S o sey denn noch einmal freudig gegrüßt, du schöner Tag, an dem unsere Fahne, des mächtigen Deutschlands majestätisches Panner, nach langer Demüthigung zum ersten Male wieder entfaltet war. Ja es war ein schöner, und zugleich ein ernster Tag, wo dreißigtausend Deutsche nur von Einem Gedanken beseelt, nur von Einer tiefen Ueberzeugung durchdrungen waren, von der Ueberzeugung: »das große Vaterland müße von Schimpf und Elend endlich einmal zu Ruhm und Glück auf- erstehen, Deutschland müße bald wiedergeboren werden.« — Was die Diplomaten den Völkern so eifrig zu verbergen suchen, daß die Noth unseres Landes und das Unglück des ganzen europäischen Welttheils nicht natürlich sey, sondern vielmehr durch ein unsinniges und despotisches Re- gierungssystem herbeigeführt werde, daß dieses verwüstende System, welches die Bevölkerung eines ganzen Welttheils unbeschreiblich elend macht, seine Hauptstütze nur in der Zerrissenheit und der Unterdrückung Deutschlands habe, und daß wir daher unsere Freiheit und Nationalein- heit nicht blos des eigenen Glückes, sondern noch mehr der Beruhigung und dauerhaften Organisation Europa’s wegen zu erringen streben müßen, daß ohne die Freiheit Deutschlands die Freiheit keines andern Volks denk- bar sey, und daß namentlich die Völker im Osten durch uns befreit werden müßen — alles dieses hatte die große patriotische Versammlung tief gefühlt und klar erkannt. Daher die lebhafte Sympathie für Polen, daher die ein müthige Ueberzeugung, daß die Sache dieser edlen Nation von der unsri- gen unzertrennlich sey. An dem Tage, wo zur Wiederaufrichtung des vereinigten freien Deutschlands der Grundstein gelegt wurde, mußte nothwendig auch das brennende Verlangen kund werden, für die Mär- tyrer der europäischen Freiheit, die ritterlichen Polen, nicht blos zu spre- chen, sondern auch einmal zu handeln. Dieses Verlangen äußerte ins- 5 besondere unser wackrer Fitz , Bürger zu Dürkheim, in einer Rede, die allgemein Anklang fand. Wir wollen daher das zweite Heft der Festbeschreibung mit der Rede dieses Patrioten eröffnen: So viel uns Deutschen, im Allgemeinen, bei unserem jetzigen Zustand noch zu wuͤnschen und zu erringen uͤbrig ist, so muͤssen doch alle unsre Klagen und Wuͤnsche in den Hintergrund treten, wenn wir an das Schick- sal der edlen polnischen Nation denken. Ich glaube daher, daß es ganz an seinem Orte ist, bei dem heu- tigen deutschen Maifeste, bei welchem wir mehrere der edelsten Glieder dieser Nation in unsrer Mitte erblicken, — die Frage vorzulegen und zu eroͤrtern: Ob es denn, wie bisher bei uns Deutschen, immer nur allein bei der innigen Theilnahme an ihrem Schicksale verbleiben soll, oder ob wir mehr fuͤr sie thun koͤnnen und sollen! — Es schwellt mir die Brust, wenn ich daran denke, daß der erste feste Entschluß, die schoͤnste und edelste Handlung zu vollbringen, — welche die Muse der Geschichte in Erz graben, und die Choͤre der guten Geister in dem Himmel jubelnd verkuͤnden wuͤrden, — wenn, sage ich, der erste feste Entschluß, eine so edle That zu vollbringen, als die ist: Polens Befreiung vom Joche des Tyrannen, von der heute versammelten Menge, an diesem festlichen Tage, aus Hambachs Schloß-Ruinen ausgehen wuͤrde! — Denn so lange diese edle Nation unter einem so furchtbaren Joche der Tyraney leidet, so lange ihre edelsten Glieder als Verbannte in Frankreich leben, und ein größerer Theil in den Wuͤsten Sibiriens schmach- ten muß, so lange kann kein andrer Gedanke in meiner Seele auf- kommen, als der, — das Schicksal der ungluͤcklichen, dreimal bedauerungs- werthen polnischen Nation gemildert zu sehen. Und ich bin gewiß, dieses Gefuͤhl theilen alle die hier sind, und Millionen von wackern Maͤnnern unsrer und andrer Nationen mit uns. — Und trotz diesem Gefuͤhle der Millionen, sollte es blos bei dem weibischen Gewinsel des Mittleids bleiben?! Trotz diesen Millionen, die sich fuͤr Polen und dadurch fuͤr die Sache der ganzen Menschheit erheben koͤnnten, — sehen wir ruhig zu, wie das Ungeheuer in Menschengestalt, auf dem russischen Throne, durch seine Schergen, die edelste Nation von Gottes Erde vertilgen laͤßt! — sehen zu, wie er tausende von Familien nach Sibirien schickt, ihnen Vermoͤgen, Namen und Ehre raubt, und sonstige Grausamkeiten an ihnen veruͤbt, welche auszusprechen, sich das menschliche Gefuͤhl empoͤrt. So daß der groͤßte Theil der Nation in eine solche Lage versetzt wurde, wo der Tod wuͤnschenswerther als das Leben ist. — Und warum muͤssen sie alles dieses erdulden? — Weil sie sich von dem Joche eines Tyrannen befreien wollen, der ihre heiligsten Menschenrechte mit Fuͤßen trat, der nach Laune und Willkür den Gesetzen des Landes Hohn sprach. Und dies thaten sie in einer Zeit, wo in Frankreich durch die Juli-Re- volution ein Stern der Hoffnung fuͤr alle unterdruͤckte Voͤlker aufgegan- gen war. Sie thaten es zu einer Zeit, wo des Czaren Macht sich an den Grenzen Polens zusammen gezogen hatte, um mit den Polen vereint — (wie Er irrig glaubte) und vielleicht noch andern absoluten Maͤchten, Frankreich, und mit ihm alle liberalen Ideen zu bekriegen und zu unter- druͤcken. — Und haͤtten diese Maͤchte alsdann den Sieg davon getra- gen, was waͤre aus unsern constitutionellen Verfassungen geworden!? — Sie waͤren uns alle genommen, und an ihrer Stelle herrschten nun ab- solute Gewalten, ja vielleicht die russische Knute! — Daß es nicht geschehen, daß wenigstens dieser Kampf, den wir heute jeden Tag in den einzelnen Theilen von Deutschland durch Fuͤr- sten und ihre Helfer im Kleinen fuͤhren sehen, noch nicht in zwei Jahren im Grosen begonnen, dies haben wir Polen zu verdanken. — So waren sie auch diesesmal, wie schon vor 150 Jahren gegen die Tuͤrken, — unsere Retter von dem Joche der Tyranney! Und wir Millionen Maͤnner deutscher und anderer Nationen sollten ruhig zusehen, wie man Polen dem russischen Reiche einverleibt, wie dessen edelste Bewohner theils im Ausland darben oder in Sibirien dem Hungertode preis gegeben sind, und wie der zuruͤckgebliebene Theil durch russische Institutionen seiner Rationalitaͤt beraubt werden soll. — Und wir, die den innigsten Antheil an Polens traurigem Schicksal nehmen, wir sollen ihnen nicht mehr als Mitleid und Bewunderung zollen duͤrfen!? — weil es die Politik unsrer Fuͤrsten nicht erlaubt, daß wir that- kraͤftig fuͤr sie wirken . — O! dann zieht fort ihr Polen, zieht fort nach Amerika, nach dem Lande der Freiheit, wohin schon so viele freie Maͤnner gezogen, die das Joch des Despotismus und der Tyranney nicht ertragen konnten, und die Edelsten unsrer und andrer Nationen werden euch folgen, und von dort aus ihr armes Vaterland bedauern, dessen Be- wohner nicht verdienten frei zu werden, weil sie ein edles Volk durch Tyrannen-Macht untergehen ließen, das sie retten konnten. — Doch nein! — so weit wird es mit uns noch nicht gekommen seyn! — wir wollen zuerst unsre deutschen Bruͤder auffordern, und die andern Nationen werden uns folgen, in allen deutschen Laͤndern Unterschriften von Maͤnnern zu sammeln, welche bereit sind, Gut und Blut fuͤr die Be- freiung Polens zu opfern, und wenn ihre Zahl groß genug geworden, dann einen unsrer Fuͤrsten bitten, sich an unsre Spitze zu stellen zu dem Kampfe fuͤr die Rechte einer vor den Augen der civilisirten Welt grenzen- los elend gemachten Nation. — Und die Fuͤrsten muͤssen es zulassen, wenn noch ein Funke von Menschlichkeit in ihrer Brust lodert, — ja, ich hoffe, u ihrem eignen Besten, sie werden es thun. — Denn sorgen wir nicht in Zeiten dafuͤr, daß dem Vergroͤßerungs-System des nordischen Colosses gegen Westen hin ein Damm entgegen gesetzt werde, so haben wir fruͤher oder spaͤter gleiches Loos mit Polen zu erwarten. Und wie koͤnnten wir einen staͤrkeren Damm errichten, als wenn wir Polen wieder herzustellen suchen! Daher frisch zur That! — Lasset Adressen an alle deutsche Volkstaͤmme und an alle andere Nationen ergehen, worinnen sie zur Theilnahme an diesem heiligen Kampfe aufgefordert werden, und kein Fuͤrst wird euch hierin hindern koͤnnen, noch wollen. Denn — ohne Polens Freiheit, keine deutsche Freiheit! ohne Polens Freiheit kein dauernder Friede, kein Heil fuͤr alle andern europaͤischen Voͤlker! — Drum fodert auf zum Kampfe fuͤr Polens Wiederherstellung, es ist der Kampf des guten gegen das boͤse Princip! — es ist der Kampf fuͤr die edle Sache der ganzen Menschheit! — Es ist das Suͤhn-Opfer welches die civilisirten Voͤlker jetziger Zeit, den Enkeln der großen polnischen Nation bringen muͤssen, — um den Schand- fleck wieder abzuwaschen, welchen die scheußliche Politik des vorigen Jahr- hunderts durch die Theilung Polens dem deutschen Namen aufgedruͤckt hat!« Der Versammlung ward nun die Freude zu Theil, einen edlen Po- len, Franz Grzymala, auf der Rednerbühne begrüßen zu können, der über den Zustand Europa’s und das grausame Unterdrückungssystem der Könige mit ergreifender Wahrheit sprach. Die Rede dieses eben so thätigen als einsichtsvollen Polen, welche uns leider bei dem Ab- druck dieses Heftes noch nicht mitgetheilt war, machte großen Eindruck auf die ganze Versammlung, insbefondere tief empfunden wurde die ge- wiß wahre Behauptung: daß kein Volk reifer sey, die freieste Verfas- sung dauerhaft bei sich zu begründen, als das deutsche Volk. Veranlaßt durch die hohe ehrenvolle Erwartung eines Polen von unserem deut- schen Vaterlande sprach jetzt Christ. Scharpff aus Homburg, der tapfre Mitarbeiter an der deutschen Tribüne: Deutsche Männer ! Unser Vaterland war in Schmach und politische Ohnmacht versun- ken; es hat die Schmach von sich geworfen, es ist aus dem unwürdigen Schlafe erwacht, die Blicke Europa’s sind wieder auf dasselbe gerichtet. — Die Begeisterung, mit welcher das deutsche Volk die Revolution des Juli begrüßte, die Aufstaͤnde in Hessen, Braunschweig, Sachsen ꝛc. ꝛc. die edle Theilnahme an dem Schicksale Polens, dann die mächtig sich erhebende öffentliche Meinung, genährt durch eine entschiedene Opposi- tion, und zur Begeisterung gesteigert durch die Gründung des deutschen Vaterlandsvereins, Alles dies mußte die Freunde und Vertheidiger der Freiheit zu hohen, herrlichen Erwartungen berechtigen. Diese Erwar- tungen wären jetzt schon erfüllt, hätten damals die Völker ihre vortheil- hafte Stellung eben so schnell begriffen, als die Könige ihre mißliche Lage erkannten. Die Könige schlossen ein enges Bündniß, sie befürch- teten: es gelte den Kampf auf Leben und Tod; — während die Völker der Täuschung sich hingaben: die Forderungen der Vernunft und der Civilisation müßten endlich jetzt vor den Thronen Gehör finden. Und so gelang es denn wiederum der Heuchelei der Machthaber, die Völker zu betrügen, denn noch war es nicht klar geworden, daß mit dem Unsinn, der auf den Thronen sitzt, mit der künstlich und gewaltsam vererbten Barbarei aus einer Zeit, die in Ruinen liegt, — eine vernünftige und red- liche Verständigung unmöglich sey. — Das Volk wußte nicht, daß Ver- nunft von Seiten eines legitimen Fürsten Selbstverrath an der eigenen Majestät wäre, dessen sich kein gekröntes Haupt schuldig machen kann. — Die Machthaber sahen den Untergang ihrer jetzigen Herrscherweise vor- aus, wenn sie den Forderungen der Vernunft und der Civilisation nach- gäben: jedes Zugeständniß wäre ja ein Schritt näher zur Volkssouveräni- tät!— Darum: wo ein Zugeständniß dennoch gemacht werden muß, ist es voll von Trug: die Freiheit wird zur Fessel, sobald das Volk ernst- lich davon Gebrauch machen will: das Volk hat keine Garantie für seine Rechte! — So lange noch irgend ein Schein für die Möglichkeit absoluter Herrschaft vorhanden ist, muß die aufstrebende Freiheit der Völker im engen Zwinger veralteter Staatsformen gefesselt bleiben; die Anerkennung des Rechts und der Vernunft, wird bis zur letzten, drin- gendsten Stunde verschoben, indeß Elend, Verarmung und Unterdrückung von Millionen der morschen Herrschaft zur Stütze dienen. Glücklich der Fürst, hat der morsche Bau wenigstens bis zu seinem Lebensende gehal- ten! — Er konnte das Maas seiner Sünden in Ruhe häufen, er hat ruhig in der sturmbewegten Zeit sein Volk und sein Land regiert, er kann wohlgefällig von feilen Höflingen sich beklatschen lassen. — Und sollte auch, statt der Thränen des Volks, der Fluch der lebenden und kommenden Geschlechter seinem Namen folgen, er hat genug des Ruhmes: er hat zu Gunsten der meuterischen Canaille keines einzigen Rechtes seiner fürstlichen Krone sich begeben! — Der Bund zu London, wie der Bund zu Frankfurt, beobachtet in diesem Sinne jeden Schritt der unter- drückten Völker und »Ruͤckwärts« ertönt der schmachvolle Ruf, sobald sie erkennen, daß der Schritt ein Schritt zur Freiheit ist: »Rückwärts« ist auch der Inhalt aller ihrer Protokolle und Beschlüsse, die sanctionirt durch die Macht der Bajonette, in Europa als Völkerrecht gelten sollen. Wehe dem Volke, das durch die fromme Gerechtigkeitssprache dieser diplomatischen Inquisitionsgerichte sich täuschen läßt! Die Emanzipation der Völker zu hindern, ist das oberste Gesetz dieser Verbündeten, und die Zugeständnisse, die Einer oder der Andre zu machen gezwungen ist, wer- den zurückgenommen, sobald die Möglichkeit des Gewaltstreichs erkannt wird. — Aus Allem dem aber sollten die Völker die Lehre ziehen: daß sie vom Regime des bon plaisir vergeblich einen bessern Zustand der Dinge erwarten. — Der beste Fürst von Gottes-Gnaden ist ein geborner Hochverräther an der menschlichen Gesellschaft, und erst dann ist ein besserer Zustand der gesellschaftlichen Ordnung zu hoffen, wenn statt der Bundestags- und Conferenzmänner die Repräsentanten des befreiten Deutschlands und die Vertreter der freien, unabhängigen Völker Eu- ropa’s zu Congressen zusammentreten. Nichts zu hoffen aber ist von der jetzigen Kabinetspolitik und der europäischen Diplomatie, welche auf das Recht der Bajonette gestützt, unberufen sich anmaßen, über das Schick- sal der Völker nach Laune und Interessen der einzelnen Machthaber zu entscheiden. Die Anarchie, vor der man zurückschreckt, der traurige Zu- stand der Verwirrung und Ungewißheit, der aller Länder Europa’s sich bemächtigt, sie sind die natürliche Frucht des verkehrten Systems dieser Gewalthaber. — Deutsche Männer, gegen Diejenigen, welche Körper und Geist in trauriger Zwingherrschaft gefesselt halten, welche durch Verarmung und Verdummung die Völker zu ohnmächtiger Ruhe zwin- gen wollen, gegen sie sprecht das »Schuldig« aus, wenn über kurz oder lang, der unselige Zustand Europa’s und unsers unglücklichen Vater- landes, statt auf dem Wege friedlicher Reform, in gewaltsamer Umwäl- zung das Heilmittel sucht. — Werft einen Blick auf die 15 Jahre der Täuschung und Unterdrückung, durch welche unser schönes Deutschland verarmt und entwürdigt ist: das freie Wort war immer verfolgt; Han- del und Gewerbe sind gefesselt und vernichtet, und wo etwas zu ihrem Besten geschieht, da ist es auf Kosten und zum Ruin des nächsten Grenz- nachbars, der unser deutscher Mitbruder ist (allgemeiner Beifall); der Landmann, durch Steuern, Zehnten, Frohnden, Gilt und Zins für kleine und große Zwingherrn, verarmt und verschuldet, muß Hütte, Acker, Heimath, wo er glücklich seyn könnte, verlassen, will er mit Weib und Kindern nicht Hungers sterben. Diesem Allen abzuhel- fen versprach die deutsche Bundesakte, versprachen die deutschen Fürsten in den Tagen ihrer Bedrängniß, sie wissen nichts mehr von den Ver- sprechungen, aber o der Schmach! achtzehn Jahre nachdem das deutsche Volk Gut und Blut geopfert, diese Fürsten von napoleonischem Despo- tismus zu befreien, rufen dieselben die Ordonanzen Napoleons, mit dem Blute Palms besudelt, Napoleons nie gesetzlich sanctionirte Decrete, die den Despoten vom Throne gestürzt haben, rufen sie zur Unterdrückung der deutschen Preßfreiheit und persönlichen Freiheit zurück. Dies, deutsche Männer, ist empörend und schmählig! — Jetzt oder nie gilt es, daß Deutschland zeige, ob es werth sey, aus diesem Zustande der Entwürdigung herauszutreten, oder ob es werth sey einer noch schimpflicheren Skla- verei! — Durch rege allgemeine Theilnahme an der Ehrensache des Vaterlandes, an dem herrlich begonnenen Kampfe der Freiheit gegen den Absolutismus, der Volkssouveränität gegen die Souveränität der Könige, kann der Zustand des Rechts und der Vernunft in Deutschland und durch Deutschland in Europa begründet werden, durch Trägheit und Gleichgültigkeit beim Rufe des Vaterlandes siegt die Sache der Könige, der Zustand der Gewalt und der Unvernunft, in Deutschland und durch Deutschland auch im übrigen Europa. Zwischen Freiheit und Knechtschaft, zwischen dem Zustand des Rechts oder der Gewalt, der Vernunft oder der Unvernunft ist die Wahl gegeben; — erkämpft das deutsche Volk Freiheit, Recht und Vernunft, dann Heil unserm Vater- lande, Heil den unterdrückten auf uns vertrauenden Völkern Europa’s! — Siegen Knechtschaft, Gewalt und Unvernunft, dann ist Unglück und Schande unser Loos. Der Genius des Vaterlandes walte, daß nicht über kurz die Völker Europa’s ausrufen: Unglück und Schande über Deutschland, es ist nicht werth der Freiheit, nicht werth eines bessern Zustandes, es verdient unter den Bajonetten des Absolutismus zu ver- stummen, es verdient unter die Knute des russischen Czars den Nacken zu beugen! Deutsche Männer, in eurer Macht liegt es zu verhüten, daß dieser schmachvolle Ruf nicht über unser Vaterland ergehe! Es lebe Deutschland, das einige, starke, freie Deutschland lebe hoch!« — Nach diesen ernsten, tiefergreifenden Worten sprach wieder ein Pole, Oranski : Das unläugbare Zeichen der Reife eines Volkes ist das Bedürfniß des öffentlichen Lebens. Das deutsche Volk fühlt das großartige Be- dürfniß, versammelt sich zu berathen über das Interesse des gemeinsamen Vaterlandes. Das heutige Fest ist der erste Akt der Mündigkeit des deutschen Volkes. Aber meinen Sie, daß Sie hier unbemerkt, unbe- obachtet bleiben können? Feste sollen nur auf Befehl der Fürsten, zur Ehre der Fürsten veranstaltet werden, das Volk soll keinen eigenen Willen, keine eigene Stimme haben. Meinen Sie, daß Sie den Schutz der Gesetze gegen die Rache der beleidigten Machthaber anrufen können? Die Gesetze, verfertigt von den Aristokraten, sanktionirt durch die Despoten, dienen nur der Uebermacht, nur den Unterdruͤckern, — die Waffen stillen den Klageruf der Völker. Die nordischen Bar- baren werden kommen, um die Rebellen zu züchtigen, — die wilden Hor- den überschwemmen das glückliche Land der Deutschen, zerstören die Städte, verbrennen die Dörfer, die Hufe der kosakischen Pferde zer- treten die blühenden Weinberge der stolze Sieger feiert auf demsel- ben Ort das Fest der Zerstörung, — man verwandelt die Bühne in ein Blutgerüste. Es bleibt dann kein Mittel der Rettung, als der Auf- stand der Völker, der freien, der mündigen Völker. Der Ruf der Freiheit tödtet die Despoten, die Waffen der Söldlinge fallen vor dem Angesicht der freien Männer , Wie in Rom die Brutusdolche, so müssen alsdann die Hermannsschwerter vor allen Tirannen blitzen, — die hundert Köpfe des Ungeheuers würden dann auf einmal fallen. »Geduld« war lange der Wahlspruch des deutschen Volkes, die Zeit des Han- delns ist da. — Dem Erwachen der muthigen Thatkraft der Völker ein Lebehoch! dem heiligen Bunde der Völker ein Lebehoch!« In den Pausen zwischen dem Vortrage vorstehender Reden wurden wieder verschiedene patriotische Lieder gesungen. Wir theilen hier einen aus dem Polnischen übersetzten, und dann einen von dem wackern Fitz gedichteten Gesang mit: 1. Der Polen Mai . (Uebersetzt aus dem Polnischen.) Bruͤder laßt uns geh’n mitsammen In des Fruͤhlings Blumenhain, Lasset unsre Herzen flammen Hier im innigsten Verein. Lieber Mai, holder Mai! — Winters Herrschaft ist vorbei! — Einst in solchen Maientagen Ward ein Kleinod uns geschenket, Muß das Herz nicht feurig schlagen Wenn es jener Zeit gedenket? Gott verleih! Gott verleih! Daß erbluͤh’ ein solcher Mai. Ach es haben Feindes Maͤchte Dieses Kleinod uns geraubt, Von dem theuersten der Rechte Kaum zu sprechen uns erlaubt. Truͤber Mai, truͤber Mai! — Wenn ein Volk nicht froh, nicht frei. Von dem Joche des Tyrannen Suchten wir uns zu befreien, Manche Schlachten wir gewannen Glaubten schon daß frei wir seyen. Sangen frei, komm herbei Du ersehnter Freiheits-Mai. Doch! wir mußten unterliegen Feindes-Uebermacht und Raͤnken, Moͤge Gott, der uns zu siegen Nicht vergoͤnnt, den Tod uns schenken. Truͤber Mai, truͤber Mai! — Wenn ein Volk in Sclaverei! — Eine Hoffnung knuͤpft ans Leben Uns verbannte Polen wieder, Unsre Freiheit zu erstreben Werden helfen deutsche Bruͤder! Gott verleih, daß es sey! Dankfest dann dem neuen Mai! 2. Deutsches Mailied . Als Erwiederung auf das polnische Mailied. (Mel.: Wo Kraft und Muth ꝛc.) Hoͤrt deutsche Bruͤder Polens Klage Sie dringt an jedes Mannes fuͤhlend Herz; Wem nicht der Polen trauervolle Lage Erpresset ein Gefuͤhl von Schaam und Schmerz, Den mag ich nimmer Bruder nennen, Er kann fuͤr Edles nie entbrennen; — Er machet Schand der deutschen Nation, Ihm zeige jeder Biedre Spott und Hohn! Der Polen Hoffnung ist auf euch gerichtet, Sie fleh’n zu euch um Huͤlf’ in ihrer Noth; Das Reich der Polen hat der Czar vernichtet, Und Tyrannei treibt mit den Edeln Spott. Und deutsche Maͤnner koͤnnten sehen Daß Polens Reich soll untergehen!? — Es braͤchte Schand der ganzen Nation, Die Nachwelt spraͤch’ von uns mit Spott und Hohn, Doch! — wer von Knechtschaft andre will befreien Muß selbst ein edler freier Mann auch seyn; Und viele unsrer deutschen Bruͤder weihen Ihr Gut und Blut der Willkuͤhr falschem Schein. Doch laß’t uns heut die Hoffnung naͤhren: Sie wird Erfahrung bald bekehren; Dann machen wir die edlen Polen frei Und bringen Fluch der Russen-Tyrannei. O! Bruͤder naͤhrt die edlen Freiheits-Flammen, Dies edle Feuer tief in eurer Brust, Ja! — halten wir in Eintracht nur zusammen, Und jeder sey sich seiner Kraft bewußt! Dann muß die gute Sache siegen Das Schlechte muß ihr unterliegen. Und es erscheinet bald eiu schoͤner Mai Wo Deutsche, Polen, jauchzen: wir sind frei. O! — suͤße Hoffnung, du kannst mich nicht truͤgen, Daß Deutschland werde kraͤftig bald ersteh’n, Geschichte muͤßte, und der Zeitgeist luͤgen, Wenn unsre Sache koͤnnte untergeh’n. Wir wollen Menschen-Recht erringen Wir wollen, und es muß gelingen: Dies schwoͤren wir beim Deutschen Fest im Mai, Wir wollen — alle Voͤlker seyen frei. Jubel und Heiterkeit, gepaart mit tiefen patriotischen Gefuͤhlen, belebte die große Versammlung, in einzelnen Gruppen hatten belehrende Unterhaltungen statt, dichter aber drängten sich die Zuhörer, wenn von der Tribüne oder andern zweckmäßigen Punkten öffentlich gesprochen wurde. Von den vielen Reden, die jetzt noch bis zum späten Abend gehalten wurden, theilen wir ferner mit: Rede von Barth aus Rheinbaiern . „Vor uns liegt ein gluͤcklich Hoffen, „Liegt der Zukunft goldne Zeit, „Steht ein ganzer Himmel offen „Reift der Freiheit Seeligkeit“! So rief dir, mein deutsches Volk, dein gluͤhend begeisterter, kriegerischer Saͤnger, in einer ernsten, hohen Zeit zu; und sie begeistern uns heute wieder diese warmen anfeuerenden Toͤne, sie erhalten einen bedeutungsvollen mahnenden Klang diese unsterblichen Worte des deutschen Saͤngers, entquollen einer Zeit, reich an Druck, Muth und vernichtenden Kaͤmpfen! — „Vor uns liegt ein gluͤcklich Hoffen!“ so ruft der gigantische Geist der Zeit, der mit erschuͤtterndem Tritte uͤber die Erde schreitet, an den Huͤtten, an den Pallaͤsten, an den Thronen! und der warme Menschenfreund jaucht ihm trunken entgegen, und der knirschende Despotismus huͤllet sich dichter in den blutigen Purpur und mit schielendem, zitterndem Blicke, mit angstlich stockendem Herzen, dem Schritt des erhabnen Geistes folgend lauert die verschrumpfte Politik: ob durch Waffenschall und marklose Drohungen der Gewaltige nicht betaͤubt werden koͤnnte! Und er steht, das gluͤhende Auge in die Ferne gerichtet, den nervigen Arm emporgehoben, er steht harrend, ob ihr ihm folget, aus dieser truͤben, druͤckenden Daͤmmerung, in den lachen- den Tag, dem er euch entgegen fuͤhren will. Mitbuͤrger! Maͤnner! Soͤhne des Vaterlands! raffet euch auf mit lautern, starken Herzen, pruͤfet die heiligen Momente, die gewichtig in ihren Folgen wie Jahrtausende sind, — und dann weihet euch, weihet euch auf Tod und Leben, den heiligsten Interessen der Menschheit! — Erkennet die Wuͤrde, den Adel eurer Be- stimmung, der Himmel rief euch zu großen Zwecken ins Leben, er erschuf euch fuͤr diese Zeit! Und vor Allen du ruͤstige, edle, begeisterte vaterlaͤndische Jugend, auf deren Muth, deren Thatkraft die verkuͤndete gluͤckliche Zukunft gebaut ist, mit frohen, von kuͤhnen Entschluͤssen geschwell- ten Herzen trete zusammen, mit unbrechbarem diamantnem Muthe ruͤste dich! siehe schon bricht es uͤber die dunklen Berge, das Morgenroth eines neuen Jahrtausends, — das Morgenroth einer gluͤcklichen, freien, veredelten Zeit , aber finstere Wolken druͤcken sich uͤber das aufstroͤmende Licht, und der Maͤnner-pruͤfende Sturm bricht in den anbrechenden Morgen. Dränge deine ehernen Reihen um den heiligen Altar der Freiheit, und schuͤtze die auflodernde Flamme, und wenn sie nahen die finstern Verbuͤndete des Ab- grunds, dann leuchte, ein verderbender Wetterstrahl, in ihre kalte Massen, und siege mit deinem reinen Blute, in deinem menschenbegluͤckenden geheiligten Unternehmen —“ Und ihr, die ihr mit Wort und That, die heiligsten Empfindungen des Menschen erweckt; die ihr dem aufstrebenden Volke die hilfreiche Hand bietet, die ihr es mit seinen Menschen- und Staatsbuͤrgerrechten bekannt und vertraut macht; wuͤrdige, edle Volks- und Menschenfreunde, er- hebt eure belehrende, anfeuernde Rede, stärker und waͤrmer, rufet auf mit der Stimme der Zeit, erhaltet veredelt die erweckten Gesinnungen, macht den Menschen reif fuͤr die Opferungen, welche der große Moment von ihnen fordert; — nicht mit der Sprache der Verachtung, mit der un- geschmuͤckten energischen Rede der Wahrheit rufet sie hinauf in eure Rei- hen, sie hoͤren, sie folgen euch gerne. — Freiheit und Vaterland — ja sehet Kleinglaͤubige, wie die Welt bei diesen Worten aufhorcht, wie die Herzen lodern in den Huͤtten, hinter dem Pfluge. — Von dem feurigen Gallien bis zum ernsten kraͤftigen Norden schon durchwaͤrmen diese großen Ideen alle Gemuͤther, Aller Brust! — Und auch euch gilt dieser Ruf, Bruͤder in Preußen, die ihr lange schon stolz darauf, ein besonderes Volk zu heißen, mit dem deutschen In- tressen nichts mehr gemein zu haben scheint, auch euch gilt er, euch, die ihr gluͤcklich und zufrieden in einem Staate hin lebt, der euch keine andre Gewaͤhr fuͤr persoͤnliche Freiheit leistet, als die, welche der blinde Zufall in der Person eines guten Fuͤrsten gibt. — Auf denn, wer unter euch in koͤniglicher Demuth noch nicht vertrocknet, und in fuͤrstlicher Gnade noch nicht abgestorben ist! Die Menschheit schließt einen hohen, heiligen Bund, eine Gewaͤhr fuͤr Licht und Freiheit, einen Vernichtungs-Bund gegen Despotismus und Bonzenthum, einen Bund auf Tod und Leben, segnend den der die heilige Zeit ergreifend, dem leidenden Volke aufhilft, verfluchend und zerschmetternd die Werke und Gebaͤude der Willkuͤhr, der blinden Unter- wuͤrfigkeit, der Sclaverei und des Pfaffenthums. — Und du Geber der lichten Vernunft, der sittlichen und pernuͤnftigen Freiheit, des staͤhlernen, maͤnnlichen Muthes, siehe herab auf deine Menschheit, laß hervorwachsen aus unsern Handlungen, unsern Graͤbern, Segen, Freiheit, Veredlung fuͤr die Folgezeit, fuͤr Jahrhunderte, Jahr- tausende, und verleih uns Kraft, auszuringen den großen heiligen Kampf, bis die ersterbende Hand sinkt, und das Auge bricht unterm Sieges- Donner! — Und du erhabene, eindringende Wahrheit, du Stimme des mahnen- den, sich erhebenden Volkes, noch einmal draͤnge dich mit deinem erschuͤt- ternden Donner, an die purpurnen Ruhestellen, an die uͤppigen Polster der schwelgenden Großen, in die finstern Zellen der gleißenden Pfaffen, noch einmal rufe sie auf — im Namen der zuͤrnenden Menschheit — wegzuwenden die frevelnde Hand von den heiligsten Guͤtern des Buͤrgers, einzutreten in den erhabenen Verband gegen die verruchten Waffen des Despotismus und des blinden Aberglaubens. — Rede von Brüggemann aus Preußen. Deutsche Mitbürger ! Vielleicht erregt es euer Mißfallen, daß ein Jüngling sich zur Tri- büne drängt, wo ergraute Männer im Kreise sitzen. — Verzeihet mir! — Ich will nicht eingehen in die Mängel unsrer Staatseinrichtungen, nicht sprechen über das Einzelne der Mittel ihnen abzuhelfen, das Alles ge- hört nur vor den Rath erfahrungsreicher Männer. Aber es gibt gewisse Ideen, die die Geschichte und die Entwickelung der ganzen Menschheit beseelen, und diese geben sich oft am ungetrübtesten in der hoffnungsreichen, gläubigen Seele der Jugend kund. Hat nicht wirklich eine solche Ahnung — die schon lange in den Herzen der Jugend lebte — jetzt die Gebildeten des ganzen Volks begeistert und auch dieses be- geisternde Fest hervorgerufen? Ich spreche von der Einheit des Vaterlandes ? — — Das macht mir Muth, das treibt mich unwi- derstehlich es zu wagen, und die Welt-Ansicht, die Hoffnungen der deutschen Jugend, wie ich sie kenne und wie sie in mir leben, an diesem Auferstehungsfeste meines Volkes, laut zu verkünden. Euch vor allem, ältere Männer, auch euch deutsche Frauen und Jungfrauen und euch ihr lieben Altersgenossen bitte ich um freundliche Nachsicht. — Mitbürger! Schon die Achtung vor unsrer Vernunft zwingt uns eine unsterblich sich fortbildende Menschheit anzunehmen, damit unser Daseyn nicht als zwecklos erscheine. — Die Geschichte bestätigt diese Ansicht. Das folgende Geschlecht ist der Erbe des Vorigen und was wir Gutes pflanzen, das wird noch lange fortwähren zum Heil unserer Kinder und Enkel. — — Wollen wir aber diese unsre höhere Lebens- Aufgabe vollständig erkennen, so müßen wir den Gang der Geschichte er- forschen. In den Staaten des Alterthums war der Mensch nicht Privatmann, nicht Familienglied, nur Bürger, alle seine Tugend hatte ihren Grund im Patriotismus. — Sobald diese Staaten eine Beute von Tyrannen wurden, waren die Völker rettungslos verloren. — Das Unglück der neuern Völker entstand aus dem andern Extrem. Zu eifersüchtig auf individuelle und häusliche Freiheit, kümmerten sie sich wenig um das öffentliche Staatsleben. Blieb der Einzelne mit seiner Familie in Ruhe, so dachte er wenig an den Staat. — Deshalb gelang es den Herrsch- süchtigen leicht, den Völkern allmählig alle öffentliche Freiheit zu rauben, und den Staat in ein Familien-Besitzthum, den freien Mann — in einen hörigen Unterthanen zu verwandeln. Die Zeiten der Feudalität schildere ich nicht weiter, — mögen diese Ruinen einer in unmenschlichem Frohndienste erbauten Ritterburg das Bild jener Zeit herauf führen. — — Allein wie Aberglauben und Un- wissenheit stets Knechtschaft, Eigennutz und Kasten-Geist erhalten und fördern, so erzeugt und fördert Aufklärung dagegen Freiheit, Gerechtig- keit und Vaterlandsliebe. — Als Reformation und Buchdrucker- kunst die Menschen einigermaßen zum Nachdenken brachten, da war für immer der blinde Glaube und blinde Gehorsam vernichtet; und als vollends die freie Presse ihr Licht in das finstere Staats- gebäude trug, als sie den Sinn für die öffentlichen Angelegenheiten weckte, da war die Grundlage der Zukunft — der Volksherrligkeit für immer unerschütterlich gelegt. — Zuerst leuchteten in England die Morgenstrahlen eines schönern Tages, aus der Nacht des Mittelalters. Aber der Tag wurde heller — diese aristokratische Freiheit genügte nicht mehr — Freiheit und Gleichheit — ward das Losungswort, erst in Amerika, dann in Frankreich. Gleichheit ! mit diesem einfachen, klaren, durchgreifenden Prinzip — ist Freiheit und Gerechtig- keit erst möglich. — Weg mit Privilegien und Vorrechten! — Weg mit den Gleichgewichtstheorien und dem ständischen Wirrwarr! Der Bürgerwille ist Gesetz — dies wird vollstrecket in der Bürger Auftrag und Sold! — Begeistern kann die Idee der Gleichheit noch nicht, sie kann blos die Hindernisse des Bessern umreißen, wahrhaft bauen, das muß eine höhere, die Idee der Nationalität, der Volksherrlichkeit. — Diese schließt Freiheit und Gleichheit nothwendig schon ein. Diese große Idee beherrscht unser Jahrhundert; — sie führte die be- wunderungswürdigen polnischen Schaaren; sie wird Deutschland vereini- gen; sie wird ganz Europa zu Freistaaten gestalten: dieser Idee hat die deutsche Jugend sich mit Gut und Blut verschworen. — Unser Vaterland, geehrte Mitbürger! scheint dazu bestimmt, diese Idee der Volksherrlichkeit zuerst ins Leben zu führen. Deutschland , das Herz Europa’s soll dann, als mächtiger, volksthümlicher Freistaat, mit schirmender und schützender Liebe über die Wiedergeburt des übri- gen Europas wachen. Polen wird es herstellen, Italiens Vereinigung beschirmen, das französische Belgien mit Frankreich, das deutsche Elsaß und Lothringen wieder mit Deutschland verbinden, Ungarns Freiheit und Selbstständigkeit achten, und wird stolz seyn auf die Achtung und Liebe der dankbaren Völker. Von Deutschland aus ist das abgelebte Alterthum vernichtet; von Deutschland aus ist die Reformation, und mit ihr die Freiheit in die neue Welt gekommen; von Deutschland aus soll Volksgeist und Vaterlandsliebe unter die Nationen gebracht werden. Von jeher war der deutsche Charakter fest, innig und rein . Schon Tacitus ist voll von dem Lobe unserer Vorfahren. Freiheitssinn und Tapferkeit waren ihre Tugenden, diese lehrten ihre Priester, hierin glänzten ihre Götter. In Volksversammlungen ordneten sie ihre An- gelegenheiten — gerade, frei und einfach. Wenig Gesetze hatten sie, und ungehemmt wollten sie die persönliche Freiheit. In allen ihren Ein- richtungen lag ein tiefes und ernstes Gemüth. Vor allem war die Fa- milie in Sittsamkeit und Keuschheit eine unversiegbare Quelle der rein- sten Freuden für den Mann, ein Wonneziel für den wehrbaren Jüng- ling, das er durch würdige Thaten zu verdienen trachtete. So waren unsere Vorfahren, und noch liegen dieselben Elemente der Festigkeit , der Innigkeit und Reinheit in unserm Volke. Ich weiß es, ungläubig und zweifelnd verweis’t man auf die jetzige Lage desselben. Da liegt das tapfere Volk von 30 Millionen, zerrissen von einer Handvoll emporgekommener Feudalherren, ausgestrichen ans der Reihe der Großmächte, verhöhnt von seinen Nachbarn; da liegt es und harret geduldig, bis der Barbar längst der Ostsee heraufziehet und Lübeck und Hamburg zu seinen Stapelplätzen macht, und durch die Knu- tenknechte Deutschlands Cultur zertreten läßt, da ächzet das freisinnige Volk von 30 Millionen stumm unter dem Befehl von einigen 30 zittern- den Zwingherrn, während man seine Freunde in Ketten wirft und zu lebenslänglichen Untersuchungen verdammt, während man Gewerbe und Handel durch Mauthen vernichtet, die Kinder gegen die Eltern bewaff- net und Spionen und Maitressen der Bürger Schweiß und Blut ver- prassen. Ich gebe zu, Deutschlands Volk besitzt eine große, eine unbe- greifliche Langmuth; allein Alles kündigt an, daß sie zu Ende geht. Glaubt vielleicht Jemand in Frankreich den Hoffnungsstern erstehen zu sehen? Frankreich mag beweglicher, rascher zur That und weniger ge- duldig seyn, der Deutsche aber ist andauernder und entschiedener, was er beginnt, das vollendet er auch ganz; mag Frankreichs Bevölkerung scheinbar politisch gebildeter seyn, sie ist nur neugieriger; nirgends ist mehr wahre Bildung und gediegene Aufklärung als in Deutschland . Ist hier erst das öffentliche Interesse angeregt, so wirds auch ernster genommen und gesunder beurtheilt, als bei dem französischen Volke; — Mag Frankreich beständig von edlen Redensarten über Freiheit und Na- tionalität überfließen; mag seine Vaterlandsliebe, seine Eitelkeit oft hell aufflackern; des Deutschen Gefühl ist tiefer und nachhaltiger, seine Vaterlandsliebe ist eine heilige — nie verlöschende Gluth. Die Theil- nahme an dem Schicksale der Polen bezeichnet die beiden Völker. — Vor allem — Mitbürger! bedenkt, welche Fortschritte unser Vaterland in so kurzer Zeit gemacht hat. Noch zu Anfange dieses Jahrhunderts standen wir den Franzosen an Vaterlandsliebe unendlich nach, wenig noch kümmerte uns das öffentliche Wohl. — Aber seit 15 Jahren — welche Veränderung! Freilich suchten die Regierungen die volksthümlichen Re- gungen zu unterdrücken; — allein wie wenig ist das gelungen! Vor allem bei der Jugend hatten diese Gefühle tiefe Wurzel geschlagen, und schon 1817 gelobte sie feierlich bei der Reformations- und Befreiungs- feier — auf der Wartburg, (das Vorspiel unsers Maifestes) nie diese Gluth aussterben zu lassen, und immer diesen Gedanken »der Einheit des deutschen Vaterlands« weiter und weiter zu verpflanzen, bis er endlich siegreich ans Licht treten könne. Beinahe fünfzehn lange Jahre mußte sie ihren heiligsten Glauben, ihr heißestes Sehnen dem Spotte der ungläubigen Welt preis geben; aber sie verzweifelte nicht am Vaterlande. Immer trostloser schien sich für Europa Alles zu gestalten, immer mehr wollten Zweifel die Hoffenden beängstigen; aber diese glaubten an eine Vorsehung, — sie glaubten an ein Fortschreiten der Menschheit, — sie glaubten an eine Offenbarung in der Geschichte und wankten nicht. — Der Kanonendonner der Tuillerien veränderte die ganze Aussicht. Was im Stillen gereift war — das wurde jetzt offenbar. — Die Einheit Deutschlands, die vor kurzem noch als Schwärmerei verschrien war, ist jetzt der Wunsch und die Hoff- nung aller Gebildeten des Volkes. Auf welchen Standpunkt hat sich die öffentliche Meinung in Kurhessen erhoben, das noch vor zwei Jahren schlief! Wie schreiten Braunschweig und Nassau fort! Und Rhein- baiern, das jetzt allen als Muster vorleuchtet in Patriotismus, das heute unserem Volke dies herrliche Fest bereitete, — war nicht selbst diesem Rheinbaiern noch vor zwei Jahre die Idee der Volksherrlichkeit fremd? glaubten nicht damals sogar noch Viele — nur dei Frankreich sey für sie Freiheit und Glück zu finden? — So verbreitet sich in Deutschland die politische Bildung mit unbegreiflicher Schnelligkeit weiter und weiter und tiefer und tiefer. Welchen innigen Antheil nehmen nicht, in den geseg- neten Theilen unsers Vaterlandes, selbst Frauen und Jungfrauen an der Sache des Rechts und der Freiheit; mit welcher zarten Achtung und innern Verehrung haben sie die polnischen Helden empfangen: welche andächtige Sehnsucht, — welche heilige Besorgtheit erfüllet sie, — wenn sie von der Befreiung und Einigung des deutschen Volkes hören! — Gewiß ein Blick auf die jetzige Lage unseres Vaterlandes darf uns nicht kleinmüthtg machen, im Gegentheil, er gibt uns neuen Muth und neue Stärke. Die Jugend, die in den traurigen Jahren von 27 bis 30 nicht verzweifelte, sie ist jetzt allem Zweifel unzugaͤnglich. So also ist unsre Ansicht von der Menschheit: Daß sie im Ganzen wenigstens immer mehr sich entwickeln zu Tugend und Gluͤck; — daß jede Zeit und jedes Volk ihre besondere Aufgabe hierbei haben; daß die Aufgabe der neuen Völker ist — das vereinzelnde Familienleben, mit einem einigenden Volksleben harmonisch zu verbin- den; daß diese Fortbildung hindurchgehe — durch Vernichtung des Des- potismus, dann des staͤndischen Aristokratismus, zur Gruͤndung der Volksherrlichkeit; daß die Ernenung Europas in diesem Sinne die Aufgabe unsers Jahrhunderts, und daß Deutschlans Einheit hiezu der Anfang und die Aufgabe der jetzigen Generation sei, woran sie Alles unbedingt zu setzen durchaus berufen und verpflichtet ist. — Wie aber sollen wir dem großen Ziele nachstreben, auf welchem Wege dahin gelangen? In den Staaten, wo es Verfassung und Gesetze giebt, so lange die Machthaber die Gesetze achten und nicht verdrehen und mißbrauchen — reichet der gesetzliche Weg aus. Die Aufklaͤrung ist die große Feder in der Entwickelung der Menschheit, die freie Presse ihr bestes Foͤrderungs-Mittel — und die endliche Vollstreckerin der erkannten Wahrheit ist die Allmacht der oͤffentlichen Meinung, jene wunderbare Kraft, die von den Staatstheoretikern gar nicht in Anschlag gebracht wird, und doch allein Bewegung in die todte Maschine bringt. Allein wenn die freie Presse vernichtet, die Gesetze verhoͤhnt, und die Mittel zur Menschheitsbildung abgeschnitten werden? — dann, ja dann ist keine Wahl mehr, jedes Zoͤgern ist dann feiger Verrath an der Vernunft, der Tugend, der Menschheit, dann: um mit dem Koͤnig von Preußen zu sprechen: „dann ist der Kampf ein Kampf der Nothwehr, der alle Mittel heiligt, die schneidendsten sind die besten; denn sie beenden die gerechte Sache am siegreichsten und schnellsten.“ Wohlan, versammelte Mitbuͤrger! Also nicht allein unser und unserer Kinder Noth in diesem gesegneten Lande, nicht allein die empoͤren- de Uebermacht unsrer Aristokraten und Volksverraͤther, nicht allein uns e r zeitlicher Vortheil und unser gutes Recht verlangen Vernichtung dieses fluchwuͤrdigen Zustandes, sondern unsre ganze Stellung in der Geschichte, unsre ganze Bedeutung in der Menschheits-Entwickelung setzet uns un- abweisbar die heilige Pflicht in einem freien Volksreiche die Tugend und Menschheit, die durch Tyrannei und Pfaffenthum zur Thierheit nieder- gedruͤckt ist, bei unserm Volke zunaͤchst, und dadurch in ganz Europa, wieder aufleben zu lassen. Was vor 15 Jahren die Jugend beschworen, das mag heute das ganze Volk beschwoͤren: Stets die Begeisterung fuͤr die Einheit des Vaterlandes in uns lebendig zu erhalten, und nach 6 Kraͤften uͤberall bei unsern deutschen Mitbruͤdern anzufachen; stets nach Kraͤften selbst lehrend, oder die Lehrer des Volks und die freie Presse auf alle Weise unterstuͤtzend, die schlichte, einfache Wahrheit, ohne Ver- kruͤppelung zur Foͤrderung wahrer Aufklaͤrung zu verbreiten; stets mit eiserner Strenge den Luͤgengeruͤchten, den Aposteln der Sklaverei und Schlechtigkeit, den Lehren der Selbstsucht entgegen zu treten; und sollte es zu Gewaltthaten kommen, nie im Drange der Zeiten einen deutschen Bruderstamm zu verlassen, sondern alle zu schuͤtzen gegen die Eingriffe ihrer Gewalthaber; Uneinigkeit, Traͤgheit und Feigheit fuͤhren zur Knechtschaft Aller! Diesen deutschen Mai-Bund wollen wir schließen, hier wo des Vater- lands schönste Gefilde vor uns ausgebreitet liegen, hier unter dem Wehen unserer alten deutschen Reichsfahne, und Kinder und Enkel sollen noch aus allen Gauen des freien, großen Vaterlandes hieher zur heiligen Staͤtte wallfahrten! Rede von Deidesheimer, Bürger aus Neustadt. Freunde und Mitbürger ! Indem ich es nach solchen Maͤnnern, die an dieser Stelle vor mir gesprochen haben, noch wage, meine Worte an Sie zu richten, kann mich nur meine glühende Liebe für gesetzliche Freiheit und für unser deut- sches Vaterland entschuldigen. — Und so rede ich denn ohne Furcht und ohne Scheu, zu Ihnen meine Freunde, die, wenn auch nicht von gleichen Hoffnungen beseelt, doch gewiß alle im Herzen zu einem Zwecke vereint, hier auf den Trüm- mern eines Denkmals der Feudalherrschaft und des schrecklich richtenden Bauernkriegs ein Fest zu feiern gekommen sind. — Ein Fest, dem man alle nur erdenkliche Hindernisse in den Weg zu legen suchte, — Hindernisse wahrscheinlich entkeimend einem finstern Bunde von Menschen, die Feind jeder Regung des freien Bürgersinns, noch im neunzehnten Jahrhunderte, eben so trotzig als vergeblich und nutzlos, dem Geiste der Zeit entgegenarbeiten. Wie diese Ruine bei ihrem Ein- sturze Einzelne beschädigen konnte, ohne deßhalb den festlichen Tag zu stören, so werden diese Freunde der Finsterniß wohl noch einzelne Ver- theidiger des Lichts und der Wahrheit verfolgen, ohne aber deshalb den Tag der Freiheit aufzuhalten. Ich spreche hier von einer Parthei, die während vierzig Jahren nichts nützliches und zeitgemäßes gelernt, und keine ihrer Voreltern- Thorheiten vergessen hat; von jener schädlichen Bandwurmsbrut, die heute noch in dem freiesten Lande Europa’s — in England — Stock- prügel unter die königlichen Vorrechte gezählt wissen will, und die, gilt es ihr eigne s Interesse, mit lächerlicher Grimasse, doch geschickt genug, um den unerfahrenen Haufen zu täuschen, stets Thron und Altar im Munde führt. Doch, was sage ich, scheinen doch selbst Regierungen, die zwar stets und überall ihre freisinnige Handlungsweise hervorzuheben suchen, den eben gerügten Grundsätzen, von denen sie sich durch Worte gerne lossagen möchten, in der That zu huldigen. Dies bezeugt am deutlich- sten, neben allen jenen politischen Glaubensbekenntnissen, und jenen halb und dreiviertelsoffiziellen Machwerken, das Verbot dieses schönen Festes und die damit verbunden gewesenen empörenden Maßregeln. — Und was, frage ich, haben Regierungen, die nach festgeregelten und festbestimmten Grundsätzen die Landesgeschäfte zu verwalten haben, blei- ben sie nur diesen Grundsätzen getreu, was haben sie zu fürchten? — Betrachtet diese Gegend, dieses herrliche Land, diese mit Städten, Dörfern und Flecken besäeten gesegneten Fluren, die wie ein Garten Gottes vor unsern Blicken sich ausbreiten, die so ganz dazu geschaffen scheinen, das Herz zu sanftern Gefühlen zu stimmen; betrachtet dieses, laßt eure Blicke in die Ferne schweifen, wo die jenseitigen Berge den Blick auf unser großes Vaterland weiterhin eröffnen, — wer von Euch würde wohl so leichtsinnig oder muthwillig , wie es durch das Benehmen der Regierung leicht hätte geschehen können, die mordbrenne- rische Fackel eines Bürgerkriegs in dieses Paradies schlendern wollen, des verderblichsten Kriegs, der nur ein Land verwüsten kann? — Ruhig sieht wohl im Felde der Soldat seinen Kameraden neben sich hinfallen, ein ganz anderes aber ist es, wenn auf öden Brandstätten, die unbe- erdigten Leichen der Bürger und Jünglinge Verwesungsgeruch verbrei- ten, wenn Bäche und Flüsse uns die ermordeten Leichen von Greisen, Kindern und Jungfrauen zuführen. — Wem graut nicht vor diesem gräßlichen Gemälde! — Kein Bürger wird muthwillig oder leicht- sinnig solch schreckliches Unglück über unser Haupt herbeiführen! — Nein und abermals nein! — Nur ein verknöchertes Aristokratenherz wäre dazu fähig, nur Aristokratenwahnsinn könnte solch ein höllisches Schauspiel bereiten, — und mit Freuden ein friedliches Volk, nachdem man ihm von allen Seiten «Bundesbrüderlich« seine besten Erwerbsquel- len verstopft, es in seinen heiligsten Rechten gekränkt, vollends zur Verzweiflung bringen und durch Mordknechts-Banden zur Sklaverei zu- rücktreiben! — Ja nur von dieser Seite haben wir alles zu fürchten, dieses be- weis’t Geschichte und Erfahrung. Sandte nicht jener kindesmörderische Philipp von Spanien den ruhigen aber aufgeklärten Holländern und jenen feuerigen Flanderern zuerst einen verschmitzten freiheitsmörderischen Pfaffen, den verhaßten Granvella , und zuletzt den blutigen Alba , jenes Scheusal der Menschheit? Hetzte nicht in unsern Tagen der erbärmliche Pfaffen- Karl von Frankreich den nichtswürdigen, Vaterland und Wohlthäter verrathen- den Marschall , auf sein tapferes, nur seine Rechte vertheidigendes Volk? Darum sehen wir uns vor, auch bei uns würden sich bei ähn- lichen Gelegenheiten, ähnliche Werkzeuge finden; auch wir könnten viel- leicht Granvella ’s, Alba ’s und Ragusa ’s gegen uns wüthen sehen. — Wohl steht mancher unserer Fürsten weit über jenen Tyrannen, von Gottes-Gnaden mit ihren feilen Knechten; mancher mag viel- leicht, ich will es glauben, daß Beste seines Volkes wollen; allein die Mißgriffe, die einem Fürsten die Bahn des Ruhmes geschlossen, könnten ihn leicht bei der Mißkennung des Volkscharakters, und den Herz und Gemüth vergiftenden Einflüsterungen jener schädlichen Schmeißfliegen des Hofs, jener unwürdigen Büdgetfresser, zu immer Argerem ver- l eiten, und so am Ende eine Katastrophe herbeiführen, durch welche die Perlen seiner Krone wahrscheinlich auf immer erlöschen würden. — Wie gesagt, es könnte leicht dahin kommen, auch ohne absolut bösen Willen, durch bloße Mißkennung des Volkscharakters und Mißgriffe in der Regierungsweise. — Leicht kann man eine Heerde Schafe vor sich hertreiben, der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand, aber mit dem Menschen muß man menschlich, mit einem Volke rechtlich und sittlich verfahren. Wir wünschen unsere Verfassung zu erhalten, die uns Freiheit der Rede und der Presse sichert, und auch wohl zu Freiheit des Handels und Vernichtung der Wohlstand und Sitten verderbenden Zwischen- Mauthen führen muß. — Darum Freunde laßt uns fest aneinanderhalten; wird Einer in seinen Rechten gekränket, so seyen wir es alle! — Wir wollen keine Revolution, wir wollen aber unsere Rechte — unsere Freiheiten, die uns gesetzlich garantirt sind, die auch unser Fürst feierlich und freiwillig beschworen hat, die wollen wir erhalten, in ihrer ganzen Ausdehnung erhalten. — Wer auch nur das Kleinste davon ver- letzt, der ist meineidig, der sey unser gemeinschaftlicher Feind; entstehe dann auch daraus was da wolle. Der Sieg muß uns werden, schließen uns auch Feinde von allen Seiten ein, blitzen auch Lanzen und Schwerter fern und nah und über- all. Freunde ihr kämpft dann für Eltern, Weiber, Kinder, für euere Nachkommenschaft, und schützet und bewahret Euer Heiligstes, während Ihr zugleich euere Güter, euere Habe vertheidiget; euere Gegner treibt nur ein hohles Wort des Herrschers und die Knute ihrer Herrn, nicht ihr Gemüth. Ja noch mehr, selbst aus den Reihen unserer vermeinten Gegner würden Streiter für die heilige Sache hervorgehen, denn auch dort sind viele, deren Herz bessern Gefühlen huldigt. Vor allem aber befleißen wir uns der festesten Eintracht und Ord- nung; diese zu erhalten muß unser Streben seyn, um so mehr, da viel- leicht so mancher es gerne sähe, wenn Unordnung entstände, um seine Gespenster- und Gewissensfurcht alsdann rechtfertigen zu können. Darum sey jetzt schon und bleibe immer unser Wahlspruch: »Es lebe die Freiheit« »Es lebe die Ordnung!« Rede von Becker, Bürger aus Frankenthal . Deutsche Mitbürger ! Volksbelehrung, gegenseitige Aufklärung, Ermun- terung zur Einigkeit sind unsere Aufgaben; diese zu lösen, müssen wir fest und entschieden wirken. Wir müssen wachen, daß alle Versuche, die Erringung eines großen freien Deutschlands zu hindern, vereitelt werden. Wir wissen, daß die Umtriebe der Regierungen auf die Unter- d rückung der Völker hinzielen; wir wissen, daß die Regierungen um s o thätiger sind, je dringender die Völker zeitgemäße, ihrer Würde intsprechende Reformen verlangen; wir wissen, daß sie in der Unter- drückung und Entwürdigung der Menschheit gehen so weit sie können , ch sage so weit sie können . Fragen wir: wie weit können sie (die Regierungen) gehen ? so müssen wir alle einstimmig antworten so lange die Regierungen die Gesetze ungestraft verhöhnen, sie ungehindert mit Füßen treten können, so lange unsere Forderungen unbeachtet bleiben dürfen: so lange können die Regierungen gehen so weit sie wollen, und aus uns machen was sie wollen . Millionen sind auf dem Wege zur Entwicklung bürgerlicher Freiheit, eine Handvoll Junker wagt es, entgegen zu treten, und während die Handvoll Jun- ker Gewalt über Gewalt übt, dulden es Millionen. O Schande unserer Zeit! — Wir können protestiren, aber was nützen Protestationen, was ist davon zu hoffen? Die Regierungen hören eben so wenig auf Prote- stationen, als auf die mächtige Opposition der öffentlichen Meinung. Protestationen waffen- oder wehrloser Bürger sind in den Augen der Regierungen nur lächerliche Vorstellungen; wenn wir daher protestiren, so muß es uns auch Ernst seyn, unsere Forderungen durchzusetzen. Die gerechtesten Ansprüche der Völker werden als unstatthaft abgewiesen, und nur die hochverrätherischen Verfügungen der Regierungen unterthä- nigst vollzogen werden, so lange die Völker unbewaffnet der rohen Ge- walt blosgestellt sind. Zum Schutze unsrer Person, unsrer Ehre und unsres Eigenthums, zur Erhaltung unsrer Rechte und zur Erringung der wahren Würde der Menschheit bedürfen wir nicht blos einer freien Verfassung, sondern auch einer kraftvollen Garantie der Verfassung Die beste Garantie wäre eine allgemeine Bürgerbewaffnung. Betrach- ten wir den Stand der Dinge wie er jetzt ist, so müssen wir auf die schlimmsten Fälle vorbereitet seyn. Mitbürger! Wenn heute die Regierungen, in der Meinung, die Freiheit mit einem Streiche zu ersticken, unsre Volksmänner, die Vor- kämpfer für Recht und Freiheit, mit Gewalt uns entreißen wollten, könnten wir es dulden? Könnten wir es unvorbereitet mit Erfolg ver- hindern? Können wir sie, unsre Volksmänner, sorglos den Gerichten überlassen? Ja, wir haben herrliche Beispiele der Appellationsgerichte in Baiern, aber kann dies uns auf die Dauer beruhigen? Sehen wir nicht, wie die ehrenvollen Männer dieser Gerichte von der schamlosen Willkür verfolgt, abgesetzt und versetzt werden? Wir sehen ihre Stellen von, für die Volkssache incompetenten, für die Sache der Volksverrä- ther aber competenten, Fürstenknechten ersetzen. So ist das Richteramt dann überlassen dem Schläger über den Erschlagenen, dem Verräther über den Verrathenen! — Das Erhabenste wird das Opfer launischer Ungeheuer, das Opfer einer Höllenbrut! Wird sich die Londoner Con- ferenz eher auflösen als bis Belgien seinen Todesstoß erhalten? bis Ita- lien in sein Grab zurückgewiesen? — Und Polen? — Was nicht im ge- drückten Heldenlande durch den Barbarismus, das geht im freien — Frankreich durch das Juste-Milieu zu Grunde. Dahin ist jenes Polen, das zweimal Europa gerettet, es ist dahin! Und die undankbaren Söhne Europa’s können es dulden, wie ihre Retter zu Grunde gehen! Dies Mitbürger, ist das Schicksal Einzelner, dies das Schicksal der Natio- nen in den Händen der „von Gottes Gnaden“! Hoffet nichts von Fürsten, und protestirt nicht mehr, denn hinter den Verfügungen der Regierungen sind Bajonette, hinter unsern Pro- testationen aber ist nichts. Darum können die Regierungen gehen so weit sie wollen und aus uns machen was sie wollen . Es bleibt klar, daß nur die Waffen der Bürger vor solchem Unheil das Vaterland bewahren, daß nur bewaffnete Bürger compe- tente Richter gegen Laune und Willkür seyn würden: — Die Deutschen sind Sklaven, seitdem der Bürger keine Waffe mehr trägt. Die Waffe war die Zierde des freien Mannes, jetzt tragen sie nur Knechte. Sind wir bewaffnet, so werden die Regierungen nicht mehr so keck seyn, gesetzwidrige Verfügungen zu erlassen. Dann können die Re- gierungen nicht mehr gehen so weit sie wollen und nicht mehr aus uns machen was sie wollen . Unser Losungswort sey: Das Beste hoffend, auf’s Schlimm- ste gefaßt seyn. Es steh’ Einer für Alle und Alle für Einen im heiligen Kampfe ! Fragen wir, meine Mitbürger, wie weit wir seit den Juli-Tagen in der Erringung würdevoller Rechte vorwärts geschritten oder in der Erhaltung der bestehenden geschützt waren, so werden wir einsehen, daß wir rückwärts gekommen. Ist nicht bei uns im Rheinkreise die Preß- freiheit gesetzlich garantirt? und wurde nicht die freie Presse, das deutsche Gemeingut, vor den Augen von ganz Deutschland in Fesseln geschlagen? Müssen nicht unsere Journalisten in Baden Schutz suchen, wo die Preßfreiheit, verglichen mit der bei uns gesetzlich bestehenden nur Preßzwang ist. Drum, deutsche Bürger, tretet zusammen, verlanget einstimmig die Benutzung und Handhabung der bestehenden Gesetze, ru- fet einstimmig, deutsche Mitbürger: »Es erscheine der Westbote«! »Es erscheine die Tribüne«! Auf, deutsche Bürger, und schwöret, daß, wenn unabhängige Gerichte die Gesetze verrathen, euer competenter Arm die selben schütze: »Denn unter Preßzwang geht Deutschland verloren, Durch Freiheit der Presse wird’s wiedergeboren.« Ja, deutsche Männer, wenn wir mit Ernst und Beharrlichkeit, mit Muth und Ueberzeugung das hohe Ziel zu erringen streben, dann ist es nicht mehr fern. Keine Macht der Erde wird uns aufhalten! Alle Grau’n der Nacht verschwinden, Wenn der Freiheit Morgenröthe glüht; Und ein Deutschland groß und frei erblüht, Wenn die Männer kräftig sich verbinden. Deutschland lebe! dieser goldne Schimmer, Seiner Freiheits-Fahne bleiche nimmer! Hoch lebe Freiheit, Deutschland lebe hoch!“ Dank dir, freiheitglühender Bürger Frankenthals! Denken und sprechen, nur einmal Tausende wie du, dann ist die Wiedergeburt Deutschlands vollendet, ein freies deutsches Vaterland errungen. Noch andere Redner hatten bald da, bald dort zahlreiche Gruppen um sich versammelt. Man sprach vielfach von dem jetzt lebhaft erwach- ten Vertrauen auf die Kraft des deutschen Volkes. Unter andern be- merkte Eduard Müller aus Mainz: Was berechtigte auch zu dem Mißtrauen in unsre eigne Kraft, und zu dem uͤbertriebenen Vertrauen auf ein Volk, das nach seinen glaͤnzenden 3 Juli-Tagen zuruͤck sank, so schnell tiefer zuruͤcksank als je? Die Helden des Juli, die Patrioten sind verfolgt, in Gefaͤngnissen vergraben; Karlisten, Aristokraten aller Farben, unverfolgt, sogar nuterstuͤtzt ; die auffallendsten Verschwoͤrungen der Absolutisten ungestraft! Zu welchen Hoffnungen berechtigen diese Erscheinungen in Frankreich? Belgien, Italien, Spanien sind getaͤuscht; Polen, das edle, ungluͤckliche Polen, das in hundert Schlach- ten das Blut seiner Heldensoͤhne fuͤr Frankreich vergossen, von Frankreichs Minister Sebastiani verrathen, kann zur Lehre dienen, daß man nicht fester stehe, als auf eigner Kraft. Das jetzige Frankreich hat seine Ehre im Auslande gebrandmarkt, es rette seine Ehre wieder, das Volk erhebe aufs Neue seinen starken Arm, seine Feinde zu zerschmettern, und das Zutrauen wird wiederkehren. Fern sei von mir, daß ich eine Nation fuͤr immer verdamme. Mag Frankreich von Neuem sich befreien, dann wollen wir die Franzosen als Bruͤder umarmen, mit ihnen kaͤmpfen fuͤr die hoͤchsten Guͤter, fuͤr Recht, Freiheit und Buͤrgergluͤck. Aber versteht mich wohl! — mit ihnen, nicht unter ihnen wollen wir kaͤmpfen. Jedes fuͤr Freiheit kaͤmpfende Volk, sei uns ein Brudervolk! aber streng achte jedes Volk die Nationalitaͤt anderer Voͤlker! Ohne Franzosenfeind zu sein, warne ich nur vor unklugem Zutrauen zu unsern Nachbarn’ und vor entehrendem Mißtrauen in unsre eigne Kraft, in die Kraft unsers eigenen Volkes. Unser deutsches Volk, obgleich zersplittert, zeichnete sich stets aus durch feste Willenskraft, und Tapferkeit. Die Tapferkeit einzelner deutschen Volksstaͤmme, gab den meisten Laͤndern Europas ihre Namen. Die Franken, Frankreich; die Normannen, der Normandie; die Burgun- der, Burgund, die Angeln, England; die Longobarden der Lombardei u. s. w.; Von Deutschland ging das Licht der Reformation aus, das Pfaffenthum stuͤrzend, oder wenigstens schwaͤchend; von Deutschland, und zwar dem benachbarten Mainz, ging aus die Buchdruckerkunst, die Licht- bringerin. Die moͤrderischen Kaͤmpfe wurden weniger moͤrderisch durch der Deutschen Erfindung des Schießgewehrs. Wissenschaft und Bildung bluͤhen in Deutschland, fast jeder Erwachsene kann wenigstens lesen, schreiben, rechnen, und Kraft wohnt in uns, wenn wir nur wollen! — Wie einst durch die Deutschen das Roͤmerreich fiel, das der Welt gebot, und in unsern Tagen die Großmacht Napoleons gestuͤrzt wurde, so werden auch Rußlands Knutenmacht, Preußens Pfiffigkeit und Oestreichs Absolutismus durch deutsche Kraft zu Schanden werden. Nur Vertrauen in euch selbst und vor Allem Einigkeit, und der Sieg ist unser gegen jede despotische Macht der Erde.« Die belebten Zirkel, welche sich während dieser und ähnlicher pa- triotischen Unterhaltungen gebildet hatten, wurden unter andern auch durch ein von Christian Bork in Mannheim gedichtetes Lied erfreut, welches deßhalb von uns mitgetheilt wird: So oft der Mai nach winterlichen Tagen, Die Fluren schmuͤckt mit seinem Bluͤthenkranz, Beginnt das Herz in froher Lust zu schlagen, In jedem Auge strahlt der Freude Glanz; Mit neuem Muth, mit seligem Behagen Draͤngt alles sich hinaus zu Spiel und Tanz, Und jedem ist’s Beduͤrfniß sich des Maien In tiefer Seele herzlich zu erfreuen. Uns ist ein Mai, ein herrlicher erschienen, Der Freiheit Mai im deutschen Vaterland. Das kahle Unrecht will er uns versuͤhnen, Von Fruͤhlingsbluͤthen schimmert sein Gewand; Soll er kein Lied, kein frohes Fest verdienen? Die freien Buͤrger reichen sich die Hand, Sie schwuren sich mit heiligem Betheuern Dem deutschen Mai ein herrlich Fest zu feiern. Willkommen denn, ihr edlen Geister alle Die dieses Festes hoher Sinn vereint, Euch toͤnt der Gruß im lauten Jubelschalle, Und dieser Gruß ist herzlich wohl gemeint. Wir stehen hier in rechtbeschirmter Halle, In die des Himmels freie Sonne scheint; Umschlinget euch mit treuen Maͤnnerarmen Und laßt das Herz an ihrem Strahl erwarmen. Voruͤber ist die Zeit der finstern Maͤchte, Der schnoͤden Bosheit und der Tyrannei; Zu Trotz dem falschen, heuchelnden Geschlechte Erglaͤnzt im Morgenroth der Deutschen Mai. Der brave Buͤrger greift nach seinem Rechte, Denn im Gesetz nur ist der Buͤrger frei; Das Joch der Willkuͤhr kann er nicht mehr tragen, Er darf es nicht und galt’s ein blut’ges Wagen. Er will die Freiheit im Vernunft-Gewande, Nicht wie der Pobel seine Goͤttin malt, Er sucht sie nicht im wilden Voͤlkerbran de , Die Hehre, deren Antlitz Frieden strahlt, Sie wandelt schon im deutschen Vaterlande, Sie hat dem Rechte ihren Zoll bezahlt, Sie traͤgt den Segen laͤngst verblich’ner Ahnen, Und ihre Stimme ist ein heilig Mahnen. Am Rechte balten, das ist kein Vergehen, Sein Recht verlangen, ziemt dem deutschen Mann. Es muß des Wortes Heiligkeit bestehen, Und dem Gesetz darf keine Willkuͤhr nah’n. Fest, wie die Berge gegen Sturmes Wehen, Stemmt sich die Wahrheit gegen truͤben Wahn, Sie steigt empor aus dumpfer Nebel Grauen, Ihr herrlich Antlitz will der Deutsche schauen. Es hat der Deutsche kuͤhn das Schwert gezogen, Als Tyrannei sein Vaterland bedroht, Gefahr und Drangsal hat er nicht erwogen, Er weih te sich mit Stolz dem Heldentod, Und als so manches Fuͤrstenwort gelogen, Trug er gedultig was die Zeit ihm bot, Verwelken sah er seine Bluͤthenkraͤnze, Doch Alles in der Welt hat seine Grenze. Jetzt thut es Noth ein ernstes Wort zu sagen, Die Zeit der traͤgen Duldung ist vorbei. Die Tyrannei droht an das Schwert zu schlagen, Die Freiheit mahnt mit himmellautem Schrei; Drob wollen wir als Deutsche nicht verzagen, Wer nur das Recht will, der ist wirklich frei, Und freien Muth in freier Brust zu zwingen, Wird keiner Macht, wird keiner List gelingen. Drum seid gegruͤßt, am schoͤnsten unsrer Tage, Es ist ein Gruß aus warmer Freundesbrust, Pruͤft euer Recht auf unverfaͤlschter Wage, Und seid ihr seines vollen Werth’s bewußt Dann stehet fest, beschirmt die freie Sprache, Beschuͤtzet sie, nie duldet den Verlust; Denn soll der Freiheit heil’ger Sieg gelingen So muß das Wort des freien Mannes klingen. Es wurden jetzt noch mehrere passende Toaste gebracht, darunter sich folgender von Ludwig Frey aus Neustadt auszeichnete: »Der deutschen Freiheit, der Freiheit, die Europa’s Völkern Ret- tung verkündet, vor der Fürsten und deren Schergen wie Sklaven zit- tern; der Freiheit, unter deren stolzem Panier wir heute versammelt sind, uns zu besprechen, zu belehren und zu berathen; der Freiheit durch das große Werk der deutschen Reform! Dieser Freiheit ein donnerndes, ein ewiges Hoch!« — Endlich sprachen noch die unerschrockenen Patrioten Hochdörfer, Lobbauer, Widmann und Stromeyer . Wir freuen uns, auch die Reden von Widmann und Stromeyer hier mittheilen zu können: Rede von Widmann . Deutsche Männer! Erlauben Sie mir, einige wenige Worte zu sprechen. Es ist eine nur kurze Zeit, wo sich nicht blos für Deutschland, sondern für Europa ein besseres Loos zu bereiten schien, zu jener Zeit nämlich, als die Juli-Sonne aufging und ihre Strahlen nicht nur über Deutschland, sondern über ganz Europa verbreitete. So schien es, und es war leider nur Schein! — Anstatt daß die Freiheit er- blühte, sproßte die Knechtschaft hervor und schwärzte sich ein durch die erbärmliche französische ministerielle Krämerpolitik. Die muthige, frei- heitliebende französische Nation hatte in den Tagen des Juli das Prin- zip des göttlichen Rechtes und der Legitimität, dieses Prinzip des Un- sinnes und der Völkerbedrückung, in seinen Grundfesten erschüttert, und die Volkssouverainität, das heißt die Herrschaft des Volkes und die der Vernunft proklamirt. Diese Proklamation ward in England, Spa- nien, Italien, Deutschland, Polen und überall mit allgemeinem Enthu- siasmus aufgenommen, die Völker stimmten aus vollester Ueberzeugung ein. Millionen waren die Verbündeten Frankreichs, in deren Herzen das für Freiheit begeisterte Feuer brannte, und der Haß grollte gegen die Bedrücker und Betrüger der Menschheit. Es galt, die Triebfedern in Bewegung zu setzen, und die Sessel, worauf die Junker und Aristo- kraten thronten, stürzten krachend zusammen, und der Hochaltar war erbaut, worauf der Göttin der Freiheit geopfert wurde. Frei wären die Völker gewesen, die Freiheit hätte die Reise um die Welt gemacht. Allein man verstand den Augenblick nicht zu benützen; man bestand hartnäckig auf dem Frieden, die Ehre und den Ruhm der französischen Nation befleckend, das gegebene Wort, die Patrioten des Auslandes zu unterstützen, brechend, die den Polen schuldige Pflicht schnöde verläug- nend, und ihre Nationalität auf mittelbare Weise vernichtend; man zö- gerte und zauderte, bis sich die von Furcht zusammengeschlagenen, mit schwerer Schuld beladenen, von bösem Gewissen gefolterten Kabinette, die den Kopf verloren hatten, vom Schrecken sich erholten: sie lagen in Ohnmacht darnieder und die Kammerdiener rieben den Kabinetsprinzen- Essig um die rathlose Schläfe der gekrönten Häupter. Allmählich er- wachten sie aus der betäubenden Ohnmacht, und zitternd sahen sie, wie die Völker, die die Kette von der eisernen Stange gerissen hatten, woran sie geschmiedet waren, flugs den Hammer suchten, um den Ring zu zerschlagen, der noch nicht vom Halse geloͤst war. Nun ging die Aristokratie rasch an das Werk, im Geheimen und Verborgenen, auf deu erbärmlichsten Schleichwegen, um die Kette wieder zu fassen und das Volk an die alte Stange zu fesseln. Es ist das Streben der Ka- binete, die Völker der Sklaverei zuzuführen: ich könnte Hunderte von Thatsachen aufzählen, ich übergehe sie, da sie Allen bekannt sind, um die schmerzliche Wunde nicht von Neuem aufzureißen. Das Gefühl empört sich über die Weise, wie man die Hoheit des Menschen mit Füßen tritt. Man wird auf der betretenen Bahn fortfahren und sich bestreben, das erschütterte Prinzip des göttlichen Rechtes und der Le- gitimität wieder fest zu begründen, um durch dasselbe die Völker mit der Knute zu peitschen. Nach menschlicher Berechnung ist der Krieg unvermeidlich; Frankreich wird von dem Norden angegriffen werden, um vorerst in diesem Lande, dann in den übrigen Ländern die Knecht- schaft wieder einzuführen; der Krieg wird ein Kreuzzug gegen die Frei - heit aller Völker, also auch gegen die der Deutschen seyn. Aber, Patrioten! was ist dann unsere Pflicht? Dann umgürte sich jeder mit dem Schwerte und rufe die übrigen Patrioten zur Wehre, und die Sturmglocke töne durch alle deutsche Gauen und rufe zum Kampfe für Recht und für Freiheit. Fluch jedem deutschen Manne, der das Schwert sich nicht umgürten und dadurch dem Norden die Herr- schaft über Deutschland verschaffen würde. Diese Herrschaft würde die entsetzlichste Bedrückung seyn; das Vermögen würde geplündert, die Jugend in den Schlachten dahingewürgt, die Unschuld geschändet, der freisinnige Mann geschoren und gezeichnet, gleich den Thieren, nach Sibi- rien getrieben werden; die Freiheit wäre um Jahrhunderte zurückgeführt, und die schwärzeste Nacht würde die schändlichsten Gräuel bedecken. Darum, versammelte Patrioten! seyen wir stets wach auf dem Posten, beleben wir zugleich unseren Sinn für alles was wahr, gut und sittlich ist, damit wir das Erkannte mit Macht verlangen; möchte ein wahrer, deutscher Nationalstolz in uns erstehen, der bei Anerkennung der eigenen Würde die der übrigen fremden Nationen nicht verläugnete; möchte insbesondere die Repräsentanten der öffentlichen Meinung die Ueberzeu- gung durchdringen, daß die Begründung eines glücklichen materiellen Wohlstandes und einer volksthümlichen Sittlichkeit bedingt sey durch die politische Freiheit, durch die Freiheit Deutschlands in föderativer re- publikanischer Verfassung. Hoch lebe die Freiheit und Einheit Deutsch- lands in dieser demokratischen Verfassung!« Rede von Stromeyer . Lange Jahre lag das Vaterland in Schmach; lag unser Volk in Finsterniß und in naͤchtlichem Schlummer. Es ist erwacht und an lich- tem Tage seh’ ich Tausende teutscher Maͤnner vor meinen hocherfreuten Blicken sich als Bruͤder, als Söhne eines gemeinsamen Vaterlandes be- gruͤßen. Ja das teutsche Volk ist stark und der Freiheit wuͤrdig; es waͤre ungerecht, auf seinen Namen die Schmach zu laden, die nur eine Schuld seiner Koͤnige ist. Seht, sie haben unsere heilige Vatererde in Fetzen zerrissen; sie haben durch Mauthlinien und Grenzkordons das große Volk geschieden; sie haben die Staͤmmme des teutschen Volkes ihrer Namen beraubt, wie es der grausame Selbstherrscher seinen polnischen Schlacht- opfern thut, bevor er sie in Sibiriens Bergwerke schickt, und sie haben uns mit den Namen der Zwingherrnhaͤußer gebrandmarkt. Und dennoch hat der Teutsche seine gemeinsame Abstammung niemals vergessen! Dennoch sehen wir bei dem ersten Rufe, der im Namen der Freiheit und Nationalitaͤt ergangen ist, die Tausende und abermals Tausende unter dem wieder- standenen Banner des teutschen Volkes sich versammeln! Wenn dieser Anblick uns mit der starken Hoffnung von des Vaterlandes Wiedergeburt erfuͤllt, so duͤrfen wir uns nicht verhehlen, daß er auch zu den ernstesten Betrachtungen Anlaß giebt. Nicht die Freunde allein sehen diese zahlreiche Versammlung, auch die lauernden Feinde des Volkes richten hieher ihre Blicke; sie schaudern zusammen vor der Kraft des wiedererwachten Volkes und fuͤrchterlich hallt in ihren Ohren der Fluch, den ein von heißer Be- geisterung gluͤhender Redner an diesem Orte uͤber sie gesprochen; fuͤrch- terlicher noch ertoͤnt in ihren Ohren der Nachruf der Tausende, die von gluͤhendem Hasse durchdrungen sind gegen alle, die sie als Feinde des Vaterlandes betrachten. Werden sie nicht, wenn die versammelten Freunde in die entfernten Thaͤler ihrer Heimath zerstreut sind, wie damals nach dem Feste von Wartburg, neue Demagogen- Jagden anstellen und eure besten Freunde dem politischen Ketzergericht und der sichern Verdammung uͤberliefern? — Wird nicht die junge wiedererwachende Freiheit in dem Blute ihrer besten Vertheidiger ersticken? — Es thut Noth, daß ihr gegen Angriffe euch verwahret, es thut des Entschlusses Noth, die Grundsaͤtze, zu denen die Freunde der Freiheit sich mit Ueberzeugung bekennen, im eintretenden Fall auch mit Gut und Blut zu vertheidigen. Wer nicht mit ganzer Seele und aus allen Kraͤften die Freiheit und Wiedergeburt des Vaterlandes verlanget, der moͤge aus die- sem Kreis entschlossener Vaterlandsfreunde entweichen; wer aber bereit ist, das Vaterland und seine kraͤftigsten, waͤrmsten Freunde mit Gut und Blut zu beschirmen, der erhebe mit mir seinen Arm und schwoͤre; daß er mit Gut und Blut schirmen wolle das Vaterland und dessen Freunde vor jeder Gewalt von innen und außen ! (allgemeine Beistimmung mit erhobenen Armen). Solche Gesinnung und Thatkraft macht uns frei von Willkuͤhr und Bedruͤckung; und da wir uns selbst freigesprochen, so seien auch fortan verbannt aus dem Munde des Volkes die Namen der Zwingherrnhaͤuser, nach denen es sich bisher benannte; — die teutsche Stimme allein gelte fortan in Teutschland; die teutsche Farbe sei unser Schmuck und ein einiges Teutschland unser Ziel! Es lebe die teutsche Nation! es lebe die Freiheit!« — Die große Versammlung stimmte allgemein dem heiligen Gelübde bei, für die gesetzliche Durchführung der Reform unseres Vaterlandes kein Opfer zu scheuen. — Spät am Abend begaben sich endlich die Ver- sammlten nach Neustadt an der Haardt zurück, wo die Festlichkeiten des Tages mit mehreren Bällen beendiget wurden. — Die Mehrzahl der An- wesenden hatte Neustadt zwar am 28. Mai früh wieder verlassen, allein das Fest dauerte doch noch bis zum 1. Juni fort, und es waren vom 28. bis zum 31. Mai täglich wieder viele Tausende auf dem Schlosse Hambach versammelt. Auch an diesen Tagen hörte man von mehreren ausgezeichneten Männern gediegene Reden, namentlich von dem Deputir- sten Schüler. Es ist eine große historische Merkwürdig- keit, daß während aller dieser Festtage, bei einer Ver- sammlung von so vielen Tausenden, auch nicht der kleinste Zwist, nicht die geringste Unordnung vorfiel. So sehr war das Volk von der Würde und Heiligkeit des großen Nationalfestes ergriffen und durchdrungen, so sehr be- währte es seine Mündigkeit für politische Einheit und Volkshoheit ! Am 1. Juni wurde endlich das Fest dadurch geschlossen, daß die Fest- ordner, in Begleitung der Neustadter Bürgergarde und vieler Bürger, die auf dem Schlosse Hambach aufgesteckten beiden Fahnen, die deutsche und die polnische, feierlich in die Stadt zurückbrachten. Es wird einst geschichtlichen Werth erlangen, den Namen des Deutschen zu kennen, der unsere Fahne zum ersten Male wieder getragen hat; wir bemerken daher, daß der Oekonom Abresch , ein junger feuriger Patriot, die Ehre hatte, Deutschlands Panner zu tragen. Auch die polnische Fahne trug ein edler deutscher Jüngling, Ludwig Müller aus Neustadt. Bei der Ab- nahme der Fahnen auf dem Schlosse Hambach hielten zwei Polen, Grzy- mala und Zatwarnicki, treffliche, ergreifende Reden, die wir hier mit- theilen: Rede von Grzymala . Männer Deutschland’s! die Ihr diese polnische Fahne zur Ehre un- seres Volkes hier aufgepflanzt habt, bewahrt dieselbe auf! — Möge die Vorsehung gestatten, daß bald der Augenblick komme, wo wir, in dem großen Kampfe der Völker gegen den Absolutismus, von Euren Händen dieses theure Panner wieder erhalten, um unter demselben, ringend für die Freiheit, zu siegen oder zu sterben. Verlassen und ver- rathen von den Fürsten und Regierungen, (die uns unserm rachgierigen Feinde preißgegeben haben), vertrauen wir heute im Angesichte des Himmels, im Angesicht der Repräsentanten der deutschen Volksstämme unsere heilige Sache, die Sache der allgemeinen Freiheit, den Völ- kern , den unterdrückten und nach wahrer Freiheit stre- benden Völkern, und insbesondere Euch wackere Deutsche, die Ihr so wie wir, zu allen Opfern für die Sache der Freiheit bereit seyd. Es lebe die wahre Freiheit, auf die Volkshoheit gestützt! — Es lebe die brüderliche Freundschaft aller nach Freiheit ringenden Nationen! Es lebe das große vereinigte Deutschland! — Rede von Zatwarnicki . Deutsche ! Eure Liebe für die allgemeine Freiheit, euer Enthusiasmus für alles Schöne und Erhabene, diese entschiedene Bereitwilligkeit, Blut und Gut der Wiedergeburt Deutschlands zum Opfer zu bringen, muß das Herz und besonders eines Polen Herz im Innersten ergreifen. Was der Pole für den Deutschen fühlt, können Euch, meine Herren, die weni- gen Worte meines edlen Landsmannes, des Kapitains Alexander Laski sagen. — Als hier auf diesem heiligen Berge, vor Gott und den Tausenden, die hier versammelt waren, unserm Vaterlande ein lautes Lebehoch ge- bracht wurde, antwortete er: »Ich schwöre Euch, daß wir Polen bereit sind, für die deutsche Fahne unser Blut zu vergießen.« Von den Gefühlen dieses tapferen Bürgersoldaten ist jeder Pole durchdrungen! — Für wahr, es wäre nicht das Erstemal, daß Polens Söhne für Deutschlands Freiheit geblutet hätten. Die Worte hätten vielleicht auch keine Kraft und Wichtigkeit, wenn ihnen nicht Thaten vorangegangen wären. Brauche ich zu erinnern, daß die heutigen Polen die Enkel derer sind, welche unter Sobieski Deutschland und die be- drohete Christenheit gerettet haben? — Fraget die Geschichte, und sie wird Euch überzeugen, daß Polen ein fortbrennendes Opfer auf dem Altare der Menschheit seit Jahrhunderten gewesen ist. Und vor diesem letzten Kampfe, ihr wisset es wohl, gegen wen der Knutenkaiser seine Schaaren gerüstet hatte. In der größten Gefahr befand sich die euro- päische Civilisation. Polen, seinem heiligen Berufe folgend, warf sich in den blutigsten Kampf, und opferte sich für Europa! Seine Kinder schmachten jetzt in Sibirien, und in den Berggruben des grausamsten Des- poten. Einigen ist es gelungen, der Verfolgung zu entkommen. Diese hatten und haben noch der gastfreundlichsten Aufnahme sich unter euch zu erfreuen. Mit Achtuug und Liebe kommt ihr den Unglücklichen ent- gegen. Es sind die erhabensten Gefühle, die des Menschen Brust be- seelen, diejenigen, die Menschen und Nationen verbrüdern. Nie waren zwei Nationen eine der andern würdiger, als die Deutsche und die Polnische; nie war zwischen Völkern ein schönerer und festerer Bund geschlossen, als jetzt zwischen Deutschen und Polen. Möge er unsere spätesten Nachkommen noch beglücken!« — Es war beschlossen worden, beide Fahnen dem ältesten der Festord- ner, Deputirten Schopman zur Aufbewahrung zu übergeben. Bei dieser Gelegenheit sprach der für gesetzliche Freiheit wacker ar- beitende Notär Müller aus Neustadt: Indem wir die Fahne, das Symbol der Einigung Deutschlands, des Geistes des Festes, abnehmen, und dem Senior der Festordner, unserm geachteten Mitbruder zur Verwahrung übergeben, beendigen wir nur die äußere Feierlichkeit, — der Geist des Festes, wie er von uns und allen aͤchten deutschen Patrioten ausgesprochen worden, wehe immerdar, und pflanze sich fort in jedem deutschen Herzen und Ge- muͤth, er belebe, er staͤrke uns, zum muthigen ausdauernden Kampfe fuͤr Freiheit und Volksrechte. — Es lebe das verbruͤderte einige, freie Deutschland!« Bei dem Empfange der glorreichen und ehrwürdigen Panner zweier mächtiger Nationen hielt nun der würdige Veteran Schopman fol- gende Rede: Meine Herren ! So waͤre denn das Hambacher Fest, das bei manchen Schwachen, große Besorgniß erregte, in wuͤrdiger Weise beschlossen, zur Beschaͤmung aller Derer, die demselben unreine Zwecke unterlegen wollten. Moͤge der von allen gutgesinnten Deutschen hier ausgestreute Samen diejenigen Fruͤchte tragen, deren Erzielung unser Zweck war: naͤmlich moͤge der Deutsche sich nicht mehr als Baier, Badner, Hesse, Wuͤrtemberger, Sachse, Brandenburger ꝛc., sondern blos als Deutscher betrachten, und sich so zu der politischen Hoͤhe wieder erheben, die Deutschland bei der gegen- waͤrtigen Zeit so nothwendig ist, und auf welcher dereinst unsre Vaͤter standen. Zugleich wird das so eben sich endigende Fest Deutschland den Charakter des Rheinbaiern naͤher entwickeln; es wird dasselbe uͤberzeugen, daß, wenn man dessen Institutionen auf eine ungesetzliche Weise und durch Gewalt- streiche verletzen wollte, er sich maͤnnlich, ja! wenn es seyn muß, Ge- walt mit Gewalt erwiedernd, zu vertheidigen wuͤßte; daß er aber auch wenn man solche nicht verletzet, sich ruhig und wuͤrdevoll zu benehmen weiß. Bei der groͤßten Ordnung sprach sich jeder nur im Geiste und Sinne dieses fuͤr Deutschland so bedeutungsvollen Festes aus, nnd dies wird der schoͤnste Triumph dieser Tage bleiben. Sie wollen mir als dem ältesten Mitglied der Festordner die deut- sche und die polnische Fahne zur Aufbewahrung übergeben. Ich nehme sie an, als Zeichen der Verbrüderung der beiden Völker. Moͤge der Glanz unsers Banners von nun an die Herzen aller ächten Deutschen er- leuchten und in allen Gauen Deutschlands als Sonne aufgehen. Diese gehe aber nicht allein über alle deutsche Männer auf , sondern leuchte über alle Völker Europa’s. Denn alle nehmen Antheil an den Folgen des Festes. Hoch mögen mit Deutschland alle Völker leben, hoch! und dreimal hoch! — Zugleich wurde im Namen der bei dem Feste anwesenden Polen noch folgende Adresse übergeben: An die deutschen Patrioten, die das Volksfest auf dem Schlosse Hambach den 27. Mai 1832 gefeiert . Der Polen Herzen sind erfreut durch den neuen Beweis des Mit- gefühls und der Brüderlichkeit, der nach der wahren Freiheit ringenden Deutschen. Während der großen Feier (der Wiedergeburt Deutschlands gewidmet) wehte die polnische Nationalfahne neben der deutschen. Tau- sende aus verschiedenen Gauen Germaniens haben das theure Symbol unserer unglücklichen Nation mit Jubel begrüßt. Eure Redner haben mit brüderlichem Mitgefühl und der dem großen Unglücke gebührenden Achtung, der blutigen Aufopferung des polnischen Volks, in dem gro- ßen Kampfe für die Freiheit, erwähnt. Dieser feierliche Akt kann in uns nur die Ueberzeugung befestigen, daß die Deutschen in unserer 7 Sache stets die Sache der Freiheit Deutschlands, der Freiheit Euro- pa’s erblicken. Empfanget, Ihr hochherzigen Maͤnner Deutschlands, von uns Po- len, die dieser bedeutungsvollen Volksfeier beigewohnt, in diesen Wor- ten den Ausdruck des uns erhebenden Gefühls, bei dem großen Gedan- ken der Verbrüderung beider Nationen. Empfanget unsern Dank auch Ihr, edle Frauen und Jungfrauen Neustadts für die, den Polen so große Erinnerungen zurückrufende, Volksfahne, das schätzbare Werk Eurer Hände, ein Wahrzeichen Eurer und aller edlen deutschen Frauen Sympathie für unsere Sache, für die Sache der Menschheit. Neustadt an der Haardt, den 28. Mai 1832. Franz Grzymala. Cyprian Wolski (Major). B. Zatwar- nicki. Michael Tadens Dembinski. Jan. Cynski. Alexandre Suretoslawski. Xavier Kijenski (Kap.) Valentin Krosnowski. Ignace Chodkiewicz. Edmund Korabiewicz. Fergüß (Major). Leon Mazurkiewicz. Wiszkowski. Alexandre Laski (Kap.) Taege. Julius Wislouch. Diese Adresse war mit folgendem Schreiben begleitet: An die hochverehrlichen Festordner des deutschen Na- tionalfestes auf dem Schlosse zu Hambach den 27. Mai 1832. Beauftragt von unsern Landsleuten, die dem deutschen Volksfeste zu Hambach beigewohnt, diese Adresse an die deutschen Patrioten zu überreichen, erachten wir für unsere Pflicht, deren Original in Eure Hände niederzulegen, mit der Bitte: »dieselbe zum Andenken an »die Verbrüderung beider Nationen und Euer edles Mitgefühl für »unsere Sache, neben der polnischen Fahne, die bei dem Volksfeste »wehte, aufzubewahren.« Empfangen Sie hiemit, hochachtbare Männer, den Ausdruck unse- rer brüderlichen Hochschätzung. Neustadt an der Haardt, den 1. Juni 1832. Franz Grzymala. B. Zatwarnicki. Und so ist denn das erste große Nationalfest der Deut- schen wieder gefeiert worden, gekommen ist der schoͤne Tag, wo Repraͤsentanten aller Buͤrderstaͤmme vereiniget waren, um uͤber die Angelegenheiten unseres großen Vaterlandes zu be- rathen. Aber was hoͤchst wichtig ist, nicht blos auf dem Schlosse Hambach, sondern in mehreren deutschen Gauen hat man den 27. Mai als den Tag der Wiedergeburt des Vater- landes gefeiert; selbst in Paris wurde der große Tag von den dort anwesenden Deutschen, im Vereine mit gleichgesinn- ten Franzosen, Polen, Italienern, Spaniern, Portugiesen und Ungarn, unter dem Vorsitze Lafayettes festlich begangen. Ein solches Ereigniß muß vou wichtigen Folgen fuͤr unser Volk begleitet seyn. Denn es ist zur klaren Anschauung aller einsichtsvollen Patrioten gekommen, daß die Grundreform Deutschlands ein dringendes unabweisliches Beduͤrfniß sey. „Wir muͤßen die Reform bald haben, wir muͤßen sie sehr bald haben,“ — dieß war die Ueberzeugung aller auf dem Feste zu Hambach versammelten Vaterlandsfreunde. Eben darum darf aber die Wirkung des großen Tages sich nicht blos auf die Steigerung und weitere Verbreitung patriotischer Gefuͤhle beschraͤnken, sondern das bedeutungsvolle National- fest muß fuͤr die Wiedergeburt Deutschlands ein bestimmtes positives Resultat zu Tage foͤrdern. — Wir muͤßen den 27 Mai als den Tag ansehen koͤnnen, an welchem zu dem kuͤnf- tigen politischen Baue unseres Vaterlandes der Grundstein gelegt wurde, wir muͤßen von dem 27. Mai sagen koͤnnen, daß in Folge der Ereignisse dieses Tages die Patrioten aller deutschen Staͤmme bruͤderlich verbunden wurden, um eine Grundform Deutschlands auf gesetzlichem Wege durchzufuͤhren. Alle Polemik zwischen den aufgeklaͤrten Patrioten uͤber feinere Nuͤancen in den politischen Meinungen muß fortan verschwin- den, allen persoͤnlichen Streitigkeiten der Volksmaͤnner sofort ein Ende gemacht werden: alles soll nur auf ein Ziel , auf die Grundreform Deutschlands hinwirken: die politische Opposi- tion aller deutschen Staͤmme soll daher concentrirt und nach einem bestimmten Plane geregelt und geleitet werden: kein deutscher Stamm soll sich ausschließen, ein jeder soll viel- mehr die Maͤnner seines Vertrauens bestimmen, sich mit den ausgezeichnetsten Patrioten der uͤbrigen Staͤmme zu verstaͤn- digen und zu vereinigen, damit in dieser Weise ein geisti- ger Centralpunkt gewonnen wuͤrde, welcher die Grundreform Deutschlands auf gesetzlichem Wege auszuwirken und zu die- sem Behufe die gesammte legale Opposition zu leiten geeignet und berufen waͤre. Einer solchen Vereinigung geistiger Kraͤfte wuͤrde dann die Macht gegeben seyn: 1) fuͤr die Nothwen- digkeit der Grundreform Deutschlands, durch die Presse, oͤffent- liche Reden, oder andere erlaubte Belehrungsmittel die oͤffent- liche Meinung aller deutschen Volksstaͤmme zu gewinnen und sodann 2) durch den Ausdruck der oͤffentlichen Meinung, ins- besondere durch Adressen, Motionen bei Staͤndeversammlun- gen und Provinziallandtagen, sowie durch andere erlaubte Mittel die Einwilligung der Regierenden zur Durchfuͤhrung der Reform auszuwirken. Die bruͤderliche patriotische Verei- nigung wuͤrde sich in dieser Weise gewiß bald uͤber ganz Deutschland erstrecken, wenn alle Maͤnner sich die Hand rei- chen, die das Vertrauen der einzelnen Stämme genießen. Ein aus Mitgliedern aller Bruͤderstaͤmme zusammen zu setzen- des Comite koͤnnte sodann die legale Opposition in allen deutschen Laͤndern, namentlich alle Oppositionsjournale nach einem bestimmten geregelten Plane leiten und nicht nur auf Aufklaͤrung aller Volksklassen, sondern auch: 1) auf Bildung von patriotischen Gesellschaften der Maͤn- ner und Juͤnglinge, Frauen und Jungfrauen in allen Provinzen und bedeutenden Staͤdten Deutschlands, 2) auf bruͤderliche Verstaͤndigung mit andern Voͤlkern uͤber die wahren Interessen Europa’s und endlich 3) auf großartige Vermehrung des Fonds zur Unter- stuͤtzung der freien Presse, zur Verbreitung belehrender Schriften und Journale, sowie zur Befoͤrderung ande- rer patriotischer Unternehmungen mit Erfolg hinweisen. Auf solche Weise wuͤrde dann das große Werk der deutschen Reform, ohne allen Zweifel durch unsere eigene Kraft ohne fremde Einmischung gelingen, es wuͤrde insbesondere auf voͤllig erlaubtem Wege zu Stande gebracht werden. Darum wenden wir uns im Namen des Vaterlandes an alle die großen Deutschen welche das Vertrauen der ver- schiedenen Bruͤderstaͤmme genießen. In ihrer Hand liegt jetzt das Schicksal unseres Volkes. Die Zeit zum Handeln ist gekommen. Wollen alle die Maͤnner, die am politischen Himmel Deutschlands, als Sterne erster Groͤße glaͤnzen, zur Wiedergeburt des Vaterlandes in vorbemerkter Weise sich vereinigen, so ist das Gelingen des großen Werkes verbuͤrgt. Zu Euch, ihr gefeierten Maͤnner des Volkes in den verschie- denen deutschen Wahlkammern, dann zu Euch, die ihr sonst durch Vertheidigung der Volkssache oder durch anderes patri- otisches Wirken das Vertrauen des Volkes in den einzelnen Pro- vinzen erworben habt, endlich zu allen denen, die den Willen und die Kraft fuͤhlen, fuͤr das Vaterland etwas zu wirken, zu Euch allen erheben wir unsere Stimme und beschwoͤren Euch zur Reform Deutschlands, auf gesetzlichem Wege, innig euch zu verbinden und dem Streben unserer großen Zeit eine feste sichere Richtung zu geben. Niemand ist so anmaßend, zu fordern, daß man bestimmte Doctrinen blindlings unter- zeichne. Ihr sollt vielmehr erst unter einander berathen und beschließen, welche Reform dem Vaterlande die heilsamste sei. Eure tiefen Einsichten werden uͤber die Grundsaͤtze der Re- form, wie solche in der oͤffentlichen Meinung aller Bruͤder- staͤmme den meisten Anklang finden wuͤrde, sehr bald sich vereinigen. Ihr habt dann die Macht, die abweichenden Nuͤancen in den politischen Ansichten zu verschmelzen, und die Mitglieder aller freisinnigen politischen Confessionen zur plan- maͤßigen Verfolgung eines gemeinschaftlichen Zieles zu vereini- gen. Deutschland wird dann durch eigene Kraft zu Macht und Groͤße emporsteigen. Das Vaterland ruft: uaͤhert , vereiniget euch, setzt euch bald gegenseitig in geistigen Rapport. Laßt nicht von euch sagen, daß ihr wegen Meinungsverschieden- heit oder wegen persoͤnlichen Ruͤcksichten, vielleicht aus Ängstlichkeit, Vorliebe oder Haß, von der Vereinigung fuͤr die Reform Deutschlands abgehalten wurdet, und daß nichts im Stande war, euch zu vermoͤgen, die Ereigniße mit fester Hand zu leiten und dem Streben einer großen Zeit eine sichere Richtung zu geben. Nein! ihr werdet das nicht von euch sagen lassen. Das Vaterland darf euch vertrauen. Wir duͤrfen mit freudiger Hoffnung ausrufen: Es bluͤhe und gedeihe die Grundreform Deutschlands ! Wir schließen die Beschreibung der großen Tage, die in der Brust aller Anwesenden so heiße Wuͤnsche fuͤr des Vaterlandes baldige Erloͤsung erweckten, am wuͤrdigsten mit folgendem von Siebenpfeiffer gedichteten Gesange: Am deutschen Rhein, was blitzt vom Berg hernieder In’s schwarzumflorte Thal? Erstand ein Christ, ein Völkerheiland wieder? Zuckt dort ein Himmelsstrahl? Und welche Sterne locken her die Weisen? Was lockt der Menschen Schaar? Will sich ein Gott im Feuerbusche weisen? Wird dunkle Zukunft klar? Ein Gotteskind wohl ist’s, trägt Vaters Stempel, Welt-Heil im Augenlicht; Geboren ist’s im weiten Völkertempel, In Himmels Angesicht. Der Freiheit Kind, dem Sklavenschooß entwunden, Liegt, trotz dem Heil’genschein, Ach! mit Tyrannenketten festgebunden, Zum Ew’gen dringt sein Schrei’n. Das Kind, das, frei erzeugt, in Fesseln schmachtet, Das Kind im Nachtgewand, Das trotz dem Strahlenkranz so tief verachtet, Ist unser — Vaterland. O Vaterland! Du bist es, das im Glanze, Mit magischer Gewalt — Du bist es, dessen Haupt im Gotteskranze Vom Rhein so leuchtend strahlt. Und was die Männer treibt aus fernen Landen, Ist deutsche Kraft und Muth; Das Vaterland zu lösen von den Banden, Weih’n sie ihm Hauch und Blut. O Ewiger! laß diese Sterne blitzen In Deutschlands dunkle Nacht, Daß sie erbeb’ auf ihren Nebelsitzen, Der Dränger finstre Macht. Du siehst den Bund — wer will ihn noch verdammen? — Trägt er nicht deine Spur? Keusch ist das Herz, rein sind des Geistes Flammen, Geheiligt unser Schwur. Drum wird’s vollbracht; der Männer heilig Glühen Ist uns ein Unterpfand: Hinsinkt Gewalt, der Freiheit Funken sprühen, Aufjauchzt das Vaterland. Auf! auf! Ob auch die Hölle mit dir ränge, Empor, o Vaterland! Erhebe dich! hörst du die Siegesklänge, O deutsches Vaterland? Erhebe dich! Ein Gott zerreißt der Knechtschaft Bande, Wenn dein Entschluß gestählt: Der Deutschen Ruhm dann tönt von Land zu Lande, Und Freiheit! jauchzt die Welt.