Aus meinem Bühnenleben. Aus meinem Bühnenleben. Erinnerungen von Karoline Bauer . Herausgegeben von Arnold Wellmer. Mit dem Bildniß der Verfasserin in Photographie. Berlin, 1871. Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker). Das Uebersetzungsrecht ist vorbehalten. Inhalts-Verzeichniß . Seite. Karoline Bauer? III I . Die erste Gage 1 II .Das erste Engagement 16 III. Eröffnung des Königstädter Theaters 33 IV . Heiße Bretter 57 V . Eine heitere Kunstpause 75 VI . Wieder in Reih und Glied 106 VII . Eine aufrichtige Gegnerin 159 VIII . Drei Jahre in Petersburg 175 IX . »Es giebt nur a Kaiserstadt« 252 X . Vier Tage in Dresden 332 XI . Beim alten Dramaturgen 382 XII . Das letzte Engagement 432 * Karoline Bauer? E s war im Spätherbst 1868. Ich saß am Re¬ dactionstische von »Ueber Land und Meer« und las einen Brief und dann ein beiliegendes Manuscript: Bühnenerinnerungen, von Karoline Bauer. . . . Karoline Bauer? Ich muß ehrlich bekennen, der Name war mir völlig fremd. Die alte tapfere Theater-Garde aus den zwanziger und dreißi¬ ger Jahren, die so fröhlich lebte und schwärmte und kunstenthusiastisch glühte und sich so gern und so stolz — ergab, möge dem Nachgeborenen ver¬ zeihen. In dem Briefe stand: . . . »Ich war nicht die bedeutendste und berühmteste Künstlerin meiner Zeit, aber ich hatte das Glück, in der Blütezeit dramatischer Kunst mit den größten Mimen unseres Jahrhunderts zusammenwirken zu dürfen. Von die¬ ** sen edlen Künstlern und von dem ganzen vergange¬ nen Künstlerleben zu erzählen, treibt mich mein Herz, das einst so heiß für die Kunst glühte und sich noch immer so gern an dem Blütenduft der Erinnerung aus jenen unvergeßlichen Frühlingstagen erquickt. Ich habe treu und ehrlich und schmucklos nach dem Leben gezeichnet — auch nach dem mei¬ nigen. Ich habe mich bemüht, wahr über mich und gerecht gegen Andere zu sein. Vielleicht gehen diese Spiegelbilder aus alten Tagen auch nicht ganz nutzlos an den Augen und Herzen meiner jungen Leser vorüber. . . .« Dann las ich das Manuscript — und bald hatte sich mein ganzes Herz liebevoll versenkt in diese Blätter, in jene verschollenen großen Künstler¬ tage und vor Allem in das liebenswürdig fesselnde, anmuthig erheiternde und belehrende . . . und dann wieder so wunderbar tief rührende »Bühnenleben« der Schreiberin. — Das war keine gewöhnliche Waare auf meinem so viel belagerten und gemi߬ brauchten Redactionstische. »Haben Sie Karoline Bauer spielen sehn?« fragte ich einen alten Tapferen jener aussterbenden Berliner Theater-Garde. . . . Wie seine Augen da leuchteten, so stolz und dann so wehmüthig feucht! Und sein altes — unsterblich junges Herz lag in den Worten: Karoline Bauer? — Cara me¬ moria! La bella Donna Diana — das holdeste Käthchen von Heilbronn — die liebreizendste Julia — die edelste Maria Stuart — die rührendste Gabriele — — und dann wieder das übermüthigste Suschen — der keckste Page in den Pagenstreichen — der flotteste Armand Richelieu . . . Karoline Bauer war entzückend schön, aber doch noch ausge¬ zeichneter durch Grazie, Anmuth, Liebenswürdigkeit, Wohllaut der Stimme und vor allen Dingen durch edelste Naturwahrheit in der Darstellung. Sie spielte ihre Rollen nicht, sie lebte sie. Darum gelangen ihr auch am Besten die liebenswürdigen Partien, weil sie in diesen sich selber gab. Sie war vielseitig, wie heute wenige Schauspielerinnen. Eine gediegene Geistes- und Herzensbildung unter¬ stützten ihr reiches Talent auf der Bühne, und machten die bewunderte Künstlerin fast noch mehr zum Liebling der Gesellschaftskreise. Sie und ihre schöne hochgebildete Mutter waren eben so ganz an¬ ders, als die meisten Theaterdamen — wahrhaft vornehm! — Im Uebrigen verweise ich Sie auf das Theater-Lexikon von Robert Blum, Herloßsohn und Marggraff und auf die »Portraits und Sil¬ houetten« von Gustav Kühne. . . .« Robert Blum, der damals als Theater-Secre¬ tair in Leipzig lebte und später durch seinen trau¬ rigen Tod so berühmt werden sollte, schreibt nach der kurzen Biographie, die der Leser in dem »Bühnen¬ leben« ja ausführlicher wiederfindet, 1839: »Ka¬ roline Bauer ist eine der lieblichsten und achtungs¬ werthesten Schauspielerinnen; im feineren Lustspiel, im höheren Conversationsstücke, in naiven, kecken, koketten, pikanten und schalkhaften Charakteren ist sie ausgezeichnet und dürfte nicht leicht eine würdige Rivalin in diesem Genre finden; in der Tragödie hat sie in der letzten Zeit außerordentliche Fort¬ schritte gemacht und sich als eine treffliche Darstel¬ lerin gezeigt, deren Mittel und Fähigkeiten das Vollkommenste erwarten lassen. Ihre Leistungen zeugen ebensosehr für ihr tiefes Gefühl und ihren klaren Verstand, als für ihr eminentes Darstellungs- Talent und ihre vollendete allseitige Bildung; sie erhalten einen besonderen Reiz durch den Umstand, daß sie alle Effekthascherei verschmäht und nur durch die Totalität eines vollkommen gerundeten Bildes zu wirken strebt. Die reizendste Persönlichkeit unterstützt ihre lebensvollen Darstellungen und sie weiß die ihr von Natur verliehenen schönen Mittel auf's vortheilhafteste zu benutzen, ohne dieselben je¬ mals an unpassender Stelle geltend zu machen. Ihrer liebenswürdigen Charaktereigenschaften wegen wird sie ebenso geliebt und geehrt, als wegen ihrer künstlerischen Vortrefflichkeit gepriesen und bewundert!« In Gustav Kühne's »Portraits und Silhouet¬ ten« (Hannover 1843) heißt es über Karoline Bauer aus dem Jahre 1836: »Nach dreiwöchentlicher Landestrauer wurde die Leipziger Bühne mit dem Gastspiel von Fräu¬ lein Bauer wieder eröffnet. Ein Leipziger Cor¬ respondent in der Allgemeinen Zeitung nannte Fräu¬ lein Bauer eine — Repräsentantin echt klassischer Schauspielkunst. Dieser Ausdruck, falls er Sinn haben soll, läßt bei dem geehrten Herrn auf die entgegengesetzte Annahme einer romantischen Schau¬ spielkunst schließen. Diese Unterscheidungsweise mag etwas für sich haben. Eine Repräsentantin romantischer Schau¬ spielkunst dürfte sich in der Schröder-Devrient fin¬ den, und wem aus der Erinnerung Wolff's und Devrient's Gestalten aufsteigen, der hätte recht eigent¬ lich Belege für diese zwiefache Richtung der Bühnen¬ kunst. In Wolff war Classicität: sein ganzes Spiel ging lediglich aus dem Verständniß des Dichters hervor; die Idee des Poeten zu erreichen, schien ihm das Höchste, ein anderes Ziel kannte er nicht. Devrient's Spiel war nie das Ergebniß der Re¬ flexion, er hatte nie den Zweck, durch Studium den Gedanken des Dichters zur Erscheinung zu bringen. Er hatte gleichsam seinen eigenen Gott für sich, der ihn so, und nicht anders seine Rolle auffassen hieß, ihn nicht selten ganz irre führte, aber ihn, wo er zutraf, der größten Effekte gewiß machte. War seine Darstellung einer Rolle mit der Inten¬ tion des Dichters identisch, hatte sein Genius rich¬ tig getappt, so sah man wie durch wunderbares Walten das Höchste zur Erscheinung kommen. In Wolff feierte das Talent, in Devrient das Genie seine Triumphe. Bei dieser Unterscheidung aber stehen bleiben und sie auf eine einzelne Erscheinung, die vielleicht noch nicht das Höchste, was sie vermag, erreicht hat, beziehen, hieße irre gehen. Hier wird weit weniger von einem großen Styl, als von Manieren in der Spielart die Rede sein müssen. Und in die¬ ser Beziehung muß man an den Leistungen des Fräulein Bauer rühmlichst anerkennen, daß sie in einer Manier gehalten sind, die gar keine Manier ist. Bei Mad. Crelinger, Mad. Haizinger, Fräu¬ lein von Hagn kann man in der That von Ma¬ nieren reden, von großen, interessanten und liebens¬ würdigen, womit sie zu effektuiren im Stande sind, und mir fällt dabei das Wort der Catalani über die Sontag ein, von der sie sagte: sie sei groß in ihrer Manier, aber ihre Manier sei nicht groß. Fräulein Bauer hat in ihrem Spiel den eigenthüm¬ lichen Vorzug, keine effektuirenden Nebenrücksichten zu kennen, ihr Spiel geht wesentlich aus dem Ver¬ ständniß des Dichters hervor, und tritt niemals aus dem Rahmen heraus, der ein Kunstwerk zu einem Ganzen gestaltet. Künstlerische Persönlich¬ keiten dieser Art erhalten ihre wahre Stellung recht eigentlich nur in einem allseitig durchbildeten En¬ semble, dessen Zusammenspiel nur den Zweck hat, ein echtes Kunstwerk zur vollendeten Erscheinung zu bringen. Wolff mußte sich immer erst seine Mit¬ spieler erziehen, damit sie ihm so, wie es zu einem Totaleindruck nöthig war, in die Hand spielten. Devrient bedurfte kaum talentvoller und convenabler Mitspieler, er riß in seinen großen Momenten Alles mit sich fort, und zwang dann auch den Stümper, wie ein willenloses Werkzeug ihm zu folgen; in Nebenzügen ließ er das Stück und die Mitspieler fallen. Von effektuirenden Momenten ist bei Fräulein Bauer eigentlich keine Spur. Mag das Bedingung ihres Naturells, oder Ergebniß ihres poetischen Ver¬ ständnisses oder Beides sein; so brillant ihre Er¬ scheinung auf der Bühne genannt werden kann, so wenig besteht ihr Spiel aus brillanten Einzelheiten. Sie scheint selbst auf Kosten der Wirksamkeit nur einen — Totaleindruck zu erzielen. Es liegt hierin etwas sehr Schönes und echt Künstlerisches ; allein wie viel Rollen, selbst gute Rollen giebt es nicht, deren Werth nur in der Entwickelung dieses oder jenes Momentes beruht! Stände Fräulein Bauer immer in einem kunstfertigen, ausgebildeten Ensemble, und brächten unsere Bühnen nur immer Classisches , so würde das Talent dieser Künstlerin wohl niemals seiner Wirksam¬ keit entbehren . Wie schön ist in Dresden ihr Zusammenspiel als Julia mit der humoristisch-sal¬ bungsvollen Werdy als Amme! — Auf unserer Bühne hatte sie mit ihrer Amme förmlich zu käm¬ pfen, und der Zauber ihrer musikalischen Stimme in den Balconszenen zerbrach fast an einem wortkargen Romeo, dem der Souffleur mit seinem Kasten hätte nachlaufen müssen in die grüne Schatten¬ laube. Durchaus glänzend — und von dem Effekt, den die Dichtung bezweckt, war der große Monolog, nach welchem Julia den Giftbecher leert. In der Szene mit dem alten Capulet war ihr Kampf zwischen Liebe, Schmerz, Verzweiflung und kindlicher Ergebung meisterhaft. Dagegen erschien sie in der Todtengruft zu kühl. Wie sehr ihr Spiel jedoch, selbst mit Aufopferung des Effekts, dem poetischen Verständniß huldigt, beweist unter anderem die Art und Weise, wie sie in der Szene auf dem Ball die Worte: »Ihr küßt recht nach der Kunst« — von jeder sonst üblichen Betonung ver¬ schieden, zu geben wußte. Diese Worte lassen sich im Sinne der Julia kaum recht deuten; man weiß nicht, wie Julia zu dieser auffälligen Rede kommt. In der Regel tappen die Darstellerinnen über diese Schwierigkeit sehr oberflächlich hin, Fräulein Four¬ nier schlägt wie erröthend den Blick dabei zu Bo¬ den. Fräulein von Hagn sieht dem Romeo dabei listig in's Auge, sowie denn diese Schauspielerin überhaupt dem Charakter einen Beigeschmack von moderner Schalkhaftigkeit giebt, von der das Shake¬ speare'sche Mädchen nichts weiß. Beide Darstelle¬ rinnen effektuiren aber mit dieser Auffassung der Stelle. Fräulein Bauer spricht die Worte gewisser¬ maßen ganz harmlos in's Blaue, wie ein junges Ding einmal Gehörtes gedankenlos nachplaudert. Mich dünkt, Shakespeare habe so und nicht anders seiner Julia dergleichen in den Mund gelegt. An Fräulein Bauer als Donna Diana ist vielerlei als Mißgriff zu bezeichnen. Der ganze Charakter war mädchenhaft, deutsch, nicht spanisch, nach ihrer Auffassung. In der Eifersucht war sie mehr die empfindlich Gereizte, als die Leidenschaft¬ liche, vor deren Liebesschmerz die Säulen des Stol¬ zes zusammenbrechen. Ihre Leidenschaft drohte nicht, sie zu verzehren, sie wurde nur gepeinigt von dem Gefühl der erwachten Liebe. Der ganze Cha¬ rakter wird von der Darstellerin durchaus deutsch gefühlt und gegeben, mit allen Nüancen weiblicher Empfindsamkeit, weiblicher List und mädchenhafter Lust zu triumphiren. In den ersten Akten mußte der Stolz pointir¬ ter, in der Gartenszene die Coquetterie raffinirter gehalten werden. In Beiden ist die Crelinger be¬ deutsamer, während sich in ihrem Spiel wieder das verwischt, was Fräulein Bauer, die an der Natur¬ treue allgemein menschlicher Auffassung festhielt, durch den Reiz elegischer Rührung hervorruft. Meines Wissens war die zu früh für die Kunst gestorbene Sophie Müller diejenige Diana, welche den spanischen Typus mit dem allgemein poetischen Grundelement am richtigsten vereinte. Die heißeren Farben des Gemäldes waren in der Darstellung von Fräulein Bauer viel zu sehr durch Lieblichkeit und mädchenhafte Grazie vertuscht. Als Hedwig im Ball zu Ellerbrunn gab sie ein vortreffliches Bild der modernen Salondame. Als Suschen und Walpurgis entfaltete sie die ganze Spielerei einer ersten jungfräulichen Neigung in allen ihren Stufengängen von der erwachenden Lust bis zur listigen Verschlagenheit. Wie die unbe¬ fangene Seele sich überraschen läßt von ihrem eige¬ nen Gefühle, trat in diesen Bildern idyllischer Ge¬ müthswelt als ganz besonders glücklicher Moment hervor. Als Goldschmidt's Tochter ließ sie den Zug einer religiösen Stimmung nicht außer Acht und sprach das Gebet vor Schlafengehen, das an¬ dere Darstellerinnen in falsch verstandener Auffassung dieses Charakters fortlassen, mit jener echten Natur¬ einfalt des Gemüths, die bei Rollen dieser Art so leicht in Coquetterie umzuschlagen pflegt. So hob sie auch ihres Vaters Rang als Altbürger von Ulm gegen den Ritter ganz besonders hervor, und gab der Walpurgis dadurch jene Beimischung von mittel¬ alterlich-bürgerlichem Stolz, der diese Figur von aller modernen Naivetät abscheidet. Als Margarethe (in den Hagestolzen) war sie eine Erscheinung, wie sie alte niederländische Maler in ihren Bildern eines idyllischen Friedens so gern zeichneten. Ihr Käthchen von Heilbronn war von ganz besonderem poetischen Verdienst. Diesen mittel¬ alterlichen Charakter sieht man oft mit einer Sen¬ timentalität versetzt, die ihn völlig vernichtet. Weil das Mittelalter schwärmte, glaubt man, es sei auch sentimental gewesen. Heinrich von Kleist war ein zu tiefer Poet, um so fehlzugreifen. In dem Unbewußten, in dem Räthsel¬ haften des innern Dranges liegt die Romantik des Mittelalters, und diese dunkle Entzückung zeigt der Dich¬ ter in der spiegelreinen Mädchenseele. Dies ist die un¬ verwüstliche Poesie in diesem Käthchen von Heilbronn. Fräulein Bauer war in jeder Beziehung das lebendige Bild dieser Dichtung .« So Gustav Kühne. Mein Interesse an dem »Bühnenleben« der mir unbekannten Künstlerin, die sich in so bescheidener Weise bei »Ueber Land und Meer« einführte, wuchs natürlich nach diesen glänzen¬ den Kränzen, welche die Mitwelt ihr geflochten und die so freundlich bis in unsere Tage fortgrünen und duften. Mit Liebe ging ich an die Redaction des Bühnenlebens — eine fröhliche Oase in der sonst oft recht dürren Redactionsthätigkeit. Und die Früchte blieben nicht aus. Keine Artikel fanden während der 3 Jahre, in denen die Bühnen-Erinnerungen von Karoline Bauer in »Ueber Land und Meer« erschienen, eine solche Theilnahme bei den Lesern, wie dies »Bühnen¬ leben«. Dafür zeugten die vielen herzlichen Briefe aus ganz Deutschland, aus Rußland, ja aus Ame¬ rika, die bei der Redaction einliefen und von der unvergessenen und unvergeßlichen Karoline Bauer sprachen und um Fortsetzungen und schließlich um eine Buchherausgabe der Erinnerungen baten. Dieser Wunsch — auch mein wiederholter dringender Wunsch — ist mit diesem Buche erfüllt. Die Verfasserin hat mir eine Sammlung und Heraus¬ gabe ihrer Bühnenartikel gestattet. Für dies Buch übernehme ich als Herausgeber die volle Verant¬ wortlichkeit. Also, meine Herren Collegen mit den flinken Recensentenfedern, respectiren Sie die Ano¬ nymität der Verfasserin, die sich seit 1844 in ein hervorragendes glückliches Privatleben still zurückge¬ zogen hat, — und halten Sie sich freundlichst bei Ihren Besprechungen an das »Bühnenleben« von Karoline Bauer und — wenn's sonst noch Noth thut — an den verantwortlichen Herausgeber. Wien, im Oktober 1871. I . Die erste Gage. I ch hatte das Glück, eine engelsmilde, vortreffliche Mutter zu besitzen. Sie liebte mich und meine drei Ge¬ schwister zärtlichst und hätte ihr Leben freudig für uns geopfert, — aber sie konnte auch streng und energisch verfahren. Mit 23 Jahren Wittwe geworden — mein Vater blieb in der Schlacht bei Aspern, als ich noch nicht zwei Jahre zählte — schön, anmuthig, geistreich, wies sie jeden Heirathsantrag zurück, um sich ganz ihren Kin¬ dern widmen zu können und das Andenken des Se¬ ligen treu zu bewahren. Es war keine leichte Aufgabe für eine so junge Wittwe: ohne bedeutendes Vermögen vier Kinder zu erziehen, fern vom heimatlichen freund¬ lichen Koburg und den Verwandten, — ohne jede an¬ dere Stütze, als die allgemeine Achtung der Menschen und ihr unerschütterliches Vertrauen zu Gott! — So steuerte sie muthig vorwärts und überwand das Schwerste. Erinnerungen ꝛc. 1 Meine ältere Schwester war ein wunderbar begab¬ tes Wesen, hold und lieblich; sie starb am Nervenfieber, erst zwölf Jahre alt. Die Brüder waren gutmüthig, geistig aufgeweckt, aber wild und unbändig, wie die meisten Knaben in unserem Wohnorte Bruchsal im Gro߬ herzogthum Baden. Die fast ununterbrochenen Truppen¬ durchmärsche 1813—1814, die Einquartierungen störten die Hausordnung der Familien und die gequälten Eltern vermochten ihre Kinder nicht vom Umgang mit den Soldaten zurückzuhalten. Da hatte auch unsere Mutter ihre liebe Noth. Sie strafte zwar sehr streng, sperrte nicht selten die Brüder bei schmaler Kost ein, — doch das half nur auf kurze Zeit. Auch ich drohte zu verwildern, denn ich liebte die Brüder über Alles und begleitete sie nur zu gern, wenn Kosaken oder Mameluken zu sehen waren. Ich jauchzte dann lustig mit: Hurrah! oder: Vive l'Empereur!! — Bis zu meinem sechsten Jahre kleidete die Mutter mich als Knabe, weil ich zu unschön als Mädchen aus¬ sähe. Die starken Züge, die große Nase paßten eher zum gelockten Tituskopf, und ein leichter Gang und Mo¬ bilität in allen Bewegungen ließen mich im Knaben¬ kostüm hübscher erscheinen. Ich war auch nicht wenig stolz auf meinen Sonntagsanzug von dunkelblauem Tuch mit Spitzenkragen und hellgelben Saffianstiefelchen. Ich hatte zwei Titel: »Großnase« und »kleine Komödiantin«. Der erste demüthigte mich gar nicht, der zweite erfüllte mich mit Stolz. Ich bildete mir nicht wenig darauf ein, das Spiel einer Wandertruppe, die in Bruchsal einige Vorstellungen gegeben, nachahmen zu können, so auch den Tanz eines Seiltänzers, den ich als kleiner Knirps mit angesehen. Wenn Trübsinn im Hause herrschte, hieß es von den Brüdern gewöhnlich: »Ko¬ mödiantin, spiele uns etwas vor!« — und die kleine Komödiantin gab sich alle Mühe, die Traurigen zu er¬ heitern. Wenn bei Kaffeevisiten die Unterhaltung stockte, hieß es: »Linchen, tanze!« und freudestrahlend that ich mein Bestes. Einen Stock als Balancirstange nach Art der Seiltänzer haltend, stellte ich mich auf eine Ritze des Fußbodens, und hin und her ging es auf dem Pseudo-Seil mit den zierlichsten Pas. Eine alte Dame, die einst diese Seiltänzersprünge sah, hielt mich für — behext — und schlug das Kreuz vor mir. Erst meine der Kammerjungfer abgelauschten Lieder: »In einem Thal bei armen Hirten«, und »Willst Dich, Hektor, ewig von mir wenden«, welche ich rein und wohlklingend gesungen haben soll, vermochten sie etwas zu beruhigen. — Einst mußten viele Knaben Bruchsals in's Gefäng¬ niß wandern, so auch meine Brüder als Hauptschuldige — als Anführer. Sie hatten ein Feuerwerk abbrennen wollen — und verbrannten sich dabei nebst einigen Scheunen. Die Brüder saßen im Nord- und Südthurm. Da war es wenigstens hell und luftig. Eine ganze Woche lang wanderte ich nun nach dem Nord- und Südthurme. Hinein durfte ich nicht, aber von außen hinaufsprechen und Obst und Brod für sie abliefern. Da stand ich 1 * denn zuerst am Nordthurm: »Louis! wie geht's Dir da oben?« — Ein blasses, feines Gesicht sah zum kleinen Fenster heraus: »Ganz gut, Linchen!« — »Hast Du Hunger?« — »Nein! gieb es dem Karl, der hat immer Hunger; lebe wohl! grüß' die Mutter.« — Dann eilte ich nach dem Südthurm: »Karl, wie geht's Dir in Deinem Krähennest?« — Das runde, sonst so über¬ müthig lustige Gesicht meines ältesten Bruders sah weh¬ müthig nieder. »Nicht gut, Lina.« — »Willst Du Obst und Brod?« — »Gewiß! ich habe Hunger,« und der Wärter trug ihm meine Schätze hinauf. . . . Wir zogen 1814 nach Karlsruhe, Louis kam in eine Pension, um sich zum Kaufmann auszubilden, Karl in die Junkerschule, um Offizier zu werden. Die Mutter trennte sich ungern von Bruchsal, sie hatte mit unserm Vater, der beim Dragoner-Regiment Heimrot stand, dort glückliche Jahre verlebt. Auch meiner Erziehung wegen ging sie nach Karlsruhe. Die Knabenkleidung ward be¬ seitigt; und ich erschien schon weniger häßlich als Mäd¬ chen; die Nase hielt glücklicherweise im Wachsthum inne und mich schmückte blühendste Gesundheit. In Karlsruhe ging mir ein neues Leben auf — und vor Allem ein Ahnen von der Bedeutung des Wortes »Komödiantin«, nachdem ich im großherzoglichen Theater einige Vorstellungen gesehen hatte. Nichts vermochte mich so zu beseligen, als wenn ich das Theater besuchen durfte; mit nichts wurde mein Fleiß mehr angespornt, als durch das Versprechen: »Du darfst dann auch morgen in's Theater gehen!« Als die Händel-Schütz »lebende Bil¬ der« stellte, stand ich mit den der Mutter abgebettelten 24 Kreuzern schon zwei Stunden vor Beginn der Vor¬ stellung an der Eingangsthür des Museumssaales. Aber nachdem ich diese in der That lebensvollsten Bilder ge¬ sehen, wurde es der Mutter mit mir fast zu bunt. Was einem Vorhang, Shawl, einer Draperie glich, wurde zusammengeschleppt und benutzt, um die Händel-Schütz nachzuahmen, bis endlich das mütterliche Machtgebot dem Treiben ein Ende machte. Ja, die »kleine Komödiantin« durfte nur selten noch das Theater besuchen. Meine Mutter eiferte mich stets zum größten Fleiße an: »Be¬ nutze die kostbare Zeit!« Sie erlaubte auch nie, daß ich mich bedienen ließ. Ich mußte mich ohne Hülfe frisiren, mich selbst ankleiden, das Zimmer aufräumen, meine Kleider und Wäsche in Ordnung halten . . . und auf rebellische Fragen: »Aber, Mama, wozu ist denn die Kammerjungfer da?« gab's die ernste Antwort: »Kind, Du wirst es mir später noch danken! — Je mehr Du lernst, Dir selber zu helfen, desto unabhängiger wirst Du sein und jede schwierige Lage leichter ertragen!« Ich lernte eifrig und wurde bald die Erste in der Klasse. Auf dem Klavier übte ich mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit. Die Mutter hielt mir den besten und theuersten Klavierlehrer, Marx. Noch nicht 13 Jahre alt, spielte ich das D-moll -Konzert von Mozart mit Orchester¬ begleitung in einem Dilettantenconcert im Museumssaal. Gern hätte ich mich ganz der Musik gewidmet. — Einige Wochen später, als ich das Mozart'sche Con¬ cert gespielt hatte, langte ein großer Brief mit mächtigem Siegel an. »Poststempel Eisenach?« sagte die Mutter, »dort kenne ich Niemand, als meine Stiefschwester.« — Als sie den Inhalt überflogen, sank sie todtenblaß auf's Sopha. . . . Die Stiefschwester hatte eine gerichtliche Klage wegen der Erbschaft vom seligen Großvater an¬ gestrengt. Sie beanspruchte die Hälfte von Allem, was meine Großmutter zur Zeit erhalten. Verlor die Mutter den Prozeß und mußte heraus¬ zahlen, so blieb ihr nur die mäßige Pension als Ritt¬ meisterswittwe. Unsere Erziehung und die Kriegsjahre hatten große Opfer gefordert. — Der berühmteste Advokat wußte auch keinen besseren Trost: »Im schlimmsten Falle müssen Sie das Geld erst nach einem Jahr herauszahlen.« Sogleich war mein Entschluß gefaßt. Als wir allein waren und die Mutter blaß und angegriffen ihr Herz durch Thränen erleichterte, fiel ich ihr um den Hals — und fröhlich, zuversichlich rief ich aus: »Sei ruhig! — in einem Jahre nehme ich Dir alle Sorgen ab! Mutter, laß die kleine Komödiantin Schauspie¬ lerin werden — ich fühle: es soll so sein — gewiß, ich habe Talent. Weshalb wählte Kirchenrath Kazner mich , um das Gebet vor der Konfirmation zu sprechen, mich von sechszig vornehmeren, reicheren und begabteren Mädchen! — Weshalb? — — Weil er voraussetzte, daß ich es am besten vortragen würde. . . . Und hat man nicht in der großen Kirche jedes Wort verstanden? Weinten nicht Viele und sagten nachher, ich hätte sie durch meine gefühlvolle Rede zu Thränen gerührt? O, ich will mich übermenschlich anstrengen, um vor dem vierzehnten Jahre auftreten zu können, und mit dem vierzehnten nehme ich die erste Gage ein.« Die Mutter umarmte mich, sagte aber trotz wiederholter Bitten noch nicht ja. Bekannte und Freunde wurden zu Rath gezogen, es wurde dafür und dagegen gesprochen. Die Mutter schrieb nach Kassel an den Bruder des seligen Vaters, den General Bauer, allein dieser rieth zu meiner Verzweiflung ab. Das Haupt der Familie in Koburg sollte entscheiden, der Neffe der Mutter, der nachher so berühmt gewordene Baron Stock¬ mar. Wir reisten nach Koburg, die Verwandten lernten mich kennen, und — — der kluge, prächtige Vetter sagte in seiner humoristischen, herzigen Weise zur Mutter: »Tante Christiane! — Bis jetzt ist unsere Familie mit Talenten nicht gesegnet gewesen, es soll mich freuen, eine Künstlerin Cousine nennen zu können; aber das bitte ich mir aus, Lina, daß Du eine wahre, edle, tüchtige Künstlerin wirst.« Ich hatte also gesiegt! — und mit Riesenschritten ging es dem ersten Versuch entgegen. Mein Lehrer der Aesthetik war der berühmte Aloys Schreiber (Herausgeber der rheinischen Taschenbücher), ein herzlicher Freund des lieben alemannischen Hebel. Oft wurde mir das Glück, diese herrlichen Männer sprechen zu hören. Hebel kam gern in's gastliche Haus des Pro¬ fessors und fühlte sich behaglich in dem trauten Familien¬ kreise, in dem ich bald heimisch war. Wie lauschten wir Jungen auf jedes Wort! Mit innigster Verehrung blickte ich auf die Sprechenden mit dem niederwallenden Haar, den edlen Zügen und den ausdrucksvollen, klugen, mild verklärten Augen. Gütiges Lächeln umspielte die Lippen und ermuthigte zu bescheidenen Fragen. Welch' goldene Lehren prägten sich da uns ein in's junge Herz und Gedächtniß! Und wie harmlos heiter konnten diese liebens¬ würdigen Greise dann wieder sich und uns necken! Nie werde ich vergessen, wie anmuthig scherzend Schreiber einst fragte: »Weshalb benahmen Sie denn Ludwig Tieck jede Hoffnung, Neues schaffen zu wollen, lieber Freund?« — »Weil ich nicht gegen meine Ueber¬ zeugung sprechen durfte!« entgegnete Hebel. — »Dürfen wir nichts davon erfahren?« riefen wir im Chor. — Hebel nickte lächelnd und Schreiber fuhr fort: »Tieck hielt sich auf seiner Reise nach Baden einige Tage hier auf und wir sahen ihn öfters. Als ich ihm mit Freund Hebel Lebewohl sagte, kam das Gespräch auf die aleman¬ nischen Gedichte. Tieck erschöpfte sich in Lobeserhebungen und sagte: »Weshalb, Verehrtester, schreiben Sie nicht mehr solcher allerliebsten Sachen?« Treuherzig und mit größter Ruhe antwortete unser Kirchenrath: »Weil mer nix, mehr einfalle thut!« »Tieck schien seinen Ohren nicht zu trauen, und wiederholte in seiner gewinnenden, bezaubernden Sprach¬ weise im feinsten Hochdeutsch: »O! Sie wollen die Welt mit herrlicheren Dingen überraschen!« Aber unser Hebel wiederholte unerschütterlich in seiner gemüthlichen Mund¬ art: »Gewiß, lieber Herr, es will mer nix mehr ein¬ falle!« — Da lachte Hebel recht herzlich und wir Jungen getrauten uns einzustimmen. Der Professor aber sagte gerührt: »Kinder, wem die alemannischen Gedichte ein¬ gefallen, der kann auf seinen Lorbern ruhen« — und dem Dichter die Hand reichend, fügte er hinzu: »Und hätten Sie auch nur »Vergänglichkeit« geschrieben, theurer Freund!« Mlle. Demmer, eine Schülerin Iffland's, welche sich in Manheim zur vortrefflichsten Künstlerin herange¬ bildet hatte, gab mir Stunden in der Deklamation. Sie mußte der Bühne im Zenith ihres Ruhmes Lebewohl sagen und wurde pensionirt, — weil sie einige Mal während des Spielens plötzlich von einem Starrkrampf überfallen wurde. . . . Die Worte verhallten, und unbe¬ weglich, leeren Blickes starrte sie die entsetzten Zuschauer an! Ihr Bruder (auch in Manheim gebildet und ein geschätzter Künstler) stürzte leichenblaß aus der Coulisse und trug die Schwester fort. Einmal war ich Zeugin von dieser erschütternden Scene; sie erinnerte an den Aktschluß in der Jungfrau von Orleans, als alle Welt sich von Johanna wendet, sie allein dasteht (im 4. Akt) — und der treue Raimond ihre Hand fassend sagt: »Ich will Euch führen.« Ich konnte den Eindruck gar nicht los werden. Die Familie Demmer, Mutter, Bruder, Schwester, waren sehr liebe, achtungswerthe Menschen; sie lebten aber seit der Pensionirung ganz zurückgezogen. Die Schwester litt an nicht zu besiegendem Trübsinn, seit sie der Bühne entsagen mußte. Monate lang wan¬ derte ich jeden Vormittag zu ihrer abgelegenen Wohnung, und meine Anwesenheit belebte dann die sonst so stillen Räume. Sie hallten wieder vom »Kampf mit dem Drachen« — »Ein frommer Knecht war Fridolin« — und als das Einstudiren der Margarethe in den Hage¬ stolzen von Iffland begann, da glaubte ich das glücklichste Geschöpf der Welt zu sein! Wie ein Feenland lag die Zukunft vor mir! Nichts schien mir zu schwer. Ich ge¬ lobte mir, Alles zu erreichen durch beharrlichen Fleiß und begeistertes Streben. Da ich auch groß für mein Alter war, glaubte meine Lehrerin, ich könne den ersten Versuch bald wagen. Drei Monate, bevor ich 14 Jahr wurde, stand auf dem Theaterzettel: »Die Hagestolzen, Schauspiel von Iffland . . . Margarethe — Mlle. Karo¬ line Bauer, als erster Versuch!« Aus besonderer Rück¬ sicht für mich fanden zwei Proben von dem oft gege¬ benen Stück statt, damit ich mit der Bühne, dem Pro¬ scenium, dem Kommen und Abgehen bekannt werde. Der große altväterische Theaterwagen, den ich so oft sehnsüchtig betrachtet hatte, brachte mich mit Mlle. Demmer an's Schauspielhaus. Diese wollte im Zu¬ schauerraum der Probe beiwohnen, um zu hören, ob ich laut genug spräche, und mir überhaupt noch manche Winke geben. Ein unbeschreibliches Gefühl erfaßte mich, als ich an der Hand meiner Lehrerin auf meine die Welt bedeutenden Bretter trat. Sie stellte mich den Mitgliedern vor, bat um Nachsicht für die Anfängerin, und Alle bewillkommten mich freundlich. Es wurde mit einer gewissen Feierlichkeit begonnen, — wenigstens kam es mir so vor. Später sollte ich die Ueberzeugung gewinnen, daß da, wo Achtung und Pietät für die Kunst herrscht, die Proben stets mit Ernst und größter Aufmerksamkeit abgehalten werden. Die schwache Beleuchtung, der große dunkle Raum, die feierliche Stille, die Angst, daß ich nun bald sprechen müsse, raubte mir fast den Athem und das Herz klopfte hörbar. Zum Glück konnte ich nach und nach etwas Fassung erringen. Ich hatte erst im vierten Akt zu erscheinen. Mit welchem Interesse beobachtete ich jetzt in der Nähe das Spiel der von mir so oft schon bewunderten Künstler — wie benahmen sich Alle so würdig, einfach, edel! Ich hätte laut rufen mögen: »Habt mich doch ein Bischen lieb, ich gehöre ja nun auch zu Euch — und ich will mit Ernst und Fleiß an meine Aufgabe gehen!« Das Zeichen zum vierten Akt ertönte, ich mußte sprechen . . . und die peinigende Angst war nach den ersten Worten wie durch Zauber entschwunden! Immer vertrauter wurde mir die Umgebung, ich sang auch das Lied ohne Bangen, und am Schluß der Probe lobten, ermunterten mich Alle. Mlle. Demmer schien zufrieden, ja — gerührt zu sein und hatte wenig zu tadeln. In erhöhter, glück¬ seliger Stimmung kam ich nach Hause und erzählte der besorgten Mutter, wie Alles über Erwarten gegangen sei. Die Hauptprobe andern Vormittags ging prächtig, ich wurde viel zutraulicher begrüßt. Die Schauspieler mochten sich wohl ihres ersten Versuches erinnern. Mittags vermochte ich vor Aufregung keinen Bissen zu essen. Selbst Bruder Karl's Fröhlichkeit und himmel¬ stürmender Uebermuth hatte sich in Ernst verwandelt, und die Mutter versuchte umsonst ihr Bangen zu ver¬ bergen. Um vier Uhr schon kleidete ich mich als Bäuerin — ich seh' mich heute noch im grünen, wollenen Rock, rothen Tuchleibchen, weißen Aermeln, großer, faltiger Schürze, am schwarzen Sammetbande das silberne Kreuz¬ chen, von dem Margarethe zu sprechen hat, die Haare zurückgestrichen und in Zöpfe geflochten niederhängend. — Ich kam mir schließlich aber doch furchtbar dünn vor und fand mich nur — ziemlich hübsch in dem Kostüm. Um 5 Uhr holte Mlle. Demmer die Mutter ab; sie sah aufgeregt aus und ihre Wangen glühten. Sie zeigte mir noch, wie ich mich verbeugen müßte . . . im Fall ich her¬ vorgerufen würde, und fragte, was ich dann sprechen wollte? — »O, in die Verlegenheit werde ich wohl nicht kommen!« — »Aber, Kind, im Fall es doch geschehen sollte, wie wollen Sie danken?« — »Nun, ich werde sprechen — — was mir gerade einfällt!« entgegnete ich resolut. Die Demmer schüttelte bedenklich den Kopf. Der Wagen rollte heran, der Theaterdiener klopfte und bat um die mitzunehmenden Sachen. Ich umarmte Mutter, Bruder, Mlle. Demmer und bat Alle, ja ruhig zu sein. — — Schnell flog ich die Treppen hinab, in den Wagen — der Schlag klappte zu — und einer Ohnmacht nahe schloß ich die Augen und bat Gott um seinen Beistand. . . . Im Konversationszimmer verhielt ich mich sehr still und ging die Rolle noch in Gedanken durch. Herr Demmer, der den Konsulent Wachtel spielte, schminkte mich. — Ich hörte die Ouverture, vernahm das Klingeln am Aktschluß, wagte aber vor lauter Bangigkeit nicht zu¬ zusehen. Da klingelte es zum dritten Male — Herr Demmer führte mich zu dem Hügel, von welchem herab ich zu kommen hatte. Ich stand, des Stichworts harrend, mit Rechen, Hut, Wasserkrug — nein! der war ver¬ gessen. — »Mein Wasserkrug!« rief ich — und der Requisiteur vermochte ihn mir noch zu geben. »Jetzt!« flüsterte Herr Demmer — ich trat vor und wurde mit Beifall empfangen! — Darauf war ich nicht vorbereitet, ich wußte nicht, sollte ich mich verbeugen oder sprechen, es flimmerte mir vor den Augen, die helle Beleuchtung blendete mich förmlich, aber mein Stoßgebet: »Lieber Gott, steh' mir bei« — half — und hell und fröhlich begann ich: »Ist der Schwager noch nicht da?« . . . — — Wie ich die Margarethe darstellte — weiß ich nicht; ob ich den Beifall verdiente — eben so wenig, ich erinnere mich nur, daß es mir war, als sei ich wirklich die Mar¬ garethe! — daß ich mit Entzücken spielte, den Hofrath trotz seiner 45 Jahre liebte, weinte, lachte, wie es die Rolle mit sich bringt, und als Herr Meierhofer (der den Hofrath hinreißend darstellte) die letzten Worte sprach, indem er mir die Feldblumen überreichte: »Blühe wie sie, nütze wie sie, und bleibe dem Schmucke getreu, mit dem Deine Felder Dich schmückten« — sank ich an seine Brust und erwachte wie aus einem Traum, als nach dem Fallen des Vorhangs »Margarethe« stürmisch gerufen wurde. Die Mutter schilderte den ersten Versuch in dem Brief an eine theure Verwandte: »Lina wagte gestern ihren ersten Versuch, worüber die ganze Stadt sich freute. Ich selbst bin noch wie betäubt davon. Jedermann wußte, welche Liebe und Lust sie zu diesem Berufe führte, und so war denn das Haus schon um 5 Uhr so besetzt, daß kaum noch ein Plätzchen zu finden war. Sie wurde vom Offizierkorps, das wohl damit das Andenken ihres tapferen Vaters ehren wollte, freundlich empfangen. Dies machte sie etwas beklommen, doch faßte sie sich bald und spielte über Er¬ warten. Mit Enthusiasmus wurde sie gerufen. Ich mußte weinen; ich allein wußte ja, daß Lina außer durch Talent und Lust noch durch edlere Zwecke zur Bühne geführt wurde. Sie ist nach diesem Erfolg eben so be¬ scheiden, so innig wie ein Kind. »Hast Du mich lieb, Mutter?« war das Erste, was sie mir nach der Vor¬ stellung sagte. . . .« Meine zweite Rolle war Iffland's »Elise von Val¬ berg«, die dritte »Rosalie« im Inkognito von Ziegler. Es wurde mir Engagement angetragen, und stolz unter¬ schrieb ich den Kontrakt »Großherzoglich badische Hof¬ schauspielerin.« Als ich an meinem 14. Geburtstage ganz still mit der Mutter, den Brüdern und unserm gerichtlichen Bei¬ stand um den Kaffeetisch saß, trat der Theaterdiener in's Zimmer — — mit meiner ersten Monatsgage! Wir sahen uns lächelnd an; wir hatten in demselben Augen¬ blicke von meinem vor einem Jahre gegebenen Versprechen geplaudert. Ich nahm die 50 Gulden in Empfang, — zitternd vor Bewegung. Jubelnd, schluchzend warf ich mich der Mutter an den Hals: »Nicht wahr, Mütterchen — jetzt hat die kleine Komödiantin ihr Wort gehalten!« . . . . Später hatte ich größere Gagen einzunehmen, Kunstreisen, Benefize, Glücksfälle brachten Gewinn, der Prozeß endete auch bald nach meinem Engagement in Karlsruhe zu unsern Gunsten — — aber keine noch so große Summe beglückte mich wieder so unaussprechlich, wie diese 50 Gulden — meiner ersten Gage. II . Das erste Engagement. A ls Debütrolle auf der Karlsruher Hofbühne gab ich in Kotzebue's Zigeunerin die Lazarilla. Es war eine höchst unglückliche Wahl. Diese Aufgabe erfordert mehr Bühnengewandtheit, als natürliches Gefühl und Anmuth. Ueberdies sollte mir beim Einstudiren neuer Rollen der Beistand meiner trefflichen Lehrerin schon bei dieser Lazarilla fehlen. Sie zog sich zurück — wegen einer grünen Schürze! Nach Mlle. Demmer's bühnenerfahrenem Rath sollte ich nämlich in meiner dritten Proberolle als Rosalie im Inkognito eine schwarzseidene Schürze wählen. Die Mutter wollte mich aber zum weißen, einfachen Kleide lieber mit einer grünen sehen. Mlle. Demmer vermochte ihre verletzte Autorität nicht zu verschmerzen, — und versagte fortan ihre mich so fördernde Hülfe. Sie war vollkommen im Recht und ich — mußte die kleine so verzeihliche Eitelkeit der Mutter büßen. Noch sehe ich die erstaunten Blicke der guten Lehrerin, als sie vor der Vorstellung kam, um im Theaterwagen mit uns in's Schauspielhaus zu fahren, und mich weiß und grün fand. Die Freude über den freundlichsten Empfang und Beifall als Rosalie war keine so ungetrübte wie nach den Hagestolzen, als Iffland's Elise von Valberg. Die Mutter kämpfte während der Vorstellung mit den Thränen, denn kein Wort kam über die Lippen der neben ihr sitzenden, sonst so sanften Lehrerin. Diese ominöse Schürze lehrte uns Künstler-Empfindlichkeit schonen. Die Mutter und ich warnten uns später oft gegenseitig: »Denk' an die grüne Schürze!« So mußten Mutter und Tochter nun auf eigene Hand versuchen: de conduire leure barque! . . . Daß der arme Nachen nicht gleich am Beginn des klippen¬ reichen Theater-Fahrwassers zerschellte, begreife ich jetzt — da ich mich am Abende meines Lebens redlich bemühe, mit der Devise: »Gerecht gegen Andere, streng gegen mich« klaren, leidenschaftlosen Blickes die ferne Vergangen¬ heit zu schildern — oft selber kaum. Wie waren die gute Mutter und ihr vierzehnjähriges Töchterchen doch so gar unerfahren und unpraktisch in allen Coulissendingen — — und viel zu bescheiden für's Theaterleben! Wir verstanden nicht einmal: mich vortheilhaft zu schminken. Als einige ebenso unerfahrene Freundinnen mir riethen, die blonden Augenbrauen zu schwärzen, um meinem weichen kindlichen Gesicht mehr Ausdruck zu geben, — da zog ich im Eifer so kühne, schwarze Bogen, daß Erinnerungen ꝛc. 2 ich förmlich entstellt aussah. Zu meinem Unglück hatte ich überdies gehört, daß schwarze Punkte unter den Augen¬ wimpern dem Auge flammende spanische Glut geben . . . und ich that auch hier des Guten mehr als zu viel. Es stand wahrhaftig schlimm um die kleine Komö¬ diantin, und schon bekamen wir unter dem Mantel der Theilnahme manches mitleidige Lächeln zu sehen, manch' zweifelndes Wort über mein Talent zu hören. Das Alles trieb mich, etwas Entscheidendes zu wagen. Ich wählte als zweites Debüt unverzagt — Preziosa! Ganz Karlsruhe gerieth in Aufruhr, daß ich — das blutjunge, unerfahrene Ding, überhaupt erst viermal vor's Publikum getreten, nach der gefeierten, schönen Amalie Neumann die schwere Rolle der Preziosa spielen wolle. Die arme Mutter kam immer halbtodt aus ihren Tarock-Partieen nach Hause — so sehr hatten die Damen ihr wegen meiner »Preziosa« bange gemacht. Selbst Bruder Karl, der inzwischen Offizier geworden, berichtete oft kleinlaut, daß seine besten Kameraden am Erfolge zu zweifeln anfingen. Die Frau Markgräfin ließ mir durch Major Hennehofer theilnehmend ihr Bedenken äußern, ob meine junge Stimme auch für die pathetischen Stellen der Preziosa ausreichen würde. Wenn ich aber die bangende Mutter ansah, so wuchs mir das muthige Wollen. Und ich setzte meine ganze junge Kraft daran, die Feuerprobe würdig zu bestehen. Auf meine Bitte arrangirte Balletmeister Zeisig ein brillantes Solo: Pas de zephir der Gavotte für mich zu Weber's entzückender Musik. — Preziosa's berühmtes Lied: »Einsam bin ich nicht alleine!« studirte mir Gesang¬ lehrer Berger fleißig ein, und die melodramatische De¬ klamation übte ich unermüdlich nach dem Klavierauszuge. Bruder Karl besorgte eine leichte Jagdflinte und exerzirte mich wie einen Rekruten damit ein: blitzschnell zu zielen, während der Rede absetzend und bei der geringsten Be¬ wegung des Zigeunerhauptmanns wieder anzulegen. Und mit welchem Entzücken staffirte die gute Mutter ihre Preziosa heraus: spanisches Kostüm, himmelblau mit Silber, graziöse Marabouts auf dem Kopf! So wünschte mich später Maler Muxel in München zu malen. Er wählte die Scene, wo Preziosa wie verklärt Alonso's Bouquet aufgehoben. Ob das Bild noch in einer Münchener Galerie hängt — ob in einer Trödelbude . . . ich weiß es nicht. Das Haus war überfüllt und vor Beginn des Stückes in aufgeregter — ja, die Verehrer von Mad. Neumann in kampfgereizter Stimmung. Und wie klopfte mir selber das junge, bange Herz! Aber schon während der süßen, beseligenden Melodieen der Ouverture kam mir eine wunderbare Ruhe . . . und mit Gefühl und Begeisterung konnte ich sprechen: »Lächelnd sinkt der Abend nieder, Rings erschallen Jubellieder . . .« Der freundliche Beifall erhöhte meinen Muth — meine Begeisterung — mein Glück! Das eingelegte Solo tanzte ich, den Tambourin schwingend, wie von Flügeln getragen . . . und ich dachte 2 * lächelnd dabei an des wilden Linchens Seiltänzersprünge auf der Dielenritze. Auch mein durch das Einfallen des Horns und der Flöte im Takt so schwieriges Lied gelang glücklich. Das Haus wurde nicht müde, die neue Preziosa zu rufen. Ich hatte vollständig gesiegt . . . und doch war mein Glück kein so harmloses, ungetrübtes, wie nach meinem ersten Erfolge als Margarethe. Ich hatte in diesen wenigen Monaten die »heißen Bretter« ahnen ge¬ lernt. Das Anfangs so lachend nahe Feenland der idealen Kunst war in immer weitere Fernen gerückt. Würde ich es je erreichen? würde ich je eine wahre, edle Künstlerin werden? Daß es nur nach vielen bitteren Erfahrungen — nach bangen, schweren Kämpfen und Ringen sein könne, wußte ich jetzt schon. Aus der fröhlich und unbefangen durch's Leben hüpfenden kleinen Komödiantin war — die nachdenkende Schauspielerin einer bretternen Welt geworden. Nach diesem zweiten glücklichen Debüt trat ich in Reih und Glied mit den meist ausgezeichneten Künstlern des Karlsruher Hoftheaters. Hätte Ludwig Tieck doch diese »echten Komödianten« — wie er am liebsten den wahren, kunstbegeisterten Schauspieler nannte — sehen können! Er wäre entzückt gewesen. Behauptete er mir gegenüber doch späterhin in Dresden stets hartnäckig: »Es ist ein Nachtheil für die wahre Kunst, daß die Komödianten nicht mehr die »Parias« des bürgerlichen Lebens sind. Werden sie fein bürgerlich, so ist es mit dem Künstler vorbei. Ihr Boden, auf dem sie nur wachsen können, ist das Land der Ideale. Ich kann trotz meiner 75 Jahre den Glauben an ein romantisches Künstlertreiben nicht verlieren. Nennen die Herren Kritiker mich doch auch immer — den Romantiker!« Unsere Karlsruher Komödianten machten sich selber zu »Parias« des geselligen Lebens. Und doch hätten sie nach ihrer meist gediegenen Bildung in den besten Ge¬ sellschaftskreisen glänzen können. Aber sie, die einst in Jugendbegeisterung Heimat, Freunde, glückliche Verhält¬ nisse verlassen hatten, dem verführerischen Locken der Kunst zu folgen — — Kummer, Noth, Enttäuschungen jeder Art hatten sie mit der Zeit — menschenscheu gemacht. Woher stammte der Liebling des Publikums, der auf der Bühne so lebensfrische, fein humoristische — ja übermüthig frohe Hartenstein? Durch's Leben eilte er finster, — in trübe Gedanken versunken. In dem trefflichen Bassisten Sehring und seiner lieblichen Frau schäumte echtes, unruhiges Komödianten¬ blut. Beim Beginn der Theaterferien verschwanden beide immer spurlos. Und einst fand ein Bekannter das ge¬ heimnißvolle Paar — in einem winzigen Landstädtchen, auf einer aus Bettüchern und Fenstergardinen improvi¬ sirten Bühne . . . Verkleidungsrollen spielend. Sie konnten nun einmal die Komödiantenfahrten nicht lassen! Der köstliche, närrische Komiker Labes, der das ganze Haus bei seinem Auftreten stets vom homerischen Lachen der Zuschauer erschüttern machte — lächelte im Leben nie. In seinem Hause war er sogar ein hypo¬ chondrischer kleiner Tyrann. Er spielte prächtig Violine — aber im abgelegensten Winkel seiner Wohnung, hinter mehreren verschlossenen Thüren. Bei welcher Wandertruppe hatte der tiefgebildete Regisseur Mittel seine Theaterlaufbahn begonnen? — Er sprach nie darüber. Auch die Karlsruher Oper hatte damals einen wohl¬ verdienten Ruf. Mad. Gervais, die gefeierte erste Sän¬ gerin, war die Tochter eines Pariser Tanzmeisters. Die Perle unserer Bühne war aber unstreitig Amalie Neumann, die noch heute als Frau Haitzinger am Wiener Hofburgtheater glänzt und im Fach der »komischen Alten« unübertroffen in Deutschland dasteht. Wer aber damals zu sagen gewagt hätte: Amalie Neumann — das reizendste Blondchen in der »Entführung aus dem Serail« — der lieblichste Benjamin in »Jakob und seine Söhne« — die entzückendste jugendliche Liebhaberin in hundert naiven oder sentimentalen Lustspiel-Rollen . . . wird einst eine prächtige »komische Alte« werden und die guten Wiener als »Martha« im Faust entzücken, — den hätten unsere jungen Theaterenthusiasten sicher auf Pistole gefordert. »Unsere himmlische Amalie Neumann — unmöglich!« . . . Und doch wird in 50 Jahren, die seitdem hinabgerollt sind, im Leben so Manches möglich. Amalie Morstadt war 1800 in Karlsruhe geboren. In einer Wohlthätigkeitsvorstellung betrat das liebliche zehnjährige Kind in Wranitzky's jetzt vergessener Oper »Oberon« in der Titelrolle zum ersten Male die Bühne. Der Erfolg des seltenen Kindes entschied für ein Künstler¬ leben. Mit fünfzehn Jahren war Amalie Mitglied des Karlsruher Hoftheaters, Anfangs nur in kleinen Opern¬ partieen thätig. Ein Jahr darauf heirathete sie den Schauspieler Neumann und trat ihre erste glänzende Gast¬ spielreise durch Deutschland an. Aus einem zweiten Gast¬ spiel in Berlin im Jahr 1824 schrieb mir Amalie Wolff, Goethe's geliebte Schülerin und die damals geistreichste Künstlerin der Berliner Hofbühne, über die bezaubernde Persönlichkeit von Amalie Neumann: »Ein Wesen, wie eine verkleidete Prinzessin anzusehen, trat zu mir in's Zimmer, strahlend wie die Frühlingsgöttin in blühender Schönheit. Hellblauer Mousselin umwallte die etwas zu volle und gedrungene, aber doch zierliche Gestalt. Ein runder italienischer Strohhut mit weißem Band, wie ihn die englischen Touristinnen tragen, beschattete reiche hell¬ blonde Locken. Vergißmeinnicht-Augen blickten mich schelmisch-freundlich an. Griechisches Profil, purpurrother lieblicher Mund, Grübchen in den Wangen, rosig ange¬ haucht — sanfte, wohlklingende Stimme . . . so bezaubernd die ganze Erscheinung, daß ich vor staunender Bewunderung kaum zu antworten vermochte!« Wenn eine Kollegin — eine Rivalin in solche Be¬ geisterung ausbricht: ist es da zu verwundern, wenn in jener Zeit des Theaterenthusiasmus die ganze junge und alte Männerwelt bei Amalie Neumann's Gastrollen fast närrisch vor Entzücken wurde? In Leipzig begnügte man sich nicht mit Serenaden, Gedichten, Pferdeausspannen — nein, die Enthusiasten gründeten in allem Ernst zu Ehren Amalie Neumann's einen »Rosenorden«, und als Königin mußte die Gefeierte präsidiren. In Wien hatten ihre extravagantesten Verehrer sich einen von den goldenen Schuhen zu verschaffen gewußt, die Mad. Neumann als »Aschenbrödel« getragen . . . und aus diesem Goldschuh auf das Wohl der Vergötterten die Reihe herum Cham¬ pagner getrunken . . . Neben dieser reizenden Künstlerin spielte ich mit großem Fleiß zweite und dritte Rollen. Auch ich be¬ wunderte sie neidlos mit kindlicher Begeisterung. Sie war damals unstreitig die vielseitigste Schauspielerin Deutschlands und unnachahmlich in heiteren Konversations¬ stücken, naiven und sentimentalen Mädchenrollen. Sie spielte mit unerschöpflicher Wärme des Gefühls, reizender Anmuth und nie müder Laune. Dazu sang sie allerliebst. Nur das hochtragische Fach war ihr verschlossen. Während meines Debüts war Amalie Neumann auf Gastreisen. Sie nahm die jugendliche Kollegin bei ihrer Wiederkehr freundlich auf. Nur einmal wußten taktlose, schlechte Freunde die Harmonie des Verkehrs zu stören. Sie hatten gegen die Neumann das an mir gerühmt, was sie nicht besaß: die schlanke, geschmeidige Figur und Leichtigkeit des Tanzes . . . und die sonst so reich Ausge¬ stattete hatte darauf gereizt und unfreundlich über die Anfängerin gesprochen. Natürlich wurde mir dies schleu¬ nigst hinterbracht und ich fühlte mich sehr geschmeichelt, daß die prächtige bewunderte Rose der bescheidenen Knospe nicht gönnen wollte, auch bemerkt zu werden! Das Lob über mein Tanzen als Preziosa konnte sie nicht vergessen. »Liebe Kleine, welche Pas haben Ihnen zu dem Beifall verholfen?« fragte sie mich einst. — » Pas de zephir aus der Gavotte!« — »O, die tanze ich auch!« rief sie vergnügt. »Wir wollen sie im »Räuschchen« zu¬ sammen tanzen.« Ich ging gern darauf ein. Amalie Neumann hatte die brillante Rolle der Wilhelmine, ich die langweilig sentimentale der Elise. Eigentlich soll Wilhelmine tanzen, um dem armen Brandchen den Kopf zu verdrehen, und Elise dazu Klavier spielen. Aber wir wußten es uns schon zurechtzulegen und übten fleißig das Pas de deux . Im dritten Akt sagte dann auch Wilhelmine zum Ent¬ zücken des Publikums: Brandchen, spiel' ein lustig Stück auf Deiner Violine — wir wollen tanzen!« Brandchen-Labes geigte die Gavotte — und ich tanzte mit Herzenslust und — — bemerkte gar nicht, daß mein Vis-à-vis nicht gleichen Tritt hielt. Am andern Morgen erhielt ich ein herrliches Blumen¬ bouquet mit einem anonymen Billet: »Die Blumenspender gratuliren der leichten Infanterie zum Siege über die schwere Kavallerie.« Als alte Frau darf ich wohl von einem solchen kleinen Triumphe sprechen. Zu meiner innigen Freude kann ich aber hinzufügen, daß Amalie Neumann's liebliches Bild und ihre liebenswürdige Kollegialität gegen die junge An¬ fängerin bei mir noch heute unvergeßlich sind. Ich habe späterhin keine erste Liebhaberin neben mir gehabt, die ihren Kolleginnen gegenüber so wenig herrschsüchtig war, wie Amalie Neumann. Zwei liebliche kleine Mädchen knospeten damals neben der vollblühenden Mutter auf. Louise Neumann entfaltete sich zur leuchtendsten Wunderblume des deutschen Lustspiels, — bis Graf Schönfeld in Graz sie der Kunst entzog. Adol¬ phine Neumann's kaum entfalte Blüte brach — der Tod. Sechs Monate nach dem Debüt als Preziosa trat ich mit achttägigem Urlaub meine erste Gastreise an — nach Manheim! Der Gedanke, mit den ausgezeichneten Künstlern aus der Schule Iffland's, Dalberg's und Schiller's spielen zu dürfen, erfüllte mein fünfzehnjähriges Herz mit Stolz und Entzücken. Glückselig packte ich mein bescheidenes Reisekofferchen für Margarethe und Preziosa, und für die dritte Rolle die Husarenuniform zu Kotzebue's Lustspiel: »Braut und Bräutigam in einer Person« ein. Ferdinand Löwe stand damals im Vollglanz männ¬ licher und künstlerischer Schönheit, — eine edle, hoch¬ poetische Erscheinung. Ein wunderbarer Zauber umduftete alle seine Kunstgebilde. Er hatte gleich mein junges, en¬ thusiastisches Herz gefangen. Während der Probe von Pre¬ ziosa, als ich im zweiten Akt Alonso's Züge zu beschreiben hatte, hielt ich plötzlich inne: »Hat Alexander Wolff Sie persönlich gekannt? — »Ja, — aber warum?« »O, da hat er also an Sie gedacht, als er diese Verse dichtete!« Löwe lächelte anmuthig über den Ausbruch meiner kindlichen Bewunderung . . . und jetzt wurden auch Pre¬ ziosa's Worte! »Und dies Grübchen Schelmerei!« auf's Schönste wahr. So oft ich Heinrich Heine's Verse aus den Atriden lese: »Blühend blieb mir im Gedächtniß Diese schlanke Heldenblume — Nie vergeß ich dieses schöne Träumerische Jünglingsantlitz. Das war eben diese Sorte, Die geliebt wird von den Feen! Und ein märchenhaft Geheimniß Sprach aus diesen edlen Zügen . . .« — muß ich dabei an Ferdinand Löwe denken. Schon nach zehn Jahren sollte diese »Heldenblume« zu Magde¬ burg in's Grab sinken. Sein Sohn ist der geniale Dar¬ steller von Helden- und ersten Liebhaberrollen und der wissenschaftlich gebildete Regisseur des Stuttgarter Hof¬ theaters, Feodor Löwe, seine Tochter Sophie die einst hochberühmte Opernsängerin zu Wien, vor wenigen Jahren als Fürstin Friedrich von Liechtenstein zu Pest gestorben, während seine zweite Tochter Lilla als Schauspielerin glänzte, bis sie die Gattin des Freiherrn v. Küster wurde. Ein jüngerer Bruder Ferdinand's — vor kaum einem Jahre als edelste Kunstgröße des Wiener Burgtheaters gestorben: Ludwig Löwe wurde nach dem frühen Tode des Vaters von Ferdinand erzogen und zu seiner idealen Größe mit Liebe herangebildet, Thürnagel, im Fach Ludwig Devrient's, Brand als Tell und Wallenstein, die noch immer schöne und anmuthige Frau von Busch standen Ferdinand Löwe würdig zur Seite. Iffland's Geist lebte in Manheim, wie auch in Karlsruhe besonders wohlthuend fort: im maßvollen, klar durchdachten und naturtreuen Spiel! Auch dem Publikum war nichts unsympathischer, als affektirtes Uebertreiben und zu kühnes Wagen, selbst bei genialen Gästen. Der Manheimer Intendant Graf Luxburg sorgte wahrhaft väterlich für seine Schauspieler und wurde von ihnen geliebt und verehrt. Leider fehlte ihm die einem Theater-Intendanten unentbehrliche hohe Geistesbildung. Er war aber so verständig, dies selber einzusehen und seine trefflichen Regisseure gewähren zu lassen. Als ich 1835 zu Manheim in Charlotte Birch- Pfeiffer's »Günstlingen« Katharina II . als Gast gab, spielte Mlle. Kinkel die Liebhaberin Seraphine. Von Kindheit an bei der Manheimer Bühne, wurde sie von dem noch immer rührigen Intendanten Grafen Luxburg echt patriarchalisch kurzweg »Du« angeredet. So hörte ich nach dem vierten Akt von ihm in seinem treuherzigen pfälzer Dialekt: »Kinkele, Du hascht im Ganzen ziemlich schlecht gespielt, bischt aber schön in Ohnmacht g'fallen.« Welch' einen Kontrast bildete dieser behäbige, wohlge¬ nährte Intendant, der wie ein gutmüthiger Landedelmann aussah, zu unserm fein ritterlichen Karlsruher Intendanten, dem Dichter von »Alhambra«, »Löwe von Kurdistan« und dem Trauerspiel »Viola«: — Freiherrn von Auffenberg! Das kleine Manheimer Gastspiel hatte den be¬ glückendsten Erfolg für mich und erhöhte meine Zuver¬ sicht nicht wenig. Die edle Großherzogin Stephanie, die ohne Schönheit durch Geist, Güte und Liebenswürdigkeit zu bezaubern wußte und von den Manheimern ebenso geliebt als hochverehrt wurde, ließ mich am Morgen nach der »Preziosa« zu sich rufen. Noch heute höre ich ihre lieben, guten Worte und sehe ihre milden, klugen Augen. Große Reichthümer sollte ich von meiner ersten Gast¬ spielreise nicht heimbringen. Aus Bescheidenheit hatte ich vorher kein Honorar ausgemacht. Für mein drei¬ maliges Auftreten vor stets vollem — bei Preziosa sogar überfülltem Hause erhielt ich von der Intendanz in Summa — — zehn Dukaten! Wie mitleidig werden unsere heutigen Gastspieler, die sich für einen Abend 100, ja 500 Thlr. und noch mehr zahlen lassen, auf diese winzige Summe herniederlächeln! Ja, wir »Komödianten« von ehemals waren beschei¬ dener — — und ich bin noch heute stolz darauf, daß wir es waren. Wir reisten damals mit den primitivsten Lohnkutschen, auch Hauderer genannt, logirten in Gast¬ höfen zweiten Ranges, begnügten uns mit einem einzigen Zimmerchen — und waren dabei ein harmlos fröhliches Künstlervölkchen. Für die Einnahme von Gastrollen kaufte ich mir eine eigene Sparbüchse — und war glückselig, da ich als Ueberschuß von der ersten Manheimer Gastreise Einen Gulden hinein thun konnte. Der führte lange ein melan¬ cholisches Einsiedlerdasein. Erst nach meinem zweiten Gast¬ spiel (Hamburg 1826) erhielt er einige Gesellschaft . . . und nach der Petersburger Gastreise (1828) ward die Büchse zu eng. Der Wunsch, einer größeren Bühne anzugehören, bei der ich mehr beschäftigt werden konnte, wurde immer sehnlicher in mir. Die erst 23 jährige Amalie Neumann dürfte sich noch Jahre lang im Fach erster jugendlicher Rollen behaupten — und da wöchentlich nur dreimal gespielt wurde, konnte sie mir beim besten Willen ohne Opfer keine bedeutenden Rollen überlassen. Das gesellige Leben Karlsruhes bot wenig Ersatz für mein dürftiges Rollenfach. Der Adel sonderte sich streng ab und nur auf den Museumsbällen tanzte er wenigstens im gleichen Saale mit dem höheren Bürger¬ stande. Aber auch auf diesen Bällen gab es eine adelige und bürgerliche Fran ç aise. Ich sehe noch die piquirten Blicke einiger hochadeligen Fräuleins, als ein junger Gleichgeborner — wahrscheinlich ein verkappter Republi¬ kaner — es wagte, mich bei meinem ersten Erscheinen als Hofschauspielerin auf dem Museumsballe in die adelige Fran ç aise am oberen Ende des Saales einzuschmuggeln. Mich amüsirten diese frostigen Blicke nicht wenig — ich rächte mich durch das Aufbieten meiner ganzen Tanzkunst und die unbefangenste, heiterste Konversation mit meinem kühnen Tänzer . . . und bald war in die so schön ge¬ schlossene hochadelige Phalanx für immer eine Bresche getanzt — durch eine Schauspielerin. Erst in Berlin begriff ich, daß Geist und Gemüth, erfrischende Geselligkeit, herzliches Entgegenkommen, lie¬ benswürdige Gastfreundschaft in Karlsruhe um's Jahr 1823 gar nicht existirten. Und mein Sehnen, aus diesen kleinlichen Verhält¬ nissen fortzukommen, sollte früher erfüllt werden, als ich selbst zu hoffen gewagt. In der Probe zu Kotzebue's »Wirrwarr« sah ich neben dem Regisseur Mittel einen ältlichen Herrn mit wohlwollendem Gesicht und feinen Manieren. Ich hörte, es sei Heinrich Bethmann, der liebenswürdige Schau¬ spieler und Gatte der so früh verstorbenen berühmten Friederike Unzelmann-Bethmann. Zum Direktor des in Berlin von reichen Aktionären neu gegründeten »König¬ städter Theaters« gewählt, machte er jetzt eine große Rundreise, um von den deutschen Bühnen für das neue Unternehmen die besten Kräfte zu gewinnen. Auf dieser Tour hatte er sich bereits den Namen »Bühnen-Pirat« erworben, den er mit großem Stolz trug. »O, wenn er doch auch mich wegkapern wollte!« dachte ich sehnsüchtig — und war während der ganzen Probe zerstreut . . . Und als ich nach Hause kam, saß der Pirat traulich neben der Mutter auf dem Sopha und — bot mir mit dem Zauber seiner berüchtigten Beredsamkeit ein sehr verlockendes Engagement an als — Erste Liebhaberin. »Den 4. August wird unsere Bühne eröffnet, aber schon Ende Mai beginnt das Einstudiren. Sie können bei uns nach Herzenslust mit den bewähr¬ testen Künstlern spielen — und sich an den Vorbildern erhabenster Kunst auf der königlichen Bühne weiterbilden. Die guten Berliner werden Ihnen und der Frau Mutter schon gefallen. . . .« Wie berauschend klang dies Alles aus Bethmann's Munde! Freudestrahlend unterzeichnete ich ein Engagement auf ein Jahr . . . und bald schied ich mit tausend Thränen von dem schönen Vaterlande, von den mir so herzlich wohlwollenden Kollegen und all' den andern guten, herzigen Menschen in dem stillen Karls¬ ruhe. Hinaus ging's zum ersten Mal — und jetzt nicht im Hauderer, nein, mit der Mutter im eigenen Wägel¬ chen mit Extrapostpferden und lustig blasendem Postillon — hinaus in die weite, bunte, schimmernde Welt — in den lachenden Frühling hinein. . . . Was wird diese fremde Welt dem jungen, quellenden, sehnenden Herzen bringen? — Rosen oder Dornen? Wenn ich jetzt bei der sich sanft neigenden Sonne auf die seitdem herabgeglittenen vielen Jahre zurückblicke, so kann ich mit dankerfülltem Herzen — gegen Gott und die Menschen! — niederschreiben: jene weite, unbe¬ kannte Welt hat mir so viel köstliche Rosen gebracht, daß sie die Dornen fast verdeckten! III . Eröffnung des Königstädter Theaters. W elchem guten alten Berliner geht nicht noch heute das Herz so frühlingsfrisch und fröhlich und — doch wieder so jugendsehnsüchtig-wehmüthig auf bei dem Namen: »Königstädter Theater«? — oder wenn er bei dem mächtigen, alten, längst zur Wohnungskaserne um¬ gewandelten Hause auf dem Alexanderplatze, der früher Ochsenmarkt hieß, vorübergeht und daran denkt, wie er vor siebenundvierzig Jahren im apfelgrünen Frack und drunter das junge theaterschwärmende Herz — die holde Julie mit den langen, braunen Locken und dem blau¬ seidenen Spencer und dem gelben Strohhut à la Galathea am Arm — an einem heißen Augusttage vier Stunden lang vor dem Theatereingange von glühenden Menschen¬ wogen hin- und hergeschoben wurde . . . und wie endlich die Pforten sich öffneten und der Strom stöhnend — kämpfend — dampfend sich hineinzwängte . . . und wie er doch zuletzt glücklich auf seinem Parterreplatze anlangte, Erinnerungen ꝛc. 3 wenn auch mit dem Opfer des einen apfelgrünen Frack¬ schoßes und der Hälfte der braunen Locken und des einen blauen Atlaßschuhes der holden Julie . . . und wie sie beide doch so unendlich glücklich waren, der Eröffnung des neuen Königstädter Theaters beiwohnen zu können. . . . In dies alte, theaterenthusiastische Berlin von anno 1824 — wie es sich das junge Berlin von anno 1870 kaum noch denken kann — fuhren die Mutter und ich am 26. Mai 1824 Nachts 11 Uhr ein, — durch die nicht enden wollende Königsstraße dem Ochsenmarkt zu. Bethmann hatte versprochen, uns dort ein provisorisches Logis zu miethen. Der große Ochsenmarkt war wie ausgestorben. In dem bezeichneten Hause links neben dem Theater schienen sämmtliche Bewohner zu schlafen. Der Postillon blies, rief, klopfte, zog die Glocke — lange vergebens. Endlich wurde ein Fenster im ersten Stock geöffnet. Ein Licht und ein jugendliches Gesicht neigten sich hinaus, und in bayerischer Mundart hörten wir: »Kommen Sie etwa aus Karlsruhe? Dann bitte heraufzukommen! Direktor Bethmann hat uns ersucht, Sie zu bewillkommnen; bis morgen müssen Sie sich schon mit dem bestellten, leider sehr unwohnlichen Zimmer behelfen.« Die artige Sprecherin, Fräulein Weidner aus München, begrüßte mich als Kol¬ legin sehr herzlich. Aber eine Hiobspost kam nach: Beth¬ mann hatte nach einer heftigen Scene mit den Aktionären seine Entlassung gefordert — erhalten — und tief ge¬ kränkt Berlin verlassen. Aus übervollem, bangen Herzen, mit Seufzen und Thränen klang uns dieser Willkomm in der wildfremden Stadt entgegen. Bekümmert und erschrocken setzten die Mutter und ich uns auf eines der Betten in dem sopha¬ losen, unbehaglichen Zimmer, und Fräulein Weidner und ihre Mutter auf das gegenüberstehende. Klagend fuhr die Kollegin fort: »Es herrscht hier heillose Unordnung! Nichts ist fertig, nur Weniges vorbereitet. Keine Rollen sind vertheilt, keine Proben angesetzt. Vice-Direktor und Sekretär Baron von Biedenfeld vermag trotz des besten Willens keine Autorität zu erlangen. Niemand will ge¬ horchen. Die Regisseure Schmelka und Angeli hemmen die Thätigkeit ihres einsichtsvollen Mitregisseurs Nagel durch Eifersüchteleien und Mißtrauen. Der Geschäfts¬ führer, Justizrath Kunowsky, ist ein geistreicher Mann und mit Enthusiasmus dem neuen Institut ergeben, aber ihm fehlt Zeit, Praxis und — Energie. Er taucht auf und verschwindet wie ein Irrwisch und hinterläßt nur Verwirrung. Die Aktionäre wissen wohl die Einnahmen zu berechnen, geizen aber mit den nöthigsten Ausgaben. O hätte ich doch mein trautes München nicht verlassen!« »Und wir nicht unser schönes Karlsruhe!« — und Thränen drohten auch bei mir auszubrechen. . . . Da ertönte eine Flöte — wehmüthige Melodieen — sehr gut geblasen. . . . »Der Stiefsohn Bethmann's« — erklärte die Weid¬ ner, sanfter, ernster Jüngling; er wohnt über uns und musizirt oft die ganze Nacht hindurch.« 3 * »Das fehlt' uns noch!« rief meine Mutter in komischer Verzweiflung, — »nichts stimmt trauriger, als melancho¬ lisches Flötenspiel . . . o wie er jetzt so schwermüthig bläst: »Mir auch war ein Leben aufgegangen!« von Kapellmeister Himmel. . . .« »Sicher folgt jetzt: »An Alexis send' ich Dich!« lachte die Weidner — und richtig: Gleich intonirte die melancholische Flöte den Rosengruß an Alexis. Da lachten wir denn hell auf — und wurden Alle heiterer und muthvoller. Und bald lullte uns: »Freudvoll und leidvoll« des schwärmerischen Flötenspielers ganz angenehm ein — die erste Nacht in dem großen, wildfremden Berlin. Der folgende Morgen ließ sich besser an. Ein etwas zweifelhaftes Individuum präsentirte sich als Theater¬ diener und brachte die erfreuliche Nachricht: die gegen¬ überwohnende Frau Doktorin Rintel ließe uns einladen, das freie, hübsche Logis über ihrer Wohnung zu be¬ sichtigen. Froh eilte ich hinüber — und nach wenigen Stunden war Alles so weit eingerichtet, daß wir Besuch empfangen konnten. Als ich treppauf treppab sprang, um das Aus¬ packen zu überwachen, und rüstig mit Hand anlegte — trat mir aus dem Zimmer des ersten Stockes eine nicht mehr junge, aber höchst anmuthige Dame entgegen und sagte auf die liebenswürdigste Weise: — »Ich bin die Doktorin Rintel — mein Vater ist der Direktor der Singakademie Zelter! — Bethmann, ein Freund meines Mannes, hat Sie uns empfohlen. Er kam vor seiner schnellen Abreise noch athemlos gerannt, um dies Brief¬ chen für Sie einzuhändigen. Recht viel Liebes haben wir von der Süddeutschen vernommen; nach Kräften werden wir Ihnen beistehen!« Da erschien mir Berlin doch schon in einem rosigeren Lichte. Wir waren nicht mehr verlassen; gute, liebe Menschen wollten sich unserer annehmen. . . . Bethmann schrieb: »Um Ihretwillen, liebes Fräu¬ lein, bedaure ich hauptsächlich, Berlin so schnell verlassen zu müssen! Denn Sie sind unstreitig von den Mitglie¬ dern die Unerfahrenste im Theater-Treiben. Doch nur muthig vorwärts! — Talent, Jugend und ernstes, eifriges Streben werden auch Ihnen helfen, im neuen Kunst¬ tempel Fuß zu fassen. Vor dem Herbst kehre ich wieder und stelle Sie meinen ehemaligen Kollegen von der könig¬ lichen Bühne vor. . . .« Wie heimisch fühlten wir uns gleich bei Rintels, wie ungenirt plauderten wir zusammen, so vertrauens¬ voll, als sei es nicht das erste Mal, daß wir am Fami¬ lientisch mit ihnen Kaffee tränken. Des Doktors sanftes, würdiges Wesen beruhigte und flößte Sympathie ein. Das liebenswürdige Paar bestätigte die Versicherung Bethmann's, daß die Berliner mit Ungeduld der Er¬ öffnung des Königstädter Theaters — damals der ein¬ zigen Bühne neben der königlichen — entgegensähen, und das Publikum sich freue auf die heiteren Lebens¬ bilder; — denn nur Lustspielen, Lokalpossen, Operetten solle die neue Bühne geweiht sein, höchstens dürften dann und wann Melodramas ihre düsteren Schatten werfen. Der König hätte gern dem Kommerzienrath Cerf die Konzession zum Bau eines zweiten Theaters ertheilt, da beim königlichen Theater das klassische Re¬ pertoir vorherrsche und der König heitere Lebensbilder im Volkston besonders liebe. »Aber warum läßt der König denn nicht seine Lieb¬ lingsstücke auf seiner Bühne spielen?« »Nein, Friedrich Wilhelm der Gerechte hat mehr als einmal gesagt: Ich will meinen Geschmack dem Publikum nicht aufdrängen; — und Graf Brühl, der Intendant, soll in Ruhe gelassen werden!« Baron Biedenfeld machte uns seinen Besuch. Der Vize-Direktor trug einen verstümmelten Arm in schwarz¬ seidener Binde; die Orden auf seiner Brust erklärten uns, wie er zum Krüppel geworden. Der Mutter und mir stiegen die Thränen in's Auge — — wir dachten an meinen Vater, der aus jenen Schlachten für's Vaterland nicht wiederkehren durfte. Der Baron mochte wohl vier¬ zig Jahre zählen und hatte angenehme, intelligente Züge. Er zeigte sich als feingebildeter Mann und plauderte bald gemüthlich in Wiener Mundart. Er lud uns freund¬ lich ein, ihn nach Hause zu Frau und Tochter zum Mit¬ tagessen zu begleiten. Wir würden dort auch seinen Schwiegersohn Spitzeder kennen lernen. »Wenn das so fortgeht,« rief ich fröhlich, »müssen wir an eine beschützende, unsichtbare Macht glauben. Warum aber blicken Sie so traurig, Herr Baron?« »Lina, bedenke doch!« verwies die Mutter. . . . Ent¬ schuldigen Sie, Herr Baron, das laute Denken meiner Tochter!« »O, lassen Sie das Fräulein doch aufrichtig sein! Zu bald wird sie leider nur Klugheit sprechen müssen, wenn sie durchkommen will auf den heißen Brettern. — Sie haben aber ganz recht gesehen, mein aufrichtiges Fräulein: ich bin sehr deprimirt! Seit Bethmann's Zerwürfniß mit den Aktionären ist meine Stellung uner¬ träglich geworden: ich soll Alles vermitteln, ermöglichen — und werde bei der herrschenden Konfusion nachgerade mit verwirrt. Doch, dies darf Sie nicht entmuthigen, bitte, erfreuen Sie mit Ihrer Heiterkeit meine heimweh¬ kranke Frau und Tochter — sie vermissen hier noch mehr als ich unser geliebtes Wien.« Am Fuß der Treppe hörten wir einen Wagen an¬ rasseln, und eben auf dem Trottoir — stießen wir auf einen Herrn, den Biedenfeld: »Ah! Kunowsky!« begrüßte. Dann stellte er vor: »Herr Justizrath Kunowsky — unsere Hauptstütze, Geschäftsführer und geistiger Dirigent des neuen Instituts, das belebende Element des ganzen Unternehmens!« Es klang wohl etwas Ironie aus dem Lobe, — Kunowsky indessen nahm es à la lettre . Er bot mir seinen Arm, mich zu Biedenfeld's zu führen. Und nun — während der kurzen Strecke sollte ich die echte, berühmte und berüchtigte Berliner Suada kennen lernen. Solch' ein Ueberstürzen verschiedener Thematas, solch' Gemisch von Witz, Laune und Raketensprühen im allerschnellsten Tempo hatte ich bis dahin noch nie gehört. — Betäubt — verwirrt — konnte ich nur selten einige Bemerkungen einschalten. Kunowsky's Aeußeres frap¬ pirte mich auch; — ich vermochte nicht zu sagen, ob mich ein Alter-Junger, — oder ein Junger-Alter führte. Die schlanke, geschmeidige Figur, das nach Art der Studenten gescheitelte, lockige, braune Haar, die blauen, geistvoll strahlenden Augen — und dazu ein ziemlich verwittertes, fahles Gesicht und bedenklicher Zahnmangel. . . . Kunowsky sprühte: »Unser Theater wird bald das königliche überflügeln! — junge Kräfte, immense Ta¬ lente! — bei den Hofschauspielern ist die Glanzperiode vorüber. . . .« »Madame Stich ist aber doch noch zu den jugend¬ lichen Künstlerinnen zu zählen?« »Jewiß! jewiß, — imposante Gestalt, vortrefflich im Trauerspiel, — aber im Lustspiel ungraziös, gar nicht bedeutend. . . .« »Und die gepriesene Frau v. Holtei? — kaum in den Zwanzigen. . . .« »Reizende Erscheinung, besonders als Käthchen von Heilbronn und Melitta, — aber zu klein, zu lange Arme, beschränktes Fach, auch nicht lebensfrisch genug, zu veilchenartig bescheiden wirkend. . . .« »Und Devrient, Wolff, seine Gattin, Rebenstein, Krüger ꝛc., sind das nicht Künstler in voller Kraft ihres Talentes?« »Jewiß! jewiß! — aber unsere Königstädter werden ihnen schon nachkommen. Klassische Stücke — d. h. Trauerspiele dürfen wir zwar nicht geben, doch das wird sich finden. Und wir werden dafür ein brillantes Re¬ pertoir haben. Ludwig, Meyer, Piehl, Nagel — welche Schauspieler! Schmelka, Angeli, Rösike — welche Ko¬ miker! — und Spitzeder, unsere Perle, unser Stolz! — und die Damen — Weidner, die Schwestern Sa¬ torius und Herold, Karoline Müller, Sie, Verehrteste — welche Künstlerinnen!« »Erlauben Sie, Herr Justizrath, — spielen diese Damen — zweite Liebhaberinnen?« »Nein! — Erste!« »Sieben erste Liebhaberinnen an einer Bühne . . . da hätte ich Lust, sogleich wieder abzureisen. Mein Kontrakt lautet auf erste Partieen, und ich habe nicht die Karlsruher Bühne verlassen, wo ich neben Madame Neumann gefiel, um mit diesen sechs Damen hier um die Palme zu ringen!« »Begreife, Verehrteste, aber im Anfang müssen Sie der Sache halber auch unbedeutendere Rollen über¬ nehmen. Im Tournier zu Kronstein ist die Gräfin Elsbeth Ihnen zugetheilt; in acht Tagen wird die erste Probe stattfinden, am Geburtstag des Kronprinzen wird das Stück gegeben werden.« Aber der Geburtstag ist ja erst am 15. Oktober — und jetzt haben wir Mai. Warum werden denn nicht die vorhergehenden Stücke einstudirt?« »Kleinigkeit, wird Alles zur Zeit geschehen . . . und nun folgte eine wahre Apotheose des neuen Insti¬ tutes, von dem Wohlwollen des Königs, der brennenden Ungeduld des Publikums — einer neuen, herrlichen Kunstepoche . . . und so unaufhaltsam weiter. . . . Erst bei Biedenfeld's durfte ich freier athmen. Mit Herzlichkeit wurden wir von den Wienerinnen bewill¬ kommnet. Die Baronin hatte dieselbe Ruhe und Milde in ihrem Benehmen, wie meine Mutter. Sie war früher an den Komiker Schüler in Dessau verheirathet gewesen und hatte selbst als Sängerin geglänzt. Ihre Tochter aus erster Ehe, Frau Spitzeder, war eine zierliche Er¬ scheinung: schwarze Prachtaugen schauten aus dem blassen, lieblichen Gesicht unendlich wehmüthig, als suchten sie vergebens das geliebte Wien, wo Henriette Spitzeder als erste Sängerin der Liebling der Wiener war. Oder ahnten diese schönen, traurigen Augen, daß sie sich schon nach vier Jahren auf immer schließen sollten? — Spitz¬ eder, der berühmte Wiener Baßbuffo, dagegen sah fröh¬ lich und zuversichtlich aus. Ein großer, blondlockiger, schöner junger Mann, dessen lächeln und blitzende tief¬ blaue Augen den humoristischen Schalk verriethen. Plötzlich sagte Kunowsky Adieu! — und fort war er. Wir sahen uns eine Weile beobachtend — lächelnd an — aber der köstliche Spitzeder gab in seiner derb gemüth¬ lichen Wiener Art den Gedanken Worte: »Unser Ge¬ schäftsführer ist heut wieder einmal e bissel — verruckt! Sonst ein seelenguter, auch kluger Herr, — aber hier im Oberstübchen geht es manchmal drunter und drüber und zum Dirigenten für ein Theatervölkchen fehlt ihm eine gute Portion Energie und kaltes Blut!« — Dann schlug er plötzlich in das höchste Pathos um: »Wir fahren halt auf dem Meer fremder Verhältnisse, und wissen nicht, ob's Schifflein glücklich landen wird! — aber um uns zu stärken vor den herannahenden Kämpfen, wollen wir Leidensgefährten — — (in Wiener Mundart) jetzt echte Wiener Rahmstrudel essen.« Für mich war dies genügend, um in tolles Lachen auszubrechen; die andern mußten mit einstimmen, selbst die kleine ernste Frau, und nun weidete ich mich förmlich an Spitzeder's unerschöpflicher, liebenswürdiger Laune, die dem Komiker bald in Berlin auf Befehl des Königs 24 Stunden Arrest eintragen sollte. Während des russisch-türkischen Krieges extemporirte er nämlich im Königstädter Theater: »Die Fuselmänner gegen die Muselmänner . . .« und eine preußische Königstochter war ja Kaiserin der Fuselmänner. — Als wir mit Cham¬ pagner auf glückliches Landen des Schiffes anstießen, kam ein Bote von Kunowsky mit einem Bleistiftzettel an mich: »Verehrteste! Ich vergaß zu erinnern, daß Sie morgen durchaus den Herren Aktionären Besuche abstatten müssen; hier die Adresse — von den verheiratheten Mata¬ doren. Abends erwartet meine Frau Sie mit der werthen Mama. Es ist unser Empfangstag, und wir freuen uns, Sie mit den für Kunst glühenden Stammgästen bekannt zu machen.« — »Wie liebenswürdig!« bemerkte meine Mutter. »Ja gewiß!« — sagte die Baronin resignirt — »aber die Damen werden gleich uns bei dem Rout Ent¬ setzliches ausstehen: — kleine Zimmer, überfüllt von Besuchenden. Das ist ein betäubendes Kommen, Gehen, Drängen, Schwätzen. . . . Ich werde stets krank von dem — Vergnügen!« In grauseidenem Ueberrock, mit Rosa verziert, eine Pariser rosa Atlas-Toque mit Marabouts auf den hoch¬ frisirten Locken, die Mutter schwarz, im hellgelben Krepp¬ hut — fand ich unsere Toilette sehr hübsch für die Visiten bei den Herren Aktionären. Aber wie wurde ich angestarrt! Ob vielleicht die Toque zu verwegen auf¬ gestülpt war? — oder ob ich mich nicht demüthig genug vor den Millionären verbeugte? Ich vernahm wenigstens später von Baron Biedenfeld, daß Bankier Fränkel ihm andern Tags gesagt: »Bedenken Sie ja die etwas deter¬ minirt aussehende Blondine mit ersten Rollen, denn zweite wird sie sicherlich nicht oft übernehmen.« Bankier Beneke, wegen seines Reichthums auch Fürst Beneke genannt, sprach sehr leise, aber angenehm, und geleitete uns zu seiner Gattin — wie verlegen. Durchlaucht lehnten in der Sophaecke, ein Riechfläschchen in der Hand, und klagten herablassend im besten Ber¬ linisch über Nervenkopfweh. Wir wollten uns sogleich entfernen, — wurden aber ersucht, Platz zu nehmen. Eine gezwungene Unterhaltung entspann sich. Durch¬ laucht geruhten unter Anderm zu fragen: »Haben Sie denn ein jutes Jedächtniß? — Das Auswendiglernen muß doch entsetzlich sind!« Ich war im Begriff pikirt zu antworten, aber ein Blick der Mutter verhinderte es. Rächen mußte ich mich aber doch, — und so erwiederte ich lammfromm: »Ich besitze jar kein Jedächtniß, — ich bin ein jequältes Menschenkind!« — Ihr Erröthen bewies, daß sie mich verstanden hatte. Sie blieb meine Gegnerin von dieser Minute an. Ich habe nie wieder einen Fuß in dies goldene Haus gesetzt. Von einer anderen Mad. Beneke, deren feenhafte Feste Friedrich Wilhelm III . nicht selten beehrte, um sich — an dem unverfälschten Berlinisch der Wirthin zu er¬ götzen, wußte Spitzeder allerlei Anecdoten zu erzählen. Sie titulirte den König nur »Majestäteken«. — Als nun einst eine wohlmeinende, aber weniger reiche Freundin die Millionärin vertraulich erinnerte, doch nicht immer »jeloffen« statt gelaufen zu sagen, platzte diese heraus: »Ach wat, Liebste, lassen Sie mir man: Ihre Töchter sind nun schon 30 Jahre jelaufen und jelaufen un haben bis heute noch keinen Mann gekriegt — meine Töchter sind jeloffen un jeloffen un waren mit 17 Jahren schon futsch!« — Am Abend saß ich zum ersten Mal in höchster Spannung im ersten Range des dichtbesetzten königlichen Schauspielhauses. Es erschien mir gegen das Karlsruher klein, aber eleganter, auch besser beleuchtet. Es wurde »Hermann und Dorothea« gegeben, von Dr. Karl Töpfer nach Goethe's Dichtung für die Bühne bearbeitet. Neben mir saß ein gemüthlich-heiterer Herr von einigen 30 Jahren. Sein ganzes Wesen erinnerte mich lebhaft an meinen lieben Hofrath in Iffland's Hagestolzen. Mein jugendlich aufblitzendes Entzücken über einzelne Stellen der Dichtung — meine Begeisterung über das vollendete Spiel schienen ihn zu ergötzen. Wir kamen in den Pausen in's Plaudern. Mein Nachbar sprach über Kunst und Schauspieler voll Verständniß und Be¬ scheidenheit — angenehm und liebenswürdig. Er hatte sogleich die Fremde und begeisterte Kunstnovize erkannt — nud nannte sich mir als früheren Kollegen und Verfasser von »Hermann und Dorothea« — Dr. Töpfer. Töpfer war Hofschauspieler in Wien gewesen, hatte dann durch Deutschland Kunstreisen gemacht und besonders durch sein Guitarrenspiel entzückt. Seit einigen Jahren hatte er die Bühne verlassen und war mit großem Glück als Lustspieldichter und Novellist aufgetreten. Seine Lustspiele: »Des Herzogs Befehl« und »Der beste Ton« wurden damals auf allen Bühnen gegeben und haben sich bis heute auf dem Repertoir erhalten. Vor wenigen Wochen ist Töpfer in Hamburg gestorben. »Hermann und Dorothea« ist kein Effektstück und vermag nicht rauschenden Beifall zu erzielen; — aber die fast andächtige Aufmerksamkeit des Publikums, das bewundernswürdige Zusammenwirken der edlen Mimen ließen mich die »echte Weise der Kunst« ahnen und den glühenden Wunsch in meinem Herzen aufsteigen: mit diesen Künstlern spielen, von ihnen lernen zu können! Da drängte sich Niemand vor, da gestaltete sich das Ganze so harmonisch, daß man das »Spiel« vergaß. Man konnte sich einbilden, mit den biederen Menschen dieselbe Luft eingeathmet, jahrelang mit ihnen verkehrt zu haben, — ja, den Sonnenschein zu fühlen, der die reizende Gegend beleuchtete. Und die Künstler, die diesen Täuschungszauber her¬ vorbrachten, waren: Herr und Madame Wolff, Ludwig Devrient, Beschort, Lemm, Rebenstein und Karoline Lindner. — Mad. Stich, die spätere berühmte Krelinger, fehlte in dem Künstlerkreise. Sie weilte augenblicklich mit ihrem Gatten in Paris, um den Zorn der Berliner über eine damals vielbesprochene unglückselige Geschichte, auf die ich zurückkommen werde, verdampfen zu lassen. In dem Rollenfach der Stich gastirte nun Karoline Lindner, die Zierde des Frankfurter National-Theaters. Heute gab sie die Dorothea. Bei dem ersten Anblick der kleinen, gedrungenen Dorothea mit dem unschönen, dicken Kopfe flüsterte ich Dr. Töpfer zu: »Wie schade, daß die schöne Madame Stich heute nicht spielt!« Er lächelte: »Nach dem Aktschluß werden Sie anders urtheilen.« Und so kam es. Kaum hatte Dorothea einige Worte gesprochen, so schämte ich mich des vorschnellen Urtheils. Die süße Stimme mit der vibrirenden Innig¬ keit erfaßte mich mächtig, und die sittsame Grazie ihres Wesens ließ sie sogar anmuthig erscheinen. Die großen, seelenvollen Augen entschädigten für die unschöne Ge¬ sichtsbildung. Von einem anderen, noch glänzenderen Triumphe, den das seltene Talent und das reiche, schöne Herz der unschönen Karoline Lindner sogar über die jugendblühende, bildschöne Amalie Neumann in Berlin davontrug, er¬ zählte mir später der bekannte Geheimrath Heun — der viel gelesene, viel geliebte und — viel geschmähte Clauren. Clauren hatte das Suschen in seinem »Bräutigam aus Mexiko« für Amalie Neuman geschrieben — und dies schöne Suschen hatte ganz Berlin entzückt — berauscht. . . Und nun wollte die eckige, unscheinbare Karoline Lindner es wagen, in derselben Rolle vor das Berliner Publikum zu treten — welche Anmaßung! Clauren erzählte: »Das Theater war — wohl mit aus Neugier, wie dies kühne Unternehmen der kleinen Frankfurterin ausfallen werde, überfüllt. Keine Hand rührte sich, als nach dem Aufrollen des Vorhanges das reizlose Suschen am Klöppeltisch sichtbar wurde. Mir klopfte hörbar das Herz, und ich bedauerte, der Lindner diese Rolle nicht abgerathen zu haben. Ich konnte bemerken, wie viele Zuschauer lächelten, die Köpfe schüttelten, als wollten sie sagen: das war vorauszusehen, — ein unbegreiflicher Mißgriff von einer sonst so denken¬ den Künstlerin! Die erste Unterredung mit der Tante wurde gleich¬ gültig aufgenommen, — doch nach und nach regte sich die Theilnahme, — und am Schluß des Aktes ertönte Beifall. Nach der Beschreibung des Traumes im dritten Akt aber jubelte bereits das ganze Haus vor Entzücken, und nach dem vierten Akt gestanden selbst die glühendsten Verehrer des schönen Suschens, daß diesem unschönen, herzig gemüthlichen, heiter-seelenvollen — der Preis gebühre. — Die hellen Thränen liefen mir über die Wangen, als die tief gedemüthigte Spitzenklöpplerin so traurig und ergeben sich zur Arbeit setzte, und klagte: »mein Mütterchen im Grabe, Du hörst das Weinen Deines Kindes nicht!« Nur einer Nüance will ich erwähnen, welche das Publikum elektrisirte. Wenn die Tante die von Suschen im Spitzenkarton eingeschmuggelte seidene Schürze bemerkt, und sie hervor¬ ziehend frägt: »Wie kommt denn die Schürze in den Karton?« — waren wir gewohnt, die Neumann keck antworten zu hören, indem sie die Tante dabei durchaus nicht schüchtern anblickte: »Wie kann man so vergeßlich sein! Du hast sie ja selbst hineingelegt!« Lindner-Suschen löste verlegen den am Arm hängenden runden Strohhut, setzte ihn auf, und den Schirm ein wenig in's Gesicht drückend — belog sie zum ersten Mal ihre Wohlthäterin leise — zitternd und vermochte nicht, der Tante dabei in's Auge zu sehen! — und so folgten unzählige Ge¬ müths- und Charakterblitze. . . Erinnerungen ꝛc. 4 Auch in höheren dramatischen Aufgaben leistete die Lindner Großes! Sogar als stummer Viktorin in »Waise und Mörder« wußte sie durch ihre Mimik zu bezaubern. Sie gab keinen sentimentalen Jüngling, kostümirt wie der Page in Figaro's Hochzeit, den Tituskopf zierlich frisirt. Im dunklen Anzuge, der sie schlank erscheinen ließ, die Künstlerlocken zurückgestrichen, trat dieser Viktorin festen Schrittes auf, die Augen, wie im Fieber glühend, suchten überall nach dem Mörder seines Vaters. . . Man sah einen jugendlichen, energischen Künstler, der mit seinem Meißel schon das Andenken des theuren Vaters verewigte. Und als sie Raimbauts endlich erkannte, standirte sie nicht, wie viele Gefeierte, nachdrücklich: »Dies ist der Mörder meines Vaters!« — nein, nach neunjährigem Verstummen rang sich ein Herz und Mark erschütternder Schrei: »Mörder — Vater!« — gewaltsam — krampfhaft aus der gequälten Brust . . . und Victorin brach zusammen. . .« Das Urtheil Clauren's war vielbedeutend, denn auch er zählte zur begeisterten »alten Garde« Amalie Neumann's. Clauren und sein Sohn wurden in Berlin nach Kotzebue's Lustspiel »die beiden Klingsberge« genannt, weil auch sie Beide dieselben Kreise besuchten. Clauren's schriftstellerische Produkte wurden oft bitter, unbarmherzig heruntergerissen, und sein jährlich erscheinender Taschen¬ kalender »Vergißmeinnicht« kam aus der Mode. Am schärfsten hat ihn Wilhelm Hauff in seinem »Mann im Monde« mitgenommen, welcher Roman bekanntlich im süßlichen Clauren'schen Styl und unter dem Namen »Clauren« erschien. Seit der Zeit hat Clauren einen gar bösen Ruf als Schriftsteller und Mensch — — aber ich habe ihn besser als sein Ruf kennen gelernt. Geheime¬ rath Heun war gastfrei, aufrichtig, treu seinen Freunden ergeben und der liebenswürdigste Gesellschafter. Sein Sohn, den er durch das Nervenfieber verlor, zeigte keine große geistige Befähigung, war aber bescheiden, gutmüthig und allgemein beliebt. Clauren heirathete nach dem Tode des einzigen Sohnes ein junges, schönes, braves Bürger¬ mädchen, und der Greis erlebte noch die Freude, ein Töchterchen auf seinen Armen wiegen zu können, das »Suschen« getauft wurde und zu einem holden Mädchen heranwuchs. Die Probe vom »Turnier zu Kronstein« benahm mir vollends alle Lust, bei der Königstädter Bühne zu bleiben. Je länger ich dem tollen Treiben zusah, um so froher war ich, den Rath des Freiherrn von Auffenberg befolgt und mir im Kontrakt ausbedungen zu haben: nach sechs Monaten und vorhergegangener dreimonatlicher Kündigung mein Engagement lösen zu können. Auch stand es mir frei, nach Karlsruhe in's frühere Engagement zurückzukehren. Das ganze bunte, ordnungslose Treiben bei der neuen Königstädter Bühne erinnerte an Wilhelm Meister's Truppe, nur fehlte der — Meister! Zuletzt wurden auch 4 * die ernsten Künstler vom übermüthigen Zuversichts-Strudel mit fortgerissen — und à la grace de Dieu steuerten wir dem 4. August, dem Eröffnungstag, entgegen. Wenn man von der unfertigen Bühne in den Zu¬ schauerraum blickte, mußte man kopfschüttelnd fragen: Am 4. August soll dort Publikum sitzen? Die Sitze knarrten, die Oelfarbe klebte, Schutt, Steine, Holz bildeten ein Chaos, — und auf der Bühne war es lebensgefährlich! Als der »Wunderschrank« mit Beleuch¬ tung probirt wurde, fielen zwei mächtige eiserne Rollen vom Theaterhimmel schmetternd zwischen uns nieder. Aber je näher der Eröffnungstag heranrückte, desto bemerkbarer wurde ein erfreulicher Umschwung zum Bessern bei der Leitung und den Schauspielern. Das übermüthige Lachen und Renommiren verstummte. Mit Ernst und Eifer wurde studirt und probirt, bescheiden um Rath gefragt, und jede Eifersucht schien verschwunden. Herzlich reichten sich Alle die Hand zur gegenseitigen Unterstützung. Jeder fühlte, daß der erste Eindruck für das junge Institut entscheidend sein würde. Und als endlich an den Straßenecken zu lesen stand: Heute, den 4. August 1824: Eröffnung des Königstädter Theaters. Prolog. Der beste Freund. Lustspiel. Die Ochsenmenuette. Operette. — da standen wir gerüstet zum Kampf da — zitternd vor Auf¬ regung, aber doch in hoffnungsfroher, erhöhter Stimmung. Mir war die schwerste Aufgabe zugefallen, — selbst für erfahrene Künstler eine schwierige: den Prolog zu sprechen. Mir liegt ein alter, vergilbter Brief an meinen Bruder Louis vor. Diese verblaßten Schriftzüge werden jenen Tag am frischesten schildern: »Seit zwei Uhr wogte bereits die Menschenmasse auf dem Ochsenmarkte und kaum vermochten wir Schauspieler uns durchzudrängen. Ich hatte zu Hause meine Toilette vollendet, fuhr im geschlossenen Wagen über den Platz, und die tausend neugierigen Augen vermehrten meine Angst. Mein Herz bebte stärker, als in Karlsruhe vor dem ersten entscheidenden Auftreten. Zum ersten Mal sollte ich vor dem kunstsinnigen, aber auch streng richten¬ den Publikum Berlins erscheinen, noch dazu in der undankbaren Aufgabe als Sprecherin eines Prologs . . . und in dem ganzen großen Berlin verschwanden die wenigen mir freundlich Gesinnten in der Masse. Auf der Bühne reichten wir uns stumm die Hand. Das Herz war uns zu voll, um reden zu können. Die elf Damen waren weiß, höchst elegant gekleidet, die vierzehn Herren im schwarzen Gesellschaftsanzuge. Die hohen Herrschaften waren bis auf den König bereits erschienen. Ein sehr hübsch erdachter, närrischer Vorprolog sollte das Publikum überraschen. Das Zeichen zum Beginn der Ouverture wurde ge¬ geben — der Kapellmeister erhob seinen Taktstock . . . aber kein Laut ertönte. Da schrie Louis Angeli, der lustige Vaudevilledichter, vom Olymp herab: »Herr Regisseur Nagel – na, wird's bald? es die höchste Zeit. . .« Nagel steckte sein verzweifeltes Gesicht neben dem Vorhange heraus: »Ach! Herr Angeli — ist das eine Noth! Niemand ist an seinem Platz — Musici — Ma¬ schinisten — sogar der Souffleur fehlen. . . Wer soll da Musik machen und den Vorhang aufziehen und — ohne Souffleur, wissen Sie, haben Schauspieler ja nun einmal kein Gedächtniß. . .« Der urkomische Schmelka tauchte aus dem Orchester auf und zankte: »Ist das eine tolle Wirthschaft in dem neuen Komödienhaus — vorwärts — marsch. . .« Das Publikum, das Anfangs gar nicht recht wußte, was es aus der Geschichte machen sollte, ging bald lustig auf den Scherz ein, lachte, applaudirte . . . bis die drei verzweifelten Regisseure plötzlich riefen: »Der König — der König tritt in die Loge!« und der Vorhang sich glatt erhob. . . In schönster Ordnung stand im Halbkreis das Personal. Ich mußte vortreten, verbeugte mich dreimal — und begann erst leise bebend — dann muthiger — und schloß mit Begeisterung: »Es lebe Friedrich Wilhelm der Gerechte!« Der Prolog sprach eigentlich meine Empfindungen aus, — und erleichterte die Aufgabe: Sie haben mich erwählt, das Wort des Grußes An Euch zu richten, aber schüchtern nur Vermag die Fremde vor Euch hinzutreten, Denn eine neue, unbekannte Welt Dringt rings mit ihren Strahlen auf sie ein. Da wird der Blick verwirrt, es klopft das Herz, Und blöde weiß die Lippe nur zu stammeln. Wie reizend hat sich Alles hier gestaltet, Den ganzen Bau erfüllt der Gäste Zahl, Und herrlich prangt das kunstgeschmückte Haus. . . Beifolgende Rezensionen werden Dir zeigen, daß mein banges Herzklopfen und alle Angst reichlich belohnt wurden. Da kaunst Du gedruckt sehen, daß ich eine schöne Gestalt habe, und ein seelenvolles Gesicht. Was meinst Du? hat die Großnase und die kleine Komödiantin aus Bruchsal sich nicht hübsch herausgemustert? Die Mutter hat sich von der Gemüthsbewegung noch nicht erholt, und überläßt das Erzählen Deiner Lina, — mit ihrem dritten Titel auch Plaudertasche genannt. Wir vermochten wie in Karlsruhe nichts zu essen; Kaffee mußte den Nerven aufhelfen. Als ich um zwei Uhr unter unserm Fenster die Menschenmasse gleich dem Wogen des Meeres sich über den weiten Theaterplatz bewegen sah — schwanden mir beinahe die Sinne, die Hände zitterten beim Frisiren, und die Mutter sah mit Entsetzen, wie ich mich gar nicht zu fassen vermochte. Wir hatten das Glückskleid gewählt, — in dem ich dem bewußten Museumsball beiwohnte, und zum ersten Mal in der gesprengten adeligen Francaise tanzte. Du erinnerst Dich doch: rosa gaze iris mit Silberstreifen und Blumen — echte Pariser — rosa Hyazinthen mit weißen Rosen. Perlen als Schmuck, aber unechte. Ich sah wirklich hübsch aus, und der Fächer war meine Rettung für die unbeschäftigten Hände, da Gesten bei Prologen nur spärlich angebracht werden dürfen. Die vorgeschriebenen drei Verbeugungen sollen gut ausgefallen sein, und — gegen den Schluß des Prologs war die Angst überwunden. — Drei Abende wurde die gleiche Vorstellung sammt Prolog gegeben, und stets lohnte mir donnernder Applaus. »Der beste Freund« schien sehr anzusprechen, der Komiker Schmelka zeigte in der Hauptrolle sein glänzendes Talent. Die Ochsenmenuette machte Furore! — Du hättest aber auch den prächtigen Spitzeder als Ungar sprechen und singen hören sollen. Ich konnte mich nicht enthalten, am Schluß ihm scherzend zu sagen: »Nun, sind Sie jetzt überzeugt, daß ihr Schiffle glücklich landen wird? — es fehlen nur zur Erquickung die Rahmstrudel!« Da lachte er so lieb und entgegnete: »Ich freue mich hauptsächlich wegen meinem Weiberl, nun wird sie schon heiter werden!« Sämmtliche Mitglieder waren vergnügt über den Erfolg, die Aktionäre strahlten förmlich in stolzer Ge¬ nugthuung — als ob sie die Lorbern gepflückt hätten. Der König soll sich gegen Kunowsky sehr gnädig geäußert haben — und wir Alle haben nur eine Bekümmerniß: daß — Kunowsky vor Seligkeit überschnappt! Es gefällt uns täglich mehr in der schönen Residenz, bei den gastfreien, zuvorkommenden Berlinern — und ich werde recht verwöhnt. . .« IV . Heiße Bretter. D ie Freude über den Erfolg meines ersten Auftretens in Berlin sollte von kurzer Dauer sein. Während dreier Wochen wurden nur Stücke gegeben, in denen ich Neben¬ rollen zu spielen hatte. Wenn ich den Regisseuren vor¬ stellte, wie wenig sie die Bedingungen meines Kontraktes erfüllten, — hieß es: »Nur Geduld; gehen Sie als Jüngste mit gutem Beispiel voran, bereitwillig zum Wohl des Ganzen mitzuwirken. Der Wunderschrank und Ihre Glanzrolle darin werden Wunder wirken!« — Kunowsky schien verlegen jede Erörterung vermeiden zu wollen, — es war eine recht unerquickliche Epoche, und ich wollte schon kündigen. Da stand eines Morgens in der Spener'schen Zeitung: »Die erste Stelle unter dem weiblichen Personal des Königstädter Theaters gebührt unbedingt Fräulein Bauer. — Wir sahen sie leider nur wenig . . .« und eine sehr schmeichelhafte Kritik über meine Leistungen folgte. Mit der Rezension bewaffnet kam ich zur Probe, und bat die Herren Regisseure, das Urtheil zu lesen! — sie stellten sich an, als hätten sie es vorausgesehen. Der Wunderschrank gab meiner Stellung eine andere Wendung! — Beifall, volle Häuser, neue Rollen ent¬ schädigten mich für die erste trübe Zeit. Das Melo¬ drama »Die Waise aus Genf« erregte Furore, man überschätzte meine Leistung als Therese. Dann gefiel sehr »Die diebische Elster«, »Der Schwabe in Berlin«, — die Aktionäre überboten sich in Lobeserhebungen und Ku¬ nowsky vergoß reichliche Freuden- und Rührungsthränen. Voll Eifer und mit Herzenslust spielte ich wohl vier- bis fünfmal wöchentlich. Der neue Wirkungskreis wurde mir lieb und nur kleine Wolken verdüsterten vorübergehend meinen Bühnenhimmel. Eine solche Wolke war Saphir's erstes öffentliches Auftreten in Berlin als — Kritiker. Der bekannte geistreiche und witzige — aber ebenso gesinnungs- als charakterlose Schriftsteller erzählt später¬ hin, bei Gelegenheit meines Gastspiels in Wien im Mai 1839, in seinem »Humoristen« diese kleine, aber sehr lehrreiche Geschichte. Man ersieht daraus, in welcher leichtfertigen Weise oft Kritiken geschrieben wurden und werden . . . ohne daß die Herren Kritiker daran zu denken scheinen, wie tief ihre scharfen, giftigen Federn ein armes Menschenherz verwunden. . . . Saphir schreibt in seinem Humoristen vom 22. Mai 1839: Als ich zum ersten Male nach Berlin kam, war das »Theater« mehr als je das einzige Magen- und Kräutersäckchen der ganzen Berliner Konversationswelt. Weder Cholera oder Politik, weder Frauen- noch Tabak¬ rauchen-Emanzipation, weder junges Deutschland noch alter Mystizismus hatte die geselligen Elemente ange¬ fressen und zersetzt; es war Alles ein einziges Athemholen in dem unbegrenzten Element: Theater! Nie, nirgend und auf keine Weise war je die Theaterwuth so aus¬ schließlich das Lebensprinzip, die Daseinsbedingung, der Brustkern der Existenz und der Pulsschlag aller Gesellig¬ keit, als dazumal in Berlin! Hegel, Neander und Ancelot verklangen in dem Namen Sonntag; Literatur, Kunst und Wissenschaft zerstoben in den Namen Stich, Devrient, und Gewerb-, Industrie- und Erfindungsgeist flüchteten vor dem Namen: Olle. Karoline Bauer. Diese Letztere betrat dazumal gerade die theatralische Laufbahn auf dem Königstädter Theater und bildete neben der gefeierten Sonntag den zweiten Stern der Dilettanti, der feurigen und der sogenannten, dazumal weitverzweigten und in Norddeutschland lange geneckten Theater-Alte-Garde. Von den Zelten Charlottenburgs bis zu Stralows Krebsen¬ fluren, von den Rüben Teltows bis zum Königsberger Klops zog sich nur ein Schall durch die ganze Mensch¬ heit: Theater! Theater! Theater! Um diese Zeit des allgemeinen Theaterkultus kam ich nach Berlin, und hatte gleich die große Wahrheit inne: Rede vom Theater, schreibe vom Theater, gleich¬ viel ob dumm oder klug, wenn du gehört sein willst. Ich war dazumal noch fremd und fast ungekannt in Berlin, ein Neuling in dieser großen Theaterepidemie, kein Blatt stand mir zum Rezensiren offen, und doch war es nur eine »Theaterkritik«, die mir den Weg zur öffent¬ lichen Beachtung bahnen konnte. Ich besuchte also das königliche und das König¬ städter Theater und schrieb eine Kritik über Madame Stich (jetzt Crelinger) und Dlle. Bauer. Diese Kritik trug ich in das Bureau der »Spenerschen Zeitung« und fragte, ob sie aufgenommen werden könnte. Der Mann, der da saß, nahm mir die Kritik ab und zählte die Zeilen. Ich stand ganz verwundert da, denn ich glaubte, er zählte an den Zeilen den Werth des Inhalts ab. Allein bald wurde ich eines Anderen, wenn auch keines Besseren belehrt. Der Mann wendete sich pfleg¬ matisch zu mir: »Acht Thaler und fünfzehn Silber¬ groschen!« Ich glaubte nun, ich bekäme diese Summe als Hono¬ rar; allein ich sollte sie als Insertionsgebühren bezahlen! Furchtbarer Moment! Nie werde ich dich vergessen! Acht Thaler überstiegen die Hälfte meines dazumaligen Ver¬ mögens mitsammt »meinen Gütern in der Provence!« Und dennoch hing an dieser Kritik das Wohl Deutsch¬ lands, wie ich wähnte. Ich lächelte und bezahlte! — Was ich dabei empfun¬ den, mehr beim Bezahlen, als beim Lächeln, das, lieber Leser, bist Du nicht fähig, mit zu empfinden, wenn Du nicht in der Lage warst, ausschließlicher Besitzer von dreizehn Thalern zu sein und acht davon für einen Kritik¬ druck auszugeben. Die Kritik erschien in der »Spener'schen Zeitung«, in der sogenannten Löschpapiernen, mit der blassesten Tinte auf dem schwärzesten Papier, und gleich hinter ihr stand, wie das bei allen Kunst- und Literaturkritiken jener Zeiten der Fall war, die Ankündigung, daß bei Wisotzky guter Entenbraten und dabei Erpelgreifen statt¬ finden werde. Ich las diese Kritik mit großem Ver¬ gnügen, nicht ohne dennoch im Geiste zu berechnen, wie viel ich von der untenstehenden Ankündigung hätte ge¬ nießen können, wenn ich die obenstehende Kritik nicht verfaßt hätte! Als die Kritik erschien, war es in Berlin, als ob ein Erdbeben gewesen wäre; Alles war in Bewegung. Der Leser wird und kann es nicht glauben, und nur wer die damalige, an Frenesie grenzende Theatersucht der Berliner kannte, wird es nicht übertrieben finden. Ich ging zu Stehely, um zu hören, was darüber gesprochen würde, fand Alles in Gährung, und ein Referendar sagte zu seinem Nachbar: »Det muß ein janzer Racker sind!« worauf jener lächelte und sprach: »Nicht nur sind, sondern auch seind!« Wer die Blume des Berliner Referendaren-Witzes kennt, der weiß, daß obige Phrasen so viel heißen, als: das muß ein verdammter, gesalzener, gewaschener, geriebener, dickhinterdenohrenhabender, hutantreibender, nierenguckender, hautundseelbeizender Gottseibeiuns sein! Ich hatte nämlich in dieser Kritik mein auf zwei Seiten aufzumachendes Talent entwickelt: die zerrinnende, himmelbläuliche, duftschwüle und blumengestickte Kunst des Lobens, und auch die wortspielvolle, witzüberladene, antithesengespickte, abspringende, bunte und scheckige Kunst des Tadelns. Ich stellte den kritischen Jean qui rit und Jean qui pleure auf einmal aus, die Jakobsstimme mit den Esauhänden! Das Weitere gehört nicht hierher; es ist also Olle. Bauer, die mich so zu sagen zuerst in die nordisch-kritische Schule einführte.« Ich habe wohl kaum, nöthig, hinzuzufügen: daß Saphir die »zweite Seite« seines »aufzumachenden Ta¬ lentes« an mir »entwickelt« hatte. In Wien machte er für mich auch »die erste Seite« auf. Da hieß es plötzlich: Karoline Müller Später beim Burgtheater in Wien viele Jahre hindurch sehr gern gesehen im Fach der Koketten und scharf gezeichneten Lustspiel-Rollen. ist ange¬ kommen . . . der Liebling der Grazer, die hochberühmte Künstlerin will am Königstädter Theater als Franziska in »Minna von Barnhelm« debütiren. . . . Mir recht, — dachte ich, — chacun à son tour ! Sie ist älter, geschickter, spielt schon viele Jahre. . . . Ich bin nur froh, daß mir die langweilige Minna nicht zugetheilt wurde. — Als ich mit diesen philo¬ sophischen Ansichten mich so recht beruhigt hatte, ließen sich melden: — Kunowsky, Biedenfeld, Angeli und Bankier Fränkel. — Ganz erstaunt frug ich: wie ich zur Ehre des Besuches der gesammten Direktion käme? . . . Endlich kam die verlegene Bitte ziemlich kleinlaut zum Vorschein: Ich möchte die Minna in drei Tagen ein¬ studiren, denn in fünf Tagen sei das Lustspiel der königlichen Bühne verfallen . . . es müßte daher am vierten Abende aufgeführt werden . . . die Franziska sei der Triumph der Müller. . . . Sprachlos starrte ich die naiven, unbegreiflich auf¬ richtigen Herren an. . . . Erst nach langer Pause konnte ich erwidern: »Und da muthen Sie mir zu, meine Herren, ich soll mich blamiren — um der neu Ange¬ kommenen zum Siege zu verhelfen?! — ich soll die Minna in drei Tagen auswendig lernen — wie viel Bogen hat die Plaudertasche zu sprechen?« »Einundzwanzig!« sagte Angeli sehr leise. »Dann ist es ja von vornherein unmöglich!« rief ich entsetzt, — »kaum die Worte vermöchte ich in's Ge¬ dächtniß zu drängen — aber den Geist der Rolle — die schwere Darstellung . . . nein! nein! ich kann Ihre Bitte nicht erfüllen — acht Tage wenigstens ist gesetzlich. . . .« »Dann ist das Stück verfallen!« schrie Kunowsky verzweiflungsvoll. »Ein immenser Schaden für unser junges Institut — die Tragweite gar nicht zu be¬ rechnen. . . . Werthes Fräulein — bitte! — willigen Sie ein!« — so drang es nun wahrhaft Schwindel er¬ regend von allen Seiten auf mich ein. Biedenfeld, als ich in meiner Verwirrung nichts mehr erwiderte, legte die Rolle auf den Tisch . . . und fort waren die Herren. Ein Brief aus jenen Tagen an meinen Bruder berichtet das Resultat meiner Opfer¬ bereitwilligkeit am treusten: . . . . Ich muß Dir mittheilen, daß ich bald von der neuen Bühne scheiden und Engagement bei dem könig¬ lichen Theater nehmen werde. Denke nur: in drei Tagen habe ich Minna von Barnhelm auswendig gelernt, um mich gefällig zu erweisen. Wie habe ich studirt! Ich mußte die Nächte zu Hülfe nehmen, denn eine solche Plaudertasche par excellence war mir noch nicht vor¬ gekommen. Die Worte hatte ich endlich inne, aber von Einsicht, von Auffassung war keine Rede, — ich sprach tollkühn d'rauf los — und wurde gleich der Franziska am Schluß gerufen; auch ist mir so oft wie der Müller applaudirt. — Während der Probe gefiel sie mir un¬ gemein. Sie spielte gewandt, pikant, bewegte sich gar zierlich, und die Aussprache i statt ü — der wenig klang¬ volle Ton der Stimme störte als Franziska nicht. Karo¬ line Müller scheint hoch in den Zwanzigen zu sein, ist mehr hübsch als schön, hat braune, beim Lampenlicht funkelnde Augen, schelmisches, anziehendes Lächeln, und verdient Künstlerin genannt zu werden. Du siehst: ich bin gerecht, — obgleich die Müller sich sehr spröde ge¬ gen mich benommen, und nach dem Schluß der Vor¬ stellung sogar unartig — feindlich. Als wir im Garderobezimmer die Schminke ab¬ wischten und uns einhüllten, um über den Platz nach Hause zu gehen, kam noch Kunowsky, um uns Beiden seinen Dank zu Füßen zu legen. . . . Fräulein Müller — zog ihn in die Ecke und flüsterte, heftig gestikulirend — ich konnte hören: »Ja, ja, Cabale war angezettelt worden — mein Name wurde am wenigsten gerufen!« . . . Er suchte sie zu beruhigen — aber vergebens! Ohne mir gute Nacht zu wünschen stürzte sie fort. Ich aber rief außer mir, Kunowsky festhaltend: »Ist das mein Dank? Ich opferte mich, der Direktion und Fräulein Müller zu Gefallen, und nun muß ich von Kabale hören — und ein unartiges Benehmen dulden. . . . Nein! Herr Justiz¬ rath, ich verlasse dieses Institut nach sechs Monaten, theilen Sie dies den Actionären mit!« — ein Thränen¬ strom folgte und weinend verließ ich das Zimmer, Ku¬ nowsky wie erstarrt stehen lassend. »Das sind heiße Bretter!« — klagte ich der betrübten Mutter — »o, wären wir doch in unserem schönen friedlichen Karlsruhe geblieben! . . .« Den folgenden Vormittag trat wie ein Friedensbote ein stattlicher Herr in's Zimmer — der Geheimerath v. Gräfe. Mit größtem Interesse betrachtete ich »den ersten Augenarzt und Chirurgen seiner Zeit!« Und wie ver¬ Erinnerungen ꝛc. 5 ehrte ich bald den feingebildeten, höflichen Mann! — Noch in den besten Jahren, mit intelligenten Zügen, klugen, freundlich blickenden Augen, die Haare von der freien Stirn zurückgestrichen, sprach er so bezaubernd an¬ genehm, mit herzlicher Anerkennung von meinen Bühnen¬ leistungen . . . und fragte dann im Namen seines Freundes, des Intendanten der königlichen Schauspiele, Grafen Brühl vertraulich an: ob ich geneigt sei, zur königlichen Bühne überzusiedeln. . . . Ich sagte mit Freuden: ja! — und wie glücklich ich sein würde, mit einem Ludwig Devrient, Wolff und so vielen andern edlen Künstlern spielen und von ihnen lernen zu dürfen. . . . Wir mußten dem liebenswürdigen Manne versprechen, zum Diner zu kommen, seine Frau hätte schon längst gewünscht, uns kennen zu lernen. Die Wohnung des Geheimerath Gräfe solltest Du sehen! Da fühlt man sich erhoben durch die edelsten Kunstwerke. — Die weiten, hohen Zimmer bilden eine herrliche Gemäldegalerie — von oben bis unten ist kein Plätzchen frei. — Seine Gattin, sehr zart und vornehm aussehend, empfing uns äußerst liebreich, ein holdes Töchterchen und ein bildschöner Knabe Der später so berühmte, kürzlich verstorbene Augenarzt Albrecht v. Gräfe. — Wer uns damals vorhergesagt hätte, daß unser berühm¬ ter, glückstrahlender und lebensfroher Wirth schon nach 16 Jahren ein so furchtbares Ende nehmen würde! Gräfe war 1840 nach Han¬ nover berufen, den erblindeten Kronprinzen (den jetzigen Ex-König) zeigten sich so wohlerzogen und kindlich — und nach und nach füllten sich die Räume mit den interessantesten Persönlichkeiten Berlins. Ein aristokratischer Ton herrschte vor, aber ohne Steifheit. Gräfe wurde von hülfesuchenden Kranken oft vom Tisch abgerufen — und stets ging er bereitwillig, ohne das geringste Mißvergnügen zu zeigen. So soll er auch die Kranken seines Klinikums äußerst sanft behandeln. Mein Tischnachbar war Herr v. Bredow, alter Freund des Hauses und glühender Patriot. Er erzählte mir charmante Anecdoten vom Könige. So auch diese: »Finden Sie folgenden Zug seines Charakters nicht rührend — edel? Ein höherer Offizier, wegen politischer Vergehen zur Festungsstrafe verurtheilt, wendete sich an des Königs Gnade — um Hülfe für seine Familie zu erflehen. Die Räthe des Königs nannten das Gesuch unverschämt. Der König aber sagte nach einer Pause: »Der Mann ist aber so unglücklich und um so beklagens¬ werther, weil durch eigene Schuld. Seiner Familie — muß geholfen werden!« und reichliche Unterstützung wurde ihr zu Theil.« Einen sehr genußreichen Abend — nach der Minna- Alteration — verlebten wir bei Zelter, dem Freund Goethe's, dem Direktor der Singakademie. Ich lernte diesen herrlichen Greis bei seiner Tochter, der Doktorin Rintel, kennen, und war nicht wenig stolz auf den Ehren¬ platz an seiner Seite. Er liebt es sehr, des Sonntags zu operiren. . . . Die Operation glückte nicht . . . und Gräfe glaubte dies nicht ertragen zu können. In finsterer Melancholie warf er sein Leben fort. Nur als Leiche kehrte er von Hannover zurück. 5 * im engen Familienkreise bei der Doktorin zu speisen. Er haßt allen Prunk und flieht elegante Visitenzimmer, sowie große Gesellschaften. Einstens hatte die Tochter ihn zur Einweihung eines Ballsaales herbeizulocken gewußt. Lange grollte Zelter aber, daß sie mit dem alten Vater para¬ diren wollte. — Als ich den großen, ernsten Mann zum ersten Mal sah, verstummte ich verschüchtert; seine blauen, ausdrucksvollen Augen schienen bis in den Kern meines Herzens dringen zu wollen — doch bald blickten sie freund¬ lich mild — er vermochte wohl in den meinen keine Ab¬ gründe zu entdecken. Er sprach zu mir in väterlichem Ton und munterte mich auf, unverzagt meine Ansichten zum Besten zu geben. Wie herzlich lachte er über drollige Einfälle! »Ich liebe fröhliche Jugend!« sagte er, — »nur frisch in's Leben geschaut, übermüthige Blondine. . . es wird leider schon anders kommen!« — Zelter erinnert an Aloys Schreiber und Hebel, das gleiche biedere Wesen, das kluge Sprechen, die edlen Züge . . . nur, ich möchte sagen, umfließt ihn noch der Reiz als Komponist und Freund Goethe's, der sein Abgott ist. Wie oft faßte ich seine weiche Hand und küßte sie — rasch — ehe er es ver¬ hindern konnte; — und so wurde mir denn die seltene Ehre zu Theil, von ihm eingeladen zu werden. Er empfängt selten Gäste und lebt sehr zurückgezogen, sorg¬ lichst gepflegt von seiner jüngeren Tochter Dorothea, welche jeden Heirathsantrag zurückgewiesen, um sich dem Vater widmen zu können; ein sanftes, liebenswürdiges Mädchen. Als wir in's Vorzimmer getreten — ich zitternd vor freudiger Erwartung, denn Zelter hatte verkündet, Louis Berger, der liebenswürdige Komponist und beliebteste Klavierlehrer Berlins und Mendelssohn, sein bester Schüler, Sängerinnen mit süßem Sopran und herrlicher Altstimme würden zugegen sein — kam uns Dorothea entgegen und flüsterte: »Nur ganz leise — bis die Dis¬ kussion beendet ist, die Herren sprechen eifrigst über die Urtheilsfähigkeit des Berliner Publikums, — hören Sie?« — — — Da vernahmen wir eine jugendliche helle Stimme: »Wie grausam sind Ihre bewunderten Musikkenner mit meinem ersten Versuch — mit meiner Operette verfahren!« — und eine tiefere, gemüthvolle Stimme fügte hinzu: »Ich mußte während vierzehn Tagen das Bett hüten, so hatte mich die Gemüths¬ bewegung ergriffen — das Mitgefühl für meinen jungen Freund!« . . . Das war der gute, herrliche Ludwig Berger. Zelter erwiderte in seiner voll und kräftig klingenden Redeweise: »Hat nicht der beste Mensch seine Launen, — darf ein Publikum nie irren? Und dennoch sind meine Berliner wahre Kunstverehrer; Felix Mendels¬ sohn-Bartholdy wird bald den entmuthigenden Eindruck verschmerzt haben und glänzende Anerkennung erringen. . .« Wir folgten Dorothea in den Saal — und nun folgten seltene Genüsse für Geist und Ohr. . . . Berger und Mendelssohn spielten vierhändig — dann Mendelssohn Solo — Zelter schlug mächtige Akkorde an — ergreifende Choräle, und begleitete dann der seelenvollen Altstimme eines jungen, schönen, bleichen Mädchens seine herrlichen Goethelieder: »Rastlose Liebe« und »Der König in Thule.« . . . Zelter flüsterte ihr vor dem letzteren Liede zu: »Bitte, sanft und frei — als säßen Sie am Meeres¬ ufer ganz in Gedanken versunken.« Und wie durchschauerte mich das wundersame Lied — besonders die letzten Takte . . . traurig verhallend — wie in's Meer versinkend. . . . Die andere Schülerin mit der Sopranstimme trug »Rose, die Müllerin« von Berger vor, dann sein »Veilchen«, — ein wehmüthig klagendes Lied, welches er nach dem Tode seiner Frau komponirt hatte: »Von blauen Veilchen war der Kranz, Der Hannchen's Locken schmückte, Als ich zum ersten Mal beim Tanz Sie schüchtern an mich drückte. . . .« Zwölf Jahre hatte Berger in St. Petersburg, von Field protegirt, sich übermenschlich angestrengt, um sein Hannchen, die geliebte Braut, heimführen zu können, und nach einem Jahre glücklichster Ehe — starb sie sammt dem Kinde. — Da verließ Berger Petersburg und zog nach Berlin. Er ist allgemein geachtet, von seinen Schülern innigst verehrt, nicht nur als ausgezeichneter Klavierlehrer, sondern als fein gebildeter, geistreicher Mann. Seine Physiognomie trägt noch die Spuren tiefen Grames, auch sieht er kränklich aus; aber man empfindet Sympathie für den so schwer Geprüften. Sein Benehmen ist gewinnend und sein Aeußeres wie das eines vierzigjährigen deutschen Gelehrten, der aber die Toilette — nicht vernachlässigt. Mendelssohn ist der anmuthigste Jüngling, den man sich denken kann. Kaum achtzehn Jahre alt, das dunkle Haar gescheitelt, die sanften, braunen Augen, der liebliche Mund, schönes Profil . . . könnte er als Benjamin einen, Maler zum Modell dienen. Ja, wie ein echter Benjamin, »ein Sohn des Alters«, — ein »Sohn der rechten Hand«, (ich hoffe, Du bewunderst meine hebräische Gelehrsamkeit!) erschien mir Mendelssohn, wenn er so liebevoll, so kindlich Zelter und Berger ansah, so zutraulich sprach. Lächle nicht über diesen Vergleich, Louis — Du weißt, wenn ich Jemand schildere, versuche ich es nach Bildern zu thun. So möchte ich Zelter mit Jakob ver¬ gleichen, denn patriarchalisch zeigt sich Zelter in seinem würdevollen und doch so einfach edlen Benehmen. Es war hohe Zeit, daß wir uns zum Souper nieder¬ ließen und als Sterbliche den guten Sachen zusprachen, — denn alles Gehörte, Empfundene, hatte uns in fieber¬ hafte Aufregung gebracht — wenigstens mich und Mendels¬ sohn. Seine Wangen glühten gleich den meinigen, und Zelter sagte scherzend: »Die Augen der lieben Jugend glänzen gleich dem Karfunkel!« — Es wurde viel ge¬ plaudert, auch gelacht; selbst Berger wurde heiter und verglich Zelter mit einem Dirigenten, der mit Wohlgefallen sein Orchester den Gaben Gottes zusprechen sieht. Kurz vor dem Gehen erbat ich mir Zelter's Rath: ob ich Engagement bei der Hofbühne annehmen solle? »Unbedingt!« entgegnete er rasch. »Was helfen momentane Erfolge, wenn Sie den Launen von un¬ künstlerisch denkenden Privatunternehmern unterworfen sind? Das Wohlwollen solcher Herren richtet sich nach vollen Häusern und Applaus und ist unzuverlässig. Nur im Kreise bewährter Künstler, unter den Augen eines für wahre Kunst glühenden Intendanten vermag ein junges Talent sich heranzubilden!« Ich bin also entschlossen, Graf Brühl's Bedingungen zu acceptiren. In vierzehn Tagen wird Alles entschieden sein. Den 15. Oktober spiele ich die Gräfin Elsbeth im »Turnier zu Kronstein« und erscheine im letzten Akte auf einem stattlichen Schimmel. Der gute Rosinante wird aber wohl nicht über die Lampen setzen, denn er ist lamm¬ fromm und wie alle Theaterschimmel — stockblind . . . 21. Oktober 1824. Louis, was habe ich erlebt — und was werden wir erleben! »Wenn ich den Verstand nicht verliere, habe ich auch keinen zu verlieren!« möchte ich fast mit der Gräfin Orsina sagen. Das Turnier ging nebst dem Festspiel am 15. Oktober, dem Geburtstage des Kronprinzen, glänzend von statten. Lies selber! Die Mutter hat die Rezensionen mit himmel¬ blauer Seide zusammengenäht und sah dabei wie ver¬ klärt aus. Zwei Tage darauf, als ich eben die Kündigung absenden wollte, kam Kunowsky zu uns, außer sich vor Erregung. Er hätte vernommen, ich sei abtrünnig ge¬ worden! Das sei undankbar, schändlich! Die Mutter erwiderte: »Meine Tochter hatte Sie ja bereits mündlich davon in Kenntniß gesetzt!« . . . »Das habe ich nicht für Ernst genommen!« entgegnete er. — »Weshalb nicht?« fiel ich ein. »Und in wie fern bin ich undankbar? Erst wurde ich von der Direktion zurückgedrängt, dann half mir das Publikum siegen. Jetzt versucht Karoline Müller auch wieder, mich zurück zu drängen — nein! Lassen Sie mich in Frieden ziehen, lieber die Dritte bei der königlichen Bühne, als hier die Erste sein . . Kunowsky stürzte fort, um mit den Aktionären Rücksprache zu nehmen, — und nach einigen Stunden langte ein Brief der Direktoren an, mit dem Anerbieten »doppelter Gage« und allen möglichen Versprechungen. Ich hatte bereits den Kontrakt von der königlichen Intendanz unterzeichnet — und wenn auch nicht, ich hätte mich nicht verlocken lassen. Nun folgten schreckliche Tage: alle Rollen wurden mir abgefordert, sogar die Elsbeth dem Fräulein Müller eingehändigt, und mir schriftlich erklärt: ich dürfe nicht mehr auftreten, die Gage würde bis zum Dezember fort¬ bezahlt . . . So glaubte man mich dem Publikum zu entfremden. Sollen wir prozessiren? Vor Schluß des Prozesses dürfte ich doch nicht spielen. Alles hätte ich verschmerzt, nur die Elsbeth that mir leid und — ich bekam ordent¬ lich Heimweh nach der Rolle und — — nach dem Schimmel! Du glaubst nicht, wie prächtig ich mich zu Pferde ausnahm, wie eine rechte Soldatentochter! Ich kam auch glücklich vom Schimmel wieder herab, ohne mich in die Schleppe zu verwickeln. — Denke nur: die Herren Aktionäre sollen an dem Tage, als Kunowsky sie von meinem Abgang in Kenntniß gesetzt hatte, gar nicht auf die Börse gegangen sein, — es ist, als ob jetzt ohne mich das Institut gar nicht bestehen könnte. Erst unterschätzt man mich, jetzt werde ich überschätzt. Und die vielen Gratulations-, Kondolenz- und Neugier¬ besuche! Die Mutter wird sicher noch krank und ich habe verweinte Augen. Plötzlich bin ich berühmt geworden, in so kurzer Zeit: vom 4. August bis 21. Oktober! — aber es freut mich nicht, — ich bin tief betrübt. Nun habe ich Muße bis zum 15. Dezember und kann mit Bethmann, der jetzt wieder hier ist und mich den ehemaligen Kollegen an der königlichen Bühne vor¬ stellen und empfehlen will, Besuche machen. Einladungen giebt's auch die Fülle und wir dürfen den Vorstellungen der königlichen Bühne beiwohnen; aber es ist eine traurige, unfreiwillige Muße . . . Ich hätte doch nie gedacht, daß die weltbedeutenden Bretter so rothglühend und furchtbar heiß werden könnten . . .« V . Eine heitere Kunstpause. D iese unfreiwillige Muße, diese plötzliche Verbannung von den heißen, aber immer doch noch heiß geliebten Brettern des Königstädter Theaters — diese Pause in meiner vergötterten Kunst bis zu ihrer neuen, schöneren Blüthe auf der königlichen Bühne sollte mir jedoch bald in einem rosigeren Lichte erscheinen — als in jener dunklen Stunde, wo mir von den racheschnaubenden Herren Aktionären meine Lieblingsrollen abgefordert wurden. . . . Dank der mir ewig unvergeßlichen liebens¬ würdigen Theilnahme und Güte der Berliner, die sich förmlich überboten, mich vergessen zu lassen, daß es in Berlin auch Dornen giebt. Vor mir liegt wieder ein alter, vergilbter Brief mit verblichenen Schriftzügen. . . . Ein junges, freudebebendes Herz hat sie einst — vor fast einem Menschenleben dik¬ tirt — eine warmpulsirende, rosige Mädchenhand hat sie niedergeschrieben. . . . Sie waren an das beste, treueste, warmfühlendste Bruderherz gerichtet. . . . Dies Herz, das die frischen, sprudelnden Schrift¬ züge einst mit Jubel gelesen, hat ausgeschlagen. . . . Eine alte Frau legt die vergilbten Briefblätter zu den trockenen — aber immer noch lieb duftenden Blumen¬ blättern ihrer Erinnerungen. . . . Berlin, den 10. Dezember 1824. Der Strudel des geselligen Lebens hat uns seit einigen Wochen erfaßt und unaufhaltsam mit fortgerissen! Dankbar, gerührt von den Beweisen des Wohlwollens, vermochten wir es nicht, die vielen herzlichen Einladungen zurückzuweisen. Bälle, Konzerte — in denen ich dekla¬ mirte — Diners, Soupers, Familienfeste, sogar ein Maskenball wechselten in bunter und schnellster Reihen¬ folge. . . . Und was steht noch in Aussicht bis Mitte Dezember, wo meine unfreiwilligen Ferien zu Ende sind! Wer hätte gedacht, lieber Louis, daß Eure kleine Komödiantin in dem kritisirenden, selbstbewußten, ge¬ lehrten Berlin Aufsehen erregen würde! Ungern von der grollenden Königstädter Direktion entlassen, — von der königlichen Intendanz mit Freuden engagirt — und — und was die Mutter am Meisten freut — im gesel¬ ligen Leben so ausgezeichnet und gesucht . . . darf man da mit 17 Jahren nicht ein wenig übermüthig glücklich sein? Ja, mon frère , ich bin seit dem »Turnier zu Kronstein« das enfant gâté der Berliner, — mein succès außerhalb der Bühne übertrifft womöglich den bretternen noch. Die gute Mutter wird nicht müde zu wiederholen: »Lina, diese Epoche wird wohl die glücklichste Deines Lebens bilden. Theile nur Louis Alles aus¬ führlich mit, damit Du in trüben Zeiten Dich einst an der Schilderung wieder erfreuen kannst!« Ich bitte mir daher aus, den Brief — Deiner unrühmlichen Gewohn¬ heit gemäß — nicht zu vernichten; — obwohl ich zu hoffen wage: erst nach vielen, vielen Jahren in der Lage zu sein, mich daran erquicken und aus diesen Zeilen Muth schöpfen zu müssen. Die Mutter hat Recht, ich bin förmlich berauscht von all' dem Erlebten, glücklich in der schönen, heiteren Gegenwart, und der Zukunft übermüthig fröhlich ent¬ gegensehend! Die ausgestandenen Alterationen sind weg¬ gewischt aus dem Gedächtniß — und mit Lust und Zuversicht gehe ich an meine neue Aufgabe bei der königlichen Bühne. Ein ganzer Pack allerliebster Rollen wurde mir schon abgeliefert: — Strudelköpfchen, aus dem Französischen, — Die Gouvernante, von Körner, — Wilhelmine, aus der Entführung, von Jünger, — Die Nachtwandlerin, Operette von Karl Blum, welche er für Madame Neumann komponirte, — und den Edwin in Raoul de Crequi. . . . Also, singen wird die kleine Komödiantin nun auch noch gar? Ja, Herzenslouis, ich bin so kühn! Karl Blum hat bereits meine Gesangs¬ fähigkeit geprüft, und folgenden Urtheilsspruch der hohen Intendanz vorgelegt: »Nicht starke, aber wohlklingende Altstimme. Richtiges Gehör. Musikalische Ausbildung. — Summa: für Operetten und nicht zu schwere Gesangs¬ partieen vollkommen genügend!« — Die berühmte Unzel¬ mann hatte in früheren Jahren den Edwin gesungen. Recht wehmüthig stimmte mich der Anblick der ver¬ gilbten Rolle; neben dem ausgestrichenen verblichenen Namen der auf immer Verstummten lacht mein junger, lebensfrischer Name von Graf Brühl's fester Hand geschrieben. Für mich ein mahnendes Memento mori! kein triumphirendes vive le Roi! Ich übernehme die geistige Erbschaft der großen Künstlerin mit ernster An¬ dacht — sie ist mir wie ein Gruß aus Jenseits: »Strebe beharrlich vorwärts, um der Ehre würdig zu sein, mich ersetzen zu dürfen; es ist schwer, Lorbern zu pflücken — auch ich mußte sie erkämpfen!« Und welche, — und wie viele jugend- und glück¬ strahlende Namen werden einst — vielleicht bald neben meinem verblaßten stehen?! Doch — laß Dich nicht irre machen durch die mo¬ mentane Sentimentalität Deiner Schwester — meine Mobilität wächst im Gegentheil riesig. Leicht ergriffen — noch schneller getröstet, erscheint mir mein Charakter für den erwählten Beruf ganz geeignet. Und nun, mein Bruder, zu meinen neuen Erleb¬ nissen! Freund Bethmann hätte zu keiner passenderen Zeit in Berlin wieder eintreffen können, als während meiner unfreiwilligen Ferien. Seine beruhigenden Ver¬ sicherungen trugen viel dazu bei, uns wieder heiter zu stimmen. Bethmann lobte meine Selbstüberwindung: der momentan glänzenden Stellung entsagt zu haben, um eine in den Augen der Welt unbedeutendere, aber förderndere einzunehmen. Er sagte: »Dieser Schritt — anscheinend rückwärts, wird Sie nicht gereuen, da Sie wahre Liebe und Achtung für Ihren Beruf empfinden!« Der erste Besuch unter Bethmann's Protektion wurde Madame Eunike abgestattet. Bethmann wollte die Runde mit mir bei seiner ältesten, bewährtesten Freundin be¬ ginnen. Madame Eunike spielt die komischen Alten mit Humor und liebenswürdiger Anmuth. In jüngeren Jahren war sie eine berühmte Gesangssoubrette. Die älteste Tochter Johanna ist eine sehr beliebte Sängerin, der Vater war einst ein herrlicher Tenorist. Seine erste von ihm geschiedene Gattin ist die berühmte Händel- Schütz, die Schöpferin der lebenden Bilder in Deutsch¬ land, die Meisterin in der Attitüde und Mimik — Mutter von sechzehn Kindern und soeben auch von ihrem vierten Manne geschieden. Ich fand eine wahrhaft liebenswürdige, glückliche Künstlerfamilie, das innige Liebesband von gegenseitiger Achtung geknüpft. Zwei reizende Mädchenknospen blühten neben der Schwester Johanna auf. Bald fühlte ich mich in diesem harmonischen Kreise wie zu Hause. Ich wurde gefragt: welche Vorstellung auf der königlichen Bühne und welcher Künstler mich am mächtigsten ergriffen habe? Ich war schnell fertig mit dem Wort: Ludwig Devrient! Begeistert fuhr ich fort: »Wie hat er mich als Mer¬ cutio entzückt, — als armer Poet gerührt, — in den Drillingen erheitert, — und als Raimbaut in Waise und Mörder, und in den Galeerensklaven — entsetzt! Aber wie sieht der unsterbliche Devrient denn außer der Bühne aus? — wird man denn nicht geblendet von den Strahlen seiner merkwürdigen Augen?« — Da lächelte Madame Eunike: »Sie sollen ihn nächsten Sonn¬ tag bei uns sehen — ja, prosaisches Mittagsbrod mit dem Unsterblichen essen! Er flieht zwar jede Geselligkeit, besonders wenn Damen die Mehrzahl bilden, nur zu uns kommt er gern. Aber — liebe Enthusiastin, ver¬ lieren Sie nicht Ihr Herz, denn das seinige ist felsenhart und nicht gestimmt, ein verlorenes Herz aufzuheben. Und sollte Ihrer Holdseligkeit es vorbehalten sein, dies Herz zu erweichen — so würde ich Sie beklagen. Ich schätze Devrient als unseren Freund und den größten Künstler unserer Tage, — aber zur Frau möchte ich ihm keine meiner Töchter geben!« — »Er will uns ja auch gar nicht!« fiel das junge Trio lachend ein. — »Um mich armes Ding wird ein Ludwig Devrient auch nicht minnen!« schloß ich mit Resignation. — »Sie sollen ihm gegenüber sitzen,« flüsterte mir der Vater zu, — »da können Sie den Weiberfeind so recht con amore be¬ trachten und — bestricken . . . aber ja unbemerkt, — denn wähnt er sich beobachtet, so wird er verlegen wie ein schüchternes Mädchen.« Drei Wochen vorher hatte ich als Minna von Barn¬ helm zu sagen: »Eine Freude erwarten ist auch eine Freude!« Wie fühlte ich die Wahrheit dieser Worte, — wie freute ich mich auf den Sonntag! Endlich, end¬ lich waren wir bei Eunikes, — endlich trat Ludwig Devrient in's Zimmer. Ernst und blaß, doch mit mil¬ den Zügen stand er vor mir und sagte in bezaubernd anmuthiger Weise freundliche Worte seinen Freunden, — dann mir, der jungen Kollegin, Wohlwollendes, Er¬ muthigendes! Devrient war schwarz gekleidet, fein, elegant, er sprach leise, einfach, — aber wie zur Unter¬ haltung gezwungen, — bis er später bei Tische lebhafter wurde. Sein schwarzes, voll gelocktes Haar, die mar¬ morweiße Stirn, die kühnen Augenbrauen mußten schon frappiren; aber die magnetisch anziehenden dunklen Augen, welche bald wie Lorenz Kindlein blickten, so gut, so fromm — bald aufblitzend von Geist und Leben, — fesselten mich unwiderstehlich. Der hübsch geformte Mund, den selbst beim Lächeln Wehmuth umzitterte, das eigen Traumartige, Zerstreute in seinem ganzen Wesen rührten mich tief. Ich fühlte die innigste Sympathie mit dem bescheidenen, sich so anspruchslos zeigenden Mann, der es gar nicht zu wissen scheint, daß er der größte Mime seines Jahrhunderts ist! Ich hätte ihm Angenehmes, Beglückendes sagen mögen — denn ich fühlte den edlen, neidlosen Charakter des seltenen Künstlers heraus — und die Gewißheit, bald mit Devrient spielen zu können, beseligte mich wahrhaft; die Chikanen der Aktionäre, — die Rolle der Gräfin Elsbeth — — ja selbst der geliebte blinde Theaterschimmel — Alles ist verschmerzt! Herr Kapellmeister Schneider und seine sanfte, ge¬ müthliche Gattin sind uns auch schon sehr lieb geworden. Es muß einem behaglich zu Muthe sein bei diesem bie¬ Erinnerungen ꝛc. 6 deren, wohlwollenden Paar. Ein liebliches Töchterlein umschwirrt anmuthig die Eltern und singt allerliebst. Der Sohn Die Tochter wurde eine beliebte Sängerin. Der Sohn Louis ist der frühere Hofschauspieler und Verfasser reizender Lustspiele, wie »Der Kurmärker und die Pikarde«, und der jetzige Geheime Hofrath und Vorleser des Kaisers Wilhelm I . befindet sich auf Reisen. Wie heimelte es uns an, wenn die Frau Kapellmeisterin mit überströ¬ mender Liebe von ihrem, Louis erzählte, von seinem eisernen Fleiß, seinem Streben, und wie er zu den größten Hoffnungen berechtige! Unsere Mutter sprach dann natürlich auch von ihrem herzlieben Louis, und so gestaltete schon der erste Besuch sich gemüthlich erquickend. Von besonderem Reiz für mich war mein Besuch bei der Wittwe des berühmten Heldenspielers Ferdinand Fleck, jenes leuchtenden Sterns am Theaterhimmel der Berliner Nationalbühne zur Glanzzeit Iffland's. Beide ruhen jetzt schon still und erloschen draußen auf dem grünen Friedhofe vor dem Halleschen Thore. Sophie Louise Fleck, früher eine glänzende Liebhaberin, ist seit 1808 mit dem Kammermusikus Schröckh verheirathet. Sie hat das mild weibliche Wesen unserer Mutter, eine flötenartig weiche und volltönende Stimme und das schönste und reichste Haar, das ich je gesehen. Ihre Schönheit war mir schon im »Käthchen von Heilbronn« aufgefallen, eine schönere Mutter Wetter's von Strahl kann man sich kaum denken — und doch ist sie bereits 48 Jahre alt. Auch jetzt bei Tage sah sie überaus anmuthig aus. Ihr von mir am meisten bewundertes Haar hat jenen bezaubernden röthlich goldenen Reflex, wie auf vielen alten Heiligenbildern der italienischen Maler. Es ist so üppig, daß sie es nur dicht geflochten tragen kann, gleich einem Diadem um den Kopf ge¬ wunden. Auf meine unverhohlene Bewunderung sagte sie: »Und doch ist mir die Haarfülle eine große Last und macht mir oft Kopfschmerzen, so daß ich die Flechten lösen muß!« Auf meine Bitte, sich mir doch einmal so zu zeigen, ließ sie, wie ein junges Mädchen erröthend, die Prachthaare niederwallen — der schönste Goldschleier, den ich je gesehen. Denke Dir dazu: feine Züge, aus¬ drucksvolle blaue Augen, lieblichen Mund, herrlichen Hals und Arme, schmale Kinderhändchen, Cendrillonfüße . . . und die deutsche Rinon de Lenclos steht vor Dir, — aber eine edle Rinon, mit allen häuslichen Tugenden geschmückt! Madame Schröckh spielt das ältere Fach, die Tante im Bräutigam aus Mexiko, auch dann und wann Lieb¬ lingsrollen, wie die »Eifersüchtige Frau«, von Alexander Wolff vortrefflich unterstützt. Der poetische Romeo, Fernando, der brillante Don Cäsar — hat sich hier plötzlich und wie durch Zauber in den — einfältigsten Pantoffelmann verwandelt. Die Szene des Revoltirens, wo er in komischer Verzweiflung ausruft: »Auch ich will einmal Austern essen!« — und dabei mit gleichen Füßen den kühnsten Luftsprung vollführt, erregte die unge¬ heuerste Heiterkeit, — aber ich, die ich doch sonst so 6 * gerne mitlache, verargte es fast dem Künstler: aus den idealen Schöpfungen herausgetreten zu sein, denn die Darstellung streifte an die Posse; — die Mutter fühlte gleich mir, rieth aber zu schweigen. — Eine alte Dame, Frau Krikeberg, welche die undankbarsten Rollen über¬ nehmen muß, habe ich auch liebgewonnen. Sie war mit Kotzebue befreundet, erzählt fesselnd aus vergan¬ genen Zeiten und wird von Rahel von Varnhagen sehr geschätzt. Als ich im Begriff war, im vierten Stock bei Frau Krikeberg anzuklopfen, trat mir Rahel entgegen, blieb aber noch während meines Besuches und forderte mich auf, sie durch die Straßen bis zu ihrer Wohnung zu begleiten. Sie sprach sehr lebhaft, in ihrer bezaubern¬ den Redeweise. Unter Anderem sagte sie: »Von der alten Krikeberg habe ich mir oft Rath geholt, von ihr kann man Lebensweisheit lernen!« »Sie — die geistreiche Rahel, bedürfen der Weis¬ heit Anderer?« fragte ich lächelnd. »Mehr als jedes andere Menschenkind!« sagte sie seufzend, — »ich bin oft unausstehlich trüb gestimmt! — Das wundert meinen lieben Narren, nicht? Ja, Sie Glückliche wissen noch nicht, wie Nerven quälen können. Frau Krikeberg ver¬ steht aus der dürftigsten Blume noch Honig zu schlürfen, ist beladen mit den schwersten Sorgen und doch stets heiter. Sie spart, entbehrt für Lieblingswünsche — und giebt resignirt das sauer Erworbene den um Hülfe bit¬ tenden Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln,— zufrieden, genug zu behalten, um ihre gefiederten Freunde nicht abschaffen zu müssen!« »Gefiederte Freunde?« fragte ich verwundert. »Ja, bemerkten Sie denn nicht die Menge Käfige mit Kanarienvögeln? Frau Krikeberg hört das lustige Geschmetter so gern und freut sich kindisch, wenn die reizenden Haushaltungen durch ausgebrütete Ankömm¬ linge vermehrt werden. Sie hat mir soeben versprochen, nächstens einen Kaffee zu geben mit Theater-Damen — vom Großmutterfach bis zu den Kinderrollen. Sie kommen auch, lieber Narr?« »Mit Freuden! ich helfe dann die Honneurs machen.« »Und ich spendire die Kuchen. Das wird hübsch werden. Ich verkehre gern mit dem Theatervölkchen. Es sind meistens gute Menschen; wenn auch der Dämon der Leidenschaften unter ihnen wohnt, so macht er sich doch nur blitzartig — vorübergehend bemerkbar. Das Bessere überwiegt bei weitem die Fehler — und ich wiederhole, ich liebe, ich verehre die Künstler, ihr Um¬ gang erfrischt mein Gemüth!« Während dieser Lobeserhebungen hatte ich meine liebe Noth: bald mußte ich das Tuch erhaschen, welches stets von Rahel's Schultern glitt, dem Hut unbemerkt einen Knuff geben, denn er war schief aufgesetzt — sie stützen, denn alle Augenblicke trat sie auf ihr zu langes Kleid. Sie umarmte mich herzlich und schien keine Ahnung zu haben von ihrer so ganz eigenen, wunder¬ lichen Toilette. Als ich Frau Brede frug, weshalb sie , als vertraute Freundin, nicht Rahel bestimmte, doch nur die nothwendigste Eitelkeit zu beobachten, oder Herrn von Varnhagen in's Komplott zöge, versicherte sie, das würde nichts nützen, Beide würden es weder begreifen, noch ausführen, übrigens seien alle Bekannten an diese Eigenheiten der liebenswürdigen und geistreichen Rahel längst gewöhnt. — Wie ist denn aber Dein einfältiges Schwesterchen mit der berühmten Rahel auf einen so vertraulichen Fuß gekommen? Nicht wahr, Du fängst jetzt endlich an, vor mir ein wenig Respekt zu bekommen! Doch ich will ehrlich sein — ich habe mich Anfangs selber nicht wenig vor der Bekanntschaft mit der be¬ rühmten, klugen, gelehrten, genialen Rahel von Varnhagen gefürchtet, und die Mutter himmelhoch gebeten, ohne mich bei Varnhagens Besuch zu machen. Vergebens wurde mir vorgestellt, daß Frau von Varnhagen wäh¬ rend ihres Aufenthaltes in Karlsruhe, wo ihr Mann einige Zeit Gesandter gewesen, mehr noch durch Herzens¬ güte und sanftes Wesen bezauberte, als durch sprudeln¬ den Geist und hinreißende Unterhaltungsgabe . . . ich konnte meine kindische Furcht vor der gelehrten Frau nicht überwinden. Erst Frau Brede, der Jugend- und Herzensfreundin Rahel's Siehe Rahel's Briefe. , einer beliebten Künstlerin vom Stuttgarter Hoftheater, die gerade auf Besuch in Berlin ist und auch uns längst eine liebe Bekannte geworden, war es vorbehalten, mich zu überreden. Frau Brede kam, uns bei Rahel einzuführen. Als sie vernahm, weshalb ich nicht mitgehen wollte, ermuthigte sie mich: »Recht bald werden Sie Herr Ihrer Befangenheit werden. Meine Freundin ist gern heiter mit der Jugend, sie erwartet Sie und freut sich, die Abtrünnige vom Königstädter Theater, die so gerühmte Elsbeth aus dem Turnier zu Kronstein zu sehen. Rahel war krank und konnte keiner Vorstellung beiwohnen. Kommen Sie getrost, Sie werden mir noch für mein Zureden danken.« Und ich ging wirklich mit — und dankte Frau Brede später von Herzen. Das Vorzimmer bei Varnhagens war nicht einla¬ dend, klein und düster, und die Visitenstube, obgleich ge¬ räumig und hübsch möblirt, gefiel mir erst recht nicht. Auch hier hatte sich die in Berlin so beliebte dunkelblaue Tapete eingebürgert, welche Jedermann so blaß erscheinen läßt. Die grau-weißen Gardinen schienen sehnlichst einer Wäsche zu harren, und gaben dem Zimmer ein schwer¬ müthiges Aussehen. Frau von Varnhagen bewillkommte uns herzlich mit sanfter, angenehm klingender Stimme. Als wir Platz genommen hatten, hoffte ich die gepriesene Frau recht aufmerksam betrachten zu können, doch ich vermochte es nicht unbemerkt zu thun, denn während des lebhaften Gesprächs spielte sie beständig mit einem Augenglas, und öfters führte sie es blitzschnell an die Augen, mich dadurch fixirend. Rahel ist klein, ziemlich stark, von Taille keine Spur. Ein graues Kleid hing wie ein Sack um ihre Gestalt, nur von einer Gürtelschnur lose gehalten, deren Enden nachschleiften. Die dunkelbraunen Haare schienen nur so in aller Eile hinaufgewirbelt zu sein, von einem Kamm gehalten, der immer herabzustürzen drohte. Einige wilde kleine Locken schmückten ihre schöne Stirne, und freundlich blickende, tiefblaue Augen, von langen Wimpern beschattet, milderten die scharfen jüdischen Züge; die ganze Physiognomie athmete Wohlwollen und hohe Intelligenz. Ich entschuldigte auch bald die vernachlässigte Toilette, denn trotz der größten Lebendigkeit, der geistreichsten Reden, sah Rahel doch momentan — wie ermüdet aus, und eine gewisse Wehmuth umschleierte dann ihre Züge. Ganz eigenthümliche Bemerkungen überraschten und fessel¬ ten mich, Lachen und Scherzen wechselten bei der seltenen Frau oft blitzschnell mit ernsten Betrachtungen und Rührung. So behauptete Frau von Varnhagen, daß sie erst beim Anblick ihrer Schwägerin, Madame Robert, und der Madame Neumann, meiner Kollegin in Karlsruhe, die Erzählung von des Grafen von Gleichen beiden Frauen begriffen habe: — von der weißen und der rothen Rose! Ludwig Robert Torno's Frau, mit römischem Gesicht, ernst, marmorblaß, mit rabenschwarzem Haar und großen, dunklen Augen, gleiche einer Juno; — die Neumann, rosig blühend, blond, mit schelmischen Augen und zier¬ licher Gestalt, sei ein heiterer Maitag. . . Plötzlich abbrechend frug sie mich: »Warum sagt denn die Jugend kein Wörtchen?« — »Ich höre mit Entzücken zu,« er¬ widerte ich, und erzählte dann, wie glücklich ich in Karlsruhe gewesen sei, die schöne Frau Robert, damals noch Frau Primavesa, beim Kommen aus der Schule auf der Straße zu sehen. Wie ich sie anstaunte, wähnend, die Fee aus dem eifrig gelesenen blauen Märchenbuch — Du erinnerst Dich doch, Louis? — zu erblicken, welche aus ihrem Feenreiche zeitweise verbannt, jetzt in Karls¬ ruhe weile! So sei sie mir erschienen: die hohe Gestalt, traurig an mir vorüberschwebend, aber mild, meinen ehr¬ erbietigen Knix, mit den Worten lohnend: »Wie geht es, liebes, freundliches Kind?« »Wie hübsch sich das anhört!« sagte Rahel; »ja, der Kinderblick! — wie richtig fühlen oft diese kleinen Menschen heraus, ob Kummer unser Gemüth bedrückt! Meine Schwägerin hatte damals manche Prüfung zu be¬ stehen und war ungern in Karlsruhe.« Dann kam die Rede auf das Theater. Rahel freute sich, daß wir ihr Entzücken über die Mustervorstellung von Kleist's »Käthchen von Heilbronn« theilten. Sie fragte mehrere Male: »Nicht wahr? Rebenstein ist ein prächtiger, biederer, schöner Wetter von Strahl? und könnte man ein holderes, lieblicheres Käthchen zu sehen wünschen, als Frau von Holtei? Wie entzückend ist diese zarte, ätherische Erscheinung, besonders neben Wauer, diesem herzigen Gottschalk, der so brummig seinem Herrn die Wahrheit sagt und doch dabei zum — Fressen lieb ist!« Sie fand meine Ansicht ganz richtig, daß Frau von Holtei an Goethe's Mignon erinnere. »Wenn doch mein armer Kleist diesen Erfolg seines Stückes erlebt hätte!« — rief sie mit Wehmuth aus, — »er hätte nicht so furchtbar geendet — von der eigenen Hand! Hätte dieser Eine goldene Glücksstrahl seine umdüsterte Seele erhellt, Muth und Kraft wären ihm zurückgekehrt — zu neuem Leben — zu neuem Dichten!« Ihre Augen hatten im Eifer des Gespräches einen wunderbaren Glanz bekommen, und die blassen Wangen waren geröthet. Das ließ sie unendlich interessant und anziehend erscheinen. Madame Brede lenkte das Gespräch auf Frau von Varnhagen's Herzblatt, Friederike Unzelmann-Bethmann, und ich bat inständigst, mir von dieser seltenen Künstlerin zu erzählen. Heinrich Bethmann habe in rührender Begeisterung mir so viele Wunder von der verstorbenen Gattin berichtet. Rahel bestätigte Alles. »Friederike Bethmann hat uns gezeigt, wie richtig das Wort: » La grâce — plus belle que la beauté! « Obgleich etwas zu stark für ihre kleine Figur und mit zu dickem Halse, wußte sie doch trotz ihrer 48 Jahre alle Welt zu bezaubern, so daß August Wilhelm von Schlegel in seinem herrlichen Gedicht an die Bethmann sie mit Recht »ein Feenkind« nennen durfte, bei dem die Anmuth mit den Grazien Pathen gewesen. Sie spielte — gleich Ludwig Devrient — stets wie plötzlich inspirirt. Sie besaß eine unerschöpfliche Wärme des Gefühls, und ihre Stimme verstand nicht nur lieblich zu entzücken — auch zu erschüttern, gewaltsam zu ergreifen vermochte sie, wie keine andere. Dafür zeugten besonders ihre Lady Macbeth und Phädra. — Außerdem sang und spielte sie wunderlieblich in Ope¬ retten — als Adeline, Königin von Golkonda, Fanchon. Die Vielseitigkeit ihres Talentes ist bis jetzt noch nicht übertroffen!« Herrn von Varnhagen's Kommen unterbrach das für mich so höchst interessante Gespräch. Er machte auf mich von vornherein einen recht unbedeutenden, ja un¬ angenehmen Eindruck. Er hat nicht die Spur von ernster, würdiger, imponirender Männlichkeit. Er gilt auch in ganz Berlin als eine Klatschbase prima Sorte. Er spricht mit leiser, beinahe flüsternder, gezierter Stimme. Die grauen, matten Augen vermögen dem runden, vollen Gesicht keinen belebenden Ausdruck zu verleihen, denn er hält sie stets halb geschlossen, dabei spielt ein stereotypes Lächeln um seinen Mund, und das hellblonde Haar, die fast weißen Wimpern lassen die Züge noch unbedeutender und zerflossener erscheinen. Gar keine ansprechende Per¬ sönlichkeit! Herr von Varnhagen scheint seine Gattin über alle Maßen zu verehren! Er lauscht mit fast komischer Bewunderung jedem Worte Rahel's und beobachtet ihr Gesicht, ihre Bewegungen fortwährend aufmerksam und mit Selbstgefälligkeit, und aus seinem verschwommenen, eitlen Semmelgesichte triumphirt es: Ah! seht doch — ich bin der Mann dieser geistreichen, berühmten Frau! — In meinen Augen die jammervollste Rolle, die ein Mann spielen kann: der Mann seiner Frau zu sein! — also: hüte Dich davor, Louis! Beim Abschied umarmte uns Frau von Varnhagen sehr herzlich und nahm uns das Versprechen ab, recht oft zur traulichen Theestunde zu kommen. . . Wenn wir nur die unschmackhafte Milchsuppe von Mann nicht mit in den Kauf nehmen müßten! Viele genußreiche, gemüthliche Stunden verlebten wir schon bei Rahel. Sie scheint mir gewogen zu sein und Gefallen an meiner übermüthigen, jungen Fröhlichkeit zu finden, und ermuntert mich, stets so frisch von der Leber weg zu sprechen, wie mir es gerade einfällt. Einst sagte sie lachend zur Mutter, nachdem ihr Augenglas sehr be¬ schäftigt gewesen war, mich zu fixiren, und ich so recht toll geplaudert hatte: »Ihre Tochter ist ein Narr! — aber — ein lieber Narr!« Ich bestehe nun darauf, stets so titulirt zu werden, denn dann ist — oder wird Rahel selber heiter und unnachahmlich liebenswürdig. Du fragst, ob Madame Milder-Hauptmann noch an die Emmeline in der Schweizerfamilie erinnere, die uns damals in Karlsruhe so entzückte — bezauberte? — Ach, Louis — wie ward mir das Herz so weh. . . über das Verblühen und Verblassen und Verklingen des armen Menschenlebens, da das Ideal unserer frohen Kinderjahre jetzt vor der jungen Kollegin stand: eine Marmorstatue, der es erlaubt worden, sich auf Augenblicke zu beleben! Keine Muskel zuckte in dem edel geformten Gesichte, die Augen blickten kalt — fast starr — wie abwesend. Gleich schweren Regentropfen fielen die Worte langsam — eintönig von den blassen Lippen. Sie sagte mir durchaus kein un¬ freundliches Wort — sie sprach verständig, gebildet und mit einer gewissen stolzen Sicherheit . . . aber ich fühlte mich in ihrer Marmornähe mit erstarren und kürzte den Besuch ab. Und doch, wie bewundere ich die vierzigjährige Frau noch heute auf den Brettern als Iphigenie, als Elvira im Don Juan, als Fee in Spontini's Nurmahal und vor Allem als Alceste . . . die junonische, plastisch schöne Gestalt, das tragische Spiel, der Zauber der metall¬ reichsten, süßesten Stimme! . . . Sie soll auch im bürger¬ lichen Leben gut und sehr wohlthätig sein . . . aber die Grazien standen nicht an ihrer Wiege — oder — was muß dies Herz erlebt haben, ehe es so erstarren konnte! Spontini könnte als Pendant zur Milder dienen, was die Theilnahmlosigkeit, das kalte zurückhaltende Wesen betrifft. Nur muß Letztere mit einer edlen Marmorstatue, und Spontini mit einer Wachsfigur verglichen werden. Der italienische Maestro hat unschöne Züge, gelb¬ weißlichen Teint, trägt große Vatermörder, immense weiße Halsbinde, in welche sein Kinn stets zu versinken droht. Die schwarzen Haare sind als ungewöhnlich hoher Titus auffrisirt, die Nase flach, der Mund breit. Die hagere Gestalt sieht vornehm aus, besonders wenn Spon¬ tini vor dem Dirigenten-Pult steht und äußerst graziös den kleinen Stab schwingt. Er steht beim Könige in großer Gunst — beim Publikum aber fast gar nicht. Frau von Spontini hat das exklusive Wesen ihres Mannes angenommen und gleich ihm noch nicht zehn Wörtchen Deutsch gelernt. Sie spricht nur von Paris — gleich einer unglücklich hieher Verbannten. Sie bewohnen ein prachtvolles Logis, sind von vielen dienstbaren Geistern umschwirrt und machen ein glänzendes Haus. Spontini lebt mit dem Grafen Brühl auf mehr als gespanntem Fuße — aber er ist allmächtig, kann seine neu komponirten Opern nach Belieben und mit größter Verschwendung in Szene setzen, hundert Proben halten und die Stimmen der armen Sänger und Sängerinnen auf seinen beliebten Ambossen langsam zu Blech hämmern. . . Niemand darf ihm hineinreden. Der König schützt ihn. Das Publikum hat seine letzten Schöpfungen nicht beifällig aufgenommen und wirft ihm mit Recht Mangel an Melodie und zu massenhafte Orchester-Begleitung vor. Freunde Spontini's behaupten, dadurch sei sein Gemüth so verbittert worden. Daß die Vestalin, Ferdinand Cortez zu den Meisterwerken zählen, scheint ihn nicht zu beglücken. Graf Brühl hat viel von seinen Prätensionen zu leiden. Und diesem steinernen Gaste mußte ich bei einem Diner, von seinen Verehrern ihm gegeben, gegenüber sitzen, — sogar ein weihrauchduftiges Gedicht vortragen. Madame Milder, Madame Schulz — unsere Primadonnen — saßen zu seiner Rechten und Linken, Madame Spontini neben mir. Rauschende Musik wurde aus seinen Opern vorgetragen. Nach meiner Deklamation wurde ihm mit Tusch und Vivats ein Lorberkranz überreicht. Ich sah — o Wunder! — die wächsernen Züge Spontini's einen milden Ausdruck annehmen und etwas wie Thränen in den harten Augen blinken . . . sie brachen sich aber keine Bahn — diese Gefühl verrathenden, Herz erfrischenden Tropfen! Der Italiener hatte den Augenblick der Rüh¬ rung leicht überwunden; gefaßt, wie vorher berechnet, theilte er den Lorberkranz und überreichte die Hälften Madame Milder und Madame Schulz, in gebrochenem Deutsch hinzufügend: »Den Sängerinnen — Lorber — gebührt — mir — Sieg verholfen.« Wie gerne hätte ich ihm zugerufen: Nicht einmal für Augenblicke können Sie gemüthlich deutsch empfinden, selbst nicht im Kreise Ihrer Verehrer — und möchten doch bei Deutschen Sympathie erwecken!« — Da wurde mir es klar, daß Graf Brühl mit dem versteinerten Maestro viel auszustehen hat. Graf Brühl, ganz Hingebung und Begeisterung für die königliche Bühne, er, der Goethe und Schiller gekannt, Zeuge klassischer Darstellungen in Weimars Glanzperiode ge¬ wesen, — muß so den Intriguen des schlau berechnenden Italieners nachstehen! — Allgemein wird behauptet, daß der hochbegabte Intendant nicht allein Kunst sinn — auch Kunst kenntniß besitze, — seine Mitglieder zu schätzen wisse und selbst, wenn er Tadel aussprechen muß, nie verletze. Tags darauf, nach diesem frostigen Fest, fuhren wir nach Potsdam, um in dem von Karl Blum dort arran¬ girten Konzert mitzuwirken. Ja wir ! Madame Grün¬ baum, die berühmte Tochter des Wiener Volkskomponisten Wenzel Müller, die Gattin des Tenoristen Grünbaum, die als Hofsängerin von der großen Oper in Wien hier gastirt und mit Recht den Namen »die deutsche Catalani« führt, eine fein gebildete, liebenswürdige Dame, und?! — Moscheles — der geniale Virtuos — die Mutter und ich. Karl Blum hatte Moscheles einige Tage vor dem Konzert uns vorgestellt. Wir wußten kaum, was mehr für ihn einnahm: — das eminente Talent, oder sein bescheiden natürliches und doch so würdevolles Benehmen. In Moscheles' Augen würde Zelter auch gern blicken, denn sein sanftes Gemüth, seine reine Künstlerseele spiegeln sich unverhohlen darin. Ich sollte vor ihm spielen, aber ich wagte es nicht. Er verstand es jedoch so prächtig, mir Muth einzureden, und ließ nicht nach, bis ich ein vierhändiges Rondo mit ihm ausführte — Rondo Turc von Czerny. Wahrscheinlich opferte er sich der Mutter zu Liebe, denn die hat ihn schon ganz in ihr Herz ge¬ schlossen und schwärmt für Moscheles. Blum hatte für einen bequemen Wagen gesorgt, und recht vergnügt begannen wir auf der Landstraße zu plaudern, — als Moscheles, plötzlich die Augen schließend, todtenblaß zurücksank und stöhnte: »wie wird mir — mein Kopf, mein Kopf!« Du kannst Dir unsern Schrecken vorstellen, wir ließen halten und riefen nach Karl Blum, der einige Schritte voraus fuhr. — Das Gesicht des Konzertgebers hättest Du sehen sollen, als er seinen Freund in der Wagenecke liegen — und sein Konzert um die schönste Zierde gebracht sah. Doch ohne Bedenken sagte er: »Schnell nach Berlin zurück! — ich will in Potsdam abbestellen. . .« Da öffnete Moscheles matt die Augen und flüsterte: »Nein! nein! ich spiele — und sollte ich sterbe — nur vorwärts . . .« Und alles Protestiren Blum's half nicht. »Ich spiele!« wiederholte matt der Kranke, und die Wagen setzten sich in Bewegung. In Zehlendorf Pause, abermaliges Fragen, Bitten Blum's, sich zu schonen — die gleiche Antwort des halbtodten Moscheles — und endlich langten wir nach der peinlichsten Fahrt in Pots¬ dam an. Alle Billete waren bereits vergriffen. Im Gasthaus hatte Blum schönstens vorgesorgt, nach der Probe setzten wir uns zu Tisch — aber Moscheles lag im Nebenzimmer auf dem Sopha, jede Erquickung verschmähend. Er hatte in der Probe kaum die Kraft gehabt, die nöthigsten Akkorde für das Orchester anzuschlagen. Wenn aber Blum nur Miene machte, gegen sein Auftreten protestiren zu wollen, so blieb Moscheles resignirt dabei: »Ich spiele!« Zum ersten Mal sollte ich vor den Potsdamern er¬ scheinen. Ich hatte also eine reizende Toilette gewählt: weißen Tüll mit himmelblauen Astern! Ich sollte mit Guitarre-Begleitung die Erlebnisse eines Troubadours deklamiren. Blum akkompagnirte. Er soll der erste Guitarrespieler Deutschlands sein. Erinnerungen ꝛc. 7 Um sechs Uhr, als wir des Anfangs harrten, wankte Moscheles in feinster Toilette in's Versammlungszimmer, mit fieberhaft glühenden Augen, blaß wie eine Leiche. Die Mutter rieb ihm die Schläfen mit Eau de Cologne und — schminkte ihn, damit das Publikum nicht er¬ schrecken solle. Dann saß er auf dem Sopha, den Kopf in den Armen der Mutter, und sah so — jammervoll zu ihr auf, daß ich trotz meines Mitleids laut lachen mußte. Das Zeichen wurde gegeben — und Moscheles taumelte vor — wurde rauschend empfangen . . . und spielte — wie ein Gott! Rasender Applaus und — der Ge¬ feierte flüchtete todmatt zum Sopha. Nach der zweiten Nummer gleicher Enthusiasmus und gleiches Hinsinken auf's Sopha — aber bald, so wie Moscheles nicht mehr zu fürchten brauchte, daß durch seine Krankheit Blum's Konzert gestört würde — da fühlte er sich wohler, ver¬ mochte ein wenig zu essen, und während der Rückfahrt verminderte sich die Migräne so, daß ich meinem Muth¬ willen schon die Zügel ein wenig schießen lassen durfte. Ich ahmte sein Augenschließen, Zurücklehnen, Lispeln: »Ich spiele — und sollte ich auch sterben . . .« zu seinem größten Ergötzen nach. Kaum waren wir von dieser angreifenden Fahrt etwas zu uns gekommen, so ließ sich Präsident Scheve melden, ein freundlicher, ehrwürdiger alter Herr, un¬ geheuer zeremoniös. Tief sich verbeugend trug er feier¬ lichst sein Anliegen vor: Ich sollte deklamiren im Konzert, zum Besten des Louisenstiftes gegeben, dessen Vorsteher — nein, Schutzpatron der Präsident ist. Gern sagte ich zu, und finde mich auch recht leidlich darein: — einst¬ weilen zu deklamiren, statt Komödie zu spielen. Aber, Louis, es ist keine leichte Sache, ein geeignetes Gedicht zu wählen. Es soll nicht zu ernst, auch nicht zu heiter, weder zu kurz noch zu lang sein. Ich wählte — »Nichts« von Theodor Hell. Der Konzertsaal des Schauspielhauses ist ein prächtig erleuchtetes, schönes Lokal, da erscheint man ungeschminkt, was mir besser steht. Und mein »Nichts« gefiel. Zu unserer Ueberraschung besuchte uns Präsident Scheve am andern Morgen abermals, um mir in seiner feierlichen Weise nochmals zu danken und eine lange Rede zu halten, deren kurzer Sinn war: daß »die tausend¬ jährige Gesellschaft« uns durch ihn mit der Einladung beglückte — dem alljährlich stattfindenden Stiftungsdiner beizuwohnen. . .« »Tausendjährige Dinergeber?« fragte ich nicht ohne Entsetzen »Ja, liebes Fräulein, die geschlossene Gesell¬ schaft besteht aus vierzehn Mitgliedern — diese zusammen machen tausend Jahre. . .« Du weißt leider, mein Bruder, daß ich stets ungern Rechenstunden genommen und öfters die aufgegebenen Exempel von den Schulkameradinnen abschrieb — aber so viel konnte ich doch dividiren: daß tausend durch vier¬ zehn getheilt, jedem Kopf 71 Jahre 6 Monate zuweist. Schon wollte ich mich entschuldigen, aber die Mutter versicherte rasch: wir würden mit Vergnügen erscheinen. . . 7 * und ein gewisser Blick — Louis, Du kennst doch noch diesen Blick? — machte mich verstummen. Als Präsident Scheve uns verlassen hatte, beklagte ich mich aber bitter, daß ich nun gar mit siebenzigjährigen Herren speisen solle das sei von einem jungen Mäd¬ chen zu viel verlangt. . . Aber da hättest Du unsere Mutter hören sollen: »Gegen junge, schöne Herren, nicht wahr? — da wird es Dir nicht schwer, liebens¬ würdig zu sein; — das will aber gar nichts heißen, das können Viele! — aber dem Alter gegenüber bescheiden, an¬ muthig, zuvorkommend sich zu benehmen — das erfordert nicht allein Bildung, sondern auch Herzensgüte. Nur gute Herzen vermögen zu schätzen, von ehrwürdigen Greisen achtungsvoll, wohlwollend ausgezeichnet zu werden. . .« Und ich fühlte mich wahrlich tief beschämt. Ich dachte aber doch daran, die alemannischen Gedichte mitzu¬ nehmen und etliche vorzutragen, wenn mich meine Weis¬ heit und — Liebenswürdigkeit gegen die ehrwürdigen tausendjährigen Herrn im Stiche lassen sollte. Die Mutter schmückte mich, als sollte ich mir einen Bräutigam erobern. Sie hatte sich blühendes Geranium zu verschaffen gewußt; und diese frischen Blumen nahmen sich gar hübsch in den blonden Locken aus. Präsident Scheve holte uns in seiner Equipage ab, wir wurden von den alten Herren meist — hohen Militärs, die Brust mit Orden bedeckt — freundlichst begrüßt . . . und bald fühlte ich mich stolz und zufrieden in der tausend¬ jährigen Gesellschaft. Du hast keine Idee, Louis, auf welche liebenswürdig humoristische, geistreiche Weise die Unterhaltung geführt wurde! Wie diese alten Herren uns in's angenehmste Gespräch zu ziehen wußten, und wie meine unbefangenen Aeußerungen sie erfreuten. Ich mußte von Karlsruhe — die Mutter vom seligen Vater erzählen. Sie lachten herzlich über meine enthusiastischen Lobeserhebungen — über Berlin und die Berliner. Beim Dessert las ich »Hebel's Sommerabend« und »Hans und Verene«. Die alemannische Mundart war ihnen etwas Neues, und General Lestock, mein Nachbar, bat immer wieder: »O, nur noch einmal den Schluß« . . . und ich wurde nicht müde zu sagen: »jo frili willi, jo!« Die Mutter sah wie verklärt aus und — lobte mich auch später. Beim Abschiednehmen mußten wir ver¬ sprechen: nächstes Jahr dem Diner wieder beizuwohnen, und — — der Abwesenden zu gedenken. »Niemand wird fehlen!« — rief ich lebhaft — »ich ahne es!« — und herzlich tönte es von beiden Seiten: »Auf frohes Wieder¬ sehen — über's Jahr!« Es fehlte auch Niemand im nächsten Jahre. Aber heute — bin ich allein nur noch übrig aus jenem heiteren Kreise. Und nun von den Bällen. Einer der hübschesten war der des General Herwarth, — ein lieber alter Herr, seine Gemahlin die Sanftmuth selbst. Beide sind noch gar nicht von den Gebrechen des Alters heimgesucht, und genießen so recht froh und dankbar den Lebensabend. Die beiden ältesten Söhne Der eine ist der durch die letzten Kriege so berühmte General Herwarth v. Bittenfeld. sind schön verheirathet, auch Militärs, eine glückliche Familie. Dann folgte ein reizender Maskenball, durch Sub¬ skribenten veranstaltet. Bei Justizrath Ludolf — eines der gastlichsten Häuser Berlins, und namentlich für Künstler, Gelehrte, Pro¬ fessoren eine wahre Heimath, — hatten wir Ludwig Rell¬ stab — den ehemaligen Lieutenant und gefürchtetsten Kritiker Berlins — kennen gelernt. Ein junger, korpu¬ lenter, häßlicher — und doch höchst einnehmender Mann. Seine etwas mongolischen Züge verrathen den regsten Geist, und durch die Brille blitzen klug forschende Augen. Er spricht bezaubernd. Rellstab soll gutmüthig sein, einen ehrenwerthen Charakter haben, aber den Dämon der Satyre nicht immer zu zügeln vermögen. Was er schreibt: — trifft — verwundet — schadet — selbst gegen seine Absicht. Ich bat ihn himmelhoch, mich nie zu loben — lieber gnädigst zu tadeln Ludolfs Freundschaft büßte Rellstab durch sein satyrisches Buch: »Henriette, die schöne Sängerin« ein, das 1826 anonym in Leipzig erschien und der Sontag viele Thränen kostete. Es geißelt das da¬ malige Sontagfieber in Berlin, enthält aber auch eine Menge der unwahrsten und boshaftesten Angriffe gegen Henriette Sontag und . Während einer Soir é e bei Ludolfs wurde viel von dem bevorstehenden Maskenball gesprochen — und nach vielem Zureden nahm ich den Vorschlag Rellstab's an: zusammen als Papageno und Papagena zu erscheinen. Wir wählten keinen Federnanzug, wie es auf der Bühne üblich, sondern grün, gelb, roth schillernden Plüsch, mit kleinen rothen Federn garnirt. Ich trug einen Federn¬ schmuck auf dem Kopf — gleich der Amazili in Ferdinand Cortez, Korallen um Hals und Arme und grüne Atlasschuhe. Rellstab sah gut, beinahe hübsch aus, denn die Halbmaske bedeckte die eingedrückte Nase, und nur der feinlächelnde Mund war sichtbar. Er hatte mich mit einem Blumenkörbchen versehen, in welchem sich gedruckte Sprüche, Verse, Aphorismen in Bonbonform befanden — natürlich auch viele Dornen darunter. Wir erregten Aufsehen und wurden bald von neu¬ gierigen Masken umringt. . . . Ich theilte die Bonbons aus, Rellstab gab prächtige Repliken, und — Papagena bemühte sich, ihrem Papageno keine Schande zu machen. Rellstab versicherte: wir hätten glänzend reüssirt — und ich erhielt nach dem Ball eine Menge Gedichte. Die Berliner Subskriptionsbälle im Opernhause habe ich auch zu »sehen« bekommen, denn getanzt wird dort fast gar nicht. Man konversirt, beobachtet und ihre Verehrer, besonders gegen den alten Commandanten v. Brauchitsch und den englischen Gesandten Clanwilliam. Auf Befehl des Königs wurde das Buch sogleich verboten. — Auch Spontini hatte viel von Rellstab's kritischer und satyrischer Feder zu leiden. D. Herausgb. mustert und — beneidet gegenseitig die Toiletten. Die Herren bewegen sich im Saal, die Damen sitzen meist auf den rings herum angebrachten Estraden. Der König promenirt unermüdet durch das Gedränge und spricht leutselig mit Vielen. Dabei schaut er lächelnd umher, wie ein Vater, der sich freut, die Kinder vergnügt zu sehen. Auf der vierten Estrade saß ich ganz bescheiden mit der Mutter und einer befreundeten Familie und ergötzte mich an dem glänzenden Gewirr im Saal . . . als plötzlich mir zugeflüstert wurde: »Der König will mit Ihnen sprechen, steigen Sie herab« . . . und ich stand vor Friedlich Wil¬ helm dem Gütigen. Ich fühlte, daß sämmtliche Anwesende mich beobachte¬ ten, wie ich mich benehmen würde, es flimmerte mir vor den Augen — aber kaum begegnete ich den milden, gütigen Augen des Königs, so war ich gefaßt. Der König sagte in seiner bekannten, abgebrochenen Weise: »Freue mich, Brühl Sie für meine Bühne gewonnen — oft auf dem Königstädter Theater gesehen — viel Ver¬ gnügen gemacht — muntres Wesen lieben — sehr gefallen.« »Ew. Majestät beglücken mich. . .« »Wann auftreten?« »Mitte Dezember!« »Welchen Stücken?« »Beschämte Eifersucht — Jurist und Bauer —« »Gut, liebe Lustspiele — wünsche Glück!« Dann nickte der König freundlich und ging weiter. Hofrath Heun (Clauren) bot mir seinen Arm, mich wieder auf die Galerie zu geleiten; doch nur mit Mühe gelangte ich hinauf. Alle Welt wollte mir vorgestellt sein — mich sehen — mit mir sprechen. Bei meinem nächsten Schreiben bin ich schon in Reih und Glied — unter den Berühmtheiten der königlichen Bühne und muß fleißig sein, um den Namen Künstlerin zu verdienen . . .« VI . Wieder in Reih und Glied. U eber mein erstes Debüt auf der königlichen Bühne, Mitte Dezember 1824, war in der Spener'schen Zeitung folgendes zu lesen, von Hofrath Schulz unterzeichnet, dem nach Goethe's Ausspruch »befähigtsten Kritiker Deutsch¬ lands:« Als vor einigen Monaten verlautete, daß dieses junge Mädchen das Königstädter Theater, dessen Stütze es war, verlassen wolle, um bei der königlichen Bühne, deren Hoffnung es ist, Engagement anzunehmen, — wurde überall heftig diskutirt! Eine Weltbegebenheit konnte nicht mehr besprochen werden! Die Gemüther erhitzten sich, und hätte das Auftreten damals gleich stattgefunden, — ein Sturm würde ausgebrochen sein. Die dazwischen liegende Pause führte glücklicher¬ weise zu der Ansicht: daß es bei solcher Jugend von lobenswerther Selbstkenntniß, von wahrer Liebe zur Kunst zeuge, eine erste Stellung aufzugeben, um eine zweite anzunehmen — nur deshalb: um im Kreise der vor¬ trefflichen Mimen der königlichen Bühne den Namen Künstlerin zu erringen. Wir heißen daher das junge, strebsame Talent herzlich willkommen und stimmen freudigst dem herzlichen Empfang, Beifall, Hervorruf bei. . . .« Ich hatte zwei bescheidene Rollen gewählt: die Julia in der »beschämten Eifersucht« und Rosine in »Jurist und Bauer«. Die kleinen Lustspiele wurden im über¬ füllten Opernhaus gegeben; die Annonce, daß der pen¬ sionirte Komiker Unzelmann, erster Gatte Friederike Bethmann's und in Berlin wegen seiner launigen, witzigen Einfälle sehr beliebt, den Rechenmeister Grübler ausnahmsweise spielen würde, hatte das Interesse erhöht. Nach dem Schluß der Vorstellung führte mich, auf den Hervorruf, der schon 71jährige Liebling der Berliner an der Hand vor. Gar hübsch beurtheilte ein Kritiker andern Tags unser Danken ohne Worte: »Die liebliche Rosine bot mit dem verehrten Veteranen das anschaulichste Bild der auf- und untergehenden Künstlerlaufbahn. Beide blieben stumm. Die junge Debütantin nahm wohl aus Bescheidenheit nicht das Wort, und Unzelmann ver¬ mochte vor Rührung nicht zu sprechen. . . .« In den »Quälgeistern« trat ich zunächst auf; »Preziosa« war mein drittes Debüt! — Alexander Wolff spendete gleich seiner Gattin (Viarda) erfreuliches Lob, und ich blieb auch im Besitz der geliebten Rolle; Preziosa war der Glanzpunkt in meiner neuen Stellung. So freundlich und gütig die Familie Eunike die zu¬ künftige Kollegin bei sich aufgenommen hatte, das Herz stets auf der Zunge — so kühl und ceremoniös empfingen mich anfangs, bei meinem ersten Besuch, während meiner Kunstpause, Herr und Madame Wolff: sie gleich einer Oberhofmeisterin, er wie ein Minister. Bethmann wußte aber bald die etwas affektirte Zurückhaltung zu beseitigen, indem er unbefangen und gemüthlich in seiner unwider¬ stehlich herzlichen Weise sagte: »Ihr alter Freund bittet Sie für diese Kunstjüngerin um Wohlwollen und gütigen Rath. Ich habe sie in meiner eigenen Vertrauensseligkeit aus dem friedlichen Karlsruhe an das heiße Königstädter Theater hergelockt — und nun kann ich leider meinem Versprechen, sie in Allem zu unterstützen, nicht nach¬ kommen. . . . Bitte, machen Sie gut, was ich vielleicht versehen habe — mir zur Liebe. . . .« Da thauten denn Beide zusehends auf und wurden zutraulicher. Sie versprachen auch, mir ihren Beistand zu leihen. Später, als Amalie Wolff freundlichst mit mir ver¬ kehrte, gestand sie unverhohlen: sie und ihr Mann seien gegen die Fremde eingenommen gewesen, denn Louise v. Holtei, von ihnen gleich einer Tochter geliebt, hätte kurz vor meinem Besuch ihr Leid geklagt und die Be¬ fürchtung ausgesprochen: von der neu Engagirten in ihrem Rollenfach beeinträchtigt zu werden! Wolff's waren aber viel zu klug und gerecht, um nicht bald von der irrigen Ansicht ihres Lieblings über¬ zeugt zu werden. Fr. v. Holtei's Individualität paßte nur für wenige Rollen, und ihre zarte Konstitution ver¬ hinderte sie, das jugendliche Fach allein auszufüllen. Eine Kollegin hätte sie doch neben sich dulden müssen, — und wahrscheinlich eine pretentiösere. Amalie Wolff glänzte nicht im Mindesten durch Schönheit; das kleine, angenehm geformte Gesicht hatte zu tief liegende Augen, die Gestalt war unbedeutend und doch fesselte sie unwiderstehlich: ihre Grazie, ihr feines Benehmen erinnerte an die gefeierte Mlle. Mars in Paris, ihre Unterhaltung entzückte besonders durch die herrliche Gabe des echten Humors, der belebt, erquickt und — nie verletzt. Geist, Talent, Anmuth, beharrlicher Fleiß hatten, harmonisch zusammenwirkend, Amalie Wolff, geborne Malcolmi, die geliebte würdige Schülerin Goethe's und Schiller's, zu einer der ersten Künstlerinnen Deutschlands erhoben. Sie glänzte Anfangs in sanften, naiven, idealen Mädchenrollen, später aber durch ihre scharfe Indivi¬ dualisirung im Charakter- und komischen Fach. Auch ihr Gatte, Pius Alexander Wolff, — der Verfasser meiner lieben »Preziosa« — machte beim ersten Anblick mit seinen schmalen Schultern, müden Haltung, schlaffen Zügen und kranker Gesichtsfarbe den Eindruck der dürf¬ tigst ausgestatteten Persönlichkeit. Ich hätte fragen mögen: »Zu welchen Zaubermitteln haben Sie Ihre Zu¬ flucht genommen, um auf der Bühne — so poetisch schön auszusehen?« Die Unterhaltung den Anderen überlassend, suchte ich aus des Künstlers Physiognomie herauszulesen, wir er es ermöglichte, als Romeo, Orest, Hamlet, und in seiner bedeutendsten Schöpfung: Don Fernando im »Standhaften Prinzen« Alle zu überstrahlen? Doch seine Stimme hatte ja einen so zu Herzen gehenden Wohllaut, und seine Augen . . . ja, seine wunderbaren Augen! — Also Sprache und Seelenspiegel — damit verdunkelte Alexander Wolff die brillantesten Nebenbuhler. In diesen Augensternen lag die religiöse Schwärmerei Don Fer¬ nando's, das tief forschend Sinnende Hamlet's. Dann blickten sie plötzlich wieder kindlich heiter, an Ludwig Devrient erinnernd, wenn dieser lächelte. Auch Wolff spielte ausnahmsweise zu seiner Erholung gerne in über¬ müthigen Lustspielen mit fröhlichster Laune. Mit Entzücken erinnere ich mich noch jetzt jeder Vor¬ stellung, in welcher ich mit dem Künstlerpaar Alexander und Amalie Wolff beschäftigt war. Von Allen ist mir ein Abend unvergeßlich geblieben, als Dr . Töpfer's »Her¬ mann und Dorothea« — während der Abwesenheit von Mad. Stich — gegeben wurde. Ich durfte die Dorothea spielen . . . und am Schluß, als sämmtliche Beschäftigte mit Hervorruf belohnt wurden, versuchte ich still bei Seite zu gehen. Wolff's jedoch erlaubten es nicht und zogen mich mit sanfter Gewalt auf die Bühne. Als ich nach dem Fallen des Vorhangs weinend versicherte: »Es sind Freuden¬ thränen, aber ich verdiene diese Auszeichnung nicht . . .«, nannten mich Beide lachend einen Kindskopf! — Ludwig Devrient, noch in seinem Kostüm als dicker, herziger Apotheker, klopfte mir so recht wie ein guter Vater auf die Schulter und sagte herzlich: »Aber ich liebe und lobe die Gefühle — des Kindskopfes!« Das war die Art und Weise, wie große Künstler und beliebte Anfänger damals zusammen verkehrten. Während meines fünfjährigen Engagements bei der könig¬ lichen Bühne in Berlin habe ich nicht eine boshafte Bemerkung, nicht eine unliebsame Aeußerung vernommen. Die Mitglieder gingen Hand in Hand, gegenseitig wohl¬ wollend gesinnt, und lösten undankbare wie belohnende Aufgaben mit gleicher Hingebung und gewissenhaftem Fleiß, — und das Wolff'sche Ehepaar ging mit bestem Beispiel voran. Alexander Wolff verdiente, was Goethe über ihn sagte, als er Weimar längst verlassen hatte: »So viel ich auch in's Ganze gewirkt habe und so Manches durch mich angeregt worden ist, so kann ich doch nur einen Menschen, der sich ganz nach meinem Sinn gebildet hatte, nennen: das ist der Schauspieler Wolff!« Aber Ludwig Devrient? Habe ich denn über ihn nichts zu sagen — über mein Idol? Da liegt wieder ein altes, verblichenes Blatt vor mir, das ich 1826 über Ludwig Devrient an meinen verehrten, würdigen Lehrer Aloys Schreiber nach Karlsruhe schrieb. Es mag hier seinen Platz finden — meine heutige Feder würde doch nicht so frisch und lebensvoll zeichnen können. ». . . . Ludwig Devrient ist der genialste Künstler, die interessanteste Persönlichkeit, welche ich bis jetzt ge¬ sehen, ein Original im vollsten Sinne des Wortes, aber ein so liebenswürdiges, großartiges und doch so be¬ scheidenes, daß man seine Eigenheiten gern übersieht. Devrient's Darstellung bietet immer Neues, Ueber¬ raschendes. Wenn man ihn öfters in demselben Stücke gesehen und sich freut auf Scenen, welche er früher schon nach unserem Bedünken unübertrefflich gab, da schafft er doch noch Ergreifenderes. . . . Manches Mal scheint er abgespannt zu sein, mit sich unzufrieden, geht hinter den Coulissen rasch auf und ab, vor sich hinsprechend: »Es geht heute gar nicht!« und fragt dann wohl einen vorübergehenden Kollegen: »Nicht wahr, ich spiele heute schlecht? Das Publikum ist kalt — giebt kein Lebens¬ zeichen!?« . . . und plötzlich wieder weiß er zu elektrisiren, daß rasender Beifall ertönt und er selbst wieder voll Zuversicht erscheint. Unsere herrliche Künstlerin Mad. Wolff nennt dies »Genie« und ich hörte mehr als ein¬ mal, wie sie sagte: »Devrient trifft wie mit Zauber¬ gewalt das Richtige, was mein Mann erst mühsam herausstudirt.« Fragen Sie mich nun: spielen Sie lieber mit Wolff oder Devrient? so erwidere ich unverhohlen: mit Ersterem! Man verliert die Fassung nicht, wie bei Devrient, wenn er zerstreut ist, oft ganz anders eine Szene darstellt, als in der Probe, oder so erschütternd, daß man vor lauter Thränen nicht sprechen kann. Ich sage dies als Kunstnovize, die Meisterinnen werden mit Devrient ihre Aufgaben so sicher lösen, wie mit Wolff. Hören Sie, was ich als Cordelia und in »Die Macht der Verhält¬ nisse« empfand. Für Madame Unzelmann mußte ich die Cordelia spielen. Ich stehe im letzten Akt über Lear gebeugt, sein Erwachen erwartend: da erhebt sich Devrient, erkennt die verstoßene Tochter, sinkt langsam mit gefalteten Händen — wie um Verzeihung stehend — vor mir nieder, mit dem Ausdruck eines so unsäglichen Seelenschmerzes, mit einem Blick so voll Reue — Liebe, daß ich nicht im Stande war, vor Mitgefühl und Erschütterung zu sprechen; es fehlte nicht viel, so wäre ich vor ihm niedergekniet und hätte das ehrwürdige Haupt geküßt und an mich gedrückt. In Ludwig Robert's Trauerspiel »Die Macht der Verhältnisse«, hat Devrient die Sterbeszene so dar¬ gestellt, daß selbst die sonst so ruhige Mad. Schröckh zitterte, weinte und eingestand: ihr Mann, der große, berühmte Fleck, habe niemals ergreifender gespielt. Ueberhaupt, theurer verehrter Lehrer, wie würde Sie diese Vor¬ stellung entzückt haben, wo Alles sich bestrebte, der Meister Beschort und Devrient würdig zu sein! Sie kannten ja Robert, den Bruder von Frau Rahel Varn¬ hagen in Karlsruhe; hat er Ihnen nie aus diesem bürger¬ lichen Trauerspiel vorgelesen? Beschort giebt einen Präsidenten, stolz, herzlos — einen Sohn, welcher Militär ist, anbetend, ihm Alles erlaubend. Der Präsident besitzt eine edle Gattin, eine liebenswerthe Tochter (Mad. Schröckh und ich), und auf Erinnerungen ꝛc. 8 dem Gipfel des Glückes vergißt er, daß ein früher ge¬ borener Sohn auch Ansprüche hat. Ein Bürgermädchen wurde einst von ihm getäuscht — verlassen. . . . Sie erzog ihr Kind mit übermenschlicher Anstrengung zu einem edlen jungen Mann. Dieser (Devrient) ist Idealist, geistreich, ernährt eine Schwester durch eine Stelle als Sekretär, kennt seinen Vater nicht, haßt aber den Adel, weil er ahnt, was seine Mutter einst durch einen Hochgestellten gelitten. Er will auch nicht, daß seine Schwester eine junge Gräfin (mich) bei sich sieht, die unter dem Vorwand kommt, Arbeit zu bestellen und weil sie das Bürgermädchen gern hat, in Wahrheit aber — weil sie heimliche Liebe für den Sekretär empfindet. Er warnt auch seine Schwester vor den Liebesversicherungen ihres Bruders — des Rittmeisters, und erklärt: er würde ihn tödten, wenn er nicht fern bliebe. — Er erfährt, daß ein Rendezvous stattfinden soll, entfernt die Schwester, der Rittmeister tritt herein und — wird von ihm er¬ schossen. Den Monolog vor dem Morde trug Devrient meisterhaft vor. — Der Sekretär kommt in's Gefängniß, der Präsident muß ihn dem Gericht überliefern und — erfährt, daß sein Sohn es ist, der sterben muß, weil er — seinen eigenen Bruder erschossen. . . . Es wurde während der Szene zwischen Beschort und Devrient nicht applaudirt, aber man hätte eine Nadel fallen, eine Fliege summen hören können — so aufmerk¬ sam, so athemlos gespannt verfolgte das Publikum das Spiel dieser Meister. Alles sagte der unglückliche Sohn, was er, was seine Mutter gelitten, er erspart seinem Vater keinen Vorwurf, läßt aber auch seine edlen Gefühle, seinen Geist den Vater erkennen, und dieser — zu seinem qualvollen Entzücken — fühlt eine rasende Liebe für den Verstoßenen in seinem Herzen auflodern. Er erkennt jetzt den Werth seines armen Kindes . . . zu spät. Der Sekretär nimmt Gift, um die Ehre seines Vaters zu retten. Frau und Tochter des Präsidenten stürzen mit der von ihnen liebevoll aufgenommenen Schwester herein, und in ihren Armen stirbt der Unglückliche. Herr Hofrath! — zu schildern, wie Devrient stirbt, welchen Blick er dem um Verzeihung flehenden Vater schenkt, indem er ihm die Hand reicht . . . das muß man sehen — zu beschreiben ist es nicht. Und erst der Todeskampf! — das Zucken der Augen¬ wimpern, der Schmerzenszug um den Mund, das Er¬ löschen der Stimme, das Beben des Körpers — dann das letzte Aufflammen des Lebenslichtes vor dem Erlöschen — Alles unnennbar ergreifend und doch nichts übertrieben, kein krasses, zurückstoßendes Mienenspiel. . . . Devrient sinkt, uns mit sich niederziehend, hin — der Vorhang fällt. Tiefe Stille im Publikum — wie noch unter dem Eindruck des Gesehenen. Dann ertönt's: »Devrient! Beschort!« Wir wollen Devrient aufhelfen — er rührt sich nicht! — Man kommt uns zu Hülfe, ich sage: »Sie werden gerufen!« — Da schlägt er mit einem tiefen Seufzer die Augen auf und sagt leise — mit wehmüthigem, 8 * müden Lächeln: »Ich dachte, ich sei wirklich gestorben!« — und geht mit wankenden Schritten von der Bühne. So hatte er sich in seine Aufgabe hineingespielt, hinein¬ gelebt. Nun von weniger Ernstem! In der Tragödie Raupach's, Raphaele, stellt Devrient einen Türken vor, Krüger und ich sind seine Kinder. Der Vater muß uns etwas Wichtiges mittheilen, und aufmerksam zuhörend sitzen wir auf einem Divan rechts und links von ihm, etwas entfernt vom Souffleurkasten. Die Rede beginnt mit: »Allah ist groß!« — und: »Allah ist groß!« sagt Devrient zum zweiten Mal — man merkt, er ist zer¬ streut — »Allah ist groß!« zum dritten Mal. . . . Er kommt über Allah's Größe nicht hinweg. Da versuche ich ihm die von mir ganz gut gehörten Worte zu souffliren, ganz leise. . . Devrient versteht mich, spricht nach, wird Herr seines Gedächtnisses und spielt mit gewohnter Meister¬ schaft weiter. Nach dem Akt sehe ich ihn rasch auf mich zukommen; er legt seine Hand wie segnend auf meinen Turban und sagt sehr freundlich: »Brav, brav, liebe Kleine, — ich danke! ich danke!« — Wer war stolzer und glücklicher als ich! Devrient half mir dann auch beim Einstudiren der Karoline in »Die Nachtwandlerin« von Blum. — Ich theilte ihm mit, wie schwer mir die Nachtwandlerszene würde und wie Angst es mir sei, nach der Neumann diese Rolle zu spielen. Da erbot er sich, mir Rath zu ertheilen, kam pünktlich zur verabredeten Stunde, und mit wahrer Engelsgeduld ließ er mich die Szene wieder¬ holen, — zeigte, wie die Augen blicken müßten, beschrieb das gewisse schleppende, doch lieblich klingende Sprechen beim Nachtwandeln, — Gang, Bewegungen sicher, leicht, und doch wie mechanisch. . . . Genug, ich begriff, hatte großen Erfolg und dankte Devrient innigst für seinen Beistand. Seine Eigenheit kommt zuletzt. Devrient's Tochter lebte in Braunschweig bei dem Schauspieldirektor Klinge¬ mann, geliebt und gepflegt wie von guten Eltern. Sie kommt als 16 jähriges Mädchen nach Berlin, um den Vater zu umarmen und — vor ihm zu spielen. Devrient stellt uns die Tochter vor; ein holdes Mädchen mit des Vaters Zügen, aber jugendlich weiblich, dieselben Pracht¬ augen! — Ich frage: »Ist Ihr Vater schon die Rolle mit Ihnen durchgegangen? Was sagte er? Das ist ein Lehrer, ein vortrefflicher!« — Da erwiderte sie kleinlaut: »Ach nein! — er meinte ich spräche. . .« — »Nun?!« — »Etwas affektirt — in so kurzer Zeit sei es nicht möglich, anders zu werden — er wolle erst sehen, wie ich die »Toni« spiele, dann mir Unterricht geben. Er wieder¬ holt immer: Klingemann'sche Manier ist mir zuwider! Unnatur! — Nun begreifen Sie wohl meine Angst — wie wird es mir gehen!« Wir sprachen ihr Muth zu. »Die Gouvernante« von Körner sollte als Nachspiel gegeben werden, und während der Probe gefiel sie nur sehr gut. Devrient ließ sich nicht erblicken. Abends freue ich mich, wie schön sie aussieht, erwarte großen Beifall. . . aber der bleibt beinahe ganz aus. Auch mir kommt die Art des Dekla¬ mirens etwas unnatürlich vor, doch auch Manches hübsch und lobenswerth. Die Toni ist vorüber — kein Devrient zu sehen! Der Tochter standen Thränen im Auge. Wir spielen die Gouvernante, man applaudirt, denn sie sprach charmant französisch als alte Gouvernante. Dennoch kein — Devrient! Andern Morgens kommt Fräulein Devrient und klagt uns: der Vater ließe sie nicht mehr hier auftreten, es sei mit Affektation nichts zu machen, sie würde immer unnatürlich sprechen, sei von Klinge¬ mann's verschroben gebildet, und es sei undelikat, einem Publikum die Tochter aufzudringen, weil es den Vater liebe. . . . Devrient hatte als Künstler recht, aber als Vater konnte er doch wohl versuchen, ob diese Manier der sonst so begabten Tochter nicht zu ändern sei. Seine fixe Idee war aber: es ginge nicht. . . Louise von Holtei, geborne Rog é e, sollte ich nicht näher kennen lernen. Sie kränkelte schon längere Zeit und betrat nur noch selten die Bühne. Und dann — wenige Monate nach meinem Engage¬ ment — während der Leseprobe von »Pauline« (Schauspiel von Frau von Weißenthurn) stürzte der Theaterdiener in großer Aufregung in den Saal mit den Worten: »Frau von Holtei ist soeben verschieden. . .« Wie waren wir da Alle — Alle so erschüttert, als träfe jeden Einzelnen dieser Schlag ganz besonders. Mad. Wolff schluchzte laut auf und selbst ihr Gatte verlor die Fassung. Niemand vermochte weiter zu lesen. Der Regisseur, Herr v. Lichtenstein, schloß die Probe. Wolff flüsterte seiner Frau zu: »Ich will den armen Holtei besuchen. Soll ich Dich vorher nach Hause be¬ gleiten?« — »Nein! Ich muß mich hier erst fassen. . .« Ein Strom von Thränen unterbrach sie. »Ich werde hier bleiben und Mad. Wolff nach Hause führen!« sagte ich hinzutretend. Aber vergebens suchte ich nach Trostes¬ worten. Erst als Amalie Wolff von der verstorbenen Freundin sprechen konnte, milderte sich ihr Schmerz. Sie rühmte Louise Holtei als treue, sorgliche Mutter, liebende Gattin und fleißige Hausfrau. Sie sprach von ihrem reinen Engelsgemüth. . . Aber sie zitterte noch, wie sie an meinem Arm nach Hause ging. Beim Lebe¬ wohlsagen blickte sie mich liebevoll an und sagte herzlich: »Nie werde ich vergessen, wie auch Sie die Todesnachricht aufgenommen . . . und doch war Louise von Holtei Ihre gefährlichste Nebenbuhlerin in dem Herzen des Berliner Kunstpublikums. Von heute an zählen Sie vertrauensvoll auf meine wahre mütterliche Freundschaft!« Und Amalie Wolff hielt Wort. Dem Begräbniß der viel beweinten, kaum 25 Jahre alten Louise von Holtei wohnte auch ich bei — dem ersten in meinem Leben, denn als meine kleine einzige Schwester in Bruchsal begraben wurde, weilte ich bei Bekannten in Karlsruhe. In einem großen Parterrezimmer versammelten sich die Beileidtragenden. Louise von Holtei — das holde Käthchen — lag weißgekleidet da, — so lieblich, als schlummerte sie süß unter dem Hollunderbaum, im Traum ihrem Ritter ihre mädchenhaft keusche Liebe gestehend. . . Schwarze gescheitelte Haare umrahmten die edle Stirn, und lange Augenwimpern beschatteten die Wangen, als müßten sie sich jeden Augenblick zu Wetter von Strahl erheben. . . Und doch war das holde Käthchen von Heilbronn für immer von uns gegangen — die schönsten Augen Berlins sollten sich nie wieder öffnen. . . Starr lag sie da in ihrem Sarge. . . O, wie das so eisig an mein junges, lebensfrohes Herz griff. . . Karl von Holtei, der damals dramatische Vorlesungen hielt und schon berühmt war durch seine »Wiener in Berlin«, stand bleich und vergrämt an der Seite des Sarges, sein Töchterchen an der Hand. . . Vierzig Jahre sind in's Meer der Ewigkeit versunken, seit ich diese rührende Leiche gesehen, — und doch kann ich mich auch heute noch jedes Zuges des selbst im Tode so holden Antlitzes erinnern. . . Es wird heute wenig mehr von Louise von Holtei gesprochen . . . und doch hat man nach ihr keine lieblichere Melitta — kein idealeres Käthchen von Heilbronn gesehen. . . Von Denen, die damals mit mir trauernd an diesem so viel Schönheit und Kunst und Glück umschließenden Sarge standen, ist heute wohl Niemand mehr übrig, als Karl von Holtei und ich. . . Zunächst sollte ihr Alexander Wolff nachfolgen — schon nach zwei Jahren. Fast dreizehn Jahre lang hatte dieser Liebling Goethe's und der Musen in idealen Gestalten an der Berliner Hofbühne geglänzt. Vergebens hatten Goethe, Karl August und der Erbgroßherzog Karl Friedrich ihn und seine Gattin an Weimar zu fesseln gesucht — nach Ablauf ihres Kontrakts waren beide Künstler auf die vielverheißenden Anträge des Grafen Brühl 1815 ge¬ schieden, — wenn auch mit schwerem Herzen von der Weimar'schen Bühne, »der Wiege, der Schule, dem Ehrenfelde unseres Strebens«, wie es in einem Briefe Wolff's an Goethe heißt. Doch hatte Wolff seit Jahren schon ein bedenkliches Halsleiden und fast alljährlich besuchte er mit seiner Gattin Pyrmont und Ems. Als er einst von dort zu¬ rückkehrte und nach langer Pause mit mir in »Hermann und Dorothea« wieder auftrat — mit welchem Jubel empfing ihn das Publikum! Man hoffte, daß er nun von seinem Halsleiden geheilt und der Kunst wieder ge¬ wonnen sei. Das Opernhaus faßte die Herbeiströmenden nicht, und der Beifall, die Begeisterung war so groß, die Freude, das Künstlerpaar wieder bewundern zu können, so sichtbar, daß man einem Familienfeste beizuwohnen wähnte. Wie liebenswürdig war Wolff in feinen Konversations¬ stücken, wie belebend wirkte sein Humor in Lustspielen, und wie meisterhaft in ernsten, edlen, dramatischen Auf¬ gaben! Nie spielte er, um größeren Beifall zu erringen, gegen seine Ueberzeugung; er strebte unermüdlich nach Vollkommenheit und war gegen sich selbst am strengsten. Und dieser wahre, gewissenhafte Künstler mußte im besten Mannesalter sterben! Bei dem Abschied vor der letzten Reise nach Ems war der Ausdruck seiner schönen geistvollen Augen ein unendlich wehmüthiger. Er ver¬ suchte lächelnd auf Wiedersehen zu sagen, aber es klang hoffnungslos. Wie freudig wurden wir aber überrascht, als uns Mad. Wolff hoffnungsvolle Briefe aus Ems sandte! Zwar sehr entkräftet, aber doch selbst voll neuen Muthes, trat er die Rückreise an. Sie nahmen ihren Weg über Weimar, und hier zwang ihn die plötzlich wieder aus¬ brechende unbarmherzige Krankheit zum Bleiben. Wo der Stern am Kunsthimmel ihm aufgegangen war, ist der Stern seines Lebens erloschen. An einem Sommerabend trugen ihn seine alten Freunde auf den Friedhof hinaus, wo auch Karl August, Goethe, Schiller, Hummel und seine Kollegen aus Goethe's Schule: Oels, Vohs und Moltke, jetzt längst ruhen. Mad. Wolff sprach gern von dem Entschlafenen; sie versicherte, daß es sie beruhige und ihre Sehnsucht mildere, wenn sie so mit ganzer Seele der Vergangenheit gedächte und mittheilen könne, wie viel des Schönen und Guten ihnen Gott gewährt. Sie konnte nicht genug rühmen, wie sanft und fromm ergeben ihr Gatte gewesen sei, und wie dankbar für alle Sorge und Beweise der Liebe! Auch erzählte sie, daß er plötzlich einige Minuten vor dem Todeskampfe sich aufgerichtet und mit begeistertem Ausdruck und laut (er, der so lange schon verstummt war) einige Worte aus »dem standhaften Prinzen« von Calderon gesprochen. Das letzte Aufflammen der Lebens¬ kraft war der Erinnerung an seine edelste Schöpfung geweiht, an seine liebste Rolle, und nach dem Ausspruch aller Kenner, seine beste. . . »Wolff sehnte sich auf seinem Sterbebette immer, eine Blume in der fieberheißen Hand zu halten«, erzählte Mad. Wolff, »er labte sich an ihrem Dufte. Einige Theerosen hatten den Kranken sehr erfreut, besonders bewunderte er die Grazie der Knospen. »Ich wachte allein bei seiner Leiche, küßte seine Stirn und Wangen, nahm seine erkaltete Hand und erblickte in ihr — eine welke Rosenknospe. »Da nahm ich die Knospe und stellte sie in ein Glas Wasser; traurig senkte sie das Köpfchen, »Ach, hätte ich weinen können! Nicht weinen zu können war meine größte Qual. Wie hätten Thränen mein Herz erleichtert! »Endlich gegen Morgen schlummerte ich vor Ermattung ein wenig ein, und als ich wieder erwachte, erblickte ich in jenem Glase — eine herrlich erblühte Rose! »Da war es mir, als ob ein Lächeln über das Antlitz des Verklärten ginge, das mir sagen sollte: »Dies mein Gruß aus dem Jenseits. Beruhige Dich, Geliebte — Du verstehst mich . . . wir sehen uns wieder. . .« »Da konnte ich weinen. . .« . . . Und kaum nach vier Jahren — in den ersten Tagen des Januar 1833 — trugen die Berliner Freunde auf ihren Schultern den größten Mimen unseres Jahr¬ hunderts hinaus zur letzten Ruhe — unter dem kühlen Rasen des stillen, jetzt fast vergessenen französischen Kirchhofs vor dem Oranienburger Thore zu Berlin, wo auch Seydelmann liegt . . . Ludwig Devrient! Wie hatte Devrient danach gelechzt — gerungen: sein Ideal einer Künstleraufgabe — Shakespeare's »Richard den Dritten« in Berlin darstellen zu dürfen. . . Endlich! endlich kam dieser heißersehnte Abend . . . aber fast zu spät für den großen und doch in seinem Leben so wenig glücklichen Mann. . . Noch nicht 48 Jahre alt, waren seine physischen Kräfte erschöpft . . . weil ihm die mora¬ lische Lebenskraft gefehlt hatte. Nicht glücklich in seinen drei Ehen — getrieben von einer fortwährenden inneren Unruhe, Unbefriedigtheit und Zerrissenheit, suchte er mit seinem Freunde, dem geistreichen, wunderlichen Kammer¬ gerichtsrath E. T. A. Hoffmann, Vergessenheit in der Weinstube von Lutter und Wegener . . . oft — zu oft — zuletzt täglich. . . Der Wein und andere scharfe Getränke zerrütteten seine empfindsamen, leicht erregten Nerven immer mehr. . . Und als er den Richard mit dem Auf¬ gebot seiner letzten Kraft spielte — und so spielte, wie man diese gigantische Rolle weder vor ihm noch nachher in Berlin wieder sah . . . da fühlte er doch selber zu seinem tiefsten Schmerz, daß er sein Ideal von dieser Rolle nicht erreicht hatte — nie mehr erreichen konnte. . . Das brach seine Lebenskraft vollends und er sank auf's Krankenlager hin. . . Aber noch einmal flackerte die alte Kunstliebe und Kunstbegeisterung in dem gebrochenen Körper auf — so mächtig, daß sie auch dem müden Leibe noch für eine kurze Frist Kraft gab. Devrient wollte — konnte wieder spielen. Am 1. Dezember 1832 schleppte er sich auf die Bühne — und spielte den »Schewa«, eine seiner Lieblingsrollen, wie nur Ludwig Devrient ihn spielte. . . Wer einmal die zornigen, schrillen Fistel¬ töne Schewa's von Devrient gehört hat — bei ihnen zusammengeschauert ist . . . der wird mir Recht geben. Athemlos — mit wehmüthigem, ernsten Schweigen folgte das volle Haus der erschütternden Leistung. . . Der Vorhang fiel, und Ludwig Devrient, der Wiedererstandene, wurde stürmisch gerufen. . . Er wankte vor und dankte mit zitternder Stimme und erloschenen Augen für diese beglückende Theilnahme und sprach von seiner Freude, wieder vor seinen Gönnern auf der Bühne zu stehen — und von der Hoffnung auf ein neues, frisches Leben und Blühen und Wachsen seiner Kunst. . . Aber er glaubte selber nicht an diese Worte — an diese schöne Zukunft. . . Mühsam schleppte er sich in die Coulissen zurück — da brach er zusammen und die Thränen stürzten ihm aus den Augen und das trostlose Wort bebte von seinen erbleichenden Lippen: »Es ist mit mir vorbei — für immer — Alles!« Und es war vorbei! Am 30. December 1832 in nachtdunkler Morgen¬ stunde weinte die Muse an der Leiche ihres edelsten Priesters. . . Doch wer den Besten seiner Zeit genug gethan, Der hat gelebt für alle Zeiten. . . Doch meine Erinnerungen fliegen voraus. . . Aber mein Herz trieb mich, an diesen wenigen leuchtenden Künstlerbildern aus der alten, verschollenen Zeit zu zeigen, wie beglückt ich war — und sein mußte: mit solchen edlen, begeisterten Künstlern spielen und — von ihnen lernen zu dürfen! Bald sollte ich auch die volle Bedeutung der so oft gehörten Worte: »Alte Schule — Traditionen Iffland's — Pietät des Intendanten Grafen Brühl, im Iffland'schen Sinne dem Institut vorzustehen,« verstehen und würdigen lernen. In Karlsruhe hatte ich auch Ordnung, Fleiß, esprit de corps wahrgenommen, aber bei weitem nicht in dem Maß, wie bei der königlichen Bühne. So vieler Be¬ scheidenheit bei eminentem Talent, — liebenswürdigster Bereitwilligkeit, dem Ganzen zu lieb die kleinsten Rollen zu übernehmen, — begeistertem Streben, unermüdlichstem Fleiß der berühmtesten Mimen, — einem so harmlos heiteren, freundlichen Verkehr mit den Kollegen, und dabei anspruchslosen Benehmen der Gefeiertsten den jungen Anfängern gegenüber, bin ich in den 25 Jahren meines Bühnenlebens nie wieder begegnet. Wohl haben später einzelne hervorragende gigantische Genies, leuchtende Persönlichkeiten mit vollendeter Künstler¬ schaft noch glänzendere Triumphe errungen, — Ehrenbe¬ zeugungen jeder Art, reicherer Gewinn belohnte ihre Leistungen . . . aber mit so ebenbürtigen, gleichgesinnten, gleichberechtigten Künstlern zu wirken — — dies hohe Glück blieb ihnen verschlossen. Wenn ich später von den Ansprüchen und goldenen und lorbernen Erfolgen der Nachahmer Ludwig Devrient's hörte, mußte ich stets mit Rührung des unübertroffenen und doch so bescheidenen Künstlers gedenken. . . Ludwig Devrient hatte eine Gage von 2500 Thalern, und die brillanteste Kunstreise brachte damals nur 400 — höchstens 600 Thaler ein. Ueberdies waren die Kosten dieser Reisen — da man stets mit eigenem Wagen oder Extra¬ post reisen mußte — so bedeutend, daß oft die ganze Einnahme auf die Reise verwendet werden mußte. . . Und heute? Devrient ist auch sein Leben lang die Schulden nicht los geworden. Im Jahre 1809, als er noch in Leipzig engagirt war, hatte er 900 Thaler Schulden und wußte sich vor seinen Gläubigern nicht anders zu retten, als — durch Flucht nach Breslau. Dort begründete er seinen Ruf als Charakterspieler. Und bei — nach heutigen Begriffen — so geringem goldenen Lohn hatte die Berliner Hofbühne Mustervor¬ stellungen — im edelsten Sinne des Worts — aufzu¬ weisen, wie keine andere Bühne Deutschlands. Die entzückten das dankbare und gebildete, nach höchstem Maßstabe richtende Publikum von Iffland's Direktion an bis zum Scheiden des Grafen Brühl und bis zum Tode Ludwig Devrient's. Die später so mühsam veranstalteten Mustervor¬ stellungen auf der Münchener Bühne — waren vorüber¬ gehend; sie fanden nur 1833 und 1854 statt — ohne Blüte — ohne Frucht. Solche Erfolge in Berlin waren aber auch nur zu erreichen durch das einträchtige, selbstlose, begeisterte Ringen Aller nach — Einem Ziele. Die jüngeren, selbst die beliebtesten Mitglieder stellten nie die Bitte: von kleinen effektlosen Rollen dispensirt zu werden. Und wenn nur ein Zug von Ueberschätzung sich zu erkennen gab, hieß es gleich: hat man Ihnen nicht erzählt, wie Iffland und Friederike Bethmann Anmaßende zurechtgewiesen haben?! Hören Sie: »Während des Probirens vom Krönungszuge in der Jungfrau von Orleans hatte sich ein Anfänger für zu gut gehalten, zu zeigen, wie er das Kissen mit der Krone tragen werde, und schlenderte nachlässigen Schrittes über die Bühne. Iffland unterbrach den Krönungszug, nahm dem Pretentiösen das Kissen ab und ging ernst, würde¬ voll es tragend gemessenen Schrittes vor ihm her. . . Dann forderte er den jungen Ueberklug auf, das Kissen ebenso zu tragen. Nach mehrmaligem Probiren sagte Iffland laut: »Nun können Sie es wagen! Auf Ihre Manier wären Sie heute Abend ausgepfiffen worden!« Der so Belehrte — Beschämte wurde bescheiden und ein nützliches Mitglied der Berliner Hofbühne. Eine junge, beliebte Sängerin wollte in einem Sing¬ spiel die zweite Partie nicht übernehmen. Da erbot sich Friederike Bethmann: neben ihr — die kleinere Rolle zu spielen und der jungen Dame die glänzende erste zu überlassen. . . Das half! Beschämt gestand die Anfängerin ihr Unrecht ein. So wurde sie mit der Zeit eine ernst strebende liebenswürdige — erste Sängerin . . .« Von der wahrhaft rührenden Bescheidenheit be¬ währter und gefeiertster Künstler zu meiner Zeit nur einige Beispiele: Musikdirektor Karl Blum bat den be¬ rühmten Tenoristen Bader, doch ihm zu Gefallen den Gustav in seiner Operette »Die Nachtwandlerin« zu singen. Da es zugleich eine Spielrolle und Stümer — damals noch zweiter Tenor — nicht im Stande sei, trotz des besten Willens in Prosa zu sprechen und sich in elegant moderner Kleidung graziös zu bewegen, so sei er in größter Verlegenheit. Gustav war — Numero drei in der Operette, denn die Nachtwandlerin und Heinrich Blum als Rudolph hatten die dankbarsten Aufgaben. Erinnerungen ꝛc. 9 Und der gefeiertste Sänger Deutschlands, der ideale Licinius, bewunderte Cortez — sang den Gustav, spielte entzückend, sprach anmuthig, mit Gefühl . . . und Dank seinem Mitwirken erregte die bescheidene Operette Enthu¬ siasmus, blieb auf dem Repertoir und wurde stets vor besetztem Hause gegeben. Der später so berühmt gewordene Eduard Devrient (bis vor kurzem Intendant in Karlsruhe), damals Bassist und nur in großen Opern beschäftigt, übernahm bereit¬ willig die kleine Partie des Bedienten Gustav's und spielte und sang allerliebst. Das Hübscheste dabei war, daß Bader vor seinem Auftreten als Gustav seine — Befangenheit eingestand . . . da er so gar nicht gewöhnt sei, als süß girrender Lieb¬ haber zu sprechen, mit halber Stimme zu singen, und da er sich in dem modernen Kostüme unbehaglich fühle. . . Aber wie bezaubernd klang seine Stimme in dem leise vorge¬ tragenen Duette während der Nachwandlerscene — so süß verklingend — fast überirdisch. Ueberhaupt war Bader das Muster eines edlen, guten Künstlers, mit voller Glut sich seinem Beruf widmend. In Spohr's »Jessonda« sang er am liebsten. Nach dem Duette mit Mad. Seidler: »Laß uns dahin zieh'n« hatte er in der Probe Thränen in den Augen — plötzlich brach er in die Worte aus: »Welche himmlische Musik, o großer Meister Spohr, wie soll ich Dir genug danken für den Genuß und die Gnade, deine Töne dem Publikum über¬ mitteln zu dürfen!«. . . Und das Orchester applaudirte jubelnd diesen Worten. Ludwig Devrient verschmähte es nicht, in dem Vaudeville »Die Hottentottin« die kleine Rolle des Onkels zu übernehmen, der eigentlich nur eine Scene zu spielen hat. Aber er wirkte so belebend, erheiternd durch seinen köstlichen Humor, daß die Hottentottin unzählige Male wiederholt werden mußte — in Potsdam, Charlottenburg, sogar in Sanssouci in dem von Friedrich dem Großen erbauten eleganten Miniaturtheater, dem bijou einer Bühne. Rebenstein, der prächtige Wetter von Strahl, der poetische Don Carlos, spielte in demselben Vaudeville den Neffen, eine winzige Rolle. Ich als »Hottentottin« mußte singen und ein Solo tanzen. Die Achtung, das Wohlwollen der Kollegen galt damals als Hauptsache! Nichts vermochte so zu ermuntern, wie deren Lob. Aber dem großen Ganzen zu Liebe übernahmen wir Jüngeren unter Umständen auch wohl Aufgaben, die fast über unsere Kräfte gingen. Die Oper »Joconde« sollte in Sanssouci aufgeführt werden mit Henriette Sontag als Gast. Der König hatte hohe Gäste und selber diese Vorstellung gewünscht. — Da wird die Sängerin krank, welche die Partie der Mathilde einstudirt hatte. Keine Stellvertreterin war zu finden! Denn den ersten Sängerinnen Seidler und Schulz war doch der Antrag nicht zu stellen, neben der Sontag als Folie zu figuriren. 9 * Karl Blum kam zu mir in fliegender Hast, im Auftrag des Kapellmeisters und Intendanten. »Sie müssen uns aus der Noth helfen! Singen Sie die Mathilde! — Die hohen Herrschaften freuen sich, die Sontag und Bader in Joconde zu hören. Sie sind musikalisch, es geht gewiß. Wir wollen gleich beginnen . . .« und Blum öffnete den Flügel, drückte mir die Noten in die Hand und schlug das Accompagnement an. »Ich — mit der Sontag vor dem Hofe singen?« rief ich außer mir. »Mir schwinden schon bei dem Ge¬ danken die Sinne — und dazu noch über Hals und Kopf einstudiren? — Fiasko machen — stecken bleiben? — lieber sterben. . . « Aber Blum bat so beharrlich, versuchte mich mit der Versicherung zu beruhigen, dem König würde ge¬ meldet werden, ich hätte nur aus Gefälligkeit gewagt, neben der Sontag zu singen — in Berlin würde ja Joconde nicht wiederholt . . . und dazwischen spielte er immer Bruchstücke der süßen, lockenden Melodieen, die Mathilde zu singen hatte. . . Ich war überwunden und studirte auf Tod und Leben die Rolle ein. Die Proben gingen gut; aber während der Hauptprobe in Sans¬ souci stand ich doch zitternd und angstbeklommen da, denn der König wohnte mit Suite der Probe bei, dicht hinter dem Orchester. Nach dem ersten Trio und Aktschluß — stand plötzlich Friedrich Wilhelm der Gute vor mir auf der Bühne und sagte so recht mild, väterlich: »Sich nicht ängstigen — vernommen — nur aus Gefälligkeit singen, — recht schön — lobenswerth — wird gut gehen danke! danke!« — Dabei nickte der leutselige König freundlichst und war verschwunden. Das gab mir neuen Muth. Ich athmete auf, sang und spielte tapfer weiter und — blamirte mich nicht. Andern Tages erhielt ich vom Geheimen Kämmerer Timm im Auftrage des Königs köstliche Potsdamer Trauben und einen reizenden Pariser Hut. Das Geschenk, das einzige, das ich vom Preußischen Hofe erhalten habe, beglückte mich wegen des beigefügten Billets: »Die Mathilde möge sich gerne des gebrachten Opfers erinnern. . .« Ueberhaupt die Fahrten nach Potsdam! Wie liebten wir Alle diese heiteren Kunstreisen en mininiature — im altmodischen Theater-Wagen, langsam von alten Pferden gezogen. . . denn wie angenehm verplauderten sich die vier Stunden mit Kolleginnen wie: Mad. Wolff, Stich, Schröckh, Eunike, Komitsch, Unzelmann — und den Kollegen Ludwig Devrient, Alexander Wolff, Beschort, Lemm, Krüger, Rebenstein. . . Nicht nur, daß die Gespräche belehrten — sie wirkten auch wohlthätig auf das Gemüth; man lernte sich besser kennen, schätzen und — vertrauen. Es wurden Erlebnisse mitgetheilt, das Wohl und Wehe der Angehörigen besprochen und oft ganz merkwürdige Beichten abgelegt. Dabei kamen so liebenswerthe, vertrauenerweckende Eigenschaften zu Tage, daß man sich nicht fremd zu bleiben vermochte. Oft war es mir in unserem großen grünen oder rothen Rumpelkasten, als säße hier eine Familie traulich bei¬ sammen. Dieses gegenseitige Verstehen und Vertrauen hat sicher viel zu der damaligen herrlichen harmonischen Kunstepoche beigetragen. Als Feste anderer Art, höchst reizend und beneidens¬ werth, galten uns die Vorstellungen in dem Palais des Königs, wo kleine Lustspiele, Gesang, Ballet mit lebenden Bildern abwechselten. Auf einem winzigen, provisorisch errichteten Theater, im größten Saal des Palais, wurden die Proben abge¬ halten, — heiter und zwanglos, oft übermüthig. — Da wurden Gruppen lebender Bilder gestellt, während be¬ gleitender Gesang aus den Coulissen ertönte. Dann wanderte wieder das fliegende Orchester in den Saal hinab, um Henriette Sontag und Mad. Seidler zu accom¬ pagniren, von Musikdirektor Möser dirigirt. Die Tänzerinnen figurirten in graziösen Pas, und am Schluß der Probe setzte man sich an reich servirte Tische zum Déjeûner à la fourchette — zu Gast bei Sr. Majestät. Der leutselige Monarch wohnte manches Mal ein Stündchen den Proben bei und befahl, wenn Alle sich ehrerbietig verbeugten und verstummten, ungenirt fort¬ zufahren, mit Interesse das Treiben des Künstlervölk¬ chens betrachend. Nicht selten richtete der König gütige Worte an die Mitwirkenden. Er konnte auch wohl herzlich lachen, z. B. als Meister Gropius das lebende Bild »Die neun Musen« stellen wollte und auf der beschränkten Breite der Bühne seine auserwählten Damen nicht zu placiren vermochte trotz des kameradschaftlichsten Zusammenrückens . . . Da lachte der »Musen verträglich sein müssen!« — und endlich standen wir auch in schönster Harmonie als klassische Gruppe. Zwei solcher Vorstellungen von lebenden Bildern im königlichen Palais werden mir aber unvergeßlich bleiben — wegen der dabei ausgestandenen Angst. Hofrath Esperstedt brachte nur eines Tags mit wichtiger Miene die Nachricht, ich sei berufen, im Palais in lebenden Bildern mitzuwirken und zwar als Klärchen mit Egmont-Rebenstein nach dem bekannten Bilde, als »Philosophie« nach Rafaels Wandgemälde im Vatican und. . . »Ich als Philosophie, Herr Hofrath? Ich mit meinem vollen runden lebensfrohen Gesichte und meinem unsterblichen Kindskopf als ehrsame gestrenge Weisheits¬ göttin? das ist zu komisch. . .« Und ich ließ meiner leicht durchgehenden Heiterkeit die Zügel schießen. . . »Nun, man sieht bei Ihrer Philosophie ja nur das Profil und Ihre Nase ist . . .« »Echt philosophisch? Wie stolz mich das macht, Herr Hofrath. Wenn die Mutter mich einen Kindskopf schilt — flugs halte ich ihr meine philosophische Nase en profil hin und sie wird von meiner Weisheit über¬ zeugt sein. Und als Klärchen?« »Natürlich auch en profil . . .« Da war's mit meiner Ernsthaftigkeit vollends vor¬ bei. »Also Klärchen hat auch eine philosophische Nase gehabt? Armer Egmont! Und wann, Herr Hofrath, kommt mein armes Gesicht en face zu Ehren?« »Als Fischermädchen in der Verlobung auf Helgo¬ land . . .« polterte Esperstedt und rannte bei dem neuen Ausbruch meiner Heiterkeit bitterböse davon, aller Welt erzählend, solch ein übermüthiger Kindskopf sei ihm noch nicht vorgekommen und ich passe für die Philosophie, wie seine Nase für den Egmont. Ich habe auch wirklich nie eine furchtbarere Habichtsnase gesehen. Die Proben gingen ganz heiter und gelungen vor¬ über. Aber »die Seufzer und die Thränen, die kommen hinten nach!« sagt Heine. Und Hofrath Esperstedt sollte am Abend der Vorstellungen grausam gerächt werden. Mir war als »Klärchen« und als »Philosophie« nichts weniger als lachlustig zu Muth. Der Vorhang geht auf. . . . Egmont-Rebenstein thront wunderschön im dunklen Sammetwamse mit weißen Atlaspuffen auf hohem alter¬ thümlich geschnitzten, straffgepolsterten Lederstuhle . . . Klärchen, im altdeutschen Gewande, weiß und him¬ melblau, kniet vor dem geliebten Manne, die Ellbogen auf seine Kniee gestützt und schaut schwärmerisch zu ihm auf. . . . Hinter den Coulissen klingt's leise weh¬ müthig: »Freudvoll und leidvoll . . .« und dann wie im Herzensjubel: »Glücklich allein ist die Seele, die liebt!« Ein Ah! der Bewunderung geht durch die Reihen bei hohen Zuschauer. . . . Prinzessin Karl sagte mir späterhin: dies Bild habe am meisten gefallen. Aber plötzlich höre ich meinen Egmont angstvoll durch die Zähne zischeln: Ich rutsche . . . der verdammte Stuhl mit dem glatten, straffen Leder . . . Ich — halb todt vor Schreck, ohne jedoch mit den schwärmerischen Augen zu zucken, hauche zurück: »Um Gottes willen, rutschen Sie nicht! Ich stütze Sie!« Und krampfhaft stemme ich meine Ellbogen gegen die Kniee Rebensteins . . . Bleischwer gleiten die Secunden an uns vorüber. Will denn der Vorhang in Ewigkeit nicht fallen? Ich fühle meine Kräfte erlahmen. Auf Egmonts Stirn perlen Angsttropfen und schon rinnt solch ein großer blanker Tropfen langsam die Nase herab . . . jetzt zittert er an Egmonts Nasenspitze . . . Wird er fallen? . . . Und wohin? . . . O Ihr Götter, Egmont rutscht sacht weiter . . . Wie das Leder knarrt . . . Und meine Arme sind wie erstorben . . . Jetzt fällt auch der große Schweißtropfen von der Nasenspitze . . . Wie er an meinen Augen vor¬ über niederflirrt! . . . Und es flirren die Bühne — die Lichter — Alles! Alles! um mich her vor meinen Augen . . . Nein, ich kann nicht länger schmachtend zu Egmont aufblicken . . . Und stände Todesstrafe darauf, ich muß mit den Augen zucken . . . doch! das Schurr! Schurr! über mir giebt mir neue Lebenskraft . . . Gott sei Dank, der Vorhang fällt . . . Aber, so entsetzlich langsam und träge, wie noch nie . . . Endlich hat er den Boden erreicht — ich darf halb ohnmächtig die Augen schließen, die Arme niederfallen lassen und den Kopf an den Stuhl lehnen . . . und Egmont darf rutschen — rutschen . . Welch eine Seligkeit in diesem »dürfen!« Rebenstein nannte mich später gern seine freundlichste und tapferste Stütze . Und dennoch sollte ich als »Philosophie« noch größere Angst ausstehen. Hofrath Esperstedt sagte mir späterhin: »Als gerechte Strafe dafür, daß Sie die Ehre so wenig zu schätzen wissen, eine philosophische Nase zu haben und mit ihr in Rafaels herrlichem Wandgemälde figuriren zu dürfen. O, wenn ich solche Nase hätte — ich gäbe mit Hochgenuß zehn von meiner Sorte dafür hin. . .« Das berühmte Bild war mit echt künstlerischem Geschmack und großer Pracht arrangirt. Eine goldene Wand nahm die ganze Bühne ein. In dieser Wand be¬ fanden sich vier medaillonförmige Ausschnitte für die lebenden Bilder, zwei hoch oben und zwei unten. Mlle. Kleist, eine schöne Tänzerin, und ich sollten in der Belle-Etage »Musik und Philosophie sitzen,« während Mad. Unzelmann, als Göttin der Gerechtigkeit, mit der duftigen Poesie glücklich Parterre wohnten. Ja, wie haben wir Hochgestellten, Himmlischen an jenem Abende das solide Parterre beneidet! Hinter den Himmelsfenstern des oberen Stockwerkes waren winzige Sitze angebracht, lange schmale Treppen führten hinauf. Fröhlich stieg die Philosophie hinan und setzte sich auf ihr Präsentirtellerchen. Meister Gropius stieg mir nach und schob mir ein großes goldenes Buch unter den Arm, rückte meine philosophische Nase in's reinste Profil und stellte auf meine Stirn, da wo die Locken begannen, — ein ausgewachsenes diamantenfun¬ kelndes Entenei! Das war der Stein der Weisen, aber leider nicht das Ei des Columbus, denn es wackelte trotz der dünnen Drähte, die von meinem griechischen Haar¬ knoten ausgingen und das Ei festhalten sollten, bei der leisesten Bewegung bedenklich hin und her. Und ich hatte keine Stütze für meine Arme, keine Lehne für den Rücken. Ich kam mir auf meinem luftigen Sitzlein vor, wie der Vogel auf dem höchsten Blatt eines Baumwipfels. Das hatte mir in den Proben und auch jetzt anfangs noch, vor dem Aufrollen des Vorhanges, gar wohl gefallen. Aber, wie viel Meister Gropius heute Abend an den Falten meines himmelblauen, goldgesternten griechischen Gewandes, an meinen Locken, meiner Nase und vor allen Dingen an dem unglückseligen Stein der Weisen auf meiner Stirn zu arrangiren hatte! Ueberdies saß ich in einem Sternenkranze von blinkenden Lampen, die ihr volles Licht strahlend, glühend auf mein armes Persönchen concentrirten. Mir flirrte es schon vor den Augen, noch ehe der Vorhang aufging — und dann, als auch die Kron¬ leuchter aus dem Saale ihre Kreuzlichter auf die Bühne streuten und ich so viele kritische Augen auf mich gerichtet sah — als mir der Qualm der Lampen betäubend, widerlich in meine philosophische Nase stieg und mir über¬ dies noch ein schadenfroher Kobold den höllischen Gedanken einblies: Wenn Du in diesem Augenblick niesen müßtest . . . ! da fing die ganze bretterne Welt an, sich um mich zu drehen — die Lampen huschten wie wahnsinnige Stern¬ schnuppen durch einander — der Stein der Weisen auf meiner Stirn schwoll zum Chimborasso auf und wackelte, wie der Narr im Rochus Pumpernickel auf seiner Tonne und ich hörte sogar des Narren schneidende Stimme: »Rührt mich nicht an, ich bin von Glas . . . oder ich falle auf die Nase der Philosophie nieder und in Scherben zerbricht der ganze Plunder. . .« Und dann, wie im tiefen Traume war's mir, als riefe eine andere leise ängstliche Stimme: »Geschwind den Vorhang nieder — die Philo¬ sophie wird ohnmächtig! — Weiter hörte, sah ich nichts! Ich kam erst wieder zum Bewußtsein unten auf der Bühne. Gropius war die Treppe zu mir hinaufgesprungen und hatte mich nach dem Fallen des Vorhanges in seinen Armen aufgefangen und hinabgetragen. Auch die »Musik« sagte mir kläglich, daß sie keine Secunde länger hätte stillsitzen können, ohne von Schwindel ergriffen zu wer¬ den. Wir beide bestanden darauf, daß bei den üblichen Wiederholungen der Bilder im Schauspielhause unsere luftigen Sitze kleine Rückenlehnen erhielten. Wenn nach der Vorstellung im Palais und dem Souper, — das auch für die mitwirkenden Künstler in einem Nebensaale splendid servirt wurde, — die hohen Herrschaften tanzten, sah es der König gern, daß die beschäftigt gewesenen Damen vom Theater dem glänzenden Feste zuschauten. Da munterte der König freundlich auf, näher heranzutreten, und er liebte es, wenn seine Gäste mit uns sprachen. Nach dem Rafaelschen Tableau, dessen Störung — Dank dem schnell niederrollenden Vorhange! — nur wenige Zuschauer bemerkt hatten, trat der König während des Balles auf mich zu und sagte leutselig: Philosophie Angst ausgestanden — noch blaß aussehn — nächstes Mal vorsichtiger sein — immer hübsch an's Wort Philo¬ sophie denken, beherzigen. . .« »Aber ich weiß ja gar nicht genau, Majestät, was Philosophie heißt!« »Aus dem Griechischen, Kind — Weisheit lieben!« »Darum hat sich die Philosophie auch so grausam an mir gerächt, Majestät, — denn ich habe die Weisheit bis jetzt so wenig geliebt!« Da lachte der König herzlich: »Wird schon kommen, — noch jung sein — noch Zeit haben!« Am andern Morgen sandte mir der Geheimkämmerer Timm ein reizendes Körbchen Potsdamer Trauben mit einem Zettelchen: »Der Göttin Philosophie für die Erdenangst!« Und wie verehrten wir Mitglieder der königlichen Bühne auch Alle — Alle diesen leutseligen, väterlich wohlwollenden Monarchen aus vollen, dankbaren Herzen, — ihn, der uns durch sein zartes achtungsvolles Benehmen stets zeigte: daß er über den Künstler nicht den Menschen vergaß . . . der stets so großmüthig und — gerecht gegen uns war! Friedrich Wilhelm der Gerechte stand nicht zu hoch — nicht zu fern da, wenn es galt, die Künstler seiner Hofbühne gegen Launen und Mißgunst des Publikums und der Recensenten — ja, sogar gegen die Willkür der Vorgesetzten zu schützen! Der König nahm Henriette Sontag nicht nur gegen Rellstab's Angriffe, sondern auf ihre Beschwerde auch gegen Saphir's Spott und beißende Satyre in seiner »Tagespost« in Schutz. »Kunstkritik erlaubt — persönliche Verhältnisse aus dem Spiel lassen!« diktirte er dem käuflichen Witzling. Friedrich Wilhelm der Gute hatte stets ein offenes Herz, eine offene Hand, wo es hieß, einen durch Krankheit oder anderes unverschuldetes Unglück hartbedrängten Künstler zu unterstützen! So machte seine Großmuth allein es dem armen Pius Alexander Wolff möglich, alljährlich die für sein Halsleiden so nöthigen, kostspieligen Bade¬ reisen zu unternehmen. — Als Henriette Sontag zum ersten Mal bei einem Fest im Palais gesungen und durch die Variationen von Rode entzückt hatte, stand sie während des Tanzes im Seitensaale neben mir, ihre Bemerkungen mir zu¬ flüsternd. Wie eine Sylphide, so lieblich und schön sah sie im weißen Seidenkleide und dem blauen Asternkranze um die Locken aus. Wer ihr damals gesagt hätte: »1844 wirst Du als Gesandtin in diesen Räumen glänzen . . . und nach fast einem halben Jahrhundert wird Deine Nachbarin von Dir — der Unvergeßlichen — erzählen!« So sehr es mich Anfangs betrübte, von Henriette Sontag verdunkelt zu werden, so aufrichtig erfreute ich mich ihrer Triumphe, nachdem sie durch ihr anspruchs¬ loses, herziges Wesen mich erobert hatte. — Jede Eifer¬ sucht war verbannt; wir bewegten uns in denselben Kreisen, tanzten auf denselben Bällen und verlebten besonders unvergeßlich schöne Stunden in dem heiteren, gastlichen Hause des Justizraths Ludolf im Thier¬ garten. Dort wohnte die Sontag während eines Som¬ mers und nahm fürlieb mit einem kleinen Gaststübchen, denn sie fühlte sich heimisch bei der liebenswürdigen Hausfrau. Da wurden Landpartien arrangirt, große Spazier¬ gänge unternommen, getanzt, Charaden aufgeführt, lebende Bilder dargestellt, und die Sontag war die Unternehmendste und Muthwilligste von Allen. Sie ritt tollkühn und lief sogar auf hohen Stelzen im Garten herum, nicht wenig stolz auf die erlangte Fertigkeit. Meine Mutter sagte einmal: »Aber, liebes Fräu¬ lein, wenn Sie nun ausgleiten und sich wehe thun?« — »Bewahre, Frau Rittmeisterin!« rief sie hell lachend, und stand einige Sekunden auf einem Stelzfuß, sich an unserem Staunen wie ein Kind ergötzend. — Eines milden Abends saßen wir vor dem Hause traulich plaudernd, da verschwand Henriette unbemerkt, und nach kurzer Zeit öffnete sich das Fenster über uns, und die Arie aus dem »Barbier von Sevilla« tönte flöten¬ gleich in den Garten hinaus. . . Plötzlich unterbrach sie sich — und Mad. Stich täuschend nachahmend, deklamirte sie mit süßester Stimme: »O Romeo, warum denn, Romeo ꝛc., und für den Namen, der Dein Selbst nicht ist, nimm Meines ganz —«. Ich fiel sogleich ein: »Ich nehme Dich beim Wort, Geliebte« . . . (Wolff nachsprechend) — und so spielten wir die Szene im Thiergarten, als wölbte sich Italiens Himmel über uns. Das war der Sontag harmlos heiterste Zeit, wie sie später oft versicherte, und unvergeßlich blieb ihr wie mir ein Christabend in Ludolf's traulichem Hause. Es wurde am Weihnachtsabende uns und einigen Stammgästen Christkindchen beschert. Unter Blumen hatte man kleine Geschenke versteckt, und unter Lachen und Scherzen wurden dieselben gesucht und gefunden. Als gegenseitig die niedlichen Sachen bewundert wurden, ertönte aus dem Nebensaale: »Kommt a Vögli gefloge, setzt si nieder auf mei Fuß!« . . . »Ach, die Tyroler,« riefen wir freudigst überrascht aus, und lauschten dem herzigen Gesange. Der freundliche Wirth hatte die Alpensänger kommen lassen, was nicht leicht zu bewerkstelligen war, denn die angesehensten Familien Berlins wünschten ihren Gästen die Tyroler zu produziren, welche im Opernhause mit den einfachen Liedern gefallen hatten. Es waren vier Männer und eine Frau; sie trugen Volkslieder mit wahren Prachtstimmen vor. Nachdem sie: »Steh nur auf, steh nur auf, schöner Schweizerbu'« gesungen, nahm die Sontag die Tyrolerin an's Klavier, denn sie wollte hören, bis zu welcher schwindelnden Höhe die Stimme derselben reichte. Sie probirten, indem die Sontag Ton für Ton auf dem Klavier antippte und mitsang . . . aber bald rief sie lachend: »Ich komme nicht nach!« Dann gab sie den Bitten der Tyroler nach, setzte sich an's Klavier, auch etwas zu singen. Sie wählte Mo¬ zart's göttliches: »Ihr, die ihr Triebe des Herzens kennt —«. Wir dankten entzückt. Die Tyroler sagten mit größter Ruhe, dabei mit den Köpfen nickend, in ihrem Dialekt: »Du singscht recht artig!« Schallendes Gelächter antwortete auf dies Lob, und Henriette schien es sehr zu amüsiren, artig singen zu können. Dann mußten die Tyroler uns ihren Ländler zeigen, den wirklichen einfachen Ländler. Der Aelteste tanzte ihn mit seiner Frau, die drei Andern sangen die Tanzmelodie dazu; es währte nicht lange, so drehten wir uns sämmtlich nach der gesungenen Ländlermelodie. — Justizrath Ludolf wollte seinem Abgott noch einen Triumph bereiten und forderte einen Tyroler auf, zu sagen, welche von uns Damen den schönsten Fuß besäße. Wir widersetzten uns dem Scherz nicht, um dem liebenswürdigen Wirth nicht die Freude zu verderben, sondern stellten uns in einen Kreis um unsern Richter, jede die Fußspitze zeigend, Henriette ihr Cendrillonfüßchen äußerst graziös neben meinen stellend. Der Tyroler faßte aber seine Aufgabe sehr gravi¬ tätisch auf, betrachtete mit größter Ruhe aufmerksam Damen und Fußspitzen, und, o Entsetzen! ertheilte meinem, Fuße den Preis. Erinnerungen ꝛc. 10 Justizrath Ludolf rief verlegen: »Herr Tyroler, Sie haben sich wohl geirrt! Hier, hier« (auf die Sontag deutend) »ist die Dame mit dem kleinsten Fuß!« Der Herr Tyroler ließ sich aber nicht beirren und entgegnete mit vollkommenem Gleichmuth: »Ja, de do ischt de Klaanschte und hat de klaanschte Fuß! De do aber« (auf mich zeigend) »ischt groß und hat doch e klaane Fuß! Also hat de do den Priß!« Den Jubel zu beschreiben, der nach diesem salomoni¬ schen Urtheil erfolgte, ist kaum möglich; nur der Justiz¬ rath und ich stimmten nicht ein, wir waren beide con¬ sternirt, was der Sontag Fröhlichkeit zu erhöhen schien, denn unter Lachen wiederholte sie öfters: »Ich nehme es ja nicht übel, liebes Fräulein, ha, ha, ha! ich bin de Klaanschte, und der arme Justizrath kommt nicht zu sich über: de do!« Beim Gutenachtsagen versicherte die Sontag: »So vergnügt war ich noch nie!« Zugleich lud sie die Tyroler auf den andern Morgen zu sich in ihre Wohnung in der Königstadt, dem Theater gegenüber, wo sie mit ihrer wenig liebenswürdigen Mutter und der anmuthigen Schwester, aber bescheidenen Sängerin Nina während ihres Engagements bei der Königstädter Bühne wohnte, und gab den fröhlichen Natursängern ein splendides Frühstück. Aber schon damals machte sich bei der liebens¬ würdigen Sängerin eine Leidenschaft bemerkbar, die ihr späterhin so viele, viele bittere sorgenvolle Stunden bereiten sollte . . . ja, die vielleicht mit die Veranlassung war, daß die Frau Gräfin Rossi Excellenz wieder — für Geld singen mußte . . . die Leidenschaft für — — das Spiel! Während der belebtesten Gesellschaft — des rauschendsten Tanzes konnte sie sich mit dem galanten russischen Gesandten Alopeus in einem Nebenzimmer an den Spieltisch setzen und mit fieberhafter Hast und oft 20 Spielen Whistkarten das damals sehr beliebte Rabusche spielen — Stunde auf Stunde! Nach Henriette Sontag enthusiasmirten die Berliner damals am Meisten durch Gesang und Spiel Anna Schechner und Mad. Schröder-Devrient. Die Erstere feierte ihren größten Triumph als Julia in der Vestalin, wie denn überhaupt die Aufführung von Spontini's Meisterwerk mit der Schechner die vollendetste gewesen sein soll, welche je stattgefunden hat. Beim Anblick der majestätischen Milder-Hauptmann als Oberpriesterin, der edlen, ideal-schönen, jugendlichen Julia, dem herrlichen Bader als Licinius, und Heinrich Blum — mußte man an die Worte Iphigeniens denken: »Sie zogen aus, Als hätte der Olymp sich aufgethan Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt Herabgesendet!« Selbst Spontini, der sonst so schlau berechnende, kaltherzige Maestro, wurde durch diese Aufführung be¬ geistert, und während er dirigirte, rief er unwillkürlich: »sublime! sublime!« 10 * Mad. Schröder-Devrient riß besonders unwider¬ stehlich bin durch ihren seelenvollen dramatischen Vortrag, und viele Musikkenner brachen für sie die Lanze. Ihr zu Ehren wurde ein Diner mit Musik, Gedichten, Lorber¬ kränzen und anderen Festlichkeiten veranstaltet. Ich durfte nebst anderen Damen die Honneurs machen und be¬ wunderte am Meisten bei der gefeierten schönen Frau die Mobilität ihrer Züge, den seltenen Verein hoher geistiger Begabung mit lieblich naiver Heiterkeit. Von allen Seiten wurde sie gebeten, ein Lied vorzutragen. Sogleich ließ sie eine Guitarre kommen und begleitete sich selbst ein einfach gemüthliches Alpenlied: »Auf der Alm, bin ich so gerne, Denke Dein! Du süßes Lieb . . .« Welch' ein Zauber lag in diesem Gesange! Er lockte uns Thränen in die Augen. Tief bewegt lauschten wir dem fein deklamatorischen, süß innigen Vortrage. Ein begeistertes »Dacapo! Dacapo!« erfüllte sie gerührt dankend. Der lustige Spitzeder verstand es aber prächtig, uns aus der beginnenden Sentimentalität zu reißen . . . Plötz¬ lich begann er in seiner urkomischen Weise ein klassisches Wiener Volkslied voll des blühendsten Unsinns, von dem mir nur noch die beiden Verse erinnerlich sind: Mein Madel Das kocht Knadel, Die sind groß als wie mein Kopf. . . (leise) — — Hat kein Wasser in dem Topf! Dort auf der Birkenspitz Sitzt ein alter Stiegelitz, Der pfeift in guter Ruh . . . (leise) — — Und hat den Schnabel zu. . . . Aber, man hätte das listige liebe Gesicht Spitz¬ eder's dabei sehen müssen, um unser Lachen — bis zu Thränen begreifen zu können. Ich sah Wilhelmine Schröder erst nach vielen Jahren — 1836 — während meines Gastspiels in Breslau wieder. Als ich die Treppe zu ihr hinaufstieg, sang sie mir von der obersten Stufe mit ihren reizendsten Tönen entgegen: Dort auf der Birkenspitz Sitzt ein alter Stiegelitz . . — aber wie wehmüthig klang mir das! der arme, liebe Spitzeder sang ja jetzt nicht mehr . . . Seit vier Jahren ruhte er auf dem Kirchhofe zu München . . . Dann begegneten wir uns 1838 als Mitglieder der königlichen Bühne in Dresden wieder. Man gab die Hugenotten. Nach dem ersten Akt sprach ich auf der Bühne mit Mad. Schröder und be¬ merkte, daß sie ernst, beinahe böse aussah. Ich fragte, was ihr begegnet. »Ach!« erwiederte sie wie ein trotziges Kind, »ich bin außer mir! Auf den ausgesprochenen Wunsch der Sontag muß ich die Valentine singen! Beobachten Sie nur, wie die Gräfin huldvoll mich belorgnettiren wird und so vornehm thun, als hätte sie nie zu uns Theatervolk gehört!« Ich entgegnete: »Da wird die Gräfin brennende Sehnsucht empfinden, an Ihrer Stelle sein zu können, wenn sie Ihre herrliche Leistung bewundern muß!« — »Sie haben Recht!« rief die Schröder freundlichst. »Wer weiß, ob sie uns nicht beneidet, frei, unabhängig der göttlichen Kunst leben zu können!« Und mich umarmend flüsterte sie, ganz fröh¬ lich geworden, noch: »Aber singen, singen will ich — wie noch nie!« Sie hielt Wort und übertraf sich selbst. Ich bemerkte, wie die Sontag aufmerksam zuhörte, immer blässer wurde, im vierten Akt oft Thränen trocknete und hingerissen applaudirte. Die Schröder vernahm das mit größter Genugthuung. Graf Rossi war als Gesandter von Petersburg nach Berlin versetzt. Seine Gattin hielt sich auf der Durchreise einige Zeit in Dresden auf. Graf Rossi hatte der »schönen Henriette« seine Liebe in etwas extravaganter Weise zu erkennen gegeben. Als die Sontag eines Abends aus der Oper nach Hause fuhr, öffnete ihr Graf Rossi — in Kutscherlivr é e und mit der stattlichsten seiner sieben berühmten Perrücken, deren Haar von verschiedener Länge war, um das — Wachsen desselben nachzuahmen — den Wagenschlag. So wurde sie die Gesandtin Gräfin Rossi Excellenz! Wilhelmine Schröder erlebte es noch, daß Gräfin Rossi zum »Theatervolk« zurückkehrte. Man behauptete: durch Verhältnisse dazu gezwungen. Wer aber Gelegen¬ heit hatte, ihre Leistungen, welche ja stets den Stempel der Begeisterung trugen, zu bewundern, der war gewiß überzeugt, daß sie freudigst sich der Kunst wieder widmete. Ihr wurde das seltene Glück zu Theil, nach jahre¬ langer Pause, in des Lebens Hochsommer noch Triumphe zu feiern, aber ein trauriges Sterben entriß sie ihren Lieben. In Mexiko, fern von Deutschland, von ihren Kindern und Geschwistern und Freunden erlag sie der Cholera. Nur ihr Gatte war bei ihr. Ihr letztes Wort nach Deutschland war: »Der Beifall ist hier förmlich tropisch!« Welche Gefühle mögen ihr Herz bewegt haben, ehe es brach! Frau Charles Maier, die Gattin des damals be¬ rühmtesten Klaviervirtuosen, welche die Gräffin Rossi oft in Petersburg gefeiert und im Glanze ihrer Stellung gesehen, — diese Dame stand auf der Elbbrücke in Dresden, als der Sarg, aus Mexiko angelangt, aus¬ geschifft wurde. Sie erzählte mir später, welch' einen wehmüthigen Eindruck dieser Leichenzug gemacht, der beinahe unbemerkt, nur von Wenigen begleitet, durch Dresdens Straßen sich bewegte. Von Dresden wurde die Leiche nach dem letzten Wunsche der großen Sängerin in das Kloster St. Marien¬ thal bei Ostritz übergeführt, wo die Schwester Nina Sontag längst als Nonne lebte. Auch Marie Herold, früher erste Liebhaberin im tragischen Fach auf der Königstädter Bühne und von Kritikern für eine würdige Nachfolgerin der Stich gehalten, war in ihrer Glanzzeit in's Kloster gegangen und lebt heute als Professin im Kloster St. Marienstern bei Bautzen. Besonders war Marie Herold in »Drei Tagen aus dem Leben eines Spielers« und in Wilibald Alexis' Drama: »Mitternacht« gefeiert worden. Unglückliche Liebe hatte sie in's Kloster geführt. Während meines Dresdener Gastspiels sah ich sie als Nonne wieder. Mit niedergeschlagenen Augen und einer Grabesstimme sagte sie mir: »Denken Sie stets daran, daß es Sünde ist, den Namen Gottes auf der Bühne auszusprechen . . .« Die ehemalige gefeierte Schauspielerin ist wegen ihrer Milde und Frömmigkeit als Professin hochverehrt. — Henriettens Söhne trugen den Sarg in die Gruft hinab. Eine erlauchte Hand legte einen goldenen Lorberkranz auf ihre Gruft, die die Inschrift trägt: »Der besten Mutter — der zärtlichsten Tochter — der treuesten Gattin — der edelsten Freundin — der größten Sängerin.« Die Hülle der geliebten Henriette, der Stütze und Freudenspenderin der ganzen Familie, wird von der jüngeren Schwester bewacht. Sie darf am Sarge der Verstorbenen beten, weinen und fromme Weisen singen. . . Die Catalani hätte anno 1827 nicht mehr gastiren sollen. Mich hat selten etwas so unerquicklich an eine vergangene Größe gemahnt, wie ihr Konzert im Opern¬ hause. Die klassische Methode, die Anklänge einer ehe¬ mals wunderbar gewaltigen Stimme entschädigten nicht für die Verzerrungen des Mundes bei der kleinsten Passage — für ihr angsterweckendes Abmühen, Erfolge zu erringen. Auf dramatischem Gebiet ergriff, überwältigte Sophie Schröder — die größte Tragödin des Jahrhunderts. Sie trat am 19. September 1826 mit glänzendem Erfolge als Medea auf. Sophie Müller, ebenfalls vom Wiener Burgtheater, zeigte sich ebenbürtig, bei ihrem Berliner Gastspiel mit Madame Stich den Lorber zu theilen. Gefiel die Berliner Künstlerin mehr als Donna Diana, Semiramis, Jungfrau von Orleans, so bezauberte die Müller als Julia in Romeo und Julie, in Isidor und Olga und in den Nibelungen von Raupach. Vor Allem erregte ihre blinde Gabriele Sensation. Noch nicht acht Jahre alt, sah ich Sophie Müller in Karlsruhe mit ihrem Vater gastiren, einem echten Komödianten, vortrefflich im komischen Fach. Als Schutz¬ geist in Kotzebue's Schauspiel schwebte Sophie mir lange vor Augen, und als Savoyardenknabe eroberte sie nun gar mein Kinderherz. Von Karlsruhe reiste sie nach München, blieb einige Jahre im Engagement, und von da ging sie nach Wien an's Burgtheater über — um als Stern erster Größe zu glänzen. — Auch ihr Privat¬ leben war fleckenlos. Nach ihrem ersten Debüt als Olga machte ich ihr meinen Besuch, die liebe Landsmännin zu begrüßen. Das große Zimmer war überfüllt von Huldigung Darbringenden, und ich erschrak förmlich, Sophie blaß, die Augen wie träumend — schwermüthig in's Weite starrend — zu finden. Ernst, resignirt horchte sie schein¬ bar aufmerksam auf die süßen Worte eines alten, be¬ weglichen Herrchens. Vater Müller sonnte sich in den gespendeten Lobes¬ erhebungen und antwortete, wie Audienz ertheilend, den Verehrern. Ich wollte die Gefeierte nicht auch noch in Anspruch nehmen und versprach wiederzukommen. Sophie zog mich aber aufs Sopha neben sich und flüsterte: »O, kommen Sie mir doch zu Hülfe, meine Kraft ist er¬ schöpft. . .« Dann stellte sie mir den alten Herrn vor: »August Wilhelm von Schlegel!« lehnte sich in die Ecke des Sophas zurück und schloß die Augen. . . während ich das Glück hatte, mich mit dem Uebersetzer Shakespeare's unterhalten zu dürfen — — d. h. ihn immer sprechen zu hören. . . Dabei konnte ich mir aber den Freund von Frau von Sta ë l mit Muße betrachten . . . und mich immer wieder fragen: dieses zierlich aufgeputzte Männchen mit der hellblonden Lockenperrücke und ge¬ schminkten Wangen, das unablässig die runde Tabaks¬ dose dreht, dabei wohlgefällige Blicke in den auf dem Deckel angebrachten Spiegel werfend . . . heißt: August Wilhelm von Schlegel?! — Diese lächerliche Parodie auf einen Mann konnte Friederike Bethmann so reizend besingen und Shakespeare so wunderbar schön übersetzen? Nun glaubte ich aber die mir oft erzählte und nie für möglich gehaltene Geschichte, daß er, ein Kind um¬ armend, ausgerufen: »Vergiß nie, daß August Wilhelm von Schlegel Dich — küßte!!« Auf einer kleinen Eva-Schwäche sollte ich die edle Sophie Müller auch ertappen. Ich wollte von unserem ersten Begegnen in Karlsruhe erzählen und wie sie — die Künstlerin schon damals mein Kinderherz erfüllt hätte. . . Aber fast heftig unterbrach sie mich — nahm mich bei Seite und flüsterte mir zu: »Erzählen Sie die Geschichte ja nicht . . . man nachrechnen . . . ich mache mich immer vier Jahre jünger. . .« Und doch war Sophie Müller jetzt erst 28 Jahr! Also auch Du, große Sophie, leidest an der allgemeinen Mädchenthor¬ heit! — dachte ich verwundert und nahm mir vor, stets des französischen Sprichworts eingedenk zu bleiben: » On a l'âge, qu'on paraît! « — und mein wahres Alter nie zu verleugnen. . . Und ich hab's bis auf den heutigen Tag ehrlich gehalten. Sophie Müller starb einige Jahre nach den Berliner Triumphen an der Auszehrung. . . Schon beim Beginn des Gastspiels hatte sie das Herannahen des Uebels gefühlt, aber sich dennoch nach ihrer Rückkehr in Wien nicht genug geschont. Ihre zarte Konstitution war dem tragischen Fach nicht gewachsen — und sie spielte es mit so echter Leidenschaft . . . bis zum Dahinströmen ihres schönen Lebens . . . Der Tod raubte in Sophie Müller Deutschlands edelste jugendliche Künstlerin! Nach Ludwig Tieck's Ausspruch erreichte sie in manchen Rollen Mlle. Mars, besonders in »Menschenhaß und Reue«, und in »Gabriele«, in Frankreich »Valerie« genannt. Im Januar 1828 wurde mir ein glänzendes Engage¬ ment von der kaiserlich russischen Intendanz für das Fach der ersten Liebhaberin am deutschen Theater in St. Petersburg angetragen. Die junge, schöne Mad. Federsen, der Liebling des deutschen Publikums, war plötzlich gestorben und mußte ersetzt werden. Die Arme hatte zu viel — Sauerkraut gegessen! So verlockend die neue Stellung war und allen meinen Wünschen zu entsprechen schien, zögerte ich doch mit der Zusage und gestand unumwunden: daß ich erst nach erfolgtem Gastspiel mich binden könne, um zu sehen, wie ich — und ob es mir in der Czarenstadt gefiele. Unermüdet hatte ich seit meinem ersten Auftreten auf der königlichen Bühne eifrigst studirt, die sogenannte Schulzeit wie ein Soldat »von der Pike auf« durch¬ gemacht. In jeder Woche hatte ich wenigstens dreimal gespielt, jede — auch die kleinste Rolle willig übernommen und mir so ein ganz hübsches Lustspielrepertoir ge¬ bildet. . . Aber die Pforten zu höheren Aufgaben waren mir nur — ausnahmsweise geöffnet. Wie in Karlsruhe Mad. Neumann, so suchte Mad. Stich in Berlin ihre Stellung zu behaupten. Entschloß sich Letztere je, einer Rolle zu entsagen, so fiel diese Mad. Unzelmann zu oder Mad. Komitsch, wie denn überhaupt bei dem königlichen Institut das Recht der Anciennetät vorwaltete. Für das Ganze sicher vorzüg¬ lich, ist diese pietätvolle Einrichtung für das Ent¬ falten junger, aufstrebender Talente im höchsten Grade hemmend. Ich hatte Berlin wie eine zweite Heimat lieb gewonnen und es schmerzte mich tief, aus dem herrlichen Künstlerkreise scheiden zu müssen! — Mit welch' weh¬ müthigem Entzücken spielte ich mit den liebenswürdigen Kollegen, als nach meiner Rückkehr aus St. Petersburg mein Scheiden von Berlin feststand! Jede Vorstellung war für mich ein Abschiednehmen. . . Unvergeßlich bleibt mir eine der letzten: Raupach's »Ritterwort«. Ich trat zuerst als Page auf — dann als die Dame des Ritterherzens in weißem Atlas, eine fast tragische Rolle. Und wie mit so ganz eigenen wehmüthigen Gefühlen spielten wir Alle in diesem Stück! Hatte doch Raupach die Hauptrolle: einen Ritter, der ein Gelübde gethan, nicht zu sprechen. . . für Pius Alexander Wolff geschrieben, als dessen Halsleiden ihm das Sprechen auf der Bühne unmöglich machte. . . Aber auch für das pantomimische Durchführen der schweren Rolle fehlte dem großen Künstler schon damals die physische Kraft. . . Mit Zartsinn wurde das Stück zurückgelegt — bis nach Wolff's Tode. Dann gab Rebenstein, diese echt ritterliche Gestalt, den stummen Helden. . . bis auch er bald darauf für immer ver¬ stummte. . . Und dann war der Tag des Scheidens da. . . O, wie schwer machten die Freunde — die lieben Kol¬ legen mir gerade in den letzten Tagen dies Fortgehen von dem schönen, unvergeßlichen Berlin! Ich ging ja freiwillig . . . und doch wollte mir das Herz schier brechen vor dem Weh und Bangen über das ewige, uralte, trostlose Scheiden und Meiden in dieser armen Welt. . . . VII . Eine aufrichtige Gegnerin. A ls ich im Mai 1824 nach Berlin gekommen war, um Mitglied des neuen Königstädter Theaters zu werden, war Auguste Stich, die berühmteste Schauspielerin der königlichen Bühne, mit ihrem Gatten auf einer längeren Kunstreise abwesend von Berlin. Beide studirten in Paris die dortigen Theaterverhältnisse — besonders Talma und die Mars. Auch war Beiden Berlin sehr verleidet — seit jener unglücklichen Katastrophe, die dem Schauspieler Stich fast das Leben — seiner berühmten Gattin in diesem Falle ihre Stellung, die Gunst des Publikums, und der Kunst eine ihrer berufensten Priesterinnen gekostet hätte. Mir wurde viel von jener tragischen Geschichte er¬ zählt — und von der furchtbaren Aufregung in ganz Berlin, als eines Abends im Dezember 1823 durch das Schauspielhaus — und sogleich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt die Nachricht erscholl: der Schauspieler Stich ist soeben von dem Anbeter seiner Frau, dem jungen Grafen Blücher, in seiner Wohnung nieder¬ gestoßen worden! Der König erfuhr die Kunde auch noch im Theater. Prinz August theilte ihm dieselbe schonend mit. Er war tief erschüttert und befahl die strengste Untersuchung. Diese leitete Herzog Karl von Mecklenburg, Bruder der Königin Louise, mit seltenem Takte. Er verstand die zarteste Rücksicht auf einen alten, historischen, populären Heldennamen und auf den bis dahin fleckenlosen Ruf einer edlen Künstlerin mit der Würde der Gerechtigkeit zu verbinden. Die einfache, traurige Thatsache ist folgende: Der Graf Blücher, ein junger, liebenswürdiger Offizier und Enkel des alten Feldmarschalls, des popu¬ lärsten Helden der Freiheitskriege, hatte schon längst im Stillen in Auguste Stich die große, bezaubernde Künst¬ lerin verehrt, aber noch nie Gelegenheit gefunden, diese Verehrung seinem Idol auszusprechen. Seine bevor¬ stehende Versetzung von Berlin gab endlich dem feurigen Anbeter den Muth und die Macht der Ueberredung, von der Gefeierten ein Abschiedswort in ihrer Wohnung zu erbitten und zu erlangen. Stich war an jenem unglücklichen Abende, den 6. Februar 1823, in einem kleinen Lustspiel beschäftigt. Am Ende seiner Rolle flüsterte ihm sein Kollege, der Komiker Gern, zu: in diesem Augenblick ist Graf Blücher bei Deiner Frau. . . . Wie wahnsinnig — noch im Theaterkostüm stürzt Stich nach Hause. . . . Sogenannte gute Freunde hatten ihn schon früher vor dem glühenden, offen zur Schau getragenen Enthusiasmus Blücher's gewarnt und seine Eifersucht geweckt. . . . Auf der Treppe zu seiner Woh¬ nung begegnet er einem Manne, ganz in einen langen Civilmantel gehüllt. »Wer sind Sie? was haben Sie hier zu suchen?« Statt der Antwort sucht der Verhüllte ihn bei Seite zu schieben und die Treppe hinabzusteigen. . . . Da reißt Stich ihm den Mantel herab . . . und sinkt, von einem Dolchstoß getroffen, mit einem gellen Hülferuf blutend auf der Treppe nieder. . . . So findet ihn seine Gattin. . . . Auch die Straße hat sich bereits mit Neugierigen gefüllt. . . . Nur das Dazwischentreten einiger angesehener Bürger, die den Grafen Blücher auf die Hauptwache führen, kann diesen vor der Wuth des Volkes retten. Stich wa rnicht tödtlich getroffen, wie man anfangs gefürchtet hatte. Er erholte sich langsam wieder. Graf Blücher wurde zu mehreren Jahren Festung verurtheilt. Später sah ich ihn wieder in Berlin: eine schlanke, noble Figur mit blassen, edlen Zügen, schwärmerischen Augen — eine interessante Erscheinung! Madame Stich erwartete eine härtere Strafe. Für die wenigen Minuten Unterredung — denn Schlimmeres wagten ihr selbst ihre Feinde nicht nachzusagen — sah sie den Gatten wochenlang mit dem Tode ringen. Sie pflegte ihn mit Aufopferung und — er dankte ihr durch Erinnerungen ꝛc. 11 seine Verzeihung. Inmitten der peinlichsten Verhöre vor dem Gerichtshofe mußte sie vor einen weit gefährlicheren Richter treten: vor das tausendköpfige erzürnte Publikum . . . und sie wußte: Friedrich Wilhelm der Gerechte hatte befohlen: »Polizei nicht einmischen — Publikum richten lassen — Recht dazu hat!« Herzog Karl von Mecklenburg aber hatte dafür gesorgt, daß kein Student für den Abend ein Billet erhielt und daß fast alle Offiziere Berlins im Theater anwesend waren. Ueber dies erste, furchtbar schwere Wieder-Auf¬ treten der Stich, am 8. Mai, erzählte mir Amalie Wolff: »Die Stich hatte eine ihrer idealsten, edelsten Schöpfungen gewählt: die Thekla in Wallenstein's Tod. Ich stand als Gräfin Terzky neben ihr auf der Bühne« — und Amalie Wolff's Stimme bebte noch vor Er¬ regung — »als ein minutenlanges Zischen, Pfeifen, Hohn¬ lachen und die gröblichsten Schmähworte uns umtosten. . . . Ich zitterte selber vor Entrüstung über diese Schmach und war in Versuchung, die arme Kollegin bei der Hand zu nehmen und von der Bühne zu ziehen und gleich der seligen Bethmann — als diese wie eine ver¬ wundete Löwin ihre ausgezischte Tochter hinter die Cou¬ lissen riß — zu rufen: vor diesem Publikum spielst Du nicht wieder! Dies Wort hätte der berühmten Künstlerin fast ihre Stellung in Berlin gekostet. Das Publikum war tief beleidigt und verlangte öffentliche Abbitte. Ganz Berlin war in fieberhafter Aufregung: wie Friederike Bethmann diese Abbitte leisten würde, ohne ihrer Künstler¬ »In diesen qualvollen Minuten habe ich die Stich wahrhaft bewundert, — nur der Gedanke an ihre Kinder — und an ihre Unschuld konnte ihr diese Seelenstärke — Selbstbeherrschung geben. Sie sagte mir später: in dieser Stunde den Kampfplatz verlassen, hieße mich schuldig bekennen . . . und ich wäre für immer auf der königlichen Bühne unmöglich gewesen. . . . Die Hände, wie bittend, gegen ihre Beleidiger erhoben, harrte sie bleich — bebend neben mir aus . . . bis sich der furchtbare Sturm be¬ würde etwas zu vergeben. Als Lady Macbeth sollte sie diese Feuer¬ probe bestehen — zum ersten Mal wieder vor die Berliner treten. Was hatte die geniale Frau ersonnen? Ein Murmeln der Erwartung — ein Drohen des kommenden Sturmes zittert durch das überfüllte Haus. . . . Lady Macbeth soll ja im nächsten Augenblick auf die Bühne treten und — zum ersten Mal in ihrem Leben ausgezischt werden. . . . Aber sie tritt nicht aus der Coulisse vor — sie steckt nur ihren schönen Kopf mit dem unwiderstehlichen Lächeln — den bittenden Augen eines verzogenen Kindes heraus und sagt mit ihrer süßesten, bezauberndsten Stimme: »Darf ich?« . . . Das war neu, überraschend: — das Haus verharrt in athemloser Stille — die schon zum Pfeifen gespitzten Lippen bleiben stumm vor Erstaunen . . . und Lady Macbeth-Bethmann benutzte diese Pause aufs Beste. Mit edler Würde tritt sie vor und sagt: »Verzeihen Sie der gekränkten Mutter, was die Künstlerin an Ihnen verschuldete. . . .« Das war zu viel für die leicht enthusiasmirten Berliner — Alles war vergeben und vergessen — rasender Jubel erschallt statt des Zischens . . . und Berlin war fortan noch stolzer auf seine vergötterte geistreiche Friederike Beth¬ mann. — Bei der Stich'schen Katastrophe ging der Name Friederike Unzelmann-Bethmann wieder in Berlin von Mund zu Mund — in einem witzigen Bonmot ihres ersten Gatten, des alten leichtlebigen Komikers Unzelmann. Er hatte gesagt: »Wenn alle Verehrer meiner Friederike mir auch nur einen Stich versetzt hätten, wie dem armen Stich — — ich wäre längst zum Sieb geworden. . . .« 11 * ruhigt hatte. . . . Sie spielte mit einer Tiefe des Gefühls, wie noch nie . . . und nach der ergreifenden Schlußszene des vierten Aktes wurde ihrem meisterhaften Spiel don¬ nernder Beifall zu Theil. . . .« Nach wenigen Wochen hatte sie über ihre Gegner vollständig gesiegt und sie stand wieder fest in der bewun¬ dernden Gunst des Publikums. Aber der bittere Stachel dieser furchtbarsten Kämpfe, die ein Künstler zu bestehen haben kann, blieb in ihrem Herzen. Im geselligen Leben zeigte sie eine eisige Zurückhaltung, scharfe Ironie und Verbitterung des Gemüths. Aber in der tragischen Kunst wußte sie seit dieser Tragödie in ihrem eigenen Herzen nur noch ergreifender, erschütternder, überwältigender zu wirken! Ich sah Auguste Stich zum ersten Mal, als sie nach der Pariser Kunstreise im Juli 1824 in Romeo und Julie im dichtbesetzten Opernhause als bezaubernde Julia auf¬ trat und mit Blumen und Jubel empfangen wurde. In Karlsruhe hatte die Intendanz auch wohl versucht, das Publikum für diese Schöpfung Shakespeare's zu enthu¬ siasmiren und sie nach langer Pause mit einer holdseligen Julie, Amalie Neumann, wieder in's Repertoir aufzuneh¬ men; aber — die Tragödie mußte nach kurzem Schein¬ leben abermals von der Karlsruher Bühne verschwinden. Die nüchternen Süddeutschen konnten nicht begreifen, daß die Zeichnung Juliens Norddeutschland so hinzureißen vermochte, sie ließen sich zwar von den Verehrern Shake¬ speare's sagen: daß in damaliger Zeit andere Sitten geherrscht, — Julia von den Eltern nicht geliebt worden sei, also auch keine Hinneigung, Vertrauen von ihr ge¬ fordert werden durfte, — unter dem glühenden Himmel Italiens schlüge das Herz eines fünfzehnjährigen Mäd¬ chens feuriger, ihr Charakter entwickle sich schneller und selbstständiger, als bei einer dreißig Jahre zählenden Frau im kühlen Norddeutschland. . . . Ruhig, aber mit eigensinnigem Beharren, entgegneten die guten, ehrlichen Karlsruher: ein sittsames Mädchen dürfe doch nach dem ersten Erblicken des Geliebten, und sei er so hold wie Romeo, nicht denken — viel weniger aussprechen: ». . . Ist er vermählt, So ist ein Grab zum Brautbett mir erwählt!« — und Romeo, nicht Julia, hätte sagen sollen: »Wenn Deine Liebe tugendsam gesinnt Vermählung wünscht, so laß mich morgen wissen Durch Jemand, den ich zu Dir senden will, Wo Du die Trauung willst, und wann vollziehen; Dann leg' ich Dir mein ganzes Glück zu Füßen, Und folge durch die Welt Dir — dem Gebieter . . .« — — Das schicke sich nicht! Nichts natürlicher, als meine Spannung auf die erste Aufführung von Romeo und Julie in Berlin. Madame Stich's Erscheinen frappirte mich. Julia schritt gleich einer Juno imposant daher — selbstbewußt — selbstständig. . . . Ihre Feueraugen senkten sich nicht ver¬ schüchtert vor den flammenden Blicken Romeo's. Das süße Liebesgeflüster in der Balkonszene aber klang ent¬ zückend. Als Julia die Verbannung Romeo's erfährt, war ich hingerissen. Die gigantische Aufgabe der Gift¬ szene löste sie meisterhaft — Mitleid und Grauen er¬ regend. Die Tragödie war mit großer Liebe einstudirt und in Szene gesetzt. Die ausgezeichnetsten Künstler der Hof¬ bühne hatten die kleinsten Rollen übernommen. Ludwig Devrient als Mercutio wirkte zauberisch belebend. Er verstand es, diesen Mercutio, der schon im zweiten Akt stirbt, zu einem der kostbarsten Edelsteine in seiner Künstlerkrone zu gestalten. Jetzt erst begriff ich, wes¬ halb die Berliner stets herbeiströmten und nicht müde wurden, ihre Lieblinge in Romeo und Julie zu bewun¬ dern. Das Karlsruher Publikum würde sicher bekehrt worden sein und die holde Julia um Verzeihung gebeten haben für das lieblose Urtheil: »Das schickt sich nicht!« Madame Stich sah nicht jugendlich, aber schön und blühend aus. Ihre ausdrucksvollen Züge eigneten sich zu vollendeter Mimik, und der etwas zu große Mund sah gar anmuthig beim Sprechen aus. Ihre Stimme hatte einen seltenen Wohllaut und wußte sich im tragischen Effekt zu einer erschütternden Energie des Tons zu steigern. Andern Morgens, als ich mit der Mutter über die vortreffliche Vorstellung sprach und bedauerte, den Empfeh¬ lungsbrief von Freundeshand während der Abwesenheit von Madame Stich in ihrer Wohnung gelassen zu haben, und daß wir doch nicht so bald abermals anklopfen könnten . . . . ließen sich zu unserer freudigsten Ueber¬ raschung — Herr und Frau Stich ansagen. Auch Herr Stich war eine angenehme Erscheinung und gab mit Beifall und mit feinem Anstande Salonliebhaber im Lustspiel. Beide zeigten sich so liebenswürdig, zuvor¬ kommend, sprachen so ohne alle Prätension angenehm, geistreich, und schienen so heiter zu sein, so gegenseitig herzlich . . . . daß ich schnell in das Urtheil Amalie Wolff's einstimmte: nicht Schuld — nur Unvorsichtig¬ keit sei Auguste Stich vorzuwerfen. In Paris schien es Stichs sehr gefallen zu haben. Sie rühmte das Spiel der Mlle. Mars, und freute sich, die Glanzrolle derselben — Madame Dorville, in Dela¬ vigne's »L'École des Vieillards « — nächstens in guter Uebersetzung in Berlin spielen zu können. Sie waren entzückt von ihrem Empfange bei Talma, und Herr Stich erzählte mit Genugthuung, wie der große Mime ihnen zu Ehren eine Soir é e gegeben und hierzu die Elite der Pariser Künstler und Schöngeister eingeladen hätte, um die deutsche Künstlerin deklamiren zu hören. »Nicht wahr, Auguste?« frug Stich liebevoll, »das war ein unverge߬ licher Abend! Du wurdest reichlich für Dein Herzklopfen belohnt, als Alle bei Deinen Szenen aus Romeo und Julie enthusiastisches Lob spendeten. . . .« Madame Stich erröthete lieblich, und lächelnd, wobei zwei Grübchen in den Wangen sie noch reizender erscheinen ließen, gestand sie ein: daß es sie anfangs wirklich be¬ ängstigt hätte, vor Franzosen in deutscher Sprache eine Szene darzustellen! Nein! — sie spielten vor uns keine Komödie, und die Behauptung war nicht erfunden, daß Stich nach der Verwundung sich gegen seine Frau noch ergebener und vertrauensvoller benommen habe. Ich sollte Madame Stich nach diesem heiteren Morgenbesuch erst als Wittwe wieder sprechen. Ihr Gatte starb nach einigen Monaten an einem alten Brust¬ übel. Die Berliner blieben aber beharrlich dabei: an den Folgen jenes unglücklichen Dolchstoßes. Nach meinem Engagement bei der königlichen Bühne machte ich der Stich meinen Besuch. Ernst-höflich kalt empfing sie mich. Unbefangen fragte ich nach diesem so veränderten Benehmen, — ich bewundere sie ja doch so aufrichtig und freue mich so herzlich darauf, mit ihr spielen, von ihr lernen zu können. . . . »Ja, das ist jetzt etwas Anderes,« sagte sie mit derselben eiskalten Stimme — »damals waren Sie eine Kollegin auf einer andern Bühne — heute aber stehen wir uns als Gegnerinnen gegenüber . . .« »Aber Sie sind ja so bedeutend — ich erst eine Anfängerin und nur im Lustspiel beschäftigt. . . .« »Auch in diesem Fache können Sie mir gefährlich werden . . .« sagte lebhaft. »Sie sind viel jünger als ich — Sie sind schön — liebenswürdig — talent¬ voll . . . und längst ein Liebling der Berliner. . . . Nie werde ich hinterlistig gegen Sie auftreten, — nie Ihnen durch Kabalen zu schaden suchen. . . . Aber ich sage Ihnen offen und ehrlich: ich werde meine Stellung — als erste Liebhaberin an der königlichen Bühne — mit allen mir zu Gebote stehenden erlaubten Mitteln behaupten . . . denn, glauben Sie mir, auch ich habe mir dieselbe erst durch jahrelangen beharrlichen Fleiß, durch Entbehrungen — ja, durch Demüthigungen erkämpfen müssen. . . . Nicht die kleinste Rolle werde ich Ihnen freiwillig abgeben. . . .« »O, wenn ich dies hätte ahnen können, ich würde um keinen Preis das Engagement bei der königlichen Bühne angenommen haben,« klagte ich betrübt — »lieber wäre ich nach Karlsruhe zurückgekehrt. . . .« »Mißverstehen Sie mich nicht, liebes Fräulein,« sagte meine »aufrichtige Gegnerin« jetzt freundlicher. »Ich weiß Ihre neue Stellung von Ihrer Persönlichkeit sehr wohl zu trennen — und letztere ist mir sogar sym¬ pathisch und werth. Aber ich kann Ihnen doch unmög¬ lich selber dazu behülflich sein, daß Sie am Ende gar in einzelnen Rollen mehr gefallen, als ich — und mich so verdrängen — verdunkeln? . . . Wehren Sie sich nach Kräften gegen mich — ich werde Ihnen darum nicht böse sein — machen Sie Ihre Schule durch, wie ich die meinige durchgemacht habe . . . so werden Sie sich mit der Zeit auch Bahn brechen. . . . Und wenn Sie erst meine Jahre erreicht haben — (die Stich zählte drei¬ zehn Jahre mehr, als ich) — so werden Sie gerechter über mein jetziges Benehmen denken und sagen: die Stich hatte vollkommen Recht — sie konnte nicht anders handeln. . . Also, ohne Groll, liebes Fräulein!« — und sie reichte mir ehrlich die Hand und ich schlug eben so ehrlich ein . . . und vermochte ihr später ihre Gegnerschaft nicht nachzutragen — ihre Aufrichtig¬ keit hatte mich entwaffnet. Ich sehe auch heute noch ein, daß die Stich voll¬ kommen Recht hatte, so zu sprechen. . . . Aber ich habe doch von ihr nicht gelernt, später — als ich eine ähn¬ liche Stellung auf der Bühne als erste Liebhaberin ein¬ nahm — ebenso zu sprechen . . . noch viel weniger danach zu handeln. Es ist eben nicht Jedem gegeben: eisig kalt berechnend seinen Weg zu verfolgen. . . . Vernunft und Herz sind zwei so ganz verschiedene Dinge. . . . Frau Stich blieb ihrem Wort getreu; sie intriguirte niemals gegen mich — — aber sie überließ mir auch nur gezwungen für sie und ihr Alter unpassend gewor¬ dene Rollen. Sogar die »Afanasia« in »Graf Benjowsky«, deren Rolle ich schon in Händen hatte, mußte ich wieder herausgeben, denn Graf Brühl schrieb mir: »Ich kann nicht anders, mein blonder Schützling — die Stich ist außer sich — und ich darf sie nicht erzürnen. . . . Seien Sie ein gutes Kind und geben Sie mir die Rolle wieder . . .« und ich übergab die geliebte Rolle, auf die ich mich schon so lange gefreut, an der ich schon so fleißig studirt hatte, mit heißen Thränen in die Hände des alten guten Theaterdieners Säger, der fast mit mir weinte und stets so furchtbar stotterte, wenn das herz ihm auf die Zunge trat. Und mich hatte er ganz besonders in sein altes Herz geschlossen. Erst als das Publikum über Afanasia-Stich's Frage: »Was heißt, das Herz klopft?« laut lachte, verzichtete Frau Stich gezwungen auf diese Rolle . . . und jubelnd und stotternd brachte der alte Säger sie mir zurück: »Wir—r ha—ha—ben ge—e—siegt — üb—be—r—r di—die Al—alte. . .« Auguste Stich, die bald daraus den Assessor Cre¬ linger heirathete, war und blieb noch viele Jahre hin¬ durch die Stütze und Zierde der Berliner Hofbühne, der sie schon als Auguste Düring seit dem Jahre 1812, als man das unter Iffland's Leitung blühende einzige Theater Berlins noch mit Stolz »Nationalbühne« nannte, ange¬ hört hatte. Das junge sechzehnjährige schöne Mädchen war von der Fürstin Hardenberg, der früheren Schauspielerin Langenthal, an Iffland warm empfohlen — und gleich nach der ersten Probe von Auguste Düring als »Mar¬ garethe« in den »Hagestolzen« rief dieser große Menschen¬ kenner jubelnd aus: »Die Kleine ist der seltenste Fund meines Lebens — eine Perle von Talent. . .« Nach dem Tode der Bethmann rückte sie in deren Rollenfach vor und spielte mit immer steigendem Beifall die Jungfrau von Orleans, eine ihrer prächtigsten Rollen, zu der sie ihre hohe majestätische Gestalt und imponirende Würde, und die überwältigende Macht ihres wundervollen Organs so sehr berechtigten. Herrliche Kunstschöpfungen, als Emilie Galotti, Julie, Thekla, Minna von Barnhelm — dann als Maria Stuart, Adelheid im Götz, Lady Macbeth, Phädra, Isabella in der Braut von Messina — vor Allem aber als Iphigenie folgten, und machten Auguste Stich-Crelinger zu einer der ersten deutschen Schauspielerinnen ihrer Zeit. Sie durfte auf ihren Gast¬ spielen in Wien und München ohne Scheu den Wettkampf mit Sophie Müller und Sophie Schröder wagen — und kein Kampfrichter hatte den Muth: Einer dieser drei herrlichen Tragödinnen den Sieg zuzusprechen. Ja, Auguste Stich-Crelinger war eine durch und durch großartige tragische Natur. Selbst ihre Donna Diana war davon angehaucht, und sie legte den Haupt¬ accent in dieser Rolle auf den: Kampf des Stolzes mit der Leidenschaft. Bürgerliche Rollen — besonders im Lustspiel — waren nicht ihr Fach. Dazu fehlte ihr die Warmherzigkeit und Gemüthlichkeit des Tones, die Klein¬ bürgerlichkeit des Auftretens, das herzliche Lachen der Stimme, des Mundes und der Augen. Ihre in den tragischen Rollen so hinreißende ideale Mimik und Plastik — ja ihr Pathos wirkten in kleinbürgerlichen Rollen nicht selten störend. — Von ihrem seltenen Fleiße spricht am besten die Notiz, daß im Jahre 1852 bei ihrem vier¬ zigjährigen Bühnenjubiläum ein Theaterfreund berechnen konnte: Auguste Stich-Crelinger hat in dieser Zeit nicht weniger als 355 verschiedene Rollen gespielt! — Und alle diese und seitdem noch mehr Rollen hat sie auf Einer Bühne gegeben. Ja, sie hat nie ein anderes Engagement angenommen, als an der Berliner Bühne, der sie fast 54 Jahre ununterbrochen angehörte. Mit 70 Jahren war sie noch eine imposante Bühnenerscheinung, ihre Stimme klang melodisch und gewaltig zugleich und ihr Spiel verdunkelte die Jugend. Ueber ihre Eigenartigkeit als Künstlerin sagte ein Kritiker mit Recht: »Ihre Auffassung blieb mehr Seelen¬ forschung im Dichterwerk, als Menschenbeobachtung in der Wirklichkeit des Lebens. Es lag in ihrer Indivi¬ dualität die Neigung zu mehr plastischem als malerischem Ausdruck, — daher erreichte sie den höchsten Gipfel ihrer Kunst in jener Sphäre, wo die reine Idealität herrscht: in Goethe's Iphigenie und in der Antigone des Sophokles. Es gibt in ihren Darstellungen mehr große Züge des Seelen¬ zustandes, der Leidenschaft, als Charaktere, die in einem Reich¬ thum verschiedener Beziehungen sich vielfältig ausleben. . .« Dabei war Auguste Stich-Crelinger die sorglichste, treueste Mutter und eine musterhafte Hausfrau. Ihre zweite Ehe war die glücklichste. Nach meinem Scheiden von Berlin sah ich die Cre¬ linger erst im Jahre 1834 wieder. Ich gab damals als kaiserlich russische Hofschauspielerin auf der Berliner Hof¬ bühne Gastrollen — und Frau Crelinger benutzte diese Zeit zu einem Gastrollen-Cyclus von zwölf Vorstellungen auf dem Königstädter Theater — mit der liebenswürdigen Hauptabsicht: dem Berliner Publikum ihre inzwischen hold erblühten Töchter Klara und Bertha Stich in freund¬ lichster Weise vorzustellen. Da sah ich die berühmte Mutter und ihre jungen Töchter zuerst in Minna von Barnhelm. Bertha gab die Minna, Klara (später Frau Hopp é und als Frau Liedtke gestorben) die Franziska, während die Mutter die »Dame in Trauer« nicht für zu gering für sich hielt. Am zweiten Abend debütirte Bertha als »Mädchen von Marienburg«, während die Mutter die »Gräfin Mentschikoff« spielte. Die treffliche Schule der Mutter war bei den talentvollen Töchtern nicht zu verkennen, und man glaubte zuweilen die Mutter in den Töchtern wiederzuerkennen, so treu war besonders die »Minna« kopirt. Ja, diese Minna war nicht in drei Tagen einstudirt, wie ich es mußte, um bei der Königstädter Bühne Karoline Müller zu ihren Triumphen als »Franziska« zu verhelfen. In der Stich-Crelinger ist die letzte Schülerin Iff¬ land's begraben. Obgleich sie Schuld an meinem Scheiden von Berlin trug — denn neben ihr hätte ich nie das erste Fach erringen können — so weinte ich doch theilnahmsvolle Thränen, als mich vor wenigen Jahren die Trauerkunde erreichte: Auguste Stich-Crelinger ist nicht mehr! Auch die freundliche Genugthuung hatte ich noch, daß Frau Crelinger gegen die tüchtige Oberinspektorin des Hamburger Thalia-Theaters, Emilie Faller, meiner lobend gedachte: »Eine so edle, ehrliche Rivalin habe ich nie wieder neben mir auf der Bühne gehabt. Das hat mich besonders ihre Nachfolgerin empfinden lassen!« VIII . Drei Jahre in Petersburg. E ine Reise von Berlin nach Petersburg — — heute und vor vierzig Jahren! Heute steigt man um elf Uhr Abends in das weiche, warme Coup é des Kurierzugs, hüllt sich in Pelz und Reisedecken, erwacht zum Morgenkaffee in Dirschau, früh¬ stückt à la fourchette in Königsberg — dinirt um vier Uhr in Eydtkuhnen und am andern Tage um sechs Uhr behaglich in Petersburg. . . . Heute ist eine Kunstreise von Berlin nach Petersburg ein Gedanke — eine Laune. . . . Damals — besonders im Winter — war es ein schwerer Entschluß — eine That . . . ja, ein Opfer, das man sich selber brachte. Denn welche Anstrengungen und Geldopfer kosteten nicht nur die wochenlange Reise, sondern auch die Vorberei¬ tungen dazu. Da mußte für Reisepelze gesorgt werden, als ging's nach Sibirien; — da galt es einen bequemen und sehr, sehr dauerhaften Reisewagen zu erstehen, der die seltene Eigenschaft besaß, die 103 deutschen Meilen schauerlicher, unchaussirter, aufgeweichter Wege bis Po¬ langen und die noch schauerlicheren 840 Werst grundlosen russischen Bodens bis Petersburg standhaft zu überwinden. Da durfte auch ein zuverlässiger und handfester Bedienter nicht fehlen, der unter Umständen den Muth hatte, ein paar schutzlose Frauen gegen deutsche Galanterien und gegen russische Kosaken, Zollbeamte, betrunkene Bauern und dergleichen Landstraßengewächse zu schützen. Heute kostet eine Reise nach Petersburg 10 . . . da¬ mals fast 100 Friedrichsd'or! Und wie sieht es mit dem goldenen Lohn für ein solches Kunstmarthyrium aus? — Die Bedingungen, unter denen heut ein Gastspiel oder ein Engagement in Petersburg abgeschlossen wird, sind 10 — 20fach günstiger, als damals. Wenigstens in diesem Punkte lebt man heut im goldenen Zeitalter der Kunst. Das silberne ist in die vierziger Jahre gefallen. Ich hatte das eiserne durchzukämpfen. Aber wie? ist denn die Kunst in diesen vierzig Jahren auch um das 10 — 20fache gewachsen? Wohl kaum . . . aber das Virtuosenthum ! Heute ist die Gastspielreise eines ersten Kunstvirtuosen durch Rußland ein Triumphzug. . . Damals war die Reise eines Künstlers ein Kreuzzug. Und doch war jene Art zu reisen viel poetischer, als heute. Wenigstens für ein junges, fröhliches und muthiges Herz. Besonders denke ich noch heute mit Vergnügen zurück an die stillen, klaren Mondscheinnächte in der molligen Wagenecke neben der Mutter, wenn draußen Dörfer und Wälder wie im Traum an uns vorüberflogen und der Postillon dazu den alten Dessauer oder das Mantellied so hübsch blies. . . Und was Alles erlebte man auf einer solchen lang¬ samen, wochenlangen Reise! Anfangs März 1831 verließen wir Berlin, um gleich nach den Fasten in Petersburg einzutreffen. Zwei Tage und zwei Nächte fuhren wir, mit Ausnahme eines kleinen Haltepunktes in Elbing, ununterbrochen weiter, sobald nur neue Extrapostpferde vor unsern Wagen be¬ schafft werden konnten. Von Königsberg bis Memel ging die Fahrt durch trostlose, öde Gegenden, zum Theil an der Meeresküste entlang. Es waren uns schaurige Begebenheiten von dem Versinken im Triebsande erzählt, — aber wir fuhren ja mit preußischen Postillonen: also getrost vorwärts! Memel machte durch die niedrigen Häuser, die drückende Stille, die in diesem Orte herrschte, auf mich einen traurigen Eindruck. Und dann ging's auf die russische Grenze und das entsetzlichste aller Mauthhäuser zu. . . O, das hatte ich noch im allerfrischesten Andenken, obgleich ich es seit drei Jahren nicht gesehen. Dafür hatten die Herren Russen trefflich gesorgt, daß ich sie und ihr Zollwesen sobald nicht wieder vergaß. Es war auf meiner Gastspielreise 1828, auch im März, als ich Memel verließ und der russischen Grenze Erinnerungen ꝛc. 12 zusteuerte. Der russische Konsul in Memel, an den ich empfohlen war, hatte mir gerathen, zur Vermeidung von Unannehmlichkeiten im Mauthhause, seinen russisch sprechenden Untersekretär bis Polangen mitzunehmen. »Indessen,« fügte er hinzu, »einige Trinkgelder müssen Sie schon geben; die Leute sind darauf angewiesen bei der kleinen Besoldung.« Unter diesem Schutz machten wir uns denn auch auf den Weg. Aber bald sollten wir zu der trostlosen Einsicht kommen, daß unser Ritter für uns das fünfte Rad am Wagen war, denn es fehlte ihm die allernöthigste Energie. »Sie führen doch keine neuen Gegenstände mit sich?« fragte er ängstlich. »Allerdings, meinen Reisebedarf.« »Schlimm, sehr schlimm!« »Warum?« »Man wird sie chikaniren —« »Klappern Sie nur mit dem Gelde, dann rechnen die Beamten auf gute Trinkgelder.« »Ich habe keines bei mir,« erwiederte der Ritter etwas verlegen. »Hier, mein Herr,« sagte ich, indem ich ihm einige Rubel einhändigte. Eine Stunde vor Polangen sahen wir Reiter auf uns zukommen. Unser Schützer sagte: »Erschrecken Sie nicht; es sind nur Grenzwächter!« »Und was gehen uns diese an? Was wollen sie?« »Uns bis zum Mauthhause begleiten.« »Warum aber das?« »Um Sie zu eskortiren, wenn Sie verdächtig er¬ scheinen oder Contrebande bei sich führen — in eine Sicherheit, die Ihnen schwerlich gefallen würde. . .« »Sehr erfreulich!« sagte ich und betrachtete neugierig die Reiter, die übrigens ganz hübsch aussahen, leicht, graziös auf den kleinen flinken Pferden saßen, aus mar¬ tialischen, bärtigen Gesichtern gutmüthig hervor blickten und mit geschwungenen Lanzen unsern Wagen in die Mitte nahmen. Als wären wir Kriegsgefangene, hielten sie uns umringt und verließen uns nicht eher, bis der Wagen vor dem Zollgebäude anhielt. Dante's Wort: »Ihr, die Ihr eintretet, laßt jede Hoffnung draußen!« hätte als Schild vor der Eingangs¬ thür hängen müssen, dann wären wir würdig vorbereitet gewesen auf dieses Höllenzimmer. Ein wahrer Qualm von Hitze und verpesteter Luft schlug uns entgegen. Die Doppelfenster ließen durch die trüben Scheiben wenig Tageshelle ein. Eine Menge Juden saßen und standen umher, uns neugierig anschauend. Die Beamten empfingen uns mürrisch und gingen langsam an's Oeffnen der Koffer, welche der Bediente hereintragen half. Aus aufgedunsenen, graublassen Gesichtern traf uns manchmal ein lauernder Blick, wenn ein Gepäckstück ihnen aufzufallen schien. Der Sekretär wischte sich den Angstschweiß von der Stirn, als einer der Untersuchenden mit den schmutzigsten Fingern ihm Atlasschuhe vorhielt, eifrigst dabei sprechend. Ich trat näher. 12* »Was fragt der Unhöfliche?« »Warum Sie neue Schuhe mit sich führen?« »Soll ich etwa in alten Schuhen vor Ihren Maje¬ stäten in Petersburg spielen? — oder dort erst Schuhe anmessen lassen? Verdolmetschen Sie ihm das, ich bitte, Wort für Wort.« Das half, es wurde weiter ausgepackt, etwas schneller, da hörte ich plötzlich hinter mir Ohrfeigen austheilen und heftig reden. Ich wandte mich um und sah einen Knirps von Beamten, kaum 18 Jahr alt, einen alten, ehr¬ würdigen Bauer mit schneeweißem Haar und langem Bart, der verlegen seine Mütze drehte und leise Entschuldi¬ gungen stammelte, rechts und links heftig ohrfeigen! Entrüstet stellte ich mich rasch vor den Greis, und ihn mit ausgebreiteten Armen schützend, rief ich ganz außer mir, ohne daran zu denken, daß meine Worte nicht ver¬ standen würden: »Hat er gefehlt, so wird er gestraft werden, aber nicht durch Sie, junger Mensch! Ehren Sie das Alter! Ohrfeigt man einen Greis, der mit einem Fuß schon im Grabe steht?« Nun wurde es lebendig in dem dumpfen Zimmer. Die Juden schrie'n, die Beamten traten auf uns zu, die Wache stürzte herein und unser Bedienter rief, Alle über¬ tönend: »Wir stehen unter preußischem Schutz! Wir sind Preußen! Die arme Mutter war auf einen Stuhl ge¬ sunken, kaum im Stande, unser Hündchen zurückzuhalten, welches wie rasend bellte und mich vertheidigen wollte. Der winzige Beamte ballte die Faust und suchte dem Bauern näher zu kommen. Der Sekretär sagte leichen blaß und zitternd: »Was thun Sie? Man wird Sie nicht weiter reisen lassen!« »Desto besser, desto besser!« entgegnete ich immer hitziger und blieb schützend vor dem alten Manne stehen. »Ich will gar nicht weiter, ich will nach Memel zurück, mir ist alle Lust nach näherer Bekanntschaft mit einem Lande vergangen, in welches man wie ein Verbrecher von bewaffneten Reitern eingeführt, wo man wie ein Schmuggler behandelt wird, und wo uralte arme Leute geohrfeigt werden. . . Ich will zurück! Verdolmetschen Sie das und sagen Sie, ich würde alles hier Vorgefallene dem Konsul in Memel mittheilen und ihn ersuchen, mein Nichteintreffen in Petersburg zu melden, und auch die Ursache desselben. Erfährt dann Fürst Wolkonski, auf welche Weise die Unterbeamten die Befehle der Vorge¬ setzten überschreiten, so wird die Strafe nicht ausbleiben und der boshafte Knirps da übel wegkommen!«. . . Endlich sprach der Sekretär mit Energie. Ich ver¬ nahm öfters das Wort: Knäs (Fürst) Wolkonski. Die Beamten befahlen dem Ohrfeigengeber, das Zimmer zu verlassen, und als endlich — leider nur zu spät — der Sekretär vernehmlich mit Geld klapperte, ging das Untersuchen der Effekten rasch vorwärts, und bald konnten wir weiter fahren. Mein Bauer wischte eine Thräne nach der andern mit seinen zitternden Händen ab, ich steckte ihm Geld zu und streichelte seine mißhandelten Wangen, ihm freundlich Trost zusprechend, als müsse er mich verstehen. Er dankte mit Blicken, als wollten sie sagen: »Glück und Segen mit Dir, Fremde! Das erste Wesen, das sich meiner annahm!« Die Juden eskortirten uns, freundlich nickend, an den Wagen, die Beamten grüßten sogar, und der Bauer schwenkte seine Mütze, wahrscheinlich glückliche Reise wünschend. Der Sekretär hatte sich von allen Altera¬ tionen etwas erholt, versprach dem Konsul Bericht zu erstatten, und wir suchten durch ein Geschenk in klingender Münze ihm einigermaßen die angstvolle Stunde zu ver¬ süßen. . . Diese Erfahrung hatte uns vorsorglicher gemacht. Mit den gewichtigsten Papieren von der russischen Ge¬ sandtschaft in Berlin ausgerüstet, überwanden wir das entsetzliche Mauthaus zu Polangen diesmal sehr leicht. Vergebens sah ich mich nach meinem alten Bauer um . . . Er war nirgends zu sehen. Vielleicht war er inzwischen auch schon gestorben. . . . Und weiter ging's der Düna zu — mit dem ersten russischen Postillon. Es war ein blutjunger, bildhübscher Junge, geschmeidig und übermüthig wild wie eine Katze. In einen langen, mit Schafpelz besetzten Kittel gehüllt, der um die schlanke Taille von einem Ledergürtel gehalten wurde, auf dem Zottelkopf mit den blanken, wilden Augen eine Bärenmütze — so stand er bald auf der Deichsel, bald sprang er ab und lief schreiend und peitschen¬ knallend neben den Pferden her, die doch gar keines Treibens bedurften und wie das wilde Heer über Knüppel¬ dämme, zugefrorene Gräben und Wasserpfützen mit uns dahin flogen. Vergebens lud der Bediente den kleinen Wilden ein, neben ihm auf dem Bock Platz zu nehmen . . . der wies ihm lachend die blitzenden Prachtzähne und sprang übermüthig weiter, daß die langen Haare ihm um den Kopf flogen. Als ich einige Töne der russischen Nationalhymne sang und ihm freundlich dabei zunickte, verstand er mich sogleich, stimmte hell ein und sang uns all' seine melancholischen russischen Volkslieder, daß uns die vierzehn Werst (ungefähr zwei deutsche Meilen) bis zur nächsten Station sehr schnell und angenehm dahin flogen. Ich fügte zum ausgemachten Trinkgeld noch ein Extra- na wodky , zu Schnaps, hinzu; das war mir in Memel angerathen worden. Da blinkten die weißen Zähne noch viel lustiger, er konnte nicht müde werden, der guten »Matuschka« (Mütterchen) die Hand zu küssen. Lachend zeigte er auch dem nachfolgenden Postillon das Geschenk und nun waren wir geborgen. Schnell und vorsichtig wurden wir weiter gefahren bis an das Ufer der Düna, welche uns noch von Riga trennte. Als wir vor drei Jahren an der Düna anlangten, standen Wächter am Ufer und verboten uns das Passiren des schon morschen Eises. Jede Stunde könne der Eis¬ gang eintreten. Und doch wurde ich von dem Direktor Dölle bestimmt zum Gastspiel in Riga erwartet — und sollte morgen auftreten. In dieser Rathlosigkeit brachte mir der soeben aus Riga angelangte Theaterdiener einen Brief des geängsteten Direktors, mit den rührendsten Bitten, ihn nicht im Stich zu lassen — das Haus sei für morgen bereits ausverkauft. Aus besonderer Rücksicht habe ihm der theater-enthusiastische Gouverneur erlaubt, die Ueberfahrt und den Transport der Effekten auf kleinen Schlitten, je mit einem Pferde bespannt, zu bewerkstelligen. Doch müßte mit größter Schnelligkeit Alles vor sich gehen: Sattler und Schmied würden das Zerlegen des Wagens besorgen. Ich möge es wagen, es ginge noch gefahrlos. Jeden Augenblick könnten die Kanonenschüsse dröhnen, und dann sei jedes Passiren auf's Strengste verboten. Wie lange, sobald sich das Eis in Bewegung gesetzt habe, jede Kommunikation gehemmt bleibe, lasse sich zum Voraus nicht bestimmen, und wo ich in diesem Falle mit der Mutter ein Unterkommen finden würde?. . . »In Gottes Namen denn vorwärts!« sprach die Mutter. Es begann nun um den Wagen von geschäfti¬ gen Leuten zu wimmeln, die das Gepäck abluden und den Wagen auseinander nahmen; wir sahen ergebungs¬ voll dem Zerstörungswerke zu. Auf einen Schlitten kamen die Räder, auf den zweiten die Koffer, auf den dritten und größten der unbehülfliche Wagenkasten, auf den vierten die Mutter und ich, das Hündchen Lisinka, dem das Treiben sehr zu mißfallen schien, zwischen uns, auf den fünften der Bediente mit der Chatoulle. Die treue Seele gelobte uns zu retten, wenn wir dem Ver¬ sinken nahe wären. Voraus fuhren der Schmied, der Sattler und der Theaterdiener, immer rufend und warnend vor morschen Stellen. Wir schlossen die Augen, hielten uns umschlungen und fühlten, daß es rasch im Fluge weiter ging. Konnte nicht das muntere Klingen der Schlittenglocken unser Grabgeläute bedeuten? Wir wurden reichlich mit Wasser bespritzt, das schon fußhoch auf dem Eise stand. Oft glaubten wir zu sinken. . . o, wie schaurig krachte das Eis! Dann fuhren wir erschreckt auf und blickten nach dem rettenden Ufer aus. Endlich war die Schreckens¬ fahrt überstanden. Direktor Dölle empfing uns mit seinem gesammten Personal am Ufer; er war bewegt, freudig ergriffen. Die Damen umarmten uns unter Lachen und Weinen; wie alte Bekannte wurden wir be¬ willkommt. Klopfenden Herzens hatten Alle den Windun¬ gen der Schlittenkarawane zugesehen, und geleiteten uns nun im Triumph nach Riga hinein zur Stadt London, wo wir zu unserer Aufnahme Alles sorglichst hergerichtet fanden. Eine halbe Stunde darauf dröhnten die verhängni߬ vollen Kanonenschläge. Der Erfolg meines Gastspiels war ein in jeder Hinsicht zufriedenstellender gewesen. Sämmtliche Reise¬ kosten wurden durch die Einnahmen gedeckt. Am meisten hatte ich als Agnes im »Mann im Feuer« gefallen, — eine naive Konversationsrolle. Fünfmal spielte ich die Agnes, und im Ganzen vierzehnmal in drei Wochen. Die Mitglieder unterstützten mich auf so freundliche, herzliche Art, daß ich wirklich wähnte, unter Freunden zu sein. Die Stücke waren musterhaft einstudirt, ganz vortreffliche Künstler hatte Direktor Dölle zu fesseln ge¬ wußt, und die Rigaer verwöhnten mich förmlich durch ihre gastfreie, liebenswürdige Aufnahme. Jetzt, Anfangs März 1831, konnten wir die Düna noch mit unserem bepackten Reisewagen passiren. Das Eis war noch so fest, daß man mit Kanonen hätte darüber fahren können. Kaum waren wir wieder in der »Stadt London« unter dem gastlichen Dache der liebenswürdigen Madame Seemann angelangt, so waren wir auch schon von Bekannten umringt und so herzlich begrüßt, als hätten wir ihnen erst vor drei Tagen Lebe¬ wohl gesagt. Wie war die Stimmung in dem frohmüthigen, theaterlustigen Riga aber jetzt so gedrückt! Man sprach nur von dem blutigen Unterdrückungskriege Rußlands gegen das arme Polen, das immer noch nicht sterben wollte und sich jetzt wieder im Todeskampfe gegen das Czaarenthum aufgebäumt hatte. . . Man rieth uns, nicht weiter zu reisen, bis die Truppendurchzüge nach Polen beendet wären. Die Wege seien überdies bodenlos von den vielen Kanonen. Reisende seien von den ersten Stationen wieder zurückgekehrt, halb todt von den verschiedensten Alterationen. — Wir ruhten gern einige Wochen in dem gastlichen Riga aus, und als die neue Direktrice, Frau von Tschernjäwski — mein alter, braver Dölle hatte in¬ zwischen die Direktion aufgegeben, um nach Petersburg überzusiedeln — mich dringend aufforderte, in einem größeren Cyclus zu gastiren, sagte ich mit Freuden zu und benachrichtigte die Petersburger Intendanz von der Ursache meines verspäteten Eintreffens, — aber dennoch könne sogleich nach den Fasten mein erstes Debüt ange¬ setzt werden. Ich wurde von einer sehr guten Gesellschaft unterstützt, studirte die »Leonore« von Holtei ein und spielte die »Königin von sechzehn Jahren« und die »junge Pathe« zum ersten Mal in Riga. Ich gastirte später noch dreimal in Riga und spielte dort in einem Zeitraume von 2½ Jahren im Ganzen 72 mal unter der freundlichsten Theilnahme. Viele von den trefflichen früheren Mitgliedern der Rigaer Bühne waren nach Petersburg engagirt worden, und ich hörte überhaupt zu meiner Beruhigung, daß die deutsche Bühne anders und viel besser organisirt sei, wie vor drei Jahren, auch der neue Intendant, Fürst Gagarin, als kluger, gerechter und allgemein beliebter Chef bekannt sei. Das Originellste und zugleich Fatalste bei dem da¬ maligen Rigaer Theater war: daß es auf einem — Eiskeller stand. Eine eisige Luft wehte auf der Bühne und fast alle Mitglieder waren erkältet und heiser. So manche Sängerin hat bei dieser eigenthümlichen Bauart ihre Stimme eingebüßt. Riga hatte schwer durch die Kriegsunruhen und bei den nicht enden wollenden Truppendurchmärschen durch Einquartierung gelitten. Und doch waren die Rigaer gut kaiserlich gesinnt und am Siege zweifelte Niemand. Nur in vertrauten Kreisen hörte man zuweilen fragen: »Wenn der Aufstand so leicht zu überwältigen ist, wie die Peters¬ burger Zeitungen schreiben — wozu diese ungeheuren Truppenmassen nach Polen?« — Von Mitau kamen auch alarmirende Gerüchte: in Lithauen sei es nicht geheuer. Und doch entschloß ich mich, auf Wunsch der Mitauer mit der Rigaer Truppe sechsmal bei ihnen aufzutreten. Aber schon nach der ersten Gastrolle war's vorbei, und auf allgemeinen Rath eilten wir zurück nach Riga. Man befürchtete in Mitau einen Ueberfall der Insurgenten, die sich schon nicht weit von der Stadt gezeigt haben sollten. Mitau war völlig wehr- und schutzlos. Die Edelleute trotz ihrer bekannten Bra¬ vour waren nicht zahlreich genug, die Vertheidigung der Stadt zu übernehmen. Unsere Rückreise glich einer Flucht. Doch bald stellte es sich heraus, daß wir ganz ruhig hätten fortspielen können. Es war blinder Lärm ge¬ wesen. Der Durchmarsch eines gerühmten Petersburger Garderegiments durch Riga bleibt bei mir unvergeßlich. Dies Regiment hatte nur Rappen, und die höheren Offi¬ ziere besaßen deren 2-3, jedes im Preise von cira 2000 Silber-Rubeln. Kein Wunder, daß nach einigen Jahren Dienst bei der Garde die meisten Offiziere, Liv- und Kurländer, ihr Vermögen zugesetzt haben. Wie wir dem Durchmarsche dieses Regiments zu¬ schauen, kommt athemlos ein Beamter der Krone, und ruft uns zu: »Viertausend polnische Soldaten sind bei Warschau mit dem Eise eingebrochen — soeben kam die frohe Botschaft an den Gouverneur, und ich eilte, sie Ihnen zu verkünden. Die Blüte des Adels und der Jugend sollen mit versunken sein. . . .« Da mußte ich der polnischen Studenten und Gutsbesitzer gedenken, welche ich in Berlin hatte kennen gelernt. Und Alle hatten sich durch feines, liebenswürdiges Benehmen ausgezeichnet. Bei keinem Balle durften die eleganten Tänzer fehlen; wer hätte sonst wohl die Mazurkas an¬ führen sollen? Fast alle diese jungen Polen waren beim Beginne des Aufstandes nach Warschau aufgebrochen. Welche glühenden Patrioten gab es unter ihnen! Wie begeistert hatte gleich nach der ersten Aufführung des »Alten Studenten« von Baron Maltitz der junge schwärmerische Dichter Garcinsky, sehr mit Maltitz befreundet, uns er¬ zählt: die Aufführung dieses Stückes hätte die ganze polnische Jugend in Berlin förmlich beseligt . . . und sie hätten während der Vorstellung diesem Enthusiasmus Ausdruck geben müssen, trotz des öftern mißbilligenden Herausblickens des Königs aus seiner Proszeniumsloge im Königstädter Theater. . . . Dafür waren sie ja junge, heißblütige Polen!! »Wie unbesonnen!« bemerkte meine Mutter, »— und weshalb den guten König ärgern? — Konnten Sie sich denn nicht weniger — bemerkbar freuen? Wenn nun das Stück verboten wird?« Und so kam es. Nicht allein durfte der »Alte Stu¬ dent« nicht mehr gespielt werden, — Baron Maltitz, der Verfasser, mußte Berlin verlassen. »Garcinsky ist sicher mit in den Fluten der Weichsel begraben,« sagte ich leise und traurig zur Mutter. »Sehen Sie doch nicht so nachdenklich traurig aus, das ist hier gefährlich!« flüsterte mir ein Landsmann zu, der Komiker Walter, der berühmte Staberl-Spieler, ebenfalls in Riga gastirend, — »man beobachtet Sie schon. . . . Und: »Hurrah! Hurrah!« rief er laut, — »Es lebe der Kaiser! nun werden immer mehr Sieges¬ nachrichten eintreffen. . . .« Die Weiterreise nach Petersburg war sehr un¬ erquicklich und anstrengend. Nichts ermüdet die Sehnerven in dem Grade, als immerwährende Ebenen. Ein Dorf glich im Aussehen dem andern; saubere, zierlich gebaute Holzhäuser, wenig Leben, Alles still, man möchte sagen schlummerartig! In den Stationslokalen fanden wir überall große Zimmer und mit schwarzem Leder überzogene Sophas; die Wirths¬ leute und Posthalter waren höflich, sprachen auch deutsch, aber sie erschienen mir theilnahmlos, stumpf, gleichsam resignirt im ewigen Einerlei ohne Wunsch und Klage dahinvegetirend. Als ein schöner Menschenschlag zeichneten sich die Bauern aus, vor Allem die Männer mit ihren gutmüthigen, freundlichen Physiognomien. Die Frauen, obwohl auch von blühender Gesichtsfarbe, hatten nicht so regelmäßige Züge, aus den Augen sprach wenig Intelli¬ genz, auch waren sie meistens zu stark, beinahe plump gewachsen, was um so mehr auffiel, da die russische Landestracht der Männer sehr kleidsam ist. Der um die kurzen Ueberröcke oder die bunten Hemden festgeschnallte Gürtel läßt die Figur schlank und nicht ohne Grazie er¬ scheinen. Von der allerheitersten Seite zeigt sich der Eingeborene in einem gewissen Stadium des Rausches. Ein gar fröhlich aussehender Bauer verbeugte sich in einem fort, als ich an ihm vorüberging, suchte meine Hand zu fassen, küßte sie und sagte: »Matuschka! Ma¬ tuschka, sei nicht böse, daß ich ein kleines Räuschchen habe!« Zuweilen wurde die Einförmigkeit durch einen Kurier¬ wagen, Telega genannt, unterbrochen; es war ein ein¬ spänniger Holzwagen ohne Federn mit sehr hohen Rädern, welcher in rasendem Tempo vorübersauste. Auf meiner ersten Reise war mir so die schöne Großfürstin Helene mit ihrer Suite begegnet, auf ihrer Reise nach Deutsch¬ land. Mit Schwindel erregender Schnelligkeit flogen all' die Telega's an uns vorüber. Eine Meile vor Petersburg trafen wir auf schöne Landhäuser, auf großartigere, als im Berliner Thier¬ garten. Die hohen vergoldeten Kirchen-Kuppeln der stolzen Residenz, die endlosen breiten Straßen machen beim ersten Anblick einen eigenthümlichen fremden Ein¬ druck, ebenso die unzähligen Viergespanne mit kleinen Knaben auf dem Vorderpferde, die hellen Kinderstimmen fortwährend rufend: »Padi, Padi!« Aufgepaßt! Unser Empfang in Petersburg war diesmal ange¬ nehmer als vor drei Jahren, da wir die russichen Ver¬ hältnisse noch nicht kannten. Wir stiegen damals in einem großen Hotel ab, das uns brieflich empfohlen war. Der Direktor des deutschen Theaters, Herr von Helmersen, erwartete uns, begleitet von seinem Faktotum, Herrn Damier, über dessen Bei¬ hülfe beim Aufsuchen einer Wohnung er uns zu verfügen bat; »denn,« setzte er hinzu, »hier können Sie nicht wohnen.« »Warum nicht?« fragte ich verwundert. »Wir sind ja doch in einem Gasthofe. . . .« »Weil die russischen Familien ihre Betten und Köche stets mitbringen!« »Also giebts in diesem Gasthofe kein Bett für uns und nichts zu essen?« »Nein!« »Sehr tröstlich!« Helmersen, um in Rücksicht seines Alters seinen völligen Mangel an Energie so schonend wie möglich zu bezeichnen, war ein sanfter, lieber, in diesem Augenblick nur von einer Idee beherrschter Mann, nämlich der meines Auftretens bei Hofe . . . und das mußte morgen geschehen, denn übermorgen reiste die kaiserliche Familie nach der Krim ab. Und so dachte Helmersen weder an unsere Müdigkeit, noch an eine Tasse Kaffee, — sondern sobald er mich sah, rief er schier athemlos: »Eilen Sie schnell zum Fürsten Wolkonski, nein, erst zum Oberkammerherrn der Kaiserin, um den Empfehlungsbrief des geheimen Kämmerers Timm aus Berlin abzugeben, dann zum Fürsten Dolgoruki, dann zu Cutaizow. . . .« »Um Gottes willen, warum denn zu vier hohen Herren? Sind Sie nicht Direktor der deutschen Bühne?« »Ja wohl! Intendant derselben aber ist Fürst Cutaizow, Dolgoruki Intendant vom französischen Theater, der zur Vorstellung bei Hofe auch seine Mitglieder in Kenntniß setzen muß, denn diese spielen nach den Deutschen. Der Oberkammerherr muß Ihro Majestät der Kaiserin Alexandra Ihre Ankunft melden, und Fürst Wolkonski dann anfragen, ob noch eine Vorstellung stattfinden wird, und wann?« »Hören Sie auf!« rief ich, in's Wort fallend, »wie soll ich das Alles behalten?« »Es ist kein Augenblick zu verlieren,« drängte Helmer¬ sen; »rasch, rasch! ich schicke nach einem Wagen.« »Aber es ist ja noch nicht ausgepackt,« erwiderte ich in größter Aufregung; »ich kann mich doch nicht im Reisekleid vorstellen? Meine Wangen glühen, die Augen brennen mir von Staub, Hitze und Ermüdung.« »Und vor allen Dingen muß doch meine Tochter erst etwas essen!« rief die gute Mutter besorgt. »Warum?« frug Helmersen sehr naiv, indem er seine wasserblauen Augen groß aufriß. »Warum? weil ich hungrig bin!« entgegnete ich ent¬ rüstet. »Denken Sie doch, die ganze Nacht hindurch gefahren und nicht einmal eine Tasse Kaffee oder Thee zur Erquickung!« Erinnerungen ꝛc. 13 »Ja,« seufzte Helmersen, »dann werden Sie nicht bei Hofe spielen. Erläßt man heute nicht noch die Be¬ fehle, so ist das Theater im großen Saal des Winter¬ palastes nicht mehr bis morgen herzurichten, und über¬ morgen reisen die Majestäten ab. . . .« Er verstummte wehmüthig, — seine Weisheit war zu Ende. Also rasch wurde aus einem Koffer der rosa Atlas¬ überrock zu Tage gefördert, aus dem Hutkasten das schwarze Sammetbaret geholt, die Locken wurden von den Wickeln befreit, hoch, desperat hoch aufgethürmt, das Baret aufgestülpt, und fort ging es. Der Bediente kam uns athemlos im Korridor entgegen, indem er triumphirend ein Rebhuhn präsentirte, welches er einem Koch abgekauft. Stehend aß ich etwas davon, beinahe erstickend vor Eile, denn Helmersen rief verzweiflungs¬ voll: »Wir kommen zu spät, zu spät!« Athemlos stürzten wir die Treppe hinab in den Wagen und steuerten dem Oberkammerherrn zu — Helmersen glücklich, ich halbtodt von der Hetzjagd. Unterwegs fragte mich der weise Direktor, was ich spielen wolle, im Fall mir die Wahl überlassen würde? Ich entschied mich — im Hinblick auf meine Rigaer Erfolge in dieser Rolle — für den »Mann im Feuer«. Helmersen bewies durch den Umstand, daß er keinen Einspruch erhob, die größte Un¬ kenntniß seines Personals und Publikums. Endlich stiegen wir aus, es ging treppauf, treppab, durch unendliche Gänge, bis wir die Gemächer des Ober¬ kammerherrn erreichten. Wir wurden gemeldet und so¬ gleich empfangen. Ich verbeugte mich vor einem würdig aussehenden Manne und überreichte den Empfehlungsbrief seines Freundes Timm. Nachdem er das Schreiben rasch, aber aufmerksam durchflogen, versicherte er auf sehr liebenswürdige Art, daß er sogleich seine Herrin von meiner Ankunft in Kenntniß setzen würde, und er hoffe sicher, ich sei noch zu rechter Zeit angelangt. »Sagen Sie dies Fürst Wolkonski,« fügte er sich empfehlend hinzu. Helmersen durchwanderte wie verjüngt mit mir abermals endlose Gangwindungen, es ging wieder trepp¬ auf, treppab. Dann war auch Wolkonski's Wohnung erreicht. Im Vorzimmer saßen und standen eine Menge hoher Militärpersonen; es blitzte förmlich von Ordens¬ sternen. Ich wurde mit Staunen angesehen, und ich selbst fühlte nur zu sehr meine Wangen brennen, meine Augen glühen. Helmersen mußte zuerst mit dem Fürsten sprechen und kam bald zurück, um mich demselben vor¬ zustellen. Wolkonski's Aeußeres war nicht einnehmend: klein, alt, häßlich, — aber während des Sprechens ge¬ wann er sehr, denn neben den Formen des feinsten Weltmannes wußte er sich klug und angenehm zu unter¬ halten. Er versprach ebenfalls, sogleich mit der Kaiserin zu sprechen, ließ sich von Helmersen das Stück »Der Mann im Feuer« aufschreiben, und händigte mir einige Zeilen für Fürst Dolgoruki ein. Wir fuhren gewiß eine halbe Stunde, ehe wir zu dessen Palais gelangten. 13 * Dolgoruki trat mir entgegen, fuhr aber beinahe zu¬ rück, »denn«, gestand er später, »Ihre hochrothen Wangen, die fieberhaft blickenden Augen, das Baret, so verwegen aufgestülpt, — Alles das erschreckte mich fast. . . . Nach¬ dem ich aber Wolkonski's Zeilen übergeben und alle Erlebnisse und Abhetzereien mitgetheilt hatte, wurde er sehr artig, versprach mir nach Kräften beizustehen und rieth uns, Cutaizow zu besuchen. Dieser war der einsylbigste von Allen, aber zuvor¬ kommend und artig. Jetzt war ich aber auch so erschöpft, daß ich schluch¬ zend in den Wagen sank und rief: »Nun zur Mutter! Spielen oder nicht, — ich bedarf der Ruhe.« Helmersen blieb ungerührt bei meinen Klagen, denn sein sehnlichster Wunsch schien erfüllt zu werden, mein Gastspiel brillant enden zu wollen, indem der Anfang desselben bei Hofe gemacht wurde. Zum Glück war bereits ein hübsches Logis in Beschlag genommen worden, der Bediente ge¬ leitete uns in die neue Behausung, und die Mutter be¬ willkommnete mich mit einem sehr erwünschten Souper. Endlich konnten wir uns einer erquickenden Ruhe hin¬ geben, deren Wohlthat ich, wie noch nie, empfand. Um acht Uhr anderen Morgens wurde ich zur Probe abgeholt, Abends sollte gespielt werden. Ich bewunderte den Prachtsaal, in welchem sich das Theater befand, desto weniger die Schauspieler. Ich erkannte das lebensfrische Lustspiel kaum wieder bei dieser Darstellungsweise. In Berlin hatten wir es in 1½ Stunden gespielt, hier dehnte es sich bis zu 2½ Stunden. Keine Spur von Konver¬ sationston, kein Humor! Der große, starke Barlow als General sprach nicht, er deklamirte. Das »Guten Morgen, liebe Agnes!« trug er vor wie: »Geh' in ein Kloster, Ophelia!« Wiebe, der den jugendlichen Liebhaber gab, spielte ernst und sprach monoton langsam, wie ein Büßen¬ der; sein Lächeln war gezwungen, als kostete es ihm ent¬ setzliche Muskelanstrengung. Von sämmtlichen Beschäftigten wurde jedes Wort angstvoll dem Souffleur abgelauscht. . . genug, ich kam aus der Probe völlig entmuthigt zu Hause an. Verzweiflungsvoll klagte ich der Mutter meine Noth und Angst wegen der Vorstellung. Die Ueber¬ zeugung, daß die hohen Herrschaften sich langweilen müßten, und das Bewußtsein, daß ich Unglückliche die Veranlassung zu dieser Aufführung sei, benahmen mir Muth und Heiterkeit. Ich wollte sogar zu Wolkonski eilen, ihm Alles sagen und auf die Vorstellung vor dem Hofe verzichten. Aber dann hätte ich auch nicht mehr am deutschen Theater in Petersburg gastiren können, denn die Schauspieler hätten ja den Grund meiner jetzigen Weigerung, vor dem Hofe aufzutreten, erfahren, und der Zweck der kostspieligen und mühsamen Reise wäre verfehlt gewesen. Mit betrübterem Herzen konnte kaum einer Auszeichnung entgegengesehen werden. Ehe die Ouverture begann, sah ich durch ein Löwen¬ auge des Vorhanges und betrachtete das schön und reich geschmückte vornehme Publikum. Der Prinz von Preußen (der jetzige Kaiser) war zum Besuche bei seiner erlauchten Schwester eingetroffen und sprach eifrigst mit ihr; die Kaiserin-Mutter saß neben Nikolaus und ich konnte kaum begreifen, daß diese schöne, blühende, kaum 40 Jahre alt aussehende Frau seine Mutter war. Der ganze Anblick erinnerte an die Märchen von »Tausend und Eine Nacht,« und die unermüdliche Scheherazade hätte keine schöneren Prinzen und Prinzessinen schildern können. Mit furchtbarem Herzklopfen trat ich auf die Bühne; ich hatte das erste Wort zu sprechen. Die Schauspieler schienen das Gedächtniß jetzt völlig verloren zu haben. Mühsam, unerquicklich schläfrig ge¬ langten wir an den Schluß des traurigen Lustspiels, und Barlow, jahrelang schon in Petersburg, beging die Taktlosigkeit, im letzten Akt als General in einem alt¬ fränkischen, großgeblumten Schlafrock zu erscheinen. Beschort in Berlin hatte zu dieser Duellszene, welche ohne Licht im Wohnzimmer vor sich geben soll, einen Ueberrock gewählt, und Barlow stolzirt vor den Kaise¬ rinnen im schlotterigen Schlafrock herum: der dicke, große Mann auf der kleinen Bühne. ... Es war entsetzlich an¬ zusehn! Ich konnte es nicht mehr aushalten; ich verschwand hinter dem großen Schirme des improvisirten Garderobe¬ zimmers, der in einer Ecke des weiten Saals hinter der Bühne angebracht war. Ich fühlte, daß ich blaß unter der Schminke war, und rang mit einer Ohnmacht. Da wurde ich gerufen; wankend trat ich aus meinem Versteck hervor und sah Fürst Wolkonski auf mich zukommen. Er überreichte nur ein Geschenk mit den Worten: »De la part de l'impératrice.« »Ich danke!» erwiederte ich wehmüthig. »Nicht wahr, »mein Fürst, die Herrschaften haben sich entsetzlich gelangweilt? Ich sie leider mit! Und Barlow's Schlu߬ kostüm. . . .« »Ja, das war freilich unerquicklich,« entgegnete Wolkonski; »aber Sie haben gefallen. Haben Sie nicht bemerkt, wie die Kaiserin so herzlich lachte, der Kaiser applaudirte?« »Das ist Balsam für mich; aber — darum ist doch nicht weniger schrecklich gespielt worden. Ich bin in Verzweiflung!« Wolkonski sah mich überrascht an. Dann sagte er freundlich: »Deshalb nehmen Sie ein Engagement bei uns an. Für bessere Mitglieder soll gesorgt werden; Sie müssen dem deutschen Theater hier den Impuls geben. Durch Ihr Talent, Ihre Thätigkeit und Liebe zur Kunst kann viel gebessert und die ganze Bühne geboben werden, und dann wird es Ihnen gut bei uns gefallen.« Ich verbeugte mich innigst dankend für die freund¬ lichen Versicherungen und sagte aufrichtig, daß ich gern in Petersburg bleiben würde, um so recht nach Herzens¬ lust in allen Fächern spielen zu können, aber erst müsse doch auch das Publikum seine Ansicht über mich zu er¬ kennen geben. Die liebe Frühlingssonne, sowie der glänzende Er¬ folg meines Gastspiels hatten meine Betrübniß bald ver¬ scheucht. Die Stücke waren besser einstudirt; Barlow lernte ich im tragischen Fach als denkenden und mit Ge¬ fühl spielenden Künstler kennen, und Wiebe, sowie die Anderen erschienen weniger steif und kopflos. Das gesellige Leben Petersburgs gefiel mir ungemein. Der Engagementsantrag war annehmbar, und so unter¬ zeichnete ich denn einen Kontrakt für drei Jahre. Diesen zu erfüllen, war ich jetzt in Petersburg an¬ gelangt. Dank unseren traurigen Erfahrungen und den Petersburger Freunden erwartete uns eine behagliche Woh¬ nung . . . und kein übereiltes Auftreten im Winterpalais vor dem Hofe. Mein Empfang war der freundlichste, da ich — als Suschen im »Bräutigam aus Mexiko« am Klöppeltisch sitzend — zum ersten Mal wieder vor den lieben Peters¬ burgern erschien. Die zweite Rolle war Holtei's »Leo¬ nore«, und das dritte Debüt die Polixena in »Kunst und Natur«. Das Personal war bedeutend verstärkt und verbessert. Als jugendlicher Liebhaber war Herr Weiland recht brav. Der dicke Barlow hatte das Väterfach übernommen, Wiebe die Heldenrollen. Die Vorstellungen gingen — mit denen vor drei Jahren verglichen — prächtig, und eine sehr hübsche Brünette, Fräulein Gerstel — Schwester des jetzt noch am Stuttgarter Hoftheater so beliebten ersten Komikers und Regisseurs Gerstel — spielte die zweiten Liebhaberinnen ganz charmant. Es herrschte auch mehr Ordnung, mehr Eifer. Als Intendant stand jetzt sämmtlichen Theatern Fürst Gagarin vor, unter und neben ihm leiteten die geschäftlichen Angelegenheiten die Direktoren der russischen, französischen und deutschen Bühnen. Gagarin wußte dem herrschsüchtigen Fürsten Wolkonski gegenüber seine Würde zu bewahren, und behandelte die deutschen Schauspieler nicht mehr als Stiefkinder. Gagarin war streng, aber gerecht und einsichtsvoll. Einzelne Widerspenstige, die den seit Jahren gewohnten bequemen Schlendrian ungern verbannt sahen, wußte der Fürst auf feine und liebens¬ würdige Art zu versöhnen. Er bestimmte nämlich, daß bei den vom Frühherbst bis zur Fastenzeit in jeder Woche üblichen Benefizen jede solche Vorstellung in derselben Woche wiederholt werden mußte, ehe das nächste Benefiz an die Reihe kam. Auf diese Art zwang er die Trägen und Böswilligen, wenn sie nicht den Vortheil ihres eigenen Benefizes verscherzen wollten, mitwirkend ein¬ zugreifen. Das Publikum hatte auch Vortheil von dieser Neue¬ rung und war dankbar dafür. Es sah so in jeder Woche ein neues Stück, oder ein älteres beliebtes gut einstudirt, und die Wiederholung desselben. Es ging wirklich, wie die Franzosen sagen: »comme sur les roulettes!« Auch die russischen Choristen und Tänzerinnen, die in manchen Stücken mitzuwirken hatten, die Maschinisten und sonstige russische Theaterbeamte zeigten sich mir gegenüber gefügiger und liebenswürdiger. Ich hatte vor drei Jahren manchen Strauß mit ihnen zu kämpfen gehabt — und sie in meiner Weise überwunden. »Warum« (ich sollte damals nun einmal aus den Warums nicht herauskommen) »lachten die Tänzerinnen,« frug ich den Balletmeister nach dem ersten Akt der Probe von Preziosa, »während meines Solos? Wenn in Berlin dasselbe nicht ausgelacht wurde, wird es wohl auch vor diesen Jüngerinnen Terpsichore's Gnade finden können.« »Es sind Russinnen,« entgegnete derselbe. »Diese unterstützen nicht gern die Deutschen.« »Ah so,« bemerkte ich; »deshalb sehen auch die rus¬ sischen Choristen so verdrossen aus und singen Weber's herrliche Melodien so kauderwälsch und rufen stets anstatt: Heil Preziosa, Heil der Schönen —: hil Pitschoso, hil di schnula ! . . .« Der Kapellmeister schob die Schuld dem Chordirektor zu: dieser verwies den Automaten ihr Kauderwälsch, und während der Vorstellung vernahm man kein Russisch- Chinesisch und kein Lachen der Tänzerinnen. Dann schien es dem Maschinisten bei der Feuerszene im Käthchen von Heilbronn ganz gleichgültig zu sein, ob eine Deutsche den Hals bräche oder nicht. Er ließ die Säule, an welche sich Käthchen anklammern muß, auf der Probe so blitzschnell und ruckweise fallen, daß sie umschlug. Zum Glück hatte ich mir den Vorgang zeigen lassen, und als ich meine Bedenken darüber äußerte, antwortete der Maschinist kaltblütig: »Nitschewo!« »Was sagt er?« frug ich. » Nitschewo soll ausdrücken: es hat nichts zu be¬ deuten,« wurde mir erklärt. Ich trat etwas erregt auf den Harmlosen zu: »Mein lieber Herr Nitschewo , wenn ich diesen Abend bemerken sollte, daß Sie bei der Feuerszene nicht auf¬ passen, so gehe ich nicht auf die Brücke, und mit nichts, d. h. ohne Käthchen, fällt dann die Säule herab. Sie müssen sich dann verantworten. Empfehlen Sie aber ihren Maschinisten Vorsicht an, so daß ich mich der Säule anvertrauen kann, dann erhalten Sie na-wodka !« (Trinkgeld zu Schnaps). Das leuchtete dem Nitschewo ein und charmant gelangte ich von der brennenden Brücke, sanft mit der Säule hinabsinkend, in die Arme meines Wetter von Strahl. Die gedrückte Stimmung von Riga fand ich auch in Petersburg wieder — nur in erhöhter Weise. Alle Gardetruppen waren in den unglückseligen Polenkrieg gezogen. Viele Familien waren in Angst um ihre Lieben. Kaiser und Volk, Deutsche und alle anderen in Peters¬ burg so zahlreich vertretenen Nationalitäten sehnten sich nach dem Ende dieses unseligen Feldzugs. Die Siegesnachrichten langten so spärlich an, — und von der Festung wollten die Freudenschüsse die Ein¬ nahme Warschau's immer noch nicht verkünden. Es ist russische Sitte: jeden Erfolg der Armee durch die Kanonen der Festung zu annonciren. Die in dem Polenfeldzuge so oft getäuschte Erwartung der Siegesnachrichten lähmte jeden geselligen Aufschwung; die stolze Czarenstadt schien wie in dumpfe Trauer versunken, alles Leben schien da¬ raus entflohen zu sein. Plötzlich verbreitete sich überdies noch das Gerücht: die Cholera ist ausgebrochen! Daß sie in Riga wüthete, war längst bekannt. Und dann sahen wir mit Grausen große grünangestrichene Wagen langsam von verstört und ängstlich blickenden Kutschern durch die Straßen fahren. Wimmern, Stöhnen wurde von näher Vorbeigehenden aus den Wagen vernommen. Man suchte die Bevölke¬ rung über die tägliche Zunahme dieses fremdartigen An¬ blicks durch die sanitätsstatistische Auskunft zu beruhigen: die gegenwärtige Jahreszeit liefere immer die meisten Kranken in die Spitäler. . . . Aber Niemand glaubte an diesen Grund des starken Krankentransportes. Die Theater wurden wenig besucht, mehr aus trüber Stimmung, als aus Furcht vor der Cholera. Da besuchte uns eines Tages unser lieber Nachbar, der deutsche Pastor Muralt. Er begrüßte uns unge¬ wöhnlich ernst, beinahe feierlich. Dann sagte er: »Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen, daß die Cholera hier längst ausgebrochen ist. Die Regierung kann es nicht länger verheimlichen. Nicht nur die unteren Schichten der Bevölkerung werden hingerafft — die Seuche klopft bei allen Ständen an. Ich komme so eben vom Sterbebett eines theuren Freundes. Haben Sie Verfügungen zu treffen? Ich komme, um Ihnen beizustehen und zu rathen: nach Wassili-Ostrow zu ziehen. Die Luft ist dort reiner und Sie finden viele Deutsche. . . .« Plötzlich stürzte ein Bekannter todtenbleich in's Zimmer, und auf dem Sopha wie ohnmächtig zusammen¬ brechend stammelte er schaudernd: »Der arme Doktor Seemann — — so zu enden. . . .« »Was ist geschehen? Fassen Sie sich, erklären Sie uns. . . .« »O, Entsetzliches! Die Bauern, die berauschten Muschiks, haben unter wildem Geschrei und Toben den Unglücklichen mit Fäusten zu Boden geschlagen, dann über das Pflaster geschleift und in den Kanal gestürzt — — immer brüllend: Die Deutschen vergiften die Brunnen. . . . Und was war die Veranlassung? Doktor Seemann kam aus dem Spital und roch an einem Kampherfläschen. . . .« Wir verstummten zum Tode erschrocken. . . . Und noch ehe wir Worte finden konnten, hörten wir die auf¬ geregte Stimme des Direktors Helmersen vor der Thür: »Der Kaiser will es aber nicht. . . .« Dann trat er mit Regisseur Barlow leichenblaß herein und sagte zitternd: »Zu meinem Leidwesen muß ich Ihnen mittheilen, daß der Czaar befohlen hat, mit den Vorstellungen in gewohnter Weise fortzufahren, damit die Furcht in der Stadt nicht noch durch Schließung der Theater vergrößert werde.« Barlow hatte Thränen im Auge und sagte sehr er¬ griffen: »Unser trefflicher Kapellmeister Schreinzer liegt an der Cholera tödtlich erkrankt; er, der gestern noch die Preziosa dirigirte! Unsere beiden Theaterdiener mußten soeben in's Spital transportirt werden, zwei Angestellte fielen im Büreauzimmer um — — und wir sollen fort¬ spielen? — Dabei sind, wie immer im Sommer, 40,000 Muschiks in Petersburg, und die durchziehen jetzt wüthend die Straßen, Tod den Fremden schwörend — und keine Truppen in der Residenz, sie im Zaum zu halten! . . . Der Kaiser ist mit seiner Familie in Zarskoje- Selo und weiß sicher nicht genau, was sich hier zu¬ trägt. . . . Wie sollen wir ohne Lebensgefahr nur bis an's Theatergebäude gelangen?« Muralt hatte aufmerksam zugehört, dann reichte er uns hastig die Hand zum Abschiede: »Ich eile zu meinem Freund, dem Minister Cancrin, der soll sogleich dem Kaiser die Wahrheit mittheilen — sicher langt der Befehl zum Schließen der Theater baldigst an. . . .« Aber der Befehl blieb aus. Doch wunderbar gewöhnt sich der Mensch auch an das Schrecklichste, wenn er es täglich vor Augen hat und weiß: nur Ruhe und Energie kann dich retten! Ehe man in's Schauspielhaus fuhr, nahm man zärtlich, aber gefaßt von den Seinigen Abschied. Mit Gebet und Gottvertrauen stieg man in den Theaterwagen — und getrost ging's durch wilde Bauernhaufen und heranziehende Truppen. Es wurde nicht einmal zerstreut gespielt. Mit Theilnahme begegneten sich die Kollegen, aller Neid und alle kleinliche Kabale schien besseren Gefühlen gewichen. Herzlich klang das »Gute Nacht!« und »Auf Wiedersehen!« am Schluß der Vor¬ stellung. Die Rückkehr nach Haus war ein Fest. . . . Wie beseligte die Gewißheit, sich noch zu besitzen! . . . Erst als auch zwei französische Schauspieler der Cholera zum Opfer gefallen waren, kam der ersehnte Befehl zur Schließung sämmtlicher Bühnen, und wir zogen hinaus auf's Land. In Wassili-Ostrow lebte es sich ganz angenehm. Die meisten Häuser sind von kleinen, schattigen Gärten um¬ geben. Aber die ganzen Nächte hindurch — denn bei Tage durfte nicht mehr begraben werden — fuhren die nicht enden wollenden Leichenzüge unter unsern Fenstern vorbei nach dem großen Friedhofe. Wochenlang starben in Petersburg täglich sechs- bis achthundert Personen. Nur einmal sahen wir diese gespenstische Leichenfahrt mit an. Vom Mond beleuchtet fuhren stolze Karossen vorüber, quer durch die Fenster ein — Sarg gestellt. . . . Elegante Droschken waren mit Särgen beladen — da¬ zwischen plumpe Karren und Möbelwagen mit ganzen Ladungen von Särgen . . . denn woher so viele Leichen¬ wagen nehmen: auf das damals nur zu wüste, schaurige, große Petersburger Leichenfeld diese furchtbar reiche Ernte des Todes zu führen?! — Popen begleiteten die Ver¬ storbenen, — weiter Niemand: kein leidtragender Ver¬ wandter oder Freund! . . . Kein Tuch trocknete Thränen — kein Schluchzen unterbrach das dumpfe, eintönige Rollen der Todtenwagen. . . . Rasch, geheimnißvoll schlang sich der unübersehbare Zug dem Kirchhofe zu, und eiligst wurden Hohe und Niedrige, Reiche und Arme in weite, gemeinschaftliche Gruben versenkt und mit Kalk über¬ schüttet. . . . Beim ersten Morgengrauen, wie im Hamlet, wenn sein Vater das markerschütternde »Ade! Ade! Gedenke mein!« ruft, verstummte das dumpfschaurige Getön, ver¬ schwanden Wagen und Gestalten. . . . Man konnte andern Tages wähnen, geträumt zu haben. . . . Man athmete auf — — bis zur nächsten Mitternachtsstunde, wo sich dieser grauenhafte Spuk wiederholte. . . . Und dazu immer vergebliches Hoffen der Russen auf die Siegesnachricht von der Erstürmung Warschau's — auf Frieden! Ein noch trüberer Schleier legte sich über Peters¬ burg, als Großfürst Konstantin begraben wurde. Wer dieses Leichenbegängniß mit ansah, hat es sicher nie wieder vergessen. Es regnete; die Popen in den langen Röcken und plumpen Stiefeln schleppten sich schwerfällig dem Leichenwagen nach. Der Kaiser erschien mit seiner Suite zu Pferd; sein Gesicht war marmorblaß und kalt. Eine Menge Volks sah gleichgültig den Bruder seines Czaren bestatten. . . . Man hatte Konstantin in Petersburg nicht geliebt, darum betrauerte man ihn auch nicht. Er hatte dem Thron entsagt, um die Erwählte seines Herzens heirathen zu können — die geistvolle, zauberschöne, sanfte Polin, Gräfin Johanna Grudczinska, die Kaiser Nikolaus zur Fürstin von Lowicz erhob. Gewiß zeugt dies von Leiden¬ schaft und Energie — aber in dieser Energie und Leiden¬ schaftlichkeit war er ein Despot — oft bis zur Grausam¬ keit. Seine angebetete Gemahlin, sie, die sich ihm opferte, um der Schutzengel Polens zu werden, war bitter ent¬ täuscht. Bald von ihren Landsleuten, bald von den Russen mißtrauisch beobachtet, konnte sie nur selten das Herz ihres Gemahls zur Milde stimmen — für das arme, unglückliche Polen, dessen Vizekönig er war. Konstantin hatte beim Ausbruch des Polenaufstandes aus Warschau fliehen müssen — nur mit Mühe war er der Gefangen¬ schaft entronnen. . . . Und doch war Konstantin stolz auf die Tapferkeit von Johanna's Landsleuten. Auf ein stolzes russisches Wort: »Die armselige polnische Armee wird bald zu Paaren getrieben und Warschau erobert sein . . .« antwortete er mit ironischem Lachen: »Meint Ihr? Wartet nur ab, wie meine tapferen Polen sich schlagen werden. . . .« Die Polen, diese von den Russen so gehaßten und ge¬ fürchteten »Rebellen« nannte der Bruder des Czaren stolz »seine tapferen Polen«. . . . Welch' eine Aufgabe für einen Psychologen, Konstantin's Charakter zu entziffern! Nach fünf Monaten starb auch Johanna Grudczinska. Fern vom geliebten Vaterlande fern von Verwandten und Freunden, einsam, verlassen, vergessen, starb sie dem Gemahle nach, der sie trotz aller Tyrannei — — heiß Erinnerungen ꝛc. 14 geliebt hatte! Wohl ihr, daß sie eine gläubige Christin war, eine strenge Katholikin, sonst hätte Wahnsinn sie erfassen müssen — bei all' dem Furchtbaren, was sie gelitten! Die Dichter suchen so oft nach Stoffen für Tra¬ gödien. . . . Sollte das Schicksal dieser Märtyrerin nicht eine dankbare Aufgabe für die Feder — die Phantasie — — das Herz eines dramatischen Schriftstellers sein? Auch das Begräbniß des Großfürsten wurde ver¬ gessen, die Cholera ließ nach in ihrem Wüthen und die Theater wurden wieder geöffnet. . . . Und eines Tages verkündeten Kanonensalven von der Festung aus auch — die Einnahme Warschau's! Endlich! Das gesellige Leben bewegte sich wieder in gewohnter froher und geräuschvoller Weise, die Theater wurden mehr denn je besucht — — und Ueberraschung, ja Er¬ staunen erregten die sonst so wenig beachteten deutschen Vorstellungen! Ein reiches Repertoir wurde entfaltet. Emilie Galotti, König Enzio, Elise von Valberg, Pauline, Schein und Sein, Der Müller und sein Kind, Die Braut vom Kynast, Die Lichtensteiner, Marie Louise von Orleans, Friedrich August in Madrid, Pfefferrösel . . . alle damals neuen und gern gesehenen Lustspiele wurden mit Lust und Leben dargestellt. Nach Verlauf eines Jahres konnte Fürst Gagarin einen Ueberschuß aufweisen, — den ersten von den kaiserlichen Bühnen in Petersburg überhaupt, und zwar — vom deutschen Theater erzielt. Hätte der Hof nur einige Male die Vorstellungen mit seiner Gegenwart beehrt, die vornehmen russischen Familien würden gefolgt und ein noch erfreulicheres Resultat erzielt worden sein. Es scheint, daß der Ein¬ druck der früheren Leistungen der deutschen Schauspieler die kaiserliche Familie so nachhaltig abgeschreckt hatte, daß sie sich die Erneuerung eines derartigen Genusses gern versagte. Niemand fand das begreiflicher, als ich, wenn ich an den unglückseligen »Mann im Feuer« von anno 1828 zurückdachte. Ich wurde daher förmlich überrascht, als bei meinem zweiten Benefiz der Kaiser und die Kaiserin in der Hofloge erschienen und Fürst Wolkonski mir nach dem ersten Akt von »Friedrich August in Madrid« ein reiches goldenes Stirnband, mit einem funkelnden Edel¬ stein geschmückt, im Namen der höchsten Herrschaften überreichte. Uebrigens mußte auch schon das Lokal allein den Hof abschrecken, denn nichts weniger als einladend war das schmutzige, dunkle Circustheater. Die deutschen Schauspieler fühlten sich wie aus einer Verbannung er¬ löst, als auch sie im großen, prachtvollen Alexandra¬ theater und später im wunderhübschen, eleganten Michael¬ theater gleich der ausgezeichneten französischen Truppe spielen durften. Die Kaiserin Alexandra hatte mich gleich nach meinem ersten Debüt zu sich rufen lassen und mich in unvergleich¬ lich huldvoller Weise bewillkommt. Es ist unmöglich, imposanter und doch zugleich anmuthiger auszusehen, graziöser zu gehen und zu grüßen, als diese Fürstin da¬ mals erschien. Wenn sie tanzte, überstrahlte sie, wie ich einige Mal Gelegenheit hatte zu beobachten, die jüngsten 14 * und blühendsten Schönheiten. Obgleich groß und statt¬ lich, schwebte sie dahin wie eine Feenkönigin. Kaiserin Alexandra hatte von ihrer Mutter, der Königin Louise, nicht nur die Majestät, auch die bezaubernde Lieblichkeit geerbt, wie die Berliner mit Stolz von ihrer Königs¬ tochter sagten. — Ich wagte die Kaiserin bei jener Au¬ dienz zu fragen: ob nicht auch das arme deutsche Theater bald auf die hohe Ehre eines Besuches hoffen dürfe? Da erwiderte sie gar holdselig und echt deutsch gemüthlich: »Ach! für mein Leben gern würde ich Sie als Käthchen von Heilbronn sehen, aber« — fügte sie lächelnd hinzu — »die andern Damen sind in dem Stück gewiß gar zu komisch; ich kann nicht vergessen, wie dieselben das Taschen¬ tuch halten. . .« Dabei streckte sie den Arm steif von sich, faßte ihr Batisttuch zimperlich an, schlug die Augen nieder und machte ein so landfräuleinartiges Gesicht und schien so vergnügt über ihre Nachahmungskunst, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben, und die Kaiserin bewun¬ dernd anblickte. Man erzählte sich in Petersburg gern und mit Stolz: Nikolaus sei seiner Gemahlin innigst und treu ergeben; er wüßte ihren Charakter, Geist und ihre Anmuth zu würdigen, Alexandra sei seine erste Liebe und noch immer sein angebetetes Ideal. Dabei wurde dann gewöhnlich herzlich gelacht und gespöttelt über jene Frauen, die sich bemühten, den Kaiser in ihre Netze zu ziehen. So wurde mir einst die schönste Frau Petersburgs, die junge Frau eines alten Generals, gezeigt und dabei erzählt, die Generalin habe einst dem Kaiser beim Tanzen zärtlich zu¬ geflüstert: »O, wie glücklich bin ich, Majestät, mit dem schönsten Manne des Kaiserreichs tanzen zu dürfen« . . . und Nikolaus habe ihr kalt erwidert: »Madame, ich bin nur für meine Frau schön. . .« Wenn auch der Czar seine Huldigungen der Schönheit und Jugend nicht versagte, sein Herz blieb seiner Gemahlin, und Eifersucht soll Kaiserin Alexandra nie gezeigt haben. Als Charlotte von Hagn, meine Nachfolgerin an der Berliner Bühne, die jetzige Frau von Oven, 1833 am deutschen Theater in Petersburg gastirte, besuchten der ganze glänzende Hof und die ersten Familien der Residenz die deutschen Vorstellungen fleißig, ja, Stock¬ russen bemühten sich oft vergebens um Plätze. Um während dieses Gastspiels die Aufführung einiger klassischer Stücke zu ermöglichen, übernahm ich gern so¬ genannte zweite Rollen. In Kabale und Liebe spielte Fräulein von Hagn die Louise, ich Lady Milfort, in Don Carlos war sie Eboli, ich die Königin, sie gab Elise Valberg, ich die Fürstin. Sogar in dem kleinen Lust¬ spiel »Die Papageien« spielten wir zusammen. Der Kaiser hatte nämlich befohlen, der von der französischen Gesellschaft gegebenen Tragödie: » Le Duc de Guise « solle ein kleines deutsches Lustspiel vorangehen, in dem Charlotte von Hagn und ich zwei gleich bedeutende Rollen hätten — es war fast, als sollten wir vor den kaiser¬ lichen Augen ein olympisches Wettspiel beginnen. Es war nicht leicht, in zwei Tagen ein passendes Stück zu wählen und einzustudiren. Stücke gab's wohl in Hülle und Fülle — aber es fehlte entweder die eine oder die andere kaiserliche Bedingung: die einaktige Kürze oder zwei erste Damenrollen! Da entschieden wir uns für Kotzebue's »Papageien« — ein unendlich harmloses Stück, das aber — lebendig gespielt — eine sehr erheiternde Wirkung übt. Der Inhalt des jetzt längst vergessenen Stückes ist kurz dieser: Eine Mutter glaubt in ihrem Leben und in ihrer Ehe große Ursache gefunden zu haben, die bösen, bösen Männer zu hassen. Damit nun ihr Töchterlein nicht dieselben traurigen Erfahrungen macht, soll sie die Männer — gar nicht kennen lernen. Zu diesem Zwecke hält die Mama das Töchterchen nebst Ge¬ spielin von frühester Kindheit an hinter Schloß und Riegel. Die beiden jungen Mädchen verbringen ihre Tage damit, in einem von hoher Mauer umschlossenen Parke spazieren zu gehen, Vögel zu schießen und gar possirlich zu plaudern: über die unbekannte Welt hinter jener Mauer — voll lauter Frauen. Aber eines schönen Tages steigen bei Gelegenheit einer Jagd zwei Offiziere in ihren bunten Röcken über die Gartenmauer — sehen die jungen Mädchen und verlieben sich natürlich sterblich in sie. Entsetzt fliehen die Fräulein vor diesen unbe¬ kannten Raubthieren — — bis die Offiziere sich ihnen als zwei — Papageien vorstellen. Zum Glück haben die Dämchen in der Naturgeschichte gelernt, daß Papageien ganz unschuldige Vögel sind und oft recht ergötzlich zu plappern verstehen. Das giebt ihnen Muth, sich den hübschen bunten Papageien zu nähern und. . . bald finden sie sogar recht großen Geschmack an dem Papageien¬ geplapper und den allerliebsten Thierchen in Röcken von zweierlei Tuch. . . . Das Uebrige ergiebt sich von selbst! Ja, Kotzebue war doch bei aller anscheinenden Harm¬ losigkeit ein großer — Satyriker! Der Kaiser hatte mit seiner Gemahlin die Pro¬ ßeniumsloge im Michaeltheater inne, also kaum zwei Schritte von uns Spielenden entfernt. Charlotte von Hagn hatte als Partner einen sehr hübschen jungen Papagei, den jugendlichen ersten Lieb¬ haber Weiland, — ich aber mußte mit dem schwerfälligen, dicken Barlow fürlieb nehmen. Weiland trippelte sehr graziös vor und bewegte die Arme gleich Flügeln ganz charmant, — als aber mein Papagei vortrappte — die kurzen, dicken Arme steif ausgestreckt — die großen Augen tragisch aufreißend. . . da — schrie die Kaiserin vor Lachen hell auf . . . und ich hörte sie hinter ihrem Tuche dem Kaiser zuflüstern: »Mais — c'est pour en mourir de rire! — Barlov est par trop comique. . .« Papagei Weiland nahm das ihm von der Hagn in den Mund gestopfte Biscuit ganz zierlich — mein Barlow riß es mir förmlich aus den Händen und verschlang es heißhungrig, heftig mit den Flügelarmen dazu schla¬ gend . . . so daß unser Geplauder minutenlanges, hauser¬ schütterndes Lachen unterbrach. Die Hagn und ich füllten die Pause ganz ernsthaft mit dem Füttern unserer Papa¬ geien aus . . . was dann wieder neues Gelächter erregte. Der Duc de Guise — empfand die Nachwirkung dieser Heiterkeit, — denn das Publikum, das so reichlich Lachthränen geweint, hatte keine Rührungsthränen mehr. Mlle. Bourbier, erste französische Liebhaberin, sagte schmollend zu mir: »Ce sont vos perroquets qui nous ont gâté — notre tragédie.« Unsere Kostüme in diesen Rollen bildeten lange Zeit das Tagesgespräch in Petersburg: kurze, weiße Mousselin¬ röcke, hellgrüne Atlasschuhe mit zierlichen Kreuzbändern, hellgrüne, enganliegende Amazonenspenzer mit Stahl¬ knöpfen, weiße Kravatten und Manschetten, runde, kleine Basthüte, mit lang herabwallenden grünen Federn keck auf einem Ohr; das Haar gescheitelt, die Zöpfe in griechische Knoten geschlungen; Jagdtaschen um und Flinten in der Hand. — Dazu reizende Walddekoration . . . genug, wir hatten trotz der kleinen Rollen und des dummen Stückes Heiterkeit und — Furore erregt. Eines anderen Gastspiels an unserer Bühne muß ich etwas ausführlicher gedenken — wegen seiner traurigen Folgen für den liebenswürdigen Künstler. Ich sollte hier zum ersten Mal in meinem Leben die bange Erfahrung machen: daß ein zu reiches und zu plötzlich ausgeschüttetes Glücksfüllhorn für das trunkene Menschenherz und den armen schwindelnden Kopf oft gefährlicher ist, als der härteste Schicksalsschlag! Unser Direktor vom deutschen Hoftheater Herr v. Helmersen überraschte mich Mitte Mai 1833 mit der frohen Nachricht: daß einer der berühmtesten Mimen Berlins, Wilhelm Krüger, im Juni zum Gastspiel ein¬ treffen würde. Helmersen bat mich zugleich in seiner be¬ kannten klettenhaft inständigen Weise: doch noch vor der Ankunft des Gastes so und so viele bedeutende Rollen einzustudiren, denn ich müsse jeden Abend mit ihm auf¬ treten, da die zweite Liebhaberin, Fräulein Gerstel, trotz Anmuth und Talent unmöglich in den Trauerspielen des hauptsächlich klassischen Repertoirs die ersten Rollen über¬ nehmen könne. Das war wirklich für die Mutter und mich eine frohe Botschaft! Denn wir schätzten Krüger nicht nur als geistvollen, hochbegabten Schauspieler — sondern er war uns in den fünf Jahren meiner Berliner Bühnen¬ thätigkeit ein gar lieber Freund und ich sogar — seine Gevatterin geworden, die Pathin seines Töchterchens! Schier zum Entsetzen des sehr pedantischen Direktors jubelte ich in meiner Freude auf: »O, wie will ich meinen lieben Gevatter unterstützen! Nun sollen die Petersburger erst sehen, was ich zu leisten vermag, mit einem edlen Künstler wirkend! Nun kann ich herrliche, längst ersehnte Aufgaben lösen — unabhängig von der Laune unseres ersten Liebhabers, der bald gut, bald schlecht spielt und oft so unerquicklich chikanirt. . . O, Herr Direktor, Sie sollen mal meinen Gevatter als Wetter von Strahl sehen und mich als Käthchen von Heilbronn! Das ist ein ander Ding, als mit unserem Herrn Wiebe, der die Hollunder-Schlummerszene mit spielt. . . Und was hatte der geniale Trotzkopf, als er mir nach vielem Bitten versprochen, die unglückseligen eisernen Hände das nächste Mal wegzulassen, für dieses Opfer auskombinirt? Mit dem Helm auf dem Starrkopf trat er zum schlummernden Käthchen — noch dazu mit einem Stahlhelm, dessen Visir nicht pariren wollte. . . »Käthchen, schläfst Du?« »Nein, mein hoher —« klipp — das »Herr« über¬ tönend. »Und doch hast Du die Augenlider« — klapp. . . »Da blinzelte ich ein wenig zum Sprechenden hinauf und sah zu meinem Entsetzen: meinen geliebten Wetter von Strahl mit — geschlossenem Visir über mich gebeugt. . . Während ich antwortete: »Die Augenlider — hoher Herr?!« — schob Wiebe ganz gelassen das rebellische Visir in die Höhe und fuhr fort: »Wo bist Du denn, mein Käthchen . . .« klipp! — rasselte es abermals. . . Verzweiflungsvoll flüsterte ich: »Helm weg!« »Sie meinen?« wisperte der Entsetzliche mit größter Ruhe — »Helm weg!« wiederholte ich desperat, »oder ich erhebe mich und gehe ab!« Da marschirte Wiebe langsam — nonchalant, als ob er sich in seiner Wohnstube befände, in die Coulissen und kehrte gemüthlich ohne Helm zum Hollunderbusch zurück, — und auf sein abermaliges: »Wo bist Du denn?« — konnte ich, vor Alteration zitternd und fast weinend, kaum erwidern: »Auf einer schönen grünen Wiese, wo Alles bunt und voller Blumen ist. . . »Können Sie es mir verdenken, Herr Direktor, daß mir das Käthchen seitdem verleidet ist?« Dann erst brachte der vor meiner frohen Aufregung fast erstarrte Helmersen einen Brief der Frau Krüger an die Mutter zum Vorschein. Sie las folgende Stelle vor: »Sie, theure Freundin, sind schon heimisch in der stolzen Czarenstadt. Stehen Sie Krüger mit gütigem Rath bei, und Karoline bitte ich herzlich, etwas von ihrem Froh¬ sinn auf ihren Gevatter, der seit einiger Zeit von quä¬ lenden Grübeleien und Schwermuth bedrückt ist, zu über¬ tragen. Ich und bewährte Freunde drängten Krüger zu dieser Reise, in der Hoffnung, sie werde ihn zerstreuen und erfrischen. Mäßige Anerkennung seiner Leistungen, so viel Gewinn, um die Kosten zu decken — das ist Alles, was Krüger erwartet und was ihm gut thun würde. . .« »An den rührend bescheidenen Ansprüchen erkenne ich unsern Freund,« rief ich ergriffen, — »und doch ist Krüger ein wahrer, edler Künstler! Nur Geduld, Herr Gevatter — glänzend soll sich Alles gestalten, in jeder Einsicht, nicht wahr, Herr Direktor?« Der nickte etwas automatenhaft. »Krüger soll mit uns zu Mittag essen, Lina,« sagte die Mutter, »damit er sich in den unheimlichen Hotels nicht verlassen fühlt. Du fährst dann im gleichen Wagen mit ihm zur Probe und zu den Vorstellungen . . .« »O, es wird eine frohe, glückliche Zeit . . .« jubelte ich fort. Da trat der Theaterdiener in's Zimmer und über¬ reichte mir ein mächtiges Packet nebst der Liste sämmt¬ licher darin befindlichen neuen Rollen, mit der Bitte, zu unterschreiben . . . Signé! — hieß: ich werde gerüstet sein! Doch etwas beklommen gab ich dem Boten die mündliche Antwort: die Quittung werde Herr von Helmersen er¬ halten. . . Meine Beklemmung verminderte sich auch nicht, als ich »le revers de la Médaille« erst vollständig erblickt hatte. . . »Iphigenie! — Unmöglich, Herr Direktor! In wenig Wochen soll ich die schwerste aller Rollen einstudiren? Das übersteigt meine Kräfte!. . .« »O, nur den zweiten und dritten Akt hat Krüger zu spielen gewünscht,« beschwichtigte der alte gute Herr, — »zugleich mit dem Drama »Der Paria« sollen diese den Abend füllen . . .« »Dann ist es auszuführen« — athmete ich auf. Im Paria hatte ich Alexander Wolff mit Mad. Stich in Berlin hinreißend spielen sehen. Wie erschütterte dieses einaktige Drama, — besonders am Schlusse, wenn die Hüttenwand zerstört ist und der Bramine erscheint und frägt: »Wo ist das Opfer?!« und die schaurige Antwort lautet: »Zwei für eines! . . . Und dann scheint die strah¬ lende Sonne Indiens in die dunkle Hütte und beleuchtet den Paria mit seiner Geliebten. . . Beide todt! »Ophelie im Hamlet,« las ich weiter von meiner Liste. . . .»Nun, die »Ophelia« mag in Gnaden passiren, die erfordert kein übermenschliches Studium. Hat doch Tieck schon gesagt: »Ob Ophelia ihre Wahnsinnsszenen lieblich mit Blumen geschmückt oder grausenerregend mit schwarzem Schleier und Strohkranz spielt — Beifall ertönt stets. . .« Und in den ersten Akten hat noch keine, selbst die gefeiertste Künstlerin, Lorbern gepflückt . . . Herr Direktor, ist Ihnen etwa klar geworden, was Shakespeare meint, wenn er Ophelia sprechen läßt: »Die Eule ist eines Bäckers Tochter? . . .« »Gott bewahre mich in allen Gnaden,« entsetzte sich Helmersen. . . »Rrrrr! Eine andere Rolle: Bertha! — Ahn¬ frau! . . . Ah! willkommen traute Erinnerung meines kindlichen Entsetzens! Wie gefiel dieses so bitter getadelte Trauerspiel in Karlsruhe, als Mad. Neumann, kaum achtzehn Jahre alt, die Bertha spielte! Die berühmtesten Gastspielerinnen in Karlsruhe, selbst Frl. Pfeiffer aus München (später Mad. Birch), vermochten nicht die holde Amalie Neumann zu verdunkeln. . . Bei Charlotte Pfeiffer störte besonders die kolossale Gestalt, ihr unschöner Kopf, ihr tiefes, mächtiges Organ — so bei der weichen, ele¬ gischen Stelle: Wohin seid ihr, gold'ne Tage, Wohin bist du, Feenland! Wo ich ohne Wunsch und Klage Lebte an der Unschuld Hand? Wo ein Hänfling meine Freude, Eine Blume meine Lust. . . Wenn nur, Herr Direktor. . .« »Nun?« — frugen Helmersen's wasserblaue, stets verwunderungsvoll blickende Augen. »Ja, wenn nur unser dicker Barlow als Graf Bo¬ rotin sich nicht etwas Ungeheuerliches ausdenkt, besonders während des Todeskampfes!. . . Wahrhaftig, ich würde ihn nicht wieder vom Ersticken retten, wie vor drei Jahren in Romeo und Julie. . . Ich habe zu furchtbare Angst ausgestanden. . .« Barlow und ich hatten nämlich verabredet, nach dem Vorgang von Mad. Stich und Alexander Wolff in Berlin, im letzten Akt eine Gruppe nach einem berühmten Ge¬ mälde zu bilden. Julia ruht im Sarge, welcher auf einer Erhöhung von sieben oder acht Stufen steht. Nach¬ dem Romeo die Geliebte zum letzten Male umarmt hat, tritt er einige Stufen zurück, nimmt das Gift und stürzt, unter Qualen seine Seele aushauchend, den letzten Blick auf seine Gattin geheftet, am Sarge nieder, so daß der sich anlehnende Körper von demselben gestützt wird. Die erwachte Julia kniet dann nach der Flucht Lorenzo's bei ihm hin, ersticht sich und stirbt, ihr Haupt an Romeo's Brust geneigt. Die Väter ersteigen die Stufen und reichen sich zur Versöhnung die Hände über der Gruppe Romeo's und Julia's. Nach dem über Erwarten gelungenen vierten Akt, der großen Aufgabe der Giftszene (ich spielte die Rolle zum ersten Male), lag ich ganz vergnügt in der Nähe des grimmigen Thybald in der Gruft, mit stiller Vor¬ freude auf die Wirkung des malerischen Schlußtableaus. Romeo nahm Abschied, ich hörte ihn die Stufen hinabsteigen, — wunderte mich aber, daß, wie in der Probe, das Gerüst nicht vom fallenden Körper Barlow- Romeo's erzitterte. Lorenzo kommt, ich erwache mit der Frage: »Und wo ist mein Gemahl?« ꝛc. und vernehme die Schreckenskunde: »Dein Gatte liegt zu Deinen Füßen todt!« . . . Ich soll als Julia aufschreien, ihn entseelt erblickend; — ich schreie, sehe aber keinen Romeo. Ich bemerkte wohl, daß Lorenzo mich die Stufen herabziehen wollte, hielt es aber für ein fein kombinirtes Spiel, um mich dem Schreckensort des Todes zu entreißen . . . Lorenzo flieht. Ich fahre fort: »Geh' nur, entweich'! denn ich will nicht von hinnen!« und »Was ist das? ein Fläschchen fest in meines Liebsten Hand? Gift, seh' ich wohl, war sein voreilig Ende.« Ich suche den Gatten, er ist nir¬ gends zu erblicken — nicht rechts, nicht links, nicht auf, noch vor den Stufen. . . Ich muß ihn aber doch sehen, muß mich mit dem an seinem Gürtel befestigten Dolche tödten, wenn das Stück enden soll. . . Ich steige also die Stufen hinab, gehe einen, zwei Schritte vorwärts, nach Romeo überall umherblickend, indem ich die Pause mit verzweiflungsvollem Händeringen auszufüllen suche . . . kein Romeo zu sehen! Ich trete ver¬ wirrt noch einige Schritte vorwärts — und erblicke endlich den Geliebten nicht weit vom Souffleurkasten auf dem Rücken liegend, Kopf abwärts und die Füße mir zuge¬ wendet, mit weit aufgerissenen Augen und purpurrothem Gesicht. . . Der ganze Hergang wurde mir augenblicklich klar. Barlow hatte (unsere Verabredung verschmähend), um größeren Effekt hervorzubringen, der Länge nach kopf¬ über stürzen wollen, dabei aber total vergessen, daß der Fußboden, wie bei jeder Bühne, ziemlich abschüssig ist. Der dicke, um schlanker zu erscheinen, stark geschnürte Mann lag, dem Ersticken nahe, da, und ich kam noch gerade rechtzeitig, um diese Strafe von ihm abzuwenden, oder ihn zu zwingen, durch sein Aufstehen die herrliche Tra¬ gödie als Lustspiel enden zu lassen. — Einen Augenblick starrte ich diesen furchtbaren Romeo wie das Haupt der Medusa an, warf mich dann neben ihm nieder, seinen Kopf aufhebend und ihn zärtlich im Arm behaltend. »Sie retten mich vom Tode!« — flüsterte er mir in dem ihm eigenen tragischen Pathos zu. Es war keine leichte Aufgabe für mich, den ehrlichen dicken Jovis- — oder richtiger Boviskopf so lange zu stützen, bis die lieben Väter sich versöhnt hatten — denn man muß gütigst berücksichtigen, daß ich mich inzwischen selber erdolcht hatte. Und dabei wollte mir mein Romeo während dieser Schlu߬ szene und in dieser verzweifelten Situation seine Todes¬ qualen schildern — aber meine Geduld und meine — Ernsthaftigkeit waren zu Ende. Ich kniff den todten Romeo nicht gerade sanft in den fetten Hals und flüsterte donnernd: »Still! oder ich lasse Ihren Kopf fallen . . .« Das half augenblicklich. Romeo verstummte. — Doch kehren wir zu unserem echauffirten Direktor zurück! »In Erinnerung der ausgestandenen Qualen von anno 28 wird Barlow diesmal hoffentlich ohne Prä¬ tension sterben,« meinte lächelnd die Mutter. »Sicher!« stimmte Helmersen bei; »um so mehr, da Ihro Majestät die Kaiserin schon geäußert: sie wolle der Vorstellung beiwohnen.« »Dann — sind wir verloren!« klagte ich, »denn Barlow wird auf noch nie Dagewesenes ersinnen, um die Kaiserin zu überzeugen, daß er Größeres zu schaffen weiß, als der gefeierte russische Mime — Karatygin. . .« Leider sollte ich — um dies hier gleich vorweg zu nehmen — richtig geahnt haben. Im vierten Akt, als Borotin zum Tode getroffen auf einer Tragbahre ruht und vom alten Räuber erfährt, daß der Bruder Bertha's, sein verloren geglaubter Sohn, ihn verwundete . . . richtet der sterbende Barlow sich zur lauten Verwunderung des ganzen Hauses hoch auf, und — wie der Koloß von Rhodus — auf der Bahre stehend ruft er mit Donner¬ stimme: »Widerrufe!« — und beim zweiten »Widerrufe!« stürzt er gleich der vom Blitz getroffenen Eiche zusammen. Durch die Schwere seines Körpers kippte die Trag¬ bahre sammt dem Letzten des Stammes vollständig um — — und das schallende, anhaltende Gelächter des belustigten Publikums zwang mich, erst nach mehreren Minuten aus Erinnerungen ꝛc. 15 der Ohnmacht zu erwachen. Sogleich bemerkte ich zu meiner Beruhigung, daß man meinen Vater klugerweise wieder auf die Tragbahre placirt hatte, und ich den Monolog ohne Gelächterbegleitung zu Ende bringen konnte. Nebenbei gewahrte ich auch, wie Helmersen hinter der Szene neben dem erstarrten Gevatter Jaromir verzweif¬ lungsvoll die Hände rang, — denn er hatte von seinem Platz aus sehen können: — wie die Kaiserin das Taschen¬ tuch vor's Gesicht hielt und vom Lachen überwältigt — die Loge verließ. Nachdem uns Helmersen verlassen, fing ich an zu memoriren; — ich studirte, repetirte mit eisernem Fleiß, — fast Unmögliches hatte ich zu leisten. Doch die Vor¬ freude: bald den lieben Freund begrüßen und mich ihm als tüchtigere Künstlerin im Fach der ersten Liebhaberin zeigen zu können, half mir alle Anstrengungen und Be¬ denken überwinden. Krüger's erstes Debüt war der Hamlet — ich gab die Ophelia nach Tieck's Auffassung . . . und der rauschende Beifall des enthusiasmirten Hauses wollte kein Ende neh¬ men. Krüger hatte gesiegt und sein ferneres Gastspiel ging nun mit merkwürdiger Frische und über alle Er¬ wartung glänzend von statten. Selbst die plötzlich ein¬ getretene Hitze hielt die Petersburger nicht ab, Krüger's Darstellungen beizuwohnen; viele deutsche Familien ver¬ schoben das Uebersiedeln in die reizenden Sommerwohnungen. Die Kaiserin erfreute einige Male durch ihre Gegen¬ wart Schauspieler und Publikum. Aber die Anstrengung ging fast über meine Kräfte: jeden Vormittag Probe, — viermal wöchentlich in neu einstudirten Rollen spielen . . . und dabei die entnervende Hitze, wie man sie selbst in den heißesten Monaten in Deutschland nicht kennt. Doch die allgemeine Begeisterung, die Beweise von der Dank¬ barkeit des Publikums, das Zusammenwirken mit dem vortrefflichen Künstler und Freunde — stählten und er¬ frischten meine Geistes- und Körperkräfte. Sämmtliche Mitglieder schienen metamorphosirt zu sein, ihre sonst von mir so oft empfundene Gleichgültigkeit war dem regsten Eifer gewichen, — und selbst unbedeutende Talente thaten ihr Möglichstes, um ein erquickendes Ensemble zu schaffen. Ja, diese Epoche des deutschen Theaters in Petersburg war schön und wird mir unvergeßlich sein. Krüger's Benefiz: »Kaiser Friedrich« brachte nach Abzug aller Kosten 4000 Rubel reinen Gewinn und dem beglückten Künstler ein reiches Geschenk vom Hofe. Das große Alexandratheater war überfüllt und die Darstellung selbst nannte Krüger — tadellos! Die Rolle Kaiser Friedrich II . galt als Krüger's Triumph. — Im zweiten Benefiz: »Die Räuber« er¬ zielte Krüger gleiche Einnahme und gleichen Beifall als Karl Moor. — Krüger fuhr mit uns nach Hause zu einer Tasse Thee, wie gewöhnlich nach der Vorstellung. Er war sehr erregt. Schon am Schluß der Räuber, als ich zu Karl 15 * Moor zu sprechen hatte: »Ich kann von Dir Engel nicht lassen . . .« und Karl mich erdolchen mußte, da zitterte Krüger so heftig, daß er mich nicht in seinen Armen zu Boden gleiten — sondern fallen ließ. Seine Lippen bebten konvulsivisch — und markdurch¬ dringend klangen die letzten Reden. Im Wagen bemerkten wir, daß er die Chatoulle nicht, wie nach dem ersten Benefiz, neben sich stellte, — er hielt sie in den Armen und drückte sie krampfhaft an sich wie ein geliebtes Kind. Er sprach wenig, reichte uns aber öfters die Chatoulle hin, damit wir fühlen sollten, wie schwer sie sei. Mein Bruder, der mir und der Mutter zu Liebe Gouverneur bei dem jüngsten Sohn des Fürsten Wassiltschi¬ koff geworden war, um uns nahe zu sein, bewillkommte uns beim Aussteigen. Er beglückwünschte Krüger zu dem neuen glänzenden Erfolge und theilte ihm mit, daß viele vornehme russische Familien im ersten Rang gewesen seien, — da werde der dritte Gastrollencyclus sicher ebenso brillant ausfallen. . . Aber Krüger, sonst so dankbar für solche Beweise der Theilnahme, hörte zerstreut zu und nahm sogar beim Thee immer wieder das Geldkästchen in seine Arme, so eigen wehmüthig lächelnd . . . und plötzlich fing er an bitterlich zu weinen. . . »Was ist Ihnen, liebster Freund, — was erfaßt Sie?« riefen wir erschrocken. — »Ich werde bald sterben,« schluchzte Krüger, — »meine arme Frau, meine unglücklichen Kinder. . .« Bruder Louis winkte uns in's Nebenzimmer und flüsterte: »Krügers Nerven haben gelitten — die mora¬ lischen und körperlichen Aufregungen und Anstrengungen waren zu groß. Ich will ihn in seine Wohnung be¬ gleiten, für einen Wärter sorgen und morgen in aller Früh unsern Hausarzt, den deutschen Doktor, zu ihm schicken. . .« Krüger ließ sich willig fortgeleiten und reichte uns die Hand zur guten Nacht! — O, wie unsäglich traurig klang dieses »Gute Nacht!« — Fast taumelnd faßte er des Bruders Arm, welcher die Chatouille trug. Andern Morgens klingelte es heftig an der Zimmer¬ glocke, und — herein stürzte Krüger und überreichte uns, in einen Foulard gebunden, Briefe von seiner Frau. . . »Nehmen Sie! nehmen Sie! — es wird mich beruhigen, diese kostbaren Papiere in Ihren Händen zu wissen. . .« — »War denn kein Doktor bei Ihnen?« fragte die Mutter. »Ja wohl! er hat mich eben verlassen — gab mir Pulver — forderte mich auf, in den nächsten Tagen nicht aufzutreten . . . aber ich kann seinem Rath nicht nach¬ kommen, ich muß morgen Abend im Winterpalast den Eckensteher Nante spielen, heute die Rolle memoriren. . .« »Um Gottes willen — melden Sie sich unwohl,« sagte ich, — »mit Ihrer Gemüthsstimmung die niedrig komische Partie spielen — — das muß Ihre angegriffenen Nerven vollends zerrütten. . .« »Ich kann nicht anders — die Kaiserin wünscht den Berliner Jargon zu hören, will lachen — ich muß es möglich machen. . .« Und fort stürzte er: blaß, verstört, in furchtbarer Aufregung. Die hohen Herrschaften amüsirten sich wirklich sehr über den lustigen Eckensteher Nante. Krüger zeigte uns bei Tisch als Geschenk des Hofes einen prachtvollen Brillantring, vermochte aber nichts zu genießen. Er sprach nur — von seinem nahen Tode. Wir schrieben nach Berlin, erwiesen ihm die sorg¬ lichste Pflege, konsultirten die berühmtesten Aerzte. . . Deren Ausspruch lautete: nur Ruhe im Kreise der Sei¬ nigen kann ihn retten. Nach trübseligen acht Tagen, die Krüger — zusammen¬ gekauert in der Sophaecke liegend — durchweinte und durchseufzte, kein Trosteswort verstehend, — mit roth¬ geweinten Augen in's Leere starrend — wurde er von einem sicheren Manne nach Berlin begleitet. Mir händigte er beim Abschiednehmen ein Zettel¬ chen ein und lispelte geheimnißvoll: »Lina — Pathin meiner Tochter — veranstalten Sie nach meinem Tode hier ein Benefiz — zum Vortheil der Meinigen — und sagen Sie den guten Petersburgern Dank — mit meinen Worten, die hier auf dem Zettel stehen. . .« Mit welcher Wehmuth las ich diesen Dank: »Das holde Blümlein Vergißmeinnicht erblühet auf meinem Grabe. — Ich sende es Euch als Dank! Ich rufe noch von Jenseits: — Vergeßt mein nicht!«. . . . . . Und Krüger ist nie wieder ganz genesen, ob¬ gleich er nach einer längeren Kur in Kissingen wieder die Bühne betrat, in den folgenden Jahren noch einmal mit glänzendem Erfolge in Petersburg und dann in Wien gastirte. In Wien befiel ihn 1836 die alte Schwer¬ muth wieder — und so heftig, daß er sich pensioniren lassen mußte. Mit seiner Pension von 1400 Thalern ging er erst nach Weimar und dann zu seinen Töchtern nach Manheim. Obgleich er hier in den angenehmsten geselligen und glücklichsten Familienverhältnissen lebte, so — gab er sich doch bei einem neuen Ausbruch unbesieg¬ barer Melancholie 1840 selber den Tod. Ich bin noch heute der Ansicht, daß Krüger — der liebenswürdige, bescheidene Künstler — ein Opfer des in Petersburg zu plötzlich, zu berauschend über ihn ausge¬ schütteten Ruhms und Goldregens geworden ist. Einen ähnlichen Erfolg hatte er — ja hat selbst Ludwig De¬ vrient nie auf seinen Gastspielen erlebt. Stets soll Krüger auch mit Dankbarkeit, mit Ent¬ zücken der Petersburger Epoche gedacht haben. Diese Er¬ innerung beseligte ihn bis wenige Tage vor seinem Tode. Wir haben uns nie wiedergesehen — aber ich be¬ wahre noch heute treu und pietätvoll sein »Vergißmein¬ nicht!«. . . und wie ich seiner gedenke, erzählten diese Zeilen. Welch' ein Lebenskontrast, wenn ich jetzt hier noch eines anderen deutschen Kollegen gedenke, mit dem ich in Petersburg in Berührung gekommen bin! Im Januar 1834 herrschte in der Czarenstadt eine Kälte, wie man sich seit Jahren nicht zu erinnern wußte. Die sonst so belebte Residenz schien wie in Schlummer versunken. Sämmtliche Theater waren auf kaiserlichen Befehl geschlossen worden; Konzerte und Bälle wurden verschoben, denn die Vornehmen und Reichen, sonst Kutscher und Pferde nicht eben schonend, fühlten doch jetzt ein menschliches Rühren und wollten bei der grim¬ migen Kälte die Equipagen nicht stundenlang ihrer im Freien harren lassen. Unvermeidliche Ausfahrten der Militairs, Beamten, Geschäftsleute u. s. w. wurden in bedeckten, sorglich ge¬ schlossenen Schlitten eiligst abgemacht. Gar zu komisch nahmen sich die Fußgänger mit den enormen Cache-nez aus, und wagten ja Befreundete bei der feindlichen Tem¬ peratur uns zu besuchen, währte das Entpuppen aus den schützenden Hüllen stets einige Minuten. Erschienen dabei die Nasenspitzen verdächtig weiß, so wurde, unter Lachen, der erfrorene Theil mit Schnee eifrigst gerieben, um ihn wieder zu beleben. Bruder Louis besuchte uns, trotz der Kälte, eines Sonntags Nachmittags. In gar gemüthlicher Stim¬ mung setzten wir uns zum Kaffee, denn es war gut sein im warmen, behaglichen Zimmer, von keiner Sorge be¬ lästigt in der für Viele so schweren Zeit. Wir sprachen von der Noth der ärmeren Klassen. »Zum Glück ist das Holz in Petersburg wohlfeil und die Menschen sind hülf¬ reich,« sagte die Mutter, — »hier wird Niemand ver¬ hungern noch erfrieren.« Kaum war das letzte Wort gesprochen, als die Thürklingel heftig gezogen wurde, und nach einigen Augenblicken stürzte das Kammermädchen aufgeregt mit den Worten herein: »Ein verstört aus¬ sehender Mann will das Vorzimmer nicht verlassen! Er starrt das gegebene Almosen verwirrt an, dabei stam¬ melnd: »Frau gestorben — Fräulein — Hülfe!« Louis erhob sich, um nach dem Eindringling zu sehen. Wir hörten sprechen, schluchzen, aufschreien, und eilten dem Bruder nach. Da sahen wir ihn, wie be¬ täubt vom Gehörten, vor einem älteren Manne stehen, der auf einen Stuhl gesunken war, mit geschlossenen Augen und schlaff herabhängenden Armen, von Besin¬ nung und Kraft verlassen. Doch wie mußte ich staunen, in dem Unglücklichen den Schauspieler Brede zu erkennen. Im Spätherbst war er auf's Gerathewohl mit seiner Familie nach Pe¬ tersburg gekommen, auf ein Engagement nach geglücktem Gastspiel hoffend. Er mißfiel, und zweimal steuerten sämmtliche deutsche Theatermitglieder zusammen, damit er die Rückreise antreten konnte. Niemand hatte ihn später gesehen, und man wähnte ihn bereits vor Aus¬ bruch des Winters in Deutschland angelangt. Der Bruder wiederholte uns, was der Unglückliche ihm mitgetheilt: Brede wohne zur Zeit in der äußersten Vorstadt, unter Stockrussen niedrigster Klasse, seine Frau war niedergekommen und die Abreise mußte verschoben werden. Nach und nach habe Brede Alles verkauft und zugesetzt, indem er nicht gewagt, seine Kollegen zum dritten Mal um Hülfe zu bitten. Gestern sei die Frau gestorben, der Säugling ruhe an der erstarrten Brust, die Knaben schrieen vor Verzweiflung und Hunger, die ältere Tochter sei heute ohnmächtig zusammengesunken — kein Feuer, kein Brod, kein Geld. . . . Da sei er fort¬ gestürzt, die deutsche Kollegin aufzusuchen und ihr sein Leid zu klagen. . . . »Was ist zu thun? Der arme Mann verliert noch den Verstand.« Wir führten Brede in's Wohnzimmer, erquickten ihn mit Kaffee und suchten ihn zu trösten und zu be¬ ruhigen. Eiligst wurde Wein, Thee, Brod, Zucker in ein Körbchen gepackt. Louis suchte einen Schlitten auf¬ zutreiben und fuhr mit dem Unglücklichen nach der Woh¬ nung des Jammers, uns baldige Rückkehr versprechend. Ich hielt mit der Mutter Kriegsrath, was zu thun sei, denn oberflächliche Hülfe konnte Brede nicht retten. Der Mann mußte die Mittel erhalten, um nach Deutsch¬ land zurückreisen zu können. Da erfaßte mich der Ge¬ danke, unserm lieben deutschen Pastor Muralt, an den sich jeder Hülfsbedürftige vertrauensvoll wenden durfte, dem Schutzengel der Ausländer, Alles mitzutheilen. »Thu' es, Lina,« rief die Mutter, »man weiß ja, daß Muralt zu jeder Stunde bei den höchsten Herrschaften und den ersten Familien wie beim Bürgerstande als Fürsprecher willkommen ist. Er ist überdies unser Freund, er steht uns gewiß bei, nur rasch an ihn geschrieben!« Mit wenig Worten schilderte ich die Lage der Fa¬ milie. Ich schrieb, wie mein Herz es mir diktirte, und trotz der Kälte trug unser Mädchen den Brief zum Pastor; er wohnte nicht weit entfernt. Nach einer hal¬ ben Stunde kam sie beinahe erstarrt zurück und berich¬ tete, der Herr Pastor hätte gerade nach dem Winter¬ palais fahren wollen, den Brief aber gelesen und ge¬ sagt: »Morgen Vormittag werde ich persönlich antwor¬ ten.« Wir athmeten schon freier, aber sehnlichst harrten wir des Bruders Zurückkunft. Die Nacht war ange¬ brochen und die Kälte schien noch zugenommen zu ha¬ ben. Wassiltschikoffs ließen fragen, ob dem Gouverneur etwas begegnet sei, da er, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht zum Souper heimgekehrt. Fieberhaft aufgeregt horchten wir auf jedes Schlittenglöckchen. Nach qual¬ vollen Stunden langte der Bruder endlich an; er war blaß und angegriffen. »So etwas Herzzerreißendes möchte ich nie wieder erblicken,« rief er. »Ueber einen großen, düstern Hof führte mich Brede nach einer Art Remise; in einer kleinen feuchten Kammer lag die Leiche der armen Mutter auf — Stroh! Der Säugling, an die starre, stumme Brust geschmiegt, suchte umsonst nach Nahrung. Zwei Knaben von sechs bis sieben Jahren, wahre Jammergestalten, weinten laut; die ältere Tochter kniete bei der Mutter Leiche, war aber selbst zu schwach, um das Kindchen in die Arme zu nehmen. Grabeskälte herrschte in dem schrecklichen Raume. Ich rief im Vorderhause nach dem Dwornik (Hausknecht), der mürrisch und langsam zum Vorschein kam, und gab ihm Geld, um einzufeuern; mein Bischen Russisch that mir dabei gute Dienste. Er wurde dienstfertiger nach Empfang des Geldes, brachte Holz und Thee und nahm den Säugling, um ihn einst¬ weilen seiner Frau zur Pflege zu bringen. Dann half ich die Leiche aus der Kammer tragen, vertheilte die Lebensmittel, kaufte Stroh und ließ das alte fortschaffen. Ich verließ die Familie satt und in einem durchwärmten Raume. Doch nun gute Nacht!« Des andern Morgens um 11 Uhr kam Pastor Muralt und rief freudestrahlend: »Alles nach Wunsch gegangen! Seht nur!« und so sprechend legte er eine Reihe blanker Goldstücke auf den Tisch. »Ja, Ihr Brief, der hat geholfen. Wie schön und rührend haben Sie mit wenig Zeilen das Unglück geschildert; ich möchte in meinem Zürcher Dütsch sagen: Das ischt prächti g'si! (Das ist prächtig gewesen!)« — Unsere Gegenrede unterbrach er mit den Worten: »Nur schnell das Nö¬ thigste, ich habe Eile! Die Frau muß begraben, die Söhne bei braven Leuten untergebracht, das Kleine ver¬ sorgt werden. Ich komme eben aus der Höhle — denn so nur ist die Wohnung zu benennen. Für den Vater ist es besser, er kehrt mit der Tochter in die Heimat zu¬ rück, die Buben können hier gut erzogen werden.« «Herrlicher Menschenfreund!« konnten wir endlich ausrufen. »Aber woher das viele Geld?« »Woher? Vom Kaiser, von der Kaiserin und den drei lieblichen Großfürstinnen . . . Als ich Ihren Brief empfing, wollte ich eben in das Winterpalais fahren, um den Prinzessinnen Nachricht von einer geliebten Leh¬ rerin zu geben, welche zu einer Reise in ihr Vaterland, Kanton Genf, Urlaub erhalten hat. Nachdem ich mei¬ nen Auftrag ausgerichtet und die holden Wesen gar lieb mit mir plauderten, sagte ich: »Wollen Ew. Hoheiten lesen, wie es Fremden in der schönen Residenz ergeht? — Wollen Sie den Armen beistehen?« — »Gewiß!« rie¬ fen drei frohe, helle Stimmen. Ich las also Ihren Brief vor. Die älteste Großfürstin, Marie, nahm ihn mir aus der Hand, rufend: »Das muß Mama auch lesen!« und eilte davon. Die Anderen gingen an ihre Ripptischchen und zogen zierliche Beutelchen hervor, tauchten die Händchen hinein und brachten mir mit kind¬ licher Freude blanke Goldstücke. Nicht lange währte es, so öffnete sich die Thür des Nebensaales, und wer trat zu uns? — der Kaiser, die Großfürstin Marie an der Hand führend! — »So recht!« rief er huldvoll. »So recht, Pastor! Sie haben meinen Töchtern Gelegenheit gegeben, Gutes zu thun, und ich freue mich herzlich, daß es meine Kinder beglückt!« »O, wenn Sie die Gruppe gleich mir hätten be¬ wundern können!« rief Muralt begeistert, »der majestä¬ tische Vater und die reizenden Töchter. Großfürstin Marie hielt den Kaiser umschlungen, Olga ruhte an seine Brust gelehnt, die Jüngste, Alexandra, hielt seine Hand und küßte sie zärtlich — es war ein entzückender An¬ blick!« »Bei der Fahrt zu Brede,« sagte der Pastor, mußte ich an Hebels »Winter« denken. Sie wissen ja, er ist mein Lieblingsdichter. Bitte, sprechen Sie die Schlußverse — zum Lohn für mein Bemühen!« »O wie gern, prächtiger Herr Pfarrer!« rief ich, und mit Andacht las ich die unvergleichliche Dichtung. Wie trefflich paßten die Worte zu dem Erlebten — »'s mueß wohr sy, wie 's e Sprüchli git: Sie seihe nit und ernde nit! sie hen kei Pfluegg und hen kei Joch, und Gott im Himmel nährt sie doch'« »Und nun eilen Sie zu unserm Krösus, Baron Stieglitz, wenn dieser Matador unter Ihren Brief eine Summe zeichnet, folgen die ersten Häuser seinem Bei¬ spiel.« Und auch dieser Schritt wurde reich belohnt. Nach acht Tagen sagte Brede seinen Söhnen Lebe¬ wohl; ein Uhrmacher und ein Sattler hatten die Knaben zu sich genommen und bebandelten sie wie die eigenen Kinder. Das Kleinste war einer braven Amme anver¬ traut worden und sollte von einigen deutschen Müttern überwacht werden. Der Vater mit der Tochter, bestens ausgestattet und mit Reisegeld reichlich versehen, kehrten in die deutsche Heimat zurück. Nach Abzug aller Kosten blieben 3000 Rubel als Kapital. Das Geld wurde gut angelegt, um so vermehrt einstens den erwachsenen Kindern eingehändigt zu werden. Und nun zum Abschiede von der prächtigen Czaren¬ stadt einige frohmüthigere Bilder aus dem geselligen Leben. Auf liebenswürdigere Weise habe ich, nirdends Gast¬ freundschaft ausüben sehen und nie wohlwollendere Menschen getroffen, als in Petersburg. Da war von den sonst so verbreiteten Dornen und Dörnchen der Ge¬ selligkeit: von Neid, Klatscherei, Verleumdung keine Spur! Die ominösen » on dit « wurden nicht boshaft oder unbe¬ sonnen erzählt, oder gar entstellt — nein! stets klang eine Entschuldigung zwischendurch, und die circonstances attenuantes wurden taktvoll hervorgehoben. Wie oft mußte ich, nach Deuschland zurückgekehrt, vernehmen, wenn ich diese Tugend der Petersburger, der echten Russen wie der Angesiedelten, lobend erwähnte: dies Be¬ gütigen beruht mehr auf Gleichgültigkeit, man hat nicht Zeit, an Andere zu denken, beschäftigt sich nur mit dem geliebten Ich. . . O, wie bitter oft sollte ich noch Ur¬ sache haben, bei mir zu denken: wie gut, wie erquickend wäre es, wenn auch anderwärts solche Gleichgültigkeit sich einbürgern wollte! — Wie würde der gesellige Ver¬ kehr sich gemüthlicher, erfrischender gestalten, wenn man nicht durch neugieriges Ueberwachtwerden, durch nadel¬ stichartige Bemerkungen gezwungen würde, sich stets auf der Defensive zu halten! . . . Selbst der Sommer bot in Petersburg reiche ge¬ sellige Annehmlichkeiten. Befreundete Familien, welche ihren Wohnsitz in der Nähe der Stadt auf dem Lande genommen, luden wie im Winter ein, Aber ohne Equi¬ page waren wir oft gezwungen, dieser Erholung zu ent¬ sagen, da die Villas und Landhäuser, auch das reizende Besitzthum von Baron Stieglitz, ein bis zwei Stunden von Petersburg entfernt liegen. Ueberdies kostete ein gewöhnliches Fuhrwerk für den halben Tag 20 Rubel, Sonntags auch 30 bis 40. Als einzige Ressource, frische Luft zu schöpfen, blieb den in die Residenz Gebannten nur der Sommergarten. Der war damals aber so ein¬ förmig, so unbelebt, wie in tiefste Melancholie versunken. Die Vögel wagten nicht laut zu zwitschern — — und gerade in diesem Sommergarten erfaßte mich das Heim¬ weh nach Deutschlands lieblichen Gärten, den öffentlichen schattigen Sommerlokalen mit herrlich dirigirtem Or¬ chester und dem traulichen Geplauder fröhlicher Menschen am heftigsten, wenn wir die regelmäßigen, stillen Alleen nach kurzer Promenade in trübseliger Stimmung baldigst wieder verließen. Was in Petersburg die tanzliebende Welt zu leisten im Stande ist, grenzt an's Unglaubliche! — und der Lenz des blühendsten Mädchens, der schönsten jungen Frau ist nach wenigen Saisons vorüber. Ich will nur schildern, was ich während einer ein¬ zigen Woche mitzumachen versuchte. Dann mußte ich mich aber etwas zurückziehen, um mich nicht in kurzer Zeit um meine Gesundheit, — ja um meine Künstler¬ laufbahn, die so viel geistige und körperliche Frische er¬ forderte, gebracht zu sehen. An einem hellglänzenden Wintervormittag fuhr bei uns ein eleganter Schlitten vor. Die sehr geschätzte und gefeierte Gattin des reichen Kaufmanns Pleske begrüßte die Mutter gleich mit den Worten: »Erlauben Sie mir, Frau Rittmeisterin, Ihre liebe Tochter zu entführen, sie soll unsere Rutschberge kennen lernen, ein entzückendes Vergnügen. . .« »Aber morgen,« schob ich etwas kleinlaut ein, »soll die erste Probe von König Enzio stattfinden, übermorgen die Benefizvorstellung, wenn ich nun heiser würde, nicht spielen könnte — der arme Pollert käme um seine Einnahme. . .« »Sie und krank werden!« lachte Mad. Pleske, — »Sie blühend Starke! Wir wollen Sie schon sorgfältig in Pelze hüllen; dann speisen wir en petit comité bei meiner Schwägerin, Mad. Ritter. Jetzt ist es 11 Uhr — um 3 Uhr kehren Sie zur Mama zurück.« »Meine Tochter muß auch die neue Rolle noch durch¬ gehen!« meinte die Mutter besorgt. » Das kann sie Abends zur Genüge!« erwiederte Mad. Pleske. »Bitte! verderben Sie uns nicht die Freude. . .« Also warf ich mich in Eile in's Winterkostüm und sauste bald in dem pelzgefütterten Schlitten mit dem sil¬ bernen Glockengeläute durch die Straßen dahin. . . und dann waren wir draußen bei den Rutschbergen, dem reizendsten — ja berauschenden Nationalvergnügen der Petersburger. Erinnerungen ꝛc. 16 Zwei hohe, spiegelglatte Eisberge, mit Treppen ver¬ sehen, stehen sich auf weiter Ebene gegenüber. Ein win¬ ziger Schlitten, von einem sicheren Führer geleitet, nimmt uns auf der Höhe des einen Berges auf — — und pfeil¬ schnell fliegt der Schlitten herab, die ebene Bahn ent¬ lang — dem gegenüberliegenden Eisberge zu. . . Dann wird der Schlitten verlassen, die hohe Treppe dieses Eis¬ berges erstiegen, um abermals von der Höhe mit der Windsbraut in die Wette zu sausen . . . und so geht es ohne Rast immer zu, wie eine chaine anglaise . — Ist aber der Leiter des Schlittens nicht gewandt und kalt¬ blütig, dann kann er sammt seiner Dame leicht Arme und Beine, auch wohl den Hals brechen. Das Kühne, Gefahrvolle erhöht aber gerade den eigenthümlich auf¬ regenden Reiz des Vergnügens. Es ist der höchste Ehr¬ geiz eines eleganten Petersburger Herrn, den Ruf eines geschickten Rutschbahnführers sich errungen zu haben. Diesen Ruf hatte der ritterlich schöne Kaiser Nikolaus mit vollstem Recht, und die Petersburger und ich konnten nie müde werden, bewundernd zuzuschauen, wenn der Czar den kleinen Rutschbahnschlitten der Kaiserin Alexandra so elegant und sicher lenkte. Um 1 Uhr waren wir sämmtlich nicht mehr roth¬ wangig, sondern vom Druck der eisigen Luft bläulich angelaufen, und die erstarrten Lippen vermochten nur noch mit Anstrengung zu sprechen und zu lächeln. Bei den gastlichen Ritters erholten wir uns bald von den Vergnügungsstrapazen — und im Nu war 3 Uhr mah¬ nend da. Ich wollte zur harrenden Mutter und zu meiner zu memorirenden Rolle aufbrechen, da rief der liebenswürdige Wirth: »Sie entkommen uns noch nicht! Ein Klavierspieler ist bestellt, Tänzer und Tänzerinnen eingeladen, — ich habe den Ball zur Ueberraschung meines Frauchens improvisirt.« »Aber — in Winterkleidern kann ich doch nicht tanzen?« »Auch dafür ist gesorgt,« triumphirte Herr Ritter, — »ich hatte vor dem Essen noch Zeit, Ihre Frau Mutter zu besuchen, ihr Alles vorzustellen und — die Balltoilette harrt Ihrer schon sehnsüchtig, — ich half sie in den Karton packen. . .« »Aber — — König Enzio!« »Ach was — Enzio! Sie sprechen dem Souffleur nach — und siegen doch . . .« erschallte es von allen Sei¬ ten. So mußte ich mich denn metamorphosiren und tanzte fröhlich bis 10 Uhr. Obwohl sehr ermüdet, lernte ich noch fleißig an der Rolle, — fühlte während der Probe die heranrückende Heiserkeit — sagte aber nichts, um den Benefizianten Pollert nicht zu beunruhigen. Nun wurde Brustthee zu Hülfe genommen, das Bett gehütet und das Benefiz ging glücklich vorüber. Andern Tages wurde ich zu einer Soirée musicale entführt, den dritten Tag Repetition des Enzio, den vierten Morgens Probe einer Quadrille zu einem Ball costumé — ich stellte Flora vor, mein Tänzer den 16 * Winter, — fünfter Abend Käthchen von Heilbronn, sechster der kostümirte Ball — siebenter Morgens Probe von der Braut vom Kynast, Abends Benefizvorstellung vom Tyran domestique der französischen Truppe, den achten Tag Vorstellung der Kynastbraut, eine hochtra¬ gische, anstrengende Rolle: ich sehe meine Freier ganz ruhig von der Ringmauer stürzen, bis der wirklich Ge¬ liebte den Ritt wagen will. . . Genug, ich war total erschöpft und ließ mich nicht mehr überreden, an allen Vergnügungen Theil zu nehmen Doch alle Zerstreuungen, alle Kunstgenüsse ver¬ mochten nie das lebhafte Interesse der Petersburger an der kaiserlichen Familie zu verdrängen. Diese enthusiastische Verehrung bildete das eigentliche Lebensprinzip der Peters¬ burger. Unwillkürlich schlossen wir uns diesem Kultus an und lauschten bald jeder Anekdote, jeder Mittheilung über die hohen Herrschaften mit gleichem Interesse. Da vernahm man, wie Bildhauer Wichmann aus Berlin, der die lebensgroße Statue der Kaiserin aus¬ führte, gerührt, entzückt erzählte: der Kaiser habe bei Besichtigung der Arbeit ausgerufen: »Ja, ja, das sind die edlen Züge meiner Matuschka (Mütterchen) — das ist das klassische Profil meiner Alexandra, der herrliche Nacken. . . So recht, Wichmann, Sie schaffen ein erhabenes Kunstwerk!« . . . und wie dann die Kaiserin fröhlich über das gespendete Lob die Wangen ihres Gemahls gestreichelt, er sie iu des Künstlers Gegenwart echt bürgerlich an's Herz gedrückt und zärtlich wie ein Bräutigam geküßt habe. Dann wieder hieß es: »Haben Sie schon vernommen, daß das hohe Paar Alles selbst zur Christbescherung anordnete, — geschäftig von einem Tisch zum andern schwirrte und die Geschenke zurechtlegte?« Wit Lachen wurde erzählt, Nikolaus habe zu einem fremden Architekten gesagt, dabei auf Fürst Wolkonski deutend: »Verlangen Sie nur viel, denn dieser für mich sparende Geizkragen wird schon abhandeln —!« Besonders bei den Damen machte es Sensation, wie der Kaiser so zart, so liebevoll die Kaiserin auf den bal¬ digen Tod ihrer ältesten, vertrautesten Kammerfrau vor¬ bereitet hätte, und wie sie gleich einem Kind an seiner Brust geweint und ruhiger geworden sei. Voll Interesse besichtigten wir die Herrlichkeiten der kaiserlichen Residenz und der Eremitage, ich hörte auch die kolossale Spieluhr die Ouverture aus »Don Juan« exekutiren. Mit eigenen Gedanken betrachtete ich das lebensgroße Bild der Kaiserin Katharina II . Eine schöne Gestalt, von weißem Atlas umflossen, mit himmelblauem Ordens¬ band geschmückt, mit imponirend majestätischer Haltung, den einen Arm wie zum Befehlen ausgestreckt. Das ganze Leben dieser merkwürdigen Herrscherin und ent¬ zückend schönen Frau tritt beim Anblick des Bildes leb¬ haft vor unsere Seele. Die dunkelblonden, wellenartig zurückgeschlungenen Haare, wie bei Marie Antoinette, mit Perlen durchzogen, die blauen, bedeutenden Augen, die edle Stirn, die fein geformte Nase, der liebliche Mund fesseln unwiderstehlich. Dabei ein edel geschwungener Nacken, schön geformte Arme und Hände — genug: man begriff, daß diese Persönlichkeit, verbunden mit Scharf¬ sinn, hohen Geistesgaben, bezaubernder Liebenswürdigkeit, Alles — wagen durfte. Neben dem Gemälde saß auf einem Papageigestelle ein großer, uralter Kakadu. Unter seinen Augen mit unheimlich verständigem Blick hingen große Falten nie¬ der. Ich frug, wie dieser Vogel in diesen Prachtsaal käme? und bekam zur Antwort, daß die Kaiserin Katharina den Liebling immer um sich gehabt habe. Aus Pietät gegen sie werde er sorgfältig gepflegt, und da er nur in diesem hellen, von Besuchenden selten leer werdenden Saale und vor dem Bilde seiner ehemaligen Herrin ruhig sei, so gönne man dem gewiß achtzig Jahre alten Kakadu sein Lieblingsplätzchen. Auch an meinen Urgroßvater, den einst berühmten Chirurgen Ramdor in Braunschweig, mußten wir bei dem Bilde der Kaiserin denken. In ihrer letzten Krank¬ heit hatte Katharina ihn nach Petersburg rufen lassen. Leider traf er zu spät ein; die Operation konnte nicht mehr gewagt werden; aber reich beschenkt wurde der Ur¬ großvater entlassen, und nie konnte er müde werden, von der Huld und Gnade der Kaiserin zu erzählen. Auf dem Porträt meiner Urgroßmutter ist noch eine Brillant-Rivi è re zu sehen, welche die Kaiserin dem Chirurgen für seine Frau hatte einhändigen lassen . . . und die Urenkelin, von den Nachkommen der Kaiserin auch durch ein schönes Sévigné erfreut, bewunderte die pracht¬ vollen Räume, welche der Urgroßvater einstens durch¬ wandert hatte. . . Noch ergreifender für mich war aber die Audienz, die Herzog Paul von Württemberg mir und Bruder Louis in seinem Palais in Petersburg gewährte — er wollte die Kinder seines lieben Oberststallmeisters Bauer, der dem Prinzen einst das Leben gerettet hatte, indem er ihn mit eigener Gefahr und Dank seiner Riesenkraft aus einem tiefen Sumpf zog, kennen lernen. War doch auch Herzog Paul zugleich die Ursache, daß der Vater unsere Mutter fand — als er im Auftrage des Prinzen nach Koburg kam, um der zauberschönen Prinzessin Helene die Brautjuwelen zu überreichen! Aber trotz der nie wankenden Gunst des Publikums und trotz der herzlichsten Aufnahme in den liebenswür¬ digsten Familienkreisen dachten wir doch längst an's Scheiden. Die Mutter konnte das Klima nicht vertragen und fing an zu kränkeln. Auch ich spürte die Wirkung der entnervenden Sommer — der anstrengenden Winter. Fürst Gagarin legte zu Aller Bedauern die Inten¬ danz nieder, Herr von Gedeonoff wurde sein Nachfolger. Wie derselbe seine Aufgabe auffaßte und zu lösen suchte — davon hier nur ein Beispiel. Während des Don Carlos — ich gab die Eboli — und während der großen herrlichen Szene zwischen König Philipp und Marquis Posa, aber noch vor den Worten: »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« trat Herr von Gedeonoff auf den Regisseur Barlow zu und befahl ihm, den König und Posa sogleich abtreten zu lassen, indem das Geschwätz den Hof langweile. . . Der ehrliche Barlow stand wie eine Salzsäule da und wußte sich keinen Rath, wie er ohne großen Eclat die beiden unliebsamen Schillerschen »Schwätzer« von der Szene verschwinden lassen könne. Da sprühte mein gutes deutsches Schiller-Herz über: »Nun, Herr Barlow, so treten Sie doch als Re¬ gisseur vor und machen dem Publikum eine Verbeugung und sagen: » Allons , König Philipp, allons , Marquis Posa mit dem demokratischen Kopfe und dem Herzen voll stolzer Weltbeglückungsträume — marsch von der Bühne, Se. russische Majestät langweilt Euer Geschwätz — lang¬ weilt die Gedankenfreiheit. . .« Der Intendant sah mich giftig an und trat dann fast aus den Coulissen heraus und schrie dem verdutzten König Philipp und Marquis Posa zu: »Sogleich ab¬ treten, oder ich lasse Euch durch Soldaten von der Bühne holen. . .« Und sie traten ab. Mein geflügeltes Wort war aber nicht zwischen den Coulissen verklungen. Bei meiner Abschiedsrolle blieb allein die kaiserliche Loge — leer ! Mein Kontrakt war zu Ende und trotz der günstig¬ sten Bedingungen lehnte ich seine Erneuerung ab. Der Hauptzweck meines Engagements: in allen Fächern zu spielen, auch im tragischen Fach ein reiches Repertoir zu bilden, war vollkommen erreicht worden. Ich schied von Petersburg mit dankbarem Herzen, den mir wahrhaft ergebenen Familien beim Lebewohl sagend: »Auf Wiedersehen im schönen Deutschland!« — Ich gedachte eine große Kunstreise anzutreten, und dann zu bleiben, wo ich — und wo mir es am besten gefallen würde. Als mein letztes Auftreten stattfinden sollte, waren alle Plätze schon Morgens 9 Uhr verkauft, und am Abend der Vorstellung mußten Hunderte zurückgewiesen werden, — und doch fand die Vorstellung im großen Alexandratheater statt und die Petersburger hatten mich wenigstens 300mal spielen sehen! — Ich gab die Elsbeth im Tournier zu Kronstein, und zum Schluß die Rosa in der Operette: »Zwei Worte, oder die Herberge im Walde.« — Rosa hat eine liebliche Melodie am Schluß zu singen, da wählte ich Worte des Dankes und des Abschiedes dazu, — vermochte sie auch zu singen, wenn gleich mit bebender, thränenverschleierter Stimme, Stürmisch rief das ganze Haus: »Noch ein¬ mal spielen! noch einmal!« . . . Und so wurde andern Abends die Vorstellung im Michaeltheater wiederholt. Das war Mitte Januar 1834, deutschen Styles. Viele Freunde und Bekannte begleiteten uns bis zur ersten Station, auch russische Familien. Ich lernte eine gar schöne Volkssitte kennen, — daß man vor dem letzten Lebewohl ein stilles Gebet verrichtet. Mit Rührung ge¬ dachte ich während dieser feierlichen Stille nur — des Guten, das mir in Petersburg so reich zu Theil ge¬ worden war. . . Und darf ich hier den originellen Reisepaß, den das kalte Rußland mir in seinem Enthusiasmus mit auf den Weg gab, einfügen? Ja, eine alte Frau — die längst in stiller Zurück¬ gezogenheit lebt, die des Herzens Eitelkeit überwunden hat — die darf es. So klebe ich denn das Stückchen einer alten Zeitung hier her: »Reisepaß unserer hochgefeierten Karoline Bauer. Dem ersten Engel der deutschen Bühne in St. Pe¬ tersburg, Demoiselle Karoline Bauer, wird hiermit die Bewilligung zur Rückreise ertheilt. Zu näherer Kennt¬ lichkeit fügen wir folgende Personalbeschreibung bei: Heimat: Ueberall zu Hause. Charakter: Alle Abend einen neuen, — jeder vortrefflich. Stand: Anstand. Figur: Poetisch. Alt: In der Kunst, sonst jung. Angesicht: Maiblume. Augen: Lassen Alles blau anlaufen. Haare: Locken (natürliche). Zähne: Dreimal zehne und zwei. Unterschreibt gewöhnlich: Alles Schöne und Gute. Mit ihr reisen von hier ab: Die Kunst, ihre stete Gesell¬ schafterin, — Thalia, Euphrosyne und Aglaja, ihre Kammermädchen, — die Anmuth, ihre Erzieherin, — der Geschmack, ihr Garderobier, — der Frohsinn, ihr Leibarzt. Besondere Kennzeichen: Hat auf der linken Seite ein rechtes Herz und spielt in Trauerspielen mit Lust; sie ist sanft und doch hinreißend; sie ist in allen Rollen zu Hause und giebt doch, immer viel Gastrollen; sie ist eine ausgelernte Spielerin, und doch gewinnt Der, der mit ihr spielt; sie ist die sanfteste Person und hat doch viele Auftritte, die allgemeine Sensation erregen; sie hat einen kleinen Fuß und macht doch große Fort¬ schritte. Es bestrebte sich Alles, sie nicht vom Orte zu lassen, und doch rief man sie immer heraus; ihr Ruf ist fest gegründet und fliegt doch durch ganz Europa. Nach diesem Signalement werden alle Behörden ersucht, sie auf ihrer Reise freundlich aufzunehmen und schmeichel¬ haft zu empfangen. Alle Erdenleiden und Uebel sind auf's Strengste angehalten, ihr kein Hinderniß in den Weg zu legen. Alle Herzen sind beordert, sie auf ihr Verlangen frei ein- und auspassiren zu lassen und ihr mit Huldigung und Verehrung den gebührenden Vorschub zu leisten.« IX . „Es giebt nur a Kaiserstadt.“ P etersburg — Rußland lagen hinter uns . . . und ob¬ gleich mir das Scheiden bitterschwer geworden war und ich mit dem innigsten Danke auf die vielen lieben Freunde und ein meinem Bühnenwirken drei Jahre hindurch treu¬ gebliebenes, herzlich wohlwollendes Publikum an der stolzen Newa zurückblicken durfte — — so waren die Mutter und ich doch glücklich und fröhlich, wie Kinder: wieder daheim in unserem wunderschönen, traulichen Deutschland zu sein. . . Es war auf der ersten größeren Gastspielreise nach der Heimkehr. . . Der Vormittagsgottesdienst war soeben beendet. Unter dem hellen Geläute der Kirchenglocken fuhren wir an einem sonnigen Sonntage Ende Mai 1834 zum ersten Mal in die schöne, fröhliche Kaiserstadt an der blauen Donau ein. Eine Menge festlich geputzter Leute, auf deren wohligen Gesichtern ein herzfröhliches Vergnügtsein strahlte, wogte auf den sauberen Straßen. Fiakers und prächtige Equipagen rollten vorüber und elegante, kecke Reiter steuerten durch das Gewühl. . . Das war ein so frohmüthiges Lachen und Plaudern und Grüßen und Winken um unsere landstraßenstaubige und auch schon recht landstraßenmüde Kutsche, wie ich's noch nie gesehen hatte. Und ich wurde bald selber fröhlich mit den Fröhlichen und sorglos mit dem lieben närrischen, sorg¬ losen Völkchen um mich her — — und doch fuhr ich dem verhängnißvollsten aller Gastspiele entgegen: an dem stolzen, in der ganzen Bühnenwelt tonangebenden Burg¬ theater! Und zuletzt summte ich gar in das bienenfröhliche Summen hinein, — aus Holtei's köstlichen »Wienern in Berlin«, — das Lied, mit dem Amalie Neumann 1824 die Berliner im Sturm eroberte: »Es giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien. . .« Auch die Mutter lächelte in der Wagenecke wie der sonnige Frühlingstag, und unsere gute Laune wurde nicht mal getrübt, als wir von einem Gasthof zum andern fahren mußten und überall die Antwort bekamen: »Kein Platz mehr!« »Nun, Ihro Gnaden, da fahren mer in die »golden Anden«, sagte der Postillon, »da ist sicher noch Platz, und a paar Tage wird's dort halt schon geh'n!« »Goldene Anden«, sagte ich verwundert, »was ist das für ein Ding?« »Nu — a Anden — Ihro Gnaden, dös schmeckt halt, wenn's geback'n, gar prächti!« »Backhandl — Backhandl«, lachte ich, »Mutter, wir sind in der Stadt der Backhandl. . .« »A Anden ist aber halt a Bissel größer als a Handl«, sagte treuherzig der Postillon,— und fuhr uns nach der »Goldenen Ente«. Die Anden war nicht schön, — außen und innen, aber artige Wirthsleute und der possirlichste aller Lohn¬ bedienten ließen ein Unbehagen über das unfreundliche Quartier gar nicht aufkommen. Schon wenn man den ehrlichen Sepperl in dem ausgewachsenen zeisiggrünen Frack und den gelben Ran¬ kingnen und der hohen schäbig-gentilen Angströhre auf dem fuchsigen, uncivilisirten Tituskopf ansah, mußte man ihm heiter zugethan werden. Meine erste Frage an Sepperl war natürlich nach dem Burgtheater. . . »Was wird heut' Abend gegeben, Sepperl?« »Das Fest in Knillwurst, Ihro Gnad'n!« »Knillwurst — Knillwurst . . .« rief ich lachend — »auch so a Ding zum Essen, wie die goldne Anden?« Aber schon hatte Sepperl einen zerknillten Theater¬ zettel aus seiner Angströhre hervorgesucht und auf den Rankingnen glatt gestrichen . . . und ich glaubte, ich sollte sterben vor Lachen, als ich las: »Das Fest in Kenil¬ worth. . .« Aber dann jubelte ich auf: »Elisabeth — Amalie Wolff — als zweite Gastrolle. . . Sieh, Mütterchen, wir haben Glück — meine theuerste Kollegin und unsere herzliche Freundin aus Berlin finden wir jetzt gleich bei unserem Entr é e in Wien wieder — welch' frohe Ueber¬ raschung . . . Geschwind, Sepperl, Billets zur Knillwurst . . . und dann diesen Brief an den Hofschauspieler Schwarz — und diesen an den Schriftsteller Dr. Witthauer . . .« Und Sepperl steckte die Briefe zierlich in das Leder seines Himmelstürmers und stürzte fort, daß die Zeisig¬ flügel flatterten . . . und nach kaum einer Stunde flatterte er athemlos wieder in die Anden und meldete: Herr von Schwarz, 'n charmanter alter Herr, folgt mi auf dem Fuße — hat mi auf Seel halt sehr gut g'fall'n . . . und auch der Herr von Witthauer wird gleich da sein, — der hat mi aber halt nit so gut g'fall'n, — schaut so finster drein . . .« »Und die Billets, Sepperl?« unterbrach ich den Redseligen . . . »Ja — ja — die Billets . . . die Billets . . . ach, Ihro Gnad'n — die hab' i bei mei Seel partout ver¬ schwitzt. . .« »Aber die Billets waren ja gerade die Hauptsache, — wie konnten Sie die nur vergessen?« klagte die Mutter. »Ja — ja — weil i halt a großer Esel bin, Ihro Gnad'n«, — und dabei sah Sepperl so ehrlich aus, daß wir ihm dies auf's Wort gern glaubten, und in das unauslöschlichste Gelächter ausbrachen, — und immer unauslöschlicher lachten, je verdutzter Sepperl seine großen wassergrünen Augen aufriß. . . »Nun, das nenn' ich einen guten Anfang in unserer lustigen Kaiserstadt«, rief eine fröhliche Stimme, und ein liebes, gutes, altes Gesicht lächelte uns an. Es war der Hofschauspieler Schwarz. Er brachte uns Grüße von Frau Brede, der innigsten Freundin von Rahel Varnhagen, und versprach, während unseres Wiener Aufenthalts unser treuer Steuermann durch alle Ver¬ gnügungen und Gastspielgeschäfte zu sein. »Womit beginnen wir heute?« fragte der liebens¬ würdige Greis — »Besuche bei Deinhardstein, — oder bei dem Intendanten, — oder. . .« »Heut' nichts von Geschäften, theurer Freund, — heut' wollen wir rechtschaffen fröhlich sein mit den Fröhlichen«, unterbrach ich übermüthig, »heute heißt's: Was macht denn der Prater, Sag', blüht er recht schön?« Da fiel Schwarz ebenso ein: »'s sein Leut drin, man kann fast Vor Menschheit nit geh'n. . .« »Nun, für uns wird auch wohl noch ein Plätzchen übrig sein, wo wir Kaffe trinken, Kipfel essen, und Strauß und Lanner ihre herrlichen Tänze spielen hören können. . . Ja, mein Herr von Schwarz, ich darf mir dergleichen Allotria heute wohl erlauben. Seit Mitte Februar habe ich in Riga, Königsberg, Danzig, Posen, Brünn 50 Mal gespielt und — die Kassette ist noch ganz hübsch gefüllt. Also, wenn unser Berliner Freund Witthauer hier ist, geht's hinaus in den Prater. . .« »Ah! Sie kennen den liebenswürdigen und geist¬ vollen Schriftsteller? Er wird es nicht bereut haben, von der Spree an die Donau übergesiedelt zu sein. Seine Feder hat sich eine sehr geachtete, — ja unter Umständen gefürchtete Stellung errungen. Seine Kunst- und Literaturkritiken in der Wiener Modenzeitung sind tonangebend. Und wenn er zuweilen einige allzu kühne Seitensprünge auf das politische oder persönliche Terrain wagt — so hat ihm Metternich nicht selten über die strenge Censur hinweggeholfen. Der Minister will ihm sehr wohl!« »Ja, ich erinnere mich mit Vergnügen aus Berlin seines blendenden Witzes, seiner übersprudelnden Heiter¬ keit. . .« »Hm! hm! — heiter — haben wir Wiener ihn schon lange nicht mehr gesehen. Er lebt sehr zurückge¬ zogen und hat sich hier bereits den Ruf eines argen Hypochonders erworben. . .« »Unglückliche Liebe?« rief ich erstaunt, — neugierig. »Wer ist die Unglückliche, die diesen edlen Mann nicht glücklich machen will?« »Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen«, und Schwarz kopirte den Wachtmeister aus Minna von Barnhelm, »darf es auf der Welt denn gar kein Leiden geben, als nur durch Euch?. . . Die unglückliche Liebe des Dr . Erinnerungen ꝛc. 17 Witthauer sitzt im — Magen — — schlechte Verdauung — ergo Hypochondrie — ergo . . .« »Herr Dr. Witthauer«, meldete Sepperl und seine Angströhre gab zugleich triumphirend zwei Billets zur Knillwurst her. Und der geschätzte Jugendfreund aus Berlin stand vor uns. Aber war das derselbe blühende, lebensfrische, fröhliche Witthauer, — vor neun Jahren das belebende Element aller Gesellschaften in der Stadt der Intelligenz und der ästhetischen Thees? Er sah blaß, müde, schwer¬ müthig aus. Er freute sich sichtbar unseres Wiedersehens, aber der alte heitere Herzenston wollte nicht wieder an¬ klingen. Da sagte ich betrübt über diese Veränderung: »Und muß ich Sie denn daran erinnern, daß heute der 28. Mai ist . . . und daß mich heute vor neun Jahren unter der Ueberfülle von Geschenken, Blumen und Gedichten nichts so sehr erfreute, als ein Rosenstock mit hundert Blüthen und Knospen und einem Rosablättchen mit den Worten: »Ein armer Gelehrter hat auf Ihren Lebensweg nur Blumen zu streuen. . .« »Ist's möglich — heut Ihr Geburtstag — und ich konnte den vergessen . . .« und sein Auge war feucht. Da wußte ich, daß der Sitz seiner Schwermuth doch nicht im Magen war. . . Armer Freund! Er ist nie wieder froh geworden, wie damals, als wir mit einander die hundert Knospen und Blüthen an jenem Rosenstock zählten, der meinen ersten Berliner Geburtstagstisch schmückte. Friedrich Witthauer ruht seit 1846 auf dem Fried¬ hofe zu Meran. Sepperl hatte den elegantesten Wagen besorgt, den er hatte finden können, und als wir drin saßen, drehte er sich mit verklärtem Gesicht vom Bock zu uns um und sagte, als hätten wir schon ein Dutzend Jahre Salz und Brod mit einander gegessen: »I freu mi närrisch auf den Prater, da wird's auch Ihna schon g'fallen, Ihro Gnaden . . . es giebt nichts Lustigers auf der Welt, als unsern lieben Prater.« Und hinaus ging's in den lustigen Prater, und ich wurde fast wieder zum Kind, da wir durch die glück¬ strahlenden, jubelnden, sonntäglich geputzten Spazier¬ gänger dahinrollten, und beim Besuch der »Buden« mit Wunderthieren und tanzenden Zwergen, Riesendamen, Panoramas, Hasen, die Pistolen abfeuerten, und Hunden und Affen in den Kostümen der Pompadour und ihres Hofstaats, den Frohsinn, die Harmlosigkeit und beneidens¬ werthe Naivetät des Wiener Völkchens: Bürger und Soldaten, Kindermädchen und Studenten, Gesellen und Meisterinnen, — Alles bunt durch einander und gleich entzückt von den gebotenen Genüssen, — in vollster Natürlichkeit und Freiheit genießen konnten. 17 * Und dann saßen wir unter den frühlingsgrünen Praterbäumen an zierlich servirten Tischchen und tranken bei Lanner's entzückenden Walzern echten Wiener Kaffee mit Obers (Sahne) — — und endlich konnte ich mein langjähriges Sehnen nach Wiener — Kipfeln stillen! Ja, erst jetzt begriff ich ganz jene Kipfel-Anekdote, die mir in Petersburg ein österreichischer Gesandtschafts- Attach é erzählt hatte, und die ich jetzt wieder zum Besten gab: »Die Donau war über ihre Ufer getreten, und einzelne Dörfer waren von allem Verdienst abgeschnitten. Regierungskommissäre besuchten in Kähnen die einzelnen Hütten, um — wo's Noth that — Lebensmittel zu spenden. Eine Frau erhielt reichlich Brod und Mehl und Kaffee, — als aber Kommissäre weiter ruderten, da rief sie ihnen nach: »Ah! Herr Kommissär — — und nicht a anzigs Kipfel haben's mi mitbracht? Dös ist schändlich. . . Nu, i bitt schön, vergessen's das nächste Mal nicht die Kipfel, — das ist mei anzig Leidenschaft. . .« Und schon jetzt theilte ich die einzige Leidenschaft der guten Frau. Wir sprachen über das Gastspiel von Amalie Wolff. Sie hatte bereits Frau Feldern in Töpfer's »Hermann und Dorothea« gegeben — ohne sonderlichen Erfolg. »Das begreif ich nicht, — Amalie Wolff's Feldern entzückte stets ganz Berlin durch die Lebensfrische und Lebenswahrheit . . . Sie schuf ein wahres Genrebild aus dieser dankbaren Rolle. . .« »Gewiß — nur für den Rahmen unseres Burg¬ theaters zu — treu nach dem Leben kopirt. Hier liebt man Alles idealisirt, geschminkt und aufgeputzt. So konnte ganz Wien es nicht begreifen, daß eine Berliner Hofschauspielerin so wenig Toilettengeschmack entwickelte und als Frau Feldern in Klapp- Pantoffeln, großblumi¬ gem Kattunkleide mit Schößen, Schürze und altmodischer Haube auf die Bretter des Burgtheaters zu treten wagte. . .« »Aber — Frau Wolff wählte das Kostüm ja nach Goethe's Dichtung?« rief ich erstaunt. »Thut nichts«, sagte Witthauer trübe lächelnd, »unsern Wienern gefällt ihre Burgtheater-Feldern, die Frau von Weißenthurn, weit besser in ihrem stattlichen, braunseidenen Kleide, schwarzen Atlasschuhen mit Kreuz¬ bändern und Blondendormeuse. . . Unsere Bühne ist überhaupt augenblicklich stark in der Modeepoche. . .« »Modeepoche?« »Leider werden Sie das bald nur zu leicht verstehen, wenn Sie erst einigen Vorstellungen im Burgtheater beigewohnt — oder gar selber einige Male aufgetreten sind. Das trefflichste Spiel unserer Damen genügt heute nicht mehr, wenn es nicht in neuer, glänzender und überraschender Toilette vor dem kritischen Publikum erscheint. Karoline Müller ist die Modelöwin unserer armen klassischen Bretter und des ganzen eleganten Wiens . . . und ich würde mich gar nicht wundern, wenn es nächstens bei jeder Rolle der Müller auf dem Theater¬ zettel heißt: die Dame wird sich dem geehrten Publikum heute Abend in vier — fünf — sechs funkelnagelneuen Toiletten — direkt per Kurier aus Paris bezogen — präsentiren. . . Und ich — der Kritiker, soll dann stets all' diese Kleiderpracht in meinen Rezensionen aufzählen und haarklein beschreiben und »kritisiren«, — sonst finden die guten Wiener meine Kritiken ledern und langweilig. . . Wundern Sie sich also nicht, meine Damen, wenn Sie die Kritiken über das alte herrliche Burgtheater nächstens von dem berühmten Bär, dem »göttlichsten« Damen¬ schneider Wiens, oder von Madame Rosa, unserer »genialsten« Pariser Modistin unterzeichnet finden. . .« So bitter hatte ich unsern sonst so milden, liebens¬ würdigen Witthauer noch nie reden hören. . . Und plötzlich ging mir ein trübes Licht auf: seine tiefe Schwermuth hatte nicht ihren Sitz im Magen, nicht im Herzen . . . nein: in der Mode-Epidemie des Burgtheaters! »Ah! dann verstehe ich es auch, warum die herrliche Julie Rettich das Burgtheater verließ und nach Dresden ging . . . und warum man die edle Tragödin gehen ließ. — O, Mutter«, fügte ich tragi-komisch hinzu, »wie wird Deiner Lina es ergehen mit ihren armen Fähnchen, die keine Ahnung haben von Paris!« »Wenn Sie mit Karoline Müller nicht in der Toilette rivalisiren, — so fallen Sie durch«, sagte Witthauer melancholisch, »ja, Sie können Gott und den Wienern danken, wenn Sie nicht ausgepfiffen werden. . .« »Und keine Rettung — keine?« klagte ich mit den Tönen einer Iphigenie. »Keine — als dem Moloch Bär zu opfern, — rothes — rothes Gold — viel Gold!« stimmte Schwarz in demselben Ton ein. »Das Opfer sei gebracht . . .« und meine gute Laune war mit diesem Entschluß wieder zur Stelle. Ein eleganter Reiter auf prächtigem Schimmel sprengte kühn und graziös vorüber. . . »Welch' herrliches Thier — und wie würdig seiner der Reiter!« rief ich entzückt aus. Das Rittmeistersblut meines lieben, seligen Vaters, der ein berühmter Reiter war, regte sich in mir. » Le cavalier à la mode — der tollkühnste Reiter der Welt — der populärste Mann Wiens — — Graf Moriz Sandor!« sagte Witthauer. Doch da ist er schon wieder, ich werde ihn begrüßen, und dann können die Damen den berühmten Wundermann mit Muße be¬ trachten.« Der arabische Schimmel hielt im Fluge neben unserem Tische an und scharrte feurig schnaubend mit den feinen Hufen. Der Reiter grüßte graziös zu uns herüber und plauderte mit Witthauer, der ihm entgegen gegangen war. Voll Interesse betrachtete ich den originellen Grafen, dessen Reiterstückchen ihm bereits einen europäischen Ruf erworben hatten. Graf Sandor war damals 29 Jahre alt, kaum mittelgroß, aber von seltener Eleganz und geschmeidiger Kraft in allen Bewegungen. Er saß wie angegossen auf dem Schimmel, sich graziös in den Hüften wiegend. Sein mehr interessantes als hübsches Gesicht war tiefbraun, von einem kurzen schwarzen Bart umrahmt, und seine dunklen Augen blitzten in Lebenslust und neckischem Muthwillen. Das Ganze — Pferd und Reiter — boten das Bild übermüthigen Jugendfeuers, Grazie mit Kraft verschmolzen. Seine Feueraugen huschten zu uns herüber, — und dann ließ er sich uns vorstellen. Er plauderte gewandt, sprudelnd, — aber für meine Gewohnheiten doch etwas zu — — Wienerisch cavalièrement . Kaum hatten wir zwei Minuten mit einander geplaudert, so bat er, uns morgen im Prater spazieren fahren zu dürfen. Als ich etwas kühl für diese Ehre dankte, sahen mich die brennenden Augen schier verwundert an, als wollten sie sagen: »Graf Sandor bietet seine prachtvolle Equipage und seine noch prachtvollere Person als Kutscher einer — Schauspielerin an — — und diese lehnt Alles ab. . . das ist wirklich neu in Wien. . .« Aber, sein ganzes Benehmen — sein Ton, sein Blick, sein Gruß nahmen doch gleich eine andere Färbung an — und so oft wir uns auch wieder in Wien begegneten, stets bezeugte er mir seinen Respekt — im besten Sinne des Worts. Im Prater konnte man den Grafen täglich sehen. Ja, der Wiener konnte sich seinen Prater gar nicht mehr ohne den lustigen, übermüthigen, wilden und so überaus erfindungsreichen Grafen Sandor denken, der so prächtig für das Amüsement der guten Wiener sorgte. Wo er sich zeigte, wurde er von der Menge mit Jubel und Händeklatschen begrüßt, und auf allen Gesichtern zuckte die größte Spannung: ob der Graf denn nicht heute wieder etwas Hübsches, Lustiges, Halsbrechendes losließe, das sie dann in den Kaffeehäusern oder den Nachbarn mit Wichtigkeit als ein Erlebnis weiter erzählen könnten . . . Graf Sandor, einer der reichsten, altadeligen Fami¬ lien Ungarns angehörend, hatte den prächtigsten Marstall in Wien. Täglich zeigte er sich auf einem andern wunder¬ schönen, wildfeurigen Pferde, die er alle daheim auf den weiten ungarischen Steppen — er selber in dem male¬ rischen, flatternden Mantel eines Pferdehirten — zuge¬ ritten und gebändigt hatte. Nicht selten ritt er im Prater die wildesten Renner ohne Sattel, Zaum und Steigbügel . . . und nur die Eingeweihten wußten, daß er sie an einem kaum sichtbaren seidenen Schnürchen lenkte. Das war gar nichts Seltenes, daß der Reitergraf über einen dahin rollenden Fiaker, über eine Hökerin mit sammt ihrem hochgethürmten Töpferkram plötzlich hinwegsprengte und dann den Erschrockenen eine Handvoll Gulden hin¬ warf — als Schmerzensgeld für den kleinen Schreck, denn Schaden richtete er nie an. Auch seine Wetten bildeten das Tagesgespräch und füllten die Spalten der Zeitungen. So gewann er einst eine Wette: die Treppen in ein drittes Stockwerk hinaufzureiten, und dort oben auf schmalem Balkon sein Pferd zu wenden — auf den Hinterfüßen, die Vorderfüße hoch in der Luft! Von dem Exerzirplatze am Fuße der Bastei zu Ofen sprengte er oft plötzlich die steilen Treppen des Schloßberges hinan nach dem Schloß seiner Väter . . . und dann sahen die Soldaten mit Jubel Chef und Pferdekopf gemüthlich aus den höchsten Fenstern des Schlosses niederblicken. Selten benutzte er einen Thorweg, um in den Hof eines Gasthofes oder Gutes zu reiten, — er setzte über die Mauer hinweg. Als später die Eisenbahn von Wien nach Pest er¬ öffnet wurde, ritt er in Folge einer Wette die Strecke in sechs Stunden und kam zwei Stunden früher an, als der zugleich mit ihm abgegangene Postzug. Auch liebte Graf Sandor es, sich den guten Wienern zuweilen zu Wagen zu zeigen, — aber wo möglich jedes Mal in einem andern Bauwerk seiner Erfindung. Heute saß er in einem römischen Triumphwagen à la Julius Cäsar, morgen mit seinen Freunden auf einem haushohen Gestell, übermorgen lag er zwischen zwei Riesenrädern gleichsam in einer Hängematte fast auf der Erde, und dann wieder kutschirte er auf drei Rädern einher. Wäre Graf Sandor nicht ein zu großer Pferdefreund gewesen, unser modernes Velociped wäre sicher schon 40 Jahre früher von ihm erfunden und im Wiener Prater exekutirt. Aber die Wagen waren für seine Pferde ja nur Staffage. Heute fuhr er mit sechs Schecken lang vom Bock, morgen spannte er Schimmel, Rappen, Fuchs und Braunen zu¬ sammen, übermorgen drei Schimmel einspännig vorein¬ ander, — heute russisch — morgen englisch — über¬ morgen magyarisch geschirrt! Damals sprach ganz Wien von der glühenden, ro¬ mantischen Liebe des interessanten Grafen zur Prinzessin Leontine Metternich-Winneberg, — der Tochter des allmächtigen Staatskanzlers. Man zweifelte aber fast allgemein, daß der Fürst seine schöne Tochter einem so tollen Wagehalse anvertrauen werde. Und doch war im Februar 1835 bereits die glanzvolle Hochzeit, — und die Prinzessin hat es auch nie bereut, den ritterlichsten Kavalier Wiens gewählt zu haben. Das junge Paar wohnte nun theils in Wien, theils in Ofen, auf dem prächtigen und zugleich romantischen Stammsitz der Sandors. Als Metternich's Stern unterging, brachte die erregte Menge eines Abends vor Sandor's Palais eine entsetzliche Katzenmusik. Plötzlich tauchte aus dem lärmenden Volkshaufen ein Mann auf, der sich auf die Rampe des Palais postirte, und am lautesten schrie, pfiff, trommelte . . . es war Graf Sandor! Kaum hatte die Menge ihn erkannt, so stutzte sie und verstummte. . . Dann brach auf allen Seiten ein homerisches Gelächter aus . . . es war ja auch zu komisch und originell, daß ein Mann begeistert in die Katzenmusik einstimmte, die vor seinem eigenen Hause gebracht wurde. . . Und dann rief eine Stimme: »Hoch! hoch! Sandor — dem leut¬ seligsten Grafen Wiens — dem Mann, der Sinn und Herz für's Volk hat. . . Hoch der Gräfin Sandor . . . nur dem Vater Metternich gilt diese Demonstration!« — und die Menge stimmte jubelnd mit ein. Der Sturm war vorüber und singend, lachend zog der kurz vorher noch so erregte Haufen davon. Und dieser liebenswürdige, geistvolle Mann muß so traurig enden! Bei einem unglücklichen Sturz mit dem Pferde zog er sich eine Gehirnerschütterung zu. Düstere Schatten — ja oft tiefe Nacht verhüllen den einst so heiteren Geist. — Als ich 1824 der ersten Vorstellung im Berliner Schauspielhause beiwohnte, war mir gar wunderbar feierlich — ja andächtig zu Muth, und das junge sieben¬ zehnjährige Herz blühte mir so selig auf, wie am ersten sonnigen Frühlingsmorgen im knospenden, duftigen Walde. Die herrlichen Künstler erschienen mir als höhere Wesen und mein Auge und Herz hingen gläubig an ihrem Munde und an jeder ihrer Bewegungen. Das Publikum existirte für mich nur in den Zwischenakten. Das Haus war nichts weniger als brillant erleuchtet. Von sogenannten großen Toiletten war selbst im ersten Range nichts zu sehen. In der königlichen Loge saß die holde Kronprinzessin in einfachster Toilette neben dem Kronprinzen. Nirgends ein Sichvordrängen der Mode oder der Koketterie. Das Publikum war der Vorstellung wegen gekommen — und nicht: um gesehen zu werden! Wie anders zehn Jahre später im Wiener Burg¬ theater! Das hohe, nicht gerade architektonisch schöne, aber aristokratisch geschmückte Haus strahlte im hellsten Licht. Der erste, zweite und dritte Rang wogte und flimmerte von den elegantesten, auffallendsten — ja ge¬ wagtesten Toiletten. Modische Herren gingen von einer Loge in die andere und machten den Damen den Hof. . . . Ueberall Lachen, Kokettiren und die lauteste, un¬ genirteste Unterhaltung — und nicht nur in den Zwischen¬ akten. Fächer und Lorgnette manövrirten, weiße schöne Frauenarme präsentirten sich auf den rothsammtenen Logenbrüstungen möglichst vortheilhaft . . . man sah: Jeder und noch mehr Jede wollte gesehen werden und suchte sich in das glänzendste Licht zu stellen. Die Bühne war Nebensache. Die arme »Knillwurst« ging spurlos vorüber. Der feurige, geniale Ludwig Löwe, die anmuthige Fournier, und selbst Goethe's genialste Schülerin — meine theure Amalie Wolff, vermochten nicht zu enthusiasmiren. Elisabeth's in Berlin so berühmtes sanftes: »Leicester, ich befehle!« — und ihr herrschendes, hartes: »Burleigh, ich bitte« — diese fein psychologischen Nuancen wurden in Wien gar nicht beachtet. Kein Wunder also, daß Amalie Wolff's Spiel immer befangener wurde. Sie sagte mir später selber: »Ich bin schwer dafür gestraft, daß ich meinem Vorsatze: nach meines Mannes Tode nicht mehr zu gastiren! — untreu wurde. Und dann irrte ich in der Wahl der Rollen. In Wien dominirt heute das Lustspiel. Ich hätte nur im humoristischen Fache auftreten sollen und wäre hier auch der wirksamsten Unterstützung sicher gewesen. Und Amalie Wolff hatte Recht. Im heiteren, graziösen Genre des Lustspiels und Konversationsstücks bewährte das Burgtheater seinen in den zwanziger Jahren unter Schreyvogel's trefflicher Leitung begründeten Ruf: neben dem Théàtre français das liebenswürdigste und vollendetste Ensemble zu bieten! — auch in den ersten Jahren unter Deinhardstein's schwächlicher Direktion noch. Als Liebhaber wechselten ab: der elegante, noble Korn, der feuersprühende Ludwig Löwe, der witzsprudelnde, liebenswürdige Fichtner. Anschütz war ein Heldenvater zum Staunen, Wilhelmi ein komisches Väterchen zum Küssen, und Costenoble ein lieber, närrischer Charakter¬ komiker zum Todtlachen! Karoline Müller war eine glänzende Salondame, die kleine hübsche Peche eine reizende naive Liebhaberin, der sogar ihr prononcirter böhmischer Dialekt allerliebst stand — — und die guten, lustigen Wiener gaben dazu das dankbarste Lustspiel¬ publikum her. Freilich, mit dem Berliner Schau- und Trauerspiel durfte das Wiener Burgtheater sich trotz seiner großen Tragödin Sophie Schröder nicht messen, die lange Jahre mit Sophie Müller im klassischen Trauerspiel als seltenster Stern am Burgtheater geglänzt hatte. Aber seit Sophie Müller's heißes Künstlerherz sich an der Kunst verblutet hatte — und Sophie Schröder und Julie Rettich grollend ausgewandert waren, stand das tragische Fach verlassen da, wenn auch Antoinette Fournier eine sehr anmuthige und verständige Schau¬ spielerin in sentimentalen Rollen des Trauerspiels war. Bauernfeld's Lustspiele waren die Lieblinge der Wiener. Scherzend wurde darüber gestritten: ob Bauern¬ feld den Wienern geschenkt sei, für ihre Burgtheater¬ lieblinge dankbare Rollen zu schreiben . . . oder ob Karo¬ line Müller und die Peche, Anschütz, La Roche und Löwe, Korn und Fichtner expreß dazu geboren seien, Bauern¬ feld's Stücke so zu spielen, wie sie gespielt werden mußten. Ich lernte Bauernfeld in Gesellschaften kennen und freute mich, ein so seltenes Talent, reiches Wissen und bezaubernde Liebenswürdigkeit durch die größte persönliche Bescheidenheit nur noch gehoben zu sehen. Für den dritten Abend meiner Anwesenheit in Wien war eine Novität angekündigt: »Der Traum ein Leben«, von Grillparzer. Ganz Wien war in fieberhafter Auf¬ regung — und das überfüllte strahlende Haus vor Er¬ wartung fast im Delirium. Und dann, als der Vorhang endlich — endlich aufrollte und die tiefpoetische Dichtung »unseres Grillparzer's« durch »unseren Löwe« und »unseren La Roche« so würdig verkörpert an dem strahlenden Auge der Zuschauer vorüberzog . . . da brach ein förm¬ licher Sturm von Jubel und Begeisterung los, abwechselnd mit Pausen athemloser Spannung. Ja, das Publikum spielte förmlich mit, wie ich es sonst nur im Théâtre français gesehen hatte. Die Geistesfunken, die von der Bühne sprühten, blitzten zündend wieder in den Augen, den belebten Physiognomien und in den einzelnen be¬ geisterten Ausrufen der enthusiasmirten Zuschauer. Wie einst in den Pariser Theatern die jungen Heißsporne des Quartier latin , so interessirte mich hier im Wiener Burgtheater jetzt auch unter den Zuschauern am meisten die akademische Jugend, die Kopf an Kopf im Parterre stand und ihrer himmelstürmenden Begeisterung oft in drastischster Weise Luft machte. Besonders ergriff die Schlußscene: als der Hirt (Ludwig Löwe) in seiner bescheidenen Hütte erwacht — ein reiner, gottvertrauender Mensch, arm und unbekannt — — aber so froh und dankbar, daß er allen Glanz und Reichthum . . . und den Verrath und Mord, durch die er sein Sehnen nach Macht und Glück gestillt — nur geträumt hatte. Daß der Zuschauer erst in diesem Augenblick erfährt: es war Alles nur ein Traum — das bekundet die Meisterschaft des Dichters. — Im Theater an der Wien sah ich zum ersten Mal den bezaubernden Raimund und seine entzückenden Zauber¬ märchen. Eine neue Welt ging mir hier auf den Brettern auf. Ich wurde wieder zum lachenden und weinenden Kinde — — und gut und gläubig und hoffnungsselig wie ein Kind, das des Lebens Dornen und Giftblumen noch nicht kennt. Im »Alpenkönig« bildeten Direktor Karl, Raimund und der Komiker Scholz das köstlichste Ensemble, und im »Verschwender« war Raimund ein wundernärrischer lieber Valentin. Ja, in Raimund als Dichter und Schauspieler lebte den Wienern ein Stück deutschen Shakespeare's: so körnig, so ursprünglich und naturwüchsig ist in seinen gemüthvollen Dichtungen Alles. Wenn Shakespeare aber in seinen finstersten Tragödien oft heitere Bilder aufblitzen läßt und durch diesen jähen Kontrast gerade die erschütterndsten Wirkungen erzielt — — so mahnt Raimund uns in seinen lustigsten Zaubermärchen plötzlich durch ein tiefschmerzliches Antlitz an des Lebens bittersten Ernst. O, ich liebe diesen Humor, der mit dem einen Auge lacht — mit dem anderen weint! Und dieser herzfröhliche Dichter — dieser urnärrische Komiker . . . war schon damals im bürgerlichen Leben ein finsterer Hypochonder — ein Schwarzseher. Die fixe Idee von seinen lieben Wienern nicht verstanden, nicht gewürdigt zu werden, trübte seinen sonst so klaren Blick. Gepeinigt von solchen düsteren Gedanken verbarg er sich oft tagelang auf seiner hübschen Villa Gutenstein vor aller Welt Augen. Vor einigen Jahren war es seiner langjährigen Freundin, der genialen Therese Krones, doch noch oft gelungen, ihn aus seinen Grübeleien zu reißen — — aber Therese Krones war jetzt schon seit vier Jahren todt. Die Wiener sagten: das zehre auch an seinem Herzen. . . . Und nach zwei Jahren — 1836, in einer finsteren Stunde — in dem Wahne, von einem tollen Hunde gebissen und unrettbar der Hundswuth preisgegeben zu sein . . . da warf er dies verdüsterte Leben von sich — und Wien, das lustige Wien, das so oft über seinen Liebling Rai¬ mund und seine Zauberpossen aus vollem Herzen bis zu Thränen gelacht hatte, — das weinte jetzt aus ebenso vollem Herzen bei seinem Leichenbegängniß. Wie mich 1836 in Dresden die Nachricht erschütterte: Ferdinand Raimund hat sich erschossen! — — und wie Erinnerungen ꝛc. 18 mich in diesen Tagen ein Buch entzückte — als Zeichen, daß Raimund trotz unserer so sehr vergeßlichen Zeit doch noch unvergessen ist! Ich meine das Trauerspiel Julius Reuper's: »Ferdinand Raimund«. Der Dichter zeichnet uns hier mit Wärme und Pietät die Kämpfe, welche Raimund zu bestehen hatte, ehe er — der arme Conditor¬ lehrling — sich der vergötterten Bühne widmen durfte — die Dornen seines Künstlererdenwallens — und seinen Tod. Es wäre eine interessante und dankbare Aufgabe unserer Bühnen, durch dies Trauerspiel das Andenken Ferdinand Raimund's neu zu beleben. Zur großen Betrübniß unseres zeisiggrünen Sepperl hatten wir die ungemüthliche »Goldene Anden« schon den dritten Tag mit dem comfortablen »Erzherzog Karl« vertauscht. Ich mußte nun auch ernstlich daran denken, mich den Gewalthabern des Burgtheaters vorzustellen und das Nöthige wegen meines Gastspiels Anfangs August zu be¬ sprechen. Ich besuchte zuerst den artistischen Direktor Deinhardstein und fand einen liebenswürdigen, jovialen Herrn, der es gewohnt zu sein schien, das Leben und die Kunst und seine Stellung möglichst bequem und leicht auf die Achseln zu nehmen. Er war in Wien als passionirter Angler bekannt und ließ sich dann nicht gern durch Direk¬ tionsgeschäfte stören. Ueber seinen Chef, den Oberst¬ kämmerer und Intendanten Grafen Czernin, der eines schönen Tags den verdienstvollen, aber ziemlich kurz an¬ gebundenen Direktor Schreyvogel sans façons in Un¬ gnaden »fortgejagt« und den Verfasser von »Hans Sachs« und »Garrick in Bristol« zu dessen Nachfolger ernannt hatte, sprach er ziemlich ungenirt — ja unvorsichtig, und schob alle Verwaltungs- und Direktionssünden des Burgtheaters dem Herrn Grafen lachend in die Oberst¬ kämmererschuhe. Ich weiß nicht, ob es Deinhardstein's Ernst war, daß er selber die stiefmütterliche Behandlung des Trauerspiels mir gegenüber bedauerte, oder ob er glaubte, sich mir — die ich mit Begeisterung von der klassischen Berliner Zeit sprach — dadurch im günstigsten Lichte zu zeigen. Den Intendanten mußte ich in Schönbrunn auf¬ suchen. Wie war ich enttäuscht von dieser berühmten — jetzt so öden, traurigen, vernachlässigten kaiserlichen Sommerresidenz — — und der Graf Czernin erschreckte mich förmlich beim ersten Anblick. Ich hatte an einen stattlichen, liebenswürdigen und geistvollen Grafen Brühl gedacht, der mir von Berlin her unvergeßlich als Inten¬ dant war — — und fand ein uraltes, vertrocknetes Männchen mit tausend Runzeln in dem winzigen Gesicht¬ chen, erloschenen, fast blöden Augen — und geschminkt und geputzt wie ein französischer Marquis des ancien régime . Damit harmonirte auch sein ganzes Auftreten und sein — künstlerisches Urtheil. Ebenso ungenirt, wie Deinhardstein sich gegen die Fremde über seinen Chef ausgesprochen hatte, 18 * plauderte dieser über seinen Direktor und über die Schauspieler. »Frl. Peche ist die Perle unserer Bühne in naiven und kindlich elegischen Partien. . . . Die Königin von sechzehn Jahren spielt sie unvergleichlich, obgleich Anschütz sie durch sein langsames Sprechen schlecht unterstützt, so daß die arme kleine Königin während seiner endlosen Rede am Schluß des Stücks nicht mehr weiß, wo sie ein wirksames Mienenspiel hernehmen soll. . . .« »Aber Excellenz, Anschütz ist doch ein Meister aus der klassischen Schule. . . .« »Mag sein« — sagten Excellenz nachlässig — »ich kümmere mich um die klassischen Stücke wenig, Drama und Trauerspiel langweilen mich zum Sterben. . . . Und wenn nicht das Lustspiel wäre, möchte der Henker den ganzen Theaterkram holen. . . .« Etwas neugierig klopften Excellenz an: ob ich wohl Engagementspläne für das Burgtheater hege. Unbefangen und aus voller Seele sagte ich: »Nein, Excellenz! Mein Fach ist hier reichlich besetzt, und ehe ich in Norddeutschland wieder ein Engagement annehme, möchte ich noch einige Zeit gastiren. Wenn die Wiener mich aber bei meinem bevorstehenden Debüt freundlich aufnehmen, so wird es mich glücklich machen, hin und wieder auch am Burgtheater zu gastiren.« Da flossen Excellenz fast über vor Süßigkeiten — aus der Galanterie-Bonbonniere des ancien régime . Er hatte gefürchtet, ich wolle seine liebe kleine Peche verdrängen. Auch die Wiener Geselligkeit sollte ich kennen und schätzen lernen. Baron d'Andlaw, erster Gesandtschaftssekretär bei der badischen Gesandtschaft, brachte der Mutter und mir den landsmannschaftlichen Gruß seines Chefs, des Grafen Tetten¬ born, und die Einladung zum Diner am nächsten Tage. »Sie werden auch den Prinzen Gustav Wasa sehen. . . .« »O, ich habe mit seinen Schwestern Cäcilie und Amalie einst so fröhlich auf den Kinderbällen getanzt, die von der Frau Markgräfin häufig auf dem Schloß in Karlsruhe gegeben wurden, weil die Kaiserin Elisabeth solche kleine Feste sehr liebte. . . . Und auch des schwe¬ dischen Kronprinzen Gustav Wasa erinnere ich mich noch sehr gut, wie er so blaß und schmächtig und melancholisch durch die Straßen von Karlsruhe ritt und wir Kinder ihm nachschauten und uns geheimnißvoll wichtig zu¬ flüsterten: Sein Vater war ein König — und weil die bösen Schweden dem die Krone genommen und ihn und die Königin und die armen Kinder aus ihrem Königreich getrieben haben — darum ist Prinz Gustav so traurig und blaß und mager. . . .« »Nun traurig und blaß und mager ist Gustav Wasa heute gerade nicht mehr« — lachte Baron d'Andlaw — »man gewöhnt sich im Leben mit der Zeit an Alles — sogar an eine verlorene Königskrone!« »Aber sein Vater hat es doch sein Leben lang nicht verwinden können. . . . Es muß auch zu trostlos sein: erst die Krone und die Heimat — und dann noch die Gattin und die Kinder zu verlieren. . . . Armer Oberst Gustav¬ son!« Graf und Gräfin Tettenborn hatten den seligen Vater gekannt und zeigten in herzlichster Weise seiner Wittwe und Tochter, wie sehr sie ihn schätzten. Ihr liebenswürdiges Haus wurde uns während unseres Aufent¬ halts in Wien bald ein Stück badischer Heimat. In dem runden, rothwangigen, echt Wienerisch lebens¬ lustigen Prinzen Gustav Wasa hätte ich freilich den armen, blassen, melancholischen Königssohn ohne Land und Krone aus Karlsruhe nicht wiedererkannt. Gräfin Fikelmont in Petersburg hatte mir ein Em¬ pfehlungsschreiben an die französische Gesandtin, Marquise St. Aulair, gegeben und mit feinem Lächeln hinzugefügt: »Sie werden Legitimisten pur sang kennen lernen!« Ich wurde anfangs etwas enttäuscht! Die ganze Gesandtschaft war mir zu — kolossal gebildet, zu über¬ irdisch sanftmüthig und weltverachtend — und selbst die jungen, hübschen Töchter gemessen und zugeknöpft, wie Puritanerinnen. Alle schienen einen geheimen Schauer vor dem helläugigen, lebenslustigen Weltkinde zu em¬ pfinden, das noch obendrein den gottverlassenen Brettern angehörte. Aber nach und nach entschauerten und knöpften sie sich einer nach dem Andern auf. Wir plauderten über Petersburg, Paris, die Mars . . . und ich fand zuletzt so sehr Gnade vor den Weltlust verachtenden Augen, daß die Frau Marquise mir die Hand drückte und ver¬ sicherte: sie würde alle meine Debüts besuchen. . . »Ah, vous jouerez la jeune maraine? On dit: une char¬ mante pièce . . . mais la jeune maraine — est elle bien éleevée?« Ich konnte mit gutem Gewissen sagen, daß die junge Pathin eine sehr wohlerzogene Person sei. Bei dem berühmten Orientalen Hammer-Purgstall fühlte ich mich dagegen gleich heimisch. Hier lernte ich alle Größen der Kunst und Wissenschaft des damaligen Wien kennen. Mit dein feinsten Takt und unermüdlicher Liebenswürdigkeit verstanden Wirth und Wirthin es, alle Gäste des vielgesuchten gastfreien Hauses mit einander bekannt zu machen. Fürst Gortschakoff, erster Attach é der russischen Ge¬ sandtschaft, machte mir auf den Empfehlungsbrief des Fürsten Wolkonski in Abwesenheit seines Chefs in feinster und zuvorkommendster Weise die Honneurs seines Landes, dem ja auch ich drei Jahre hindurch mit Vergnügen an¬ gehört hatte. Ein echter Kavalier, mit den elegantesten Manieren, rundem, behaglichen Gesicht, sanften Zügen, gütigem Lächeln, großen klugen Augen, geistvoller, ja bezaubernder Unterhaltung — machte der Fürst schon damals den Eindruck einer bedeutenden Persönlichkeit. . . Aber er selber ahnte wohl noch nicht, daß er berufen sei, als Diplomat eine so große und für ganz Europa so ein¬ flußreiche Rolle auf dem politischen Welttheater zu spielen! »En d'autres villes on mange – ce n'est qu'à Paris qu'on dine« — sagt Alexander Dumas, der größte Epikuräer an der Seine, irgendwo. Als er dies niederschrieb, kannte er die lustige Kaiserstadt an der Donau noch nicht, sonst hätte er zu Gunsten Wiens sicher eine Diner-Ausnahme gemacht. Ich wenigstens habe selbst in Paris nicht so köstlich und so angenehm dinirt, wie in Wien sogar in den öffentlichen Lokalen. Schon daß es im »Erzherzog Karl« keine langen und langweiligen tables d'hôte gab, an denen man mit wildfremden und oft recht unerquicklichen Leuten, von der Laune des Kellners bunt zusammengewürfelt, pflichtschuldigst die lange Speise¬ karte abhaspelt, gefiel mir außerordentlich. Wir saßen da mit guten Freunden nach unserer Wahl an kleinen, elegant und appetitlich servirten Tischen zusammen, und nach unseren Wünschen war das reizendste kleine Diner schnell zusammengestellt. Häufig »dinirten« wir mit unseren Freunden auch in irgend einem der schönen Gärten im Prater oder in den Vorstädten Wiens unter den kühlen Bäumen und unter den entzückenden Melodien von Strauß und Lanner an solchem Tischchendeckdich. Besonders eins von diesen kleinen improvisirten Diners ist mir unvergeßlich. Unsere Tischgenossen waren der liebens¬ würdige Dichter der »Todtenkränze« — der »nächtlichen Heer¬ schau« und des »Sterns von Sevilla«: der Kammerherr des Kaisers Joseph Freiherr von Zedlitz, die Herren von Dalberg und Varnhagen, Dr. Witthauer und Frau Brede. Die Nord- und Süddeutschen sprühten bald im brillan¬ testen Witzkreuzfeuer: pro et contra Berlin oder Wien! Jeder wußte einen Vorzug seiner Stadt in das beste Licht zu stellen. Als ich an die Reihe kam, meine Lanze zu werfen, sagte ich: »Von Politik verstehe ich nichts und bin auch herzlich froh darüber. Aber so viel ich in dieser kurzen Zeit vom Wiener Leben gesehen habe, so hat Berlin einen Vorzug vor Wien: — den der — ästhetischen Verehrer von uns Künstlerinnen!« »Ah! — wie so? — wie sollen wir das verstehen?« »In Berlin giebt es solche Verehrer zu Dutzenden, die den Künstlerinnen Abends nach dem Theater am Wagen eine zierliche, anbetende Verbeugung machen — und schon für unendlich kühn gelten, wenn sie Sonntag Mittags nach der Kirche in feinster Tournüre ihren Angebeteten eine Stutzvisite machen, ein Bouquet über¬ reichen oder ein Gedicht auf rosa Seidenpapier durch die Post überschicken. . .« »Und« — fiel Witthauer fast wehmüthig ein — »unendlich glücklich sind, wenn sie auf den Geburtstags¬ tisch einer verehrten Künstlerin einen blühenden Rosen¬ stock stellen dürfen. . .« Gerührt reichte ich dem treuesten der Freunde die Hand. Schon lange hatte ich bemerkt, daß ein schlanker, blonder und auf's Zierlichste herausgeputzter Jüngling, der am Tischchen neben uns saß und uns durch Baron Zedlitz als Graf B. L. vorgestellt war, diesem Gespräch mit der größten Spannung — ja Verwunderung gefolgt war. Schon mehr als einmal hatte er sein duftendes Lockenköpfchen bedenklich geschüttelt — jetzt hielt er sich nicht länger, trat an unseren Tisch und sah mich mit seinen weitaufgerissenen grünlichen Augen schier entsetzt an: »Erlauben's, meine Herrschaften, daß i auch a Wörtl mitschwätz — denn die Lieb ist mei Passion. . . Wie mi aber scheint, ist die Red von der romantischen Lieb?« Wir lachten herzlich und Witthauer flüsterte mir zu: »Ein berühmter Wiener beau !« »Ja, Herr Graf,« sagte ich — »von der einzig wahren — ewigen Liebe. . .« »Jetzt lassen's mi aus, mei Gnäd'ge« — lachte der beau — »die langweil'ge Geschicht' von der ewigen Lieb hab' i auch schon a mal mitgemacht, bin aber bald gründ¬ lich davon kurirt word'n. . . I war in die allerliebste kleine Peche sterblich verliebt, hab' g'seufzt und g'schmacht zum Erbarmen, Blumen und G'dicht geschickt. . . bis i vor Lieb ganz blaß und mager g'worden bin. . . Abers nach drei Wochen hab i g'sehn, daß diese romantische ewige Lieb a groß Dummheit ist und mi vorgenommen, nie mehr romantisch und ewig zu lieben. . .« Ich mußte so unaufhaltsam lachen, daß der beau fast verlegen wurde und nicht recht wußte, ob er meine Heiterkeit übel nehmen oder einstimmen sollte. Zum Glück zog er vor, das Letztere zu thun. Die Mutter lenkte auf ein weniger gefährliches Thema ein — wir sprachen über die Vorzüge von Strauß und Lanner. Ich hatte Beide oft im Prater gehört. Es war eine Lust, Strauß seine Tänze dirigiren zu sehen: den kleinen, beweglichen Mann mit der kleinen Zaubervioline in der Hand: er hüpfte, nickte, geigte, wiegte sich in zitternder Aufregung nach den berauschenden Tönen. Das Orchester leistete Vorzügliches, Oberon's Horn konnte nicht zaube¬ rischer zum Tanzen einladen. »Wer g'fällt Ihna halt besser — der Strauß oder der Lanner?« fragte mich unser beau . »Ich höre Beide gleich gern — aber tanzen möchte ich mit dem besten Tänzer nach Strauß — mit dem liebsten nach Lanner. Die Walzer von Strauß sind frohsinniger — die von Lanner poetischer — gefühl¬ voller. . .« Der beau sah mich an, als wollte er sagen: »Ihr Norddeutschen seind doch halt a närrisch Volk mit eurer romantischen ewigen Lieb und poetischen gefühlvollen Musik — i freu mi sehr, daß i a lustig Wiener bin.« — Es war die höchste Zeit, an mein kontraktlich ver¬ sprochenes Gastspiel in Pest zu denken. So hieß es denn auf einige Wochen von der lustigen Kaiserstadt an der schönen Donau scheiden. An einem flimmernden Junimorgen rollten wir also zum Thore hinaus — Ungarn zu. Die Mutter und ich, Hündchen Cora und Papagei Coco saßen im Wagen, der Diener neben dem Postillon auf dem Bock. Die ungarischen Postillone sind flink und sehen in ihren malerischen Kostümen gar schmuck aus. Sie fahren fast ebenso toll, wie die russischen, nur daß dies auf der schmalen, hochgewölbten Chaussee, zu beiden Seiten tiefe Gräben, spärlich mit melancholischen alten Weiden eingefaßt, viel gefahrvoller für uns war, als auf den russischen Ebenen. Da half kein Bitten und Befehlen — wie die wilde Jagd ging's weiter, oft mit zwei Rädern schon im Graben. Aber wirklich lebensgefährlich wurde diese Fahrt, als uns einige Meilen vor Pest auf dieser schmalen Straße eine Heerde von 5—600 ungarischen Ochsen entgegenkam. Es waren große, prächtige Thiere, schneeweiß, mit geraden, abstehenden Hörnern, jedes wohl eine Elle lang. Anfangs ergötzte mich dies weißwogende lebende Meer um uns her, wenn die schönen Thiere den Kopf mit den großen, feuchtglänzenden Juno-Augen neugierig in den Wagen steckten. . . Aber Cora und Coco schienen weniger Geschmack an den Fremdlingen zu finden — sie bellten und schimpften nach Kräften auf die Gehörnten ein und zur Abwechslung pfiff Coco sein Bravourstück — das Jägerlied aus dem Freischütz. . . Da stutzten die Schlepp¬ füßler und wie ein Pallisadenzaun starrten uns die Hörner entgegen. . . »Still — zudeck — muckstill — oder wir sein kaput!« schrie der Postillon in seinem gebrochenen Deutsch und griff nach einem Weidenast, als wolle er sich hinauf¬ schwingen. Zum Glück für uns konnte er diesen Zu¬ fluchtsort nicht erreichen — der Gute hätte uns sicher unserem Schicksal und den Gehörnten überlassen. Der Diener saß halb ohnmächtig auf dem Bock. Ich deckte geschwind ein Tuch über Coco's Käfig. Die Mutter beruhigte Cora. . . und die Ochsen öffneten uns gro߬ herzig eine schmale Gasse. Ich hörte späterhin erst, welch' einer großen Gefahr wir entgangen seien. Denn wär mir ein einziger Ochse wild geworden und hätte uns mit seinen Hörnern attaquirt, so wären seine lieben Kollegen unzweifelhaft seinem Beispiele gefolgt — und mit meinen Kunstreisen wäre es wohl auf immer vor¬ bei gewesen. Die Schwesterstädte Pest-Ofen gefielen mir ungemein; besonders Ofen liegt sehr malerisch auf dem Berge. Die Straßen machen einen freundlichen, großstädtischen Ein¬ druck und sind mit den schönsten, stolzen, feurigen Menschen belebt. Sogar die Juden sehen hier weniger — jüdisch aus, als in Posen. Aber welch' einen Schreck bekam ich, als ich bei der ersten Probe das Pester deutsche Theater betrat! Die Bühne ist über nochmal so breit und tief, als im Berliner Opernhause, das Proszenium wie ein trostlos kahler Exerzirplatz und der Zuschauerraum kaum zu übersehen. Dabei ist das Haus so gegen alle Regeln der Akustik gebaut, daß, wenn der Schauspieler nicht mit ganzer Lungenkraft schreit, er von vornherein darauf verzichten muß, auch nur vom ersten Parterre verstanden zu werden. Darum dominirten anno 1834 in Pest auch die Oper, Spektakelstücke und Lokalpossen. Von meinem ersten Auftreten als Donna Diana schweige ich am besten. Wie verrathen und verloren kam ich mir auf der Riesenbühne vor und geisterhaft klang mir meine eigene Stimme in diesem weiten, öden Raum. Ich hätte keine unglücklichere Wahl treffen können, als dies graziöseste, feinste aller Lustspiele. Alle poesieduftigen, zarten Nüancen verflogen spurlos in der Leere und Hohlheit des Raumes und — der Augen, Ohren und Herzen des ungarischen Publikums, obgleich die deutschen Zuschauer mir redlich ihre Theilnahme zeigten, Verzweiflungsvoll griff ich zu stärkeren Mitteln — und zwar zum »Letzten Mittel« der Frau von Weißen¬ thurn. Ich gab die Baronin Waldhüll . . . und mußte das lieblich verschämt zu mir selber gesprochene: »Er kommt — er kommt gewiß!« laut in's Parterre hinab¬ schreien , um nur dort wenigstens verstanden zu werden . . . und er, der Geliebte, der es doch nicht hören sollte, stand wenige Schritte von mir. . . Mich wundert heute noch, daß ihm das Trommelfell nicht gesprungen. Mir war das Weinen längst näher, als das Lachen. In dieser Stimmung erklärte ich dem Direktor, daß ich auf dieser Bühne auf poetische Liebhaberinnen und zarte Salondamen verzichten müsse. . . »Aber was dann, mein Fräulein?« »Probiren wir einmal »Kartoffeln in der Schale« — da kann Ihr werthes Publikum mich doch sentimental- naiv Kartoffeln schälen und kindlich hüpfen sehen, wenn es auch keine Sylbe versteht« . . . sagte ich mit wahrem Galgenhumor. Aber auch sogar das »Hüpfen« sollte mir in Pest verleidet werden und mir fast meine Lunge kosten. Es ging mit dem kartoffelschälenden, kindlich naiven Suschen Anfangs über Erwarten gut. Bis zur Fenster¬ szene hatte ich mich glücklich durchgearbeitet und — durchgeschrieen. . . Nun ging das Hüpfen los und ich hüpfe auch mit Bravour und seelenvergnügt, daß ich die seidene Schürze, mit der ich später meinen geliebten Alonso be¬ zaubern will, glücklich in den Spitzenkarton hineinpraktizirt habe, unter jubelndem Beifall des Hauses auf die Thür zu — weiter und immer weiter. . . Endlich, nach einer wahren Reise, habe ich die Thüre erreicht und schöpfe draußen tief Athem, froh, daß auch dies Martyrium glücklich überstanden ist. . . Aber, o weh! Suschens Hüpfen hat vor den feurigen Augen und martialischen Schnauzern der edlen Magyaren Gnade gefunden. . . Sie rufen und rufen Eljen! und klatschen und trampeln und klatschen — und das arme Suschen muß wieder auf die Bühne hüpfen und ihren Dank knixen und hüpft dann wieder ab . . . und so noch ein halb Dutzend Mal von vorn an, bis meine arme Lunge ihren letzten Hauch Athem geopfert hat. . . Und als die Tante Suschen dann auffordert, im Zimmer zu bleiben und ihren Traum zu erzählen . . . ja, da kann sie nicht »jappen« und muß die Tante und das hochgeehrte Publikum erst panto¬ mimisch um Geduld bitten, bis sie ein wenig Athem geschöpft hat . . . und dann geht das in infini¬ tum wieder von vorn an und die tapferen Magyaren rufen wieder Eljen und Dacapo und klatschen und trampeln, und Suschen muß wieder fünf bis sechs Mal vorhüpfen und knixen. . . Endlich liegt Suschen halb todt in ihrem Garderobezimmer auf dem Divan und hat Weinkrämpfe und wünscht sich selber tausend Meilen fort — und wär's in das Land, wo der Pfeffer wächst — gleichviel, nur fort. . . Als ich mich dann bitter darüber beklagte, daß die Hinterwanddekoration so unendlich weit zurückgehängt sei — sagte der Maschinist ganz ruhig und harmlos: »O, Ihnen zu Liebe haben wir die Dekoration heut viel näher vorgerückt, als sonst. . .« »So? — Da wundere ich mich auch nicht mehr, daß die Schauspielerinnen hier nur noch lispeln können. . . Schade nur, daß Dante die Pester deutsche Bühne nicht gekannt hat, er hätte ihr in seiner »Hölle« sicher den hervorragendsten Platz als Marterort für sündige Schau¬ spieler angewiesen. . .« Naive Hüpfrollen wollte ich nun auch nicht mehr riskiren. Bereitwillig ging der Direktor sein ganzes Repertoir mit mir durch. Als ich auch »Waise und Mörder« fand — da jubelte ich auf: »Ich spiele den stummen Viktorin — da brauche ich weder zu sprechen noch zu hüpfen . . . o, wenn ich auf Ihrer Bühne doch nur in solchen Rollen auftreten könnte!« Der Gute lächelte verlegen. Er fühlte die Mis è re des deutschen Theaters in Pest nur zu gut, aber er wußte keinen Rath. Ich spielte den stummen Viktorin mit aller Lust und Leidenschaft — und obgleich das feinere Mienenspiel natürlich fast ganz für das Publikum verloren ging, so zeigte es sich doch sehr freundlich gegen die arme Waise. Dann trat ich noch in einigen Birch-Pfeiffer'schen Stücken auf, die damals auf der Höhe ihrer Beliebtheit standen. In den »Günstlingen« amüsirte mich und das ganze Haus ein komisches Intermezzo, wie es aber auch nur in — Pest vorkommen konnte. Die Herren Studenten und Offiziere brachten nämlich ganz famili è rement ihre vielgeliebten Hunde mit in's Theater. Daß sie ihre noch vielgeliebteren Pferde zu Hause ließen, erkenne ich noch heute als ungemein rücksichtsvoll mit großem Dank an. Plötzlich — im zweiten Akt der »Günstlinge«, bei einer sehr sentimentalen Szene, höre ich in weiter Ferne einen Hund bellen . . . und sehe gleich darauf etwas Weißes durch die Luft fliegen. . . . Es war auch ein »Günstling« — ein großer Pudel. Er war im Zwischen- Akt seinem Herrn, einem Studenten, aus dem Parterre in den zweiten Rang gefolgt; solche Visiten gab's auch während des Spiels. Dort hatte der vierbeinige Günstling sich so gut mit einem anderen Pudel unter¬ halten, daß er nicht bemerkte, wie sein Herr fort¬ ging. Erst während meiner Szene auf der Bühne war es ihm eingefallen, sich nach seinem Herrn umzusehen. Er fand ihn nicht mehr in der Loge und die Thür ver¬ schlossen. Heulend stellte er sich mit den Vorderfüßen auf die Logenbrüstung — da rief ihm sein Gönner aus dem Parterre ein helles, ermuthigendes »Ici, Caro, ici!« zu — — und Caro sprang kurz entschlossen unter dem Erinnerungen ꝛc. 19 großen Jubel des ganzen Hauses aus dem zweiten Range in's Parterre hinab und so geschickt auf den Kopf einer alten fetten Jüdin, daß er ihre Dormeuse und ihren ganzen Schatz falscher Rabenlocken mit sich fortriß. . . Das ganze Haus brach natürlich vor Entzücken in einen rasenden Beifallsturm aus. Aber ich sollte in Pest noch reichere Bühnen¬ erfahrungen machen und zum ersten Mal mit einem — geprügelten Liebhaber spielen. Schon in der Probe von »Maria Petenbec« bemerkte ich, daß mein feuriger Verehrer stets die linke Seite des Gesichts mit seinem Taschentuch bedeckt hielt. »Haben Sie Zahnschmerzen, Herr Grohmann?« fragte ich theilnehmend. »Das gerade nicht,« sagte er etwas verlegen und lüftete ein wenig das Tuch. Ich sah große blaugrüne Flecken. Noch immer arglos sagte ich: »Sie hätten sich die Augen aus dem Kopf fallen können — gewiß ist diese entsetzliche Bühne Schuld daran. . .« Da lächelte er — über meine Unschuld. »Auch das nicht! Ich gerieth nur gestern Abend in einer Wein¬ stube mit einigen Studenten in Streit über Deutschthum und Magyarenthum . . . und zuletzt blieb es nicht bei Worten. Aber Bruder Studio hat auch seine Püffe bekommen. . .« »O weh! — Da werden Sie sicher heute Abend ausgepfiffen und — ich mit Ihnen. . . Es muß entsetzlich sein, einem pfeifenden Hause gegenüberzustehen — voll¬ ständig machtlos. . .« »Haben Sie sich das noch nicht versucht, liebes Fräulein?« fragte Grohmann wie erstaunt. »Mir ist das schon oft passirt und ich bin nicht daran gestorben. . . Aber seien Sie ganz ruhig,« fügte er fast mitleidig lächelnd hinzu — »bis heute Abend ist Alles wieder in bester Ordnung. Gleich nach der Probe feiern wir ein kleines Friedensfest in feurigem Ungarwein!« »Nur nicht zu feurig, wenn ich bitten darf« — rief ich, schon wieder an eine neue Gefahr denkend: daß aus dem geprügelten auszupfeifenden Liebhaber ein stark angesäuselter werden könne! Ja, man mußte in Pest auf Alles gefaßt sein. Doch es ging über Erwarten gut. Der Blau¬ geprügelte war nur ein wenig — angeheitert. Er wurde von den zahlreich im Stehparterre anwesenden Studenten glänzend empfangen und mit mir nach jeder Szene gerufen. »Sehen Sie,« sagte er triumphirend zu mir, »daß ein paar blaue Flecken auch ihr Gutes haben und daß man in Pest zu leben versteht — leben und leben lassen!« Aber nicht alle Mitglieder der deutschen Bühne sahen das Pester Leben in so rosigem Licht und lebten es so leichtlebig mit, wie Herr Grohmann. Ich hatte mich gefreut, eine Tochter meiner guten alten Berliner Freundin, Frau Krikeberg, bei der Rahel so gern Lebens¬ weisheit suchte und fand, als Frau Dehni in Pest zu finden. Sie war für das Charakterfach und Anstands¬ 19 * damen engagirt — und seufzte die Zeit herbei, wo ihr Kontrakt zu Ende und sie nach Deutschland zurückkehren könne. »Selbst nach Jahren fühlt der Deutsche sich hier — stets in der Fremde. Gemüthliche Geselligkeit ist in Pest nicht zu finden, nur ein wildes Jagen nach Ver¬ gnügen.« »Aber schön ist diese Race« — sagte ich. »Wie imposant und feurig elastisch schreitet die Jugend einher, die schlanken, graziösen Gestalten durch malerisch kleid¬ sames Kostüm noch gehoben — dazu diese ideal schönen Züge — blitzenden Augen — über dem zierlich gewölbten Munde mit den lachenden Zähnen das keckste Bärtchen. . .« »Und wenn dieses reizende Mündchen sich öffnet und der kostbare Schnauzer sich kräuselt . . . dann ent¬ fliehen dem Gehege dieser lachenden Zähne die geistvollen Worte: Pferde — Frauen — Hunde — Pfeifen . . . und: »Rückwärts! rückwärts! Don Rodrigo, Rückwärts! rückwärts! edler Eid!« . . . Pfeifen — Hunde — Frauen — Pferde. . .« Frau Dehni mußte traurige Erfahrungen mit diesen schönen kühnen Schnurrbärten gemacht haben! Mir gegenüber entkräuselten sie sich nur in liebens¬ würdigster, achtungsvollster Weise. Mein Gastspiel in Pest gehört zu den beifallrauschendsten, die ich kennen lernte. Vierzehn Mal spielte ich vor dichtbesetztem Hause — und doch war ich überfroh, als ich mich endlich glücklich durch diese Herkulesaufgabe durchge—schrieen hatte. Käthchen von Heilbronn war meine letzte Rolle. Ob das Publikum von der poetischen Traumszene unter dem Hollunderbusch auch nur ein Säuseln gehört hat — ich glaube es kaum. Mir war zuletzt Alles furchtbar egal geworden. »Mutter« — sagte ich nach der Vorstellung auf¬ athmend — »nachdem ich dies Gastspiel überwunden habe, muß mir jede Aufgabe der bretternen und der erdigen Welt leicht werden!« Gleich nach der Vorstellung fing ich an zu packen. Schon in der Frühe wollten wir Pest verlassen. Da ertönte unter meinem Fenster die herrlichste Militair¬ musik. Die Offiziere, denen ihre weiß-grünen Uniformen gar schmuck standen, brachten mir ein Ständchen. Das stimmte mich sehr fröhlich — aber es mußte doch weiter gepackt werden. Nach den brausenden Klängen eines Galopps chassirte ich mit Käthchens altdeutscher Haube nach dem Hutkasten — ihr Brautkleid wurde in den Koffer gewalzt. Die Gulden, mit denen ich die Gasthof¬ rechnung bezahlte, hüpften nach den sprühenden Tönen eines feurigen Csardas. Mein dankendes Grüßen vom Fenster aus brachte mir deutsche Vivats und ungarische Eljens ein. Ich habe Pest nie wieder gesehen, aber mich herzlich gefreut, als ich kürzlich in den Zeitungen las: das deutsche Theater in Pest wird abgebrochen, obgleich Felicitas von Vestvali, dieser moderne Hamlet und Romeo, eine sehr bedeutende Pachtsumme darfür geboten hat. Was aber wohl Ludwig Devrient und Pius Alex¬ ander Wolff — oder Auguste Stich und Amalie Wolff dazu gesagt hätten, wenn ihnen ein weiblicher Hamlet hätte über ihre liebe, so hoch gehaltene Bühne stolziren wollen. . . oder gar William Shakespeare? Ja, die Zeiten sind sehr — sehr anders geworden! Meine Ferien bis zu meinem Wiener Gastspiele verlebten wir in dem reizenden Baden bei Wien. Das war so recht ein grünes, friedliches Plätzchen, das Pester Martyrium zu vergessen und davon auszuruhen. Durch das liebliche Thal mit den sauberen Bauernhäuschen und zierlichen Villen führt ein anmuthiger Promenaden¬ weg. Sonntags war hier das ganze lustige und glän¬ zende Wien zu sehen: an der Spitze Kaiser Franz mit den Prinzen und Prinzessinnen. Auch in der Woche kam der leutselige Monarch manchmal nach Baden. Er war hier, wie in Wien, die populärste Figur, und sah so recht väterlich wohlwollend aus. Und doch er¬ zählte man sich lachend, daß er sich von seinen Ministern — seine Fasserl nicht aufschlagen ließ. Die Minister waren nämlich, wie gerade nicht selten, in der größten Geldklemme. Sie stellten sogar Staatsbankerott in Aussicht, wenn der Kaiser nicht mit seinem großen Privatvermögen, das in Fässern in den Gewölben der Burg lagerte, zu Hülfe käme. Doch der Kaiser hatte auf alle Bitten und Vor¬ stellungen nur die eine Antwort: »Machen's was Sie wollen — aber mei Fasserl laß i nit aufschlag'n!« Der gute Franz hatte überhaupt seine eigene Art, sich aus der Affaire zu ziehen. Als der kleine Herzog von Reichstadt – der unglückliche König von Rom, der Sohn Napoleon's und Marie Louisens von Oestreich, der nun auch schon seit zwei Jahren in der kaiserlichen Gruft bei den Kapuzinern in Wien von seinen Königs¬ träumen und Erdenschmerzen ausruhte — als Knabe seinen Großvater einst fragte: »Warum hast Du denn meinen lieben Papa auf die häßliche Felseninsel geschickt, daß ich ihn gar nicht sehen kann?« — da antwortete ihm Kaiser Franz sehr ruhig: »Weil dein Papa nit gut 'than hat — und wenn Du nit gut thust, kommst auch nach St. Helena!« Als aber der Knabe ihn mit seinen großen, schönen, traurigen Augen ansah und ernsthaft sagte: »Gro߬ papa, sag' mir, wie ich's mach', ich will auch nit gut thun — daß ich zu meinem Papa komme, der hat mich doch viel lieber gehabt, als ihr Alle. . .« Da ging dem guten Franz doch die Weisheit aus — und er sagte ehrlich: »Da frag' Dei Mutter, die weiß das, wie's g'macht wird — die will halt auch nit gut thun!« Ich schrieb damals von Baden aus an meinen Bruder: »Der Thronerbe (der spätere Kaiser Ferdinand I .) ist unschön. Seine kleine plumpe Gestalt mit dem großen Kopf fällt neben seiner ideal schönen Gemahlin — einer rührenden Erscheinung mit feinen, blassen, milden Zügen — nur noch mehr auf. Aber er schaut so gutmüthig und wohlwollend darein, daß ich mich redlich bemühe, seine Unschönheit gar nicht mehr zu sehen. — Fürst Metternich hat die Haltung eines Königs und die Augen eines klugen Ministers. Die Fürstin, seine zweite Frau, ist jung, blühend und sehr graziös — aber sie sieht stolz und selbstbewußt aus. Dazu paßt prächtig die kleine Geschichte, die mir hier erzählt wird: Der Marquis St. Aulair, der Gesandte des Bürgerkönigs Louis Philipp, machte der Fürstin einst das Kompliment: »Welch' ein prachtvolles Diadem schmückt Ihre schöne Stirn!« Stolz antwortete ihm die Fürstin: »Es ist wenig¬ stens kein — geraubtes, wie das mancher Könige!« Sogleich eilte der Marquis zum Fürsten Metternich, erzählte ihm das Vorgefallene und sagte: »Mein Fürst, nach einer solchen Beleidigung meines Königs von der Gattin des östreichischen Staatskanzlers werde ich nach Paris schreiben müssen und um meine Abberufung bitten!« Wie diplomatisch fein war Metternich's Antwort! Dem Marquis die Hand reichend, sagte er mit milder Würde: »Mon cher Marquis! J'ai aimé ma femme, je l'ai choisie, mais — je ne l'ai pas élevée!« Und der Marquis war besänftigt. Dies erinnert mich an eine hübsche kleine Geschichte, die später Franz Liszt mit der stolzen Fürstin Metternich passirt ist. — Liszt war an die Fürstin empfohlen und machte ihr in Wien seinen Metternich's Töchter sind schlank, blond, und mehr anmuthig lieblich, als schön. Graf Sandor ist stets an der Seite seiner Angebeteten. Im Uebrigen betet der hohe Adel hier in — ungenirtester Weise an. »Wer ist die schöne, glänzende Amazone, die dort mit dem jungen, eleganten Kavalier reitet?« fragte ich. »Die Gräfin P. . . .« »Sicher ein sehr glückliches junges Ehepaar. Sie sind unzertrennlich, wie zwei Turteltäubchen!« sagte ich theilnehmend. »Ja, ja, glücklich wohl — und ein Turteltäubchenpaar auch — aber kein Ehepaar. . . Er ist der Fürst Tr. . .« Besuch. Er wurde angenommen und in einen Salon geführt, in dem die Fürstin sich mit einer andern Dame lebhaft unterhielt. Ein vornehmes Kopfnicken erwiderte den Gruß des damals schon welt¬ berühmten Künstlers — eine graziöse Handbewegung lud ihn ein, Platz zu nehmen. Aber vergebens wartete der stolze und verwöhnte Mann darauf, daß ihm der Besuch vorgestellt und ihm Gelegenheit geboten werde, an der Unterhaltung Theil zu nehmen. . . Die Fürstin unterhielt sich mit der Dame ruhig weiter, als ob Franz Liszt gar nicht auf der Welt, — am wenigsten in ihrem Salon vorhanden sei. . . und beehrte ihn endlich mit der kühlen, nachlässig hingeworfenen Frage: »Sie gaben in Italien Konzerte — haben Sie gute Geschäfte gemacht?« »Fürstin, ich mache Musik und keine Geschäfte,« war die stolze Antwort des Künstlers — eine kühle Verbeugung — und er verließ den Salon. Auch hier zeigte sich Fürst Metternich als vollendeter diplomatisch feiner Weltmann. Bei dem ersten Konzert Liszt's in Wien ging er zu ihm auf die Musikbühne, drückte ihm herzlich vor aller Welt die Hand und bat leise, mit einem graziösen Lächeln: »Ich hoffe, Sie werden meiner Frau eine Flüchtigkeit der Sprache verzeihen. . . Sie wissen ja, wie die Frauen nun einmal sind. . .« »Und Graf P. . . was sagt der dazu?« Dort fährt er die Tänzerin G . . spazieren!« Ja, man lebt, promenirt, liebt und — badet hier wunderbar gemüthlich in dem Wienerischen Baden. Ich habe die Mutter heute Morgen in ihrem warmen Bade¬ salon besucht und bin fast gestorben vor Lachen. Denke Dir ein großes, luxuriös ausgestattetes Bassin, in das natürlich-warmes Wasser fortwährend aus dem Boden emporquillt. In dem Bassin promeniren oft 20—30 Männlein und Weiblein, in lange, weite Bademäntel gehüllt und bis an's Kinn im heißen Wasser. Da hier der Toilettenluxus natürlich sehr erschwert ist, ist alle Kunst auf die Frisur verwendet. Damen und Herren sind auf's Schönste und Modernste frisirt — als wollten sie zu Ball gehen. Und dabei die heiterste und lebhafteste Unterhaltung zwischen den Badenden und den Gallerie¬ besuchern. — Noch viel ungenirter geht es bei den kalten Flußbädern zu. Die Schwimmlehrer, die auch bei den Damenbädern das Regiment führen, erinnern mich an das Wort jener Dame, die eine junge Freundin, als diese sich in Ostende sträubte, von dem Bademeister sich in's Meer tragen zu lassen, damit beruhigte: »Kind, weißt Du denn das noch nicht? Doktoren, Kammerdiener, Friseure, Schneider und Bademeister sind für uns gar keine Männer!« Unsere Schwimmlehrer behandeln die stattlichsten und hochsommerlichsten Madams, wenn die sich noch an die Schwimmleine wagen, wie Kinder. Eine solche Szene werde ich nie vergessen. Eine sehr, sehr dicke, mittelalterliche Jüdin war zum ersten Mal an der Leine und geberdete sich überaus zimperlich. Von der Leine gehalten, lag sie zappelnd auf dem Wasser. »Jetzt schaun's zu, Ihro Gnad'n — jetzt laß i los . . .« Kaum hatte die Gute jedoch die Nase in's Wasser gesteckt, so schrie sie mörderlich: »Halt! halt! i ersauf' — i ersauf'. . .« »Warum net gar! Bei mi ist erst a anzigs ersauft, un die hat net parirn woll'n un war mager wie die magerste von Pharao's Kühen — und Ihro Gnad'n seind fett, wie i no kane g'habt hab, und das Fett hält Ihna schonst allain oben. . . So, nun müssen's sich auch, bewegen wie'n Fröschli, erst Handerl, dann Füßerl — so, Ihro Gnad'n. . . Schaun's? Das Fett schwimmt ganz allein — eins — zwei — drei — recht so, mei Krötli, patscherln schon panz passabel. . .« Und die Hochsommerliche glänzte vor Stolz über dies Lob und vor — Fett. . .« Soweit jener alte Brief. Interessant war ein ländlicher Ball, den die Fürstin Metternich als Dame patronesse in Baden zu einem wohlthätigen Zweck veranstaltete. Das ganze vornehme und elegante Wien war dazu herausgekommen. Die Patronin strahlte im weißen, duftigen Spitzenkleide mit frischen Granatblüthen als Ballkönigin, ihre Stieftöchter im weißen Musselin blühten wie liebliche Blumen. Lange englische Locken waren die beliebteste Frisur — und nach wenigen von Strauß und Launer abwechselnd gespielten Tänzen glichen alle Tänzerinnen — der armen Ophelia in der letzten Szene. Es wurde nicht getanzt — sondern gerast. Davon zeugten auch die abgetretenen Schleppen, verlornen Blumen und — sogar einen weißen seidenen Schuh sah man fliegen. Aber es sollte nicht nur für die Armen getanzt, sondern für sie auch Komödie gespielt werden. Die Burgschauspieler wirkten alljährlich bei dieser von dem Ortsvorstande veranstalteten Vorstellung mit, und der geniale Charakterkomiker Korn bat auch mich um meine Unterstützung. Ich sagte gern zu — war es doch gleich¬ sam eine Art Vorspiel zu meinem Gastrollencyclus am Burgtheater. Ich wählte die Salondame in dem feinen, aus dem Französischen übersetzten Lustspiel: »Zwei Jahre verheirathet!« — und die letzten Akte der »Hagestolzen«. War doch die »Margarethe« in diesem liebenswürdigen Iffland'schen Stück mein erstes und mich so glückbe¬ rauschendes Debüt zu Karlsruhe, und ich durfte ja so dankbar auf die zwölf Jahre Bühnenleben zurückblicken, die zwischen der ersten kindlichen Margarethe und der jetzigen lagen. Vielleicht brachte mir diese Glücksrolle jetzt bei den Wienern auch ein freundliches Gesicht ein! Ich sollte nicht fehlgegriffen haben. Kaiser Franzerl sagte nach den »Hagestolzen« zu seiner Tochter Marie Louise, die einst Kaiserin der Franzosen war, und deren Oberhofmeisterin mit uns in demselben Hause wohnte und mir das hübsche Wort gleich wieder erzählte: »Schau, Louiserl, das war an ganz herzig's Mar¬ garethe! . . .« und nach den »Zwei Jahren verheirathet« hatte der Kaiser kritisirt: »I hab' das Fräulein gern g'sehn — sie spielt so comme il faut !« Anschütz war in den Hagestolzen aber auch ein herziger Hofrath, so treu und innig und wahr, ganz wie meine verehrten Meister aus der alten Schule, — und bessere Partner als Korn und Herzfeld . . . und einen genialeren Schneider, als den Herrn VON Bär hätte ich nur für das Salonstück nicht wünschen können. Ja, ich hatte mir die Winke über die jetzige »Mode- Epoche« am Wiener Burgtheater wohl gemerkt, und der ewig hungrigen Göttin Mode und ihrem mammon¬ dürstenden Oberpriester Bär, wenn auch mit schwerem Herzen, meine so mühselig in Pest erschrieene Gastspiel¬ gage bis auf den letzten Heller zu Füßen gelegt für — drei »himmlische« Salondamen-Anzüge zu den »Zwei Jahren verheirathet«. Der Herr von Bär hatte sich in Wien längst den Ruf eines Zauberers erworben, in dessen Kleidern Hä߬ liche schön — Bucklige »wie eine Tanne so schlank« — und Schöne wie — Engel aussähen . . . und neben dieser Berühmtheit auch natürlich ein ganz anständiges Ver¬ mögen. Dies Wunder von Schneidermeister besuchte seine Kunden in elegantester Equipage, versammelte Sonntags in seinem glänzend eingerichteten Hause ein Quartett und spielte selber dabei »zu seiner Erholung« die erste Geige. Nicht ohne Herzklopfen machte ich diesem Wundermann meine Visite. Er sah mich mit scharf prüfendem Blick von oben bis unten an und lächelte wohlgefällig. Als ich ihm bescheiden meine »Wünsche« über Farbe und Stoffe mitgetheilt hatte, fing er ein — Kunstgespräch an. Endlich mußte ich mir doch erlauben, den Herrn von Bär in zartester Weise zu bitten, ob er nicht die Güte haben wolle, mir nun auch Maß zu nehmen. . . Da richtete er sich würdevoll auf, sah mich noch einmal mit dem unfehlbaren Blick eines Imperators von oben bis unten an und sagte: »Mein gnädiges Fräulein, ich nehme nie Maß — nie!« »Aber — aber wie,« — stotterte ich, denn ich glaubte unbewußt ein Kapitalverbrechen gegen den großen Mann begangen zu haben. »Mein gnädiges Fräulein, ich sehe die Damen nur einmal an — ich habe auch Sie bereits angesehen und ich garantire Ihnen: die Kleider sitzen wie angegossen. . .« Ich war vernichtet! Aber der Herr von Bär rächte sich nicht für meinen Frevel, daß ich ihn in eine Ideenverbindung mit einem ganz ordinären Schneidermaß bringen konnte — — die drei Toiletten saßen »wie angegossen« und machten Furore. Wenn ich aber an diese und andere Bären-Rechnungen denke — so fühle ich noch heute einige Gewissensbisse über den Leichtsinn: die Wiener Burgtheater-Mode-Epoche mit¬ gemacht zu haben. — Da saßen wir denn wieder wohlbehalten und traulich im hübschen »Erzherzog Carl« zu Wien und die Vorbe¬ reitungen für mein Gastspiel begannen. Zunächst machte ich den Kollegen vom Burgtheater meinen Besuch. Es war damals freilich und ist auch leider noch heute Sitte, daß die gastirenden Künstler sich solchen Höflich¬ keitsbesuchen durch Uebersendung der Visitenkarte gern entziehen und die Kollegen, mit denen sie auftreten, erst in der Probe begrüßen. Ich habe diese kühle Höflichkeit nie mitgemacht und stets den größten Genuß davon ge¬ habt und auch nicht wenig Weltweisheit — nicht nur der bretternen Welt — dabei gelernt. Das waren meine lieben Privat-Gastreisen — und noch heute erinnere ich mich mit dem treuen Gedächtniß des Herzens dankbar jener frohmüthigen, belehrenden, Geist und Herz er¬ frischenden Besuchsstunden bei den alten, werthen Kollegen an den bedeutendsten Theatern Deutschlands, Rußlands und Frankreichs. . . Aber unter fast allen jenen einst so volltönigen Namen steht schon ein schwarzes Kreuzchen! Ich wurde in Wien von allen Kollegen sehr freundlich aufgenommen — sogar von Karoline Müller, mit der ich vor neun Jahren an der Königstädter Bühne in Berlin jenes Rencontre hatte, das mir so viel Thränen gekostet. Jetzt lachten wir herzlich über die alten Scharmützel wegen meiner geliebten Gräfin Elsbeth, die auf dem Tournier von Kronstadt einen so herrlichen blinden Theaterschimmel reitet. . . und diesen Schimmel, der mir nach meiner Meinung allein gebührte, mußte ich von dem gastspielenden Fremdling mir vor der Nase weg¬ kapern sehen. Ja, das that meinem siebenzehnjährigen kunstglühenden, ehrgeizigen Herzen bitter weh! »Und nicht wahr, jetzt sehen Sie selber ein, daß ich Ihnen den theuren Schimmel nicht lassen konnte?« sagte Karoline Müller. »Ruhe ist die erste Bürger- — Selbsterhaltung aber die erste Künstlerpflicht!« »Nun, wenn auch gerade nicht die erste Künstlerpflicht — so doch leider Gottes eine bittere Nothwendigkeit, wie ich seitdem auch schon erfahren habe«, seufzte ich. »Ja, Vol¬ taire hat nicht so Unrecht, wenn er behauptet: Il faut pour réussir, qu'un artiste ait le diable au corps . . . « Ich wollte als »Suschen« debütiren, weil ich gerade in dieser Rolle so glänzende Erfolge hatte, sogar auf dem öden Exerzirplatz des Pester Theaters. Nicht brillant genug für Wien — keine Toiletten- Effekte!« sagte Karoline Müller bedenklich. Ich sollte späterhin bereuen, ihrer Welt- und be¬ sonders Wien-Erfahrung nicht vertraut zu haben und meinem eigenen Kopfe gefolgt zu sein. Einen interessanten Besuch glaubte ich bei Frau von Weißenthurn, deren allerliebsten Stücken ich als Pauline — Baronin Waldhüll — Julie in »Beschämte Eifersucht« u. s. w. so hübsche Erfolge verdankte, machen zu können. Sie wohnte in einer reizenden Villa vor den Thoren Wiens und lebte in sehr behaglichen, ja sogar glänzenden Verhältnissen. Eines Koblenzer Schauspielers Kind, hatte Veronika Grünberg mit ihren Geschwistern schon in den 70ger und 80ger Jahren des vorigen Jahrhunderts die jetzt längst vergessenen Kinderkomödien aus Weiße's Kinderfreund gespielt. Auch sie war, wie ich, schon mit vierzehn Jahren als jugendliche Liebhaberin engagirt, und zwar 1787 am Hoftheater in München. Drei Jahre darauf kam sie an's Wiener Burgtheater, heirathete, den Herrn von Weißenthurn und spielte viele Jahre — die böse Welt sagte sogar: viel zu viele Jahre erste Lieb¬ haberinnen. Auch jetzt, trotz ihrer Erfolge als Schau¬ spieldichterin und trotz ihrer 61 Jahre, war sie dem Theater noch treu und spielte ältere Charakterrollen — bis zum Jahre 1841. Sechs Jahre darauf ist sie ge¬ storben und ihre Stücke sind auch fast vergessen. Frau von Weißenthurn empfing mich sehr freundlich — aber furchtbar elegisch. Schon ihre Begrüßung und Bitte: »Liebes Fräulein, wollen Sie nicht Platz nehmen?« — klang wie Thekla's Schmerz: »Was ist das Leben ohne Liebesglanz?« — und dann: »Es freut mich, daß es Ihnen bei uns in Wien gefällt. . .« wie Desdemona's Lied von der Weide. . . Als Frau von Weißenthurn mich schließlich noch bat, eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken . . . da zerfloß sie fast in Wehmuth und in Lust und ich zog es vor, schleunigst aufzubrechen, um ihrer völligen zerschmelzenden Auflösung nicht beiwohnen zu müssen und — um meine Erinnerungen ꝛc. 20 nicht allzu zuverlässigen Lachmuskeln nicht auf eine zu harte Probe zu stellen. . . Johanna ging — und kehrte nimmer wieder! Aber, wie ich draußen in meinem Fiaker gelacht habe — und dann, als ich der Mutter und Freund Witthauer dramatisch und vor allen Dingen elegisch von meinem Besuche Bericht erstattete — davon darf ich wohl schweigen. Und dann gab Witthauer auch ein Histörchen von der stadtbekannten, in den alltäglichsten Dingen über¬ schwenglichen Sentimentalität der Frau von Weißenthurn zum Besten — und unsere kaum ein wenig eingedämmte Heiterkeit brach wieder wolkenbruchartig hervor. Ja, die Feder entfällt noch heute vor Lachen meiner Hand, wenn ich mir die Situation so recht lebensvoll vor's Auge zaubere. Es regnet nämlich in Wien und Frau von Weißen¬ thurn steigt mit graziösem Storchschritt hochgeschürzt durch die Wasserfluten, elegisch ihren Parapluie balan¬ cirend. Zu ihrem Unglück muß sie an einer Fiakerreihe vorüber. »Fahr'n mer, Ihro Gnad'n?« sagt der erste Kutscher. »Ich danke, mein Freund, ich habe einen Schirm!» entgegnet Frau von Weißenthurn schmachtend, mit ele¬ gischem Augen- und Parapluie-Aufschlag, als deklamirte sie mit Johanna: »Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!« Der Kutscher starrt sie sprachlos an. Fiaker Nr. 2 wiederholt die stehende Fiakerfrage: »Fahr'n mer, Ihro Gnad'n?« Unermüdlich antwortet Frau von Weißenthurn auch Nr. 2: »Ich danke, mein Freund, ich habe einen Schirm!« — doch noch um einige Herzenstöne schmachtender und mit elegischem Augen- und Schirm-Aufschlag im Kom¬ parativ, — etwa wie Gretchen haucht: »Ach neige, Du schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Noth!« Länger hält nun aber auch der bekannte übermüthige Wiener Fiakerwitz nicht seine Schleusen zu — und Fiaker Nr. 2 macht eine Geste, als wolle er vor Schreck vom Bock fallen, und haucht dann noch elegischer im Sonntags- Hochdeutsch: »Aber, mein Gott, Ihro Gnad'n, — warum denn ein so hingebendes Wesen?« »Wer wollt' so dumm fragen, Tonerl, Du hörst ja doch: sie hat einen Schirm !!!« ist die klassische Antwort von Fiaker Nr. 1. Das ist das Signal und von Fiaker zu Fiaker geht es: »Hörst, Kasperl, sie hat 'nen Schirm. . .« »No! no! wir fahr'n net, sie hat 'nen Schirm. . .« Frau von Weißenthurn sagt nichts mehr, sie seufzt nur leise vor sich hin, huscht so schnell als möglich vor¬ 20 * über und wirft nur hin und wieder einen Blick auf die Rotte Korah — wie etwa Elisabeth in Don Carlos bei den Worten: »Ich achte keinen Mann mehr!« Die Wiener nahmen mich als »Suschen« freundlich auf — aber doch, als wären sie etwas enttäuscht. Das war meine Strafe dafür, daß ich nicht Karoline Müller's Rath folgte und mich in einer glänzenden Toilettenrolle den hierin sehr verwöhnten Wienern präsentirte. Meine »Madame Danville«, die ich in Paris nach dem Vor¬ bilde der herrlichen Mars studirt hatte, gefiel noch weniger. Man fand meine »Danville« zu gemessen, nicht pikant genug zugespitzt. Aber am meisten verdachten mir die guten Wiener es, daß Madame Danville es wagte, vor ihnen in demselben — wenn auch »entzückend schönen« — (jedenfalls aber bären mäßig theuren) Ballkleide zu er¬ scheinen, in dem ich schon zu Baden in »Zwei Jahre verheirathet« paradirt hatte. Als »wohlerzogene« junge Pathe und als Marga¬ rethe hatte ich die glänzendsten Erfolge, wurde applaudirt und gerufen — — aber ich glaube kaum um einen Herzschlag wärmer, als wenige Tage darauf Karoline Müller's »engelhaftes« Hütchen und »himmlisches« neues Kleid. Ich saß im Parket, das mir noch unbekannte Stück: »Die Folgen einer Mißheirath« kennen zu lernen. Die hübsche Peche gab die sentimentale Rolle mit warmen Herzenstönen und rührender Naturwahrheit und sah als arme Sergeantentochter in ihrem weißen, einfachen Mousselinkleide liebreizend aus. Keine Hand rührte sich — ich sah nur Achselzucken und hörte wohl gar: »Wie geschmacklos — wie gewöhnlich — deßwegen braucht man nicht für sein schweres Geld in's Burgtheater zu gehen — solche Toiletten kann man alle Sonntage in der Au und im Prater zu Hunderten sehen. . .« Ich war empört und zitterte vor Erregtheit. Die Mutter hatte genug zu thun, meine Zunge zu zügeln. Und dann trat Karoline Müller im zweiten Akt auf — und wurde rauschend — anhaltend empfangen. »Nun, sie hat gewiß eine große, schwere Rolle — « dachte ich bei mir. Mais point du tout — nichts von alledem — nach einigen unbedeutenden Phrasen rauschte sie unter dem jubelnden Applaus des ganzen Hauses wieder ab — und das liebe Publikum ruhte nicht, bis sie wieder und wieder sich präsentirte. . . Und ich hörte meine Nach¬ barinnen, welche vorhin die arme Peche so scharf mitge¬ nommen hatten, in Ekstase einmal über das andere aus¬ rufen: »Charmant — ja, Karoline Müller überstrahlt doch alle Andern — sie ist hinreißend — welch' Erfin¬ bungstalent. . .« »Was hat sie denn erfunden?« fragte ich, noch immer unschuldsvoll, meine Nachbarin — »ihre Rolle ist doch bis jetzt sehr unbedeutend. . .« Da sah mich die dicke Wienerin mit großen, runden, fetten Augen fast mitleidig staunend an, als bewegte ihr liebes Herz der furchtbare Gedanke: »Armes Kind, bist Du denn blind — oder aus der Polakei?« — Dann entrollte es grollend dem Gehege ihrer kunstvollen Zähne: »Ach, was — Rolle! Sehen Sie denn nicht, wie reizend sich die geniale Kombination von Weiß und Grün ihres Kleides ausnimmt? Es erinnert an Schottisch — ist aber doch viel origineller, pikanter — und dies neue Kostüm hat Karoline Müller erfunden. Uebermorgen können Sie es schon im Prater in den verschiedensten Variationen sehen. . . Und wie entzückend ihr dazu der kleine, zarte Basthut mit den Moosrosen steht — ein wahres Modebild!« »Ach so!« seufzte ich ziemlich zornmüthig — »ich vergaß, daß wir am Burgtheater jetzt die — Mode- Epoche haben!« Als ich dann 1837 zu meinem zweiten Gastspiel nach Wien kam, war ich — leichtsinnig genug, auch in der Toilette den Kampf mit Karoline Müller aufzu¬ nehmen. Ich trat elfmal auf und erhielt für die Vor¬ stellung 20 Dukaten Honorar — damals ungeheuer viel — heute eine Bagatelle. Dies ganze Honorar opferte ich mit schwerem Herzen dem Modemoloch Bär, dessen Wunderruf bei den gläubigen Ammonitern Wiens, zu dem aber auch Hebräer, Christen und Türken schwuren, noch grauenhaft gewachsen war. Herr von Bär nahm mein bescheidenes Opfer huldvoll lächelnd an und ver¬ sprach mich »himmlisch« zu schmücken. Nach dem Urtheil aller Ammoniter hat der Moloch glänzend Wort gehalten. Sie strömten in unübersehbaren Schaaren Abend für Abend in den Tempel »Burgtheater« und huldigten mir — das heißt dem Werk ihres großen Götzen Bär — nach Kräften mit Hand und Mund und Fuß. Am meisten Furore machten wir — nämlich Herr von Bär in erster und Karoline Bauer in zweiter Reihe — als »Marie, oder: Die drei Epochen«. Zuerst bekamen die entzückten Ammoniter an der Donau ein junges Mädchen im reizenden, poesieduftigen Kostüm zu sehen, dann dieselbe Marie als Frau in feenhafter Balltoilette — und zuletzt die junge Wittwe Marie in sirenenhaft bestrickendem Putz, ihren zweiten Freier erwartend. . . Aehnlichen Erfolg hatten »wir« im »Ball zu Eller¬ brunn« und in »Bürgerlich und romantisch« von Bauernfeld. Solche Erfolge machten mich übermüthig — unvor¬ sichtig — ich ging trotz aller treugemeinten Abmahnung auf's Glatteis. . . und ich kann noch heute von Glück sagen, daß ich so gut davon kam. Zu gleicher Zeit mit mir gastirte an der Burg mein trefflicher Dresdener Kollege Pauli, sehr geschätzt und beliebt in Elb-Athen. Wir waren oft mit einander in Albini's Lustspiel: »Die gefährliche Tante« aufge¬ treten und hatten große Erfolge gehabt. Ich habe späterhin überhaupt nur einen »Freiherrn von Emmer¬ ling« kennen gelernt, der Pauli's fleißig und geistvoll bis in's Detail ausgearbeitetes, scharf und meisterhaft gezeichnetes Charakterbild in dieser Rolle verdunkelte. Das war der »Emmerling« von Theodor Döring, jetzt die größte Zierde des Berliner Schauspielhauses. Döring hat mich stets lebhaft an Ludwig Devrient erinnert und ich halte ihn für den würdigsten Nachfolger des großen Todten. Auch Ludwig Tieck schätzte Döring sehr und nannte seinen Adam in Kleist's »zerbrochenem Krug« ein vollendetes Meisterwerk. Pauli und ich verabredeten also schon in Dresden, am Burgtheater zusammen in der »gefährlichen Tante« zu gastiren. Ausnahmsweise wurde mir von der Dres¬ dener Intendanz gestattet, mein schönes, antikes Tanten¬ kostüm mitzunehmen. Das stammte sicher aus dem vorigen Jahrhundert und war altmodisch und kostbar, wie die Urgroßmütter es getragen. Das schwere braun und gelb gestreifte Atlaskleid war mit Blumen durch¬ wirkt, dazu eine kolossale, reich getollte und hochge¬ thürmte weiße Haube. Pauli debütirte als Jago in »Othello«, fand glän¬ zenden Empfang und wurde nach jedem Akt gerufen. Meister Anschütz war ein unübertrefflicher Othello, und Julie Rettich, die seit einem Jahre mit lebenslänglichem Engagement wieder dem Burgtheater angehörte, entzückte und rührte wunderbar als Desdemona. Alles ließ sich prächtig an. Graf Fürstenberg, der Nachfolger des Grafen Czernin als Intendant, gab den beiden Dresdener Gästen zu Ehren ein gemütliches Künstlerdiner, und Pauli und ich waren seelenvergnügt. Der Intendant, ein freundlicher, zuvorkommender Herr von etwa 40 Jahren, machte einen angenehmen Wirth — bis zum Dessert, wo er plötzlich in seine, mir schon bekannte, seltene — — Aufrichtigkeit verfiel. »Wann treten Sie mit Herrn Pauli in der »gefähr¬ lichen Tante« auf?« wurde ich von einem Gast gefragt. »Morgen Abend!« »O, unsere Karoline Müller und Wilhelmi sind unübertrefflich — unerreichbar als gefährliche Tante und als Emmerling!« — dachten Seine Execllenz der Herr Intendant mit einem Male laut. Pauli's Augen schossen Blitze und um seine Mund¬ winkel zuckte ein bitter-sarkastischer Zug. Ich versuchte ein anderes Thema anzuschlagen — vergeblich: Excellenz dachten immer begeisterter weiter: »Welche Bühne wollte sich mit dem Burgtheater messen? Unsere Künstler sind die leuchtendsten — die einzig wahren Sterne am Theaterhimmel der Jetztzeit. . .« »Aber, Excellenz, warum werden denn so oft die Mitglieder anderer Bühnen zu Gastspielen aufgefordert?« unterbrach Pauli nicht ohne Schärfe. »Um — um auch andere Talente kennen zu lernen. . .« sagten Excellenz doch etwas verlegen und hoben gewandt die Tafel auf, so weitere unerquickliche Erörterungen vermeidend. Wir nahmen den Kaffee im Salon. Pauli war furchtbar aufgeregt — und dann immer sehr zerstreut. Er lehnte neben mir in der Fensterecke und ich sah nicht ohne Heiterkeit, wie er in seiner Zerstreuung ein Stück Zucker nach dem andern in seine Tasse warf, bis diese überquoll und der Diener schon die Augen soweit auf¬ gerissen hatte, als es ihm nur irgend möglich war. Ich flüsterte dem vor Aufregung zitternden und vor verbissenem Ingrimm puterrothen Kollegen zu: »Er hat's sicher nicht so böse gemeint — es ist nun mal seine Art so, laut zu denken. Und dann ist es doch sehr hübsch von einem Intendanten, wenn er die Künstler seiner Bühne Fremden gegenüber so hoch hält. Ich wünschte, wir könnten das von unserer Dresdener Excellenz auch sagen. »Ja, ja, die macht's leider oft umgekehrt. . . Aber, so furchtbar klassisch aufrichtig sollte ein Intendant doch nicht sein — besonders an großer Mittagstafel und in seinem eigenen Hause. . .« »O, mit uns hat er's noch gnädig gemacht«, lachte ich — »da sollten Sie erst hören, wie es dem armen Pollert, meinem Petersburger Kollegen, hier in Wien beim Grafen Fürstenberg ergangen ist.« »Wie so?« fragte Pauli neugierig — »bitte, erzählen Sie!« »Pollert hat mir in Dresden seine Szene bei Sr. Excellenz selber geschildert — ja, dramatisch dargestellt. Den sonst so bescheidenen Künstler hatte — er wußte später¬ hin selber keine andere Entschuldigung dafür — hier in Wien plötzlich ein hämischer Hochmuthsteufel geritten, auf dem Burgtheater als König Enzio, Kaiser Friedrich's ideal¬ schöner, tief-poetischer Sohn, zu debütiren — und doch fehlte ihm nicht mehr als Alles zu dieser Rolle: Adel und Schönheit der Gestalt, seelenvolles Organ und poetischer Geistesschwung. Der arme Pollert hatte wirk¬ lich eins der flachsten, alltäglichsten Semmelgesichter, die mir vorgekommen sind. Das Fiasko blieb auch nicht aus — König Enzio-Pollert fiel mehr als glänzend durch, und nur der Gutmüthigkeit der Wiener hatte er es zu danken, daß er seine Partie zu Ende spielen durfte. »Doch — lasse ich Freund Pollert jetzt selber seine Geschichte weiter erzählen. Er begann stets mit einem tiefen Seufzer: Der Intendant ließ mich am Morgen nach diesem qualvollsten Abende meines Lebens zu sich bitten. Mir war nicht allzu gut dabei zu Muth, als ich das Empfangzimmer betrat. Graf Fürstenberg stand in der Mitte des Zimmers — kerzengerade, und meine tiefe Verbeugung nicht durch das kleinste Kopfnicken erwidernd. Dabei sah er mich so starr an, als hätte ich die versteinernde Eigenschaft des Gorgonen¬ hauptes. »Excellenz haben befohlen . . .« stotterte ich nach einer peinlichen Minute. »Keine Antwort — Excellenz starrten mich nur noch steinerner an. »Mir wurde ganz unheimlich zu Muth. Sollten Excellenz an momentanem — Nachtwandeln leiden? Dann nahm ich mein Herz in beide Hände und begann von Neuem: Excellenz hatten die Gewogenheit zu befehlen . .« »Da öffneten sich die steinernen Lippen und im Nachtwandlertone entglitt es ihnen: »Wie ist's nur mög¬ lich — mit so einem Gesicht — mit so einem Gesicht. . .« »Was befehlen Excellenz?« stammelte ich, nun ganz aus dem Häuschen. »Jetzt — endlich belebten sich die steinernen Züge — aber furchtbar für mich Aermsten. Und mit Donner und Blitz brach das Unwetter über mich los. . . Excellenz packten mich am Arm und zerrten mich vor den hohen Spiegel und schrieen förmlich wie außer sich: »Mit so einem Gesicht den Enzio spielen wollen — auf unserem Burgtheater . . . Herr, waren's denn nicht bei Trost — mit so einem Schusterbub'ngesicht? Haben's denn nie in einen Spiegel g'schaut . . . Jeses! Jeses! Mit so einem Fratzerl, das kein anständiger Mensch aufnimmt, wenn er's auf der Straß' liegen sieht . . . König Enzio mit so einem Fratzerl. . . . »Doch — als wenn er jetzt plötzlich ein Verständniß dafür hätte, was in meinem armen Kadaver vorging — in gutmüthigerem Tone fuhr der Intendant fort: »Nun — nun — war nit so bös gemeint, aber sein's g'scheidt, lassen's sich Honorar zahlen, reisen's nach Haus, aber nehmen's Rath an und spielen's nie mehr den König Enzio, denn mit so einem Gesicht — mit so einem Schusterbub'ngesicht. . .« Da lachte Pauli herzlich mit mir in der Salon- Fensternische dieses aufrichtigsten aller Intendanten: »Nun, da können wir ja von Glück sagen, wenn wir von Sr. Excellenz nicht noch schlimmere Dinge zu hören bekommen, als heute Mittag!« Mein Zweck war erreicht — das Gewitter in der arbeitenden Brust des verwun¬ deten, ehrgeizigen Künstlers hatte sich ohne Donner und Blitz verzogen und wir gingen am andern Morgen wohlgemuth in die Probe zur »gefährlichen Tante«. Aber ich sollte sie nicht verlassen, ohne neue Erfahrungen gemacht zu haben. In der Pause fragte mich Frl. Reichel, welche die Kammerjungfer spielte: »Sie werden doch in dem präch¬ tigen rothen Sammetmantel, mit echtem Hermelin be¬ setzt, auftreten, wie Karoline Müller? Der nimmt sich zu dem weißen Atlaskleide prächtig aus!« »Nein, ich werde mich bemühen, wie »Adele Müller« zu erscheinen, die bei einem kleinen Provinztheater ange¬ stellt ist und schwerlich einen Hermelinmantel besitzt, um in demselben nach der Vorstellung nach Hause zu fahren.« »Dann — werden Sie nicht beim Auftreten applau¬ dirt werden, wie Karoline Müller stets. . .« »Aber Adele Müller hätte ja für solch' einen kost¬ baren Mantel mehr als eine ganze Jahresgage opfern müssen, — und sie ist doch nur Schauspielerin, um ihre arme Familie zu erhalten?« Die Reichel zuckte die Achseln: »Danach fragt unser Publikum nicht!« Das war der erste Stachel — aber es sollten noch mehr dazu kommen. Nach der Probe trat der gute alte Theaterfriseur Weber geschäftig auf mich zu: »Mein Fräulein — ein Wort — von größter Wichtigkeit. . .« Weber war wirklich eine sehr bedeutungsvolle Per¬ sönlichkeit für das Burgtheater und der Liebling Aller. Er hatte in den vielen Jahren seiner Thätigkeit an den Burgtheaterköpfen reiche Erfahrungen gesammelt und war eine lebende Chronik aller Theaterverhältnisse und Er¬ eignisse. Dabei sah er stets wie die gute Stunde aus, war mit Leib und Seele bei seiner »Kunst«, klug, ver¬ schwiegen, dienstfertig — — aber er hatte doch auch seine Sympathien und Antipathien und empfand jede kleine Kränkung sehr tief, noch tiefer aber jede Freund¬ lichkeit. Mich hatte der gute Alte noch von meinem ersten Gastspiel her fest in's Herz geschlossen und nahm an meinen Erfolgen wirklich rührenden Antheil — konnte aber auch »furchtbar wild« sein, wenn ich nach seiner Meinung mal zu wenig applaudirt wurde. Und wenn ich dann neckend sagte: »Wie kommt's nur, lieber Weber, daß Sie an der Fremden so herz¬ lichen Antheil nehmen?« Dann konnte er so gar eigen lächeln und seine großen braunen Augen schauten mich dabei so treuherzig an und ge¬ heimnißvoll flüsterte er mir zu: »Mi sind Sie keine Fremde! I kann's Ihna nur nit so sag'n, wie's mi hi um's Herz ist, aber i hab Ihna lieb wie a Töchterli. Das Fräulein hab'n a rechtschaffen gut's G'müth, seind nit hoffährtig wie die Andern — i ging halt gleich für Ihna durch's Feu'r. . .« »Wo soll i die kleinen Lockerl für das g'fährliche Tanterl ordnen? Hier in der Garderob oder im Hotel?« fragte er mich jetzt voll Wichtigkeit. »Gar nicht nöthig, lieber Weber. Ich hab' meine Dresdener graue Haartour wohl verpackt mitgebracht — Alles in bester Ordnung!« »Graue Haartour unter dem feinen Spitzenhäuberl?« rief er entsetzt. »Nein, kein Spitzenhäuberl — sondern eine recht¬ schaffene alte derbe Tantendormeuse!« »Aber das wird ja schreckli ausschaun zu dem kost¬ baren weißen Atlaskleid mit der stolzen langen Schleppen!« »O, sein Sie unbesorgt — die Haube paßt zu meinem gelb und braun gestreiften hundertjährigen Kleide vortrefflich. . .« »Gelb und braun gestreift — hundertjährig — graue Haartour — Urahnen-Dormeuse . . . mi rührt der Schlag!« schrie der kleine bewegliche Alte förmlich auf. Ich mußte trotz dieses zweiten Stachels herzlich lachen, besonders als Weber sentimental fortfuhr: »Und Fräulein Karoline Müller schaut gerade als Tante so schön und zart aus wie a Zuckerpupp'n — wie a Zuckerpupp'n zum Anbeiß'n. . .« »Aber, Weber, die gefährliche Tante darf ja gar nicht wie a Zuckerpupp'n zum Anbeiß'n aussehen — sie soll vielmehr durch ein recht ehrwürdiges tantenhaftes Aussehen dem eigensinnigen Emmerling Vertrauen ein¬ flößen. . .« »Wahr — leider wahr«, klagte der gute Alte ver¬ zweiflungsvoll weiter — »was nutzt uns aber das Ehr¬ würdige, wenn wir damit durchfallen — glänzend durch¬ fallen. . . Geben's Acht, was d'raus wird!« Und mir war ob all' dem Unkengeschrei wirklich selber ganz bänglich zu Muth geworden, — und solche zweifelvollen Stunden vor einer Gastrolle gehören zu den peinlichsten des Bühnenlebens. Beim Frisiren zum ersten Akt seufzte Weber ganz erbärmlich und beschwor mich, mir noch schnell den rothen Sammet-Hermelinmantel geben zu lassen. Doch ich blieb fest, selbst als die mitwirkenden Damen mein Tantenkostüm anstarrten wie Frau Lot die Salzsäule. Pauli trat zuerst auf — keine Hand rührte sich. Ich folgte im grauen Mantel . . . Todtenstille! — Dann ein grausig anschwellendes A—a—ah der Enttäuschung . . . für mein allerdings etwas verwöhntes Liebhaberinnen¬ ohr gleich den Posaunenstößen beim Weltuntergange. Doch ich nahm mich zusammen und spielte muthig weiter. Die hübsche Szene mit dem Kammermädchen gab mir Gelegenheit, einen kleinen feinen Stich anzubringen. Ich änderte einige Worte und rezitirte: »Auch ich sah den Himmel offen Und der Sel'gen Angesicht — Doch in diesem Bühnenleben Fand ich, ach! den Himmel nicht. . .« Stürmischer Applaus — der simple graue Mantel war überwunden! Der arme Pauli ging noch immer leer aus. Als ich mich meinen Verehrern im reizenden, kost¬ baren Negligee präsentirte — wurde dies funkelnagelneue Zauberwerk des Herrn von Bär nach Gebühr beklatscht. Der Hauptmoment nahte. Mit Herzklopfen und unter Assistenz von reichlichen Weber'schen Seufzern stülpte ich die unglückselige Dormeuse auf die graue Haartour, warf das gelb und braun gestreifte hundert¬ jährige Tantenkleid über. . . und die Todtenstille, die mich empfing, war wo möglich noch todtenstiller, als vorhin — und das Enttäuschungs-A—a—a—ah schwoll zum Drommetenton an. Pauli hatte ganz den Kopf verloren — und fand ihn den Abend über auch nicht mehr wieder. Erst als wir die kleine Marie sorglich-zärtlich zu Bett brachten . . . leise — leise . . . um das geliebte Kind nicht auf¬ zuwecken . . . da erwärmten sich die Wiener Herzen und Hände und rauschender Beifall und Hervorruf lohnte den armen Dresdener Gästen. Weber stand wie vom Alpdruck befreit da und drückte mir sogar herzlich die Hand, was er sonst nie gewagt hatte, und flüsterte: »Können von Glück sagen — hätt's nimmer gedacht, daß es noch so gut abgehen würd' — — mit einem solchen Kleidel und solchem Ungethüm von Haub' und solchen erbärmlichen grauen Lockerl. . . Aber wie würd's erst gegangen sein, wenn's sich so schön ge¬ macht hätten, wie. . .« »Wie an Zuckerpupp'n zum Anbeiß'n!« fiel ich lachend Erinnerungen ꝛc. 21 ein. Aber im Grunde war mir gar nicht lustig zu Muth — und am Schluß, als Emmerling, der Tante Kostüm am Boden liegen sehend, sagt: »Gottlob, da liegt die Tante!« — da erfaßte mich ein förmlicher Ingrimm gegen das einst so geliebte Gelbbraun-Ge¬ streifte, und auch die arme Haube hat's leider erfahren, als ich sie in den Karton warf. Als ich dann nach einigen Abenden mit vor Erwar¬ tung gerötheten Wangen und klopfendem Herzen im Parterre saß, um Karoline Müller als »gefährliche Tante« zu sehen — als dann das »Zuckerpupp'n« wirklich entzückend schön im purpursammtnen Hermelinüberwurf und Federbarett — und später im weißen Atlaskleide mit Halbschleppe, reich mit Spitzen garnirt, und in reizender Spitzenhaube à la Maintenon und koketten Löckchen von schier überschnappendem Jubel des Hauses empfangen wurde . . . da sagte ich zu mir: »Sie hat Recht, erst schön — dann wahr! . . . Aber ich werde doch bei meinem Künstlermotto bleiben: Erst wahr — dann schön!« Und ich hab's nach Kräften gehalten und es auch nie bereut. »Vergoldung vergeht — Schweinsleder besteht!« — sagt der Zinnsoldat in Andersen’s Märchen. Von dem Burgtheaterfieber genesen, kehrte ich fröh¬ lich nach meinem lieben Dresden zurück, jetzt erst recht zu schätzen wissend, welch' eine beneidenswerthe Stellung ich an der dortigen Bühne und — in den Herzen der guten, herzigen Dresdener mein nannte. Auf unsern Wunsch durften Pauli und ich in der »gefährlichen Tante« wieder auftreten. Es war uns, als wären wir uns diese kleine Genugthuung schuldig. Und wie empfingen uns die Dresdener!! Es war ein Freudenfest, als wären wir Jahre fort gewesen. Und doch trug ich nur eine garstige alte Haube und graue Locken und ein hundertjähriges unschönes Kleid. . . Die Dresdener vermißten keinen Purpurhermelin, — kein »Zuckerpupp'n zum Anbeiß'n« — ihnen war das Bild mehr werth, als der Rahmen , der gesunde Kern lieber, als die vergoldete taube Nußschale . . . Und ich könnte wirklich von Wien scheiden, ohne von seiner wahrsten und größten Künstlerin zu sprechen — von Sophie Schröder? Diesen Genuß habe ich mir bis zuletzt aufgespart. Ich kannte Sophie Schröder schon seit 1826 und spielte damals mit ihr auf der Berliner Hofbühne in verschiedenen klassischen Stücken. Sie war seit 1815 am Wiener Burgtheater engagirt und damals auf einer Gastspielreise. Ihr Ruf als tragische Heldin und Helden¬ mutter war längst ein europäischer. Sie trat zuerst als Sappho in Grillparzer's Trauerspiel auf. Ich war in dem Stück nicht beschäftigt und erwartete im Parket des 21* dichtgefüllten Opernhauses in glühender Spannung das Erscheinen der berühmten Kollegin. Ich werde nie den überwältigenden Eindruck vergessen, als Sappho, im weißen Gewande mit Purpurmantel und Lorberkranz, auf goldenem Triumphwagen, unter dem nicht enden wollenden Jubel des ganzen großen Hauses — imposant, majestätisch wie eine Königin des idealen klassischen Griechenthums — edel, berauschend, anbetungswürdig, wie ein hohes reines Weib und eine gottbegnadete, be¬ geisterte Dichterin auf der prächtigen Szene erschien. . . Wie Sonnen leuchteten Sappho's wunderbare große Augen im Kreise umher und von ihren Lippen klang es wie Musik: »Dank, Freunde, Dank! Um Euretwillen freut mich dieser Kranz. . .« — Dann schwoll ihre herrliche sonore, so überaus mo¬ dulationsfähige Stimme, wie ich keine zweite gehört habe, gleich Orgelton an, bis sie in voller, seltener Kraft und Klangfülle das ganze große Haus durch¬ rauschte. Und wie erschütternd — überwältigend klang dann ihr Schmerzensgrollen: »Undank! Undank! Wißt Ihr, was Undank zu bedeuten hat?!« Wer da nicht sein Herz in allen Fibern erbeben fühlte — der hatte eben kein Herz! Ja, ihr Vortrag war ihre Hauptstärke; sie hatte aus der edlen Redekunst ihr ganzes Bühnenleben lang ein ernstes, unermüdliches Studium gemacht und es hierin zu einer Meisterschaft gebracht, wovon unsere heutige Theaterwelt keine Ahnung mehr hat. Sie stammte aus der alten klassischen, ernsthaften Schule von Ludwig Schröder in Hamburg und hat diese nie verleugnet. Jedes Wort, jede Betonung war bei ihr überlegt, erprobt und — vollberechtigt. Und daß doch das Ganze in reinster Harmonie dahinquoll und der Hörer von Ab¬ sichtlichkeit und langem, mühsamen Studium nichts merkte, — — das war eben die nie übertroffene Kunst von Sophie Schröder. Mit diesem wunderbaren Vor¬ trage gingen ihre seelenvolle Mimik und klassische Plastik Hand in Hand. Und doch hatte Mutter Natur diesem Lieblinge der Musen und Grazien so bitterwenig Hülfs¬ mittel und Zehrung mit auf die Reise über die bretterne Welt gegeben. Als ich am andern Morgen die damals schon 45jährige Schröder in der Probe zur »Medea« zum ersten Mal mitten im alltäglichen Leben sah, erschrak ich förmlich. War diese kleine, dicke, starkknochige Frau mit dem robusten Gesicht und der kurzen starken Nase, — im jugendlichen, kurzen Indiennekleide und koketten Häubchen, zierliche Kreuzbänder an den Schuhen . . . die königliche, ideale, berauschende Sappho von gestern Abend? Nichts erinnerte mehr an die — Auferstandene des schönen Griechenthums, als das seelenvolle, große, leuchtende Auge. Freund Krüger, der den Jason geben sollte, sah mein Erstaunen. Er lächelte: »Nur Geduld — Sie werden trotz der Kreuzbänder bald in der Medea eine würdige Schwester der Sappho wiederfinden. Als er mich dann der Schröder als ihre »Kreusa« vorstellte, reichte sie mir herzlich die Hand und ein mildes, wohlwollendes Lächeln verschönte ihre unregelmäßigen Züge, indem sie, meine Befangenheit bemerkend, mir sagte, wie viel Schönes sie schon über mein Talent gehört habe. Und Krüger hatte Recht. Schon nach meiner ersten Szene mit Medea hatte Kreusa — die Kreuzbänder, das kurze Indiennekleid, das kokette Häubchen und die ganze Unschönheit ihrer Medea total vergessen. Und das war gerade der Zauber ihrer Kunst. Wie wenig äußerliche Schönheit sie in die Theater-Garderobe mitbrachte, spricht sich am deutlichsten in dem bekannten Wort König Lud¬ wig's I . von Bayern aus: »Schröder, Ihre ganze Grazie liegt in Ihrem griechischen Oberarm!« Ein solcher Beifallssturm, wie am Abend der Vor¬ stellung nach den Worten: »Zurück, wer wagt's Medeen zu berühren!« losbrach, soll im Berliner Opernhause noch nie gehört sein, und noch heute steht die grauenhaft schöne, dämo¬ nische Zauberin Medea lebensvoll vor meinen Geistesaugen. Sie gab die »Isabella« in der »Braut von Messina« — ich die »Beatrice« — und in diesem Augen¬ blicke, wo mein erinnerungswehmüthiges, altes Herz sehnsüchtig in jene Zeiten zurücktaucht, höre ich Isa¬ bella's markdurchdringenden, herzerschütternden Schrei im letzten Akt: »Er ist mein Sohn!« Auch in dem kleinen Drama »Fluch und Segen« und besonders durch den damit verbundenen Vortrag von Schiller's »Glocke« hatte sie während ihres zwölf¬ maligen Gastspiels in Berlin den größten Erfolg. Und doch hatte diese große Künstlerin eine Schwäche — als Weib ! Die hat sie oft und schwer büßen müssen. Sie hatte in ihrer Jugend naive und sentimentale Liebhaberinnen gegeben. Es ward ihr schwer, sich von der »Jugend« zu trennen. Einst erschien sie in Müller's »Schuld« als Elvira vor den Wienern. Zu ihrem Unglück hat Graf Hugo von dem Gürtel zu sprechen, den er um »Elvira's schlanken Leib« legen will . . . und da lachten die lach¬ lustigen Wiener laut über die kleine, dicke, unschöne Elvira. Und auch in Berlin sollte Sophie Schröder diese Weiberschwäche büßen. Sie hatte darauf bestanden, die Maria Stuart zu spielen und nicht die Königin Elisabeth. In Berlin gab die schöne Auguste Stich sonst die Maria Stuart — und sie war eine bezaubernde Schottenkönigin. Nun trat eine kleine, dicke, unschöne Maria, die überdies in der großen Stuartshaube noch um zehn Jahre älter aus¬ sah, als sonst, vor die verwöhnten Berliner, Amalie Wolff als Elisabeth erschien dagegen jung und schön. Und als dann zum Ueberfluß Mortimer begeistert zu Maria Stuart sagt: »Du bist das schönste Weib auf dieser Erde!« — da lachte auch das große Berliner Publikum, und selbst die enthusiastischsten Verehrer der großen Künstlerin — lächelten. Ob denn Frau Schröder nie davon gehört hatte, daß nach Goethe's Bestimmung in Weimar Mad. Vohs als schönste Schauspielerin die Maria und Frau von Heigendorf als geistreichste die Elisabeth spielte? Aber auch die »Elisabeth« hatte ihre Klippen für Sophie Schröder — und als anno 1840 die Wiener bei den Worten Leicester's zu Elisabeth: »Ja, wenn ich jetzt die Augen auf Dich werfe, Nie warst Du, nie zu einem Sieg der Schönheit Gerüsteter, als eben jetzt. . .« über die jungfräuliche Königin der 59jährigen Sophie Schröder lachten — da zog sie sich tiefgekränkt und grollend von der Bühne nach München zurück. Schon als ich 1834 nach Wien kam, war Sophie Schröder ebenso sehr als Weib verletzt , wie als Künstlerin trauernd über den Verfall der Tragödie auf dem Burgtheater, tiefgrollend von Wien gegangen. Ihr trotz zweier unglücklicher Ehen und reicher trauriger Liebeserfahrungen ungebändigtes, wild glühen¬ des Herz hatte sich mit blinder Leidenschaft in den fast um die Hälfte jüngeren, blühend schönen Heldenspieler Kunst verliebt. Der talentvolle, aber geistig rohe und gemüthlose Mann ließ sich die Huldigungen der berühmten Künstlerin gern gefallen und glaubte als Gatte von Sophie Schröder des brillantesten Engagements sicher zu sein. Frau Schröder hatte beim Kaiser Franz Audienz und stellte als Bedingung ihres Bleibens in Wien: ein Engagement ihres Bräutigams Kunst für erste Rollen. . . Da sagte ihr Kaiser Franzerl, der es herzlich gut mit ihr meinte, in seiner Weise: »Schröder, sein's g'scheidt, bleiben's bei uns und lassen's die dummen Heirathsg'schicht'n außi — bedenken's doch: so an alt's Weiberl und so an jung's Mannerl. . .« »Ich an alt's Weiberl? — noch nicht ganz 48, Majestät«, war die entrüstete Antwort, in den Tönen einer Lady Macbeth. »Nu — nu — i mein ja nur im Verhältniß zu dem jung'n Mannerl — könnt' ja halt fast zwei Mal Ihr Sohn sein . . .« begütigte Franzerl. Das war zu viel für das liebende Herz von Sophie Schröder. Sie kündigte, heirathete den schönen Kunst — — und drang nach sechs Wochen selber auf Scheidung dieser unglückseligen Ehe, die jedoch erst 1859 durch den Tod von Kunst wirklich getrennt wurde, obgleich der junge Ehemann seine Frau und Wien bereits vier Wochen nach der Hochzeit heimlich verlassen hatte. Im Jahre 1843 sah ich Sophie Schröder in Dresden beim Besuch ihrer genialen Tochter, Wilhelmine Schröder- Devrient wieder. Die hatte von der Mutter das große dramatische Talent — aber auch das unglückselige, leiden¬ schaftheiße Herz geerbt. Ob aber Mutter und Tochter ohne diese wilde Glut der Leidenschaft so große Künst¬ lerinnen geworden wären? — Ich glaube kaum. Auf den Wunsch des Hofes trat Sophie Schröder noch einige Mal in Dresden auf. Durch ihre erschütternde Tragik erhob sie als »Claudia« in »Emilia Galotti« den dritten Akt zu dem bedetendsten. Im kleinen, geistig angeregten Kreise bei Wilhelmine Schröder lernte ich die persönliche Liebenswürdigkeit, Geistesfrische und die gediegene Bildung ihrer Mutter erst recht kennen. Dabei war sie heiter, witzig — und oft übermüthig, als hätten die vielen dornigen Herzens¬ erfahrungen ihres Lebens sie nicht tiefer berührt. Einst war von der süßen — bösen Liebe die Rede. . . Da erhob sich Sophie Schröder — die zweiund¬ sechzigjährige, erregt und rief mit der Geste und in den tiefsten Tönen der Medea: »Dieser niederträchtigen Leidenschaft habe ich entsagt — auf ewig — auf ewig. . .!« Erst sahen wir Jungen sie sprachlos an — dann fragte ein kleines lustiges Fräulein Naseweis: »Seit wann haben Sie dieser — niederträchtigen Leidenschaft entsagt?« Mit dem größten Ernst und in den alten tiefen Herzenstönen antwortete die Tragödin: »Seit zwei Jahren!« Dieser kleine Zug charakterisirt das Weib Sophie Schröder. Ich habe sie nie wieder gesehen aber mit herzlicher Theilnahme gelesen, wie die fast achtzigjährige Greisin 1859 an Schiller's hundertjährigem Geburtstage auf den Wunsch ihres alten Gönners, des Dichter-Königs Ludwig von Bayern, noch einmal die Münchener Bühne betrat und durch den Vortrag der »Glocke« das ganze Haus tief rührte und in ihrer ewig jungen Begeisterung mit fortriß — und wie sie neun Jahre darauf in München gestorben ist. Ich weiß mit keinem bessern Wort von Sophie Schröder Abschied zu nehmen, als den Zeilen, die Grill¬ parzer seiner von Wien scheidenden Sappho in's Album schrieb: »Zwei Schröder, Frau und Mann, Umgrenzen unsers Dramas höhern Lauf; Der Eine stand in Kraft, als es begann, Der Andre schied — da hört's wohl, fürcht' ich, auf!« X . Vier Tage in Dresden. I m Oktober 1834, nach einer sehr ermüdenden Reise von Wien über Prag, stiegen wir eines Nachmittags im Hotel de Saxe in Dresden ab. Während meiner ganzen Kunstreise waren wir von keinem zuvorkommenderen Wirth empfangen worden, und die eleganten wohnlichen Zimmer versetzten uns gleich in die behaglichste Stimmung. Meine Freude war groß beim Erblicken des Theater¬ zettels! »Tasso's Tod« von Raupach sollte mit Emil Devrient und Julie Rettich gegeben werden. Ich sollte Beide als vollendete Künstler wiedersehen. Devrient hatte mich schon in Berlin während seines Gastspiels besonders als Don Carlos entzückt, und Mad. Rettich hatte ich vor einigen Jahren auf dem Wiener Burgtheater als Fräulein Glay bewundert. Mein Herz klopfte vor Ungeduld, und schon um halb sechs Uhr saß ich mit der Mutter in einer Parterre¬ loge des häßlichen Kunsttempels. Es war ein kleines, uraltes Haus, das erst 1841 durch Semper's herrliches architektonisch prächtiges Theater — heute auch schon eine Brandruine! — ersetzt wurde. Etwas Schmuck¬ loseres kann man sich kaum denken, als dies alte Dresdener Hoftheater. Es hatte eine melancholische, trübe grüne Farbe und von Luxus keine Spur. Dabei war es kaum nothdürftig beleuchtet. Das Posener, Grazer, selbst das Linzer Schauspielhaus, in denen ich kürzlich gastirt hatte, schauten frohmüthiger darein. Das Publikum nahm geräuschlos Platz und erschien einfach, gar nicht aufgeputzt. Es fehlten die glänzenden Uniformen Petersburgs, die eleganten Damen Wiens, die schönen Prinzen und Prinzessinnen Berlins in den Hoflogen. Aber wie sympathisch wurde mir während der Vorstellung dieses Publikum! Wie heimelte es mich an, — ja, wie rührte mich das aufmerksame, fast andächtige Lauschen, mich an die Blütezeit klassischer Kunst in Berlin erinnernd, wenn Ludwig Devrient, Alexander Wolff, Rebenstein, Lemm, Auguste Stich, Amalie Wolff, Louise v. Holtei die Zuschauer entzückten, rührten, erhoben! Der Beifall zeigte sich nicht überlaut. Nur hin und wieder, bei besonders ergreifenden Stellen, brach er los — unaufhaltsam — aus vollem Herzen! Als Tasso bei der wieder erlangten Freiheit aufjubelt — da jubelte das bewegte Publikum stürmisch mit. Aber, wie gab Emil Devrient auch diesen Tasso! Alles war ideal schön — harmonisch — edel an dem Künstler: der Schwung und Klang der Rede, die geistige Auffassung der Rolle, das Beherrschen der Szene, die plastischen Bewegungen, die ganze edle, hohe, schlanke, jugendschöne Erscheinung! Emil Devrient hatte über ein wundervolles, jeder Modulation fähiges, klangvolles Organ zu gebieten, seine Züge waren wie nach der Antike geformt, und verstanden es, die leiseste Seelenregung wiederzuspiegeln. Besonders ergriff mich der letzte Akt. Als endlich Tasso, vor dem erschütternden Erlöschen, von Leonoren vernimmt: daß auch sie ihn liebe aber ihre Neigung nicht gestehen durfte — da traten mir Thränen in's Auge. Unnachahmlich rief Devrient aus: »Mein wahrhaft Herz, Du hast mir nicht gelogen!« nach dem liebevoll bangen Wort der Prinzessin: »Was ist Dir, Tasso? Du wirst so bleich!« — wie zerfloß da förmlich sein schönes Sein in dem letzten Hauch: »O singe, süßer Schwan, Du singst Der Seel' ein holdes Abschiedslied!« Der Aufschrei Leonorens machte das Haus erbeben, Wahr¬ haft groß sprach Julie Rettich auf des Herzogs Wort »Er ist dahin!« mit seelenvollem Schmerzenston und doch mit erhebender Zuversicht: »— Er ist nun zwiefach ! Auf Erden stirbt er nicht, so lang ein Herz Noch für das Edle schlägt . . . Und Jenseits hat sein Leben nun begonnen!« — und während sich Leonore über den Theuren neigt, seine Hand erfaßt und flüstert: »Leb' wohl, mein Freund, auf wenig flücht'ge Stunden!« rollt der Vorhang langsam nieder — die herrliche Gruppe den Blicken entziehend. Ich wünschte wohl, ein Maler hätte dies Schlu߬ bild verewigt: Italienische Landschaft, im Hintergrund der imposante Herzog Antonio, und ein Mönch im weißen Ordenskleide, in dem der alte Werdy ehrwürdig-pracht¬ voll aussah. Im Vordergrunde der todte Tasso, mit dem Lorber geschmückt, den Leonore von seiner auf dem Kapitol bekränzten Büste genommen hat. Die schöne Prin¬ zessin, in fürstlichem Glanze prangend, mit Julie Rettich's südlichen, ausdrucksvollen Zügen — über Emil Devrient's blasses, edles Antlitz sich beugend. . . Mir wird dies Bild unvergeßlich sein. . . . Von dieser herrlichen Künstlergruppe leben heute nur noch Tasso-Devrient, der aber auch schon der Bühne Lebewohl gesagt hat, — und Antonio-Porth, der noch bis vor Kurzem mit jugendlicher Kraft und echtem Kunst¬ feuer die Dresdener von der Bühne herab durch sein maßvolles, durchdachtes Spiel entzückte und sich jetzt eines frohen Lebendsabends in wohlverdienter Ruhe erfreut. Der Herzog, Herr Weimar, ein gewissenhafter, sehr be¬ liebter Mime, starb im schönsten Mannesalter. Leonore — Julie Rettich, diese wahre Priesterin der Kunst, mußte im Zenith ihres Ruhmes und nach langen Leiden scheiden, — und auch der mich so be¬ zaubernde Mönch, Werdy, schläft längst. — In gehobener Stimmung verließen wir das häßliche, uns so lieb gewordene Haus, und die Mutter und ich gestanden uns gegenseitig unsern sehnlichen Wunsch: ich möchte bei dieser Bühne ein dauerndes Engagement finden. Wir Beide hatten die damals ja noch sehr ermüdenden und wenig einträglichen Gastspielreisen herzlich satt und sehnten uns nach Ruhe — nach echt deutscher Gemüthlich¬ keit im geselligen Leben und nach einem Wirkungskreise für mich, wie ich ihn nach dieser Vorstellung in Dresden zu finden hoffen durfte. Die Mutter war ganz bezaubert von Emil Devrient und nannte es ihr stolzestes Hoffen, mich mit dem herrlichen Künstler spielen zu sehen: als Donna Diana und Don Cäsar. Dieser mütterliche Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Mein erster Besuch galt am andern Morgen dem berühmten Kunsthistoriker Hofrath Böttiger, dem ich bereits das Schreiben eines ehemaligen Schülers, jetzt sehr geschätzten Professors in St. Petersburg, gesendet hatte. Dieser hatte mir beim Abschiede gesagt: »Befolgen Sie in Dresden nur den Rath meines herrlichen Lehrers. Sie werden einen wohlwollenden, klugen Greis finden, der mit den Zuständen der dortigen Bühne genau bekannt ist.« Der Hofrath wohnte sehr hoch, die Treppen nahmen gar kein Ende. Böttiger bewillkommte mich wie eine liebe Bekannte. Er bot das Bild eines vollkommen glücklichen Greises. Er hatte gutmüthige Züge, ein immerwährendes mildes Lächeln auf den Lippen und kleine, helle Aeuglein, welche klug, manchmal forschend blickten; Böttiger war damals bereits 74 Jahre alt. »Waren Sie schon bei Tieck?« war eine seiner ersten Fragen, als er hörte, daß ich in Dresden gern ein Enga¬ gement annehmen würde. »Nein, Herr Hofrath, ich wollte erst Hofrath Wink¬ ler (Theodor Hell) besuchen, den ich bei Clauren in Berlin kennen lernte, und ihn bitten, mich bei Tieck einzuführen!« Da machte der alte Herr ein kurioses Gesicht, das ich später erst verstehen sollte. Er sagte aber harmlos: »Es trifft sich augenblicklich sehr günstig für Ihre Wünsche. Die Rettich will nicht hier bleiben; ihr Mann kann Karl Devrient nicht ersetzen, das Publikum behandelt ihn mit eisiger Kälte, und — — mit Tieck hat die Freundschaft auch längst aufgehört! Er lobt sie gar nicht mehr!« »Seine so geliebte Schülerin? wie ist das möglich?« rief ich verwundert. »Hm! Die Schülerin ist selbstständig geworden, keine geistige Sklavin mehr, kann auch nicht mehr zwei- bis dreimal in der Woche vorlesen hören. . .« »Dreimal in einer Woche? Herr Hofrath! wie wird es dann meiner armen Mutter ergehen? Bei Holtei's Erinnerungen ꝛc. 22 vortrefflichen Vorlesungen in Berlin hatte sie stets mit dem Einnicken zu kämpfen, und mehrere Damen ent¬ schlummerten sanft, sich gegenseitig entschuldigend: Der Geist sei willig gewesen, aber die Nerven zu schwach!« Böttiger lächelte nicht ganz so harmlos, wie vorhin! So ist es schon Manchem bei Tieck ergangen. Als die berühmte Sophie Müller und ihr Vater Tieck's Vor¬ lesung von Macbeth hörten, saß die Tochter zu entfernt, um den Vater munter erhalten zu können. Da — am Schluß beim Stühlerücken erwacht der alte Müller, klatscht überlaut in die Hände und ruft: »Bravo, bravo! köstlicher Humor!. . .« — Das Entsetzen der Gäste können Sie sich vorstellen. Sophie Müller fiel beinahe in Ohn¬ macht, und soll den andern Morgen auf der Probe noch ganz alterirt gewesen sein.« Ich lachte herzlich mit und beschloß, die Mutter zu bitten: nur — Lustspiele bei Tieck zu hören. Böttiger fuhr fort: Der Dramaturg wird also Alles thun, daß Sie für unsere Bühne gewonnen werden, erstens, weil Sie ein vortrefflicher Ersatz für die Rettich sind. . .« »Nicht für's Trauerspiel, Herr Hofrath,« fiel ich ein. »Aber desto mehr für's Lustspiel,« — sagte Böttiger äußerst artig — »wenigstens nach dem , was mein ehe¬ maliger Schüler schreibt. Nun, und dann wird Tieck Sie auch aus Rache gegen die Rettich protegiren. Wer Tieck's Eigenliebe verletzt, wird verbannt! Doch Sie waren ja nicht seine Schülerin. Seien Sie also getrost, so bald wird keine Spannung eintreten; Tieck kann be¬ zaubernd liebenswürdig sein und liest unübertrefflich vor! Sie können viel bei ihm lernen. Ueberdies treffen Sie in seinem Hause interessante Persönlichkeiten, alle bedeu¬ tende Fremden stellen sich ihm vor, und die Frau und Töchter sind wahrhaft liebenswerthe Charaktere. Die bleiben Denen, die sie einmal in ihr Herz geschlossen haben, treu und vertheidigen selbst die bei Tieck in Ungnade Ge¬ fallenen gegen den Alten nach Kräften. Suchen Sie Dorothea's, der ältesten Tochter, Freundschaft zu ge¬ winnen; sie ist ein selten begabtes und herzensgutes Mädchen. Gegen die Gräfin Finkenstein müssen Sie aber besonders artig sein. . .« »Wer ist denn das?« fragte ich neugierig. »Die Freundin Tieck's, und auch der Familie. Seit vielen Jahren existirt dies eigenthümliche Verhältniß. Die Gräfin steht aufopfernd dem Hauswesen vor und ist das Echo Tieck's, und Diejenigen, welche von ihm mit Kälte behandelt werden, sind auch für die Gräfin nicht mehr auf der Welt. Also hübsch klug sein, mein liebes Fräu¬ lein, und es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Ich bedaure aufrichtig, Sie bei Tieck nicht einführen zu können, aber ich — bin ein wenig gespannt mit dem Hofrath. . .« »Die Rettich ist mit Tieck gespannt — und nun Sie auch?« Ganz freundlich nickend lächelte Böttiger: »Ja wohl, wie so Viele! Doch, daß Sie zu den Verbannten gehören, werde ich sicher nicht mehr erleben 22 * — ich bei meinen vierundsiebenzig Jahren. Aber ich hoffe, Sie werden auch jetzt, so lange die Sonne der Gnade über Ihnen scheinen wird, mit den Verstoßenen in Freund¬ schaft leben!« Ich dankte dem liebenswürdigen, wohlwollenden Greise herzlich für seine Theilnahme und seinen Rath und versprach, ihn treu zu befolgen. Ich bat ihn die Mutter zu besuchen, die noch viel von seinem jungen Petersburger Freunde zu erzählen hätte, und gelobte, trotz der verheißenen Tieck'schen Gnadensonne, noch recht oft die vielen Treppen zu dem alten in Ungnade Ge¬ fallenen hinaufzuklettern, wenn ich — in Dresden ein Engagement fände. Das habe ich auch gehalten. Aber es war mir nur ein Jahr vergönnt. Da starb der liebens¬ würdige Böttiger — und er hat es richtig nicht mehr erlebt, daß auch ich bei Tieck — in Ungnade fiel. Von Böttiger ging ich zunächst zum Hofrath Winkler, Theater-Intendant unter dem russisch-preußischen Gouver¬ nement, jetzt Herausgeber der »Abendzeitung« und unter dem Pseudonym »Theodor Hell« gewandter Uebersetzer der beliebtesten französischen Theaterstücke. Er wohnte auf dem Altmarkte in einem Eckhause, Tieck gegenüber. Die schöne Frau Hofräthin empfing mich auf die zuvorkommendste Weise. Sie hatte schon vernommen, daß ich im Theater gewesen war und so aufmerksam zu¬ gehört hatte, daß die Mutter so mild und vornehm aus¬ sähe, sogar: daß ich einen wunderhübschen Hut mit wei¬ ßen Rosen aufgehabt. . . Ich mußte lächeln über mein liebes kleinstädtisches Deutschland! Aber es that mir so recht anheimelnd wohl nach den drei Jahren in der Fremde — in dem großen, stolzen, glänzenden Petersburg! Da trat Theodor Hell herein und hieß mich so trau¬ lich willkommen, — als ob wir gestern erst fröhlich mit einander bei Clauren in Berlin dinirt hätten. Im säch¬ sischen Dialekt fuhr er mit großer Volubilität fort: »Ei, meine Beste, das trifft sich ja herrlich, daß Sie gerade jetzt unsere Stadt besuchen, — ich will Sie heute noch bei Seiner Excellenz anmelden, denn ich hoffe, Sie sind nicht abgeneigt, die Unsrige zu werden, da Madame Rettich nach Wien übersiedelt?« Ganz aufrichtig gab ich zu: »Wenn ich bei meinem Gastspiel gefalle, bleibe ich gern! Dresden heimelt mich und die Mutter so echt deutsch bürgerlich an, und der gestrige Theaterabend hat in mir den Wunsch geweckt, mit Dresdens Künstlern weiter wirken zu können. Nur werde ich die Rettich schwerlich ersetzen können. Mein Feld ist das Lustspiel: Salon-Damen, naive und senti¬ mentale Rollen. Für hochtragische fehlt mir die Kraft der Stimme, selbst das imposante Aeußere. Auch will ich mich in dies Fach nicht hineinzwängen . . .« »Das wird sich finden, meine Beste ! Da würden Sie vielleicht auch nicht ungern in meinen Uebersetzungen aus dem Französischen auftreten?« »Mit Entzücken!« rief ich. »In Paris habe ich Mlle. Mars gerade in diesen Rollen bewundert, — ja studirt und mir Manches anzupassen gesucht.« »Vortrefflich, charmant!« rief Winkler freudestrahlend . . . »Aber Tieck müssen Sie bald besuchen,« setzte er bedächtiger hinzu — »wer geleitet Sie aber zu Tieck? Es ist wirklich recht fatal, daß ich augenblicklich mit ihm — gespannt bin . . .« »Sie auch?« rief ich, jetzt wirklich erschrocken . . . »Sie sind schon der Dritte, von dem ich heute Morgen höre, daß er mit Tieck auf gespanntem Fuße steht — erst die Rettich — dann Hofrath Böttiger und . . .« »Und noch so Viele, Viele!« lachte er bitter. »Emil Devrient, Pauli, Werdy wohnen auch keinen Vorlesungen Tieck's mehr bei — und das ist stets das sicherste Zeichen, daß der alte Dramaturg grollt — oder daß seine Günst¬ linge ein Haar in — den ewigen Vorlesungen gefunden haben. . . Doch, davon erzähle ich, Ihnen später einmal ausführlicher. . .« Winkler, damals fast sechzig Jahre alt, war seit Berlin womöglich noch häßlicher geworden. Aber man vergaß diese Häßlichkeit sogleich über seiner heiteren Liebenswürdigkeit. Er erblickte Alles im rosenfarbensten Lichte. Bei der Mutter traf ich einen alten Freund aus Karlsruhe, Baron Sternberg. Seine Tochter war meine Duzfreundin; in seinem Hause hatte ich manche frohe Stunde verlebt. Als früherer Intendant des vortreff¬ lichen Manheimer Theaters interessirte er sich noch im¬ mer für die Bühne. Ich mußte ihm in Karlsruhe manchmal vorlesen. Er war einmal außer sich, daß ich die Marianne in den »Geschwistern« von Goethe so ge¬ fühllos auffaßte, und besonders die Worte: »Wilhelm! was war das für ein Kuß?« — gesprochen hätte, wie: »Wilhelm! — wie viel Uhr ist es?« Ich begrüßte ihn mit der heiteren Frage: »Haben Sie mir jetzt verziehen, was ich als Marianne ge¬ sündigt?« »Immer noch so muthwillig?« lächelte Sternberg. »Aber lasen Sie wirklich nicht absichtlich so gefühllos?« »Die Hand auf's Herz, Herr Baron, nein! Noch jetzt will mir die Phrase nicht gelingen, und stammt sie auch aus Goethe's Feder. Ueberhaupt ist mir die Ma¬ rianne nie recht sympathisch geworden. Und — seien wir mal ehrlich: Würden »die Geschwister« heute noch lebensfähig auf der Bühne sein, wenn nicht der Name Goethe auf dem Zettel stände?« »Aber Kind, woher haben Sie nur diese gottlosen revolutionären Ideen? Aus dem bösen Peterburg?« Lachend zeigte ich auf meine Stirn. »Ja, Herr Baron, sie hat immer noch ihren un¬ vorsichtigen Kindskopf!« seufzte die Mutter. Zu meiner Freude erfuhr ich, daß Sternberg mit Tieck traulich verkehre. Er versprach, mich dem Dra¬ maturgen vorzustellen. Bei Tisch hatten wir einen lieben Gast: Baron von Maltitz, der wegen seines Stücks: »Der alte Student« aus Berlin verbannt war. Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg hatte er sich jetzt in Dresden niedergelassen. Er zeigte sich im Innern und Aeußern unverändert. Sein Witz war noch ebenso schneidig scharf und sein Feuer verzehrend, aber eine reine Flamme. Der aus¬ drucksvolle Kopf mit den tiefblickenden Augen saß auf einer dürftigen, verwachsenen Gestalt, und die langen, langen Arme warf er im Eifer des Gesprächs weit herum, ganz wie früher. Die Welt gefiele ihm gar nicht mehr! versicherte er ernsthaft — aber plötzlich er¬ heiterten sich seine Züge und das fröhliche Lachen, das mich in Berlin so angesprochen hatte, riß mich unwider¬ stehlich mit sich fort. Auch das alte, ehrliche, gute Herz war dasselbe geblieben. Er sprach mit liebevollster Begeisterung von Tiedge, dem Dichter der Urania. »Ist es nicht erhebend,« rief er in seiner flammen¬ den Weise aus — »daß ein achtzigjähriger Greis noch mit voller Glut des Herzens sein Mitgefühl für Polens Kampf und Geschick in einem Gedicht aussprechen konnte? Sie müssen ihn kennen lernen! Bei ihm fühle ich mich heimisch und empfinde, daß mein Gemüth noch der in¬ nigsten Anhänglichkeit fähig ist . . .« Und wir verabredeten einen gemeinschaftlichen Be¬ such bei Tiedge am andern Tage. — Hofrath Winkler war so artig, mich Theater- Intendanten, Herrn von Lüttichau, zu geleiten, blieb aber nur zu Anfang des Gespräches. Herr von Lüttichau gewann sehr, im Vergleich mit dem Petersburger und Wiener Intendanten. Er sprach nicht ohne würdevollen Stolz von seinem Institut, und — das gefiel mir. Er zeigte im Laufe der Unterhand¬ lung Sinn und Verständniß für wahre Kunst und ein warmes Herz für seine Aufgabe und seine Künstler. Als wir aber zu den Bedingungen meines Gastspiels kamen und Excellenz von 30 Thalern für die Rolle sprach . . . da erstarrte ich doch ein wenig, obgleich wir Künst¬ ler anno 1834 nicht so verwöhnt waren, wie heute eine Lucca und Patti, eine Ziegler und Wolter auf ihren Gastreisen. Aber ein Honorar von 30 Thalern für die Rolle, wodurch die damals noch kostspieligeren Reisen mit Extrapost, der Aufenthalt im Hotel und der Garderobe-Aufwand nicht gedeckt werden konnten, war mir bis dahin selbst von einer Provinzbühne nicht zuge¬ muthet. Etwas vorwitzig sagte ich: »Excellenz scheinen die Dresdener Bühne für eine so erhabene zu halten, daß fremde Künstler sich glücklich schätzen müssen, hier nur der Ehre halber spielen zu dürfen.« Der feine Hofmann lächelte, erröthete aber doch und antwortete mit Würde: »Nennen Sie mir einen zweiten Emil Devrient, eine Wilhelmine Schröder, eine Doris-Devrient! Julie Rettich haben Sie bewundert, — Pauli, Porth, Werdy werden Sie schätzen lernen. — Nennen Sie mir einen Dramaturgen von Tieck's Bedeutung . . . Sie werden eingestehen müssen, daß ich stolz auf unsere Bühne sein darf!« Da war denn die Röthe in meine Wangen gestie¬ gen. Ich war bestraft. Ich erhob mich und meine schönste Verbeugung ausführend, sagte ich: »Sowie mein Berliner Gastspiel beendet ist, treffe ich ein. Aber, nicht wahr, Excellenz? achtmal trete ich wenigstens auf, sonst würden ja die Reisekosten nicht herauskommen, und Donna Diana ist meine Debüt¬ rolle?« — Freundlich lächelnd bewilligte Herr von Lüttichau Alles. »Mit Emil Devrient die Donna Diana spielen zu dürfen,« rief die Mutter bei meiner Heimkehr entzückt, »Lina, das ist für Dich ja ein künstlerisches Ereigniß, daß dies Glück auch ganz ohne Honorar noch berauschend wäre . . .« Maltitz kam, mich zu Tiedge abzuholen. »Begleiten Sie uns nicht, Frau Rittmeisterin?« — sagte er, als ich mich allein zum Ausgehen rüstete. »Nein, nein,« meinte die Mutter kläglich, »Baron Sternberg hat uns schon darauf vorbereitet, daß wir heute Abend bei Tieck einer Vorlesung beiwohnen müssen. . . . Und dazu muß ich mich ruhen — Kräfte sammeln! O, wenn ich nur wenigstens wüßte, was für ein Stück er wählt! . . . Ich schwebe schon jetzt in Todesangst, daß er einen Shakespeare'schen Heinrich oder gar den entsetzlichen Richard lesen wird. . . . Dann sind meine Nerven verloren. . . .« »Trinken Sie nur kurz vorher recht starken schwar¬ zen Kaffee,« rief Maltitz ernsthaft, — »der hält wach und erfrischt die Nerven — wenigstens für einige Zeit. Mir hat der Kaffee bei Tieck schon manches Mal durch¬ geholfen. Mit der Zeit bin ich aber so nervös gewor¬ den, daß auch dies Mittel nicht mehr wirkt. Meine langen Arme geriethen zuletzt in so bedenkliche Zuckungen, daß in den Vorlesungen Niemand mehr neben mir sitzen wollte — der lieben Selbsterhaltung wegen!« Wir lachten. Mit tragikomischem Seufzen setzte die Mutter hinzu: »O Lina, wenn wir doch schon in Berlin das Rettungsmittel gekannt und vor dem Lesen von »Alexan¬ der und Darius« schwarzen Kaffee getrunken hätten . . .« Maltitz sah uns fragend an. Ich erklärte, nicht ohne Pathos und mimisch-plastisches Zubehör: »Ich war noch nicht lange bei der königlichen Bühne in Berlin engagirt, als mein Kollege und Gevatter, Hof¬ schauspieler Krüger, die Mutter und mich einlud, der Vorlesung des neuen, soeben der Intendanz zur Auf¬ führung eingereichten Trauerspiels des Baron Uechtritz: »Alexander und Darius« in seiner Wohnung beizuwoh¬ nen. Es sollte zugleich auf Wunsch des Grafen Brühl eine Art Probe für die Bühnenfähigkeit des Stückes sein, und der Intendantur-Sekretair Teichmann, Brühl's rechte Hand, würde auch eine Rolle lesen. . . . »Das kritische Publikum werden sein: die Frau Rittmeisterin, Saphir und meine Frau. . . . Also auf Wiedersehen zu Thee und Butterbrod und — ästhetischem Kunst¬ genuß!« Die Art, wie die Berliner »Butterbrod« aussprechen, ist wirklich gar zu allerliebst. Sie schnarren das R noch bedeutender, als sonst, fast lieutenantsartig, und geben sich beim Einladen das Aussehen rührendster Bescheiden¬ heit, doch können sie nicht umhin, eine gewisse sanfte, selbstbewußte Würde durchblicken zu lassen. Ich bat den Kollegen noch scherzend, Sorge zu tragen, die »But¬ terrrbrrödchen« nicht gar zu klein und niedlich schneiden zu lassen! denn Vorlesen und Zuhören erweckten riesen¬ haften Appetit! Der Plauder-Thee und die wirklich nicht zu ätheri¬ schen Butterrrbrrödchen gingen auch sehr vergnügt vor¬ über. Saphir, der damals die gefürchtete »Schnellpost« und den giftigen »Berliner Courier« herausgab, sprudelte über von Witz und — Bosheit. Selbst Frau Krüger wurde ganz muthwillig, und ich hatte bald meine Be¬ fangenheit: daß ich vor so großen Kennern und gestrengen Kritikern eine mir ganz unbekannte Rolle lesen sollte, — von Herzen fortgelacht. Daß der gute Teichmann immer elegischer und überschwänglicher wurde, obgleich wir auch sonst schon ein gut Theil Sentimentalität an ihm gewohnt waren, stimmte unsere Heiterkeit nicht herab — im Gegentheil! Das war die Einleitung zu dem ästhetischen Kunst¬ genuß: — Alexander und Darius. Dann saßen wir lesefertig und möglichst feierlich um den großen, runden Sophatisch. Das kritische Pu¬ blikum: die Mutter und Frau Gevatterin Krüger thron¬ ten auf dem Sopha, der schadenfrohe Saphir hatte sich mir gerade gegenüber gesetzt und schnitt seine unmög¬ lichsten Gesichter. Er ist ja bekanntlich stolz auf die wirklich abnorme Häßlichkeit seiner Visage. Krüger machte den Regisseur und vertheilte die Rollen: Alexander der Große . . . . Krüger. Darius . . . . . . . . . . . . . . . Der Dichter, Baron Uechtritz. Vertraute des Königs . . . Dr . Wilke. Statira, Gemahlin des Königs . . . . . . . . . . . . Sekretair Teichmann. Tänzerin . . . . . . . . . . . . . . Karoline Bauer. Und die Qual begann. . . . Schon nach dem ersten Akt hätten die Mutter und ich uns klüglich entfernen sollen — Nasenbluten — Zahn¬ weh — Schwindel oder dergleichen kleine unschuldige ge¬ sellschaftliche Aushülfemittel vorschützend. . . . Ja, sogar eine Ohnmacht wäre unter diesen Verhältnissen Tugend — Pflicht der Selbsterhaltung gewesen. Der Dr. Wilke deklamirte mit ungeheurer Energie und hatte die Manie: nach jedem Satz sämmtliche An¬ wesende der Reihe nach herausfordernd anzusehen, als wollte er fragen: »Habt Ihr gehört und versteht Ihr auch zu würdigen, wie bewundernswürdig ich lese?« Und dabei sein Gesicht mit den starren, runden, glanz¬ losen Augen — wie ein Wachskopf mit weit offenen Glasaugen im Schaufenster eines Friseurs! Baron Uechtritz las seinen Darius mit großem Ge¬ fühl und Ausdruck. Seine angenehme Stimme würde ihn auch wirksam unterstützt haben, wenn er nicht die leidige Angewohnheit gehabt hätte, jeden Satz mit hoher Stimme anzufangen und nach und nach immer tiefer hinabzusteigen . . . bei langen Perioden zuletzt so tief hinab — wo's, nach Schiller, anfängt fürchterlich zu werden. So schloß er selten ohne jenes an Sommer¬ abenden aus der Ferne recht anheimelnd zu uns herüber¬ tönende Quoax, Quoax, das Schönwetter verkünden soll. Zum Unglück fielen mir bei diesem Gequacke auch noch die Frösche des Aristophanes ein — und Wieland's Ab¬ deriten. Der gute Teichmann schien sich bei dem Liebes¬ flüstern der zärtlichen Statira förmlich auflösen zu wol¬ len — »in Wehmuth und in Lust« zerfließend! Seine großen, wässerigen Augen schauten perpetuirlich zur buntbemalten Zimmerdecke hinauf, als bekäme er von dort seine Inspiration und sein Liebesfeuer. In seiner Verzückung kniff er heute noch mehr, als sonst, die Zähne auf die Unterlippe, dabei nach allen Seiten reich¬ lich begeisterungzischenden Schaum sprühend! Dies Alles wäre schon hinreichend gewesen, ein junges lachlustiges Mädchen aus der Fassung zu brin¬ gen. . . . Aber zu meinem Unglück mußte ich auch noch für die arme Mutter fürchten, die bereits zusammen¬ gekrümmt in ihrer Sophaecke kauerte und — das Taschen¬ tuch gegen die Lippen gepreßt — am unnatürlichsten Husten zu ersticken drohte . . . dabei jedoch es für ihre mütterliche Pflicht hielt, mir zwischendurch die verzweif¬ lungsvollsten Blicke zuzuwerfen, die mir sagen sollten: »Lina, Du wirst mir doch nicht das Herzeleid anthun und losplatzen?!« Die Frau Gevatterin Krüger kam aus dem erschütterndsten Niesen und aus ihrem Schnupf¬ tuche gar nicht mehr heraus und ich sah nicht ohne Ge¬ nugthuung, wie sie bald roth, bald blaß wurde — im qualvollsten aller gesellschaftlichen Kämpfe gegen den Dämon: Lachkitzel! Immer tiefer und tiefer sank das Haupt Krügers auf sein Manuscript und seine sonst so klangvolle Stimme tönte gepreßt, wie aus der Unterwelt. Er hatte wenig¬ stens die Kraft der Selbstrettung: Niemanden mehr eines Blickes zu würdigen. Seine Hände umklammerten zitternd und zerknitternd das unselige Manuscript, als hinge Leben und Seligkeit davon ab. Noch hatte ich mich mit übermenschlicher Kraft ge¬ halten . . . da begegneten meine armen Augen den teuf¬ lisch blitzenden Brillengläsern Saphirs. . . . Wie ein Sa¬ tyr saß er da, vor Vergnügen förmlich glänzend und sich schadenfroh an unseren Qualen weidend. . . . Und wenn Statira-Teichmann im schmelzenden Flöten sich fast verhauchte . . . dann rief der Schändliche mit seinen entzücktesten Tönen: »Bravo! meisterhaft gelesen! — so gemüthvoll! so poesieduftig . . .« — uns Armen noch den Rest von Selbstbeherrschung raubend. Ich habe in meinem Leben nie ähnliche Qualen aus¬ gestanden, wie in diesem zweistündigen Kampfe gegen das Lachen. Eine Tortur in den Gefängnissen der spa¬ nischen Inquisition soll ja darin bestanden haben, daß die armen Opfer so lange gekitzelt wurden, bis sie ge¬ standen oder — sich zu Tode gelacht hatten. . . . Von diesem Abende an verstand ich erst das Furchtbare dieser Tortur! Und doch möchte ich fast behaupten: Wir haben bei »Alexander und Darius« noch mehr gelitten . . . denn wir wurden zwei Stunden lang gekitzelt und — durften doch nicht lachen! Ich glaube, ich hätte mit Vergnügen eine ganze Monatsgage dafür gegeben, wenn die Mutter und ich uns hätten nur drei Minuten lang so recht von Herzen frei auslachen dürfen! — — Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, stemmte die Füße wie Atlas gegen den Fußboden, biß die Zähne auf die arme Zunge und stammelte — besinnungslos meine Rolle weiter. . . . Da kam aber noch die schwerste Prüfung. Statira- Teichmann sieht im letzten Akt im Geist, wie eine Vision, das furchtbare Schlachtgewühl. . . . Sie schildert in Ekstase, wie ihr geliebter Darius flieht — verfolgt wird und . . . wird ohnmächtig. . . . Eine solche Prachtauf¬ gabe ließ sich der sentimentale Teichmann natürlich nicht entgehen. . . . Er zischelte so gefühlvoll durch die Zähne, daß das Naß wie ein Sprühregen um den Tisch flog und Saphir sich in seiner Akklamations-Begeisterung fast überschlug. . . . Endlich! endlich! — o Rettungssecunde! — brannte Persepolis — König Darius hauchte seinen Todesseufzer aus . . . und ich stürzte fort, wie wahn¬ sinnig, gefolgt von der Mutter, daß Teichmann und der Dichter Uechtritz uns entsetzt nachstarrten. . . . Aber — und hätte mein Leben davon abgehangen — ich hätte jetzt, wo die Aufmerksamkeit der Haupt¬ betheiligten von Alexander und Darius und Statira ab¬ gezogen und auf mich armes, schwaches Menschenkind gerichtet war, nicht noch zwei Minuten in nur einiger¬ maßen schicklicher Ernsthaftigkeit bleiben können . . . darum that ich, was ich schon längst hätte thun sollen: ich entfloh den starren Wachspuppenaugen des Dr. Wilke, dem Vaterstolz des Dichters, der sprühenden, weichmüthi¬ gen Begeisterung der guten Statira, den dämonischen Brillengläsern Saphir's und — vor allen Dingen mir selber! Ich ließ Hut und Mantel im Stich . . . nur fort! nur fort! hinaus in die stille, verschwiegene Nacht! . . . Und unten auf der Straße preßte ich die entsetzte Mutter krampfhaft in die Arme und lachte auf — endlich — so tief, so laut, so herzerleichternd und markdurchdringend, wie noch nie in meinem Leben . . . und die Mutter lachte mit. . . . So taumelten wir förm¬ lich vor Lachen nach Hause, daß die Leute auf der Erinnerungen ꝛc. 23 Straße uns ängstlich aus dem Wege gingen und uns bedenklich nachsahen . . . und zu Hause setzten wir uns Jede in eine Sophaecke und — weinten bitterlich vor Nervenabspannung und — Scham über mein rücksichts¬ loses und für Uechtritz und Teichmann so verletzendes kindisches Benehmen . . . bis der Lachdämon wieder über mich kam und auch die Mutter mit fortriß, wenn ich an die verschiedenen hochkomischen Einzelheiten des Abends erinnerte und Darius und Statira und den wachsäugi¬ gen Vertrauten kopirte. Die Nacht verbrachten wir im Fieber und am an¬ dern Morgen mußte der Arzt kommen und die zerrütte¬ ten Nerven beruhigen, sonst hätte ich unmöglich am Abende als Strudelköpfchen auftreten können. Zu unserem Trost kam Gevatter Krüger und war liebenswürdig, wie immer, und anstatt mich wegen meines Benehmens zu schelten, bedauerte er uns wegen der ausgestandenen Qualen . . . seine Frau liege auch noch vor Nervenabspannung, mit kalten Umschlägen um den Kopf, auf dem Sopha. »Und Uechtritz — und Teichmann?« fragte die Mutter beklommen. »O, wir haben unser Möglichstes gethan, sie über die Ursache der nicht mehr zu verbergenden Heiterkeit und Ihrer Flucht im Unklaren zu lassen. . . . Sie wer¬ den schon wieder gut werden. . . .« Aber sie wurden nicht wieder gut. Für den ver¬ letzten Dichter existirte ich nicht mehr und Teichmann seufzte stets so erbärmlich auf, wenn er mich sah — wie über eine verlorene Seele. Bei der Aufführung von Alexander und Darius erhielt ich statt der mir sonst sicher zu Theil gewordenen Glanzrolle der Tänzerin — — die entsetzliche Strafrolle »Vertraute der Statira«, die nur die sieben Worte zu sagen hat: »Mein Geliebter todt? — — dann sterb' ich auch!« — Sprach's und thut's! —« So, in die heiterste Laune versetzt, traten Maltitz und ich unsere Wanderung zu Tiedge an — er wie in Siebenmeilenstiefeln ausschreitend, die langen Arme in den bedenklichsten Pendelschwingungen. . . . »Aber, Baron, bedenken Sie doch, daß wir Komö¬ diantinnen stets auf der Szene sind und vom lieben Publikum angestarrt und bekrittelt werden, — wenn wir auch nur über die Dresdener Elbbrücke im Erynnien- Pas schreiten . . .« sagte ich athemlos und schloß pa¬ rodirend: »So schreiten nicht Theater-Damen — Da heißt's: hübsch zierlich — demi-pas ! Was Dresden »klassisch« nennt in Dramen, »Emancipirt« heißt's auf der Straß . . . »Bitte! bitte! nur immer langsam voran — ich er¬ rege wirklich bei den Vorübergehenden schon Aufsehen. . .« »Weil ein so auffallender, lächerlicher Kavalier neben Ihnen hertrabt« — sagte Maltitz, ohne die geringste Bitterkeit auf seine kleine, verkümmerte, verwachsene Figur anspielend. . . . »Aber ich bin nun einmal so eine 23 * unglückselige Quecksilbernatur, in der es fortwährend gährt, treibt, sprüht und die gar nicht über das junge, feurige achtzehnjährige Blut hinauskommen kann. . . . Und doch habe ich schon die Freiheitskriege mitgemacht. . .« »Sie — Soldat?« rief ich unwillkürlich. »Ja, nicht wahr, in Uniform können Sie sich den armen buckligen Maltitz gar nicht denken? Ob mir da¬ mals wohl Jemand nachfühlte, welch' großes Opfer ich meinem theuren Vaterlande brachte, als ich die Uniform anzog und in die Reihen der jungen, schönen, schlanken Krieger trat? Es ist wirklich kein kleines Opfer, sich mit vollem Bewußtsein der — Lächerlichkeit preiszu¬ geben. . . .« Ich wußte dem Edlen nicht besser darauf zu ant¬ worten, als daß ich stillschweigend seinen Arm nahm. Er führte in stummem Dank meine Hand an seine Lip¬ pen — er hatte mich verstanden! — Mild und liebevoll sprach Maltitz von Tiedge und dem seltenen Freundschaftsbündnisse, das den Dichter der Urania so viele, viele Jahre mit der Freiin Elisa von der Recke verband, bis diese vor einem Jahre in Dres¬ den gestorben. »Aber selbst über das Grab hinaus, das sie auf ihren Wunsch, nur in Leintücher gehüllt, ohne Sarg, in der mütterlichen Erde gefunden, geht die sor¬ gende Freundschaft für den verehrten Dichter. Sie hat ihm nicht nur ihr ganzes Vermögen vermacht, sondern auch dafür gesorgt, daß Tiedge in dem alten freund¬ lichen Hause und ganz in der gewohnten Weise, als sei Elisa noch bei ihm, friedlich seinen Lebensabend be¬ schließen kann. Stets sind ein alter Freund oder eine Freundin bei ihm, die ihn pflegen und an Geburts- und anderen festlichen Erinnerungstagen kleine Gesellschaften veranstalten — ganz wie zu Lebzeiten Elisa's. . . .« Und so fand ich auch das alte Haus und in einem altmodischen, freundlichen Zimmer eine Gesellschaft von uralten, verschollenen Herren und Damen und in einem Lehnstuhl den 82jährigen Dichter. Er wollte sich erhe¬ ben — aber ich hielt ihn sanft in seinem Sessel zurück und küßte gerührt seine Hand und schaute innig in sein gutes, altes wehmüthig-freundliches Gesicht und in sein mildes, kindliches, braunes Auge auf. Sanft streichelte er mir die Locken — ich hielt stumm seine andere Hand — so saß ich zu seinen Füßen. Es war mir fast zu Muth, als erlebte ich ein Mär¬ chen. In dem Zimmer war es feierlich still; nur die Uhr an der Wand tickte leise und der Sonnenschein und die Schatten der Baumblätter vor den Fenstern spielten auf dem Fußboden und an den Wänden auf den Por¬ träts von der todten Elisa und den todten Jugendfreun¬ den: Göcking, Gleim, Clamer-Schmidt, Hölty, Voß, Bürger und den Stolbergen . . . und auf den verstaub¬ ten Wachsfiguren-Gesichtern der altmodischen Herren und der alten, vergilbten Damen in den engen Keil¬ röcken mit breiten Gürteln und großen Schnallen, win¬ zigen silbernen Löckchen unter kolossalen weißen Hauben und mit verblaßtem Lächeln und farblosen Augen. . . . Es war, als wäre die ganze Gesellschaft vom Todes¬ engel hier unten vergessen worden . . . Erst als ich auf Tiedge's Wunsch aus meinem Bühnenleben, von meinen Engagements in Berlin und Petersburg, meinen Gastspielen in den größeren Städten Deutschlands erzählte, die der Dichter ja einst als Reise¬ begleiter seiner Elisa besucht hatte, und als ich so nach und nach meine alte sprudelnde Lebhaftigkeit wiederfand und allerlei lustige Erlebnisse und Theateranekdoten aus¬ kramte — da kam sogar etwas Leben in die Schatten¬ gesellschaft, wenn die alten Herren auch jetzt noch nur schattenhaft lächelten und ihr Flüstern wie ein Todes¬ hauch klang und Alle zusammenschraken, wenn mein Kaffeelöffel gegen die kleine zierliche Meißner Tasse ein wenig klirrte. Selbst der alte, weißköpfige Diener, der den Kaffee präsentirte, ging wie auf Sammetsohlen. Das waren sie Alle noch so gewohnt aus den Tagen der seligen Elisa, die meist an nervösem Kopfweh litt. Tiedge war noch der Lebhafteste und interessirte sich besonders für meinen dreijährigen Aufenthalt in Peters¬ burg, wo ja seine Elisa einst auch hochgeehrt am Hofe Katharina's gelebt hatte. Eine geborene Kurländerin, Gräfin Elisabeth von Medem und Stiefschwester der be¬ rühmten Herzogin Dorothea von Kurland, hatte sie mit 17 Jahren 1771 den Freiherrn von der Recke geheirathet. Diese unglückliche Ehe, die nach sieben Jahren wieder getrennt wurde, der Tod ihrer geliebten Tochter und ihres Bruders, Friedrich von Medem, der sie mit rüh¬ render Liebe erzogen und gebildet hatte, führte die reli¬ giöse Schwärmerin dem damals stark Mode gewordenen Mysticismus in die Arme. Zu ihrem Unglück lernte sie in Mietau den Gaukler Cagliostro kennen, der ihre geliebten Todten vor ihr erscheinen ließ und — ihre Kasse in unverschämtester Weise plünderte. Sie war die begeistertste Jüngerin seiner Lehre — — bis sie den verehrten Großkophta zu ihrem Schmerz als — ge¬ meinen Dieb und Betrüger entlarvt sah. Mit Takt und Würde trat sie in ihrer Schrift über Cagliostro den vielen häßlichen Gerüchten über ihr Verhältniß zu dem Abenteurer entgegen — und dies Buch machte so großes Aufsehen, daß die Kaiserin Katharina es in's Russische übersetzen ließ und die Verfasserin an ihren Hof einlud und für die Plünderungen Cagliostro's durch ein Gut in Kurland entschädigte, wo Elisa ganz in der Stille der Erziehung armer Mädchen lebte . . . bis ihre Nerven¬ reizbarkeit sie auf Reisen nach Deutschland führte, an das die ideale Freundschaft mit Tiedge sie bis an ihren Tod fesselte. Beim Erzählen und Plaudern wurde Tiedge immer lebhafter und freundlicher und sein Händedruck so wohl¬ thuend warm, als hätten wir uns schon jahrelang ge¬ kannt. Selbst die Schattengestalten um uns her nahmen ein wenig Fleisch und Blut und Stimme an — — und nicht selten konnten sie sich auf einem ganz menschlichen Kichern ertappen. Und als Tiedge mich beim Abschiede herzlich bat, doch recht bald und recht oft wiederzukommen — es sei ihm heut wie ein lachender Frühlingstag aus seiner schönen, goldenen Jugendzeit gewesen . . . da stimm¬ ten die verstaubten, verschollenen Schatten ganz herzhaft laut mit ein. »Welch' ein glücklicher, sonniger Lebensabend!« — sagte Maltitz beim Nachhausegehen. . . . »Wer doch auch mit so klarem, friedlichen Auge — lächelnd schon auf den nahen Sonnenuntergang warten dürfte! Tiedge hat bald überwunden — aber wir? Gott weiß, welche Kämpfe und Stürme uns noch beschieden sind! Sie Glückliche, der es so leicht wurde, dort im Spätherbst fröhlich klingenden, duftig blühenden, sonnigen Frühling hervor¬ zuzaubern und selbst den Mumien Leben und Herzen einzuhauchen! Möge auch Ihnen — auch uns dereinst, wenn's still und einsam um uns geworden ist, die Jugend — die frohe, lachende, strahlende Jugend nicht fehlen, die uns versteht und — für uns ein wenig liebenswürdig sein will. . . . Wir wollen noch oft zu Tiedge hinaus¬ gehen. . . . Und wenn Sie zuletzt noch allein übrig ge¬ blieben sind dann lassen Sie in Ihrem Abendtraum auch ein freundlich Bild vorübergleiten von dem armen, närrischen Maltitz und von dieser Minute auf der Dres¬ dener Elbbrücke. . . .« Und noch oft sind wir mit einander hinausgewandert über die Elbbrücke in das Haus von Tiedge. . . . »Sie kommen, wie das Mädchen aus der Fremde!« — sagte der liebenswürdige Greis scherzend. — Nach drei Jahren ging ich den Weg allein. Maltitz war gestorben, kaum 43 Jahre alt — gern! Er war nicht glücklich — trotz des besten, reichsten, liebevollsten Herzens und seiner Er¬ folge als Schriftsteller. Er fühlte sich einsam in der Welt und unverstanden. Tiedge überlebte den jungen Freund noch vier Jahre. Die meisten der Schattenfiguren aus seiner Umgebung mußte er noch vorher ganz er¬ bleichen sehen, bis ich auf den Sarg des fast neunzig¬ jährigen Greises meinen frischen Blüthenkranz legen konnte. Daß ich jene Minute auf der Elbbrücke — daß ich der goldenen Worte des edlen Maltitz nicht vergaß . . . dafür spricht dies wehmüthig-frühlingsduftige Er¬ innerungsblatt. — Auf dem Wege nach dem Altmarkt zu Ludwig Tieck klopfte mir das Herz doch etwas unruhig: wie wird der vielgerühmte und — vielgetadelte Dichter, der große Dramaturg dich empfangen? Ich fühlte, daß von dieser ersten Begrüßung mein Bleiben in Dresden — oder mein Weiterwandern nach kurzem Gastspiel abhängen werde. Zu meiner Beruhigung diente es durchaus nicht, was mein Begleiter, Baron Sternberg, mir unterwegs über die Ursache der Spannung — die man aber längst richtiger »Feindschaft« nennen müsse — zwischen Tieck und Winkler und Bötticher erzählte: »Es war eines Abends bei Tieck Gesellschaft. Der Mittelpunkt der Unterhaltung war ein junger, talent¬ voller Maler, der erst kürzlich aus Italien zurückgekehrt war und eine reiche Mappe voll interessanter Skizzen und einen ganzen Sack voll lustiger Geschichten, Abenteuer und — Windbeuteleien mitgebracht hatte. Tieck ging wie ein grollender Löwe umher, denn er kann es nicht gut vertragen: einen Andern, wenn auch nur vorübergehend in seiner Gegenwart die erste Geige spielen zu hören. Er hat sich und die liebe, weihrauchopfernde Welt hat ihn im Kreislauf der Jahre zu sehr daran gewöhnt: alle Solis gebühren »dem ersten Romantiker, Vorleser und Dramaturgen« seiner Zeit — dem Herrn Hofrath Tieck! »Aber an jenem Abende wurde sogar sein Grollen wenig beachtet. Besonders die junge, neugierige, lach¬ lustige, plauderhafte Welt fand zu großen Geschmack an den Geschichten des Italieners. »Natürlich haben sie auch die Bekanntschaft der Herren Banditen gemacht, — sonst hätte Ihrer Römer¬ fahrt ja Pfeffer und Salz gefehlt, mein Herr Maler!« rief eine übermüthige junge Schauspielerin. »Ei sicher, Signora — mehr als einmal, — wie hätte ich es sonst wagen dürfen, vor Ihre schönen Augen zu treten? In Italien gewesen und den Herren Banditen nicht in die Hände gefallen zu sein, heißt im lieben Deutschland ja ebensoviel wie: in Rom den Papst nicht gesehen zu haben. . .« »Also, Signor Paolo?« »Also — es war in den Abruzzen. Ich war mutter¬ seelenallein mit meiner Malertasche schon zwei Tage lang in den wilden Bergen umhergeklettert, um Naturstudien zu machen und nebenbei, einen zerlumpten Hirtenknaben mit seiner Ziegenheerde oder gar — da ich ja ein Sonntags¬ kind im Erleben von Abenteuern bin — ein ganzes Ban¬ ditennest zu malen. . . Hirtenknaben hatte ich schon ein ganzes Dutzend in meiner Mappe — aber noch nicht einen einzigen Signor Räuber abcontrefeit, . . . ja, nicht einmal eine einzige Banditenkugel im Leibe. Schon wollte ich melancholisch die tugendhaften Berge verlassen — als endlich — endlich ein halbes Dutzend blaue Bohnen um mich her pfiffen und ein Dutzend der kapitalsten schwarz¬ haarigen, sonnverbrannten Kavaliere der Abruzzen mich umzingelt hatten und meine Taschen — vergebens nach einigen Scudis durchsuchten. . .« »Und da wurden Sie natürlich grausam gemeuchelt. . .« »Bitt' um Vergebung, meine Grausamste, doch nicht ganz! Schon waren die zwölf Banditenmesser symmetrisch auf mich gezückt — da donnerte ihnen der Signor Haupt¬ mann ein fröhliches: Halt! zu. Er hatte einen neu¬ gierigen Blick in meine Malertasche gethan und eine — Inspiration der lieben Eitelkeit erhalten. . . »Also ich wurde säuberlich in das eigentliche Räuber¬ nest geführt — natürlich mit verbundenen Augen — und dort hatte ich das Vergnügen, der »Sonne der Abruzzen« — la bella Signora Annunziata — der Banditenbraut vorgestellt zu werden . . . kurz und gut, den Herrn Hauptmann und die ganze Bande und die schönste der Banditenbräute malen zu dürfen. Acht Tage weilte ich porträtirend in diesem originellen Maler-Atelier, auf's Beste mit dem zähsten Ziegenfleisch und Knoblauch und halbverbrannter Polenta und kleisterartigen Maccaronis gefüttert und zärtlich von zwei Karabinerläufen bewacht, Endlich war das große Werk vollbracht und die Banditen- Galerie in der rauchigen Felsenhöhle symmetrisch auf¬ gehängt. Ich hoffe, die Modelle sind ihr inzwischen nach¬ gefolgt — was das Hängen anbetrifft. Die ganze Bande, und besonders la bella Annunziata waren sehr befriedigt von meinem Talent. Nun, die Farben hatte ich nicht gespart. So wurde ich endlich mit heiler Haut an die frische Luft der Abruzzen gesetzt, mit der freundlichen Mahnung: in Zukunft nicht das Revier honetter Leute unsicher zu machen. In Rom holte ich triumphirend zwei kleine Kopien des Räuberhauptmanns und der schönen Banditenbraut, die ich in unbewachten Augenblicken zum Andenken für mich und zur Beglaubigung meines Aben¬ teuers gemacht hatte, aus dem Versteck meines Stiefel¬ schaftes — der auch so treulich meine Reisekasse verborgen hatte — hervor. . . und hier sind sie: Signor Giuseppe und la bella Annunziata . . .« »Es waren zwei kleine Aquarelle: der Räuber wüst, wilder, schwarzer Bart, blutgierige Augen, — die Sig¬ nora üppig, rothwangig, glutäugig, schwarzlockig. . . »Kinderchen, was habt ihr da?« — sagte Böttiger, der mit einem fremden Professor in der Fensterecke ge¬ sprochen und von der ganzen Geschichte kein Wort gehört hatte, mit seinem freundlichsten Lächeln herantretend. »Zwei Portraits,« — meinte Winkler in seiner neckischen Weise, uns Andern einen Blick zuwerfend, der bedeutete: Aufgepaßt — laßt mich nur machen das giebt einen Hauptspaß! »Sie erkennen doch die Originale, Herr Hofrath?« »Ei! ei! natürlich — wie sollte ich denn nicht!« sagte der gute Böttiger, der sehr kurzsichtig ist, die beiden Bilder dicht vor das Auge haltend. . . »Dies hier ist ja unser verehrter Tieck und dies — ei! — allerliebst getroffen unsere theure Gräfin Finkenstein. . .« »Das welterschütternde Lachen der ganzen Gesellschaft läßt sich nicht beschreiben: man muß es mit erlebt haben — — ebenso Tieck's verdutztes Gesicht, das nicht wußte, ob es mitlachen, oder grob werden sollte. Schließlich bequemte es sich zu einem mitleidigen, weltverachtenden Lächeln und fand auch den ganzen Abend nicht mehr aus demselben heraus. Aber inwendig grollte es furcht¬ bar! Ihn mit einem italienischen Banditen und seine Freundin, die arme alte, elegische Gräfin Finkenstein mit einer frechen, gottlosen Banditenbraut zu verwechseln . . . das war für seine liebe Eitelkeit zu viel. Ueberdies glaubt er noch heutigen Tags, die Geschichte sei von dem gottlosen Theodor Hell schlau eingefädelt worden, um ihn lächerlich zu machen. Und Tieck vergiebt nie — denken Sie daran, mein liebes Fräulein! — nie eine Be¬ leidigung — eine Vernachlässigung. Er rächte sich auch an Theodor Hell und an dem guten, ganz unschuldigen Böttiger auf jede Art. . . Ja, zuletzt griff er sogar zur Feder und schrieb die beißendsten anonymen Schmäh¬ schriften gegen Winkler und Böttiger, — und daß der satyrische Winkler diese nicht geduldig einsteckte, sondern in gleicher Münze erwiderte, können Sie sich denken.« Das war der Prolog zu meiner ersten Vorstellung bei Ludwig Tieck. Ich lachte wohl Anfangs über die possirlichen Situationen jener Banditenbildergeschichte, die Sternberg mir mit so vieler Laune und drastischer Mimik gezeichnet hatte — aber dann wurde mir doch das Herz etwas schwer bei dem Gedanken: wie wird Dir es mit deiner Lachlust und übermüthig ungezügelten Zunge bei diesem empfindlichen Dramaturgen ergehen?! Nicht ohne Herzklopfen betrat ich das durch Tieck so berühmt gewordene Eckhaus am Altmarkt. Eine alte, freundliche Magd empfing uns mit den Worten: »Der Herr Hofrath erwartet Sie!« »Ein gutes Omen!« flüsterte mir Sternberg zu, der meine Befangenheit bemerkte, »Nicht Jeder darf sich eines solchen Empfanges rühmen. Sie sind ihm sehr willkommen!« Wir traten in einen geräumigen Salon. Zugleich öffnete sich die Thüre des Nebenzimmers und — vor mir stand der berühmte Dichter in seiner ganzen bezaubernden Liebenswürdigkeit. Tieck war damals bereits 61 Jahre alt, hatte aber in seiner Persönlichkeit und besonders in seinem Wesen etwas ungemein Frisches, anmuthig Jugendliches. Er trug einen langen schwarzen, talarartigen Sammetrock mit weiten Aermeln à la Raphael und ein schwarzes Sammetkäppchen, welches ein wenig kokett aussah, dem Dichter aber allerliebst stand. Der schwarze Sammet hob die Marmorblässe des schönen, edel geformten Ge¬ sichts mit den großen, tiefen, dunklen Augen und die alabasterartig schimmernden kleinen, wohlgepflegten Hände sehr vortheilhaft hervor. Und wie verstand er es, daß Gespräch durch wenige graziöse Handbewegungen zu be¬ leben! Ein bezauberndes Lächeln umspielte den fein ge¬ schnittenen, fast jugendlich knospenden Mund, als er mich im reinsten norddeutschen Dialekt und wohlklingender metallischer Stimme in Dresden willkommen hieß. »Ich habe schon viel Hübsches und Rühmliches von Ihrem Talent und Ihrem Streben gehört und freue mich auf Ihr Gastspiel, das« — fügte er mit anmuthiger Ver¬ beugung hinzu — »hoffentlich zu einem dauernden En¬ gagement führen wird. . . Zunächst also gehen Sie, wie ich höre, nach Berlin, um auf den alten Brettern neue Lorbern zu ernten?« »Ich würde für einige freundliche Blumen der Er¬ innerung und des Willkommens sehr dankbar sein, — die Lorbern, Herr Hofrath, gönne ich herzlich gern den unsterblichen Geistern!« sagte ich mit Beziehung auf den mir gegenübersitzenden Dichter. »Nun, die Blüthen werden Ihnen nicht fehlen« — lächelte er, den Tribut, wie ihm gebührend, in Empfang nehmend. »Sie werden überall Erfolg haben, wo Sie sich nur zeigen — — Sie sind jung — sind schön. . .« »Die Schwägerin von Rahel Varnhagen, die wunder¬ bar schöne Frau von Ludwig Robert Torno, die ge¬ feierte Schwäbin, meinte: Ich sei hübsch — nur hübsch . . . und deren Ausspruch galt in Schönheitsangelegen¬ heiten damals in Berlin als Orakel. . . Und diese schönste Frau, die ich je gesehen habe, mußte so jung sterben. Man erzählte mir nach meiner Heimkehr aus Petersburg, sie sei vor zwei Jahren in Baden ihrem Gatten nach wenigen Tagen aus Gram nachgestorben. . .« »Ludwig Robert hatte ein schönes Talent für das Drama. Sind Sie je in seinem Trauerspiel: »Die Macht der Verhältnisse« aufgetreten?« »Ja, in Berlin. Es war ein vortreffliches Ensemble: Ludwig Devrient in einer seiner Meister-Rollen — Be¬ schort als Vater erschütternd — dann Rebenstein, Lemm, die ideale Komitsch — die schöne Schröckh mit der seelen¬ vollen Flötenstimme . . . Ich hatte nur eine kleine Rolle, die »Gräfin« . . . »Aber eine sehr schwere, die nicht nur gespielt, sondern bis in die feinsten Falten des Seelenlebens studirt und nachgefühlt sein will.« »Und dieser kleinen Partie verdanke ich das erste, mich hochbeglückende Lob von Alexander Wolff in tra¬ gischen Rollen, während er im Lustspiel meistens mit mir zu¬ frieden war. In der Tragödie bekam ich sonst immer von ihm zu hören: »Recht hübsch gespielt — aber man glaubt Ihnen nicht, daß Sie wirklich so tief leiden , wie Ihre Worte sagen!« — Nach meiner »Gräfin« kam Wolff expreß zu mir in die Garderobe, um mir herzlich die Hand zu drücken und zu sagen: »Heute, Fräulein Lustspiel, haben Sie mich wahrhaft überrascht. Das war ja eine Tragödie, wie sie im Buche steht: edel, tief empfunden — und nicht gespielt, sondern gelebt !« »Ein herrlicher Künstler und Mensch!« sagte Tieck gedankenvoll, wie in Erinnerung versunken. »Nach dem genialen Fleck und meiner großen Bethmann bewunderte ich in Berlin das Wolff'sche Ehepaar am meisten. Das waren noch echte Komödianten aus der guten alten Schule — mit Leib und Seele ihren so hochgehaltenen Brettern angehörend. Alexander Wolff's Tod ist ein unersetzlicher Verlust, nicht nur für Berlin — sondern für das ganze deutsche Theater.« »Und doch, Herr Hofrath, seit ich Ihren herrlichen Emil Devrient als Tasso gesehen habe. . . .« Aber ich blieb stecken, Tieck sah mich mit so eigenen, großen Cäsar-Augen an, als wollte er sagen: »Auch Du, Brutus — und jetzt schon?« Zugleich mahnte mich ein freundschaftliches Ellbogen- Memento Sternberg's daran, daß Emil Devrient in diesen Räumen eine persona ingrata. »Haben Sie jemals Sophie Müller gesehen, die so früh von der Kunst und von uns scheiden mußte?« — fragte Tieck plötzlich, die peinliche Pause endend. »Wer hätte gedacht, als sie hier in Dresden die blinde Valerie so rührend, so innig, so erschütternd . . . und so einfach wahr gab, daß sich diese schönen, klugen, seelenvollen Augen so bald auf immer schließen sollten. . .« »Ich sah sie als Kind in Karlsruhe und dann in Berlin. Sie hat sich zu Tode gespielt. Sie gab sich mit Erinnerungen ꝛc. 24 verzehrender Inbrunst ihrer Aufgabe hin — und hauchte ihre große, schöne Seele ganz ihren Gestalten, ihren Schöpfungen ein. Das konnte eine so zart und reich besaitete Natur nicht lange ertragen. Aber es lebt augen¬ blicklich noch eine geistige Schwester von Sophie Müller. . .« »Und auf welcher deutschen Bühne?« fiel Tieck ge¬ spannt ein. »Wie heißt sie?« »Auf keiner deutschen Bühne, Herr Hofrath. Ich meine die Mars vom Théâtre français . Ich habe sie oft — sehr oft in Paris spielen sehen und jedesmal er¬ innerte sie mich lebhaft an unsere Sophie Müller: durch die Innigkeit des Gefühls, holde Weiblichkeit, süßes Organ und das Maßvolle, Lebenswahre in ihrem ganzen Auftreten und Spiel. Ja, die Mars ist die einzige französische Schauspielerin, die — echt deutsch spielt und von ihren Landsmänninnen nur die unnachahmliche Grazie und das Moussirende des Esprit adoptirt hat. Die guten Pariser bewundern in ihrer »göttlichen Mars« — freilich ohne es zu ahnen, denn sonst würde der Stolz der grande nation diese Bewunderung nicht zulassen — deutsche Kunst, deutsche Seele, deutsches Spiel! — Besonders erinnerte mich auch die »blinde Valerie« der Mars erschütternd an die blinde Gabriele unserer Sophie Müller. Und ich sah die Mars fünfmal in dieser schweren Rolle. Beide gaben die Blinde — im Gegensatz zu der sonstigen lang¬ weiligen Auffassung, die uns durch das Monotone, Schleppende, Sentimentale des Spiels die Unglückliche wohl bemitleiden, aber nicht so recht herzlich liebgewinnen läßt — jugendlich anmuthig: frisch wie ein sonniger Frühlingstag und fröhlich wie ein Waldvögelein. . . Und wie erschüttert bei diesem holden, liebenswürdigen Ge¬ schöpf gerade die Blindheit! Das seelenvolle »Ich war¬ tete« unserer deutschen Gabriele klingt mir eben so ge¬ waltig im Herzen nach, wie das berühmte: »J'attendais« der Französin. Nur am Schluß, wenn die Mars ihr »J'existe!« zum Himmel aufjubelt, entzückt und ent¬ zückend, daß es den Hörer elektrisch durchzuckt — — dann muß das »Ich lebe!« von Sophie Müller erbleichen. . .« Tieck hörte mir mit sichtlichem Interesse zu. Er bat mich sogar, beide Szenen gleichsam als Kopien der Mars und der Müller dramatisch wiederzugeben, und lobte die feinen Nüancen meiner Nachahmung. Wir waren sehr lebhaft geworden, und ich mußte dann noch zur großen Belustigung von Tieck und Stern¬ berg erzählen, wie auf dem Théàtre français Kotzebue's »Menschenhaß und Reue« gegeben wurde. »Der herrliche Armand erscheint als Meinau wie ein Vermummter: langer, weiter, grauer Ueberrock, aus dem nur die Spitzen seiner Stiefel und viertelellenlange Sporen vorgucken — sein edles Haupt verbirgt eine rie¬ sige Zopfperrücke und fußhohe Halsbinde. — Unwillkürlich rief ich beim ersten Erblicken dieser Vogelscheuche aus: »Oh, comme Armand est laid dans ce costume!« — und nicht wenig belustigte es mich, als meine fran¬ zösische Nachbarin mich, die deutsche Schauspielerin, mit strafendem Blick belehrte: »Mais, c'est ainsi, que l'on 24 * se met en Allemagne . . .« Die gute Mars sah in ihrem grauen, engen, hohen Kleide und dem schmucklosen weißen Häubchen aus wie eine verkümmerte Pfarrerswittwe. Als dann die Gäste kamen, schmückte sie sich mit einem blauen Bande. Aber wie spielten Armand und die Mars in diesem lächerlichen Kostüm! Man vergaß über dem Spiel alles Andere — sogar die 45 Jahre der Mars. Besonders in der Schlußszene, da hätten deutsche Schau¬ spielerinnen von dieser Französin deutsch denken, fühlen, spielen lernen können. Ich selber weinte und lachte mit ihr, wie ein Kind, als sie nach dem erschütternden Ab¬ schiede von Meinau sich abwendend ihren Knaben erblickt, unter Thränen aufjauchzt und — Alles um sich her ver¬ gessend — vor dem Kinde niederkniet und mit seinen Locken spielt. . . Da erst verstand man, warum Meinau jetzt — plötzlich ausruft — ausrufen muß : »Eulalie, ich verzeihe Dir!« — Und wie die Mars dann das Kind an die Brust reißt und so in Meinau's Arme taumelt — im überwältigenden Glück. . .« »Gerade so spielte meine große Bethmann diese Szene!« sagte Tieck lebhaft. Das war das höchste Lob, das er einer Schauspielerin zu spenden vermochte. Nachdem der Dramaturg mich noch über mein Repertoir befragt hatte, sagte er: »Ich hoffe, Sie in Dresden mit der Zeit auch noch in hochtragischen Rollen zu sehen. Sie haben Leidenschaft, ein sympathisches Organ, edle Gesten. . .« »Aber kein tragisches Gesicht, Herr Hofrath!« fiel ich tragikomisch ein. Tieck lächelte fein: »Der Geist überwindet auch das! Ich wünschte, Sie versuchten einmal die Maria Stuart. Ich werde die Rolle gern mit Ihnen durchgehen — wie ich sie einst mit Friederike Bethmann durchging. Die glaubte Anfangs auch, nur für naive und sentimentale Rollen ge¬ schaffen zu sein — und sie wurde die größte Maria Stuart ihrer Zeit. Sie sollen jetzt durch mich von der Beth¬ mann lernen — auch, wie man in der Gartenszene königlich stolz auf die Elisabeth zuschreiten kann: denn ich bin Euer König !« — ohne zu thun, als wollte man ihr — Eins versetzen, wie manche modernen be¬ rühmten Maria Stuarts diese Szene so gern spielen,« schloß er scherzend, aber doch ein wenig verächtlich. Ich dankte dem Meister von Herzen, versprach Alles, auch mit der Mutter am Abende zur Vorlesung zu kommen — und ging bezaubert nach Hause. Tieck's ganze bedeutende und so hinreißend liebenswürdige Per¬ sönlichkeit, das Magnetische seiner Augen, das Be¬ rauschende seiner Sprache, der Zauber seines Lächelns hatten mich ganz gefangen. Wie weggeweht war Alles, was ich über seine Eitelkeit, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, Empfindlichkeit und kleinliche Rachsucht gehört und was mir das Herz selber so schwer und mißtrauisch gemacht hatte. Als Sternberg über meine Begeisterung lächelte: »So ist es schon Vielen bei Tieck's erstem Sehen ergangen, aber sie sind nur zu schnell furchtbar abgekühlt worden!« — da rief ich fast unartig: »So gönnen Sie mir doch diesen Traum, er beglückt mich ja so sehr! Und an mir soll es sicher nicht liegen, daß ich so bald daraus erwache, wie Andere. Es wird stets mein Stolz sein, von Ludwig Tieck belehrt und berathen zu werden. Ich will redlich versuchen, die größte Geduld mit seinen Eigenheiten und kleinen Schwächen zu haben, ohne mir selber untreu zu werden . . . und sollte ich nach Jahren dennoch in Un¬ gnade fallen, in Tieck's Hause Enttäuschungen und Kränkungen erfahren haben — so werde ich mich doch stets dankbar dieser heutigen und — so Gott will — noch vieler solcher Gnadenstunden bei Ludwig Tieck erinnern. . .« Wir befolgten den Rath des Baron Maltitz und tranken vielen starken schwarzen Kaffee, — zur Nerven¬ stärkung vor der gefürchteten ersten Vorlesung bei Tieck. Schönstens geputzt gingen wir gegen Abend nach dem Altmarkt. Der Mutter hatten der schwarze Kaffee und die Angst vor der Vorlesung rothe Bäckchen gemacht, und die standen ihr zu dem weißen Tüllhäubchen mit den schon seit Jahren gewohnten blaßgelben Bändern aller¬ liebst. Ich war stolz auf die schöne Mutter und gefiel mir in dem modischen Wiener Staate des Herrn von Bär auch nicht übel. Als wir die Treppe hinaufstiegen, bat ich die Mutter noch himmelhoch, während der Vor¬ lesung nicht einzunicken und mich auch nicht durch den kleinsten Blick an das Elend von Alexander und Darius zu erinnern. Wir gaben uns die Hand darauf, uns gegenseitig keine Schande zu machen. »Lina, wenn es doch ein Lustspiel wäre!« — dieser Seufzer der Mutter klang schon in das bunte Summen hinein, das uns beim Ablegen der Ueberkleider im Entree durch die Saal¬ thür umrauschte. »Wohl große Gesellschaft?« fragte ich die alte, freundliche Dienerin. »O, nur dreißig Personen!« war ihre würdevolle Antwort. Es lag in diesen » nur « der echte, prächtige Dienstbotenstolz: »Ja, aufgeschaut und allen Respekt! Wir sind sehr gesuchte, berühmte Leute!« Der Saal war brillant erleuchtet. Stattlich, freund¬ lich trat uns Ludwig Tieck im schwarzen Frack und weißen Halstuch entgegen. Er führte uns zu einem Sopha am Ende des Saales und stellte uns einer winzigen alten Dame vor, deren schmales Gesichtchen vor lauter Tüll¬ rüschen und weißen Spitzentüchelchen vollends verschwand: — Gräfin Finkenstein. Die Mutter mußte neben ihr Platz nehmen. Mich führte der Hofrath zu seinen Töchtern Dorothea und Agnes, zwei liebenswürdigen Mädchen mit sanften, klugen Augen und herzenswarmem Hände¬ druck. Dann kam mein bei meinen Freunden so be¬ rühmtes und bei andern Leuten auch wohl etwas be¬ rüchtigtes Spießruthen-Vorstellungs-Halbkompliment zur vollsten Geltung: »Baronin Friesen — Frl. von Brunnow — Frau von Bülow — Frl. Reinhold — Hofrath Ca¬ rus — Herr von Bandissin nebst (bildschöner) Tochter« . . . und so ging es noch eine Weile fort, bis Dorothea mich in einen stillen Winkel zu ihrer Mutter und zu Julie Rettich führte. Die Hofräthin sah leidend aus und lehnte in einem hohen Lehnsessel — so ergeben, eine Dulderin in der frohen Gesellschaft! Aber es wurde mir gleich heimisch in diesem stillen Winkel, und ich dachte wie Hebel's Haferkörnle: »Do blieb i! was no us mer will werde!« Als ich der Rettich mein Entzücken über ihre vollen¬ dete Kunstleistung in »Tasso's Tod« ausdrückte . . . als mir das Herz immer lebendiger auf die Zunge trat — — da sahen mich Mutter und Tochter Tieck wie erstaunt an, als wollten sie sagen: »Es giebt also doch noch Wunder: eine Schauspielerin, die gerecht gegen ihre Rivalin ist!« Und sie wurden immer zutraulicher . . . und ehe noch das Klappern der Theetassen aufgehört hatte, sagte ich mir mit Freude: »Der gute Böttiger hat Recht! Die Beiden bleiben Dir treu — wenn des Dramaturgen Gnadensonne auch dereinst für Dich unter¬ gegangen ist!« Inzwischen hatte ich aber auch Auge und Ohr für die übrige Gesellschaft offen gehabt. Wie ein Grand Seigneur wandelte Tieck unter seinem Hofstaate umher, bald hier ein freundlich Wort, bald dort ein Lächeln spendend. Bei aller Liebenswürdigkeit hatte dies »ar¬ tiger Wirth sein« doch einen kleinen Anflug von Herab¬ lassung. Wenn er nur den Mund aufthat, sah ich die Tüllrüschen der Gräfin nebst Zubehör vor Bewunderung und Entzücken förmlich vibriren. Dabei herrschte eine tropische Hitze in dem Saal und die vielen Lampen waren ohne Schirm und thaten dem Auge weh. »Hierzu nun noch ein Richard III . oder einer von den vielen Hein¬ richen — und die Mutter ist trotz Maltitz's Kaffee-Extrakt verloren!« Dieser Gedanke beunruhigte mich nicht wenig. Endlich sollte ich aber aus dieser Unruhe erlöst werden. Auf einen königlichen Wink Tieck's stellte die Dienerin ein Tischchen mit zwei Wachskerzen in die Mitte des Saals, gegenüber den drei großen, berühmten Vor¬ lesungs-Sophas. Noch ein wenig Stuhlrücken — dann lautlose, fast angstvolle Stille . . . und aus dem Polster¬ sessel hinter den beiden Kerzen ertönte es: »Prinz von Homburg, Trauerspiel von Heinrich v. Kleist.« Es war fast, als ginge ein Athmen der Erleichterung durch den Saal. Frau Rettich flüsterte mir zu: »Eine glückliche Wahl — das Stück ist nicht so furchtbar lang und Tieck liest es herrlich vor.« Die Hofräthin hatte sich resignirt in ihren Sorgenstuhl zurückgelehnt und die Augen geschlossen — die Tüllrüschen strahlten — mein armes Mütterlein hatte ergeben die Hände über ihrem Schnupftüchlein im Schooße gefaltet und schien ein letztes Stoßgebetlein an den namenlosen Gott der Nerven zu richten — (die alten Heiden kannten ja noch keine Nerven) — und ich lauschte in athemloser Spannung. Der Prinz von Homburg hatte mich stets ganz be¬ sonders gefesselt — ergriffen. Es war zu meiner Ber¬ liner Zeit viel darüber gestritten: ob Homburg ein Held sei — oder das Gegentheil! Ich legte stets eine Lanze für den »Helden« ein, denn ich liebte ihn — trotz des Todesgrauens, das er zeigt, als er an seinem offenen Grabe steht. In offener Schlacht würde Prinz Hom¬ burg keine Todesfurcht gekannt haben. . . Und wie dem armen Kleist wohl zu Muth war, als er sein Leben fort¬ warf? War das Heldenmuth oder Feigheit? — So oft wir im Theaterwagen nach Potsdam zur Vorstellung fuhren und an den Gräbern von Heinrich v. Kleist und Henriette Vogel vorüberkamen, wurde von der unseligen That in Wehmuth gesprochen. Wir liebten ja Alle den Dichter von Käthchen von Heilbronn und Prinz von Homburg. Und Kleist hatte es nicht erlebt, daß ganz Deutschland von seinem Käthchen hingerissen wurde! Iffland wies das Stück als »unspielbar« von der könig¬ lichen Bühne zurück. Als ich Rahel Varnhagen fragte: »Warum hat der arme Kleist sich nur erschossen? — aus Liebe?« Da sagte sie mit Thränen in den schönen Augen: »Nein, Kind, der Mann, der den Wetter von Strahl und den Homburg geschaffen, erschießt sich nicht um einer Weiberlaune willen. Er wurde von seinem Vaterlande nicht verstanden — nicht anerkannt. Er hatte mit Noth und Sorgen zu kämpfen. Und als ihn die Kraft zum Leben verließ, da wählte er den Tod. . .« An dies Alles mußte ich denken, da Ludwig Tieck an jenem Abende den Homburg las. Und wie las er ihn — wie ich nie wieder vorlesen hörte! Zuerst nannte er die Personen — dann nur bei einer neuen Szene. Aber bei Tieck's wunderbarer Lese¬ kunst glaubte man die verschiedenen Akteure vor sich auf der Bühne reden zu sehen. Vor Allem aber entzückte mich die edle Einfachheit im Vortrage. Da war keine Spur von hohlem Deklamiren oder Stelzen-Pathos. Goethe's Wort bewährte sich auch hier: »Die höchste Kunst ist die veredelte Natur!« Tieck las schnell. In der ergreifenden Szene, wo den Prinzen die Angst vor dem offenen Grabe, vor der schimpflichen Hinrichtung martert, da jagten sich seine Worte förmlich in Hast und Fieberglut — wie Gewitter¬ wolken! Um so größer war die Wirkung, als der Himmel sich klärte — als der Prinz gefaßt ist, auch sein Leben dahinzugeben für seine Ueberzeugung. Das floß wie er¬ quickender Sonnenschein von des Lesers Lippen. Köstlich, wie Thaugefunkel auf Frühlingsblumen, glänzte die Szene zwischen Natalie und dem Kurfürsten: »O, dieser Fehltritt, blond, mit blauen Augen« . . . und dann wie kräftig und fröhlich frisch das Wort des prächtigen Kurfürsten: »Wenn ich der Bey von Tunis wär'!« Ja, da verstand man, daß der tapfere Kottwitz für solch' einen Fürsten freudig in den Tod geht. . . . Als ich dem Hofrath für diesen genußreichen Abend meinen aufrichtigen, begeisterten Dank sagte, drückte er mir mit seinem bezaubernden Lächeln die Hand: »Beweisen Sie mir, daß Sie den alten Tieck öfter lesen hören möchten — und kommen Sie mit den ersten Schwalben wieder nach Dresden — für immer! Und noch vor den Schwalben waren wir wieder in dem schönen, heiteren Elb-Florenz. Mein Gastspiel in Berlin war über Erwarten und Hoffen glänzend und wohlthuend ausgefallen. Publikum und Kollegen zeigten mir in liebenswürdigster Weise, daß ich unvergessen sei. Sogar Hofrath Teichmann hatte inzwischen seinen Groll über die Lachtragödie »Alexander und Darius« vergessen und empfing mich bei unserer Ankunft mit den übrigen Freunden in unserem, in einen wahren Blumengarten umgewandelten Absteigequartier. Dann ging's nach Magdeburg, da Freund Bethmann mich in seiner aller¬ liebsten tragikomischen Verzweiflung gebeten hatte: »ihn, den unglückseligsten aller abgebrannten Direktoren, mal wieder rechtschaffen flott zu machen. . .« Er versicherte mir bei meiner Abreise, daß meinem Gastspiele dies glänzend gelungen sei . . . »aber wie lange wird's dauern, so sitze ich wieder knietief im Sumpf!« fügte er seufzend hinzu. »Lieber Berliner Droschkengaul, als Magdeburger Theaterdirektor — aber ein geborner Komödiant kann's nun mal nicht lassen!« Dann wurde noch ein Abstecher nach Braunschweig, Hannover und Posen gemacht, wo Direktor Vogt auch »knietief im Sumpfe steckte« — und Anfang April 1835 hielten die Mutter und ich wieder unsern hoffnungsfröhlichen Einzug im Hotel de Saxe in Dresden. Ich gastirte mit immer steigendem Beifall als Donna Diana, Blinde Gabriele, Junge Pathe, Goldschmieds Töchterlein, Käthchen von Heilbronn, in der Schule der Alten, Menschenhaß und Reue und in den Hagestolzen. Dann kam der Probirstein für tragische Rollen: Maria Stuart, bei Tieck und nach den Traditionen von Frie¬ derike Bethmann einstudirt. Der Dramaturg war sehr mit meiner Leistung zufrieden, die Dresdener beglückten mich durch Beifall — und so unterschrieb ich nach der Vorstellung von Maria Stuart fröhlichen Herzens den Engagements-Kontrakt, den Herr von Lüttichau mir vor¬ legte und der mich zunächst auf vier Jahre an Dresden fesselte. Und ich habe es auch nie zu bereuen gehabt. XI . Beim alten Dramaturgen. L udwig Tieck erbot sich bei meinem Engagement in Dresden im Frühjahr 1835 freundlich, jede Rolle als Dramaturg mit mir durchzugehen, und erlaubte mir, nach jedem ersten Auftreten in einer neuen Rolle, sein kritisches Urtheil darüber einzuholen. »Auch sonst werden Sie mir immer herzlich willkommen sein, und meine alte Komödiantenerfahrung und mein väterlicher Rath stehen Ihnen jede Stunde offen. Ihr glückliches Gesicht, Ihr frohes Lachen erquicken mich. Also auf baldiges und oftmaliges Wiedersehen und gute Freundschaft!« — sagte er mit seinem bezaubernden Lächeln und hielt mir seine schöne, alabasterweiße Hand hin. Und ob ich einschlug? O, von Herzen gern, und mein ganzes volles, jubelndes Herz legte ich zugleich in diese liebenswürdige Hand. Ich war bezaubert von Ludwig Tieck. Ich liebte, ich bewunderte ihn, ich schwärmte für ihn. Und wie oft, wie unzählige Male bin ich über den Dresdener Altmarkt geeilt und in das liebe, alte Eckhaus mit dem finsteren Hausflur und die genick¬ brecherische Treppe hinauf gestürmt — und dort oben in dem büchertraulichen Gelehrtenstübchen habe ich un¬ vergeßlich reiche Stunden verlebt und bin von Ludwig Tieck belehrt, berathen, gelobt und gescholten worden, ganz wie eine gute Tochter vom guten Vater. Die milde Hofräthin, die ihre schmerzhafte Krankheit, die Wassersucht, still und ergebungsvoll trug, die Töchter, die geist- und gemüthvolle Dorothea, der wir so manche treffliche Uebersetzung Shakespeare's verdanken, und die heitere Agnes, waren mütterlich und schwesterlich lieb und gut zu mir und selbst die Gräfin Finkenstein, die langjährige Freundin der Familie und der sorgende Haus¬ geist, schüttete das Füllhorn ihrer Gunst reich über mich aus, so lange — ihres vergötterten Freundes Tieck Gnadensonne freundlich über mir lachte. Ich fehlte bei keiner Vorlesung im Eckhause des Altmarktes, und selbst die Mutter brachte mir das Opfer, wenigstens einmal wöchentlich eine Sophaecke vor dem historischen Tischchen mit den beiden Wachslichten einzunehmen. Oefter erlaubten ihr das die Nerven nicht. Tieck zeichnete mich bei den Vorlesungen und an den geselligen Abenden in seinem Hause und in seiner Stellung als Dramaturg an der Hofbühne freundlich aus und die Dresdener sagten: »Der alte Dramaturg hat einen neuen Liebling gefunden; er will zeigen, daß Julie Rettich auf der Bühne und in seinem Herzen vollständig ersetzt ist und daß ihn ihr Abgang nach Wien nicht schmerzt. . . . Aber wie lange wird's dauern?« Nun, es dauerte schöne, lange, glückliche Jahre, und dafür bin ich noch heute dem viel gelobten und viel geschmähten großen Todten von Herzen dankbar. Unvergeßlich theuer sind mir auch die seltenen Abend¬ stunden, die ich in Tieck's engstem Familienkreise ver¬ leben durfte. Gewöhnlich waren dann außer der Hof¬ räthin, den Töchtern, der Gräfin Finkenstein nur noch zugegen die treue Hausfreundin Fräulein Reinhold, die begabte Verfasserin von König Sebastian und Irrwisch Fritze, meine Mutter und ich. Tieck zog für diesen kleinen traulichen Kreis nicht mit dem eleganten Frack den be¬ rühmten, gefeierten Dichter an. Er blieb in seinem kleidsamen talarartigen schwarzen Sammetrock und in seinem ganzen Auftreten und Sprechen ungeschmückter, menschlicher, liebenswürdiger. Und wie heiter gemüthlich konnte er dann erzählen von seiner ärmlichen Kindheit, seiner stürmischen Jugend, seinen bunten Manneserleb¬ nissen und Erfahrungen und seinen liebsten »Komö¬ dianten«! Wie verstand er es, uns in dem engen, düsteren Hinterstübchen der Berliner Roßstraße heimisch zu machen, in dem er am 31. Mai 1773 geboren war. Er führte den Vater, den praktisch klugen, weit umher gewanderten und vermöglichen Seilermeister und die milde, fromme Mutter, die ihn aus der Bibel und dem verehrten Porst'¬ schen Gesangbuche lesen lehrte, seine zwei Jahre jüngere, poetisch hochbegabte Schwester Sophie, und den kleinen Bruder Friedrich, den später so berühmten Bildhauer, mit dem ihm wunderbar eigenen Stimmnachahmungs¬ talent lebhaft bei uns ein. Er schilderte uns sein Kinder¬ entzücken, wie er als erstes Buch nach der Bibel und dem Porst den »Götz von Berlichingen« gelesen und zum ersten Mal eine Aufführung im Berliner Schauspiel¬ hause ansehen — nein, mitleben durfte. Da waren all' seine Gedanken für's Theater gefangen. Er zimmerte und kleisterte sich ein Puppentheater zurecht und führte den Götz von Berlichingen und die Räuber auf, und die Geschwister und Dienstboten und Nachbarkinder gaben andächtige Zuschauer ab. Die fromme Mutter schüttelte den Kopf zu solchem gottlosen Teufelsspuk. Und welche glänzende Träume träumte der kleine Puppenspieler bei dem Jubel seines Publikums in seinem Herzen! Er wollte einst, wenn er nur erst groß genug dazu sei, selber unter die geliebten Komödianten gehen — etwas Beneidenswertheres gab es für ihn auf Erden nicht. Aber der Vater wollte einen Gelehrten und die Mutter einen Kanzelredner aus dem begabten Knaben machen — und so kam Ludwig auf das berühmte Gymnasium des alten Gedike. Er lernte fleißig Latein und Griechisch, aber das Komödienspielen konnte er doch nicht lassen. Nur genügten ihm die dummen Papierpuppen nicht mehr. Mit den Geschwistern und den Schulfreunden Wilhelm Heinrich Wackenroder und Wilhelm von Burgsdorff wurde überall Komödie gespielt, wo sich gerade ein Plätzchen dazu fand: im Seilerschuppen oder in versteck¬ Erinnerungen ꝛc. 25 ten grünen Winkeln des Thiergartens. Und welche Aufgaben stellten sich schon die kleinen Komödianten: Shakespeare, Goethe, Schiller, Lessing — Alles, was ihnen vor die Finger kam! Mit besonderer Vorliebe und Leidenschaft spielten sie die grausigen Hungerszenen in Gerstensberg's »Ugolino«. In eine geordnete Bahn kam dies Komödienspiel, als der liebenswürdige Kom¬ ponist von Goethe's Liedern, Reichardt, durch seinen Stiefsohn mit unseren Komödianten bekannt wurde und sie aufmunterte, in seinem Hause vor einem größeren und kunstverständigeren Publikum und unter seiner An¬ leitung zu spielen, und als Reichardt's junge Schwä¬ gerinnen vor und hinter den Coulissen die Liebhaberinnen¬ rollen übernahmen. . . Hiebei warf Tieck seiner Frau stets einen schalkhaften Blick zu, denn sie war ja eine jener Liebhaberinnen, Reichardt's Schwägerin, Amalie Alberti, Tochter eines bekannten Hamburger Predigers. Einst spielte die kleine Truppe auf Einladung der Baronin Rietz in ihrem prunkvollen Hause sogar vor dem Könige und seinem vertrauten Hofe, und der dicke Wilhelm und seine Favoritin waren sehr erbaut davon — der gestrenge Direktor Gedike aber schnitt sein grimmigstes Gesicht über solche allotria seiner Gymnasiasten. Wie herzlich, wie übermüthig konnte Tieck lachen, wenn er von seinen ersten poetischen, selbstschöpferischen Federarbeiten erzählte — auf dem Gymnasium! Sein Lehrer Rambach füllte seine Mußestunden und seine fast immer leere Kasse damit, daß er nach dem Geschmack des damaligen Publikums auf Buchhändlerbestellung und nach der Elle Schauerromane, Spuk-, Räuber-, Ritter- und Mordgeschichten schrieb, so auch einst für eine Sammlung von »Thaten und Freiheiten renommirter Kraft- und Kniffgenies« die Historie vom bayerischen Hiesel, dem berüchtigten Wilddiebe und Räuber Mathias Klostermayer. »Pah!« dachte Rambach eines faulen Tages — »wie wär's, wenn Du Dir für dies Geschäft einen Lehrling zulegtest? Da hättest Du die halbe Arbeit und verdientest doch doppelt so viel liebes schnell¬ rollendes Geld. . . . Versuchen wir es einmal mit der gewandten und in seinen deutschen Arbeiten so abenteuer¬ reichen Feder von dem Scholar Ludwig Tieck und geben ihm den bayerischen Hiesel als Kraft- und Kniffgenie zu verherrlichen. . . .« Und der Versuch wurde gemacht und fiel über Erwarten des glücklichen Präzeptors goldig glänzend aus und der Lehrling überflügelte den Meister bald in allen Ausschweifungen einer wilden Schauer¬ phantasie und entzückte ihn besonders durch das Höllen¬ gebräu von Blut und Sünde und Verzweiflung und Wahnsinn in dem entsetzlichen Gräuelroman: »Die eiserne Maske«. In ähnlicher Weise arbeitete Ludwig Tieck auch schon auf dem Gymnasium für seinen hoch¬ begabten, aber zerfahrenen Lehrer Bernhardi, der später¬ hin seine geliebte Schwester Sophie als Gatte so un¬ glücklich machen sollte. . . . Aber diese Ausschweifungen einer unreifen Phantasie zerrütteten Tieck's Nervensystem bedenklich. »Halb verrückt« 25 * — wie er selber sagte — ging er im Frühjahr I792 nach Halle, um Theologie zu studiren, So glaubte die gute Mutter wenigstens. Er gab sich aber jetzt nur noch ungebundener seiner wilden Phantasie und Feder hin, und las und schrieb und trieb Spuk über Spuk, so daß er sich oft selber vor den Fleisch und Blut und Schrecken gewordenen Ausgeburten seiner Phantasie entsetzte. . . . In Halle und Göttingen beendete er so das schaurige Phantasiestück »Abdallah« und arbeitete an dem »Lovell«, beide bereits auf dem Gymnasium begonnen. Mit drastischem Humor malte er uns die Szene aus, wie er, gegen Ostern 1793 mit seinem Freunde Wackenroder auf der Wanderschaft nach Erlangens Uni¬ versität begriffen, bei Fürth in die bunte Gesellschaft von wandernden Komödianten und lagernden Reichs¬ soldaten gerieth, und wie die alte tolle Knabenleidenschaft wieder über sie kam und er und Wackenroder mit den Komödianten unter freiem Himmel vor den Reichssoldaten Komödie spielten . . . und wie schließlich die Soldaten auch mitspielen wollten und eine allgemeine Verwirrung und Balgerei draus wurde, und der feurige Student wegen seiner derben norddeutschen Hiebe am Ende wohl gar von den Reichssoldaten füsilirt worden wäre, wenn nicht der General ein freundlich Macht- und Gnadenwort ge¬ sprochen hätte. . . . Und in derselben Nacht verirrte er sich noch im Walde in ein buntes Zigeunerlager . . . . Noch immer bedauerte er fast ernsthaft, daß am Ende seiner Studentenzeit der tolle Plan: mit Wackenroder und Burgsdorff in das romantische Land Italia zu ent¬ fliehen, dort ein genial poetisches, abenteuerliches Leben zu führen und nur als Berühmtheiten nach dem spie߬ bürgerlichen Deutschland zurückzukehren, nicht zur Aus¬ führung kommen konnte — aus Mangel an goldenen Sohlen. . . . Kein Wunder, dachte ich bei solchen Erzählungen still für mich, daß jetzt der alte »Romantiker« vor Dir sitzt. Launisch und spöttisch erzählte Tieck gern von seinem Besuch bei Klopstock in Hamburg, wie er eine ideale Dichtergestalt zu sehen erwartet und einen echten vertrockneten deutschen Professor im zerrissenen Schlaf¬ rock mit der Tabakspfeife zwischen den Zähnen gefunden habe, dessen erste Frage an die Studenten war: »Nun, hat sich denn der tolle Goethe immer noch nicht todt¬ geschossen?« — wie ergötzlich der alte Stimmkünstler die schneidend hohen Fisteltöne des göttlichen Sängers der Messiade nachmachen konnte! In Berlin begann im Herbst 1794 für den jungen 21jährigen Poeten ein neues, wundersames Leben. Für den bekannten Buchhändler Nikolai bearbeitete er aus dem Französischen eine Reihe damals beliebter satyrisch¬ moralischer Geschichten, und dieser lieferte ihm dafür die Mittel, mit der Schwester Sophie und dem jungen Bild¬ hauer Friedrich Tieck einen eigenen genialischen Künstler- Hausstand zu führen, in dem sich auch der große Mime Fleck oft wohl fühlte. »Der alte Nikolai aber wurde einst fuchswild, als ich ihm auf all' seine fragen immer nur wiederholen konnte, ich habe »die beiden merkwürdigen Tage aus Sigmund's Leben« keinem französischen Ori¬ ginale nachgebildet, sondern einfach meinem eigenen Hirn entspringen lassen — bis der Alte mit den Worten fort¬ rannte: Junger Mann, für so eitel hätte ich Sie doch nicht gehalten — — und mir wollen Sie das weiß machen, mir , dem alten Nikolai? — Er hat's mir auch nie geglaubt, der alte Nikolai, daß ich die wunderliche Historie allein zu Stande gebracht. . . .« Ist's mir doch, als hörte ich noch heute Tieck's be¬ hagliches Lachen über diesen Jugendtriumph und über den alten Nikolai. Oft las Tieck uns dann im engen traulichen Kreise auch seine reizenden Volksmärchen vor: Blaubart — die Haimonskinder — die Magelone — der blonde Eckbert — — und wie wunderbar märchenhaft süß und zau¬ berisch und dann auch wieder wie erschütternd und grauenerregend verstand er sie zu lesen! Und gern knüpfte er an diese Jugendarbeiten (1797) die glücklichen Er¬ innerungen, wie ihm gerade diese Märchen die Freund¬ schaft August Wilhelm von Schlegel's erworben und so beide Dichter späterhin zur gemeinsamen Uebersetzung von Shakespeare's Werken verbunden hatten und auch die Freundesherzen von Novalis und Schelling ihm zu¬ führten. Diese Freunde zogen ihn im Herbst 1799 mit der jungen Frau und der kleinen Dorothea nach Jena, aber schon am Neujahrstage 1801 sollte ihm Novalis durch den Tod entrissen werden, wie schon wenige Jahre früher der treue und geniale Freund Wackenroder. Mit großer Erregung sprach Tieck stets von seinen literarischen und persönlichen Federkämpfen jener Tage mit dem Satyriker Falk, dem Kritiker Gottlieb Merkel, mit Soltau, der gleich ihm den Don Quixote übersetzte, und mit Iffland, der sich für eine bittere Kritik Bern¬ hardi's durch das in Berlin aufgeführte satyrische Lust¬ spiel des Schauspielers Beck: »Chamäleon« an der ganzen neuen Tieck'schen romantischen Schule rächte. Ueber meinen vergötterten Schiller, den er damals auch in Jena kennen gelernt hatte, äußerte der alte Romantiker sich zu meinem Schmerz und Verdruß stets sehr vornehm ablehnend und herablassend, und nannte ihn wohl achselzuckend einen »spanischen Seneca« — oder gar einen »guten Menschen«. Goethe konnte er nie die eigenthümliche Kritik über sein religiös-mystisches Trauerspiel »Genovefa« vergeben, als der Altmeister nach Tieck's Vorlesung desselben im Jenaischen Schloß nur seinem kleinen Wolfgang fein lächelnd die Locken aus der Stirne strich und sagte: »Nun, mein Söhnchen, was sagst Du zu all' den Farben, Blumen, Spiegeln und Zauberkünsten, von denen unser Freund uns vorgelesen hat? Ist das nicht recht wunder¬ bar?. . . .« Ja, leider war Tieck nicht groß genug, seine Empfind¬ lichkeit gegen gekränkte Eitelkeit zu verbergen. Er zeigte dann nur zu gern die Schärfe seiner Zunge und Feder. Auch mit dem armen Kleist war er in Berührung gekommen. Bei der Verschiedenartigkeit ihrer menschlichen und dichterischen Anlagen konnten sie sich aber nicht näher treten. Tieck sprach, bei aller Anerkennung von Kleist's großem dramatischen Talent, nur zu gern von des un¬ glücklichen Dichters fixen Ideen, die sich sogar so krank¬ haft steigerten, daß Kleist einst im Ernst versucht habe, Adam Müller von der Dresdener Elbbrücke zu stoßen, weil er sich einbildete, dessen Frau wahnsinnig zu lieben und ohne ihren Besitz nicht leben zu können. Köstlich parodirte er dagegen den windigen Klemens Brentano, der sich besonders darin gefiel, zarten Frauen seine Seelenleiden vorzuseufzen und sie durch seine welt¬ schmerzliche Zerrissenheit und Verlorenheit bis zu Thränen des Mitgefühls oder wohl gar des Erbarmens zu rühren. . . . »Als Brentano diese Höllenkünste auch in meinem Hause probiren wollte, sagte ich ihm ernsthaft: lügen Sie meinen Frauenzimmern so viel vor, wie Sie wollen, — nur eine Bedingung hab' ich, lieber Freund: lassen Sie es heiter sein! — und die poetische Zwiebel gelobte alles mögliche Gute und Beste. Aber als ich dann eines Tags nach Hause komme, was find' ich? — meine Frau und die Gräfin Finkenstein und die Dorothea und die Reinhold sämmtlich in Thränen schwimmend — und mitten unter ihnen meinen seufzenden, zerrissenen Fuchs Brentano. Aber ich hab' meine Frauenzimmer kurirt und dem Schalk im Thränenkleide heimgeleuchtet, indem ich ihm zurief: »Plagt Sie der Teufel? Sie haben mir ja die Hand darauf gegeben, meinen Frauen nur Lustiges vorzulügen!« »Meinen Frauen!« Ich muß heute darüber lächeln, wie harmlos patriarchalisch dies Wort von Tieck's Lippen klang — und wie scharf, wie spöttisch die bösen Zungen Dresdens es betonten. Die nannten Tieck oft nur den »Grafen von Gleichen unseres Jahrhunderts«. Es war allerdings ein wunderliches Verhältniß, das sich im Lauf der Jahre zwischen dem alten Roman¬ tiker und seiner Frau und der Freundin Gräfin Finken¬ stein gebildet hatte. Aber es war auch eine andere, romantischere Zeit, als unsere Tage. Tieck hatte, wie seine Lieblingshelden, lange Jahre eine Art fahrendes Künstlerleben geführt — zum Theil mit Weib und Kind. Seine geniale, abenteuerliche Jugendzeit gährte fort und fort in ihm und ließ ihn nicht zu einem festen Lebenshalt kommen und auch nicht zu einem festen Wohnsitz. Und da seine pekuniären Verhältnisse nie die glänzendsten waren, lebte er bald hier, bald da — und oft jahrelang bei Freunden als Gast, am liebsten und am längsten in Ziebingen, erst auf dem Gute seines Freundes v. Burgsdorff und dann im Hause des Grafen Finkenstein. Hier finden wir die Familie Tieck in den ersten achtzehn Jahren dieses Jahr¬ hunderts fast jeden Sommer. Von hier aus machte er seine Reise nach Italien, um in den Bädern von Pisa und unter dem milden Himmel von Rom Genesung von seinem heftigen Gichtleiden zu suchen, das den erst 22jährigen Dichter befiel und zeitweise ganz des Ge¬ brauchs seiner Glieder und seiner Feder beraubte. Leider war die Heilung keine dauernde und in Dresden fand ich den Armen oft von Gicht ganz zusammengekrümmt in seinen Lehnsessel gebannt. Von Ziebingen aus ging er mit dem treuen und stets hülfreichen Burgsdorff nach England und machte in Londons Bibliotheken und Theatern Studien zu einem wissenschaftlichen Werk über Shakespeare, das aber kaum über Notizen hinausgekommen ist. Als Graf Finkenstein im Frühjahr 1818 starb, ging die Gräfin mit Tieck und dessen Familie nach Dresden und gründete dem vergötterten Dichter mit ihren reichen Mitteln ein behagliches, sorgenfreies Daheim. Sie leitete und bestritt den Hausstand, sie machte an den Besuchs- und Vorleseabenden die Honneurs, sie pflegte den von Gicht Geplagten unermüdlich, sie begleitete den Theater¬ freund und späteren Dramaturgen in's Theater . . . und Tieck's Jugendliebe, seine Gattin Amalie, ging mit wunderbarer Milde und zartfühligem Takt in dies selt¬ same Verhältniß ein. Ja, ich habe nie einen ernsten Mißton zwischen den beiden Frauen unseres Grafen Gleichen bemerkt; auch die Töchter Dorothea und Agnes verkehrten auf's Freundlichste mit der Gräfin Finken¬ stein, und der alte Romantiker schien sich als Graf Gleichen II . sehr behaglich zu fühlen. Als ich die Gräfin Finkenstein kennen lernte, hatte sie den Freund schon über dreißig Jahre mit rührender Treue verehrt, gepflegt, sich in jede seiner vielen Launen gefügt, ihm mit Aufopferung ihres Vermögens jeden Wunsch seiner kostspieligen Bücherliebhaberei zu erfüllen gesucht und ihn — o Wunder! — sicher zehntausendmal vorlesen gehört — ja, was noch mehr sagen will: hundert¬ mal gehörte Shakespeares und Spanier mit gleichem Ent¬ zücken, mit verklärtem Gesicht, mit sprudelndem Enthu¬ siasmus! Ich sprach einst mit Amalie Wolff, die zum Besuch zu Verdys, ihren werthen Kollegen aus der alten glänzen¬ den Blüthezeit des Weimarischen Theaters unter Goethe's Sonne, nach Dresden gekommen war und eine — nur eine einzige Shakespeare-Vorlesung bei Tieck mit angehört hatte. Ich fand die liebe Berliner Freundin am andern Morgen über Nervenkopfweh klagend auf dem Sopha liegen. In ihrer humoristischen Art schilderte sie mir ihre verbissenen Gähnkrämpfe, unterdrückten Nerven¬ zuckungen während Tieck's Vorlesung von Richard III . . . . »Er liest ja meisterhaft vor, wie kein anderer Sterb¬ licher, entzückend schön — aber eine Tantalusqual bleibt's doch, in dieser Backofenhitze drei Stunden lang wie eine egyptische Sphinx dasitzen zu müssen vor diesen beiden müden Wachslichten, sich nicht rühren, nicht zucken, nicht räuspern, nicht gähnen, ja nicht einmal ein wenig schlafen zu dürfen, denn diese schreckliche Mumie von Gräfin beobachtete unter ihrem grünen Augenschirm hervor jeden beglückten Zuhörer mit Argusaugen, ob er sich auch nicht ein Kapitalverbrechen gegen ihren Abgott zu Schulden kommen ließ — ich glaube, kein Schlummer¬ auge wäre vor ihren gräflichen Nägeln sicher. Und diese kleine, alte, zarte, kränkliche Gräfin, die aussieht, als könnte man sie umblasen, als müßte sie Krämpfe be¬ kommen, wenn eine Stricknadel auf die Erde klirrt — dies Schattenwesen hört nun schon seit dreißig Jahren Abend für Abend Heinriche, Richarde, Othellos und erst die furchtbaren Spanier ohne ein Wimperzucken heroisch mit an, während mich der eine Richard schon beinahe umbrachte. . . Räthselhaft! unfaßlich! Wahrhaftig, die Gräfin Finkenstein verdiente das achte Weltwunder — das Nervenwunder genannt zu werden. . .« »Aber Tieck verehrt, schätzt Sie so hoch, theure Freundin. . .« »Ich ihn ja auch — aber hübsch in der Ferne, oder wenn er keine Richarde liest. Ein kleines Lust¬ spiel hält meine Verehrung auch noch aus — doch bei einem fünfaktigen Shakespeare schlagen die Nerven sie todt!« Ich mußte herzlich lachen. »Auch mein Bruder, der Rittmeister, der Nerven wie Stahl hat und den ich eines heißen Augustnachmittags mit zu Tieck vor sein Richard-Tribunal schleppte und der Zucken in Händen und Füßen bekam und große Angsttropfen schwitzte, wäh¬ rend die Gräfin ihm ihre triumphirendsten Blicke zuwarf, als wollte sie sagen: Nicht wahr? so hast Du noch nie vorlesen hören! . . . mein Bruder sagte mir beim Nach¬ hauseschwanken: »Alles kann ich Dir verzeihen, Lina, daß Du unter die Komödianten gegangen bist und mit Deiner Gage so oft meine Lieutenantsschulden bezahlt hast — — aber, ich fürchte, Richard-Qualen nie!« Jeder Dresdener Bekannte, jeder gebildete Fremde hatte Zutritt zu diesen halb öffentlichen Vorlesungen. Ein Empfehlungsgruß, ja eine einfache Selbsteinführung genügte, um von Tieck liebenswürdig empfangen zu werden. Und kein durchpassirender Gelehrter, Kunst¬ freund, Neugieriger, Raritätenliebhaber versäumte es, einen Vorleseabend bei Ludwig Tieck kennen zu lernen. Der alte Romantiker wurde dabei halb und halb als Sehenswürdigkeit Dresdens betrachtet. Zuletzt fragten die Lohnbedienten und Fremdenführer der Hotels ganz ungenirt Morgens bei Tieck's alter Dienerin an, ob am Abende Vorlesung sei — sie hätten so und so viel Fremde hinzuführen. Und es that Tieck's lieber Eitelkeit wohl, so aufgesucht und als Dresdener Sehenswürdigkeit an¬ geguckt zu werden. Dabei war er aber unerbittlich pünktlich mit dem Beginn seiner Vorlesungen. Mochten ihn die bedeutend¬ sten, vornehmsten Gäste in die interessantesten Gespräche verflochten haben: — Punct 7 Uhr gab er seinem alten weiblichen Faktotum das Zeichen und das berühmte Tischchen mit den Wachskerzen stand plötzlich in der Mitte des Zimmers, Tieck dahinter. . . Athemlose, bange Stille im Zimmer: Was wird er heute lesen? Einen der nervenzerrüttenden Heinriche? den furchtbaren Richard III . oder gar seine geliebten Spanier: »Das öffentliche Ge¬ heimniß« oder »Der Richter von Zalamea«? Diese angstvollen Fragezeichen standen auf den Gesichtern aller Ein¬ heimischen zu lesen und gewöhnlich auch daneben ein herz¬ liches Ausrufungszeichen: Möchte es doch heute ein kurzes Lustspiel sein! — Und wenn Tieck dann mit seiner herrlichen volltönenden Stimme sagte: »Der Richter von Zalamea, Drama aus dem Spanischen des Lopez. . . . !« so fielen wir Eingeweihten mit stillen Seufzern und lammfrommen Duldermienen in die möglichst bequemste Ergebungsposition zurück und ließen den Richter von Zalamea über uns er¬ gehen und, wem's gegeben war, an uns vorübergehen. Tönte es jedoch zwischen den beiden Lichten hervor: »Der zerbrochene Krug, Lustspiel von Heinrich von Kleist!« — oder: »Minna von Barnhelm, vaterländisches Lustspiel von Lessing!« — da ging ein Aufathmen der Erleichterung, der Genugthuung durch den Saal, und wenn der Vorleser am Schluß noch seine kleinen be¬ liebten Epiloge hielt, wie: »Der zerbrochene Krug! welch' kerniger, frischer Humor in diesem Prachtlustspiel!« — oder: »Eine Muster-Prosa in der Minna von Barnhelm! Welch' ein Genuß, sie nachzusprechen! Und welche Fein¬ heit des Witzes und meisterhafte Zeichnung der Charaktere! Ja, es ist noch immer unser unerreichtes deutsches Muster¬ lustspiel!« — dann nickten wir dem Redner und uns gegenseitig vergnügt zu. Die kurzen Lustspiele hatten uns mobilisirt, die langen Spanier hätten uns halb todt gemacht. War Tieck besonders guter Laune, so fragte er auch wohl schon während des Theetrinkens: »Was wünschen die werthen Gäste heute zu hören?« — und von allen Seiten wurden mir, dem verzogenen Günst¬ lings, flehentliche Blicke zugeworfen und gelinde Ell¬ bogenseufzer eingebohrt, und ich gab dem allgemeinen Gesumm Worte: »Bitte, goldigster Herr Hofrath, ein Lustspiel, wenn's sein kann Holberg's »Wochenstube« — ich habe so lange nicht recht von Herzen gelacht. . .« Dann drohte er wohl mit seinem köstlichen Lächeln schalkhaft mit dem Finger: »Wer Ihnen das glaubte, Uebermuth! Wie die Blume nicht ohne Sonnenschein, so können Sie ja keinen Tag ohne Lachen existiren. Nun denn, Sie sollen heut Abend einmal lachen, so recht frisch und herzfröhlich hell, hör' ich's doch selber so gern. . .« Wir waren vor den Heinrichen und den Spaniern gerettet und er las uns ein tolles Lustspiel und in kleinem Kreise auch wohl »Die Wochenstube«. Das närrische Stück, ein echtes prächtiges Bild aus der lieben deutschen Kleinstädterei, ist leider ganz von der Bühne verschwunden und hat unsauberem Possenkram und Offenbach's Frivolitäten Platz gemacht. Auch der Inhalt wird schwerlich vielen meiner Leser bekannt sein. Eine Wöchnerin empfängt die ersten Staatsvisiten und muß Alle liebenswürdig begrüßen, unterhalten und traktiren — so verlangt es der gute Ton des Städtchens. Den Reigen eröffnet eine sehr schüchterne Dame, die kaum ein Wort herausbringt, — dann folgt eine Klatsch¬ schwester, wie sie im Buche steht, daß der armen jungen Mutter dabei ganz schwindlig wird, — eine Pleureuse läßt ihren butterweichen Gefühlen und salzigen Thränen freiesten Lauf, — eine solide Buchdruckersfrau hat nur die praktische Seite des Lebens im Auge und auf der Zunge, — eine Schulmeisterin docirt Lebensweisheit . . . und zuletzt, als Knalleffekt, treten drei Schwestern ein, die stets zu gleicher Zeit auf die Wöchnerin einsprechen. . . Wie Tieck das fertig brachte, daß man wirklich drei ver¬ schiedene Stimmen und zu gleicher Zeit zu hören glaubte, das ist mir noch heute ein Räthsel. Hier wurde aus dem Stimmkünstler fast ein Stimmzauberer. Aber die Wirkung war auch eine glänzende. Wir lachten nicht mehr, wir schrieen förmlich wie übermüthige, glückselige Kinder, und selbst die kranke Hofräthin stimmte herzlich mit ein. Das kleine, vertrocknete Gesicht der Gräfin Finkenstein aber strahlte aus ihren tausend Tüllrüschen hervor, wie eitel Sonnenschein. Ihr Tieck hatte ja diese Wirkung hervorgebracht. Alles Andere war ihr Nebensache. Wollte Tieck aber aus seinen eigenen Dichtungen vorlesen, so wurden alle Stammgäste schon einige Tage vorher förmlich dazu eingeladen, und im Saal, Neben- und Vorzimmer versammelten sich gewöhnlich gegen 50 Personen. Es wurde im Eckhause des Altmarkts übel notirt, wenn man sich entschuldigen ließ. Mit einer gewissen Feierlichkeit wurden wir empfangen, mit Thee und festlicheren Kuchen bewirthet. Die Wachslichte waren dicker, Tieck trug seinen besten Frack und feier¬ lichsten Knoten im hohen weißen Halstuch, und die Gräfin hatte zur Feier des Abends einige Dutzend Tüll¬ rüschen mehr um ihr altes Gesichtchen zittern. Hinreißend las Tieck seinen Fortunat, Octavian, die Genovefa, den gestiefelten Kater und vor allen den Blau¬ bart vor. Der war besonders der Liebling, das Ent¬ zücken der Gräfin Finkenstein, und wie ein Kind freute sie sich immer auf den Hauptmoment — den größten Effekt, den wohl je ein einziges Wort erzielt hat. Es ist die Szene, wo Agnes, des Blaubart's Frau, mit Angst die Heimkehr des Tyrannen erwartet, denn sie hat sein Gebot übertreten und einen Blutfleck am gol¬ denen Schlüssel. Die alte Magd Mechtilde erzählt den Schwestern ein Märchen, ihre Unruhe einzulullen. . . »Es wohnte ein Förster in einem dicken, dicken Walde. . . Einen Tag in der Woche verbietet der Vater den Kindern aus der Hütte zu gehen. Da der Vater weg ist, wagt es dennoch das Mädchen. Nicht weit vom Hause lag ein grauer, stillstehender See. Das Mädchen setzt sich an den See und indem sie hinein sieht, ist es ihr, als wenn ihr fremde bärtige Gesichter entgegenschauen; da fangen die Bäume an zu rauschen, da ist es, als wenn es in der Ferne gehe, da kocht das Wasser und wird schwarz und immer schwärzer — mit einem Mal, siehe, springt es in der trüben Woge wie Fischlein oder Frösche, und drei blutige, ganz blutige Hände tauchen hervor und weisen mit dem rothen Zeigefinger nach dem Mädchen hin. . . .« Erinnerungen ꝛc. 26 Agnes: » Blutig ? Schwester, um Gotteswillen, sieh' die alte Hexe! Wie sie ihr Gesicht verzogen hat! Sieh', Schwester!« Mechtilde: »Kind, was ist Dir?« Agnes: » Blutig , sagst Du? Ja, blutig , Du wildes Scheusal, Blutig ist euer Leben, ihr Schlächter, ihr gräßlichen Mörder, Fort, ich mag Dein grinsendes Antlitz nicht mir gegenüber.« Mechtilde: »Das sind ja ganz besondere Einfälle.« (Geht.) Anna: »Schwester, mäßige Dich doch!« Agnes: »Du hast es nicht gesehen, wie sie sich unter der Erzählung verwandelte!« Anna: »Du bist erhitzt, das sind Einbildungen.« Agnes: »Nun, warum spricht sie auch von Blut ? Ich kann das Wort nicht hören, ohne toll zu werden. . .« Beim Beginn der Märchenszene lüftete die Gräfin Finkenstein stets ihren grünen Augenschirm und schaute die unglücklichen, ahnungslosen Fremden mit siegessicheren Falkenblicken an. . . O, sie konnte der armen Opfer auch sicher sein. Denn dem entsetzten Aufschrei von Agnes: »Blutig?« aus Tieck's Munde hat kein Ohr, kein Herz widerstanden, Und welch' ein Entzücken, welch ein Triumph strahlte dann zwischen den zitternden Tüllrüschen, wenn ihre Opfer, wie von einer Todtenhand geschüttelt, zusammenfuhren und ein Frösteln selbst durch die Reihen der gewohnten Zuhörer lief. . . Aber als ich dann dies »Blutig?« ein Dutzend Mal schauernd gehört hatte — ja, dann ging es mir fast wie der guten Gräfin: ich freute mich auch schon vorher auf das ent¬ setzliche »Blutig?«, um die Fremden zusammenfahren zu sehen. Ja, Tieck war einzig groß als Vorleser, und sicher wäre er als Schauspieler der größte Mime seiner Zeit geworden. Nie hat mich z. B. die Iphigenie auf der Bühne so ergriffen, wie vor dem kleinen Lesepulte im Eckhause des Dresdener Altmarkts. Wenn er nach Orest's wilder grauenerregender Verzweiflung: Zerreiße diesen Busen und eröffne Den Strömen, die hier sieden, einen Weg! versöhnend fortfuhr: Welch' ein Gelispel hör' ich in den Zweigen? So bin auch ich willkommen? Und ich darf In Euren feierlichen Zug mich mischen? — wie verklärten sich förmlich bei den weichen Tönen der herrlichen Stimme die ausdrucksvollen Züge des Vorlesers, wie leuchtete seine Stirn! Im kleinen Kreise las Tieck uns auch hin und wieder Bruchstücke aus seinem märchenhaften Novellen- Cyklus »Phantasus« und aus seinen Novellen vor, die damals gerade bei Brockhaus erschienen. Besonders fesselte mich sein »junger Tischlermeister«, weil man wußte, daß der Dichter Vieles aus seinem äußeren und inneren Leben hineingewoben. Aus »Accorombona« hörte ich ihn nie lesen. Dorothea liebte das Buch nicht und sprach das auch freimüthig aus. Als die Gräfin 26 * einst ihr überschwängliches Entzücken über diese Dichtung äußerte, sagte Dorothea einfach, ernst: »Ich wünschte, mein Vater hätte Accorombona nie geschrieben.« Trat Tieck aus seinem Arbeitszimmer unter die stets zahlreich versammelten Gäste, so glaubte man, trotz der Gicht, einen Grand Seigneur zu seinem Hof¬ staat herabsteigen zu sehen. Bei aller Würde und Artig¬ keit, mit der er Fremde empfing, lag doch in seinem ganzen Wesen ein wenig Herablassung, selbst gegen Vor¬ nehme und Berühmtheiten. Prächtig aber gefiel es mir, wenn der geistvolle Uebersetzer von Shakespeare, der in alle Feinheiten der Sprache so tief eingedrungen war, und der das Französische so elegant zu plaudern ver¬ stand, auf die Ansprache der Engländer und Franzosen in ihrer Muttersprache stets mit seinem Lächeln antwor¬ tete: »Ich spreche nur deutsch!« — und die Verdutzten durch den Blick seiner großen, klugen Augen dann vollends verblüffte. Unter den oft wiederkehrenden fremden Gästen des Eckhauses am Altmarkt war mir der liebste: Friedrich von Raumer, der berühmte Geschichtschreiber der Hohen¬ staufen. Wie geistreich und unterhaltend und dabei doch so einfach, bescheiden und gemüthlich plauderte er mit dem jungen lustigen Volk! Auch die ernste, sinnige Dorothea wurde heiterer, theilnehmender, wenn Raumer bei ihnen weilte. Tieck, von der Gicht immer mehr zusammengekrümmt, verließ seine traute Dichterburg selten. Nur wenn er als Dramaturg — seit 1825 nahm er diese Stellung bei der Dresdener Bühne ein und bezog dafür das be¬ scheidene Gehalt von 800 Thalern — im Theater Proben oder Vorstellungen beiwohnen mußte, oder wenn er zum Vorlesen nach Hofe berufen war, stieg er mühsam die Treppen hinab und ließ sich in einer Portechaise an sein Ziel tragen, Gesellschaften besuchte er nie mehr, außer zweimal im Jahre bei dem Intendanten, Herrn von Lüttichau, dessen Frau für den alten Romantiker schwärmte. Auch Besuche machte er nie, empfing sie aber um so häufiger und lieber. Nur seine Bücherleidenschaft ließ ihn oft die Gicht vergessen — und auch das mäßige Budget eines deutschen Dichters. Hörte er, daß irgend¬ wo ein seltenes Buch, besonders eine uralte Shakespeare- Ausgabe zu kaufen sei, dann ließ er Besuche, Arbeiten, Theaterproben — Alles im Stich, eilte mit jugendlicher Lebhaftigkeit die Treppe hinab, versprach den Porte¬ chaisenträgern ein Extratrinkgeld, wenn sie rasch aus¬ schritten, und zahlte mit der ihm eigenen Sorglosigkeit in Geldsachen, was ihm für das geliebte Buch abverlangt wurde. Triumphirend brachte er den Schatz nach Hause, und wenn die Hofräthin über den hohen Preis seufzte, konnte er ihr wie ein Kind schmeicheln, und nicht müde werden, uns Allen auseinanderzusetzen, daß für dies Spottgeld das kostbare einzige Buch ja fast geschenkt sei. Und die Gräfin strahlte mit dem strahlenden Freunde um die Wette, und hatte immer noch ein Kapitälchen aufzunehmen, das durch den Bücherkauf gerissene große Loch im Hausbudget heimlich wieder zuzustopfen. Tieck verstand es überhaupt, wie kein anderer Sterblicher, des Lebens Sorgen leicht abzuschütteln, alle Schattenseiten rosig zu beleuchten, Schmerzliches möglichst wenig tief zu empfinden und sich und Anderen einzureden: »o, es hätte noch viel schlimmer kommen können! — Was man nicht ändern kann, darüber muß man auch nicht klagen!« war einer von den Lieblingssprüchen seiner Lebensweisheit. So fürchte ich auch, hat er nie ernstlich, schmerzlich über irgend ein Unrecht nachgedacht, das er in seiner leicht reizbaren, gekränkten Eigenliebe leider so oft Anderen zufügte, und sich nie reuevoll ge¬ sagt: »Du irrtest, du ließest dich fortreißen — mache es wieder gut!« — Ich habe nie wieder einen Menschen gefunden, der so aufrichtig mit sich zufrieden war, und selbst in seinem gebrechlichen Alter behauptete: er fühle sich so aufrichtig, so ungetrübt glücklich, wie in seiner blühendsten Jugend. Altwerden sei überhaupt ein Vorurtheil. Das Herz könne stets mit jugendlicher Frische empfinden, und vor den Augen der wahren Liebe gäbe es weder Runzeln noch graue Haare. . . Und ich sollte den Beweis erhalten, daß Tieck und der Schatten seiner Gefühle, das Echo seiner Worte: die Gräfin Finkenstein, in allem Ernst so dachten und handelten. Es war an einem herrlichen Mainachmittage. Tieck wollte eine neue Rolle mit mir durchgehen, und ich ging in die Zauberburg am Altmarkt und überreichte dem alten Romantiker einen Strauß Lilas mit Maiblumen. Solche kleinen Aufmerksamkeiten erfreuten ihn stets sehr. Er war in heiterster Laune und lobte mein blühendes Aussehen, fand meine neue Frühlingstoilette von hell¬ grüner Mousseline mit weißem, maiblumengeschmückten Basthute sehr hübsch und kleidsam und lächelte: »Sie mögen auch oft in den Spiegel geguckt haben, über¬ müthiges Weltkind!« — was ich gar nicht verneinte. Dann gingen wir an die Arbeit. Ich rezitirte meine Rolle, als plötzlich während meiner pathetischsten Stelle die Bibliothekthür mir gegenüber sich öffnete und eine lange, hagere Gestalt im weißen Percal–Ueberrocke mit rosa Gürtel und weißem Tüllhäubchen mit zierlichen rosa Schleifen gleich einer verschollenen Ahnfrau herein¬ schwebte. . . Mir stockte die Rede, als ich die alte, fast siebenzigjährige Gräfin Finkenstein so geschmückt sah. Sie grüßte zierlich und durchschritt den kleinen Raum bis zu der Saalthür auffallend langsam, — in der Thür schaute sie sich noch einmal um und nickte dem geliebten Freunde kokett lächelnd zu, als wollte sie sagen: »Nicht wahr, so gefalle ich Dir doch?« Tieck nickte ihr mit zärtlichem, wohlgefälligen Lächeln wieder zu und sagte nach dem Verschwinden der Ahnfrau: »Nun, ist die Gräfin nicht noch höchst anmuthig? Die Gute hat sich schön herausgeputzt, um mit nur heute Abend Mozart's herrliche Zauberflöte zu hören!« — Zum ersten Mal fehlte meiner flinken Zunge eine Antwort. Ich starrte Tieck an, als traute ich meinen Ohren nicht. Mich hatte diese Schattengestalt in dem engen, altmo¬ dischen weißen Ueberrock, der kokette rosa Gürtel, dies kleine vertrocknete Mumiengesicht zwischen den rosigen Bändern förmlich entsetzt — und er, der Dichter, fand diese Karrikatur auf die Jugend »höchst anmuthig« . . . und saß doch mir jungem, frischrosigen Geschöpf gegenüber. Und es war Tieck voller Ernst mit diesem Wort, wie auch der Gräfin mit ihrem Flügelkleide. Diese beiden seltsamen Menschen hatten wirklich nicht gemerkt, daß sie alt und altmodisch geworden waren. Sie be¬ merkten auch nicht, daß — als sie Abends neben ein¬ ander auf ihren gewohnten Plätzen im zweiten Range saßen: die Gräfin, wie eine aufgeputzte Mumie, ihr alter Freund zusammengekrümmt von der Gicht, und in heiterster Laune mit einander plauderten und lachten und oft mit den Köpfen den Takt der Musik nickten — ja, daß sie allgemeine Aufmerksamkeit erregten, daß man über das wunderliche Paar lachte und spöttelte. Mir that das weh, denn diese Jugendtraumseligkeit der alten Freunde hatte etwas Rührendes für mich. Die Gräfin aber hatte auch ihre trüben Stunden voll Heimweh nach entschwundenen Jugendtagen und auch wohl voll Selbsterkenntniß über ihre eigenthümliche schiefe Stellung neben des Dichters Gattin. Vor dem Freunde verbarg sie diese dunklen Stunden sorgfältig. Als ich aber einst in eine solche Stunde hineinlauschen durfte, empfand ich inniges Mitgefühl mit der alten Dichterfreundin. Ich kam eines Tages, bald nach jener Aufführung der Zauberflöte, zu ungewohnter Stunde in Tieck's Wohnung. Die alte Dienerin sagte mir, daß Nie¬ mand außer der Gräfin zu Hause sei. Zugleich hörte ich aus dem Zimmer der Gräfin ein altes, harfenartig klingendes Spinett und dazu eine traurige, zarte, zitternde Sopranstimme nach einer alten, wehmüthigen italienischen Kirchenmelodie leise singen: Lacrimosa, Dum pendebat filius . . . . Schluchzen unterbrach den Gesang oft und beim Weiter¬ singen klang die Stimme thränenverschleiert. Die alte Dienerin erzählte mir: »Der Herr Hofrath hat's auch nicht gern, wenn die Gräfin singt, da sie immer dabei an ihre frohen Mädchentage und an viele todte Lieben denken und so schmerzlich weinen muß. Doch wenn sie allein zu Hause ist und sich unbelauscht glaubt, eilt sie an's Klavier und spielt und singt die alten Stücke, die sie vor vielen Jahren im Hause ihres Vaters gesungen hat — und weint still vor sich hin. . .« Der Schlußakkord verhallte langsam, leise, gar zu traurig. Dann hörte ich unterdrücktes Schluchzen. . . Ich bat die Dienerin, der Gräfin nicht zu sagen, daß ich ihrem Gesange zugehört habe und eilte tiefergriffen fort. Arme Gräfin! welches Weh mag oft Dein Herz durchzittert haben — ein Weh, um so tiefer und schmerz¬ licher, weil Du es vor der Welt und selbst vor Deinem geliebtesten Freunde verbergen mußtest! Die Gräfin stammte aus einer vornehmen, hochge¬ bildeten Familie. Ihr Vater liebte und übte besonders alte italienische Kirchenmusik. Seine Söhne und Töchter wirkten bei diesen von ihm dirigirten Hausaufführungen mit. Unsere Gräfin sang mit süßer Stimme und großem musikalischem Verständniß hohe Sopranpartien — und was ich hörte, waren die wehmüthigen Nachklänge dieser glücklichen Mädchenjahre. — Als Politiker rühmte sich Tieck gern, ein einge¬ fleischter Konservativer zu sein, ja oft nannte er sich lachend: » un rétrogade par excellence! « Aber eigentlich war er gar kein Politiker, und die Strömun¬ gen der Zeit, die französische Revolution, die Demago¬ genhetze, ja selbst die Freiheitskriege waren ziemlich spur¬ los an dem »Romantiker« vorübergegangen. Wurde von den neuen Bewegungen in Berlin beim Beginn der Re¬ gierung Friedrich Wilhelm's IV . gesprochen, so sagte er wohl herablassend: »War es nicht auch zu meiner Zeit schon ganz gut in Berlin, in der Welt? Was will denn eigentlich der sogenannte Fortschritt? Wir lebten früher auch ohne ihn zufrieden, glücklich!« — worauf ihm einst Dr. Witthauer aus Wien lachend antwortete: »Ihre Welt, Herr Hofrath, war freilich herrlich, vollkommen, denn Sie fanden diese im Theater, wenn Fleck und Friederike Bethmann spielten!« — und vergnügt nickte Tieck dazu. — Wurde Napoleons Feldherrntalent ge¬ rühmt, so sagte er achselzuckend: »Dem tollen Menschen ist Vieles geglückt!« — Suchte man ihm aus den Blättern der Geschichte irgend ein Gegentheil zu beweisen, so lehnte er es vornehm ab: »Spätere Geschichtschreiber werden es richtiger zu beurtheilen verstehen!« Trieben ihn Raumer, Steffens, Humboldt aber dennoch gar zu sehr in eine politische Sackgasse hinein und er vermochte sich nicht anders zu retten, so wußte er eine so sprechende Miene der Langenweile und Zerstreutheit anzunehmen, daß die Freunde gern auf Fortsetzung des politischen Turniers verzichteten. Für junge, feurige Dichter unserer Zeit hatte der alte Romantiker kein Herz, kein Verständniß und keine freundlich führende und helfende Hand. Er wurzelte zu tief in einer strahlenden Vergangenheit, in seinen Träumen und Vorurtheilen und in dem Bewußtsein seiner eigenen Unfehlbarkeit und Größe. Er schien total vergessen zu haben, daß er einst den »gestiefelten Kater« geschrieben. Versuchten wahre Freunde, ihn auf strenge, aber gerechte Kritiken und so auf leicht zu beseitigende Mängel in seinen Werken oder in seiner dramaturgischen Thätig¬ keit aufmerksam zu machen, so antwortete er sicher mit überlegenem ironischen Lächeln und einer vornehm ab¬ lehnenden Handbewegung: »Bester Freund, wozu erzählen Sie mir solche Geschichten?« Besonders die gute Dorothea, die den Vater so sehr liebte und schon seit vielen Jahren seine Studien und Arbeiten treu theilte, hatte ein tiefes, schmerzliches Verständniß für solche Eitelkeitsschwächen und versuchte oft, aber fast immer vergebens, dem Vater die Sache im wahren Lichte zu zeigen. Sie hatte dann stets einen harten Stand mit der Gräfin Finkenstein, die völlig blind war für die Schwächen ihres Idols und nach solch' einer kleinen häuslichen Szene sich doppelt bemühte, ihren gekränkten Abgott mit ihren süßesten Schmeicheleien zu umspinnen und einzulullen. . . Und das hat ihr das nie schwer gemacht! Der Vergangenheit, wie sie sich im Laufe der Jahre in seinen Träumen und in seinem Urtheile gestaltet hatte, blieb Tieck unwandelbar treu, der Gegenwart selten. Sein Urtheil über Fleck und Friederike Bethmann lautete noch ebenso enthusiastisch, wie vor dreißig Jahren. Wir Künstler der Gegenwart aber sollten den Wankelmuth und die Parteilichkeit des alten Dresdener Dramaturgen erfahren — Alle, denn ich wüßte nicht eine einzige Aus¬ nahme zu nennen. Wurde ein Stück, welches er vorgeschlagen hatte, trotz des oft einstimmig ausgesprochenen Zweifels sämmt¬ licher ersten Schauspieler an dessen Bühnenwirksamkeit, aufgeführt und fiel entschieden durch — so zuckte der Dramaturg stets mitleidig die Achsel: »Allerdings hab' ich mich geirrt, ich traute unsern Schauspielern mehr Talent zu. . . Mein Fleck und meine Bethmann hätten in dem Stück glänzende Triumphe gefeiert und für die Dichtung erzielt. . .« Das that weh, das verstimmte, erkältete, entfrem¬ dete. . . Das sollte auch ich im Wechsel der Jahre und der Launen Ludwig Tieck's erfahren. Wie manches Mal bin ich nach der ersten Aufführung eines solchen Unglücksstückes klopfenden Herzens die düstere Treppe zu meinem Richter hinaufgestiegen und habe die Runzeln seines alten weiblichen Faktotums studirt, — denn treuer als ein Wetterglas spiegelten sie ab, ob mich drinnen in der Bibliothek Regen oder Sonnenschein oder gar Donnerwetter erwartete. Tieck liebte die Stücke der Birch-Pfeiffer nicht. Aber sie standen damals in der höchsten Blüthe der Gunst beim Publikum und wir Schauspieler ließen uns die dankbaren, oft glänzenden Rollen gern gefallen. So mußte der Dramaturg 1837 den Wünschen des Publikums, des Intendanten und auch der ersten Schau¬ spieler nachgeben und dem Schauspiel »Guttenberg« einen Platz auf der Dresdener Hofbühne gönnen — aber er prophezeite uns ein glänzendes Fiasko. Doch der Guttenberg wurde mit rauschendem Beifall vor aus¬ verkauftem Hause gegeben und ich in der dankbaren Rolle des »Käthchen« nach dem dritten Akte gerufen, — was da¬ mals noch als eine Auszeichnung angesehen werden durfte. Ein wenig triumphirend trat ich am andern Morgen in die Bibliothek vor den Dramaturgen. Er war bester Laune und rief mir schnell entgegen: »Nur nicht zu stolz, daß Sie diesmal mit dem Erfolge der Birch-Pfeifferiade Recht hatten, denn Sie sollten doch wissen, daß der Beifall des Publikums nie maßgebend für mich ist. . .« Und wie bitter vermißte gerade Tieck diesen Beifall, wenn er gegen seine Erwartung und Prophezeiung mal ausblieb! . . . »Auch glauben Sie wohl besonders Großes als Käthchen geleistet zu haben, weil Sie sogar im Zwischenakt gerufen wurden?« »Denk' nicht d'ran«, — lachte ich heiter — »denn als Käthchen muß jede nur einigermaßen hübsche und gewandte Anfängerin Triumphe feiern: ihrer Opferfreudig¬ keit für Guttenberg kann kein hochgerührtes, thränen¬ reiches Publikum widerstehen. . .« »Lassen Sie das unsere guten Dresdener nicht hören«, — lächelte Tieck freundlich versöhnt. Ernster fuhr er fort: »Aber Sie werden mich verstehen, daß mich bei diesem rasenden Beifallsjubel über — solch' ein Machwerk tiefe Entmuthigung und Wehmuth ergreifen mußte, als ich daran dachte, daß kaum acht Tage vorher in den¬ selben halbleeren Räumen während der Mustervorstellung von Kleist's gewaltigem »Prinzen von Homburg« keine Hand sich rührte, kein Laut des Beifalls, der Erschütte¬ rung, der Rührung ertönte. . . Und doch, wie großartig gab Emil Devrient den Prinzen, wie trefflich der alte Verdy den Kottwitz, wie edel Weimar den Kurfürsten, und Sie . . .« »Bravo! Nicht wahr, eine recht anmuthige Natalie, die überdies das Glück gehabt hatte, daß Dresdens be¬ rühmter Dramaturg die Rolle mit ihr durchging!« »Meinen Sie, liebe Eitelkeit?« — lächelte der Alte jetzt immer freundlicher. »Nun ja, die Schülerin hat dem alten Dramaturgen große Ehre gemacht als Natalie. Aber Kind, wo gerathen wir und die Kunst hin, wenn Kleist's Meisterwerk kalt, gleichgültig läßt, langweilt — und gehaltlose, effekthascherige Stücke wie »Guttenberg« Furore erregen?« »Aber die Birch-Pfeiffer schreibt uns Komödianten gar prächtige Rollen, elle est du metier, Madame l'artiste — und Sie werden sehen, daß auch die »Günst¬ linge« glänzend reussiren. . .« »Das will ich zur Ehre unseres Dresdener Publi¬ kums nicht hoffen! Denken Sie doch nur an diesen er¬ bärmlichen modernen Jason Mamanoff und an diese tolle Katharina II ., welche die Stirn hat zu sagen: meine erste, einzige Liebe war Rußland. . .« »Und mich verdammen Sie, diese tolle Czarin zu spielen? Nein, meine erste, einzige Liebe ist nicht Rußland. Aber im Ernst, Herr Hofrath, bitte, entbinden Sie mich von der Rolle der Kaiserin. Mir fehlen wirklich die Bühnenmittel, im vierten Akt als weiblicher Dämon über die Bretter zu rasen. Was hilft da alle innere Leidenschaft, wenn Stimme und selbst das Mienenspiel mich im Stich lassen!« »Der Intendant wünscht aber von Ihnen die Katha¬ rina gespielt, und ich muß ihm Recht geben, daß die ersten Akte wichtiger sind, und daß Sie für dieselben Alles besitzen: Anstand, Feinheit, Eleganz des Konver¬ sationstons, Mobilität und Intrigue für die spannende Billetszene mit Potemkin. . .« »Ah! wie freundlich zergliedert da der Herr Drama¬ turg selber die Kunst der Birch-Pfeifferin, fesselnde und spannende Rollen zu schreiben!« lachte ich übermüthig. — Da trat der Intendant ein, Herr von Lüttichau. Ich wollte gehen, aber er bat mich, zu bleiben. Er komme wegen der Aufführung des »Glöckners von Notre-Dame« und ob ich auf seinen Wunsch die Rolle der Esmeralda gelesen habe und die Partie übernehmen wolle? »Und der Herr Hofrath ist mit der Aufführung dieser neuen — Birch-Pfeifferiade einverstanden?« paro¬ dirte ich ein wenig. »O ja«, — sagte Tieck kleinlaut — »ich finde den Glöckner hoch über Guttenberg und den Günstlingen stehend und das Sujet großartig, interessant. Viktor Hugo's Genie durchstrahlt, erhebt, durchgeistigt die Theatermache von Madame l'Artiste. Die Feder der Birch-Pfeifferin hat den großen Romantiker an der Seine wirklich nicht ganz umzubringen vermocht — und das genügt.« »Aber wird das große melodramatische Stück nicht in dem kleinen Rahmen unserer Bühne eher lächerlich, als erschütternd wirken, da der grausige Roman zu be¬ kannt ist? Denken Sie nur an das Davonlaufen mit dem Geldsack — auf unserer winzigen Bühne! Und dann, wie kann ich noch als fünfzehnjähriger Backfisch über die Bretter hüpfen? Ganz Dresden weiß, daß mein Vater in der Schlacht von Aspern fiel, und kann mir so be¬ quem meine Jahre an den Fingern nachzählen!« »Und doch sind die pathetischen Szenen der Esme¬ ralda einer gereiften ersten Liebhaberin würdig. Die kann kein Neuling spielen!« sagte Tieck entschieden — und so studirte ich schweren Herzens im Eckhause des Altmarktes die Esmeralda ein. Der alte Dramaturg hatte einmal für den »Glöckner« Partei ergriffen, ging mit allen Hauptpersonen die Rollen durch, wohnte den Proben pünktlich bei und hatte wunderbarer Weise mit seinem Enthusiasmus die Kollegen angesteckt. Pauli schwärmte für Quasimodo, Weimar deklamirte enthu¬ siastisch den Frollo, Mlle. Feldheim jammerte und fluchte als Gervaise aus ihrem Kerkerloch zum Steinerbarmen herauf. Die Volksszenen wurden sorgfältig eingeübt, glänzende neue Dekorationen und charakteristische Kostüme angeschafft. . . Kurz, der Glöckner wurde auf's Beste in Scene gesetzt. An einem Sonntage, bei brechend vollem Hause, fand die erste — einzige Vorstellung des »Glöckner von Notre-Dame« statt. Zu Anfang machte sich die Geschichte ganz hübsch, mein Tanz wurde mit Beifall aufgenommen . . . aber gleich darauf, als die unglückselige Gervaise aus ihrem Mauseloch von Kerker zu jammern, stöhnen, fluchen anfängt und ihre wilden Verwünschungen in's Lampen¬ licht hinauf schleudert — da begann unsere hochnoth¬ peinliche Tortur — man lachte ! Und so ging es cres¬ cendo fort bis zum Schluß. Die berühmte Gruppe, als Esmeralda Quasimodo den Krug reicht, erweckte Heiterkeit wegen Pauli's vorgeschriebener gräßlicher Maske: Erinnerungen ꝛc. 27 ein Auge und zwei Höcker; Frollo's Lamentiren in der Kerkerszene wurde ausgelacht, und dem Haupteffekt, dem Rufe Quasimodo's: »Asyl! Asyl!« antwortete als Echo Lachen aus dem Zuschauerraum. Der arme Pauli hatte Unglück. In den Proben trug er seine Esmeralda so stattlich vom Scheiterhaufen in's »Asyl« auf die Stufen von Notre-Dame. Bei der Vorstellung aber hemmte ihn das enge Quasimodokostüm und die Angst, die beiden Höcker möchten sich bewegen oder gar verschieben, und er ließ mich nach drei Schritten aus den Armen gleiten. Da mußte allerdings das Asylrufen komisch wirken. Nach dem Aktschluß klagten wir uns gegenseitig unsere Noth, unsere tiefe Beschämung, unsere Muth¬ losigkeit, weiter zu spielen. Die arme Gervaise weinte vor Angst: was noch kommen könne! Ich fing in meiner Verzweiflung ein wenig Krakehl mit Phöbus (Herr Stölzel) an, weil er so phlegmatisch drein schaute, als ginge die Heiterkeit des lieben Publikums ihn nicht das Geringste an. Vergebens schaute ich mich nach dem alten Dramaturgen und dem Intendanten um. Es hätte mir unendlich wohl gethan, ihnen in dieser Stimmung in's Gesicht zu sagen: »Nun, wie gefällt Ihnen die Heiterkeit des Hauses? Ja, ja, der Glöckner von Notre-Dame hat eine glänzende Wirkung. . .« Aber Hr. v. Lüttichau und Tieck waren vom Theaterboden wie weggeweht. Wir unglücklichen Komödianten verabredeten, dem Schluß ein wenig entgegen zu galoppiren, und sprachen so schnell wie nur irgend möglich. Das Erkennen der Mutter ging spurlos vorüber und vor dem Fallen des Vorhanges erregte das Fortschleppen des großen Geld¬ sackes über die kleine Bühne die ungeheuerste Heiterkeit des lieben Publikums. Am andern Morgen fand ich Tieck wie verlegen in seiner Bibliothek. Er begann ein gleichgültiges Gespräch und schien Erörterungen über den unglückseligen Glöckner ausweichen zu wollen. Aber herzhaft sagte ich: »Nicht wahr, Herr Hofrath, unser Spiel war am gestrigen Fiasko nicht schuld?« Da zuckte er auf: »Doch! doch! Sie — sowie alle Anderen spielten nicht kühn, nicht großartig romantisch genug. Niemand verstand es, das Publikum zu packen, zu überwältigen. . .« »Herr Hofrath!« — rief ich aufflammend, außer mir: »Nicht uns Schauspieler hat das Publikum aus¬ gelacht, sondern das jammervolle, lächerliche Stück. Aber Sie — Sie sind ungerecht. . . . Und Sie wissen, daß ich mit Uebernahme der Esmeralda ein Opfer brachte, um Ihrem und des Intendanten Wunsch zu entsprechen. . . und dies ist mein Dank!« — Ich brach in Thränen aus. Dorothea war in die Bibliothek getreten. Sie nahm mich in den Arm, zog mir sanft die Hände von den Augen — und sagte herzlich: »Sehen Sie doch nur den Vater an — er hat Sie ja so lieb. . .« Und richtig, Tieck lächelte mich gütig an: »Bravo, Kind! Wie das echte Komödiantenblut aufschäumt! Die Esmeralda spielt 27 * noch nach. So lieb' ich meine Komödianten. Aber nun Frieden, Brauseköpfchen. . .« Ja, wenn Tieck solche Töne anschlug, dann war er unwiderstehlich. Aber sie wurden immer seltener, als ich nicht immer und immer wieder gegen meine Ueberzeugung ihm solche Esmeralda-Opfer bringen wollte, um meiner Selbstachtung als Künstlerin willen nicht bringen durfte. Das größte Opfer brachte ich dem alten Drama¬ turgen, als ich auf seinen immer wiederkehrenden drin¬ genden Wunsch die Lady Macbeth zu spielen übernahm — ich, mit meinem Lustspielgesicht, mit meiner fröh¬ lichen Stimme, mit meinem Konversationston die ent¬ setzliche blutige Lady Macbeth! »Pah! nichts leichter, als dem abzuhelfen!« — sagte Tieck leichthin. »Die Stimme, die Töne muß eine echte Komödiantin ganz nach Bedürfniß aus ihrem Innern heraufzaubern können, und was das Lustspielgesicht an¬ belangt, so lassen Sie sich eine schwarze Perrücke machen, färben die Augenbrauen schwarz, schminken sich grau¬ weiß und sparen die Energielinien an den Mundwinkeln und zwischen den Augenbrauen nicht . . .« Da aber erklärte ich fest: »Nein, Herr Hofrath, als Karrikatur soll mich Dresden denn doch nicht sehen. Ihnen zu Liebe will ich die Rolle übernehmen und an Studium und Fleiß es nicht fehlen lassen — aber ich weiß es nur zu gut: ich habe nicht das Zeug zu einer Lady Macbeth — ich falle durch . . .« Und wenn ich auch nicht durchgefallen bin, so blieb das Publikum doch bei all' meinem Eifer: Grauen, Ent¬ setzen einzuflößen! ziemlich ungerührt. Noch heute freue ich mich über das Urtheil, das der gelehrte Prinz Johann, jetzt Sachsens König, zu Tieck über meine Lady Mac¬ beth äußerte: »Ich erkenne den Studienfleiß der Bauer und ihre tiefe geistige Auffassung dieses gräßlichsten Shake¬ speare'schen Frauencharakters an, aber — man glaubte dieser Lady Macbeth nicht all' das Furchtbare, Grausige, Blutige, was sie sagte und that!« Tieck erzählte mir das wieder, fügte aber kühl bis an's Herz hinzu: »Sie haben allerdings meinen Erwartungen nicht entsprochen und mit einer schwarzen Perrücke hätten Sie ganz andere Wirkungen erzielt. . .« Das glaube ich wohl. Man hätte mich einfach aus¬ gelacht. Als ich Tieck fragte, warum er nicht den Macbeth nach Schiller's Arrangement aufführen ließe, wie die Berliner Bühne, da sagte er vornehm: »Der gute Mensch hat sich zu viel gegen Shakespeare herausgenommen! Ich will kein Mitschuldiger an diesem Verbrechen Schiller's sein.« Tief konnte es Tieck verstimmen, wenn man der bei ihm bereits in Ungnade Gefallenen in seiner Gegenwart rühmend erwähnte, wie: Theodor Hell, Julie Rettich und Emil Devrient. Als ich ihm mein Entzücken darüber aussprach, in dem von Hell aus dem Französischen über¬ setzten Stück: »Maria, oder die drei Epochen« die Titel¬ rolle der Mars, die ich in Paris darin bewundert hatte, nachspielen zu können, sagte er grämlich: »Zu meinem Schmerz muß ich sehen, daß auch Sie nur gefallen und in Effektrollen applaudirt werden wollen — die wahre Flamme der Kunst glüht nicht in ihrer Seele!« Und Tieck kam nicht in diese Vorstellung und suchte das Stück überhaupt todtzuschweigen. Selbst seine liebste und begabteste Schülerin, Julie Rettich, die auf seinen Wunsch mit ihrem Gatten von Wien nach Dresden berufen war, konnte der alte Drama¬ turg mit verletzender Gleichgültigkeit wieder nach Wien ziehen sehen, als die Künstlerin ihm selbstständiger ent¬ gegentrat, unpassende Rollen zurückwies und nicht mehr regelmäßig vor seinem Lesepulte saß. Kalt konnte er sagen: »Julie Rettich ist nicht mehr das einfach edle Talent, wie vor ihrem Wiener Engagement. Sie hat sich zu sehr nach dem Geschmack des Wiener Publikums gerichtet und trägt die Farben zu stark auf. Ich habe mich in ihr geirrt!« — Und doch war die holde Künst¬ lerin als Julie Gley jahrelang Tieck's Liebling und lebte mit der Familie wie ein Kind vom Hause. Emil Devrient, der herrliche Hamlet, Egmont, Posa, Tasso, gehörte auch schon zu den bei Tieck in Un¬ gnade Gefallenen, als ich nach Dresden kam. In den ersten Jahren seiner langjährigen Bühnenthätigkeit am Dresdener Hoftheater, als der junge Emil noch pflicht¬ schuldigst bei keiner Vorlesung Tieck's fehlte und neue Rollen unter den Augen und Lippen des alten Drama¬ turgen einstudirte, war Emil Devrient in Tieck's Augen und Munde der größte Mime seiner Zeit. Als aber Devrient des Gängelbandes und der ewigen, hundertmal gehörten Vorlesungen müde und immer müder wurde und immer seltener als Schüler und als Gast das Eck¬ haus am Altmarkte besuchte, als er dem alten Drama¬ turgen mehr und mehr als selbstständig denkender, schaffen¬ der, handelnder Künstler gegenübertrat . . . da ward Tieck kühler und kühler und suchte auch Emil Devrient todt¬ zuschweigen. Daß ihm das in den Augen des Publikums und in den Augen aller echten Kunstfreunde und Künstler nicht gelang, verstimmte, erkältete, reizte Tieck nur noch mehr. Er hielt sich sogar nicht frei von Chi¬ kanen. Er studirte einem jungen, unreifen Anfänger eine von Devrient's liebenswürdigsten Charakterrollen ein, den »Landwirth« in dem gleichnamigen Stücke der Prinzessin Amalie von Sachsen, nur um den alten Landwirth zu kränken. Aber mit solchen kleinlichen Chikanen hatte Tieck selten Glück, auch diesmal nicht. Das Publikum lehnte den jungen Landwirth entschieden ab und forderte seinen alten, lieben, köstlichen Landwirth Devrient stür¬ misch zurück. In meiner Gegenwart sprach Tieck den Namen Emil Devrient selten aus, weder tadelnd, noch lobend. Er wußte, daß ich eine der enthusiastischsten Bewunderinnen von Devrient's Genialität und Liebens¬ würdigkeit war und stets eine Lanze für ihn bereit hatte. Nur zuweilen ging das alte, echte, kunstschwärmende Komödiantenherz mit Tieck durch und überwand kühn alle häßlichen Hindernisse der verletzten Eigenliebe. Dann konnte er auch — gerecht gegen den »Abtrünnigen« sein. So ist mir eine kleine Unterredung mit Tieck unver¬ geßlich. Ich hatte zum ersten Mal den »Konradin« ge¬ spielt und war auch recht mit mir zufrieden. Als ich dann aber am andern Morgen zum alten Dramaturgen kam, um mir seinen Urtheilsspruch zu holen, empfing er mich mit den Worten: »Sie haben sich alle Mühe ge¬ geben, Gutes zu leisten, und das Meiste gelang Ihnen auch vortrefflich — aber, Kind, wann werden Sie dem Devrient sein »Beherrschen der Szene, ablauschen? — Diese edle Sicherheit, das durch und durch Fertige, Vollendete seines Spiels? Ja, auch gestern überstrahlte er in der kleinen Nebenrolle des Schwiegersohnes vom Herzog von Anjou Alle — Alle, selbst den lieblichen Konradin.« Als aber ich einst in einer bösen Stunde Tieck's meiner Bewunderung für Emil Devrient's Künstlerschaft feurige Worte lieh und anfangs nicht bemerkte, daß der Dramaturg immer einsylbiger, kühler, verstimmter wurde, da sahen mich seine großen, sprechenden Augen zuletzt schier wie die des Blaubart an und er sagte kopfschüttelnd: »So werden auch Sie bald treulos werden . . .« »Ich — treulos? — und gegen Sie?« fiel ich er¬ schrocken ein. — »Darf ich denn nicht das Verdienst Anderer anerkennen?« Aber es traten doch immer tiefere Schatten zwischen uns. Ich war kein Kind mehr auf der Bühne und im Leben. Ich konnte, ich wollte, ich durfte mich nicht immer und immer wieder den Launen des Dramaturgen opfern. Die Mutter war bei all' den Heinrichen, Richards und Spaniern zuletzt so nervös geworden, daß ich sie nach einigen Jahren auch nicht mehr zu kleinen Lustspielen auf den Opferstuhl vor Tieck's Lesepult führen durfte. Ich selber war verschiedene Male von den grünbeschirmten geheimen Polizeiaugen der Gräfin Finkenstein bei einem Gähnkampf auf Leben und Tod gegen einen nicht umzu¬ bringenden spanischen Don ertappt worden. Ja — ich muß es gestehen — ich benützte im Kreislauf der Jahre und der wiederkehrenden Vorlesungen immer öfter und lieber Gelegenheiten, dem Lesepult hinter die Schule zu gehen, so daß ich manche Woche nur einmal als getreue Zuhörerin notirt werden konnte. Im Eckhause des Alt¬ marktes ging die Gnadensonne täglich trüber für mich nieder. Tieck wurde kühler, einsylbiger, die Gräfin ge¬ reizter, kampflustiger. Und dann tauchte eines Tages in Dresden ein junges Mädchen aus Graz auf und Herr v. Lüttichau, Tieck, die Gräfin Finkenstein und die Zahl ihrer Nachbeter wurden nicht müde, täglich zu Ehren dieses jungen, glänzenden Schauspieltalentes lauter in die Lobposaunen zu blasen — um mir bange zu machen, die Debütantin würde mich verdunkeln. Tieck studirte ihr eifrig meine liebsten Rollen ein. Schon sprach man von dem »neuen Liebling« des Dramaturgen und daß der alte nun endlich auch in Ungnade gefallen sei. Und dann trat die Grazerin auf und — fiel mit Glanz durch. Sie sprach nicht mal richtig deutsch. Dieser gescheiterte Plan, mir wehe zu thun und mich in der Gunst der Dresdener zu verdrängen, verstimmte den launischen Tieck nur noch tiefer gegen mich. Er, der sich sonst immer gefreut hatte, wenn meine Fröhlichkeit etwas Sonnen¬ schein in sein melancholisches Studirstübchen brachte, ließ sich sogar bei meinen Besuchen einige Male verleugnen. Da kam ich dann nicht wieder. Und so wurden die Schatten zwischen uns dunkler und dichter und länger. Zu einer Szene, zu einem Aussprechen ist es nie zwischen uns gekommen, auch nie zu einem offenen, ehrlichen Bruch. Ich gehörte einfach zu den vielen, vielen »in Ungnade Gefallenen«, von denen mir der alte, liebens¬ würdige Böttiger schon bei meinem Gastspiel in Dresden gesagt hatte. Aber mir hat im Leben selten etwas so weh gethan, wie diese Ungnade meines trotz all' seiner Schwächen und Launen doch bis auf den heutigen Tag hochverehrten, geliebten Ludwig Tieck. Ob diese Schatten, dies kühle, fremde Auseinander¬ gehen dem alten Dramaturgen auch wohl ein wenig wehe thaten? Ich glaube es kaum. Ich fürchte, Ludwig Tieck ist nie wahrer, uneigennütziger, selbstloser Freundschaft und Liebe fähig gewesen. Als er 1837 seine Gattin, seine erste Knabenliebe und langjährige treue, milde Gefährtin, verloren hatte und ich einen Kranz auf den Sarg legte und mit Thränen ni den Augen von seinem, von unserem großen Verluste sprach — da sah Tieck wohl blässer, ernster als sonst aus, aber er antwortete mir mit größter Ruhe: »Ihr Uebel war nicht zu heilen. Sie hat viel gelitten und ist gern gestorben. Das beruhigt mich !« Aber dies selbstsüchtige Herz sollte bald noch schmerz¬ licher auf die Probe gestellt werden. Im Frühjahr 1841 starb plötzlich nach kurzem Krankenlager am Nervenfieber seine älteste Tochter Dorothea, die ihm zugleich die treueste Freundin im Leben, die berufenste Gehülfin in seinen Arbeiten gewesen war. Mit ihr sank ein tiefinnerliches, reiches Leben in's Grab. Sie hatte nur für den Vater und seine Kunstschöpfungen gelebt. Mit seinem Ver¬ ständniß und treuem Fleiß lieferte sie dem Vater für seine Herausgabe des alt-englischen Theaters und für den Tieck-Schlegel'schen Shakespeare viele treffliche Ueber¬ setzungen. Zugleich war sie eine tief religiöse, wahre, offene Natur. Sie litt still unter dem Weihrauchnebel, in den die Gräfin Finkenstein und andere blinde Verehrer den großen Romantiker fortwährend hüllten und in den der eitle Mann sich nur zu gern hüllen ließ, bis es ihm selber oft nebelhaft vor den sonst so klaren Augen wurde. Sie durfte es wagen, mit kühler Hand diesen Nebel zu zertheilen und dem geliebten Vater die Welt und ihre Gestalten und viele seiner eigenen Schwächen im klaren Tageslichte zu zeigen. Dorothea hat den Vater vor mancher Thorheit und Ungerechtigkeit bewahrt. Und doch hatte sie nur zu oft den Schmerz, den Nebelgeist Gräfin Finkenstein die Uebermacht gewinnen zu sehen. Auch sie »ist gern gestorben«. Eine rührende Szene von ihrem Sterbebette schilderte mir Theodor Hell. Ihre junge Schwester Agnes sank in der letzten Stunde schluch¬ zend an ihrem Bett nieder: »Dorothea, Du darfst mich nicht verlassen, wie soll ich ohne Dich leben?« — und Dorothea flüsterte sanft, mit mildem, verklärten Lächeln: »Kind, lerne von mir sterben!« Unter diesem Schlage wollte Tieck doch fast zusammen¬ brechen. Daß auch Dorothea gern gestorben, hat ihn diesmal wenig zu beruhigen vermocht. Er verschloß sich in seine Bibliothek und wollte Niemanden sehen. Dort saß er sinnend, stumm, thränenlos. . . . Und auch des Lebens Sorgen drohten an ihn heran¬ zu treten. Der Gräfin Vermögen war zerronnen und der alte Romantiker war müde: zu schreiben, zu arbeiten, zu erwerben. In dem Eckhause am Altmarkt ward es immer stiller, düsterer, trauriger. Die Gräfin klagte über ihre Gesundheit und war fast ganz erblindet. Der Kreis der Verehrer war in den letzten Jahren bedenklich dünn geworden, und vor dem geliebten Lesepulte gab es schon mehr leere, als besetzte Stühle. Auch Agnes dachte an's Scheiden, um einem geliebten Manne als Gattin nach Schlesien zu folgen. Immer stiller wurde es um die beiden alten Bewohner der romantischen Zauberburg. Da fiel es wie ein Sonnenstrahl in die düsteren Schatten des verödeten traurigen Eckhauses hinein, — der Ruf Friedrich Wilhelm IV . von Preußen an den alten Romantiker: mit einem Jahrgehalt von 3000 Thalern nach Berlin überzusiedeln und die Sommermonate im Park von Sanssouci zu verleben und den König durch sein Talent als Vorleser zu erfreuen! Tieck's wahre Freunde in Dresden athmeten auf. Diese königliche Gnade war der beste Balsam für das wunde Herz des Vaters. Und auch der alte Dramaturg sollte in Berlin noch eine hohe Freude erleben: der König ließ durch ihn die Antigone mit Mendelssohn's Musik auf¬ führen! Das war seit Jahren ein Lieblingswunsch Tieck's gewesen. Nach Berlin wurde die Antigone auch in Dresden und anderen großen deutschen Theatern aufgeführt. Was der alte Dramaturg für Dresden gewesen war, empfanden wir erst bei seinem Scheiden. Dresden hatte mit Tieck einen anziehenden Mittelpunkt für das geistige Leben verloren. Die interessanten Fremden und die be¬ deutendsten Träger der einheimischen Kunst und Wissen¬ schaft fanden im Eckhause des Altmarktes nicht mehr das lockende Irrlicht, das es so hübsch verstand, die Geister im brillanten Farbenspiel aufeinander platzen zu lassen. Und Dresdens Bühne — hat sie je eine glänzendere Zeit gehabt, als unter der Herrschaft Ludwig Tieck's? War dieser Herrscher auch oft launenhaft, eigenwillig, ungerecht — so überwogen doch die belebenden, leuchtenden Strahlen seines Genies und seiner Liebenswürdigkeit. Und wer herrschte nach Tieck's Scheiden auf Dresdens Bühne? Zunächst ein ästhetischer Theeklub von zartbesaiteten, sogenannten kunstsinnigen Damen, deren Einfluß der In¬ tendant von Lüttichau sich nicht zu entziehen vermochte. Mein letztes Gespräch mit Tieck war ein freundliches, wehmüthiges. Ich kam von meiner Gastspielreise aus Wien (1839) zurück und brachte dem Dramaturgen und seinen Töchtern die herzlichsten Grüße von Julie Rettich. Ihre Worte waren: »Sagen Sie dem Hofrath, ich würde nie vergessen, daß ich einst seine liebste Schülerin war und ihm die Kunst der Rede ablauschen durfte. Ich werde stets seine dankbare Schülerin bleiben. Umarmen Sie für mich Dorothea. Ich liebe sie wie eine Schwester.« Dorothea weinte. Tieck war tief ergriffen. Fühlte er in diesem Augenblick, wie ungerecht er gegen diese liebste Schülerin gewesen war? Er sprach es nicht aus. Er sagte auch nicht das kleine, freundliche Wort, das mich jetzt noch wieder in dankbarer Verehrung zu seinen Füßen zurückgeführt hätte. Wir sahen uns fortan nur noch auf der Probe. Aber dennoch, obgleich Tieck mir oft und mit vollem Bewußtsein tief weh gethan hat, habe ich ihm stets ein warmes, dankbares Herz bewahrt, und im Jahre 1853, als die Nachricht von seinem Tode aus Berlin zu mir in meinen stillen Erdenwinkel am Züricher See drang, habe ich ihm Thränen der Erinnerung und der Wehmuth nachgeweint. Die Gräfin Finkenstein war wenige Jahre vorher gestorben, nachdem sie in Berlin noch eine schmerzhafte und gefährliche Augenoperation überstanden hatte. Man sagte, sie habe sich die Augen blind geweint. Der alte Romantiker stand nun ganz einsam da in dem bunt¬ bewegten Leben seiner Vaterstadt. Im Jahre 1850 bezog er zum letzten Mal seine Sommerwohnung im Park von Sanssouci, in der Nähe seines königlichen Freundes. Dort besuchte ihn mein lieber alter Kollege aus Dresdens froher Kunstzeit, Herr Porth, und schrieb mir darüber: ». . . Ich fand unsern alten Dramaturgen noch voll¬ kommen geistesfrisch und so bezaubernd liebenswürdig, wie in seinen besten Dresdener Stunden. In seinen Urtheilen aber war er milder, gerechter geworden. Der seltene Mann wird mir trotz aller Schwächen und Eigen¬ heiten unvergeßlich theuer bleiben. So oft ich am Eck¬ hause des Altmarkts vorübergehe, erfaßt's mich wie Heimweh nach den dort verlebten schönen, frohen, lehr¬ reichen Stunden. Zu den Zeiten des alten Dramaturgen hatte Dresden doch seine herrlichste Kunstepoche. . . .« Mit wehmüthigem Entzücken und voll Heimweh stimme ich bei. XII. Das letzte Engagement. D as zweite alte Haus Dresdens, an das sich meine liebsten heimatfröhlichsten Lebens- und Kunsterinnerungen knüpfen, ist seit jetzt gerade dreißig Jahren von der Erde verweht. Ging ich vom Eckhause des Aktmarktes in die Theaterprobe oder Vorstellung — und wie oft und wie fröhlich habe ich diesen Weg gemacht! — so kam ich bald an einen freien Platz am Elbufer der Altstadt, und hier, links von der Elbbrücke, stand das alte »Komödienhaus«. Ich muß wiederholen, es war keine Schönheit, kein glänzender architektonischer Schmuck für Dresden; es konnte nicht mal auf ein wenig Heiterkeit und Anmuth Anspruch machen. Ich wüßte kaum, daß ich jemals ein häßlicheres altes Komödienhaus gesehen hätte. Es sah von außen aus wie eine unförmliche, grau-grün ange¬ schimmelte Riesenpastete, und im Innern, als ob die Mäuse die Pastete ausgehöhlt hätten und die Decke würde in der nächsten Minute einstürzen. Wie dunkel es in der Pastete war, sah man erst, wenn die wenigen Lichtchen angezündet waren. Aber wie spielte es sich in diesem kleinen, engen, schmucklosen Hause! So traulich, so natürlich, so ungeschminkt! Wir waren da mit dem ungeputzten Publikum gleichsam unter uns, im Haus¬ kleide und wie zu Hause. Jede Unnatur, jedes manie¬ rirte Pathos, jede Effekthascherei wären in diesem engen Rahmen geradezu lächerlich geworden. Nur ein einfaches, edles Spiel war hier am Platze, und das hatte sich auch schon seit Jahren in dem alten Hause eingebürgert und wurde mit Pietät vererbt und gepflegt. Den Namen »Komödienhaus« verdiente es, wie kaum ein anderes Haus. Es war so recht die Bühne, der gemüthliche Tummelplatz für Komödien, für Lustspiele und Konver¬ sationsstücke. Die wurden hier auch meisterhaft gegeben, wie: »Stille Wasser sind tief« — »Die gefährliche Tante« — »Das letzte Mittel« von Frau von Weißenthurn — »Die Geschwister« von Raupach — »Rubens in Madrid« — »Die Schule des Lebens« — »Chevalier St. George« — »Noch ist es Zeit« — und die Stücke der Prinzessin Amalie: »Der Majoratsherr« — »Der Landwirth« u. a. Köstlich war Emil Devrient als Majoratsherr, be¬ sonders in der Szene, wo er mit Bärmann im Neben¬ zimmer ein Duo geigt und Beide geigend aus der Seiten¬ thür auf die Bühne treten und der Majoratsherr erregt ausruft: »Aber Bärmann, Ihr geigt ja besinnungslos immer fort, immer fort . . .« bis er mich plötzlich vor sich sieht und in reizender Verlegenheit Entschuldigungen Erinnerungen ꝛc. 28 stammelt. Wie lag da in Devrient's Mienen schon das Ge¬ ständniß, daß er nahe daran sei, sich der still Geliebten endlich auf Gnade und Ungnade gefangen zu geben! Und der alte, liebe Meister Pauli, — war er nicht ein Bärmann zum Küssen? Er war ein echter Komödiant mit Leib und Seele. Mit welcher rührenden Hingabe und Gewissen¬ haftigkeit spielte er selbst die kleinsten, undankbarsten Rollen, er, der so Großes leistete als Jago und Franz Moor! Die Mitwelt hat dem Künstler wenig gelohnt und die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze. Wer erinnert sich heute noch daran, welche köstlichen Charakter¬ rollen Pauli schuf als lieber närrischer Emmerling in der »Gefährlichen Tante«, als brummiger Vater im »Tem¬ pora mutantur» , als Allerweltsdoktor im »Ball zu Ellerbrunn« und als Iffland'scher Vater in Eduard Devrient's »Verirrungen«? Darum gönnt es der alten Kollegin, dem wackeren, bescheidenen Künstler diese we¬ nigen Lorberblätter wehmuthduftig, erinnerungsgrün auf das vergessene Grab zu legen. . . Eduard Devrient's »Verirrungen« wurden überhaupt im alten Komödienhaus prächtig gespielt. Tieck protegirte das Stück, studirte es fleißig ein und kam sogar zu allen drei Proben, während er sich sonst gewöhnlich auf die Generalprobe beschränkte. Ich sehe im Geiste den alten Dramaturgen während der Proben in seiner kleinen Pro¬ szeniumsloge sitzen und uns Mitspielern auf der Bühne freundlich zunicken, und höre noch sein lobendes: »Bravo! Charmant! Vortrefflich!« Er hatte zum ersten Mal kein Wort des Tadels für uns. Emil Devrient war in dem Stücke seines Bruders wie immer der edle, liebenswürdige, warmherzige Mittel¬ punkt. Und was schuf Doris Devrient aus der kleinen Rolle des Lenchen! Pauli und Frau Werdy gaben mit köstlichem Humor das überzärtliche Elternpaar, Hellwig den närrischen Christel und Heckscher den flotten, leicht¬ sinnigen Vetter. — Auch Eduard Devrients »Treue Liebe« spielten Emil Devrient, Frl. Bayer und ich (Gräfin) mit großer Liebe und bestem Erfolge. In Gutzkow's »Werner« war Emil Devrient der begeisterte Künstler, der große, edle, starke Mannescharakter. Auguste Anschütz war eine reizende Marie: brünett, mit griechischem Profil und dunklen Prachtaugen. Ihre weiche, modulationsfähige Stimme sprach zum Herzen, weil sie vom Herzen kam. Ihr einfaches, natürliches Spiel fesselte ungemein. Daß Dresden die liebenswürdige Künstlerin sobald verlieren mußte! Sie ging nach Wien an's Burgtheater, als Gattin des Malers Koberwein. An ihre Stelle trat die junge, schöne und glänzend begabte Bayer, die noch heute als Frau Bayer-Bürk eine Zierde der Dresdener Bühne ist. Und der froh¬ müthige Porth, der so gern und herzlich mit mir lachte und die Kunst besaß, die Welt immer im rosigsten Lichte zu sehen — was für einen schleichenden Hallunken ver¬ stand der fleißige, gewissenhafte Künstler aus dem falschen Hausfreund zu machen! 28 * Unter den klassischen Stücken wurde Kleist's »Prinz von Homburg« zu einer Mustervorstellung. Bei Emil Devrient vereinigte sich Alles: edle, idealschöne Erschei¬ nung, wundervolles Organ und tiefes, geistiges Auffassen, Durchdringen und Wiedergeben des wundersamen Cha¬ rakters, um aus der Titelrolle etwas Großes, Vollendetes zu schaffen. Ich habe keinen zweiten Prinzen von Hom¬ burg gesehen, der sich mit Emil Devrient vergleichen könnte. Wie verklärt erschien er mir in der Briefszene, als ich ihm gestand: »Du gefällst mir!« Und einen prächtigeren Kottwitz konnte man schwerlich finden, als unsern Werdy, diesen ehrwürdigen Veteranen mit dem schönen Apostelkopf, der herzenstiefen Stimme und der einfach-edlen Sprache nach Schröder's Schule! Ich könnte noch lange fortplaudern von den lieben alten und in meinem Herzen so herrlich fortgrünenden Kunstzeiten und Kunstschöpfungen und den werthen, alten, großen Kunstgenossen. . . Aber wer kennt, wer versteht, wer liebt sie heute noch? Sie sind verweht wie das alte Haus, und nur noch in der Erinnerung weniger alter Kunstfreunde leben sie — leben wir fort. Verweht! ver¬ gessen! — das ist ja Erdenlos! Nur aus dem Zuschauerraume möchte ich noch eine Loge hervorheben — die königliche! Wie that es uns Komödianten so wohl, wenn wir die Theilnahme sahen, mit der die königliche Familie fast allabendlich unseren Kunstbestrebungen folgte. Da waren zuerst der leutselige achtzigjährige König Anton und sein nicht viel jüngerer Bruder Max. Das laute Denken des alten Monarchen hat uns manches Lächeln entlockt. Als ich (1834) in der Wahnsinnszene der Ophelia sang: »Wie erkenn' ich dein Treulieb Vor den andern nun? An dem Muschelhut und Stab Und den Sandelschuh'n. . .« — da sagte der König, dem dies Singen neu war, denn meine Vorgängerin in der Rolle hatte die Worte ge¬ sprochen, ganz laut vor sich hin: »Ich glaube gar, sie singt. . .« »Pst! Pst! Pst!« rief das Parterre. Und da hörte ich den alten Herrn in seinem lieben sächsischen Dialekt wiederum ganz laut, halb ärgerlich, halb humoristisch, zu der Prinzessin Auguste sagen: »Na! na! man werd' doch noch redden derfen!« Es soll aus seinem sächsischen Munde auch sehr hübsch geklungen haben, als der alte Herr die Prinzessin Marie von Baden, jetzige Marquise Douglas, in die Polonaise führte mit den Worten: »Prinzessin, Sie müssen nun schon mit dem jüngsten Tänzer fürlieb nehmen!« Prinz Johann, der jetzige König, der mir meine Lady Macbeth so hübsch und geistvoll kritisirt hatte, be¬ suchte mit seiner Gemahlin meistens nur klassische Stücke. Ein Lob aus dem Munde dieses gütigen Kunstfreundes und geistreichen Kenners und Gelehrten war unser Stolz. Es rührte mich tief, als ich (1840) Halm's Griseldis gab und die Königin Marie, Friedrich August's Gemahlin, weinen sah. Die Prinzessinnen Auguste und Amalie waren Stammgäste im alten Komödienhause. Wir vermißten sie sogleich, wenn ihre Plätze mal leer blieben. Besonders trat uns Prinzessin Amalie näher als talent- und ge¬ müthvolle Verfasserin vieler trefflicher bürgerlicher Schau- und Lustspiele. Und Jeder von uns that redlich das Seine, diese Schöpfungen der bescheidenen Prinzessin auch bühnenwirksam zu gestalten. Jeder Beifall des Publikums freute uns für die fürstliche Dichterin. Vor Kurzem ist sie still gestorben, wie sie still gelebt hatte. Und dann kam ein wehmütiger Abend. Es war der 31. März 1841. Es wurde zum letzten Mal auf der kleinen, häßlichen — lieben Bühne gespielt. Das alte Komödienhaus war mit der Zeit doch zu eng, zu unschön, zu altmodisch für die fröhliche, glänzende Welt- und Kunststadt Dresden geworden. Schon im Jahre 1838 war der Grundstein zu einem neuen Schauspiel¬ hause gelegt, wenige hundert Schritt von dem alten entfernt, und in drei Jahren hatte Meister Semper den prächtigen, großen, schönen Kunsttempel erbaut, der 28 Jahre lang Dresdens Stolz und Freude und — — am 21. September 1869 ein Opfer der Flammen wurde. Minna von Barnhelm war das letzte Stück. Dann sprach unser Veteran Burmeister einen ergreifenden Epilog in dem alten Hause. Uns Mitspielenden war zu Muth, wie Kindern beim Abschied aus dem lieben Vaterhause. Und bald darauf, am 12. April 1841, fand die festliche Eröffnung des neuen Hauses statt. Ganz Dresden war auf den Beinen. Ueber 7000 schriftliche Billet¬ wünsche waren eingegangen. Nicht 2000 konnten erfüllt werden. Aber wer keinen Platz im Hause fand, wollte doch wenigstens die glänzende Beleuchtung ahnen, die Musik rau¬ schen hören, das Publikum strömen sehen. Auf dem Theater¬ platz wogte es besonders den Abend Kopf an Kopf. Als der König und der Hof in die Loge traten, brach im Hause ein ju¬ belndes Hoch aus und die Menge draußen stimmte fröhlich ein. Die Festvorstellung begann mit einem wirksamen Prolog von Theodor Hell. Alle ersten Schauspieler und Sänger traten darin auf. Pauli als Baumeister erklärte das Werk vollbracht, die Bühne verwandelte sich aus einer Halle in eine freie Gegend, und in diese traten folgende allegorische Gestalten ein, von den neuen Räumen Besitz nehmend, einer nach dem andern: Die Liebe — Dem. Bauer. Der Glaube — Hr. Schöpe †. Die Tapferkeit — Dem. Berg. Der Scherz — Franziska Schöler. Ein Hirtenmädchen — Dem. Anschütz. Die Romanze — Mad. Schröder-Devrient †. Der Dichter — Hr. Emil Devrient. Dann folgten die Hauptgestalten unserer größten Dichter und Opernkomponisten: Mephistopheles und Marthe — Hr. Koch † und Mad. Drewitz †. Tell und seine Frau — Hr. Dittmarsch und Mad. Dor. Devrient. Falstaff und Prinz Heinrich — Hr. Keller † und Hr. Böhme. Nathan der Weise und Tempelherr — Hr. Porth und Hr. Hellwig †. Oberförster und Oberförsterin (Iffland) — Hr. und Mad. Werdy †. Nikolaus Staar und seine Mutter (Kotzebue) — Hr. Burmeister † und Mad. Hartwig †. Iphigenia und Orestes — Mad. Wächter und Hr. Mitterwurzer. Fidelio und Florestan (Beethoven) — Dem. Wüst und Hr. Ascher. Don Juan und Zerline — Hr. Wächter † und Mad. Schubert. Oberon und Puck (Weber) — Hr. Schuster und Dem. Pecci. Ivanhoe und Rebekka (Marschner) — Hr. Tichatscheck und Mad. Mitterwurzer. Cortez und Amazili (Spontini) — Hr. Babnigg und Dem. Marx. Die eigentliche Festvorstellung, Goethe's »Torquato Tasso«, wurde durch Weber's Jubelouverture eingeleitet. Ich gab die Leonore von Este, Frl. Berg die andere Leonore, Heckscher den Alphons, Emil Devrient den Tasso, Porth den Antonio. »Die Namen der Dar¬ stellenden verbürgten den Werth der Vorstellung. Die in jeder Beziehung splendide und geschmackvolle Aus¬ stattung, die in ähnlicher Schönheit und Illusion noch nie gesehenen Dekorationen — die erste des Prologs, dann die des zweiten, dritten und fünften Aktes von den französischen Malern Desplechin, Dieterle, Feuchere und S é chan, die zweite des Prologs und die des vierten Aktes vom Hoftheatermaler Arrigoni — ernteten die leb¬ hafteste Bewunderung« — sagt der »Dresdener Omnibus« vom 14. April 1841 kurz und bündig darüber. Seit jenem Abende sind jetzt gerade 30 Jahre hinab¬ gerauscht. . . und von einem frühlingsgrünen Berge der Schweiz sinnt eine alte Frau zurück. . . Ihr werthen Gefährten, Wo seid ihr zur Zeit mir Ihr Lieben geblieben? Ach! Alle zerstreut . . . Die Einen, sie weinen, Die Andern, sie wandern, Die Dritten noch mitten Im Wechsel der Zeit, Auch Viele am Ziele, Zu den Todten entboten. . . Ja, manches, manches kleine Todtenkreuzchen hat die Hand, die einst — damals Tasso-Devrient den Lorber reichte, auf den alten, vergilbten Theaterzettel gezeichnet. . . Von all' jenen Theaternamen nennt der heutige Dresdener Theaterzettel nur noch Frl. Berg, Hrn. Böhme, Hrn. und Mad. Mitterwurzer. Mehrere Collegen leben als Pensionäre in Dresden, darunter Tichatscheck und Hofrath Emil Devrient als Ehrenmitglieder des Hof¬ theaters. Ascher ist jetzt Direktor des Karltheaters in Wien. Auguste Anschütz-Koberwein wurde kürzlich pensionirt. Jüngst, am 2. September 1871, feierte ich in meinem Herzen ein schönes Dresdener Bühnenfest mit: den Jubel¬ tag, an dem meine einstige liebe und geniale Collegin, Franziska Berg, vor 40 Jahren als »Königin von 16 Jahren« die Dresdener Hofbühne zum ersten Mal mit glänzendem Erfolge betrat. Wie rangen wir Beide so begeistert und neidlos Jahre hindurch neben einander als erste Liebhaberinnen um die Palme! Und wie freute ich mich, kürzlich von Augenzeugen zu hören, daß Fran¬ ziska Berg noch immer eine der geachtetsten Stützen des Hoftheaters in Dresden ist und als Mutter im »Fechter von Ravenna« und Marfa in Schiller's Tragödie »De¬ metrius«, nach Gustav Kühne's trefflicher Bearbeitung, die wohlverdientesten Triumphe feierte. Möchte es der Künstlerin vergönnt sein, in Dresdens neuem Theater, das Meister Semper augenblicklich in unvergleichlicher Schöne aufwachsen läßt, noch lange Jahre die klassische Zeit des alten Komödienhauses zu repräsentiren. Am Morgen nach der Eröffnung des neuen Hauses, in der Frühe ging ich noch allein in das kleine, alte Komödienhaus, einen stillen, wehmüthigen Abschied zu nehmen von der schmucklosen Bühne, auf der ich meine reichsten sieben Jahre hindurch so blüthenfröhlich und so fruchtbeglückt gespielt — nein, gelebt hatte! Ich nahm Abschied von meinem traulichen Garderobenzimmerchen, das sonst von Blumenopfern duftete und Abends so oft von übermüthigem Lachen erklang, wenn die liebens¬ würdige Obergarderobiere, Frl. Bertha Heyse, mir bei der Toilette ihre verschönende Hand und die bretterne Welt hinter den Coulissen und die andere Welt vor den selben uns immer neuen Heiterkeitsstoff liehen — und das heute so still und kahl und traurig aussah. Ich nahm auch wehmüthigen, dankbaren Abschied von der kleinen vergitterten Proszeniumsloge, aus der mich des alten Dramaturgen herrliche Augen in der guten alten Gnadenzeit so oft und so väterlich lieb angeleuchtet hatten. Und auch später wirkte das Bewußtsein: Tieck blickt jetzt auf dich! — so wunderbar poetisch anregend, hebend auf mich — auf uns Alle in den Proben und Vorstellungen. Aber auch mit beklommenem Herzen nahm ich Ab¬ schied von dem alten Hause. Ich konnte das Bangen nicht los werden: mit dem alten Hause zerbröckelt auch Dresdens einfach edle, gemüthvolle, ungekünstelte Schau¬ spielkunst! In diesem engen Rahmen war die herzlichste Natürlichkeit zu Hause. In dem großen Prachtgebäude wird — muß ein brillantes Virtuosenthum sich mehr und mehr an's Lampenlicht drängen, das bescheidene, herzinnige Zusammenwirken um der Sache willen wird einem Wetteifer der Personen : sich neben- und vor¬ einander geltend zu machen! weichen — auf Kosten der wahren Kunst! Leider sollte ich nicht so ganz Unrecht mit diesen Befürchtungen haben, obgleich ich die glänzenden Vor¬ züge des neuen Hauses für große klassische und handlungs¬ reiche Stücke, wie »Tell«, »Jungfrau von Orleans«, »Maria Stuart« u. a. bald anerkennen lernte. Auch war die Akustik des neuen Hauses eine so vorzügliche, daß wir nur deutlich, nie mit Anstrengung zu sprechen brauchten, um in den großen Räumen überall leicht ver¬ standen zu werden. Ueberdies war die Beleuchtung eine so günstige, daß wir auf den Brettern wie verjüngt er¬ schienen, im Vergleich zu dem alten, düsteren Hause. Eine meiner liebsten, dankbarsten Aufgaben in dem neuen Hause war die »Beate« in Gutzkow's reizender Schöpfung! »Ein weißes Blatt«. Gutzkow wurde wenige Jahre darauf Dramaturg in Dresden und leistete Hervor¬ ragendes, gab die Stellung aber nach zwei Jahren wieder auf. Er fühlte sich nicht wohl in den engen Verhältnissen. Ihm folgte als Dramaturg: Eduard Devrient, aber auch nur für kurze Zeit. Was Eduard Devrient als Leiter einer Bühne zu leisten vermochte, durfte er erst in Karls¬ ruhe beweisen. Zweier Theaterabende in dem »neuen Hause« möchte ich etwas ausführlicher gedenken. Der erste war der Abschiedsabend, das letzte Auf¬ treten überhaupt der großen dramatischen Sängerin Frau Ungher-Sabatier. Zuerst war ich der Künstlerin bei meinem Gastspiel in Wien 1839 begegnet und hatte sie lieb¬ gewonnen und war ihr lieb geworden. Meine Freude war groß, als Herr und Frau Sabatier bald darauf nach Dresden übersiedelten. Es schien eine der glücklichsten Künstlerehen zu sein, obgleich Frau Sabatier bedeutend älter war, als ihr Gatte. Allerliebst fand ich es von ihr, daß sie ganz offen über dies Mißverhältniß der Jahre sprach, und nichts klang herziger, als wenn sie im Wiener Dialekt erzählte: »I han mei'm Mannerl oft vorg'stellt, i sei halt a Bissel zu alt für ihn — bah! — er wollt's nit glaub'n und so mußt' i ihn zuletzt nur nehmen. Wir Beid' haben's auch nit bereut. . .« Das sah man deutlich in der heiteren, gemüthlichen Häuslichkeit des liebenswürdigen Paares und an den interessanten größeren Gesellschaftsabenden, an denen die Wirthin ihre reizenden Lieder sang und wo selten her¬ vorragende Fremde fehlten. Dresden hatte die Künstlerin auf der Bühne und im Salon stets verehrt und ausgezeichnet. In Dresden wollte die Sängerin, die auf ihren vielen Gastspielreisen in aller Herren Ländern glänzende Triumphe gefeiert hatte, von der Bühne Abschied nehmen. Mit richtiger Selbsterkenntniß sagte sie zu mir: »Es ist Zeit — es ist die höchste Zeit! Ich könnte vielleicht mit demselben Recht, wie andere Sängerinnen, noch einige Jahre sin¬ gen und auf den geliebten Brettern Gold- und Lorber- Ernten halten. . . aber es muß ein trauriges Gefühl sein, die Rudera alter, glänzender Kunstzeiten um dieser Ver¬ gangenheit willen vom Publikum geduldet zu sehen. Die größte Kunst des Künstlers ist es, zur richtigen Stunde der öffentlichen Kunstübung zu entsagen. . .« An einem traulichen Abende waren wir näheren Freunde bei Sabatiers, um über die Abschiedsrolle der künstlerin zu berathen. Die meisten Stimmen waren für die Frau in »Belisario«. — »Aber warum wollen Sie zum letzten Mal in einer so grausigen Rolle, als Büßerin und mit schmerzzerrissenen Zügen vor ein Publikum treten, das Sie liebt? Ich würde die lieb¬ liche Lucia von Lammermoor wählen!« wagte ich ein¬ zuwenden. — »Nicht effektvoll, nicht großartig genug für die gerade so hervorragende dramatische Schöpfungsmacht unserer Freundin!« — sagten die Verehrer der Künstlerin. Sie wählte die unselige Frau Belisario's und leider als vorletzte Rolle Norma — diese Glanzpartie unserer Schröder-Devrient. Diese saß während der Norma- Aufführung unter den Zuschauern, und die Freunde der Sabatier verübelten es ihr sehr, daß sie unter den Bei¬ fallsstürmen des Publikums allein wie theilnahmlos ge¬ blieben, mit keiner Wimper gezuckt, keine Hand zum Beifall gerührt habe. Aber Wilhelmine Schröder-Devrient war eine zu ehrliche, aufrichtige Natur. Sie hätte an dem Abende heucheln müssen. Norma's Stimme klang scharf und reichte einige Mal nicht mehr aus für die hohen Töne. Sie überschlug sich. Daß aber Niemandem Mißgunst oder gar kleinlicher Neid ferner liege, als Wilhelmine Schröder-Devrient, sollten die Dresdener im Belisario erfahren. Die glän¬ zendsten Ovationen waren vorbereitet, die Sabatier wurde den ganzen Abend in ihrer wirklick großartigen drama¬ tischen Gestaltung von Belisario's Frau mit Beifall, Blumen, Gedichten überschüttet, zierliche Brieftauben flatterten auf die Bühne — aber Wilhelmine Schröder und ich hatten der scheidenden Künstlerin eine noch größere Huldigung als Ueberraschung vorbereitet. Am letzten Aktschluß trat ich vor auf die Bühne, im wei߬ rosigen Musengewande, Blumen im Haar, und sprach zu dargebotenen Blumen bewegt Abschiedsverse. Der Sängerin traten Thränen in die Augen — da lockte sie eine melodische Stimme auf der anderen Seite: es war Wilhelmine Schröder, ebenfalls als Muse, der Kunst¬ schwester mit innigen Worten einen vollen Lorberkranz reichend. . . Erschüttert sank die scheidende Sängerin der noch berühmteren Nebenbuhlerin in die Arme und ich hörte sie schluchzend flüstern: »Und daß Sie — gerade Sie, mein Scheiden so herrlich verschönen . . . wie beglückt es mich!« — »Dürfte auch ich einst so der Bühne Lebe¬ wohl sagen!« war die Antwort Wilhelmine Schröder's. Das überraschte Haus nahm gerührt und entzückt den innigsten und stürmischsten Antheil an dieser Scheide¬ szene im Jahr 1841. Es jubelte jetzt nicht nur der scheidenden Sabatier, es jubelte jetzt auch der großherzigen Schröder zu. Im folgenden Jahre sollten die Dresdener ein ganz anderes Bild auf ihren geliebten Brettern sehen — eine spanische Tänzerin. Die damals noch wenig berühmte und noch weniger berüchtigte Lola Montez war in Dresden angekommen, um auf der Hofbühne spanische National¬ tänze zu tanzen. Sie sollte gewichtige Empfehlungen an den Hof haben, aus vornehmer spanischer Familie stammen, wunderschön sein und den Hof in Pillnitz durch ihren Gesang spanischer Nationallieder zur Guitarre ent¬ zückt haben. Kein Wunder, daß die interessante Tänzerin das Dresdener Theaterpublikum schon vor ihrem Auf¬ treten lebhaft beschäftigte. Ich hatte die Heldin noch nicht gesehen, aber der Theaterdiener kam eines Morgens ganz echauffirt zu mir und machte seinem Herzen Luft: »Heute ist wieder die Spanierin los und erst gestern hat sie uns Allen den Kopf heiß gemacht. Nein, was die für Raupen im Kopf hat! Sie verlangt ganz apart für sich Draperien, Beleuchtung, Dekorationen. Sie will sich erst in der Tiefe der Bühne unter rothen Dra¬ perien und von vielen Extra-Lampen von oben herab beleuchtet als lebendes Bild in phantastischer Stellung bewundern lassen, ehe sie vorchassirt. Und Niemand konnte es ihr zu Dank machen, und selbst unser Balletmeister kann ihr närrisches Französisch nicht recht verstehen. Da blitzen denn ihre Augen und sie stampft mit dem Fuß auf, wie ein ungezogener Junge. Ich aber sage, wer so viel Hokuspokus angiebt, muß kurios tanzen. Ich sollte auch nur sagen, daß das Fräulein heute nicht um 9 Uhr auf die Probe zu kommen braucht, sondern erst um 10 Uhr. Denn bis dahin nimmt die Spanierin noch allein die Bühne mit ihren Faxen in Anspruch. Empfehle mich gehorsamst. . . « Kaum war der Alte fuchswild fortgerannt, so ließ unser Hausgenosse, Herr von Bülow, der Vater des später so berühmt gewordenen Klaviervirtuosen Hans von Bülow, bitten, trotz der frühen Morgenstunde seinen Besuch machen zu dürfen — in wichtiger, unaufschieb¬ barer Angelegenheit. Es mußte allerdings etwas Wich¬ tiges sein, was den gelehrten Herrn, den Tieck sehr be¬ vorzugte, so früh schon aus seiner etwas pedantischen Ruhe und aus dem Schlafrock herausgebracht hatte. Er, der sonst so leise und langsam bedächtig sprach und einher¬ schritt, trat mir in größter Aufregung, mit gerötheten Wangen entgegen und sein erstes geflügeltes Wort war: »Lola Montez!« »Also auch Sie, Graf Oerindur? Wer löst mir die¬ sen Zwiespalt der Natur?« unterbrach ich ihn lachend. »Lola Montez möchte Sie näher kennen lernen, Sie haben gestern Abend als »Donna Diana« das feurige Kind Spaniens im Sturm erobert. Die schöne Lola saß neben mir und schlug wie ein Kind jubelnd in die Hände und rief ein Mal über das andere fast etwas zu laut für unsere Dresdener Gewohnheiten aus: »Oh, la bella Donna! Je voudrais la connaître!« »Sehr schmeichelhaft! Aber wer und was ist denn eigentlich dies »Mädchen aus der Fremde?« »Das entzückendste, holdeste, liebenswürdigste We¬ sen. . .« »Und das sagen Sie mir in's Gesicht — der bella Donna ?« unterbrach ich neckend den Enthusiasten. Erinnerungen ꝛc. 29 »Pardon! ich wollte hinzusetzen: das unter Spaniens Sonne erglühte! Sie ist die Tochter eines tapferen Ge¬ nerals, der für Don Carlos fiel. Sie mußte aus der Heimat fliehen — mittellos, schutzlos. Aber sie hatte Muth, Energie und reiche Talente. Ihre angeborene graziöse Tanzkunst entwickelte sich wunderbar unter einem französischen Balletmeister; dazu singt sie entzückend spa¬ nische Nationallieder zur Guitarre. Frei und glänzend wie ein Schmetterling flattert das bezaubernde Wesen durch die Welt und . . .« »Bezaubert unsere ernsthaftesten Gelehrten und Dichter!« lachte ich dazwischen. »Aber so ganz allein — ohne Schutz flattert dieser gefährliche Schmetterling durch die Lande?« »O, sie ist tugendhaft — tugendhaft und stolz und tapfer, wie Jeanne d'Arc. Als meine Frau, die auch von Lola Montez entzückt, bezaubert ist, wie Alle, die sie kennen, sahen, leise an die Gefahr ihrer Schutzlosigkeit erinnerte, da zog sie mit stammenden Augen einen kleinen nadelspitzen Dolch hervor, machte eine entzückende Bravo- Geste damit und sagte stolz: »Voilà mon protecteur!« — Ist das nicht kostbar?« »Und wie Viele hat die edle Donna denn schon er¬ dolcht? Es müßte sich doch reizend ausnehmen, wenn sie zugleich mit dem Dolch eine Art Leporello-Tagebuch hervorgezogen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin zu¬ gesungen hätte: »Schöne Donna, dies kleine Register nennt sie Alle, die ich abgemurkset. . .« »Spotten Sie nur. Auch Sie werden bald von Lola Montez bezaubert sein. Und wie ehrlich, wie naiv offenherzig sie ist! Als ich sie gestern durch unsere Ge¬ mäldegalerie führte, sagte sie: Raphael und Correggio langweilten sie durch ihre ewigen rothhaarigen Madonnen — dagegen blieb sie mit leuchtenden Augen vor den nur mittelmäßig geklecksten Bildern eines spanischen »Stier¬ kampfes« und eines »Fandango« auf offener Straße von Toledo stehen und klatschte vor Entzücken in die Hände — und vorgestern Abend gähnte sie laut bei der herr¬ lichen Tenorarie Moriani's und sagte: Lucia von Lammer¬ moor sei zum Einschlafen. . .« »Und das bewundern Sie — der Dichter?« »Ja, ich bewundere die reine, unverfälschte Natur in diesem Mädchen. Sie ist noch nicht von unseren ästhetischen Thees angekränkelt. Ich finde das originell, frappant, kühn. . .« »Aber Dresden!« »Ja, in unseren lauwarmen Lebensanschauungen könnte das Alleinstehen, die Selbstständigkeit, die ganze freimüthige, kühne Originalität der schönen Lola nicht ganz so beurtheilt werden, und da komme ich, Sie zu bitten, das holde Kind ein wenig unter Ihre Flügel zu nehmen. . .« »Mit anderen Worten, ich soll die Theater-Tante der schönen Spanierin machen? Ich, bis heute noch immer Dresdens erste jugendliche Liebhaberin? Wirklich eine eigenthümliche neue Rolle, die Sie mir da zuertheilen. . .« 29 * Als ich aber das verdutzte, verlegene Gesicht unseres Enthusiasten sah, mußte ich doch lachen. Und meine alte Gutmüthigkeit überwog wieder. Ich reichte dem Besuch die Hand und sagte: »Ich will versuchen, Lola's Theater- Tante zu spielen. Ich will sie heute noch auf der Probe ansprechen — so recht ehrbar, würdevoll und tanten¬ haft. . .« Ich ging um 10 Uhr in die Probe des Lustspiels: »Die Wasserkur«. Aber ich kam noch viel zu früh. Lola Montez war immer noch nicht fertig mit ihren neuen Arrangements und Draperien und Attitüden. Endlich fiel die Beleuchtung strahlend genug auf ihr »lebendes Bild« und sie konnte zum spanischen National¬ tanze hervorchassiren. Ihr Tanzen war eigenthümlich. Sie tanzte weder kunstvoll, noch elegant und graziös. Ihre Pas kamen ruckweise, quecksilbern hervor, wie mit Hemmschuhen. Aber ihre Sprünge waren kühn, über¬ raschend, feurig — und sie sah wunderbar schön beim Tanzen aus. Ich hatte Muße, sie von der Coulisse aus anzuschauen. Ihre Gestalt war zu hager, um voll¬ kommen schön zu sein, aber ihr feiner, mädchenhafter Kopf mit dem rabenschwarzen, glänzenden Haar, die durchsichtige, zarte Blässe des jungen Gesichts mit den regelmäßigen edlen Zügen, und vor Allem ihre Augen — ihre großen, tiefblauen, leuchtenden Augen und ihr liebliches Lächeln waren berauschend schön. Und dies wunderbare Gemisch von Kindlichkeit, Uebermuth, auf¬ blitzender Glut und ungebändigtem Trotz in ihrem ganzen Auftreten, im Aussprechen immer neuer toller Forderun¬ gen gegen den Balletmeister und den Maschinenmeister, ja selbst ihr kurioses Französisch hatten etwas dämonisch Berückendes. Jetzt erst war mir der momentane Wahn¬ sinn des sonst so ehrbaren Herrn von Bülow verständlich. Fesselte mich doch selber schon dies tolle, verzogene, schöne Kind unwiderstehlich. Als der Tanz zu Ende war, trat ich aus der Coulisse vor, sie als Theater-Tante anzureden. Aber kaum hatte sie mich erblickt, so stürzte sie mir jubelnd an den Hals und rief: Enfin! ma bella Donna. Çe vous aime, nous nous préçenterons çe çoir ensemble! moi çe dançerais, vous parlerez, çe çera çarmant . . .« und weiter schwirrte es sinnverwirrend in ihrem Idiom: »Ich liebe die Schönheit und den Tanz. Ich will auch berühmt werden, wie Sie — aber als Tänzerin. Ich tanze leidenschaftlich. Wir Beide sind schön — ich wie der Süden, Sie wie der Norden. Ich liebe Sie und Sie müssen mich wieder lieb haben. O! Sie sollen mich heute Abend nur erst im Kostüm sehen . . .« und fort¬ hüpfend rief sie mir noch mit ihrer hellen, klingenden, fröhlichen Stimme, mit ihrem kindlichen Lächeln zu: » au revoir, ma bella Donna — à çe çoir, à çe çoir! « Aber merkwürdiger Weise blieb das Publikum am Abende bei der Attitüde der schönen Spanierin und bei ihrem tollen Quecksilbertanze kühl. Keine Hand rührte sich, keine Blume flog. Wo waren denn nur die Ver¬ ehrer? Ich hatte doch schon am Nachmittage Kränze und Bouquets gesehen, die für Lola Montez bestimmt waren. Durften die Herren Ehemänner der Tänzerin nicht öffentlich huldigen? Ich erfuhr, daß die Blumen für den zweiten Tanz aufgespart waren. Aber — Lola Montez wollte nicht mehr tanzen vor so undankbaren Barbaren! Das sagte mir der Intendant v. Lüttichau sehr aufgeregt. Ich war auf dem Wege nach dem Konversationszimmer und trug meine beiden kleinen Wachtelhunde auf dem Arm, mit denen Fräulein Berg im zweiten Akt als überschwengliche Hundefreundin er¬ scheinen sollte. »Sie müssen mir beistehen, den Trotzkopf zur Raison zu bringen!« fuhr der Intendant fort. »Mein Latein ist zu Ende und an Ihnen hat der Kobold ja einen Narren gefressen. Mußte ich ihr doch versprechen, morgen schon wieder ein Lustspiel zu geben, in dem Sie auf¬ treten. Nein, so ein unerzogenes, ungezogenes Fräulein ist mir auf den Brettern noch nicht vorgekommen — — da sehen Sie selber . . .« und damit öffnete Herr von Lüttichau die Thür zur Garderobe der Tänzerin. Das war allerdings ein urkomisches Bild, das sich uns im Rahmen der Thür bot. In der Mitte stand Lola Montez in ihrem winzigen spanischen Balletkostüm; die Hände auf den Toilettentisch gestützt, hüpfte sie mit beiden Füßen zugleich wild in die Höhe, wie ein Schul¬ kind, und schlug dabei trotz des mobilsten jungen Fohlens hintenaus . . . und im Halbkreise und respektvollster Entfernung — von wegen des Hintenausschlagens — umstanden sie mit trübseligen, rathlosen Mienen die Konzertmeister Lipinski und Reissiger, zwei sehr bekannte Hofräthe und noch ein halb Dutzend anderer glühender Kunstenthusiasten, während Lola bei ihrer Gymnastik fortwährend schrillte! » Non! çe ne dance plus! on n'a pas applaudi quand çe faiçais ça — (Pantomime des Kußhandwerfens) — çe ne dance plus devant un tel publique..« Ich hatte Mühe, nicht hell in diese Szene hinein¬ zulachen, besonders als die Verehrer mich mit verlegenen Gesichtern pantomimisch baten, ihnen zu Hülfe zu kommen, Ich trat in die Garderobe. Kaum hatte Lola mich und meine Hündchen gesehen, so stellte sie ihre tollen Sprünge ein, machte einen kühnen Salto mortale auf mich zu und jubelte: » Oh, ma bella Donna! Oh! çes çolis petits çiens! oh! çes bijoux ... mais, çe ne dance plus devant un tel publique méconnaissant —« und das Aufstemmen, Hüpfen, Hintenausschlagen sollte wieder lustig losgehen. »Und was soll mit den vielen schönen Blumen werden, die schon durch das Haus duften?« sagte ich französisch. »Blumen? — Blumen im Theater? Ich hab' keine gesehen, mir hat man keine geworfen, obgleich ich meine schönste Kußhand warf ...« »Die Blumen sollen Ihnen ja auch erst nach dem zweiten Tanze huldigen. So ist es in Dresden Sitte.« » Pas possible! « »Und es sind Kränze darunter mit langflatternden Altlasbändern und darauf gedruckten Gedichten ...« „Çe dançerais! çe dançerais! Quel bonheur! de çolis bouquets, des rubans, des vers — çe dançerais! çe dançerais!“ . . . und mir ein Hündchen entreißend und dasselbe hoch in die Luft werfend und wieder auffangend piruettirte Lola Montez wie ein Quirl in der kleinen Garderobe umher, daß die Verehrer sich scheu in die Ecken drückten. Aus dem trotzigen Kinde war ein fröhlich jauchzen¬ des geworden. So tanzte sie den zweiten Tanz und wurde ein wenig applaudirt und von ihren Verehrern hervorgerufen und Kränze und Bouquets und Gedichte flogen zu ihren Füßen. . . Glückstrahlend raffte sie die¬ selben auf und konnte nach dem Fallen des Vorhangs nicht müde werden, uns ihre Schätze zu zeigen und zu rufen: „Oh! que çe çuis heureuse! voyez donc çes fleurs, çes rubans et çes vers!“ Und dies Entzücken hatte etwas so Kindliches, Auf¬ richtiges, Ungekünsteltes, daß Alle ihr diesen kleinen Triumph gern gönnten und kein spöttisches Lächeln ihn trübte. Lola Montez trat 1842 in Dresden nur noch ein¬ mal als Ballerina auf, denn das Publikum konnte sich nicht für ihre quecksilbernen Pas erwärmen. Die Zahl ihrer persönlichen Verehrer mehrte sich aber von Tag zu Tage und Lola Montez schwamm vierzehn Tage lang von einem glänzenden Weihrauchfest zum andern, und die tugendstolzesten, prüdesten Damen Dresdens verschmähten es nicht, der schönen »carlistischen Generalstochter» die Honneurs zu machen. Bei einem solchen Zauberfeste mußte Lola Montez im vollen Tänzerinnenkostüm er¬ scheinen. Vom Hofe erhielt die »spanische Sängerin« ein schönes Armband als Andenken. Genug, Lola Montez konnte mit ihrem Dresdener Debüt, wenn auch nicht als Tänzerin, so doch als schöne Abenteurerin zufrieden sein. Und sie spielte ihre Rolle als carlistische Generalstochter mit vielem Takt und Glück zu Ende. Doch — als Lola Montez nach einem Jahre wieder nach Dresden kam, da war ihr — Tugendnimbus er¬ blichen. Auch an die carlistische Generalstochter glaubte Niemand mehr. Bei Hofe wurde sie nicht empfangen. Selbst ihre früheren Gönnerinnen und Anbeter mieden sie und bekamen fast Verlegenheitskrämpfe, wenn ihr Name nur genannt wurde. Nur in Gesellschaft einiger kühner Herren wurde — die schöne Abenteurerin noch gesehen. Welche Rolle Lola Montez bald darauf in Berlin und München spielte, ist bekannt. Und dann — nach vielen Jahren las ich mit tiefer Bewegung in einer Zeitung: »Lola Montez ist in New- York gestorben, arm und verlassen, in der Hütte einer irischen Quäkerfamilie, — und nach furchtbaren Kämpfen. Gewissensbisse verzehrten sie, daß sie einen jungen Fran¬ zosen verführt hatte, Weib und Kinder zu verlassen und ihr nach Australien zu folgen. Als sie den mit wilder Leidenschaft geliebten Mann dann vor ihren Augen vom Meer verschlungen sah, kehrte sie kraftlos, müde, gebrochen nach New-York zurück. Ihr ganzes Vermögen gab sie der verrathenen Wittwe. Sie selbst verbarg sich bei der armen irischen Quäkerfamilie und ergab sich in ihrer Angst und Verzweiflung einer mystischen Frömmigkeit. Sie hat viel gefehlt, aber schwer gebüßt. . .« Eine interessante Gemälde-Galerie ist bei dem Brande am 21. September 1869 mit dem neuen Hause zu Grunde gegangen: die Portraits der ersten Künstler in ihren bedeutendsten Rollen! So auch das wunder¬ volle Bild von Wilhelmine Schröder-Devrient. Ich wurde gewürdigt, in meinen beliebtesten Dresdener Rol¬ len dieser Theatergalerie einverleibt zu werden: als Or¬ sina in »Emilia Galotti«, Kaiserin Katharina II . in den »Günstlingen«, Elene in »Rubens in Madrid« und als Camilla im »Bild« von Houwald. Sämmtliche Ori¬ ginale sind mit verbrannt. Lallemand zeichnete mich in der Gartenszene der Donna Diana, und der liebenswürdige Hanfstängl litho¬ graphirte das Bild für den Kunsthandel. Professor Hanfstängl und seine schöne, junge, gra¬ ziöse Frau machten damals eines der angenehmsten und gastfreiesten Häuser Dresdens. Dort habe ich viele frohe, genußreiche Stunden verlebt. Wenn an den be¬ rühmten Tieck-Abenden das kleine Lesepult doch immer einen gewissen Schatten in die Gesellschaft warf, so herrschte bei Hanfstängls sprudelnder Frohsinn vor. Und Alles, was Dresden an schimmernder Jugend und Schönheit, an Geist und Kunst und an interessanten Fremden zu bieten hatte, durfte auf den gemüthlichen Bällen bei Hanfstängls nicht fehlen. Mir ist besonders ein solcher Ball unvergeßlich, im Winter 1838, weil ich an diesem Abende zuerst Julius Mosen's persönliche Bekanntschaft machte. Denn zu Tieck's Vorleseabenden kam er schon längst nicht mehr. Auch er gehörte deswegen bereits zu den in Ungnade Gefallenen. Mosen sagte mir später oft, wie um mich über die untergehende Gnadensonne des alten Drama¬ turgen zu trösten: »Tieck ist ein großer Dichter — aber er hat kein Herz. Nennen Sie mir einen jungen Dich¬ ter, dem er die Hand zum Beistande reichte, ja, den er nur neben sich duldete? Er ist der größte Egoist, den ich kenne, und förmlich von seinen Vorurtheilen einge¬ sponnen. Auch ich habe redlich versucht, als Schüler zu seinen Füßen zu sitzen, von ihm zu lernen und bewun¬ dernd zu ihm aufzuschauen. Aber ich bin nicht blind und keine herzlose Sprechmaschine, kein Automat wie die Gräfin Finkenstein, die nach Tieck's aufziehendem Schlüssel tanzt und weint und lacht und Ja oder Nein sagt. Ich kann, ich will nicht gegen meine Ueberzeu¬ gung sprechen. Darum habe ich lieber das Eckhaus am Altmarkt gemieden, um eine bittere Erfahrung reicher. . .« Emil Devrient und ich kamen als die letzten Ball¬ gäste, denn wir hatten an dem Abende mit einander in »Noch ist es Zeit« Komödie zu spielen. Als der schöne erste Liebhaber in den Saal trat, ging es wie ein Flüstern der befriedigten Erwartung durch die Reihen der Tänze¬ rinnen. Mich aber interessirte sogleich ein Tänzer mit geistvollem südlich dunklen Gesicht, blitzenden Augen und sehr beweglichen Zügen, der die graziöse Wirthin mit einem Feuer schwenkte, daß seine dunklen Locken sich bäumten. Es war der Dichter des »Nußbaums« und des »Liedes vom Ritter Wahn« — Julius Mosen, da¬ mals 35 Jahre alt. Er ließ sich mir vorstellen und wir tanzten viel, plauderten aber noch mehr mit einander. Ich fühlte mich bald ungemein durch die seltene Vereinigung von Geist, Gemüth und Begeisterung für seine poetischen Aufgaben, sowie durch seine rührende Bescheidenheit zu dem Dichter hingezogen. Mosen sagte mir, daß er näch¬ stens der Intendanz ein neues Trauerspiel einreichen werde: »Die Bräute von Florenz«, in dem er für Emil Devrient den Helden, für Fräulein Berg und mich die »Bräute« geschrieben habe. »Sie aber müssen leider an Gift sterben!« fügte er lächelnd hinzu. Ich versprach ihm heiter, dies auf's Rührendste und Beste zu besorgen. Wir konnten um so ungezwungener mit einander plau¬ dern und scherzen, da Mosen damals schon für's Leben gewählt hatte: — ein liebenswürdiges, sanftes und geist¬ volles Mädchen, das bald darauf seine Frau wurde. Wir schieden wie gute alte Bekannte, denn bei aller Un¬ ruhe und Leidenschaftlichkeit seines Wesens hatte der Dichter doch etwas ungemein Vertrauenerweckendes und aus seinen Worten und aus seinen Zügen schimmerte ein edles, kindlich heiteres Herz. Die »Bräute von Florenz« gingen erst 1841 in Dresden über die Bretter; Mosen's »Bernhard von Weimar« kam zwei Jahre darauf in Dresden zur Auf¬ führung. Fast hätte die erste Vorstellung meinetwegen verschoben werden müssen. Nach der zweiten Probe mußte ich zum ersten Mal in Dresden zu unserem alten, gutmüthigen Theaterdoktor Rolank schicken. Mein linker Arm war plötzlich wie gelähmt und schmerzte, wie von glühenden Nadeln durchstochen. »Rheumatismus — fliegender Rheumatismus!« sagte der Doktor bedächtig. »Ruhe, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. . . .« »Aber, lieber, guter Herzensdoktor — ich muß, muß morgen in Mosen's »Bernhard von Weimar« spie¬ len, sonst ist ja die Vorstellung nicht möglich und der Dichter und seine junge Frau und alle Freunde haben sich schon so lange darauf gefreut. . . .« Der Doktor zuckte die Achseln. Da wurde Mosen gemeldet und trat gleich darauf in's Zimmer. Er sah meine Bestürzung. Der Doktor meldete ihm medizinisch gelehrt das Eintreffen des »fliegenden Rheumatismus«, der im Fluge komme, meistens auch im Fluge wieder gehe, aber schwerlich bis morgen. . . . Ich las in des Dichters Gesicht die Bestürzung. Entschlossen reichte ich ihm die gesunde rechte Hand: »Sein Sie ruhig, Elisabeth von Hessen wird spielen!« »Nein! nein!« rief Mosen aus — »ich nehme Ihr Opfer nicht an. Ich eile zum Intendanten, daß die Vorstellung abbestellt wird. . . .« »Halt! Halt! erst noch eine Künstlerpetition bei un¬ serem Doktor Eisenbart, kurirt die Leut' nach seiner Art. Sicher hat er irgend eine Parforcekur in Petto, die den Fliegenden bis morgen Abend — wenn auch nicht gründlich, so doch ein wenig in die Flucht schlagen wird. Liebster, goldenster Doktor, lassen Sie die ganze Armee Ihrer Kunst anrücken, ich will ja geduldig die garstigsten Mittel hinabschlucken, unter Opodeldoc und spanischen Fliegen Ihr Loblied singen — habe ich doch schon einmal siedenden Talg getrunken, um am andern Abend nur spielen zu können. . . .« »Talg — siedenden Talg getrunken?« riefen der Dichter entsetzt und der Doktor ungläubig aus. Und ich erzählte: »Es war in Riga. Ich hatte versprochen, am fol¬ genden Abend zum Benefiz eines wackeren Kollegen und überreichen Familienvaters die »Preciosa« zu spielen, zu tanzen und — singen. Und ich war am Morgen nach einer winterlichen Tanzgesellschaft mit einer totalen Heiserkeit aufgewacht. Kein klares Wort wollte über meine Lippen. Ich ließ sogleich den Direktor Dölle und den Benefizianten von diesem wortlosen Hinderniß be¬ nachrichtigen. Beide stürmten mit einander heran. Der arme Benefiziant war mehr todt als lebendig. Er hatte nicht nur die meisten Logen- und Parketplätze schon glück¬ lich verkauft, sondern auch mit der ungewöhnlich reichen Einnahme seine schlimmsten Gläubiger bezahlt. »Und woher nun das Geld nehmen, um es dem Publikum zurückzuzahlen? Solch' eine Einnahme hatte ich noch nie zu meinem Benefiz. Ich geh' ins Wasser — aber dann meine armen, armen elf Waislein. . . .« Ich konnte nur traurig stumm den Kopf schütteln. »Wenn Sie sich entschließen könnten, mein altes Künstlerhausmittel zu gebrauchen?« sagte Dölle kleinlaut. » Probatum est — aber es ist für eine zarte Dame doch wohl zu furchtbar russisch. . . .« Für mein Leben gern hätte ich aus dem »Fest der Handwerker« gesungen: »Das wird ja den Ha—als nicht kosten!« aber ich hatte keinen Ton in der Kehle. Ich mußte mich darauf beschränken, panto¬ mimisch zu sagen: Nur heraus mit Eurem russischen Mittel, ich bin zu Allem bereit!« — Zagend fing Di¬ rektor Dölle an: »Sie müssen einen Schoppen siedend heißes Braunbier langsam, ohne abzusetzen, durch die heisere Kehle gleiten lassen.« — Ich, wieder pantomi¬ misch, mit vergnügtem Lächeln: »Pah! wenn's weiter nichts ist? Tant de bruit pour une omelette . . . .« »Aber, es ist noch weiter Etwas, verehrtes Fräulein,« sagte Dölle immer kleinlauter. »Sie müssen nämlich vor dem Trinken ein ganzes Talglicht so lange in das heiße Braunbier halten, bis sie nur den Docht heraus¬ ziehen — und zwar ein Talglicht, so dick und so lang, daß vier von der Sorte ein Pfund geben. . . .« Da schau¬ derte ich denn doch. Aber als ich den armen Benefi¬ zianten mit gefalteten Händen und angstvollen Augen dastehen sah, schluckte ich erst das Grausen und hernach das höllische Kosackengebräu hinunter — und am Abend sang ich als Preciosa meines theuren Pius Alexander Wolff's schwärmerische Worte: Einsam bin ich nicht alleine, Denn es schwebt ja süß und mild Um mich her beim Mondenscheine Dein geliebtes, theures Bild! — mit klarer, talgglatter Stimme den guten Rigaern zu. — »Sie sehen, Doktorchen, ich vermag das Meinige zu thun, nun thun Sie das Ihrige!« Und der Doktor bepinselte mir den Arm und wickelte ihn in Watte, so daß Elisabeth von Hessen ihn wirklich am andern Abend zu einigen fürstlichen Gesten gebrauchen konnte. Der gute Dichter und die Dresdener ahnten aber nicht, welche glühenden, stechenden Schmerzen mich jede dieser Gesten kostete. Noch Eins knüpfte das Freundschaftsband zwischen Julius Mosen und mir fester — das war unsere ge¬ meinsame Verehrung für die Großherzogin Cäcilie von Oldenburg. Ich mußte dem Dichter und seiner Gattin oft von meinen Begegnungen mit der schönen und liebens¬ würdigen Fürstin erzählen: »Es war im Januar 1814. Ich war 6½ Jahr alt. Eine Freundin meiner Mutter hatte mich von Bruchsal auf einige Wochen zu sich nach Karlsruhe eingeladen, um mit ihrem Töchterchen bei dem Tanzmeister Richard die Tänze à la mode einzuüben. Des guten Tanzmeisters Fiedel war wohl noch nie so sehr von kleinen Tänzerinnen in Anspruch genommen worden, wie zu dieser Zeit. Es stand ein seltenes Kinderfest bevor. Die Frau Markgräfin gab auf Wunsch ihrer Tochter Elisabeth, Kaiserin von Rußland, die in Karlsruhe zum Besuch und eine große Kinderfreundin war, ihren lieblichen Enkelinnen, Prin¬ zessinnen Cäcilie und Amalie von Schweden, Töchter des unglücklichen vertriebenen Schwedenkönigs, der damals als Oberst Gustafsson still und fast vergessen in Deutsch¬ land lebte, im Schlosse einen fröhlichen Kinderball. Alle 4–10jährigen Töchterchen von Offizieren, höheren Staats¬ beamten und sonstigen Honoratioren von Karlsruhe waren eingeladen. Die größeren Mädchen übten die Tänze als Herren ein. Durch die Generalin von Freistedt erging noch in den letzten Tagen vor dem Fest auch an mich eine Einladung. Wer war glücklicher als ich! »Aber Linchen hat ja kein Ballkleid!« — dies Bedenken hätte fast meine ganze Freude zerinnen lassen. Doch ich wußte Rath. »Ich habe zu Hause ein wunderhübsches Jungen-Kostüm, denn bis zum vorigen Sommer kleidete mich die Mutter gleich den Brüdern. Der Kittel ist von grünem Percal, dazu weiße Höschen und eine lange grüne Atlas-Schärpe — das wird mir die Mutter schicken. Da bin ich der einzige Herr unter den Tänzern und Herr Richard sagt, ich tanze am besten von allen kleinen Mädchen als Herr. . . .« Und die Mutter schickte mein Jungen-Kostüm und dazu funkelnagelneue grüne Atlasschuhe. Ich war selig. Etwas Schöneres auf der Welt, als diese kleinen Schuhe, gab Erinnerungen ꝛc. 30 es für mich nicht. Ich küßte die reizenden Grünen, nahm sie zärtlich in den Arm, wie eine Puppe, und tanzte so jubelnd durch's Zimmer. Wenn die andern kleinen Tänzerinnen in den letzten Tanzstunden bei Richard mit ihren reizenden neuen Ballkleidern prahlten, dann sagte ich wohl triumphirend: »Wer hat grüne Atlas¬ schuhe? Ich! Ich!« Endlich war der köstliche Ballabend da. Die fürst¬ lichen Damen saßen im lichtfunkelnden Tanzsaale des Residenzschlosses auf einer Estrade. Die kleinen Tänzerinnen mußten zuerst paarweise bei ihnen vorbeidefiliren und ihre Verbeugung machen, wie Herr Richard es uns ge¬ lehrt hatte. Ich, in meinem Jungen-Kostüm und in den geliebten grünen Atlasschuhen, den blonden Tituskopf mit frischen Epheuranken geschmückt, führte gravitätisch meine kleine, weißgerockte Tänzerin und machte den fürstlichen Damen meinen schönsten Diener. Da rief ein kleines, elfenhaftes Mädchen im rosa Tüllkleidchen neben der Kaiserin Elisabeth: »Tante, mit dem reizenden Knaben möchte ich tanzen!« Es war Prinzessin Cäcilie von Schweden. Ein Kammerherr führte mich zu der Prinzessin und flüsterte mir zu, ich müsse meine Tänzerin Hoheit und Sie anreden. Das kam mir kurios vor, einem so kleinen Mädchen gegenüber. Blöde stand ich da. Als aber der erste Tanz gespielt wurde und meine Tänzerin mir die Hand reichte — da war alle Blödigkeit und Hoheit ver¬ gessen und fröhlich und flink schwenkte ich Prinzessin Cäcilie durch den Saal. Dann tanzte ich mit der jüngeren Prinzessin Amalie und bald wollten beide kleinen Prin¬ zessinnen nur noch mit mir tanzen. Ich hielte sie am besten und schwenkte sie am leichtesten — sagten sie. Scherzend nannten sie mich den guten Waldelfen, von dem sie im Märchen gelesen, denn der habe auch Epheu¬ ranken im Haar und tanze so lustig im Mondenschein. Nach der großen Française mit Solo des Messieurs et des Dames wollte ich auch die Kuchenfreuden des Balles ein wenig genießen und delektirte mich gerade an einem süßen Fruchttörtchen da stand wieder der Kammerherr vor mir, nahm mir die Süßigkeit aus der Hand und sagte freundlich: »Kleine, die Kaiserin will Dich sprechen. Zu der mußt Du immer Majesté! sagen!« Damit faßte er meine Hand und führte mich zu der Kaiserin Elisabeth von Rußland. Die lächelte gütig zu mir nieder und sagte dann sanft: »Ma petite, parlez-vouz français?« Verschüchtert schlug ich die Augen nieder. Denn ich verstand von dieser Anrede weiter nichts, als daß es fran¬ zösische Worte seien. Aber ich konnte ja auch zwei fran¬ zösische Worte sagen — oui und non ! Also ich faßte mir ein Herz und sagte auf gut Glück frisch drauf los: »Oui, Majesté!« »Le bal est charmant, n'est-ce pas ?« Da mußte ich doch auch mein anderes französisches Wort anbringen und so wechselte ich hübsch ab: » Non, Majesté! « 30* »Mes nièces vous ont joliment fatigué?« »Oui, Majesté!« »Aimez-vous la danse?« »Non, Majesté!« »Vous êtes un enfant charmant!« »Oui, Majesté!« Warum lachten die Umstehenden? Das trieb mir die Thränen in die Augen. Die Kaiserin aber lächelte gütig, zog mich an sich, küßte mich auf die Stirn und sagte deutsch: »Du bist ein gutes Kind!« Mit über¬ strömendem Gefühl küßte ich die sanfte Hand und schluchzte dabei mein: »Oui, Majesté! Non, Majesté!« Als ich im Jahre 1828 in Petersburg gastirte, war die gütige Kaiserin Elisabeth bereits von dieser Erde geschieden. Die Prinzessinnen Cäcilie und Amalie von Schweden sah ich später öfter, als die Mutter mit mir und den Brüdern nach Karlsruhe übersiedelte. Auf einem Jugend¬ balle bei der Generalin Freistedt erinnerten sie sich und mich freundlich an ihren ersten Tänzer, den epheu¬ bekränzten Waldelfen aus dem Märchen, und wir lachten herzlich miteinander über das närrische Oui und Non . Als ich dann wiederum nach einigen Jahren in Karlsruhe die Bühne betrat, und mit Glück als »Mar¬ garethe« in den Hagestolzen und als »Preciosa« debütirt hatte, ließ mich die Königin von Schweden in ihr Palais bitten. Die Prinzessinnen hatten meinem Debüt bei¬ gewohnt und wollten ihrem »ehemaligen Kavalier« ihren Glückwunsch aussprechen. Beide Prinzessinnen waren lieblich erblüht. Amalie, zart, blaß, blondgelockt, mit tiefblauen, wehmüthigen Augen, war eine ätherische Erscheinung. Cäcilie dagegen glühte wie eine frische Rose; lange, braune Locken um¬ flossen glänzend das edelschöne Gesicht, und ihre wunder¬ vollen Augen leuchteten bald auf wie die eines fröhlichen Kindes, bald blickten sie sinnend mild wie bei Murillo's Madonnen. Und Beide waren gut und lieb zu der kleinen Komödiantin, wie einst zu ihrem kindlichen Tänzer. Sie versäumten auch nie eine Vorstellung, wenn ich in einer neuen Rolle auftrat, und nickten mir sogar oft aus ihrer Loge auf die Bühne ermuthigend zu. Und als ich im Mai 1824 Abschied von Karlsruhe und auch im schwedischen Palais nahm, um in mein neues Engagement nach Berlin zu gehen, da waren beide Prinzessinnen sichtbar betrübt. »Wann werden wir Sie wiedersehen?« fragte Cäcilie. »Wenn ich den Namen Künstlerin verdiene!« »Und wenn wir Sie dann rufen?« sagte Cäcilie. »So fliege ich herbei!« war meine thränenerstickte Antwort. Die Königin von Schweden sollte ich nicht wieder¬ sehen. Sie schloß bald darauf die schönen Augen, die so viel geweint haben, wie wohl keine anderen Augen, über denen einst eine Königskrone strahlte. Aber nach vierzehn Jahren, als ich in Bremen gastirte, ließ Cäcilie, Großherzogin von Oldenburg, die »Künstlerin« zu einem Gastspiel nach Oldenburg einladen und mir schreiben: »Der Weg von Bremen hierher ist langweilig, die pekuniären Vortheile des Gastspiels können nicht bedeutend sein, aber die Großherzogin hofft, die Künstlerin kommt gern, ihrer Jugendtänzerin Cäcilie wegen . . .« Und wie gern kam ich! Welch' ein Wiedersehen war das — zwischen Fürstin und Künstlerin! Die Großher¬ zogin Cäcilie war eine edel-schöne, königliche Erscheinung, aber herzlich und freundlich, wie in den alten Oui - und Non -Tagen. Davon erzählte sie auch einfach bürgerlich »ihrem Mann«, wie sie den bedeutend älteren Großherzog nannte, der mir viel Treffendes und Geistvolles über meine »Donna Diana« sagte. — Nach zwei Jahren folgte ich gern einer neuen Einladung zu einem längeren Gast¬ spiel nach Oldenburg. Die Maria Stuart spielte ich vor geräumtem Orchester, etwas Unerhörtes für die kleine Residenz. Es spielte und lebte sich hübsch in Oldenburg. Ein gutes, fein gerundetes Ensemble entzückte mich. Die Schauspieler hielten freundlich zusammen, wie eine große Familie. Herr von Starklof war ein geist- und gemüth¬ voller Intendant, ein feiner Kunst- und Menschenkenner und ein noch größerer Kunst- und Menschenfreund. Er war dem Hofe und seinem Kunstinstitut wahrhaft ergeben, und für die Schauspieler sorgte er wie ein guter Vater. Er hatte nur über bescheidene Mittel zu verfügen, aber da keine kostspielige Oper, kein Luxus-Ballet davon zehrten, so vermochte er für das Schauspiel Bedeutendes zu leisten. Besonders entzückte mich an dem Intendanten sein köst¬ licher Humor . . . und dennoch, nach wenigen Jahren schon sollte er das Opfer einer finsteren Stunde werden. Er ertränkte sich. Erst so lebensmuthig, ward er plötzlich so lebensmüde — wie Raimund! Ja, es giebt bitter¬ schwere Menschenräthsel hier unten. Es fehlte 1840 an einer ersten Liebhaberin, da die schöne und talentvolle Mad. Moltke plötzlich gestorben war. Halb im Scherz hatte ich schon oft zu der Mutter gesagt: »Wenn mein Kontrakt in Dresden abgelaufen ist, wollen wir nach Oldenburg übersiedeln. Ich glaube, die Großherzogin würde sich auch freuen, das alte Karlsruher Oui und Non hier zu haben!« — »Ich habe auch schon daran gedacht, Lina,« sagte die Mutter ernsthaft. »In Oldenburg möchte auch ich wohl leben und sterben.« Und dann schlug die Großherzogin eines Tages selber diese Saite an. Es war nach meiner so glänzend auf¬ genommenen »Maria Stuart«. Die Großherzogin sprach echt weiblich über meine Auffassung dieser Rolle. Dann sagte sie plötzlich: »könnte Schottlands Königin sich wohl entschließen, über die Herzen des kleinen Oldenburgs — das meine mit inbegriffen — dauernd zu herrschen?« Ich sagte gerührt, daß es schon lange ein stiller, lieber Wunsch von mir sei, eine treue Unterthanin Cäciliens von Oldenburg zu werden. »Aber unsere Bühne ist klein und nicht reich« — sagte sie leise, wie verlegen. »Der längere Urlaub, der wohlfeilere Aufenthalt hier stellt das Gleichgewicht sicher wieder her!« sagte ich fest — und unter Thränen lächelnd fuhr ich fort: »und sollte wirklich noch ein wenig am Goldgewicht fehlen, so legt Oui und Non sein verehrendes Herz und die theuersten Kindheitserinnerungen mit dazu. . .« Herzlich reichte mir die Fürstin ihre schöne Hand. Ich küßte sie. Da trat der Großherzog ein. Freudig, wichtig rief die holde Frau ihm entgegen: »Fräulein Bauer will wirklich die Unsrige werden — unserer Kinderzeit zuliebe!« »Das freut mich herzlich, am meisten um Deinet¬ willen, Cäcilie, Kind, Du bist ja ganz Feuer und Flamme. . . Und wann können Sie zu uns kommen?« wen¬ dete der Fürst sich zu mir. »In zwei Jahren bin ich frei!« Die Großherzogin hatte aus einem Kästchen eine reizende Broche genommen. Eine Biene, kunstvoll aus Edelsteinen gebildet, sitzt auf Blumen mit Diamantthau¬ tropfen. Die reichte sie mir mit den Worten: »Diese kleine Biene erinnere die Künstlerin an diese Stunde und an die Blumen, die in Oldenburg ihrer warten!« — Als ich nach meiner sechsten Gastrolle mich im Schloß zu Oldenburg verabschiedete, fand ich die schöne Fürstin niedergeschlagen, müde und traurig. »Fast könnte ich Sie um Ihr frohes, frisches Künstlerherz und ewig schaffendes, buntbewegtes Leben beneiden!« sagte Sie mit wehmüthigem Lächeln. Und als ich Cäcilie von Olden¬ burg, die von dem Gatten und ihrem Volk geliebt und auf Händen getragen wurde, staunend ansah, fuhr sie noch trauriger fort: »Ich habe vorhin mal wieder meiner beiden lieben kleinen Knaben gedenken müssen, die gestorben sind. Dann fühle ich mich unter allem Glanz so recht arm und allein. Und auch mein Mann sehnt sich so sehr nach Kindern. . .« Ihr »Lebewohl!« und »Auf Wiedersehen!« klingt mir noch heute traurig durch's Herz. . . . . . Davon sprach ich mit Julius Mosen und seiner Gattin so gern. Hatte Mosen doch gerade damals einen sehr ehrenvollen Ruf als Dramaturg nach Oldenburg erhalten. Und wir waren hoffnungsfröhlich, uns bald in Oldenburg wieder zu begegnen und unter Cäciliens Augen künstlerisch mit einander wirken zu können. . . Da kommt Mosen eines Tags todtenbleich zu mir: »Unsere Großherzogin ist plötzlich gestorben. . .« Ich weinte viele Thränen um die edle Fürstin. Und nach Oldenburg bin ich nie wieder gegangen. Cäcilie erwartete mich ja nicht mehr. Auch Julius Mosen wurde in Oldenburg zu Grabe getragen, nachdem er dort zwanzig Jahre lang an's Schmerzenslager gekettet war. Aber der Geist und das Herz lebten, glühten, schafften göttlich frei und rein in dem gefesselten Prometheus. Ich sollte Mosen nach jenen Dresdener Tagen nicht wiedersehen. Aber wir blieben Freunde bis an's Grab. Mosen war groß als Dichter, aber noch größer als Dulder. Doch auch an des Lebens leuchtendsten Blumen fehlte es dieser schmerzensreichen Krankenstube nicht. Ein Engel der opferfreudigsten Liebe und Milde wachte, sorgte tröstete, linderte die vielen, vielen bangen Jahre hindurch an dem Siechenlager des vollständig gelähmten Dichters — seine Gattin, Minna Mosen. Hoffnungsvolle Söhne blühten am Krankenbett des Vaters auf. Der älteste ist vor wenigen Monaten dem Vater gefolgt — in's bessere Land. Erich Mosen hatte vom Vater das große, freiheit¬ glühende, echt deutsche Herz. Schon 1866 ging er mit Preußen für die deutsche Sache begeistert freiwillig in den Kampf, und jetzt wieder gehörte er zu den ersten Freiwilligen, die gegen den deutschen Erbfeind — Frank¬ reich — siegesfröhlich, sterbensmuthig in's Feld zogen. Bei Mars la Tour hat er sein Herzblut dahingegeben für sein theures, großes, herrliches Vaterland. Die arme, arme Mutter sandte der alten Freundin aus frohen Jugend¬ tagen das Bild ihres Heldensohnes. Er ist so recht das Abbild eines schönen, reinen deutschen Jünglings! Und wie es mich an den Vater und an die alten guten Dres¬ dener Tage erinnerte! Wehmüthig! Ja, schon manches, manches Blatt sah ich um mich niederfallen — frühlingsgrüne und herbstesmüde. Und wie Viele — — nein, wie Wenige sind noch übrig aus den alten lenzfrohen Tagen? Und es geht immer tiefer in den Herbst hinein. Im Walde wird's stiller und stiller und öder und öder. Wie müde die wenigen Blätter an den Zweigen zittern — und wie welk! Nur die Erinnerung grünt fort und fort, wie der Epheu um die winterlichen Bäume. . . Der Tod meiner guten Mutter, die mir 22 Jahre hindurch in meinem Bühnenleben die treueste Gefährtin und Freundin, Stütze und Beschützerin gewesen war, be¬ wog mich, der Bühne zu entsagen und einer theuren Hand in ein zurückgezogenes Stillleben zu folgen. In Gutzkow's »Werner«, als Armand, Richelieu im »Ersten Waffengang« und Franziska in »Mutter und Sohn« nahm ich im März 1844 von meiner lieben Bühne und dem freundlichen Dresden Abschied — für immer. Es war mir ein Herzensbedürfniß, in dieser schmucklosen Auf¬ zeichnung meiner Bühnenerinnerungen den goldenen Jugendtraum noch einmal an mir vorüberziehen zu lassen — durch meinen schönen stillen Abendtraum. Es hat mich tief gerührt und beglückt, daß diese Erinnerungen bei ihrem ersten vereinzelten Erscheinen einen so freund¬ lichen Wiederhall in so vielen jungen und alten Herzen gefunden haben — — daß Karoline Bauer nicht ver¬ gessen ist. Herzlichen Dank dafür, innigen Gruß meinem theuren deutschen Vaterlande, ein gerührtes Lebewohl allen Freunden — und, so Gott will, hin und wieder ein freundliches Zusammenklingen unserer Herzen in spä¬ teren Erinnerungsblättern. Berlin, gedruckt in der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).