Ini. Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert von Julius v . Voß . Berlin , 1810 . Bei Karl Friedrich Amelang. Vorrede. J ean Paul sagt: „Friede mit der Zeit! sollte man oͤfter in sich hineinrufen. Wie uns ein quaͤlender Tag nicht in den Hoffnungen un¬ sers Lebens irret, so sollte uns ein leidendes Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir uns die weite Zukunft malen.“ Wenn nun aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da nicht ein Blick in die Zukunft das bedraͤngte, oft zagende Herz troͤsten, beleben, erheitern? Und eine bessere Zukunft naht so gewiß, als die Vergangenheit von der Gegenwart uͤbertroffen wird. Wenigstens gilt die Be¬ hauptung, insofern wir, von der immer mehr entwickelten Kultur, das Heil der Sterblichen erwarten. Was wir aber noch nicht sehen koͤnnen, traͤumen, ist ja wohl poetisch und religioͤs. Und Sind's gleich nur Welten aus Ideen, So baut man sie so herrlich als man will. Der Verfasser. Erklaͤrung der Kupfer. Das Titelkupfer stellt eine von Wallfischen ge¬ zogene Reiseinsel dar, wovon Seite 294 die naͤ¬ here Beschreibung. Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, waͤre ein Ball von groͤßerem Umfang zu wuͤn¬ schen. Jedoch tragen die Adler, uͤbrigens etwas zu groß, ein wenig mit. Der Verfasser merkt an, daß, ob er schon die Adler waͤhlte, ihm deshalb Zambeccaris Theo¬ rie nicht unbekannt war. — Auch noch, wie ihm diejenige philosophische Kompensazion, nach welcher die Moͤglichkeit hoͤherer Wohlfahrt der Erdensoͤhne, billig in Zweifel gezogen wird, so wenig fremd ist, daß er sich vielmehr ihr zuge¬ erklaͤrt. Bei dem Verleger dieses Werks sind fol¬ gende Schriften um beigesetzte Preise in Preußisch Courant zu haben. Apologie des Adels , gegen den Verfasser der sogenannten Untersuchungen uͤber den Geburts¬ adel; von Hans Albert Freiherrn von S***. 8. 1809. Auf Druckpapier. Broschirt. 12 Gr. — Schreibpapier. — 16 Gr. Buchholz , Friedrich , Kleine Schriften, hi¬ storischen und politischen Inhalts. Zwei Theile. 8. 1809. Auf Druckpap. Broschirt. 3Thlr. 8 Gr. — Schreibpap. — 3 — 16 — — Engl. Velinp. — 4 — Chauffour's , des juͤngeren, Betrachtungen uͤber die Anwendung des Kaiserlichen Dekrets vom 17ten Maͤrz 1808, in Betreff der Schuldforde¬ rungen der Juden. Aus dem Franzoͤsischen uͤber¬ setzt und mit einer Nachschrift begleitet von Friedrich Buchholz . 8. 1809. Brosch. 12 Gr. Ehrenberg , (Koͤnigl. Preuß. Hofprediger zu Berlin), Blaͤtter, dem Genius der Weiblich¬ keit geweiht. 8. 1809. Broschirt. 1Thlr. 18 Gr. Eylert , (Koͤnigl. Preuß. Hofprediger und Consi¬ storialrath zu Potsdam), Die Kraft der Reli¬ gion Jesu im Ungluͤck. Eine Sammlung von Predigten, gehalten im Jahre 1809 in der Hof- und Garnison-Kirche zu Potsdam. gr. 8. 1810. Broschirt. 1 Thlr. 16 Gr. Formey , (Koͤnigl. Preuss. Geheimer Rath und Leibarzt), Ueber der gegenwaͤrtigen Zustand der Medicin, in Hinsicht auf die Bildung kuͤnftiger Aerzte. 8. 1809. Broschirt. 8 Gr. Grattenauer , Dr. Friedrich, Frankreichs neue Wechselordnung, nach dem beigedruckten Ge¬ setztexte der officiellen Ausgabe uͤbersetzt; mit einer Einleitung, erlaͤuternden Anmerkungen und Beilagen. gr. 8. 1809. Broschirt. 16 Gr. Hermbstädt , Sigismund Friedrich, Bulle¬ tin des Neuesten und Wissenswuͤrdigsten aus der Naturwissenschaft, so wie den Kuͤnsten, haltung; fuͤr gebildete Leser und Leserinnen aus allen Staͤnden. Mit Kupfern. gr. 8. 1809. Broschirt. Band I., II. und III. 8 Thlr. (Wird fortgesetzt.) Ini . Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert, von Julius v . Voß . Mit ei¬ nem Titel-Kupfer und Vignette von Leopold . 8. 1810. Broschirt. 1 Thlr. 12 Gr. Soll in Berlin eine Universitaͤt seyn ? Ein Vorspiel zur kuͤnftigen Untersuchung die¬ ser Frage. 8. 1809. Auf Druckpapier. Broschirt. 12 Gr. — Schreibpapier. — 16 — Ini . Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert. Erstes Buͤchlein . Die Trennung. I ch Ungluͤcklicher soll dich meiden, rief Guido wehmuͤthig. Wozu die Klage, entgegnete Ini. Moͤgen dich ruͤstige Adler zum Pol tragen, magst du dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild bleibt dir nahe. Frei durchfliegt der Gedanke des Liebenden die Ferne, und die Region der Phantasie ist eine wirkliche. Auch waͤre daheim dein Ziel nicht zu umarmen. Das Anschaun der Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, muͤssen jene Bildung der Schoͤnheit vollenden, deren Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum scheide maͤnnlich! Guido war ein Juͤngling von etwa zwanzig Jahren. Seine Herkunft blieb ihm noch immer A 2 geheim. Die Sage machte ihn zum Fuͤndling, und als solchen, wollten die Gesetze, daß die Landespflege ihn erziehen ließ. Fruͤh hatte man ihn in das große Knabenhaus gebracht, das am Meerstrande unweit Palermo angelegt war, und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwoͤlften Jahre, fuͤr die Entwicklung des Koͤrpers durch Laufen, Ringen, Schwimmen und fuͤr die Staͤr¬ kung des Denkvermoͤgens durch Gimnastik des Kalkuͤls Sorge trugen. In vergangenen Jahr¬ hunderten wuͤrde auch der tiefsinnigste Geometer nicht geahnt haben, was im Felde der Rechnung junge Knaben hier schon vermogten. Allein es war uͤberhaupt so weit damit gekommen, (zudem die mechanischen und optischen Handwerke so leicht durch Maschinen, so einfach durch neue Ent¬ deckungen, so allgemein bekannt durch Schulen), daß Hirten, welche die Sternkunde gleich ihren Altvaͤtern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, und die Finsternisse der vielen neugewahrten Pla¬ neten und ihrer Trabanten ausmittelten. Von da ward Guido dem treuen Gelino uͤbergeben, dessen Villa nicht weit von dem großen Lustgarten, der den Aetna einschließt, lag. Dieser Mann hatte, ehe er sich nach dem Wohnplatz der Ruhe zuruͤckgezogen, am Hofe zu Rom ein Amt bekleidet und umfaßte die Kunst zarte Juͤnglinge auf die Bahnen der Tugend zu leiten, mit Liebe. Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wich¬ tigere Dinge abhielten, den lieblichen Februar auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido gesehn — wie es schien — Behagen an dem Knaben gefunden und ihm Fuͤrsorge zugesagt. Ehrender Antrieb fuͤr ihn. Doch moͤchte es vielleicht nicht gelungen sein, die mit Guidos flammender Lebenskraft verbundenen wilden Neigungen zeitig zu ent¬ waffnen, wenn nicht folgender Umstand hin¬ zugetreten waͤre. Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die edle Athania, Wittwe des afrikanischen Helden Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren Sitz auf dem lieblichen Eilande genommen und eine Pflegetochter mitgebracht, uͤber deren Ge¬ burt auch viele Dunkelheit lag. Guido sah das Maͤdchen in seinem siebzehn¬ ten Jahre. Ini zaͤhlte kaum vierzehn, doch prangte ihre Schoͤnheit in uͤppiger Fuͤlle, ihr Verstand entzuͤckte. Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Erziehungskunde einer Arithmetik un¬ terworfen, die schon lange genaue Anzeigen ergab und sich immer mehr erweitete. Streben und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbil¬ dungen der Formen bedingt, und wieder das Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem ihr am gluͤcklichsten zu begegnen ist. Da nun zugleich die Chemie der hoͤheren Arzneikunst, diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren Stoffen vertilgt hatte, welche sonst das Geschlecht entstellten, da die edlere Verfassung, jene Eigen¬ sucht, mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, Neid, Haß, niedrige Sinnlichkeit, meistens ent¬ fernte, so konnte sie auch nicht mehr, wie Ehedem Antlitz und Haltung verunbilden. So mußte von Geschlecht zu Geschlecht die menschliche Schoͤn¬ heit sich lieblicher entfalten, und jene har¬ monischen Gestalten, welche einst Bildner in Athen aussannen , erblickte die Wirklichkeit da lange schon lebend, wo die Kultur waltete. Ja, jene Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte Weise uͤbertroffen, denn eine ganz neue Ideen¬ masse hatten die Menschen in sich aufgenommen, welche der Schoͤnheit einen neuen irdisch-goͤtt¬ lichen Ausdruck zulegte. Wie wuͤrden die Phidias und Raphael gestaunt haben, waͤre ihnen ver¬ goͤnnt gewesen, aus dem Todtenlande wiederzu¬ kehren, und die Formen dieses Zeitalters zu betrachten. Die Schaͤdelkunde, am Ende des achtzehn¬ ten Jahrhunderts entdeckt, sparsam im neun¬ zehnten vervollkommnet, doch im zwanzigsten und ein und zwanzigsten zur tiefen Wissenschaft er¬ hoben, leistete auch zur allgemeinen Veredlung bedeutende Huͤlfe, wie wir in der Folge zeigen wollen. Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, von den Strahlen dieser Schoͤnheit werde ein neuer Fruͤhling in seinem Gemuͤthe aufbluͤhen. Suͤße Betaͤubung, schmachtende Unruhe, stellten sich als Vorboten der Liebe ein, holde Traͤume umgaben ihn wachend. Guido war im siebzehnten Jahre so stark und gewandt, daß er manches Raubthier mit unbewaffneten Haͤnden wuͤrde uͤberwunden haben. Er sprang in die See, wenn ein Orkan ihre Wogen erhob, und kaͤmpfte dann laͤchelnd mit der empoͤrten Flut. Er konnte im Laufen das fliehende Reh ereilen und den Gemsen des Hoch¬ gebirgs nachklimmen. Dabei war er ein flei¬ ßiger Mathematiker, hatte eine Karte von dem Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien ge¬ fertigt, die Beifall fand. Kriegerische Kuͤnste beschaͤftigten seine Einbildungskraft, und mit Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer dichten Gewitterwolke an, die ein kuͤnstlicher Wind uͤber ein feindliches Heer treiben, wo sie in so viel Blitzen niederwaͤrts sich entladen sollte, als das Heer Koͤpfe zaͤhle. Anmaaßend, wie es unerfahrner Jugend wohl eigen ist, hatte er, ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf nach Rom gesandt und dem Strategion zur Pruͤfung uͤbergeben. Die Maͤnner aber, welche diesen Rath bildeten, lachten allgemein, indem sie einwandten, die Gegner duͤrften sich ja nur saͤmtlich mit Ableitern versehn und der Wolke spotten. Doch setzten sie hinzu: der Juͤngling moͤge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm ge¬ buͤhre einige Aufmunterung. Manches andere Wissen dagegen war unserm Guido noch fremd. Besonders konnte er sich immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm gar zu winzig und unbedeutend schien, was die vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten. Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen war, eilte er an einem schoͤnen Sommerabend zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in ihrem Hause zum Aufenthalt waͤhrend der Tages¬ hitze bestimmt. Hier stroͤmte ein Springbrunnen gelaͤutert Quellwasser, der andere gepreßten Oran¬ gensaft, der dritte Zuckeressenz aus mancherlei Wurzeln des Gartens gezogen. Einen niedlichen Goldbecher mit Sorbeth, aus den Fluͤssigkeiten gemengt, in der Hand, stieg nun Ini auf das platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen dufteten und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte fertig und bei der kunstvollen Einrichtung des Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seiden¬ arbeit nach. Wo blieben die Gobelintapeten, lange zuvor beruͤhmt, neben diesen Geweben! Guido kam ihr nach auf die Zinne. Maͤdchen, rief er, seit ich dich sah, bin ich erkrankt und genesen, die Luͤge wird mir Wahrheit, die Wahr¬ heit Luͤge, immer draͤngt es mich, dich zu sehn wie das Sehenswerteste, und ich fliehe dich wie das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe gestiegen, doch die Flammen deines Auges trag ich nicht. Deute mir das, hohe Schoͤnheit! Das Maͤdchen zog dunkle Falten der Stirne, die aber ihr frohes Auge Luͤgen strafte. Mit verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, du willst mir gar mit Liebe nahn! Guido rief: ich bin mir keinen Willen be¬ wußt. Dem Zuge deiner Schoͤnheit folge ich unterwuͤrfig. Ini sann einen Augenblick mit hochgeroͤtheter Wange nach. Dann sagte sie laͤchelnd: den Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie durch die That und ich will mich fragen, ob ich sie hoͤren darf. Entzuͤckt von dem holden Strahl einer aus weiten Fernen schimmernden Hoffnung, flehte Guido mit Ungestuͤm, ihm die That zu nennen, wodurch er seine Liebe zu bewaͤhren haͤtte? Tritt naͤher, sagte Ini, nimm Platz, dort auf den Sessel von Elfenbein, daß ich dein Haupt von der Seite erblicke. Guido gehorsamte still. Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren kunstreichen Webestuhl, und in wenigen Minu¬ ten hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, rief sie, des sichtbaren Guido Umriß, wie er zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde seines geheimen Lebens, der Tag seiner innen walten¬ den Nacht. Guido blickte hin. Die hoͤchste Wahrheit hatte die Bildnerin getroffen. O webe mir dein Bild, flehte er wehmuͤthig, mit Entzuͤcken will ich es von hinnen tragen. Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch will ich nun ein zweites Gewebe fertigen. Sie ging wieder an die Arbeit, waͤhrend der Juͤngling sich mit trunknen Blicken an der hohen Gestalt weidete, und bisweilen aͤrgerlich auf sein Konterfei sah. Denn es wollte ihm nicht gefallen, ob er schon nicht wußte, warum. Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. Sie zeigte ihm ein neues Seitenbild, das Guido in den Zustand der hoͤchsten Verwunderung brachte. Er sah seine Grundzuͤge wieder, aber in einer bezaubernd schoͤnen Idealitaͤt. Hoͤher strebte des Schaͤdels Mitte empor, regelmaͤßig woͤlbte sich das Hinterhaupt, weit drang die reine Wellen¬ linie der Stirn hervor, eine unbeschreibliche Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche Anmuth um den Mund, in dem klarer, tiefer, strahlender gewordenen Auge, redete der volle, Ehrfurcht gebietende Ausdruck jugendlicher Weisheit , der in fruͤheren Zeiten nicht lebend anzutreffen war, den auch die Kuͤnstler, welche einst den Apollon vom Belvedere oder den An¬ tinous fertigten, noch nicht dargestellt hatten. Indessen konnte ihn die Entwicklung der Mensch¬ heit erst spaͤt hervordringen. Guido blickte bald verlegen auf das Kunst¬ werk, bald auf die hochsinnige Meisterin. Ich sehe mich hier in ein Gedicht verklaͤrt, hub er an, was willst du mir deuten? Kein Gedicht, entgegnete das Maͤdchen, erreich¬ bare Wahrheit. Du hast mir suͤßen Schmerz der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem Bilde um, ich gebe dir zwei bis drei Jahre Zeit, hast du dann diese Schoͤnheit dir anerzogen, soll meine Gegenliebe dein Lohn sein. Wie soll ich das anfangen! rief der Befrem¬ dete. Bin ich Herr uͤber meine Gestalt? Du bist es. Bin ich ein Schoͤpfer? Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe hast du das Geheimniß zu entwinden. Doch nicht allein sollst du umwandeln. Ich werde mir auch ein Ideal meiner Gestalt entwerfen. Eitles Muͤhn! wie koͤnnte deine Phantasie einen schoͤneren Traum erschaffen als die Wirk¬ lichkeit! Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, Unvollkommenheit in deinem Urtheil. Es wird sich staͤrken, dein Tadel erwachen, und das Streben, mich vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. Der Augenblick wo einem Maͤdchen zum Ersten¬ male Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten in die Welt hoͤherer Anmuth. Nach einem Jahre sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis dahin begnuͤge dich auch, an mich zu denken. Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume nicht erblicken? „Die erste Pruͤfung! Auch eine nothwendig ungestoͤrte Frist!“ Unbegreifliche! — Und dennoch erwacht mir die Hoffnung, ich werde den hohen Sinn deiner Worte faßen lernen. „Frage den Geist der Liebe, sein Orakel toͤnt in deiner Brust. Und nun nichts weiter. Lebe wohl!“ Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher in den lieblichen Thalen, bis Nachtviolen die Orangenbluͤthe uͤberdufteten und der Vollmond¬ schein durch die Oelbaͤume und Mandelstraͤuche des blumigen Huͤgels winkte. Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen in ihm wogte, immer ward die Frage laut. Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: So du der Seele Schoͤnheit pflegst, wird sie sich in der Gestalt verkuͤnden. Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner eigenen Brust und flehte innig um Lehre. Wer so innig fleht, wird erhoͤrt. Aus dun¬ keln Nachtgewoͤlken enthuͤllte sich mit jedem Tage die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tau¬ send Morgensternen erhellt schienen. Er machte sich mit den Schriften neuer ge¬ ruͤhmter Weisen bekannt. Im ein und zwanzigsten Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen bringen konnten, denn die Weisheit galt keine Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige Buͤcher, in der allgemeinen Sprache von Europa, vor hundert Jahren eingefuͤhrt, als man hier endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und dem, der bedeutendes Wissen umfangen will, das halbe Leben im Studium der Mundarten abzufordern. Es gab dagegen unermeßliche Buͤcher¬ sammlungen in den alten Sprachen, aber sie galten meistens Denkmaͤler vorzeitlicher Irrthuͤmer. Die wenigen, welche in den Tagen hoͤher ge¬ diehener Bildung noch den Namen Weisen er¬ rangen, waren Maͤnner, die mit ruͤstiger Kraft, aus den Schaͤtzen der Vergangenheit, das Beste, das Allgemeinguͤltige sonderten, was sich denn auf wenige Blaͤtter bringen ließ, nun aber auch die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die Hoͤhe des vorhandenen Wissens schnell zu er¬ fliegen und mit starken Schritten weiter zu dringen. Auch die Geschichte des Menschengeschlechts hatten tiefe Forscher so bearbeitet, daß die Er¬ scheinungen sich immer deutlicher in ihrem Ur¬ sprung erklaͤrten und daß daraus, sowohl die Kraͤfte als der Zweck des Lebens deutlicher wurden. Guido erbeutete nach und nach reiche Sum¬ men von Wissen, eine schon durch die Mathe¬ mathik gestaͤrkte Denkkraft, eine durch die Liebe entzuͤndete Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren dauernd und fuͤhlen mit jedem Tage mehr, wie des Genius Fittig sich regt. Bei diesem Geschaͤft, das er mit heiligem Eifer trieb, kamen Empfindungen uͤber ihn, deren Hoheit und Wuͤrde er nie getraͤumt hatte. Stark fuͤhlte er alles Große, edle That sprach ihn an, daß er lebhaft sich in den Zustand dessen denken mußte, der sie verrichtet hatte, mit tief liebender Ehrfurcht fuͤllte ihn die Religion, er schwaͤrmte fuͤr alle Schoͤnheit der Natur, um so mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu erkennen waͤhnte. So floh denn das Jahr eilig dahin, und hatte sich Guido schon bei seinem Anfang durch die Wunder der Liebe veraͤndert gefunden, so schien er sich jetzt gar nicht mehr das Wesen von Ehedem zu sein. Trat er seit einem halben Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, hie und da haͤtten sich seine Formen umgewan¬ delt. Doch war er mit sich selbst nicht einig, ob er hier an Wahrheit oder Taͤuschung glauben sollte. Das Jahr war endlich um, und er eilte mit hochklopfendem Busen zu Ini. Wie gespannt ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen Abwesenheit dem Gegenstand heiliger Liebe wieder nahen darf. Ini Ini saß eben im Garten und ruͤhrte die Zephirharmonika. Es war dies ein Instrument, mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die hoch in die Luft reichten. Zu jedem Ton ge¬ hoͤrten hundert gleich gestimmte Saiten, hinter¬ einander an wiederhallende Laden gefuͤgt und vorne mit einer Blende versehn. Unten befand sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem man schwache oder starke Toͤne hervorrufen wollte, die Blende, weniger oder mehr entfernt ward. Nun beruͤhrten die aufgefangenen Luftstroͤme die Saiten und man vernahm jene reizende aͤtherische Schwingungen, welche fruͤherhin schon an den sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur daß damals noch Niemand Herr der Melodien zu werden verstand. Guido trat in das Gartenthor, leicht aus Porphir gearbeitet, und nahm seinen Weg durch einen, von hohen bluͤhenden Rosenstraͤuchen be¬ schatteten, Gang, an dessen Ende die Zephirhar¬ monika auf einem frei emporragenden, nur mit niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten Huͤgel stand. Die Toͤne wehten ihm her durch die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das Instrument sah. Er waͤhnte, sie stiegen von B gluͤcklicheren Sternen nieder. Endlich erblickte er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa zwanzig Schuh hoch, war aus hell durchsichtigen Glassaͤulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und Blenden waren mit goldfarbigem duͤnnem Zeuge bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg in gefaͤlliger Rundung woͤlbten sich diese Zeuge. Die Saiten gewahrte das Auge in einiger Ent¬ fernung nicht, und so schien es, Ini schwebe ob dem Huͤgel auf einem Wolkenthron. Eine Umgebung der Art muͤßte jede Schoͤn¬ heit erhoͤhen, um wie mehr wenn erquickende Blumenduͤfte, und zaubervolle Harmonien be¬ stachen, um wie mehr wenn die wirklich hohe Schoͤnheit mit dem Blick der Liebe angestaunt ward. Guido erschrack freudig, da er um die letzte Kruͤmmung des Rosenganges trat, und nun Ini ersah. Nieder mußte er anbetend sinken. Ihre Gestalt lag in so hoher Vollkommenheit in seiner Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit. Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. Nicht konnte man diese Bewegung eben zufaͤllig nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde ge¬ merkt, da das Jahr umgelaufen waͤre, sie hoffte jetzt den Juͤngling erscheinen zu sehn, und wenn sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, den Grund in ihrer Weiblichkeit aufzusuchen. Sie erroͤthete — da haͤtten Abendsonne und Rosen sich beschaͤmt abwenden moͤgen, sie endete ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich freuen, weil er nun gehoͤrt zu werden hoffte. Sie stieg herab, winkte freundlich dem Juͤng¬ ling aufzustehen. Laͤchelnd und gesammelter nahm sie seine Hand und fuͤhrte ihn nach dem Zimmer im Wohnhause, das mit ihren malerischen Ge¬ weben umhaͤngt war. Hier befand sich jenes Ideal von Guidos kuͤnftiger Schoͤnheit, das sie gleich herbeilangte. Du wecktest schoͤne Kraͤfte in dir, hob sie an, ihr Walten spricht in deinem Auge, ein reiner Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle Gefuͤhle, hohe Einbildung, angenehme Affekten trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus Linien, Farben, Zuͤgen zusammen. Eile emsig weiter auf der hold betretenen Bahn, und das schoͤne Ziel wird dir nicht entfliehn. Guido empfand selige Wonne. Als sich seine B 2 Gefuͤhle erst in Worte zu kleiden vermogten, sagte er Ini, wie auch ihre Schoͤnheit, ob er sie schon auf den Gipfeln der Vollendung getraͤumt haͤtte, unendlich erhoͤht sei. Sie ward verlegen, laͤchelte und holte eine zweite Malerei, welche auch ihre Gestalt in einem Ideale bildete. Guido wollte die neue Versuͤndigung gegen ihre dermaligen Reize schelten, doch Staunen und Bewundernng schlos¬ sen seinen Mund. — Von der Zeit an sahen sich die Liebenden oͤfter. Viel inniger noch wurden ihre gegen¬ seitigen Beziehungen und dennoch mehr Ver¬ staͤndigkeit hineingelegt. Die Ruͤckwirkung war fuͤr jeden Theil segnend. Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon im Laufe jenes Jahres manche Veraͤnderungen be¬ merkt, welche Guido in seinem Charakter zeigte. Der Uebergang war zu ploͤtzlich gewesen. Die Fortschritte im Guten hatten zu schnell geeilt, als daß der lebenserfahrne Greis nicht richtig auf den Grund davon haͤtte schließen sollen. Gleichwohl konnte er nichts weiter erspaͤhn, da Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung nicht mied. Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu scharfsichtig, um nicht Ini bald aus ihren Um¬ gestaltungen zu errathen, wenn ihr gleich der Juͤngling ihrer Liebe noch ein Geheimniß blieb. Doch da die Liebenden sich nachher oͤfter zu¬ sammenstahlen, konnten sie der forschenden Be¬ obachtung nicht entgehen. Beide Alten waren schnell mit ihrem Glauben aufs Reine und bei einer Zusammenkunft entstand folgendes Ge¬ spraͤch. Gelino. Werthe Athania, mein Zoͤgling scheint Ini zu lieben. Athania. Eben wollte ich dir meine Be¬ merkungen uͤber diesen Gegenstand vortragen. Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verle¬ genheit. Wohl hat diese Liebe, ohne Zweifel die erste, und eben so gewiß auf eine wuͤrdige Art erwiedert, Veredlung im Gefolge, dennoch muß ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten zu hindern sei. Athania. Harte Strenge gegen die jungen Seelen. Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt sich meines Guido, den er hier kennen lernte, an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart ver¬ traut, wie er ihn zu hohen Staatsaͤmtern berufen wolle. Athania. Und Ini ward mir von einer Afri¬ kanerin uͤbergeben, die ich nur verschleiert sah, die aber auf einen hohen Stand schließen ließ, und bis dahin die Tochter in einem Fuͤndlinghause hatte erziehen lassen. Daß sie sich Inis Ehe zu bestimmen vorbehalten bat, laͤßt sich um so eher erwarten, als ich bald mit dem Maͤdchen nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl duͤrften wir mit all' unserer Sorge nicht so viel an den Pflegbefohlnen erziehen wie die Liebe. Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein. Athania. Gestatten wir den jungen Leuten sich zu lieben, den Fruͤhling ihrer Jahre entzuͤckt zu genießen. Doch werde ihnen auch gleich verkuͤndet, wie Besitz nimmer das Ziel dieser Liebe sein koͤnne, wie sie sich an den Freuden des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung zu genuͤgen hat. Gelino wandte noch manches ein, gab aber endlich nach, wobei denn noch beschlossen ward, die jungen Personen sollten sich immer in einiger Entfernung bewacht finden. Athania sprach mit Ini, welche erroͤthete, Bald sammelte sich aber das Maͤdchen und entgeg¬ nete, wie sie sich eine solche Ankuͤndigung gar wohl gefallen lassen koͤnne, da zwischen Guido und ihr eigentlich ja nur das bildnerische Pro¬ blem geloͤset werden sollte, die hoͤchst moͤgliche Schoͤnheit zu erringen. Athania war nicht wenig befremdet, als ihr dies naͤher erklaͤrt wurde, hoffte, daß dem feinen Sinn der so etwas zu erfinden vermoͤge, auch die Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn die Trennung geboten sei. Gelino fand hoͤhere Bestuͤrzung an dem Juͤng¬ ling, da sich dieser so unerwartet entdeckt sah. Doch faßte er sich auch und erklaͤrte: koͤnne er Ini nimmer besitzen, solle doch das Geschaͤft, sich ihrer wuͤrdig zu machen, sein Gluͤck heißen. Dies lobte sein Fuͤhrer mit Waͤrme. Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, was Jedes von ihnen eben gehoͤrt hatte. Guido war in truͤben Kummer versenkt. Ini zeigte eben nicht ihren gewohnten heitern Muth, doch sagte sie mit Festigkeit: Ich verhieß dir, wenn du mein Ideal erreicht haben wuͤrdest, dir mit Gegenliebe zu lohnen. Bis dahin erwarte nichts, dann alles, was das Schicksal auch einreden mag. Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft aus Afrika geflogen, und meldete, wie Inis Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte zugleich ein bequemes Fahrzeug mit, das die Reisenden nach jener Kuͤste tragen sollte. Es war dies ein Haͤuschen von duͤnnem Schilf¬ rohr geflochten und mit Fenstern aus einem ganz durchsichtig gemachten leichten Horne ver¬ sehn. Zwei Kabinette, eine Kammer fuͤr die Dienerschaft und eine Kuͤche, mit dem noͤthigen kleinen Magazin von Speisen und Getraͤnken, waren im Innern abgetheilt. Kostbare Teppiche schmuͤckten mit andern Geraͤthschaften die Kabi¬ nette. Das Dach war platt, mit einem Gelaͤn¬ der und Sitzen umgeben, sich dort bei angenehmer Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren die seidenen Straͤnge befestigt, welche von der oben schwebenden Azotkugel niederhingen. Man wußte jetzt dae Azot viel leichter und einfacher zu bereiten als im Anfang der Luftschifferei. Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu zaͤhmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg gekroͤnt. Man hielt auch viele Institute zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Post¬ aͤmter befanden sich in allen Richtungen von Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden Fahne, bei Nacht mit einem Raketenschein sich meldeten, trafen sie alles bereit. Das Fahrzeug, worin die Schoͤne nach Afrika eilen sollte, war mit zwanzig ruͤstigen Thieren bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubniß, sie einen Grad begleiten zu duͤrfen. Athania und Gelino willigten ein. Er miethete also eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten im Gebrauch war, die nur an einem kleinen Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft werden konnte. Diese ward an das groͤßere Fahr¬ zeug befestigt und die beiden Adler einstweilen vorne mitgebraucht. Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, und ließ das Fahrzeug sich hoch erheben. Welche herrliche erquickende Empfindung, im reineren Aether oben, welch' entzuͤckendes Schauspiel, die Sonne, die dem Thale erst im Purpurhauche am Ost sich verkuͤndet hatte, nun schnell am tiefen Erdrund zu gewahren, da der Flug ihr zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare Sonnenscheibe des unbewoͤlkten Himmels, doch unter ihnen schwand noch alles in Dunkel, weil Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. Nur der Aetna, welcher eben Flammen auswarf, entdeckte sich ihnen in feurigen Verschlingungen. Bald aber trafen Foͤbos Strahlen die Hoͤhen des Eilandes, und kurze Zeit darnach lag es in seiner ganzen Gestalt erkennbar unter ihnen, denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom silberfarbnen Meere umguͤrtet, zu uͤbersehen. Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als Punkte bemerklich, die Orangen- und Pinien¬ haine zogen sich in blauen Streifen an den Ge¬ birgen hin, die Thaͤler waren in ein heitres Gelb verschmolzen. Der Liebenden Busen wallte hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die nahe Trennung stoͤrte ihre erhabenen Gespraͤche uͤber den erhabenen Gegenstand. Fuͤrchte nichts, sagte Ini, ich komme gewiß nach Sizilien zuruͤck. Es wird meine erste Bitte an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu vollenden. Ich schreibe dir, was sie beschließt, und du koͤmmst mir dann wieder entgegen. Die Reise ging schnell, da die Thiere munter die Fluͤgel regten und man sich in einer stillen Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand entgegen zu kaͤmpfen hatten. Nach einigen Stunden lag die Blaͤue des Meeres unter ihnen und eine gruͤne Linie an seinem mittaͤglichen Rande bezeichnete Afrika. Der Grad ist bereits uͤberschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, daß du an die Ruͤckkehr denkst, Guido. Diesem waren die Stunden wie Minuten entwichen, er flehte um eine Zugabe von Frist. Man muß den Vertrag halten, antwortete Jene, auch merkte der Knabe, den Guido von der Luftpost zu Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler duͤrften ermuͤden. Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen der Knabe die zwei Adler gelegt hatte, die nun ruͤckwaͤrts gelenkt wurden. Tausend Lebe¬ wohl rief er Ini nach, die ihren thraͤnenden Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie so lange als moͤglich mit dem Sehrohre ver¬ folgte. Guido war sehr traurig als er wieder in seiner Wohnung anlangte. Nur die Hoffnung, bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu duͤrfen, richtete sein Gemuͤth auf. Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus der Ferne zu unterhalten, bedeutend vervielfacht. Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und Jedermann konnte sich ihrer gegen eine maͤßige Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik diente hier aber mehr dem Gehoͤr, als fruͤherhin die wenig umfassenden Zeichen dem Auge. Es gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, und fast bei jeder Witterung, auf eine Meile deutlich hoͤrbar toͤnten und durch welche man von Station zu Station melden ließ, was man wollte. Ueber Meere leisteten dagegen die allge¬ mein gewordenen Taubensendungen Huͤlfe. Ini hatte deshalb von dem Manne, der die Tauben¬ post zu Palermo hielt, sechs dieser gefiederten Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen Briefchen am Halse zuruͤckfliegen zu lassen. In diesem Orte waren deren ebenfalls aus Neu- Karthago, der jetzigen Hauptstadt von Afrika vorhanden, deren sich Guido bedienen konnte. Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte aus seinem Thuͤrmchen nach Suͤden. Manche Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere am zarten Hals, doch lautete die Aufschrift an andere Personen. Endlich nach einer Woche schwebte es weiß daher und die roͤthlichen Fuͤßchen einer niedlichen Turteltaube setzten sich auf den Schlag nieder. Das zahme Thier ließ sich willig ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. Hurtig ward es abgenommen und geoͤffnet. Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit froher Zaͤrtlichkeit aufgenommen sei, und diese Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei Neu-Karthago lebe, auch ihre Liebe im reichen Maaße verdiene. Sie setzte hinzu wie sie nicht begreife, daß diese Mutter, bei einem so warmen Herzen, ihre Erziehung der Fremden habe uͤber¬ tragen koͤnnen, und wie hier ein Grund vor¬ handen sei, bedeutende Geheimnisse zu ver¬ muthen, um deren Aufschluß sie vergebens gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilde¬ rungen der vorzuͤglichen Eigenschaften dieser edlen Frau. Guido, wie unendlich ihn der Empfang des Schreibens erfreute, ward tief bestuͤrzt, daß darin von keiner Wiederkunft die Rede war. Er fuͤrchtete, Mutterliebe werde die Tochter nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz — von dem er doch taͤglich mehr fuͤr sich hoffte — von ihm wenden. Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief an. Hier schrieb ihm Ini, sie kaͤme nach Sizilien zuruͤck. Schwerer, als sie es geglaubt haͤtte, wuͤrde die Bitte darum ihr geworden sein, weil sie die Mutter einen Mangel an Anhaͤnglichkeit haͤtte argwohnen lassen koͤnnen, doch sei diese ihren Wuͤnschen mit der Erklaͤrung entgegen gekommen, Athania werde mit ihr auf unge¬ wisse Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini klagte noch mit schmerzlichem Gefuͤhl uͤber die nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und weise sei. Sie setzte hinzu, daß sie — sonder¬ bar — der verschleierten Mutter Antlitz nimmer schauen duͤrfe. Guido war hoch entzuͤckt uͤber den einen Punkt, wenn ihn schon der andere nicht ganz ohne Unruhe ließ, denn die Liebenden wollen nichts als sich geliebt wissen, sogar eine Mutter nicht. Nach einigen Tagen meldete ein Taͤubchen die Ruͤckkunft auf Morgen an. Wie flog Guido zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie froh schwang er sich zur Hoͤhe! Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Kar¬ ten und Kompaß, konnte also den Strich nicht verfehlen, um so mehr als beides in sehr ver¬ besserter Art vorhanden war. Denn man bil¬ dete die Karten in erhabener Arbeit, so daß sie auf das Genaueste die Berge, Staͤdte, Fel¬ der u. s. w. darstellten. Alle Verhaͤltnisse der Laͤnge, Breite, Hoͤhe waren richtig, wenn schon in bequemer Verkleinerung, und so, daß sie dem gewoͤhnlichen Auge nicht erkennbar wurden. Dann bediente man sich aber der jetzt so treflichen Mikroskope, unter welchen alles deutlich ward. Der Kompaß war mit Uhren, Zeitmessern und andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, daß man, zumal auch die Laͤngenfindung entdeckt war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben hatte, in welchem man sich befand. Es konnte mithin unserm Guido nicht fehlen, seinem Maͤd¬ chen in der Luftregion zu begegnen. Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon auf weiter als zwei Grad' und er ward zu seinem hohen Vergnuͤgen bald inne, daß auch ihr schoͤnes Auge an dem nemlichen Instrumente lag, nach ihn auszusehen. So laͤchelten und liebaͤugelten sie einander schon zu, wenn gleich mehr als zwanzig Meilen entfernt. Bis auf einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkusti¬ schen Werkzeuge Huͤlfe, sich zu begruͤßen und sich suͤße Dinge zu sagen. Herrliche Erfindungen fuͤr Liebende. Endlich war das aͤtherische Haͤuschen erreicht, in welchem die gefeierte Schoͤnheit saß. Guido konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gon¬ del auf das Dach zu springen. Er war zu eilig, versah es, und — fiel. In einer Hoͤhe von viertausend Schuh fiel Guido nieder. Allein saͤmtliche Luftpassagiere waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem duͤnnen Zeuge, mit kleinen Staͤben aufgesteift, zu tragen, die sich bei einem etwanigen Unfall, durch die natuͤrliche Wirkung der Luft, breit entwickelte. So erfolgte dann nichts weiter, als ein jaͤhes Niedersinken von etwa hundert Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am Fallschirm und schwebte langsam der Erde zu. Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell niederwaͤrts, fischte den Juͤngling auf, brachte ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er diesmal vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte ausgelacht zu werden, und — was fuͤr den Lie¬ benden freilich wichtig genug ist, eine Minute verloren zu haben. Guido und Ini hatten einander unendlich viel viel zu sagen, wenn schon die Weisheit es un¬ endlich wenig genannt haben duͤrfte. Noch eifriger betrachteten sie einander: Der ganze Prozeß der Beiden legte es, wie wir schon oft genug beruͤhrten, auf Verschoͤnerung an. Ver¬ schoͤnt nun Liebe an sich, ist sie die beste Lehr¬ meisterin in jeder Kunst, fachen zugleich Tren¬ nung, Sehnsucht und Entzuͤcken beim Wieder¬ sehn sie um so hoͤher an, so konnte es nicht fehlen, daß diese wenigen Tage sie ihren Zielen um etwas naͤher gefuͤhrt hatten. Nicht lange darauf kam der Kaiser nach Palermo. Er ließ sich den Juͤngling vorstellen und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vor¬ theilhaften Bericht, welchen sein Erzieher uͤber ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese vollendet waͤre, sollten sie nach Rom kommen, und wuͤrde dann der Juͤngling, bei einer neuen Pruͤfung, bestehen, verhieß Jener, sollte er zu einem wichtigen Staatsamte berufen werden. So standen also die Sachen. Morgen sollte Guido scheiden. Ini empfahl ihm nichts waͤr¬ mer, als das Ideal nimmer zu vergessen, welches sie ihm nun auch einhaͤndigte. Sind die drei C Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide er¬ reicht, was wir wollten, dann liegt es schon in der ganzen Natur dieser Schoͤnheit, daß wir uns besitzen muͤssen. Und nun scheide mit einem maͤnnlichen Lebewohl. Daß es nicht sehr maͤnnlich war, und die ermannende Rathgeberin selbst im Geheim der Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem Allen ließ die hohe Wehmuth des Abschiedes auf lange Dauer wieder einen neuen Zug von Schoͤn¬ heit zuruͤck. Guido sollte nicht immer durch die Hoͤhen rei¬ sen, weil ihm die Tiefe dann nicht kund geworden waͤre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward bestiegen, das den Lehrer und Zoͤgling nach der jetzigen Ostmark des Staates von Europa tra¬ gen sollte. Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend ge¬ wonnen. Unendlich geringer war die Gefahr dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die viel erweitete Geographie treflich bezeichnet, der gute Pilot wußte den Strich, kannte die Tiefen seines Fahrwassers genau. Naͤchtliches Dunkel bereitete kein Hinderniß, weil man die Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Um¬ kreis einer Viertelmeile fast Tageshelle verbrei¬ teten. Der Kampf mit Stuͤrmen brachte Niemand mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue aus feinen Metalldraͤthen, welche große Halt¬ barkeit mit geringem Umfang verbanden, und befestigte dadurch das Schiff, mogte die See noch so empoͤrt wogen. Bei Windstillen, die fruͤherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthaͤ¬ tigkeit versetzten, halfen neuerfundene Ruder¬ werke, durch einen einfach kunstvollen Mecha¬ nismus in Bewegung gebracht. Man baute auch weit groͤßere Schiffe, was um so eher an¬ ging, als die Haͤfen uͤberall zu ihrer Aufnahme geeignet waren, und benutzte den Raum darin geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden wor¬ den, der allen Eindrang von Wasser hemmte, daher die Waaren in den Kellern ganz trocken lagen und zugleich in sehr großer Menge, denn rohe Erzeugnisse zu verfahren, schaͤmte sich der meisten Nationen Kunstfleiß, und die verarbei¬ teten nahmen weniger Platz ein. Der obere Theil der Schiffe war gemeinhin sehr vortheil¬ haft abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeine¬ rung genug angenommen, um sich nicht auf einseitige Beschraͤnkungen zu verstehn, und der C 2 Lebensgenuß war Jedermann zu wichtig, als daß er irgendwo verbannt gewesen waͤre. Deshalb fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum Theater umgeschaffen werden konnte, ein Lese¬ zimmer, dessen Wandschraͤnke mit Buͤchern, Kar¬ ten und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt und Naturkunde gefuͤllt waren. Eine breite Gal¬ lerie umlief das Schiff, besetzt mit Fruchtbaͤumen und Blumen in Toͤpfen. Hier lustwandelte man, ohne durch das Arbeitgetoͤse auf dem Verdeck ge¬ stoͤrt zu werden. Zweites Buͤchlein. Die Reise. G elino bemuͤhte sich waͤhrend dieser Meerfahrt den Zoͤgling in mancherlei ihm noch unbekannten Dingen zu unterrichten. Das Vergnuͤgen der Bequemlichkeiten mancher Art, die Zerstreuungen durch Musik und Buͤhne, wurden ihm sparsam zu¬ gemessen; er mußte dagegen haͤufig im Kristall¬ thurm weilen, und die Natur unter der Wogen¬ flaͤche beobachten. Mit diesem Thurme hatte es folgende Be¬ wandniß. Er war nur so groß, daß etwa drei oder vier Personen, ein scheidekuͤnstlerischer Apparat und mancherlei Beobachtungsinstrumente darin Raum fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut, mit Seitenfenstern von sehr dickem aber voll¬ kommen durchsichtigem Kristall. Der Boden uͤberaus fest, um bei einem Stoße an Klippen nicht in Truͤmmern zu fallen. Die Decke an einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der ins Innre lief. Zudem vollkommen gegen den Eindrang der Fluthen gesichert. Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen, indem er in der Gegend des Steuerruders be¬ festigt blieb. Durch seine Schwere ging er unter. Die Hohlung des Taues setzte die un¬ ten befindlichen Personen in den Stand, mittelst eines Sprachrohrs verlangen zu koͤnnen, ob sie tiefer hinab gesenkt, oder hoͤher hinauf gezogen sein wollten. Die Chemie hatte lange schon die Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch Reinigen und Erzeugen von Sauerstoff athembar zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu lebhafter Bewegung, so konnte man durch die Fenster alles weit um sich entdecken, ja man bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln, um die Tiefe noͤthigenfalls noch mehr zu er¬ hellen. Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde seit dieser Erfindung gemacht! Die Welt im Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war, lag nun dem Auge des Forschers offen da. Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen Gebiet der Nereiden und Tritonen zu hausen, auch nahten manche schlimme Gefahren. Die Meerungeheuer, ergrimmt uͤber den seltsamen Besuch, wuͤtheten bisweilen gegen des Thurmes Fenster und suchten sie zu zerstoͤren. Allein es mangelte auch nicht an Vorkehrungen. Stacheln an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so daß sie sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab es Fallen mit einem kuͤnstlichen Mechanismus, die hie und da einen Seeloͤwen, einen Haifisch, einen Delphin und andere erst seit dieser Er¬ findung bekannt gewordene Thiere umklammerten, die denn als eine Beute fuͤr die Schiffskuͤche oder fuͤr eine Sammlung von Seltenheiten mit empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich aber zu große Thiere ein, und wenn der Thurm nicht eilig genug zur Hoͤhe gewunden ward, ging er mit seinen Bewohnern verloren. Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossi¬ lien, andere Gattungen von Perlen und Koral¬ len waren eben sowohl in großer Menge entdeckt worden, als man die Ichtiologie bereichert hatte. Hier blieb Guido halbe Tage lang, uͤbte den kaltbluͤtigen Sinn in Lebensgefahr und aͤrntete merkwuͤrdige Kenntnisse. Von dem was er sah und lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das Vorzuͤglichere davon in einen Auszug und sandte ihn durch mitgenommene Tauben an Ini. Man gelangte in den Archipelagus. Die meisten Eilande wurden besucht. Sie waren jetzt zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem alten arkadischen aͤhnliches Leben fuͤhrten, denn Unschuld und fromme Sitte hatte man einhei¬ misch gemacht; zum Theil aber sahe der Rei¬ sende vortreffliche Anstalten zur Bildung von Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage einlud. Guido gesellte sich bisweilen zu den Juͤng¬ lingen und Maͤdchen unter den Hirten. Jene trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr auf dem Ruͤcken weil sie in klaren Naͤchten die Beschaͤftigung ihrer Urvaͤter trieben und die Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie eine liebliche Art Floͤten und begleiteten den Gesang froher Maͤdchen, deren Hand zugleich ungemein wohltoͤnende Citharen ruͤhrte. Wie weit auch diese Musik der Zephirharmonika nach¬ stand, mit welcher Ini ihn bezaubert hatte, fuͤhlte Guido dennoch die Ruͤhrung einfacher und tief empfundener Melodien. Natur und harmlose Lebenssitte hatten auch diese Menschen so poetisch gemacht, daß auf Verlangen oder aus eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und Harmonien auf der Stelle erfanden und vor¬ trugen, was die Hoͤrer in die Zeiten der Amphion und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine anziehende Schilderung und sandte sie Ini. Das Verlangen Athen bald zu sehen, reg¬ te sich nun lebhafter, denn zu viel hatte ihm Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem gestillt, man erblickte das alte Vorland Sunium, die Berggipfel Parnes und Brilessus, und lag bald darauf im Hafen Piraͤus vor Anker Gelino unterrichtete ihn im Voraus uͤber die Erscheinungen, welche ihn auf diesem merk¬ wuͤrdigen Erdfleck belehren sollten. Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an, ereignete sich in der Provinz Frankreich jene be¬ kannte Staatsveraͤnderung, welche das Schick¬ sal bestimmt hatte, nach und nach allen Reichen am Erdboden eine neue Gestalt zu geben. Nach langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neun¬ zehnte Jahrhundert gefuͤhrt wurden, kam der groͤßte Theil von Europa unter eine Obergewalt, welche aber die Unterregierung mehrerer Koͤnige feststellte. Man nannte dies Reich, das erneute roͤmisch-abendlaͤndische und Rom wurde, wie es jetzt noch ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der schwerste Kampf war gegen die Albionen, damals in Schiffahrt und Seekrieg beruͤhmt, welche un¬ geheure, wenn gleich meistens eingebildete, Reich¬ thuͤmer gehaͤuft und den gigantischen Entwurf gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erd¬ balls an sich zu bringen. Doch nach einer ge¬ lungenen Landung flohen die Vornehmen mit ihren klingenden Schaͤtzen nach dem Indien am Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt ihres neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt zuruͤck und mußte unter fremder Regierung sei¬ nem Kunstfleiß eine andere Richtung geben. Doch bildete sich neben dem abendlaͤndischen Kaiserthume auch ein neues morgenlaͤndisches. Einen Caͤsar an der Spitze, der sich den griechischen nannte, drangen die Voͤlker des Nordens hervor, mit eisernen Armen, in alt scithischer wilder Kraft und dennoch mit den Kuͤnsten der vorhan¬ denen Kultur vertraut. Den Boden des ehema¬ ligen Griechenlands hatten damals die Otto¬ mannen inne, ein kraͤftig Volk, voll Religion und warmer Phantasie, doch weit zuruͤckgeblieben in den Wissenschaften. Sie mußten bald aus Europa weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere Jahrhunderte, auf Constantins Thron gesessen hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa ward der Zankapfel zwischen den beiden Gro߬ monarchien. Neu-Griechen und Neu-Roͤmer machten ihre Anspruͤche darauf mit dem Schwerdte guͤltig. Eine verheerende Fehde folgte der an¬ dern, die Menschheit blutete. Man sah in den lachenden Gegenden nur Ruinen, entvoͤlkerte Wohnplaͤtze, verwuͤstete Auen. Umsonst mahnte Philosophie der blutenden Menschheit zu schonen. Zu gewaltig fuͤhlten sich die Streitkraͤfte, zu ent¬ flammt waren die ehrgeizigen Gemuͤther, stolzer gemacht durch bedeutende Erfolge und immer weiter strebend in ungemessenen Entwuͤrfen. Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unter¬ redung zu Constantinopel. Mein muß Europa gehoͤren, sagte der Occidentale, die Natur seiner Graͤnzen weist mich darauf an, ich ende den Kampf darum nicht und sollte das lebende Ge¬ schlecht darin untergehn. Doch nimm dir vom alten Morgenland Roms, das herrliche Klein- Asien, Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja bemaͤchtige dich aller Lande, denen einst Cirus gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem um¬ fange nach, groͤßer als mein Gebiet, wie viel reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm noch zugesellen. Die Kuͤhnheit des Plans gefiel dem Monar¬ chen aus dem Hause Romanow. Da kamen von den Stroͤmen Obi, Lena, Jenisei, von den Seen Aral, Telegul, Baikal, von den Altanischen und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger. Turalinzen, Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschu¬ limische und Werchotomekische Tatarn stroͤmten uͤber den Kaukasus, Huͤlfsvoͤlker aus den stolzen Spaniern, den ehrgeizigen Franken, den markig¬ ten Germanen, den feurigen Polen, den schlauen Italiern und andern Nationen zusammen ge¬ bracht, drangen uͤber die Meerenge Constan¬ tinopel vor oder landeten an den Kuͤsten von Sirien. Tapfer vertheidigten sich die Anhaͤnger der Religion Muhameds. Doch Uneinigkeit theilte ihre Kraft, sie waren der uͤberlegenen Kunst nicht gewachsen. Zwar kostete es Jahre, muͤhe¬ voller Anstrengung und das Leben von Hundert¬ tausenden, endlich aber wurden bis zu Mesopo¬ tamien hin alle alt-tuͤrkischen Besitzungen uͤber¬ schwemmt. Der Schach von Persien kam den Glaubensverwandten zu Huͤlfe, ward so in die Kriege verflochten und erlag am Ende des neun¬ zehnten Jahrhunderts auch. Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren Staates Mittelpunkt. Man bemuͤhte sich mit Weisheit die Voͤlker zu gewinnen, indem ihnen nach und nach die Wohlthaten der Kultur ein¬ leuchtend gemacht, und die verschiedenen Reli¬ gionen in einen, von Wahn gereinigten, und durch allgemeine Moral veredelten, Kultus vereint wurden. Bald aber sahe man sich genoͤthigt neue Kriege im Ost zu beginnen. Die Albionen in Indien waren maͤchtig geworden. Sie trieben nicht nur in allen Gewaͤssern zwischen Madagas¬ kar und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten auch zu Lande ihre Herrschaft bis uͤber Tibet hinaus verbreitet, befehdeten den Khan von Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten sich jetzt die vormaligen Moskowier) zu vielen Klagen Anlaß. Die Waffen mußten entscheiden, ein hartnaͤckiger Kampf durch mehrere Jahr¬ zehende folgte. Doch ein Monarch, Cirus Ale¬ xander genannt, drang zuletzt an den Ganges vor, nahm Calcutta ein und die Albionen sahen sich abermal gezwungen ihr Reich uͤbers Meer zu verlegen. Sie waͤhlten Neu-Holland, da Cirus Alexander ihnen auch die Inselgruppe von Borneo wegnahm. Doch jenes große Eiland, das nunmehr den Namen Suͤd-Brittania em¬ pfing, sammt vielen andern und manchen neu entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich und die kunstfleißige und uͤppige. Hauptstadt Botani-Bai ist zu der Bevoͤlkerung einer Million herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig raͤumen mußten, fand man eine Abtei voll Grabmaͤhler und Denkbilder großer Seehelden und Gelehrten. Denn dies Volk war von uralten Zeiten her ungemein dankbar gegen Verdienste um das Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl ge¬ lungen mit anfaͤnglich geringen Huͤlfsmitteln bewundernswerthe Dinge zu vollziehn. Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet und befestigt war, genoß das abendlaͤndische Kaiserthum einer langen gluͤckseligen Ruhe. Der Kaiser Marcus Aurelius II . berief zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Fuͤrsten und Weisen aus allen Landen, um eine Verfassung zu gruͤn¬ den, wie das Beduͤrfniß der vorgeruͤckten Zeiten sie verlangte. Hier wurde nun vorerst angetragen, den Namen abendlaͤndisches Kaiserthum aufzugeben. Was duͤrfen wir Rom nachahmen? fragte man. Unser Reich ist an Umfang, Reichthum und Ge¬ walt, bei weitem groͤßer als das Reich der Qui¬ riten in seiner uͤppigsten Bluͤthe. Haben wir allenfalls in Asien maͤchtigere Feinde zu fuͤrchten als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, mit denen vereint wir ihnen kraͤftigen Wider¬ stand leisten koͤnnen. Da auch die reinste Ge¬ meinsache der Zweck dieses großen Landtags ist, so heiße das Reich kuͤnftig die Republik Europa. Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekraͤnkt zu finden, sahe hier nur seine Wuͤnsche ausge¬ sprochen. Nur Gleichheit, sagte der weise Gekroͤnte, ist Verfassung des Rechts. Wenn Spaltung des Willens Ehedem die Republiken erschuͤtterte, und sie zuletzt in Herrschaft der Willkuͤhr untergehen ließ, so kam das daher, weil die Volksvernunft noch nicht hinlaͤnglich gereift war, das Gute klar einzusehn. Man nannte die Tugend Stuͤtze der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments. Thoͤrigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. Heil der Zeit, welche endlich einsah, Ehre koͤnne allein der Tugend Preis werden und Tugend sei durchaus nichts anderes als Huldigung der Vernunft. Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich selbst, Volkswillen und Alleinherrschaft so verbun¬ den, daß der Mann auf der Spitze, jenen nach¬ druͤcklich ausspricht, und, wie er ihn von unten herauf vernahm, ihn von oben hinunter in Er¬ fuͤllung gehen laͤßt. Es gab Zeiten wo die Fuͤrsten sich freuten, blindgehorsamen, vernunftarmen Sklaven zu ge¬ bieten. Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir nur Ehre darin, freien, edlen, verstaͤndigen Buͤr¬ gern vorzustehn. — So sprach dieser Monarch. Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegen¬ heit finden, die Einrichtungen zu sehn, welche nun in der monarchischen Republik gegruͤndet wurden, indem man unablaͤßig strebte, Tugend und Ehre zu gatten, und zugleich die Volksin¬ telligenz und die Fuͤrstenintelligenz erzog. Viel Hohes, Großes, Kraͤftiges, Entzuͤckendes ist daraus her¬ vorgegangen, wenn gleich freilich immer noch ein Grundsatz fuͤr die Tugend der Buͤrger mangelt, der ihre Tugend gewiß, aͤcht und als solche er¬ kennbar macht. Ihn zu suchen ist das hohe Geschaͤft der Zeit, wiewohl man noch nicht gluͤcklich darin war. Vor der Hand merke aber so viel von jenen Anordnungen: Alle Voͤlker von Europa sollten zur Sitten¬ einheit erzogen werden. Man fuͤhrte darum Ueberall dasselbe Maaß in Schwere und Umfang, dasselbe Tauschmittel, dieselben Satzungen des Rechtes, ein. Die allgemeine Sprache durch ganz Europa folgte. Die Voͤlker hatten ihre besonderen Fuͤrsten, da Eine Obergewalt unmoͤglich das weite Ganze im Einzelnen uͤberblicken konnte. Diesen Fuͤr¬ sten blieb die Wuͤrdeerblichkeit zugestanden, um den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung aus¬ zuweichen, doch haftete sie nicht an dem erstge¬ borenen, sondern an dem edelsten Sohn. Hier¬ uͤber mußte das große Rechtstribunal schlichten, welchem der Kaiser vorsaß und wo auch alle D Streitigkeiten der Fuͤrsten gehoben wurden, wo¬ durch, wie das Staatswohl auch von selbst ver¬ langte, ein immerwaͤhrender Friede in Europa bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit, wo¬ gegen die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, trotz ihren erblichen Gebieern, als Provinzen be¬ trachtet werden, traurige innere Kriege sah. So hatte unter andern einst Deutschland einen Foͤde¬ ralismus gestiftet, wo aber demungeachtet sich ein Fuͤrst gegen den andern der Waffen bediente. Doch, damit die Erben von Thronen, sich ihres erhabenen Berufs wuͤrdig machten, mußten die Vaͤter, des Gemeinwohls halber, das frohe haͤus¬ liche Verhaͤltniß aufgeben, sie um sich zu sehn. Zeitig wurden die Soͤhne fernen Erziehungsan¬ stalten uͤbergeben, wo sie, unerkannt und unter andern Pfleglingen, nach den Grundsaͤtzen gebil¬ det wurden, die die Weisheit fuͤr die besseren erkannte, und welche sie immerfort veredelten. Dann bekleideten sie Aemter mannichfacher Art und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon entwickelten Talente sich noch mehr kraͤftigten. Endlich, maͤnnlich gereift, an Leib und Geist prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe Bestimmung und traten sie, von Schmeichelei und Luͤsten unverdorben, an. Dieser Gebrauch ging in der Folge sogar auf die Fuͤrstentoͤchter uͤber, und keineswegs duͤrfen die Kinder der Kaiser da¬ von ausgenommen sein. Was fuͤr die Religion, den Landbau, die Wissenschaften, Kuͤnste, Handwerke, die Ausrot¬ tung der Armuth, von Oben geschah, daß sie Un¬ ten desto freier gedeihen konnten, wird sich dir an seinem Orte verkuͤnden. Ungeachtet der beschloßenen und nach und nach durchgefuͤhrten Identitaͤt der Europaͤer, glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich koͤnne durch seine Natur, und allenfalls durch gewisse Uebertragungen vom Alterthum, sollte es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich fuͤr gewisse Beschaͤftigungen vorzuͤglich eignen. So wurde den bildenden Kuͤnsten, deren schoͤnen, sittlichen Einfluß man nicht verkannte, das alte Griechenland zum Wirkungskreis angewiesen, und dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich phan¬ tastische Plan ausgefuͤhrt, Athen wieder aufzu¬ bauen. Du wirst diese Stadt nun sehen und zwar moͤglichst genau nachgeahmt, so weit nur die Alterthumskunde dazu Huͤlfsmittel anbot. Du wirst dich in die Zeiten des Perikles zuruͤck D 2 waͤhnen, in seine Mauern tretend. Keiner von den Tempeln, keins der ehmaligen oͤffentlichen Gebaͤude mangelt. Bildhauer und Maler trei¬ ben vorzuͤglich ihre Kunst, und wenn der Haupt¬ anreiz vor Zeiten in dem großen vortheilhaften Absatz der Statuen und Gemaͤlde bestand, welche der alte Politheismus aus der halben bekannten Welt in Attika kaufte, hat auch der neuere Kul¬ tus diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Ge¬ genstand des Stolzes geworden ist, simbolische Darstellungen aus Athen zu besitzen, deren wohl viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht kamen. Ohne diesen beguͤnstigenden Umstand wuͤrden Athens neuere Bildner schwerlich die Phidias und Apelles zuruͤck gelassen haben, wie es wirklich geschehen ist. Mitbewerbung ist je¬ doch, wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Eu¬ ropa mag die Kuͤnste uͤben wer da will, und wo er will, auch wetteifern die Maler in Italien sehr gluͤcklich mit denen am Ilissus, doch die Fertigkeit in Stein zu gestalten, drang hier am weitesten, wie uͤberhaupt auch die Vorkunde (Theorie) des Schoͤnen, in Athen am meisten einheimisch ist. Bei den Worten Vorkunde des Schoͤnen ergluͤhte der Zoͤgling und dachte an Ini, die sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte er zu sich, ob die Bildner zu Athen meine holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion uͤbertreffen werden. Man zog nun in die Stadt ein. Guidos Herz wallte hoch auf, bei den ruͤhrenden Erinne¬ rungen an das edle Alterthum, so lebendig durch die Nachahmung versinnlicht. Vor allen Haͤusern standen Hermen, deren Vollkommenheit Staunen erregte, das einfache und doch mit großem Eindruck erfuͤllende Ebenmaaß der heiter-majestaͤtischen Tempel, legte entzuͤckende Bewundrung auf. Gelino besuchte mit seinem jungen Freund die Werkstatt des geruͤhmtesten Meisters unter den Bildhauern. Der Mann faßte den Juͤng¬ ling fest ins Auge, und schien befremdet. Dann zeigte er willig seine reichen Vorraͤthe, zu wel¬ chen die meisten Kuͤnstler von Belang ihre Ar¬ beiten geliefert hatten, die nun in den weitlaͤuf¬ tigen Saͤaͤlen dieser Werkstatt und unter vor¬ theilhafter Beleuchtung, dem Auge der Fremden ausgestellt sein sollten. Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde in Athen auch kuͤnstlerisch behandelt und man band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich ge¬ lungene Nachbildungen jenes Apollon, jener Ve¬ nus, jener Niobe und anderer Statuen, die sich einst gluͤcklich durch die Jahrhunderte der Bar¬ barei retteten und in spaͤteren das Morgenroth des Schoͤnen wieder aufgehen ließen, sondern man hatte auch die naͤmlichen Ideen auf andere Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius ward daran sichtbar. Foͤbos hatte weit mehr Goͤttlichkeit, die Goͤttin von Paphos mehr weib¬ liche Anmuth, wenn fruͤhere Zeiten dies schon un¬ begreiflich fanden. Auch aus der alten nordischen Goͤtterlehre waͤhlten die Kuͤnstler Stoffe. Odin, Wodan, die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Ver¬ herrlichungen aufgestellt, eben so Brama, Osir und was sonst dazu sich eignete. Fuͤr Saͤaͤle und Gaͤrten der Großen in Europa fand sich immer Nachfrage, auch hatte jede namhafte Sadt einen Park, zur Ergehung der Bewohner, angelegt, den der Kunstsinn gern schmuͤckte, uͤberzeugt, dies wirke lebendig auf den Flug der Gemuͤther ein, und die so vervollkommnete Leichtigkeit der Fortschaffung maͤßigte die Kosten. Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die Landesreligion unterhalten. Ein Sinod von Wei¬ sen hatte fruͤherhin fuͤnfzigjaͤhrige Sitzungen ge¬ halten uͤber diesen hoͤchst wichtigen Gegenstand, etwas Allgemeinguͤltiges, Dauerndes festzustellen. Tausend Vorschlaͤge hatte man gepruͤft und ver¬ worfen, bis eine ansehnliche Mehrheit sich fuͤr die folgenden entschied. Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist die erhabenste, noch nicht uͤbertroffene Legislatur der Rechtsgefuͤhle, doch die christliche Glaubens¬ lehre kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. Wenn jene, ihrem Geiste nach, und auf die ehrwuͤrdige Urreinheit zuruͤckgefuͤhrt, nach Jahr¬ tausenden segnend auftreten kann, so ist diese, nach den ungemessenern Begriffen vom Welt¬ gebaͤude, welche ein aufgehelltes Geschlecht er¬ rang, nicht laͤnger brauchbar, wenn die Ver¬ nunft nicht mit sich selbst im Widerspruche le¬ ben will. Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt bindet, uralten Erfahrungen zufolge, die Herzen zu wenig, was durch die Phantasie zur Ver¬ nunft dringt, nimmt nicht nur die Schwaͤche, auch der kraͤftige Sinn freundlicher auf, vorzuͤg¬ lich wenn es in das Leben der Handlung uͤber¬ gehn soll. Verbannen wir daher vom Denken alles Bildliche, doch zum thaͤtigen Wirken moͤgen immer Dichtung und Kuͤnste uns lieblich be¬ geistern. Der mosaisch-christliche Theismus sei und bleibe die Grundlage unserer neuen, und den¬ noch aus dem tiefen Alterthume empfangenen Religion. Wir glauben an eine Gottheit, un¬ begreiflich den Formen, in welchen uns dermalen unsere Natur zu erkennen gestattet. Außer dem Raume, außer der Zeit, unendlich, ewig, all¬ maͤchtig bezeichnen wir diese Gottheit, nichts Hoͤheres wissen wir zu nennen, wenn wir uns auch in tiefer Anbetung bescheiden, was wir nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Stre¬ ben, das unsere Kraͤfte uͤbersteigt, sein Wesen naͤher zu fassen, aufgeben. Keine Ehrengebaͤude dieser erhabenen Vermu¬ thung! Unwuͤrdig stellt sie die Materie dar. Koͤnn¬ ten hoͤhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdster¬ nen, Altaͤre darin aus Feuersternen, es priese ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im Jahre mag sich die dankbare Andacht unter dem himm¬ lischen Gewoͤlbe versammeln, und sich selbst hei¬ ligen, in heiliger Empfindung. Wenn der Ball sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren befruchtenden Segen zu trinken, wenn wir aͤrn¬ teten, was die innere Goͤtterkraft der Auen naͤhrend gestaltete, dann wimmle die Menge in Eintracht hinaus und huldige. Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend im Raum, nicht schwimmend im Strome der Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern ange¬ wiesenen Geiste, nur im Simbol sich offenbart, so ist es hehr und wuͤrdig, zu ehren, was wir irrdisch-goͤttlich nennen, und sich, so weit der Staub vermag, bildete nach dem Ideal des Allgoͤttlichen, wie es im Busen der edleren Menschheit geahnet wird. Laßt uns preisen, was schon das tiefe Alter¬ thum pries, schon so viele Millionen der Ge¬ storbenen zur Tugend erwaͤrmte, uns im Abbild erkennbare Muster des Hohen giebt, es einen mit den Satzungen unsers Buͤrgervertrags. Laßt uns Staͤtten des innigen Andenkens erbauen, die uns ruͤhrender mahnen und zur Nacheife¬ rung weihen. Moses, der hohe Urpriester der einigen Got¬ teslehre, der weise Erfinder heiliger Gesetze, der kraͤftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er uns Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns geboten wird, gegen innere feindliche Leiden¬ schaft, oder aͤußere Krieger die Waffen der Ver¬ nunft oder des Armes zu erheben. In seinen Tempeln werde das Recht gelehrt, gesprochen, in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, wenn des Vaterlandes Vertheidigung uns zum Schwerte ruft. Jahrtausende nannten den Juͤngling in Palaͤ¬ stina goͤttlich, der in wenige Worte die Lehre der reinsten Menschlichkeit zusammen draͤngte. Er sei uns der Heros des Brudersinns. Er liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm geweiht. Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, von seinem Geiste durchdrungen zu werden. Vor seinen Altaͤren hoͤre die bruͤderliche Ver¬ sammlung, Moral der Gemeinschaft, und der Weisen Unterricht, kluͤglich die Keime im jungen Herzen zu pflegen. Hier werden die Juͤnglinge, das aufbluͤhende Maͤdchen oftmal gepruͤft, in ihren Fortschritten zur Veredlung. Schoͤner zarter Mithos deiner himmlischen Liebe, o Maria, dir gebuͤhrt eine Staͤtte in unsrer Religiositaͤt! Das Weib fuͤhle sich er¬ hoben, eine Heilige ihres Geschlechts in Tempeln gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder Dichtung wetteifern, einem gebildeten Volke schoͤne Bildungen der hohen Maria zu geben. Ihr bringe die Liebe Anbetung, und erhebe sich begeisterter zum Himmlischen, sie sei die idea¬ lische Koͤnigin aller Schoͤnheit und die Kuͤnste machen sich ihr werther, in dem lieblichen Wahn, von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe knuͤpfte ihre innigen Bande, Maria vor deinen blumengekraͤnzten Altaͤren. Des ernsten Moses Priesterthum verwalten ergraute, ruhmgenannte Helden, untadelhafte Volksrichter und Fuͤrsten, deren weise gepflogenes Amt die allgemeine Liebe lohnte. Des sanften Christus Tempeldienst sollen die edelsten Jugend¬ lehrer verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen eine bedeutende Zahl trefflich gedeihender Zoͤg¬ linge gaben. Kuͤnstler, die verklaͤrenden Genius in ihren Werken offenbarten, uͤben den Kultus der schoͤnen Heroin Maria, Choͤre von un¬ straͤflichen Jungfrauen im Gefolge. So geben wir dem Irrdischen hoͤheren Adel, indem es mit den Ahnungstraͤumen goͤttlicher Natur verwandter gemacht wird. Diese Religion, anfaͤnglich mit vielem Wider¬ spruch der lebenden Generation bekaͤmpft, wurde bei den folgenden allgemein, und gab den Kuͤn¬ sten reiche Vorwuͤrfe. Man sah den Heros des Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten. Die Idee desselben ward von dem strebenden Kunst¬ sinn immer herrlicher empfangen, und jene Kraft¬ summe, lange in dem Standbilde des Herkules der Farnese bewundert, blieb bald gegen den vollendeteren, zugleich geistvoller ausgepraͤgten Moses einer geistvolleren Zeit, zuruͤck. Neben einer Anmuth und einem Einklang der Ver¬ haͤltnisse, wie sie viele Jahrhunderte an jenem Apollon ruͤhmten, hatte die reifere Kunst den Christusdarstellungen eine unbeschreibliche Hoheit und Milde, uͤber das goͤttliche Antlitz gegossen, so daß nicht nur der unterrichtete Kennersinn, sondern jeder im Volke, von dem Gesammtaus¬ druck auf das Innigste ergriffen, geruͤhrt wurde, und der Begriff vollkommene Menschlich¬ keit nach Maasgabe seiner geringeren oder vol¬ lendeteren Bildung, schwaͤcher oder erhabener vor seiner inneren Seele schwebte. Nichts uͤbertraf aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den schoͤnsten dieser Statuen, gingen die lieblichen Maͤdchen von Athen selten weg, ohne einen neuen Zug eigner Schoͤnheit mitzunehmen. Wie stannte aber der schoͤnheitsinnige Guido, von dieser Kunstsammlung umgeben! Er schoͤpfte in der gefuͤhlten Begeisterung frohen neuen Un¬ terricht uͤber das Ebenmaaß der Formen, und lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch mußte er jedoch bewundern, daß seine Geliebte, die sich nimmer in Athen befunden, sondern ihr Studium vor den Kunstwerken in Sizilien geuͤbt hatte, zu einer Idee gelangt war, welche dennoch naͤher an die Vollkommenheit zu reichen schien, als alles, was er hier erblickte. Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm heran. Juͤngling, nahm er das Wort, von wannen du auch seist, du stammst aus einem Ge¬ schlechte, das durch eine lange Reihe von Glie¬ dern, hoher Entwicklung entgegen strebte. Guido ward verlegen, da ihm nichts uͤber seine Herkunft bekannt war. Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang spricht aus deiner Gestalt, die Kunst wuͤrde nichts zuzugeben vermoͤgen, wenn sie dich in Marmor darstellte, nur am Haupte, an der Stirn, an Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige Linien zu wuͤnschen uͤbrig. Guido erroͤthete, gab aber doch mit unbe¬ fangenem Selbstgefuͤhl die Antwort: Ich zaͤhle noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist unvollendet. Wer weiß — Dann bat er den Kuͤnstler, sein Profil so zu zeichnen, wie es die Forderung der hoͤheren Wissenschaft verlange. Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido hin. Es duͤnkte ihm jedoch, der Mann staͤnde in seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. So uͤberfliegt denn der Liebe Genius weit die Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit geheimen Entzuͤcken. Waͤhrend dieser Unterhaltung bemerkte er, daß viele Schuͤler umher saßen, die ihn zeich¬ neten, und geschmeichelt, weilte er laͤnger. Bei dem allen pflanzte sich Eitelkeit nicht in seine Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit ver¬ wahrt. Man begab sich nun in die Kunststaͤtte des beruͤhmtesten unter den Malern, so reich an Schildereien als jene in Werken aus Marmor, Pophir und Elfenbein. Voll hingen alle Waͤnde, und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen des Juͤnglings Blicke noch mehr an. Gefaͤllig erklaͤrte ihm der Vorsteher Bedeutung und Werth. Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als einem halben Jahrtausend auf eine bedeutende Hoͤhe, von welcher sie aber spaͤterhin, aus man¬ nichfachen Ursachen, wieder herabsank. Im sieb¬ zehnten, achzehnten, neunzehnten Jahrhundert gab es durchaus weder einen Raphael, noch Ru¬ bens, noch Titian. Doch wenn die Ausfuͤhrung krankte, rettete sich das Urtheil durch die un¬ fruchtbare Zeit, und bereitete vollkommenere Schoͤpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrich¬ ter zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, maaß das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer hoͤchst sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeich¬ nung, Zusammenstellung, Farbe und Ausdruck, unter gewiße Staffeln gebracht waren. Zwanzig Grade enthielt die Tabelle, den achzehnten nahm sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie er¬ kannte Raphael den Preis in Zeichnung und Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit ihn bei weiten uͤbertraf, Rubens im Ausdruck mit ihm wetteiferte, und ihn in der Zusammen¬ stellung zuruͤckließ. Es mußte nun nothwendig der Wunsch nach einem Gemaͤlde entstehen, in welchem die richtige Hand, die bluͤhende Einbil¬ dung eines Raphael, mit der hohen Kraͤftigkeit eines Rubens, und der sorgsamen lieblichen Ausfuͤhrung eines Titian gegattet waren. Lange jedoch ward er umsonst gefuͤhlt. Erst im zwan¬ zigsten Jahrhundert, nachdem die Kuͤnste unter der Aegide eines langen Friedens ungestoͤrter auf¬ bluͤhen konnten, und eine kluge Regierung dem Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, sie freundlich zu naͤhren, ließ sich erst die Vor¬ zeit wieder erreichen. Nun eilten die Fortschritte gluͤcklich. Die vervollkommnete Lehrmethode staͤrkte fruͤh der Zoͤglinge Fassungskraft, die mechanische Fertigkeit konnte zeitiger errungen werden, die Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheil¬ haftere Bereitung der Farben. Um die Mitte dieses Jahrhunderts vereinten die besseren Maler schon schon jene sonst getrennten Vorzuͤge, gegen das Ende drang bereits einer bis zu dem von Piles geahnten aber nie gesehenen Grad empor. Jetzt darf kein Kuͤnstler ein Werk in diese Ausstellung bringen, in welches er nicht richtigere Zeichnung, vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr Poesie der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenideali¬ taͤt wie Titian gebracht haͤtte. Siehe fuͤhlender Fremdling, hier Werke der Art. Er fuͤhrte ihn nun zu einem großen Gemaͤlde, das, nach der altnordischen Mithologie, die An¬ kunft eines Helden in Odins Walhalla vor¬ stellte. Guido ward betroffen ob all der Wonne die in diesem Anblick uͤber ihn kam. Entzuͤckend war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel geleitet hatte, einen Aufenthalt belohnter Seli¬ gen, den Sinnen erkennbar zu machen. Ein lieb¬ licheres Azur, wie unter Siziliens sanftem Him¬ mel woͤlbte sich uͤber Gefilde von unsaͤglich ruͤh¬ render Pracht. Blumen, Rasen, Baͤume, waren zwar aus der uns bekannten Natur genommen, aber in sich so verschoͤnt, so reitzend znsammen¬ gestellt, daß das Auge an die Natur einer an¬ dern Welt glaubte. Man sah die ostindische Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum, die E peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, Lorbeeren, Platanen, aber die Massen in welche sie gefuͤgt waren, machten einen unweit anmu¬ thigeren Eindruck, als er in irgend einer wirk¬ lichen Gegend empfunden wird. In den man¬ nichfachen Blumen lebte eine Wahrheit, daß man an ihren Duft in suͤßer Taͤuschung glaubte, und zum Triumph des Urhebers, viele streitend be¬ haupteten, der Maler habe sie mit den Essenzen ih¬ rer Geruͤche versehen, so wie andere die Hand in die beruͤckende Tiefe des Gemaͤldes ausdehnen wollten, und sie beschaͤmt von der Leinwand wegzogen. Was aber dem Ganzen am meisten das Fremdartige, uͤbersinnlich, selig Erscheinende gab, war die zarterfundene Beleuchtung. Eine tief am Horizont schwebende Sonne sandte ihr Licht sparsam durch dunkel gedraͤngte Waldung an einer Seite. Ihre Scheibe zeigte aber kein hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weiße sanft¬ strahlende Diamantenglut. Hiedurch wurden alle Tinten veraͤndert und nahmen einen aͤtherischen Charakter an, der mit suͤßem Rausch erfuͤllte, und die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn freudigahnend empfinden ließ. Auch auf die menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so wunderbar, daß sie bei der uns verwandten Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu athmen schienen. Den eben angelangten Helden, in Kraft und Stattlichkeit, den vollen Ausdruck ed¬ ler Seelenhoheit im Antlitz, verklaͤrte die stau¬ nende uͤberraschende Wonne der ihn rings um¬ fangenden Glorie. Die Jungfrauen von Wall¬ halla nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, der holdesten Freundlichkeit, brachten ihm den Trank der Unsterblichen und kroͤnten sein Haupt mit ewig bluͤhenden Rosen. Ihre heiligen Reitze geboten zugleich Liebe und schalten das Gefuͤhl Verwegenheit. Die erhabenen Zuͤge forderten knieende Anbetung, die kindliche Unschuld un¬ tersagte ihnen goͤttlich zu huldigen. So war dies Gemaͤlde angethan, von dem Guido sich nicht abzuwenden vermochte. Erst nach manchen Erinnerungen ging er weiter und trug die Totalidee eines Helden in seiner Seele davon, der sich glorreich uͤber alle Schrecken der Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes werth gemacht hat. Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der Iairus Tochter erweckt. Des Heilands Gesicht zeigte keine Spur von allem was an Leiden¬ E 2 schaft erinnert, das reine menschliche Gepraͤge stand da, doch von erhabner Liebe und festem Goͤtterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: „Stehe auf!“ gebot sein hohes Auge mit ruhiger Majestaͤt, mild laͤchelte die maͤnnliche durch An¬ muth bewegende Wange. Der Uebergang vom Tod ins Leben war an dem Maͤdchen mit be¬ zaubernder Kunst ausgefuͤhrt. Ein leichter Ro¬ senhauch goß sich uͤber das noch starre Antlitz. Der Augenaufschlag war frommer Lichtgruß, kindlicher Engelsinn. Die kaum wieder regen Haͤnde strebten, sich zum Gebet zu erheben. Ihr Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge aufs Knie. Die ganze siegende Haltung des Gemaͤldes zwang jeden Zuschauer, der fuͤhlenden Sinn mitbrachte, die Anbetung in der nehmli¬ chen Lage zu theilen. So geboten hier die Ma¬ ler dem Herzen. Guido nahm von dieser Staf¬ felei einen noch weit erhabneren Begriff von Tu¬ gend mit sich, als er bisher in ihm gelegen hatte. Noch viele andere meisterhafte Werke wurden ihm gezeigt, von denen er schwelgende Erinne¬ rungen bewahrte. Er schrieb durch ein Taͤub¬ chen an Ini von seinem Entzuͤcken, setzte aber hinzu: Du bist dennoch schoͤner als jedes Maria¬ bild, jede Muse oder Valkire, die ich sah. Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, ge¬ nau dem alten nachgeahmt, dessen Saͤulengaͤnge einst so große Summen gekostet hatten. Phi¬ dias alte Meisterstatue der Minerva aus Elfen¬ bein, ward durch eine Heilandsmutter in gedie¬ genem Golde vertreten, der dieser Tempel nun geheiligt war. Gelino, indem er ihm diese und andere Merk¬ wuͤrdigkeiten zeigte, hub an: Du siehst Athen der Welt in seinen Schoͤnheiten wiedergegeben, doch die Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit den Archonten kaͤmpfende, den Pnix mit Geschrei und Streit erfuͤllende Volk der Vorzeit nicht. Diese Erscheinungen dulden unsere besseren Tage nimmer. Wir koͤnnten noch das Odeon besuchen, wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Buͤh¬ nen, wo man Sophokles, Euripides und Aristo¬ phanes Schoͤpfungen darstellen sieht, doch in die¬ sen Vorwuͤrfen wird Athen anderweitig uͤber¬ troffen, und die Reise eilt. Wir wollen jetzt nach der Graͤnzfestung des Staats, lerne dort, wie man maͤchtig der Feinde Angriffe wehrt. Nicht immer kannst du bei den lieblichen Kuͤn¬ sten weilen. Diese Graͤnzfestung war jetzt die Citadelle bei Konstantinopel. Die ehemalige Bevoͤlkerung der Stadt hatte durch den politischen Wechsel um mehr als die Haͤlfte abgenommen, und die Lage daneben, eignete sich zu ihrer gegenwaͤrtigen Be¬ stimmung. Lange zwar hatte Europa keinen Krieg mit dem Morgenlande gefuͤhrt, aber die Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein. Doch uͤber der Meerenge winkte auch eine Feste von aͤhnlichem Umfang, und beim Aus¬ bruch eines Krieges ließ sich voraussehen, daß sie einander wechselseitig beschießen wuͤrden; denn der Abstand der Citadelle von Konstantino¬ pel bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, wurde von der nunmehrigen Artillerie bequem abgereicht. Schon lange hatte man dem Schießpulver neue Bestandtheile gegeben. Seine Wirkung ging nicht mehr von der Elastizitaͤt des sich ent¬ bindenden Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Ga¬ ses allein aus, man mengte dem Salpeter noch Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzet¬ tigem und zu leichtem Entbinden eine chemische Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses Pul¬ vers zerstoͤrende Gewalt. Die Metallroͤhre schossen Kugeln von funfzig bis zu dreihundert Pfunden auf zwei oder drei Meilen, die Moͤrser warfen noch weiter, und schwerere Lasten. Da aber der Erdkruͤmmung halber die Flaͤche kaum eine Meile sichtbar ist, so mußten die Stuͤcke auf hohe Berge geschafft werden, wenn sie in weiter Entfernung ihr be¬ stimmtes Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr war dann an den Visirpunkt befestigt, und bei der scharfen Genauigkeit der Drehewerke, womit sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur selten verfehlen. Die Bomben, von ungeheu¬ rem Umfang, trugen deren andere in sich, die aberma! mit kleineren gefuͤllt waren, welche zuletzt unvertilgbar Feuer in sich trugen. Der Artillerist wußte die Bahn, welche sie zu durch¬ fliegen hatten, dem Raume und der Zeit nach, auf die Sekunde zu berechnen, besonders da auch ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit welchem die Luft ihm entgegen streben wuͤrde, vollkommen unterrichtete. Weil daneben, bei Ver¬ fertigung des neuen Pulvers, mit einer so großen Gewißheit verfahren wurde, daß ein davon be¬ reiteter Zuͤnder, jedesmal die Explosion in dem Augenblicke vollzog, den der Konstabler wuͤnschte, (eine Fertigkeit, welche man Ehedem nicht er¬ rang), so ward, indem man nach einer feind¬ lichen Stadt warf, die Entzuͤndung gemeinhin bewirkt, wenn die Bombe in der Hoͤhe von ei¬ nigen hundert Schuhen uͤber den Daͤchern an¬ gekommen war. Nun breiteten sich die groͤßeren Granaten der Fuͤllung, deren Explosion nach Maaßgabe der Groͤße des Orts erfolgte, so aus, daß dieser mit den letzten Kugeln und den Truͤm¬ mern der schon gesprungenen, uͤberdeckt wurde, wobei das nach allen Richtungen spruͤhende Feuer die Verwuͤstung vollendete. Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war unter diesen Umstaͤnden unvermeidlich. Allein die Festungen wurden dermalen auf Hoͤhen an¬ gelegt, wo, ohne Wasser zu finden, tief zu gra¬ ben war. Man woͤlbte dann hundert Schuh un¬ ter der Erde Straßen aus, die durch Zugloͤcher von oben Luft empfingen, und bestaͤndig durch Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren hoͤhlenartige, doch gut gemauerte und mit Be¬ quemlichkeit versehene, Wohnungen seitwaͤrts ein¬ gebrochen, in welchen die Soldaten, und was zu ihnen gehoͤrte, hausen konnten. Da genoß man Sicherheit, mochten oben die Bomben ein¬ schlagen. Auch alle Waͤlle hatte man ausgehoͤhlt und mit Felsenlagen hinlaͤnglich gedeckt, damit sich die Wachen inwendig aufhalten konnten. Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furcht¬ baren Schluͤnden auch ihre Widersacher, und so waren die Dinge sich wieder gleich; denn der menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstoͤ¬ rungsmittel, auch die Gegenwirkung. Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in der aus einer Festung, oder aus einem Lager, nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen Heeres, oder auch nach der Hauptstadt, Briefe geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen, akku¬ stische Anstalten, blieben dagegen, entweder an Ge¬ schwindigkeit, oder Ausfuͤhrlichkeit, zuruͤck. In erreichbaren Abstaͤnden befanden sich nehmlich auf befestigten Hoͤhen Kanonen, und Zielwaͤnde. Nun sandte man eine Kugel ab, an welcher eine Stahlkette und an dieser ein dichtes Kaͤstchen ge¬ heftet war, das die Briefe oder andere zu uͤber¬ machende Gegenstaͤnde enthielt. Die Kugel schlug in die Zielwand, das Kaͤstchen blieb zu¬ ruͤck, ward von dort wachenden Konstablern so¬ gleich abgeloͤset, und an eine andere Kugel ge¬ fuͤgt, wodurch denn hundert Meilen, in weniger als einer Viertelstunde, erreicht waren. Die Citadelle bei Konstantinopel war, als die vorzuͤglichste im Reiche, auch am sorgsamsten gebaut. Ihre Waͤlle glichen Gebirgen, die Kel¬ lerstadt, mit ihrem unterirrdischen Leben, bot den sehenswuͤrdigsten Anblick dar. Es fehlte nicht an Tempeln, Marktplaͤtzen, Buͤhnen; die Genuͤsse hatten auch ihren Sitz in der Tiefe er¬ richtet, und die treffliche Erhellung ließ das Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf den Belagerungsstand zu sein, mußte auch fort¬ waͤhrend im Frieden, die Besatzung hier wohnen, und, indem sie zahlreich und gut belohnt war, hatte das viele Buͤrger gelockt, sich unten anzu¬ siedeln, und ihr Leben zu gewinnen, indem sie jenen das ihrige bequemer machten. So wuchs die Bevoͤlkerung nach und nach dort ziemlich an. Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte man auch den Minenkrieg weiter ausgedehnt. Es war nun nicht allein ausfuͤhrbar, einen gro¬ ßen Ort auf Einmal in die Luft zu sprengen, sondern man legte auch außerhalb Minen in schiefer Richtung an, warf durch sie Massen von Erde dahin, und bedeckte die Festung in kurzer Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alter¬ thumskundigen bewogen wurden, an die Fabel der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, Pelion und Olimp auf einander thuͤrmten. Allein die Gegenanstalten mangelten auch hier nicht. Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung unterhoͤhlen zu koͤnnen. Weit hinaus vor den Festungswerken liefen Straßen unter der Erde hin, an Groͤße und Dauer vergleichbar den alt¬ roͤmischen Wasserleitungen. Von ihnen gingen kleinere Gassen aus, welche mit ihren Neben¬ steigen ein weitlaͤuftiges Gewebe bildeten. Hier zogen die Streifwachen rastlos umher, und er¬ spaͤhten zeitig, was der Gegner unter dem Erd¬ horizont beabsichtete. Dann druͤckte man, nach ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend. Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so war diese reichlich genug mit dem Ammoniak- und Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu befreien, indem sein Schutt wieder auf der Feinde Haͤupter geschleudert wurde. Diese hat¬ ten daher auch auf Laufgraͤben zu denken, welche in der Tiefe Sicherheit gewaͤhrten. Guido sah alle diese Anordnungen bewun¬ dernd. Sein Gemuͤth ward entflammt, der Ruhm eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, oder glorreich einzunehmen, gewann einen ho¬ hen Reiz fuͤr ihn. Sein mathematischer, erfin¬ dungreicher Kopf wußte auch von einer Menge Verbesserungen zu reden, die man am Geschoß, an den Minen und anderen Kriegverrichtungen guͤltig machen koͤnne. Gelino lobte dies feurige Umfassen eines hohen Gegenstandes, setzte hinzu: ihn koͤnne leicht der Kaiser einst beim Heere be¬ schaͤftigen, und lobenswerth muͤsse es dann sein, wenn er sich des hoffenden Vertrauens wuͤrdig mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter zu wuͤnschen, als daß die Voͤlker des gesammten Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folg¬ ten, und, ein Welttribunal zum Schlichten aller Streitfaͤlle unter Nationen errichtend, die Kriege fuͤr ewig aufhoͤben. Dies ist auch einer von Inis Gedanken, ver¬ setzte Guido, aber wodurch soll dann die Kraft Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Ge¬ stalt mehr auszubilden, wie jene, die das Gemaͤlde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur die Heldenseele praͤgt die erhabenste maͤnnliche Schoͤnheit aus. Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete sein Lehrer. Es giebt Feinde genug in der ei¬ genen Brust zu uͤberwinden, der Sieg uͤber sie ist eben so glorreich, ja vielleicht noch mehr. Die Reise ging jetzt zu der noͤrdlichen Pro¬ vinz hin, vor Zeiten das europaͤische Rußland genannt. Man bediente sich dazu einen von den Frachtwagen, die suͤdliche Erzeugungen dorthin, und noͤrdliche nach den mittaͤglichen Gegenden brachten. Zu dem Ende waren hier, wie meistens im ganzen Staate, herrliche Kunststraßen angelegt. Sie hatten eine Breite von zweihundert Schu¬ hen, und waren in der Tiefe von funfzig Schu¬ hen, mit gestampftem Granit festgerammt. Je mehr groͤßere und kleinere Straßen der Art es schon gab, je leichter fiel es auch, deren neue zu bahnen und die Steine nach den Gegenden zu schaffen, wo sie mangelten. Auf der Straße von Konstantinopel waren Wagen mit zwei Raͤdern gebraͤuchlich. Jedes Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig Schuhen. Jede seiner Speichen bestand aus einem maͤßigen Fichtenbaum, und war mit Eisen reich¬ lich verstaͤrkt. Die uͤbrigen Theile hatten ange¬ messene Verhaͤltnisse. Durch die gewaltige He¬ belkraft solcher hohen Raͤder ließ sich nun eine außerordentliche Last fortbringen. Die von meh¬ reren Eichenstaͤmmen zusammengefuͤgte und mit zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse hatte eine Breite von funfzig Schuhen, und an dicken Ketten hing ein Prahmen im Gleichge¬ wicht, etwa sechs Schuh von der Erde, uͤber hundert Schuh lang, gegen dreißig breit, und gegen funfzehn tief. Hierein wurde die an¬ sehnliche Menge von Waaren geladen, und die Kajuͤte des Prahmens diente Reisepassagieren zum angenehmen Aufenthalt, wie auch uͤber den Waaren ein Verdeck zum Lustwandeln eingerich¬ tet war. Baͤumchen auf Toͤpfen und Blumen gewaͤhrten einen lachenden Anblick und erhoͤhten das Vergnuͤgen der Reisenden. Die Art, in welcher die riesenhaften Karren gezogen wurden, hatte viel Einfachheit. Zwoͤlf Pferde waren genug. Diese gingen einige hun¬ dert Schritte voraus, an lange dicke Taue ge¬ spannt, welche von der Achse ausliefen. Die Raͤder gaben, wie schon bemerkt wurde, die mechanische Leichtigkeit. Es versteht sich aber, daß die Kunststraßen horizontal fortliefen. Tiefen zu fuͤllen und sich durch Hoͤhen zu brechen, war ja auch nur ein unbedeutend Werk, seitdem die Menschheit sich mit dem neueren Pulver vertraut gemacht hatte, das, außer den Kriegen, noch so mannichfachen Nutzen in Sprengungen gewaͤhrte. Was konnte angenehmer sein, als auf einem solchen, durch Pferde bewegten Prahmen, zu rei¬ sen. Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konn¬ ten die Meerfahrzeuge schwimmenden Pallaͤsten verglichen werden, allein hier genoß man doch die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und die Merkwuͤrdigkeiten der Gegend zu sehen. Auch war die Sicherheit die vollkommnere, was immer das Gemuͤth ruhiger laͤßt. Unfaͤlle blie¬ ben nicht denkbar, da auf allen Stationen der Zustand des ganzen Wagens gepruͤft, und das etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimm¬ ste, was sich haͤtte ereignen koͤnnen, waͤre ein Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies haͤtte nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, denn aus der Bahn dieser Kunststraßen konnten die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden Seiten mit hohen Gittern eingeschlossen, und noͤthigenfalls schnitten die vorn reitenden Fuhr¬ leute die Straͤnge ab. Es ging immer in vollem Sprung. Auf je¬ der geographischen Meile befand sich ein Pferde¬ wechsel, durch Schuͤsse und Flaggen zeitig be¬ nachrichtigt, in der Nacht durch Feuersignale. So war das Abschirren und Anspannen das Werk einer Minute, in der man auch einen Wasser¬ strom uͤber die erhitzten Raͤder leitete, und sie inwendig mit einem schluͤpfrigen Oele versah. Reverberen brannten in der Dunkelheit zu bei¬ den Seiten des Wegs. So kam man in vier und zwanzig Stunden gegen zwei geographische Grade weiter, aß, trank und schlief im Prah¬ men. Das einzige vorenthaltene Vergnuͤgen blieb, daß man nicht die Staͤdte und Doͤrfer inwendig sehen konnte, denn allerdings mußten die Kunst¬ straßen umweg laufen. Nach einigen Tagen langte der Wagen in Moskau an, wo sich sogleich viele gierige Kaͤufer zu den Suͤdfruͤchten draͤngten, welche er geladen hatte, und die meistens frisch uͤberkamen. Der Umfang, die zahlreichere Bevoͤlkerung die¬ dieses Orts, seine großen Fabriken gaben die Vorwuͤrfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit fesselten. Die meiste Betriebsamkeit war auf die Anfertigungen fuͤr die Heere gegruͤndet, welche in der Nachbarschaft in ihren Uebungslaͤgern stan¬ den. Hier waren die meisten Soldaten versam¬ melt, theils der Graͤnze gegen Asien halber, theils, weil die rauhe Gegend sich zu ihrer Ab¬ haͤrtung eignete. Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfas¬ sung der Krieger, hatte es folgende Bewandniß: Es galt Regel, daß jeder europaͤische gesunde Juͤngling sich ein Jahr lang an den Waffen¬ plaͤtzen einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht erkornes Gewerbe, verstatteten eine Ausnahme. Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr, wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und folgten dem Zuge zu den ihnen angewiesenen Laͤgern. Sie zaͤhlten hier schon den Vortheil der Reise, und konnten bei ihrer Heimkehr sich mancher Er¬ innerung freuen, auch das gesehene Merkwuͤrdige auf ihren anderweitigen Lebensberuf nuͤtzlich anwenden. Im Lager wurden sie zunaͤchst gepruͤft, ob F sie in den Erziehungsschulen der Heimath auch im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im Gedaͤchtnißrechnen und den ersten Elementen der Meßkunde und Naturlehre unterrichtet wor¬ den. Auch uͤber ihre wohlbegriffene Religions- und Buͤrgermoral hatten sie Zeugnisse abzulegen, und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung einer sorgsamen und von gutem Willen begleite¬ ten Anwendung der Jugend, einzureichen. Fiel diese Pruͤfung zu ihrem Nachtheile aus, war die Abweisung von der Ehre, einst das Va¬ terland vertheidigen zu helfen, die Folge. Hie¬ mit war ein druͤckendes Abwenden der oͤffentli¬ chen Achtung verbunden, kein Maͤdchen von Zart¬ gefuͤhl reichte einem solchen die Hand, nie durfte er hoffen, ein oͤffentlich Amt zu bekleiden. War es ein Fuͤrstensohn, sah er sich von der Erbfolge seines Vaters ausgeschlossen. Diese harte Ahndung sowohl, als auch die Allgemeinheit guter Erziehung, woran auch der Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten ei¬ nen solchen Fall hoͤchst selten. Ward dagegen der Rekrut angenommen, em¬ pfing er ein Kriegergewand und Waffen. Man theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine La¬ gerbaracke bei den Veteranen, welchen die Uebung der Kriegsjugend oblag. Hier ward er im Fechten und Schießen geuͤbt, mußte fleißig Laufen, oder Lasten tragen, bei spaͤrlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, und sich immer bedeutenderen Abmattungen un¬ terziehen lernen. Die strengste Moralitaͤt gebot in diesen Laͤgern, schon durch die ganze Lebens¬ weise, die keinem Gedanken an Befriedigung roher Sinnlichkeit Raum gab, begruͤndet. Nach einem halben Jahre ging er, von den Veteranen, zu seinem Haufen ins große Lager, mußte nun den Dienst eines Fußsoldaten ver¬ richten. Bestaͤndig uͤbte man hier, ohne Ruͤcksicht auf Jahreszeit, Witterung, Beschaffenheit des Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen An¬ fuͤhrer ließen mehr in der Dunkelheit als bei der Tageshelle thaͤtig sein, suchten absichtlich die schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht der strenge Frost, nicht der druͤckende Sonnen¬ strahl, nicht stroͤmende Regenguͤsse machten eine Abaͤnderung. Denn sie sagten: Der Feind wird unsere Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen. F 2 Das Fußvolk verfuhr in seinen Bewegungen folgendergestalt: Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer Lanze und einem kleinen Schießrohre versehn. Das letzte trug durch den inneren gewunde¬ nen Bau und das Ammoniakpulver, auf Tausend Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein klei¬ nes Fernrohr, durch welches man auf den wei¬ ten Abstand zielen konnte. Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu Fuße gewissermaßen nicht, sondern eine Lage. Dies heißt: sobald man sich im Bereich des feindlichen Geschosses fand, oder es bei der Uebung voraussetzte, streckten sich die Reihen auf den Boden hin, nachdem man in groͤßter Eil mit den Spaten einen Erdaufwurf von einigen Schu¬ hen gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum darbietenden Soldaten, viel Bedeckung gab. Ueber den Erdwurf legten sie ihre Roͤhre und gaben wirksame Feuer. Auf das Zeichen einer helltoͤnenden Pfeife, sprangen sie ploͤtzlich auf, legten fuͤnfzig Schritte gebuͤckt, und im vollen Rennen, zuruͤck, worauf sich die Reihe wieder zu Boden warf, und die neue Erdwehr in einigen Sekunden anfer¬ tigte. Die Schuͤsse huben wieder an, wurden auf ein abermaliges Signal eingestellt, um einen neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man allmaͤhlig dem Feind, der schon durch die wohl¬ gezielten Schuͤsse aufgerieben sein mußte, wenn seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe entsprachen. Da man aber nicht auf Saͤumnisse hoffen durfte, so hatten die Soldaten fuͤr den letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuer¬ kraͤnze, die entzuͤndet in Feindes Glieder gewor¬ fen wurden, durch ihr Glutspruͤhen und den athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung an¬ zurichten, waͤhrend dessen die Roͤhre der fertigen Schuͤtzen erlegten, was noch uͤbrig war. Diese Angriffe mußten Berg auf und Thal ab vollzogen werden, man sich aber auch dage¬ gegen zu schirmen wissen. In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls Platz an der Erde, und machte den Aufwurf um so hoͤher, als man hier verharren wollte. Schoß der Feind, bogen sich die Vertheidiger zuruͤck, ließen sich auch gar nicht darauf ein, Feuer zu geben, so lange jener hinter seiner Wehr lag. Wie er aber aufsprang, befand man sich im Anschlag und verduͤnnte seine Reihen. War er nahe genug gekommen, was nicht an¬ ders als nach großem Menschenverlust geschehen konnte, begruͤßte man ihn eher mit Feuerkraͤn¬ zen, als er selbst daran dachte. Waren Feuer und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze und Schwert seine Niederlage. Auch bereiteten die militaͤrischen Chemiker, deren einige jeder Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, Saͤuren welche die Stickstoffe schnell aufhoben. So bekaͤmpfte hoͤhere Kunst die hoͤhere Kunst. Neben diesen Uebungen mußte das Fußvolk geometrische Maͤrsche vollziehen, wodurch man Vor¬ theile uͤber den Feind gewinnen konnte, und was sonst dahin einschlug. Nach einem Jahre konnte der junge Soldat seinen Abschied verlangen und zu den Seinigen gehen. Gestaͤrkter, mit mancher Kunde berei¬ chert, kam er dort an, und der Staat hatte uͤberall Buͤrger, welche im Nothfalle zu den Waffen gerufen werden konnten. Auch fanden unter diesen noch jaͤhrliche Uebungen von eini¬ gen Tagen statt, damit jener Unterricht nicht zu sehr dem Gedaͤchtniß entfloͤhe. Zeigte aber ein Juͤngling nach diesem Jahre Neigung, bei dem Heere zu bleiben, so nahm man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anla¬ gen, bei den besonderen Truppengattungen auf, deren kunstvollerer Dienst eine laͤngere Lehrzeit forderte. Eigentlich ward der Krieg in den Luͤften , auf der Erde, und unter der Erde voll¬ zogen. Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die hoͤhere Region an. Es wurde schon erzaͤhlt, wie diese Zeit Adler einuͤbte, Azotgondeln fortzuzie¬ hen. Bei den Heeren fand man vor allem große Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab kleinere Nachen und groͤßere Gallionen, alle hingen aber an vielen kleinen, damit verbundenen Steige¬ kugeln, damit, wenn ein feindliches Geschoß traf, nicht gleich das Sinken folgte. Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus der Ferne, in seiner Zahl und seinen Maasre¬ geln zu erspaͤhen. Da man hoch genug stieg, und die erweitete Optik so wichtige Huͤlfe lei¬ stete, ergiebt sich, daß dieser schon auf zwanzig Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. Allein der Feind, welcher seine Plane gerne heh¬ len wollte, saͤumte gewoͤhnlich nicht, aͤhnliche leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die dies¬ seitigen zuruͤckzutreiben suchten. Und so ereig¬ neten sich in der Hoͤhe Vortrabgefechte, wie sie, um Jahrhunderte fruͤher, unter Husaren oder Kosaken bestanden. Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen Entfernung, Gegenden und den Truppenstand aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feld¬ herrn davon Meldung zu thun, dies waren die vorzuͤglichen Obliegenheiten, in welchen diese Leute sich tuͤchtig zu machen hatten. Daneben mußten sie eben so fertig als das Fußvolk zielen koͤnnen, um wo moͤglich ihres Gegenparts Adler zu er¬ legen, wo dann die Eroberung unstaͤt treibender Na en ein Spiel ward. Den meisten Ruhm brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn man in Nacht und Dunkel uͤber Feindes Heer schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei aller Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder wenn man uͤber dichte Wolken dahin schwebte und sich zu dem naͤmlichen Zweck in die klare Region niederließ. Dies war indessen schwierig genug, weil dem Feinde die Vorsicht auferlegte, bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, oben patrouilliren zu lassen. Die groͤßeren Gallionen entfernten sich nicht weit und blieben den Gefechten vorbehalten. Sie luden Granaten mit reinem Knallsilber gefuͤllt und Feuerkraͤnze, lenkten dann uͤber einen Trup¬ penhaufen, und ließen Verderben auf ihn nieder¬ fallen. Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen so¬ gleich andere entgegen zu senden, auch wurden aus Tder iefe, weitreichende Feldstuͤcke mit gluͤ¬ henden Kugeln, auf sie gerichtet. Hier moͤglichst auszuweichen, und dort doch der Absicht ein Ge¬ nuͤge zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings langte man nicht immer gluͤcklich mit den Theo¬ rien aus, die Fahrzeuge geriethen in Brand, die Adler wurden getoͤdtet, man war gezwungen sich mit dem Fallschirm erdwaͤrts zu wenden, und wenn der Feind sich unten befand, auf Gnade und Ungnade sich zu ergeben. Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn zu diesen, im aͤchten Sinne des Worts, leichten Truppen. Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte jetzt Pferde, welche man eben so wohl zum Krieg abgehaͤrtet hatte, als die Menschen. Ein¬ gehegte Wildnisse waren der Ort ihrer Erzeu¬ gung. Dort liefen sie bis ins fuͤnfte Jahr um¬ her, jeder Witterung blos gegeben, durch keine warme Stallung, kein regelmaͤßiges Fuͤttern, ver¬ woͤhnt. Schwer ward es dann sie zu baͤndigen, doch gelang es endlich durch Guͤte und Strenge. Im schnellen Laufen uͤbte man sie taͤglich, dann mußten sie auch verschiedene, vor ihnen in Ge¬ stalt von Soldaten zu Fuß und zu Pferde, zur Hoͤhe gerichtete Gegenstaͤnde, uͤber den Haufen rennen, in Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, von Furcht befreit, vertraut mit Schmerzen. Dabei mußten sie sich auf des Reuters Verlan¬ gen schnell zur Erde werfen, denn auch hier war es im Gebrauch, wenn es die Umstaͤnde wollten und erlaubten, sich mit Erdaufwuͤrfen zu sichern. In fruͤheren Zeiten galt es erschoͤpfende An¬ strengung, wenn Reuterei etwa eine Viertelmeile im vollen Rennen zuruͤcklegte. Jetzt hatten die wild aufgewachsenen, durch Uebung immer mehr gekraͤftigten Kampfrosse, Athem genug, dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie sowohl als der Reuter gepanzert waren, und oft noch ein Schuͤtz hinten auf saß, der denn im vollen Laufe, entweder uͤber des Reuters Schul¬ tern, oder rechts und links, feuerte. Auf große Abstaͤnde bediente sich diese Waffe schon des Feuerrohrs, Hundert Schritte vom Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Rei¬ hen zu schleudern, zwei andere Spieße, die ein leichter Mechanismus senkte oder hob, waren an des Reuters Fuͤßen befestigt. So geschah der Einbruch. Zuletzt stroͤmten weite Pistolen noch kleine Kugeln und Raketen, dann wuͤthete das Schwert. Doch der Feind traf auch Gegenmaaßneh¬ mungen. Das Fußvolk zog in bewundernswer¬ ther Geschwindigkeit Graͤben mit Lanzen ausge¬ spickt, uͤber welche die Kampfrosse fielen. Reuterei warf Fußangeln an duͤnnen Stricken weit hin¬ aus, den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber auch gleich wieder aufzunehmen, wenn es Verfol¬ gung galt. Die jungen Maͤnner, welche hier Anstellung fanden, mußten, neben dem schon vergangenen Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im Reiten, im Schießen vom Sattel, und dem Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben. Mitgebrachte Vorkunde und gluͤckliches Auffas¬ sungvermoͤgen minderten gleichwohl diese Zeit. Weit bewundernswerther als andere Waffen, trat jedoch die Artillerie auf. Wie wuͤrden die Maͤnner aus dem achtzehnten und dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, welche dem gro¬ ßen Geschoß vorstanden, haben staunen muͤssen, wenn ihnen ein Blick auf ihre spaͤten Nachfol¬ ger, von jenseits der Graͤber her, waͤre vergoͤnnt ge¬ wesen. Es wurde schon bei Gelegenheit der Festen gemeldet, welche Kaliber die dermalige Zeit sah, allein auch im Felde leiteten Metall¬ lehre, Scheidekunst und Bewegungstheorie, das Geschaͤft des Verderbens wundersam. Vervielfaͤltigt waren die Mittel, dem Ruͤck¬ lauf zu begegnen, und so konnte der Konstabel sich leichter Roͤhre bedienen, wenn sie gleich schwere Ballen fortzutreiben vermochten. Es gab viele derselben auf einem Gestell, die mit Lade¬ maschinen in unglaublich kurzer Zeit nach ein¬ ander den Tod spieen. Andere wieder, auf so hohen Wagen, daß sie uͤber Fußvolk und Reu¬ terei emporragten und durch diese gedeckt, von hinterwaͤrts ihre Zerstoͤrung aussandten. Es gab feuerfeste Wandelthuͤrme, in vielen Stockwerken mit Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Re¬ duten, auf allen ihren Seiten Batter en. Wie schaffte man die fort? ist die Frage. O derglei¬ chen haͤtte schon um Jahrhunderte fruͤher vor¬ handen sein koͤnnen, wenn damals nicht eine so große Geistestraͤgheit unter den Kriegern zu finden gewesen waͤre, wenn nicht manche Voͤlker es vorgezogen haͤtten, dem Verderben zuzueilen, als das Genie uͤber die Maasregeln ihrer Ret¬ tung zu hoͤren. Das war nun freilich spaͤterhin anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er kluͤger war, als der Haufe, der Verstand war kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft schaffte diese Wandelthuͤrme, diese Wandelschanzen fort, und es ist gar so schwer nicht, die Moͤg¬ lichkeit zu ahnen. Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stuͤcke nicht auf Wagen, sondern bei sich an den Saͤtteln, in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Se¬ kunden zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich noch schneller als die gewoͤhnliche Reuterei, in¬ dem sie die vorzuͤglichsten Pferde empfing, und jener im Ansprung voraus eilen mußte, durch einige schnell angebrachte Lagen die Bahnen aufzuhellen. Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier wurden unter andern die Feuermaterien gemengt, deren Flammen sich uͤberall vertilgend anhingen. Die Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche Reihe so damit, daß ein dichtes Glutmeer uͤber sie hinstroͤmte und der Erfolg ist denkbar. Ueber¬ haupt geizte die Artillerie nach der Ehre, Schlachten und kleinere Gefechte zu entscheiden, ohne daß andere Massen Theil daran nahmen, was auch oft gelang. Den Krieg unter der Erde fuͤhrten die Mi¬ nirer. Reutereiangriffen, wie sie jetzt angethan waren, dem schnellen Heranbringen mordender Batterien, konnte fast nur eine wirksame Ver¬ theidigung entgegen gestellt werden, wenn der Boden an Stellen, wo sie voruͤberkamen, unter¬ hoͤhlet, und Mine an Mine, mit reinem Knall¬ silber gefuͤllt, gereiht wurde. Dann ließen sich Tausende leicht zerreissen, nach den Wolken senden. Selten ward ein Lager bezogen, wo die ruͤstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich die ganze Linie mit ihren verborgenen Werken umguͤrtet haͤtten. Brachten sie diese nun zum Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben Vulkan spie, und die fluͤßigen Feuer stroͤmten, der Lava gleich, weit umher. Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der Angreifer zu sinnen, wie er seinen Kohorten, vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies konnte nicht anders als unter seinem Rande geschehen. Daher mußten die disseitigen Minirer zeitig ihren Weg antreten. Große Erdbohrer, durch Maschinen in Bewegung gesetzt, dienten zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die hoͤllischen Anlagen aufzufinden und durch eine fruͤhere Brandstiftung sie unschaͤdlich zu machen. Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwen¬ dung entsetzlicher Naturkraͤfte! Doch dies fuͤrch¬ terliche Verfahren war nothwendig geworden, man durfte sich nicht ungestraft an Mordkunst uͤberbieten lassen. Und die Moͤglichkeit solcher Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden zur ersten Tugend der Menschheit zu erheben. Noch hoͤrten aber nicht alle Voͤlker darauf. Wer nun von den jungen Soldaten in eine der kunstreichen Truppenarten aufgenommen worden, und den Unterricht dreier neuen Lehr¬ jahre empfangen hatte, konnte nach Belieben wieder austreten, denn es war nuͤtzlich, unter den Buͤrgern im Staate, auch eine Zahl so ange¬ lehrter zu wissen. Es war nun eine Befreiung von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr Lohn. Wer aber noch laͤnger zu weilen Lust zeigte, trat ins große Heer, wo sein Dienst zehn Jahre waͤhrte. Nach dieser Zeit ging er zu den Vete¬ ranen, welche entweder die Besatzung der Festen bildeten, oder der Uebung junger Rekruten ob¬ lagen. Denn es galt der Grundsatz: kein Krie¬ ger im offenen Felde duͤrfe mehr als dreißig Jahre zaͤhlen. Man kannte den leichten, die Gefahr hoͤhnenden Sinn, welcher allein mit der Jugendkraft verbunden ist. Nothfaͤllen blieben Ausnahmen vorbehalten. Die Befoͤrderung zu hoͤheren Stellen bestimmte die Dienstzeit. Im Frieden ward dies durchaus nicht abgeaͤndert, eine Auszeichnung war da sel¬ ten, weil alle ebenmaͤßig gebildet wurden. Im Kriege galten Großthaten Pflicht, und die Vor¬ aussetzung, Niemand werde ihrer ermangeln, wenn ihm die Gelegenheit winkte. Es ist schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. Die Abwesenheit desselben bei Vielen, wird still¬ schweigend eingestanden, wenn des Einzelnen Lob darum ertoͤnt. Doch Anfuͤhrer großer Heerhaufen wurden nach Maaßgabe des hoͤheren Genies ausgewaͤhlt, das sie beurkundeten. Sie mußten in den Kriegs¬ uͤbun¬ uͤbungen, waͤhrend vieler Jahre, keinen Tadel verwirkt haben. Sie mußten aus den Schulen ihrer Theorien, welche sich bei den Heeren be¬ fanden, vortheilhafte Zeugnisse mitbringen. Sie mußten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehr¬ stuhl besteigen, denn man wußte gar wohl, wie auch der beste Kopf lehrend am meisten lernt. Sie mußten in gehaltvollen Schriften beweisen, daß sie die Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, und ihren einzelnen Abtheilungen nach, ergruͤn¬ dend verstaͤnden, sondern daß sie sie auch mit neueren Ansichten zu bereichern wuͤßten. Gute Erfindungen, durch welche das Heer einen wahr¬ haften Vortheil uͤber die der Nachbaren errang, gaben endlich den Ausschlag, der Zahl derer bei¬ gesellt zu werden, aus welcher man Heerfuͤhrer waͤhlte. Dies geschah aber von Seiten des Heeres selbst. Die meisten Stimmen, im Geheim er¬ theilt, entschieden. So konnten keine unreine Mittel angewandt werden, ein solches Amt zu erlangen. Auch war es nicht ausfuͤhrlich, Hun¬ derttausend Mann zu bestechen. Nur aͤchte, keine Scheingenialitaͤt, konnte wohl mit ihrem Rufe so weit dringen, daß die Mehrheit einer solchen G Zahl in ihren Wuͤnschen gewonnen ward. Dann sandte der aus den Aeltesten zusammengesetzte Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das Strategion, eine Koͤrperschaft alter Feldherrn und Kriegsgelehrten, ihre Gruͤnde untersuchte und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Be¬ staͤtigung vorgelegt werden sollte, oder nicht. Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder Nein. So weise verfuhr dies Zeitalter bei der ge¬ wichtigen Frage: wer seinen trefflichen Heeren gebieten sollte? Wie trefflich diese Heere aber auch sein moch¬ ten, so kosteten sie dem Staate nichts. Gewis¬ sermaaßen nichts. Denn jener zehnjaͤhrige Dienst nach den Lehr¬ jahren, er mochte bei den kuͤnstlerischen Trup¬ penarten oder nur bei dem einfacheren Fußvolke Statt haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu schwierig fuͤr sich fanden,) ward nicht allein mit Kriegsuͤbung hingebracht. Dies haͤtte man un¬ noͤthig, uͤberfluͤssig gefunden. Die großen Heere tummelten sich drei Monate im Jahr. Und da¬ bei waͤhlte man nach einander Fruͤhjahr, Som¬ mer, Herbst und Winter. Dies schien hinlaͤng¬ lich, das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt zu haben, und der Strenge jeder Witterung Trotz bieten zu koͤnnen. Zudem hatten diese Uebungen so viel Praktik als immer thunlich blieb. Zwei Heere bildeten sich und verfuhren als Feinde gegen einander, auf alle Weise die Wirklichkeit darstellend, nur daß freilich die Roͤhre nicht mit Kugeln versehen waren. Gleich¬ wohl ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, wor¬ auf es auch bei Menschen, deren ganzes Wesen die Gefahr geringschaͤtzen soll, nicht ankommen muß. In der Hitze des Streits blieb hie und da ein Krieger, und ward dann, als ob Ernst bestanden haͤtte, an den Ehrensaͤulen genannt, welche der Nachwelt die Namen derer uͤbergaben, die im Kampfe mit des Vaterlands Feinden ge¬ fallen waren. Nun hatte aber der Staat seit lange den Heeren Laͤndereien uͤbergeben. In den Provin¬ zen, Polen, Moskau, Schweden, manchen Ge¬ genden der vormaligen Tuͤrkei von Europa, gab es uͤberfluͤssige Waldungen, unbewohnte Step¬ pen, Moraͤste, die einer Austrocknung faͤhig waren, in Menge. Auch fanden sich hie und da Berg¬ werke, zeither ungenuͤtzt und ergiebig. In den G 2 neun Monaten, wo nun die Soldaten sich nicht mit den Waffen beschaͤftigten, war ihr Beruf, zu urbaren, zu bauen, zu saͤen, zu pflanzen, zu aͤrnten. Dies war im Laufe der Zeit schon weit gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohl¬ gepflegte Besitzungen. Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, em¬ pfing auch Jeder seinen Antheil, den er fuͤr sich be¬ arbeitete, doch auch die Obliegenheit, einer ne¬ benliegenden Hufe seine Sorge zuzuwenden. Die¬ se war Vermoͤgen der Gesammtheit, welche, durch die Menge derselben, sich eines hohen Reichthums erfreute. Aus den Einkuͤnften da¬ von, konnte nicht allein der Sold fuͤr die Rekru¬ ten und Veteranen, bestritten werden, sondern sie waren auch die Quellen, aus denen man zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendig¬ keiten schoͤpfte. Das Heer, ließ seine Magazine mit Korn fuͤllen, und haͤufte hier immer Vorraͤthe fuͤr mehrere moͤgliche Kriegsjahre auf. Es zog seine Pferde in den wilden Stutereien. Es ließ seine Kupferminen, seine Eisen- und Schwefelberg¬ werke bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak und andere Gegenstaͤnde fuͤr seine Waffenfabri¬ ken und chemische Laboratorien in Ueberfluß. Auf Kunststraßen, welche es bauen half, schafte es mittelst ihm zugehoͤriger Prahmwagen sie leicht an die Orte, wo diese Fabriken angelegt waren. Die Wolle seiner Schaͤfereien, die Linnen seiner Flachsschollen, kleideten die Soldaten. Die Ve¬ teranen, nach dem dreißigsten Jahre keinesweges veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswer¬ the Einrichtungen in fruͤheren Zeiten, wo man den Muͤßigang der Krieger willig duldete und sie dadurch veilseitig verdarb, nie ins Dasein gerufen. Gelino machte nun dem Zoͤgling bekannt, wie er, als europaͤischer Buͤrger, sich nun werde gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. Guido hoͤrte das mit innigem Vergnuͤgen, von jeher hatte das Kriegshandwerk fuͤr seine lebhafte Einbildung unsaͤgliche Reitze gehabt, und immer hoffte er einst Ruhm darin zu finden, wenn schon eben keine Aussicht zu ernstlichen Kaͤmpfen be¬ stand. Drittes Buͤchlein. Guido im Heere. D er Lehrer fuͤhrte ihn einige Meilen von Moskau weg, wo eben die große Uebung des Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Juͤng¬ ling der strahlende Waffenglanz, der laute Don¬ ner so vieler Feuerroͤhre, deren Rauchwolken den ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen und wieder mit tausendfachem Blitz erhellten. Am fernen Boden schlaͤngelten sich der Minen Lavabaͤche, wenn ihre Erdberge emporstiegen. Nachdem die Truppen die heutige Uebung geendet hatten, begab sich Gelino mit seinem jungen Freund, zum Anfuͤhrer. Er stellte ihm Guido vor und uͤbergab dabei ein Schrei¬ ben. Der Feldherr blickte den Juͤngling wohl¬ gefaͤllig an, und brach darauf das Siegel. Nach¬ dem er gelesen hatte, sagte er: Wohl scheinst du es werth, Juͤngling, daß der Kaiser dich selbst empfielt. Er muß dich vortheilhaft kennen gelernt haben, große Waͤrme spricht in seinem Briefe, und deine Miene betruͤgt auch wohl kein Vertrauen. Doch verlangt deines Beschuͤt¬ zers Weisheit unfehlbar nicht, daß ich dir un¬ verdienten Vorzug einraͤume. Zeige jedoch Wil¬ len und Kraft, so kann die Ehre im Heere ge¬ achtet zu werden, dir nicht entstehn. Guido ward verlegen, da er von dem Briefe des Kaisers nichts wußte. Doch antwortete er mit bescheidenem Selbstgefuͤhl: er achte sich zu sehr, eine Auszeichnung zu verlangen. Er hatte nun die Pruͤfung zu bestehn. Seine seltne Gewandheit in Leibesuͤbungen erregte Staunen, er war so keck, die Behendesten im Laufen, die Staͤrksten im Ringen, die Ruͤstig¬ sten im Schwimmen, zum Wettkampf einzula¬ den, und trug den Sieg davon. Eine Probe seiner geometrischen Uebersicht abzulegen, schwang er sich an einen Luftball empor, und entwarf binnen einer Stunde eine hoͤchst genaue Charte des sichtbaren Landhorizonts. Auch anderweitig bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern zur Bewunderung der Anwesenden, was dem Lehrer Gelino suͤß schmeichelte. Er empfing seine Waffen und begann die Uebungen froh. An Ini schrieb er: Ich trage nun das Kriegerkleid. Neue Kraftuͤbungen wer¬ den meine Formen entfalten, der hohe Gedanke an Heldenthum, verbunden mit dem entzuͤcken¬ den, verklaͤrenden an dich, werden mir endlich die Gestalt vollenden, welche deiner allein werth sein kann. Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin uͤber das Schwere. Sorge und wache. Liebe staͤrke dich! Der Seegen einer Geliebten hat immer wun¬ derbare Einwirkungen. Jedes Geschaͤft geht leich¬ ter von dannen, der Genius erwacht, traͤgt bald auf den Gipfel des Vorhandenen und laͤßt hoͤ¬ here Vollkommenheit umfassen. Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe mit dem scharfen Spaten bald, und fuͤhrten Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein ge¬ uͤbtes Auge brauchte in wenigen Wochen das Feuerrohr so fertig, daß er nie sein Ziel fehlte. Was sollen wir dich lehren, fragten die Ve¬ teranen, dir ist schon alles bekannt, was der Fußsoldat wissen muß, um zu seinem Haufen zu gehen. Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er hatte nachgedacht, ob man nicht uͤber den Erd¬ wurf feuern koͤnne, ohne das Haupt dem feind¬ lichen Geschoß zum Ziel darzubieten. In der Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er ließ sich ein hakenfoͤrmiges Sehrohr fertigen, das die Lichtstrahlen in einen Winkel brach, und sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben versehn. Nun blieb er ganz hinter der Erdwehr liegen, und sah durch sein Instrument dennoch daruͤber hin. Der Schuß erfolgte da bei aller eignen Sicherheit. Er zeigte den Veteranen, was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm großen Beifall zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr an die Rathsversammlung des Heeres, welche neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie war von dem wichtigen Nutzen der vorliegenden zur Stelle uͤberzeugt, und schickte sie wieder durch einen Eilboten dem Strategion zu Rom. Dieses antwortete bald: Man haͤtte sogleich alle Feuerroͤhre der Fußsoldaten auf die vorgeschla¬ gene Weise umzuaͤndern. Man sprach beim ganzen Heere von diesem Ereigniß. Durchaus war es neu, daß ein Juͤng¬ ling, nur einige Wochen unter den Waffen, schon eine Abaͤnderung beim Heere veranlaßt hatte. Man untersuchte zwar alles willig, mun¬ terte liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirk¬ liche Anwendung. Wenn es diesmal auf einmuͤ¬ thigen Beifall geschah, so lagen auch vor Je¬ dermann die Beweise der Trefflichkeit jener Er¬ findung. Man sprach ihn auch zugleich von der Oblie¬ genheit los, ein Lehrjahr bei den Fußsoldaten zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine andere Waffe zu treten, und er waͤhlte die Meuterei. Grade waren Pferde aus der eingehegten Wildniß angelangt, und der Fuͤhrer des Zuges klagte uͤber die Unbaͤndigkeit des einen darunter, rathend, es als unbrauchbar zu toͤdten. Guido bat um die Gunst, es versuchen zu duͤrfen. Man wollte sie lange nicht zugestehn, einwen¬ dend, schon die bewaͤhrtesten Reuter haͤtten Un¬ faͤlle mit diesem Thiere gehabt. Jener ließ aber nicht nach, zaͤumte und sattelte das Roß, bei allem Widerstreben, und schwang sich darauf. Es baͤumte sich hoch, Guido druͤckte ihm mit starkem Arm den Kopf nieder. Es ging, dem Zuͤgel nicht mehr gehorchend, athemlos ins Weite. Guido riß ihm den Kopf herum und brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft sei¬ nes Meisters gewahrend, bequemte sich die uͤp¬ pige Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es vor aller Augen an einen Bombenmoͤrser, und ließ ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger Sprung zur Hoͤhe folgte, der Juͤngling saß fest und hielt sein Thier auch zugleich wieder an, es kuͤhn mit dem Sporn fuͤr die Unart strafend. Es schnaubte Wuth, wagte aber, bei einem zwei¬ ten Schuß, nicht mehr, von der Stelle zu gehn. Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine Ohren, erlegte tausend Schritte davon einen Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein Pferd ruͤhrte sich nicht. Alle Reuter jauchzten ihm Lobspruͤche, und er dachte geheim: Haͤtte mich doch Ini jetzt gesehn! Eine freundliche Aufnahme in die Reihen war sein Lohn, und das Verlangen, dies Pferd fuͤr den Dienst behalten zu duͤrfen, fand Be¬ willigung. Er bewies sich bald so tuͤchtig als Reuter, daß die Veteranen urtheilten, es beduͤrfe hier durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er aber, zu dem großen Heere gesandt zu werden, und das aus folgendem Grunde: Der Caͤsar von Neu-Persien hatte Asien im Besitz, mit Ausnahme von Japan und China. Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen immer gluͤcklichen Widerstand geleistet, jenes durch seine abgesonderte, meerumflossene und durch Felsenkuͤsten sichere Lage, dieses mittelst sei¬ ner ungeheuren Bevoͤlkerung, und indem es, auf¬ geweckt durch die naͤhere Gefahr, das Volks¬ genie auch geweckt und in den Kriegskuͤnsten neuer Zeit mitgestrebt hatte. Grade war aber eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn ver¬ sprengt worden, der, Unfug und Verheerung uͤbend, den Graͤnzen von Europa nahte. Man sandte eine Heerabtheilung, meistens Reuterei, entgegen, im Fall sie sich nicht ent¬ bloͤden wuͤrden, das diesseitige Gebiet zu betre¬ ten, und da Guido sehnlich wuͤnschte, dem et¬ wanigen Feldzuge beizuwohnen, drang er so leb¬ haft darauf, zum Heer gesandt zu werden, was auch geschah. Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugie¬ rig sammelte sich die Menge, den Juͤngling zu sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht hatte und fuͤr den kraͤftigsten Rossebaͤndiger galt. Die Art, wie er unter den neuen Kameraden auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und Gewogenheit. Es ging zur Graͤnze, wo eilig das Ge¬ ruͤcht einlief, schon waͤren mehrere Doͤrfer gepluͤndert und verwuͤstet worden. Der Anfuͤhrer nahm seinen Marsch in die Gegend, welche, die noch unkultivirteste in Europa, dichte Wal¬ dungen durchschnitten. So leicht der europaͤische Stolz diesen Krieg gewuͤrdigt hatte, so furchtbar-schwer war er zu fuͤhren. Die Waldungen deckten den Feind. Man konnte sich nicht uͤber seine Zahl oder Stel¬ lung erkundigen, weil die leichten Truppen, fuͤr dies Geschaͤft dem Heere zugetheilt, nicht von oben herab durch die Kronen der Baͤume zu bli¬ cken vermogten. Die Tatarn verbargen sich ge¬ schickt, drangen dann unvermuthet in wilden Haufen hervor, fielen mit Ungestuͤm an, und entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den Vrotheil auf ihre Seite brachte. Denn ihre Pferde, welche Klugheit bei Zucht und Anleh¬ rung der europaͤischen auch thaͤtig war, hatten den Vorzug. Die berittene Artillerie ließ sich in den Ge¬ hoͤlzen nicht brauchen, wider die kleineren Roͤhre bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit einem in China erfundenen Lack uͤberzogen, der bei großer Leichtigkeit Reuter und Pferd deckte, im Anrennen vorn, im Weichen hinterwaͤrts Ge¬ brauch fand. Schlimmer wie alles das, konnte man ihre Pfeile ansehn, womit sie uͤberaus ge¬ schickt trafen, und den gepanzterten Mann ent¬ weder im Gesicht oder an den Haͤnden verwun¬ deten. Diese Pfeile waren in ein Pestgift ge¬ taucht, das nicht allein den Getroffenen hin¬ raffte, sondern auch sich epidemisch mittheilte. Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, mu߬ ten mit einem schirmenden Gegenmittel versehen sein, da man von keinen Krankheiten unter ih¬ nen hoͤrte. Groß war, bei allem anerzogenen tapfern Sinn, die Bestuͤrzung, als der Tod in den eu¬ ropaͤischen Reihen wuͤthete. Die Aerzte wußten keinen Rath, fanden selbst ihr Grab. Der An¬ fuͤhrer wagte einen verwegenen Streich, wurde aber mit seinem Vortrab umzingelt und nieder¬ gehauen. Die Truppen waͤhlten einen neuen Gebieter, der einstweilen sein Amt uͤbernahm, bis die Be¬ staͤtigung darin eingelaufen sein konnte. Es war der Sohn eines vornehmen Fuͤrsten, welcher demungeachtet der erforderlichen Eigenschaften nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine kraͤftige Anrede, worin er die Nothwendigkeit bewies, die Raͤuber zu vertilgen, wenn dem ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest drohen sollte; mahnte jeden an, den Sinn der Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, auf welchen Wegen sich der entsetzlichen Gefahr begegnen ließ. Der Feuerwille, im Kampf dem Tode zu trotzen, ließ sich auch uͤberall wahrneh¬ men, doch die natuͤrliche Furcht vor der Pest bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager toͤnte Wehklage, da keine Minute verging, wo nicht ein Freund dem Freunde starb. Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in Moskau geblieben war: Komme ich um, so sage Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den Lippen entflohn, vielleicht aber gelingt es mir, ruhmgekroͤnt wiederzukehren, denn ein Wagstuͤck ist mir beigefallen, das uns retten kann. Er ging zu dem Heerfuͤhrer, bat sich einen Luftnachen und einige mu t hbewaͤhrte Maͤnner aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den Spaͤhtruppen? fragte jener. Vertraue mir um was ich bitte, hieß die Antwort, ich will mein Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu fernen. Wohlan! Und moͤge das Gluͤck dich geleiten. Guido stieg hoch in die Luͤfte auf, begab sich uͤber den Feind und blickte mit einem treflichen Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer vergeblicher Muͤhe entdeckte er in der Waldung einen kleinen offnen Raum, wo ein praͤchtig Gezelt stand. Hier ist ohne Zweifel der tata¬ rische Feldherr, sagte er zu seinen Begleitern, dies wollte ich erkunden. Jetzt schwebt er zuruͤck uͤber das eigne Lager, und ließ einen Brief niederfallen, in welchem er den disseitigen Heerfuͤhrer bat, einen Angriff, wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach einer halben Stunde, daß seine Bitte Gehoͤr gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die Glieder ruͤckten aus. Jetzt mußten ihn die Adler wieder uͤber jenen lichten Raum bringen, hoch genug, daß, bei ohnehin truͤber Luft, er nicht mit bloßen Augen zu entdecken war. Sein gutes Fernrohr zeigte ihm aber bald, wie auf den Schlachtlaͤrm ein vor¬ vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahl¬ reich begleitet sich aufs Kampfroß schwang und vorwaͤrts eilte. Nur wenige Einzelne umzingel¬ ten in einiger Entfernung wachend das Haupt¬ quartier. Sogleich ließ sich Guido, durch stille Luft und einbrechende Abenddaͤmmerung beguͤnstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an, verdachtloser weiter handeln zu koͤnnen. Er ging einigen Anderen voruͤber, die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn ga¬ ben und gelangte gluͤcklich in das Zelt. Hier standen viele große Flaschen mit der tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er nahm eine davon, und schlich weit ruͤckwaͤrts in den Wald, indem die Nacht dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewah¬ rend, zuͤndete er ein kleines Feuer an, was sei¬ nen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich niederzusenken. H Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Mor¬ gen erst anlangte, denn das Gefecht hatte eine ungluͤckliche Wendung genommen, die Europaͤer waren weit zuruͤck gedraͤngt worden. Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost, rief er, ich bringe vorerst eine Huͤlfe, das Weitere wird sich finden. Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge zu fertigen. Zugleich ward es an den Pestkran¬ ken, die in großer Zahl schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden herge¬ stellt. Die Art des Gebrauchs enthuͤllte sich schon aus der Natur dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den ruͤckwaͤrts liegenden Ort¬ schaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte. Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu fuͤrchten stan¬ den. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid truͤbte einen so rein verdienten Dank. Die Aeltesten ordneten eine neue Heerfuͤhrer¬ wahl. Jeder im Heerhaufen naͤhrte denselben Gedanken. Mag der Juͤngling selbst nicht das erste Lehrjahr bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Wuͤrdigsten. Man zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Krie¬ gern umhergegangen war. Guido stand auf je¬ dem Papier. Er war beschaͤmt, verlegen — doch klopfte sein Busen von nicht geringer Freude. „Was wird Ini sagen, wenn sie davon hoͤrt!“ dachte er, dann — gab er Befehle. Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das Dienlichste. Je¬ der Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um nun bei einer Wunde sogleich ei¬ nige Tropfen davon anwenden zu koͤnnen. In der folgenden Nacht traten die Fluͤgel ihren Weg an, um sich in den Ruͤcken des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an den Stellen einzufinden, wo es der Plan ver¬ langte. Ein Morast, durch den die Tatarn nicht dringen konnten, beguͤnstigte an einer Seite den H 2 Entwurf, an der andern ließ Guido schnell eine Meile lang die Baͤume mit Knallsilber umwer¬ fen, daß auch dort der Ausweg gesperrt waͤre. Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der naͤmlichen Minute. Die Tatarn erschra¬ ken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne wurden. Ja, Bestuͤrzung ver¬ breitete sich unter ihnen, als einige gewahrten, die Verwundeten der Europaͤer bedienten sich eines Gegenmittels. Die nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit uͤber diese Truppen gegeben und sie in die Noth¬ wendigkeit gesetzt nach dem Norden zu fliehn. Man drang scharf ein. Die fluͤchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht, da zu beiden Seiten der Feind anruͤckte. Im Nahekampf hatten die europaͤischen Waffen den Vorzug. Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwaͤgend, sammelte auf den Ton eines weitschallenden In¬ strumentes eine große Masse und suchte mit die¬ ser durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine große Mine, deren Explosion in dem Au¬ genblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den unterwuͤhlten Boden betreten hatte. Graͤßlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die Baumtruͤmmer, die zu Tausenden zerrisse¬ nen Gaͤule und Menschen, wieder dem Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbrei¬ teten als man erwartet hatte. Manche darunter wurden getoͤdtet, selbst Guidos Pferd von einem großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er ent¬ ging jedoch den Gefahren gluͤcklich, und bestieg ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Ta¬ tarn zu vollenden. Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern Gegend. Guido ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten an. Nicht uͤberall konnten die chi¬ nesischen Schilde decken, große Verheerungen be¬ wirkten die europaͤischen Feuerroͤhre. Endlich traf Guido auf den Feldherrn selbst, ein innig gefuͤhlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns beide kaͤmpfen; wer faͤllt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben! Der Tatarfuͤrst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie wuͤrde, wohl zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem Schwerte hinweggeschlagen haͤtte. Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Ta¬ tar sandte einen Pfeil nach, verwundete es toͤdt¬ lich, und Guido mußte auf den Boden springen. Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampf¬ rosse uͤber den Haufen zu rennen. Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und fuͤhlte neue Kraft durch seine Adern stroͤmen. Er wich rechts und links dem schnaubenden Thiere aus, ersah den Au¬ genblick und bohrte das Eisen in seinen Bauch. Mit großem Getoͤse fiel es in den Staub, nach¬ dem es durch die letzte krampfhafte Baͤumung den Reuter weggeschleudert hatte. Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Fuͤßen und Schwert gegen Schwert wuͤthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an ihrer Kraft brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kaͤmpfern noch uͤbrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag. Der Tatarfuͤrst schien an Nervengewalt sei¬ nem Feinde nicht nachzustehen, doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft verdoppeln konnte. Allein vor Gui¬ dos Seele stand Inis segnendes Bild und neue Goͤtterflammen stroͤmten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung lebte auch das Triumph¬ gefuͤhl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den Tatar empor zu heben und ungestuͤm gegen die gefrorne Flaͤche zu werfen. Der Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin. Guido nahm das zertruͤmmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europaͤer ließen Sieggesang ertoͤnen, die Raͤu¬ berhorden flehten um Gnade und lieferten die Waffen ab. Man fand großen Raub im Lager, den Guido unter die gepluͤnderten Landleute vertheilen hieß. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum Andenken des Tages zuzueigenen. Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zuruͤck nach dem großen Lager. Das Volk der Gegend erwartete Guido uͤberall an den Wegen, und brachte dem Retter von Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthraͤnen. Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten entnommen hatte, jene Meuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht vollen Widerstand leisten koͤnnen. Auch befanden sich viele Aerzte im Gefolge, die Natur der Seuche zu pruͤfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter verhaßt und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie auszurotten. Seit Jahrhunderten wußte man nichts mehr von Kinderblattern, die Krankheiten von Ausschweifungen im Ge¬ schlechtstrieb, hatte man dadurch verbannt, daß einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem ausgeschriebenen und der Menge ge¬ heim gehaltenen Tage, eine jede Person, ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde. Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher Art, wider¬ standen die durch gute phisische Erziehung und Maͤßigung in den Leidenschaften, gestaͤhlten Or¬ ganisazionen. Geist und Koͤrper bewegten sich bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam uͤbte man die Sorge fuͤr gesunde Nahrung, als daß Gicht und Podagra haͤtten foltern koͤnnen. Langer Gebrauch der Milch bei den Kindern, viel fruͤ¬ hes Laufen in freier Luft, bildeten die Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankhei¬ ten nur hoͤchst seltne Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbniß der Saͤfte, in alten Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umstaͤnden wenig Be¬ schaͤftigung, als bei zufaͤlligen aͤußeren Wunden, oder der auch nicht schwierigen Geburtshuͤlfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel geuͤbte, und auf das Leben uͤberall angewandte Kunst, und bekleideten demnaͤchst, bei den Er¬ ziehungsanstalten, heilsame Aemter. — Immer hoͤher reichte das Leben der Menschen hinauf, immer gewoͤhnlicher fuͤhrte eine sanfte schmerzen¬ lose Entkraͤftung hinaus. Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein, der die Ver¬ heerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte. Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer doch nur zu¬ faͤllig, wenn ich das Gegenmittel fand. Haͤtte ich es selbst entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen. Daß er den Feind schon uͤberwaͤltigt hatte, freute jene Soldaten desto weniger. Sie haͤtten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklaͤrten die Maͤnner im großen Heeresrath ein¬ muͤthig, man muͤsse beim Strategion darauf antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt. Wie wuͤrde mir, dem Juͤngling, das zie¬ men, rief er. Nein, ich bitte um meine Ent¬ lassung, da ich meine ferneren Reisen anzutre¬ ten denke. Giebt es aber einst neuen Krieg, dann stell' ich mich. Bescheidener! rief ein Unteranfuͤhrer, du bist in solchem Fall nicht sicher, daß ein großes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von Ohr zu Ohr gedrungen. O, dies anzunehmen, muͤßte ich noch weit mehr Wissen errungen haben, antwortete Guido. Doch einige Vorschlaͤge, zu Verbesserungen, an dem schweren Geschoß, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhoͤren. Die Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf. Die kuͤnstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. „Wie, er diente nicht in un¬ srer Mitte, und hofft uns lehren zu koͤnnen, was wir noch nicht wissen?“ Doch er eignete sich Theorien zu, entgegne¬ ten des Erfinders Freunde. „Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfah¬ rung!“ Auch diese hat er gesammelt. „Aber nicht in zulaͤnglicher Summe.“ Man sieht, daß die Maͤnner, bei allem Vor¬ aussein eine Tradizion von ihren Urvaͤtern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so ei¬ gensinnig waren sie nicht. Sie pruͤften — gin¬ gen vom Tadel zur Billigung uͤber — und nah¬ men an. Guido hatte aber noch eine andere Idee um¬ faßt, die er gern zur Ausfuͤhrung bringen wollte. Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, sagte er im Rath der Anfuͤhrer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte, laßt mich nun etwas fuͤr die Schoͤnheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung nicht ver¬ fehlen wird. Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden ihm belie¬ bige Summen zugewilligt, uͤber die noͤthige Per¬ sonenzahl konnte er entscheiden. Er ging eilig an die Ausfuͤhrung, und der Arbeiter Gewand¬ heit stillte bald seine Ungeduld. Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die fuͤr einige Hundert Men¬ schen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, maͤ¬ ßigen Haͤusern an Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch Maschinen geruͤhrt. Zudem metallene Hoͤrner von der Laͤnge einer Tanne, deren hintere Muͤn¬ dung an einen großen Blasebalg gebunden war, Diesen konnten zwei Maͤnner durch einen Schnell¬ hebel leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur einen Ton, und es galt geuͤbte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig anklingen zu lassen, wenn das auszufuͤhrende Stuͤck es verlangte. Aehnliche Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr tief und kraͤftig ansprachen. Daruͤber hing ein reinge¬ stimmtes Glockenspiel, dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte. Guido sahe bald alles dargestellt, und uͤbte ins Geheim seine Kuͤnstler zur Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranfuͤhrern: Ruͤcket aus mit den Truppen. Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hoͤrbar. Toͤne ermuthigen in der Schlacht, fuͤllen dem Tapfern mit noch edlerer Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegun¬ gen eines großen Kampfes. Zu den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Roͤhre der Himmel war verhuͤllt. Da ließ Guido das maͤchtige Feld¬ orchester uͤber sie schweben, dreihundert Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen. Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf Meilenfernen in gleicher Gewalt hoͤrbar. Es war, als ob der Gott der Heerschaaren in den Luͤften walte¬ te, seine Treuen durch himmlische Melodien zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzuͤckt, wonnetrunken, horchten die staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien umstroͤmt, bekaͤmpfen koͤnnen, riefen sie. Zu unuͤberwindlichen Loͤwen erhuͤbe uns die wundervolle Magie. Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten ge¬ wonnen, so flogen ihm nunmehr alle Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schoͤnheitssinn. Die Erfindung ward auch einmuͤthig angenommen, doch bestimmten die Anfuͤhrer ihren Gebrauch nur fuͤr den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran gewoͤhnen, da¬ mit einst in der Schlacht die Wirkung hoͤher reichte. Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften Abschied zu ent¬ fliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die Arme schloß. Sich hier selbst mehr gegeben, pruͤfte er seine Gestalt an Spiegeln, und ward froher noch uͤber die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen Au¬ genblick, wo es ihm endlich gelang, den Feld¬ herrn der tatarischen Horden zu uͤberwaͤltigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine Schoͤnheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung, stellten sich die Verhaͤltnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile dar, heller gluͤhte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele ruͤstige Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende Bewußt¬ sein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im Selbstgefuͤhl, wenn schon durch Be¬ scheidenheit in gemessenen Schranken gehalten, daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitel¬ keit entstehn ließ, der andere durch Tadel be¬ leidigte. Der Hochsinn, bei den Gefuͤhlen der Liebe und den Entzuͤckungen der Kuͤnste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes Rundung em¬ porgehoben, die ungestuͤme Heldengluth aber, in ihrer, besonders den hohen Theil im Gehirn be¬ wegenden Seelenthaͤtigkeit, hatte sie schnell hin¬ ausgedraͤngt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal verlangte. Dage¬ gen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln be¬ sah, konnte er mit seiner Stirn noch nicht zu¬ frieden sein. Denn dort war immer noch nicht genug geschehen, noch lag sie nur in einer Per¬ pendikulaͤre mit dem Kinn, da sie gleichwohl um ein Gutes haͤtte vordringen muͤssen. Guido sagte sich unter diesen Umstaͤnden, was ich bis¬ her dachte, war noch immer nicht genug, der Summe nach, oft auch nur fluͤchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich muß mehrere Gegen¬ staͤnde in die innere Welt rufen, und durch fort¬ fahrende schwere Kraftuͤbung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich mich auch vorzuͤglich mit Dingen zu beschaͤftigen, die die Empfindung ausschließen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des Schaͤdels thaͤtig, waͤchst an und stoͤßt seine ge¬ staͤrkte Huͤlle weiter. Die Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth. Er Er schrieb an Ini, ihr seine Trophaͤen sendend: „Einem andern Maͤdchen duͤrfte ich schon kuͤhn nahen, und um ihre Hand werben. Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu Fuͤßen, und schmuͤcke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen Ver¬ trag, und darfst, du Goͤttliche, hoͤhern Preis auf dich setzen. Je mehr ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr be¬ greife ich, wie deine Idee menschlicher Wuͤrdig¬ keit weit hinaus liegt, uͤber alles, was schon Sterbliche thaten. Ich muͤßte vor diesem rei¬ neren Erkennen verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genuͤge zu thun, haͤtte ich nicht die Wunderkraft fuͤhlen lernen, die dein Bild in meine Adern gießt. So aber beginne ich hof¬ fend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gnaͤdig mich die Goͤttin erhoͤrte.“ Gelino sagte darauf, laß uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr Schutz gegen die Kaͤlte finden. Der Winter ist strenge, im¬ mer hoͤher deckt sich der Boden mit Schnee. I Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwaͤcheren Greis nachgebend, folgte er willig. Sie traten am Abend in ein geraͤumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch Oefen erwaͤrmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Be¬ merkungen uͤber die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte Gelino. Der Juͤngling dankte ihm fuͤr die Erinnerung, und eilte um so eher zu schreiben, weil ernsthaftere Beschaͤftigungen dem eben gefaßten Vorhaben entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl, wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin ge¬ stoͤrt, weil ihm duͤnkte, das Haus bewege sich. sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Ita¬ lien, die Zeit und die Staͤrke einer solchen Na¬ turerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwen¬ den von den Staͤdten, mittelst tief gewuͤhlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer einen Ausweg findet? Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und traͤte ja der Fall ein, wuͤrden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst durch ganz Eu¬ ropa, wo Staͤdte zertruͤmmert wurden. Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend. Sieh da die Folge deiner Saͤumniß, Ge¬ schichte zu lernen, strafte der Lehrer. Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten. Du weißt viel, erfindest viel, dennoch schoͤpfest du zu wenig aus dem rechten Quell. Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein weites Feld. O ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches Andere. Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutsch¬ land kommen. Da magst du dich mit Elemen¬ ten vertrauen und deinem kuͤnftigen Denken neue Richtungen geben. Der Zoͤgling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren darin nur hin¬ geworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu finden; die Ursachen der Erschei¬ nungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, J 2 hatte zu vielen poetischen Anstrich. Entzuͤckt sein, hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem jugendlichen Genie koͤnne erst die Gruͤndlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino. „Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?“ Eine noch bequemere. „Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam ich nicht unter dem Dache weg.“ Sie traten hinaus. Guido sah einen großen schoͤnen Platz, ihm unbekannt. Was ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus laͤge in einer en¬ gen Gasse, da wir es neulich am Abend be¬ zogen. O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino laͤchelnd. Guido blickte ihn verwundert an. Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast nur einigemal einen kleinen Anstoß gespuͤrt. Sonst glitten wir in den drei Tagen sanft uͤber den Schnee hieher. Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein wenig bangte. Durch die Luft, fuͤrchtete ich, wuͤrde es dir zu kalt sein, und wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich nicht begreifen. Sie besahen nun die schoͤne Stadt, reich durch einen uͤppigen Handel, und einen glaͤnzen¬ den Fuͤrstenhof. Guido nahm jedoch einen an¬ dern Nahmen an, denn sein Ruf war voran¬ geeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmei¬ cheleien betaͤuben, als in seiner Lernbegier stoͤ¬ ren lassen. Unter den mannichfachen Sehenswuͤrdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts mehr als die Win¬ tergaͤrten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen gruͤnender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine solche liebliche Anstalt; die weitlaͤuftigste darunter war jedoch oͤffentlich, wurde von der Gesammt¬ heit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswaͤrtigen frei, sich dort zu vergnuͤgen. Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen im Ge¬ vierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von großem Umfang trugen seine Gewoͤlbe, und durch viele Eisenoͤfen, deren Zuͤge und Roͤhren kuͤnstlich umhergeleitet waren, empfing die ge¬ laͤuterte, auf alle Weise fruchtbar gemachte Erde, die auf dem Gewoͤlbe lag, Erwaͤrmung. Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Nie¬ mand oben etwas inne. Man trat durch ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem geraͤumigen Saal fuͤhrte, schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und ver¬ huͤllte Thuͤren, damit die Kaͤlte nicht eindraͤnge, gelangte man weiter. Aus diesem Saal fuͤhrten andere Thuͤren in eine breite Gallerie, deren hohe bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach In¬ nen gingen. Und wohin? Durch die starre Kaͤlte, wie Dezember und Januar unter dieser Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit Eis behangen. Aufwaͤrter reinig¬ ten die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und saͤuberten des Ankoͤmmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommer¬ luͤfte, das Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Gruͤne, auf Veilchen, Jon¬ quillen und Rosen. Ein angenehmes Parterre bot sich im Halb¬ rund dar, reich an Florens Pracht, mit holdem Duft labend, begraͤnzt durch dunkle Katalpen¬ buͤsche, aus denen reizende Marmorgebilde winkten. Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, suͤße Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an silberhellen Baͤchen hin, uͤber bebluͤmte Huͤgel, wo sich hinter Teichen weite Aussichten in rei¬ zende Gebirglandschaften oͤffneten. Der Stau¬ nende, nicht vertraut mit des kleinen Paradie¬ ses Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen und Hesperidengaͤrten in die Erinnerung. Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu trennen? Im Daͤmmerlichte gewannen die mannichfachen Schoͤn¬ heiten erhoͤhten Reitz, Nachtigallen floͤteten aus Bluͤthenzweigen nieder, in Jasminlauben horch¬ ten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor, hoch im Norden am Aether hangend, und goß seine Schimmer verklaͤrend nieder. O Ini, seufzte Guido tief¬ bewegt, koͤnnt' ich an deinem Arme hier den Himmel fuͤhlen! Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles ge¬ schaffen? In den dicken Mauern der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die gro¬ ßen, hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum Theil hohl, um in den durchgefuͤhrten Roͤhren Waͤrme auszuhauchen, damit auch oben eine gleichmaͤßige Temperatur erzeugt wuͤrde, zum Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewoͤlben senkte und hob. Glassteine, rein und klar genug, den Licht¬ strahl nicht zu hemmen, und doch von der noͤ¬ thigen Staͤrke, um alle Kaͤlte abzuwenden, bil¬ deten diese Gewoͤlbe. Kein Kitt verband sie, sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch Feuer erweicht und sie sich so verschmelzen las¬ sen. Die Anstalten mangelten nicht, sie Außen vom Schnee und Inwendig von Duͤnsten zu rei¬ nigen, und so war die gluͤckliche Taͤuschung voll¬ endet. Die weiten Aussichten hatte allerdings die Malerei gestaltet, aber so trefflich, daß das Auge vollkommen betrogen wurde, um so mehr da es kleine Teiche kluͤglich hinderten, zu den, Fer¬ nen luͤgenden Waͤnden, zu dringen. — Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben vom Strategion zu Rom an. Eine lange Be¬ rathung hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte man so fruͤh einen Juͤngling belohnen, damit der Sporn zu hoͤherem Streben nicht mangle, und dennoch hatte dieser Juͤngling durch so fruͤhe Thaten, Lohn verdient. Endlich sandte das Strategion dennoch eins von den großen Ehren¬ zeichen, wie sie Feldherren nach gewonnenen Schlachten empfingen. Man besann sich, daß Guido schon in sehr fruͤhen Jahren Beweise seines erfinderischen Kopfes geliefert habe und dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes Schreiben, von des Kaisers eigener Hand, lag bei. Guido befand sich aber nicht mehr in dieser Stadt und Niemand wußte dort, wohin er ge¬ reiset sei. Er hatte dagegen die Weisung zuruͤck gelassen, im Fall Briefe an ihn uͤberkaͤmen, sie nach Sizilien zu senden, daneben die Aufschrift, an Ini. Diese empfing nun durch die Eilpost jene Gegenstaͤnde. Gleich schmeichelhaft fuͤr Geliebte und Geliebten. Sie wußte, daß er sich jetzt in Petersburg befand, und schrieb ihm, jenen Brief zugleich beantwortend: „Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch mehr noch wuͤrde es mich erfreuen, wenn du beitragen koͤnntest, daß die Menschheit den un¬ seligen, ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. Ein Ehrenzeichen liegt fuͤr dich hier, ich sende es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, es zu tragen. Es ist noch ein Rest alter Bar¬ barei, wenn man solche Zeichen ausgiebt, meine ich immer. Traurig wenn das Vaterland ge¬ bieten muß, Blut zu vergeuden. Wer die schreck¬ liche Pflicht uͤbte, ihm zu gehorchen, wozu soll er noch ausgezeichnet sein, daß sein Anblick durch eine schauderhafte Erinnerung empoͤre. Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre Zeit die ungluͤcklichen Heldenthaten. Glaube auch, nur der reinste Menschensinn kann deine Schoͤn¬ heit vollenden.“ Dies gefiel freilich dem flammenden Juͤng¬ ling nicht ganz. Lob, warmes Lob, haͤtte er von dem Maͤdchen gehoft, das begeisternd mit Kraft weihte, und es toͤnte nun so sparsam, so bedungen. Doch raͤumte er ihrem feinen Geist den hoͤheren Ausspruch ein, und antwortete nur, indem er diesem seine Ehrfurcht darbrachte. Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich von dem Handel und dem Zustande der Wissen¬ schaften im Norden zu unterrichten. Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit einer der Lage des Landes angemessenen Klug¬ heit geleitet. Die Bevoͤlkerung war seit zwei Jahrhunderten in den Gegenden an der finnischen Bai, am Ladoga und weißen Meere bedeutend angewachsen, aber doch nicht in dem Maaße, daß die großen Waldungen dadurch so verdraͤngt worden waͤren, daß das Holz, kein Gegenstand der Ausfuhr bleiben konnte, wie es in vielen, noch dichter bewohnten Laͤndern, schon lange der Fall war. Man blickte also auf diese Waldun¬ gen, als einen vorzuͤglichen Handelsvorwurf. Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise. Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch sich denn die dabei thaͤtigen Handwerker in gro¬ ßer Zahl naͤhrten. Andere Voͤlker, der Schiffe benoͤthigt, und uͤberzeugt, sie waͤren nur in Pe¬ tersburg am wohlfeilsten zu bekommen, holten sie dann fleißig ab, und brachten Erzeugnisse, die zufolge des Himmelstriches hier fehlten. Ausser dem noͤthigen Brotgetraide wurde durch den Landbau ein Ueberfluß an Hanf gewonnen. Auch diesen veraͤußerte man nicht im unverar¬ beiteten Zustande. Thaue und Straͤnge aller Art, wie auch Segeltuche, wurden daraus gefer¬ tigt, und wegen ihrer Vollkommenheit uͤberall beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saf¬ fian, Kaviar, welche die Lebhaftigkeit des Ver¬ kehrs mehrten. Der Handel war jetzt ungemein beguͤnstigt. Die große Sicherheit der Schiffahrt, die erhoͤhte Vollkommenheit der Landtransporte, die ausge¬ dehnteste Freiheit, die Verbannung aller Privi¬ legien, leisteten ihm Vorschub. Die gleiche Guͤte des Geldes, von der Regierungsweisheit immer im richtigen Verhaͤltniß zu den Sachen gehalten, die gleichen Maaße der Dinge verschafften ihm erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der Kaufleute, welche einen Bankrottirer mit ewiger Verachtung wuͤrde gestempelt haben, befestigte den Kredit und es war unerhoͤrt, daß einer dar¬ unter sein Wort nicht erfuͤllt haͤtte. So knuͤpfte man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich der mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben. Die Wissenschaften bluͤhten in Petersburg an jedem Zweig, vorzuͤglich aber lag man der Na¬ turkunde ob, und die reich ausgestattete Akade¬ mie ließ den Norden fleißig bereisen, neue Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen, oder die aͤlteren zu berichtigen. Eine große Zahl von Fossilien, erdigt, salzig, metallisch und ge¬ mengt, vor dreihundert Jahren noch ganz unbe¬ kannt, hatten diese Versendete in den Gebirgen gegen den Pol ausgemittelt, wie man ihnen auch die erste Entdeckung der koͤstlichen, allent¬ halben gesuchten, Polkristalle dankte. Denn die erste Reise zur Erdachse im Norden, war von Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller der Land- und Eisthiere, jenseits dem achzigsten Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akade¬ mie sinnreich bearbeitet. Hoͤchst sehenswerth konnte man ihre Sammlung von Petrefakten nennen, worunter, außer vielen Ichthioliten und Tetrapo¬ dolithen auch ein vortrefflicher ganzer Anthro¬ polith war, mit Mergeltuf durchzogen und in allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteiner¬ ter Mammouth befand sich ebenfalls hier, wie viele Skelette dieses verschwundenen Thieres, dessen ganze Organisazion man aber dennoch kannte. Guido wohnte einer Vorlesung uͤber die Ver¬ aͤnderung der Erdachse, und einer andern uͤber die Abnahme des Meeres bei, hoͤrte viel Stau¬ nenswuͤrdiges, und lernte ernster uͤber die großen Beobachtungen nachsinnen, welche Jahrtausende der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt umfassen. Man sprach von einer Zeit, wo die hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, und von einer anderen, wo der Polpunkt in Ir¬ kutzk zu finden sein werde. Man erzaͤhlte von einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in Siberien gelebt, und sich eines ziemlichen Gra¬ des von Kultur erfreut habe. Die Monumente, unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen und endlich entzifferten Schriften, hatten ein zweifelfreies Licht daruͤber verbreitet. Man wußte genau, um welche Zeit Schweden aus der See hervorgetreten waͤre, und gab wieder jene an, in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, und sich zum Anbau eignen wuͤrde. Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt Petersburg ein ganz eigenthuͤmliches Fest, und gemeinhin in den laͤngsten Naͤchten, wenn kein Mond schien. Sie huͤllte sie dann naͤmlich in ein kuͤnstliches Nordlicht, was eine ganz zaube¬ rische Wirkung hervorbrachte. Denn die Ge¬ setze dieser Meteore, lange ein Geheimniß, wa¬ ren ergruͤndet worden, und man brachte die Ma¬ terie beliebig hervor, was jedoch nur in diesen Gegenden, und bei einem gewissen Kaͤltegrad anging. Es herrschte hier ein Nachkoͤmmling der Ro¬ manow, denn jenes Haus, da es sich erobernd gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch nicht ganz die Vatererde aufgeben, wo einst Peters schoͤpferischer Genius das erste Licht bes¬ serer Aufklaͤrung anzuͤndete. Auch sah man Pe¬ ters Standbild, einst von der genievollen nordi¬ schen Semiramis erhoͤht, noch wohlerhalten und vielgeehrt an der alten Stelle. Nach Genuͤssen und Belehrungen mannich¬ facher Art, wandten sich unsere Reisenden nach dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Fruͤh¬ ling ankamen. Gelino sagte: Dies Land war vor einigen Jahrhunderten durch eine fehlerhafte Regierungs¬ form sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie sehr es durch fruchtbaren Boden darauf ange¬ wiesen ist, ward unvollkommen getrieben, die Handwerke und Kuͤnste lagen ganz danieder. Skla¬ verei der geringen Klassen entehrte die Mensch¬ heit. Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in uͤppiger Erzeugung, wohlgebaute Staͤdte und Doͤrfer zeigen reiche Bevoͤlkerung, Kunstfleiß in jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede unter weiser Verwaltung. Guido ergoͤtzte sich innig bei dem lachenden Anblick, der sich allenthalben darbot. Große Kunststraßen und Nebenwege waren ohne Aus¬ nahme mit mehreren Reihen nutzbarer Obst¬ baͤume beflanzt, deren Bluͤthenschnee mit den dunkelgruͤnen hochbegrasten Triften und fetten Kornfluren angenehm wechselte. Nie hatte Guido so stattliche Heerden gesehn als hier wei¬ deten. Er rief: Siziliens Landschaft ist man¬ nichfacher, feinere Baumgattungen und Frucht¬ arten schmuͤcken sie, doch ein so frisches Gruͤn labt dort die Blicke nicht. Gelino antwortete: Die Natur ist uͤberall reich, reich, der Mensch verstehe nur ihre Winke ge¬ horsam, und sie lohnt. Der Zoͤgling wunderte sich uͤber die vielen Kanaͤle, mit denen das Land durchzogen war, und die von Floͤssen und Fahrzeugen wimmelten. Wer hat alle diese Arbeiten vollbracht, und zu welchem Ende? fragte er. Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land ist niedrig und zu Kanaͤlen geeignet, die außer der erleichterten Fortbringung auch durch Be¬ waͤsserung nuͤtzen. Sehr einfach hat man sie aufgewuͤhlt, und nach den Stroͤmen geleitet. Ehedem wandten die thoͤrichten Menschen, die gewaltige Kraft in Entbindung gewisser Gas¬ arten, nur auf das Verderben an. Kluͤglicher hat man spaͤterhin, durch das vervollkommnete Schie߬ pulver, Erdlagen gebessert und Kanaͤle erschaffen. Dies Land bringt, trotz seiner großen Be¬ voͤlkerung, die ja auch nur die Erzeugungen mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, Honig und Schlachtvieh hervor, als es selbst verbrauchen kann. Dieser Ueberfluß ladet, wie einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein Land mehr in Europa, das nicht weise genug waͤre, seine erste Subsistenz selbst hervorbrin¬ K gen zu wollen, doch einige, wo es zufolge natuͤr¬ licher Hindernisse nicht angeht. Dahin gehoͤrt ein Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, Nowaja Semlia und Spitzbergen. Die letzt¬ genannten waren Ehedem wenig oder gar nicht bewohnt, spaͤterhin hat man sie zu Verweisungs¬ orten fuͤr Europaͤer gemacht, die unklug genug waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu wollen. Diese haben sich gemehrt, der Handel andere dahin gefuͤhrt, und so sind auch jene so weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt be¬ voͤlkert, und man weiß sich dort gut zu naͤhren. Dies Land fertigt jedoch aus seinem uͤberfluͤs¬ sigen Korn, Backwerke aller Art, die sich Jahre lang halten, und durch Befeuchtung genießbar werden. Fleisch von Rindern und Schaafen wird durch Salz und Raͤucherung dauerhaft gemacht, das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser auf¬ bewahrt. Der Honig dient, mannichfache Kuchen zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich fertigt man starke Biere, in Essenzen verkuͤrzt, und ge¬ brannte Wasser an. Meistens gehn diese Gegenstaͤnde nach den genannten Nordlaͤndern, welche deswegen doch nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder vortreffliche Eisenwaaren, fertige Pelzkleidun¬ gen, Fett von Wallfischen und Robben feil, und geben sich daneben fleißig mit dem Hering¬ fange ab. Die inlaͤndischen Kanaͤle, welche du hier siehst, geben nun all' dieser Regsamkeit doppeltes Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den großen Prahmenwagen schneller von statten geht, so ist jene mit geringeren Kosten verbunden, da auf den ebnen Nebensteigen, welche am Wasser hinlaufen, ein Pferd betraͤchtliche Lasten zieht. — In den Staͤdten nahm man die großen Brau- Back- und Brennanstalten in Augenschein, wo sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte Gelino, melden alte Schriftsteller, sollen vor einigen Jahrhunderten diese Staͤdte einen scheu߬ lichen Anblick gewaͤhrt, Unwissenheit und Un¬ sauberkeit hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu entziehn, verstand man vortrefflich, denn chemi¬ sche Naturkunde leitete die Grundsaͤtze. Lieb¬ K 2 liche und dennoch unschaͤdliche Einmengungen ver¬ besserten den Geschmack. Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauer¬ haft zu machen, hatten Thurmhoͤhe. Der Rauch ward durch lang empor gewundene Roͤhren ge¬ leitet, und zog sich so feiner in die Massen. Durch fette Weiden wohl genaͤhrt, lieferten die Schlachtthiere schon ein ungemein nahrungge¬ haltiges Fleisch, und uͤberaus zart war der Geschmack der hier geraͤucherten Gaͤnsebruͤste, Schinken u. s. w. Leckermaͤuler gaben ihnen den Rang vor allen uͤbrigen in Europa. Es laͤßt sich deuten, wie das Volk in diesen Gegenden, ohnehin so wohlhabend, auch durch diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln gewesen sein muͤsse. — Man langte endlich in der weitlaͤuftigen und freundlich gebauten Vorstadt Praga vor Warschau an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein schau¬ derhafter Auftritt, indem bei einem Sturm fast alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! daß wir Blutszenen in Europa gar nicht mehr, und an den Graͤnzen nur selten und nothgedrun¬ gen erblicken; daß auch, wenn ja Krieg besteht, die Voͤlkeruͤbereinkunft ihn bloß auf die Heere ausdehnt. Der Soldat wuͤrde sich entehrt hal¬ ten, wenn ein ruhiger Bewohner des Landes uͤber ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat von Europa so. Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an den majestaͤtischen, mit Schiffen bedeckten, Strom kamen, in der mit ihren Vorstaͤdten und Gaͤr¬ ten unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt Warschau dar. Der jenseitige hohe Rand war terrassenfoͤrmig mit Pappelalleen geschmuͤckt, von der Hoͤhe winkten Prachtgebaͤude, Tempelkup¬ peln mit reicher Vergoldung, Obelisken, Tele¬ graphen- und Glockenthuͤrme. Sternwarten, Luftpostzinnen und andere hohe Gebaͤude, wie sie jetzt in Staͤdten uͤblich waren, hoben sich aus dem Steinmeere in bezaubernden Verhaͤlt¬ nissen empor. Man hielt uͤberhaupt in diesem Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der Staͤdte, die schon in weiter Ferne dem Wande¬ rer verkuͤndeten, was er im Innern zu finden hoffen duͤrfe. Sie fuhren uͤber die praͤchtige Marmorbruͤcke, zu beiden Seiten mit athenischen Bildsaͤulen ge¬ ziert. Guido wunderte sich, da er den Strom hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und Rauch aufsteigen sah. Der Lehrfreund erklaͤrte ihm die Erscheinung. Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang auf diesem Strome sehr ungestuͤm, und es ließ sich keine dauerhafte Bruͤcke bauen, da man be¬ fuͤrchten mußte, sie im Fruͤhjahre zerstoͤrt zu sehn. Jetzt ist man klug genug, das nuͤtzliche Feuer¬ pulver auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr dieser Art droht, belegt man die Winterdecke des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus Pulver und jener heftigen Feuermaterie gemengt, die auch im Kriege gebraucht wird, und auf Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Rake¬ ten bedecken die ganze Flaͤche mit Funken, und schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. Da, obgleich der Fruͤhling schon um ein Gutes vorruͤckte, noch hie und da Schollen ankommen, so wirst du dort jene Thaͤtigkeit inne. Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, durch Anhaͤufen der Gebirgwaͤsser erzeugt, such¬ ten Ehedem manche Laͤnder heim. Nun aber fließen sie durch Kanaͤle ab, oder durch die hohen Bewallungen an den Stroͤmen, immer noch be¬ nutzt, da man gute Fruchtbaͤume darauf zieht. So traͤgt im Kampfe gegen die feindliche Natur, der Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit Vernunft den Willen umfaßt. Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, daß es hier ungemein viel schoͤne Weiber gaͤbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das Geschlecht uͤberhaupt zu einer ent¬ wickelteren Anmuth erzogen, und die europaͤische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander geflossen, so mußten dennoch einige Unterschiede in der aͤußeren Bildung uͤbrig blei¬ ben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer erklaͤrte: Schon im Alterthum wurden die Sar¬ matischen Schoͤnen gepriesen. Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Bluͤthen im vereinten Strauß zu beob¬ achten. Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegpro¬ vinz, hatte er einen vorzuͤglichen Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Ge¬ feierten in einer Groͤße, wie Ehedem der rho¬ dische Koloß, prangte, und wo ein Heer von Hunderttausend Mann auf einmal seine An¬ dacht verrichten konnte. In Warschau dagegen stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht weit beruͤhmt. Die Jung¬ frauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut, und sich dafuͤr das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang anzu¬ stimmen. Sie nahmen dann Platz auf dem Marmor¬ boden, doch die Erhoͤhungen welche der Rotunde Innenwaͤnde umliefen, konnten Maͤnner bestei¬ gen und Niemand mag zweifeln, daß sie nicht angefuͤllt gewesen waͤren. Gelino haͤtte es vielleicht nicht unumgaͤnglich noͤthig gefunden, seinen Zoͤgling dahin zu fuͤh¬ ren; doch dieser hatte davon viel gehoͤrt, und bewies sehr redselig, man muͤsse die Reisekunde auf jede Art bereichern. Es war das Fruͤhlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Flora¬ lien der Alten. Im weißen Gewand, blendend wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Baͤndern an den bloßen Fuß geknuͤpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die Jungfrauen in den Tempel. Guido befand sich im Gedraͤnge auf der Er¬ hoͤhung. Suͤß stroͤmte der Duft hinauf, die Treibhaͤuser waren von ihren Orangenbluͤthen und Rosen gepluͤndert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde Geruͤche gelabt. Alle ohne Ausnahme waren schoͤn, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unpaͤßlich zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben. Hundert von den Jungfrauen unterhielt der Tempel fuͤr den musikalischen Kultus. Gestalt und wohltoͤnende Stimme, waren die Bedin¬ gungen, unter welchen man sie annahm. Gute Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach be¬ deutender Fertigkeit durften sie oͤffentlich auf¬ treten. Kein Instrument begleitete ihre Lieder, und wie diese Zeit auch die Harmonika, die Floͤte, die Harfe vervollkommnet hatte, den Zu¬ sammenklang Hundert reiner wohlgeuͤbter Maͤd¬ chenorgane, wuͤrden sie immer nur gestoͤrt, nicht erhoben haben. Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache fruͤherer Zeiten uͤbertragen, so weit es moͤglich ist, den hoͤheren Ausdruck des Idioms im ein und zwanzigsten Jahrhunderte wiederzugeben, unge¬ faͤhr gelautet haben wuͤrde: Himmlisch bist du o Jungfrau! Du liebtest himmlische Liebe, Und dein Himmel steigt nieder, In der Liebenden Busen. Hohe, Reine, Verklaͤrte, Weihe, heilige mich! In des Geliebten Schoͤnheit Deutet sich ewige Schoͤne, Dem Goͤttlichen werd ich verwandt Gluͤh ich von goͤttlicher Liebe. Hohe, Reine, Verklaͤrte, Weihe, heilige mich! Deine Reinheit mich fuͤlle, Mache unstraͤflich den Busen, Gieb in Liebe mir Tugend, Daß den Unsterblichen nahend Ewig Leben ich athme, In Gefilde des Lohnes Seligkeit bringe das Herz. Hohe, Reine, Verklaͤrte, Weihe, heilige mich! Weg aus den Raͤumen der Tiefe, Schwinge dich, heiliger Fittig, Trage mich auf zu den Gipfeln Wo mich weihend umfangen, Lebens Reine und Hoͤhe. Liebe ist Himmel im Staube, Liebe wohnt uͤber den Sternen, Liebe adelt die Jungfrau, O du, der Jungfraun Vorbild, Hohe, Reine, Verklaͤrte, Weihe, heilige mich! Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido an Ini: Heute Maͤdchen, that dein Bild hohe Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz in Europa, vergaß aber dennoch die Rose nicht, fuͤr die ich gluͤhe. Der Triumph, den eine Geliebte uͤber frem¬ de Schoͤnheiten davon traͤgt, wird auch von dem Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert heller, ein edles Selbstgefuͤhl stroͤmt in die Seele, im Bewußtsein reiner Treue, und praͤgt sich im Auge, auf der Wange, mit einem un¬ vergaͤnglichen Zauber aus. So nahm denn Guido abermal einen neuen Zug der Schoͤhnheit von hinnen. Sie besahen noch den großen Markt, der hier um diese Zeit gehalten wurde. Auf dem Gefilde von Wola, beruͤhmt im Alterthum durch die Koͤnigswahlen, hatte man ihn. den Sammel¬ punkt angewiesen, da in der Stadt kein Raum dazu vorhanden war. Einen weiten leeren Platz umlief ein uͤber¬ dachter Saͤulengang, hinter welchem sich unge¬ heure Speicher, die Waaren einzunehmen, be¬ fanden. Auf vielen Kunststraßen hatte sie der Voͤlker Thaͤtigkeit hergefuͤhrt. Eine davon lief nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfen¬ bein, wie auch treffliche Gemaͤlde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nah¬ ten die Neu-Perser, mit Elephantenlasten koͤst¬ licher Gewuͤrze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine dritte Straße war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und an¬ dere Gegenstaͤnde seines Kunstfleißes, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von Pe¬ tersburg erst uͤbers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft, langten vortreff¬ liche Schiffe zum innlaͤndischen Gebrauch an, die auf einem Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf aͤhnlichen Wegen waren vom aͤu¬ ßersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzklei¬ dungen gekommen. Eben daher vortreffliche Ge¬ schirre, Fensterscheiben und Bauwerkstuͤcke aus dem so spaͤt erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit kuͤnstlichen Trieb¬ werken des Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem sie außer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen Te¬ leskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der Sonne wegfuͤhren mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu beobachten, und seine Naturge¬ schichte zu entwerfen. — Ferner Thurmuhren, mit reitzenden Glockenspielen, an deren Ziffer¬ blatt, sich außer den Stunden- und Minuten¬ weisern, ein vollstaͤndig entworfener Kalender befand, daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Kaͤlte oder Waͤrme, Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend be¬ zeichneten, daß dadurch die Witterungsveraͤnde¬ rung auf mehrere Tage vorher kund ward, und Jedermann bei seinen Beschaͤftigungen sich dar¬ nach fuͤgen konnte. — Ferner, Muͤhlen zum Stampfen, Zermalmen und Saͤgen zugleich, und mit einem artigen Mobile perpetuum regirt. — Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pfluͤge mit ei¬ ner geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwoͤlf Schuh tief aufwuͤhlten, die geruhete Erde oben, die entkraͤftete unten brachten, sie zugleich puderartig zerrieben, und von groͤbern Bestandtheilen durch Siebe reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekoͤrner in beliebiger Weite und Tiefe gleichabstehend ein¬ senkten, und so Aufwuchs und Gedeihen unge¬ mein erhoͤhten. Eben so Waͤsserungbehaͤlter, ge¬ eignet, aus fernen Seen, Stroͤmen oder Kanaͤlen mit wenigem Kraftaufwande, Fluͤssigkeit herbei¬ zuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit ausgebreiteten Fontaͤnen niederstroͤmen zu lassen. — Der Franke lieferte chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie huͤlfreich gebrauchen, damit bei großer Duͤrre, aus Wasserstoff ein Woͤlk¬ chen zusammensetzen, und auf seine Scholle nie¬ derfallen lassen. Zudem Kuͤchen, wo in sehr sinnreich gestalteten Toͤpfen oder Pfannen, die Speisen uͤberaus schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man belie¬ big mit Seide oder Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dar¬ gebotenen Koͤrpers niedlich angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, faͤrbte es zu¬ gleich in der eben guͤltigen Modetinte, und par¬ fuͤmirte es mit koͤstlichen Oelen. Die chirurgi¬ schen Instrumente der Franken waren nicht we¬ niger sehenswerth. Unter andern erblickte man da kuͤnstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei nur geschwaͤchter Hoͤr- oder Sehkraft wurde jene durch Roͤhre, diese durch Glaͤser bis zum Normalzustand verstaͤrkt; außerdem hatte man aber, ein hoher Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Roͤhren, Au¬ genaͤpfel mit ihren sechs Haͤuten und drei ver¬ schiedenen Feuchtigkeiten, welche mit den Ner¬ ven, durch taͤglich wiederholten Galvanismus in Verbindung gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder ein¬ fuͤhrten. Ihre Weinlaͤger wurden nur von den spanischen und portugiesischen uͤbertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede groͤßer als Ehedem das Faß zu Heidelberg. — Die Ita¬ liaͤner hatten unter andern große Orgeln, fuͤr die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana , die gewohnten Religionsgesaͤnge deutlich vortrug, willkommen fuͤr Ortschaften die nicht reich genug waren, Choͤre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo eine Klaviatur, Hun¬ dert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstuͤcke und durch akkustisch nach¬ geahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schoͤne Lieder ausfuͤhrten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem vollstaͤndigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Koͤnige mit großem Aufwand ver¬ mocht hatten. — Der emsige Deutsche wett¬ eiferte eiferte mit allen Europaͤern in Allem, und sandte daneben die meisten Buͤcher zum Markt. Buͤ¬ cher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung hatte. Aber auch aus Amerika, Afrika und Poline¬ sien waren Kaufleute anwesend. Sie fuͤhrten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalien¬ kabinette aus ihren Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig redeten, Menagerien von Loͤwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille, welche man aber nicht er¬ stand, wenn sie nicht auch zugleich in ergoͤtzenden Kuͤnsten abgerichtet waren. Es gab auch in gro¬ ßen, durchsichtigen, mit Wasser gefuͤllten Behaͤl¬ tern, Fische aller Gattung aus der Fremde. Horn¬ fische, Chimaͤren, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale, Katoͤdons, und die vie¬ len Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nach¬ dem die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommen¬ heit erreichte. So hatte die vermehrte Kultur, die gesetz¬ liche Sicherheit, und die Leichtigkeit der Rei¬ sen, Menschen von allen Staͤmmen hieher ge¬ fuͤhrt. Wollige Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am L Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zaͤhlten sorgsam ihre ge¬ wonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien, kauten ruhig ihren Betel oder schmauch¬ ten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine mißge¬ staltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Sa¬ mojeden, Eskimos liefen neugierig gaffend um¬ her. Roͤthliche Amerikaner, noch den Feder¬ busch der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen. Neuseelaͤnder, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spaͤt entdeckten Suͤdpolarlaͤnder, die schwaͤr¬ zere oder hellere Haut seltsam punktirt, saßen in ihren mitgebrachten Binsenhaͤuschen auf kuͤnst¬ lichen Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Gaͤrten aufzustellen. Das Getuͤmmel auf diesem Markt war unbe¬ schreiblich, die Wechselgeschaͤfte verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoff¬ nungskap und Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken, welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene Thaͤtigkeit unterhalten mußten, be¬ schickten sie auch die Maͤrkte mit uͤberfluͤssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuer¬ roͤhre, großer und kleiner Art, feil, welche von Voͤlkern, die noch keine Waffenmanufakturen hat¬ ten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch, vorausgesetzt, daß man reich ge¬ nug war zu solchen Ausgaben, in ihre vorhan¬ denen Metallgießereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich druͤckten ge¬ schickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon nachzuahmen. Das Me¬ tall floß schon in den Gluͤhoͤfen, eilig vollende¬ ten flinke Gesellen die hohle Form, und der Guß erfolgte. Durch kuͤnstliche Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende hoͤhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mecha¬ nischen Vorrichtungen, Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke. Ein Fuͤrst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, ließ sich mit dersel¬ ben in Silber darstellen. Guido haͤtte weinen moͤgen, nicht Ini hier zu sehn, und kein Kai¬ sersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu begehren. L2 Nach viel erworbnem Unterricht, durch Ge¬ linos Lehren und eigne Anschauung, wurde des Juͤnglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine Doͤrfer mehr, sondern nur die in einander flie¬ ßenden Vorstaͤdte weitlaͤuftiger Orte. Gelino er¬ klaͤrte ihm die Erscheinung einer so großen Le¬ bensfuͤlle in folgender Art: Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unnuͤtze Kriege, verderbliche Immoralitaͤt und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevoͤlkerung hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange erwuͤnschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewoͤhnlich. Wenige Morgen naͤhren eine Fami¬ lie bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab, von dessen Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwen¬ digkeiten anschaffen kann. Das in dem, vor¬ trefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen ge¬ pflanzte Wintergetraide‚ gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens funfzigfaͤltig. Man maͤht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich abschneiden, aufladen und hinterwaͤrts den Boden wieder pfluͤgen, wodurch die Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug uͤbrig, das Feld wieder mit Sommerkorn, Gartengewaͤchsen, Fuͤtterungkraͤu¬ tern zu bestellen, wovon der Fleiß noch reichen Gewinn im Spaͤtjahre zieht. Dies wuͤrde aber nicht immer gluͤcklich von Statten gehn, haͤtte man nicht das Mittel erfunden, die angebauten Fluren, gegen Kaͤlte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die Witterungmesser einen Frost ankuͤndigen, eilt der Landwirth sein Feld mit großen Strohmatten zu uͤberdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es leicht dies Mit¬ tel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem reichlichen Stroh die Matten, uͤber Baͤume spannt man sie zeltartig, Fluren werden ebenhin damit bedeckt. Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umlaͤuft ver¬ wachsen die Scholle. Kleine Beeren und kleine Nuͤsse mancher Gattung bluͤhen darauf. Das Feld ist mit edlen Obstbaͤumen beflanzt, an die uͤppige Weinreben sich hinaufwinden. Ihr Schat¬ ten faͤhrdet die Saaten nicht, bei einem so kraͤf¬ tig gemachten Boden, und beim Pflanzen traͤgt man kluge Sorge die Wurzeln nicht zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrau¬ che leicht wird. Futterkraͤuter, gewisse wohlnaͤhrende Ruͤben¬ arten, getrocknet Baumlaub, sind dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine An¬ stalt zum Fertigen gebrannter Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein Kind ihr vorsteht. So ist also fuͤr den Unterhalt dieser Men¬ schen reichlich gesorgt, und die eitle Furcht ob einer zu großen Bevoͤlkerung, in rohen Zeital¬ tern oft angekuͤndigt, wuͤrde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum nuͤtzlicher Thaͤtigkeit finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man sam¬ melte, nach den vielen lehrreichen Entdeckun¬ gen, welche gute Koͤpfe im Erproben des Aus¬ fuͤhrbaren machten, ist jedermann lebendig uͤber¬ zeugt, die Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja die Graͤn¬ ze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen koͤnne, durchaus nicht abzusehn. Und traͤte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein, mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag naͤhren koͤnne, so weiß man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Laͤnder genug in anderen Erdtheilen giebt, wohin sich Kolo¬ nien senden lassen. Afrika enthaͤlt in seiner Mitte große Wuͤsten, die, einst urbar gemacht, unermeßliche Ausbeute liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonen- fluß sind weitlaͤuftige Strecken bereit, neue Mil¬ lionen aufzunehmen. So ruͤstig auch der Alt¬ britte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat, und die weitlaͤuftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Be¬ wohnern reich zu machen, so hat doch, im Ver¬ lauf weniger Jahrhunderte, immer noch nichts Erhebliches geschehen koͤnnen, und Auswanderer wuͤrden dort hoͤchst willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in de¬ nen die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jaͤhrliche Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien, ein un¬ geheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika, treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian- Gebirge verbreiteten hieruͤber schon in alten Zei¬ ten Licht, jetzt hat man ihren Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag uͤberhaupt aus der Vergangenheit genauer auf die Folge zu schlie¬ ßen, weil sinnige Forscher, ihre Beobachtungen der Nachwelt, ein schaͤtzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt unter andern die Insel Owaihi, weit groͤßer an Umfang, als zu der Zeit, wo ein kuͤhner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich großen und hohen Eilande, west¬ lich von Peru, hießen vor Jahrhunderten die niedrigen Inseln, ein Beweis, wie damals die See hoͤher an sie hinaufspuͤlte. Das Senkblei faͤllt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meer¬ moose nehmen zu, die Taucher koͤnnen dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen diesen Umstaͤnden laͤßt sich die Richtigkeit jener Verkuͤndung ahnen. Alle die Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgruͤcken des neuen Erdtheils sein. Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du draͤngst mein Nachsinnen in einen noch tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Moͤglichkeit des Lebens zu traͤumen, auch sehe ich nur Vortheil fuͤr das Geschlecht darin, wenn junge Laͤnder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze Meer, das mittel¬ laͤndische Meer, trocken geworden, mit Staͤdten und Doͤrfern uͤbersaͤet werden koͤnnen. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das Was¬ ser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erd¬ ball verschwaͤnde, muͤßte nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unablaͤßig gebunden, jammer¬ voll untergehn? Gelino laͤchelte und gab seinem Zoͤgling die Antwort: Dies koͤnnte wohl sein, und wenn die hoͤchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was waͤre denn noch an ihrer Fortdauer ge¬ legen, wenn sie das Ziel umfaßt haͤtte, und es etwa mit jenem Zeitpunkt zusammentraͤfe? Gleich¬ wohl duͤrfte sein Untergang auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann der Erdensohn nicht uͤbernehmen, was die Natur nicht mehr noͤthig erachtet, fuͤr ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kraͤften ausstattete, und der Gebrauch dieser Kraͤfte hin¬ laͤnglich erweitert ist? Koͤnnen wir nicht lange schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, duͤrfte man nicht hervorbringen lernen; doch Fluͤssigkeiten fuͤr den Hausbedarf, Regengewoͤlke zum Traͤnken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen, scheinen keineswegs außer dem Be¬ reiche der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst daruͤber in Berlin manche Hipothese hoͤren. Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrich¬ tungen, die unser Weg dir zur Ansicht darbie¬ tet. Du siehst alle Staͤdte in Teutonien voller Kunstfleiß, voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Buͤhnen zteren die meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer großen Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Staͤdte Flor eine ganz natuͤrliche Folge. Der Ackermann naͤhrt den Handwerker, in¬ dem er ihm seinen Ueberfluß verkauft, und von ihm wieder die Lebensbeduͤrfnisse holt, welche er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Maͤrkte anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde, und schafft dafuͤr ihre Erzeugungen her¬ bei. Das Geld, uͤberall werthhaltig und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im rich¬ tigen Verhaͤltnisse zum Preis der Sachen, em¬ pfaͤngt einen schnellen Umlauf, und regt auf demselben die Betriebsamkeit unaufhoͤrlich an. Wie bluͤhend wir aber diese Gegenden finden, so haͤtten wir nur alte Buͤcher zu fragen, um uͤber die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert Jahren sie druͤckte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhuͤtten sklavensinnige Halbmenschen wohnten. In den Staͤdten lag der Gewerbfleiß kran¬ kend danieder. Europens Staaten hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegen¬ seitig ihre Thaͤtigkeit zu beleben und die Ge¬ nuͤsse auszutauschen; man sann nur auf Ueber¬ vortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatuͤrlich große Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel jugendlich ruͤstige Kraͤfte entgingen. Diese Heere naͤhrten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, son¬ dern mußten Sold empfangen, wodurch die Re¬ gierungen sich genoͤthigt sahen, die Voͤlker mit Abgaben zu erdruͤcken. Unter solchen Umstaͤnden mußten die meisten Laͤnder zur Haͤlfte Wuͤsten bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natuͤrliche Folge verkehrter Ein¬ richtungen, nicht zu gedenken. Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die goͤttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleich¬ sam anatomisch zu zerlegen und scheidekuͤnstlerisch in ihre Bestandtheile aufzuloͤsen strebten. Es galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang: Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh, Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie. Unter diesen Gespraͤchen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie ein dichtes Volk¬ gedraͤnge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anlaß dieser Erscheinung zu unterrich¬ ten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmuͤckte Prie¬ sterinnen gingen, einen lauten Chorgesang an¬ stimmend, voran; dann folgte ein etwas ge¬ beugter, doch gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmuͤtterchen, das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem Allen aber, aus einem mit Runzeln uͤberpfluͤgten Gesicht und dem ermatteten Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweißen duͤnnen Locken des Paares wa¬ ren Blumenkraͤnze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus Personen von dem ver¬ schiedensten Alter zusammengestellt, Greise und Greisinnen, Maͤnner und Frauen in den Mittel¬ jahren, viel bluͤhende Jugend und ein zahlreicher froͤhlicher Kinderschwarm. Die befragten Zuschauer unterrichteten Ge¬ lino: wie das Paar die Hundertjaͤhrige Feier seiner Ehe beginge. Im fuͤnf und zwanzigsten Jahre, erzaͤhlten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zaͤhlte damals zwanzig. Arbeit, Maͤßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so hohes Alter erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammaͤltern mit inniger Liebe und Ehrerbietung zugethan. Tiefere Ruͤhrung empfand Guido waͤhrend seiner ganzen Reise nicht, als im Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der Gluͤckseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt, ruͤckblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts haͤuslicher Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich be¬ zieht, so traͤumte er mit hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am spaͤten Lebensziele gekroͤnt von Urenkeln. Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See- und Strom¬ schiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten Hafen, mit leichten bunten Flag¬ gen geziert, spielend im frischen Abendwinde. Die schoͤne Bergkette, welche an einer Seite den großen Ort umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingaͤrten, beschat¬ tet von Luftgehoͤlzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen reicher Buͤrger. Hier triumphirte, fing Gelino an, mensch¬ liche Kunst auf eine seltne Art uͤber die wider¬ strebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhoͤhungen, die nicht ein¬ mal Huͤgel, sondern Niederungsraͤnder des Stromes waren, unterbrochene Flaͤche. Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sand¬ meere da, zeichnete sich durch regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schoͤne Pracht¬ gebaͤude aus, wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht, die dir, wenn wir ihre Plaͤtze und Straßen durch¬ wandeln, zu Gesicht kommen werden. Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als nothwendig gluͤckliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des europaͤischen Bundesgerichts — welches man hieher verlegte, weil Berlin ziemlich den Mit¬ telpunkt von Europa einnimmt — sehr bedeu¬ tend wurde, wollte der Schoͤnheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die Weisheit noͤthig fand, seiner großen Einwohner¬ menge neue Quellen der Erhaltung zu oͤffnen. Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der beruͤhmte Kanal, tief genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen Wege verbindet, und bei Berlin voruͤber geht, wurde gefertigt, dazu der Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Groͤße einem maͤßigen Landsee gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen me¬ chanischen Hebewerkzeuge, mit welchen die Grund¬ erde leicht aus der Tiefe zu winden ist, und man die Stroͤme gegen Versandung und Seichtigkeit schuͤtzt, waͤren solche Arbeiten unmoͤglich gewe¬ sen; mit ihnen kam es nur auf Geld und em¬ sige Haͤnde an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevoͤlkerung aller Kunstfleiß maͤchtig heran¬ wuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Boͤhmischen Gebirge, ausgetieft, und eine große Zahl geraͤumiger Schiffe, fuͤhrte aus den dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbruͤchen, die Quadern, womit des Kanals Seitenwaͤnde ein¬ gefaßt wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde diente nun, jene erhabene Bergkette auf¬ zuthuͤrmen. Ist ihre Hoͤhe, gegen Urgebirge gehalten, freilich nicht von großem Belang, so ist sie es doch scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt. Indem, nach dreißig muͤhevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen, meinten die Zeit¬ genossen, sie waͤren immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden von Egipten zu vergleichen, uͤber¬ traͤfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es es sich von selbst versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen großer Reichthuͤmer fuͤr Berlin. Sie waren unter diesen Gespraͤchen bis an ein Thor gekommen, das auf großen Saͤulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit mit den uͤberall vorhan¬ denen Gegenstaͤnden erwarten laͤßt, Europa schon durchwandert, und konnte daher seinem Zoͤgling immer Auskunft geben. Dies Thor, das Bran¬ denburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste, es bleibt jedoch als eine ehrwuͤrdige Antiquitaͤt stehen, und trotzt auch schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit faͤllt, wo Bruchsteine nur mit schwe¬ rer Muͤhe auf aͤrmlichen Spreekaͤhnen herbeige¬ fuͤhrt wurden, und man sich meistens der Zie¬ gel bediente. Jetzt haben es freilich die Bau¬ meister bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so große Ladungen von Felsbloͤcken traͤgt, und nun koͤnnen freilich die Tempel und Pallaͤste leicht so stattlich sein, als wir sie sehen. Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, daß eine Menge M leuchtender Kugeln uͤber den Haͤusern schwebend erschienen. Nun erklaͤrte sich das. Man erleuch¬ tete nehmlich die langen graden Straßen mit doppelten Hohlspiegeln von betraͤchtlichem Um¬ fang, auf hohe Saͤulen gestellt. Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzuͤge ver¬ staͤrkte Flamme, deren Licht aber, mittelst einer an¬ gelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien, so daß das Ganze den Vollmond um so taͤuschender nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe ge¬ zeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich Silberlicht goß seine Schimmer in die Straßen und Plaͤtze nieder. In der Mitte der Laͤnge einer jeden Straße, brannte ein solcher Hohlspiegel, fuͤr die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner Groͤß enach der der Straße richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der Stadt von Außen ein sonderbar liebliches Ansehn. Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silber¬ nen mit Rosenwasser gefuͤllten Wannen. Hier¬ auf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalb¬ nieren von Archangel, sehr von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, de¬ ren gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kuͤrbis an Groͤße uͤbertraf, und aus Vogelnesten, wohl¬ erhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfer¬ tigt, perlten in Kristallflaschen. — Warum gebt ihr uns Speise und Getraͤnk aus ferner Zone? fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande koͤstlichen Ueberfluß er¬ zieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort. Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schoͤne, doch an Betragen uͤberaus sittsam zuͤch¬ tige, Maͤdchen tanzten. Gelino sagte: Ihre For¬ men sind zart und athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Fuͤlle, welche wir an den Gra¬ zien in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre Voraͤltern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keu¬ schere Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, daß man nur durch Keuschheit sich die M 2 hoͤchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin ha¬ ben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir uͤbrigens das lehrende Wort, Guido! Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in den Busen. Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwuͤrdigen Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier uͤberhaupt lernen, welche Bewandniß es mit unserer Verfassung hat. Noch wenig hoͤrtest du von den Koͤnigen in diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ih¬ ren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein großer Segen fuͤr die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu machen, und sie waͤhlten das Verderben, uͤber Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schoͤneren Beruf hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, daß ihr Name wenig zur Sprache koͤmmt, denn so wird der Beweis, daß keine Noth uͤber ihr Land hereinbricht, am besten gefuͤhrt. Den Lohn fuͤr eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa fuͤr das tiefste Verbrechen geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevoͤlkerung gemehrt, erhoben sich Land¬ bau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, koͤmmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die Regierung als einen Genuß, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit uͤber¬ geben. Auch ist es herkoͤmmlich, daß dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein Koͤ¬ nig, dem das Gehorchen besser gewesen waͤre. Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegruͤndet werden konnte, wollte man erst die Koͤnige waͤhlen, und immer dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Vol¬ kes wuͤrde heuchlerischen Sinn hervorgebracht ha¬ ben, und die Stifter des großen Bundes heiligten uͤberall die Wahrheit. Aurelius, der große Kai¬ ser, von dem du schon oft hoͤrtest, behielt dem¬ nach die Geburtfolge bei, doch traf er die Ein¬ richtungen so, daß, was fruͤherhin nimmer ge¬ schehen war, auch die Koͤnige zu ihrem Amte erzogen wurden. Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte Er¬ fahrungen die Ansichten umwandelten. Bei ei¬ ner Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanz¬ ten fremden Begriffen, auf moͤglichst vollkommene Entwickelung der Eigenthuͤmlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, daß sie dann mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der moͤglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, daß die Staaten Maͤnner auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen uͤber die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, daß die Fuͤrstensoͤhne, fruͤh in ein Fuͤnd¬ linghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche Pflege genossen, daß an Koͤrper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Maͤnner aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Stu¬ dien, bei welchen ihnen viel Willkuͤhr gelassen wird, muß hauptsaͤchlich ihr Nachdenken uͤber die buͤrgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre ganze Thaͤtigkeit kraͤftigen, hie und da giebt man ihnen, nach dem Maaße ihrer Faͤhigkeit, ir¬ gend ein Amt zu verwalten. Bisweilen schoͤpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Wei¬ sen, oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgeuͤbt beobachten, und muͤssen sich dann, unterrichtet uͤber ihre Bestimmung, einer Pruͤ¬ fung des großen Rathes hingeben. Faͤllt diese Pruͤfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie regierungsfaͤhig erklaͤrt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlaͤssig. Denn, da es die Klug¬ heit untersagt, das niedrigste Amt im Gemein¬ wesen, jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tuͤchtigkeit dazu außer Zweifel gesetzt haͤtte, so gilt dies allerdings um so mehr vom hoͤchsten, und eine so weit herangereifte Zeit als die un¬ sere, kann sich nicht den Tagen roher Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zu¬ fall uͤberlassen blieb, ob ein Fuͤrst sein Amt be¬ greifen werde oder nicht, wo das fruͤhe Gift der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Ge¬ brauch fand, weil die Kraft der Diener fuͤr sie waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Ge setz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkei¬ ten ergoͤtzt, ihre Voͤlker jedem Sturm von In¬ nen und Außen Preis gaben. Hart mußten solche Zeiten ihren Wahnsinn buͤßen, und das Loos der Koͤnige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Genuͤsse freuten sie nicht, da sie keine Entbehrungen wuͤrzten. Die Wahrheit kam ih¬ nen selten zu Ohr, und so im Dunkeln tap¬ pend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer Zeit jedesmal zutraͤglichen Maaßneh¬ mungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen al¬ lein ein klares Auge haͤtte erziehen koͤnnen, um durch die dicke Weihrauchumwoͤlkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn be¬ droht, eine Kunst, damals Politik genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, aͤngstete sie unaufhoͤrlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Voͤlkerrechtes, sie sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Voͤl¬ kern, die das große Volk von Europa zusam¬ menstellen, edel genug ist ihre Bildung um hoͤ¬ here Gluͤckseligkeit, als die sinnlichen Genuͤsse oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und em¬ pfinden zu lernen. Es ist uͤbrigens hergebracht, daß vor dem dreißigsten Jahre kein Fuͤrst das Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron fruͤher er¬ ledigt, folgt eine Regentschaft. Worin bestehn hauptsaͤchlich die Geschaͤfte ei¬ nes Koͤnigs? fragte Guido. Er hat die Satzungen der drei Raͤthe ent¬ weder zu genehmigen oder zu verwerfen, und laͤßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommen¬ heit zur Vollziehung bringen, antwortete Ge¬ lino. Aber koͤnnten die Raͤthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt zum Vollbringen ausgeruͤstet sein? So beduͤrfte es keiner Koͤnige. „Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge. Wir wuͤrden sie zwar weniger zu fuͤrchten haben, als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinn¬ lichkeit selten, die Vernunft meistens den herr¬ schenden Zuͤgel fuͤhrt, aber wenn alle Gewal¬ ten in eine Spitze auslaufen, ist die Ruͤckwir¬ kung nachdruͤcklicher.“ Beschraͤnken uͤbrigens diese Raͤthe den Koͤnig? „In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die er zutraͤglicher fin¬ det. Doch seit laͤnger als einem Jahrhundert ließ sie jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden, muß er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Raͤthe sind das Mittel dazu. Sie fuͤllen den Raum vom Schlußstein der Piramide bis an ihre Ausbrei¬ tung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhaͤngige Gewalt ist den Koͤnigen darum verliehen wor¬ den, damit desto weniger Reitz zu ihrem Mi߬ brauch entstehen koͤnne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwal¬ tung ist ihnen durch die Umstaͤnde auferlegt, denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch hin. Doch ein Opfer muͤssen sie fuͤr den uͤber¬ wiegenden Genuß von Rechten, gegen andere Buͤrger, bringen. Es ist hart, allein ihre Ver¬ nunft muß die Guͤte des Opfers einsehn, und die Koͤnige, auch ohnehin in Europa Republika¬ ner, werden es dadurch gewissermaaßen noch mehr. Sie muͤssen sich — dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die Gesammtkraft vollzogen — der Suͤßigkeit ent¬ uͤbrigen, ihre Kinder um sich zu sehn. Diese wer¬ den, wie du schon erfahren hast, besonders erzo¬ gen, und das Gemeinwesen kann nur, vollkom¬ men beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen, wenn sie uͤberzeugt ist, sie der Einsicht zu uͤber¬ tragen.“ Welche Einkuͤnfte genießen die Koͤnige? „Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevoͤlkerter und regsamer das Land ist, je hoͤher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres eigenen Vortheils, die Men¬ schenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu mehren, und die moͤglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz waͤre Thorheit, und Thoren koͤnnen die Throne einmal nicht be¬ steigen, Verschwendung eben so, daher sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vor¬ theil, ihr Ruhm, sie den Koͤnigen auferlegt. Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit desselben wuͤrde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit laͤhmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten.“ Welche Ausgaben bestreiten die Koͤnige? „Sie solden die Raͤthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jaͤhrliche Summe in den Ge¬ sammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile noth¬ wendig wird.“ Von den drei Raͤthen habe ich manches er¬ fahren, doch wuͤnschte ich, du nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau. „Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbun¬ den, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die hoͤhere Religion, auch mit dem al¬ ten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdi¬ schen abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einfluß, jeder Einzelne mag zu seiner inneren Wuͤrdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag, die Feste des hoͤchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewoͤlbe begangen, sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonne¬ schauer eingestanden, welche bei solchem Anlaß uͤber dich kamen. Doch die irdische Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schoͤner mit der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge, kraͤftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knie¬ test oft geruͤhrt im Christustempel, dem ersten von allen. Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den wuͤrdigsten gewaͤhlt, sitzend im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros, oder Beschuͤtzer und Verklaͤrer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Wuͤrdigen aus denen jener Sinod zusammen gestellt ist, uͤber Erzie¬ hung und Brudersinn zu wachen, dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fuͤrsten Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vor¬ schlaͤge darzubringen, wie neue Stufen der Voll¬ kommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erzie¬ hung hat aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhaͤrtung und Bildung der Ju¬ gend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch hoͤheren moralischen Adel zu gluͤcklicherer Wohl¬ fahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege ge¬ schehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Ge¬ winn der Lebensnothwendigkeiten erhoͤht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der Landbau, und alle nuͤtzlichen Handwerke, unter der Leitung des Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und haͤlt in den einzelnen Bezirken untere Ver¬ weser, gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzuͤglich ihrem Beruf darin nachkommen, daß sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen An¬ zeigen, so viel als moͤglich die Richtung geben, und, indem alle Weisheit in ihre Koͤrperschaft stroͤmt, diese auch wieder der Quell sei, aus wel¬ chem das Volk schoͤpfen koͤnne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller Volkthaͤtigkeit nothwen¬ dig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, uͤber¬ all Hindernisse legen wuͤrde. Er folgt jedoch aus ihrer hoͤheren Vollkommenheit von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer mehr verringern muß, sind die Haupt¬ wurzeln aller Feindseligkeit auch immer mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verstaͤndi¬ gen, oͤffentlichen Reden, Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und Beispiel, die ruͤhrenden Kuͤnste zur Mitwir¬ kung rufend, werden keineswegs versaͤumt; doch strebt man am muͤhsamsten, die Triebe der Selbst¬ erhaltung und Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu brin¬ gen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun uͤbersichtlich den ersten Rath der Koͤnige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige kennen. — Der zweite Rath haͤngt mit der Ver¬ ehrung des Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im großen Feldlager kund. Reden wir von dem buͤrgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein weit groͤßeres, vollstaͤndigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue Verhaͤltnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb be¬ quemer gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie gluͤcklich die, von Wahn gereinigte und durch die Kuͤnste veredelte Religion, in einen reinen An¬ trieb zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien der Buͤrger¬ ehre verwebt wurden; wie klar das, in fruͤher Erziehung geuͤbte Kombinazionsvermoͤgen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erwei¬ teten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fer¬ nen suchten, was gereizte Begierden wecken, niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf sich beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei weitem seltener als Ehedem, hoͤren wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Na¬ tur entweihten, so wird das Gesetz doch biswei¬ len umgangen, und ein ernsterer Widerstand in warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist noͤ¬ thig. Er geht vom Mosestempel aus. Hier wird Recht gesprochen uͤber den Frevler, wie¬ wohl, von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Straf¬ satzungen haben gemindert werden koͤnnen, in¬ dem die traurigen Faͤlle, wo sie eintreten mu߬ ten, abnahmen. Hier werden auch Streitigkei¬ ten ten uͤber Eigenthum, bei denen kein boͤser Wille, sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, haͤlt sich die Gerech¬ tigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, uͤbt sie ihr wohlthaͤtig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke, erklaͤren das Gesetz, beweisen sein Heil, schaͤrfen seine Wuͤrde, und zeigen vorzuͤglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wo¬ durch denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine Klage uͤber Gewaltthaͤtigkeit — die letzten Jahre zaͤhlten sie sparsam — so dingt derjenige, wel¬ cher die Beschwerde zu fuͤhren hat, einen Ma¬ ler, der die kraͤnkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemaͤlde wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Em¬ pfindung. So braucht es der Anwalde Bered¬ samkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ih¬ nen auch die schoͤnere Obliegenheit geworden, Lohn fuͤr edle That zu spenden. Sie rufen den Buͤrger vor ihren Stuhl, den eine nuͤtzliche Ent¬ deckung verdient machte, der irgend etwas er¬ fand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen N kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen Beruf ruͤhmlich verwaltete, das Ehepaar, in ei¬ ner langen Reihe von Jahren durch haͤusliche Tugenden ehrwuͤrdig, den alten treubewaͤhrten Diener, und ertheilen ihm oͤffentlich Lob oder Ehrenzeichen. Die aͤltesten, tadellosesten, weise¬ sten unter allen Mosespriestern, bilden in der Hauptstadt des Koͤnigs den zweiten Rath. — Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknuͤpft, die schoͤnen das Leben schmuͤckenden Kuͤnste, die Poesie, die aufgebluͤhte Jugend waͤhnen sich in der Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwuͤrdigend beengt, wir aber sahen ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebuͤhrt, und ihre Moralitaͤt so durchaus gewinnen muß. Darum uͤben sie eignen erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, ihnen die Grundsaͤtze der fruͤhesten Kinderzucht erlaͤutert, ihr Sinn fuͤr das Schoͤne und Gute geschaͤrft, wodurch sie an Anmuth und Lie¬ benswuͤrdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhaͤngt. Strafe kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser Priesterin¬ nen, stellen des Koͤnigs dritten Rath zusammen. Eine fruͤhere Zeit wuͤrde uͤber den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so ange¬ messen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel gestiftet.“ Nenne mir die Bestimmung des Kaisers! „Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht uͤber den Frieden der Republik, laͤßt die Heere ins Feld ruͤcken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die Feinde zur Versoͤhnlichkeit zu bewegen. Die Ge¬ setze der Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fuͤrsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein allgemeiner Beschluß koͤnnte sie umwandeln. Auch ziehn die Koͤnige nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die Soͤhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Aus¬ bruch eines Krieges faͤllt. Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir N 2 schon bekannt, pruͤft, schlaͤgt vor, entscheidet uͤber einzelne Faͤlle, theils allein, theils nach¬ dem der Kaiser bestaͤtigte. Der Kaiser ist auch Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Ausspruͤche zu sankzioniren, insofern von Strei¬ tigkeiten der Koͤnige gegen einander, oder von Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom sei¬ nen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt un¬ terworfen werden soll. Die Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Koͤnigreich, und zwar das groͤßere, aus welchem seine Einkuͤnfte ihm zufließen. Seine Vorfahren haͤtten bei ihrem großen Waf¬ fengluͤck leicht ganz Europa sich unbedingt un¬ terwerfen koͤnnen, sie wollten es aber nur durch die gegenwaͤrtige Verfassung bedungen , wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der im¬ mer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.“ Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel uͤber die Verfassung von Europa nach, es draͤngten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert werden koͤnnte, und er nahm sich vor, daruͤber einen Entwurf aufzusetzen. Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschlaͤge gut waͤren, er sicher auf das Ver¬ gnuͤgen zaͤhlen koͤnne, sie in Ausfuͤhrung ge¬ bracht zu sehn. Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bun¬ desgericht oder Voͤlkertribunal seine Sitzungen hielt. Es war ein Gebaͤude, das durch seine Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne Bildsaͤulen von einer Staunen erregenden Groͤße zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen uͤber die majestaͤtvolle Gruppe. Im in¬ neren Marmorsaale empfand Guido fromme Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen schneefarbne Baͤrte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein ruͤhrend Schauspiel. Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Koͤ¬ nigs ward in den Saal gebracht, von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine wei¬ nende Menge, aus der Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stuͤrzte nach, einmuͤthig flehend, dem Staube ihres Monar¬ chen den Tempel der Unsterblichkeit zu bewil¬ ligen. Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, ant¬ wortete der hohe Senat, allein es darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer Koͤnig das Grab des Ruhmes verdiene? Nun draͤngten sich besondere Sendungen der Raͤthe in den Staaten des Todten hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl waͤhrend seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die Klagen in den Tempeln des Rechtes, waͤhrend eben diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt wor¬ den sei. Die Papiere wurden laut verlesen. Bedaͤchtig horchten die Greise, ruͤhrende Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie einmuͤthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt. Die Todten wurden jetzt uͤberhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte den schauder¬ haften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den Rasenhuͤgeln empoͤrte er die Ge¬ fuͤhle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untruͤg¬ lichen Kennzeichen des Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen chemischen Prozeß alle Fluͤssigkeiten verfluͤchtigt, und die festen Theile in Erde aufgeloͤset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengar¬ ten, den die Staͤdte mit Baumpflanzungen und Blumen zu schmuͤcken, wetteiferten, um sie dort einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbuͤrger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstor¬ benen dieser Ehre wuͤrdig achteten. Den Wohn¬ platz der Ruhe sollten nicht Luͤgen entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Graͤ¬ berfeld, oͤde, ohne Strauch und Blumen, und die Staͤdte fanden einen Stolz darin, kein sol¬ ches Feld auf ihrem Gebiete zu wissen. Das Bundesgericht meldete noch am Mor¬ gen, durch den Telegraphen, seinen Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch die akkustischen Roͤhre zu¬ ruͤcksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit den Kunden uͤberein, welche ihm von der Amtsfuͤhrung jenes Koͤniges auf anderen Wegen zugekommen waͤren. Er ehre der Greise Weis¬ heit, bestaͤtigte ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden. Am anderen Tag wurde sie nun mit Blu¬ men und Lorbeeren festlich gekroͤnt, dann unter hohem Gepraͤnge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jung¬ frauen auf einem goldnen Wagen abgefuͤhrt. Ein Ausschuß der Greise des Voͤlkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand: wie die Ruͤhrung, welche er heute empfaͤnde, jede bisher gefuͤhlte, uͤbertraͤfe. Der andere Tag war jedoch noch merkwuͤr¬ diger fuͤr unsern Juͤngling. Denn jenes Koͤnigs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich. Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da je¬ ner in einem hohen Alter verstorben war. Be¬ scheiden trat er in den Saal. Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz fuͤhrte, fragte ihn: Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn? „Zuerst in einem Fuͤndlinghause in Spa¬ nien.„ Hast du, dort entlassen, Proben deiner statt¬ lichen Kraft, deines fruͤh geuͤbten Denkvermoͤ¬ gens, abgelegt? Hat dein Gemuͤth sich in rei¬ nem Sinn bewaͤhrt? „Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt meidend.“ Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte weiter: Wo befandest du dich nachher? „Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte den Erdball.“ Recht. Du hast deine Bemerkungen auf die¬ ser Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlos¬ sen. — Wohin begabst du dich alsdann? „Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.“ Wann erfuhrst du deine koͤnigliche Abkunft? „Im fuͤnf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Stuͤtze neben sich sehen wollte.“ Wie ward dir bei der großen Nachricht? „Ich fuͤhlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzuͤckungen mit Innigkeit, doch er¬ schrack ich, daß einst das schwere Koͤnigsamt mich erwarte.“ Gut und auch nicht gut! Der kraͤftige Mann soll vor nichts erschrecken, der Koͤnig am we¬ nigsten. — Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin? „Ich wohnte den Sitzungen der Raͤthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf, suchte mich uͤber ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten, den Mann von Verdienst kennen zu lernen.“ Wohl! Machtest du oft Vorschlaͤge zu Ver¬ besserungen in deinem Lande? „Dazu fuͤhlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts hoͤher umfassen zu koͤnnen, als der weise Vater.“ Schlimm, Koͤnigsohn, schlimm! Der Juͤng¬ ling soll nicht stehen bleiben, sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungs¬ gabe wecken. Der Befragte erroͤthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort: Willst du den Thron deiner Vaͤter besteigen? „Wenn ihr, fromme Vaͤter, mich dessen wuͤrdig achtet.“ Das koͤmmt nur auf dich selbst an. — Was denkst du hauptsaͤchlich beim Regieren zu thun? „Ueberall das Gute zu foͤrdern.“ Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große Anmaaßung. Raͤume nur zuvor uͤberall das Boͤse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen. „Ich hoffe — nicht zu irren — wenn ich strenge den Vater zum Vorbild waͤhle — „ So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren. „Ganz so freilich nicht.“ O, ihn zu uͤbertreffen muß dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch fand. Die neue ent¬ wickeltere Zeit laͤßt dir ja ihr Licht flammen. Durch deine Raͤthe empfaͤngst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft gesammelt, wohl¬ thaͤtig zuruͤckgießen. — Bist du vermaͤhlt? „Noch nicht.“ Seltsam! Und aus welchem Grunde? „Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich nach einem geliebten Weibe umzusehn.“ So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben dir nicht Frei¬ heit genug. Du bist das Werk Anderere gewor¬ den, und die eigenthuͤmlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren Goͤtterfunken nicht in dir entzuͤndet, darum so karger Aufflug deines Herzens. Wir koͤnnen des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts gemein. Ich urtheile, daß dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt werden muß. Waͤhrend dieser Zeit bemuͤhe dich um Selbstvertrauen, um die Kraft des Muthes, die Koͤnigen ziemt. Vermaͤhle dich liebend, dann kehre wieder und hoͤre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu tadeln, Vaͤter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln. Alles schwieg. Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an: Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur Stelle nach Rom bringen. Tief bestuͤrzt stand der abgewiesene Thronfol¬ ger da vor der schauenden Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschuͤtterter mußte er sein, als der Gram uͤber des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte. Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf die neue Pruͤfung vorbereiten. Still ging er nach einer Verneigung mit sei¬ nem Gefolge davon. Das im Saal versammelte Volk, sonst gewohnt, die Ausspruͤche welche ihm gerecht schienen, mit lautem Beifall zu begruͤ¬ ßen, verhielt sich diesmal still, und schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht voll¬ kommen mit dem Voͤlkertribunal waͤre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten Be¬ tragen, den Manen des Koͤnigs eine Huldigung darbringen wollte. In aͤlteren Zeiten wuͤrde ein solches Bundes¬ gericht wohl schwerlich seine Bestimmung erfuͤllt haben. Die Macht des Goldes haͤtte ohne Zweifel seine Spruͤche gelenkt. Allein man waͤhlte die tugendhaftesten Maͤnner zu den Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst, die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet. Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu fuͤrchten, das uͤber die Ge¬ rechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fuͤhlte, und ihre Ehrliebe haͤtte ein mißbilligend Geraͤusch, seit laͤnger als einem Jahrhunderte nicht erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu seiner Richtschnur waͤhlte. Endlich durften die Koͤnige insgesammt, wenn ihre Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswuͤrdig fand, Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pal¬ laste versammeln, um statt desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das Recht der Billigung oder Verwerfung uͤbte. Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre des Senats unstraͤflich. Guido redete viel mit seinem Lehrer uͤber die Antworten des Thronkandidaten. Er behaup¬ tete sehr keck, sie besser gegeben haben zu wuͤr¬ den, und Gelino ermahnte ihn, im Gefuͤhl sei¬ nes Feuers auch nicht weiter zu dringen als Bescheidenheit es gestatte. Aber, rief der Juͤngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die Vaͤter an dem Koͤ¬ nigsohn straften? Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur erwartet, sollst mehr streben als waͤhnen erstrebt zu haben. Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Juͤngling, aber ich weiß auch, daß ich schon er¬ strebte. Dann ward er nachdenkend, und rief, in eini¬ gen Schmerz aufwallend: O es muß goͤttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten! Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt. Leicht, leicht! schwaͤrmte Guido. Darf ich die Kraͤfte zusammenfassen, kann ich auch maͤch¬ tig damit walten. Spannt mir nur Sonnen¬ rosse an den Wagen, ich will sie schon durch den Aether lenken! „Und doch laͤßt jene Mithe den Verwe¬ genen, der es unternahm, seinen Untergang finden.“ Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und Goͤtterkraft durch¬ gluͤhte mich! „Wahrlich, die Pruͤfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen.„ Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an, oͤfter einsam nach, warf Gedanken uͤber manche Voͤlkerange¬ legenheiten aufs Papier, schnelle Roͤthe uͤberzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und erklaͤrte, einen heißen Drang zu fuͤhlen, ihn zu sehn. Habe Ge¬ duld, versetzte Gelino, wir werden nach Rom kommen. Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrstuͤhle, denn, wie der Norden von Teutonien fuͤr das gelehrteste Land galt, nannte dies wie¬ der die hohe Schule zu Berlin die gelehrteste. Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei Jahrhunderten erfunde¬ nen neuen Lehrsaͤtzen, und laͤchelte dabei uͤber die geringfuͤgigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place . Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Maͤnner bleiben dennoch im Verhaͤltniß zu ihren Zeiten vorteffliche Koͤpfe, daß die die unsrigen unendlich mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen Fortgang und die immer mehr zusammengedraͤng¬ ten Volkmassen nothwendig wurde. Guido, selbst ein geuͤbter Rechner, bewun¬ derte die arithmetischen Formeln, welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Diffe¬ renzialkalkul waren auch schon vollkommen ins ge¬ meine Leben uͤbergegangen, und die endlich ge¬ fundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Groͤßen noch weit mehr. Ueber die Mechanik vernahm er unerhoͤrte neue Lehrbegriffe. Nur die Ausfuͤhrung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen. Denn man beschloß waͤhrend seiner Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher in der Straße, wo er gegenwaͤrtig stand, keine vortheil¬ hafte Ansicht darbot, nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gestuͤtzt, unterhoͤhlt, gewaltige Hebemaschinen draͤngten das Gebaͤude im Gleichgewicht empor, Rollen, aus Marmorbloͤcken gehauen, empfingen dasselbe, und in wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich an den O noͤthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte. Auf der Sternwarte eines durch neue Ent¬ deckungen beruͤhmten Astronomen, hoͤrte er meh¬ rere Vorlesungen. Daß man jetzt uͤber Tausend Millionen Fixsterne zaͤhlte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fuͤnf und siebenzig Millionen angenommen wurden; daß die Zahl der Ehedem bekannten Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und uͤber die Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Duͤnste, kein Zweifel mehr bestand; daß die Vortrefflichkeit der Sehroͤhre schon die Planeten der naͤchsten Sonnensterne erblicken ließ, wußte er lange; ganz unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Waͤrme- und Lichtstoff nimmer hatte waͤgen koͤnnen, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitaͤten gestatteten, die mit denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Licht¬ materie, welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach langen Jah¬ renreihen zustroͤmt, in luftleeren hohlen Koͤrpern aufgefangen, gewogen und scheidekuͤnstlerisch zer¬ legt. Er wies nun den Zuhoͤrern seine merk¬ wuͤrdigen Resultate vor. Es wurde durch sie er¬ klaͤrt, weshalb das Licht vom Sirius weiß, das vom Arktur roͤthlich sei, warum die Glanzfarben an den Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Loͤwe, Eridan u. s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Licht¬ stoffe schloß nun der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen Mo¬ difikazionen der anorgischen und organischen Koͤr¬ per, wodurch er einer ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswuͤrdiges Feld oͤff¬ nete. In einem Hoͤrsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit lebhaftem Antheil ein. Hier zaͤhlte man die Mineralien, Pflanzen, Saͤu¬ gethiere, Voͤgel, Amphibien, Fische, Insekten und Wuͤrmer auf, welche bis jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thie¬ ren des Meeres, von denen einige Tausend Gat¬ tungen in den Registern der Phisiker genannt O 2 wurden, wo man sonst nur Achthundert beobach¬ tet hatte. Denn bei jeder Reise in den Grund des Ozeans — wo sich die kuͤhnen Erforscher der wundersamen Tiefe, nach Maasgabe ihres Wei¬ terdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebuͤrge oder Meerthaͤler nach ihren Namen benannt sahen — wurde man Arten an¬ sichtig, die bis jetzt den Blicken verborgen ge¬ blieben waren, und nicht in die hoͤhere Wasser¬ region zu dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der Anatomie der Infusionsthiere noch groͤßere Aufmerksamkeit zu, und die meiste, den Lehren uͤber das Pflan¬ zenleben. Hier spottete man jetzt der Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, un¬ geachtet einsaugende und aushauchende Gefaͤße sowohl, als die Erzeugung durch Begatten, sie vom Gegentheil haͤtte uͤberzeugen koͤnnen. Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der Vorzeit sich schwerlich wuͤrden gefunden haben. Sie wollte genau angeben, wann einst der Erdball, nur aus Urgebuͤrgen be¬ stehend, durch eine aͤtherische Revolution von Wasserfluthen waͤre umfangen worden, die die Ursache aller Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maaße abgenommen haͤtten, als diese aus ihren Mitteln hervorgebracht waͤren. Eben so berechnete sie die endliche vollkommene Kondensa¬ zion der Fluͤssigkeiten, und wies dann dem er¬ storbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit uͤber den Uranus hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an. Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewisser¬ maaßen in Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu be¬ trachten waͤren. Die allmaͤhlige Umwandlung der Verhaͤltnisse des Fluͤssigen zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gaͤngelbande der Sonnenan¬ ziehkraft aufhoͤren, und der kecke Juͤngling sich der Leitung seiner feurigen Waͤrterin entziehen werde, nicht mehr waͤrmende Pflege von ihr be¬ duͤrfend. — Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die Beschraͤnkung des mensch¬ licher Wissens, und Guido draͤngte den Lehrer bald mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte. Die Philosophie sah dies gegenwaͤrtig wohl ein und trug zur Belehrung nur ihre eigne Ge¬ schichte vor. Die letzteren Sisteme, die juͤngsten Traͤume vom Uebersinnlichen, mußten nothwen¬ dig, nach einem um so groͤßern Maaßstabe ange¬ legt worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet des Sinnlichen sich mehr ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und uͤberließ jedem Denker — sich zum hoͤchsten We¬ sen anbetend zu wenden. Guido, bereits fruͤh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie wir schon berichtet ha¬ ben, eifrig dem Studium der weisesten Schrif¬ ten dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell in sich aufnehmend, was er hier sah und hoͤrte, und vollendeter wurde der tiefe kraͤftige Denker. Die Hochgefuͤhle seines stammenden Thatentrie¬ bes, wurden dadurch wechselnd gemildert und angefacht. Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein Gemuͤth zum hoͤheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte. Allein der Ausdruck eines so schoͤnen Geistes praͤgte sich auch immer vollendeter in seiner Ge¬ stalt aus. Er fuͤhlte, sah es mit Frohlocken, schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht luͤge, muͤsse er nun sehr nahe an sei¬ nem Goͤtterziele stehn. — Man besah noch das Innere von Berlin em¬ sig. Ein altes Zeughaus lag in ehrwuͤrdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der jetzigen, gluͤcklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine Waffenvorraͤthe noͤthig waren. Ein Standbild Friedrichs II . zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte: Diesem Koͤnig war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er fuͤhrte Kriege, die aller¬ dings zu vermeiden gewesen waͤren. Doch ent¬ schuldigt der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wußte er den Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen vor¬ auseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzuflie¬ gen, so richtig zu erfuͤllen, daß manche Zuͤge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen Gekroͤnten Muster leihen duͤrfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein Denkmal, sondern seine Reste wurden spaͤterhin auch nach Rom ge¬ bracht. Du siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich zur Groͤße aufzuschwingen verstanden, wie sein Koͤ¬ nig, so ging vielleicht Europas schoͤnere Ent¬ wickelung, von Friedrichs Monarchie aus. An dem Marmorbilde einer Koͤnigin des Al¬ terthums, weilte der Juͤngling bewundernd. Ge¬ lino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise genannt, sei die schoͤnste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch waͤre die Vorliebe fuͤr ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen uͤber¬ gegangen, daß man sie in den Marientempeln, durch Kuͤnstler von Athen, noch immer nachah¬ men ließe. Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse verdienter Maͤnner in diesen Gegenden, aus neuer und aͤlterer Zeit aufgehangen wurden. Man sahe hier Al¬ brecht, Waldemar, Luther, Copernikus, Gue¬ rike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen gewissen B*** — — doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah, mancher Aspirant der Unsterblichkeit wuͤrde zuͤrnen, sich zu vermissen. Wir wollen nun mit unserer Reise mehr ei¬ len, sprach Gelino. Hinlaͤnglich sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Staͤdte und auf dem Lande in dieser Erdgegend. Laß uns die schnelle Luftpost dingen. Noch vor Aurora klang das Horn, die Rei¬ senden warfen sich in die Gondel. Morgen¬ schlummer sank noch uͤber sie. Als sie davon auf¬ daͤmmerten, ließ sich das Fahrzeug schon auf die Boͤhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger uͤber die lachenden Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altaͤ¬ ren, von denen dem Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich ge¬ schlaͤngelten Silberfaͤden; Glockenklaͤnge, Ernte¬ lieder, ineinander gewebt, toͤnten zu ihnen her¬ auf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglaͤnzte Prag voruͤber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Huͤgel in Maͤhren, wo die zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwuͤrdige gothische Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Ste¬ phan geweiht, nun ein Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend zog man uͤber die Wipfel des Pra¬ ter hin, vielen Lustwandelnden in der Hoͤhe be¬ gegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passa¬ giere auf die Platteforme des Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Na¬ men in dem Betracht nicht geaͤndert hatte, daß ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables Thier bleiben wird. Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren hierin den Vaͤtern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aro¬ matische Beimengungen, staͤrkte die Lebensgeister und munterte hoͤher zu Genuͤssen auf. Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstoͤrt worden. Gelino erzaͤhlte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-muͤhevoll denkende Regierungen bewirkt haͤtten, daß Seeschiffe die Donau stromauf haͤt¬ ten befahren koͤnnen, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Fleiß, nicht einmal mit klei¬ nen Kaͤhnen sei thunlich gewesen. Eine Ueber¬ einkunft mit Griechenland, große Summen und das Ausharren bei vieljaͤhriger Arbeit, haͤtten den¬ noch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Daͤmme aufgefuͤhrt, das Flußbette vertieft und geaͤndert, und demnaͤchst von dreißig Meilen zu dreißig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserfaͤlle angelegt worden, die dem von Niagara fluͤchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen — entweder vom Winde oder von Ma¬ schinenruderwerken geleitet — bis an einen Was¬ serfall, hob es eine Schleuse empor; im ande¬ ren Falle trug sie es nieder. Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, je¬ ner Zweig der Steiermaͤrkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erkaͤlte die Gegend und mache die Witterung unbestaͤndig. Ohne ihn, war man uͤberzeugt, muͤsse das Klima so freundlich sein, als unter gleicher Breite in Un¬ garn. Nicht nur auf sich, sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Großvaͤter — diesen Namen zwiefach tragend — eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit verpflegen zu koͤnnen. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschuͤttern, sondern durch kuͤnstlich darin er¬ zeugtes Eis, was auch fruͤherhin begreiflich ge¬ wesen waͤre, da man schon im achtzehnten Jahr¬ hunderte, die Kraft, welche eine Bombe, mit Wasser gefuͤllt, das in Frost uͤbergegangen ist, sprengt, auf 3351 Pfund berechnete. Die zer¬ stuͤckelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen von ungewoͤhnlicher Groͤße, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststraße aus Eisenerz, nach Maͤh¬ ren. Da sie aber keine Bruͤcke haͤtte tragen koͤnnen, mußte man sich entschließen, einen hoh¬ len Gang unter der Donau hin zu woͤlben, ge¬ gen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanaͤle im alten Rom, nur ein Spielwerk zu nennen waren. In Maͤhren ward das Gebirge wieder aufgefuͤhrt. Nun wehten die suͤdlichen Luͤfte freier, die aus Norden wurden betraͤchtlich gehemmt. Durch alle solche Maaßregeln hatte die Be¬ voͤlkerung der Stadt bis auf eine Million zuge¬ nommen. Die alten Festungwerke vertilgte man laͤngst, wo sonst die Vorstaͤdtische Linie ging, be¬ graͤnzte sich nunmehro die Stadt, die neuen Vor¬ staͤdte flossen nicht nur mit Schoͤnbrunn, Dorn¬ bach, Nußdorf, sondern sogar mit Enzersdorf und Neuburg zusammen. Vergnuͤgungen und Wohlleben wurden uͤberall sichtbar. Guido be¬ suchte an einem Abend den maskirten Ball. Sein Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schrei¬ ben. Die alte Sitte, sich scherzend zu verlar¬ ven, bestand noch, doch feinsinniger und deu¬ tungreicher. Der Juͤngling erblickte viele Schoͤn¬ heiten, anziehend durch liebliche Formen, bei al¬ lem dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge mehr neugierig als betroffen darauf. Eine aber darunter, wie Hebe gekleidet, das Gesicht bis an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerk¬ samkeit lebendiger an. Hoͤchst edler Gang, be¬ zaubernde Harmonie in allen Bewegungen, der untere Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in zarten Wellenlinien, der ausdruckvolle, laͤchelnde Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft ge¬ spannten Lippen, darstellten, begannen seinen Puls zu erhoͤhen. Alles mahnte ihn an Ini, nur eine etwas laͤngere Gestalt sah er hier. Er konnte nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im Gedraͤnge zu folgen, den trunkenen Blick ihr nachzusenden, endlich bebend die Maske zum Tanz einzuladen. Sein Verlangen ward erfuͤllt, selig flog er mit der Schoͤnheit durch die Rei¬ hen. Ihre Beruͤhrung traf ihn wie elektrische Funken. Gefuͤhle wie aus anderen Welten durchstroͤmten ihn. Die Musik, nur Melodien der Liebe und Wollust athmend, nahm das noch Uebrige seiner Besonnenheit hin. Wien, schon im Alterthum seiner Tonkuͤnstler wegen geruͤhmt, hatte auch zeither hierin den Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, Ehedem kaum geahnt, war von Wien ausge¬ gangen. Wo sonst die Toͤne wild und dunkel schwaͤrmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. Die Musik hatte, was ihr immer fehlte, ihre Grammatik empfangen, auf diese gruͤndete sich die Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So konnten die bestimmten Zusammenklaͤnge, Figu¬ ren, Zeitmaaße, Worte vertreten; Poesien, Re¬ den u. s. w. ausgefuͤhrt werden, die der leicht Unterrichtete vollkommen verstand. Einem Goͤtter¬ idiom glich die herrliche Erfindung. Welchen Ein¬ druck mußte sie hervorbringen! Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der Polizei, wenn sie zu uͤppige verfuͤhrerische Klang¬ worte sprach. Wie jener Grieche einst die Sai¬ ten der Lira verminderte, wie Gregor VII . bei dem Tempelchor auf groͤßere Einfalt drang, ließ sich jetzt eine Censur die Tanzstuͤcke vorzeigen, und strich manche Notenphrase. Bei den maskir¬ ten Baͤllen sah sie indessen hie und da nach, vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hin¬ gerissenen Juͤngling, die alte Strenge gegen lei¬ denschaftliche Aufwallung, beinahe zu Grunde. Guido knuͤpfte, mit seiner Taͤnzerin im Neben¬ zimmer ruhend, warme Unterredungen an. Sie war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch im¬ mer mit Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmel¬ volle Empfindung verkuͤndete sich in ihren Wor¬ ten. Guido sagte ihr, seiner nicht laͤnger maͤch¬ tig: Ich liebe ein Maͤdchen daheim, ach mehr wie das Goͤttliche in der Natur, nimmer wankte mein Herz — als vor deinem Anblick! Die Verschleierte gab zu Antwort: Der Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt mit hoher Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, als den neuen seligen Taumel wuͤrzen! Guido rief: O wie unterwirft mich der Zau¬ berklang deiner Stimme! Dein Auge strahlt helle Glorien durch den Schleier. O warum darf ich es, warum die Bluͤthe der Wangen nicht sehn? Hier nicht, entgegnete die Schoͤnheit, doch folge nach meiner Wohnung. Sie stand auf, eine ganz verhuͤllte, aͤltliche, weibliche Maske, trat hinzu, begleitete Jene. Guido zauderte lange. Ein draͤngender Zug, den Himmel weissagend, gebot ihm ihr nachzu¬ eilen, eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zu¬ ruͤck. Doch eine weiche Hand, die die seinige ergriff, und mit aͤtherischer Waͤrme durchgluͤhte, ließ keine Wahl mehr. Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die Masken stiegen in denselben. Guido nahm ruͤck¬ waͤrts seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz von suͤßen Erwartungen bebend, die Gewissensre¬ gungen niederkaͤmpfend, saß der Liebegluͤhende da, zur Rede kaum ermannt. Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf ein ein Zeichen oͤffnete. Holde Blumenduͤfte athme¬ ten den Eintretenden entgegen. Der roͤthlich aufgehende Mond schien durch die bluͤhenden Orangenbaͤume, die holde Maske fuͤhrte Guido nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor einem hohlgeschliffenen großen Amathist brannte. Diese magische Helle verklaͤrte alle Gegenstaͤnde umher. Koͤstliche Teppiche waren im Zim¬ mer ausgebreitet, das Ruhebett im Hintergrunde umfloß eine kuͤnstliche Wolke, aus dem Rauche suͤß betaͤubender arabischen Spezereien. Die Maske fuͤhrte Guido hinein, alle Fibern und Nerven erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, laß mich dein Antlitz schauen! — „Nicht ehe, bis du mir, ein Abtruͤnniger deiner vorigen Er¬ waͤhlten, ewige Liebe schwoͤrst.“ Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwir¬ rung nahm jedoch zu. Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott die¬ se Nacht, deine Jo umarmt dich in dem Zauber¬ gewoͤlk. Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte sich oͤffnen, doch seine Hand hatte Inis Bild am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm Ermannung durch die Seele. Er riß das Ge¬ P maͤlde hervor, warf einen Blick darauf, hohe Gewalt der Unschuld kehrte ihm zuruͤck. Nein, Verfuͤhrerin, rief er, Treue ist schoͤner als Wol¬ lust! Heil mir, dem der Muth zu fliehen er¬ wacht! Er eilte aus der Grotte, stark, kraͤftig in wiedergekehrter Tugend. Es schien ihm, als ob himmelsuͤße Stimmen ihn zuruͤck riefen, er widerstand. Am Gartenthor angekommen, fand er es verschlossen, was ihn peinigend aͤngstete. Er wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister zu sein der gefaͤhrlichen Leidenschaft, in Gelinos Armen Schutz dagegen suchen, wenn die eigne Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war heftig, doch gerecht. Er wußte auch, der wahre Muth koͤnne sich der Verfuͤhrung nur entwinden, und sein feiges Beben durchflammte Heldengefuͤhl. Umsonst bemuͤht das Thor zu oͤffnen, weilte er mit Einemmale starr und unbeweglich. Eine Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden Zaubertoͤnen redend, edler, siegender, wie alle die er in Wien gehoͤrt hatte, doch schon einst von ihm gehoͤrt, loͤste sie goͤttlich seine innere Welt. Erinnernd, die seligsten Bilder der Vor¬ zeit im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die Saiten einer Zephirharmonika stroͤmten sie nie¬ der, dort in Sizilien hatte sie ihn einst zu einem verklaͤrteren Dasein emporgetragen. Was hieß das? Was sollte Guido denken? Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, nach der Seite des Klanges horchend. Suͤß lis¬ pelten die Zweige der bluͤthenduftenden Linde, im staͤrker wehenden, warmen Abendwind. Hoͤ¬ her schwebte der klare Mond, heller gossen sich seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido sah etwas uͤber diesen Wipfeln, sanftleuchtend und rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand, fuͤhrte ihn durch eine dunkle Kruͤmmung, wo er aus den Blick ver¬ lor, was er eben gesehen hatte, doch immer noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt vor einem freien mondbeglaͤnzten Huͤgel, und voͤllig sichtbar in der ereilten Naͤhe, winkte das hohe Instrument, dem aͤhnlich, das Guido auf dem heimathlichen Eiland entzuͤckte. Die Hebe ruͤhrte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, ach! wie einst Ini im Abendschein. Guido sank P 2 aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und selige Wonne zugleich im Busen. Des Maͤdchens weißer Arm zog den Schleier vom Antlitz — o Himmel! — Geliebte! Mehr vermochte der Juͤng¬ ling nicht zu sagen. Ini trat naͤher, erhob ihn laͤchelnd. Pruͤfen wollt' ich deine Liebe, sprach sie, Athania war Zeugin von Allem. — Die schwarze Maske ent¬ huͤllte auch ihr Gesicht. O ich bin ein Unwuͤrdiger, verdiene den Tod! rief Guido mit zerrissenem Gemuͤth. Richte, Athania! sprach Ini wieder. Die Erzieherin fing an: Maͤnnlich hast du der scheinbaren Verfuͤhrung widerstanden. Deine Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich die Liebe anklagen. O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in nie geahnten himmelvollen Entzuͤckungen verwirrt mir die Seele. Laß mich Besonnenheit sammeln, damit ich mein Herz fragen koͤnne, ob Schuld seine Reinheit truͤbt? Dann — o dann will ich entfliehn, mich ewig zu verbergen! Frage, entgegnete hold das Maͤdchen. Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; dann hob er das Auge langsam empor, doch freier, klarer. Freudig erroͤthend rief Ini: So blickt nur die Unschuld auf. Du bist rein! Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt mich einen Augenblick mir selbst raubte, so konnte es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich nicht anzuklagen, sie gebietet meinem Leben. Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, gluͤck¬ liche Freundin! Wenn meine alten Bedingungen erfuͤllt sind, ist er meiner werth; und ich seiner, wenn ich selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt habe, war Inis Antwort. Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein erleuchtet Gemach zu bringen. Er folgte, immer noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika beschieden, sagte sie auf dem Wege, ohne zu wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst nach Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, ich beschloß, dich hier zu sehn, zu pruͤfen, mie¬ thete den Garten. Doch nur eine Stunde kann ich noch weilen, dann steige ich in meinem Wa¬ gen auf und fliege zur Heimath. Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freu¬ dige Bestuͤrzung uͤber des Maͤdchens vollkomme¬ nere Schoͤnheit in Guidos strahlendem Blick, aber auch das naͤmliche suͤße Staunen in Inis gluͤ¬ hendem Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein Guido waͤhrend seiner Entfernung gethan, die innere Schoͤnheit auszubilden, der letzte Sieg goͤttlicher Tugend machte dich verwandter noch mit meinem Ideal, der unverkennbare Zug des edlen Triumphgefuͤhls ist dir auf ewig ein¬ gepraͤgt. „O Ini — ich weiß mich nicht anzuklagen, und dennoch — ich haͤtte nicht folgen sollen —“ Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein Sieg. Guido ließ nun seinem Entzuͤcken uͤber Inis neue hinreißende Anmuth freien Lauf. Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im Stillen sinnen, wo der Mann in die Ferne schweift, handelt, wirkt. Doch uͤber sein Han¬ deln und Wirken sinnt eben einsame Liebe un¬ gestoͤrt, und fraͤgt das ruhige Gefuͤhl nach dem Rechten, Guten, Wahren. Ich, die Malerin, ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefuͤhl weissagte ihre Loͤsung. Der Geist deiner Liebe mußte ferner walten, und redlich hat er gewal¬ tet. Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Viel¬ leicht lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die Zeit vor dir, die Kraft in dir, werden maͤchtig fortgestalten. Nur vergiß nicht, daß du Gemuͤth und Geist in immer vollkommeneren Einklang bringen mußt, den Preis der hoͤchsten Schoͤnheit davon zu tragen. Noch gab' dein Gemuͤth oft zu vielen Ausschlag. Dieser Durst nach Helden¬ ruhm, um den ich dich einst anklagte, wenn er gleich dem Manne ziemt, muß sich der Betrach¬ tung uͤber die schoͤnere Eintracht der Menschheit unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht, muͤssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht es gebeut, mußt du entsagen koͤnnen, auch wirk¬ lich entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann wird erst das Goͤttliche in Herrlichkeit den inne¬ ren Menschen durchstrahlen, und von vollendeter Bildung die verklaͤrte Gestalt zeugen. Roher Sinnenwahn, niedere Leidenschaft gebieten nicht mehr in dir, durch den letzten Kampf hast du dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereif¬ tere Kraft wohnt auf der weit vorgedrungenen Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und da ein Mißverhaͤltniß erzog, ist viel ausgeglichen. Viel — nicht vollkommen. Noch Uebung im edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch ein großer Triumph uͤber selbstsuͤchtig Begeh¬ ren, und ich hoffe, du stehst am Ziel. Es folgte eine himmelvolle Stunde trunk¬ ner Unterhaltung. Sie floh wie ein Augenblick. Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini zuruͤck. Sie erhob sich im mondbeleuchteten aͤthe¬ rischen Wagen, flog unter den Sternen hin, ei¬ nem Seraph aͤhnlich, in der Glorie aus Lunens Strahl gewunden, und schwand dann in blauer dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich. Guido empfand die Nacht und den folgenden Tag hindurch, nur den Nachklang der seligen Er¬ scheinung, alles um sich vergessend; dann er¬ mannte er sich, und drang wieder, um den schoͤ¬ nen Preis kaͤmpfend, ins Leben. — Die Reise ging nun nach Frankreich. Es wuͤrde zu viele Zeit geraubt haben, noch laͤnger in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel Sehenswerthes uͤbrig blieb, das sie in Muͤnchen, Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. haͤtten betrachten koͤnnen, als besonders kluge Einrichtungen, Mo¬ numente alter trefflicher Fuͤrsten, Volkfreuden. Doch sie mußten es, nach dem einmal gewaͤhl¬ ten Plan, bei den groͤßten Staͤdten bewenden lassen. Unfreundliche Herbstwitterung stoͤrte die Reise in etwas. Wenn sich der Luftwagen vom Post¬ hause aufschwang oder bei dem folgenden nieder¬ senkte, hatten die Adler Muͤhe, gegen die Stuͤrme anzukaͤmpfen. Außerdem hielt man sich jedoch in der hoͤheren Region, wo kein Wind mehr sauste, und die angespannten Thiere konnten bequem ih¬ ren Pfad verfolgen. Gegen die Kaͤlte schirmten artige Oefen von duͤnnem Blech, mit Papier ge¬ heißt, und Pelzhuͤllen von Schwanenfell. Am Rhein und in den Gegenden des ehe¬ maligen Lothringens, freute sie der laute Winzer¬ jubel der unter ihnen toͤnte, eben so die uͤberall noch dichter als in Germanien angebaute Land¬ schaft. Ohne Unfaͤlle erlebt zu haben, erblickten sie bald das weitlaͤuftige Paris, dessen Vorstaͤdte jetzt mit Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. zusammenhingen. Guido wunderte sich uͤber eine duͤnne spitze Saͤule von niegesehener Hoͤhe, die eine seltsame Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er da¬ von zu denken haͤtte? Dieser erklaͤrte ihm, wie die Pariser schon lange damit unzufrieden gewe¬ sen waͤren, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute Stadt so unreinlich zu sehn. Die Erfindung haͤtte sich in mancherlei Mitteln gegen diesen Uebel¬ stand erschoͤpft. Es sei im Werke gewesen, die nahenden Regenwolken jedesmal durch Kanonen von. Luftbatterien zu zerstreuen und so die At¬ mosphaͤre der Stadt zu reinigen. Allein die Ei¬ genthuͤmer der Gaͤrten in den Umgebungen, haͤt¬ ten sich uͤber diese Maaßregeln mit Recht be¬ klagt, weshalb man sie einstellen muͤssen. End¬ lich aber sei ein Projektant aufgetreten, mit dem riesenhaften Entwurf eines Regenschirms fuͤr die eigentliche Stadt. Die duͤnne Spitzsaͤule, fuhr er fort, ist es. Eine Gesellschaft Aktieninhaber besorgte die Er¬ richtung; eine kleine Abgabe aller Einwohner, fuͤr die trockne Reinlichkeit willig gezollt, traͤgt den Zins und die fortlaufenden Kosten. Die Saͤule steht genau in der Mitte von Paris. Zweitausend Schuh hoch, besteht sie aus starkem Granit, auf einer hinlaͤnglich festen Grundlage. Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammenge¬ fuͤgte Eichenstaͤmme, um welche Eisenringe lau¬ fen. Eine Wendeltreppe von Außen fuͤhrt vom Fuß bis zur Hoͤhe. Der ungeheure Schirm besteht aus einem von Hanffaͤden gewebten Tuch, mit wasserdichtem Firniß uͤberzogen. Wallfischrippen, durch Klam¬ mern verbunden, spannen ihn bis zur Mitte, von da wird der gardinenartig aufgehobene Theil, mittelst gewaltiger Taue, die nach allen Seiten in Abstaͤnden von Hundert Klaftern, zur Erde gehn, niedergezogen und wieder empor ge¬ bracht. Die Erhebung der Wallfischrippen voll¬ zieht ein ungemein kunstreicher Mechanismus. Indem er noch sprach, umdunkelte sich der schon truͤbe Himmel noch mehr, die Gewoͤlke nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine Fahne wehte ploͤtzlich vom Gipfel der Piramide, das Zeichen fuͤr saͤmmtliche Arbeiter an ihr Werk zu gehn. Nun waͤhrte es kaum zwei Minuten und das weite Gezelt breitete sich uͤber die Tem¬ pel und Haͤusermassen hin. Der Postillon trieb die Adler maͤchtig an, um auch bald den Schutz zu genießen, und in kurzem befand man sich unter der wohlthaͤtigen Decke, auf welche der Platzregen mit dumpfhohlem Getoͤse niederschlug. Guido bewunderte am meisten die Roͤhren des Umkreises, die das abstroͤmende Wasser auffingen, und in die verschiedenen, zu diesem Zweck gegra¬ benen, Teichbassins leiteten, die wieder einen Abfluß in der Seine fanden. Er betheuerte: un¬ ter allem Merkwuͤrdigen, was er noch auf der Wanderung gesehen, staͤnde dieser Paraplu oben an. Es ist auch ein Erdenwunder von Kunst, sagte Gelino. Sie stiegen im Posthause ab, uͤbergaben Traͤgern ihr Gepaͤck, und eilten zu einem Wechs¬ ler, wo der Lehrer Summen, fuͤr ihren Aufent¬ halt noͤthig, in Empfang nehmen wollte. Un¬ terwegs stellte sich ihnen ein sonderbarer An¬ blick dar. Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhoͤrt, daß das aufgeregte Mitleid keine Graͤnzen kannte. Aus allen Haͤusern eilte man hervor, den Ungluͤcklichen mit Wohlthaten zu uͤberhaͤufen, der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes sah, daß er flehend bitten mußte, nur einzu¬ halten. Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich trug, und fragte den Lehrer: wie so eine, die Menschheit entwuͤrdigende, Erscheinung moͤglich sei? Dieser erkundigte sich naͤher, und erfuhr: der Mann waͤre aus dem suͤdlichen Amerika, und durch einen Schiffbruch um seine Habe ge¬ kommen. Guido schauderte bei der Nachricht von ei¬ nem Schiffbruch. Sie waren jetzt uͤberaus sel¬ ten, nur ein bedeutender Fehler des Piloten konnte es dazu kommen lassen. Denn bei den genauen Karten vom Meergrunde, der schon seit mehr als einem Jahrhundert entdeckten Berechnung der Laͤnge, den herrlichen Mitteln bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, konnte man beliebig jeder Gefahr entfliehn, auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und der Moͤglichkeit, fast uͤberall vor Anker zu gehn, nicht einmal zu gedenken. Hier hatte inzwischen ein Schiffer strafbare Nachlaͤssigkeit verschuldet. Das Betteln aber mußte darum maͤnniglich so befremden, weil auch seit laͤnger als einem Jahrhunderte es in Europa unerhoͤrt war. Denn Staatsordnung, Sitte, moralisches Gefuͤhl hiel¬ ten Jeden zur Thaͤtigkeit an, und da Landbau und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und viel erweitete Technik, so leicht, so uͤberfluͤssig die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so war es auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie mochte bestehn worin sie wollte, nur ein Spiel, seinen Antheil zu erwerben. Die erhoͤhte Be¬ voͤlkerung, statt diese Leichtigkeit zu stoͤren; mußte sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach, foͤrdern, woran man, nur bei irriger Kenntniß der moͤg¬ lichen Fruchtbarkeit des Erdbodens, zweifeln kann. Allein weise Anordnungen dachten auch auf Krankheitfaͤlle Unbemittelter, auf Verstuͤmmelte, auf hohes entkraͤftetes Alter. Um nun in sol¬ chen Faͤllen ein Recht auf Unterstuͤtzung zu be¬ gruͤnden, hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu er¬ legen, oder vielmehr die Aeltern statt seiner. Zudem jede einzelne Person, einen geringen monathlichen Beitrag. Die Summen wurden kluͤglich bewirtschaftet, wuchsen dann sehr na¬ tuͤrlich hoch an, und konnten viel bestreiten. Um aber die monathliche Erhebung der Beitraͤge minder weitlaͤuftig zu machen, hatte man sie in eine, durch ganz Europa gleichmaͤßig aufgelegte, sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte sich Jemand aber in Europa auch befinden, wo er wollte, seinen Aufenthalt aͤndern, so oft es ihm gefiel, immer zahlte er unmerklich und be¬ hielt sein Recht. Die Summe des allgemeinen Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil — bei der vervollkommneten Arithmetik, wovon schon die Rede war, hoͤchst bequem uͤbersah — mußte auch darum so groͤßer werden, als Reiche oder Wohlhabende, bei der Geburt eines Kindes nicht den gewohnten Satz, sondern mehr beisteuerten. Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er sich bei der naͤchsten Sadtverwaltung. Diese un¬ tersuchte seinen Zustand genau. Einem gesunden Menschen ward nicht das Mindeste schenkend ge¬ reicht, sondern er empfing die Gelegenheit, durch diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm ihn ein Spital auf. Das Alter von sechzig Jah¬ ren durfte auf eine angemessene Beihuͤlfe zu der ihm noch moͤglichen Arheit zaͤhlen, uͤber siebzig Jahr verpflegte man dagegen Greise und Grei¬ sinnen ganz, was auch bei Kruͤppeln und derglei¬ chen geschah. Bei dem allen hielt ein zartes Ehrgefuͤhl die Geschlechter ab, eines ihrer Glie¬ der in die Nothwendigkeit zu versetzen, die oͤffent¬ liche Wohlthaͤtigkeit in Anspruch zu nehmen; wenn es irgend moͤglich schien, verheimlichten sie den Mangel in den einer der ihrigen gesunken war, machten es auch zum Gegenstand ihrer Re¬ ligion, Kranke und Alte selbst zu pflegen. Ueberlegt man hiebei, daß die meisten Ursachen, welche Armuth hervorbringen, ja lange schon aus dem Wege geraͤumt waren, als Kriegraͤubereien, unmaͤßige Auflagen, falsche Geldoperazionen der Regierungen, Handelsver¬ bindungen, in welchen ein Volk mit betruͤgeri¬ scher Schlauheit, das andere mit Unkunde sei¬ ner eigenen Kraͤfte auftritt, gehaͤssige Immora¬ litaͤt des Einzelnen, die zu Verschwendungen lei¬ tet, ehrlose Traͤgheit und Unempfindlichkeit ge¬ gen Achtung, die nicht erwerben moͤgen, auch Almosen spendende Kloͤster, den Muͤßiggang un¬ terstuͤtzend; erwaͤgt man noch, daß das furcht¬ bare Heer der Krankheiten sich unendlich vermin¬ dert hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie ein Reisender Europa durchwandeln konnte, ohne jemal das widrige unedle Schauspiel der Bette¬ lei wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklaͤrt sich demnach so gut, als das mitleidige Zudraͤn¬ gen der Pariser. Es waͤhrte aber nicht lange, so erschien ein Polizeibeamter und fragte den Armen zuͤrnend: warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen sei? Die Antwort hieß: Weil ich kein Euro¬ paͤer bin, folglich nicht zu euren Wohlthaͤtig¬ keitsanstalten beigetragen habe, durfte ich auch nicht mit Recht auf ihre Milde bauen. Der Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es rei¬ sen sen viele Buͤrger anderer Erdtheile in Europa, und die Akzise gewinnt an ihrer Zehrung. Wie unbillig wuͤrde es daher sein, wenn irgend Jemand darunter sich arm ankuͤndigte, ihm Huͤlfe zu ver¬ sagen. Du hast uns durch Mangel an Vertrauen beleidigt und ein oͤffentlich Aergerniß gegeben, dessen sich ohne Zweifel der aͤlteste Greis nicht mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte, verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir dir eine Summe geben, mit welcher du dein Vaterland wieder erreichen kannst. — Wider die¬ sen Spruch galt keine Einrede, denn er enthielt den Geist der Gesetze. Gelino und sein Zoͤgling draͤngten sich muͤhe¬ voll durch das Volkgewimmel der Straßen, und um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mit¬ tage, der Regenschirm Dunkel verbreitete. Doch eben da sie auf einem großen Markt angekom¬ men waren, hatte das Unwetter geendet und die Bedeckung wurde wieder eingelegt. Man verrichtete dies schnell, und neu, uͤberraschend, blendend war die Wirkung des ploͤtzlich nieder¬ scheinenden Sonnenlichts. Sie langten im Hause des Wechslers an. Gelino uͤbergab ein Schreiben; der Mann war Q sehr hoͤflich und rief einige Traͤger, welche schwere Goldsaͤcke auf einen Wagen luden. Der Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, und nahm dann mit seinem Zoͤgling Platz auf dem Wagen. Dieser hatte befremdet und nachdenkend zugesehn. Nun fragte er: Woher die großen Summen, und wozu? Gelino antwortete: Wir behalfen uns bisher mit geringen Kosten, doch in Paris und London wollen wir einigen Aufwand machen, damit du auch mit dem Leben des Reichthumes vertraut wirst. Da empfange ich nur eine Auskunft, rief Guido. Woher, frage ich abermal, die großen Summen? „Von dem naͤmlichen Wohlthaͤter, der dich bisher in den Stand setzte, die Welt reisend zu betrachten.“ O dieser Wohlthaͤter muß reich, sehr reich sein. Mein leichter Sinn fragte noch wenig darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser selbst, dem ich so viele Zeichen der Milde ver¬ danke? „Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. Was er von dir hoͤrte, besonders von deinen Thaten im Heere, erwaͤrmte sein Herz noch mehr fuͤr dich. Frage nicht weiter, genieße, und vor allen Dingen, lerne, begreife, mache dich der Guͤte ferner werth.“ Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O daß ich keine Eltern kenne, und so suͤße Gefuͤhle, wie die kind¬ lichen, mir versagt wurden! Erst bei den Fuͤnd¬ lingen erzogen, hernach unter deiner Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte ich tiefere Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das entzuͤckende Schau¬ spiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im Stillen mein hartes Loos. Gelino druͤckte ihm geruͤhrt die Hand. Ge¬ duld mein Sohn, vielleicht findest du einst dei¬ nen Vater. Stuͤrmische Ungeduld entbrannte in dem Juͤngling. Von suͤßen Hoffnungen wogte sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimniß seiner Geburt aufzuklaͤren, wenn er anders den Schluͤssel dazu haͤtte, oder wenn er nichts genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Loͤsung seines Q 2 Schicksals. Es war Guido bekannt, daß er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat, er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier uͤber seine Herkunft jetzt heißer als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm aufstieg. Er troͤstete sich wohl uͤber den Maͤngel an Kindesliebe, weil ihn Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe gluͤ¬ hend zu umfassen. Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrie¬ ben, und einen Miethpallast, wie es deren fuͤr sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an. Er war aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte ein stark uͤbergoldet Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche, glaͤnzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach der aͤußeren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Waͤnde mit dem koͤstlichsten Mosaik bekleidet waren, an¬ dere mit staunenerregenden Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzert¬ saal hier, den die Standbilder der neun altgrie¬ chischen Musen, zu Athen gefertigt, schmuͤckten, und zum Personal des Pallastes gehoͤrte zugleich das treffliche Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hoͤren ließ. Eben so ein kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine große Bibliothek, der einige Ge¬ lehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit Sil¬ bergeschirren erfuͤllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das Bad war den altroͤ¬ mischen aͤhnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber anlegten. In der Kuͤche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf eine große Zahl von Gaͤsten, doch viel schmackhafter noch als bei jenem waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die Kuͤchen¬ chemie eine eigne weitlaͤuftige Wissenschaft galt, uͤber die Professoren, von Lehrlingen der Tafelkun¬ de gehoͤrt, lasen. Noch fand man im Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit Adlern, und mehrere schoͤne Gon¬ deln, denn ein kleiner Kanalarm fuͤhrte von dort nach dem Strome. Auch ein schoͤnes Landhaus mit weitlaͤuftigen Gaͤrten gehoͤrte noch zu die¬ sem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine Miethe, die den zu findenden Bequemlich¬ keiten angemessen war. Guido fragte: Wie ist es moͤglich, Unter¬ nehmungen der Art zu wagen? Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zustroͤmen der Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es wieder in die Ferne, um das alles her¬ beizuschaffen, was die Fremden ferner anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebaͤude der Art, und selten stehen sie leer, weil es vermoͤgende Wan¬ derer genug giebt. In den vergangenen Jahr¬ hunderten waͤren Erscheinungen der Art unmoͤg¬ lich gewesen, weil man da weder Freiheit, noch Thaͤtigkeit, noch Kenntniß genug, uͤber den be¬ weglichen Umlauf der Reichthuͤmer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse waͤhrend ihrem schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhoͤrt viel Armuth. Jetzt sieht man Jene in großer Zahl und diese ist meistens verschwunden. Große Entwuͤrfe im Handel oder anderer Art, klug und gluͤcklich ausgefuͤhrt, be¬ reichern um so leichter, da sie auf den allgemei¬ nen Wohlstand berechnet sind. Damit aber den¬ noch, nicht wenige Familien zuletzt so viel wu¬ chernd an sich reißen koͤnnen, daß andere von ihnen abhaͤngig sind, ist die uͤberaus weise Erbschaftsteuer eingefuͤhrt worden, die den Zweck vor Augen hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thaͤtigkeit vollkommen genießen zu lassen, dagegen aber die Unthaͤtigkeit der Erben, die von der Arbeit des Todten muͤßig schwelgen moͤchten, nach Moͤglichkeit abzuschneiden. Je vermoͤgen¬ der, je hoͤher die Steuer vom Nachlaß, und sie steigt auch nach Maaßgabe der naͤheren oder weitlaͤuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemein¬ besten, und insofern sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, rei¬ sen, Kuͤnsten und Wissenschaften lohnen, da¬ durch empfaͤngt das alles hoͤheres Leben. Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido? Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf mannichfache Weise angelegt, so daß sie den niederen Staͤnden wie¬ der zustroͤmen. Man graͤbt Kanaͤle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit nuͤtzlichen Er¬ findungen, wozu, wie du weißt, auch andere Summen vorhanden sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Buͤrger koͤnnen Anleihen nach¬ suchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zir¬ kelgang, des, die Dinge und den Kunstfleiß dar¬ stellenden, Metalles, Endzweck. Haͤtte die Vor¬ zeit die Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen koͤnnen, traun, sie wuͤrde um einige Jahrhun¬ derte fruͤher geeilt haben, den Thron der Ver¬ nunft zu erhoͤhn, und in einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung aͤhnlich wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Viel¬ leicht ging das aber auch nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schoͤnerer Reife entgegen fuͤhrte. Wie langer, vorbereitender Aufklaͤrung, bedurfte es unter andern zu dem großen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu bringen. Freilich folgte er erst dem blutig ge¬ endeten Kampfe der Politik, und haͤtte ihm vor¬ ausgehen koͤnnen, wodurch der Christenstaat ohne jene schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu gruͤnden gewesen waͤre. Denn in der That, liest man einige alte Schrift¬ steller aus dem achtzehnten Jahrhundert, in deren Koͤpfen bereits so viel Licht anbrach, kann man nicht genug uͤber die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen staunen, welche es nicht nuͤtzen woll¬ ten, das Heil, die Bestimmung der Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Boͤses unterscheiden zu lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mußte der große Mann erst begraben sein, ehe das Recht seiner Ausspruͤche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß zu¬ weilen genoͤthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen. O schoͤner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O daß ich der Menschheit irgend eine Wohlthat ersinnen koͤnnte, daß die Nachwelt mein Andenken segnete! Der Friede mit anderen Welttheilen waͤre solch eine Wohlthat, antwortete Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht uͤberall so gluͤcklich bekaͤmpft als in Europa, und auch hier, wir wollen nicht prah¬ len, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wuͤnschen waͤre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das In¬ nere der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie und da einen Fuͤrstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem Ansehn, entscheidenden Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwie¬ tracht mit der Fremde, oder Zwietracht im In¬ nern hervorruft. Man muß auf seine Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen? Hier fuͤhlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntniß des Menschen scheint mir nicht un¬ moͤglich, aber den Frieden aller Voͤlker zu knuͤp¬ fen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser waͤre, was ich da thun wollte. Da muß das Schicksal selbst freundlich zutreten. Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. — Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knuͤpften Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Kuͤnstler, Gelehrte, wurden zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Gaͤrten geladen, und baten sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des rei¬ chen Juͤnglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine Schoͤnheit. Die Damen waren ganz entzuͤckt, sie schwuren, nie eine so vollkommene maͤnnliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler, Kupferstecher und andere Kuͤnstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er ausging, sah er beschaͤmt uͤberall Gemaͤlde, Gipsabdruͤcke, Statuen von sich. Auch Denkmuͤnzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen, viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte Zuschriften voller Witz, und uͤbte wieder den eignen Witz, indem er die zaͤrtlichen Antraͤge so ablehnte, daß sich die Schoͤ¬ nen dennoch bezaubert fuͤhlten. Dadurch ent¬ stand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tu¬ gendhaft witzigen Billets, die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewiß. Kurze Zeit nach seiner Ankunft hoͤrte Guido von einem sonderbaren Rechtshandel. Er hatte sich schon uͤber die Menge von Diamanten ge¬ wundert, welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren so da¬ mit bedeckt, daß man auf Spatziergaͤngen nicht nach der Seite blicken konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmaͤdchen in seinem Pal¬ laste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie moͤchten unaͤcht sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhaͤndler vorhanden, der die edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, da¬ bei ein unerhoͤrt angefuͤlltes Waarenlager hielt, und so auch den Poͤbel in Stand setzte, den gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann, verschmaͤhten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne Juwelenschimmer zeigen, hieß glaͤnzen. Die andern Kleinodienverkaͤufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand, wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen koͤnne. Neue Pruͤfungen uͤber die Guͤte seiner Steine folgten, sie schlu¬ gen abermal zu seinem Vortheil aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er antwortete: Dies habe er, zu¬ folge der Handelgesetze, nicht noͤthig zu erklaͤ¬ ren. Man verlangte aber wenigstens, ein frem¬ des Handelshaus zu nennen, mit dem er Ge¬ schaͤfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeifuͤhre. Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine wuͤrden nicht von Auswaͤrts gezo¬ gen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich sind sie, trotz allen Proben, unaͤcht. Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure andere Behaup¬ tung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr wer¬ det keinen andern Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kaͤmen. Ich betrog nicht, verkaufte aͤchte Diamanten, dem Kaͤufer kann es gleich sein, ob die Natur, ob ich sie hervorbringe. Bei naͤherer Untersuchung fand sich, daß der Mann, den lange schon in der Chemie genann¬ ten Bestandtheil, reinen Kohlenstoff, so zu verdichten gewußt hatte, daß der wirkliche Dia¬ mant erzeugt wurde. Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die große Zerruͤttung des Werthes der Edelsteine, welche der gluͤckliche Erfinder veranlaßte, machte ihm Bedenken. Doch zuletzt entschied die Stim¬ menmehrheit: Dem Manne duͤrfe keine Strafe anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt werden. Moͤchten die Wei¬ ber gern schimmern, so waͤre ihnen die Gele¬ genheit aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der wohl¬ feile Schimmer nicht, zeigten sie noch groͤßere Thorheit als zuvor. Der Mann koͤnne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht mehr auf Pflege der wahren Schoͤn¬ heit hielt, mehr dem Manne durch weibliche Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, haͤtte das Gemeinwohl dem Kuͤnstler in¬ nig zu danken. Verloͤren uͤbrigens manche Juwe¬ lenhaͤndler, sei das zufaͤllig, und das Gesetz koͤnne ihres einzelnen Vortheils halber, keine ir¬ rige Grundsaͤtze aufstellen. Dabei blieb es nun. In der That, rief Guido, als er bald dar¬ auf einige mit Edelsteinen uͤberladene Frauen¬ zimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so koͤstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach. So bist du denn auch von blinden Vorurthei¬ len nicht frei, fiel der Lehrer ein. Doch moͤchte nur alles Schoͤne so gemein werden, daß man keine Auszeichnung darin faͤnde, desto besser staͤnde es um die Menschheit. Zum Gluͤck ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt staunend gepriesen haͤtte, blik¬ ten wir oft als gleichguͤltige Alltaͤglichkeit an. Wohl uns! — Sie begaben sich eines Tages nach der großen Oper. Das Haus war ungemein mit Zuschauern gefuͤllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich ein gefuͤlltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter sich. Gelind laͤchelte. Wisse, sprach er daß der Vor¬ hang ein Spiegel ist, der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stuͤck an, wird ihn eine Maschine empor winden. Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Buͤhne. Man sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vor¬ theil der Theatererhellung, die dem Tage voll¬ kommen glich, waren sie saͤmmtlich erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvor¬ hang niederschwebte, wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzuͤndet. Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der un¬ moͤglich gemalt sein konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklaͤrte ihm, wie dies Opern¬ haus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis uͤber die Haͤuser der Stadt hoͤbe, daß, nach wegge¬ nommener Hinterwand, man das wirkliche Feld der Gegend erblickte. Also schweben wir jetzt in solcher Hoͤhe? fragte Guido. „Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, daß Niemand sie merkte. Hat schon ein altroͤmischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend Zuschauer gedreht, wird die Me¬ chanik unserer Zeiten es doch wohl erheben koͤnnen.“ Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden? „Fuͤrchte nichts. Die Polizei laͤßt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk durch Sach¬ verstaͤndige pruͤfen.“ Im Im zweiten Akt zeigte sich die Hoͤlle. Un¬ geheure, weite, brennende Kluͤfte und Abgruͤnde, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klag¬ ten. Die Fernsten erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch ein Sehrohr uͤberzeugte. Wie ist dies moͤglich? fragte er abermal. Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit großen Kosten ein tiefes Souterrain aushoͤhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Hoͤhe des Montmartre liegt. Will man nun weite Gebaͤude, oder Kluͤfte und Abgruͤnde dar¬ stellen, wird das Haus durch jene Schrauben¬ werke in die Tiefe gesenkt, wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden uns jetzt unter der Erdflaͤche, die letzten Gestalten sind einige Tausend Schuh von uns entfernt. Im dritten Akt sah man den Himmel Fremd¬ artige Farben, ungemein zarte Umrisse aller Ge¬ genstaͤnde wirkten mit bezaubernder Schoͤnheit. Ein anderer Mond, andere Sterne mit einer tiefruͤhrenden Idealitaͤt gezeichnet, blinkten da¬ her, was aber Guido am meisten in Verwun¬ derung setzte, war, daß ihre Strahlen durch R Euridizens und der anderen Schatten Koͤrper leuchteten. Und doch war Euridize die naͤmliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen, in einem Nebenge befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein sinnreiche, optische Laternen, hervorge¬ bracht. Daher muß das Licht diese Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr Schatten. Daß auch die Blu¬ men, Gebuͤsche, Huͤgel, so zarte Umrisse, so seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine große Platte von gruͤnem doch klaren Glas, wel¬ che davor haͤngt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der Buͤhne, ohne daß wir sie wahr¬ nehmen. Musik, Gesang, Taͤnze waren den uͤbrigen Vorwuͤrfen an Vollkommenheit aͤhnlich, und mit hohem Entzuͤcken verließ Guido dies Schau¬ spiel, sich lange noch Orpheus, und Ini Euri¬ dize traͤumend. Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen Stuͤcke eine That¬ sache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung wagend. Eine junge Monar¬ chin, schoͤn, liebenswuͤrdig, geistvoll, ist mit ei¬ nem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzuͤge mangeln. Er koͤmmt eben zur Regierung, be¬ legt aber durch seine ersten Schritte, dem gro¬ ßen Amte durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden muͤsse, die Kraft ihres Genius regt sich kuͤhn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust. Doch vermag sie nichts uͤber den Ge¬ mahl, der sie nicht versteht, ihren schoͤnen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerruͤttung drohen dem Reich, die Monarchin fuͤhlt, sie koͤnne ihm eine gedeihenvolle Zeit bluͤ¬ hen lassen. Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, begluͤcke! Sie schaudert. Sie kann nur uͤber den Leichnam des Gemahls jenen Stufen nahn. Es ist ein Unwuͤrdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefuͤhl empoͤrt der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz traͤgt solche Vor¬ stellung nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr entfliehn. R 2 Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit deiner Tugend zu schmuͤcken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die hoͤchste deiner Tugenden, allen uͤbrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner Geistesgroͤße es ver¬ langen, dann erniedrigt dein Saͤumen dich zur Frevlerin. Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich schwerer, da du ihn in Seegen haͤttest umwandeln koͤnnen. Hier steht sie nun an dem furchtbaren Schei¬ deweg. Eine kuͤhne Missethat — und dann ein schoͤnes Leben, dem Ruhm, gottaͤhnlich uͤber ein geliebtes Volk zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend — und nichts als der Anblick eines elen¬ den geliebten Volkes. Hier steht sie — weint, ruft sich selbst um Kraft an, mahnt ihren Ge¬ nius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu werfen — und — stoͤrt endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will. Nun empfaͤngt sie das Scepter, und haͤlt den Hoffnungen des Ruhmes Wort. Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige Versammlung, sonst gewohnt, sich uͤber alles Schoͤne oder Unedle ganz bestimmt zu aͤußern, die der Kunstwerke Vorzuͤge, nach dem richtigsten Takt mit Beifall lohnte, und ihre Maͤngel eben so durch Tadel strafte, wußte — unerhoͤrt in den Annalen die¬ ser Buͤhne — heute sich nicht zu entscheiden. Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den folgenden, immer ge¬ draͤngt besuchten Vorstellungen. Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn. Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte, regellose Sachen auffuͤhrte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an, genannt: Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren. Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen konnte. Als der Vorhang weggenommen war, woll¬ ten die Zuschauer fast vor Lachen sticken, uͤber die naͤrrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie war es moͤglich, riefen viele, daß sich die Menschen jemals so unbequem, geschmack¬ widrig und laͤcherlich umhuͤllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher aͤhnlich, oder gar ein Dreieck mit abentheuerlichen Stuͤlpen! Wie vie¬ lerlei Lappen haͤngen an den Maͤnnern, der natuͤrlichen Form ganz zuwider, mit haͤßlichen Ecken, und dennoch uͤbel gegen die Witterung schirmend. Wie muß dies vielfache Einschnuͤren die Koͤrper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und Gesundheit entzogen haben! Und so unanstaͤndig, pfui, so unanstaͤndig! Fuͤrwahr diese Urvaͤter mußten grobe Narren sein! Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnun¬ gen dargestellt, wo denn aber das Gelaͤchter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit, wo unverschaͤmte Priester ganz widersinnige, unnatuͤrliche, die Gottheit herab¬ wuͤrdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend, immer noch als Wahr¬ heiten lehren wollten, und das thoͤrichte Volk gauklerisch betrogen. Man sahe Fuͤrstenhoͤfe, wo eine widrige Erziehung das Oberhaupt aͤrmer an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am Fuß der Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben war, und bloͤdsichtige engherzige Hoͤflinge ihm eitel Luͤgen sagten, wo das wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb. Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunder¬ ten ab, wo ein europdisches Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mußte jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren Faustrechtes, zwi¬ schen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu wechseln, durch Buͤcher voll Unsinn Irthuͤmer auszubrei¬ ten, durch falsche Finanzoperationen ganze Laͤn¬ der verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideen¬ tausch zu erschweren, uͤberstroͤmte eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino erlaͤuterte aber der Versammlung, daß doch auch nicht jeder damals die Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwuͤrdige Namen von Maͤnnern, die sich ein großes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben haͤtten, und schloß: es sei fuͤr die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthaͤtiger zu begreifen. — Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwuͤrdigkeiten, welche aufzuzaͤhlen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der Anatomie, welche sie als eine der vorzuͤglichsten Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen draͤngte. Die Veranlassung war diese: Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Buͤrger in Paris mehrere todeswuͤrdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin, wie wir schon wissen, solche Ungluͤckliche kamen, deren Vernunft sie nicht von der Schoͤnheit ei¬ nes gesetzlichen Lebens uͤberzeugen konnte. Die Kolonie in Spitzbergen hoͤrte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen Boͤsewicht halten konnte, schrieb sie an das Ge¬ richt und verbat die Verunehrung. Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert war in Eu¬ ropa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen verwirkt, und hatte er das furchtbare, graͤßliche Schauspiel unerhoͤrter Frevel geben koͤnnen, war das Beispiel einer eben solchen oͤffentlichen Ahn¬ dung gerecht. Zuletzt entschied man denn fuͤr seinen Tod, doch uͤber die Art desselben konnte man sich nicht einigen. Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Laßt ihn durch seinen Tod nuͤtzen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Er¬ fahrung bereichern. Wir entdeckten eine geistige Fluͤssigkeit, viel vervollkommnet gegen die, welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thie¬ rische Organe dauernd aufzubewahren. Sie er¬ haͤlt einen Koͤrper genau in dem Zustande, worin er ihr uͤbergeben wird. Ich rathe, wir fuͤllen ein weites Gefaͤß mit diesem Fluidum. Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertraͤnkt. Dann soll aber das Gefaͤß verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberuͤhrt bleiben. Nach Verlauf dieser Zeit aber soll man den Koͤrper wie¬ der herausnehmen, und die gewoͤhnlichen Mittel, welche im Wasser Verungluͤckte oft ins Leben rufen, anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemuͤhn, denn die Le¬ benskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in ihrer Vollkommenheit erhalten worden, weil der Reitz des geistigen Feuers in unsrer Fluͤssigkeit, der Aufloͤsung Widerstand leistet. Irre ich nicht, so wird es merkwuͤrdig sein, einen Mann zu sehen, der funfzig Jahre lang schlief, er wird manches wissen, das die Alten und Geschicht¬ schreiber vergaßen. Kuͤnftig koͤnnte man sogar Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und ge¬ wiß mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem Weiterstreben der Menschheit, manches Gute unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit heilsam werden kann. Der Arzt sah sich haͤufig bestritten, man lachte sogar uͤber ihn. Endlich aber erklaͤrte ein Ge¬ schichtforscher: er habe in einem alten Buche ge¬ funden, daß einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Ma¬ dera, die im Weinfasse nach Nordamerika ge¬ kommen waͤren, und zehn Jahre lang im Keller gestanden haͤtten, wieder lebendig gemacht habe. Was wollt ihr nun? fragte der Arzt. Fliegen und Menschen! spoͤttelten seine Gegner. Nun, es koͤmmt auf den Versuch an, hieß es endlich, und man beschloß, den Rath zu voll¬ ziehn, was auch geschah. Das Faß mit dem Ertraͤnkten wurde in einem festen Gewoͤlbe bewahrt, vor dessen Thuͤr der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Be¬ tracht der erlittenen Todesangst, aufzuheben. — Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde beraumt. Die Na¬ turkundigen schrieben fuͤr und gegen jenes, schon lange gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von nichts, als dem Manne im Spiritus. Gelino hatte, durch bedeutende Fuͤrsprache, die Erlaubniß des naͤheren Zutritts fuͤr sich und seinen Zoͤgling empfangen. Man brach die Siegel, fand das Gefaͤß unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde. Auf Erhoͤhungen saßen die eingelassenen Zu¬ schauer, die Naturkundigen hatten sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedraͤngt. Der Koͤrper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt. Alle Theile wa¬ ren so frisch, als haͤtten sie nur eine Stunde darin gelegen, das Gesicht blaͤulich aufgetrie¬ ben wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den Ausgang. Die gewoͤhnlichen Rettungsmittel fanden An¬ wendung, man brachte die Fluͤssigkeiten aus der Luftroͤhre, rieb, erwaͤrmte, floͤßte ein, u. s. w. Doch verging eine Stunde nach der anderen, ohne daß der Zustand des Kadavers sich im min¬ desten umwandelt haͤtte. Nicht wahr, wir hat¬ ten Recht? sagten die Unglaͤubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich Gesicht. Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hin¬ dert der Spiritus, den die Einsaugungsgefaͤße aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Um¬ schwung der Saͤfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszufuͤhren, das ohnehin durch den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird. Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher, indessen kann man ein Uebriges thun. Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kraͤf¬ tige Maͤnner begaben sich mit dem Koͤrper hin¬ ein, und ließen die Temperatur hoͤher treiben, als sie wohl einst ein Blagden ausgehalten hat, waͤhrend sie ihre Bemuͤhungen unermuͤdet fort¬ setzten. Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte an: der Ka¬ daver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es sind die Duͤnste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere. Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! — Irrthum, Irrthum! — Seht ihr, seht ihr! — Ich hab' es selbst em¬ pfunden. Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: — Puls — Unmoͤglich! Wa¬ rum unmoͤglich? — Meine Hand fuͤhlte ihn. Man wußte nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu werden. Der Koͤrper ward nun in dichte Pelze gehuͤllt und wieder in den Saal gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Veraͤndrung des Gesichtes, die Blaͤue war geschwunden, ein brennendes Roth uͤberzog es, wenn sonst schon sich keine Bewe¬ gung zeigte, es auch unempfindlich gegen An¬ ruͤhren mit spitzigen Instrumenten war. Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die Pulsader griffen, be¬ zeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen. Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so daß der Zweifel wieder die Stimme erhob, und jene Anzeigen Taͤuschung nannte. Dann schrie aber alles ploͤtzlich auf! Das eine Auge hatte sich geoͤffnet und wieder geschlossen. Nicht lange, so geschah das Naͤmliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjaͤhrige Erstarrung ge¬ schlossen hatte. Niemand mied den Saal. Man vergaß uͤber die Neugier die gewohnte Nahrung zu nehmen, immer das Auge auf den Koͤrper geheftet. Die ganze Nacht verstrich so, waͤhrend hin und wie¬ der die Sprache, doch verwirrt, hoͤrbar wurde. Am andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen. Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, staͤrkte. Er besann sich in ein Faß geworfen worden zu sein, meinte aber, man habe ihn nach wenig Minuten wieder herausge¬ nommen, die Todesstrafe in eine andere zu ver¬ wandeln. Man sah also, daß ihm damals die eigentliche Absicht nicht vertraut worden war. Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen der Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis auf einen, der, ein hundertjaͤhriger Greis, sich mit im Saale befand, und uͤber das, den mei¬ sten Unverstaͤndliche, was der Mann sagte, Auf¬ schluͤsse gab. Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine Wangen, Richter, wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern so veraͤndert? Und all diese Leute, wie selt¬ sam sind sie gekleidet! Wo bin ich? Wohin brachtet ihr mich? Man half ihm auf, fuͤhrte ihn an ein Fen¬ ster. Er sah viele unbekannte Gebaͤude, ver¬ mißte viele alte. Bin ich trunken? Wahn¬ sinnig? Wo ist der Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie koͤmmt so ploͤtzlich der große Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken? Es war Zeit, ihm die Raͤthsel zu loͤsen, sein Verstand haͤtte durch die unbegreiflichen Erschei¬ nungen in Zerruͤttung sinken koͤnnen. Wer malt nun aber sein Staunen! „Funfzig Jahre haͤtte ich geschlafen? Unmoͤglich!“ Man zeigte ihm Buͤcher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen, deren er sich als Juͤnglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und ruͤhmte wiederholt die Suͤßigkeit seines tiefen Schlummers. Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris gefuͤhrt, wo Fenster und Daͤcher, wie sich denken laͤßt, mit Zuschauern uͤberfuͤllt waren. Geschichtforscher und Antiquare ließen ihm daheim keinen Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbe¬ kannte, durch seinen Mund. Er hatte nun gehoͤrt, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er: Mein Gewis¬ sen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht! Man entgegnete: Moͤchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die Zeit haͤtte einen Schleier daruͤber geworfen, auch seitdem Erzie¬ Erziehung und Moral wieder so viel an Voll¬ kommenheit gewonnen, das solche Verbrecher wohl nicht mehr aufstaͤnden. — So gebuͤhrt mir die Strafe jener Zeit. Sendet mich in die Ver¬ weisung, entgegnete er. „Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Be¬ gnadigung selbst, wenn du die lange Verwei¬ sung aus der Gesellschaft uͤberstaͤndest.“ Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen zu ent¬ laden, freiwillig abermal in das Gefaͤß. Ihr uͤbergebt mich den Enkeln auf Hundert Jahre. Weit nuͤtzlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschließen, ja es ist wohl im letzten Fall noch weit merkwuͤrdiger. In diesem Jahre will ich mich von den Veraͤnderungen der Welt waͤh¬ rend meines Schlafes uͤberzeugen, und ohne Zweifel werde ich oft staunen. Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu beneiden, und willfahrtete ihm uͤbrigens. Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr S diesmal so schnell, daß Beide, unweit Paris ein wenig entschlummernd, nicht ehe als uͤber Lon¬ don wieder erwachten, und deshalb auch den Damm zwischen Calais und Dover nicht sahn, welchen man eben zur engeren Verbindung Frank¬ reichs mit Brittanien anlegte. Er lief von bei¬ den Kuͤsten ins Meer, von ungeheuren einge¬ senkten Felsstuͤcken erhoͤht, und, damit der See¬ strom den freien Durchgang behielte, von Hundert Klaftern zu Hundert Klaftern mit Bruͤcken aus Hangewerk unterbrochen, die jedoch saͤmmtlich hoͤher waren, als das Gewoͤlbe des Rialto zu Venedig. Denn die groͤßten Kriegschiffe fanden mit allen aufgezogenen Segeln kein Hinderniß. London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine gluͤckliche, zum Handel bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den unsinnigen frevelhaften Vorsatz, alle uͤbrigen Na¬ zionen der Erde zu Grunde richten zu wollen. Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach. Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld, oder vielmehr seine Darstellung in Papier, war in die Haͤnde von etwa Dreißigtausend Glaͤubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre Zinsforderungen befriedigen zu koͤnnen, wurden dem uͤbrigen Volke unerhoͤrt druͤckende Gaben aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und endlich voͤllig erschlaffte Staatskraft, mußten die Folgen sein. Freilich retteten sich die Wohlha¬ benderen nach Bengalen, und spaͤterhin, wie dir bekannt ist, nach Polinesien, wo das jetzt maͤch¬ tige Reich durch sie gegruͤndet, und mindestens die Kultur nach fruͤherhin fast unbekannten Erd¬ gegenden, verbreitet wurde; doch die zuruͤckblei¬ benden traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie sich auch wieder zum gemessenen Streben er¬ mannten, und im freundlichen, auf ewigen inne¬ ren Frieden gegruͤndeten Bund mit Europa, ein festeres Gedeihen als je fanden. Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wie¬ wohl verfallen, die Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete, Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht. Der Luxus war dem in Paris aͤhnlich, die Reisenden bezogen wieder einen Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen oͤffent¬ S 2 lichen Garten, wo das alte Eden nachgeahmt war und in der That Milch und Honig in Baͤ¬ chen floß. Es gab aber auch Teiche von Port¬ wein, Rum, Punsch, auf denen man in Nachen aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen Metallen fuhr, Baͤume von denen man leckere Konfituren pfluͤckte, gebratene Voͤgel die in der Luft flogen (sie waren mit brennbarer Luft ge¬ fuͤllt), gespickte Haasen, die umherliefen (eben so in Bewegung gesetzt), Puddings, Roßbeef¬ stuͤcke, Hammern, Austern, Bifsteeks von gro¬ ßem Umfang, die Pilzen gleich aus der Erde wuchsen, (denn die Kuͤche hatte unterirdische Gaͤnge). Bisweilen regnete es Limonade, ha¬ gelte Zuckerwerk oder fror suͤßes Pistazien¬ eis. Der Eintritt in diesen Garten kostete aber, nach altem Muͤnzfuß gerechnet, Hundert Guineen. Auch hatte ein neuer Graham ein himmli¬ sches Bett aufgeschlagen. Wer nun die Beschrei¬ bung davon lesen wollte, mußte so viel zahlen, als fuͤr den Eintritt in jenen Lustgarten, dane¬ ben einen Eid schwoͤren, nicht auszuplaudern. Guido las, ward von den Vorstellungen unend¬ lich zauberisch ergriffen. Der Lehrer sagte: Wirst du einst im Mariatempel das Band ewi¬ ger Liebe knuͤpfen, dann bediene dich dieser Er¬ findung. Der Juͤngling loderte in Flammen, und verwahrte dieses Wort treu. Die Buͤhnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab andere und in groͤßerer Zahl. Das vorzuͤglichste hieß Shakespears Theater, doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hat¬ ten ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe fuͤr ihn, viel Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem uͤbrigen Europa, hatten ihn nicht ganz aufge¬ hoben, was auch in anderen großen Provinzen der Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele noch im¬ mer, jedoch uͤbersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft, Aus¬ druck, Bedeutung gewinnen ließ. Die Theater¬ kunst trieb es so weit als in Paris. Fuͤhrte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkli¬ ches, sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein großes Wasserbecken gehoͤrte zu dieser Buͤhne, die man bei solchen Gelegen¬ heiten unmerklich an seine Ufer rollte. Im Hamlet war der Geist ein Riese, dessen Haupt weit uͤber den Pallast emporragte, und den auch der Mond durchschien. Bankos Gespenst in Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller Augen in Nichts und dennoch hatten sie gespro¬ chen, gehandelt. Dies war immer die Wirkuug kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaub¬ liche Illusionen hervorgebracht wurden. Guido verlangte jedoch von den Ergoͤtzungen weg, deren er schon so vielen beigewohnt hatte, um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau das Landheer den Hauptsitz hatte, wa¬ ren Brittaniens Haͤfen, und vorzuͤglich London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und gefahrvolle Kuͤsten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern Mannschaften desto voll¬ kommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Spaͤtjahr, mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewoͤhnlichen Stuͤrmen, wo die Hauptpruͤfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung welche bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbin¬ den, und dann wollte man zwischen den Belten Seekaͤmpfe halten. Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren uͤbrigens auch Kriegshaͤfen, doch der obern Leitung der Admiralitaͤt zu London uͤbergeben worden. Die Flotte gehoͤrte wie das Landheer dem Foͤderalismus. Ihre junge Mannschaft zog sie aus allen Kuͤstenlanden. Der Dienst eines See¬ soldaten, wie sein Unterricht, seine Entlassung oder Befoͤrderung zu wichtigeren Stellen, wurden nach Grundsaͤtzen verfuͤgt, die jenen beim Land¬ heere aͤhnlich waren. Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgeruͤstet, wohlgenaͤhrt, be¬ saß sogar Schaͤtze genug, um einen langen Krieg aus ihren Mitteln fuͤhren zu koͤnnen. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralitaͤt, fuͤr Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit durch ganz Europa machte ihn noch weit ein¬ traͤglicher. Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der auszulaufenden Fahrzeuge, sagte ihm, wie er sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet habe, dennoch aber einer Seeuͤbung als Frei¬ williger beizuwohnen wuͤnsche. Die Erlaubniß wurde auf seine Bitte zugestanden, nachdem er vorher bedeutende Proben seiner Geschicklich¬ keit im Schwimmen, Fechten und Schießen nach dem Ziel, abgelegt hatte. Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtba¬ rere Art gefuͤhrt als Ehedem. Man zaͤhlte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luft¬ fahrzeuge, suchte brennende Stoffe auf die feind¬ lichen Galleonen zu werfen und Masten oder Segelwerk zu zerstoͤren. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf geuͤbt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es gab Schuͤtzen, welche dicht bepanzert an Straͤngen hingen. An den Masten wurden sie staffelfoͤrmig zur Hoͤhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr zu¬ ruͤckgesenkt, dort laden zu koͤnnen. Einem feind¬ lichen Schiffe nahe, mußten sie auf einer Fallbruͤcke hinuͤber und mit dem Schwert wuͤthen, blieben demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um sie im schlimmen Falle, eilig wieder auf das ei¬ gene Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, noch kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie bedienten sich immer der gluͤhenden Kugeln, de¬ nen zweckmaͤßig ersonnene Oefen, in einem Au¬ genblick die noͤthige Hitze gaben. Auch lange Schwerter wurden in Boͤgen von oben nach un¬ ten, und von einer Seite zur andern, aus dazu geeigneten trogartigen Moͤrsern geworfen, Tau¬ werk und Segel zu verwuͤsten. Es gab Schiff¬ chemiker, welche die Brandmaterien anfertigten, womit man noch wirksamer als selbst durch die gluͤhenden Baͤlle zu zerstoͤren strebte, und auch wieder Stoffe, welche den verderblichen Lauf derer, welche der Feind sandte, hemmen konnten, alles Resultate von Erfindungen welche die Vor¬ zeit noch nicht ahnte. Es gab Seemechaniker, die bewunderswuͤrdige Maschinen lenkten. Da¬ hin gehoͤrten die schnellen Ruderwerke, welche bei Windstillen dienten; die kuͤnstlichen Steuer, geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit zu drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte man dennoch als den wichtigeren betrachten. In den schon beschriebenen Taucherhuͤtten galt da der schlaue grimmige Kampf. Unter den Bauch der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst fuͤrch¬ terlicher Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch fuͤrchterlichere Petarden anzuschrauben, deren Pul¬ ver auch im Wasser seine Kraft uͤbte. Wer haͤtte nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstoͤrungs¬ mitteln muͤßte es in wenigen Minuten um ganze Flotten geschehen sein, dennoch begruͤndeten die Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Kraͤf¬ te, und zeigte der Feind dieselbe Kunst, hing die Entscheidung oft an Zufaͤlligkeiten. Die Be¬ fehlhaber gestanden auch, wie die Flotten von Afrika oder Amerika, eben so wohlgeruͤstet und mit kunsterfahrnen Kriegern bemannet waͤren, daß also hier von keinem uͤberwiegenden Vorzug die Rede sei, und derjenige ein wichtiges Verdienst um den Meerkrieg erwerben koͤnne, der etwas auf¬ zufinden im Stande sei, das, den Fremden un¬ bekannt, in der naͤchsten Fehde den gewissen Ausschlag gaͤbe. Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und ließ sie aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu loͤsen sein? fragte er sich. Und warum nicht? Strebt doch alles hoͤherer Vollkommenheit entgegen. Er sann wei¬ ter uͤber diesen Vorwurf nach. Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied genommen, der in London zuruͤckblieb. Bei einem wuͤthenden Or¬ kan stach man um Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen. Ge¬ gen den Wind kaͤmpften die Ruderwerte, die Klippen und Sandbaͤnke, nach welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach we¬ nig Tagen in den gefahrvollen Belten an, tra¬ fen bei einem dunkeln Nebel auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann. Guido flog erst mit den Luftgondoliren em¬ por, stieg dann wieder in sein Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er wollte von Allem genaue Kunde zu¬ ruͤckbringen, Jedermann sah sich befremdet durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer. Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei, schnitten der dies¬ seitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt, und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es nicht, den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, ab¬ zulehnen. Man wandte alle Mittel an, den Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder alle Vorkehrungen trafen, es zu hindern; denn sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte Bewegung ausgefuͤhrt zu haben. Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere, gehaltenen Uebun¬ gen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die empoͤrten Fluten, wo ihn weder das eigne fer¬ tige Schwimmen, noch die Huͤlfe der Kamera¬ den zu retten vermochte; doch die Roͤhre lud man nicht. Allein auf dem bedraͤngten Schiffe — Guido befand sich eben hier — kam ein Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhal¬ ten, daß er ihre Segel und Ruderwerke zer¬ stoͤrte. Strafwuͤrdig fuͤllte er also sein Geschoß ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, daß ein Fahrzeug druͤben bald außer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen willkuͤhrlich zu lenken. Dies Verfahren machte aber, daß die andern wuͤtheten, und Gleiches mit Gleichem bezahlten. Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern Einhalt geschehen konnte, warfen sie gluͤhende Baͤlle ab. Das bedraͤngte Schiff hatte ein dop¬ pelt uͤberlegenes Feuer zu leiden, und mußte sich nun auch ernst vertheidigen, oder untergehn. Das Erste geschah mit zuͤgelloser Hitze, die je¬ doch nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge hatte, daß viele Soldaten an beiden Theilen todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemuͤ¬ ther, ergrimmt setzte man den Kampf fort. Die Offiziere fielen saͤmmtlich. Guido, dessen krie¬ gerisches Feuer im rasenden Getuͤmmel hoch auf¬ flammte, lenkte den Streit, ertheilte so guten Rath, daß man sich willig unter seinen Ober¬ befehl stellte. Er drang geschickt auf das eine Fahrzeug ein, ließ im guͤltigen Augenblick die Fallbruͤcke werfen, stuͤrzte sich mit der Haͤlfte sei¬ ner Leute auf das feindliche Verdeck, wo man sich dieser Kuͤhnheit dennoch nicht versah, und sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem andern Schiffe, wo es eben so gelang, und fuͤhrte die eroberten Schiffe im Triumphe dem Admiral zu. Dieser zuͤrnte, wie billig, verord¬ nete Strenge gegen die frevelhaften Urheber des blutigen Unfugs, wunderte sich aber hoch, daß der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen habe gewinnen, und ihm mit so vieler Sach¬ kunde und Geistesgegenwart habe entsprechen koͤnnen. Er begriff auch gar wohl, wie ohne die schnell beherzte Entscheidung, noch mehr Le¬ ben wuͤrde gefallen sein. Guido wurde mit Lob uͤberhaͤuft, und auf allen Fahrzeugen ruͤhmte das eilig umlaufende Geruͤcht, den kuͤhnen, wei¬ sen Juͤngling. Er bewaͤhrte sein Genie auch noch hoͤher, indem er in der That die Erfin¬ dung machte, welche, so lange sie dem Feinde un¬ bekannt blieb, ein entschieden Uebergewicht im Kampf begruͤndete, und die lange vergeblich ge¬ wuͤnscht worden war. Sie bestand in einer ein¬ fachen, doch hoͤchst wirksamen und wohlberech¬ neten mechanischen Vorrichtung, mittelst der man, ohne es selbst zu verlieren, einem feind¬ lichen Schiffe das Gleichgewicht rauben, und es rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheim¬ niß vertraute er seine Theorie dem staunenden Admiral. Dieser fand sie so wichtig, daß er so¬ gleich die weiteren Uebungen aufhob, um nach London zuruͤckzusegeln. Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschuß der oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden entworfenen Maschine zu halten. Sie betrogen die hohe Erwartung nicht; die Admiralitaͤt er¬ theilte ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm bekannt: daß dem Strategion und dem Kaiser eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst um den Seekrieg wuͤrde zugesandt werden. Be¬ scheiden zog sich der Juͤngling zuruͤck, und drang in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehren¬ zeichen trug er nicht, sondern uͤbermachte es Ini, mit der Bitte, es mit jenem aufzubewah¬ ren. — Diese hatte sich aber damals schon von Sizilien entfernt. Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente mit trauri¬ gen Bezeichnungen, und uͤberschrieben: „Denk¬ mal beweinter Irthuͤmer.“ Gelino gab ihm hieruͤber folgende Auskunft: Spanien hatte vor mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes eingenommen. Freund¬ lich durch die Natur beguͤnstigt, sah man zahl¬ reiche, kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner uͤppigen, reitzenden Gefilde pflegen, in den wei¬ ten bluͤhenden Staͤdten wohnten Thaͤtigkeit und Ueberfluß. Doch ein Sistem frevelhafter Kirch¬ lichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum der Verfinsterung, trat mit widrigen Maaßre¬ geln seiner Regenten in Bund, und entvoͤlkerte nach und nach den gesegneten Erdstrich bis auf ein Drittheil der alten Menschensumme. Der Zufall ließ Spanien die ersten Vortheile von Amerikas Entdeckung ziehn, weite reiche Land¬ schaften eignete es sich dort zu, Gold- und Sil¬ berminen, wie sie zuvor keinem Staate gehoͤr¬ ten, wurden sein Eigenthum. Doch dieser Um¬ stand brachte, statt wiedererwachten Flor, nur tiefere Verarmung zuwege; denn Spanien ergab sich dem Muͤßiggang, das Gold wich in die Fremde, man sank in Schulden. Zuletzt schwelg¬ ten nur noch wenige Großen und die Priester, die Geisteskraft lag in den Banden des wahn¬ sinnigsten Aberglaubens, die Regierung, trotz der meerumflossenen und durch die Mauer der Pirenaͤenkette gesicherten Lage von Spanien, konnte sich nicht mehr vertheidigen. Die spaͤter¬ hin geistesentwoͤlkten Nachkommen, blickten nun mit Wehmuth in eine Vergangenheit zuruͤck, die so viel Saͤumniß, das Gute zu erkennen, zu be¬ klagen darbot. Sie meinten, wenn man der Kraft und Weisheit billig Denkmale stelle, ge¬ buͤhre buͤhre solches auch wohl zerruͤttenden Irthuͤmern, damit die schaudernden Enkel laut gemahnt wuͤrden, auf edlem Pfad zu wandeln. Guido seufzte bei dieser Erzaͤhlung, freute sich aber desto inniger uͤber das nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden Orangenhaine, die Weingaͤrten, alle uͤbrigen, welche er je gesehn, an Schoͤnheit hinter sich lassend. Madrit, sagte Gelino, wird dich entzuͤcken. Ehedem soll es eine winklige, ohne Geschmack aufgefuͤhrte, und uͤber alle Beschreibung unrein¬ liche Stadt gewesen sein, spaͤterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen. Guido fand die Bestaͤtigung dieser Worte. Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Fruͤchte erzogen, die man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch gluͤckliches Streben und bei reicherem Segen der Naturkraͤfte, manche Erzeugnisse von Afrika zu sich verpflanzt. Die Gaͤrten um Madrit sa¬ hen die edelsten Feigengattungen reifen, der Pi¬ sang bluͤhte lustig, die Dattelpalme, der Kokos¬ T baum breiteten ihre dichten Laubgewoͤlbe in lan¬ gen Blaͤttern aus, die Brodfrucht gedieh auf kraͤftigen Staͤmmen und erhoͤhte den Reichthum an Lebensnahrung. Gewuͤrzstauden mancher Art, sonst ein Eigenthum indischer Eilande, wurden auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die Luͤfte mit den angenehmsten Aromen. Madrit hatte sehr breite Straßen, in welche, zur erfri¬ schenden Kuͤhlung, Kanaͤle geleitet waren. Man wachte uͤber ihre Sauberkeit mit fleißiger Sorge, spiegelhell wogten sie langsam zwischen den mar¬ mornen Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten prangten Baumgaͤnge, und die Straßen hatten ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, Granataͤpfel, die stattliche Benta von Senegal, der nuͤtzliche Kapok, die schattige Pflaumenpalme u. s. w. waren, welche dort in gleichfoͤrmigen Reihen standen. In Herbst- und Winternaͤchten huͤllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben waren Frostableiter angebracht. Vor den Haͤu¬ sern sah man auch in graden Abtheilungen Blumenbeete, und von den platten, mit Gelaͤn¬ dern versehenen, Daͤchern, winkten allerhand lieb¬ liche Stauden in Vasen, wie sie auch, von gu¬ ten Steinwoͤlbungen unterstuͤtzt, eine Erdlage fuͤr Lustpflanzen trugen. Die Einwohner brach¬ ten schoͤne Morgen und Abende oben zu, verrich¬ teten hier mancherlei Geschaͤfte. Oft klang die kastilianische Guitarre, noch, wiewohl sehr ver¬ edelt, im Gebrauch, in suͤßen Melodien herab, begleitet vom Sopran liebeathmender Maͤdchen, oder der alte Fandango drehte sich auf den Blu¬ menmatten der Hoͤhe. Von den vielen Plaͤtzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmaͤrkten dienten, entwe¬ der mit Lustwaͤldchen von Cedern oder uͤppigen suͤdlichen Fruchtbaͤumen bepflanzt, oder in an¬ muthige Wiesenplane umgeschaffen, oder mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu Freudenfahrten einluden. So glich Madrit einem großen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin, Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer Aufenthalt ertraͤumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewoͤlben von seltner Hoͤhe, unten mit Meisterwerken der Bildhauerei geschmuͤckt, und die Andacht darin hatte einen feierlichen Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der schoͤnen Natur zu genießen, hatte auch mancher Buͤhne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben. T 2 Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele unter dem freien Himmelsbogen, oft noch ein Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebes¬ abentheuer, die die romantisch empfindenden Ein¬ wohner nicht vergessen hatten. Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehoͤhlt worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadal¬ quivir u. s. w. in Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels ver¬ schafften. Nur Buenretiro und Aranjuez entzuͤckten Guido noch mehr, als das liebliche Madrit, und er haͤtte es beweinen moͤgen, nicht mit Ini in die¬ sen Elisaͤen wandeln zu koͤnnen. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich verbun¬ den, die Gaͤrten dort, mit Allem, was Phan¬ tasie und Herz gluͤhend fuͤllen kann, verschwen¬ derisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, ließ ihn die noch uͤberall gruͤnende Wonne nicht ahnen. Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem die uͤppi¬ gen Vergnuͤgungen von London und Paris lang¬ weilten, im Streben nach Unterricht, mehr an¬ kettet, weil die Natur hoͤheren Theil daran hat, freut es mich, doch deinem Zweck darf sie dich auch nicht entfuͤhren. In tieferer Wissenschaft kannst du hier nichts Betraͤchtliches erlernen, dies Volk hat noch manchen Schritt zu thun, die alte Saͤumniß einzuholen, um neben den Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir wollen nach Lissabon, doch auch da nur kurze Frist weilen. Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherr¬ schung genug, um zu wollen, was er sollte. Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in Europa. Dort be¬ fand sich unter andern eine beruͤhmte Vorkeh¬ rung gegen Erdbeben. Weshalb Lissabon so große Summen zu diesem Zweck aufgewendet hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt wuͤrde einem Buͤrger des achtzehnten oder neunzehnten Jahr¬ hunderts so großes Staunen aufgedrungen ha¬ ben, wenn ihm ein prophetischer Geist davon haͤtte Meldung thun koͤnnen, wie Jedermann im zehnten gefuͤhlt haͤtte, wenn damals die Rede von Feuerroͤhren und Blitzableitern ge¬ wesen waͤre. Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo moͤglich, noch mehr. Da er naͤmlich am Ausfluß des Tago umherging, kam etwas uͤber die See, keinem Schiffe glei¬ chend. Das Herannahen des Phaͤnomens setzte ihn in nur heißere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem Umfange auf den Wogen schwimmen koͤnne. Endlich sah er klar, daß es eine Insel sei, und halb Lissa¬ bon stroͤmte hinaus, sie anzustaunen. Sie kam noch naͤher. Fernroͤhre hatten die Versammlung Neugieriger schon uͤberzeugt, daß sich viele Menschen darauf befaͤnden, welche theils auf dem Rasen und in den kleinen Ge¬ buͤschen sich ergingen, theils in einem Wohn¬ hause, das man auf dem Eilande erblickte, al¬ lerhand Zeitvertreib hielten. Wer konnte aber das alles erklaͤren? War ein Stuͤck Land irgendwo durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen worden, und schwamm es nun zufaͤllig gerade auf Lissabon her? Niemand wußte, was er den¬ ken sollte. Freundlich gruͤßten aber von der Insel Kano¬ nenschuͤsse, und die dankende Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen. Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, daß sie unfern der Kuͤste ihren Lauf enden konnte. Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von ungeheurer Groͤße, deren Koͤpfe und Ruͤcken auch vorher, obwohl nicht deutlich, uͤber der Fluth bemerkt worden waren, das Eiland ge¬ zogen hatten. Die Maͤnner, mit ihrer Lenkung bis dahin beschaͤftigt, spannten sie jetzt von den unerhoͤrt dicken Geschirren, warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau. Wallfische gezaͤhmt, zum Dienst des Men¬ schen angelehrt? rief Alles; in wem erwachte zu¬ erst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm Wirklichkeit zu geben? Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Maͤnner ans Land, fast erdruͤckt von Portugie¬ sen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte, nannten ihn den Besitzer des unerhoͤrten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun um Auskunft an, er mußte einen Balkon besteigen, zu der immer mehr angewachsenen Menge zu reden. Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein Geburtsort, hub er an. Schon mein Vater kam in fruͤher Jugend auf die Vermuthung, es werde moͤglich sein, sich Fischen mit seinem Willen verstaͤndlich zu machen, und ihre geringe Denk¬ kraft, mit der vielumfangenden menschlichen, in Beziehung zu setzen. Denn, dachte er, geht dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der Grund, es werde hier nothwendig mißlingen? Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die den verlacht haben wuͤrden, der behauptet haͤtte, man koͤnne Roß oder Stier zum dienenden Knecht machen. Genug, mein Vater begann sein Werk mit unsaͤglicher Muͤhe. Kleine Flußfische in Bek¬ ken waren es, womit er den Anfang machte. Die Nachbarn fragten, wozu denn das je nuͤtzen solle? Dies mochte mein Vater auch noch nicht recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen Aal zeigen, welche auf seinen Wink allerlei kleine Kuͤnste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man herzu, sah es an, zuckte hernach aber die Achsel ob der eiteln Muͤhe. Doch mein Vater fuhr fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, sehr jung eingefangen, kamen an die Reihe. Er fand bei diesen Thieren groͤßere Gelehrigkeit, mit gebaͤndigterem Muth bei dem folgenden Ge¬ schlecht verbunden, das er zog. Mit dem drit¬ ten ging es noch weiter. In einem großen Teich, den Meerwasser fuͤllte, hatte der Vater eine Menge Kabliaue und Haie, ruderte sich auf demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen auf seinen Ruf, empfingen Speise, entfernten sich wenn er es haben wollte, ließen sich ergrei¬ fen, sprangen sogar in den Nachen, und schmei¬ chelten ihrem Herrn, indem sie aber zu bitten schienen, sie wieder in ihr Element zu ent¬ lassen. Mein Vater genoß keinen Vortheil davon, als daß er von denen, welche die seltsamen Kuͤnste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld erlegen ließ, wodurch er aber den¬ noch eine artige Summe gewann. Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zu¬ faͤllig an dem Stricke hangen, womit mein Va¬ ter den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen, indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststuͤck ge¬ ben, dachte mein Vater, und fertigte Sielen¬ zeug fuͤr zwei Haie an. Erst thaten die Thiere unbaͤndig, eine Last hinter sich empfindend, und einen Zuͤgel im Mund, sie wollten ihre Bande zerreißen, schossen gegen den Grund, was den Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte Liebkosung, Fuͤtterung, wie sie sie gern empfin¬ gen, und nach Jahr und Tag, gab mein Vater seinen Haien ein Zeichen mit einer im Wasser bewegten Glocke, sie kamen, ließen sich Zaum und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man wollte. Gegen das Ende seines Lebens fuhr der Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, holte von einem Kuͤstenorte zum andern allerhand Waaren. Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe so fortbringen koͤnnte? Man duͤrfte des entgegenwehenden Windes oft spotten, haͤtte nicht noͤthig zu kreutzen, wuͤrde mehr Herr der Zeit, beduͤrfte der kostspieligen Ruder nicht, und kaͤme vielleicht schneller als mit ihnen davon. Aber da beduͤrfte es groͤßerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum Gehorsam zu brin¬ gen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein? Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir dort einen kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. Seine Enge vorn ließ ich mit einem Damm versehn, der durch eine Schleuse gesperrt wer¬ den konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am einsamen Strand, machte Niemand zum Zeugen meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich vor der Zeit nicht davon geredet wissen, und von keinen Neugierigen uͤberlaufen sein wollte. Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische habhaft zu werden, wobei mir Taucherhuͤtten und dazu eingerichtete Fangwerke dienten. Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war muͤhevoll. Doch jung, kraͤftig, ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge ge¬ faßt, ließ ich mich nicht ermuͤden. Daß ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von wohlein¬ gefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch ein, wie die Kraft dieser Unge¬ heuer noch mehr leisten koͤnne. Da fertigte ich einen großen Floß, aus aneinander gefuͤgtem Treibholz, bewarf ihn mit durchsiebter frucht¬ baren Erde und pflanzte allerhand Gras und Kraͤuter darauf. Einige erhoͤhte Huͤgel konnten Katalpen und Akazien, andere Fruchtbaͤume tra¬ gen. Ein gemaͤchlich Wohnhaus und Speicher zu Waaren folgten. So entstand das kuͤnstliche Ei¬ land welches ihr seht. Manches Jahr uͤbte ich erst die Fahrt in meiner Bai, dann ließ ich den Damm mit Pulver wegsprengen‚ die Insel zum Ozean bringen zu koͤnnen, und langte damit wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia an. Die Einwohner staunten wie ihr. Man uͤberzeugte sich aber bald von der Festigkeit und Sicherheit meiner Fahrt und gab mir reiche La¬ dung nach Europa, die ich verlangte. Auch ei¬ nige Passagiere fanden sich, andere wagten es noch nicht, die Reise zu theilen. Die meisten unter jenen Maͤnnern sind meine Knechte. Doch fahrt jetzt zu der Schwimminsel hinuͤber, erschaut ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt kaum, daß es weiter geht. Welch ein angenehmer Auf¬ enthalt. Bei heitrer Witterung lustwandelt man auf den Huͤgeln, schlummert im Grase, belustigt sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich ladet das Gebaͤude ein', wo sich mehr angenehme Einrichtungen finden, als auf dem groͤßten Schiffe, nicht Buͤchersammlung, Orchesterorgel, Lustthea¬ ter, Fechtboden u. s. w. fehlen. Eine Taucher¬ huͤtte haͤngt hinten am Eiland, daß man sich auf der Reise beliebig in die Tiefe senken, und dort umsehen kann. Dies alles wurde erst in Philadelphia vollendet. Und pruͤft auch meine großen Waarenspeicher. Wohl mehr noch als ein Dutzend große Schiffe, vermag ich zu laden, wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbniß blosgestellt, und dennoch geht meine Insel nicht tief, weil ihre Breite und Laͤnge im ausglei¬ chenden Verhaͤltniß zu den aufgebuͤrdeten Lasten steht. Eiliger schießen die Wallfische dahin, als der guͤnstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben ver¬ mag. Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, er trifft sie nicht in ihrer Tiefe. Das Eiland ist zu groß um ein Spiel der Wogen zu sein, zu hoch, zu fest, durch Brandungen zu leiden; stranden kann es nicht leicht, und wenn auch, es ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind Winden vorhanden, die es bald wegschaffen. Seht, ihr Europaͤer, dies alles kann des Men¬ schen Fleiß ins Werk richten! Der Greis endete. Man konnte nicht Cha¬ luppen genug finden, die Neugierigen uͤberzusetzen. Daß Gelino und Guido nicht zuruͤckblieben ver¬ steht sich. Man fand alles, wie der Mann ge¬ sagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefuͤttert wurden und die Knechte auf ihren Ruͤcken tanzen ließen. Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Boͤrse Ruͤckfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles in wenigen Tagen ab. Waͤhrend der Zeit erwachte in Guido eine heiße Neigung, die Inselfahrt auch zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer, laß uns Plaͤtze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr Vorsicht als der jugendlich ungestuͤme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt, mein Freund, antwortete er, Unfaͤlle, die der Mann selbst nicht erwartet, koͤnnten uns treffen. Erfahrung muß noch deutlicher uͤber den Gegenstand reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stuͤr¬ men, er waͤhnt nun seine Anstalten uͤber alle Ge¬ fahr erhoben, und ein Andermal kann sie ihn uͤberwinden. Doch dies alles leuchtete unserm Guido nicht ein, sein Verlangen wuchs nur am Widerstande und er drang so lange mit Bitten in den Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, einwilligte. Viertes Buͤchlein. Reise außer Europa. N un ward der Vertrag geschlossen, und das Eiland bezogen. Niemand fragte um guͤnstigen Wind. Als die Ladung eingenommen war, lich¬ tete man die Anker, legte die Thiere vor, be¬ freite das Eiland vom Grunde, und fuhr unter dem jubelnden Nachruf der Menge ab. In we¬ nigen Stunden sahn unsre Reisenden die hohen blauen Felsenkuͤsten von Portugal nicht mehr. Guido war entzuͤckt. Freilich raubte die Jahrzeit der Reise man¬ ches Angenehme. Im Sommer wuͤrde sie viel reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man bereits in der Mitte des Novembers, in Lissa¬ bon freilich nicht unbehaglich empfunden, doch desto mehr, als man in den noͤrdlicheren Gewaͤs¬ sern anlangte. Da gewaͤhrten die entlaubten be¬ reif¬ reiften Baͤume und das falbe, mit duͤrren Blaͤttern uͤberstreute Gras auf der Insel, eben keinen freudigen Anblick mehr, auch war sie in kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber hatte indessen auf das Vergnuͤgen seiner Passa¬ giere gedacht, mehrere lebendige Hasen, Fuͤchse, Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche heraus ließ, damit man sie jagen koͤnne. Einige der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido nicht, wohlthaͤtige Schonung gegen Thiere lag in seiner Sinnesart. Er blieb meistens bei Ge¬ lino im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit verkuͤrzend. Auf der hohen See wuͤtheten einige Stuͤrme, die Balken der Gebaͤude krachten, die Wellen spuͤlten ihren weißen Schaum uͤber die Ufer. Unbesorgt, rief der Pilot, es hindert unsere Fahrt nicht! In der That war es auch also. Die Wallfische schwammen dann tiefer, als die Wogen vom Sturm bewegt wurden, so we¬ nig ein Boot vom Kraͤuseln eines Baches leidet, ward auch das Eiland vom hohlen Gewuͤhl des Atlantus verletzt. Haus und Speicher wider¬ standen. Mit großen Reusen fingen die Knechte taͤg¬ U lich kleinere Seefische in großer Menge, welche sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes Groͤße, den Wallfischen gaben. Diese zehrten dann, ihren Lauf nicht unterbrechend. Zeigten sie sich einmal widerspenstig, wollten eine an¬ dere Richtung nehmen, als der an großen, mit Winden versehenen Pfaͤhlen haͤngende, Zuͤgel vor¬ schrieb, neckten einander beißend, oder wollten, dem Instinkt folgend, der Fischjagd obliegen, strafte man sie durch zackige Mastbaͤume deren Streiche ein Hebel auf sie fallen ließ. Die baͤn¬ digenden Eisenstangen in ihren Rachen wogen mehrere Zentner, und ließen ihnen, scharf durch die Maschinen angezogen, die Lust des Unge¬ horsams bald vergehn. Nur vierzehn Tage waͤhrte die Fahrt, dann lag man auf der Rheede von Philadelphia. Sie war schon mit Eis uͤberdeckt, aber das Eiland brach sich sowohl Bahn, als die Wallfische unter dem Rande hingleitend, ihn leicht wegbroͤckelten. Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten zur Stadt, frohlockten uͤber das Vollbrachte und wurden mit freudigem Gruß bewillkommt. Gelino war froh, diese Reise uͤberstanden zu haben. Sie hatte ihn mehr geaͤngstet, als er sich selbst merken ließ. Philadelphia hatte einen großen Umfang und viele Schoͤnheiten der Baukunst aufzuweisen. An Reichthum und Vergnuͤgungen gab sie keiner Stadt in Europa von aͤhnlicher Groͤße etwas nach, uͤbertraf sie sogar. Denn die Kultur in Nord¬ amerika hatte eine Stufe erreicht, welche den Vorrang der europaͤischen streitig machte. Dies konnte auch nicht anders sein, da diejenigen Mittel, welche einen raschen Gang der Bildung begruͤnden koͤnnen, den Einwohnern schon in sehr fruͤher Zeit zu Gebote standen. Die ganze Halbinsel von der Honduras-Bai, bis weit hin¬ ter der Beringsstraße und Kap Lisburn hinauf, wie an der oͤstlichen Seite hinter der Baffins- Bai, Groͤnland noch eingeschlossen, war nach ei¬ nem schon fruͤhen gluͤcklichen Kriege, zu einem gluͤcklichen Staat vereint, dessen viele weitlaͤuf¬ tige Lande, jedes seine demokratische Regierungs¬ form hatte, und wieder durch einen, dem eu¬ ropaͤischen aͤhnlichen Foͤderalismus, sich zur voll¬ kommneren Gesammtkraft verbanden. Man war auch durch die Vortheile einer bequemeren Welt¬ U 2 verbindung bewogen worden, die neue europaͤi¬ sche Sprache einzufuͤhren. Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, wie von einem Theben oder Babilon, die Ufer der Stroͤme Lorenz, Niagara, Ohio, Susque¬ hannah, Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen Wohnplaͤtzen besaͤet. Mexiko, Luisiana, Florida waren Erdenparadiese, noͤrdlicher konnte man den Zustand der Dinge mit jenem in Spanien, Frankreich oder Brittanien vergleichen. Gegen die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrich¬ tungen von Polen oder Moskau wieder. Im Ju¬ nern des Landes waren die wichtigsten neuen Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied zwischen Nadovessiern, Huronen oder Ueberkoͤmm¬ lingen aus der alten Welt schwand immer mehr, da diese Voͤlker durch Heirathen sich verschmol¬ zen und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch war dies vielleicht auch der Grund, weshalb die Nordamerikaner, in der Mehrzahl, an Schoͤn¬ heit den Europaͤern nachstanden. Guido und sein Lehrer schoben es aber bis zum kuͤnftigen Fruͤhling auf, das Land zu durch¬ wandern. Es sollte zudem sehr fluͤchtig gesche¬ hen, dann wollten sie nach Suͤdamerika, jetzt ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa, den ostindischen Eilanden und China. Auch einen Besuch am Kaiserhofe zu Calcutta gedachten sie abzustatten, und dann, uͤber Persien die Reise um den Erdball zu vollenden. Afrika sollte aus¬ geschlossen bleiben, weil die Mißverstaͤndnisse, schon einige Zeit zwischen den Hoͤfen von Neu- Carthago und Rom obwaltend, eine bedenklichere Ansicht gewannen. Fuͤr die Gegenwart faßten sie den Entschluß, einer Reise zum Nordpol beizuwohnen, wovon einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. Sie fanden mehrere Gefaͤhrten, die sich eben in Philadelphia dazu bereiteten. Niemand sparte an den noͤthigen Summen, und so trat man den Weg bald an. Ueber das alte Land der Eskimos flog die Gesellschaft in Luftfahrzeugen dahin, ließ die Hundsonsstraße unter sich liegen. Weiterhin ward die Kaͤlte in der hohen Region zu empfind¬ lich. Man stieg nieder und bediente sich der Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis uͤber Jones-Sund hinaus noch Anbau, freilich nur in zerstreuten Huͤtten von Einwohnern, die im Sommer sich vom Fang der Meerfische, und im Winter von jenem der Robben, Seekuͤhe und anderer Amphibien naͤhrten. Einen Beweis, daß der Mensch nach und nach den Willen aller Thiere beherrschen koͤnne, fanden sie hier dadurch abge¬ legt, daß die Woͤlfe gezaͤhmt und angelehrt wa¬ ren, den Dienst der Hunde bei den Wohnungen zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich ihrer allerdings mit noch groͤßerem Vortheil. Und die Eisbaͤren, in so furchtbarer Gestalt, und einer Wildheit, von der Niemand sonst sich wuͤrde haben traͤumen lassen, sie sei je zu baͤndigen, fand man in Staͤllen, um mit ihnen dort zu reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, naͤm¬ lich jenseit des achtzigsten Grades noͤrdlicher Breite. Die Einwohner, die man wegen ihrer un¬ glaublichen Abhaͤrtung ehern haͤtte nennen moͤgen, ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbaͤren und legten artige Strecken zuruͤck, wer aber aus mil¬ deren Himmelstrichen kam, fuͤrchtete, sie nicht lenken zu koͤnnen, oder auch die zu strenge Kaͤlte im Freien, ließ sie also vor die Schlitten legen. Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad gab es noch ein Doͤrfchen, bewohnt von Verwie¬ fenen aus Nordamerika. Ihre Haͤuser waren auf hohe Saͤulen gebaut, an welche Treppen hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funf¬ zig Schuh reichenden, Verschneiung uͤberdeckt zu werden. Man sah bei dem allen hier Wohlstand, durch den Handel mit Kristall vom Pol, der schon bei den Nordlaͤndern jener Hemisspaͤhre zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, welche alljaͤhrlich ankamen, zogen. Man hielt alles fuͤr diese bereit, was ihnen zu Vollbringung ihres Vorhabens noͤthig war. Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelz¬ werke uͤberall versehn, mit Fenstern aus sehr dik¬ kem Kristall, mit kleinen Oefen, deren Zuͤge an den Waͤnden umhergeleitet waren, und die ver¬ moͤge ihrer guten Einrichung nur eines geringen Feuermaterials aus Papier bedurften, ließen die entsetzliche Kaͤlte vergessen. Der Schnee hatte eine gefrorne Decke, uͤber welche sie hingleiteten. Meer oder Land waren vollkommen gleich. Einem Schlitten, den etwa vier Wanderer einnah¬ men, folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten fuͤr die ganze Dauer der Reise. Sie bestanden aus Suppentafeln, Gallerten, Austern, Fisch¬ rogen und anderen Dingen, die viele Naͤhrkraft in kleinem Umfang verschließen. Doch nahm man auch Fruͤchte in Spiritus, sogar einiges le¬ bendige Gefluͤgel mit. Zudem vortreffliche ge¬ brannte Wasser und Weinessenzen. Ein dritter Schlitten enthielt Feuerungstoff, da uͤber diese Linie weg, weder Holz noch Gestraͤuche sichtbar wurden. Ein vierter Nahrung fuͤr die Eis¬ baͤren. Zwei Grad legte man bei dem geschwinden Lauf dieser Thiere in vier und zwanzig Stun¬ den zuruͤck, wobei man ihnen achte zur Ruhe goͤnnte, sie fuͤtterte und ein Pelzzelt uͤber sie auf¬ schlug. Auch vergaß man nicht einen kleinen Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur fuͤr sie durch die eigne zottige Haut gesorgt. Aus Hundert Schlitten bestand etwa die Karavane. Es versteht sich, daß die Reisenden schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch Schnee, Mondschein, Nordlichte oder Laternen machten, daß man die dauernde Nacht keines¬ wegs hinderlich empfand, ja von diesem fremd¬ artigen Schauspiele vieles Wohlbehagen der Neu¬ heit genoß. Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. Unfaͤlle stoͤrten nicht. Acht Tage noch, seit jenem Doͤrfchen der Verwiesenen, und der Polarstern schwebte uͤber Guidos Zenith. Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des Erdballs zu stehen, wo der gleichmaͤßige Ster¬ nentanz uns umkreist, und der Vollmond (der unsern Wanderern eben schien) nicht untergeht! Welche Fuͤlle neu angeregter Ideen! Guido umfing den Lehrer mit flammenden Dank, daß er ihm diese Entzuͤckung bereitet habe. Der Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von sibirischen Maͤusen, Eidervoͤgeln und Zobeln ge¬ huͤllt, auch das Antlitz mit einer guten Larve versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlit¬ ten entfernen, wogegen der muntere Guido Stundenlang umherschweifte, bis die Erstarrung ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn. Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere Pilger vor, die aus Groͤnland und Samojeden dem naͤmlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselsei¬ tige Unterstuͤtzung linderte die Beschwerden, gab den Untersuchungen mancher Art, welche die Naturkundigen — dies waren sie meistens — an¬ stellten, erhoͤhtes Leben. Einer darunter hatte eine erzene Bildsaͤule Newtons mitgebracht, sie hier aufzustelleu . Alle zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen sie, gebuͤhrt dem Manne gerade hier ein Denk¬ mal, der schon vor vierhundert Jahren der Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu ver¬ kuͤndigen wußte. Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte New¬ ton noch nicht. Die zackigen Spitzen erhoben sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im Strahl des Mondes, oder vom roͤthlichen Nord¬ lichte erhellt. Viel Pracht der Menschen, viele bohe Schoͤn¬ heitzauber, der gerne lieblich oder erhaben gestal¬ tenden Natur, war an Guidos Blicken voruͤber¬ gegangen, allein diese diamantnen Kolossen auf dem unuͤbersehbaren, ebnen, reinen, weißen Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niege¬ schaute, Niebewunderte. Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in ihrer Mitte. Es schien ein Vulkan, die Lava am Rande ließ es vermuthen. Wichtiger stellte sich ein dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe steigend, und hoch in der Luft nach allen Sei¬ ten zerfließend. An diesem Dampf und seiner Vermengung mit dem ganzen Luftkreis der Sphaͤ¬ roide hing die lebendige Simpathie des Magne¬ ten, deren Geheimniß aber nicht in diesem Traum der Zukunft aufgedeckt werden kann, um nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. Die Neigung der Nadel hatte mit den inneren Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf das groͤßere oder geringere Sinken der Dampf¬ saͤule wirkten, Verwandschaft. Die Naturkundi¬ gen meinten, ein Herabsteigen in den raͤthsel¬ haften Krater werde noch einst viel wesentlichere Aufschluͤsse geben, endlich wohl gar die Anziehe¬ kraft der Erde erklaͤren lehren. Waͤhrend die Versammlung mit Instrumen¬ ten mancher Art forschte, die Beobachtungen in Schlitten niederschrieb, mit aͤlteren verglich, sich neuer Ausbeute freute, (woruͤber eine Zeit der halbjaͤhrigen Nacht hinfloh, die nach dem ge¬ woͤhnlichen Maaß, vierzehn Tage enthaͤlt) waren die Maͤnner welche die Schlitten fuͤhrten, be¬ schaͤftigt, Kristallbloͤcke zu brechen, und auf die, zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen unbeladenen Schlitten, zu laden. Sie hatten diesmal vorzuͤglich geeignete Werkzeuge mitge¬ bracht und bemaͤchtigten sich auch mancher Stuͤcke von schoͤner Seltenheit. Guido nahm eins dar¬ unter, von ansehnlicher Hoͤhe und Klarheit in Beschlag, er wollte es fuͤr Ini kaufen und ihr Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, da dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz uͤbertraͤfe, und dem Diamanten, er moͤgte na¬ tuͤrlich oder kunstverfertigt sein, gar wenigen Vorzug ließ, so muͤßte dies das herrlichste Stand¬ bild auf dem ganzen Erdball werden. Und seine Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste Schoͤnheit auch die gediegenste Verewigung! Doch ein furchtbar schauderhaft Mißgeschick brach uͤber Guido herein. Dort so hinaus ge¬ wagt aus den Kreisen der Menschen, fand der Pilger auch einen maͤchtigeren, schwerer zu be¬ kaͤmpfenden Zufall. Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten sich schon entfernt, Guidos Karavane machte sich fertig, den Ruͤckweg zu nehmen. Da will der alte Gelino, dem die Umgebung des Pols ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum aus dem erwaͤrmten Schlitten wagte, doch die Glanz¬ kuppen auch noch ein wenig besehn. Sein Zoͤg¬ ling schweifte umher; er tritt allein, wohlver¬ wahrt, in das Freie, geht weiter. Durch die Verschiedenheit der Wirkungen ergoͤtzt, will er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, dringt mehr vor, verirrt sich zuletzt in dem La¬ birinth. Er waͤhlt eine falsche Richtung, wieder zu den Seinen zu gelangen, wo man ungluͤck¬ licher Weise seine Abwesenheit spaͤt bemerkt. Nach einigen Stunden koͤmmt Guido, dessen kraͤftige Natur sich schon gewoͤhnt hatte, lange im Freien auszuharren; eben will man abfahren, die Baͤren sind angespannt. Er findet den Alten nicht, ruft, sucht in der Naͤhe. Umsonst! Bange um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste was es wolle, den Greis auszuspaͤhn. Daruͤber entfliehen Stunden. Die Reisege¬ sellschaft sucht nun beide, doch mit Vorsicht, und den Kompaß zur Hand. Gelino wird bald gefunden, doch — starr am kalten Boden. Man bringt ihn zu den Schlitten, erwaͤrmt ihn, wen¬ det Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der Greis ist dahin, erlag dem Angriff toͤdtlicher Kaͤlte. Die Erschrockenen beben nun fuͤr den Juͤng¬ ling, denn so lange schon ist er von der Waͤrme fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. Ein hohes Feuer lassen sie empor lodern, Schuͤsse sollen dem Verirrten seinen Weg deuten, seine Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht gefunden. Endlich kann Niemand mehr an sein Leben glauben, die Sorge fuͤr eigne Rettung mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorraͤthe sind berechnet. Man laͤßt jedoch, auf den un¬ denkbaren Fall, einen kleinen Schlitten zuruͤck, den Baͤren davor, Speise, Getraͤnke und Feue¬ rung. Den mag er nehmen und nacheilen, wenn er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschließt sich, zu weilen. Guido hat unterdessen auch fruchtlos den Ruͤckweg gesucht, seine Angst um den Alten ihn zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schuͤsse hat er nicht mehr vernommen, kein Feuer er¬ blickt. Endlich, nach vielen bangen Stunden, fast verzweifelt in Gram, das Haar emporge¬ straͤubt durch die eigne Noth, da er kaum noch ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, auf den Polarstern blickend und durch schnellen Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach dem Platze zu kommen, wo die Karavane stand. Er sieht einen Schlitten, und athmet wieder Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft er sich hinein, die waͤrmere Luft ist das drin¬ gendste. Vielleicht kam Gelino selbst, denkt er, und entschlummert auf die schwere Ermuͤdung ploͤtzlich. Beim Erwachen, das vermuthlich spaͤt er¬ folgt, ist die Betaͤubung, welche vorhin uͤber ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. Warm und regsam wieder, peinigt ihn auch die Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er zuruͤckkehrte? Hinaus zu fragen! Er meidet den Schlitten, wird aber keinen anderen inne. Keine Antwort auf sein Rufen. Was heißt das? Wer nennt jedoch des Armen grausenden Schrecken, da er, kaum im Mondlicht lesbar, die Worte an den Schlitten geheftet fand: „Ungluͤcklicher! lebst du noch, so folge eilig. Der Baͤr ist der schnellste, wird uns einholen. Nothwendigkeiten ließen wir dir. Feuer sollen von Zeit zu Zeit brennen, daß du so weniger vom Pfade irrst.“ Guido wußte nicht, ob er traͤume. Ihm schauderte in der graͤßlichen Einsamkeit. Wo ist mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum davon nichts? O Himmel! nein, der haͤtte mich nicht zuruͤckgelassen! Und doch was soll ich thun? Ich muß nachfliegen! Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine Flamme winkte in der Ferne. Sein Kompaß, wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan! Nun dachte er die Zuͤgel des Baͤren zu er¬ greifen. Entsetzen! grausames Entsetzen! Der Baͤr lag erfroren. Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen Stunden muͤsse diesem Augenblick gefolgt sein, denn als er wieder klar denken konnte, sah er von jener fernen Flamme nichts mehr. Fuͤnf¬ Fuͤnftes Buͤchlein. Guidos Einsamkeit. S o war er denn verlassen, am Eispol verlassen, in tiefer, grimmiger Nacht; um ihn die Oede der kalten Wuͤstenei, nichts ihm winkend, als Tod. Grausame Gefaͤhrten! Ach! rief er aus, noch hab' ich selten mit dem Schicksal gekaͤmpft. Mein Leben laͤchelte froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit edlem Ruhm zu schmuͤcken, die Liebe erhob mich uͤber das Leben; doch nun, nun schlagen die Gewitter desto zorniger uͤber mich zusammen. Hier retten nicht Muth noch Kraft, hier muß ich enden! o Ini, Ini! Doch sollte abermal ein Dolch in das gequaͤlte Herz sinken. Indem er seine Klagen laut hinaus¬ weinte in die starre Luft, um den Schlitten irrend die Haͤnde blutig rang, sah er in einiger X Entfernung einen dunkeln Strich auf dem lich¬ ten Schnee, er nahte, es war eine menschliche Gestalt er kam hinan — es war Gelinos Leichnam! Er sank daran nieder in wildem Ungestuͤm, uͤber den neuen Schmerz den alten Jammer ver¬ gessend, kuͤßte das kalte Antlitz mit heißen Thraͤ¬ nen, dann riß er den Koͤrper auf, lud ihn auf die Schulter, trug ihn an den Ofen des Schlit¬ tens, hoffte noch Leben in ihm zu wecken. Wie man denken mag, war dies Streben ei¬ tel, auch kein Sturm der Klagen ruͤttelte den Todten auf. Doch mochte die traurige Auffin¬ dung gluͤcklich fuͤr Guido sein, die regsame Muͤhe gab seinem doppelt schreckenerstarrten Blute wieder Umlauf und zerstreute den Blick auf sein Elend, auch sah er zu dem Feuer im Ofen, das er vielleicht sonst haͤtte erloͤschen lassen. Mit einem Schlummer aus Entkraͤftung mußte dies Treiben zu Ende gehn. Neben dem Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, un¬ ter den naͤmlichen Fellen womit jener bedeckt war, schlief Guido fest ein. Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren Welt voruͤber. Ini, noch von hoͤherer Schoͤn¬ heit umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, trat aus einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine Hand und lispelte mit himmelvollem Laut: „Den Starken pruͤfe schweres Leid. Weise for¬ sche er in der reichen Kraft, sie birgt Huͤlfe. Wir sehn uns wieder!“ Hier trat sie in die Wolke zuruͤck, die sie dicht umhuͤllte und nach dem fernen Horizont zog, sich weit als eine lichte Morgenroͤthe verbreitend. Ueber diese Mor¬ genroͤthe ging dann die Sonne auf, die Schnee¬ gefilde wichen ihr ploͤtzlich, und ein lieblicher Fruͤhling bluͤhte. Von dem duftendsten Baume sang eine Nachtigall in dem Idiom der Melo¬ die: „Wir sehn uns wieder,“ und Guido er¬ wachte. Ihm war, als ob er die Beruͤhrung der lei¬ sen Geisterhand noch fuͤhle, als ob sie neues Leben durch alle seine Adern gegossen haͤtte. Er sprang auf, eilte hinaus. „Wir sehn uns wie¬ der,“ umtoͤnte es noch den getaͤuschten Sinn uͤber¬ all, von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein Echo es zu wiederholen. Ja! rief er froͤhlich, ich will mich kaͤmpfend ermannen gegen mein Elend, du, heilige Goͤttin! giebst mir Staͤrke. X 2 Er sann nach. Nicht unmoͤglich war es ja, daß andere Reisende noch ankaͤmen, und ihn zu den Wohnungen der Menschen braͤchten, er mußte sich erhalten, daß in diesem Fall sie ihn lebend faͤnden. Der Schlitten ward untersucht, nachdem des Greises Huͤlle hinausgetragen war. Lebensmit¬ tel? Ja, duͤrftig, auf die Zeit eines Monats etwa. Auch Feuerung. Langte bis dahin ein Retter an, war das Leben zu fristen. Also muthig. Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, als es nur sein konnte, gab sich wechselnd Be¬ wegung im Freien, und erwaͤrmte die Glieder. Der Gedanke an seinen Traum war ein Balsam. Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die dieser Balsam vor Zerstoͤrung bewahrte. Es war um Neujahr, als der Eremit ver¬ lassen worden, der traurige Monat schwand bald hin, noch mangelte ihm aber nichts, so kaͤrglich hatte er gewaltet. Aber auch kein Wanderer nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung auf¬ geben? „Wir sehn uns wieder,“ hatte das Traumgesicht verkuͤndet. Noch ein Monat floh hin, nun war keine Speise mehr vorhanden. Nun glaubte er das Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir nicht mehr sterben, sagte er sich, dort seh ich Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eis¬ baͤren am Schlitten. Daran hatte er noch nicht gedacht. Die Kaͤlte hatte ihn vollkommen er¬ halten. Freudige Ueberraschung! Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied da¬ von traf Anstalt es zu braten. Herrliche Kost in der Noth! Das Thier war groß. Wirklich konnte er Monate lang davon zehren. Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur auf wenige Tage noch, nach dem Maaße von dort, wo Tag und Nacht gewoͤhnlich wechseln, gab es Stoff die kleine Flamme zu unterhalten. Wohlan, Ergebung! Da wachte Guido einst von einem starken Getoͤse auf. Was ist das? Er sieht hinaus. Eine hohe Feuersaͤule. Der nahe Vulkan speit Schlacken-Hagel um ihn, Lava schlaͤngelt sich in Baͤchen an den Gletscherkuppen, und versin¬ ket im geschmolzenen Schnee. Fuͤrchterlich erhabenes Schauspiel, doch freu¬ debringend dem, der allein vom Feuer Ret¬ tung hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von der Flammensaͤule, gluͤhende Schlacken genug, sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln, und den ganzen Ueberrest des Baͤren daran ge¬ nießbar zu machen, der dann weiter weggetra¬ gen wird, wo der Schnee nicht mehr an den Gluten zergeht. Eben dies muß mit dem Schlit¬ ten, der schon tief einsank, muͤhevoll geschehen. Der Vulkan ruht, speit wieder, hoͤrt auf. Die Erfahrung belehrt Guido, daß die Schlacken lange fortgluͤhn, im Krater sieht er ungeheuern Vorrath davon. Er darf nichts mehr fuͤr sich vom Frost fuͤrchten, doch ach! die Hoffnung auf Reisende kann er nicht laͤnger naͤhren, schon ist es im Maͤrz, wer wird sich noch hieher wagen? Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer zum Pol dringen koͤnnen, durch das Treibeis auf dem Meer und uͤberschwemmten Lande abgehal¬ ten Zu einer Luftfahrt war es zu weit von be¬ wohnten Ortschaften, man fuͤrchtete den Mangel an Lebensnothwendigkeit. Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, dachte Guido, die Phantasie immer noch mit seinem Traum gefuͤllt. Jetzt umschimmerte ihn ein roͤthlich Licht, das nicht mehr, wie sonst der Nordschein, wich, sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm allein hier den Gang der Zeit sagte, ließ ihn nicht zweifeln, das roͤthliche Licht sei die Daͤm¬ merung des halbjaͤhrigen Tages, der uͤber dem Rande der Sphaͤroide anbrechen wollte, denn die Tag- und Nachtgleiche des Fruͤhlings war da. Immer mehr Helle, ein gluͤhenderer Schein, der in vier und zwanzig Stunden um den sicht¬ baren Horizont lief, und an Herrlichkeit zu¬ nahm. „Gewiß, gewiß die Morgenhelle. Ich werde die Sonne noch einmal sehn, und dann sterben.“ Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe aus dem fernen Rand emporstieg, wo Aether¬ blau und Schnee sich schieden, nach jedem Um¬ gang voller, endlich ganz heraus getreten, um nun sechs Monat zu weilen! Guido vergaß in der Trunkenheit des Entzuͤckens, in die Zukunft zu schaun, der Anblick der Gegenwart riß ihn allein hin. Je hoͤher die Sonne stieg, je reitzen¬ der wurde auch das bunte Feuerspiel jener be¬ strahlten Kuppen, die nun ihren Glanz viel hel¬ ler und in mannichfacheren Farben zuruͤckgaben. Noch konnte Foͤbos den Schnee nicht schmel¬ zen, aber die Kaͤlte ließ merklich an Grimm nach. Bald ward aber der Boden feuchter und feuchter, die Gletscher traten mehr hervor. Guido suchte einen breiten Felszacken, den Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu retten, denn er befuͤrchtete stroͤmende Flut. Dies traf auch nach einem Monate ein, wo er denn sehr peinlich auf dem Fels weilen mu߬ te, doch verlief sich das Wasser, und breite Thaͤler entdeckten sich Guidos Blicken, von brau¬ senden Gießbaͤchen durchwogt. Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, den noch uͤbrigen Vorrath nicht vergessend. Nicht ohne Gefahr, und manche Muͤhseligkeit duldend, konnte es geschehn. Doch sah er auch, wie die immer scheinende Sonne nun aus der Hoͤhe mit wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. Kaum waren niedrige erdige Huͤgel von der Winterdecke befreit, als auch Gras und Kraͤuter schnell sie deckten, und zu Guidos froher Be¬ fremdung Gefluͤgel ohne Zahl sich einfand. Be¬ sonders sah er Heere von Eisvoͤgeln, die sich ins hohe Gras bargen, und ihn hoffen ließen, er wuͤrde an ihren Eiern neue Nahrung finden, woran es ihm nun entschieden gebrach. Die Hoffnung betrog den kuͤhnen Ausdaurer nicht. Nest bei Nest ward gefunden, die Eier waren schmackhaft und naͤhrend. Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der stand auf dem Gletscher, der hoch uͤber ihn ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen Kaͤlte zu schirmen, sondern gegen flammende Hitze, die um so druͤckender war, als der leuch¬ tende Koͤrper, von dem sie niederbrannte, nicht mehr unterging. Guido empfand sogar Krank¬ heitanfaͤlle von dem ungewohnten Wechsel, doch waren auch Kluͤfte in den Thaͤlern vorhanden, wohin er sich bergen konnte, und er saͤumte auch nicht, sie dicht mit Gras zu uͤberdachen. Zudem badete er oft in den kalten Gießbaͤchen, oder fluͤchtete hinter Gletscher, uͤber welche auch der anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. Uebrigens hielt die Witterung den gleichmaͤßig¬ sten Schritt. Stuͤrme gab es an der Achse nicht, weil nur der Umschwung des Erdballs sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach dem Fruͤhling mehr nieder, klar blieb der Aether. Nun entwarf Guido einen Plan fuͤr die Folge. Ohne Zweifel, sagte er sich, langen im naͤch¬ sten Winter Reisende an, gelingt es mir, mich bis dahin zu erhalten, bin ich nicht verloren; also, neuen Muth! Er suchte von den Vogeleiern eine betraͤchtliche Menge zusammen, und trug sie an jenen Glet¬ scher hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. In Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, meinte er, wuͤrden sie dauern. Spaͤterhin fand er junge Voͤgel in eben solcher Zahl, toͤdtete sie und grub sie in den Schnee tiefer Hoͤlen, der nicht zerging. Manche wohlschmeckende Kraͤuter und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt er fleißig ab, breitete es auf den Boden. Ge¬ doͤrrt sollte es ihm einst zur Feuerung dienen. Bald hatte er von dem allen so viel gesam¬ melt, daß er mit Zuversicht in den naͤchsten Winter blicken konnte. Betruͤgt mich dann meine Hoffnung nicht, sagte er zu sich, darf ich es nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel eines halbjaͤhrigen Tags, der Erste von den Sterb¬ lichen, gesehn zu haben. Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich na¬ turkundigen Untersuchungen hin, entdeckte viel, wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wußte, schrieb das Hauptsaͤchliche seiner Bemerkungen, so gut es gehn wollte, auf der Innenseite eines Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und er¬ wartete sehnlich das Spaͤtjahr, da die Sonne schon merklich sank. Nach grade fielen die aufgestiegenen Duͤnste in Regen, dann in Reifgestalt nieder; die Zug¬ voͤgel hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde die Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die Kaͤlte nahm merklich uͤberhand, indem die roͤ¬ theren Sonnenstrahlen immer schwaͤcher die Luft durchwaͤrmten, und ehe sie noch ganz unterge¬ gangen waren, verhuͤllte schon der dichte Schnee¬ flor in den Luͤften ihren Anblick. Oede war der langen Nacht trauriger Anbruch. Guido trug seine Vorraͤthe immer hoͤher; nach jeden Schlummer bemerkte er, wie der weiße Teppich angewachsen war, auch durch den zunehmenden Frost gehaͤrtet. Das Verlangen nach Schlitten und Ofen wurde groß, meistens waͤrmte er sich nur durch die angestrengte Arbeit, seine Nothwendigkeiten von Zacken zu Zacken des Gletschers tragend, in dem Maaße, als die Schneegebirge die Thaͤler mehr fuͤllten. Dann zuͤndete er mit seinem Feuerrohr duͤrres Gras an, und schlummerte. Endlich nahm die Schneedecke jene alte Hoͤhe wieder ein, Guido war zu seinem Schlitten ge¬ kommen, und hatte auch diesen fluͤchten koͤnnen, indem er ihn nur immer etwas aus dem letzten Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit Voͤ¬ geln, Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath davon in eine Hoͤhlung des Gletschers, nahe an seiner Spitze, gebracht. Das duͤrre Gras stand in einer hohen Piramide. Gelinos Koͤrper fand er nicht mehr. Den Platz auf einer flachen Steppe, wohin ihn der Juͤngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit Schlacken und Lava uͤberdeckt, ohne Zweifel ihn so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der That! Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht so bereiten. Nach und nach hoͤrte das Schneien auf, grimmiger bleibender Frost folgte. Mond, Ster¬ nenlicht, Meteore, brachten die Erscheinungen des vorigen Jahres abermal hervor. Guido, wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten ging die gute Erwaͤrmung nicht ab, er hatte nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte auch damit wechseln. So harrte seine Sehn¬ sucht der Mitte des Winters entgegen, und wankte die freundliche Hoffnung, richtete ihn die Weissagung des Traumes, an die er schwaͤr¬ mend glaubte, wieder auf. Sechstes Buͤchlein. Schluß . N icht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte erging er sich einst zur Bewegung, da vernahm sein Ohr fremde Laute. Er horcht, hoͤher wallt und wogt es in der Brust, er wendet das Auge nach dem Ton hin — ein heller Fleck am Ho¬ rizont! Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee Daͤmmerung. Desto deutlicher die Flamme dort sichtbar, wie sie sich vergroͤßerte. Der antrei¬ bende Zuruf fahrender Maͤnner zu unterscheiden, oft ein Geheul von Baͤren. Guido warf sich auf sein Angesicht. Du un¬ begreiflicher Gott, dem ich hier oft den Geist empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den Menschen bringen. Dank, dank, wenn du auf mich siehst! Der Schlittenzug kam naͤher, hielt jedoch seitwaͤrts von der Stelle wo Guido sich aufhielt. Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb aber verwundert stehn, als er seinen Namen vielfach nennen hoͤrte. Wie wissen diese Reisen¬ den von mir? fragte er sich. Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vo¬ rigen Jahre. Ein ansehnlicher Mann war aus¬ gestiegen, und rief: Ich muß Guidos Leichnam finden, sonst — ich muß seinen Leichnam fin¬ den, sonst kehre ich nicht nach Rom zuruͤck, wie¬ derholte der Mann aͤngstlich. Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin Guido. Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles auf ihn. Niemand schien zu glauben, zu begrei¬ fen. Er ist es, fing endlich einer aus dem Hau¬ fen an, im vorigen Jahre die Reise theilend. Wir harrten lange auf dich, suchten, gaben Zei¬ chen. Da wir den Leichnam des Alten fanden, mußte Jedermann auch auf deinen Tod schlie¬ ßen. Die eigne Sicherheit gebot uns Entfer¬ nung, doch blieb noch ein Fuhrwerk da — Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, es gelang, mich zu erhalten, daß ich froh der Rettung entgegen athme, moͤgt ihr denken. Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun jener angesehene Mann aus, dem zeither Be¬ fremdung den Mund versiegelt hatte. Und kaum hoffte ich die theuren Reste noch zu entdecken, hielt es unmoͤglich — Und wer bist du? fragte Guido, heiße Ver¬ wunderung in der Stimme. „Lelio ist mein Name.“ Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers? „Der naͤmliche! Um die Zeit, wo du von Lissabon dich nach Amerika gewandt hattest, bra¬ chen die Kriegflammen mit Afrika aus. Um¬ sonst waren alle Bemuͤhungen den Frieden zu erhalten. Das Heer, in Eilzuͤgen aus Moskau nach Kalabrien ruͤckend, sollte einen Feldherrn waͤhlen. Die einmuͤthige Stimme nannte dich!“ Mich, mich! rief Guido mit entzuͤcktem Staunen. „Dich! Vom Strategion wurde zur hohen Freude des Kaisers die Wahl bekraͤftigt. Daß sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, ver¬ steht sich.“ O wie viel Milde, wie viel Guͤte ließ mir die¬ dieser Großmonarch schon angedeihn. Ich Un¬ gluͤcklicher, der so selten ihn sah, noch nie ihm danken konnte! „Eilboten flogen nach Portugall. Da warst du nicht mehr. Ein Schiff konnte die schneller bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Phila¬ delphia anlangte, hatte dich edle Neugierde zum Pol gefuͤhrt. Man saͤumte nicht, dir nachzusen¬ den. Ueberall kamen die Boten zu spaͤt, und er¬ fuhren von der ruͤckkehrenden Karavane dein Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. Mit dem hoͤchsten Schmerz vernahm es der Kai¬ ser. Ihm schien unendlich viel an den jungen Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der sonst so gleichmuͤthige Mann beinahe dem Kum¬ mer erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht nannte. Es blieb am Ende nur der traurige Trost uͤbrig, deinen Leichnam zu suchen, und ihn nach dem Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war es unmoͤglich den Nordpol zu erreichen, kaum aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen mußte, um jeden Preis deine Huͤlle zu erspaͤhn. O welch Gluͤck wurde mir! seine Freude wird so die Schranken uͤberfliegen, als jener Gram, Y von dem immer noch sein zerstoͤrtes Herz sich nicht ermannen konnte.“ Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt mich der Kaiser! Was soll ich thun, dieser Liebe wuͤrdig zu sein! „Der Krieg begann. Die Flotte aus Brit¬ tannien nahm das Heer ein. Auf der mittellaͤn¬ dischen See traf sie jene gefuͤrchtete aus Neu- Karthago. Eine neue Erfindung, welche der Ruhm dir zuschrieb, machte, daß der Sieg sich zu uns neigte. Das Heer konnte in Afrika ans Land steigen. Doch hier wandte sich das Gluͤck. Die Unsrigen, mit großer Uebermacht im Kampfe, verloren eine Hauptschlacht. Der Feldherr, dem man einige Schuld gab, sank. Nachdem der Tapferen eine große Zahl gefallen war, mußten sie zuruͤck auf die Schiffe. Diese, nicht mehr ge¬ hoͤrig bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Nea¬ pel ein, waͤhrend die Feinde Sizilien besetzten, wo die rohen Negerhorden der Afrikaner wilde Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, die Insel ihnen wieder zu entreißen.“ Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst du weilen? Wie truͤben diese Nachrichten meine Wonne! „Ein neues Heer steht jedoch in Italien. Eile, den Feldherrnstab zu nehmen!“ Fort, fort! schrie Guido, keine Minute laͤn¬ ger. Noch einen bethraͤnten Blick warf er auf des Lehrers Grab, unter dem Lavahuͤgel. Die Karavane brach sogleich zum Ruͤckwege auf. Was ihn nur beschleunigen konnte, wandte man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido schon wieder in Philadelphia. Dort stand noch sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf das schwimmende Eiland, zur Reise uͤber den Atlan¬ tus gedungen, die sogleich angetreten wurde. Er mied waͤhrend dieser Zeit das Zimmer nicht, einen Plan zu dem Feldzuge auszuarbei¬ ten, selbst staunend uͤber die vielen genievollen, kuͤhnen, niegekannten Huͤlfsmittel, die sich ihm aufdrangen, die hellen, gediegenen Resultate von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in einen Fokus zusammenstrahlend. Nicht hatte er diesen uͤppigen Reichthum an Einfall in sich ge¬ ahnt, und schwelgende Gefuͤhle erfinderischer Wollust roͤtheten sein Antlitz flammender. In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg sogleich mit dem Vertrauten des Kaisers in eine Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den Y 2 Posten von Alikante, Palma, Cagliari sah er, so viel es nur sein konnte, zu der Anstalten Eil, und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Rei¬ sende, zu Rom ein. Noch hatte er die Hauptstadt von Europa nicht gesehn, doch wuͤrdigte sein Drang sich dem Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, den mit Gold gedeckten Tempel der Unsterblich¬ keit, den Buͤhnen, Termen, keines Blickes. Kaum legte er ein ander Gewand an in der Herberge. Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem Kaiser sein Gluͤck zu melden. Dieser breitete die Haͤnde dankend gen Himmel aus, schloß Guido, der gleich folgte, bebend in seine Arme, und fuͤhrte ihn stumm ins Strategion, das grade eine Versammlung hielt. Die Raͤthe bewillkommten ihren Gebieter mit Ehrfurcht, zugleich uͤberrascht bei der seltenen Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht gleich konnte er noch zu Worte kommen, dann sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals fuͤhrend, und sprach: Ihr Vaͤter, ich stelle euch meinen Sohn vor! Der Juͤngling starrte. Entzuͤcken loderte auf jeder Wange. Niemand vermogte zu reden. Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug ließ ich ihn fern von mir erziehen. Urtheilt, was mein Vaterherz empfand, wenn er mit so fruͤhem Ruhm sein jugendlich Haupt bedeckte. Von meinem Schmerz bei jener bangen Kunde wart ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine Brust zerriß, nicht sagte ich es euch, denn im¬ mer noch schimmerte mir eine strahlende Hoff¬ nung. Sie hat Wort gehalten! Guido umfaßte seine Knie, Tausend jubelnde Gluͤckwuͤnsche, nicht von Schmeichelei, sondern von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im Saale laut. Die Nahverwandten brachen in suͤße Freudenthraͤnen aus. Nun fuͤhre er das Heer, rief der Kaiser. Mit Schmerz entlasse ich ihn wieder, doch des Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der Held, durch einmuͤthige Wahl gerufen. Er fuͤhre es! rief alles. Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waf¬ fenleben und kehre nicht wieder, als meiner Ge¬ burt und deiner Milde werth, stammelte Guido, in heiliger Ruͤhrung. Der Vater umarmte ihn wieder. Nach sei¬ nem ersten Siege pruͤfe ihn der Voͤlkerrath, und erklaͤre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn ich will fortan des hohen Alters Sorge mit ihm theilen, sprach er. Neuer freudiger Zuruf! Doch — wenn Gui¬ dos Augen das Entzuͤcken so vieler neuerwachten Gefuͤhle verkuͤndeten, so uͤberzog ein Dunkel seine Stirn, das Jedermann wahrnahm, allein Niemand zu erklaͤren wußte. Auch der Kaiser fand dies ploͤtzliche Versin¬ ken in nachdenkenden Ernst raͤthselhaft. Schnell aber fing er an: Ich errathe ihn. Er ließ den edlen Gelino am Pol, wie mein Vertrauter er¬ fuhr. So lange vertrat mich der Greis beim Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. Der Staat verdankt ihm die Bildung seines kuͤnf¬ tigen Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies Verdienst. Sucht den Leichnam, baut ihm ein Grab, das die Nachwelt ehre! O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. Die Natur baute ihm selbst einen Obelisk. Doch sein Standbild last uns daneben erhoͤhn, wo Newtons Denkmal steht. Gewaͤhrt, mein Sohn! rief der Kaiser, und was du sonst bitten willst, deine Liebe ver¬ traue mir. Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig und heiter, nach meiner ersten Schlacht, ergreif ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend. Wohlan, sprach der Kaiser. Man verließ das Strategion. Guido em¬ pfing die Feldherrnumgebung, hing noch mit dem schoͤnen Ungestuͤm neuempfundener Kindes¬ liebe, an der Brust des klagenden Vaters, und riß sich dann maͤnnlich weg, der Stimme des Ruhmes zu folgen. Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mußte er bekaͤmpfen, bei allem Gluͤck der Hoheit, das ihn uͤberrascht hatte. Ach, sagte er sich oft un¬ terwegs, den Feind uͤberwinde ich wohl, doch mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den ich ungluͤckselig fuͤrchte. Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauch¬ zendem Beifallgetoͤse auf. O haͤtte uns Guido in Afrika gefuͤhrt, rief alles, wir feierten Trium¬ phe wo wir gebeugte Ueberwundene seufzen! Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. Freudig nahm man die neuen Anordnungen auf, ihre Weisheit bewundernd. Guido ließ keinen Augenblick ohne Thaͤtigkeit entfliehn. Jedem alten Gebrechen ward abgeholfen. Begeisterung stroͤmte in jede Brust. Dann eilte er zur Flotte, die man ausge¬ bessert hatte und gab Befehl die Truppen einzu¬ schiffen. Nicht weit von Palermos Vorland traf man auf den Feind, der mit neuer Ueber¬ legenheit heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens Gestade zu betreten. Der große Kampf begann. Reiche Ernten hielt der Tod an beiden Seiten. Mit Goͤtter¬ kraft leitete der jugendliche Feldherr. Seine er¬ fundene Vorrichtung, noch jetzt vervollkommnet, brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem feind¬ lichen Schiffe nahen konnte. Und das geschah oft, denn trotz dem Flammenregen von Oben, trotz der Taucher Heimtuͤcke in den Wogen, trotz dem todbringenden Donner der Batterien, gegen welche die Kunst sich mit weiser Beson¬ nenheit vertheidigte, drang man desto kuͤhner an, nachdem Guidos Fahrzeug das erste leuchtende Beispiel gegeben hatte. Viele Galleonen der Afrikaner lagen im Meere, ihre Linie war durchbrochen, die hart¬ naͤckige Abwehr auf den Fluͤgeln uͤberwaͤltigt, der feindliche Feldherr den Heldentod gestorben. Der Nachfolger jedoch gab uͤber das eindringende Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueber¬ rest retten und ließ die Signale zum Ruͤckzug wehen. Einige Schiffe folgten, andere, deren Mann¬ schafft zwischen Tod und Sieg waͤhlen wollte, nicht. Desto mehr Vortheil fuͤr die Europaͤer in jener Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen und mußten, da dennoch kein Ausgang zu fin¬ den war, und sie ein Fahrzeug nach dem an¬ dern in die Wogen versenkt sahen, sich ergeben. Guido ließ sie nach Neapel bringen, sandte eine Abtheilung gegen Sizilien, das Eiland vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anfuͤh¬ rer mit heißklopfendem Herzen auf, von Athania und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn. Dann folgte er den Fluͤchtigen eilig. Man¬ che davon fanden ihr Verderben noch vor der Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und stellten sich in festen Verschanzungen auf, eine Landung abzuschlagen. Guido kannte den Werth der Minute. Jene hatten sich noch nicht entwickeln koͤnnen, da sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an die Kuͤsten und stuͤrmte ihre Waͤlle. Die Mi¬ nire wuͤhlten erst Graͤber, als die schnelle Kuͤhn¬ heit schon uͤber sie hinaus gedrungen war. Bald waren auch Guidos Reuter auf dem Boden und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger tru¬ gen den Preis uͤber ihre Gegner davon, weil sie sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen Ge¬ schosses bedienten, das jene noch nicht kannten. Bald war die Verwirrung unter den Afrikanern allgemein, sie mußten eine andere Stellung su¬ chen, und das europaͤische Heer ward vollend ausgeschifft. Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, ordnete eine zweite Schlacht, die mit Anbruch des folgenden Tages begann. Die Afrikaner hetzten angelehrte Tiger und Loͤwen in die Rei¬ hen, Guidos Schuͤtzen erlegten sie lachend. Tau¬ sende von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf ihren Ruͤcken kleine Kastelle, donnerten daher uͤber den Boden. Sie waren dem Heere aus Neu-Karthago zu Huͤlfe gesandt. Guidos Bat¬ terien standen so vortheilhaft, seine großen Roͤhre wurden so gut bedient, daß die Ungeheuer bald den Sand mit ihren Kadavern deckten. Leichte Schuͤtzen bedienten sich ihrer als Waͤlle, und tra¬ fen, mittelst der von Guido erfundenen Glaͤser, ungesehen ihren Feind. Dichte Negerschaaren, wuthtrunken durch Opium und ein mit vor¬ uͤberfliehender Tollheit fuͤllendes Kraut, drangen gleich schwarzen Hagelwolken daher und uͤberzogen den Boden der hellen Gefilde mit Nacht. Bald schwieg ihr Mordruf und Blutstroͤme rannen zwischen den dunkeln Leichnamen hin. Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Hoͤhe den Streit zu uͤberblicken. Zeichen lenkten den Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist uͤberwogen hier, dort die Zahl, die Tapferkeit druͤckte mit gleicher Schwere auf die Waage. Doch entschied der Genius endlich, die Afrikaner flohen. Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, nachdruͤcklicher Verfolgung, und besah den Graus der Wahlstaͤte. Nicht, wie vordem einst, durch¬ gluͤhten ihn die Sieggefuͤhle mit Entzuͤcken, schwermuͤthig sann er uͤber die verderblichen Lei¬ denschaften, welche Voͤlker anreitzen, sich zu er¬ schlagen. O, wann wird das enden! rief er, wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen Hainen und Auen, Brudersinn die Zwietracht ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Taͤu¬ schung, hatte sein Gemuͤth noch mehr in Ein¬ klang mit der besseren Weltmoral gebracht, die Inis reine Brust athmete. Ging er auch noch mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank nun dennoch eine Thraͤne auf seinen Lorbeer, und alle Triumphjubel, alle Gluͤckwuͤnsche konn¬ ten ihn nicht erheitern. Er ordnete uͤbrigens den Krieg wie zuvor, und sandte abermal nach Rom Meldung; denn schon nach dem Siege auf den Fluten war es geschehen. Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. Das Eiland war genommen, die meisten Trup¬ pen der Gegner dort gefangen, doch die Frage, welche sein Herz so nahe anging, blieb ohne Auskunft. Man hatte von Athania seit laͤnger als einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen. O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit verstrich, ohne daß ein Brief mich gesucht haͤtte. Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes theilen, und den Juͤngling vergessen wollen, der, ein Europaͤer, Afrika bekriegen muß? Dies waͤre grausam, grausam! Aber wenn auch deine Liebe noch fortgluͤht, wenn sie hoͤher als das Leben der Phantasie empor¬ flammt, was wird aus dem Kaisersohn werden? Die Schlacht ist gewonnen, aber darf er auch mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? Wird er nicht zuͤrnen, daß in des Helden Brust eine andere Leidenschaft, als die fuͤr den Ruhm gluͤhte? Wird er nicht fordern, daß ich eine Gattin aus den hohen Geschlechtern erkiese? Doch muß ich ihm das Herz offenbaren. Der Feind zog weiter ins Land; Guido ge¬ wann Freiheit, Neu-Karthago, die stolze Wett¬ eifrerin mit jener Stadt im tiefen Alterthum, der sie Namen und Standpunkt abborgte, zu belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon flie¬ hend entfernt, den Weg zu einer anderen großen Hauptstadt im Innern von Afrika genommen. Diese lag an den Quellen des Senegal, war aber noch weit von der Vollendung entfernt, welche man ihr zu geben dachte. Es wird hier noͤthig, die Geschichte dieses Erdtheils in den letzten Jahrhunderten nachzu¬ holen. Gegen das Ende des neunzehnten waren es endlich die Europaͤer muͤde, Hohn und Schmach von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. Ein Heer setzte nach Algier uͤber, nahm diese Stadt ein, zertruͤmmerte die Regierungen von Tunis, Tripoli, und breitete sich nach und nach von einer Seite bis Egipten, von der anderen bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden von Afrika eine europaͤische Kolonie, wohin große Auswanderungen geschahen. Die Kultur bluͤhte auf, Neu-Karthago wurde gegruͤndet. Man untersuchte das immer noch unbekannt ge¬ bliebene Innere. Doch vermochten die neckenden Streifereien der Sultane von Darfur und Borun, die Anfaͤlle der schwarzen Nazionen von Gago, Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit der suͤdlichsten Wohnplaͤtze, immerfort Krieg zu fuͤhren, und vertheidigend eroberte die bessere Kunst. Nach Hundert Jahren gehorsamte halb Afrika. Die Schwierigkeit, das große Ganze zu uͤber¬ blicken, machte, daß gluͤckliche Heerfuͤhrer Koͤ¬ nigreiche empfingen, wiewohl abhaͤngig vom Mutterstaat. Mancher Zwist unter ihnen selbst, der Stolz auf die Gesammtkraft, die meerge¬ trennte Lage, brachten sie aber zuletzt auf den Entschluß, ihr Verhaͤltniß von dem europaͤischen zu trennen, und selbst einen Kaiser zu waͤhlen. Vergebens kriegte Europa, sie behaupteten ihre neue und allerdings kluge Verfassung, um so mehr, als die aufgeklaͤrteren Maͤnner unter ih¬ ren Gegnern ihr selbst Beifall gaben. In dem folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft der Christen in Afrika noch weiter aus, und ge¬ gen das Ende des ein und zwanzigsten Jahr¬ hunderts, gehoͤrte, bis zum Vorland der guten Hoffnung, alles unter die Obergewalt des Kaisers. Er fiel in einer Schlacht gegen die Voͤlker von Monomotopa, und seine Gemahlin, reich an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter Minderjaͤhrigkeit die Staatgeschaͤfte weislich, und suchte die noch wilden Sitten der farbigen Na¬ zionen in Einklang mit jenen der Ankoͤmmlinge zu bringen, was auch, obwohl langsam, gelang. Doch Europa forderte Entschaͤdigungen, welche man versagte, politische Besorgnisse, das neue Reich koͤnne zu furchtbar werden, traten hinzu, und jener Krieg, von welchem oben die Rede war, entspann sich. Hegte schon diese andere Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der Kaiser von Europa moralisch genug, die blutige Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht alles guͤtlich ausgleichen lassen, man mußte die Waffen um Entscheidung anrufen. — Zu Guido zuruͤck. Er belagerte Neu-Kar¬ thago mit aller schrecklichen Kunst. Die Ver¬ theidigung stellte sich jedoch eben so gewaltig entgegen, und manche Woche verstrich, ehe ein Theil die Meinung schoͤpfen konnte, er habe Vortheile uͤber den andern errungen. Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg ließe sich vielleicht, ohne weitere, die Menschheit entehrende, Graͤuel enden. Sie hatte eine Toch¬ ter, Ottona genannt, schoͤn, liebenswuͤrdig, und in herrlicher Bildung erzogen, theils durch fremde, kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ih¬ rer holden Eigenthuͤmlichkeit, die sich an den Kuͤnsten himmlisch entfaltete. Sie sprach zu Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn — er fuͤhrte jetzt den Namen Guido nicht mehr — wird gepriesen, wir fuͤhlen die Gewalt seiner Talente. Die Erziehung fern vom Throne, hat auch bei ihm sich bewaͤhrt. Wenn ich ein Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine Tochter, knuͤpfen koͤnnte, waͤre der Menschheit vielleicht geholfen. Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. Be¬ Befiel dich ploͤtzlich Krankheit? fragte jene be¬ bend, und rief um Huͤlfe. Nach einiger Zeit erholte sich die Tochter aber, und hoͤrte ergeben zu, da die Kaiserin fortfuhr: Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um unsere Kaiserkrone kann einst Unheil bringen. Europa hat Asien zu fuͤrchten, auch Afrika; denn Asien enthaͤlt eine Menschenzahl, wie diese beiden Erdtheile, nachdem juͤngsthin China und Japan uͤberwaͤltigt wurden. Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, wenn ein Voͤlkergericht uͤber beide monarchische Republiken waltet, und beider Heere eine Ober¬ gewalt lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht gegen Asien da, nur Unklugheit koͤnnte dann noch je Krieg fuͤhren wollen. Amerika hat lange schon auf jeden Angriff verzichtet, und buͤndet die beiden Halbeilande nur zum Widerstand. Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der Dinge von selbst eingeladen, auch seine Boten zu dem großen Tribunal senden, und ein ewiger Friede, der Weisen alter, heiliger, noch nie er¬ fuͤllter Wunsch, kann seine Palme erhoͤhn. Ottona barg ihre Thraͤnen — wußte nichts zu entgegnen. Z Entzuͤckt dich etwa das frohe Bild einer sol¬ chen Zukunft, der Stolz deiner erhabenen Be¬ stimmung so, daß Freude auf deine Wangen thaut? fragte die Mutter. Ini bat stammelnd um Zeit — Ruhe, Fas¬ sung zu gewinnen, und ward entlassen. Aus der Schoͤnheit ihres Gemuͤthes erklaͤrte die Kai¬ serin ihr Betragen, und eilte, einen Brief an ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu senden. Der Kaiser von Europa empfing ihn um die naͤmliche Zeit, als auch ein Schreiben seines Sohnes angelangt war. Es lautete: Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte hoͤren, nach meiner ersten siegenden Schlacht. Dreimal hab' ich deinen Feind uͤberwunden, auch wird bald seine Hauptstadt fallen. Wohl moͤchte es bereits geschehen sein, wenn ich dem Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, nachgegeben haͤtte. Doch ich erwarte Uebergabe auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor verheert werden, u ich jenes Wuͤthen der Ne¬ ger in Sizilien, mit europaͤischer Großmuth ver¬ gelten mag. Aber die Bitte, mir gestattet von hoher Vatermilde, ich nenne sie kuͤhn deinem Herzen. Viel habe ich gerungen mit dem Vor¬ satz, allein ich bekenne, daß hier meine Kraft am Ende war. Vater, was ich bin, was deine Guͤte schon an mir lobte, da noch das große Ge¬ heimniß mir nicht enthuͤllt war, ist — Schoͤpfung der Liebe. Ein Maͤdchen, von einer unbe¬ kannten Herkunft, doch hochgestellt uͤber alle Wei¬ ber an Schoͤnheit in Gemuͤth und Form, erzog mich. Ohne sie wuͤrde ich die Tirannei eines siedenden Blutes nicht zu Boden gekaͤmpft ha¬ ben, ohne sie blieb mein Wissen, mein Empfin¬ den arm, Geist und Herz errangen keine Har¬ monie, ohne sie schlug ich den stolzen Afrikaner nicht, dem es dann vielleicht in seiner Uebermacht gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwuͤsten. Gestatte mir, Vater, die Goͤttliche zu suchen, die in Afrika, ach, vielleicht in der Stadt lebt, welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich fuͤhlend kannst du dem Gestaͤndniß nicht zuͤrnen, wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn ich auch Ini damit schmuͤcke, wie alle meine Kraft, sonst vielleicht geeignet der Voͤlker Zuͤgel sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt. Verzeihe — ich mußte flehn! Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht Z 2 den Eilboten entgegen, die jeden Tag, in den Hoͤhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit nach, Antwort auf sein Schreiben anlangen konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl, sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile an den Kaiserhof zu kommen. Er sollte das Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem Feinde uͤberall Waffenruhe goͤnnen. Das letzte schien, nach den Umstaͤnden, nicht weise, maͤchtige Verstaͤrkungen konnten aus dem Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn gehorsamte. Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, da er nun die Luftgondel bestieg, uͤber das Meer nach Rom zu eilen. Dort angelangt, fand er den Voͤlkerrath ver¬ sammelt, den der Kaiser beschieden hatte. Er mußte gleich dort erscheinen. Der Vater sprach ihn nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem Gefolge den Tempel der Unsterblichkeit, in wel¬ chen jene Maͤnner sich eingefunden hatten. Denn hier sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, der junge Caͤsar seine Pruͤfung bestehn. Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. Nicht aus Granit, nicht aus Marmor bestand der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Ur¬ heber zu wenig dauerhaft. Eherne Quadern, durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke Mauer, die weit gesprengte Woͤlbung der unge¬ heuren Rotunde, noch von Erzsaͤulen aus ei¬ nem Guß getragen. Mosaik von edlen Stein¬ gattungen, fuͤr die Ewigkeit dargestellt, Thaten meldende Inschriften, Namen, die in flammenden Buchstaben glaͤnzten, prangten da; groß war aber der noch leere Raum. In die gleichfalls ehernen Kellergewoͤlbe hinab, leiteten Stufen. Unten befanden sich die Graͤber mit Aschen¬ kruͤgen. Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den Kaisersohn zu sich. Dein Vater will die Herrschaft mit dir thei¬ len. Heldenthum bewaͤhrte schon den wuͤrdigen Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die Voͤlker zu lenken? Guido haͤtte, einen Augenblick fruͤher, in den truͤben Besorgnissen um seine Liebe, durch des Vaters Schweigen uͤber ihn gebracht, wanken duͤrfen an der großen Frage — ach, ohne Ini flog sein Genius keine Sonnenbahnen — doch, ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher geworfen, ermannte ihn zur feurigen, selbstver¬ trauenden Antwort. Er fand Bewunderung, die weiteren gewoͤhn¬ lichen Fragen loͤsend, und uͤbergab auch noch Denkschriften, die moͤgliche Verbesserung der Ju¬ gendpflege, des Buͤrgervereins, in scharfsinnigen Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen, und ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt. Noch mehr ruͤhmende Anerkennung fand der Entwurf, das Schauspiel mit dem Kultus zu gatten. Edle That sollte auf diese Weise ver¬ sinnlicht an den Blicken der Menge voruͤber, und jeder Religionsfeier voran, gehn. Am meisten jedoch ein Sistem der Schoͤnheit¬ moral, bei deren befremdenden Saͤtzen und ei¬ ner ganz neuen Formenlehre, die Vaͤter nicht nur den ganzen Tag hindurch pruͤfend weilten, son¬ dern auch die ersten Kuͤnstler und denkendsten Koͤpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu pflegen. Dies Sistem gab in seiner Darstellung die Zeichen an, nach welchen der Einklang zwischen Geist und Gemuͤth, die Achtung fuͤr die Gesell¬ schaft, die Uebereinstimmung mit den Aufgaben der Tugend, die Fertigkeit im richtigen Empfin¬ den des Guten und Edlen, die Kraft zu Ent¬ sagungen; die dem inneren Menschen entweder mangelten, oder ihn adelten, am aͤußeren erkenn¬ bar waͤren. Dann folgte eine Theorie der Moral. Sie wollte, daß jedem Juͤngling, jedem Maͤd¬ chen in der Republik, gegen die Zeit der bluͤ¬ henden Entwicklung hoͤherer Kraͤfte, ein Ideal nach seiner Anlage gefertigt wuͤrde. Ein Vor¬ bild der Schoͤnheit, vom Maler, die moͤglichst hohe innere Schoͤnheit des Individuums berech¬ nend, nach den klaren Grundsaͤtzen der Lehre, sichtbar gefertigt. Dies muͤßte herrlicher wirken, als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Auf¬ nahme in den Buͤrgerkreis, die Bekleidung mit einem Amt, immer an einen Vergleich des Ideals mit der Wirklichkeit hingen, behauptete Guidos Denkschrift. Denn nun koͤnne die in¬ nere Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, die Abwesenheit des Strebens zum Ziel der Schoͤnheit, wuͤrde sich in mißgestalteten Zuͤgen strafend verkuͤndigen, und in gelungener Annaͤ¬ herung die Lohnwuͤrdigkeit sich offenbaren. Je bekannter, je verbreiteter das Sistem waͤre, je weniger muͤsse die Gesellschaft, ohnehin schon bedeutend vom Widerstand, sinnlichen Unfugs ge¬ reinigt, noch davon zu fuͤrchten haben. Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: Ist dein Sistem richtig, so hast du der Mensch¬ heit ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahr¬ hunderten nicht empfing, wie kein Religionstifter es zu geben vermochte. So danke sie es der Liebe! rief Guido flam¬ mend. Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehoͤrt zu haben, sondern fuhr fort: Wohl, erhabener Juͤngling, gebuͤhrt dir, eine Schoͤnheitmoral zu predigen, denn noch keinen Juͤngling, von so bezaubernden Formen, erblickten wir. Wir alle nicht! toͤnte der einmuͤthige Ausruf. Guido senkte die Augen nieder. Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur geringen Antheil genommen hatte, nun an, dich auch nach einem Ideal gebildet? Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging im Kreise umher. Entzuͤckt hingen die Blicke wechselnd an dem schoͤnen Gemaͤlde und an dem schoͤnen Juͤngling. Eine Thraͤne freudiger Bewunderung sank von der Wange des Kaisers nieder, denn wohl dachte er der Gestalt des Sohnes vor drei Jahren, und faßte kaum die so hoch gereifte Liebenswuͤrdigktei. Indem aber die Kuͤnstler vergleichend fort¬ fuhren, das todte Muster und seine lebende Nach¬ ahmung zu pruͤfen, behaupteten sie: Nicht ganz, nur beinahe ward das Ideal erreicht. Noch ir¬ gend ein geringes Etwas, das wir nicht zu nen¬ nen vermoͤgen, irgend ein vollendender Zug fehlt noch. Dieser Meinung traten alle bei, auch der Kaiser. Letzterer fragte: Welcher Maler entwarf dein Urbild? Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein Maͤdchen, unendlich schoͤner noch durch eigenen Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der Preis meines Ringens, soll er mir grausam ent¬ zogen werden? Er sank vor ihm nieder. Die flehende Ge¬ berde sprach nur noch, sprach zu den Grei¬ sen im Rath, Fuͤrworte erbittend, als der Mo¬ narch ernst und duͤster schwieg. Diese fanden des Juͤnglings Wunsch gerecht. Lohn der Liebe, meinten sie, muͤsse das große Geschenk fuͤr die Menschheit, ihr eigen Werk, ver¬ gelten. Guido hatte auch die Schoͤnheit seiner Geliebten gepriesen. Wer konnte sie auch bezwei¬ feln? Von diesem sich entsprechenden Paar, hoffte man eine edle Nachkommenschaft der Caͤ¬ sare. Man drang in den Alten. Er entgegnete strenge: Hier waltet mein Vaterrecht, nicht der Staat! Keineswegs mein Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle raͤu¬ men den fehlenden Zug ein. Der Preis gebuͤhrt dir also nicht. Doch entsage, entsage dem Preis, und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Man¬ gel fuͤllen. Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von Unwillen ward auf jedem Angesicht kund. Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. Glaube mein Sohn, auch mir hat es einen schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe zu versagen. Doch ich weiche mit blutendem Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann durch dich uͤber die Menschheit aufbluͤhn. Bei den Worten ewiger Friede flammten der Vaͤter Wangen. Guido starrte noch zum Boden nieder. Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter vermaͤhlen. Lies alles auf diesem Blatte, und juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch Ottona ist schoͤn, wahrlich nimmer sah ich so verklaͤrte Anmuth, blicke auf dies Bild, von der Mutter dir gesandt. Die Schmach der Treulosigkeit, in den Don¬ nerworten enthalten, machte, daß Guido sein Auge veraͤchtlich von dem Gemaͤlde lenkte. Es fiel auf die feurige Inschrift am Hochaltar: Unsterblichkeit . Er stand auf, mied stolz die Versammlung, und rief die Worte zuruͤck: Kommt nach drei Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um der Menschheit willen ohne Ini leben kann. Kein Freund mehr, an dessen Busen er wei¬ nen konnte. Allein schweifte er umher auf den Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denk¬ male der alten Zeit, herrlich die Erinnerung mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben, nicht die Liebe auf, armer Szávola der der Tu¬ gend nur eine Hand darbrachte, strenger Luzius Junius Brutus, eine Ini haͤttest du nicht hin¬ gegeben! Er kehrt nicht in den Pallast zuruͤck, lief hinaus in die Gefilde, achtete nicht auf das wilde Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, aber dennoch nicht tobte, wie die Stuͤrme in seiner Brust. Endlich um Mitternacht langte er vor einer Katakombe an, drang in ihre schau¬ rigen Gaͤnge, aͤhnlich der Farbe seines Jammers. Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den Boden hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kur¬ zem Tod, mit ewigen Tod zu umfangen. Der Schlummer nahte nicht. Guido sprach Ver¬ wuͤnschungen gegen ihn, gegen seine ungluͤck¬ lich hohe Geburt, gegen den tirannischen Va¬ ter, gegen das Traumbild am Nordpol aus, das ihm luͤgend Wiedersehn zusagte und zu leben bewog. O warum starb ich dort nicht, wim¬ merte er. Zuletzt hatten sich die Kraͤfte entspannt, ein tiefer Schlaf rettete den Dulder vor laͤngerer Qual der Selbstkaͤmpfe. In diesem Schlaf waͤhnte die noch thaͤtige Einbildung, Gelino, den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen strafenden Blick auf ihn warf, und wieder ver¬ schwand. Dieser Blick praͤgte sich tief in des Juͤnglings Gemuͤth, er sah ihn immer, noch am Morgen erwacht, und auf den Gefilden ohne Zweck wandelnd. Eine marternde Angst jagte ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor und glaubte immer das Traumgesicht in den Wolken wieder zu finden, von jedem Huͤgel sah er Rom und den sich erhebenden Tempel der Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein Strafge¬ richt uͤber ihn verhing. So trieb er es. — Der Kaiser ließ ihn besorgt suchen, man fand ihn nicht. So ging es am zweiten, am dritten Tag, die Versammlung harrte bereits unruhig, gespannt, Schlimmes fuͤrchtend. Da trat Guido in den Tempel. Bleich, uͤberwacht, verstoͤrt, doch eine unbeschreibliche Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, einen Zauber in der Gestalt, die man juͤngst nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden mit der Ueberzeugung durchdrang — nun sei das Ideal erreicht! Man errieht schon was er sagen wollte. Bei¬ falljubel von allen Lippen und Haͤnden, von denen des Tempels eherne Mauern und Denkmale toͤ¬ nend wiederhallten, priesen in voraus. Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, umsonst, nur spaͤt konnte er vernehmlich fra¬ gen: Dein Kampf siegte, du waͤhlst Ottona? Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer Beifall, Beschluß des Rathes, ihn zum Thron¬ erben, zum Mitkaiser wuͤrdig zu erklaͤren. Guido hoͤrte das betaͤubt, war sehr gleich¬ guͤltig, als eine Kaiserkrone, mit einem gruͤnen Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, ein Purpur an seinen Schultern hing, und das alle Strafen uͤberfuͤllende Volk, da er im Pracht¬ zug nach der Caͤsarenwohnung kehrte, dem neuen Monarchen, dem Sieger in Afrika, dem Sieger uͤber sich, dem Friedengeber der Menschheit, Gluͤck zurief! — Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen wurden eilig nach Karthago zuruͤck gesandt, die europaͤischen Truppen nach Italien gerufen. Guido schickte heimlich einen Eilboten an Ottona, ließ ihr entbieten: den Thraͤnen der flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr naͤchstens seine Hand, doch — ein Herz habe er nicht mehr zu vergeben. — Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu seiner Reise nach Karthago. Sie sollte mit der hoͤchsten Pracht vollzogen werden, der Vater wollte den Sohn begleiten. Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eil¬ bote zuruͤck. Er schwaͤrmte in dem Bilde, das er von Ottona entwarf. Guido gebot, daruͤber hinzugehn. Jener berichtete: Die Kaisertochter habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie koͤnne nur Fuͤgung in das Schicksal, doch keine Liebe verheißen. Wohl mir, seufzte Guido. Man trat den Weg an. Vor Karthago, wo¬ hin der afrikanische Hof zuruͤckgekehrt war, stan¬ den alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten Trophaͤen, im Hafen wehten die Flaggen der Schiffe, die er juͤngst den Afrikanern genommen. Er staunte. Die Maͤnner aus dem Strategion dort, ihm entgegen gekommen, sagten: Dein Vater hat dir in Rom keinen Triumph uͤber Afrika bereitet, so will es die Kaiserin selbst thun. Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zei¬ chen seiner Siege gingen voran im glaͤnzendsten Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, nun dem ewigen Frieden geweiht. Hier am Hochaltar erwartete die Kaiserin den Eidam, neben sich Ottona in einen Schleier gehuͤllt und sichtbar bebend. Die Vornehmen, durch Guidos Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in Huldigung. Eben an diesem Tage begann das zwei und zwanzigste Jahrhundert. Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe Mutter trat ihm entgegen, Freudenthraͤnen auf der Wange. Hier, sprach sie, junger Caͤsar, Oberherr von Europa und Afrika, empfange meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ot¬ tonas Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick ver¬ mochte nicht aufzusehn. Nur der Ruf einer wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine Betaͤubung! Er sah auf die Braut — — O Himmel! Ottona war Ini — verklaͤrt gestaltet wie ihr Ideal. — Bei Athania hatte die weise Fuͤrstin sie erziehen lassen. Ende.