Poetische S chriften von Friedrich Wilhelm Zachariaͤ . Dritter Band. Mit allergnaͤdigsten Freyheiten. Ode an den Freyherrn Eberhard von Gemmingen Seiner regierenden Herzoglichen Durchl. von Wuͤrtemberg ꝛc. Geheimenrath ꝛc. III ter Theil. A Ode. F reund, — ich nenne Dich so auch vor den Augen der Welt, Als Dich mein hingerissenes Herz Jm sympathetischen Zug der ersten Wallungen nannte, Die meine durchdrungene Seele gefuͤhlt. Denn sie kante Dich schon, da ich zuerst Dich erblickte, Als haͤtten wir uns seit Aeonen gesehn. Welch ein seliger Tag war nicht am Leinenstrand der, Da unsre Herzen zuerst sich vereint! Als wir in himmlischer Luft, in einem laͤndlichen Gar- ten, Die goͤttliche Freundschaft auf hellem Gewoͤlk Laͤchelnd uͤber uns sahn, wie sie mit blumichten Van- den Die sich gefundnen Seelen umzog. A 2 Liebt Ode. Liebt euch zaͤrtlich und treu! (so sprach harmonisch ihr Mund,) Jhr wart laͤngst fuͤr einander bestimmt. Jch floh vom stralenden Tand, und von dem Poͤbel in Purpur, Der meine holdseligen Freuden nicht schmeckt. Bey dem maͤchtigen Thron gieng ich unsichtbar vor- uͤber, Und schenk euch im Tempel der Musen mein Gluͤck. Nicht vergebens winkt euch durch jenen heiligen Hain Die hohe Dichtkunst in spaͤtere Welt. Sie giebt euch auch nicht umsonst die hohe melodische Leyer, Fuͤr jeden in gluͤcklichem Gleichlaut gestimmt. Singt die Freundschaft darauf, das groͤßte Geschenke des Himmels, Das von dem Menschen zum Engel erhebt. Wir Ode. Wir umarmten uns, Freund, und sahn mit fuͤhlendem Blick Der holden Goͤttin im Stralenweg nach. Der Musen und Grazien Chor schloß uns in laͤchelnde Kraise; Die Dichtkunst gab uns gefaͤllig die Hand. Und sie reichte Dir, Freund, die maͤchtigtoͤnende Leyer, Die noch dem Kenner in Nachwelten schallt. Jch war lauter Gefuͤhl, als deine zaubernde Hand Die reinen silbernen Saiten durchflog. Erstaunend sah ich, wie schnell Du Harmonien geler- net, Nur einem Haller und Klopstock bekant. Kaum gedachte mein Stolz des Lehrlings Toͤne zu hoͤ- ren, Und ihn bestuͤrzte des Meisters Gesang. A 3 Furcht- Ode. Furchtsam sing ich Dir ietzt — Denn eines Pultes Virgil, Und einer eroberten Locke Homer, Hat mich vielleicht nur umsonst mit hohen Toͤnen ent- zuͤcket, Die unnachahmlich dem Deutschen noch sind. Doch der Beyfall von Dir soll meine Kuͤhnheit bede- cken Mit der ich zu schwindelnden Pfaden geklimmt. Blicke guͤtig auf mich von jenen umleuchteten Hoͤhn, Auf die Dich die guͤnstige Muse gefuͤhrt. Dies ist mein groͤßester Ruhm, daß mich ein Gem- mingen liebet, Und meinen gewagten Accorden zuhoͤrt. Meine Leyer soll nie in sanften Toͤnen erzittern, Daß sie von unserer Freundschaft nicht singt. Oden Oden und Lieder. Erstes Buch. A 4 An seinen Schutzgeist . D er du vom stralenden Thron des Unerschafnen dich schwungest, Um der Beschuͤtzer zu seyn von meiner unsterblichen Seele; Himmlischer! sing in mein Lied mit Toͤnen der goͤttli- chen Harfe, Vom Halleluja der Himmel beseelt. A 5 Laͤchle Oden und Lieder. Laͤchle gefaͤllig herab auf eine sterbliche Leyer, Welche fuͤr dich nur ertoͤnt in mitternaͤchtlichen Stun- den. Sage, wie dank ich dir doch die Sorgen, aͤtherischer Juͤngling, Die mich schon in der Kindheit beschuͤtzt; Aber die ietzo noch mehr in einem reifenden Alter Wider den maͤchtigen Reiz der lockenden Wollust mich wafnen? Tief in der Seele hoͤr ich die Stimme von meinem Geliebten, Die mir erhabne Gedanken zuruft. O! warum kanst du mir nicht, o mein Beschir- mer, erscheinen, Wenn mein erzitterndes Herz des Ewigen Throne sich nahet; Und hingeneigt in den Staub, in Thraͤnen der Reu ihm zuweinend, Sich seiner Erbarmung unwerth erkennt. Oder Erstes Buch. Oder erschienest du doch in meiner erkenntlichen Seele, Wenn sie die Sorgfalt erwaͤgt, mit der ihr Engel sie schuͤtzet; Wenn sie in einsamer Nacht, in einem heiligen Tief- sinn, Zum stralendem Kraise der Seligen koͤmmt. O! mein unsterblicher Freund, beschuͤtze noch fer- ner die Seele, Die dir der Schoͤpfer vertraut; daß ich einst froh dich umarme, Wenn du mit maͤchtiger Hand mich uͤber die Felder des Todes Zu jenem Triumphe der Ewigkeit bringst. Wann du nun da stehst vor mir in feyerlichem Gewande, Und voll Vertraulichkeit mich und ewiger Freundschaft umlaͤchelst; Goͤttlicher, werd ich alsdann nicht deiner Umarmung zustroͤmen, Schnell als ein Stral aus dem Meere des Lichts? Lehre Oden und Lieder. Lehre die Seel’ alsdann, mit deinem Feuer zu denken; Lehre mich, goͤttlicher Freund, die Lieder der heiligen Sphaͤren, Bis die Seele mit dir am Throne meines Erretters Sich in unendliche Jubel verliert. Die Erstes Buch. Die Begraͤbnisse . S teige hinab, o eremitische Seele, Unter den Staub des dich erwartenden Grabes. Scheue du nicht den schwarzen entsetzlichen Anblick Jm dunklem Schattenreich. Seyd mir gegruͤßt, ihr Monumente des Schre- ckens: Vor euch erbebt nur die unmaͤnnliche Seele, Welche, noch nie dem Gegenwaͤrtgen entrissen, Stets an dem Staube klebt. Schauernd steh ich — Tief in die traurende Stille Sind sie verhuͤllt, des Todes oͤde Gefilde! Auf das Gebein, vor seiner Zerstoͤrung gefuͤrchtet, Tritt des Geringern Fuß. Siehe! Oden und Lieder. Siehe! wie prahlt in der betruͤgrischen Jnnschrift Vornehmer Grab. Jm stillen Schatten des Ahorns Ruht, ungeruͤhmt vom panegyrischen Marmor, Des Weisen Aschenkrug. Mich auch empfaͤngt einst eine der schauernden Hoͤhlen, Wenn sich mein Haupt, gleich einer sterbenden Rose, Welcher der Nordwind Unschuld und Purpur geraubet, Jn dunkle Schatten neigt. Hier oder da wird mein Gebeine dann schlafen. Gluͤcklich, wenn noch in Thraͤnen die zaͤrtliche Freund- schaft Um mich sich haͤrmt, und meine verlaßne Geliebte Um mich geklaget hat. Ru- Erstes Buch. Ruhet dann sanft, o ihr entschlafnen Gebeine! Moder und Staub wird euch nur herrlicher machen. Herrlicher noch sollt ihr die zaͤrtlichen Freunde, Und die Geliebte sehn! Der Oden und Lieder. Der Religionseifer . An Herrn G ‒ ‒ ‒. M ein G ‒ ‒ ‒, ist nicht ein frommer Eifer, Der mit dem Schwerd und mit der Flamme predigt, Mehr hassenswerth, als des Erobrers Blutdurst, Der Laͤnder wuͤrgt? Die Wuth erwacht, sie wuͤtet in sich selber; Und sie vergraͤbt in rauchende Ruinen Jhr Vaterland. Der Vater mordet Soͤhne, Und duͤnkt sich fromm. Wenn sie erwacht, wie sie in Frankreich flammte, Und dreißig Jahr Germanien verheerte; Warum hat sie der kriegerische Priester Selbst fromm genannt? Ach, Erstes Buch. Ach, daß sein Herz nicht sanft und menschenliebend Dem stillen Geist der Duldung nachgefolget! So haͤtt’ er nicht von Voͤlkern andre Voͤlker Mit Blut getrennt! Sie haͤtren nicht in neugebauten Tempeln Jn fremder Luft die Thraͤnen hingeweinet, Die Rache schreyn; und ihrem Vaterlande Ungern geflucht. Weit herrlicher ruͤhmt Fama in die Nachwelt Des Batavers, und Preußens Menschenliebe. Sie sind belohnt. Jn reichen Colonien Waͤchst ihre Macht. III ter Theil. B Die Oden und Lieder. Die Orgel . H oͤre den rauschenden Wind in der stillerwartenden Orgel, Die er bereitet zum hohen Gesang! Folge mir, werthester Freund, bis unter die schauern- den Graͤber; Heilige ganz dich der frommen Musik! Himmel! ihr Jubel hebt an. Die hohen harmonischen Donner Brausen zu unserm erstaunenden Ohr. Kraft von dem Himmel hebt mich! So klangen die Hal- len des Tempels Von der Trommeten festlichem Schall. Unter mir droͤnet der Grund, und einsame Graͤber er- zittern, Von dem belebenden Schalle begruͤßt. Also, doch maͤchtiger noch, wird sie der Engel begruͤßen, Mit der Posaune des letzten Gerichts. Wenn Erstes Buch. Wenn nun der Richter erscheint auf einer verblendenden Wolke, Und in dem Felde der Todten es rauscht; Wenn das belebte Gebein nun, seinem Erwecker gehor- chend, Stimmen der starken Posaune vernimmt. Und dann der Richter der Welt die Heiligen um sich versammelt, Oder Verworfne zum Feuer verstoͤßt; Und auf ihr Antlitz alsdann die Thronen und Cherubim fallen, Vor dem Allmaͤchtgen in Ehrfurcht gebeugt. Eben so toͤnet der Schall durch jubilirende Roͤhren, Seele, was hebt dich zum Himmel empor? Bist du nicht durch die Gewalt der hohen harmoni- schen Lieder Unter die Choͤre der Engel verzuͤckt? B 2 An Oden und Lieder An Selinen . Z um zweyten mal, o meine theure Seline, Reißt dich die schwarze Welle hin? Zum zweyten mal schwimmst du auf tobendem Meere Den grimmigsten Gefahren zu? Mit banger Nacht schwaͤrzt sich der stuͤrmende Himmel, Der Donner donnert vom Olymp; Der wilde Blitz erleuchtet schrecklich den Abgrund, Der oft dein zagend Schif verschluckt. Verfolge nicht ein ungluͤckseliges Maͤdchen, Natur, mit so viel Grausamkeit! Gebeut doch ietzt dem niederrollenden Donner, Gebeut doch ietzt der frechen Fluth. Du Erstes Buch. Du hoͤrst mich nicht? nicht das bewegliche Weinen Des aͤrmsren Kindes, das verzagt? Auss neu waͤlzt sich auf dunkeln wuͤtenden Wellen Die blasse Todesangst ins Schif. Wohin, wohin reißt dich die brausende Woge Seline, hoͤrst du mich nicht mehr? Jch ruf am Strand, mit aufgehabnen Haͤnden: Seline, hoͤrst du mich nicht mehr? Was hoff ich noch am ungluͤcksvollen Gestade — Empfange mich, grausames Meer! Kan ich sie nicht auf diesem Truͤmmer erretten, So sterb ich wenigstens mit ihr! B 3 Der Oden und Lieder. Der Choral . S chlummer und schimmernder Reif, und stille ver- trauliche Wolken Haͤngen schon uͤber der schlafenden Welt. Breite dich, einsame Nacht, mit sanfteinwiegenden Fluͤ- geln Ueber die ruhige Haͤlfte der Welt. Traurig versinkt die Natur in einen heiligen Schauer, Wie er in Waͤldern der Barden gewohnt; Oder auch, wie er vordem auf menschenfeindliche Grot- ten Frommer veralteter Einsiedler fiel. Singe der Mitternacht ietzt, du Saͤnger auf silbernen Saiten, Heilig, der Nacht gleich, sey heilig dein Lied. Singe den hohen Choral mit Bachs ehrwuͤrdigen Toͤnen; Fuͤlle mit Andacht das zitternde Herz! Welch Erstes Buch. Welch ein erhabner Gesang! Die Seele fuͤhlt ihn; und schauernd Schwingt sie sich uͤber die Himmel hinauf. So, aber ruͤhrender noch, ertoͤnten die Choͤre des Him- mels, Maͤrtyrer! als ihr, mit Blute bedeckt, Eure gefaltete Hand zum Ewigen aufhubt, und ruhig Unter den Qualen den Feinden vergabt; Als euch der Seraph erschien, und triumphirend die Seele Ueber des Todesthals Schrecknisse hob. Die du den Saͤnger gelehrt, o Tonkunst unter den En- geln, Sing ihm, du heilige Saͤngerin, auch, Wenn er die Stunde nun sieht, die fuͤrchterlichste der Stunden, Welche den Christen oft selber erschreckt. B 4 Leit Oden und Lieder. Leit ihn mit sicherem Schritt dann uͤber die Baͤche des Todes; Sing ihm den hohen Gesang des Olymps! Stimmen des heiligen Chors und Stimmen der goͤtt- lichen Harfen Jauchzen ihm unter Unsterblichen zu! Phan- Erstes Buch. Phantasie . O kehre wieder zuruͤck, schwarzer Gedanke, Zum Throne der Melancholey! Jn mir erbebend, sah ich, Goͤttin der Schwermuth, Gesandten deines finstern Hoss. Schon uͤberschatteten mich graͤßliche Fluͤgel Der schreckensvollen Einbildung. Es schwaͤrmten um mich herum schwarze Phantomen, Die in dem schweren Blut entstehn. Jch gieng in Graͤbern herum unter den Todten, Und Geister kamen um mich her. Seline selbst trat daher himmlisch gestaltet, Mit einem Blumenkranz gekraͤnzt. B 5 Sie Oden und Lieder. Sie setzte sich an den Fuß einer Cypresse, Die rauschend aus dem Grabe wuchs; Sie lachte mich an, doch die Augen erstarben, Jn denen ich den Himmel sah; Und es ward Schrecken und Nacht, da sie erblaßte, Und mein Geschrey durchdrang die Luft — O kehre wieder zuruͤck, schwarzer Gedanke, Zum Throne der Melancholey! An Erstes Buch. An Amintas . D u sahest sie, als in Kleanthens Armen Dein zaͤrtlich Herz dem Freund entgegen klopfte, Und deinen Wunsch die Freundschaft ganz erfuͤllte. Du sahest Sie — Mein Herz nennt mir sie ewig! Jhr holder Blick drang unter dunkeln Thraͤnen Doch sanft hervor, und laͤchelte voll Unschuld. Wie an der Brust ein fruͤh ungluͤcklich Maͤdchen Dem blanken Stahl des wilden Moͤrders laͤchelt. O! mein Amint, du liebst, und liebest gluͤcklich! Doch du kennst auch der Liebe bittre Schmerzen. Beklag ein Herz, der Zaͤrtlichkeit geschaffen, Doch nur geliebt zum Ungluͤck und Verderben. Dir Oden und Lieder. Dir will ich oft die schweren Thraͤnen weinen, Die Freundschaft heischt und reine Liebe fordert. Doch schon mein Damon ist geliebt und gluͤcklich; Sollt ich mich nicht in Deinem Gluͤcke troͤsten? Die Erstes Buch. Die Erscheinungen . S enkt euch herab, mitternaͤchtliche Schauer, Von des Olymps dunkeln Wolkengebuͤrgen; Fuͤllt dies Gemach, von der sterbenden Lampe Furchtsam erhellt. Jetzt, da das Herz aller Furchtsamen klopfet, Und sich mit Angst vor Erscheinungen fuͤrchtet, Wuͤnsch ich, vertieft in den schrecklichen Stunden, Geister um mich. Ach! bist du todt, oder lebst, wie die Todten, Die mich geliebt, ungluͤckselige Schoͤne! O so komm tetzt! Waͤr es auch nur ein Schatten Trauriger Furcht. Wei- Oden und Lieder. Weinend wollt ich diesem Schatten zueilen, Saͤh er dir gleich! Doch dich kettet das Schicksal Fest an den Fels — Koͤnnten Seelen erscheinen, Ach du erschienst! Fliesse dahin, ungesehene Thraͤne, Netze dies Blatt mitternaͤchtlicher Klagen! Dunkel und schwer, wie ein trauriger Nebel, Steigen sie auf. Du nur allein, der in heiliges Dunkel Weise das Buch unsers Schicksals gehuͤllet, Hoͤre du sie! Eine billige Wehmuth Opfert sie dir. Vesuv. Erstes Buch. Vesuv . An den Freyherrn von G ‒ ‒ ‒. W enn sich die schrecklichste Nacht mit ihren gefuͤrchte- ten Fluͤgeln Ueber ein schlafendes Thal am dunklem Vesuve gebreitet: Schaudert der bangen Natur, und eherne Wolken voll Donner Haͤngen herab auf das wartende Thal. Aber auf einmal ertoͤnt, tief in den Gewoͤlben des Berges, Bruͤllen verschlossener Gluth, und dunkles Gemurmel des Abgrunds. Ploͤtzlich ergießen sich Dampf und Gluth und fliegende Felsen Ueber das Thal, das mit Schrecken erwacht. Weinend ergreifet alsdann in voller Verzweiflung ein Juͤngling Bey der erkalteten Hand sein halbohnmaͤchtiges Maͤd- chen; Fuͤhrt sie mit Todesangst fort von wuͤsten dampfenden Feldern, Welche das schreckliche Feuer verheert. Um Oden und Lieder. Um sie fliegt Donner und Dampf und Schwefel und gluͤhender Bimsstein, Und der erschrockene Fuß fuͤhlt schon den Abgrund er- beben. Beyden eroͤfnen vielleicht die sich entzuͤndenden Schluͤnde Feurige Graͤber unter dem Schritt. Aber durch Feuer und Dampf fuͤhrt sie ein schuͤ- tzender Engel, Ehe der gluͤhende Fluß noch seine zerschmelzenden Wel- len Ueber das rauchende Feld, gleich einem Bache der Hoͤlle, Aus den metallischen Schleusen ergießt. Eine gesicherte Hoͤh, gesichert vor Feuer und Asche, Thuͤrmet sich maͤchtig vor sie; und frische balsamische Myrthen Nehmen sie freundlich auf in ihre wohlthaͤtigen Schat- ten, Welche noch nie die Verwuͤstung gestoͤrt. Freund, Erstes Buch. Freund, wie der wilde Vesuv, wenn er die flam- mende Wolke Ueber Jtalien jagt, so donnert ietzt Ungluͤck auf Ungluͤck. Koͤntest du doch aus der Noth ein zitterndes Maͤdchen erretten, Welches das eiserne Schicksal verfolgt. Aber ihr winket kein Wald mehr hinter verschon- ten Gebirgen, Grimmiger bruͤllet um sie das dunkle schwere Gewitter. Asche bedecket ihr Haupt, und ihren fliehenden Schritten Folget die zischende flammende Fluth. III ter Theil. C Die Oden und Lieder. Die Nacht. D as Ende vieler dunklen Tage Die treue Nacht bricht schon herein. Verhuͤlle dich, mein Geist, und klage, Vielleicht ist diese Stunde dein. Ein Leiden, das man unterdruͤcket, Vermehret den geheimen Schmerz; Und jede Thraͤne, die ersticket, Graͤbt blutig sich in unser Herz. Jetzt, da die Thoren mich verlassen, Die diesen truͤben Tag umschwaͤrmt; Will ich dem Schmerz mich uͤberlassen, Der minder wird, wenn er sich haͤrmt. Der Erstes Buch. Der Schlaf wird mich voruͤber gehen, Der oft den Ruͤcken mir gewandt, Wenn noch von aufgehellten Hoͤhen Das Morgenroth mich weinend fand. Jch fleh ihn an, mir zu erscheinen, Doch er ist wie ein falscher Freund; Er koͤmmt im Gluͤck nur zu den Seinen, Und flieht ein Auge, welches weint. Schon siegt der Tag mit hellem Strale, Wo bist du, holder Gott der Ruh? Er koͤmmt, und druͤckt zum erstenmale Ein Auge voller Thraͤnen zu. C 2 An Oden und Lieder. An Selinen. V ortreflichste deines Geschlechts, in deren goͤttliche Seele Der Schoͤpfer alle die Tugend gehaucht, Durch die oft ein irdischer Geist, zum Thron der Gott- heit gerissen, Sich unter heilige Seraphim draͤngt. Die Seraphim lieben ihn schon, und die Unsterblichen Gottes Erziehn ihn um sich zur Ewigkeit auf; Und lehren auf Erden ihn schon ein Lied zum Lobe der Allmacht, Und in die guͤldenen Harfen ein Lied; Ach daß noch, Seline, mich nicht die hohe Saͤngerin lehret Die G ‒ ‒ C ‒ ‒ und K ‒ ‒ gelehrt! Sie, welche hoch uͤber mir stehn, sie wuͤrden dich edler besingen, Und deine wuͤrdigern Herolde seyn. Doch Erstes Buch. Doch wie? Soll noch laͤnger mein Herz die stillen Lieder ersticken, Die deine Tugenden in ihm erzeugt? So schallte mein kuͤhner Gesang, von deinem Werthe begeistert, Nicht in die hellere kuͤnftige Welt; So haͤtte dein Auge noch nicht, wenn es erheiternder laͤchelt, Als von dem Himmel ein lichtes Gewoͤlk Jn mein gleichguͤltiges Herz die heilige Flamme gegossen, Die zu unsterblichen Liedern mich zwingt; So haͤtte mir deine Hand nie den Gram vom Auge ge- trocknet, Der uͤber die traurige Wange gethaut; Der Stirne die Jugend entzog, und den gewaltigsten Schmerzen Und dunkler Verzweiflung zum Opfer mich gab; C 3 So Oden und Lieder. So haͤtt’ ich nicht Thraͤnen gesehn, durch die die maͤch- tige Liebe Dein blaues siegendes Auge getruͤbt; So haͤtt’ ich nicht Seufzer gehoͤrt, und unnachsprechli- che Worte, Die eine Seele der andern nur sagt. Du Tag, da ihr sanftes Gesicht, wie die Fruͤhlingsson- ne, mir aufgieng, Sey du mir ewig ein festlicher Tag! Da sagte mein klopfendes Herz, und sagt’ es voller Be- wegung: Das ist Sie! Und ich empfand es, Sie wars. So laͤchelt an Even vordem ein heitres Auge voll Un- schuld, Und froͤlich huͤpfte die junge Natur: Wie ihr triumphirender Blick, der aus unschuldigen Augen Tief in die weichere Seele mir drang. Die Erstes Buch. Die Seele verlohr sich in sie, und ward erhabner ge- bildet, Und schloß sich suͤßen Entzuͤckungen auf; So wie dem maͤchtigen Stral die junge Rose sich oͤfnet, Und froh des Morgenthaus Segen empfaͤngt. Mein weichergebildetes Herz empfand nun hoͤhere Freu- den, Als die, so flatterud die Jugend durchflog. Wie paradiesisch ward mir das Thal ehrwuͤrdiger Eichen, Das dich zu mir, o Seline, gefuͤhrt! Da sah ich den Himmel zuerst vom Lenz und Freude verguͤldet; Da erst verstand ich der Buͤsche Geraͤusch; Da gieng der holdselige West zuerst gefuͤhlt mir voruͤber, Und fuͤhlend hoͤrt ich der Nachtigall Lied. C 4 Wie Oden und Lieder. Wie hab ich nicht damals entzuͤckt den selgen Himmel gesegnet, Der uͤber schimmernden Gegenden hieng, Und gluͤckliche Thaͤler umfloß, wo Blumen, die du mir pfluͤcktest, Der Tugend einsame Thraͤne benetzt! O koͤnt ich, Seline, dir doch der Stunden eine belohnen, Die in schuldlosen Freuden entflohn! Nur eine der Zaͤrtlichkeit Macht entfallne redende Thraͤ- ne! Nur einen mir unvergeßlichen Blick! Zwar danket dir, Vorsicht, mein Herz fuͤr die mir kost- baren Stunden, Die Lieb und Freundschaft mit Freude gekraͤnzt, Ach wenige Stunden sinds nur! Der melancholischen Tage Und der durchweinten Naͤchte so viel! Doch Erstes Buch. Doch wollt’ ich mit ruhigem Blick den halbverbluͤheten Fruͤhling Gleich schwarzen Wintern dahinstuͤrmen sehn; Wenn nicht in dem maͤchtigsten Leid der letzte Trost der Verlaßnen, Die Hofnung selber mir Armen entfloͤh. Willst du auch, o Hofnung, mich fliehn? Soll ich noch trostloser weinen, Als G ‒ ‒ ‒ Sch ‒ ‒ und G ‒ ‒ geweint, Die ihr unerbittliches Loos, den besten Freunden ent- rissen, Jn ferne leere Gegenden stieß? Jch weine, der Hofnung beraubt, gleich einem ungluͤck- lichen Juͤngling, Der sich, zum Treffen und Tode bereit, Noch einmal mit sehnlichem Blick der Himmelsgegend zuwendet, Jn welcher seine Geliebte verzagt. C 5 Okehre Oden und Lieder. O kehre doch wieder zuruͤck in die veroͤdete Seele, Die deine schmeichelnde Macht nur erhaͤlt! Entdecke mir, Hofnung, den Trost, auch in der ferne- sten Aussicht, Selinen einmal nur wieder zu sehn. Die Erstes Buch. Die Bomben. S ieh, schrecklich flieht sie dahin die alles zerschmet- ternde Bombe! Sie spruͤht Verderben und Tod aus ihrem entzuͤndeten Schlunde; Aus ihrem Bauche schwingt sich die ungeheure Ver- wuͤstung; Jhr Athem toͤdtet, wie die Pest. So stuͤrmt sie grausam und wild in nie eroberte Staͤd- te; Den Donnern der Mitternacht gleich zertruͤmmert sie prangende Thuͤrme, Streut Flammen uͤber die Stadt; verwuͤstet heilige Tempel, Und stuͤrzet Schloͤsser in den Staub. Entflammend wuͤhlt sie sich ietzt in Vorrathshaͤuser von Pulver Und Steine, Funken und Rauch, und wilde schmettern- de Stralen Verbreiten gleich Blitzen den Tod; und eine Nacht der Verwuͤstung Bedeckt mit Schutt und Graus die Stadt. So Oden und Lieder. Erstes Buch. So machen Sterbliche sich zu himmelstuͤrmenden Riesen; Sie rauben der raͤchenden Hand des Himmels die stra- fenden Donner, Und wuͤten wider sich selbst mit Flammen des schwar- zen Cocytus, Und wafnen sich mit Hoͤllenblitz. Oden Oden und Lieder. Zweytes Buch. An den Freyherrn von G ‒ ‒ K lage nicht immer, o Freund, von einem feindlichen Schicksal, Welches wir feindlicher noch in schwarzen Stunden uns bilden. Stelle die Welt dir nicht blos von ihrer traurigen Seite, Stelle sie dir von der guten auch vor. Soll ich den Vorhang einmal, der deine Freuden verhuͤllet, Aufziehn mit zaubernder Hand, und dir in heitern Pro- specten Helle Gefilde voll Gluͤck, und lachende Landschaften zeit gen, Welche die Melancholie dir verbarg? Bist du nicht weise mein Freund? Gewiß ein Ge- schenke des Himmels Nicht oft zu Ahnen gelegt, und zu westindischem Reich- thum! Kan dir das tobende Meer, kan dir die wuͤtende Flamme Rauben das, was nur der Seele gehoͤrt? Waͤrest Oden und Lieder. Waͤrest du nun ein Monarch, dem Millionen ge- horchten, Dessen gefuͤrchteten Ruhm unuͤberwindliche Flotten Ueber das zagende Meer kleinmuͤthigen Jnseln verkuͤn- digt, Wuͤrdest du etwa gluͤckseliger seyn? Wuͤrdest du, einsam und ernst, mit deiner erha- benen Seele Mehr noch bekannt seyn, als ietzt? und wuͤrden ver- storbene Weisen, Dichter aus Rom und Athen zum Throne des Koͤnigs sich wagen, Welcher nur blutiger Ehre gefolgt? Oder gedaͤchtest du denn, wenn du beladene Flot- ten Ueber die Meere geschickt, dich mit dem Golde zu troͤ- sten? Oder vermeintest du wohl in Cyperns bunten Gefilden Gluͤcklicher ohne die Schwermuth zu seyn? G —, Zweytes Buch. G —, gluͤcklich bist du, daß deine denkende Seele Sich mit seraphischem Schwung zu hoͤhern Sphaͤren erhebet. Fließt auch dein Leben dahin, gleich Baͤchen in trauri- gen Thalern; Jst denn dies Leben der Klage wohl werth? Aber der Himmel hat ja dein philosophisches Le- ben Auch mit dem Gluͤcke durchwebt, und mit der Freude gefaͤrbet. Sage, fuͤr was fuͤr ein Gluͤck willst du die Stunden vertauschen, Die du in einsamen Naͤchten durchdenkst? Hoͤrest du nicht auch entzuͤckt der holden Pirkerin Stimme? Ruͤhret dich nicht im Concert die Biankinische Geige? Schaͤumet Champagner Wein nicht in deinem umkraͤn- zeten Becher; Singet die Hubersche Leyer nicht dir? III ter Theil. D Heit- Oden und Lieder. Heitre die Stirne dann auf, die eremitische Run- zeln Lange mit Tiefsinn und Ernst und Unzufriedenheit fur- chen. Wende den Blick zum Olymp, und deine maͤchtige Leyer Singe dir froͤliche Stunden herab! Das Zweytes Buch. Das Mitleid. W er hat ein reizender Gesicht, Als Jungfer Marjonette? Allein wer hoͤrt wohl, daß sie spricht, Wie man vermuthet haͤtte? Sie neigt sich artig, und steht da, Und sagt aufs hoͤchste: Was? und Ja. Ach! sie ist noch Monade! Wahrhaftig, das ist Schade! Finettens Puppenangesicht Kan noch von fern entzuͤcken. Sie hat viel Narren, wie sie spricht, Jn ihren Liebesstricken. Der Kluge geht vorbey, und lacht. Sie macht, mit ihrer Flitterpracht, Der Gasse nur Parade. Wahrhaftig, das ist Schade! D 2 Mein Oden und Lieder. Mein Fraͤulein Hey ist frey im Scherz, Und sanft in ihrer Gnade. Sie liebt mein buͤrgerliches Herz Jn ziemlich hohem Grade. Allein ich weiß nicht, wie das ist, Daß sie den Adelstand vergißt — Die Lieb ist wohl nur Gnade. Wahrhaftig, das ist Schade. An Zweytes Buch. An die Sonne . D ie du in dunkeln Wolken Dein stralend Haupt versteckest; O liebe liebe Sonne, Willst du mir ietzt nicht scheinen? Du scheinst dem leeren Thoren, Wenn sein gestickter Aufschlag Jn deinen Stralen funkelt. Du scheinst der eiteln Dame, Wenn ihre Zitternadel Des Buͤrgers Auge blendet. Du wirst ja mir auch scheinen, Damit mein weißes Maͤdchen Mich nicht umsonst erwartet. D 3 An Oden und Lieder. An das Clavier . D u Zeitvertreib so mancher jungen Schoͤne, Und manches jungen Herrn, der dir sein Opfer bringt, Wenn er, entzuͤckt in ungefuͤhlte Toͤne, Ein welsches Ach in zwanzig Tacten singt. Auf dir war nie ein welsches Lied erklungen, Du warst noch von dem Tand der ewgen Triller frey. Das, was ich sang, ward immer deutsch gesungen; Doch mein Geschmack bleibt dir nicht mehr so treu. Dir hat der Schwung der Oper schon gefallen. Es fesselt dich nicht mehr der deutschen Tonkunst Zwang. Du faͤngst schon an, die Triller nachzulallen, Die bis ins Herz die Pompeati sang. Wie Zweytes Buch. Wie voll bist du von neuen Zaͤrtlichkeiten, O siegendes Clavier, da dich die Oper hebt. Die Symphonie rauscht schon durch deine Saiten; Der Unmuth flieht, und alles ist belebt. D 4 An Oden und Lieder. An den Freyherrn von G ‒ ‒ D er du in Acten versenkt, verwirrte Processe durch- wuͤhlest, Und deine Leyer vergessen hast; G —, opfre nicht stets auf dem Altare der Themis, Und flieh die staubichte Canzeley. Die Musen vertragen sich nicht mit Advokaten und Schreibern, Sie fliehn Archive voll Actenstaub. Nicht oft dringt sich der Geschmack bis zu dem rechten- den Volke, Das von der Zanksucht der Menschen lebt. Und du, du suchtest vielleicht den hohen Trieb zu er- sticken, Der dich zum Tempel der Zukunft fuͤhrt? Nein, dazu bist du zu groß! Auf! stimme von neuem die Leyer, Der oft der Leinenstrand zugehoͤrt. Schnell Zweytes Buch. Schnell geht dies Leben dahin, und man vergißt nach dem Tode Selbst Helden ohne des Dichters Kunst. Viel Millionen sind Staub; laͤngst sind die Namen vergessen; Doch lebt Homerus und Flaccus noch. D 5 Ein- Oden und Lieder. Einladung an H. E ‒ ‒ S ieh, Damon, wie von finstern Bergen Der Regen und der Unmuth braust, Und wie ein wolkengleicher Nebel Den ausgestorbnen Wald umhuͤllt. Jn ungehemmten dicken Guͤssen Verfließt der melancholsche Tag. Die Sonne steckt in schwarzen Wolken; Wer weiß, ob wir sie wieder sehn. Doch, Damon, uͤberlaß dem Schicksal, Wie es die liebe Sonne fuͤhrt; Und komm, und hoͤre, wie im Ofen Der Stamm der festen Eiche kracht. Wir Zweytes Buch. Wir wollen, vor die truͤben Fenster, Die sichernde Gardine ziehn; So sehn wir nicht den wilden Regen, Der uͤber hohe Daͤcher schaͤumt. Was fuͤrchten wir des Nordwinds Wuͤten An einem bunten Caffeetisch! Wir koͤnnen Fruͤhlingswetter schaffen, Durch Freundschaft, durch Gespraͤch, und Wein. Komm, Damon, komm, du sollst es sehen, Wie Lust und Freude bey uns herrscht; Und wie die schimmernde Bouteille Das traurige Gemuͤth erhellt. Jetzt, Oden und Lieder. Jetzt, da uns noch kein kruͤmmend Alter Die eingeschrumpfte Stirne furcht; Jetzt, Damon, laß uns uns genießen, Daß ungesorgt die Tage fliehn. Die Zweytes Buch. Die Entschluͤsse . A lzindor bittet mich zum Weine, Sein Wein ist gut. Ob ich erscheine? Das kan wohl geschehn! Doch denket er mich zu bestechen, Von seiner Narrheit nicht zu sprechen? Das will ich doch sehn! Die Vettern sagen: Bleib zu Hause, Und laufe nicht zu jedem Schmause! Das kan wohl geschehn! Doch denken mich die klugen Herren Wie einen Haͤnfling einzusperren? Das will ich doch sehn! Man Oden und Lieder. Man soll nicht in Pasquillen singen, Und Den und Die in Verse bringen. Das kan wohl geschehn! Allein denkt man mich scheu zu machen, Die Narren gar nicht auszulachen? Das will ich doch sehn! Mein Vormund spricht: Er will schon lieben? Das koͤnnt er immer noch verschieben! Das kan wohl geschehn! Ja, ja; noch weicht dem Wein die Liebe; Doch stets verschmaͤht ich ihre Triebe! Das will ich doch sehn! Daß Zweytes Buch. Daß ich nach meines Doctors Lehre Jm Fieber allen Wein verschwoͤre; Das kan wohl geschehn! Doch wenn das Fieber mich verlassen, Sollt ich den Wein noch immer hassen? Das will ich doch sehn! Die Oden und Lieder. Die Seuche . E ine gefuͤrchtete Zeit! Mit pestilenzischem Fittig Wallet auf Nebeln die Seuche daher. Furchtbar verjaget ihr Arm den harten maͤnnlichen Winter Ueber Gefilde voll Regen und Sumpf. Hat sie nicht Monathe schon des Nordpols Pforte ge- schlossen, Und die Pallaͤste der Kaͤlte gesperrt? Noch hat erfrischender Schnee nicht uͤber Berge gestoͤ- bert; Oder der Bach sich mit Eise bedeckt. Aber auf suͤdlichem Sturm braust die verderbende Goͤt- tin Ueber die faulenden Wasser daher. Gegenden trinken das Gift aus manchem unzeitigen Re- gen, Lau, wie der Regen im fruchtbaren Lenz. Ueber Zweytes Buch. Ueber die zitternde Stadt schaut sie verwuͤstend herunter, Mit der Medusa verderbendem Blick; Streuet mit raͤchender Hand vergiftende Masern und Friesel, Fieber und toͤdtende Pocken umher. Juͤnglinge fallen dahin von ihrer maͤhenden Sichel, So wie die Rosen vom Nordwind gebeugt. Schoͤnen von himmlischen Reiz sehn durch verwuͤstende Blattern Jhre bezaubernde Schoͤnheit verheert. Nahe dich, wuͤtendes Weib, nicht auch der matten Se- rene, Welche den Einfluß der Witterung fuͤhlt. Und melancholischer wird, wenn immer weinende Wol- ken Ueber ermattete Gegenden ziehn. III ter Theil. E Mache Oden und Lieder. Mache dich auf von dem Pol, du Feind verderbender Seuchen, Stuͤrme, wohlthaͤtiger Winter, herab! Reinige guͤtig die Luft, und stroͤm im schimmernden Froste Alle die hitzigen Duͤnste hinweg. An Zweytes Buch. An die Liebe . L iebe, du Goͤttin zaͤrtlicher Schmerzen Jn unsern jungen fuͤhlenden Herzen, Laß mir, holde Liebe, Meine Traurigkeit. Wenn ich mich betruͤbe, Ehret dich mein Leid. Einsame Thraͤnen liebender Jugend Sind oft die Zeichen hoͤherer Tugend, Als des Weisen Lehren, Der in Wuͤsten flieht; Und das Schwerdt vor Heeren, Das zum Siege zieht. E 2 Lie- Oden und Lieder. Liebe, du bildest Herzen von neuen. Zaͤrtliche Toͤne will ich dir weihen. Daß mein Herz empfunden, Das verdank ich dir. Und auch truͤbe Stunden, Liebe, sende mir! An Zweytes Buch. An drey Orangenbaͤumchen. E uch, die aus einer Orange Seline dankbar gesaͤt; Euch, von holdseligen Haͤnden Der Liebe saͤuselnd erzogen; Euch, Baͤumchen, sing ich dieses Lied. Den sanften Grazien aͤhnlich, Wachst ihr freundschaftlich empor, Und den geselligen Schatten, Und eure spielenden Blaͤtter, Umtanzt der Weste leichtes Volk. E 3 Das Oden und Lieder. Das Reich der farbigten Blumen, Wenn es der Fruͤhling beherrscht; Selbst die monarchische Staude, Die nach Jahrhunderten bluͤhet, Die Aloe, reizt mich nicht so. Der Reif der schimmernden Naͤchte Geh sanfter uͤber euch weg! Die bunte Goͤttin der Blumen, Ja selbst die maͤchtige Liebe Beschuͤtz euch vor der Raͤuber Hand! An Zweytes Buch. An das Clavier . D u triumphirende Macht uͤber den traurigen Gram, Du Meisterstuͤck der hohen Harmonie, Du, mein getreues Clavier, o! singe die Tage hinweg, Die, Naͤchten gleich, mit schwarzen Fluͤgeln fliehn. Sonst rauscht’ ein froͤhlicher Ton, wie er in Opern ent- zuͤckt, Die Saiten durch, und jauchzte Symphonien; Auch klang ein gaukelnder Tanz, von pantomimischen Fuß Dem schwarzen Gott der Hoͤlle vorgetanzt. Sonst sang ein lachender Lied siegender Augen Triumph, Die himmelblau, als wie im Lenz die Luft, Jn mein empfindendes Herz die sanfte Liebe gefloͤßt, Fuͤr die allein mein Herz geschaffen war. E 4 Doch Oden und Lieder. Doch ietzt, verlaßnes Clavier, schweiget das schmei- chelnde Lied, Das Hagedorn der Freud und Jugend spielt. Jn Dissonanzen gehuͤllt, schaf ich mir einsam den Ton, Der meinen Schmerz in finstern Noten sagt. Wenn der erheiternde Stral besserer Hofnung mir lacht, Und nicht mein Flehn der leichte Wind verweht; Dann soll ein scherzendes Lied, dir, o Seline, geweiht, Durch deine Macht den Liebesgott erhoͤhn. An Zweytes Buch. An die Nachtigall . D u Saͤngerin der Naͤchte, Du liebe Philomele, Du singest ja so klaͤglich. Was ist dir wiederfahren? Jch glaube, daß du liebest. Ach! lieber kleiner Vogel, Jch lieb auch, wie du liebest, Und bin der Stadt entflohen, Und bin hieher gekommen, Einmal recht auszuweinen. Dort in den großen Haͤusern, Da ist man immer lustig; Da will man immer lachen; Da sollt ich auch mit lachen; Da bin ich weggelaufen. E 5 Komm, Oden und Lieder. Zweytes Buch. Komm, ich will mit dir klagen. Wie zaͤrtlich kanst du klagen! Mich ruͤhren deine Seufzer; Du suchst wohl die Geliebte, Die man von dir getrennet. Mich hat von meinem Maͤdchen Das Schicksal auch getrennet. Doch, Vogel, du bist gluͤcklich! Sieh nur, du hast ja Fluͤgel, Du kanst ja zu ihr fliegen. Jch wollte hier nicht sitzen, Und um mein armes Maͤdchen An diesen Linden weinen. Haͤtt ich nur deine Fluͤgel; Wie wollt ich zu ihr fliegen! Oden Oden und Lieder . Drittes Buch. An den Freyherrn von Zedlitz. M ein Zedlitz, wie gluͤcklich bist du im Umgang der lehrenden Todten! Die Noth des Dummkopfs kennest du nicht, Wenn ihn in seinem Pallast die Langeweile verfolget; Wenn sie zu hirnlosen Schoͤnen ihn scheucht; Wenn er im wilden Basset die leeren Naͤchte durchwa- chet, Und in dem traurigen Lomberspiel gaͤhnt; Wenn seinem ekelnden Sinn so wenig sein Pferd, als der Becher, Noch Maskerade zum Zeitvertreib wird; Wenn er das Leere nun fuͤhlt, mit dem das Schicksal ihn strafet, Das ihm zwar Ahnen und Reichthuͤmer gab; Doch welches dagegen ihn auch der hohen Gaben berau- bet, Die man nicht immer von Ahnen ererbt; Dann, Oden und Lieder. Dann, Zedlitz, findet man dich im Krais der baͤrtigen Weisen. Und bey den Helden des bluͤhenden Roms. Du wagest kuͤhn auch alsdann dich zu tiefsinnigen Brit- ten, Und zu der gallischen Dichter Gesang. Wo bleibt alsdann dir der Tag, wo bleibt der Abend des Winters? Rauscht er mit eilendem Fittig nicht fort? Und hat der Morgen nicht oft dich bey der vertrauli- chen Lampe Auf Miltons Gesaͤnge horchend gesehn? Welch ein entzuͤckender Trost ist die Gesellschaft der Mu- sen! Sie folgen selber im Ungluͤck uns nach. Sie lassen uns niemals allein; und sind sowohl in der Wuͤste, Als in bevoͤlkerten Staͤdten bey uns. An Drittes Buch. An den Sylphen Ariel. B eschuͤtzer meiner Schoͤne, Wachsamer Ariel, Erschein auf diese Toͤne, Und nimm von mir Befehl. Selinden zu bewachen, Sey kuͤnftig dein Beruf! Nichts muß dich groͤßer machen, Seit Gabalis dich schuf. Dich finde nicht der Morgen Bey meines Maͤdchens Putz. Jn weit erhabnern Sorgen Beweise sich dein Schutz. Belindens braunen Locken Gab Pope dich zur Wacht, Jetzt nimm so unerschrocken Selindens Herz in Acht. Wenn, Oden und Lieder. Wenn, uͤberdeckt mit Tressen, Der Stutzer um sie schwebt, Und seinen Blick vermessen Der Narr nach ihr erhebt; So scheuche dein Gefieder Den leeren Stutzer fort, Und donnre Narren nieder Durch ein gescheutes Wort. Erhalt in ihren Herzen Den Spott, der siegreich ist, Wenn in gezwungnen Scherzen Der Landwitz sich ergießt. Ein niederschlagend Lachen Bewafn’ ihr Angesicht, Den Junker klein zu machen, Der aus Banisen spricht. Be- Drittes Buch. Bedeckt nun die Gefilde Von Abend Thau und Ruh; So setze meinem Bilde Der Liebe Reizung zu. Gieb, daß ich so sie ruͤhre, So wie sie mich geruͤhrt, Als sie an dem Claviere Mein zaͤrtlich Herz entfuͤhrt. III ter Theil. F Ein- Oden und Lieder. Einladung An H. P. G - - -. F reund, unser Leben ist kurz, der Thoren aber sind viel, Die uns die theuren Stunden entziehn. Sey geitzig, Freund, auf die Zeit, die uns die Freund- schaft noch goͤnnt. Es sey uns jede Stunde, wie Gold. Schon lange gruͤnt uns nicht mehr der abgestorbene Wald, Der in den suͤssen Schatten uns rief; Schon lange singt uns nicht mehr der Vogel Zaͤrtlich- keit vor, Und wuͤste Stuͤrme brausen daher. Der Schenktisch laͤchelt zwar auch in Strephons praͤch- tigem Saal Aus heitern Caravinen dir zu; Doch, Freund, der praͤchtige Saal herberget luͤgenden Wein, Und einen Narren, schlimm, wie sein Wein. Nein Drittes Buch. Nein, G —, eile zu mir! wie froh erwartet dich schon Das Weinglas, und mein treues Clavier! Ein ungeschwefelter Wein, und von der Lieb ein Ge- spraͤch Geht allen Festen der Koͤnige vor. Wer weiß, wie lange das Gluͤck uns hier beysammen noch laͤßt, Da es uns immer grausam getrennt. Es hat vielleicht uns vereint, um noch grausamer zu seyn, Wenn es uns wieder schrecklicher trennt. Freund, wo ist G — hin. Er ward uns wieder ge- schenkt; Nun bringt kein Wunsch ihn wieder zuruͤck. Es fließt ein trauriger Bach tief in das einsame Thal; Allein er fließt nicht wieder zuruͤck. O Freund, komm eilig zu mir, und scherz den Unmuth hinweg, Der unsre truͤben Stirnen umwoͤlkt! Es fliehe Schwermuth und Gram, wenn das helltoͤ- nende Glas Auf unsrer Freunde Wohlseyn erklingt! F 2 Auf Oden und Lieder. Auf einen Dompfaffen. O Vogel, den ein gutes Gluͤck Zu einem Dichter brachte, Der dich im ersten Augenblick Zu seinem Liebling machte; Mein Papchen, sey nicht so betruͤbt, Daß nun ein Kaͤficht dich umgiebt. Du kanst zwar nichts, und sitzest stumm, Doch niemand soll dich hoͤhnen. Du bist, mein Papchen, schoͤn und dumm; Sind das doch viele Schoͤnen. Soll deiner Farben Pracht vergehn, So macht dich deine Treu doch schoͤn. Ach Drittes Buch. Ach lieber Vogel, koͤntest du Dich zu Selinden schwingen, Und vor der suͤßen Abendruh Mir Nachricht von ihr bringen! Ach Papchen, fliege doch zu ihr! Den besten Zucker geb ich dir. F 3 An Oden und Lieder An Herrn Fleischer, einen Virtuosen auf dem Clavier. O Fleischer, umstroͤme mein Herz mit Meeren sera- phischer Toͤne; Reiß mich zu suͤßen Entzuͤckungen hin! Du spielst; wie praͤchtig ertoͤnt, die Stimme der maͤch- tigen Tonkunst, Durch Silbersaiten des hohen Claviers. So wie im Tempel, das Chor der unentheiligten Saͤn- ger, Ein Fest mit Halleluja begruͤßt; Und in dem Dom der Triumph der majestaͤtischen Or- gel Von heiligen Tagen die Feyer anhebt: So Drittes Buch. So rauscht Accord durch Accord; doch schnell gehn rie- selnde Laͤufe, Und zarte Triller die Saiten hinauf. Wie aͤngstlich zittert mein Herz vom Winseln der klaͤg- lichen Saite, Die unter dem schaffenden Finger erseufzt. So weint im horchenden Wald die Nachtigall zaͤrtliche Lieder; So sang die Colizzi dem lauschenden Ohr; Und so weint auch ein Poet in Elegien voll Wehmuth Um seiner Schoͤne fruͤhzeitiges Grab. Unwillig murret der Baß, daß im Diskante die Sai- ten Die schnelle Rechte heller belebt. Doch ploͤtzlich brausest du auch mit deiner Linken hin- unter, Und herrschest zur Oberstimme den Baß. F 4 Nun Oden und Lieder. Nun jauchzt das ganze Clavier, und feyert hohe Ge- saͤnge, Jn Phantasien voll Anmuth und Pracht. O Fleischer, folgen dir nicht die maͤchtig bezauberten Herzen. Wie sonst dem Thrazier Waͤlder gefolgt? Der Drittes Buch. Der Unwillige . M an ist geplagt von allen Seiten! Man mag stets wider Narren streiten, Sie wachsen doch so schnell wie Gras. Zuweilen mag man sie noch sehen; Doch stets die Herren auszustehen, Das ist kein Spaß! Kleont lud mich vor wenig Tagen; Und das kan ich mit Wahrheit sagen, Daß ich bey ihm recht praͤchtig aß. Nicht lange war ich da gewesen, Da fieng er an sich herzulesen, Das war kein Spaß! F 5 Seline Oden und Lieder. Seline spricht, daß sie mich schaͤtzet, Und uͤber alle Menschen setzet; Allein der Guckguck glaub ihr das. Oft find ich, was ich ihr nicht schenke, Band, Dosen, Ring, und Ohrgehenke. Das ist kein Spaß! Herr Abgrund zieht mich in die Ecken, Vom Staat mir etwas zu entdecken, Und laͤchelt, und vertraut mir was. Dafuͤr bin ich gar schoͤn verbunden; Er raubt mir meine besten Stunden. Das ist kein Spaß! An Drittes Buch. An den Harz . O Gegend, schrecklich und rauh, wo melancholische Berge Mit starrem Haupt die Gewitter durchschaun; Wo um den drohenden Fels die werdenden Donner sich sammeln, Und jede Wolke zum Regenguß wird; Wo bald im rauschenden Bach die Kutsche des Reisen- den wallet, Bald durch die engsten Felsen sich zwingt; Bald auf der Spitze des Bergs die Wolken um sich begruͤßet, Und bald in Thaͤlern, gleich Abgruͤnden, irrt; Wo nur der knarrende Karn von flimmernden Erzten erseufzet, Das Thal vom rasenden Puchwerke schallt; Und wo im ewigen Rauch, gleich einem dampfenden Aetna, Manch Huͤttenwerk weite Gehoͤlze verschlingt; Wo Oden und Lieder. Wo nur mit blassem Gesicht bey Hammerwerken und Gruben Ein Bergmann etwa die Wege durchkreuzt; Verschwindet, wenn man ihn sieht, faͤhrt in die Tiefen der Erde, Und laͤßt den Wald so oͤd, als er war; O Harz, wofern auch in dir der laͤchelnde Morgen sich bildet, Und Abends Purpur die Felsen bekroͤnt; So laß auch den heutigen Tag mit aller der Anmuth sich schmuͤcken, Die einen Harztag zu schmuͤcken vermag. O Donner, rolle du nicht von ungeselligen Bergen; Und du, o Sturmwind, stuͤrme du nicht. Der Westwind flattre durch euch, ihr tausendjaͤhrigen Eichen; Die Tanne rausche Vergnuͤgen und Ruh; Daß Drittes Buch. Daß ihr Serenen nicht schreckt, wenn sie mit aͤngstli- chen Augen Die unabsehlichen Waͤlder erblickt. Der toͤdtende Huͤttenrauch flieh, von sanften Westen zerstreuet, Und froͤhlich ruf ihr der Bergmann: Gluͤck auf! Die Oden und Lieder. Die Aufmunterung . E s ist sonst nicht meine Sache, Daß ich Complimente mache; Doch ietzt faͤllt mir manchmal bey, Ob ich nicht zu furchtsam sey. Meinem Freund darf ichs nicht sagen, Denn der predigt so genug: Junger Mensch, werd einmal klug. Freylich muß man etwas wagen. Wer wird lange fragen? Neulich sagt ich, mir ist bange, Daß ich Doris nie erlange; Sie ist so voll kleiner List, Daß es nicht zu sagen ist. Ey, (sprach er,) wer wird verzagen? Sagt ihr zaͤrtlich Auge nicht Alles das, was sie nicht spricht? Soll sie denn ausdruͤcklich sagen: Wer wird lange fragen? Liebes Drittes Buch. Liebes Maͤdchen, laß dich kuͤssen, Sagt ich zaͤrtlich zu Clarissen, Doch das Maͤdchen that ganz breit; Ey, wer kuͤßt die ganze Zeit? Gleich drauf, ohn ein Wort zu sagen, Macht ich mir von neuem Muth, Kuͤßte sie; und es war gut. Und ihr Auge schien zu sagen: Wer wird lange fragen? Der Oden und Lieder. Der Eisbrunn . D er du vom nackenden Fels im Krais der finstern Ge- buͤsche Dich sammelst, und in die Wiese dich schlingst; O Quell, der Lieder verdient, so wie Blandusiens Quel- len, Dich singt mein Lied in die kommende Welt. Schon sieht mein heiterer Blick von fern den moosich- ten Eichbaum, Der uͤber den kahlen Felsen sich neigt; Und der durch duͤrres Gestein, mit halbverdorreten Wur- zeln, Zu deinen wohlthaͤtigen Wellen sich dringt. O du krystallener Quell, zu dir komm ich mit Selinen, Dein angenehmes Gestade zu weihn. Mit einem lachenden Strauß will ich den Sonnenhut zieren, Von dem die schimmernde Schleife sich kruͤmmt. Und Drittes Buch. Und aus der silbernen Fluth will ich die Wangen bene- tzen, Die ihr mein Blick oft mit Unschuld gefaͤrbt. Zu gleichem Scherze bereit, wird sie mich laͤchelnd be- sprengen, Und dankbar kuͤß ich die raͤchende Hand. So zaͤhlt der Enkel dich einst zu jenen unsterblichen Quellen, Weil ich die rauschenden Eichen geruͤhmt, Jn deren Schatten zuerst ich sanfterroͤthend Selinen, Die schoͤnste Hand, mit Empfindung gekuͤßt. III ter Theil. G Der Oden und Lieder. Der Adel . An den Freyherrn von G - - -. F reund, der Adel, der dich unterscheidet, Den der Buͤrger spottend oft beneidet, Dieser Vorwurf in so viel Satyren Wird dich stets zieren. Wer gewohnt ist, so, wie du, zu denken, Und zur Weisheit seinen Trieb zu lenken, Der stolziert nicht auf zerrißne Fahnen Ruhmwerther Ahnen. Er gebraucht nur, leichter sich zu heben, Was ein Zufall ihm umsonst gegeben; Da der Ruhm und Glanz von Wapenschilden Nicht Helden bilden. Stand Drittes Buch. Stand und Adel von dem Muth gebohren Wird zur Thorheit bey den stolzen Thoren. Und wie oͤfters blaͤht die hohe Dame Nichts, als ihr Name. Hat sie etwa angenehmre Wangen? Lacht ihr Auge zaͤrtlicher Verlangen? Und zeigt sie uns etwa hoͤhre Sinnen Als Buͤrgerinnen? Jst der Junker zum Soldaten besser? Jst sein Fortgang in der Weißheit groͤßer? Oder ist er, wenn Parteyen sprechen, Nicht zu bestechen? G 2 Freund, Oden und Lieder. Freund, du weißt es, einen wahren Weisen Muß die Nachwelt, ohne von, auch preisen; Da der Ritter, der den Fuchs bekrieget, Vergessen lieget. Dich G —, braucht kein Stand zu heben; Du wirst ewig durch dich selber leben. Auch als Buͤrger muͤßt es dir gelingen, Dich hoch zu schwingen. Ein- Drittes Buch. Einladung an einen Freund auf dem Harze. F liehe doch einmal, o Freund, aus zugestoͤberten Thaͤ- lern, Welche so bald noch die Sonne nicht sehn. Bist du von Stuͤrmen nicht taub, die hohe Tannen durchbrausen? Wuͤnschest du ewig in Bergen zu seyn? Komm in die muntere Stadt! Jn einem fluͤchtigen Schlitten Fliegest du uͤber den glaͤnzenden Schnee. Froͤhlicher schuͤttelt dein Roß schon alle die jauchzenden Schellen; Froͤhlicher setzt es den Reigerbusch auf. G 3 Eine Oden und Lieder. Drittes Buch. Eine bezauberte Welt wird deinen Augen sich oͤfnen, Wenn sich die praͤchtige Scene dir zeigt; Wenn du den Helden im Glanz, und seine singende Schoͤne Unter den Wundern der Oper erblickst, Waͤlder, und wallendes Meer, und Goͤtter, Helden, und Drachen, Schlachten zu Land und zu Wasser siehst du. Zeiget dir dieses der Harz? Singt dort der heisere Cantor, Wie der verschnittne Verliebte hier singt? Aber wofern dich zu uns auch nicht die Herrlichkeit lo- cket, Welche das bunte Theater verspricht; Siehst du doch Carlen am Hof, und an dem Himmel die Sonne! Siehst du die oftmals des Winters im Harz? Oden Oden und Lieder . Viertes Buch. An den Verfasser der Oden, Lieder und Erzaͤhlungen Stuttgard 1751. . D er du mit kuͤhnem Schwung, gleich einem thraci- schen Adler, Fern von gemeinen Hoͤhn der sklavischen Saͤnger dich hebest, O Freund, verachte den Schwarm, der niedre Ketten noch liebet, Womit das Vorurtheil ihn angeschmiedet hat. Umsonst beneidet er des Saͤngers muthige Frey- heit, Der nie das Laster schont, wenn es auch Purpur beklei- det. Poetenpoͤbel wird nie zu dieser Freyheit sich schwingen; Jhn blendet noch zu sehr der Titel, und die Macht. G 5 Doch, Oden und Lieder. Doch, Huber, wenn du dich mit deinen freymuͤ- thigen Liedern Vom unterthaͤnigen Schwarm der kriechenden Reimer entfernest: O so vergiß nicht, o Freund, daß du in Deutschland noch singest, Das nicht die Freyheit kennt, die einen Britten hebt. Nicht hohen Stand zu scheun, und keinen Reich- thum zu fuͤrchten; Vom Laster nicht verfolgt, vom Laster sicher zu schrei- ben; Die Freyheit herrschet allein auf jener gluͤcklichen Jn- sel, Wo man Unsterblichkeit auch mit Guineen lohnt. Der Viertes Buch. Der Abend . D er Abendstern winkt unsrer Erde Die Ruh am Horizont herauf; Des Tages Arbeit und Beschwerde Hoͤrt auf dem stillen Erdkrais auf. Der Landmann, dessen stille Huͤtte Der Gott des Schlafes gern bewohut, Tritt vor die Thuͤr mit schwerem Schritte, Und sieht mit Gaͤhnen in den Mond. Doch in der Stadt im weiten Zimmer Spuͤlt man die großen Glaͤser aus, Und bey des Wachslichts stolzem Schimmer Erhebet sich der Abendschmaus. Da Oden und Lieder. Da schimmern Westen bey den Hauben, Da herrscht und jauchzt der freye Spaß; Und treuer Saft aus rheinschen Trauben Stuͤrzt unaufhoͤrlich in das Glas. Doch, Freund, was machst du mit dem Weine, Der schlechtgenuͤtzt sein Lager druͤckt? Und warum hat ihn von dem Rheine Der milde Weingott dir geschickt? Jch seh schon, wie auf deinem Saale Die Trunkenheit, nicht Bacchus, rauscht; Freund, man entheiligt die Pokale, Wenn man sich so, wie ihr, berauscht. O! daß Viertes Buch. O! daß in ungewuͤrzten Zuͤgen Der edle Saft verschwendet wird; Und daß der Mensch auch im Vergnuͤgen Zu seiner Schande strafbar irrt! Nur Freunde, die sich gluͤcklich duͤnken, Wenn sie dem Becher Lieder weihn; Wir, Freund, wir muͤßten mit dir trinken, So wuͤrde dir dein Wein, erst Wein. An Oden und Lieder. An Selinen . W as ist der Muse Pflicht an diesem festlichen Tage, Der deinen holden Namen fuͤhrt; Als daß sie ihn fuͤr sich in stiller Einsamkeit feyret, Und ihm die Winterblumen weiht. Du, Knabe, nimm zur Hand die lockenschaffenden Ei- sen, Und kraͤusle mir mein braunes Haar! Verschwende deine Kunst in sanfterduftenden Locken Von Puder und von Rosenoͤl! Jch will geputzter seyn, als ein besiegender Juͤngling, Auf den sein weißes Maͤdchen hoft; Den Pracht und Jugend schmuͤckt, und dem Verlangen und Liebe Die aufgebluͤhten Wangen faͤrbt. Der Viertes Buch. Der schoͤnste Weihranch soll mein heitres Zimmer durch- dampsen, Daß Gram und schwere Duͤnste fliehn. Und der geschmuͤckte Tisch, mit indischem Thone bede- cket, Soll unter meinem Spiegel stehn. Auf dem will ich dies Lied zu einem Opfer dir bringen, Nebst einem bunten Blumenstrauß; Und fuͤr ein besseres Gluͤck schick ich die treuesten Wuͤn- sche Zu dem versoͤhneten Olymp. Auch soll mein Saitenspiel in seinen sanftesten Toͤnen Zum allzuharten Schicksal flehn. Sang eine Leyer doch ein Maͤdchen aus dem Gebiete Des fabelhaften Hoͤllengotts. Er- Oden und Lieder. Erhoͤre meinen Wunsch, o unerbittliches Schicksal, Da dieser Wunsch nicht eitel ist! Laß mich Selinens Haar mit Wintergruͤne bekraͤnzen, Wenn dieser Tag mir wieder lacht. Die Viertes Buch. Die Linde . D u majestaͤtsche Linde, Worunter oft Lucinde Mit ruhigem Gemuͤth Der Nacht entgegen sieht; O schuͤtte von den Aesten, Bewegt von sanften Westen, Der Bluͤthen suͤßen Duft Jn die gekuͤhlte Luft. Die einsame Lucinde Genießt dich nur, o Linde, Und koͤmmt, als Nachbarin, Jn deinen Schatten hin. Von Bluͤthen uͤberdecket Hast du ihr Herz erwecket; Wie oft hat deine Pracht Sie nicht entzuͤckt gemacht! III ter Theil. H So Oden und Lieder. So bald die ersten Stralen Die wilden Huͤgel malen, Gruͤßt dich der Voͤgel Ton, Und auch Lucinde schon. Und wenn, mit traͤgen Rossen, Der Ackersmann verdrossen Nach seinen Huͤtten zieht, Gruͤßt dich ihr muntres Lied. O bluͤhe fuͤr Lucinden! Jhr Herz nur kan empfinden, Durch wessen starke Macht Dein Haupt in Wolken lacht. Mehr kan ein Kleist nicht fuͤhlen, Wenn er, am Bach im Kuͤhlen, Auf Thomsons Laute spielt, Als hier Lucinde fuͤhlt. Es Viertes Buch. Es schleicht mit stillen Schritten Der Abend um die Huͤtten, Der hohe Wald wird grau, Und Wiesen traͤnkt der Thau; O schicke durch die Luͤfte Viel tausend suͤße Duͤfte, Zum Anwunsch sanfter Ruh, Lucindens Fenster zu! H 2 An Oden und Lieder. An Herrn E - - . O E —, huͤlle dich nicht in Melancholey! Verlaß die Grotte, die du bewohnst, Und sitze nicht immer allein beym klagenden Young, Jn schwarze Nachtgedanken verwoͤlkt. Schon ziehn die Stuͤrme daher vom brausenden Harz; Der Blocksberg dampfet schon Wetter herab. So wie der Preußen Armee vom Berge sich waͤlzt, So ziehn die Wolken feindlich vom Harz. Denk an die dunkele Zeit, in Stollberg verweint, Da du des Unmuths Vaterland sahst. Orkane wurden da jung, und reis’ten mit dir; Jetzt naht sich diese schreckliche Zeit. Komm, Viertes Buch. Komm, Freund, und heitre sie auf! Schon war- tet Caffee, Und ein wohlthaͤtiger Ofen auf dich! Dem Tobacksgotte brennt schon ein flammendes Licht, Das raͤchend schlechte Verse verzehrt. Nun, E —, ist es ein Jahr, daß wir dich hier sahn; Jch weihe diesen Abend mit Wein. Wie herrlich blinkt er im Glas! Komm, stoß mit mir an; Seline, Cleon, und Doris, und Du! H 3 Das Oden und Lieder. Das schlafende Maͤdchen. D ie Goͤttin suͤßer Freuden, Die Nacht, stieg aus dem Meer, Und sanfter Liebe Leiden Sang keine Floͤte mehr; Der Mond mit blassem Scheine Versilberte die stillen Haine. Da fuͤhrte mich die Liebe Zu meinem Maͤdchen hin. Jch fand ihr Aug oft truͤbe Aus Lieb und Eigensinn; Und niemals durft ichs wagen, Jhr was von Kuͤssen vorzusagen. Nach- Viertes Buch. Nachlaͤßig hingelehnet, Schlief sie ietzt am Clavier. Zur Ehrfurcht sters gewoͤhnet, Naht ich mich nicht zu ihr; Doch weckten ihre Wangen Mein ganzes zaͤrtliches Verlangen. Wenn Weste sich liebkosen, Lacht so nicht ihr Gesicht; Und so schoͤn schlaͤft auf Rosen Die Blumengoͤttin nicht. Jn ihren sanften Mienen War nie der Himmel mehr erschienen. H 4 Kanst Oden und Lieder. Kanst du sie ietzt nicht kuͤssen, So kuͤssest du sie nie! So wollt ich mich entschliessen — Ach! da erwachte sie! Nichts konte mehr mich strafen! Sie wird so schoͤn nicht wieder schlafen! An Viertes Buch. An den Baron von S - -. F reund, setze dich ruhig zu mir im Schatten hoher Orangen, Umwoͤlket vom paradiesischen Duft! Doch sitzest du lieber vielleicht in jenem heiligen Dunkel Des schattenreichen Castanienwalds? Du wirst mich bald nicht mehr sehn! Viel Meilen voll Waͤlder und Felsen Sind zwischen uns, eh noch die Thraͤne versiegt. Dann wirst du nicht mehr mich sehn; nicht unter den zackichten Tannen, Nicht mehr am Springbrunn der großen Allee. Wenn ich nun weg bin, o Freund, wenn du die zaͤrt- liche Stimme Der holden Freundschaft durch mich nicht mehr hoͤrst; Wenn meine Pflicht dich nicht mehr zu edlen Thaten er- mahnet, Und zur Umarmung der Musen dich lockt; H 5 Wenn Oden und Lieder. Wenn ich nun weg bin, und fern von mir, und fern von dem Vater, Den dir der Himmel zur Nachfolge setzt, Du selbst Gesetze dir giebst: so folge doch immer dem Glanze, Jn dem die himmlische Tugend erscheint! Sey groß, nicht durch die Geburt, die oft auch Tho- ren erhoͤhet, Groß durch ein edles gefaͤlliges Herz. Hoͤr nicht den schmeichelnden Ruf der Wollust, welche dich hindert, Zum ewgen Tempel der Ehre zu gehn. So werd ich mit froͤhlichem Blick in aller Entfernung dich segnen, Wenn du die gegebne Hofnung erfuͤllst. So wird, zufrieden mein Herz, in suͤßen Freuden er- zittern, Wenn du mit reinem Leben mich lohnst. Der Viertes Buch. Der Befriedigte . J etzt, da die Erde sich verjuͤngt, Und jeder Vogel Freude singt; Jetzt sollt’ ich Brunnenflaschen leeren? Das plaudert mir kein Doktor ein. Gebt mir die Flaschen voller Wein! Das laͤßt sich hoͤren! Was Bav in einem Abend schreibt, Wenn Pflicht und Amt dazu ihn treibt, Das lasse, wer da will, sich lehren. Jch lobe, was, ohn Amt und Pflicht, Mein Damon beym Burgunder spricht. Das laͤßt sich hoͤren! Spe- Oden und Lieder. Speront reimt, doch er reimt fuͤr sich. Was thut das? Jhr seyd wunderlich; Das kan ihm ja kein Mensch verwehren. Daß ihr euch, ihn zu lesen, scheut. Daß ihr nicht seine Freunde seyd — Das laͤßt sich hoͤren! Man ladet mich in Gaͤrten ein. Sie werden uns willkommen seyn — Allein, ich fuͤrchte sie zu stoͤren. Es ist wohl viel Gesellschaft da? — Es geht noch. Daphne — Daphne? Ja! Das laͤßt sich hoͤren! Die Viertes Buch. Die Geige . An den Freyherrn von Zedlitz. H ier liegt sie wartend und still, die Cremonesische Laute, Kein Glanz verraͤth den bezaubernden Ton. Jn prachtloser Einfalt hat sie der welsche Kuͤnstler er- schaffen; Noch schlafen die Harmonien in ihr. Wer nimmt den Bogen, o Freund, und folget dem maͤchtigen Benda? O! singt uns niemand vom Benda ein Lied? Was hoͤr ich? Taͤuschet das Ohr der zaͤrtlichsten Saͤn- gerin Stimme, Wenn sie verschwindende Triller hinseufzt? Jst Oden und Lieder. Jst dies ein Kuͤnstler allein? Auf einer einzigen Geige Rauscht er vollstimmig, als wie ein Concert? Welch ein entzuͤckender Ton, der sich, wie Farben in Farben, Jn andern Toͤnen unmerklich verliert! Tief unten brauset das G, mit einer donnernden Stim- me, Furcht und Entsetzen zum staunenden Ohr. So wie ein wilder Orkan, in Hoͤhlen des Harzes ver- schlossen, Die schallenden Felsen murmelnd durchbruͤllt. Und in der hellesten Hoͤh, der oft der Stuͤmper ent- stuͤrzet, Ertoͤnt reinklingend der silberne Ton. Die hoͤchste Note klingt stark, wie an dem Thurm der Pagode Das kleinste Gloͤckchen harmonisch erklingt. Auf Viertes Buch. Auf Virtuosen sey stolz, Germanien, die du gezeuget. Jn Frankreich und Welschland sind Groͤßere nicht. Klopstocke zaͤhlst du nicht viel. Jhn lohnt der nordische Ludwig; O! hattest du keine Belohnung fuͤr ihn? Die Oden und Lieder. Die Wolken . D er bunte Wald verbluͤhte; Die schwuͤle Sonne gluͤhte: Als ich am kuͤhlen Nachmittag Jm Schatten einer Linde lag. Da sah ich mit Vergnuͤgen Die leichten Wolken fliegen; Sie flogen nach der Gegend hin, Jn der ich oft im Geiste bin. Nach welchem Himmelstheile Fliegt ihr, wie schnelle Pfeile, Rief ich der einem Wolke nach, Die aus der dunkeln Tiefe sprach: Hoch Viertes Buch. Hoch uͤber diese Huͤgel Traͤgt uns des Windes Fluͤgel; Wir kommen von dem Ocean, Und laufen die bestimmte Bahn. Da sprach ich zu dem Kinde Des Meeres und der Winde: Wie gluͤcklich ziehst du an den Ort Von allen meinen Wuͤnschen fort. Vielleicht wirst du Selinden Jm heitern Garten finden, Wie sie, von dickem Laub beschuͤtzt. An hohen Eichen einsam sitzt. Schwebt dort auch in den Luͤften Ein Heer von schwuͤlen Duͤften; So maͤßige der Sonne Gluth, Daß sie in kuͤhlen Schatten ruht. III ter Theil. J An Oden und Lieder. An Herrn E - - . F reund, Freund! die Jahre fliehn hin, so wie ein staͤubender Bach, Der von dem steilen Felsen fliegt; Und wie ein fliehender West, wenn er dem bluͤhenden Gras Jn schneller Flucht die Spitzen beugt. Meynst du, sie kommen zuruͤck, wenn sie uns einmal entflohn? Nein, Freund, auf ewig sind sie hin. Nicht Wuͤnsche halten sie auf, und keine Leyer singt sie Aus der Vergessenheit zuruͤck. Und dennoch liebst du noch nicht? O Freund, beschaͤft- ge dein Herz, Da es noch zart und fuͤhlend ist; Eh unbarmherzig die Hand des Alters uͤber dich faͤhrt, Und Runzeln auf die Stirne kruͤmmt. Der Viertes Buch. Der Himmel schuf nicht umsonst dein leichtempfinden- des Herz; Es muß doch wo ein Maͤdchen seyn, Das auf den Juͤngling noch hoft, dem sie die Seufzer verraͤth, Und dem ihr loses Auge lacht. Sie geht mit irrendem Schritt im oͤden Garten her- um, Und windet einen Blumenstrauß, Und sieht ihn sehnsuchtsvoll an; Die Thraͤne zittert herab, Daß sie ihn keinem schenken kan. O E —, suche sie doch, damit das Maͤdchen nicht weint, Daß ihre schoͤnen Tage fliehn! Du bist ein Mensch, ein Poet. Gedoppelt ist dein Beruf, Zu lieben, eh dein Lenz verstreicht. J 2 Das Oden und Lieder. Das Clavier . D u Echo meiner Klagen, Mein treues Saitenspiel, Nun koͤmmt nach truͤben Tagen Die Nacht, der Sorgen Ziel. Gehorcht mir, sanfte Saiten, Und helft mein Leid bestreiten — Doch nein, laßt mir mein Leid, Und meine Zaͤrtlichkeit. Wenn ich untroͤstbar scheine, Lieb ich doch meinen Schmerz; Und wenn ich einsam weine, Weint doch ein liebend Herz. Die Zeit nur ist verlohren, Die ich mit goldnen Thoren, Bey Spiel und Wein und Pracht, So fuͤhllos durchgelacht. Jhr Viertes Buch. Jhr, holde Saiten, klinget Jn sanfter Harmonie! Flieht, was die Oper singet, Und folgt der Phantasie. Seyd sanft, wie meine Liebe, Besinget ihre Triebe, Und zeigt durch eure Macht, Daß sie euch siegend macht. J 3 Die Oden und Lieder. Die Dose . D u Hausgeraͤth bey Thoren und bey Weisen, Dich, Dose, soll die Leyer dankbar preisen, Vom Ceremoniel im Lehnstuhl angekettet, Hast du oft unbemerkt vom Sprechen mich errettet. Wenn ich gefuͤhlt, wie steif ich da gesessen, Beym Dummkopf stumm, so nahm ich nur vermessen Und voller Stolz Rappee; und ohne mein Bemuͤhen Sah ich das finstre Weib, die Langeweile, fliehen. Es fehlt uns nie an Zuflucht in dem Leben. Der Faͤcher ward dem Frauenvolk gegeben; Geschickt darauf zu sehn, ihn auf und zu zu machen, Bewahrt die Kluͤgsten oft vor Plaudern und vor Lachen. Ein Viertes Buch. Ein gutes Gluͤck hat uns die Dos’ erfunden. Sie sey mein Trost in langen trocknen Stunden! O Schicksal! soll ich oft mich bey Visiten quaͤlen, So laß nur nie Rappee der treuen Dose fehlen! J 4 Die Oden und Lieder. Die Landschaft . G eliebtes Feld, dein aufgeklaͤrter Himmel, Der sanft und rein um stille Fluren fließt, Empfange mich vom Laͤrm und vom Getuͤmmel Der weiten Stadt, wo Unmuth mich umschließt. Wie froͤhlich steigt aus silberfarbnen Wellen Das Morgenroth zum feuchten Horizont! Der graue Wald, den Lust und Tag erhellen, Zeigt in der Hoͤh die Wipfel schon umsonnt. Die Lerche fliegt in musikalschen Schaaren Mit suͤßer Stimm auf sichren Haiden fort; Und fuͤrchtet nicht des falschen Garns Gefahren, Und fuͤrchtet nicht des Feuerrohres Mord. Voll Viertes Buch. Voll Anmuth lockt das bluͤhende Gestade, Die Ocker fließt mit sanftern Wellen fort; Am Ufer tanzt die lachende Najade, Der Tanz und West ihr fliegend Haar verwirrt. Der wilde Busch, von Bluͤten uͤberschneyet, Besieht sich stolz in spiegelklarer Fluth; Sie fließt dahin, von keinem Sturm entweihet, So rein und still, wie Silber in der Gluth. Es haͤngt indes an Klippen voller Weide Der baͤrtge Bock, der die Gestraͤuche nagt; Da unbesorgt der Hirte Lieb und Freude Auf heiserm Rohr den oͤden Felsen sagt. J 5 O Ein- Oden und Lieder. Viertes Buch. O Einsamkeit, duͤrft ich mich dir ergeben! Hier herrschest du im ungestoͤrten Hain. Warum muß ich im Laͤrm der Staͤdte leben? Hier koͤnnt ich froh, wie dieser Hirte, seyn! Oden Oden und Lieder . Fuͤnftes Buch. An das Schiff , welches Klopstocken nach Daͤnnemark fuͤhrte. O! der guͤnstigste Wind schwelle dein Seegel auf, Leichtes Fahrzeug, das ietzt uͤber die Wogen hin Mit dem Dichter und Freund, jeder Bewundrung werth, Zu den daͤnischen Ufern fliegt. Leuchte, silberner Mond, in der gestirnten Nacht Seinem einsamen Pfad, uͤber die stille Fluth! Und du schuͤtzender Geist, ihm vom Olympus geschickt, Bring ihn sicher ans treue Land! Mehr Oden und Lieder. Mehr als menschlich schlug dem in der gestaͤhlten Brust Das gepanzerte Herz, welcher dem leichten Holz Auf der trotzigen See, unter der Winde Wuth, Kuͤhn sein Leben zuerst vertraut. Der den westlichen Sturm, oder den wilden Suͤd, Und den dunkeln Orkan uͤber sich brausen ließ; Nicht des Siebengestirns Einfluß gefuͤrchtet hat, Noch der truͤben Hyaden Zorn. Den im brausenden Meer schwimmender Ungeheur Lange Schaaren umringt; den Leviathan oft Stuͤrmend nachgefolgt ist, wenn er in wilder Lust Stroͤme gegen die Wolken blies. Hatte Fuͤnftes Buch. Hatte zehnfacher Tod furchtbare Schrecken gnug, Fuͤr den Brittischen Mann, welcher die Welt umschift? Der Horns Vorgebirg sah, ohne verzagt zu seyn, Und die Felsen um Staatenland? Nur vergebens dehnt sich zwischen den Jndien Und der aͤlteren Welt, weites Gewaͤsser aus; Durch den Ocean steurt sicher Columbus fort, Und gruͤßt donnernd die neue Welt. Jm entwendeten Blitz schrecklich, den Goͤttern gleich, Tritt er siegreich ans Land; westlicher Reichthum fließt Jn das maͤchtige Schiff, welches mit Fittigen Durch das staunende Weltmeer flog. Doch Oden und Lieder. Doch es brachte zu uns dieses Verwegnen Schiff Mit dem neueren Gold neuere Laster auch. Durch Gewuͤrze gestaͤrkt, eilte der Seuchen Gift Schneller unseren Herzen zu. Jene schwelgende Stadt hob nun ihr stolzes Haupt, Stolz durch indisches Gold, gegen die Wolken auf. Jhr geschminktes Gesicht spiegelte Hochmuthsvoll Jn den Wellen des Tagus sich. Aber raͤchend ergrif Gott den verborgnen Blitz, Daß die Vesten der Welt unter ihm bebeten. Und sein Feuer fuhr aus, fraß die verderbte Stadt Und die Schloͤsser der Koͤnige. An Fuͤnftes Buch. An Herrn Prof. Gaͤrtner. M ein Gaͤrtner, sieh, der rauhe Harz Glaͤnzt, weiß von hohem Schnee; Und von bereiften Kiefern haͤngt Kandirtes Eis herab! Die Ocker rauschet stiller fort, Die blaue Well’ erstarrt; Und uͤber kahle Felder faͤhrt Der flockenreiche Sturm. Komm an den freundlichen Camin! Mit unsparsamer Hand Thuͤrm ich, den jungen Buchenwald, Zu hellen Flammen auf. III ter Theil. K Die Oden und Lieder. Die reine Quelle brauset schon Jm ehernen Gefaͤß. Die guͤldne Frucht Hesperiens Saugt hellen Zucker ein. Und nun dampft aus dem irdnen Meer Der koͤnigliche Punsch. Heil, England, dir! Heil dir! o Mann, Der uns den Punsch erfand! Jetzt lachen wir des Winters Wuth, Der um die Fenster stuͤrmt; Und sprechen Weisheit, hochentzuͤckt, Jndem die Schale raucht. Die Fuͤnftes Buch. Die Pantomime . An Herrn Sekr. Gl. in H - - -. V on tausend Seufzern bestuͤrmt, bewegt sich praͤchtig und ernsthaft Der majestaͤtische Vorhang vor uns. Auf einmal rauscht er empor! Schon lag vor warten- den Augen Die schimmernde Pantomimenwelt da. Schon borsten Felsen entzwey! schon brannt’ im inner- sten Abgrund Die Gluth der Hoͤlle, gemalt auf Papier; Da stroͤmten Wasser dahin; da tanzten scheckigte Teufel Vor ihrem Koͤnig im rothen Gewand. K 2 Do Oden und Lieder. Doch alles wartete noch, es pochten die seufzenden Her- zen; Da trat sie, die Zauberin, siegend hervor, Und schnell lief Jauchzen und Lust durch alle frohen Gesichter, Ah — sagte Juͤngling und Alter zugleich. Sie gieng mit siegendem Stolz, so wie die Goͤttin der Liebe, Von Amouretten begleitet, daher; Jhr weißes wallendes Haar floß auf dem blendenden Busen, Und jedes Herz ward durch sie bestrickt. Von hohem Mitleid entbrannt, sprach ihr gefaͤlliges Auge Trost in des armen Harlekins Herz. Getroͤstet, kniet er vor sie; und kuͤßt ihr die Hand mit Entzuͤcken, Und in Gedanken kuͤßt jeder mit ihm. Auf Fuͤnftes Buch. Auf einmal sah ich erstaunt, an ihre Seite gelehnet, Den Gott der Liebe, mit Bogen und Pfeil. Und bey ihm lag noch gespitzt ein ganzer Haufe von Pfeilen, Die er mit moͤrdrischen Augen besah. Wie grausam schoß er umher! Es flog vom bunten Theater, Gewiß des Sieges, der sausende Pfeil. Ein jeder grif sich ans Herz, und fand sein Herz schon verwundet, Und zog den toͤdlichen Pfeil aus der Brust. So wie Ulysses ehmals den starken Bogen gespannet, Und siegend Freyer auf Freyer gehaͤuft; So siegt des Liebesgotts Pfeil. Es fielen Freyherrn auf Freyherrn, Und Gnaden auf Excellenzen dahin. K 3 O G — Oden und Lieder. O G — wie gieng es dir da! Jch sah dein Antlitz ver- wandelt, Da dich der Pfeil des Kupido verletzt. Freund! rief ich; — aber schon war mein warnender Zuruf vergebens, Dich zog die stolze Siegerin fort. Ach! daß die Liebe gesiegt! daß unser G — so gefallen, Der Held, der gluͤcklich die Liebe geflohn! Nun traͤgt er Ketten, und seufzt, und schmuͤckt der Sie- gerin Wagen, Und singet traurige Lieder ihr nach. An Fuͤnftes Buch. An den Herrn Rittmeister von S - -. D u wafnest dich, o junger Held, Mit deiner Ahnen Speer; Und ziehst hin in den dunkeln Streit Des Siegers Adlern nach. O ruͤste nicht den holden Blick Mit Finsterniß und Tod; Und schmiede nicht mein Vaterland Jn neue Ketten ein! Wer weiß, wo von den Mauren dich Ein braunes Maͤdchen sieht, Das klaͤglich nach dem Vater weint, Den du gefangen fuͤhrst. K 4 Jhr Oden und Lieder. Jhr maͤchtig Aug entwafnet dich; Du siehst dich zaͤrtlich um, Und schliessest Frieden, welchen kaum Dein Heldenmuth verwuͤnscht. An Fuͤnftes Buch. An Herrn von St - - S t - -, warum ietzt das glaͤnzende Feld an der krieg- rischen Donau Unter dem streifenden Ungar entflieht; Oder der eisengeharnischte Reuter, der wilde Pandure, Zu der Jablunka Gebirge sich draͤngt; Was geheim in der Seele der grosse Friedrich beschlies- set, Wenn er vor Legionen sich stellt, Die, wie ein schweres Gewitter am langsam donnern- den Himmel, Schrecklich und dunkel zum Schlachtfelde ziehn; St - -, dies laß uns nicht forschen. Wir brauchen zur Freude des Lebens Oesterreichs Schwerdt nicht, nicht Galliens Heer. Ach! wie entflieht uns so schnell die leichte heitere Ju- gend, Mit ihr die Freude, die Liebe, der Scherz! K 5 Phoͤbe Oden und Lieder Phoͤbe lachet nicht immer mit hellem Gesicht aus den Wolken, Jmmer nicht lacht uns der bluͤhende Lenz. Wird nicht die Locke schon grau? Laß dann die Sorge dem Koͤnig, Und uns die Freude, den Freund, und den Wein. Warum wollen wir nicht in laubichten Lindengewoͤlben, Oder hier unter dem Ulmenbaum ruhn? Uns mit Rosen bekraͤnzen, und mit der Burgundischen Traube, Weil wir noch leben, die Herzen erfreun? Vor dem berauschenden Nektar entfliehen die nagenden Sorgen, Auch die verhaßte Melancholey flieht. Kuͤhl uns, o Knabe, den Wein in diesem silbernen Brunnen, Welcher von schallenden Felsen sich gießt. Klagen Fuͤnftes Buch. Klagen eines ungluͤcklichen Liebhabers. Erste Ode . D enk ihn hinaus — den schrecklichen Gedanken, Der maͤchtig dich ergreift! Wie schwarz! — Er liegt auf der gebeugten Seele, Wie ein Gebirge liegt. Sie liebt dich nicht! Tief im zerrißnen Herzen Sagts ein geheim Gefuͤhl. Bald waͤchst es auf, und mit dem lautsten Donner Ruft es: Sie liebt dich nicht! O Mit- Oden und Lieder. O Mitternacht, die dicken Finsternisse Sind noch nicht finster gnug; Verhuͤlle doch in zehnmal schwaͤrzre Schatten Den thraͤnenvollen Blick! Sie liebt dich nicht! Jch kan dir nicht entfliehen, Gedanke, voller Quaal! Laß ab, laß ab! Schon blutet dir das Opfer Schon stirbt das kalte Herz. Zwey- Fuͤnftes Buch. Zweyte Ode . W arum dringt durch die lange Nacht Ein zweifelhafter Stral? O Hofnung, Hofnung! taͤusche nicht Ein ungluͤckseligs Herz! Laß mich in tiefer Traurigkeit, Jn der die Seele stirbt! Verzweiflung selbst ist Trost fuͤr mich, Wofern du mich betruͤgst. Zu grausam! — dennoch lispelst du Dem bangen Herzen ein: Jch sey vielleicht — vielleicht geliebt; O niedriger Verrath! Meynst Oden und Lieder. Meynst du, der schimmernde Betrug Soll Kraft dem Herzen leihn? Mehr gluͤcklich war es, ganz durchbohrt, Ganz, o Verzweiflung, dein. Umsonst, umsonst! — Voll Grausamkeit Betaͤubest du den Schmerz. Verbinde meine Wunden dann, Und reiß sie blutger auf! Dritte Fuͤnftes Buch. Dritte Ode . N icht verzweifelungsvoll, oder des suͤßesten Gluͤcks Ungewiß, klaget mein zaͤrtliches Herz; Nein, ich werde geliebt, und nun, da sie mich liebt, Bin ich doch dreymal ungluͤcklicher noch! Daphne, liebe mich nicht! Ueber uns haͤnget voll Nacht Schrecklich ein eiserner Himmel herab. Nicht ein guͤtiger Stral schimmert uns hinter der Nacht, Furcht und Entsetzen schwebt rund um uns her. O parteyisches Gluͤck, warum laͤchelst du nie Liebender Unschuld und standhafter Treu? Jsts der Zaͤrtlichkeit Loos, immer vom toͤdtlichen Gram, Langsam gequaͤlet, das Opfer zu seyn? Jetzo, Oden und Lieder. Jetzo, da du mich liebst, Daphne, faßt mich mein Schmerz Unuͤberwindlich, wie sprech ich ihn aus! Ach! du liebest nur den, welchen ein ploͤtzlicher Sturm Auf den betruͤgrischen Wellen ergrif; Grausam schmiß ihn der Sturm von dem zaubrischen Land An den verwuͤsteten Felsen hinan; Jhn ergreift sein Geschick, ach! und der eiserne Arm Schmiedet ihn fest an den blutigen Fels. An Fuͤnftes Buch. An den Freyherrn von Zedlitz, bey Uebersendung des Murners in der Hoͤlle. D ie Muse, die der Ewigkeit Der Maͤuse Schlachten sang, Und zu der Berenice Haar Der Fermor Locke hob; Die sah ich, (Nachwelt, glaub’ es mir!) Jm frischen Lindenhayn. Ein helles Erz am Goͤttermund Klang durch Germanien. Jhr freyes Haar floß in die Luft, Der Zephyr schwebte drauf; Das Lachen flog um ihre Stirn, Die Phoͤbus Laub umwand. III ter Theil. L Die Oden und Lieder. Die Scherze flatterten um sie, Gehuͤllt in falschen Ernst; Der ziegensuͤßge Satyr sprang Mit Gratien einher. Jhr folgten in dem frohen Chor, Mit scharfem Hohn im Blick; Maͤonides, mit ihm Virgil, Der Stolz von Latium. Und Despreaux, der voller Salz Des fetten Moͤnchs gelacht; Und der, durch welchen Albion Mit Griechenland sich maß. Der Fuͤnftes Buch. Der kuͤhne Deutsche draͤngte sich, Da die Trompet’ erscholl, Voll Stolz herzu. Die Goͤttin sprach Mit heitrer Majestaͤt: Jhr Soͤhne Theurs, die lange Nacht Der Barbarey entflieht; Jhr raͤchet durch den feinren Witz Des schweren Clima Schuld. Doch nehmet die Posaune nicht Zu fruͤh! Und wenn ihr singt, So bleibt nicht immer Wiederhall, Und seyd Original! Der deutsche Stutzer wird zu oft Vom Satyr aufgefuͤhrt, Und eure Schoͤnen ruͤhren nicht, Die ihr aus Wolken greift. L 2 Welch Oden und Lieder. Fuͤnftes Buch. Welch eine große Schilderey Liegt vor euch, die Natur! Ahmt ihr, nicht schlechten Mustern, nach, Erfindet, und bleibt neu! So sprach sie, Zedlitz, und ich stieg Hinab zum Erebus. Das Ungeheur am Hoͤllenthor, Gezaͤhmet durch Gesang. Kroch, mit dem fuͤrchterlichen Schwanz Sanftschmeichelnd vor mir hin; Und durch der Muse Gunst sah ich Der Thier’ Elysium. Oden Oden und Lieder . Sechstes Buch. Ode auf die unvermuthete Ankunft des Erbprinzen, Nachdem Braunschweig kurz vorher durch den Prinzen Friedrich gluͤcklich entsetzt worden. D as franzoͤsische Kriegsbeer ruͤckte unvermuthet vor Braunschweig und Wolfenbuͤttel. Nach einer drey- taͤgigen Bombardirung wurde Wolfenbuͤttel einge- nommen, und Braunschweig mußte ein gleiches Schicksal erwarten; als der Prinz Friedrich mit sehr vielem Muth einen wichtigen Posten des Feindes an- grif, uͤberwaͤltigte, und die Stadt gluͤcklich entsetzte. Der Erbprinz war kurz darauf in eigner Person mit der groͤßten Geschwindigkeit von den Enden Westpha- lens herzugceilt, und vereitelte die Absichten des franzoͤsischen Heeres. L 4 Der Oden und Lieder. D er Erbprinz ists! Sein Auge blitzt Den Heldengeist, der ihn verraͤth. Er hoͤrt es, fliegt herzu, und schuͤtzt Sein Vaterland, das Jhn um Huͤlfe fleht. So eilt der Blitz vom Niedergang Zum Aufgang hin, des Raͤchers Willen, Zu dem der Unschuld Winseln drang, An den Verbrechern zu erfuͤllen. Schon wieherte das stolze Roß Des Galliers um uns herum; Und Braunschweigs Fluren, oͤd und bloß, Und jeden Hain, vor tiefen Schrecken stumm, Um- Sechstes Buch. Umzingelte das freche Heer; Sie jauchzten, trunken vor Vergnuͤgen, Und sahn im Staub uns schon so sehr, Als wie der Welfen Mauren liegen. Mit Feuer, das der Bosheit Hand, Nicht Menschen aͤhnlich mehr zu seyn, Dem finstern Tartarus entwandt, Gedachten sie, uns unserm Tod zu weihn. Schon stand im dunkeln Sturm der Feind Vor unsern Waͤllen; schon versiegte Vor ihm die Fluth; und schnell erscheint, Da jeder Stral von Hofnung truͤgte. L 5 Der Oden und Lieder. Der Sieger Friedrich. Maͤchtig bricht Sein Phalanx durch; die Schanze trinkt Der Feinde Blut; Er koͤmmt, Er ficht; Der Ewge waͤgt; und Frankreichs Schale sinkt. Was flieht er so, der stolze Feind, Der mit der Hoͤlle Brand geruͤstet, Zu unserm Untergang vereint, Sich kuͤrzlich noch so hoch gebruͤstet? Er flieht. Vergebens! Jhn ereilt Carls Erstgebohrner; und sein Schwerdt, Das nie unthaͤtig sich verweilt, Nimmt Rach an ihm, da er den Ruͤcken kehrt. O Prinzen, Eure tapfre Hand Zerbricht die Fesseln! welch Vergnuͤgen, Zu streiten fuͤr das Vaterland, Und fuͤr das Vaterland zu siegen! Ge- Sechstes Buch. Gebet um den Frieden. H Err! GOtt und Vater deiner Kinder! Vergißt du, Schoͤpfer, deiner Welt? Jst niemand, welcher fuͤr uns Suͤnder Dir, Richter, in das Rachschwerdt faͤllt? Noch sendest du zum Blutvergiessen Den Todesengel vor dir her; Und unter des Erwuͤrgers Fuͤssen Liegt alles wuͤst, entstellt, und leer. Schau doch mit Einem Blick der Gnaden Auf die zerstoͤrte Welt herab! Und sieh, wie ganze Myriaden, Das Schwerdt frißt, und das weite Grab. Sieh, Oden und Lieder. Sieh, wie die Fluren oͤde liegen; Wie ohne Trost der Landmann steht, Der unter seiner Herrscher Siegen Jm Mangel schmachtet und vergeht. Leer, und mit Thraͤnenvollen Blicken, Verlaͤßt er sein gepluͤndert Haus; Es lodert hinter seinem Ruͤcken, Sinkt, und zerfaͤllt in Schutt und Graus. Und seine schwachen Kinder weinen An seiner Hand umsonst um Brod; Und jeder Seufzer von den Seinen Jst fuͤr sein Herz langsamer Tod. Von Sechstes Buch. Von seinem Reichthum, aller Haabe, Bleibt ihm zur Huͤlle kein Gewand. So schleppt er sich am Pilgerstabe Fern in ein unbekanntes Land. Rund um umgeben von Gefahren, Entrinnt er so aus Mord und Brand; Und ferner Voͤlker Kriegesschaaren Bedecken seiner Fluͤsse Strand. Die Elbe waͤlzt zum Oceane Die Fluth, durch Leichen aufgeschwellt. Und an der Oder winkt die Fahne Zu wilden Schlachten in das Feld. Die Oden und Lieder. Die Spree sieht ihrer Kinder Zagen, Sieht ihrer Freuden sich beraubt; Und bey der Unterdruͤckten Klagen Verbirgt der Weserstrom sein Haupt. Wohin man blickt, sieht man Verheeren; Die Staͤdte wuͤst, das Land in Blut; Und uͤber beyde Hemisphaͤren Verbreitet sich des Krieges Wuth. O sieh darein! Erbarmer, Retter! Du wirst dich uns nicht ganz entziehn; Wirst nicht, verhuͤllt in Nacht und Wetter, Stets wider uns zur Rache ziehn. Ruf Sechstes Buch. Ruf ab das Schwerdt vom Feld der Todten, Das uns zum Fluch geschaͤrfet ward! Und sende deinen Friedensboten Dem Erdkreis, welcher auf ihn harrt! Vernimm das Flehen frommer Bether! Du lenkst der Fuͤrsten Herz allein; Lenk es zum Frieden! Laß sie Vaͤter, Und Menschen wieder Menschen seyn! Ode Oden und Lieder. Ode An Seine Hochfuͤrstl. Durchl. den Herzog Ferdinand, von Braunschweig. Am Abend der feyerlichen Beerdigung der Herzogin Frau Mutter entworfen. W er ist der Traurige, der so gebeugt, So ganz von Schmerz erfuͤllt, Jn schwarzen Leichenflohr gehuͤllt, Den Blick zur Erde neigt? Wie, Sechstes Buch. Wie, Muse, Ferdinand? Ja! Sieh ihn stehn An seiner Mutter Grab. Die heisse Thraͤne rollt herab; Wer kan Jhn trauren sehn, Und unempfindlich seyn? Fließt, Thraͤnen, fließt, Die ihr den Helden ehrt! Wie sehr war sie die Fuͤrstin wehrt, Um die er sie vergießt! O du, ietzt mehr als Fuͤrst, indem du weinst, Bewundrung schaut dich an. Wie groß der Fuͤrst, der weinen kan, So menschlich, wie du weinst! III ter Theil. M Der Oden und Lieder. Der wird einst in der Schlacht, wenn nun das Feld Voll von Erschlagnen liegt, Auch dann noch weinen, wenn er siegt, Und mehr seyn, als ein Held. Doch folg ihm weiter! Sieh, ietzt oͤfnet sich Die dunkle Fuͤrstengruft. Er geht, wohin sein Herz ihn ruft, Sieht, Tod, noch naͤher dich. Wie groß, wie schaudervoll, wie voll Gewalt Jst dieser Anblick nicht! Wie steht hier Sarg an Sarg! Wie spricht Des Todes Schreckgestalt! Hier Sechstes Buch. Hier schlummern sie nunmehr, o Ferdinand, Die Helden, die voll Muth, Mit dir aus Einem Stamm, ihr Blut Verspritzt fuͤrs Vaterland. Hier liegt dein Albrecht, dort der tapfre Franz, Sie fielen in der Schlacht; Doch schlummern sie nicht hier in Nacht, Sie deckt des Nachruhms Kranz. Und hier, (du weinst aufs neu, o Muse!) hier Dein Liebling — Nenne nicht Den Namen, der das Herz uns bricht! O Ferdinand, von Dir, M 2 Von Oden und Lieder. Von seines Bruders Muth zum Ruhm gefuͤhrt, Fiel Er, der junge Held; So wie die zarte Blume faͤllt, Wenn sie der Nord beruͤhrt. Wie oft, o Fuͤrstengrab, eroͤfnet sich Dein fuͤrchterliches Thor? Was Braunschweigs Stamm aufs neu verlohr Sey lange gnung fuͤr dich! Laß ab, o Vorsehung, mit diesem Schlag! Noch ruft der nahe Krieg Die Helden fort zum Ruhm, zum Sieg, Zum fuͤrchterlichen Tag, Wo Sechstes Buch. Wo Blut vergossen wird. Steh ihnen bey, Weyh, Vorsicht, ihren Stahl, Weyh ihn zum Sieg, damit einmal Dies Blut das letzte sey! O Zeit, in der des Kriegs Gebruͤlle schweigt, Wenn nahst du dich, o Zeit, Da aus des Himmels Herrlichkeit Der guͤldne Friede steigt? M 3 Em- Oden und Lieder. Empfindungen christlicher Dank- barkeit. W enn sich mein Geist, Allmaͤchtiger! Der Gnaden Menge denkt, Womit du mich, mein GOtt und HErr, So unverdient beschenkt: Dann ist mein Herz, so hoch erfreut, Ganz deiner Guͤte voll, Und weiß fuͤr heisser Dankbarkeit Nicht, wie es danken soll. Als ich noch in der Mutter Schoos, Jn Nacht verborgen, schlief; Bestimmtest du, o HErr, mein Loos, Das mich zum Leben rief. Du Sechstes Buch. Du sprichst des Sterblichen Geschick, Eh er geboren ist; Und so ward ich, (o welch ein Gluͤck!) Durch die Geburt, ein Christ. Schwach an der Brust, vernahmst du schon, Was kein Gebet noch war, Und neigtest zu des Weinens Ton Dein Ohr gefaͤllig dar. Wenn ich als Juͤngling von dem Pfad Der Tugend mich verirrt; Hat mich unsichtbar, HErr, dein Rath Oft wieder drauf gefuͤhrt. M 4 Du Oden und Lieder. Du warst mein Schutz, und meine Wehr Fuͤr Ungluͤck und Gefahr; Und fuͤr dem Laster, das noch mehr, Wie sie, zu fuͤrchten war. Jch sah, von Krankheit bleich, durch dich Mein Leben hergestellt; Und deine Gnade schmuͤckte mich, Wenn Suͤnde mich entstellt. Von Freudenstrahlen glaͤnzt mein Blick, Da du so hoch mich liebst, Und mir in wahrer Freundschaft Gluͤck Mehr, als ich wuͤnschte, giebst! Und Sechstes Buch. Und welche Wohlthat, HErr, ist nicht Dies Herz, das fuͤhlen kan! Dies Herz, ganz dein, das dankbar spricht, Was du an mir gethan! Kein Tag soll wuͤrdger mir vergehn, Als, Ewger, dir zum Preis; Jch will mit Hymnen dich erhoͤhn, Als Juͤngling, und als Greis. Jn Schrecken, Angst, Gefahr und Noth, Trau ich allein auf dich. Durch dich gestaͤrkt, ist selbst der Tod Mir nicht mehr fuͤrchterlich. M 5 Wenn Oden und Lieder. Wenn krachend ietzt, der Bau der Welt, Sich aus den Angeln reißt: Will ich den preisen, der mich haͤlt, Dich, der mich leben heißt; Dich, der mich bey der Welten Sturz Mit starkem Arm erhob! — Selbst Ewigkeit, HErr! ist | zu kurz, Zu preisen all dein Lob! Ode Sechstes Buch. Ode an die Frau Schloßhauptmannin von Spiegel . Ueber das Absterben Jhres Gemahls . N och seh ich Dich gen Himmel schauen, Mit thraͤnendem von Angst gebrochnem Blick! O Du gebeugteste der Frauen, Wo ist nunmehr Dein ganzes irdsches Gluͤck? Es ist dahin! — Als wenn im Wetter Ein schneller Stral vom schwarzen Himmel faͤhrt, Den Baum entflammt, und Stamm und Blaͤtter Mit wilder Glut im Augenblick verzehrt. So Oden und Lieder. So liegt Dein Spiegel! Laß den Klagen Den freyen Larf; zu sehr verdient er sie! Du siehest ihn zur Gruft getragen Zu hart geraubt, zu unverhoft, zu fruͤh! Nicht deiner Zaͤhren Strom zu wehren, Naht sich zu dir die Muse, selbst gebeugt; Jch wuͤrde weniger Dich ehren, Wenn weniger Dein Herz sich uns gezeigt. Jch selbst, der ich nicht das verlohren, Was Du verlierst, ich steh noch stumm und kalt; Mir klingt in den erschrocknen Ohren Sein Roͤcheln noch; noch seh ich die Gestalt Des Sechstes Buch. Des Sterbenden. Mußt ich es sehen, O Theurester, wie dir das Auge brach! Jch sahs; mir blieb der Athem stehen, Jch sprach Gebet, kaum wissend, daß ichs sprach. So war die edle Seel entwichen! Er lag vor uns, den wir so sehr geliebt, Ein kalter Leichnam, starr, verblichen, Wir all um ihn lautweinend und betruͤbt. Tritt her zu seiner fruͤhen Bahre Leichtsinniger! tritt her, sieh schreckensvoll, Daß Jugend, so wie graue Haare, Des Todes Schwerdt, gleich grausam, treffen soll. Du Oden und Lieder. Du fliehst? — Mit furchtbar weiten Schritten Hohlt er dich ein; wie eitel ist dein Fliehn! Nicht Klagen, Thraͤnen, oder Bitten, Nicht Stand, nicht Pracht, nicht Gold, entfernen ihn. Wenn jemals Thraͤnen ihn geruͤhret, So haͤtten ihn die Deinigen geruͤhrt, Gebeugte Frau! Doch er vollfuͤhret Den schweren Schlag, und ach! er ist vollfuͤhrt! Du, der du seine Pfeile lenkest, O Ewiger! der du auch solchem Schmerz, Auch solchem Jammer, Kraͤfte schenkest, O schau herab auf Jhr zerrißnes Herz! Zer- Sechstes Buch. Zerrissen blutet es — zerrissen Von deiner Hand; denn ists nicht deine Hand, Die Jhr das groͤßte Gluͤck entrissen, Das reinste Gluͤck, das Sterbliche gekannt? Wie liebten sie! Ach! gieb der Seele, Die so geliebt, nun einsam uͤbrig ist, Gieb an des Gatten Todtenhoͤle Jhr deinen Trost, den noch ihr Herz vermißt. Laß, wenn sie weint, sie Lindrung weinen! Zwar hoͤrt sie noch die heilge Stimme nicht, Die unter Graͤbern und Gebeinen Des Christen Trost in unsre Seelen spricht. Doch Oden und Lieder. Doch einst wird sie die Stimme hoͤren, Wird fuͤhlen, HErr, was sie erst nicht empfand; Und deinen hohen Willen ehren, Der Wohlthat auch im Jammer Jhr gesandt. An Sechstes Buch. An die Goͤttin der Gesundheit. Als sich der Erbprinz im Achner Bade befand. D ie Opfer dampfen dir zu Ehren, Die du im Himmel wohnst, Und von den seegensreichen Sphaͤren Das Flehn der Sterblichen belohnst. O Goͤttin, huldreich schaue nieder Vom Thron, der dich erhebt; Wo dich mit goldenem Gefieder Gluͤck und Zufriedenheit umschwebt; III ter Theil. N Auf Oden und Lieder. Auf ihn, den Helden, der vorm Heere Geliebt ward; selbst vom Feind; Auf Jhn, der edlern Menschheit Ehre, Jhn, jeder Tugend wahren Freund. Den Kranz, der Ueberwinder lohnet, Brach er mit tapfrer Hand; Hat seines Blutes nicht geschonet, Hat es verspritzt fuͤrs Vaterland. Als nach der ungluͤcksvollen Wunde Uns sein Verlust gedroht, Wie jauchzten da in schwarzer Stunde Die Kriegesfurien, der Tod! Viel Sechstes Buch. Viel Tage giengen da verhuͤllet Jn Traurigkeit vorbey! Doch unser Flehen ward erfuͤllet, Du gabst Jhn, Goͤttin, uns aufs neu. Laß ietzt fuͤr Jhn die warmen Quellen Zwiefach wohlthaͤtig seyn! O sprudelt sanft, ihr Heilungswellen, Du, Himmel um Jhn her, sey rein! Gruͤnt schoͤner um Jhn her, ihr Felder, Rausch Jhm, o Wasserfall! Umschattet frischer Jhn, ihr Waͤlder, Sing Jhm noch suͤßer, Nachtigall! N 2 Jch Oden und Lieder. Jch seh’s! — Schon sinkt Ruh und Vergnuͤgen Von des Olympus Hoͤhn. Der Goͤttersohn soll nach den Siegen Belohnung seiner Thaten sehn. All- Sechstes Buch. Allgemeines Gebeth. A llmaͤchtiger, der seinen Thron Jn Himmeln hoch erhoͤhet; O hoͤre mich, der Erde Sohn, Der dir im Staube flehet! Du schufst mich Staub, und ließest Staub Zum Engel sich erheben; Hier unten der Verwesung Raub, Um ewig dort zu leben. Ein denkend Thier! Wie arm, wie bloß, Jst es, der Herr der Erden! Ein denkend Thier! Wie frey, wie groß, Unsterblich soll es werden! N 3 Welch Oden und Lieder. Welch ein Geschenk gabst du mir nicht, Da du Vernunft mir schenktest, Und der Erkenntniß goͤttlichs Licht Jn meine Seele senktest! Verleih mir doch die Wissenschaft, Mein ewges Gluͤck zu finden; Und gieb mir Willen, Muth, und Kraft, Mich selbst zu uͤberwinden. Lehr mich, was mein Gewissen sagt, Dem Himmel vorzuziehen! Und laß mich, was es untersagt, Mehr als die Hoͤlle fliehen. Mach Sechstes Buch. Mach fuͤhlend dieses harte Herz, Wenn meine Bruͤder leiden; Und laß an meines Haßers Schmerz Sich nie mein Auge weiden. Laß mich nie mit verwegner Hand Nach deinem Donner trachten; Noch jeden, der dich nicht erkannt Der Hoͤlle wuͤrdig achten. Jm Gluͤcke Furcht, im Ungluͤck Muth Sey alles, was ich flehe. Was du, mein Schoͤpfer willst, ist gut, Und was du willst, geschehe! Laß mich mein Brodt durch deine Gunst Nicht ohne Muͤh erwerben. Und lehre mich die große Kunst Zu leben, und zu sterben. N 4 O du, Oden und Lieder. Sechstes Buch. O du, vor dem der Seraph kniet, Den Cherubim umringen, Von allen Sternen schallt das Lied, So deine Heilgen singen. Jch beuge, Herr, vor dir mein Knie; Du hast den Staub erhoben! Heil mir! ich bin ein Geist, wie sie, Der Mensch darf, Herr, dich loben! Ende der Oden und Lieder. Mu- Musikalische Gedichte . N 5 Die Pilgrime auf Golgatha . Ein musikalisches Drama. Personen des Drama. Ein Einsiedler. Der zweyte Pilgrim. Der erste Pilgrim. Ein Engel. Chor der Pilgrime. Recitativ. E hrwuͤrdger Einsiedler! Wie gluͤcklich bist du nicht! Fern von der Welt aufruͤhrischem Getuͤmmel, Zeigt uns dein ruhiges Gesicht, Von goͤttlicher Zufriedenheit Und Musikalische Gedichte. Und hoher Andacht, einen ganzen Himmel. Die tiefe Nacht der Einsamkeit, Jn deiner rauhen Hoͤhle, Wird von verwerflichen Gedanken Niemals entweiht. Der ganze feyerliche Golgatha Liegt stets vor deinen Augen da, Und bringt vor deine fromme Seele Den Tod des Goͤttlichen, der hier fuͤr Menschen starb, Und Eden uns aufs neu erwarb. Wir kommen hier zu dieser Hoͤh, Nach einer Reise voll Beschwerde; Und wollen dieser heilgen Erde Voll Jnnbrunst, doch von Aberglauben rein, Auch unsre Thraͤnen weihn. Arie. Musikalische Gedichte. Arie. Golgatha! Meiner Andacht wuͤnscht ich Fluͤgel, Eh ich deine Todeshuͤgel Jn der Fern entdeckt. Ganz von Andacht hingerissen, Will ich hier die Erde kuͤssen, Die des Heilands Blut befleckt. Recitativ. Du frommer Mann, Wir rissen uns von unsern Suͤnden, Einmal mit Ernst bemuͤht, der Seelen Ruh zu finden. Wir giengen manche rauhe Bahn, Die heilge Stelle selbst zu sehen. Auf Musikalische Gedichte. Auf der fuͤr uns ein solches Heil geschehen. O! zeig uns jeden Ort, den ehmals der Gerechte Mit seinem Fußtritt eingeweiht, Damit wir, seine Knechte, Jm Schatten dieser Einsamkeit Jedwede Stelle kuͤssen, O! koͤnnt uns, so wie dir, die ganze Lebenszeit Jn heiligen Betrachtungen verfließen, Und koͤnnten Seufzer Suͤnden buͤssen! Arie Fuͤr so viel Leiden, so viel Plagen, Die unser Heiland hier ertragen, Entbehren wir der irdschen Freuden Des Lebens gern, Und weihen es dem HErrn. Reci- Musikalische Gedichte. Recitativ. Heil euch! ihr Wanderer! Die Andacht, die den Pilgerstab Zu dieser Reis’ euch gab, Hat aus dem Sturm der Welt auch mich hieher begleitet. Nicht traͤger Muͤßiggang hat zur Einsiedeley Voll Eigenliebe mich geleitet; Mein juͤngers Leben floß nicht ungenuͤtzt vorbey; Doch da ich meine Jugend Dem Dienst der Welt geweiht, So hoft ich, wuͤrde mir der Himmel es vergeben, Jn dieser wilden Einsamkeit Mein Alter ihm allein zu leben. Bequemlichkeit und falsches Gluͤck Des Musikalische Gedichte. Des vorgen Lebens, hilft die Gnade mir vergessen; Sie lispelt mir wahrhafte Ruh Jm Schatten rauschender Cypressen Mitleidig zu. Der Wald, der diese Hoͤhle Mit dunklen Zweigen uͤberhaͤngt, Beschirmet meine Seele Mit einer einsamen bestaͤndgen Nacht Vor der Zerstreuung Macht. Jhr steht mit mir auf Golgatha, Hier, wo der Thaten groͤßeste geschehen, Die je die Welt gesehen, Ob sie im Stillen gleich geschah; Nicht von dem Pomp der eiteln Ehr umgeben, Durch den die Menschen ihre Thaten heben. Hier Musikalische Gedichte. Hier starb ein Gott! — ein Gott, der fuͤr uns Suͤn- der Ein Mensch erst ward; Hier starb ein Mensch, der alle Menschenkinder An Unschuld uͤbertraf! Und warum schweiget denn der Weltkrais, und die Lie- der Der Voͤlker schallen nicht um dies Gebirge wieder? Warum liegt denn die weite Christenheit Jn traͤger Unempfindlichkeit begraben? Will sie zu ihrer Dankbarkeit Mehr, als das groͤßeste von allen Wundern haben? Arie. Jn siebenfaͤltge Nacht Neigt sich das Haupt des Sohns der Allmacht hin. Er gab den Thron des Himmels, Glanz und Macht III ter Theil. O Fuͤr Musikalische Gedichte. Fuͤr Suͤnder hin. Und dennoch liegen die Geschlechter Jn Unempfindlichkeit? Wer sah vom Himmel mehr Barmherzigkeit, Und von der Erde mehr Undankbarkeit? Recitativ. Doch, wie ists moͤglich, daß in steten Freuden Der Weltmensch, o Messias, deine Leiden Mit Dankbarkeit ermißt, Und nicht vergißt? Wie kan er beym Geraͤusch der Saiten, Bey Liedern der Sirenen; Jm Strudel maͤchtger Eitelkeiten, Zu innrer Harmonie gestimmten Toͤnen, Und Musikalische Gedichte. Und zu Empfindungen der Seraphim, Sein Herz gewoͤhnen: Da alle wilden Leidenschaften, Empoͤrt, und voller Ungestuͤm, Dies Herz bestreiten. Arie . Wie toben nicht des Meeres Wogen, Wenn Dunkel den Olymp umzogen, Und Donner auf den Fluthen bruͤllt! Doch wie viel wilder ist der Leidenschaften Wuͤten, Wenn Ernst und Weisheit nicht gebieten, Und Tugend ihren Aufruhr stillt. O 2 Reci- Musikalische Gedichte. Recitativ. O frommer Alter, zeig uns dann Die theure Stelle, wo der Pfahl gestanden, Woran den Gottmensch Moͤrder banden; Damit ich fromm die Haͤnde Von da gen Himmel breite, Und die Geluͤbde ganz vollende, Mit welchen ich dem Herrn mich weihte. Der Aberglaube gab mir nicht Den Pilgerstab zu dieser Reise; Jch weis, der wahre Christ Kan, ohne diese Wallfahrt anzutreten, So feuriger, so frommer Weise Zu seinem Heiland aller Orten beten, Als Musikalische Gedichte. Als wir auf Golgatha; Doch sollte nicht die Hoͤh, Worauf das groͤßte Wunderwerk geschah, Der Wandrer fromme Neugier mehr verdienen, Als alle praͤchtigen Ruinen Der Koͤnigsgraͤber, und der stolzen Mauren, Mit Menschenblut erbaut, Die, tiefgestuͤrzt, nunmehr im Staube trauren? Soll der, der selbst die heilge Gegend schaut, Worin der Allmacht Sohn die Blinden sehend machte, Die Todten aus den Graͤbern brachte, Und endlich fuͤr ein suͤndiges Geschlecht Mit tausend Martern starb; O 3 Soll Musikalische Gedichte. Soll der denn nicht mit Recht Jn heiliger Entzuͤckung sich verlieren? Und sollt ihn nicht des Ortes Anblick ruͤhren, Auf welchem ehemals der große Suͤhnaltar Fuͤr uns zum Himmel aufgerichtet war? Arie . Die Wehmuth weint der Menschlichkeit zu Ehren Auch in der Ferne bittre Zaͤhren, Wenn sie den Tod des Freundes hoͤrt: Allein wie wird ihr Schmerz vermehrt, Wenn sie sich selber auf sein Grabmaal lehnet, Und dessen Todtenstaub bethraͤnet, Den sie noch jenseit des Grabes verehrt. So Musikalische Gedichte. So traurt der Christ mit bangem Herzen, Wenn er, Messias, deine Schmerzen Jn heiligen Geschichten hoͤrt: Allein, wie wird die Andacht nicht vermehrt, Wenn Golgatha sich selbst ihm zeiget, Er selbst hinab zu deinem Grabe steiget, Und deinen Tod darinnen verehrt! Recitativ. Ja, fromme Wanderer! Betrachtet diesen Berg Mit heiligem Vergnuͤgen Mehr, als die praͤchtigste der stolzen Pyramiden, Die seiner Fuͤrsten Aschenkruͤgen Aegypten aufgethuͤrmt. O 4 Zu Musikalische Gedichte. Zu Ehren dessen, welcher hier verschieden, Steht Golgatha, Selbst von Unglaͤubigen beschirmt, Zum großen Denkmaal seines Todes da. Jhr werdet zwar fuͤr eure Suͤnden Durch diese Wallfahrt nicht Vergebung finden, Wenn wahre Buße nicht Fuͤr euch zum Gottmensch spricht; Doch kommet ihr mit tiefgebeugter Seele, Nicht gleich den stolzen Frommen, Zu seiner heilgen Grabeshoͤhle, Und seyd ihr durch der wahren Andacht Geist Hieher gereist; So seyd mir tausendtausendmal willkommen. Duett. Musikalische Gedichte. Duett . Wir wollen uns dem Orte, O JEsu, voller Demuth nahn, Wo dir des Todes Pforte Voll grauser Nacht sich aufgethan. Mit tiefgebeugtem Herzen, O Heiland, opfern wir dir Dank Fuͤr alle Todesschmerzen, Jn welche deine Seele sank. Verschmaͤh ihn nicht, der Thraͤnen frommen Dank! Wir trotzen nicht auf unsrer Tugend Staͤrke; Wir trotzen nicht auf unsre guten Werke; Wir hoffen unsre Seligkeit Nur von Barmherzigkeit. O 5 Reci- Musikalische Gedichte. Recitativ. Mit welchem heiligen Entzuͤcken Muß ich die Demuth nicht erblicken, Die, Pilgrime, mit so viel Andacht spricht! Erhebt dann das Gesicht, Und uͤberschaut erfreut Den Schauplatz der erhabensten Geschichte — Bestralt vom Sonnenlichte Ragt Tabor dort aus dem Gewoͤlk hervor; Viel naͤher streckt sein Haupt Moria hier empor! Und unter ihm der Oelberg, dessen Hoͤhen, Messias, dich im blutgen Schweiß gesehen. Gethsemane! die schwaͤrzste Mitternacht Ward hier vom Gottmensch durchgewacht. Hier Musikalische Gedichte. Hier drang der Mordsucht Fackel auf ihn ein; Den Missethaͤtern gleich ward er hinweggebracht. Und endlich starb der Fromme, der Gerechte, Allhier auf Golgatha fuͤr Suͤnder und fuͤr Knechte. Sey uns gesegnet, du heiliger Berg, du Zeuge des Bundes, Welchen die Allmacht mit sterblichen Menschen von neuem errichtet, Und mit dem Blute des goͤttlichen Sohns auf ewig versiegelt. Recitativ. Dort unten an des Berges Fuß Liegt in dem Felsen eingehauen Das unentweihte Grab, des Heilands Ruhestatt. Der Hain rauscht hier ein heiligs Grauen; Und Musikalische Gedichte. Und oftmals hat Die einsame Melancholey Hier Lieder der Unsterblichen gehoͤret, Die des Erloͤsers Sieg verehret. Sey uns gesognet, du heiliges Grab, du Pforte des Lebens, Welches aus dir, von neuem mit stralendem Schimmer bekleidet, Triumphirend heraustrat, und sich zur Ewig- keit aufschwang. Recitativ. Was seh ich? Engel steigen nieder — Jhr hoher Beyfall kroͤnet eure Lieder; Die Toͤne der Unsterblichen, Der Musikalische Gedichte. Der heilgen Waͤchter Chor Erfuͤllet unser Ohr. (Man hoͤret eine sanfte andaͤchtige Musik.) Recitativ. Welch eine suͤße Harmonie! So klangen Sterblicher Gesaͤnge nie. Vom Berge steiget dort Ein holder Wanderer herab; Es stralt in seiner Hand der helle Pilgerstab; Sein jugendliches Angesicht Gleicht dem Gesicht der Erdenbuͤrger nicht. O dies ist einer von des Himmels Choͤren, Die wir ietzt uͤber uns erschallen hoͤren. Wir Musikalische Gedichte. Wir neigen uns vor dir Mit Ehrfurcht, hoher Wanderer des Himmels. Accompagnement. Wie selig sind die frommen Klagen, Die ihr hier eurem Jesu weint! Die selgen Geister, die sie hoͤren, Antworten euch mit ihren Choͤren: Wie selig sind die frommen Klagen, Die ihr hier eurem Jesu weint! Es werden es die hellen Sphaͤren Durch aller Himmel Himmel sagen: Wie selig sind die frommen Klagen, Die ihr hier eurem Jesu weint! Es Musikalische Gedichte. Es schallen eure frommen Lieder Vom Golgatha zum Tabor wieder; Der Berge Nachhall muͤsse sagen: Wie selig sind die frommen Klagen, Die ihr hier eurem Jesu weint! Seyd uns gesegnet, ihr Thraͤnen des Mit- leids, um Jesu geweinet; Seyd uns gesegnet, erweichet das Herz zur Reue, zur Buße, Welche nicht stolz sich bruͤstet, und nur im Stil- len zu Gott schreyt. Recitativ. Du, heiliges Gebirge, sollst also Von Wanderern nicht unbesuchet liegen! Der Himmel schaut, ihr Pilger, mit Vergnuͤgen Die Musikalische Gedichte. Die Anbetung, die ihr hier Jesu weiht. Und sollte nicht der Mensch, voll Dankbarkeit, Dich, Golgatha, mit Thraͤnen netzen, Da alles, was darauf geschah, Fuͤr ihn allein geschah? Fuͤr Engel zitterte nicht Golgatha; Fuͤr Engel blutete nicht Gottes Lamm, Fuͤr Menschen ganz allein starb es am Kreuzesstamm. Und dennoch sehn auch Engel mit Ergetzen, Auf dies Gebirg, und steigen oft herab, Und singen Lieder um sein Grab. O welche Leiden ohne Zahl Hat dazumal Der ganze Himmel nicht empfunden, Als Golgatha zerriß, Und Musikalische Gedichte. Und Todesfinsterniß Das Auge des Erloͤsers deckte! O Himmel! wer kan es ermessen, Daß der, der auf der Allmacht Thron gesessen, Vom Thron herunter steigt, die Krone nie- derlegt, Und gleich dem Suͤnder stirbt, den seine Stra- fe schlaͤgt. Recitativ. Und dennoch that er es! Mich duͤnkt, ich sehe hier aufs neu Die großen heilig furchtbarn Scenen wieder — Der Cherub faͤllt erschrocken nieder, III ter Theil. P Und Musikalische Gedichte. Und huͤllt sein Angesicht Tief in sein glaͤnzendes Gefieder; Der Seraphinen Lieder Verstummen vor des Hoͤchsten Thron — Man hoͤret, um der Allmacht Sohn, Ein banges Klagen in den Sternen, Ein banges Klagen in den Himmeln, Ein banges Klagen auf der Erde. — Der Abgrund thut sich auf — Die Hoͤlle bruͤllt Triumph herauf; Die Sonne starrt zuruͤck in ihrem Lauf, Und schwarze Mitternacht verhuͤllt die Welt. Erschuͤttert fuͤhlt, der Todten weites Feld, Der neuen Auferstehung Macht; Sie gehn hervor aus Grab und Nacht. Arie. Musikalische Gedichte. Arie . Du Suͤnder, dem die heilige Geschichte Des Heilands Martertod gelehrt, Erzittre, wenn einst an dem Weltgerichte, Der Gottmensch richtet, welchen du entehrt! Beym letzten Donner der Posaunen Wirst du, Unglaͤubiger, erstaunen, Daß der dein Richter ist, den du verschmaͤht, Dann wirst du glauben, doch zu spaͤt. Recitativ. O himmlischer Gefaͤhrte, deine Reden Sind wie der Warnung Stimm aus Ungewittern. P 2 Gieb, Musikalische Gedichte. Gieb, Himmel! daß wir selig werden Mit Furcht und Zittern. Seyd immer Wanderer auf Erden, Und opfert nicht bloß rednerischen Dank Dem, der fuͤr euch den Kelch des Todes trank; Erfuͤllt gehorsam sein Gebot, Und preiset seinen Tod Durch tugendhaftes Leben. Arioso. Jhr seyd theuer erkauft, darum preiset Gott. Der Allmacht Sohn hat uͤberwunden! Wir preisen dich, sieghafter Held, Be- Musikalische Gedichte. Bedecket mit glorreichen Wunden, Fuͤrs Heil von einer ganzen Welt! Der Freche von unheilgen Saamen, Der, Tugend, dein Gefuͤhl verlohr, Entweihe nicht der Christen Namen, Und singe nicht in unser Chor! P 3 Das Musikalische Gedichte. Das befreyete Jsrael. Nach Anleitung des Mosaischen Lobgesanges im 15ten Kapitel des 2 B. Mos. Chor . L aßt uns dem Herrn lobsingen, Er hat die groͤßte der Thaten gethan! Das Meer fuhr hinweg auf des Ostwindes Schwingen; Kam wieder in schrecklichen Stuͤrmen heran, Und deckte Roß, und Wagen, und Mann. I. Noch lag von Mann, und Wagen, und Roß, Des Schilfmeers Gestade bedeckt; Denn Gott ergriff sein toͤdtlich Geschoß, Wo- Musikalische Gedichte. Womit er die Koͤnige schreckt. Die Wagen brausten; auf Leichnamen stunden Die Kinder Abrams, und schauten umher; Und sieh, ihre Feinde waren verschwunden, Und Pharaons Heerschaaren waren nicht mehr. II. Da kam der Geist des Herrn mit heilgem Ungestuͤm Auf Mosen, seinen Knecht, herab. Er sang den Sieg, den Gottes Hand ietzt gab, Und alles Jsrael sang im Triumph mit ihm. Das Chor von einem versammleten Volke Erfuͤllte die Wuͤste mit Jubelgeschrey; Und Jubel stieg auf zur beschuͤtzenden Wolke, Und Engel stimmten dem Jubelton bey. P 4 III. Musikalische Gedichte. III. Jch will dem Herrn lobsingen, Er hat die groͤßte der Thaten gethan! Das Meer fuhr hinweg auf des Ostwindes Schwingen; Kam wieder im schrecklichen Sturme heran, Und deckte Roß, und Wagen, und Mann. Jch will dem Herrn lobsingen; Der Herr ist meine Staͤrke, Er ist mein Heil, mein Lobgesang. Verkuͤndiget, ihr Himmel, seine Werke Vom Aufgang bis zum Niedergang! Jch will dem Herrn lobsingen, Er ist der rechte Kriegesmann. Sein Mund gebot dem Meere zu verschlingen, Und es verschlang Roß, Wagen und Mann. IV. Musikalische Gedichte. IV. Aegypten stand auf, und die rollenden Wagen, Die eisernen Reuter bedeckten das Feld. Die Wuͤste stieg auf im Staub; Ganz Jsrael war schon ihr Raub; Die Krieger befiel Entsetzen und Zagen; Da schaute der Herr von seinem Gezelt. Er stieß die Raͤder mit Ungestuͤm Von ihren Axen herab; Jm dunklen Sturme kam sein Grimm, Das wallende Weltmeer ward ihr Grab. V. Wir wollen sie erjagen, Gedachte voller Stolz der Feind. P 5 Des Musikalische Gedichte. Des Schwertes Schaͤrfe soll sie schlagen; Aegyptens Hand soll sie verderben, Sie sollen sterben! Chor. Aegyptens Hand soll sie verderben, Sie sollen sterben! VI. Da ließest du die Tiefe wallen, Das Meer bedeckte sie. Gefallen, gefallen, gefallen, Gefallen, gefallen sind sie! Chor. Gefallen, gefallen, gefallen, Gefallen, gefallen sind sie! VII Musikalische Gedichte. VII. Wer ist dir gleich, Herr, unter den Goͤttern? Wer ist dir gleich, Herr Zebaoth! Wer geht, wie du, auf toͤdtenden Wettern? Wer hilft uns, so wie du, o Gott! Maͤchtig, heilig, Schrecklich, glorreich, Wunderthaͤtig bist du, Gott! Chor. Maͤchtig, heilig, Schrecklich, glorreich, Wunderthaͤtig bist du, Gott! VIII. Musikalische Gedichte. VIII. Du hast dein Volk geleitet, Das du erloͤset hast; Und ihm den Weg bereitet Zur heilgen Wohnung, deiner Rast. Die Voͤlker hoͤrens, und zagen, Und Angst koͤmmt die Philister an; Die Fuͤrsten Edoms und Moabs verzagen, Und bleich fuͤr Furcht steht Canaan. Sie sahn, wie du Aegypten bezwangst Durch deinen großen Arm. Laß uͤber sie fallen Erschrecken und Angst Durch deinen großen Arm! Bis Musikalische Gedichte. Bis in dem maͤchtigen Kriege Dein treues Jsrael siege, Das du erworben hast. IX. Pflanze sie, Herr, auf den Huͤgeln Deines heilgen Erbtheils ein; Unter deines Cherubs Fluͤgeln Laß, o Herr, sie sicher seyn. Laß sie sich zu deinem Ruhme, Gott, in deinem Heiligthume Jhres großen Koͤnigs freun. Pflanze sie, ꝛc. Schlußchor. Der Herr wird Koͤnig seyn, Der Herr wird Koͤnig seyn! Jn Musikalische Gedichte. Jn alle Ewigkeiten! Antwortet, ihr jauchzenden Reihn: Der Herr wird Koͤnig seyn! Wer kan seine Thaten verschweigen! Antwortet, ihr Pauken und Reigen; Der Herr wird Koͤnig seyn Jn alle Ewigkeiten. Die Musikalische Gedichte. Die Auferstehung. I. D u tiefe, todte, grauenvolle Stille Ums heilge Grab; um des Geopferten, Des Gottversoͤhners, Grab! Verhuͤlle mich! Verhuͤlle Mein Herz in Traurigkeit, mein Aug in Nacht! — Soll ich den Todten sehn? Sehn den Verbluteten, am Holz Verbluteten? Wer waͤlzet mir vom Grab Den Felsen ab? Doch Musikalische Gedichte. Doch wie? das Grab ist offen? — Leer? Wie schauderts mich! Auch nicht den Todten mehr — Chor. Der Herr ist erstanden! Der Herr ist erstanden! Jhn halten die Banden Des Todes nicht mehr! Die Suͤnd’ ist verschlungen! Der Tod ist bezwungen! Hallelujah! dem Gottmensch, dem Sieger des Todes! Hallelujah! dem ewigen Sohn! II. Der Engel Gottes fuhr herab, Schnell, wie der wetterleuchtende Blitz; Sein Musikalische Gedichte. Sein Kleid war weiß, wie der schimmernde Schnee Des Grabes Huͤter sahn erschrocken in die Hoͤh; Betaͤubet, seellos, legte sie sein Blitz, Ums Grab zerstreuet, vor sich hin. Er aber trat ans Grab, Und waͤlzete die Last des Felsen ab. Da zitterte der Erde Grund Dem maͤchtigen Gange des Kommenden; Und ietzt trat aus des Grabes Graus Der Sieger des Tods im Triumphe heraus. Chor. Der Herr ist erstanden! der Herr ist erstanden! Jhn halten die Banden III ter Theil. O. Des Musikalische Gedichte. Des Todes nicht mehr! Die Suͤnd’ ist verschlungen! Der Tod ist bezwungen! Hallelujah! dem Gottmensch, dem Sieger des Todes! Hallelujah! dem ewigen Sohn! III. Was schallt aus allen Tiefen Fuͤr ein Geheul empor? Mit kaltem Schauder hoͤrt mein Ohr Hinunter in die Tiefen. Es sind nicht Klagen — Seufzer nicht, Was aus der tiefsten Tiefe bricht. Es ist ein scheußliches Gebruͤll, Es Musikalische Gedichte. Es ist Verzweiselung! So bruͤllt sie, die Verzweifelung! Chor. Es ist Verzweifelung! So bruͤllt sie, die Verzweifelung, Wenn sie der Rache Blitz durchfaͤhrt, Und kein Erbarmer mehr sie hoͤrt. IV. Als sich der Sieger ietzt aus seinem Grabe riß, Fuhr er hinab ins Reich der Finsterniß, Wo sich die Satane, lautjauchzend, im Trinmph Q 2 Des Musikalische Gedichte. Des Todes des Meßias freuten. Mit bitterm, nur der Hoͤlle wuͤrdgem, Hohn Sprach Satan von dem Goͤtterthron: Jhr habt ihn sterben sehn, den Traͤumer, den Propheten, Den Sohn der Allmacht, wie er sich genannt — Doch Satan konnt’ ihn toͤdten! Mit meiner viel gewaltgern Hand Riß ich ihn in den Staub! — Verwese da, Du Goͤttersohn! — — V. So sprach der wilden Laͤstrung Stimme, Als unter ihm der Hoͤlle Veste bebt, Er Musikalische Gedichte. Er koͤmmt, er koͤmmt in seinem Grimme, Der Gottmensch, der Gekreuzigte, Der Todte, welcher lebt! Zehntausend Donner sandt er vor sich her; Die Fuͤrsten stuͤrzten von den Thronen, Und ohn Erbarmen, ohne Schonen, Ward jeder in dem Feuermeer An seinen Felsen angespießt, Um da Jahrtausende in Pein, Mit Flammen uͤberschwemmt zu seyn. Da bruͤllte die Verzweifelung Das scheußliche Geheul aus allen Hoͤhlen. Ein scheußliches Geheul drang von verdammten Seelen Q 3 Dem Musikalische Gedichte. Dem Raͤcher nach, der, nach der Hoͤlle Sieg, Herauf zur Erde stieg! Chor. Preiß ihm! dem Starken, der des Raubes Den Tod, und die Hoͤlle beraubt! Durch den Gott das Geschlecht des Staubes, Durch Blut, durch theures Blut erloͤst, Und uns nicht ganz zur Hoͤlle verstoͤßt. Hallelujah, dem Gottmensch, dem Sieger der Hoͤlle! Hallelujah! dem ewigen Sohn. VI. Welch eine herrliche Gestalt Koͤmmt unter jenen Schatten her? Und Musikalische Gedichte. Und welche goͤttliche Gewalt Spricht lauter in mir? — Er! == Er ists, er ists, den ich beweint == Es ist der Goͤttliche, der Menschenfreund Mein Heiland, und mein Gott! — VII O laß mich hier zu deinen Fuͤßen Den Staub, o du Gesalbter, kuͤssen, Der dich, des Todes Sieger, traͤgt, Mein Auge stroͤme Freudenzaͤhren, Daß du, um einst mich zu verklaͤren, Dich selber in den Staub gelegt. Q 4 VIII. Musikalische Gedichte. VIII. Mit kaltem Schauder bebt ich sonst, Wenn ich hinab ins Thal des Todes sah! Da war kein Stral vom Licht — Da war kein Helfer fuͤr mich da. Oft zagte tief in sich Die Seele, voll Verzweifelung, Und straͤubte sich, und rung Und fuͤrchtete, nicht mehr zu seyn! — Der gegenwaͤrtgen Gottheit Schein Erhellt ietzo das finstre Todesthal. Der bessern Hofnung Stral Erhellt der Seele Traurigkeit Mit kuͤnftger Ewigkeit. VIIII. Musikalische Gedichte. VIIII. Auch ich bin Staub, auch ich, ich werde Dereinst in deinem Schooß, o Erde, Sanft ruhn, wie Er. Doch soll kein Tod mich zaghaft machen. Jch weiß, ich weiß, ich werd erwachen, Und auferstehn, wie Er. X. Und o! des großen Tags! Wann ietzo der Trommeten Schall Jn alle Graͤber dringt; Und aller Welten Wiederhall Q 5 Den Musikalische Gedichte. Den Kommenden verkuͤndigt, der ins Feld Der Todten koͤmmt und da Gerichte haͤlt. Wenn nun, o Herr, so wie dein Wort gebeut, Das Feld der Todten rauscht; die Ewigkeit Die Myriaden nimmt; und insgesammt Dein Wort sie losspricht, oder sie verdammt. XI. Laß mich nicht, Unerbittlicher, Wenn Himmel und Erde vergehn, Jn deinem Zorn dich sehn! Noch bist du Richter nicht; Noch Musikalische Gedichte. Noch hoͤrest du das Flehn, das durch die Wolken bricht; Laß mich, o Herr, zum Leben auferstehn! Chor. Du Sohn des Ewigen! hoͤr unser Flehn! Laß uns zum Leben auferstehn! XII. So bist du auch fuͤr mich erstanden, O du Gekreuzigter! So wird der Hoͤlle Spott zu Schanden, Und ich lobsinge dir, o Herr! Schlußchor. Jauchzt Lieder dem Herrn, der Herr ist erstanden! Jauchzt ihm in seinem Heiligthum! Es Musikalische Gedichte. Es mischen von den hoͤhern Sphaͤren Die Engel sich zu unsern Choͤren, Die Erde schallt von seiner Thaten Ruhm. Jauchzt Lieder dem Herrn, der Herr ist erstanden! Jauchzt ihm in seinem Heiligthum. Die Musikalische Gedichte. Die Tageszeiten. Jn vier Cantaten. Der Morgen. Arie. D er Morgen koͤmmt, mit ihm die Freu- de! O sieh! mit blitzendem Geschmeide Schmuͤckt sich fuͤr dich das Feld. Jndem du aus dem Meere steigest, Und Musikalische Gedichte. Und dich in Pomp den Voͤlkern zeigest, Frohlockt dir eine halbe Welt. Recitativ. Der ganze Himmel schwimmt in Glanz. Die guͤldnen Stunden fuͤhren ihren Tanz Um dich herum, und gruͤßen, Sonne, dich! Und alle Sphaͤren klingen; Und alle Waͤlder singen; Und alle Harmonien dringen Auf zum Olymp, und gruͤßen, Sonne, dich. Dir singt die helle Kriegstrompete Jm waffenvollen Feld; Dir Musikalische Gedichte. Dir singt des Hirten sanfte Floͤte Jm stillen Thal. Dich gruͤßt, durch feyerliche Lieder, Der Muselmann, der Heid, und Christ. Doch du, o Christ, weih deine frommen Lieder Nur Jhm, der wundervoll das Nichts gebaͤhren hieß, Und Erden schuf, und Sonnen leuchten ließ. Arie. Allmaͤchtger! groß im Sonnenglanz, Und groß in majestaͤtscher Nacht! Verschmaͤh nicht Morgenopfer ganz Von Sterblichen gebracht. Jauchzt Musikalische Gedichte. Jauchzt ihm voll Ehrfurcht, dunkle Waͤlder! Jauchzt ihm, erwachte frohe Felder! Jauchz’ ihm lautwallend, Ocean! Und du, o Mensch, o bet ihn an! Der Musikalische Gedichte. Der Mittag. Arie. D er Mittag, begleitet von faͤchelnden Stunden, Eroͤfnet sein Fuͤllhorn, mit Blumen um- wunden, Und gießt es auf alles verschwenderisch aus. Die allgemeinen wohlthaͤtigen Feste Erfrischen des Koͤnigs gewoͤlbte Pallaͤste, So wie des Landmanns umschattetes Haus. III ter Theil. R Re- Musikalische Gedichte. Recitativ. Empfange mich, ehrwuͤrdger Eichenwald! Jetzt, da wir ganz vom Mittagsstral ermatten, Sucht die Betrachtung gern den stillen Aufenthalt Jn deinem kuͤhlen Schatten. Der laute Bach rollt murmelnd in das Thal; Der Westwind waͤlzet sich im Wipfel hoher Buchen, Da Bienen ohne Zahl Von Blumen ihren Raub mit stetem Summen suchen. Die Heerde lagert sich im Klee, Jndeß der Hirt von einer luftgen Hoͤh Soin Horn ertoͤnen laͤßt! und, durch den West erfrischet, Den suͤßen Lobgesang zur Baͤche Murmeln mischet. O wie Musikalische Gedichte. O wie begluͤckt ist der, den nie sein Herz verdammt! Und den kein leerer Stolz, kein Durst nach Gold entflammt! Der, wenn die ganze Welt in Lastern um ihn brennet, Sich kalt erhaͤlt; nach keinen Wuͤrden rennet; Und, fern vom Laͤrm der falschheitsvollen Stadt, Frey unter Linden ruht, die er gepflanzet hat. Arie. Nie kan man groͤßre Wollust fuͤhlen, Jndem uns tausend Luͤfte kuͤhlen, Als wenn ein dankbar Herz den Herrn der Schoͤpfung ehrt. Der Koͤnig, dem der Wein aus guͤldnen Schalen winket, Der Hirt, der aus der Quelle trinket, Vergesse nie den Geber, der ihn naͤhrt. R 2 Der Musikalische Gedichte. Der Abend. Arie. S enke dich von Purpurwolken, Holder Abend, sanft herab! Hauche reine frische Luͤfte! Schuͤttle Thau, und Rosenduͤfte, Von den feuchten Schwingen ab! Recitativ. Der Wald steht dunkelgruͤn; von langen Matten Erhebet sich der kuͤhle Thau. Der Abendwind erquickt, bey kuͤhlem Schatten. Das stille Thal, die Au. Jetzt Musikalische Gedichte. Jetzt rauscht der Busch, ietzt wallen die Gefilde; Der laute Bach rinnt hell und milde Von Felsen ab, und alles faͤllt vergnuͤgt Jn Schlaf und Traum, vom Westwind eingewiegt. Arie. Komm, holder Schlaf! die matten Augen sinken, Die guͤldnen Sterne winken Zur suͤßen Ruh. Nichts kan des Frommen Schlummer stoͤren, Er wird beschuͤtzt von starker Engel Heeren; Der Himmel deckt ihn zu. R 3 Die Musikalische Gedichte. Die Nacht. Arie. O Nacht! und du, o feyerliche Stille! Jndem ich mich in eure Schatten huͤlle, Fall ich hin in den Staub vor dem, der mich gemacht. Von dieser Unterwelt Getuͤmmel Hebt unser Herz nichts mehr zum Hunmel Als deine Majestaͤt, o Nacht! Re- Musikalische Gedichte. Recitativ. Sie koͤmmt! Jhr helles Sternenkleid Fließt uͤber ihren praͤchtgen Wagen, Begeistert von der Macht der dunkeln Einsamkeit, Steht ietzt der Christ, durch sie geweiht, Und denket seine Sterblichkeit. Er hoͤrt die Todtenglocke schlagen, Jndem er unter Graͤbern irrt, Und auf den Staub hinweint, der er auch werden wird. Doch welcher Trost stralt in die bange Seele? Umsonst schreckt ihn des Grabes dunkle Hoͤhle; Von jedem Stern ruft ihm ein Engel zu, Daß er unsterblich ist. Er schmeckt des Trostes Ruh; Weit Musikalische Gedichte. Weit hinter jener Nacht sieht er den Vorhang sinken, Und Palmen, ihm bestimmt, und Seraphim ihm winken. Arie. Wie wird des Grabes Nacht entweichen, Wenn uͤber Schrecken, Graus und Leichen, Des Christen ewger Morgen glaͤnzt! Sein Auge wird den Finsternissen, Sein Geist der Sterblichkeit entrissen; Und seine Seligkeit ist rein, und unbegraͤnzt. Ende des dritten Theils.