Bemerkungen uͤber Holland aus dem Reisejournal einer deutschen Frau von Therese H. Leipzig , bei Gerhard Fleischer , dem Juͤngern. 1811 . Vorerinnerung . .... und das hat der Leser wohl schon auf dem ersten Blatte dieser Reisebeschreibung gemerkt, daß es mehr das Wie gesehen, als das Was ge- sehen ist, welches der Verfasser ihm bringt, mehr die Ideen und Gefuͤhle, so die Gegenstaͤnde er- zeugt haben, als eine gemeine Beschreibung der Gegenstaͤnde selbst, welche er gewiß weit besser und ausfuͤhrlicher in andern Buͤchern finden kann, welche der Verfasser von dieser Reise nicht geschrieben und nicht gelesen hat. Oelenschlaͤger, Wallfahrt nach Rom. M ehr wie die vorstehende Erklaͤrung ver- spricht, darf der Leser auch in den nachfolgen- den Blaͤttern nicht suchen. Eine haͤusliche Mutter schrieb sie an ihre stille lebenden Kin- der — andere solche Muͤtter, solche Kinder, werden sie mit Mitgefühl lesen. Um sich zu unterrichten, finden sie die Nachrichten von Reisenden, vor denen die einfaͤltige Matrone, welche diese Briefe schrieb, sehr beschaͤmt ste- hen wuͤrde, wollte man sie mit ihren weibli- chen Gefuͤhlen, ihren phantastischen Ansich- ten vergleichen. Sie will nur die Empfin- dung erwecken, jene wackern Maͤnner moͤgen dann berichtigen und belehren. G … im September 1810. Th. H. Inhaltsanzeige . Erster Abschnitt . Karlsruhe. Erinnerungen. Gaͤrten. Schaffauers Denk- mal des Erbprinzen. Vergleich mit Herrnhausen. Meie- rei bei Karlsruhe. Heidelberg. Neue Anlage auf dem Schloßberge. Anekdote aus der Geschichte. Maskerade der studirenden Jugend. Seite 1. Zweiter Abschnitt . Ankunft in Mainz. Mautbediente. Martinsburg. Dom. Frohnleichnamsfest. Todtenfeier Kaiser Josephs. Der Platz Guttenberg. Neues Schauspielhaus. Ehemalige Domprobstei. Regret der Mainzer. Lycaͤum. Buͤrger- maͤdchen. Justitztribunal. Botany Bay und Zuchthaͤuser. St. Emmeranskirche. Rheinallee. Rheinfahrt nach Bi- berich. S. 16. Dritter Abschnitt . Betrachtungen uͤber das Reisen. Das Postschiff bleibt aus. Aussicht in Biberich. Feldbau. Schloß. Garten. Was- ferkuͤnste. Das Postschiff. Reisegesellschaft. Vergleich der Rheinfahrt und des Wegs von Solothurn nach Basel. Blicke in die Vorzeit. Alte und neue Ruinen. Nachtla- ger in Boppart. Aufbruch nach Koblenz. Die Groß- mutter. Schlechter Wind. Der Schutzgeist. Weselingen. Ankunft in Koͤlln. S. 31. Vierter Abschnitt . Der Dom. Seelenmesse fuͤr ein Kind. Reliquien. Vorbo- ten hollaͤndischer Reinlichkeit. Neuer Marktplatz in Koͤlln. Kleidung der Baͤuerinnen. Weg nach Cleve. Backstein- brennereien um Nuys. Neue Spaziergaͤnge. Hochstraa- ten. Koͤnig Ludwig. Bauergaͤrten. Udingen. Back- steinoͤfen. Xanthen. Erstes hollaͤndisches Wirthshaus. Cleve. Erste hollaͤndische Bekanntschaft. Diligence von Cleve nach Nimwegen. Reisegesellschaft. Nimwegen. Spaziergaͤnge. Sprache. Die Waal. Glockenspiele. Gasthof. Hohe Daͤmme. Ankunft in Utrecht. S. 67. Fuͤnfter Abschnitt . Utrecht. Sitten. Universitaͤt. Botanischer Garten. Na- turalienkabinet. Dom. Heiliger Martin. S. 116. Sechster Abschnitt . Reise zu Land nach Amsterdam. Erster Anblick bei einbre- chender Nacht. Erste Beschaͤftigung in Amsterdam. Stras- sen. Kanaͤle. Kaufladen. Obstmarkt. Kuͤnstliche Obst- zucht. Blumenmarkt. S. 126. Siebenter Abschnitt . Admiralitaͤt. Verschiedene Gestalten der Schiffe. Koͤnigliche Jacht. Spazierfahrt auf dem Y. Koͤnigliches Museum. Portraits. Rembrand. Van der Elst. Jakoba von Bayern. Von der Eyk. Neue Kirche. Tromps Denkmal. Luthe- rische Kirche. Religiositaͤt. Sonntagsstaat. Nordhol- laͤnderinnen. Menagerie. Botanischer Garten. Wagen auf Schlittenkufen. Felix Meritus. S. 148. Achter Abschnitt . Boͤrse. Schauspiele. Sonntagsvergnuͤgen des Volks. Bil- dung des Volks. Reinlichkeit. S. 205. Neunter Abschnitt . Ruͤckkehr von Amsterdam nach * * *. Landguͤter und Land- haͤuser in dieser Gegend. Trekschuiten und Wasserfahrten. Bettler. Marsden. S. 229. Zehnter Abschnitt . Sehr uͤberfluͤssiges Raisonnement. Der Lithauische Leibeigne. Der hollaͤndische Landmann. Der Berner Bauer. S. 254. Eilfter Abschnitt . Mordpredigt in Oudewater. Buͤrgerliche Wohnung. Ge- gend am Leck. Fischparthie. Deichbau. Almeiden. S. 271. Zwoͤlfter Abschnitt . Reise nach Leyden. Woerden. Ziegelbrennerei. Alphen. Seine Umgebungen. Kalkoͤfen. Leyden. Pulverexplosion. Altes Schloß. S. 288. Dreizehnter Abschnitt . Der Haag. Cadettenhaus. Soldatenschule. Haus im Busch. Schewelingen. Das Meer. Weg nach Delft. Grabmaͤler. Weg nach Rotterdam. Haven. Schiffs- werft. Arsenal. Quai. Erasmus Bildsaͤule. S. 318. Vierzehnter Abschnitt . Gouda. Fabriken. Glasmalerei. Kirche. Orgel. Orga- nist. Gemaͤlde. S. 371. Funfzehnter Abschnitt . Ruͤckreise uͤber Nimwegen und Cleve. Johanna Sebus. Ruinen am Rhein. Neuer Weg von Koblenz nach Mainz. Neues Posthaus in Ingelheim. Ankunft in Mainz. S. 383. Erster Abschnitt . Im Juli 1809. Elfeld im Rheingau. H ier brachte ich vor neunzehn Jahren diese Som- mermonate zu, und von diesem Orte aus, unter lauter gewohnten Gegenstaͤnden, finde ich Muse, einen Theil meiner Reise wieder zu uͤberdenken. In Carlsruhe betrat ich die erste Staͤtte der Erinne- rung. Die Stadt war mir noch ziemlich bekannt, ich war uͤberrascht, mich in demselben Wirths- hause zu finden, welches ich vor achtzehn Jahren bewohnt hatte. Die mich damals begleiteten, schliefen, um die ich damals weinte, schliefen auch. Schlafen? nein! das ist eine schwere irdi- sche Ruhe; sie umschwebten mich und laͤchelten meinem nassen Blick entgegen. Ich erkannte Schloßers Haus. Er starb auch. Froh in A diesem Augenblick allein zu seyn, ging ich in den Schloßgarten und dachte jener Zeit. Was ward seitdem zertruͤmmert! was fuͤr Menschen gingen unter! ihren Zeitgenossen, der Befoͤrderung des Guten. Und gingen sie unter? fragte ich mich beschaͤmt. Wie ich vor achtzehn Jahren hier wan- delte, war alles uiedriges Gebuͤsch, es war mir widrig das kleine Gestruͤpp zu sehen, ich hing da- mals an dem Augenblick, ich glaubte zu wissen was mein Gluͤck sei, und es war mir versagt, und die Welt schien mir blutarm, die mir nicht gab, was mein Sinn stoͤrrisch verlangte. Damals gaben diese schoͤnen Baͤume mir noch keinen Schat- ten, diese Weiden waren kleine Ruthen, aber ich bedurfte auch der aͤußern Welt nicht, ich naͤhrte mich an unendlicher Sehnsucht und allgenuͤgendem Schmerz. Dann kam eine andere Zeit — ich be- saß, und verlohr. — Verlohr mehr als ich je zu ersehnen vermochte, und nun wandle ich wieder hier, statt Sehnsucht Ergebung im Busen, statt Streben ins Leben hinaus, Ruͤckblick auf Graͤber, jetzt umfasse ich die Natur, jetzt erkenne ich die Außenwelt, denn sie vermaͤhlt mich mit dem An- denken an alles was ich verlor. Und nun finde ich die kleinen Straͤuche zu schattenreichen Baͤumen emporgewachsen — und diese herrlichen Weiden! — Ich saß im Schatten, und vor mir auf einem Teppich von schmaragdnen Grase, stand eine hohe Thraͤnenweide, die Luft bewegte die langen Aeste, die Sonne mahlte sie blaßgruͤn durch helle Be- leuchtung; die zarten Blaͤtter lispeln nicht, der ganze Baum wogt wie ein Geistergewand, und der Schatten gleitet stumm uͤber den gruͤnen Bo- den. Reiche fielen, die Edeln gingen unter, al- les Menschenwerk wandelte furchtbar seit diese junge Schoͤpfung empor wuchs, aber die Natur schritt fort von Leben zu Leben. Heiliges Pfand, daß nichts untergeht, was sich je des Daseins erfreute! Ich durchwanderte diesen schoͤnen Garten mit Wehmuth und Freude. Er ist schoͤn, und das Gefuͤhl, mit dem man des ehrwuͤrdigen alten Fuͤr- sten gedenkt, dem man oft hier begegnet, macht ihn noch schoͤner. Seine Freundlichkeit macht den Aufenthalt feierlich , statt zu verscheuchen, und das ist ein Lobspruch, der in dem Herzen seines Volkes als schoͤnes Denkmahl seiner Guͤte fort- leben wird. Ich besuchte auch den andern Garten wo Scheffauers Monument sieht. Die gute Fuͤr- stin, die es errichten ließ, dachte wohl nicht, daß A 2 sie es dem Andenken jedes geliebten Todten errich- tete, dessen Hinterlaßner zu ihm hintritt. Der hoffende Blick dieser weiblichen Gestalt — o, wie manches nasse Auge folgt ihm zu den Hoͤhen, die uns auf unsrer niedern Erde immer wie unsre Hei- math erscheinen. Das Denkmahl galt auch mei- nen Todten. Ich rufte ihre Gestalten auf aus den weiten Fernen des Aufgangs und Untergangs, wo sie zu Staub wurden, und versammelte sie um diese hoffende Gestalt, und so oft ich der klei- nen Capelle nun denke, ist sie meiner Todten Denkmahl. Koͤnnte ich doch der huͤbschen Stadt zwanzig tausend Einwohner mehr schenken; sie hat etwas Freundlichhelles, was mich anspricht. Man sag- te mir, daß die schoͤnen Gaͤrten wenig besucht werden — das ist nicht gut, und ist doch so haͤu- fig. Ich bin so gern allein in diesen Schattengaͤn- gen, moͤchte sie aber doch lieber mit Menschen angefuͤllt sehen, und fand sie nirgends so. In Wien soll man diesen Genuß haben. Erhalte der Himmel den guten Wienern ihre Leichtigkeit, sich zu freuen! Herrenhausen bei Hannover sah ich ehemals recht voll, aber an Gallatagen wenn eine Prinzessin aufzog oder dergleichen. Ich erinnre mich einen gewissen englischen General, der die deutschen Truppen damals fuͤr den amerikanischen Krieg einhandelte, an der großen Fontaine der verwittweten Herzog von Braunschweig vorstellen gesehn zu haben. Meinem zwoͤlfjaͤhrigen Kopf kams damals ganz wunderschoͤn und praͤchtig vor, wie der Britte in seiner glaͤnzenden Uniform, ein Knie am Boden der alten Dame die Hand kuͤßte. Sie hatte eine hohe Fontango und großen Reif- rock wie alle Damen um sie her, alles glaͤnzte von Brillanten, in denen die Sonne blinkerte wie in den Millionen Wassertropfen des herrlichen Springbrunnen. Damals fand ich die Brillan- ten aber interessanter, jetzt schwebt der ganze Auf- tritt vor mir wie ein Guckkastenbild, und wuͤßte ich nicht sicher, daß ich ihn wirklich sah, hielt ich die Hecken, und die Menschen, und die Handlung fuͤr einen Guckkasten-Vorgang. Im Jahre fuͤnf und neunzig hoͤrte ich unter manchen Zuͤgen, wel- che unsre satte Weichlichkeit so gern vergißt, wie in der Nacht des neunten Thermidor die Gefang- nen auf die Sturmglocken horchten, und auf die Laͤrmtrommel, und endlich unterbrach einer diese bange Stille und sagte: mir daͤucht ich werde heu- te Nacht achtzig Jahre alt. Wenn ich jene Zeit meines zwoͤlften Jahres rechne und jetzt, so sollte ich denken, ich waͤr ein Jahrtausend alt. Solche Hofpraͤsentationsauftritte gehoͤren aber nach Gaͤrten wie Herrenhausen, wo die Natur unter der Hand des Gaͤrtners eine willkuͤhrliche Umform angenommen hat, hierher wuͤnsche ich ein lach- und eßlustiges Voͤlkchen, auf die Baͤnke gelagert, in die Gaͤnge zerstreut, und statt dem Hofstaat in Fischbeinroͤcken, Tanz und Gesang. Das Land war von hier aus herrlich schoͤn be- baut; rechts geht der Schwarzwald fort, und macht mit seinen dunkel gekroͤnten Gipfeln einen reizenden Contrast gegen die Ebne, in der goldnes Saatkorn mit dem schoͤnsten Hanf und Klee, den ich je sah, abwechselte. Nahe bei Carlsruhe be- sahe mein Reisegefaͤhrte, ein geschickter Oekonom, einen fuͤrstlichen Meyerhof. Ich schlenderte mit, fand aber wenig Freude dabei, denn es sah oͤde aus. Mein Oekonom ging auch mit betruͤbten Gesichte herum und versicherte wie der Papagei in Goͤthes Voͤgeln: daß er unaussprechliche Seelen- leiden litt, weil hier vierzig Kuͤhe fraͤßen, wo zwei hundert gefuͤttert werden koͤnnten. Das ist allerdings aͤrgerlich, denn da Fressen der Kuͤhe Gluͤck ist, so wuͤnsche ich recht viele Gluͤckliche die- ser Art. Diese Landbauenthusiasten sind ein eig- nes Geschlecht. Die ganze Natur ist fuͤr sie eine große Dunganstalt, und die Allmacht Gottes of- fenbart sich ihnen ausschließend in der Produktion. Dabei haben sie seit einiger Zeit eine wunderbare Melodie zu ihrem Texte erfunden, die ihnen aber rechter Ernst ist, sie nennen ihr Geschaͤft reine Be- muͤhung zum Menschenwohl. Das ists nun in seinen unendlichen Folgen ganz unfehlbar, aber durch ihre Absicht doch nur sehr mittelbar. Moͤ- gen sie aber ihrem Beruf einen Namen geben wie sie wollen, hat man es ihrer Wissenschaft zu dan- ken, daß diese Gegenden so herrlich bluͤhen, un- geachtet so viele ruͤstige Arme ihrer Bewohner an der Donau die Sichel des Todes fuͤhren, statt hier die fetten Saaten zu faͤllen — so segne Gott ihre Wirksamkeit. Heidelberg war mir wie ein alter Jugendbe- kannter, mit dem ich ehemals Freude und Leid theilte. In den Morgenstunden meines Lebens saß ich unter seinen Ruinen und schwelgte in kin- dischem Schmerz, und die ehrwuͤrdige Groͤße der Truͤmmern veredelte mein Gefuͤhl. Mir daͤucht in der Jugend fuͤhrt Schmerz uns zum Gebet, ist Gebet; im Alter thut es die Freude. Denn das Beduͤrfniß inniger Gemuͤther Schmerz zu em- pfinden, ist doch nur Beduͤrfniß von der Erde auf- waͤrts zu steigen; wenn die Sonne des Lebens dann sinkt, vergoldet sie die Hoͤhen, die uͤber den langen Erdenschatten noch herausragen, und wir erkennen sie, und danken und beten. Diese Truͤm- mern waren nach so vielen Jahren das Bild mei- nes Lebens geworden, eine neue bluͤhende Schoͤ- pfung sproßte aus ihnen empor. Es haben gewiß viele Reisende von Heidelberg erzaͤhlt, ich glaube sogar, daß ich in meinen Waͤldern eines ganzen Buches uͤber Heidelberg habe erwaͤhnen hoͤren; hat man denn aber auch recht herzlich gesagt, wie schoͤn die Anlage um das alte Schloß ist? Sie ist ganz das Werk des Oberforstraths Gatterer. Hat denn wohl ein Bemuͤhen einen schoͤnern Lohn, wie die Wirkung die aus ihm selbst entspringt, ohne Lob, ohne Dank? Der Genuß dieser herrlichen Natur muß wohlthaͤtig seyn, denn gewiß, gewiß, unschuldige Freude macht gut, und das ist der Lohn des Mannes, der hier mit einem, jedem Schoͤnen offenen Sinn das Lokal benutzte. Aber welches Lokal! das schoͤnste Abendroth strahlte heute vom Himmel, und zeigte die Truͤmmern in ihrer ganzen Groͤße. Zu jedem Fenster blickte die Auferstehungsfarbe herein, — denn die Abend- roͤthe deutet mir immer auf Vollendung, so wie die Morgenroͤthe mir Wehmuth und Sorge er- weckt, wie der Anblick einer jungen Braut. O was wartet deiner! seufz ich mit vollem Herzen. Sinkt aber die Sonne und der rothe Glanz steigt auf, und zieht die keinen Wolken in sich hinein, und Ruhe gießt sich aus uͤber den Himmel, so schwingt sich die Seele auf in diese Farbenherrlich- keit, die sie immer nur als Schleier des Schoͤnern empfindet, das sie verbirgt, als Bild des Erhabnern, das sie bedarf. Mitten in dem Lichtglanze stand der praͤchtige gesprengte Thurm im Schatten. Wie in ein ungeheures Grab blickte man in die tiefen Gewoͤlbe, und oben uͤber ihm und neben ihm aus allen Mauerspalten nickte gruͤnes und bluͤhendes Gestraͤuch und bekraͤnzte die Zerstoͤrung mit stets erneutem Leben. Noch dunkler lag in der Tiefe der abgerissene Theil des Thurms, wie ein maͤchtiger Granitblock auf andre Felsen gestuͤtzt. Wie schmerzlich muß dieser herrliche Ort dem Menschen seyn, die in der Zerstoͤrung keine neue Schoͤpfung erblicken. Denn hier ist alles Zerstoͤ- rung, alles neues Leben und Schoͤpfung. Ich stand lange an der aͤußersten Spitze der Anlage gegen den Fluß, die erst neuerlich in Form einer Terrasse ist erbaut worden, wo sonst ein jaͤher stei- niger Abhang war. Ich dachte an die Zeit, wo in lebendiger Wildheit das Wasser des Neckars diese Schluchten grub, wo es dort, wo jetzt eini- ge Silberfaden von Suͤden nach Norden glaͤnzen, mit den maͤchtigen Stroͤmen zusammen floß, die von den Alpen herab himmelhohe Berge durch- brechen; dann dachte ich die Folgenreihe der Schoͤpfungen, wo stets die erste die folgende muͤtterlich in ihrem Schooße entwickelte, und dann unsterblich in ihr selbst unterging. Bis nun endlich diese Menschennester gebaut wurden von dem vergaͤnglichen Geschlecht, und es sich Jahrhunderte lang mit seiner ewig regen Liebe im Herzen an der Sonne und dem Gruͤn und dem silbernen Flusse erfreute, und wie nun diese Denk- mahle abscheulicher Kriegswuth wieder wohlthun, indem sie durch erhabene Bilder das Gemuͤth klein- lichen Sorgen entheben. Eltern, Vormuͤnder, wer ihr auch seid, wenn ihr eures Zoͤglings Herz gesund erhieltet, daß es sich uͤber eine große schoͤne Schoͤ- pfung freuen kann — schickt ihn nach Heidelberg! Ich begreife nicht, wie ein junger Mann, der hier mit offnem Gemuͤthe herkommt, roh, unsittlich werden kann. Das Schloß hat, wie es noch bestand, gewiß nicht den schoͤnen Anblick gewaͤhrt, den seine Truͤm- mern uns schenken. Das Gemisch von Bauarten aus verschiedenen Jahrhunderten, mußte damals unangenehm seyn, jetzt stehen sie beide da, im Denkmahl vergangner Zeiten. Der sehr verdiente Weinbrenner in Karlsruhe soll einige Spuren roͤ- mischer Vollendung unter den Truͤmmern gefun- den haben. Welchem Zeitalter gehoͤrte wohl der ungeheure Thurm, den die Gewalt des Pulvers nur wie einen Felsen hat sprengen koͤnnen, ohne ihn zu zerstuͤckeln? Das herabgestuͤrzte Mauer- stuͤck soll sieben und zwanzig Fuß dick seyn. Wo- zu er bestimmt war, ist sehr raͤthselhaft, da die Gewoͤlbe, die er Stockwerkweis uͤber einander enthaͤlt, gar keine Verbindung unter einander ha- ben, noch gehabt haben koͤnnen, als durch vier- eckigte Loͤcher, die in der Groͤße eines engen Schornsteins, von einem Gewoͤlbe in das andere gehen. Mich duͤnkt sie befinden sich alle auf der- selben Seite. An verschiedenen Orten finden sich große eiserne Ringe eingemauert, wahrscheinlich von der Zeit her, wo der Thurm noch eine Be- stimmung hatte. Von Treppen findet sich nir- gends eine Spur, und von einem Eingange am Fuße des Thurms scheint niemand etwas zu wis- sen. Wie wunderlich, daß wir den Gebrauch ei- nes so muͤhseeligen, fuͤr die Ewigkeit festen Ge- baͤudes, aus doch nicht so gar fernen Zeiten, gar nicht bestimmen koͤnnen. Mich weht aus diesen Gewoͤlben immer Kerkerluft an, und die leisen Luͤfte, die durch die Truͤmmern ziehen, rufen mir zu: Gedenke der Seufzer, die hier ver- hallten! Die schoͤne Fronte des neuen Schlosses erin- nerte mich an einen Auftritt, der kurz nach der Bartholomaͤusnacht in Paris hier vorfiel. Der Herzog von Anjou besuchte auf seinem Wege nach Polen, zu dessen Koͤnig er erwaͤhlt war, den Churfuͤrsten von der Pfalz hier auf seinem Schlos- se. Bei seinem Eintritt in die Hoͤfe empfing ihn kein Mensch, er ging bestuͤrzt bis an den Eingang des Schlosses, wo zwei deutsche Edle ihn erwar- teten, und schweigend die Treppe hinauf fuͤhr- ten. Im Vorsaal erblickte er zu beiden Seiten einen Haufen franzoͤsischer Hugenotten, die, der Mordnacht entflohen, bei dem Churfuͤrsten Schutz gefunden hatten, und jetzt ihn mit rache- fordernden Blicken begleiteten. Er tritt in das Audienzzimmer, und sein erster Blick faͤllt auf ein Gemaͤlde dem Eingang gegenuͤber, das des Admiral Coligny grausame Ermordung darstellt, und zu beiden Seiten des Churfuͤrsten stehen meh- rere franzoͤsische Große, die jener abscheulichen Verfolgung entgingen, und deren Auge der Prinz, wohin er tritt, begegnen muß. Margaretha von Valois ist es, wie mir daͤucht, welche diesen Auftritt erzaͤhlt. Er enthaͤlt einen unendlichen Umfang von Gefuͤhlen. Und es ist ein Moment! Und wie viele Menschengeschichten sah dieses Menschengebaͤude vergehen bis zu dem schreckli- chen Augenblick, wo es die franzoͤsische Willkuͤhr zerstoͤrte. Nun schweigt in den oͤden Mauern Schmerz und Rache und Freude, sie blicken auf das bluͤhende Land herab und scheinen uns zu sa- gen: seht wie viel schneller Gott wieder schafft, als die Menschen erbauen. Indem ich durch die Straßen ging, machte mich der Lohnbediente auf ein Schauspiel auf- merksam, das er sehr zu bewundern schien. Verschiedene Studirende hatten sich in Juden, Bauern und alte Buͤrger verkleidet, mit Peruͤcken, Lumpen und altfraͤnkischen Kamisoͤlern, jagten und fuhren so mehrmals durch die Stadt, worauf sie sich in ein nahgelegenes Dorf begaben, wo sie, wie der Lohnbediente innig froh versicherte, die Bauern recht plagen wuͤrden. Ich weiß nicht ob diese Juͤnglinge, wenn sie einst Maͤnner werden sollten, wie unser blutendes Jahrhundert sie be- darf, dieses Spaßes mit Stolz gedenken wer- den? Die thoͤrigste Lustigkeit ist unter Freun- den erlaubt, allein wenn man das Publikum zu Zeugen macht, veraͤndert sie die Gestalt. Ich achte ein Publikum nicht, dem ich mich so zeige, und ein Publikum, das Achtung verdient, achtet auch mich nicht, weil ich mich ihm so gezeigt habe. Dieses Jahr schien mir die Bergstraße nicht so reizend wie das vorige, wo ich, ungefaͤhr in denselben Tagen die Nacht in Heidelberg zubrach- te, und von seinen Schoͤnheiten nichts sah, als die Zinnen seiner Berge, die, wie mein Wagen sich vom Neckar abwendete, der erste Morgen- strahl vergoldete. Ich suche die mindere Schoͤn- heit, welche der Weg mir dieses Jahr bot in der Verschiedenheit der Anpflanzungen nahe am Wege, unter denen wenig Taback und Mais war — bei weiten die schoͤnsten Felder fuͤr das Auge — und den gaͤnzlichen Mangel an Obst. Voriges Jahr belebten die buntgefaͤrbten Fruͤchte das gruͤ- ne Laub, und deuteten auf die Freuden der Ernd- te, dieses Jahr erblickten wir weit und breit kein Obst, ja wir fanden auf dem ganzen Weg den Rhein herab nirgends Kirschen, um unsern, durch Staub und Hitze unleidlichen, Durst zu loͤschen. Zweiter Abschnitt . Mainz im Jul. 1809. M ainz nach siebzehn verfloßnen Jahren! — Ich hatte lange ernst mit mir gerechnet, ehe ich an die Rheinbruͤcke trat, vor der ich ausstieg. Ich ging an das Ufer hinab, und zog, den stillen Fluthen nachblickend, noch einmal die Bilanz zwischen den geweinten Thraͤnen, und der gewonnenen Zu- versicht — ohne daran zu denken, schoͤpfte ich Wasser mit der Hand, und benetzte meine bren- nenden Lippen: Psyche trinkt — und nicht vergebens, Ploͤtzlich in der Fluthen Grab, Sinkt das Nachtstuͤck ihres Lebens Wie ein Traumgesicht hinab. So ungefaͤhr war mir, und eine heitere kindliche Ruhe senkte sich in mein Gemuͤth, ich ging still wie ein Schatten uͤber die Bruͤcke und betrat das franzoͤsische Gebiet. — Man hatte mir von der Strenge, der Insolenz der Mauthbedienten gesprochen. Sie baten mich hoͤflich meinen Koffer zu oͤffnen; obenauf lagen ein Paar Portefeuilles mit Schriften und Land- karten, einige Buͤcher — darunter war der Kof- fer geschnallt. Ich war zur Seite getreten, um sie nicht zu stoͤren. „Da siehts sehr regelmaͤßig aus,“ sagten sie unter einander. „Sie koͤnnen fortan gehen,“ wendete sich der eine zu mir, in- dem er mit der Hand uͤber einen großen mir ge- hoͤrigen Nachtsack strich, ohne hinein zu fassen, und so langte ich ohne einen Sous zu zahlen in Mainz an. Von der alten Martinsburg ist der aͤlteste Theil eingeschossen oder niedergerissen, und das Uebrige irgend einem Gewerbe — ich glaube der Kaufmannschaft, zur Niederlage uͤberlassen. Wenn man uͤber die Bruͤcke kommt, erblickt man keine Veraͤnderung; was vom alten Schloß abge- tragen ist, kann man keinen Verlust nennen; es war ein widrig haͤßliches Gebaͤude. Die Insel zur rechten Hand, welche sonst die Churfuͤrstenaue hieß, war sonst bewachsener. Die Truͤmmer eines kleinen Pavillon blicken durch die duͤnnen Gebuͤsche — die Haͤuser der ehemaligen Hollanderei stehen B noch, und das schoͤne Gras der kleinen Insel naͤh- ret noch ihre Heerde. Sie gehoͤrt aber Privatleu- ten. Der Hafen kam mir jetzt lebhafter, das Ufer mit mehreren Schiffen bedeckt vor, als ich es ehemals bei einem vierjaͤhrigen Aufenthalte in Mainz sah. Meine Blicke suchten den zerstoͤrten Dom — dessen Kuppel ich, auf falsche Berichte hin, fuͤr a ngeschossen hielt. Wie sehr ward ich uͤberrascht, ihn wieder zu finden, dem Aeußern nach ganz unversehrt, die beiden kleinen Thuͤrm- chen an dem entgegengesetzten Ende der Kirche sind eingeschossen, aber mein großer majestaͤtischer Thurm, von dem ich oft die Strahlen der Abend- sonne zuruͤckstrahlen sah, auf dem so oft mein Blick ruhte, wenn ich im Mondenglanze von mei- nen spaͤten Wanderungen zuruͤck kam — mein ernster Thurm stand noch! Wie ich diese Kirche zum ersten Male besuchte. war Frohuleichuamsfest — ist es nicht ein eignes Schicksal, daß von sechs Menschen, die wir damals, alle in der Jugend- bluͤthe, dieses fuͤr uns fremde Fest besuchten, nach neunzehn Jahren niemand mehr lebt, als ich al- lein? — Es war Frohnleichnam, die Kirche duf- tete von den emporsteigenden Weihrauchwolken, die Sonne strahlte blendend auf die reiche Mon- stranz, die von Diamanten und Gold, selbst in Gestalt einer strahlenden Sonne, gearbeitet war. Fruͤhlingswehen saͤuselte in den heiligen Fahnen wie das Allerheiligste aus der Kirche uͤber dem Blumenpfad getragen ward, der uͤber den, mit zahllosem Volk angefuͤllten Platz fuͤhrte. Das schoͤne, schoͤne Fest! was koͤnnte aus ihm nicht ge- macht werden! gebt bei eurer Feste Feier euern Hausvaͤtern, euren Matronen, euren Jung- frauen wieder einen Antheil, eignet ihnen die Feiertage eurer kirchlichen Helden zu, vereint den Staatsbuͤrger mit der Staatsreligion, laßt vor dem Auge des Volkes den Mann das Weib erblik- ken, und trennt sie mehr im taͤglichen Leben, in welchem der Mann jetzt zum Weibe, und das Weib zum Manne wird, beide entartete Ge- schlechter. — Dann sah ich diese ehrwuͤrdigen Ge- baͤude wieder bei der Todtenfeier des Kaiser Jo- seph. Schwarz umhangen die hohen Saͤulen, der hohe Kataphalk, dieser und das Chor mit zahllo- sen gelben Kerzen erleuchtet, die Priester in Trauergewande gehuͤllt, leise uͤber den schwarz belegten Boden gleitend — das dumpfe Summen der Menge, dann die gedaͤmpften Schmerzentoͤne von der Orgel herab! — O wer einmal einem B 2 Hochamt beiwohnte fuͤr einen geliebten Todten, der bedarf Feßlers sinnreiche Auslegung des ka- tholischen Ritus nicht, um sich in seinen Ceren o- nien zu gefallen! Wenn die arme Erde dem be- raubten Herzen nichts mehr giebt, und die Augen noch zu stroͤmend weinen, um den ewigen Him- mel klar und rein zu sehen, was ersetzt da die menschliche Vermittelung, die diese Kirche in ihrer erhabnen Symbolik ihnen bietet? Nun ging ich den Truͤmmern weiter nach in das Innere des Doms. Einige Denkmahle sind beschaͤdigt, doch wenige, und im Ganzen unbe- traͤchtlich. Daß der Natur der Sache nach die Nasen an den Churfuͤrstenbildern am meisten lit- ten, ist fatal, aber unvermeidlich. Der hohe Thurm ist inwendig ganz ausgebrannt, — wenn das Holzwerk, welches das Feuer verzehrte, zu seiner Erhaltung nothwendig ist, so wuͤnsche ich sehr, daß man es wieder herstelle. Wahrschein- lich wuͤrden sehr einfache Anstalten zu diesem Zwecke hinreichen. Von dem Thiermarkte links ab, wo sonst ein Frauenkloster, ich glaube, der heiligen Agnes, stand, wird jetzt eine Straße ge- brochen, bis zu einem schoͤnen freien Platze, den man durch das Hinwegraͤumen einer Kirche ge- wann. Dieser Platz ist durch den Namen Gutten- berg zu einem besondern Eigenthum der Stadt Mainz gestempelt. An der einen Seite wird das neue Schauspielhaus nach einem sehr großen Pla- ne gebaut; die Truͤmmern der ehemaligen Dom- probstei geben einen Theil der Materialien dazu her, besonders zieren die großen Saͤulen, welche am Eingang jenes Ordensgebaͤudes standen, die- sen Tempel der Thalia. Die Domprobstei ward bald nach dem Anfang der Belagerung im Jahr 1793 ein Raub der Flammen, sie war neu er- baut, reich verziert, und die Wohnzimmer des geistlichen Herrn mit einer Zierlichkeit eingerichtet, welche sie weit eher zu dem Aufenthalt einer petite maitresse eignete. Wie ich einen allerliebsten acht- eckigen Salon mit himmelblauer Drapperie, ein elegantes Boudoir, ein sybaritisch verziertes Bad- zimmer daneben, durchstreifte, fiel mir des Tem- pelherrn staͤrriges: ein Schwert, ein Rock, ein Gott — sehr zur Unzeit ein, und ich dachte mir den langen Weg, auf welchem die Hoͤhlen der thebaischen Schwaͤrmer endlich solche Badezimmer geworden waͤren. Zwei Palais der Familie Dahl- berg liegen im Schutt, das eine ist, wie man mir sagte, vor kurzem fuͤr einige zwanzig tausend Gul- den von der Stadt gekauft worden, um die Mairie dahin zu verlegen. Außer diesen großen Haͤusern, die ihres Umfangs wegen das natuͤrliche Ziel der feindlichen Bomben sein mußten, fand ich keine Schutthaufen. An vielen Orten, in vieler Ruͤcksicht wird die Stadt verschoͤnert. Die Menschen, die vom Hof und Adel lebten, muͤssen sehr zuruͤckkom- men, alles was Dienerschaft war, und von ihr lebte, kann sich mit dem neuen Wesen nicht vertragen; allein wenn die Stimme der ver- schiedensten Menschen, von denen keiner ein Fran- zos war, etwas gilt, so nimmt der Wohlstand von Mainz vielmehr zu, als ab. Es ist immer sonderbar, Menschen sehnsuͤchtig sagen zu hoͤren: „Sonst, da fuhren so viele Equipagen!“ — in- deß sie demuͤthig neben diesen Equipagen zu Fuße gingen. Oder: „ja, wie bei Hofe noch die Conzerte und Feste waren!“ — die bescheiden von der Gallerie herab dem Glanz der Erdengoͤtter zusehen durften. Der grausame Verlust, nicht mehr der Unterste im Volke zu sein! — Von dem Lyceum sagte man mir viel Gutes; die Knaben, welche ich auf den Spaziergang aus- ziehen sah, hatten einen muntern Gang und froͤh- liche gesunde Gesichter. Ich wuͤnschte, das Lokal dieses Instituts laͤge auf einem freiern Platze. Die Erziehung hat in der freien Natur tausend Huͤlfs- mittel, welche die groͤßte Sorgfalt innerhalb der hohen Mauern einer Stadt nicht gewaͤhren kann. Unter den Lehrern kenne ich sehr wuͤrdige Maͤnner, von deren Einfluß sich das Beste erwarten laͤßt. Bis jetzt brachten es die Zeitumstaͤnde mit sich, daß ihre besten Zoͤglinge dem Kriegsruf folgten. Eine Sache, die mir auffiel, und die ich von an- dern Fremden, die Mainz ehemals kannten, be- urtheilen hoͤren moͤchte, war die sehr geringe Zahl ertraͤglich huͤbscher weiblicher Gesichter, die ich jetzt hier fand, im Vergleich mit der vergangnen Zeit. Damals waren die Buͤrgermaͤdchen sehr schoͤn, jetzt schien mir die ganze Classe vom sech- zehnten bis ins vier und zwanzigste Jahr ausge- storben zu seyn, und die unjugendlichen Gesichter wurden von ihrem Kopfputz gar nicht ver- schoͤnert. Zufaͤllig hoͤrte ich, daß eine Sitzung des Ju- stiztribunals sei, und ich eilte einem Auftritt bei- zuwohnen, den man in Deutschland noch nicht kennt. Sonderbar ruͤhrte es mich, das Tribunal der Gerechtigkeit in dem ehemalig graͤflich Stadion- schen Palais zu finden. Die Gerechtigkeit konnte nicht wuͤrdiger wohnen, als in dem Hause einer Familie, in der Geist und Guͤte so lange einwoh- nend war. Mit dem ganzen Gefuͤhl des unge- heuern Ganges, den das Schicksal genommen hat, ging ich vor dem Zimmer voruͤber, wo ich die alte Graͤfin, von ihren Kindern froh umgeben, gesehn hatte. — — Die Sache, welche eben vor dem Tribunale verhandelt ward, hatte kein be- sonderes Interesse; ein Franzose, wie es dem Na- men und der Sprache nach schien, ward beschul- digt, fuͤr die Befreiung eines Conscribirten dreißig Louisd’or genommen zu haben. Der Klaͤger war ein Deutscher, auch die Zeugen waren Deutsche. Vor den Richtern neben den Secretairen stand der Dollmetscher, — ein Deutscher — vor den Gra- dins, um welche diese erhoͤht sitzen, saßen an ei- nem Tische die beiden gerichtlichen Vertheidiger, welche der Angeklagte selbst waͤhlt. Das Verhoͤr ward in beiden Sprachen gefuͤhrt, und wenn in der Verdeutschung etwas dem Angeklagten Nach- theiliges gesagt ward, nahm der Vertheidiger das Wort, so wie der Dollmetscher Bemerkungen machte, wenn dem Deutschen nachtheilige Wen- dungen gebraucht wurden. Der Praͤsident, — bei dieser Sitzung Krankheits halber nicht Reb- mann, den man mit der lebhaftesten Achtung nennt, sondern ein Franzose, der kein Deutsch sprechen konnte — munterte zwei Mal den Deut- schen auf, sich Zeit zu nehmen, sich alles deutlich uͤbersetzen zu lassen. Der Angeklagte hatte ein lo- ses Maul, und redete sehr gelaͤufig, die Richter blieben sehr ruhig, sehr besonnen. Der Vortrag war ruhig, gar nicht rednerisch, und, sobald man die Sprache vertraut kennt, sehr deutlich. Ein feierlicher Moment war das Aufrufen der Zeugen, ehe ihr Verhoͤr anging. Sie mußten vor die Rich- ter treten, wo der Secretair ihnen sagte, sie muͤßten erst die Wichtigkeit ihrer Verantwortung hoͤren, ehe sie zur Aussage schritten. — Man las sie ihnen vor, sie war deutlich und strenge. Dann fragte sie der Dollmetscher, ob sie alles verstanden haͤtten? sie bejahten es laut. Nun blieb eine Weile alles in tiefer Stille. Dann fuͤhrte man sie, bis auf Einen, in ein entlege- nes Zimmer, indem nur immer einer auf einmal verhoͤrt werden mußte. An eben diesem Platze war der bei uns so beruͤchtigte Schinderhannes verhoͤrt und verurtheilt. Vor den Schranken er- scheint der Angeklagte ganz frei, sobald aber das Urtheil gesprochen ist, naht sich ihm der Nachrich- ter und legt ihm Fesseln an. Die Hinrichtungen sind leider nicht selten. Hat unter den vielen Schriftstellern, welche ihren Weltbuͤrgersinn in Druckschriften beurkun- den, noch keiner allen Nationen gerathen ihr Botany Bay zu haben? Dann waͤr’ es doch we- nigstens mit dem einen schaudervollen Moment geschehen, in welchem der Mensch es wagt zu nehmen, was seine Willkuͤhr nie schaffen kann — der durch das Richtschwert gefallne waͤr der einzi- ge Ungluͤckliche ohne Ruͤckkehr. Baugefangene, Gefaͤngnisse, Zuchthaͤuser zeigen sie uns jetzt zu Tausenden, — ja, so lange diese dauern, ist es das Gesetz, welches nicht nur den Leib toͤdtet, aber auch „die Seele toͤdtet bis zur Hoͤlle,“ wie die Schrift sagt. Gilt denn dem Staate das paar von Schande gelaͤhmte Arme so viel? und wenn der Gebrandmarkte jenseits der Mittagslinie zum nuͤtzlichen Menschen sich empor arbeitet, wird das dem Mutterlande nichts nuͤtzen? Wuͤrden die gebil- deten Nationen nicht gerne alle ihre irre geleiteten Bruͤder, die kein Zuchthaus je bessern wird, und ruhte Howards Geist in jedem Erbauer, iedem Aufse- her, in ein fernes Land schicken, wo die eiserne Nothwendigkeit sie mehr baͤndigte wie Schloͤsser und Riegel, wo auf einer neuen Erde unter ei- nem neuen Himmel der zerknickte Keim buͤrgerli- cher Ehre fuͤr sie wieder Wurzel fassen koͤnnte? Was mich am innigsten in Mainz anzog, kann ich nur fluͤchtig erwaͤhnen. Die Emmeranskirche steht unversehrt, ihren Kirchhof fand ich nicht mehr, es war ein Blumengarten daraus gemacht. Ich bat den Eigenthuͤmer hinein treten zu duͤrfen. — Kurz nachdem meine beiden Kinder vor vielen Jahren hier begraben wurden, stahl ich mich da- hin, fragte in des Mestmers Hause, wo das klei- ne Kreuz stehe, und dachte, ich wollte es mit trocknen Blicken betrachten. Die Frau des Mest- mers sah mitleidig, wie wenig ich das vermochte. „Es waren meine Kinder, sagte ich ihr leise, und gab ihr Geld, halte sie die Rasen rein!“ — Wenn ich das gewußt haͤtte, antwortete sie geruͤhrt, so haͤtte ich sie nicht hergefuͤhrt. — Jetzt wars anders! das schwere steinerne Kreuz war hinweg, und Blume draͤngte sich an Blume auf der Staͤtte des Grabes. O meine Blumen! — jetzt ist Auferstehung um euch her, und was nicht in Blumen auferstand, verließ mich ja nie! — Meine suͤßen Blumen! ich kuͤßte ver- stohlen eure irdische Schwestern um euch her, und haͤtte sie alle an mein Herz druͤcken moͤgen, aber ich pfluͤckte keine. Sie blickten alle hin zum ewi- gen Lichte, und ich blickte hinauf und wußte von keinem Tod mehr. — Da waren sonst Graͤber, sagte der Eigenthuͤmer, der hoͤflich zu mir kam — da waren sonst Graͤber! haͤtte ich gern laut jauch- zend geantwortet, auf das Allleben deutend, das mich umgab. Ich ging einsam durch die Straßen, indem ich den Lohnbedienten einen Auftrag gab, vor Jo- hannes von Muͤllers Hause voruͤber, dann vor Blau seinem, dann noch einmal uͤber den Aufer- stehungsgarten an der Emmeranskirche links her- auf — da wohnte Huber, ein paar Gassen weiter war Georg Forsters Wohnung. Jetzt taugte ich nicht mehr unter Menschen. — Ich eilte, rechts vom Muͤnsterthor einen alten Weg zu suchen, an einem kleinen Brunnen, den ich sonst kannte. Alles war anders, aber sein Wasser floß noch, und hier durften auch meine Thraͤnen fließen. Diese Menschen, wie sah ich sie streben, hoffen, kaͤm- pfen, und endlich die Wogen des Schicksals uͤber sie zusammen schlagen, und stolz fort sich waͤl- zend, wird sie ihr Andenken vertilgen. Ihr An- denken, aber nicht die Spuren ihres Wirkens in der ganzen wunderbaren Verschiedenheit ihres Willens und Vermoͤgens. Ruhet sanft in euren weit zerstreuten Graͤbern! auf den verschiedensten Wegen strebtet ihr nach einem Ziel — Licht, Lie- be, Leben. Nach diesem Momente konnte in Mainz mich nichts mehr anziehen. Ich ging durch das viel erweiterte Gartenfeld, welches in wenig Jahren ein Lustwald sein wird von Obstbaͤumen, Blumen und Alleen, in die nen gepflanzte schon herrlich gediehene Rheinallee. Eine vierfach gepflanzte Reihe von Linden, Pappeln und Akazien, wird hier bald die ehemaligen Schatten ersetzen. Dort nahm ich einen Kahn, und fuhr hinuͤber nach Bi- berich. Die Abendroͤthe vergoldete den Rhein, die Wellen spielten um das kleine Fahrzeug, ich verlor mich in den Andenken an die Vergangen- heit, und der ewigen Erneuung alles Vorhandnen. Wie die spielenden Wellen, stets eine der andern aͤhnlich, immer wieder eine andere ist, wie der huͤpfende Lichtstrahl auf ihr, stets blendend auf unermeßlichem Pfade in jedem Moment ein andrer zu uns gelangt, so war auch des Menschen Geist immer sich gleich stets anders, alles Gute immer wandelnd stets gut, und jener Maͤnner Leben, die in Ost und West nun schlafen, nicht vergeb- lich gelebt. Eine sanfte Stimme machte mich hier aufmerksam. Um die nahe Petersinsel fuhr ein Nachen her, ein junges Weib sang darin. Ich haͤtte sie schon laͤnger hoͤren sollen, meine Betrachtungen hatten mich daran verhindert, jetzt waren es die letzten Worte von Theklas Ge- sang, die ich vernahm: „ich habe gelebt und ge- liebet.“ Sie schwieg, alles schwieg. Die Schiffer hielten eine Weile mit ihren Rudern inne, und meine Wehmuth ward zur himmli- schen Ruhe. — Dritter Abschnitt . Ende Jul. 1809. I ch folgte dem Rath meiner Freunde und ließ mir in Mainz fuͤr mich und meine lieben Reise- gefaͤhrten ein paar Plaͤtze in dem Postschiff nach Coͤlln zusichern. Es sollte angenehm, sicher, be- quem sein, es war wundersam oͤkonomisch, und es war mir als gehoͤre es mit zu der voͤllige Ent- fremdung meiner jetzigen Umgebungen, auch ein- mal eine voͤllig fremde Art zu reisen zu versuchen. Frau von Stael sagt in der Corinna einige sehr tief gefuͤhlte Worte uͤber die Empfindung beim Reisen: „Reisen ist, was man auch sagen mag, eines „der traurigsten Vergnuͤgen des Lebens. Wenn „man sich in einer fremden Stadt wohl fuͤhlt, „so ist es immer, weil man schon anfaͤngt da „einheimisch zu werden. Aber unbekannte Laͤn- „der durchstreifen, eine Sprache reden zu hoͤ- „ren, die man nur nothduͤrftig versteht, mensch- „liche Gestalten sehen, die sich weder an unsre „Vergangenheit noch an unsre Zukunft knuͤpfen, „das ist Einsamkeit und Absonderung ohne „Ruhe, ohne Selbstgenuß. Denn dieses Stre- „ben, diese Eile, da anzukommen, wo uns „niemand erwartet, diese Unruhe, wovon „Neugier der einzige Grund ist, kann uns we- „nig Achtung fuͤr uns selbst einfloͤßen, bis zu „dem Augenblick, wo die neuen Gegenstaͤnde „schon ein wenig alt werden, und um uns her „einige sanfte Bande des Gefuͤhls und der Ge- „wohnheit stiften.“ Wie viel ließ sich noch hinzusetzen, besonders von der Wirkung der gaͤnzlichen Vereinzelung, die ein Weib auf Reisen in ganz fremden Gegenden empfindet. Wir haben gleichsam gar keine Buͤr- gen unsrer eignen Persoͤnlichkeit, wenn wir von unsern gewohnten Umgebungen getrennt, sei es auch noch so sicher geschuͤtzt, in der Welt stehen. Zuruͤckhaltend, schweigend, unser Innres vor dem fremden Auge verschließend, wie es Sitte und weibliches Gefuͤhl uns auflegt, verlieren wir ge- gen die Außenwelt alle Individualitaͤt, wir er- scheinen gleichsam im abstrakten Begriffe als Weib. Daher sich auch Maͤnner nicht karakteristischer zei- gen, als gegen eine anstaͤndige einsame Fremde, bei zufaͤlligen Zusammentreffen auf Reisen. Allein mich koͤnnte eine solche Vereinzelung, wenn sie dauerte, um den Verstand bringen. Nach drei Tagen ist mirs, als waͤre ich ein abgeschiedener Geist, und alles was ich bin und mich angeht, fremde Dinge, wie alles andre um mich her. Die stete Veraͤnderung der aͤußern Gegenstaͤnde und das stete Schweigen uͤber ihre Wirkung auf mein Gefuͤhl, mein lebhaftes Eindringen in alles frem- de Interesse, und starres verhuͤllen alles meini- gen, laͤhmt alle schnellen Uebergaͤnge meiner Phantasie, verhindert das sich Aneignen der Wahrnehmungen, sie stehen alle erstarrt vor mei- nem Verstande, und die Welt erscheint mir end- lich wie ein chinesisches Gemaͤlde ohne Perspek- tive, ohne Luft, schauderig, als stuͤnde ich außer- halb des Lebens, und blickte in seine bunten Sce- nen hinein. Unsre Koffer waren gepackt, unsre Geraͤth- schaft geruͤstet. Den … Juli nahmen wir Ab- schied von unsern gastfreien Freunden in Moos- bach, und gingen nach dem einige hundert Schritt entlegenen Bibrich, wo, der Abrede gemaͤß, das Postschiff landen sollte. Die Bestellung war se C vorsichtig gemacht, war durch die Haͤnde eines Mannes gegangen, dem sein Amt Einfluß auf die ganze Schiffergilde giebt, wir glaubten uns also ganz gesichert. Der Morgen war schoͤn, und nach dem gestrigen Regen kuͤßte die Sonne uͤber- all blitzende Juwelen von den Blumen und uͤppi- gen Weinranken hinweg. Man hatte uns gera- then, doch lieber um sechs Uhr schon an dem Ufer zu seyn, damit die andern Reisenden, die von oben herab kaͤmen, nicht warten muͤßten. Durch unsre Puͤnktlichkeit getrieben, waren wir denn auch wirklich vor sechs Uhr schon schwimmfer- tig , und waren es noch um neun Uhr, ohne daß ein Postschiff sich blicken ließ. Von sechs bis neun Uhr warten! — und waͤr es auf den Auen Eli- siums, und waͤr es in Abrahams Schooße, so hielt das keine menschliche Geduld aus. Daß die meinige schon laͤngst erschoͤpft war, merkte kein Mensch, denn ich machte es den Leuten so an- schaulich, daß es ein wahrer Genuß sei, hier mit Muse die schoͤne Natur zu bewundern, daß keiner sich unterstehen durfte auf die Schiffer zu fluchen, sondern, wenn auch mit Galle im Herzen, sich uͤber die ausgedehnte Gelegenheit, sie zu genießen, freuen mußte. Das nun abgerechnet, daß wir in diesem Augenblick gar nicht berufen waren, sie drei Stunden lang aus diesem Standpunkt zu beobachten, war sie wirklich unendlich schoͤn. Mainz lag so ruhig an der stillen Fluth, die seine Mauern mit Lichtstroͤmen umspielte, das Ufer, die Inseln blickten so jugendlich froh der steigen- den Sonne ins Antlitz — man begriff nicht, daß dieser liebliche Schauplatz je von Kanonendonner, je von Kriegsgeschrei beunruhigt worden war. Die gute Mutter Erde hatte fleißig gearbeitet, und es war ihr wohl gelungen, die Spuren aller Wun- den zu decken, welche die rauhe Hand ihrer Kin- der ihr schlug. Aber diese Kinder hatten auch thaͤ- tig geholfen. Wie viel besser sind beide Ufer an- gebauet, als vor zwanzig Jahren! Um Moosbach her hat der Ackerbau ausnehmend gewonnen. Hier sah ich auch eine Bauart angewandt, von der mir bisher nur in Obersachsen einige Versuche vor- gekommen waren. Ein sehr verdienter Landwirth dieser Gegend hat naͤhmlich Mauern und Haͤuser von Erdmauern, was im Franzoͤsischen pise heißt, aufgefuͤhrt, die nach mehrjaͤhriger Dauer ihrem Endzweck vollkommen entsprechen. Die Mauer ist so scharf gezogen, und steht so fest, daß sie dem Aeußern nach musterhaft ist, eine Scheune C 2 und ein Wohnhaus widerstehen eben so wie diese dem Wetter, und sind aͤußerst trocken und warm. Der Anwurf muß ohne Zweifel sehr sorgfaͤltig, und das Material dazu sehr gut seyn; wenn die- ses beruͤcksichtigt wird, ist diese Bauart fuͤr viele Gegenden gewiß ein unschaͤtzbarer Vortheil. Die Gebaͤude waren bis unter das Dach von Erdwaͤl- len aufgefuͤhrt, und das Dach hatte bei der Scheune anch noch eine ungewoͤhnliche Form, durch welche der sinnreiche Eigenthuͤmer viel Raum zu gewinnen hofft. Der Giebel ist nicht im Win- kel mit dem Gebaͤude, sondern steigt bogenfoͤrmig auf wie ein gothisches Fenster, so, daß die ganze Woͤlbung fuͤr den Raum gewonnen wird. Natuͤr- lich kann das Dach bei dieser Figur nicht von Bal- ken gezimmert werden, sondern die Stuͤtzen wer- den von sechs- oder achtfachen Brettern zusam- mengesetzt, die mit Naͤgeln fest verbunden und durch ihren Bau den Quatern eines Gewoͤlbes aͤh- nelnd, eine aͤußerst feste Stuͤtze fuͤr die Ziegel aus- machen. Bauverstaͤndige werden diese Bauart, ihre Vortheile und Nachtheile wohl kennen, da ich aber an Layen schreibe, und wir in unsern Ge- genden keine Steine, und viel elende Huͤtten ha- ben, so wird euch, ihr Lieben, dieser Bericht nicht ohne Interesse seyn. Ein paar so fleißige und einsichtsvolle Landbauer, wie der Besitzer die- ser Haͤuser, koͤnnten unsrer Gegend unendlich wohlthaͤtig werden. Dieser Mann geht einen so weisen Weg in der Anwendung neuer Methoden, und beibehalten, oder doch wenigstens beruͤcksich- tigen alter Gebraͤuche. Er ist einige Monate bei Fellenberg in Hofwyl gewesen, hat manches Ackergeraͤthe dort gebrauchen lernen, und ange- schafft, und fuͤhrt es behutsam, ohne Eile und besonders ohne Geraͤusch, in den Faͤllen, wo es nutzen kann, in seiner Feldwirthschaft ein. Bei ihm sah ich auch den ersten Branntweinkessel von Holz, wo die Masse durch einen in der Mitte des hoͤlzernen Kessels geheizten Ofen, zum Kochen gebracht wird. Seine Branntweinbrennerei ist sehr ansehnlich, und er findet bei dem Gebrauch dieses Kessels alle Vortheile der ehemaligen me- tallenen, und eine Holzersparniß, die diese Erfin- dung sehr empfehlenswuͤrdig macht. Bibrich hat ein sehr schoͤnes Schloß. Gegen den Rhein zu ist in dessen Mitte eine Art Rotun- da, welche im Innern auf porphirartigen Saͤulen mit goldner Verzierung ruhet, und beim Kerzen- schein, mit glaͤnzenden Leuten angefuͤllt, recht schoͤn aussehen muß, indem sie zugleich gegen den Rhein die bezauberndste Aussicht den Strom auf- und abwaͤrts, und auf das gegenuͤber liegende Ufer hat, dessen Anbau den disseitigen bei weitem noch uͤbertrifft, und besonders durch die zahllosen jungen Obstbaͤume den angenehmsten Eindruck hervorbringt. Es ist ein lieber, sanfter Wohnort, dieses Schloß! Hinter ihm ein artiger Garten, mit alten hohen Baͤumen und recht reichen, sprudeln- den, plaͤtschernden Wasserkuͤnstchen, die ich nie verwerfe; das freie Element sieht immer aus, als wenn es nur so zum Spaße den Kinderhaͤnden, die es leiten froͤhnen wollte — so wie es aber mit seines Gleichen an Freiheit und Groͤße, mit Luft und Licht in Beruͤhrung kommt, da spricht es mit ihnen seine mystische Sprache, und blitzt und lis- pelt und rausch in die Harmonien der ewigen Na- tur. — Da sah ich anderswo, bei einer meiner Wanderungen ein Spiel mit Wasser, das so kin- disch war, so kindisch! — und mich doch in seiner Eigenheit fesselte, und ahndende Gefuͤhle in mir erweckte. Ich sah einen kleinen Springbrunnen, wie er in allen Schweizergaͤrten zu finden ist, der einen zolldicken Wasserstrahl aus einem blechernen runden Becken empor schoß. Auf diese Roͤhre legte man eine sehr leichte, in der Groͤße eines kleinen Apfels, vergoldete Kugel; der Wasser- strahl hob sie Stoßweise bis zu seiner Hoͤhe, und oben blieb sie, ihr Streben herab zu stuͤrzen mit dem Strahl des Wassers kaͤmpfend, in einer huͤpfenden Bewegung lange, lange schweben, in- deß der Sonnenstrahl sie und das schaͤumende Wasser wunderbar erleuchtete; nun legten wir ei- ne zweite Kugel in den Wasserstrahl, sie stieg und stieg bis sie die erste erreicht hatte, und nun mit ihr den wunderlichsten Tanz begann. Das dauer- te so lange, bis eine geringe Ursache das Gleich- gewicht stoͤrte, und eine oder beide Kugeln aus dem Strudel herab in das Becken fiel, worauf wir unser kindisches Spiel erneuerten. Ich glau- be ihr findet das sehr geringfuͤgig, und dennoch hatte das Kaͤmpfen der Kugel in den huͤpfenden Wassertropfen ihr Streben nach Unten, und das aufgedrungene Gleichgewicht, in dem sie schweb- te, und das glaͤnzende Flimmern des goldnen Apfels in den crystallnen Tropfen, etwas sehr Anziehendes fuͤr meine spaͤhende, ahnende Phantasie. Nun, mir daͤucht die drei Stunden, die wir warteten, sind mit diesem Geschwaͤtz wohl ausge- fuͤllt worden. Wir brachten sie mit keinen wichti- gern Betrachtungen zu, und erhielten endlich die artige Nachricht, das Postschiff sei vor andert- halb Stunden hinter den Inseln am jenseitigen Ufer voruͤber gefahren. Die ganze Gesellschaft sah jetzt etwas dumm aus. Unser guͤtiger Wirth sagte uns einige verbindliche Dinge uͤber die Freu- de, uns wieder nach seinem hause zuruͤckzufuͤh- ren, die nur bedingt wahr waren, die wir mit eben solchen nur bedingt wahren beantworteten, worauf wir mit anscheinender Seelengroͤße wieder nach Moosbach zuruͤckzogen. Meine Papiere wa- ren eingepackt, meine Buͤcher, unser ganzes Ge- paͤck blieb in Bibrich, um den folgenden Morgen bei einem zweiten Versuch abzureisen, gleich bei der hand zu sein, und nun hatte der Tag noch viele Stunden, die ich auszufuͤllen gar kein Mit- tel hatte, als mein Strickzeug. Das ist eine be- schraͤnkte Beschaͤftigung! Ploͤtzlich lernte ich die Wege des Schicksals verstehen. Dieses mir aufge- drungene Geschenk von vier und zwanzig muͤßigen Stunden, war zu einem Besuch in Elfeld bei eurer alten Bonne bestimmt. Ich folgte dem Winke der waltenden Macht, und traf Anstalten, daß mich das morgende! Postschiff nicht zu Bibrich, sondern im Rheingan zu Elfeld abholen sollte. Nachmittags nahm ich mit meiner lieben * * in Bibrich einen Nachen, lud all unser Gepaͤck dar- auf, und so schwammen wir auf der braͤunlichen Fluth fort. — Den Ruf der Schmaragdgruͤnheit hat der Rhein dieses Jahr voͤllig verloren, er war truͤbe, und blieb es je weiter wir herunter fuhren, besonders war der Einfluß der bei Bingen einstroͤ- menden Nahe so uͤbermaͤchtig, daß es mir schien, als erholte sich der große Fluß gar nicht mehr von dieser Mesallianz, bis ihm sein seichtes Bert gegen die Niederlande zu ohnehin alles Karakteristische benimmt. Unser kurzer Aufenthalt in Elfeld haͤt- te sich zu einer ruͤhrenden Episode in einem mora- lischen Roman geeignet. Wiedersehen, Dankbar- keit, jugendliche Zuneigung, Erinnerung an Kin- derjahre — es freute mich herzlich, diesen Weg genommen zu haben. Indeß * * mit der guten Alten ein paar Gaͤrten besuchte, saß ich, und schrieb einen langen Brief an euch, meine Lieben, und am folgenden Morgen rufte uns das Post- schiff zur Fortsetzung unsrer Reise ab. Also waren wir nun wirklich auf dem Postschiff. Dieses Mal, meine guten Lieben, macht die all- gemeine Beobachtung zu schanden, daß anderer Erfahrung niemand klug mache — geht nie auf das Mainzer Postschiff! — Man hatte mir das Ding eine Jagd genannt, und hatte mir von Ca- juͤte und Verdeck gesprochen, und von promeniren auf dem einen, und seine Bequemlichkeit haben in der andern. — Hilf Himmel, wie ward mir! Nachdem wir bei rauhem Wind und Regenschauer vom Ufer, wo unsrer Alten ihre ganze Sippschaft versammelt war, um uns Heil und Segen zu wuͤnschen, in einem kleinen Nachen an das Schiff gerudert waren, schob man uns in einen Ver- schlag, wo auf zahlreichen Buͤndeln einige ver- wundete franzoͤsische Soldaten lagen. Dagegen hatte ich nichts, sie kamen von der Donau, und jedes Geschoͤpf, was daher kommt, haͤtte ich gern sanft gebettet. Nun drang ich durch eine enge Pforte in einen schmalen Raum, wo auf hoͤlzer- nen Baͤnken gegen zehn Personen uns neugierig ohne hoͤflich zu seyn, entgegen sahen. Drei schwangere Frauen, ein paar dem Handelsgotte gewidmete Juͤnglinge, und einige problematische Wesen, von denen allen ich jedoch einen Maire einer Stadt vom linken Ufer ausnehmen muß, der ein feiner Mann zu seyn schien, und sich sehr ab- gesondert und unabhaͤngig hielt — daraus’bestand die Gesellschaft. Dennoch kann ich von allen wie Antonius bei Caͤsars Leiche versichern, sie waren sehr ehrenwerthe Maͤnner, und auch der eine von ihnen, der einen großen Ulmer Pfeifenkopf so un- aufhoͤrlich im Munde fuͤhrte, daß ich auf den Verdacht kam, er sey mit ihm geboren worden, war auch gewiß ein sehr ehrenwerther Mann — allein demungeachtet blickten wir aͤngstlich nach den ziehenden Wolken, die bei unserm Eintritt mil- de uͤber unser Schicksal geweint hatten — ihr Au- ge ward trocken — sie gaben uns wahrscheinlich den Unterirdischen dahin, und wir schluͤpften auf wunderlichen Wegen zu dieser Hoͤhle heraus auf das nasse Verdeck. Da nahm nun der Mast die Mitte eines sechs bis acht Schuh breiten Raumes ein, ein Brett, welches angelegt wurde um zu lan- den, lag queer uͤber die wackeligen Balustraden des Verdecks, die, nur einen Schuh hoch, keinen Menschen, noch Dinge verhinderten ins Wasser zu rollen. Auf diesem nassen Brette schlugen wir unsre Residenz auf. Aus der Schlucht, welche in die Unterwelt fuͤhrte, tauchte von Zeit zu Zeit einer ihrer Bewohner auf, und fragte — erinner- ten sie mich doch an Dantes Hoͤlle! — nicht: was ists an der Zeit? sondern: was ists fuͤr Wetter? ich antwortete ihnen aber immer wie Dantes Teu- fel: schlechtes Wetter, schlechtes Wetter! Denn damit hoffte ich sie unten zu halten in ihrem Schwefelpfuhl. Nach und nach ward ich doch mit ihnen bekannt, ohne selbst aus meiner Stumm- heit herauszugehen. Die Mercuriussoͤhne mach- ten sich besonders bemerklich, denn das ist ein gar zuversichtliches Geschlecht, das sich, so lange es Duͤtchen macht und Ballen bindet, sehr sorgen- los uͤber die Welthaͤndel und zufrieden mit seiner Miniatur-Individualitaͤt umher bewegt. Das leichte junge Blut erzaͤhlte sich von den Frankfurter schoͤnen Damen, las sich endlich gar Verse von ihnen vor und schrieb sie sehr muͤhselig ab — ich denke ihre Handelsbriefe schreiben sie schneller, sonst haͤtten ihre Herrn Prinzipale klagen muͤssen. Wie die Sonne heraus kam, krochen die franzoͤsischen Sol- daten auf das Verdeck, sie waren alle verwundet, und gingen in ihr Depot, die Verstuͤmmelten in ihre Heimath zuruͤck. Der eine erregte wehmuͤthi- ge Empfindungen in mir. Ich bezeigte ihm mei- ne Theilnahme wegen seinen lahmen Fuß. „Das ist nichts, antwortete er bitter, Ermuͤdung zu tragen und Wunden, das ist leicht, aber Verach- tung, das thut weh. Auf meine Antwort, die ihr euch denken koͤnnt, sagte er: Doch, man verachtet heut zu Tage den Krieger; wo wir hinkamen miß- handelte man uns und unser Blut und Leben er- kauft uns Undank — warum schlagen sich diese Menschen nicht selbst, wenn sie unsre Huͤlfe nicht wollen?„ — Ein anderer trug den Arm in der Binde und sang froͤhlich in die Luͤfte; ein paar andere saßen und scherzten von ihren Schlachten, und erzaͤhlten sich wo sie gefochten hatten, denn hier fuͤhrte sie der Zufall zusammen. Der Misan- throp ward in Regensburg verwundet und hatte dann zwei Monate in Ulm im Hospital gelegen, der andere ward bei Landshut verabschiedet. Der eine Handelsmann im Keime, setzte sich zu ihnen, und ließ sich erzaͤhlen. Nun gings an ein Schwatzen, von dem ich, beim Wellen- und Ru- derschlag in der Entfernung nichts Zusammenhaͤn- gendes verstand; es mußte von einer Anrede, oder irgend einer andern Persoͤnlichkeit des Kaisers die Rede sein, denn sie riefen mehrere Male: vive l Empereur! und die beiden einarmigen schwan- gen dabei was sie noch an Armen uͤbrig hatten. Das ist ein wunderliches Volk! Der Misanthrop erzaͤhlte eben so lebhaft wie die andern — er mochte den Punkt fuͤhlen, der sein verletztes Gefuͤhl heilte. Das Wetter, obschon es nicht recht freundlich war, erlaubte uns, den ganzen Tag auf dem Ver- decke zu sein; allein mein Plan, recht viel auf dem Schiffe zu schreiben, recht still in mich gekehrt der Gegend zu genießen, war ganz unausfuͤhrbar. Oft gelang es mir zwar, mich von den widrigen Toͤnen und Gestalten um mich her, ganz abzu- ziehen, und dann schaute ich um mich, und war bei euch, und schweifte in der Vergangenheit um- her, deren reiche Erinnerung sich vielfach an die Gegenwart anknuͤpfte. — Ja, ich haͤtte wahr- scheinlich bei den guͤnstigsten Umstaͤnden die Feder nicht angeruͤhrt, nur mit mehr Ruhe und Genuß haͤtte ich geschwaͤrmt. Gewiß giebt es kein siche- reres Mittel jeden Eindruck zu schwaͤchen, als wenn wir jeden vorkommenden Gegenstand mit einem groͤßern aͤhnlicher Gattung vergleichen. Mir hat mancher Reisebeschreiber damit boͤse Laune ge- macht, wenn er den plauischen Grund eine Alpen- gegend, und die Elbe eine Silberfluth nannte. Eine Menge solcher Vergleiche und Exklamationen vom Ungeheuern, Majestaͤtischen, Himmelhohen und Grausenvollen, draͤngten sich mir bei unserer Annaͤherung nach Bingen in das Gedaͤchtniß, und ich mußte recht eigentlich uͤber mich wachen, um nicht aus heiliger Auflehnungssucht gegen die de- klamatorischen Beschreibungen der Rheinfarth, diese Gegend nun wirklich mit der Schweiz zu vergleichen. Durch einen besondern Umstand ver- anlaßt, drang es sich mir aber doch, obschon oh- ne alle Partheilichkeit, auf. Der Weg von Solo- thurn nach Basel hat wirklich eine sonderbare Aehnlichkeit von der Rheinfarth von Bingen nach Coblenz, in so weit schroffe Felsen, und alte Schloͤsser ihn karakterisiren. So wie man hier auf dem Rhein, als der Tiefe eines Felsenthals faͤhrt, faͤhrt man dort auf der Chaussee. Am Rhein sind alle Fleckchen fruchtbarer Erde muͤhselig mit Re- ben bepflanzt, auf der Schweizerstraße waͤchst auf ihnen frei und froͤhlich gruͤnes Gras. Hier stehen hart am Felsenufer rauchige Steinklumpen, wo die Menschen aus schmutzigen Mauerloͤchern her- ausgucken; dort freundliche Huͤtten auf den klei- nen Auen am klaren Bach. Dort fahre ich auf staubigem, brennenden Felsweg, klimme herauf, und klettre herab; hier gleitet der Nachen auf der kraͤuselnden Fluth. Aber der Unterschied zwischen den hohen Ufern, zwischen denen ich hier durch- fahre, und den untern Stufen majestaͤtischer Bergreihen, zwischen denen ich dort hinschreite, ward mir besonders merklich bei dem Anblick der alten Burgen. Dort am Solothurner Wege ste- hen die maͤchtigen Truͤmmern in der Naͤhe des Weges — der auch zur Zeit ihrer Erbauung einer der Durchzuͤge von Deutschland nach Italien seyn mochte, — auf hohen Huͤgeln wie die anscheinen- de Kleinheit der Thuͤrme beweißt, an denen man, wenn man nahe dabei ist, dennoch den Kopf hoch aufhebt, um sie zu messen; aber diese Huͤgel mit ihren hohen Thuͤrmen, reichen den hinter ihnen liegenden ganz nahen Bergen nicht bis an das Drittheil ihrer Hoͤhe. Ernst und dunkel steigen die- se hoch, hoch uͤber das Menschenwerk hinaus, und wo ihre Tannen und Felswaͤnde aufhoͤren, ragen die Schneefelder der noch hoͤhern Gebirge glaͤn- zend im Aether uͤber sie alle empor. Auf dem Rhein sind uns die Gegenstaͤnde, um wahrhaft malerisch zu seyn, schon in zu großer Naͤhe — die Ufer, die Mauern beaͤngstigen mich, und so wie ich herauf und herab eine der Ruinen betrach- te, gewahre ich, daß ich nicht in einem Gebirgsthale, sondern zwischen einem ho- hen Ufer fahre — die Truͤmmern haben uͤber- all den Himmel zum Grunde, sie sind der hoͤchste Punkt. Hoͤchst erquickend ist die Wirkung, wenn man sich ganz von der gegenwaͤrtigen Zeit abziehend, in jene Zeiten versetzt, wo diese Burgen bewohnt waren. Wie in allen diesen Felsennestern die Ge- waltsamkeit herrschte, die Selbstrache zum Rich- ter gestempelt war; wie alle diese Huͤtten am Ufer mit ihren arbeitsamen Bewohnern der Willkuͤhr je- ner ausgesetzt waren; wie die Betglocke der einzi- ge Friedenston war, und Priesterkuͤnste das ein- zige feindliche Regiment. Ich sah die alten Rit- ter in ihren verworrenen Begriffen von Freiheit und Vorrechten — zwei unvereinbaren Anspruͤ- chen — aus ihren Schloßpforten ausreiten, sah die Hausfrau aus den kleinen schmalen Fenster- chen, den Rosenkranz in der Hand, ihnen betend nachblicken; hoͤrte den Pilger an dem Thore laͤu- ten und ihn gastfrei bewirthet den Wissenstrieb des Hofgesindes mit abentheuerlichen Erzahlungen naͤhren, die dazumal unter so vielem Falschen, den- noch den zarten Keim der Wissenschaften zu erhal- ten beitrugen. Mir wars als saͤhe ich Abends noch das kleine Laͤmpchen aus dem dunkeln Gema- che herausblicken, und die wackre Edelfrau an der Wiege ihres kranken Herrleins wachend, in der stillen Nacht die Wellen des Flusses behorchen; — D dann bemerkte ich in einer Reihe etwas groͤßerer Fenster die Halle, wo in roher Lust die Becher klangen, und erblickte im fernen Bethaͤuschen, dessen Kreuz hinter dem Felsen hervorsteht, den frommen Klausner, der die Hora laͤutend, durch die Kluft her den Becherklang hoͤrt, indeß der Ton seiner Glocke unten am Ufer einem Sterben- den, oder im Schloßkerker einem Unterdruͤckten Trost und Staͤrkung giebt. Mir ward ganz un- heimlich bei der Lebhaftigkeit meiner Vorstellun- gen. Ich sah den Rhein herauf, wie der un- gluͤckliche Kaiser Heinrich in Speier den niedern Dienst eines Kirchenknechts, um seinen Unterhalt zu sichern, vergeblich flehte, ich sah hinab, und erblickte seinen Leichnam unbegraben in Luͤttich stehen, sah jede einzelne Voͤlkerschaft Deutsch- lands mit der andern in Krieg die Abgruͤnde er- weitern, die endlich das Volk einer Sprache zu den unversoͤhnlichsten Feinden gemacht hat, die insgesammt tief gesunken, sich noch mit ihren eig- nen Fesseln zerfleischen. — Unwillig wandte ich mein Gesicht ab — nicht von jenen Zeiten, die in der Kette der Dinge klar dastehen, aber uͤber jene Menschen, die uns jene Zeiten als das Bluͤtheal- ter der Nation vorstellen. Welche herrliche Bluͤ- the! an ihren Fruͤchten erkennen wir sie, und koͤn- nen stolz darauf seyn. Warum uns doch Ruinen der Vorzeit so poe- tisch aus uns selbst fuͤhren, indeß neue Ruinen uns so beengend an uns selbst mahnen? In jenen Mauern, aus welchen hohe Baͤume zu wachsen schon Zeit hatten, freute man sich und weinte, wie in diesen Truͤmmern, wo die schwarzen Stei- ne noch den Gang der Flamme bezeichnen. Alle die Schmerzentoͤne, die in jenen Gewoͤlben ver- hallten, thun dir also gar nichts, weil ein paar Jahrhunderte uͤber sie hinflogen? — Der Bewoh- ner dieses Schlosses, dieses Hauses, das vor we- nig Jahren der Krieg zerstoͤrte, fand bei seinem naͤchsten Nachbar Schutz, sein Gewerbe, oder die Verhaͤltnisse des Landes gaben ihm Mittel neuen Unterhalt zu finden, oder uͤbrige Huͤlfsquellen zu benutzen. — Welche Rettung aber blieb den Ge- plunderten, Abgebrannten jener Jahrhunderte? die Rettung der Knechtschaft aufs hoͤchste, — der Lehnsherr ließ sie nicht ganz untergehen, weil sie zu seinen Viehheerden gehoͤrten, außerdem der Hungertod in den Waͤldern, und die Erloͤsung durch die Pest, welche langen Kriegszuͤgen auf dem Fuße nachfolgte. Das Schicksal jener D 2 Ruinen, von einem Haͤuflein Reichstruppen be- rannt zu werden, wird unsrer Wohnung nicht na- hen, doch so wie der Besitzer dieser Haͤuser, koͤnnte auch deines eine Haubitze zerstoͤren, deswegen hast du beim Anblick jener alten Ritterburg Zeit zu schoͤnen Empfindungen, die Truͤmmern des verfloßnen Jahres mahnen dich aber an das Un- gluͤck, was dir selbst noch drohen kann. Dieser Unterschied zwischen alten und neuen Ruinen ist nirgends auffallender als in St. Goar. Auf dem Abhange des Berges liegt das alte Schloß, das vor dem Kriege eines der schoͤnsten am Rheinufer war, in großen, schoͤnen Massen zertruͤmmert, unten am Ufer stehen die Mauern der schoͤnen Ca- sernen, die etwas spaͤter, wie ich glaube, zer- stoͤrt wurden. Als Gegenstand der Darstellung scheint es mir leicht wahrzunehmen, warum die Truͤmmern aus dem dreizehnten Jahrhundert vor- theilhafter erscheinen, wie die aus unsrer Zeit. — Die Unregelmaͤßigkeit jener Bauart, die getrenn- ten Massen, geben der Phantasie Spielraum, sich in jedem Einzelnen noch etwas Ganzes zu denken, und in der Truͤmmer ist noch Groͤße; dagegen ei- ne Fronte, die in gerader Linie dreißig Fenster hatte, wenn sie theilweise eingestuͤrzt ist, nur schmerzlich aufdringt was ihr fehlt, keines ihrer einzelnen Theile giebt ein vollendetes Bild wie der runde Thurm, das hohe Gewoͤlbe des Mittel- alters, noch die vollendete Saͤule der Vorzeit. Der widrige Wind und die Saumseligkeit der Schiffleute ließ uns nur bis Boppart kommen, wo wir in einer Schenke, Krug, Kneipe und coupe gorge uͤbernachteten, wie ich sie auf meinen weit- laͤuftigen Kreuz- und Queerzuͤgen nie widriger antraf. Der Begriff von einem Bettzeug war den Leuten ganz fremd, die Forderung von Waschwas- ser und dergleichen Toilettenbeduͤrfnissen behandel- ten sie wie einen voͤllig ungereimten Einfall, und ein Fruͤhstuͤck, das wir um halb drei Uhr haben wollten, weil die Schiffer um drei Uhr abzufah- ren im Sinne hatten, schlugen sie uns geradezu ab, weil so fruͤh niemand Feuer mache. Da des Menschen einziger wahrer Besitz Erfahrung ist, stiegen wir, sehr bereichert an diesem Schatz, aber mit sehr leerem Magen um drei Uhr wieder auf unser Verdeck. Der Mond sank g egen das west- liche Ufer hinab, dunkle Wolker gingen vor ihm voruͤber, durch die er zuweile n wehmuͤthig und glanzlos durchblickte, bis er e ndlich, selbst einer blassen Wolke gleich vor einer gelblichen strahlen- losen Morgensonne verblich. Der Morgen war truͤbe wie das Schicksal, und die Gegenstaͤnde folgten sich verworren und gestaltlos wie die Tha- ten der Menschen. Ein Umstand trug noch dazu bei, mich den Morgen mit wehem Herzen anfan- gen zu lassen. Die verkruͤppelten Krieger, wel- che mit uns fuhren, und bei weitem die selbststaͤn- digsten, unlaͤstigsten Mitglieder der Gesellschaft waren, hatten bei unsrer Ankunft am dem vori- gen Abend um neun Uhr Einquartierungsbillets erhalten. Die weniger Kranken waren die ersten auf dem Platze, besonders ein handloser Geselle sang und schaͤckerte schon um zwei Uhr vor der Thuͤre des Gasthofes; allein zwei voͤllig Lahme, die mir bei unsrer Ankunft im Herzen weh thaten, wie sie mit ihren zwei Kruͤcken, ohne daß einer der ruͤstigen jungen Mitreisenden ihnen half, das weiche steile Ufer hinauf klimmten, in dem ihre Stuͤtzen immer stecken blieben, diese zwei Armen waren in der zur Abfarth bestimmten Stunde noch nicht da. O das rohe Schimpfen, Spotten, Schmaͤhen, mit dem diese Menschen erwartet wur- den, das grimmige Schweigen ihrer Kameraden! Endlich nachdem Schiffer und Schiffgesellschaft, lauter Deutsche, ihren Witz erschoͤpft hatten, ruderte das Schiff fort, die beiden Verstuͤmmel- ten zuruͤcklassend, ihre Buͤndel nahmen sie mit, die wollten sie in Koblenz ans Land werfen, es wuͤrde nichts darin seyn, das zum Stehlen verfuͤhr- te. Ich setze gar nichts hinzu. — Moͤchte doch aber von diesen Maͤnnern, einer oder der andere, wenn ihm vielleicht in wenig Wochen die Reihe trifft gegen den Feind zu ziehen, moͤchte er in eure Naͤhe kommen, meine Lieben, moͤchtet ihr eure Pflichten als Menschen und Buͤrger gegen ihn er- fuͤllen koͤnnen, wie ihr es gegen so viele, viele thatet. Vielleicht daͤchte er dann, gelabt, ge- pflegt, seine zerschmetterten Glieder von eurer Hand unterstuͤtzt — vielleicht daͤchte er dann an seine niedrige Haͤrte gegen seine Mitbuͤrger in Bop- part. Besonders die beiden Ladendiener, die ge- stern empfindsame Verse abgeschrieben hatten, er- regten meinen Unwillen, die waren jung und hat- ten den vergangnen Abend bei einigen Flaschen gu- ten Rheinwein verlebt, aber bei dem Warten einer halben Stunde fiel es keinem ein, hinzuspringen und die Saͤumenden zu rufen, und wie bei der Ankunft die Lahmen im tiefen Sande strauchelten, lachten sie laͤppisch uͤber die komischen Geberden, und kei- ner bot ihnen den Arm. Bis nach Koblenz, welches wir nach einigen Stunden erreichten, war der Wind ziemlich ruhig. Das artige Staͤdtchen gewaͤhrte uns in einem sehr saubern Gasthof ein gutes Fruͤhstuͤck, welches mei- ne gute * * mit mir an einem Fenster am Rhein einnahm, das die Aussicht auf Ehrenbreitenstein hatte. Koblenz hat nach meinem Beduͤnken eine der schoͤnsten Lagen die Deutschland gewaͤhlt. Die verfallnen Mauern des alten Churfuͤrstlichen Schlosses werden einst von dem Huͤgel hinwegge- raͤumt werden, der mit seinen zerstoͤrten Festungs- werken noch immer einen malerischen Anblick ge- waͤhrt, vielleicht deckt ihn der Genius des Friedens so lange mit seinem Fittig, daß Baͤume da em- porwachsen, wo jetzt die oͤden Steinhaufen stehen. — O dazu schuf die Natur diese felsige, kuͤhne Hoͤhe, nicht zum Untergang der stillen Huͤtten an ihrem Fuße, der froͤhlichen Menschen in der guten Stadt gegenuͤber. Ganz erquickt von dem Fruͤhstuͤck, dem Auf- enthalt in einem schoͤnen Zimmer, und einem hei- teren Himmel, der zu glaͤnzen begann, bestiegen wir nach einer kleinen Stunde von neuem unser Fahrzeug. Unsre Reisegefaͤhrten hatten sich nach und nach alle zerstreut — in Bingen, Boppart, Koblenz zogen sie ihre Straßen landeinwaͤrts, uns blieb noch eine ehrliche Buͤrgerin aus Neuwied, die Verwandte am Oberrhein besucht hatte, und dabei eines kleinen Handels mit Putzwaaren pfleg- te, wie sie uns, auf ein paar ungeheure Papp- schachteln zeigend, anvertraute. Die gute Seele ist unschuldig an den Moden die sie verbreitet, sie weiß gewiß nicht was sie thut. Ihr eigner Anzug war der Beweis, daß ihr eignes Beispiel keinen Modeleichtsinn lehre. Sie war so sauber und alt- fraͤnkisch gekleidet, daß ich sie, bis das Geheim- niß der Pappschachteln ans Licht’kam, fuͤr eine Herrenhuterin hielt. Wie Neuwied an der Was- serflaͤche erschien, ging ihr das Herz auf — sie bahnte und putzte an ihrer schwarztaftenen Schuͤr- ze, und erzaͤhlte mir — die sie bis jetzt unsrer Verdecksresidenz wegen, noch gar nicht gesehen hatte, daß in Neuwied eine verheirathete Tochter und zwei Enkel ihrer warteten. Guter Gott! wie freute mich die Frau mit ihrer verschaͤmten, ver- traulichen Mittheilung; ich sagte ihr, daß ich von meinen Kindern und Enkeln abwaͤrts reiste, auf dem Strom der sie zu ihnen fuͤhrt, und prieß sie gluͤcklich. Wie koͤnnen die Menschen mich ruͤhren, die da abbluͤhen wo sie entsproßt sind, die Sonn- tags den Kirchhof besuchen koͤnnen, wo ihre El- tern schlafen, und am Neujahrstag Enkel und Kinder zu einem Familienmale laden. Mir ist das so heilig, wie die Unschuld eines Kindes. — Nachdem diese gute Großmama bei Neuwied ans Land gerudert war, blieb uns nur noch ein Frauenzimmer uͤbrig, die in jedem niedrigkomi- schen Roman eine Rolle haͤtte spielen koͤnnen. Ei- ne Berlinerin wie sie sagte, und ihre Sprache nicht widerlegte; sie war mit ihrem Manue in ir- gend einem Dienstverhaͤltniß mit einem franzoͤsi- schen General, von dem sie immer sprach als muͤßte er mit so bekannt wie mein leiblicher Vet- ter seyn, ihn aber nur „den General“ nannte, als habe Frankreich und die Welt keinen andern, was mir denn vieles Denken ersparte, weil ich mich bei ihrem widrigen, anmßenden, und den- noch uͤberall nach Armseligkeit schmeckenden Ge- schwaͤtz, glaͤubig an den abstrakteu Begriff eines Generals hielt. Sie wollte zu ihren Schwieger- eltern nach Crefeld, und aͤngstigte sich sehr uͤber die Mittel eine Anzahl Muselin und Basinreste, durch die Douane bei Coͤlln einzuschwaͤrzen. Ich rieth ihr eine Art Unterrock daraus zusammen zu reihen, welches keinen Verdacht erregen werde, welchen Rath sie zu meiner unendlichen Freude befolgte. Da sie hochschwanger war, ward sie davon so dick wie eine Tonne, wodurch sie bei ih- rer ansehnlichen Laͤnge zu einer wahren Karrikatur ward. Wie es bei der Douane aussehen wuͤrde wußte ich nicht, es kuͤmmerte mich aber auch nicht, da ich alle Uebertretung des Gesetzes ver- abscheue, und besonders dieses so leicht zu befol- gende, das nur aus Uebermuth oder der rohesten Unfeinheit von einem Frauenzimmer uͤbertreten werden kann, da sie sich stets gegen die Douaniers aussetzt, aber diese mochten sich fuͤrchten mit die- ser Virago Haͤndel zu bekommen, denn ich sah sie bald nach unserer Ankunft in Coͤlln uͤber die Straße gehen — sie hatte ihren kuͤnstlichen Unterrock also gluͤcklich eingeschwaͤrzt. Von Neuwied aus begann der Wind an Staͤr- ke und Widrigkeit zuzunehmen. Gluͤcklicherweise hatten wir nun Raum in der Kajuͤte. Indeß die Berlinerin * * von dem einzigen General erzaͤhl- te, schrieb ich einige Stunden, und trank Nach- mittags sogar Thee auf dem Schiff, wozu ich unsre Reisegefaͤhrtin einlud, und ich ihr dadurch wie es schien von meiner Liberalitaͤt einen sehr großen Begriff machte. Sie ging in dem Maße in die Rolle einer Kammerfrau zuruͤck, in welcher meine Art von Hoͤflichkeit sie bei einem laͤngern Beisammenseyn belehrte, daß nur der Zufall uns zusammen fuͤhre. Dieser sonderbare Akt in dem gemeinen Menschen jedes Standes sich an ihren Platz zu stellen, sobald man selbst an dem seinen steht, ist sehr sonderbar. Er kann sich nur in der conventionellen Welt bilden, und beruhet doch al- lein auf einer nicht zu uͤbertaͤubenden Stimme in ihrer innern Natur. Sturm und Wellen nahmen von Minute zu Minute an Heftigkeit zu; der Regen schlug an das Schiff, der Wind riß das Seegel mehrere Mal in das Wasser; die Schiffer schrieen und und schienen mir sehr ungeschickt, denn ehe sie die Seegel auf- und niederließen, bedurfte es ei- ner so geraumen Zeit, daß ein Schiff auf dem Ocean bei gleichem Zeitmaaß uͤbel berathen waͤr. Wir lavirten sehr nachtheilig, und jedes Mal das wir bei dieser Bewegung an das rechte Ufer ka- men, drehte sich das Fahrzeug ein paar Mal im Kreise herum, bis es der Wind im Ruͤcken gefaßt hatte, worauf er es gewaltsam Strom auf an das rechte Ufer zuruͤck jagte; dort angelangt, suchten die Schiffer den Wind ganz schraͤg mit den See- geln zu fangen, und schifften wieder nach dem rechten Ufer uͤber. Bei dieser Ueberfahrt lag das Schiff ganz seitwaͤrts und schwankte gewaltig. Da ließ sich unter Lienz ein Mann an Bord ru- dern, der ein guter Schutzgeist in einer sehr possier- lichen Gestalt war — so eine alte Chodowiekische Karrikatur von einem Hollaͤnder, mit schwarzer Stutzperuͤcke und altfraͤnkischem Rock, breit und unerschuͤtterlich wie ein Fels — der trieb wohl das Schifferwesen aus Liebhaberei, denn so wie er eintrat, stellte er sich an das Steuerruder, und arbeitete mit so ungeheurer Anstrengung, daß sei- ne Emanationen zu der offenen Kajuͤtenthuͤr her- ein mich uͤberzeugten, daß er in allem Ernst eine menschliche Gestalt angenommen hatte, wenn er gleich ein wirklicher Schutzgeist sey. Ich glaube, daß wir es diesem unbekannten Schweigenden zu verdanken haben, daß die Rheinnire uns nicht in ihren nassen Schooß zog. Die herzliebe * * sah bei der ganzen Sache, wenn nicht bange, doch sehr fragend aus, und ich? — behauptete meine Gewalt uͤber meine Angst recht meisterlich — das nennen die Zuschauer dann Muth. Unter diesen Umstaͤnden konnten wir freilich, wie wir Abends um neun Uhr in Weselingen anlangten, nicht sehr sehnsuͤchtig seyn, noch drei oder vier Stunden auf dem Wasser zu verweilen. Weselingen scheint ein sehr kleiner Ort, am Rhein steht ein schoͤnes Haus, das eine ehemalige Praͤbende, oder das Privateigenthum eines Domherrn ist; er bringt wenigstens seine Zeit daselbst zu. Zu meiner Verwunderung fanden wir beim Anlanden hier keine Zollbediente, wie das an jedem Landungs- platze der Fall gewesen war, wo sie sogleich Acht hatten, daß kein Gepaͤa ohne Untersuchung aus- geladen ward, denn ins Schiff kamen sie nie. Von einer Entfernung zur andern sind am Ufer kleine Huͤtten gebaut, oft nur wie ein Hun- dehaͤuschen von Stroh und Reißig, um sie bei heftigem Sturm zu schuͤtzen, und mit einem Saͤ- bel bewaffnet gehen sie stets am Ufer einher. Hier in Weselingen gingen wir ein wie in Freun- des Land, und ich bemerkte, daß die Schiffer sehr geschaͤftig waren, und mancher Bekannte in der dunkeln Nacht auf sie wartete. Im Wirths- hause saßen mehrere Franzosen beim Wein, die ich fuͤr Kriegsleute hielt; auf meine Frage ant- wortete mir die Wirthin, es sind Zollbediente. Neben der Wirthschaft hatten die Hausleute auch einen Laden, wo Zucker, Kaffee, Taback, Garn verkauft wurde. Das sah denn freilich sehr’ ver- daͤchtig aus, ging mich aber weiter nichts an, nur kann ich hier nicht unbemerkt lassen, daß das Zollwesen vom Volke hier eben so behandelt wird, wie an den meisten Orten die Conscription und die Forstordnung, das heißt, es macht sich nicht das Gesetz zur Regel, sondern die Moͤglichkeit, das Gesetz zu umgehen. Welchen traurigen Ein- fluß es auf die Ansicht des Gesetzes im Ganzen hat, wenn sich der Mensch erlaubt, auch das Kleinste als ihn nicht bindend zu betrachten, liegt wohl klar vor Augen. Und leider ge- ben in diesen Faͤllen die Classen, welche vor- angehen sollten im Guten, das verderblichste Beispiel. Das Wirthshaus zu Weseling sah so klein aus, daß ich meinen Zweifel ob wir Platz genug finden wuͤrden ein Bischen vorlaut aͤußerte; der Wirth, den ich in dem Helldunkel noch gar nicht bemerkt hatte, sagte sehr heiter: doch wohl! das Haus haͤtte so viel Platz als wir brauchten, und wenn er erst reicher waͤr, wollte er es vergroͤßern lassen. Nun fuͤhrte uns sein rundes nettes Weib die enge Treppe hinauf unter das Dach, welches bei dem niederen Hause, das nur das Erdge- schoß hatte, gar nicht hoch hinauf war; hier stol- perten wir uͤber ein niederes Lager, auf dem, reinlich und stark wie die jungen Loͤwen, zwei praͤchtige Knaben von vier und sechs Jahren schlie- fen. Ihnen zur Seite oͤffnete man uns ein Zim- mer, wohl nur sieben Fuß hoch, weiß wie Schnee, zwei Betten mit gruͤnseidnen Decken, schoͤnen Kis- sen, in glatt gebohneter Bettstell, und nun for- derte man unsre Befehle. Ich forderte Chokolade, die ich oft statt Abendessen nehme, wenn ich zum Theetrinken — das stets mit Einsicht geschehen muß — zu schlaͤfrig bin. In einem Huy war sie fertig, gut bereitet in artiger Fayence aufge- tragen. Das nette Weibchen legte schneeweißes Leinenzeug auf die Betten, und erzaͤhlte uns, daß ihr Mann viele Jahre beim Marschall * * gedient habe, daß der Krieg sie von ihrem ersten Kind- bett an, sieben Jahre von ihm getrennt habe, nun lebten sie wieder sieben Jahre zusammen, und suchten die schweren Zeiten aufs leichteste zu tra- gen. Dabei war alles so eng, so drollig, und die Mauern des Hauses so duͤnn, daß ich am Fen- ster gelehnt, und den Rhein im matten Sternen- schimmer betrachtend, immer meinte ich sey noch in der Kajuͤte, nur einer reinlichern, troͤstlichern. Am folgenden Morgen erhielten wir guten Kaffee, sehr gute Milchbrote, und nahmen sehr froͤhlich von der Diminutiv-Wirthschaft Abschied. Wer nicht groͤßer und dicker ist wie ich, der gehe in die- ses kleine Haus zu Weselingen, er wird sich recht gut befinden. Nachdem wir noch fuͤnf lange Stunden zwi- schen den nun ganz flachen Ufern geschifft hatten, kamen wir gegen zehn Uhr in Coͤlln an. Die Douane legte mir nicht das geringste Hinderniß in den Weg, ich gab ihr meinen Kofferschluͤssel, sie fuͤhlte kaum in den Koffer hinein, ohne die Riemen aufzuschnallen, und sagte mir hoͤflich: „mir wuͤrde bekannt seyn, daß ich jede Unannehm- lichkeit vermied, indem ich die etwa verbotnen Effekten selbst angaͤb.“ — Hier am Schlusse mei- ner Wasserreise rathe ich euch nun nochmals, nie das Postschiff zu besteigen. Frauenzimmer gehoͤ- ren an und fuͤr sich nicht dahin, aber auch Maͤn- ner verfehlen ihren Zweck dabei. Sechzehn Stun- den des Tags ist es nicht wohl moͤglich in philoso- phischer Abziehung von allen aͤußern Gegenstaͤn- den die Natur zu genießen, und sobald dieser E verzuͤckte Zustand unterbrochen ist, verdirbt die gemischte Gesellschaft jeden Genuß. Ich bin uͤberzeugt, die welche ich antraf, gehoͤrte zu der bessern, keiner in der Kajuͤte gehoͤrte zu der untern Volksklasse; in den wenigen Momenten, die ich unter ihnen war, hoͤrte ich nichts, was mein Gefuͤhl fuͤr Sittsamkeit beleidigt haͤtte — aber es giebt andre Schrecken der Natur, und der groͤßte, gerade in einer schoͤnen Natur, ist gemei- ne Plattheit. Vierter Abschnitt . I ch eilte in Coͤlln einen Eindruck zu erneuern, welchen mir laͤngst vergangne Zeiten zuruͤckgelas- sen hatten, — ich besuchte den Dom. Welch ein herrliches Gebaͤude waͤre er in seiner Vollendung geworden; ich fragte ob ihn der Kaiser nicht ge- sehn habe, und wuͤnschte, daß man ihn auffor- dern duͤrfte diesen Tempel zu vollenden. Ich ging lange in den leeren Saͤulengaͤngen umher, und genoß die Groͤße der Kunst und Kraft des Menschen, und dachte der Nichtigkeit alles mensch- lichen Unternehmens, und den eigensinnigen Wil- len des Schicksals. — Wenn, dachte ich, wird die Zeit einmal zuruͤckkehren, wo der Ueberfluß der Reichen, der Gemeinsinn aller. Mittel zu sol- chen großen Denkmaͤhlern herbeischaffen wird? Giebt es deren nothwendigere, so setze man sie zuerst, aber man halte doch nicht einen Vereini- gungsplatz fuͤr unnothwendig, seine Wuͤrde und E 2 Pracht fuͤr uͤberfluͤssig bei unsern jetzigen Beduͤrf- nissen, wo aller Herzen in manchen Momenten vereint, mag es in den verschiedensten Formen seya, Gott danken, vor Gott weinen. Ich war in Traͤume vertieft in den Vorhallen gewandert, ohne in das Schiff der Kirche, welches allein aus- gebaut ist, allein eine ansehnliche Kirche ausmacht, zu treten. Jetzt ging ich leise den einen Seiten- gang hinauf, dem Hauptaltare zu, und der erste Gegenstand den ich erblickte, war eine mit Blu- menkraͤnzen geschmuͤckte, mit leichten Muselin umhangene Kinderbahre, neben der einige Wei- ber beteten. Die Tracht dieser Frauen erhoͤhte das Ueberraschende des Anblicks. Sie tragen ein großes schwarzseidnes viereckiges Tuch als Schleier und Mantel zugleich, welches, wenn sie knieen, den Gewaͤndern der heiligen Weiber aus der deut- schen alten Schule sehr gleich kommt. Ein Kin- dersarg! — Gott erhalte das bluͤhende Leben mei- ner Molly! dachte ich erschuͤttert. Es ist als wenn auf dieser ganzen Reise wo ich verweile der Tod mir stets zufoͤrderst die Hand bietet. In * * hielt mich das feierliche Leichenbegaͤngniß ei- nes Studirenden tief in die Nacht hinein am Fen- ster. Es ward mit der edlern Theilnahme began- gen, die uns gern bei dem Weh ergreift, das von persoͤnlichen Ruͤcksichten entfernt ist. Der fremde Juͤngling wird uns zum Symbol des Vergaͤngli- chen — wir erkennen die Allgewalt des Todes ohne uneigennuͤtzigen Schmerz, und dieses reinere Gefuͤhl erhebt die sich selbst nie bewußte Menge. Auch in Moosbach begegnete ich dem Gepraͤnge der letzten Erdenscene. Ein feindseliges Nerven- fieber riß in der umliegenden Gegend viele dahin; in den drei Tagen meines Aufenthalts sah ich drei Leichen voruͤber fuͤhren. Und hier in Coͤlln war eine Bahre der erste Anblick, der sich mir darbot. Ein sanfter erhebender Anblick! dieser kleine Tod- tenkasten mit seinen froͤhlichen Blumengehaͤngen, und den zarten Schleier, der den kleinen Schlaͤfer deckte. — Ich ließ mir den Schatz zeigen. Mir machen diese alten Dinge Vergnuͤgen, und * * hatte der- gleichen noch nie gesehen. Die heiligen drei Koͤni- ge sind nach ihrer Flucht vor der franzoͤsischen Ar- mee unversehrt zuruͤckgekommen. Wie man sie in Frankfurt ergriff, sollten sie, so sagte mir der Geistliche, welcher mir diese Schaͤtze zeigte, eben nach Oesterreich abgefuͤhrt werden; sie blieben lan- ge in Verwahrung des Siegers, wurden aber ohne alle Verletzung ihren alten Verehrern zuruͤck- geschickt. Es war mir eine rechte Freude die al- ten Herrn wieder zu sehen; sie schienen sich bei al- len den unwillkuͤhrlichen Reisen sehr passiv verhalten zu haben, denn sie waren nicht im geringsten ver- aͤndert. Der Geistliche erfreute mich durch die Milde mit der er uns das Schicksal seiner Heilig- thuͤmer erzaͤhlte, kein rauhes Wort, kein bitterer Ruͤckblick uͤber all das Verlorne, nur ein rechtli- cher Stolz uͤber die erhaltnen Herrlichkeiten, und je laͤnger er mein Interesse an ihnen sah, je lebhafter ward sein Interesse sie mir zu zeigen. Die Kunst an den alten Arbeiten ist ein Gegen- stand meiner Bewunderung — mag doch die Welt philosophischer seyn, oder evangelischer, oder wie sie es nennen mag, — ich moͤchte doch wissen wie die Kunst gemeinwirkender angewendet werden koͤnnte, als zum Schmucke der Kirchen, zum Pom- pe der Religionsgebraͤuche? Hier gewinnt des Volkes Auge Freude an der Kunst, von der Kir- che koͤnnen dem Kuͤnstler Werke aufgetragen wer- den, die der Privatmann nicht bezahlen kann, und die beim Fuͤrsten dem Genuß der Menge ent- zogen sind; — denn die großmuͤthige Erlaubniß zu gewissen Tagen, unter gewissen Umsiaͤnden die fuͤrstlichen Zimmer besuchen zu duͤrfen, praͤgt dem Volk wohl das Gefuͤhl der Entfernung zwischen dem Fuͤrsten und sich selbst ein, erweckt aber nicht die Liebe zu den schoͤnen Dingen in ihm, welche jede Ahndung von Eigenthum begleitet. Was in der Kirche und auf dem Rathhause steht, zu dem denkt es sich ein wirkliches Recht zu haben. Und die schoͤnen Juwelen blitzender Monstranzen, die Leuchter und Becher! Da kann ein Kuͤnstler mehr Kunst anbringen, wie an einem ganzen Tafelser- vice, welches dem Volke nie vor Augen kommt, oder auf dem der Hungrige nur gierig eine leckere Schuͤssel vorbeitragen sieht. „Eure Tempel glaͤnzten gleich Pallaͤsten“ — diese Kirchen glaͤn- zen noch zuweilen, wenn die Sonne auf die Schmaragden des Allerheiligsten strahlt, und die Fahnen beim Schall der Posaune in die Luft flat- tern. — Da stand ein großer silber Kasten, der die Ueberreste — ich weiß nicht welches, ziemlich neuen Heiligen enthielt, denn so viel ich verstand, war er in den Bewegungen der hollaͤndischen Frei- heitskriege ermordert. — Gott behuͤte mich doch vor den Heiligen, die eine christliche Kirche der andern verschafft hat! — Die getriebene Arbeit dieses Kunstwerks ist herrlich! der Zeit nach konnte sie von einem Schuͤler Benvenutos seyn, und ich dachte mir die Lebhaftigkeit mit der jene Kuͤnstler arbeiteten; wie so ein Kunstwerk sich mit ihrem Glauben an die Ewigkeit ihrer Kirche verband. Ließe sich denn kein Mittel finden, die großen Momente und großen Menschen aus unsrer Zeit, sammt ihren Denkmaͤhlern, ohne sie zu kanonisi- ren, mit der Kirche zu verbinden? und wuͤrden sies denn nun auch? — Wehe dem Menschen der nicht Augenblicke hat, wo er sich das Liebste, Hoͤchste, was er in der Menschheit hatte nahe bei Gott denkt! Religion kann nur Beduͤrfniß des Herzens seyn, und das Uebersinnliche ahnen wir nur durch die zarteste Empfaͤnglichkeit der Sinne. — Unterrichtet uns, bildet unsre Vernunft, wenn wir aber Gott suchen, unsern Gott — denn wessen Gott sieht denn ganz so aus, wie des an- dern Gott? — dann laßt uns unser Gefuͤhl al- lein leiten; das Gefuͤhl fuͤhrt nur dann zum Fana- tismus, wenn Vernuͤnftelei sich in das Suchen nach dem Goͤttlichen einmischt. In Coͤlln, im Gasthof zum heiligen Geist, ja schon weiter oben am rechten Reinufer in Lienz, wo wir zu Mittag speisten, hatten wir eine Vor- empfindung hollaͤndischer Reinlichkeit. Auch auf dem Wochenmarkt in Coͤlln erfreute mich die rein- liche Ausstellung des reichen Vorraths von Lebens- mitteln. Wo ich noch vor zwanzig Jahren ein altes Augustinerkloster kannte, ist jetzt ein schoͤner regelmaͤßiger Platz mit Baͤumen bepflanzt, von dem ich mit wahrem Vergnuͤgen die soliden Haͤuser mit ihren spiegelhellen Fensterscheiben rund umher betrachten konnte. Hier ist Korn- und Heumarkt, dann kommt man auf den Speisemarkt, wo ein Ueberfluß herrlichen Gemuͤses, niedlicher Holz- waaren und Korbwerk ausgestellt war. Die Bauerleute waren reinlich gekleidet, und rechtlich. Die Weiber haben alle ein weißes dreieckiges Tuch um den Kopf ganz in die eckige Form gelegt, wie die weiblichen Gestalten auf Duͤrers und noch aͤl- teren deutschen Gemaͤhlden. — Wie allmaͤchtig mußte der schoͤpferische Trieb in diesen Kuͤnstlern seyn, wie rein ihre Ahndung des Schoͤnen, das sie zu bilden versuchten bei den Gestalten, die ein- zig ihr Auge gewohnt war. Die hier noch erhal- tene Volkstracht, und die Moden der hoͤhern Staͤnde jener Zeit, sind ganz dazu erdacht, die menschliche Gestalt zu verbergen, oder zu ent- stellen. Warum die Coͤllnerinnen selbst so haͤß- lich, gelb und schleppenden Ganges sind, begrei- fe ich nicht, denn die Stadt liegt lange nicht so feucht wie viele andere. Die Bauart ist nicht schlechter, die Lebensmittel gut. Ihr Anzug ist schon sehr haͤßlich, und wird haͤßlicher je weiter herab man am Rhein kommt. Widrige weiße Hauben die das Kinn umgeben, wie die weißen Straͤhlenhaare eines gewissen Affen, der Manga- bey aus Madagaskar nach Buͤffon, und lange Jacken, die eine hoͤchst nachtheilige Abtheilung in die Gestalt bringen. Leer ist die Stadt heute wie vormals, allein die Heerden von unverschaͤmten Bettlern, die ich vor zwanzig Jahren vor den Kirchthuͤren fand, sind verschwunden. Dennoch wird der Stillstand des Handels hier so schmerz- lich gefuͤhlt, daß die Menschen nicht wohlhaben- der koͤnnen geworden seyn, sehr leicht aber thaͤti- ger. Die schoͤnen Hauser der ehemaligen Dom- herrn sind verkauft, ihre ehemaligen Besitzer ha- ben mit einer Pension, welche die jedes andern Ordensgeistlichen nicht uͤberstieg, das Land verlas- sen, und durch diese Auswanderung muß der Er- werb sich auch vermindert haben. Von nun an war mir die Gegend am linken Rheinufer ganz unbekannt. Von den Thoren von Coͤlln an geht der Weg im Sande fort, der nur hier und da mit schwarzem Boden vermischt ist. Wir waren von unserm Beschuͤtzer in Coͤlln so un- endlich schlecht beschuͤtzt worden, daß wir fuͤr den doppelten Preis den es in Deutschland gekostet haͤtte, eine Chaise mit zwei Pferden erhalten hat- ten, die uns saumselig durch den Sand zog. Ueberhaupt wuͤrde ich keine solche Chaise mehr nehmen, wenn ich noch einmal des Wegs kaͤm’, und diesen Rath haͤtte uns unser Beschuͤtzer geben sollen. Nach Landessitte fuͤhrt man mit zwei Pferden zweiraͤderige Fuhrwerke, deren Kasten ganz chaisenartig ist. Auf dem ebnen Boden, in dem tiefen Sande, haben sie fuͤr die Pferde viel mehr Leichtigkeit. An einigen Stellen naͤhert sich der Weg wieder dem Rhein; meistens liegen die Doͤrfer am Flusse, und in ihrer Naͤhe sind die Fel- der etwas besser bebaut, auf den ferner gelegnen kann man sich nichts elenderes denken wie die duͤn- nen Gerstenhalme, zwischen denen uͤberall der graue Boden hervor blickte. Etwas besser sah das Haidekorn aus, das eben in voller Bluͤthe stand. Hoͤchst ungleich wuchsen Kartoffeln und Klee und das so nahe bei einander, daß nothwendig die Behandlung daran Schuld seyn mußte, denn ne- ben einem recht kraͤftigen in voller Bluͤthe stehen- den Kartoffel- oder Kleefeld lag ein anderes, das um drei Monate zuruͤck war. Wir fanden in die- ser Gegend viel Anstalten zu dem vorhabenden Wasserbau, denn die Gefahren der Ueberschwem- mung erstrecken sich bis hieher. Wir fuhren an einer Niederlage von Faschinen vorbei, welche viele Morgen Landes bedeckte. Eine Betriebsam- keit der hiesigen Gegend war mir ganz neu, die ambulanten Backsteinbrennereien, die von den Bewohnern der Gegend von Nuys betrie- ben werden. Man laͤßt weit am Rhein herauf an beiden Ufern solche Nuyser Familien kommen, Vater, Mutter und Kinder; so ein Haushalt heißt ein Pflug. An Ort und Stelle zeigt ihm der Gutseigenthuͤmer der ihn verschrieb den zu ihrer Arbeit angemessenen Boden, von Lehm und Sand gemischt an, aus diesem bilden sie die Steine, und setzen sie in Form eines Vierecks mit abgestumpf- ten Winkeln auf, bis sie einen Ofen daraus ge- bildet haben, der die zweckmaͤßige Dicke und pas- senden Umfang hat; aͤußerlich wird er mit Erde und Rasen bekleidet, dann von innen mit Torf oder Steinkohlen geheitzt. So dienen die Steine sich selbst zum Ofen, und brennen in der Glut, welche zwischen dem geschickt gesetzten Steinen al- lenthalben Kanaͤle findet, vollkommen aus. Sie sind von verschiednem Roth, scheinen aber viel bes- ser gebrannt und gemischt zu seyn, als die unsri- gen. Spaͤt am Abend kamen wir nach Nuys, ei- nem gradstraßigen freundlichen Staͤdtchen. Hier zu Lande muß man sich in alten Zeiten nach andern Grundsaͤtzen nachgebauet haben, als in den deutschen Staͤdten; von hier an fanden wir auf unserm Wege keine krummen Straßen mehr, gerade, ebne, wenn gleich in den kleinen Orten wie Nuys, nicht breite Straßen. Von Coͤlln an fand ich in allen Staͤdtchen neu angeleg- te Spatziergaͤnge, und vor den Thoren bepflanzte Wege, deren Baͤume acht bis zehn Jahr alt schie- nen; auch auf dem Lande war der Weg, wo es der Sandboden irgend erlaubte, mit Baͤumen be- setzt. Von Nuys aus waren die Felder weniger schlecht, der Boden eben so sandig, aber die Doͤr- fer mehr an einander geruͤckt. Man behaͤlt den Rhein sehr nahe; von Nuys ist er eine kleine Stunde, und gegenuͤber liegt Duͤsseldorf. Mir ward das Herz warm bei der Naͤhe dieses Ortes, bei dem ich einst so ausgezeichnete Menschen kann- te, aber dahin verlangen that mir nicht, denn das Schicksal fuͤhrte sie laͤngst hinweg, und viel schmerzlicher wird das Andenken an die Ver- gangenheit auf dem veroͤdeten Schauplatz, den sie einst belebt hat. Wir sahen unsre elenden Rosse klaͤglich im tie- fen Sande waden, und zu ihrer Erquickung alle zwei Stunden grobes, strohartiges Heu fressen. Das Land faͤngt hier an von Baͤumen und Hecken durchschnitten zu werden, so daß jedes Gut durch einen Streifen von Weiden, Ellern, Ulmen abge- theilt zu seyn scheint. Eigentliche Doͤrfer sind sel- ten, um so haͤufiger einzelne Hoͤfe, und kleine Weiler. Diese Abtheilungen, die ich ehemals im Hannoͤverischen einen Kamp habe nennen hoͤ- ren, geben dem Lande ein lebendiges Ansehen, und die Besitzungen werden von Stunde zu Stun- de schoͤner. Viele derselben hatten ein kleines Ge- hoͤlz hinter dem Hause, meistens Eichen, unter denen Schweine und Federvieh weidete. Wir speisten in einem solchen Hofe der zugleich Gast- hof war und zu Hochstraaten gehoͤrte, zu Mittag. Auf dieser Poststation hatte vor wenig Tagen ein komischer Auftritt statt, der den liebenswuͤrdigen Charakter des Koͤnigs von Holland schildert. Dieser reiste im ganzen Ernste incognito hier durch nach Spaa. Wie er sich beim Umkleiden zu bal- biren verlangte, hatte der Kammerdiener die Bart- messer vergessen, der Balbier des Ortes wurde herbeigerufen, und geboten dem Kammerdiener sein Handwerkszeug gebrauchen zu lassen; der Mann erklaͤrte aber sehr entschlossen, wenn er nicht selbst operire, gaͤbe er auch seine Messer nicht her. Der Koͤnig setzte sich also ruhig hin, ließ sich von dem Autobartbeherrscher balbiren, und fand sein Regiment so sanft, daß er ihn hoͤchlich ruͤhmte und seinen Werkzeugen einen Theil seines Verdienstes zugestehend, bat er, ihm seine Messer zu verkaufen. Der Mann ging den Vorschlag als ein großer Kuͤnstler ein, der jedes Werkzeug zu seinem Zwecke zu gebrauchen im Stande ist, und der Koͤnig, nachdem er ihn freundlich um seine haͤuslichen Umstaͤnde befragt hatte, schenkte ihm zwei hundert Franken fuͤr seine Messer. Erst nach ein Paar Tagen erfuhr man, daß es der Koͤnig war, der sich den Bart hatte abnehmen lassen. Noch eine Anekdote von diesem Manne, den seine blindesten Gegner selbst mit Achtung nennen, erzaͤhlte man mir auf diesem Wege, und ich er- zaͤhle sie auch wieder nach meinem alten Grundsatz den Voltaire einmal anwendete, ohne daß man ihn verstand. Ist so ein Geschichtchen auch nicht voͤllig wahr, so bezeichnet es gewiß die Ansicht eines Theils des Publikums, zu dieser muß es eine Veranlassung geben, und diese ist dem Beobachter die Hauptsache. So sagte Voltaire: wenn die Tuͤrken nicht in der heiligen Sophienkirche zu Con- stantinopel getanzt haben, so haͤtten sie es doch thun koͤnnen — das heißt: sie waren geneigt den Ort zu entweihen. Der Geschichtschreiber sollte aber nicht in diesem Sinne erzaͤhlen, wohl darf es aber die geschwaͤtzige Mutter, wenn sie zu dem Kreis ihrer Kinder spricht. Wie der Koͤnig an der hollaͤndischen Grenze von der Duane untersucht ward — man muß strenger gegen ihn verfahren seyn, als gegen mein armes Ich, das freilich auch gar nicht Contrebandenmaͤßig aussieht — fand man fuͤr zwei und achtzig tausend Livres Juwe- len, die er nicht angezeigt hatte, und sie wurden dem Gesetz gemaͤß in Beschlag genommen. Ohne die geringste Widersetzlichkeit reiste der Koͤnig wei- ter, und das Zollamt erfuhr erst nach ein Paar Stunden, daß es sein Recht an seines Kaisers Bruder geuͤbt hatte. Sogleich schickte es einen Bothen nach Spaa, um dem Koͤnige mit vielen Entschuldigungen seine Kostbarkeiten zuruͤckgeben zu lassen, dieser wieß sie aber mit der sehr freund- lichen, aber ernsten Aeußerung zuruͤck, daß er be- schaͤmt sei Gesetze uͤbertreten zu haben, da es ihm zukaͤm, sie am strengsten zu ehren. — Wahrschein- lich wird die franzoͤsische Regierung — denn die Confiscationen gehoͤren der Regierung, die Zoll- bediente haben nur ihren Gehalt — dafuͤr sorgen, daß er entschaͤdigt wird, das vermindert aber nicht den Anstand und die Liebenswuͤrdigkeit in des Koͤ- nigs Betragen. Warum kann ich mir doch, wenn ich in Fuͤrsten menschlichschoͤne Eigenschaften er- kenne, des Wunsches nicht enthalten, sie moͤchten nicht fuͤr den Thron bestimmt seyn. — Endlich bleibt mir fuͤr den Karakter des Herrschers ein so aus der Menschheit heraus gehobnes Wesen uͤbrig, daß es mir die Empfindung eines Menschen er- regt, der mit hoͤhern Geistern im Bunde, allen Banden der Menschheit entsagt hat. Kann es denn auch anders seyn? Der an die Stelle des Gesetzes gestellt ward, versetzt sich der nicht auch bald an die Stelle des Schicksals? und der diesen furchtbaren Eingriff in die Rechte der Gottheit wagt — muß er nicht von ihr erleuchtet, oder von ihr der schrecklichen Nemesis geweiht seyn? — Nie erregt, was ich von Ludwigs Individualitaͤt hoͤrte, diese furchtbare Bilder; sie spricht uͤberall F sanfte Menschlichkeit aus, am liebenswuͤrdigsten wo das Gefuͤhl ihn uͤberrascht. Vielleicht laͤßt er sich sogar von ihm hinreißen. Ein Mann, dessen Karakter ihm nicht die Achtung der Rechtschaffnen verschafft haͤtte, den aber sein Rang und sein Vermoͤgen wohl einen Platz in der Gesellschaft zu- sichert, ließ sich in Gegenwart des Koͤnigs, der ihn kannte, auf eine Weise aus, die sein morali- sches Gefuͤhl mißbilligte. Der Koͤnig der sich be- muͤht hat die hollaͤndische Sprache zu lernen, und so große Fortschritte darin machte, daß er sich ge- gen seine Unterthanen immer ihrer bedient, brauchte ein sehr strenges Wort, um die Denkart dieses Herrn im Fortgang des Gespraͤchs zu be- zeichnen. Erschrocken uͤber eine Gradheit, die aus den Saͤlen der Koͤnige verbannt ist, meinte einer der Anwesenden, es laͤg an dem Ausdruck, und machte dem Fuͤrsten bemerken, es gaͤbe einen verschoͤnernden, umwundenen. „Nein, nein, rief der Koͤnig, und wiederholte das Wort, ich verstehe das Hollaͤndische genug, um hier den rechten Ausdruck zu gebrauchen.“ Ich kann den Menschen um der Strenge willen mit der er bei dieser Gelegenheit verfuhr, nur ehren, aber der Koͤnig that vielleicht mehr indirekten Schaden, als direktes Gutes. Leider befinden sich unter den Menschen, welche die Koͤnige umgeben, mehrere die Kraft haben den Guten zu hassen, als das Gute zu thun. Ein anderes Mal ward ihm ein Vorschlag vorge- lesen, eine Entschaͤdigung der Regierung gegen Pri- vatleute betreffend; dabei waren die Worte ge braucht: die Sache verhielt sich so und so, so sei die Regierung dem * * vielleicht schuldig — — — der Koͤnig der eifrig zuhoͤrte verstand das Wort: viel- leicht, nicht. Qu’est ce que c’est? — peut étre, V. M. — — point de peut étre, trés déci- dement, et point de peut étre, rief er lebhaft, ließ das schwankende Wort streichen, und dem Rechte seinen Lauf. Seine Gesundheit soll sich sehr gestaͤrkt haben, er schont sie sehr, lebt sehr einfach und beobachtet strenge Ordnung. Ich sah mehrere Gemaͤhlde von ihm, auch eine sehr schoͤne Buͤste, und uͤberall schien mir eine auffallende Fa- milienaͤhnlichkeit mit seinem erhabnen Bruder un- verkennbar, nur mit dem Unschiede, daß der Kuͤnstler jenen Kopf leicht zu einem olympischen Gotte idealisiren wird, indeß Ludwigs Gebilde unter seinen Haͤnden als Heros hervorgeht. In der Welt der Dichtung waren ja die Heroen das F 2 Mittelglied zwischen den Menschen und den uner- reichbaren Goͤttern — schließe sich doch die Wirk- lichkeit der Mythe wieder an! — — In Hochstraaten setzte man uns die ersten fri- schen Kartoffeln mit herrlicher frischer Butter und Pumpernickel vor. Dieser Pumpernickel ist ein wahrer Leckerbissen, so wie er hier verfertigt wird, mit der hiesigen fetten Butter, und einer Schnitte weißes Brod zusammen gespeist; er ist auch mei- nes Beduͤnkens nach gar nicht schwer zu verdauen, denn man haͤtte einen ganz falschen Begriff von ihm, wenn man ihn fuͤr ein feuchtes uͤbelausge- backnes Brod hielt. Vor Tische durchstreiften wir die Gegend. Die Bauerhaͤuser lagen zerstreut, waren in ganz gutem Stande, in niedersaͤchsischer Bauart, mit großen, wohlangebauten Garten- feldern umgeben, in denen eine Mannigfaltigkeit von Gemuͤsen angebaut war, die dem suͤddeutschen Bauer ganz ungewohnt ist. Stangenbohnen, Kopfsallat, Endivien in großer Menge, Pastinak, Kohlarten — der Gebrauch der Mehlspeisen muß hier also aufgehoͤrt haben, und die zunehmende Viehzucht den Bauern Mittel geben, Gemuͤse zu schmelzen , wie man in Suͤddeutschland sagt. Wenn Nahrung auf Sitten und Karakter Einfluß hat, so muß die Mischung der Saͤfte, welche aus diesen frischen Pflanzen entsteht, von dem aus Knoͤteln und Nudeln gebrauten Blut der Schwa- ben, freilich verschieden sein. Welches Gegenge- wicht gab denn die Natur jenem Volke, um es zu so einem braven, empfaͤnglichen, herzlichguten Menschenschlag zu machen? Auch viele Obstbaͤume gab es hier um die Huͤt- ten, und jedes Guͤtchen war wieder mit einem Streifchen Weiden und Ellern eingefaßt. Von hier an fanden wir das Heu nicht mehr in Scheuern aufbewahrt, sondern in großen Schobern in der Naͤhe des Wohuhauses angehaͤuft. Wo die Wirth- schaft etwas wohlhabend war, fand ich den Grund des Schobers ein paar Fuß hoch gemauert, und oben deckte ihn ein viereckiges Dach, das auf vier starken Pfosten auf und nieder ging, also dem ho- hen wie dem niedern Schober zur nahen Bedek- kung diente. Die aͤußere Kruste des Heues war gelb und verwittert, allein gleich hin- ter ihr, also mit sehr unbedeutendem Verlust, hatte das Heu seine schoͤne frische Farbe. War- um machen wir es nicht auch so? wie viel Mauer- werk erspart das? und wie sehr vermindert es die Feuersgefahr. Daß diese beweglichen Daͤcher und thurmartigen Haufen sehr malerisch sind, wird dem Oekonomen gleichguͤltig seyn, ich muß es aber noch anmerken. Um Nuys fanden wir eine Menge der oben erwaͤhnten Ziegelbrennereien. Sie sahen einem hottentottischen Kraal aͤhnlich mit ihrer stumpfen konischen Form. Nun ward das Land viel besser bebaut, obschon der Sand nie aufhoͤrt; gegen zehn Uhr kamen wir durch ein sehr nettes Staͤdt- chen: Udingen. Gerade Straßen, glaͤnzende große Fenster, bunt gemahlte Thuͤren und Gebaͤl- ke, und durch die ganze Stadt an der Sonnenseite eine Reihe in Faͤcher gezogene, schmal gehaltene Linden und Hainbuchen. Diese Sitte fand ich in vielen dieser Staͤdtchen. Die gluͤcklichen Menschen die die Sonne entbehren koͤnnen! Wahrlich sie ist doch hier nicht sehr heiß! kann diese allgemeine Sonnenscheue wohl einen Grund in dem Lokal ha- ben? nichts netteres wie die Staͤdtchen durch die wir nun kamen! kleinlich? — ja! geschmacklos ohne Zweifel! aber rein, bunt, woͤhnlich, ruhig. Das Bunte freut mich so! die Schoͤpfung ist hier arm, die gepflanzten Baͤume bieten nicht die bluͤ- henden Buͤsche unserer Waͤlder dar, die hiesigen Wiesen, je fetter sie werden, bestehen aus reinem Grase, sind kein Blumenteppich wie unsere — gewiß weniger gute Wiesen und Weiden — und da mahlt sich der gute kindliche Mensch die bun- ten Farben an seine Waͤnde, denn das Herz will froͤhlichen Anblick, und ich koͤnnte beten fuͤr Dank, daß so viele Mittel zur Freude da sind. Abends kamen wir, statt nach des Kutschers Zusage Cleve zu erreichen, nur bis Xanthen, wo ehemals der beruͤhmte Pav sein Canonikat besaß, und sein Leben zubrachte. In meiner Jugend las ich von ein paar gescheuten Leuten, und hoͤrte von ein paar andern die wehmuͤthig verwundernde Klage, daß ein so gelehrter Mann sich in Xanthen bilden, in Xanthen leben muͤßte. Ich weiß nicht ob diese Verwunderung eine Analogie hat mit der Verwunderung jenes Liebhabers, wie ihn seine Braut benachrichtigte, daß sie aus Dippoldis- walde sei — aber etwas laͤppisch sind diese Er- staunen doch uͤber die Plaͤtze, wo kluge Menschen geboren und gediehen sind, sintemal Der ganze Luftkreis ist des Adlers Bahn. — Und wenn ich nun dagegen aufstehe und sage, daß Xanthen recht dazu gemacht ist, einen for- schenden, sinnenden Philosophen zu bilden, wel- che deutsche Stadt moͤchte denn wohl einladender seyn? Helmstedt, Marburg, Gießen, Rinteln, Tuͤbingen, Goͤttingen mit seinem kahlen Berge, und Leipzig mit seiner Flaͤche? und weiter und weiter? die mit gruͤnem Gebuͤsch umgebenen Felder, die guten Weiden die um Xanthen liegen, sind nicht zu verachten, dabei hat es huͤbsche Gas- sen, hohe, helle, glaͤnzende Fenster, und einen so großen wohlgepflasterten Marktplatz, wie keine der genannten Staͤdte, und viele andere dazu. Die ehemaligen Canonikats-Wohnungen liegen um die am Markte stehende schoͤne große Kirche, artige Haͤuser mit daran stoßenden huͤbschen Gaͤr- ten. Gebt dem Canonikus eine Bibliothek, und einen Freund, und ich moͤchte doch wissen obs so verwunderlich war, daß er seine gelehrten Unter- suchungen in Xanthen machte. Und wenn ein Canonikus in Xanthen, mitten inne zwischen Am- sterdam, Paris und Frankfurt keine Bibliothek sammelt, ist es seine Schuld, und wenn er kei- nen Freund hat — von wem moͤchte ich das denken? Hier mußten wir zuerst mit einer reinhollaͤndi- schen Magd fertig werden — es ging so! so! spaͤ- terhin kam ich auf den Einfall, plattdeutsch mit den Leuten zu sprechen, und das ging vortrefflich. Wir fanden hier ja schon in Nuys die Theema- schine eingefuͤhrt, und die Leute gewohnt Thee zu geben. Daß man in den meisten Wirthshaͤusern von Suͤddeutschland, selbst in den groͤßern Staͤd- ten so muͤhselig ein Theeapparat zu Stande bringt, hat mich schon oft verdrossen, hier ists in einem Nu bereit, und der Thee sogar — denn ich kostete ihn aus Neugier, recht ertraͤglich. Auf der Seite von Xanthen gegen Cleve fanden wir wieder einen artigen neu angelegten Spatziergang, und den Weg meistentheils mit Baͤumen bepflanzt; von ihm aus hatten wir die Aussicht auf die schoͤnsten Weid- und Ackerplaͤtze, alle mit Weiden einge- faßt, auch ganze Waͤldchen regelmaͤßig gepflanz- ter Baͤume dieser Gattung, von einer Schoͤnheit wie ich sie nie sah, so silberweiß und großblaͤtte- rig. Die Umgebungen von Cleve sind sehr ange- nehm. Bis auf eine Stunde von der Stadt fuh- ren wir durch viele ausgehauene Waldstrecken, diese Gehoͤlze werden alle fuͤnf bis sechs Jahre ab- getrieben, wachsen aber in dieser Zeit zu einer sol- chen Hoͤhe, die mir unbegreiflich schien, so daß ich mir spaͤterhin das Zeugniß eines Gutsherrn geben ließ, daß ein schattiger Wald, in dem ich wandelte, wirklich erst fuͤnf Jahr alt, und im naͤchsten fuͤr das Beil reif sei. Eine Stunde vor Cleve faͤngt ein schoͤner hochstaͤmmiger Wald an, durch den eine gerade Allee geht, rechts sind zu- weilen einige Weideplaͤtze, auch ein großer Teich, zuletzt blickt Cleve mit seinen Stadtmauern, ho- hen Thuͤrmen und vielen Windmuͤhlen durch die gelichteten Baumgipfel, bis sich der Weg in die herrlichen Alleen verliert, von denen die Stadt umgeben ist. Solche Baͤume und solchen Schat- ten kennen wir in Deutschland kaum — es ist ei- ne Kraft in dem Wuchse, die uns auf eine Zeit zu deuten scheint, wo es den Leuten noch gar nicht in den Sinn kam, so gerade Alleen zu pflan- zen. Wohin man blickt durchschneiden sie hier die Gegend um die Stadt her, vor deren Thoren ein großer Park der viel Wildprett hegt, die wohlha- benden Hollaͤnder, besonders aus Amsterdam, an- zieht, hier einige Sommerwochen zuzubringen. Da uns die Umstaͤnde jeden Aufenthalt verboten, fuhren wir gar nicht in die Stadt, sondern links um dieselbe vor die Post, weil der elende Zustand unserer koͤllnischen Pferde uns nicht daran denken ließ, mit ihnen den Weg fortzusetzen. Da half nun weder Zorn noch Klage, unser koͤllnischer Pro- tektor war ein Windbeutel und wir Pinsels gewe- sen — statt zu Mittag in Nimwegen zu seyn, wie die Abrede lautete, fanden wir uns in Cleve, und die Pferde außer Stand weiter zu gehen. Was war zu thun? in eben dieser Stunde erwar- tete man die Diligence von Coͤlln, die vier und zwanzig Stunden spaͤter abgereist war, und mit ihr den Weg bis Nimwegen fortzusetzen, war wohl das kluͤgste was uns zu thun uͤbrig blieb. Zu un- serm Gluͤcke kamen mit ihr zwei Hollaͤnder an, die wir zuerst in Coblenz gefunden hatten, von wo sie in einem eignen Nachen nach Coͤlln fuhren, hier speisten wir mit ihnen zu Mittag, und ihr sehr anstaͤndiges Betragen machte mir den Vor- schlag recht angenehm, den Weg bis Nimwegen gemeinschaftlich fortzusetzen, dazu haͤtten wir aber drei Pferde gebraucht, unser armseliger Kutscher war schon gemiethet, hatte aber, oder wollte kein drittes Pferd herbeischaffen, so, daß der Plan ruͤckgaͤngig ward. Diese beiden Hollaͤnder, die also mit ihrer Diligence vier und zwanzig Stun- den spaͤter wie wir von Coͤlln abgereist waren, glaubten eine Erscheinung zu sehen, wie sie uns da in Cleve vor der Post auf einer steinernen Bank sitzen fanden, gerade wie die verzauberten Prin- zessinnen in tausend und einer Nacht, welche der Genius durch die Luͤfte fuͤhrt — durch die Luft waren wir nun eben nicht gekommen, aber unsre Verlegenheit auf der steinernen Bank war eben so groß, als waͤren wir Prinzessinnen. Der Genius Hollands haͤtte es gar nicht kluͤger anfangen koͤn- nen, uns einen guͤnstigen Begriff von seinen Schutzbefohlnen zu geben, als indem er uns diese Maͤnner entgegen schickte, so wahrhaft maͤnnlich und huͤlfreich nahmen sie sich unser an. Unsere Bruͤder haͤtten nicht thaͤtiger fuͤr uns sorgen, uns nicht achtungsvoller behandeln koͤnnen; sie besorg- ten unsere Plaͤtze in der Diligence, entfernten jede Verlegenheit von uns, belehrten uns bei unserer Ankunft in Nimwegen von allem was uns Noth that, dem Werth des Geldes, dem Betrag der Trinkgelder, verschafften uns Wegweiser, Traͤ- ger fuͤr unser Gepaͤck bis in den angezeigten Gast- hof. — Ihr Gespraͤch, das bescheiden und unge- zwungen war, bewies Kenntnisse und Bildung, und die Freude mit der sie noch an demselben Abend nach Arnheim eilten, um ihre Freunde und Verwandte nach einer Reise durch Paris nach Strasburg und Mainz, wiederzusehen, buͤrgte von ihrem weichen treuen Gemuͤthe. Sie haben nicht gefragt wer wir waren, und ich that keinen Schritt, mich von ihren Namen zu unterrichten, ich fand es so schoͤn, daß wir nur als Menschen, ohne alle Persoͤnlichkeit mit einander handelten. Jetzt reut es mich, denn ich wuͤnschte, daß keiner ihrer Freunde durch unsern Wohnort kaͤm, ohne Gastrecht bei uns zu fordern. Der Maͤnner Be- tragen freute mich um so mehr, weil es nichts vom Weltton, sondern etwas nationelles hatte, sie handelten rein weg als brave Maͤnner gegen unbe- schuͤtzte Weiber, und ich bin uͤberzeugt, wir haͤt- ten uralt, und grundhaͤßlich seyn koͤnnen, aber so gesittet wie sie uns fanden, so haͤtten sie uns die- selben Dienste erzeigt. Außer diesen zween wackern Maͤnnern, die unsre Reisegefaͤhrten in der Diligence wurden, war ein Herr in Cleve aufgestiegen, der, wenn mich alle Anzeigen nicht truͤgen, auf Freiers Fuͤßen nach Nimwegen reiste. Es war so ein gestand- ner Herr, wie man in Schwaben sagt, ganz un- zweifelhaft, bis jetzt ein Hagestolz — von Kopf zu Fuß neu gekleidet, Stiefelchen mit goldnen Quaͤstchen, zwei neue Uhrbaͤnder, eine schoͤne neue Weste, von welcher die Streifen queer uͤber den stattlichen Bauch liefen, steif gefaͤltelte Waͤ- sche, und einen spannnagelneuen Hut, an wel- chen allen er fleißig zupfte und putzte, um un- versehrt bei seiner Braut anzulangen. Ich kann mir das nimweger Meysje (junges Maͤdchen) von etlichen acht und zwanzig Jahren recht den- ken, wie sie in langer Juppe das Strahlenhaͤub- chen unter dem Kinne gebunden, die silberne Buͤ- geltasche mit Calender, Balsambuͤchschen, Fin- gerhut und dem ganzen Wirthschaftsapparat an der Seite, den wohlgeschniegelten Sponsen mit einem tiefen Knix empfaͤngt. Weiter war ein Domino in dem Wagen — ach gewiß nur von ei- ner Nebenkirche und Nebensekte, denn er sah gar nicht herrschend, gar nicht nahrhaft — man sagt ja eine nahrhafte Stadt, d. i. eine die sich gut naͤhrt, man muß also auch ein nahrhafter Mensch sagen koͤnnen — gar nicht nahrhaft aus. Er trug einen schaͤbigen schwarzen langen Rock, wie unsre Weltgeistlichen, hatte ein fettes schwarzes Haar, aber so etwas gutmuͤthiges! — so ein wehmuͤthiges Laͤcheln der Freude, als sei er gewohnt sich nie uͤber eine große Freude zu freuen. Er er- innerte mich an Sebaldus Nothanker, den man — Gottlob! — bei uns jetzt vergessen darf, aber nie vergessen sollte, wie viel er dazu beitrug ver- gessen werden zu koͤnnen. Das ist klar und schoͤn gesagt! — nun, so versteht es auch huͤbsch! — Von Cleve aus, das sich im Ruͤckblick sehr reizend ausnimmt, hatten wir einige starke Schlag- regen auszuhalten, welche den tiefen Sand des Weges etwas fahrbarer machten. Wir sahen schoͤ- ne Felder, doch nicht so wohlgebaut, wie jenseits von Nimwegen, und fuhren durch große Strecken abgetriebenen Gehoͤlzes. Viele Sandhuͤgel er- schweren den Weg, die Einwohner halten sie fuͤr Berge, und nennen diese Gegend „die bucklige Welt“, wobei denn unser einer die Achseln zuckt. Die Doͤrfer sind stets klein, allein die einzelnen Hoͤfe um so zahlreicher. Das Wohnhaus liegt vorn am Wege, weiter zuruͤck Scheune und Staͤlle, und hinter ihnen Gemuͤse und Obstgaͤrten. Der Obstbaͤume giebt es hier eine große Menge, sie sind zweckmaͤßig nach der Schnur gepflanzt, und gut unterhalten. Die geringe Zahl von Kirchen, die wir auch in der Entfernung entdecken konnten, fiel uns auf. Die Menschen muͤssen sehr weit ge- hen, um eine Predigt zu hoͤren, das bemerkten wir auch schon zwischen Nuys und Xanthen, wo wir eben Sonntags reisten, und bei den Woh- nungen am Wege die Leute mit Staub bedeckt und in Schweiß gebadet aus der Kirche zuruͤckkommen sahen. Endlich erschien die breite Waal zu unsrer Rechten, und wir fuhren neben Windmuͤhlen und huͤbschen freundlichen Haͤusern nach Nimwe- gen hinein. Der Wirth des sehr angenehmen Gasthofs war ein Deutscher, der sich sehr bereitwillig und thaͤtig zeigte, uns zur Fortsetzung unserer Reise behuͤlf- lich zu seyn. Er bestellte uns ein leichtes Fuhr- werk in einem kleinen Orte der jenseits der Waal liegt, weil wir, indem wir die fliegende Bruͤcke uͤber die Waal zu Fuße passirten, einiger Weit- laͤuftigkeiten entgingen, auch jenseits wohlfeilere Pferde fanden. Die Landsmannschaft erwaͤrmte des alten Mannes Herz so sehr, daß er uns an- bot, uns die Stadt zu zeigen. Es war eine ko- lossalisch große knochige Gestalt, mit einer gemesse- nen Sanftheit im Wesen, gerade wie unser vor- trefflicher * * in Bern; das machte mir ihn ganz lieb, mir wars wie eine gute Vorbedeutung in dem ganz fremden Lande, daß der erste Mensch, mit dem ich verkehrte, einem der Menschen aͤhn- lich war, denen ich am mehrsten vertraue. Seine Frau war eine Haagerinnen, die kein andres Wort als hoͤllaͤndisch sprach. Wie ich ihren Mann auf- suchte, fand ich sie schneeweiß angekleidet am Thee- tisch, in einer recht behaglichen Umgebung. Gro- ße Spiegel, recht schoͤnes Porzellain, Fußteppiche in allen Zimmern, giebt den Wohnungen hier ein besonders angenehmes Ansehen. Was das Por- zellain anbetrifft, so haͤtte man selbst in den klei- nen Gasthoͤfen am Niederrhein eine niedliche Sammlung von alten chinesischen Taͤßchen, Schaͤl- chen und kleinen Kruͤgen machen koͤnnen, die ver- einzelt unter elender delfter oder englischer Fayence als Zimmeraufputz aufgestellt waren. Nachdem wir ein artiges Zimmer mit hellglaͤnzenden Ge- raͤthe, saubern Fußteppich und großen Spiegeln in Besitz genommen und uns an sehr gutem Obst erquickt hatten, machten wir uns mit unserm hoͤf- lichen Wirth auf den Weg. Nimwegen ist, nach Maaßstab aller deutschen Staͤdte, eine schoͤne Stadt, in einer vortrefflichen Lage. Die Waal ist hier meines Beduͤnkens nach so breit wie der Rhein bei Mainz, und mit vielen Alleen bepflanzt. Wo das ehemalige alte Schloß, der Falkenhof stand, ist seit der Revolution ein schattigter Spatziergang entstanden, und nachdem man durch herrliche Alleen bis an die obere Spitze der ehema- G ligen Festung gelangt ist, findet man ein uͤbrigens sehr unbedeutendes thurmartiges Gebaͤude, das Belvedere genannt, von dessen; Hoͤhe man eine umfassende, herrliche Aussicht auf eine zahllose Menge Canaͤle, Gebuͤsche, Alleen und Windmuͤh- len hat, alles von der stillwogenden breiten Waal durchschnitten. In diesem Gebaͤude versammel- ten sich Gesellschaften, und gab man Gastmahle wie unser Fuͤhrer uns sagte, jetzt weniger als vor wenig Jahren — ob aus Wankelmuth, ob aus Oekonomie? konnte ich nicht erfahren. Moͤge es keine der beiden Ursachen seyn, und die Nimwe- ger stets an diesem schoͤnen Standort Friede und Fuͤlle uͤber ihrer, sanften Landschaft schweben sehen. Es giebt mehrere geraͤumige lange Straßen in Nimwegen, die Haͤuser haben ein Ansehen von Tuͤchtigkeit, Wohlhabenheit, Gemaͤchlichkeit und Reinlichkeit, das kein Haus in Niedersachsen nach der neuen Bauart, und keines an der Donau im alten Style, darbietet. Von Bern haͤtten die Haͤuser eher eine Aehnlichkeit, die widrigen Arka- den abgerechnet, die man hier nicht findet. Statt dieser sieht man hier im Erdgeschoß eine Menge unverhaͤltnißmaͤßig hoher Fenster, hinter deren großen Spiegelscheiben die Waaren aufs zierlichste ausgestellt sind. Groͤßere Haͤuser haben eiserne Balustraden vor der Thuͤr, hinter denen saubere Baͤnke stehen. Außer dieser Aehnlichkeit mit Bern, der soliden Bauart der Haͤuser, bei ihrer Klein- heit — denn viele haben nur drei Fenster in der Breite — habe ich manche Schweizersitte in Hol- land wieder gefunden, und manche nationelle Aehnlichkeit, die wohl unerklaͤrlich ist, wenn wir, gescheuten Leuten zu Folge, dem Klima so viel Ein- fluß auf die Bildung der Menschen einraͤumen. Die Schweizer standen immer in hollaͤndischen Kriegsdiensten, aber eben so in franzoͤsischen, in spanischen — warum nahmen sie von den Hollaͤn- dern so viel, von den andern Nationen so wenig an? machte die Aehnlichkeit der Regierungsform die Amalgamation mit ihren Sitten leichter, oder war eine Grundaͤhnlichkeit in ihrem Karakter vor- handen? ich finde ihre Ansichtsweise, ihre Art zu genießen, ihre Art sich fremdes anzueignen, oder zu verwerfen, sehr uͤbereinstimmend. Nur einen großen Vortheil haben die Hollaͤnder voraus, eine eigne Sprache, die sie mit Recht lieben, die sie kultiviren, in der Volk und Gebildete sprechen, der sie sich gegen den deutschen Sprachverwandten G 2 nicht schaͤmen, die also einen ununterbrochenen Umlauf der Begriffe durch alle Staͤnde des Vol- kes gestattet. Die Schweizer haben keine Buͤcher in ihrer Sprache, und die von ihnen angenom- mene bleibt ihnen ewig fremd, denn eine Sprache, in der ich nicht im Traume spreche, und wachend denke, in der ich nicht mein Kind liebkose und mit meinem Freund streite, bleibt mir eine fremde Sprache. An einigen Orten wissen sie gar nicht mehr, welches ihre Sprache ist, denn da mischt sich ein Franzoͤsisch hinein, das eben so viel zur Ideenverwirrung und Stockung beitragen muß, wie ihre brave Schweizersprache, und ihr Hoch- deutsch. Warum moͤgen die Schweizer ihre Spra- che nicht eben so gut zur Buͤchersprache gemacht haben wie die Hollaͤnder das Hollaͤndische? Schweizerdeutsch ist dem reinen Hochdeutsch nicht viel naͤher als dieses dem Hollaͤndischen scheint; ja mir daͤucht es sei durch die Abstammung der fremden Worte, noch verschiedner vom Deutschen wie das Hollaͤndische. Und die Hollaͤnder thun recht gut, ihre Sprache zu behaupten, denn so- bald der Deutsche sich frei gemacht hat durch die Aehnlichkeit der Toͤne haͤufigen oft hoͤchst laͤcher- lichen Reminiscenzen ausgesetzt zu seyn, so muß er diese Sprache liebgewinnen. Ich wuͤnschte mir zu erklaͤren, wie der Hollaͤnder auf seiner Wasser- flaͤche eben so viele Kehlentoͤne haben kann, wie der Schweizer auf seinen Gebirgshoͤhen — wenn sie gleich etwas anders modulirt sind. — — — — Unser dienstfertige Wirth hatte uns der Abre- de gemaͤß jenseits der Waal eine leichte, sehr ar- tige Kalesche mit zwei Raͤdern bestellt, die uns fruͤh um fuͤnf Uhr erwartete. Noch vor dieser Stunde begaben wir uns also zur Ueberfahrt an die Waal, die im heitersten Morgenlicht glaͤnzte. Die Wimpel der wenigen hier liegenden Schiffe wehten in der blauen Luft, in ihrem schoͤnglaͤn- zenden Hintertheil spiegelte sich die Sonne und die Wellen, von einem gut Wetter versprechenden Ost- winde bewegt, plaͤtscherten um den Kiel. Die Uhr schlug auf dem nahen Kirchthurm, und ein Glockenspiel toͤnte durch die Luft. — Die lie- be Unschuld vom Lande sperrt beim Glocken- spiel, wenn sie am Jahrmarkt zur Stadt zieht, Maul und Augen auf, ich weiß es wohl; der fei- nen Welt ekelt eine so gemeine Musik, ein so nichtsbedeutendes Geklimper — ich sollte gar nicht davon sprechen, und doch muß ich meinen Genuß bei dieser Geistersprache in hoher Luft aus- druͤcken. Der Ton scheint mir immer das erste Leben, wie die ganze Natur noch schlief brausten die Winde, und wenn das todte Metall sich be- ruͤhrt, verkuͤndet die Luft die erste Vereinigung zwischen verschiedenen Wesen. Und da toͤnt es nun oben im blauen Aether, und so wie das schwere Metall es erzeugt, entflieht es zum Him- mel empor. Und das Vielbedeutende des Tons, das Unbestimmte, daß ihm unsern Gefuͤhl so leicht anpaßt! — Glockenton die Sprache des Schreckens und des Triumphs, des Jammers und der Freude. Wer gern Glocken hoͤrt, stelle sich doch eines Sonntagmorgens bei heiterer Son- nenluft auf die obere Bruͤcke in Zuͤrich, wenn es aus der Morgenkirche laͤutet, oder er haͤtte sollen bei Kaiser Josephs Todtenfeier, die in einem No- vember statt fand, Abends zwischen sechs und sie- ben in den Bastionen vor Mainz stehen, wenn die zahllosen Glocken dieser damals Kirchenreichen Stadt die Luft erschuͤterten, indeß neben mir der feuchte Herbstwind wie Todesschauder die welken Blaͤtter von einzelnen Pappeln schuͤttelte; oder er horche, wenn er in der Mitte der Nacht erwacht, auf das kleine Gloͤckchen, das zum Gebet fuͤr Kranke aufruft, die in diesem Augenblick an die dunkle Pforte der Ewigkeit treten. — — — Das Nimweger Glockenspiel toͤnte mir wie luftige Gei- sterstimme, die auf den Lichtstrahlen, die von den goldnen Thurmknoͤpfen ausgingen, in die blauen Luͤfte entflatterten. Auf das gegebene Zeichen mit der Schelle kam die Faͤhre langsam heruͤber geschwommen, und fuͤhrte uns eben so jenseits hin, wo dicht unter Baͤumen versteckt, wie von hier aus alle Wohnun- gen gegen Suͤden es sind, der Gasthof lag, wo wir unsre Chaise finden sollten. Wir hatten aber ein Mißverstaͤndniß begangen, fuͤr welches uns der Herr Wagenverleiher buͤßen ließ; unsre Freun- de in * * * hatten uns gerathen sogleich hierher zu gehen, und nicht in Nimwegen zu uͤbernach- ten, ich hatte das aber ganz vergessen, und mußte es nun buͤßen, denn da der Gastwirth erfuhr, daß wir schon gestern nach Nimwegen gekommen, ward er sehr muͤrrisch und erhoͤhte den Preiß sei- nes Fuhrwerks um ein Ansehnliches, unter dem Vorwand, daß unser Koffer groͤßer sey, als es sich fuͤr eine Kalesche gebuͤhre. Nun ward unser Koffer durch diese paar Gulden gewiß nicht klei- ner, aber unser Beutel sicher leichter. — Auf ei- ner Reise von der Laͤnge sind alle solche Vorfaͤlle in Ruͤcksicht der Oekonomie wahre Kleinigkeiten, der wesentliche Nachtheil faͤllt auf das Gefuͤhl, das leidet wenn man wahrnimmt, wie so ein Mensch unsre Lage mißbraucht. Dieser sagte sehr trocken: wenn sie nicht so viel geben, fahre ich sie nicht. Wie ich den vorhergehenden Abend zu ihm geschickt hatte, forderte er fuͤr die vierzehn Stunden bis Utrecht vierzehn Gulden, wie wir bei ihm ankamen verlangte er sechszehn, und wie er den Koffer aufladen sollte, achtzehn. Und bei jeder Erhoͤhung rief er seinem Knecht zu: spann wieder ab — wenn sie das nicht geben, fahr ich nicht. Wir nahmen die Sache sehr philosophisch als eine Lehrstunde in der Geduld und Vorsicht bei dem Verkehr mit hollaͤndischen Wirthen und Pferdeverleihern, also als einen reinen Gewinn, und betrachteten die zierliche Wohnung unseres unzierlichen Wirthes. Es war jetzt sechs Uhr, die Magd wusch eben die nett mit Steinen belegte Kuͤche, deren Waͤnde ganz mit Fliesen bekleidet waren; der Heerd ganz niedrig wie in der Schweiz, das messingene Kuͤchengeschirr hellglaͤnzend in ei- nem Glasschrank aufgestellt, um den Heerdman- tel ein Falbala von weißen Musselin, in der Mitte der Kuͤche einen gebohnten Nußbaumnen Tisch — kurz die Kuͤche schien ein nettes Zimmer, in wel- chem der Heerd die Stelle des Kamins einnahm. In der Gaststube stand unter einem großen Spie- gel, auf einer Mahagony-Pfeilerkomode ein Zu- ber von eben solchem Holze, mit hellgescheuerten gelbmetallenen Reifen, um die Glaͤser zu schwen- ken. Eben so sorgfaͤltig aufgeputzt und reinlich gehalten war der Hausflur und der Platz vor dem Hause, der so wie fortan die Gassen in allen Doͤr- fern durch die wir kamen, so wohlgepflastert und sauber waren, daß unsre gute * * hier nicht den haͤufigen Hausfraugram haben wuͤrde, von den Eintretenden ihre Treppen und Fußboͤden be- schmutzt zu sehen. Nachdem die unangenehme Verhandlung we- gen des Fuhrpreises beendigt war, stiegen wir in die sehr bequeme, saubre Kalesche. Ich hatte da- bei Gelegenheit eine sehr vernuͤnftige Vorkehrung zu beobachten, durch die man beim Einsteigen verhuͤtete, daß die Raͤder uns nicht beschmutzten. Der Kutscher breitete einen wollenen Teppich uͤber das Rad, den er dann zusammen schlug, und auf seinen Sitz legte. Diese Sorgfalt beobachtete er so oft wir aus- und einstiegen. Da bei die- sen Fuhrwerken, man nennt sie hier Fourgen, die Raͤder nahe beim Fußtritt sind, ist der Einfall ganz herrlich. Nun gings auf einem Damm in starkem Trotte vorwaͤrts. Die ersten Stunden hatten wir die Waal stets zur Linken, oder Kanaͤle die mit ihr eine gleiche Richtung hatten, oft war der Weg auch zur Rechten so begrenzt, aber immer funf- zehn bis zwanzig Fuß uͤber Wasser und Land erho- ben, und so schmal, daß das Rad beim Auswei- chen nur eine Hand breit Boden behielt. Mit einer großen Berline kann man hier nicht auswei- chen, der leichtere Wagen wird alsdann abgela- den, und auf den Schultern vorbei gehoben, wie es unsern Freunden * * bei ihrer Reise nach dem Haag auf diesem Wege wiederfuhr, und mir spaͤ- terhin auf dem Wege von Marsden nach L. auch begegnete. Man muß das Ding so gewohnt seyn wie eine Hollaͤnderin, oder so gleichguͤltig das Un- vermeidliche abwarten wie ich, um nicht etwas aͤngstlich in die allseitigen Gewaͤsser hinab zu sehen. Die Folgen der schrecklichen Wasserfluth des ver- floßnen Fruͤhjahrs noͤthigten uns, mehrmals von dem durchbrochenen Damm herab in die Niederung zu fahren. Man arbeitete noch an der Wiederher- stellung dieser Daͤmme, und Austrocknung des laͤngs der Waal liegenden Landes. Hier soll aber der Schaden am geringsten seyn, tiefer herab an der Waal steht noch ein großer Theil des Landes unter Wasser. Diese Daͤmme gehen alle schnur- gerade, aber in ganz verschiedenen Richtungen, so daß der Weg auf ihnen oft in einer Art Zick zack geht, so wie diese Waͤlle der Senkung des Lan- des und der Richtung der Gewaͤsser folgen moͤgen. Links hatten wir ein paar Stunden lang ver- schwemmte Wiesen, neu ausgestochene Teiche, neu aufgeworfene Daͤmme, nichts das uns weder Fruchtbarkeit noch Anbau versprach. Bald aͤnder- te sich aber die Scene, die schoͤnsten Baumgrup- pen begannen — nein, nicht Gruppen, die sind unregelmaͤßig, es sind lange, oft doppelte Alleen, an deren Ende schoͤne Haͤuser liegen, um sie her sind regelmaͤßige Gebuͤsche und das alles ist mit Silberfaͤden, die, wenn man sie naͤher zu Gesicht bringt, Kanaͤle sind, durchschnitten und umge- ben. Solcher Gebuͤsche und Haͤuser sahen wir rechts und links in einiger Entfernung vom Wege stehen, und die Zwischenraͤume nahm schoͤnes Saatfeld und Wiesen ein. Auch diese sind alle ins Gevierte von Gaͤrten umgeben, und reichlich mit einzelnen Bauerhoͤfen, oder wollt ihrs Landhaͤuser nennen, besetzt. Alle diese Wohnungen sind ge- gen die Sonnenseite so von Baͤumen versteckt, daß man nur nahe dabei durch die Staͤmme die hohen hellen Fenster, das nette Pflaster vor den Thuͤren, die gruͤnangemahlten Baͤnke neben ihnen erblicken konnte. Und neben den kleinen und gro- ßen Haͤusern die Waͤlder von Obstbaͤumen! diese beiden Dinge, die Liebe zum Schatten und der Reichthum an Obstbaͤumen, waren mir hier zu Lande am uͤberraschendsten. Und welche herrliche kraͤftige Obstbaͤume! alle im verschobnen Wuͤrfel nach der Schnur gepflanzt, der Grasboden unter ihnen rein gehalten, und bei der vernuͤnftigen Ent- fernung, in welcher die Baͤume von einander ent- fernt sind, mit dichtem, fettem Grase bedeckt. Laͤngs dem Wege her gehn ununterbrochene Rei- hen von Eichen, die hier sehr kleine Blaͤtter zu ha- ben scheinen, von Hainbuchen und Weiden. Die- sen letzten laͤßt man aber ihren freien Wuchs, wo- durch sie herrliche Baͤume werden, die neben den dunkeln Eichen wie Silberpappeln stehen. War- um brauchen wir die Weide nicht als Baum? wir koͤnnten so wie hier das Holz zu vielerlei Hausge- raͤthe benutzen, es kaͤme auf unsern immer uͤber- schwemmten Ufergegenden fort, und diente noch als Damm gegen die landfressenden Fluthen der Donau. Aber die Baͤume haben hier ein Wachs- thum, das den unsern versagt ist. Ich moͤchte nur wissen, ob sie bei der schnellen Entwickelung, bei dem uͤppichen Wuchse, so lange dauern, wie bei uns. Laͤngs den Wegen, laͤngs den Auffahr- ten ( avenues ) sind sie sehr hochstaͤmmig gehalten, damit die Luft unten stets freien Lauf hat, auch werden sie stets gelichtet, niemals gestumpft. Sol- chergestalt sind die Zweige gegen die Hoͤhe des Bau- mes schwach; mir daͤucht aber, daß das Laub da- bei an Schoͤnheit gewoͤnne. Wir konnten den An- blick dieser in Schatten versteckten Wohnungen, dieser jugendlich belaubten Alleen, dieser sich kreu- zenden Kanaͤle, gar nicht muͤde werden. Nach einer Strecke Wegs kam wieder ein Stuͤck Landes, wo die Verwuͤstungen der Wasserfluth noch deut- lich vor Augen lagen. Der Sand hatte große Obst- gaͤrten bedeckt, an einigen Orten waren alle Baͤu- me ausgewuͤhlt, so, daß sie duͤrr und zerschlagen, alle in der Richtung der Fluth, auf dem Boden lagen. Nachdem wir zwei Stunden gefahren waren, ward ich durch einen rein polnischen Gebrauch ganz sonderbar uͤberrascht. Der Kutscher bog vom Wege ab in eine offne Scheune, wo er seinen Pferden Brodt gab, und dann am andern Ende heraus wieder auf die Straße einlenkte. Waͤhrend er fut- terte machte er die Thuͤren vor den Pferden zu, welches ich sehr gescheidt finde, weil dadurch die Thiere sowohl, als der Reisende indeß vor Sonne, Regen und Luft geschuͤtzt sind. Diese Scheunen sind immer neben den Staͤllen und Remisen; in Polen machten sie einen Theil des Stalles selbst aus. Um zehn Uhr kamen wir nach Thiel, einem niedlichen, von Kanaͤlen und Alleen umgebenen Staͤdtchen, das von Reinlichkeit glaͤnzte. Hinter dem Wirthshaͤuschen war ein Gaͤrtchen — funf- zehn Fuß ins Gevierte — voll bunter Blumen in schnoͤrkliche Beetchen gepflanzt, bunte Schmetter- linge buhlten um sie, ein großes Vogelhaus mit bunten Voͤgelchen zwitscherten darin, ein Bauer voll Haͤhnchen mit ungeheuer großen rothen Kaͤm- men kraͤhte dazwischen, die Sonne in vollem Glan- ze strahlte es an, es fehlte nichts wie der Karfun- kel, um es zu einem Guidoschen Garten zu ma- chen — doch den hatte ich im Busen, denn mir wars, als sey ich in einem Zauberlande. Nun setzten wir uns in eine Stube, wo alles glaͤnzte, ein hohes Fenster ging auf den artigen Marktplatz, die nette Wirthin brachte uns Thee, Butterbrodt u. dgl. stellte es auf eine schneeweiße Serviette, der Theekessel kochte, ich nahm mein Strickzeug zur Hand und dachte ihr waͤret alle ausgegangen und fruͤhstuͤckte einmal allein auf meinem Zimmer. Noch vor dem Thor gegen Cuilenburg zu, lag rechts uͤber das Feld hin ein freundlicher Garten mit schwarzen Gattern umgeben, mit lauter Alleen von Weiden und andern gruͤnen Baͤumen durch- schnitten, voll Blumen — Stockrosen und Son- nenblumen erkannte ich vom Wege aus. Das sey der Kirchhof, sagte mir mein Kutscher, mit dem ich durch Huͤlfe des Plattdeutschen recht gut fort- kam. So moͤchte ich dann lebelang in Thiel Thee trinken, und dann in Thiel begraben seyn. Wie gut wissen die Leute zu leben und todt zu seyn. O du wunderliches Volk! Hier ist der Mensch al- lenthalben Werkmeister, und alles, alles Men- schenwerk. Mir ists, als sollten diese Leute Gott vergessen muͤssen, weil sie alles selbst machen, bis auf den Boden auf dem sie ihre Baͤume pflanzen, und darum ist es ja gut, wenn der Erhabene ein- mal seine Wasserfluthen uͤber sie schuͤttet, sie koͤnn- ten sonst endlich fragen: „Wo ist er? das haben wir ja alles selbst gemacht.“ Dagegen unsre Ber- ge, unsre Waͤlder! wie verschwindet aller Men- schenwitz, alle Menschenkraft vor der Schoͤpfung, die der Hauch des Fruͤhlings auf unsern Hoͤhen hervorruft! Was sind seine Werke, wenn er sei- nen Blick auf die Scheitel unsrer Alpen richtet? Wie ruft ihm da alles, alles, das maͤchtige We- sen zu, vor dem seine Kraft schwindet, und von dem sie ausgeht. — Von dem sie auch ausgeht! — Ist nicht alsdann die hier uͤberall geaͤußerte Kraft auch Offenbarung der Gottheit? — nicht Er in dieser Kunst, in dieser besiegten Natur, die hier zu ruhen gedachte unter der stehenden Fluth, viel- leicht ausruhen wollte unter ihr von vollendetem Tagwerk, denn wer beweist mir, daß sie hier nicht einst Gebirge verschlang? Von Thiel aus nahten wir uns dem Rhein, uͤber den wir bei Rehnen auf einer Faͤhre uͤbersetz- ten. An der linken Seite des Weges fanden wir noch manche zerstoͤrte Huͤtte, die der Strom vori- gen Fruͤhling einriß. Ihre Besitzer hatten sich einen Winkel darin bewohnbar gemacht, und ar- beiteten, um sie wieder herzustellen. Durch die offnen Waͤnde sah man den geretteten Hausrath stehen, lose Bretter verwehrten hie und da Sturm und Regen den Eingang. Der Gang der Ver- wuͤstung war deutlich zu sehen, allenthalben war die, gegen die Straße gekehrte, Seite der Haͤuser stehen geblieben, oder am wenigsten versehrt, der Ruͤcktheil ganz hinweggespuͤlt, indeß rechts von den Daͤmmen die Wohnungen in besserm Wohl- stande waren, denn zu ihnen gelangte die Fluth nicht. In der Naͤhe von Utrecht ist das Land we- niger von Gebuͤschen und Landhaͤusern geziert, der Feldbau verdraͤngt die Triften, und faͤllt nicht durch seine Sorgfalt auf. Schoͤne bunte Blumen er- freuten das Auge in Roggen- Hafer- und Gersten- feldern — dennoch habe ich nie schoͤnre Gersten- aͤhren gesehen, noch schwereren Hafer, es fehlt also nur an Reinigung der Saat. Dabei waren viele Felder sehr sandig, und viele so feucht, daß Schilf unter der Frucht empor wuchs. Die Doͤr- fer wurden seit Thiel viel groͤßer, wir fuhren vor verschiedenen Kirchen vorbei, die, obschon ihre Bauart oft sehr alt war — ganz die alte, halb pyramidalische Form moͤchte ichs nennen, wo die Breite vom niedern Dache an zunimmt, und durch die maͤchtigen Strebepfeiler, von der Seite gese- hen, wie eine abgestumpfte Pyramide erscheint — dennoch sehr schmuck aussahen, wegen der wohl unterhaltnen Mauern, der hellglaͤnzenden reinge- H waschnen Fenster, und sorgfaͤltig erhaltnen Daͤ- cher. Einige der Kirchen waren aber auch wie unsre neuen Bethaͤuser gebaut. Ich stellte mir immer vor, die ganz nahgelegnen besonders netten Haͤuser mit zierlichen Blumengaͤrten, dicht gezog- nen Weingelaͤndern an den Mauern, mit hohen Fenstern und weiß angestrichnen Kreuzstoͤcken, ge- hoͤrten dem Domino, und dachte dabei, daß sichs hier muͤßte herrlich Domino seyn lassen. Um halb vier Uhr fuhren wir zwischen Windmuͤhlen und Kanaͤlen, an denen die schoͤnsten Alleen prangten, nach Utrecht hinein. Was ich bis jetzt von der Stadt sah, berechtigt mich nicht von ihr zu urthei- len. Der erste Eindruck ist hoͤchst angenehm. Alles verspricht Nettigkeit, Wohlhabenheit. Die Haupt- straßen haben große mit Baͤumen bepflanzte Ka- naͤle, neben denen breite, wohlgepflasterte Stras- sen hergehen. Die Haͤuser sind solide, ganz von Backsteinen gebaut, und nirgend sah ich so vollen- detes Mauerwerk. Man muß hier noch nie an eine Fenstertaxe gedacht haben — oder recht be- trachtet, ist es nicht sowohl die Zahl, als die Groͤße und Hoͤhe der Fenster, welche auffaͤllt. Und da- bei die Helle und Reinheit des Glases! Dieser machte * * bei unserm ersten Mittagsessen in Utrecht sehr unwillkuͤhrlich ein großes Kompliment. Sie stand am geschloßnen Fenster, als ein kleiner Schmetterling ihr uͤber das Halstuch lief, sie woll- te ihn zum Fenster hinauswerfen, und fuhr mit der Hand an die Fensterscheibe, die sie, ihrer voll- kommnen Reinheit wegen, vor die blaue Luft ge- halten hatte. Ich habe euch nun die Eindruͤcke geschildert, welche der erste Anblick dieses Landes auf mich machte. In meinen naͤchsten Briefen werdet ihr beobachten koͤnnen, wie sie sich durch naͤhere An- sicht der Gegenstaͤnde und gewohnten Umgang modificiren. Alles weicht hier von unsern Sitten ab. — Das stoͤrt mich nie, denn ich lebte unter so verschiednen Menschen, in so verschiednen Laͤn- dern, daß ich mich ohne alle Muͤhe an neue Sit- ten gewoͤhne — allein die leblosen Gegenstaͤnde tragen hier uͤberall das Gepraͤge des Menschen- werks. Gestern Abend drang sich mir das so druͤk- kend auf, daß ich aus dem Sallon unter den freien Himmel lief, um, zum Sternenheer aufstaunend, eines Anblicks zu genießen, der Gott allein aus- sprach. — — H 2 Fuͤnfter Abschnitt . D er erste Eindruck, den mir Utrecht machte, ist durch eine naͤhere Bekanntschaft mit dieser Stadt nicht geschwaͤcht worden. Ich bin gar nicht boͤs daruͤber, daß der Hof nur so kurze Zeit hier blieb, fuͤr die Groͤße dieser Stadt ists viel besser, daß hier kein Hof ist, eine Stadt, die bis jetzt ausschlies- send den Wissenschaften und dem Handel oblag, konnte bei einem Hoflager nur — ausarten, sey der Koͤnig den Wissenschaften auch noch so hold, und wuͤnsche noch so ernstlich Fleiß und Sitten zu erhalten. Mir scheint bei der ehemaligen Wohl- habenheit und dem jetzigen Druck der Zeiten, den- noch viel Rechtlichkeit unter dem Buͤrgerstande, viel Haͤuslichkeit unter den hoͤhern Staͤnden uͤbrig geblieben zu seyn. Auslaͤnder muͤßten die Sitten nur nie nach dem Vorbilde ihres Vaterlandes, Stadt oder Staͤdtchens beurtheilen; muͤssen nicht denken, weil man hier nicht haushaͤlt, wie bei ihnen, halte man gar nicht haus; nicht weil die Frauenzimmer hier nicht die Geschaͤfte treiben, wie bei ihnen, seyn sie ganz unthaͤtig; weil sie nicht die Stundeneintheilung beobachten, wie bei ihnen, leben sie blos in den Tag hinein. Die Familienbande scheinen mir hier noch fest geknuͤpft, die Verhaͤlt- nisse zwischen Eltern und Kindern der guten alten Zeit treuer wie in vielen andern Gegenden; man hat sich bei den zunehmend harten Zeiten weislich beschraͤnkt, der Luxus scheint hier nicht mit der Verarmung zugenommen zu haben, wie ich es in manchen Gegenden, wo der Krieg seit Jahren seine Schrecken verbreitete, beobachtet habe. Die hie- sige Universitaͤt hat von dem, was wir unter die- sem Namen kennen, wenig Aehnlichkeit, aber viele Huͤlfsmittel an belehrenden Sammlungen, und zahlreichen Stipendien, besonders fuͤr Auslaͤnder, sogar fuͤr Ungarn. Dieses alte Denkmal von Gei- stesverkehr zwischen dem West- und Ostende von Europa erfreute mich innig — fuͤr den uͤberall Licht suchenden Menschengeist, fuͤr das schoͤne Band der Wissenschaft, das die fernsten Nationen ver- schlingt, und fuͤr die Ehre dieser wackern Stadt, die im Stillen so weit verbreitet wohl thut. Die Professoren scheinen mir nicht so scharf von den uͤbrigen Staͤnden getrenut, wie auf deut- schen Universitaͤten, besonders in kleinen Staͤdten. Das mag zum Theil daher kommen, daß der Pro- fessor im Freistaat auch aktiver Buͤrger bleibt, noch mehr, daß die Gelehrsamkeit nicht blos den Pro- fessoren uͤberlassen, sondern durch alle Staͤnde ver- breitet ist. Der Adel, der Handelstand, die Kir- chenlehrer zaͤhlen Maͤnner von seltnen Kenntnissen unter ihren Mitgliedern, viele der groͤßten hollaͤn- dischen Gelehrten bekleideten keinen Lehrstuhl, und ohne gelehrt zu seyn sind einige Zweige von Kennt- nissen unter alle Staͤnde verbreitet. Ein Volk, dessen historische Laufbahn der Hollaͤnder ihrer glich, kennt seine Geschichte; und ein handelndes Volk nimmt unwillkuͤhrlich eine Menge Nationen auf, die den daͤmischen Lebensgange des gewoͤhnlichen Binnen- laͤnders fehlen. Die Lehrstunden geben den hiesigen Professo- ren nicht so viel Arbeit, wie einem Leipziger oder Goͤttingschen Lehrer. Der Cursus ist jaͤhrig — das heißt, er dauert 8 Monate, und die großen Ferien drei, außerdem finden noch einige kuͤrzere statt, so daß gewiß vier Monat Freiheit heraus- kommt. Dabei lesen die Herrn lange nicht so viel Kollegia, und bei der sehr geringen Anzahl von Studierenden gleichen sie mehr einer Privatstunde. Die Zuhoͤrer zahlen das Honorar am Ende ihrer Studienzeit, also nach drei Jahren — und der Preiß scheint mir, im Vergleich der allgemeinen Theure der Beduͤrfnisse, sehr gering. Diese Ver- schiedenheiten wuͤrden von einem Lehrer, der von einer norddeutschen Universitaͤt hieher zog, reiflich uͤberlegt werden muͤssen. Ich fuͤrchte, es wuͤrde unserm Gelehrten-Stande schwer werden, sich hier zu finden. Er hat noch weniger Biegsamkeit der Sitten, wie ein anderer Stand, haͤngt zu der freien Regsamkeit seines Geistes, zu seinem gemuͤthlichen Leben, noch mehr wie ein anderer von seinen Um- gebungen ab, und um sich diese oͤkonomisch, ange- nehm, und fuͤr den Hollaͤnder, dessen Mitbuͤrger zu werden er doch streben soll, unstoͤrend, unmiß- faͤllig zu machen, muͤßten sie doch ganz hollaͤndisch seyn. Wie hinderlich also fuͤr verpflanzte Men- schen die groͤßten Kleinigkeiten — besonders wenn sie Weiber aus dem Vaterlande mitbringen — auf ihren ganzen Zustand einfließen koͤnnen, beachtete ich sehr oft mit wahrem Schmerz. Nach einem Aufenthalt von mehreren Jahren hoͤrte ich in Suͤd- Deutschland noch norddeutsche Hausfrauen uͤber Dinge klagen, die mir die Anekdote der Franzoͤsin ins Gedaͤchtniß rief, die in London bitterlich uͤber die Unmoͤglichkeit daselbst froh zu leben klagte, und zum Beweise im gelaͤufigen Pariser Ton ausrief: es ist nicht erhoͤrt, wie weit der Englaͤnder Bar- barei geht! die gemeinsten Dinge wissen sie nicht zu bezeichnen — pour demander du pain ils Vous disent: donnez moi du bréad! du bréad! grand dieu quel peuple! — Der ehemalige Ruhm ihrer hohen Schule ist den Utrechtern noch frisch im Gedaͤchtniß, sie halten die hiesigen Anstalten zur vollen Ausbildung eines Juͤnglings fuͤr vollkom- men hinlaͤnglich, so daß ich junge Leute, die hier geboren waren, von ihrer Bestimmung hier ihren Vaͤtern in ihrer gelehrten Laufbahn zu folgen, mit der heitersten Zuversicht sprechen hoͤrte, und auf meine Frage: ob sie denn nicht eine auswaͤrtige Universitaͤt besuchen, nicht fremde Laͤnder sehen wollten? versicherten sie mir, daß Utrecht alles in sich schloͤsse, was die Bildung eines Gelehrten an- fange und vollende. Ich hatte einen Moment von komischer Demuͤ- thigung fuͤr meinen deutschen Nationalstolz — wie ich mit einem Utrechter uͤber die Straße ging, begegnete ich drei jungen Maͤnnern, deren ganzes Aeußeres meinen, seit einigen Wochen schon an sorgfaͤltige, nette, geringelte Formen gewoͤhnten Blick, wunderbar verletzte. Große Stulpstiefel, haͤngende Ueberroͤcke, Sturmhuͤte, und ein En- semble, das man in Norddeutschland seit vielen Jahren gewohnt ist, mit dem Ausdruck * * sche Studenten zu bezeichnen, fiel mir bei diesen drei jungen Maͤnnern, die uns auf der Straße begeg- neten, auf. Unbedacht zeigte ich sie meinem Be- gleiter und gab ihnen den Nahmen, den ihr An- blick in mir zuruͤckrief, wie sie Arm in Arm sich fuͤhrend, den breiten Weg einnehmend, neben uns voruͤber zogen. Zu meiner großen Verwunderung antwortete dieser sehr unbefangen: ja, es sind Deutsche, fuͤr die wir hier viele Stipendien haben. Also Charakter haben unsre lieben Landsleute in Utrecht — welchen Charakter wir Deutsche uͤber- haupt haben, scheint ja ohnehin noch nicht ganz bestimmt zu seyn. Der botanische Garten ist wohl unterhalten, von ansehnlichem Pflanzenreichthum, aber seine Lokalitaͤt scheint nicht allen Geschlechtern guͤnstig zu seyn; fuͤr die Wasser- und Sumpfpflanzen schien es an Mitteln zu fehlen, er ist meist mit Gebaͤu- den umgeben, und ganz ebnen Bodens. Da ich ihn als Weib besah, nicht als Pflanzenkenner, ge- denke ich nur mit Freude und Dank der vielfachen zarten Lieblingskinder der Natur. Ich ließ meine Phantasie, von ihnen geleitet, von Norden nach Suͤden schweifen, vom Japanischen Meer zu den Hebriden, und las in den zarten Blumenkelchen, in den tausendfachen Blaͤtterformen die Groͤße der Schoͤpfung. Das Naturalienkabinet ist klein, aber wohl gehalten, an See- und Schalenthieren reich, be- sonders in der Schoͤnheit der letzten, unter denen ich wahre Putzschraͤnkchens Exemplare fand. Un- ter den in Weingeist aufbewahrten Mißgeburten bemerkte ich einen Umstand, der dem liberalen, wackern Aufseher dieser Anstalt gewiß als nichts- bedeutend nur entgangen ist, allein bei der Wuͤr- de und Zweckmaͤßigkeit dieser Sammlung faͤllt er als ganz heterogen auf. Ein Paar mißgeborne Kinder haben Hals- und Armbaͤnder von Perlen und Korallen um, mit denen verziert sie in ihrer uͤbrigen nothwendigen Bloͤße sehr sittsam in ihrem nassen Haͤuschen sitzen. Da das das einzige Spielwerk war, welches ich bemerkte — und da mehrere Damen bei mir waren, haͤtte man gewiß nicht ermangelt, uns die vorhandnen aufzutischen, so ist diese Bemerkung gewiß mehr ein Lob, als ein Tadel. Die physikalischen Instrumente sind neu, zahl- reich, und einige sehr kostbar. Die Einrichtung der Anstalt erlaubt deren freie Benutzung unter Bedingung, die den wahrhaft Wißbegierigen nicht stoͤrt, und die Ordnung der Sammlungen den- noch sichert. Außer der Universitaͤt sind noch hoͤhere und niedere Schulen hier, die mir nach den Lehrern und Schuͤlern, die ich daraus gesehen habe, viele Achtung einfloͤßen. Die Schuͤler sind oͤffentlichen Pruͤfungen unterworfen, nach welchen Praͤmien ausgetheilt werden, und die mit oͤffentlichen Re- den von Seiten der Lehrer und Schuͤler in lateini- scher Sprache verbunden sind. Die Feierlichkeit findet in der Kirche statt, der Redner spricht von der Kanzel. Die Preise bestehen in Buͤchern, meist schoͤnen Ausgaben der Classiker, in schoͤnen weißen und goldnen Baͤnden. Der hiesige Dom ist ein schoͤnes Gebaͤude ge- wesen, eh ein ungeheurer Sturm gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts, wie mir daͤucht, das ganze Schiff der Kirche einriß. Wie es zu- ging, daß er nicht die beiden Thuͤrme uͤber dem Chor und der Porkirche fruͤher umwarf, wie das Schiff, kann ich nicht begreifen, ihre Proportion und Schoͤnheit lassen aber die Wiederherstellung des Ganzen sehr wuͤnschen. Zu der Kirche gehoͤ- ren eine Zahl Canonikate oder Domherrnstellen, die viel Ansehen genießen, und einige Einkuͤnfte gewaͤhren. Das Stift wie die Kirche ist dem hei- ligen Martin gewidmet; er prangt in einem Ge- maͤhlde des Saales, wo die Domherrn sich ver- sammeln, und wurde uns noch in Stein gehauen gezeigt, wie er in dem umgewehten Theil der Kirche gestanden hat, jetzt aber einen Winkel des Kreuzgangs bewohnt. Im Gange von der Kirche in den Stiftssaal zeigte man uns ein in Holz ge- schnitztes, neu mit Oehlfarbe angemahltes Bild- niß oder Bildsaͤule eines beruͤhmten Bettlers, die Abzeichen seines Berufs, Fetzen und Schwaͤren, auf das natuͤrlichste geschnitzt und gefaͤrbt; er haͤlt einen Geldbeutel in der ausgestreckten Hand, so, daß ich ihn vielmehr fuͤr einen Strauchdieb, als einen Bittenden gehalten haͤtte. Dieser Mann hatte sich in diesem elenden Zustande ein so ansehn- liches Vermoͤgen erworben, daß er bei seinem To- de eine Stiftung machte, Kraft welcher — ich glaube woͤchentlich? funfzig Armen ein Laib Brod ausgetheilt wird. Diese Gestalt und diese Ge- schichte in diesem Tempel des reinen Protestantis- mus zu finden, war mir etwas unerwartet. Das Bild sah ich, die Geschichte erzaͤhlte mir der Kuͤster weniger freundlich, aber mit viel mehr Glauben fordernder Wichtigkeit wie mein ehrli- cher Priester in Coͤlln die Wunder der heiligen Ursula. — — — Sechster Abschnitt . In der Gegend von Gauda auf dem Lande, im August, 1809. M eine Freunde hatten beschlossen, mir bei mei- ner Reise nach Amsterdam den doppelten Genuß einer Land- und Wasserfahrt zu machen. Ich bestieg also zu meiner Hinreise bis nach Lunersloot einen Wagen, den sie hier Kirebu — Gott weiß, wie sie es schreiben! — benennen. Er ist ganz wie ein Bremer Waͤgle gebaut, nur viel groͤßer, im armen Norden findet er sich, nur viel kleiner, unter dem Namen Kibitka wieder ein, wo ihn die Polen und Russen durch ein Futter und Decke von Filz viel mehr zur Waͤrme, also gegen die Kaͤlte einrichten. Hier ists ein ziemlich hochraͤderiges luftiges Geruͤst, oben mit Wachstuch bedeckt, zu dem man zwischen den beiden Hinterraͤdern ein- steigt. Es giebt deren mit drei Sitzen, die wegen der Menge Menschen, die sie fassen, zu Land- parthieen vorzuͤglich geeignet sind. Von Luner- sloot weiter nach Amsterdam nahmen wir eine Chaise, und die Ruͤckreise nach * * * sollte zu Wasser gemacht werden. Der Weg fuͤhrte durch das artige Staͤdtchen Weerden, das mit Graben und Waͤllen umgeben, wie eine recht friedliche Festung aussieht. Man kann die saubern niedern, mit fettem Gras be- wachsenen Waͤlle gar nicht fuͤr Ernst halten, so wie die meist sehr kleinen, aber allerliebsten Haͤu- serchen, oft nur von einem Stock, gar nicht aus- sehen, als koͤnnten sie je einem Feind widerstehen wollen. Von der Stadt aus faͤhrt man bei man- chem artigen Bauergute vorbei, immer hat man zu beiden Seiten Graͤben, die man hier so gewohnt wird, daß ich bei deren Ermangelung bald sehr verwundert frage: wo das Wasser hin sei? So wie man sich der Neuen-Schleuse naͤhert, hoͤren die Dorfwohnungen auf, und eine zusammenhaͤn- gende Reihe von Landsitzen faͤngt an. Da der Anblick dieser allerliebsten, oft sehr praͤchtigen Wohnungen, von den Kanaͤlen aus sehr viel bes- ser gesehen wird, die schoͤnsten auch gegen das Wasser zu stehen, so will ich euch bei meiner Ruͤckreise mehr davon sagen, und jetzt ploͤtzlich Abends um neun Uhr vor die Thore von Amster- dam bringen. Die Amstel scheint mir hier breiter wie der Rhein bei Mainz, der Himmel war um- woͤlkt, aber der Mond spiegelte sich in der stillen kraͤuselnden Fluth. Naͤher gegen die Stadt zu ward das Schauspiel bezaubernd. Jenseits des Wassers sah man allenthalben unter den Baͤumen hervor die Lichter der Wohnungen schimmern — denn das ganze Ufer der Amstel ist mit Haͤusern besaͤet, und diese Lichter zitterten im Wasser, und spiegelten sich auf der großen Flaͤche, und wurden jetzt von dem zarten Spiel der sie beschattenden Zweige in tausend Funken getheilt, und zerflossen dann von den kleinen Wellen fortgetragen, in tau- send feurige Strahlen. Fern und nahe gluͤhten die Wellen, und fern und nahe gluͤhte das Ufer; um uns hohe Baͤume, neben uns die freundlichen Haͤuser die sie versteckten, und von denen wir wie- der nichts wie die Lichter wahrnahmen, und zu- weilen einen Ton ruhiger Menschenstimmen, die der Zauberwelt den Stempel der Wirklichkeit auf- druͤckten, ohne ihr Anmuth zu rauben; denn es waren gemuͤthliche Toͤne, die an keinen Schmerz erinnerten. Haͤtte sich doch zu diesem Schauspiel von Ruhe und Groͤße, von Unbegrenztheit durch halbes Dunkel und blendenden Glanz erzeugt, haͤtte sich doch der Zauber des Gesanges hinzuge- fuͤgt! — nur eine Menschenstimme! bei dem lei- sen Ruderschlag der hie und da vom Wasser her toͤnte dachte ich immer das: O Santissima, das Vater Herder mit aus Italien brachte, hoͤren zu muͤssen. Aber das ist kein singendes, ist kein tan- zendes Volk — denn das seltene Stampfen an Kirmesfesten heißt nicht tanzen. Ein tanzendes Volk wartet nicht auf die Kirmes. Wenn am Fuße des Jura die Abendsonne auf die weißen Thuͤrme von Estavayer scheint, und der See im Schatten des Gebirges ruht, warten die Maͤdchen, welche die Feierstunde von den Spitzenkissen auf- ruft, auf keine Geige zum Tanze; mit sanfter Stimme loͤsen sie sich einander im Gesange ihrer Rondeaus ab, und Jugendleben macht die Glie- der gelenkig, die den ganzen Tag bei dem muͤhse- ligen Spitzenkloͤppeln erstarrten. Die heilige The- rese sagte vom gefallnen Engel: Der Ungluͤck- liche! er kann nicht lieben! — wenn ich die angenehmen Maͤdchen vor ihren allerlieb- sten Haͤuserchen sehe, und die Familien so wohlgemuth vor ihren reinlichen Thuͤren, im- mer sitzend und immer klanglos, so moͤchte J ich sagen: die Ungluͤcklichen, sie koͤnnen nicht singen! — — — Das weite Wasserbecken wird enger, und die Stadt nimmt den Kanal auf. Es ist eine wun- derliche Empfindung, im Finstern in eine ganz fremde Stadt zu kommen, und besonders in diese. Wohin ich blickte schimmerte Wasser, und spiegel- ten sich Baͤume und Bruͤcken, Baͤume, Wasser und wieder Bruͤcken. An dem Ton des rollenden Wagens hoͤrte ich wohl, daß die Haͤuser um mich her hoch waren, besonders bemerkte ichs an den Orten, wo ich kein Wasser schimmern sah, da sah ich auch, daß ich in einer großen Stadt war, denn die hell erleuchteten, ausgeschmuͤckten Kauflaͤden schimmerten von allen Seiten. In den Gassen wo Kanaͤle waren, sah ich nicht so viele Kramla- den, hier schien aber uͤberall das Licht aus dem Kellergeschoß heraus, wo in den großen Haͤusern das Gesinde wohnt, vielleicht auch noch, so wie es ehemals allgemein war, mancher Haus- eigenthuͤmer, der durch diese Beschraͤnkung den Vortheil hat, sein uͤbriges Haus sauber zu hal- ten. Nach der langen Zeit die wir fuhren zu ur- theilen, mußte die Stadt recht groß seyn. End- lich kam ich auf einen der schoͤnsten Kanaͤle, wel- cher der Kaiserkraagt heißt, bei unsern guͤti- gen * * an. — — — Mein erstes Beduͤrfniß war deutsche Zeitun- gen, und eine bestimmte deutsche Zeitung zu lesen. Seit fuͤnf Wochen wartete ich auf einen deutlichern Bericht von der Schlacht von Wagram. Wie ich den funfzehnten Juli Bern verließ, war die Nachricht dieser Begebenheit da, aber sie wur- de nicht publicirt. — In Deutschland fand ich nur die ersten eiligen Ansichten, den hollaͤndischen Currant — die einzige Zeitung die ich erblickte seit ich in * * * war, sagte wenig Details, nach denen ich doch sehr sehnsuͤchtig seyn mußte. — Dieser furchtbare Kampf, der unser politisches Daseyn entschied! Ich las bis tief in die Nacht, und schlief endlich — alle Wunden der blutenden Menschheit tiefer fuͤhlend, zum ersten Mal in Amsterdam sehr ernsthaft gestimmt, ein. Das Donauufer verließ ich, wie zahllose Kriegsheere nach Osten zu stroͤmten, die Schweiz verließ ich drei Monate spaͤter, wie der letzte furchtbare Schlag gefallen war, und zwei hundert Stunden weit von dem Schauplatz dieses Kampfes, werde ich wieder vom Kriegsgeschrei empfangen. Ihr werdet die Landung der Englaͤnder mit einiger J 2 Sorge um mich erfahren haben. Wenn ihr die Einnahme von Vließingen hoͤrt, und die Bewe- gungen die man hier zur Landesvertheidigung macht, vernehmet, werdet ihr sagen: aber was T … macht sie denn in der Galere? sie hoͤrt schießen — wenn wir in * * * im Gehoͤlz spatzie- ren gingen, toͤnte jede Salve wieder, bald schien der Ton uͤber die Baumgipfel getragen, bald un- ter dem Boden droͤhneud zu uns zu kommen. Das stoͤrte uns keineswegs in unserm Lebensgange. — — Lieben Kinder, heut zu Tage geht man dem Kriege nicht aus dem Wege! Darum traget den Frieden im Herzen wo ihr gehet. Uebrigens gehen die Dinge hier eben wie dei uns unter glei- chen Umstaͤnden, das heißt, man schreit, schwatzt, luͤgt, verwirrt die Begriffe, und vermeidet nach- zudenken, um nur nicht kluͤger werden zu muͤssen. Bei meiner Anwesenheit in Amsterdam war man so eben durch die Nachricht von dem Befehl einer allgemeinen Bewaffnung erschreckt. Alle streit- bare Maͤnner sollten sich, so sagte das Geruͤcht, bereit halten, dem Feind entgegen zu gehen. „Streitbare Maͤnner?“ Man sollte denken, da setzte sich eine furchtbare Mehrzahl „in seines Nichts durchbohrenden Gefuͤhle“ hin, und soͤnne nach, wie sie ihre Soͤhne zu andern Dingen bilden moͤge, als sie selbst ist. Ich weiß nicht was an dem Auf- ruf wahr ist, noch wie die Sache sich geendigt hat; aber wenn ich auf den Straßen ging, sah ich die mir begegnenden Maͤnner immer an, ob sie wohl unter die Streitbaren gehoͤrten, und das Haͤuflein schien mir hier, wie uͤberall, in einem gewissen Sinn nicht groß werden zu wollen. Ein junger Mensch aus dem Handelsstande, den ich sehr fleißig jagen, fischen und essen sah, da ich mit ihm auf dem Lande lebte, lernte eiligst die Becken schlagen, um unter der Feldmusik ge- braucht werden zu koͤnnen. Als Gemeiner zu die- nen fuͤhlte er nicht die physische, als Officier nicht die intellektuelle Kraft — denn nur so kann ich mir das schnelle Ergreifen seiner musikalischen Lauf- bahn erklaͤren. Also ists hier, wie uͤberall. In * * * hoͤrte ich eine Mutter ihren Sohn bitterlich beklagen, weil er in seinem Standquartier nicht seinen gewohuten Wein fand, in * * bangte es ei- ner andern, deren Sohn so eben das Conscrip- tionsloos getroffen hatte, vor der Wirkung des Fruͤhaufstehens, des Wachens und der harten La- ger, zu den allen er gar nicht gewoͤhnt sey — ists nun in Westen anders, wie in Osten? Kann es anders seyn? Wird es anders werden? Ich hatte in meinem Zimmer in Amsterdam eine herrliche Tuschmahlerei, die Niederfahrt des Odin, eine von Hetsch, seinem großen Gemaͤlde sehr verschied- ne Composition, zu deren Wirkung das farbenlose Grau und Schwarz noch sehr beitrug — vor die- sem Bilde stand ich oft, und haͤtte die Zauberin aus ihrer Felsengruft reißen und fragen moͤgen, ob unsrer Soͤhne Soͤhne Maͤnner seyn wuͤrden? — In mancher Beschreibung von Amsterdam, wel- che der lernbegierigen Jugend gegeben wird, lernt man, daß daselbst die Kutschen auf Schlitten ru- hen um durch die Erschuͤtterung den auf lauter Pfaͤhlen gebauten Haͤusern nicht zu schaden. Das kam mir immer recht aͤngstlich vor, ich sah die Haͤuser beben wie ein Blancmange. — Wie es ehmals war, weiß ich nicht, vielleicht ging man behutsamer mit den Haͤusern um, jetzt rollen die Wagen ohne alle Ruͤcksicht, und es wird hier mehr gefahren, wie an irgend einem Orte, den ich ken- ne, welches schon der haͤufige Landaufenthalt fuͤr die Handelsleute nothwendig macht, indem sie taͤglich in die Stadt kommen, oder, ist der Haus- vater nicht mit auf dem Lande, dieser taͤglich zu seiner Familie hinausfaͤhrt. Auch giebt es Fahr- zeuge aller Art, unter denen man aber am wenig- sten große Berlinen findet. Viersitzige Schaisen, zweisitzige auf zwei Raͤdern, ganz kleine schmale Schaischen ohne Verdeck, so leicht, daß ein Kind sie ziehen kann, oft sehr zierlich in Muschelform, mit Vergoldung, zu einem Pferde — das luftig- ste Fuhrwerk das sich denken laͤßt — die weiter oben beschriebnen Kirebu nicht zu vergessen, diese Fuhrwerke stehen Reihenweise bei den Vermiethern und warten auf Bestellung, indeß andre auf dem schoͤnen Pflaster der Stadt, und auf den Sand- wegen umher rollen. Innerhalb der Stadt wer- den die Kanaͤle zum gesellschaftlichen Verkehr gar nicht gebraucht, leichte Gondeln giebt es auch gar nicht, die zahllosen Fahrzeuge, die auf den Kanaͤ- len liegen, gehoͤren alle dem Handel. Warum die hollaͤndischen Staͤdte Venedig in einem Gebrauch nicht nachahmen, zu dem ihre Kanaͤle eben so ge- schickt sind, wie die Venetianischen, weiß ich nicht, bin aber in voraus so billig, einen vernuͤnftigen Grund zu vermuthen. Der Anblick der Straßen laͤngs den Kanaͤlen, ist hoͤchst angenehm; das Was- ser ist truͤbe, es riecht auch an mehreren Orten, doch bei weitem nicht so laͤstig, wie ich es in der Mitte Augusts, bei starker Waͤrme erwartet haͤtte. Schlammigt sind die Kanaͤle nirgends, und das Pflaster uͤberall rein, und sehr gut unterhalten. An beiden Seiten des Kanals steht eine Reihe gros- ser Baͤume, an vielen Orten ist sie doppelt, und zwischen dem Wasser und den Haͤusern eine breite gepflasterte Straße. Die Haͤuser, selbst die schoͤn- sten, reichsten, groͤßten, haben noch das Ansehen von Privatwohnungen, weil sie keine Hoͤfe vor den Haͤusern haben, wie in Warschau, Paris u. s. f. auch nur in wenig Haͤusern Einfahrten sind, son- dern nur sehr maͤßig große Hausthuͤren, zu denen schmale mit Gelaͤnder versehne Treppen fuͤhren. Unter der Treppe der Hausthuͤr geht man einige Stufen in das Erdgeschoß herab, dessen Fenster tiefer wie die Straße liegen. Was diese Haͤuser auf das angenehmste auszeichnet, ist die Vollen- dung, die Ganzheit , das Ansehn von Neuheit, die vielen hellen Fenster, das schoͤne Fensterglas, die ungemein schoͤn gemauerten Waͤnde, das sau- ber angestrichne Holzwerk — nichts Geflicktes, Verblichnes, Verwittertes. Der Anblick der Haͤu- ser nimmt mit Achtung gegen das rechtliche Haus- wesen der Bewohner ein. Sehr viele dieser Haͤu- ser sind sehr schmal, und belehren den Voruͤberge- henden, daß ihre Bewohner noch immer in einer gluͤcklichen Beschraͤnkung leben. Vereinigt man dann aber ein und den andern Umstand der Zeiten und Sitten mit diesen engen Haͤusern, so faͤllt ei- nen der fatale Brief aus Meisters Lehrjahren ein, wo Werner seinen laͤppischen Schwager nach des alten Meisters Tode die listig gewaͤhlte Beschraͤn- kung seines Hauses, seines Tisches so herausstreicht, und sich freut, daß ihm die erste verhindert Gaͤste aufzunehmen, und der letzte durch Wirthshaus- parthien ersetzt wird. Die Kauflaͤden sind in den Nebengassen — denn so muß ich sie in Vergleich der Grabengassen doch nennen? sie sind sauber, sehr reinlich, bei Tage die Waaren in großen ganz geschloßnen Glasschraͤnken zur Schau ausgestellt, Abends mit Lampen und Spiegeln sehr glaͤnzend erleuchtet. An Silberzeug, Uhren, Porzellan und Glas sah ich sehr reiche Laͤden, doch glaube ich, daß man aus Paris oder London kommend, hier wenig zu bewundern finden mag. Besonders schoͤne Porzellanladen bemerkte ich, doch von Pa- riser und Berliner Fabriken, nicht, wie ihr euch vielleicht vorstellt, von asiatischer Fabrik. Das bekannte japanische Porzellan, welches, wie man uns jetzt versichert, alles aus China kommen soll, wird immer seltener. Ich erinnere mich in meiner fruͤheren Jugend dergleichen Tassen und Schalen noch in vielen Familien des noͤrdlichen Deutsch- lands im Gebrauch gesehen zu haben; in der Schweiz findet man hie und da dergleichen Tassen im Gebrauch, die durch den hollaͤndischen Kriegs- dienst dahin kamen, aber sie werden nicht mehr ersetzt; die eleganteren Formen der vielen neuen Fabriken, vor allen das englische Steingut, ver- draͤngte jene schoͤnen, leichten, phantastisch ge- mahlten Gefaͤße. Hier sieht man deren noch in den meisten Haͤusern, oft von ausnehmender Schoͤn- heit, und einige Kaufleute sollen auch noch alte, unausgepackte Kisten voll großer Vasen und Scha- len stehen haben. Mit diesen sind besonders die großen Kamine in den Landhaͤusern geschmuͤckt, wo man die alte Pracht noch in Ehren haͤlt. Dort finden sich mehrere Gesimse uͤber einander, wo Gefaͤße jeder Groͤße in gehoͤriger Abstufung von drei Fuß bis zu vier Zoll Hoͤhe, aufgestellt sind. Oft gehoͤren zwanzig, dreißig Vasen zu so einem Aufsatz. Drei und fuͤnf Gefaͤße werden gewoͤhn- lich zusammen verkauft, und ich gestehe, daß ich dieses Porzellan allem, was deutsche, franzoͤsische und englische Kunst in dieser Gattung hervor bringt, vorziehe. Wer Zeit haͤtte, die Gelegenheit abzu- warten, wuͤrde einzelne sehr schoͤne Stuͤcke bei den Verkaͤufern finden koͤnnen, die sie, obgleich nicht wohlfeil, wenn der Aufsatz nicht mehr vollstaͤndig ist, doch nicht theurer als die modigen Urnen der deutschen Fabriken verkaufen. In den alten Fa- milien sind noch Schaͤtze von diesem Geschirr auf- bewahrt an Tisch- und Theeservicen, und wenn sie einen gewissen Grad der Pracht erreicht haben, sind sie der Mode nicht mehr unterworfen. In den Artickeln schnell wechselnden, schim- mernden Luxus, des Hausgeraͤthes, des Anzugs, scheinen mir die Amsterdammer noch etwas zuruͤck zu seyn. Das wird schon kommen! der Kreislauf muß vollendet werden; die ehrwuͤrdige Groͤße muß dem zierlichen Glanze Platz machen; die muͤhsam erworbnen, sorgsam gehegten Reichthuͤmer, muͤs- sen in tausend Kanaͤle wieder vertheilt werden. Ist das gut? ich weiß nicht! in so fern es unvermeid- lich ist, gewiß. Allein weh thut es mir, vielleicht mir weher als den Vaͤtern, die wunderbare neue Artikel am Ende des Jahrs in ihren Haushaltsrechnun- gen finden werden, mehr wie den Muͤttern, die ihren Jugendstaat verachten hoͤren, und sich selbst in der sechzehnjaͤhrigen Tochter nicht mehr erken- nen. Daß lang zusammen gehaltener Reichthum zertheilt wird, ists nicht, was mich betruͤbt, daß statt alten Sitten neue eintreten, ists auch nicht, aber ich vermisse einen gleichen Fortschritt der all- gemeinen Bildung mit der allgemeinen Verfeine- rung — denn Verfeinerung neunt man es ja! — Ist das uͤberall so, wo man die Fortschritte der Verfeinerung so deutlich verfolgen kann? Mir daͤucht, die Deutschen waͤren so gluͤcklich gewesen bei der uͤberhandnehmenden Verfeinerung, auch eine allgemeinere Verbreitung von Kenntnissen zu genießen — ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Großmutter sich kleidete, ihres Geraͤthes, ihrer Gesellschaft, ihres Tons — aber wenn das alles jetzt anders ist, so erinnere ich mich auch was sie fuͤr Vorurtheile hatte, was man damals nicht wußte, nicht lernte, nicht dachte, was damals ganz zu denken verboten war, was nur der Spe- knlation erlaubt war. — Ob wir darum jetzt bes- ser daran sind? das muß das naͤchste Geschlecht ausweisen. Daß der Luxus des Jahrs 1809 mit den Ansichten und Begriffen von 1770 verbunden, ein sehr unerfreuliches Gemaͤlde darstellt, habe ich wahrgenommen. Unter den zahllosen Kramlaͤden, die hier oft ganze Straßen lang fortlaufen, befindet sich in der Nachbarschaft der Boͤrse auch eine ganze Reihe Obstlaͤden, die mich an Kotzebues lebhafte Be- schreibung des neapolitanischen Obstmarktes erin- nerten. Solche Fruͤchte sehen wir weder an der Elbe, noch an der Donau, noch am Rheine, we- der so schoͤn, noch in dieser Menge und Mannich- faltigkeit. Bis tief in die Haͤuser hinein stehen sie amphitheatralisch aufgeschichtet in dem buntesten Farbengemisch. Die Ananas mit ihrer stolzen Krone zu oberst, um den Blick der Voruͤberge- henden zu blenden, dann folgt das ganze Geschlecht der Melonen, gelbe, gruͤne, graue, in laͤnglicher und runder Gestalt, unter ihnen die goldne Frucht von Portugals und Spaniens Kuͤsten, Orangen, wie sie der Garten der Hesperiden nur darbot; nun reihen sich die koͤstlichsten Weintrauben an — man ist versucht zu glauben, die Sage von Josua und Kaleb gruͤnde sich auf sie; Pfirschen von der schoͤnsten Gattung, Pflaumen jeder Art sind ihre Nachfolger, und zuletzt stehen artige irdne Ge- schirre mit Maulbeeren, Erd- und Himbeeren. Bei diesem Anblick glaubt man unter einem suͤdli- chen Himmel zu wandeln, und doch sind diese Fruͤchte zum groͤßten Theil in Treibhaͤusern, alle wenigstens in Waͤrmekasten gezogen. In dieser Kunst scheinen unsre Gaͤrtner, auch die, welchen man die Kosten dazu nicht verweigern wuͤrde, noch weit zuruͤck — vielleicht ist auch die Luft, das Wasser, hier dieser kuͤnstlichen Vegetation guͤnsti- ger. Ihre Behandlungsweise scheint mir uͤbrigens sehr leicht nachzuahmen, sie gewaͤhrte manchem muͤßigen Landjunker eine angenehme Beschaͤftigung, sobald er sie durch den Nahmen von Liebhaberei, Kaprize, oder Naturbeobachtung veredelt haͤtte. Die Gaͤrtner biegen den Weinstock um, und brin- gen ihn, vielleicht zwei Fuß von der Wurzel, seit- waͤrts in einen gemauerten Glaskasten. Hier zieht man ihn auf ein schraͤges Gelaͤnder, unter dessen hoͤchsten Seite ein Mensch aufrecht stehen kann. Dieses ist, wie jedes andre Mistbeet, mit Fenstern bedeckt, welche mit der groͤßten Aufmerksamkeit bald geoͤfnet, bald verschlossen, bald bedeckt, bald dem Sonnenstrahl ausgesetzt werden. Der Stamm uͤber der Wurzel, und diese selbst genießt indeß der freien Luft, und wird im Winter gegen die Kaͤlte geschuͤtzt, indeß es die Zweige durch die Glasfen- ster und ihre Huͤllen sind. So ein Weinstock hat acht und mehrere Zoll im Durchschnitt. Waͤhrend der Sommerzeit geht der Gaͤrtner jeden Morgen durch eine Thuͤr in den Kasten, sucht Fliegen, Ameisen, jedes Gewuͤrm ab, schneidet mit ei- ner Scheere jede angefressene Beere an der Traube aus, damit die uͤbrigen weder angesteckt noch in ihrem Wuchse gehindert werden, so, daß die reife Traube endlich ohne Makel und ein Muster von Vollkommenheit ist. Eben so behandelt man die Pfirsichbaͤume, Kirschen und andre Sommerfruͤch- te. Die Pfirschen sind von einer Vollkommenheit, von einem Dufte, einer Farbenglut, wie ich sie nirgends fand, in den guͤnstigsten Lagen am Rhein nicht, in den kuͤnstlichsten Treibhaͤusern von Pots- dam nicht, und die kostbaren Pfirschen, welche taͤglich ein Courier von den koͤniglichen Treibhaͤu- sern in Warschau der Kaiserin Katharine nach Cherson bringen mußte Im Jahr 1787 zeigte man der Briefstellerin auf des Koͤnigs Landsitz bei Warschau Pfirsichen, welche der da- mals in Cherson anwesenden Kaiserin durch Courriere zugesandt wurden. , schienen Holzaͤpfel da- gegen zu seyn. Bei dieser Fuͤlle von Fruͤchten, bei einer großen Verschiedenheit von Confituͤren, die man hier von den Inseln erhaͤlt, koͤnnte ich leicht in Gefahr kommen, mich recht an diesen Zweig des Irrdischen zu haͤngen. Sorgt aber nicht. Meine Freunde tadeln mich noch immer wegen meiner spartanischen Lebensweise, und ich mache ihnen dagegen die Bemerkung, wie sich die Be- schraͤnktheit des Menschen bis zur Naschhaftigkeit erstrecke, und ich oft weinen moͤchte uͤber meine Unfaͤhigkeit des Guten mehr zu genießen. Ach es ist nicht die Saͤttigung, nicht die Naͤscherei, war- um so eine Fuͤlle koͤstlicher Fruͤchte erfreut — es ist die Taͤuschung, die sie hervorbringt, als scheine hier eine waͤrmere Sonne, und als werde bei ih- rem holden Strahl jeder Lebensdruck erleichtert. Aber das ist dann freilich eine Taͤuschung, wie die Waͤrmekasten beweisen. Hesperiens Sonne mahl- te diese Fruͤchte nicht, und dieser ehrliche Gaͤrtner bedarf außer eines Obdachs noch der Daͤmme, damit sein Garten nicht weggeschwemmt werde, und des Torfes zu einem erwaͤrmenden Winter- feuer, und siebenfacher Kleidung gegen den schnei- denden Nord — nein! wo der Weinstock Schutz gegen die Sonne sucht, am schattigten Oehlbaum, da ist der Lebensdruck fuͤr den natuͤrlichen Men- schen erleichtert. Meiner spartanischen Lebensweise, wie man meine Maͤßigkeit hier nennt, unbeschadet, finde ich, daß die hiesige Luft eine große Veraͤnderung in der Diaͤt gebietet, gegen die sich eigensinnig zu wehren, vielleicht dem Fremden oft schaͤdlich wer- den mag. Man rieth mir hier Wein, und einen ziemlich starken rothen Wein zu trinken; ihr wuͤr- det erschrecken, mich bei jeder Mahlzeit einige Glaͤser Medoc trinken zu sehen, aber es bekommt mir gut, ich empfinde keinen uͤbeln Einfluß von diesem Clima, das man fuͤr mich so besonders nachtheilig hielt. Warum nun hier einige Glaͤser Wein auf einen Kopf, der sonst von einem Glase gespannt werden kann, nichts wirken, mag ein Gelehrter entscheiden. Mehrere Maͤnner machten an sich, freilich nur in einem verschiedenen Maaß- stab, dieselbe Erfahrung. Alle Montag ist Blumenmarkt in Amsterdam. Dort findet man in langen, langen Reihen alle Pracht dieser sinnvollen, leichtgestalteten, schnell- voruͤbereilenden, herrlichen Schoͤpfung vereinigt. Mir ward wie einem Kinde zu Muthe vor Erstau- nen und Freude und Wehmuth bei diesem An- blicke! Auf hohen Geruͤsten stand die stolze, reiche Hortensia, uͤber ihr das zahlreiche Geschlecht der Geranien mit ihren gluͤhenden Farben, dann die schoͤnsten Nelken und Levkoyen mit Stengeln, an denen zwanzig und dreißig Blumen so groß wie K kleine Rosen prangten, bluͤhende Rosenstoͤcke jeder Gattung, Mirthen, Granaten, kleine Orangen- baͤume, hoher Rosenlorbeer, und unter diesen in Toͤpfen gepflanzten Gewaͤchsen standen zahllose Koͤrbe voll großer Straͤußer von allen Blumen der verschiedensten Jahrszeiten. Dieser ganze Handel wird von Juden getrieben. Sie kaufen dieses hol- deste Geschlecht aller gestalteten Wesen meistens in Harlem — das Reich der Blumenzucht, — auf und da fallen denn schon wieder die Fluͤgel der Phantasie matt nieder, wenn ihr der Vermittler vorschwebt zwischen der schaffenden Natur und dem bluͤhenden Maͤdchen, das jetzt so einen Strauß an den Busen steckt — sie erblickt einen schmutzigen zerlumpten Juden! — Und doch ist mirs, als muͤste dieses arme Volk heitrer und freier hier herum gehen, weil es mit Blumen han- delt. Den Amsterdammern weiß ich es recht Dank, daß sie die Blumen so lieb haben. War- um soll es mir nicht gegen die ganze Stadt die Empfindung geben, die mir jeder eizelne Mensch giebt? wenn ich einen Unbekannten sehe, der Blu- men gern hat, faß ich Zutrauen zu ihm. Blu- men sind die Liebe des Kindes, das nur Gluͤck ahndend in das Leben tritt — sie sind oft die letzte Liebe dessen, der kein Gluͤck mehr hofft — sie bluͤht ihm ja noch auf Graͤbern. Ich begreife nebenbei hier aber nicht, warum die Blumen hier viel mehr Schatten vertragen koͤnnen wie bei uns? Bei uns in * * * stehen Geranien und Hortensien in dem großen auf vier marmornen Saͤulen ruhenden Kamin, der jetzt, und ich glaube nie gefeuert wird, kein Sonnen- strahl dringt je dahin, er ist am weitesten von den Fenstern des großen Gemachs entfernt, und seit vier Wochen bluͤhen diese Pflanzen auf das lustig- ste fort. K 2 Siebenter Abschnitt . M it welcher Neugier, nicht Erwartung, ich end- lich an den Hafen kam! In der Begleitung unsers guͤtigen * * war es mir erlaubt, das Innere des Admiralitaͤtsgebaͤudes zu sehen. Es ist von einem ungeheuern Umfange, und besteht aus mehreren Theilen, indeß eine große Fronte gegen die Stadt zu die eine Seite einer Straße ausmacht, die gar nicht breit, und gegenuͤber mit Haͤusern besetzt ist, die von einer Menge beim Schiffbau angestellten Leute bewohnt sind. Bei dem unermeßlichen Werth dieser Anstalt war es mir aͤngstlich, so na- he dabei die taͤgliche Gefahr von Feuersbrunst zu sehen, man fand aber meine Furcht uͤberfluͤssig, die Gefahr muß also berechnet seyn. Auf der Wasserseite ist ein breiter unabsehlich langer Stein- damm, mit den mancherlei Beduͤrfnissen und Handwerkszeugen bedeckt, welche der Schiffsbau auf dem, hinter dem Arsenal befindlichen Werfte erfordert, oder mit Gegenstaͤnden zur Ausruͤstung, welche die Naͤsse und Luft nicht angreift. Der Moment endlich in der Wirklichkeit zu sehen, was das Auge so oft in mannigfaltiger Darstellung be- schaͤftigte, ist aͤußerst wunderbar. Mein Kopf ward schwindlich, in der Bemuͤhung die Unter- schiede des Vorhandenen und Vorgestellten zu ent- decken, er ward schwindlich, die Erinnerungen von der Gegenwart zu trennen, und die Gegen- staͤnde der Beobachtung von den Ideenverbindun- gen, in denen sie ihnen immer interessant gewor- den waren. Der Anblick eines Kriegsschiffs von vier und achtzig Kanonen, das vor kurzem vom Stapel gelaufen war, machte mich bestuͤrzt — nicht wegen seiner Groͤße, nein, die Groͤße ergriff mich gar nicht, sie wird durch den Raum in dem es steht, durch die unabsehliche Wasserflaͤche hin- ter ihm, durch die große Steinmasse des nahen Admiralitaͤtsgebaͤudes, sehr herabgesetzt. — Mei- ne Bestuͤrzung ruͤhrte daher, in einem Gebaͤude jetzt herum zu gehen, das ich eben so , in jedem Detail, bisher vor mir auf einem Tisch hatte ste- hen sehen. Das schoͤne Modell des Schiffes Au- rora, das ich in * * * so oft, so aufmerksam be- trachtet hatte, war mir in allen seinen Theilen so gegenwaͤrtig, daß ich jeden Winkel des Admiral Ruyter, so war dieses Schiff genannt worden, erkannte, und seine Bestimmung errieth. Es war in seiner innern Einrichtung noch laͤngst nicht voll- endet; ohne Masten und Tauwerk, denn nur in diesem Zustand wird es vom Stapel gelassen, und liegt nun zu seiner weitern Vollendung ganz nahe am Damme, der in den Hafen hinausgeht. Ich hatte mir die Sache anders vorgestellt, dachte mir das Schiff ganz vollendet, wie Modelle und Ge- maͤhlde es uns darstellen, um vom Stapel ge- lassen gleich fertig nach dem fernsten Weltende zu seegeln, das war dumm gedacht; ich haͤtte mir denken koͤnnen, daß diese ungeheure Maschine, um in die Wogen zu gleiten, nicht das ganze Ge- wicht haben darf, welches ihr Ausbau ihr giebt. Mir war uͤbrigens bei dem Umhergehen neben den Kanonen, dem Anblick des Takelwerks der benach- barten Schiffe, der Naͤthe in den Seegeln, der Fensterscheiben in den Kajuͤten, wie es mir oft im Fieber war, wenn Gegenstaͤnde von gewoͤhnlicher Groͤße ploͤtzlich sich zum Ungeheuern ausdehnen, — wie Faust da der Pudel zum Elefanten wird. — So wenig mir nun die Groͤße des Admiral Ruyter von außen aufgefallen war, so sehr uͤber- raschte sie mich, wie ich auf dem Verdeck umher ging, und nun vom Schnabel zum Steuer hinab sehen konnte. Da ergriff mich der Gedanke des Menschenwerks! nun mahlte ich mir die Auftritte, zu denen dieses Schiff bestimmt war, nun dachte ich mir die Jahrhunderte, die verflossen, ehe die- ses ungeheure Gebaͤude bis auf jedem Zoll seines Raumes berechnet, auf dem pfadlosen Ocean se- geln lernte — ich dachte mir Agamemnons schoͤn geschnaͤbelte Schiffe neben dieser stolzen Wellen- koͤnigin, dachte mir die Schlacht von Salamin, und den Kampf zu dem dieser Riesenbau bestimmt ist. — O ich haͤtte vieles, vieles darum gegeben, eine halbe Stunde hier allein bleiben zu duͤrfen! ich sah den Mastenwald hinauf nach Osten, und den Mastenwald hinab, wo die Sonne sank — und uͤber die truͤben Wellen hin, die ihre salzige Fluth mit dem nahen Ocean verbinden, und ver- maͤhlte die neuen Bilder meiner Seele mit euerm Andenken, und dem des theuern Todten, der vor achtzehn Jahren an eben diesem Platze stand. Das Kriegsschiff, das er damals in die Wellen gleiten sah — welche fremde Meere durchschnitt es seitdem? wie viel Blut trank es? verschlan- gen es die Fluthen des Oceans, wie ihn die Fluthen des Schicksals? — Wenn die Gewaͤsser so fluͤ- stern und rollen, und der Wirbel geheimnißvoll sich dreht, moͤchte ich mein Ohr zu ihnen neigen und horchen auf die Jahrhunderte, die sie vor- uͤberfliehen sahen, auf das Verderben, das sie einschließen. — In ihrer beweglichen Gestalt sich ewig aͤhnlich, scheinen sie mir die nie alternden Zeugen der Weltgeschichte zu seyn. — — — Die verschiedenen Gestalten der Schiffe sind sehr bemerklich. Die feste, breite Philistergestalt der Kauffahrer, die leichte pfeilschlanke Form der Fregatte, — es lag eine, die Morgenstunde genannt, dicht an der Bruͤcke, so nett angemahlt, die Fenster der Kajuͤte so glaͤnzend, die Rahmen schneeweiß, die Wimpel flatterten lustig, und sie schien mir der Aal unter den Schiffen zu seyn. Ein aufgetakeltes seegelfertiges Kriegs- schiff erscheint dagegen wie ein stolzer Schwan. Nichts edleres wie dieser Bau! Inniger muß Groͤße und Leichtigkeit nicht gepaart werden koͤn- nen. Die Wellen wiegen es sanft, die bunten Ankerkoͤrbe plaͤtschern um sein hohes Steuer und Schnabel. Diese Ankerkoͤrbe sind Maschinen von groben Weiden in Gestalt einer vollen Spule ge- bildet, und farbig angestrichen. Sie bezeichnen den Ort wo der Anker liegt, da sie gerade uͤber ihm schweben, vermoͤge des Seils, das sie an ihn knuͤpft. Die hohen Masten, das regelmaͤßige Tau- werk, die zierlich gefalteten Segel geben der Ge- stalt etwas Geputztes, etwas Vollendetes; der feste Kern geht so allmaͤhlig in die farbiger fallen- den Wimpel aus, das lange Bogsprint ragt uͤber die Welle, und scheint das ganze Gebaͤude beinahe schwebend zu erhalten uͤber dem gefaͤhrlichen Ele- mente, auf dem es ruht. Dann sitzen die Ma- trosen so heimlich und haͤuslich auf dem Verdeck, auf dem Raan rutscht eine Menschengestalt so wohlgemuth und nachlaͤßig, wie euer kleiner Bru- der, wenn er in dem Gipfel der hohen Ulmen sich ein Plaͤtzchen sucht. Alles Angestrengte faͤllt hin- weg, es ist eine andre Welt, das ist Alles. — Wir bestiegen eine koͤnigliche Jacht. Den See- mann, ja nur den Kuͤstenbewohner, mag an so ei- ner Jacht nichts aͤrgern und stoͤren, er betrachtet jedes Fahrzeug nach seinem Gebrauch. Ich, un- gewohnter diese Maschinen in der Wirklichkeit zu sehen, gewohnt sie nur im Gefolge wichtiger Be- gebenheiten, ernster Beziehung, zu denken, em- pfand Befremdung bei dem Anblick eines Schiffs, das dem Putzzimmerchen einer petite Maitresse aͤhnlich sieht. Von der unter die Sterne erhobe- nen Argo zu den Galeeren des Hannibal, weiter zu dem Fahrzeug auf dem Columbus der sinkenden Sonne nachsegelte, oder den im Untergang singen- den Vengeur, den Lebruͤns erhabne Muse besang, und mir einen Genuß damit schenkte, den jede Er- innerung daran erneut Der Vengeur kaͤmpfte im ersten Kriege mit England seit der Revolution in den Gewaͤssern zwischen England und Frankreich mit englischen Schiffen, nach langem Widerstand erliegend verwarf er die Rettung, welche der Feind ihm anbot, und sank unter dem Siegesruf: Es lebe die Freiheit! in den Abgrund hinunter. , endlich bis zu dem schicksalsvollen Schiffe, auf dem Napoleon von des Nils Gewaͤssern an Frankreichs Kuͤsten segelte — wie kann man sich neben diesen Bildern, an die sich zahllose andere, eben so ernste bei mehrerem Nach- denken anschließen, wie kann man da eine andre Gestalt denken, als ein Stuͤrmen trotzendes, sei- nen Bewohnern nur die ersten Beduͤrfnisse gewaͤh- rendes Obdach? — Welche Zierlichkeit, welche Gemaͤchlichkeit bietet dagegen eine solche Jacht an? von dem glaͤnzenden Verdeck steigt man auf einigen mit Teppichen belegten Stufen in die Ka- juͤte. Eine Reihe heller Fenster mit eleganten Vor- haͤngen versehen, erleuchten ein kleines Zimmer, das mit Spiegeln, Sopha, Camin, so bequem und zierlich, wie moͤglich, aufgeputzt ist. Der blumige Fußteppich harmonirt mit den Farben der Vorhaͤnge, mit dem Ueberhang der Sophas. In der Mitte steht ein großer Mahagoni Tisch, des- sen Platte eingehangen ist, nicht fest ruht auf ih- ren Fuͤßen, so daß sie bei der Bewegung des Schiffs stets die waagrechte Stellung behaͤlt. Da hier gespeist wird, ist dieser Umstand fuͤr Sau ç en und Suppen sehr wichtig. Neben diesem Sallon, wenn ihrs so nennen wollt, war das Schlafkabi- net, alles mit feinem Musselin und blauen seidnem Zeuge dekorirt. Das Bett ist in der Wand ange- bracht; ein kleiner Buͤcherschrank, einige andere Bequemlichkeiten fuͤr die Toilette sind in dem sehr kleinen Raum auf eine so geschickte Art angebracht, daß fuͤr alles Platz ist. Eine kleine Kuͤche, ein Zimmer fuͤr die nothwendigste Bedienung nimmt den uͤbrigen Raum ein. In diesem sind die Bet- ten wieder in der Wand befindlich, so daß sie Nachts wie ein Tisch herab geschlagen werden, bei Tage aber nur die Dicke der Matratze innerhalb der Wand einnehmen. Zu Seereisen werden solche Fahrzeuge sehr natuͤrlicherweise nicht gebraucht, nur um auf dem Y, hoͤchstens den Texel zu be- fahren. Aus besonderer Beguͤnstigung erlaubt der Koͤnig davon Gebrauch zu machen. So segelte die Familie * * * von Ostfriesland auf einer sol- chen Jacht nach Amsterdam, und der * * Gesandte besuchte uns darin in * * *. Dieses Fruͤhjahr gab der Koͤnig auf der eben beschriebenen Jacht ein Fruͤhstuͤck, bei dem die von allen umliegenden Schiffen schallende Musik, der Donner des saluti- renden Geschuͤtzes, der dumpf uͤber die Wasser- flaͤche hinrollt, die flatternden Wimpel von allen Masten der zahlreichen Schiffe umher, ein herrli- ches Schauspiel gewaͤhrt haben soll. Einen andern Tag bestiegen wir eine Schalup- pe und segelten hinaus in das Y. Amsterdam dehnt sich in einem vollkommnen halben Mond um den Hafen her. Schoͤne Haͤuser, schoͤne Baͤu- me, schoͤne Thuͤrme, doch keiner, der sich durch seine Hoͤhe auszeichnete, umgaben den ungeheuern Halbkreis, weiter hin liegen schoͤne Doͤrfer und Staͤdtchen, deren rothe Daͤcher uͤber den Wasser- spiegel hervorsahn — denn eine Aussicht auf das Land hat man nirgends, das niedrige, der Wasser- flaͤche gleiche Ufer, zeigt nirgends eine Perspektive, nirgends Fernen. So ist auch die Aussicht auf das Meer gar keine ausgedehnte Aussicht — ach sie ist wie die Aussicht ins Leben, wenn nichts Ir- disches es begrenzt — der Himmel vermaͤhlt sich sogleich mit der Erde! Man fuͤhrte mich in Am- sterdam auf einen hohen Punkt, wo ich gegen den Pampus hin die Zuidersee sich oͤffnen sah. Dort war nun keine Grenze, aber auch keine Ferne. Der blaue strahlende Himmel senkte sich herab, und wo er den grauen, schimmernden Wasserspiegel beruͤhrte, lag ein leichter Nebel. Ob es auf dem Ocean anders ist? Vielleicht ists anders von einem hohen Felsenufer herab, vielleicht von dem Gipfel des Vesuvs. Aber je niederer du stehst, je be- schraͤnkter ist diese Unendlichkeit. Auf dem Y rich- tete ich meine Blicke so, daß ich der Wasserflaͤche so nahe wie moͤglich war, und suchte jene Richtung nach dem Zuidersee wieder auf. Die rothen Daͤ- cher der Nordhollaͤndischen Doͤrfer blickten wie Jo- hanneswuͤrmerchen uͤber den gruͤnen Faden des niedern Ufers her, und jetzt hoͤrte der gruͤne Faden auf, und der leichte Nebel vereinte Himmel und Erde. Aber der Anblick des großen ungeheuern Gewaͤssers so nahe an seiner Oberflaͤche, der ist er- greifend. Es scheint sich zu heben, zu woͤlben, zu steigen, du siehst nichts wie das furchtbare, luͤ- gende, formlose, lebendige Element, es ’scheint dich zu locken, zu rufen, der leichte Wellenwech- sel wird eine Geistersprache, und ich glaube, die Einbildungskraft koͤnnte die Sinne verwirren daß man sich hinabstuͤrzte in den lockenden Schlund. Das Wetter war herrlich an dem Tage da ich auf dem Y fuhr. Die Stadt lag im hellen Son- nenglanze, und wie die Sonne sank, schimmerten die Thurmknoͤpfe und Fenster, und Wimpel der zahllosen Schiffe, die Masten standen so stolz und fest, verschlungen mit dem symetrischen Tauwerk. Laͤngs dem Hafen waren viele Kanonier-Scha- luppen postirt, jede mit zwei Kanonen bewaffnet, und dem feindlichen Angriff abzuwehren bereit. Hiuter ihnen lagen Kriegsschiffe mit hochaufge- rafften Segeln, und schienen durch ihren schlan- ken maͤchtigen Bau, wie die Wettrenner auf dem Isthmus von Korinth, nur das Zeichen zu erwar- ten, um dahin zu gleiten auf der unermeßlichen Bahn. Das Herz hebt sich bei dem Anblick! die Brust wird erweitert und das Leben draͤngt sich Muthathmend in den Kampf mit Schicksal und Wellen. Mehrere amerikanische Schiffe hatten so eben geloͤscht und lagen vor Anker. Ihre blau und rothen Fahnen mit weißen Streifen verbun- den flossen in der Luft, die Maͤnner der andern Halbkugel saßen gemuͤthlich ihre Pfeife rauchend auf den Verdecken, und fuͤhlten sich fern von der Heimat auf diesen schwimmenden Brettern zu Hause. Mehrere große Fahrzeuge mit drei Se- geln, ein großes in langem Viereck, ein dreiecki- ges, und eines in Wuͤrfelform (daraus moͤchte wohl ein Seemann nicht klug werden?) durch- kreuzten, nur um die Kunst des Steuerns zu uͤben, die weiten Gewaͤsser. Muthwillig zwangen sie den Luftstrom ihrer Geschicklichkeit zu dienen, fuhren mit demselben Winde herauf und herab, spielten auf der falschen Flaͤche wie muntre Knaben auf dem gruͤnen Rasen. Mehrere Fahrzeuge segelten mit guͤnstigem Winde nach Nordholland, sie wer- den nur zu den Fahrten im Y und im Harlemmer Meer gebraucht, ihr großes Segel ist oben schma- ler wie unten, und ihr Lauf schnell und lustig. An- dre Schiffe segelten gegen den Pampus zu — je weiter sie sich entfernten, je weißer schimmerten ihre Segel, bis sie dem Auge wie Schwaͤne erschie- nen, die mit der Fluth buhlend, ihr Gefieder auf- blaͤhten. Hier und da erhuben sich, bei der An- naͤherung unsers Fahrzeugs, kleine Haufen von Voͤgeln, die man mir Meerschwalben nennte, der Bauch und die innern Fluͤgel waren weiß, an Groͤße glichen sie den Tauben, oder waren noch groͤßer, sie plaͤtscherten auf dem Wasser, ließen sich vom Winde treiben, oder ruderten ihm entgegen, leicht und kraͤftig, als solltens von ihnen die großen Men- schengebaͤude lernen, die ihr angeerbtes nasses Reich durchziehen. Mit unglaublicher Leichtigkeit hoben sie sich dann aus der Fluth, wiegten sich uͤber der Wasserflaͤche, schwangen sich empor, die weißen Federn ihrer Brust blendeten von der Son- ne bestrahlt das Auge, und der Vogel schwamm dahin in dem reinen Elemente, ward zum Punkte im Aether, und verschwand. O wie das Anschauen der Welt von der Welt erhebt! so wie der hoͤchste Moment des Gluͤckes von dem Leben ablaͤßt. Nur im schweren Nebel der Alltaͤglichkeit, nur im gro- ben Beduͤrfniß der Sinnen kann das Leben uns fesseln. — Wie leicht vergessen wir uns selbst, wenn alles um uns groͤßer ist, wie wir. — Das ist auch der Grund, warum wir so vieles uͤberleben; nur der erliegt dem Schicksal, der nicht den Muth hat, selbst zu verschwinden vor seiner Macht. — — Ich dachte, ich haͤtte viel gesehen — habe aber nur viel empfunden und also wenig zu erzaͤh- len. Wenn aber das Schicksal Eure Freunde, Eure Soͤhne auf das Meer fuͤhrt, so glaubt mir, waren sie faͤhig zu empfinden, so erhebt sie das Auffassen dieses Anblicks uͤber sich selbst. — Und das thut der Anblick der Welt immer, wenn un- sers Geistes Auge zu sehen geschickt ist, und hat es dann die Welt erblickt, und kehrt dann zuruͤck in sein Inneres, so findet es auch da wieder Wun- der und Groͤße, und die Seele wird frei, welche Fessel auch dem Busen druͤckt, den sie belebt. Einige schoͤne Stunden brachte ich im koͤnigli- chen Museum zu, so nennt man etwas, das noch nicht ist; eine sehr unvollstaͤndige Sammlung von Gemaͤlden, der einige Antiken ohne allen Zusam- menhang beigefuͤgt sind. Sie befindet sich im koͤ- niglichen Palais, dem ehemaligen Rathhause. Die- ses sehr schoͤne Gebaͤude steht auf einem freien Platze, wo es sehr gut in die Augen faͤllt. Ob es den Forderungen der Kunst entspricht, weiß ich und verstehe es nicht, denen meines Gefuͤhls ge- nuͤgt es nicht. Es hat etwas Isolirtes, ohne die Gedanken an Groͤße zu erregen, weil so viele Fen- ster und Fensterchen drinnen sind; es steht so vier- eckigt, und ist durch nichts mit der aͤußern Welt verbunden. — Bald denke ich, es sey noch nicht fertig, bald scheint es mir schon seiner Vollendung L wieder beraubt; doch uͤber Architektur muͤssen Layen gewiß am wenigsten urtheilen. Auf mich haben die Truͤmmern Griechenlands und Roms, und alle große Truͤmmern immer mehr gewirkt, wie das schoͤnste Vorhandne — welches beweist, daß ich keinen kuͤnstlerischen Sinn fuͤr Baukunst habe, denn bei den Truͤmmern wirkte die Weltgeschichte auf mich durch den Anblick, also nicht die Kunst. Sey nun das erwaͤhnte Palais schoͤn oder tadelnswuͤr- dig, so glaube ich gern, daß die Zimmer des Koͤ- nigs sehr schoͤn verziert seyn moͤgen. Dem Haupt und Fuͤhrer einer Nation, die den Reichthum so zu schaͤtzen weiß, wie diese, gebuͤhrt eine gewisse Pracht. — Da man mir keine Kunstwerke daselbst versprach, sondern nur schoͤnes Geraͤth, Tapeten und Spiegel, so lehnte ich es ab, sie zu sehen, wozu die Erlaubniß wohl erhalten wird. Den schoͤnen großen Platz vor dem Palais sah ich im- mer mit gaffenden Menschen bedeckt, die nach den Fenstern schauten, und oft erscheint der Koͤnig an den Fenstern oder auf dem Balkon. Wenn man sein edles, sanftes Gesicht sieht, wenn man die vielen Zuͤge hoͤrt, die es bewiesen, wie von gan- zem Herzen er Hollaͤnder ist, erfreut die badaude- rie, mit der die Leute da gaffen, denn sie kann der oͤffentlichen Meinung nur zutraͤglich seyn. Der junge Monarch strebt nach einem hohen Ziele — er will die Liebe seines Volks gewinnen, und dar- um liebt er es zuerst. Man sagt, Liebe muͤßte Liebe gewinnen, moͤge es auch hier eintreffen! Schoͤn ist das Unternehmen! und wehe den Ver- blendeten, die mit dem erstarrenden Reif des Mißtrauens jeden Keim von Anhaͤnglichkeit wie- der zu zerstoͤren suchen, weil sie Zeiten kannten, die ihnen lieber waren, als die das furchtbare Schick- sal herbeifuͤhrte. Ich glaube es faͤllt uns sehr sel- ten ein, zu bedenken, wie oft sich Fuͤrsten mit Undankbarkeit belohnt finden. Uebrigens glaube ich, wir Weiber haben eine gewisse guͤnstige Dis- position die Koͤnige zu lieben, welche die Staats- kuͤnstler besser benutzen sollten. Besonders recht junge, oder recht alte Koͤnige, unsre Weiblich- keit , und unsre Kindlichkeit , zwei herrliche Triebe, die kein andrer als ein Deutscher zu schaͤz- zen weiß, weil kein Auslaͤnder einen Ausdrnck fuͤr sie hat, finden dabei einer um den andern seine Rolle zu spielen. — Aber wie weit schweife ich vom Museum ab! eine Reihe Portraits von Maͤnnern aus der Ge- schichte dieses Landes, beschaͤftigte mich zuerst mit L 2 sehr lebendigen Gedanken. Egmont, Wilhelm von Oranien, de Witt, Oulden Barneweld, Mo- ritz, Alba, Erasmus, Grotius — wer nennt sie alle die ehrwuͤrdigen oder furchtbaren Namen? — Der Geschichtsgeist jener Tage ging vor meiner Seele voruͤber, und ich verlor mich im Nachden- ken uͤber die Wirkung, die es auf ein Volk haben muß, wenn es eine Geschichte hat, wenn die Maͤnner der vergangenen Jahrhunderte ihm ange- hoͤren, seine Ahnen sind, ihre Namen in den le- benden Geschlechtern fortdauern. Giebt es kein Mittel, dieses Andenken fruchtbringend zu ma- chen? muß denn endlich jeder Ton, auch der be- lebendste verhallen? ja, endigt das Nationalda- seyn eines Volkes das eine Geschichte hatte nicht endlich am widrigsten? Das Andenken vergange- nen Werthes trotzt wie eine Mumie der Verwuͤ- stung der Zeit, aber die Nachwelt, das Verdienst ihrer Voreltern sich zurechnend, ist fuͤhllos gegen ihr thatenloses Daseyn, und die Groͤße der Vaͤter wirkt wie die Vorbitte der Heiligen, die Froͤm- migkeit artet in Gepraͤnge aus, und die Liebe er- kaltet in der Brust. Das Andenken der Voͤlkerge- schichten wirkt auf uns wie der Erbadel; weil der Anherr sein Wappen vor vielen Jahrhunderten mit den schoͤnsten Thaten zierte, gestehen wir dem Enkel unbegreifliche Vorrechte zu, er gebraucht sie, glaubt sie mit Recht zu besitzen; entbloͤßten wir ihn in unsrer Vorstellung von dem Andenken seiner Vorfahren, so erstaunten wir vor unsrer Nachsicht; entbloͤßte er sich in der seinen von ihm, so erroͤthetete er vor seiner Armseligkeit. O wie sollte, wie koͤnnte der Anblick dieser Maͤnner ihr Verdienst ewig fortwirkend erhalten, unter dem Volke, dem sie gehoͤrten. Koͤnnte ich meinen Sohn vor so eine Reihe deutscher Maͤnner hinfuͤh- ren, wie sollte in ihm die Sehnsucht entgluͤhen — nicht ihnen nachzuahmen, das suche keiner, dazu ruft allein das Schicksal auf — aber heilig zu be- wahren, uneigennuͤtzig zu verwalten, muthig zu vertheidigen, was ihr Verdienst erwarb; und um das zu vermoͤgen, muß er alle die Eigenschaften erwerben, die ihn zum Mannne machen, mit dem Schwerd, der Feder oder dem Pflugschaar in der Hand. Es ist ein ganz eigner Schlag Gesichter diese Menschen bis zum westphaͤlischen Frieden. Ich kann mir nicht helfen, ich muß diesen Zeitpunkt zum Abschnitt machen, es ist mir immer, als wenn seitdem, nicht sowohl das ehrne, als das papierne Zeitalter eingetreten waͤre. Die kraͤfti- gen einfachen Zuͤge sind seltner geworden, und haben dem, was man Phisiognomie nennt, Platz gemacht. An den Gesichtern jener Zeit muß ich so vieles veraͤndern, bis ich sie mir bei einer tri- vialen Beschaͤftigung denke. So ein Moritz von Oranien, ein de Witt — geht auch zu andern Voͤlkern uͤber — Algernon, von der Fluͤhe, de Thou nehmt irgend eine Schilderei aus alten Ge- schichtsbuͤchern, und denkt euch die klaren, großen, offnen Zuͤge mit einem Musenalmanach in der Hand, oder das Seidekaͤstchen an dem Stickrah- men einer schoͤnen Dame durchstoͤbernd — es geht nicht! der Mensch guckt euch mit festem Blick an und ruͤhrt sich nicht vom Fleck. Nehmt dagegen unsre Maͤnner seit jener Zeit, und es wird euch keiner wunderlich vorkommen, wenn er ein Riech- flaͤschchen haͤlt, oder einer Donna den Ridikuͤl nachtraͤgt. So recht links, recht toͤlpisch, recht plump kann ich mir jene vorstellen, laͤcherlich und puppisch nie. Keines dieser Gesichter uͤberraschte mich mehr, wie Egmonts. — Ach das ist nicht der gluͤhend- muthige, leichtherzig genießende, Kummer ab- schuͤttelnde Mann, der in der Bluͤthe der Kraft den Tod wie den Sieg an die Brust druͤckt, wie Goͤthe ihn uns schildert. Das ist der Vater vieler Kinder, in dem haͤusliche Ruͤcksicht, Weisheit und Edelmuth streitet. Diese Stirn furchte die Sorge, diese Lippen zitterten vor Schmerz, und der schlichte lange Bart deutet auf ein Alter, das schon jenseits leichtsinniger Hoffnungen steht. Da waren einige andre Gesichter, in denen ich viel mehr von Goͤthes Egmont fand, Gesichter, von denen ich noch jetzt unter den Hollaͤndern viel Aehnlichkeit erblickte, denn ich sah in der Kirche, in dem Theater viele schoͤngebildete Maͤnner. Schoͤne offne Stirnen, die Augen à fleur de tite, edle Nasen, nur der Mund droht dem ganzen Ge- sicht grobsinnlich auszusehen. O der Mund ist, welche Gewalt ein Mensch uͤber seine Zuͤge hat, immer der Verraͤther seiner Seele. Alba sieht sich uͤberall aͤhnlich, wo ich ihn sah, und nach seinem Gesichte zu urtheilen, beruhte die Abscheulichkeit, die Unmenschlichkeit seines Karakters auf einem Mißverstand zwischen der Natur und dem Schick- sal. Die so wohl geordneten Zuͤge hatten mensch- liche Tugenden ausdruͤcken sollen; es giebt solche Gesichter, in denen die Anlage schon einen Man- gel an Gleichgewicht der Seelenkraͤfte andeutet, dazu gehoͤrt Albas Gesicht nicht, so lebhaft der Schauder ist den, es erregt. Und wer sah ihm denn ins Herz und erforschte ob sein furchtbarer Gang Ziel oder Mittel war? Wenn er nun seine groͤßte Kraft angewendet haͤtte, um seiner Menschlichkeit zum Trotze durch Blut und Thraͤnen einen Weg zu gehen, der seiner Ansicht der rechte schien? wer entscheidet uͤber den Irrthum der Menschen? Aus den schoͤnen Zuͤgen von Neros Buͤste blickt eine Verschobenheit hervor, in der ich thierische Ausgeartetheit errathen koͤnnte. Albas starre, kalte, feste Zuͤge koͤnnten mich uͤberreden, die- ser schreckliche Mensch hielt sich fuͤr ein Werkzeug der Gottheit. Ein großes Gemaͤhlde von Rembrand, ein Geschenk, das die Stadt Amsterdam dem Koͤnig gemacht hat, wuͤrde ich gern zehnmal besehen, und mit meinem Strickzeug beschaͤftigt, ihm ge- genuͤber sitzend, bald glauben, ich saͤh aus dem Fenster in einen wandelnden Volkshaufen. Hier geht ein Mann voruͤber einen Staab und eine La- terne in der Hand — es mag vielleicht eine Art Waͤchter seyn? Dort blickt ein Maͤdchen hell er- leuchtet zwischen den vor ihm Wandelnden heraus — du siehst sie sprechen, und lehnst dich weiter aus dem Fenster, um die niedliche Figur, die schnell voruͤberstreichen wird, noch laͤnger zu sehen. Mit dem wunderbaren Leben, an das doch kein bestimmtes Interesse, ein dramatisches Interesse moͤcht ich es nennen, wenn ich nicht fuͤrchtete ei- nen Kunstausdruck falsch zu gebrauchen, — ge- kuuͤpft ist, kann ich die Zeit, welche ein solches Kunstwerk dem Kuͤnstler kostet, gar nicht verbin- den; ich fasse nicht, wie sein Pinsel diese wandeln- den Scenen so allmaͤhlig dahin arbeiten konnte; sie scheinen nur die Schoͤpfungen eines Augenblicks seyn zu koͤnnen, so wie in diesen Gestalten allen nur der Augenblick geschildert ist. Der Kenner muß an diesem herrlichen Gemaͤhlde einen uner- schoͤpflichen Schatz von Kunst bewundern koͤnnen, ich muß wie Padridge erstaunen, daß die Menschen da so natuͤrlich wie die wirklichen Menschen auf dem Markt herum gehen. Fortan gehe ich gewiß Abends vor keinem Volkshaufen mehr vorbei, ohne Figuren aus diesem unvergleichlichen Rembrand zu suchen, und wenn mir ein blondes Koͤpfchen mit neugierigen Augen vorkommt, so mag sie ja so huͤbsch seyn, wie das Maͤdchen im gelben Leib- kleide, das aus Rembrands Bilde heraus guckt, sonst zerstoͤrt sie meine Taͤuschung. Diesem Ge- maͤhlde gegenuͤber steht ein eben so großes von van der Elst , ein Gastmahl, das zur Feier des west- phaͤlischen Friedens gegeben ward. Die Namen aller dargestellten Maͤnner sind unter dem Ge- maͤhlde angezeigt, und der Mahler war ihr Zeit- genosse. So ein Gastmahl ist eben kein sehr erha- bener Gegenstand, und wenn er einem unsrer be- ruͤhmten Zeichner waͤre aufgegeben worden, so wuͤrde man die hollaͤndische Natur wunderbar ka- rakterisirt haben. Mein wuͤrdiger Kuͤnstler faßte sie mit Geist und Leben auf. Die Figuren schie- nen zu athmen, zu handeln, die Gruppirung der es an Einheit fehlt, weil keine eigentliche Hand- lung die einzelnen Figuren verbindet, ist dennoch bedeutend, und ohne die scharfe Grenzlinie des Anstaͤndigen zu verletzen, ist wirklich die Freude des Mahlers ein schoͤner Kranz, der die derben, biedern, karaktervollen Gesichter zu einem Ganzen vereint. Das Herz lacht den Zuschauer aus diesen herrlichen Koͤpfen an. Der reiche, komeliche Anzug — wenn mancher Deutsche der Englaͤnder ihr comfortable mit keinem deutschen Ausdruck zu ersetzen weiß, so erlaubt mir dagegen unsrer Berg- vettern komelich zu gebrauchen — so weit und vollkommen, und doch nicht haͤngend und einhuͤl- lend, laͤßt gar gut. Da sitzen zwei liebe Herrn die zusammen schwatzen … wollen , denn der eine sieht so seelenvergnuͤgt in sein Glas und haͤlt es ein Bischen schief, als wenn die Hand mit sei- nem Willen nicht mehr im klarsten Einverstaͤndniß waͤr, so, daß ich ihr Gespraͤch nicht eben fuͤr aus- nehmend zusammenhaͤngend halte. Vorn rechter Hand ein paar andere Ehrenmaͤnner, die mir fast die Hauptpersonen schienen; sie moͤgen eben uͤber die Grundsaͤtze uͤbereingekommen seyn, und geben sich den Handschlag. Ein paar herrliche Gestal- ten! sie sehen so klar aus, der eine so wohlge- muth, der andere so uͤberzeugt, daß man hoffen kann, sie haben einander verstanden. Sie sind ein Bischen vom Tische abgewendet, und der naͤchste Nachbar zur Rechten hat gewiß zugehoͤrt, denn er sieht mit einer zufriednen Unthaͤtigkeit auf sie hin. Eine bayersche Prinzessin, die einen Herrn von Borseln geheirathet haben soll, oder wirklich geheirathet hat — denn im Heirathen liegt ein etwas Unwahrscheinliches, haͤngt auch da oben. Ich erfuhr seitdem durch die Guͤte eines Freundes mehr von dieser Jakoba, oder Jakobine, deren Schicksale sehr Das Kostuͤm ist sehr alt und die Manier — Gott verzeih mir das gelehrte Wort! — deutet so recht auf das Zeitalter, wo Novalis romantisch sind. Mich wundert, daß sie unsre roman- tische Historiker, oder historische Romantiker noch nicht benutzten? Jakoba, Tochter Wilhelm II. Herzogs von Baiern und Grafen von Holland und Hennegau erhielt 1411 vom Papste Johann XXIII. Dispensation, um sich mit Johann von Frankreich, Herzog von Touraine, Sohn K. Karl VI. von Frankreich zu verheirathen. Dieser starb in dem ersten Jahre ihrer Ehe, und noch in demselben Jahre, ertheilte ihr Martin V. Dispensation, um sich mit Herzog Johann von Brabant zu verehligen, widerruft sie aber im April des naͤchsten Jahres, weil ihm der Kaiser Sigismund und die Kirchenversammlung zu Kostanz gesagt habe, daß die Ehe mit Johann, der ihr Vetter war, Skandal und Blutvergießen erregen werde. Im Mai widerruft er aber den Widerruf, weil sich das liebe Paar schon verehligt hatte, und er nun hoͤre, daß diese Heirath kein Skandal erregt, und kein Blutvergießen verursacht habe, vielmehr ihre Unter- thanen aus dieser Verbindung Hoffnung fuͤr die Ruhe und das Gluͤck ihres Landes schoͤpften. Der Erfolg lehrte aber, daß Kaiser Siegismunds Misbilligung die- ser Ehe sehr gegruͤndet war. Johann von Baiern, der Jakoba Oheim, der mit einer Nichte des Kaisers ver- maͤhlt war, gerieth mit ihr um die Erbschaft ihres ver- storbenen Vaters in Streit. Das Land gerieth in Un- ruhe, es entstand zwischen den beiden Johanns Krieg, um das Erbe von Jakobinens Vater. Dieser wurde in- deß uͤber ihre Heirath, als sei sie eine Blutschande, so bange gemacht, so, daß sie heimlich nach England ent- seine Helden nach Nuͤrnberg reisen ließ. Ich sag- te euch von der braven Dame nichts, wenn ich floh. Man sagte ihr, der Papst habe dispensirt, aber nicht Gott. In England heurathete sie Humfried, Bruder Koͤnig Heinrich des VI. von England, kehrt mit ihm zuruͤck, und laͤßt die Hennegauer ihrem neuen Gatten schwoͤren; den Herrschaftsnebenbuhler Johann von Baiern laͤßt sie im Jahr 1424 vergiften, Humfried aber, von Johann von Brabant und Philipp von Bur- gund vertrieben, geht nach England zuruͤck. Johann von Brabant erhaͤlt den Besitz von Hennegau, worauf Jakoba wieder Anspruͤche macht seine Gattin zu wer- den, er verweigert diese Ehre aber mit vieler Beharr- lichkeit, und die beleidigte Dame entflieht in Manns- kleider verhuͤllt nach Holland. Die Hollaͤnder, ihres Vaters und Großvaters Guͤte eingedenk, nehmen sie freudig auf und schwoͤren ihr Treue. Nun ruft sie ih- ren Gemahl Humfried aus England zuruͤck, statt aber selbst zu kommen, schickt er ihr Truppen; Philipp von Burgund greift sie an, wird aber wiederholt geschla- gen, jedoch macht sie Friede mit ihm, da der eine ihrer Maͤnner Johann von Brabant starb, und der andere, Humfried, indeß eine andre Frau genommen hatte. Sie erhielt nun ihres Vaters ganze Erblaͤnder wieder, und regierte sie sechs Jahre lang ruhig und friedlich, nur brach sie die Zusage, nicht ohne Philipps Einwilli- gung zu heirathen, welche sie bei dem Friedensschlusse mit ihm gegeben hatte, und vermaͤhlte sich unter ihrem Stande, mit Franz von Bursele. Philipp fuͤhrt diesen listig gefangen weg, und Jakoba, um ihn wieder zu er- halten, tritt alle ihre vaͤterliche Guͤter an Philipp ab, nicht eine andere Spur ihres Daseyns gefunden haͤtte, naͤhmlich eine Art drolliger konischer Kruͤ- ge, beinahe wie die Bierkruͤge in Schwaben, die sie selbst zu ihrem Zeitvertreib gemacht haben soll. Man findet diese Toͤpfe in dem Schlosse von Hems- kerker, wo sie gelebt hat, und nennt sie Jakobas- kruͤge. Die Masse aͤhnelt den Steinkruͤgen und Toͤpfen, die wir alle aus den Niederlanden er- halten. Die Sache ist ein langweiliger Spaß, wenn sie erfunden, und hoͤchst gleichguͤltig wenn sie wahr ist; aber angenommen, stellte ich mir das Gesicht mit seiner steifen Beguine, und unbe- weglichen Zuͤgen, das heißt von keiner Abwechse- worauf dieser Franz freilaͤßt, das Ehepaar ausstattet, und ihm einige Guͤter abtritt, auf denen Jakoba im Jahrc 1456 starb. — Ist das nicht Stoff zu einem Roman? Wie unerloͤschlich war der Durst nach dem Bessern in diesem wahrhaft deutschen Weibe, um mit so viel Aufopferung das Gluͤck der Ehe bei vier Maͤn- nern zu suchen? und wie edel ist die treue Neigung, mit der sie endlich Land und Leute fuͤr den spaͤt gefund- nen eigentlichen Gatten hingiebt. Welch ein reicher Gegenstand! in welcher Epoche mag sie wohl die Toͤpfe gemacht haben? Wenn wir sie symbolisch betrachten, so paßte sich im Grunde jeder Zeitpunkt ihres Lebens zu dieser zerbrechlichen Schoͤpfung. — — — lung der Gefuͤhle beweglich gemacht, noch an kei- ner Leidenschaft kenntlich, stellte sie mir im ge- woͤlbten Schloßzimmer vor, auf ihrem hohen hoͤl- zernen Stuhle sitzend, — denn der ist auch hier aufbewahrt, viel ungezierter und eben so hoch und hart, und mit einer hohen vorn uͤbergebogenen Lehne versehen, wie seine Zeitgenossen in Constanz, auf denen Johann XXIII. und der Kaiser Sigis- mund saßen, die ich in meiner Jugend sahe, wo man mir den Platz zeigte wo Huß verurtheilt, und den andern wo er verbrannt ward — nun denkt sie euch bei einer roth schimmernden Ampel, die von der dunkeln Decke herab haͤngt, den Thon kneten, unbewußt des Nachruhms, der ihr und ihren Toͤpfen einige Jahrhunderte von Unsterblichkeit verlieh. Mancher Menschen Leben erweckt die Empfindung in mir, mit der ich immer Raupen sich einspinnen sahe, Wehmuth, Demuth und Freude; denn das ephemerische Daseyn wird Sym- bol der ewigen Dauer, sobald ich es mit dem All zu verbinden weiß. Ich koͤnnte euch nun noch eine Reihe beruͤhmter Namen nennen, Wouvermann, und van der Werft, und Hondhorst, die ich hier wieder fand, aber dann wagte ichs darauf, wie der Blinde von der Farbe zu sprechen. Ein sehr lebhaftes Gefuͤhl verbindet die Eindruͤcke zu schnell, um ihre Zusammensetzung genau zu unterscheiden, und darum koͤnnte ich Euch immer nur sagen, was ich empfand, wenig beschreiben, was ich sah. Tritt guͤtig ein Wissender zu mir, um mich uͤber den Werth des Einzelnen zu belehren, so vervielfaͤltigt sich mein Genuß, ja, wenn ich Zeit habe, entdecke ich selbst die einzelnen Theile, aber mir selbst uͤber- lassen, weiß ich nicht, ob dieser Farbenton diesem oder jenem Maler, dieses Fleisch diesem oder jenem Kuͤnstler gehoͤrt. Wir Art Leute muͤssen nicht ur- theilen, wir muͤssen uns begnuͤgen wahrzunehmen, aufzufassen — freilich macht uns das Gesehene dann nicht ansehnlicher und bedeutender fuͤr die aͤußre Welt, aber unsre innre Welt wird reicher und groͤßer. Wenn du die Blumen der Flur fraͤgst: welcher Sonnenstrahl gab euch euern Duft, welcher Thautropfen eure freundlichen Farben? wissen sie es ja auch nicht, aber ihre bluͤhenden Koͤpfchen richten sich gen Himmel und deuten: dorther, dorther! Es ist ja recht laͤcherlich, aber es ist doch so, daß das lebendigste Gefuͤhl, wenn ich eine Zeitlang mit Kunst oder Wissenschaft lebte, immer das ist, besser geworden zu seyn. — — Ein kleines Gemaͤlde von Hackert haͤtte ich euch gern mitgebracht, als Typus von hiesiger Land- fchaft oder Aussicht. Es stellt einen Kanal mit schoͤnen, hohen, lichten Baͤumen vor, und ein Landhaus daneben, gerade als saͤhet ihr in einem Spiegel sich die Landschaft vor der Amstel abzeich- nen, so natuͤrlich! ob denn Hackert in Holland war? denn seinen Namen nannte mir der Aufse- her der Sammlung. Zwei alte Gemaͤlde, bibli- sche Gegenstaͤnde darstellend, von van der Eyck, einem Vorgaͤnger Duͤrers, sah ich mit viel Theil- nahme; da kommt mir die Kunst vor, wie der eben ausgekrochne Schmetterling, sie hebt die Fluͤ- gel, sie ahndet das Reich der Farben, des Lichts, der Geister erhabenste Gedanken; aber noch haͤlt sie Ungewohnheit zuruͤck, noch getraut sie sich nicht der Schoͤpfung ins Auge zu sehen, die sich vor ihr oͤffnet. Mir ists wie vor der Wiege eines Kindes in Windeln und Banden so weich und so betend uͤber die Kraft, die sich soll in ihm zum Menschen bilden. — Von den viereckten Schleiern und flachen Gesichtern, und behangnen Schulter- knochen zu Raphaels Himmelskoͤnigin! — — Die Idealisirung abgerechnet, ist der Mangel an Perspektive in diesen alten Gemaͤlden neben Rem- M brands Erleuchtung sehr merkwuͤrdig zu beobach- ten; die beiden Maͤnner wollten ihr Bestes thun. Das ist wie ein frommer Stoßseufzer gegen eine Opferhymne — beide loben Gott. Allerlei Kirchen habe ich auch besucht; die huͤb- scheste war die neue Kirche nahe am Palais, ein schoͤnes helles Gotteshaus, leer und oͤde, wie alle protestantische Kirchen. Daß hier vielmehr Stuͤhle als Baͤnke stehen, in allen Kirchen, giebt ihnen noch mehr Alltaͤgliches; hier fand ich an der Kanzel hinauf, und in einigen andern Kirchen an den Waͤnden ganze Heere von Stovchen aufgeschichtet, die nebst dem Stuhle bei jedem Gottesdienste ge- miethet werden. Stovchen ist naͤmlich ein Feuer- kaͤstchen, Fußwaͤrmer, ohne den eine Hollaͤnderin sich nie niedersetzt. Eigends dazu bestellte Leute fuͤllen in den Kirchen die kleinen Feuerbecken an, welche in ein hoͤlzernes, mit drei Zugloͤchern ver- sehenes Kaͤstchen gestellt werden; neben den Kirch- thuͤren sind in einem Winkel Heerde, um den dazu noͤthigen Torf abzugluͤhen, und wohl angefuͤllt ge- ben sie die Stovchenswaͤchterinnen den frommen Seelen unter den Fuß. Auch im Zimmer siehst du vor jedem Anwesenden ein Stovchen hingesetzt; ein Stovchen zu bringen ist die erste Hoͤflichkeit, die du einem Gaste erzeigst, es ist das Fußwasser der alten Araber, der Betul der Tuͤrken, der Ca- lumet der Amerikaner — ich wuͤrde mich gar nicht wundern, wenn ein hollaͤndischer Maler Abraham darstellte, wie er seinen Hausfreunden, den ihn besuchenden Engeln, ein Stovchen zutruͤge. Im hollaͤndischen Schauspiel hatte ich mich kaum hin- gesetzt, so oͤffnete sich die Logenthuͤre, und eine wohlthaͤtige Hand versorgte mich mit diesem heil- losen Geraͤthe, uͤber das ich jedesmal stolpere, wenn ich es aus Menschenfurcht annehme, oder es un- versehens im Aufstehen weit vor mir her uͤber den Teppich fahren mache. Geschaͤh das im Winter, so gaͤbs Feuersgefahr, jetzt ist kein Feuer darin. Außer der Schaͤdlichkeit dieser Gewohnheit, welche die Aerzte sehr klar darthun koͤnnen, giebt sie den Weibern eine widrige, aller Grazie entgegen stre- bende Stellung. Die Schenkel machen mit dem Oberleib, und dann wieder mit den Beinen zwei rechte Winkel — sie sitzen da, wie die alten Isis- bilder. Nehmen sie nun noch eines ihrer vierecki- gen Naͤhkißchen auf den Schoos, so lief ich, waͤr ich ein Mann, ganz gewiß davon. Auch diese Sitte haben die Schweizerinnen mit den Hollaͤn- derinnen gemein, die Feuerkaͤstchen, Naͤhkißchen, M 2 und regelmaͤßiger Winkel sind in einigen Theilen der westlichen Schweiz einheimisch. Wie unaus- rottbar ist doch weibliche Grazie, daß an den Al- pen und an den Duͤnen dieses Geschlecht dieser Ab- scheulichkeit zum Trotz, doch liebenswuͤrdig ist. In der Kirche, die Nase gegen die Kanzel gerich- tet, der Domine mit der Wollperuͤcke auf die Heer- de herab sprechend, ist die Grazie ohnehin kein ein- wohnender Theil, und alles was das Erstarren abwendet, sehr wuͤnschenswerth, dort moͤgen sie also die Stovchen behalten. In der neuen Kirche war eine schoͤne geschnitz- te Kanzel, an der die vier Evangelisten geziement- lich mit ihren Thieren prangten. Die Kuͤsters- frau, welche uns umher fuͤhrte, hielt Matthaͤus sein Thier fuͤr einen Esel, und schien die Sache nie von einer andern Seite angesehen zu haben. Wahr ist es, daß er sich die Hoͤrner ein bischen abgelaufen hatte, so daß die Verwechselung ver- zeihlig war. Ich wunderte mich nur, daß der Anblick mehr auf sie gewirkt hatte, wie die Tra- dition. Der Orgel gegenuͤber, wo bei den Katholi- ken der Altar steht, stand in dieser Kirche auch ein Altar, der von mancher Seite auch als ein Hei- ligthum angesehen werden kann — das Denkmal eines großen Mannes, des Admiral Ruyters, das die Stadt ihm setzte. Es ist von der Kirche mit einem praͤchtigen Gitter abgesondert, das ganz vou Messing ein schoͤnes Kunstwerk in seiner Art ist. Innerhalb diesem ist der Platz, wo man die Trauun- gen verrichtet, und im Hintergrunde das Denkmal von weißem Marmor; die Ausfuͤhrung kann ich nicht beurtheilen, die Erfindung kostete kein Kopf- brechen. Ruyter liegt in voller Ruͤstung ziemlich hart auf Trophaͤen gebettet, auf einem Sarkophag; hinter ihm stellt ein Basrelief eine Seeschlacht vor, wahrscheinlich die von Angusta, wo er blieb, und zur Seite stehen ein Paar allegorische Figuren, die wahrscheinlich den Muth und die Wachsamkeit vor- stellten. Die Groͤße des Ganzen, die Isolirung in dem großen Tempel, machen es zu einem an- genehmen Anblick, und die Meinung des Denk- mals macht es mir heilig und lieb. Wohl dem Volke, das solche Denkmale hat! — In eben die- ser Kirche ist das Monument des Admiral Gaal, der, wenn ich mich nicht irre, Ruyters Zeitge- nosse war. Er focht gegen die Englaͤnder, wie er, und seine Landsleute glaubten ihm dafuͤr ein Denk- mal stiften zu muͤssen, denn damals war der Be- griff von Nationalehre noch von dem Begriffe Geldgewinnst getrennt. Wir wuͤnschten sehr Tromps Grabmal zu sehen, und fragten einen Kirchendiener, wo es sey? er erwiederte uns mit wegwerfender Gleichguͤltigkeit: es stehe in der al- ten Kirche, waͤre aber gar nicht der Muͤhe werth, gesehen zu werden, es ging kein Fremder dahin. Diese Verachtung jedes andern Denkmals, und jedes andern Ruhms, als dessen seines Helden, belustigte mich sehr. Wir suchten nun die alte Kirche auf, aber es war zu spaͤt, sie war nach dem Morgengottesdienst geschlossen, und der Abend- dienst war noch nicht angegangen. Meine Gesell- schaft schien es nicht fuͤr gut zu halten, einen Kuͤster oder andere Kirchenaufwaͤrter suchen zu las- sen, und da ich nicht wußte, ob es dieser frommen Stadt nicht wie eine Profanati e n erscheinen wuͤr- de, eine Kirche blos um des Begaffens willen auf- zuschließen, versagte ich mir die Freude, das Denk- mal von dem Ahnherrn meines Freundes F. zu se- hen. Auch gut! er focht nicht minder gegen Ol- bemarl, und entzuͤndete nicht minder Muth in manches Juͤnglings Brust, weil der Kuͤster der neuen Kirche neidisch gegen seinen Marmor war, und weil der junge Hollaͤnder, der mich herum- fuͤhrte, nicht Stolz genug hatte, den Kuͤster der alten Kirche zu rufen, damit ich Fremde das Grabmal seines tapfern Landsmanns verehrte. Seinen Harnisch sah ich doch — wenigstens gab man mir einen, der in einem Durchgang des Mu- seums am Boden lag, dafuͤr aus. Neben ihm standen ein Paar ungeheure Musketen — ich weiß nicht, ob diese sechs Fuß langen Feuerroͤhren ehe- mals nicht einen andern Namen hatten? meine armseligen Haͤnde konnten keine aufheben, aber ich legte sie an das kalte Eisen wie Bruder Martin die seinen an Goͤtzens eisernen Arm. Waͤr ich an der Amstel geboren, so fuͤhrte ich meinen Knaben hierher — und an wie viele schoͤne Stellen koͤnnte ich ihn fuͤhren, wo er lernen koͤnnte, was der Mensch fuͤr das Gemeinwesen vermoͤchte, wenn er sich nur als Theil des Ganzen betrachtet. Da es nun mit Tromps Denkmal nichts war, gingen wir in eine lutherische Kirche. Welch ein kleinlicher, finsterer, dumpfer Aufenthalt ist doch eine solche Kirche! die Gallerien verbauten hier die Fenster, die Stuͤhle den Boden, und die Stovchen die Pfeiler. Da der Gottesdienst noch nicht an- gefangen und die Kirche ganz leer war, setzten wir uns nieder, um auszuruhen. Bald hoͤrten wir aus dem andern Ende des finstern, großen Ge- baͤudes eine Weiberstimme deklamiren, und ent- deckten bei naͤherer Untersuchung drei alte Frauen, welche sich die Predigt des Vormittags wiederhol- ten. Die Wohlredenheit und das Gedaͤchtniß der einen war bewundernswuͤrdig! sie wiederholte lan- ge Perioden mit einem Feuer und einer Salbung, die mich in Erstaunen setzte. O das goldne Land fuͤr Kanzelredner! dennoch klagt man auch hier, daß die Kirchen nicht mehr so haͤufig besucht wer- den, wie ehemals. Mir ists jemehr und mehr, als sey der Eifer mit dem die Hollaͤnder die Refor- mation annahmen, sehr natuͤrlich auf ihrem Bo- den, Klima, und also auf ihrem Charakter ge- gruͤndet gewesen. Weder das Mystische, noch das Phantastische, noch das Lebensfrohe des Katholi- cismus konnte fuͤr sie gemacht seyn, und vor allen nicht das Symbolisirende, welches so viel Beweg- lichkeit des Geistes erfordert. Nimmt man dann noch die Verumstaͤndungen hinzu, wo der Handelsgeist mit dem Reformationsgeist Hand in Hand ging, da konnte eine so sinnliche, leiden- schaftliche, das Gemuͤth aufreizende Glaubens- lehre nicht angenehm seyn fuͤr das Volk, und nicht zweckmaͤßig fuͤr die Volksfuͤhrer. Es mußte den wackern Leuten ordentlich seyn, als raͤumten sie ihr Haus auf, wie sie die Heiligen und ihre Sie- gesfahnen verjagten. Fuͤr das Gepraͤnge, die Blumenkraͤnze, die Kerzen, gehoͤrt eine Natur, die der Mensch nicht immer mit eisernem Zepter beherrschen muß, gehoͤrt eine lebhaft genießende Nation, in deren Leben die Berechnung des mor- genden Tages nicht durchaus nothwendig ist. — Der Katholicismus gehoͤrt unter einen warmen Himmel, nicht in diese feucht kuͤhle Luft. Aber die Geistlichen der andern Confessionen — welcher Segen koͤnnte von ihnen nicht hier ausgehen! denn ich gestehe, daß mich die aͤußere Form der hiesi- gen Froͤmmigkeit durchaus nicht so abschreckt, daß ich nicht uͤberzeugt waͤre, hier zu Lande sey wirk- lich noch mehr Religion, wie an vielen andern Orten. Ich meine hier unter Religion das Be- duͤrfniß des Menschen nach dem Goͤttlichen. Die Form ist hier befremdend, ja ich weiß wohl, daß der Weg, auf dem diese Menschen suchen, ein Ab- weg ist; aber ich ehre ihr Suchen. Der das thut, der kann noch finden, der uͤbermuͤthig schon gefun- den zu haben glaubt, oder gar nicht spuͤrt, daß ihm noch fehle — der ist arm. Allgemein haͤlt man hier noch die aͤußre Religions-Uebung hei- lig, und die Geistlichen haben viel Einfluß in den Familien, genießen einer Achtung, die sie auffor- dern sollte, ihren geehrten Beruf in seinem gan- zen Umfang zu erfuͤllen, das heißt, von sich aus ein schoͤnes mildes Licht uͤber den Glauben, und das Leben und das Denken ihrer Heerden zu ver- breiten. Mit wahrer Theilnahme hoͤrte ich, wel- chen Werth man hier auf eine Predigt legt, wie viel Einfluß man vom Besuche des Gottesdienstes erwartet. Und nicht der niedere Stand, der bessere, der reichere schaͤmt sich der aͤußern Froͤmmigkeit nicht. Der Hausvater, oder eine aͤltere Person der Ge- sellschaft, betete vor der Mahlzeit laut, und ich hoͤrte zuweilen diese Gebete in der braven vertrau- lichen Sprache mit Ruͤhrung aussprechen. War- um nehmen wir, denen doch heilige Gefuͤhle im Herzen gluͤhen, diese Sitte nicht alle wieder an? Was ist uns denn die Mahlzeit? ist sie ein bloßes Abfuttern, ein bloßes Stillen des groͤbsten Be- duͤrfnisses, so krieche ein jeder mit seiner Schuͤssel in einen Winkel. — Ist denn nicht die Mahlzeit fuͤr uns ein Augenblick von Familienverein, ein Augenblick, wo wir gleichsam von einem kleinen Huͤgel herab den Tag uͤbersehen, schon viel gethan, schon viel getragen haben muͤssen; wo wir genie- ßen wollen, wo die Eltern sich besinnen, mit ih- ren Kindern leben wollen, die Kinder vertraulich mit den Eltern verkehren — ist es das nicht? und wenn es das ist, beten wir dann nicht schon? wir sprechen also dann nur den Eingang ins Gebet aus, wenn wir vereint in einem Gedanken das Wesen nennen, durch das dieser Augenblick uns geschenkt ward. Oft zeigt sich dieses religioͤse Beduͤrfniß in ei- ner freilich uns sehr befremdeten Gestalt, die wir nur aus den Jahrbuͤchern Ludwigs des Vierzehn- ten kennen. Frauen, welche bis dahin dem Ton der Zeit gefolgt waren, ziehen sich ploͤtzlich aus der Welt zuruͤck, veraͤndern ihren modernen An- zug in die einfache Buͤrgertracht, und widmen den groͤßten Theil ihrer Zeit oͤffentlichen und Privat- andachten. Diese letzten versammeln Menschen aus allen Staͤnden und finden in Buͤrgerhaͤusern statt, wo denn die Anzahl der Frommen oft so groß ist, daß die Treppen, der Vorsaal gedraͤngt voll ist, und man zufaͤllige Botschaften durch die Fenster vernimmt, weil die Thuͤren zu sehr mit Menschen umringt sind. Die Redner in diesen Versammlungen sind oft Geistliche, zuweilen fol- gen aber auch Laien dem Beduͤrfniß, ihr volles Herz oder ihre lebhafte Ueberzeugung ihren Bruͤ- dern mitzutheilen, und Maͤnner von sehr großen Familien nehmen an diesen Uebungen Theil. So viel ich bemerken konnte, hatte diese Theilnahme auf den buͤrgerlichen Wandel keinen Einfluß; sie macht weder nachlaͤssig in den Pflichten fuͤr den Staat, noch exaltirt sie die Begriffe, welche die oͤffentliche Sache angehen, wenn man diese Men- schen, um ihrer Ueberzeugung zu folgen, nicht im Schauspiel, nicht an Spieltischen sieht, erfuͤl- len sie dagegen die Pflicht des Gutsherrn, Haus- vaters, Hausherrn — theilen moͤchte ich ihre Uebungen nicht, aber ich gestehe, daß ich den Weg, auf dem diese Koͤpfe zu klaren, einfachen Ansichten kommen koͤnnten, fuͤr viel leichter halte, als jenen, den zu eben diesem Ziel die Zuhoͤrer unsrer beruͤhmtesten Philosophen zu gehen haben. Daß ich hier nicht von der gelehrten Welt und von Systemen spreche, versteht ihr von selbst, von denen ist zwischen euch und mir nie die Rede. Da der Tag, an welchem ich also in den Kir- chen umherzog, ein Sonntag war, sah ich auch eine große Menge Menschen im sonntaͤglichen Staate umherwandeln. Da wuͤrde manche unsrer Damen den glaͤnzendsten Putz eines Gallatages um den Kirchenschmuck einer Amsterdammerin ge- ben, die ich, da sie mir zu Fuß begegneten, nicht zu der vornehmsten Klasse rechnen konnte. Nie sah ich so schoͤne und viele Brillanten um mich blitzen. Einige Frauen hatten Ohrringe von außer- ordentlicher Groͤße a jour gefaßt, die mich im Schein der Sonne entzuͤckten — denn ihr wißt ja die mystische Freude, die mir der siebenfach ge- brochne Strahl in den erstarrten Thautropfen macht. Auf der Brust hatten diese Frauen große Schleifen oder Nuster , wie man in Schwaben sagt, die wie Arons Schild blitzten. So standen sie auch in ihren Hausthuͤren in Seide von glaͤn- zenden Farben gekleidet: Gruͤn, Blau, schillern- des Gelb; aber alle tragen bei der Landeskleidung ein fatales Haͤubchen, das alle Haare verbirgt und unter dem Kinne gebunden ist. Diese un- leidliche Sucht die Kinnladen zu umwickeln sollte kein junges Weib theilen; heut zu Tage scheint man gar nicht mehr zu wissen, welcher Liebreiz in der Linie vom Ohr bis zum Kinn eines jungen Weibes liegt. Die Jugend spricht sich dort am lebendigsten aus, dort und in den Schlaͤfen der Jungfrau, und aus diesen Zuͤgen flieht sie auch am schnellsten. — Das haben die hiesigen Frauen nie beobachten koͤnnen, sie umhuͤllen ihr Kinn im sechzehnten wie im sechzigsten Jahre. Die Nord- hollaͤnderinnen haben dabei noch eine saubre Er- findung gemacht, um auch die Ahndung von ei- nem schoͤnen Nacken zu vernichten. An dem Hin- tertheil ihrer Hauben ist ein faltiges Stuͤck Zeug von der Laͤnge einer halben Elle gesetzt, das uͤber den Ruͤcken faͤllt und einen artigen kuͤnstlichen Buckel macht. Vorn uͤber die Stirn haben sie ein Band von Perlen oder Edelsteinen gebunden, uͤber welchem die Stirn wieder sichtbar ist, und oben endlich mit steif geklebten Locken umgeben ist. Der Ursprung dieses Kopfschmuckes geht gewiß in das hoͤchste Alterthum hinauf, die Binde kann meinetwegen mit dem priesterlichen Schmuck des Herthadienstes zusammenhaͤngen, und die Hauben- verlaͤngerung ehemals ein ruͤckwaͤrts wogender Schleier gewesen seyn. — Moͤchte man doch wie- der einigermaßen zum Alten zuruͤckkehren! die rei- nen Zuͤge dieser Nordhollaͤnderinnen, ihre schoͤne Gesichtsfarbe, ihr offnes blaues Auge verdienten einen weniger entstellenden Aufputz. Meiner bekannten Liebhaberei gemaͤß, suchte ich an einem andern Tage die wilden Thiere auf, welche hier auf koͤnigliche Kosten, jetzt in der Naͤhe des botanischen Gartens, gehalten werden. Trotz unserer Einlaßkarte ließ man uns nicht ein, wir sahen aber die Beester demungeachtet auf die un- schuldigste Weise. Daß man uns aber nicht her- ein ließ, war auch sehr unschuldig, denn der Waͤlschmann, der uns den Eingang versagte, that es auf die hoͤflichste Weise, indem er erst eben ein besonderes Verbot fuͤr diesen Tag erhalten hatte. Da aber die Thuͤre des botanischen Gartens neben der Menagerie ist, und ihre niedern Fenster in den Garten gehen, so konnte ich sie von diesen Fen- stern aus sehr bequem beobachten. Da sie eine hohe helle Gallerie bewohnten, und aus vielen hohen, großen sonnigen Fenstern die Aussicht auf den bota- nischen Garten hatten, floͤßten sie mir etwas weni- ger Wehmuth ein, wie ihre Jammergenossen, die man uns in dunkeln Kaͤfigen vorzeigt. Uebrigens ist nicht viel Mannigfaltiges da. Eine schoͤne Frau Loͤ- win, die erst vor einem Jahre Wittwe ward, und sehr friedlich mit einem Hunde mittlerer Groͤße in ei- nem Bauer lebt — den ruͤhrenden Roman wie das feindselige Thier zu diesem umgaͤnglichen Humor kam, erfuhr ich nicht. Denkt es euch so interessant als ihr koͤnnt. Daß Sklaverei nicht milde macht, erfuhren wir in unsern Tagen hinlaͤnglich an gan- zen Nationen, warum diese Loͤwennatur eine so auffallende Ausnahme macht, bleibt mir ein Raͤth- sel. Vielleicht macht sich der Uebergang von Frei- heit in Fesseln so sanft, wenn nicht Verderbniß mitten inne steht. — Dann war ein schoͤner Leo- parde da — denn so heißt doch das grinsende Thier mit geflecktem Felle? er ließ sich die Sonne auf seinen schoͤnen Pelz scheinen, und blinzelte, und leckte seinen Bart, und schwenkte seinen Schweif, und sah so avantageus aus, daß man wohl merkte, er habe sich eigne Grundsaͤtze uͤber das Morden gemacht, so, daß es seine Behag- lichkeit gar nicht mehr stoͤrte. Das Tiegergeschlecht kommt mir vor wie die Menschen, die ohne hefti- ge Leidenschaft schlecht sind. Da lob ich mir so einen redlichen Loͤwen, der in den Wald hinein bruͤllt, daß die Echo zittert, wenn er Blut zu ver- gießen umher irrt. — Ich glaube das fatale grin- sende Tiegergesicht hat gar keinen Ton in seiner dicken Kehle. Ich war mit meinen Gedanken bald weit in Afrika, wozu der Anblick der auslaͤndi- schen Pflanzen im botanischen Garten hinter mei- nem Ruͤcken noch viel beitrug. Eine Gesellschaft Affen machte mich verdrießlich, weil sie schlaͤfriger und traͤumiger dasaß, wie ich je Affen gesehen habe. Haben die Thiere etwa einen groͤßern Raum noͤthig, um lustig zu seyn? denn sonst geht es ih- nen hier doch gewiß gut. Mir daͤucht das widrige nachahmende Geschlecht beduͤrfe der Freiheit am wenigsten. Je mehr Kraft ein Thier hat, je we- her thut mir seine Sklaverei. — Endlich erblickte ich zwei Zebras — die machten mich lustig! so ein Zebra sieht immer aus, als waͤrs ihm kein Ernst mit seinem bunten Fell. Aber hier in Holland sollten sie recht haͤufig seyn; in einem solchen nord- hollaͤndischen Dorfe, wo das Pflaster gemahlt und die Baumstaͤmme angestrichen sind, da sollte man mit lautet Zebras fahren. So ein Zebra sieht doch nur wie ein geputzter Esel aus und hat nicht seiner guten Vettern vernuͤnftiges Wesen. Diese koͤnig- lichen Zebras waren ganz rund von Wohlleben, und schienen zu der Unbaͤndigkeit, die man ih- rem Geschlechte sonst Schuld giebt, viel zu fett. Nun ging ich die Pflanzen aufzusuchen, die ihren Hunger in ihrem Vaterlande stillen, die Baͤume, die sie in Afrikas Einoͤden beschatten. Groß ist der botanische Garten nicht, aber mit ei- ner herrlichen Sauberkeit unterhalten, und an Mannigfaltigkeit und Zahl der fremden Pflanzen N sehr reich. Waͤrmehaͤuser jeder Art sind da, zahl- reich und in dem besten Zustande. Einen Theil der suͤdlichen Pflanzen, Pisang, Kaffeebaum, Theestaude, Zuckerrohr u. dgl., sah ich an andern Orten viel groͤßer, das ist aber wohl sehr gleich- guͤltig, wenn sie nur in gesunden Individuen da sind, und diese hier gruͤnten auf das Reichste und Schoͤnste. Die Waͤrmebeeter sind hier alle viel hoͤher, das heißt, das Glas hoͤher vom Boden entfernt wie ich es sonst sah; dasselbe bemerkte ich auch in allen Gaͤrten bei den Fruͤhbeeten. Die Vollendung, die Ganzheit, welche auch hier uͤber- all herrscht, thut so erstaunlich wohl. Die sehr große Anzahl von Straͤuchen und Pflanzen, wel- che in Kuͤbeln und Toͤpfen aufbewahrt werden, stand zu meiner Verwunderung in so dichten Rei- hen, alle auf ebnem Boden, nicht terassenweise, daß ich gefuͤrchtet haͤtte, es fehle ihnen an Licht und Sonne, da sie nur im Scheitelpunkt ganz von den letztern Strahlen getroffen werden. Die- ses Clima muß aber eine ganz eigne Behandlung erlauben, das sagte ich euch schon bei Gelegenheit des Gartenbaues; meine Bemerkung beabsichtigt also auch gar keinen Tadel, sondern macht euch nur aufmerksam, wie wenig im praktischen Leben ein Grundsatz allgemein angewendet werden kann. Ich entbehrte einen unterrichteten Fuͤhrer, der mir hier den wissenschaftlichen Werth der Gegenstaͤnde gezeigt haͤtte; um so ungestoͤrter konnte ich mich aber meiner phantastischen Freude an der bunten Schoͤpfung uͤberlassen, und da war mir’s bald wie den Juden, da sie die Apostel am Pfingstfeste hoͤr- ten, alle diese hundert Bluͤmchen und Kraͤutchen sangen aus ihren bunten Kehlchen jede in einer fremden Zunge Gottes Lob. Ich ging zu einer und zu der andern und blickte ihr ins Auge, und fragte einen freundlichen hollaͤndischen Garten- burschen zuweilen, wo ihr vaterlaͤndischer Boden sey? und war sie denn aus einem recht erhabnen wilden Lande, so war mirs, als saͤhe ich ein ver- irrtes Kind unter fremden Menschen vertraulich laͤcheln, und dachte: du kleines, kurzes Leben blickst nur nach der goldnen Sonne da uͤber dir, deine Berge und deine schaͤumenden Gewaͤsser hast du vergessen, denn du sahst sie nur den kleinen An- genblick, da du lebtest. — Aber bei den fremden Baͤumen war mirs nicht so heiter, die sehen ver- kruͤppelt aus, man mag sie pflegen wie man will. Die Korkeiche sah recht arm und struppig aus, und die italiaͤnische Eiche recht klein und schwaͤchlich. N 2 Die Pinie trauerte um ihren wolkenleeren Himmel, und die Ceder lechzte nach den Bergstroͤmen, die sie in ihrem Vaterland rauschen hoͤrte. Den Kin- dern eines Fruͤhlings kann man wohl so ein kuͤnst- liches Vaterland machen, aber dieses ausdauernde Geschlecht laͤßt sich nicht durch schnoͤde Kunst be- truͤgen. — Eine Menge Wasserpflanzen wuchsen in Kisten mit Wasser gefuͤllt. Warum, da rund herum Kanaͤle sind? Werden auch sie im Winter durch kuͤnstliche Waͤrme erhalten? so muͤhsam ich dem Gaͤrtner meine Frage vortrug, verstand er mich nicht, sondern dunkte nur die Finger in den Kasten und den Graben, um mir zu beweisen, daß in diesem das Wasser viel weniger warm sey, als in jenem. Das wollte ich nicht wissen. Die Ordnung, welche allenthalben herrscht, ist ganz vortrefflich, zwischen jeden zwei und zwei Reihen von Pflanzen steht immer ein Faß mit Wasser, das wahrscheinlich dem Einfluß der Son- ne soll ausgesetzt werden, ehe man es Abends zum Begießen gebraucht. Ich widerlegte in einem meiner Briefe den Be- griff, als leide die Bauart von Amsterdam nicht das Rollen der Wagen. Das hindert nun aber nicht, daß nicht wirklich der meiste Handelsver- kehr innerhalb der Stadt auf Schlitten getrieben wird, und daß nicht der Gebrauch der Kutschkasten auf Schlitten sehr uͤblich sey. Um das Dahin- gleiten der Kuffen uͤber das Pflaster zu erleichtern, und so Pflaster und Schlitten zu schonen, hat man sehr einfache Vorkehrungen getroffen. Vorn auf dem Lastschlitten liegt ein kleines Faß mit Wasser angefuͤllt, und mit kleinen Loͤchern versehen, wo- durch im Fahren die Spur der beiden Kuffen be- staͤndig benetzt wird. Fuͤr die Kutschen welche auf Schlitten gefahren werden, ist das Mittel schon zu- sammengesetzter — so ein mißgebohrnes Fuhrwerk ist naͤmlich nur mit einem Pferde bespannt, und der Fuhrmann geht Schritt vor Schritt neben ihm her. An der Ecke des Kutschkastens haͤngt nun ein lederner Beutel, wie ein ehemaliger Puderbeutel, mit Schmalz oder andern halbfluͤssigem Fette ge- fuͤllt, er mag auch zarte Loͤcher haben, genug der Fuhrmann faßt ihn von Zeit zu Zeit und schlaͤgt damit unter die Kuffe, wodurch ihr Vordertheil etwas gefettet wird, und somit im Fortruͤcken ihre ganze Laͤnge einsalbt. Dieses elegante Fuhr- werk scheint mir ganz fuͤr das alte Amsterdam ge- macht. Es ist sicher, bedaͤchtig, compendioͤs; auch noch heut zu Tage bedienen sich sehr angese- hene Leute desselben, und schwangern Frauen, neu- gebohrnen Kindern, und vernuͤnftigen Leuten nach einer wohlbedaͤchtig abgewarteten Mittagstafel, muß ich es sehr empfehlen. Bei unsrer Heimkehr vom botanischen Garten, wo die Sonne und das Umherlaufen uns sehr ermuͤdet hatten, wollten wirs auch versuchen, und meine Freundinnen und ich, wir befanden uns in den saubern rothpluͤsch- nen Waͤnden recht wohl. Unsre zwei Begleiter gingen zu Fuß nebenher, und nichts hinderte uns, unsrer Erdennaͤhe wegen, das Gespraͤch fortzusez- zen. Nur die eine Seite des Wagens mußten unsre Cavaliere dem langsam herschreitenden Fuhr- mann uͤberlassen, der seine braune Faust auf dem Schlag gelegt im innern Seelenfrieden dahin rut- schen ließ, und wohl bei sich denken mochte: sol- che leichte Waare fuͤhre er in Amsterdam nicht oft. Die eine meiner Freundinnen empfand beim Vor- beifahren bei mehreren Obst-, Brod- und Kaͤse- laden einen heftigen Heißhunger, den sie mit vie- ler Lustigkeit unsern Begleitern aͤußerte, und um Lebensmittel schrie. Bald schob ihr der huͤlfreiche Mensch ein saubres Papier mit Kaͤse und Semmel in den Wagen, und nun haͤtt ichs euch doch allen zu errathen aufgegeben, was ich denselben Augen- blick — das heißt Mittags zwoͤlf Uhr Ende Au- gusts machte? — Der beruͤhmte Spiegel Zemi- rens haͤtte eine saubre Gruppe gezeigt! bis zum Kaͤseessen konnte es meine Verzogenheit freilich nicht bringen, aber in dem verzweifelten Kasten auf Kuffen, mit den beiden essenden Weibern, la- chend wie die Kobolde, und dem unerschuͤtterlichen Fuhrmann mit seinem Fettbeutel zur Hand — das haͤttet ihr in dem magischen Glase erblickt und haͤt- tet diese Zusammensetzung nicht verstanden. So unter Geschwaͤtz und Gelaͤchter kamen wir zu Felix merites — — — was Felix merites ist? — ich war auch recht neugierig, denn ein jeder Hollaͤnder, der mich sah, und der meine qualité d’etrangére merkte, rieth mir wohlmeinend, Felix merites zu sehen. Ich bat meine Freunde, mir doch endlich zu dieser lateinischen Merkwuͤrdigkeit, von der ich mir wunderbare Vorstellungen machte, zu verhelfen. Mein, jedem freiwilligen Verein zu einem nuͤtzlichen Zweck liebendes Gemuͤthe — — — ach die herrliche Phrase! — wollte der Sache im Voraus wohl, und dabei ist es denn auch geblieben, denn Felix merites ist eine Anstalt, welche eine Gesellschaft reicher Amsterdammer stif- tete, um nuͤtzliche, besonders wissenschaftliche Zwecke jeder Art zu befoͤrdern. Diese Gesellschaft hat ein ansehnliches Gebaͤude aufgefuͤhrt, und Kunstwerke mancher Art gesammelt, die Samm- lung phisikalischer Instrumente ward von einigen Maͤnnern meiner Bekanntschaft, denen ich Kennt- nisse zutrauen darf, sehr geschaͤtzt. Eben so sollen die astronomischen Instrumente von vielem Werth seyn. Eine Anzahl Abguͤsse der bekanntesten An- tiken-Bildsaͤulen findet sich zum Behelf einer Zei- chenanstalt vor, von der ich jedoch keine Spur sah; in einem Musiksaale werden von Liebhabern, die aber oft die beruͤhmtesten auslaͤndischen Kuͤnst- ler einladen und reichlich beschenken, Konzerte ge- geben. Dieser Saal war ganz gegen alle meine Erwartung, nicht einmal nur unverziert, sondern fast unsauber, obgleich die Gestalt und Hoͤhe sehr zweckmaͤßig war. Ein anderer ist zu wissenschaft- lichen Vorlesungen bestimmt, zu denen die Gesell- schaft auch einen Theil des gebildeten Publikums einladet. Wenn die Zuhoͤrer zahlreich sind, muͤssen sie, so wie der Redner, sehr leiden. Der Saal bildet eine Rotunde, die Baͤnke steigen amphi- theatralisch viel zu hoch unter die Decke, und ge- hen viel zu nahe an die Rednerbuͤhne. Mit vielem Genuß und Nutzen wuͤrde ich — sobald mir die taͤglich lieber werdende Sprache hinlaͤnglich gelaͤu- fig waͤr, diese Versammlungen besuchen. Hier findet man gewiß die Wissenschaften aus sehr ori- ginellen Gesichtspunkten betrachtet, weil sie mei- stens von Menschen behandelt werden, die Wahl des Geschmacks oder des Gefuͤhls, nicht Hand- werksberuf und Nothwendigkeit zu ihnen hinzieht. Trotz dem wunderbaren Hang, sich nach ihren suͤdlichen Nachbaren zu bilden, entdeckte man hier gewiß noch viel sehr anziehenden Nationalkarakter. Hier in diesem Saale war es, wenn ich nicht irre, wo der hollaͤndische Dichter Bilderdyk den Aus- spruch that, welcher Schillers Gedichte zu einem Haufen widrigen Unraths erklaͤrte. Ich bin jetzt eifrig bemuͤht, dieses Mannes Trauerspiele zu stu- dieren, um darin die Ursache oder Rechtfertigung eines solchen furchtbaren Urtheils zu entdecken. In welcher beseligenden Hoͤhe muß Bilderdyk schweben, um es aussprechen zu duͤrfen! mir schwindelt ordentlich dafuͤr. Felix merites hat also einen sehr ruͤhmlichen Endzweck, und wendet sehr ansehnliche Mittel an, ihn zu erlangen. Allein das Lokal, und ein Theil der Sammlungen kann bei einem Fremden nicht die Bewunderung erregen, welche der eingeborne Amsterdammer erwartet. Das Gebaͤude hat einen sehr mittelmaͤßigen Werth, die Saͤulen an der Fronte sind gegen die geringe Breite von einer rie- senmaͤßigen Hoͤhe, die Treppe ist sehr kleinlich, wie in einem gemeinen Buͤrgerhause, und außer der Sammlung physikalischer und astronomischer In- strumente scheint mir noch vieles sehr unvollkom- men. Die Abguͤsse der Antiken sind in verkleinern- dem Maßstab, und meistens sehr mittelmaͤßig. — Nichts thut mir weher, wie diese Gestalten verun- ehrt zu sehen. Diese Goͤtter, mit denen ich meine Kindheit verlebte, die meiner Jugend Erhabenheit lehrten, und die meinem Alter Jugendfreude wie- der geben, wo ich sie finde — Apoll mit seiner Goͤtterklarheit, Venus mit dem Geiste der Keusch- heit umflossen und Laokoon in seinem ungeheuern Schmerz — hier stehen sie in einem laͤnglichen engen Zimmer in gedraͤngten Reihen an die Waͤnde gedruͤckt, nur von wenigen Fenstern an der schma- len Seite beleuchtet. Die Zucht hat die Aufseher zu der ehrbaren Nothhuͤlfe die Zuflucht nehmen lassen, die unsre Voreltern nach dem Suͤndenfall erfanden. Wenn man die Jugend zur Kunst bil- den will, sollte man da nicht voraussetzen, daß diese heilige Goͤttin eben so wenig faͤhig ist, Unan- staͤndigkeiten zu ahnden, als die Unschuld des Pa- radieses. Ich stieg auf den flachen runden Thurm die- ses Gebaͤudes, der zugleich als Sternwarte dient, um Amsterdam von oben herab zu sehen. Es liegt hier wie ein Panorama um dich her. Dein Auge sieht von einem Punkt unbegrenzten Meeres uͤber den Pampus fort die ganze Kuͤste von Nord- holland, dann nach Suͤdwest das Harlemmer Meer und Harlem selbst, das Y, den Hafen, und das weite ebne Land mit Haͤusern besaͤet, mit Kanaͤlen durchschnitten, mit Alleen bepflanzt — Ameisen- haufen — wie sie da unten laͤcheln und weinen, und alle Stimmen an dem blauen Himmelszelte verhallen, und alle Halme verdorren und wieder gruͤnen, und alle Gewaͤsser verdunsten und wieder in Regen herabfallen, und nur der ewige Himmel bleibt und des Menschen Gemuͤthe weich und lie- bend und anbetend da oben steht und herab schaut auf die armen, guten kindischen Bruͤder. Diese Landkarten-Aussichten haben keinen Reiz fuͤr mich, als durch Nachdenken. Mein schlechtes Gesicht kann daran schuld seyn, da die Glaͤser im- mer mehr oder weniger Guckkastenlicht uͤber die Landschaft verbreiten. Ich kannte aber Menschen mit sehr guten Augen, die eben so empfanden. Die weite Ferne kann kein Tableau machen, das ent- steht nur durch das Verschmelzen der Gegenstaͤnde. Es ist nur so ein unersaͤttliches Bewußtseyn, auf zehn Meilen den Muͤnster gesehen zu haben, oder den Kirchthurm von Rotterdam. Der Zukunft gehe ich gern glaͤubig entgegen, und ohne Forschen blick ich in die Ferne. Nicht, um im Tagesglan- ze eine unabsehliche Landschaft recht verkleinert zu sehen, wuͤrde ich Thuͤrme und Berge besteigen, aber um die Sterne und das ewige Himmelsgezelt zu betrachten. Ach dazu waͤre mir kein Thurm zu hoch! auch meine bloͤden Augen thun mir nicht weh, wenn man mir sagt: da auf zehn Meilen weit erkennt man Napoleons Hoͤhe, oder sonst so ein beruͤhmtes Menschenwerk, aber wenn meinen Gefaͤhrten alle Sterue aufgegangen sind, und ich sehe noch lauter Wolkenschleier, dann sehne ich mich nach Licht! — — Achter Abschnitt . V on der Boͤrse muß ich euch doch auch ein Wort sagen, denn davon macht man sich in unsern Land- staͤdtchen, bei unserm Duͤtchenhandel, gar keinen Begriff. Den meinen hatte ich noch immer aus Basedows Elementarbuch, das ein Gebaͤude dar- stellt, wo Juden, Christen und Armenier mit lau- ter Spitzbubengesichtern unter einander umher ge- hen. Ich habe manchen gereisten Menschen wohl gefragt: nun, was macht man denn da? aber ihre Antwort machte mich um nichts kluͤger. Ein un- geheures Licht ist mir auch jetzt nicht aufgegangen; aber ich will euch sagen, was mir klar vor Augen lag. Die Amsterdammer Boͤrse — denn andre moͤgen anders seyn — ist ein großer viereckter Hof, um welchen rings umher ein offner auf Saͤulen ruhender Gang laͤuft, uͤber dem eine Reihe niedri- ger, schlechter Fenster, eine Reihe sehr mittelmaͤs- siger Gemaͤcher verspricht. Der Saͤulengang kann zwischen zwanzig und dreißig Fuß breit seyn, mehr nicht; eben so weit moͤgen die Saͤulen von einan- der entfernt seyn, die wahrscheinlich von Stein sind, mir aber den Eindruck von aͤrmlichen hoͤlzer- nen Pfosten machten. Diese Pfosten und die weiße Mauer ist uͤberall mehr oder weniger mit farbigen und unfarbigen Affischen beklebt. An jedem Pfo- sten ist das Geschaͤft angeheftet, uͤber welches an diesem Platze verhandelt wird, z. B. Wiener Pa- piere, Amerikanische Papiere, Ostindische Baum- wolle, Franzoͤsische Weine, u. s. w. Die Men- schen, die uͤber die angezeigten Gegenstaͤnde Nach- richten haben oder suchen, treffen sich unter dieser Saͤule und thun ihr Geschaͤfft ab. Oberhalb woh- nen Schreiber oder schreiben wenigstens droben, haben Maͤkler ihre Geschaͤftszimmer, und sind sol- che gleichguͤltige Winkel, die meiner Wißbegierde weder Geheimnisse noch Kenntnisse mittheilten. Seht, das ist nun die Boͤrse, und nichts Drollige- res wie die Wichtigkeit dieses Lokals, gegen den Anblick, den es darbietet, wenn es leer ist. Voll? nun, da wuͤrde es Micromeges fuͤr einen aufge- ruͤhrten Ameisenhaufen halten, Diogenes fuͤr ein großes Narrenhaus, und Pater Kochem fuͤr einen Viehstall des Satanas. Ich stand dabei und dachte Kinder und Enkel und schuͤttelte das Haupt. Eine Pandoras Buͤchse mags denn doch wohl seyn. Das Wirren, Sausen, Rechnen, Streben, wie unentbehrlich im Gebaͤude des Ganzen und wie nichtig! Erkauften die Millionen die, seit diese Saͤulen stehen, hier verhandelt wurden, erkauften sie einen Blick aus Mollys Kinderaugen? Eine Thraͤne bei meines Sohnes Wiedersehn? einen der Ruhegedanken, die mich einst umgeben wer- den, wenn ich in langen Schlaf sinkend mein Au- denken segenvoll in eurer Brust leben weiß? — Wenn das die Amsterdammer Millionairs wuͤß- ten, daß mir der Anblick ihrer Geldfabrik nichts Besseres eingab, wie solche christliche Gedanken, sie wuͤrden mit mir uͤberzeugt seyn, daß aus mir lebelang kein Millionair wird. Sie haben Recht! und ich habe, seit ich sie sah, weniger Lust dazu, als je. Nehm ich nun aber das Ding von einer andern Seite und sehe es als Exertion des mensch- lichen Geistes an, und denke mir die wunderbare Uebereinkunft mit gewissen Zeichen vom Indus bis an die Themse zu sprechen, und wie nun der Mag- net, der die Menschen hier unter diese hoͤlzernen Hallen zieht, zu gleicher Zeit Mittel wird, die Schaͤtze der Natur dem Geiste zu offenbaren, wie mit jedem Handelsschiffe eine kleine Ladung Kennt- nisse als Ballast mit heruͤber kommt — O da will ich gern mit dem edeln Condorcet die Verbesserung des Ganzen durch Kenntnisse erwarten, und die- sen widrigen Handelsgeist, der im Einzelnen so schnell in Geldgeist ausartet, als wunderbares Mittel zu einem großen Endzwecke dulden. So vereine sich denn Geistesfunken zu Geistesfunken, und bilde endlich die Lichtgarbe, bei deren Strah- len auf jedem Pfeiler der Amsterdammer Boͤrse stehen wird: Menschengluͤck. In dieser Waare hat noch keines unsrer guten Haͤuser Geschaͤfte gemacht, wuͤrde jetzt in der Boͤrse wiederhallen, und in der Welt? — man kennt sie nur unter den Bankerutirern, hoͤre ich mir von manchem Tyrann mit kaltem Gesichte zuspoͤt- teln — aber Jenseits findet sie den Hafen, der sie in seinem sichern Schoose empfaͤngt, und wo die frohen Spekulanten sich freudestrahlend die Haͤnde reichen, und sich zurufen — so war sie doch guͤltig! — — Kommt indessen mit mir ins Schauspiel. Der Koͤnig zieht das hollaͤndische Schauspiel vor, und hat Recht. — Ja, das behaupte ich. Ihn moͤ- gen Gruͤnde dazu bestimmen, die aus seinem edeln Herzen stammen, das, seines Volkes Nationali- taͤt ehrend, und sich dieselbe anzueignen strebend, den Schauplatz, wo sie sich am lebhaftesten mani- festirt und bildet — und das ist doch gewiß die Buͤhne? — mit Vorliebe ansieht. Dieser Um- stand hat aber auf mich keinen Einfluß, sondern abgemessen, abgewogen und wohluͤberlegt, halte ich das Amsterdammer Theater fuͤr eines der bes- sern, die ich sah. Von dem Punkte muͤssen wir naͤmlich ausgehen, daß sich die Hollaͤnder — lu- stig genug — nach dem franzoͤsischen Theater bil- den. Wer nun unter uns seine Nationalitaͤt, aus Pflichtgefuͤhl, oder Unfaͤhigkeit aus sich selbst her- aus zu gehen, nicht gefangen nehmen kann, um das franzoͤsische Trauer- und Lustspiel aus sich selbst zu beurtheilen, der muß in dem hollaͤndischen alle die unangenehmen Empfindungen haben, die ein, nur an unsre Gattung gewoͤhntes Ohr, bei jenen hat. Aber einmal angenommen, daß die ganze Darstellung auf der Buͤhne, nicht das Le- ben, wie wir es leben, bedeutet, sondern gestei- gerte, gleichsam in ihrer jedesmaligen Gattung concentrirte Empfindung und Leidenschaften dar- stellt, so kann ich beurtheilen, ob der Schauspie- ler den ihm gegebenen Bedingungen Genuͤge lei- O stet oder nicht. Ihr Trauerspiel ist ganz nach dem Muster des franzoͤsischen in Alexandrinern gedich- tet, welches ihnen bei ihrer reichen Sprache, und der wunderbaren Freiheit, Worte zusammen zu ziehen und abzukuͤrzen, sehr leicht wird — auch noch durch den Umstand, daß sie viel weniger wie wir an edeln und unedeln Ausdruͤcken maͤkeln, wo- durch der Geschmack endlich eine so kraͤnkliche Zart- heit erhalten kann, daß er das Gemuͤth wahrhaft quaͤlt, indem er die Empfindung durch das Ge- ringfuͤgigste stoͤrt. Ich spreche hier nicht von den heillosen Reminiscenzen, die den Deutschen bei der hollaͤndischen Sprache aufschrecken, sondern von der Berechtigung oder Gewohnheit der hollaͤn- dischen Dichter gleiche Worte, wie der Ausrufer, oder die Kindermuhme zu brauchen. In den mei- sten Faͤllen glaube ich, daß dieser Gebrauch heil- sam ist, indem er die Energie der Sprache erhaͤlt, und ich moͤchte sogar meinen, daß diese Stoͤrung — waͤre der Dichter uͤbrigens im Stande Begei- sterung zu erregen — gar nicht eintreten wuͤrde. Das Suͤjet des Original-Trauerspiels ist oft aus der vaterlaͤndischen Geschichte genommen — und welchen Reichthum schoͤner Zuͤge, wuͤrdig den En- keln zum Beispiel aufgestellt zu werden, enthaͤlt Hollands Geschichte! — Ich las mit dem waͤrm- sten Antheil an dem Gegenstande verschiedne va- terlaͤndische Stuͤcke, ich ließ mir, wo nur eine Ge- legenheit sich darbot, von ihnen erzaͤhlen, aber ich gestehe, daß ihre Ausfuͤhrung meine Forderun- gen an die Kunst nie befriedigte. Die Sprache stoͤrte mich nicht, aber die Leere der Gedanken und der Handlung druͤckte mich. Muͤhselig fand ich hier und da eine Stelle , nirgends poetischen Schwung, der uns in Frankreichs Dichtern der tragischen Buͤhne fesselt, wenn das Dialog uns auch kalt laͤßt. Da ich nur das Vorzuͤglichste, was man mir empfahl, lesen konnte, und gar nicht Zeit hatte, noch Gelegenheit diesen Zweig der Dichtkunst zu erschoͤpfen, ist das eben Gesagte nur meine Ansicht, nach der Ihr kein Urtheil bil- den sollt. Von der einen Seite sollten die Dichter dieses Landes sich uͤber die Mittelmaͤßigkeit auf- schwingen koͤnnen. Das Studium und die Spra- che der Alten bildete sie, und ihres Landes Ge- schichte kann sie begeistern, aber die Fesseln, die sie freiwillig von ihren Nachbarn borgen, von ei- nem Volke, dessen Bildungsgeschichte, Sitten, Charakter, Geschichte, ihnen so fremd, so wider- strebend ist, koͤnnen ihre gluͤcklichen Anlagen viel- O 2 leicht ganz ersticken. Nach dem Urtheil, welches einer der groͤßten hollaͤndischen Dichter uͤber Schil- ler gefaͤllt, und der Abneigung, die im Ganzen gegen die Deutschen und ihre Litteratur da herr- schen muß, wo man den Franzosen nachahmt , erwartete ich auch keine Anerkennung, nicht ein- mal Bekanntschaft mit Goͤthe. Werther war zu seiner Zeit uͤbersetzt und gelesen, er gehoͤrt auch nicht hieher, aber daß sein Egmont den Menschen bekannt sey, daß er sie interessiren wuͤrde, erwar- tete ich um so mehr, da ich bei meiner Bekannt- schaft mit der hollaͤndischen Individualitaͤt, in Egmont selbst, in Oranien, in den Volksscenen eine nationelle Wahrheit gefunden hatte, die mich entzuͤckte. In den Gespraͤchen der Paͤchter mit ihrem Pachtherrn, der Handwerker, der Gerichts- leute unter einander, und mit ihren Vorgesetzten, traten kleine Zuͤge in Wort, Ton, Haltung hervor, die in Jetter-Soest, dem Seifensieder und den andern, aufgefaßt sind. Selbst Egmonts Cha- rakter — es ist das Ideal eines Niederlaͤnders! was ich an liebenswuͤrdigen kleinen Zuͤgen unter den Vornehmen auffaßte ist in Goͤthes Egmont vereinigt. Von Egmont mit einigen Hollaͤndern zu sprechen, versuchte ich also doch. Sie kannten ihn nicht. Ich suchte ihnen einen Begriff von die- sem Schauspiel zu geben — sie gestanden mir aber das Wagstuͤck einen willkuͤhrlichen Egmont zu bilden, ihm statt seiner ehr- und tugendsamen Gemalin Sabina von Bayern, eine zweideutige Geliebte, und statt seines zweideutigen Glaubens- bekenntnisses in der Stunde des Todes, die Sie- geshymne der ewigen Freiheit in den Mund zu legen, wuͤrde bei ihren Landsleuten neuen unfehl- baren Skandal erregen. Da war nun weiter nichts zu thun. — Ob ihre Dichter der Geschichte im- mer gewissenhaft treu blieben, weiß ich nicht, in manchen Faͤllen sollte es mir fuͤr die tragische Muse sehr leid thun. Daß ihre Vorbilder, die franzoͤsi- schen Tragiker, die Vorrechte der Dichtkunst wei- ter ausdehnen, beweisen uns wohl ihre liebeskran- ken Oreste, und galanten Agamemnons, moͤgen sie sich also zwischen der Kunst und ihrem Gewis- sen abfinden — Goͤthes fingirter Egmont hauche indessen dem blutvollen, geistlosen Chaos der hol- laͤndischen Freiheitsgeschichte Lebensgeist ein. Die Deklamation der hollaͤndischen Schauspie- ler ist so wie ihr Vers nach der franzoͤsischen gebil- det. Da trifft das Pathos freilich manchmal auf unselige Toͤne fuͤr ein deutsches Ohr. So zum Beispiel wenn wir eine hochherzige Prinzessin im hoͤchsten Unwillen sagen hoͤren: Sleurt by t’hair te onnoozle, hoe zy kermt, vort haatlijk Echtal- taar, an trapt har’t hikkend Ja haars Ondanks uit den gorgel . — — Da reicht freilich keine Philo- sophie aus! wir koͤnnen in dem Augenblick nicht lebendig fuͤhlen, daß die Laͤcherlichkeit in uns, nicht in der Sprache liegt, und sie stellt die unweibliche Haͤrte des Sinnes in das grellste Licht, Einige der Schauspieler des Amsterdammer Thea- ters deklamirten sehr gut. Im Durchschnitt war das Organ bei allen rein und natuͤrlich. Der eine hatte einen so maͤnnlichen Schmerzenston, daß er als Vater einer gewissen, aus dem Englischen uͤbersetzten, hoͤchst jaͤmmerlichen Fraͤulein Emilie, die gegen ihres Vaters Willen mit ihrem Herzge- liebten sehr nahe Bekanntschaft gemacht hatte, den heillos toͤnenden Ausruf: rampzaligt Vader ! — so herzzerreissend rief, daß ich sehr ernsthaft blieb. Die besagte Emilie selbst, deren ganze Rolle doch ein permanenter Jammer war, hatte im hohen tragischen gar nichts Kreischendes, son- dern einen richtigen immer weiblich bleibenden Tonleiter. In der ganzen Darstellung war nir- gends etwas Anstoͤßiges, noch Vernachlaͤssigtes. Die Leute wissen ihre Rolle; sie berechnen in ihren Gruppirungen das Publikum und die Einwirkung derselben in das Spiel, ihr Anzug ist consequent, wenn gleich nicht sehr geschmackvoll, denn der rampzaligt Vader hatte einen himmelblauen Tuch- rock, und weiße Struͤmpfe bei schwarzen Madame Reofroys Unterkleidern, worin er, bei gepuder- tem Haar, gar nicht aussah, als haͤtten ihm seine rampzaale an einer recht koketten Toilette gehin- dert. Dabei erinnerte ich mich aber Dem. Wit- hoͤft als Mariane in Goͤthes Geschwister im weißen taftenen Unterkleide und feinen musselinen Ueber- zug, ein kuͤnstliches Rosenbouquet an der Brust aus der Kuͤche kommen gesehn zu haben, wie sie mit weißen Handschuhen an den Haͤnden klagte, daß ihre gebratnen Tauben verbrannten. Ich sa- ge euch nur was ich wahrnahm, ohne im minde- sten zu richten, und dem zu Folge gestehe ich euch, daß ich Theater gegen Theater genommen, das hollaͤndische Amsterdammer Schauspiel lieber wie die meisten deutschen besuchen wuͤrde. — Das Haus ist sehr bequem zum Hoͤren und Sehen, wohlerleuchtet, und mit breiten Gaͤngen versehen. Fuͤr die Groͤße der Stadt scheint es mir klein, ob- schon man mir eine große Zahl Zuschauer nannte, die es fassen kann. Wenn ich es sah, war es nicht angefuͤllt. Der Koͤnig hat seine Loge, die mit einem Thronhimmel verziert ist, dem Prosce- nium gegenuͤber. Seine Gegenwart legt dem Publikum nicht den mindesten Zwang auf. Das Volk benutzt seine Guͤte, und vor dem Anfang des Schauspiels und in den Zwischenakten, oder zwischen dem Haupt- und Nachspiel wird es oft sehr laut mit Singen, Umhersteigen und Wort- wechsel, so wie mit Applaudiren und Klopfen am Schluß der Aufzuͤge. Da dieses Schauspiel im Schauspiel mit dem Aufziehen des Vorhangs so- gleich ein Ende nimmt, und ich die groͤßte Stille waͤhrend der Vorstellung wahrnahm, kann ich diese Lizens zwar hier eben so wenig wie an dem engli- schen Poͤbel bewundern, aber den Koͤnig muß ich dafuͤr lieben, daß er in sich die Wuͤrde fuͤhlt, wel- che den lauten Ausbruch der Freude und Theil- nahme nicht scheut. Mit dem Nationaltheater ist ein Ballet ver- bunden, und da tritt in der Vorliebe der Hollaͤn- der zum Theatertanz, und ihre Anlage zu dieser Kunst, eine befremdliche Erscheinung auf. An- lage zum Ballettanz ist kein Zug, den wir in der hollaͤndischen Nationalitaͤt gesucht haͤtten. Das Amsterdammer Ballet, das mit lauter Hollaͤndern besetzt ist, soll nach dem Ausspruch von Menschen, die Pariser Taͤnzer gewohnt sind, gar nicht unter die schlechten gehoͤren. Wie mir bei den Hollaͤn- dern in weißen Pantoͤffelchen, die in der Luft wir- belten, Ruyters beharrnischte Gestalt einfiel, wie sie auf dem marmornen Sarkophage lag, und Barnvelds fester Schritt wie er zum Hochgericht ging — wollte ich ein krauses Gesicht machen — da fielen mir aber die Helden ein, die Vestris Zeit- genossen und Landsleute sind, und ich besaͤnftigte mich, obschon ich die barbarische Ketzerei nicht ganz leugnen kann, die mir manchmal den Wahn erregt, als seyen die Nationen edler gewesen, die ihre Taͤnzer — — nicht unter ihre Mitbuͤrger zaͤhlten. Mir ist jeder Balletpas, der nicht na- tuͤrlich ist, schmerzhaft. — Ein paar Kinder von sechs bis sieben Jahren standen zur unaussprechli- chen Freude der Zuschauer in ihrem leichten Sprun- ge still, und streckten viele Sekunden lang Arm und Bein so scheuslich in die Luft, daß ich haͤtte weinen moͤgen. Von diesen Kuͤnsten kann ich nicht eher urtheilen, bis ich mir ein Ideal gebildet ha- be, und das fehlt mir, so lange mir der frohe Reihen einiger jungen Maͤdchen den Leibreiz des Tanzes zu erschoͤpfen scheint. Maͤnner mag ich ohnehin nicht tanzen sehen — unsre Taͤnze naͤm- lich. Wenns einmal wieder Zeit ist, so moͤgen sie Krieges- und Siegestaͤnze anfuͤhren — bis jetzt ist mir der Juͤngling, der sein Maͤdchen auf dem gruͤnen Rasen herum dreht, oder nach dem Ton einer Theorbe die Tarantula tanzt, das reizendste Ballet. Sehe ich Seiltaͤnzerkuͤnste, so abstrahire ich von ihrer Brodlosigkeit, und der Anblick wird mir eine sehr interessante Berechnung des Gleich- gewichts beim Muskelspiel. Aber im Tanze ver- letzt mich die leicht uͤberschrittene Linie zwischen Kunst und Verzerrung. Ich liebe den Tanz so ernstlich, er soll alles ausdruͤcken, er soll jede Sprache reden, aber nicht die der Andreaskreuze und Brummkruͤsel. Diese Kunststuͤckchen abge- rechnet, tanzten verschiedne der Leutchen recht gut. Die Prima Donna wird sehr bewundert, mir gefiel die zweite Taͤnzerin besser, weil sie eine vorzuͤglich sanfte Linie vom Kopf zur Schulter hatte. Und endlich war ein Moment in dem ei- nen Ballet, da haͤtte ichs beinahe wie Springlove in der Bettles Oper gemacht, da er den Guckguck rufen hoͤrt — ich waͤr fast fortgelaufen bis * *. Das Theater stellte ploͤtzlich ein Feld mit Garben vor, und Schnitter im Bauernkittel, und einen Abendsonnenhimmel, der links die Buͤsche vergol- dete; die Sicheln schlugen an einander, und die Maͤdchen, wie Luise mit großen runden Huͤten ge- schmuͤckt, huͤpften uͤber die Buͤhne — — — das war mir mehr Natur wie alle Kanaͤle, Polder und Landhaͤuser! Ich habe ja noch kein Kornfeld schneiden sehn dieses Jahr! — Das franzoͤsische Schauspielhaus ist viel klei- ner, ist sehr klein, war aber sehr voll, und ist recht nett. Ich sah ein paar kleine Stuͤcke, deren ich mich aus Journalen erinnerte, l’aveugle clair- voyant, und un jour à Paris. Ueber diese Dinge laͤßt sich weiter nichts sagen. Die kleinen Komoͤ- dien habe ich sehr gern, sie sind wie ein amuͤsanter Besuch — man will mit dem Menschen nie ver- traut werden, er hat vieles was wir gar nicht gut- heißen, aber so oft er koͤmmt, ist es ein kleines Fest. Das erste Stuͤck ist gar wenig, ward ganz ertraͤglich gespielt, und machte zu lachen. Dem zweiten liegt eine moralische Idee zum Grunde; ein Vater will seinen ausschweifenden Sohn da- durch bessern, daß er ihm selbst einen Tag lang das Gemaͤlde der unsinnigsten Ausschweifung dar- stellt. Es ist ein Suͤjet, das durchaus nur in ro- hen Umrissen gegeben werden kann. In der Wirk- lichkeit moͤchte man doch wohl einen ehrlichen Pa- pa fuͤr toll halten, der in einem Tage mit Pfer- den, Hunden, Maitressen und Handwerbern bis Mitternacht sechzig tausend Livres durchbringt, und dreimal hundert tausende verspielt. Nun! — auf dem Vaudevills-Theater geht das an. Die Darstellung war aber hoͤchst uͤbertrieben, wozu das kleine Theater beitrug, indem die Stimmen dieser Schreihaͤlse nervenerschuͤtternd zuruͤcktoͤnten. Ihr Tutti bei der Scene, wo die Tugend des jun- gen Herrn zum Durchbruch kommt, machte mich fast krank. — Solche Lungen sind mir ein Raͤth- sel! Aber bei dieser Uebertreibung konnte man ih- nen Leichtigkeit in den ruhigen Momenten, und einen hohen Grad Uebereinstimmung im Spiel, nicht absprechen — und das bringt immer eine angenehme Taͤuschung hervor. Ein gewisser Bauerjunge, der unter die impertinente Pariser Bedientenschaft faͤllt, war rein komisch, und sei- ne Linkheit mit einer so unausloͤschlichen Gutmuͤ- thigkeit gepaart, daß es offenbar war, wie er im- mer Hoͤflichkeit mit Wohlwollen verwechselte, und seine Schuͤchternheit mit einem trotzigen Gefuͤhl seiner Rechtschaffenheit gepaart blieb. Das Ende ist so erdrosselt, daß man denken sollte, der Au- tor habe es nicht niedergeschrieben, sondern so, wie die Schauspieler, gleich abgekreischt — ge- bloͤkt ist der derb plattdeutsche Ausdruck — da ihm dann bei der letzten Scene der Odem gefehlt habe. Im Winter ist auch italiaͤnische Oper hier, ich habe aber nichts von ihr erfahren, denn uͤber diesen Gegenstand wird man selten durch Fragen klug. Die Antworten enthalten selten eine Dar- stellung, sondern ein, durch die Laune des Augen- blicks bestimmtes Urtheil. Ein Spatziergang, fuͤr den man mich sehr aus- lachte, weil er gar nicht glaͤnzend war, fuͤr den ich aber meinem Fuͤhrer vielen Dank wußte, mach- te ich einen Sonntag Abend vor dem Leidner Tho- re, links in die Gaͤrten hinein. Es war ein sanf- ter, ein Bischen umwoͤlkter Himmel, eine Luft, eine Erleuchtung, die ich fuͤr die Sonntagabende recht gerne habe, es druͤckt alles den Sabbat, den Ruhetag aus. Ich ging neben Kanaͤlen und Windmuͤhlen und buͤrgerlich bescheidenen Gaͤrt- chen, wo man in der Beschraͤnktheit der Mittel zum Genuß, noch Wahrheit im Genusse erwar- ten konnte. Ueberall ist ein Ueberfluß an Baͤu- men und Buͤschen, und dazwischen immer Plaͤtz- chen in geschnoͤrkelten Beeten vor den kleinen Gar- tenhaͤuschen angebracht, mit mannigfaltigen Blu- men besetzt, und oft mit bunten Porzellanscher- ben zur Zierde belegt. Diese Verzierung findet man noch mehr auf dem Lande; sie ist ungeheuer laͤcherlich, und macht mir doch so viel Freude, kommt mir doch so ruͤhrend vor, daß ich um alles in der Welt kein solches Scherbchen verruͤcken moͤchte. Ich sehe immer die gefesselte Psyche den Fluͤgel heben, in diesem Bestreben zu gestalten und Schoͤnheit zu schaffen, und wende ich mich von der Kunstansicht zum Gefuͤhl, so ist in diesen glaͤnzenden Steinchen Freude gesucht und Freude gefunden, und Yungs tieftruͤbseliges little Babylon of Straw faͤllt mir in einem erfreulichen Sinn wie- der ein. O wie viel mehr Freude und Gutseyn in der Freude, wie die schoͤnste Statuͤe von pariser Marmor dem satten Reichen, geben diese Stein- chen. Wenn der brave Handwerksmann mit sei- ner Frau an einem Sonntag Abend auf der Bank sitzt, und die bunten Steinchen in der Sonne glaͤn- zen, und sie zusammen rechnen, wie diese Woche alle Beduͤrfnisse bestritten worden, und fuͤr Natjes Aussteuer so viele Gulden zuruͤckgelegt, fuͤr Karls Lehrgeld so viele erspart sind, und alles um sie her glaͤnzet und blinket — — — dagegen seht nun die Tischgesellschaft meines Reichen satt und uͤbersatt im Park umherschlendern, und hoͤrt ihre Ausrufungen beim Anblick des belebten Marmors — denket euch funfzehn und zwanzig Menschen aus jener Welt der Reichen, und analisirt euch ihr Inneres bei diesen Exklamationen — ich ha- be solche Auftritte so oft erlebt, und mir wars im- mer als muͤste ich einen Schleier uͤber das Kunst- werk werfen, der es vor dem Auge dieser satten Leute verbuͤrge. Doch zuruͤck an einen Platz des Walles mit Baͤumen besetzt, wo an vielen kleinen Tischen kleine Familiengruppen bei einem Krug Bier den Abend genossen. Das waren lebendige Tennier — die Tanzenden ausgenommen, denn Tanz und Musik ward ich nirgends gewahr. Al- lein die Kleidungen, die Stellungen, die Geraͤth- schaften — alles stimmt in den Gemaͤlden dieses Meisters mit der Wirklichkeit uͤberein. Die Kinder die im Grase sich waͤlzten, hie und da eine wohl- meinend keifende Mutter, die das Juͤngste am Gaͤngelband fuͤhrend, hinter die kleinen Laͤrmer her eilte, der Ausdruck gefuͤhlten Ausruhens in den gefaltet vor sich hingelegten Haͤnden der rein- lichen Weiber, und der von Seelenruhe in den regelmaͤßigen Zuͤgen und klaren Hautfarbe — so ein teint réposé wie ihn die huͤbschen Dérobs nach Marmontels Bemerkung haben. — Von dem Leydner Thor an bis an den Kaiser- kraagt war an diesem Abend das Gedraͤnge so leb- haft, wie ich es in einer so großen Stadt gern im- mer haben moͤchte. Diese Volksklasse gefaͤllt mir gar wohl mit ihrem rechtlichen breiten Wesen, das beiden Geschlechtern gemein ist. Die zunaͤchst daruͤber stehende Klasse, ist der in jeder deutschen Stadt mehr aͤhnlich — ich weiß fuͤr die blassen Angesichter der jungen Maͤnner, ihre leeren Phy- siognomien, ihren geckenhaften Anzug, keinen bes- sern Rath, als einen braven Feldzug unter den franzoͤsischen Fahnen Die gute alte Frau sah damals nicht vorher, daß nicht zwoͤlf Monate nach diesem guten Rathe, die Verbindung Hollands mit dem franzoͤsischen Reich, diese blasse phy- siognomielose Herren nun wirklich zu der angegebnen Cur verhilft. . Ausnahmen giebt es genug, da ich aber von ihnen nicht rede, koͤnnt ihr mich nicht beschuldigen, das Kind mit dem Bade auszuschuͤtten. Auf dem Lande fand ich im Durchschnitt genommen, von Nimwegen aus, schoͤn gewachsene große Maͤnner. Sehr viel weit uͤber gewoͤhnliche Groͤße, mehr schlank als breitschulte- rig, aber von festem Bau und bluͤhender Gesichts- farbe. Eben so fand ich die Weiber. Bei den Baͤuerinnen in Holland selbst fallt die weiße Ge- sichtsfarbe und die rothen Wangen sehr auf, mehr als unter den Staͤdtern, wo sie auch allgemein ist, und sich bis im spaͤten Alter erhaͤlt. Nie sah ich so angenehme alte Frauen, wie in dieser Gegend. Groͤßtentheils ist das wohl Folge der bequemen Le- bensart, und guten Nahrung. Die Baͤuerin hat außer dem Hause gar kein Geschaͤft — das liegt dem Manne ob, und im Hause fand ich sie beim Kaͤsemachen immer ganz gemaͤchlich vor dem Fasse sitzen. Auch die Klassen der Handwerksfrauen scheinen mir nicht so hart zu arbeiten, wie in den meisten Gegenden Deutschlands. In den Staͤd- ten ist mehr Fabrik- und Handelswesen, der Acker- bau fordert nicht die getheilte Muͤhe, welche unsre Kleinstaͤdter von ihrem Handwerk abruft, ohne ihre Felder zu verbessern. In Amsterdam fielen mir unter der Volksklasse hingegen viele mißgestal- tete Menschen, besonders aber viel Hinkende auf. Der Zufall wollte, daß ich eben auch hinkte, denn ich hatte mir durch einen Sprung aus dem Wagen auf dem Wege nach Amsterdam das Knie ver- P staucht — den ersten Tag machte mich das Ge- fuͤhl meiner Hinkigkeit und der Anblick so vieler fremden Hinkigkeiten ganz verwirrt, so daß ich durchaus einen mystischen Zusammenhang darin- nen ahndete. Die Rhachitis, englische Krankheit, oder doppelten Glieder, wie man an einigen Or- ten in Deutschland sagt, soll hier unter den Volks- klassen sehr gemein seyn, welches mich in einer so feucht gelegenen Stadt nicht wundert, besonders wenn noch einige alte Vorurtheile bei der Nah- rung und ersten Behandlung der Kinder hinzukom- men. Die vielen Hinkenden moͤgen also wohl aus dieser Kindheitsepoche herruͤhren. Die Frauen- zimmer, die ich auf der Straße sah, und die nicht in der Volkstracht gingen, waren alle ohne Ge- schmack gekleidet, Gang und Haltung ohne allen Liebreiz, die Ellenbogen hinten hinaus, und den Hals vorwaͤrts; — aber viel regelmaͤßige Gesich- ter, und lauter Lilien und Rosen. Zur Erquickung aller Schminke hassenden Seelen, steht hier der Ge- brauch, Roth aufzulegen, in der groͤßten Verab- scheuung. Es ist drollich, mit welcher Straͤflich- keit Leute diese Taͤuschung verwerfen, die Schnuͤr- leib, Haarpuder und aufgepuffte Halstuͤcher ohne alles Bedenken annehmen. Luͤgen diese Behelfsel denn weniger wie ein bischen Carmin? und sind die Anspruͤche an rothe Backen, welche ein lebhaf- tes Gespraͤch, ein schneller Gang, einem Jeden auf Augenblicke giebt, betruͤgerischer als der Pu- der, der ein fettes, rothes oder graues Haar ver- birgt, oder die Schnuͤrbrust, und das Halstuch, welches viel sinnlichere Annehmlichkeiten vorfa- belt? Also zur Erquickung der Schminkhasser be- merke ich, daß sich die Hollaͤnderinnen gar nicht schminken, und alle geschminkte Gesichter vor Je- zabols Larven halten. In diesem Augenblick stimmt die Mode mit ihrem heiligen Abscheu zusammen, denn man soll in den Thuillerien auch ohne Roth erscheinen, das heißt à la Psyche — wahrschein- lich wie der Funke der boͤsen Lampe auf Amors Schulter fiel, ward sie so blaß? — ich fuͤrchte nur que le diable ni perdra rien — wenn man nicht mehr roth seyn darf, wird man weiß werden. Sonderbar ist es, daß die Hollaͤnderinnen den Theil der Reinlichkeit, welcher das Waschen bei der Toilette entzweckt, nicht sehr beachten. Sie halten es fuͤr ungesund, und der Haut nachthei- lig. — Diese Gruͤnde aus dem Klima genommen, und durch die Lilien und Rosen ihrer Haut bewie- sen, gaben sie mir wenigstens an. Diese Wasser- P 2 scheu theilen alle Staͤnde, wie ich bemerkte, und mir Inlaͤnderinnen selbst bestaͤtigten. Selbst das Gesinde, welches die laͤstigsten Arbeiten thut, ver- meidet das Wasser. Die Hausmaͤgde, nachdem sie die Fußboͤden im ganzen Hause aufgewaschen haben, benetzen ein leinenes Tuch mit Wachhol- derbranntewein, reiben sich damit das Gesicht ab, und scheinen dadurch reinlicher zu werden, als waͤ- ren sie in die Fluthen getaucht. Neunter Abschnitt . D a ich meine Ruͤckkehr nach Amsterdam nun an- trete, wo ich einen langen Weg neben lauter Land- haͤusern vorbei machte, will ich euch eine Beschrei- bung eines solchen Landhauses geben, die, mit geringen Abaͤnderungen auf alle paßt. Hier in der Naͤhe von Amsterdam, der Amstel entlang auf fuͤnf, sechs Stunden, muß man nicht sowohl Land- guͤter, als Landhaͤuser suchen, diese sind dicht an einander gelegen, haben mehr oder weniger Ge- buͤsch um sich her, Wiesenboden aber gar nicht, und selten Gemuͤsegaͤrten. Sie sind nur ein Som- meraufenthalt, viele werden nur von der Familie des Eigenthuͤmers bewohnt, indeß der Hausvater selbst die Woche uͤber seinen Geschaͤften in der Stadt nachgeht, und sich nur Sonnabends hinaus be- giebt. Das Wohnhaus steht nie dicht am Wege, noch am Kanal, sondern immer am Ende einer, mit hohen Baͤumen besetzten Avenue, die vorn durch ein sauberes Gitterthor und eine gruͤne Hecke, nie durch eine widrige Mauer, von den Vorbeigehenden getrennt ist. Stoͤßt die Besitzung unmittelbar an die Kanaͤle, so ist sie ganz offen; oft steht das Haus hinter einem schoͤnen Rasen- platz mit Blumenbeeten durchschnitten, oder mit Blumenkoͤrben geziert. Rund umher zieht sich ein Gebuͤsch von hohen Baͤumen eingefaßt, und die Besitzung ist, wenn sie klein ist, von Graͤben umgeben, die groͤßeren noch von Graͤben durch- schnitten. Oft ist zur Seite des Wohnhauses ein Treibhaus, oder doch ein Wintergarten. Die Wirthschafts-Gebaͤude, wenn deren da sind, lie- gen immer abwaͤrts, oder bilden ein harmonisches Ganzes, bei dem jedoch der Kuhstall und der Duͤnghaufen nie eine Rolle spielt; diese sind zu den Pachthoͤfen verlegt, die immer neben den dazu ge- hoͤrigen Weideplaͤtzen angelegt werden. Auch hier macht das Vollendete, Ganze, den angenehmsten Eindruck, denn die meisten dieser Gebaͤude zeich- nen sich weder durch Pracht, noch besondere Schoͤnheit aus, ja an vielen kann ein geschmack- voller Baumeister vieles tadeln. Noch mehr wohl an den kleinen Pavillons, die man haͤufig hart an den Kanaͤlen findet, an denen oft recht viele Muͤh- seligkeit verschwendet ist, um bald Griechenlands Tempeln, bald einem Kiosk, bald einem chinesi- schen Thurm zu gleichen, und nie die Taͤuschung zu bewirken, die erreicht, einen sehr laͤcherlichen Kontrast mit der lebendigen Hollaͤndigkeit des gan- zen Schauplatzes machen wuͤrde. Manches Wohn- haus ist rund umher dicht an der Mauer mit einem Graben umgeben, uͤber den eine artige Bruͤcke auf Stufen, nicht ins Erdgeschoß, sondern in den er- sten Stock fuͤhrt, indeß das Erdgeschoß einen eig- nen Ausgang an der Wasserflaͤche hat. Dieser Graben hat wohl mit der Befestigung gar nichts zu thun, sondern dient nur zur Trockenlegung des Bodens. Man erreicht sie auch mehr, wie ich es begreifen kann, denn in diesem Erdgeschoß, das nun fast wagerecht mit der Wasserflaͤche steht, spuͤrte ich keine Feuchtigkeit; die Waͤsche blieb da- selbst trocken, und das hoͤlzerne Geraͤthe, dessen Formen sein Alterthum bewiesen, war spiegelglatt und wohl erhalten. Viel traͤgt gewiß die Rein- lichkeit zur Trockenheit bei, die Winkel werden un- aufhoͤrlich gelufter, die glatten Oberflaͤchen ziehen weniger Feuchtigkeit ein, aber diese Ursache reicht nicht hin die anscheinende Trockenheit dieser Ge- maͤcher zu erklaͤren. Rechnet nun noch hinzu, daß sie nicht geheizt werden, sondern nur mit Kami- nen versehen sind, und daß man in diesen wenig Feuer macht, des Morgens, des Abends, und nur bei wahrer Winterkaͤlte, sonst begnuͤgen sich die weiblichen Bewohner mit ihren ewigen Stov- chen. Jetzt wird dieses Erdgeschoß meistens der Wirthschaft (die Kuͤche ist ohnehin darin) und dem Gesinde eingeraͤumt; allein die Eltern des jetzigen Geschlechtes fanden sie noch zur Wohnung sehr be- quem. Die Mutter meines Freundes * *, eine Frau, die durch Stand und Vermoͤgen zu jedem Anspruch berechtigt war, hat diese Zimmer im Schlosse L. erst vor wenigen Jahren verlassen, wie sie es ihrem Sohne und seiner Familie einraͤumte. Wenn man bei uns einer Frau von Stande so ei- nen Vorschlag thaͤt! — In einem Hause, wo diese Zimmer von der Dienerschaft bewohnt wur- den, fand ich einige schwaͤbische Dienstboten, die seit wenig Jahren aus sehr guten Herrschaftshaͤu- sern hieher gekommen waren. Diese Weiber saßen den ganzen Tag, mit feiner Arbeit beschaͤftigt, in diesen Gemaͤchern, und obschon sie mir eingestan- den, daß sie im Winter von der Kaͤlte litten, druͤck- ten sie doch gar nicht den Widerwillen gegen ihre Wohnung aus, den ich von Leuten erwartet haͤtte, die an die gluͤhenden schwaͤbischen eisernen Oefen gewoͤhnt waren. Das, was wir in unsern Haͤusern Keller nen- nen, ist in diesen Wasser umfloßnen Kastellen auf ebnem Boden mit den eben beschriebenen Zim- mern, kann also keine sehr kalte Temperatur ha- ben. Leider fand ich auch den Wein selten nur er- traͤglich frisch, und das Wasser nie. Ach keinen Tropfen frisch perlendes Quellwasser! „fuͤr mei- nen unaussprechlichen Durst, gebt ihr mir gluͤ- hendes Gold!“ haͤtte ich oft rufen moͤgen, wenn man mir jeden leckern Trank anbot und darreichte, den fremde Reben und fremde Fruͤchte bieten, und ein Trunk aus einem unsrer stroͤmenden Brunnen um * * mich zu neuem Leben gestaͤrkt haͤtte. Der- selbe Grund der ihnen verbietet ihre Keller tief zu graben, macht es auch sehr schwer, Eisgruben zu bauen, und so ist das, in Deutschland in großen Haͤusern so gewoͤhnliche Mittel das Getraͤnk zu er- frischen, hier sehr ungebraͤuchlich. An vielen Or- ten ist das Wasser gar nicht zu trinken. In Am- sterdam laͤßt man es von Utrecht kommen, auf dem Gute, wo ich lebte, hatten wir Utrecht naͤ- her, zogen aber einen Brunnen in einem nahen Pachthof vor, wo es besser wie unser Grabenwas- ser, aber doch sehr schlecht war. Es ist ein mat- tes, geistloses Getraͤnk. Ja geistlos! moͤgen doch die Weintrinker lachen! Wer unter einem Kranz hoher Kastanien im heiligen Dunkel ihres Laubes, aus sechs starken Roͤhren das perlende Wasser in das große Steinbecken stuͤrzen zu sehen gewohnt war, wie dann die Sonne hie und da einen Spalt fand, um auf den hellen Kristall die Farben des Regenbogens zu mahlen, und alles rund umher Leben athmete in dem feuchten Duft — der ge- noß mit langen Zuͤgen das Geistige eines lebendi- gen Quells. Daß die Winterkaͤlte in diesen Gegenden einen ganz andern Karakter als bei uus haben muß, be- merkte ich schon bei andern Gelegenheiten. Die Kanaͤle frieren hier zwar alle Winter zu, so, daß der Wassertransport gewisse Monate im Jahr ganz aufgehoben ist, und dennoch erfrieren die so haͤufig an den Landhaͤusern gepflanzten Weinreben nicht, deren Holz vier bis sechs Zoll im Durchmesser hat. An den Bauerhuͤtten, denen es selten an dieser lieblichen Zierde fehlt, traͤgt der Weinstock keine Fruͤchte, er wird aber auch gar nicht vor dem Fro- ste geschuͤtzt. In B. ward er im Winter einge- bunden, soll auch in andern Jahren recht eßbare Fruͤchte tragen, in diesem unfreundlichen Sommer waren sie gegen Ende Oktobers noch hart und sauer, und man verzweifelte sie reifen zu sehen. Außer den noch um die Wohnhaͤuser gepflanzten Gebuͤschen und schattigten Alleen, umgiebt sie auf den groͤßern Landguͤtern in der Naͤhe der Gemuͤß- gaͤrten, der jedoch sehr weißlich nicht als Gesichts- punkt dem Auge dargelegt wird, indem er me ei- nen malerischen Anblick gewaͤhrt, und Grasplaͤtze mit Obstbaͤumen bepflanzt, zu denen man die guͤnstigsten Lagen in Ruͤcksicht des Windes und der Sonne waͤhlt. Außerdem ist Gebuͤsch — unsre Landjunker wuͤrden den zehnten Theil des Um- fangs immer sehr pompoͤs einen Park nennen, die Hauptzierde der Umgebungen, es wechselt mit Wiesenplaͤtzen ab, es umgiebt stille Teiche, es verbirgt Lauben und laͤndliche Sitze, es ist uͤberall mit Graͤben durchschnitten, deren Ufer mit Rasen belegt, und von beiden Seiten mit hohen Baͤumen bepflanzt sind, und zugleich durch ihre verschiede- ne Breite zu verschiednen sinnreichen Arten von Bruͤcken Anlaß geben. Oft ist es auch, um die geringern Besitzungen des Bauers mit dem Wege zu verbinden, ein breites Brett, das an den bei- den Ufern mit Angeln an Pfosten befestigt, auf- geklappt werden kann, und jenseits der Besitzung befestigt wird, wodurch dann der Eingang von der Wasserseite voͤllig gesperrt ist, bis es dem Eigen- thuͤmer gefaͤllt, von der Landseite her, die an sei- ne Wohnung stoͤßt, den Steg herabzulassen. An- dere, breitere, laͤngere Bruͤcken drehen sich auf einem mitten im Kanal stehenden Pfahl, und werden, durch einen sehr leichten Stoß von der Seite der Besitzung her, der Laͤnge lang ins Wasser gerichtet, wodurch der Eingang gesperrt ist. Zum innern Verkehr sind sie schoͤn verziert, doch nie in der laͤcherlich halsbrechenden Bogen- form, die in vielen deutschen Gaͤrten die Zierden des englischen Gartens ausmachen soll. Ueber die Kanaͤle, deren unmittelbarer Zusammenhang mit den großen Wasserwegen sie dem Steigen und Fallen des Wassers unmittelbar aussetzt, gehen Bruͤcken die in Ketten hangen und so uͤber dem Wasser ruhen, oder von ihm gehoben werden, nachdem sein Stand ist. Waͤhrend den Kriegs- vorgaͤngen in der Schelde, waren die Hauptka- naͤle um L. her oft bis zum Ueberlaufen voll, hie und da traten sie auf einige Stunden auf das Ufer, bis die Muͤhlen das Gleichgewicht wieder hergestellt hatten. Der Aufseher des Gutes sagte mir, das sei die letzte Ruͤckwirkung der sehr hoch- gehaltnen Wasser gegen die Schelde zu, wo man unter gewissen Umstaͤnden das Durchstechen der Daͤmme befohlen habe. Das Durchbrechen eines solchen Dammes ist mir ein Blick, dessen Furcht- barkeit ich gar nicht ausdruͤcken kann. Oft sind Wohnungen unmittelbar hinter dem Damm, so, daß ein Erdwall, wie wir ihn noch um unsre klei- nen alten Festungen sehen, der ungeheuren Wasser- masse zum Bette dient. Du siehst ihn hier aus dem Fenster, wenige Schritte von dir auf zwan- zig Fuß hoch steigen, und jenseits ist die Hoͤhe des Dammes und die Wasserhoͤhe fast eins. Hat das Wasser einmal eine geringe Oeffnung gefunden, so muß es furchtbar fortwuͤhlend bald jeden Wi- derstand aus dem Wege raͤumen, und unaufhalt- sam die Flaͤche in Besitz nehmen. Der große Umfang von Gebuͤsch, Alleen und Pflanzungen ist aber auf einem hollaͤndischen Land- gut bei weitem nicht der Gegenstand leerer Pracht, noch bloßen Vergnuͤgens. Der ganze Platz ist in Schlaͤge eingetheilt, und wird regelmaͤßig als Holzertrag benutzt. Nur die zunaͤchst an das Haus stoßenden Gebuͤsche und Alleen sind davon ausge- nommen, so lange eine besondre Spekulation nicht anders gebietet; alle laͤngs den Kanaͤlen gepflanz- ten herrlichen Baͤume werden Jahr vor Jahr dezi- mirt, aber der gefaͤllte Baum unmittelbar durch einen neugepflanzten ersetzt. Von der Ueppigkeit des Wuchses dieser Gebuͤsche habe ich keinen Be- griff gehabt. Alle fuͤnf oder sechs Jahr wird ein Schlag abgetrieben, und die hohen Staͤmme an den Kanaͤlen, oder an den mit gelblichem Sande bestreuten Wegen, an den Meistbietenden verkauft. O brave Crillon ou etoit tu? armer * *, wenn du einen Buchenstamm fuͤr hundert und dreißig Gulden verkaufen koͤnntest! So verkauft man hier manche Staͤmme — sie sind praͤchtig, ja! — aber o Ursperg, wie wuͤrdest du zum Eldorado werden, wenn man die Riesenstaͤmme deiner hei- ligen Haine an den Lech senden koͤnnte! Die Eichen bleiben hier nicht so gesund wie die Buchen, und auch unter diesen truͤgen oft die schoͤnsten Staͤmme durch anscheinende Gesundheit, indeß sie von der Erde auf im Innern verfault sind. Ein gesunder Weidenstamm — hier freilich himmelan strebend wie unsre schoͤnsten Pappeln, wird mit zwanzig, dreißig Gulden bezahlt. Was man damit macht? — Goldklumpen vielleicht? — Ja Klumpen wohl, aber an die Fuͤße, das heißt: hoͤlzerne Schuhe, die allgemeine Tracht der Landleute, Troͤge, Faͤsser, Teichgewerkzeuge u. s. w. Jedes Stuͤckchen wird benutzt, der Abfall kostbar gesam- melt, die ganz krummen Zweige regelmaͤßig zer- saͤgt, in regelmaͤßige Buͤndel geordnet, und zum Gebrauch der Reichen, oder einiger Handwerker, die Flammenfeuer nicht entbehren koͤnnen, nach Amsterdam, Rotterdam und andre große Staͤdte geschickt. Auch im reichsten Hause wird der Ka- min und die sparsamen kleinen eisernen Oefchen mit Torf, hier und da mit Steinkohlen geheitzt, die letzten sind aber theurer wie Torf, besonders seit die Zufuhr von der See aus sehr erschwert ist. Auch in der Kuͤche bereitet man alles mit Torf- feuer, nur der Bratspieß fordert Holz und daher steht es immer in einem ungeheuern Preise. Der hiesige Torf hat aber keine Spur von widrigem Geruche, die ausgegluͤhte Kohle verursacht unter dem Theekessel, im Stovchen nicht die mindeste Unbequemlichkeit, und die Waͤrme erhaͤlt sich un- glaublich lange in der weißlichen Asche. Die Eintheilung der Zimmer hat auf den hie- sigen Landhaͤusern und Landguͤtern wieder viel Aehnlichkeit von der in der Schweiz gebraͤuchli- chen, so wie die der Mahlzeiten. Auch hier ver- einigt das Fruͤhstuͤck die Familien im Speisezim- mer; auch hier nimmt man, en famille, Abends den Thee, nur bei gebetnen Gaͤsten wird er im Sallon aufgetragen; auch hier ist das Eßzimmer eine Art von Ansprach- und Beschaͤftigungsplatz fuͤr haͤusliche Besorgungen. — Diese große An- nehmlichkeit, das Wohnzimmer vom Geruch der Speisen rein zu erhalten, kennen und verlangen — besonders in Suͤddeutschland, die mittlern Staͤnde gar nicht. Fast allgemein opfert man Reinlichkeit und Bequemlichkeit dem Triumph der Eitelkeit auf, ein paar wohlausstaffirte Besuch- zimmer zu haben, setzt aber zwei und drei Betten in ein Schlafzimmer, und athmet den Geruch der Speisen vom Mittagsessen bis zum Nachttisch im Wohnzimmer ein, wo denn das Abendessen am folgenden Morgen wieder sanft nachduftet, bis mit Besen gekehrt ist. So weit es nur der Raum erlaubt, giebt der gute Mittelstand in der Schweiz jedem Familienglied sein eignes Schlafzimmer — eben so hier zu Lande. Dieses dient zugleich als Kabinet, wo der Bewohner schreibt, liest, allein seyn kann — das Eßzimmer versammelt die Fa- milie, und im Sallon, oder nur in dem Wohn- zimmer der Hausfrau, wo der Sallon fehlt, ar- beiten die Frauenzimmer, indeß die Maͤnner ihren Geschaͤften nachgehen. Natuͤrlich ist es dabei, daß man von einem solchen Schlafkabinet wenig Raum fordert, aber unleugbar auch, daß Anstand, Ord- nung, Nettigkeit, ein gewisses Gefuͤhl anderer Unabhaͤngigkeit zu ehren, durch diese Absonderung sehr befoͤrdert wird. Nur die Stunden der Mahl- zeiten sind hier und in der ehrlichen alten Schweiz sehr verschieden. Die Staͤnde, welche nicht zum Volke gehoͤren, essen alle spaͤt, die hoͤhern erst in den Abendstunden zu Mittag. Diese Sitte wird in Amsterdam, vielleicht in allen großen Han- delsstaͤdten, von der Boͤrsenzeit bestimmt, welche erst um vier Uhr zu Ende geht. Ehemals moch- ten die guten Herrn vorher, das heißt, um eilf oder zwoͤlf speisen, um Glockenschlag zwei, wo die Boͤrse geoͤffnet wird, ihre fuͤnf Sinne gestaͤrkt zu haben, das waͤre anjetzt ein Hinderniß in der ganzen Tagesordnung, also verschiebt man es bis nach der Boͤrse, welches dann vermittelst eines lang fortlaufenden, mit Kaͤse, geraͤuchertem Fleisch, Schinken und zufaͤlligen Leckerbissen bereicherten Fruͤhstuͤck endlich wohl angeht. Die Zimmerverzierungen, so wie das Geraͤth, soll in vielen Handelshaͤusern sehr praͤchtig, und Q bei manchen sehr modern seyn. Fremde, welche sie besuchten, meinten es fehle darin an Ge- schmack, und beweise mehr die Absicht Reichthum zu zeigen, als die Gewohnheit, rafinirte Bequem- lichkeit zu genießen. Diese Eigenheit, welche nach dem Parvenuͤ riecht , bemerkte ich sehr oft bei bereicherten Leuten im Handelsstande. Weltleuten kann sie zum Spott Anlaß geben, ih- re Quelle ist aber ehrwuͤrdig. Sie vergaßen noch nicht wie muͤhselig man erwirbt, der Sohn des Bereicherten wird sich unbefangen in den seid- nen Betten dehnen, wird ohne Vorsicht mit seinen staubigen Stiefeln die Teppiche betreten — aber auch nie das ehrwuͤrdige Gefuͤhl haben, Schmid seines eignen Gluͤckes zu seyn. Die Landhaͤuser mancher angesehnen und vornehmen Familien, die ich sah, bewiesen mir, daß ihr Stolz noch weise genug ist, um die Mode nicht zu beduͤrfen. Ich fand hier, wie bei den vornehmsten Schweizerfa- milien, bei der groͤßten Fuͤlle und Bequemlichkeit keinen Widerwillen Geraͤthschaften zu gebrauchen, die den Eltern und Voreltern schon gedient hatten. Moͤge diese Beharrlichkeit dauern! Mir ist wohl in den hohen Zimmern, mit den glattgebohnten hohen Schraͤnken, mit derben Stuͤhlen, die ihren Mann tragen — ein moderner Theetisch mit Pa- riser Porzellain sieht daneben recht freundlich aus, und die fuͤnf Fuß hohen chinesischen Vasen, und bunten phantastischen Porzellaingefaͤße verzieren ein Kamin vortrefflich neben dem schoͤne englische Kupferstiche haͤngen. Die reichen Leute halten viel Pferde, und wie mir daͤucht, sah ich deren sehr schoͤne. Eben so die elegantesten Fahrzeuge, von dem hohen Kabrio- let (das vernuͤnftige Leute der hohen, schmalen Daͤmme wegen doch nicht brauchen) bis zu einem winzig kleinen Kariolchen herab, wie unsre Fell- eisen-Chaischen, wo eben ein breiter Mann drinn Platz hat, zwei Raͤder darunter, aber aufs sau- berste gebaut, gemalt und vergoldet. Auf diesem leichten Fuhrwerk kommen die einzelnen Maͤnner gewoͤhnlich heran gefahren. Nennten die Franzo- sen eine gewisse Art Chaise, in der nur zwei Men- schen Platz hatten, Desobligeante, so wuͤrde ich diese Solitaire nennen. Die meisten Fuhrwerke haben nur zwei Raͤder, und nie fuͤhrt man Ge- paͤck bei sich, um im Innern des Landes zu reisen. Die Wege erlauben keine beladne Wagen, und die zahlreichen Wasserposten geben taͤglich mehrere Male Gelegenheit Packete fortzusenden. Um Q 2 schnell fortzukommen, ist der Landweg immer vor- zuziehen, und die Schuits behalten in vielen Ruͤcksichten manche Unbequemlichkeit. Eigne Gondeln, welche etwa den Eigenthuͤmern großer Landhaͤuser angehoͤrig geschienen, und neben den Haͤusern angebunden gewesen waͤren, sah ich gar nicht, begegnete auch keiner Wasserparthie, wie man auf den Schweizerseen macht, wo man um des Schiffens willen faͤhrt. Das ist auch in ei- nem Lande, wo das Schiffen taͤgliches Beduͤrfniß ist, sehr natuͤrlich. Die Kanaͤle sind auch an den mehrsten Stellen, um zum Vergnuͤgen darauf zu fahren, nicht breit genug. Die Trekschuits, die unablaͤssig zwischen den Staͤdten den regelmaͤßigen Verkehr unterhalten, sind denn ohne Zweifel von dem Mainzer Postschiff sehr guͤnstig unterschieden. Sie haben drei Abtheilungen, oder Ruefen, wie man es hier nennt. Die erste wird abgesondert vermiethet, hat artige Polster auf den Baͤnken, ein Theeservice, Glaͤser, einen Tisch — vier Per- sonen koͤnnen recht bequem drinnen wohnen, und vorn geht eine Thuͤr auf das Steuer, wo es von Menschen leer bleibt. In der Mitte ist der zweite Ruef, wo die ordentlichen Leute hingehen — das ist wie eine Dilligence — noch mehr wie der deutsche Postwagen; fuͤr Maͤnner eine sehr beque- me, hoͤchst wohlfeile Art zu reisen. Man steigt in die Fenster ein, hat Baͤnke, Tische und Raum genug, wenn es leer ist. Im dritten Ruef, der auf dem Schiffsschnabel sich oͤffnet, treiben die Schiffer ihr Wesen, und die namenlosen Weltbuͤr- ger, eine mehr wie gemischte Gesellschaft. Diese Schuits segeln und rudern, und werden von Pfer- den gezogen, je nachdem Strom, Wind und Fluth es noͤthig macht. Die Kosten der Passagiere, selbst fuͤr den ersten Ruef, sind sehr gering. Bei einer einzelnen Tagereise nehmen die Reisenden kalte Kuͤche mit sich, Kaffee und Thee macht der Schif- fer — ja ich wuͤßte nicht warum sie nicht mehrere Tage, ohne ein Wirthshaus zu betreten, fortrei- sen koͤnnten, wenn der Brodkorb auslangt? Des Nachts geht man ans Land, oder besteigt die Nachtschuit, denn auf den Hauptstraßen gehen Tag und Nacht Postschuiten, und die Gasthoͤfe sind vortrefflich! Wenige Menschen, die sich lieb haͤtten, koͤnnten nun mit Buͤchern, Schreibzeug und Handarbeit in so einem Ruef eine hoͤchst an- genehme Reise machen, so lange sie das Wetter beguͤnstigte, aber in diesem Falle wird die bewe- gungsloje Enge sehr laͤstig, — und diese Bewe- gungslosigkeit druͤckt mich auf die Laͤnge doch sehr. — Ich will lieber geschuͤttelt seyn, als mich ganz widerstandslos herumziehen lassen. So weit ich die Kanaͤle sah, sind sie immer so schmal, daß die Straße, welche meist zu beiden Seiten hinlaͤuft, was darauf wandert, und was an ihr wohnt, mit in den Schauplatz des Ruefs hineingezogen ist. Das Fahrzeug selbst bietet immer ein veraͤndertes Personal des Theaters dar, denn es wird bestaͤn- dig gelandet, neue Gefaͤhrten aufzunehmen, und alte ans Land zu setzen; das geht aber so schnell, daß es niemand einfallen kann uͤber den Verzug zu klagen. Hier steht eine Naͤtherin mit dem Naͤh- kistchen unter dem Arm, ein kleines Buͤndelchen an der Hand, die soll in jenem Schlosse arbeiten, sie nimmt sorgfaͤltig die geglaͤttete Schuͤrze in Fal- len, faßt den glaͤnzenden Zitzrock auf, und schluͤpft in das Fenster hinein. Dort wartet ein breit- schultriger Ehrenmann mit einer schwarzen runden Peruͤcke, schwarzpluͤschnen Unterkleidern und Stie- felmanschetten, wohlig bei einem Glas Bier, bis die Schuit landet, blaͤßt den Tabacksrauch vor sich her, steigt langsam in die Luke hinein, setzt sich, ordnet die Rockschoͤßen, und fordert vom Jager — so heißt der Schiffer, Feuer, seine bei der Comotion ausgeloͤschte Pfeife anzuzuͤnden. Weiterhin schaut ein Domino — so von einer klei- nen Landpfarre, dem Schiff entgegen — er hat einen hinten hoch aufgerollten Haarputz, den das hellere darunter vorblickende Nackenhaar fuͤr eine Peruͤcke erklaͤrt, einen Japun von großblumig- ten Kattun mit einem Gurt unter dem Bauche gebunden, große runde silberne Schnallen, und eine drei Fuß lange Koͤllner Pfeife im Munde. Die Ruefsgesellschaft ruͤckt hoͤflich, der Gottes- mann nickt salbungsvoll, eine Magd reicht ihm ein Buͤndelchen nach, wo gewiß der Ornat drin ist, denn er will den Herrn Kollegen in dem naͤch- sten Dorfe besuchen — und so geht es fort. Fecht- meister, Tanzmeister, Kinder, Kriegsleute — aber nie hoͤrte ich rauhe Reden, ein gellendes Ge- laͤchter, nie das Gequike der weiblichen Reisenden, das die Postwaͤgen in Deutschland immer hindern wird, von Frauenzimmern aus dem Mittelstande benutzt zu werden. Die Contenance der hollaͤn- dischen Ruefsgesellschaft schien mir immer sehr an- staͤndig. Ich hatte mit meiner Freundin und ihrer Kam- merfrau den ersten Ruef, der Abend wo wir Am- sterdam verließen war schoͤn — die Sonne faͤrbte den Himmel mit dem Goldgelb, was eine Ahn- dung des Herbstes hervorbringt, eine Ahndung der Verwandlung durch Tod zum Leben. Dieses Licht scheint zu einer Heiterkeit zu stimmen, welche das Persoͤnliche aus unsern Ansichten ent- fernt, ich sehe dann alles um mich wie zum letzten Male, also mit unendlicher Liebe und theilneh- mender Freude. — Wenn man durch die Haupt- straßen von Amsterdam faͤhrt, wenn man zwi- schen den zierlichen Haͤusern und Anlagen auf die- sen Kanaͤlen gleitet, sollte man wohl denken, es gaͤb keine Armuth in Holland. Aber wenn man eine Weile bei den Landungsplaͤtzen still haͤlt, be- sonders vor den groͤßern Staͤdten, wird diese Taͤu- schung graͤßlich gestoͤrt. Nie sah ich so abgehun- gerte, zerlumpte Menschen, hoͤrte nie keinen so vor Jammer und Ungeduld zusammengesetzten Bettelton, wie bei dem Zollhause vor Amsterdam. Der Ton war der naͤchste Ausdruck neben Straßen- raub oder Selbstmord. Weiber, deren Bloͤße das Mitleid mehr wie die Sittsamkeit empoͤrten, Maͤn- ner, aus deren struppigen Bart gelbe Zaͤhne her- vorragten, unter denen sich die blauen Lippen grinsend zuruͤckzogen. Ich litt peinlich bei dem Anblick — man moͤchte auf sein Angesicht fallen und beten, daß ein Wetterstrahl dieses vernichtete Gottesebenbild reinige und verzehre! — Was ist da Almosen? was ist es sie der Armuth entreißen? Dieses verzerrte Gesicht wird nie mehr sich aufrich- ten zum ewigen Lichte — das Grab allein laͤutert solche Verderbniß. An Armenanstalten mangelt es nicht, wohl an wenig Orten wird fuͤr die Armuth so reichlich gesorgt, wie in Amsterdam. Die Reichen geben den Armen unglaublich viel Geld , aber das ist alles, was der Reiche in großen Staͤdten thun kann; das schuͤtzt vor Verhungern, Erfrieren — aber es hebt die Armuth nicht, es rettet nicht vor Erniedrigung. Bis Abcou ist die Amstel sehr breit, — ich athmete freier auf der schoͤnen Wasserflaͤche, und blickte sehnsuchtsvoller nach allen denen von den ich getrennt war — denn mir ist euer Bild und das geistige Umfassen der ganzen Gotteswelt im- mer Eins! Von Abcou faͤhrt man bei bestaͤndiger Abwechselung von Doͤrfern und Landhaͤusern bis Marsden fort. Der Verkehr ist in dieser Gegend unglaublich groß! — ist er es jetzt, wo aller Handel niederliegt, was muß er in gluͤcklichern Zeiten seyn? In Doͤrfern und außerdem an vielen Stellen gehen Bruͤcken uͤber den Kanal, die bei Annaͤherung der Schuits aufgezogen werden. Der Handgriff ist sehr leicht, die Durchfahrt ist in ein Paar Minuten geschehen; dennoch sah ich von bei- den Seiten in den Doͤrfern einen ganzen Haufen Menschen sich versammeln, welche, von der Schuit aufgehalten, noch ehe die Bruͤcke wieder ganz ruhte, sie betraten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Die Gasthoͤfe auf diesem Wege sind aͤußerst einla- dend mit ihrem hellen Erdgeschoß mit hohen Fen- stern, hinter deren großen Spiegelscheiben schneeweis- se Umhaͤnge mit langen reichen Franzen durchschim- mern, und vor den Wohnhaͤusern sitzen uͤberall in den Abendstunden wohlgekleidete ruhige Men- schen auf den zierlichen Baͤnken vor dem Hause, und trinken ihren Thee. Da wir um zwei Uhr von Amsterdam abgefahren waren, fanden wir bis sieben Uhr, wo wir in Marsden ankamen, die Buͤrgerklasse und bescheidene Menschen bei ihrem Vesperbrode im Freien, oder in den kleinen Pa- villons versammelt, die Reichen saßen Anfangs noch am zweiten Fruͤhstuͤck, dann an der Mittags- tafel, die ich nirgends im Freien aufgedeckt sah. Marsden ist dem Namen nach nur ein Dorf, ich kenne aber keine deutsche Stadt, die ihm an zierlicher Wohlhabeuheit gleich kaͤme. Die Pracht einiger Hauptstraßen, in einigen unsrer Haupt- staͤdte sind hier vom Vergleich ansgeschlossen . Die Straßen sind breit, neben den Kanaͤlen mit Baͤu- men besetzt, diese Kanaͤle sind sehr breit und das Wasser klar — besonders war ein Theil des Dor- fes ganz allerliebst, wo die Kanaͤle eine Halbinsel bildeten, die einen schattigten Garten umgab, der mit den hohen Wipfeln seiner Pappeln sich in dem Wasser spiegelte. Dieser Garten war vor wenig Tagen von seinem Eigenthuͤmer bei Gelegenheit der Hochzeit seiner Tochter erleuchtet gewesen. Das Lokal muß diesem Schauspiel einen besondern Zau- ber verliehen haben. Es giebt hier reiche Leute, die Ausgaͤnge des Dorfs verlaͤngern sich durch nied- liche Landhaͤuserchen, die von den Bewohnern der naͤchsten Staͤdte fuͤr den Sommer gemiethet wer- den. Die sie umgebenden Gaͤrten duften alle von Blumen, in den kleinen Gebuͤschen bluͤht manches fremde Gestraͤuch, das die ausgebreitete Schiff- fahrt dieser Gegend zufuͤhrt; die Wege sind alle mit Sand geebnet, fest, ohne einen Grashalm, die Grasplaͤtze sind alle dicht bewachsen und scharf abgeschnitten. In Vergleich unsrer deutschen Doͤr- fer — auch der schoͤnsten in der Rheinpfalz, ja in der Schweiz selbst, sehen diese Doͤrfer doch noch aus, als wenns immer Sonntag da waͤr. In Marsden fanden wir unsern Wagen, lies- sen Utrecht links liegen, und fuhren zu Lande uͤber Montfort nach L. zuruͤck. Das Land ist uͤberall nur in Weide, Wiesen und Gartenfeldern angelegt. Im Ganzen ist es wasserleerer wie die Gegend von Montfort uͤber Oudewater der Ysel entlang zum Lech. Das Gras ist auf den Wiesen so dicht mit Halmen bedeckt, wie wirs an der Donau, und in ganz Schwaben nicht haben, und so fein, von allen fremden Pflanzen so gereinigt, wie auch keine Berner Maht ist. Mir daͤucht, es muß beim Maͤhen zu einem Haufen anschwellen, wie wenn man eine Hand voll Federn aus der Brust eines Wasservogels rupft. Der Idylle und dem Maler sind die blumenlosen Wiesen nicht so guͤnstig, aber der Hirt muß sie ohne Zweifel dem Stengelwerk, das von unserer Blumenflur im Heu stecken bleibt, vorziehen. Man baut hier sehr vieles Gemuͤse, besonders viele Pastinaks — große Felder voll wie im Han- noͤverschen die gelben Ruͤben oder Moͤhren, und an andern Orten die Runkelruͤbe. Das Heidekorn stand in voller Bluͤthe und schimmerte im letzten Sonnenstrahl. Vor Montfort begegneten wir im Halbdunkel, eh der Mond noch hochstand, einem Wagen, der auf dem engen Kanal uns nicht aus- weichen konnte; es gab kein anderes Mittel, als ihn auf den Schultern der Fuhrleute neben unsrer Chaise vorbei zu heben. Die lieben Menschen, welche darauf saßen, stiegen also herab, ihre Pfer- de wurden ausgespannt und der Wagen — so eine Art Kirebn — ward, die Raͤder der einen Seite auf dem Wege ruhend, die andere Seite von den Armen der Maͤnner gehoben, indeß sie hart am Kanal sich hinter den Baͤumen draͤngten und an sie hielten, vorbei geschaft. Unsre Chaise hielt indeß an der andern Seite des Kanals eine Hand breit vom Wasser. Dabei haben die Kutscher hier nie eine Peitsche, und schimpfen nie — sie geben den Pferden vernuͤnftige Gruͤnde an, und regieren sie mit einem leisen Schnalzen der Zunge. Da muß Pferd und Kutscher sich veredeln, wo’s so zugeht. Zehnter Abschnitt . Im September. E s koͤmmt mir immer nothwendiger vor, ei- nen kleinen Abstecher an das Vorgebuͤrge der guten Hofnung zu machen. Ihr seht das Ding selbst wohl ein. Vollstaͤndigkeit ist die lebendige Kraft jedes Dinges, mir fehlt noch ein Hottentotten Kraal um die Typen — das ist ja ein Modewort — von Menschenwohnungen durch- gegangen zu seyn. Ich lebte unter den Huͤtten der polnischen Leibeignen, ich bewohnte die Doͤr- fer des Weserufers, der Elbe, der Donau, ich sah den Wechsel der Jahrszeiten in den Wohnungen des Berner Landmanns, ich sah die herbstlichen Feste des franzoͤsischen Bauers jenseits des Jura- Gebirgs, nun besuche ich taͤglich die Haͤuser des hollaͤndischen Landmanns — gewiß mir fehlt der Kraal, dann haͤtte ich den Zirkel beschlossen. Meint Ihr, ich beduͤrfe auch noch die juͤngst gebornen der jetzigen Erde, noch die Bewohner der Inseln des Aufgangs zu sehen? so habt ihr sehr recht, denn das Ideal fehlt mir noch. — Wahrlich ohne den Krieg koͤnnte das weniger Ueberredung beduͤrfen, so machte ich einen Abstecher nach den Pelew-In- seln — wohin ich wahrscheinlich auch zu spaͤt kaͤm, um eine Unschuldswelt da zu finden, denn faͤnd’ ich sie nicht Alle an Schwachheit sich gleich, Alle dem Tode geweiht? — Doch in welche Ordnung reihe ich diese ver- schiednen Grade der Kultur, die ich sah? Vielleicht wuͤßte das ein Kluͤgerer besser zu entscheiden, wie ich. Mir haben die verschiedenen Ziele, die man der Menschheit gesetzt hat, das Urtheilen benom- men. Heißt das Zeit-Beschraͤnktheit, oder Ent- wickelung? Hat Rousseau oder Condorcet recht? — Auf alle Faͤlle sind wir von der Herrlichkeit der Waldmenschen so weit entfernt, daß wir foͤrder- samst wohl lieber nach dem Andern streben muͤs- sen. Also ists Entwickelung? aber freilich wohl eine Entwickelung, die uns wieder zu dem Wald- menschen zuruͤckfuͤhrte — naͤmlich zu seinem Ideal, das ins goldne Zeitalter gehoͤrt. Großer Gott! duͤrfen wir hoffen den Kreis zu beschließen? Vor diesem erhabenen Ziele verhuͤlle ich mein Antlitz. Doch es sey so! schon das Streben ist begluͤckend. Welcher der verschiedenen Zustaͤnde vom Hotten- totten-Kraal bis zur hollaͤndischen geputzten Bauernwohnung bietet aber wohl den Punkt dar, von wo aus der Mensch am leichtesten zu diesem Streben geschickt wuͤrde? — Aus Leibeigenschaft, oder buͤrgerlicher Freiheit? Ich sehe Euch recht wahrhaft erschrocken, indem ich Euch die Meinung aͤußere, daß der Mensch unter einem reinen Despo- tismus mehr Faͤhigkeit zur Freiheit behaͤlt — also zur hoͤchsten Entwickelung erzogen zu werden, als unter irgend einer andern, jetzt vorhandnen Form der Gesellschaft, dem zufolge muͤßte ich also aus den polnischen Bauern den vollkommenern Men- schen ziehen wollen? Hm! der polnische Despotis- mus reicht mir noch nicht hin. Das ist kein rei- ner Despotismus — seit hundert Jahren gar nicht mehr. Der orientalische, der gefaͤllt mir. Der Despot muß, wie man die Hand umkehrt, Pa- triarch werden koͤnnen, und dann wird er Erzie- her und endlich Befreier, und die Nachwelt ver- setzt ihn neben Numa unter die Himmlischen. Wir sind zum Vergoͤttern zu klug geworden — darin liegt unser ganzes Elend. Gebt uns die Faͤhigkeit an Groͤße zu glauben, der Menschen unsers Zeit- alters, und der goͤttliche Funken ist wieder in uns erweckt. — Doch zuruͤck zu meinen Menschen- wohnungen. Auf breiten Landwegen, uͤber Sandstrecken, auf denen bei trocknem Wetter die Raͤder knarren, fahr ich zwischen Heidekornfeldern hin — große moosige Flaͤchen unterbrechen ihre roͤthliche Bluͤthe, die wenig Wochen nach der Aussaat aus dem kah- len Boden einen sanften Teppich gebildet hat. Von beiden Seiten beschraͤnken endlose Waͤlder den Gesichtskreis. Jetzt sehe ich Reste von hoͤlzernen Umzaͤunungen, einige magere Kuͤhe kriechen matt auf der duͤrren Weide, einige eben so kleine Pfer- de mit dicken Koͤpfen und starken Beinen kommen bei dem Pfeifen des Postillions lebhaft aus dem Walde gesprungen und laufen vor dem Wagen her, um an dem Posthause sich einspannen zu las- sen. Nun komme ich an ein Strohdach, das ge- rade hoch genug vom Boden erhoͤht ist, um mei- nen Arm darauf stuͤtzen zu koͤnnen. Es ist aus Balken zusammen gelegt, die Ritzen mit Moos verstopft, und ein Paar Loͤcher, die hinein gesaͤgt sind, dienen zu Fenstern. Aus einem groͤßern, das bis zum Boden geht, qualmet mir ein dicker R Rauch, ein stinkender Dampf entgegen, dennoch steig ich hinab. — Erst nach einer Weile, und nur wenn ich den Boden erreicht habe, kann ich durch die blaͤulichen Duͤnste, welche die Huͤtte an- fuͤllen, die Gegenstaͤnde erkennen. Die eine Seite ist von ein Paar Schweinen, von dem Stand von ein Paar Kuͤhen eingenommen, gegenuͤber ist eine Art Heerd von einem Fuß Hoͤhe, worauf kaum gespaltne gruͤne Baͤume brennen — im naͤchsten Walde fand ich uͤberall die nicht gefaͤllten, sondern niedergebrannten Staͤmme, deren Krone und Aeste man am Boden verfaulen laͤßt, und nur den Stamm fortfaͤhrt. Dauert nun der naͤchste Win- ter laͤnger wie der Vorrath herbei geschleppter Baͤu- me, so brennt man die hoͤlzernen Umzaͤunungen, nachher die Sparren vom Dach, und das Stroh, das sie stuͤtzten, wird, da das Futter fuͤr die elen- den Kuͤhe auch mangelt, in die Krippe geworfen. Vielleicht, kommt dann im Fruͤhjahr einmal der Verwalter diesen Weg, dann muß der Bewohner dieser Huͤtte den Zaun herstellen, und das Dach decken, sonst bekommt er Pruͤgel, und einen Theil Pruͤgel bekommt er auf alle Faͤlle, weil er den Zaun verfallen ließ; aber diese sind im Laufe des Jahres schon berechnet. Um den niedern, rau- chenden Heerd sitzen ein Paar alte Weiber, die Koͤpfe in farbige Lumpen gewickelt, die Fuͤße in Schuhe von Birkenrinde gesteckt, die braunen, ma- gern Arme, den schlaffen Busen von einem groben grauen Hemde spaͤrlich bedeckt — doch die eine saͤugt ihr Kind — diese Mutterpflicht beweist mir, daß sie nicht so alt ist, wie die Runzeln ihres Ge- sichts es mir glauben ließen. Das Kind ist in ein Stuͤck Schaffell gewickelt, und statt Windeln hat man ihm Moos untergelegt. Das aͤltere Weib, oder das nicht saͤugende — denn vielleicht hat auch sie nicht die Zeit, sondern die Muͤhseligkeit geal- tert — ruͤhrt in einem Kessel grobgehackte, ge- gohrne Kraͤuter, ein schwarzer Teig wird hinein gebrockt, ein Paar Loͤffel Leinoͤl daruͤber gegossen, und nun ist das leckere Gericht fertig. Jetzt ruft das saͤugende Weib mit sanfter, melancholischer Stimme in einer wohltoͤnenden Sprache einige Worte, und ein hagerer Mann, mit langsamen, schleppenden Schritt steigt in die Huͤtte hinab. Ein Schafspelz bedeckt den bloßen Leib, ein Paar grobe leinene Beinkleider — er geht in den Win- kel der Huͤtte, wo ich auf einem gruͤnen Bogen Papier ein kleines Straͤuschen von Goldflitter er- blicke, das der Rauch nicht ganz schwaͤrzte, und R 2 unter ihm auf dem gruͤnen Papier ist ein Heiligen- Bild befestigt. Der matte finstre Mann kniet und betet, dann setzt er sich im Rauch auf den niedern Heerd, das gegohrne Gemengsel ist in eine hoͤl- zerne Schaale geleert, und die drei Menschen be- friedigen stillschweigend ihren Hunger. Das Ge- maͤlde sah ich an den Ufern der Willia. Auf einem geraden ebenen Sandweg, zwischen zween Kanaͤlen fahre ich unter hohen Weiden, die mit unsrer italiaͤnischen Pappel an Schoͤnheit wett- eifern. — Auf der einen Seite stoͤßt ein großes eingedeichtes Stuͤcke Landes an den Weg, dessen ganzer Umfang mit eben solchen Alleen und Ka- naͤlen eingefaßt ist. An jeder Ecke des großen Vierecks sehe ich Windmuͤhlen ihre ungeschickten Arme ausstrecken, und hinter den Baͤumen steigen artige Kirchthuͤrme auf, die mir die Naͤhe von Staͤdtchen und Doͤrfern verkuͤnden. Auf der lin- ken Seite grenzen mehrere Alleen an den Kanal, dann ein Gehoͤlz, das schlaͤngelnde Wege durch- schneidet, nun fahre ich vor einer Gitterthuͤre vor- uͤber und erblicke am Ende einer vierfachen Reihe der groͤßten, praͤchtigsten Buchen, die ich jemals sah, ein schoͤnes großes Haus, wie alle Haͤuser dieser Gegend von Backsteinen gebaut, mit zierli- chen Nebengebaͤuden umgeben. Da muß man gastfreundlich aufgenommen werden, sagt mir der Anblick, hier blickt so viel Wohlstand hervor, daß der Gast nicht laͤstig seyn kann, und nichts ist hier so praͤchtig, daß es den Fremdling verschuͤch- tern koͤnnte. Jetzt fahre ich auf einer mit Back- steinen gepflasterten Straße durch ein Dorf — und da mag der Wagen seinen Weg fahren, ich beschreibe euch ein Bauerhaus, wie ich es taͤglich in der Gegend von Woerden und Oudewater be- suche. Die ganze Wohnung ist von einem mit Back- steinen gepflasterten Platze umgeben, der so eben, so rein ist, daß er meiner Leidenschaft fuͤr duͤnne seidne Schuhe nie im Wege stuͤnde. Aus eben der Ursache kann aber der hiesige Landmann auch hoͤl- zerne Schuhe tragen, denen die holperichen Stein- wege abgeneigt sind, weil sie bald darauf zer- springen wuͤrden. Beiher gesagt hat man von einem Dorf zum andern, von einer Stadt zur an- dern immer einen Sommer, und einen Winterweg. Der erste ist ein bloßer geebenter Feldweg, der an- dere ist mit Sand beschuͤttet, und festgestampft. In den bloßen Feldwegen bleibt man nach einigen Regentagen ohne Umstaͤnde stecken, da aber die letzteren mehr Muͤhe kosten, sind sie nicht so zahl- reich, so daß der Verkehr außer der Landstraße, zwischen den Besitzungen, oft sehr laͤstig werden mag. Allein auch da helfen die Kanaͤle, so schmal sie seyn moͤgen. Der Bauer ladet einen kleinen Nachen voll, und schiebt ihn, am Ufer gehend, mit einem großen Stock vor sich her. Ein Bauer- haus hat nicht mehr wie das Erdgeschoß, die ro- then Backsteine sind mit einem weißen Kitt zu- sammen gefuͤgt, das Holzwerk alles gruͤn, weiß oder grau angestrichen, das Schilfdach — denn selten sieht man ein anderes, nach dem Winkel- maße geschnitten. Bei dem Eintritt in die Thuͤr, die immer wie in Niedersachsen halb getheilt ist, und durch die obere Haͤlfte immer Luft und Licht einlaͤßt, finde ich einen großen mit großen gebrann- ten Steinen, oft mit einer Art Mosaik, gepflaster- ten Raum. Auf der einen Seite stehen die hoͤl- zernen Milchgeschirre, große Faͤsser naͤmlich, denn die Milch wird hier alle frisch von der Kuh zu Butter und Kaͤse verarbeitet, und die Butter wird nicht aus Rahm, sondern aus der Milch gebut- tert. Alles das hoͤlzerne Geraͤthe ist mit der aus- gesuchtesten Reinlichkeit geputzt, und aufgestellt. Hinter der Thuͤr ist ein kleiner Kamin, wo das zum Kaͤsemachen noͤthige Wasser gesotten, und die Mahlzeit der Familie im Sommer gekocht wird; daneben steht ein glaͤnzend gebohnter Tisch und gepolsterte Stuͤhle. Im Hintergrunde des Raums befindet sich ein etwas erhoͤhter Platz, rings um alle Waͤnde mit freundlichen Fließen ausgelegt, gelb und braune im Schachbrett, oder blaue mit abentheuerlichen Gestalten, wie bei uns. In des- sen Mitte ist ein ganz niedriger Heerd, der zugleich als Kamin dient, um im Winter die Wohnung zu heizen. Rund um den Heerdmantel ist ein Fal- bala von weißem Musselin, oder gestreiftem Zeuge, ein glaͤnzend gescheuerter messingener Theekessel und symmetrisch geordnete Feuerzange und Schau- fel mit messingenen Griffen, verzieren den Heerd. Auf beiden Seiten sind Geruͤste mit Delfter Fayen- cenen Schuͤsseln reich besetzt, ein Paar artige Ti- sche, wo auf dem einen eine große Folio-Bibel steht, und auf ihr liegt eine Kleiderbuͤrste, auf dem andern steht ein Theezeng mit allem Zubehoͤr. Die sauberen Rohrstuͤhle sind mit roßhaarnen Pol- stern versehen, und vollenden das nothduͤrftige Hausgeraͤth. Das Licht faͤllt durch ein sehr gros- ses, uͤber der Thuͤr angebrachtes Fenster. Von der einen Seite gehet eine Thuͤre in ein großes Zim- mer, das im harten Winter der Familie zum Auf- enthalte dient, es hat auch einen Heerd; im Som- mer aber bewahrt man die Kaͤse darin auf, die im Herbst alle verkauft seyn muͤssen. Außerdem ist noch ein Behaͤltniß da, das als Keller dient, wo die Kaͤse anfangs hinein kommen, um in Gaͤhrung zu gerathen, und sich mit Salz zu durchziehen. Alle diese Gemaͤcher haben helle, große Fenster, und reinliche weiße Vorhaͤnge. Ja, die Kaͤse- und Kellerkammer hat schneeweiße Vorhaͤnge, die Kaͤse liegen auf reinen Geruͤsten, ein weiß ge- scheuertes Salzfaß, einige Faͤßchen voll Butter zum Verkauf bereitet, oder zum Wintervorrathe der Familie bestimmt, einige neue schoͤn gefirnißte Toͤpfe, zeigen die wohlbesorgte Wirthschaft an. Du kannst deinen Shawl, dein Schnupftuch uͤber- all hinlegen, ohne Furcht sie zu beschmutzen, alles glaͤnzt von Sauberkeit. Die Schlafstellen sind in dem vordern Raum, und in dem Winterzimmer, alle in der Wand angebracht, so daß du vor jedem Bett nur einen Vorhang von farbigem wollenen Zeug siehst, wie bei einem Alkoven. — Das ist die Beschreibung des schlechtesten Bauerhauses, was ich hier sah. Die bessern sind schon in meh- rere Gemaͤcher abgetheilt, ein oder zwei sehr sau- bere Glasschraͤnke enthalten glaͤnzendes Messing- Geschirr und einen Vorrath Tassen, Teller und Toͤpfe von mehr oder weniger artigem Porcellain. Die Waͤnde sind gemahlt oder mit bunten Kupfer- stichen geziert, die ganze Kuͤche mit Fließen belegt, und zu dem Theetisch gesellen sich noch einige huͤb- sche Komoden mit glaͤnzenden Schildern, die ich in mehr wie einem Hause von Mahagoni-Holz antraf. In der Gegend von * * * wohnte ein Klum- penmacher — ich sagte euch, daß die hoͤlzernen Schuhe so heißen. Der Mann wanderte vor neun- zehn Jahren aus Westphalen ein, arbeitete bei sei- nem Vorgaͤnger als Gesell, heirathete dann seine Wittwe, gewann durch Fleiß und Ordnung so viel, daß er einen kleinen Holzhandel anfing, und jetzt ein Vermoͤgen von vielen Tausenden aufwei- sen kann. Dieses Haus besuchte ich gern, es war schon ein Handwerksmann, aber im Dorfe, kein Staͤdter. Die Werkstaͤtte lag dem Hause gegen- uͤber, die Klumpen wurden davor Mauer hoch auf- gethuͤrmt. Neben dem Wohnhaus stand die Som- merkuͤche — ein kleines Gebaͤude, wo den Som- mer uͤber alle Wirthschaftsgeschaͤfte abgethan wur- den, um das Wohnhaus zu schonen. Ein hefti- ger Regenguß, der uns einmal auf dem Wege von Woerden uͤberfiel, zog einem Kinde, das wir bei uns hatten, eine Unpaͤßlichkeit zu, so daß wir bei der Frau Klumpenmachern ausstiegen. In wenig Minuten war der Thee gemacht, eben so schnell setzte sie uns Kaffee vor, uͤberzog ein Paar Kissen ihres Bettes mit schneeweißem Linnen, bettete die Kleine darauf, und wie wir wieder fortfuhren gab sie uns die reinliche weiße wollene Decke ihres Bettes die kleine Kranke einzuhuͤllen. In dem Empfang der Frau war keine Verlegenheit, die Zubereitung des Thees machte ihr keine Umstaͤnde, aber er macht auch freilich eines ihrer taͤglichen Beduͤrfnisse aus, auch des Bauers. Diese Men- schen naͤhren sich nach ganz anderm Masstab wie ein deutscher Bauer. Der hollaͤndische Bauer faͤngt den Tag mit einem Kaffeefruͤhstuͤck an, zu dem Butter und Brodt gegessen wird — denn trocke- nes Brodt ist fuͤr hiesiges Gesinde und die Land- leute ein wahres Unding. — Das geschieht so lange das Vieh auf die Weide geht fruͤh um 4 Uhr. Um 10 Uhr trinkt man Thee und ißt wieder But- ter und Brodt, um 12 Uhr erfolgt das Mittags- mahl, Speck, geraͤuchertes Fleisch, Gemuͤse — keine Suppe, die wird fuͤr den Sonntag aufgeho- ben, um 6 Uhr trinkt man wieder Thee mit But- terbrodt, und Abends nach 8 Uhr beschließen Kar- toffeln, Kaͤse und Milchmus den Tag. Aber da- gegen geht auch ein rechtlicher Bauer sehr wenig ins Wirthshaus, er trinkt auch weder Bier noch Wein als gewoͤhnliches Getraͤnk, der Wachholder- branntewein bleibt ihm ein Leckerbissen, den er maͤs- sig genießt. Daß der Landmann bei so einer Le- bensweise wohlgenaͤhrt aussieht, daß die Weiber sich dabei gut erhalten, das begreift ihr leicht. Das Weib thut wenig Arbeit außer dem Hause, ihr ist das Kaͤsemachen und Buttern uͤberlassen, das ge- schieht zweimal den Tag, so wie der Mann, wel- cher die Kuͤhe auf der Weide melkt, die Milch ins Haus bringt. Auch sehen die Weiber bis in ein spaͤtes Alter bluͤhend aus, wenn sie gleich fruͤh ihre schlanke Gestalt verlieren, und schwerfaͤllig und dick werden. Diese Menschen scheinen bei allem, was sie umgiebt, Bequemlichkeit, Rein- lichkeit, Symmetrie und frohe Farben zu bezwek- ken. Sollte man denn da nicht auf eine allgemei- ne Anlage zum Schoͤnheitssinn schließen? War- um bestaͤtigt die Vermuthung sich nicht? wenn ich mich umsehe so erstaune ich, daß alle Gegenstaͤnde das Gegentheil des Unangenehmen, und doch nie- mals Schoͤnheit aussprechen. Die Menschen, die Dinge und der Boden haben nichts, was die Fan- tasie erhebt. Die litthauische Jammerhoͤle ruft jedes Gefuͤhl von Mitleid und Haß hervor, ein Berner Bauerhaus entzuͤckt mich zur Idylle — eine hollaͤndische Wirthschaft macht mich leer und schlaͤfrig. — Ja, zur Idylle entzuͤckt eine Berner Huͤtte! was fehlt denn sie zu idealisiren? Denkt euch das neue Bauerhaus in Deiswyl, wo wir mit unsern Knaben diesen Sommer Milch as- sen — die Schneeberge rechts, der veilchenbraune Jura links, die reiche, weiche, lachende Aussicht von Hofwyl, Seedorf, dem Wasserspiegel, der Buchenwald — du gehst durch schlaͤngelnde Pfade uͤber einige gehegte Wiesen, wo uͤberall die freund- liche Hand des Gesetzes spricht; unter einem Dache von Obstbluͤthen hoͤrst du beim Eintritt in den Hof den lebendigen Brunnen reich, kristallhell in das große Becken fallen, die großen fetten Kuͤhe laben sich an dem klaren Strom, sie sehen sich langsam nach dem Fremdling um, und gehen zufrieden un- ter dem sanften Schall ihrer Glocken auf den Stall zu. Du steigst die Stufen hinan — — wenn nun * * dort wohnte? wenn er mir von der Feld- arbeit zuruͤckkehrend die Hand boͤt, wenn ich in jenem holzbekleideten, von großen Fenstern erhell- ten Zimmerchen meine Bibliothek faͤnde? wenn meiner Kinder freundliche Gesichter mich beim Abendbrodt empfingen, ein Blumenstraus zum Geschenk an meinen Platz gelegt, einen Theil von Goͤthe neben der Milchschuͤssel aufgeschlagen, zur Feier des Tagesschlusses einlud — was waͤr denn da idealisirt? Koͤnnten wir nicht so leben in so ei- ner Huͤtte? — ist denn der Blumenstrauß und Goͤthe ausgenommen, das Leben eines wohlha- benden Schweizerbauern so verschieden von diesem Bilde? — Idealisirt mir nun aber einmal so ein allerliebstes hollaͤndisches Haus. Diese praͤchtigen Buchen, die zwoͤlf bis dreizehn Fuß im Umfang haben, sind in gerade Reihen gepflanzt; diese vol- lendet gearbeiteten Mauern von Backstein, dieser Hausaͤhren, wo der Hans und die Grethe neben einander am Theetopf sitzen; die Gardinchen mit Franzen, die langen Jacken der Weiber, die Schni- pfelhauben, die kein Haar sehen lassen; die gera- den Kanaͤle, die der Einbildungskraft gar nichts zu thun geben, sondern der Wirklichkeit auf tau- send Schritt weit entgegen sehen lassen — das alles toͤdtet die Fantasie. — Und dann das An- denken vergangner Thaten, das den Schweizer Bauern an seine Natur knuͤpft, die Erhabenheit des Schoͤpfers, die auf seinen Schneegipfeln thront — das ist seelenerhebender, wie eben so große Thaten auf diesem flachen Lande, wie die knechti- sche Natur, die diese gepflanzten Baͤume schaft, diese geleiteten Wasser fortrollt. Ich lebte ja in dem Alpenlande ohne den lebhaften Enthusiasmus, der, weil er zu viel behauptet, wenig beweist. Fuͤr mich war Tell nie ein Brutus und Morgar- ten kein Termopylaͤ, aber jene schneebedeckten Gi- pfel, jene Felsenzacken waren mir dennoch heilige Zeugen, nicht sowohl jener schwer zu beweisenden, vielleicht sehr zweideutigen Thaten, als des goͤtt- lichen Funkens in der Menschenbrust, der bei allem Erhabenen entgluͤht. Eilfter Abschnitt . I ch wohnte hier auch der Feier eines vaterlaͤndi- schen Andenkens bei, wie wir sie bei uns nicht ge- wohnt sind. Den 15ten August wurde in Oude- water der Jahrstag der Einnahme dieser Stadt begangen, die im Jahre 1675 von den Spaniern erobert und ihre protestantischen Einwohner grau- sam geopfert wurden. Die ganze Begebenheit ward in einer Predigt historisch vorgetragen, dann mit Anwendungen, Bemerkungen und Gebeten versehen, und endlich der neun und siebenzigste Psalm gesungen. Der Vortrag des Mannes schien mir nicht ohne Interesse, seine Stimme war ange- nehm, und seine Deklamation einfach, eindrin- gend, ohne theatralisch zu seyn. Wie viel thun doch die Menschen ohne die Bedeutung ihrer Tha- ten zu bedenken! — leset nur diesen selbstsuͤchti- gen, blutduͤrstigen Psalm nach! dieses Abrechnen mit dem Herrgott, und dieses Hadern, wo er seine Schuldigkeit nicht gethan, und sein Volk nicht be- schuͤtzt hat — wie koͤnnen die Menschen an dem Tage, wo sie das Andenken einer feindlichen Er- oberung feiern, diesen Psalm singen, ohne An- wendungen zu machen, die zu einem schrecklichen Resultat fuͤhren koͤnnten? — und wie manchmal hoͤrte ich in Deutschland von oͤsterreichischen Sol- daten, von Bundestruppen Schillers Reuterslied mit allen seinen Strophen singen, und — Gott sey Dank! — es wirkte auch nicht. Mir ward in der Oudewatner Kirche ganz wunderlich, wie der Mensch die Belagerung beschrieb, die Orte nannte, wo ihre Voreltern auf den Mauern gefal- len waren, die Verzweiflung der Muͤtter beschrieb, die auf dem nahen Platze ihre Kinder vertheidigt hatten, die Verdammniß der Abtruͤnnigen, die in der Kirche, wo jetzt die reine Lehre erschalle, zur Abgoͤtterei gezwungen worden — und dann den schauderlichen Psalm intonirte! — Aber die Menge um mich her nahm wenig Antheil daran, prome- nirte, schwatzte und schlief — wirklich auf eine recht unanstaͤndige Weise. Ihr koͤnnt diese Gleich- guͤltigkeit durch die Gewohnheit entschuldigen, seit ein Paar hundert Jahren denselben Gegenstand behandeln zu hoͤren; aber das erklaͤrt es nicht. Es sind nicht dieselben Menschen, jedes Jahr fuͤhrt der Vater seinen Sohn dahin, jedes Jahr hoͤrt es der Juͤngling in einem andern Verhaͤltniß gegen den Staat und die Mitbuͤrger. — Nein, es ist nicht Gewohnheit, es ist Unempfaͤnglichkeit. Der Funke schlaͤft, den dieses Andenken entzuͤnden koͤnnte — wessen Weisheit wagt aber den Moment zu be- stimmen, wo diese Predigt ihn erwecken kann? und welche Wichtigkeit hat alsdann diese Predigt! Wir kannten in unsern Tagen einen Gesang, der Tausende mit dem schoͤnsten Enthusiasmus ent- zuͤndete, und sollte ich die Flucht der erhabenen Taͤuschung, die eine kurze Zeit die Seelen hinriß, mit wenigen Worten schildern, so wuͤrde ich sa- gen: die Marseiller Hymne ward vergessen. Die- ser Gesang! — ja seinen Toͤnen war es mancher Mann aus dem letzten Jahrzehend des verflosse- nen Jahrhunderts schuldig, daß er mit den hoͤch- sten Gefuͤhlen, deren der Mensch faͤhig ist, das Leben verließ. Nachdem nun die Mordpredigt , wie dieser Gottesdienst hier genannt wird, beendigt war, ging ich auf das Stadthaus, um ein historisches Gemaͤhlde zu sehen, welches die Einnahme der Stadt von den Spaniern darstellte. Ich fand eine S Art in oͤhlgemahlten Festungsplan — ein großes Wandgemaͤhlde von mehr wie zehn Fuß Breite, in dem die Personen mit hinein gemahlt waren. Also nichts fuͤr die Kunst. Allein vor diesem Ge- maͤhlde fand ich ein viel aufmerksameres Publi- kum wie in der Kirche. Ein zahlreicher Volkshau- fen draͤngte sich in der geraͤumigen Halle, und horchte auf die Erklaͤrung, die ein rechtlicher Buͤr- gersmann von der Darstellung machte. Dieser stand mit einem Stabe in der Hand auf einem Tische, deutete auf die verschiedenen Gegenstaͤnde des Gemaͤhldes, wobei er den historischen Theil der Predigt gleichsam zum Text unterlegte. Aller Augen suchten den spanischen General, der, den breiten Theil seiner selbst und seines Pferdes den Zuschauern zugekehrt, im Vordergrunde der Tafel stand, dann zeigte sich einer dem andern die an- draͤngenden Haufen gegen das Stadtthor zu, und oben auf der Mauer den patriotischen Befehlsha- ber, dessen Namen ich leider vergaß, wie er mit lebhafter Gebehrde seine Streiter ermahnt. — O ihr Menschen, die ihr eine Geschichte habt, die ihr Menschen hattet, welche der Geschichte gehoͤren, solche Erzaͤhlungen gebt euerm Volke, und dabei verachtet die aͤußern Zeichen nicht, zeigt den Saͤ- bel des Kriegers, der zuerst die Mauer erstieg, zeigt den Helm des Anfuͤhrers, den der feindliche Hieb spaltete, nennt den Namen vor dem Volke, und ist sein Enkel und der letzte seines Namens in der Versammlung, so moͤgen aller Augen ihn su- chen, und er mag um sich blicken und ahnden: das thaͤt ich auch. Auch die Weiber unsers Jahrzehends sind noch die Muͤtter von Helden. Kaͤmpften, bluteten denn nicht die Einzelnen alle, geweiht der Pflicht und dem Tode, wie die Maͤn- ner der Vergangenheit es thaten? Lehret ihnen den großen Namen wieder, der ihr Blut fordert — sie werden ihn verstehen — so wie ihre Vaͤter ihn verstanden. Oudewater wird hier fuͤr ein aͤrmliches Staͤdt- chen gehalten, wirklich hat es auch nicht das wohlhabende Ansehen von einigen andern gleicher Groͤße, aber dennoch eine große Kirche, einen Markt mit hohen unverstuͤmmelten Buchen be- pflanzt, und ein paar Straßen von niedlichen freundlichen Haͤusern gebildet. Ich besuchte hier zufaͤllig einen Advokaten, mit dem mein Freund * * in Geschaͤftsverhaͤltnissen steht, ein Mensch, der auch ein kleines Stadtamt bekleidete, und sein Haus, so wie das eines Arztes in dem benachbar- S 2 ten Dorfe, und einiger Kraͤmer, die ich aufsuchte, gab mir einen Begriff von dem haͤuslichen Wesen der untern Klasse des Mittelstandes. Myn Herr Damm bewohnte ein eignes Haus, das von der Hausthuͤr an mit artigen Strohmatten belegt war. Im Erdgeschoß befand sich ein Ansprachzimmer mit gemahlten Tapeten, auf Leinwand mit Oehl- farbe. Solche Tapeten hat man von verschiednem Werth, sie muͤssen an Ort und Stelle gemahlt seyn, ja ich fand in einigen guten Haͤusern sehr schoͤne Gemaͤhlde dieser Art, besonders Landschaf- ten. Hier waren es lauter Seestuͤrme, dieses Wogen umbraußte Asyl war ganz mit Mahagony- geraͤth versehen, hatte einen schoͤnen flanderschen Fußteppich, artiges Theezeug auf einem zierli- chen Theetisch ausgestellt, und die elegantesten Franzen an den Vorhaͤngen, die der Witz unsrer modigen Hausfrauen nur ersinnen koͤnnte. Weni- ger schoͤn, aber vollkommen zierlich fand ich in dem langen schmalen Hause von einem Stockwerk, eine Reihe, dem Gebrauch der Familie angehoͤriger Zimmer. Das Schlafzimmer der Eheleute war mit goldenem Leder beschlagen, wie man in Deutschland noch in einigen alten Schloͤssern fin- det. Die Betten sind auch hier uͤberall in der Wand verborgen. In der Kuͤche sah ich zu mei- ner Verwunderung kein Fuͤnkchen Feuer, obschon die Mittagszeit heranruͤckte. Sie war ganz mit blauen Fliesen belegt, der Boden mit glasirten Backsteinen im blau und weißen Schachbrett, al- les Holzgeraͤth himmelblau angestrichen und um den Heerd, so wie vor den Fenstern, weiße ge- stickte muselinene Umhaͤnge. Das Messing- und Porzellaingeraͤth war alles in Glasschraͤnken ver- wahrt. Man fuͤhrte uns durch ein kleines Garten- zimmer, in dem ich wieder unter dem Spiegel die Foliobibel stehen fand, in den Gemuͤsegarten. Die Beete mit Backsteinen eingefaßt, die Wege mit Backsteinen verschiedener Farbe in einer Art Mosaik gepflastert — nichts regelmaͤßigeres, rein- gehaltneres auf der Welt! — nach meiner tadel- haften Gewohnheit suchte ich meinen Weg allein weiter fort, wo ich denn bald auf ein paar alte hoͤlzerne Schirme stieß, aus denen man, mit Huͤlfe einiger oben daruͤber gelegten Bretter eine Art klei- nen Schuppens gebildet hatte. Unter diesem brannte ein Torffeuerchen, und hing ein eiserner Topf mit einem Stuͤck Rindfleisch, daneben standen in ird- nen Gefaͤßen rein gewaschne Kartoffeln, und die Schwaͤnzchen von ein paar frische Heeringen guck- ten zwischen einem daruͤber gelegten hoͤlzernen Deckel heraus. Der Fund war mir Geldeswerth! nun konnte ich mir doch die himmelblaue Marzi- pankuͤche erklaͤren. Meine Freundin bedeutete mich, daß ich in wenig buͤrgerlichen Haͤusern ein reichlicheres Mahl finden wuͤrde, und noch dazu nicht alle Tage ein frisch gekochtes Stuͤck Fleisch — das braͤchte nur der Sonntag wegen der als- dann gestatteten Suppe, und diese kompendioͤse Kuͤche werde von der Reinlichkeitsliebe dieser Leute durchaus gefordert. Weil ihr noch immer in Oudewater seid, so kommt mit mir zu einer Fischerparthie, zu der ich auf diesem Wege fuhr, und die als aͤcht hollaͤndisch viel Interesse fuͤr mich hatte. Mein Gastfreund war mit mehreren Maͤnnern schon den vergangnen Abend nach Jagersfeld gefahren, um von dort aus jenseits des Lecks zu fischen. Das heißt: mit der Angel. Diese Art zu fischen steht jedermann in allen Waͤssern frei, verabreden sich Gesellschaf- ten dazu, so begruͤßen sie die Eigenthuͤmer großer Besitzungen, die an den von ihnen besuchten Ka- naͤlen liegen, wohl bei ihrer Ankunft, aber sie ha- ben von ihnen keine Erlaubniß zu erbitten. Wir richteten uns ein, um vier Uhr zum Mittagsessen in Jagersdorf zu seyn. Jenseits Oudewater gegen die Yßel zu liegt das Land viel tiefer als gegen Woerden. Die Polder sind sehr klein und die Zahl der Abzugsgraͤben oder Schlote um so groͤßer. Alle Graͤben sind mit Baͤumen bepflanzt, und in dieser Jahrszeit sind alle Kanaͤle mit Wasserlinsen dergestalt bewachsen, daß ich dieser Tage aus meinem Fenster eine Katze sah, die ein Jagdhund verfolgte, und die mitten in einen Kanal sprang, den sie, der ihn bedeckenden Wasserlinsen wegen, fuͤr eine gruͤne Matte gehalten hatte. Seitdem nahm ich mich selbst vor dergleichen Versehen in Acht. Weit entfernt, daß dieses Gewaͤchs dem Wasser einen widrigen Geruch gaͤb, bin ich geneigt zu glauben, daß es seine Verderbniß verhindere, in- dem es die Wirkung der Sonne auf seine Ober- flaͤche unterbricht. Ein frischer Wind fegt diese gruͤne Decke vor sich her, und entbloͤßt auf den Ponds oder Teichen, so wie auf den Kanaͤlen, ein klares Wasser. Oft haͤuft sich dann dieses Ge- waͤchs an einigen Orten so stark, daß es sich vor den Schuits die daruͤber fahren hoch anhaͤuft, in- dem sie eine Fahrstraße durchhin ziehen. Sollte denn nicht die große Anzahl von Baͤumen durch ihr Nahrungsbeduͤrfniß auch einen großen Theil der aufsteigenden Duͤnste verzehren? ich begreife sonst nicht, wie die Menschen hier unter Umstanden leben koͤnnen, die nach den Ansichten unsrer Aerzte ganz zerstoͤrend seyn muͤsten. Das Gruͤn auf die- sen Polders ist ganz zauberisch! von einer Entfer- nung zur andern ragen Windmuͤhlen hervor, oft in einer so abentheuerlichen Hoͤhe, daß sie wie Wachthuͤrme aussehen. In der Naͤhe hoher Daͤmme muͤssen die Windmuͤhlen eine Hoͤhe ha- ben, die ihnen trotz jener Einwirkung, den Wind zukommen laͤßt. Die Yßel fließt an einigen Or- ten zwischen hohen Daͤmmen, hinter denen die Haͤuser verborgen liegen. Sie hat ein garstiges braͤunliches Wasser, wie ich in den andern Kanaͤ- len nicht sah, wie der viel breitere Leck bei Jagers- dorf auch nicht hat. Der Geruch des vielen Flachses, der hier im gedaͤmmten Wasser lag, machte einen Theil des Weges recht unangenehm, auch vieles zum trocknen aufgestelltes Schilf ver- pestete die Luft mit Sumpfgeruch. Das Schilf ist hier ein so noͤthiges Material, daß es im Lan- de selbst nicht hinlaͤnglich erzeugt, sondern von Ostfriesland und Nordholland noch eingefuͤhrt wird. Außer der Bedeckung der Daͤcher, dient es auch zu Einzaͤunungen, und zu Schutzdaͤchern bei einer Menge Arbeiten. Zum trocknen des Torfes sind in den Torfgruͤnden lange Schuppen aufgefuͤhrt, die allein aus Pfaͤhlen bestehen, uͤber die Decken von Schilf nach Beduͤrfniß zugedeckt oder aufgedeckt werden. Warum benutzen wir das Schilf nicht an der Donau eben so? In Jagersdorf, das dicht an dem Leck, hin- ter dem hohen Damme liegt, innerhalb welchem er fließt, ist ein sehr huͤbsches großes Dorf. Der Wirth unsers Gasthofs war zugleich Aufseher uͤber die Teiche des Distrikts. Die Ordnung und Strenge, der Gemeingeist und die Thaͤtigkeit, mit der dieses Geschaͤft betrieben wird, floͤßte mir das hoͤchste Interesse ein. Die Regierung hat gar nichts damit zu thun, es ist ganz die Sache der Landeigenthuͤmer — der Vortheil ist allgemein, so sind auch die Kosten. Der Aufseher hat einen bis in das genaueste Detail verzeichneten Plan seines Distriktes, den er außerdem aufs fleißigste begeht, und den Zustand der Teiche unaufhoͤrlich beobachtet. Sobald irgendwo ein Schaden wahr- genommen wird, muß es dem Aufseher gemeldet werden, in dessen Hause ein großer Vorrath aller noͤthigen Handwerkszeuge zu dem Teichbau auf- bewahrt ist, sogar eine große Anzahl Laternen, um des Nachts ohne Verzug zu Huͤlfe eilen zu koͤnnen. Ich fand eine große Scheune mit Schub- karren, Pfaͤhlen, Weidengerten, Hacken, Schau- feln, und andern mir nicht bekannten Instrumen- ten angefuͤllt, und in strenger Ordnung so aufge- speichert, daß keines verhinderte das andere zuerst herbei zu holen. Zu gewissen bestimmten Zeiten versammeln sich alle Grundeigenthuͤmer des Di- strikts bei dem Teichmeister, berathschlagen die noͤthigen Arbeiten, und berechnen die Kosten, die alsdann nach der strengsten Ausmessung an jedem Einzelnen vertheilt werden. Mir daͤucht es ist nicht zu berechnen, wie zutraͤglich die Beschaffen- heit des Bodens und die daraus hervorgehenden Beduͤrfnisse dem Gemeingeist seyn muͤssen. Jeder Eigenthuͤmer ist hier dem andern gleich, denn die Nothwendigkeit, das kleinste Eigenthum zu sichern, ist eben so dringend, als von dem groͤß- ten die Gefahr abzuwenden. Das Bewußtseyn also, ohne hoͤhere Einmischung, ein sehr wesent- liches Theil zum Wohl des Ganzen beizutragen, muß daneben jedem der einzelnen Maͤnner eine ge- wisse Wuͤrde in seinen eignen Augen geben, und ihm den Fleck Erde so lieb machen, durch den er sie erhaͤlt. Sollten aber politische Veraͤnderun- gen einst so heftig auf den allgemeinen Wohlstand wirken, daß die Bewohner — nur eines Distrikts, aus Armuth, aus Ueberdruß, oder weil ein hoͤhe- res, wenn auch nur momentanes Interesse sie fort- riß, ihr Deichgeschaͤft nicht zu betreiben, so wuͤrde sich bald eine Verwuͤstung uͤber dieses Land ver- breiten, deren Fortschritt nicht zu berechnen waͤre. Ich glaube nicht, daß der Wille und die Macht der Regierung den Gemeingeist, der jetzt dieses kuͤnstlich erschaffne Land kuͤnstlich erhaͤlt, ersetzen koͤnnte. Ihre besoldeten Werkzeuge haͤtten nicht den Eifer den allgemeiner Vortheil dem Privatbe- sitzer einfloͤßt, und das lange Recht sich selbst zu berathen, wuͤrde statt Eifer fuͤr das allgemeine Beste, Uebelwollen gegen den aufgedrungenen Be- rather einfloͤßen; Leidenschaft traͤte an die Stelle der ruhigen Sorgfalt, welche die feindlichen Ele- mente bis jetzt in Zaum hielt, und wir koͤnntens vielleicht noch erleben, daß sich da ein faules Meer verbreitete, wo jetzt frohe Menschen leben, und lachende Triften sich ausbreiten. Wir kamen so fruͤh in Jagersdorf an, daß uns Zeit blieb, die Gegend zu besehen. Wir ließen uns den Leck hinunter fahren bis Almeiden, einem netten Dorfe von lauter Weiden umgeben. In der dasigen Kirche besahen wir mehrere sehr gleich- guͤltige Grabmahle angesehener Familien, bei de- nen der Kuͤnstler immer bedacht gewesen war, die Sinnbilder des Todes mit so nachdrucksvollen Kennzeichen der irdischen Wuͤrde seiner verstorbe- nen Goͤnner zu verbraͤmen, daß der Auferstehungs- engel gewiß den Grabstein nicht ohne einen Buͤck- ling beruͤhren wird. Solche Grabmahle und In- schriften belustigen mich immer ungemein. Wir besuchten auch ein nahgelegenes ziemlich schlecht unterhaltenes Landgut, um das es schade war — es war eine huͤbsche Anlage, schoͤne Weihmuths- kiefern, so stark und gruͤnend wie ich sie iemals sah, Pappeln und Ahorn, große Platanen und jugendliche Fichten, in uͤppigem Gemisch — das Haus stand sehr vortheilhaft, man blickte aus al- len Fenstern uͤber die gruͤne Welt, den breiten, schoͤnen Leck, und nahe umher in Blumenplaͤtze, kleiner Teiche und geschlungene Wege. Vor den beiden Eingaͤngen des Hauses sprach sich der Ge- schmack des Besitzes in vier gigantischen Goͤtterge- stalten, bunt auf Bretter gemahlt und ausgeschnit- ten, aus, die in ihrer platten Oberflaͤche vier derbe Jahrszeiten vorstellten. Ich hielt sie von weitem fuͤr Schilderhaͤuschen, bis ich, sie von der Seite fassend, meinen Irthum wahrnahm. Wir duͤrfen daruͤber nicht spotten, ich erinnere mich der Zeit sehr wohl, wo ich in einem fuͤrstlichen Garten in Norddeutschland eben so gezimmerte und ange- mahlte Loͤwen und Tieger springen sah. Ich weiß gar nicht, ob die Kunst bei unserm gereinigten Ge- schmack gewonnen hat? das Leben gewiß nicht — das war lebendiger, wie jeder Gartenliebhaber sein Fleckchen Erbeigenthum noch mit irgend einer schoͤ- nen Gestaltung zierte, so zwoͤlf thoͤnerne Himmels- zeichen, wo ein dickbaͤckiger Bube unter andern den Skorpion an den Bauch gedruͤckt hielt, oder Delphine und Vogel Greifs. Und lebendiges Le- ben geraͤth leicht wieder auf Kunst — es ist die Frage, ob unsre satte Weisheit oder aufgeschraub- ter Enthusiasmus uns je dahin bringt. Nach vier Uhr stellten sich unsre Fischer mit vollen Fischertaschen ein, und bald war ein recht nationelles Mahl bereitet. In dem Wirthszim- mer, dessen einfache Reinlichkeit recht einladend war, und wo auf jedem Tisch eine Anzahl neue Koͤllner Pfeifen, und ein paar zierliche fayancene Spucknaͤpfchen standen, ward die Tafel mit blen- dend weißer Waͤsche belegt, und ohne vorangehen- de Suppe eine Schuͤssel voll blau gesottener Bar- schen nach der andern aufgetragen — denn die Leckerhaftigkeit besteht darin, sie immer warm zu genießen. Bei jeder frischen Schuͤssel erhaͤlt man reine Teller — ein sehr wohlausgesonnenes Mit- tel die Eßlust zu erhalten, welche der Anblick der Ueberreste sehr stoͤrt — neben den Fischen machte frische Butter und frisch gesottene Kartoffeln die ganze Mahlzeit aus. Zu den Fischen trinkt man immer weiße suͤße franzoͤsische Weine. Zum Nach- tisch erschien eine große Verschiedenheit von Leb- kuchen, deren sich mehrere Staͤdte ruͤhmen, die besten zu verfertigen, und guter Kaͤse. Nach mei- nem Beduͤnken kann der Genuß nicht weiser ein- gerichtet seyn, als er es bei diesem Mahle ist. Das beste in seiner Gattung ganz ungemischt zu genießen — das scheint mir die wahre Eßweis- heit. Daß die anwesenden Fischer jeder ihre Beute auf der Schuͤssel wieder erkannten, und die Ge- schichte ihres Fanges erzaͤhlten — das versteht sich. Macht man an den Orten, wo die Vogel- jagd reichliche Ausbeute giebt, an Schnepfen, Wachteln, Lerchen, nicht eben solche Parthien in Deutschland? Ich sah dort bei allen Landfahrten immer so viele Schuͤsseln zusammentragen, daß die Haussorgen der Damen, und ihr eifersuͤch- tiger Wetteifer, das leckerste mitzubringen, alle Lustigkeit erschwerte. Ich werde von der Fisch- parthie in Jagersdorf ein sehr angenehmes Anden- ken behalten. Zwoͤlfter Abschnitt . September. Reise nach Leyden u. s. w. B is Woerden geht der Weg nach Alphen immer neben Kanaͤlen her, meistens neben dem, welcher die Kommunikation zwischen Leyden und Amster- dam erhaͤlt. Oft sind sie von beiden Seiten mit Baͤumen bepflanzt, immer bietet die Aussicht weite Flaͤchen, und hie und da, bald einzeln, bald zahl- reicher die laͤcherlichen Windmuͤhlen, die mit ihren toͤlpischen Bewegungen durchaus behext scheinen. Sind diese Muͤhlen an befahrnen aber nicht Haupt- kanaͤlen gelegen — denn uͤber diese gehen Zug- bruͤcken — so haben sie eine Art Bruͤckchen, die, wahrscheinlich sehr unschuldig, in manchen unsern deutschen englischen Gaͤrten nachgeahmt sind. Es fuͤhren mehrere Stufen hinauf und herunter, da- bei sind sie so schmal, daß sie nur mit Ausschluß korpulenter Passagiere beschritten werden koͤnnen, und so leicht, daß ein Kind sie schuͤtteln kann. Im Hollaͤndischen heißen sie — ich weiß nicht, ob al- lusorisch, „het Gewakel.“ Man koͤnnte die poe- tische Beschreibung mancher Reisenden von dem gepflanzten Paradies mancher gefuͤhlvollen, kunst- liebenden deutschen Herrschaft, drollig verunstal- ten, wenn man die leichte Bruͤcke, die sich kuͤhn uͤber die Silberfluth erhebt, schlichtweg „das Ge- wakle uͤberm Graben“ nennte. Diese Gegend ist so bebaut und so bewohnt, daß man selten bemer- ken kann, welches das letzte Haus des einen, oder das erste des andern Dorfes ist. Zwischen innen werden die zerstreuten Ortschaften wieder von ir- gend einem Landgute mit schoͤngepflanzten Alleen und Gebuͤschen verbunden. Geht man mit der Nachtschuit, so blinken fortwaͤhrend hie und da, nah und fern, die Lichter aus den gruͤn umpflanz- ten Fenstern in die stille Fluth. Oft findet man Gebaͤude, welche jetzt nur Bauerhoͤfe sind, aber ehemals Herrschaftliche waren, die noch in den Titeln der Herrschaften prangen. So ist nicht weit von Montfort eine ehemalige Herrschaft, He- lenstein, woselbst noch ein Ueberrest einer alten Mauer, des in ehemaligen Kriegen zerstoͤrten Schlosses zu sehen ist, und eines der letzten Haͤu- ser, wenn man von * * * nach Woerden faͤhrt, heißt Polanen. Beide sind jetzt Pachthoͤfe, allein T der Baron * * fuͤhrt noch den Titel eines Herrn von Polanen und Helenstein, besitzt auch noch ei- nige herrschaftliche Vorrechte. Woerden ist befestigt, das heißt, es hat ein friedliches gruͤnberastes Waͤllchen, und klare Was- sergraͤben. Ein Theil davon ist mit schoͤnen Baͤu- men besetzt. Die Schuit von Haag nach Utrecht geht taͤglich hier durch, und weiter nach Amster- dam. Es ist ein freundliches Staͤdtchen, dessen inneres Wesen in Ehingen, Enzwahingen, Naum- burg, Nordheim oder Friedberg sehr fabelhaft klin- gen wuͤrde. Die Straßen sind alle mit Backstei- nen gepflastert, die Haͤuser alle ohne Treppen vor der Thuͤr, geben den Bewohnern das Ansehen ohne allen Ruͤckhalt mit den Vorbeigehenden zu verkeh- ren. Die meisten haben nur das Erdgeschoß, mehr wie einen Stock in keinem Fall. Appetitli- che Baͤckerlaͤdchen, buntfarbige Zitz- und Wolle- Butiken, glaͤnzende Silberschmidtsschraͤnkchen, la- den den Kaͤufer ein. Vor dem Hause ist das Pflaster immer musivisch gearbeitet und mit einem schwar- zen, dem Eisen nachahmenden Gelaͤnder versehen, hinter dem, auf zierlichen Baͤnken, die Leute Abends ihren Thee trinken. Alle Fenster blitzen von Rein- lichkeit, und lassen schoͤn befranzte Vorhaͤnge durch- schimmern — denn nie darf ein Sonnenstrahl in ein Zimmer fallen, die Luft selbst laͤßt man nur durch wenig aufgeschobene Fenster ein — denn hier werden die Fenster alle hinaufwaͤrts gescho- ben, nicht in Fluͤgeln geoͤffnet. Das Pflaster, das Gelaͤnder, alles Holzwerk vor den Haͤusern, wird alle Woche mit Lauge abgewaschen, und die Stei- ne mit schwarzer und rother Erde gerieben. Selbst bei starkem Regenwetter fand ich hier nur Naͤsse, keinen Koth. Wenn man bedenkt, daß das Ge- werb nur an den Ufern des Kanals getrieben wird, hier also nur leichte Wagen durchrollen, daß aller Unrath der Haͤuser auf der Wasserseite fortgeschaft wird, so ist die ausgesuchte Reinlichkeit so eines Staͤdtchens wohl begreiflich. Von Woerden nach Bodegraven zu sind an- sehnliche Ziegelbrennereien. Eine Ziegelbrennerei ist bei uns meistens, selbst an den Thoren von Re- sidenzstaͤdten, wie Stuttgardt, ein widrig raͤuche- riges Bauwerk, oft nur ein Zusammenhang aͤrm- licher Schoppen und Scherbenhaufen. Hier ist alles nett und zweckmaͤßig. Eine halbe Stunde lang faͤhrt man zwischen lauter zu diesen Fabriken gehoͤrigen Wohnungen und Gebaͤuden. Die ge- brannten Steine, die hier von verschiedener Farbe, T 2 zu verschiedenem Gebrauch verfertigt werden, sind zierlich in langen Mauern aufgeschichtet, um die Ofen her liegt der Torf unter wohlerhaltenen Schuppen, die reinlichen Trockenhaͤuser ruhen auf Pfaͤhlen, werden aber gegen die Wetterseite von Schilfwaͤnden geschuͤtzt, die willkuͤhrlich von ei- nem Platz zum andern gesetzt werden, so, daß die zu trocknenden Backsteine immer vor dem Regen geschuͤtzt werden koͤnnen. Das Material, so wie die verfertigte Waare, wird auf den Kanaͤlen transportirt, die Landwege mit festgestampften Sand beschuͤttet, sind also in der Naͤhe dieser thaͤ- tigen Fabriken so wohlerhalten, als sonst wo. Bodegraven ist nur ein Dorf, aber groß und zierlich. Landleute und Hirten wohnen hier auch nicht, sondern nur Handwerker, Schiffer und Kraͤmer. Kurz hinter Bodegraven sieht man die Wierker Schanze, an dem Einfluß der Wierke in den Kanal, linker Hand. Es ist ein viereckiger Wall, durch welchen eine wohlverwahrte Zug- bruͤcke uͤber volle Wassergraͤben in einen Raum fuͤhrt, der nichts als einige Kasernen hat, um eine kleine Garnison nebst dem ihr noͤthigen Ge- schuͤtz und Kriegsvorrath zu beherbergen. Solche kleine Festungen haben in diesem friedlichen gruͤ- nenden Lande etwas recht schauderliches fuͤr mich, etwas recht kontrastirendes. Die Natur hat es gar nicht zum Kampfplatz bestimmt. Sie erinnern mich immer an die Schanzen, welche die Spanier anfangs in Hispaniola anlegten. Eine feste Stadt vereint — freilich auf eine Ungluͤck bringende Art — den Kriegszwang mit den Banden des Buͤrger- lebens, allein eine solche Schanze, wo nur eine oͤde Kaserne zwischen den hohen Waͤllen steht, nur der stumme Todesmund der Kanonen aus den Schießscharten vorblickt, nur die schwarzen Kugel- pyramiden das leere, spaͤrlich begraste Pflaster des Hofes verzieren — das ist das eisernste Bild der Gewalt, es paßt sich nicht in dieses Land. Auch das unter Wasser setzen sollte nicht seyn, das hat etwas Feiges, Zerstoͤrendes, es fordert keine per- soͤnliche Kraftanstrengung, und diejenigen, wel- che es verfuͤgen, sind nie die, welche davon leiden. Vor Alphen wird der Kanal breiter, und ist vor und hinter diesem allerliebsten Staͤdtchen sehr schoͤn. Der Zufall hielt mich hier ein paar Tage auf; die Freundin, mit der ich hier eine Zusam- menkunft auf einige Stunden verabredet hatte, ward gleich nach ihrer Ankunft unbaß, und konn- te erst am dritten Tage ihre Ruͤckkehr nach * * antreten. Da meine Gastfreunde auf keine so lange Abwesenheit von mir gerechnet hatten, schick- te ich meine Begleiterin mit ihrem Wagen nach * * zuruͤck, und wir beiden Weiber, die kranke * * und ich blieben ganz allein. Wir geben wohl zu wenig auf die Vortheile Achtung, die uns in zahl- losen Faͤllen aus der jetzigen Kultur erwachsen, und deklamiren nur stets uͤber das Verderbniß das sie erzeugt. Wir beiden Weiber befanden uns jetzt ganz allein, von allen Menschen, die durch per- soͤnliche Verhaͤltnisse zu unserm Schutze aufgern- fen waren, auf mehrere Meilen entfernt, ohne Kenntniß der Landessprache vollkommen sicher und behaglich an diesem Ort, den wir beide zum ersten Mal sahen. Man koͤnnte wohl noch hinzu setzen, daß ein Dutzend Meilen von uns der Feind stand, und demnach im ganzen Lande kriegerische Bewe- gungen gemacht wurden. Welche Gewohnheit von Gesetzmaͤßigkeit und Sittlichkeit gehoͤrt nicht dazu, um einen so ruhigen Zustand der Gesell- schaft hervor zu bringen! — muß nicht, wo er besteht, einem Haufen Boͤsen Gelegenheit und Beispiel genommen seyn? Denke man sich so ver- einzelt zwei Frauen im funfzehnten Jahrhundert, — welche Reihe von Gewaltthaͤtigkeiten verflicht da nicht unsre Phantasie, von der Geschichte be- reichert, in ihre Lage. Nicht allein die Wohltha- ten der Ruhe und Sicherheit beschaͤftigten meine Betrachtungen, sondern auch alle die sanften Tu- genden und forschenden Wissenschaften die aus ih- nen entstehen. Ich stand in einer stuͤrmischen Mondnacht an dem Fenster, und vertiefte mich in diese Betrachtungen, indeß mein Blick auf der Aussicht, die vor mir lag, ruhete. Den Tag uͤber hatte mich das lebendige Treiben auf dem Kanal, und an dem gegenseitigen Ufer ungemein ergoͤtzt. Von halb drei bis drei Uhr hatte ich mei- ne Aufmerksamkeit darauf gewendet, die Fahrzeu- ge zu zaͤhlen, die vor dem Fenster vorbei schifften, — ich hatte in der halben Stunde dreizehn Schif- fe gezaͤhlt. Alles waren große Barken mit drei Seegeln, meistens mit Torf, Brettern und Saͤcken beladen — die kleinen Kaͤhne rechnete ich nicht mit. Jetzt nach Mitternacht herrschte eine allgemeine Stille; auf und ab dem Kanal lagen viele Fahrzeuge am Ufer, deren kleine Wimpel an der Spitze des Mastbaums bei den einzelnen Windstoͤßen flatterten. Ihr sanftes Schwanken bewegte zuweilen das ruhige Wasser, daß es leise gegen den Steindamm anschlug. Der Mond wandelte durch schweres Gewoͤlk, durch dessen Ritzen er wie ein maͤchtiger Stern hervor blickte, bald trieb er die verdunkelnden Duͤnste siegreich aus einander, so daß sie um das dunkle Blau in dessen Mitte er prangte, einen finstern Wall auf- thuͤrmten, dessen Zinnen versilbert, von seiner Herrlichkeit zeugten. Vor mir, an der andern Seite des Kanals, stand eine sehr hohe Wind- muͤhle, deren Fluͤgelschatten die wunderbarsten Gestalten aufdie angrenzende Wiese und das nahe Gebuͤsch bildeten. Wie der Schatten eines unge- heuren Schwerdtes, das der schwerfaͤllige Arm ei- nes handfesten Riesen geschwungen haͤtte, glitt die dunkle Gestalt, uͤber die Baumgipfel, uͤber die Wiese hin, tauchte in den Kanal, und fuhr mir dann pfeilschnell uͤber das Gesicht den finstern Wolken zu. Anfangs fuhr ich zuruͤck, wie der große Schatten mir das Auge deckte, mir wars als saͤhe ich ein grausend Gesicht aus den weh- klagend gehobenen Armen der Windmuͤhle heraus gucken. Diese abentheuerliche Windmuͤhle setzte eine Brettmuͤhle in Bewegung, von der eben das gilt, was ich von der Ziegelbrennerei bei Woerden ge- sagt habe. Brettmuͤhlen gewaͤhren meistens sehr mahlerische Gesichtspunkte — wie manches Thal sah ich von ihnen verschoͤnert, besonders in den Umgebungen des thuͤringer Waldes, wo derselbe kleine Bach, der still und froͤhlich durch sein Fel- senthal huͤpft, mit seinem sanften Murmeln schon laͤngst einen reichen Teppich von Blumen und Ra- sen um sich bildete — wie sah ich es durch die ro- hen Huͤtten der Saͤgemuͤhlen verschoͤnert, die oft viere, sechse nach einander das klare Wasser ein- zwangen, daß es unwillig sprudelnd und rauschend zu seinem Bette zuruͤckkehrt, und den blanken Kieseln in schnellem Laufe erzaͤhlt, welchem Des- potismus es entgangen sey. Dort bestehen aber diese Muͤhlen aus leicht zusammen geschlagnen Schuppen, an deren schwarzen Schindeldaͤchern Moos waͤchst, oft ist die schoͤne Wiese in ihrer Naͤhe von gestauchtem Wasser verschlemmt, und ist der Fluß zum Floͤßen breit genug, so bietet die Landung ein widriges Gemisch von Balken und Schutt und Morast dar. Der Farbenreichthum der schoͤuen Jahrszeit, eine vortheilhafte Erleuch- tung, macht eine solche Gegend zu einem mahle- rischen Gegenstande, aber fuͤr den unbefangenen Blick ist sie das Bild eines aͤrmlichen Erwerbs. Die Alphnermuͤhle steht auf einer hohen gemauer- ten Warte, an deren Grund ein langes Gebaͤude auf gemauerten Pfosten ruht, und zugleich freund- lich und fest ist. Die Baumstaͤmme, die Bretter, das Saͤgemehl, alles hat seinen bestimmten Raum, keines versperrt den Weg. Gegen die Wiese zu steht des Muͤllers Wohnhaus, ein nie- deres reinliches Haͤuschen mit glaͤnzenden Fen- stern, Vorhaͤngen, und unter ein paar schoͤnen Weiden eine gruͤne Bank vor der Hausthuͤr. Der Garten des Wirthshauses erfreute mich durch seine weit getriebene Obst- und Gemuͤsekul- tur. Es befand sich eine Reihe Waͤrmekasten da- selbst, die hundert und funfzig meiner Schritte lang war, in denen man Trauben, Pfirsichen, Aprikosen, Melonen und seltnes Gemuͤse zog. Außer dem sehr vortheilhaften Verkauf von Haag bis nach Amsterdam in allen ansehnlichen Staͤdten, hatte der Eigenthuͤmer den Vortheil, seinen Gaͤ- sten den auserlesensten Nachtisch vorsetzen zu koͤn- nen. Ueberhaupt befand ich mich in diesem Gast- hof sehr gut. Die Leute kannten die Beduͤrfnisse alle, die halbwegsverzaͤrtelte Frauen haben koͤnnen, wenn also meine Sprache gleich sehr unverstaͤnd- lich war, erriethen sie schnell was ich verlangte, und machtens nicht wie die Aufwaͤrterin eines Gasthofs auf dem Wege von Ulm nach Schafhau- sen, von der ich laues Wasser und kaltes Wasser und noch ein Waschbecken forderte, und die mich sehr bestuͤrzt fragte: ob ich noch denselben Abend eine Waͤsche halten wollte? Das koͤnne nicht mehr trocknen, der Kutscher wolle um fuͤnf Uhr an- spannen. Sobald meine arme Freundin das Zimmer ver- lassen konnte, besahen wir die naͤchsten Umge- bungen der Stadt. Ich habe in der Gegend von Amsterdam nicht so schoͤne Landhaͤuser gefunden, wie hier. Die zierlichen Gebaͤude, die herrlichen Baumgruppen, die schoͤnen Wasserbecken! — ge- be doch der Himmel ihren Besitzern Faͤhigkeit zu geistigem Genuß bei so viel irrdischen Guͤtern. Einer dieser Landsitze zeichnete sich durch die zierliche Un- regelmaͤßigkeit seiner Kanaͤle aus. Er schien neuer- dings angelegt mit Schlangengaͤngen, einzelnen Rasenplaͤtzen, auf denen das Gebuͤsch in absichtli- cher Unordnung stand, dunkel belaubtes und hell- gefaͤrbtes neben einander im vortheilhaftesten Ge- misch. Ich weiß nicht, ob bei dem fast unmerk- lichen Abfluß des Wassers die krummen Kanaͤle dem Boden angemessen sind? Vielleicht erfordern sie nur eine sorgfaͤltigere Reinigung. — Denn ge- reinigt werden sie alle, wenigstens einmal im Jahre, im Herbste. Das geschieht vermittelst sehr langer Sensen, mit denen man die Gewaͤchse am Boden des Kanals abschneidet, worauf sie mit Rechen herausgezogen werden. In den Tagen, wo diese Arbeit statt hat, ist der Sumpfgeruch sehr laͤstig. Man haͤuft die Pflanzen an den Ufern der Kanaͤle wo sie abtrocknen, und dann zur Duͤn- gung benutzt werden. Auf breiten Kanaͤlen und auf Teichen geschieht das Abschneiden der Pflan- zen auf Kaͤhnen. Gleich neben dem Landgute mit geschlungenen Gaͤngen, fand ich ein anderes im aͤcht franzoͤsi- schen Geschmack, mit hohen Hecken, Taxuspy- ramiden, steinernen Delphinen und solcherlei Mondkaͤlbern an den eckigen Wasserbecken, und im Hintergrunde ein ernst aussehendes Wohnhaus mit einigen grobgearbeiteten Statuͤen auf der Gal- lerie des niedern Dachstuhls. Das sah auch gut aus. Moͤchte doch jeder koͤnnen seiner Phantasie so freien Lauf lassen. Neben allen diesen Plaͤtzen sind etwas abwaͤrts, meist mit Baͤumen maskirt, die Wirthschaftsgebaͤude angelegt. — Nicht weit von Alphen hatte ein sinnreicher Mann vor seine Wirthschaftsgebaͤude her eine hohe Bretterwand ziehen lassen, die als gothische Ruine ausgeschnit- ten und angemahlt war. — Unter diesen Wirth- schaftsgebaͤuden nimmt der Huͤhnerhof, oder die Menagerie, wie es hier meistens heißt, immer ei- nen sehr wichtigen Platz ein. Und das mit eini- gem Rechte, denn man findet auf den meisten dieser Landhaͤuser, sehr schoͤnes fremdes Gefluͤgel. Pfauen sind sehr gewoͤhnlich. In * * * belusti- gen sie mich oft, wenn ich einsam mit meinem Buche im Gebuͤsche sitze und sie in ihrer zierlichen Dummheit, oder dummen Zierlichkeit daher stol- zirt kommen — dann moͤchten sie gern vor mir erschrecken, ihr Hochmuth laͤßt das aber nicht zu, sondern sie wenden den Hals mit einem veraͤchtlich verdrießlichen Blick um, als haͤtten sie mich nicht gesehen, ziehen die plumpen Fuͤße an den Leib hin- auf, und thun als wenn sie ein Wuͤrmchen gefun- den haͤtten. So viel Willkuͤhr haben sie aber nur in * * *, wo die ganze Welt, so weit der Graben sie gehen laͤßt, ihnen offen stand, außerdem be- finden sie sich in wohlumzaͤunten Hoͤfen, mitten unter ihren geistreichen Gefaͤhrten, den malabari- schen Enten, den leidenschaftlichen Truthuͤhnern, und dem mannigfaltigen Geschlecht der Gaͤnse. In diesen Hoͤfen haben sie reinliche Wasserbecken zum Trinken und Baden, meistens auch einen eigends fuͤr sie abgeschlagenen Theil des Busch- werkes oder Parks. Ihr seht, daß auf das gefie- derte Geschlecht hier so viel Ruͤcksicht genommen ist, daß Treufreund und Hoffegut sie schwerlich zum Aufruhr wuͤrde bewegen koͤnnen. Es gedeiht ih- nen aber auch vortrefflich; ich habe kaum irgend- wo so gutes Gefluͤgel gegessen — die Gaͤuse aus- genommen, von denen mir die hiesigen Gourmands selbst versichern, daß sie in Deutschland weit be s- ser sind. Enten jeder Art scheint dieser Boden um so guͤnstiger, auch wilden, und das ist eine große Huͤlfsquelle fuͤr die jungen Herrn, welche der streng beobachtete Muͤßiggang zu großen Jaͤ- gern macht. Wenn sie nach einem ganzen Mor- gen fruchtlosen Jagens in Gefahr stehen, den Ruf ihrer Geschicklichkeit zu verlieren, so schießen sie schnell ein paar ehrliche Entchen, die dem Huͤh- nerhofe entkommen, und des sie begleitenden Jaͤgers Zeugniß, das sie keck aufforderten, haͤtte mich wahr gemacht, haͤtte mich nicht sein spoͤtti- scher Blick noch besser belehrt, wie die bekannten Kennzeichen der Gattung. Da ich bei meiner Reise nach dem Haag wie- der uͤber Alphen kam, will ich euch gleich von hier an weiter fuͤhren, wenn gleich zwischen meinem ersten und zweiten Besuch dieser Stadt, einige Wo- chen verstrichen. Der Weg geht nach Leyden zu, durch ein eben so bebautes Land, als ich jenseits erblickte, der Kanal, an dem der Weg hergeht, ist immer sehr breit, und hie und da von andern Kanaͤlen durchschnirten, die nach Suͤdost in das Land, und nach Nordwest — wahrscheinlich ge- gen das Harlemmer Meer zu gehen. Nicht weit von Koudekerk sah ich einen nach dieser Gegend zu, der besonders breit war. Der Anblick der großen Kalkoͤfen, die hier an den Kanaͤlen gebaut sind, war mir eben so befremdend, wie ihr Geruch mir unleidlich war. Die Luft ist ganz mit Schwefel- duͤnsten angefuͤllt. Diese Oefen, in denen See- muscheln zu Kalk gebrannt werden, haben ganz die Form des Ofens, in dem die dienstbaren Kin- der Ifraels den tyrannischen Egyptern Steine zu dem Bau der gottlosen Pyramiden brennen muß- ten. Sie sehen wie Bienenkoͤrbe aus. So sieht man sie in allen Bilderbibeln von den rohesten Holkenbuͤchern , wie in Schwaben alle Bilder- chen und Kupferstichbuͤcher heißen, bis zu Huͤb- ners Bibel, die doch wohl in ihrer Einfalt ein groͤs- seres und dankbareres Publikum hatte, als die neusten und vernuͤnftigsten. Haben denn die Hol- laͤnder ihre Kalkoͤfen den Egyptern nachgeahmt, und die damaligen Zeichner sie alle von den Hol- laͤndern copirt? Mir kams recht biblisch vor, und die aus der Kindheit stammende Fantasie suchte neben den weißen, kahlen Oefen die krummen Palmenbaͤume, und die braunen Egypter, welche in unsern frommen Kunstwerken um die boͤsen Oefen gefaͤlligst herum zu wachsen, und grimmigst her- um zu schnauben belieben. Es ist ein oͤder An- blick. Die blendend weißen Massen mahlten sich hart auf dem satten Wiesengruͤn, brauner Rauch umflorte den dunkelblauen Herbsthimmel, laͤngs dem Kanale lagen Muschelhaufen aufgeschichtet, von denen die Sonne peinlich blendend zuruͤckstrahl- te. Man fuͤhrt sie von den noͤrdlichen Seeufern in zahllosen Lasten hierher. Welche zerstoͤrte Schoͤ- pfung! — Doch, lebten mehr Wesen um jenen Muschelhaufen zu bilden, als die Erde, welche diesen Rosenstrauch traͤgt? Ists nicht minder Sin- nentaͤuschung, daß uns jene Muscheln deutlicher aus Leben erinnern, als die Hand voll Erde, in deren Staub jede Gestaltung schon vernichtet ist? Diese Betrachtungen beschaͤftigten mich sehr sanft, bis unsere Ankunft in Leyden sehr interessante Er- innerungen in mir hervor rief. Leyden war mir durch viele fruͤhe Eindruͤcke ehrwuͤrdig. Mancher der besten Koͤpfe unsrer Nation aus dem vorigen Jahrhundert, bildete sich hier, Aerzte, Rechts- gelehrte, Staatsmaͤnner, brachten hier ein paar Jahre ihrer Jugend zu. Eine lange Reihe von Jahren durch pflegte man hier die ernsten Wissen- schaften mit einer ehrwuͤrdigen Strenge, gegen die der bunte Wechsel der Systeme auf den heuti- gen hohen Schulen sonderbar absticht. Die ern- sten alten Lehrer dieser und einiger andern hollaͤn- dischen Schulen moͤgen manche verjaͤhrte Eigen- schaft haben, moͤgen aus dem Lehrstuhl ein Prie- sterthum machen, aber sie bewachen auch dafuͤr ihr Heiligstes mit lobenswuͤrdiger Treue, und be- dienen ihren Altar mit reinen Haͤnden. Das Neue mag wohl uͤberall das Bessere seyn — moͤchte es doch aber von dem Alten manches Gute lernen. Meiner weiblichen Fantasie gabs einmal eine große Nahrung auf eben dem Pflaster herum zu schrei- ten, das Leibnitz und Zinzendorf und mancher an- dere wirksame Mann im jugendlichen Streben nach Wissenschaft betrat. Ihre Schritte sind verhallt, U diese willigen Steine tragen stumm neue Geschlech- ter, aber der Geist jener Maͤnner wirkte fort und fort. Die oͤde Stille der schoͤnen Stadt betruͤbte mich. Das Gras waͤchst in machen der breiten, geraden Straßen, und die regelmaͤßig gebauten Haͤuser scheinen sehr spaͤrlich bewohnt. Mein Be- gleiter und ich stiegen in einer der ersten Straßen aus, und uͤbergaben unsre Chaise den Bedienten, um sogleich den Schauplatz der schrecklichen Ver- wuͤstung aufzusuchen, die im Jenner des Jahres 1808 diese arme Stadt traf. Der ganze Vor- gang behaͤlt viel Unbegreifliches. Unbegreiflich ist es, daß ein Schiff mit Schießpulver geladen, bis mitten in die Stadt konnte gefuͤhrt werden; unbe- greiflich, daß es hier drei Tage lang der Aufmerk- samkeit der Polizei entging, ja daß der Fahrmann selbst so wenig Arg daraus hatte, daß von den Schiffsleuten keiner daran dachte, die Gefahr zu vermeiden, wenn sie Mittag und Abend, von den Faͤssern nur durch einen Bretterboden getrennt, ihre Speisen kochten. Der Umfang der Verwuͤ- stung macht schaudern, und sie war das Werk ei- nes Moments. Ich kann euch von diesem schreck- lichen Auftritt nichts interessanters sagen, als was der Bericht eines Augenzeugen in der Beschreibung einer einzelnen Episode aus dieser Trauergeschichte enthaͤlt. Ich finde sie in dem Brief, den ein sehr wuͤrdiger Leydner an seine Freunde nach Amster- dam schrieb. „Ich befand mich in meinem Zimmer, als „dieser schreckliche Ausbruch statt hatte. Augen- „blicklich verließ ich das Haus und eilte durch die „Straßen. Jeder Schritt vermehrte meinen „Schrecken beim Anblick der scheuslichen Verwuͤ- „stung, die ein Augenblick angerichtet hatte. Ich „flog meinen Freunden * * zu Huͤlfe. Denken „sie sich den Jammer, der mich ergrif, als ich den „Platz nicht einmal mehr erkannte, wo ihr Haus „gestanden hatte. Die Gattin und das juͤngste „Kind meines Freundes, sein Schwager, der eben „bei ihm zum Besuch war mit seiner jungen lie- „benswuͤrdigen Gattin, und alles Hausgesinde „war unter dem Schutte begraben. Ich fand ** „auf den Truͤmmern seiner Wohnung besinnungs- „los umherirrend Dieser wuͤrdige Mann war in einem Laden, um einen kleinen Einkauf zu machen, als das Ungluͤck geschah; er stuͤrzt heraus, eilt nach seiner etwas entfernten Woh- nung — aber lauge suchte er vergebens die Staͤtte sei- ; Verzweiflung und Schrek- U 2 „ken standen auf seinem Gesichte geschrieben. Ich „beruhigte ihn uͤber das Schicksal seiner uͤbrigen „Kinder, die ich unterwegs begegnet und bei ei- „nem Freunde in Sicherheit gebracht hatte. Jetzt „rufte ich Madame * * und sie antwortete mir „unter den Truͤmmern herauf. Gott sey gedankt, „sie lebt! — Allein, wie sollten wir helfen? wir „waren allein, ohne Beistand, ohne Werkzeug, „vor uns ein Haufen Schutt von einem ganzen „Fluͤgel einer herabgestuͤrzten Mauer bedeckt. Doch „Hofnung und Nothwendigkeit gab uns Betrieb- „samkeit und Kraͤfte. Es gelang uns einen Platz „abzuraͤumen, von dem aus ich mich unsern ar- „men Freunden vernehmlich machen konnte, und „da arbeitete ich so lange fort, bis sie das Licht „unsrer Laterne erblickten Das Ungluͤck fand Abends nach vier Uhr statt, wo sich in dieser Jahrszeit die Schrecken der Nacht zugesellten. , und bald bewerk- „stelligte ich ein Loch, aus dem mir Madame * * „die Hand reichen konnte. Wer druͤckt das Ent- nes friedlichen Heerdes, keine Mauer stand noch auf der ehemaligen Stelle. Endlich weißt ihn ein Birnbaum, der auf seinem Hofe stand, zurecht. Fest in die treue Erde gewurzelt, war er dem Schicksal der steinernen Menschenwerke entgangen. „zuͤcken aus, das ich empfand, indem ich diese „Hand faßte! alles andere war leicht. Man ver- „groͤßerte die Oeffnung, und bald zog ich, zuerst „das Kind, dann seine Mutter, und endlich Ma- „dame * *, meines Freundes Schwaͤgerin, her- „vor. Doch diese letzte, stieg sie gleich lebend aus „dieser Gruft, ließ ihr Theuerstes auf Erden in „ihr zuruͤck. Welch schreckliches Schauspiel war „diese ganze Nacht durch der Schmerz dieses un- „gluͤcklichen Weibes! Sie wissen, daß wir Herrn „von * * erst sehr spaͤt in der Nacht, und todt „heraus gruben Dieser allgemein geschaͤtzte Mann, der mit seiner Sat- tin und der ganzen Familie seines Schwagers in demsel- ben Zimmer war, ward wahrscheinlich von dem Kamin an den ihn seine Frau bei der Explosion gelehnt sah, zer- schmettert. Diese Ungluͤckliche, die uͤber die Haͤlfte ihrer ersten Schwangerschaft war, verließ die ganze Nacht die Truͤmmer nicht, ließ vor ihren Augen wuͤhlen und wuͤh- len, und horchte unter dem Geraͤusch der Grabenden nach dem Roͤcheln ihres sterbenden Geliebten. O die Gottheit muß einen Balsam haben fuͤr jede Wunde, da sie einem zarten weiblichen Herzen die Kraft gab, so eine Nacht zu uͤberleben. Diese edeln Gatten liebten sich viele Jahre lang, ihre Treue uͤberwand alle Hindernisse, nur erst seit Kurzem waren sie vereint. Der Koͤnig hat . Sein Bedienter, und drei „Maͤgde des Hauses wurden gerettet, und leben. „Was diesen grausamen Auftritt noch schreck- „licher machte, war das Feuer, das sich, wahrend „der Zeit wir die lebendig Begrabenen aus den „Truͤmmern aufzuwuͤhlen trachteten, um uns her „verbreitete. Es wuͤthete in der Bibliothek des „Herrn * *, und zwang uns, so bald die Men- „schen gerettet waren, die Stelle zu raͤumen. Herr „* * stand auf dem Schutt und sah seine schoͤnen „Sammlungen, seine Papiere, die Frucht zwan- „zigjaͤhriger Arbeit, einen Raub der Flamme wer- „me werden. Dennoch verlohr er in diesem fuͤrch- „terlichen Augenblick nicht den Muth, er dankte „nur Gott, ihm seine Gattin und seine Kinder er- „halten zu haben, und am folgenden Sonntag „predigte er mit wahrer Seelenstaͤrke uͤber die Er- „gebung in die Rathschluͤsse der Gottheit.“ — Diese Predigt haͤtte ich hoͤren moͤgen. Bei solchen Gelegenheiten ists, als wenn auch in das selbstsuͤchtigste Gemuͤth ein Strahl der goͤttlichen Liebe fiel, das ganze Menschengeschlecht wird wie- der zu einer Familie. Wie dauernd koͤnnte ein sol- Fr. v. * * die achtungsvollste Theilnahme bewiesen, in- dem er sie als Pallastdame zur Gesellschafterin seiner Ge- mahlin berief. cher Moment wirken, wenn ihn der Geistliche ganz im liebenden Sinne des Evangeliums auslegte. Freilich muß er sich nicht dabei, wie ein gewisser Schweitzer Prediger bei dem Bergfall in Geldau benehmen. Dieser gab jenem großen Auftritt den Rachegeistern Gottes schuld, die jetzt auftraͤten, die Suͤnder der Gemeine zu zuͤchtigen. Durch diese Mittel muß die Religion und der Charakter der Menschheit noch tiefer sinken. Faͤllt euch aber nicht bei dem Schicksal des wackern Herrn ** die Stelle aus Schillers Glocke ein, welche die Feuersbrunst so ergreifend beschreibt, und dann mit den Worten endet: Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe sendet noch der Mensch zuruͤck — Greift froͤhlich dann zum Wanderstabe, was Feuerswuth ihm auch geraubt, ein suͤßer Trost ist ihm geblieben, er zaͤhlt die Haͤupter seiner Lieben und sieh! ihm fehlt kein theures Haupt. Ich habe schon mehrmals uͤber den ganz ver- schiedenen Grad von Theilnahme nachgedacht, die der oben erwaͤhnte Bergfall in Geldau, und dieser Vorgang in Leyden erregte. Mir hat die wenige Theilnahme, das schnelle Vergessen an diesem, mißfallen. Im Auslande meine ich, denn die braven Hollaͤnder haben geholfen, wie sie auf ih- rem Wege dem Gemeinwesen immer zu helfen suchen, mit freigebiger Großmuth, und der gute Koͤnig that was er konnte, also unendlich viel. Er gab nicht blos, sondern eilte bei der ersten Nachricht auf den Schauplatz des Ungluͤcks, und troͤstete die geaͤngstete Stadt durch seine Gegen- wart und seine persoͤnliche Sorgfalt fuͤr die Heim- losen und Beraubten. Außer den ersten Zeitungs- nachrichten haben wir Auslaͤnder Leyden lassen auffliegen so hoch es wollte, indeß wir Geldau von allen schoͤnen Kuͤnsten darstellen und entstellen ließen, in Versen, Pappdeckel und Farben. Das ist sehr schoͤn, aber Gefuͤhl und Vernunft moͤchte doch wohl bei dem Leydener Ungluͤck eben so ernst ergriffen seyn. Schon daß Geldau durch eine Wirkung der Naturkraͤfte zerstoͤrt ward, macht alle die Darstellungen kleinlich. Gott wirkte — und ich moͤchte nur auf den Truͤmmern knieen und schweigen. Bey dem Ungluͤck in Leyden sind eine solche Menge Mittelglieder zwischen dem hohen Schicksalswillen und seiner furchtbaren Vollzie- hung, es ist so viel Menschenwerk in Bewegung gesetzt, dem der Menschenverstand allenthalben haͤtte begegnen koͤnnen, wozu jeder gemeine Ver- stand gerathen haͤtte — und dennoch geschah es. Die gemeinste Vorsicht steht neben dem fuͤrchterli- chen Ungluͤck, wie Tiresias neben dem verblende- ten Sohn des Lajus — haͤnderingend moͤchte man rufen: und das ahndetest du nicht! Und wie viel mehr verlor in Leyden die Masse von Menschen- fleiß und menschlichen Geist! Viele nuͤtzliche, der Nation und den Wissenschaften werthe Dinge und Menschen wurden zerstoͤrt, und koͤnnen nicht mehr er- setzt werden. Auf Geldaus kleine Flur wird Gottes Sonne scheinen und sein Thau fallen, und bald keimt aus der Erde liebendem Schoos neuer See- gen empor. Aber was ersetzt die wackern Buͤrger, die an jenem Tage zerschmettert sanken? wer denkt die Gedanken wieder, die das Resultat ihres le- benslangen Forschens waren, und die ein Moment in Flammen verzehrte? So malerisch ist der Schutt- haufen einer Stadt freilich nicht, wie Geldau’s Berge, vielleicht laͤßt er sich auch nicht so gut be- singen. Nun herzlich gern! alle, die ihre Em- pfindsamkeit und Muse durch die Schweiz prome- niren, finden’s ohne Zweifel sehr ruͤhrend, daß ein Plaͤtzchen, wo ihr Fuß wandelte, durch so ei- nen furchtbaren Vorgang beruͤhmt ward — waͤre ich mir nicht bewußt, jetzt in meine muͤrrische Laune zu gerathen, so nennte ich ihre vielfaͤltige Theilnahme einen weichlichen Egoismus — und damit traͤte ich doch mancher guten Seele zu nahe. Ruͤckwaͤrts also zu meiner Erzaͤhlung. Der Schutt ist von dem Schauplatz des Un- gluͤcks nicht allein weggeraͤumt, sondern er ist zu einem sehr schoͤnen freien Platz umgewandelt wor- den, der schon mit Gras bedeckt und mit Baͤumen bepflanzt ist. Die Haͤuser, welche diesen Platz umgaben, sind alle wieder ausgebessert, einige kleinere an der noͤrdlichen Seite ausgenommen, deren Eigenthuͤmer vielleicht auf neue Unterstuͤtzung von ihren wohlthaͤtigen Mitbuͤrgern warten muͤs- sen. An ihnen sahe ich große Risse, die durch die ganze Wand gingen, und mir auf eine schauder- volle Art die Folgen eines Erdbebens darzustellen schienen. Im ersten Moment war das auch die Meinung der armen Einwohner, daß ein Erdbe- ben sie zerstoͤre, und lange nach der Explosion deuchte es ihnen, daß die Erde schwanke. Da die ganze Wirkung des Pulvers von der Oberflaͤche des Wassers ausging, kann diese Wahrnehmung doch wohl nicht gegruͤndet gewesen seyn. Der Ka- nal, auf dem das unselige Fahrzeug lag, geht jetzt fast durch die Mitte des neu angelegten Spa- zierganges. Die alte Burg gewaͤhrte mir eine angenehme halbe Stunde, in der ich, von den Umgebungen veranlaßt, Vorwelt und Gegenwart vor meinem Geiste vorbeifuͤhrte. Es ist nichts mehr von ihr uͤbrig, als die Ringmauer, deren Gestalt fast einen zu regelmaͤßigen Zirkel beschreibt, um die ehemalige Form zu bezeichnen. — Wie dem aber sey, so beweist die erhoͤhte Lage und die sehr massive Grund- mauer, daß hier die alte Burg lag. Jakoba von Bayern, die Vielliebende, von der ich euch in ei- nem meiner Briefe allerlei erzaͤhlte, bewohnte sie oft. Ich blickte aus dem Mauerzimmer, wo man gegen Nordwest bis aufs Harlemmer Meer sieht, auf dem ich auf dem dunkeln Hintergrunde eines wolkigen Herbsthimmels weiße Seegel gleiten sah. Dorthin mochte auch wohl Jakoba oft ihren Blick richten, wenn die Stuͤrme der Zeit ihre Zukunft truͤbten. Wenn die Gegenstaͤnde um uns beunru- higend und fremd sind, blicken wir am forschend- sten in die Ferne, so wie wir, wenn die Erde uns nicht mehr genuͤgt, am sehnsuͤchtigsten gen Himmel blicken. Es kann mich wunderbar anziehen, wenn ich von einem Orte, wo irgend eine historische Per- son vor Jahrhunderten stand, auf Gegenstaͤnde hinblicke, auf denen ihr Auge geruht muß haben, und dann ihre und meine Stimmung und Begriffe bei dem Anblicke vergleiche. Es ist wohl eine kin- dische Weichheit, warum ich endlich immer uͤber ihrer Asche sanft weinen moͤchte, wie uͤber eines Kindes Wiege. Daß nun so vieler Schmerz und so vieles Sehnen schweigt, und ich da stehe und dahin sehe mit ganz anderm Schmerz im Herzen, und anderm Sehnen, und bald nach mir wieder ein anderer dastehen wird, wenn meine Asche mit Jakobas Asche verfliegt. Es wird dann in meinem Gemuͤthe und um mich her, wie nach einem Ge- wittersturme im Fruͤhlinge, wo der ganze Aufruhr der Natur sich in die tiefe Stille aufloͤst, in der die einzelnen Wassertropfen, die vom Laub fallen, das einzige Geraͤusch sind. — Die gute Jakoba! vielleicht entfiel meinem Auge die erste Thraͤne um sie auf die alte Mauer. Außer dieser Mauer, auf deren innern Seite ein wenig Fuß breiter Weg her- umgeht, ist der ganze innere Raum von einem Irrgarten eingenommen, zierlich von lauter hohen Hecken in schneckenfoͤrmigen Kreisen gepflanzt und in der Mitte mit einem nun versiegenden Spring- brunnen versehen. Ein stuͤrmischer Wind schuͤt- telte die gelben Blaͤtter in das halb trockne Wasser- becken. Ich blickte in das sinnreiche Gewirre der Gaͤnge durch die entlaubten Zweige hin — wie viele Jahre mußten verfließen, bis diese starken Buchen auf den Truͤmmern der Gemaͤcher wurzeln konnten, wo Jakoba ihr haͤusliches Wesen trieb; nun sterben auch die starken Buchen ab, deren kuͤnstliche Verschlingung schon laͤngst den Spott der geschmackvollen Nachkommenschaft erregte. Dreizehnter Abschnitt . E s war schon tiefe Nacht, wie wir in der Naͤhe vom Haag an dem Hause im Busch anlangten, wo sonst eine Durchfahrt uͤber den Schloßhof ge- stattet war, um auf einem naͤhern Weg in die Stadt zu gelangen. Jetzt war das aͤußere Thor verschlossen, und die Schildwache erklaͤrte sehr hoͤf- lich, daß niemand mehr durchfahren koͤnnte. Ich hoͤrte nachmalen dieses Verbot als einen Eingrif in die Nationalrechte verurtheilen. Da das Haus im Busch ein ganz isokirtes, nur zu dem Privat- gebrauch der Koͤniglichen Familie eingerichtetes Gebaͤude ist, und der Weg dicht vor den Wohn- zimmern vorbei uͤber das Pflaster fuͤhrt, konnte ich keinen Despotismus darin finden, daß der Fuͤrst diese Durchfahrt als ein Privatrecht behandelt und den Reisenden die wohlunterhaltene große Straße angewiesen hatte. Ich dachte an einen einzigen kleinen Spruch des Evangeliums, der alle Anspruͤ- che so leicht schlichtet, und alle Rechte so klar aus- einander setzt, den wir aber auf die armen gekroͤn- ten Haͤupter am wenigsten anwenden, und langte im Haag an. Die Stadt war recht artig erleuch- tet, und schien mir bei Laternenlichte recht huͤbsch; aber so einen uͤberraschenden Anblick hatte ich nicht erwartet, wie mir der naͤchste Morgen darbot. Es war schoͤner Sonnenschein — ich erblickte vor mir ein klares, großes, viereckigtes Wasserbecken, dessen Flut ein belebender Herbstwind kraͤuselte; in seiner Mitte lag eine kleine mit Pappeln bepflanz- te Insel, die einer Menge Schwaͤnen zum Aufent- halt diente. Still und wohlgefaͤllig gleiteten diese schoͤnen Thiere uͤber die silberne Wasserflaͤche; die Sonne warf den Schatten der schoͤnen Gebaͤude am oͤstlichen Ufer in scharfen Umrissen auf die stille Flut und faͤrbte die herbstlichen Blaͤtter der praͤch- tigen Baͤume, die westlich des Pfeifenbergs — so heißt der Spaziergang am Ufer des Wassers — beschatteten, mit goldenem Schimmer. Die Glok- kenspiele der Thuͤrme ertoͤnten dabei, und die Haͤu- ser, die ich links die Straße hinab und rechts durch die Baͤume schimmern sah, trugen alle das Gepraͤge der Festigkeit und des Wohlstandes. Ich war recht begierig, in dieser einladenden Stadt umher zu gehen, und fand bei der Befriedigung meines Wunsches meine Erwartung keinesweges getaͤuscht. Fuͤrs Erste ist der Haag mein Ideal ei- ner schoͤnen, angenehmen Stadt. Die schoͤnen Haͤuser, die freien Plaͤtze, die herrlichen Baͤume, die reinere Luft, als in den bisher gesehenen hol- laͤndischen Staͤdten, vereinen hier alle Vorzuͤge dieses kunstvollen Landes mit vielen Vortheilen der Natur. Die Hauptstraßen sind laͤngs den Kanaͤ- len mit großen Baͤumen besetzt, das Pflaster ist vortreflich und aͤußerst reinlich, die Umgebungen haben den Vorzug, durch die Aussicht auf die Duͤ- nen, deren naͤchste Reihe schon mit Buschwerk be- wachsen ist, mehr Abwechselung darzubieten, als man in dieser flachen Gegend zu sehen gewohnt ist. Mit viel Vergnuͤgen nahm ich einer guͤnstigen Gelegenheit wahr, um das von dem edeln Ludwig erst vor kurzem gestiftete Cadettenhaus zu besuchen. Es ist ein schoͤnes luftiges hohes Gebaͤude, wo bis jetzt einige achtzig junge Leute, theils auf eigne Kosten, theils als koͤnigliche Zoͤglinge vom vier- zehnten Jahre an, ausgebildet werden. Anfangs war die Pension auf dreihundert Gulden gesetzt, nebst einer sehr maͤßigen Summe zur Aussteuer beim Eintritt. Fuͤr dieses nichtsbedeutende Jahr- geld wurden die Knaben ganz frei gehalten, und traten nach vollendeter Erziehung als Officiere in die Landarmee. Diese Leichtigkeit, seinen Sohn erzogen und Officier zu sehen, war zu lockend, sie veranlaßte die Eltern zu viele Kinder eben so noth- wendigen Bestimmungen, wie der Kriegsstand ist, zu entziehen, und um diesem Uebel vorzubeugen, ist die Pension auf fuͤnfhundert Gulden erhoͤht, welches fuͤr Holland, und im Vergleich einiger unsrer deutschen Pensionen immer noch sehr wenig ist, da die jungen Leute auch Uniform und Waͤsche in dem Institute erhalten. — Ich fand das froͤh- liche Geschlecht bei dem Mittagsessen. Es mogte noch kein Frauenzimmer bei ihnen erschienen seyn, denn die muntern Gesichter, alle zwischen vier- zehn und siebzehn Jahren, wendeten sich hoͤchst verwundert zu mir hin, und einige von ihnen schie- nen mich recht von Grund des Herzens komisch zu finden. Ich betrachtete diesen schoͤnen Garten mit muͤtterlicher Freude, — denn wie der Garten einer frohen Zukunft kamen mir diese lieben jungen Menschengesichter vor. Ich habe euch schon gesagt, daß ich in Holland reinere Zuͤge, ein- fachere Umrisse, eine durchgaͤngigere Nationalphi- sionomie gefunden habe, als unter irgend einem X Volke, das ich an seinem Heerde besuchte; unter diesen mehr als achtzig Juͤnglingen herrschte nun auch ausschließend derselbe Karakter, dieselben Um- risse. Schoͤne offne Stirnen, die Augen à fleur de tite , wie man’s zu nennen pflegt, einen regel- maͤßigen Mund, ein maͤunliches Kinn, eine scharf gezeichnete Nase — aber die Wangen stets zu lang — ich kann es nicht anders ausdruͤcken. Allein diese Stoͤrung ausgeschlossen, die erst in spaͤtern Jahren durch die Erschlaffung der Muskeln schaͤd- lich wird, sprachen diese Gesichter alle bildsame, von der Natur mildbegabte Menschen aus. Ihr schoͤner Wuchs, ihre ansehnliche Groͤße, ihre bluͤ- hende Gesichtsfarbe, bewies die Zweckmaͤßigkeit ihrer phisischen Pflege. Sie fielen lustig uͤber die rauchenden Schuͤsseln her, welche mir von dem schneeweißen Tischtuch recht angenehm entgegen dufteten. Der Nahrung mußte vollauf seyn, denn wie die Gesellschaft den Tisch verließ, sah ich noch mehrere Schuͤsseln ungeleert stehen. Nach anstaͤn- dig abgewartetem Gebet, das einer der Lehrer laut und freundlich vortrug, stuͤrmte ein Theil in den Gar- ten, ein anderer Theil brachte die Erholungsstunde in den Schlafsaͤlen, oder in andern Zimmern des Hauses zu. An bestimmten Stunden gehen sie auch spatzieren. Ich unterhielt mich mit mehre- ren der Lehrer, auch mit dem Gouverneur der An- stalt, einem Hollaͤnder, der bei seinem angesehe- nen Range im Staat und in der Gesellschaft einen sehr gewinnenden guͤtigen Ausdruck hatte, seine Sprache war gebildet, und er druͤckte sich mit Ei- fer und Theilnahme uͤber seinen Wirkungskreis aus. Ein paar der Lehrer waren Deutsche, der Lehrer der Geschichte ist ein auch in der Litteratur ruͤhmlich bekannter Mann, der Bruder des belieb- ten schwaͤbischen Epigrammen-Dichters Haug . Die Hollaͤnder selbst gestehen ihm eine vollkomme- ne Kenntniß ihrer Sprache zu, und seine Briefe uͤber Holland beweisen, daß er das Land vielseitig beobachtet hat. Die Geschichte scheint in diesem Institut mit Ernst und Liebe betrieben zu werden, so wie auch bei der Auswahl der Buͤcher in der Schulbibliothek auf dieses wichtigste Bildungsmit- tel des Gemuͤths hauptsaͤchlich Ruͤcksicht genommen ist. Ich besuchte auch noch die Schlafsaͤle, Eßzimmer der Lehrer — die ich lieber mit ihren Zoͤglingen haͤtte in Gemeinschaft speisen sehen — und die Lehr- zimmer. Alle sind sehr schoͤn und anstaͤndig. Die Schlafsaͤle sind hoch, hell, reinlich, es stehen mehr und weniger Betten in denselben, in keinem X 2 mehr wie funfzehn. Fuͤr die Kranken sind eigne Zimmer bereitet, es sey dann nur eine gleichguͤl- tige aͤußere Verletzung, wie ein verstauchter Fuß, von welchem ein bluͤhender Knabe in dem einen Saal im Bett gehalten, und von seinen Gespielen froͤhlich unterhalten ward. In den Saͤlen, auf den Treppen, uͤberall begegnete ich dem jungen Geschlecht, das munter und schaͤkernd umherrann- te, sich hie und da balgte, lachte und schwatzte, und vor dem mich begleitenden Lehrer munter sein Wesen trieb. Die Achtsamkeit und anstaͤndige Hoͤflichkeit ohne Scheu und Geckerei, mit der die jungen Leute die neugierige fremde Frau uͤberall begruͤßten, war sehr angenehm, sie war von dem Gemisch von Selbstvertrauen und Bescheidenheit zusammen gesetzt, aus dem in spaͤtern Jahren Maͤnnerkraft und Maͤnnermilde hervorgeht. Bei meinen Wuͤnschen und Glauben an eine bessere Zukunft, konnte ich mir von dem zu bearbeitenden Stoff, der so gluͤcklich von der Natur vorbereitet ist, guͤnstige Resultate versprechen. Von hier ging ich in das Erziehungshaus der Soldatenkinder. Ihnen ist ein Theil des Gebaͤu- des eingeraͤumt, das der Koͤnig zur Zeit, wie er hier residirte, fuͤr sich zurichten ließ; daher man die vergebliche Dekoration der praͤchtigen Zimmer, in welchen nun die wilden Knaben hausen, gar sehr beklagt. Ich glaube, das Gebaͤude ist das ehemalige alte Haus , schon in den fruͤhsten Zei- ten der Stadt, zum Gouvernementshause gebaut, nachmals aber vom Erbstatthalter bewohnt; es ist ziemlich regelmaͤßig, sieht aber antik aus, ein Theil davon ist noch dem Gebrauche der Regierung ein- geraͤumt, und daher verschlossen. Das Corps de Logis, der große viereckte Hof, und die anstoßen- den Hofraͤume gehoͤren der Soldatenschule. Nach der Absicht des Koͤnigs soll die Anzahl der Kinder bis zu drei tausend steigen, noch ist sie nicht ganz zur Haͤlfte vollzaͤhlig. Es werden alle Soldaten- waisen darin aufgenommen und auch andere huͤlf- lose Kinder, sobald sie gesund sind, und nicht uͤber das sechste Jahr zuruͤckgelegt haben; der Staat uͤbernimmt ihre ganze Erziehung, wogegen sie aber alle zum Kriegsdienst bestimmt sind. Daß eine fehlerhafte physische Entwickelung, die bei einer so großen Zahl Kinder, unerachtet der zweckmaͤs- sigsten Pflege, dennoch vorfallen muß, Ausnah- men machen wird, liegt wohl in der Natur der Sache. Die Knaben lernen nichts, wie die zum Kriegsdienst, und zunaͤchst fuͤr die gemeinen Sol- daten, noͤthigen Kenntnisse, wo von fruͤher Kind- heit der wirkliche Dienst mit inbegriffen ist. Sie haben viele Freistunden, und in diesen treiben sie alle Spiele und Balgereien, die ihnen Thaͤtigkeits- trieb und Muthwillen eingeben kann. Einer ge- wissen Anzahl ist immer ein Unterofficier zum Auf- seher zugegeben, er verhuͤtet aber nur Ungluͤck, legt ihnen keinen Zwang an. Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen, Aufangsgruͤnde der Mathe- matik werden jetzt gelehrt. Da das Institut nur ein Jahr erst besteht, konnten die Kleinen noch nicht weit fortgeschritten seyn, und der Erziehungs- plan kann sich nur nach und nach entwickeln. Daß so erzogene Knaben, die von Kindheit an den Staat fuͤr ihren Vater, und den Krieg fuͤr ihren Beruf halten, bei ihrem Eintritt in die buͤrgerliche Lauf- bahn andere Anlagen mitbringen, wie die Hand- werker, Hirten- und Pfluͤgerkinder, die sonst im sechszehnten Jahr aus einer schon ergriffenen Be- stimmung herausgerissen, fuͤr den Kriegsstand ver- loost oder geworben werden — laͤßt sich wohl nicht bezweifeln, daß in Holland, wo die buͤrger- liche Lebensweise wenigstens so erschlafft ist, wie bei uns, der Landdienst gehaßt und weniger geach- tet, als der Seedienst, und der Krieg um so mehr gefuͤrchtet ist, wie ihn das Land nur in einem sehr beschraͤnkten Umkreis erfuhr, leidet auch keinen Einwurf — mir daͤucht daher, daß diese Anstalt sehr zweckmaͤßig und wohlthaͤtig ist. Juͤnglinge als Kinder des Staats zum Kriege erzogen, wer- den, ein jedes in seinem Haufen, Beispiel und Richtschnur seyn — nur wenn diese Kinder eigne Haufen bilden sollten, bedrohten sie mit den Ge- fahren der orientalischen Leibwachten; allein un- ter die uͤbrigen Truppen vertheilt, verschafften sie ihrem Volke und ihrem Staate nur Vortheile. Ich vergnuͤgte mich an den runden, froͤhlichen, muthwilligen Gesichtern der umherschlendernden Knaben, und mußte uͤber die Beschreibung lachen, die man mir von dem Toben und graͤulichen Laͤrm machte, den die Haufen von zwei, dreihundert dieser uͤbermuͤthigen Gesellen in den Spielstunden zuwege bringen sollten. Wenn wir um uns blik- ken, in die Huͤtten der Armuth, und sehen, wie die Kinder dort verkruͤppelt an Leib und Seele un- tergehen, oder aͤrmlich zu einem aͤrmlichen Leben aufwachsen, wenn wir die herzzerreißende, die ganze Natur empoͤrende Freude sehen, mit der un- sere Arme so oft ihre jungen Kinder zu Grabe bringen, weil sie ihnen das Leben zu fristen, nicht die Mittel oder den Muth hatten — o wer wuͤnschte nicht seinem Lande so eine Soldatener- ziehung! — Und wer unsere meisten Waisenhaͤu- ser kennt, den Druck des Kummers und der Barm- herzigkeit, der auf den armen Knaben haftet, und sie durchs Leben begleitet — denn hier sind die vielen Ausnahmen mehr ruͤhrend als begluͤckend — wer saͤh nicht lieber die uͤbermuͤthig frohen Gesich- ter, die in einen Stand treten, den das Weib nie, und der Buͤrger nur aus sehr complicirten verkehrten Begriffen verachten kann . Zur Entschuldigung der sehr friedliebenden Schreiberin dieser Zeilen mag es dienen, daß sie den Kriegsstand hier ganz getrennt, und ohne Beziehung auf die jetzigen Kriege dachte. Nach ihren Begriffen ist der Mann vom Krieger unter Umstaͤnden unzertrennlich, und die Waf- fenuͤbung zur Entwickelung des Mannes unerlaßlich — sie druͤckt sich uͤber diesen Punkt als letztes Resultat ihrer Ansichten gegen ihre Freunde mit Stollberg’s Wor- ten aus: „Die Weiber waren stets, Wenn Maͤnner Maͤnner waren, ihrer werth — Nur weiblicher, sonst ihnen gleich.“ Der Busch ist ein ungekuͤnstelter schoͤner gros- ser Wald, den einige herrliche Grasplaͤtze mit schoͤ- nen Alleen eingefaßt, mit der Stadt verbinden. Hirsche und Rehe weiden vertraulich, ungeachtet der nahen Stadt und des dicht neben den Wiesen hinfuͤhrenden Wegs, an dem Saume des Gehoͤl- zes. Die Haͤuser, welche ihm zunaͤchst liegen, gleichsam Fronte mit den Alleen und Grasplaͤtzen machen, mußten, so lange der Haag noch durch den Aufenthalt des Hofs, und den bluͤhenden Zu- stand des Handels in dem umliegenden Lande, volkreich und lebhaft war, unvergleichlich ange- nehme Wohnungen darbieten. Diese Gebaͤnde haben alle den Karakter von Vollendung und Ge- maͤchlichkeit, ohne je durch Groͤße und Pracht zu befremden. In den verschlungenen Schattengaͤn- gen des Busches sind in der guten Jahrszeit Re- staurateurs-Buden aufgeschlagen, und noch jetzt sollen die Haager diesen allerliebsten Ort fleißig besuchen. Die Aussichten zeigen, so wie uͤberall, Kirchthuͤrme, Wiesen, Buͤsche, Windmuͤhlen und freundliche Haͤuser, denn obschon nur eine Meile vom Meere entfernt, sieht man es aus keinem Punkte, die Hoͤhe der Duͤnen beraubt die Gegend seines Anblicks, und schuͤtzt sie gegen seine Wuth. Das Haus im Busch ist ein sehr kleines Wohn- haus, mit wenigen Wirthschaftsgebaͤuden, dem Umfang nach ein bloßes Jagdschloß, und in der Zimmereinrichtung, ein paar Saͤle ausgenommen, um nichts praͤchtiger, wie das Haus eines wohl- habenden Privatmanns. Ich besah das moderne Geraͤth mit weiblicher Neugier, und verglich es mit den deutschen Schloͤssern, die ich ehrenhalber hie und da sehen muß, denn es wird einem fast uͤbel ausgelegt, wenn man seine Langeweile bei bloßen Sopha’s, Brumeaux und Lustres nicht ber- gen kann. Im Hause, im Busch koͤnnte ich mit euch Lieben, groß und klein, ohne alle Umstaͤnde leben, Molly koͤnnte in dem kleinen Prinzenzimmer all ihr Wesen treiben, ohne daß groß Ungluͤck ge- schaͤhe, und wir setzen unsern Theetisch sehr unbe- fangen an das Fenster, wo man schoͤne Grasplaͤtze rings mit Blumen und bluͤhenden Stauden einge- faßt erblickt, herrliche hohe Baͤume nehmen die reinlich gehaltenen Wege auf, und unter den Pap- pel- und Ahornstaͤmmen schimmert hie und da ein ruhiger Teich hervor. Es ist ein eigenes Gefuͤhl fuͤr eine Mutter des Mittelstandes, sich die Kindheit eines Prinzen vor- zustellen. Wohlbemerkt: des Mittelstandes, und ich moͤchte wohl dazu setzen — unsrer Zeit. Wir stehen ganz natuͤrlich auf dem hoͤchsten Standpunkt zur Ansicht des Lebens, indem wir als Hausfrauen viei Gelegenheit haben, das Volk zu beobachten, und den hoͤhern Staͤnden nahe genug stehen, oft so in sie hinuͤber gehen, durch Vermoͤgen oder Amts- wuͤrde des Mannes, daß wir sie nicht nur beob- achten, sondern auch auswendig lernen koͤnnen. Solchergestalt in Stand gesetzt, alle Mittel zur Ausbildung eines jungen Menschen, das heißt, eines Werdenden, zu beurtheilen und zu schaͤtzen, wird uns das Herz immer schwerer, je guͤnstiger das Gluͤck — nach der gemeinen Ansicht — die Kindheit des jungen Geschoͤpfes bedachte. Der Erbe eines Reichsbarons erloschenen Andenkens — wie wehmuͤthig sah ich oft die Knaben zu dem daͤ- mischen Capellan wandern, der sie durch einen poͤbelhaften Fluch zum Beten, und mit dem Stock zum Lernen zwang, bis die Mutter sie mit Zucker- brodt und Kuͤssen nach der Lexion empfing, der Vater sie zu seiner Erholung nach der Schnepfen- jagd mit den Jagdhunden Spaͤßchen machen ließ, indeß der geistliche Mentor vor ihm kroch, und der Mutter Haushaltsrechnungen kopirte. Oder denkt euch anstatt des Capellans einen hungrigen Candi- daten, dem im Hintergrunde die lang ersehnte Pfarre, und die Hand der lang verbluͤhten Gou- vernante der Fraͤuleins erwartet. — Modificirt euch das, wie ihr wollt, viel Glorreiches wird nicht herauskommen, so lange der Junker zu Hause ist. Heil und Segen daher dem adlichen Knaben, der fruͤh in eine Pension kommt, in vieler Ruͤcksicht, gleichviel in welche — die Hauptsache ist immer, daß er fern sey von der Kriecherei der Untergebenen, und der Leerheit oder Rohheit seiner Pair’s. Da macht die zaͤrtlichste Sorgfalt der Eltern kein Uebles gut. Ich sah schon Beispiele der herzlich- sten Wohlmeinenheit fuͤr das Beste der Kinder, besonders der Knaben — da wird nichts gewon- nen, wie eine flache, weichliche Kuͤnstlichkeit, die den armen Wicht außer die wirkliche Welt ver- setzt, und ihn glauben machen muß, daß da fuͤr ihn so viele außerordentliche Bewegungen gemacht werden, er auch ein ganz außerordentlich merk- wuͤrdiges Geschoͤpfe ist. Befinde ich mich aber nun gar in den kindischen Umgebungen eines Koͤ- nigssohns! — Mein Gott! diese Menschen, die Aller Herzen erforschen sollten koͤnnen, die alle Schmerzen ihrer Mitmenschen sollten im Busen getragen, alle ihre Freuden getheilt haben, um Gott aͤhulich das furchtbare Recht zu uͤben, ohne menschliches Mitgefuͤhl, und dennoch mit uner- muͤdlicher Schonung stets den Einzelnen dem Gan- zen unter zu ordnen — die Menschen werden un- ter Umstaͤnden erzogen, wo alles, was Mensch- heit heißt, nur historisch ihnen bekannt wird. Steht dann das gekroͤnte Kind dem hohen Gange des Schicksals noch dazu so sichtlich nahe, wie der Throuerbe Hollands! — Klares Augen- paar, sorglose Stirne, gelocktes Kinderhaupt! blicke zuruͤck, blicke vorwaͤrts — ach, und blicke mit diesem vertrauensvollen Auge zu Gott auf — der bleibt fest, wie es um dich auch wechselt. In des kleinen Mannes Zimmerchen stand sein kleines schlichtes weißes Umhangsbettchen, neben dem seiner Pflegerin. Ich haͤtte mich uͤber das Hauptkissen des Knaben mit Gebet beugen moͤ- gen. — Es ist wohl das Einzige, auf dem er sorglos ruhen wird. Der Erbprinz soll ein sehr munterer, unruhiger Knabe seyn, der seiner Hof- meisterin und selbst seinem Vater, der ihn innig liebt und verzieht, zu schaffen macht. Muͤtterchen C. wird doch gerne hoͤren, ob denn ein Erbprinz auf eine andere Art unartig ist, wie ihr Walo, und sich damit troͤsten wollen, daß dieser nicht un- artiger sey, wie jener. Nun sieh einmal, da ward ihm, wie man ihn vom Haag nach Utrecht fuͤhrte, die Zeit im Wagen lang, wie es ihm nicht gelang spatzierengehen zu duͤrfen, forderte er, um einer Ursache willen heraus, die keine Widerrede gestat- tete; kaum hatte er aber den Fuß auf den Boden gesetzt, so war ihm der Zweck aus den Augen, und er spielte, sprang und lief durch die Wiese. Auf die Erinnerung seiner ehrenfesten Hofmeisterin er- wiederte er sehr unbefangen: „O, ich bedurfte gar nichts — ich hatte nur Langeweile.“ Sieh, mein gutes Muͤtterchen, welche Koͤnigsnatur sich in dei- nem Knaben regt! denn waͤr nicht Walo faͤhig eben so geistreich zu handeln? Freilich, seinen Va- ter zwingen aus dem Staatsrath zu laufen, wie der kleine Prinz that, das koͤnnte er nicht, aus der einfachen Ursache, weil sein Vater nicht in den Staats- rath hinein geht. Mein koͤniglicher Bambino kam einmal darauf, seine Gesellen, die Pagen, vor der Thuͤr des Staatsraths zu versammeln, wo sie nach allen Kraͤften mit Peitschen knallen mußten, bis der gute Koͤnig selbst herauskam, und dem Unwe- sen steuerte. Daß so ein Puͤrschchen einer koͤnig- lichen Gouvernante angst und bange machen kann, begreift man wohl. Auch beklagte sie sich eines Tages, wie sie ihn zum Nachtisch brachte, bitter- lich uͤber ihn, und sagte zum H. v. **: „Es gibt einen jungen Menschen, mit dem man nicht mehr fertig werden kann; er will nichts lernen, und hat den ganzen Morgen gestuͤrmt und gewuͤthet.“ Der Knabe hatte bisher ruhig am Fenster gestan- den, nun wandte er sich um, und sagte sehr ge- faßt: „der junge Mensch, von dem die Rede ist, bin ich, Herr Praͤsident.“ Das ist eine hoff- nungsvolle Unbefangenheit! — Wie gluͤcklich koͤnnte diese Beweglichkeit benutzt werden, wenn er, statt von den Haͤnden einer gewiß wohlmei- nenden Hofmeisterin gemeißelt, geknetet und ge- schniegelt zu werden, in laͤndliche Umgebungen, unter eine Zahl ruͤstiger Jungen, in die vaͤterliche Aufsicht eines maͤnnlichen Lehrers kaͤme. Nun — das Schicksal walte! — Ein Saal, auf eine wuͤrdige Weise das Haupt einer Nation ankuͤndend, ist der große Audienz- saal. Das Licht faͤllt von oben und der einen Seite auf die Gemaͤhlde, welche die Mauerbeklei- dung bilden. Die Hauptfelder nehmen große hi- storische Darstellungen ein, die kleinern und Dek- kenwoͤlbung allegorische Figuren und Gruppen; auf den Pfeilern stehen einzelne Bildnisse beruͤhm- ter Staatsmaͤnner und Krieger aus der hollaͤndi- schen Geschichte. Das Ganze ist sehr erhalten, unter den einzelnen Gestalten sehr viele vorzuͤgliche, mit dem Ausdruck von Kraft, der jenen Jahrhun- derten des Freiheitskriegs eigen gewesen seyn muß, denn ich fand ihn an so vielen Gemaͤhlden in Fa- milien-Bildnissen und historischen Darstellungen. Allein die Erfindung ist uͤberladen und verworren; das Auge arbeitet sich muͤhsam durch die Huͤndlein und Rosse uͤber den Triumphzug der Helden zu den Wolken hinauf, wo die schwebenden Goͤtter- gestalten ihm wieder keine Ruhe lassen. Mir ver- ursacht so ein Haufe von Gestalten in aktiven Stel- lungen eine solche Spannung, daß ich endlich kein klares Bild davon trage. Wenn ich jetzt noch die Augen schließe, blicken mich die einzelnen herrlichen Koͤpfe mit ihren lebendigen Augen an, ich koͤnnte sie mahlen, wenn die Kreide meine Phantasie dol- metschen wollte; aber das Ganze ist mir nicht deutlich geworden. Bei einer einfachen Anord- nung ist das nie der Fall, und bei der hoͤchsten Stufe darstellender Kunst, bei der Gestaltung in Stein, faßt die Erinnerung das Bild mit einer Klarheit auf, die jeder Biegung jedes Gliedes eine Bedeutung giebt, und allein den Begriff eines Ideals in der Seele hervorruft. Bei glaͤnzender Erleuchtung und der Pracht der Hof- und Ordens-Uniformen, muß dieser schoͤne Saal sehr imposant seyn. Ich wuͤnsche, er wuͤrde ganz so erhalten, und in einer bessern Zeit das Andenken schoͤnerer Zeiten zuruͤckrufen. In einem andern Saale wuͤnschte ich alle mei- ne kunstfleißigen Freundinnen zu versammeln, um den Kunstfleiß einer wunderlichen Nation zu be- wundern, die, wie mir nebenbei einfaͤllt, wahr- scheinlich in ihrer Kultur einige Aehnlichkeit mit den Hollaͤndern hat. Dieser Saal ist ganz chinesisch verziert, und das ganze Geraͤth desselben ein Ge- schenk des Kaisers von China an die letzte Prinzes- sin von Oranien. Die Wandbekleidung besteht in einem weißen Atlas mit lauter ganz und halb er- habnen Figuren, die Voͤgel und Blumen aus einer fremden Welt, vielleicht aus Eldorado, vorstellen. Sie stehen mit aufgesperrten Schnaͤbeln neben glaͤn- zendem Schilfe in so natuͤrlicher und doch theatra- lischer Stellung, daß man glaubt, jetzt werden einem die Ohren von ihrem Schreien gellen. An- dere picken an herrlichen wunderbaren Beeren, an- dere erheben sich uͤber praͤchtige fremde Blumen, und Paradisvoͤgelein mit den schimmerndsten Far- ben schweben in der Luft. Alle Schilfhalme, Federn, Schnaͤbel und Pfoten sind von Pergamentstreifen und Drath, mit Seide und Gold umsponnen, so, daß Y sie locker, halb hervorgelehnt, nur theilweise an dem Atlas haftend, dastehen. Unter die Schwei- fe der Pfauen konnte ich meine Hand legen, in- deß die Leiber halb erhaben an dem Grunde fest- hingen; ein Pfoͤtchen war Basrelief, indeß ein anderes hervorstand mit der truͤgendsten Aehnlichkeit mit Seide umsponnen, die jedes Gelenk und Kralle abzeichnete. Die Felsen sind von bunten Stoffen mit Baumwolle gepolstert, ganz in den abentheuer- lichen Formen, die uns unsere aͤchtchinesischen Faͤ- cher darbieten, und mit schoͤnen Straͤuchen bewach- sen, an denen glaͤnzende Fruͤchte hangen. Die Voͤgel sind vielleicht nach der Natur, der Pfau gewiß, nur nicht ganz so groß, wie die, welche wir auf unsern Hoͤfen haben. Die Pracht der Far- ben ist nicht zu beschreiben, das Gemisch von Gold und Gruͤn an den Federn, das Roth, das Blau — ich denke, die Saͤle, welche Tausend und eine Nacht uns schildert, muͤsten so ausgesehen haben. Die Thuͤren dieses Gemachs sind von schwarzem Lak mit goldenen Gestalten — ich haͤtte gewuͤnscht, man haͤtte dem Geraͤthe auch eine orientalische Form gegeben, und den weißen Atlas mit der abentheuerlichen Stickerei von Maͤnnerchen, Fel- sen, Baͤumen und Haͤuserchen, der die Stuͤhle und Sopha’s deckt, zu großen Polstern, oder sonst das chinesische Geraͤth nachahmende Sitze verwen- det. Auch den englischen Fußteppich haͤtte ich fort- gewuͤnscht — er stoͤrte die Illusion. Zu eurem Troste kann ich euch sagen, daß dieses Kunstwerk sorgsam in Ehren gehalten wird, denn die Waͤnde sind uͤberall mit atlassenen, gestickten Rouleaux, die eine zweite Tapete bilden, vor dem Staube ge- schuͤtzt, und nur bei besonderer Veranlassung setzt man die fremde Welt hinter ihnen dem Schaulu- stigen aus. — Das Wetter war stuͤrmisch und versprach keine guͤnstige Aenderung, ich stand also nicht an, bei abwechselndem Regen und Sonnenschein und ei- nem schon hinter den Duͤnen sehr heftigen Nord- westwind, nach Schewelingen zu gehen. Wir ar- men Weiber, daß wir nie allein gehen koͤnnen! Wie gern ich diesen Weg allein gemacht haͤtte! — Es sind eine Menge ziemlich baufaͤlliger Chaisen stets bereit, von dem Haag nach Schewelingen zu fahren, und wir gelangten in einer solchen — denn unsere Pferde waren den Morgen schon muͤde geworden, musten also auf die morgende Reise Kraͤfte sammeln — durch eine lange mit Back- steinen gepflasterte Allee, die einen großen Theil Y 2 des Weges links und rechts an Gebuͤsch grenzt, nach dem nicht besonders huͤbschen Dorfe. Es ist nur von Fischern bewohnt. Der Sage nach soll die Kirche, welche jetzt am aͤußersten Ende des Dorfes gegen das Meer zu liegt, ehemals in der Mitte desselben gelegen haben. Der alte Ocean spuͤlt also hier mit maͤchtigem Beharren das kleine Men- schenwerk fort. Diese Zerstoͤrung muß aber bei ei- ner nun veraͤnderten Gestalt des Ufers statt gefun- den haben, denn jetzt steht die Kirche schon auf den Duͤnen, die das Meer umguͤrten. Der fort- gespuͤlte Theil der Dorfes muß also auf einer Nie- derung gestanden haben, die ihn den Wellen preis gab. Koͤnnten die Wellen noch jetzt uͤber das Ufer schlagen, auch nur bis an die Kirche, so waͤre das ganze Land dem Untergange ausgesetzt. — Der Sturm wuͤthete ungeheuer; er hatte den Morgen Leichen von einem bei Cadwyk verun- gluͤckten Fahrzeuge auf den Sand getrieben; ich blickte uͤber die Wellen hin, ich sehnte mich fort von dem gleichguͤltigen Gasthofsgewuͤhl, um in das maͤchtige Element vor mir zu sehen, und stahl mich endlich hinweg an das Gestade. Es ist nicht unbedingt wahr, daß der Anblick der offenen See uͤberraschend, hinreissend ist; er ist befremdend, Fehlschlagung erregend, wenn man nach langer, langer Erwartung an das Ge- stade tritt. Und an dieses Gestade! das oͤdeste, von jeder schaffenden Kraft entbloͤsseste! An ei- nem Felsenufer, unter herabneigenden Tannen, in Camoens Hoͤhle, am Gestade, wo Ossian sang, mag die erhabene Erde im Gegensatz des maͤchti- gen Gewaͤssers ein uͤberraschendes Bild darstellen. Aber trau’ der Fehlschlagung dieses hollaͤndischen Ufers nicht, wenn du mit empfaͤnglichem Herzen und beweglichem Geiste diesen Strand betrittst. — Oft, wenn ich unter euch saß, und durch den Zu- fall veranlaßt, wie Ulysses, meine vielfachen Wan- derungen erzaͤhlte, sagte ich lachend: Das Welt- meer muͤste ich noch sehen, dann wollte ich meinen Wanderstab im Tempel der heitern Ergebung auf- haͤngen, und, nur von euren Armen gestuͤtzt, den freundlichen Genius mit der gesenkten Fackel er- warten. Nun stand ich an dem Gestade des Weltmeers. Rechts und links dehnt sich ein unabsehbares Ufer aus, das bald in den Wellen untergeht — alles ein nackter, todter Sand! die maͤssigen Huͤgel, die er bildet, entziehen allenthalben den Anblick des bebauten Landes, den Anblick schaffender Kraft. Hier stand ich allein, dem Verderben im Angesicht, denn das furchtbare Element, dessen Treiben ich zu unterscheiden anfing, deutete auf eine zerstoͤrte, nicht eine zu erwartende Schoͤpfung. Der Wind heulte in meinem Gewande, daß ich meine eigne Stimme nicht hoͤrte; er drohte mir zweimal, mich niederzuwerfen, wie ich unvorsich- tig auf der Fußspitze auf dem nassen Sand einher- laufen wollte. Ferner und naͤher, rechts und links und vor mir, hoͤrte ich das Fallen einzelner Was- serstroͤme, die das fortwaͤhrende Rauschen der Wo- gen unterbrachen, ich faßte Fuß an einer großen Fischerbarke, die durch die Ebbe aufs Trockne ge- setzt war, und suchte mich mit den Gegenstaͤnden um mich her zu befreunden. Jetze sah ich graue Mauern vor mir aufsteigen in parallelen Streifen vor dem Sturme her aus Nordwest; der Ursprung jeder von der andern an Zeit und Laͤnge verschieden. Die graue Mauer wuchs und erhob sich, ward immer dunkler, je hoͤher sie stieg, den wolkenschweren Himmel uͤber sich, unsichere Sonnenhelle durch ihn hervorbre- chend, schon tief in Westen. Nun kraͤuselte weis- ser Schaum auf der Zinne der grauen Mauer, und der Schaum wuchs, und stieg hoͤher und hoͤher, und straͤubte sich gegen den Rand der Mauer, als peitschte ihn der Sturm ruͤckwaͤrts, bis er ploͤtzlich noch hoͤher stieg, und mit furchtbarem Guß uͤber die Mauer stuͤrzend gegen den Himmel spruͤtzte, und in der Tiefe bruͤllte. — Indeß wuchs neben der uͤberstuͤrzenden schon eine neue Mauer auf, noch hoͤher und dunkler, je weiter sie in das hohe Meer hinaus stand, sie schritt fort und stuͤrzte ein, wie die vorige, indeß noch eine, und noch eine, und tausende, in dem weiten Gesichtskreis das Spiel furchtbaren Grimmes und schnellen Unter- ganges trieben. Je naͤher dem sanft abgedachten Ufer, je kleiner wand die Welle, bis die letzte den Sandboden festschlagend bis uͤber mein Haupt den lockern Duft herauf schlug, indeß ich noch sicher an dem Fahrzeuge lehnte. Ich tauchte meinen staunenden Geist in die Flu- then der Zeit hinein, und fragte die Sandkoͤrner um mich, diese Zeugen zerstoͤrter Schoͤpfung, und die Wogen vor mir, das Bild ewigen Wechsels: — sagt mir, wo sind die Welten, die ihr bilde- tet, wo sind die Welten, die ihr verschlangt? und das hohle, furchtbare Getobe rief mir nur immer zu: in die Ewigkeit trugen wir sie hin! — Ich dachte mir diesen Meeresstrand in den vergange- nen Jahrhunderten, und die Sandhuͤgel in meinem Ruͤcken beschaͤmten mich, und die rauschende Fluth rief: Geschoͤpfe von gestern her! damals waͤlzten wir unser Wasser da, wo jetzt der todte Damm uns ohnmaͤchtig trotzt. — Ich dachte hinuͤber an das Gestade, wo vom Abend her der Sturm heulte, und wie manches Menschenalter der Mensch hier stand, nicht ahndend, daß dort Bruͤder lebten, und wie manches Menschenalter hindurch diese Wel- len Bruͤder zum Brudermord hinuͤber trugen, und wie das Antlitz der Welt sich wandelte mit ihren Be- wohnern und ihren Schmerzen — nur diese Wo- gen bruͤllten fort in ewiger Freiheit, und diese Win- de rauschten dahin in ewiger Nacht. Ich ward so klein und einsam! — hinter mir der todte Sand- huͤgel, vor mir das unendliche Meer, und ging meine Fantasie vorwaͤrts, so reichte mir der Ein- wohner von Neufundland zuerst die Bruder- hand. Der Sturm nahm zu, und ich wollte zu- ruͤckkehren, ehe meine Gefaͤhrten mich vermiß- ten, und so sah ich den Strand erst nach einer Stunde wieder, wie das Toben des Windes sich etwas gelegt hatte, um die ruͤckkehrende Fluth zu beobachten. Laͤngs dem Doͤrfchen lag eine lange Reihe Fi- scherbarken auf dem Strande, so lange die Ebbe am niedrigsten stand, von keiner Welle beruͤhrt. Nun fingen die Wellen an ihre Waͤnde zu bespuͤ- len, bald wankten sie unter ihren Schlaͤgen, und nach einer Stunde wiegten sie sich auf dem elasti- schen Elemente. Wir gingen den Strand hinab, und forderten die hoͤher steigende Fluth heraus — fuͤnf und zehn, und zwoͤlf Schritt schlich ich der Welle entgegen, und sah sie heran kommen, an- fangs ganz fern breitete sich nur ein kleiner Schleier von klarem Wasser um meinen Fuß, nun eilte ich und die Welle hinter mir drein, daß ich kaum der Schnellen entrann. Immer beschraͤnkter und schmaͤler ward nach jeder Anfluth der Raum, den die Welle verließ — man sah sie von Weiten nahen, kleine Wellen spielten wie weiße Laͤmmer um die Mutter her, noch schienen die kleinen fern, bis sie ploͤtzlich den Vorwitzigen erreichten, der nicht immer schnell ge- nug fliehen konnte, denn einmal ereilten sie * *, daß er bis an das halbe Bein in der Fluth stand, und indem er den Strand herauf lief, lief die Welle mit, so daß er anscheinend nicht entrann, sondern auf demselben Fleck gefesselt schien. Je tiefer am Boden man hinaus in die Wellen blickt, je furcht- barer bemeistert sich das Bild der Phantasie. Das Meer steigt immer hoͤher und hoͤher, und die schwe- re Brust fuͤhlt es, sich um sie lagern, denn die hohe Woge verbirgt den Himmel, und die Naͤhe der Wasserberge entzieht den letzten Anblick des muͤtterlichen Bodens — den kahlen Strand um uns her. Wir schaͤkerten lange an dem nassen Gestade, lachten uͤber die verworrenen Gestalten, die der noch immer dauernde Sturm unsern Kleidungen gab, suchten Muscheln im Sande, und zaͤhlten die Zeitraͤume, in denen die Wogen am Strand rollten. Ich haͤtte den Abend, trotz dem Sturme, hier zubringen moͤgen, haͤtte sich nicht bald ein Haufen Fischer um uns versammelt, die durch ih- ren elenden Aufzug, durch ihr ungestuͤmes Betteln, durch die Zudringlichkeit, mit der sie uns Meer- muscheln zum Verkauf anboten, uns unertraͤglich belaͤstigten. — Waͤre ich nun auch kein Weib ge- wesen, sondern haͤtte hier in der Unabhaͤngigkeit des Mannes gestanden, so waͤre ich doch nicht einsam geblieben. Lebte ich eine Zeitlang in die- ser Gegend, so braͤchte ich ein paar Naͤchte hier zu, und schlich mich im Mondschein an das Ge- stade. So saß ich einst manche Stunde an dem stillen Neufchateller See, und sah den Mond uͤber den Schneebergen einherwandeln. — Von den Bettlern wirklich verjagt, gingen wir den Strand immer weiter nach Norden hinab, bis sie zuruͤckblieben, einen zerlumpten Knaben aus- genommen, der sich beharrlich vorgesetzt hatte, unser Cicerone zu seyn. So verhaßt mir diese Stoͤrung war, konnte ich doch endlich dem Lachen nicht widerstehen, wie der Bursche unermuͤdlich war, mir alle die Gegenstaͤnde, welche meine Auf- merksamkeit beschaͤftigten, zu erklaͤren. Ich sprach lebhaft mit meinem Gefaͤhrten in seiner Sprache, und zeigte auf das Meer hin, das wir jetzt, in- dem wir die Duͤnen hinan kletterten, weiter uͤber- sahen. Die Gegenstaͤnde auffassend, auf die ich deutete, machten seine Auslegungen mit unserm Gespraͤch einen so barocken Contrast, daß mein Unwille uͤber die Stoͤrung nur von meiner Lach- lust aufgewogen werden konnte. Es war fast sechs Uhr, die Sonne, bereit in die Fluthen zu tauchen, durchbrach noch einmal die Wolken, faͤrbte ihren Weg golden, und die Hoͤhe uͤber sich mit dunkelm tiefen Blau. — Nach Norden und Suͤden thuͤrmten sich schwarze Dunstgebirge. Nun scholl das Gebruͤll des Meers zu uns her, und die Ferne sah aus wie ein Eismeer — ich kann keinen lebendigern Vergleich finden, als die Eismeere der Alpengebuͤrge. Die Bewegung der Wogen ent- geht von Weitem dem Auge, es erblickt nur den weißen Schaum, der jetzt in der Sonne glaͤnzte, und die schwarzen Gewaͤsser, die wie tiefe Spal- ten dazwischen gelagert sind. Dort begrenzen aber himmelansteigende Gebirge den Horizont, hier ruht der Himmel allein auf dem starren Erdball. Nichts trostloser unfruchtbarers kann sich die Ein- bildungskraft erdenken, wie die Seeseite der Duͤ- nen! der niedrigere Theil besteht aus ganz duͤrren grauem Sande, der aus sehr harten, groben Koͤr- nern, ohne Beimischung von Kieseln, aufge- schwemmt ist. Hoͤher hinauf ist ein duͤrres gro- bes Gras in kleinen Buͤscheln angesaͤet, das die- sem todten Sande die ersten Pflanzentheile beimi- schen soll. Es scheint gar nicht abgeschnitten zu werden, denn seine langen, steifen, aͤrmlichen Hal- me waren von keiner Sichel beruͤhrt, vom Sturme auf den duͤrren Boden niedergeworfen worden. Auf dem Ruͤcken der Duͤnen wird das Gras etwas haͤufiger, hie und da bedeckt es beinahe den Bo- den. Mitten in dieser Einoͤde steht ein Telegraph — er gehoͤrt zu der Dekoration des Bildes. Das hoͤlzerne Geruͤst streckt seine kahlen Balken uͤber den Sand, und man blickt, Geheimnisse ahndend, an ihm hinauf. Das unbelebte Holz, das die le- bendige Sprache vertritt, scheint auf einem Augen- blick lebendiger, als das todte Papier, daß wafts a sigh from Indus to the Pose . Wohl wehen Seufzer von diesen Geruͤsten! Gros- ser Gott! welche Masse von Jammer verkuͤndig- ten sie von der Donau bis an die Nordsee! Zwischen Schewelingen und dem Haag sind die Duͤnen schon zu bewachsenen Huͤgeln gediehen, und geben der nahen Landschaft einen, fuͤr diese Gegend, befremdlichen Charakter; ja, es finden sich hie und da laufende Quellen, und in Zorg- fliet, einem Landgute an der Suͤdseite des Weges, hatte ich, seit ich in Holland war, zum erstenmale den Genuß, ein Glas Quellwasser zu trinken. Der Weg von dem Haag nach Delft fuͤhrt durch einen klassischen Boden, fuͤr eine Epoche der hollaͤndischen Geschichte, die von den neuen und alten Dichtern dieses Landes benutzt worden ist. Rechts vom Wege ab, ist die Ebene bei Nusdorp, die Barnwelds Soͤhne ihren Mitverschwornen zum Sammelplatz bestimmten, als sie, ihren Vater zu raͤchen, die Ermordung Morizens von Nassau be- schlossen hatten. Hart am Wege liegt ein Land- gut, das ehedem Olden Barnweld bewohnte. — Es ist immer eine eigene Empfindung, Orte, die man nur mit großen tragischen Begebenheiten zu- gleich nennen hoͤrte, so still vom Lichte der Sonne umflossen, mit allen Ausmahlungen eines behag- lichen Alltaglebens ausstaffirt zu sehen. Im Haag stand ich mit eben diesen Betrachtungen beschaͤf- tigt, auf der Stelle, wo van der Witte, ein Opfer der Volkswuth fiel, die nicht einmal die Form des Gesetzes zu beduͤrfen glaubte. Es gingen Maͤgde mit Gemuͤskoͤrben daruͤber, es spielten Knaben da — freilich wusch des Himmels Re- gen das vergossene Blut von den Steinen, freilich wuͤrde ja das Ohr keine Freudentoͤne aufnehmen koͤnnen, wenn die des Jammers nicht so bald ver- hallten — aber doch laͤchelt man schmerzlich, wenn die Menschen sogar vieles vergessen. — Delft ist ein sehr netter, lebendiger Ort. Ich hielt mich einige Augenblicke bei dem Prinzenhause auf, wo Wilhelm von Oranien ermordet ward. Haͤtte jene Geschichte doch nicht die viele Beimi- schung von Religionseifer! Das ist eine Zuthat, die jede Farbe des Gemaͤhldes unrein macht! Ich fuͤhle nie ein rechtes Zutrauen zu den Leuten, die um das Ueberirdische mit Feuer und Schwerd sich herum schlagen, denn es kann keiner den andern verstehen, weil ein jeder das Ueberirdische ganz aus seinem Gesichtspunkte ansieht. Gilts dann aber den Kirchenglauben, so kann der Tausch, den damals die guten Leute eingingen, der menschli- chen Vernunft nicht so gar glaͤnzend vorkommen. Galt es aber rein weg politische Unabhaͤngigkeit, auch vom Pabste, und zuerst vom Pabste — dann versteht man sich und weiß, wofuͤr sie stritten. Des Olden Barnwelds Proceß hat etwas wahr- haft niederschlagendes durch die Beschuldigung des Arminianismus. Monumente haben mich von jeher sehr ange- zogen — und noch keines hat mich befriedigt. Sie erinnerten mich entweder nicht an den Gegenstand, den sie bedeuteten, oder genuͤgten meiner Vorstel- lung des Gegenstandes gar nicht, oder verletzten meine Empfindung fuͤr Kunst — denn Kunst- geschmack fordert Kenntnisse und Uebungen, die mir fehlen. — Es ist meines Beduͤnkens noch recht schwer, den Plan eines Monuments zu ent- werfen. Privatpersonen verwechseln meistens die Absicht, und wollen vielmehr ihrem Schmerz ein Denkmal setzen, als dem Todten. Mehr als ein- mal sah ich Denkmale, deren Erfindung edel und einfach zur Seele sprach, aber die Inschrift zog mich sogleich von den Hoͤhen der Poesie wieder in das schwuͤle Erdenleben, und statt der Seele ins Empiraͤum zu folgen, bannte sie mich unter die Vettern und Baasen des Todten. — Noch vor wenig Tagen sah ich den Entwurf eines Grab- steins fuͤr zween, in der Bluͤthe des Lebens gestor- bene Schwestern. Es war ein einfacher stehen- der Stein, ganz antik geformt, oben eine Verzie- rung von Mohnhaͤuptern, darunter zwei Sterne — das Bild der Dioskuren, und dann Raum zur In- schrift. Wie besaͤnftigend, wie erhebend! der Mohn, als wahrstes Bild des Todes, diese Ster- ne, das edelste Bild von den Todten, und fuͤr die Lebenden! — Setzte man nun die Namen der Entschlafenen darunter, und deutete an, wer die- sen Stein ihnen weihte — wie ruͤhrend fuͤr jedes Auge, das auf diesem Denkmal ruhte! Aber da soll nun mit vielen Worten stehen, wie, wer, und warum ein jeder Antheil an diesem Denkmal hat mit Namen und Karakter. Und ists nicht natuͤr- lich? — was bedarf denn eines Denkmahls, als unser Schmerz? Bedarfs der Gegenstand desselben fuͤr uns? O, was waͤre der Schmerz, der nicht in Nacht und Licht und Bluͤte und Schnee uͤberall seinen Todten wiederfindet? — Der kalte Stein ist uns nur ein dauernder Schrei des Jammers, er soll andere herbeirufen, daß sie wissen, wie elend wir sind. Also ists Eigennutz, ist Beduͤrfniß der Schwaͤche, ist der Wohlthaten eine, welche uns das gute Schicksal schenkte fuͤr den Erdentraum. Ganz anders ist es mit Denkmalen, die wir dem Todten, abgesehen von uns, setzen. Wir errichten durch sie ein Buͤndniß zwischen ihm und der Nachwelt, und die Denkmale muͤssen ihr sagen, was der Todte der Mitwelt war. Hier darf der Stein reden durch Wort und Bild, ja, es scheint mir ein schoͤner Gedanke, Unternehmun- gen, Staͤdten, Sternen, Blumengeschlechtern, die Namen ihrer Beschuͤtzer, Erbauer, Entdecker, zu geben. Da spricht das Denkmal sich selbst aus. — Es fordert zur Nacheiferung auf, es zeigt den Lohn des Verdienstes. Mit Neugier und Theilnahme suchte ich in der großen Kirche von Delft das Grabmal Wilhelms von Oranien auf. Die Nation setzte es ihrem Helden, und so lange Z Zeit nach seinem Tode, daß die Geschichte schon Zeit hatte, uͤber ihn zu richten. Mir daͤucht, dieser Zeitraum spricht wenigstens so wahr, wie die hun- dert Jahre, die zwischen dem Tod und der Heilig- sprechung nach paͤpstlichem Ausspruch verflossen seyn muͤssen. Die Kirche ist ein schoͤnes, großes Gebaͤude. Kahl, wie alle protestantische Kirchen, und eben so mit gemeinen Stuͤhlen zum gemeinen Sitzort verstellt. Das große Chor ist durch ein Git- ter abgesondert, der Boden deckt lauter Grabge- woͤlbe, an den Mauern sind verschiedene Denk- maͤler und in der Mitte befindet sich Wilhelms von Oranien Grabmal. Auf dem ersten Blick scheint es ein Tempel in dem Tempel. Es ruht in Ge- stalt eines laͤnglichen Vierecks auf porphirnen Saͤu- len, die auf einen grau marmornen Grundstein gesetzt sind, und hat ein grau und weiß marmornes Gesims. An den vier abgestumpften Ecken stehen, zwischen zweien Saͤulen ziemlich unbequem einge- engt, vier bronzene Statuͤen von gleicher Hoͤhe, wie die Saͤulen, vier christliche Tugenden vorstel- lend; an den vier Seiten des Gesimses, so wie auf dem Dom, befinden sich viel Genien und Basre- liefs, recht angenehm angebracht, aber sehr ent- behrlich fuͤr den Eindruck des Ganzen, oder ihn vielmehr verkleinernd. Unter diesem Tempel erblickst du einen grauen, marmornen Sarkophag, auf dem Wilhelm in der gewoͤhnlichen Stellung aͤhnlicher Gestalten des Mittelalters ausgestreckt liegt, nur nicht die Haͤnde gefaltet, sondern an der Seite ausgestreckt, geruͤstet, und zu seinen Fuͤßen sein treuer Hund. Ich wollte, der Ver- theidiger der hollaͤndischen Freiheit faltete lieber die Haͤnde. Wollte man diese kunstwidrige, aber ruͤhren- de Stellung der frommen alten Kunst beibehalten, so haͤtte man auch diese glaͤubigen Haͤnde nicht ver- achten sollen, die den Zuschauer immer so ruͤhrend mit der scheidenden Seele zu Gott hin geleiten. Ohne sie liegt die runde, durch die Hoͤhe des Sar- kophags dem Betrachtenden verkuͤrzte Gestalt, wie im Verdauungsstuͤndchen begriffen, vor ihm, und erweckt weder fromme noch poetische Gedanken. Das Gesicht gegen ihn, zu seinen Fuͤßen, steht, zu allgemeiner Bewunderung nur auf dem einen großen Zehen ruhend, in fliegender Stellung, Fama, der Ruhm, mit der Posaune in der Hand, wie sie eben wieder zu Odem zu kommen sucht. Der Kuͤnstler dachte wohl nicht daran, welche ern- ste Moral darin lag, daß seines Helden Schlaf nun so tief ist, daß ihn der laute Ton der Ruhms- Z 2 trompete selbst, die seinen Schlaf, so lange er auf Erden handelte, so oft stoͤrte, nun nicht mehr un- terbricht. — Nun, sollte man denken, waͤr das Denkmal fertig? Nein, die Hauptsache kommt noch. Zum Haupte des weißen Marmorbildes, auf dem schwarzgrauen Sarkophag, sitzt, der Fa- ma den Ruͤcken zugekehrt — diese Allegorie ent- ging wohl wieder dem Kuͤnstler? — in voller Ruͤ- stung, den Kommandostab auf das Knie gestuͤtzt, abermal Wilhelm — eine schoͤne kraͤftige Gestalt in Lebensgroͤße von Bronze gegossen. Er ragt halb aus dem Tempel heraus und blickt in die Kirche. Jetzt stellt euch das Ganze vor; den unverhaͤlt- nißmaͤßig kleinen Tempel, den Sarkophag mit der Todtengestalt, die ihn ganz ausfuͤllt, und diesen Wilhelm am Eingang, der dem Ganzen den Ruͤk- ken zukehrt, so kann es euch nicht entgehen, daß der bronzene Wilhelm wie ein Kutscher dasitzt, der den marmornen Wilhelm in die Ewigkeit hinein faͤhrt, indeß Fama, hinten aufstehend, die Ab- schiedsvisitenkarten abgiebt. Ich bin mir selbst gram, so einen widrigen Vergleich gefunden zu haben — aber er dringt sich auf, er uͤberraschte meinen Ge- sellschafter als unentfliehbar, und ich beschreibe euch dieses Denkmal so genau, damit ihr euern Ge- schmack reinigt, indem ihr streng dem Einfachen, Wah- ren nachstrebt. Die Arbeit an diesem Kunstwerk scheint vortreflich, das wackere Volk, das nie knik- kerte, wenn es auf Nationalehre ankam, hat keine Kosten gescheut, und der Held, den es der Nachwelt einfuͤhren sollte, hat dieses Denkmal so reichlich ver- dient, daß er keines steinernen Denkmals bedarf. Und nun steht die schoͤne Arbeit da, und muß mir solche fatale Gedanken erregen. In eben dieser Kirche ist ein einfaches, altes Denkmal — ich denke, von Jan Hill, eines Ad- miral; es ist alt und einfaͤltig, aber erfreute mich in seinem alten, frommen Sinne, denn der Todte liegt ruhig da in seiner betenden Stellung, und in dem kleinen Dome, der sich uͤber ihn woͤlbt, haͤngt eine brennende Lampe. Ich denke, sie mag ehemals wirklich da gehangen und gebrannt haben, und das Ganze eine sehr alte Stiftung seyn. Jetzt ist sie auf dem Grund gemalt, machte mir aber noch eine angenehme Taͤuschung. Erasmus Denkmal, rechts von Wilhelm von Oranien seinem, ist ganz neu, aber sehr gewoͤhn- lich — ein Aschenkrug, sein Brustbild en basrelief auf einem runden Schild an die Urne gelehnt, wie auf Briefsiegeln haͤufig zu sehen ist; mir daͤucht, auch ein weinender Genius; das alles von weis- sem Marmor auf einem dunkelgrauen Grunde und mit einer weißen Draperie umgeben — nichts mehr und nichts weniger! — Oben auf der Hoͤhe der abgestumpften Pyramide, welche das Ganze zusammenhaͤlt, waren die Todtenkoͤpfe mit kreuzweis gelegten Beinen nirgend vergessen — diese kunstwidrigen Schreckbilder! — wie ist doch des Menschen Sinn zu dieser barbarischen Vorstel- lung gekommen? Warum ist das Knochenbild mehr Bild des nicht mehr Lebens, als die schlafende Gestalt der Leiche durch alle Veraͤnderungen durch, bis Blumen aus der Asche keimen? — Wer hat je die Wirkung des legalisirten und autorisirten Todesschreckens in den letzten Jahrtausenden be- rechnet? In der zweiten Kirche sah ich ein Denkmal des Admirals Tranp, das seine Gebeine deckt. Es stellte, so wie Hill und Wilhelm seines, nichts Historisches dar, sondern einige Allegorien, Bas- reliefs, Trophaͤen und Todtenkoͤpfe, und an der Vorderseite des Sarkophags die Schlacht, wo er gegen Albemarl sein Leben verlor. Daß Schiffe und Kanonenschuͤsse und Meereswogen kein Gegen- stand des Meissels sind, bedarf wohl keiner Be- merkung — und mehr kann ich euch von keinem der andern Denkmale sagen — sie erregen mir nur unangenehme Empfindungen; mein Gefuͤhl fuͤr Verdienst, Ruhm und Kunst ist gleich wenig befriedigt. Von Delft naͤher gegen Rotterdam wird das Land linker Hand sehr widrig. Man uͤbersieht un- geheure Torfstechereien, die nun unter Wasser ste- hen — hie und da tritt ein schwarzer, keimloser Boden heraus, zuweilen kleine Strecken uͤber- schwemmter Wiesen, deren Halme durch das Was- ser schimmern. — Der Himmel hatte sich um- woͤlkt, die Landschaft hat etwas unendlich truͤbes! Auf Erden der vom truͤgerischen Elemente ver- schlungene Boden, und uͤber ihm die schwankenden Wolkengestalten, die sich chaotisch mit dem truͤben Gewaͤsser vermischen. Ich eilte von dieser phantastischen Ansicht zu der … technischen, und ließ mir eine neu angelegte Schleuse zeigen, die in den Leck, der uns stets zur linken Hand floß, die Gewaͤsser des naͤchsten Torf- moors ausleert, denn hier waren schon ein paar Muͤh- len gebaut, und in vollem Gange, und in den naͤch- sten zwei Jahren versprach man mir Weideland, wo jetzt das oͤde Wasser seine stinkenden Duͤnste aushauchte. Hiersollten nun Graͤben gezogen und Polder eingedeicht werden, und mit dieser erhei- ternden Aussicht beschaͤftigt, nahte ich mich Rot- terdam. Ich wollte, ihr saͤhet Rotterdam. Wenn die Menschenwerke so konsequent groß sind, daß ihr Anblick an den Goͤtterfunken mahnt, der sie er- schuf, so machen sie einen sehr schoͤnen Eindruck. Diese Stadt ist fuͤr den Handel geschaffen — das sagt der erste Blick, und alle naͤhere Betrachtun- gen bestaͤtigen es. Die breiten Kanaͤle, allenthal- ben mit Quadersteinen eingefaßt, sind in vielen Straßen mit hohen Baͤumen bepflanzt, neben de- nen breite Wege hergehen, und feste, schoͤn ge- mauerte Haͤuser umgeben sie. Auf den Kanaͤlen, die des nahen Stromes wegen ein viel bewegteres Wasser haben, als in Amsterdam, liegen unzaͤh- lige Schiffe aller Nationen, und vor den schoͤnen Haͤusern erblickt man durch die freundlichen Zwei- ge der Buchen und Linden Dreimaster und Ostin- dienfahrer, und hoͤrt die verschiedensten Zungen re- den, auf den wandelnden Wohnungen, die hier auf eine Zeitlang Ansassen geworden scheinen. Die Gewohnheit macht, daß man die Schiffe der verschiedenen Nationen sogleich an der Bauart er- kennt, und so sieht man heut einen Nachbar fort- segeln, der sein Haus nach Tornea fuͤhrt, und mor- gen fruͤh steht vielieicht ein Nachbar, der vor sechs Wochen im Tajo wohnte, und einem andern die Hand bietet, der so eben von dem Voͤlker scheiden- den Rheinstrom anlangte. Was ist dieses Men- schenvereinen fuͤr eine schoͤne Seite des Handels! — Daß dieser Trieb beides so grausam in sich ver- binden muß, dieses Aufsuchen der fernsten Na- tionen, weil die Natur ihre Guͤter weise uͤber den Erdball vertheilte, und das starre Vereinzeln, weil der Eigennutz allein am mehrsten zu besitzen waͤhnt. Wenn dieser Anblick in dem jetzigen ungluͤckli- chen Augenblick, wo aller Handel gelaͤhmt ist, so reich und mannichfaltig ist, was muß er erst in ruhigen Zeiten seyn? besonders der des Hafens. Die Maas ist hier ein breites majestaͤtisches Ge- waͤsser, das die schwersten Schiffe in die Kanaͤle einfuͤhrt — der Hafen von Amsterdam erlaubt das bekanntlich nicht, sie muͤssen an dem Pampus er- leichtert werden, weil er zu seicht ist, geladene Schiffe zu tragen. — Die gegenuͤber liegenden Ufer haben nichts ausgezeichnetes, sie sind meist mit Buschwerk geziert, aber so niedrig, daß sie nur die Thurmspitzen der nahgelegenen Orte zei- gen; doch das Leben nah um mich her machte das Ferne verschwinden. Es wehte ein bitter kalter Nordost, bei dem dennoch viele Fahrzeuge den Strom herab, meistens in den Hafen einsegelten. Die Schnelligkeit der Bewegung, die Gewalt, mit welcher das Wasser au den Kiel hinauf gepeitscht ward, die Kunst, mit der das Steuerruder die Stroͤmung zu gewinnen weiß, und das maͤchtige Element uͤberlistend, schnell ihm zum Trotz unter den Schutz des Steindammes einlaͤuft — das ist ein herrlicher Anblick! — und wie neugierig der muͤßige Zuschauer nun die Ankoͤmmlinge mustert, wie erwartend der Geschaͤfts- und Handelsmann au den Quai tritt, und in seiner Kunstsprache Nach- richten einsammelt — natuͤrlich sah ich jetzt nur Fahrzeuge, welche den Fluß herab kamen, wie muß das Schauspiel nicht an Interesse gewinnen, wenn das Meer offen ist. Ich sah ein Schiff an- landen, das Reisende nebst ihren Reisewagen fuͤhr- te, und beobachtete mit Vergnuͤgen, mit welcher Leichtigkeit der Wagen aus dem Schiff heraus ge- wunden ward, auf die Anfahrt. Dieses Geschaͤft kostete nicht die mindeste Anstrengung, er hob sich, und stand auf dem Quai, der doch wohl an die 7 oder 8 Fuß hoͤher, wie das Verdeck des Schiffes war, so sanft, daß ich ganz sorglos darin sitzen bleiben wuͤrde, wenn ich auf diese Weise in Rot- terdam ankaͤm. Zwischen den vielen Fahrzeugen mit zwei und drei Segeln, die den Strom herab fuhren, lavirten auch einige gegen den Wind, um an das entgegengesetzte Ufer zu gelangen — der Anblick ist druͤckend; es scheint bei jeder Wendung als wuͤrf die Welle das Schiff weiter zuruͤck, wie es vorgedrungen ist — es ward mir Bild des Le- bens, ich sah mit banger Seele dahin. Einen Au- genblick fangen die Segel den Wind auf, die Barke ruͤckt in einer aͤngstlich gesenkten Richtung schnell fort — dann wendet sie sich, die Segel fallen muthlos zusammen, sie flattern zitternd in dem Winde, der Strom treibt das Fahrzeug im Kreise — und mit muͤhseliger Arbeit gibt ihm der Steuer- mann die Richtung wieder, mit der es fortkaͤm- pfen kann, gegen die Stuͤrme des Himmels. Zwischen den schwankenden Schiffen und den schwellenden hohen Segeln kreuzten dann wieder mit unglaublicher Schnelligkeit kleine Kaͤhne, auf denen nur ein Mann mit zwei Rudern arbeitend, Wasser und Wind zu spotten schien. Der Mensch scheint mit dem Kahne eins zu seyn, und machte mirs recht lebhaft, wie die Maͤhrchen von den See- jungfern und Seemaͤnnern entstanden seyn muͤs- sen — denn denken wir uns noch kleinere Fahr- zeug, so muͤssen sie von Menschen, die den Anblick dieser schnellen Bewegungen nicht gewohnt sind, wie Fischschwaͤnze, und das Ganze wie Meerun- geheuer, beschrieben worden seyn. Links von dem Hafen ist das Schiffswerft und das Arsenal — ein schoͤnes etwas hochliegendes Gebaͤude, daneben die Stuͤckgießerei. — Es war ein Schiff von vier und neunzig Kanonen auf dem Stapel, das hier viel ungeheurer aussah, wie die, welche ich in Amsterdam in der Arbeit begriffen sah. Dort oͤffnet sich das Ufer gegen das weite unabsehlige Y. Dort war das Schiff schon in See gelassen, und obschon am Ufer befestigt, hatte es doch hinter und vor sich einen so weiten Raum, daß kein Vergleichspunkt seine Groͤße beurtheilen ließ. Hier ist das Wasserbecken, woran die Docke liegt, beschraͤnkt, das nahe Arsenal mit seinem ern- sten hohen Gemaͤuer, die umliegenden Gebaͤude alle, deren Hoͤhe und Groͤße zu messen auch des Binnenlaͤnders Auge gewohnt ist, geben uns einen Begriff von der Groͤße des Schiffes, wenn es in seiner ganzen Hoͤhe auf dem Ufer liegt. Das Werk kam mir jetzt riesenmaͤßig vor. Es war bis auf das obere Verdeck vollendet, hatte also seine ganze Hoͤhe — ein Schlagregen, den wir diesen Morgen schon gehabt hatten, hatte dieses unge- heure Holzgebaͤude dunkel gefaͤrbt, und in seiner schraͤgen Stellung gegen das Bassin, sah es von der naͤchsten Kanalsbruͤcke wie ein Theil des Arse- nals aus, der durch ein Erdbeben abgerissen, und gegen die Tiefe gesenkt waͤre. Die Anzahl neu- gegossener Kanonen, die hier in langen Reihen bis auf eine weite Strecke neben einander lagen, schien mir unzaͤhlbar. Lavetten, Tauwerk, Anker waren aufgehaͤuft auf beiden Seiten, daß ich mich wie in ein Labyrinth in den Zwischenraͤumen ver- lohr, und wohl begriff, daß das Kriegsschiff, was vorige Woche neugebaut die Maas herabsegelte, und das, was jetzt seiner Vollendung nahe war, so wie ein drittes, das so eben auf die Docke ge- bracht wurde, diese Vorraͤthe kaum anbraͤche, viel- weniger verminderte. Wenn wir Binnenlaͤnder von unsern sparsamen schlaͤfrigen Flußfahrten hie- her kommen, fangen wir an, die jetzige Niederge- schlagenheit der seehandelnden Nationen zu begrei- fen. — Die vielen hundert Fahrzeuge, die jetzt hier vor Anker liegen, sind gezwungen, da sie haͤt- ten in Friedenszeiten schon vielmals mit andern Hunderten abgewechselt — welche Stockung muß dieses durch alle Gewerbe verbreiten! Diese schmerz- liche Betrachtung fuͤhrt dann wieder zur erfreuli- chen von den Huͤlfsquellen, die einem kultivirten, durch Gesetze geregelten Volke zu Gebote stehen. Ohne Zweifel verarmen die Menschen, allein sie warten doch, und im Warten entstehen wieder Mittel zum warten. Denken wir uns einen Ha- fen oder Handelsort der Levante unter aͤhnlichem Drucke — was wuͤrde aus so einer Stadt und ih- ren Bewohnern? Wohl mag die Verarmung man- chen hier demoralisiren, aber die Beschraͤnkung be- lebt auch aufs neue manches sittliche Gute, und der Charakter dieses braven Volks, so wie die Zuͤge, die ich aufsammelte, muͤsten mich truͤgen, oder dem groͤßern Theil der Hollaͤnder entstehen aus ihrer ungluͤcklichen Lage noch die sittlichen Vor- theile der Beschraͤnkung. Diese gebiert dann ein Zusammenhalten von Kraft, die in bessern Zeiten den Wohlstand schnell wieder herstellen kann. Der lange Quai vom Hafen laͤngs der Maas, wuͤrde der von mir vorgezogene Theil der Stadt seyn. — Er ist in einer Laͤnge von einer halben Stunde mit lauter schoͤnen Haͤusern besetzt, von denen einige Pallaͤste genannt werden koͤnnen, so wie das Haus der ostindischen Compagnie, einige englische Handelshaͤuser, und eine Synagoge. Die Aussicht auf die Maas ist von nichts beschraͤnkt, denn der Quai ist so breit, daß man aus den Haͤu- sern uͤber die Baͤume, womit er bepflanzt ist, hin- wegsieht, und diese den Fußgaͤnger doch vor dem Winde schuͤtzen. Diese Gegend leidet nicht von dem Geraͤusch, welches die Schifffahrt auf den Kanaͤlen mit sich bringt, sie hat eine herrliche reine Luft, und den Anblick der segelnden Schiffe, die unaufhoͤrlich Strom auf Strom ab gehen. Die Boͤrse ist ebenfalls ein schoͤnes Gebaͤude von ge- hauenen Steinen, inwendig mit einer hohen offenen Gallerie, die auf viereckigen Saͤulen von schoͤnem Ebenmaße ruht. Die Form des Gebaͤudes ist eben so wie in Amsterdam, aber an Schoͤnheit und Groͤße der Bauart laͤßt es die Boͤrse von Amster- dam weit zuruͤck. Ich wanderte kreuz und quer durch die Stadt, und fand mehr Leben und Bewegung hier als in irgend einem Orte, den ich in diesem Lande sah. Die Kaufladen der Obst- und Blumenhaͤndler wa- ren hier nicht so reichlich versehen, noch so schoͤn ausgeschmuͤckt, wie in der Hauptstadt — dennoch gab mir, in der weit fortgeruͤckten Jahreszeit der Anblick eines großen Platzes voll bluͤhender Stau- den eine große Freude. Das Volk ist hier, wie in ganz Holland sehr gut gekleidet, aber die Bett- ler sind auch hier, so wie in ganz Holland, die zerlumptesten, die ich je sah. Der Anblick ihres Schmutzes und ihrer Bloͤße hat etwas Schauder- volles, das sie von der uͤbrigen Menschheit auszu- schließen scheint. Wenn man bei dem Anblick ei- nes solchen graubleichen Angesichts mit stieren Au- gen und rauher Stimme denkt, daß dieser Mensch vom Ungluͤck der Zeiten in diese Lage gebracht ward, so blickt man angstvoll zu den Bewohnern der nahen Pallaͤste auf, und sehnt sich in die nie- dern Huͤtten des Landmanns, wo die Armuth nie ihre Pfeile in das Gift peinigender Erinnerung an Ueppigkeit taucht. Auf meinen Wanderungen kam ich auch auf den Platz, wo Erasmus Bildsaͤule errichtet ist. Dieser Mann in seiner Moͤnchskutte und den ecki- gen Hut oder Barett auf dem Haupte, ist kein Gegenstand der plastischen Kunst. Es freut mich, daß sein Andenken geehrt ist, aber an der Erhal- tung dieser Gestalt liegt mir wenig. Man hat bei manchen Kalender-Verbesserun- gen und Veraͤnderungen, die den Heiligen geweih- ten Tage auf verschiedene Weise benutzen wollen. Mauche Monumente von Menschen, die der Ge- schichte angehoͤren, sey es der allgemeinen oder eines Volkes, einer Stadt oder Dorfes, haben mich auf den Wunsch gebracht, daß man die alten Namen doch ungestoͤrt lassen moͤchte, aber an ih- ren Tagen dem Volke etwas von ihren Namens- vettern erzaͤhlen moͤchte, die auf die Welt gewirkt haben. — Die Mordpredigt in Oudewater, die ich im August hoͤrte, koͤnnte zu dieser Meinung fuͤh- ren, wenn ich gleich nicht wuͤnschte, daß sie zum Beispiel diente. Die Moral wuͤrde allenthalben leicht zu finden seyn, und der Unterricht, welcher dem Volke dadurch zu Theil wuͤrde, koͤnnte sie als Menschen und als Buͤrger vielleicht inniger ver- binden, wie manche der Vortraͤge, die sie jetzt in den Kirchen vorlesen hoͤren. — Wie aufmerksam das Volk eine solche aus geschichtlichen Darstel- lungen gezogne Sitten- und Tugendlehre auffaßt, lehret uns die genaue Bekanntschaft, welche das katholische Volk mit seinen Legenden hat. Wie diese frommen Geschichten zuerst erzaͤhlt worden, mußten sie den groͤßten Enthusiasmus bewirken, A a noch jetzt beruht auf ihnen viel Gutes und From- mes unter unserm Volke — ließe sich denn dieses Mittel, die Herzen zu bilden, nicht benutzen? Erasmus wuͤrde sich am wenigsten wundern, daß gerade der Anblick seiner Bildsaͤule diese Ideen in mir erregte. Er wuͤnschte ja auch die sanften Uebergaͤuge, und wollte lieber verbessern, als ab- schaffen. Vierzehnter Abschnitt . I n Gouda sah ich die Pfeifenfabriken, die mir Freude machten, von denen ich euch aber nichts sage, weil ihr Beschreibungen davon lesen koͤnnt in allen technischen Buͤchern; leset sie aber auch, denn die mechanischen Kunstgriffe bei dieser Arbeit sind sehr huͤbsch. Mit so einer irdenen, langen, wohlverzierten Pfeife zu rauchen, scheint mir die wahre Ode des Rauchens zu seyn, die persische Pfeife ist die Epopee. — Man koͤnnte die Gattun- gen sehr vervielfaͤltigen, denn die kurze, kleine Pfeife der Soldaten und Tageloͤhner verdient ge- wiß den Rang der Knittelverse und Inprovisato- ren, unter denen oft einzelne Koͤrnlein des Schoͤn- sten aus allen Gattungen mit unter vorkommen, den Ulmer Pfeifenkopf weiß ich in keine Dichtart zu ordnen, seine unpoetische Form eignet ihn nur zum Sinnbild der plattesten Prosa. Man hatte mich sehr ermahnt, die Kirche zu besuchen, die ihrer schoͤnen gemahlten Fenster we- A a 2 gen beruͤhmt ist. Diese Mahlerei ist nicht meine Sache als Kunst, und mir verhaßt, weil sie das klare Himmelslicht faͤrbt, das mir nie unmittel- bar genug zukommen kann. — Ich trat also mit einem Bischen Laune in die Kirche, sie machte aber bald der Billigkeit Platz. Ich weiß nicht, ob man etwas schoͤneres von Glasmahlerei sehen kann? Mir schien dieses das schoͤnste, was ich in mancher alten Kirche aufgesucht hatte. Die Schei- ben sind alle vollstaͤndig, und jedes Fenster ent- haͤlt noch obendrein das Wappen des Schenkers; denn diese Gemaͤhlde sind alle fromme Stiftungen einzelner Buͤrger der Republik. Die Darstellun- gen sind meistens biblisch, oder doch aus der Kir- chengeschichte, es laufen sogar einige Wunder mit- unter, welche in die katholische Kirche gehoͤren, aber hier unschuldigerweise das Buͤrgerrecht erwor- ben haben. Die Anordnung der Figuren ist ganz so steif und erdruͤckend, wie es die Art der Dar- stellung und ihr Zeitalter mit sich bringt; die Koͤ- pfe stehen schaarenweise auf einem Plan, und des Koͤnigs Salomon Thron ruht felsenfest auf seiner Minister Glazen. Die Gewande sind ganz im Style des Mittelalters, und an keiner Figur auf- ser dem Gesicht und den Fingerspitzen ein nackter Theil zu sehen, es sey denn ein unentbehrlicher krebsrother Kriegsknecht, wo es um des Glau- bens willen irgend einen Acte de rigeur bedarf. Als Kunststudium muͤssen diese Darstellungen einen merkwuͤrdigen Werth haben, mir Layen konnten sie gar kein Vergnuͤgen gewaͤhren, als das der Far- ben — dieses genoß ich aber auch wie ein Kind. Kein froͤhlicheres Lichtspiel muß es geben, wie das Blau, das Violett, das lachende Gruͤn! Es ist ein Zauber mit dem man im mystischen Verkehr steht, denn die Vernunft sieht ganz dumm aus, daß das Herz so leicht sich bewegt bei den bunten Strahlen des innig reinen farbenlosen Lichtes. Das Blau ist uͤber alles schoͤn, und bei architektonischen Verzierungen muͤßten sich diese Glaͤser auch zu modernem Gebrauche eignen. Verschiedene der Fenster stellen Saͤulen dar, auch Portale, zwischen denen der Himmel hervorblickt — so herrlich, so strahlend, daß es war, als muͤßte man die wir- belnden Lerchen darin hoͤren. Und es war draus- sen eben ein wolkiger Himmel, aus dem nur sel- ten die Sonne hervorbrach — dann war aber der Glanz der Farben dem Auge so schmerzhaft, daß ich die meinigen abwaͤrts wandte, und mich an ihrem Widerschein auf dem Kirchenboden freute — da mahlten sie in mattem Schimmer sanfte Tin- ten auf die grauen Grabsteine. Das thut ja der Widerschein des Himmelslichtes auf allen Graͤ- bern. — Ich hatte einen hollaͤndischen Katalog, oder Beschreibung jedes der Fenster mitgenommen, konnte also des Fuͤhrers entbehren, welcher sonst Fremde begleitet. Da mir die Geschichten jedes Feusters wenig Interesse einfloͤßten, hatte ich mich gar nicht um sie bekuͤmmert, bis ich eine wunder- bare Stimme erschallen hoͤrte, die von diesem, von mir vernachlaͤßigten Fuͤhrer, herruͤhrte, der ein halbes Dutzend wißbegierige Fremde umherleitete. Der Mensch, eine lange, knochigte, breite Gestalt mit rabenschwarzer Stutzperuͤcke, hielt in der einen Hand das Buͤchlein, in der andern ein langes Rohr mit silbernem Knopf, mit dem er auf die jedesmalige Darstellung deutete, und dessen Bewe- gung die Augen der Fremden erstaunt und hinstar- rend folgten. Es sollten Juden seyn, wie man mir sagte, und das mischte eine wunderliche Em- pfindung von wehmuͤthigem Staunen in meine Lustigkeit uͤber die Macht, mit der die gesellschaft- lichen Verhaͤltnisse, die lebhaftesten Gefuͤhle ban- nen, so daß diese Juden das Sanhedrin, und den Herodes, Gethsemane und die Hirten an der Krip- pe sich vordemonstriren ließen, wobei es die Be- schreibung an derben Abzeichnungen ihres Volks nicht fehlen ließ. Mein hollaͤndischer Cicerone sprach seine Erklaͤrung in einem harten Leierton, der auf meine Ohren bald die Wirkung von dem Geklapper einer Muͤhle hatte; allein sein Geist konnte sich innerhalb des engen Raums seiner ge- druckten Beschreibung nicht beschraͤnken lassen, son- dern durchbrach die Schranken sehr oft in einem, um ein paar Oktav hoͤhern, Ton und viel schnel- lern Takt, indem er eigne Bemerkungen und Nutz- anwendungen hinzufuͤgte. Hatte er diesem Dran- ge genuͤgt, so klapperte die Muͤhle seiner histori- schen Beschreibung wieder fort, bis ein neuer Zu- satz die Schuͤtte vorzuschieben gebot. Die Stimme dieses Menschen in der weiten widerhallenden Kir- che machte den possirlichsten Eindruck von der Welt! Ich haͤtte mich nicht von ihr trennen koͤn- nen, bis er am Ende seines Buchs war, sondern folgte ihn mit sehr glaͤubig ernstem Gesicht. An- fangs schien er mich mit unwilliger Geringschaͤtzung zu betrachten, weil er es wohl mochte wahrgenom- men haben, wie ich mit frechem Vorwitz meiner eigenen Einsicht trauend, dieses sein Reich und Erbtheil habe durchwandeln wollen. Meine Auf- merksamkeit versoͤhnte aber nach und nach seinen Zorn, und er forderte durch eine ausdrucksvolle Schwenkung seines Stabes meine Blicke auf, sei- nem Winke zu folgen. Die Posse wurde durch die Ankunft des Orga- nisten unterbrochen, den wir hatten bitten lassen, die Orgel zu spielen. Dieses Instrument ist erst vor einer Reihe Jahre gebaut, und seiner Schoͤnheit wegen beruͤhmt. Vor der mystischen Harmonie seiner Toͤne sanken die Gaukeleien, die mich so eben zerstreuet hatten, in Staub, und mein Gemuͤth fuͤllte sich mit dem Vergangenen, das so schnell zum Unendlichen uͤbergeht. Die Legende schreibt die Erfindung der Orgel einer Heiligen zu, und einer der schoͤnsten Heiligen, der auch Raphael die jungfraͤulichste Stirne gab, welche ich je sah. Ich finde es billig, diesen himmelverwandten Toͤnen einen solchen Ursprung zu geben. Lange hoͤrte ich ihnen zu am andern Ende der Kirche, wo ich mei- ner Ruͤhrung freien Lauf lassen konnte. Eine lebhafte Fantasie bezeichnet, wie mir meine Erfahrung beweist, jeden Gegenstand nach dem Moment, wo er den lebhaftesten Eindruck auf sie machte, und jedes Mal, das er ihr nach- her erscheint, ruft er, so gleichguͤltig er an und vor sich seyn moͤchte, jenen Moment und mit ihm fern oder naͤher zusammenhaͤngende Umstaͤnde zu- ruͤck. Oft sind solche Gegenstaͤnde so geringfuͤgig, daß die Anregung der Ideen und ihr Uebergang unserm Bewußtseyn entwischt, und daber entsteht wohl die Erscheinung in unsrer Seele, daß zuwei- len ohne alle scheinbare Veranlassung Bilder der Vergangenheit mit den lebendigsten Farben vor un- sere Seele treten, ohne daß wir entdecken koͤnnen, was sie herbei fuͤhrte. Gewohnte Aufmerksamkeit auf uns selbst, oft auch Zufall, lehrt sie uns zu- weilen entdecken, noch oͤfter mag das Raͤthsel, in unserm Innern verborgen, sich an dem geheimniß- vollen Gang unserer naͤchtlichen Traͤume anreihen. So war ich letzthin in einem kleinen Dorfkramla- den und suchte Band, meine Schuhe zu binden — ploͤtzlich trat das Sterbezimmer und die Leichenge- stalt einer lieben Freundin, die vor 25 Jahren in mei- nen Armen starb, die ich ankleiden und zum letzten Ruhebett bereiten half, so lebhaft vor meine Augen, daß ich zerstreut den kleinen Kram betrachtete, meine Freundinnen schwatzen ließ, und nach einer guten Weile von ihnen aufgefordert ward, einen Han- del abzuschließen. Ich trat also wieder an den Tisch und schob die Baͤnder zuruͤck, die ich, weil sie von Wolle waren, nicht brauchen konnte. In- dem erblickte ich unter ihnen ein blaues Band, das ich seiner lebhaften Farbe wegen vorher aufge- wickelt hatte, und ploͤtzlich fiel mir ein, daß ich mit eben solchem Gustels Todtenkleid zusammenge- heftet hatte. — In * * war ein Polizeigesetz, den Todten nur wollene Baͤnder ins Grab zu ge- ben; mochte es den Luxus mindern, oder die Wol- lenfabriken beguͤnstigen sollen. — Nun entdeckte ich die Entstehung meiner lebhaften Erinnerung an Gustchens Sterbezimmer durch den Anblick und das Beruͤhren jenes wollenen Bandes. Wie oft kann ein Lichtstrahl, ein Geraͤusch oder Geruch eben so wirken — — der je die Bahre seines Ge- liebtesten mit Rosen schmuͤckte, ist fuͤr den die Rose je wieder etwas anderes, als ein Auferstehungs- bild? — und der je die Orgeltoͤne beim Requiem seines liebsten Todten hoͤrte — kann der sie hoͤren, ohne sich ganz in jenen Augenblick zu versetzen? So saß ich jetzt im fernen Westen allein in der kah- len protestantischen Kirche von Gouda, und sahe die Flammen der gelben Kerzen vor mir stehen, und die Priester das schwarze Kreuz aufheben, und die Weihrauchwolken uͤber den schwarz behangenen Sarg emporsteigen, und empfand noch einmal die Vernichtung in Schmerz, die wie die hoͤchste Ent- zuͤckung der Freude hoch uͤber die Erde empor hebt. — Die Harmonie schwieg und ich folgte meinen Begleitern auf die Orgel, um das Kunstwerk naͤ- her zu betrachten. Ich fand im Organisten einen Greis von acht und siebenzig Jahren, ein Gesicht voll himmlischer Ruhe und Heiterkeit, mit blauen klaren Augen, die noch von Freundlichkeit strahl- ten, obgleich ihnen das Licht des Tages fast erlo- schen war, und sie die Noten nicht mehr erkann- ten. Seit sechzig Jahren, erzaͤhlte er, spiele er in dieser Kirche die Orgel; er beduͤrfe der Noten nicht, denn alle die Gesaͤnge seyen in seinem Her- zen, und er lerne noch jetzt neue nach dem Gehoͤr. — Sechzig Jahre lang mit diesen ruͤhrenden Weisen die Herzen erweckt, die Herzen beruhigt zu haben! sechzig Jahre mit dem besten, in dem Gemuͤthe so vieler, vieler Tausende, mit Schmerz und Andacht in unsichtbarem Verkehr gestanden seyn! — Mei- ne Theilnahme und Freude und meine nicht zu verbergende Ruͤhrung machten den heitern Greis ganz vertraut — ich bat ihn um Chorale, und er spielte mir meine liebsten: Befiehl du deine We- ge ꝛc. und Was Gott thut ꝛc. und Herzliebster Je- su ꝛc. — und seine klaren Augen, die keine Note mehr suchten, blickten dabei gen Himmel, als er- kennten sie das Land deutlicher, an dessen unbe- kanntem Ufer nun sein kleines Lebensschiff so nahe hingleitete. Koͤnnte ich euch doch an die ganze herrliche Stelle aus Gray verweisen, die also endigt: Still war ihr Lebensweg und dem Geraͤusch entlegen, Zufrieden wallten sie auf ihren stillen Wegen. Ich dachte mir, wie bald dieser liebe Greis wenige Schritte von diesem Platz, fuͤr den er sein langes Leben lebte, in der stillen Gruft ruhen wuͤrde, und diese Melodien uͤber ihn forttoͤnen wuͤrden, wenn sein Staub schon lange mit den belebenden Elemen- ten wieder vereint waͤre. Er sprach so heiter von diesem nahen Zeitpunkt, daß ich mit inniger Liebe wie von einem frohen Sterbenden von ihm Abschied nahm. — Wunderbare Menschenseele! — in die- sem einen Moment fanden sich nun dieses Greises Seele und die meine beisammen, empfanden in einem Gebet, dachten siegjauchzend vereint den be- freienden Tod — er, der nie die stillen Wasser des Lecks verließ, ich, die ein wunderbares Schick- sal von Land zu Land fuͤhrte — und vor und nach diesem einen Moment beruͤhrten sich nie unsre Wesen. Vor der Thuͤr zur Orgel entdeckten wir ein Ge- maͤlde, das einen bessern Platz verdiente, das ei- nen Platz verdiente, wo es die Augen erfreuen und die Kunstliebenden unterrichten koͤnnte. Die Kir- chendiener wußten nicht recht, woher es sey; es habe irgendwo im Rathhause gehangen, und weil es dort an Platz fehle, sey es hierher gebracht. Das Kostuͤm war aus den Zeiten des Muͤnsterschen Friedens; es stellte fuͤnf Maͤnner vor, von denen drei Ritter und zween Geistliche an einem Tisch mit Gespraͤch beschaͤftigt schienen. Eine Gruppe der lebendigsten Gestalten in Lebensgroͤße, von welchen die vorderste, wie es schien, die Haupt- gestalt, nie wieder aus meiner Fantasie schwinden wird. Es war die einzige sitzende, ein bluͤhender Mann, der, vom Gemaͤlde absehend, mit uͤber- einandergeschlagenen Beinen, einen Arm uͤber die Stullehne gelegt, mit einer feinen Sicherheit im Blick aussieht, als sey er seiner Sache mit den andern gewiß. Er ist aber dennoch sinnend mit ihnen beschaͤftigt, indeß der Ritter zur Rechten mit ihm zu sprechen scheint, der zur Linken aber jenem auf die Rede sieht. Die beiden hintern geistlichen Figuren scheinen aufmerksam zuzuhoͤren, zugleich aber mit etwas beschaͤftigt, das ich fuͤr eine Rolle Papiere hielt — das unguͤnstige Licht verhinderte mich, diesen Theil des Gemaͤldes genau zu sehen. Aber mein vorderer Ritter genuͤgte mir mit seinem edeln Kopf und lichtbraun lockigem Haar, schoͤnen scharfgezeichneten Augenbraunen, und einem Blick, dessen Blitzen sein Wille hinderte, wie ein gewisser Zug am Munde bezeichnete, der Selbstbewachung ausdruͤckte. Ein schoͤnes Gesicht! Eine blaue seidne Bandouliere zieht das Auge auf die elegante Gestalt. — Ob das Bild meisterhaft gemalt ist, weiß ich nicht zu beurtheilen, aber daß es die leb- hafteste Theilnahme erweckt, empfand ich, und bezeugt mir das Erstaunen meiner Begleiter, so ein Bild in diesem unbesuchten Winkel zu finden. Meines Ritters Kopf und Gestalt waͤre das Ideal zu Goͤthe’s Egmont — nicht zu dem, dessen Vater- und Gattensorge uns einen druͤckenden Schmerz zuruͤcklaͤßt, nachdem Alba’s Beil seinem Geiste eine reinere Freiheit gab, als die er fuͤr sein Volk zu erringen vermeinte. Funfzehnter Abschnitt . Auf der Ruͤckreise nach Mainz. Im Oktober. D ie Blaͤtter faͤrbten sich, die Sonne sinkt schon fruͤh in Westen nieder, der weite Weg, der mich von Euch trennt, scheint mir abschreckend, wenn ich ihn zu betreten gedenke, und nicht der Aufmerk- samkeit werth, wenn ich mich erinnere, daß er mich zu Euch fuͤhrt, daß ich an den Ufern Eures stillen Flusses einen Theil meiner langentbehrten Lieben wieder um mich her versammelt soll sehen. So schmerzlich es mir denn auch war, * * und meine liebenswuͤrdigen Gastfreunde zu verlassen, so trat ich den 19ten Oktober doch freudig meine Ruͤckreise an. Ich verließ Holland mit einer leb- haften Empfindung von Theilnahme, Achtung und Sorge. Die Verhaͤltnisse dieses Volkes koͤn- nen nicht bleiben, wie sie sind, und jetzt schon vergiften sie die Moralitaͤt desselben, sie werden sich aͤndern, und nicht zum Besten der Moralitaͤt, denn diese beruht auf Wohlhabenheit. Aus ihr entstand sie, das Volk wird arm werden, und sie wird mit ihr sinken. Der Gedanke ergreift mich mit Wehmuth, ich moͤchte mir seinen Wahn er- weisen, und kann es nicht. — Andere Nationen erlitten auch furchtbare Er- schuͤtterungen, ihre ganze Verfassung ward umge- kehrt, alle ihre Ansichten veraͤndert, aber es war etwas in ihnen, das die Grundlage ihres Wesens erhielt. Dem Franzosen blieb Enthusiasmus fuͤr Ehre und Ruhm; dem Deutschen blieb Wissen- schaft; dem Britten bleibt einst Achtung fuͤr das Gesetz. — Warum doch, da ich in diesem Lande so vieles fand, das meine Bewunderung erregte, so viele kennen lernte, die meine Achtung erwar- ben, dringt sich mir die Sorge auf, daß dessen Bewohner mit ihrem Gelde alles verlieren wer- den? — Ich durchreiste dieselbe Gegend, die ich im Juli besuchte. An der Waal arbeitete man noch an der Wiederherstellung der Daͤmme; viele der Haͤuser, die ich vor drei Monaten anfangen sah, waren jetzt vollendet, und scheinen noch vor dem Winter bewohnt werden zu sollen. Wir setzten diesesmal nicht bei Rhenen, sondern bei Cuilen- burg uͤber den Rhein, der hier sehr breit ist, und zwar auf dem groͤßten Floß, oder fliegenden Bruͤk- ke, die ich noch sah. Es befanden sich außer un- srer Chaise noch dreizehn andere Fuhrwerke darin, ohne daß der Platz sehr uͤberladen schien. Wir eilten so schnell, daß ich die bekannten Gegenstaͤnde nur im Fluge begruͤßte. Statt bei Nimwegen uͤber die Waal zu gehen, setzten wir schon bei Tiel uͤber, und ich sah noch den schoͤnen Anbau des Lan- des an dem linken Ufer des Flusses bis an die Thore von Nimwegen. In Cleve machte mich ein zufaͤl- liges Zusammentreffen mit dem Praͤfekten des De- partements mit einer Thatsache aus der Geschichte der letzten Ueberschwemmung bekannt, die ich euch mittheilen muß. Johanna Sebus, die Tochter eines armen Mannes in einem der Doͤrfer, die bei dem Durch- bruch der Daͤmme zuerst litten, sah ihre Huͤtte ploͤtzlich von den Wogen umflossen. Sie lud ihre von Gliederschmerzen gelaͤhmte Mutter auf ihre Schultern, und trug sie mit Anstrengung all’ ihrer Kraͤfte durch die brausenden Wasser, die unter ih- ren Schritten heranwuchsen, bis auf eine Hoͤhe, wo sie gegen das Verderben gesichert war. Die B b sich vor ihr dahin gerettet hatten, riefen ihrem Heldenmuthe Beifall zu, indeß sie, unbekuͤmmert uͤber den Ruhm ihrer That, der Mutter einen er- traͤglichen Sitz zu machen suchte, und dann schwei- gend den Huͤgel hinab in die Fluth zuruͤck eilte. Alles rief ihr zu, daß der Tod ihrer harre — sie deutete auf einen Damm, wo eine benachbarte Da- me, mit der das fromme Maͤdchen weiter in keiner Verbindung stand, sich mit ihren zwei Kindern hingerettet hatte, und nun von einem Augenblick zum andern von dem wach senden Wasser verschlun- gen zu werden bedroht war. „Die will ich ret- ten,“ rief Johanna, und strebte durch die Fluth. Sie gelangte zu der verzweifelnden Mutter, aber weiter vermochte ihr Muth nichts. — Die Wogen waren von Moment zu Moment gestiegen, die Ruͤckkehr, die Rettung war unmoͤglich. Sie be- spuͤlten schon den Boden, der die Todesopfer trug. Die elende Mutter sah schaudernd in das nahende Verderben, sah verzweifelnd auf ihre Huͤlfe flehen- den Kinder, schlang ihr Gewand um beide, und stuͤrzte sich mit ihnen in die Fluth. Nun stand Jo- hanna, die diese Scene schweigend mit angesehen hatte, allein; man sah sie von der nahen Hoͤhe, wohin sie ihre Mutter gerettet hatte, still ihre ge- falteten Haͤnde gen Himmel gehoben, ohne Angst, ohne einen Ruf nach Huͤlfe — die Wogen stiegen, sie stand, sie stiegen hoͤher, sie wankte und ver- schwand in der Fluth. Der Praͤfekt des Departements bewog mehrere Einwohner von Cleve, sich zu vereinen, und Jo- hanna auf dem Huͤgel, wo sie sich, der leidenden Mutter zu helfen, in den Tod wagte, ein Denk- mal zu stiften. Die Inschrift eines einfachen Steins ruft ihre Mitschwestern zur Nachfolge auf, und eine Allegorie bezeichnet die That. Diese ist aber nicht fuͤr den Meissel geeignet, wenn sie gleich von einem zarten dichterischen Gefuͤhl zeugt. Das Basrelief soll einen bluͤhenden Rosenstrauch darstel- len, den die stuͤrmenden Wogen verschlingen. Was aber durch seine Beweglichkeit zur Einbil- dungskraft spricht, kann die bleibende Schoͤpfung des Bildhauers oder Malers nicht darstellen. Ein Denkmal, das wohl dauernder seyn wird, wie der Stein auf Johanna’s Opferaltar, schenkte ihr Goͤthe. Er besang, wie mir in Cleve gesagt ward, ihren Tod. Welchen hoͤhern Lohn kennt das Lied, als solche Thaten zu verewigen. — Wenn ich mich nicht vor der Beschuldigung, paradox zu seyn, scheute, so wuͤrde ich unbedingt B b 2 jedem Reisenden rathen, nicht zu Wasser, sondern zu Lande die Rheinufer zu bereisen. Macht er den Weg nach Coͤlln hinab und wieder zuruͤck — nun so gehe er einmal zu Wasser, aber das zweite mal lasse er sich nichts abhalten, ihn zu Lande zu ma- chen. Ich glaube, ich kann meinen Satz beweisen. Unten auf dem Rhein sehe ich nur die Ufer, wel- che, da sie hoch und steil sind, nie eine Aussicht, sondern aͤngstlich beschraͤnkte Ansichten bieten. Fuͤr den, der wirkliche Berge und Felsen sah, haben sie dabei nie einen großen Karakter. Die alten Schloͤsser stellen sie, von unten hinauf gesehen, ohne allen Vorgrund, ohne alle Perspektive, guk- kastenmaͤßig dar; man uͤbersieht immer nur den kleinen Theil, an den man hinauf sieht, weil die Gegenstaͤnde zu nahe sind. Ganz anders erblickt man sie von dem Landweg des linken Ufers — dort sehe ich in die Thaͤler hinein, in die Schluch- ten, ich uͤbersehe neben mir die ehrwuͤrdigen Truͤm- mer in ihrer Absicht und Zusammenhange; die Fel- sen werden jetzt wirklich groß, denn sie trennen sich nun in einzelne Massen, ich sehe sie herab zu dem Flusse steigen, der tief unter mir hingleitet, und sehe sie uͤber meinem Haupte hoch aufsteigen. Jenseits erblicke ich den ganzen Reichthum abentheuerlicher Gestaltungen von Steinmassen, alle durch eine maͤchtige Zerstoͤrung nach regelmaͤßigen Gesetzen ge- lagert. Die schwarzen Schluchten der Schiefer- berge, die dichten Schichten festen Gesteins, die Zacken des Kalkfelsens, stehen jetzt alle frei und von dem Hintergrunde getrennt vor mir. Die al- ten Gemaͤuer haben einen Hintergrund an den hoͤ- hern Huͤgeln. Die Huͤtten und Haͤuser der Doͤrfer stehen in einer Entfernung, wo ihre Armseligkeit sich mir nicht aufdringt, ihre Details mich nicht in die Muͤhseligkeit des schweren Lebens ihrer Bewohner hinein ziehn. Das Schoͤnste, was wir sehen, was wir em- pfinden, bleibt immer unbeschreiblich, und daher kann ich euch weniges von diesem Wege sagen, den ich in einer eigenen Stimmung machte. Es waren zwei Wesen in mir, das eine sah die Welt und sprach von ihr, das andere sah sie und schwieg. O, wie haͤtte das auch sprechen koͤnnen! Wenn mich der Anblick der alten Schloͤsser vor einigen Monaten vom Rhein aus so lebhaft an die Ritter- zeit erinnerte, so bereicherte die naͤhere Ansicht ihrer Truͤmmer auf der Landfahrt meine Fantasie mit Bildern der verschiedensten Zeiten. In einigen der kleinen Staͤdtchen laͤngs dem Ufer, in Ander- nach, in Bacherach, bezeichnet sich das Gepraͤge der roͤmischen Herrschaft deutlich unter den Truͤm- mern des Mittelalters aus. Die eckigen Thuͤrme mit vorstehenden Friesen, von großen, rohen von der Zeit geschwaͤrzten Feldsteinen gebaut, spre- chen einen Sinn der Altherrschaft aus, nicht des nachbarlichen Haders, wie die engen Festen des rohen Rittervolks. In Bacharach ward der ernste Blick in die Vergangenheit noch durch die Truͤm- mer einer gothischen Kirche beschaͤftigt, die von den Schweden im dreißigjaͤhrigen Kriege zerstoͤrt ward. Sie steht in dem obern Theile der Stadt, so, daß man unter der Stadt die hohen Boͤgen der gothischen Fenster mit den Resten einiges schoͤnen alten Schnitzwerks uͤber die schwarzen Mauern der roͤmischen Befestigungstruͤmmer und neben den verfallenen Thuͤrmen der alten Burg emporsteigen sieht. Mit welchem Fluch bezeichneten damals die Schweden ihren Retterzug in dem verworrenen, Haß erfuͤllten Deutschland! Von der Ostsee an die Donau, uͤber Schwaben dem Rhein entlang, kann man ihren Schritten folgen. Wo Schutthau- fen noch nach Jahrhunderten dem Anbaue entgangen sind, wo in hoher Waldung die Furchen des ehe- maligen Ackers noch sichtbar werden, wo neben den gebrechlichen Faͤhren noch große Steine den Ort in den Fluͤssen bezeichnen, der die Ufer nach- barlich durch Bruͤcken verband, nennt das bange Andenken unter dem Volke den Namen der schwe- dischen Heere. Oft hat mir die Geschichte viel mehr Erstaunen erregt um dessentwillen, was die Menschen vergessen, als was sie leiden. Ist denn die Seltenheit von Nationalhaß, Nationalrache, ein Beweis fuͤr die Guͤte der menschlichen Natur, oder gegen das Daseyn des wirklichen Nationalgei- stes, der mir mit dem Gefuͤhl fuͤrs Vaterland na- he verschwistert zu seyn scheint? Wenn mich der nahe Anblick der Denkmale al- ter Zeit lauf meinem Wege beschaͤftigte, genoß ich nicht weniger die Aussicht auf die mich umgeben- den Gegenstaͤnde. Welche Mannigfaltigkeit, wel- cher Reichthum in der Ansicht der Ufer, von der ersten Erscheinung der sieben Bruͤder, die bald, nachdem man Coͤlln im Ruͤcken hat, am rechten Rheinufer hervortreten, bis zu dem letzten hohen Uferfelsen, wo Ruͤdesheim sich an das Rheingau anschließt. Alle die alten Burgen mit ihren bar- barischen Namen, die auf noch barbarischere Tha- ten hindeuten, sieht man im Fortschreiten auf dem Weg von den verschiedensten Seiten, sieht von den verfallenen Festen herab halb verwachsene Fuß- pfade sich in die Schluchten verlieren, sieht die herabgerollten Felsenstuͤcke schon mit Gestraͤuch be- wachsen, die Wege versperren, auf denen sonst die Reisigen in die Burgthore einzogen, sieht den begluͤckenden Weinstock an den kleinen Abhaͤngen gedeihen, von denen sonst die Belagerer ihre An- greifer mit herabrollenden Steinen zuruͤcktrieben. Hie und da ragt aus dem Gemaͤuer, oft aus dem dun- keln Schlunde eines Wachtthurms ein starker Baum heraus, strebt mit seinem gruͤnenden Haupthaar der Abendroͤthe entgegen, und ist ein hehrer Stun- denzeiger der langen Vergangenheit, die seinen Wurzeln auf diesem Steinschutte fruchtbare Erde zu- sammentrug. — Der Abendroͤthe entgegen! — Nie sah ich einen solchen Zauber des Abendstrahls, des Sonnenlichtes, wie in diesem Herbst, auf diesem Wege! der Morgennebel war sehr stark, sehr dauernd. Wir fuhren in eine Welt grauer Erschei- nungen hinein, die wandelnd und schwebend die truͤbe, arme Wirklichkeit in einzelnen Fragmenten darstellten. Hier trat ein grauer Fels aus der blaͤulichen Wolke, dort ein Kirchthurm mit seinem spitzen Dach, das mich immer an nordische Schnee- lasten erinnert; dann erblickte das Auge in der Tiefe die graͤulichen Gewaͤsser des Rheins, still, wie vom Nebel gedruͤckt, dahinschleichen, bis sein schweres Gewand sie wieder umhuͤllte — leise rieselte dann zur Seite eine Quelle dem Felsen entlang, der Nebel theilte sich einen Augenblick, und man sah sie klagend uͤber das satte Gruͤn der kleinen Wiese unter niedern Zeitlosen und dunkeln Zentaureen in die Tiefe irren. Ploͤtzlich entstand eine Bewegung in dem grauen Meere unter uns, und der grauen Decke uͤber uns, ein leichtes Violett zeigte Wolkengestalten, trennte sie mit deutlichen Umrissen; bald verwandelte es sich zu einem durchsichtigen Roth, und der Nebel sank auf die Spitzen der Huͤgel wie ein roͤthlicher Schleier herab, durch den Felsen und Baͤume und Gemaͤuer in schwankenden Umrissen hervortraten. Am Fuße der Huͤgel uͤber den tief rauschenden Fluß kaͤmpften nun die Wolken, sanken und stiegen, und so oft sie an das Reich des Lichts herauf traten, ward ihre Oberflache mit den Farben der Morgenroͤ- the gemalt. Immer tiefer sank der Schleier, immer gluͤhender ward das Licht, bald war die Dunkelheit bekaͤmpft und die letzten Wolken zogen sich scheu in die tiefen Thaͤler zuruͤck, indeß das ganze Flußthal dem Mittagsstrahl zujauchzte; mit welcher Pracht der Farben schmuͤckte sich nun die Natur, die Herrli- che! sie stirbt, wie die erhabenen Alten ihre Heroen sterben lassen, wie der Gottbegeisterte Oedipus im Heiligthum der Eumeniden stirbt. Mit dem reich- sten Feierkleide geschmuͤckt, mit Jugendgluth um- geben, entschwindet ihr Leben. Nie sah ich eine sol- che Faͤrbung der Blaͤtter, der Stauden! Auf den Gi- pfel der Huͤgel waren ganze Strecken, wo die Baͤume noch in dem jugendlichsten Gruͤn prangten, daneben Birkenwaͤldchen, deren Blaͤtter in ihrem sanften, ein- fachen Gelb das Beduͤrfniß nach Ruhe, nach Schlaf im Erdenschoosse aussprachen. Sie hatten den lan- gen Sommer gelispelt in den sanften Luͤften, gezit- tert bei ihrem Wehen, gerauscht im Sturme; nun wollten sie ruhen an der Mutter Brust. Dicht neben ihnen, zwischen ihnen, heben große, brennendrothe Gipfel ihr Haupt auf — Thaue zitterten an den En- den ihrer Zweige, und wie das Auge sich bewegte, malte sich der Iris Bild tausendfach in dem klaren Spiegel. Und dann am Fuße des Huͤgels kleine Wiesenstuͤcke, deren smaragdenes Gruͤn einen neuen Fruͤhling hinzauberte, indeß das sanftgefaͤrbte Col- chicum mit seinem bedeutenden deutschen Namen sie mir zu einem Sinnbild machte, daß in diesem an- scheinenden Todesgepraͤng der Natur nur ewig wiederkehrendes Leben gefeiert sey. Leset in irgend einer Reisebeschreibung die Namen der Orte und wie sie einander folgen, St. Quar und Andernach, die Pfalz, wo die Pfalzgraͤfinnen ihr Kind- bett halten mußten — ein unbequemer Einfall, dessen Grund und Wahrheit euch die emphatischen Nach- forscher der deutschen Geschichte zeigen moͤgen — ferner das alte Churfuͤrstenmonument, und die Ge- schichten alle des Brudermords, Weiberraubs, Tod- siedens, welche jede einzelne Burg bezeichnen und ih- re ehemaligen Bewohner so wenig an eine vaterlaͤn- dische Geschichte anknuͤpfen, daß sie eben sowohl auf dem Libanon oder Altai stehen koͤnnten, ohne ein Blatt in Schroͤck’s Geschichte der Deutschen zu aͤndern — alle diese Dinge haben mich nicht sehr beschaͤftigt ne- ben der Magie des scheidenden Sommers. Ich will sie einmal an meinem Schreibpult studiren; dieses Mal reiste ich so in Ahndungen vertieft, als habe ich das ganze Leben noch vor mir — hatte ichs denn aber nicht? beschraͤnkte es denn der Schauplatz, der mich umgab? war er mir denn nicht Bild des Grenzenlosen in seiner todverkuͤndenden Pracht? Nicht weit von Bonn begegnete mir ein frommer Umgang, der — ich weiß nicht, was fuͤr ein Gnaden- bild besucht hatte, dessen Altar vor kurzem wieder aufgerichtet war. In diesem Wallfahrtszug ward mir die Abwesenheit der jungen Maͤnner vom 18ten bis 25sten Jahre merklich. Zum Theil moͤgen sie sich nicht zu den Wallfahrern gesellen, zum Theil dem Kriegsrufe gefolgt seyn. Bei dem Straßen- und Bruͤckenbau, bei dem Kanalbau, den wir zwi- schen Koͤlln und Koblenz in großer Thaͤtigkeit fan- den, bemerkte man den Mangel an ruͤstigen Armen gar nicht. Eine Menge Juͤnglinge und junger Maͤn- ner waren dabei beschaͤftigt. An mehr als einem Orte werden große Arbeiten vorgenommen, um den Verwuͤstungen ein Ende zu machen, die von den Stroͤmen bisher angerichtet wurden, welche von der Eifel dem Rheine zulaufen. Sie haben in den letz- ten Jahren gewaltsam verheert, da alle Vorkehrun- gen nur partial, nie mit vereinter Anstrengung ge- macht wurden — die Regierung hat nunmehr ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die schoͤnen Thaͤ- ler, die sich auf den Fluß oͤffnen, vor der Willkuͤhr der Bergfluthen zu schuͤtzen. — Meine frommen Wallfahrer, Maͤnner und Wei- ber, sahen recht gemuͤthlich und wohlgenaͤhrt aus. Sie waren wohlgekleidet, und blickten den Reisen- den, trotz ihrer Litaney, ganz neugierig und freund- lich ins Gesicht. Ich kann mich uͤber die Wallfahr- ten unmoͤglich recht gewaltig aͤrgern — wuͤrden sie gehoͤrig eingerichtet, gehoͤrig benutzt, so moͤch- ten sie vielleicht wohlthaͤtiger wirken, wie manches Volksbuch. Nicht weit von Koblenz fand ich einen schoͤnen neugefaßten Brunnen am Wege stehen. Große Baͤume beschatteten ihn, Weinberge umgaben ihn, ein breiter Sitz lud den Wanderer zur Ruhe ein, und die einfache Inschrift: „Dem Wanderer,“ erklaͤrte die milde Absicht des Stifters. Sie war aber in lateinischer Sprache, diese Inschrift. War das recht? — in welcher Sprache sollte sie denn seyn? — Deutsch; aber Deutsch! hoͤre ich allge- sammt rufen. Und dabei faͤllt mir ein, daß die Sprache des alten Frankreichs in den neuen De- partements schon sehr gemein wird. In den kleinen Staͤdtchen, worin wir Pferde wechselten oder fuͤt- terten, belustigten mich die Knaben von zehn bis vierzehn Jahren, die an den Ecken der Gassen in der neuen Sprache vorkehrten. Die kleinen Tauge- nichtse nehmen dabei den Gang und die Haltung des franzoͤsischen Militaͤrs an, so, daß ich eine Menge Gedanken daruͤber hatte. Die alten Fran- zosen scheinen an dieser Amalgamation noch keinen großen Glauben zu haben, wie ich bei ein paar Gelegenheiten wahrnahm. Wie ich bei Kostheim uͤber den Rhein setzte, hielten mich die Faͤhrleute sehr lange auf, indeß ich mit der Schildwache sprach, die — ich weiß nicht, warum? da stand, denn das Wachthaus ist bei Cassel. Der Mensch beant- wortete mir mehrere Fragen uͤber die Belagerung von Mainz, bei der er gedient hatte, und mir that das Herz sonderbar weh, wenn er immer auf kahle Plaͤtze wies, und sagte: da standen Baͤume, dort war ein Bauerhof. — Die Herren sind etwas lang- sam, sagte ich endlich auf die Faͤhrleute zeigend, die, ihre kurzen Pfeifen im Munde, unerschuͤtter- lich fortkrochen. „Das sind Deutsche, Madame, sie werden noch ganz andere Sachen sehen, wenn sie weiter in das Land hinein kommen.“ Ich glau- be, ich ward roth, und waͤre es nicht meiner Na- tur zuwider gewesen, so waͤre ich jetzt, da die Faͤh- re endlich ans Ufer stieß, langsam in meinen Wagen eingestiegen, um meinen Nationalkarakter trotzig zu beweisen. — Der neue Weg, der nach Koblenz zu am Ufer des Rheins in die Felsen gebrochen ist, wird ein schoͤnes Denkmal der veraͤnderten Landesverfassung. Sonst konnte man gar nicht dem Rheinufer folgen, sondern reiste auf halsbrechenden Straßen uͤber den Hundsruͤck, uͤber Kreuznach von Mainz nach Ko- blenz, oder zog den noch heillosern Weg am jen- seitigen Rheinufer uͤber Lienburg, Nachstetten und das Rheingau vor. Jetzt bleibt man dem schoͤnen Fluß immer nahe, oft ist die Straße, dem Felsen abgewonnen, funfzig bis sechzig Fuß senkrecht uͤber die Wasserflaͤche erhaben, und von der andern Seite von eben so hohen Felsen begrenzt. Es wird noch an ihr gearbeitet, auch die Gelaͤnder an der Fluß- seite fehlen noch. Wir begegneten an dem ganzen Rheinufer hinauf oft franzoͤsischen Ingenieurs, die beim Feldmessen beschaͤftigt waren; auch bei dem noch thaͤtigen Arbeiten an dem neuen Wege fanden wir mehrere Aufsicht habende Ossiciers, deren artiges Benehmen bei unsern Fragen meinen Dank forderte. Von Bingen fuͤhrt jetzt der Postweg uͤber In- gelheim, wo eine neue Station ist. Die Chaussee ist allenthalben mit Baͤumen bepflanzt, und auf allen Feldern wachsen sechs- bis zehnjaͤhrige Obst- baͤume hervor. Da die Einfuhr des Obstes vom Rheingau aus erschwert ist, waͤchst die Obstzucht des linken Ufers ansehnlich. Die Rheingauer, die ehedem ihr Obst einst frisch nach Mainz fuͤhrten, trocknen nun den groͤßten Theil, und verkaufen ihn in das obstarme Hessen. Die neuangestellten Beam- ten des linken Ufers beklagen sich sehr bitterlich uͤber die neue Zeit. — Besonders schilderte der Postmei- ster in Ingelheim seinen Zustand recht traurig. Der Hof, den er jetzt als Eigenthum besaß, war sonst ein geistliches Gut gewesen, und er der Paͤchter. Er sprach von seiner Pachtzeit, wie vom goldenen Zeitalter. Nach kurzem Gespraͤch lud er mich auf das hoͤflichste ein, von seinem neuen Gastzimmer aus den Rhein zu sehen. — Die Fenster gewaͤhrten uͤber das weinbewachsene Ufer hinweg die Aussicht auf das Rheingau. Ellfeld lag still in Nebelflor umhuͤllt, der Odenwald gluͤhte im Abendstrahl — alles feierte den Schluß des Tages. Ich befand mich in einem artigen Salon mit Fußteppich, Spie- geln, zierlichem Geraͤth. — Der Wirth setzte mir auf meine Bitte Trauben vor — ich erkundigte mich nach der Zahl seines Viehes, den Kosten, die ein so schoͤnes neues Gebaͤu machte, das seinem bra- ven großen Wohnhause gegenuͤber lag, und wuͤnschte jedem Verarmten so wohlhabend zu seyn, wie dem armen Herrn Postmeister. Indeß der Vater den Druck der Zeiten beklagte, schritt sein vierzehnjaͤh- riger Sohn in einem solchen kurzen, weiten Rock — ich weiß nicht, wie das Ding jetzt heißt, was einst Roquelaur, dann Surtout, Schanzelupe, Chenille — ich weiß nicht, wie, hieß, und nun bei den fran- zoͤsischen Soldaten wohl Wachtrock heißen koͤnnte — in so einem Rock neben mir her, ganz mit dem ka- rakteristischen Gang eines jungen Franzosen, und erzaͤhlte mir in der neuen Sprache von den Lustpar- thien, welche die Mainzer nach Ingelheim machen, um den Herbst zu genießen. O Zeiten! O Sitten! Der Abend sank, wie wir nach Mainz hinein- fuhren. Die Festungswerke sind von dieser Seite her sehr ausgedehnt. Ich betrachtete die sonderba- ren Kruͤmmungen des Wegs zwischen Schanzen, geraden Linien, Graͤben und Pallisaden — alles kommt mir wie Geheimnisse des Todes vor — mit sehr ernstem Blick. — Einst ging ich hier zwischen Gaͤrten und Hecken umher; deine Kindergestalt, stille * *, schwebt noch vor meinem Blick. Schon brauste der Sturm in dem nahen Frank- reich, schon standen seine Krieger auf deutschem Bo- den, und noch wandelte ich hier, nicht ahndend, nicht traͤumend, wie bald dieser ganze Schauplatz verwandelt seyn wuͤrde. Ich bleibe nur wenige Ta- ge in Mainz, dann eile ich an’s jenseitige Ufer. Schutzgeister der Menschheit, ich vertraue euch die Lieben, die ich an diesem Ufer verlasse; geleitet mich freundlich zu denen, die mich jenseits er- warten! —