C hristian Thomasens/ JCti, Chur-Brandenburdischen Raths und Professoris zu Halle V on der K unst Vernuͤnfftig und Tugendhafft zu lieben. Als dem eintzigen Mittel zu einen gluͤckseligen/ galan ten und vergnuͤgten Leben zu gelangen/ Oder E inleitung Zur S itten L ehre Nebst einer Vorrede/ Jn welcher unter andern der Verfertiger der curiösen Monatlichen Unterredungen freundlich erinnert und gebeten wird/ von Sachen die er nicht verstehet/ nicht zu urtheilen/ und den Autorem der- mahleinst in Ruhe zu lassen. Halle / Druckts und verlegts Christoph Salfeld/ Chur-Fuͤrstl. Brandenb. Hoff-Buchdr. Dem Durchlauchtigsten Fuͤrsten und Herrn/ HERRN J ohann G eorgen F uͤrsten zu A nhalt/ Hertzogen zu Sachsen/ Engern und Westphalen/ Graffen zu Ascanien, Herrn zu Zerbst und Bernburg/ Der Chur- und Marck-Brandenburg Hochverordneten Stadthalter Und General Feld-Marschalck: Meinem Gnaͤdigsten Fuͤrsten und Herrn. Durchlauchster Fuͤrst Gnaͤdigster Herr. S O unterschiedlich und auff eine fast unzehlbahre Weise die menschlichen Gemuͤther einem der die Welt nur oben hin ansiehet ge- mischt zu seyn scheinen/ so ist doch unlaugbar/ daß nicht mehr als Vier Passiones Domi- nantes oder Haupt-Gemuͤthsneigungen sind/ aus derer Vermischungen die Veraͤnde- rung aller derer andern Affecten, sie seyn nun gut oder boͤse entstehen/ auch alle Gemuͤther der Menschen und ihre daher ruͤhrende Gedan- a 2 cken Unterthaͤnigste cken aus denenselben beurtheilet werden koͤn- nen. Die eine darvon ist diejenige/ so gerade zur hoͤchsten Gluͤckseligkeit fuͤhret/ nemlich die vernuͤnfftige Liebe anderer Menschen. Die andern drey aber sind die Liebe zur Wollust/ die Liebe zur eitelen Ehre/ und die Liebe zum Gelde. Diese dreye gehoͤren an und vor sich selbst zur unvernuͤnfftigen Lie- be/ und fuͤhren den Menschen unter dem Schein einer wahren Gluͤckseligkeit von der Gemuͤths-Ruhe in eine stetswehrende Unru- he/ wiewohl immer eine von der vernuͤnfftigen Liebe weiter entfernet ist als die andere. Die Wollust-Liebe ist derselben noch am naͤchsten/ weil sie doch noch mehrentheils mit Treuher- tzigkeit und Barmhertzigkeit vergesellschafftet ist/ und die Wahrheit zu sagen nicht so sehr anderen Menschen als sich selbsten schadet. Die Liebe zur eitelen Ehre ist schon weiter entfernet/ denn hier ist mehr Neyd/ Miß- trauen/ Unbarmhertzigkeit/ Falschheit/ Be- trug/ und man schonet seine Ehrgierde zu be- gnuͤgen keines Menschen. Jedoch kan man solche Leute noch in Menschlicher Gesellschafft brauchen/ weil sie gemeiniglich von grossen Ver- Zuschrifft. Verstande sind/ und so lange sie von denen die uͤber sie sind/ Beforderung hoffen/ denen- selben doch solche Submission und Dienste er- weisen/ die sonsten von liebenden Personen her zu ruͤhren pflegen/ auch endlich denen so sie veneri ren/ so lange sie solches thun/ alles gutes erweisen. Aber die Geld-Liebe ist gar zu irraisonnabel. Denn da sind nicht alleine alle die Laster/ die mit der Ehrgierde ver- knuͤpffet sind/ anzutreffen/ sondern ein Gei- tziger schonet keines Menschen/ wenn er nur einen Thaler profit machen kan/ da hingegen ein Ehrgeitziger dieses fuͤr eine grosse lachet è haͤlt. Ja ein Geitziger ist gar zu nichts gu- tes zu gebrauchen/ in dem er keinen Men- schen gutes thut; Wannenhero auch jener nicht unfuͤglich den Geitzigen mit einem Schweine verglichen/ das man anders nicht als wenn es geschlachtet und ertoͤdtet ist/ ge- niessen kan. Und wie wolte ein solcher Mensch andern gutes thun/ in dem er selbsten bey seinem Geld-Sack verhungert? ja es weiset noch dieses gantz Augenscheinlich/ daß nichts vernuͤnfftiges in dem Geld-Geitz sey/ indem da sonst gleich und gleich einan- a 3 der Unterthaͤnigste der lieben/ und auch zwischen zweyen Wol- luͤstigen und Ehrgeitzigen zum wenigsten eine Schein- und vernuͤnfftige Liebe ist/ doch zwey Geitzige einander nicht alleine nicht lie- ben/ sondern auch auff das aͤusserste hassen. Diese Anmerckungen aber sind nicht alleine in der gesunden Vernunfft gegruͤndet/ son- dern die Goͤttliche Offenbahrung stimmet da- mit gantz offenbahrlich uͤberein. Die groͤste Gluͤckseligkeit bestehet in der Liebe GOttes und des Nechsten. Und ob schon die vernuͤnff- tige Liebe nicht so vollkommen ist als die Christliche Liebe/ so ist doch die. vernuͤnfftige Liebe so zu sagen ein Staffel/ dadurch man zu der Christlichen Liebe gelangen kan/ und wie derjenige GOTT ohnmoͤglich lieben kan/ der nicht einmahl seinen Bruder lie- bet; Also kan derjenige ohnmoͤglich andere Menschen Christlicher Weise lieben/ der nicht einmahl dieselbigen vernuͤnfftig liebet. Wie- derumb werden die Wollust/ Ehrgierde und Geld-Liebe unter dem Nahmen der Flei- sches-Lust/ des hoffaͤrtigen Lebens/ und der Augen-Lust zum oͤfftern in Heiliger Schrifft als die drey Haupt-Laster vorgestel- let. Zuschrifft. let. Und wiewohl eher ein wolluͤstiger Mensch der halb truncken in eines Philoso- phi Auditorium, denselben auszuspotten/ ge- gangen/ durch dessen vernuͤnfftige Lehre von der Maͤßigkeit/ der Wollust abgezogen/ und zur Weißheit gebracht worden; Also haben sich viel Wolluͤstige zu Christo bekehret/ und kamen am ersten zur Tauffe Johannis/ die stoltzen Pharisaͤer waren die letzten/ und glaubten die wenigsten unter ihnen an dem Heyland/ so gar daß er selbst denen Hurern und Ehebrechern das Reich GOttes eher verspricht/ als denen Ehrgeitzigen Phari- saͤern. So wird auch endlich der Geitz eine Wurtzel alles Ubels genennet/ und ausdruͤck- lich gemeldet/ daß es leichter sey/ daß ein Cameel durch ein Nadeloͤhr gehe/ denn daß ein Reicher/ der nemlich das Hertz an das Reichthum haͤngt/ in das Reich Gottes komme/ und an einem ander Orthe wird abermahls unter dem Gleichniß von Auge gemeldet/ daß wenn das Auge ein Schalck sey/ auch der gantze Leib finster sey/ welches nicht unfoͤrmlich auff den Geitz applici ret wird/ weil derselbe/ wie gedacht/ durch die a 4 Augen- Unterthaͤnigste Augen-Lust pfleget angedeutet zu werden. So wenig aber als man Exempel von sol- chen Menschen antrifft/ die die vernuͤnfftige Liebe in einem sehr hohen Grad besitzen/ son- dern mehrentheils bey denen Tugendhafften viel Schwachheiten von Wollust/ Ehrgier- de und Geld-Liebe mit unterlauffen; so we- nig koͤnnen wir auch sagen/ daß die drey Haupt-Laster/ ob sie gleich viel oͤffter in einem hohen Grad angetroffen werden als die ver- nuͤnfftige Liebe/ jedes fuͤr sich alleine sey/ son- dern es sind dieselbigen gleichfalls mit denen andern Haupt-Gemuͤths-Neigungen ver- mischt/ jedoch solcher gestalt/ daß allezeit ei- ne von diesen dreyen fuͤr denen andern Affe- cten, mit denen sie vermischt ist/ die Ober- hand behaͤlt/ und solcher gestalt la passion dominante pfleget genennet zu werden. Man kan dieses gar artig aus denen Vier Tem- peramen ten der Menschen nach der Na- tur-Kunst sehen. Wer ein recht Phlegma hat/ ist der vernuͤnfftigste Mensch/ und muß nothwendig auch der groͤsten Gluͤckseligkeit und der vernuͤnfftigen Liebe faͤhig seyn. Diesem Temperament ist ein Sang vineus am Zuschrifft. am naͤhesten/ bey deme die Wollust die o- berste Gemuͤths-Neigung ist. Ein Chole- ricus ist schon weiter von dem Phlegma ent- fernet/ und bey demselben raget die Ehr- gierde uͤber die andern Affect en empor. Die Melancholici, gleich wie sie die wunder- lichsten sind; Also ist der staͤrckeste Trieb bey ihnen zu der Geld-Liebe. Ja es ist gantz leichte die Eintheilung des Guten in bonum honestum, jucundum \& utile, wenn man nach Anleitung dessen/ was ich in dem ersten Hauptstuͤck dieser meiner Sitten-Lehre erin- nert/ das bonum Decorum darzu setzet/ nach denen vier Haupt- Passio nen/ und denen itzt- besagten vier Temperamen ten einzutheilen. Ein Phlegmaticus ist ein rechter honnét homme, und trachtet in allen der wah- ren Tugend-Ehre/ ob er schon von dem groͤsten Hauffen der Welt nicht sonderlich hoch/ sondern wohl gar verachtet wird. Ein Sangvineus macht von dem bono jucun- do den groͤsten Staat. Ein Cholericus hat mit dem Decoro am meisten zu thun. Und endlich ein Melancholicus strebet nach dem bono utili. Gleich wie aber in der a 5 Mah- Unterthaͤnigste Mahler-Kunst nur fuͤnff Haupt-Farben seyn/ Weiß/ Gelb/ Roth/ Blau und Schwartz/ aus derer Vermischung alle die andern Far- ben entstehen/ die wegen den unzehlichen Grade der Vermischung auch unzehlich sind; Also entstehen auch aus denen unterschiedenen Graden der Vermischung derer vier Haupt- Gemuͤths-Neigungen unzehliche Tempera- mente, die ein Mensch/ der die Welt recht kennen/ und seine Politique recht veꝛstehen wil/ nothwendig begreiffen muß/ wenn er anders die Gemuͤther recht erforschen/ und die Capa- ci taͤt der Menschen erlernen wil. Denn bald findet man einen Menschen der viel Wollust besitzet/ die mit der Ehrgierde nach Gele- genheit derer Individuorum bald in einem wenigen/ bald in einem hoͤhern Gꝛad vermischt/ ist. Bald findet man einen Ehrgierigen/ beydeme man eine merckliche Vermischung entweder der Wollust oder der Geldgierde antrifft. Die Geldgierde und Wollust las- sen sich am unfoͤrmlichsten zusammen vermi- schen/ und wo man ja dieselben/ welches doch sehr selten geschicht/ in einem hohen Grad beysammen antrifft/ so entstehet alsdenn ein solch Zuschrifft. solch laͤcherlich Temperament daraus/ daß man erschrickt/ wenn man die andern Neben- Affecten, die aus dieser Vermischung entste- hen/ und nicht anders als widerwaͤrtig seyn koͤnnen/ betrachtet. Weswegen auch die Sa- tyrici und Comoͤdien-Schreiber/ wenn sie ein laͤcherlich Possen-Gpiel vorstellen wollen/ gemeiniglich einen alten Mann der verliebt ist/ auffuͤhren/ weil das Alter insgemein geitzig/ und ihre Liebe mehr wolluͤstig als ver- nuͤnfftig ist/ massen dann die Comoͤdie des Moliere, die er von dem Geitzigen gemacht/ bey nahe die allerlaͤcherlichste ist. Wiewohl meines Erachtens die Thorheit so aus dieser Vermischung entstehet/ viel deutlicher unter der Person eines jungen wolluͤstigen Kerls ab- gemahlet werden koͤnte. Was die vernuͤnff- tige Liebe anlanget/ so ist dieselbige mehren- theils entweder mit der Liebe zur weltlichen Lust/ oder mit dem Ehrgeitz vermenget/ aber mit dem Geld-Geitz hat sie gar nichts zu thun/ weil derselbe von ihr noch vielmehr ent- fernet ist als die Wollust/ ob sie schon dann und wann das Geld ein wenig liebet. Und paßiret dannenhero in dieser Unvollkommen- heit Unterthaͤnigste heit da man nicht alles zur Perfection brin- gen kan/ derselbe durchgehends fuͤr einen hon- nét homme, der seiner Affect en am meisten Meister ist/ welcher ein lustiges und Ehrgie- riges Temperament in einem gleichen Gꝛad besitzet. Denn ein solcher Mensch schickt sich zum Ernst und Freude am besten. Die Ehr- gierde haͤlt ihn insgemein zuruͤcke/ daß er nicht unvernuͤnfftiger Weise in denen Wolluͤ- sten verfaͤllet/ und sich fuͤr der Welt prostitui- ret. Wiedrumb so haͤlt ihn die aus dem Tem- perament der Lufft herruͤhrende Aufrichtig- keit und Barmhertzigkeit ab/ daß er sich in dem Ehrgeitz nicht allzuweit versteiget/ sondern durch dieselbige seine Ehrgierde daͤmpffet/ daß sie andern Menschen nicht zu Schaden/ fon- dern vielmehr zu Dienste gereichet. Ja es bezeuget es die taͤgliche Erfahrung/ daß ein solcher Mensch/ wenn er die Schwachheiten und Eitelkeiten der Jugend uͤberwunden/ entweder in seinem Maͤnnlichen oder hohen Alter sich ein rechtes Phlegma erwirbet/ und die vernuͤnfftige Liebe am meisten erlanget. Unter denen Heyden scheinet Alcibiades mit einem solchẽ Temperament begabet gewesen zu Zuschrifft. zu seyn/ und werde ich wenig irren/ wenn ich sage/ daß der Weiseste unter denen Koͤni- gen Salomo eine dergleichen Leibes-Mischung gehabt/ wovon fast alle Umbstaͤnde seines Le- bens/ welche die heilige Buͤcher beschrieben/ Zeugniß geben koͤnnen/ als die alle dahin zie- len/ daß man aus denenselben lauter Ehre und Liebe abmercken kan. Ja es sind end- lich solche Gemuͤther am geschicktesten von der wahren Sitten-Lehre und vernuͤnffti- gen Liebe zu Urtheilen/ da hingegentheil ein gantz wolluͤstiges Gemuͤthe zwar die Wahr- heit der Lehr-Saͤtze der vernuͤnfftigen Liebe bal- de begreiffen/ aber wenn sie nicht mit Ehr- gierde temperi ret sind/ die Praxin dererselben bey nahe fuͤr unmoͤglich halten. Ein Ehr- geitziger hingegentheil findet schon bey der Er- kaͤntniß der veꝛnuͤnfftigen Liebe mehr Scrupel, und hat die groͤsten Schwierigkeiten/ sich eine rechtschaffene Idee von der Tugend zu machen. Und ein Geldgeitziger endlich/ gleich wie er vernuͤnfftigen Menschen am irrraisonnable- sten vorkoͤm̃t; Also scheinet ihm alles/ was von der Tugend und der vernuͤnfftigen Liebe gesagt wird/ laͤcherlich; Ja er kan sich nicht ruͤhmen/ daß Unterthaͤnigste daß er nur den untersten Grad derselben sie zu practici ren sich angewoͤhnen koͤnne. Wann ich demnach nach der Gewohnheit derer Scribenten mir fuͤrgenommen/ diese meine Sitten-Lehre der Censur eines honnét homme durch eine Zueiguns-Schrifft zu unterwerffen; Habe ich dafuͤr gehalten/ we- der etwas tummkuͤhnes noch unvernuͤnfftiges zu begehen/ wann fuͤr Ewrer Hoch- Fuͤrstlichen Durchlauchtigkeit ich dieselbe in unterthaͤnigsten Gehorsam nieder- legte. Denn zu geschweigen der vielfaͤltigen Hoch-Fuͤrstlichen Gnaden/ mit denen Ewre Hoch-Fuͤrstliche Durch- lauchtigkeit mich bishero unverdienet uͤ- berhaͤuffet/ und uͤber dieses Seiner Chur-Fuͤrstlichen Durchlauchtig- keit zu Brandenburg maͤchtigen Schutz wider meine Verfolger durch Dero hoch- guͤltige Recommendation mir zu wege ge- bracht: So haben die ungemeinen Tugenden/ die Ewre Hoch-Fuͤrstliche Durch- lauchtigkeit als ihr bestes Eigenthumb besitzen/ mir solches Unterfangen gleichsam anbe- Zuschrifft. anbefohlen. Sie sind also beschaffen/ daß Sie daß Lob einer Privat- Person/ wie ich bin/ uͤbersteigen/ und mein Temperament ist am wenigsten geschickt jemand einen Pane- gyricum zu machen; Jedoch wird jederman/ dem die Gnade wiederfahren/ Ewre Hoch-Fuͤrstliche Durchlauchtigkeit zu kennen/ oder Sie nur zu seben/ mich von aller Schmeicheley loß sprechen/ wenn ich sage/ daß Ewrer Hoch-Fuͤrstlichen Durchlauchtigkeit gantzes Leben aus Ehre und Liebe zusammen gesetzet sey. Die Freundligkeit/ mit welcher Ewre Hoch- Fuͤrstliche Durchlauchtigkeit jeder- man begegnen/ den Sie Jhrer Anrede wuͤr- digen/ ziehet aller Hertzen an sich/ dieselbige zu lieben/ und die aus Dero Augen hervor leuchtende ernsthaffte Großmuth/ vermischet diese Liebe mit einer unterthaͤnigen Ehrfurcht/ und Vertrauens-vollen Respect. So nehmen dann Ewre Hoch- Fuͤrstliche Durchlauchtigkeit diese oͤf- fentliche Bezeugung meiner unterthaͤnigsten Liebe und Hochachtung in Gnaden an/ und lassen Unterthaͤnigste Zuschrifft. lassen Dero Hoch-Fuͤrstliche Gnade und Hulde mich noch ferner weit geniessen/ als worumb ich in unterthaͤnigsten Gehorsam bit- te/ und Lebenslang verharre Ewrer Hoch-Fuͤrstl. Durchl. Halle den 16. Aprilis 1692. Unterthaͤnigster Gehorsamster Christian Thomas. Vor- Vorrede. I. M An pfleget insgemein in denen Vorreden von dem Absehen und Jnn- halt eines Buchs zu di- scuri ren. Dieweil aber dieses all- bereit von mir in unterschiedenen Programmatibus geschehen/ auch die fuͤr jedem Capitel vorgesetzte Summaria dem Leser in Kuͤrtze den gantzen Jnnhalt der Sitten Lehre vorstellen; Als wil ich nur etwas weniges noch eꝛinnern wegen der un- terschiedenen Judiciorum die von dieser meiner Lehr-Art und von der Idee der vernuͤnfftigen Liebe gefaͤllet b wer- Vorrede werden moͤchten. Es werden we- nig Moralisten seyn/ die die Morale nicht nach dem Catalogo derer II. Aristoteli schen Tugenden eingerich- tet haͤtten/ von der ihrer Unvollkom- menheit ich anderswo ausfuͤhrlich gehandelt. Wiewohl ich nun mich in geringsten fuͤr denen Anbetern des Alterthums nicht fuͤrchte/ weñ gleich meine Lehr-Art gantz neu waͤre; so ist sie doch auch beschaffen/ daß man mich hierinnen entweder gantz und gar einer Neuerung/ oder daß ich dieselbe einem andern gantz abge- borget/ nicht wird beschuldigen koͤn- nen. Geulinx hat sich schon in sei- ner Ethic umb die Aristoteli schen Tugenden nicht bekuͤmmert/ und in Teutschland haben etliche Professo- res auff einer beruͤhmten Universitaͤt die Liebe in ihren Sitten-Lehren zum Grunde geleget. Zu geschweigen derer Vorrede. derer jenigen von denen Aristotelicis selbst/ die ex fontibus Amicitiæ die Pflichten und Verbindlichkeiten des menschlichen Geschlechts hergefuͤh- ret haben. Jedoch wird man gar leichte befinden/ wenn man meine Sitten-Lehre gegen diese Autores halten wird/ daß ich ohne Ruhm und Eitelkeit dieses Buch fuͤr das meinige ausgeben koͤnne/ und daß zwischen ihrer Lehr-Art und der mei- nigen ein grosser Unterscheid sey. 2. Den Concept betreffend/ den ich durchgehends von der vernuͤnff- tigen Liebe gemacht/ so wil ich nicht prætendi ren/ daß derselbe allen Menschen oder vielen gefallen solte/ denn sonsten waͤre es eine Anzei- gung/ daß ich ihn nicht nach den Re- geln der Weißheit eingerichtet haͤtte; So wil ich mir auch die Muͤhe nicht machen/ alle Censu ren die man daruͤ- b 2 ber Vorrede. ber machen wird/ zu beantworten; (Denn man muß die Leute reden/ und zuweilen auch calumni ren lassen;) sondern ich wil nur erinnern/ was fuͤr Sor ten Leute ich fuͤr capabel hal- te von dieser Sitten-Lehre zu urthei- len/ und wegen der zwey fuͤrnehmsten Censu ren so etwan gefaͤllet werden moͤchten/ etwas anmercken. Es sind dreyerley Art Leute in der Welt: Unvernuͤnfftige Menschen oder Be- stien, Menschen oder weise Tugend- haffte Leute/ und endlich gottseelige Christen. Was die erste betrifft/ so stecken die meisten Menschen noch leider in der Bestiali taͤt/ wiewohl ei- ner mehr als der andere/ und ist eben diese meine Sitten-Lehre fuͤr dieselbi- gen geschrieben/ sie aus diesem elen- den Stande heraus zu reissen/ und ihnen die Gluͤckseeligkeit der ver- nuͤnfftigen Liebe/ die sie erst zu rechten Men- Vorrede. Menschen machen wuͤꝛde/ abzumah- len. Sind nun solche Leute noch jung und brauchen Information, so sind sie ohne dem noch nicht allzuge- schickt Censur en uͤber Buͤcher zu ma- chen/ sondern sollen sich vielmehr be- fleißigen/ alles das was sie nicht ir- raisonnabel befinden/ mit Danck an- zunehmen/ ob es schon nicht nach ih- rem gout ist/ denn sie koͤnnen sich gar leicht einbilden/ daß sie noch mehren- theils einen verderbten Geschmack haben. Sind sie aber bey Jahren/ so werden sie zwar sehr wohl thun/ wenn sie meine Sitten-Lehre ungele- sen lassen/ indem ich sie nicht vor sie geschrieben/ und wohl weiß/ daß es Menschen Vermoͤgen uͤbertrifft ei- nen alten Kerl/ der noch eine Bestie ist/ aus diesen Stand heraus zu reis- sen. Lesen sie sie aber/ und wollen dieselbe als was chimeriques duꝛch- b 3 ziehen/ Vorrede. ziehen/ so stehet es ihnen auch frey/ und werde ich mich daruͤber nicht movi ren/ weil mir alle ihre Judicia vorkommen werden wie trunckener Leute. Denn wie wolte eine Bestie die Empfindlichkeit und reflexion eines Menschen haben? Derohal- ben sehe ich allbereit zuvor/ daß un- ter allen Staͤnden die meisten von denen/ die mein Buch lesen werden/ sagen werden/ es sey keine vernuͤnff- tige Liebe in der Welt wie ich be- schrieben/ sondern man muͤsse selbi- ge in dem zukuͤnfftigen Leben erwar- ten; und haͤtte ich dannenhero un- weißlich gethan/ der Jugend von ei- ner zeitlichen Gluͤckseligkeit fuͤrzu- schwatzen/ die doch zu erhalten nicht moͤglich waͤre. Aber ich bitte alle diejenigen/ daß sie sich doch nur alle erbare Heyden und Weisen/ als den Seneca, Cicero, Pomponius Atti- cus, Vorrede. cus, Agricola u. s. w. vor Augen stellen/ und aus derer Lebens-Be- schreibung oder Schrifften erken- nen/ daß diese allerdings die ver- nuͤnfftige Liebe/ wo nicht in ihrer Vollkommenheit/ doch in einem mercklichen Grad geschmeckt und besessen haben. Und ist leider zu er- barmen/ daß wir Christen heissen/ und noch nicht einmahl die Mensch- heit erreichet haben; und daß unter denen/ die unter uns denen andern ein Exempel eines Christlichen Le- bens geben solten/ die meisten nicht alleine wie die Bestien leben/ sondern auch die armen Einfaͤltigen und Ler- nenden auff ihr eigen Exempel wei- sen/ sich nach demselben einen Con- cept der Tugend zu machen/ da doch ihre Hertzen Tempel der Wollust/ des Ehr- und Geld-Geitzes sind. Sol- cher gestalt aber bildet man sich b 4 durch Vorrede. durchgehends ein/ derselbige sey ein tugendhaffter ehrlicher Mann/ der keine solche Laster begehe/ die der Hencker und Obrigkeit bestraffe/ wenn er gleich sonst neydisch/ grau- sam/ betrieglich/ stoltz/ unbarmher- tzig und so weiter sey. Dieses seyen menschliche Schwachheiten/ die kein Mensch in dieser Welt/ ja nicht ein- mahl ein Christ loß werden koͤnne. Und wer sich einbilde oder die Ju- gend anders lehre/ und zu einen Tu- gendhafften Leben anmahnen wolle/ sey ein Fantaste oder Heuchler. So offenbarlich aber als der grosse hauf- fen solcher Christen duͤrch die Hey- den beschaͤmet wird/ und seine Vie- hisch heit durch solche Lehre sehen laͤs- set/ so wenig haben wir solcher Be- stien ihre Censu ren zu fuͤrchten. 3. GOtt sey Danck/ daß wir noch unter Menschen/ ja unter wahren Chri- Vorrede. Chꝛisten leben/ ob gleich derer Anzahl sehr wenig und geringe ist. Beyde weꝛden gar deutlich erkennen/ daß ich nicht zuviel von der Tugend und wahren Liebe geschrieben habe. Beyde werden erkennen/ daß ich die Vernunfft und Offenbahrung nicht mit einander vermischt/ sondern nur in so weit die Tugend beschrieben ha- be/ als man dieselbe vermoͤgend ist/ durch natuͤrliche Kꝛaͤffte zu erlangen. Derowegen werden sich auch junge Leute und andere/ die GOttes Guͤte alsbald aus der Bestiali taͤt in den Stand des Christenthumbs ge- bracht/ nicht aͤrgern/ wenn sie finden werden/ daß ich in Beschreibung der vernuͤ fftigen Liebe nach ihrer Mey- nung vielleicht noch zu wenig gesagt/ und solche Dinge fuͤr Tugendhafft und vollkommen auszugeben/ die in Betrachtung der Christlichen Liebe b 5 und Vorrede. und der Verlaͤugnung seiner selbst fuͤr lau- ter Unvollkommenheiten und Maͤngel gerechnet werden muͤssen. Jhr Aerger- niß wird bald auffhoͤren/ wenn sie betrach- tet werden/ daß ich mir nicht fuͤrgenom- men/ meine Zuhoͤrer zu Christen/ sondern zu Menschen zu machen. Mein Beruff gehet nicht weiter/ und ich gebe mich in dem Christenthum selbst noch fuͤr einen Schuͤ- ler/ nicht aber fuͤr einen Lehrer aus. Verleyhet mir aber GOtt Leben/ Gesund- heit und Kraͤffte/ so bin ich gesonnen/ wenn ich meine Philosophie werde absolvi ret haben/ in einem besondern Tractat zu zei- gen/ daß ich in meinen Philosophi schen Schrifften durchgehends nichts anders gelehret/ als was mit der Heil. Schrifft/ wenn sie von der Philosophi schen Weiß- heit und Tugend redet/ uͤbereinkommet/ und wie der Mangel und die Unvollkom- menheit der sich bey der natuͤrlichen Weiß- heit und Philosophi schen Tugend befin- det/ aus der Goͤttlichen Weißheit wahrer Christen suppli ret werden muͤsse. Mit einem Worte: Daß die wahre Philoso- phie zwar eine Manuduction und Anfuͤh- rung Vorrede. rung zur Gottes Gelahrheit seyn muͤsse/ aber an und fuͤr sich selbst unvermoͤgend sey die Gottes-Gelahrheit zu erlangen. 4. Jm uͤbrigen entsinne ich mich gar wohl/ was ich an vergangener Leipziger Weyhnachts-Messe von der Wissenschafft der Menschen Gemuͤther und Gedancken zu erforschen/ oͤffentlich versprochen habe/ und weꝛde nicht ermangeln/ zu seiner Zeit/ so GOtt wil/ diese Wissenschafft heraus zu geben. Die Sitten-Lehre muß der Grund derselben seyn/ in welcher ein Mensch erst sich selbst kennen muß/ ehe er andere Leute wil kennen lernen/ und wird sonderlich die Ausuͤbung der Sitten-Lehre/ oder die Artzney-Mittel wider die unvernuͤnfftige Liebe zeigen/ was man fuͤr gegꝛuͤndete Axiomata in diesem Stuͤck von mir zu hoffen habe/ wiewol auch schon dasjenige/ was ich in gegenwaͤrtiger Ein- leitung zu deꝛ Sitten-Lehꝛe in dem Capitel von der absonderlichen Liebe ihren unter- schiedenen Graden hin und wieder fuͤr An- merckungen eingestreuet/ so wohl auch was ich in der unter thaͤnigsten Zuschrifft allhier von denen vier Haupt- Passio nen uͤber Vorrede. uͤberhaupt discuri ret/ einem unpartheyi- schen gnugsam den Grund meiner Leh- re in etwas zeigen wird. Jch habe zwar unlaͤngst alle Gelehrten provoci ret/ daß wenn sie mir des von mir deswegen getha- nen Voꝛschlags halber etwas zu sagen haͤt- ten/ und die daselbst von mir aufgegebenen Problemata gegruͤndet resolvi ren wuͤr- den/ ich mich alsdenn fuͤr schuldig halten wolte/ ihre Dubia zu beantworten. Nun haͤtte ich mich veꝛsehen/ daferne sich jemand in diesem Stuͤcke an mich machen wolte/ es zum wenigsten ein Mann seyn wuͤrde/ der in Philosophia Morali einige Funda- menta geleget/ habe aber mit nicht gerin- ger Ver wunderung erfahren muͤssen/ nachdem man mir fuͤr wenig Tagen den Monat Martium von denen curiösen Monats Unterredungen aus Leipzig zu- gesendet/ daß es dem Verfertiger der- selben gefallen/ auch in diesem Stuͤck sich an mir zu reiben/ und meinen Vorschlag zwar haͤmisch/ aber dabey auch albern genug durchzuziehen, Jch habe bishero mit grosser Gedult von ihm vertragen/ wenn er sonderlich bey Anfang dieser seiner Mo- Vorrede. Monats Unterredungen/ und sonsten hin und wieder in denenselben mich grob ge- nung/ und zuweilen dergestalt tracti ret/ daß es ein Thuͤringischer Bauer nicht haͤrter machen koͤnnen. Ja ich habe mich nichtgereget/ ob er schon seinen Unterre- dungen einen offenbahren Paßquill wie- der mich einverleibet/ und denselben zu meiner mehrern Beschimpffung sei- ner Intention auch in das Teutsche uͤbersetzet. Und haͤtte dannenhero mich versehen/ durch diese meine Gedult ihn zum wenigsten dahin zu disponi ren/ daß er in denen Dingen/ davon er gantz kei- nen Verstand hat/ sich mit seinem einfaͤl- tigen Judicio fuͤr der vernuͤnfftigen Welt nicht ferner prostitui ren solte; massen denn seine Unterredungen insgesamt be- zeugen/ daß er zwar ein Mann sey/ der viel Buͤcher gelesen/ und der in historicis und antiquitate des ihm gehoͤrigen Ruhms nicht zu berauben ist; aber der hierbey in Philosophia reali so wol Theo- logica als Practica das allerwenigste ver- stehe und gelernet habe/ sondern wenn er darauff faͤllt/ nicht anders als ein offen- bahrer Vorrede. bahrer Sophiste raisonni re/ und seine Un- wissenheit fuͤr jedermans Augen lege. Jch sehe aber wohl/ daß die Gedult nicht alle- mahl zulaͤnglich sey/ einen Menschen der von einer eingebildeten Weißheit auffge- blasen ist/ in seinen Schrancken zu halten/ und befinde mich dannenhero genoͤthiget/ auff ein Mittel bedacht zu seyn/ durch wel- ches ihm der Kuͤtzel ein wenig vertrieben werde/ ohne daß ich mich genoͤthiget befin- de/ meinen ordentlichen Verrichtungen etwas abzubrechen/ und mich mit ihme und seines gleichen in unnoͤthige Streit- Schrifften einzulassen. Solchergestalt aber wird es wohl am besten seyn/ daß ich einen von meinen Auditoribus, der nur ein wenig meine Vernunfft-Lehre begriffen/ aufftrage/ diesen seinen Monat Martium gegruͤndet zu beantworten/ damit er sich nicht ferner wie bishero geschehen/ weise duͤncke/ und die jenigen/ so allbereit uͤber seine elenden Censu ren gefrolocket/ erken- nen moͤgen/ daß ihre Freude unzeitig/ und ohne Grund gewesen. Dieser sol ihm mit Gottes Huͤlffe aus seinen eigenen Unter- redungen beweisen/ daß alles/ was ich bis- hero Vorrede. hero von ihm geredet/ wahr/ und nicht aus Affecten von mir geschrieben sey. Er soll ihm weisen/ daß er in seinen Dubiis und Censu ren/ die er in dem Martio von mir gefaͤllet/ solche Sophiste reyen und Schnitzer wider die Logic begangen/ daß wenn es einer von seinen Schuͤlern ge- than/ er nach der in denen Trivial- Schu- len gebraͤuchlichen Weise verdienet haͤtte/ ex prima classe in Secundam oder Ter- tiam promovi ret zu werden. Er sol ihm sattsam darthun/ daß er die von mir auf- gegebenen problemata laͤppisch und ohne Raison resolvi ret; Jedoch wird der Herr Magister so gut seyn/ und sich gedulden/ wenn mein Auditor nicht alsofort diese Beantwoꝛtung heraus geben wird; Deñ es ist nicht noͤthig/ daß er uͤber diese Baga- tellen seinen ordendlichen Stunden die er zum studi ren gewidmet/ abbreche/ sondern es wird genung seyn/ wenn er hierzu die Stunden/ die andere junge Leute sonsten zu andern Ergoͤtzungen anzuwenden pfle- gen/ employren wird. Zum wenigsten hoffe ich/ es solle diese Beantwortung wo nicht ehe/ doch auff kuͤnfftige Michaelis Messe Vorrede. Messe fertig seyn. Sat citò si sat bene. Der Herr Magister kan indessen durch Auffschlagung seines Vademecum und libellorum Syllogisticorum sich gleicher- gestalt auff diese Beantwortung desto- besser præpari ren/ und von seinen Corre- sponden ten subsidia einholen/ wie er seine Sophiste reyen desto besser verthey- digen/ und die von mir auffgebene Pro- blemata anders und besser als geschehen resolvi ren oder kuͤnfftig stille schweigen moͤge/ als worzu ich ihn freundlich und aus guter Meinung vermahnet haben wil. Der Der Sitten-Lehre Erstes Hauptstuͤck. Von der Gelahrheit das Gute und Boͤse zuerkennen uͤberhaupt. Jnnhalt. Connexion mit der Vernunfft-Lekre n. 1. Unterscheid zwischen den Wahren und Guten/ Falschen und Boͤ- sen n. 2-11. Beschrelbung des Guten und Boͤsen uͤber- haupt n. 6. Hieher gehoͤret absonderlich das Gute und Boͤse des Menschen n. 9. und zwar das wahrhaff- tig Gute/ welches dem Schein-Gut entgegen gesetzet wird n. 12. Was dem Menschen gut oder boͤse ist/ ist entweder an ihm oder ansser ihm n. 13. Was zwischen diesen beyden Arten fuͤr ein Unterscheid sey n. 14. 15. Die aͤußerlichen Dinge nennet man à potiori gut oder boͤse n. 16. Was die Menschlichen Kraͤffte auff eine kurtze Zeit vermehret und sei- ne Dauerung verkuͤrtzet ist boͤse n. 17. 18. 19. 20. Fuͤnff Anmerckungen die aus diesem Lehrsatz A folgen Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit solgen n. 21-25. Grosse Nothwendigkeit und Nutzen desselbigen n. 26. 27. 28. Junge Leute muͤßen sich sehr befleißigen auch denenselbigen in praxi zu beobachten n. 29. Alle Dinge und folglich auch der Mensch werden von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit bewe- get/ und nehmen darnach wieder ab. n. 30. 31. Diese Bewegung hat diese Eigenschafften/ daß sie eutweder steiget und faͤllet/ auch eine gewisse und etwas langsame Proportion hat n. 32. Die von GOtt dem Menschen gesetzte Dauerhafftigkeit ist gut/ sie kan aber auff drey- erley Weise boͤse werden n. 33. Und unter denenselben auch also/ wenn der Mensch seine Vollkommenheit gar zu mercklich befoͤrdert n. 34. Die Bewegung der menschlichen Gliedmassen erfordert eine harmoni sche Veraͤudernug n. 35. 36. S ein Wesen besiehet aus Leib und Seele n. 37. An seinem Leibe trifft man (1) das Leben an n. 38. Welches gust ist und alles/ mas dasselbe befoͤrdert n. 39. Der Tod ist theils gue/ theis boͤse n. 40. (2) Die Bewegungs-Krafft und S innligkeiten/ die gleichfalls gut sind/ und was ihnen entgegen gesetzet/ ist boͤse n. 41. 42. Diese Guͤter hat der Mensch mit denen Bestien gemein n. 43. Aber durch die Vernunfft der Seelen wird er von ihnen entschleden n. 44. Jnglei- chen durch den Willen n. 45. Welche wiederum und was dieselben befoͤrdert gut sind n. 46. 47. Alle Din- ge ausser den Menschen beruͤhren unmittelbahr seine S innligkeiten/ und werden nach ihrer augenblicklichen Wirckung fuͤr gut oder boͤse gehalten n. 48. 49. Nach diesen beruͤhren sie die Bewegung des Gebluͤts und die Gedancken/ deren Wirck nna aber offt sehr entfernet und zukuͤnfftig ist n. 50. 51. Alle gar zu empfind- liche und starcke Bewegung der Sinn- ligkeiten ist boͤse u. s. w. n. 52. 53. Die mitleren Bewegungen sind thells gut thells boͤse/ n. 54. Die gu- ten Bewegungen werden boͤse/ wenn sie allzulange con- tinu das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. continui ret werden n. 55. Obiger Lehrsatz wird auch die Bewegung der aͤußerlichen Gliedmassen n. 56. in- gleichen auff die Bewegung des Gebluͤts n. 57. und die Gedancken der Menschen applici ret n. 58. Alle Dinge ausser dem Menschen koͤnnen in drey Classen getheilet werden n. 59. ( I ) Unter ihm die Thiere und andere Creaturen. Von denenselben hat er sehr wenig zu seiner Erhaltung von noͤthen n. 60. 61. 62. Aber die meisten D inge koͤnnen dem Menschen auff vielfaͤltige Weise schaden n. 63. Jedoch sind die Creaturen mehr gut als boͤse n. 64. ( II ) Neben ihm andere Menschen. O hne diese waͤre der Mensch hoͤchst-elende n. 65. Gleich- wohl kan auch ein Mensch dem andern den groͤsten V erdruß authun n. 66. Und im Gegentheil ihm auch am besten nutzen n. 67. Und also gehoret mit unter die guten Dinge n. 68. Freundschafft und Liebe n. 69. Woraus sie entstehet n. 70. Jngleichen die Freyheit n. 71. Ehrbegierde n. 72-75. Geldbegierde n. 76. 77. 78. Jngleichen das Decorum und die Schamhafftig- keit/ ob sie fuͤr gut oder hoͤse zu achten n. 70. ( III ) U- ber ihm GOtt/ welcher unter allen Gnten billig oben- an siebet n. 81. 82. 83. Tugend/ Gelahrheit und Er- kaͤutniß seiner selbst sind was gutes n. 84. 85. 86. Die Guͤter der S eelen/ des Leibes und des Gluͤcks n. 87. 88. Was an dieser Eint heilung der menschlichen Guͤter zu tadeln n. 89. 90. Das ehrbare/ nuͤtzliche und belusii- gende Gut/ sind bey dem wahrhafftigen Gute allezeit vereiniget n. 91. 92. Und wird nur in Ansehen seines Uhrsprungs ehrbahr n. 93. in Ansehen seiner Gegen- waͤrtigkeit belustigend n. 94. und in Betrachtung sel- uer Wirckung nuͤtzlich genennet n. 95. Daß man sich an vergangeuen und zukuͤnfftigen Dingen eigentlich nicht belustige n. 96. 97. 98. Worumb man insgemein diese dreyerley Guͤter anders erklaͤret n. 99. Ob man das ehrbahre und beinstigende Gut wegen sein selbst/ das nuͤtzliche aber allein wegen eines andern verlange A 2 n. 100. Das 1. Huptst. von der Gelahrheit n. 100. Ob wir das Belustigende durch einen mit den Thieren gemeinen Appetit verlangen n. 101. 102. Daß die maͤßigen Belustigungen der S innligkeiten und alle Belustigungen der Seelen wahrhafftige Belustigun- gen seyn n. 103. 104. Von denen Exempeln/ die man insgemein giebt/ darzuthun/ daß das ehrbare/ nuͤtzliche und belustigende Gut von einander entschieden seyn koͤnne n. 105. z. e. Stehlen/ Huren/ Fressen und S auf- fen n. 106. Bittere Artzeney brauchen/ sich von La- stern entwehnen n. 107. Sein Leben fuͤr sein Vater- land wagen n. 108. Wohin das Decorum zurechnen sey n. 109. Andere Eintheilungen des Guten und Boͤsen nach seinen unterschiedenen Graden n. 110. Der Mensch lebet entweder in seinen ordentlichen und ua- tuͤrlichen n. 111. 112. oder in ausser ordendlichen Zustand n. 11. Nach diesem Zustand wird das Boͤse und Gute auch entweder ordentlich oder ausser-ordentlich n. 114. 115. 116. Worinnen beyderley Boͤses und Gutes mit einander uͤbe ein kommet n. 117. 118. Was ordentlich gust ist/ ist ausser-ordentlich boͤse \& vice versâ n. 119. 120. 121. Bonum \& malum vel positivum vel privativum n. 122. 123. Etliche Guͤter sind sehr edel und nothwen- dig/ etliche nicht n. 124. 125. 126. Die nothwendigen sind entweder necessaria absolutè, oder ex hypothesi n. 127. Es gibt unmittelbare und mittelbare Guͤter n. 128. Das gut ist entweder wuͤrcklich gut oder ein kleiner Ubel n. 129. Welche unter denen bisberigen Eiutheilungen die alleredelsten Guͤter seyn n. 130. All- gemeiner Jrrthumb ziehet das ausser-ordentliche Gute dem ordentlichen fuͤr n. 131. 132. Und haͤlt das bonum positivum fuͤr edler als das privativum n. 133. Jnglei- chen die unnoͤthigen Guͤter hoͤher als die nothwendi- gen n. 134. und bekuͤmmert sich mehr umb das kleine Ubel als das wuͤrckliche Gute n. 135. Was Philosophia practica sey n. 136. D er Unterscheid zwischen der Ethic, Oeconomic und Politic n. 137. 138. 139. 1. Wir das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. 1. W Jr haben zu Anfang der Ver- nunfft-Lehre gesagt/ daß die Ge- lahrheit eine Erkaͤntniß des Wah- ren und Falschen/ Guten und Boͤ- sen sey. Weil wir demnach bisher von der Erkaͤntniß der Wahren und Falschen ge- redet/ so viel wir vonnoͤthen zu seyn erachtet fuͤr- einen Menschen/ der sich ad vitam civilem ge- schickt machen wil; so muͤssen wir nunmehro auch zu dem andern Stuͤck der Erkaͤntniß/ nem- lich des Guten und Boͤsen schreiten/ so viel diesel- be aus der gesunden Vernunfft begriffen werden kan/ wiewohl wir hiervon etwas ausfuͤhrlicher handeln werden/ indem ohne die ausfuͤhrliche Erkaͤntniß des Guten und Boͤsen man im ge- meinen buͤrgerlichen Leben gar nicht fort- kommen kan. 2. Wir muͤssen aber zufoͤrderst hier erwegen/ was fuͤr ein Unterscheid zwischen dem Wahren und Guten/ ingleichen zwischen dem Falschen und Boͤsen sey. Denn alles Wahre scheinet gut/ und alles Falsche oder aller Jrrthum boͤse zu seyn; aber insgemein sagt man doch/ daß das Gute und Boͤse entweder ein warhafftiges/ oder ein eingebildetes Gut oder Ubel sey. 3. Dieses desto besser zu begreiffen/ kommen diese beyderley benennungen darinnen uͤberein/ daß keine auff das Wesen der Dinge an und fuͤr sich selbst/ sondern auff derselben Beschaffen- A 3 heit Das 1. Haupst. von der Gelahrheit heit und Gegeneinanderhaltung mit andern zielen. 4. Denn das Wahre haben wir beschrieben/ daß es bestehe aus der Ubereinstimmung der aͤußerlichen Dinge und des menschlichen Ver- standes/ und das Falsche/ wenn diese beyde ein- ander zuwider sind. 5. Gleicher weise heist das jenige uͤberhaupt gut/ wenn zwey Dinge mit einander uͤberein kommen/ und dasjenige heist uͤberhaupt boͤse/ wenn ein Ding dem andern zuwider ist. 6. M it einander uͤberein kommen heist all- hier/ wenn ein Ding das andere in seiner Dauerung erhaͤlt/ und dessen Wesen und Beschaffenheiten vermehret. Einander zu- wider seyn heist/ wenn ein Ding des andern seine Dauerung verkuͤrtzt/ oder dessen We- sen und Beschaffenheiten vergeringert. 7. Und also ist der erste Unterstheid zwischen dem Wahren und Guten/ daß das Gute die Ubereinstimmung aller Dinge mit einander benennet/ das Wahre aber insonderheit die Ubereinstimmung anderer Dinge mit dem menschlichen Verstande bemercket. 8. Hiernechst aber ist wohl ausser Zweiffel ge- setzt/ daß gleich wie andere Geschoͤpffe ausser dem Menschen dasjenige/ was ihnen gut oder boͤse ist nicht erkennen noch begreiffen moͤgen; also auch der Mensch sehr unvernuͤnfftig waͤre/ wenn er sich umb das/ was andern Creaturen gut oder boͤse das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. boͤse waͤre bekuͤmmern/ und umb sein eigenes Gutes und Boͤses nicht wolte besorget seyn. Derowegen werden wir alleine von dem Guten und Boͤsen in Ansehen des Menschen zu handeln haben. 9. Das Gute des Menschen aber ist inson- derheit von dem Wahren darinnen unterschrie- den/ daß es in der Ubereinstimmung anderer Dinge mit dem gantzen Menschen/ oder mit allen seinen Theilen und Kraͤfften/ und nicht mit dem Verstande alleine bestehet. 10. Wiewohl auch unter dem Ubereinkom- men ein grosser Unterscheid ist. Was es in der Beschreibung des Guten bedeute/ haben wir nur jetzo erwehnet. Jn Beschreibung des Wahren heist es nichts mehr/ als wie wir allbereit in der Vernunfft-Lehre erklaͤret/ daß die aͤußerlichen Dinge von dem menschlichen Verstand begrif- fen werden koͤnnen/ und ist das Wahre eigent- lich zu reden weder gut noch boͤse/ ob schon die Erkaͤntniß des Wahren zu dem Guten des Menschen gehoͤret/ weil dadurch der Verstand gebessert wird. 11. Wiederumb ist das Gute und Boͤse ent- weder warhafftig also beschaffen/ wenn nem- lich der allgemeine menschliche Verstand/ so fer- ne er von denen Urtheilen menschlicher Autori taͤt und Ubereylung gesaubert ist ein Ding fuͤr gut und Boͤse erkennet/ oder aber es ist ein Schein- Gut oder ein Schein-Ubel/ wenn es von Leuten A 4 die Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit die offenbahrlich in Vorurtheilen stecken/ dafuͤr gehalten wird. 12. Dannenhero und weil diese letztere Art einen offenbahren Jrrthum mit sich fuͤhret/ die Jrrthuͤmer aber nicht zur Welt-Weißheit gehoͤ- ren/ so braucht es nicht eben grosses Erinnerns/ daß wir in Untersuchung des Guten und Boͤsen auf dasjenige/ was warhafftig gut und boͤse ist/ unser Absehen zu richten haben. 13. So sind demnach die Dinge von denen man fragen kan/ ob sie in Ansehen des Men- schen gut oder boͤse seyn/ entweder in und an ihm oder ausser ihm. 14. Jene als zum Exempel sein Leben/ sein Verstand/ die Gliedmassen seines Leibes koͤn- nen nicht anders als gut seyn/ weil sie ihm von GOtt gegeben sind seine Dauerung zu befoͤrdern und sein Wesen zu erhalten. Und muß dannen- hero entweder durch eine Bewegung von aus- sen geschehen/ daß dieselben aus guten boͤse Din- ge werden/ z. e. Wenn der Mensch wider Willen sehr erschrickt/ wenn er ohne seine Schuld ver- wundet wird/ u. s. w. Ober aber der Mensch ist selber an ihrer Verschlimmerung Schuld/ wenn er seiner Gesundheit/ seiner Gliedmassen/ seines Verstandes/ u. s. w. muthwillig mißbrauchet. 15. Alle aͤußerliche Dinge sind an sichselber dem Menschen weder gut noch boͤse/ sie konnen aber beydes werden/ wenn sie dem Menschlichen Wesen durch eine Bewegung recht oder unrecht appli- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤherhaupt. applici ret werden/ z. e. Speise/ Tranck/ Gifft/ ein Dolch u. s. w. Und muß dannenhero der Mensch sein Wesen und dessen Beschaffen- heit wohl erkennen/ damit er diese Dinge gleichsam bey dem rechten Ende anzugreiffen wisse/ und sich nicht selbsten durch seine eigene Schuld damit schade. 16. Jedoch ist es im gemeinen Buͤrgerlichen Le- ben so herkommens/ daß man à potiori die aͤus- serlichen Dinge gut oder boͤse zu nennen pfleget/ nachdem sie mehrentheils zu des Menschen Nu- tzen oder Schaden koͤnnen applici ret werden/ z. e. Speise und Tranck ist was gutes/ der Gifft was schaͤdliches/ u. s. w. 17. So ist auch hiernechst in Ansehung der Applici rung aͤufferlicher Dinge dieser Unter- scheid zu mercken/ das etliche Dinge zwar die menschlichen Kraͤffte zu vermehren scheinen/ aber dabey die Dauerung seiner Existenz ver- geringern/ z. e. ein gemacht Gedaͤchtniß/ allzu- emsiges Studi ren/ alle sehr empfindliche Belusti- gung der Sinnen; andere aber seine Dauerung natuͤrlicher Weise befoͤrdern/ ob sie gleich eben seine Kraͤffte nicht in einen mercklichen Grad zu vermehren scheinen; als maͤßige Speise und Tranck/ maͤßige Belustigung der Sinnen. 18. Jene werden gemeiniglich von denen/ so in Vorurtheilen stecken vor gute diese aber ent- weder vor boͤse/ oder doch zum wenigsten fuͤr in- differente Dinge gehalten/ da doch die gesunde A 5 Ver- Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit Vernunfft weiset/ daß allein diese letztern fuͤr warhafftig gut zu achten/ jene aber vielmehr boͤse als gut sind. 19. Denn weil alles/ was an dem gantzen Men- schen ist/ wie wir jetzo erwehnet/ gut ist/ und weil kein Wesen bestehen kan/ wo keine Existens oder Daurung ist; so muß nothwendig alles dasjenige/ was die Dauerung des gantzen o- der eines theiles als den Grund alles Guten ruini ret/ unter boͤse Dinge gehoͤren/ und kan man eine augenblickliche ob wohl sehr merckliche Vermehrung der menschlichen Kraͤffte so wenig fuͤr etwas gutes halten/ wenn in kurtzen eine Nie- derreissung oder Beraubung der Kraͤffte darauff folget; Als wenn man einen/ der ein mittel- maͤßiges Auskommen haͤtte/ eine Million vereh- ren/ und wenn er nach Proportion derselben etli- che wenige Tage seinen Staat eingerichtet haͤtte/ dieselbige nebst seinen vorigen Vermoͤgen wie- dernehmen/ und ihn an den Bettelstab bringen/ aber dabey bereden wolte/ was man ihm fuͤr eine Gutthat bewiesen haͤtte. 20. Und weil demnach/ wie wir bald hoͤren werden/ alle sehr empfindliche Vermehrung des menschlichen Veꝛmoͤgens entweder der Dau- erung des gantzen oder eines andern Vermoͤgens einen mercklichen Abbruch thut/ so ist dieselbe or- dentlich fuͤr boͤse und nicht gut zu achten. 21. Hieraus folget nothwendig/ daß (1) alle Dinge fuͤr gut oder boͤse zu halten/ nach dem die Erhal- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. Erhaltung der Daue rung des Menschen da- durch erlaͤngert oder verkuͤrtzet wird. 22. (2) Daß ein knrtzes Gute/ das mit ei- nem dauerhafftern Ubel nothwendig oder sehr wahrscheinlich vergesellschafftet ist/ fuͤr boͤse und nicht fuͤr gut zu halten sey/ und das Gegentheil von einem kurtzen Ubel/ das mit einem dauer- hafften Gute vergesellschafftet ist/ muͤsse gesagt werden. Und gehet es disfals nicht anders zu als in Ausrechnung des Gewinsts und Verlusts in einer Handlung. 23. (3) Daß der vorige Satz dahin zu erwei- tern sey/ es moͤge nun das kurtze Gute oder Boͤse vor dem dauerhafften Boͤsen oder Guten mit dem es vergesellschafftet ist/ vorhergehen oder daꝛauf folgen/ wie abeꝛmals duꝛch das Gleichniß von Gewinn und Verlust erklaͤhret werden kan. 24. (4) Daß in Entscheidung der unterschie- denen Grade des Guten und Boͤsen/ auch die- selbe von der Dauerhafftigkeit derselben herge- nommen werden muͤsse. 15. (5) Daß dasjenige/ was die Dauer- hafftigkeit einer menschlichen Krafft befoͤr- dert/ am andern Theil aber eine andere noch dauerhafftiger verringert unter boͤse Dinge zu rechnen sey/ \& vice versâ. 26. Und hieraus erlernen wir abermahls den Unterscheid einns Menschen der in præjudiciis steckt/ und eines weisen Mannes erkennen. Was die menschlichen Kraͤffte augenblicklich/ und Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit und daß man es so zu sagen greiffen kan/ ver- mehret oder verringert/ das wird auch von denen Unvernuͤnfftigsten fuͤr gut oder boͤse gehalten: Wo aber die Wirckung der Vermehrung oder Verringerung nicht so augenscheinlich zu spuͤh- ren/ oder auff die Applici rung der aͤußerlichen Dinge an den Menschen langsam erfolget/ das betrachten die Unweisen nicht/ da hingegentheil einer der das wahre Gute auffrichtig suchet/ sich darumb eyfferig bekuͤmmert/ weil er verspuͤh- ret/ daß durch Unterlassung dieser hochnoͤthigen Untersuchung dem menschlichen Leben der groͤste Schade geschiehet. 27. Denn es gehet dißfalls fast eben so zu/ wie mit der Erkaͤntniß der Wahrheit und denen Jrrthuͤmern. Was unmittelbahr durch die Sinnen begriffen wird oder denenselben zuwider ist/ das begꝛeiffen ja auch die jenigen die ungelehꝛt seyn/ und die noch in denen Præjudiciis stecken/ was aber die aus unstreitigen Warheiten herge- leitete entfernete oder wahrscheinliche Lehrsaͤtze anlanget/ darzu ist die behutsame Attention ei- nes weisen Mannes alleine geschickt. 28. Derowegen muß bald Anfangs ein junger Mensch/ der in Erkaͤntniß des Guten und Boͤsen was rechtschaffenes thun wil/ dieses was wir bis- her demonstri ret/ als einen ohnzweiffelhafften Grund feste setzen/ daß das jenige alleine gut sey/ was des Menschen Wesen und Kraͤffte am dau erhafftesten erhaͤlt/ und vermehret/ es das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. es moͤge nun diese Erhaltung und Vermeh- rung sich alsobald ereignen/ oder erst eine geraume Zeit hernach zu spuͤhren seyn/ und daß dasjenige wuͤrcklich boͤse sey/ was eine dau- erhaffte Verꝛingerung oder gaͤntzliche Austilgung des menschlichen Wesens und seiner Kraͤffte ver- ursachet/ ob gleich diese Verringerung und Austil- gung erst eine geraume Zeit hernach sich blicken laͤst/ oder eine gegenwaͤrtige augenblickliche und sehr empfindliche Bermehrung derselben vorher zu gehen seheinet. 29. So leichte aber als die Warheit dieses Grundes zu begreiffen ist/ umb so viel destomehr muß ein junger Mensch beobachten/ daß er in Applici rung desselbigen niemahln davon ab- weiche/ je gewoͤhnlicher das Vortheil dem menschlichen Geschlechte eingewurtzelt ist/ daß so wohl Hohen als Niedern Standes/ Gelehrt und Ungelehrt/ Alt und Jung alleine nach solchen Dingen trachtet und verlanget/ die eine gegen- waͤrtige und merckliche Vermehrung der natuͤr- lichen Kraͤffte nach sich ziehen/ und in Gegentheil fuͤr andern Dingen einen Eckel hat/ die leine dau- erhaffte aber entfernete und nicht so leichte zu spuͤ- rende Erhaltung des Menschen wuͤrcken/ welches theils von denen boͤsen und unweisen Exempeln derer andern Menschen/ mit denen wir taͤglich von Jugend auff umbgehen/ und derer Nachah- mung zu einer andern Natur bey uns wird/ theils aus der von Jugend auff uns anklebenden Unge- dult Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit dult/ unser Verlangen ohne sondere Muͤhe ge- schwinde und mercklich zu erhalten/ herruͤhret/ 30/ Wie aber dasjenige/ was wir bisher zum Grunde geleget aus der Lehre von dem Guten und Boͤsen uͤberhaupt/ und so ferne solches al- le Creaturen angehet/ hergenommen ist; Also muͤssen wir nun denen Grund-Lehren von dem Guten und Boͤsen der Menschen etwas naͤher kommen/ und zufoͤrderst aus dem/ was wir all- bereit in der Vernunfft-Lehre/ da wir von denen Borurtheilen geredet/ angemercket haben/ præ- supponi ren/ daß des Menschen Natur und Wesen von seiner Geburt an in der groͤsten Unvollkommenheit stecke. 31. Wie nun alle Dinge auff der Welt durch eine stetswehrende Bewegung erhalten werden/ und ohne dieselben nichts als ein veꝛwirꝛtes Chaos seyn wuͤrden; Also bestehet auch des Menschen seine Natur in eine dergleichen Bewegung/ der GOtt/ wie bey andern Dingen/ gewisses Maß/ Ziel und Weise vorgesetzet/ nach wel- cher der Mensch aus einen unvollkommenen Wesen in ein vollkommenes/ und von dar wie- der bis auff sein Alter in ein unvollkommenes gesetzt wird. 32. Diese Bewegung hat sonderlich zweyer- ley Eigenschafften/ (1) Daß sie entweder stei- get oder faͤllet/ das ist/ daß dadurch entweder die Dinge und also auch der Mensch theils in sei- nem gantzen Wesen/ theils in seinen Kraͤfften ent- weder das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. weder zu- oder abnimmt/ und daß dannenhero wenn ein Ding nicht mehr zunehmen kan/ es nothwendig wieder abnehmen muß. (2) Daß sie eine gewisse und mehr langsame als geschwinde Proportion, die aus vielfaͤltigen kleinen Graden bestehet/ beobachtet/ wie etwan in einem Uhrwerck die Bewegung desselbigen in gewisse Augenblicke abgetheilet wird/ welche wenn sie von dem Menschen uͤberschritten wer- den/ seinem Wesen eben so sehr Schaden dadurch zugefuͤget wird/ als wenn man an denen Redern eines Uhrwercks kuͤnstelt/ daß sie geschwinder lanffen sollen/ als die Hand des Kuͤnstlers ver- ordnet hatte. 33. Gleich wie aber die von GOtt allen Din- gen und folglich auch dem Menschen fuͤrgesetzte Dauerhafftigkeit seine Graͤntzen hat die der Mensch nicht uͤberschreiten kan/ und solcher ge- stalt an sich selber gut ist/ also wird sie doch laͤg- lich auch von dem Menschen zum Grunde des Boͤsen gemacht/ so ferne er durch unrechte Appli- ci rung der aͤußerlichen Dinge/ entweder wenn er in Abnehmen ist/ diese Bewegung gar zu ge- schwinde beschleuniget/ oder aber/ wenn er noch zu seiner Vollkommenheit waͤchst/ auch diese entweder verhindert/ und sein Abnehmen ver- ursacht/ ehe er noch vollkommen worden/ oder gleichfalls dieselbe allzugeschwinde befoͤrdert/ und die gewoͤhnliche Zeit aus Ungedult nicht er- warten kan. 34. Denn Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit 34. Denn daß auch diese letzte Art der Be- wegung nicht gut/ sondern boͤse sey/ fliesset dar- aus/ weil dadurch des Menschen seine Daue- rung verkuͤrtzet wird/ in dem/ wie wir jetzo er- wehnet/ er nothwendig zu seinem Ende sich na- hen muß/ wenn er nicht mehr zunehmen kan. Zu geschweigen daß durch die allzumerckliche Befoͤr- derung der Vollkommenheit die von GOtt ver- ordneten Grade der natuͤrlichen Bewegung uͤber- schritten/ und also auch in diesem Stuͤck das En- de seiner Dauerung befordert wird. 35. Ferner weil der Mensch aus unterschiede- nen Theilen des Leibes bestehet/ die ihre unter- schiedene Wirckung haben/ auch etliche durch unterschiedene Arten der Bewegungen oder durch die Beruͤhrung unterschiedener außerlichen Din- ge erhalten werden/ so ist offenbahr/ daß die na- tuͤrliche Bewegung der menschlichen Glied- massen eine stete und harmoni sche Veraͤnde- rung erfordere/ und dadurch die Kraͤffte in de- sto besserer Dauerung und Vollkommenheit er- halten werden koͤnne/ und daß anderseits eine continuir liche Bewegung oder Ruhe eines Glieds boͤse sey/ weil sie solches entweder zu fernerer Bewegung untuͤchtig macht oder ein- schlaͤffert. 36. Gleicher gestalt ist auch dieses unter die boͤsen Dinge zu rechnen/ wenn man die menschli- chen Kraͤffte entweder stetswehrend auff ein gewisses Ding applici ret/ oder gar zu offte und geschwin- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. geschwinde dieselbe auff unterschiedene und zumahln widerwaͤrtige Dinge fallen laͤst/ weil dadurch die von GOtt eingefuͤhrte harmoni sche Veraͤnderung auff beyderley Weise veraͤndert wird. 37. Dieses/ was wir bisher angemercket/ et- was deutlicher zu begreiffen/ so bestehet des Menschen Wesen theils in einem Leibe/ der von der Machine des Leibes der Bestien nicht allzusehr enschieden ist/ theils in einer Seele/ die da dencket. 38. Jn der Machine seines Leibes ist zufoͤr- derst des Leibes Leben zu betrachten/ welches in eineꝛ proportionir lichen Bewegung des Gebluͤts und anderer Saͤffte in denen Blut- und Puls- Adern/ und andern innerlichen Theilen bestehet. 39. Dieses Leben ist nicht alleine gut/ son- dern auch der Grund alles Guten; und was dasselbige erhaͤlt/ das ist/ was die/ von Gott geordnete Proportion befoͤrdert/ und die Be- wegung des Gebluͤts und anderer Saͤffte weder hemmet noch allzugeschwinde fort treibet/ ist auch gut; was aber dieselbe langsam macht/ oder allzusehr schaͤrffet/ das list boͤse. 40. Der Tod ist theils boͤse theils gut. Boͤse/ so ferne durch des Menschen Vorsatz oder Nach- laͤßigkeit seine Dauerung unterbrochen wird. Gut so ferne derselbe nichts mehr andeutet/ als das natuͤrliche Lebens Ende. Denn das Leben ist gantz gut/ und also auch desselben Ende/ und B wir Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit wir haben nur jetzo gesagt/ daß alle von GOtt ge- setzte Graͤntzen gut seyn. 41. Hiernechst hat der Mensch auch Senn- Adern/ die mit subtilen geistigen Coͤrpern ange- fuͤllet seyn/ und sich im Gehirne vereinigen/ von dar aber in alle innerliche und aͤußerliche Glied- maffen des Leibes ausgetheilet sind/ und durch welche so wohl das Viehe als der Mensch sich aͤußerlich beweget/ auch durch deren Beruͤh- rung von denen aͤußerlichen Coͤrpern/ so wohl bey Menschen als Viehe/ eine gewisse Bewegung in dem Gehirne entstehet/ die der gemeine Mann Sinnligkeiten zu nennen pfleget. 42. Diese Bewegungs-Krafft und so ge- nannten Sinnligkeiten sind gleichfals gut/ und der Mangel oder Beraubung derselben/ als die Blindheit/ Taubheit/ der Schlag-Fluß u. s. w. sind boͤse; wie nicht weniger alles was die Be- wegungs-Krafft und Sinnligkeiten staͤrcket und erhaͤlt/ ist gut/ was sie aber verringert/ ist boͤse. 43. Und dieses Gute und Boͤse hat der Mensch mit denen unvernuͤnfftigen Thieren gemein. 44. Endlich aber denckt der Mensche/ das ist/ er begreifft unterschiedene Bewegungen aͤußerli- ther Dinge/ er behaͤlt selbige in seinen Gedancken/ er setzt sie zusammen/ sondert sie von einander/ er zehlet sie und misset sie ab. Und dieses heist man die Vernunfft/ die den Menschen von andern Thieren unterscheidet. 45. Und das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. 45. Und gleich wie diese als das Hauptwesen des Menschen ohnstreitig gut ist; also ist auch die Beraubung derselbigen/ welche man Rase- rey oder Wahnwltz nennet/ so wohl auch ihre Verringerung oder die Thorheit/ Jrrthum/ Un- vernunfft u. s. w. boͤse. Und was die Vernunfft staͤrcket und erhaͤlt/ ist gut/ was sie aber schwaͤchet oder verringert/ ist boͤse. 46. Ferner so ist vermittelst dieser seiner Ver- nunfft der Mensche von denen andern Thieren entschieden/ daß die Vernunfft nicht alleine das Gute und Boͤse erkennen/ sondern auch aus un- terschiedenen Guten das Boͤse erwehlen/ und der aͤußerlichen Bewegungs-Krafft gleichsam anbe- fehlen kan/ das Gute zu ergreiffen und fuͤr dem Boͤsen zu fliehen/ oder dasselbige von sich abzu- wenden/ da hingegentheil die unvernuͤnfftigen Thiere alles dessen ermangelen. 47. Dieses Vermoͤgen ist wiederumb gut/ und heist der Wille des Menschen/ oder seine in- nerliche Freyheit/ und was dieselbe vermehret und bessert ist wiederumb gut/ was sie aber ver- ringert/ ist boͤse. 48. Bisher haben wir den Menschen in An- sehen seines eigenen Wesens Betrachtet; Nun muͤssen wir auch ein wenig naͤher auf die Dinge/ die außer ihme sind reflecti ren/ und von derer- selben ihre Wuͤrckung in der Natur des Men- schen etwas reden. B 2 49. Al- Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit 49. Alles was von aussen den Menschen be- ruͤhret/ das beruͤhret unmittelbahr die aͤußerli- chen Sinnligkeiten/ und dannenhero weil diese Wuͤrckung am allergegenwaͤrtigsten ist/ wird auch das Gute und Boͤse derselben von denen unvernuͤnfftigen Menschen empfunden/ und in Ansehen der gegenwaͤrtigen Belustigung oder Verletzung fuͤr gut und boͤse gehalten. 50. Wenn die aͤuserlichen Dinge durch die aͤußerlichen Sinnligkeiten den Leib des Men- schen geruͤhret/ so entstehet hernach auch durch die Fortsetzung dieser Bewegung eine Beruͤhrung des Gebluͤts und der andern innerlichen Saͤffte/ wiewohl das Gute und Boͤse/ so durch diese Beruͤhrung verursachet wird/ wehrentheils nicht so handgreifflich zu spaͤren ist/ sondern die Vermehrung und Verringerung der menschli- chen Kraͤffte disfalls offte sehr entfernet und zu- kuͤnfftig zu seyn pflegen; dannenhero auch nicht ein jeder unvernuͤnfftiger und in denen Vorur- theilen annoch steckender Mensch capabel ist da- von zu urtheilen/ sondern hierzu eine sonderliche Attention und Weißheit erfordert wird/ und zwar desto mehr Weißheit/ je weiter die Wuͤr- ckung dieser Beruͤhrung der aͤußerlichen Dinge von deren Anfang entfernet ist. 51. Endlich weil auch die Gedancken des Menschen mit dem Leibe genau verknuͤpfft seyn/ und dasjenige nicht alleine Was die Sinnligkei- ten scharff beruͤhret/ auch zugleich die Gedancken mit das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. mit beweget/ sondern auch die Alteri rung der geistigen Coͤrper in dem Gehirne zugleich die Gedancken selbst in einen munteren oder schlaͤffrigen und tummen Zustand setzet/ so ist dan- nenhero einem vernuͤnfftigen Menschen desto- mehr daran gelegen/ die entferneten und zukuͤnff- tigen Veraͤnderungen/ die durch Beruͤhrung der aͤußerlichen Coͤrper in seinem Leibe verursacht werden/ so genau als es moͤglich ist/ zuwissen und zu begreiffen. 52. Es wird aber dasjenige/ was wir allbereit oben zum Grunde gesetzt haben/ folgende Anmer- ckungen an die Hand geben. Alle Objecta de- rer Sinnligkeiten/ die bey dem Menschen keine neue ausser-ordentliche und sehr em- pfindliche Bewegung verursachen/ sondern nur seine natuͤrliche Bewegung in einem ru- higen Zustande erhalten/ sind gut; Und alle Bewegungen derer Sinnligkeiten die gar zu empfindlich sind/ oder die die Sinn en gar zu starck bewegen/ verderben die Senn-Adern der sinnlichen Gliedmassen/ und derhalben sind sie boͤse. 53. Sprichstu: Woran erkenne ich es aber/ ob die Bewegung in denen zur Sinnligkeit ge- widmeten Gliedmassen allzustarck/ oder der na- tuͤrlichen Bewegung gleichfoͤrmig sey? So kan ich dir disfals keine andere Antwort geben/ als daß dir solches deine innerliche Versicherung am besten sagen werde/ und daß man disfalls kei- B 3 ne Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit ne allgemeine Regel uͤberhaupt geben koͤnne/ weil die ordentliche Bewegung bey einem Menschen nicht in einem Grad ist wie bey dem andern/ son- dernbey nahe auf so vielfaͤltige Art vari ret als Menschen seyn/ welche Veraͤnderung theils von dem Alter/ theils von der Landes-Art/ theils von der Gewohnheit u. s. w. herruͤhret. Und solcher gestalt darff ein jeder nur auff sich selbst Achtung geben/ ob er eine merckliche und zuvorher ungewohnte Alteration bey sich empfindet oder nicht. 54. Hieraus folget/ daß die mitlern Bewe- gungen zwischen den allzustarcken und ordentli- chen boͤse seyn/ wenn sie denen allzustarcken naͤher kommen/ und fuͤr gut muͤssen gehalten werden/ wenn sie denen ordentlichen nahe sind. 55. Es kan aber diese ordentliche Bewe- gung der sinnlichen Gliedmassen wohl boͤse werden/ wenn sie allzulange continui ret wird/ weil dadurch die Bewegung der andern Sinnligkeiten/ die nach der Weißheit des Schoͤpffers/ als wir oben erwehnet/ mit andern durch eine anmuthige Veraͤnderung abwechseln solten/ gehindert wird. 56. gleiche Bewandniß hat es mit der Be- wegungs-Krafft der aͤußerlichen Gliedmas- sen. Eine maͤßige Bewegung/ die nicht sehr empfunden/ und nicht allzulange continui ret wird/ ist gut/ eine allzusehr empfindliche oder lang continuir te aber/ ist boͤse. 57. Fer- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. 57. Ferner was die Bewegung des Gebluͤts betrifft/ so ist dieses fuͤr boͤse zu halten/ wodurch des Menschen Gebluͤt gar zu sehr/ oder gar zulang- sam beweget wird; Was die Bewegung des Gebluͤts in seinem ordentlichen Zustand erhaͤlt/ ist gut. Ausser daß man hier nicht sagen kan/ daß die ordentliche Bewegung des Gebluͤts/ wenn sie lange continui ret wird/ boͤse seyn solle: Weil der Mensch nur einerley Bewegung des Gebluͤts hat/ ohne welches er nicht leben kan/ aber im gegentheil vielerley Arten der Sinnlig- keiten von Gott erhalten/ die sie nicht alle zugleich bewegen koͤnnen/ sondern eine nach der andern sich bewegen muß 58. Endlich was die Gedancken des Men- schen gar zu sehr schaͤrffet/ oder gar zu sehr turbi- rit/ ist boͤse/ was aber dieselbe in einer proportio- nir lichen Bewegung erhaͤlt/ ist gut: Ja was die- se Bewegung allzulang continui ret/ ist auch boͤse/ weil die Gedancken nicht nur den Menschen gegeben sind/ vielfaͤltige und unterschiedene Din- ge zu bedencken/ sondern auch zu ihrer Erhaltung eine mit der Bewegung abwechselnde Ruhe erfordern. 59. Dieses waͤre also das vornehmste/ das in Betrachtung der aͤußerlichen Ding uͤber- haupt anzumercken waͤre: Wollen wir nun ferner dieselben insonderheit noch ein wenig be- schuen/ wird es am fuͤglichsten geschen/ wenn wir dieselbige in drey Classen eintheilen/ deren B 4 etliche Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit etliche unter den Menschen sind/ als die Thiere/ Pflantzen/ u. s. w. etliche neben ihm/ als andere Menschen/ und endlich das hoͤchste Wesen uͤber ihm/ nemlich GOtt. 60. Was die Dinge die unter ihm seyn be- trifft/ so wird ein jeder vermittelst einer geringen Auffmerckung gar leichte begreiffen koͤnnen/ daß der Mensch zur Erhaltung seiner Dauerung und seiner natuͤrlichen Kraͤffte so viel Dinge eben nicht von noͤthen habe/ zum wenigsten sehr vieler gar fuͤglich missen koͤnne. 61. Denn zu Erhaltung seiner, Lebens-Gei- ster und der Kraͤffte in seinem Leibe braucht er zwar Speise und Tranck/ aber hievon ist schon ein alt Sprichwort bekant/ daß die Natur mit wenigen vergnuͤgt sey: Zu Erhaltung der an- dern aͤusserlichen Sinne des Gesichts/ Gehoͤrs/ Geruchs/ Geschmacks und Gefuͤhles wird sehr wenig Reichthum erfoꝛdert/ sondern die Natur des Menschen kan sich disfalls an fremden Din- gen/ oder die dem Eigenthum der Menschen nicht unterworffen sind/ begnuͤgen. Und endlich so ist wohl aus gemacht/ daß derjenige/ so wenig isset und trincket/ auch die Belustigung der Sinnen maͤßiglich braucht/ an justesten und accurate sten zu gedencken geschickt sey. 62. Es wird zwar diese Anmerckung in praxi fast durchgehends bey dem menschlichen Ge- schlecht fuͤr laͤcherlich gehalten/ u. im gegentheil geglaubet/ der Mensch muͤsse viel Dinge zu Er- hal- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. haltung seines Wesens haben. Allein dieses Borurtheil scheinet theils aus der irrigen Mei- nung entsprossen zu seyn/ als wenn Gott alle Crea- turen dem Menschen zu gute/ (das ist/ zu Erhal- tung seines Wesens) geschaffen haͤtte; Theils auch aus einer uͤbelen Gewohnheit/ oder sonsten aus einer eitelen Einbildung. 63. Wiederum ist kein Zweiffel/ daß die mei- sten Dinge und zwar auf vielfaͤltige Weise dem Menschen schaden koͤnnen/ und daß dan- nenhero der Mensch grosse Ursache habe dieselbi- gen zu meiden. 64. Nichts desto weniger muß man die an- dern Geschoͤpffe mehr unter die guten Dinge als unter die Boͤsen rechnen/ weil gleichwohl der Mensch zu seiner Dauerung etlicher dererselben nicht entbehren kan/ die uͤbꝛigen aber dem Men- schen nicht in Ansehen Jhrer selbst schaden/ son- dern nur daß sie unrecht applici ret werden/ welche unrechte applici rung entweder der Mensch selb- sten thut/ oder doch demselben nicht ohne seine gaͤntzliche Schuld mehrentheils wiederfaͤhret. 65. Aber bey dem Menschen wird mehr an- zumercken seyn. Ohne andere Menschen waͤre der Mensch hoͤchst elende/ denn er wuͤrde ent- weder ohne anderer Menschen Huͤlffe nicht Le- ben koͤnnen/ oder doch ein verdrießliches Leben fuͤhren. Ja er wuͤrde der meisten/ wo nicht aller sinnlichen Belustigungen entbehren muͤssen/ als welche andeꝛe Menschen præsupponi ren. Endlich B 5 wuͤr- Das 1. Haupst. von der Gelahrheit wuͤrden ihm auch die Gedancken wenig helffen oder nuͤtze seyn; Denn die Gedancken bestehen aus einer innerlichen Rede/ die innerliche Rede entstehet von einer aͤußerlichen/ die aͤußerliche nutzet gar nichts/ wenn keine menschliche Gesell- schafft waͤre. 66. Aber deswegen muß man nicht alsbald zuplumpen/ und andere Menschen ohne Un- terscheid als etwas gutes betrachten; Zu- mahl wenn man erweget/ daß dem Menschen auch don andern Menschen grosser Verdruß angethan werden kan/ indem ein Mensch den andern toͤdten/ denen Sinnligkeiten viel Unlust zufuͤgen/ und dieselben martern kan. Ja indem taͤglich einer des andern seinen Verstand durch Beybringung vieler Jrꝛthuͤmer/ durch Betrug im Handel und Wandel/ u. s. w. wie nicht weniger seinen Willen durch Verfuͤhrung zu Lastern und boͤsen Exempeln verletzet. 67. Gleichwohl kan sich auch der Mensch im Gegentheil anderer Menschen besser als aller andern Creaturen bedienen/ sein Leben zu erhalten/ zu verlaͤngern/ sich zu vergnuͤgen/ und am allermeisten seine Venunfft zu saubern/ und seinen Willen durch gute Exempel auszubessern. 68. Und also ist der Mensch mehr unter die guten Dinge anderer Menschen/ als unter boͤse zu rechnen. 69. Wiederumb ist kein Zweiffel/ daß dis- falls der Mensch fuͤr andern Thieren etwas son- derli- das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. derliches habe/ daß ihm unter seines gleichen Menschen ein Mensch besser anstehet als der andere/ woraus eine absonderliche Freund- schafft oder Liebe entstehet. 70. Und zwar so geschiehet solches aus vieler- ley Ursachen/ entweder wegen einer absonderli- chen Duͤrfftigkeit/ oder wegen Belustigungen der Sinnen/ oder wegen Ubereinstimmung der Gedancken oder des Willens. 71. Jm uͤbrigen sind alle Menschen einander von Natur gleich/ und die Ungleichheit der Staͤn- de ist entweder aus Mangel oder wegen dringen- der Noth eingefuͤhret worden. Dannenhero steckt es in des Menschen Natur/ daß er so viel als moͤglich trachtet seine Gleichheit zu erhalten. Und entstehet daher ein absonderliches Gut/ das man Freyheit zu nennen pfleget. 72. Nichts destoweniger lebet der Mensch von Jugend auff unter lauter Ungleichheit/ und diese Gewohnheit wird bey ihm gleichsam zur an- dern Natur. Dannenhero traͤget er Verlangen entweder andern die uͤber ihm sind/ gleich/ oder de- nen die seines gleichen sind vorgezogen zu weꝛden/ welches man die Ehrbegierde zu nennen pfleget. 73. Dieweil aber der wahrhafftige Grund an- dern gleich geachtet oder vorgezogen zu werden/ in dem rechten Gebrauch der Vernunfft/ das ist/ in rechtschaffener Erkaͤntniß und Ausuͤbung des Wahren und Guten bestehet; So ist diese Be- gierde nur in so weit fuͤr gut zu achten/ so ferne sie sich Das 1. Huptst. von der Gelahrheit sich in diesen Mitteln gruͤndet/ weil der Mensch dabey niemahls seinen Schaden oder Ubel leiden kan. 74. So ferne sie sich aber auff etwas anders gruͤndet/ ist sie boͤse/ weil sie nicht dauerhafftig seyn kan. 75. Ja wenn der Mensch seine Vernunfft recht gebrauchet/ wird er auch die Ehrbegierde der ersten Art mehr fuͤr indifferent als fuͤr was gu- tes achten/ weil auch ohne die aͤußerliche Gleich- achtung der Vorziehung weder seinem Leben/ noch seinen Sinnligkeiten/ noch dem Gebrauch seiner Vernunfft etwas abgehet. 76. Aus der obangefuͤhrten Ungleichheit/ der Staͤnde der Menschen ist ferner die Einfuͤhrung des Eigenthums der Guͤter in dem menschli- chen Geschlecht entstanden/ daraus ist hernach- mahls nothwendig eine Ungleichheit des Vermoͤ- gens erwachsen/ und folglich auch ein Mangel derselben oder Duͤrfftigkeit. Diese hat die Menschen genoͤthiget das Geld einzufuͤhren/ durch welches man alles/ wessen man beduͤrfftig ist/ anschaffen kan. Dannenhero ist die gemeine Begierde anderen gleich geachtet oder ihnen vor gezogen zu werden/ ordentlich mit der Be- gierde uach Gelde oder Reichthum verge- sellschafftet. 77. Diese ist fuͤr gut zu achten/ so ferne sie nach den Regeln der gesunden Vernunfft einge- richtet ist/ und das erworbene Gut recht gebrau- chet/ das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. chet/ fuͤr boͤse aber/ wenn solches nicht ge- schiehet. 78. Ja weil ein Mensch der seinen Verstand recht brauchet/ gar leichte enkennet/ daß er ohne Reichthumb gar wohl seyn/ und seine Guͤter ge- brauchen koͤnne/ (indem wir allbereit oben erweh- net/ daß der Mensch nicht viel eigenes zu seiner Dauerung gebrauche) so wird er auch den Reichthum mehr fuͤr ein indifferent Ding/ als fuͤr ein nothwendig Gut achten. 79. So ist auch endlich aus Einfuͤhrung des Unterscheids der Staͤnde/ so wohl auch aus de- nen unterschiedenen Graden der Vortrefflichkeit der Menschen/ und aus der dem Menschen einge- pflantzeten Geselligkeit eine Begierde entstanden/ daß die Geringerern die Oberern und Vortreffli- chern hochgeachtet/ und diese ihre Hochachtung zu erweisen nicht alleine freywillig viel aͤußerliche Zeichen erfunden/ durch ihr Thun und Lassen die- selbsten zu erkennen zu geben/ sondern auch frey- willig der obern und vortrefflichern Menschen ihr Thun und lassen zu imiti ren angefangen/ welches man eine Ehrbezeigung/ Hoͤffligkeit/ Com- plaisance, u. s. w. nennen kan/ woraus ein abson- derlich Wesen/ das die Lateiner Decorum nen- nen/ entstanden/ auch alle Schamhafftigkeit daher ihren Ursprung nimmet. 80. Dieses Decorum und die aus Verletzung desselben entstandene Schamhafftigkeit ist so ferne sie die weisen und tugendhafften Leute vor die Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit die trefflichsten haͤlt/ und derenselben Thaten imi- ti ret/ ein warhafftiges Gut. So ferne sie aber die Lasterhafften und Gewaltigsten zum Spiegel braucht/ ist es ein Ubel; So ferne es aber auf die Nachahmung indifferenter Dinge zielet/ ist es an sich selber mehr ein eiteles Nichts als was gutes/ jedoch wird es ex hypothesi, weil wir unter lauter eitelen Leuten leben/ billig fuͤr was gutes geachtet/ weil die Unterlassung des- selben dem Menschen schaͤdlich ist/ und er ohne die- sem decoro in vita civili ohnmoͤglich fortkom̃en kan/ wie wir an seinem Orth mit mehrern erwei- sen werden. 81. Nun ist GOtt noch uͤbrig. Von diesem hat der Mensch sein Wesen bekommen/ und wird noch von ihm augenblicklich in seiner Dauerung erhalten. Jhm allein hat er die aͤußerlichen Dinge/ die zu seiner Dauerung nach dem ordent- lichen Lauff der Natur etwas contribui ren zu dancken/ und also stehet GOTT unter allen Guten billig oben an. 82. Und obschon der Mensch gleichfalls erken- net/ daß GOtt ihn aller seiner Guͤter wieder be- rauben/ und den groͤsten Schaden zufuͤgen koͤnne; so darff er doch GOtt nicht unter die boͤsen Din- ge/ oder fuͤr die Ursache des Boͤsen rechnen/ weil er gar wohl begreiffet/ daß er der Mensch durch seine eigene Schuld alle die Ubel/ die von GOtt herruͤhren sich uͤber den Halß ladet- 83. Denn das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. 83. Denn der Mensch kan auch aus dem Licht der Natur erkennen/ daß GOtt fuͤr seine Wohlfahrt Sorge trage/ und daß er auch in die- sem Leben (denn von dem zukuͤnfftigen weiß die Menschliche Vernunfft nichts) ihn/ nach dem er sein Leben anstellet/ mit Gnten oder Boͤsen belohnen oder bestraffen wolle. 84. Deshalben muß er auch nothwendig fuͤr gut halten/ daß er nach Gottes Willen/ den er ihm in dem Recht der Natur offenbahret/ sein Thun und Lassen einrichte/ und fuͤr boͤse/ wenn er demselben widerstrebet/ weil er weiß/ daß auff jenes die Belohnung/ auff dieses aber die Straffe folgen werde/ und daß die Goͤttliche Belohnung und Straffe viel dauerhafftiger sey als ein gegenwaͤrtiges und augenblickliches Ubel oder Gut. 85. Worzu noch ferner kommt/ daß er erken- net/ wie das Recht der Natur in der allgemeinen Gluͤckseligkeit des Menschlichen Geschlechts ge- gruͤndet sey/ weshalben er destomehr fuͤr etwas gutes halten muß/ daß er sein Leben nach Gottes Willen einrichte/ weil unter der allgemeinen Gluͤckseeligkeit auch seine eigene mit begriffen wird. 86. Wenn er demnach sein Leben nach Gottes Willen einrichtet/ so heisset solches ein tugend- hasstes Leben/ zu diesem aber kan er nicht gelan- gen/ wenn sein Verstand nicht zu vorher durch die Gelahrheit ausgebessert ist. Derowegen ist Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit ist die Tugend und Gelahrheit/ absonderlich aber (wie wir allbereit in der Ausuͤbung der Veꝛnunfft- Lehre erwiesen) die Erkaͤntniß seiner selbst was gutes/ und hingegentheil das Laster/ die Unwis- senheit/ und der Jrrthum/ so wohl auch die Ge- lahrheit/ die man mit Unterlassung der Erkaͤntniß seiner selbst in denen andern Geschoͤpffen sucht/ was boͤses. 87. Aus dem/ was wir bisher gesagt/ werden wir gar deutlich die gemeinen Eintheilungen des guten verstehen koͤnnen/ die sonst ziemlich schwer und dunckel von denen/ die sich derselben bedienen fuͤrgebracht werden. Jnsgemein sagt man/ daß dreyerley Guͤter der Menschen seyn/ die Guͤter seiner Seelen/ die Guͤter des Leibes/ und die Guͤter des Gluͤcks. 88. Die Guͤter seiner Seelen sind der rechte Gebrauch des Verstandes und Willens/ nemlich Weißheit und Tugend. Die Guͤter des Leibes sind sein Leben/ seine Sinnlichkeiten und Bewe- gungs-Krafft/ die Gantzheit seiner aͤußerlichen uñ innerlichen Gliedmassen/ u. die rechte disposition seines Gehirnes/ weil von derselben die Ver- nunfft dependi ret/ in Ansehen sie durch die altera- tion des Leibes und absonderlich des Gehirnes selber alteri ret wird/ und durch die Kranckheit des Leibes verringert oder turbi ret werden kan/ wel- ches alles zusammen mit einem Worte die Ge- sundheit des Leibes heist. Die Güter des Gluͤcks sind Reichthum/ Ehre/ Freyheit und Freunde. 89. Also das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. 89. Also siehest du/ daß wir alles bißhero ein- zeln erzehletes Gute unter die gewoͤhnlichen Classen gebracht haben/ biß auff GOtt und das Decorum, die sich nach der gemeinen Beschrei- bung nicht fuͤglich zu einer von derselben setzen lassen. Was das Decorum betrifft/ daran hat bißhero niemand gedacht/ was es fuͤr ein Gut sey/ obgleich alle Philosophi darinnen wider die Cy- nicos einig gewesen/ daß uͤber die Tugend noch etwas anders sey/ das man in gemeinen Leben und Wandel als eine Richtschnur in acht neh- men muͤsse. 90. Was GOtt betrifft/ ist es zwar denen Heydnischen Philosophen endlich zu uͤbersehen/ daß sie die Eintheilung der Guͤter des Menschen so eingeschrenckt/ daß sie das noͤthigste darinnen versehen/ weil sie insgesamt wegen der Ver- mischung der Welt-Weisheit und der falschen Offenbahrung irrige Meinungen von GOtt ge- heget; daß man aber in Christlichen Schulen diesen Mangel so gelassen/ wie man ihn gefun- den/ ist billig zu bewundern. Wir wollen uns aber nicht eben bekuͤmmern diese Eintheilung nach diesen Anmerckungen auszubessern/ sondern lieber dieselbe gar fahren lassen/ weil wir nicht sehen/ was dieselbe fuͤr einen grossen Nutzen habe. 91. Ferner lehret man durchgehends in de- nen Schulen/ qvod bonum sit honestum, utile \& jucundum, daß ein ehrbares/ nuͤtzliches und be- C lusti- Das 1. H. von der Gelahrheit lustigendes Gut sey/ und machet in Beschrei- bung dieser unterschiedlichen Arten/ so wohl auch in denen Exempeln den Unterschied dererselben mehr verwirret als deutlich/ indem man diese fal- sche Meinung hat/ als wenn diese dreyerley Guͤ- ter wuͤrcklich voneinander unterschieden waͤ- ren/ da doch ihr Unterschied nur darinnen beste- het/ daß das Gute in unterschiedene Betrach- tung bald ehrbar/ bald belustigend/ bald nuͤtz- lich genennet werde. 92. Denn alles warhafftige Gute (das Schein-Gut haben wir schon oben ausgemer- tzet) ist nuͤtzlich/ weil es den Menschen in sei- ner Dauerhafftigkeit erhaͤlt. So ist es auch belustigend/ wenn es der Mensche besitzet/ weil die Freude/ Lust und Vergnuͤgung nichts anders ist/ als die Geniessung und Besitzung des verlang- ten Guten. Endlich ist es auch ehrbar oder zum wenigsten nicht unehrbar; denn die Erbarkeit gruͤndet sich in dem gemeinen Nutzen des mensch- lichen Geschlechts/ und wir werden zu seiner Zeit bald darthun/ daß/ der ein ehrbares Leben fuͤh- ret/ auch alleine ein recht lustig und vergnuͤgt Le- ben empfinde. Und gleichwie alle Unehrbarkei- ten und Laster dem gantzen menschlichen Ge- schlecht schaͤdlich seyn/ auch jeden Menschen selbst ruinir en; als wird es sich auch bald weisen/ daß derjenige/ der ein unvernuͤnfftiges Leben fuͤhret/ auch zu der Zeit/ da er sich die groͤste Lust ein- bil- das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. bildet/ vielfaͤltigen ja unzehligen Verdrießlichkei- ten unterworffen sey. 93. Es krieget aber dieses eintzige Gute unter- schiedene Nahmen/ nachdem man es auff unter- schiedene weise betrachtet. Wenn man seinen Ursprung ansiehet/ daß es von GOtt herkomme/ und daß es von GOtt oder solchen Menschen/ die an GOttes Stelle auff dieser Welt das Regi- ment fuͤhren/ als eine Richtschnur des menschli- chen Thun und und lassens vorgeschrieben sey/ so heist es ein ehrbares Gut/ wiewohl es auch manchmahl diese Benennung erlanget/ wenn es nicht unehrbar/ oder dieser Richtschnur nicht zu wieder ist. 94. Betrachte ich aber das Gute in Ansehen seiner selbst und seiner Gegenwaͤrtigkeit/ so heisset es ein belustigendes Gut. 95. Endlich wenn ich seine Wuͤrckung be- trachte/ so heisset es nutzlich/ nemlich so ferne es ein neues Gute zuwegen bringet/ oder das ge- genwaͤrtige continui ret. 96. Und also ist kein anderer Unterschied un- ter dem nuͤtzlichen und belustigenden Guten/ als daß jenes auff zukuͤnfftige Dinge/ dieses aber auff gegenwaͤrtige sein Absehen hat. 97. Woltest du gleich sagen/ daß man sich auch an vergangenen und zukuͤnfftigen Din- gen belustige/ ja daß man mehr Vergnuͤgen an Betrachtung vergangener und zukuͤnfftiger Dinge/ wo nicht allemahl doch oͤffters/ als an C 2 gegen- Das 1. H. von der Gelahrheit gegenwaͤrtigen empfinde; Z. e. ein zaͤrtlich Ver- liebter; So wirst du doch gestehen muͤssen/ wenn du die Sache genau uͤberlegest/ daß als denn erst die Betrachtung vergangener Din- ge belustige/ wenn wir uns dieselben als noch gegenwaͤrtig/ oder die doch leichte wieder ge- genwaͤrtig seyn koͤnnen/ vorstellen/ und daß die Betrachtung zukuͤnfftiger Dinge uns belustige/ wenn wir gedencken/ daß sie bald gegenwaͤr- tig seyn werden/ und also muß man das gegen- waͤrtige allhier in einen etwas weitern Verstande nehmen. 98. Denn wenn ich das vergangene Gute als vergangen betrachte/ und daß nicht mehr gegenwaͤrtig seyn wird/ so erfreue ich mich nicht/ sondern ich betruͤbe mich/ Gleichwie in Gegen- theil die Betrachtung des vergangenen Boͤsen uns belustiget. Und wenn ich das zukuͤnfftige Gute nur noch als zukuͤnfftig ansehe/ so empsin- de ich keine Lust darvon/ sondern ich habe nur ein Verlangen darnach. 99. Daß man aber insgemein die nuͤtzlichen/ belustigenden und ehrbaren Guͤter von einander absondert/ geschiehet theils daher/ daß man diese Guͤter nicht recht beschreibet/ theils daß man gantz offenbahr das Schein-Gut mit dem wah- ren Gute/ theils auch endlich andere zufaͤllige und geringe Arten des Guten mit denen edel- sten vermischt. 100. Man das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. 100. Man sagt/ das nuͤtzliche Gut ver- lange man wegen eines andern/ das belusti- gende aber und das ehrbare wegen sein selbst. Alleine so ferne alles Gute eine bestaͤndige Dauerung intendir et/ muß es nothwendig we- gen eines andern verlanget werden; so ferne aber durch das andere etwas von dem vorigen gantz unterschiedenes verstanden wird/ und daß das vorige nichts unmittelbaꝛ zuꝛ Dauerung con- tribui re/ z. e. Geld/ so begreiffet man nur unter dem Rahmen/ des nutzlichsten Gutes die ge- ringste Art/ nehmlich die Mittel zum Guten/ gleich als ob/ zum Exempel das Leben/ die Sinn- ligkeiten und dererselben maͤßige Belusti- gungen u. s. w. die man wegen ihrer selbst verlan- get/ nicht auch nuͤtzlich waͤren. 101. Ferner spricht man/ das ehrbare Gut verlange die gesunde Vernunfft/ das belusti- gende aber ein uns mit denen Thieren gemei- ner appetit. Aber wir haben schon oben gesagt/ daß die Thiere das Boͤse und Gute nicht erken- nen (denn sie gedencken nicht) wie wolten sie denn das Gute verlangen koͤnnen/ weil nach dem ge- meinen Sprichwort ich nichts verlange/ was ich nicht weiß. 103. So ist auch darinnen eine ziemliche Un- foͤrmligkeit/ daß man diesen appetit, der nach belustigenden Dingen trachten sol/ der gesun- den Vernunfft entgegen setzet/ gleich als ob ei- ne gemaͤßigte Freude und Lust der gesunden C 3 Ver- Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit Vernunfft zu wider waͤre/ und nicht vielmehr der Gebrauch der gesunden Vernunfft selbsten in der Gemuͤths-Ruhe/ diese aber in einer stillen Belustigung bestaͤnde. 103. Sprichst du gleich: diese maͤßigen Be- lustigungen und alle Belustigungen des Ge- muͤths waͤren keine belustigende Guͤter/ weil das belustigende Gut eintzig und alleine in sehr empfindlichen Beruͤhrungen der Sinnlig- keiten bestuͤnde/ Z. e. in einer Wollust/ in delica- ten Essen und Trincken/ und andern Dingen/ die wie Wohlluͤste des Leibes nennen; So ist doch diese Ausflucht sehr unvernuͤnfftig. Denn erst- lich haben wir schon oben erwiesen/ daß alle empfindliche Belustigung ein Schein-Gut/ oder deutlicher etwas boͤses sey/ und daß denen maͤßigen Belustigungen alleine die Beschreibung des Guten zukomme. 104. Zum andern/ gleichwie es eine grosse Thorheit seyn wuͤrde/ wenn wir vermeinen wol- ten/ daß ein Saͤuffer/ Spieler und Huhrer in dem Augenblick seiner Belustigung kein Ver- gnuͤgen fuͤhlen solte; also waͤre es auch unge- schickt/ wenn man diejenigen/ die die Belusti- gung der Seelen wuͤrcklich empsinden/ bere- den wolte/ ihre Empfindligkeit betroͤge sie. Denn daß ich anjetzo nichts von der stillen Lust und ruhigen Vergnuͤgen eines warhafftig wei- sen und tugendhafften Mannes erwehne/ so ist wohl ausser Zweiffel/ daß das Gemuͤthe eines Ehr- das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. Ehrgeitzigen uͤber den gnaͤdigen Blick eines Fuͤr- sten; eines Geldgierigen uͤber der Erhaltung ei- nes Gewinsts; eines so genandten Gelehrten uͤber der Wiederlegung eines seiner Widersa- cher/ und eines tieffsinnigen Mannes uͤber der Erfindung der qvadraturæ circuli, eben die Freu- de und Vergnuͤgung empfindet/ als eines/ der sich uͤber die empfindlichen Beruͤhrungen der Sinnligkeiten belustiget. 105. Und also wird es nunmehro nicht schwer seyn von denen Exempeln zu urtheilen/ die man insgemein giebt um darzuthun/ daß wohl etwas ein ehrbares Gut seyn koͤnne/ ohne daß es nuͤtz- lich oder belustigend sey/ oder nuͤtzlich und doch nicht belustigend oder ehrbar/ oder belustigend und doch nicht nuͤtzlich oder ehrbar. Z. e. Sein Leben fuͤr sein Vaterland wagen/ oder sich von Lastern zur Tugend angewoͤhnen: Bittere Ar- tzeney gebrauchen/ oder stehlen/ huhren/ fressen und sauffen. 106. Denn was das Stehlen/ huhren/ fressen und sauffen anlanget/ diese gehoͤren nicht unter die nuͤtzlichen und belustigenden Guͤter/ weil sie gar nicht unter die Guͤter zu rechnen sind/ sondern boͤse sind. Und vermischen die/ so sich dergleichen Exempel bedienen/ gantz offenbahr zwey unterschiedene Redens-Arten. Ein anders ist ein empfindlicher/ augenblicklicher Nutzen oder Belustigung. Ein anders ein nuͤtzliches oder be- lustigendes Gut. C 4 107. Das 1. H. von der Gelahrheit 107. Was aber die andern Exempel betrifft/ so ist es wohl an dem/ bittere Artzeney ist ein nuͤtzlich Gut/ aber nicht belustigend: Sich von Lastern abgewoͤhnen/ ist ehrbar und nuͤtzlich/ aber es gehet sauer ein. Alleine beydes præsup- ponir et einen Menschen/ der in einen verderbten Zustand ist; Dergleichen Guͤter/ wie wir bald sagen werden/ sind Guͤter in einen geringeren grad, und mehrentheils denen edelsten Guͤtern/ die man nach dem ordentlichen und natuͤrlichen Zustand des Menschen erweget/ entgegen ge- setzt. Was wir aber bißhero von der Vereini- gung des ehrbaren/ nuͤtzlichen und belustigenden Guten gesaget/ ist von denen edelsten Guͤtern tanqvam de analogato nobilissimo zu verstehen. 108. Endlich sein Leben fuͤr sein Vater- land wagen/ ist/ wenn man einen rechten Men- schen ansiehet/ ein belustigendes und nuͤtzliches Gut; Denn ein tugendhaffter Mann thut es mit Freuden/ und erhaͤlt dadurch den gemeinen Nu- tzen/ in welchem sein eigener mit steckt; Und muß man einen grossen Unterscheid machen unter ster- ben und sein Leben wagen. 109. Derowegen waͤre es fast besser gewe- sen/ man haͤtte in denen Schulen die Einthei- lung des Guten in honestum, jucundum \& utile ausgelassen/ als daß man sie so verwirrt und ungegruͤndet fuͤrgetragen/ zumahl da man aber- mahl das decorum ausgelassen/ welches we- der zu den ehrbaren noch nuͤtzlichen noch belusti- gen- das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. genden Guͤtern nach der gemeinen Beschreibung gerechnet werden kan. 110. Solcher gestalt aber wollen wir uns nach andern Eintheilungen des Guten um- thun/ die in der Gelahrheit von dem Erkaͤntnis des Guten und Boͤsen/ groͤssern Nutzen haben. Zumahl wenn wir voraus mercken/ daß die un- terschiedenen Arten des Guten und Boͤsen/ die wir in folgenden Eintheilungen vorstellen wol- len/ nicht von gleicher Guͤte oder grad seyn/ sondern allezeit die eine Art geringer seyn wird als die andere/ dannenhero nicht alleine dieses uͤberhaupt zu erinnern/ daß wenn zwey Gute oder Boͤse von ungleichen grad zusammen kom- men/ das geringere allezeit in Ansehen des groͤsseren weichen und nachgeben muͤsse/ son- dern daß wir auch in der Erkaͤntnis des Guten allemahl fuͤrnehmlich auff den groͤsten und vornehmsten grad unser Absehen richten muͤs- sen/ wie wir denn auch in dessen Ansehen diesen grad in Beschreibung des guten fuͤr Augen ge- habt haben. 111. Denn der Mensch wie er anjetzo auff dieser Welt lebet/ kan auf zweyerley Weise be- trachtet werden/ entweder nach seinem ordent- lichen Zustand und seiner Natur/ den er von GOtt empfangen hat oder nach seinen ausser ordentlichen/ ausser natuͤrlichen Zustand/ in- dem er sich durch die Gewohnheit selbst gesetzt C 5 hat/ Das 1. H. von der Gelahrheit hat/ oder darein er von andern Menschen gesetzt worden. 112. Der ordentliche Zustand ist derjenige/ wenn die Bewegung aller Theile des menschli- chen Leibes in der von GOtt geordneten propor- tion und Masse/ auch Abwechselung verbleibet/ und so zu reden in gleicher Wage bald auf diese Seite bald auff jene inclinir et/ welches nicht al- leine von der Bewegung des Gebluͤts/ und der geistigen Coͤrper in denen nerven, sondern auch von der Bewegung der Vernunfft und des Wil- lens zu verstehen/ daß beyde allein zum Guten an- getrieben/ und von Boͤsen abgefuͤhret/ in allen an- dern Dingen aber gleich guͤltig seyn. Dieser Zu- stand ist an sich selber gut. 113. Der ausserordentliche Zustand ist der- jenige/ wenn diese Bewegung von der von GOtt geordneten Masse abweichet/ und entweder den Wachsthum allzumercklich befoͤrdert/ oder das Abnehmen unmittelbahr und empfindlich be- schleuniget/ und wenn der Verstand und Wille zum Guten traͤge und zum Boͤsen munter ist/ auch keines weges eine ruhige Bewegung empfindet/ sondern von allen aͤusserlichen Dingen bald da bald dorthin gerissen wird. Jn diesem Zustande leben dem Leibe nach die Krancken/ und nach der Seeleu die in Unwissenheit und Jrrthuͤmern/ Eitelkeit und Lastern stecken. Dieser Zustand ist boͤse. 114. Nach das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. 114. Nach diesem zweyerley Zustande ist auch das Gute und Boͤse unterschieden/ davon wir jenes das ordentliche/ dieses aber das ausser- ordentliche Gute und Boͤse nennen wollen. 115. Jenes Gute erhaͤlt und befoͤrdert des Menschen seinen ordentlichen Zustand/ oder es befoͤrdert das natuͤrliche Gute; Dieses benimmt ihn den aufferordentlichen/ oder das angewoͤhnte Boͤse. 116. Das ordentliche Boͤse setzet den Men- schen aus dem ordentlichen in den ausserordentli- chen Zustand; aber das ausserordentliche Boͤse ist dasjenige/ wenn man den Menschen aus den Boͤsen oder ausserordentlichen Stand/ durch eine ausserordentliche Weise wider in den guten Stand setzen wil. 117. Denn hierinnen kommen beyderley Art von dem Guten uͤberein/ daß bey beyden eine gewisse proportion und Masse nebst eineꝛ allmaͤh- ligen Veraͤnderung beobachtet werden muß. Und hierinnen koͤmmt beyderley Boͤses miteinander uͤberein/ daß bey beyden selbige Masse uͤber- schritten/ und eine allzuschleunige Veraͤnderung vorgenommen wird. 118. Wie was steiget/ so faͤllet es auch. Und wie dannenhero der Mensch sein natuͤrlich Gu- tes Stuffen-weise gleichsam erhaͤlt/ also muß er sich auch Stuffen-weise das Boͤse wieder abgewoͤhnen. Man vertreibet eine Kranck- heit Das 1. H. von der Gelahrheit heit nicht in einen Augenblick. Man verderbet die erfrornen Gliedmassen/ wenn man dieselbe allzubald in allzugrosse Hitze bringet; Man rui- nir et den Magen/ wenn man nach langer Faste so viel ißt/ als die Begierde antreibet; Man rich- tet nichts aus/ wenn man in einem Augenblick oder in einer allzu kurtzen Zeit die Jrrthuͤmer und Vorurtheile wil loß werden/ oder auff einmahl die lange eingewurzelten Gewohnheiten und Sit- ten oder Affect en abschaffen. 119. Aber hieraus folget zugleich/ daß das- jenige/ was in Ansehen des ordentlichen Zu- standes gut ist/ boͤse seyn wuͤrde/ wenn man es einen Menschen/ der in dem ausserordentlichen Zustand lebet/ applicir en wolte/ und daß hin- gegentheil das/ was einen Krancken/ Unwissen- den und lasterhafften gut ist/ einen gesunden/ weisen und tugendhafften Menschen boͤse seyn koͤnne. 120. Eine maͤßige Bewegung/ ein Stuͤcke Rindfleisch/ eine frische Lufft/ ist einem Ge- sunden gut/ aber einem Podagri schen/ Schwind- suͤchtigen und Febricitant en schaͤdlich. Und was ein Weiser mit Vergnuͤgen fuͤr wahr erkennet/ daruͤber aͤrgert sich ein in Jrrthum steckender/ oder wird doch gleichsam daruͤber verblendet. Ein Tugendhaffter ist ruhig/ wenn er alleine ist/ wenn er wenig hat/ wenn er wenig isset und trincket. Ein Wohlluͤstiger stirbet fuͤr Ver- druß/ wenn er keine Gesellschafft hat/ und ein Gei- das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. Geitziger haͤnget sich/ wenn man ihm seinen Schatz nimmt; Ein Trunckenbold wird kranck/ wenn man ihm 8. Tage allen Wein entziehet. 121. Wiederum: Einem Patienten ist eine etliche Tage lang continuir te Ruhe/ eine auff seine Kranckheit gerichtete Artzeney/ eine außerordentliche Waͤrme gut. Einen Ge- sunden aber macht sie faul; und ein Gesunder verderbet sich/ wenn er offte Artzeney braucht/ und seine Zimmer so warm haͤlt/ als wenn er kranck waͤre. Einem Jrrenden/ der noch in præ- judiciis steckt/ muß man durch einen ehrlichen Betrug gewinnen. Bey einem Weisen ist al- ler Betrug verdaͤchtig. Ein Wohlluͤstiger Gei- tziger und Trunckenbold bessert sich/ wenn seine Wohllust/ sein Geiz und seine Truncken- heit abnehmen; aber ein Keuscher Freygebi- ger und nuͤchterner Mensch verschlimmert sich/ wenn er in einen dergleichen maͤßigen grad wohlluͤstig/ geitzig und der Trunckenheit erge- ben wird. 122. Mit der vorigen Eintheilung des Guten hat folgende einige Verwandnis. Das Gute und Boͤse wird entweder positivè oder privati- vè genommen. Das ist/ das Gute bestehet entweder in der Erlangung einer angeneh- men Sache/ oder in der Beraubung einer unangenehmen. Und das Boͤse bestehet ent- weder in Erhaltung einer unangenehmen/ oder in Beraubung einer angenehmen Sache. 123. Al- Das 1. H. von der Gelahrheit 123. Also ist die Erlernung zuvor unbekan- ter Wissenschafften/ die Erhaltung neuer Ehre und Freyheiten/ die Erwerbung eines biß- her nicht gehabten Vermoͤgens u. s. w. posi- tivè gut/ die Entledigung aber aus der Ge- faͤngniß/ die Genesung von der Kranckheit u. s. w. ist unter die bona privative talia zu rech- nen. Gleicherweise ist die Kranckheit/ die Verwundung/ der Schmertz/ die Schmach positivè ein Ubel/ die Einkerckerung aber/ die Beraubung unsers Vermoͤgens oder unserer Ehren-Stellen ein malum privativum. 124. Ferner so sind etliche Guͤter sehr edel und hoͤchstnothwendig/ ohne die des Men- schen sein Wesen entweder gar nicht bestehen kan/ oder doch elend und gestuͤmmelt seyn wuͤr- de; etliche aber sind nicht so edel und noth- wendig/ dergestalt daß der Mensch ohne die- selben gar wohl bestehen kan/ auch ohne sie nicht elend zu nennen ist; Sie werden aber un- ter die Zahl guter Dinge gerechnet/ weil der Mensch/ so selbige besitzet/ mehr Gelegenheit hat anderen Menschen Gutes zu erweisen/ als wenn er sie nicht hat. 125. Also sind Gesundheit/ Weisheit und Tugend sehr edele und hoͤchstnothwendige Guͤ- ter; Freyheit aber/ aͤusserliche Ehre/ Reich- thum/ Freunde/ sind nicht so nothwendig/ wor- zu wir auch meistentheils das decorum rech- nen. 126. Dar- das Gute und Boͤse zu erkennen uͤberh. 126. Daraus wird aber leicht zu begreiffen seyn die doppelte Art des Boͤsen/ deren eines dem nothwendigen Guten entgegen gesetzet wird/ als Kranckheit/ Unwissenheit/ Jrr- thum und Laster; das andere aber ist nicht so wohl boͤse als indifferent, weil das ihm entgegen getzte Gut nicht nothwendig ist/ als Beraubung oder Mangel der Freyheit/ der Ehre und des Reichthums/ worzu wir auch die Unwissen- heit des decori rechnen. 127. Und zwar so habe ich in dieser Einthei- lung auff die natuͤrliche Gleichheit des mensch- lichen Wesens mein Absehen gerichtet/ wenn man aber auff die durch die Buͤrgerliche Gesell- schafft eingefuͤhrte Ungleichheit reflectir et/ so ist nicht zu laͤugnen/ wie wir auch allbereit oben er- wehnet/ daß das decorum unter die nothwen- digen Guͤter gerechnet werden muͤsse/ so ferne ohne dieselbige kein Mensche in der Buͤrgerli- chen Gesellschafft sich empor heben kan/ in wel- ther Betrachtung aber auch die Freyheit/ Ehre und Reichthum unter die nothwendigen Guͤter gerechnet werden muͤssen. Solcher gestalt koͤn- te man/ damit man diese beyderley Benennun- gen nicht vermische/ sagen/ die nothwendigen Guͤter seyn/ entweder solche in Ansehung des menschlichen Wesens/ ( necessaria absolutè ) oder in Betrachtung der menschlichen Gesellschafft/ in der wir leben/ und die nicht so vollkommen ist/ wie Das 1. Hauptst. von der Gelahrheit wie sie seyn solte und koͤnte ( necessaria ex hypo- thesi status corrupti societatis civilis. ) 128. Hiernechst ist auch das Gute entwe- der ein unmittelbares Gut/ das des Men- schen Dauerung und Wesen fuͤr sich erhaͤlt; als Leben/ Gesundheit/ Weisheit/ Tugend; oder ein mittelbahres Gut/ welches zu Erlan- gung und Vermehrung besagten unmittelbaren Guͤter dienet/ als Geld/ Speise/ und Tranck/ studir en/ Ubung in tugendhafften Thaten; Je- nes ist der Zweck des menschlichen Thun und Lassens/ dieses die Mittel darzu. Und je ent- ferneter diese Mittel seyn/ oder je leichter der Mensche derselben entbehren kan/ je in gerin- gern grad des guten verdienen sie auch gesetzet zu werden. 129. Endlich/ weil so wohl das Gute als Boͤse unterschiedene Grade haben/ und wir all- bereit oben erinnert/ daß das dauerhaffteste Gute und Boͤse die andern allezeit uͤberwaͤge/ so wird auch in Ansehen dieser Anmerckung das Gute entweder vor ein wuͤrckliches Gut gebraucht/ als Leben/ Gesundheit/ Weisheit/ Tugend/ oder vor ein kleiner Ubel/ als Verlierung seines Vermoͤgens das Leben zu erhalten/ sterben fuͤr seine Freunde u. s. w. Gleichergestalt wird auch das Ubel entweder fuͤr ein wuͤrcklich Ubel ge- nommen/ als Ungesundheit/ Jrrthum/ liederlich Leben/ oder fuͤr ein kleineres Gut; als Erlan- gung Reichthums mit Verlust der Gesundheit; gut das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. gut Gedaͤchtniß mit Verlust oder Verringerung des judicii, Gelahrheit in aͤußerlichen Dingen mit Versaͤumung der Erkaͤntniß sein selbst. 130. Wir haben oben gesagt/ daß die bisherigen Eintheilungen unterschiedene Grade des Guten vorstellen wuͤrden; und also wollen wir numeh- ro kuͤrtzlich anzeigen/ welches unter denen bishero erzehlten Arten die alleredelsten seyn/ nemlich das ordentliche Gute/ das Gute/ das in Be- nehmung einer unangenehmen Sache beste- het ( bonum privativurn ) das in Ansehen des menschlichen Wesens nothwendige Gute/ das unmittelbahre Gute/ und endlich das wuͤrck- liche Gute. Auff diese Arten muß ein Mensch hauptsaͤchlich sein Absehen richten/ und auff die- selbigen schickt sich auch fuͤrnehmlich unsere gege- bene Beschreibung des Guten. 131. Wiewohl in gemeinen Leben und Wandel kehret man es durch einen uͤbelen Ge- brauch gemeiniglich umb. Denn weil die Menschen mehrentheils in einen ausserordentli- chen und verderbten Zustande leben/ als achten sie auch das ausserordentlichen Gute viel hoͤ- her als das ordentliche; ja sie gebrauchen sich des ausserordentlichen Guten auch in dem ordentlichen Zustande zum oͤfftern als einer Richtschnur zu leben/ da wir doch erwehnet ha- ben/ daß hierinnen das ausserordentliche Gute boͤse sey. D 132. Wir Das 1. Haupst. von der Gelahrheit 132. Wir koͤnten hiervon tausend Exempel fuͤr eines geben. Wie viele brauchen bey der Gesundheit Artzeney; wie viel Medici ordini- ren einen Gesunden Menschen er solle sich zuwei- len einen Rausch trincken. Wie viele bilden sich ein/ das Wasser/ das GOtt dem Menschen zum Tranck verordnet hat/ sey ungesund/ weil der Wein den schwachen Magen noͤthig ist. Mit einem Worte/ unsere gantze Kinderzucht taugt wegen dieses præjudicii gantz und gar nichts/ weil wir unsere Kinder von Jugend auff nicht anders als patien ten aufferziehen/ und zu patien ten an Verstand und Willen fast durch- gehends damit machen. 133. Mit dem bono positivo gehen noch mehr Jrrthuͤmer vor/ weil auch vielleicht viel Ge- lehrte selbst mich auslachen werden/ daß ich das bonum privativum fuͤr die vortrefflichste Art ansgegeben. Alleine wenn man die oben angefuͤhrte Exempel betrachten wird/ wird man diese meine Meinung nicht so belachens wuͤrdig halten/ zumahl weil wir schon oben erwehnet/ daß der Mensch sehr vieler Dinge in dieser Welt entbehren koͤnne/ und also die bona positiva mehrentheils unter die nicht nothwendi- gen Guͤter gehoͤren. Aus dieser Ursachen willen wird auch in der Buͤrgerlichen Gesellschafft z. e. einer der aus Rache einen andern umbgebracht/ oder umb reich zu werden gestohlen/ scharffer ge- stꝛafft/ als der in moderamine inculpatæ tutelæ einen das Gute u. Boͤse zu erkennen uͤberhaupt. nen cxceß begangen/ oder aus Hunger gestoh- len. Zugeschweigen/ daß das bonum positivum die Gemuͤths-Ruhe mehr turbi ret als befoͤrdert/ das privativum aber dieselbe von denen wie- drigen Verdrießligkeiten befreyet. Ja wenn wir nichts mehr haͤtten/ daß wir denen/ die diese unsere Meinung antasten wolten/ entgegen setz- ten/ wolten wir sie mit dem Epicuro schamroth machen/ der schon zu seiner Zeit aus eben diesen Ursachen die Wollust beschrieben/ daß sie nichts anders als ein Mangel des Schmertzens oder Verdrusses sey. 134. Was ferner das nothwendige Gut be- trifft/ so ist es offenbahr/ das die gantze Welt/ Freyheit/ Reichthum/ Ehre und das decorum fuͤr besser haͤlt/ als Gesundheit/ Weißheit und Tu- gend; Ja daß auch unter diesen das Geld/ ob es schon ein sehr entfernetes Mittel ist zum Guten/ allen andern Dingen vorgezogen wird/ und nach dem gemeinen Jrrthum die Narren weise/ die Lasterhafften Tugendhafft/ auch bey nahe die Krancken gesund macht. 135. So bekuͤmmert sich auch fast niemand umb das wuͤrckliche Gute/ weil man in lauter boͤsen steckt und also taͤglich gewohnet ist/ aus zweyen uͤbeln das geringste zu wehlen. 136. Weil dannenhero der Mensch alle sein Thun und Lassen darnach einrichten soll/ wie er das Gute erlangen und gluͤckselig leben moͤge; gleichwohl dieses ohne dem rechten Gebrauch D 2 der Das 2. Hauptst. von der groͤsten der Vernunfft nicht zu wege bringen kan; als ist ein gewisser Theil der Welt-Weißheit hier- zu gewidmet/ der auch dieserwegen Philosophia Practica genennet wird/ und also nichts anders ist als die Gelahrheit/ die dem Menschen wei- set/ wie er gluͤckselig leben sol. 137. Diese Gluͤckseligkeit aber muß er erst- lich wohl und deutlich verstehen/ worinnen sie bestehe/ und was ihm GOtt dieser wegen zuthun aufferleget habe/ hernach aber bedacht seyn/ wie er die Hindernuͤssen aus dem wege raͤume/ die ihn abhalten/ diese Gluͤckseligkeit zu erlangen. 138. Die Hindernuͤssen kommen entweder von ihm selbst her durch seine affect en. Diese lehret mir die Sitten-Lehre/ wie sie bezaͤhmet werden sollen; oder sie kommen von aussen. 139. Und zwar entweder durch Mangel/ den zu vertreiben die Oeconomica oder Haußhal- tungs Kunst unterweiset/ oder durch Furcht fuͤr aͤußerlicher Gewalt und List/ wider welche Hinderniß die Politic ihre Lehr-Saͤtze giebt. Das 2. Hauptstuͤck. Von der groͤsten Gluͤckselig- keit des Menschen. Jnnhalt. Beschreibung der Sitten-Lehre, n. 1. Worinnen des Menschen hoͤchste Gluͤckseligkeit bestehe? n. 2. wird von denen Philosophen sehr gezancket. n. 3. Die hoͤchste Gluͤckseeligkeit des Menschen. goͤchste Gluͤckseelzgkeit wird auff zweyerley Art ge- nommen ( I ) vor das edelste unter denen menschlichen Guͤtern. n. 4. Jn diesen Verstan- de kan dieselbe nicht in den Gluͤcks-Guͤtern besieben n. 5. 6. Nicht in Reichthum und Ehre/ weil diese nicht in unserer Willkuͤhr stehen n. 7. und derselben Besitzung niemand gluͤcklich/ noch der Mangel jemand ungluͤcklich macht n. 8. Dieser Lehrsatz wird uͤberall in praxi negligi ret n. 9. und mit Worten und Wercken auch von denen Gelehrten selbst bestritten n. 10. Nicht in Vielen Freunden/ so ferne dieselbe zum Gluͤcks-Guͤtern gehoͤren/ weil ein Weiser Mann viel Feinde hat/ und der viel Freun- de hat am elendesten ist n. 11. 12. Nicht in der Frey- heit n. 13. ob schon dieselbe ein unschaͤtzbares Gut ist n. 14. und ein Leibeigner denen Todten gleich ge- achtet wird n. 15. 16. auch ein auff ewig gefangener Tod ist n. 17. Nicht in dem Decoro n. 18. Bey denen Guͤtern des Leibes und der Seelen muͤssen wir zusoͤrderst die gemeinen Jrrthuͤmer meiden n 19. als wenn das Leben und die Sinnligkeiten zur mensch- lichen Seele gehoͤreten n. 20. 21. oder der Leib der Kercker des Menschen waͤre. n. 22. 23. Das Leben des Menschen ist der Grund der groͤsten Gluͤck- seligkeit und bestehet aus vier S tuͤcken n. 24. De- ren keines ohne das andere seyn kan n. 25. (1) dis Gantzheit der Theile des menschlichen Leihes/ (2) die Bewegung des Gebluͤts n. 26. (3) Die Bewegung der Senn-Adern. n. 27. Die Bewegung des Ge- bluͤts und der nerven sind mit einander ver- knuͤpfft. n. 28. und von der alteri rung dieser beyder dependi ret auch die alteri rung der Gedancken und Vernunsst n. 29. (4) Die Bewegung der Gedan- cken. Ohne diese ist der Mensch kein Mensch mehr D 3 n. 30. Das 2. Hauptst. von der groͤsten n. 30. Beantwortung derer Einwuͤrffe hiewieder n. 31. von den Kindern im Mutler-Leibe/ von denen die in Ohnmacht liegen n. 32. oder von Schlag ge- ruͤbret werden n. 33. ingleichen von naͤrrischen und rasenden Lenten n. 34. welche warhafftig geden- cken n. 35. und letzlich von denen zerstuͤmmelten Men- schen n. 36. Diese vier Stuͤcke aber koͤnnen doch verringert werden/ oder ein Theil kan schwaͤcher seyn als der andere/ oder der Mensch kan in eine Roth gerathen eines an das andere zu wagen n. 37. welches so dann dem andern vorzuziehen und das hoͤchste Gut sey? n. 38. Jn der Gesundheit bestehet die groͤ- ste Gluͤckseligkeit nicht/ denn sie ist nicht in unsern Vermoͤgen n. 39. und ein gesunder aber in Jrrthuͤ- mern steckender Mensch ist elend n. 40. noch vielmehr wenn er Lasterhafft ist n. 41. Ein Weiser und Tu- gendhaffter aber ist darumb nicht elend/ ob er gleich kranck ist/ n. 42. Die Tugend ist edler alß die Weiß- heit n. 43. Der Verstand hilfft dem Menschen nichts in Betrachtung des Guten/ wenn der Wille dasselbige nicht ergreifft n. 44. Die groͤste Gluͤckse- ligkeit bestehet nicht in unnuͤtzlichen und belustigen- den Wissenschafften n. 45. auch nicht in der Physic und Mathesi. n. 47. 48. 49. Weil sie den Menschen nimmermehr ruhig machen. n. 50. Wiewohl man sich nicht scheuet/ heut zu Tage darinnen die groͤste Gluͤck- sell keit zu suchen n. 51. Die Tugend ist auch; die groͤste Gluͤckseligkeit nicht. n. 51. Der Verstand kan nicht ohne Willen/ noch der Wille ohne Versland seyn. Fabel von dem Willen als Koͤnig/ und dem Verstand als dessen Rath. n. 53. 54. 55. 56. Die groͤ- ste Gluͤckseligkeit des Menschen muß in dem Willen und V erstande zusammen/ oder in dem Gemuͤthe und Gedancken gesucht werden n. 57. 58. Ohne Gedaucken emfindet der Mensch weder Gluͤck noch Ungluͤck Gluͤckseeligkeit des Menschen. Ungluͤck. n. 59. Sein Gluͤck bestehet mehr in Gedan- cken als in der G eniessung selbst. n. 60. Die Gedan- cken machen auch des Menschen Ungluͤck n. 61. Sei- ne groͤste Gluͤckseligkeit besiehet in ruhigen und maͤßig sich veraͤndernden Gedancken. n. 62. Welche Gemuͤths-Ruhe oder Belustigung des Gemuͤths genennet wird. n. 63. D iese wird bes- ser empfunden als beschrieben. n. 64. Jhre Beschrei- bung n. 65. Sie ist eine Belustigung und ohne Schmertzen n. 66. aber dabey ruhig und ohne Freu- de n. 67. 68. Nach ihr trachtet man bey alle denen andern Guͤtern. n. 69. Jhr Verlangen sich mit an- dern zu vereinigen ist nicht unruhig/ sondern zeiget nur an/ daß ihre Ruhe eine maͤßige Bewegung sey. n. 70. Sie ist ihren Uhrsprung und Wuͤrckung nach eine vernuͤnfftige Liebe. n. 71. 72. Die Bestien haben keine Liebe und Gesellschafft n. 73. aber der Mensch waͤre ohne Menschliche Gesellschafft nichts n. 74. ja er waͤre kein Mensch n. 75. Er haͤtte kein Vergnuͤgen n. 76. wenn er gleich ein misanthrope waͤ- re/ und der sich in Bibliothequen vergraͤbt n. 77. Die meisten Belustigungen præsupponi ren menschli- che Gesellschafften. n. 78. Der Mensch ist zu einer friedfertigen Gesellschafft geschaffen n. 79. und also zur Liebe ruhiger Gemuͤther. n. 80. Ein vernuͤnffti. ger Mensch liebet andere Menschen mehr denn sich selbst n. 81. 82. auch die Lasterhafftesten lieben wuͤrck- lich andere Geschoͤpffe mehr als sich. n. 8 3 . Welches durch das Exempel eines Wohlluͤstigen/ Ehr- und Geldgeitzigen erwiesen wird n. 84. 85. Wegen Benen- nung der groͤsten Gluͤckseligkeit muß man sich nicht zancken. n. 86. 87. ( II ) Vor den vollkomme- nen Begriff aller menschlichen Guͤter/ entweder auch der nicht nothwendigen n. 88. 89. oder doch zu in wenigsten der noͤthigen. n. 90. 91. Der D 4 Reich- Das 2. Hauptst. von der groͤsten Reichthum ist zur Geniuͤths- Ruhe nicht noͤthig- n. 92. 93. Die Armuth ist nichts boͤses. n. 94. Was von aͤußerster Armnth zu halten. n. 65. Die aͤußerliche Ehre ist ein blosser Zierrath der groͤsten Gluͤckseeligkeit n. 96–100. Die aͤußerliche Unehre macht niemand elend n. 101. 102. sondern sie vermeh- ret vielmehr die warhafftige Ehre n. 103. Das Decorum ist nur ein Zierrath. n. 104. 105. Der Mangel desselbigen ist zuweilen unter das Boͤse zu rechnen. n. 106. 107. Zumahl wenn ermit einer Un- schamhafftigkeit vergesellschafftet ist. n. 108. Sonsten ist es nur der Mangel eines Zierraths. n. 109. Schamhafftigkeit ist nicht allemahl ein Zier- rath eines weisen Mannes. n. 110. 111. Der Frey- heit ist eine blosse Zierrath n. 112. viel Freunde sind nicht einmahl eine Zierath. n. 103. Sondern eine Anzeigung des Mangels der Gemuͤths- R uhe. n. 114. Alle Guͤter des Gluͤcks sind keine nothwen- dige S tuͤcke der Gemuͤths-Ruhe. n. 115. Das Le- ben ist der Grund der Gemuͤths-Ruhe/ jedoch macht der Tod den Menschen nicht elend. n. 116. Die Gesundheit ist ein noͤthiges Stuͤck der Gemuͤths- Ruhe. n. 117. Unterschied zwischen einen weisen und unwelsen Mann/ bey abzebrenden aber nicht schmertz- hafften Kranckheiten n. 118. 119. Bey schmertz- hafften K ranckheiten n. 120. ist ein weiser Mann nicht vollkommen ruhig/ aber er ist doch auch nicht elende. n. 121. Und also ist die Gesundheit kein wesentliches Stuͤck der Gemuͤths- R uhe. n. 122. Ein Unweiser ist auch bey Schmertzhafften Kranckheiten elender daran als ein welser Mann. n. 123. Weißheit und Tugend sind wesentliche S tuͤcke der Gemuͤths- R uhe n. 124. und derer Mangel machet den Men- schen hoͤchst elende. n. 125. welches man aber nicht von Gluͤckseeligkeit des Menschen. von der S chein-Weißheit und von der Schein Tu- gend verstehen muß. n. 126. 127. Warumb man der Wohllust des Leibes nicht erwehnet n. 128. 129. Kein Philosophus hat die Wohllust des Leibes fuͤr das hoͤchste Gut des Menschen ausgegeben. n. 130. 1. S O ist demnach die Sitten-Lehre nichts anders als eine Lehre/ die den Menschen unterweiset/ worinnen seine wahre und hoͤchste Gluͤckseligkeit be- stehe/ wie er dieselbe erlangen/ und die Hin- dernissen/ so durch ihm selbst verursachet werden/ ablegen und uͤberwinden solle. 2. Derowegen nachdem wir in vorhergehen- den Capitel/ unterschiedene Arten von dem Gu- te des Menschen erzehlet haben/ muͤssen wir nunmehro vor allen Dingen besorget seyn zu er- oͤrtern/ worinnen seine groͤste Gluͤckseligkeit bestehe. 3. Zumahl da die Philosophi so eyffrig und ernstlich uͤber dieser Frage gestritten und noch streiten/ wiewohl dieser Streit mehr den Nahmen als die Sache selbst angehet/ oder doch/ wie er in gemein getrieben wird/ mehr sub- til und Grillenhafftig als deutlich oder nuͤtzlich ist. Wir wollen unserer Gewohnheit nach die Sache deutlich/ und daß sie jederman begreiffen moͤge/ auch so ferne sie in der Sitten-Lehre hauptsaͤch- lich genutzet werden kan/ vortragen. D 5 4. Gluͤck Das 2. Hauptst. von der groͤsten 4. Gluͤckselig seyn heist das wahre Gut des Menschen besitzen. Die hoͤchste Gluͤckse- ligkeit aber wird auff zweyerley Art genom- men/ entweder wenn man die unterschiedenen Guͤter des Menschen in Ansehen ihrer unter- schiedenen Grade gegen einander haͤlt/ vor die Besitzung des edelsten Guts oder in An- schung seiner Vollkommenheit/ vor die Besi- tzung aller der menschlichen Guͤter insge- sambt oder zum wenigsten derjenigen/ die wir oben hoͤchstnothwendig genennet haben. 5. Was den ersten Verstand betrifft/ so weiset bald anfaͤnglich das jenige/ was wir im vorigen Capitel erwehnet haben/ daß/ und Reichthumb/ Ehre/ Freyheit/ Freude/ und das decorum nicht nothwendige Guͤter seyn auch keines von denenselben vor die hoͤchste Gluͤckseligkeit des Menschen gehalten werden koͤnne. 6. Zugeschweigen daß/ GOtt dem Men- schen eingepflantzet hat/ dem Guten nachzutrach- ten/ und folglich auch dieses hoͤchste Gut in des Menschen seiner Willkuͤhr stehen muͤsse/ da doch alle obberuͤhrte Arten unter die Guͤter des Gluͤcks/ daß ist/ die nicht in unserer Willkuͤhr stehen/ auch nach allgemeiner Meinung gerech- net werden. 7. Reichthumb und Ehre kan das hoͤchste Gut nicht seyn/ weil alle Regeln die wir dieser- wegen in der Oeconomique und Politic geben wer- Gluͤckseligkeit des Menschen. werden/ weil sie nur auff wahrscheinlichen Grund gebauet sind/ vielfaͤltig triegen koͤnnen/ in dem GOtt taͤglich durch eine Menge Exempel dar- thut/ daß die irraison nable sten Leute zu Reich- thumb und Ehre gelangen/ und die jenigen/ die nach denen Grund-Saͤtzen gesunder Vernunfft Reichthumb und Ehre suchen/ zum oͤfftern Arm und in einem niedrigen Stande bleiben muͤssen. 8. Ferner so ist der reichste und maͤchtig- ste Koͤnig warhafftig elend/ wenn er kranck und ungesund oder sonst in seinem Gemuͤthe eine unruhige Beaͤngstigung empfindet. Da hingegentheil der aͤrmste Mensch der z. e. na- ckend und bloß aus einer jaͤhling entstandenen Feuers-Brunst sein Leben retten muß/ wenn er anders gesund und Tugendhafft ist/ warhafftig nicht elend ist/ weil er entweder durch Mitlei- digkeit anderer Menschen (ohne schaͤndliches und tadelns wuͤrdiges Betteln) oder durch Ar- beit satsam Gelegenheit findet/ seine Bloͤsse zu bedecken/ und seinen Hunger zu stillen; oder wenn er seiner affecten nur Meister ist/ auch in dem wildesten Wald mit Wasser und Wur- tzeln zur Noth begnuͤget ist. Und da ein Papi- nian auch unter dem Richt-Beile wegen sei- ner Gemuͤths-Ruhe von/ vernuͤnfftigen Men- schen Beneidungs wuͤrdig geachtet wird/ schwei- ge denn/ wenn ihm ein Tyrann nur schlecht weg seiner Ehren-Aempter beraubete/ und in dem gering- Das 2. Hauptst. von der groͤsten geringsten und nach dem aͤußerlichen Ansehn un- ehrlichsten Stande setzte. 9. Und was wollen wir uns hieruͤber weiter auffhalten/ nachdem aber auff allen unsern hohen und niederen Schulen die Lehre/ daß das hoͤch- ste Gut nicht in Reichthum noch Ehre bestehe/ denen Studiren den vorgesaget wird. Dem aber unerachtet/ betrachte du diesen Lehr-Satz desto genauer/ weil die gemeine praxis auff hoheu und niederen/ ja auff denen hochsten Schu- len/ das ist/ an Hoͤffen diesem Lehr-Satz zu wider ist. Jederman/ ja diejenigen selbst/ die durch ihr Exempel ihre Lehre bestaͤtigen solten/ trachten nach Ehre und Reichthum als nach dem hoͤchsten Gut mit Verlust ihrer Gesundheit/ mit Beraubung ihrer geziemenden Belustigungen und Erduldung tausend fast unertraͤglicher Ver- drießlichkeiten/ mit Gefahr des Lebens und der Gemuͤths-Ruhe. 10. Ja was thut man anders als durch an- dere Worte und Lehren diesen Lehr-Satz umzustossen. Wie offte sagen die Lehrer wenn sie ausser denen Cathedern seyn: Wer Geld hat/ hat alles. Wer kein Geld hat/ ist ein Narr. Wie mißbraucht man nicht ein ander Sprichwort: Gut verlohren/ Muth verloh- ren/ Ehre verlohren/ alles verlohren. Und wie draͤngen sich doch die Gelehrte/ daß sie die- sen ihren allgemeinen Lehr-Satz umb die Wet- te prostitui ren/ wenn sie nach der Nedens-Art des Gluͤckseligkeit des Menschen. des Frantzoͤsischen Satyrici in ihren Dedicatio- nibus, mit denen sie die ungeschicktesten Staats- Minister, oder die unwuͤrdigsten Wuchrer beeh- ren/ auff Hebraͤisch/ Griechisch und Lateinisch be- weisen wollen/ daß dieselben die Gelehrtesten und Tugendhafftesten Leute seyn. Daß ich nichts erwehne von dem/ daß/ da es sonst hiesse: Die Ehre ist der Tugend Lohn; heut zu Ta- ge in der gantzen Welt die Ehre oͤffentlich mit Gelde erkaufft wird. 11. Was die Freunde betrifft/ halte ich vor noͤthig dieses zu erinnern/ daß wenn die Freun- de unter die Guͤter des Gluͤcks gerechnet wer- den/ weil derer Mangel endlich den Menschen nicht elend macht/ eine Menge solcher Men- schen dadurch verstanden werde/ die reich oder maͤchtig sind/ und wegen ihres eigenen Interesse unser Gluͤcke zu befoͤrdern/ und unsern Schaden zu wenden suchen. Jn dergleichen Freunden kan so viel destoweniger die groͤste Gluͤckselig- keit bestehen/ je mehr unstreitig ist/ daß ein wei- ser und tugendhaffter Mann nicht viel Freunde haben koͤnne/ sondern nothwendig viel/ viel Feinde haben muͤsse/ weil er sonst nicht weise und tugendhafft seyn wuͤrde. Wor- bey nicht zu vergessen/ daß diejenigen/ die in dieser Welt sich jederman zum Freun- de machen und niemand erzoͤrnen wollen/ am elendesten dran seyn/ weil sie sich den groͤsten Verdruß taͤglich anthun/ und dennoch die Das 2. Hauptst. von der groͤsten die meisten Feinde haben; dannenhero sie nicht unbillig den Neutrali sten im Kriege zu verglei- chen sind. 12. Was aber die wahre und vernuͤnffti- ge Freundschafft betrifft/ die in bestaͤndiger Vereinigung zweyer tugendhafften Gemuͤther bestehet/ davon ist jetzo nicht die Rede/ sondern wir werden bald sehen/ daß ohne dieselbe die hoͤchste Gluͤckseligkeit nicht bestehen koͤnne. 13. Die Freyheit duͤrffte uns etwas meh- res zu thun machen. Sie wird ja durchgehends fuͤr ein unschaͤtzbahres Gut gehalten. Ein Leib- eigner Sclave ist nach allen Rechten dem Viehe oder denen Todten gleich geachtet/ was ist aber elender als ein Vieh oder ein todes Aas? Und ein Eingekerckerter/ noch vielmehr aber ein zur ewigen Gefaͤngniß Verdammter ist lebendig todt. 14. Aber kehre du dich hieran so viel als nichts. Jst die Freyheit gleich ein unschaͤtz- bahres Gut/ so beweiset dieses doch nur so viel/ daß sie allen Geld und Reichthumb vorzuziehen sey/ nicht aber daß z. e. ein Unterthaner oder auch ein Leibeigner deshalben elend sey. Du magst noch so frey seyn als du wilst/ wenn du kranck bist/ so ist ein gesunder Sclave viel gluͤck- licher als du. 15. Wird gleich ein Sclave in denen Buͤr- gerlichen Rechten den Toden gleich geachtet/ so gehet doch dieses nur die Freyheiten an/ die denen Gluͤckseeligkeit des Menschen. denen freyen Buͤrgern zukommen/ und die ein Mensch als ein Mensch gar wohl entbehren kan. Jn Betrachtung der natuͤrlichen Rechte werden sie so wohl als andere Menschen auch in denen Roͤmischen Rechten geachtet. 16. Ja was wilt du von denen alten Leib- eigenen/ daß sie dem Viehe und Toden gleich geachtet werden/ viel sagen? Das Roͤmische Recht ist oͤffters gewohnet in seinen fictionibus und sonsten eine Sache anders und haͤrter zu- beschreiben als sie ist. Die Roͤmische Leibei- gene hatten offt bessere Tage und ein vergnuͤg- ter Leben/ als/ ich wil nicht sagen/ unsere Bauren/ sondern viel von unsern wohlhabenden Buͤr- gern/ von was Stande sie auch seyn. Und ge- setzt auch/ daß ihrer viel in einen geringen und dem aͤußerlichen Ansehen nach armseligen Zustand lebeten/ so wolte ich doch lieber der armselige Epictetus als ein Cæsar oder Antonius, oder auch gar Augustus seyn. 17. Endlich ist schon ein zu ewiger Gefan- genschafft Verdammter in anderer Leute An- dencken lebendig tod/ so hat er doch mehr Ge- legenheit in seiner Gefaͤngniß fuͤr sich selber zu leben; ja manchen reisset GOTT durch dieses Mittel aus dem lebendigen Tode der Wohllust/ des Geld- und Ehrgeitzes heraus/ daß er in dem Kercker durch die Erkaͤntniß seiner selbst zu le- ben anfaͤngt. Zudem ist doch auch ein des Lan- des Verwiesener in Ansehen des Buͤrger-Rechts (das Das 2. Huptst. von der groͤsten (das wir allhier/ wie erwehnet/ nicht betrachten) tod/ ob er schon in der groͤsten Freyheit lebet. 18. So zieret auch hiernechst zwar das de- corum einen Menschen uͤberaus sehr/ ja es ste- het auch dasselbige in des Menschen seiner Will- kuͤhr/ oder es kan doch zum wenigsten von allen und jeden/ in was Stande sie seyn/ ohne Muͤhe und Kosten erhalten werden. Aber es macht doch deswegen das decorum einen ungesunden in Jrrthuͤmern und Lastern steckenden Men- schen nicht gluͤcklich/ ja der Mangel des deco- ri (wenn wir denselben nur von dem indecoro oder der Unverschamheit recht entscheiden) macht den Menschen so wenig Elend/ als we- nig der Mangel schoͤnen Haares den menschli- chen Leib verstimmelt. 19. Aber nun muͤssen wir die jenigen Guͤter betrachten/ die wir oben als edele und noth- wendige angegeben/ aus denen nemlich des Menschen sein Wesen bestehet/ nemlich die Goͤter des Leibes und der Seelen. Allwo wir zufoͤrderst die gemeinen Jrrthuͤmer vermei- den muͤssen/ welche diese Guͤter ein ander ent- gegen setzen/ als wenn eines ohne dem an- dern seyn und der Vernunfft nach erhalten werden koͤnte/ oder als ob er nur des Menschen Wesen in der Seele alleine bestaͤnde. 20. Hieher gehoͤret/ wenn man fast insge- mein zum Leibe die Gesundheit und Gantz- heit der Glieder/ zur Seele aber erstlich das Leben Gluͤckseeligkeit des Menschen. Leben/ hernach die Sinnligkeiten/ und dann die Vernunfft rechnet; man moͤge nun dafuͤr halten/ daß der Mensch drey Seelen habe/ ei- ne Wachßthuͤmliche/ eine Sinnliche und eine Vernuͤnfftige/ oder das die menschliche Seele dreyerley wuͤrckende Eigenschafften habe/ davon das Leben dem Menschen mit dem Pflan- tzen/ und die Sinnligkeit ihme mit den Thieren gemein sey/ die Vernunfft aber ihme alleine zu- stehe/ daher auch der Mensch erst in Mutter- Leibe als eine Pflantze/ hernach nach seiner Ge- burt in seiner ersten Kindheit als ein Thier le- be/ biß er endlich/ wenn er seine Vernunfft zu brauchen anfange/ auch anfange als ein Mensch zu leben. 21. Woraus man ferner zu folgern pfleget/ daß das Leben der Gesundheit/ die Sinn- ligkeit aber dem Leben/ und die Vernunfft allen dreyen fuͤrzuziehen/ woraus viel inconve- nientiæ erwachsen/ die wir eben jetzo nicht beruͤh- ren wollen. 22. Gleicher weise ist auch ein Jrrthum/ wenn man den Leib nur fuͤr ein Gefaͤngniß und nicht fuͤr ein Theil der Seele haͤlt. Weßhalb man hernach nicht eben bewundern darff/ wenn die Stoiker und Epicureer auff den Schwarm gerathen/ daß ein weiser Mann mitten im Fener eben so ruhig sey/ als wenn er in ei- nem Rosen-Garten saͤsse/ oder wenn sie ge- sagt/ bey ereigneten großen Schmertzen E schrie Das 2. Hauptst. von der groͤsten. schrie zwar der Mund eines weisen Man- nes/ aber seine Seele waͤre ruhig; und was dergleichen ungegruͤndete Dinge mehr fuͤrge- bracht werden. 23. Wir wissen/ daß der Mensch aus zwey wesentlichen Theilen dem Leib und Seele be- stehet/ und rechnen das Wachsthum und die Sinnligkeiten zu dem Leibe/ die Gedancken aber alleine zu der Seele. 24. Derowegen wenn das Leben des Men- schen vor die Vereinigung des Leibes und der Seelen genommen wird/ so ist es kein Zweiffel/ es ist das Leben der Grund des groͤsten Gu- tes des Menschen; Denn es ist so dann selbi- ges nichts anders als die Dauerung des mensch- lichen Wesens/ und begreifft zugleich die Bewe- gung des Gebluͤts/ und der Bewegungs- Geister wie nicht weniger der Seelen und die Gantzheit derer Theile des Menschlichen Coͤrpers/ darinnen diese Bewegungen vorge- hen/ in sich. 25. Und zwar so sind diese vier Stuͤcke dergestalt mit einander verknuͤpfft/ daß keines ohne das andere seyn kan/ und daß von dem bestaͤndigen wohl seyn des einen auch die Guͤte des andern dependir et. 26. Wo keine Theile des menschlichen Leibes sind/ da ist kein Mensch. Und wo in diesen Theilen keine Bewegung des Gebluͤ- tes Gluͤckseeligkeit des Menschen. tes ist/ ist der Mensch tod/ und folglich hat er auch keine Sinnligkeiten und Vernunfft mehr. 27. Wo keine Bewegung in den Senn- Adern mehr ist/ koͤnnen sich auch die aͤusserliche Gliedmassen nicht bewegen ja der menschliche/ Coͤrper hat keine Empfindligkeit mehr. Wo aber der Mensch keine Bewegung und Em- pfindligkeit mehr hat/ ist er tod. Und wie wolte denn nun in einem Toden Menschen das Gebluͤte sich bewegen/ in welcher Bewegung des Leibes Leben ist. Ja wie wolte ein todter Mensch dencken und seine Vernunfft brauchen. 28. Zugeschweigen daß die Bewegung in denen Senn-Adern und Blut-Adern derge- stalt mit einander verknuͤpfft ist/ und jenes/ wenn es recht gebraucht wird/ auch dieses in seinen ordentlichen Zustand erhalten hilfft/ und im Ge- gentheil wenn man die aͤusserliche Bewegung gar zu sehr spahret/ auch die Bewegung des Gebluͤts stocken und faul zu werden anfaͤngt. 29. So ist auch/ was die Vernunfft betrifft/ bekant/ das nach unterschiedener Arten der Be- wegung in dem Gebluͤte die Gedancken mun- ter oder verdrossen/ und nach denen unterschie- denen Arten der Bewegung in denen nerven die Gedancken begierig oder gleichguͤltig seyn/ und also allezeit die menschliche Vernunfft nach Art dieser beyderley Bewegung geaͤndert wird. Was solte sie dannenhero wohl dencken/ wenn E 2 keine Das 2. Hauptst. von der groͤsten keine Bewegung weder im Gebluͤte noch in de- nen Senn-Adern vorginge. 30. Endlich wenn die Seele sich nicht mehr in dem menschlichen Gehirne bewe- get/ als derer Wesen in einer steten Bewegung bestehet/ so ist der Mensch gleichfalls kein Mensch mehr; ja es waͤre dieses eine Anzeigung/ daß er nicht mehr lebete/ weil bey dem Leben des Menschen in dessen Gehirne alle Bewegung des Gebluͤtes und zu den Senn-Adern gehoͤrige Geistergen præparir et werden. Wenn nun in dem Gehirn das Haupt Bewegungs-Rad des Menschen die Seele stockte und sich nicht be- wegete/ wegen welches doch alle Bewegungen des Gebluͤtes und der Senn-Adern von dem Schoͤpffer geordnet sind/ wie wolte diese præpa- ration d arinnen vorgehen koͤnnen/ und zu was Ende solte dieselbe geschehen? 31. Daß man aber diese dreyerley Bewe- gungen des menschlichen Lebens nebst der Gantz- heit der menschlichen Gliedmassen insgemein betrachtet/ ob koͤnten sie von einander abge- sondert werden/ ist daher kommen/ daß man in denen vorkommenden Einwuͤrffen die Sa- chen nicht genaue untersucht/ und durch eine merckliche præcipit antz sich betrogen. 32. Wir wollen von dem Zustand der Kin- der in Mutter-Leibe nicht viel sagen/ denen etliche von denen Alten Weisen nur eine wachs- thuͤmliche/ andere aber auch die sinnliche/ und noch Gluͤckseeligkeit des Menschen. noch andere auch die vernuͤnfftige Seele scheinen gegeben zu haben/ weil die Empfaͤngniß und Verfertigung der Kinder in Mutter-Leibe wohl stetswehrend unserer schwachen Vernunfft un- erkant bleiben wird. Wir wollen nun von de- nen sagen die in Ohnmacht liegen. Bey diesen scheinet die Bewegung des Gebluͤtes verschwunden zu seyn/ und dennoch leben sie noch/ weil sie nicht unter die Todten koͤnnen ge- zehlet werden. Alleine man muß einen Unter- schied unter einen langsamen un d gar keiner Be- wegung machen. Das Gebluͤte (wie auch nicht weniger die Bewegungs-Geister) beweget sich bey den in Ohnmacht liegenden sehr langsam/ daß man solche von ausseu nicht empfindet; aber es beweget sich doch. 33. Gleich ergestalt wenn einer von Schlag geruͤhret wird/ wenn der Schlag die Bewe- gung in denen Senn-Adern gantz auffhebet/ so ist der Mensch tod/ schwaͤchet er aber dieselbe nur/ oder verderbet sie in einem oder etlichen Gliedmassen/ so bleibet der Mensch zwar noch am leben/ aber man kan so denn dieses nicht fuͤr ein Exempel annehmen/ daß der Mensch koͤnne leben bleiben/ wenn er gleich keine Bewe- gung in denen Senn-Adern habe. 34. Ferner naͤrrische und rasende Leute haben warhafftig Vernunfft/ sie geden- cken wuͤrcklich (und wenn sie auch nicht ge- daͤchten/ so bewegete sich doch ihre menschliche E 3 Seele Das 2. Hauptst. von der groͤsten Seele in ihnen/ wie in denen kleinen Kindern und harte schlaffenden) aber sie gedencken ver- wirrt und naͤrrisch/ weil die kleinen Theile im Gehirne verruͤckt seyn/ oder wegen anderer Ur- sachen. Und solchergestalt schickt sich dieses Exempel wieder nicht darzuthun/ daß ein Mensch ohne Bewegung der Seele leben koͤnne. 35. Jch weiß zwar wohl/ daß diese meine Lehre denen/ die keine Cartesianer seyn/ wunder- lich vorkommen werde; aber wenn sie deswe- gen denen rasenden und naͤrrischen die Ge- dancken nehmen wollen/ weil ihre Gedan- cken so unvernuͤnfftig sind/ so muͤssen sie auch sagen; daß die Treumenden nicht geden- cken/ ja daß so viel wachende/ kluge/ gelehrte und vornehme Leute nicht gedaͤchten/ die z. e. vor- geben/ man doͤrffe von seiner Vor fahren Meinun- gen nicht abweichen/ man muͤsse einen Beruff haben gutes zu thun; Erde/ Wasser/ Lufft/ und Feuer waͤren vier Elemente/ u. s. w. welches doch gewiß sehr unfoͤrmlich und von keinem Menschen geglaubet werden wuͤrde. 45. Endlich so ist es zwar an dem/ daß der Mensch zur Noth von denen Gliedmassen sei- nes Leibes einen Arm oder ein Bein missen kan/ aber deswegen kan er den Kopff nicht missen/ vielweniger eine hauptsaͤchliche Verle- tzung in Gehirne/ Hertzen/ denen grossen Blut-Adern u. s. w. leiden/ geschweige denn daß er ohne Gluͤckseeligkeit des Menschen. er ohne alle Theile des Leibes solte bestehen koͤnnen. 37. Ob nun aber schon diese vier Stuͤcke des menschlichen Lebens nicht ohne einander seyn koͤnnen/ so ist doch nicht zu laͤugnen/ das diesel- bigen zum Theil verringert werden koͤnnen/ daß es dem gantzen nicht schade/ alswenn ein Mensch ein Arm oder Bein verlieret/ wenn er einekleine und nicht lange daurende alteration in Gebluͤte hat/ wenn ihm durch ein Schlag ei- ne Hand gelaͤhmet wird/ wenn sein Verstand einmahl nicht so munter ist als das andere u. s. w. oder daß ein Theil schwaͤcher seyn koͤnne als der andere; als z. e. wenn ein Mensch kei- ne Arme hat/ kan er sich angewoͤhnen die Fuͤsse an statt der Haͤnde zugebrauchen; wenn er blind ist/ kan er den Unterscheid der Farben durch das Gefuͤhle finden; Was dem Gedaͤchtnuͤß abgehet/ waͤchset dem judicio zu u. s. w. oder daß der Mensch zuweilen in einer grossen Noth sich befindet eines von zweyen Ubeln zu erkiesen/ und sich resolvir en muß eiu Stuͤck zu wagen/ daß er das andere erhalte. 38. Und weil demnach/ wie wir oben erweh- net/ das kleineste Gut fuͤr ein Ubel/ das kleineste Ubel aber fuͤr etwas g utes zu halten; so muͤssen wir freylich untersuchen/ welches von denen wesentlichen Guͤtern des Menschen in Ge- geneinanderhaltung dem andern vorzuzie- hen sey. Aber damit diese unsere Betrachtung E 4 hierin- Das 2. Hauptst. von der groͤsten hierinnen nicht gar zu weitlaͤufftig werde/ und weil es ohne dem keines grossen Kopffbrechens in Gegeneinanderhaltung der Theile des Menschlichen Coͤrpers oder der Sinnligkeit- ten braucht/ sondern dieselbe von Leuten die einen natuͤrlichen Verstand haben/ gar leichte eroͤrtert werden kan. Als wollen wir nur uͤber- haupt die Guͤter des menschlichen Leibes/ die wir oben allbereit zusammen genommen Gesund- heit genennet/ gegen die Guͤter der Seelen halten/ und hernach mahls diese Lehren gegen einander etwas genauer beleuchten. 39. Was demnach die Leibes-Gesundheit anlanget/ so ist kein Zweiffel/ das dieselbige zwar der groͤsten Gluͤckseeligkeit des Menschen eine ziemliche Vollkommenheit gebe/ aber doch in selbiger die wahre Gluͤckseeligkeit selbst nicht bestehen koͤnne/ theils weil diese Gesundheit nicht allemahl in des Menschen seinen Willen ste- het/ sondern vielen aͤusserlichen Zufaͤllen unter- worffen ist/ und ein Mensch durch die Gewalt anderer derselben beraubet werden kan/ theils/ weil dieselbige an und fuͤr sich selbst den Men- schen nicht gluͤcklich/ noch dererselben Berau- bung ihn elend machen kan. 40. Bilde dir nur einen Menschen ein/ der gesunde starcke Gliedmassen hat/ der wohl isset und trincket/ auch seine Speisse und Tranck wohl verdauet/ und zu allen Leibes-Ubungen geschickt ist. Was hilfft ihn aber dieses alles/ wenn Gluͤckseeligkeit des Menschen. wenn er in der Unwissenheit und Jrrthuͤ- mern steckt/ und wegen der Vorurtheile der menschlichen autori taͤt und eigenen præcipitan tz das wahre von den falschen nicht entscheiden kan; Jst er nicht in der That ein recht elender Mensch/ weil er wegen dieser Vorurtheile taͤg- lich von dem ihm von GOtt fuͤrgesetzten Zweck immermehr und mehr abweichet/ und sind in so weit die unvernuͤnfftigen Thiere nicht bes- ser dran/ weil sie durch ihren innerlichen Trieb ihren Entzweck viel besser erreichen als ein sol- cher Mensch? Ja ist das Elend eines solchen Menschen nicht desto gefaͤhrlicher zu achten/ weil ihn dasselbige so starck verblendet/ daß er es nicht einmahl erkennet/ sondern seinen Zustand fuͤr gut und sich fuͤr gluͤcklich achtet? 41. Wenn er aber noch uͤber dieses sich we- gen seines gefuͤhrten Lasterhafften Lebens in einer rechtschaffenen Gemuͤths-Unruhe und Gewissens-Angst befindet/ was ist wohl elen- der als ein solcher gesunder Mensch? Und ist die Unruhe seines Gemuͤhts nicht capabel ihm die Kraͤffte seiner Gesundheit durch einen langwei- ligen Tod gleichsam abzuzehren/ und ihn der- selben zuberauben? 42. Hinge g en wenn ein weiser und Tugend- hafftiger Mann an einen sochtenden Fieber/ an der Schwindsucht u. s. w. darnieder liegt/ kan man ihn wohl mit recht ungluͤcklich nennen/ wenn sein Verstand ruhig und sein Gemuͤthe E 5 ver- Das 2. Hauptst. von der groͤsten vergnuͤgt ist/ ob er gleich nicht in einen so ho- hen grad gluͤcklich ist/ als wenn er nebst sei- ner Weißheit und Tugend auch gesund waͤre. 43. Ferner unter denen Guͤtern der mensch- lichen Seele muͤssen wir uns wohl in acht nehmen/ daß wir in Gegeneinanderhaltung der Erkaͤntnuͤß des wahren und falschen/ die in Verstande ihren Sitz hat/ und denen von des Menschen Willen, herruͤhrenden tugend- hafften Thaten nicht einen unvernuͤnfftigen Ausschlag geben. Zwar koͤnnen diese Letztern ohne vernuͤnfftige Einrichtung des Wahns in dem Menschlichen Verstande nicht bestehen; alleine wenn sonst nichts waͤꝛe/so sind sie doch des- wegen viel vortrefflicher als jene/ weil der Verstand/ so ferne er mit dem Guten zu thun hat/ dasselbige nur erkennet/ niemahlen aber dasselbige erlanget/ sondern das Gute in Anse- hen des Verstandes nur allezeit als ein entfer- netes und zukuͤnfftiges Ding betrachtet werden muß/ welches der Verstand niemahlen er g reif- fet noch ergreiffen kan; da hingegen der Wille so ferne er dem aͤusserlichen Thun und Lassen anbefiehlet/ dem Guten nachzujagen/ dasselbige auch erhaͤlt/ und dardurch der Mensch des Gu- ten geniesset. 44. Wir wollen/ dieses desto besser zu verste- hen/ noch nicht einmahl ein Exempel von der groͤ- sten Gluͤckseeligkeit des Menschen/ sondern nur von denen bisher erzehlten andern Guͤtern ge- ben. Gluͤckseeligkeit des Menschen. ben. Was hilfft es dem Menschen/ wenn er gleich noch so scharffsinnig raisonir et/ wie man sich ehrlich in der Welt hinbringen/ nach Ehren trachten/ Freunde erwerben/ und sei- ne Freyheit recht gebrauchen solle; wenn er von artigen Sitten/ die man in gemeiner Ge- sellschafft braucht/ wohl zu discurir en weiß; wenn er von der menschlichen Gesundheit/ wie man dieselbe erhalten/ und die verlohrne wieder bringen solle/ gruͤndlich zu reden und zu schrei- ben weiß/ und verschwendet alle das seinige/ oder ist faul und wil nichts arbeiten/ oder ach- tet weder Ehre noch Schande/ und kan sich mit niemand vertragen/ oder mißbrauchet sei- ne Freyheit/ oder hat selbst baurische und grobe mores an sich/ oder verderbet durch un- ordentliches Leben die ihm von GOtt verliehe- ne Gesundheit; kan wohl die Erkaͤntniß der Wahrheit/ die er vermittelst seines Verstandes begreifft/ ihn gluͤcklich machen? oder vermehret sie nicht vielmehr seine Unruhe/ je mehr er da- durch sein uͤber den Hals gezo g enes Elend zu erwegen Gelegenheit uͤberkoͤmmt/ und durch sei- ne eigene Gedancken sich zu verdammen genoͤh- thi g et wird? 45. Betrachte hingegen einen Menschen/ der nur einen gemeinen natuͤrlichen Verstand hat/ und sich nicht eben fuͤr einen Gelehrten ausgeben kan/ er sey nun von was fuͤr einem Stand er wolle/ wenn er ein ehrlich Vemoͤ- gen Das 2. Hauptst. von der groͤsten gen fuͤr sich bringet/ und dasselbige kluͤglich ver- waltet/ sich durch seine Geschicklichkeit aus dem Staube erhebet/ und von allen Ehr- und tu- gend-liebenden Gemuͤthern geliebet und hoch- gehalten wird/ wenn er seine Freyheit in nichts anders suchet/ als wie er andern Men- schen gutes thun/ und sie fuͤr unrechtmaͤßiger Gewalt und Unterdruͤckung beschuͤtzen moͤge/ wenn er jederman mit Hoͤffligkeit begegnet/ und allen allerley wird/ damit er viele gewinnen moͤge; und wenn er endlich durch ein maͤßiges Leben und Beherrschung seiuer Gemuͤths-Nei- gungen seine Gesundheit in dem Zustand/ wie sie ihm GOtt verliehen hat/ erhaͤlt/ findest du wohl die geringste Ursache zu zweiffeln/ daß ein solcher Mann nicht weit gluͤckseeliger seyn solte als der erste? 46. Bey dieser Bewandniß aber ist noch weniger Zweiffel uͤbrig/ daß diejenigen Wissen- schafften/ in denen sich der menschliche Verstand vertiefft/ umb sich nur uͤber andere Menschen durch Speculi rung subtiler aber unnuͤtzlicher Dinge oder nichts bedeutender dunckeler Woͤr- ter/ oder wenn es hoch koͤmmt/ artiger und be- lustigender Dinge/ zu erheben/ gantz nicht zur groͤsten Gluͤckseeligkeit des Menschen gehoͤ- ren/ sondern entweder unter das groͤste Ungluͤck zu rechnen/ oder fuͤr blosse Zierrathen eines gluͤckseeligen Mannes zu halten seyn/ welche wenn sie keine Gluͤckseeligkeit/ die sie zieren koͤn- nen/ Gluͤckseeligkeit des Menschen. nen antreffen/ bey nahe so eitel sind als die Wissenschafften der ersten Gattung/ als z. e. die Scholasti sche Philosophie, die gemeine Lo- gic, die Philologie, Historie, Poẽter ey/ Rede- Kunst/ u. s. w. 47. Gesetzt aber der Mensch suche durch die Wissenschafften dergleichen Vorzug nicht/ son- dern sey nur bemuͤhet seinen Verstand auszu- bessern/ und durch Erfindung neuer Warheiten dem menschliehen Geschlecht in der That zu die- nen; es waͤren aber dieselben also bewand/ daß sie ihn in Betrachtung derer Geschoͤpffe ausser ihn selbst von der Erkaͤntniß seiner selbst im- mer mehr und mehr abfuͤhreten/ als wie z. e. bey denen geschiehet/ die sich in der Physic und de- nen Mathemati s chen Wissenschafften allzusehr vertieffen; so scheinet es zwar anfangs/ das diese Dinge/ wo nicht die g roͤste Gluͤckseeligkeit voll- staͤndig ausmachten/ doch zum wenigsten ein vornehmes Theil von derselbigen austruͤ- gen/ weil nicht zu laͤugnen ist/ daß die Erfin- dung solcher Wahrheiten den Menschen ein grosses Vergnuͤgen geben/ und z. e. die Erfin- dung einer Mathemati schen oder Physi schen Wahrheit den Menschen ja so sehr belustiget/ als die sinnlichen Luͤste immer mehr thun koͤn- nen/ zumahl wenn man erwe g et/ daß dadurch der Leib nicht geschwaͤchet und umb seine Gesund- heit gebracht wird: jedoch aber wenn man die Sache einwenig reifflicher uͤberleget/ wird man bald Das 2. Hauptst. von der groͤsten bald gewahr werden/ daß auch diese Meinung den Stich nicht halten koͤnne. 48. Zwar wil ich darwieder nicht anfuͤhren/ daß dergleichen Leute gemeiniglich etwas irregulaires und ungewoͤhnliches von denen gewoͤhnlichen Sitten an sich haben/ und manchmahlen ein grosser Uberfluß von der Er- mangelung des decori bey ihnen auzutreffen sey. Denn zugeschweigen was ich allbereit oben von dem Mangel des decori uͤberhaupt angemercket habe/ so wuͤrden sich bey solchen Leuten Ursa- chen genung finden lassen/ entweder diesen klei- nen Fehler zu entschuldigen/ oder demselbigen die Artigkeit und den Nutzen der von ihnen er- fundenen Warheiten entgegen zusetzen. 49. So wil ich auch nicht erwehnen/ das die- se Gelehrte gar selten Meister von ihren af- fecten sind/ sondern ob sie schon gemeiniglich von der Wohllust und Geld-Geitz befreyet le- ben/ dennoch sich selten in der Ungedult/ Zorn/ Eyffer/ Mißtrauen/ Beneidung und Ehr-Gier- de bendigen koͤnnen. Denn dieses alles scheinet seine Abfaͤlle hin und wieder zu haben/ und derowegen nicht so wohl denen Wissen- schafften selbst/ als deren Mißbrauch zuzuschrei- ben zu seyn. 50 Sondern ich wil nur dieses erinnern/ daß sich diese wackere Leute sehr betriegen/ wenn sie meinen/ sie haͤtten eine ruhige Belusti- gung durch diese Wissenschafften erhalten/ und sich Gluͤckseeligkeit des Menschen. sich also zu der groͤsten Gluͤckseeligkeit erheben koͤnten. Beyde haben ein unerschoͤpffliches Meer unzehlicher Wahrheiten/ die der Mensch nicht auslernen kan/ wenn er gleich noch so alt wuͤrde. Beyde treiben den Menschen/ wenn er einmahl hinein gerathen zu einer solchen unruhi- gen Begierde an immer was neues zu erfinden/ daß er seiner selbst und aller seiner andern/ auch der groͤsten Guͤter daruͤber vergißt; das wir dannenhero allbereit anders wo die Belustigung/ die ein Mensch in Erforschung solcher Sachen empfindet/ mit dem Vergnuͤgen eines durstig ge- wesenen Menschen verglichen/ der ein liebliches Getraͤncke getruncken/ welches aber den Durst nicht stillet/ sondern denselben noch staͤrcker zu er- wecken vermoͤgend ist. 51. Du magst aber diese Betrachtung wohl bey dir reifflich uͤberlegen/ weil etliche gelehrte Leute/ die von diesen sonst Lob-wuͤrdigen Wissen- schafften truncken gemacht sind/ aus Passion gegẽ dieselben/ sie allzusehr erheben/ und die Erfin- dung dergleichen neuen Wahrheiten fuͤr das groͤste Gut auszugeben sich unterstehen. 52. Wir haben den Willen des Menschen noch uͤbrig. Dieser wie wir allbereit erwehnet/ jaget dem erkandten Gut nach/ und erlanget dasselbige auch/ und folglich ist er dem Guten zwar naͤher als der Verstand; Aber doch we- der er selbst/ noch die von ihm her dependir enden aͤusserlichen Thaten des Menschen koͤnnen das hoͤchste Das 2. Hauptst. von der groͤsten hoͤchste Gut sein/ weil sie nach demselben trach- ten/ und dadurch anzeigen/ daß es in ihnen nicht bestehe. 53. Daß man aber insgemein das groͤste Gut in dem Thun des menschlichen Willens gesucht/ ist daher entstanden/ daß wie man bey denen Guͤ- tern des Leibes dieselbigen betrachtet als wenn sie wuͤrcklich koͤnten von einander gesondert wer- den; also auch bey denen Guͤtern der Seelen die- se irrige Meynung geheget/ als ob der Verstand ohne dem Willen seyn koͤnte/ und der Wille ohne Verstand/ woraus hernach die schoͤne Fa- bel entstanden/ das man in der Lehre von dem Ur- sprung und Fortsetzung des menschlichen Thun und Lassens den Willen als einen Koͤnig/ den Verstand aber als einen Rath vorgestellet/ der einen andern feindseeligen Rath/ nemlich die sinnliche Begierde an der Seite haͤtte/ welche beyde einander zuwieder waͤren/ und den guten Herrn Koͤnig gleichsam bey dem Ermel von einer Seiten zu der andern zerreten/ biß endlich einer von beyden die Oberhand behielte. 54. Gleich wie aber die gelehrten Leute die sich dieses Possen-Spiels in Unterweisung der studi- renden Jugend bedienen/ haͤtten bedencken sollen/ daß die sinnliche Begierde ein ungeschaffe- ner Zwitter sey/ den ihr Gehirne aus Vermi- schung des Verstandes und Willens gemacht; also haͤtten sie sich auch erinnern sollen/ daß sie selbsten sagen/ daß man keine Begierde zu Gluͤckseeligkeit des Menschen. zu etwas haben koͤnne/ was man nicht wisse. Weil nun alle Wissenschafft dem Verstande des Menschen alleine/ nicht aber wie man traͤumet/ auch denen dem Verstande entgegen gesetzten Sinnligkeiten zuzuschꝛeibẽ ist/ so wuͤꝛde gewiß der menschliche Verstand es sich selber zuzuschreiben haben/ wenn er von der sinnlichen Begierde ange- feindet wuͤrde/ weil diese Anfeindung nothwen- dig von der von dem Verstande erhaltenen Er- kaͤntniß herruͤhren wuͤrde: Andere Unfoͤrmlig- keiten/ die aus dieser absurd en Meinung herflies- sen/ anjetzo zu geschweigen. 55. Wir wissen vielmehr/ daß der Verstand des Menschen und sein Wille stetsweh- rend mit einander vereiniget seyn/ und daß die menschliche Seele ausser diesen zweyen Kraͤff- ten keine Dritte habe/ sondern daß die insge- mein so genandte sinnliche Begierde nichts anders als der verderbte Verstand und Willen des Menschen sey. Wir wollen uns nur hier- zu ihrer eigenen gemeinen Lehren bedienen. Man sagt der Wille trachte allezeit nothwendig nach dem Guten/ und der Verstand urtheile von dem Guten/ und also kan es nicht fehlen/ es kan kein Wille ohne Verstand/ noch der Verstand oh- ne Willen seyn; ja es sey so gar unfoͤrmlich/ wenn man sage/ der Wille sey dem Verstande zuwieder/ und behersche ihn/ daß vielmehr/ wenn wir ja in dieser Lehre das besagte Gleichmß brau- chen wollen/ der Verstand Koͤnig waͤre/ der F Wille Das 2. Hauptst. von der groͤsten Wille aber nichts anders als ein Diener/ der nichts anders thun als dasjenige hohlen kan was ihm der Koͤnig gewiesen. 56. Und thut nichts zur Sache/ daß wir gleichwohl bey uns selbst empfinden/ daß wir dasjenige oͤffters nicht wollen/ was wir doch begreiffen und verstehen daß es gut sey/ sondern vielmehr mit unsern Willen/ und dem davon dependiren den Thun und Lassen die- sen Verstand zuwieder leben. Denn wenn wir die Sache genau uͤberlegen wollen/ werden wir befinden/ daß nicht so wohl der Wille dem Ver- stande/ als Wille und Verstand zusammen den vorhergehen Willen und Verstan- de zuwieder sind. Ein seinen Begierden unter- worffener Mensch hat ja etliche ruhige Augen- blicke/ darinnen er das warhafftige Gute er- kennen kan/ und in denenselben Augenbluͤcken ist auch der Wille bereit darnach zu streben. Die- weil aber die Begierden alsbald wieder die O- berhand erhalten/ so wehret der vorige Wille auch nur einen Augenblick/ aber es veraͤndert sich auch mit dem Willen so fort der Verstand/ daß der Mensch zur Zeit/ da er nach dem Antrie- be seiner Begierden sein Thun und Lassen ein- richtet/ auch nothwendig die Sache wornach er strebet/ vor das groͤste Gut halten/ und die vo- rigen vernuͤnfftigen Gedancken aͤndern muß; welches ein jeder Mensch bey sich selbsten nur abnehmen kan. 57. Wo Gluͤckseeligkeit des Menschen. 57. Wo wollen wir aber nunmehro die groͤste Gluͤckseeligkeit des Menschen suchen/ nachdem selbige weder in dem Verstande noch dem Wil- len des Menschen zu finden ist/ und wir nun- mehro keinen Theil des Menschen nicht mehr uͤbrig haben. So wird vielleicht diese groͤste Gluͤckseeligkeit nur in einer eitelen Einbildung und in blossen Gedancken bestehen? 58. Du hast recht mein Freund/ ob du dich gleich sehr irrest. Es bestehet ja die groͤste Gluͤck- seeligkeit in denen Gedancken und in der Ein- bildung aber nicht in blossen Gedancken und in einer eitelen Einbildung. Und so wenig als wir in der Vernunfft-Lehre das wahre in denen blossen Sinnligkeiten/ noch in denen blos- sen ideis, sondern in beyden zugleich suchen muͤs- sen/ so wenig muͤssen wir auch die groͤste Gluͤck- seeligkeit in dem Verstande oder Willen allei- ne/ sondern in beyden zu sammen/ das ist in der nein, Gedancken suchen. Denn der Verstand und Wille dencken allebeyde/ und wenn wir alles beydes zusammen nehmen/ pfleget man es das Gemuͤthe des Menschen zu nennen. 59. Ohne die Gedancken hat der Mensch keine Empfindung auch von der geringsten Gluͤckseeligkeit/ noch von einigen Ungluͤck/ welches man gar leicht begreiffen kan/ wenn man sich nur das Exempel eines neugebohrnen Kindes eines rasenden/ eines hoͤchsttrunckenen und in ei- nem sehr tieffen Schlaffe liegenden Menschen F 2 vor- Das 2. Hauptst. von der groͤsten vorstellet/ die sehr verwundet seyn und dieselben ein wenig mit Philosophi schen Augen beleuchtet/ auch aus ihren Schreyen und anderen Unge- behrden nicht so fort auff ihre Empfindligkeit schliesset. 60. So bestehet auch das Vergnuͤgen/ das der Mensch uͤber alle Guͤter empfindet/ mehr in den Gedancken als in der Geniessung sel- ber/ wenn nehmlich der Mensch ein ohnlaͤngst genossenes Gut sich als noch oder allbereit ge- genwaͤrtig vorstellet/ wie wiederum ein jeder bey sich selbst abnehmen und dieses paradoxon durch 1000 Exempel bekraͤfftigen kan. 61. Dieweil aber ein jedweder bey sich selb- sten befindet/ daß er offters in seinen Gedancken uͤber Dinge sich belustiget/ die eitel/ vergebens/ oder auch wohl schaͤdlich gewesen; so wird er dannenhero gar leichte muthmassen koͤnnen/ daß die Gedancken des Menschen sein Ungluͤck so wohl als sein Gluͤcke machen koͤnnen: und muß dannenhero desto genauer besehen/ in wel- chen Gedancken denn diejenige Gluͤckseeligkeit bestehe/ daran der Verstand wohl dencken und der Wille eyffrig darnach trachten solle. 62. Hierzu wird er aber gar leichte gelan- gen koͤnnen/ wenn er aus dem ersten Capitel wiederholet daß das Wohlseyn aller Dinge in einer ruhigen und nach Gelegenheit des Wesens der Dinge maͤßig veraͤnderlichen Bewegung bestehe/ Woraus denn so fort fol- get Gluͤckseeligkeit des Menschen. get/ daß alle unruhige und allzuveraͤnder- liche Gedancken des Menschen boͤse seyn/ hin- gegentheil aber in ruhigen und maͤßig sich veraͤndernden Gedancken des Menschen seine wahre/ einige und groͤste Gluͤck seeligkeit be- stehe. 63. Und diese ists/ woraus die alten Welt- Weisen die das hoͤchste Gut in einer Gemuͤths- Ruhe oder in einer Belustigung des Ge- muͤths gesuchet haben/ ihr Absehen gerichtet- Wir wollen keines weges mit dir der Worte oder des Nahmens halber streiten/ wenn wir nur in der Sache uͤberein kommen. 64. Allen Streit aber dißfalls desto besser zu heben/ waͤre es wohl gut/ wenn wir eine deut- liche Beschreibung derselben geben koͤnten; Dieweil sie aber einig ist/ und ihres gleichen nicht hat/ auch solchergestalt von denen die sie besitzen besser empfunden/ als von andern deut- lich verstanden wird/ must du es so genau nicht mit uns nehmen/ sondern zufrieden seyn/ wenn wir dir in Beschreibung derselben mehr zeigen/ was sie nicht sey/ als was sie sey/ oder wenn wir unser Absehen darinnen mehr auf ih- ren Ursprung und Wuͤrckung als auff ihr ei- gentliches Wesen richten. 65. Sie ist demnach nichts anders als eine ruhige Belustigung/ welche darinnen be- stehet/ daß der Mensch weder Schmertzen noch Freude uͤber etwas empfindet/ und in F 3 diesem Das 2. Hauptst. von der groͤsten diesem Zustande sich mit andern Menschen die eine dergleichen Gemuͤths-Ruhe besitzen/ zuvereinigen trachtet. 66. Sie ist eine Belustigung/ denn sonst waͤre sie kein Gut/ weil wir oben erwehnet/ daß alles gegenwaͤrtige Gute eine Belustigung ma- chen muͤsse. Dannenhero muß sie von allen Schmertzen entfernet seyn. Denn wo Schmer- tzen ist/ da kan keine Lust oder Vergnuͤgung seyn. 67. Sie ist eine ruhige Belustigung/ denn sonst waͤre sie kein Gut/ weil wir oben gedacht/ daß alle sehr emfindliche und folglich mit einer Unruhe vergesellschafftete Dinge boͤse seyn. Dannenhero bestehet dieses Vergnuͤgen ohne Freude. Denn wo Freude ist/ da ist eine un- ruhige Belustigung; jedoch ist diese Belusti- gung der Freude naͤher als den Schmertzen/ und deswegen wird die Freude gemeiniglich fuͤr was Gutes/ und fuͤr diese ruhige Belustigung selbst gehalten/ oder diese letzte unter dem Nah- men der Freude vorgestellet. 68. So ist auch in Ansehen der Gemuͤths- Ruhe noch dieser Unterschied zwischen dem Schmertzen und der Freude/ daß nicht alle- mahlin des Menschen Vermoͤgen stehe/ von allen Schmertzen entfernet zu seyn/ sondern das Ge- muͤthe offte genoͤthiget werden koͤnne/ Schmer- tzen zu empfinden/ und zu weinen/ da Hingegen- theil der Mensch ordentlich die Freude und das Lachen in seinem Vermoͤgen hat/ es waͤre denn/ wenn Gluͤckseeligkeit des Menschen. wenn man hiervon eine gewaltige Kuͤtzelung eximi ren wolte/ wiewohl noch dahin stehet/ ob dieselbe/ wenn sie ein wenig continui ret nicht mehr zu dem Schmertzen als zu der Freude zu rechnen sey? 69. Daß aber in dieser ruhigen Belusti- gung die groͤste Gluͤckseeligket des Menschen bestehe/ ist daher abzunehmen/ weil der Mensch bey allen denen andern Guͤtern/ als Reichthumb/ Ehre/ Freyheit/ Freunden/ dem decoro, der Gesundheit/ der Weißheit/ der Tugend/ wie- wohl bey denen meisten vergeblich nach diesen Gute trachtet/ und in denenselben seine Ruhe suchet; wer aber die Gemuͤths-Ruhe einmahl besitzet/ und umb nichts mehr als umb derselben Erhaltung bekuͤmmert ist/ auch der andern Guͤ- ter die eben zur selben so sonderlich nichts contri- bui ren/ gar leicht entbehren kan. 70. Und ob wir schon gesagt/ daß die Ge- muͤths-Ruhe trachte sich mit anderen ruhi- gen Gemuͤthern zu vereinigen/ so ist doch die- ses trachten keine unruhige Begierde/ oder ein solch Verlangen/ daß den Menschen ungluͤck- lich machte/ wenn es nicht erfuͤllet wuͤrde/ son- dern ein ruhies Bemuͤhen/ und folglich eine Continui rung der einmahl erhaltenen Gemuͤths- Ruhe/ als welche durch eine dergleichen Ver- einigung entstehet/ oder vielmehr deutlicher zu reden/ eine stetswehrende Wuͤrckung dieser Ge- muͤts-Ruhe/ umb dadurch anzuzeigen/ daß die se F 4 Ru- Das 2. Hauptst. von der groͤsten Ruhe nicht in einer Traͤgheit und Faulheit oder Mangel aller Bewegung/ als welches alles boͤse Dinge seyn/ sondern in einer muntern a- ber proportionir lichen Bewegung bestehe. Und das ist es eben/ wenn wir kurtz zuvor erwehnet haben/ daß die Gedancken des Menschen/ wenn sie seine Gluͤckseeligkeit machen sollen/ auch mit einer maͤssigen Veraͤnderung solten vergesellschaff- tet seyn. 71. Woltest du dannenhero dieses groͤste Gut des Menschen mehr nach seinen Ursprung und Wuͤrckung als nach seinen Wesen benennen/ koͤnnest du es eine vernuͤnfftige Liebe heissen; Denn die vernuͤnfftige Liebe ist nichts anders als eine Vereinigung gleicher Gemuͤther die das groͤste Gut besitzen. 72. Wir wollen aber von dieser vernuͤnfftigen Liebe etwas mehrers reden/ umb darzuthun/ daß das Wesen des Menschen/ dadurch er von den besti en entschieden wird/ so ferne das natuͤrliche Liecht selbiges begreiffen kan/ in nichts anders als in einer tugendlichen Liebe anderer Men- schen bestehe/ und daß/ man muͤge auch in de- nen Schulen von der rechten und verbothenen Selbst-Liebe reden was man wolle/ alle Men- schen auch so gar die Lasterhafftesten ande- re Geschoͤpffe wuͤrcklich mehr lieben als sich selbst: 73. Die besti én haben alle und jede einen in- nerlichen Trieb sich selbsten zu erhalten/ und Gluͤckseeligkeit des Menschen. und sich selbst das Vergnuͤgen/ dessen sie faͤhig sind/ zugeben. Und ob sie schon nicht leichtlich andere Bestien einerley Art und Geschlecht ver- letzen/ so suchen sie doch auch nicht in dem Wohl- seyn der andern das geringste Vergnuͤgen/ weil sie von dem Schoͤpffer zu keiner Gesellschafft unter sich gewidmet sind. 74. Aber der Mensch waͤre ohne mensch- liche Gesellschafft nichts/ nicht so so wohl was die Zeugung und Geburt betrifft/ welche er in et- was mit denen Bestien gemein hat/ (wiewohl die Zusammenfuͤgung des Maͤnnleins und Weib- leins unter denen unvernuͤnfftigen Thieren nicht verdienet eine Gesellschafft genennet zuwer- den) als wegen der Aufferziehung. Ein Mensch muͤste verderben/ wenn sich andere Menschen nicht seiner annaͤhmen/ da hingegen die besti en zur noth alsbald von der Geburt an sich selber forthelffen konnen. 75. Ein Mensch waͤre kein Mensch ohne andere menschliche Gesellschafft. Was waͤ- ren ihm die Gedancken nuͤtze/ wenn keine andere Menschen waͤren? koͤnte nicht eben so wohl ein innerlicher unvernuͤnfftiger Trieb zu seiner Er- haltung genung seyn/ wie bey denen besti en. Die Gedancken sind eine innerliche Rede. Worzu brauchte er diese innerliche Rede/ wenn niemand waͤre/ mit dem er seine Gedancken communici- ren solte? Diese innerliche Rede præsupponi ret eine aͤusserliche. Und wo wolte er also innerlich F 5 mit Das 2. Hauptst. von der groͤsten mit sich reden/ wenn nicht andere Menschen/ mit denen er in Gesellschafft lebet/ durch ihre aͤuserli- che Rede seine innerliche anzuͤndeten? Was brauchte es aber endlich wiederumb aller aͤuserli- chen Reden/ wenn keine menschliche Gesellschafft waͤre. 76. Ohne menschliche Gesellschafft wuͤr- de ein erwachsener Mensch kein Vergnuͤ- gen haben/ wenn er gleich die gantze Welt/ besaͤsse. Er muͤste sich selbst bedienen/ un d diese Bedienung wuͤrde ihm wenn er wohlluͤstig oder ehrgitzig waͤre/ unertraͤglich seyn. Ja wenn er gleich wie die Poe ten von der Psyche melden/ von unsichtbaren Geistern bedienet wuͤrde/ oder so vernuͤnfftig waͤre/ daß er seine eigene Bedie- nung fuͤr keine Last hielte; wuͤrde er doch des- wegen unvergnuͤgt seyn/ weil es ihm/ weiltz er ehrgeitzig waͤre an Leuten/ denen er befehlen koͤnte/ und von denen er geehret wuͤrde; wenn er wohlluͤstig waͤre/ an wohlluͤstiger Gesellschafft; und wenn er zur Tugend geneigt waͤre/ an Leu- ten denen er guts thun/ und sie seines Vergnuͤ- gens theilhafftig machen koͤnte/ ermangeln wuͤrde. 77. Ja dieses Unvergnuͤgen wuͤrde auch selbst die Misanthropen treffen/ oder die sich in ihre Bibliothequ en verschliessen/ und von aller menschlichen Gesellschafft entziehen/ wenn sie nicht in menschlicher Gesellschafft leben solten. Denn die Misanthropen suchen ihr Vergnuͤgen darinnen/ daß sie die gegenwaͤrtige Welt tadeln/ und Gluͤckseeligkeit des Menschen. und die sich in Buͤchern vergraben/ daß sie ent- weder bey denen lebenden sich ein Ansehen ma- chen/ oder dieselben censi ren wollen/ u. s. w. 87. Zugeschweigen daß die allermeisten Belustigungen des Gesichts/ Gehoͤrs/ Ge- ruchs/ Geschmacks/ und Gefuͤhles entweder in und bey andern Menschen gesucht werden/ oder aber in einer Einbildung beruhen/ weil wir sehen oder hoͤren/ daß andere Menschen die wir hoch halten/ in gewissen Dingen eine Belu- stigung finden. 79. Es moͤge dannenhero der Mensch sich betrachten auff was fuͤr weise er wolle/ so wird er befinden/ daß ihn GOtt zu einen geselligen Thier geschaffen habe/ und zwar daß er in ei- ner friedfertigen Gesellschafft mit andern le- ben solle. Ohne Friede ist keine Gesellschefft/ weil Zwiespalt und Wiederwillen alle Gesell- schafft zerreisset und auffhebet. Und ohne Ge- sellschafft kan kein Friede seyn/ weil der Frie- de in der Vereinigung menschlicher Gemuͤther bestehet. Ohne Friede ist dem Menschen weder Vernunfft noch Rede nuͤtze/ weil man zum Krieg nichts als Gewalt vonnoͤthen hat/ auch die tapfferen Helden ihr Schwerd nicht im Munde/ sondern in der Faust fuͤhren. 80. So ist demnach der Mensch zur Liebe anderer Menschen geschaffen/ weil er zum Frie- de geschaffen ist. Denn die Liebe und der Friede gruͤnden sich in der Vereinigung mensch- Das 2. Hauptst. von der groͤsten menschlicher Gemuͤther. Ja er ist zur Lie- be ruhiger Gemuͤther geschaffen/ theils weil er selber nach der Gemuͤths-Ruhe als nach sei- nem hoͤchsten Gute trachten soll/ alle Liebe aber sich auff eine Gleichheit mit der geliebten Per- son gruͤndet/ theils auch weil er sonst nicht wuͤr- de in Friede leben koͤnnen/ wenn er unruhige Gemuͤther liebet/ denn wie wollen diejenigen die innerlich mit sich selbst keinen Frieden haben mit anderen Leuten und aͤusserlich friedlich leben koͤnnen. 81. Es folget hieraus/ daß des Menschen hoͤchstes Gut darinnen bestehet wenn es dem andern Menschen/ den er liebet/ wohl ge- het/ und daß ihm desselben Elend mehr af- sicir et als sein eigenes/ weil darinnen das We- sen aller vernuͤnfftigen und menschlichen Liebe/ so ferne sie der bestiali schen entgegẽ gesetzet wird/ bestehet/ und ohne diesen Merckmahl man nicht sagen kan/ daß sich die Seelen zweyer Leiber mit einander vereinigt haben. 82. Und also liebet ein vernuͤnfftiger Mensch allerdings andere Menschen mehr als sich selbst; und hat also gantz nicht zum Grunde seines Thuns und Lassens eine vernuͤnfft ige Selbst Liebe (wie man sonsten in Schulen lehret) man wolte denn etwa dieses also ausle- gen und benehmen/ weil der Mensch durch die Liebe anderer Menschen/ in denen er mehr als in sich selbst lebet/ allezeit seine eigene Gemuͤths- Ruhe Gluͤckseeligkeit des Menschen. Ruhe zubefoͤrdern und zu erhalten bemuͤhet ist. 83. Ja was wollen wir viel lange von ver- nuͤnfftigen und unvernuͤnfftigen Leuten reden/ lie- ben doch die unvernuͤnfftigen und lasterhaff- testen Leute andere Geschoͤpffe mehr als sich/ und ist nur darinnen der Unterschied zwi- schen ihnen und vernuͤnfftigen Menschen/ daß sie sich einbilden/ sie lieben sich mehr als alle an- dere Dinge in der Welt/ da hingegentheil ein vernuͤnfftiger Mensch wohl weiß/ daß er andere Menschen mehr liebet als sich. Und wenn dannenhero man gegen solche Leute wieder die verdammte Selbst-Liebe redet/ muß es nicht anders verstanden werden/ als daß man hiermit sich mehr nach ihrer Einbildung und Vorhaben/ als nach der Sache selbst accommodir e. 84. Jch glaube wohl/ daß dir dieser Satz et- was harte und unfoͤrmlich vorkomme; Denn sprichst du/ wie solte ein Wohlluͤstiger/ Geld- und Ehrgeitziger nicht sich selbst mehr als al- les andere lieben; opffert er doch seiner Wohl- lust/ Geld- und Ehrgeitze alle andere Menschen und alles was er hat/ auff? 85. Aber das ist es eben/ was ich gesagt ha- be/ daß sich solche Leute einbildeu/ sie lieben sich selbst am meisten/ weil sie ihre Wohllust/ Geld- und Ehrgeitz lieben/ da doch diese Laster of- fenbahrlich in Liebe anderer Dinge bestehen. Ein Wohlluͤstiger liebet nicht sich/ sondern seine Das 2. Hauptst. von der groͤsten seine Hure/ und seine Sauffgesellschafft; ein Ehrgeitziger die Leute von denen er Ehre zu erlangen hoffet/ und ein Geldgeitziger den to- den Geldklumpen. Es ist ja wahr/ diesen opf- fern sie alle andere Menschen/ und alles was sie sonst haben/ aber auch fuͤrnehmlich sich selbst auf/ in Ansehen ein Wolluͤstiger seine Hure und liederliche Sauff- und Spiel-Gesellschafft zuver- gnuͤgen/ sich umb seine Gesundheit und zeitliche Wohlfarth bringet; ein Ehrgeitziger/ umb einen Wind von Ehre von andern Menschen zu erlangen/ Leib/ Gut und Ehre selbst hazardir et/ und ein Geldgeitziger uͤber dieses alles bey sei- nem Geldklumpen verhungert u. s. w. 86. So siehest du demnach/ daß die Ge- muͤths-Ruhe ohne Vergnuͤgen/ das Vergnuͤ- gen ohne die Liebe anderer Menschen/ diese Liebe ohne der Vereinigung der Gemuͤther/ und diese Vereinigung ohne wechsels weise Bemuͤhung der geliebten Person vergnuͤgen/ auch mit Hindansetzung seines eigenen zu suchen/ dieses alles aber ohne Abschaffung dessen/ was das Gemuͤthe beunruhiget/ nicht seyn koͤnne. Und huͤte dich dannenhero/ daß du nicht nach Art und Weise der meisten Philosophen uͤber der Benennung der groͤsten Gluͤckseeligkeit des Menschen einen unnoͤthigen Streit anfaͤhest. 87. Nenne es wie du wilt. Denn die Worte sind der Dinger halber/ die Dinge aber nicht der Worte haber erfunden. Wilt du es nicht Ge- muͤths- Gluͤckseeligkeit des Menschen. muͤths-Ruhe nennen/ nenne es eine Wollust oder Vergnuͤgen der Seelen/ oder eine ver- nuͤnfftige Liebe/ oder die Vereinigung zwey- er sich liebenden Seelen/ oder die Bemuͤ- hung der geliebten Person alles gutes zu thun/ und gar fuͤr sie zu sterben; oder die Un- terdruͤckung oder Austilgung der das Ge- muͤth verunruhigenden Bewegungen. Jch wil wegen keines von diesen einen Streit mit dir anfangen/ Nur mercke/ daß wenn du nicht al- les dieses was du bisher genennet beysammen hast/ sondern nur eines davon vermissest/ du auch die wahre Gluͤckseeligkeit unmoͤglich besitzen koͤn- nest/ sondern daß du dir/ wenn du dich eines an- dern bereden wilst/ damit vergebens schmei- chelst. 88. Wir muͤssen uns aber nun auch zu der andern Bedentung der groͤsten Gluͤckseelig- keit wenden/ so ferne dieselbige in Betrachtung ihrer Vollkommenheit genommen wird; und heisset so dann die groͤste Gluͤckseeligkeit des Menschen entweder dasjenige Gut/ welches alle so wohl noͤtige als uͤberfluͤßige Stuͤcke und Zierrathen der Gemuͤths-Ruhe in sei- nen Begriff haͤlt/ oder die Gemuͤths-Ruhe nur mit allen wesentlichen dahin gehoͤrigen Guͤtern ohne welche dieselbe nicht bestehen kan/ ohne Betrachtung derer menschlichen Guͤ- ter/ die nur noͤthige Stuͤcke oder blosse Zier- rathen seyn. 89. Denn Das 2. Hauptst. von der groͤsten 89. Denn derjenige/ der bey seiner Gemuͤths- Ruhe tugendhaftig/ gesund/ manie ꝛlich/ geehꝛt und reich ist/ auch seine Frey heit und viel Freun- de hat/ der kan sich billich als einen vollkomme- nen gluͤcklichen Menschen ruͤhmen. Er ist aber deshalben nicht alsobald ungluͤcklich/ wenn ihm dieses oder jenes von diesen jetzterwehnten menschlichen Guͤtern mangelt/ sondern man muß den Unterschied machen. Mangelt ihm nur ein schlechter Zierrath der groͤsten Gluͤckseeligkeit/ so ist er doch deswegen nicht elend oder ungluͤck- lich/ (ja er darff nicht einmahl meinen/ daß er nicht vollkommen gluͤcklich sey/ wenn er nur die Gemuͤths-Ruhe als die hoͤchste Gluͤckseeligkeit besitz3t/) sondern er hat nur diese groͤste Gluͤck- seeligkeit nicht in einem vollkommenen grad. 90. Mangelt ihm aber ein noͤthiges Stuͤ- cke der Gemuͤths-Ruhe/ so list es entweder ein solches duch dessen Entnehmung er der Ge- muͤths-Ruhe voͤllig beraubet oder entbloͤsset wird; oder ein solches/ dadurch er in seiner Ge- muͤths-Ruhe nur ein wenig zerstoͤret wird. Auff die erste Weise wird er ungluͤcklich oder elend/ und hat das groͤste Ungluͤck auf dem Halse. Auff die andere Weise ist er zwar nicht ungluͤck- lich noch elende/ aber er kan sich doch auch nicht vor voͤllig gluͤcklich gehalten. 91. Derowegen laß uns nunmehro die ob- erzehlten Arten der menschlichen Guͤter betrach- ten/ um zusehen/ welche von denenselben noͤti- ge Gluͤckseeligkeit des Menschen. ge Stuͤcke der Gemuͤths-Ruhe seyn oder nicht/ und welche unter jenen entweder die Gemuͤths- Ruhe dem Wesen oder der Vollkommenheit nach bestaͤtigen. 92. Was erstlich das Reichthum anlanget/ so weiset bald Anfangs die Beschreibung desselbi- gen/ weil es nichts anders als ein Uberfluß des Vermoͤgens ist/ das solches ein blosser Zierrath und kein wesentliches Stuͤcke der Gemuͤths-Ru- he sey. Was dir uͤberfluͤßig ist/ damit kanstu andern deine Liebe bezeugen/ und je groͤsser der U - berfluß ist/ je mehr und an mehrern kanstu dich gutthaͤtig erweisen/ und so weit ist Reichthum ei- ne Zierrath der groͤsten Gluͤckseeligkeit. 93. Hastu aber diesen Uberfluß nicht/ so darf- stu deswegen in deinem Gemuͤthe nicht unruhig seyn/ wenn du nur genug vor dich hast. Denn hastu keinen Uberfluß oder Reichthum/ so hastu auch destoweniger Sorge/ wie du diesen Uberfluß anwenden sollest: Und wenn du gleich noch so arm bist/ kanstu andern Menschen doch durch dei- nen Einrath und Exempel ihre Jrrthuͤmer beneh- men/ und sie von denen Jrrwegen ableiten/ wel- cher Dienst ja so gut und noch viel besser ist/ als wenn man einen Duͤrfftigen mit Gelde und Reichthum aushilfft. 94. Und also siehestu/ daß das Armuth nichts Boͤses sey/ weil es nur ein Mangel des Uber- flusses ist. Woltestu gleich sagen/ daß doch das aͤusserste Armuth ein Ubel sey/ weil dasselbige G in Das 2. Hauptst. von der groͤsten in einem Mangel dessen/ das wir zu unserer Le- bens Unterhaltung benoͤthiget sind/ bestehe; so wirstu doch dich wohl in acht nehmen muͤssen/ daß du nicht etwas fuͤr die aͤusserste Armuth ausge- best/ die doch in der That dasselbige nicht ist. 95. Du must deine Lebens Nothdurfft nicht nach deinen Verlangen/ Begierde und Gewohn- heit ausmessen/ denn du kanst z. e. mit 100 Thal. des Jahrs auskommen/ und auch 10000. Thal. des Jahrs verthun. Bistu unvergnuͤgt/ so bistu allezeit Arm; gleich wie derjenige allezeit reich ist/ der mit wenigen vergnuͤgt ist. Und wie woltestu ohne Boßheit anderer Menschen als im Kriege oder einer sonderlichen Hunger-Straffe GOttes in einen Stand gerathen koͤnnen/ daß dir etwas mangeln solte/ das zu deiner Leibes Nothdurfft noͤthig waͤre/ weil Wasser/ Wurtzeln/ und wenn du einen Platz hast in welchem du dich wider Hi- tze und Kaͤlte vertheidigen kanst/ schon genung ist/ was du zu deines Leibes Nothdurfft brauchst/ und hieran mangelt es auch dem elendesten Bettler nicht. 96. Was die Ehre betrifft/ so wird entweder dadurch der innerliche Grund derselben/ nemlich ein Tugendhafftes Leben verstanden/ wovon wir schon folgends handeln wollen; oder aber es be- deutet die durch aͤnsserliche Zeichen bestaͤtigte Hochachtung anderer Leute gegen uns/ entweder wegen unserer Macht oder wegen einer faͤlsch- lich von uns eingebildeten Tugend. 97. Das Gluͤckseeligkeit des Menschen. 97. Das Letzte ist vielmehr ein Ubel als ein Gut: Denn wenn wir eine falsche Tugend besi- tzen/ haben wir gewiß keine wahre Gemuͤthts-Ru- he: und die Leute die uns deswegen hoch halten/ muͤssen ja so blind und elend/ oder elender seyn als wir selber/ und diese Hochhaltung muß uns noch mehr in unserer uͤbelen Meynung und Lebens-Art bestaͤrcken. 98. Haben wir aber neben der wahren Tu- gend grosse Macht und Gewalt/ deswegen uns auch die Leute Ehre erweisen; so ist abermahl die Ehre ein Zierrah der hoͤchsten Gluͤckseelig- keit/ wenn ein solcher geehrter Mann diese Macht anwendet/ denen die die Gemuͤths-Ruhe besitzen oder darnach trachten/ desto mehr Gutes zu thun. 99. Aber es ist auch diese Ehre kein wesent- liches Stuͤck/ weil dergleichen Gewalt aber- mahls unter die noͤthigen und uͤberfluͤßigen meuschlichen Guͤter gehoͤret/ und in Mangel der- selben wir niemahlen Mangel haben/ andern Leuten unendliche Gutthaten zu erweisen. 100 Und also kanst du leichtlich absehen/ daß der Mangel der aͤusserlichen Ehre/ das ist der Macht und Ansehens wiederumb kein Ubel sey/ weil der Mangel eines Uberflußes niemahls was boͤses seyn kan. 101. Aber was wollen wir nun mit der Un- ehre machen? Jch muß bekennen/ es ist zwi- schen derselben und dem Mangel der Ehre ein grosser Unterscheid. Gleichwohl werde ich nichts G 2 un- Das 2. Hauptst. von der groͤsten unrechtes sagen/ daß die Unehre/ die der Ehre/ von der wir jetzo handeln entgegen gesetzt wird/ gantz kein Ubel/ sondern ein nichts/ und eine ei- tele Einbildung unruhiger Gemuͤther sey/ es moͤge dir dieses nun gleich noch so seltsam vor- kommen. 102. Zwar wenn die Unehre zum Grunde innerlich ein untugendhafftes Leben hat/ muͤs- sen wir freylich anders sagen/ und uns nicht un- ter die Zahl derer rechnen/ die weder Schande noch Ehre achten; aber wir haben nur kurtz zu- vor erinnert/ daß wir die Tugend-Ehre anjetzo nicht betrachten/ sondern es gehoͤret hieher nur die aͤusserliche Unruhe/ wenn ein Mensch ohne vernuͤnfftige Ursache in der buͤrgerlichen Gesell- schafft unehrlich erklaͤret/ zu keinen Ehren-Aemp- tern gelassen/ seine Schrifften oder sein Schild durch dem Hencker verbrand oder zerbrochen/ oder sein Nahmen an den Galgen geschlagen/ oder er wohl gar im Bildnisse auffgehencket wird. 103. Die Juri sten pflegen unter sich zu sa- gen/ daß der Staupen-Schlag nicht unehr- lich mache/ sondern die Ursache. Diese Ur- sache aber muß nicht in der ungegruͤndeten Mei- nung anderer Menschen/ sondern in der Wahr- heit gegruͤndet seyn. Verdammet dich dein Ge- muͤthe nicht/ so koͤnnen auch alle diese erzehlte Beschimpffungen dein Gemuͤthe nicht verun- ruhigen/ sondern du wuͤrdest recht elende seyn/ venn deine wahrhafftige Ehre der Gewalt ei- nes Gluͤckseeligkeit des Menschen. nes einigen Menschen unterwuͤrffig waͤre/ oder wenn dasjenige dein Gemuͤhte anfechten solte/ was man mit deinen Nahmen/ Schilde/ Schrifften und Bilde vornaͤhme. Es ist wahr/ die Liebe zu dir wird bey vielen Leuten ausge- tilget; aber bey was fuͤr welchen? Bey denen die die wahre Gemuͤths-Ruhe nicht besitzen. Mit diesen aber sucht ein weiser Mann nicht sich durch Liebe zu vereinigen/ sondern hat Erbarm- niß mit ihnen/ und diese hindert ihn alleine/ daß er die ihm angethane Beschimpffungen nicht verlacht. Bey denen andern aber die nach der groͤsten Gluͤckseeligkeit nebst ihm eyffrig sich be- muͤhen/ waͤchst seine Ehre nur desto mehr da- durch/ weil die ruhige Erduldung solcher unver- dienten Beschimpffung die Gemuͤther solcher Leute nur desto kraͤfftiger an sich ziehet/ und sie noch mehr mit ihm vereiniget. 104. Nun wollen wir die Manierlichkeit/ Hoͤfflichkeit/ Artigkeit der Sitten/ Wohlanstaͤn- digkeit/ mit einem Worte das Decorum be- trachten. Dieses gleich wie es in der Nachah- mung des Thuns derer Leute/ die in menschli- cher Gesellschafft fuͤr andern hochgeachtet wer- den bestehet; Also ist es nach denen unterschie- denen Arten des Thuns das man imiti ret/ hauptsaͤchlich dreyerley: Denn dieses Thun ist entweder Tugendhafft oder Lasterhafft (wohin ich auch die Eitelkeit referi re/ als die G 3 un- Das 2.Hauptst. von der groͤsten unnuͤtzen und irraisonnablen neuen Moden) oder indifferent. 105. So ferne als man in dem decoro tu- gendhaffte oder lasterhaffte Thaten zu imiti ren sucht/ muß eben dasjenige davon gesagt werden/ was wir von der Tugend und Lastern selbst al- sobald erinnern wollen. So ferne aber das Thun und lassen/ das man imiti ret/ indifrent ist/ z. e. daß man sich kleidet/ wie es der ge- meine Gebrauch mit sich bringet; daß man mit einer gemaͤßigten Hoͤffligkeit jederman begegnet; daß man etlicher Dinge die zwar nicht wider die gesunde Vernunfft seyn/ aber doch insgemein fuͤr schaͤndlich gehalten werden/ sich enthaͤlt/ ist ein Zierrath eines Menschen/ der die Gemuͤths- Ruhe besitzet/ weil diese Dinge zum wenigsten eine gute Ordnung in der gemeinen buͤrgerlichen Gesellschafft machen/ auch theils durch diesel- ben/ weil man allen allerley wird/ man Gelegen- heit uͤberkommt/ desto mehr Menschen zu gewin- nen/ daß sie sich mit uns zu vereinigen trachten; theils auch/ weil wir erkennen/ daß wir denen in Jrrthuͤmern steckenden/ wenn wir ihnen in diesen indifferen ten Dingen nicht etwas nachgeben/ ei- nen Abscheu fuͤr uns und der wahren Tugend machen. 106. Es ist aber deswegen das Decorum kein nothwendig Stuͤcke der Gemuͤths-Ruhe wenn es nur nicht mit Vorsatz und aus blosser Liebe zur Singulari taͤt unterlassen wird. Dan- nen Gluͤckseeligkeit des Menschen. nenhero der Mangel des Decori an einem Bauer der es nicht weiß/ oder an einem armen Menschen der sich z. e. in Kleidung nicht andern gleich halten kan/ ihn an seiner Gemuͤths-Ruhe in geringsten nicht hindern/ noch bey andern vernuͤnfftigen Leuten verhast und unangenehm machen wird. 107. Wenn es aber wegen einer Singulari- taͤt unterlassen wird/ so ist es sreylich ein Ubel/ weil es genugsam zu verstehen giebt/ daß ein sol- cher Mensch die wahre Gemuͤths-Ruhe nicht be- sitze/ der keine indifferente complaisance fuͤr an- dern Menschen haben wil/ theils weil er hiermit keine Liebe andern Menschen erweiset/ theils weil es viel irraisonnab ler ist/ zu prætendi ren/ daß fich viele die eines gleichen seyn/ nach einen/ als daß sich dieser nach vielen richten solle. 108. Und weil dannenhero es ohne offen- bahre Singulari taͤt oder wohl gar ohne einer Lie- be zur bestiali taͤt nicht abgehen kan/ wenn man die Dinge die insgemein fuͤr schaͤdlich ge- halten werden begehet/ wie die Cynici gethan; als muͤssen wir zugleich einen Unterschied unter- einem Menschen/ dem das Decorum mangelt/ und unter dem qui indecenter vivit, der unver- schaͤmt lebet/ zu machen lernen/ und diesen letzten unter die Zahl derer jenigen rechnen/ die die groͤ- ste Gluͤckseeligkeit nicht besitzen. 109. Daferne aber die Unterlassung des de cori aus einer irrigen Meinung/ als wenn G 4 dassel- Das 2. Hauptst. von der groͤsten dasselbige etwas boͤses waͤre/ oder aus einer allzufruͤhzeitigen Begierde/ andere allzuge- schwinde von allen Unvollkommenheiten zu rei- nigen/ herruͤhret; so wollen wir dieses wieder- umb nicht unter den Mangel der groͤsten Gluͤck- seeligkeit/ sondern dem Mangel eines Zierraths derselben nur zurechnen/ als wenn einer aus jetzo angefuͤhrten Ursachen alle Leute dutzen/ und fuͤr keinen Menschen das Haupt entbloͤsen wolte. 110. So ist auch leichtlich abzunehmen/ was es mit der Schamhafftigkeit fuͤr eine Be- wandniß habe. Diese wird entweder von kuͤnff- tigen oder vergangenen Thaten gesaget. Jn dem ersten Gebrauch ist sie nichts anders/ als ein Vorsatz in tugendhafften und indifferen ten Dingen nach dem decoro zu leben/ und hat die Unschamhasftigkeit als ein Laster entgegen ge- setzt: wannenhero von diesen Gebrauch nichts weiter zu erinnern ist. 111. So ferne aber dieselbe von vergange- nen Dingen gesaget wird/ heisset sie eine Reue uͤber eine wider das decorum anstossende ge- schehene That/ mit dem Vorsatz kuͤnfftig der- gleichen nicht mehr zu thun/ und die Unscham- hafftigkeit ist ein Mangel dieser Reue. Ob nun wohl auch die Unschamhafftigkeit eine An- zeigung ist/ daß einer die groͤste Gluͤckseeligkeit oder die Gemuͤths-Ruhe nicht besitze/ so darff man doch nicht dafuͤr halten/ daß die ihr entge- gen gesetzte Schamhafftigkeit ein wesentli- ches Gluͤckseeligkeit des Menschen. ches Stuͤck oder ein Zierrath der groͤsten Gluͤck- seeligkeit sey/ sondern es ist augenscheinlich daß es besser sey/ wenn ein weiser Mann so lebet/ daß er keine Reue oder Scham vonnoͤthen habe. 112. Die Freyheit/ es sey nun daß dieselbige mit Ehre und Macht vergesellschafft sey/ wovon wir oben bey der Ehre schon geredet/ oder von einem freyen Menschen/ der kein leibeigener Knecht noch gefangen ist/ gesagt werde/ ist gleich- falls ein bloßer Zierrath der Gemuͤths-Ruhe/ weil ein freyer Mensch mehr Gelegenheit hat mit anderen Leuten sich zu verbinden/ und ihnen gutes zuthun/ als ein Sclave und Gefangener; dahingegen diese/ wenn sie anders nicht umb der Laster willen zu Sclaven und Gefangenen gemacht worden/ in ihrem Gemuͤthe ja so ruhig seyn koͤnnen/ und der eintzige Dienst/ den Epicte- tus mit seinem Enchiridio dem menschlichen Geschlecht erweiset/ viel edler ist/ als vielfaͤltige andere Dienstleistungen/ die ein freyer Mensch duͤrfftigen Menschen erweiseit. 113. Die Vielheit der Freunde/ so ferne dieselbe unter die Gluͤcks-Guͤter gerechnet wird/ kan ich fuͤr einen Zierrath der groͤsten Gluͤck- seeligkeit nicht achten. Denn die Freundschafft derer/ die die Gemuͤths-Ruhe besitzen/ dependi- ret von Gluͤcke nicht/ sondern ist ein nothwendi- ges Gut/ und wesentliches Stuͤck der Gemuͤths- Ruhe: aber weil dererjenigen sehr wenig sind/ G 5 die Das 2. Hauptst. von der groͤsten die die Gemuͤths-Ruhe besitzen/ so kan es auch nicht fehlen/ es muß ein weiser Mann sehr we- nig Freunde oder doch zum wenigsten mehr Feinde als Freunde haben. 114. Derowegen so waͤre es zwar wohl vor einen Zierrath der groͤsten Gluͤckseeligkeit zu hal- ten/ wenn es moͤglich waͤre/ daß ein weiser Mann viel Freunde haben koͤnte; Dieweil aber diese Moͤgligkeit in diesem verderbten Zustand darinnen wir leben nicht zu hoffen stehet/ so ists vielmehr ein Anzeigung des Mangels der Gemuͤths-Ruhe/ wenn sich ein Mensch ruͤh- met viel Freunde zu haben/ weil er so dann genungsam zuverstehen giebet/ daß er dieser Vielheit gleich seyn muͤsse/ weil eine jede Freund- schafft und Gemuͤths-Vereinigung in der Gleich- heit sich gruͤndet. 115. So bleibet es demnach dabey/ daß alle bisher erzehlten Guͤter außer dem Menschen die insgesamt zu denen Guͤtern des Gluͤcks gehoͤ- ren/ und in des Menschen seinem Vermoͤgen und Willkuͤhr nicht bestehen/ auch keine wesent- liche Stuͤcke der groͤsten Gluͤckseeligkeit seyn koͤnnen/ in Ansehen der Mensch seine Gemuͤths- Ruhe nicht dem Gluͤck/ sondern sich selbsten zu dancken hat. 116. Was die Guͤter des Leibes anlanget so ist erstlich das Leben des Menschen zwar der Grund der Gemuͤths-Ruhe; jedoch macht die Beraubung desselbigen nemlich der Tod dem Men- Gluͤckseeligkeit des Menschen. Menschen nicht elende oder ungluͤcklich. Denn es sey nun/ daß das Gemuͤthe durch den Tod nicht vernichtet werde (dessen der Mensch durch eine die Vernunfft uͤbersteigende Vergewisse- rung versichert wird) so wird auch durch den Tod die Gemuͤths-Ruhe nicht auffhoͤren/ oder aber daß mit dem Leibe zugleich die Seele ver- nichtiget werden solte/ so wuͤrde man doch von einer Sache die zu nichts worden/ nicht sagen koͤnnen/ daß sie unruhig sey/ sondern ich wuͤrde in diesem Zustande von einem Menschen sagen muͤssen/ daß er weder gluͤcklich noch ungluͤcklich sey/ weil er auffgehoͤrt ein Mensch zu seyn. 117. Die Gesundheit des Menschen oder die Gantzheit der Gliedmassen/ und die ge- woͤhnliche und ordentliche Bewegung des Ge- bluͤts und der Geistergen in denenselben ist ein noͤthiges Stuͤcke der Gemuͤths-Ruhe/ und mehr als ein gemeiner Zierrath/ weil nicht nur ein gesunder Mensche vermoͤgender ist seiner Gemuͤths-Ruhe als einer ruhigen Belustigung besser zu geniessen/ massen die Gesundheit selb- sten in einer ruhigen Bewegung bestehet) und anderer Leute Gemuͤther durch Liebes-Dienste an sich zu ziehen/ und sich mit ihnen zu vereini- gen; sondern auch der Manngel der Gesund- heit des Menschen seine Gemuͤths-Ruhe zu wei- len stoͤren kan. 118. Zwar so ferne die die Kranckheiten nur eine dauerhaffte unordentliche Bewegung des Das 2. Hauptst. von der groͤsten des Gebluͤtes/ nicht aber einen grossen Schmer- tzen in denen nerv en verursachen; ist darinnen ein grosser Unterschied zwischen einen Menschen der die Gemuͤths-Ruhe besitzet/ und der diesel- be noch nicht erhalten hat. Dieser wird auch in seinem Gemuͤthe unruhig seyn/ theils weil sein Gemuͤthe von der deposition des Leibes bald da bald dorthin gezogen zu werden gewohnet ist/ und also die unordentliche Bewegung des Ge- bluͤts auch nothmendig eine unordentliche unru- hige Bewegung in seinen Gedancken verursa- chen muß/ theils weil er diese Kranckheiten als eine Hinderniß betrachtet seinen Reichthumb zu- vermehren oder seine Wohllust zu saͤttigen/ oder seine Ehrgierde zu stillen/ als worinnen er irriger weise sein hoͤchstes Vergnuͤgen sucht. 119. Aber ein weiser Mann der gewohnet ist/ daß sein Gemuͤthe von dem augenblicklichen unordentlichen Bewegungen des Gebluͤtes (wo- durch bey andern sonst der affect pfleget erre- get zu werden) nicht beweget wird/ hat durch diese Gewohnheit so viel erhalten/ daß auch her- nach durch dergleichen dauerhaffte unordent- liche Bewegungen des Gebluͤtes/ ebenfalls seine Gemuͤths-Ruhe nicht gestoͤhret wird/ und in dem er also ausser dieser keine andere Gluͤcksee- ligkeit erkennet/ so affici ret ihn auch in geringsten nicht/ ob schon durch die Kranckheit/ Reichthum/ sinnliche Belustigungen und lobwuͤrdige Thaten hindan gesetzet werden muͤssen. 120. Aber Gluͤckseeligkeit des Menschen. 120. Aber so serne die Kranckheiten schmertzhafft seyn/ und die nerv en mit haͤrte an- greiffen/ muͤssen wir behutsam gehen/ daß wir nicht eines Theils dafuͤr halten/ alswenn auch diese Kranckheit das Gemuͤth eines Menschen gar nichts angingen/ anderstheils aber nicht auff die andere Seite verfallen/ als wenn die- selbigen einen weisen Mann elend machten. 121. Es ist wohl an dem/ daß ein Mensch ei- ne sehr starcke Phantasie haben muͤsse/ weñ er sich einbilden wolte/ daß ein weiser Mann/ wenn er z. e. an dem Podagra, an Stein/ an der Gicht starck darnieder liegt/ und grosse Schmertzen da- von empfindet/ in seinem Gemuͤthe eben so ruhig sey/ als wenn er in einem Rosen-Garten saͤsse/ und daß/ wenn gleich sein Halß schrie/ sein Gemuͤthe doch gantz freudig sey. Wir ha- ben gesagt/ daß das Gemuͤthe den Gedancken des Menschen seyn; und auch bey einem weisen Mann/ wenn gleich sein Gemuͤthe den Leib be- herrschet/ dennoch wegen der stetswehrenden Vereinigung der Seelen mit dem Leibe nicht alle Empfindligkeit der Seelen von dem Leiden des Leibes auffgehoben werden. Und weil es dem- nach bey dieser Bewandniß nicht anders zuge- hen kan/ als daß ein weiser Mann Zeit wehrenden seinen Schreyen an den Schmertzen gedencken muß; so kan es auch nicht fehlen/ es muͤsse zu die- ser Zeit sein Gemuͤthe so ruhig nicht seyn als son- sten. Jn diesen Ansehen haben wir die Gesund- heit Das 2. Hauptst. von der groͤsten heit als ein noͤthiges Stuͤcke der mensch- lichen Gluͤckseeligkeit gerechnet/ und rechnen es unter diejenige/ dessen Be raubung durch derglei- chen Kranckheit die Gemuͤths-Ruhe ein wenig stoͤhret/ und verursachet/ daß ein Mensch Zeit wehrenden solchen Zustandes nicht vollkom- men gluͤckseelig sey. 122. Aber es ist doch deshalben die Gesund- heit des Leibes nicht ein wesentliches Stuͤcke der Gemuͤths-Ruhe/ und die jetzt ermeldten Kranckheiten koͤnnen einen weisen Mann diesel- bige nicht gar rauben noch elend machen/ mas- sen den ein weiser Mann/ so bald die Schmer- tzen vorbey seyn (welche je empfindlicher sie seyn/ je mehr sie auch ordentlich wieder auffhoͤren) von seiner verstoͤhreten Ruhe bald wieder in Ordnung koͤmmt/ und solcher gestalt abermahls auch in An- sehung dergleichen Kranckheiten ein grosser Un- terscheid zwischen einen weisen und unweisen Mann ist. 123. Jener besitzt vor dem Schmertzen seine Gemuͤths-Ruhe wie er sol/ und præparir et sich bey Herannahung derselben zu einer ihme moͤgli- chen Gedult/ nach vergangenen Schmertzen a- ber troͤstet ihn die Erlangung der eutzwischen in etwas turbirt en Gemuͤths-Ruhe uͤber dem was er zuvor erlitten/ kraͤfftiglich. Aber ein Unwei- ser/ weil er keine Gemuͤths-Ruhe hat/ stellet er sich die zukuͤnfftigen Schmertzen durch eine irrai- sonable Furcht noch Schmertzhaffter vor als sie sind/ Gluͤckseligkeit des Menschen. sind/ und erwecket dadurch Zeit wehrenden Schmertzen eine grosse Ungedult/ die ihm diesel- ben vielmehr empfindlich macht; Ja es laͤst ihm seine angewoͤhnte Gemuͤths-Unruhe nicht ein- mahl zu/ daß er sich mit Betrachtung der vergan- genen Pein belustigen solle/ sondern das blosse Anhoͤren und Erwehnung des Nahmens dersel- ben praͤgt ihm eine so verdrießliche Idee ein/ als wenn dieselbige alsbald wieder gegenwaͤrtig waͤre. 124. Nun haben wir noch die Guͤter der Seelen uͤbrig/ Weißheit und Tugend. Bey- de sind noͤthige und wesentliche Stuͤcke der Ge- muͤhts-Ruhe/ dergestalt/ das ohne dieselben ein Mensch keine Gemuͤths-Ruhe besitzen kan/ son- dern hoͤchst elend seyn muß. Die Weißheit reiniget den Verstand/ daß er die Eitelkeit aller andern Guͤter und die wahre Gluͤckseeligkeit der Gemuͤths-Ruhe erkennet/ und dadurch deñ Wil- len disponir et/ gegẽ jene indifferent zu seyn/ nach dieser aber hauptfaͤchlich zu trachten. Und die Tugend jaget der Gemuͤths-Ruhe nach/ und wenn sie dieselbige erhalten/ giebt sie ihr durch ei- ne stetswehrende Bewegung tugendhaffter Tha- ten das Leben/ und ist also zugleich die Mutter und Tochter der wahren Gluͤckligkeit. 125. Hingegen wenn ein Mensch von der Erkaͤntniß der wahren Gluͤckseeligkeit verfehlet/ und die Schein-Guͤter fuͤr dieselbige annimmt/ auch durch diese Betruͤgung seines Wahns an statt Das 2. Hauptst. von der groͤsten statt tugendhaffter lieblicher Thaten alles sein Thun und Lassen nach seinem eigenen Interesse dieses Schein-Gut zu erlangen einrichtet/ der kan nicht anders als hoͤchst elende seyn/ in dem er sein Gemuͤthe hoͤchst verunruhiget/ auch taͤglich in dieser Unruhe als ein Wild im Garne sich mehr und mehr verwickelt/ ein Abscheu aller Tugend- haffter Leute/ und seines Geldes oder anderer armseeligen und ja so elenden Menschen als er selbst ist/ Sclave wird. 126. Hierbey aber mustu bey der Weißheit aus dem vorhergehenden wiederholen/ daß ich durch selbige weder die Erkaͤntniß eiteler und Pe- danti scher/ noch zierlicher und artiger Wissen- schafften/ auch nicht einmahl solcher dem mensch- lichen Geschlecht sonst nicht unnuͤtzlichen Discipli- nen/ die aber zu Erforschung anderer Geschoͤpffe ausser dem Menschen zielen/ verstehe. Denn diese sind entweder der wahren Gluͤckseeligkeit entgegen gesetzte Thorheiten/ oder doch zum wenigsten blosse Zierrathen der Gemuͤths-Nu- he. Die eintzige Selstberkaͤntnuͤß ist das wesentliche Stuͤcke des hoͤchsten Guts/ und wer diese verfehlet/ oder sie anfeindet/ braucht keiner weitern Bestraffung/ weil er als sein selbst eige- ner Feind hierdurch sich genung selbst bestraffet. 127. Gleichergestalt mustu die Tugend nicht in den aͤusserlichen Bezeugungen alleine suchen/ sondern zufoͤrderst in der bruͤnstigen Liebe gegen andere Tugendliebende Menscheu. Diese muß aus Gluͤckseeligkeit des Menschen. aus dem Hertzen kommen/ und zwar durch die aͤusserliche Thaten bezeiget worden; aber wenn die aͤusserlichen Thaten von dieser innerlichen Liebe entbloͤset sind/ ist ein Mensche hoͤchst un- gluͤcklich/ weil er als ein allgemeiner Betrieger auch von jederman wieder betrogen zu werden befahren muß/ ja weil er sich selbst durch diese an- gewoͤhnte Gleißnerey am meisten betriget/ und in der That ein Heuchler/ deshalben viel elender ist als einer der offentlich in Lastern lebet. 128. Wir haben nunmehro bey diesen Capi- tel nichts mehr noͤthig zu erinnern/ als daß wir dir mit wenigen noch einen Scrupel benehmen/ den du dir machen koͤnnest/ wenn du erwegest/ daß weder bey der ersten Frage/ wel ch es menschliche Gut die groͤste Gluͤckseeligkeit sey? noch bey der andern von denen wesentlichen Stuͤcken der- selben/ der Wohllust des Leibes/ in gering- sten nicht gedacht worden/ da doch Epicurus und Aristippus das hoͤchste Gut in der Wohllust des Leibes gesucht/ ja da wir selbst im vorigen Capi- tel erwehnet/ das alles wahrhafftige Gut beln- stigend sey/ auch die Gemuͤths-Nuhe beschrie- ben haben/ daß sie eine ruhige Belustigung sey/ und nur kurtz zuvor erinnert/ daß wegen Vereinigung des Gemuͤths mit dem Leibe das- selbige der Schmertzen des Leibes theilhafftig werde/ und also scheinet es ja auch/ daß das Ge- muͤthe wegen eben derselben Ursache gleichfalls auch die Wollust des Leibes empfinden muͤsse. H 129. Aber Das 2. Hauptst. von der groͤsten 129. Aber hierauff werden wir dir keine an- dere Antwort geben duͤrffen/ als wenn wir dir nur fuͤrhalten/ daß die Wohllust des Lei- bes eine unruhige/ unordentliche und empfind- liche Belustigung sey. Und also ist sie wahr- hafftig in ihrer Natur boͤse/ und derjenige/ der sich in selbiger umwaͤltzet/ wircklich elende/ indeme er so dann nicht als ein Mensche/ sondern noch unvernuͤnfftiger als eine Bestie lebet/ weil die Be- sti en nicht mehr essen/ trincken/ und anderer Wohllust des Leibes pflegen/ als ihre Natur erfordert: Geschweige denn daß einen vernuͤnff- tigen Menschen in die Gedancken kom̃en solte/ die Wohllust des Leibes koͤnnte die groͤste Gluͤcksee- ligkeit/ oder ein wesentliches Stuͤck/ oder nur ein Zierrath derselben seyn. 130. Es ist wohl an dem/ daß unzehlich viel Leute ihr Thun und Lassen darnach einrichten/ als wenn diese Wohllust das hoͤchste Gut waͤ- re; Aber ihr eigen Gewissen wird sie allezeit uͤberzeugen/ daß sie thoͤricht handeln/ wenn sie nicht allbereit durch die angewoͤhnte Bestiali taͤt dasselbige gaͤntzlich eingeschlaͤffert; Alleine daß ein Philosophus jemahls die Meinung solte geheget/ und diese Philosophie Nachfolger ge- funden haben/ daß diese Wohllust die groͤste Gluͤckseeligkeit sey/ werde ich mich nimmermehr bereden lassen/ man moͤge auch von deme Ari- stip pus sagen was man wolle. Denn nach dem zu unsern Zeiten ein Gassendus dem Epi- curus Gluͤckseeligkeit des Menschen. curus in diesem Stuͤck/ und in einem andern de la Mothe le Vaper dem Pyrrho daß er kein Narre gewesen/ die Defension gefuͤhret/ halte ich alles dasjenige/ was man von denen alten Phi- losophen sagt/ und der gesunden Vernunfft au- genscheinlich zuwieder ist/ fuͤr Fabelhafft/ und van ihren Feinden ertichtet. Das 3. Hauptffuͤck. Von GOtt als dem Ursprung aller menschlichen Gluͤckseeligkeit/ und was die natuͤliche Erkaͤntniß desselben zu der groͤsten Gluͤck- seeligkeit contribuire, Jnnhalt. Connexion n. 1. 2. Man muß bey der Vetrachtung von GOtt Natur und goͤttliche Offendahrung nicht ver- mischen n. 3. daß ein GOtt sey/ kan niemand laͤug- nen/ sondern es ist nur die Frage/ was er sey? n. 4. Nehmlich die erste Ursache aller veraͤnderlichen Din- ge n. 5. welche von diesen unterschiedones Wesens ist. n. 6. Und von sich selbst herruͤhret. n. 7. Worum die Heyden dafuͤr gehalten/ daß die Materia prima GOtt gleich ewig sey. n. 8. Lehrsaͤtze wieder diese Mei- nung. n. 9. Die erste Materia muß nothwendig aus nichts gemacht seyn. n. 10. Und zwar von GOtt/ wes- halben sie nicht gleich ewig ist. n. 11. Es ist nicht un- moͤglich/ daß aus nichts etwas werde n. 12. (eines H 2 weisen Das 3. Hauptst. von GOtt als dem weisen Mannes Behutsamkeit in der Lehre von der Schoͤpffung n. 13.) sondern dieses erscheinet gantz klar aus der vergaͤnglichen Dinge ihren Seyn und Wesen/ die augenblicklich zu nichts und wieder zu et- was werden. n. 14. 15. L6. Natuͤrliche Erkaͤntniß der goͤttlichen Providen tz aus eben dieser Anmerckung. n. 17. Die veraͤnderlichen Dinge koͤnnen ihr Wesen nicht selbsten erhalten. n. 18. sondern es muß es noth- wendig der Schoͤpffer thun n. 19. Gemeiner Jrrthum wieder die goͤttliche Vorsehung/ daß es in dieser Welt tugendhafften Leuten uͤbel/ und Lasterhafften wohl gehe. n - 20. 21. Unterschied zwischen der Schoͤpffung und der Erhaltung der Dinge. n. 22. Obgleich Gott alle Augenblick denen Dingen ein neu Wesen und Seyn giebt/ so bleibt es doch mit dem alten immer ein einiges. n. 23. Welches mit dem Exempel einer Linie verglichen wird. n. 24. Ein wahrer Philoso- phus gehet in der natuͤrlichen Erkaͤntniß GOttes nicht weiter/ sondern redet lieber von GOttes unba- greifflichen Vollkommenheiten gar nicht/ als daß er ungeschickt reden solle .n. 25. Er suchet aber die bißherigen Lehrsaͤtze in der Sitten-Lehre sich solcher- gestalt zu nutze zu machen/ daß er erkennet/ er muͤsse sein Thun und Lassen nach GOttes Wesen einrich- ten. n. 26. und GOtt lieben. n. 27. Das ist/ GOtt inniglich vertrauen n. 28. und demuͤthig fuͤrchten/ n. 29. Woraus wiederum folget/ daß er keine Ursa- che habe/ einige andere Creatur zu fuͤrchten n. 30 oder derselben zu vertrauen. n. 31. Die natuͤrliche Er- kaͤntniß weiß auch von keinen anderen aͤusserlichen Gottesdienst n. 32. Dieser Lehrsatz wird wohlbe- daͤchtig erklaͤret. n. 33. Daß er nichtvon dem innerlichen Gottesdienst/ sondern von dem aͤusserlichen rede. n. 34. Welcher zweyerley ist/ allgemein und unterschie- den. n. 35. So ist auch nicht die Frage/ ob GOtt wuͤrdig sey geehret zu werden. n. 36. Oder ob der Mensch Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. Mensch schuldig sey GOTT aͤusserlich zu dienen wenn es GOit von ihm begehre n. 37. sondern ob man aus blosser Vernunfft erweisen koͤnne/ das Gott einen aͤusserlichen Gottesdienst von dem Menschen verlange? n. 38. welches gelaͤugnet wird. n. 39 Man kan keinen Beweiß n. 40. weder aus der goͤttlichen Natur n. 41. noch aus der menschlichen n. 42. her- nehmen/ vielweniger aus dem Stande der Unschuld/ oder aus der Gleichfoͤrmigkeit mit goͤttlicher Hei- ligkeit n. 43. Alle Laͤsterung und Vrachtung GOt- tes ist der Vernunfft zuwieder. n. 44. So siehet auch die Vernunfft/ daß es besser sey GOtt aͤusserlich zu ehren/ als diese Ehre zu unterlassen n. 45. aber sie kan doch die Nothwendigkeit des aͤusserlichen GOt- tesdienstes nicht begreiffen/ weder des aͤusserlichen Gebets n. 46. noch des lobens n. 47. noch des dan- ckens n. 48. weder in Ansehen GOttes n. 49. noch in Ansehen anderer Menschen. 50. 51. Andere Einwuͤrffe wider diesen unser m Lehrsatz n. 52. Die Heyden haben den aͤusserlichen Gottesdienst aus der Offenbahrung erkennet. n. 53. Die Gluͤckseeligkeit des gemeinen Wesens kan der wahre Zweck des aͤus- serlichen Gottesdienstes nicht seyn. 54. 55. 56. Man kan noch vielweniger den absonderlichen und unter- schiedenen Gottesdienst aus der Natur erkennen. n. 57. Alle Religion gruͤnden sich auff eine Offen- bahrung. n. 58. Und GOtt hat niemahls einen aus der Vernunfft erfundenen Gottesdienst approbir et. n. 59. Die zwey Haupt-Jrrthuͤmer in der Erkaͤnt- niß GOttes sind die Atheister ey und ein abgoͤtti- scher Aberglauben. n. 60. Was ein Atheiste sey. n. 61. 62. Die Atheister ey ist eine der elendensten Thor- heiten. n. 63. Was ein Abgoͤttischer und Aberglaͤu- bischer Mensch sey? n. 64. Die Abgoͤtterey die mit denen himmlichen Coͤrpern getrieben wird/ gehoͤret zur Theologie n. 65. Denn es ist entweder eine H 3 raiso- Das 2. Hauptst. von Gott als dem raisonable oder irraisonable Abgoͤtterey n. 66. Die barbarischen Voͤlcker sind nicht so unvernuͤnfftig in ih- rer Abgoͤtterey gewesen/ als die/ bey denen die Phi- losophie am meisten getrieben worden. n. 67. Ge- geneinanderhaltung eines wahren Philosophi, eines Atheisten/ und eines Aberglaͤubischen in Ansehen der Sitten-Lehre n. 68. 69. 70. 71. Der erste ist alleine ein Mensch/ der andere aber einem Affen/ und der dritte einem Schweine oder Esel nicht ungleich. n. 72. Ein Aberglaͤubischer ist noch mehr als ein Atheiste. n. 73. Worumb man heut zu Tage so viel wider die Atheisterey und so wenig wider den Aberglauben schreyet und schreibet. n. 74. Man hat fast alle recht- schaffene Philosophos zu allen Zeiten fuͤr Atheisten ausgeschrien. n. 75. 1. W Jr haben im ersten Capitel gesagt/ daß GOtt unter allen Guten billig oben anstehe/ auch daselbst an der gemei- nen Eintheilung des Guten in die Guͤter des Leibes/ der Seelen/ und des Gluͤcks getadelt/ daß man bey derselben Gottes vergessen/ und gleichwohl haben wir selbst im vorigen Capitel/ da wir von der groͤsten Gluͤckseeligkeit des Men- schen gehandelt/ Gottes nicht mit einem Wor- te gedacht/ da doch niemand sich finden wird/ der mit Grund der Warheit leugnen koͤnne/ daß GOtt nicht der Ursprung und Brunqvell alles Guten sey. 2. Aber laß dich dieses nicht irren/ denn dieses Hauptstuͤcke wird uns rechtfertigen/ daß wir GOttes nicht vergessen/ noch seines Vorzugs unter Ursprung aller menfchl. Gluͤckseeligk. unter allen Guten ihm beraubet/ ob wir schon behauptet haben/ daß die groͤste Gluͤckseligkeit des Menschen in seiner Gemuͤths-Ruhe bestehe. GOTT ist der Geber alles Guten/ und al- so vortrefflicher als alle seine Gaben. Jm vor- hergehenden Capitel aber haben wir untersu- chet/ welche unter allen Gaben die allervor- trefflichste und die aller edelste sey. Nachdem wir nun dieselbige erkennet/ muͤssen wir nicht denen Schweinen gleichen/ die sich ohne Be- trachtung derer Frucht tragenden Eichen mit de- nen Eicheln maͤsten; sondern unsere Gedancken allerdings in die Hoͤhe schwingen/ und GOTT als den Geber alles Guten/ und folglich auch der Gemuͤths-Ruhe als der groͤsten Gluͤckseeligkeit ein wenig genauer betrachten/ zumahlen da wir so dann gar leichtlich erkennen werden/ daß wir ohne diese noͤthige Erkaͤntniß nicht einmahl die obbeschriebene Gemuͤts-Ruhe rechtschaf- fen begreiffen oder besitzen koͤnnen. 3. Laß uns aber allhier ein wenig stille ste- hen/ und zufoͤrderst sehen/ was uns das Licht der gesunden Vernunfft ohne Beytrag goͤttlicher Offenbahrung von GOTT sage/ damit wir nicht eines Theils durch Vermischung unserer Vernunfft mit der heiligen Offenbahrung/ von denen groͤsten Geheimnissen auff eine unver- nuͤnfftiger Weise etwas herplaudern/ anders Theils aber durch das Vo rurtheil einer allzu- uͤberwitzigen Weißheit einge nommen/ unter dem Nah- Das 3. Hauptst. von Gott als dem Nahmen Gottes die blossen Geschoͤpffe verstehen/ und also in der That Gott verlaͤugnen. 4. Ob ein GOtt sey? wird kein vernuͤnffti- ger Mensch die geringste Ursache in Zweiffel zu ziehen finden/ daß er diese Frage verlaͤug- nen solte/ weil ihm sonst die Betrachtung aller irrdischen Geschoͤpffe/ und das geringste Graͤß- lein seine Raserey ja so sehr uͤberzeugen wuͤrde/ als wenn er diese Geschoͤpffe selbst laͤugnen sol- te; Sondern er nimmet vielmehr durch Be- trachtung dieser Dinge die umb ihn sind/ ja sein selbst/ Gelegenheit durch einen vernuͤnfftigen Zweiffel zu suchen/ was denn Gott sey und heisse/ und wie weit seine natuͤrliche Erkaͤntniß hierinnen sich erstrecken koͤnne. 5. Er siehet das alle Geschoͤpffe auff dieser Erden ihren Ursprung und Untergang un- terworffen sind/ auch bald beweget werden/ bald ruhen. Und also erkennet er zugleich/ daß nichts unter denenselben weder sein sebstaͤn- diges Wesen/ noch seine Bewegung von sich selbsten habe/ sondern alles von einem andern herkomme und beweget werde. Und weil dem allgemeinen mensch lichen Verstand zuwider ist/ daß er in Erkaͤntniß derer causarum bis in infini- tum sich versteigen solte/ gleichwohl aber nach unserer Vernunfft-Lehre alles das jenige vor falsch zu halten/ was dem allgemeinen menschli- chen Verstand zu wider ist; als ist er gewiß versichert/ daß eine erste Ursache seyn muͤsse/ von Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. von welcher alle veraͤnderliche und beweg- liche Dinge ihren Ursprung haben. 6. Und dieses nennet er GOtt/ weil alle Men- schen und Secten der Philosophen eine der- gleichen erste das Wesen und die Bewegung der Dinge wuͤrckende Ursache gleichfalls GOtt genennet/ und also alle miteinander GOTT als ein von denen bewegten und gemachten Dingen unterschiedenes Wesen betrachtet haben. 7. Derowegen kommen auch alle Philophen darinnen uͤberein/ daß der formale concept dieser ersten Ursache aller beweglichen und veraͤn- derlichen Dinge oder des goͤttlichen Wesens darinnen besteste/ daß dieses von keinem andern sondern von sich selbsten herruͤhre und entstan- den/ weshalben man auch diesen concept insge- mein durch das Wort Aseitas auszudrucken pfle- get/ und in Ansehung den aus dessen Wuͤrckung entstandenen Dinge uͤberhaupt alle wuͤrckende Ursachen ( causas efficientes ) beschreibet/ daß von ihnen die gemachten Dinge entstehen ( à quibus res sunt: ) 8. Hiernechst erkennet auch die menschliche Vernunfft/ wenn sie nur ein wenig von denen præjudiciis der Heydnischen Philosophie sich saubern und recht raisoni ren wil/ daß GOtt den urspruͤnglichen Stoff oder die so genante ma- teriam primam dieser beweglichen und veraͤn- derlichen Dinge aus nichts gemacht oder er- schaffen habe/ obschon die gemeine Meinung H 5 dahin Das 3. Hauptst. von Gott als dem dahin zielet/ daß die Schoͤpffung von der Ver- nunfft nicht begriffen/ sondern durch ein uͤberna- tuͤrliches Licht alleine erkennet werden koͤnne/ auch die Heydnische Philosophi durchgehends durch ein falsches axioma, daß sie fuͤr unstrei- tig wahr angenommen/ (nehmlich daß aus nichts auch nichts werden koͤnne ) in den Haupt-Jrrthumb verfallen/ daß diese erste ma- terie von sich selbst herkommen/ und GOtt gleich ewig sey; aus welchen schaͤdlichen Jrr- thumb und deren daher geleiteten noch schaͤdli- chern Folgereyen auch alle Heydnische Secten/ ja so gar fast alle Ketzereyen in der ersten Christli- chen Kirche entstanden. Wir wollen den Be- weißthum dieses unseres Lehr-Satzes kuͤrtzlich also zusammen fassen. 9. Die erste wuͤrckende Ursache und die erste gewirckte Sache sind/ wie jetzt gemeldet/ zwey unterschiedener Dinge/ jene ist ein We- sen von welcher/ ( á qua ) diese aber ist ein We- sen aus welcher ( ex qua ) die andern Dinge ent- standen. Hierinnen kommen alle alten und neuen Philosophen (die nicht offenbahre Atheisten sind) uͤberein. So wohl auch hierinnen/ daß eine erste gewirckte Sache ( materia prima ) seyn muͤsse/ weil gleichfalls dem menschlichen Verstand zuwider sey/ daß er sich in Erkaͤnt- niß derer gewuͤrckten Dinge in infinitum ver- steigen solle. 10. So Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. 10. So ferne nun der menschliche Verstand von dieser ersten gewuͤrckten Sache oder ma- teria prima sich den concept macht/ daß es die erste sey/ so muß nothwendig folgen/ daß sie aus keinem andern Dinge entstanden/ denn sonst konte man sie nicht die erste nennen. Jst sie aber aus keinem andern Dinge entstanden/ so muß sie nothwendig aus nichts gemachet seyn. Denn wenn man gleich sagen wolte/ sie waͤre aus GOtt/ so muste dieses folgen/ daß GOtt selbst zugleich die erste wuͤrckende und die erste gewuͤrckte Sache waͤre/ welches wie jetzt gemeldet/ wieder alle Vernunfft ist/ daß GOtt und die gewuͤrckten Dinge ( causa effi- ciens prima \& materia prima, ) einerley seyn solten. 11. Woher und von wem aber koͤmmt nun diese erste Materie her? Entweder von GOtt oder von sich selber. Zwischen diesen beyden kan der Verstand kein Mittelding begreiffen/ kaͤme sie von sich selber her/ so waͤre sie GOtt selbst/ und lieffe es abermahl auff die jetztgemeldte absurdi taͤt hinaus; Ja sie waͤre keine Ma- terie mehr/ weil nach aller Philosophen Uberein- stimmung der Concept der Materie zwar in feri- ret/ daß darinnen etwas gewircket werden koͤn- ne/ nicht aber daß sie selbst fuͤr sich etwas wir- cke. Solchergestalt aber ist nichts mehr uͤbrig/ als daß sie von GOtt herkomme/ und daß GOtt diese erste Materie aus nichts ge- macht/ Das 3. Hauptst. von Gott als dem macht/ auch folgends selbige Gott nicht gleich ewig seyn koͤnne; welches das jenige ist/ wel- ches wir wider die Lehr-Saͤtze der Heydnischen Philosophie haben weisen wollen. 12. Und haben sich dannenhero die Heydni- schen Philosophen allesamt darinnen groͤblich betrogen/ wenn sie diesen Lehr-Satz als unstrei- tig wahr angenommen/ daß es unmoͤglich sey/ daß aus nichts etwas werden soll e/ indem sie haͤtten entscheiden sollen/ daß ein grosser Unter- schied darinnen sey/ ob man sage daß nichts et- was sey/ und das aus nichts etwas werde. Jenes ist wieder alle Vernunfft und dannen- hero falsch/ dieses aber ist wie jetzo erwiesen worden/ der Vernunfft allerdings gemaͤß und folglich unstreitig wahr/ ob es gleich uͤber die Vernunfft ist die Art und Weise zu begreiffen/ wie es zugegangen/ daß Gott aus nichts etwas gemacht habe. 13. Derowegen muß auch ein aͤchter Philo- sophus, der seine Vernunfft recht gebrauchen/ und derselben Graͤntze nicht uͤberschreiten wil/ disfalls fuͤr zweyen extremis sich huͤten; eines theils/ daß er die Schoͤpffung uͤberhaupt mit denen Heyden nicht fuͤr ein der Vernunfft zu- wider lauffendes Ding halte; anders Theils aber daß er mit vielen von denen heutigen Phi- losophis mit seiner Vernunfft nicht zuweit gehe/ und durch subtile Vernunfft-Schluͤsse die Art und Weise der Schoͤpffung auszugruͤbeln sucht/ Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. suche/ sondern dasjenige/ was seiner ihm selbst gelassenen Vernunfft wohl in Ewigkeit unerkannt bleiben wird/ auch als ein unerkanntes Ding aussetze/ und davon stetswehrend/ als von ei- nen verwunderungs-vollen Geheimniß mit ge- bierender Ehrerbietung rede/ oder die Erkaͤntniß dieses Geheimnisses bey einem hoͤhern Lichte suche. 14. So haͤtten auch hiernechst die sich selbst verblendenden Heyden gantz handgreifflich er- kennen koͤnnen/ daß taͤglich ja augenblicklich aus nichts etwas werde/ und aus etwas nichts/ wenn sie nur ein wenig ihr eigenes und anderer ihres gleichen veraͤnderlicher Dinge Seyn und Wesen ( existentiam \& essentiam ) betrachten wollen. 15. Wir haben oben in der Vernunfft-Leh- re gedacht/ daß die Existenz dreyerley sey/ ver- gangen/ gegenwaͤrtig und Zukuͤnfftig. Die vergangene ware etwas und ist nichts/ die ge- genwaͤrtige ist nichts und wird etwas seyn. Zukuͤnfftige ist nichts und wird etwas seyn. Und weil dann nun von diesen existenti en alle Augenblick immer eine auff die andere folget/ so ist ja unstreitig/ daß auch alle Augenblick aus nichts etwas und aus etwas nichts werde. 16. Was die Essen tz oder das Wesen be- trifft/ so wird einen jeden Menschen seine Ver- nunfft wiederum uͤberzeugen/ daß z. e. von dem Baͤumgen daraus hernach ein Baum worden und Das 3. Hauptst. von Gott als dem und von dem kleinen Kinde/ daraus hernach ein Mann worden/ in etlichen Jahren nicht der geringste Theil des vorigen Wesens mehr uͤbrig und also wiederum aus etwas nichts/ und aus nichts etwas worden sey; obgleich dem uner- achtet dieser Baum und dieser Mensch der Zahl nach ein Baum und ein Mensch allezeit geblie- ben/ nicht anders als etwan ein Mantel auff den man immer einen Fleck nach den andern setzt/ oder ein Schiff daß man sehr lange ge- braucht/ und immer geflickt hat/ oder ein Volck von 200. Jahren alt/ in welchen ihrer viel taͤglich gestorben und gebohren worden/ eben der Mantel/ das Schiff oder das Volck ist/ das es von Anfang war/ obschon nicht ein Fleck mehr von dem ersten Tuche/ oder kein stuͤch Holtz von dem ersten Schiffe/ oder kein Mens ch mehr von denen/ die von der anfaͤnglichen Vereinigung des Volcks gelebet/ mehruͤbrig ist. 17. Diese beyden Betrachtungen aber lei- ten einen wahren Philosophum dahin/ daß er den Schoͤpffer der veraͤnderlichen Dinge auch zu- gleich als einen Erhalter derselben erkennen/ und von der goͤttlichen Providen tz seiner Ver- nunfft nach etwas zu lallen lernet. Denn weil die Dauerung dieser Dinge so wohl auch die Veraͤnderung/ die besagter Massen inihren We- sen vorgehet/ in nichts anders beruhet/ als daß nichts und etwas/ stetswehrend mit einander umwechselt/ so forschet er billich/ wo denn diese Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. diese Umbwechselung herkomme/ und wer derselben Ursache sey/ 18. Wolte nun gleich die præcipitan tz eines unvernuͤnfftigen Menschen sagen/ daß die Din- ge ihr Wesen selber erhielten/ sonderlich a- ber ein Mensch durch rechte Gebrauchung sei- ner gesunden Vernufft sein Wesen und Seyn erhalte; so wird ihme doch bald eine etwas reif- fere Uberlegung seiner Ohnmacht/ und noch vielmehr des Unvermoͤgens anderer geringeren Geschoͤpffe uͤberzeugen. Denn wie ist es moͤg- lich/ daß nichts etwas koͤnne zu wege brin- gen. Das gegenwaͤrtige Seyn wird in einem Augenblick zu nichts/ indem es unter das ver- gangene gerechnet wird/ und weil es mit dem was zukuͤnfftig und also nichts war/ und nun- mehro an seine Stelle getreten und etwas wor- den ist/ gantz keine Verknuͤpffung hatte/ wie kan man denn sagen/ daß dieses etwas das zukuͤnff- tige nichts/ indem es selbst zu nichts worden/ zu etwas gemacht habe. Und in Wahrheit so sehr es der Vernunfft zuwieder ist/ daß nichts et- was sey/ so sehr ist es ihr auch zuwieder/ daß nichts etwas wuͤrcken solle. 19. So ist dannenhero nichts mehr uͤbrig/ als daß man zu dem Schoͤpffer sich wende/ und ihme alleine die augenblickllche Erhaltung dieser Dinge zuschreibe. Denn wie er diesel- ben Anfangs aus nichts auff eine unbegreiff li- che Weise gemacht/ also ist er alleine maͤchtig/ und Das 3. Hauptst. von Gott als dem und es ist ihm auch eben so leichte/ daß er die- ses etwas wieder lasse zu nichts werden/ und al- sobald ein ander etwas an seine Stelle setze; obschon unsere Vernufft so wenig begreiffen kan/ wie solches zugehe/ als wenig sie begreiffen konte/ wie es mit der Schoͤpffung hergegangen sey. Genung ist es/ daß sie erkennet/ daß diese goͤttliche Erhaltung und augenblickliche Vor- sorge (uͤber derer Art und Weise sie dannenhe- ro nicht weiter vergebens scrupuli ret/ sondern mit einer demuͤthigen Ehr-Furcht dieselbe viel- mehr bewundert) nicht alleine ihr nicht zuwie- der sey/ sondern auch daß sie dererselben noth- wendigkeit zu bekennen durch diesen klaren Er- weiß gezwungen werde/ und den geringsten auch nur wahrscheinlichen Grund nicht vorbringen koͤnne/ diese goͤttliche Vorsehung zu laͤugnen. 20. Denn obschon ihrer viel dahero an der goͤttlichen Vorsehung zu zweiffeln Anlaß ge- nommen/ weil es in dieser Welt denen Tu- gendhafften Ubel/ denen Boͤsen aber wohl gehe/ so haben sie doch gantz offenbahrlich da- rinnen auff zweyerley Arten sich præcipitir et/ 1. Daß sie die tugendhafften und lasterhafften Leute nicht unterschieden/ sondern die Heuchler und verschmitzten Leute/ die den Schalck zu ber- gen wissen oder diejenigen die sich derer Laster enthalten/ die von dem Hencker gestrafft wer- den/ im uͤbrigen aber gantz offenbahr wohlluͤ- stig/ Geld- oder Ehrgeitzig seyn/ vor tugendhafft- passi- Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. passi ren lassen/ und im Gegentheil rechtschaffene und tugendhaffte Leute/ die nothweudig viel Feindschafft haben muͤssen/ nach dem betriegli- chen Zeugniß dieser ihrer Feinde fuͤr lasterhafft gehalten. 21. (2.) Haben sie sich gleicher massen in dem Concept des Gluͤcks oder Ungluͤcks verstiegen/ nicht auff die Gemuͤths-Ruhe und derer Be- raubung/ wie sie wohl haͤtten thun sollen/ sondern auff Reichthum und Armuth/ aͤusserliche Ehre oder Schande/ oder einen gewaltsamen oder fruͤhzeitigen Tod und langes Leben hierinnen ihr Absehen gerichtet/ woraus denn allenthal- ben nichts anders als ein unvernuͤnfftige Schluß erfolgen koͤnnen; in dem/ wie es diese gantze Sitten-Lehre weisen wird/ es ohnmoͤglich ist/ daß tugendhaffte Leute/ auch in dieser Welt elende/ und lasterhaffte/ gluͤcklich seyn koͤn- ten. 22. So ist demnach unter der Schoͤpffung und unter der Erhaltung der Dinge kein an- derer Unterscheid/ als daß jene das Werck Got- tes ist/ durch welches er zu erst aus nichts et- was gemacht hat; und diese ist sem Werck/ durch welches er dieses etwas wieder zu nichts werden laͤst/ und einander etwas wieder an seine Stelle setzt. Weswegen du nichts unfoͤrmli- ches begehen wuͤrdest/ wenn du diese Erhaltung der goͤttlichen Vorsehung die andere Schoͤpf- fung nennen woltest/ wiewohl wir diese Re- J dens- Das 3. Hauptst. von Gott als dem dens-Art dir nicht auffbuͤrden/ oder wenn etwan uͤber verhoffẽ sonsten eine Inconvenien tz daraus zu befahren waͤre/ dieselbe hartnaͤckigt verthey- digen wollen. Denn ein weiser Mann zanckt niemahlen wegen der Worte oder Redens-Ar- ten. 23. Solte dir auch deine Vernunfft bey dieser Erkaͤntniß noch diesen Scrupel machen/ daß nach derselben folgen wuͤrde/ daß GOtt auff diese Weise seinen Geschoͤpffen allezeit ein neues Seyn und Wesen gaͤbe/ solcherge- stalt aber schiene es der menschlichen Ver- nunfft zuwieder zu seyn/ daß dieses nichts und etwas/ dieses alte und unzehlich mahl darzu gesetzte neue nur stetswehrend ein Ding seyn/ und bleiben solle; so laß dich doch diesen schlech- ten und von einem Kinde zubeantworten Einwuͤrff nicht irre machen. 24. Wir wollen dich nicht eben auff die Exempel von Mantel/ Schiffe u. s. w. wieder zuruͤcke weisen/ sondern wir wollen dir die Nicht- tigkeit dieses Einwurffs auff eine andere Art zu erkennen geben. Ey lieber nimm Feder und Dinte/ und mache dir doch eine Linie auff das Papier. Nun continui re dieselbe. Was wilt du machen? Du must die Feder nicht wei- ter ansetzen. Laß die Linie sich selbst continui- ren/ oder continui re sie solchergestalt/ daß du kein nen Stuͤck daran setzest. Du sprichst es ge- he nicht anders an. Nunwohl: continui re sie denn Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. denn nach deinem Gefallen. Wiederhole sol- ches noch etliche mahl Nun sage mir/ du hast zu der alten Linie bißher lauter neue Stuͤcke gesetzet. Jst es deñ dem unerachtet eine Linie blie- ben/ oder sind viel Linien drauß wurden? Du schuͤttelst den Kopff. Aber eben so schuͤttele ich den Meinigen uͤber deine objection. 25. Hier stehet nun die menschliche Ver- nunfft in der Erkaͤntniß von GOtt stille/ und huͤ- tet sich/ daß sie nicht weiter gehe als in ihrem Vermoͤgen ist. Sie erkennet/ daß dieses goͤtt- liche Wesen vielmehr Vollkommenheiten be- sitze als sie begreiffen kan/ und also scrupulir et sie in demselbigen nicht weiter/ sondern uͤberlaͤst das uͤbrige einem hoͤhern Liecht der goͤttlichen Offen- bahrung. Sie wil solchergestalt fuͤr sich selbst lieber nichts davon als auff eine unvollkomme- ne und vielleicht GOtt nicht gefaͤllige Weise re- den. Sie huͤtet sich nur/ daß sie in keine irrige Lehr-Saͤtze verfalle/ die denen bißher behaupte- ten Lehren schnur stracks zuwieder seyn. 26. Jedoch bemuͤhet sie sich/ wie sie diese we- nige Erkaͤntniß/ sie moͤge nun so unvollkom- men seyn als sie wolle zu Befoͤrderung ihrer Gemuͤths-Ruhe/ als der hoͤchsten Gluͤcksee- ligkeit sich zu nutze machen moͤge. Und zwar Anfaͤnglich begreifft sie gar wohl/ daß weil des Menschen sein gantzes Wesen urspruͤnglich von GOtt herkoͤmmt/ auch nothwendig der- selbe alles Gute GOtt allein zu dancken habe/ J 2 und Das 3. Hauptst. von Gott als dem und schuldig sey/ sein Thun und Lassen nach dem goͤttlichen Willen einzurichten. Und weil sie befindet/ das GOtt denselben zum Theil in der allen Menschen gemeinen Vernunfft ein- gepflantzet habe; als erkennet sie sich schuldig denselben nach dieser Richtschnur gebuͤhrend zu untersuchen/ und hernachmahls die Kraͤffte ihres freyen Willens also zugebrauchen/ daß das von diesen freyen Willen dependiren de Thun diesen goͤttlichen Willen nicht zuwieder seyn moͤge. 27. Nach diesen/ in dem sie erweget/ daß GOtt alle Augenblick den Menschen mit sampt seinen freyen Willen erhalte; als spuͤret sie auch/ daß sie dieserwegen dieses unbegreiffliche We- sen zu lieben schuldig sey. Und haͤlt dafuͤr/ daß diese Liebe in nichts anders bestehe/ als in ei- ner stetswehrenden Bemuͤhung und Ver- langen/ sich mit GOtt zuvereinigen. Weil sie aber siehet/ daß sie zu dieser Vereinigung zu- gelangen fuͤr sich gantz unvermoͤgend sey; als erweiset sie nur ihres Orts diesen ersten Ur- sprung alles Guten ein innigliches Vertrau- en und demuͤthige Ehrfurcht/ als die beyden wesentlichen Stuͤcke auff ihrer Seite/ ihrer zu GOtt tragenden Liebe. 28. Das Vertrauen gruͤndet sich darin- nen/ weil der Mensch erkennet/ daß GOtt ohne Noth und ohne seinen Verdienst von freyen Stuͤcken ihn aus nichts gemacht/ und alles Gu- te ge- Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. te gegeben habe/ auch noch taͤglich darinnen er- halte; und solchergestalt schliesset er/ daß Gott es auch noch kuͤnfftig zu erhalten nicht nur Ver moͤgend/ sondern auch Willens sey. Zum we- nigsten findet er die geringste erhebliche Ursache nicht/ warumb er disfalls in die goͤttliche Liebe einig mißtrauen setzen solle. 29. Hiernechst aber begreifft der Mensch wohl/ daß er sich dieser goͤttlichen Wolthaten un- wuͤrdig machen wuͤrde/ wenn er seinen Willen/ der ihm ins Hertze geschrieben/ wiederstreben wolte. Und daß er sich in geringsten nicht zu be- klagen habe/ wenn ihm GOtt dieserwegen alle die verliehenen Gutthaten auff einmahl ent- ziehen/ und ihn an dessen statt Boͤses an statt des Guten wiederfahren lassen solte; Zumahl sie aus der obigen Erkaͤntniß gantz gewiß versichert ist/ daß GOtt dieses alles zu thun vermoͤgend sey. Und auff diese Weise fuͤrchtet er sich fuͤr GOtt. 30. Aus diesem Vertrauen aber und der Furcht GOttes lernet er/ daß er sich fuͤr kei- ner andern Creatur zufuͤrchten/ oder dersel- ben zuvertrauen Ursach habe. Denn so viel die Furcht betrifft/ wird der Mensch durch obige Betrachtung versichert/ daß wenn gleich alle Menschen und alle andere Creaturen ihn boͤses zu thun/ und Schaden zuzufuͤgen ersonnen seyn solten/ sie dennoch solches ohne GOttes Willen ins Werck zurichten unvermoͤgend J 3 seyn Das 3. Hauptst. von Gott als dem seyn wuͤrden/ weil/ wie oberwehnet/ Gott alle Au- genblick neben den seinigen auch dieser seiner Feinde Wesen und Seyn erhaͤlt. 31. Eben diese Ursachen trifft er auch bey dem Vertrauen auff andere Creaturen an/ in- dem er spuͤhret/ daß alle Menschen unvermoͤgend seyn/ ihm wider GOttes Willen nur einen Au- genblick sein Leben und das andere von GOtt herruͤhrende Gute zu verlaͤngern/ und daß Gott dieselben in dem moment, da sie ihm zu gute et- was fuͤrnehmen/ zernichten und vertilgen koͤnne. 32. Ja er weiß endlich der natuͤrlichen Er- kaͤntniß nach von keinen andern Gottesdienst/ als von dieser aus kindlichen Vertrauen und Ehrfurcht herruͤhrenden Begierde/ sein Leben nach GOttes Willen anzustellen/ und beareisst fuͤr sich selbst nicht/ ob und mit was fuͤr aͤußer- lichen Ceremonien er sonsten gegen GOTT seinen Dienst bezeugen solle/ obschon insge- mein die Gelehrten das Gegentheil zu behau- pten pflegen/ und dafuͤr halten/ daß der Mensch von Natur angetrieben werde/ Gott einen aͤußer- lichen Gottesdienst durch aͤußerliche Ceremo- nien und aͤußerliches beten/ loben und dancken zu erweisen. 33. Dieses aber desto deutlicher zubegreif- fen must du fuͤr allen Dingen recht einnehmen/ wovon allhier die Frage sey/ damit eines Theils unbedachtsame an diese Lehrsatz sich nicht aͤrgern anders Theils aber die in den Verurtheilen der Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. der alten Lehren ersoffene nicht Gelegen- heit nehmen dieselbe boßhaffter Weise zu laͤ- stern. 34. Erstlich ist nicht die Frage von innerlichen Gottesdienst/ nemlich wenn der Mensch in sei- nen Gedancken Gott vertrauet/ ihn liebet/ fuͤrch- tet und sein Thun und lassen nach der Erkaͤntniß seines Willens/ die er natuͤrlicher Weise davon hat einrichtet. Denn hierzu treibet ihn aller- dings auch die Erkaͤntniß seiner Natur an/ wie wir allbereit erwiesen haben. Sondern man redet von aͤußerlichen Gottesdienst/ der in aͤußerlichen Ceremonien bestehet/ und der entwe- der allen Voͤlckern oder doch deren meisten ge- mein/ oder in Ansehen des Unterscheids der Voͤlcker auch unterschieden ist. 35. Jener bestehet uͤberhaupt in einem aͤußer- lichen beten/ loben und dancken. Denn es ist kein Volck unter der Sonnen/ das nicht sei- nem GOtt diese drey Stuͤcke des aͤußerlichen Gottesdienstes erweisen solte. Dieser aber be- ruhet in denen gantz unterschiedenen Arten und Weisen GOtt anzuruffen/ zu loben und zu dan- cken. Als wenn z. e. bey denen Christen ge- braͤuchlich ist/ oder zum Theil seyn solte/ GOtt im Nahmen unsers HErrn JEsu Christi ohne Zorn und Zweiffel/ oͤffentlich/ mit auffgehobenen Haͤnden/ auch fuͤr die Feinde vermittelst einer Music, auch nach Gelegenheit bey Fasten und Anhoͤrung GOttes Worts anzuruffen/ wohin J 4 auch Das 3. Hauptst. von Gott als dem auch die Heiligung des Sonntags/ und der Ge- brauch der Sacramenten zu ziehen ist. 36. Nach diesen ist davon die Frage nicht/ ob unter allen Dingen GOtt nicht am wuͤr- digsten sey/ daß man ihn durch aͤußerliche Be- zeugungen Ehre erweise/ wohin fuͤrnemlich die argumenta derer/ die den Gottesdienst aus dem Licht der Natur herleiten wollen/ ihr Absehen richten. Denn wer wolte so gottloß seyn/ daß er dieses laͤugnen wolte/ da doch auch unter denen Heyden diejenigen/ die goͤttliche Vorsehung ge- glaubet/ gewolt ha ben/ daß man Gott bloß we- gen seiner Vortreffligkeit ehren solte. 37. Ja es erkennet auch die Vernunfft die- ses gar wohl/ daß der Mensch schuldig sey GOtt zu ehren/ wenn GOtt einen aͤußerli- chen Gottesdienst von ihnen erfordere/ weil er aus dem conceptu causæ primæ, und daß GOtt den Menschen nebst allen veraͤnderlichen Geschoͤpffen aus nichts gemacht/ das Recht Got- tes erkennet/ daß er hat dem Menschen zu befeh- len/ und vermoͤge welches der Mensch schuldig ist ihm zu gehorchen. 38. Sondern davon ist nur die Frage: Ob man aus blosser Vernunfft ohne die goͤtt- liche Offenbahrung erweisen koͤnne/ daß GOTT einen aͤußerlichen Gottesdinst von dem Menschen verlange? Und dieses ist es was wir laͤugnen/ und durch deutliche Gruͤnde erwei- sen wollen. 39. Jn Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. 39. Jndem wir aber dieses laͤugnen/ muß abermahls unsere Meinung nicht verstanden werden/ als ob wir davor hielten/ daß die Na- tur uns sage/ man muͤsse GOtt mit aͤnßer- lichen Ceremonien nicht ehren/ den solcher gestalt wuͤrden wir gantz offenbahr demjenigen zuwider leben/ was wir allbereit n. 36. \& 37. præsupponi ret; Sondern wir wollen nurzeigen/ daß die Natur uns gar nichts von diesem Gottesdienst sage/ daß er geschehen muͤsse; und daß nach der Natur dieser aͤußerliche Gottesdienst unter die Dinge zu rechnen sey/ die als Mitteldinge geschehen und unterwegens ge- lassen werden koͤnnen; oder daß die Natur uns keinen fest schliessenden Grund an die Hand ge- be/ daraus wir gewiß folgern koͤnten/ GOtt wolle einen solchen aͤußerlichen Gottesdienst von den Menschen haben. 40. Denn wir moͤgen uns entweder in Got- tes Natur was wir davon begreiffen/ oder in der menschlichen Natur darnach umbsehen/ so werden wir darinnen nichts finden/ daraus wir schliessen koͤnten/ GOtt wolte einen derglei- chen aͤußerlichen Gottesdienst von dem Menschen erfordern. 41. So viel Gottes Wesen betrifft/ so be- darff dasselbe weder des aͤußerlichen noch des in- nerlichen Gottesdienstes des Menschen/ und ist aus dem Luciano bekant/ daß schon ehedessen die- ser aus der Vernunfft hergenommenen Entschul- J 5 digung Das 3. Hauptst. von Gott als dem digung sich der Demonax bedienet/ als man ihn als einen gottlosen Mann verklaget/ daß er der Minervæ niemahln geopffert habe. Denn/ sagte er/ ich habe solches deswegen bishero unterlassen/ weil ich davor gehalten/ daß die Minerva meiner Opffer nicht benoͤthiget waͤre. 42. Was den Menschen anlanget und sei- ne Natur/ so kan die Vernunfft fuͤr sich nicht ab- sehen/ daß die Gemuͤths-Ruhe oder der allge- meine Friede und die vernuͤnfftige Liebe in ge- ringsten gemindert oder verunruhiget werde/ wenn gleich dergleichen aͤußerliche Bezeugungen nachbleiben/ wenn nur der innerliche Gottes- dienst bey dem Menschen bleibet. 43. Wolte man auch gleich die Natur des Menschen nach dem Stande der Unschuld richten/ oder dieselbe aus der Gleichfoͤrmigkeit mit Goͤttlicher Heiligkeit abmessen; so kan ich doch abermahl nicht absehen/ wie und woher man etwas unstreitiges von Adams seinen Kirchen- Ceremonien im Stande der Unschuld behaupten koͤnne/ und wie die Goͤttliche Heiligkeit einen aͤußerlichen Gottesdienst in ihren Concept be- greiffe/ und daher der Mensch das Muster neh- men koͤnne. 45. Solchergestalt nun begreifft der mensch- liche Verstand wohl/ daß die Laͤsterung und Verachtung GOttes/ es moͤge nun dieselbe in blossen Gedancken bestehen/ oder in aͤußerliche Worte und Thaten ausbrechen der gesunden Ver- Ursprung aller menschl. Gluͤckseligk. Vernunfft zuwider sey/ weil dieselbe den innerli- chen Gottesdienst auffhebet. 45. Der menschliche Verstand begreifft fer- ner/ daß der aͤußerliche Gottesdienst unter die vortrefflichsten zugelassenen Dinge gehoͤre/ und nicht alleine der allgemeinen Vernunfft nicht zuwider/ sondern auch es auf gewisse masse besser sey/ wenn man GOtt aͤusserliche Ehre bezeige/ als wenn man dieselbe unterlasse. 46. Aber dieses alles ist noch nicht genung/ die Nothwendigkeit des Gottesdienstes zu erhaͤr- ten. Denn die menschliche Vernunfft kan dar- innen nichts unvernuͤnfftiges antreffen/ wenn sie z. e. solchergestalt raisoni ret/ daß das aͤußerliche Gebet nach Anweisung der Natur unter die Mittel-Dinge gehoͤre/ weil Gott als ein Hertzen- kuͤndiger auch die Seufftzer der Menschen verste- he/ und als ein Schoͤpffer und Erhalter dersel- ben auch ohne bitten am besten wisse/ was sie be- duͤrffen. 47. So waͤchset auch durch das aͤußerliche Lob Gottes seiner Majestaͤt und Hoheit nichts zu/ ja vielmehr weiset die gesunde Vernunfft/ daß wenn ein Mensch der Gott nicht innerlich ehret und fuͤrchtet/ gleich das Lob Gottes in seinen Mund nehmen wolle/ er sich hiermit schwerlich versuͤndigen werde/ weil er entweder Gott oder die Menschen durch diese aͤußerliche Zeichen zu betriegen suche. Wenn aber ein Mensch in sei- nen Hertzen Gott hoch achtet/ so wird die Ver- nunfft Das 3. Hauptst. von Gott als dem nunfft leichte das aͤußerliche Lob fuͤr uͤberfluͤßig halten. 48. Eben dieses muͤssen wir auch von dem aͤusserlichen Danck sagen. Zu geschweigen/ daß wie wir zu seiner Zeit betrachten werden/ das aͤußerliche Dancken unter denen Menschen des- halben vonnoͤthen ist/ daß einer dem andern be- zeuge/ wie die erwiesene Gutthat ihm angenehm gewesen/ und er allezeit bereit sey dem andern wie- der zu dienen. Alleine bey Gott kan dieses alles durch meine Gedancken verrichtet werden. 49. Mit einem Wort/ Beten/ Loben und Dancken/ sind deshalben unter denen Menschen als aͤußerliche Zeichen noͤthig weil ein Mensch dem andern nicht ins Hertze sehen kan. Dieses kan aber Gott thun. 50. Woltestu nun gleich sagen/ daß das aͤußer- liche Beten/ Loben und Dancken eben deshal- ben vonnoͤthen sey/ damit ein Mensch gegen andere Menschen seinen innerlichen Gottes- dienst bezeuge/ als welche gleichfalls ohne diese Bezeugung nicht wissen koͤnnen/ ob sie ihn vor ei- nen Tugendhafften oder gottlosen Menschen halten solten/ so wuͤrde doch auch hier die mensch- liche sieh selbst gelassene Vernunfft etwas sinden/ das sie dawider einwenden koͤnte. 51. Denn zu geschweigen/ daß die Zeichen des aͤußerlichen Gottesdienstes betrieglich sind/ und oͤffters von denen gebraucht werden/ die in ihren Hertzen Atheisten oder Abgoͤttisch seyn; So ist es Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. es wohl an dem/ daß die allgemeine friedliche Ge- sellschafft und die thaͤtige Gemuͤths-Ruhe erfor- dere/ daß ein Mensch dem andern seine Gottes- furcht zeige; Aber er wird ihm dieselbe am aller- besten/ und zum wenigsten besser dadurch zeigen koͤnnen/ wenn er sein Leben nach dem in der Natur ihm geoffenbahrten Willen GOt- tes in Ansehen der Liebe anderer Menschen anstellet/ als wenn er ohne dieser Gleichfoͤrmig- keit des aͤusserlichen Thuns/ alle aͤusserliche Cere- monien noch so sorgfaͤltig in acht naͤhme. 52. Aber/ faͤhrestu fort/ wie wil die Gluͤcksee- ligkeit des gemeinen Wesens bestchen/ in dem keine Buͤrgerliche Gesellschasst ist/ darinnen man nicht einen aͤusserlichen Gottesdienst beob- achten solte/ und so gar auch die Heydnischen Scribent en selbst in ihren Schrifften denselben als eine Schuldigkeit des Menschen anzufuͤhren pflegen. 53. Alleine du must dich huͤten/ daß du aus dem w as die Heyden erkennet haben/ nicht/ wie wohl ins gemein zu geschehen pfleget/ schlies- sen woltest/ daß sie dieses alles aus dem Liecht der Vernunfft erkennet haben. Auch die Heyden haben sich zweyerley Lichts/ der natuͤrlichen und einer Offenbahrung bedienet. Ja sie haben auch viel von der wahren goͤttlichen Offenbah- rung theils durch die Tradition ihrer Eltern/ theils durch die Conversation mit denen Rechtglaͤubi- gen gewust. Und solcher gestalt folget gantz nicht; Es Das 3. Hauptst. von Gott als dem Es ist keine buͤrgerliche Gesellschafft/ darinnen nicht ein aͤusserlicher Gottesdienst im Schwang gehen solte; derohalben muͤssen sie denselben aus dem Liecht der Natur herhaben. 54. Denn was die allgemeine Gluͤckseelig- keit des gemeinen Wesens betrifft) mustu dich wohl in acht nehmen/ daß du den zufaͤlligen Zweck des aͤusserlichen Gottesdienstes nicht fuͤr den hauptsaͤchlichsten und vornehmsten haͤltest. Die- ses begreifft die Vernunfft gar wohl/ daß der Nutzen des gemeinen Wesens durch den aͤusser- lichen Gottesdienst befoͤrdert werde/ wenn ein Buͤrger den andern durch diese aͤusserliche Zei- chen seine innerliche Gottesfurcht als den Grund aller buͤrgerlichen Pflicht/ zu verstehen giebt/ und solcher gestalt das allgemeine buͤrgerliche Ver- trauen dadurch immer mehr und mehr gemehret wird; Alleine wie diese aͤusserliche Zeichen/ als wie nur erwehnet/ sehr offt triegen/ also verstoͤret auch derselben Unterlassung fuͤr sich nicht den Wohlstand des gemeinen Wesens. 55. So ist auch dieses hierbey wohl zu uͤberle- gen/ daß wenn das zeitliche Interesse des ge- meinen Wesens der wahrhafftige Zweck des aͤusserlichen Gottesdienstes seyn solte/ so wuͤrde man auch sagen muͤssen/ daß der Gottesdienst nach Unterscheid derer Republiquen auch unter- schieden seyn/ und der veraͤnderliche N utzen die- ser oder jener Republique auch die Richtschnur ei- nes daselbst veraͤnderlichen Gottesdienstes seyn muͤsse Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. muͤsse/ welches doch sehr unfoͤrmlich und bey nahe gottloß klingen wuͤrde. 56. Und was braucht es dißfalls viel Disputi- rens? Gestehet doch jederman/ daß des Men- schen seine ewige Gluͤckseeligkeit das wahre Absehen des Gottesdienstes sey. Nun weiß a- ber die sich selbst gelassene Vernunfft von dem Zustand nach diesem Leben nichts gewisses/ wie wolte sie denn des Gottesdienstes als des Mittels hierzu versichert seyn. 57. Bißher haben wir nur von dem allgemei- nen aͤusserlichen Gottesdienst geredet. Was den absonderlichen anlanget/ so finden sich da- bey so viel Gruͤnde zu Behauptung unserer Mei- nung/ so viel man Umbstaͤnde bey demselben an- trifft/ welches alles allhier weitlaͤufftig auszufuͤh- ren unvonnoͤthen ist/ weil jeder absonderlicher Gottesdienst den allgemeinen præsuppenir et/ und folglich offenbahr ist/ daß weñ jeder nicht aus der Vernunfft werde koͤnnen erkennet werden/ man diesen absonderlichen vielweniger draus werde behaupten koͤnnen. 58. Wolten wir noch uͤber dieses die Kir- chen- und andere Historien zu Huͤlffe nehmen/ so wuͤrden wir befinden/ daß keine Religion in der gantzen Welt wird genennet werden koͤnnen/ die nicht auff eine Offenbahrung ihres Gottes- diensts halber sich gruͤnde. Wir beziehen uns auff Gottes Wort; Alle Ketzer thun in Ver- faͤlschung desselben dergleichen; Die Juͤden ge- brau- Das 3. Hauptst. von Gott als dem brauchen sich des Alten Testaments und derer ihren Rabbinen geschehenen Offenbahrungen; Die Tuͤrcken fussen auff den Offenbahrungen ihres Mahomets; Die Heyden haben ihre Bramines u. s. w. die sie an statt goͤttlicher Offen- bahrungen die Luͤgen des Satans beredet haben. 59. So ist auch hierbey nicht zu vergessen/ daß GOtt besage der Kirchen-Historie niemahln ein von der menschlichen Vernunfft erfundener Got- tesdienst gefallen habe/ sondern daß er von Anbe- ginn der Welt dißfalls dem Menschen seinen Willen geoffenbahret. 60. Die bißhero erzehlte natuͤrliche wahrhaff- tige Erkaͤntniß von GOtt seiner Schoͤpffung und Erhaltung dieser irrdischen Dinge/ hat zweyerley falsche Jrrthuͤmer die ihr entgegen gesetzet seyn/ die Atheisterey und einen abgoͤttischen Aber- glauben. 61. Einen Atheisten nenne ich in Ansehen der natuͤrlichen Erkaͤntniß denjenigen/ der GOtt nicht fuͤrchtet noch vertrauet/ oder sich nach seinen Willen zu leben nicht schuldig erachtet/ weil er entweder dafuͤr haͤlt/ man koͤnne von GOtt und seiner Providenz vermittelst der Vernunfft nichts gewisses wissen/ und habe dannenhero stetsweh- rend Ursache daran zu zweiffeln; oder weil er sich einen solchen Gott Formir et/ der entweder ei- nem Fato unterwuͤrffig/ oder mit denen Creatu- ren ein Wesen sey/ und dieselbe als Theile seines goͤttlichen Wesens in sich begreiffe. 62. Daß Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. 62. Daß ich die Leute von dieser letzten Classe unter die Atheisten rechne/ geschiehet deshal- hen/ weil wir oben erwehnet/ daß alle Philoso- phi dur ch Gott ein unterschiedenes Wesen von denen Creaturen/ die dererselben erste Ursache sey/ verstanden haben/ und folglich der jenige/ der die Creaturen und GOtt fuͤr eines haͤlt; oder GOtt einen hoͤhern Fato unterwirfft/ in der That GOtt laͤugnen muß. 63. Gleichwie aber die Atheisterey nicht den geringsten nur wahrseheinlichen Grund auffuͤhren kan/ durch den sie diesen Haupt-Jrr- thum vertheydigen koͤnte; also haben wir sie nicht anders als eine der groͤsten und elende- sten Thorheiten zu betrachten/ zumahl wenn wir erwegen/ daß mehrentheils die sonst kluͤg- sten Leute darein verfallen/ weil sie ihre Ver- nunfft gar zu hoch spannen wollen/ und uͤber der allzugenauen Ausgruͤbelung aͤußerlicher Dinge der Erkaͤntniß ihrer selbst/ und folglich auch her- nach ihres Schoͤpffers vergessen. 64 Einen Abgoͤtter und aberglaͤubischen Menschen nenne ich in Ansehen des natuͤr- lichen Lichts den/ der zwar etwas fuͤr GOtt haͤlt/ dasselbige fuͤrchtet und vertrauet/ und durch ei- nem aͤußerlichen Gottesdienst denselben dienet; aber der gantz offenbahrlich wider das Licht der gesunden Vernunfft dasjenige fuͤr GOtt aus- giebet/ das unmoͤglich GOTT seyn kan. Z. e. K der Das 3. Hauptst. von Gott als dem der die Menschen/ Thiere/ und andere irrdische Creaturen fuͤr Gott haͤlt. 65. Denn was die himmlischen Coͤrper/ als Sonne/ Mond/ und Sternen betrifft/ die wir Christen Geschoͤpffe zu seyn glauben/ mit de- nen hat es in Ansehen des schwachen natuͤr- lichen Lichts eine andere Bewandniß. Zum wenigsten kan ich nicht absehen/ mit was fuͤr ei- nen bezwingenden Grund man einen Heyden/ der z. e. die Sonne anbetet/ uͤberzeugen wolte/ daß die Sonne nicht die erste Ursache der irr- dischen und veraͤnderlichen Geschoͤpffe sey/ in an- sehen unsere Vernunfft d en Einfluß der Sonne in diese Coͤrper taͤglich erkennet/ und keine Ver- aͤnderung derselben ohne die heilige Schrifft ge- wiß behaupten kan; wiewohl er deshalben fuͤr GOtt nicht entschuldiget ist. 66. So kan man nun nach Anleitung dieser Betrachtung Abgoͤtterey/ in eine raisona- ble und irraisonable Abgoͤtterey eintheilen. Jene nenne ich die jenige/ die zwar nicht wider die Vernunfft/ aber doch wider die goͤttliche Offen- bahrung streitet; Diese aber/ die auch der allen Menschen gemeinen Vernunfft zuwider ist. Jene gehoͤret hieher nicht/ sondern muß der Theologie uͤberlassen werde; Diese aber wird von uns in diesem Capitel fuͤrnehmlich be- trachtet. 67. Jedoch ist diese Anmerckung nicht zu uͤbergehen/ daß die barbarischten Voͤlcker je- derzeit Ursprung aller menschl. Gluͤckseligk. jederzeit viel vernuͤnfftiger/ oder besserzu reden/ nicht so-vernuͤnfftig gewesen in ihrer Ab- goͤtterey/ als diejenigen/ bey denen die Philoso- phie am allermeisten getrieben worden/ wie aus denen Exempeln derer Griechen und Roͤmer zu- sehen. Die Ursache hiervon wird auch fuͤgli- cher aus der wahren GOttes-Gelahrheit/ als aus der Vernunfft hergeleiter werden koͤnnen. 68. Nun ist niehts mehr uͤbrig/ als daß wir gegen einander halten/ was die bißher demon- strir te wahre Erkaͤntniß von GOtt und sei- ner Vorsehung in der Morale fuͤr einen Nutzen habe/ und was die Atheisterey oder Abgoͤtte- rey darinnen schade. 69. Ein wahrer Philosophus suchet seine Ge- muͤths-Ruhe in dem stetswehrenden Vertrau- en und der Furcht GOttes/ und b emuͤhet sich dannenhero zu derselben Erhaltung der Mittel zubedienen/ die ihm die allgemeine gesunde Ver nunfft beredet/ daß sie GOtt hierzu ordentlich verordnet habe. Er vertrauet keinen Menschen und fuͤrchtet sich fuͤr keinen/ er liebet sie aber doch und bemuͤhet sich sein Gemuͤthe mit denen die GOtt fuͤrchten und lieben zuvereinigen. Er trachtet durch das/ was ihm die Natur an die Hand giebet/ gutes zu thun. Und wenn er be- findet/ daß dasjenige Gute/ was er durch diese Mittel bey andern Menschen zuwege bringen wil/ von ihm nicht erhalten werden konne/ so áf- ficir et ihm solches nicht/ weil er wohl weiß/ daß K 2 GOtt Das 3. Hauptst. von GOtt als dem GOtt ihm diese Mittel zwar vorgeschrieben ha- be/ aber selbst sich nicht daran habe binden wol- len/ und daß/ wenn er nur selbst diese Mittel nicht muthwillig hindan gesetzt/ seine Gemuͤths- Ruhe in geringsten dadurch nicht gekraͤncket werde/ sondern GOtt auch mitten in der groͤ- sten Verdrießligkeit ihm nicht alleine beysprin- gen koͤnne/ sondern auch wolle. Er suchet hier- naͤchst anderer Menschen neben sich ihr wohl seyn zu befoͤrdern/ nicht so wohl/ weil von dem allgemeinen wohl seyn auch sein eigenes depen- di ret/ sondern weil er erkennet/ daß es GOtt so haben wolle/ und ihm deshalben einen Trieb gegeben/ daß er in andern Menschen mehr als in sich selbst zu leben verlanget. Und dannen- hero haͤlt ihn die Liebe GOttes ab/ daß wenn er gleich auff das allerheimlichste seinen eigenen Vortheil mit seines Nechsten Schaden befoͤr- dern koͤnte/ er doch solches zu thun nicht begeh- ret/ theils weil er GOtt vertrauet/ daß er auch ohne dem werde sein bestes befoͤrdern koͤnnen/ theils weil er sich fuͤrchtet/ seine Gemuͤths-Ru- he dadurch zu verstoͤhren/ in dem ihm sonsten sein Gewissen allezeit vorsagen wuͤrde/ daß er durch eine dergleichen That wider Gottes Willen ge- handelt/ und sich dannenhero Gottes ferneren Liebe unwuͤrdig gemachet habe. 70. Ein Atheiste aber/ weil er entweder GOtt oder die goͤttliche Vorsehung nicht glau- bet/ so liebet er auch und vertrauet oder fuͤrch- tet Ursprung aller menschl. Gluͤckseel. tet GOTT nicht. Denn wie solte er sich fuͤr dem fuͤrchten oder ihm vertrauen/ den er dafuͤr haͤlt/ daß er sich umb ihn nicht be- kuͤmmere. Und wie solte er den lieben/ den er fuͤr nichts haͤlt/ oder an dessen Vereinigung mit sich er verzweiffelt/ oder den er allzuvortrefflich zu seyn glaubet/ daß es seiner Vortreffligkeit zu wieder sey einmahl an ihn zu dencken. Dero- wegen weil er GOtt als den Ursprung alles Gu- ten nicht betrachtet/ so sucht er auch sein hoͤch- stes Gut nicht in einer/ aus einer vernuͤnfftigen Liebe anderer Menschen herruͤhrenden und die- selbe wider wirckenden Gemuͤths-Ruhe/ sondern seine unzeitige Weißheit treibet seine Vernunfft dahin/ daß er sich beynahe selbst fuͤr einen Gott achtet/ weil er befindet/ daß er edler sey als die andern Geschoͤpffe die um ihn sind/ und ehret/ liebet/ vertrauet und fuͤrchtet niemand als sich selbsten. Bey dieser Bewandniß aber thut er zwar mehrentheils alles dasjenige/ was ein tu- gendhaffter Mann/ der die groͤste Gluͤckseeligkeit suchet/ oder besitzet/ zuthun pfleget; aber weil er dieses alles nicht aus Liebe zu andern Men- schen/ sondern zu sich selbst thut/ indem ihm sei- ne Vernunfft weiset/ daß er sich selbst durch ein unvernuͤnfftiges Leben ungluͤcklich machen wuͤr- de; Als macht er sich kein Gewissen/ heimlich andern Leuten zu schaden/ und wider die allge- meinen natuͤrlichen Grund-Regeln anzustossen/ entweder seine aͤusserliche Macht und Ansehen K 3 dadurch Das 3. Hauptst. von Gott als dem dadurch zubefoͤrdern/ oder sich die taͤglich fuͤr- fallenden Verdrießligkeiten von Hals zuschaf- fen. Hierdurch verfehlet er aber gantz offen- bahr der Gemuͤths-Ruhe/ wiewohl er sie suchet/ theils weil die von ihm muthwillig untergedruck- te Erkaͤntniß GOttes zuweilen rege wird und ihm angst machet/ theils weil die heimlich be- gangenen Boßheiten ihm viel Sorge ma- chen/ wie sie ferner heimlich bleiben moͤgen/ und mehr und mehr andere Boßheiten nach sich zie- hen/ woraus hernach zugeschehen pfleget/ daß ein Atheiste/ ob er schon viel von seiner Freyheit pralet/ zuletzt eben so wohl ein Sclave anderer Menschen wird als ein aberglaͤubischer Mensch. 71. Jedoch ist es nicht zu laͤugnen/ daß ein Aberglaͤubischer noch elender dran ist/ weil es viel unvernuͤnfftiger ist/ einen Menschen oder Thier oder Bild u. s. w. GOtt zu seyn glauben/ als GOtt gar nicht erkennen. Denn gleichwie er sich einmahl von GOttes Wesen Dinge be- redet/ die aller Vernunfft zuwieder sind; also laͤst er sich anch von dessen Willen dergleichen bereden; und ist nichts so absurd das man ihn nicht koͤnne Glauben machen/ daß er GOtt ei- nen Dienst damit thun werde. Ja weil er auf diese Weise seine Vernunfft gantz und gar zu Boden getreten/ und sich von seinen Luͤsten nach Gefallen herum schleppen laͤst; so beredet er sich auch/ daß GOtt eben so passionir et seyn werde als er ist/ und ob er schon ja so sehre gluͤcklich zu Ursprung aller menschl. Gluͤckseelig. zu werden verlanget/ als andere Menschen/ so verfehlet er doch diesen Endzweck am allerwei- testen/ und indem er meinet alles zu seinen Ver- gnuͤgen zuthun/ stuͤrtzet er sich in das groͤste Un- gluͤck und Unruhe/ und ist ein Sclave unver- nuͤnfftiger Menschen seines gleichen/ oder eines todten Geld-Klumpens/ die er so dann zu seinen GOtt machet/ ihnen in der That vertrauet/ und sie fuͤrchret/ ob er sich schon mit aͤusserlichen Ce- remonien anstellet/ als ob er GOtt wahrhafftig diene. 72. So ist demnach ein Weltweiser Mann der GOtt nach Anleitung der Vernunfft/ wie er sol/ erkennet/ alleine ein Mensch/ ein Atheiste und ein Aberglaͤubischer sind Bestien/ jedoch mit diesem Unterscheid: Ein Atheiste ist einem Affen nicht ungleich/ weil er einem wahren Phi- losopho zimlich nahe koͤmmt/ und in vielen nach- aͤffet/ aber er ist doch kein Mensch/ weil er von GOtt so wenig weiß als ein Affe. Ein Aber- glaͤubischer aber ist wie ein tummer Esel oder wie ein Schwein u. s. w. dessen aͤußerliches Thun gantz offenbahr von dem menschlichen Thun und Lassen entschieden ist. 73. So ist demnach ein Aberglaͤubischer und Abgoͤttischer mehr als ein Atheiste/ weil er in der That oͤffenlich lebet/ als ob kein GOTT waͤre/ und seiner Boßheit kei- ne Scheu hat/ da doch ein Atheiste/ der in sei- ner Speculation uͤber die Schnur gehauen/ nicht K 4 alleine Das 3. Hauptst. von Gott als dem alleine mit seinen aͤusserlichen Thun und Wan- del vernuͤnfftig lebet/ sondern auch zum oͤfftern aͤusserlich von GOtt vernuͤnfftig raisonir et/ wie- wohl er doch nicht mehr als ein Heuchler ist. 74. Gleichwie aber diese Gegeneinanderhal- tung eines Atheisten und eines Aberglaͤubigen schon von andern gelehrt und scharffsinnig aus- gefuͤhret worden; als darffstu dich nicht daran stossen/ daß man insgemein so sehr wieder die Atheisterey/ gar selten aber wieder den ab- goͤttischen und unvernuͤnfftigen Aberglau- ben streitet und schreyet. Fast die gantze Welt steckt in diesen letztern biß uͤber die Ohren/ und bemuͤhet sich dannenhero den- selben als eine wahrhafftige Gottesfurcht den armen Unwissenden vorzumahlen. Und des- wegen laͤsset man es sich eyfferig angelegen seyn/ das arme Volck auff den aͤusserlichen Gottes- dienst zu treiben/ und selben zu verfechten/ den innerlichen aber als eine Phantaster ey auszu- schreyen/ weil jener gar wohl mit dem Aber- glauben bestehen kan/ ja oͤffters nichts als Aber- glauben ist. Wiewvhl es nun wenig speculati- vi sche Atheisten giebt/ so schreyen doch die Aber- glaͤubischen gewaltig wider dieselben/ theils daß sie in der Lehre von GOtt nicht so gar alle Jrr- thuͤmer unbestritten lassen/ theils weil die Athei- sten ebenmaͤßig ihre Feinde sind/ theils auch da- mit sie die vernuͤnfftigen Philosophos und from̃e Leute/ als die ihnen hauptsaͤchlich zuwieder sind/ als Ursprung aller menschl. Gluͤckseeligk. als Atheisten auszuruffen Gelegenheit kriegen moͤgen. 75. Und gewiß wenn man sich in denen Hi- storien ein wenig umsiehet/ so ist dieses ein uhral- ter Streich/ daß man rechtschaffene Philoso- phos und beynahe fast alle fuͤr Atheisten ausgeschrien. Dannenhero pflegen vernuͤnff- tige Menschen diese Anmerckung zu machen/ daß g emeiniglich derjenige/ der von einer dergleichen unvernuͤnfftigen Bestie auch zu unseren Zeiten fuͤr einen Atheisten ausgeruffen wird/ ein rechtschaf- fener und tugendhaffter Mann zu seyn pfle- ge. Wovon zu anderer Zeit ein mehrers. Das 4. Hauptstuͤck. Von der vernuͤnfftigen Liebe anderer Menschen als dem einigen Mitteldie Gemuͤths Ruhe zu- erhalten uͤherhaupt. Jnnhalt. Connexion n. 1. 2. Lieben wird von vielen Dingen gesagt/ n. 3. auch von Baͤumen und leblosen Sachen. n. 4. Dann von Bestien/ Menschen und GOtt n. 5. Von der Liebe des Menschen muß man zu reden an- fangen. n. 6. Jhre Beschreibung n. 7. Die Bestien haben eigentlich keine Liebe. n. 8. GOttes Liebe a- ber ist unbegreifflich. n. 9. Es giebt eigentlich zu re- K 5 den Das 4. H. von der vernuͤnfftigen den keine Selbst-Liebe n. 10. Die Vereinigung in der Liebe ist dreyerley. n. 11. Denn ein vernuͤnffti- ger Mensch intendir et eine andere Vereinigung in der Liebe anderer Menschen n. 12. eine andere in der Liebe geringerer Geschoͤpffe n. 13. und noch eine an- dere in der Liebe GOttes. n. 14. Vielerley Arten ei- ner unvernuͤnfftigen Liebe. ( I ) Wenn das Verlangen zu der Vereinigung allzuunruhig und hitzig ist. n. 15. Wenn man gleich tugendhaffte Personen liebet. n. 16. und sich einbildet/ man liebe noch so vernuͤnfftig n. 17. weil dasjenige nicht vernuͤnfftig seyn kan/ was die Vernunfft bemeistert n. 18. Und weil man oͤffters sich betrieget/ wenn man meinet/ man suche nichts mehr als eine Vereinigung der Seelen. n. 19. ( II ) Wenn man schaͤdliche und boͤse Dinge oder Menschen lie- bet. n - 20. Wenn sie gleich artig und verstaͤndig seyn. n. 21. Dergleichen Menschen werden allemahl von ihres gleichen geliebet. n. 22. Ein vernuͤnfftiger Mensch aber æstimir et wobl ihren Verstand/ aber er liebet sie nicht n. 23. als nur nach den Regeln der allgemeinen Liebe. n. 24. ( III ) Wenn man die unter- schiedenen Arten der Vereinigung unter einander vermischet. n. 25. Als (1) wenn man GOtt wie die geringeren Creaturen/ oder (2) wie die Menschen liebet. n. 26. (3) Wenn man andere Menschen wie gerin- gere Creaturen/ oder (4) wie GOtt liebet n. 27. und (5) wenn man geringere Creaturen wie die Men- schen/ oder (6) wie GOtt liebet n. 26. ( IV ) Wenn man hauptsaͤchlich die Vereinigung des Leibes sucht n. 29. Auff diese Art lieben die Bestien. n. 30. Und also ist dieso Liebe entweder mehr als bestia lisch/ oder bestia lisch/ o- der beynahe bestia lisch. n. 31. Die letzte Art bestehet da- rinnen/ wenn man bey denen Personen die uns gleich seyn/ entweder neben der Vereinigung der Seelen alsobald nach der Vereinigung der Leiber/ oder nach dieser hauptsaͤchlich trachtet. Wiewohl man dieser den Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. den absonderlichen Nahmen der Liebe am meisten zu geben pfleget n. 32. auch das Wesen der Liebe noth- wendig in der Vereinigung des aͤusserlichen Thuns des Leibes zu bestehen scheinet. n. 33. Und hiernechst der Mensch von Natur zur Begierde und zu der Ver- mischung mit Personen von andern Geschlechte an- getrieben wird. n. 34- Denn die Liebes-Bezeugungen des Leibes sind nur Zeichen/ n. 35. aber keine we- sentlichen Stuͤcke der vernuͤnfftigen Liebe n. 36. wel- ches durch das Exempel kleiner unschuldiger Gefaͤl- ligkeiten erwieseu wird. n. 37. 38. So ist auch ein grosser Unterscheid zwischen denen andern Leibes- Bezeugungen und der Vermischung des Leibes. n. 39. Die Begierde dieser letzten ist eine grosse menschliche Unvollkommenheit. n. 40. Die Beurtheilung der Schoͤnheit hat keine vernuͤnfftige Grund-Regeln n. 41. und die Liebe schoͤner Leute kan ja so vernuͤnff- tig als die Liebe nicht schoͤner Personen vernuͤnfftig seyn. n. 42. Es ist ein grosser Unterscheid zwischen einen brennenden und sehnenden Auge. n. 43. Ein brennend Auge kan das Hertze eines wahren Philo- sophi nicht in Unruhe bringen n. 44. Man muß die Begierde Kinder zu zeigen nicht mit der Begierde sich hierbey zu belustigen vermischen n. 45. Diese letztere ist nicht vernuͤnfftig. n. 46. Denn sie ver- wirret unsere Vernunfft in Beurtheilung des Guten n. 47. und treibet uns aus unvernuͤnfftigen Ursachen zu allen Zeiten des Jahres an. n. 48. Eine ver- nuͤnfftige Liebe laͤsset zwar die Leibes-Vermischung zu n. 49. als Zeichen eines Vertrauens und Begier- de die geliebte Person zu vergnuͤgen n. 50. nicht a- ber als ein wesentliches Stuͤcke. n. 51- Jedoch muß sich hierbey ein Vernuͤnfftiger Mensch wohl pruͤf- fen/ daß er sich nicht selbst betriege n. 52. ob sich nicht eine unvernuͤnfftige Liebe unter dem Schein einer vernuͤnfftigen zuverstecken suche. n. 53. (1) Wenn man Das 4. H. von der vernuͤnfftigen man alsofort nach der Leibes-Vermischung begierig ist ehe man noch das Gemuͤthe der andern Person er- kennet/ zumahl wenn dieselbe schoͤn ist. n. 54. (2) Wenn man sich faͤlschlich beredet man werde zu frie- den seyn/ wenn man die Vereinigung des Gemuͤths erhalten habe. n. 55. (3) Wenn die menschlichen Re- gungen nach dem Genuß des Leibes mit Gewalt oder Betrug trachten. n. 56. (4) Wenn man was durch die Gesetze verbotenes begehret. n. 57. (5) Wenn man bey diesen Genuß nicht mit Schamhafftigkeit sich seiner Begierde entlediget. n. 58. Denn Unter- scheid vernuͤnfftiger und unvernuͤnfftiger Liebe muß man nicht in dem Unterscheid verheyratheter und un- verheyratheter Personen suchen. n. 59. Satsamer Veweiß/ das die vernuͤnfftige Liebe anderer Men- schen das eintzige Mittel sey gluͤcklich zu werden. n. 60. Ob vernuͤnfftige Liebe ohne Schmertzen/ Unruhe und empfindliche Freude seyn koͤnne? n. 61. und ob bey derselben eine Eyffersucht statt finden koͤnne. n. 62. Wohllust/ Ehre/ Reichthum sind keine Mittel zur wah- ren Gluͤckseeligkeit zugelangen n. 63. Die Liebe ist die eintzige Tugend/ und daß rechte Maaß aller Tu- genden. n. 64. Die Liebe Gottes n. 65. bestehet nach der natuͤrlichen Erkaͤntniß in der Liebe anderer Menschen. n. 66. Die uͤbernatuͤrliche aber gehoͤret nicht zur Sitten-Lehre. n. 67. Ob die Liebe des Vie- hes zur groͤsten Gluͤckseeligkeit von noͤthen sey. 1. N Achdem wir also die groͤste Gluͤcksee- ligkeit des Menschen nach ihrem We- sen/ auch hernach GOtt als den Geber derselben/ und wie weit die wahre Erkaͤntniß von GOtt in der Morale hoͤchstnoͤthig sey/ be- trach- Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. trachtet; als fordern nunmehro Regeln guter Ordnung/ daß wir sehen/ durch was fuͤr ein Mittel der Mensch diese Gemuͤths-Ruhe er- halte/ und sie zuwege bringe. 2. Nun haben wir zwar allbereit oben erweh- net/ daß die Gemuͤths-Ruhe aus der Liebe an- derer Menschen entspriesse/ und dieselbe stets- wehrend wiederumb wuͤrcke. Wir haben auch schon daselbst etwas ausfuͤhrlich von der ver- nuͤnfftigen Liebe gehandelt/ und dieses parado- xum klar und deutlich erwiesen/ daß das We- sen des Menschen mehr in einer Liebe anderer Menschen/ als in einer so genanten Selbst-Lie- be bestehe. Dieweil aber die unterschiedenen Meinungen von denen Mitteln die groͤste Gluͤck- seeligkeit zu erlangen entweder diese Liebe mit einen dunckelern Nahmen der Tugend oder der tugendlichen Mittel-Masse belegen; an- dere unter einen herrlichern Nahmen der Lie- be GOttes irrige und von der Gemuͤths-Ruhe verfuͤhrende Dinge vorgetragen; andere aber unter dieser Liebe der Menschen gefaͤhrlicher Weise eine Bestialitaͤt/ die das groͤste Un- gluͤck mit sich fuͤhret/ zubedecken gesucht/ und noch andere die Liebe anderer Creaturen dieser Liebe an die Seite zusetzen bemuͤhet sind. Als ist es wohl noͤthig/ daß wir diese Liebe an- derer Menschen nochmahlen vor uns nehmen/ und dieselbe ihren Wesen und Stuͤcken nach auff das genaueste Betrachten/ auch in diesem Haupt Das 4. H. von der vernuͤnfftigen Haupt-Stuͤcke noch deutlicher erweisen/ daß in ihr das einige Mittel zu der groͤsten Gluͤckseelig- keit zu erlangen bestehe. 3. Lieben wird zwar von unterschiedenen Dingen gesaget/ und kan dannenhero in seiner weitlaͤufftigen Bedeutung nicht fuͤglicher be- schrieben werden. Wir haben gesaget/ daß GOtt die Menschen liebe. Daß der Mensch viele Dinge liebe/ wird niemand laͤugnen. Von denen Bestien spricht man/ daß sie sich selbst untereinander/ auch wohl andere Dinge/ oder gar den Menschen selbst lieben. So schreibet man auch denen Baͤumen unter einander eine Liebe zu; Ja es ist nichts ungemeines/ daß man nicht auch von leblosen Dingen/ als z. e. dem Magnet und Eisen eine Liebe sagen solle. 4. Zwar was die Liebe der Baͤume und der leblosen Sachen betrifft/ so haͤlt man wohl durchgehends davor/ daß dieselbe von diesen Dingen nicht in eigenen Verstande genommen werden/ weil es gantz offenbahr/ daß sie keiner Gemuͤths-Neigungen faͤhig sind. Und also blei- bet die Liebe GOttes/ der Menschen und der Thiere noch uͤbrig/ die wir uns so dann wohl von einander zu entscheiden befleißigen muͤssen. 5. Alles dasjenige/ was wir an uns be- finden/ und doch von GOtt zu sagen pfle- gen/ daß wird nur Gleichniß Weise von GOtt/ in eigenen Verstande aber von uns geredet. Und alles was wir an uns befin- den Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. den und doch von den Bestien auch zu sagen pflegen/ davon muͤssen wir erstlich an uns zu reden anfangen/ (weil uns unsere eigene Sachen am bekantesten sind) damit wir hernach erkennen moͤgen/ ob es gleichfalls von den Be- stien in eigenen V erstande gesaget werden koͤnne/ wenn es nehmlich ein Concept ist/ der den Leib angehet/ als den wir mit denen Bestien gemein haben/ oder ob es nur Gleichnißweise von denen Bestien geredet werde/ so ferne es die Seele und Gedancken betrifft/ durch die wir von denen Bestien entschieden seyn. 6. So muͤssen wir dennoch von der Liebe zu reden anfangen/ derer die Menschen faͤhig sind. Und zwar weil dieselben vielerley zu lieben pfle- gen/ Gott/ andere M enschen/ andere geringe- re Creaturen/ so wollen w i r erst sehen/ was die menschliche Liebe uͤberhaupt sey. 7. Sie ist ein Verlangen des menschli- chen Willens/ sich mit demjenigen/ das der menschliche Verstand fuͤr gut erkennet hat/ zu vereinigen/ oder in dieser Vereinigung zu bleiben. 8. Weil nun die Liebe ein Werck des mensch- lichen Willens ist/ der Wille aber zur mensch- lichen Seele gehoͤret/ so kan von denen Be- stien nicht anders als figur licher Weise gesagt werden/ daß sie etwas lieben/ zumahl dieses Ver- langen ohne Gedancken/ daß die geliebte Sa- che etwas gutes sey/ nicht concipirt werden kan/ Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen kan/ dieser Gedancken aber gleichfalls von de- nen Bestien/ als die gar nicht gedencken/ auch nicht gesaget werden mag. Und solchergestalt ist die Liebe die von den Bestien gesaget wird etwas viel unvollkommeners als die Liebe der Menschen. 9. Gleicherweise und weil man GOTT einen Verstand und Willen gantz auff eine andere und unbegreifflichere Weise als denen Men- schen zuschreibet/ so ist auch die Liebe die von GOtt gesagt wird/ gantz eine andere Liebe/ zumahlen die gesunde Vernunfft weiset/ daß weil Gott von sich selbsten ist/ und das We- sen seiner Geschoͤpffe stetswehrend erhaͤlt/ auch GOtt ausser sich nichts finde/ daß er in Anse- hen seiner fuͤr gut halten koͤnne. Und also sie- het der Mensch/ daß die Liebe Gottes viel ver- wundersamer und unbegreifflich sey/ weil er alles thut/ was ein liebender zu thun pfleget/ und doch keine Ursache ausser ihm selbst findet/ die ihn hierzu antreiben koͤnne. 10. So folget auch ferner aus dieser Be- schreibung der Liebe/ daß man eigentlich davon zu reden sich selbst nicht lieben koͤnne/ weil wir allbereit im vorhergehenden Capitel gesagt/ daß kein Geschoͤpffe sich selbst erhalten koͤnne/ viel- weniger aber eine Vereinigung ohne zwey un- terschiedene Dinge begriffen werden kan; Und muß demnach die Selbst-Liebe entweder eine eitele Einbildung unvernuͤnfftiger Menschen seyn/ Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. seyn/ oder man wird dadurch nichts anders als einen Mangel einer eigentlich so genanten Liebe andeuten. 11. Es ist aber die Vereinigung/ die der menschliche Wille in der Liebe intendi ret/ nach Unterschied derer Dinge die geliebet werden/ auch ihrer Bedeutung nach schr unterschieden. Wir wollen wieder von der Liebe anderen Men- schen als der eigentlichsten und deutlichsten an- fangen/ und hernach die Liebe gegen GOtt und andern Creaturen mit derselben gegeneinander halten. 12. So bestehet demnach die Vereinigung die die Liebe des Menschen nach der natuͤrlichen Erkaͤntniß bey andern Menschen intendi ren soll/ darinnen/ daß/ weil andere Menschen glei- ches Wesens mit ihm sind/ er auch sein Wesen/ daß ist/ seine Seele/ fuͤrnehmlich aber seinen Willen mit denen ihrigen dergestalt vereinige/ daß aleichsam ein Wille daraus werde/ und kei- ner uͤber den andern sich einer Botmaͤßig- keit anmasse/ sondern beyde Wechselsweise aus freyen Willen dasjenige wollen/ was das andere wil. 13. Eine andere Vereinigung aber ist die- ienige/ die man gegen andere geringere Ge- schoͤpffe haben sol. Sie haben weder Ver- stand noch Willen/ und also koͤnnen wir un- sere Seelen nicht mit ihnen vereinigen. Sie koͤnnen uns fuͤr sich nicht gutes thun/ weil sie es L nicht Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen nicht verstehen/ sie sind aber geschickt/ daß wir nach der natuͤrlichen Ordnung GOttes unser und anderer Menschen gutes dadurch befoͤrdern koͤnnen. Dannenhero suchen wir in ihrer Liebe/ wenn sie anders vernuͤnfftig seyn sol/ eine solche Vereinigung/ daß sie unsern Willen unter- worffen seyn/ das ist/ daß wir sie nach unsern Gefallen zu unseren und anderer Nutzen gebrau- chen/ und wenn dieser Nutzen nicht allen Men- schen sufficient seyn kan/ und dieselbe zu eigen machen moͤgen. 15. Letzlich aber ist die Vereinigung/ die wir in der Liebe GOttes intendir en sollen/ von de- nen vorigen beyden unterschieden. GOtt thut uns alles gutes/ und indem er der Ursprung des- selbigen ist/ verstehet er unser Gutes besser als wir/ wir aber koͤnnen vor uns GOtt nicht das geringste Gutes thun/ ja wir sind mehrentheils in Erkaͤntniß dessen/ was uns gut ist/ blind. Deshalben waͤre es sehr unvernuͤnfftig/ daß wir in der Vereinigung mit GOtt trachten solten/ daß GOtt seinen Willen mit dem unsrigen zu- gleichen Theilen vereinigen solte; noch viel un- vernuͤnfftiger aber waͤre es/ wenn wir begehren solten/ GOtt solle seinen Willen gaͤntzlich nach dem unserigen richten/ sondern es weiset uns auch das schwache Liecht der Vernunfft/ daß die- se Vereinigung in nicht anders bestehen solle/ als daß wir unsern Willen dem seinigen un- terwerffen/ und unser Thun und Lassen nach dem Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. dem seinigen einrichten/ auch nicht ungeduldig oder muͤrrisch werden sollen/ wenn uns von seiner Hand etwas wiederfaͤhret/ das unsern Willen nicht anstehet. 15. So ist demnach die menschliche Liebe zweyerley/ eine vernuͤnfftige und unvernuͤnff- tige. Jene haben wir bishero beschrieben und erklaͤret/ diese aber weichet in vielen Stuͤcken von der vorigen ab. Denn (1) haben wir schon im andern Capitel gesagt/ daß das Ver- langen der vernuͤnfftigen Liebe ein stilles und kein unruhiges Verlangen sey. Derowegen wo ein Mensche in seiner Liebe ein dergleichen unruhiges und hitziges Verlangen empfindet/ daß er sein selbst nicht maͤchtig ist/ und daß er sich vor ungluͤcklich haͤlt/ wenn er sich mit der geliebeten Person nicht vereinigen sol; so darff er sich nur gewiß versichern/ daß seine Liebe nicht vernuͤnfftig sey. 16. Jch rede hier nicht von denen jenigen/ die einen dergleichen unordentlichen Trieb bey sich befinden/ wenn sie etwas unvernuͤnfftiges lieben/ oder auff eine unvernuͤnfftige Vermischung des Leibes zielen/ denn von dieser Art wollen wir bald absonderlich handeln; sondern von denen/ die tugendhaffte Personen lieben/ und ihrer Meinung nach/ nach der Vereinigung der See- len und des Willens trachten/ und vor Liebe gleichsam veschmachten oder verzweiffeln/ oder L 2 doch Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen doch zum wenigsten vor Liebe sterben oder er- krancken; 17. Es duͤrffte wohl manchen Tugendlieben- den Menschen dieser mein Satz etwas zu harte fuͤrkommen/ und duͤrffte er wohl selbst auff sein eigenes Exempel sich beruffen/ daß er allezeit ei- ne ehrliche Intention gehabt/ und auff keine fleischliche Vermischung gezielet/ und dennoch eine dergleichen sochtende Begierde zum oͤfftern bey sich befunden/ die ihn wider seinen Willen keine Ruhe gelassen. Ja er wird mich Zweiffels ohne auff so viel Buͤcher/ die von ehrlicher Liebe handeln/ weisen/ in welchen allen dieselbe beschrieben wird/ daß sie unsere Vernunfft bemeistere/ und wider unsern Willen uͤber uns herrsche. 18. Aber das ist es eben was ich sage/ was unsere Vernunfft bemeistert/ das ist nichts vernuͤnfftiges. Es sind unterschiedene grade in der unvernuͤnfftigen Liebe. Dieses ist der ge- ringste grad, deshalben ist sie auch nicht fuͤr un- vernuͤnfftig ausgeschrien/ sondern nur gesagt/ daß sie nicht vernuͤnfftig sey. Und also kan sie auch einen Menschen begegnen/ der nicht unver- nuͤnfftig liebet/ sondern ein ehrliches Absehen hat/ und unter die Zahl vernuͤnfftiger Menschen gehoͤret. Aber er darff sich auch gewiß noch nicht fuͤr ein Muster eines vernuͤnfftigen Men- schen ausgeben. Dieses ist eine von denen er- sten Regeln in der Sitten-Lehre/ daß man nichts unmoͤg- Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. unmoͤgliches oder vergebens begehren solle. Und dieses ist gewiß eine von denen Proben/ ob man in der Sitten-Lehre Meister oder noch ein Schuͤ- ler sey/ nachdem man bey sich auch in ehrli- chen Absehen eine hitzige oder gleichguͤltige Begierde empfindet. 19. Jch wil itzo hiervon nicht erwehnen/ daß sich manche/ die noch in denen Schuͤler-Jahren sind/ selbst betriegen/ und dafuͤr halten/ sie ziele- ten in ihrer Liebe auff nichts als die Verei- nigun der Gemuͤther/ da sie doch bald be- finden wuͤrden/ daß sie eine gantz andere Ver- einigung suchen/ und daß es diese sey/ die sie kranck und sochtend mache/ und nur von der noch allzuschwachen Liebe zur standhafften Tu- gend bestritten werde. Denn wie man in die- sem Stuͤcke sich pruͤffen solle/ wollen wir bald deutlicher erklaͤren. 20. Die ( II ) Classe unvernuͤnfftiger Liebe ist/ wenn man Dinge liebet die mehr schädlich seyn/ als daß ihr Gebrauch unter die Guten zu rechnen waͤre. Hier koͤnnen wir zwar wohl kein Exempel geben/ daß wir von der Liebe gegen GOtt hernaͤhmen/ aber so wohl bey der Liebe gegen die Menschen als bey der Liebe gegen an- dere Dinge koͤnnen wir gar viel Exempel einer unvernuͤnfftigen Liebe antreffen. 21. Z. e. Wenn man nach suͤsser aber un- gesunder Speise verlanget. Wenn man denen Dingen nachhaͤnget/ die die Sinnen empfind- L 3 lich Das 4. H. von der vernuͤnfftigen lich belustigen/ oder die rar sind/ und derer Ge- brauch uns eine Zaͤrtligkeit angewehnet. Und unter denen Menschen solche Leute/ die in denen Wohlluͤsten stecken/ die Ehrgeitzig/ Geld- begierig/ mit einem Wort: die nicht tugend- hafft sind/ wenn sie auch gleich sonsten noch so angenehm und artig/ oder auch scharffsinnig und verstaͤndig waͤren. 22. Und hat sich dannenhero ein vernuͤnffti- ger Mensch destomehr fuͤr dergleichen Liebe in acht zu nehmen/ weil andere vernuͤnfftige Men- schen ihn nach denen Personen die er liebet/ gewißlich urtheilen werden/ indem alle Liebe sich in einer Gleichheit gruͤndet/ weil sie aus der Meynung von der Guͤte eines Dinges entstehet/ alles Gute aber wie wir im ersten Capitel ge- sagt/ in einer Gleich foͤrmigkeit mit andern Din- gen beruhet. 23. Woltest du nun gleich fuͤrwenden/ du liebetest diesen Menschen nicht/ weil er dieses Laster an sich habe/ sondern wegen seiner Ar- tigkeit und scharffsinnigen Verstandes/ so must du doch wohl in acht nehmen/ daß du dich nicht selbst betriegest. Ein anders ist jemand hochschaͤtzen/ ein anders jemand lieben. Du kanst einen solchen Menschen wegen seiner Ar- tigkeit und Verstand wohl hoch halten/ aber in der Liebe suchestu die Vereinigung der Gemuͤther und des Willens/ und also mustu dich seiner La- ster theilhafftig machen. 24. Und Liebe anderer Menschen uͤberharpt. 24. Und obschon das folgende Capitel sagen wird/ daß man alle Menschen lieben solle/ so ist doch erstlich ein Unterscheid zwischen der allge- meinen Liebe und absonderlichen/ wie wir zu seiner Zeit sehen werden; Ja auch die allge- meine zielet dahin/ daß du ihn seine Jrrthuͤmer und Laster benehmest/ und ist also wenn man sie gegen einen Lasterhafften ausuͤbet/ mehr eine Liebe Bedingungsweise/ wenn er sich nehmlich seiner Laster werde begeben haben/ als schlech- ter Dinge zu nennen Und wenn du in deinen Gemuͤthe versichert bist/ daß du dieses haupt- saͤchlich indendir est/ auch mit deinem Thun und Lassen nicht offenbahr das Gegentheil darthust/ so wil ich auch eine dergleichen Liebe nicht vor un- vernuͤnfftig halten. 25. ( III ) Jst auch die Liebe unvernuͤnfftig in Ansehung der Art und Weise/ die man in der Vereinigung sucht: Wenn man nehmlich die Vereinigung die GOtt gehoͤret/ denen Men- schen zueignet/ oder mit GOtt sich auff die Art zuvereinigen sucht/ wie man sich mit Menschen und Bestien vereinigen solte/ u. s. w. 26 Solcher gestalt aber werden wir in dieser Classe 6. Arten von unvernuͤnfftigen Lieben ha- ben: (1) Wenn man in der Liebe gegen GOtt verlanget/ GOTT solle seinen Willen bloß nach dem unserigen richten/ welche Liebe bey allen Aberglaubischen Leuten anzutreffen ist. (2) Wenn man wuͤnschet/ GOTT solle seinen L 4 Wil- Das 4. H. von der vernuͤnfftigen Willen ja so wohl nach dem unsrigen richten/ als wir in Dingen/ die uns nicht eben gar zu sehr zuwieder seyn/ den unsrigen nach seinen Willen zurichten bereit seyn. Welche Liebe bey denen zufinden ist/ die nur ein wenig noch auff der Tugend-Bahne gewandelt. 27. (3) Wenn man andere Menschen derge- stalt liebet/ daß man allezeit uͤber ihren Wil- len zu herschen sucht/ welches nicht so wohl die Ehrgeitzigen und Stoltzen/ als die ei- gentlich ihrer Intention nach alle Menschen has- sen/ als die aͤusserlich sittsamen Atheisten zu thun pflegen. (4.) Wenn man andere Men- schen also liebet/ daß man seinen Willen gantz und gar dem ihrigen unterwirfft/ ihnen als GOtt vertrauet/ und sie als GOtt fuͤrchtet/ auch sich von ihnen zum Selaven machen laͤst/ wel- che Liebe fuͤrnehmlich bey denen Wohlluͤstigen anzutreffen ist. 28. (5.) Wenn man unvernuͤnfftige und leblose Creaturen dergestalt liebet/ daß man mit ihnen als mit Menschen umgehet/ und an ihren Wohl oder Ubel seyn eben so viel Theil nimmt/ als wenn sie vernuͤnfftige Menschen waͤ- ren/ und einen Willen haͤtten/ der mit nus ver- einiget waͤre/ z. e. Wenn Leute die in einer wil- den und zaͤrtlichen Wohllust ihr vergnuͤgen su- chen/ Pferde/ Hunde/ Voͤgel/ so extrem lieben/ daß sie ihnen mehr Gutes erweisen als anderen Menschen (6.) Wenn man dergleichen und son- derlich Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. derlich leblose Dinge dergestalt lieber/ daß man so zu reden gantz ihr Sclave wird/ als wenn sie einen Willen haͤtten/ der uns befehlen koͤn- te. Auff diese Art lieben die Geitzigen ihren Geld-Sack. 19. ( IV. ) Nun haben wir nur noch eine Art unvernuͤnfftiger Liebe uͤbrig/ von der wir aber et- was ausfuͤhrlicher reden muͤssen/ damit wir zwi- schen zweyen von der Wahrheit allzuweit aus- schweiffenden Meynungen in der wahren Mittel- Strasse bleiben. Wir haben oben gesagt/ daß der Mensch in der Liebe anderer suchen solle/ seine Seele mit det Seele anderer Menschen zu verei- nigen/ und solchergestalt kan es nicht fehlen/ es muͤsse die Liebe/ in welcher der Mensch auff die Vereinigung seines Leibes mit dem Leibe ande- rer Menschen hauptsaͤchlich sein Absehen hat/ eine neue Art unvernuͤnfftiger Liebe abgeben. 30. Denn auff diese Art lieben die Bestien. Jhr Trieb treibet sie bloß auff die Vermischung des Leibes mit dem Leibe einer andern Bestien an/ ohne daß sie einen Unterscheid unter denen Individuis zu machen pflegen; Wiewohl auch/ was ihren innerlichen Trieb betrifft/ ein weniger oder gar kein Unterscheid unter denen Bestien von einerley Art zu seyn pfleget: Weswegen auch diese Liebe der Bestien in eigentlichen Verstand mehr eine Brunst als Liebe zu nennen. Jm Gegentheil aber ist die mensch liche Natur darin- nen von denen Bestien entschieden/ daß gleichwie L 5 die Das 4. H. von der vernuͤnfftigen die Menschen unter sich selbst unterschiedene Bil- dungen oder Gemuͤths-Neigungen haben/ also auch der Mensch/ wenn er gleich auff die Vermi- schung des Leibes verfaͤllt/ dennoch gemeiniglich/ wenn er nicht gantz und gar zur Bestie worden/ einen Menschen fuͤr den andern zu lieben pfleget. 31. Solcher gestalt aber ist zu bedauren/ daß in dieser Classe dreyerley Arten von der unver- nuͤnfftigen Liebe angetroffen werden: (1) Eine mehr als Bestialische/ wenn man einen unver- nuͤnfftigen Trieb bey sich befinder/ seinen Leib mit dem Leib der Personen einerley Geschlechts/ oder mit Creaturen von gantz unterschiede- ner Art zu vermischen/ wofuͤr auch die Bestien einen Abscheu haben. (2) Eine Bestialische oder Huren-Liebe/ wenn man seine Begierden mit allerley Personen ohne Ansehung derer Bildungen oder Gemuͤths-Bewegungen zu stil- len/ oder vielmehr zu vermehren und luͤstern zu machen trachtet. (3) Eine bey nahe Bestiali- sche/ wenn man zwar einen Unterschied unter de- nen Personen entweder ihrer Bildung oder ihren Gemuͤths-Neigungen nach machet/ aber doch alsobald bey denenjenigen/ auff die man mit sei- ner Liebe faͤllet/ zugleich auff die Vereinigung des Leibes/ oder wohl gar einig und alleine auff diese/ ohne Vereinigung des Willens oder der Seelen zielet. Und von dieser letzten muͤssen wir fuͤrnehmlich etwas mehrers reden. 32. Denn Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. 32. Denn weil derselben die allermeisten Menschen ergeben sind/ so gar auch/ daß deswe- gen auch unter denen Philosophen diese den Na- men der Liebe fuͤr sich behalten/ und der andern Liebe/ die auff dergleichen Vereinigung nicht zie- let/ den kaltsinnigen Nahmen der Freundschafft zugeleget/ da doch in der wahren Philosophie wahre Freundschafft und Liebe eines sind; als er- mangelt es auch an Schein-Ursachen nicht/ durch welche man diese Liebe wo nicht zu einer vernuͤnff- tigen Liebe zu machen/ dennoch aber aus der Zahl unvernuͤnfftiger Liebe auszunehmen sich bemuͤhet. 33. Und anfaͤnglich zwar ist nicht zu laͤugnen/ daß die Vereinigung der menschlichen Seelen o- der zweyer Willen nicht ihren Wesen nach derge- stalt geschehen koͤnne/ daß ohne Beytrag des Lei- bes aus zwey Seelen wuͤrcklich und in der That eine Seele und ein Mensch werde; Sondern es muß allerdings dieselbe in nichts anders als in der Gleichfoͤrmigkeit des von zweyen Willen dirigirt en aͤußerlichen Thun und Lassens des Leibes gesucht werden. Und solchergestalt kan weder Freundschafft noch Liebe ohne gleichfoͤrmi- ger Wirckung des Leibes begriffen werden: und wenn man in der Gleichfoͤrmigkeit des Willens die Vereinigung der Seelen suchet/ worumb sol- te man auch nicht sagen/ daß wegen der Gleich- foͤrmigkeit der aͤusserlichen Leibes-Bewegung auch bey einer jeden Freundschafft und Liebe die Leiber vereiniget seyn/ und also aus zweyen Freun- Das 4. H. von der vernuͤnfftigen Freunden gleichsamb ein Leib und eine Seele allemahl werden muͤsse. 34. Hiernechst befindet zwar der Mensch/ wenn er sich gegen die Bestien conferir et/ in sei- ner Natur diesen Unterscheid/ daß er nicht wie die Bestien sich mit allerley Personen unterschiede- nen Geschlechts ohne Unterscheid der Gemuͤther und Bildungen zu vermischen trachten solle. A- ber er befindet auch/ daß seine Natur ihme nicht alleine das Vermoͤgen gegeben/ das Schoͤne o- der Angenehme von dem Heßlichen und Unge- stalten zu entscheiden; sondern er befindet auch durchgehends bey dem gantzen menschlichen Ge- schlecht diesen innerlichen Trieb/ daß die Schoͤn- heit/ und sonderlich ein schoͤnes und liebreitzen- des Auge/ das unter denen Bestien nicht zu fin- den ist/ bey ihm eine Begierde/ die auff eine Ver- mischung des Leibes trachtet/ erwecke/ der er zu wiederstehen nicht kraͤfftig ist/ und der auch der weiseste Philosophus nicht widerstreben wuͤrde. Ja er hefindet auch/ daß zwischen zweyen Perso- nen unterschiedenes Geschlechts ein allgemeiner Trieb sey/ durch leibliche und wechselbelustigen- de Vermischung Kinder zu zeugen: Und dan- nenhero duͤnckt ihm/ daß zwischen zweyen Perso- nen unterschiedenen Geschlechts die Vereinigung der Seelen oder des Willens ohne dieser Verei- nigung der Leiber nicht vollkommen genennet werden koͤnne. 35. Aber Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. 35. Aber hierauff ist zu wissen/ daß zwar an dem sey/ daß man die Liebe oder Freundschafft ohne Bezeugung des Leibes nicht erkennen koͤnne/ weil der Mensch des andern Menschen sei- ne Seele oder Gedancken ohne einen aͤußerlichen Zeichen niemahln begreiffen/ noch ihm so zu sa- gen ins Hertze sehen kan. Und ob schon die Re- de und Worte dem Menschen gegeben sind seine Gedancken dem andern mitzutheilen/ so gelten doch diese Zeichen mehr in denen Gedancken/ die zum Verstande des Menschen/ als zu dessen Wil- len gehoͤren. Denn bey diesen gilt ein einiges Thun mehr als tausend Worte/ wiewohl ge- meiniglich Worte vor denen Thaten vorher zu- gehen pflegen. Nichts destoweniger aber wird man hierans in geringsten nicht schliessen koͤnnen/ daß die vernuͤnfftige Liebe hauptsaͤchlich oder eben so wohl in Vereinigung des aͤußerlichen Thuns/ als in Vereinigung der Seelen und des Willens bestehe. 36. Denn es ist ein grosser Unterscheid unter dem Wesen eines Dinges/ und unter dem Zei- chen oder Bild desselbigen. Dieses ist allezeit etwas/ das mit dem Wesen nichts zu thun hat/ sondern nach demselbigen folget oder sich darnch richtet. Und also hat auch die Bezeugung des aͤußerlichen Thun und Lassens nichts mit der Vereinigung der Seelen an sich selst zu thun/ sondern sie folget auff dieselbige/ und gibt so wohl in Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen in der Freundschafft als Liebe der geliebten Person wechselsweise dieselbe zu erkennen. 37. Z. e. Wenn ein tugendhaffter Mensch ein tugendhafftes und verftaͤndiges Frauen-Zim- mer lieb gewinnet/ und seine Seele mit der ihri- gen zuvereinigen trachtet/ so bemuͤhen sie sich beyderseits/ nachdem sie durch einen mit Ehr- furcht und Verlangen vermischten Blick/ oder durch einen hertzlichen Seufftzer einander gleich- sam die Losung gegeben/ einander durch tausend kleine Gefaͤlligkeiten nicht nur ihren Willen Wechselsweise gleichsam an den Augen anzu sehen/ sondern auch so zureden denselben noch vorzukommen/ geschweige denn/ daß sie nicht durch das aͤusscrliche Thun und Lassen einan- der in dem/ was eines von dem andern deutlich begehret/ zugefallen seyn solten. 38. Wer wolte aber sagen/ daß in diesen kleinen Gefaͤlligkeiten das Wesen der Liebe oder Freundschafft bestehe; Die zum oͤfftern/ wenn man sie ihren Werth und Nutzen nach betrachtet/ so geringe sind/ das man sich schaͤ- men muͤste wenn man sie dem andern als ei- nen Liebes-Dienst anrechnen wolte/ und die ihren gantzen Werth von der Freywilligkeit und Ungezwungenheit oder der auffrichtigen Erniedri- gung einer mit vielen Merit en begabten Person erlangen? Zumahl da in Gegentheil nach dem Tax der Liebe auch die kostbarsten Bezeugun- gen/ und die tieffesten Erniedrigungen nichts gel- ten Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. ten/ wenn man unbetriegliche Proben hat/ daß sie nicht von auffrichtigen Hertzen/ sondern von einer Schein- und Heuchel-Liebe entstanden. 39. Nach diesen muß man auch einen grossen sen Unterscheid unter denen andern Liebes- Bezeugungen die durch das aͤußerliche Thun und Lassen ausgedruckt werden/ und unter der Vereinigung der Leiber die durch die Ver- mischung derselben geschiehet/ machen. Denn gesetzt/ daß zu dem Wesen der Liebe die Gefaͤl- ligkeiten des aͤußerlichen Thun und Lassens ge- hoͤreten; oder aber gestandenen Falls/ daß/ weil diese unausbleibliche Zeichen wahrer Liebe seyn/ zum wenigsten doch das Verlangen zu de- nenselben nicht irraisonable seyn koͤnne/ so fol- get doch nicht alsofort/ daß man auch die Lie- bes-Gunsten/ die auff die Vermischung des Lei- bes zielen/ hierunter rechnen muͤsse/ sondern wir muͤssen von diesen absonderlich etwas mehrers reden. 40. Zwar ist es wohl an dem/ daß das schwache Licht der menschlichen Vernunfft ohne goͤttliche Offenbahrung in Erkaͤntniß des allge- meinen Ubels der Lust-Seuche ziemlich in fin- stern herum tappe/ und weil ihr von dem Suͤn- den-Fall der ersten Eltern nichts wissend ist/ auch die Unzulaͤßigkeit und Boßheit derselben fuͤr sich selbst nicht allenthalben penetri re/ son- dern manches Thun und Lassen fuͤr zulaͤßlich halten muͤsse/ von welchen uns das goͤttliche ge- Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen geoffenbahrte Gesetz ein anderes versichert. Nichts destoweniger aber weiset uns doch das Licht der Natur zum wenigsten so viel/ daß diese Begierde der Leibes Vermis ch ung eine unziem- liche Unvollkommenheit sey/ wenn sie gleich in comparaison anderer groͤbern Stuffen noch so reinlich scheinet/ und das viele Dinge auch von denen die vermittelst der goͤttlichen Offen- bahrung besser raisoni ren solten/ zumahl unter Ehe-Leuten/ fuͤr zulaͤßlich gehalten werden/ die doch auch der Vernunfft nach mehr bestialisch als vernuͤnfftig sind. 41. Denn anfaͤnglich ist es eine grosse Un- vollkommenheit/ daß die Menschen in Beur- theilung von der Schoͤnheit des Leibes (da- von wir anderswo zu seiner Zeit mit mehrern reden werden) das wenigste Fundament haben/ sondern gantz unterschiedenen und wiedrigen Meinungen disfalls unterworffen sind/ die den- noch weil sie auff keine Vernunfft gegruͤndet seyn/ auch nicht fuͤr Vernuͤnfftig koͤnnen ausge- geben werden/ ob man sie schon auch nicht un- vernuͤnfftig schelten kan. 42. Hiernaͤchst weil es offenbahr/ daß die Schoͤnheit des Leibes gar oͤffters mit der Schoͤn- heit der Seelen oder der Tugend nicht vereini- get ist; So koͤnnen wir zwar die Liebe schoͤ- ner und dabey tugendhaffter Leute eben nicht tadeln/ wir koͤnnen aber auch weder den Haß tugendhaffter aber heßlicher/ noch die Lie- be Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. be lasterhaffter/ aber dabey wohlgestalter Per- sonen fuͤr vernuͤnfftig ausgeben. 43. Und hierzu darff man eben keine allzu- grosse Weißheit/ zubegreiffen/ daß die Reitzung eines schoͤnen Angesichts oder eines schoͤnen Auges/ die alsobald auff die Leibes Vermi- schung dencket/ mehr viehisch als menschlich seyn. Denn der muß gewiß noch wenig von vernuͤnfftiger Liebe wissen/ der den Unterscheid zwischen den tadelnswuͤrdigen Feuer eines brennenden Auges/ und denen untadelhafften Strahlen eines sehnenden Auges/ das auff die Vereinigung der Seelen hauptsaͤchlich zielet/ nicht zu machen weiß/ und nur die Brunst die jenes erwecket/ niemahlen aber die keusche Flamme dieses letzteren gespuͤret hat. 44. Jch gebe wohl zu/ daß ein durchdrin- gend brennendes Auge das waͤchserne Hertze eines neuangehenden Tugend-Schuͤlers leichte zuschmeltzen werde; aber diese guten Leu- te muͤssen das durch die Weißheit und Tugend ausgehaͤrtete Hertz eines rechtschaffenen Philosophi nicht nach dem ihrigen rechnen. Das Gespraͤch des Socrates mit der Theodotæ bey dem Xenophon wird ihnen zeugen/ daß alle Pfeile eines in die Thorheit verliebten Weibes- Bildes an dem Hertzen eines weisen Mannes zuruͤcke prallen muͤssen. 45. Endlich so muͤssen wir auch den Trieb der zwischen beyderley Geschlecht ist/ Kinder mit M einan- Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen einander zu zeugen/ und den Trieb nach der Lust/ die mit diesem Werck verknuͤpfft ist/ nicht mit einander vermischen. Der Trieb Kinder mit einander zu zeugen/ so ferne derselbe ver- nuͤnfftig ist/ sol erst nach der Vereinigung der Gemuͤther folgen/ und auff nichts anders sein Absehen richten/ als daß zwey liebende Person- nen an denen Kindern allezeit etwas finden moͤ- gen/ davon sie sich der keuschen Vereinigung ihrer Seelen erinnern koͤnnen/ als in welchen dieselbe gleichsam von beyden Theilen concen- trir et worden. Und also trachtet dieser Trieb gantz nicht hauptsaͤchlich auff die Geniessung der Wohllust des Leibes. Aber man wird auch die- sen Trieb bey denen allerwenigsten Menschen antreffen/ weil die allerwenigsten Menschen ver- nuͤnfftig sind. 46. Was aber die allgemeine Neigung des menschlichen Geschlechts zu dieser Wohl- lust des Leibes anbelanget; So ist es zwar an dem/ daß ein Mensch nach seiner blossen Ver- nunfft/ wenn ihm die wahre Historie von dem ersten Fall unserer Eltern nicht bekandt ist/ wie wir allbereit erwehnet/ nicht klar und deutlich begreiffen koͤnne/ daß diese Neigung so gantz unvernuͤnfftig sey/ weil er sie bey allen Men- schen antrifft. Jedoch wird er in ihrer Betrach- tung auch genung finden/ warumb er sie nicht fuͤr gar zu vernuͤnfftig halten kan/ und wodurch er erkennet/ daß dieser Trieb nicht allemahl na- tuͤrlich sey. 47. Denn Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. 47. Denn indem er siehet/ daß dieser Trieb/ wenn er den Menschen starck antreibet/ dessen Gemuͤth dergestalt einnimt/ daß er eine Sache als das hoͤchste Gut betrachtet/ fuͤr der er doch bald hernach/ wenn diese Hitze ein wenig verrauchet ist/ einen rechtmaͤßigen Eckel uͤber- koͤmmt/ so kan er nicht anders schliessen/ als daß er so raisonabel nicht seyn koͤnne/ weil Vernunfft und Vernunfft einander nicht zuwider seyn. 48. Untersucht er hernach die Natur des menschlichen Coͤrpers/ so befindet er/ daß es zwar natuͤrlich sey/ daß das Kinder-Zeugen eine Wollust verursache; aber er befindet auch/ daß wie die Bestien mehrentheils des Jahres zu ei- ner gewissen Zeit diesen Trieb an sich befinden; also der Mensch mehr durch einen unvernuͤnffti- gen Gebrauch Speise und Trancks/ und durch Muͤßiggang und andere boͤse Gewohnheiten/ als durch seine Natur zu allen Zeiten des Jah- res eine Neigung hierzu bey sich erwecke. Und daß es gar natuͤrlich sey/ daß ein arbeitsamer/ wachsamer Mensch und der sich hitziger Speise und Trancks enthaͤlt/ bey weiten so einen star- cken Trieb zu dieser Wollust nicht bey sich spuͤre. 49. Bey dieser Gegeneinanderhaltung aber schliesset endlich ein weiser Mann/ daß eine ver- nuͤnfftige Liebe niemahlen auf die Vermischung des Leibes ihr hauptsaͤchliches oder auch gleichmaͤßiges Absehen richten muͤsse; ob sie M 2 gleich Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen gleich nicht allemahl die Leibes-Vermischung gar aus den Augen setzen kan/ und ob schon zu- weilen das Verlangen seinen Leib mit dem Leib der geliebten Person zu vermischen/ wenn es nicht hauptsaͤchlich sondern zufaͤllig ist/ eine vernuͤnfftige Liebe nicht unvernuͤnfftig macht. Denn bey einer unvernuͤnfftigen Liebe liebet man sich/ weil man die Leiber mit einander ver- mischet. Bey einer vernuͤnfftigen Liebe aber kan man wohl zuweilen, die Vermischung des Leibes verlangen/ weil man einander liebet. 50. Dieses letzte must du auff diese Weise verstehen. Wo zwey Seelen mit einander ver- einiget seyn/ muß aus zweyen Willen ein einiger werden/ und eine jedwede liebende Person mehr in der andern als in sich selbst leben. Dieses kan aber nicht geschehen/ wenn sie nicht beyde Wech- selsweise einander alles erdenckliche Ver- gnuͤgen/ das der Vernunfft nicht zuwieder ist/ zu wegen zu bringen trachten/ und einander alle Geheimnisse auch ihrer Schwachheiten (man muß aber die Schwachheiten nicht mit unvernuͤnfftigen Dingen vermischen) Wechsels- Weise entdecken. Denn wahre liebe leidet kein Geheimniß/ und wir werden zu seiner Zeit sagen/ daß ob wohl die Unverschamheit mit vernuͤnfftiger Liebe nicht bestehen koͤnne/ den- noch auch allzugrosse Schamhafftigkeit auch eine Anzeigung geringer Liebe sey. 51. Dero- Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. 51. Derowegen so ist ja auch bey vernuͤnff- tiger Liebe die Begierde der Leibes-Vermi- schung zwar kein wesentliches Stuͤck/ sondern nur ein noͤthig und nicht unvernuͤnfftiges Zeichen derselben wenn es unter i etztgesetzten Bedingungen und als ein blosses Zeichen ver- langet wird. Solchergestalt nun hast du nichts vorgebracht/ daß unsern Lehr-Satz zuwieder waͤre/ wenn du gesagt/ daß zwischen zweyen Personen unterschiedenes Geschlechts die Ver- einigung der Seelen oder des Willens ohne der Vereinigung der Leiber nicht vollkommen genennet werden koͤnne. Denn wir haben oben nur dieses behaupten wollen/ daß diese Liebe un- vernuͤnfftig sey/ wenn man alsobald bey derje- nigen Person auff die man mit seiner Liebe faͤl- let/ entweder zugleich oder wohl einig und allein auff die Vermischung des Leibes sein Absehen richtet. 52. Aber ich sehe wohl/ du freuest dich uͤ- ber dieser meiner Erklaͤrung/ und du bildest dir ein viel erobert zu haben/ wenn du deine Begierdẽ/ die du bey der Conversation mit Per- sonen von andern Geschlechte zuweilen bey dir befindest/ nur ohne Verletzung deines Gewis- sens stillen darffst/ es moͤge nun solches gesche- hen unter waßerley Betrachtung es wolle Denn du sprichst: es sey also/ du liebest nur ver- nuͤnfftige Personen/ du suchest hauptsaͤchlich dei- ne Seele mit der ihrigen zuvereinigen/ und du- M 3 trach- Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen trachtest nur nach der Vermischung des Lei- bes/ umb durch eine Mittheilung dieses Geheim- nisses destomehr Proben von der Zuneigung dei- ner Geliebten zu haben/ und sie mehr als dich zu vergnuͤgen. 53. Aber/ mein Freund/ frolocke nicht zu zeit- lich/ und betriege dich selbst nicht. Diese Be- trachtungen/ unter welchen wir die Begierde der Leibes-Vermischung vor unvernuͤnfftig und ver- nuͤnfftig ausgegeben haben/ sind nicht eitele Gril- len einer Scholasti schen Methaphysic, die du nach deinen Gefallen in denen Gemuͤths-Neigun- gen ordnen oder setzen koͤntest wie du woltest; sondern sie sind von der Sache selbst und von dem Unterscheid einer Bestialischen oder mensch- lichen Begierde hergenommen; und derowe- gen pruͤffe dich wohl/ ob deine Passion so be- schaffen sey/ als du von ihr aus giebest/ oder ob nicht darunter eine unvernůnfftige Liebe sich heimlich zu verbergen suche. 54. Findet sich diese deine Begierde allzu- zeitig/ eher du noch das Gemůthe der Person die du liebest/ recht genau untersuchet/ und ge- pruͤffet/ ob man dich von Hertzen oder aus inter- esse, aus Hochachtang oder aus einen geilen Absehen liebe/ zumahlen wenn die geliebte Per- son mit aͤusserlicher Schoͤnheit begabet ist/ so betriegest du dich/ wenn du dafuͤr haͤltest/ daß du hauptsaͤchlich deine Seele mit einer andern See- le zuvereinigen suchest. Es ist die Schoͤnheit o- der Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. der eine andere Beschaffenheit des Leibes die dich verliebt gemacht hat/ und deine Liebe ist sehr unvernuͤnfftig. 55. Gesetzt aber/ du trachtest zu erst nach der Vereinigung der Gemuͤther/ und du beredest dich/ daß du zufrieden seyn woltest/ wenn du nur der Hochachtung und vernuͤnfftigen Liebe eines tugendhafften Frauen-Zimmers das Ver- stand hat/ und nicht eben schoͤn ist/ versichert waͤ- rest. Pruͤffe dich wohl ob du dieser Beredung trauen duͤrffest. Denn die unvernuͤnfftige Lie- be pfleget sich auch unter diese prætext einzu- schleichen/ und suchet die Hertzen junger Leute unter der Larve einer vernuͤnfftigen Liebe zu be- truͤgen. Frag nur dein Hertze genau/ ob es werde zufrieden seyn/ und nichts mehrerers verlangen/ wenn es die unschuldige Vereini- gung/ nach der es Anfangs trachtet/ werde er- halten haben. 56. Ja untersuche auch hiernaͤchst/ wenn du gleich Anfangs nur nach der Bereinigung der Gemuͤther gestrebet/ und nach langet Zeit erst diese Begierde bey dir empfindest/ auch dir die- selbe als nur ein Verlangen die geliebte Person zu vergnuͤgen vorstellest; ob du nicht vielmehr dein eigenes Vergnuͤgen als daß ihrige/ auch deinen Willen wieder den ihrigen zu erfuͤllen trachtest. Vernuͤnfftige Liebe raubet auch nicht die geringste Gunst-Bezeugung mit Ge- walt/ oder gefaͤhrlicher Arglistiger Beredung M 4 son- Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen sondern sie suchet sie durch auffrichtige tugend- haffte Thaten und kleine Gefaͤlligkeiten zu verdienen/ und empfindet destomehr Vergnuͤ- gen/ je freywilliger die geliebte Person diese Dien- ste damit zu belohnen trachtet. Sie ist faͤhig umb das schoͤnste Weibes-Bild/ daß sie bruͤn- stig liebet/ nahe zu seyn/ und sie wieder ihren Willen nicht anzuruͤhren. Ja sie wuͤrde sich selbst/ die groͤste Gewalt anthun/ wenn sich die geliebte Person ihren Schutz unterwirfft/ ihre Schwachheit und daß sie denen Liebes-Rei- tzungen nicht laͤnger zu wiederstehen vermoͤgend sey/ bekennet/ aber daneben mit einen keuschen Vertrauen ihre Ehre zu beobachten ernstlich bit- tet/ eher sie sich unterfangen solte/ dieselbe durch die geringste Gewalt oder Mißbrauch des gegen sie gehabten Vertrauens zu kraͤncken. Da hingegentheil eine unvernuͤnfftige Liebe entw e- der den Begierden mit Gewalt/ oder durch ver- fuͤhrerische falsche Versprechungen/ oder er- dichtete Verzweiffelung zu stillen trachtet/ und durch eine entweder wahrhafftige oder erdich- tete Weigerung nur brennender gemacht wird/ auch sich es fuͤr eine Schande achten wuͤr- de/ wenn es diese gute Gelegenheit/ darinnen man sein Unvermoͤgen gestehet/ ferneren Wie- derstand zu leisten/ verabsaͤumen solte. Und wer diese edlen allhier beschriebenen Regungen bey sich niemahlen empfunden/ darff sich nur ge- wiß versichern/ daß er noch sehr tieff in der Bestia- litaͤt stecke. 57. Fer- Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. 57. Ferner/ ob du schon befindest/ daß du erst nach der Vereinigung der Seelen getrach- tet/ auch bey der geliebten Person selbst ein Ver- langen zu dieser letzten Liebes-Bezeugung spuͤrest/ und dieselbe selbst als ein Zeichen eines voll- kommenen Vertrauens begehrest; untersuche ja noch weiter: Ob dir denn diese Liebes-Pro- be von dieser Person zubegehren nicht etwa durch ein vernuͤnfftiges Gesetz verboten sey. Denn wir haben dieselbe oben nur in so weit fuͤr vernuͤnfftig ausgegeben/ weil die wah- re Liebe trachte der geliebten Person alles er- denckliche Vergnuͤgen/ daß der Vernunfft nicht zuwieder sey/ zu geben. Nun ist aber dasjeni- ge/ was den Gesetzen zuwieder ist unvernuͤnff- tig und so wenig eine Liebe vor vernuͤnfftig zu- halten ist/ wenn die andeꝛe Person ihr Vergnuͤgen darinnen suchte/ daß ich einen andern Menschen uͤmbraͤchte/ oder andere irraisonable Thaten be- ginge; so wenig kan man auch diese vor ver- nuͤnfftig ausgeben/ die die Leibes-Vermischung wieder die Gesetze als eine Liebes Probe ver- langet. So haben wir auch erwehnet/ daß man die Schwachheiten nicht mit unvernuͤnfftigen Dingen vermischen solle. Wenn die Gesetze es verbieten/ so wird dir kein Geheimniß einer allgemeinen menschlichen Schwachheit/ sondern eines Schelm-Stuͤckes anvertrauet/ ja du gar zu einẽ Mit- Consort en deßelbigen gemacht; Und eine vernuͤnfftige Liebe kan so dann nichts mehr M 5 thun/ Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen thun/ als durch andere unschuldige Liebes- Bezeugungen den geneigten Willen zu er- kennen zu geben/ die geliebte Person auch hier- innen zu vergnuͤgen/ wenn es die Gesetze zulies- sen: auch den schwaͤchern Theil durch ein gutes Exempel mit Liebe und Sanfftmuth staͤrcken/ daß es nicht von dem Weg gesunder Vernunfft auff einen Abweg gerathe. 58. Endlich wenn dir auch schon durch die Ge- setze nicht verbothen wird diese Liebes-Probe zu- geben oder zu nehmen/ so mustu dich doch auch pruͤffẽ/ ob du bey derselbẽ durch unflaͤtige Wor- te und Thaten diese Schwachheit mehr zu ver- groͤssern/ oder auff eine schamhafftige Weise derselben beyderseits dich zu entledigen trachtest. Es ist genug/ daß diese Schwachheit allen Men- schen gemein ist/ und dieselbe ist nur in so weit na- tuͤrlich/ als man sie bey dem gemeinen Triebe laͤst. Die Vermehrung derselben uͤberschreitet die Graͤntzen der Vertrauligkeit/ und die beyderseits einander schuldige Hochachtung; und verwandelt dieselbe in eine viehische Gemeinmachung uñ Ge- ringschaͤtzigkeit/ zumahl wenn man bey Entledi- gung dieser Schwachheit selbige durch unscham- haffte Worte und Thaten ohne Noth wieder zu erwecken sucht. 59. Dieses alles saget uns nun wohl die ge- funde Vernunfft von der Beschaffenheit ver- nuͤnfftiger Liebe; es ist aber zu betauren/ daß man den Unterscheid der vernuͤnfftigen und un- ver- Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. vernuͤnfftigen Liebe mehr unter verheyratheten und unverheyratheten Personen/ als unter diesen klaren und deutlichen Regeln suchet/ und solcher gestalt alle Liebe unverheyratheter Personen unterschiedenen Geschlechts fuͤr unzulaͤßlich/ alle Liebe aber Mannes und Weibes fuͤr zulaͤßlich und vernuͤnfftig ausgiebet/ da doch unverheyra- thete Personnen/ wenn sie die Gesetze nicht uͤber- treten/ und die Vrreinigung der Seelen haupt- saͤchlich intendir en/ einander gar vernuͤnfftig lie- ben koͤnnen/ von denen verheyratheten aber es lei- der! die allgemeine Erfahrung bezeuget/ daß viel Bestialische Lieben von ihnen veruͤbet werden/ und ein vernuͤnfftiger Mann/ der die allgemeine Boßheit ein wenig kennen lernen/ nicht ungegruͤn- deten Verdacht/ uͤberkoͤmmet/ daß es zuweilen in einen allgemeinen Huhrhause nicht so Bestialisch als in denen Ehe-Betten vernuͤnfftig und tugend- hafft seyn wollender Menschen herzugehen pflege. 60. Nachdem wir also bißhero verhoffentlich deutlich gewiesen/ worinnen die vernuͤnfftige Liebe des Menschen bestehe/ wird es nunmehro nicht schwehr seyn/ darzuthun/ das die vernuͤnfftige Liebe anderer Menschen das eintzige Mittel sey zu der wahren Gemuͤths-Ruhe zu gelan- gen. Denn dieses weiset nicht alleine dasjeni- ge/ was wir allbereit oben von der Natur des Menschen bewiesen haben/ daß er ohne einer friedlichen Gesellschafft nicht vergnuͤgt leben koͤn- ne/ und daß die Gemuͤths-Ruhe stetswehrend neue Das 4. Hauptst. von der vernuͤnfftigen neue Liebe wircke; sondern es giebet es auch die Beschreibung der Gemůths-Ruhe genug zu erkenen. Wir haben oben gesagt/ sie sey ein ru- higes Vergnuͤgen ohne empfindliche Freude und ohne Schmertzen. Nun sage mir eine einige Sache in der Welt/ darinnen du dieses ruhige Vergnůgen antreffen koͤntest als in der vernuͤnff- tigen Liebe anderer Menschen. Was fuͤr ein Vergnuͤgen ist dieser Liebe vorzuziehen? Was ist ruhiger? Alle Wollust/ Ehr- und Geld-Geitz muͤssen sich wegen ihrer bey sich fuͤhrenden Unru- he verkriechen. Welche Liebe ist ohne eine hůpffende Freude/ als diese? Und was fuͤr ein Vergnuͤgen ist endlich ohne Schmertzen/ als diese Liebe. Ja wo kan ein groͤsserer Schmertzen seyn/ als wo diese Liebe auffhoͤret/ und den Men- schen in Haß und Unfriede setzet/ woraus die groͤ- ste Unruhe und folglich auch das groͤste Ungluͤck entstehet. 61. Ja/ sagstu/ ich habe aber gleichwol gehoͤ- ret/ daß eine recht vernuͤnfftige Liebe nicht oh- ne Unruhe/ Schmertzen/ und darauff erfolgen- de empfindliche Freude seyn koͤnne; und daß die Eyffersucht und die kleine Zanckereyen die Probe und der Zunder einer vernuͤnfftigen Liebe sey. Alle Liebes-Buͤcher/ die von vernuͤnfftigen Autoren geschrieben/ bezeugen solches/ und der Mangel der Eyffersucht ist auch der Mangel der Liebe. Wo aber Eyffersucht ist/ da ist Unruhe und Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. und Schmertzen. Und die darauff folgende Versoͤhnung gibt eine empfindliche Freude. 63 Aber hierauff mustu wissen/ daß wir in unsere Sitten-Lehre keiner andern Richtschnur als der gesunden Vernunfft folgen/ und uns die Autori taͤt aller Liebes-Buͤcher nicht abschre- cken lassen/ zumahlen da diese Autores fast durch- gehends in Beschreibung vernuͤnfftiger Liebe noch mehr Jrrthuͤmer begehen. Unvernuͤnffti- ge Leute/ oder doch zum wenigsten die erst an- fangen nach der Gemuͤths-Ruhe zu trachten und derer Liebe sich nur erst ein wenig aus der Be- stialischen heraus zu reisen trachtet/ lieben auff diese unruhige Weise. Wo Eyffersucht ist/ da ist Mißtrauen/ und wo Mißtrauen ist/ da ist keine Vereinigung der Seelen/ auch folglich kei- ne wahre Liebe. Ein vernuͤnfftiger Mensch ist nicht mißtrauisch gegen sich und seine Tugend/ denn sonst waͤre er nicht vernuͤnfftig/ auch nicht gegen die Tugend der geliebten Person/ denn sonst solte er sie nicht æstimi ren/ und lieben. Wir werden unten zu seiner Zeit mit mehrern davon reden/ wenn wir die Natur der Eyffersucht etwas genauer untersuchen werden. 63. Und wenn gleich andere Gelehrte die wahre Gluͤckseeligkeit durch ein ander Mittel gesucht haben/ so haben sie sich doch nur ande- rer Worte bedienet/ oder aber ihre Meinung ist offenbahr falsch. Wir haben schon oben er- wehnet/ daß wir uns nicht einbilden koͤnnen/ daß jemah- Das 3. Hauptst. von der vernuͤnfftigen jemahlen ein Philosophus mit Ernst die groͤste Gluͤckseligkeit in einer viehischen Liebe der Wollust gesuchet habe/ ob man schon dieses dem Epicuro und Aristippo beymisset. Gleiches koͤnnen wir auch von der Ehre und Reichthum sagen/ weil diese Dinge allesamt kein ruhiges Vergnuͤgen geben/ das ohne empfindliche Freu- de und Schmertzen waͤre. 64. So haben wir auch einen mercklichen Vortheil/ wenn wir das Mittel die wahre Gluͤckseligkeit zu erlangen in der vernuͤnfftigen Liebe suchen/ als wenn wir uns hierzu des dun- ckeln und zweydeutigen Worts der Tugend bedienet haͤtten. Denn wir duͤrffen uns so dann nicht mit anderen Philosophen herum beissen/ ob wir dieses groͤste Gut per habitum oder actio- nem virtutis erlangen. Man muß Meister in der Liebe seyn/ und die Liebe ist nicht muͤßig/ sondern sie hat allezeit etwas zu thun. Zuge- schweigen daß bey Beschreibung der Tugend die dabey erforderte Mittel-Masse theils sehr dunckel/ theils vielen Zancke unterworffen ist. Aber die Liebe ist das rechte Maaß aller Tugenden/ und ohne dieselbe ist die Tugend tod. Ja wo Liebe ist/ bekuͤmmere ich mich umb keine Mittel-Masse. Z. e. wenn ich umb ein ei- teles Ehr-Ansehen mich auch einer geringen Ge- fahr/ der ich noch wohl gewachsen bin/ unter werffe/ bin ich mehr tollkuͤhne als tapffer; wenn ich aber aus Liebe meinen Freund zu ret- ten Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. ten/ mich in die groͤste Gefahr begebe/ und mein Leben druͤber lasse/ bin ich nicht tollkuͤhne sondern großmuͤthig. Wenn ich umb meinen Freunde gutes zuthun nach Ehren trachte/ bin ich nicht Ehrgeitzig/ und wenn ich ihm zu liebe hohe Ehrenstellen anschlage/ kan man mich keines niedertraͤchtigen Gemuͤths beschuldigen. Jn der Liebe kommen alle Tugenden viel besser zusammen/ als nach der gemeinen Rede in der Gerechtigkeit. Allzugerecht ist schon unver- nuͤnfftig; Aber man kan des Guten so wenig als der vernuͤnfftigen Liebe zuviel thun. 65. Aber ich hoͤre gleichsam von ferne einen Heuchler/ wider diesen unsern Lehr-Satz also seufftzen: Du elender Mensch/ was gedenckest du durch die vernuͤnfftige Liebe der Menschen die groͤste Gluͤckscligkeit zu erlangen. Die Liebe Gottes ist die groͤste Gluͤckseligkeit/ und ihr muß alle Liebe zu den Menschen auff- geopffert werden/ sie mag noch so vernuͤnfftig seyn als sie wolle. Und wie wolte demnach die Liebe der Menschen der eintzige Wegzur Gluͤck- seligkeit seyn? 66. Jedoch ist leichte hierauff zu antworten. Wie koͤmmt es doch mein Freund/ daß du die Liebe GOttes/ den du nicht siehest/ so sehr im Munde fuͤhrest/ und doch die Liebe des Men- schen/ der deiner Liebe taͤglich bedarff/ gantz aus deinen Hertzen verbannest. GOtt weiset dich nach den Trieb natuͤrlicher Vernunfft an die Liebe Das 4. H. von der vernuͤnfftigen Liebe der Menschen/ weil du nach deiner na- tuͤrlichen Erkaͤntniß keinen vernuͤnfftigern Got- tesdienst finden kanst/ als wenn du dein Hertze mit andern Menschen vereinigest. (wie wir oben schon erwiesen haben) Aber dieweil deine Boßheit von dieser Liebe GOttes nichts wis- sen wil/ machst du dir eine selbsterwehlte aus aͤußerlichen Ceremonien/ oder aus spitzfin- digen Gedancken einer eitelen Gelahrheit/ die dir nicht sauer ankoͤmmt. Und so wenig als du von der wahren Gemuͤths-Ruhe hast/ oder die- selbe erlangest/ so wenig wirst du auch dieselbe durch diese deine Schein-Liebe Gottes erlan- gen. 67. Jch bescheide mich ja. wohl/ daß eine Liebe GOttes sey/ der alle menschliche Liebe weichen muͤsse. Aber die gehoͤret zur Morale nicht/ sondern muß aus einer hoͤhern Schule hergeholet werden/ weil sie uͤbernatuͤrlich ist/ und nicht auff die zeitliche Gluͤckseeligkeit dieses Lebens/ sondern auff eine zukuͤnfftige/ davon die menschliche Vernunfft nach ihrer Swachheit nichts weiß/ gerichtet ist. 68. Endlich so wird auch unsere Lehre von denen wenig Anstoß leiden/ die gar zu liebreich seyn/ und in Erlangung der wahren Gluͤck- seeligkeit der Liebe anderer Menschen auch die Liebe des Viehes an die Seite setzen wollen. Wir haben schon oben gesagt/ daß die Liebe des Viehes unvernuͤnfftig sey/ wenn wir das Vieh wie Liebe anderer Menschen uͤberhaupt. wie die Menschen lieben wollen. Dem Ochsen gehoͤret ja wohl sein Futter/ aber es gehoͤren ihm auch Schlaͤge. Und der Gerechte erbarmet sich zwar auch seines Viehes/ weil er die wahre Gluͤck- seeligkeit schon besitzet. Denn die Liebe der Menschen ist die Maaße der Liebe gegen das Vieh/ und wer jene besitzet/ hat auch diese. Was ist denn noͤthig/ daß wir die Mittel der wahren Gluͤckseeligkeit ohne Noth haͤuffen solten? Das 5. Hauptstuͤck. Von der allgemeinen Liebe aller Menschen. Jnnhalt. Connexion n. 1. Es ist zweyerley Liebe/ eine allgemeine und absonderliche n. 2. weil die Gleichheit der Men- schen zweyerley ist (1) eine allgemeine/ daß sie alle Men- schen sind n. 3. das ist/ daß sie gleichen Vortheilen/ und gleichen Schwachheiten der menschlichen Natur un- terworffen sind. n. 4. daß sie einander gleichen Scha- den thun/ und gleichen Vortheil schaffen koͤnnen. n. 5. (2) eine absonderlich/ die vielerley ist. n. 6. Wenn alle Menschen tugendhafft waͤren/ waͤre kein Unter- scheid unter der allgemeinen und absonderlichen Liebe. n. 7. Jene gruͤndet sich in der allgemeinen Gleichheit n. 8. und ist viel mehr ein Mangel des Hasses als eine Liebe. n. 9. Unter denen absonderlichen Gleichheiten sind etliche/ als die Gleichheit des Alters/ Standes u. s. w. so beschaffen/ daß sie oͤffters der Grund eines Hasses sind. n. 10. Die Ungleichhet des Geschlechtes befoͤr- N dert Das 5. Hauptst. von der allgemeinen. dert vielmehr die Liebe als daß sie sie hindern solte. n. 11. Daß die Gleichbeit der Gemuͤths-Neigungen bey zwey Wohlluͤstigen/ Ehrgeitzigen nur auff das hoͤchste eine Schein-Liebe verursache. n. 12. 13. Die eintzige Gleichheit der Tugend-Neigung macht eine wahrhaff- tige Liebe. n. 14. Unterscheid der allgemeinen und ab- sonderlichen/ Schein- und wahrhafftigen Liebe. n. 15. Unterscheid zwischen der allgemeinen Liebe ei- nes Weisen und unweisen Mannes. n. 16. Die allge- meine Liebe ist die Richt-Schnur der absonderlichen n. 17. Man sol keinen Menschen hassen/ ob man schon mit seinem Freunde auch dessen Feinde gemein haben muß. n. 18. Man darff auch nicht einmahl die Jrren- den und Lasterhafften hassen. n. 19. Die allgemeine Liebe bestehet aus 5. Tugenden. n. 20. Deren ( I ) ist die Leutseeligkeit. n. 21. derer Dienste ein jed- weder jederman erweisen muß. n. 22. Unterscheid zwischen solchen allgemeinen Diensten und Guttha- ten n. 23. muß in den Umstaͤnden/ die den Geber be- treffen/ gesucht werden. n. 24. Wegen der Leutseelig- keit darff man nicht danckbahr seyn. n. 25. Man kan niemand zur Leutseeligkeit/ Gutthaͤtigkeit und Danck- barkeit zwingen n. 26. wiewohl eine andere Ursache sol- ches bey der Leutseeligket n. 27. 28. eine andere bey der Gutthaͤtigkeit und Danckbarkeit zu wege bringet/ n. 29. Liebe kan den geringsten Zwang nicht vertragen n. 30. Etliche Bezeugungen gehoͤren bald zu der Leut- seeligkeit/ bald zu der Gutthaͤtigkeit. n. 31 32. Jn was fuͤr Faͤllen man einen ausserordentlich durch Zwangs- Mittel zur Leutseeligkeit anhalten koͤnne. n. 33. 34. ( II ) Die Wahrhafftigkeit. n. 35. Die Nothwen- digkeit des Versprechens unter den Menschen n. 36. und daß man sein Versprechen halten muͤsse. n. 37. Was eigentlich ein Versprechen heisse. n. 38. Dasjeni- ge ist kein Versprechen/ worzu mich der andere durch oͤffentlich unrechte Gewalt gezwungen hat. n. 39. Unter- Liebe anderer Menschen Unterschiedene Meynungen hieruͤber und deren Be- antwortungen. n. 40.–45. Was eigenlich erfordert werde/ daß man dergleichen Versprechen nicht halten duͤrffe. n. 46. Grosser Unterscheid zwischen einen Feind/ Strassen-Raͤubern und Auffruͤhrer. n. 47. Wir seynd auch Strassen-Raͤuber ausser dem Fall der uns ange- thanen Gewalt unser Versprechen zu halten schuldig. n. 48. Man muß auch Ketzern das Versprechen halten. n. 49. 50. Was nicht in unsern Vermoͤgen ist/ doͤrffen wir nicht halten. n. 51. Uuterscheid zwischen den zwey- en bißher erzehlten und zweyen folgenden Tugenden. n. 52. ( III ) Die Bescheidenheit n. 53. Keine Un- gleichheit unter denen Menschen kan die Bescheiden- heit auffheben. n. 54. Zwischen der Bescheidenheit und Demuth ist ein grosser Unterscheid. n. 55. Die Vernunfft weiß nichts von der Demuth. n. 56. ( IV ) Die Vertraͤgligkeit. n. 57. Jhre Nothwendig- keit/ allgemeiner Nutzen und Leichtigkeit. n. 58. ( V ) die Gedult. n. 59. wie diese von denen vier ersten Tugenden unterschieden. n. 60. Nach denen Regeln der strengen Gerechtigkeit kan der Beleidiger keine Gedult von uns prætendi ren n. 61. auch nicht nach den Regeln der Vertraͤgligkeit/ Wahrhafftigkeit und Be- scheidenheit. n. 62. Sondern wir sind nach den Regeln der Liebe darzu verbunden. n. 63. Und thut nichts zur Sache/ daß man anfuͤhret: Wer geliebet seyn wil muß erst lieben. n. 64. Denn dieses ist mehr fuͤr uns n. 65. und uͤber dieses sind wir die Gedult nicht so wohl dem Beleydiger/ als dem gantzen menschlichen Geschlecht und uns selbst schuldig. n. 66. Denn anfaͤnglich ver- bindet uns die allgemeine Gleichheit der menschlichen Natur dazu. n. 67. 68. Hernach haͤlt man zwar insge- mein dafuͤr/ daß der Krieg das wahre Mittel sey unse- re Gemuͤths-Ruhe zu erhalten und Friede zu machen n. 69. aber es ist offenbahr falsch/ besage der Beschrei- bung des Kriegs n. 70. eben so unvernuͤnfftig als N 2 wenn Das 5. Hauptst. von der allgemeinen wenn ich sagen wolte/ der Haß sey ein Mittel/ Liebe zu erwecken. n. 71. Kan die Liebe nicht Friede machen/ so kan es der Krieg viel weniger. n. 72. Obj. wil er nicht so muß er. Jch wil ihn mit Gewalt zur raison bringen. n. 73. Resp. Vernunfft kan nicht durch Ge- walt znrechte gebracht werden. Liebe leidet keinen Zwang. Der andere haͤlt nicht stille/ sondern braucht Gegen-Gewalt n. 74. und stehet also dahin/ ob deine oder seine Gewalt den Sieg davon tragen werde. n. 75. Der Sieg falle wohin er wil/ so macht er keinen Frie- de. n. 76. So wenig als die Balger durch die Duelle satisfaction kriegen. n. 77. Sieget der Beleidigte/ was fuͤr Versicherung hat er/ daß der andere werde Friede halten? weder sein Versprechen n. 78. noch sein Furcht kan ihn versichern. n. 79. noch sein Tod. n. 80. Sieget der Beleydiger so heist es Patience par force n. 81. also ist es ja besser: Patience par amour. n. 82. Derowegen ist die Gedult das eintzige Mittel Friede zu erhalten. n. 83. indem so lange kein Krieg sein kan als der Beleydigte Theil nicht bricht. n. 84. Obj. das ist kein Friede/ darinnen ich mich alle Augen- blick befahren muß/ man werde meine Gemuͤths-Ru- he stoͤren/ und von kleinen Beleydigungen biß zu den groͤsten steigen. n. 85. Resp. n. 86. Durch Beraubung meins Vermoͤgens und Beschimpffungen kan die Ge- muͤths-Ruhe nicht gestoͤret werden. n. 87. 88. Wie- wohl die meisten Kriege deshalben gefuͤhret werden n. 89. Hiernechst treibet des Beleydigten Gedult den Beleydiger niemahls an mit seinen Beleydigungen sortzufahren. n. 90. er sey nun genereux n. 91. oder Ehrgeitzig n. 92. oder Geldgeitzig n. 93 oder Wohl- luͤstig n. 94. oder grausam n. 95. oder furchtsam. n. 96. Denn ein Furchtsamer wird grausam wenn man ihn beleydiget. n. 97. Furcht und Gedult ist zweyer- ley. n. 98. Ein Gedultiger ist nicht schuldig zu kuͤnffti- ge Beleydigungen auszustehen. n. 99. Und also ist er auch wider irraisonable Leute sicher/ die wegen seiner Gedult Liebe anderer Menschen. Gedult ihn kuͤnfftig beleydigen wollen. n. 100. Diese Lehre von der Gedult macht nicht alleine tugendhaffte/ sondern auch galante, artige und Weltkluge Leute. n. 101. 102. Zu der Gedultkan man niemanden zwingen. n. 103. Unterscheid zwischen der Gerechtigkeit und Liebe. n. 104. Die Leutseligkeit und Gedult sind die vornehm- sten Stuͤcke der Tugend. n 105. Wie ferne die Beschei- denheit/ Wahrhafftigkeit und Vertraͤgligkeit zur Ge- rechtigkeit und Liebe gehoͤren. n. 106. 107. Andere Nah- men obiger 5. Tugenden. n. 108. 1. N Achdem wir im vorhergehenden Haupt- stuͤck von der vernuͤnfftigen Liebe ande- rer Menschen uͤberhaupt zur Gnuͤge ge- redet/ muͤssen wir auch nunmehro die absonder- lichen Arten dieser vernuͤnfftigen Liebe/ oder viel- mehr derselben wesentliche Stuͤcke betrachten. 2. So ist demnach anfaͤnglich die vernuͤnffti- ge Liebe anderer Menschen zweyerley: Die all- gemeine und die absonderliche Liebe. Jene gehet auff alle Menschen/ diese auff etliche inson- derheit. Beyde sind vernuͤnfftig/ und muͤssen dannenhero in der Vereinigung des Willens be- stehen/ und weil alle Liebe auff eine Gleichheit sich gruͤndet/ so muß auch bey beyden eine Gleich- heit der Gemuͤther præsupponi ret werden. Die- weil aber nicht nur die Gleichheit/ sondern auch die daraus entstehende Vereinigung der Ge- muͤther von unterschiedner Natur und Graden ist; Als ist auch zwischen diesen beyderley Liebes- Arten ein mercklicher Unterscheid. N 3 3. Denn Das 5. Hauptst. von der allgemeinen 3. Denn es ist anfaͤnglich eine allgemeine Gleichheit/ die man bey allen Menschen antrifft/ sie moͤgen seyn von was Stand/ Alter und Na- tion sie wollen. Diese Gleichheit bestehet in der menschlichen Natur/ und kan durch kei- ne Ungleichheit/ sie moͤge Nahmen haben wie sie wolle/ auffgehoben werden. Sondern bindet den maͤchtigsten Koͤnig und den aͤrmsten Bettler/ den groͤsten Heiligen und den verdamtesten Ke- tzer/ den gelehrtesten Mann und den unver- staͤndigsten Bauer zusammen/ und verdienet wohl/ daß wir sehen/ aus was fuͤr Theilen diese Gleichheit bestehet. 4. Alle Menschen werden auff gleiche Weise gezeuget und gebohren/ sie koͤnnen ohne Essen und Trincken/ Kleider und Wohnung ihr Leben nicht erhalten; der Uberfluß der Speise und Tranck wird bey einem wie bey dem andern zu ftinckenden Unflath. Sie sind alle denen Kranckheiten unterworffen und muͤssen ster- ben/ und der Tod machet sie alle gleich. Jst gleich einer verstaͤndiger und tugendhaffter als der andere/ so haben sie doch alle gleiche capaci- taͤt weise und tugendhafft zu werden; und zu glei- cher Weise als ein Weiser in seiner Weißheit sich vergehen oder derselben durch Kranckheit berau- bet werden kan/ ein tugendhaffter aber vielen Schwachheiten unterworffen ist; also kan auch ein Unweiser und Lasterhaffter sich bessern. Die goͤttliche Vorsehung welches unvernuͤnfftige Leu- te Liebe anderer Menschen. te das blinde Gluͤck nennen/ spielet mit ihnen auff gleiche Weise/ und erhebet bald einen Bett- ler/ daß er reich und maͤchtig wird/ bald aber stuͤr- tzet sie den maͤchtigsten Koͤnig in die aͤußerste Ar- muth und Verachtung. Endlich haben alle Men- schen weil sie gleicher Weise unter Gott sind/ und der elendeste Mensch sich von Gott gleicher Lie- be als der vornehmste zu versehen hat; sich auch gleiches Recht bey ihm zu versichern/ und muß fuͤr diesem Thron auch der allerhochmuͤthigste fuͤr die geringste Beleidigung/ die er dem allerge- ringsten Menschen anthut/ gleiche Rechen- schafft geben/ und gleicher Straffe gewaͤrtig seyn. 5. Wilstu noch diese Gleichheit beyfuͤgen/ daß alle Menschen verderbet sind/ und daß der arm- seligste/ kraͤnckeste tummeste Mensch/ den vortref- lichsten/ staͤrckesten und verschlagensten/ wo nicht mit offenbahrer Gewalt/ doch mit List/ den groͤ- sten Schaden thun koͤnne; kan ich es zwar wohl leiden; aber diese Gleichheit gehoͤret nicht hieher/ weil sie keine Ursache der Liebe/ sondern des Hasses ist. Erwege vielmehr/ wenn du noch et- was hinzu setzen wilst/ daß in Gegentheil auch der elendeste Mensch zuweilen dem maͤchtigsten und vortrefflichsten Manne die groͤsten Dienste thun kan. 6. Neben dieser allgemeinen Gleichheit der Menschen gibt es noch eine andere absonderli- che/ die nicht bey allen Menschen/ sondern nur N 4 bey Das 5. Hauptst. von der allgemeinen bey etlichen anzutreffen ist. Zwar dieselbe ist sehr unterschiedlich und von vielerley Art. Eine andere Gleichheit ist die Gleichheit des Alters des Geschlechts/ des Standes/ des Vermoͤ- gens/ der Profossion, der Landes-Art/ der Ge- muͤths-Neigungen/ des Verstandes u. s. w. doch ist keine unter allen so sehr und wohl in der Natur gegruͤndet/ als die Gleichheit derer/ die nach der wahren Weißheit und Tugond/ oder nach der groͤsten Gluͤckseligkeit trach- ten/ oder die dieselbe schon wuͤrcklich besitzen/ weil GOtt den Menschen zu diesen Ende gemacht hat/ und also sein warhafftiges Wesen und Na- tur darinnen bestehet. 7. Waͤren alle Menschen in diesem letzten Stuͤck einander gleich/ wie sie billig seyn solten/ so waͤre kein Unterscheid zwischen der vernuͤnffti- gen allgemeinen und absonderlichen Liebe/ son- dern die gantze Welt/ waͤre ein Hertz und eine Seele zusammen/ und besaͤssen also insgesambt die wahre Gluͤckseligkeit. Nachdem aber leider offenbahr/ daß in diesem Stuͤck die Menschen ungleich/ und die meisten einer naͤrrischen Weiß heit ergeben sind/ und ihr Gemuͤthe in Unruhe se- tzen/ die wenigsten aber eine rechtschaffene Be- gierde zur wahren Gluͤckseligkeit haben; als hat nothwendig ein Unterschied unter der Verei- nigung der Gemuͤther bey der allgemeinen und absonderlichen Liebe entstehen muͤssen. 8. Jn Liebe der Menschen. 8. Jn der allgemeinen Gleichheit wie wir sie erklaͤret haben/ gruͤndet sich die allgemeine Liebe/ die alle Menschen mit einander in so weit verbindet/ daß sie einander gleichmaͤßig tracti- ren/ und einer dem andern/ er sey wer er wolle/ das jenige erweise/ was er in gleichen Faͤllen von ihm erwiesen haben wolte. 9. Gleichwie aber dieses gantze Capitel zei- gen wird/ daß diese Gleichheit der Gemuͤther sich nicht sehr weit erstrecke/ sondern der geringste Grad derselben sey/ auch mehr ein Mangel des Hasses und Vermeidung der Gemuͤths-Unruhe als eine wahre Gemuͤths-Ruhe und Liebe zu nennen sey/ indem selbige auff gewisse Art auch unter denen unvernuͤnfftigen Thieren anzutreffen ist; Also weiset auch die taͤgliche Erfahrung/ daß die absonderlichen Gleichheiten unter denen Menschen eine viel staͤrckere Vereinigung ver- ursache/ die viel staͤrckere Wirckung hat/ und also den Titel der Liede in diesen Ansehen mehr verdienet. 10. Jedoch ist unter denen obenangefuͤhrten absonderlichen Gleichheiten der Menschen auch in Betrachtung derer daraus herruͤhrenden Ver- einigungen ein mercklicher Unterscheid. Die Gleichheit des Alters/ Standes/ Vermoͤ- gens/ der Profession, der Landes-Art/ des Ver- standes/ wenn sie nicht mit der Gleichheit der Tugend und Weißheit vergesellschafftet sind/ sind entweder nur der Grund einer Schein Liebe/ N 5 oder Das 5. Hauptst. von der allgemeinen oder wohl ja so leichte der Grund eines unge- gruͤndeten Hasses als Liebe. 11. Was das Geschlecht betrifft/ so ist bil- lig zu bemercken/ daß die Ungleichheit dessel- ben eintzig und alleine unter denen Ungleichhei- ten diejenige ist/ die nicht nur an der Liebe nicht hinderlich ist/ sondern vielmehr dieselbe verursa- chet/ oder in einen groͤssern Grad zum wenigsten zu wege bringet. Nicht nur unter Leuten die ein- ander unvernuͤnfftig lieben/ sondern auch un- ter unvernuͤnfftigen Menschen; indem nicht al- leine diese Zuneigung/ die der Mensch mit denen Thieren gemein hat/ Leib mit Leib zu vermengen/ solches zu wege bringet/ sondern auch/ wenn man von derselben abstrahi ret/ viel ein groͤsseres Ver- trauen/ Ehrfurcht/ und Weichhertzigkeit unter Personen beyderley Geschlechts/ als unter denen von einerley Geschlechte durch einen natuͤr- lichen Trieb zu seyn pfleget. Daß man also hieraus klaͤrlich siehet/ man muͤsse die Gleich- heit die der Grund der Liebe ist nicht so wohl in aͤußerlichen Dingen suchen/ als wie das Ge- schlechte ist/ als in der innerlichen Zuneigung/ welche der Natur nach bey ungleichen Geschlech- te gleich ist. 12. Endlich so viel die Gleichheit der Ge- muͤths-Neigungen betrifft. So lieben sich zwar wolluͤstige und Ehrgeitzige Gemuͤther den Scheine nach unter einander/ aber Geld- geitzige lieben niemand/ und werden wieder von nie- Liebe anderer Menschen. niemand/ auch nicht von denen/ die ihn gleich sind/ nur zum Scheine geliebet. Die Ursache wol- len wir schon zu seiner Zeit bey Erklaͤrung dieser Gemuͤths-Neigungen eroͤrtern. 13. Jedoch ist es unmoͤglich/ daß unter Wol- luͤstigen und Ehrgeitzigen eine rechtschaffene be- staͤndige Liebe und Vereinigung der Gemuͤther seyn koͤnne/ sondern es ist nur eine Schein-Lie- be/ die sich anstellet/ als wenn sie der geliebten Person vergnuͤgen suchte/ in der That aber ihr selbst eigenes zu wege zu bringen trachtet/ und also eines das andere zu hintergehen bemuͤhet ist. 14. Jm Gegentheil ist es unmoͤglich/ daß die Gleichheit der Tugend-Neigung nicht solte eine bestaͤndige Liebe machen/ weil sie die Men- schen antreibet/ auff beyden Theilen umb die Wette eines das andere vernuͤnfftiger Weise zu vergnuͤgen/ welches die wahre Vereinigung der Seele ist/ und also ist diese Gleichheit eintzig und alleine der Grund der absonderlichen Liebe/ denn es ist ohnmoͤglich/ daß tugendhaffte Leute einander hassen koͤnnen. So gar daß wenn diese Gleichheit verhanden/ die andern Ungleich- heiten/ des Alters/ Standes/ Vermoͤgens/ der Profession, der Landes-Art/ des Verstandes/ und des Mols/ Nationen an wahrer auffrichtiger Freundschafft nichts hindern. 15. Und also bestehet die Vereinigung der Gemuͤther in der absonderlichen Liebe/ so fer- ne dieselbe von der allgemeinen entschieden ist/ darin- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen darinnen/ daß man sich in dieser bemuͤhet/ ein- ander gutes zu thun/ da man in jener nur besor- get waͤre einander nicht zu schaden und wider- umb bestehet der Unterscheid zwischen der abson- derlichen warhafftigen und Schein-Liebe darinnen/ daß in jener die Gutthaten wahr- hafftig/ in dieser aber dieselbigen nur Schein- Gutthaten sind/ welches wir unten schon zu sei- ner Zeit mit mehrern erklaͤren wollen. 16. Jedoch wird es nicht vergebens seyn/ wenn wir auch einen Unterschied in der allgemeinen Liebe zwischen der Schein-Liebe und warhaff- tigen Liebe machen. Ein Unweiser thut des- wegen allen Menschen insgemein auch dem Scheine nach nicht viel zu gute/ weil er nicht von allen einen Vortheil hofft/ oder weil er befin- det/ daß ihm nicht alle anstehen wegen unterschie- dener Ungleichheiten. Aber ein Weiser/ der kei- nen Vortheil bey andern sucht/ waͤre bereit allen gutes zu thun/ und sich mit allen rechtschaffen zu vereinigen/ wenn man nur seine Liebe anneh- men wolte und nicht von sich stiesse/ oder wenn man nur nicht von ihm an statt wahrer Guttha- ten unnuͤtzliche Dinge begehrte. 17. Ob nun aber wohl die absonderliche ver- nuͤnfftige Liebe wegen gedachter Ursachen viel vortrefflicher ist als die allgemeine Liebe/ in dem sie diese recht vollkommen machet/ und die wahre Gemuͤths-Ruhe zuwege bringet/ welches der Mensche in der allgemeinen Liebe nicht finden kan. Liebe anderer Menschen. kan. So kan man doch die allgemeine Liebe auff gewisse Maasse eine Richt-Schnur der abson- derlichen Liebe nennen/ so ferne diese der ersten nicht darff zuwieder seyn/ in dem die erste gleich- sam der Weg zu der andern ist/ und derjenige der andere Menschen hasset/ nicht capabel ist andere zu lieben/ weil der Haß eines einigen Menschen der menschliche n Natur zuwieder ist/ sintemahl keine Ungleichheit des menschlichen Ge- schlechts ihrer Natur nach so viel wuͤrcken kan/ daß ein Mensch den andern deswegen hassen solte. 18. Es ist ja wohl andem/ daß die absonder- liche Freundschafft die Gemuͤther und Willen auff das genaueste verbindet/ und ein Hertz und eine Seele aus zweyen Leibern macht; und dannenhero scheinet es auch/ daß ich mit mei- nem Freunde auch seine Freunde und Feinde gemein haben muͤsse. Aber daraus solget noch lange nicht/ daß ich andere Menschen haben muͤste. Denn mein Freund kan wohl Feinde haben/ aber er muß deswegen keines Menschen Feind seyn/ weil er/ wie wir bald mit mehrern erweisen wollen/ seine Feinde mit Ge- dult uͤberwinder muß. 19. Wie? sprichst du: Sol denn zum wenig- sten der Jrrthum und Laster nicht eine solche grosse Ungleichheit verursachen/ daß ein wei- ser und tugendhaffter Mann lasterhaffte und ir- rende Leute nicht hassen solte? Allerdings nicht mein Das 5. Hauptst. von der allgemeinen mein Freund. Hast du schon vergessen/ daß wir erwehnet/ die Gleichheit der menschlichen Natur in der sich die allgemeine Liebe gruͤndet/ koͤnne durch keine Ungleichheit auffgehoben werden. Hast du des gemeinen Sprichworts vergessen: der Laster Feind/ der Person Freund. Ein wei- ser Mann erzuͤrnet sich nicht uͤber die Jrrenden und Lasterhafften/ sondern er erbarmet sich vielmehr uͤber sie und betauret sie/ weil er siehet/ daß sie sich das groͤste Ungluͤck auff den Halß laden. 20. Nun wollen wir die absonderliche Liebe biß zu seiner Zeit ein wenig aussetzen/ und die all- gemeine Liebe etwas genauer betrachten. Es begreifft aber dieselbe eigentlich fůnff andere Tugenden unter sich; die Leutseeligkeit/ Wahrhafftigkeit/ Bescheidenheit/ Ver- traͤgligkeit/ Gedult. Alle fuͤnffe kommen da- rinnen mit einander ůberein/ weil sie sich in der allgemeinen menschlichen Natur gruͤnden/ und man dieselbigen gegen jederman erweisen muß/ gleich wie man dieselbigen wider von jeder- man gewaͤrtig ist. So bestehen auch diese Tu- genden alle fuͤnffe mehr da r innen/ daß man an- dern nichts zu leide thue oder etwas hartes er- weise/ als in Bezeugung einer gutthaͤtigen Liebe. 21. Die Leutseeligkeit ist eine Tugend/ die den Menschen antreibet/ allen Menschen die dessen von noͤthen haben/ mit allen de- nen Dingen/ die er nicht hoch æstimir et/ oder derer Liebe anderer Menschen. derer Mittheilung ihm nicht sauer ankoͤmmt beyzustehen/ und einen Gefallen zu erwei- sen. Z. e. wenn ich vergoͤnne/ daß man bey mei- nem Liecht ein ander Liecht anzuͤnde/ aus meinen Brunnen Wasser schoͤpffe/ in meinen Garten spatzieren gehe/ daß ich mein Buch einem andern leihe/ einem Jrrenden den rechten Weg zeige/ daß ich von meinen Uberftuß kleine Allmosen ge- be/ u. s. w. 22. Alle diese Dinge sind so beschaffeu/ daß ein jeder Mensch/ er sey so maͤchtig/ tugendhafft/ weise/ vermoͤgend als er wolle/ dieselben oder de- rer etliche von noͤthen habe; und ob es schon ge- wiß ist/ daß er derselbigen in der That von allen Menschen nicht erfordern werde/ oder daß alle Menschen in der That dieselbigen nicht von ihm fordern werden/ so weiß er doch nicht wer dieje- nigen kuͤnfftig seyn moͤchten/ derer Huͤlffe er/ oder sie der seinigen in diesen Stuͤck von noͤthen haben moͤchten; massen denn der allerelendeste Bet- ler oder ein Kerl der jetzo in Japan ist/ in et- lichen Jahren heraus kommen und mir einen der- gleichen gefallen erweisen kan. Und dannen- hero erfordert die Gleichheit der menschlichen Duͤrfftigkeit/ daß ein jeder einem jeden derglei- chen Dienste erweise. 23. Es sind aber dieselbigen an sich selbsten so beschaffen/ daß weil sie in denen Dingen be- stehen/ die man nicht hoch achtet/ oder die einem nicht sauer ankommen/ man auch die Leistung der- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen derselbigen nicht fuͤr Gutthaten oder Liebes- Dienste ausgeben kan/ sondern man wuͤrde den- jenigen/ der dieselbigen andern nicht erweisen wolte/ ob man ihn schon fuͤr keinen ungerech- ten und bestraffungs wuͤrdigen Mann schelten koͤnte/ dennoch gewiß fuͤr einen harten/ unbarm- hertzigen Unmenschen halten. 24. So bestehet demnach der Unterscheid un- ter solchen allgemeinen Diensten und denen Gutthaten nicht in der Groͤsse oder Kleinigkeit des Nutzens/ den die Person davon hat/ der man dieselbigen leistet/ sondern bloß in denen Umb- staͤnden/ die den Geber betreffen/ ob er dieselbi- ge mit seiner Beschwerung thue oder nicht. Also wenn man einen Menschen/ den die Fluth an das Land geschmiffen umbstuͤrtzet/ daß das Wasser wider von ihm gehen/ und er wider zu sich selbst kommen kan/ ist es keine Gutthat/ ob man schon dadurch einen Menschen das Leben er- haͤlt. Wenn man aber mit Gefahr seines eige- nen Lebens in das Wasser springt den andern zu retten/ so gehoͤret es billich unter die Guttha- ten. Wiederum/ wenn ich mit Hindansetzung meiner noͤthigen Geschaͤffte einem Jrrenden den Weg zeige/ oder wenn ein armer dem an- dern auch nur einen Scherff Allmosen giebt/ ist es kein gemein officiun humanitatis, sondern ei- ne Gutthat. 25. Hieraus fliesset ein anderer Unterschied/ daß gleichwie bey der absonderlichen Liebe aus Lei- Liebe aller Menschen. Leistung der Gutthaten bey demjenigen der die- selben empfaͤhet/ eine andere Tugend/ in Danck- barkeit entstehet: also man wegen allgemeꝛner Dienste der Leutseeligkeit/ von dem andern kei- ne Danckbarkeit fordern koͤnne/ eben deshal- ben/ weil uns dieselben nicht sauer ankommen sind. 26. Hierinnen aber ist eine Gleichheit zwischen denen Officiis humanitatis und denen Guttha- ten/ daß man weder zu jenen noch zu diesen/ so wohl auch zu der Danckbarkeit keinen Menschẽ zu zwingen pflege. Ja daß wenn man gleich zu der Leutseeligkeit/ Gutthaͤtigkeit und Danck- barkeit jemand zwingen wolte/ (wie denn auff gewisse Maasse in denen Gesellschafften/ darinnen ein Ober-Herr ist/ dieser seine Unteren gar wohl zu denen Leistungen dieser Tugenden nach Gele- genheit der Sachen und Umbstaͤnde zwingen kan) dennoch so dann die aus einen Zwang herruͤhren- de Leistungen/ eben deswegen weil sie nicht frey- willig sondern gezwungen geschehen den Nahmen der Leutseeligkeit/ Gutthaͤtigkeit und Danckbar- keit verliehren wuͤrden. 27. Jedoch ist hiebey nicht zu laͤugnen/ daß die Ursachen/ wegen welcher man nach Anleitung der gesunden Vernunfft niemand zu einer von die- sen dreyen Tugenden zwingen kan/ dennoch unter- schieden seyn/ und solcher gestalt dennoch ein mercklicher Unterscheid zwischen der Leutsee- ligkeit an einem und am andern Theile zwischen O der Das 5. Hauptst. von der allgemeinen der Gutthaͤtigkeit und derselben correspondi- renden Danckbarkeit billig zu beobachten sey. 28. Denn was die Leutseeligkeit betrifft/ so haben wir oben erwehnet/ daß die allgemeine Lie- be mehr ein Mangel eines Hasses/ als eine wahr- hafftige Liebe zu nennen sey. Und weil sie dem- nach in nichtes mehr als in schlechten und gemei- nen Bezeigungen bestehet/ die einem nicht sauer ankommen/ oder die ohne einigen Nachtheil unse- rer Guͤter geleistet werden koͤnnen/ und sich in der allgemeinen Gleichheit der menschlichen Natur gruͤnden/ auch von allen und jeden Menschen zu erwarten stehen/ so hat eben diese Gleichheit und Geringschaͤtzigkeit derer Dienste in Ansehen des Gebers erfordert/ daß man zu denenselben niemand zwingen solle/ damit diese allgemeine Lie- be destomehr dadurch erkennet und bey andern gleichergestalt angefeuret werde/ wenn man der Schamhafftigkeit anderer Menschen einig und alleine die Bezeugungen der Leutseeligkeit uͤber- liesse. Ja es wuͤrde auch eben diese Gleichheit der menschlichen Natur groͤblich verletzet werden/ wenn man einigen Menschen darzu zwingen wol- te. Man erwartet ja dieselbigen ohne Unter- scheid von allen Menschen/ indem sie alle wegen ihrer menschlichen Natur darzu verpflichtet sind. Wolte man aber nun unter dem gantzen mensch- lichen Gesehlechte nach seinem Gefallen einen Menschen fuͤr den andern sich aussehen an den man sich zu halten gedaͤchte/ und wolte von ihm durch Liebe aller Menschen. durch Zwang diese Leutseeligkeit ohne eine abson- derliche Zusage/ oder eine andere special Ursache erpressen/ so wuͤrde man ja gantz offenbarlich den- selben aus dem Stand der Gleichheit dadurch se- tzen/ und ihn andern Menschen ungleich ma- chen. 29. Was aber die Gutthaͤtigkeit und Danckbarkeit betrifft/ so weiset das Wesen einer wahrhafftigen Liebe/ zu welcher auch dieselbigen gehoͤren/ gantz klar und deutlich/ daß ob schon dieselbige nur auff diejenigen ihr Absehen richtet/ die in gegenwaͤrtigen verderbten Zustande andern ungleich sind/ und mit denen Liebenden fuͤr andern nach der wahren Gemuͤths-Ruhe trach- ten/ auch solcheꝛgestalt die im voꝛigen Paragrapho angefuͤhrte Gleichheit hieher nicht gebracht wer- den kan; dennoch auch hierinnen kein Zwang zu- gelassen werden koͤnne/ weil ohnmoͤglich eine Liebe seyn kan/ wo auch nur der geringste Zwang vorgehet. 30. Solte ja jemand dieser Satz uͤber- Verhoffen etwas frembde oder zwetffelhaffte vorkommen/ der wolle nur auff diese Erfahrung seines eigenen Hertzens ein wenig zu ruͤcke gehen. Hat er jemahlen geliebet/ und nur im geringsten Grad eine vernuͤnfftige Weichhertzigkeit darbey befunden/ so wird er bekennen muͤssen/ daß gleich wie bey ihm auch nur die schlechteste Liebes- Bezeigung ein grosses Vergnuͤgen erwecket/ wenn er erkennet/ daß selbige aus einen guten O 2 Hertzen Das 5. Hauptst. von derallgemeinen Hertzen hergeruͤhret/ also auch in Gegentheil die nachdruͤcklichsten Caressen mehr einen Eckel als Vergnuͤgen verursachet/ wenn er wargenommen daß dieselbigen auff ein particular Interesse der Person/ die ihn dieselbigen erwiesen/ gezielet/ ge- schweige denn wenn er haͤtte sehen sollen/ daß die- selbigen ihm mit einen Wiederwillen oder gar aus Zwang gegeben worden/ worvon wir viel- leicht unten mit mehren Gelegenheit zu reden fin- den werden. 31. So wird es auch fuͤglicher geschehen/ daß wir biß dahin eine andere Betrachtung verspa- ren. Daß es nehmlich gewisse Bezeugungen gebe/ die nach Gelegenheit der U mbstaͤnde bald zu denen allgemeinen Liebes-Bezeigungen/ bald a- ber zu absonderlichen Gutthaten gebracht wer- den koͤnnen/ nachdem nemlich dieselben entweder ohne Verdruß und Muͤhe des Gebers oder mit derselben vergesellschafftet seyn. 32. Hieher gehoͤren unterschiedene Fragen die von denen Rechts-Lehrern pflegen eroͤrtert zu wer- den. Ob dieses fuͤr eine Entziehung der allge- meinen Liebes-Bezeigungen zu halten sey/ wenn einer dem andern (1) den freyen Durchzug durch sein Land/ oder (2) die freye Durch fuhre aller- hand Kauff-Waaren/ oder (3) die Erlassung der sonsten gewoͤhnlichen Zoͤlle/ oder (4) die Anlaͤn- dung an sein Land/ oder (5) die Beherbergung/ oder (6) die voͤllige Auffnahme auch derer die aus ihrem Lande durch Ungluͤck sich weg zu machen ge- noͤthi- Liebe aller Menschen. noͤthiget sind/ oder (7) die Gemeinschafft im Han- del und Wandel/ oder (8) die freye Heyrath ver- saget? worvon wir auch allbereit anderswo un- sere Meinung etwas ausfuͤhrlicher von uns ge- schrieben. 33. Vor jetzo wollen wir nur noch diese An- merckung beyfuͤgen/ daß gleichwohl etliche/ wie wohl gar rare Faͤlle entstehen koͤnnen/ in welchen ein Mensch auch durch Zwang-Mittel dahin gehalten werden kan/ daß er die allgemeinen Lie- bes-Bezeigungen anderen Menschen erweise/ wenn nemlich folgende Umstaͤnde vorhanden sind. (1) Wenn des andern seine Beduͤrffniß so groß ist/ daß er ohne Leistung dieser Leutselig- keit verderben wuͤrde/ (2) daß er dieselbe von kei- nem andern Menschen/ so wohl als von uns zu hoffen hat/ und (3) daß wir nicht in gleicher Noth mit ihm stecken. 34. Z. e. Wenn zwey Menschen die einander nichts anders als wegen der allgemeinen mensch- lichen Natur verwand sind/ durch Ungluͤck an ei- nen wuͤsten Orth verschmissen werden/ und einer davon von seinem eigenen Gute so viel aus dem Schiffbruch rettet/ dadurch er so wohl sein eigen als des andern sein Leben erhalten kan. 35. Lasset uns dannenhero nunmehro zur Warhafftigkeit als der andern Tugend der allgemeinen Liebe wenden. Durch die Wahr- hafftigkeit verstehe ich allhier diejenige Tugend/ nach welcher wir schuldig sind das Verspre- O 3 chen Das 5. Hauptst. von der allgemeinen chen/ das wir allen Menschen/ sie moͤgen seyn wer sie wollen/ gethan haben/ treu und un- verbruͤchlich zu halten. 36. Es ist leicht abzunehmen/ daß das mensch- liche Geschlecht ohne diese Tugend/ und das Ver- sprechen/ welches dieselbe præsupponi ret/ nicht hat/ die allgemeine Gemuͤths-Ruhe erhalten koͤnnen/ weil die Lutseligkeit/ und die daher entste- hende Dienst-Bezeigungen nicht alleine zulaͤng- lich ist/ daß die Menschen alle diejenigen Dinge derer sie von einander benoͤthiget sind/ vermittelst derselben erweisen koͤnnen/ weil nicht allein der Zu- stand des jenigen von dem man etwas begehret/ zum oͤfftern dergestalt beschaffen ist/ daß er entwe- der die Sache/ oder den Dienst/ den man von ihm verlanget/ oder zum wenigsten den Werth dersel- ben selbst vonnoͤthen hat/ oder daß er die Sache nicht alsobald leisten kan/ oder weil der Zustand dessen/ der etwas von dem andern haben wil/ also bewandt ist/ daß es sich nicht fuͤglich schickt/ dasje- nige/ was er von dem andern begehret/ umsonst und ohne Entgeld von ihm annehme/ oder weil die Sache die man begehret gar zu kostbahr ist/ als daß man sie als einen schlechten Liebes-Dienst verlangen koͤnne. Zugeschweigen/ daß wenn ein- mahl ein Zwiespalt und Krieg unter den Men- schen entstanstanden/ derseibige durch nichts an- ders als durch Wechselweiß gethanes Verspre- chen gehoben/ und also wiederumb Friede ge- macht werden kan. 37. Die- Liebe aller Menschen 37. Dieweil demnach der Endzweck aller Versprechungen dahin zielet/ daß ein Mensch dadurch dem andern sich vollkoͤmmlich zu ver- pflichten trachtet/ der ihm sonst/ wie wir allbeteit erwehnet/ aus der Tugend der Leutseeligkeit un- vollkommen/ und ohne zulaͤnglichen Zwang ver- bunden waͤre/ auch die Natur des menschlichen Geschlechts also beschaffen ist/ daß alle und jede Menschen ordentlich faͤhig seyn/ durch derglei- chen Versprechungen sich mit einander zu verbin- den; als ist offenbahr/ daß die allgemeine Ruhe und die Gleichheit der menschlichen Natur erfordere/ daß ein jeder das gethane Versprechen zu halten schuldig sey. 38. Gleichwie es sich aber von sich selbst ver- stehet/ daß man keine Treue und Glauben von keinen Menschen prætendir en koͤnne/ wenn kein Versprechen vorhergegangen; also ist unsers Thuns nicht/ alhier weitlaͤufftig zu untersuchen/ was denn zu dem Wesen eines rechten Ver- sprechens eigentlich gehoͤre/ in dem diese Lehre mehr zu der Rechts-Gelahrheit/ als zu der Sit- ten-Lehre gehoͤret/ wir auch oben allbereit gesagt haben/ daß die Liebe/ von der wir hauptsaͤchlich hier reden/ sich weiter erstrecke/ als die strengen Regeln der Gerechtigkeit/ und endlich uͤber dieses/ wie wir schon anderswo ausfuͤhrlich erwiesen haben/ bey der Gerechtigkeit man einen grossen Unterscheid unter demjenigen machen muß/ was das Recht der Natur/ und die buͤrgerlichen par- O 4 ticu- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen ticular Gesetze der Menschen zu den Wesen derer pactorum erfordern. Jedoch gibt es kuͤrtzlich die gesunde Vernunfft/ daß dasjenige eigentlich fuͤr ein zu der Tugend der Warhafftigkeit-gehoͤriges Versprechen zu halten sey/ wenn ein Mensch mit Wissen und Willen dem andern das jeni- ge was in seinem Vermoͤgen ist zu geben oder zu thun zugesaget hat. 39. Solchergestalt aber ist gantz offenbahr/ daß man dasjenige fuͤr keine Treubruͤchigkeit halten koͤnne/ wenn man demjenigen/ der durch eine offenbahrlich unrechte Gewalt uns zur Zusage gezwungen hat/ die Leistung dessen was man ihm auff diese Weise versprochen hat/ versaget/ wiewohl die Gelehrten in diesem Stuͤck sehr unterschiedener und wiederwaͤrtiger Mey- nung zu seyn pflegen. 40. Der beruͤmte Grotius ist zwar der Meinung/ als ob aus einer dergleichen Zusage der versprechende Theil gehalten sey/ sein Ver- sprechen zu erfuͤllen/ weil die ihm eingepraͤgte Furcht nicht verhindere/ daß man nicht von ihm sagen koͤnne/ er habe sein Versprechen nicht mit Wissen und Willen gethan/ hingegentheil sey aber auch der Gewaltthaͤtiger verbunden/ dem jenigen/ so Gewalt gelitten/ die dißfalls ausgepre- ste Sache wiederum zuzustellen/ weil er freylich durch die zugefuͤgte Gewalt ihn groͤblich beleidi- get habe/ und dannenhero ihm billig dieserwe- gen satisfaction zu geben schuldig sey. Von wel- Liebe aller Menschen. welcher Meinung auch das Roͤmische Recht nur in wenigen abweicht/ indem dasselbige fast aus eben dem Grunde demjenigen/ der derglei- chen Gewalt veruͤbet/ zwar eine Klage und action vergoͤnnet/ aber dabeneben auch dem Ge- gewaltleidenden eine Ausflucht und Exception, durch welche er sich von der gestellten Klage be- freyen koͤnne/ vergoͤnstiget. 41. Wiederumb andere als schon vor laͤngst Cicero, und nach ihm der hochgelehrte Herr von Pufendorff halten dafuͤr/ daß in diesem Fall derjenige/ den man gewaltthaͤtiger weise zum Versprechen gezwungen habe/ nicht schuldig sey dasselbige zu halten/ theils weil man in denen Versprechungen nicht alleine darauff sehen muͤs- se/ ob einer mit Wissen und Willen etwas ver- sprochen habe/ sondern ob auch der andere dem dieses Versprechen ge schehen/ solches aus dem Recht der Natur anzunehmen befugt sey/ theils auch weil die Verbuͤndligkeit des versprechen- den Theils (wenn ja allen Falls deren eine in diesem Fall erwachsen seyn solte) durch des an- dern seine Schuld/ Krafft deren er verpflichtet ist/ wegen des geschehenen Unrechts dem ersten ge- nung zu thun/ gleichsam compensi ret/ und auff gehoben werde. 42. Wider diese Meinung hat ein gelehrter Mann unserer Zeit in einem Buͤchlein/ daß er von Verpflichtung der Menschen die aus der Re- de entstehet/ geschrieben/ die Dritte zu vertheidi- O 5 gen Das 5. Hauptst. von der allgemeinen gen gesucht/ daß nemlich ein Mensche allerdings schuldig sey sein dißfalls gethanes/ durch Gewalt erpreßtes Versprechen zu halten/ indem derjenige/ so die Gewalt veruͤbet/ zwar in Veruͤbung dersel- ben unrecht gethan/ aber gleichwohl dadurch nicht verhindert worden das gethane Verspre- chen anzunehmen/ und dannenhero daraus ein Recht erhalten die versprochene Sache einzutrei- ben. So koͤnne auch hierinnen keine Compen- sation statt finden in Ansehen vielmehr davor zu halten sey/ daß der versprechende Theil gleichsam bey dem Versprechen sich des Rechts/ daß er sonst gehabt haͤtte/ die mit Gewalt erpreßte Sache wieder zu fordern/ oder Satisfaction deshalben zu begehren/ sich stillschweigend begeben habe. 43. Bey dieser Uneinigkeit aber so vieler ge- lehrten Leute/ scheinet der Ungrund der ersten Meynung gar handgreifflich zu seyn/ indem es ja eine blosse und unnuͤtze Subtilit aͤt waͤre/ wenn ich fragen wolte/ der Gewaltthaͤter haͤtte Macht die versprochene Sache zu begehren/ er muͤste aber solche also fort dem Gewaltleidenden wiederge- ben/ zugeschweigen/ daß nach denen Roͤmi- schen Rechten der Unterscheid/ ob einer gar kei- ne Klage anstellen koͤnne/ oder ob man ihm eine zugelassen/ die aber von dem Beklagten durch ei- ne zulaͤngliche Ausflucht elidir et worden/ keinen andern Nutzen gehabt/ als vor diesem das Ambt des Stadt-Schulteißen und des Unterrichters zu unterscheiden. 44. Un- Liebe aller Menschen. 44. Unter denen uͤbrigen beyden aber ist die mittelste die beste. Denn es ist offenbahr/ daß alle Verpflichtung und Schuldigkeit ur- spuͤnglich aus dem Willen des Gesetz-Ge- bers herruͤhre/ und daß also auch das Verspre- chen nur ein Mittel sey/ durch welches das Ge- setz uns verpflichtet. Wer wolte aber nun wohl sagen/ daß GOtt/ der so ernstlich verbietet/ daß man dem andern keine Gewalt und Unrecht an- thun solle/ dem Gewaltthaͤter einige Macht wol- le zulassen/ aus einen solchen gewaltsamen Ver- sprechen ein Recht zu erhalten/ und daß er den gewaltleidenden Theil denjenigen zu gut/ der wi- der das Gesetze gehandelt/ verbinden wolle. 45. Solchergestalt aber kan man leichte auff die Ursachen der dritten Meinung antwor- ren. Denn wenn der Gewaltthaͤter unrecht thut/ indem er den andern zu den Versprechen zwinget/ so thut er auch unrecht/ wenn er dieses Versprechen accepti ret/ und daraus ein Recht erlangen wil. So ist auch gantz nicht davor zu halten/ daß der Gewaltleidende sich durch das Versprechen seines Rechts/ allenfalls zu com- pensi ren/ begeben habe/ theils weil ohne dem die Verzeihung seines Rechts nicht leichte præsumi- ret werden/ und gantz kein Umstand hierbey ist/ daraus man solches schliessen koͤnte/ theils auch weil aus obangefuͤhrter Ursache der Gewalt- Thaͤter eben so wenig diese Verzeihung (wenn sie Das 5. Hauptst. von der allgemeinen sie schon ausdruͤcklich geschehen waͤre) als das Versprechen selbst accepti ren doͤrffte. 46. Damit man aber unsere Meinung de- sto besser verstehen moͤge/ so erfordern wir/ daß es (1) gewiß sey/ daß derjenige/ der uns durch Gewalt zum Versprechen zwinget/ nicht Fug und Macht gehabt habe solches zu thun/ (2) daß es eine Gewalt sey/ die uns eine gegenwaͤr- tige und grosse Gefahr drohet/ fuͤr welcher sich auch ein rechtschaffener Mann zu entsetzen pfleget/ und die wir anderer Gestalt nicht fuͤg- lich als durch dieses Versprechen haben loß wer- den koͤnnen. (3) Daß wir das aus Furcht ge- thane Versprechen weder mit Worten noch Wercken/ nach dem diese Furcht vorbey gewesen/ wiederholet oder gut geheissen haben. 47. Bey dieser Bewandniß aber ist gantz offen- bahr/ daß man einen grossen Unterscheid ma- chen muͤsse/ ob man einen Feinde/ der uns durch Krieg uͤberwunden/ oder einem Strassen- Raͤuber etwas aus Furcht unser Leben zu ver- liehren/ versprochen haben/ und daß man nicht einmahl einen Auffruͤhrer und Verraͤther/ der seinen Fuͤrsten zu einen Versprechen zwinget/ mit einem Strassen-Raͤuber vergleichen koͤnne/ wie wir solches allbereit anderswo ausgefuͤhret. 48. Ja es weisen noch uͤber dieses diese drey Bedingungen/ daß auff gewisse Maasse auch ein Strassen-Raͤuber selbst nicht ausgeschlos- sen werde/ daß er sich dieser allgemeinen Tugend nicht Liebe aller Menschen. nicht zu troͤsten haͤtte/ wenn man nehmlich mit ihm einen Contract schliest ohne Zwang/ oder wenn der Zwang vorbey ist. Denn es kan von dieser allgemeinen Liebe/ als wir schon offt er- wehnet kein Mensch ausgeschlossen werden. 49. Und ist dannenhero eine gantz unvernuͤnff- tige und lieblose Lehr/ wenn man verthaͤydigen wil/ daß man denen/ die in dem Christenthum ei- ne irrige Meynung von GOTT und goͤttlichen Dingen haben/ die man Ketzer zu nennen pfle- get/ keine Treu und Glauben halten solte. Denn es wird durch dieselbige bey nahe dieses hoͤchst- noͤthige Band des menschlichen Geschlechts gantz und gar auffgehoben. Jst man denen Ketzern deshalben keinen Glauben zu halten schuldig/ weil sie eine irrige Meynung von GOtt haben/ und erkennen doch die Heilige Schrifft fuͤr GOttes Wort; so wuͤrde man vielmehr denen Juͤden und Heyden wegen eben dieser Ursache keine. Treu und Glauben halten duͤrffen/ weil sie gleichfalls irrige Meynung von GOTT hegen und die Schrifft nicht einmahl oder doch nicht voͤllig vor GOttes Wort halten/ und also wuͤrde Treue und Glauben nur zwischen Leuten von ei- ner Religion gelten/ ja nicht einmahl zwischen denenselben/ weil keine Secte, und in derselben kei- ne Provin tz ja fast keine Stadt ist/ in welcher nicht diejenigen/ die sich zu einer Secte bekennen von andern Gelehrten derselben Secte bey diesen letz- ten Zancks vollen Zeiten in der Lehre von goͤttli- chen Das 5. Hauptst. von der allgemeinen chen Dingen abweichen/ die Gegner verketzern/ und als ob sie in schaͤdlichen Jrrthuͤmern staͤcken/ ausschreyen. 50. Zudem so gruͤndet sich die Wahrhafftig- keit in der allgemeinen menschlichen Natur/ wel- che/ wie wir oben erwehnet/ bey allen Menschen/ die auch/ es moͤge seyn von was fuͤr Dingen es wolle/ unterschiedene Meynungen haben/ gleich ist/ und also auch eine gleiche Obligation und Verpflichtung wuͤrcket. Zugeschweigen/ daß gleich wie wir uns nicht vergewissern koͤnnen/ daß wir nicht derer Ketzer ihrer allgemeinen Dienste der Leutseeligkeit solten benoͤthiget seyn/ also auch wir eben so wenig der Ketzer entbehren koͤnnen/ daß wir nicht ihr Versprechen von ihnen anneh- men solten. Und wie es uns nun wohl gefaͤllet/ wenn die Ketzer uns ihr Versprechen halten; also wuͤrde eine grosse Ungleichheit erfolgen/ wenn wir ihnen das unsrige nicht wider halten solten. Zudem so waͤre es sehr irraisonabel, wenn wir vorwenden wolten/ es halte uns von Haltung unsers Versprechens der elende Zustand des andern ab/ der ein Ketzer ist/ da doch eben dieser elende Zustand uns zuvorhero nicht ab- gehalten/ sein Verspechen von ihm anzuneh- men/ oder ihm auff unserer Seiten etwas zuver- sprechen. 51. Endlich wenn wir oben erwehnet haben/ daß die Wahrhafftigkeit als denn erst statt ha- he/ wenn man etwas zugesagt hat/ daß in un- sern Liebe aller Menschen. sern Vermoͤgen ist/ so verstehet es sich gar leichtlich/ daß hierzu zweyerley erfvrdert werde/ erstlich daß die Sache oder die Thatunsere na- tuͤrliche Kraͤffte nicht betreffe. Zum an- dern/ daß uns auch durch die Gesetze dieselbe nicht verboten oder entzogen sey. Und also koͤn- nen wir uns nicht verbinden (1) unmoͤgliche/ (2) unzulaͤßliche Dinge zu halten/ vielweniger von an- derer Leute (3) ihren Sachen oder (4) Thaten etwas versprechen/ wie wir denn auch aus eben der Ursache (5) unser eigenes Thun und Lassen/ das schon andern verpflichtet ist/ nicht von neuen an andere versprechen koͤnnen/ welches alles so wohl von denen Rechtsgelehrten hin und wider/ als auch von uns selbst anderswo albereit aus- fuͤhrlich erklaͤret worden. 52. Die Leutseeligkeit und Wahrhaff- tigkeit/ die von denen wir bißhero gehandelt/ treiben den Menschen an/ daß er andern Men- schen gleiches erweise/ was er von ihnen gewaͤr- tig ist/ die folgenden zwey Tugenden abet/ nem- lich die Bescheidenheit und Vertraͤgligkeit zeigen ihm/ daß er alles Thun und Lassen dar- aus eine Ungleichheit entstehen koͤnte/ unter- wegen lassen solle/ nemlich daß er weder sich mehr zu eigne als ihm gehoͤret/ wohin ihm die Bescheidenheit weiset/ noch dem andern an dem was ihm gehoͤret einigen Schaden zufuͤ- ge/ welches die Vertraͤgligkeit haben wil. 53. Die Das 5. Hauptst von der allgemeinen 35. Die Bescheidenheit ist eine Tugend/ die den Menschen antreibet/ daß er allen Menschen/ sie mo̊gen seyn von was Stande sie wollen/ freundlich und als Menschen/ die in diesen Stuͤck seines gleichen sind/ bege- gnet/ sie gleiches Recht mit sich geniessen laͤst/ und sich nicht mehr hinaus nimmt/ als ihme von Rechtswegen gebuͤhret. 54. Denn ob schon der unter denen Men- schen eingefuͤhrte Unterscheid der Staͤnde und des Vermoͤgens/ nebst dem Unterscheid des Verstandes und Willens Ursache einer großen Ungleichheit ist/ so hebet sie doch die Bescheiden- heit nicht auff/ in dem ein weiser Mann die Un- bestaͤndigkeit des menschlichen Gluͤcks be- trachtet/ daß ein geehrter/ reicher/ gesunder und gelehrter Mann bald geringe/ arm/ ungesund und seines Verstandes beraubet/ und im Gegentheil ein Mensch/ der in diesen letzten Zustand lebet/ in jenen wieder versetzt werden koͤnne/ auch der Jrrthuͤmer und Lasterhafften Thorheiten sich er- innert/ die er zuvor begangen/ und in die er wie- der gerathen kan/ hingegen aber von dem an- dern hoffet/ er werde sich ja so leichte bessern als er selbst. Diese Betrachtung erwecket bey ihm diese Wuͤrckung/ daß er sich keinen Menschen vorziehet/ sondern der Meynung ist/ daß alle Menschen sich so wohl ihres freyen Willens be- dienen koͤnnen als er selbst. Denn der Gebrauch des freyen Willens ist das einige/ das der Mensch Liebe aller Menschen. Mensch fuͤr das seinige halten/ und nachdem der Gebrauch vernuͤnfftig oder unvernuͤnfftig ist/ sich hochachten oder verachten kan. 55. Man muß aber diese Bescheidenheit nicht mit der Demuth vermischen. Beyde kommen zwar darinnen uͤberein/ daß sie den Menschen antreiben/ daß er sich nicht hoͤher hal- te als andere Menschen; aber darinnen bestehet der Unterscheid/ daß die Bescheidenheit den Menschen dahin anweiset/ das er andere Men- schen als seines gleichen betrachtet/ oder wenn es hoch koͤmmt/ ihnen wegen eines von den Men- schen eingefuͤhrten Unterscheids eine aͤusserliche Ehr-Bezeugung/ als wenn er sich ihnen geringer halte/ erweiset; aber die Demuth fuͤhret ihn dahin/ daß er sich auch innerlich geringer halte als andere Menschen/ und diese seine Selbst-Ver- kleinerung allenthalben/ wo es Gelegenheit giebt/ durch aͤusserliche und mit dem Hertzen correspon- diren de Thaten bezeuge. 56. Woraus dieses noch ferner folget/ daß die Vernunfft an und vor sich nicht weiter gehe/ als worzu die Bescheidenheit den Menschen ver- pflichtet. Von der Demuth aber kan sie nichts gegruͤndetes begreiffen/ weil sie bey sich selbst keine Ursache findet/ warum ein Mensch sich selbst geringer halten solte als einen andern Menschen/ sondern es gehoͤret die Er- kaͤntniß dieser Tugend fuͤr eine hoͤhere Gelahr- heit/ indem dieselbe nicht Menschen sondern P Chri- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen Christen macht/ und wenn ein Philosophus noch so viel von der Demuth schwatzt/ so erstrecket sich doch die ses alles nicht weiter/ als daß er der natuͤrlichen Bescheidenheit den Nahmen der Demuth giebet. 57. Die Vertraͤgligkeit ist eine Tugend/ die den Menschen antreibet/ daß er allen anderen Menschen das ihrige in Fried und Ruhe geniessen lasse/ und ihnen an ihren Guͤtern so wohl des Leibes als des Gluͤcks keinen Schaden thue/ oder sie derselben auf einige Weise beraube; oder wenn ja allen Falls hierwieder etwas aus Vorsatz oder aus versehen geschehen/ die Sache nebst allen verursachten Schaden erstatte/ oder sonsten annehmliche Satisfaction leiste. 58. Diese Tugend ist hoͤchst nothwendig/ weil die Verletzung derselben den allgemeinen Friede und Ruhe am meisten verstoͤret/ indem die wenigsten Menschen vertragen koͤnnen/ daß man ihnen das ihrige entziehet/ ob sie schon son- sten nicht ungedultig wuͤrden/ wenn man ihnen die allgemeinen Dienste der Leutseligkeit ver- sagte/ oder sein Versprechen nicht hielte/ oder sich viel einbildete; Sie gehet alle Menschen an weil niemand ist/ an den ich mit einiger gegruͤn- deten Ursache prætendi ren koͤnte/ daß ich ihn sei- ne Guͤter nehmen oder verderben duͤrffte/ es muͤ- sten denn dieselbe auch auff gewisse Maaße mein seyn. Endlich ist auch leichte/ und koͤmmt Liebe aller Menschen. koͤmmt mich nicht sauer an/ weil ich in Ubung derselben keine grosse Muͤhe haben darff/ in dem sie mehr darinnen bestehet/ daß ich nichts/ als daß ich etwas thue. 59. Nun ist die Gedult noch uͤbrig. Diese ist eine Tugend die die Menschen antreibet/ daß sie denen andern Menschen die die allge- meine Liebe nicht wohl in acht genommen/ sondern vielmehr wieder die bisher erzehl- ten vier Tugenden entweder aus Vorsatz oder aus Versehen angestossen/ ihre Belei- digung aus allgemeiner Liebe verzeihen/ und sich solchergestalt auch der nach denen natuͤrlichen Rechten zugelassenen Mittel freywillig/ wegen des allgemeinen Friedens begeben. 60. So siehest du demnach bald anfaͤnglich/ daß die Gedult von denen vier ersten Tugen- den/ darinnen unterschieden sey/ daß jene den Menschen unterrichten/ wie er sich gegen die/ die ihm die allgemeine Liebe erweisen/ oder doch zum wenigsten ihm dieselbe noch nicht entzogen/ verhalten solle. Diese aber erinnert ihn/ was er gegen die jenigen/ die jene 4. Tugenden nicht in acht genommen haben/ thun solle. 61. Zwar wenn wir nach denen strengen Re- geln der Gerechtigkeit die Sache betrachten wollen/ so weiset es die gesunde Vernunfft/ daß derjenige/ der die 4. ersten Tugenden gegen uns nicht ausuͤbet/ sich uͤber uns nicht beschweren P 2 koͤnne/ Das 5. Hauptst. von der allgemeinen koͤnne/ als ob ihm unrecht geschaͤhe/ wenn wir ihm hinwiederum keine Leutseeligkeit/ Wahr- hafftigkeit/ Bescheidenheit und Vertraͤgligkeit erweisen; Denn mit was Recht wolte derjenige prædendir en/ daß andere Menschen ihm dasjeni- ge erweisen/ was er doch an seinen Orte ihnen versaget/ zumahlen da obbesagte vier Tugenden in der Gleichheit der menschlichen Natur sich gruͤnden/ und solcher Gestalt eine Ungleichheit wuͤrde eingefuͤhret werden/ wenn gottlose Leute sich unvernuͤnfftiger Weise ein Recht hinaus naͤhmen/ andere zu beleidigen/ und hernach diese dahin anweisen wolten/ daß man ihnen nicht glei- ches mit gleichen vergelten solle. 62. So weiset auch dasjenige/ was wir ab- sonderlich von der Vertraͤgligkeit erwehnet/ (daß derjenige/ so einen andern einigen Scha- den erwiesen/ schuldig sey ihm denselben zu er- statten) daß er von dem Beleidigten die Gedult nicht als ein ihm zukommendes Recht fordern koͤnne/ weil sonsten die Pflicht den gegebenen Schaden zu erstatten/ keine Wuͤrckung haben wuͤrde/ wenn der andere von Rechtswegen ge- dultig seyn muͤste. Eben dieses kan man auch von dem sagen/ der sein Versprechen nicht ge- halten/ und sich gegen einen andern in hohen Grad unbescheiden erwiesen/ und denselben schimpflich tractir et. Dann weil auch in diesen Stuͤck die Wahrhafftigkeit und Bescheidenheit denselben verbinden/ dem beleidigten Theil Sa- tisfaction Liebe aller Menschen. tisfaction zu thun/ so kan er vor diesen wiederum die Gedult nicht als ein ihm zukommendes Recht fordern. 63. Aber das ist es eben/ was wir oben ge- sagt haben/ daß ein grosser Unterscheid zwischen der Gerechtigkeit und Liebe sey/ und also ha- ben wir allhier ein mercklich Exempel/ daß uns die Liebe zu etwas verbinden koͤnne/ darzu wir von Rechtswegen nicht angehalten werden koͤnten/ und das es nicht allemahl ver- nunfftig sey/ allzugerecht zu seyn/ oder seines Rech- tes sich allzugenau zu bedienen. 64. Jch bescheide mich ja wohl/ daß es ein alt Sprich-Wort sey: Si vis amari, ama, Wilt du geliebet seyn/ so fange erst an und liebe andere/ und also scheinet es zwar nach dem er- sten Ansehen/ daß auch nach den Regeln der Liebe/ derjenige der uns nicht liebet/ sondern vielmehr allen Haß und Verdrieß erweiset/ von uns nicht prætendi ren koͤnne/ daß wir ihm aus Liebe sein Verbrechen verzeihen und Gedult mit ihm haben solten. Aber wenn wir die Sache etwas schaͤrffer uͤberlegen/ werden wir bald se- hen/ daß uns auch dieses Sprichwort nicht im Wege stehe. 65. Denn wir koͤnnen es gleicher Gestalt auch fuͤr unsere Meinung anfuͤhren. Eben des halben sollen wir gedultig seyn/ damit wir kuͤnfftig auch von dem/ der uns beleidiget hat/ geliebet werden/ wenn wir ihm durch die Ge- P 3 dult Das 5. Hauptst. von der allgemeinen dult unsere Liebe anfangen zu bezeigen/ oder ihm durch dieselbe als durch eine der ungemeinesten Proben unsere Bestaͤndigkeit in der Liebe ver- sichern. 66. Zu dem folget es nicht/ dieser oder je- ner hat sich meiner Liebe unwuͤrdig gemacht/ deshalben bin ich ihn zu lieben nicht verbun- den. Jch laß es seyn/ daß man diesen Satz in der absonderlichen Liebe auff gewisse Maaße brauchen koͤnne/ wiewohl auch disfalls noch viel wuͤrde zu bedencken seyn. Aber in der allge- meinen Liebe wird er nicht gelten koͤnnen. Denn bey dieser koͤnnen wir wohl das jenige/ was wir einen Menschen in Ansehen seiner selbst nicht schuldig seyn/ uns ihm zu leisten verpflichtet er- kennen/ in Ansehen unserer Schuldigkeit ge- gen das gantze menschliche Geschlecht dessen Mitglied er ist/ oder in Ansehen unserer selbst/ weil wir sonsten/ wenn wir ihm dasjenige thaͤ- ten/ was er wohl verdienet haͤtte/ unsere Ge- muͤths-Ruhe mehr stoͤren als befoͤrdern/ und al- so uns selbsten an unserer groͤsten Gluͤckseligkeit hinderlich seyn wuͤrden. 67. So wil es demnach noͤhtig seyn zu erwei- sen/ daß die allgemeine Gleichheit des mensch- lichen Geschlechts diese Gedult von uns erforde- re/ und daß wir ohne dieselbe unsere Gemuͤths- Ruhe nicht erhalten koͤnnen. 68. Jenes ist gantz leichte/ indem uns unser eigen Gewissen sagen wird/ daß wir taͤglich/ wenn Liebe aller Menschen. wenn wir unser Thun und lassen genau exami- ni ren wollen/ anderen Menschen zum Theil aus Versehen/ zum theil auch mit Vorsatz das jenige/ was wir ihnen aus obigen vier Tugenden schul- dig waren/ nicht vollkommen erwiesen/ auch sie zum oͤfftern beleidiget. Und wie es uns nun wohl gefaͤllet/ wenn man uns dasselbige verzei- het/ und sein Recht nicht allzustarck wieder uns urgi ret; Also erfordert auch die Gleichheit der menschlichen Natur/ daß wir gegen andere eben- maͤßig das uns angethane Unrecht mit gleicher Gedult vertragen/ u. s. w. 69. Dieses aber scheinet etwas schwerer zu seyn/ indem beynahe alle Gelehrten von diesen allgemeinen Jrrthum eingenommen seyn/ als ob die Behauptung seines Rechts mit Ge- walt das wahre mittel sey/ wieder den/ der unsere Gemuͤths-Ruhe stoͤren wil/ dieselbe zu erhalten/ und ihn zu einen friedlichen Leben zu noͤthigen; Dahero pfleget man in dem gemei- nen Sprichwort zu sagen; man koͤnne nicht laͤn- ger Friede halten als der Nachbar wolle. Der Krieg sey das ausserordentliche Mittel sich Frie- de und Ruhe zu schaffen. Ein jeder rechtmaͤßi- ger Krieg habe keinen andern End-Zweck als den Friede. So lange man Frieden haben koͤnne/ solle man denselben annehmen/ wo nicht/ muͤsse man den Krieg zur Hand nehmen. Krieg sey besser als ein unsicherer Friede. u. s. w. Und wir wollen das Gegentheil behaupten/ daß man P 4 mit Das 5. Hauptst. von der allgemeinen mit Gedult alleine den besten Frieden machen koͤnne? Jn Wahrheit wir unterfangen uns eines grossen/ denn wir muͤssen nicht alleine be- weisen/ daß der Krieg kein vernuͤnfftig Mit- tel sey/ Friede zu machen/ sondern auch: daß man am ersten Friede erhalte/ wenn man alles leidet. Beydes scheinet fast allen unsern Gelehrten irraisonabel zu seyn. 70. Aber wir achten solches nicht/ wenn wir nur die Vernunfft selbst auf unserer Seite haben. Diese wird uns bald anfaͤnglich zeigen/ daß der Krieg nichts weniger sey als ein Mittel Frie- de zu machen. Denn es ist ohnmoͤglich/ daß auff einer Seiten Krieg/ und auf der andern Frie- de sey/ und also ist der Krieg nichts anders als ein solcher Zustand zweyer Partheyen/ in wel- chen sie beyderseits einander an statt der Liebe/ Haß und Feindschafft erweisen. 71. So unvernuͤnfftig nun als es waͤre/ wenn man sagen wolte/ daß der Haß ein vernuͤnfftig ordentlich oder ausserordentlich Mittel waͤ- re zur Liebe zu gelangen; so unvernuͤnfftig ist es auch/ daß man behaupten wil/ der Krieg sey ein Mittel zum Friede. 72. Hastu den andern nicht durch die Leut- seligkeit/ Wahrhafftigkeit/ Bescheidenheit und Ver raͤgligkeit zur Liebe bewegen koͤnnen/ da doch sonsten Liebe Gegen-Liebe erwecket/ so wirstu es viel weniger durch Unbescheidenheit/ Gewalt und Unmenschlichkeit thun. 73. Ja Liebe aller Menschen. 73. Ja sagstu. Wil der andere nicht mit mir Friede halten/ so muß er/ weil ich ihn durch den Krieg darzu zwinge/ und ihn also mit Gewalt zur Raison bringe. Jch bitte dich/ rede nicht so unvernuͤnfftig. Denn du hast bey nahe so viel laͤcherliche Dinge geredet/ als du Worte gebrau- chet hast. 74. Denn anfaͤnglich ist die Vernunfft eine Sache/ die durch menschliche Gewalt zwar zer- nichtet/ aber nimmermehr zurechte gebracht werden kan. Hernach so ists auch gemacht/ daß ohne Liebe kein wahrer Friede/ sondern nur ein solcher Zustand/ den man einen Stillstand der Waffen nennen koͤnte/ werden kan. Die Liebe aber leidet den geringsten Zwang nicht. Endlich du elender Mensch/ der du dir einbildest/ du woltest deinen Feind zwingen/ daß er Frie- de halten muͤste. Mein sage mir/ wodurch? Durch Gewalt? Haͤlt er dir denn stille? Oder braucht er Gegengewalt? 75. Ja/ antwortestu/ er braucht wohl Ge- gengewalt/ aber er thut nicht recht daran. Ey wie kom̃stu zu diesen Unrath/ daß du im Krie- ge deinen Feinde von Rechte vorsagen wilst. Hat er sich von seinen boͤsen Vorsatz und Unrecht nicht abwendig machen lassen/ da du ihm Liebe oder Gedult erwiesest/ so wird er es gewiß nicht thun/ wenn du Gewalt gegen ihn brauchst. Und also ist es mir jetzo genug/ daß du gestehest/ er brauche auch Gegengewalt wider dich. Mein/ welche P 5 Gewalt Das 5. Hauptst. von der allgemeinen Gewalt erhaͤlt denn nun den Sieg/ und macht Friede? die Deinige oder die Sei- nige? 76. Jch sehe wohl/ du wirst etwas bestuͤrtzt. Doch erholestu dich wieder und sagst/ daß frey- lich nicht allemahl der beleidigte Theil/ sondern oͤffters der Beleidiger uͤberwinde. Aber es moͤ- ge nun seyn wie ihm wolle/ und der Sieg moͤge ausschlagen auf was fuͤr eine Seite es sey/ so sey es doch genung/ daß der Krieg und der darauf folgende Sieg Friede mache. 77. Gewiß du gemahnest mich ja so unver- nuͤnfftig als die Balger. Bildet sich ein solcher Mensch ein/ er sey von dem andern beleidiget/ er kan nicht leben er muß von dem andern Satisfa- ction haben. Aber indem er sie suchet/ beleidiget ihn der andere oͤffters noch mehr/ als die erste Be- leidigung war. Und doch wenn er sich hierauff mit seinen Feind vertragen/ bildet er sich ein/ er ha- be von dem andern Satisfaction gekriegt. Also ist es auch eine laͤcherliche Einbildung/ wenn ich mir einbilde ich wolte durch den Krieg den andern zu einen raisonablen Frieden bringen/ und gebe dar- durch meinem Feinde Gelegenheit/ mich durch den von ihm vorgeschriebenen Friede in einen viel irraisonablern Zustand zu setzen/ als er zuvor war/ ehe ich den Krieg anfinge. Zudem ist es nicht weniger laͤcherlich/ wenn du sprichst/ der Sieg des Beleidigers oder des Beleidigten mache Friede. 78. Laß Liebe aller Menschen. 76. Laß es seyn der Beleidigte sieget; Der Sieg ist noch lange kein Friede/ so lange der U- berwinder und der Uberwundene noch Feinde seyn. Ja sprichstu/ der Uberwundene muß wohl Friede machen. Aber was neues. Gezwunge- ner Friede ist kein Friede/ so wenig als die Liebe Zwang leiden kan. Mein was hastu fuͤr Ver- sicherung/ daß der Uberwundene werde Friede halten? Vielleicht sein Versprechen? Und du hast deswegen den Krieg wider ihn angefangen/ weil er dir sein Versprechen nicht gehaltem/ oder sonst etwas dergleichen das aus dem Gebot allge- meiner Liebe herruͤhrete/ nicht geleistet/ da du ihn doch an deinem Orte alles Liebes erwiesen/ und bildest dir ein/ das von ihm gewaltsamer Weise erpreßte Versprechen/ werde ihn abhalten/ daß er dich nicht ferner beleidige. 79. Aber vielleicht wird ihm die Furcht dessen was er allbereit erfahren/ von fernerer Beleidi- gung abhalten? Wo eine solche Furcht ist/ kan keine Liebe seyn/ und wer sich fuͤr dir fuͤrchtet/ fuͤr dem mustu dich auch fuͤrchten. Es sind ih- rer mehr durch die heimlichen Nachstellungen ih- rer Leibeigenen/ als durch die Tyranney der Koͤ- nige umbgebracht worden. Die Zeiten aͤnder sich/ und es kan leichte geschehen/ daß diese Aen- derung ihm die Furcht benimmt; Zudem so ist der Ausgang des Krieges ungewiß und diese Ungewißheit kan so leichte bey dem andern eine Hoffnung als Furcht erw wen; Zumahlen da die- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen diese beyde Gemuͤths-Bewegungen zum oͤfftern aus einerley Ursachen herkommen. 80. Ja sprichstu: Diesem Ubel ist leichte ab- zuhelffen. Denn wenn ich sehe/ daß ich des Uber- wundenen seiner Treue nicht versichert bin/ so ver- schaffe ich mir Bersicherung durch seinen Tod. So wirstu sie denn allezeit auf diese Weise su- chen muͤssen/ weil dir die Gewalt niemahlen ande- re Versicherung geben wird. So wirstu nichts anders zu thun haben/ als darnach zu trachten/ wie du das menschliche Geschlecht auffreibest/ weil kein Tag hingehen wird/ da dich nicht ein an- derer mit Vorsatz oder aus Versehen beleidigen wird . Auff diese Weise kanstu nicht sagen/ daß dir dein Sieg Friede zuwege bringen wird; denn mit todten Leuten hastu weder Krieg noch Frie- de. Und mit denen anderen Lebenden hattestu zuvor schon friede. Ja dieser dein blutiger Sieg kan vieleicht andere Lebende erwecken/ einen neuen Krieg mit dir anzufangen/ den Tod ihres Verwandten oder Freundes zu raͤchen. 81. Aber wie denn da/ wenn der Beleidiger sieget? Und du dein Leben von ihm erbetteln must/ oder er dir sonst andere Bedingungen vor- schreibet/ die dir schimpfflicher und unertraͤglicher sind/ als die ersten Beleidigungen/ wegen welcher du den Krieg angefangen? Daß ich nicht einmahl davon etwas erwehne/ wenn er dir aus Miß- trauen gar das Leben nim̃t? Bistu wohl noch so thoͤricht/ daß du dich beruͤhmest/ der Krieg sey ein Liebe aller Menschen. ein Mirtel deinen Beleidiger zur Raison zu bringen? Hier hastu wohl nicht das geringste uͤbrig/ als das du die Achseln zuckst/ und zu deiner Entschuldigung dich etlicher alten Sprichwoͤrter bedienest: Gut gemeynet/ uͤbel gerathen Pa- tience par force. 81. Wohl dann/ so siehestu/ daß in diesem Fall dir nicht des andern sein Sieg/ sondern deine erzwungene Gedult den Frieden gebe. Was braucht es dannenhero eines so grossen Umb- schweiffs? Kan dich die erzwungene Gedult einer viel groͤssern Beleidigung zum Friede disponi- ren/ worum solte es nicht viel raisonabl er seyn/ daß eine freywillige Gedult eines kleinen Unrechts dir einen viel sicherern Friede machen solte. Ha- stu so grosse Lust zu Frantzoͤsischen Sprichwoͤr- tern/ ich wil dir ein anders sagen. Tout par amo- ur, rien par force. 83. Ja ich sage noch zu wenig/ wenn ich spre- che die Gedult mache Friede. Denn ich habe schon oben erwehnet/ daß die Gedult den Frieden erhalte. Und also kanstu auch daraus die Vor- trefflichkeit der Gedult fuͤr dem Krieg erkennen. Wo Krieg ist/ ist kein Friede; Und der Krieg/ wie wir bißhero augenscheinlich erwiesen/ kan kein Mittel seyn Friede zu machen Wo aber Ge- dult ist/ braucht es nicht einmahl/ daß man Friede mache/ weil noch nie Krieg gewesen/ sondern die Gedult erhaͤlt den Frieden/ daß kein Krieg entste- het. 84. Es Das 5. Hauptst von der allgemeinen 84. Es ist wahr/ der beleidigende Theil/ zu- mahl wenn er in der Guͤte uns keine Satisfaction geben wil/ gibt fuͤr sich gnugsam zuverstehen/ daß er nicht viel darnach frage/ ob er mit uns in Krieg oder Frieden lebe. Aber so lange doch der Be- leidigte nicht bricht/ sondern das angethane Un- recht mit Gedult vertraͤget/ so lange ist auch kein Krieg zwischen ihnen beyden/ und folgends muͤs- sen sie nothwendig in einem friedsamen Zustand leben. 85. Du schuͤttelst den Kopff/ und doͤrfftest mich wohl gar einer Soͤphisterey beschuldigen. Denn sprichstu: Was ist das fuͤr ein Friede/ darinnen ich keine Gemuͤths-Ruhe habe. Wie kan ich aber ruhig seyn/ wenn ich mich befah- ren muß/ daß der andere meine Gemuͤths-Ruhe alle Augenblick stoͤhren werde? Ja gesetzt/ daß der Krieg kein wahres Mittel zu einen ruhigen Frieden waͤre/ wie kan die Gedult vermoͤgend hierzu seyn/ da doch dieselbige die meiste Ursache ist/ daß der Beleidiger immer angefrischet wird/ Beleidigung mit Beleidigung zu hauffen. Betꝛachte doch selbsten. Du hast gesagt: Ein unvernuͤnfftiger Mensch koͤnne durch Furcht fuͤr der Gewalt und Ubel nicht zur Raison gebracht werden. So wird er ja wahrhafftig noch weni- ger raisonabel werden/ wenn ich alles von ihm ge- dultig leyde. Hat er mir zuvor den Mantel ge- nommen/ wird er mir. wenn ichs leyde/ darnach den Rock nehmen/ und mich bis auf das Hembde aus- Liebe aller Menschen. ausziehen. Hat er mir zuvor einen kleinen Schimpff erwiesen/ und ich leide es/ so wird er mich hernach suchen gar unehrlich zu machen. Hat er mich zuvor ein wenig geschlagen/ so wird er hernach mich gefaͤhrlich verwunden/ oder wohl gar das Leben nehmen. Und du schaͤmest dich doch nicht zu sagen: Die Gedult sey das be- ste Mittel die Gemuͤths-Ruhe zu erhalten. 86. Aber laß dir hierauff zur Antwort dienen/ daß alle diese deine Einwuͤrffe/ ob sie gleich von dem Beyfall der meisten Menschen unterstuͤ- tzet werden/ dennoch nicht vermoͤgend sind/ die Warheit unserer Lehre uͤber den Hauffen zu stos- sen/ oder nur zu bewegen/ und daß du in denensel- ben viel Dinge wahr zu seyn ausgegeben/ die sich in der That anders verhalten. 87. Du hast anfaͤnglich unter die Exempel deiner zerstoͤreten Gemuͤhts-Ruhe auch an- gerechnet/ wenn dir einer deinen Mantel oder Rock naͤhme/ wenn er dich beschimpffe/ u. s. w. Hastu schon vergessen/ daß wir oben erwiesen ha- ben/ es gehoͤre weder Reichthum noch aͤusser- liche Ehre zu der wahren Gemuͤths-Ruhe und also ist die Schuld auch deine/ wenn dir dadurch deine Gemuͤths-Ruhe gestoͤhret wird/ daß dich der andere bis auffs Hembde ausziehet? Ziehe ein anders an. Oder wie muͤstestu thun/ wenn du so arm waͤrest/ daß du keines haͤttest? 88. Eben dieses mustu auch bey der Be- schimpffung dencken. Wie muͤstestu thun/ wenn Das 5. Hauptst. von der allgemeinen. wenn dich GOTT haͤtte lassen in einen so gerin- gen Stande gebohren werden/ als dich der ande- re tractir et. Zudem so stehet es nicht in des an- dern Vermoͤgen dich zu beschimpffen/ oder un- ehrlich zu machen/ wenn deine Tugend dich da- von frey spricht. Und du hast/ wenn du weise bist/ seine That nicht anders anzusehen/ als das Thun eines Trunckenden/ der in die Steine kratzt und dich heraus fordert/ wenn du in guter Ruhe liegest und schlaͤffest. 89. Nun siehe dich umb: Ob nicht die mei- sten Kriege wegen dieser eitelen Ehre/ wegen Macht und Ansehen/ wegen des Reichthums/ z. e. wegen eines Stuͤcke Landes u. s. f. gefuͤhret worden. Da also aller Krieg haͤtte nachbleiben koͤnnen/ wenn man sich nicht ohne Grund persva- dir et haͤtte/ als ob man nicht ruhig leben koͤnte/ wenn man eine Stadt oder ein Stuͤcke Land fah- ren liesse/ wenn man eine einem Gesandten oder wohl gar einem Bilde erwiesene Unhoͤffligkeit/ ei- ne abgeschlagene Heyrath ungeanthet hingehen liesse; Wenn man an statt der Souverainetè sein Reich von dem andern zu Lehn empfange u. s. w. 90. Hiernechst giebstu auch genugsam zu er- kennen/ daß du die Natur der Menschen nicht wohl verstehest/ wenn du dir einbildest/ daß die Gedult den Beleidigenden antreiben werde/ dich noch ferner zu beleydigen. Es ist wohl wahr/ deß es moͤglich sey/ daß ein Mensche so eine Bestie sey und so unvernuͤnfftig mit dir verfahre/ wenn Liebe aller Menschen. wenn du gedultig bist/ als du es oben beschrieben. Alleine wenn wir von zukuͤnfftigen Dingen raiso- nir en wollen/ muͤssen wir uns nicht nach denen richten die selten/ sondern die zum oͤfftern und am meisten geschehen. Nun wird dir aber die Ver- nunfft bald zeigen/ daß wenn unter hundert Leuten derer Beleydigung du mit Gedult vertragen/ 5. seyn/ die dich so irraisonabel tractir en solten/ ihrer hergegen 95. seyn werden/ die solches aus dem An- trieb ihrer Natur unterlassen/ und Friede mit dir halten werden. 91. Denn entweder dein Beleydiger ist ge- nereux, und hat dich mehr aus Versehen als mit Vorsatz beleydiget/ so wird ihm seine Generosit aͤt antreiben/ dir von freyen Stuͤcken desto mehr Sa- tisfaction fuͤr die geschehene Beleydigung zu ge- ben/ je groͤsser deine Gedult ist. Oder aber er ist ein Sclave seiner Affect en/ so wird er doch or- dentlich dich nicht leichte wieder beleydigen/ wenn ihn gleich deine Gedult nicht antreiben solte/ dir Satisfaction zu geben. 92. Jst er Ehrgeitzig/ so wird es ihm entwe- der wohl gefallen/ daß du das angethane Unrecht verdauet/ und wird dich kuͤnfftig als einen Clien- ten besser in acht nehmen; Oder er wird dich in sei- nen Hertzen als einen feigen und verzagten Kerl verachten/ und sich zu gut darzu achten/ daß er sich weiter an dich reiben solte. 93. Jst er Geldgeitzig/ so wird ihm deine Ge- dult antreiben dich kuͤnfftig glimpfflicher zu tracti- Q ren/ Das 5. Hauptst. von der allgemeinen ren/ weil er hoffen wird/ einen solchen gedultigen Menschen entweder mit Freundligkeit mehr als mit Gewalt abzuschwatzen/ oder sich deiner zu sei- nem Interesse zu bedienen. 94. Endlich ist er Wolluͤstig/ so ist er ohne dem weichhertzig/ und wird also zum wenigsten deine Gedult fuͤr eine grosse complaisance aus- legen/ und dich als einen Menschen ansehen/ mit dem er noch wohl einen lustigen Zeit-Vertreib haben koͤnne. 95. Und in Warbeit/ es muͤste ein rechter grausamer Unmensch seyn/ der durch die Gedult eines andern noch mehr zu Grimm beweget wer- den solte. Betrachtestu aber ein wenig zum vor- aus/ daß die Grausamkeit entweder daher ent- stehet/ wenn man einem Ehrgeitzigen langen Widerstand gethan/ und sich gegen ihn hoch- muͤthig bezeiget; Oder wenn ein Furchtsamer einen noch Furchtsamern antrifft/ oder sonst siche- re Gelegenheit findet/ seinen Zorn auszulassen; So befindestu bald/ daß beyderley Art von der Grausamkeit dich von der Gedult abzuhalten un- vemoͤgend sey. 96. Denn bey der Ersten ist die Gedult viel- mehr eine Præservativ, daß ein Ehrgeitziger keine Grausamkeit gegen mich ausuͤbe. Was die an- dere betrifft/ scheinet es zwar/ daß zum wenigsten in diesem Falle die Gedult ein ungeschicktes Mit- tel zum Friede sey/ sondern sich der Krieg besser mit einen Liebe aller Menschen. einen solchen Menschen Friede zu machen schicke. Aber es scheinet nur so. 97. Ein Furchtsamer ist mehr grausam/ wenn man ihm Unrecht oder Gewalt gethan/ und hernach eine groͤssere Furcht blicken laͤst/ oder er seine Gelegenheit sich zu raͤchen findet/ als wenn man eine Beleydigung von ihm vertraͤget/ und ihn in seiner Furcht die er hatte/ daß man sich wider ihm raͤchen wuͤrde/ ein wenig verzappeln laͤst: Ja es kan eben diese gehabte Furcht an- treiben/ daß er uns die unterlassene Rache als eine Gutthat ausleget und lieb gewinnet. 98. Hiernechst mustu einen Unterscheid unter der Furcht und Gedult machen. Wer aus Furcht gedultig ist/ ist nicht gedultig/ weil er sich gerne raͤchen wolte/ wenn er nur sicher koͤnte. Ein Gedultiger aber weiset auch mitten in seiner Gedult/ daß er großmaͤchtig sey/ und daß er sich nicht raͤchen wolle ob er schon koͤnne. Bey die- ser Bewandniß aber kandie Gedult einen Furcht- samen nicht irriti ren/ wider zu kommen/ weil der Gedultige sich nicht furehtsam erweiset/ auch die bey der Gedult bezeigte Großmuͤthigkeit ihn ge- nugsam lehret/ daß es so sicher nicht sey/ wenn er in seiner Beleydigung ferner fortfahren wolte. 99. Denn du must auch drittens einen Unter- schied unter den vergangenen und zukuͤnffti- gen Beleydigungen machen. Wir handeln jetzo von der Gedult der vergangenen. Ein an- ders ist es/ wenn man fraget/ ob ich auch schul- Q 2 dig Das 5. Hauptst. von der allgemeinen dig sey es zu leiden/ und keinen Widerstand zu thun/ wenn mich der andere von neuen be- leydigen wolte? Denn wie weit dißfalls die Liebe einem gedultig zu seyn anbefehle/ werden wir schon zu seiner Zeit eroͤrtern. Solchergestalt aber darffstu dich abermals fuͤr der Grausamkeit eines Furchtsamen nicht fuͤrchten. Vertrage die von ihm geschehene Beleidigung mit Gedult. Spuͤ- restu aber/ daß er weiter in seiner Boßheit fort- fahren wolle/ zeige ihm nur ein Loͤwen-Gesicht/ so wird es mit seiner Grausamkeit keine Gefahr haben. 100. Und eben dieses kanstu zur Antwort neh- men/ wenn du mir vorhalten woltest/ daß ich ein- mal oben eingeraͤumet/ daß es gleichwol so ir- raisonable Leute gebe/ die durch die Gedult ei- nes Beleydigten sich veranlassen liessen/ groͤssere Voßheit auszuuͤben/ und daß also zum wenigsten doch in diesen Faͤllen die Gedult kein zulaͤnglich Mittel sey Friede zu erhalten. Jch kan dirauch diese Antwort ertheilen: Daß du auch zum we- nigsten in diesen Faͤllen noch kein besser Mittel als die Gedult anfuͤhren koͤnnest. Woltestu dich gleich abermal auff hen Krieg beruffen/ und auff das Loͤwen-Gesicht/ darvon ich nur jetzo geredet; so ist es doch wiederumb ein grosser Unterscheid unter einer Nothwehre und Rache; ( inter bellum defensivum \& offensivum ) von jener reden wir nicht allhier/ sondern von dieser. Und wird/ das was wir obẽ wider den Krieg geredet/ sattsam aus- weisen/ Liebe aller Menschen. weisen/ daß auch in diesen Faͤllen die Krieges- Rache keinen Frieden geben koͤnne. 101. Was/ sagstu endlich: Sol dieses die Philosophie seyn/ die jungẽ Leuten den Weg bah- nen sol/ wie sie in der Welt galant, artig und Tugendhafft leben sollen? Sie wird nichts anders als niedertraͤchtige Gemuͤther machen/ und die Eltern werden dir trefflich verbunden seyn/ wenn sie aus deiner Schule an statt rechtschaffe- ner Kerl lauter verzagte Memmen kriegen? die von keinen point d’ Honneur nichts wissen/ son- dern Schande fuͤr Ehre achten/ und zu nichts in der Welt gebraucht werden koͤnnen. 102. Jch spuͤhre wohl mein Freund/ es muͤsse mit dir auff die Neige kommen seyn/ weil du an statt vernuͤnfftiger Einwuͤrffe schaͤndest und schmaͤhest. Du redest nicht wie Kluge Leute re- den/ sondern wie die Balger und Klopff-Fechter. Meine Philosophie ist dem gemeinen Buͤrger li- chen Leben nicht zuwieder/ sondern vielmehr aller- dings gemaͤß. Der das gro̊ste Phlegma hat/ kan den galante sten und artigsten Kerl in der Welt abgeben. Je mehr Gedult einer hat/ je besser koͤm̃t er bey Hoffe fort. Es ist wahr/ du ziehest bey lustiger Gesellschafft die Ge- dult der Schweitzer und Hollaͤnder wacker durch/ und giebest deinen unbegehrten Rath/ wie sie durch Ergreiffung der Waffen/ oder ein wenig mehr Hitze bey den ergriffenen Waffen/ sich in besserer Sicherheit setzen solten. Aber m̃ein uͤ- Q 3 berlege Das 5. Hauptst. von der allgemeinen berlege diese Frage ein wenig genau: Wer ist wohl gluͤcklicher/ oder besser zu reden/ weniger e- lende/ alß diese beyden Nationes bey dem Exceß ihrer Gedult? 103 Und also siehest du/ daß doch die Gedult den Preiß behaͤlt/ es mag dich verdriessen wie du wilst. Schmaͤhe noch mehr auff sie/ wir wollen dir weiter kein Wort antworten/ sondern der Ge- dult zu Ehren als mit Gedult vertragen. Je- doch laß dir rathen/ und mache es nicht zu arg; da- mit unsere Gedult nicht zerreisset. Denn es ist ein schlimm Ding umb eine in den Harnisch ge- brachte Gedult/ und du must wissen/ daß sie dieses mit der Leutseeligkeit gemein habe/ und von der Wahrhafftigkeit/ Bescheidenheit und Vertraͤg- ligkeit dadurch entschieden sey daß man zu der Gedult keinen zwingen koͤnne/ sondern es bloß seiner Liebe anheim stellen muͤsse. Das ist es e- ben was wir oben erwehnet/ daß der Beleydiger von Rechts wegen keine Gedult von dem Beley- digten prætendir en koͤnne. 104. Nunmehro erkennestu leichtlich/ was fuͤr ein Unteꝛscheid unter deꝛ Geꝛechtigkeit und Liebe uͤberhaupt sey. Die Gerechtigkeit ist dasjenige Theil der Liebe/ daß dem Menschen das Vermoͤ- gen giebet den andern zu dem/ was er ihm willig leisten solte zu zwingen; Derowegen kan wohl Liebe ohne Gerechtigkeit/ nicht aber Gerechtigkeit ohne Liebe seyn. Ja es verliehret die Gerechtig- keit den Nahmen der Liebe/ wenn man den Zwang wuͤrck Liebe aller Menschen. wuͤrcklich braucht; Und ist dannenhero gar leichte zu erkennen/ worumb das andere Theil der Liebe den Nahmen derselben fuͤr sich alleine haͤlt/ bey welchen wir nicht einmahl das Vermoͤgen haben den andern zu zwingen. 105. Woltestu demnach die fuͤnff special Tu- genden der allgemeinen Liebe nach diesem Unter- schied gegen einander halten/ so wirstu finden/ daß die Leutseeligkeit und Gedult die aller e- delsten darunter seyn/ weil man darzu nicht ein- mahl gezwungen werden kan/ und also fuͤr sich ei- nen liebreichen Menschen sattsam zu erkennen ge- ben/ auch eine Anzeigung sind/ daß er nicht weni- ger bescheiden/ vertraͤglich und wahrhafftig sey; Da hingegen die Bescheidenheit/ Vertraͤg- ligkeit und Wahrhafftigkeit nicht so einen ho- hen Grad in dieser allgemeinen Liebe einnehmẽ/ in dem einer wohl bescheiden/ vertraͤglich und wahr- hafftig seyn kan/ der nicht Leutseelig und gedultig ist/ weil er sich anderer Gestalt bey Unterlassung jener drey Tugenden eines Zwangs befahrt/ des- sen er sich bey diesen beyden nicht zu besorgen hat. 106. Gleichwie aber das was wir jetzo gemel- det/ sattsam weiset/ daß ein solcher Mensch nach seinen aͤufferlichen Thun und Lassen/ und in Anse- hen des aͤusserlichen Friedens zwar fuͤr gerecht/ o- der zum wenigsten doch nicht fuͤr ungerecht gehal- ten werden koͤnne/ gleichwohl aber immermehr bey andern Leuten seine allgemeine Liebe zu ruͤhmen einige Ursache hat; Also verliehret doch Q 4 des- Das 5. Hauptst. von der allgemeinen. deshalben ein Bescheidener/ Vertraͤglicher/ und Wahrhafftiger den Nahmen eines Men- schen nicht/ der jederman die allgemeine Liebe erweiset/ wenn er durch deutliche Umbstaͤnde be- zeiget/ daß er bescheiden/ wahrhafftig und vertraͤg- lich seyn wuͤrde/ weñ er sich gleich keines Zwangs hierzu zu befahren haͤtte. Es wird aber nicht leich- te ein Umstand dieses andere kraͤfftiger bereden/ als wenn er sich dabey Leutseelig und geduldig erweiset. 107. Und dieses ist es eben/ was man sonst in dem bekanten Vers zu sagen pfleget: Oderunt peccare boni virtutis amore Oderunt peccare mali formidine pœna. Denn es ist keine wahre Tugend als die eintzige Liebe/ und verdienet auch kein Mensch Tugend- hafft genennet zu werden/ der aus Furcht einer aͤusserlichen Gewalt das thut was recht ist. 108. Was sonsten die Benennung dieser fuͤnff Tugenden betrifft/ kanstu noch dieses wenige mercken/ daß du mehr auff die gegebene Beschrei- bung oder die Sache selbst/ als auf den Nahmen acht geben/ und also wegen der Woͤrter mit nie- mand einen unnoͤthigen Streit anfangen must. Du kanst die Bescheidenheit Leutseligkeit nennen/ wenn du nur merckest/ daß wir dadurch diejenige Tugend vestehen/ die der Hoffarth/ Stoltz/ Hochmuth/ Verachtung anderer Leute/ u. s. w. entgegen gesetzet ist. Die Vertraͤglig- keit kanstu Friedfertigkeit heissen/ wiewohl du auch Liebe aller Menschen. auch eben diesen Nahmen der friedfertigkeit der Gedult geben kanst/ indem der nicht allein fried- fertig ist/ der andern nichts zu Leyde thut/ sondern auch der sich von andern viel uͤbersich gehen laͤft; Und eben also ist es auch mit Benennung der La- ster/ die diesen beyden Tugenden entgegen gesetzet werden/ beschaffen/ indem Zancksucht/ Gewalt/ Krieg/ Schaden/ u. s. w. so wohl von einen unver- traͤglichen/ als ungeduldigen Menschen gesaget/ werden koͤnnen. Die Leutseligkeit kanftu Barmhertzigkeit nennen/ weil die Unbarmher- tzigkeit/ der Neyd/ u. s. w. verursachen/ daß ein Mensch die Leutseligkeit nicht ausuͤbet. Endlich stehet dir es frey/ die Wahrhafftigkeit Treue zu heissen/ weil ein Betrieger und Luͤgner der sein Versprechen nicht haͤlt/ wuͤrcklich untreu ist. Das 6. Hauptstuͤck. Von der absonderlichen ver- nuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. Jnnhalt. Ohne Abhandlung der absonderlichen Liebe ist die Sit- ten-Lehre unvollkommen/ und doch handelt man ins- gemein nicht davon. n. 1. Beschreibung der vernuͤnffti- gen adsouderlichen Liebe. n. 2. Sie ist eine Vereini- gung zweyer tugendliebenden Seelen n. 3. worum zweyer Seelen uñ nicht zweyer Leiber? n. 4. Vernuͤnftige Liebe kan auch zwischen zweyen Personẽ Q 5 von Das 6. Hauptst von der absonderlichen von unterschiedenen Geschlechte seyn. n. 5. Gemeiner Unterscheid zwischen der Freundschaffe und Liebe. n. 6. Die Liebe hat nicht eben die Vermischung der Leiber von noͤthen/ und die Freundschafft/ kan nicht ohne Ver- einigung der Seelen bestehen. n. 7. Wegen der allge- meinen boͤsen Exempel pfleget man in beyden Stuͤcken das Gegentheil zu verthaͤydigen. n. 8. Vernuͤnfftige Freundschafft und Liebe haben allgemeine Reguln/ und die Zulaͤßigkeit der Liebe dependi ret nicht alleine vom E- hestande. n. 9. Vnvernuͤnfftiger allgemeiner Gebrauch/ die Conversation zweyer Personen von unterschie- denen Geschlecht betreffend. n. 10. Nothwendige und wahrhafftige gute Dinge/ sollen wegen Befahrung des Mißbrauchs nicht abgeschafft werden. n. 11. Die ver- botene vertrauliche Converlation des maͤnnlichen und weiblichen Geschlechtes reitzet vielmehr zu unordentli- cher Liebe an/ n. 12. und befoͤrdert sie vielmehr/ als daß sie sie hindert. n. 13. Gelegenheit macht Diebe n. 14. aber Gelegenheit probir et auch einen ehrlichen Kerl. n. 15. Die verstatteten oͤffentlichen Conversationes zwischen M. und W. sind irraisonabel n. 16. und das z. e. ein Lauteniste mehr Freyheit hat/ als sonst ein an- derer tugendhaffter Mensch. n. 17. Unser Mißtrauen gegen die unserigen treibet sie destomehr an solches zu verdienen. n. 18. Die Liebe erfordert zum wenigsten zweyer Seelen Veneinigung/ aber je mehr einan- der lieben/ je vernuͤnfftiger ist es. n. 19. Es ist unvernuͤnfftig jemand zu hassen/ daß er das liebet was wir lieben/ oder daß es neben uns jemaud anders liebet; Denn es ist nicht in unsern Vermoͤgen der Lie- be zu widerstehen. n. 20. Ein anderer hat eben das Recht als wir dasjenige zu lieben was uns gefaͤllet/ und seine Liebe bringet uns mehr Nutzen als Schaden. n. 21. Und die Person die neben uns jemand anders liebet/ ist entweder zu loben oder zu verachten/ niemahlen aber zu hassen. n. 22. Was Tugendliebende Personen heissen vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. heissen n. 23 Unter denenselben und unter den Tugendhafften ist ein Unterscheid. n. 24. Die vernuͤnff- tige Liebe erfordert zwar eine Gleichheit in denen Incli- natio nen/ nicht aber in denen Graden derselben. n. 25. 26. Die absonderliche vernuͤnfftige Liebe erfordert drey sonderliche Tugenden. n. 27. die alle eine wahre Estim und Hochachtung zu Grunde prælupponir en. n. 28. 29. Was eigentlich Hochachtung heisse/ und daß man auch einen geringern hochachten koͤnne. n. 30. Aus der Hochachtung entstehet ( I ) eine sorgfaͤlltige Gefaͤlligkeit. n. 31. Dieses ist das unfehlbarste n. 32 und nothwendigste Kenn-Zeichen einer wahren Liebe. n. 33. Sie erfordert mehr die Augen des Gemuͤthes als des Leibes. n. 34. Eine sonderliche Kunst dieselbe in oͤffentlicher Gefellschafft der geliebten Person durch oͤf- fentliche Thaten jedoch in geheim zu verstehen zu ge- ben. n. 35. Sie hat keine andere Regeln als die Liebe selbst. n. 36. Grosser Nutzen dreyer Tugenden der all- gemeinen Liebe/ die Sorgfaͤltigkeit desto besser auszu- uͤben. n. 37. 38. Worum die Dienst-Leistungen der Ge- faͤlligkeit geringe genennet werden. n. 39. Durch die Gefaͤlligkeit erhandelt man die allerteureste Waare mit nichts. n. 40. Worumb die allerwenigften sich dieser Handelschafft bedienen. n. 41. Derjenige gegen dem man sich gefaͤllig weiset/ muß keine Gerechtigkeit dar- aus machen. n. 42. Anff wie vielerley Art hierwieder pfleget angestossen zu werden. n. 43. Man macht sich hierdurch der gesuchten Liebe unwuͤrdig. n. 44. Und ist dieses noch schaͤndlicher als wenn man keine sorgfaͤl- tige Gefaͤlligkeit hat. n. 45. Jedoch sind diese noch un- wuͤrdiger geliebet zu werden/ die keine Gefaͤlligkeir von den andern annehmen wollen u. s. w. n. 46. Wenn die Liebe auff beyden Theilen recht angehet/ hoͤret die- se sorgfaͤltige Gefaͤlligkeit auff. n 47. Derowegen kan man aus dem Gebrauch und Unterlassung dieser Tu- gend Das 5. Hauptst. von der absonderlichen gend erkennen/ wie weit die Menschen in ihrer Liebe advanci ret seyn. n. 48. 49. Und diejenigen thun un- recht/ die/ wenn sie allbereit derjenigen versichert sind/ diese, schlechte Proben noch fordern. n. 50. Nach der Gefaͤlligkeit folget ( II ) die vertrauliche Gutthaͤtigkeit. n. 51. Erinnerungen uͤber des Se- neca Buͤcher von dieser Tugend. n. 52. Beschreibung der- selben. n. 53. Dis Vertrauen muß vor der Gut- thaͤtigkeit vorher gehen. n. 54. und ohne dasselbe ist kei- ne Gutthaͤtigkeit vernuͤnfftig. n. 55. Ja es ist keine Gut- thaͤtigkeit sondern eine Verschwendung n. 56. oder man sucht sein eigen interesse dadurch. n. 57. Wiewohl tugendhaffte Personen einander bald kennen lernen/ und ein Vertrauen gegen einander kriegen. n. 58. Es ist unvernuͤnfftig die jenigen zu lieben die uns hassen/ o- der die uns nicht wieder lieben. n. 59. Und also ist kei- ne vernunfftige Liebe/ wenn man deswegen kranck wird oder gar stirbt. n. 60. Die Wechselsweise Gutthaͤtig- keit ist ein nothwendiges Stuͤck der absonderlichen Lie- be. n. 61. Und ein unfehlbares Kenn-Zeichen dersel- ben. n. 62. Weil sie weder bey der Leutseligkeit n. 63. noch bey der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit. n. 64. noch bey der unvernuͤnfftigen Liebe anzutreffen ist. Bey der un- vernuͤnfftigen Liebe koͤnnen wohl kostbahre und muͤhsa- me Liebes-Bezeugungen vorgehen. n. 65. Man kan auch bey einer unvernuͤnfftigen Liebe sein Leben in die Schantze schlagen n. 66. aber man suchet bey der unver- uuͤnfftigen Liebe dadurch sein eigenes/ bey der ver- nuͤnfftigen aber das wahre Vergnuͤgen der geliebten Person. Und dieses ist auch der Unterscheid zwischen den wahrhafftigen und Schein-Gutthaten. n. 67. Bey dieser Gelegenheit wird das Wesen der wahren und Schein-Gutthaten ausfuͤhrlich gegen einander gehal- ten n. 68. 69. 70. 71. 72. 73. Die Gutthaͤtigkeit begehret keinen Entgeld. n. 74. Sie hat aber wohl Ursach den- selben vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. selben zu hoffen wegen der Danckbarkeit des geliebten. n. 75. Die Danckbarkeit ist nur bey wahrhafftiger Lie- be. n. 76. Es ist schwer von der Danckbarkeit und Un- danckbarkeit eines andern zu urtheilen. n. 77. Man kan niemand zur Danckbarkeit zwingen. n. 78. Man kan auch wohl danckbar seyn/ wenn man gleich den an- dern wuͤrcklich nichts zu gute thut. n. 79. Ein jedwe- der auch der aͤrmste Mensch ist capabel dem andern gu- tes zu thun. n. 80. Jn diesen wenigen Saͤtzen ist die gesamte Lehre des Seneca von den Gutthaten concen- tri ret. n. 81. Wenn die Liebe vollkommen ist/ entstehet daraus ( III ) Die voͤllige Gemeinschafft al- les Vermoͤgens und alles vernuͤnfftigen Thun und Lassens. n. 82. Von der Gemein- schafft der Guͤter im Anfang der Welt und in der ersten Christlichen Kirche n. 83. Von der Gemeinschafft des Plato. n. 84. Einwuͤrffe wieder die Gemeinschafft der Guͤ- ter n. 85. Sie hebet den Unterscheid zwischen Reiche und Arme auff n. 86. aber eben deswegen waͤre sie wohl zu wuͤnschen. n. 87. Sie wuͤrde auch zugleich viel andere Staͤnde im gemeinen Wesen auffheben/ die sich durch die Thorheit und Eitelkeit anderer Menschen meh- ren. n. 88. Sie wuͤrde aber doch die buͤrgerliche Ge- sellschafft und das gemeine Wesen nicht gantz auffheben n. 89. Weil nicht nur die Einfuͤhrung des Eigen- thums ohne die buͤrgerliche Gesellschafft n. 90. son- dern auch diese ohne jenes wohl bestehen kan. 91. Ein Beyspiel einer solchen Republique in der alle Guͤter gemein waͤren/ ist in der Historie der Sevarambes an- zutreffen. n. 92. Die Gemeinschafft der Guͤter fuͤhret den Muͤßiggang nicht ein. n. 93. 94. Ob/ wenn kein Eigenthum waͤre/ alle Gutthaͤtigkeit und Liebe wuͤrde auffgehoben seyn? n. 95. 96. Ob dann das Eigenthum abgeschaffet und die Gemeinschafft eingefuͤhret werden muͤste? n. 97. Worinnen die Gemeinschafft des Thuns und Das 6. Hauptst. von der absonderlichen und lassens bestehe/ und von der Gutthaͤtigkeit ent schieden sey. n. 98. 99. Einwurff daß die vollkommene Liebe wieder abnehmen muͤsse/ und also nicht ruhig seyn koͤnne. n. 100. Beantwortung desselben. n. 101. 102. 1. D Er Anfang des vorigen Capitels wird dir zeigen/ daß die Sitten-Lehre hoͤchst un- vollkommen seyn wuͤrde/ wenn wir es bey der allgemeinen Liebe bewenden liessen/ und keine Lehr-Saͤtze von der absonderlichen Liebe gaͤben/ weil dieses eben die rechte Liebe und also das wahre Mittel ist zur Gemuͤths-Ruhe zuge- langen. Gleichwohl wirst du aus gegenwaͤrti- gen Capitel sehen/ daß wir bey den meisten so da- rinnen abgehandelt wird/ die Bahne selbst bre- chen muͤssen/ indem wir unter den Sitten-Leh- rern niemand gefunden/ der uns darinnen vorge- gangen waͤre: weshalben wir auch Vergebung hoffen/ wenn wir nicht alles auff das genaueste darinnen uͤbervermuthen solten eroͤrtert haben. 2. So haben wir auch in Anfang des vorigen Capitels allbereit etwas ausfuͤhrlich von dem Un- terscheid unter der allgemeinen und absonderli- chen Liebe gehandelt/ welches wir dannenhero nicht allhier wiederhohlen/ sondern aus dem/ was eben daselbst von dem Unterscheid der Schein- und wahrhafftigen/ oder unvernuͤnfftigen und vernuͤnfftigen Liebe gesagt worden/ die vernuͤnff- tige absonderliche Liebe beschrieben/ daß es sey die vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. die Vereinigung zweyer tugendliebenden Seelen/ die durch Wechselsweise Gefaͤllig- keit und auffmercksame Sorgfalt gesucht/ durch Wechselsweise Gutthaten erlanget/ und durch Gemeinmachung aller Dinge be- sessen und erhalten wird. 3. Was wir durch die Vereinigung verste- hen/ haben wir nicht noͤthig zu wiederholen/ in An- sehen solches allbereit im 4. Hauptstuͤck zur Gnuͤ- ge erklaͤret worden. Daß wir aber zwey tu- gendliebender Seelen erwehnet/ muß etwas deutlicher ausgeleget werden/ viele allgemeine Jrrthuͤmer desto besser zu erkennen/ und das We- sen dieser Dinge desto eigentlicher zu erlernen. 4. Durch zwey Seelen verstehen wir zwey gantze Menschen/ und haben deswegen der See- len mehr als des Leibes Meldung gethan/ umb uns abermahl zu erinnen/ was wir schon im 4. Hauptstuͤck von der Vereinigung der Leiber/ ob dieselbe ein noͤthiges Stuͤck der Liebe sey/ weitlaͤufftig gelehret. 5. Derowegen ist auch offenbahr/ daß weil der Unterscheid des Geschlechts/ wie auch ob er- wehnet/ den Leib nicht aber die Seele angehet/ auch kein Unterscheid zwischen der vernuͤnffti- gen Liebe unter den Personen einerley oder zweyerley Geschlechts zu machen sey/ sondern daß sie beyderseits aus einerley gemeinen Lehrsaͤ- tzen hergeleitet weꝛden muͤssen/ aus genommen des- sen/ daß wir wegen der Zulaͤßligkeit der Vermi- schung Das 6. Hauptst. von der absonderlichen schung der Leiber zwisehen zweyen Personen un- terschiedenen Geschlechts gleichfalls oben ange- mercket. 6. Es wird zwar ingemein auch unter denen Gelehrten die Liebe der Personen einerley und un- terschiedenen Geschlechts mit unterschiedenen Nahmen beleget/ indem man diese Letztere al- lein des Nahmens der Liebe wuͤrdiget/ aber jene nur eine Freundschafft nennet; und koͤnten wir ja wohl nach unserer Gewohnheit dißfalls einen jeden reden lassen wie er wolte (massen wir denn selbst uns umb Kuͤrtze willen zum oͤfftern des Worts Freundschafft/ die Liebe zweyer Personen einerley Geschlechts zu bemercken/ bedienen wer- den) wenn man nur nicht in der That selbst von der wahren Beschaffenheit abwiche 7. Denn anfaͤnglich ist irrig/ wenn man dafuͤr haͤlt/ es werde zu einer jeden Wahrhafftigen Liebe die Vermischung der Leiber als ein we- sentliches Stuͤck erfordert/ davon wir auch oben das Gegentheil schon erwiesen. Hernachmahls ist eben so unvernuͤnfftig daß man sich einbildet/ es koͤnne die wahre Freundschafft in einer gemaͤs- sigten Gleichfoͤrmigkeit des aͤußerlichen Thun und Lassens bestehen/ wenn gleich die Gemuͤther unvereiniget bleiben/ und ein jedes auff sein ei- gen Interesse saͤhe. 8. Beyde Jrrthuͤmer kommen daher/ daß wir wegen der allgemeinen Thorheiten der Welt fast gar kein Exempel weder vernuͤnfftiger Freund- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. Freundschafft ohne Absehen auff den Eigennutz/ noch vernuͤnfftige Liebe/ ohne Begierde sich durch die Leibes/ Vermischung zu belustigen an- treffen; weil fast alles in der Bestialit aͤt stecket/ und solcher gestallt/ als es durchgehends so zu ge- schehen pfleget/ die Laster der Tugend Nahmen angenommen haben; da doch bey wahrer Freund- schafft/ da eine rechte Vereinigung der Gemuͤther ist/ ja so ein grosses Vergnuͤgen empfunden wer- den kan/ als bey der vernuͤnfftigen Frauen-Liebe. 9. Derowegen so mercke/ daß alles dasjenige/ was wir in diesem Capitel von der vernuͤnffti- gen Liebe handeln werden/ auff gleiche Masse von der Freundschafft und Liebe zu verstehen sey/ und daß man also die vernuͤnfftige Liebe der Personen anders Geschlechts nicht aus dem Ehestand allein judicir en muͤsse/ weil nicht nur/ als ob erwehnet/ die Liebe ehelicher Personen meisten- theils mehr unvernuͤnfftig als vernuͤnfftig ist/ son- dern auch/ weil wir im folgenden Hauptstuͤck die vernuͤnfftige Liebe unter Ehe-Leuten als einen Schluß aus diesen Capitel herleiten werden/ und also dieser Schluß keine Grund Regel seyn kan/ die vernuͤnfftige Liebe uͤberhaupt zu erkennen. 10. Bey dieser Bewandniß aber ist es ein wie- wohl gemeiner aber hoͤchstsehaͤdlicher Jrrthum/ daß man nicht allein von Jugend auff Perso- nen unterschiedenen Geschlechtes mit einan- der vernuͤnfftig umbzugehen nicht ange- wehnet/ sondern auch/ wenn sie erwachsen sind/ R ausser Das 6. Hauptst. von der absonderlichen ausser dem Ehestand ein Geschlechte/ die ver- trauliche Conversation des andern Ge- schlechts als was schaͤdliches und unehrliches fliehen und meiden lehret/ oder wenn zwey vernuͤnfftige Personen/ die nicht mit einan- der verehlicht sind/ vertraulich mit einander umgehen/ dieses als eine unvernuͤnfftige la- sterhafte Liebe schaͤndet und schmaͤhet. Denn hierdurch wird gantz offenbahr die gantze Welt gehindert den besten Theil der vernuͤnfftigen und absonderlichen Liebe auszuuͤben/ in dem wir albe- reit oben gesagt/ daß die Vertrauligkeit und Weichhertzigkeit zwischen zweyen Personen un- terschiedennen Geschlechts natuͤrlicher Weise viel staͤrcker sey/ als zwischen denen von einem Ge- schlechte. 11. Jch weiß ja wohl/ daß dieses alles unter dem prætext geschicht/ damit der Mißbrauch einer unvernuͤnfftigen Liebe dadurch abge- schnitten werde. Aber man wird nicht leichte was unvernuͤnfftigers antreffen koͤnnen als diesen prærext. Indifferente Dinge kan man wohl gantz unterlassen/ wenn der Mißbrauch groß ist. Aber nothwendige Dinge/ oder wahrhafftig gute Dinge gantz auszurotten wegen des befuͤrchteten Mißbrauchs ist wieder die gesunde Vernunfft. Was ist aber nothwendiger als eine vernuͤnfftige Vertrauligkeit auch unter Personen von zweyer- ley Geschlechte. 12. Zu vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. 12. Zudeme so reitzet dieses destomehr zur unordentlichen Liebe an/ je mehr man alle zulaͤßliche Conversation verhietet; sintemahl nicht nur die verderbte Natur insgemein allen verbotenen sonst unbegehrten Dingen am meisten nachtrachtet; sondern auch bekant ist/ daß son- sten durch Wegerung und Verbot diejenigen so einander unvernuͤnfftig lieben/ diese ihre Liebe anzufeuren suchen. 13. Zugeschweigen daß diese Gewohnheit un- vermoͤgend sey/ durch Abschneidung aller vertraulicher Conversation die unordent- liche Liebe zu hindern. Zwey Personen/ die sich vorgesetzt einander unvernuͤnfftig zu lieben/ und ein wenig verschmitzt seyn/ sind geschickt/ die gan- tze Welt mit aller ihrer Obsicht zu betriegen. Jta- lien ist allezeit wegen Ebebruchs mehr beschrien gewesen als Franckreich; und wer die Welt ein wenig kennet/ wird mir gar leichte Beyfall geben/ daß das Leutescheueste Frauen-Zimmer zur un- ordentlichen Liebe gemeiniglich viel geneigter sey als das/ was mit Manns-Personen frey zu con- versi ren gewohnet ist; so wenig hindert diese un- zeitige Vorsorge das befahrte Ubel/ sondern be- foͤrdert es viel. 14. Jch sehe wohl/ du ruͤmpffest den Mund/ und bildest dir ein/ wunder was kluges vorge- bracht hast/ wenn du mir auff folgende Weise begegnest. Wenn wirst du doch einmahl auffhoͤ- ren alle gute Gebraͤuche zu tadeln? Bist du denn R 2 alleine Das 6. Hauptst. von der absonderlichen alleine klug? Meinest du daß das Alterthum un- serer Vorfahren nicht weiter gesehen habe als du? Du wirst wohl nimmermehr das Sprichwort auskratzen: Gelegenheit macht Diebe/ Wo Feuer und Stroh zusammen koͤmmt/ da brennets lichterloh. 15. Aber mein lieber Freund laß dir dienen. Die Schmaͤhungen der du dich bedienet/ wil ich dir schencken/ laß dir nur ein ander Sprichwort vorhalten: Durch Gelegenheit probiret man einen ehrlichen Kerl. Wegen der Feuers- Brunst muß man nicht Feuer und Stroh aus der Welt jagen. Gelegenheit macht kel- nen Dieb/ sondern gibt ein Diebisch Hertze zu er- kennen. Solten wir uns nicht in unser Hertz schaͤmen/ daß wir unsere Soͤhne insgesambt fuͤr leichtfertig/ und unsere Toͤchter fuͤr liederlich/ oder die unter die Zahl derjenigen gehoͤren/ von denen der Poë te saget: Casta est qvam nemo rogavit, auff diese Weise ausschreyen? Ja daß wir uns selbsten der tadelnswuͤrdigsten Nachlaͤßigkeit an- klagen/ daß wir nicht durch eine gute Zucht den Tugend-Saamen in ihren Hertzen gepflantzet. 16. Zudem wie laͤcherlich ist doch unsere Vor- sorge? Man verdenckt zwey Personen unterschie- denes Geschlechts/ wenn sie vertraulich mit ein- ander umbgehen/ ob man ihnen schon sonsten nichts verdaͤchtiges oder unerbares nachsagen kan. Aber das ist gar loͤblich/ wenn sie in oͤffent- licher Gesellschafft mit einander essen und trin- cken vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. cken/ spielen/ tantzen/ einander selbst oder an- dere Leute dnrchziehen? Jst es nicht eben so viel/ als wenn wir behaupten wolten/ daß die Tu- gend und Keuschheit durch wohlluͤstige Speise und Tranck/ durch betrigerischen Gewinst/ durch uͤppige kleine Spiele/ durch anreitzende Verkeh- rungen der Augen und Wendungen des Leibes/ und durch die medisance muͤsse erhalten werden? 17. Gleichergestalt was ist doch darinnen wohl fuͤr eine Vernunfft? Einen Tantzmeister/ Sprachmeister/ Lautenisten/ Mahler u. s. w. verstatten wir/ daß er taͤglich gantze Stunden mit unsern Weibern und Toͤchtern alleine ist; und einen andern honnèt homme halten wir nebst dem Frauen-Zimmer fuͤr unehrlich/ wenn sie nicht alle ihre Conversationes in Gegenwart dreyer oder mehr Zeugen (als wie die Advocaten die mit denẽ Inqvisi ten reden wollen/) verrichten? 18. Jch wil davon nichts erwehnen/ das eben das Mißtrauen/ daß wir in der unserigen Tu- gend setzen/ sie desto mehr zur Untugend anrei- tzet. Es schmertzet ein Tugendliebendes Gemuͤ- the/ daß die Gemuͤths-Ruhe noch nicht in einem hohen Grad besitzet/ nichts mehr/ als wenn man es wegen eines Lasters/ daß es bißhero gehasset/ ver- dencket. Und nach der gemeinen Anmerckung kluger Leute ist der unrechte Verdacht eines Man- nes die erste Staffel zu der aus der unordentli- chen Liebe eines Weibes ihme erwachsenden Schande. R 3 19. Aber Das 6. Hauptst von der absonderlichen 19. aber wo leitet uns der Eyffer wegen eines allgemeinen Mißbrauchs hin? Wir muͤssen wie- der einlencken/ damit wir nicht zuweit von den Graͤntzen unsers Vorhabens uns entfernen/ ob wir schon nicht den zehenden Theil davon gesagt haben. Daß wir hiernaͤchst zweyer Seelen oben gedacht/ ist nicht so wohl geschehen/ daß wir eine groͤssere Zahl ausschliessen wolten/ sondern vielmehr anzuzeigen/ daß wie wir schon oberweh- net/ kein Mensch selbst wahrhafftig lieben koͤn- ne. Je mehr dannenhero Tugendliebende See- len mit einander vereiniget sind/ je groͤsser ist ihr Vergnuͤgen/ und je groͤsser wird ihre Gemuͤths- Ruhe/ weil ein jeder uͤber der andern ihr Wolseyn sich ruhig erfreuet/ und durch die Vermehrung der Anzahl sich liebender Personen die Anzahl der Liebe/ nicht vermehret/ sondern aus allen mit einander gleichsam eine Seele/ und warhafftig ein Wille und eine Liebe wird. 20. So ist demnach hieraus leichtlich abzuse- hen/ daß nichts unvernuͤnfftiger sey/ als eine Per- son deswegen zuhassen/ daß sie eine Person die wir lieben gleichfalls lieber/ odeꝛ daß sie neben uns eine andere Person liebet/ oder sich von einem andern lieben laͤst. Die Liebe ist keine Wuͤrckung unserer eigenen Willkuͤhr/ sondern der Natur/ und so unmoͤglich es ist/ daß der Magnet das Eisen so ihme nahe lieget nicht an sich ziehen solte/ o ohnmoͤglich ist es auch/ daß Tugendhaffte Gemuͤther einander nicht lieben solten/ wenn sie ihre vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. ihre Tugend erkennen. Eine unvernuͤnfftige Lie- be entzuͤndet sich gleich durch den ersten Anblick ei- ner Schoͤnheit oder durch unkeusche Reitzungen/ aber tugendhaffte Seelen gehen oͤffters/ ehe sie einander kennen lernen/ gantz indifferent mit ein- ander um/ und nichts destoweniger wird hernach/ wenn sie beyderseits ihre Verdienste einander zei- gen/ ihre Liebe so starck und bruͤnstig/ daß sie nicht ohne einander leben koͤnnen. Wie solte man dan- nenhero einen Menschen hassen oder sich uͤber ihn erzoͤrnen/ wenn er das thut/ worinnen er der Natur nicht wiederstehen kan? 21. Zu dem aus was fuͤr einem Grunde wol- len wir uns insonderheit uͤber dem erzoͤrnen/ der dasjenige auch zu lieben anfaͤnget das wir lieben. Hat er nicht eben das Recht darzu das wir haben/ und kan wohl das/ daß wir jemand zu erst von ihm geliebet/ uns ein Eigenthumb geben? Die Liebe ist keine Sache die durch Handel und Wandel erworben oder durch Geld erkaufft wer- den kan. Sie kan keines Menschen Eigenthumb werden/ weil sie ohne Abgang des einen/ alle Men- schen vergnuͤgen kan/ und weil GOtt sie in unsere Seelen gepflantzet/ das gantze menschliche Ge- schlecht dadurch zu vereinigen/ die Vereinigung aber bloß durch die Menschen selbst unvernuͤnffti- ger Weise gehindert wird. Zudem so kan mir auch diese Liebe keinen Schaden bringen/ son- dern ich bin demjenigen der das liebet/ was ich liebe vielmehr verbunden. Denn wenn er die R 4 Person Das 6. H. von der absonderlichen Person liebet die mit mir vereiniget ist/ vereiniget er sich auch mit mir/ und indem er ihr Vergnuͤgen suchet oder sie vergnuͤget/ muß er nothwendig mich mit vergnuͤgen/ weil mein Vergnuͤgen mehr in dem Vergnuͤgen der geliebten Person als in dem meinigen bestehet. 22. Eben dieses koͤnnen wir auch anfuͤhren/ worumb wir uͤber die geliebte Person uns nicht erzuͤrnen sollen/ wenn sie sich von einem andern lieben laͤst und ihn wieder liebet/ ausser daß wir noch diese Ursachen beyfuͤgen. Entweder die Person so wir lieben/ liebet neben uns eine Person/ die auch tugendhafft ist/ und uns wohl gar uͤbertrifft; oder liebet eine lasterhaffte/ und die ihre Hochachtung nicht verdienet. Jst sie auch tugend hafft und wohl noch tugendhaffter/ als wir/ worumb solten wir unsern Freund oder Freundin hassen/ daß sie das thue/ worzu sie die gesunde Vernunfft anreitzet/ und was wir selbsten thun wuͤrden/ ja was wir thun solten/ wenn wir an ihrer Stelle waͤren. Jst sie lasterhafft/ so haben wir nicht Ursache weder den lasterhafften noch unsern Freund oder Freundin zu hassen/ (weil wir/ als im vorigen Capitel erwiesen ist/ nie- mahlen einige Ursachen werden finden koͤnnen ei- nen einigen Menschen zu hassen.) Wir haben a- ber nicht Ursache sie zu lieben/ weil wir aus dieser ihrer That erkennen/ daß sie nicht so tugendhafft sey/ als wir sie uns eingebildet; und daß sie noth- wendig an diesen lasterhafften ihres gleichen ge- funden vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. funden. Und deswegen sind wir diesen laster- hafften Menschen auff gewisse Maasse verpflich- tet/ daß er Ursache gewesen/ daß wir eines sehr schaͤdlichen Jrrthums sind entlediget werden. 23. Ferner wenn ich in der Beschreibung der absonderlichen Liebe zweyer tugendliebenden Seelen erwehnet/ so weiset schon das vorher ge- hende Capitel/ worum wir unter allen Particular- Gleichheiten die unter denen Menschen anzutref- fen sind/ keine fuͤr geschickter zur vernuͤnfftigen Lie- be gehalten als diese. Ja es weisen auch unsere vorhergehende Lehren/ daß weil wir keine andere Tugend als die Liebe erkennen/ diejenigen Perso- nen nur fuͤr tugendliebend zu achten seyn/ die mit ihren Thun und Lassen bezeugen/ daß sie die Liebe lieben/ daß ist/ nach Anleitung/ des vori- gen Capitels/ die Leutseligkeit/ Wahrhafftigkeit/ Bescheidenheit/ Vertraͤgligkeit und Gedult. Das ist es eben was wir im vorhergehenden Capitel ge- sagt/ daß die allgemeine Liebe die Richtschnur der absonderlichen sey/ daß ist/ daß diejenigen/ die von obgesagten fuͤnff Tugenden oder auch nur von einer unter ihnen/ gaͤntzlich entbloͤset seyn/ sich zur absonderlichen Liebe nicht schicken. 24. Jch habe aber mit Willen tugendlieben- de und nicht tugendhaffte Seelen erfordert/ um zu zeigen/ daß die vernuͤnfftige Liebe nicht nur un- ter denen sey/ die die Gemuͤths-Ruhe allbereit in einem hohen Grad besitzen/ sondern auch unter denen/ die nach derselben ernstlich trachten/ ob sie R 5 gleich Das 6. Hauptst. von der absonderlichen gleich nur noch Anfaͤnger sind und auff der Tu- gend-Bahn noch nicht eben allzuweit fortgewan- dert haben; Wiewohl jederman gar leichte sie- het/ daß auff diese Weise in der vernuͤnfftigen Liebe unterschiedene Grad geben muͤsse/ und daß diese die allervortrefflichste sey/ wenn zwey oder mehr Hertzen/ die schon die Gemuͤths-Ruhe er- halten/ haben/ vereiniget sind. 25. Weil wir dannenhero so wohl diejenigen so auff der Tugend-Bahn zu wandeln anfangen/ als die so allbereit zum zweck gelanget/ fuͤr tu- gendliebend achten; gleichwohl aber zum oͤfftern als eine aus gemachte Sache erwehnet/ daß die Liebe eine Gleichheit erfordere; als ist noch ferner noͤthig zu wissen/ daß dem unerachtet die vernuͤnfftige Liebe nicht nur unter denen seyn koͤn- ne/ die auff dem Tugend-Wege/ so zu sagen/ ne- ben einander gehen/ sie moͤgen nun darinnen weit avanci ret seyn oder nicht/ sondern auch unter de- nen/ da einer schon einen ziemlichen Vorsprung fuͤr dem andern hat. Woraus ferner zu schlies- sen ist/ daß bey der Liebe nur eine Gleichheit der Beschaffenheit und Inclination en nicht aber eine Gleichheit der Grade erfordert werde. 26. Denn die Gleichheit wird nur erfordert/ wegen der Vereinigung. Leute die auff unter- schiedenen Wegen wandeln/ koͤnnen sich nicht ver- einigen; aber wenn einer auf einem Wege gleich den Vorsprung hat/ kan die Vereinigung wohl geschehen/ wenn entweder dieser auff den andern wartet/ vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. wartet/ oder gar zuruͤcke gehet und ihm forthilfft; oder jener eylet/ daß er diesen einholet. Diese Anmerckung muͤssen wir uns wohl imprimi ren/ weil wir daraus zu seiner Zeit die unterschiedenen Arten der absonderlichen vernuͤnfftigen Liebe wer- den machen muͤssen. 27. Jetzo wollen wir in der Beschreibung der- selben fort fahren. Wir haben darinnen dreyer Tugenden erwehnet (1) der auffmercksamen Gefaͤlligkeit oder Sorgfaͤltigkeit/ durch wel- che diese Liebe auff beyden Theilen gesucht wer- de. (2) Der Gutthaͤtigkeit/ durch welche man dieselbe nach und nach/ nach ihren unterschie- denen Graden erhalte/ und endlich (3) der Ge- meinmaͤchung alles Vermoͤgens und Thuns/ als welche bezeiget/ daß nunmehro die Vereini- gung voͤllig geschehen/ und die Liebe in hoͤchsten Grad erhalten sey. Ehe wir aber diese drey Tugenden genauer beschauen/ muͤssen wir von der Estim und Hochachtung/ als welche bey ei- ner vernuͤnfftigen Liebe allezeit in dem Verstande vorher gehen muß/ etwas weniges erinnern. 28. Alle Menschen sind nicht tugendhafft/ und die Tugend ist eine Sache/ die zu ihrer Erkaͤnt- niß eine genaue Auffmerckung fordert. Nach was fuͤr Grund Regeln dieselbe gesehehen muͤsse/ wollen wir schon zu seiner Zeit weisen. Vor jetzo ist es genung/ daß wir uns leicht einbilden koͤnnen/ daß gleich wie sich gleich und gleich gerne gesellet; also auch selbiges sich leichte suche und finde. Ein tugend- Das 6. Hauptst. von der absonderlichen tugendliebender Mann/ ob er schon nicht die bey einem andern sich besindende Tugend also bald auff das deutlichste erkennet/ so muthmas- set er doch dieselbe bald/ wenn er nichts lasterhaf- tes an demselben spuͤret/ und diese Muthmassung ist nichts andeꝛs als ein Estim odeꝛ Hochachtung Krafft welcher ein tugendlibender Mensch einen andern nach seinen aͤusserlichen Thun und Lassen so lange fuͤr tugendliebend haͤlt/ biß er das Gegentheil gewahr wird. 29. Dieser Estim und Hochachtung ist ein hoͤchst noͤthiger Grund aller irraisonab len Liebe/ indem es unmoͤglich seyn kan/ daß die Be- gierde der Vereinigung vernuͤnfftig sey/ wenn nicht die Einbildung vorhergegangen/ daß die ge- liebte Person der Tugend ergeben sey. 30. Es wird aber diese Einbildung eine Hoch- achtung genennet/ in ansehen der lasterhaff- ten/ nicht aber in Ansehen tugendliebender Per- sonen von geringern Grad. Derowegen so achtet nicht alleine ein Anfaͤnger einen weisen Mann hoch/ sondern es tragen auch in dieser Be- deutung zwey Leute von gleichen Fortgang eine Hochachtung gegen einander/ und ein wei- ser Mann achtet einen Tugend-Schuͤler hoch/ weil er die Beschaffenheit/ daß er sich von andern absondert/ und sich aus der Bestiali taͤt heraus reis- sen wil/ bey ihm fuͤr was ungemeines halten muß. 31. Aus dieser Hochachtung flieffet die ge- faͤllige Sorgfaͤltigkeit/ welches eine Tugend ist/ vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. ist/ durch welche ein tugendlibendes Ge- muͤth auff des andern sein geringstes Thun und Lassen achtung giebt/ umb dadurch nicht so wohl das andere immer mehr und mehr kennen zu lernen/ als demselben hier- mit seine Hochachtung und den Unterscheid/ den es dadurch zwischen demselbigen und an- dern Leuten mache zu erkennen zu geben; massen es denn auch eben deswegen dem an- dern alle sein Verlangen gleichsam an den Augen ansiehet/ und ohne dessen Begehren ihme tausent kleine Dienste leistet/ die zwar keine Muͤhe oder Unkosten erfordern/ aber doch so geringe sind/ daß sie das andere je- nem nicht einmahl wuͤrde anmuthen duͤrf- fen/ auch dieselbigen mit einer schamhaffti- gen Sittsamkeit annimmt. 32. Diese sorgfaͤltige Gefaͤlligkeit ist das erste unfehlbahre und nothwendigste Kenn-Zei- chen einer angehenden Liebe. Wo man die- selbige antrifft/ darff man nur gewiß schliessen/ daß man eine Person liebe/ weil es unmoͤglich ist/ daß ein Mensch continuir lich auffmercksam seyn kan/ wenn es affecti rt ist/ und nicht von Hertzen gehet/ sondern er muß nothwendig in die Nach- laͤßigkeit einmahl verfallen/ und seine Schein-Lie- be verrathen. Alle Worte und Douceurs alle Oeillad en und freundliche Blicke koͤnnen triegen und triegen taͤglich/ wenn sie nicht mit dieseꝛ Soꝛg- faͤltigkeit vergesellschafftet sind. Wo aber diese anzu- Das 6. H. von der absonderlichen anzutreffen ist/ wird sie bey einen vernuͤnfftigen Menschen ohne einiges Wort und andere anrei- tzende Kenn-Zeichen am allermeisten ausrichten. Wer viel von seiner Liebe saget/ ist am wenigsten verliebet/ und derjenige liebet am staͤrcksten/ der seine Liebe durch die stumme Sorgfalt in der That erweiset. Ja dieses ist es eben/ worauff Hicaton beym Seneca zielet/ wenn er saget: Si vis amari, ama. 33. Ja sie ist auch hoͤchst nothwendig/ so gar daß ohne dieselbe auch die sonsten nachdruͤck- lichsten und ungemeinesten Kenn-Zeichen/ der Lie- be todt sind. Wo unser Schatz ist/ da muß auch unser Hertz seyn/ und wo unser Hertz ist/ da muͤs- sen auch unsere Augen seyn. Wer liebet/ der hat ein Verlangen durch die Vereinigung eines an- dern Hertzens seinen Mangel zu ersetzen. Wie kan man aber etwas verlangen/ ohne an das ver- langte stets zu gedencken? Wie kan man aber daran gedencken/ wenn man die Gedancken wo anders hat/ und nicht auff das geringste Thun und Lassen der geliebten Person achtung giebt? 34. Jndem ich von Augen rede/ wil ich zwar die Augen des Leibes nicht gantz ausschliessen; (massen nicht zu laͤugnen ist/ daß gleich wie diesel- ben in der Erkaͤntniß der Wahrheit uns den groͤ- sten Vortheil schaffen; also auch dieselbigen bey gegenwaͤrtiger Tugend sehr nothwendig seyn; und ein Blinder also eines grosses Vortheils be- raubet ist/ bey andern Liebe zu suchen/ und die sei- nige vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. nige ihnen rechtschaffen zu erkennen zu geben;) al- leine ich ziele doch mehr auff die Augen des Her- tzens und die Gedancken. Wer rechtsehaffen liebet/ der giebt auch auff die Person die er liebet achtung/ wenn er die Augen an einen andern Ort kehret/ nicht nur in denen Dingen die durch das Gehoͤr begriffen werden; sondern auch in denen die sonst zum Gesichte gehoͤren/ welches wohl laͤ- cherlich zu seyn scheinet/ aber von einem jeden gar leichte begriffen wird/ wer nur ein wenig darauff achtung geben wil/ was man neben derjenigen Li- nie da unsere Augen gerade auffgerichtet seyn/ se- hen koͤnne. 35. Ja es muß zuweilen diese Sorgfaͤltigkeit auff dergleichen Art eingerichtet seyn/ daß man dadurch in einer oͤffentlichen Gesellschafft die Lie- be einer Person durch dieselbige suche/ und den- noch niemand als diese Person selbst dieselbi- ge gewahr werde/ weil wir von Lastern taͤglich umbgeben seynd/ die die Tugend/ und also auch die tugendliche Liebe neiden/ sie schmaͤhen/ und ihr taufend Verhindrungen in den Weg zu streuen suchen. Diese Fall-Stricke wuͤrden wir nicht entgehen koͤnnen/ wenn wir stets eine Person/ die wir hoch achteten/ mit unverwandten Augen an- saͤhen/ und einen Unterscheid zwischen ihr und an- dern Prrsonen/ den jederman merckte/ macheten. Wer diese Sorgfaͤltigkeit besitzt/ wird tausend Gelegenheit finden/ indem er den aͤusserlichen Scheine nach die gantze Gesellschafft gleich be- scheiden Das 6. Hauptst. von der absonderlichen scheiden tractir et/ dem jenigen dem er seine Liebe und Hochachtung zeigen wil/ dieselbe mit Wor- ten und Thaten/ die kein Mensch sonst in acht nimmt/ zu erkennen zu geben. 36. Jch spuͤre wohl diese Lehre koͤmmt dir wun- derlich vor/ und du traͤgst grosses Verlangen/ durch gewisse Regeln diese Kunst zu fassen. A- ber/ mein Freund/ hast du schon vergessen/ daß wir alsbald zum Anfang gedacht/ sie lasse sich durch keine Regeln lernen/ wenn man nicht wahrhafftig liebe. Liebest du aber wahrhafftig/ so brauchest du keine Regeln/ sondern die Liebe wird schon selbst dein bester Lehrmeister seyn. Die taͤgliche Erfahrung bezeuget solches bey lieben/ die nicht eben gar zu vernuͤnfftig sind; woltest du demnach der vernuͤnfftigen Liebe/ ja die die Ver- nunfft selbsten ist/ weniger Kraͤffte zutrauen? 37. Jedoch erwege nur in etwas hierbey den Nutzen der allgemeinen Liebe/ und absonder- lich der Leutseeligkeit/ Wahrhafftigkeit/ und Bescheidenheit. Wer nicht jederman freund- lich und dienstfertig zu tractir en gewohnet/ und kein Sclave von seinen Worten ist/ der wird sich auch zur sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit sehr uͤbel schi- cken/ und sehr viel gelegenheiten fuͤrbey gehen lassen/ seinen Freund und geliebten eine Hoͤfflig- keit oder kleinen Dienst zu erweisen/ oder sein Wort punctuel zuhalten/ indem/ als solcher Sachen ungewohnet/ meinen wird/ daß solche ge- ringe Dinge wenig auff sich haͤtten. 38. Und vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. 38. Und gesetzt/ daß ihn die Liebe gegen eine gewisse Person so zu sagen gantz uͤmkehrte/ und in einen Augenblick gegen dieselbe hoͤchst sorgfaͤltig machte; so wird er doch zum theil nicht vermoͤ- gend seyn/ das es/ wie wir nur erwehnet/ zu weilen noͤthig/ seine Affection zubergen/ sondern ein jedwedeꝛ wiꝛd aus seineꝛ Condui te/ als aus etwas ungewoͤhnlichen alsbald die wahre Ursache entdecken; Zum theil wird er auch dadurch we- nig bey einer tugendhafften Person ausrichten/ weil dieselbe seine Liebe unmoͤglich als tugend- hafft wird annehmen koͤnnen/ so lange er nicht gegen jederman leutselig/ wahrhafftig/ und bescheiden sich erweiset/ weil als offte gedacht worden/ die allgemeine Liebe der Grund und Richt-Schnur der absonderlichen ist. 39. Es bestehet aber diese Gefaͤlligkeit in ge- ringen Dienstleistungen und Bezeugungen/ die geringe genennet worden/ theils/ weil sie dem/ der sie leistet/ wenige Muͤhe oder Unko- sten verursachen/ z. e. etwas auffheben/ oder hoh- len/ einen Stuhl zu rechte setzen/ etwas von ge- ringen Werth/ das dem andern gefaͤllt/ ihm zum Geschencke anbiethen/ einen freundlichen Blick geben/ u. s. w. theils/ weil der/ der sie erweiset/ sich in den Augen des andern dadurch gleichsam ge- ringer macht/ als wenn man sich freywillig zu solchen kleinen Dingen anbietet/ oder dieselben unbegehret leistet/ die sonsten ordentlich von Die- nern pflegen verrichtet zu werden. S 40. Die Das 6. H. von der absonderlichen 40. Die von der letzten Classe sind dannen- hero so beschaffen/ daß man von ihnen billig sagen kan/ nichtswuͤrdige Dinge seyen die kostbar- sten in der Liebe/ oder man koͤnne die groͤste Gluͤckseligkeit und die kostbarste und theu- reste Waare/ nemlich die absonderliche Liebe/ um nichts erkauffen. Alle die kleinen Gefaͤl- ligkeiten/ die man dem andern erweiset/ sind nichts; Denn derjenige/ der sie leistet/ wuͤrde sehr ausgelachet werden/ wenn er sie dem andern als etwas nur von dem geringsten Werth anrechnen/ oder nur als eine Wohlthat vorruͤcken wolte. A- ber in Gegentheil haͤlt sie derjenige/ dem sie er- wiesen werden/ desto hoͤher/ je vornehmer sonsten die Person ist/ die sie leistet/ und je tieffer die Sub- mission ist/ die man dadurch bezeiget. Derowe- gen geschiehet es auch/ daß man zum oͤfftern durch eine eintzige solche Gefaͤlligkeit das Hertze eines Freundes oder Freundin auf einmahl uͤberkoͤm̃t. 41. Solcher gestalt aber ist sich desto mehr zu verwundern/ daß sehr wenig Leute in der Welt seyn/ die sich dieser Handelschafft be- fleißigen/ und das unschaͤtzbare Kleinod wahrer Freundschafft und Liebe so wohlfeilen Kauffs an sich zu bringen wissen/ welches theils daher ge- schiehet/ daß sie gegen alle Menschen nachlaͤs- sig und nicht leutselig noch bescheiden seyn/ oder weil sie es sich fuͤr eine Schande achten solche Dinge zu thun/ die denen Dienern zukommen; da doch die guten Leute nicht verstehen/ daß des- halben vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. halben dergleichen Dienste nicht an und fuͤr sich knechtisch seyn/ sondern wenn sie der andere uns anbefehlen/ und uns nach Gelegenheit darzu zwingen kan. 42. Dannenhero verbinden auch die Regeln der Liebe den/ dem wir solche leisten/ daß er aus dergleichen Gefaͤlligkeiten keine Gerechtig- keit mache/ ja dieselbigen nicht einmahl ohne Bezeigung einer kleinen Verhinderung an- nehme/ damit er auch seines Orts-bezeige/ er be- trachte dieselbigen nicht als knechtische sondern als Liebes-Dienste/ die ihren Werth aus der blossen Freywilligkeit her haben. 43. Und machen sich solchergestalt der gesuch- ten Liebe diejenigen unwuͤrdig/ die wenn man ih- nen einmahl in solchen Dingen gefaͤllig gewesen ist/ sich nicht scheuen/ sie wieder von uns zu be- gehren/ oder die dieselbigen/ ohne geringste Weigerung geschehen lassen/ oder nach dem solche geschehen/ kein Zeichen von sich geben/ daß sie uns deswegen verpflichtet seyn/ oder sie mit gleicher Sorgfaͤltigkeit zu erwiedern trachten. 44. Denn ob wir schon zuvor erwehnet/ daß sie der so sie leistet/ dem andern nicht anrechnen koͤnne/ so kan er doch wohl ohne Verletzung der gesunden Vernunfft dieselbige kuͤnfftig unter- wegeu lassen/ weil der andere durch dieses sein Verfahren sattsam bezeuget/ daß unsere Liebe ihm nicht angenehme sey/ und wir uns also sehr S 2 betro- Das 6. Hauptst. von der absonderlichen betrogen haben/ wenn wir gemeinet/ er waͤre so tugendliebend als wir. 45. Und gewiß die Leute/ die sich gegen die ihnen geleisteten kleinen Gefaͤlligkeiten so unbescheiden erweisen/ handeln noch irraisonabler als die/ die denen/ derer Freundschafft sie suchen/ dieselbige nicht bezeigen. Diese scheuen sich nichts umb das kostbarste zu hazardi ren; aber jene wollen fuͤr das kostbarste so man ihnen anbietet nicht ein- mahl nichts zur Bezahlung geben. Denn was ist doch die blosse Erkaͤntligkeit/ die man von ihnen fordert/ anders als nichts? 46. Doch sind diejenigen noch ungeschickter zur Liebe/ die dergleichen sorgfaͤltige Gefaͤlligkei- ten entweder gantz und gar nicht annehmen wollen/ oder dieselbigen alsofort erwiedern. Jene achten uns gleichsam entweder zur abson- derlichen Liebe untuͤchtig/ oder geben zu verstehen/ ihre Liebe sey viel zu kostbar/ als daß wir sie mit solchen Dingen solten erhandeln koͤnnen. Diese thun fast ein gleiches/ ausser daß jene unser nichts nicht annehmen wollen/ diese aber suchen unser nichts mit einem gleichen nichts zu bezahlen/ das aber noch unzehlich mahl geringer ist/ als das nichts der Erkaͤntligkeit. Und gewiß man kan ei- nem liebreichen Gemuͤthe keine groͤssere Be- schimpffung anthun/ als wenn man seine Sorgfaͤltigkeit gar nicht annehmen wil/ und wird er einen solchen Menschen mehr unwuͤrdig seiner Liebe erkennen als wenn er sein groͤster Feind waͤre; vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. waͤre; Denn ein Feind haͤlt uns doch noch fuͤr seines gleichen/ weil er sich uͤber uns erzuͤrnet. Aber ein Mensch der unsere Liebe verschmaͤhet/ setzet uns gleichsam dadurch aus der Menschheit heraus/ in dem alle Menschen faͤhig sind von al- len Menschen geliebet zu werden; Ja er beschuldi- get uns gleichsam dadurch der groͤbsten Laster/ weil kein Mensch der absonderlichen Freundschaft unwuͤrdig ist/ als der nicht Tugendhafft ist. 47. So schaͤtzbar aber und so noͤthig die sorg- faͤltige Gefaͤlligkeit bey der Liebe ist/ so wenig ist sie die fuͤrtrefflichste Tugend der Liebe. Sie jaget der Liebe nur nach/ und erklaͤret auf unserer Seite/ daß wir zur Liebe bereit seyn/ wenn wir die andere Person dergestalt beschaffen befinden/ daß sie un- sere Liebe annehmen wolle. Sie ist eine ehrliche Kundschaffterin/ den andern zu erforschen/ ob er unserer Liebe wuͤrdig sey. Die Bezeugun- gen derselben sind viel zu geringe/ als daß man sie fuͤr Wirckung der rechten Liebe und Freundschafft ausgeben koͤnne. Dannenhero muß sie weichen/ so bald die rechte Liebe angehet/ das ist/ so bald wir der Gegen-Liebe des andern oder seiner Tugend anfangen versichert zu wer- den/ und andern vortrefflichern Tugenden Platz geben. 48. Laßt uns aber diese Betrachtung so klar und deutlich sie auch ist/ nicht so obenhin beruͤhren/ sondern etliche Anmerckungen daraus herleiten/ die nothwendig mit derselben verknuͤpfft seyn muͤs- S 3 sen/ Das 6. Hauptst. von der absonderlichen sen/ ob gleich ins gemein darwider pfleget ange- stossen zu werden. Erstlich/ daß so lange als zwey Personen einander noch diese sorgfaͤlti- ge Gefaͤlligkeit erweisen man sich nicht allei- ne bereden koͤnne/ daß eines des andern Ge- wogenheit annoch suche/ und noch keine ge- wisse Versicherung davon habe/ und daß die Person/ die uns annoch mit dieser sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit begegnet/ entweder uns zu hinterge- hen suche/ wenn sie uns ihrer Liebe zu versichern trachtet/ oder aber ein Mißtrauen in unsere Liebe setze. 49. Zum andern/ daß wann zwey Personen/ die bißero einander dergleichen Gefaͤtligkeit er- wiesen/ solche einander nicht mehr bezeigen/ und doch einander nicht feindselig oder kalt- sinnig tractir en/ wir solches nicht fuͤr ein Zeichẽ auffnehmen/ als wenn ihre Liebe und Estim ver- mindert worden; sondern daß wir vielmehr dar- aus schliessen/ daß sie in ihrer Freundschafft und Liebe genugsame Gegen-Versicherung erhalten/ und zimlich vertraulich worden. 50. Drittens/ daß diejenigen Personen/ die uns allbereit ihrer Gegen-Liebe versichert/ entweder uns nicht wahrhafftig lieben/ oder das Wesen der Liebe nicht verstehen muͤs- sen/ wenn sie noch stetswehrend von uns die Continuir ung dergleichen Sorgfaͤltigkeit er- fordern/ und wenn wir solches nicht thun/ uns ei- ner Kaltsinnigkeit beschuldigen/ da wir doch an statt vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. statt dieser schlechten Proben/ taͤglich unsere Liebe durch Erweisung vortrefflicher Dienste bezei- gen. 51. Es sind aber dieser vortrefflicherern Tu- genden/ die in der Liebe auff die sorgfaͤltige Gefaͤl- ligkeit folgen/ zwey. Die eine ist die vertrauli- che Gutthaͤtigkeit/ durch die man einander Wechsels-Weise die Liebe/ die sich bißhero nur noch gleichsam als eine Hochachtnng hatte blicken lassen/ viel naͤher erkennen zu geben/ und die Her- tzen immer mehr und mehr zu verbinden bemuͤhet ist. Das andere ist die liebreiche Gemein- schafft alles dessen/ was zuvor unser eigen gewe- sen/ welche das Kenn-Zeichen ist/ das diese Verbin- dung nunmehro den hoͤchsten Grad erhalten/ und zu einer wahren Vereinigung worden. Wir wollen von jeder etwas ausfuͤhrlicher handeln. 52. Zwar was die Gutthaͤtigkeit anbelan- get/ so hat man von dieser Edelsten so viel uns wissend ist/ ausser dem Seneca niemand ausfuͤhr- lich geschrieben; dieser aber hat in denen sieben Buͤchern/ so er davon verfertiget/ viele schwehre und verwirrte Fragen zwar sehr schoͤne/ aber doch nicht ordentlich und deutlich eroͤrtert/ daß wir also ein weitlaͤufftiges Feld fuͤr uns sehen/ wenn wir diese Materie nach wuͤrde abhandeln wollen. Und zwar so scheinet diese Abhandlung desto noͤthiger zur Sitten-Lehre zu seyn/ ie naͤher diese Tugend zur Liebe gehoͤret/ und je weniger man davon in denen gemeinen Sitten-Lehren handelt; Ja je S 4 mehr Das 6. Hauptst. von der absonderlichen mehr im gemeinen Leben wieder die Grund-Re- geln dieser Tugend pfleget angestossen zu werden. Jedennoch aber werden wir einen grossen Vor- theil fuͤr dem Seneca habẽ/ und allzugroßer Weit- laͤufftigkeit nicht beduͤrffen/ wenn wir die Sache fein ordentlich tractir en/ und zufoͤrderst umb ei- ne rechte Beschreibung der Gutthaͤtigkeit be- kuͤmmert sind; Zumahlen da ein jedweder leichte siehet/ daß die Beschreibung des Seneca allzu just nicht ist/ und daß er zwar den Unterscheid unter denen Gutthaten und denen allgemeinen Dien- sten der Leutseligkeit gewust/ aber dieselbige nicht allemahl accurat beobachtet/ niemahlen aber diese Gutthaͤtigkeit von der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit unterschieden. 53. so ist demnach die vertrauliche Gutthaͤ- tigkeit eine Tugend/ die den Menschen antrei- bet/ derjenigen Person/ die er durch die sorg- faͤltige Gefaͤlligkeit genugsam hat kennen ler- nen und den Anfang von deren Gegen Liebe erhalten/ zu haben versichert ist/ seine Liebe und Vertrauen das er in sie setzet/ zu bezeu- gen bey allen sich eꝛeignenden Gelegenheitẽ/ auch mit Verlust seines Vermoͤgens und mit saurer Muͤhe und Arbeit/ ohne Begehrung einiges Endtgelds in ihrer Beduͤrffniß bey- zuspringen/ und ihr ein wahres Vergnuͤgen zu geben. 54. Wir haben diese Tugend eine vertrauli- che Gutthaͤtigkeit geheissen/ auch gesagt/ daß man vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. man sein Vertrauen einander zu bezeigen gutthaͤ- tig seyn muͤsse. Denn es ist ja so natuͤrlich/ daß das Vertrauen oder die Vertraulichkeit vor der Gutthaͤtigkeit vorgehe/ als die Hochach- tung vor der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit. So lan- ge als man sich noch der Gefaͤlligkeit bedienet/ ist man zwischen Furcht und Hoffnung/ und folglich kan man sich noch keines Vertrauens ruͤhmen; Wo man die Liebe noch suchet/ da zweiffelt man; und wo man zweiffelt/ ist man noch ein wenig miß- trauisch. Wo man aber dieselbe anfaͤnget zu finden/ da muß das Suchen und Zweiffeln auff- hoͤren/ und wo man einander durch die sorgfaͤltige Gefaͤlligkeit gleichsam biß in das Jnnerste des Hertzens siehet/ da muß nothwendig ein Ver- trauen entstehen/ daß uns die geliebte Person nicht hintergehen koͤnne noch wolle. Ja da muß man nothwendig anfangen gegen einander ver- traulich zu werden/ weil man Wechsels-Weise erkennet/ daß man sich ferner weder fuͤr einander verbergen koͤnne/ noch solches zu thun Ursache habe. 55. Ferner gleich wie ohne die vorhergehende Hochachtung keine Liebe oder Gefaͤlligkeit ver- nuͤnfftig ist; also ist auch keine Gutthaͤtigkeit vernuͤnfftig/ wenn nicht dieses Vertranen vorhergehet/ und also ist in Ansehen dessen ein mercklicher Unterschied zwischen denen Diensten der Gefaͤlligkeit und denen Gutthaten/ weil das Vertrauen jener ihre Tochter/ und dieser ihre Mutter ist. S 5 56. Hier- Das 6. Hauptst von der absonderlichen 56. Hieraus folget aber nothwendig/ daß die- ses nimmermehr fuͤr wahre Gutthaten zu halten seyn/ wenn man alsbald beym Anfang der Liebe/ und ehe man einer Gegen-Liebe sich versichern kan/ einander Wechsels-Wei- se/ oder auff einer Seite solche Dienste erwei- set/ die mit Verlust unsers Vermoͤgens/ o- der mit hazardir ung unserer Gesundheit und anderer Guͤter vergesellschafftet sind. Die- ses heist die Perlen fuͤr die Saͤue werffen/ und die Guͤter die uns GOtt gegeben/ an wahre Freunde und Liebens-wuͤrdige Personen zu wenden/ un- nuͤtzlich und unverantwortlich verschwenden. 57. Ja man wird sich nicht betriegen/ wenn man von denen/ die dergleichen kostbare und ge- faͤhrliche Dienst-Leistungen denen/ so sie noch nicht kennen/ erzeigen/ ein solches Urtheil faͤllet/ daß sie entweder verschwenderisch odet toll- kuͤhne seyn; oder wo man durch andere Zeichẽ be- findet/ daß sie mit diese Lastern nicht behafftet sind/ darff man sich nur gewiß versichern/ daß diejeni- gen/ so uns dieselbe leisten/ nicht unser Ver- gnuͤgen dadurch/ sondern ihr eigenes Interes- se zu befordern suchen/ und also auch aus diesen Ursachen der geleistete Dieust unter die Schein- Gutthaten gerechnet werden muͤsse. 58. Jedoch muß man sich nicht einbilden/ daß die vor Leistung wahrer Gutthaten gehoͤrige Be- huttsamkeit sich eben allemahl eine lange Zeit erstrecken muͤsse/ und daß man obiges Urtheil von allen vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. allen denenjenigen faͤllen doͤrffte/ die uns Guttha- ten erweisen/ wenn sie noch nicht lange mit uns umbgegangen sind. Die behutsame Gefaͤllig- keit sol so lange tauren/ biß man einander kennen lernet. Je groͤsser nun die Gleichheit zweyer Gemuͤther ist/ je geschwinder erkennet man ein- ander. Und je tugendhaffier man ist/ je eher kan man andere/ die es nicht so in einem hohen Grad sind/ kennen lernen. Derowegen kan es nicht fehlen/ es muͤssen zwey Personen/ die die Tugend in einem gleichen und hohen Grad besitzen/ in ei- ner eigenen Conversation, ja in einer sehr kurtzen Zeit/ einander kennen lernen/ Wechsels-Weise lieben/ und da es Gelegenheit giebet/ Gutthaͤtig- keit gegen einander blicken lassen/ daß man dan- nenhero wegen Kuͤrtze der Zeit der Gesaͤlligkeit fast unter ihnen nicht gewahr wird. 59. Noch viel unvernuͤnfftiger aber ist es diejenigen zu lieben/ und ihnen Gutthaten zu erweisen die uns hassen/ oder doch zum wenigsten zu verstehen geben/ daß sie uns nicht wieder lieben koͤnnen. Wo man uns hasset/ da zeiget dieser Haß nothwendig eine Ur- gleichheit der Gemuͤther an/ und muͤssen also ent- weder die Person die wir lieben/ oder wir selbst nothwendig lasterhafft seyn. Eben dieses ist auch davon zu sagen/ wenn man uns Gegen-Liebe versagt/ Denn man darff dieses nicht etwan dieser Ursache zuschreiben/ daß die Person so wir lieben/ allzuweit in der Tugend zugenommen/ und wir Das 6. Hauptst. von der absonderlichen wir nur Anfaͤnger darinnen waͤren; oder daß in Gegentheil sie in der Tugend noch nicht so weit gekommen waͤre als wir/ und dahero die groͤsse un- serer Tugend noch nicht vertragen koͤnte. Wir haben schon oben erwehnet/ daß die unterschiede- nen Grade tugendliebender Peꝛsonen sie in gering- sten nicht an der Tugend hindern/ und daß die Gleichheit der Neigungen zu der Tugend allge- nung sey/ eine wahre zu erwecken. 60. Derowegen ist abermahls aus dieser Ur- sache abzusehen/ daß viel Scribenten ihren Con- cept von einer vernuͤnfftigen Liebe nicht wohl ein- gerichtet/ wenn sie in Vorstellung derselben solche Personen einfuͤhren/ die fuͤr Liebe gegen ein Frauen-Volck/ das sie nicht wider lieben wil kranck werden/ oder wohl gar sterben. Zugeschweigen/ daß es der Vernunfft zu wieder ist etwas zu lieben/ daß wir nicht erhalten koͤnnen/ weil die erste Regel des menschlichen Willens darinen bestehet/ daß wir nichts begehren sollen/ was uns unmoͤglich ist. 61. Wann denn nach der Behutsamen Gefaͤl- ligkeit das Vertrauen bey beyderseits Personen entstanden/ und die Hertzen gegen einander bezei- get/ daß sie sich auff beyden theilen zu der Verei- nigung neigen/ gleichwohl aber dieselbigen noch nicht wuͤrcklich vereiniget sind/ sondern ein jedes noch seine eigenthuͤmliche Guͤter hat/ und so zu sagen noch heruͤber sein Thun und lassen ist/ so kan es nicht fehlen/ sie muͤssen auff beyden Sei- ten vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. ten anfangen von ihren Guͤtern und von ih- ren Thun und Lassen einander gleichsam merckliche Stuͤcke mit zutheilen/ und dadurch einander immer naͤher und naͤher zukommen. Denn wenn man gleich sagen wolte/ es koͤnte die- se. Vereinigung wohl geschehen/ wenn das eine Hertze dem andern alles gutes erwiese/ sein Thun und Lassen des andern Willen unterwuͤrffe/ und nur auf seiner Seite diese Vereinigung vollbraͤch- te/ so haben wir doch schon oben behauptet/ daß die Vereinigung in der manschlichen Liebe also be- schaffen seyn muͤsse/ daß keines uͤber daß andere sich einer Bottmaͤßigkeit anmasse; ja wir haben nur jetzo auffgehoͤret zu sagen/ daß keine vernuͤnff- tige Liebe ohne Gegen-Liebe seyn koͤnne. Und derowegen ist die Wechselsweise Gutthaͤtig- keit ein nothwendiges Stuͤck der Liebe. 62. Ja sie ist auch ein unfehlbahres Kenn- Zeichen derselben. Wahre Gutthaten koͤn- nen aus nichts anders als aus einer vernuͤnfftigen Liebe herruͤhren. Die unvernuͤnfftige Liebe wohlluͤstiger und ehrgeitziger Leute/ gleichwie sie nur eine Schein-Liebe ist/ in der man sucht das andere Hertze sich unterwuͤrffig zu machen/ also sind auch die darinnen vorkommenden Gutthaten nur Schein-Gutthaten/ weil sie allenthalben nach eigenen Interesse schmecken. 63. Man kan dannenhero die wahre Liebe von der falschen in keinem Stuͤcke besser als hie- rinnen unterscheiden. Die Dienste der allge- meinen Das 6. Hauptst. von der absonderlichen meinen Leutseligkeit/ gleichwie sie gar keine absonderliche Liebe anzeigen/ sondern allen Men- schen erwiesen werden sollen/ auch in so geringen Dingen bestehen/ daß man dieselben fuͤr keine Liebes-Dienste ausgeben kan; also koͤnnen sie auch so wohl bey der Schein-als warhafftigen Liebe vorgehen. 64. Fast gleiche Bewandniß hat es mit de- nen Diensten/ der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit/ weil sie eben so geringe sind als die Dienstleistun- gen der Leutseeligkeit/ und nur darinnen von de- nenselben unterschieden sind/ daß wir bey der Leutseeligkeit alle Menschen gleich tracti ren/ und durch dieselbe auch uns andern Menschen gleich halten/ bey der Gefaͤlligkeit aber/ wie erwehnet/ andern durch gewisse Merckmahle den Unter- scheid/ den wir zwischen ihnen und andern machen zu verstehen geben/ auch zum oͤfftern bey denen- selben uns ihnen sehr submittir en. Solcherge- stalt aber kan so wohl die vernuͤnfftige als un- vernuͤnfftige Liebe sich dergleichen Gefaͤlligkeit bedienen/ nur daß dieselbe bey der falschen Liebe durch ihre nothwendige Affectation sehr kaͤntlich wird. 65. Ob aber wohl die Gutthaͤtigkeit da- durch so wohl von der Leutseeligkeit als Gefaͤllig- keit unterschieden wird/ daß die Gutthaten kost- bar und muͤhsam seyn muͤssen. So ist doch dieser Unterscheid noch lange nicht genug die ver- nuͤnfftige und unvernuͤnfftige Liebe von ein- ander vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. ander zu entscheiden/ weil in dieser es allenthalben an Kostbarkeit und Muͤhe so gar nicht mangelt/ daß man vielmehr mehr Muͤhe und Unkosten hier anzuwenden pfleget/ als in der vernuͤnfftigen Liebe/ weil die unvernuͤnfftige Liebe hitziger ist als die vernuͤnfftige/ eben deshalben weil sie unver- nuͤnfftig ist. 66. Ja man waget das Leben selbst/ so wohl in der unvernuͤnfftigen Liebe als in der vernuͤnffti- gen/ weil man eine augenblickliche Wollust/ o- der eine eitele Ehre ja so hoch achtet/ als ein tu- gendhaffter die wahre Gemuͤths-Ruhe. 67. Derowegen so bleibet dieses der eintzige Unterscheid zwischen dem wahrhafftigen und Schein-Gutthhaten/ daß man in diesen sein eigen Vergnuͤgen sucht/ in jenen aber man der geliebten Person ein wahres Vergnuͤgen zu geben bemuͤhet ist. Und dieses ist auch der fuͤr- nehmste Unterscheid zwischen der vernuͤnfftigen und unvernuͤnfftigen Liebe. 68. Wer vernuͤnfftig liebet/ und nur in ge- ringsten gewahr wird/ daß die geliebte Person sei- ner Huͤlffe und seines Vermoͤgens vonnoͤthen habe/ der laͤst sich nicht lange umb seinen Bey- stand bitten/ sondern er bietet seine Gutthaten dem geliebten freywillig/ ohne Verzug und eyfrig an/ er bittet ihn daß er sie annehmen wolle/ und man kan nicht sagen/ ob derjenige/ so die Wohl- that ewpfaͤhet mehr Vergnuͤgen uͤber die Treue seines Freundes empfinde/ als der/ der sie giebet/ sich Das 6. Hauptst. von der absonderlichen sich freuet/ daß er der geliebten Peson einen Ge- fallen erwiesen. Und weil er dieses Vergnuͤgen hoͤher achtet/ als alles auff der Welt/ so achtet er auch alle seine Muͤhe und alle sein Vermoͤgen fuͤr nichts dasselbe zu erkauffen. Ja weil er in der geliebten Person mehr als in sich selbst lebet/ so waget er auch sein Leben willig und gerne/ wenn er nur eine wahrscheinliche auch geringe Hoffnung hat/ dadurch das Leben seines Freun- des zu erretten. Ja er wagete tausend Leben fuͤr seinen Freund/ wenn er solches haͤtte: Siehet er aber daß solches allerdings zu retten unmoͤglich sey/ so erhaͤlt er sein Leben/ und stellet sich uͤber den Tod seines Freundes nicht ungeberdig/ weil er ihm dadurch nichts helffen kan/ sondern viel- mehr dadurch seine Huͤlffe andern/ die seiner Lie- be benoͤthiget sind/ entziehen wuͤrde. 69. Dieweil auch die wahren Gutthaten auf desjenigen/ so sie erlanget/ sein Vergnuͤgen zie- len/ so ist die vernuͤnfftige Liebe besorget/ hierbey solche Dinge zu erkiesen/ die dem geliebten gefal- len/ nicht solche/ an welche sie fuͤr andeꝛn eine Be- lustigung zu finden pfleget. Sie dringet dem geliebten die Gutthaten nicht wieder Willen auff/ wenn er deren nicht benoͤthiget ist/ ja sie ist vergnuͤgter/ wenn der Geliebte in einen solchen Zustande lebet/ daß er ihres Beystandes nicht von noͤthen hat/ als ihn nur einen Augenblick in ei- nem verdrießlichen Zustande zu sehen/ daß er nach ihrer Huͤlffe verlangen tragen muß. 70. Je- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. 70. Jedoch weil die vernuͤnfftige Liebe allezeit auf ein wahres Vergnuͤgen zielet/ dieses aber ausser der Tugend und der darauf folgenden Ge- muͤths-Ruhe nicht zu finden ist; so erweiset auch die vertrauliche Gutthaͤtigkeit nur solcher Liebes- Dienste/ die der Vernunfft und Gemuͤths- Ruhe nicht schaͤdlich sind. Denn wenn die geliebte person mit Vorsatz andere verlangen solte/ wuͤrde sie zu verstehen geben/ daß sie nicht Tugendliebend waͤre/ und folglich wuͤr d e sie sich der Liebe und Gutthaͤtigkeit unwuͤrdig machen. Geschaͤhe aber dieses Begehren von der gelieb- ten Person mehr aus Unverstand als Boßheit/ oder aus Schwachheit/ wird zwar ein Weiser deswegen seinen Freunde oder Freundin nicht seine Liebe entziehen/ gleichwohl aber auch nicht sein Begehren/ sondern vielmehr das Gegentheil erfuͤllen. Und kan man in diesem Fall sagen/ daß die Gutthat darinnen bestehe/ wenn man das nicht thut/ was der Freund verlanget/ weil man gewiß versichert lebet/ daß diese Versagung des begehrten Schein-Guten/ dem Freunde ein wah- res Vergnuͤgen erwecken/ und er es uns dermahl- eins dancken werde/ daß wir ihm sein Begehren versaget. 71. Mit denen Schein-Gutthaten ist es gantz umbgekehret; Man laͤst den/ der unserer Huͤlffe vonnoͤthen hat lange verzappeln/ und bitten/ umb dadurch die begehrte Gutthat desto hoͤher auszubringen. Man bittet ihn nicht lange T drumb Das 6. Hauptst. von der absonderlichen drumb sie anzunehmen/ sondern wenn er nur das Geringste versiehet/ entziehet man ihm dieselbi- ge wieder/ ehe er ihrer noch voͤllig genossen. Sol- chergestalt aber machet man/ daß dessen Freude/ der sie geniesset/ sehr geringe ist; Ja man freuet sich hierbey nicht so wohl druͤber/ daß die geleiste- te Gutthat den andern vergnuͤget/ als daß man dadurch Gelegenheit bekommen/ von ihme ein gleiches oder mehrers zu fordern. Man rechnet ihm die aufgewendete Muͤhe und Unkosten theuer genug an/ und achtet des andern Freundschafft und Liebe fuͤr nichts/ wenn er uns unsere Dienste nicht wiederumb uͤberfluͤßig vergelten kan. Man waget wohl in der unvernuͤnfftigen Liebe sein Le- ben/ aber nur fuͤr die Erlangung der Wollust und anderer dergleichen Begierden/ nicht aber fuͤr die Person/ gegen die wir uns anstellen/ als ob wir sie liebeten; Ja man gaͤbe tausend Freunde hin/ wenn man nur sein eigen Leben damit retten koͤnte. Jedoch ist es nichts ungewoͤhnliches/ daß man sich auch in unvernuͤnfftiger Liebe den Tod an- thut/ wenn man sich seine Wollust und andere Begierden zu erfuͤllen beraubet siehet. 72. Und weil man ferner bey den Schein- Gutthaten auf sein eigenes Interesse und Belusti- gung zielet; als erweiset man seinem Freunde solche Dinge/ die uns vergnuͤgen/ und bekuͤm- mert sich nicht/ ob er einen Gefallen daran habe oder nicht. Man dringet sie andern auff/ wenn sie gleich dieselben nicht verlangen/ noch de- ren vernuͤufftigen Liebe uͤberhaupt. ren benoͤthiget sind. Man wuͤnschet denen an- dern ein grosses Ungluͤck oder Verdruß an Halß/ daß man seine milde und Gutthaͤtigkeit an ihm bezeigen/ und sie dadurch uns verpflichten moͤge. 73. Letzlich weil die unvernuͤnfftige Liebe alle- zeit auff ein unruhiges Vergnuͤgen gegruͤndet ist/ so erweiset man auch dem andern solche Liebes- Dienste am liebsten/ die der Tugend zuwider seyn/ und die Gemuͤths-Ruhe stoͤhren/ theils da- mit wir den Freund zu gleichmaͤßigen unruhigen Diensten wiederbrauchen koͤnnen; theils weil wir aus deren Begehren spuͤhren/ daß er uns gleich seyn muͤsse. Ja wenn man siehet/ daß der- selbe/ weil er nicht so unvernuͤnfftig ist als wir/ sich schaͤmet/ dieselben von uns zu begehren/ so frischet man ihn desto mehr darzu an/ und wenn er hinge- gentheil was loͤbliches von uns verlanget/ lachet man ihn aus als einen unverstaͤndigen Menschen/ oder hintergehet ihn sonsten/ in dem man aller- hand Erfindungen hervor sucht/ ihm sein Begeh- ren unter einem Schein abzuschlagen. 74. Und also verstehestu nunmehro/ worumb wir oben in Beschreibung der Gutthaͤtigkeit ge- dacht/ daß man dieselbe ohne Begehꝛung eini- ges Entgeldts verrichten muͤsse/ weil wir nem- lich in derselben nicht unser Interesse, sondern das Vergnuͤgen der geliebten Person suchen. Wir suchen ja dadurch das allbereit gewonnene Hertze unsers Freundes immer naͤher und naͤher mit uns T 2 zu Das 6. Hauptst. von der absonderlichen zu verbinden/ und dieses uͤbertrifft alles andere Interesse, aber wir suchen doch hiermit nicht un- sern privat Nutzen/ ja wir wollen auch das Heꝛtze unsers Freundes nicht durch die Gutthaten/ son- dern mit unsern Hertzen/ davon die Gutthaten nur ein Zeugniß seyn/ erkauffen. 75. Jedoch ist die Gutthaͤtigkeit niemahlen ohne Hoffnung eines Vergeldts/ weil man ge- wiß versichert ist/ daß die Liebe unseres Freundes ihm antreiben werde/ danckbar gegen uns zu seyn. Denn die Danckbarkeit ist eine Tugend/ die der Gutthaͤtigkeit auff dem Fusse folget. Sie ist nichts anders als ein Trieb/ die empfangenen wahren Gutthaten nicht alleine alsobald mit Bezeigung/ daß sie uns angenehm seyn anzunehmen/ sondern auch eyffrig sich zu be- muͤhen/ entweder dieselbe durch andere zu erwiedern/ oder doch zum wenigsten/ da es in unsern Vermoͤgen nicht ist/ oder da sich sonst keine Gelegenheit darzu ereignet/ durch Worte und Wercke zu bezeigen/ daß wir solches zu thun grosses Verlangen tragen. 76. Die Danckbarkeit hat dieses mit der Gutthaͤtigkei t gemein/ daß ausser der wahren Liebe auch keine warhaffeige Danckbarkeit statt hat; Wo man mir nur Schein-Guttha- ten erwiesen/ nach Art und Weise/ wie wir solches kurtz zuvor beschrieben haben/ da bin ich nicht un- danckbar/ wenn ich dieselben nicht zu vergelten trachte/ zumahl wenn man uns dieselben wider Willen vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. Willen auffgedrungen. Ja wenn ich sie gleich vergelte/ so ist es doch keine Danckbarkeit/ sondern eine Bezahlung dessen/ was mir der andere nicht als eine Gutthat erwiesen/ sondern gleichsam nur als baares Geld geliehen/ und ich auch nicht an- ders angenommen/ oder annehmen sollen. 77. Ferner gleichwie man von der Gutthaͤ- tigkeit nicht leichte urtheilen kan/ ob dieselbe recht oder unrecht sey/ wenn man nicht die wahre Liebe in seinem Hertzen empfunden/ und die falsche Schein-Liebe erkennen lernen; Also kan man auch nicht leichte urtheilen ob der an- dere danckbar oder undanckbar sey/ wenn man nicht selbsten den jetztbesagten Grund warhaffti- ger Danckbarkeit wohl verstehet. Bey dieser Bewandniß aber ist nicht zu bewundern/ woher es doch komme/ daß da die wenigsten Menschen denen andern wahre Gutthaten bezeigen/ doch jederman seine Gutthaͤtigkeit ruͤhmet/ und den andern einer Undanckbarkeit beschuldi- get/ der sich aber kein Mensch schuldig er- kennen wil. Denn wir leben zu einer solchen Zeit/ da die Tugend den Nahmen der Laster uͤberkommen/ die Laster aber mit denen Titeln der Tugend einher prangen/ und da die allermei- sten Menschen von der vernuͤnfftigen Liebe/ und denen dahin gehoͤrigen Tugenden/ wie der Blin- de von den Farben urtheilen. 78. Endlich gleich wie die Liebe keinen Zwang leidet/ und was gezwungen ist/ fuͤr keine Gutthat T 3 passi- Das 6. Hauptst. von der absonderlichen passi ren kan; also kan man auch niemand zur Danckbarkeit zwingen/ und der jenige bleibt doch undanckbar/ den man gezwungen hat seinen Freunde wieder gutes zu thun. 79. Wiederumb ist darinnen zwischen der Gutthaͤtigkeit und Danckbarkeit ein grosser Unterscheid/ daß niemand fuͤr gutthaͤtig gehal- ten werden kan/ der seinem Freunde nicht in der That Gutthaten erweiset/ aber man kan wohl danckbar seyn/ wenn man gleich dem an- dern nichts wieder zu gute thut/ wenn es uns an Gelegenheit und Vermoͤgen mangelt solches zu thun/ und wir unsere Begierde ihm wieder zu dienen nur rechtschaffen ausdruͤcken. 80. Du must aber nicht weiter gehen/ und aus dem was wir gesagt haben/ folgern/ daß noch die- ser Unterscheid zwischen diesen beyden Tugenden sey/ daß auff diese Weise niemand unvermoͤ- gend sey/ danckbar zu seyn/ aber daß es ihrer vielen fehlen koͤnne guttaͤhtig zu seyn/ wenn sie wegen Armuth hierzu unvermoͤgend sind. Und daß dannenhero Arme sich nicht schicketen an- dere zu lieben/ oder doch die Gutthaͤtigkeit nicht eben so ein noͤthiges Stuͤcke der tu- gendlichen Liebe seyn muͤsse. Denn es folget dieses aus unserer Lehre gantz nicht. Es kan ja wohl einem Menschen an Gelegenheit mangeln/ einem andern wuͤrcklich gutes zu thun/ als wie es ihm an Gelegenheit mangelt/ dem andern wuͤrck- liche Danckbarkett zu erweisen. Es kan einer unver- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. unvermoͤgend seyn/ die Gutthat/ die der andere von dir begehret/ ihm zu erweisen/ gleich wie er oͤffters unvermoͤgend ist/ ihm zur Danckbarkeit etwas gewisses zu leisten. Aber das gehet nicht an/ daß wir sagen wolten ein einiger Mensche/ son- derlich ein tugendhaffter Mensche sey unvermoͤ- gend dem andern gutes zu thun. Die Guttha- ten bestehen nicht allein in Mittheilung des Ver- moͤgens/ sondern in Anwendung alles mensch- lichen Thun und Lassens zu des andern Nutzen. Hat nicht ein jeder ein Leben/ das er fuͤr dem an- dern auffopffern kan? Und hat nicht ein Weiser uͤber dis guten Nath den andern aus der Bestiali- taͤt heraus zu reissen/ und seinen Verstand und Willen auszubessern? Diese Gutthaten sind viel edler als die Darleyhung aller Schaͤtze. 81. Siehe auff so leichten und doch deutlichen Gruͤnden bestehet die Lehre von der Gutthaͤtigkeit und Danckbarkeit. Jn dieses wenige concen- tri ret sich alles das was Seneca so weitlaͤuff- tig und nicht allzuordentlich/ auch zum oͤff- tern nach Art der Stoicker mehr problema- tisch als klar und offenbahr handgreifflich in seinen Buͤchern von denen Gutthaten vor- getragen. So viel ist an einer rechten Be- schreibung eines Dinges/ und an guter Ordnung gelegen. 82. Nun folget die unzertrennliche Ge- meinschafft alles Vermoͤgens/ ingleichen al- les vernuͤnfftigen Thun und Lassens/ als die T 4 voͤlli- Das 6. Hauptst. von der absonderlichen voͤllige Bezeugung/ daß nunmehro die vernuͤnffti- ge Liebe ihre Vollkommenheit erlanget. Wenn man sich mit der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit gleich- sam in den aͤussersten Vorgemach der vernuͤnffti- gen Liebe/ darinnen jederman den Zugang hat/ eine Zeitlang auffgehalten/ und hernach vermit- telst der Gutthaͤtigkeit in ihr anderes Zimmer/ da ihrer wenige nur ihren Zutritt haben/ eingegan- gen/ gelanget man endlich in das allervertrauteste Cabinet der Liebe/ wenn man durch eine Gutthat und Vertraulichkeit nach der andern Wechsels- weise die Hertzen so feste und unauffloͤßlich ver- knuͤfft hat/ daß aus Zweyen so zu sagen ein Hertz und eine Seele worden ist. Und also muß dem- nach in diesem Cabinet da die wahre Liebe ihren Thron hat/ alles Eigenthum auffhoͤ- ren/ und alles gemein seyn/ weil ein jedwedes Eigenthum zum wenigsten zwey und zwar unterschiedene und nicht allzueinige Perso- nen nach seinen Wesen præsupponi ret/ auch aus dem Mangel der Liebe und der Uneinig- keit entstanden ist. 83. Wir haben dieses anderswo weitlaͤufftig ausgefuͤhret/ da wir behauptet haben/ daß von Anfang der Welt eine Gemeinschafft der Guͤter gewesen sey/ und daß das Eigenthum al- leine deshalben entstanden/ weil das Band der Liebe unter denen Menschen zerrissen/ und allein in dieser Betrachtung besagte Gemeinschafft fuͤr den hierdurch allzusehr verderbten Zustand der Men- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. Menschen sich nicht schicke. So weiset es auch die Kirchen Historie/ daß bey dem Anfang des Christenthums/ als die Christliche Liebe annoch ihte gehoͤrige Bruͤnstigkeit gehabt/ auch alle Guͤ- ter unter denen ersten Christen gemein ge- wesen. Jedoch wollen wir dieses Letzte allhier nicht als den staͤrcksten Beweißthum anfuͤhren/ theils weil die Christliche Liebe viel edler ist als die vernuͤnfftige liebe/ von der wir alleine in dieser Sitten-Lehre handeln/ theils weil unterschiedene Gelehrte der Meinung sind/ daß unter denen er- sten Christen nicht eben alle Guͤter gemein gewe- sen; Welchen Streit ausfuͤhrlich zu eroͤrtern/ an- jetzo nicht unsers Vorhabens ist. 84. So wollen wir uns auch nicht des An- sehens des Plato bedienen/ welcher/ wie bekant ist/ zu der Vollkommenheit des geweinen Wesens erfordert/ daß alle Dinge in demselben gemein seyn solten/ so wohl weil dieser etwas zu weit ge- het/ und diese Gemeinschafft auch auf die Ge- meinschafft der Weiber erstrecket/ davon wir im letzten Hauptstuͤck etwas vernehmen wollen/ (wiewohl ein gelehrter Mann unserer Zeit nicht ohne Wahrscheinlichkeit den Plato disfalls ver- theidiget/ oder vielmehr entschuldiget) theils weil wir nicht gewohnet sind zu Behauptung unserer Lehren uns der Autori taͤt einiges Menschen zu be- dienen. Genug ist es/ daß wir dieselbe allbereit aus dem Wesen der Liebe selbst klar und deutlich hergeleitet haben. T 5 85. Und Das 6. Hauptst. von der absonderlichen 35. Und ist solchergestalt nichts mehr uͤbrig/ als daß wir etliche wenige Einwuͤrffe die man aus denen Regeln der allgemeinen menschlichen Ver- nunfft hierwieder anfuͤhren konte/ abhelffen. Jns- gemein haͤlt man dafuͤr/ daß die Gemeinschafft aller Guͤter den Unterscheid der Staͤnde in gemeinen Leben und der Buͤrgerlichen Ge- sellschafft gaͤntzlich auffheben/ und durchge- hends einen schaͤndlichen Muͤßiggang/ oder doch zum wenigsten diese Ungerechtigkeit einfuͤh- ren wuͤrde/ daß die faulen Leute/ die nicht arbeiten wollen/ besser dran seyn wuͤrden als die Arbeitsa- men/ in dem sie der Frucht der andern ihrer Arbeit reichlich mit geniessen/ die Arbeitsamen aber von ihnen nicht das geringste wiederumb zu geniessen haben wuͤrden/ wodurch denn eine grosse Un- gleichheit unter denen Menschen wuͤrde einge- fuͤhret/ und also wider die Regeln der allgemeinen menschlichen Liebe groͤblich angestossen werden. 86. Nun laugnen wir zwar nicht/ daß dieser Einwurff im ersten Anblick von ziemlichen Nach- druck zu seyn scheine/ und haben die meisten unter denen Gelehrten bishero nichts gefunden/ densel- ben aus dem Wege zu raͤumen/ sondern sich diesen Einwurff verleiten lassen/ deswegen die Gemein- schafft der Guͤter hefftig anzufeinden/ und das Ei- genthumb mehr als es verdienet/ heraus zu strei- chen. Aber worzu verleitet uns Menschen doch nicht ein von andern langwierig eingefuͤhrter Wahn/ den wir von den groͤsten Hauffen verthey- diget vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. diget und behauptet sehen. Es ist wahr/ die Ge- meinschafft der Guͤter hebet einen von denen vornehmsten Unterscheiden unter den Menschen auff/ von welchen sehr viel andere Unterscheide der Staͤnde in menschlicher Gesellschaft dependi- ren/ nemlich den Unterscheid/ nach welchem et- liche arm/ etliche reich sind/ und wuͤrde gewiß/ wenn eine Eigenthum waͤre/ niemand arm oder reich seyn/ sondern jedweder genug haben. 87. Aber wolte GOtt/ daß kein Mensch arm oder reich waͤre. Jener hat zuviel/ und dieser zu wenig. Beydes ist boͤse/ und fuͤr einen Haupt-Mangel zu achten. Armuth und Reich- thum ist ja beynah die Ursache aller unter den Menschen entstehenden Uneinigkeiten. Und wenn die Gemeinschafft der Guͤter keinen Man- gel mehr einfuͤhret/ als daß ein jedweder genung hat/ so hastu warhafftig nichts wider dieselbige zu sagen/ weil derjenige allbereit das groͤste Theil von der Gemuͤths-Ruhe hat/ der sich begnuͤgen laͤst. 88. Und obschon von dem Unterscheid der Reichen und Armen/ oder von dem unter den Menschen eingefuͤhrten Eigenthum sehr viel an- dere Staͤnde dependi ren/ indem ein jedweder dadurch angetrieben wird/ etwas in dem gemei- nen Wesen zu ersinnen/ damit er Geld verdiene/ so sind es doch insgemein solche Staͤnde/ dadurch die Thorheit und Eitelkeit der Menschen im- mer mehr und mehr gestaͤrcket wird/ indem ein Das 6. Hauptst. von der absonderlichen ein jedweder sich bemuͤhet/ durch seine Erfindun- gen/ immer was neues auff die Bahn zu bringen/ dadurch die auff eitele Curiosi taͤt zielende Ge- muͤther der Menschen an sich zu locken/ oder ihnen dadurch Gelegenheit zu geben/ sich von andern Menschen/ als wenn sie vortrefflicher waͤren/ desto mehr abzusondern/ oder unter dem Schein dem menschlichen Geschlecht zu nuͤtzen/ demselben viel- mehr auff tausenderley Weise zu schaden. Wer wolte aber sagen/ daß dadurch dem gemeinen Wesen ein Abbruch geschehe/ wenn durch die Ge- meinschafft aller Guͤter diese Staͤnde auffgehoben und geaͤndert wuͤrden/ da sie doch vielmehr das gemeine Wesen so sehr hindern/ daß/ wie die taͤg- liche Erfahrung weiset/ die so vielfaͤltig wieder- holeten Policey-Ordnungen nicht vermoͤgend sind/ das durch dieselben eingefuͤhrte Ubel aus- zu tilgen. 89. Ja sprichst du/ das gemeine Wesen wuͤrde durch die Gemeinschafft der Guͤter selbst auffgehoben werden/ und wenn kein Eigenthum waͤre/ wuͤrde kein Mensch unterthan seyn/ son- dern ein jeder seine Freyheit haben wollen. Und solcher Gestalt wuͤrde das Band der buͤrgerlichen Gesellschafft gantz offenbahr getrennet werden/ als welches ohne Obrigkeit und Unterthanen nicht werden kan. 90. Aber wer siehet nicht/ daß dieser Einwurff der Vollkommenheit der Gemeinmachung aller Guͤter am wenigsten zu wieder sey. Wir wollen jetzo vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. jetzo hierzu eben nicht anfuͤhren/ das alle Regi- mente und Obrigkeiten die Verderbniß der menschlichen Natur und den Mangel vernuͤnffti- ger Liebe præsupponi ren/ uñ daß/ wenn alle Men- schen nach den Trieb der guten Natur einander gebuͤhrend liebeten/ es keines Zwangs/ und folg- lich auch keiner Obrigkeit beduͤrffen wuͤrde. Son- dern wir wollen nur dieses erinnern/ daß das Ei- genthum der Guͤter und die buͤrgerliche Ge- sellschafft gantz nicht nothwendig mit einan- der verknuͤfft seyn/ sondern eines ohne das an- dere gar wohl seyn koͤnne. Denn die Einfuͤhrung des Eigenthums ist Zweiffels ohne eher gewe- sen als die buͤrgerliche Gesellsch afft/ und wenn dasselbige ja Ursache an einer allgemeinen mensch- lichen Gesellsch afft ist/ so ist es gewiß die Gesell- schafft zwischen Herr und Knecht/ welche nicht seyn wuͤrde/ wenn alle Guͤter gemein waͤren. 91. Die buͤrgerliche Gesellschafft ist zwar nach Vermehrung des menschlichen Ge- schlechts und Einfuͤhrung des Eigenthums auch entstanden/ aber sie kan deswegen wohl ohne daß die so in buͤrgerlicher Gesellschafft mit einander leben/ was eigenes haͤtten/ bestehen. Jhr Ur- sprung ruͤhret von Furcht aͤußerlicher Gewalt her/ und ob schon diese Gewalt guten theils auf die Guͤter anderer Menschen ein Absehen richtet/ so folget doch deshalben nicht/ daß diese Guͤter/ die dem gantzen gemeinen Wesen eigenthuͤmlich zu- staͤnden/ nicht allen und jeden/ die unter demsel- ben Das 6. Hauptst. von der absonderlichen ben begriffen sind/ gemein seyn koͤnten. Ja die aͤußerliche Gewalt zielet auch oͤffters mehr auf die Freyheit des menschlichen Thun und Lassens/ des so wohl Armen als Reichen gemein ist/ daß den- noch in diesem Absehen das gemeine Wesen un- ter denen Menschen/ die an statt vernuͤnfftiger Lie- be einander Haß erweisen/ seinen Nutzen haben/ und vonnoͤthen seyn wuͤrde/ wenn gleich kein Ei- genthum waͤre. 92. Es ist wohl andem/ das Eigenthum hat sich in alle Staͤnde des gemeinen Wesens derge- stalt eingeflochten/ daß man im ersten Anblick nicht wohl begreiffen kan/ was fuͤr eine Gestalt dassel- be immermehr haben koͤnte/ wenn kein Eigenthum seyn solte. Aber es hat uns diesen Scrupel zu benehmen allbereit ein scharffsinniger Kopff die Muͤhe ersparet/ indem er unter dem Schein/ als ob er ein neu entdecktes Volck/ das er die Se- varambes nennet/ nach ihrer Regiments-Art und Sitten Historischer weise beschreiben wolte/ die gestalt einer Republique, darinnen alle Guͤter gemein waͤren/ so artig und geschickt beschrieben/ daß der geringste Zweiffel der Moͤgligkeit nicht mehr zuruͤcke bleidet/ wenn nur die Boßheit die Hertzen der Menschen nicht so sehr eingenommen haͤtte. 93. Eben dieser Autor hat uns zugleich vielen Nachdenckens uͤberhoben/ wie der zuletzt oben gemachte Einwurff aus dem Wege zu raͤumen sey/ daß durch Einfuͤhrung der Gemeinschafft aller Guͤ- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. Guͤter eine grosse und ungerechte Ungleich- heit zwischen faulen und arbeitsamen Leu- ten zugleich eingefuͤhret werden muͤsse/ indem er gantz offenbahrlich gewiesen/ wie gar leichte es anzustellen sey/ daß auch bey der Geweinschafft der Guͤter das gantze Volck gleiche Arbeit und gleiche Ruhe oder Zeitvertreib habe/ wenn nur der Muͤßigang als eines der schaͤndlichsten und schaͤdlichsten Laster scharff gestraffet werde. 94. Jch wil davon nichts erwehnen/ daß die Faulheit und der Muͤßiggang die groͤssesten Anzeigungen unvernuͤnfftiger Menschen seyn/ und daß das gemeine Wesen nicht wohl bestellet seyn muͤsse/ wenn viel Faullentzer und Muͤßiggaͤn- ger darinnen seyn. Der Mensch ist zur Arbeit geschaffen. Die Arbeit erhaͤlt seine Gesundheit/ verlaͤngert sein Leben/ ja sie macht ihn nicht allein geschickt/ alle rechtschaffene wahre Lust zu schme- cken/ und zu geniessen/ sondern sie giebt ihm auch das groͤste Vergnuͤgen/ indem sie ihm die Zeit nie- mahlen lang werden laͤst. Derowegen ist es un- moͤglich/ daß die Gemeinschafft der Guͤter faule Leute machen koͤnne/ weil sie unter niemand als vernuͤnfftigen Personen statt haben sol. 95. Aber sprichst du/ wenn das Eigenthum aufgehoben ist/ so ist alle Gutthaͤtigkeit auf- gehoben/ weil ich die Gutthaͤtigkeit darinnen aus- uͤbe/ wenn ich dem andern von meinen Guͤtern was ansehnliches mittheile/ nicht aber wenn ich ihm die gemeinen Guͤter geniessen lasse. Jst denn die Das 6. Hauptst. von der absonderlichen die Gutthaͤtigkeit auffgehoben/ so wird gleich- sam die Seele der Liebe erstickt/ und das Band zerrissen/ das zwey Hertzen/ verbinden sol. Und solchergestalt/ siehest du ja augenscheinlich/ daß die Gemeinschafft der Guͤter der Gemuͤths- Ruhe mehr hindere als befoͤrdere. 96. Dieser Einwurff ist noch viel leichter zu heben/ als der erste/ weil seine Sophistereyen viel handgreifflicher seyn. Denn anfaͤnglich hebet die Gemeinschafft aller Guͤter die Gut- thaͤtigkeit nicht gantz auf/ weil/ wie oben ge- dacht/ auch der aͤrmste Mensch durch sein Thun und Lassen seinem Freunde die groͤsten Dienste erweisen kan. Hernach so weiset gegenwaͤrtiges Hauptstuͤck/ daß die Gutthaͤtigkeit zwar das Mit- tel sey/ den Menschen aus dem Stande des Miß- trauens in die vertꝛauliche Liebe zu setzen; aber des- wegen ist sie nicht die Seele/ sondern nur das letz- te Vorgemach der Liebe/ und waͤre ja augen- scheinlich besser/ wenn die Menschen in einem so gluͤcklichen Zustande lebeten/ daß sie nicht erst durch diese Vorgemaͤcher in das Cabinet der Lie- be eingehen muͤsten. Ja ich frage dich endlich sel- ber mein Freund/ welche Gutthaͤtigkeit wuͤrdest du fuͤr groͤsser achten/ wenn dir dein Freund die Wahl gaͤbe/ ob du lieber woltest/ daß er dir von seinem Veꝛmoͤgen dann und wann etliche portio- nes schenckete/ oder daß er dir dasselbige auf ein- mahl mittheilete? Jch glaube ja wohl/ daß sich Leute von so verderbten Geschmack finden solten/ die vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. die lieber jenes als dieses wehlen wuͤrden/ aber sie wuͤrden gantz offenbahrlich hierdurch ihr un- vernuͤnfftiger Weise interessirt es Gemuͤthe zu er- kennen geben. 97. So ist es dann dein rechter Ernst/ faͤhrest du endlich fort/ daß man das Eigenthum auff- heben/ und die Gemeinschafft der Guͤter ein- fuͤhren solte/ damit die Liebe desto besser unter den Menschen eingefuͤhret und ausgebreitet wer- de? Mein was ist dieses fuͤr eine gefaͤhrliche und haͤmische Frage? Du Heuchler denckst du/ daß du mich durch diese Frage fangen wollest? Wol- test du wohl einem Ziprianer rathen/ er solle so lan- ge er das Zipperle hat/ seine Kruͤcken weglegen/ und in der Stube herum tantzen/ deß er fein ge- sund und starck auff den Schenckeln wuͤrde? Des- halben ist doch wohl gewiß/ daß die Kruͤcken einen gesunden Menschen nichts nuͤtze seyn. Das er- ste Capitel hat allbereit erinnert/ daß dasjenige was einem Menschen/ der im ordentlichen Zu- stande lebet/ gut ist/ dem andern der Mangelhafft ist boͤse sey. Pedanten und Heuchler fangen bey der Besserung des Menschen von dem letzten zu erst an/ aber ein weiser Mann su- chet den Grund des Ubels zuvorher auszu- rotten. Die Gemeinschafft der Guͤter gebie- ret nothwendig tausend Ungelegenheiten unter Leuten die keine Liebe haben. Bringe erst die Liebe in die Leute/ darnach wird es sich mit U dem Das 6. Hauptst. von der absonderlichen dem Eigenthum oder der Gemeinschafft der Guͤter schon von sich selbst geben. 98. Gleichwie nun die vollkommene Liebe alle Guͤter gemein machet/ also entstehet auch daraus eine Gemeinschafft alles vernuͤnffti- gen Thun und Lassens. Nemlich daß so dann ein Freund nicht mehr dem andern wie bey der Gutthaͤtigkeit/ ihme durch sein Thun und Las- sen einen Gefallen zu erweisen ersuchet/ und gleichsam bittet/ und hernach uͤber die erwiesene Gutthat ein sonderliches Vergnuͤgen empfindet/ das darinnen bestehet/ daß er durch diese geleiste- te Gutthat seines Freundes immer mehr und mehr versichert wird; sondern daß er den an- dern mit der groͤsten Zuversicht gleichsam anweiset/ wie und auff was Weise er wolle/ daß ihm dieser helffen/ und ihme etwas zu- gefallen thun solle/ auch hernach daruͤber kei- ne neue Freudens-Bewegung empfindet/ son- dern weil er zuvorhero gesehen/ daß das Wesen der Liebe ihm diese Freyheit gebe/ und sein Freund sich des begehrten ohnmoͤglich weder entbrechen werde noch solle/ in seiner vorigen Ruhe einmahl wie das andere bleibet. 99. Jedoch ist dieses nur eine Gemeinschafft/ nicht aber eine Herrschafft/ weil der eine Freund gleicher massen von dem andern eben das gewaͤr- tig ist/ und demselben eben dieses gestattet/ wessen er sich gegen ihm bedienet. Und also siehest du/ daß zwar bey der Gutthaͤtigkeit nicht eben eine un- vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. unruhige/ aber doch auch nicht so eine ruhige Ge- muͤths-Bewegung sey/ als bey der Gemein- schafft/ weil bey jener die Liebe noch in ihrem Wachsthumb/ und also ihre Bewegung desto empfindlicher ist. Bey dieser aber allbereit die hoͤchste Vollkommenheit erhalten/ und solcher ge- stalt weil ihre Bewegung nichts veraͤnderliches an sich hat/ dieselbe auch fast gar nicht empfunden wird. 100. Aber du wirst uns vielleicht hier vor- werffen/ daß wir oben im ersten Capitel erweh- net/ daß alle Bewegung entweder steigen oder fallen muͤsse/ und daß dannenhero die Liebe zweyer tugendhaffter Gemuͤther/ wenn sie ihre Vollkommenheit erlanget/ gleichfalls wieder abnehmen muͤsse. Naͤhme sie aber ab/ so waͤre entweder diese Liebe ein vergebenes Mittel zu der hoͤchsten Gluͤckseeligkeit zu gelan- gen/ oder aber es koͤnne die Gemuͤths-Ruhe die hoͤchste Gluͤckseeligkeit nicht seyn/ weil sie eine eitele Einbildung sey/ in dem alles/ wie gedacht/ entweder abnehmen oder zunehmen muͤsse/ und folglich nicht bestaͤndig ruhen koͤnne. 101. Wie wollen wir uns diesen Einwurff von Halse weltzen/ nachdem derselbe uns feste zu halten scheinet/ und von denen ersten Grund-Re- geln unserer Lehre hergenommen ist? Wir wol- len es kurtz machen. Es ist wahr/ was nicht wei- ter zunehmen kan/ muß nothwendig abnehmen/ und die Liebe zweyer vernuͤnfftiger Personen/ U 2 wenn Das 6. Hauptst. von der absonderlichen wenn sie vollkommen worden/ kan nicht weiter unter ihnen zunehmen/ sonst waͤre sie nicht voll- kommen. Aber sie nimmet deswegen nicht ab/ sondern sie breitet sich weiter aus/ und weil sie unter diesen beyden nicht mehr zunehmen kan/ suchet sie ihren Wachsthum darinnen/ daß sie mehr Hertzen an sich zu ziehen/ und sich also im- mer weiter und weiter unter andern Menschen auszubreiten bemuͤhet ist. Das ist es/ was wir oben gesaget/ daß die Gemuͤths-Ruhe allezeit trachte sich mit andern Menschen die nach der- selben streben/ zu vereinigen. 102. Denn gleichwie der Haß zweyer Per- sonen bald um sich frist/ und noch mehrere in dem- selben verwickelt; Also ist kein Zweiffel/ daß das Exempel zweyer tugendliebender Gemuͤther/ die einander vollkommen lieben/ nicht auch gleich- falls von beyden Theilen noch mehrere derglei- chen Personen mit ihnen sich zu vereinigen/ an- locken solte. Aller Anfang ist schwehr. Aber wo man nur einmahl ein Exempel einer guten Sa- che vor Augen siehet/ bauet dasselbe mehr/ als hundert deutliche Lehr-Saͤtze. Bey dieser Be- wandniß darffst du dich nicht befahren/ daß die Gemuͤths-Ruhe aus Mangel des Wachsthums werde von noͤthen haben/ abzunehmen/ weil sie so lange wachsen kan/ so lange das gantze menschliche Geschlecht nicht einig ist/ oder wenn es auch gleich einander gaͤntzllch liebte/ so lange noch taͤglich durch Kinder zeugen dasselbi- ge vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt. ge vermehret wird. Hoͤre vielmehr auff zu be- wundern/ worum doch bißhero die vernuͤnfftige Liebe so schlecht sich ausgebreitet; Wir haben kein Exempel der vernuͤnfftigen Liebe zwischen zweyen Personen/ die zu der hohen Vollkommen- heit gelanget. Wie wolten wir denn hoffen/ daß viel Hertzen auff diese Art mit einander vereini- get seyn koͤnten? Das 7. Hauptstuͤck. Gegeneinanderhaltung der unterschiedenen Arten vernuͤnfftiger absonderlichen Liebe. Jnnhalt. Connexion n. 1. Die vernuͤnfftige Liebe ist entweder gleich oder ungleich. n. 2. Jene ist entweder zweyer tugendvollkommener Leute oder zweyer Tugend- Schuͤler. Diese entweder hoͤherer oder niedriege- rer Personen. n. 3. Welche unter diesen Arten die staͤrckste/ angenehmste und vortrefflichste sey. n. 4. Unterscheid derer dreyer Tugenden des vorigen Ca- pitels in Betrachtung dieser unterschiedener Arten. n. 5. Bey der ungleichen Liebe ist eine absonderliche Hochachtung. n. 6. Unterscheid der sorgfaͤltigen Gefaͤllig- keit nach dem Unterscheid gleicher und ungleicher Lie- be. n. 7. 8. Bey gleicher Liebe faͤnget dieselbe auff bey- den Theilen zugleich an/ bey ungleichen aber faͤnget ordentlich der geringere an. n. 9. Die Gefaͤlligkeit U 3 dauert Das 7. H. von der unterschiedenen dauert bey dergleichen Liebe zweyer Anfaͤnger am laͤng- sten. n. 10. Je laͤnger zwey Personen einander die Gefaͤlligkeit erweisen/ je mehr ist daraus zu sehen/ daß sie noch unvollkommen/ oder daß ihre Liebe wohl gar nicht vernuͤnfftig sey. n. 11. Mit der Dauerung der Gutthaͤtigkeit hat es gleiche Bewandniß. n. 12. Die unvennuͤnfftigste und vernuͤnfftigste Liebe kommen am geschwindesten zu ihren Zweck. n. 13. Die ungleiche Liebe hat mehr empfindliches Vergnuͤgen als die vor- treffliche gleiche. Die unvollkommene gleiche Liebe a- ber hat das allermeiste empfindliche Vergnuͤgen. n. 14. Andere Gutthaten erweiset die vollkommene/ an- dere die unvollkommene gleiche Liebe. n. 15. Anders be- zeiget sich in des ungleichen Liebe die unvollkommenere anders die vollkommenere Person. n. 16. Die Gemein- schafft aller Guͤter und alles Thuns und Lassens ist nur bey der vortrefflichen gleichen Liebe. (Man kan wohl nichts eigenes haben/ und doch in keiner Gemeinschafft leben) n. 17. Und nichts destoweniger ist diese Gemein- schafft eine Tugend/ die zu der vernuͤnfftigen Liebe uͤberhaupt gehoͤret. n. 18. Bey der heutigen Welt ist auch der unterste Grad vernuͤnfftiger Liebe etwas ra- res. n. 19. Beantwortung etlicher Fragen ( I ) Ob es mehr Vergnuͤgen gebe/ lieben oder geliebet werden? n. 20. 21. ( II ) Ob es angenehmer sey in der Liebe zu unterweisen oder unterwiesen zu werden? n. 22. 23. ( III ) Ob die Liebe aus natuͤrlicher Zuneigung/ oder die Liebe aus Danckbarkeit staͤrcker sey? n. 24. 25. 26. ( IV ) Welche Liebe laͤnger dauret/ die vollkommene oder unvollkommene/ gleiche oder die ungleiche Liebe? n. 27. 28. 29. Wenn die unvollkommene vernuͤnfftige Liebe abnimmt/ verwandelt sie sich gemeiniglich in eine Kaltsinnigkeit/ die unvernuͤnfftige aber in Haß und Verachtung. n. 29. ( V ) Ob es einem Frauen-Zimmer schimpfflich sey zu erst zu lieben/ oder ihre Liebe erst bli- cken zu lassen. n. 30. Erst zu lieben ist nicht allezeit ein Zei- Arten der absonderlichen Liebe. Zeichen einer Unvollkommenheit. n. 31. Unvollkom- menheit ist in der Liebe nicht schimpfflich. n. 32. Ob ein weiser Mann ein Frauen-Zimmer lieben doͤrffe? n. 33. 34. 35. Ein weiser liebet mehr par recoignois- sance als par inclination, und gibt andere Liebes-Pro- ben als ein Tugend-Schuͤler. n. 36. I. L Asset uns nunmehro die unterschiede- nen Arten der vernuͤnfftigen abson- derlichen Liebe ein wenig betrachten und gegen einander halten. Wir haben all- bereit im vorigen Hauptstuͤck gesagt/ daß wir die- selbige von denen unterschiedenen Graden der Vollkommenheit derer/ die einerley incli- nation zur Tugend haben/ hernehmen wolten. 2. So ist demnach die vernuͤnfftige absonder- liche Liebe entweder zwischen zweyen Personen/ die gleich tugendhafft sind/ oder zwischen de- nen derer einer in der Tugend weiter zu- genommen hat als der andere. 3. Die gleiche Liebe ist entweder zwischen zweyen Personen/ die schon einen hohen Grad der Tugend besitzen/ oder zwischen Anfaͤngern. Und die ungleiche ob sie zwar allezeit nur einer- ley ist/ nehmlich zwischen zweyen Personen/ deren eine es in der Tugend weiter gebracht als die an- dere; So kan man doch in Ansehen der gelieb- ten Personen auch dieselbe auff zweyerley Wei- se betrachten/ daß nehmlich in ungleicher Liebe man entweder hoͤhere oder geringere und nie- drigere Personen liebe. U 4 4. Die Das 7. H. von der unterschiedenen 4. Die gleiche Liebe ist wohl so weit staͤrcker als die ungleiche/ weil ihre Vereinigung wegen der doppelten Gleichheit geschwinder von statten gehet/ und also der Liebes-Zug staͤrcker ist; aber deswegen ist sie nicht angenehmer als die un- gleiche/ weil die Ungleichheit in diesen beyden lie- benden Personen destomehr Empfindligkeit gie- bet/ ja sie ist auch nicht einmahl vortrefflicher/ sondern es scheinet der Vernunfft am gemaͤssesten zu seyn/ wenn wir in ansehen der Vortreffligkeit die gleiche Liebe zweyer Tugend-Schuͤler in die erste und unterste Classe/ hernach die unglei- che in die mittelste/ und denn in die hoͤchste Staffel die gleiche Liebe zweyer Tugendweisen setzen. Denn die gleiche Liebe zweyer Anfaͤnger hat noch viel Schwachheiten an sich/ denen sie wegen ihrer Gleichheit nothwendig mehr Nah- rung geben als ihnen abbrechen. Bey der un- gleichen aber bemuͤhet sich der Weise stetswaͤh- rend diese Schwachheiten seines Tugend-Schuͤ- lers auszubessern/ und der Tugend-Schuͤler be- fleißiget sich auch selbst/ dieselben durch Betrach- tung des guten Exempel seines Lehrmeisters von Halse loß zu werden. Jedoch ist die gleiche Lie- be zweyer vorirefflicher Leut die allervor- trefflichste/ weil sie dergleichen Schwachheiten auff beyden theilen gar entuͤbriget ist. 5. Aber vielleicht finden wir auch einen Unter- scheid unter diesen unterschiedenen Arten der Lie- be/ in Betrachtung der dreyen Tugenden/ da- von Arten der absonderlichen Liebe. von wir im vorigen Capitel gehandelt/ nehmlich der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit vertraulichen Gut- thaͤtigkeit/ und voͤlligen Gemeinschafft aller Dinge. 6. Zwar was die Hochachtung betrifft/ die vor der Gefaͤlligkeit vorhergehen soll/ schiene es wohl/ als ob dieselbe nur bey ungleicher Liebe hoͤherer nicht aber geringerer Personen/ auch nicht bey der gleichen Liebe vorher gehen muͤsse; allein die Beschreibung der Hochachtung in voꝛi- gen Capitel weiset schon/ wie auff diesem Ein- wurff zu antworten sey. Jedoch ist dieses nicht zu laͤngnen/ daß in der ungleichen Liebe hoͤherer Personen eine absonderliche Hochachtung an- zutreffen sey/ die man in der gleichen Liebe we- gen allzugrosser Gleichheit/ vielweniger aber in ungleicher Liebe geringerer Personen/ wegen allzugrosser Niedrigkeit nicht suchen darff. 7. Woraus ferner folget/ daß weil wir oben gesagt haben/ daß von der Hochachtung die sorg- faͤltige Gefaͤlligkeit herfliesse/ gantz offenbahr sey/ daß die doppelte Hochachtung/ die sich alleine bey der Liebe hoͤherer Personen befin- det/ auch auff seiten der geringern Personen ei- ne groͤssere Sorgfalt und Gefaͤlligkeit wuͤr- cken muͤsse/ und daß dannenhero/ ob wir schon im vorhergehenden Capitel gesagt/ daß man in de- nen Diensten der Gefaͤlligkeit sich Wechsels- weise einander submittir en muͤsse/ dennoch solches fuͤrnehmlich von der gleichen Liebe zu U 5 ver- Das 7. H. von der unterschiedenen verstehen sey. Jn der ungleichen gehoͤret die Submission hauptsaͤchlich fuͤr die geringere Per- son/ die sich so dann begnuͤgen laͤsset/ wenn die vortrefflichere diese mit einer Erniedrigung ihr geleistete Dienste freundlich annimmbt/ und ohne Submission andere geringe Dienste ihr wieder bezeiget. 8. Jedoch weil die Liebe an die Gesetze der Ge- rechtigkeit nicht gebunden ist/ als ist aus dieser An- merckung zwar so viel zu sehen/ daß ein tugend- hafft er Mann nicht gehalten sey/ durch die Ge- faͤlligkeit sich dem geringern zu unterwerffen; Jedoch ist es ihme nicht verboten/ solches zu thun/ und wenn er es thut/ ist es vielmehr eine Anzei- g n ng eines Uberflusses der Liebe/ der ihn da- durch mehr liebens wuͤrdig macht/ als einer un- vernuͤnfftigen Thorheit. Denn wir haben schon oben gedacht/ daß die Liebe zwar andern Tugenden ihre Masse gebe/ fuͤr sich aber keine Masse erkenne/ und nichts zuviel in derselben koͤnne vorgenommen werden. 9. Aus eben dieser Anmerckung fließt eine an- dere/ daß bey der gleichen Liebe auch zwey Ge- muͤther so zu sagen zu gleicher Zeit einander zu lieben anfangen/ und ihre Liebe durch die Gefaͤl- ligkeit zu verstehen zu geben. Bey der unglei- chen aber faͤnget der geringere ordentlich an/ den vortrefflichern zu lieben/ und dieser erwiedert so dann die bey ihm gesuchte Liebe durch eine Ge- gen-Liebe. Wir wollen jenes eine Liebe der na- tuͤr- Arten der absonderlichen Liebe. tuͤrlichen Zuneigung/ dieses aber die Liebe einer großmuͤthigen Danckbarkeit nennen. Je- doch giebt es auch Exempel/ daß der vortreffli- chere ausserordentlich des geringern seine Liebe zu suchen anfaͤngt/ und dadurch sein liebreiches Hertz destomehr zu erkennen giebet. 10. So haben wir auch im vorhergehenden Capitel von der unterschiedenen Dauerung der Gefaͤlligkeit etwas beruͤhret. Nemlich die gleiche Liebe zweyer tugendhaffter weiser Personen brauchet die wenigste Zeit das ande- re Gemuͤthe durch die Gefaͤlligkeit kennen zu ler- nen/ und sich bey demselben dadurch zu infinuir ẽ/ weil sie einander desto geschwinder erkennen/ je tugendhaffter und lieblicher sie sind. Die un- gleiche Liebe braucht schon mehr Zeir/ weil der Unvollkommenere gemeiniglich seine Unvoll- kommenheit zu verbergen sucht/ und also weil er unvertraulich ist/ auch dem andern mißtrauet. Jedoch wird auch hierinnen nicht lange Zeit er- fordert werden/ weil die Vortrefflichere den Unvollkommenern/ seiner Verheelung unerach- tet/ doch bald kennen lernet/ und sein Vertrauen zu erwecken desto offenbahrer mit ihme umbzu- gehen bemuͤhet ist. Demnach brauchet die glei- che Liebe zweyer neuangehender tugendlie- bender Gemuͤther die laͤngste Zeit zur sorgfaͤl- tigen Gefaͤlligkrit/ weil sie auff deyden Seiten viel Unvellkommenheiten bey sich befinden/ und also auch Das 7. H. von den unterschiedenen. auch Wechsels-Weise das V ǝ rheelen und Miß- trauen unter ihnen staͤrcker ist. 11. Derowegen ist diese Regel wohl gegruͤn- det/ daß je laͤnger zwey Personen einander mit sorgfaͤltiger Gefaͤlligkeit begegnen/ je eine groͤssere Anzeigung ist es/ daß sie in der Tugend noch nicht gar weit gekommen seyn/ oder daß ihre Liebe zum wenigsten auff ei- ner Seite wohl gar nicht vernuͤnfftig sey. Ja das Letztere ist deshalben eher zu vermuthen/ weil die wahre Liebe nothwendig nach der Ver- trauligkeit der andern Person trachtet. Wo demnach auff beyden Theilen durch eine langwie- rige Gefaͤlligkeit kein Theil vertraulich sich zu er- weisen anfangen/ oder der andere der ihm erwiese- nen vertrauligkeit durch eine gleichmaͤßige nicht wieder begegnen wil/ da kan unmoͤglich eine auff- richtige/ und folglich auch wahre vernuͤnfftige Lie- be dahinter stecken. 12. Bey der Gutthaͤtigkeit haben wir fast gleiche Anmerckungen zu machen. Sie verbin- det die gegen einander sich neigende Hertzen so lange biß das Wechsel-Vertrauen im hoͤchsten Grad befestiget ist. Weil demnach in der vor- trefflichen gleichen Liebe das wenigste Miß- trauen ist/ und zwey rechtschaffen Tugendhaff- te Leute gar bald einander in das innerste des Hertzens sehen; als braucht auch die Gutthaͤtig- keit hierbey nicht lange Zeit/ diese beyden Her- tzen voͤllig zu vereinigen/ weil sie doch auch ohne wuͤrck- Arten der absonderlichen Liebe. wuͤrckliche Leistung kostbahrer und muͤhsamer Dienste die bruͤnstige Begierde/ die sie beyderseits haben/ auch fuͤr einander das Leben zu lassen/ an sich erkennen. Die unvollkommene gleiche Liebe hingegen brauchet wegen oben gedachten Mißtrauens und Schwachheiten mit denen sie begabet ist/ die Gutthaͤtigkeit desto laͤnger da- durch das Mißtrauen desto kraͤfftiger nach und nach auszutilgen. Und endlich ist die ungleiche Liebe hier wiederumb in mittel/ weil sie wegen des Mißtrauens und der Schwachheiten des An- faͤngers in der Tugend mehr Zeit als die vollkom- mene/ und wegen des Vertrauens/ Offenher- tzigkeit und hertzlicher Neigung des vortrefflichen Theils/ weniger Zeit als die unvollkommene glei- che Liebe vonnoͤthen hat. 13. Hieraus last uns wieder diese Anmer- ckung uͤberlegen. Die unvernuͤnfftige Liebe/ weil sie ungedultig ist/ als pfleget sie gemeiniglich wo sie ihres gleichen antrifft/ bald ihren End- zweck zu erreichen. Aber du must dich huͤten/ daß du dich deshalben nicht etwan verleiten laͤssest zu- schliessen/ daß je vernuͤnfftiger die Liebe sey/ je langsamer komme sie auch zu ihren Zweck. Denn dasjenige/ was wir nur jetzo gesagt haben/ wird dir weisen/ daß die unvollkommenste ver- nuͤnfftige Liebe am allerlangsamsten zu der voͤlligen Verbindung gelange/ und die voll- kommenste hingegen ja so geschwinde/ wo nicht geschwinder/ ihren Endzweck erreiche als die un- ver- Das 7. H. von den unterschiedenen vernuͤnfftige Liebe/ und solcher gestalt von dieser nur darinnen unterschleden sey/ daß die unver- nuͤnfftige Liebe wenn sie nicht mehr wachsen kan/ nothwendig wieder abnehmen muͤsse/ da wir hingegen im vorigen Hauptstuͤck schon bewiesen haben/ daß die vernuͤnfftige Liebe allezeit Ge- legenheit finde durch ein stetes Wachsen sich mehr und mehr auszubreiten. 14. Hieraus fliesset noch ferner/ daß zwar/ wie wir im Anfang gedacht/ die ungleiche Liebe mehr empfindliches Vergnuͤgen habe/ als die vortreffliche gleiche Liebe/ aber doch bey der unvollkommensten Liebe wegen der vielfaͤlti- gen Abwechselungen des Vergnuͤgen/ Miß- trauens/ Verdrusses/ Eyffersucht/ Versoͤhnung u. s. w. auch nach dem gemeinen Sprichwort/ daß Veraͤnderung Lust bringe/ die allermeisten Grade eines empfindlichen Vergnuͤgens zu zehlen seyn. Wodurch aber der Vortrefflig- keit der vollkommenen gleichen Liebe nichts be- nommen wird/ theils wie die Vergnuͤgungen bey der unvollkommenen Liebe mit der Abwechselung vieler Verdrießligkeiten vergesellschafftet/ bey der vollkommenen Liebe aber viel reiner und lauterer sind/ theils auch/ weil nach denen Grund-Lehren des ersten Hauptstuͤcks und der Lehre von der hoͤchsten Gluͤckseeligkeit die rubigen Vergnuͤ- gungen viel edler sind als diejenigen/ die die groͤ- ste Empfindligkeit verursachen. 15. Es Arten der absonderlichen Liebe. 15. Es findet sich aber hiernechst bey denen unterschiedenen Arten der Liebe auch ein merck- licher Unterscheid derer Gutthaten. Die unvollkommene gleiche Liebe bezeiget sich meh- rentheils auch ohne Noth/ durch Geschencke und kostbare Sachen/ durch zeitliche Ehre/ und durch vielfaͤltige angewendete Muͤhe und Ge- fahr/ die aber zum oͤfftern noch ein eiteles Gut zum Endzwecke hat. Die vollkommene aber ist viel sparsamer/ weil man den geliebten durch Reichthum und Ehre nicht vergnuͤget. Dero- wegen sparet sie ihre Gutthaten biß zum Noth- fall/ aber sie laͤst auch als denn dieselbe in dem hoͤchsten Grad erblicken/ weil sie auch das Le- ben dem Freunde zu Dienste freywillig daran waget/ und in die groͤste Gefahr setzet; da hin- gegentheil bey der unvollkommenen Liebe diese Liebes-Probe gar was seltsames ist. 16. Bey der ungleichen Liebe bemuͤhet sich der geringere zwar dem vortrefflichern durch Geschencke und muͤhsame Ehr Bezeugun- gen zu verbinden/ weil er denselben annoch nach seinem Sinn urtheilet; Er kan aber demselben keine groͤssere Gutthat erweisen/ als durch einen freywilligen Gehorsam/ und durch eine etwas muͤhsame Ausuͤbung der Lehren und Vermah- nungen/ die er von ihm taͤglich empfaͤhet. Der vortrefflichere aber erweiset in dieser Liebe seine Gutthaͤtigkeit ordentlich durch seinen treu- en Rath und sorgfaͤltige Ausbesserung so wohl Das 7. H. von der unterschiedenen wohl des andern seines Verstandes als Wil- lens/ durch die unermuͤdete Gedult uͤber seine annoch anklebende Schwachheiten/ durch die Vertrauligkeit/ durch welche er sich erniedri- get/ und dem andern gleich machet/ umb ihn da- durch destomehr zugewinnen. u. s. w. 17. Was endlich die Gemeinschafft der Guͤter und alles Thuns und Lassens betrifft/ so koͤnnen dieselbe nicht erfolgen/ ehe denn man durch die Liebe vollkoͤmmlich vereiniget worden/ und dieselbe ihren hoͤchsten. Grad erreichet. Die- ses aber kan nicht geschehen/ wenn nicht beyde liebhabende einander in der Tugend-Vollkom- menheit gleich werden. Und also ist dieselbe nur bey der vollkommenen gleichen Liebe zu hof- fen; Die ungleiche kan wohl also beschaffen seyn/ daß keiner was eigenes habe/ aber des- wegen ist noch keine voͤllige Gemeinschafft/ wenn nicht auch ein jedweder sich der gemeinen Guͤter nach gefallen brauchen kan/ sondern den Ge- brauch nach dem Einrath des vortrefflichern/ o- der/ wenn ihrer viel durch diese ungleiche Liebe vereiniget seyn/ durch die Austheilung gewisser hierzu bestellter Personen anstellen muß/ da hin- gegentheil bey einer voͤlligen Gemeinschafft ei- nem jeden frey stehet/ von denen gemeinen Din- gen nach seinen Gefallen zu verbrauchen was er von noͤthen hat. Endlich so kan bey der glei- chen unvollkommenen Liebe deswegen so lan- ge keine Gemeinmachung aller Dinge zu hoffen seyn/ Arten der absonderlichen Liebe. seyn/ als dieselbe unvollkommen bleibet/ weil die Gemeinmachung erst folgen muß/ wenn aus zweyen Personen ein Hertz und eine Seele wor- den ist. Dieses aber kan bey der unvollkomme- nen Liebe wegen der vielen untergemengten Schwachheiten und unterschiedenen Gemuͤths- Neigungen/ die nothwendig ein Mißtrauen erwe- cken/ nicht geschehen. Derowegen erstrecken sich auch solche Lieben niemahlen uͤber die Gutthaͤ- tigkeit. 18. Damit aber gleichwohl wir nicht genoͤthi- get werden unsere Lehren selbst einer Unfoͤrmlig- keit zu beschuldigen/ indem wir in vorhergehenden Hauptstuͤck gelehret/ daß die Gemeinmachung zu der absonderlichen Liebe uͤberhaupt ge- hoͤre/ anjetzo aber wollen wir dieselbige nur bey der vollkommenen gleichen Liebe suchen; so ist es gar leichte diesen Einwurffzu begegnen/ wenn wir sagen/ das weil die drey unterschiedenen Liebes- Arten nach denen Grad en der Vollkommenheit unterschieden seyn/ auch die beyden Geringsten allezeit dahin trachten sollen/ daß sie zu der Voll- kommenheit der gleichen Liebe zweyer tugendhaff- ter Leute gelangen/ und solcher gestalt doch auch auff gewisse Art die Gemeinschafft aller Dinge indendir en/ ob sie gleich dieselbe/ so lange als sie noch in ihrer Unvollkom̃enheit seyn/ nicht practi- cir en koͤnnen. Denn z. e. ein weiser Mann ge- het auf dem Tugend-Weg dem Tugend-Schuͤ- ler zum besten/ gleichsam ein wenig zuruͤcke/ und X bemuͤ- Das 7. H. von den unterschiedenen bemuͤhet sich ihn dahin zu bringen/ daß er mit ihme hernach zugleich fortgehen koͤnne. Und weil zwey Tugend-Schuͤler darnach streben sollen/ die Tugend in einem hohen Grad zu erlangen/ so kan es nicht fehlen/ es muͤsse auch hernach ihre Liebe aufhoͤren unvollkommen zu seyn/ und sich der Gemeinmachung immer mehr und mehr naͤ- hern. 19. Derowegen ist es eine Anzeigung/ daß die Exempel vollkommener gleicher Liebe sehr rar seyn muͤssen/ weil wir so wenig Exempel fin- den/ daß unter liebhabenden Personen eine voͤl- lige Gemeinmachung aller Dinge sey. Son- dern wir leben in einer solchen Zeit/ da der unter- ste Grad der vernuͤnfftigen Liebe etwas ra- res ist. Deswegen auch ihrer viel alle Liebe vor unvernuͤnfftig halten/ oder sagen/ die vernuͤnffti- ge Liebe sey gleich wie der Vogel Phœnix, der ausser dem Gehirne der Menschen nirgends wo einen Selbstand habe/ 20. Aus denen bißherigen Betrachtungen wird es nun gar leicht seyn/ etliche Fragen zu be- antworten/ die man in der Lehre von der Liebe als sehr zweiffelhafft und schwer zu eroͤrtern aus- zugeben pfleget: ( I ) Ob es mehr Vergnuͤgen gebe/ lieben oder geliebet werden? Diese Frage ist mehr subtil als nuͤtzlich. Denn wenn wir eines von diesen beyden/ ohne das andere be- trachten/ nemlich lieben ohne geliebet wer- den/ oder geliebet werden ohne lieben/ so ist bey- Arten der absonderlichen Liebe. beydes nicht raisonabel, weil es eine Anzeigung ist/ daß die Gemuͤther einander nicht gleich sind/ und folglich kan auch bey keinen ein wahres Ver- gnuͤgen seyn. Auch in der vernuͤnfftigen Liebe/ so lange als wir durch die Gefaͤlligkeit unsere Lie- be dem andern zu verstehen geben/ und seine Ge- gen-Liebe suchen/ ist mehr ein Verlangen als ein Vergnuͤgen in unsern Hertzen. 21. Jst aber Liebe und Gegen-Liebe wie es seyn soll/ mit einander verknuͤpfft/ so ver- gnuͤgt uns wohl eines so sehr als das andere; Denn wenn man gleich sagen wolte/ daß die Lie- be uns mehr vergnuͤgte als die Gegen-Liebe/ in dem durch jene wir bey unserm geliebten ein Ver- gnuͤgen erweckten/ durch diese aber die uns lie- bende Person uns hinwiederum ein Vergnuͤgen zu geben trachtete; und gleichwohl ein jeder Mensch/ der vernuͤnfftig liebet/ mehr Vergnuͤgen in dem Vergnuͤgen der Person/ die er liebet/ als in seinem eigenen zu finden gewohnet sey/ so wei- set doch eben diese Betrachtung/ daß bey der Gegen-Liebe uns dieses ja so sehr als bey der Lie- be vergnuͤgen muͤsse/ wenn wir erwegen/ daß die geliebte Person sich fast sehrer vergnuͤge/ wenn sie uns diese Gegen-Liebe erweiset/ als wenn sie selbige empfaͤhet. Zudem so bestehet die Liebe nicht allein in Thun/ und die Gegen-Liebe im Leiden/ sondern beyde vereinigen sich darinne/ daß eines dem andern seine Liebe erweiset/ und X 2 uͤber Das 7. H. von den unterschiedenen uͤber dessen Liebe wiederum eine ruhige Freude bezeigt. 22. ( II ) Ob es angenehmer sey/ in der Liebe zu unterweisen/ oder unterwiesen zu werden? Diese Frage so ferne sie die vernuͤnff- tige Liebe angehet/ hat zweyerley Verstand. Ge- het sie auff die gleiche Liebe/ so ist sie von der vorigen nur mit Worten unterschieden/ und be- deutet so dann unterweisen und unterwiesen wer- den/ (welches beydes auff beyden Theilen in gleicher Massen geschiehet) nichts als lieben und geliebet werden. Sol sie aber von voriger Fra- ge unterschieden seyn/ so muͤssen wir sie von der ungleichen Liebe verstehen/ und heisset sie dem- nach so dann so viel; Ob es ein groͤsseres Ver- gnuͤgen sey/ solche Personen zu lieben/ die in der Tugend schon weiter avancir et seyn/ als wir/ und derer unterweisung oder Anfuͤh- rung wir benoͤtiget sind/ oder solche/ die gerin- ger sind als wir/ und welche wir unterweisen muͤssen/ wie sie sich in der vernuͤnfftigen Liebe ver- halten sollen? 23. Es scheinet zwar wiederum/ daß ein Ver- gnuͤgen so empfindlich sey als das andere/ und daß die geringere Person/ wenn sie sich er- freuet/ daß die vortrefflichere ihr zu Liebe sich er- niedriget/ gleichsam zuruͤcke gehet/ und sich ihr gleich machet/ eigendlich zu reden weder ein groͤs- seres noch kleineres Vergnuͤgen empfinde/ als die vortrefflichere/ wenn sie siehet/ daß die gerin- gere Arten der absonderlichen Liebe. gere in auffrichtigen Vertrauen bemuͤhet lebet/ taͤglich in der Tugend mehr und mehr zuzuneh- men/ und sich ihr gleich zu machen. Gleich- wohl aber wenn wir dasjenige/ was wir von dem Unterscheid des Zustandes dieser beyden lieben- den Personen erwehnet haben/ hieher applicir en wollen/ so koͤnnen wir gar fuͤglich mit zweyen Worten den Ausschlag geben/ daß das Vergnuͤ- gen das wir haben/ von andern informir et zu werden/ theils wegen unserer Schwachheiten/ theils weil wir taͤglich neue und uns zuvor unbe- kante Dinge lernen/ viel empfindlicher/ das andere Vergnuͤgen aber/ andere in der Liebe an- zuweisen viel reinlicher und ruhiger sey. 24. Die Eroͤrterung der vorigen Frage bah- net uns den Weg die ( III ) desto geschwinder zu beantworten: Ob diejenige Liebe staͤrcker sey/ wenn man geschwinde und durch einen heim- lichen Zug getrieben zu lieben anfaͤnget/ der- gestalt/ daß unser Hertze gleichsam in einem Augenblick von der Liebe entzuͤndet wird; oder wenn man eine Person/ mit der man eine Zeit lang indifferent umbgangen/ her- nach aber dieselbe gleichsam zur Danckbar- keit/ weil sie uns viel Proben ihrer Liebe gegeben/ wieder zu lieben anfaͤnget? Denn es koͤnnen sich zwar dißfalls unter beyder- ley Arten Exempel von starcken und schwachen Lieben finden/ wenn man aber doch die Frage nach denen unterschiedenen Arten der Liebe be- X 3 ant- Das 7. H. von den unterschiedenen antworten soll/ so muͤssen wir sagen: daß die staͤr- ckere Liebe entweder vor diejenige genommen werde/ derer Trieb hitziger ist/ oder fuͤr dieje- nige/ die staͤrckere Liebes-Proben giebet. 25. Die Liebe/ so bald angefangen/ ist frey- lich hitziger/ weil auf diese Art gemeiniglich Leute/ die nur die Tugend-Straffe zu betreten anfangen/ und einander gleich sind/ oder in der ungleichen Liebe diejenigen/ so geringer sind/ zu lieben pflegen; und diese haben allerdings bey ihrer Liebe noch viel Hitze/ weil sie ihrer affect en wenig Meister sind. Da hingegen ein weiser Mann/ der in der ungleichen Liebe mehrentheils par recognoissance liebet/ zwar alles dasjenige empfindet/ was die wahre Liebe in unsern Her- tzen wircket/ aber doch seine Glut mehr mit einem waͤrmenden und ernaͤhrenden/ als einem verzeh- renden Feuer zu vergleichen ist. 26. Derowegen wenn wir die staͤrckere Lie- be aus denen Liebes-Proben erkennen wollen/ muß nothwendig folgen/ daß gleichwie ein ver- zehrendes Feuer mehr Flamme/ ein ernaͤhrendes aber mehr Waͤrme giebet; also auch die Lie- bes- Proben in der Liebe die bald faͤnget dem aͤusserlichen Scheine nach sehr groß/ aber auch/ wenn man sie ein wenig genau betrachtet/ annoch mit vieler Eitelkeit umgeben sind/ da hingegen/ wenn in der Liebe par recognoissan- ce die vortrefflichere Person ihr Leben fuͤr die an- dere zu lassen bereit ist/ diese Bereitwilligkeit viel ver- Arten der absonderlichen Liebe. vernuͤnfftiger und viel lieblicher ist/ als in der Liebe von der ersten Art. 27. Eben diese Bewandniß hat es bey der ( IV ) Frage: Welche Liebe laͤnger dauret? Denn wenn du durch das laͤngere dauren ver- stehest/ welche Liebe am spaͤtesten ihren End- zweck und den hoͤchsten Grad erreiche; so wird dir das/ was wirkurtz zuvor erwehnet/ bald zeigen/ daß die gleiche Liebe zweyer vollkommenen Gemuͤther am ersten und geschwindesten/ die un- gleiche Liebe wegen des Mißtrauens und der Schwachheiten des geringern Theils schon et- was laͤnger/ und endlich die gleiche Liebe zweyer unvollkommener Hertzen wegen des Wechsel Mißtrauens und des allzuveraͤnderlichen Ver- gnuͤgens an spaͤtesten hierzu gelangen. 28. Fragest du aber/ welche Liebe immer- mehr und mehr zu- oder doch nicht abneh- me? So behaͤlt allhier die Liebe zweyer voll- kommenen Personen die Oberhand/ weil die- se allezeit wachsen kan. Die ungleiche Liebe hat eben diesen Vortheil/ wenn der geringere nur bestaͤndig den vortrefflichen gleich zu werden trachtet; Denn es wird so dann diese in die Lie- be zweyer gleich vollkommenen Leute verwan- delt. Und eben dieses muͤssen wir auch von der gleichen Liebe zweyer unvollkommer Leute sagen/ wenn sie beyderseits auf dem Tugend- Wege fortfahren/ und die ihnen noch ankleben- den Ungleichheiten des Eigennutzes und derer X 4 Ge- Das 7. H. von der unterschiedenen Gemuͤths-Neigungen taͤglich immer mehr und mehr loß zu werden trachten. 29. Daferne aber in der ungleichen Liebe die unvollkommenere Person freywillig wieder zuruͤcke gehet/ oder die zwey unvoll- kommenen Personen mehr dasjenige was in ihrer Liebe noch unvollkommen ist/ als dasjenige was veinuͤnfftig ist/ nehren/ so kan es nicht fehlen/ es muͤsse so dann ihre Liebe bald anfangen abzu- nehmen und kaltsinnig zu werden. Wiewohl doch diese Raltsinnigkeit so dann gemeiniglich nichts anders ist/ als die Verwandelung der ab- sonderlichen zu der allgemeinen Liebe; und hat also der geringste Grad der vernuͤnfftigen Liebe dennoch den Vortheil von der unvernuͤnfftigen Liebe/ daß wenn diese auffhoͤret/ es bey der Kalt- sinnigkeit nicht bleibet/ sondern sich dieselbe meh- rentheils in einen Haß oder Verachtung ver- wandelt. 30. ( V ) Fraget sichs/ Ob es einem Frauen- Zimmer schimpfflich sey zu erst zu lieben/ oder doch zum wenigsten ihre Liebe zu erst blicken zu lassen. Wir wollen uns in Beant- wortung derselben nicht nach denen Betrachtun- gen richten/ die bey denen Autor en/ die Roman en geschrieben/ haͤuffig anzutreffen seyn/ sondern nach den Anleitungen der Philosophie kuͤrlich sa- gen. Jst die Liebe unvernuͤnfftig/ so ist es we- der Mannes noch Weibes-Personen eine Ehre sich in dieselbe einzulassen/ und ist es so dann ei- nem Arten der absonderlichen Liebe. nem Frauen-Zimmer nicht weniger schimpfflich wenn sie eine solche Liebe annimmt/ als wenn sie sie zu erst zu erkennen giebet. Jst es aber eine ver- nuͤnfftige Liebe/ so hat sich derselben kein Mensche zu schaͤmen/ sondern er verdienet viel- mehr Lob und Ehre/ weil diese Liebe der Grund aller Tugenden/ und das eintzige Mittel ist/ die wahre Gluͤckseeligkeit zu erlangen. 31. Woltest du auch gleich sagen/ daß es doch zum wenigsten eine Anzeigung eintziger Unvollkommenheit sey/ wenn man zu erst liebe/ in dem gleiche Personen auch zugleich einander ihre Liebe zu erkennen geben/ bey der ungleichen Liebe aber es dem geringern Theil zustehe/ seine Liebe am ersten kund zu thun; so mustu dich doch wieder erinnern/ daß wir oben allbereit erwehnet haben/ wie auch die vortrefflicheren Personen ausserordentlich anfangen koͤnten zu leben/ und dadurch ihr liebreiches Hertze desto mehr zu er- kennen zu geben. Zu dem so ist unstreitig/ daß ob schon bey gleicher Liebe zwey Hertzen so zu sagen zu gleicher Zeit einander zu lieben anfangen/ den- noch in der That eines unter ihnen ohne Be- merckung einer Ungleichheit oder Unvollkommen- heit in der That den Anfang machen/ und die erste Erklaͤrung/ es sey nun mit Worten oder mit andern Bezeugungen/ thun muͤsse. 32. Endlich so ist auch die Bezeigung einer Unvollkommenheit dem Weiblichen Ge- schlecht in diesem Stuͤck nicht schimpfflich. X 5 Wir Das 7. H. von der unterschiedenen Wtr muͤssen dasselbige nicht zu sehr niederdruͤ- cken/ und uns durchgehends mehr Geschicklig- keit und Tugend als ihnen zuschreiben; wir muͤs- sen aber auch durch unsere Schmeicheley ihre Eitelkeit nicht staͤrcken/ wenn viele unter ihnen meinen/ daß die Mannes-Bilder durchgehends schuldig waͤren ihre Vortreffligkeiten zu erken- nen/ und sich denenselben freywillig zu unterwerf- fen. Ein jedes Geschlechte hat tugendhaffte und lasterhaffte Personen/ und zwar jede von unterschiedenen Graden unter sich/ derowegen wuͤrde ein Frauen-Zimmer das allemahl præten- dir te/ daß man gegen sie les premiers pas machen solte/ aus diesen Unfoͤrmligkeiten gewiß eine be- gehen/ entweder daß sie wider alle Billigkeit ei- nen Menschen der vortrefflicher in der Tu- gend als sie waͤre/ noͤthigen wolte/ sich ohne Ursa- che zu erniedrigen/ und ihr seine Liebe am er- sten zu verstehen zu geben/ oder daß sie nur ihr Vergnuͤgen darinnen suchte/ von unvollkom- menen Personen geliebet zu werden/ und sich des Vergnuͤgens berauben wolte/ das man hat/ wenn man durch Liebe vortrefflicherer Personen in der Tugend immer mehr und mehr zunimmt/ oder daß sie die eitele Einbildung haͤtte/ sie waͤre die Vortreffligkeit selbsten/ und sey keine Mannes- Person in der Welt/ die mehr Verdienst und Tugend haͤtte als sie. 33. ( VI ) Endlich so wird auch aus unserer Sitten-Lehre die Frage leicht zu entscheiden seyn: Ob Arten der vernuͤnfftigen Liebe. Ob ein weiser Mann/ der die Tugend in ei- nem hohen Grad besitzet/ auch Weibes Per- sonen lieben koͤnne? Jch halte dafuͤr/ daß die- jenigen von denen alten Philosophen, die diese Frage verneinet/ entweder auf die unzulaͤßliche Liebe ihr Absehen gerichtet/ oder aber alle Liebe der Weibes-Personen/ auch so gar den Ehestand fuͤr unzulaͤßlich/ oder doch zum wenigsten fuͤr hoͤchst unvollkommen geachtet/ deren Jrrthum demnach zu widerlegen meines Vorhabens nicht ist. Sondern ich bejahe die Frage ungescheuet/ weil sie keines grossen Beweises vonnoͤthen hat. 34. Denn entweder die Weibes-Person ist lasterhafft/ so stehet derer Liebe keinem Men- schen/ am wenigsten aber einem weisen Mann an; oder sie ist tugendhafft/ und so weise als er selbst. So ist er schuldig sie zu lieben/ und diese seine Lie- be ist so dann viel vortrefflicher als die gleiche Lie- be eines anderen weisen Mannes wegen des staͤr- ckeren Triebes und Vertrauens/ den GOtt de- nen unterschiedenen Geschlechten ins Hertze ge- geben. 35. Jst sie aber nicht tugendhafft/ sondern ste- cket noch in grossen Schwachheiten/ liebet aber gleichwohl die Tugend/ und verlanget ihr Hertze mit demjenigen zu vereinigen/ so waͤre es die groͤste Unbilligkeit/ wenn er sie wegen ihres Geschlechts von seiner Tugend-Schule aus- schliessen wolte. Ja es verfichert ihn vielmehr eben der natuͤrliche Trieb des Vertrauens bey Per- Das 8. H. von der vernuͤnfftigen Personen von unterschiedenen Geschlechte/ daß er weniger Mißtrauen bey ihr als bey seinen an- dern Tugend-Schuͤlern werde antreffen/ und solcher gestalt seine Anfuͤhrung zur Tugend viel eher gute Fruͤchte bringen werde. 36. Und weil demnach ein weiser Mann un- ter dem Frauen-Volck vielmehr welche von die- ser letzten Gattung/ als von denen die ihm gleich seyn/ antrifft/ so ist leichte zu schliessen/ daß er sich ordentlich nicht zu erst verliebe/ sondern daß seine Liebe mehr aus recognoissance und Danckbarkeit alß aus ein iger Zuneigung geschehe; und daß solcher gestalt auch seine Lie- bes-Bezeugungen gantz anders beschaffen seyn muͤssen/ als die Bezeugungen eines Men- schen/ der noch ein Anfaͤnger in der Tugend ist/ und ein Frauen-Zimmer liebet das ihm gleich ist. Denn wenn ein weiser mit dergleichen Din- gen auffgezogen wolte kommen/ die man einen solchen Anfaͤnger zu gute haͤlt/ wuͤrde er sich ge- wiß hoͤchst prostituir en. Wir beziehen uns we- gen der hieher gehoͤrigen Exempel kuͤrtzlich auff das/ was wir oben n. 15. und 16. gelehret haben. Das 8. Hauptstuͤck. Von der vernuͤnfftigen Liebe gegen uns selbst. Jnn- Liebe gegen uns selbst. Jnnhalt. Was die vernuͤnfftige Liebe/ gegen uns selbst heisse? n. 1. Was sie sey. n. 2. Der Mensch kan sein Lebens-Ziel nicht erlaͤngern n. 3. andere Crearuren leben laͤn- ger als der Mensche. n. 4. Andere Creaturen erhal- ten ihr Leben ohne Verstand durch den ihnen bey- wohnenden innerlichen Trieb/ aber sie verkuͤrtzen es nicht; Der Mensch aber verstehet die Mittel seiner Erhaltung/ und verkuͤrtzet sich doch selbst sein Leben. n. 5. Worinnen die Mittel bestehen das Leben zu er- halten n. 6. und wie selbes verkuͤrtzet werde. n. 7. Wenn der Mensch sein Lebens-Ziel verkuͤrtzen will/ pfleget ihn GOtt nicht leichtlich daran zu verhindern n. 8. Aber wenn er es gleich der Natur nach erhalten wil/ verkuͤrtzet es ihm GOtt durch einen andern Zu- fall zum oͤfftern. n. 9. Wie die Verkuͤrtzung seines Le- bens-Ziel mit der gõttlichen Vorsehung und All- macht bestehe. 10. Worumb in der Erhaltung un- seres Lebens dahin zu sehen/ daß es andern Menschen zu gut geschehe. n. 11. Die Liebe anderer Menschen ist der Liebe gegen uns selbst ihr Grund n. 12. und ihre Richtschnur. n. 13. Daß nehmlich zufuͤrderst auf die Ausbesserung der Seele gesehen n. 14. und her- nach die Erhaltung unseres Lebens der Liebe gegen andere Menschen nachgesetzet werde/ n. 15. ohnerach- tet mein Freund mein Leben hoͤher als das seinige achtet n. 16. und mit mir streitet/ daß ich mein Leben behalten solle. n. 17. Dieses ist das eintzige parado- xum, das der menschliche Verstand nicht deutlich de- monstrir en kan. n. 18. Ob man sich wieder Gewalt mit Gewalt schuͤtzen koͤnne n 19. Sieben præsup- posita zu Eroͤrterung dieser Frage n. 20. welche be- jahet wird n. 21. wenn man von gegenwaͤrtiger Gewalt/ und nicht von Bedrohungen redet n. 22. wie weit die gewaltsame Ertoͤdtung eines Menschen Das 8. H. von der vernuͤnfftigen Menschen fuͤr ein Werck der Liebe koͤnne ausgegeben werden. n. 23. Von andern Special-Fragen/ so hie- her gehoͤren/ uͤberhaupt. n. 24. Warum man von der Sorge des Menschen fuͤr die Seele und Leib nicht in- sonderheit und ausfuͤrlich handele. Buͤcher so we- gen dieser letzten zu lesen. n. 25. 26. 27. Anleitung wie man hieriñen selbsten Wahrheiten erfinden muͤs- se. n. 28. Wird durch die Frage: welches das gesun- deste Getraͤncke sey/ erklaͤret n. 29. und gewiesen/ wie man darans Gelegenheit nehmen solle/ auch die ge- sundeste Speise zu erforschen. n. 30. Zur Vorsorge fuͤr den Leib gehoͤren vier Tugenden. Maͤßigkeit/ Rein- ligkeit/ Arbeitsamkeit und Tapfferkeit. n. 31. 1. W Jewohl wir oben gedacht/ daß alle Menschen in der That andere Men- schen oder Dinge mehr lieben als sich selbst/ (ob schon die Unvernuͤnfftigen thoͤrigter Weise dafuͤr halten/ daß sie sich selbst am meisten lieben) auch hiernaͤchst die Haupt-Beschreibung der Liebe sattsam gewiesen/ daß man allezeit et- was ausser sich lieben muͤsse/ und sich selbst nicht lieben koͤnne; so erfordert doch die ver- nuͤnfftige Liebe gegen andere Menschen/ daß wir auch Sorge fuͤr uns selbst tragen/ und diese Sor- ge/ weil sie aus der vernuͤnfftigen Liebe herfliesset/ koͤnnen wir nicht unfuͤglich die vernuͤnfftige Lie- be gegen uns selbst nennen. 2. Sie ist uͤberhaupt nichts anders/ als eine vernuͤnfftige Bemuͤhung alles dasjenige zu thun/ wodurch das von GOtt fuͤrgesetzte Lebens- Liebe gegen uns selbst. Lebens-Ziel nach denen Regeln der allgemei- nen gesunden Vernunfft/ denen Menschen/ so wir vernůnfftig lieben/ zu gut/ nicht ver- kůrtzet sondern erhalten werde. 3. Denn GOtt hat wie allen Creaturen also auch dem Menschen ein gewisses Ziel ihrer Dauerung gesetzt/ welches keine Creatur uͤber- schreiten kan/ und solchergestalt hat der Mensch dieses mit andern Creaturen gemein/ daß er das ihme von GOtt vorgesetzte Lebens-Ziel nicht ei- ne Minute lang verlaͤngern koͤnne. 4. Wiewohl es die taͤgliche Erfahrung giebet/ daß gemeinigl ich/ je unedler die Creaturen seyn/ je laͤnger leben sie auch/ und je spaͤter verwesen oder verderben sie/ wenn sie gleich gestorben sind/ ausser daß die zahmen Thiere nicht so lange leben als der Mensch/ wiewohl sehr wahrscheinlich ist/ daß mehr der Mensch entwe- der durch Toͤdtung/ oder durch allzuuͤbermaͤßigen Gebrauch/ oder durch ungesunde Nahrung ihr Leben verkuͤrtze/ als daß sie nicht der Natur nach so lange solten leben koͤnnen/ als die wilden Thie- re/ die/ wenn sie von denen Menschen nicht ge- fangen werden/ gar leichte laͤnger leben als die Menschen. Und ist also hierinnen ein grosser Unterscheid unter den Menschen und an- dern Creaturen/ wiewohl die menschliche Ver- nunfft/ wenn sie sich selbst gelassen ist/ nicht so wahrscheinlich die wahre Ursache dessen zu er- gruͤnden weiß/ auch wenig Wissenschafft davon hat/ Das 8. H. von der vernuͤnfftigen hat/ daß im Anfang des menschlichen Geschlechts auch nach dem Fall die Menschen laͤnger/ oder doch ja so lange gelebet haben/ als andere Crea- turen. 5. Gleichwohl ist noch heut zu Tage dieser an- dere Unterscheid zwischen dem Menschen und andern Creaturen gar unstreitig/ daß die andern den ihnen von GOtt verordneten innerlichen Trieb nachfolgen/ und solcher ge- stalt/ ob sie schon die Mittel/ die zu Erhaltung ihrer Dauerung von GOTT ordentlich gesetzt seyn/ nicht verstehen/ dennoch nach denenselben leben/ dieselbe nicht mißbrauchen/ und das ih- nen fuͤrgesetzte Ziel nicht verkuͤrtzen/ der Mensch aber vermittelst seines Verstandes die natuͤrlichen Mittel zu seiner Lebens Erhal- tung gar leichte und ohne sonderbahres oder sehr tieffsinniges Nachsinnen begreiffen/ und hin- wiederum nach das Lebens-Ziel theils aus Boß- heit/ theils aus Nachlaͤßigkeit verkuͤrtzen koͤnne. 6. Sein Leben erhaͤlt er/ wenn er durch Speise und Tranck solche Nahrung zu sich nimmt/ durch die sein Gebluͤte in einer propor- tionir lichen Bewegung/ die weder zu hitzig noch zu langsam ist/ bleibet/ wenn er von aussen durch die Bekleidung und Wohnung seinen Leib fuͤr unproportionir licher Kaͤlte oder Hitze vertheydiget/ wenn er seinen Coͤrper taͤglich durch eine gemaͤßigte Bewegung und Ruhe erfrischet/ und durch seine proportionir liche Um- wech- Liebe gegen uns selbst. wechselung alle Gliedmassen insonderheit vergnuͤget/ auch endlich alle seine Kraͤffte und Vermoͤgen anwendet/ sein Leben wider alle aͤusserliche Gewalt zu verthaͤydigen. Denn dieses alles sind gantz offenbare Conclufiones, die aus der Lehre des ersten Hauptstuͤckes hergeleitet werden. 7. Und also ist gar leichte zu wissen/ wodurch er sein Leben verkuͤrtze/ nemlich wenn er alles/ was wir jetzo erzehlet haben oder nur ein Stuͤck davon nicht in acht nimmt/ oder vielmehr das Ge- genspiel zu thun sich befleißiget. 8. Jedoch muß der Mensch nicht meinen/ daß/ wenn er dieses/ was er zu Erhaltung seines Le- bens in der Natur gegruͤndet zu seyn befindet/ in acht nimmt/ auch nothwendig sein Leben so lange dauren muͤsse/ als nach denen natuͤr- lichen Regeln geschienen/ daß es dauren solte. Denn GOtt hat die vernuͤnfftigen Regeln nicht sich/ sondern dem Menschen vorgeschrieben/ und durch die taͤgliche allgemeine Erfahrung lehret er alle Menschen so viel/ daß wenn sie dieselbigen muthwillig uͤberschreiten/ sie an der Verkuͤr- tzung ihres Lebens Ursache seyn/ auch keine Ursache in der Natur/ oder der Erfahrung fin- den/ daß sie wahrscheinlich hoffen solten/ GOtt wolle vermittelst seiner Allmacht ausserordentlich wider den Lauff der Natur ihr Leben erhalten. 9. Jm Gegentheil aber weiset auch die taͤgli- che Erfahrung/ daß GOtt diejenigen/ die noch so Y wohl Das 8. H. von der vernuͤnfftigen wohl die Grund-Regeln der Natur in diesem Stuͤck in acht genommen/ durch einen unver- sehenen und gewaltsamen Tod hinwegreis- se/ den sie nicht vermoͤgend sind durch allen ihren angewendeten Fleiß nur auf eine Minute auf- zuschieben: Es geschehe nun solches entweder/ daß GOtt dadurch uns Menschen lehren wolle/ daß er als ein Herr der Natur nicht sich/ sondern uns ein gewisses Ziel solches zu beobachten gese- tzet habe/ er aber solches allezeit verkuͤrtzen koͤnne; oder daß sodenn unser Lebens-Ziel nicht nach unserer natuͤrlicher Muthmassung/ sondern nach GOttes Vorwissenheit gerechnet werden muͤsse; oder aber daß ein solcher Mensch die Verkuͤrtzung seines Lebens durch Unterlassung vernuͤnfftiger Liebe gegen andere Menschen oder durch unver- nuͤnfftige Thaten wider die Schuldigkeit gegen GOtt selbst/ sich uͤber den Hals gezogen habe. 10. Und damit wir selbst nicht wider die Schuldigkeit suͤndigen/ so wollen wir ferner hier nicht nachgruͤbeln/ wie doch dieses mit GOt- tes Vorsehung und Allmacht bestehen koͤn- ne/ daß ein Mensch sich sein Lebens-Ziel ver- kuͤrtzen koͤnne. Denn diese Nachgruͤblung ist vergebens/ und nutzet uns nichts/ weil alle goͤttli- che Eigenschafften unbegreifflich seyn/ und zu Er- haltung unserer Gemuͤths-Ruhe genung seyn kan/ daß wir unstreitig bey uns befinden/ daß sich der Mensch sein Leben verkuͤrtzen koͤnne. 11. Laß Liebe gegen uns selbst. 11. Laß uns vielmehr dieses etwas genauer erwegen/ worum wir in Beschreibung der ver- nuͤnfftigen Liebe gegen sich selbst gedacht/ daß die Erhaltung des Lebens denen Menschen/ die wir vernuͤnfftig lieben/ zu gut geschehen muͤs- se. Denn es fliesset nicht alleine/ wie gedacht/ die Liebe gegen uns selbst aus der Liebe an- derer Menschen her/ sondern die Liebe anderer Menschen ist auch eine Richt-Schnur der Lie- be gegen uns selbst. 12. Was das erste betrifft/ so erfordert so wohl die allgemeine als fuͤrnemlich die abson- derliche Liebe/ daß wir unser Leben zu erhalten uns angelegen seyn lassen. Jene zwar/ weil wir ohne Unterscheid anderer Menschen Huͤlffe/ und derer ihres Lebens benoͤthiget sind; Diese aber/ weil die Liebe erfordert/ daß wir der geliebten Person ihr Vergnuͤgen mehr als das unserige su- chen sollen; und weil wir dann wissen/ daß der- selbe mehr in uns als in sich selbst lebet; als wuͤr- den wir die Liebe hoͤchlich beleidigen/ wenn wir in Erhaltung unseres Lebens uns nachlaͤßig bezei- gen solten. 13. So ist auch hiernechst die Liebe anderer Menschen eine Richt-Schnur der Liebe ge- gen uns selbst/ theils in Betrachtung/ wie die- selbe einzurichten sey/ theils in Ansehen/ wie die Liebe gegen uns selbst der Liebe anderer Menschen weichen muͤsse. Y 2 14. Jn Das 8. H. von der vernuͤnfftigen 14. Jn der ersten Betrachtung weiset die Liebe anderer Menschen uns an/ daß es nicht genung sey/ das Leben zu erhalten/ so ferne dassel- bige nur bloß auf die Machine des menschlichen Coͤrpers gehet/ sondern in dem diese Erhaltung der Liebe anderer Menschen zu gut geschehen sol- le/ verstehet sichs von sich selbsten/ daß zufoͤrderst die Seele auch dergestalt von aller Unwissenheit und Thorheit/ ingleichen von allen boͤsen/ und die Liebe hindernden Zuneigungen gesaubert werden muͤsse/ ob gleich dieselbige an und vor sich selbst so beschaffen waͤren/ daß dadurch unser Leben nicht verkuͤrtzet wuͤrde/ sondern wir wohl in diesen Thorheiten und Zuneigungen unser Leben als wie ein Vieh viel lange Jahre solten zubringen koͤnnen. 15. Naͤchst diesen soll auch die Liebe gegen uns selbst der Liebe gegen andere Menschen weichen/ weil wir in Beschreibung der abson- derlichen Liebe zum oͤfftern erwehnet haben/ daß uns dieselbe antreibe/ unser Leben vor die Per- son/ die wir vernuͤnfftig lieben/ zu lassen. Und wenn dannenhero durch Unterlassung dessen/ was wir oben n. 6. zu Erhaltung des Lebens er- fordert/ das Leben der Person die wir lieben/ er- halten werden koͤnte; So weiset die gesunde Vernunfft/ daß wir so dann solches vielmehr zu unterlassen/ als zu thun schuldig seyn/ wiewohl wir nicht leichte absehen koͤnnen/ in was fuͤr einem Fall durch Unterlassung obbesagter Dinge eines andern Liebe gegen uns selbst. andern Menschen Leben erhalten werden koͤnte/ ausser was wir daselbst von der Verthaͤydigung unsers Lebens wider aͤusserliche Gewalt gemeldet. 16. Ob auch schon jemand hierwieder ein- wenden wolle/ ich duͤrffte meines Lebens Erhal- tung nicht meines Freundes Leben nachsetzen/ weil mein Freund ja mehr in mir als in sich selbst lebe/ woraus zu folgen scheine/ daß ich mehr auf mich/ als auf sein Leben zu erhalten se- hen muͤsse. So ist doch hierauf zu antworten/ daß die Regeln der Liebe auch gleichfalls von mir erforderten/ mehr in meinem Freunde als in mir zu leben/ und also sein Leben dem Meini- gen vorzuziehen/ und daß/ wenn ich mit dieser Ge- gen-Liebe nicht versehen waͤre/ ich auch der Liebe meines Freundes nicht werth sey. 17. Ja sprichst du: Auff solche Art wird ja dieses folgen/ daß in der Liebe nicht ein Hertz und eine Seele/ sondern zwey wiederspre- chende Willen anzutreffen seyn/ indem ein je- der vor dem andern sterben/ und des andern sei- nen Tod verhindern wil; solchergestalt aber wird Liebe nicht Liebe/ oder doch die Uneinigkeit Liebe heissen. 18. Aber O angenehmer Streit! O vergnuͤg- same Uneinigkeit! Dieses ist das eintzige pa- radoxum in der Weltweisheit/ dessen Wahr- heit wohl von allen Menschen empfunden wer- den kan/ daß es der Vernunfft nicht zu widersey/ und von dem man doch in der Vernunfft keine Y 3 deut- Das 8. H. von der vernuͤnfftigen deutliche Ursache findet/ dasselbe zu demonstrir en/ sondern das gleich sam der erste Schritt ist/ wenn die Vernunfft ihre hoͤchste Staffel erreichet hat/ zu der uͤbernatuͤrlichen Erleuchtung zu gelangen/ und die Erleuchtung mit der Vernunfft durch dieses Band zu verknuͤpffen. 19. Wir haben aber gesagt/ daß die abson- derliche Liebe uns verbinde/ unser Leben aus Lie- be zu unsern Freund zu lassen. Denn was die allgemeine betrifft/ haben wir schon oben/ als wir von derselben gehandelt/ gnugsam gewiesen/ daß weder die Tugend der Leutseligkeit/ noch eine andere zur allgemeinen Liebe gehoͤrige Tugend sich biß dahin erstrecke/ fuͤr alle Menschen das Le- ben zu lassen. Ja wir haben daselbst/ als von der Gedult gehandelt/ gesagt/ daß wir nur von der Gedult/ die man gegen die empfangenen Beley- digungen ausuͤben muͤsse/ redeten/ und zu seiner Zeit von der Gedult gegen die instehenden und kuͤnfftigen Beleydigungen schon unsere Meinung entdecken wolten. Derowegen fraget es sich nun- mehro nicht unbillig/ ob denn die vernuͤnfftige Liebe uns nicht auch verbinde/ die von unsern Feinden uns zu besorgende gewaltsame Ge- fahr und Schmach mit Gedult zu erwarten/ und auch fuͤr dieselben unser Leben zu lassen; oder ob wir nicht vielmehr dieselbe mit Gegen- Gewalt und auch wohl mit Ertoͤdtung unsers Gegeners/ der Liebe unbeschadet abtreiben koͤnnen? 20. Die- Liebe gegen uns selbst. 20. Diese von vielen weitlaͤufftig auch ziem- lich uneinig und confus beantwortete Frage kuͤrtz- lich und gegruͤndet zu beantworten/ wollen wir nur aus dem/ was wir bißhero demonsttir et/ et- liche Saͤtze und Gruͤnde hieher wiederhoh- len. (1) Daß ein jedweder einen jedweden Men- schen zwar nicht absonderlich lieben koͤnne/ aber doch auch nicht hassen solle. (2) Daß derjenige/ so uns Feindschafft erweiset/ nicht prætendir en koͤnne/ daß wir ihm mit absonderlicher Liebe zugethan seyn muͤsten/ weil er durch seine Be- leydigungen gnugsam darthut/ daß er nicht tu- gendhafft sey. (3) Daß wir einen solchen Men- schen doch nicht hassen duͤrffen/ sondern ihm die allgemeine Liebe erweisen muͤssen. (4) Daß hassen nichts anders sey/ als darnach trachten/ wie man einen andern Menschen fuͤr das uns er- wiesene eingebildete boͤse Leydes zufuͤgen moͤge. (5) Daß die Verthaͤydigung seines Lebens und seiner andern Guͤter nicht unter den Haß gerechnet werden koͤnne/ weil dieselbe nur dahin trachtet/ den andern abzuhalten/ daß er uns nichts zu leyde thue. (6) Daß wir diese Verthaͤydi- gung der absonderlichen und allgemeinen Liebe schuldig seyn. (7) Daß wir zwar wegen be- gangener Boßheit oder Versehen uns nicht raͤ- chen sollen/ weil wir dergleichen Gedult taͤglich von andern Menschen insgemein benoͤthiget sind/ aber wegen offenbahrer gegenwaͤrtigen Ge- walt/ wenn wir nur ein wenig vernuͤnfftig seyn/ Y 4 von Das 8. H. von der vernuͤnfftigen von keinen Menschen prætendir en/ daß er dieselbe gedultig aushalten solle; Weswegen man auch wiederum von uns nicht dieselbe prætendir en koͤnne. 21. Aus diesen Gruͤnden antworten wir nun auff die vorgelegte Frage. Daß die Liebe nicht von uns erfordere/ daß wir die von unsern Feinden uns gedrohete entstehende Gewalt gedultig aushalten muͤssen/ sondern daß wiꝛ dieselbe gar wohl der Liebe unbeschadet mit Gegen-Gewalt/ und wenn es auch mit Er- toͤdtung unsers Gegners selbst waͤre/ abtreiben koͤnnen. 22. Jch rede aber von instehender Gewalt. Denn wegen der Bedrohung brauchen wir die- ses gewaltsame Mittel nicht/ theils weil wir da- durch vielmehr die Bedrohungen/ als eine all- bereit zugefuͤgte Schmach raͤchen wuͤrden/ wel- ches wider die allgemeine Gedult streitet/ theils weil wir wider die Bedrohungen durch ander- waͤrtige Vorsorge und præparir ung/ daͤß wir kuͤnfftig Gewalt mit Gewalt vertreiben koͤnnen/ gnugsam versichert sind. 23. Sprichst du gleich/ es sey gantz unver- nuͤnfftig/ die gewaltsame Ertoͤdtung eines Menschen vor ein Werck der Liebe auszu- geben; So ist doch gar leicht zu antworten/ daß man ja niemaln gesagt/ daß man dadurch dem- jenigen/ den man ertoͤdtet/ Liebe bezeige/ sondern es ist genung/ daß man ihm dadurch keinen Haß erweise/ Liebe gegen uns selbst. erweise/ indem wir seinen Tod nicht intendir en/ sondern er sich denselben selbst verursacht/ und daß wir durch diese unsere Verthaͤydigung so wohl insgemein allen Menschen/ als unsern ab- sonderlichen Freunden unsere Liebe bezeugen. 24. Wie aber die uns drohende Gewalt beschaffen seyn muͤsse/ daß sie mit dergleichen Gegengewalt abgetrieben/ und unter die Gegen- waͤrtigen gerechnet werden koͤnne? Jngleichen was man zuvorhero versuchen muͤsse/ ehe man es zu dieser Extremit aͤt unsern Feind zu er- toͤdten kommen lasse? Und was dergleichen hieher gehoͤrender Fragen mehr seyn moͤgen/ die von de- nen Moralist en insgemein pflegen gemacht/ und beantwortet zu werden/ in dieselben wollen wir uns allhier nicht einlassen/ theils weil wegen der vielfaͤltigen und allzusehr variren den Umstaͤnde man fast nicht wohl uͤberhaupt dieselben eroͤrtern kan/ sondern sie eines jedweden Tugendhafften seiner eigenen Klugheit und Liebe anheim stellen muß; theils weil es denen Lasterhafften oder in der Tugend Unvollkommenen wenig helf- fen wuͤrde/ wenn wir dieselben noch so subtil eroͤr- terten/ sie aber wegen ihrer Laster oder Unvollkom- menheit nicht faͤhig waͤren/ diese Beantwortung zu practicir en/ zumahlen da dergleichen Gefahren einen solchen Menschen durch die ploͤtzliche Furcht und Erschreckniß in einen solchen Zustand setzen/ da er sein selbst nicht maͤchtig ist/ sondern sich von dieser Furcht und Schrecken regieren lassen muß. Y 5 Tref- Das 8. H. von der vernuͤnfftigen Treffen sie aber einen Menschen an/ der die ver- nuͤnfftige Liebe und Gemuͤths-Ruhe allbereit in einem hohen Grade besitzt; so weiß derselbe schon nach dem ihm mitgetheilten Maß der Liebe sich seiner Gebuͤhr nach hierinnen zu bezeigen. 25. Wann demnach/ als erwehnet/ die Liebe gegen uns selbst/ theils in der Sorge fuͤr unsere Seele/ theils in der Sorge fuͤr unser Leben und Gesundheit bestehet; so solten wir nun wohl von beyden insonderheit zu handeln anfangen. Wir werden aber verhoffentlich bey dem ver- nuͤnfftigen Leser gar leicht entschuldiget werden/ daß wir solches allhier unterlassen. 26. Denn was die Seele betrifft/ so bestehet derselben Vollkommenheit in zweyen Haupt- Tugenden/ der Weisheit und Liebe. Von jener haben wir sattsam in der Vernunfft-Lehre gehandelt. Von dieser aber reden fast alle Blaͤtter gegenwaͤrtigen Sitten-Lehre. Und was von denen Mitteln dieselbe zu erhalten noch uͤbrig ist/ wird der andere Theil von der Artzney wider die unvernuͤnfftige Liebe gnugsam aus- fuͤhren. 27. Was des Leibes Leben und die Ge- sundheit anbelanget/ gehoͤret solches zu thun fuͤr die Artzney-Kunst/ und ist der edelste Theil der- selben/ wiewohl insgemein die Herren Medici mehr darum bekuͤmmert sind/ wie die allzuem- pfindlichen und gefaͤhrlichen Kranckheiten zu ver- treiben/ als wie der Mensch seine Gesundheit in guten Liebe gegen uns selbst. guten Fortgang erhalten/ dieselbe immer mehr und mehr verstaͤrcken/ und denen Kranckheiten vorkommen moͤge/ um welches letzte sich doch ein jedweder vernuͤnfftiger Mensch/ am allermeisten aber ein Studiosus und Gelehrter bekuͤmmern solte. Jedoch weil die Wissenschafft der Artzney- Kunst in diesem Jahrhundert um ein merckliches gewachsen; Als haben wir auch GOtt sey Danck unterschiedene gelehrte Buͤcher/ die uns darinnen eine deutliche und von einem jedweden vernuͤnffti- gen Menschen leichtlich zubegreiffende Nachricht geben. Jch wil nur dißfalls eines nahmhafft ma- chen/ welches ich fuͤr mich und meine Zuhoͤrer biß- hero gut befunden/ nemlich/ des D. Cornelii Bon- tekoe Abhandelung von des Menschen Leben/ Gesundheit/ Kranckheit und Tode. 28. Wolte sich jemand hierinnen selbst uͤben die Warheit zu erforschen/ so darff er nur dasjenige wiederholen/ was wir allhier im er- sten Hauptstuͤck von dem Guten und Boͤsen uͤ- berhaupt geredet/ und es auf seine eigene Speise und Tranck/ Kleidung/ Wohnimg/ taͤgliche Bewegung u. s. w. applicir en/ und es hernach ge- gen des D. Bontekoe oder ein anders dergleichen Buch halten/ so wird er finden/ daß er taͤglich in dieser Wissenschafft fuͤr sich selbst neue Wahrhei- ten zu erfinden/ und die von andern erfundene zu pruͤffen/ geschickt sey/ auch erkennen/ in was fuͤr groben Jrrthuͤmern er gesteckt habe. 29. Z. e. Das 8. H. von der vernuͤnfftigen 29. Z. e. Wenn man wissen wil/ was fuͤr ein Tranck ordentlich am gesundesten sey? So ist aus dem ersten Hauptstuͤck unserer Sitten- Lehre die Antwort/ derjenige/ der unser Gebluͤte in einer proportionir lichen Bewegung behaͤlt/ daß es nicht zu geschwinde noch zu langsam lauffe. Machen wir nun die Applicir ung dieser Regel auf unser Getraͤncke/ so finden wir solches von dreyerley Sorten: Wein/ Wasser und Bier. Der Wein hitzet/ und macht also die Bewegung des Gebluͤts allzugeschwinde/ oder er schleimet wenn er suͤsse ist/ und macht/ daß sich das Gebluͤte langsam beweget/ oder ist Kalckigt/ und treibt sol- che kleine Theilgen in das Gebluͤte/ die die Adern zerschneiden/ oder durch ihre Versetzung die Cir- culation des Gebluͤtes sehr hindern/ und die Gicht und dergleichen Kranckheiten verursachen. Das Bier thut gleiche Wirckungen; entweder es hi- tzet oder kaͤltet; Gemeiniglich aber schleimet es/ wie der Wein gemeiniglich hitzet/ welches bey dem Bier der klebigte Schweiß/ bey dem Weine aber die in alle Glieder tretende Hitze bezeiget. So sind auch diese beyde Arten von Getraͤncke so beschaffen/ daß sie durch ihre Schaͤrffe oder Lieb- lichkeit einen Durst verursachen/ und die Zunge dergestalt kuͤtzeln/ daß man mit Lust mehr davon trinckt/ als die Natur erfordert. Alleine das Wasser ist ordentlich weder hitzig noch kaͤltend; es erhaͤlt das Gebluͤte in einer proportionir lichen Bewegung/ es ist weder suͤsse noch scharff/ daß es bey Liebe gegen uns selbst. bey uns einen Durst erwecken oder zulassen solle/ mehr zu trincken als die Natur erfordert. Nun mache den Schluß selbst/ welches unter diesen dreyen Getraͤncken ordentlich und fuͤr einen ge- sunden Menschen das Beste sey. Aber nimm dich wohlin acht/ daß du denselben nach den Re- geln gesunder Vernunfft und nicht nach deiner Begierde machst. 30. Ja damit du erkennen moͤgest/ wie die Er- findung einer Warheit der andern die Hand biete/ so betrachte wol/ daß das Wasser in Anse- hen des Weines und Bieres/ das unschmackhaf- teste Getraͤncke sey/ und wenn du diese Anmer- ckung gegen das erste Capitel haͤltst/ und darinnen befindest/ daß die Dinge/ die bey denen Sinnen die wenigste Empfindligkeit erwecken/ die Besten seyn/ so hast du schon einen grossen Theil neuer Wahrheiten in Betrachtung der gesunden Speisen erfunden/ wenn du ebenmaͤßig die Ap- plication machst/ daß die unschmackhafftesten Speisen ordentlich die gesundesten/ die sau- ren/ suͤssen hingegen/ und die einen gesunden und nicht verleckerten Menschen widrig und eckel sind/ am ungesundesten find/ u. s. w. 31. Woltest du aber auch endlich um besserer Oꝛdnung willen/ wie wir bey der allgemeinen und absonderlichen Liebe gethan haben/ auch bey der Liebe gegen uns selbst die unterschiedenen hie- her gehoͤrenden Beobachtungen mit gewissen Nahmen der Tugenden belegen; Koͤntest du die Schul- Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe Schuldigkeit in Speise und Tranck/ Maͤßig- keit/ diejenige so die Kleidung und Wohnung an- gehet/ Reinligkeit/ die so auf Bewegung der aͤusserlichen Gliedmassen zielet/ Arbeitsamkeit/ und endlich die so den Leib vertheydiget/ Tapffeꝛ- keit nennen. Aber bemuͤhe dich vielmehr diese Tugenden auszuuͤben/ als uͤber derselben Benen- nung oder Beschreibung unnoͤthigen Streit an- zufangen. Das 9. Hauptstuͤck. Vonder Nothwendigkeit ver- nuͤnfftiger Liebe/ in denen vier all- gemeinen Gesellschafften mensch- lichen Geschlechts. Jnnhalt. Connexion. n. 1. Jn der Ehelichen Gesellschafft/ inglei- chen der Gesellschafft zwischen Eltern und Kindern/ Herr und Knecht/ Obrigkeit und Unterthanen n. 2. scheinet die Liebe nicht viel zu thun zu haben/ weil daselbst Befehl und Zwang ist. n. 3. Gleichwohl ist ei- ne jede Gesellschafft eine Vereinigung der Gemuͤther wie bey der Liebe. n. 4. Es kan keine Gesellschafft ohne Liebe/ aber wohl ohne Befehl und Zwang seyn. n. 5. Der Befehl gehet in denen Gesellschafften nur der Liebe an die Hand n. 6. und ist mit einer Gesell- schafft mehr verknuͤpfft als mit der andern n. 7. nach- dem die Gesellschafften entweder wegen des innerli- chen Antriebes/ oder aus Mangel der Liebe entstan den in denen menschlichen Gesellschafften. den. n. 8. Die Eheliche und Vaͤterliche Gesellschafft braucht den Zwang hoͤchst nothwendig nicht allezeit. n. 9. Bey der Gesellschafft zwischen Herr und Knecht ist man mit der allgemeinen Liebe zu frieden/ jedoch kan eine absonderliche Liebe draus werden. n. 10. Aber in der buͤrgerlichen Gesellschafft ist die absondeꝛ- liche Liebe zwischen Obrigkeit und Unterthanen nicht zu hoffen. n. 11. Wenn aber die allgemeine Liebe nicht einmahl zu spuͤhren ist/ ist der Obrigkeit/ und also auch in denen andern drey Gesellschafften denen so darin- nen zu befehlen haben/ es mehrentheils zu imputi- r en. n. 12. Die Eheliche Gesellschafft ist die aller natuͤr- lichste. n. 13. Darinnen man eine absonderliche glei- che Liebe finden soll. n. 14. vor Vollziehung derselben muß man mit der sorgfaͤltigen Gefaͤlligkeit sehr be- hutsam umgehen. n. 15. auch die Gutthaͤtigkeit nicht beyseite setzen. Nach Vollziehung derselben soll die Gemeinschafft alles Thun und Lassens/ ingleichen ih- res Vermoͤgens statt haben. n. 17. Wenn zwischen Eheleuten ein unversoͤhnlicher Haß entstehet/ ist es vernuͤnfftig/ daß sie geschieden werden. n. 18. Von der Polygamie und communione uxorum. Die Gesell- schafft der Eltern und Kinder soll mit einer unglei- chen vernuͤnfftigen Liebe begabet seyn. n. 20. und sich hernach in eine gleiche Liebe verwandeln. n. 21. Die Gesellschafft zwischen Herr und Knecht soll auf bey- den Theilen alle Tugenden der allgemeinen Liebe be- sitzen. n. 22. Wenn aus derselben ein absonderliche Liebe werden kan. n. 23. Die Beschaffenheit vernuͤnff- tiger Liebe in der buͤrgerlichen Gesellschafft. n. 24. 1. W Jr haben bißher von der Liebe gehan- delt/ wie dieselbe nach dem Trieb der Vernunfft erwehlet werde/ und auf eine voͤl- Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe voͤllige Vereinigung zweyer Gemuͤther/ von was Stand und Geschlecht sie auch seyn moͤgen/ ihr Absehen richte. Und ist dannenhero nichts mehr in der Lehre von der Liebe uͤbrig/ als daß wir se- hen/ wie dieselbe in denen vier Menschlichen Gesellschafften beschaffen seyn solle/ die des- halben natuͤrliche Gesellschafften pflegen genen- net zu werden/ weil sie allgemein seyn bey allen Voͤlckern/ und kein Mensch ist/ der nicht in einer von denenselben/ wo nicht in allen vieren sich be- finde. 2. Dieses sind die Gesellschafft (1) zwischen Mann und Weib/ (2) Eltern und Kindern (3) Herr und Knecht/ (4) Obrigkeit und Unterthanen. Von deren Beschaffenheit und was nach denen Regeln der Gerechtigkeit einer jeden Person/ so darunter lebet/ ihre Pflicht- Schuldigkeit sey/ wir nicht weitlaͤufftiger han- deln wollen/ weil wir solches anders wo gethan/ und auch sonsten viele von diesen Dingen ins- gemein bekandt sind. Sondern wir wollen nur sehen/ was die Liebe in denenselben zu wircken und zu verrichten habe. 3. Zwar wenn wir dieselben insgesamt oben hin ansehen wollen/ so scheinet es/ daß die Lie- be eben nicht viel dabey in obacht zu neh- men sey. Denn alle diese vier Gesellschafften sind in dem Menschlichen Geschlecht durchge- hends dergestalt beschaffen/ daß eine Person darinnen der andern zu befehlen hat/ und die andere in denen menschl. Gesellschafften. andere der ersten gehorchen muß. Wo aber Befehl ist/ da ist auch Zwang. Wo Zwang ist/ da ist keine Liebe. Und folglich weil wir oben erwehnet/ daß eben der Zwang den Unter- scheid zwischen der Gerechtigkeit und Liebe ma- che/ so scheinet es wohl/ daß diese vier Gesell- schafften Gerechtigkeit/ aber doch keine Liebe leiden koͤnten. 4. Wiederum aber/ wenn wir andertheils be- trachten/ daß gleichwohl von der Ehelichen Lie- be/ von der Liebe der Eltern gegen die Kin- der u. s. w. jederman redet und schreibet; ja wenn man erweget/ daß alle menschliche Gesellschafft in der Vereinigung zwey er Gemuͤther zu ei- nen gewissen Endzweck bestehe/ so siehet man/ daß auch alle Gesellschafften ihrem Wesen nach die Liebe/ als welche die Vereinigung der Ge- muͤther ist/ intendir en. 5. Und also wird man bald gewahr/ daß kei- ne Gesellschafft ohne Liebe/ aber wohl ohne Befehl und Zwang seyn koͤnne; und daß der Befehl und Zwang zufaͤlligeꝛ Weise in die mensch- lichen Gesellschafften gekommen sey/ so ferne nem- lich etliche Personen in denenselben entweder aus Unvollkommenheit oder aus Boßheit dasjenige/ was zu dem Zweck einer jeden Gesellschafft zu er- reichen dienet/ nicht freywillig thun wollen/ oder auch wohl darwider streben. 6. Woraus noch ferner folget/ daß die Lie- be nicht des Zwangs halben in denen vier be- Z sagten Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe sagten Gesellschafften sich befinden solle/ son- dern daß die Liebe in allen dene nselben solle gleichsam das Regiment fuͤhren/ und der Be- fehl und Zwang ihr nur an die Hand gehen muͤsse/ nicht zwar Liebe durch Zwang und Be- fehl zu erwecken/ welches ohnmoͤglich/ sondern die Liebe wider den Haß und dessen Beleydigun- gen zu beschuͤtzen. Und also hoͤret der Befehl und der Zwang nothwendig in diesen Gesellschafften auf/ oder man braucht ihn zum wenigsten nicht/ wenn die Menschen in denenselbigen der Liebe freywillig Platz geben. 7. Jedoch obschon der Befehl und Zwang zu keiner von diesen vier Gesellschafften gehoͤ- ret/ wenn man dererselben Endzweck an und fuͤr sich selbst betrachtet; so ist doch derselbige mit einer Gesellschafft mehr verknuͤpfft als mit der andern/ und wird solcher Gestalt nicht un- fuͤglich gesagt werden koͤnnen/ daß gleichwie die Liebe zu dem Wesen aller Gesellschafften gehoͤre/ also hingegentheil der Zwang zufaͤlli- ger Weise in etliche Gesellschafften gerathen/ bey etlichen aber gleichsam einen Theil des We- sens derselben mache. 8. Nemlich/ wenn man obbesagte vier Ge- sellschafften ein wenig gegen einander haͤlt/ so wird man gar bald befinden/ daß zwey von de- nenselben unter dem menschlichen Geschlecht in Schwange gehen wuͤrden/ wenn gleich alle Men- schen tugendhafft waͤren/ und einander liebten/ und in denen menschl. Gesellschafften. und wenn gleich nach denen Gesellschafften ver- nuͤnfftiger Liebe alle Guͤter gemein waͤren/ und jederman in dieser Welt genung haͤtte/ derge- stalt/ daß es weder Reiche noch Arme gebe. Die andern zwey aber sind aus dem Mangel der Liebe/ und dem deswegen eingefuͤhrten Ei- genthum auch dem draus erfolgten Uberfluß und Armuth entstanden/ zum theil aber auch wegen der Furcht fuͤr der Boßheit anderer Menschen so wohl ausser als binnen der Gesellschafft ge- macht und formir et worden. 9. Die Eheliche Gesellschafft und folglich auch die Gesellschafft zwischen Eltern und Kindern ist unter tugendhafften und lasterhaff- ten/ Armen und Reichen. Und ob sie wohl bey- derseits keinen Reichthum und Eigenthum zu ihrer Selbstaͤndigkeit præsupponir en/ so brau- chen sie doch/ wenn sie ihren Zweck erreichen sol- len/ Tugend und Liebe/ und wenn diese sich fin- den laͤst/ so darff sich das Befehlen des Man- nes und das Gebot der Eltern nicht sonderlich hervorthun; sondern es thut entweder ein jedes von sich selbst seine Schuldigkeit/ oder es ist an einer Erinnerung genung/ die keines gebieteri- schen Zwangs vonnoͤthen hat. Und kan auch in diesen Gesellschafften eine vernuͤnfftige Liebe am ehesten entstehen/ weil der Mensch darzu durch einen allgemeinen innerlichen Antrieb/ nicht aber durch eine aͤusserliche Nothwendigkeit gerei- tzet wird. Z 2 10. Hin- Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe 10. Hingegen waͤre die Gesellschafft zwi- schen Herr und Knecht nicht/ wenn nach der Liebe alles gemein/ und weder Reiche noch Ar- me waͤren. Die Buͤrgerliche Gesellschafft aber waͤre nicht entstanden/ wenn man sich fuͤr lieblosen Leuten nicht zu fuͤrchten angefangen/ und fuͤr deren Haß zu beschuͤtzen gesucht haͤtte. Bey jener ist deshalben die Liebe gemeiniglich in einem geringen Grad/ weil bey derselben so wohl der Herr als der Knecht mehr auff seinen Privat- Nutzen/ als auf das Vergnuͤgen des an- dern siehet/ auch das Absehen des Herrn so be- schaffen ist/ daß es ohne Fuͤrschreibung und Be- fehl/ darnach der Knecht mit seinem Thun und Lassen sich richten muß/ nicht kan erhalten wer- den. Jedennoch muß auf beyden Seiten zum wenigsten die allgemeine Liebe beobachtet werden/ und die absonderliche ist dieser Gesell- schafft nicht zu wider; Ja wo man dieselbe in dieser Gesellschafft antrifft/ da hoͤret der be- fehlende Zwang und Eigennutz auf/ und wird in eine bruͤderiche Liebe verwandelt. 11. Aber die buͤrgerliche Gesellschafft kan des Zwangs und des Befehlens weniger entbehren/ und eine absonderliche Liebe zwi- schen der Obrigkeit und Unterthanen weniger erhalten/ sondern muß sich begnuͤgen lassen/ wenn nur die absonderliche Liebe in Schwang ge- bracht werden kan/ weil das Mißtrauen gegen andere in denen menschl. Gesellschafften. andere Menschen derselben Ursprung ist/ und bey Einrichtung derselben mehrentheils man sol- che Conditiones einander vorzuschreiben pfleget/ die ein grosses Mißtrauen zwischen den Personen selbst/ die sich in dieser Gesellschafft einlassen/ an- zeigen. Zu geschweigen/ daß weil dieselbige aus gar zu vielen Personen bestehet/ es ohnmoͤglich sey/ daß zwischen denen Gemuͤthern der Obrigkeit und Unterthanen eine voͤllige Gleichheit/ und also auch eine absonderliche Liebe koͤnne gehoffet werden. 12. Jedoch soll auch in diesen beyden letzten Gesellschafften die Sorge dererjenigen seyn/ die die Herrschafft haben/ daß die Knechte und Unterthanen so viel moͤglich zu der abson- derlichen Liebe beqvehmer gemacht wer- den moͤgen. Und wenn in diesen Gesellschaff- ten nicht einmahl die Tugenden allgemeiner Lie- be beobachtet werden/ so ist gemeiniglich die Schuld derer/ die am kluͤgesten seyn solten/ das ist/ derer/ die die Herrschafft haben/ welches auch von der Ehelichen und Vaͤter- lichen Gesellschafft zu sagen ist/ wenn nur das Gegentheil sie nicht offenbahr entschuldiget/ als wenn die Weiber/ Kinder/ Knechte und Unter- thanen boßhafftiger Weise alle gute Zucht und Vermahnung von sich stossen/ und mit Fuͤssen treten. 13. Nachdem wir also von der Nothwen- digkeit der vernuͤnfftigen Liebe in denen vier all- Z 3 gemei- Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe gemeinen menschlichen Gesellschafften uͤberhaupt geredet/ wollen wir auch nur noch mit wenigen jede Gesellschafft beschauen/ so ferne die Liebe darmit zu thun hat. Die Eheliche ist deshalben die allernatuͤrlichste/ weil sie dahin trachtet/ dem natuͤrlichen Trieb und Neigung/ den Gott beyderley Geschlechte ins Hertze gegeben/ ge- nung zu thun. Jch verstehe nicht die geile Nei- gung zur Leibes Vermischung/ sondern die mensch- liche vernuͤnfftige Neigung/ zwey Hertzen auf das festeste und stetswehrend mit einander zu ver- knuͤpffen/ und durch eine keusche Vereinigung Kinder mit einander zu erzeugen/ und gleichsam in selbigen die Wechsel-Liebe zu concentrir en/ oder vielmehr auszubreiten. 14. Also sol demnach in dem Ehestande nichts anders als eine absonderliche vernuͤnff- tige und gleiche Liebe herrschen/ die nicht aufhoͤren soll noch darff/ weil die gemeinen Ge- setze die Ehe-Scheidung verbieten/ weswegen die Regeln gesunder Vernunfft erfordern/ daß die Personen/ so sich hinein begeben wollen/ am al- ler behutsamsten in der Wahl umgehen muͤs- sen/ weil sonsten bey andern Freundschafften und Lieben/ wenn man sich in seiner Wahl betrogen hat/ man allezeit oder doch mehrentheils den Feh- ler corrigir en kan/ daß man sich wieder vonein- ander sondert/ und durch diese Sonderung die absonderliche Liebe aufhebet. 15. Dero- in denen menschlichen Gesellschafften. 15. Derohalben ist offenbahr/ daß/ wo je- mahls bey einer absonderlichen Liebe/ gewiß hie- rinnen vonnoͤthen sey/ die oben erklaͤhrte sorg- faͤltige Gefaͤlligkeit in acht zu nehmen/ und viel und unterschiedene Conversationes mit der- jenigen/ so man heyrathen wil/ zu haben/ damit man ja wohl zusehen koͤnne/ ob das Gemuͤthe/ das man siehet/ tugendhafft und dem unsern gleich sey/ und ob man uns warhafftig oder wegen Geilheit und Interesse, oder sonsten auf eine un- vernuͤnfftige Weise liebe. Solcher Gestalt fol- get ferner/ daß die Heyrathen nicht vor vernuͤnff- tig koͤnnen ausgegeben werden/ wenn die Perso- nen nicht tugendhafft oder tugendliebend sind/ wenn sie einander mit anderer Leute Augen und Ohren heyrathen/ wenn man nach Gelde/ Schoͤnheit oder Befoͤrderung freyet/ oder wenn nach einer oder zweyen Conversation en man sich alsbald verbindet/ es waͤre denn/ daß in diesen letzten Fall zwey Hertzen/ die alle beyde einen ho- hen Grad der Tugend besaͤssen/ nach Anleitung dessen/ was wir allbereit oben davon erwehnet haben/ zusammen kaͤmen. 16. So solte man auch ferner in dem Ehe- stande bey unvollkommenen tugendhafften Leu- ten die voͤllige unaufloͤsliche Verbindung so lange auffchieben/ biß beyde Hertzen auch die noch staͤrckeren Proben der Vertrauens vol- len Gutthaͤtigkeit ausgestanden haͤtten/ weil es sehr oͤffters geschiehet/ daß diejenigen/ die die Z 4 Pro- Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe Proben der Gefaͤlligkeit ausgehalten/ uns ver- lassen/ und ihre Ungleichheit zu verstehen geben/ wenn sie biß an die Gutthaͤtigkeit gelanget sind. Und vielleicht haben unsere Vorfahren hierauf ihr Absehen gerichtet/ wenn sie eingefuͤhret/ daß nach der oͤffentlichen Verloͤbniß und zwischen der voͤlligen Vollziehung Braut und Braͤutigam mit einander annoch eine Zeitlang conversir en solten/ und daß sie bey inzwischen entstandener toͤdtlicher Feindschafft wieder geschieden werden koͤnten. 17. Wenn aber die Eheliche Gesellschafft einmahl vollzogen ist/ so ist es kein Zweiffel/ daß alleine dieselbige recht vernuͤnfftig sey/ worinnen nicht nur alle Guͤter gemeine sind/ sondern auch auff beyden Theilen eine liebreiche Frey- heit und Wechselsweise Gemeinschafft alles Thuns und Lassens gespuͤhret wird. Solcher Gestalt aber ist weder Zwang noch Herrschafft des Mannes von noͤthen/ als wel- cher nur fuͤr die unvernuͤnfftigen oder unvollkom- menen Weiber eingefuͤhret worden. Sondern gleichwie die Frau dem Mann in dem ihm ge- hoͤrigen Thun und Lassen nichts einredet/ son- dern aus Liebe ihme darinnen beystehet/ so viel ihr Vermoͤgen zulaͤst; Also laͤsset auch der Mann seinem Weibe in denen Haushaltungs-Sa- chen/ die er nicht verstehet/ ihre gleichmaͤßige Freyheit/ und stehet ihr darinnen bey/ so viel das bey denen Voͤlckern eingefuͤhrte Decorum zulaͤst. Bey in denen menschl. Gesellschafften. Beyderseits aber lassen sie einander ohne Ver- dacht und Eyffer die Freyheit mit andern ehrli- chen Leuten von beyderley Geschlecht zu conver- sir en/ als die ihrer Tugend zu beyden Theilen wohl versichert sind/ und aus denen Regeln ge- sunder Vernunfft wohl verstehen/ daß die Eyfer- sucht und das Mißtrauen nur fuͤr die unvernuͤnff- tige Liebe gehoͤre. 18. Solte aber uͤber Verhoffen eines von bey- den/ oder wohl alle beyde in ihrer Wahl sich uͤbereylet haben/ und entstuͤnde nach vollzogener Ehe wegen der allzugrossen Ungleichheit und sich aͤussernden Unvernunfft des einen Ehegat- ten unter ihnen Uneinigkeit/ die wegen der Hartnaͤckigkeit des unvernuͤnfftigen Theils nicht gehoben oder geschlichtet werden koͤnte; so ist offenbahr/ daß die Meynung de- rerjenigen Gelehrten/ in denen Regeln gesunder Vernunfft allerdings gegruͤndet sey/ welche be- haupten/ daß man in diesem Fall die Ehe- scheidung zulassen solle. Denn es kan fuͤr einem vernuͤnfftigen Menschen keine groͤssere Qvaal erfunden werden/ als wenn er gezwun- gen ist mit einer unvernuͤnfftigen Person in ge- nauer Verbuͤndniß und Gesellschafft zu ver- bleiben/ und seinen Leib mit selber zu vermischen. Ja es ist mehr als Bestialisch/ wenn uneinige und gantz widerwaͤrtige Gemuͤther keine andere Ge- meinschafft/ als die auf die Ableschung einer Wechselsweisen Geilheit ihr Absehen hat/ ein- Z 5 ander Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe ander bezeigen. Zudem waͤre keine Proportion zwischen dem Verbrechen und der Straffe/ wenn man das Versehen eines Menschen/ der sich bey seiner Heyrath mehr aus Schwachheit als ab- sonderlichen Boßheit nicht wohl in acht genom- men/ mit einer so grossen Gemuͤths-Qvaal be- straffen wolte. 19. Was aber im uͤbrigen nach Anleitung der Natur bey dem Ehestande zu beobachten sey/ da- von haben wir allbereit anderswo ausfuͤhrlich ge- handelt/ und zugleich eroͤrtert: Ob es der Natur zuwider sey oder nicht/ viel Weiber oder Maͤn- ner/ oder die Weiber mit vielen gemein zu haben? Wohin wir uns um Kuͤrtze willen be- ziehen/ und fuͤr unnoͤthig halten/ unsere Lehr- Saͤtze anhero zu widerhohlen. 20. Die Gesellschafft der Eltern und Kin- der zielet der Natur nach auf eine vernuͤnfftige ungleiche Liebe/ wie wir dieselbe oben beschrie- ben haben/ in der die Eltern schuldig sind/ ihre Liebe solcher Gestalt gegen die Kinder zu bezei- gen/ daß so lange diese in der Unvollkommenheit stecken/ sie eine Ehrfurcht gegen die Eltern tra- gen/ und so wohl durch das gute Exempel der Eltern/ als durch ihre taͤgliche Lehren und Anfuͤhrungen sich aus der Unvollkommenheit heraus reissen. Weshalben auch die Eltern schuldig sind/ fuͤr allen Dingen um die Ausbesse- rung der Kindeꝛ besorgt zu seyn/ und keine andere Pflicht oder Freundschafft dieser Obliegen- heit in denen menschl. Gesellschafften. heit vorzuziehen/ wiewohl sie alsdenn nichts Unvernuͤnfftiges begehen/ wenn sie diese Aufer- ziehung/ andern Personen auftragen/ daferne sie nur erkennen/ daß hierdurch die Ausbesserung der Kinder ja so wohl oder besser als durch sie selbst erhalten werden koͤnne. 21. Wenn denn dieser Endzweck voͤllig erhal- ten ist/ und die Kinder zu einer der Eltern glei- chen Tugend gebracht worden sind; so ist der Vernunfft gar nicht zu wider/ daß hernach- mahls zwischen denen Eltern und Kindern eine so gleiche Liebe entstehe/ als sonsten zwi- schen zweyen Freunden/ die einander famili aͤr sind/ seyn kan. Denn wir haben schon oben ge- dacht/ daß alle ungleiche vernuͤnfftige Liebe da- hin trachteu solle/ daß sie sich in eine gleiche Liebe verwandele. 22. Die Gesellschafft zwischen Herr und Knecht/ muß auf beyden Theilen/ wenn sie ver- nuͤnfftig seyn sol/ also beschaffen seyn/ daß keines von beyden das andere verachte/ oder auf einige Weise dasselbige beleydige/ sondern sich Wech- sels-Weise bescheiden und vertraͤglich gegen einander bezeigen/ auch dasjenige/ was sie einan- der bey Anfang dieser Gesellschafft versprochen/ unverbruͤchlich halten/ und hiernaͤchft alle nur moͤglichste Dienste der Leutseeligkeit einander bezeigen/ auch die aus Schwachheit menschlicher Natur sich dann und wann ereigneten Beleidi- gungen mit Gedult vertragen; deñ sonsten wuͤr- de Das 9. H. von der vernuͤnfftigen Liebe de man nicht sagen koͤnnen/ daß zwischen Herrn und Knecht eine allgemeine Liebe zu finden sey/ die doch/ wie wir oben erwehnet/ allezeit bey dieser Gesellschafft angetroffen werden soll. 23. Jst nun der Herr und Knecht so gluͤcklich/ daß sie befinden/ daß ihre Gemuͤther einander gleichfoͤrmig sind/ und auf beyden Theilen nach der Tugend trachten/ oder die Tugend allbereit in gleichen Grad besitzen; so kan es nicht fehlen/ sie muͤssen sich so dann durch eine naͤhere Ver- einigung in den Stand einer absonderlichen vernuͤnfftigen Liebe/ zu setzen trachten. Und dieses geschicht auf keine andere Weise/ als daß sie uͤber die Dienste der Leutseeligkeit einander Wechsels-Weise durch muͤhsame oder kostbare Gutthaten ihr Verlangen dißfalls zu erkennen geben. Weßhalben auch nicht zu zweiffeln/ daß ein Knecht/ er sey so leibeigen als er wolle/ dennoch vermoͤgend sey/ seinem Herrn viel- faͤltige Gutthaten zu erweisen/ wie solches Seneca in seinen Buͤchern von Gutthaten weit- laͤufftig ausgefuͤhret/ und die dißfalls sich ereigne- ten Zweiffel gruͤndlich und gelehrt eroͤrtert hat. 24. Endlich was die buͤrgerliche Gesell- schafft anlanget/ so bezeugen die Regeln allge- meiner Liebe ebenmaͤßig/ daß diejenige unmoͤg- lich vernuͤnfftig seyn koͤnne/ worinnen der Fuͤrste den Unterthanen/ und diese hinwiederum dem Fuͤrsten die Dienste der Leutseeligkeit/ Wahr- hafftigkeit/ Bescheidenheit/ Vertraͤgligkeit und in denen menschl. Gesellschafften. und Gedult zu erweisen verweigern/ weßhalben nothwendig folget/ daß ein vernuͤnfftiger Fuͤrst allezeit seiner Unterthanen Wohlstand und Auf- nehmen suchen muͤsse/ und diese hingegen dahin zu trachten haben/ gleicher Gestalt dem Fuͤrsten die Regierungs-Last durch freywillige Submis- sion und Huͤlffe ohne Mißtrauen/ Neid und Zwang leichter zu machen; und daß/ weil nicht leicht ein Staat zu finden ist/ darinnen nicht drey- erley Staͤnde der Unteꝛthanen/ nemlich die Edlen/ so dann die Buͤrger/ und endlich die Bauren anzutreffen waͤren/ diejenige buͤrgerliche Gesell- schafft sehr elend und unvernuͤnfftig seyn muͤsse/ worinnen der Adel diese beyden letzten/ oder diese beyde den Adel unterzudruͤcken und zu kraͤncken suchen. ENDE .