aus zu schreiben, wie es mit ihm und seinem Vater stuͤnde. Sie umarmten sich noch einmal aufs zaͤrtlichste, und konnten vor Schluch- zen kein Wort sprechen. Siegwart gieng noch auf einige Augenblicke zu Marianens Mutter, um von ihr Abschied zu nehmen, die ihn aufs freund- schaftlichste empfieng, und ihm auf die theilneh- mendste Art ihr Beyleid bezeugte. Mariane be- gleitete ihn die Treppe hinab, sank in der Haus- thuͤr noch einmal in seinen Arm, weinte an sei- nem Busen, und versprach ihm, alle Tage etwas an ihn aufzuschreiben. Er riß sich aus ihren Ar- men los, und gieng. Nach einer Stunde setzte er sich zu Pferd, sah noch einmal weinend zu seiner Mariane hinauf, und ritt weg. Schmerz und tiefe Traurigkeit be- gleiteten ihn auf dem ganzen Wege. Jn einem Dorf stieß er auf ein Leichenbegaͤngnis. Dieser Anblick durchbohrte ihm das Herz. Er ritt schnell vorbey, um seine Thraͤnen zu verbergen. Er stell- te spaͤt bey Nacht ein, und ritt Morgens wieder fruͤh weg. Den andern Tag kam er, ziemlich spaͤt, in seinem Dorf, und vor seinem Haus an. Kein Mensch kam ans Fenster. Nur im hintern Zimmer sah er ein schwaches Licht. Er fuͤhrte sein Pferd selbst in den Stall, und gieng ins Haus. Alles war still; kein Mensch begegnete ihm. Zit- ternd, und mit lautem Herzklopfen gieng er an das Zimmer seines Vaters. Auch da hoͤrte er keinen K k k Laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Sei- ne Bruͤder, Salome, und seine Schwaͤgerin stan- den schluchzend ums Bett’ herum. Schweigend wichen sie zuruͤck, als er hin trat. Todtenbleich lag sein Vater auf dem Bett, und streckte die Hand nach ihm aus, die kraftlos wieder niedersank. Mein Sohn! — sagte er. Siegwart stuͤrzte sich mit Thraͤnen uͤber seinen Vater, und kuͤßte und benetzte sein Gesicht. Gottlob! sagte der Vater, leis’ und langsam, daß ich dich noch sehe, und legte die Hand auf seines Sohnes Haupt. Gott segne dich! … und steh dir bey … mein Sohn! … Leb fromm … und christlich … du kannst … Jura studiren … leb .. mit Marianen … Hier druͤckte er seine Hand staͤr- ker auf sein Haupt, und starb. Ein allgemeiner Jammerton erhub sich in der Stube. Siegwart stuͤrzte sich wieder uͤber seinen Vater, druͤckte sein Gesicht fest ans seinige; hub sich mit ausgestreck- ten Armen auf, sah mit einem Gesicht, voll des tiefsten Jammers, gen Himmel, und gieng aus der Stube. Nach einer Viertelstunde kam sein Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf einem Gesimse liegend, das Gesicht in beyde Ar- me eingehuͤllt. Karl hub ihn auf. Ach mein Va- ter! mein Vater! rief er, die Haͤnde ringend, und ein Schnupftuch drinn. Man brachte ihn ins Wohnzimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl, sah starr vor sich hin, sprang auf, und rang wie- der die Haͤnde. Salome und seine Schwaͤgerin kamen aufs Zimmer, schrien und heulten. Jhr habt nichts verlohren, sagte er, aber ich! aber ich! — Er verlangte ein Licht auf seine Kammer. Eine Stun- de lang gieng er sprachlos auf und ab. Endlich warf er sich in den Kleidern aufs Bette, und ließ das Licht brennen. Drey Stunden lang waͤlzte er sich hin und her, und konnte kein Auge zuschließen. Endlich sanken ihm vor Muͤdigkeit die Augenlie- der zu. Bald darauf wachte er von einem Kna- stern und einer ungewoͤhnlichen Helle auf. Das Licht hatte den Vorhang am Fenster angezuͤndet. Er sprang auf, riß den Vorhang herunter, und trat darauf. Als das Feuer schon geloͤscht war, kam das Schrecken erst; er zitterte an allen Glie- dern, warf sich wieder aufs Bette, konnte aber nicht mehr einschlafen, und um 5 Uhr stand er wieder auf. Als er zu seinen Geschwistern kam, machten sie zusammen die Veranstaltungen zu dem Leichen- begaͤngnisse ihres Vaters, welches auf den folgen- den Tag angesetzt wurde. Karl und Salome er- zaͤhlten ihm verschiedenes von der Krankheit, und den Reden seines Vaters auf dem Krankenbette, von seiner Geduld und Gelassenheit, und von seiner Freudigkeit zu sterben, die ihm blos durch den Gedanken verbittert wurde, daß er seine Kin- der verlassen muͤste. Sie erzaͤhlten ihm, wie oft er von ihm gesprochen, und wie sehr er sich dar- nach gesehnt habe, ihn |noch einmal zu sehen. Siegwart zerfloß bey dieser Erzaͤhlung fast in Thraͤ- nen. Sie sagten ihm auch den Wunsch ihres Va- ters, daß man ihn bey ihrer seligen Mutter be- graben, und ihnen einen gemeinschaftlichen Grab- stein setzen moͤchte. Er gieng in den Garten hinunter, um seinem bangen Herzen etwas Luft zu schaffen. Dann gieng er wieder auf sein Zimmer, und schrieb mit Hastigkeit folgendes an Marianen: Liebste, Beste! Er ist todt! Jch habe seinen Segen. — Sein letztes Wort war: Leb mit Marianen. … Das: gluͤcklich starb auf seinen Lippen. — Morgen be- graben wir ihn. — — O Mariane, o Geliebteste! was hab ich verlohren! den Besten, Guͤtigsten, Zaͤrtlichsten. — O Mariane, ich kann nicht wei- ter schreiben. Sey nun Du mir alles! Bleib mir treu! So bald als moͤglich komm ich, hoͤch- stens in acht Tagen. Leb wohl, Engel Gottes! Jch bin ewig Dein Xaver Siegwart. Als er den Brief gesiegelt, und selber, mit der Umschrift an ihren Bruder, dem Postverwalter gebracht hatte, gieng er wieder in seinen Garten, und lief hastig auf und ab, und dann schnell die Treppen hinauf, in das Zimmer, wo sein Vater lag. Seine ganze Natur schauerte zuruͤck, als er ihn so blaß da liegen sah. Erst nahte er sich dem Leichnam langsam, dann stuͤrzte er schnell auf ihn hin, kuͤßte die kalte Lippe, und fuhr aͤngstlich wie- der zuruͤck, und verließ schnell das Zimmer. — Nirgends hatte er eine bleibende Staͤtte; zuweilen ergossen sich seine Thraͤnen haufenweis, und dann war ihm wieder eine Zeitlang wohl. Bey Tische sprachen alle wenig; eins sah das andre traurig an, und dann stieg wieder ein tiefer Seuszer aus der Brust. Auch Salome war tief bekuͤmmert, denn, da ihre Verwandte in Muͤnchen todt war, sah sie fuͤr sich die wenigste Versorgung. Sie be- schlossen, den Nachmittag aufs Feld hinaus zu ge- hen, um sich etwas zu zerstreuen. Alle Leute auf dem Feld sahen ihnen traurig nach, und weinten um ihren lieben Amtmann, und um seine Kinder. Salome sagte: sie haͤtte vor vier Tagen an ihre Schwester Kronhelm geschrieben. Vielleicht, wenn sie koͤnnte, wuͤrde sie mit ihrem Manne heruͤber kommen. Sie giengen fast trauriger wieder nach Haus, als sie es verlassen hatten. Als sie in die Thuͤre traten, weinte Siegwart heftiger. Er war ungefaͤhr eine halbe Stunde auf seinem Zimmer, als er ein Geraͤusch die Treppe herauf kommen hoͤrte. An dem holen Gepolter merkte er, daß der Sarg heraufgebracht wnrde. Ein kalter Schauer lief ihm uͤber alle Glieder; sein ganzer Koͤrper ward erschuͤttert, und er wagte es nicht, vor die Thuͤr hinauszugehen. Das Zimmer, wo sein Vater lag, war nicht weit vom seinigen entfernt. Er hoͤrte den Sarg zunageln. Jeder Schlag durchdrang sein Herz. Er konnte sich vor Wehmuth fast nicht mehr fassen. Als die Leute weggiengen, suchte er im Garten wieder frische Luft, wo er Karl und Salome in Thraͤnen antraf. Er ward beyden| auf Einmal wieder ganz gut, weil sie so um ihren Va- ter Leid trugen. Da er von der vorigen schlaflo- sen Nacht so sehr abgemattet war, so legte er sich, nach dem Abendessen, von dem er ohnedies wenig genoß, fruͤhzeitig zu Bette, und ward durch ei- nen sanften Schlaf erquickt; nur gegen Morgen aͤngstigten ihn fuͤrchterliche Traͤume; und, als er aufwachte, war sein Bett von Thraͤnen naß. Er konnte nun |seinen Schmetz ganz ausweinen. Gott! dachte er, jetzt erwach ich, als eine vater- und mutterlose Waise. Gott, erbarm dich meiner, und hilf mir! Leit du mich durchs Leben, weil mich sonst niemand leiten kann! Sey du ganz mein Vater! Jn deine Haͤnde sink ich; o verwirf mich nicht! Sey du mein Schutzgeist, o mein Va- ter! Vergiß deines Sohnes nicht im Himmel. Jch will dir mein ganzes Leben durch fuͤr deine Liebe danken. Du hast alles an mir gethan. Mein ganzes Leben soll Dank gegen dich seyn! Er hoͤrte schon im Hause ein Geraͤusch, das Zuruͤstungen zum Leichenbegaͤngniß bedeutete. Er gieng ins Wohnzimmer. Das Gesind im Hause sah ihn stumm und wehmuͤthig an, und gab ihm einen guten Morgen, der von ihrem Mitleid zeug- te. Ein paar benachbarte Beamte, die sein Va- ter sehr geliebt hatte, kamen, und bezeugten ihm ihr Beyleid. Sie wollten ihren todten Freund noch einmal sehen. Von den Kindern wollte kei- nes mit ihnen gehen. Ein Knecht gieng mit, und nahm den Deckel noch einmal vom Sarg ab. Jn stummem Schmerz, bleich, und mit Thraͤ- nen kamen die Amtleute wieder, und konnten nichts, als seufzen. Dieser Ausdruck ihrer Liebe ruͤhrte unsern Siegwart mehr, als Worte. Er stand am Fenster, und sah einige Bauren, vom Gericht, kommen, die den Sarg tragen soll- ten. Sie sahn traurig herauf, und wuͤnschten ihm einen guten Morgen. Nach und nach kamen auch andre Bauersleute, um die Leiche zu begleiten, alle niedergeschlagen, und mit verweinten Augen. Aussen an der Mauer des Hofes standen, in schlechten Kleidern, arme Leute, die vor Traurig- keit kaum aufzublicken wagten. Sie weinten wie um ihren Vater, denn der alte Siegwart wars ihnen durch seine Wolthaten geworden. Sein Sohn fuͤhlte, mitten in seinem tiefen Schmerz, noch das große Gluͤck, als ein rechtschaffener Mann zu sterben, und wegen seiner Wohlthaͤtigkeit und Redlichkeit beweint zu werden. Aber bey dem Gedanken flos- sen seine Thraͤnen haͤufiger. — Die Richter des Dorfs traten nun ins Haus herein, um den Sarg zu holen. Sie brachten ihn heraus; alte, ehr- wuͤrdige Maͤnner, mit grauen Haaren, die schon auch dem Grabe zuwankten. Vorne trugen zween, die dem Tod am naͤchsten zu seyn schienen. Alle sahen mit thraͤnenlosem Schmerz zur Erde. Nur zuweilen floß eine Zaͤhre zwischen den grauen Au- genwimpern hervor. Die Leidtragenden giengen nun auch die Treppe hinunter, und folgten der Bahre nach. Das Laͤuten der Glocken, und der stille Zug, von dem man nur zuweilen ein Schluch- zen, oder einen Seufzer hoͤrte, war feyetlich. Von der Seite, aus einer kleinen Huͤtte, sprang ein Weib herbey, mit einem Kind auf dem Arm; ach Jakob, rief sie; schau, da wird dein Vater hingetragen, der uns so viel Guts gethan hat! Gott vergelts ihm in der Ewigkeit! Sie schrie noch lange fort, bis man sie stillschweigen hieß. Auf dem Kirchhof stand Siegwart auf dem Grabe sei- ner Mutter, und sah in die Gruft hinab, die nun auch seinen Vater einschliessen sollte. Ein paarmal ward er fast ohnmaͤchtig, und schwankte, daß man ihn halten muste. Als der Grabhuͤgel aufgewor- fen war, steckte eine arme Frau einen Rosenzweig darauf. Dies ruͤhrte ihn mehr denn alles. Es war ein Denkmal, herrlicher, als Marmor. Jn der Kirche ward vom Prediger des Dorfs eine kleine, aber ruͤhrende Rede, und dann eine Seelmesse gehalten, und der Zug gieng wieder lang- sam nach Haus. Die beyden Amtleute blieben beym Mittagsessen da. Siegwart hoͤrte nur zu, und sprach fast nichts mit. Als sie weggegangen waren, gieng er auf sein Zimmer. Jetzt konnte er erst wieder mit etwas Ruhe an seine Mariane denken. Seine Seele sehnte sich nach ihr. Er beschloß, noch heute mit seinen Geschwistern davon zu sprechen, daß er nun die Rechte zu studiren gedenke, und daß ihm also Geld von der Masse, oder von seinem Antheil an der Erbschaft dazu ge- geben werde. Allein diesen Abend konnte er da- von nicht reden, weil der Pfarrer zum Kondoli- ren kam, und zum Abendessen da behalten wurde. Den andern Morgen gieng er, nachdem er erst mit Salome Kaffee getrunken hatte, mit ihr zu seinem Bruder in sein Haus hinuͤber. Nach eini- gen gleichguͤltigen Gespraͤchen fragte er, ob der seli- ge Vater nichts wegen seiner gesagt habe, daß er nun die Rechte studiren koͤnne? — Was? die Rech- te? fuhr Karl heraus; was ist das wieder fuͤr ein schoͤner Einfall? Siegwart erzaͤhlte, daß er seinem Vater deswegen geschrieben, und schon seine Ein- willigung erhalten habe; daß der Vater aber durch den Tod verhindert worden sey, sich, wie er ihm versprochen habe, deutlicher daruͤber zu erklaͤren u. s. w. Karl, und noch mehr seine Frau, fielen nun uͤber Siegwart her; nannten seinen Einfall dumm, und gottlos, scholten ihn Luͤgen, und erklaͤrten sich: sie wuͤrden dieses nimmer- mehr zugeben; Karl sey ihm nun an Vaters statt, und ihm muͤß’ er folgen. Ueberdas sey gar kein Geld da, um das Studieren noch ein- mal von neuem anzufangen. Der sel. Vater hab auf der Schule und auf der Universitaͤt schon mehr an ihn gewendet, als an alle seine uͤbri- gen Kinder zusammen; die zweyfache Krankheit hab auch viel gekostet, und Theresens Aussteuer; jetzt sey kein Heller baares Geld da, und das uͤbrige werd auch soviel nicht ausmachen; er ko- ste in Einem Jahr so viel, daß sein ganzes Erbtheil darauf gehn wuͤrde; er koͤnn jetzt ein Moͤnch werden, denn darauf hab er lange gnug studiert; sein Vorgeben sey auch sehr verdaͤchtig, da der sel. Vater kein Wort davon habe verlau- ten lassen u. s. w. Kurz; der Schluß war: Auf sein Gewissen koͤnne er, sein Bruder, nie darein willigen, und an Unterstuͤtzung sey gar nicht zu denken. Karls Frau sprach noch viel von Gottlosigkeit und Versuͤndigung an Gott, wenn man von seinem Geluͤbde abgehe, und Gott be- luͤgen und betruͤgen wolle; so daß Siegwart nicht einmal zu Wort kommen konnte. Salome sprach fast nichts dazu, denn sie war durch den Tod ih- res Vaters zu sehr gedemuͤthiget. Unser Sieg- wart war so betroffen und bestuͤrzt, daß er kaum noch von sich selber wuste. Er betheurte auf sei- ne Ehre, daß sein Vater ihn habe wollen die Rechte studiren lassen; er koͤnne es schriftlich vorweisen. Aber man uͤberschrie ihn. Er legte sich aufs Bitten; alles half nichts. Endlich rief er alle seinen Stolz zusammen; warf seinem Bru- der und seiner Schwaͤgerin geradezu Geitz und Niedertraͤchtigkeit vor, und sagte: Er werde sich schon vor der Obrigkeit Recht zu verschaffen wis- sen. Mit diesen Worten gieng er weg. Sein Bruder und sein Weib spotteten, und lachten ihm so laut nach, daß ers vor der Thuͤre hoͤren konnte, und vor Unwill auf die Erde stampfte. Jn seinem Garten, wo er| hin gieng, lief er hastig auf und ab. Das ganze Menschengeschlecht war ihm verhast, weil es so niedertraͤchtige Seelen drunter gibt. Er knirschte mit den Zaͤhnen, und stieß ungeduldige Reden aus. Gottlob! sagte er, daß ich solche Kerls verachten kann, und kein so niedertraͤchtiges Herz habe! Du sollst mein seyn, Mariane, und wenn dich alle Welt mir rauben wollte! Jch will mir schon helfen! — Mich ei- nen gottsvergessenen Menschen nennen! Gott! du weist, wie ichs redlich meyne! — Er lief noch lang auf und ab, ohne etwas deutliches zu denken. Endlich, als die erste Heftigkeit vorbey war, stie- gen ihm doch allerley Zweifel auf, wie er sich in dieser Sache helfen wollte? Er hatte sich um das Vermoͤgen seines Vaters nie bekuͤmmert, und wußte also nicht, wie viel ihn auf seinen Antheil treffen, und ob er damit die Kosten zu seinem Studie- ren werde bestreiten koͤnnen? Keine ausdruͤck- liche Erklaͤrung seines Vaters war da, und eine gerichtliche Behandlung der Sache scheute er auch. Er verlohr sich also in einem Labyrinth von Sorgen und Bedenklichkeiten. Er mochte hin und her sin- nen, wie er wollte, er fand keinen Ausweg. End- lich stuͤrzten ihm Thraͤnen von den Augen; er sah gen Himmel, und konnte nichts sagen, als: Gott! Gott! — Salome kam zu ihm, und sagte: Sie muͤßten heut bey ihrem Bruder essen, weil sies gestern schon versprochen haͤtte. Et thats zwar ungern; aber doch wollte er nicht feindselig scheinen, und gieng hin. Bey Tische sprach er nichts; er ver- achtete die Leute zu sehr. Karl sprach, ihm zum Trotz, viel mit Wilhelm, und sagte ihm, daß er ihn nun zu seinem Schreiber annehme; so waͤren, bis auf Salome, alle versorgt; denn Xaver wer- de sich nun hoffentlich bald einkleiden lassen. Wenn ihn nicht andre weltliche Ursachen davon abhalten, sagte seine Frau spoͤttisch. — Jch weis schon, was ich zu thun habe, sagte Siegwart trotzig. Ja, das wissen wir, versetzte die Swchaͤgerin; und der Herr Schwager werden wol morgen wieder auf die Universitaͤt zuruͤckreisen, um ihr Studium fortzusetzen. Dieser Fingerzeig, daß man ihn ungern hier sehe, schmerzte unsern Siegwart so, daß er ganz blaß im Gesicht wurde, und nicht antworten konnte. Nach einiger Zeit sagte er: Ja, morgen will ich wieder zuruͤck, und mir und andern Leuten Ruh machen. Wie Sie belieben, sagte die Schwaͤgerin. — Die Siegel, fuhr sie fort, kann man ja erst nach ein paar Tagen ab- reissen, und die Theilung vornehmen. Der Herr Schwager brauchen eben nicht dabey zu seyn. Wir werden ihn nicht vervortheilen, da eine Obrigkeits- person dabey ist. Auch gut! sagte Siegwart; alles, wie Sie wollen! Es fielen noch hundert spoͤttische Re- den vor, und um fuͤnf Uhr gieng Siegwart weg. Nun fuͤhlte er erst, was er an seinem Vater verlohren hatte. Er gieng auf sein Grab, und weinte bitterlich. O, du Heiliger, rief er, sieh her- ab, wie mir Unrecht geschieht, und erbarme dich meiner! Bitte Gott und die heilige Jungfrau, daß sie mich nicht ganz verlassen! O Mutter, Vater, die ihr hier ruht, vergeßt eures armen Kindes nicht! Und du, Vater im Himmel! Gott und Vater, sieh auf eine arme Waise! Sieh herab, und sende Trost, oder laß mich auch ins Grab zu ih- nen sinken! O Mariane, Mariane! rief er beym Weggehn, was steht uns bevor! O du Engel, wenn du wuͤstest, was ich leide! Gott, ach Gott, verlaß uns nicht! Er gieng nach Haus auf sein Zimmer; und da fiel ihm ein, seinem Kronhelm und seiner Therese seine. Noth zu klagen. Vielleicht, dacht er, ha- ben diese fuͤr mich Trost; wenigstens werden sie Mitleid mit mir haben. Er schrieb an sie beyde einen sehr ruͤhrenden Brief, und es ward ihm ganz leicht dabey. Er brachte den Brief dem Postver- walter, und fragte zugleich, wenn die Briefpost von Jngolstadt komme? Heut ist sie gekommen, sagte der Postmeister. — Und kein Brief fuͤr mich? — Nein. — Ein neuer Donnerschlag fuͤr Siegwart. Doch hatte er noch soviel Gegenwart des Geistes, zu bestellen, daß, wenn ein Brief an ihn kommen sollte, man denselben zuruͤckbehalten, und ihn nach Jngolstadt Retour schicken moͤchte. Es machte ihm viele Sorge, daß ihm Mariane nicht geschrieben habe, doch war die Zeit fast zu kurz, als daß er schon einen Brief haͤtte erwarten koͤn- nen, und dieses beruhigte ihn wieder in etwas. Sein Entschluß war nun fest, morgen wieder nach Jngolstadt zuruͤck zu reiten, es moͤchte ihm auch gehen, wie es wolle, denn die Zeit, ohne Marianen zu leben, ward ihm viel zu lang. Er gieng fruͤhzeitig zu Bette, ohne viel schlafen zu koͤnnen. Der Gedanke an sein dunkles hosnungs- loses Schicksal ließ seinem Geist keine Ruhe. Eine Stunde vorher, eh er den andern Mor- gen wegreiten wollte, kam ein Wagen angefahren. Siegwart kannte sogleich den Marx, der vorn auf dem Bock saß; er sprang an den Wagen, und sein Kronhelm und Therese sassen drinn. Sie hatten den Abend vorher auf einem benachbarten Dorf, wo sie spaͤt angekommen waren, schon gehoͤrt, daß der Amtmann todt sey, und wollten also bey der Nacht nicht weiter fahren, weil sie doch nichts mehr ereilen konnten. Therese stieg weinend aus dem Wagen, und sank ihrem Bruder in den Arm. Beyde konnten nichts sprechen. Kronhelm war auch sehr bewegt, und umarmte seinen lieben Sieg- wart. Gottlob! sagte er, daß ich dich wieder sehe! Aber leider bey der traurigsten Begeben- heit! Sie giengen schweigend auf das Zimmer. Als Therese sich von ihrer ersten Erschuͤtterung wie- der etwas erholt hatte, mußte man ihr einige Um- staͤnde von ihres Vaters Krankheit und Tod er- zaͤhlen. Sie vergoß dabey tausend Thraͤnen. Kron- helm zog unsern Siegwart auf die Seite, und befrug ihn wegen Marianens. Therese kam auch noch dazu. Siegwart erzaͤhlte ihnen alles, daß sein Vater es zufrieden gewesen sey, und was sich gestern zwischen ihm und seinem Bruder zugetragen; auch daß er ihnen deswegen gestern geschrieben habe. Kronhelm und Therese erstaunten uͤber die Haͤrte des Bruders und der Schwaͤgerin. Kronhelm erklaͤrte sich sogleich, alles zu uͤbernehmen, und die Kosten zum Studieren aus seinem Beutel her- zugeben. Jch will dir keine Wohlthat erzeigen, L l l setzte er hinzu, fuͤr die du mir danken must. Jch bin dir tausenmal mehr schuldig; hier, meinen groͤß- ten Schatz (indem er seine Therese bey der Hand nahm, und kuͤßte) ohne dich haͤtt ich dieses Klei- nod nicht. Was ich thue, kann ich leicht thun, denn Gott hat mich ja mit Ueberfluß gesegnet; und dir bin ichs schuldig. Siegwart wollte eben dan- ken, als Karl mit seiner Frau ins Zimmer trak. Sie schienen sehr erschreckt und betroffen zu seyn, und machten eine tiefe Verbeugung. Kronhelm und Therese dankten ziemlich frostig. Nach den vorlaͤufigen Bewillkommungskomplimenten und Beyleidsbezeugungen fieng Kronhelm zu Karl an: Aber, Herr Bruder, gegen unsern Xaver handeln Sie ziemlich unbruͤderlich und gebieterisch. Jch haͤtt Jhnen doch mehr zugetraut! Karl fieng an sich zu entschuldigen, es sey nicht so boͤs gemeynt gewesen; es koͤnr Xavers Wunsch doch noch erfuͤllt werden — Das wird ohnedieß geschehen, fiel ihm Kronhelm ein; ich uͤbernehme die Sache, und sie geht Sie weiter nichts an; ich rede nur von dem unbruͤ- derlichen Betragen zwey Tage nach dem Tod eines solchen Vaters! Karls Frau wollte sich auch drein mischen, und sagte: Der selige Vater habe sich doch nicht druͤber erklaͤrt. Mit Jhnen red ich von der Sache gar nicht, sagte Kronhelm. Jch habe das alles, und noch mehr von Jhnen erwartet. Sie machtens meiner Frau und mir ehedem nicht besser. — Und uͤberdieß ist es nicht so ausge- macht, daß der selige Mann sich druͤber nicht erklaͤrt hat; wenigstens schrieb er meiner Frau: in seinem Pult werde man eine schriftliche Erklaͤrung finden, wenn sein Sohn erst nach seinem Tod ankommen wuͤrde. Hier blaßte die Schwaͤgerin ab. Doch wir wollen die verdrießlichen Sachen fahren lassen, fuhr er fort. Jch mußte Jhnen nur auf Einmal meine Meynung sagen. Jch denke, jetzt waͤre kei- ne Zeit zu zanken, da wir alle so geruͤhrt sind, oder doch seyn sollten. — Drauf wendete er sich zu Siegwart, und sprach mit ihm von dem Ende sei- nes Vaters. Dieser war noch zu bestuͤrzt uͤber die unvermuthete Wendung seines Schicksals, und die Großmuth seines Freundes, als daß er viel haͤtte reden koͤnnen. Das Gespraͤch ward wieder allge- meiner. Man sprach von der Erbschaftstheilung, Kronhelm erklaͤrte sich: Was das Hausgeraͤthe an- belange, sey er damit zum Ueberfluß versehen, und wuͤrd es auch nicht gut wegbringen koͤnnen. Auch den uͤbrigen Antheil am Erbe woll er ihnen uͤber- assen, weil er Gottlob! hinlaͤnglich gesegnet sey, und seine Frau fuͤr einen Schatz halte, der das gan- ze uͤbrige Erbe uͤberwiege; nur bitte sich seine Frau einen Demantring aus, den ihr Vater be- staͤndig getragen hab’, und den sie, ihm zum An- denken, wieder tragen wolle. Hie wurden Karl und seine Frau auf Einmal wieder heiter, und vergaßen, uͤber den abgetretnen Erbantheil, alle vorige Verweise. Sie wollten Kronhelm danken: aber er verbat sichs. Es ward beschlossen, auf den Nachmittag das Pult aufzumachen, das ver- siegelt war, in dem der Ring, und vermuthlich auch die schriftliche Erklaͤrung wegen der Bestim- mung unsers Siegwart lag. Karl und seine Frau wurden gebeten, beym Es- sen da zu bleiben, welches Salome zurecht machte. Weil die Witterung sehr gut war, gieng man in den Garten, um da zu essen. Die Zaͤrtlichkeit, mit der Kronhelm seiner Therese begegnete, war unbeschreiblich. Er wußte sie so liebreich zu troͤsten, als sie beym Eintritt in den Garten, wo sie so oft mit ihrem Vater gewesen war, in neue, noch tiefere Traurigkeit verfiel. Er wußte sie so gut zu zerstreu- en, daß sie ganz ruhig zu werden schien. Sie nahm hierauf unsern Siegwart auf die Seite, und sprach mit ihm uͤber Salome’s Schicksal. Er sagte, daß das Maͤdchen ihm jetzt weit besser ge- falle, als sonst jemals. Der Kummer uͤber ihres Vaters Tod scheine, sie sehr zum Nachdenken ge- bracht zu haben. Therese versprach, fuͤr sie zu zu sorgen. Drauf mußte er ihr viel von Maria- nen erzaͤhlen. Dieses that er mit einer solchen Be- geisterung, daß er und sie, ziemlich heiter wurden. Drauf rief man zu Tisch. Nach dem Essen ward das Pult geoͤfnet. Es lag ein versiegelt Schreiben drinn mit der Auf- schrift: An meinen lieben Xaver. Sein Vater gab ihm darinnen verschiedne gute, sehr ruͤhrende Er- mahnungen; drauf kam er auf seinen Entschluß die Rechte zu studieren. Er war damit zufrieden, und schrieb: in einem Schieblaͤdchen im Pult werd ein versiegeltes Paͤckchen mit 75 Dukaten liegen. Dieses sey fuͤr ihn bestimmt. Soviel woll er ihm noch von dem gemeinschaftlichen Vermoͤgen geben. Was er weiter brauche, muͤss’ er dann von seinem An- theil an der Erbschaft nehmen. Es folgte noch eine zaͤrtliche und liebreichvaͤterliche Aufmunterung zur fernern Rechtschaffenheit, und dann ein sehr be- weglicher Abschied, uͤber den Siegwart in lautes Schluchzen ausbrach! Karl und seine Frau machten uͤber das Vermaͤchtniß grosse Augen; aber vor Kronhelm wagten sie es nicht, etwas druͤber zu sagen, weil dieser ihnen erst vorher seinen Erban- theil geschenkt hatte. Man fand das Paͤckchen mit Dukaten. Kronhelm sagte: steck es ein, und ver- brauch es, wie, und zu was du willst! Die Uni- versitaͤtskosten uͤbernehme ich, wie ich schon gesagt habe. Therese fand auch den Ring ihres Vaters, kuͤßte, und steckte ihn mit Thraͤnen an den Finger. Sie giengen wieder in den Garten, und brachten den Abend groͤstentheils mit wehmuͤthigen Gespraͤ- chen hin. Therese wollte das Grab ihres Vaters besuchen; aber Kronhelm bat sie sehr, es nicht zu thun, weil er fuͤrchtete, es moͤchte sie der Schmerz zu sehr angreifen, und ihrer Gesundheit, da sie schwanger war, Schaden thun. Dagegen mußte er ihr versprechen, zu andrer Zeit einmal das Grab mit ihr zu besuchen. Als Siegwart Gelegenheit hatte, allein mit ihr zu reden, entdeckte er ihr einen Ent- wurf, den er in Absicht auf sein Geld gemacht hatte. Salome dauert mich, sagte er; sie ist am wenigsten unter uns versorgt, seit die Base in Muͤnchen todt ist. Da dein lieber Mann seine Großmuth so weit treibt, daß er mich ganz auf sei- ne Kosten will studieren lassen, so kann ich, mei- ner Einsicht nach, das Geld von unserm seligen Vater nicht besser anwenden, als wenn ich ihr die Haͤlfte davon gebe. — Behalt dein Geld, gute Seele! sagte Therese. Fuͤr Salome ist schon ge- sorgt. Jch hab mit meinem Mann druͤber ge- sprochen. Wir wollen sie auf unser Schloß neh- men, wenn sie Lust hat. Will sie nicht, oder koͤn- nen wir zusammen nicht auskommen, so will mein Kronhelm sie in Muͤnchen unterbringen. O du himmlische Schwester! sagte Siegwart, und um- armte sie. Salome’n ward auch wirklich nachher dieser Vorschlag gethan, und sie nahm ihm mit Freuden, und, wie es schien, mit der dankbarsten Ruͤhrung an. Als Karl und seine Frau weggegangen waren, entdeckte Siegwart Kronhelm und Theresen seinen Wunsch, morgen nach Jngolstadt zuruͤckzureisen, um wieder bey seiner lieben Mariane zu seyn. So gern ihn auch Kronhelm und seine Schwester noch laͤnger bey sich behalten haͤtten, so konnten sie es doch nicht uͤbers Herz bringen, ein paar so zaͤrtlich Liebende laͤnger getrennt zu lassen; daher willigten sie in seinen Vorsatz, nachdem er ihnen erst versprochen hatte, sie gewiß bald, von Jngolstadt aus, zu be- suchen. Kronhelm sagte ihm, sein Onkel habe ihm versprochen, ganz gewiß fuͤr ihn zu sorgen, und ihm, wenn er fleißig studiere, in zwey Jahren eine eintraͤgliche Stelle bey einem Regierungskol- legio in Muͤnchen zu verschaffen. Darauf koͤnn er sich, wenn es noͤthig sey, beym Hofrath Fischer berufen. Siegwart ward daruͤber noch freudiger, und sein Herz waͤre ganz wolkenlos gewesen, wenn ihm nicht jeden Augenblick der Tod seines Vaters eingefallen waͤre. Sie blieben diesen Abend lang zusammen auf. Siegwart ließ sich uͤberreden, morgen erst nach Tisch wegzureiten, weil er doch in einem Tag nicht nach Jngolstadt kommen konnte. Der andre Morgen war sehr heiter, und unser Siegwart stand auch heiter auf. Sie tranken zu- sammen im Garten Kaffee. Er freute sich uͤber die Zaͤrtlichkeit seiner Schwester und Kronhelms. Sie erzaͤhlten ihm viel von ihrer Gluͤckseligkeit, und von der Einrichtung ihres Hauswesens; auch von einem vortreflichen jungen Edelmann in ihrer Nach- barschaft, der viel zu ihnen komme, und vermuth- lich Kronhelms Schwester heyrathen werde, die, wie sie beyde versicherten, schon viel von ihrer Wild- heit abgelegt habe. Therese erzaͤhlte ihm auch, welch eine herrliche und auserlesene Buͤchersamm- lung ihr Kronhelm ihr angeschafft habe, u. s. w. Man aß, wegen Siegwarts Abreise fruͤher, und um zwoͤlf Uhr ritt er weg, nachdem er von seinen Lieben mit tausend Thraͤnen Abschied genommen hatte. Mariane, und das Gluͤck, sie morgen wieder zu sehen, war der Gedanke, der ihn auf dem ganzen Weg begleitete. Als es Nacht wurde, stellte er in einer Dorfschenke ein. Er hatte keine Ruhe, weil er stets an Marianen dachte, und schlafen konnte er auch sogleich nicht. Er gieng also in den, an das Wirthshaus stossenden, schoͤnen Baumgarten. Der Mond schien truͤb; er sah zu ihm auf, und machte folgendes Gedicht, das er nachher auf der Stube in seine Schreibtafel schrieb: An den Mond. Meine Seele lebt nicht hier! Sie ist hingewandelt zu der Trauten, Die nun ewig mein ist! Sag, o Hauch des Abends mir, (Du umwehtest sie mit deinen Schwingen) Wo sie jetzo wandelt? Stark liebt ihre Seel’, und treu! Weint ihr Aug jetzt, daß ihr Lieber fern ist? Sag mirs, Hauch des Abends! Sieh, da, tritt der Mond hervor; Bleich ist sein Gesicht, und melancholisch, Wie getrennte Liebe. Warlich, Mond, sie blickt dich an! Denkt der Stunden heiliger Umarmung, Und du weinst vor Mitleid! Hell dich auf, und lach ihr zu! Denn ich eil ihr, mit der Sonn’, entgegen Lach, o Mond, ihr Trost zu! Den andern Morgen ritt er fruͤh weg, und ge- gen Abend kam er in Jngolstadt an. Er sah Marianen nicht am Fenster; aber ihr Vater stand halb hinter den Vorhaͤngen versteckt. Weil es spaͤt war, und er uͤberhaupt dem Vater nicht recht trau- te, so gieng er nicht hinuͤber. Er schlief ziem- lich unruhig, und hatte fuͤrchterliche Traͤume, die von den vorhergegangenen traurigen Vorstellungen erzeugt wurden. Den andern Morgen sah er Ma- rianen wieder nicht am Fenster; der Vater, der heraus sah, schlug das Fenster zu, als er ihn er- blickte; dieses machte unsern Siegwart noch be- stuͤrzter. — Er gieng aus, ob er vielleicht ihren Bruder irgendwo antreffe? aber vergeblich. Sein Herz ahndete viel trauriges; es war ihm nirgends wohl, und er schweifte von einem Ort zum andern. Gegen Abend endlich, als er eben in sein Haus wollte, kam Joseph, Marianens Bruder, hinter ihm drein. Er that sehr aͤngstlich. Nur auf ein paar Worte! sagte er. Hier ein Brief von Marianen, und von mir einer! Wo ist sie? fragte Siegwart. Jch muß fort, war die Antwort. Mein Vater kommt die Strasse dort herauf; du wirst alles in den Briesen finden. Mit diesen Worten sprangler weg. Kaum konnte Siegwart die Treppe hinauf gehen, so sehr zitterten ihm die Knie, und sein ganzer Koͤrper. Er riß sein Zimmer auf, warf sich in seinen Stuhl, erbrach zuerst Marianens Brief, und las: Jngolstadt den 7. August. Mein Geliebtester! Laß mich die Sprache der Vertraulichkeit reden, und dich Du nennen! Jch schreibe dir, wie ichs ver- sprochen habe. Gestern bist du fort, und schon find ich nirgends keine Freude mehr. Wenn du doch bald wieder kaͤmest! Mir ist so |bang ums Herz; und doch weiß ich nicht warum? Nun wirst du wol noch auf dem Wege seyn. Vielleicht denkst du jetzt an mich. Mir deucht, ich fuͤhl es. Jch ha- be dich gestern und heut fast jeden Schritt beglei- tet. Gott gebe, daß du gluͤcklich ankommst; und daß dein Vater wieder besser sey! Jch bete viel fuͤr ihn, und fuͤr dich. Adjeu, mein Geliebtester! Morgen wieder ein paar Woͤrtchen; denn ich ha- be viel zu thun, noch eh mein Vater kommt. Ue- bermorgen soll er kommen. Meine Mutter kommt alle Augenblicke auf mein Zimmer; sie hat Ge- schaͤfte drauf. Drum kann ich dir nicht schreiben, wann und wie viel ich will. Aber morgen wieder. Adjeu indessen, mein Geliebtester! Den 8ten August. Jch bin heut in meinem Garten gewesen. Da hab ich viel an dich gedacht, mein Theurester! Jch wollt, ich haͤtte Schreibzeug draussen gehabt, so haͤtt ich viel an dich geschrieben. Aber gesprochen hat meine Seele viel mit der deinigen. Wie wa- ren alle Plaͤtze mir so werth, auf denen ich ehmals mit dir gesessen habe! Alle Worte fielen mir da ein, die wir miteinander sprachen. Jch wurde traurig, daß du nicht auch da warest, denn ich war allein. Auf jede Stelle setzt ich mich, und blieb recht lan- ge sitzen, weil mir so wohl war, da zu seyn, wo mein Geliebtester einst gewesen war. Denk! ich hab deinen Namen in einen glatten, jungen Birn- baum eingeschnitten. Als der Name fertig war, und ich mich genug daruͤber gesreut hatte, daß mir alles so gerathen ist, da fiel mir erst ein, mein Vater koͤnnte den Namen sehen, weil der Baum dicht am Gang zur rechten Seite stand. Jch erschrack recht, als mirs einfiel. Sollt ich nun den schoͤnen Namen wieder auskratzen? Das waͤre traurig. Und doch must es seyn. Aber, Gottlob! daß ich auf den Einfall kam, ihn mit Erde zu uͤberkleben, die der Baumrinde ganz gleich sah. Das will ich nun immer wieder thun, wenn die Erde wieder abfallen will. Und wenn ich allein bin, nehm ich sie ab, um den Namen zu sehen. Adjeu! Den 9ten August. Noch ein paar Worte vor Schlafengehen mit meinem Geliebtesten! Jch schreib auf meiner Kam- mer, weil ich unten nicht sicher bin. Diesen Abend ist mein Vater angekommen. Er saß in einem Wagen mit Hofrath Schrager, meinem Bruder und meiner Schwaͤgerin. Er sah stuͤrmisch und verdruͤßlich aus. Die Gesellschaft blieb ungefaͤhr eine Stunde da. Sie war kaum weg, so fragte er meine Mutter sehr gebieterisch: Jst nichts vor- gefallen? — Nein. — Hat sich nichts mit Ma- rianen zugetragen? Nein. — Er sah mich von der Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen sehen, sagte er, und gieng. — Jch bin in der groͤßten Unruhe. Zum Hofrath Schrager hatte er gesagt: Morgen also, um halb 5 Uhr haben wir die Eh- re. — Meine Schwaͤgerin ließ auch einige Worte fallen, und mein Bruder lachte hoͤhnisch dazu. Beym Weggehen wollte mir Hofr. Schrager die Hand kuͤssen. Jch zog sie zuruͤck. Nu! rief mein Vater sehr gebieterisch, und ich hielt die Hand hin. — Um Gotteswillen! sagte meine Mutter, als wir allein waren, so hab ich den Papa noch nie gesehen! Jch bitte dich bey allem, was heilig ist, Mariane, sey nicht widerspenstig! Du weist, was ich drunter leide. Ach Mama, sagt ich, und sank in ihren Arm; bethen Sie fuͤr mich! Jch brauche Kraft von Gott. Sie wissen, ich thu, was ich kann. Aber ich kann nicht, wenn es darauf ankommt. — Jch will das Beste von dir hoffen, versetzte sie; bedenk dich wohl! — Siegwart, Sieg- wart! Was will aus mir werden? Jch habe fuͤrch- terliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, leben- dig oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann mich nicht ganz verlassen. — Die Haͤlfte meines Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag voruͤber waͤre! Mutter Gottes, und all ihr Hei- ligen im Himmel helft mir bethen! — Siegwart, Siegwart! Jch bin dein, es gehe, wie es wolle! Moͤchtest du doch jetzt auch fuͤr mich bethen! Aber du haͤltst mich fuͤr gluͤcklich. Komm doch bald! Jch bitte dich. Vielleicht sehen wir uns nicht mehr lang! Erbarm dich, Gott! Den 10ten August Vormittags um 10 Uhr. Jesus, Maria! Welch ein fuͤrchterlicher Auftritt! Ach, Geliebtester, ich kann dirs nicht erzaͤhlen. Samml’ es zusammen, was ich in der Unordnung aufs Papier werfe. Diesen Morgen beym Thee- trinken gieng mein Vater mit der Pfeife im Zim- mer auf und ab. Er fragte, ohne mich anzuse- hen, ist der feine Siegwart viel auf dem Land- haus gewesen? — Nein, Papa — Also doch? — Ja. — Mordieu! sagte er, und gab mir eine Maulschelle. Jch sank auf meinen Stuhl zuruͤck, und weis nicht, was er weiter sagte. Meine Mutter hielt mir ein Balsambuͤchschen vor. — Du bist auch so eine alte Kupplerin, rief er, und schlug ihr das Buͤchschen aus der Hand. Licht! rief er zur Thuͤre hinaus, weil ihm seine Pfeife ausge- loͤscht war. Dann kam er wieder auf mich zu. Du willst dir also schlechterdings nichts sagen lassen? Willst uns all in Schand und Unehr bringen? — Ach Jesus, Mann! rief meine Mutter. — Schweig! Jch kenn thre Streiche schon. Aber man wird dir einen Riegel vor die Thuͤre schieben. Das Ding muß anders werden! Du sollst mir den Hofrath nehmen, oder ich schlag dich todt. Marsch! Du kannst dich besinnen! Jn zwey Stunden will ich Antwort, und das ohne alle Umschweife und Ausfluͤchte! Fort, auf deine Kammer! — Hier bin ich nun, mein Geliebtester, von aller Welt verlassen, in der unaussprechlichsten Angst. Gott im Himmel woll sich meiner erbarmen! Den Hof- rath kann ich nicht nehmen, wenn auch kein Sieg- wart auf der Welt waͤre! Er ist mir in der Seele zuwider. Gott weiß, daß es kein Eigensinn ist. Jch wollt es so gern allen Menschen recht machen, aber ich kann nicht. Dein bin ich, lebend oder todt. Jch kann vor Zittern kaum schreiben; ich muß etwas auf und ab gehen, um mich zu sam- meln. — Es sey so! Jch will alles dulden, auch den Tod! Meine Seele ist von der deinen unzertrennlich. Gott hat mich gestaͤrkt, und mir Muth und Ent- schlossenheit eingefloͤßt. Er wird mich auch im baͤngsten Kampfe nicht verlassen. Jch flehe dich jetzt an, du Gott der Unterdruͤckten, weil ich jetzt noch flehen kann, um Beystand und um Gnade, auch im baͤngsten Kampf! Wenn meine Seele nicht mehr flehen kann, so hoͤr ihr Stammeln! Wenn sie nicht mehr stammeln kann, so hoͤr das Klopfen meiner Brust! Gib mir Standhaftigkeit, daß ich meinem Siegwart treu bleibe! denn ich hab ihms zugeschworen! Du kennst unsre Liebe; sie ist rein von allem Boͤsen! Bewahre meinen Mund, daß er meinem Herzen treu bleibe! daß er nichts rede, was mein Herz nicht denkt! Jn deinem Namen will ich vor meinen Vater treten. Mache du sein Herz weich, wenn es hart und unbarmherzig ist; wenn er die Vaterempfindung vergißt, so erinnre du ihn dran! Laß meinen Mund nichts hartes reden wider ihn! Von dir allein erwart ich Huͤlfe. Laß sie mich von keinem Menschen erwarten! Staͤrke meine Mutter, daß ihr Leiden nicht zu schwer wer- de! Sie hat nichts verschuldet. Schuͤtt alles Elend uͤber mich allein aus! Gib mir einen Engel zu, der mirs tragen helfe! Laß den Tod nicht ferne von mir seyn, wenn du, nach deinem weisen Rath, sonst keinen Trost auf Erden fuͤr mich hast! Amen! Hilf mir Vater, Amen! M m m Jch fuͤhle mich gestaͤrkt, mein Geliebtester! Jn einer halben Stunde muß ich hinunter. Jch hoffe standhaft zu seyn, denn ich weiß, ich hab eine gu- te Sache. Jch will noch einmal bethen. Nachmittags um 5 Uhr. Zween fuͤrchterliche Kaͤmpfe hab ich ausgestan- den, mein Geliebtester! Mich wundert nur, daß ich noch lebe. Um 11 Uhr ward ich durch den Bedienten hinabgerufen. Der arme Mensch hat- te ganz verweinte Augen. Nun wie stehts? sagte mein Vater. Jst man nun vernuͤnftiger? Willst du dich geben? Noch ists Zeit. Willst du den Hof- rath? Jch sah ihn bittend an. Keine Antwort? Also ja? — Verzeihen Sie, mein Vater! Jch kann nicht! — Was? rief er, noch immer auf dem al- ten Kopf? Fort! Hinauf mit ihr. Jch schwoͤr dirs; auf den Nachmittag um 2 Uhr ist die letzte Zeit. Besinn dich wohl! Wenn du dann nicht Ja sagst, so ists vorbey. Dann magst du sehen, wie dirs geht! Dein Vater bin ich nicht mehr! Schließt sie ein oben! Fort mir, aus dem Gesicht, Hure! — Meine Mutter sagte mir unter der Thuͤre: Um Gotteswillen, besinn dich! Wir sind alle sonst verlohren! Der Bediente schloß mich auf die Kammer. Jch konnte dir in dieser Zwischenzeit nicht schreiben. Alles schwand vor meinen Augen. Zuweilen nur konnt ich einen Seufzer zu Gott erheben. Jch hatte genug zu thun, um nicht ganz in Muthlosigkeit herab zu sinken. Der Bediente brachte mir das Essen, etwas Suppe, und einen Krug mit Wasser, und schloß, ohne ein Wort zu sprechen, die Thuͤre wieder hinter sich zu. Doch sah ichs ihm wol an, daß das Herz ihm voll war. Jch konnte fast nichts essen; aber den Krug mit Wasser trank ich rein aus. Um 2 Uhr hohlte man mich hinunter ins Zimmer. Mein aͤltrer Bruder, und meine Schwaͤgerin waren auch da. Sie stunden um mich herum. Jetzt wollen wir noch einmal in Guͤte mit dir reden, sagte mein Vater. Es war eine Schan- de, daß du dich mit einem jungen Menschen ein- liessest, von dem ich gar nicht weiß, was an ihm ist. (Verzeih, Lieber! Jch schreibe, wie er sprach.) Aber das wollen wir uͤbersehn, und dir als ei- nen Jugendfehler anrechnen. Dagegen must du nun zweyerley versprechen: Erstlich, ihn auf ewig zu vergessen, und zweytens, dem Hofrath Schra- ger heute noch dein Jawort zu geben; er ist um 5 Uhr herbestellt. Willst du das? Gerad heraus gesprochen, ohne Umschweife! Hier ward er schon wieder hitzig. — Zitternd antwortete ich: Erlau- Sie mir erst, vom Hofrath Schrager zu sprechen! Er mag ein Mann seyn, der seine Vorzuͤge und Verdienste hat; aber, Gott! muß er deßwegen auch sogleich fuͤr mich seyn? Jch kann ihn unmoͤglich … Teufelskind! rief mein Vater, willst du mich zu Tod aͤrgern? du … Lassen Sie sie erst ausreden! sagte meine Schwaͤgerin; was sie denn fuͤr herr- liche Gruͤnde vorbringen mag. — Jch habe, sag- te ich, indem ich mich mit einem gewissen Stolz gegen sie wendete, ich habe keine Gruͤnde gegen ihn, als mein Herz. Dein Teufelsherz, rief Papa, wo der infame Kerl drinn festsitzt! — Verzeihn Sie, sagte ich, solche Namen verdient er nicht. — Willst du’s besser wissen, Kanaille? Genug! willst du den Hofrath, oder nicht? — Jch kann ihn nicht wollen! — Nun so holen dich alle T * *! indem er mit geballter Faust auf mich zukam, und ihn mei- ne Mutter und mein Bruder in den Arm fielen. — Sie muͤssen ihn aber wollen, sagte meine Schwaͤ- gerin. Was haben Sie denn gegen ihn, als Jhren schaͤndlichen Eigensinn, und daß der Bettler Jhnen im Kopf steckt? Jch ward hitzig. Madam, das verbitt ich mir! Was, was? rief mein Bru- der, thust du meiner Frau etwas? Jch sah ihn nicht an, und kehrte mich zu meinem Vater: Ha- ben Sie um Gotteswillen Mitleid! Jch kann und will mich nicht zwingen lassen! Wollen Sie mich ewig ungluͤcklich machen? — Du bist eine Bestie! Jch frage dich zum letztenmal: Willst du den Hof- rath? — Jn meinem Leben nicht! — Hier schlug er mich ins Gesicht, daß mir das Blut aus Mund und Nase floß. Mir ward schwindlich; ich sank in meiner Mutter Arm. Mir ward, als ob ich nur ein entferntes Gelispel hoͤrte. Aber, als ich mich wieder erholte, zankten sie laut mit meiner Mutter. Jch sank zu meines Vaters Fuͤßen. Nur Eine Gnade! rief ich. Lassen Sie mich nur ins Kloster! Er stieß mich mit den Fuͤßen von sich, daß ich umsank. Wenn sies nicht besser haben will, sagte meine Schwaͤgerin, so sperren Sie sie in ein Kloster! Sie wird schon anders| werden. Meinetwegen! rief mein Vater; morgen mag sie fort, wenn sie sich nicht heut noch eines Bessern besinnt. Der Nickel hat mir doch schon Gram genug gemacht. Willst ihn also nicht? — Nein, ich kann nicht! — Nun so scher dich zu allen T * *! Jch gieng weg. — Viel Gluͤck! rief meine Schwaͤ- gerin! Jch sah mich um, und blickte sie veraͤchtlich an. Der Bediente, der weinend vor dem Zimmer stand, brachte mich wieder auf die Kammer. — Jch konnte nicht weinen. Alles auf der Welt war mir gleichguͤltig. Nur ein paarmal dacht ich an dich, mein Theurester, und da schoß mirs, wie ein Strom in die Augen. Jch hoͤre sie unten, zuweilen, wenn die Thuͤr aufgeht, stark reden. Als ich dieses schrieb, hoͤrt ich den Schluͤssel in meine Thuͤr stecken, raffte das Papier schnell zusam- men, und verbargs in meinem Busen. Die Fe- der schmiß ich aus dem Fenster. Der Bediente kam mit meinem aͤltern Bruder (den juͤngern hatt ich heut und gestern nicht gesehen) den Schreib- zeug her! sagte mein Bruder. Jch gab ihn ihm, und die Feder, die daneben lag. Hast du kein Papier? sagte er. — Nein! — Er suchte meine Taschen durch, und fand nichts. Er sah sich in der Kammer um, und fand auch nichts. Auf dem Tisch lag blos mein Schnupftuch, wo dein Bluts- tropfen drinn ist. Er hubs auf, ob nichts drunter liege? und legte es wieder hin. Jst denn gar kein Erbarmen zu hoffen? fragt ich. — Morgen reisen wir! war seine Antwort, und dann gieng er. — Jch hatte nun nichts mehr zu schreiben. Endlich bog ich ein Bley aus dem Fenster, und damit schreib ich dir jetzt. Zu gutem Gluͤck hatt ich eben einen frischen halben Bogen angefangen. Wie dir der Brief zukommen wird? das weiß Gott! — Vor einer guten Stunde, als ich eben dieses ge- schrieben hatte, kam der Bediente zu mir auf die Kammer, und schloß hinter sich zu. Er hatte wei- se Waͤsche unter dem Arm. Jungfrau, sagte er, und stotterte, Sie sollen sich auf morgen reißfer- tig machen! Wenn Sies aͤndern koͤnnen, so bitt ich unterthaͤnig, thun Sies doch! Es ist unten ein schrecklicher Jammer. Die Frau Mama strei- tet, man soll Sie nicht ins Kloster sperren; aber sie wird uͤberschrien. Jhre Frau Schwaͤgerin sagt: Sie muͤssen drein! Sie woll Sie selber hinbeglei- ten! Jhr Herr Bruder sagt, was sie sagt. Konrad, sagt ich, ich kann nicht anders. Es scheint, er hat Mitleid mit mir. Will er mir wol eine Bit- te erfuͤllen? herzlich gern! Was Sie wollen, sagte er, und wischte sich die Augen. — Darf ich mich aber wol sicher auf ihn verlassen? — Ja, bey Gott, daß duͤrfen Sie! — Da hat er etwas Geld, ich brauchs doch nicht mehr! Nein, Jung- frau, Geld nehm ich um alles in der Welt nicht von Jhnen. Dann koͤnnten Sie mir ja nicht trauen! — Nun, so thu ers umsonst! Gott wird ihn dafuͤr belohnen! Jch hab ein paar Blaͤtter Pa- pier! Morgen, wenn er mich holt, will ichs ihm zustecken. Geb er sie, sobald als moͤglich, meinem juͤngern Bruder. — Aber, ich bitt ihn um Got- teswillen, laß ers sonst keinen Menschen sehen! Jch wuͤrde ungluͤcklich! — Jch schwoͤrs Jhnen bey allen Heiligen! — Nun gieng er wieder. — Jn Gottes Namen will ich den Brief meinem Bruder uͤberliefern. Jch hoff, er stellt dir ihn zu. So weist du doch etwas von mir. Wo nicht, so ist nicht viel verdorben. Denn was ich geschrieben habe, wissen sie alle schon vorher. Und so soll ich denn aus einer Welt, wo du bist, mein Geliebtester? Gott! wer haͤtte das je gedacht! Er, der bisher mich unterstuͤtzt hat, daß es nicht gar aus mit mir ist, unterstuͤtz auch dich, du Theurer, dem ich bis ans Ende meines Lebens treu bleibe. Du siehst, daß ich nicht anders handeln konnte; denn dem Hofrath meine Hand geben, waͤ- re mehr, als Tod und Trennung. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen? Jn der Ewigkeit ge- wiß. Diese sey dein Augenpunkt in allen Leiden, so wie er meiner auch ist! Hoffe nichts auf dieser Welt, und alles in der Ewigkeit! Es kommt ein Tag, an dem wir nicht mehr weinen werden. Denk an diesen in der Dunkelheit des Lebens! Gott staͤr- ke dich, wie er mich gestaͤrkt hatl Lang kann ich unmoͤglich leben. Vielleicht folgst du mir, mein Geliebtester, bald nach. — Meine Mutter ist bey mir gewesen. Ach, Ge- liebtester, dies war der aͤrgste Strauß fuͤr mich. Sie hieng an meinem Hals, bat und flehte mich mit Thraͤnen, mich wohl zu bedenken, und dem Hofrath meine Hand zu geben! Was konnt ich anders thun, als weinen, mein Geliebtester? Sie sag: Sonst sehen wir uns das Letztemal. Das war hart, mein Geliebtester! Aber, Gott! es steht ja nicht in meinen Haͤnden, es zu aͤndern. Jch kann meine Hand nicht geben dem, den ich nicht liebe. Und dir untreu werden — Ach, das ist unmoͤglich! Der Hofrath ist auf heute abge- stellt; aber morgen kaͤm er wieder, wenn ich blie- be. — Gott trockne die Thraͤnen meiner Mutter ab! Jch wollte lieber Blut weinen; lieber mich zu Tode weinen, als sie meinethalben leiden sehen; und doch kann ich es nicht aͤndern. Dieß ist das Erstemal, daß sie mich um etwas bat; und das Erstemal konnt ich ihre Bitte nicht erfuͤllen. Gott weiß, wie gern ich es gethan, wie gern ich ihr mein Leben hingegeben haͤtte. — Den Abschied kann ich dir nicht schildern. Die zum letztenmale sehen, die ich, neben dir, uͤber alles liebe, das geht uͤber alle Leiden. Heilige Mutter Gottes, steh ihr bey! Also waͤr ich denn allein; getrennt von dir und ihr, und haͤtte keinen Freund mehr, der mir hel- fen koͤnnte! Fuͤrchterlich, ach, unaussprechlich fuͤrch- terlich! — O du, den ich nicht sehe, der aber mich, und meine Seele sieht, daß sie rein ist; sieh, ich bin allein! Verschleuß dein Ohr nicht! Laß es hoͤ- ren meine Seufzer! Verschlouß deinen Himmel nicht! Laß herabthauen Trost und Gnade! Denn ich bin allein. — Mein Bruder war noch einmal auf Befehl mei- nes Vaters bey mir: Willst du dem Hofrath deine Hand geben? — Nein, ich kann nicht Bruder! — Nun so sag ich dir im Namen meines Vaters, daß du mor- gen fruͤh um drey Uhr dich gefaßt halten kannst, ins Kloster zu wandern. Halts fuͤr eine Ehre, daß er deinen Wunsch erfuͤllt! Aber dein Vater will er von dem Augenblick an nicht mehr seyn. Man wird dir Kleider bringen! — Mit diesen Worten gieng er. Gleich darauf brachte mir Konrad eini- ge wenige, und schlechte Kleider. — Ach Geliebtester, du saͤumest, und kommst nicht, deine Mariane zu erretten; wenigstens sie noch ein- mal zu sehen. Leb denn wohl, du Theurer, den ich wie mein eigen Leben liebte! Gottes Gnade leite dich durchs Thal der Leiden! Denk oft an dei- ne Mariane! Sie wird dein seyn, bis sie todt ist. Zwischen dunkeln Mauren wird sie weinen, und an dich gedenken, wenn der Tag anfaͤngt. Wenn der Mond in ihre Zelle scheint, wird sie deiner noch gedenken, und der alten Zeiten, und weinen. Blick auf zum Mond, so oft er scheint! Meine Seele wird stets an ihm hangen, und mein Aug an ihm verweilen; und dann werd ich denken, daß auch du zu ihm hinausblickst, und an mich ge- denkst, und an die Stunden unsrer Liebe, und an meine Thraͤnen. Denke dann auch, daß wir einst im Grabe ruhen, und daß unsre Seelen wandeln werden auf des Mondes lieblichen Gefilden! Daß uns Gott vereinen wird nach unserm Tode, weil er uns vereinigt hat im Leben! — Das Papier geht zu Ende. Noch ein paar Worte muß ich unten hin an meinen Bruder schreiben. Gott ge- be, daß du dieses Blatt bekommst! Du wirst wei- nen; aber es enthaͤlt auch Trost. — Leb wohl, leb ewig wohl, Geliebtester! Hier auf dieser Welt zum letztenmale kann ich mit dir reden, und auch dieses nur in Briefen. Leb denn wohl, und bleib mir treu! Daß Gott dich staͤrken moͤg in allen deinen Leiden! Daß er dich mir wiedergeb im Him- mel. Leb wohl, leb ewig wohl, und beth fuͤr deine Mariane. An den Rand war noch folgendes mit groͤssern Buchstaben, um mehr in die Augen zu fallen, ge- schrieben: An meinen lieben Bruder Joseph. Leiste mir den letzten Dienst, Bruder, den du mir in diesem Leben leisten kannst! Gib diesen Brief, versiegelt, an Siegwart, sobald er zuruͤck- kommt! Er ist fuͤr ihn unendlich wichtig. Gott und alle Heiligen werden dich dafuͤr segnen. Gib ihm auch in etlich Zeilen Nachricht, wie mirs noch den letzten Tag meines Hierseyns gieng! Jch flehe dich mit heissen Thraͤnen, die hier auf den Brief fliessen, um diese einzige, und letzte Wohl- that. Leiste sie um Gottes und um meiner Ruhe willen! Leb wohl, lieber Bruder! Gott segne dich! Troͤst unsre Mutter, und wein um deine ungluͤck- liche Schwester Mariane Fischern. Siegwart hatte wol hundertmal bey Lesung die- ses Briefes abbrechen muͤssen. Oft schoß ein Strom von Thraͤnen drauf, daß er keinen Buch- staben mehr von dem andern unterscheiden konn- te. Oft fieng er an zu zittern, daß er den Brief nicht mehr zu halten vermochte. Oft vergiengen ihm Gesicht und Gehoͤr, und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirne, daß er halb ohnmaͤch- tig auf den Stuhl zuruͤck sank. Oft sprang er wieder auf, rang die Haͤnde, und rief: Gott! Gott! Gott! — Als er endlich den Brief ganz zu Ende gelesen hatte, sank er matt und sinnlos auf den Stuhl, wuste nichts mehr von sich selbst, und lag so bey einer Viertelstunde da. Als er wieder etwas zu sich selber kam, und sah, daß es schon ganz dunkel geworden war, wollt er aufstehn, aber er hatte keine Kraͤfte. Alle Glie- der zitterten ihm, sein Gesicht war eiskalt, und es ward ihm wieder einmal um das andre schwind- lich. Endlich grif er mit vieler Muͤhe nach der Glocke auf dem Tisch, und klingelte. Die Auf- waͤrterin kam. Er foderte Licht. Jesus, Ma- ria, und Joseph! rief sie aus, als sie das Licht brachte, was fehlt Jhnen? Sie sehn ja aus, wie der Tod! Soll ich zum Herrn Doktor laufen? — Mir ist nicht recht wohl, antwortete er; mach sie mir eilig eine recht gute und warme Suppe! Es wird schon besser werden! Sie bedaurte ihn von Herzen, zuͤndete das Licht an, und gieng weg. Er versuchte indeß den Brief von Maria- nens Bruder zu lesen; aber die Augen giengen ihm uͤber, und die Buchstaben flossen all vor ihm ineinander, daß er schwarz und weiß nicht von einander unterscheiden konnte. Die Aufwaͤrterin brachte ihm eine gute warme Weinsuppe; er aß, und fuͤhlte sich darauf wieder etwas gestaͤrkt. Mit vieler Muͤhe brachte er die Magd von sei- nem Zimmer, sie war sehr besorgt, und wollte ihm durchaus einen Doktor holen. Als sie weg war, nahm er Josephs Brief wieder vor sich, und las: Den 11ten August. Lieber Siegwart! Jch erfuͤlle die traurige Bitte meiner Schwe- ster, gebe Dir ihren Brief, und soviel Nachricht, als ich von ihr geben kann. Gestern fruͤh um 3 Uhr wurde sie, ohne daß ich sie noch sprechen durste, mein Vater und meine Mutter sprachen sie auch nicht mehr, in den Wagen gefuͤhrt, in dem meine Schwaͤgerin saß, und den mein Bru- der selbst kutschierte. Sie fuhren beym Thor hin- aus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein Mensch nichts von ihnen; denn es durfte kein Be- dienter mit, und mein Bruder ist bis dato noch nicht zuruͤckgekommen. Soviel weis ich, daß mei- ne Schwaͤgerin hauptsaͤchlich Schuld daran hat, daß sie ins Kloster muß. Sie mag wohl ihre besondre Absichten dabey haben. Meine Mutter weint be- staͤndig, und um meinen Vater kann man gar nicht seyn, so aufgebracht ist er. Er sagt, er woll nun weiter gar nichts von dem Nickel wissen. Er hat Dir auch sehr aufgedroht; und wollte ich Dir da- her wohlmeynend gerathen haben, Dich je eher, je lie- ber von hier weg zu machen. Jch werde dich wol nicht sprechen koͤnnen, weil mein Vater immer auflaurt, und mich todtschlagen wuͤrde, wenn ers wuͤßte. Sag daher keinem Menschen nichts, daß ich nicht auch noch in Ungelegenheit druͤber kom- me! Wenn du nur den Brief erst haͤttest! Jch bedaure dich, und sie gewiß. Weiter kann ich aber auch nichts thun, Dein getreuer Diener Joseph Fischer. Eine neue Erschuͤtterung betaͤubte Siegwarts See- le. Er fuͤhlte sich wieder schwaͤcher, ließ den Brief fallen, sank vorwaͤrts auf den Tisch, verbarg sein Gesicht in beyde Arme, und lag so eine halbe Stun- de, seiner nur halb bewust da, bis die Aufwaͤrte- rin wieder kam, sich nach ihm zu erkundigen. Er ließ sich von ihr halb auskleiden, und gieng zu Bette. Nun, da sich seine Natur wieder etwas erholt hatte, gieng erst sein Seelenleiden an; nun konnte er erst sein Ungluͤck uͤberdenken, und in sei- ner ganzen Groͤsse fassen. Er schauderte zuweilen zuruͤck, als ob er in einen Abgrund hinabblickte. Alles war noch Nacht vor ihm. Er konnte nichts denken, als: sie ist verlohren! Die halbe Nacht quaͤlte er sich mit diesem einzigen Gedanken, ohne all sein Schrecken halb auszudenken. Oft graͤnzte seine Muthlosigkeit nah an Verzweiflung, und dann bat er wieder Gott, ihn nicht ganz zu ver- lassen! Wie gluͤcklich, dachte er, wenn ich von meiner Ohnmacht ewig nicht mehr aufgewacht waͤre! Dann fiel ihm wieder ein, was jetzt seine Mariane leiden muͤsse; und dann zerfloß ihm das Herz ganz in Wehmuth. Dann bethete er nur fuͤr sie, und nicht fuͤr sich. Gib mir nur den Tod, o Gott! sonst kenn ich keine Wohlthat mehr! — Die haͤu- figen Erschuͤtterungen seiner Seele machten endlich alle Sehnen schlaff, und er sank in einen tiefen Schlummer, der bis den andern Morgen gegen acht Uhr daurte, als seine Aufwaͤrterin auf die Kammer kam. Sie machte die Thuͤre leise auf, und sah herein. Er wachte von dem Knarren der Thuͤre auf. Was gibts? rief er. Wie befinden Sie sich? fragte das Maͤdchen. So ziemlich! war die Antwort; mach sie mir nur Kaffee! Dann stand er auf, kleidete sich an, und gieng aufs Zim- mer. Hier sah er Marianens Brief auf dem Tisch, und Josephs seinen auf der Erde liegen. Er raffte beyde schnell zusammen, und steckte sie ein. Er sah sich von ohngefaͤhr im Spiegel, und erschrack uͤber seine Blaͤsse. Ach Gott, seufzte er, machs nur bald ganz aus mit mir! — Er wollte etwas nach- denken, ob er kein Mittel vor sich sehe, sich und Marianen zu retten? Aber es war ihm nicht moͤg- lich, nur etwas zusammenhaͤngendes zu denken. Endlich setzte er sich nieder, an Kronhelm zu schrei- ben. Mit zitternder Hand schrieb er folgendes an ihn: Liebster Bruder und Schwager! Zu dir nehm ich meine Zuflucht, den einzigen, den ich nur auf Erden habe. Das Schicksal schlaͤgt mich ganz Boden. Reich mir deine Hand. Aber N n n welcher Mensch kann den Ungluͤcklichen retten, der alles, ach, alles verlohren hat? Ach Geliebter, meine Mariane ist verlohren. Dieses sag dir alles! Sie ist eingeschlossen in ein Kloster, und ich weis den Ort nicht, wo sie jammert. Selbst ihr Vater war der Grausame, der sie verstieß. Menschen, Menschen! Welch ein Scheusal seyd ihr! Aber ich vergeh in meinem Jammer. O Geliebter, wenn ich wuͤßte, wo der Tod waͤr, daß ich ihm entge- gen gienge! — Komm Geliebter, und erbarm dich meiner! Oder ich will selber kommen, und mein Leid bey dir verjammern. Goͤnn in deinem Hause mir ein Plaͤtzchen, und ein Grab auf deinem Acker! Denn in wenig Tagen wird das Grab mich ru- fen, und mir Ruhe geben in der Erde, weil ich auf der Erde sie nicht finden konnte. Sage meiner Schwester nichts von meinen Leiden, daß sich ihre Seele nicht zu sehr betruͤbe! — Mariane, Ma- riane! ach wo bist du, du Erwaͤhlte meines Her- zens, daß ich mit dir sterbe? — Ach Geliebter, wenn du etwas von ihr hoͤrtest! Wenn ein Engel dir die Bothschaft braͤchte, wo sie jammert! — Jch muß fliehen, denn ihr Vater will auch mich ver- folgen. Darum eil ich zu dir. Nimm mich auf an deinen Busen! Nimm mich freundlich auf! Es waͤhrt nicht lange. Noch bin ich matt und kraft- los, denn die Todesbothschaft hat mich wie ein Sturm erschuͤttert, und mich hingeworfen, daß ich meine Kraft verlohr. Wenn ich wieder aufge- standen bin, dann eil ich zu dir. Jch kann nicht mehr schreiben; meine Augen sind voll Wasser, und mein Herz ist voll Jammers. Lebe wohl, mein Geliebter, habe Mitleid mir, und empfang mich freundlich, wenn ich komme! Sieh den Him- mel an, und beth fuͤr deinen armen Siegwart. Nachdem er diesen Brief auf die Post ge- schickt hatte, befahl er der Aufwaͤrterin, ihm von seinem Hauswirth die Rechnung machen zu lassen. Sie weinte, und fragte, ob er dann ganz wegreisen wolle? Nein, sagte er, aber wie leicht koͤnnt ich sterben! Sie weinte noch heftiger. Er bezahlte drauf die Rechnung, und packte seine meisten Sa- chen in den Koffre, ohne selbst zu wissen, warum? Zuweilen ließ er ploͤtzlich alles liegen, setzte sich auf einen Stuhl, und weinte; oder zog Marianens Brief heraus, kuͤßte ihn, las eine halbe Seite, legte ihn dann sorgfaͤltig wieder zusammen, und steckte ihn in seine Brieftasche. Als er eingepackt hatte, gieng er zu Dahlmund, kam aber, weil er ihn nicht zu Haus angetroffen hatte, nach einer halben Viertelstunde wieder nach Haus. Er wuͤnschte sich nun keine Wohlthat, als jemand zu haben, in dessen Busen er seinen Schmerz ausschuͤtten, und mit dem er gewissermaßen seinen Jammer theilen koͤnnte; aber keine solche Seele war fuͤr ihn in Jngolstadt. Es fiel ihm ein, daß der geheime Rath von Kronhelm versprochen habe, ihm eine ansehnliche Bedienung zu verschaffen. Vielleicht, dachte er, stimmt dieses den Hofrath Fischer um. Ohne sich erst lange zu bedenken, gieng er aus dem Haus, und ließ sich bey dem Hofrath melden, mit dem Anhang: Er habe viel wichtiges mit ihm zu reden. Der Bediente kam wieder mit dem Auf- trag: Der Herr Hofrath muͤsse sich erstaunlich wundern, wie er sich noch unterstehen koͤnne, ihm unter die Augen treten zu wollen, da er wis- se, wie schlecht er sich gegen ihn betragen habe. Er moͤchte sich ja in Acht nehmen, und dem Herrn Hofrath nicht zu nahe kommen! Es koͤnnte schlim- me Folgen fuͤr ihn haben. Der Herr Hosrath werd ihn nie anhoͤren. Er habe nichts mit einem solchen Menschen zu reden, und das rathsamste waͤre, wenn er sich recht bald von Jngolstadt weg machte. Mit diesen Worten machte der Bediente die Hausthuͤre auf, als ob er unserm Siegwart den Weg weisen wollte. Dieser gieng weg, und zit- terte vor Zorn und Unwillen. Zu Haus stampfte er auf die Erde. Das sind Menschen! sagte er, und knirschte mit den Zaͤhnen. Er weinte vor un- terdruͤckter Wuth. Pfuy den Hundskerl! sagte er, und spie aus. So will ich mich denn auf keinen Men- schen mehr verlassen! Keiner ist einen Heller werth, Pfuy! Je vornehmer, desto liederlicher und stol- zer, Pfuy! — Zuletzt gieng seine Verachtung wie- der in Wehmuth und in Thraͤnen uͤber. Er dachte sich seine Mariane, seinen Vater, und uͤberließ sich seinem Schmerz. Abends gieng er bald zu Bett, und konnte doch nicht schlafen. Er sprach mit sich selber, redete bald den einen, bald den andern von seinen Freunden an, und klagte ihnen seinen Jammer. Endlich fielen ihm Fran Held und Ka- roline ein, und, mit ihnen, der Gedanke, sie morgen zu besuchen; und bey ihnen wenigstens den Trost zu finden, seinem Schmerz durch Er- zaͤhlung etwas Luft zu machen. Dieser Gedanke beschaͤftigte ihn noch so lange, bis er endlich mit einem, ganz erleichterten Herzen, einschlief. Kaum war er aufgewacht, so war dieses wieder sein erster Gedanke. Seine Seele strebte mit ungewoͤhn- licher Sehnsucht nach dem Landhaus, und glaubte, da endlich Erleichterung zu finden. Er schloß alle seine Sachen ein, sagte der Aufwaͤrterin, er werde erst in ein paar Tagen wieder kommen, und gieng. Es war um neun Uhr, und der Sommertag war schoͤn, aber heiß. Er war eine halbe Stunde noch vom Landhaus, als er querfeldein einen Bau- ren stark gehen sah, der auf ihn zu kam. Es war sein Thomas. Guten Morgen, Herr! sagte er, ich hab Sie schon lang nicht mehr gesehen. Haben Sie uns ganz verlassen? Siegwart sagte, er sey verreist gewesen. — Wo wollt ihr hin, Thomas? — Jch will da nach der Stadt, und dieses Felleisen einem Herrn bringen, der gestern bey uns durch- fuhr. Vermuthlich gehoͤrts ihm. Jch habs hinterm Dorf in einem Graben gefunden. Der Herr fuhr vor etlich Tagen fruͤh morgens durchs Dorf, und da war das Felleisen auf die Kutsche hinten aufgebunden. Er kutschierte selbst, und hatte zwey Jungfern im Wa- gen. Wo mir recht ist, so war eine davon die Jung- fer, die bey der gestrengen Frau auf dem Schloß war, und die Sie unterm Arm fuͤhrten, als sie wieder weggiengen. Sie sah wol ganz bleich aus, und das Kutschenglas war vor, daß ichs nicht recht sehen konnte. Gott! Das ist Mariane! rief Siegwart. Wo ist sie hingefahren? — Da aufs naͤchste Dorf zu, gleich drey Viertelstunden von uns. Jch hab doch nichts unrechts geredt, weil Sie so bleich druͤber werden? — Nein Thomas. Wenn fuhr der Herr wieder zuruͤck? Wars nicht ein grosser hagrer Herr? — Recht! Es war so ein duͤrrer Herr! Gestern Abend nach acht Uhr sah ich ihn an meinem Haus vorbeyfahren. — Und er kam wieder von dem Dorf her, wo er hinge- fahren war? Ja, Herr! das Dorf heißt Altman- stein, wenn Sie hin wollen. Es geht immer grad aus. Jedes Kind kanns Jhnen sagen. Adjeu, Tho- mas! sagte Siegwart, und lief eilends fort nach dem Dorf zu. Der Bauer sah ihm voller Verwunderung nach. Siegwart kam in Thomas Dorf an, frag- te nach dem Weg nach Altmanstein, und lief hastig fort. Nun glaubte er, auf der Spur zu seyn, und hoffte seine Mariane gewiß auszukundschaften. Seine ganze Seele war jetzt von diesem einzigen Gedanken voll. Er achte- te nicht der grossen Sonnenhitze und des Schweisses, der ihm von den Wangen lief. Jn Altmanstein fragte er bey etlich Haͤusern, ob man nicht gestern eine Kutsche habe durchfahren sehn, und wo sie hergekommen sey? Ein altes Muͤtterchen gab ihm endlich Auskunft, und wies ihn auf das naͤchste Dorf rechter Hand. Hier ließ er sich, weil er ganz abgemattet war, von einer Baͤuerin schwar- zes Brod und frische Milch geben; erkundigte sich wieder nach dem Wagen, und erfuhr das naͤchste Dorf, wo er seinen Weg her genommen hatte. Alle Aussagen, und Beschreibungen der Personen, die beym Wagen gewesen waren, stimmten uͤberein; und liessen ihn gar nicht mehr zweifeln, daß es der Wagen mit Marianen gewesen sey. Nachdem er sich wieder etwas erholt hatte, gieng er in der groͤ- sten Mittagshitze weiter. Er achtete sie aber nicht, auch nicht, daß er sich die Fuͤsse schon ganz wund gelaufen hatte. Seine Seele war auf Einen Punkt geheftet, und ließ ihn alle aͤussere Eindruͤcke und Em- pfindungen vergessen. Er kam noch durch etlich Doͤr- fer, wo er immer Nachricht vom Wagen bekam, und weiter gewiesen wurde. Gegen Abend fuͤhlte er endlich seine aͤusserste Entkraͤftung, und die Wunden an den Fußsohlen. Er sehnte sich nach dem naͤchsten Dorf, und konnte es kaum vor Mattigkeit erreichen. Bey der naͤchsten Huͤtte klopfte er an. Die Leute drinnen machten ihm auf, thaten sehr dienstfertig und mitleidig, als sie ihn so abgemattet sahen, und brachten ihm Brandewein, seine Fuͤsse zu waschen. Als er fragte, ob er wol ein Nachtquar- tier bey ihnen haben koͤnne? sagten sie willig Ja, und fuͤgten hinzu: Wenn er nur vorlieb nehmen wolle, so koͤnn er solang bey ihnen bleiben, bis er wieder frisch und gesund sey. Aus allem, was er sah, konnt er schliessen, daß die Leute sehr wohlha- bend seyn. Es war ein Bauer mit seiner Frau und vier Kindern, davon das aͤlteste ein Knabe von zehn Jahren, und das juͤngste ein Maͤdchen von fuͤnf Jahren war. Auf der Bank herum sas- sen zween Knechte und drey Maͤgde. Als Sieg- wart eine Milchsuppe und ein paar Eyer gegessen hatte, so gieng er wegen seiner grossen Muͤdigkeit zu Bette. Man fuͤhrte ihn eine Treppe hoch in eine ganz artige, auf Baurenart schoͤn ausgeputzte Stube, wo ein reinliches Bette stand. Wegen der grossen Hitze, und der heftigen Wallung seines Bluts, die durch seine starke Gemuͤthsbewe- gung noch vermehrt wurde, konnte er erst nach Mit- ternacht einschlafen. Den folgenden Morgen wachte er erst um neun Uhr auf, und fuͤhlte sich so matt, daß er mit vieler Muͤhe kaum allein aufste- hen konnte. Als ihn die Baͤuerin unten hoͤrte, daß er wach waͤre, kam sie herauf, und erkundig- te sich nach ihm. Sie bot sich an, beym Herrn Pfarrer Kaffee zu entlehnen, um ihm welchen zu machen. Er verbats aber, und ließ sich eine Bier- suppe machen. Eh er sie essen konnte, mußte er sich wieder zu Bette legen, denn er ward ein paar- mal halb ohnmaͤchtig. Er war sehr ungeduldig, daß er nun hier so unthaͤtig liegen mußte, und die beste Zeit, Ma- rianen nachzuspuͤren, vorbeygehen lassen sollte. Die Baͤurin setzte sich neben ihm ans Bette, und war seinetwegen sehr besorgt. Als er sie versicher- te daß er sich nun wieder etwas besser befinde, so fieng sie an: Es muß Jhnen wol sehr uͤbel in der Welt gegangen seyn, denn ich habs schon gemerkt, daß Sie recht betruͤbt sind, und immer nasse Au- gen haben. Man sollt denken, so einem Herrn, wie Sie sind, koͤnnts an nichts fehlen. Sie ha- ben ja ein schoͤnes Kleid, und sind sonst so wohl ausstaffirt, daß es eine Lust ist. Geld haben Sie auch genug, wie ich gestern sah, als Sie den Brandewein bezahlen wollten. — Ach meine lie- be Frau, sagte Siegwart, Geld und Gut macht allein nicht gluͤcklich. Wenn man auch alles ge- nung hat, so gibts noch tausend andre Leiden, die man einem nicht so sagen kann. Jch wollt ihr gern mein Geld und alles geben, wenn mir sonst geholfen werden koͤnnte. — Ja freylich, fiel sie ein, macht Geld und Gut allein nicht gluͤck- lich; und drauf fieng sie eine lange Erzaͤhlung an von ihrem ersten Mann, den sie sechs Jahre in ihrem ledigen Stand gekannt, und recht herz- lich lieb gehabt habe. Sie hab immer nur ge- dacht, es koͤnn ihr nichts mehr fehlen, wenn sie seine Frau sey. Endlich sey sies geworden, und hab ein Jahr lang mit ihm gelebt, wie die Engel im Himmel. Aber — hier fieng sie an zu wei- nen — der Tod hab ihn ihr genommen; sie sey untroͤstlich gewesen, und habe geglaubt, es sey kein Gluͤck auf der Welt mehr, bis ihr Gott ihren Kaspar zugefuͤhrt habe. Nun sey ihr seit eilf Jah- ren wieder recht wohl, und sie sehe wohl, daß man immer wieder gluͤcklich werden koͤnn, es moͤg mit einem auch aussehen, wie es wolle! und so muͤss’ er eben auch denken! Jch will das beste hof- fen, sagte er; aber ich weis nicht, wie mir gehol- fen werden kann? Hier weinte er, und die Baͤu- rin weinte herzlich mit. Nach einer Stunde, als er versichert hatte, daß er sich nun wieder weit besser befinde, gieng sie hinunter, um ihre Haushaltungs- geschaͤfte zu verrichten. Er seufzte und betete zu Gott um Gesundheit oder Tod. Endlich langte er seine Brieftasche, und schrieb einen wehmuͤthigen und ruͤhrenden Aufsatz darein, wo er seine Maria- ne als gegenwaͤrtig anredete. Um Essenszeit, als er wieder ziemlich gestaͤrkt war, gieng er in die Stube hinunter, wo ihm die Baͤurin ein recht gutes Essen zurichtete. Der Bauer war, weil es Sonnabend war, in das naͤchste Staͤdtchen ge- fahren, um Haber zu verkaufen. Nach dem Es- sen spielte Siegwart mit den Kindern, die sich gleich um ihn her machten. So uͤbel ihm auch zu Muthe war, so muste er doch ihre Spiele mit- machen, und zuweilen laͤcheln. Er sah einen Ka- techismus da liegen, und wollte den aͤltern Knaben etwas drinn lesen lassen; aber dieser konnte noch kaum buchstabiren, und von der Religion wuste er noch nicht das geringste. So traurig siehts oft auf dem Lande mit dem Kinderunterricht aus. Siegwart erkundigte sich drauf nach allen umliegen- den Kloͤstern, und besonders nach den Nonnenkloͤ- stern. Es war deren eine so große Menge, daß ihm bange ward, wie er das rechte ausfindig machen wollte. Was er anzufangen habe, wenn er das- jenige Kloster faͤnde, in welchem Mariane war, daran hatte er noch gar nicht gedacht. Jn der an- genehmen Daͤmmerung setzte er sich mit der Baͤu- rin unter eine Linde vor dem Haus auf einen ab- gehauenen Baum. Sie war sehr besorgt, daß ihr Mann so lange nicht zuruͤckkomme. Er hat einen Fehler an sich, sagte sie, wenn er an einem Ort einmal ist, da kann er sobald nicht wieder wegkommen, und da guckt er oft zu tief ins Glaͤ- sel. Sonst aber ists ein kreuzbraver Mann. Siegwart sprach nicht viel, und saß in tiefer Wehmuth da. Er sah zum Himmel auf, wo nach und nach einzelne Sterne sichtbar wurden. Oft stieg sein Busen hoch, und ein lauter Seufzer brach hervor. So lebhaft hatte er, seit der trau- rigen Begebenheit, noch nie an seine Mariane, und an sein fuͤrchterliches Schicksal gedacht. Jetzt uͤbersah er es erst ganz, und schauderte vor der hofnungslosen Zukunft. Er wuͤnschte sich nichts, als zu vergehen, und auf Einmal ewig aufzuhoͤren. Es ward ihm, als ob er Marianen wimmern hoͤrte, und wuͤnschte, daß seine Seele aus dem Leib eilen moͤchte, um sie zu troͤsten! Die Baͤurin ward indeß immer besorgter um ihren Mann. Sie stund einigemal auf, und gieng ei- nige Haͤuser weit, ob sie noch nichts hoͤre? Sie kam langsam wieder zuruͤck, und sagte: Noch nichts! Endlich hoͤrte man vor dem Dorf draussen einen Wagen stark rasseln, und ein lautes Juch- zen. Gottlob! nun kommt er, sagte sie. Er fuhr in vollem Gallop ins Dorf herein. Wo bist du doch so lang, Kaspar? sagte sie. Ey was, Narr! sagte er, sprang vom Pferd, und schloß sie in den Arm; ich hab einen guten Kauf gethan. Heh, lustig, Herr! Hier hab ich ihm was! Jndem zog er zwo Bouteillen Wein aus dem Zwerchsack. Komm er! nun wollen wir die Grillen verjagen! Siegwart mochte sich so sehr weigern, als er wollte; er muste noch eine Bouteille mit dem betrunkenen Bauren trinken, und konnt ihn kaum abhalten, die andre nicht auch noch anzubrechen. Er er- zaͤhlte ihm auf die verwirrteste Art allerley Geschich- ten aus der Stadt, und gieng endlich so betrunken zu Bette, daß er kaum allein gehen konnte. Den andern Morgen gieng jedermann aus dem Haus, bis auf die Kinder in die Messe. Sieg- wart stand auf, und fuͤhlte sich fast ganz wieder hergestellt. Aber sein Gemuͤth war krank, und im Jnnersten verwundet. Er setzte sich, und schrieb mit vieler Ruͤhrung seine Empfindungen, die voll Andacht und voll tiefer Schwermuth waren, in sein Taschenbuch. Waͤhrend daß er schrieb, krab- belte etwas an der Thuͤre. Er machte auf, und die beyden aͤltern Kinder warens. Sie boten ihm die Hand, und wuͤnschten ihm freundlich einen gu- ten Morgen. Er setzte sich aufs Bett, und sah ihren unschuldigen Spielen zu. Gott! dachte er, wie vergnuͤgt sind diese Kinder! Ehmals war ich auch so; warum blieb ich nicht ein Kind! Haben wir denn die Vernunft nur zu unserm Ungluͤck? Waͤr ich doch noch ein Kind! Er ward dabey so bewegt, daß ihm Thraͤnen aus den Augen stuͤrzten. Das andre Kind, ein Maͤdchen von acht Jahren, sah es, und kam auf ihn zu. Es weinte auch, nahm seine Hand, stieg auf seinen Knien hinauf, um ihm |die Thraͤnen mit dem kleinen Haͤndchen wegzuwischen, und sagte: Must nicht weinen! Hab ich dir denn was gethan? Jch bin ja brav. Der Knabe sprang auch herbey, blieb ein paar Schritte weit von ihm stehen, sah ihn mitleidig an, und sagte: Was fehlt dir, daß du so ein Ge- sicht machst? Soll ich dir Blumen holen? Jch hab schoͤne im Garten. — Du liebes Kind, dachte Siegwart, und setzte es aufs andre Knie; wenn mir Blumen helfen koͤnnten! Ach guter Gott! mach mich wieder zum Kind! Deinen Kindern ist so wohl. Laß mich wieder Freude haben uͤber Blumen! Er neigte sich uͤber die beyden Kinder her, und wein- te. Das Maͤdchen spielte mit Marianens Ring an seinem Finger. Sie sah ihn an, als sie fragen wollte, ob sie ihn abziehen duͤrfte? Nein, den must du mir lassen, gutes Kind, sagte er, das ist alles, was ich habe. Bald darauf kam die Mutter auf die Kammer. Der Knabe sprang auf sie zu, und sagte: Sieh, Mutter, er weint. Frag ihn, was ihm fehlt? Wir haben ihm gewiß nichts gethan; ich und Liese nicht. Laß nur seyn! antwortete die Mutter, ich weiß schon, was dem Herrn fehlt. — Es ist Jhnen doch wieder besser, Herr? Siegwart versicherte sie, daß er nun wieder ganz gesund sey, und morgen weiter wolle. Nur zu Fuß? fiel die Frau ein. Siegwart antwortete mit Ja; weil er nicht mehr weit wolle, und wol wisse, daß die Bauren in der Erndte ihre Pferde besser brauchen. Drauf gieng er mit ihr hinunter in die Stube, wo auch Kaspar war. Auf den Nachmittag lud er unsern Siegwart aufs Freyschiessen ein, der endlich, um ihn zu beruhigen, wider Willen Ja sagen muste. Kaspar aß heut, nebst seiner Frau, mit Siegwart, weil er gestern, wie er sagte, sei- nen Haber so gut an Mann gebracht habe. Sie tranken miteinander die andere Bouteille Wein, die der Bauer gestern mitgebracht hatte. Sieg- wart vergaß bey seiner Geschwaͤtzigkeit eine Zeitlang seiner eignen Leiden, und gewann das Zu- trauen der beyden Leute ganz. Den Nach- mittag muste er mit zum Freyschiessen. Kaspar gab ihm auch eine Kugelbuͤchse mit, und er muste mit schiessen. Die Bauren erwiesen ihm viele Ehre, und nannten ihn Junker. Er gewann das Beste, welches in etlichen Gulden bestand. Er wollt es wieder ausschiessen lassen, als die Bauren dies nicht zugaben, so hielt er sie alle in Bier und Brandewein frey. Daruͤber wurden sie ganz munter, und tranken alle Augenblicke seine Ge- sundheit. Als er mit Kaspar weggieng, ward er bis vor sein Haus hin mit Musik, einem Dudel- sack und zwo Violinen begleitet. Als er sagte, daß er morgen weiter wolle, wollte ihn Kaspar durch- aus zu Pferd begleiten, aber Siegwart nahm es nicht an. Er wollte, die Baͤurin sollte ihm die Rechnung machen fuͤr das, was er bey ihnen ver- zehrt haͤtte. Anfangs wollte sie es gar nicht thun. Zuletzt foderte sie etwas weniges. Siegwart gabs, und steckte noch jedem Kind einen Sechsbaͤtzner in die Hand. O o o Den andern Morgen um 5 Uhr stand er auf, und fuͤhlte seine Gesundheit voͤllig wieder hergestellt. Die Baͤurin wuͤnschte ihm mit Thraͤnen tausend Gluͤck auf den Weg. Kaspar begleitete ihn bis vors Dorf hinaus, und wies ihm den naͤchsten Weg. Auf dem ersten Dorf konnt er lange nichts von Marianens Wagen erfahren; endlich fand er einen Bauer, der ihn gesehen hatte, und ihm das Dorf nannte, wo er hergekommen war. Noch in zwey Doͤrfern bekam er Nachricht. Endlich im dritten wollte niemand weiter etwas gesehen ha- ben. Nur eine Frau sagte: Abends um Eilf Uhr habe sie vor etlich Tagen etwas durchs Dorfs fah- ren hoͤren. Sie habe hinausgesehen, und da seys eine Kutsche gewesen, die aufs naͤchste Dorf zu, das sie nannte, gefahren sey. Man geh durch einen dicken Tannenwald durch, und es sey eine gute Stunde dahin. Erst muͤsse man sich, wenn man halb im Wald sey, rechts, dann links, dann wie- der rechts hinum schlagen. Siegwart war auf die- se Anweisung wenig aufmerksam. Er war zufrie- den, daß er etwas von dem Wagen gehoͤrt hatte, und gieng wieder weiter. Durch allerley Phanta- sien und Traͤumereyen, daß er nun bald seine Ma- riane wieder finden werde, vertiefte er sich so in Gedanken, daß er gar nicht mehr auf den Weg Acht gab, und schon ziemlich tief im dicken Tannenwalde war, als ihm einfiel, ob er wol auch auf dem rechten Wege sey? Der Fußpfad, auf dem er gieng, war schmal, oft verlohr er ihn, wo die Nadeln von den Tannenbaͤumen haͤufiger lagen, fast ganz. Er ward nun etwas besorgt, denn der Wald war dick, daß man nirgends hinaussehen konnte. Endlich theilte sich sein Weg, und er wuste lang nicht, wel- chen Pfad er waͤhlen sollte? Endlich gieng er den zur Rechten, weil ihm nur noch dunkel im Ge- daͤchtniß schwebte, daß die Frau gesagt habe, er muͤsse rechter Hand gehen! Nach einer Stunde ver- lohr sich sein Fußpfad ganz. Er gieng hin und her, vor-und ruͤckwaͤrts, und fand nirgend keine Spur. Endlich gieng er in der Ungeduld auf Ge- rathewohl gerade fort. Der Wald ward immer dicker, und unwegsamer, weil, neben den hohen Fichten, viel niedriges Tannenreiß wuchs. Hoͤren konnt er auch weder die Glocken in einem Dorf, noch sonst einen Laut von Menschen, weil die, etwas laute Luft durch die Tannenwipfel wie ein großer Strom dahin rauschte. Zuweilen machte ihn das uͤbrige tiefe Schweigen, die Abgeschieden- heit von allen lebenden Geschoͤpfen — denn kein Vo- gel war im Wald — und das Dunkel, durch das kaum ein Sonnenstral dringen konnte, sehr weh- muͤthig, daß ihm Thraͤnen aus den Augen auf das Moos stuͤrzten. Dann ward er wieder ver- druͤßlich und zaghaft, weil er gar kein Ende des Waldes sah. Wenn es auch zuweilen etwas hell sah, so kams doch nur daher, daß die Fichten et- was duͤnner standen; hinten schloß sich gleich wie- der ein groͤsseres Dickicht an. Dabey ward er von dem muͤhsamen Hin-und Herirren immer mat- ter und kraftloser. Ein paarmal setzte er sich auf das etwas erhoͤhte Moos nieder, sah auf die Uhr, und fand, daß es schon auf drey Uhr gehe. Er stuͤtzte den Kopf in beyde Haͤnde, und dachte: Ach Mariane, wenn wir hier in dieser Wildnis, und von Menschen abgesondert lebten, die groͤstentheils so niedertraͤchtig sind! Ach, mein Kleist hat Recht: Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn! Wenn in dieser seligen und stillen Ruhe unser Le- ben unbemerkt, unbeneidet, ungekraͤnkt, dahin floͤsse! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier waͤrest! Aber du traurst und weinst — Gott weiß, wo? — in irgend einem Winkel zwischen dunkeln Mauren um deinen armen Siegwart und ver- eufzst dein Leben. Ach, wenn ich dich hier an meinen Busen schliessen, und dich troͤsten koͤnnte, wo kein Mensch wohnt, wo nur Engel unsre Liebe sehen und sich ihrer freuen wuͤrden! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier waͤrst! — Aber ich verschmacht in dieser Wildnis, und kein Mensch beweint mich, und kein Engel kann mich retten! — Gott, ach Gott, erhalt mich meiner Mariane! So dachte er, stund dann wieder auf, und gieng weiter. Je tiefer die Sonn am Himmel hinunter sank, desto dunkler wards im Tannen- wald, so daß ihm endlich zu grauen anfieng. Je laͤnger er umher lief, desto weiter verlohr er sich im Wald, und er wollte schon dran ver- zweifeln, sich jemals wieder herauszufinden, als er endlich unter dem dicksten Tannengebuͤsch eine Huͤtte wahrnahm. Bey diesem Anblick ward ihm, als ob ein Engel ihm erschiene. Er eilte auf die Huͤtte zu, fand aber die Thuͤre verschlossen. Er ward daruͤber sehr betroffen, doch hoffte er, daß ihr Besitzer bald zuruͤckkommen wuͤrde, und setz- te sich auf die gegenuͤber angelegte Rasenbank. Die Huͤtte war fast blos von Erde aufgebaut, das Dach mit Tannenreiß bedeckt, und statt der Fen- ster waren an der Seite nur ein paar kleine Oeff- nungen. Um das Haus herum war ein freyer Platz, wo etwas Kuͤchengewaͤchse, und auf der andern Seite einige, jung heranwachsende Frucht- baͤume standen. Ein paar Kirschbaͤume hiengen schon voll Fruͤchte, die, wegen der Dunkelheit des Waldes erst jetzt reiften. Siegwart konnte sich nicht zuruͤckhalten, einige davon an den untersten Aesten abzupfluͤcken, denn er war vom Hunger und Durst zu sehr abgemattet, und ausgemergelt. Eine halbe Stunde drauf kam endlich ein Einsiedler, in tiefen Betrachtungen verlohren, unter den dun- keln Tannen hergeschlichen. Siegwart stand ehr- erbietig auf. Der Einsiedler erstaunte, als er ei- nen Menschen in seiner Einoͤde wahrnahm. An- fangs war er so betroffen, daß er nicht reden konn- te. Endlich gieng er auf Siegwart freundlich zu, und sagte: Sie sind gewiß ein Ungluͤcklicher, daß Sie in diese abgelegne Gegend kommen? Ja, ant- wortete Siegwart, ich bin verirrt, und laufe schon den ganzen Tag in diesem Wald umher. Armer Juͤngling! versetzte der Einsiedler, Sie werden wol sehr abgemattet seyn? Jch will Jhnen brin- gen, was ich habe. Mit diesen Worten schloß er seine Thuͤr auf, brachte etwas Brod und Kaͤse heraus, und pfluͤckte ihm Kirschen von den Baͤu- men ab. Er brachte auch einen Krug mit Wasser, und setzte sich neben unserm Siegwart hin. Als sich dieser etwas erfrischt hatte, betrachtete er den Ein- siedler genauer, und fand, daß er ein Mann nicht viel uͤber dreysig war, obgleich sein Gesicht von innerlichem Kummer sehr abgezehrt zu seyn schien. Jn seinem duͤstern Auge war ein Ueberrest von un- terdruͤcktem Feuer, und aus dem ganzen Gesicht sprach viel Edles. Ueberhaupt verrieth sein gan- zes Betragen, und auch seine Sprache einen Mann von nicht geringem Herkommen. Und wie kommen Sie in diesen Wald, sagte er, wenn ich fragen darf? Jch wollte, antwortete Siegwart, nach, nach — — Ja, nun hab ich den Namen des |Dorfs vergessen, — und da must ich durch den Wald gehn, und vertiefte mich in meinen Ge- danken, und verlohr den Weg, und konnte mich, trotz alles Suchens doch nicht mehr heraus finden. — Das glaub ich, versetzte der Einsiedler; der Wald ist erstaunlich groß, zumal in die Laͤnge. Jetzt wirklich meine Huͤtte ist vom naͤchsten Dorf zwo Stunden weit entfernt, und ich habe hier seit Jahr und Tag keinen Menschen gesehen. Sie sahen mirs auch wol an, wie ich uͤber Jhren Anblick so bestuͤrzt war. Sie kommen wol von einer Universitaͤt her? — Ja, von Jngolstadt, war Siegwarts Antwort. — Beyde schwiegen nun eine Zeitlang still, und schienen in tiefe Wehmuth zu versinken. Sieg- wart betrachtete zuweilen den Einsiedler seitwaͤrts, und bemerkte tiefe Zuͤge der Schwermuth in sei- nem Gesicht eingegraben. Je gewisser er uͤberzeugt ward, daß er ein Ungluͤcklicher seyn muͤsse, desto mehr Zuneigung fuͤhlte er bey sich gegen ihn; desto mehr wuͤnschte er, sein Herz vor ihm ausschuͤtten zu koͤnnen. Aber eine gewisse ehrerbietige Schuͤchternheit hielt ihn zuruͤck, wenn er oft schon den Mund oͤffnen, und ihm seine Geschichte entdecken wollte. Sie leben wohl, fieng er endlich an, an diesem stillen einsamen Aufenthalt recht ruhig |und zufrie- den? Einsiedler. Was der Ort dazu beytragen kann, das thut er, wenns nicht innre Stuͤrme gibt. Siegwart. Freylich kommts allein auf unser Herz, und nicht aufs Aeußre an, ob man ruhig und zufrieden lebt! Aber ich denke doch, je weiter man von Menschen lebt, desto mehr innre Ruhe hat man. Einsiedler. Recht, mein Lieber! Es scheint, wir haben einerley Grundsaͤtze. Aber es gibt auch verschiedne Gruͤnde, warum man sich von aller menschlichen Gesellschaft los macht. Siegwart. Liebe zur Ruhe ists doch immer, wie mich deucht. . . Einsiedler. Und Sehnsucht nach Ruhe; oder daß man sie an andern Oertern sucht, wenn man sie nicht in sich selbst hat. Und das, scheint mir, ist sehr oft der Fall. (Hier seufzte er.) Siegwart. Leider! mag ers nur zu oft seyn! Vielleicht sehen Sie mirs an, daß ich auch die Ruhe ausser mir aufsuche. Ach, mein theurer Vater, darf ich Jhnen mich entdecken? Vielleicht wissen Sie ein Lindrungsmittel; und ich weiß, Sie wuͤrdens mir nicht vorenthalten. Einsiedler. Nein gewiß nicht! wenigstens wer- den Sie mein Mitleid haben, wenns nichts wei- ter ist. Jch will Jhnen Jhr Geheimnis nicht abdringen. Oft ists Grausamkeit. Aber wenn Sie mir es freywillig entdecken wollen, so wirds mich freuen. Jch werde wenigstens Jhr Zu- trauen nicht mißbrauchen. Siegwart erzaͤhlte ihm nun |seine ganze Ge- schichte. Der Einsiedler ward oft stark dabey er- schuͤttert, und vergoß viele Thraͤnen. An man- chen Auftritten nahm er besonders Theil. Zuletzt umarmte er unsern Siegwart mit den Worten: Du bist ein edler Juͤngling, und verdienst mein ganzes Mitleid. Oft war mirs bey deiner Er- zaͤhlung, als ob ich meine eigene Geschichte hoͤr- te; nur daß diese noch schrecklicher und trauriger ist. Jch bin dir nun auch Zutrauen schuldig. Morgen sollst du meine Geschichte hoͤren. Heut ists schon zu spaͤt, und der Abend ist sehr kuͤhl. Du bist muͤd; deine Erzaͤhlung hat dich, wie ich sehe, heftig angegriffen, und du hast des Schlafs und der Ruhe noͤthig. Komm! Jch fuͤhre dich in die Kammer. Siegwart muste, so sehr er sich auch weigerte, in der kleinen Kammer, in dem eignen Bett | des Einsiedlers schlafen. Jch schlafe draussen, sagte er, in meiner Huͤtte; du hast der Ruhe und der Waͤrme noͤthiger als ich. Mach keine Umstaͤnde! Schlaf wohl! Mit diesen Worten gieng er, und ließ ihm das Licht in der Kammer. Als Siegwart eben in das Bette gehen wollte, nahm er das Bildnis eines Maͤdchens wahr, das dem Bette gegen uͤber hieng. Er betrachtete es, mit dem Licht in der Hand, genauer, und fand ein schoͤnes, sanftes Gesicht mit schmachtenden blauen Augen, dem Wiederschein einer himmli- schen Seele. Er sah es lang mit Entzuͤcken und mit Ruͤhrung an, dachte dabey an seine Mariane, weinte, und gieng endlich, voll wehmuͤthiger Ge- danken, zu Bette, Auf die Ermattung des Tages schlief er ruhig, und wachte auf, als schon seit- waͤrts durch die Tannenbaͤume einige gebrochne Sonnenstrahlen in die kleine Kammer schienen. Er stund auf, sah das Bild wieder eine halbe Stunde lang, unbeweglich an, kleidete sich drauf an, und gieng vor die Huͤtte, wo der Einsiedler tiefsinnig und traurig auf der Rasenbank saß. Haben Sie wohl geschlafen, theurer Vater? fragte Siegwart. Red mehr die Sprache der Vertraulichkeit, sagte dieser, und nenn mich Du! Wir sind beyde ungluͤcklich; und Ungluͤckliche sind sich naͤher, und noch mehr Bruͤder, als andre Menschen. Du siehst heute frischer aus. Hast du gut geschlafen? Setz dich zu mir, auf den Ra- sen! Wir wollen erst miteinander bethen! Er bete- te mit hoher Andacht, und heiligem Feuer, daß die Seele unsers Siegwart ganz erschuͤttert, und zum Himmel empor gehoben wurde. — Drauf nahm der Einsiedler seine Hand, und hub an: Deine Geschichte hat mich tief geruͤhrt; |sie gieng mir bestaͤndig nach, und ich konnte fast die ganze Nacht nicht davor schlafen. Du hast viel gelitten, Lieber; aber staͤrke dich! Du kannst noch vieles auf der Welt erfahren. Jch hoffe, daß du Glauben an Gott hast. Bey allen Leiden, die ich ausgestanden habe — und es sind gewiß recht viele — hab ich das gelernt: Ohne Glauben an Gott und an sich selbst koͤnnte man kein schweres Leiden uͤberstehen. Selbstmord und Verzweiflung waͤre stets die letzte Zuflucht, und sie ists auch, leider! bey so vielen. Wer an Menschen glaubt, der wird zu Schanden, wie du schon erfahren hast. Jch traute mir, und noch mehr andern Menschen alles zu; ich glaubte, mir allein helfen zu muͤssen, und — ach Gott! — Wie tief bin ich gefallen! — Jch sah den Himmel an, und alle Sterne, daß sich ihre Menge nicht verwirrt. Jch sah Stuͤrm’ und Blitz und Donner aufstehn; sah die Elemente miteinander kriegen, und doch alles bleiben, wie es war. Jch sah Menschen mit- einander kriegen; sah; wie immer einer gegen den andern ist; sah in mir und andern alles miteinan- der kaͤmpfen; Leidenschaften in der Seele toben, daß es schien, sie muͤste aufgerieben werden — und doch blieb im Menschen Ordnung; Nach den tausend Stuͤrmen kam doch wieder Ruhe; und ich hub mich auf, und sah gen Himmel, fuͤhlt es, daß nicht nur ein Gott im Himmel wohnte, sondern auch ein Gott, der alles kann, und alles ordnet, und die Wirrungen zertheilt, und wieder Eins wacht, und mein Herz fieng an zu glauben. Und ich saste Muth, und fuͤhlt’ an meinen Kraͤften, daß sie mir nicht so umsonst gegeben sind; und ich fieng an, sie zu brauchen, und ich fuͤhlte mich gestaͤrkt. Jch uͤberwand mein Herz, wenn es verzagen wollte, mit Hoffnung, und fester Zuversicht, und fand, daß dem Glauben alle Dinge moͤglich sind. Mach du den Gedanken dir zur Stuͤtze, daß du nicht alleine wuͤrkest, du magst stark, oder schwach seyn! Dann mein Lieber! wirst du auch im strengsten Kampfe nie verzagen. Und nun |meine Geschichte. — Du bist der erste dem ich sie erzaͤle. Ach, sie wird mich tausend Thraͤnen kosten. Du wirst mit mir weinen. Thust du dieses recht von Herzen, so bin ich uͤberzeugt, du wirst sie keiner Seele, die sie mißbrauchen koͤnnte, offenbahren. Jch bin ein Edelmann, und hab im Krieg ge- dient: du hast das Maͤdchenbild gesehen, das in meiner Kammer haͤngt. Du bist der erste, der in meine Kammer kam, und es gesehen hat. Jhr Gesicht sagt dir alles; malt dir ihre ganze Seele ab. Jch liebte sie, wie du deine Mariane liebest, und ihr Herz war mein, wie Marianens ihrs dein ist. Der Krieg rief mich von ihr. Meine Mutter fieng die Briefe auf, die ich ihr aus dem Feld ge- schrieben hatte, und sagte meiner Theuren, daß ich untreu sey. Sie ward krank und wahnwitzig, und schloß sich, als sie besser ward, in ein Kloster ein. Jch kam heim; erfuhrs; glaubte nicht; verzwei- felte, und erstach meine Mutter; und mein Eugel starb. Als Siegwart diese Erzaͤhlung, die der Einsied- ler weit umstaͤndlicher vortrug, hoͤrte; rief er aus: Herr Jesus! Heissest du nicht Ferbinand? — Ja, rief der Einsiedler; kennst du mich? — Jch kenne dich! meine Schwester war beym Tode deines Maͤdchens. Ungluͤcklicher Mann! Jch kenne dich! Nun so erzaͤhl mir alles! rief der Einsiedler. Reiß noch einmal alle Wunden meines Herzens auf! Siegwart erzaͤhlte ihm nun alles, was ihm seine Schwester von der Baronessin erzaͤhlt hatte. Siehst du, rief der Einsiedler, dieser Ferdinand, dieser Elende, dieser Verworfne bin ich! Verdamm mich nun! Verfluch mich! Thu was du willst! Jch bin alles werth! — Gott, wie koͤnnt ich das? versetzte Siegwart. Bedauren und beweinen kann ich dich. Mehr nicht, ungluͤcklicher Mann! Du bist ein Mensch gewesen, mehr nicht. Gott weiß, was ich, an deinem Platz, wuͤrde gethan haben? Der Einsiedler umarmte ihn. Hoͤr! ich schwoͤr es dir! Du bist noch ein Mensch! Du weist noch, was ein Mensch kann, und nicht kann. Richtet nicht, | so werdet ihr auch nicht gerichtet werden! Das hat Gott gesagt, und du befolgst es. Laß dich fester an mein Herz druͤcken! Du bist mir ein Engel Gottes! Nach vielen Thraͤnen und Umarmungen setzte der Einsiedler seine Erzaͤhlung also fort: Meine Mutter war erschlagen. Jch wust es kaum, daß ichs gethan hatte, und erfuhr es erst nach ein paar Tagen von meinem Bedienten, der mich im Wald aussuchte, wohin ich mich gefluͤchtet hatte. Jch wollte verzweifeln. Es war, als ob mir Gottes Rache nachsetzte. Mein Bedienter lag mir an, aus dem Land zu gehn; ich wollte nicht. Haͤtt er mich nicht zuruͤckgehalten, so haͤtt ich mich bey der Obrigkeit als einen Muttermoͤrder angege- ben. Zweymal wollt ich mich in die Donau stuͤr- zen. Einmal war ich schon bey Nacht darinn. Er warf sich mit seinem Pferd ins Wasser, und rettete mich noch. Nun sah ich auf Einmal den Abgrund, an dem ich herumgetaumelt hatte. Jch fuͤhlte die Schwere des Verbrechens, das ich noch der Last meiner Suͤnden hatte beylegen wollen. Jch ver- fiel in tiefe Schwermuth und Unthaͤtigkeit, und ließ mich von ihm lenken, wie er wollte. Er uͤberredete mich, aus dem Land zu fluͤchten. Jch wollte bey den Preussen Kriegsdienste nehmen, und machte mich mit ihm bey Nacht auf den Weg, nachdem er mir, durch Vermittelung meines Bru- ders, hinlaͤnglich Geld verschafft hatte. Die zweyte Nacht verirrten wir uns in diesem Wald, und befanden uns am Morgen drauf hier. Diese Dunkelheit und Stille war ganz fuͤr meinen Zu- stand und fuͤr meinen Gram gemacht. Hier will ich bleiben, sagt ich, stieg von meinem Pferd ab, und steckte meinen Stock mit den Worten in die Erde: Hier soll mein Grab seyn, und unter jenem Baum dort meine Huͤtte. Mein Bedienter hielt dieß wieder fuͤr einen Einfall, wie ich schon viel gehabt hatte, und wovon er mich immer wieder abzubringen wuste. Aber dießmal war sein Zure- den vergeblich. Ein geheimer Zug hielt mich an diesem Ort fest. Was wollen Sie denn werden? sagte er. Nichts, antwortete ich; genug ich will hier bleiben, und mir eine Huͤtte bauen. Als er sah, daß ich schlechterdings nicht davon abzubrin- gen war; so sagte er: wenn Sie denn nicht an- ders wollen, so ists am besten, wenn wir eine Ein- siedeley anlegen, und Waldbruͤder werden. Gut, das meyn ich eben, war meine Antwort; laß uns nur eine Huͤtte bauen! Er erbot sich, weil man ihn in dieser Gegend wenig oder gar nicht kannte, nach dem naͤchsten Dorf, das er finden koͤnnte, zu reiten, die Pferde zu verkaufen, und sich ein Grab- scheit, eine Axt, und einige andre Bauwerkzeuge, und etwas Nahrungsmittel zu kaufen. Waͤhrend, daß er weg war, zeichnete ich den Platz zu der Huͤtte aus, bog einige Tannenzweige zusammen, daß sie eine Art von Laube gaben, unter der wir uns zur Noth so lang aufhalten koͤnnten, bis die Huͤtte fertig waͤre. Er kam erst spaͤt gegen Abend wieder, denn er hatte sich erst mit den Pferden kaum aus dem Wald finden koͤnnen, und den Ruͤckweg fand er fast gar nicht mehr. Er sagte mir, das naͤchste Dorf liege zwo Stunden weit vom Walde; Er habe sich auch von ferne nach dem Wald erkundigt, und erfahren, er sey bayerisch; aber es wage sich nicht leicht ein Bauer tief hinein, P p p weil man vor einigen Jahren einen Kerl, der sich selbst erhenkt hatte, darinn begraben habe, und da sey nun die allgemeine Sage, er geh im Wald um, und thu den Leuten allerley Spuck an; wir koͤnn- ten also hier ganz sicher wohnen. Er brachte einen Zwerchsack voll Brod und Kaͤse, und allerley Bau- werkzeuge mit. Den andern Tag hauten wir ei- nige junge Tannen ab, schlugen davon vier Pfaͤhle in die Erde, gruben die Erde auf; flochten Waͤnde von schlankem Tannenreiß, verklebten sie mit Leim, legten etlich Stangen quer uͤber die Huͤtte, mach- ten ein Dach von Tannenreiß, und waren in et- lich Tagen mit unsrer Wohnung fertig. Den Platz dort gruben wir zu einem Kohlgaͤrtchen um. Mein | Heinrich kaufte auf dem Dorf Samen, die sehr gut gedeihten, so daß wir im Herbst schon Kohl und Ruͤben und dergleichen hatten. Er brachte auch zwo Waldbruͤderkleidungen mit, fuͤr mich, und ihn. Jm Herbst kaufte er die Obst- baͤume, die du hier gepflanzet siehst. Sie sind nun bald zwoͤlf Jahr alt, und gedeihen, gottlob! gut. Wir richteten uns jeden Tag bequemer ein, saͤeten auch etwas Winterfrucht aus, so daß wir nun nicht mehr so oft etwas aus dem Dorf brauchten. Man erfuhrs in den umliegenden Doͤrfern bald, daß zwey Einsiedler hier im Walde wohnten. Die Bauren gaben meinem Heinrich haͤufig Almosen; aber heraus in den Wald wagte sich selbst keiner, wegen der Sage vom erhenkten Kerl, die sich da- durch noch mehr bestaͤrkte, weil mein Heinrich die List gebraucht hatte, etlichemal, sowol bey Tag, als auch bey Nacht im Wald herumzulaufen, und erbaͤrmlich zu heulen, welches man fuͤr ein Gewin- sel des erhenkten Kerls hielt. — Hier leb ich nun seit ungefaͤhr zwoͤlf Jahren, so gluͤcklich als es ein Mensch bey meinem Gemuͤthszustand seyn kann. Anfangs hatt ich oft grosse Beaͤngstigungen. Bald sah ich das Bild meiner ermordeten Mutter, und gerieth in Seelenaͤngste; bald den Schatten meiner unvergeßlichen Geliebten. Zweymal war ich, eh sie noch gestorben war, und eh ich in den Wald kam, im Klostergarten gewesen, um sie zu entsuͤh- ren; aber es war, als ob mich Gottes Hand zu- ruͤckgehalten haͤtte. Meine Stunden sind hier zwi- schen Gebeth und Andachtsuͤbungen, und Thraͤnen bittrer Reue getheilt. Jch kasteye meinen Leib, nicht als ob ich glaubte, Gott genug damit zu thun — meine Suͤnden kann ich selber durch nichts abbuͤssen — sondern weil ich weiß, daß ich nichts als Qual und Schmerzen auf der Welt ver- dienet habe. Jch habe doch noch mehr Freuden, als ich werth bin, denn meine That ist fuͤrchterlich, so sehr ich auch dazu gereizt war. Aber Gott weiß, wie ich jeden Tag und jede Nacht vor ihm in Thraͤnen liege, und ihm meine Schuld bekenne. Den Menschen wuͤrd ich gerne dienen, wenn ich nur, ohne Gefahr, unter ihnen leben koͤnnte. Und mich selbst als einen Moͤrder anzugeben, halt ich jezt auch nicht mehr fuͤr rathsam. Meiner ganzen Familie wuͤrd ich dadurch aufs neu einen unaus- sprechlichen Schmerz verursachen; hier hingegen schad ich keinem Menschen nichts, und kann doch meine Seele taͤglich mehr auf die Ewigkeit bereiten. Jch kann keine Belohnung erwarten. Ach Gott! wenn ich nur um des Versoͤhners willen, von den Strafen meines graͤulichen Verbrechens frey gespro- chen werde! — Jch glaube, daß es nicht mehr lange mit mir auf der Welt dauren wird, und daß ich bald meinem Heinrich nachfolgen werde. Sieben Jahre lang lebt ich mit der guten Seele. Jch war kaum hier etwas eingerichtet, so lag ich ihm Tag und Nacht recht herzlich, oft mit Thraͤ- nen an, sein Gluͤck in der Welt zu suchen. Jch bot ihm alle mein Geld an, das mir schlechterdings ganz unnuͤtz war. Jch stellt ihm vor, daß er ja nichts verbrochen hab, und also meine Schuld nicht mit tragen koͤnnte. Aber alles war vergebens. Er wollte mit| mir leben und sterben, und sagte: daß er nun auch der Welt uͤberdruͤssig sey, wo ich soviel Hundsfuͤtter angetroffen habe, und er woll mir dienen. Jch warf ihm noch ein: ich brauche kei- nen Dienst; mein kleines Plaͤtzchen koͤnn ich selbst bebauen, und auch sicher im Dorf gehen, wenn ich etwas noͤthig habe, weil mich da, besonders wegen meines langen Barts, kein Mensch erkenne, wie ich denn auch wirklich einigemal mit ihm ins Dorf gewesen war. Erst nach einem Jahr, da ich ihm bestaͤndig angelegen hatte, ließ er sich bewegen mich zu verlassen. Er nahm mit tausend Thraͤnen von mir Abschied; und sagte, daß er blos mir zu Gefallen gehen wolle, weil ich ihn so sehr darum bitte; er wiss’ aber, daß es mich gereuen werde. Von dem Geld nahm er, ungeachtet meines Drin- gens, nur die Haͤlfte mit. Er sagte, es sey ihm, als ob er in die Hoͤlle zuruͤckkehren sollte. Er wisse nicht, wo er sich hinwenden muͤst, und werde mich gewiß oft besuchen. Jch glaubte, er sage dieses alles nur um meinetwillen, um mich zu bewegen, ihn zu meiner Erleichterung bey mir zu behalten. Es ist wahr, es gieng mir nah, den guten Kerl zu verlieren. Anfangs war mir die gaͤnzliche Ein- samkeit fast unertraͤglich. Nach und nach gewoͤhnt’ ich mich daran. Es war noch kein Vierteljahr ver- flossen, da kam er eines Morgens zu mir. Herr, sagte er, ich komme wieder; aber nicht nur auf einen Besuch. Sie muͤssen mich bey sich behalten; Sie moͤgen nun wollen, oder nicht! Jch kanns in der vertrackten Welt nicht laͤnger aushalten. Das sind mir Menschen! Man kommt schlechterdings auf keinen gruͤnen Zweig, wenn man nicht ein Spitzbube werden will. Ueberall ist nichts, als Lug und Trug. Man muß entweder sich betruͤgen lassen oder elbst betruͤgen. Keins von beyden mag ich! Warum sollt ich mich alle Tage halb zu Tod aͤrgern? Da hatt ich mir mit dem Geld, das Sie mir gege- ben hatten, eine Dorfschenke gekauft. Fuͤrs erste must ich schon weit mehr dafuͤr bezahlen, als sie werth war, und dann hatt ich nichts, als taͤglich Aerger und Verdruß. Das Saufen und Laͤrmen nahm kein Ende; taͤglich must ich die aͤrgerlichsten Dinge mit ansehen, und mit anhoͤren. Beym Spiel sah ich immer einen den andern betruͤgen; beym Trunk gabs nichts als Haͤndel; kurz, einer ist immer gegen den andern. Da verkauft ich meine Wirthschaft wieder an einen armen Schlucker, ders wol brauchen konnte, denn er hat nicht mehr als neun Kinder zu ernaͤhren; nahm meinen Wan- derstab, und bin nun wieder hier. Mein Lebtag will ich nun nichts mehr mit Menschen zu thun haben. Bey Jhnen ist mir wohl, denn ich weiß, daß sies ehrlich meynen; ob Jhnen gleich auch alles in der Welt schief ging. — Jch nahm den guten Kerl mit Freuden wieder auf, denn ich konnt ihm nicht ganz Unrecht geben. Wir lebten im Frieden miteinander, bis ungefaͤhr vor fuͤnf Jahren; da bekam er ein hitziges Fieber, und starb. Jch hab ihn hier begraben, und wir sitzen hier auf seinem Grab. Jezt leb ich so mein Leben hier, bis es Gott gefallen wird, mich auch abzurufen. Beyde schwiegen eine Zeitlang still. Siegwart war sehr bewegt. Endlich sagte er, wenn ich mei- ne Mariane nicht mehr finde, und du nimmst mich auf, so bring ich auch meine Lebenszeit bey dir zu. Jch bin noch jung, aber ich habe schon gnug in der Welt geduldet, und nach den vielen Stuͤrmen wird sich mein Leib auch nicht lange mehr aufrecht erhalten. Ferdinand sagte, daß er ihn mit Freuden auf- nehmen werde. Er soll sich aber wohl bedenken; er habe noch Verwandte, denen er Freude machen koͤnne, und koͤnn’ uͤberhaupt den Menschen noch viel dienen, welches bey ihm der Fall nicht sey. — Jch muß frisches Wasser holen. Willst du mit mir. Sie giengen ohngefaͤhr 50 Schritte weit von der Huͤtte an einen etwas vertieften Ort, wo eine klare Quelle hervor strudelte. Siegwart ließ sich uͤber- reden, diesen Tag noch bey dem Einsiedler zu blei- ben, um sich von seiner Ermattung wieder zu er- holen. Ferdinand wieß ihm seine Einrichtungen, wie er im Sommer anbaue, wie er sich im Win- ter fortbringe ꝛc. Sie sprachen viel uͤber die Ver- haͤltnisse in der Welt, daß sie gewoͤhnlich den Men- schen mehr ungluͤcklich, als gluͤcklich machen, beson- ders uͤber Stand und Vermoͤgen. Ferdinand gab ihm allerley gute Lehren, wegen Marianens, wenn er sie wieder finden sollte, und so brach unvermerkt der Abend an. Sie sassen auf der Rasenbank, als sie ploͤtzlich ein Geraͤusch in der Naͤhe hoͤrten, und einen Reuter heran sprengen sahen, welches Marx war. Sind Sie da? rief er; nun Gottlob! und eilends ritt er weg. Der Einsiedler sah unsern Siegwart voll Er- staunen an. Sey unbesorgt! sagte dieser. Der Kerl ist meines Schwagers Bedienter. Vermuth- muthlich soll er mich aufsuchen. Aber warum er so ploͤtz- lich wieder weggeritten ist? kann ich nicht begreifen. Jndem kam Marx wieder mit seinem Herrn, Kronhelm, der auch zu Pferd war. Kronhelm sprang von seinem Pferd, und umarmte Siegwart stillschweigend. Was treibst du? fing er endlich an. Jch suche dich seit zwey Tagen im Land herum, bis man mir von einem Einsiedler sagte, bey dem du vielleicht waͤrest. — Ja, haͤtt ich den Bauer nicht angetroffen, sagte Marx, der mir Bescheid gesagt hat, wir ritten noch im Nebel herum. — Kronhelm gruͤste nun erst den Einstedler, und ließ sich von seinem Schwager erzaͤhlen, wie’s ihm gegan- gen sey, und wie er sich verirrt habe. Das beste ist, sagte endlich Kronhelm, wir reiten jezt gleich aufs naͤchste Dorf, um da zu uͤbernachten. Sieg- wart wollte Schwierigkeiten machen, aber Kron- helm nahms nicht an. Marx muste von seinem Pferd steigen, und Siegwart setzte sich darauf. Er ging mit dem Einsiedler voran, und wies den Weg aus dem Holz. Als sie an den Ausgang des Waldes ka- men, nahm der Einsiedler Abschied. Siegwart sprang vom Pferd, kuͤßte und druͤckte seinen lieben Ferdinand mit tausend Thraͤnen, und versprach ihm noch einmal, zu ihm in seine Einsiedeley zu kommen, wenn er seine Mariane nicht mehr finde. Drauf ritt er mit seinem Kronhelm weiter, und ruͤhmte ihm die Freundschaft, die der Einsiedler fuͤr ihn gehabt haͤtte; er erzaͤhlte ihm auch soviel von seiner Geschichte, als er glaubte, daß ihm, nach seinem gethanen Versprechen der Verschwiegenheit, erlaubt waͤre. Auf dem naͤchsten Dorf liessen sie sich in der Schenke in das obre Zimmer fuͤhren, um allein zu seyn. Kronhelm erzaͤhlte seinem Schwa- ger, er hab ihn in Jngolstadt abholen wollen, und als er nichts von ihm hab erfahren koͤnnen, sey er auf Gerathewohl auf den Doͤrfern herumgeritten, bis er bey dem Bauren Kaspar naͤhere Nachricht von ihm erfahren habe. Diese Nachricht hab ihn seinetwegen sehr besorgt gemacht, und nun sey er froh, daß er ihn endlich ausgekundschaftet habe. Er hoffe nun, daß er mit ihm auf sein Schloß kommen werde, um sich da, soviel als moͤglich, wie- der aufzuheitern, und von seinen schweren Wider- waͤrtigkeiten zu erholen. Siegwart sagte: das gehe schlechterdings nicht an. Er sey auf der Spur, den Ort zu entdecken, wo seine Mariane hingebracht worden sey; dieser muͤss er nachgehen, und koͤnne nicht eher ruhen, als bis er mit seinem Maͤdchen wieder vereinigt sey. Kronhelm stellte ihm vor: Was er machen wolle, wenn er auch das Kloster, wo seine Mariane eingesperrt sey, erfahre? Er werde sich durch seine Nachforschungen verdaͤchtig machen, und dadurch, wenn es auch noch moͤg- lich waͤre, sie aus dem Kloster zu entfuͤhren, sich selbst den Weg dazu versperren; es sey weit besser, wenn Marx, auf den kein Mensch Achtung geben werde, sich unter der Hand nach ihr erkundige, und es ihnen mittheile, wenn er etwas erfahren koͤnne. Dann sey es erst Zeit, Maasregeln zu nehmen, wie man Marianen retten koͤnne, u. s. w. Siegwart ließ sich diesen Vorschlag endlich nach langer Zeit gefallen. Kronhelm suchte seinem Freund, der sich nun uͤber sein Schicksal zu beklagen anfieng, soviel Muth und Trost einzusprechen, als moͤglich. Er ließ hierauf seinen Marx aufs Zimmer kommen, und trug ihm die Nachforschung nach dem Wa- gen und Marianens Aufenthalt auf. Siegwart beschrieb ihm das Dorf, wo er das letztemal von dem Wagen Nachricht erhalten hatte, und welches zur Linken des Walds lag, aufs genaueste, und bat ihn aufs beweglichste, sich die Sache recht ange- legen seyn zu lassen. Marx, der durch seine Bitten selbst im innersten geruͤhrt war, versprach alle moͤg- liche Behutsamkeit und Sorgfalt. Hierauf giengen Siegwart und Kronhelm zu Bette, um sich den andern Morgen fruͤhzeitig auf den Weg machen zu koͤnnen. Mit Aufgang der Sonne ritten sie weg; Marx nahm seinen Weg nach dem beschriebenen Dorf, und versprach nochmals die sorgfaͤltigste und schleunigste Besorgung seines Auftrags. Siegwart beschrieb nun seinem Schwager die schreckliche Unruhe, in der er bisher geschwebt hatte; erzaͤhlte ihm weitlaͤuftiger, aus Marianens Brief, die Begegnung, die sie von ihrem Vater hatte ausstehen muͤssen; und die Geschichte des Einsiedlers Ferdinand, von der er wußte, daß fein Schwager sie keinem Menschen entdecken wer- de. Auch fragte er seinen Kronhelm um Rath, was er anzufangen haͤtte, wenn er den Aufenthalt Ma- rianens auskundschaften koͤnnte? Kronhelm sagte: Zeit und Umstaͤnde koͤnnten hier allein die besten Mittel an die Hand geben; inzwischen hoffte er, es dann so zu ordnen, daß man sie aus dem Kloster entfuͤhren koͤnnte, zumal, da sie hoffentlich selber dazu sehr geneigt seyn wuͤrde. Alsdann werd es das Beste seyn, wenn er sich mit ihr aus dem Lande fluͤchte, und dazu woll’ er mit Rath und That behuͤlflich seyn. — Durch solche, und aͤhn- liche Traͤume und Entwuͤrfe wußte er das unruhi- ge Gemuͤth seines Freundes etwas in Schlummer zu wiegen, so daß dieser uͤber den Traͤumen seine Leiden groͤstentheils vergaß, und in einer Art von suͤssem Taumel fortritt, bis sie endlich Abends in der Daͤmmerung zu Steinfeld ankamen. — Therese kam ihnen eine Stunde vor dem Schloß in ihrem Wagen entgegen. Sie hatte schon zwey Tage umsonst auf ihren Kronhelm gewartet, und die schrecklichsten Beaͤngstigungen ausgestanden. Sie sprang aus dem Wagen, als sie ihren Mann wieder sah, und fiel fast vor Freuden in Ohn- macht. Nach diesem sah sie erst ihren Bruder, und umarmte ihn. Der Bediente, der auf dem Wagen stand, mußte die beyden Pferde nach Haus bringen, und Siegwart und Kronhelm setzten sich zu Therese in den Wagen. Mit der Einen Hand hielt sie ihres Mannes, und mit der andern ihres Bruders Hand, und zitterte vor Freuden, beyde wieder zu haben. Das erste, was sie nun nach ihrer Bestuͤrzung fragen konnte, war nach den Um- staͤnden ihres Bruders. Sie ward durch das traurige Gemaͤlde, das er davon machte, sehr nie- dergeschlagen und traurig. Doch suchte sie ihm Muth und Hoffnung einzufloͤssen, und war in ih- rer Bemuͤhung nicht ganz ungluͤcklich. Ein Ungluͤck- licher hofft gern, und hoͤrt nichts lieber als Traͤu- me von Gluͤckseligkeit, die ihm andre beybringen. Auf dem Schloß entstand eine grosse Freude, als Kronhelm wieder kam. Alle Dienstbothen drangen sich hinzu, den Bruder ihrer gnaͤdigen Frau, die sie so sehr liebten, zu sehen. Fraͤulein Sibylle, Kronhelms Schwester, kam auch mit Salome, und bewillkommte ihn. Salome hatte sich in vielen Stuͤcken geaͤndert, und that jetzt weit zaͤrtlicher gegen ihren Bruder, als ehemals. Sie sassen noch ein paar Stunden beysammen, und gien- gen dann, weil Kronhelm und Siegwart von der Reise etwas muͤde waren, fruͤhzeitig zu Bette. Siegwart traͤumte dießmal von seiner Maria- ne. Er sah sie in einem langen Schleyer zu ihm kommen. Sie sprach nichts; ihr Gesicht war blaß; sie legte ihre kalte Hand auf seine Schulter, gieng dann weg, und winkte ihm, ihr zu folgen. Er folgte ihr durch einen langen duͤstern Gang, bis an die Thuͤr, zu einem Gottesacker, wo sie in ein offnes Grab sank, das sich uͤber ihr schnell zuthat. Er stand auf dem Grab, jammerte mit emporge- hobnen Haͤnden, und wachte so, von der heftigen Bewegung, auf. Er war in der aͤussersten Be- stuͤrzung; das Bild wollte nicht aus seiner Seele zuruͤckweichen, und sobald er seinen Schwager und seine Schwester sah, erzaͤhlte er es ihnen. Diese gaben sich alle Muͤhe, ihm die traurige Vorstellung aus dem Herzen zu verbannen, und ihn zu uͤber- zeugen, wie wenig man auf einen Traum gehen muͤsse, da sich dieser gewoͤhnlich nach der vorher- gegangenen Lage des Gemuͤthes bilde. Er vergaß den Traum zwar etwas, aber nur, solang er in Gesellschaft war; in der Einsamkeit stand er im- mer wieder lebhaft vor ihm da, und verfolgte ihn mit seinen Schrecken. Sein Schwager und seine Schwester gaben sich alle moͤgliche Muͤhe, ihn zu zerstreuen, und nur in etwas aufzuheitern. Sie wiesen ihm ihr Schloß, wo alles neu, und sehr bequem eingerichtet war, ohne ins Praͤchtige zu verfallen. Sie fuͤhrten ihn in den Garten, wo sie alles umgraben, erweitern, und mit einem Geschmack hatten anlegen lassen, der der Natur soviel, als moͤglich, nahe kam. Siegwart, dieser sonst so eifrige Freund der Natur, sah alles mit einer kalten und erzwungenen Bewunderung an, so wie ein Kranker die Speisen ansieht, die er ehmals in gesunden Tagen sehr geliebt hatte, und nun nicht geniessen kann. Oft zwang er sich, seinen Freunden zu Gefallen, munter zu thun; aber man sah allen seinen Handlungen den Zwang an. Am liebsten sprach er von seiner Mariane, ob ihm dieses gleich so traurig war, und ihn tausend Thraͤnen kostete. Wenn sich davon das Gespraͤch anfieng, so konnt er gar nicht aufhoͤren. Es war ihm immer noch zu kurz, wenn es auch schon gan- ze Stunden gedauert hatte. Seine einzige Hoff- nung gruͤndete sich jetzt auf Marxens Nachsuchun- gen. Er sah ganze Stunden lang aus dem Fen- ster, ob er ihn nicht kommen sehe. Er machte es im Gespraͤch immer zweifelhaft, ob er etwas von Marianen erfahren werde? um nur seine Zweifel und Einwuͤrfe widerlegt zu sehen. Bald war er wehmuͤthig, bald verdruͤßlich und ungeduldig; bald pries er das Einsiedlerleben als das gluͤcklichste auf Erden, und sagte, daß er bald wieder zu seinem Einsiedler in den Wald zuruͤckkehren werde. Therese und sein Schwager betruͤbten sich daruͤber sehr, und sannen tausend Mittel aus, sei- ne Gedanken etwas zu zerstreuen, und ihm heiterere beyzubringen. Sie giengen oder fuhren taͤglich mit ihm spatzieren; er gab sich Muͤhe, munter zu scheinen, aber ein unvermutheter Seufzer verrieth ihnen bald wieder den Gram, der an seinem Her- zen nagte. Sie fanden, daß man fuͤr ihn nichts angenehmers thun, als von Marianen mit ihm sprechen, und ihn allein durch Hofnungen aufrichten koͤnne. Allein sie sahen auch ein, wie gefaͤhrlich ihm dieses werden koͤnne, wenn die Hof- nungen, wie nur gar zu wahrscheinlich zu vermu- then war, fehlschlagen sollten. Daher zitterten sie auch vor Marxens Zuruͤckkunft, weil sie, fast mit Zuversicht, besorgten, seine Nachsuchungen moͤchten fruchtlos abgelaufen seyn! Endlich kam Marx nach sechs Tagen wieder, ohne daß ihn Siegwart wahrnahm; denn Kron- helm hatte allen Hausbedienten befohlen, wenn Marx kaͤme, sollte man ihn sogleich in das untere Zimmer im Hof fuͤhren, ohne jemanden, ausser ihm, etwas davon zu sagen. Marx zitterte, als Kronhelm zu ihm kam, und sagte: er habe sich kaum getraut, wieder zu kommen, weil er in sei- nen Nachsuchungen nicht gluͤcklich gewesen sey. Er habe nur auf Einem Dorf etwas von dem Wagen erfahren, und da sey er Nachts um eilf Uhr durch gekommen. Vermuthlich sey er um Mitternacht, da die Bauren schliefen, durch die andern Doͤrfer gefahren. Jn einem Bezirk von acht Stunden Q q q seyen wenigstens vier Nonnenkloster. Jn keines davon duͤrf eine Mannsperson kommen, also hab er, ohngeachtet aller Muͤhe, nicht das mindeste erfahren koͤnnen, ob in einem von den Kloͤstern ein junges Frauenzimmer angekommen sey. Einmal hab er schon geglaubt auf der Spur zu seyn; aber am Ende hab es sich gezeigt, daß das angekomme- ne Frauenzimmer schon eingekleidet, und eine Non- ne aus einem benachbarten Kloster gewesen sey. Kronhelm richtete seinen Bedienten ab, was er sagen sollte. Nemlich: Er habe zwar nichts ge- wisses von Marianen erfahren koͤnnen; aber doch sey sie wahrscheinlich in einem Kloster, das er ihm nannte. Er hoffe in etlich Wochen Gewißheit davon zu erlangen, denn er habe ein paar Spio- nen bestellt, die ihm von Zeit zu Zeit Nachricht geben wuͤrden. Durch diese Nachricht ward Siegwart zwar in etwas beruhigt; aber doch konnte sich sein Gemuͤth nicht damit beruhigen. Es stiegen ihm immer Zweifel auf, und taͤglich erkundigte er sich bey Marx, was er fuͤr neue Nachrichten erhalten habe? Dieser sagte ihm, was ihm Kronhelm eingegeben hatte, nemlich weitaussehende Hofnungen, und halbe Aufklaͤrungen, die er aber so aͤngstlich und so ungeschickt vorbrachte, daß jeder andrer, der we- niger gehofft haͤtte, als Siegwart, die List haͤtte einsehen muͤssen. Er wurde von Kronhelm fast taͤglich spatzieren gefuͤhrt, damit er Abwechslung und Zerstreuung haben moͤchte. Sie besuchten jetzt oft zu Pferd die benachbarten Landedelleute, weil Therese, wegen ihrer herannahenden Niederkunft selten mehr mit- fuhr. Herr von Rothfels, (so hieß der junge Edel- mann, von dem ihm Kronhelm geschrieben hatte, daß er seine Schwester Sibylle heyrathen wuͤrde,) kam sehr oft nach Steinfeld, und blieb manches- mal zwey bis drey Tage da; oft besuchten sie ihn auch auf seinem Schloß. Er war ein angenehmer junger Mann, der in Wien, wo er studiert hatte, sich viel gelehrte und noch mehr Welt- kenntnisse gesammelt hatte. Er fuͤhlte viele Zu- neigung gegen Siegwart, und nahm an seinen traurigen Schicksalen vielen Antheil. Er wuͤrde auch Siegwarts Herz und Zutrauen ganz gewon- nen haben, wenn er minder heiter, oder wenn Siegwart in einer gluͤcklicheren Lage gewesen waͤre. Aber der junge Rothfels genoß bey Sibyllen das voͤllige Gluͤck der Liebe; daher war sein Herz und sein Blick immer munter; und ein froͤhliches Gemuͤth ist nicht fuͤr ein ungluͤckliches geschaffen. Der Un- gluͤckliche fuͤhlt den Abstand zu sehr; er will alles traurig um sich her sehen, und glaubt, daß ein Gluͤcklicher an seinem Kummer keinen, oder doch keinen voͤlligen Antheil nehmen koͤnne. Daher schließt er sich nicht an, und theilt sich nur dem mit, der gleiche Leiden mit ihm hat. Rothfels sah dieses, und hielt es bey Siegwart fuͤr Ab- neigung von ihm; daher vermied er es, viel mit ihm allein zu seyn, und ihre Seelen kamen sich, durch diesen Misverstand, nie ganz nahe. Eines Tages saß Siegwart allein und schwer- muͤthig in einer Laube im Garten, wo Marx eben die Blumen begoß. Siegwart rief ihm; Marx, hat er denn noch keine Nachricht von dem Frauenzimmer? — Nein, junger Herr! — Red er einmal aufrichtig mit mir! Glaubt er wohl, daß ich bald etwas gewisses erfahren werde? Hin- tergeh er mich nicht! Es ist mir alles an der Sa- che gelegen; ich muß sie zuverlaͤßig wissen! — Marx fieng an zu weinen, und ihm langsam naͤher zu treten. Ach, junger Herr! Es mag nun gehen, wie es will, ich kanns so nicht laͤnger aus- halten; es muß heraus! Jch weis gar nichts von der Jungfer; man kann in der ganzen Gegend keine Nachricht von ihr geben. Jch weis nicht, ist sie todt, oder — Aber werden Sie nur nicht boͤse! Lieber Gott, ich mußte ja so sagen — Geh nur, sagte Siegwart, ich will nichts weiter wissen! Er legte sich mit dem Kopf zwischen seine Haͤnde auf den Tisch, und fieng an zu weinen. Weis man nichts von ihr? Jst sie todt, oder — Gott, ach Gott! Warum bin ich doch nicht auch todt? Warum muß ich mich denn ewig leiden? — So jammerte er fort, bis Kronhelm, ohne daß ers merkte, in die Laube trat. Was fehlt dir, Bru- der? fieng er endlich an. Siegwart fuhr auf, sah seinen Schwager eine Zeitlang starr an; weist du schon, daß alles nichts ist? daß sie und ich ver- lohren ist? — Wer denn, Bruder? Mariane! Wer denn? Es ist alles nichts! Alles erdichtet und erlogen! Wer weis, wo sie ist! Vielleicht todt! Vielleicht … O, ich halts nicht laͤnger aus! Jch muß aus der Welt! Heut noch, oder morgen! Jn die Einsiedeley! Da soll mich keine lebendige Seele mehr zuruͤckhalten! Jhr meynts nicht ehrlich, daß ihr mich so hintergeht; daß ihr mir nicht sagt: Pack dich aus der Welt! — Kronhelm hatte viele Muͤhe, ihn nur etwas zu besaͤnftigen, und ihm begreiflich zu machen, daß sie zu seiner Ruhe so hatten handeln muͤssen. Siegwart sagte, das sey schon recht; er glaub es auch; aber er wolle nun in die Einsiedeley, und man sollt ihn nicht laͤnger mehr zuruͤckhalten! Kronhelm gestand ihm jetzt, um ihn nur ein wenig zu beruhigen, alles zu; bat ihn aber, wenigstens noch acht Tage bey ihm zu bleiben, welches endlich Siegwart zuge- stand. Er gieng auf sein Zimmer, weinte bitterlich, und schrieb endlich folgendes, an Marianen, nieder: O du, bist du noch auf Erden? Duldest du noch unterm Joch des Lebens? Schmachtet deine Seele noch in ihrer Huͤlle? Oder bist du, Engel Gottes, aufgeflogen in die Wohnstatt der Erwaͤhl- ten? Trinkst du schon die Sonne, die nicht unter- geht und keine Thraͤnen sieht? Sind sie abge- trocknet dir von Engeln, und hast du vergessen aller Seufzer, die die Menschheit druͤcken? O du, sag, wie nenn ich dich, du Theure, du Ge- liebte, deren Seele mein war! Schwebt dein Geist um mich im Lichtgewande? Hoͤrst du meine Seufzer? Truͤbt ein Woͤlkchen deinen Sonnen- schimmer? O so rausch mit deinen Fluͤgeln, daß ichs hoͤre, und mich freue, daß dein Schmerz im Grab liegt, daß ich hingeh auf dein Grab, und sterbe! — Oder schmachtet deine Seele noch in ihren Banden; ist der Kerker des Lebens noch nicht durchgebrochen; o so bring ein Engel dir die Seuf- zer, und den Hauch der Liebe, den ich hier aufs Blatt hin hauche! Engel, oder Mensch, ich gruͤsse dich, umarme dich mit meiner Seele. Ach, wir leiden viel, Ge- liebte! Doch mir waͤre wohl, wenn du nur uͤberwunden haͤttest! Wiß! ich habe dich gesucht mit Thraͤnen, und dich nicht gefunden! Wiß! ich rannte Waͤlder durch, und lechzete vor Ohnmacht, und ich hab dich nicht gefunden! Ach, ich glaubte dich zu finden, aber eine Wolke barg dich meinen Augen. Nun ist meine Seele truͤb, und wuͤnscht zu sterben. Jch hab eine Ruhestatt gefunden, fern von Men- schen. Dicke Waͤlder haben sie umzaͤunt, daß kein storblich Auge durchdringt. Neid und Stolz und Bosheit haben diese Staͤtte nie betreten. Nur ein Grab ist da, und eine Huͤtte, und ein Leidender. Auf dem Grabe hab ich juͤngst gesessen, und der Leidende hat mich umarmt, und ist mein Bruder. Er wuͤnscht auch zu sterben. Und nun will ich hin- gehn, und mit ihm vom Tode reden, und dann soll er mich begraben, und das Grab nicht schlies- sen, denn am Throne des Allmaͤchtigen will ich fuͤr ihn bethen, daß er bald zu mir hinuntersinke, und vergesse seiner Leiden! O Geliebte, wenn du schon entflohen bist der Erde, so steig nieder auf den Abendwolken, wenn der Wind durch meine Tannenwipfel saͤuselt; oder wenn der Mond durch sie herabscheint, und der Wind schweigt; steig hernieder, um mir Trost und Ahndung meines nahen Todes zuzulispeln; um mein Herz zu unterstuͤtzen, bis ich ausgerun- gen habe, daß die Seele, wenn sie scheidet, dir entgegen eile, und in deinem Arm zuerst des Him- mels Seligkeit empfinde! — Oder wenn du noch im Thal der Thraͤnen weinest; und ich lieg und ruh im Grabe, o so fuͤhre dich dein Engel an die Staͤtte, wo mein Grab ist, daß du weinest, und dann sterbest! — Wenig Tage bleib ich noch bey meinen Freunden. Ach, sie leiden viel um meinetwillen, und sie sollten gluͤcklich seyn. Jch will sie verlassen, daß ihr Thraͤnenquell versiege, daß mein Gram nicht ihre Freuden stoͤre! Denn die Liebe hat, was sie so selten thut, mit ihren Freuden sie gesegnet. Meine Thraͤnen sollen ihren Kranz von Freuden nicht benetzen; darum eil ich in den Wald und sterbe. — Kronhelm kam dazu, als er dieses ausgeschrie- ben hatte. Hier, Geliebter, sagte Siegwart, wenn noch Mariane leben sollte, und du einst von ihr erfuͤhrest, gib ihr dieses Blatt! Sie wird es kuͤs- sen, und drauf weinen, und das Blatt durch ihre Thraͤnen heiligen. — Kronhelm las das Blatt, und ward sehr dabey bewegt. Er sah wohl, daß die Seele seines Schwagers rief gebeugt, und schwer zu heilen sey. Daher wag- te er es auch nicht, ihm Trost einzusprechen, und ihm von seinem Vorhaben, in die Einsiedeley zu gehen, abzurathen. Vielleicht, dachte er, in den acht Tagen, die er noch zu bleiben versprochen hatte, ein Mittel ausfindig zu machen, ihn zu- ruͤck zu halten, und seine duͤstre Schwermuth et- was zu zerstreuen. Ein paar Tage drauf fand er, in Theresens Gegenwart, Gelegenheit, von der Sache wieder anzufangen. Er drang sehr in ihn, wenn er doch ja sich von der Welt absondern wolle, lie- ber, seinem ersten Vorsatz zufolge, in ein Kloster, als in eine Einsiedeley zu gehen, weil er doch als Moͤnch der Welt noch mehr nutzen koͤnne, als wenn er ein Einsiedler werde. Er rieth ihm dieses hauptsaͤchlich um seiner Gesundheit willen, und weil er hoffte, sein Schwager wuͤrde vielleicht in dem Probjahr am Kloster genug kriegen, und gern wieder in die Welt zuruͤck kehren. Er wu- ste dieses, von den Bitten seiner Frau unter- stuͤtzt, so annehmlich vorzutragen, daß Siegwart endlich in diesen Vorschlag willigte. Kronhelm wollte ihn auch uͤberreden, in ein benachbartes Augustiner Kloster zu gehen, theils, weil das Klo- ster seinem Schloß so nahe lag, theils weil die Regel dieses Ordens minder streng ist, aber Sieg- wart wollte schlechterdings in das Kapuzinerklo- ster zu *** treten; und hierinn muste ihm sein Schwager nachgeben, und ihm auch versprechen, naͤchstertagen seinetwegen an den dortigen Guar- dian zu schreiben. Allein er ward durch eine ungluͤckliche Begeben- heit daran verhindert. Seine Therese sollte nieder- kommen, und die Geburt war so schwer, daß sie in die aͤusserste Lebensgefahr dabey kam. Das Kind, ein Knaͤblein, war gebohren; aber zween geschick- te Aerzte, die herbey gerufen waren, zweifelten am Aufkommen der Mutter. Der arme Kron- helm gieng verzweifelnd und halb todt im Schloß herum, rang die Haͤnde, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Das ganze Schloß war ein Haus des Jammers. Siegwart kam fast nie vom Bet- te seiner Schwester, und zerfloß in Thraͤnen. Die Dienstbothen sahen alle blaß aus, wie der Tod, wein- ten in allen Ecken, und wagtens kaum, laut zu sprechen, oder sich um das Besinden ihrer besten Frau zu fragen, weil jeder fuͤrchtete, die Todes- post zu hoͤren. Kronhelm wollte nicht vom Bette weggehen; als er aber einmal uͤbers andre ohn- maͤchtig wurde, so brachte man ihn endlich, auf den Rath der Aerzte, in einer Ohnmacht auf sein Zimmer, und bat unsern Siegwart, ihn zuruͤck zu halten, nicht wieder vors Krankenbette zu kom- men, weil sein Aechzen seine ohnedies schon ge- nug geschwaͤchte Frau noch mehr entkraͤftete. Therese lag, mit himmlischer Gelassenheit, das Gesicht schon fast mit Todesschweiß bedeckt, auf ihrem Bette; sah bald mit halbgebrochnen Augen gen Himmel, bald suchte sie mit aͤngstlicher und liebvoller Sorgfalt ihren Kronhelm, haͤtt ihm gern gerufen, wenn ihr die Stimme nicht entgangen waͤre; dann weinte sie, daß sie umsonst ihn suchte. Sie verlangte durch einen Wink ihr Kind, schloß es mit schwachen Haͤnden an ihr muͤtterliches Herz, kuͤßte es, und sah gen Himmel, als ob sie ihren Liebling in die Haͤnde des Allmaͤchtigen empfoͤhle. Drauf sah den sie Arzt bittend an, und winkte mit den Haͤnden, vermuthlich, daß man ihren Kron- helm suchen sollte. Der Arzt ließ Siegwart rufen. Er kam zitternd, leise und todtbleich ans Bette, nahm ihre Hand, und wandte das Gesicht weg. Der Schmerz uͤberwaͤltigte ihn, daß er laut schluchzte; Er wollte sich losreissen; Sie klammerte sich aber mit der Hand fest in die seinige, und ließ ihn nicht los. Er sah sie an; mit unaussprechlicher Weh- muth blickte sie ihn an; aus dem halbgeschlossenen Auge drang eine Thraͤne; der Mund oͤffnete sich, und man konnt es sehen, daß sie sagen wollte: Kronhelm! Siegwart riß sich mit Gewalt los, sprang weg, und hohlte seinen Kronhelm. Sie sah ihn an, laͤchelte ihm zu, und indem flossen wieder Thraͤnen aus dem Auge. Kronhelm stuͤrzte sich halb ohn- maͤchtig uͤber sie hin, schrie und schluchzte laut, be- deckte ihr Gesicht mit Thraͤnen und Kuͤssen, und ward so, in ihren Armen, ohnmaͤchtig. Man brachte ihn sinnlos weg. Sie befand sich sehr entkraͤftet. Der Artzt ver- bot, jemand wieder vor sie zu lassen. Kronhelm schickte alle Augenblicke einen Bothen nach ihr; dieser kam immer nur mit Achselzucken wieder. Der Geistliche kam, und gab ihr die letzte Oelung. Kronhelm und Siegwart beweinten sie als todt, und waren trostlos. Die ganze Nacht floß ihnen schrecklich hin. Kronhelm verwuͤnschte sich, und sein Geschick, und das Kind, das ihm sein Liebstes raubte. Therese hatte die Nacht uͤber ein paar Stunden Schlaf, und befand sich am Morgen ein klein wenig besser; die Aerzte verboten aber, ih- ren Mann zu ihr zu lassen, weil sie eine zu heftige Gemuͤthsbewegung fuͤr sie fuͤrchteten. Sie konnte nun zuerst wieder etwas staͤrkende Bruͤhe zu sich nehmen. Jhrem Manne ward etwas wenig Hoff- nung gemacht; man ließ ihn aber nicht zu ihr. Auf sein anhaltendes Bitten liessen ihn endlich die Aerzte in ihr Zimmer, als sie eben in einem klei- nen Schlummer lag. Man konnte ihn bey ihrem Anblick kaum zuruͤck halten, daß er nicht vor Freu- den laut aufschrie, und uͤber sie hin fiel, und sie kuͤßte. Als sie wieder aufwachte, ließ man ihren Bruder zu ihr kommen. Jhr erstes Wort war: Was macht mein Kronhelm? Er ist wohl, war die Antwort, und hofft auf deine Genesung. — Gott geb es! sagte sie. Jch befinde mich um ein Gutes besser. Sprich ihm Muth, und Vertrauen ein, und gib ihm diesen Kuß in meinem Namen, wenn ich ihn nicht selber kuͤssen darf! Die Aerzte bekamen nun immer bessre Hoffnung; aber Kronhelm durfte sie noch nicht anders sehn, als schlasend. Einmal wachte sie auf, als er noch vor ihr stand. Sie streckte stillschweigend ihren Arm nach ihm aus; er sank darein. Beyde konn- ten vor zaͤrtlichem Entzuͤcken nichts thun, als wei- nen. Jhre Kraͤfte nahmen nun sichtbar wieder zu. Kronhelm und Siegwart kamen nicht von ihrem Bette. Siegwart freute sich von ganzem Herzen uͤber ihre Genesung; aber dem ohngeachtet nahm doch seine Schwermuth, und seine Abneigung von der Welt mit jedem Tage mehr zu. — Schreib doch bald ins Kloster! sagte er einmal zu Kron- helm, als sie beyde vor Theresens Bette sassen. Die Welt wird mir taͤglich mehr zum Ekel; ich sehe, daß sie nichts als ein Sammelplatz von Noth und Elend, und ununterbrochner trauriger Abwechselung und Unbestaͤndigkeit ist. Du haͤltst dich jetzt wieder fuͤr gluͤcklich, Kronhelm, du hast keinen Wunsch mehr uͤbrig, als die voͤllige Gene- sung meiner theuren Schwester. Armer Mann! Warst du nicht noch vor zehn Tagen der al- lerunseligste unter allen Menschen; und vier Tage vorher der allerseligste? Siehst du nicht, daß, je naͤher man dem Gluͤck zu seyn scheint, desto naͤher ist man dem unabsehlichsten Elend. Aber, lieben Freunde, ich will jetzt euren suͤssen Traum nicht stoͤren. Jhr seyd gluͤcklich; ihr druͤckt euch jetzt mit unaussprechlicher, vorher nie gefuͤhlter Wollust ans Herz. Jhr glaubt jetzt im Himmel zu seyn. Moͤchte dieser Himmel ewig waͤhren, wie der, dem sich meine ganze Seele zusehnt! Laßt nur mir meinen Jammer! Laßt mich eilen, und mich ihn in meiner Einsamkeit auswetnen, wo ich kein le- bendiges und gluͤckliches Geschoͤpf stoͤre. Jch se- he, diese Welt ist nicht fuͤr mich: oder ich bin nicht fuͤr sie. Jch kann nicht gluͤcklich werden; aber ich will auch keinen ungluͤcklich machen! Wenn ich heute Marianens Hand bekaͤme — wenn der Engel nicht schon ausgerungen hat — wenn sie heu- te ganz mein wuͤrde; morgen waͤre sie mir gewiß wieder entrissen. Laßt sie mir auch viele Wochen! Wer buͤrgt mir fuͤr eine Krankheit, wie die war, die dich, meine theureste Therese, bald den Armen meines liebsten Kronhelms entrissen haͤtte? Ach, ich kann, ich kann nicht gluͤcklich werden! Laßt mich in mein Kloster, daß ich meine Lebenszeit verweine! Wenn ich mich ermannen kann, komm ich zu euch, und besuch euch. Laßt mich in mein Kloster! Jch will fuͤr euch bethen! Kronhelm und Therese weinten, und konnten ihn nicht troͤsten. — Ja, du sollst ins Kloster! sagte Kronhelm; morgen will ich dahin schreiben. Armer Freund, wir koͤnnen nichts, als dich be- dauren. Kronhelm schrieb auch wirklich den fol- genden Tag an den Guardian, und schickte den Brief weg. Therese erholte sich nun taͤglich mehr, und konnte schon zuweilen sich ein paar Stunden aus- serhalb dem Bett aufhalten. Sie und ihr Kron- helm empfanden nun das Gluͤck der Zaͤrtlichkeit zehnsach mehr, als vorher, ehe das Ungluͤck der Trennung sie bedrohet hatte. Es war ihnen, als ob ihre Liebe sich nun erst recht anfinge, und alles vorherige Gluͤck war in ihren Augen nur ein Traum. Einen Abend sassen sie beysammen, und Herr von Rothfels kam dazu. Siegwart fieng vom Kloster zu reden an, daß die Antwort sich so lang verzoͤgere — Weil wir eben vom Kloster und von Kapuzinern reden, sagte Rothfels, so faͤllt mir eine Geschichte ein, die ich dieser Tagen von einem Kapuziner hoͤrte. Sie betrifft ein Frauenzimmer und ist sehr traurig. Das weni- ge, mein Siegwart, was ich von Jhrer Ge- schichte, und von Jhrem Maͤdchen weiß, paßt ziemlich auf Sie. Ein Kapuziner, er heißt Bru- der Klemens, kommt zuweilen zu mir, weil er unter guten Freunden ein Glaͤschen Wein nicht verschmaͤht. Neulich, eh das starke Gewitter kam, war er bey mir, und ward durch den Rheinwein etwas munter. Jch bat ihn, die Nacht bey mir zuzubringen, weil der Regen anhielt, und der Weg sehr verdorben war. Er ließ sichs gefallen. Als der Wein ihm noch mehr zu Kopf stieg, und wir auf die Nonnen zu sprechen kamen, fieng er an: Gestern hab ich in einem gewissen Kloster eins der schoͤnsten und ungluͤcklichsten Frauenzim- mer gesehen; denn sie hat, so ost ich sie noch sah, immer geweint, und graͤmt sich gewiß bald zu Tod, und doch ists ein Maͤdchen, rein und unschuldig und schoͤn, wie die Mutter Gottes. O ich moͤchte Blut weinen, wenn ich sie seh, oder an sie denke, denn ihr Schicksal ist sehr hart! — Er wollte mir nichts weiter sagen. Endlich erfuhr ich doch soviel: Sie sey mit Gewalt ins Kloster gesteckt worden, oder wenigstens hab eine ungluͤck- R r r liche Leidenschaft sie dahin getrieben; sie sey jetzt bald ein Vierteljahr da, und von ihrem Bruder und ihrer Schwaͤgerin, die sehr hart mit ihr um- gegangen seyn, dahin gebracht worden. — Das ist sie, das ist sie! rief Siegwart, indem er aus- sprang, und dem jungen Rothfels um den Hals fiel. Um Gotteswillen, Rothfels, wo ist der Pater? Wo ist sie? Bringen Sie mich hin! Um Gotteswillen thuns Sies! Das ist Mariane; das kann niemand anders seyn u. s. w. Er zog Roth- fels fast mit Gewalt aus der Stube, daß er ihn zu Marianen bringen sollte. Kronhelm und Roth- fels hatten nur Muͤhe, ihn zuruͤck zu halten, und ihm vorzustellen, daß hier die groͤste Behutsam- keit noͤthig sey, zumal da der Pater weder den Na- men des Klosters, noch des Frauenzimmers, noch andre zuverlaͤßige Kennzeichen angegeben habe. Jnzwischen glaubten Kronhelm und Therese auch, daß das Frauenzimmer Mariane sey. Sie baten Rothfels, den Pater, sobald als moͤglich, noch ge- nauer auszuforschen, und auf alle Umstaͤnde auf- merksam zu seyn. Deswegen erzaͤhlte ihm Sieg- wart seine ganze Geschichte, beschrieb ihm Maria- nen aufs kenntlichste, und bat ihn fast auf den Knien, sich die Sache, wie seine eigne, angelegen seyn zu lassen, und die Unterhandlung aufs schleu- nigste zu betreiben. Kronhelm und Therese, die, natuͤrlich! bey der Sache kaͤlter waren, riethen ihm die groͤßte Heimlichkeit und Behutsamkeit an, und Rothfels versprach, alles aufs moͤglichste zu beob- achten. Siegwart war nun wieder wie neugebohren. Alle sein Ueberdruß der Welt und der menschlichen Gesellschaft war vergessen. Er sah und hoͤrte nichts, als Marianen; konnte keinen Augenblick an einem Ort bleiben, und kannte sich vor Freuden und un- geduldiger Erwartung selbst nicht mehr. Es war ihm jetzt schon genug, nur etwas von Marianen zu wissen. Alle andre Schwierigkeiten, wie er sie aus dem Kloster kriegen, und wie sie sein werden koͤnnte, bedachte er jetzt gar nicht. Alles auf der Welt schien ihm moͤglich; nur die Zeit gieng ihm viel zu traͤg; er schien sie mit seinen Sehnsuchtsseufzern forthauchen zu wollen. Roth- fels, der die Nacht in Steinfeld hatte bleiben wol- len, muste, auf sein Zudringen, noch denselben Abend auf sein Schloß zuruͤckreiten, um nur bald den Pater Klemens zu sprechen, und ihm sogleich weitere Nachricht zu geben. Kronhelm und Therese hingegen sahen noch tau- send Schwierigkeiten vor sich. Denn fuͤrs erste war es noch nicht ausgemacht, daß das beschriebne Frauen- zimmer Mariane sey; und dann, wenn sies waͤre, wie wollte Siegwart sie sprechen, und wie sie wie- der aus dem Kloster los bekommen? Alle diese und noch hundert andre Bedenklichkeiten schwebten vor ih- nen; sie beredeten sich daruͤber miteinander, und wuͤnschten nur, dieselben nach und nach unserm Siegwart beyzubringen! Aber dieses war unendlich schwer. Wenn sie sich nur von ferne etwas mer- ken liessen, so baute er entweder vor, oder gerieth in die heftigste Bewegung daruͤber; nannte sie klein- muͤthig und aͤngstlich, oder warf ihnen vor, sie nehmen an seinem Schicksal keinen Antheil, und wollten sich seinem Gluͤck entgegen setzen. Alles, was sie bey ihm ausrichten konnten, war, daß er seine Ungeduld etwas minderte, und ein klein we- nig behutsamer wurde; denn er sprach immer, auch in Gegenwart der Bedienten, von Marianen und ihrer Entfuͤhrung. Zween Tage drauf, die er in der ungeduldigsten Erwartung zugebracht hatte, kam Rothfels wieder. Siegwart sprang ihm mit lautem Herzklopfen in den Hof hinab entgegen, und rief ihm zu: Wie stehts? Rothfels winkte mit der Hand, weil zween Bediente gegenwaͤrtig waren. Siegwart eilte mit ihm die Treppe hinauf, und konnt es kaum er- warten, bis sie miteinander im Zimmer waren. Sie ists! sagte Rothsels. Es ist weiter gar kein Zweifel. Jst sies, ist sies? rief Siegwart, und fiel ihm um den Hals; aber weiter, weiter, be- ster Rothfels! Der Pater, fuhr dieser fort, war gestern Abend bey mir, und da erfuhr ich durch vie- le Umschweife, daß er der Beichtvater des Frauen- zimmers sey, daß das Kloster Marienfeld, und das Frauenzimmer Mariane heisse, und eine Hof- rathstochter aus Jngolstadt sey; daß sie unaufhoͤr- lich beth und weine, und kuͤnftiges Fruͤhjahr ein- gekleidet werden solle. — Aber weiter, weiter! sagte Siegwart. Das ist nicht genug! — Weiter hab ich nichts erfahren koͤnnen, antwortete Rothfels, aber doch hab ich den Pater Klemens so weit ge- bracht, daß er mir, nach vorhergegangenem Ver- sprechen der tiefsten Verschwiegenheit, versprach, wenn er wieder ins Kloster komme, ein Briefchen von mir an das Frauenzimmer abzugeben, weil ich vorgab, ich sey nah mit ihr verwandt. An- fangs wollt er lang nicht dran, weil er sagte: Jch wolle wol der Kirche eine Braut stehlen, aber als ich ihn auf meine Ehre versicherte, daß dieses gar nicht meine Absicht sey, weil ich ja schon eine Braut habe, gab er sich endlich zur Ruhe. Ueberhaupt hat er mehr den Schein eines eifrigen Religioͤsen, als ers in der That ist. Wenn er sich nur von seiner Seite in Sicherheit weiß — und darauf schwur ich ihm — so kann ich ihn brauchen, wie und wozu ich will; denn der Schalk weiß wohl, daß er von mir viel zu geniessen hat. — Wir muͤssen jezt nun sehen, was zu thun ist? Siegwart muß mir zufoͤrderst einen Brief an Marianen ge- ben; das uͤbrige muͤssen wir von Zeit und Um- staͤnden erwarten. Siegwart war vor Freuden ausser sich; er um- armte Rothfels und Kronhelm tausendmal, und doch, als der erste Taumel vorbey war, schien ihm alles viel zu langsam zu gehen. Er wollte am Ziel seyn, eh er den Weg dahin betraͤte. Seine Freunde sprachen ihm soviel als moͤglich Geduld und Gelasfenheit ein, und baten ihn, nur erst an Marianen zu schreiben. Er schrieb auch noch den- selben Abend diesen Brief, und gab ihn Rothfels mit: „Also lebst du noch, du Engel, und ich hab um- sonst dich als todt beweint? Dank, ewiger Dank sey dem Geber des Lebens und des Todes, daß er dich mir nicht entrissen hat, und daß ich hoffen kann, noch einmal dein zu werden! O du Theure, der lichte Stral der Hofnung hat mein dunk- les Leben wieder aufgehellt, und mir gewinkt in meiner Trauer, daß ich wieder geh ans Licht des Tages, und mich froher Aussicht freue! Zwar du Engel traurst in duͤstrer Zelle? Aber deine Trauer soll nicht ewig waͤhren! Der dich mir erhielt, der Gott der Liebe, wird dich wieder geben meinen Wuͤnschen. Menschen wollten einem andern Braͤu- tigam dich geben; und du hast schon einen Braͤu- tigam, und er traurt und weint um dich. — Sey nicht treulos, meine Liebe! Eil ihm wieder zu mit deinen Kuͤssen, die der Himmel billigt! — Bald will ich suchen, dich zu sprechen und zu retten. Hilf mir selbst dazu, und gib mir Antwort, nur in wenig Zeilen! Jch bin dir nah, bey meinem Schwager und bey meiner Schwester, die mit gu- tem Rath mich unterstuͤtzen. Bleib standhast, o Geliebte, und vergiß mich nicht! Jch bin jeden Augenblick bey dir; meine Seele ist stets ausser ihrem Koͤrper, und umschwebt dich. Bald hoff ich ganz bey dir zu seyn. Beth und glaub an die Vor- sehung, und uͤberlaß die Bedenklichkeiten mir! Fuͤrchte nichts vom Pater Klemens! Gib ihm nur bald deine Antwort! Sag, sie sey fuͤr Herrn von Rothfels deinen Anverwandten! Er ist ein junger Edelmann, hier in der Nachbarschaft, der die Schwester meines Kronhelm heyrathet, und sich unfrer treulich annimmt. Ewig dein Siegwart.‟ Rothfels nahm den andern Morgen den Brief mit, und versprach, ihn aufs fruͤheste und genaueste zu besorgen. Er hofte, den Pater Klemens noch so auf seine Seite zu bringen, daß man ihm einen Theil der Geheimnisse anverirauen koͤnne; denn gaͤnzliche Verschwiegenheit sey die einzige Bedin- gung; wenn er dieser versichert sey, so sey er auch im Stand, alles zu unternehmen. Siegwart ver- sprach von seiner Seite die moͤglichste Behutsam- keit und Vorsicht, nur bat er um die aͤusserste Be- schleunigung der Sache, denn zitternde Ungeduld belebte jezt jede seiner Handlungen. Therese erholte sich nun immer mehr, und konnte bey den schoͤnen Herbsttagen schon zuweilen wieder einen halben Nachmittag im Garten zubringen. Kronhelms und ihre Gluͤckseligkeit war nun wie- der auf dem hoͤchsten Gipfel. Seine Therese bluͤhte wieder auf, wie eine Blume, die in der Sonnen- hitze dahin gewelket war, und sich nun im Abende und Morgenthau mit neuer Kraft und neuen Duͤf- ten wieder aufrichtet. Kronhelm sah sein Ebenbild, den jungen Wilhelm an ihrer muͤtterlichen Brust liegen, und wenn er sich einen Augenblick entfer- nen muste, so kuͤßte Therese in dem kleinen Liebling ihren theuren Kronhelm. Die Freude uͤber ihre Wiedergenesung war im Schloß und im Dorf all- gemein. Die Baͤurinnen kamen eine nach der an- dern, um ihre liebe gnaͤdige Frau wieder zu sehen, und ihr Gluͤck zu wuͤnschen. Die Bauren hielten an, ob sie nicht einen Tanz deswegen halten duͤrf- ten? Kronhelm ließ ihnen Bier und Wein und Fleisch genug geben. Sie schickten durch etlich junge Maͤdchen, die sie, auf Anordnung ihres Geistlichen, als Schaͤferinnen gekleidet hatten, un- ter Musik von Geigen und Schallmeyen, einen, mit Kornblumen durchflochtenen Aehrenkranz, und ein Schaf, das das aͤlteste Maͤdchen an einem rothen Band fuͤhrte, wobey sie zugleich eine artige Gluͤckwuͤnschungsrede an Theresen hielt. Siegwart ward durch diese allgemeine Freude, und noch mehr durch die Hofnung, seine Mariane bald wieder zu erhalten, wieder neu belebt. Er war mit der Welt fast ganz wieder ausgesoͤhnt, empfond die Schoͤnheit der Natur, und das Gluͤck der menschlichen Gesellschaft wieder; seine Wan- gen wurden wieder roth, seine Augen wieder helle, und sein Herz erweitert. Aber die Ungeduld stuͤrmte doch bestaͤndig in ihm, und sein Herz war immer nur halb da, wo sein Leib war. Die Zeit, daß er nichts von Rothsels und von seiner Mariane hoͤrte, ward ihm endlich zu lang. Er wollte eben an einem Nachmittag weg reiten, als Rothfels selber kam. Schon sein heitres Aus- sehn verkuͤndigte gute Nachricht. Munter, mein lieber Siegwart! sagte er. Es wird alles gut ge- hen! Der Pater ist nun ganz auf unsrer Seite. Hier ein Brief von Marianen! Siegwart riß ihn zitternd auf, und las, so geschwind, daß er nach dem ersten Durchlesen kaum den Jnhalt des Brie- fes wuste. Mein Geliebtester! Wie erstaunt ich nicht, als mir der Pater einen Brief von Jhrer Hand gab! Jch ward fast ohn- maͤchtig bey dem Lesen. So sind Sie mir so nah, mein Theurester? Ach, was hab ich ausge- standen, seit ich von Jhnen getrennt bin! Doch Sie sollen nicht mit mir leiden. Und nun, mein Theu- rester, was ist anzufangen? Jch habe das Geluͤbde noch nicht abgelegt; aber ich werde hier streng be- wacht. Jch warf mich Gott in die Arme, um der Grausamkeit der Menschen zu entgehen; aber auch im Kloster sind Menschen, und es geht mir hart. Retten Sie mich, wenn Sie koͤnnen! Jch weiß, Gott will nicht, daß der Mensch sich quaͤle; und hier halt’ ichs nicht lang aus. Jch bin sehr schwach und entkraͤstet. Man verspottet mich, und haͤlt mich hart, weil ich geliebt habe; weil ich dich ge- liebt habe, du Vollkommener! Gott kann nicht so grausam seyn, wie Menschen sind; darum darfst du mich aus ihrer Hand erretten. Thun Sie, was Sie koͤnnen! Jch kann nichts thun. Jch habe nur Eine Freundinn hier, der ich halb trauen kann, weil sie Mitleid mit mir hat. Es ist die Schwester Brigitta, die die Aufwartung im Kloster versieht. Machen Sie sich mit ihr bekannt; vielleicht kann sie ein Werkzeug meiner Er- loͤsung werden. Aber um Gotteswillen behutsam! Sonst muß ichs entgelten. Sie darf nichts wissen, als daß wir uns zu sprechen suchen. Leb wohl, Theurester! Vielleicht gibt dich Gott mir wieder. Und das ist mein Gebeth, Tag und Nacht.Sonst kann ich nichts wuͤnschen, als den Tod. Leb wohl, Geliebtester! Weinend gab Siegwart den Brief seinem Kron- helm in die Hand; Er selbst gieng ans Fenster, sah gen Himmel, weinte laut, und flehte Gott um Beystand an, Matianen zu erretten! — Rathet, Rathet! sagte er zu seinen Freunden, was ich thun muß? Der Gedanke, daß sie leidet, und um mei- netwillen leidet, ist mir unertraͤglich; Rathet! daß ich bald sie retten kann. Soll ich mit Gewalt sie holen, oder mit List? Jhr muͤst rathen! Denn ich weiß mir nicht zu helfen; Jch bin ausser mir vor Freud und Schrecken. Um Gotteswillen, nicht mit Gewalt! riefen Kronhelm und Therese. Du wuͤrdest sie nach einer Stunde wieder verlieren, und in Ewigkeit nicht wieder sehen. Ohne Behutsamkeit und List wird sie niemahls dein. — Jch habe schon daruͤber nach- gedacht, fiel Rothfels ein. Siegwart muß sich in verstelter Kleidung nahe bey dem Kloster aufhalten, und auf Zeit und Umstaͤnde passen. Es fiel mir eine List ein, als mir Pater Clemens den Brief uͤbergab, und ich suchte die Sache sogleich bey ihm einzufaͤdeln. Wie waͤrs, wenn Siegwart eine Zeit- lang als Gaͤrtner bey mir waͤre. Jch wuͤrde denn einmal mit dem Pater reden, daß er ihn im Klo- ster, wo man eben einen Gaͤrtner noͤthig hat, empfoͤhle? — Schoͤn! Schoͤn! riefen Kronhelm und Therese. Diese List kann gehen, wenn du Klugheit und Geduld hast, Bruder! — Jch will alles thun, versetzte Siegwart, was ihr mir be- fehlt. Wenns nur hurtig geht! Es ward sogleich beschlossen, daß Siegwart noch denselben Abend mit Rothfels in Gaͤrtnerkleidung auf sein Schloß fahren sollte. Man rieth ihm alle moͤgliche Behutsamkeit an; seine schoͤnen langen Haare wurden ihm abgeschnitten; eine Gaͤrtners- kleidung ward ihm angelegt, und er fuhr mit Rothfels weg, nachdem er mit tausend Thraͤnen von seinen Freunden, die ihm alles moͤgliche Gluͤck anwuͤnschten, Abschied genommen hatte. Rothsels erfuhr unterwegs von Siegwart, daß er die Gaͤrt- nersgeschaͤfte sehr gut versehen koͤnne, weil er in seiner Jugend mit Theresen bestaͤndig den Garten seines Vaters gebaut habe. Rothfels versprach, ihm bald Gelegenheit zu verschaffen, mit dem Pa- ter zu reden, so, daß er noch diesen Herbst in die Klosterdienste treten koͤnne. Siegwart bekam den Namen Georg, und trat gleich den folgenden Tag seinen Dienst in Rothfels Garten an. Er arbei- tete den Tag uͤber sehr aͤmsig, und wußte sich so gut in seinen neuen Stand zu schicken, daß kein Mensch auf den Einfall kam, ihn fuͤr eine ver- kappte Person zu halten. Rothfels ließ ihn oft auf sein Zimmer kommen, oder sprach Abends mit ihm, und redete mit ihm ab, wie er sich im Kloster zu betragen habe. Siegwart gab ihm ein kleines Brief- chen, worin er Marianen auf diese List vorbereitete, und auf den Gaͤrtner Georg aufmerksam machte. Rothfels versprach ihm, bald den Pater in den Gar- ten zu bringen; dann soll er sich traurig stellen, daß der Pater auf ihn aufmerksam werde, und ihm dann sein Anliegen vorbringen. Einige Tage drauf kam Rothfels mit dem Pa- ter in den Garten. Er entfernte sich bald darauf, unter dem Vorwand von Geschaͤften, und ließ den Pater allein. Siegwart machte sich in dem Gang, wo der Pater gieng, etwas zu schaffen; stellte sich sehr traurig an, wischte sich die Augen, und weinte. Der Pater fragte ihn, was ihm fehle? Ach lieber, wohlehrwuͤrdiger Herr, antwor- tete Siegwart: Da hat mir heut mein Herr ge- sagt, er sey zwar mit meiner Arbeit sehr zufrieden, wie Sie ihn selbst fragen koͤnnen; aber, weil er mit seinem vorigen Gaͤrtner wieder eins gewor- den sey, so koͤnn er mich nicht laͤnger behalten; es sall ihm zu schwer, zwey Gaͤrtner zu bezahlen; und er ist so gar ein braver Herr; das geht mir nun nah, daß ich ihn verlassen soll! Und der Winter ist vor der Thuͤr, und ich habe keinen Dienst und kein Brod. — Hier fieng er an, heftiger zu wei- nen — Ach, lieber wohlehrwuͤrdiger Herr, Sie sind bey soviel Herrschaften und in Kloͤstern wohl bekannt, wuͤßten Sie mir nirgends ein Dienstlein? Sie koͤnnten ein recht gutes Werk verrichten. Jch wollte mich gewiß billig finden lassen; und meinen Dienst kann ich versehen, so gut als ein Gaͤrtner im ganzen deutschen Reich, wie mein gnaͤdiger Herr gewiß selbst bezeugen wird. Wenn Sie mir doch helfen koͤnnten! P. Klemens ward durch die Thraͤnen des Gaͤrtners geruͤhrt, und versprach, in Marienfeld ein gutes Wort fuͤr ihn einzulegen. Rothfels kam, wie von ohngefaͤhr dazu, und mischte sich ins Gespraͤch. Er lobte den Gaͤrtner Georg sehr, sagte, er wuͤnsch ihm selbst einen recht guten Dienst, wo er besser stuͤnde, als bey ihm, und empfahl ihn dem P. Klemens. Dieser versprach, das Beste fuͤr ihn in Marienfeld zu thun, wo man eben einen Gaͤrtner noͤthig habe, und in drey oder hoͤchstens vier Tagen wieder Antwort zu bringen. Siegwart freute sich mit Rothfels uͤber den guten Erfolg seines Unternehmens, und am dritten Tage kam P. Klemens wieder, mit der Nachricht, die Aebtissin zu Marienfeld wolle den Gaͤrtner Georg sprechen, und werde ihn vermuthlich in Dienst nehmen. Siegwart reiste mit der freudig- sten Hofnung ab, und kam noch denselben Nach- mittag zu Marienfeld an. Die Aebtissin ließ ihn ans Sprachzimmer kommen; er gefiel ihr, und ward auf P. Klemens Zeugniß mit einem ansehn- lichen Lohn zum Obergaͤrtner angenommen. Sieg- wart haͤtte sich vor uͤbermaͤßiger Freude fast selbst verrathen, und seine Rolle vergessen. Er dank- te der Aebtissin aufs feurigste, sein Herz schlug ihm sichtbar, und er sprang mehr, als er gieng, an seine Arbeit. Wenn er im Garten arbeitete, so sah er sich wol tausendmal um, ob er seine Mariane nicht er- blicke? Wenn er oben an den Klosterfenstern, die mit hoͤlzernen Jalousieladen vermacht waren, sich etwas bewegen sah, so blickte er unbeweglich hin, weil er glaubte, seine Mariane stehe dran. Sei- ne Brust war den ganzen Tag von einem unruhi- gen Sehnen belebt; es war ihm zu Muth, wie einem Neuverliebten; bald war er heiter, bald wieder traurig und weinte. Alle Abend legte er der Aebtissin am Sprachgitter Rechenschaft von seiner Arbeit ab. Sie schien taͤglich mit ihm zu- friedener zu seyn. Zuweilen sah er noch mehrere Nonnen in dem Sprachzimmer. Die heftigste Unruhe quaͤlte ihn, ob nicht seine Mariane mit unter den Nonnen sey? Aber vor dem Schleyer konnt’ er sie nicht erkennen. Einmal hub eine von den Nonnen, die in der Ecke des Sprachzimmers stand, ihren Schleyer etwas auf. Es war Maria- ne. Jhr Gesicht war todtbleich. Er ward durch den Anblick wie vom Donner geruͤhrt. Bald ward sein Gesicht feuerroth, bald todtblaß, er stotterte, gab der Aebtissin lauter verwirrte Ant- worten; seine Knie zitterten, daß er kaum mehr stehen konnte. Zu allem Gluͤck ließ ihn die Aeb- tissin sogleich von sich. Er lief auf seine Kammer, und fiel halb ohnmaͤchtig aufs Bette. Ein Strom von Thraͤnen schaffte ihm endlich Erleichterung. Er warf sich auf seine Knie, und bethete so in- bruͤnstig, als er fast noch nie in seinem Leben ge- bethet hatte, daß ihm Gott beystehen wolle, sei- nen Engel bald aus diesem Kerker zu erretten! Nun wußte er fast gar nicht mehr, was er that. S s s Mariane stand unaufhoͤrlich so vor ihm da, wie er sie im Sprachzimmer erblickt hatte; sie erschien ihm so in Traͤumen; aber nur selten konnte er schlafen. Noch Einmal glaubte er sie unter den Nonnen zu erblicken, aber sie hub ihren Schley- er nicht auf, und er blieb in der Ungewißheit. Am naͤchsten Feyertag gieng er in die Kirche. Nach der Messe, welche P. Klemens las, mach- ten die Nonnen auf dem Chor eine Musik. Erst ward ein Tutti gesungen, dann ein Solo. Ma- riane sangs. Er glaubte bey dem Klang ihrer Stimme zu vergehen; konnts nicht laͤnger aushal- ten, und gieng aus der Kirche, weil er fuͤrchtete, man moͤchte ihm seine heftige Bewegung ansehen! — Mit der Schwester Brigitte, die er oft im Gar- ten und im Kloster sah, machte er sich bald bekannt. Das arme Maͤdchen schien an dem artigen Gaͤrtner nur gar zu viel Wohlgefallen zu finden, und gieng ihm alle Schritte und Tritte im Garten nach. Siegwart kam dadurch in eine sehr unangenehme Lage, und mußte sich stellen. als ob ihm an Bri- gitta sehr viel gelegen sey. Oft lag ihms schon auf der Zunge, daß er sich nach Marianen erkun- digen wollte, aber Furchtsamkeit, sich zu verrathen, hielt ihn immer wieder zuruͤck.. Er fragte nur von fern nach den verschiednen Klosterfrauen. Bri- gitte machte ihm eine allgemeine. Beschreibung da- von, und sagte, zu seinem groͤsten Misvergnuͤgen, gerade von seiner Mariane am wenigsten, ausser, daß sie immer sehr blaß ausseh, und unaufhoͤrlich traurig sey. Weil ers noch nicht fuͤr rathsam an- sah, sich Brigitten anzuvertrauen, so schrieb er ein paarmal an Marianen, legte den Brief an einen Ort, wo ihn Rothfels, dem der Ort bezeichnet war, entweder selber abholte, oder durch einen al- ten Bedienten abholen ließ, und ihn so, durch Pater Klemens Hand, Marianen zuschickte. Sie wußte nun, daß ihr Geliebter ihr so nah, und als Gaͤrtner im Kloster sey; aber sie fand doch keine Gelegenheit ihn allein zu sehen, oder gar zu spre- chen, weil man auf sie sehr genau Acht gab, und ihr, welches Siegwart nicht wußte, Brigitten noch besonders zur Aufseherin bestellt hatte. Einmal kamen die Nonnen, an einem sehr hei- tern Herbsttage, nach dem Mittagsessen mit ihrer Aebtissin in den Garten, als Siegwart eben hinter der Hecke stand, und die losgerißnen Zweige wieder an den Stangen fest machte. Er hatte sie noch nicht wahrgenommen, und sang bey der Ar- beit sein Gaͤrtnerlied, das| er einst an einem trau- rigen Abend gemacht hatte, und seitdem bestaͤndig sang, in der Hofnung, daß ihn Mariane vielleicht zuweilen hinter dem Fenster zuhoͤre. Das Lied hieß so; und er sangs nach einer sehr traurigen Melodie: Es war einmal ein Gaͤrtner, Der sang ein traurigs Lied. Er that in seinem Garten Der Blumen fleißig warten, Und all sein Fleiß gerieth. Und all sein Fleiß gerieth. Er sang in truͤbem Muthe Viel liebe Tage lang. Von Thraͤnen, die ihm flossen, Ward manche Pflanz begossen. Also der Gaͤrtner sang! Also der Gaͤrtner sang! „Das Leben ist mir traurig, Und gibt mir keine Freud! Hier schmacht’ ich, wie die Nelken, Die in der Sonne welken, Jn bangem Herzeleid, „ Jn bangem Herzeleid. „Ey du, mein Gaͤrtnermaͤdchen, Soll ich dich nimmer sehn? Du must in dunkeln Mauren Den schoͤnen May vertrauren? Must ohne mich vergehn, Ach, ohne mich vergehn?„ „Es freut mich keine Blume, Weil du die schoͤnste bist. Ach, duͤrft ich deiner warten, Jch liesse meinen Garten, Sogleich zu dieser Frist, Sogleich zu dieser Frist!„ „Seh’ ich die Blumen sterben, Wuͤnsch ich den Tod auch mir. Sie sterben ohne Regen, So sterb’ ich deinetwegen. Ach waͤr’ ich doch bey dir! Ach waͤr’ ich doch bey dir!„ „Du liebes Gaͤrtnermaͤdchen: Mein Leben welket ab. Darf ich nicht bald dich kuͤssen, Und in den Arm dich schliessen, So grab’ ich mir ein Grab. So grab’ ich mir ein Grab.„ Ey wie schoͤn, Gaͤrtner! rief eine Stimme, als er ausgesungen hatte; und indem er aufsah, er- blickte er jenseits der Hecke in einem andern Gang die Aebtissin mit den andern Nonnen. Sein Schrecken war doppelt groß, theils wegen des Liedes, das er gesungen hatte, theils weil keine Mannsperson im Garten seyn sollte, wenn die Nonnen drinn waren. Aber die Aebtissin hatte dießmal selbst das Laͤuten vergessen, welches das Zeichen war, daß die maͤnnlichen Bedienten sich entfernen sollten. Er stand zitternd, und todtenbleich da, hielt die Muͤtze in die Hand, und bat stotternd um Ver- gebung. Ploͤtzlich erblickte er zuhinterst eine Non- ne, die der ganzen Stellung nach seine Mariane war; aber er sah auch ihr himmlisches, blasses Ge- sicht durch den Schleyer schimmern. Er konnte vor Zittern kaum mehr stehen, und ward noch verwirrter. Zum Gluͤck fuͤr ihn hielt man die ploͤtzliche Ueber- raschung fuͤr die Ursache seiner Verwirrung. Die Aebtissin sprach noch ein paar Worte mit ihm, und ließ ihn dann gehen, welches ihm recht herzlich lieb war. Mariane befand sich auch in der aͤussersten Ver- legenheit, und hatte Muͤhe, ihre Unruhe zu ver- bergen. Brigitta hielt sich immer mehr zu Siegwart, und suchte, ihn so viel als moͤglich war, zu spre- chen. Da er ihr Zutrauen so sehr gewonnen hatte, so hielt er dafuͤr, es sey nun Zeit, sich wegen Ma- rianens etwas genauer gegen sie herauszulassen; und dazu both sich nach etlichen Tagen die Gelegenheit von selbst an. Siegwart mußte, weil die Witte- rung rauh zu werden anfieng, die Blumentoͤpfe, und die Kuͤbel mit den Pomeranzen- und Lorbeer- baͤumen ins Gewaͤchshaus bringen. Brigitte hatte dazu den Schluͤssel, und war gegenwaͤrtig, als er die Kuͤbel in Ordnung stellte. Weil die Handlan- ger ab- und zugiengen, um die Toͤpfe zu holen, so that sie, wenn sie allein mit ihm im Gewaͤchshaus war, ziemlich vertraut gegen ihn, und ließ nicht undeutlich eine Neigung merken, das Kloster mit ihm zu verlassen. Siegwart warf dieses nicht weit weg, und machte ihr einige Hofnung dazu. Sie war daruͤber vor Freuden ausser sich; und nun fragte er, wie von ohngefaͤhr, ob nicht ein Frauen- zimmer von Jngolstadt in dem Kloster sey, die ei- nem Hofrath Fischer angehoͤre? Auf ihre Beja- hung, sagte er, er kenne sie wohl, und habe sechs Jahre bey ihrem Vater als Gaͤrtner gedient. Er wuͤnsche nichts mehr, als sie einmal allein zu spre- chen, weil er ihr wichtige Dinge von ihrem Vater zu entdecken habe. Zu dieser Unterredung koͤnnte ihm Brigitte am besten verhelfen. Sie machte anfangs grosse Schwierigkeiten, wegen der Gefahr, verrathen zu werden; endlich aber, als er ihr zu schmeicheln und zu liebkosen wußte, gab sie nach, und versprach, ihm die folgende Nacht in einem Winkel des Gartens eine Unterredung mit Maria- nen zu verschaffen. Daruͤber war er vor Freuden ganz ausser sich, umarmte und kuͤßte Brigitten, die dieses sehr willig geschehen ließ, und ihn noch- mals versicherte, ihm diese Gefaͤlligkeit gewiß zu erzeigen. Anfangs glaubte er, Marianen schon in dieser Nacht entfuͤhren zu koͤnnen; aber bey laͤngerer Ueberlegung fand er noch Schwierigkeiten. Es war schon ziemlich spaͤt am Abend, und er zweifelte, ob er noch an Rothfels koͤnne Nachricht gelangen lassen, daß dieser mit einer Kutsche vor dem Kloster warten moͤchte, um ihn mit Marianen aus dem Land zu bringen. Zudem war die Mauer des Klostergartens hoch, und er wußte noch kein Mit- tel, wie er uͤber diese kommen koͤnnte. Daher mußte er sich dießmal damit begnuͤgen, seine Ma- riane nur zu sprechen, und hofte, bald wieder ei- ne Gelegenheit zu finden, sie zu sprechen, und alsdann zu entfuͤhren. Die laͤngst gewuͤnschte Nacht kam. Siegwart stand im Garten, und zitterte vor Ungeduld. Nach zehn Uhr, da die Nonnen alle schon im Bett la- gen, ward die Klosterthuͤre, die in den Garten gieng, geoͤfnet. Mariane schlich sich in der Dun- kelheit, dicht am Kloster, nach dem Winkel des Gartens, wo ihr Siegwart stand. Brigitte hielt innerhalb der Thuͤre Wache. Er schloß sie still- schweigend in den Arm, und waͤre vor uͤbermaͤssi- gem Entzuͤcken fast zu Boden gesunken. — Ach Mariane! Ach Siegwart! war alles, was die zaͤrtlichen Verliebten sagen konnten. Nach den er- sten feurigen Umarmungen konnten sie mehr spre- chen. Gottlob! sagte er, daß ich dich wieder spre- chen kann! Bald, bald sollst du ganz mein seyn! Wie ist dir? Wie lebst du? Traurig! war die Antwort. Ach Siegwart, ohne dich! Jch muß vergehen. Oft war ich schon sehr krank. — Bald wirds besser werden, meine Liebe! Wenig Tage noch. Hab Geduld, und hoffe! — Ach, Sieg- wart, was ist Hofnung? Doch, ich will Geduld haben. Ach, daß ich dich wieder habe! Kaum kann ichs glauben. Siegwart, Siegwart! ach was haben wir geduldet! Aber alles, alles ist ver- gessen, da ich dich, dich wieder habe! — Jch kann nicht sprechen, meine Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Kuͤß mich! Kuͤß mich! Moͤcht ich doch vor Liebe sterben! Mein, mein, mein! — Er druͤckte sie |an sich, als ob er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und schluchzten laut. — Gott wird unser Schutz seyn, sagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Maria- ne, ich weis nicht, wie mir ist? Jch moͤchte nur im Augenblicke sterben! — Und ich auch, du Theu- rer! Ach, mein Herz ist so beklommen! Wenn wir uns nur wieder sehen! — Gewiß, gewiß! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! — Siegwart sagte kurz, daß er sie in wenig Tagen wieder sehen, und alsdann befreyen werde. Alle Anstalten seyen schon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutsam zu seyn, und ihr nichts zu sagen, denn sie wage viel, und koͤnnte sie leicht aus Angst verrathen. Sie trennten sich nach ei- ner halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht loslassen. Dreymal kehrte sie sich um, als sie schon gegangen war, und sank wieder an sein Herz. Mir ist, sagte sie, als ob ich dich zum letztenmale saͤhe! Ach, mein Herz ist so beklommen! Er suchte sie mit der nahen Hofnung zu troͤsten, und riß sich endlich mit Gewalt von ihr los, weil er fuͤrchtete, Brigitten ungeduldig zu machen. Mariane kam weinend zu ihr; sie habe, sagte sie, traurige Din- ge von ihrem Vater erfahren. — Siegwart schlich sich nach seiner Kammer. Die ganze Nacht konn- te er nicht schlafen. Unaushoͤrlich weinte er vor Zaͤrtlichkeit und Liebe, und aͤngstlicher dunkler Ahn- dung vor der Zukunft. Den andern Morgen sprach er mit Brigitten. Mariane ist sehr niedergeschlagen und halb krank, sagte sie; er muß ihr traurige Dinge entdeckt ha- ben. — Ja wohl traurige, war seine Antwort; das arme Frauenzimmer leidet viel. Nur noch Einmal machen Sie, daß ich sie sprechen kann! Bis dahin hoff ich, ihr angenehmere Nachrichten geben zu koͤnnen; und dann wollen wir suchen, diesen Ausenthalt zu verlassen. Er nahm sie bey der Hand, und blickte sie zaͤrtlich an. Sie erwiederte diese Blicke, und versprach, ihm noch einmal eine Un- terredung mit Marianen zu verschaffen. Er war nun voll froher Hofnungen. Taͤglich eekundigte er sich nach Marianens Gesundheit. Sie sey sehr schwaͤchlich, war die gewoͤhnliche Antwort, doch sey sie immer so gewesen. Brigitte lag ihm im- mer mehr an, Anstalten zu ihrer Flucht zu machen. Er versprach ihrs zuverlaͤßig, und sagte, er erwar- te nur noch eine Nachricht von Marianens Vater, und wenn er sie ihr gegeben habe, woll er suchen, mit ihr zu entkommen. Er sey Marianen schul- dig, sein Versprechen zu halten, weil er sie als Kind noch gekannt, und viel Gutes von ihr ge- nossen habe. Durch diese List machte er Brigitten immer begieriger, ihm bald noch eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen, weil sie glaubte, nach derselben halt ihn nichts mehr im Kloster zuruͤck. Etlich Tage drauf kam er endlich einmal des Morgens mit Freuden zu Brigitten, und sagte, nun hab er Nachricht fuͤr Marianen und zwar eine sehr frohe; sie moͤchte nun machen, daß er sie auf den Abend sprechen koͤnnte; und um dem Maͤd- chen alle aͤngstliche Unruhe zu benehmen, moͤchte sie ihr doch dieses versiegelte Blatt worinn er ihr vorlaͤu- fig Nachricht gebe, zustellen. Brigitte nahm das Blatt in die Hand, versprach, es Marianen zu- zustellen, und sie Abends um 10 Uhr in den Gar- ten zu bringen. Jndem sie das Blatt noch in der Hand hielt, kam die Aebtissin um | die | Ecke | des Kreuzganges, wo sie standen, herum; Siegwart lief erschrocken davon; Brigitte steckte das Blatt schnell ein, und sprach mit der Aebtissin. Siegwart gerieth in die schrecklichste Angst; er fuͤrchtete, die Aebtissin habe das Blatt gesehen, und sich zeigen lassen, und nun sey alles verrathen. Jn dem Blatt standen diese wenigen Worte: „Bald, bald kommt die Stunde der Erloͤsung. Diese Nacht, meine Theureste, soll uns ewig ver- einigen. Meine Hand zittert vor Erwartung. Brigitte bringt dich um zehn Uhr an den be- stimmten Ort. Verbirg deine Freude! Bitte Gott um Beystand zur Erloͤsung! Verbrenne dieses Blatt!‟ Er dachte hin und her, was aus dieser Ueber- raschung werden wollte? Alles Schreckliche stellte sich seiner Seele vor. Er verwuͤnschte den Augen- blick, in dem er diese Zeilen geschrieben hatte. Ein paarmal wollte er schon zur Aebtissin eilen, ihr al- les offenbaren, sich ihr zu Fuͤßen werfen, und sie um Mitleid anflehn. Aber dann dachte er wieder: Vielleicht stell ich mirs zu arg vor; vielleicht hat die Aebtissin auf das Blatt nicht geachtet. Jn dieser schrecklichen Unruhe gieng er im dunkelsten Gang des Gartens hin und her, als er Brigit- ten mit rothgeweinten Augen kommen sah. Er gieng zitternd auf sie zu. Gott, wie stehts? rief er, hat die Aebtissin es entdeck? — Ach nein, sagte sie, die Aebtissin hat nicht das geringste ge- merkt; aber einen andern Schrecken hat er mir gemacht. Was muß er doch Marianen geschrie- ben haben? Sie ward ohnmaͤchtig, als sie den Brief las, und ist jetzt noch sehr matt. Haͤtt ich mich doch niemals damit eingelassen! Waͤren wir doch schon fortgegangen! Morgen, morgen! sag- te Siegwart hastig; aber kan denn Mariane auf den Abend doch kommen? Sie will, antwortete Brigitte, wenn sie Kraͤste genug hat. Halt er sich nur um zehn Uhr gefaßt! Aber aus unsrer Flucht wird nun wohl nichts werden. Jch be- schwoͤr ihn bey der Mutter Gottes! daß er kei- ner Seele nichts entdeckt! Jch waͤr auf mein ganzes Leben ungluͤcklich. Siegwart suchte sie, wegen dieser Sache, soviel als moͤglich, zu beru- higen, sie wollte sich aber keinen Muth einspre- chen lassen, und bat ihn nur, sie nicht zu ver- rathen! Er schwur es ihr bey allen Heiligen, und bat sie fuͤr Marianen Sorge zu tragen, und sie auf den Abend gewiß zu bringen! Er gieng in noch groͤsserer Unruhe weg, und konnte sich ihr Betragen nicht erklaͤren. Doch machte er alle moͤgliche Anstalten, schrieb an Roth- fels, daß er um 10 Uhr mit der Kutsche an der Gartenmauer warten soll, und gieng in das Wirtshaus im Dorf, um den Brief durch einen Knaben, den er schon oͤfters bazu gebraucht hat- te, nach Rothfels zu schicken. Zu gutem Gluͤck traf er da Rothsels alten Bedienten selbst an, der von Zeit zu Zeit an dem bestimmten Ort sah, ob kein Brief da liege? Er nahm den Be- dienten auf die Seite, und bat ihn, den Brief sogleich seinem Herrn einzuliefern. Jm Garten hatte er schon seit ein paar Tagen die Vorsicht gebraucht, an der Mauer, in dem Winkel, wo Mariane hinkam, hinter alten Brerern eine Leiter zu verbergen. Er gieng wieder ins Klo- ster, und sprach gegen Abend Brigitten noch ein- mal. Sie weinte wieder, versicherte ihn aber doch, daß es mit Marianen besser stehe, und daß sie um 10 Uhr in den Garten kommen werde. Er lag in seiner Kammer auf den Knien, und bat Gott um Marianens Genesung, und um sei- nen Beystand. Als es dunkel wurde, legte er die Leiter an die Mauer an, und blieb in der unru- higsten Erwartung im Garten. Die Nacht war sehr dunkel, stuͤrmisch, und regnerisch. Um 9 Uhr sah er alle Lichter im Kloster ausloͤschen. Um halb 10 Uhr hoͤrte er ausserhalb der Mauer sich etwas bewegen. Er stieg auf die Leiter, und sah aussen die Kutsche, und einen zu Pferd da- bey, und auch ausserhalb eine Leiter angelegt. Um 10 Uhr gieng endlich die Klosterthuͤre auf. Sein Herz schlug ihm laut, er konnte sich nicht halten, und gieng einige Schritte weit vorwaͤrts in den Garten. Eine Nonne kam heraus: er hielts fuͤr Marianen und lief zitternd auf sie zu; aber es war Brigitte. Jesus, Maria! sagte sie; eben liegt Mariane in den letzten Zuͤgen; mach er, daß er fort kommt. — Gott im Himmel! rief er aus. — Jndem ward die Thuͤre wieder geoͤfnet, und drey oder vier Nonnen stuͤrzten heraus. Er sprang, ohne daß ers wuste, fort, indem Brigitte einen Schrey that. Wie der Wind flog er die Leiter hinauf, warf sie mit dem Fuß um, und die Leiter auf der Aussenseite hinab. Fort, fort! rief er, sie ist todt! Zween Bedienten nahmen ihn in den Arm, schmissen die Leiter um, und schleppten ihn in den Wagen. Kommt nichts mehr? sagte der Mann zu Pferd. Nein, rief Siegwart, fort, fort! Jndem flog der Wagen, wie der Wind da- von. Siegwart lag ohnmaͤchtig drinnen. Sie waren eine Stunde weit gefahren, als der Mann vom Pferd abstieg, einen Bedienten drauf sitzen ließ, und sich in den Wagen setzte. Es war Roth- fels. Siegwart war wieder etwas zu sich selbst gekommen. Wo ist denn Marians? fragte Roth- fels. — Todt, todt! versetzte Siegwart. — Fahrt nach Steinfeld! rief Rothfels zum Kutscher; so schnell, als ihr koͤnnt! Der Wagen fuhr uͤber das Feld hin nach der Landstrasse. Gegen zwey Uhr morgens kamen sie in Stein- feld an, ohne daß Siegwart uͤber zwanzig Worte mit Rothfels gesprochen hatte. Man weckte den Bedienten, der unten schlief, mit so wenig Laͤrm, als moͤglich; so, daß Kronhelm und Therese nicht aufgeweckt wurden. Man legte unsern Siegwart in ein Bette, wo er in einer Art von Schlummer bis gegen Morgen halb sinnlos lag. Bey Anbruch des Tages erwachte er; nun sah er erst, daß er in Steinfeld war; alles uͤbrige, was sich die ver- gangne Nacht mit ihm zugetragen hatte, kam ihm noch wie ein Traum vor. Nach und nach kam zu seiner Qual alles in sein Gedaͤchtniß wieder zu- ruͤck, und er fuͤhlte nun die Gewißheit und die Groͤße seines Verlustes nur zu lebhaft. Der G- T t t danke an den Tod seiner Mariane fuhr wie ein Blitz durch seine Seele, und er stuͤrzte sich auf sei- ne Knie und rief, indem ihm dicke Thraͤnen aus den Augen schossen: Heiliger Gott, du hast sie mir genommen! Nur noch Einen Wunsch hab ich auf Erden: Laß mich sterben! Heilige Mutter Gottes, bitt fuͤr mich, und laß mich sterben! — Ach Mariane, Mariane, rief er, indem er aufsprang, und die Haͤnde rang. Ach Vollendete, diese erste Thraͤne widm’ ich dir. Bald wird auch die |letzte rinnen. — Noch vor wenig Tagen .. ach du Heilige .. vor wenig Tagen lagst du mir am Herzen .. und nun bist du todt, todt, todt! — — Trostlos gieng er nun aufs neu umher; warf sich wieder auf die Erde, bethete still, doch so, daß die Lippen sich bewegten; und nachdem er ausgeweint hatte, sank er in einen Sessel, und fiel in eine Art von Betaͤubung .. Kronhelm, der von Rothfels schon vorbereitet war, trat nach einer Stunde leise in sein Zimmer. Siegwart sah ihn ein paar Sekunden stier an, fuhr auf, gieng eilig auf ihn zu, druͤckte ihn fest ans Herz, und rief mit grosser Heftigkeit: Bruder, Bruder! Kronhelm konnte lange nichts sprechen, und fuͤhrte ihn wieder nach dem Stuhl. Endlich sagte er: Jch bedaure dich unendlich. Gott was ist das fuͤr ein Schicksal! Siegwart sah seinen Schwager lang unbeweglich an. Endlich schossen ihm die Thraͤnen in die Augen; er stand auf, und verbarg sein Gesicht an Kronhelms Busen. Bru- der, sagte er, hast du Trauerkleider? Jch bitte dich, leih sie mir! — Kronhelm ließ sie ihm, nach langem Weigern, bringen. Siegwart zog sich ganz schwarz an, und verlangte, seine Schwester zu sprechen. Kronhelm sagte, sie schlafe noch; als aber Siegwart sich nicht abhalten lassen wollte, so sprang er voran, um seine Frau auf die trauri- ge Nachricht vorzubereiten. Therese war eben auf- gestanden, und ihr Bruder trat ins Zimmer. Er umarmte sie, sprach kein Wort, und weinte bit- terlich. Therese konnte vor Thraͤnen auch nicht sprechen. Endlich erzaͤhlte er in wenig Worten seine ganze traurige Geschichte, und versank wieder in| Stillschweigen, und anscheinende Gefuͤhllosig- keit. Jm ganzen Schloß war eine allgemeine Trauer, weil Kronhelm und Therese traurig waren. Roth- fels hatte noch die Vorsicht gebraucht, Kronhelms Bedienten, Marx, nach Marienfeld zu schicken, und sich heimlich zu erkundigen, ob eine junge Nonne im Kloster gestorben sey? Er kam den an- dern Tag mit der Nachricht wieder: Eine junge Nonne sey gestorben, und die Schwester Brigitte sey — man wisse nicht warum? — ihres Dienstes entsetzt, und eingeschlossen worden. Man erzaͤhlte dieses unserm Siegwart nicht, um nicht seinen Schmerz aufs neu rege zu machen. Er fragte auch nicht darnach, weil er Marianen |schon ge- wiß fuͤr todt hielt. Kein Mensch wagte es, den niedergedruͤckten Siegwart zu troͤsten; denn fuͤr ihn war kein Trost auf Erden mehr. Mann konnte auch fast gar nichts mit ihm sprechen, weil er von zehn Fragen kaum Eine beantwortete. Er sah immer seine Trauer- kleider an, und weinte. Am dritten Morgen suchte er seine Briefschaften sehr sorgfaͤltig durch, verbrannte alle seine Papiere, und band blos die Briefe von Marianen mit einem perlenfarbnen Band zusammen, das sie ihm einmal geschenkt hatte; auch legte er das Suͤckchen Tafft dazu, das sie ihm einmal gegeben hatte, seinen Finger zu ver- binden. Jhren Ring trug er am Finger. Hierauf gieng er zu Kronhelm, und sagte: Hast du Briefe von — —? Kann ich nun ins Kloster? Kronhelm, der indessen Briefe bekommen hatte, wagte es nicht, ein Wort zu sagen, um ihn von seinem Entschluß abzubringen, und sagte: Ja, ich habe Briefe vom Pater Guardian; man erwar- tet dich. Hier ist auch ein Brief vom Pater An- ton. Siegwart brach ihn auf, las ihn hastig durch, weinte heftig, und druͤckte ihn mit den Worten an den Mund: O du Heiliger, wie bin ich solcher Liebe werth? — Nach einer Pause wen- dete er sich zu Kronhelm: Willst du mir morgen deinen Wagen nach dem Kloster leihen? — Schon so fruͤh? fragte Kronhelm. Ach Geliebter, war die Antwort; hab ich doch genug in dieser Welt gelebt. — Kronhelm sagte Theresen, daß ihr Bruder mor- gen schon ins Kloster wollte. Sie weinte, aber sie wagte es auch nicht, ihrem Bruder abzura- then. Also machte man die traurige Anstalt zu seiner Abreise. Siegwart bat sich von Kronhelm als die letzte Gabe die Trauerkleider aus, die er hatte. Kronhelm konnte ihm vor Thraͤnen nicht antworten. Er, seine Frau, ihr Bruder, und Rothfels sassen den letzten traurigen Abend beysam- men. Keines konnte sprechen; endlich fieng Sieg- wart, sehr geruͤhrt, selber also an: Meine Lieben! Weinet nicht zu sehr! Bald hats ein Ende. Kron- helm, du hast viel gelitten, und auch du, Therese; und doch nahms ein Ende. Und doch seyd ihr noch so fern vom Grab, wo alles Leiden aufhoͤrt, und ich bin ihm schon so nah. Hat doch Maria- ne ausgelitten; warum sollt ich nun nicht alles tragen? Damals wars noch schwer, als ich mit ihr trug, und sie mit mir, aber nun … ist alles leicht ..... Ach, daß ich euch troͤsten muß! Jhr verliert nur mich, und Jch habe sie verloh- ren … Lieben Freunde, ihr habt viel gethan an mir .. und besonders Sie, mein Rothfels, in den letzten Tagen. Gott vergelts Euch! … waͤrs auf Euch angekommen, ich waͤre gluͤcklich. Gott hats anders gewollt, und ich mutre nicht. Jst sie doch in der Hand des Allmaͤchtigen, und wird mir bald entgegen kommen .. Darum troͤstet Euch! Jch werde gluͤcklich .. Glaubet mir, im Himmel werd ich ihr erzaͤhlen, was ihr an mir thatet. Gott wirds segnen. Jch kann nichts |vergelten. Diese kurze Zeit noch, daß ich lebe, will ich fuͤr Euch bethen. — .. Warum weinest du, mein Kron- helm, und du, meine Schwester? Soll ich mit euch weinen? Ja, ihr wart mir lieb und theuer; ach, ihr wißt es selbst, wie mein Leben euch zu Dienste stand! … Aber nun ists aus; nun ge- hoͤr ich Gott .. und meinem Engel .. und es wird bald ausgeweint seyn. .. — Hier konnt er vor Schluchzen nicht weiter reden. Allen wars, als ob das Herz ihnen bersten wollte .. Siegwart nahm ein Glas mit Wein, und sagte: Seht! meine Thraͤnen fliessen in den Wein. Es sind Thraͤnen der Freundschaft, der Trennung und des Danks. Jedes trink’ und wein’ in das Glas! Trink, mein Kronhelm, und du, meine Schwester, und du, mein Rothsels! … Gebt nun mir das Glas, und laßt michs vollends leeren! .. Und nun gebt mirs mit, daß es mir heilig sey bis an mein En- de! … O, Gott segn euch, meine Lieben, fuͤr die vielen Thraͤnen! .. Kronhelm, du begleitest mich, das weis ich .. Und dich, meine Schwe- ster, seh ich wieder. Du besuchst mich, wenn du staͤrker bist: und auch meinen Rothfels seh ich wie- der. Vielleicht zieht sich noch mein Leben ein paar Jahre hin. Jch bin nah bey euch, und seh euch wieder. .. Darum weint jetzt nicht so sehr! .. Therese, morgen kuͤß’ ich noch einmal dein Kind, wenn es schlaͤft. Allen Segen des Himmels will ich ihm erflehen. .. Jch bitte dich, sieh mich mor- gen nicht mehr! Du bist schwach, und ich muß stark seyn, denn ich geh ja ein ins Land der Ruhe. — Therese versprach, ihn Morgen nicht zu sehen. Er druͤckte sie mit Schluchzen an sein Herz. Beyde konnten nicht sprechen. Den andern Morgen um vier Uhr gieng Sieg- wart in das Zimmer, wo Theresens Kind schlief. Er kuͤßte den kleinen Engel, und muste weggehn, um das Kind durch sein Schluchzen nicht zu wek- ken. Gott, rief er aus, wie ruhig schlaͤft es! war- um koͤnnen wir nicht Kinder bleiben? — Hierauf setzte er sich mit Kronhelm in den Wagen, und fuhr weg. Sein uͤbriges Vermoͤgen, was er nicht ins Kloster mitnahm, vermachte er seiner Schwester Salome die ihm tausend Thraͤnen nachweinte. Rothfels blieb zuruͤck, um Theresen zu troͤsten. Er war im Wagen ruhiger und staͤrker als man erwarten konnte. Der Gedanke ans Kloster war etwas Neues, und beschaͤftigte seine Seele; auch der Gedanke an den nahen Tod troͤstete ihn. Seine Seele ward staͤrker, je schwaͤcher er seinen Koͤrper fuͤhlte. Kronhelm rieth ihm, seine Geschichte sorgfaͤltig zu verbergen|, weil sie ihm im Kloster schaden koͤnnte. Siegwart versprachs; nur meinem |lie- ben Pater Anton, sagt’ er, kann ich nichts ver- helen. Er soll der Vertraute meines Jammers seyn, bis das Grab mich einschliest. Den Nachmittag kamen sie im Kloster an. Kronhelm ließ dem Guardian durch den Thorwart seine, und seines Schwagers Ankunft melden. Der Guardian empfieng sie mit der groͤsten Freund- schaft, und erinnerte sich unsers Siegwarts wieder mit Vergnuͤgen. Wir dachten schon, sagte er, Sie haͤtten uns vergessen, weil uns Pater Philipp keine Nachricht mehr von Jhnen geben konnte. Beym Namen: Pater Philipp fieng unserm Siegwart das Herz an, zu schlagen; denn er hatte wirklich bey den mancherley Zerstreuungen, und den vielen Leiden der Liebe, schon seit langer Zeit kaum an Pater Philipp gedacht, geschweige denn an ihn ge- schrieben. Weil Kronhelm sah, daß diese Anrede seinen Schwager in Verlegenheit setzte, so nahm er an seiner Statt das Wort, und sagte: Siegwart habe eine Zeither viel gelitten; aber doch sey ihm das Kloster niemals aus dem Sinn gekom- men, ob er gleich nicht im Stand gewesen sey, dem Pater Philipp Nachricht von sich zu geben. Sie waren kaum etliche Minuten da, so kam der redliche Pater Anton der von Siegwarts An- kunft gehoͤret hatte, ins Zimmer. Siegwart flog ihm entgegen und in seinen Arm. Mein Vater! Mein Sohn! riefen sie zu gleicher Zeit aus, und weinten. Der Pater Guardian fragte hierauf unsern Siegwart, ob er nun im Ernst gesonnen sey, ins Kloster zu treten! und auf seine Bejahung ließ er ihm seinen Aufenthalt bey zwey |andern Novizien anweisen. Kronhelm blieb noch denselben Tag da, und schlief draussen vor dem Kloster bey dem Klo- steramtmann. Nachdem er mit dem Guardian wegen des Geldes, das Siegwart mit ins Klo- ster bringen sollte, alles in Richtigkeit gebracht hatte, so gieng er am Abend mit dem Pater Anton und seinem Schwager im Klostergarten spatzieren. Die- sem kamen alle die Empfindungen wieder ins Ge- daͤchtniß, die er ehemals in seiner gluͤcklichern Ju- gend hier gehabt hatte. Er erinnerte sich seines seligen Vaters, mit dem er das erstemal hier gewe- sen war, und des verstorbnen rechtschaffnen Pater Gregors. Gott, wie war jezt alles ganz anders! Es war ihm nicht moͤglich, ein Wort vorzubringen; er konnte nichts als schluchzen. Der Schmerz und die gewaltige Bewegung druͤckten ihn fast zu Boden. Pater Anton und sein Kronhelm, zwi- schen welchen er gieng, konnten auch nichts spre- chen; Anton, vor grosser Freude, weil er seinen lie- ben jungen Freund wieder sah; Kronhelm, weil er seinen Schwager, seinen innigsten und treusten Freund, hier in seinem trostlosen Jammer allein zuruͤcklassen sollte. Kronhelm kam den andern Morgen zu seinem Siegwart, um Abschied von ihm zu nehmen. Lange stund er bey ihm, und konnte doch kein Wort sagen. Oft wollte er anfangen, aber die Worte starben ihm auf der Zunge. Endlich fieng Sieg- wart selber an: Unsre Therese wird wohl auf dich warten. Gib ihr diesen Kuß in meinem Namen! Bruder, du bedaurst mich; aber komm ich doch dem Grabe immer naͤher. Jst doch schon das Klo- ster ein Grab auf der Welt fuͤr die Lebendigen … Leb wohl, hab Dank fuͤr alle Liebe! … Hier er- stickten Thraͤnen seine Reden. Kronhelm fiel ihm um den Hals. Leb ewig wohl! sagte er, besuch uns! Gott staͤrke dich! … Er riß sich von ihm los, und wollte allein wegeilen. Aber Siegwart folgte ihm nach bis an den Kutschenschlag. Sie umarmten sich; Kronhelm stieg ein, zog das Kut- schenglas auf, und fuhr weg. Nun eilte Siegwart auf die Zelle seines lieben Pater Anton, und ließ seinem Schmerz und | seinen Thraͤnen freyen Lauf. Anton ließ ihn ausweinen, und versuchte es nicht, ihn zu troͤsten. — Ver- zeihen Sie, sagte Siegwart, ich weine nicht um die Welt; sie hat keine Freuden mehr fuͤr mich. Jch habe viel gelitten, theurer Vater! ach, unaus- sprechlich viel. Sie sollen alles wissen, aber jetzt nicht! Jetzt kann ich nichts, als weinen. — Ge- trost, mein Sohn! sagte Pater Anton; Du sollst Ruhe finden! Jch hab auch viel gelitten. Will dirs auch erzaͤhlen. Du sollst viel aus meiner Ge- schichte lernen. Sie ist auch traurig; aber fremde Lei- den sind ein Trost fuͤr den Ungluͤcklichen. Jch hab endlich Ruh gefunden; Gott gebe sie dir auch! Siegwart gieng auf seine Zelle, stuͤtzte sich auf seine Hand, und dachte nun zum erstenmal wieder an seine Mariane. Er sah alles in der Zelle an. Gott! dachte er, in einem solchen engen, truͤben Aufenthalt hat mein Engel, die Vollendete, gedul- det und ausgerungen. Gott! um meinetwillen! — Gern will ich auch alles dulden. Hier auf diesem Bette soll mein Geist den letzten Kampf kaͤmpfen, und sich dann, aus dieser Zelle, aufschwingen, und auf ewig bey ihr seyn... Ewig, Ewig..! O! was sind die Leiden dieser Zeit: Heilige, gern will ich dulden; denn ich soll ja ewig, ewig, bey dir seyn! — So schwaͤrmte er sich in uͤberirrdische Empfindungen hinein, und vergaß Welt, und alles um sich her. Der Guardian und die andern Paters begegne- ten ihm mit Freundschaft und Liebe, und unter- schieden ihn, da er mehr Vermoͤgen mit ins Klo- ster brachte, sehr von den beyden andern, die mit ihm das Noviziat antreten sollten. Der Eine, Bru- der Porphyr, war ein feuriger, oft ausgelassener Juͤngling, der eher zum Herrschen, als zum Ge- horchen gebohren war, und besser einen Officier, als einen stillen und geduldigen Moͤnch abgegeben haͤtte. Aber sein Vater hatte mehrere Kinder, und ein maͤssiges Vermoͤgen. Also hielt ers fuͤr ein Gluͤck, daß sein Sohn hier eine Versorgung finden sollte. — Der andre Bruder Jsidor, war ein dummer, schlaͤfriger Mensch, der sein Leben so hintraͤumte, ohne viel dabey zu denken. Seine Mutter, ein bigottes Weib, hatte ihn, weil sie bey seiner Geburt fast starb, von Jugend auf zum Moͤnch bestimmt, und ihm schon, als Knaben, eine Kapuzinerkutte angelegt. Fragte man den Knaben, was er wer- den wollte? so sagte er: ein geistlicher Herr. Die Mutter sagte ihm, im Kloster koͤnn er ohne viele Muͤh ein Heiliger werden; und dem Knaben war alles recht, was nicht viele Muͤhe kostete. Der Beichtvater seiner Mutter, ein Kapuziner, kam oft in sein Haus. Sein dicker Bauch gefiel ihm, und seine Erzaͤhlungen von der Ruh im Kloster wurden von dem Knaben begierig angehoͤrt. Man that ihn auf die Schule; er lernte da so wenig, als er brauchte; auf der Universitaͤt in Dillingen trank er sein Glas Bier in Ruhe, und gieng nun, als er alt genug war, ins Kloster. Keiner von beyden war fuͤr unsern Siegwart geschaffen. Bruder Porphyr wollte immer nur lustige Universitaͤtsstuͤckchen von ihm wissen, und war ihm mit Erzaͤhlungen seiner Streiche, die er in der Welt getrieben hatte, laͤstig. Wenn Siegwart in tiefer Melancholie da saß, und mit seiner Seele ganz bey Marianen war, so ruͤttelte er ihn, und wollte ihn durch Spaß munter machen; und einem Traurigen ist nichts widriger, als eine unzeitige Lustigkeit. — Jsidor sprach gar nichts, schlief groͤ- stentheils, oder saß unthaͤtig und gedankenlos da, und nahm an gar nichts Antheil. Siegwart nahm also seine Zuflucht zur einsamen Andacht, der er, so lang die Witterung noch gelind war, in einer Grotte im Garten pflegte; oder er schrieb kurze Aufsaͤtze, die an Gott oder Marianen gerichtet waren; oder er saß bey seinem lieben Pater Anton auf der Zelle. Gleich in den ersten Tagen erzaͤhlte er ihm, mit tausend Thraͤnen, und aufs unpartheyischste seine Geschichte. Der alte Mann, der der Welt schon ganz abgestorben war, wurde oft im Jnner- sten dabey bewegt, und nahm an Marianens und an seines jungen Freundes Schicksal soviel Antheil, als ein Juͤngling. Er war offenherzig genug, un- serm Siegwart verschiedne Abende nach einander seine ganze Geschichte, die oft sehr traurig war, zu erzaͤhlen, und ihm auch die Verirrungen, in die er sich verwickelt hatte, nicht zu verschweigen. Unser Siegwart hoͤrte ihm mit tiefer Ruͤhrung zu; oft vergaß er dabey seiner eignen Ungluͤcksfaͤlle; oft aber ward er wieder durch die entfernteste nur an- scheinende Aehnlichkeit aufs lebhafteste an seine eig- nen Schicksale erinnert, so daß Anton manche Viertelstunde in der Erzaͤhlung inne hielt, und mit ihm weinte. Siegwart konnte nicht begreifen, wie ein Mann, der soviel ausgestanden hatte, wie Pater Anton, mit seinem empfindungsvollen, tieffuͤhlenden Her- zen nicht nur solche Leiden| uͤberleben, sondern wie- der zu einer solchen Ruh| gelangen koͤnnte; er aͤusserte auch seine Verwunderung daruͤber, und glaubte, ihm wuͤrde dieses nicht moͤglich seyn. Lie- ber Xaver, sagte Anton, ich habs auch nicht geglaubt, als der Schmerz noch neu in meiner Seele, und ich noch ein Juͤngling war. Jn der Jugend fuͤhlt man alles noch so stark, und traut sich auf der einen Seite zu wenig, und auf der an- dern zu viel zu. Leiden glaubt man nicht tragen zu koͤnnen. Jede Leidenschaft, glaubt man, muͤsse diesen Koͤrper gleich zertruͤmmern; aber in der Jugend kann der Koͤrper weit mehr tragen, als im Alter. Drum gab Gott, dem das Leben eines Menschen theuer ist, uns gewoͤhnlich nur so lang starke Leidenschaften, als der Koͤrper stark genug ist, ihre Erschuͤtterungen zu tragen. Mit dem Wachsthum der Jahre nehmen sie ab, und die Reizbarkeit der Empfindung auch. Siehst du, Freund, so wird der Alte ruhig, in dessen Brust es vorher noch so sehr gestuͤrmt hat. Die Jugend half ihm die Stuͤrme aushalten, und nach dem Sturm kommt Ruhe. Also ist sie sehr natuͤrlich, ob es gleich auch eine kuͤnstliche Ruhe giebt, die von guten Grundsaͤtzen, von Erfahrung, Philoso- phie, und Anwendung der Religion erzeugt wird. Der Welt waͤre schlecht geholfen wenn Ungluͤck des Herzens jeden Juͤngling sogleich toͤdtete; denn mehrentheils sind die Juͤnglinge, die tief empfin- den, deren groͤstes Ungluͤck ihr zu fuͤhlendes Herz ist, die edelsten, die der Welt am meisten dienen koͤnnen. Du bist also dich der Welt noch schuldig, und must auf deine Selbsterhaltung denken! Jch weiß wohl, daß der Wunsch nach dem Tod, und das heißt Sehnen darnach, dir, und dem Juͤngling uͤberhaupt sehr natuͤrlich ist. Der Juͤngling liebt alles Neue, Ungewoͤhnliche und Feyerliche, und was ist feyerlicher als der Uebergang aus diesem Leben in ein anderes, uns so wenig Bekanntes! Der oͤftere Gedanke an den Tod wird uns zuletzt gewoͤhnlich; das Lachende verliert sich, und wir sehn den Tod als ein Beingerippe an, vor dem man sich destomehr entsetzt, je naͤher man ihm kommt. — Jch gestehs, du hast viel ausgestanden; Marianens Verlust muß dir unaussprechlich schmerz- lich, und der Gedanke, wieder mit ihr vereiniget zu werden, muß dir der suͤsseste seyn; aber, lieber Freund, zu sehr und zu lebhaft must du ihm nicht nachhaͤngen! Denn daruͤber wuͤrdest du unbrauch- bar fuͤr die Welt und fuͤr das Kloster, in dem du jetzt doch ein Mitglied werden willst. Du wuͤrdest nach und nach deine Gesundheit und dein Leben U u u schwaͤchen, uͤber das du doch nicht soviel Gewalt hast, daß du es ablegen kannst, wann du willst. Glaub nicht, daß fuͤr dich kein Gluͤck und keine Ruhe mehr auf Erden ist! Gott, der dieses dir genommen hat, kann dirs wieder geben, und aus Erfuͤllung unsrer Pflichten fließt die meiste Ruhe. Siegwart weinte, und versprach, seinen Ver- druß des Lebens, wo moͤglich, zu besiegen, we- nigstens nichts vorzunehmen, was seinen Tod be- schleunigen koͤnnte. Er sprach jetzt weniger vom Tode, wenn er bey seinem lieben Pater Anton war. Er sah wohl ein, daß er schuldig sey, fuͤr seine Erhaltung zu sorgen, und sich nicht dadurch zu schwaͤchen, daß er seinem Gram bestaͤndig nach- hieng. Aber doch betaͤubte sein Gefuͤhl ge- woͤhnlich seine Ueberzeugung; er konnte sich, zu- mal wenn er allein war, selten aus seiner Melan- cholie herausreissen; oft dachte er halbe Naͤchte durch an seine Mariane; sie schien ihm wachend und im Schlummer zu winken, und dann bemaͤch- tigte sich seiner ein ungeduldiges Sehnen nach dem Tod; er bat Gott darum mit lautem Weinen; und dann machte er sich selber wieder Vorwuͤrfe, und bath Gott seinen Fehler ab. Nach drey Wochen, die er nun im Kloster zu- gebracht hatte, ward ihm vor dem Altar die Klei- dung angelegt. Sein schwarzes Kleid, das er in der Kirche ablegte, ward mit einer braunen Kutte vertauscht, und das Noviziat fieng sich an. Er bekam den Klosternamen Georg. Er mußte nun alle die Geschaͤfte und Uebungen des Gehorsams an- treten, die ein Neuangehender im Probejahr aus- zuhalten hat. Der damalige Novizmeister war ein strenger und wunderlicher Mann, der den Novi- zien oft laͤcherliche Uebungen auflegte. So mußten sie, zur Uebung im Gehorsam, Holz aus der Holzkammer holen, und wenn sie ziemlich viel geholt hatten, mußten sie es wieder zuruͤcktragen. Es ward ihnen warmes Essen vorgesetzt, und wenn sie eben essen wollten, ward es wieder weggenom- men, und sie mußten trocknes Brod essen. Jn der Bibliothek mußten sie im kalten Winter die Buͤcher |aus einem Schrank in den andern setzen, und dann wieder zuruͤck in den vorigen Schrank tragen; kurz: immer Arbeiten ohne Zweck ver- richten. Dem Bruder Porphyr gefiel dieses sehr uͤbel. Er beklagte sich oft daruͤber gegen unsern Sieg- wart, und sagte, daß er dieses nicht aushalte, und in einem halben Jahre geh er wieder aus dem Klo- ster. Er wolle lieber jeden andern Stand, als diesen Sklavenstand erwaͤhlen, da er blos allein von dem Eigensinn und den Grillen eines naͤrrischen Novizmeisters abhaͤnge. Siegwart aber ertrug sein Loos, mit Gelassenheit, ob er wol sonst frey genug dachte. Er glaubte, diese Unterwerfung Gott schuldig zu seyn, und dieses Schicksal verdient zu haben; denn bey seinen bestaͤndigen Andachts- uͤbungen, und in der fortdaurenden Einsamkeit bekam seine lebhafte Einbildungskraft wieder einen neuen Schwung, und lenkte sich auf die Seite der Andaͤchtigen, wohlgemeynten Schwaͤrmerey. Es stiegen ihm allmaͤhlich verschiedne Zweifel und Gewissensscrupel wegen seines vorigen Lebens auf, da er sich Gott schon einmal gewidmet hatte, und sich nun durch die Liebe zu Marianen wieder von ihm ab, und zur Weltliebe hatte verleiten lassen; da er sogar auf den Vorsatz gefallen war, Gott und der Kirche eine Braut zu entziehen. Diese Vorstellun- gen machten ihn aͤngstlich, und brachten eine neue Art von Melancholie in ihm hervor, die noch tie- fer, als die vorige, sich in seine Seele eingrub. Er machte sich nun ein Gewissen und sogar ein Ver- brechen daraus, an seine Mariane zu denken, die ihm doch unwillkuͤhrlich und bestaͤndig vor der See- le schwebte. Verschiedne Aufsaͤtze, die er hinter- lassen hatte, zeugen von diesem neuen und schreck- lichen Kampf seiner Seele, unter dem er fast er- lag, und unter welchem seine Gesundheit sehr litt. Er hatte nicht einmal das Herz, seinem P. Anton etwas davon zu entdecken. Er glaubte nun dafuͤr buͤssen zu muͤssen, und trug alle Proben des Ge- horsams, die ihm der Novizmeister auflegte, mit Gelassenheit und Stille. Die Klagen des Bruder Porphyrs suchte er zu widerlegen, und gab sich Muͤhe, ihn zu bekehren, und in ihm den Ent- schluß hervorzubringen, vom Kloster nicht abtruͤn- nig zu werden. Aber seine Vorstellungen halfen nichts bey dem ziemlich leichtsinnigen Porphyr. Er wendete sich also mit seinen Bemuͤhungen an den schlaͤfrigen Bruder Jsidor, der sich auch oft uͤber die vielen Arbeiten und Beschwerlichkeiten be- klagte. Seine geistliche Vorstellungen halfen bey diesem wenig; aber desto mehr die Winke, die er ihm gab, daß diese Probe ja nur ein Jahr daure, und daß dann Ruhe und Bequemlichkeit nachfolge; er duͤrfe nur die Paters ansehen, welch ein ruhiges Leben diese fuͤhrten. Dieses gefiel dem phlegmati- schen Jsidor; er schielte bey seinen Arbeiten immer auf die andern Paters, die in Ruh und groͤsten- theils in Faulheit und Unthaͤtigkeit ihr Leben hin- brachten. Er sehnte sich also nach dem Ende dieses Probejahrs, um dann ausruhen, und als Pater sein Leben in ewiger Unthaͤtigkeit hinbringen zu koͤnnen. Jn dieser Hofnung versprach er unserm Siegwart, das Probejahr auszuhalten und im Klo- ster zu bleiben. Daruͤber triumphirte Siegwart bey sich selbst, und hielt es fuͤr eine Frucht seiner frommen Vorstellungen, so daß er glaubte, durch diese Bekehrung ein grosses gutes Werk gethan zu haben. Die Poͤnitenzen oder Bußuͤbungen waren auch sehr streng, besonders das Fasten und das Geisseln. Die Paters mußten oft bey Nacht in ein dunkles Gewoͤlde gehen, und sich mit den Stricken, die sie an sich haͤngen hatten, auf den blossen Ruͤcken geisseln. Das Schlagen gab ein Getoͤse, daß das ganze Gewoͤlbe wiederhallte. Unser gewissenhafter Siegwart schlug sich allemal blutruͤnstig, so daß er eine Menge Bluts verlohr. Darunter litt seine Gesundheit, bey dem ohnedieß immer nagenden Seelenkummer, noch mehr. Seine Gesichtsfarbe verlohr sich voͤllig, und seine Kraͤfte nahmen zuse- hends ab. Umsonst warnte ihn P. Anton, sich zu schonen, und gegen seinen eignen Koͤrper nicht mehr, als noͤthig waͤre, zu wuͤten. Bruder Porphyr lachte ihn oft aus, denn er hatte gemerkt, daß sich die Paters entweder blos mit der Hand auf den Ruͤcken, oder mit den Stricken blos an die Saͤulen, oder an die Wand schlugen. Diese List machte er nach, und rieth unserm Siegwart an, es auch nachzumachen. Dieser hielt aber seinen Rath fuͤr gottlos, und betruͤbte sich uͤber seinen Leichtsinn. Jsidor hingegen war das eine angeneh- me Entdeckung, die er sich sehr zu Nutze machte. Siegwart sah nun auch ein, daß das Klosterle- ben — wie das meiste auf der Welt — von aussen schoͤn glaͤnzt, wenn mans aber genauer kennen lernt, tausend Maͤngel und Unvollkommenheiten hat; er sah taͤglich mehr den innern Krieg, den Neid, und die Misgunst, die unter den Paters gewoͤhnlich herrscht. Er sah, daß fast keiner ein aufrichtiger Freund des andern, und daß das Klo- ster ein Sammelplatz fast aller haͤßlichen menschli- chen Leidenschaften ist. Fast alle Tage gab es Zank, und Sticheleyen, und Verhetzungen. Er betruͤbte sich heimlich daruͤber, hielt sich aber desto mehr ver- bunden, sich von diesen Schlacken rein zu halten, und sein Herz unter den Unheiligen Gott zu wid- men und zu heiligen. Den meisten Kummer aber, der am schmerzlich- sten heimlich an seiner Seele nagte, machte ihm, daß er, zumal an den truͤben, einsamen Winter- tagen, so unthaͤtig in seiner Zelle sitzen mußte, ohne in einem nuͤtzlichen und vernuͤnftigen Buche lesen zu duͤrfen; denn die Bibliothek enthielt fast groͤstentheils Legenden, und er durfte noch dazu nur die Buͤcher lesen, die ihm der Novizmeister gab, und die sehr schlecht gewaͤhlt waren. Seine Dich- ter, und uͤberhaupt kein Buch hatte er mit ins Kloster bringen duͤrfen. Jedes Buch, das ins Kloster kam, wurde erst visitirt, und unter diesen durste nie kein Dichter, am wenigsten ein prote- stantischer Schriftsteller seyn. Tausendmal sehnte er sich nach seinem lieben Klopstock, zu dem er sonst in Freud und Leid seine Zuflucht genommen hatte. Auch schmachtete er oft, wenn seine Seele truͤb und wehmuͤthig war, umsonst nach seiner treuen Freundin, der Musik, um seinen Schmerz auf der Violine weinen, oder toben, oder auf der sanften Floͤte schmachten zu lassen. Denn im Klo- ster durfte man keinen Laut von einem Jnstrument hoͤren lassen. Seine einzige Beschaͤftigung war, die Stellen, die ihm aus Haller, Kleist, und Klop- stock im Gedaͤchtniß geblieben waren, und kleine Aussaͤtze an Gott und Marianen, und besonders eine ziemliche Anzahl melancholischer, elegischer Ge- dichte, die seine ganze Geschichte und den Zustand seines Herzens schilderten, niederzuschreiben. Pater Anton sah den guten Juͤngling schmach- ten, und sichtbar nach und nach dahin sterben, ohne ihn troͤsten zu koͤnnen. Er litt mit ihm, und oft sassen sie ganze Stunden beysammen, |sahn sich wehmuͤthig und schmachtend an, und fuͤhlten jeden Augenblick der Zeit, wie er truͤb und freudenleer dahin schlich. Jm Fruͤhjahr nahm ihn Pater Anton gewoͤhn- lich auf die benachbarten Doͤrfer mit, wo er All- mosen einsammelte, predigte, und dem Bauervolk in geistlichen und weltlichen Anliegen guten Rath ertheilte. Unser Siegwart war bey den Bauren sehr beliebt, weil er sie auch auf eine ruͤhrende und eindringende Art zur Froͤmmigkeit ermahnte. Sie nannten ihn in der ganzen Gegend den schwer- muͤthigen Bruder Georg. Aber die Liebe dieser guten Leute war nicht im Stande, einen Stral von Heiterkeit und Ruhe in sein truͤbes Herz zu giessen. Fast alles ließ ihn kalt; auch sogar der Fruͤhling, und die wieder auflebende Natur, die sein Herz sonst immer mit |neuer Wonne angefrischt hatte. Statt der Freude, die der Fruͤhling jeder jugendlichen Seele, auch sogar dem Alter bringt, brachte er ihm nichts als Seufzer, aͤngstliches Schmachten, und wehmuͤthige Wiedererinnerung an den verbluͤhten Fruͤhling seines Lebens, und die ehemaligen Freuden und suͤssen Schmerzen seiner ungluͤcklichen Liebe. Er gieng kalt und fuͤhllos, oder weinend auf bebluͤmten Wiesen und zwischen bluͤ- henden Fruchtbaͤumen hin; die Nachtigall sang ihm Grablieder; er sah aus den Bluͤthen Tod hervor- keimen, wenn er ihre kleinen Blaͤtter, vom Wind abgeschuͤttelt, haufenweise, wie Schnee herabsin- ken sah; er legte sich unter die Kirschbaͤume, ließ von den Bluͤthen sich bedecken, und dachte: stuͤrb’ ich doch auch mit ihnen! Wenn er auf der Wiese einen Haufen Blumen bey einander stehen sah, so erhub sich ein Sehnen in seiner Brust, unter die Blumen sich zu legen, und zu sterben. Sein Blick war immer mehr zum Himmel gekehrt, als auf die Erde; wenn er hoͤrte, daß ein Mensch gestorben sey, so pries er ihn gluͤcklich, und wuͤnschte sich an seine Stelle. Wenn ihn Pater Anton Abends nicht im Garten antraf, so suchte er ihn aus dem Gottesacker, wo er ihn gewoͤhnlich auf dem Grab des P. Gre- gors fand. Er fuͤhlte, daß ihn der innerliche Gram, das viele Fasten, und das strenge Geisseln nach und nach abzehrten und entkraͤfteten, und fuͤhlte es gern. Wenn der Schlaf, das Bild des Todes kam, so flehte er zu Gott, ihn bald in den ewigen Schlum- mer einzuwiegen, aus dem kein Aufstehn mehr zu Schmerz und Thraͤnen seyn wird. — Als ein halbes Jahr um war, gieng Bruder Por- phyr wieder aus dem Kloster. Man ließ ihn gern gehn, weil er allerley schlechte und muthwillige Strei- che gemacht hatte. Als man aber unsern Siegwart fragte, ob er bleiben wollte? so sagte er mit Freuden Ja, ohngeachtet ihn der Novizmeister so hart hielt. Kronhelm besuchte seinen lieben Siegwart ein paarmal im Kloster. Er erschrack, als er ihn so blaß und abgezehrt fand. Er wendete alle Muͤhe an, ihn zu uͤberreden, das Kloster wieder zu verlassen, und sich nicht selbst ins Grab zu bringen; aber alle seine Zaͤrtlichkeit und Liebe war vergeblich angewendet. Siegwart haͤtte es fuͤr einen Kirchenraub gehalten, wenn er haͤtte wieder in die Welt zuruͤck kehren wol- len. Die Furcht seines Kronhelms, daß er bald sterben moͤchte, schmeichelte ihm, und er hoͤrte von nichts lieber reden, als von seinem Tode. Einmal bekam er auch die Erlaubniß, seine Schwester The- rese zu besuchen. Diese, so gluͤcklich sie auch in der Liebe ihres Kronhelm war, konnte doch, so lang ihr Bruder gegenwaͤrtig war, nichts als weinen. Sie sah ihren Bruder, den sie so unaussprechlich liebte, nach und nach dem Tode welken; dieser Anblick war ihr unertraͤglich. Das ganze Schloß, das sonst so gluͤcklich war, gerieth in Trauer. Siegwart saß ei- nen Abend bey Kronhelm und Theresen, die ihr Kind auf dem Schoos liegen hatte. Das Kind schlief; Siegwart sah es an, mit Thraͤnen in den Augen. Armes Knaͤbchen, sagte er, du schlummerst jetzt so ruhig, und laͤchelft im Schlaf. Wenn du aufwachst, wird die Welt dir entgegen lachen, denn du siehst nirgends keine Sorge. Moͤchtest du doch ewig ein Kind bleiben, oder sterben, eh das Juͤng- lingsalter kommt! Wenn der Juͤngling aufwacht, ach dann ists gar anders. Tausend Sorgen wachen mit ihm auf, Leiden werden stets mit ihm geboh- ren, deren Keim schon in der Seele liegt. Gebt mir euren Kleist her, daß ich mein Lieblingsstuͤck wieder einmal lese: Weh dir, daß du gebohren bist ꝛc. — So sprach er oft bey ihnen, und Kron- helm und Therese wagtens nicht, ihn zu troͤsten. Er ward auch auf die Vermaͤhlung des braven Rothfels mit der Schwester Kronhelms geladen, aber er kam nicht, und schrieb ihnen: Laßt mich, lieben Freunde, in der Zelle mei- ner Leiden! Bittet man den Tod zu Gast beym Freudenmahl? Soll mein Anblick Euch erinnern an die Stunde Eurer Trennung, und daß alle Freuden dieses Lebens nichts sind? Jch will Gott flehn, daß er Euren Blick nicht dringen lasse in die Zukunft! Daß ihr nur die Blumen, die der Fruͤhling darreicht, aufkeimen, und nicht sterben seht! Flechtet keinen Kranz von Blumen, denn sie welken, eh der Abend anbricht! Hier schick ich Euch einen Kranz von Jmmergruͤn! Er vergeht auch, aber spaͤter, als die Blumen. Wenn es Ruhe gibt, und Gluͤck, so fleh ichs Euch von Gott herab. — Sein Schmerz ward immer duͤsterer und stum- mer. Anton wars fast allein, mit dem er sprach. Sein Leben war eine bestaͤndige Andacht, und da- bey war er am heitersten, denn sein Blick drang immer schaͤrser in das Leben jenseits des Grabes. Oft weinte er Freudenthraͤnen, wenn er im zuver- sichtlichsten Vertrauen sein nahes Ende sah. Er fuͤhlte die Gegenwart Gottes aufs lebendigste, und ward fast bis zum Anschauen uͤberzeugt, daß Gott den Menschen nur eine Zeitlang fuͤr die Leiden, nach diesen aber fuͤr ein ewig gluͤckliches und ruhi- ges Leben geschaffen habe. Und dann dankte er Gott fuͤr sein Daseyn, auch sogar fuͤr seine Leiden. Aber freylich sind diese Stunden der heitersten und zuverlaͤßigsten Gewißheit bey dem Menschen, dem sein Koͤrper alle Augenblicke dran erinnert, daß er noch auf der Welt ist, selten. Oft konnte er ganze Tage lang nichts denken, als die Trennung von seiner Mariane, ohne die Wonne des Wiederse- hens, und der Wiedervereinigung zu fuͤhlen, und diese Tage waren ihm die traurigsten und baͤng- sten. — Sein Andenken an Marianen und der damit verbundne Schmerz wachte wieder neu auf, als man bey folgender Veranlassung einige Tage lang im Kloster von nichts als von Nonnen sprach. Man hatte nehmlich etlich Naͤchte vorher am Him- mel eine starke Roͤthe, als das Zeichen einer grossen Feuersbrunst, wahrgenommen. Zwey Tage drauf kam die Nachricht, daß in Adlingen, einem acht Stunden weit entfernten Nonnenkloster, ein hefti- ges Feuer ausgebrochen sey, daß das ganze Gebaͤude in die Asche gelegt habe. Die Nonnen fluͤchteten sich, ein paar ausgenommen, die die Gelegenheit wahrnahmen, und entwischten, in ein benachbar- tes Benediktinerkloster. Diese Nonnen wurden nun in die benachbarten Frauenkloͤster vertheilt. Pater Hildebrand, der in dem naͤchsten Nonnen- kloster Bergkirch Beichtvater war, erzaͤhlte bey Tisch, es seyen dahin auch vier Nonnen von den verungluͤckten gekommen, von denen zwo bey dem Brand vielen Schaden gelitten haben. Er schil- derte ihren Schrecken, der noch immer fortdaure, sehr ruͤhrend, und beschrieb die Nonnen, deren eine noch sehr jung und aͤusserst schwermuͤthig sey. Bey dieser Beschreibung stellte sich unserm Sieg- wart das Bild seiner lieben verstorbnen Mariane wieder so lebhaft vor Augen, daß er in Gegen- wart der Paters zu weinen anfieng, und so sehr vom Schmerz ergriffen wurde, daß er, um sein Geheimniß zu verbergen, unter dem Vorwand einer ploͤtzlichen Uebelkeit von Tische weggieng, sich in seiner Zelle niederlegte, und seinen Thraͤnen freyen Lauf ließ. Etlich Tage lang konnte er nicht ruhig bethen; seine Gedanken waren immerdar zerstreut; Marianens Bildniß folgte ihm aller Orten nach, und stellte sich ihm fast jede Nacht im Traum vor. Erst nach etlich Wochen bekam er seine vorige Ru- he wieder. Sein Probejahr war schon beynah zu Ende, als der Guardian starb, und das Klosterkonvent fast einmuͤthig den rechtschaffnen Pater Anton zu sei- nem Vorsteher und Guardian erwaͤhlte. Der bra- ve Mann nahm diese Ehre am Ende seiner Tage ungern an. Er haͤtte lieber seine noch wenigen Tage in der Stille beschlossen, aber das Zureden seiner Mitbruͤder uͤberwand endlich seine Beschei- denheit, und er nahm die Wuͤrde an, die er aufs treulichste, und ohne sein Betragen oder seine Denkungsart im geringsten zu veraͤndern, verwal- tete. Siegwart haͤtte sich nun sehr gut sein Schicksal erleichtern, und sich bey dem Guardian, der sein Freund, und noch mehr, sein zweyter Vater war, uͤber die Strenge und Unbilligkeit seines Noviz- meisters beschweren koͤnnen; denn dieser stolze und fuͤhllose Mann vermehrte seine Haͤrte, je mehr sich das Probejahr seiner Untergebenen dem Ende nah- te; aber Siegwart sagte kein Wort, und trug sein Schicksal mit Stille und Gelassenheit. Oft fragte ihn P. Anton, ob er mit seinem Zustand zufrieden sey, und sich uͤber nichts zu beklagen habe? und allemal antwortete er, er sey mit jedermann ufrie- den, und wuͤnsche sich keinen bessern Zustand. Am Ende seines Probejahrs legte er feyerlich in der Kirche, zur Ruͤhrung aller Anwesenden, den Profeß ab, bekam die Priesterweihe und die Ton- sur, ward zum Pater aufgenommen, und trat, nachdem er seine erste Messe gelesen hatte, alle Verrichtungen eines Paters an. Kronhelm und Rothfels waren bey der Einwei- hung mit zugegen, und wurden auch beym Mit- tagsessen behalten. Siegwart, dem das Feyerliche der Handlung noch immer vor der Seele schwebte, sprach sehr wenig, und hatte fast bestaͤndig Thraͤnen in den Augen. Seine beyden Freunde sahen ihn wehmuͤthig an. Sein mattes, halberloschnes Auge, seine blasse Farbe, sein eingefallenes Ge- sicht, die Gleichguͤltigkeit, mit der er sogar sie be- trachtete, weissagten ihnen seinen nahen Tod, und daß sie ihn vielleicht schon heut zum letztenmale sehen wuͤrden. Kronhelm, der einen ziemlichen Theil seiner Jugend mit ihm zugebracht hatte, der ihn so ganz kannte, und es wußte, daß we- nige Menschen in so hohem Grad verdienten gluͤck- lich zu seyn wie er; und doch auch alle seine Lei- X x x den kannte, deren manche Menschen in ihrem ganzen langen Leben nicht den zwanzigsten Theil davon erfahren, saß im duͤstersten Nachdenken da, schlug zuweilen seine Augen auf zum Himmel, un- terdruͤckte einen Seufzer, und dachte zitternd an die Unbegreiflichkeit der goͤttlichen Rathschluͤsse in den Schicksalen eines Menschen. Beym Weggehen druͤckte ihn Siegwart feste und feuriger als ge- woͤhnlich ans Herz. Bruder, sagte er, ich sahs heut, daß du meinen Zustand ganz fuͤhlst. Bald wirds besser werden. Hab Dank fuͤr deine viele bruͤderliche Liebe! Jch bethe stets fuͤr dich und meine Schwester, und dein Kind. Sag ihr, mir sey wohl, und werde bald noch besser werden. Jch gehoͤre nun ganz Gott an, und in seiner Hand koͤnne man nicht ungluͤcklich seyn. Gib ihr diesen Kuß! Sag ihr nicht, daß ich schwach bin, die gu- te Seele moͤchte sich betruͤben. Wenn du hoͤrst, daß ich todt bin, dann troͤste sie, und sag ihr, daß mir ganz wohl sey! — Kronhelm konnte nichts spre- chen, und riß sich von ihm los. Rothfels nahm auch weinend von ihm Abschied, und die beyden reisten traurig weg. Siegwart theilte nun seine ganze Zeit in seine Moͤnchsverrichtungen und in selbsterwaͤhlte An- dachtsuͤbungen ein. Er war fleißig bey den Land- leuten, bey denen er ausserordentlich beliebt war. Er predigte viel bey ihnen und stiftete sehr grossen Nutzen, denn sein Vortrag war so faßlich, daß ihn jedes Kind verstehen konnte. Er hatte den Grundsatz, den jeder Prediger haben sollte: Wenn mich der gemeinste Mann vom schwaͤchsten Ver- stand versteht, so versteht mich auch der Aufgeklaͤr- te, und ich werde allen nuͤtzlich. Da er die Ge- meinden, und die einzelnen Glieder derselben ge- nau kannte, so war sein Vortrag immer so we- nig allgemein, daß er nur auf die Gemeinde, der er predigte, allein paßte. Alle seine Betrachtun- gen, Bewegungsgruͤnde und Gleichnisse waren vom Landleben und vom Ackerbau hergenommen, und paßten auf keine Stadtgemeinde. Diese Kunst hatte er von Christo gelernt, der die Veranlassun- gen zu seinen Reden immer von denen Gegenstaͤn- den hernahm, die seine Zuhoͤrer vor sich sahen, oder womit sie sich beschaͤftigten. Wenn er Leute auf dem Feld antraf, so machte er sie auf die Na- tur, und auf den Segen aufmerksam, den Gott uͤberall so reichlich ausgestreut hat. Dadurch floͤßte er ihnen Liebe und Vertrauen gegen Gott ein, die die beyden Hauptquellen eines reinen und aufrich- tigen Gottesdienstes sind. Wenn er zur Geduld im Leiden ermunterte, so war sein eignes Beyspiel die beste Aufmunterung und Lehre, denn er war, bey seinem abgezehrten, matten Koͤrper immer hei- ter, wenn er mit den Leuten sprach, und seufzete blos in der Stille. War er allein, so war der Gedanke an den Tod und an seine Mariane sein bestaͤndiger Gefaͤhr- te. Wenn er uͤber eine Wiese |gieng, so dachte er mit Sehnsucht: Vielleicht seh ich diesen Ort zum letztenmal; wenn er einem Sterbenden die letzte Oelung gab, so dachte er: O der Gluͤckliche! Er kommt zu Gott, bey dem meine Mariane ist. Moͤcht ich doch mit ihm mich hinlegen und sterben! Gan- ze Stunden lang hieng sein Aug am stillen melan- cholischen Mond. Seine Phantasie uͤberredete ihn, Marianens Seele sey im Mond; dieser Gedanke ward ihm oft Gewißheit, und er schwang sich auf den Fluͤgeln seiner Schwaͤrmerey in den Mond hinauf, und vergaß daruͤber Welt und alle Leiden, hielt lange Gespraͤche mit seinem lieben Maͤdchen, und sah oft erst spaͤt hernach zu seinem Verdruß seine Taͤuschung ein, und daß er noch auf der Welt sey. Dann schrieb er wieder Gedichte, oder kleine Aufsaͤtze an sie nieder. Unter den wenigen Buͤchern, die er sich auf der Bibliothek ausgesucht hatte, war ihm keins lieber, als eine lateinische Bibel. Darin, und besonders im neuen Testament las er unaufhoͤrlich. Als er fand, daß die Religion Jesu in ihrer Quelle so ausserordentlich rein und einfach ist, und sie mit der Art verglich, wie sie heutzutage bey den Ka- tholiken gelehrt und ausgeuͤbt wird, da stiegen ihm wegen der vielen Menschensatzungen und willkuͤhr- lichen eigenmaͤchtigen Zusaͤtze viele Zweifel und Be- denklichkeiten auf, mit denen er lang zu kaͤmpfen hatte, eh er sich etwas beruhigen konnte. Endlich dachte er, wenn ich nur blos auf die Ausuͤbung der Religion nach dem Sinn Christi dringe, und die Zusaͤtze der Kirche stillschweigend gelten lasse, ohne sie fuͤr goͤttliche Satzung auszugeben, so kann ich ja doch mehr Nutzen stiften, als wenn ich mich dem reissenden Strom widersetze; denn sonst wuͤr- de man sich mir wieder entgegensetzen, oder mich gar verketzern, und dann waͤre mir aller Weg, Gu- tes zu thun, abgeschnitten. Mit diesen, und aͤhn- lichen Betrachtungen beruhigte er sich wieder; aber doch stiegen ihm in ernsthaften Stunden des Nach- denkens oft wieder neue Gewissenszweifel auf, die ihn oft so aͤngstigten, daß er nicht wuste, was er thun sollte, und oft den dunkeln Gedanken bey sich spuͤrte, zu den Protestanten uͤberzugehen. Aber theils kannte er die Lehrsaͤtze dieser Kirche nicht genug, theils hielt ers auch nach seinen Begriffen fuͤr strafbar, die vaͤterliche Lehre, in der er ge- bohren und erzogen war, abzuschwoͤren, und un- ter seinen Bruͤdern ein Aergernis zu stiften, da er ohnedies nur noch eine kurze Zeit, die er zu leben hatte, vor sich sah. Er wagte es auch nicht, seine Zweifel irgend einem Menschen, auch nicht einmal seinem lieben P. Anton vorzutra- gen. Sonst aber war er viel bey diesem theuren Mann, der alles auf ihn hielt, und ihn durch seine Freundschaft soviel aufzuheitern suchte, als moͤglich. Diese Achtung, die der Guardian ihm, als einem noch so jungen Pater erwies, lud ihm den Neid und Haß fast aller andern Paters auf den Hals. Sie stichelten auf ihn bey aller Ge- legenheit; sie sassen oft beysammen und machten allerley Kabalen gegen ihn; andre schmeichelten ihm, und glaubten durch seinen Fuͤrspruch die Gunst des Guardian zu gewinnen; heimlich wa- ren sie aber doch seine Feinde, und machten ihm hinterruͤcks tausenderley Verdruß. Siegwart merk- te dieses wohl; weil er aber sich seiner Unschuld bewußt war, so blieb er daruͤber ruhig, und ver- galt seinen Bruͤdern ihre boshaften Kuͤnste mit Freundschaft und ungeheuchelter Liebe. Der zweyte Winter und der Fruͤhling waren ihm nun auch dahin geschlichen. Seine Traurig- keit um Marianen war nun eine stille Melancho- lie geworden, die ihn zwar nie verließ, die aber doch unmerklicher geworden war, und seltner in laute Klagen ausbrach. Er trug den Tod in sei- nem Busen, wo er, wie der Wurm in einer Ro- se, immer weiter um sich fraß. Seine Kraͤfte nahmen allmaͤhlich ab; nur seine strenge Diaͤt, und die, immer einfoͤrmige Lebensart erhielten noch den Koͤrper aufrecht, daß er nicht auf Ein- mal hinsank. Noch ein paarmal war er bey sei- nem Kronhelm und bey seiner Therese gewesen. Die beyden lieben Seelen waren ausserordentlich gluͤcklich. Therese hatte ihrem Kronhelm nun auch noch ein Maͤdchen, das ihr Ebenbild war, und auch Therese hieß, gebohren. Der kleine Wilhelm fieng schon an, Worte zu stammeln, und machte durch seine Liebkosungen, und durch seine unschuldige Fragen seinen Eltern tausend Freude. Kronhelm und Therese liebten sich noch wie am er- sten Tage ihrer Verbindung. Zwey reine Herzen koͤnnen einander niemals uͤberdruͤßig werden. Jh- re Tugend nimmt taͤglich zu, zeigt sich taͤglich von einer neuen Seite, und Tugend ist ein Quell unaufhoͤrlicher Freuden. Die beyden Eheleute wa- ren unerschoͤpflich an Erfindungen, die ihnen taͤg- lich neue Vergnuͤgungen brachten. Sie machten ihre Unterthanen und alle Leute um sich her gluͤck- lich, und wurden zum Dank von ihnen aufs zaͤrt- lichste geliebt. Wohlthun und geliebt werden ist das Gegengift aller Unzufriedenheit und alles Mis- vergnuͤgens. Der Garten und das Schloß ward jedes Jahr verschoͤnert, und die Gegend umher verwandelte sich nach und nach durch den Fleiß ih- rer Bewohner, durch die Guͤtigkeit ihres Besitzers, und durch den Segen, den der Himmel uͤber sie herabgoß, in ein Paradies. Rothfels war mit seiner Frau auch gluͤcklich, und besuchte seine noch gluͤcklicheren Freunde oft. Siegwart sah die Freu- den seiner Lieben mit der reinsten Freude, und der innigsten Empfindung. Er fand hier, daß das Gluͤck noch nicht ganz aus der Welt entflohen ist, und daß Lieb und Zaͤrtlichkeit, wenn sie Einmal gluͤcklich machen, unaussprechlich gluͤcklich machen koͤnnen. Er hob sein Aug zum Himmel auf und dankte; aber wenn er wieder auf die Welt und sich herabsah; wenn er auf seinen Zustand und die Bahn der Leiden blickte, die er schon zuruͤck- gelegt hatte, und auch jetzt noch immer wandelte; ach, dann floß die Thraͤne der Wehmuth, die er nicht verbergen konnte, und doch wollt er sie ver- bergen, um die Quelle der Seligkeit, aus der seine Lieben tranken, nicht zu truͤben. Darum kehrte er oft wieder auf dem Weg um, wenn ihn sein Herz schon zu seinen Freunden fuͤhren wollte; denn er sahs, sein Anblick, sein eingefallenes Ge- sicht, sein truͤbes Auge machte seine Freunde trau- rig. Er wollte allein ungluͤcklich seyn. Seine Freuden haͤtt er gern mit andern getheilt, aber nicht seine Leiden. Nur mit seinem lieben Anton weinte er zuwei- len, weil ihn dieser selbst zu Thraͤnen aufrief, und gern in die Vergangenheit, die fuͤr ihn auch trau- rig war, zuruͤckblickte. Einmal giengen sie an ei- nem schwuͤlen Sommernachmittag im Garten. Zur Linken thuͤrmte sich schon ein Gewitter auf, das in weißgrauen Wolken daher schwebte, und alle andre Woͤlkchen an sich zog. Zuweilen sah man schon einen blassen Blitz den fernen Wetter- schwall theilen, und ein Donner murmelte am fer- nen Gebirg hinab. Die Sonne schien matt und schwuͤl. Die Luft stand ganz still, und kein Blatt bewegte sich. Die Voͤgel, die das nahe Gewitter fuͤhlten, huͤpften aͤngstlich von Zweig zu Zweig, und wagtens kaum, einen schwachen Laut zu geben. Anton und Siegwart sahen eine Zeitlang stillschwei- gend in das, sich langsam fortwaͤlzende Gewitter; Gott gebe, sagten sie, daß es keinen Hagel mit- bringt! und dann giengen sie, um der Schwuͤle auszuweichen, in eine kuͤhle Grotte, die in dem kleinen Tannenwaͤldchen angelegt war. P. Anton, den die Hitze, und das Alter niederdruͤckten, schlum- merte etwas ein. Siegwart setzte sich leise an den Eingang der Grotte, sah zuweilen nach dem Ge- witter; dann kehrte er sich wieder um, und betrach- tete mit stiller Ehrfurcht und mit Thraͤnen in den Augen den redlichen silberhaarichten Greis, der, ohne Furcht vor dem nahenden Gewitter, ruhig schlummerte. Ploͤtzlich riß sich das Gewitter, das bisher wie angeheftet uͤber einem Wald geschwebt hatte, los; die Sonne ward verfinstert, und rings umher im Tannenwaͤldchen ward es finster. Sieg- wart weckte den P. Anton auf; sie wollten nach dem Kloster eilen, aber durch die Tannen fuhr ein Sturm daher, der sie auszureissen drohte; der Staub kreiste sich in wilden Wirbeln vor ihnen, und sie flohen wieder in die Grotte zuruͤck; ein- zelne und starke Regentropfen fielen. Ein Blitz theil- te die Dunkelheit, der die Beyden fast blendete; ein ploͤtzlicher starker Donner folgte drauf, daß die Grot- te zitterte, und nun ergoß sich ein starker Regen, der beynah einem Wolkenbruch glich. Das Gewitter daurte eine Viertelstunde lang; die ganze Natur schien im Aufruhr, der Sturm bog die Tannen- wipfel; eine schlanke Tanne brach mit grossem Kra- chen mitten entzwey, und zwischen dem Getoͤs brauste der Donner ununterbrochen fort. Die beyden Moͤnche lagen auf den Knien, schlugen sich an die Brust, und betheten. Endlich wards wieder etwas still; die Wolken hatten ausgeregnet und zertheil- ten sich; ein blasser Schimmer brach zur Linken durch das Gewoͤlk. Endlich stralte die Sonne wieder etwas hervor, und das Gewitter zog sich zur Rechten schwer und fuͤrchterlich weiter. Als der Regen aufhoͤrte, giengen P. Anton und Siegwart aus der Grotte. Anton hub seine Augen glaͤnzend gen Himmel; sein ganzes heitres Angesicht sprach Dank und Freude. Wie nun al- les so schoͤn und froh ist, fieng er an, nach dem Gewitter! Vorher konnte man in der Luft kaum athmen; nun ists einem so leicht, und man zieht nichts als Blumenduͤfte und liebliche Geruͤche ein. Sieh den Regenbogen dort, den Zeugen von der Huld des Allbarmherzigen. Alles um uns her ist nun so frisch, und einer neuen Schoͤpfung gleich. Wie das Gras so hell ist, und die tausend Regen- tropfen auf den Blaͤttern, und die Sonne drinn, und alle Farben! Und der liebliche Gesang der Voͤgel, wie er nun so hell toͤnt! Ach, mein lieber Siegwart, immer denk ich da an unser Schicksal, wie es auch oft um und in dem Menschen stuͤrmt, und doch ein Ende nimmt, und wieder heiter wird. Es geht beym Menschen zu, wie’s in der Natur zugeht; Sturm und Regen, Sonnenschein und Ruh; und Ruh ist immer doch das letzte; denn Gott hat uns lieb, und will uns gluͤcklich; und das Gluͤck der Ruhe fuͤhlt man nach dem Sturm am besten. — Das fuͤhlt’ ich eben auch, theurer Vater, fiel ihm Siegwart ein. Eben dacht ich an mein Schicksal, daß es bisher wild in mir ge- stuͤrmt hat, und ein Ende nehmen wird. Hat uns Gott doch selber Ruh in jener Ewigkeit ver- heissen, und ich fuͤhl es, daß ich bald zu ihr ein- gehen werde. So hell und zuversichtlich hab ich nie noch hinuͤbergeblickt, wie heute. Anton schwieg, und wollte ihn in seinen wehmuͤthigen Gedanken nicht stoͤren. Jndem sie so in Betrachtungen vertieft, durch die stille Feyer der Natur dahin giengen, kam ein Bothe aus dem Nonnenkloster Bergkirch schnau- bend |hergelaufen, und verlangte den Guardian zu sprechen. P. Anton gieng mit ihm auf die Seite, und kam dann wieder zu Siegwart, der langsam vorausgegangen war. Jch habe, sagte er, einen Auftrag am dich, mein lieber Siegwart. Eine Nonne liegt in Bergkirch in den letzten Zuͤgen, und verlangt ihren Beichtvater und die letzte Oe- lung. Du must eilig hinuͤber, weil P. Hilde- brand krank ist. Siegwart nahm den Auftrag willig an, ob ihm gleich das Herz schlug, als er von einem Nonnen- kloster hoͤrte. Mit den lebhaftesten und traurig- sten Gedanken an seine Mariane gieng er nach dem Kloster, und kam mit Untergang der Sonne an. Die Aebtissin ließ ihn vor sich kommen. Er sagte, der ordentliche Beichtvater P. Hildebrand sey krank, und sein Guardian hab ihm aufgetragen, seine Stelle zu versehen. Man fuͤhrte ihn in eine dunkle Zelle, wo eine junge Nonne aͤusserst schwach auf einem Bette lag, um das ein paar andre Nonnen herum standen. Als man der Kranken sagte, der Beichtvater sey da, so verlangte sie zu beichten; die anderu Nonnen giengen also weg, nachdem sie erst eine duͤstre Lampe auf den in der Ecke der Zelle stehenden Tisch gesetzt hatten. Siegwart setzte sich zu ihr ans Bette, um die Beichte zu hoͤren. Der Ton ihrer Stimme schien ihm bekannt zu seyn. — Gott im Himmel! Es war Marianens Stimme! Mariane war die Nonne! — Mit einem lauten Schrey, und dann sprachlos stuͤrzte er uͤber sie her, und hielt sie fest in seinen Armen. — Erst nach einer Viertelstunde kam er wieder zu sich selber. Bist dus? Bist dus? rief er. — Mit gebroche- ner Stimme sagte sie: Siegwart! Jch bin Ma- riane… Lebst du noch? — — Er taumelte auf, nahm die Lampe, hielt sie ihr vors Gesicht. Es war Mariane, todtenbleich, und abgezehrt. Auf ihrer Brust lag das weisse Schnupftuch, mit dem Blutfleck von seiner Wunde. Sie schlug ihr mattes Aug auf, und sah ihn an. Er ließ die Lam- pe fallen, und stuͤrzte wieder uͤber sie her. — — Man hat dich getaͤuscht, sagte sie, in Marien- feld — — ich war nicht gestorben — — — hier lies! .. (Jndem sie aus ihrem Busen etlich versiegelte Blaͤtter langte, und ihm gab.) … Siegwart! Siegwart! … Leb wohl … Komm nach! … Sie sprach noch etlich Worte, ohne zu merken, daß er ohnmaͤchtig im Stuhl lag. Erst nach ein paar Stunden giengen die Non- nen, denen es zu lang dauerte, mit einem Licht in die Zelle. Mariane lag todt auf dem Bette- Siegwart war, noch halb ohnmaͤchtig und sprachlos im Sessel zuruͤckgelehnt. Die Nonnen waren voll Bestuͤrzung, wußten nicht, was vorgefallen war, und brachten ihn in einem andern Zimmer aufs Bette. Die ganze Nacht durch fiel er von einer Ohnmacht in die an- dere. Den andern Morgen that man sogleich Be- richt an sein Klofter. Pater Anton kam selbst nach ein paar Stunden. Jesus, Maria! sagte er, indem er ins Zimmer trat, was hat sich mit dir zugetragen, Siegwart? — Nichts, antwortete dieser ganz matt. Das Ge- witter ist voruͤber … und die Sonne lacht .. und der Tag bricht an .. und Ruhe … Anton bath, man moͤchte ihn mit Siegwart allein lassen! Nun erfuhr er von ihm, Mariane sey die Nonne ge- wesen. — Lebt sie noch der Engel? sagte er, und richtete sein Aug auf Anton, indem er seine Hand ausstreckte, als ob er die Hand seines Freundes suchte. — Sie hat ausgelitten, sagte P. Anton. — Nun Gottlob! sagte Siegwart, und faltete die Haͤnde; bald auch ich. … Und wo bin ich jetzt? — fragte er nach einiger Zeit wieder .. Jn ihrem Kloster, war die Ant- wort. . — Jhr so nah? … Gott sey Dank! .. Jhr so nah … P. Anton war im tiefsten Schmerz. Siegwart wurde immer schwaͤcher; sprach zuweilen nur ganz abgebrochen: Gottlob! .. Engel! … Mariane! Gott sey Dank! Jesus!, bald! …! u. s. w. Man hatte nach einem Arzt geschickt. Dieser machte hoͤchstens noch auf fuͤnf bis sechs Tage Hof- nung. Kann ich nicht noch meinen Kronhelm se- hen, und Theresen? sagte Siegwart. Man schickte nach ihnen, und sie kamen. Sieg- wart hatte wieder etwas wenige Kraͤfte bekommen, als sie kamen, und saß in einem Lehnstuhl. P. Anton, der bestaͤndig um ihn war, hatte sich nur etliche Stunden entfernt, um nach seinem Kloster zu gehen. Also war Siegwart allein, als Kron- helm und Therese ins Zimmer traten. — Bruder! riefen beyde, giengen auf ihn zu, und lehnten sich zu beyden Seiten schweigend an den Lehnstuhl. Er troͤstete sie, und sagte, sie sollten ihm Gluͤck wuͤnschen, denn er sey am Ziel. Als sie sich von ihrem Schmerz etwas erholt hatten, erzaͤhlte er ihnen kurz den Vorfall; zog das versiegelte Papier, das ihm Mariane gegeben hatte, hervor, und gabs seinem Kronhelm, mit der Bitte, es ihm vorzulesen. Unter tausend Thraͤnen, die er, und Siegwart und Therese vergossen, las es Kronhelm. Es wa- ren abgebrochne ruͤhrende Aufsaͤtze an Siegwart, und eine kurze Erzaͤhlung ihrer Geschichte, deren Hauptinhalt dieser war: Die Aebtissin zu Marienfeld hatte von Brigit- ten alles erfahren, wer der Gaͤrtner sey; was er vorhabe; daß er Marianen zu entfuͤhren denke ꝛc. Mariane ward sogleich eingeschlossen. Brigitte mußte vorgeben, sie sey nicht recht wohl; mußte ihm aber doch versprechen, Marianen Abends in den Garten zu bringen, wo die Nonnen im Sinn hatten, ihn zu greifen und festzusetzen. Brigitte, die besorgt war, er moͤchte es entdecken, daß sie sich von ihm hab entfuͤhren lassen wollen, suchte ihn aus dem Kloster zu bringen, und betaͤubte ihn deßwegen mit der Nachricht von Marianens Tod. Y y y Als er entflohn war, gab man ihren Tod auch im Kloster vor, um allen seinen fernern Versuchen Ma- rianen zu entfuͤhren, vorzubeugen. Brigitte ward zur Strafe eingeschlossen. Marianen brachte man sogleich heimlich nach einem andern Kloster, und, als dieses Kloster abbrannte, wurde sie mit drey an- dern Nonnen nach Bergkirch gebracht. Als Kronhelm dieses vorgelesen hatte, war Sieg- wart durch die vielen Thraͤnen und die heftige Be- wegung aufs neue ganz entkraͤftet, und mußte ins Bette gebracht werden. Nach einer halben Stunde erholte er sich wieder etwas, und bat seinen Kron- helm, folgendes zu schreiben, und es nach seinem Tod dem P. Anton zu geben, mit der Bitte, ihm den letzten, darin gefoderten Freundschaftsdienst ja nicht abzuschlagen. Theurer Vater! Die letzte Bitte deines sterbenden Sohnes, laß sie ja nicht unerfuͤllt seyn! Jch hab auf Erden sonst nichts mehr zu bitten. Laß mich ruhen neben ihr, fuͤr die ich sterbe! Gott im Himmel lohne Dich da- fuͤr, und fuͤr alle Deine Liebe, daß Du bald mir folgest! Hoͤre mich! Leb ewig wohl, Du Theurer! Hoͤre mich! Gott segne Dich, Amen! Mit zitternder Hand unterschrieb er seinen Na- men, ließ das Blatt siegeln, und bat nochmals, sei- nen P. Anton aufs dringendste anzuliegen, seinen Wunsch zu erfuͤllen! Er lag da, ohne viel zu sprechen. Kronhelm und Therese schwiegen, und giengen wechselsweise weg, um ihre Thraͤnen vor ihm zu verbergen. Er war nicht mehr traurig; die Hofnung seines nahen Todes ward ihm Zuversicht. Seine Seele war schon mehr im Himmel, als auf Erden. Nur die Liebe zu seinen theuren Freunden machte, daß er noch zuweilen einige Augenblicke an die Welt dachte, und auf ihr verweilte. P. Anton war auch wieder- gekommen, und saß unaufhoͤrlich ihm zur Seiten. Eine Bitte hab ich, theurer Vater, sagte Sieg- wart zu ihm, die du erst nach meinem Tod erfuͤllen kannst. Mein Kronhelm wird sie dir entdecken. Ach, versprich mir, daß du sie erfuͤllen willst, da- mit ich ruhig sterbe! — P. Anton versprach, die Bitte zu erfuͤllen; wenn sie nichts, fuͤr ihn un- moͤgliches enthalte. Gegen Abend, als Siegwart wieder etwas auf war, und nah am Fenster saß, hoͤrte er unten vor dem Fenster, ein Geraͤusch. Er sah hinaus, und da war der Gottesacker unten, und die Nonnen waren da, um seine Mariane in das Grab zu legen. Therese, die auch hinaussah, erschrack uͤber den Anblick, und ihr Bruder sank ihr schweigend in den Arm. Man brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein paar Stunden lang fast sinnlos lag. Endlich schlug er die Augen auf. Therese, sagte er, ist ein Kreuz auf dem Grab? — Ja lieber Bruder, war die Antwort, ein kleines schwarzes Kreuz. — Nun, so hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht mir einen Kranz von Blumen und Cypressen, und gib ihn mir! Wenn er mit meinen Thraͤnen gnug be- netzt ist, dann haͤng ihn du am Kreuz auf, und weine auch druͤber! — Therese brachte ihm einen Kranz; er weinte drauf, druͤckte ihn einigemal ans Herz, und legte ihn dann fuͤr sich aufs Bette hin. Den andern Tag sprachen Kronhelm und Anton mit dem Arzt, und fragten ihn, wie lang er glau- be, daß Siegwart noch leben koͤnne? — Laͤnger, als ich anfangs dachte, sagte dieser. Er hat eine starke Natur. Wenn er nicht zu heftige Bewe- gungen hat, so kann er noch sechs bis sieben Tage leben. Eine Veraͤnderung des Aufenthalts waͤre gut, denn hier scheint er zu viele traurige Gegen- staͤnde um sich zu haben. Die beyden beschlossen, ihn den folgenden Tag in einer Saͤnfte nach seinem Kloster bringen zu lassen, um ihn von dem Grab seiner Mariane zu entfernen, denn er wollte immer ans Fenster, um hinabzusehn. Sie thaten ihm also den Vorschlag, ob er sich nicht den andern Tag nach seinem Kloster wolle tragen lassen? Anfangs erschuͤtterte ihn der Vorschlag, weil er sich nicht vom Grab seiner lieben Mariane entfernen wollte. Doch gab er sich endlich drein, denn nach und nach ward ihm alles auf der Welt gleichguͤltig, und Pater Anton stellte ihm vor, er moͤchte bestaͤndig um ihn seyn, und koͤnne sich doch nicht so lang von seinem Kloster entfernt halten. Bringt mich hin, wo ihr wollt, sagte er; lange koͤnnt ihr mich doch nicht mehr von ihr trennen. Wenn mir nur Pater Anton nach meinem Tod meine Bitte er- fuͤllt. — Den Tag uͤber lag er immer in anschei- nender Ruhe auf dem Bette. Seine Freunde hieltens fuͤr ein Zeichen der Besserung, aber im Grunde wars Entkraͤftung. Gegen Abend sank er in einen festen Schlaf. Der Arzt, der eben kam, und ihm im Schlaf den Puls beruͤhrte, sagte, daß er sehr gut gehe. Man moͤchte nur recht still und ruhig seyn, um ihn nicht auf- zuwecken, weil er durch den Schlummer neue Kraͤfte bekommen koͤnne. Therese und Kronhelm entfern- ten sich also in ein anliegendes Zimmer, wo sie alle Bewegungen zu hoͤren hoften. Siegwart schlief bis gegen eilf Uhr aneinander fort. Therese war ein paarmal leise ins Zimmer gekommen, um nach ihm zu sehen. Als sie fand, daß er immer noch sehr fest schlief, so gieng sie wieder auf ihr Zimmer, setzte sich in einen Lehnstuhl, und schlief endlich, weil sie von dem vielen Wachen, und dem tiefen Schmerz aͤusserst abgemattet war, ein. Um eilf Uhr wachte Siegwart von einem sehr lebhaften Traum, indem ihm seine Mariane er- schienen war, und ihm zuwinkte, auf. Sein Blut war in starker Wallung. Er fuͤhlte sich von dem langen Schlaf gestaͤrkt. Seine Phantasie war von dem Traume, und dem schnellen Umlauf des Ge- bluͤts stark erhitzt. Er stand auf, und gieng ans Fen- ster. Der Mond, der durch duͤnne Woͤlckchen halb duͤster schien, warf etlich blasse Strahlen an das Kreuz auf Marianens Grab. Es schossen ihm Thraͤnen in die Augen, und ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn, auf das Grab zu gehen. Er gieng, mit dem Kranz am Arm, an die Thuͤre, machte sie leise auf, gieng durch den Kreuzgang, und suchte einen Ausgang nach dem Gottesacker. Zu gutem Gluͤck fand er eine Thuͤre dahin; hastig lief er aufs Grab, stuͤrzte sich drauf hin, umarmte das Kreuz, hieng den Kranz dran, und weinte laut. — O Mariane, Mariane! rief er, auf deinem Grab, auf deinem Grab! … Nimm mich zu dir! Nimm mich zu dir, Engel! — Von der heftigen Bewegung, und der schnellen Verkaͤltung entkraͤftet, sank er ohn- maͤchtig an dem Kreuz nieder. Therese wachte erst um Ein Uhr wieder auf. Sie erschrack, weil sie dachte, lang geschlafen zu haben, sprang auf, und eilte auf das Zimmer ihres Bru- ders. Die Thuͤre war offen, zitternd trat sie hin- ein, und — Jesus Maria! Das Bette war leer. — Siegwart! Bruder! Siegwart! rief sie laut und aͤngstlich. Kronhelm sprang herzu; auch ein paar Nonnen. Er ist fort, fort! Mutter Gottes! sagt, wo ist er? — Die Bestuͤrzung ward allgemein. Therese riß ihre Haare auseinander. Alle liefen umher und suchten, und wußten nicht, was sie wollten und suchten. — Auf dem Grab! Auf dem Grab! rief endlich Kronhelm, der am Fenster stand. Alle flogen hinab auf den Kirchhof, und der edle Juͤngling lag erstarrt und todt im blassen Mondschein auf dem Grabe seines Maͤdchens, dem er treu geblie- ben war bis auf den letzten Hauch. Man brachte ihn aufs Zimmer. Kronhelm flog auf seinem Pferd zu Pater Anton mit der schauder- vollen Nachricht, und der letzten Bitte seines tod- ten Freundes. Anton las sie. Ja sie soll dir ge- waͤhrt werden, rief er, Theurer, Unvergeßlicher! — Mit Tagesanbruch war er schon in Bergkirch, und sprach mit der Aebtissin. Sie wars zufrie- den, daß Siegwart bey Nacht in aller Stille neben seiner Mariane solle begraben werden. Die Nacht drauf begrub man ihn. Die beyden Maͤrtyrer der Liebe ruhten bey einander. Auch auf sein Grab ward ein Kreuz gesetzt. Therese ver- einigte die beyden Kreuze durch eine Blumen- und Cypressenkette. Jhr und ihrem Kronhelm und dem frommen P. Anton war ihr Andenken heilig, bis auch sie ins Land der Ruhe eingiengen, wo Zaͤrtlichkeit und Menschheit keine Thraͤnen mehr vergiessen. Verbesserungen S. 439 Z. 5. nun fuͤr und. S. 464 Z. 16. unsern fuͤr unserm. S. 472 Z. 21 sah fuͤr seh. S. 488 Z. 10 hat fuͤr bat. S. 495 Z. 19 einem fuͤr ei- nen. S. 501 Z. 15 sich muß weg. S. 524 Z. 23 Saht. S. 569 Z. 3 bis dahin. S. 597. Z. 12 nur ein Gutes. S. 604 Z. 24 vorbereite. S. 687 Z. 11 Weiberarbeit. S. 680 und 681 muß die No- te in den Text gesetzt werden.