Gustav Schwab, die schoͤnsten Sagen des klassischen Alterthums. Dritter Theil. Die letzten Tantaliden. Odysseus. Aeneas. Mit einem Titelbilde. Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern von Gustav Schwab. Dritter Theil. Mit einem Titelbilde. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1840. Vorwort. Mit diesem dritten Bande hat der Sagenkreis des klassischen Alterthums, soweit derselbe auf allgemeines Verständniß Anspruch machen kann, seinen Schluß in unsrem hiermit beendigten Werke gefunden, und der Verfasser glaubt versichern zu dürfen, daß kein wesentliches Element dieser Sage, das überhaupt Gegenstand der unserer Zeit überlieferten Erzählung oder Dichtung ist, übergangen worden sey. Anfangs, als der Plan des Aufnehmbaren von ihm entworfen wurde, hielt derselbe es fast für unmöglich, die Schick¬ sale der letzten Tantaliden einer Lesewelt, die zum großen Theile voraussichtlich aus Frauen und Kindern bestehen sollte, un¬ verkürzt mitzutheilen. Das Verlangen nach Vollständigkeit ermuthigte ihn jedoch zu dem Versuche, auch diese Schwierigkeit zu überwinden, und er hofft, daß das gerechte Urtheil, welches in den früheren Bän¬ den zarte Schonung verletzbarer Ohren und mit heiliger Scheu zu behandelnder Gemüther anerkannt hat, sich auch auf die Bearbei¬ tung des genannten Stoffes erstrecken werde. Bei der möglichst hergestellten Harmonie der Tragiker ist besondere Rücksicht auf diese Forderung der Sittlichkeit, welche selbst der freieste Schönheitssinn anerkennen wird, genommen worden. In der Behandlung der Odyssee war eine solche Vorsicht nicht nöthig. Hier brauchte sich der Darsteller nur so streng als möglich an das Originalkunstwerk des Alterthums zu halten, um den rührendsten Eindruck der Unschuld und Sittenreinheit zu machen. Wer sich überzeugen will, daß die menschliche Natur, so untüchtig durch sich selbst zum vollkommen Guten, doch keineswegs vollkommen untüchtig zum Guten ist, der stärke seinen Glauben an die Mensch¬ heit, welcher der frömmsten Religionsüberzeugung nicht zuwider¬ läuft, an diesem Werke des grauen Heidenthums. Die Aeneis hat dem Verfasser am meisten zu schaffen gemacht. Hier die Längen abzuschneiden, ohne das Ziel des Weges selbst un¬ zugänglich zu machen; alle jene Zuthaten ersonnener Volkssage, die, nach einer Ilias und Odyssee, in ihrem prunkenden Scheine selbst einem Kinde fühlbar werden müßten, zu entfernen, ohne den Zusammenhang der originellsten und lieblichsten Erfindungen, die bald einen Theil der poetischen Geschichte des Gedichtes, bald unschätzbare Episoden bilden, unerkennbar zu machen, oder gar zu zerstören: — dieß em¬ pfand der Bearbeiter als keine kleine Aufgabe; zumal da dieselbe noch von keinem modernen Erzähler der Sagen des Alterthums versucht worden war. Sein Bestreben ging dahin, durch Zusammendrängen wesentlicher Schönheit dem kunstvollen Werke des Römers für die Jugend einen Reiz der Neuheit und gewissermaßen der Kurzweilig¬ keit zu geben, den man im Originale vergebens sucht. Und so möchten denn alle diese Sagen zusammen, als der In¬ begriff der classischen Heroenmythen, sich durch gewissenhafte und dem Zwecke des Buches angemessene Bearbeitung ihres Inhalts, zahlreiche Freunde bei den Jungen, und manche auch bei den Alten erwerben. Mit diesem Wunsche entläßt der Verfasser sein Werk, das für ihn zugleich der Wiederhall zwanzigjähriger öffentlicher und häuslicher Beschäftigungen ist. G. Schwab. Inhalts-Uebersicht. Erstes Buch. Die letzten Tantaliden. Seite. Agamemnon's Geschlecht und Haus 3 Agamemnon's Ende 8 Agamemnon gerächt 14 Orestes und die Eumeniden 29 Iphigenia zu Tauri 43 Zweites Buch Odysseus. Erster Theil. Telemach und die Freier 67 Telemach bei Nestor 80 Telemach zu Sparta 86 Seite. Verschwörung der Freier 92 Odysseus scheidet von Kalypso, und scheitert im Sturm 95 Nausikaa 100 Odysseus bei den Phäaken 107 Odysseus erzählt den Phäaken seine Irrfahrten. (Cikonen. Lotophagen, Cyklopen, Polyphem.) 123 Odysseus erzählt weiter. (Der Schlauch des Aeolus. Die Lästrygonen. Circe.) 137 Odysseus erzählt weiter. (Das Schattenreich.) 152 Odysseus erzählt weiter. (Die Sirenen. Scylla und Cha¬ rybdis. Thrinakia und die Heerden des Sonnengottes. Schiff¬ bruch. Odysseus bei Kalypso.) 160 Odysseus verabschiedet sich von den Phäaken 170 Drittes Buch. Odysseus. Zweiter Theil. Odysseus kommt nach Ithaka 175 Odysseus bei dem Sauhirten 182 Telemach verläßt Sparta 191 Gespräche beim Sauhirten 197 Telemach kommt heim 201 Odysseus gibt sich dem Sohne zu erkennen 205 Vorgänge in der Stadt und im Palast 209 Telemach, Odysseus und Eumäus kommen in die Stadt 213 Odysseus als Bettler im Saal 220 Odysseus und der Bettler Irus 225 Penelope vor den Freiern 229 Seite. Odysseus abermals verhöhnt 232 Odysseus mit Telemach und Penelope allein 235 Die Nacht und der Morgen im Palaste 243 Der Festschmaus 247 Der Wettkampf mit dem Bogen 250 Odysseus entdeckt sich den guten Hirten 254 Die Rache 259 Bestrafung der Mägde 267 Odysseus und Penelope 269 Odysseus und Laertes 275 Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt 283 Der Sieg des Odysseus 286 Viertes Buch. Aeneas. Erster Theil. Aenens verläßt die trojanische Küste 293 Den Flüchtlingen wird Italien versprochen 298 Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien 302 Aeneas an der Küste Italiens. Sicilien und der Cyklopen¬ strand. Tod des Anchises 306 Aeneas nach Karthago verschlagen 311 Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohne 316 Aeneas in Karthago 321 Dido und Aeneas 327 Dido's Liebe bethört den Aeneas 330 Aeneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago 334 Fünftes Buch. Aeneas. Zweiter Theil. Seite. Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia 347 Lavinia dem Aeneas zugesagt 352 Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner 355 Ausbruch des Krieges. Aeneas sucht bei Evander Hülfe 361 Der Schild des Aeneas 367 Turnus im Lager der Trojaner 371 Nisus und Euryalus 375 Sturm des Turnus abgeschlagen 382 Aeneas kommt ins Lager zurück 387 Aeneas und Turnus kämpfen. Turnus tödtet den Pallas 391 Turnus von Juno gerettet. Lausus und Mezentius von Aeneas erschlagen 394 Sechstes Buch. Aeneas. Dritter Theil. Waffenstillstand 405 Volksversammlung der Latiner 408 Neue Schlacht. Kamilla fällt 413 Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedensbruch. Aeneas meuchlerisch verwundet 420 Aeneas geheilt. Neue Schlacht. Sturm auf die Stadt 427 Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende. 431 Erstes Buch. Die letzten Tantaliden. Agamemnons Geschlecht und Haus. — Agamemnons Ende. — Agamemnon gerächt. — Orestes und die Eumeniden. — Iphigenia zu Tauri. — Schwab , das klass. Alterthum. III . 1 Agamemnons Geschlecht und Haus . Troja war gefallen. Die heimsegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturme halb vernichtet, hatte sich in ihren Ueberbleibseln wieder zusammengefunden, und auf der beruhigten See fuhren die Abtheilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, dessen Schiffe, von der Herrscherin Juno beschützt, keinen Schaden genom¬ men hatten, steuerte rüstig auf die Küste des Peloponne¬ ses los. Schon nahete er dem spitzigen Felsenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs Neue das Ungestüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene Flut des Meeres zurück¬ warf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürst empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach so vielem Ungemach und nach mühselig voll¬ brachtem Willen der Himmlischen im Angesichte seiner Heimat mit so vielen tapferen Männern verderben zu las¬ sen. Er wußte nicht, daß dießmal der Sturm sein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugesendet war: denn ihm wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen, in der Verbannung sein Leben zu beschließen, als seinen Fuß in den heimischen Königspallast Mycene's zu setzen. Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von seinem Urahn Tantalus her war es unter Gräueln 1* erwachsen; ruchlose Gewalt hatte die einen seiner Glieder gestürzt, die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hause sollte auch Agamemnon das Ziel seines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalus hatte den zum Mahle geladenen Göttern seinen Sohn Pelops gekocht zu schmausen vorgesetzt, und nur ein Wunder hatte diesen Stammhalter des Geschlechts ins Leben zurückgerufen. Pelops, sonst unsträflich, ermordete seinen Wohlthäter Myrtilus, den Sohn Merkurs, und half durch diesen Mord den Fluch des Hauses weiter spinnen. Myrtilus nämlich, der Stallmeister des Köni¬ ges Oenomaus, dessen Tochter Hippodamia Pelops durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen sollte, ließ sich überreden, die Nägel aus dem Wagen seines Herrn zu ziehen und wächserne statt der eisernen einzustecken. Dadurch ging der Wagen des Oenomaus auseinander und Pelops gewann den Sieg und die Jungfrau. Als aber Myrtilus die versprochene Belohnung forderte, stürzte ihn Pelops, um keinen Zeugen seines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens suchte er den über diesen Frevel zürnenden Gott Merkurius zu versöhnen, baute dem Sohn ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und sein Geschlecht waren der Rache des Gottes verfallen. In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes, wirkte der Fluch kräftig fort. Atreus war König zu Mycene, Thyestes neben ihm König im südlichen Theile des Argolischen Landes. Der ältere Bruder besaß einen Widder, der goldene Wolle trug; nach diesem gelüstete Thyestes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin des Bruders, Aerope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus das doppelte Verbrechen seines Bruders inne ward, hielt ihn keine Ueberlegung ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne des Thyestes, Tantalus und Plisthenes, setzte sie geschlachtet beim gräßlichen Gast¬ mahle dem Bruder vor, und gab ihr Blut, zum Weine gemischt, dem unseligen Vater zu trinken. Dem zuschauenden Sonnengotte kam über dieser Unmenschlichkeit ein solches Entsetzen an, daß er seinen Wagen rückwärts lenkte, Thyestes aber floh vor dem entsetzlichen Bruder nach Epirus zu dem Könige Thesprotus. Das Land des Atreus ward von Dürre und Hungersnoth heimge¬ sucht, und der befragende König erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene Bruder zurückberufen sey. So machte sich Atreus selbst auf den Weg, den Thyestes in seiner Zu¬ fluchtsstätte aufzusuchen, und führte ihn mit einem Sohne Namens Aegisthus, in die alte Heimat zurück. Auch dieser Aegisthus war das Kind eines Gräuels und in seinem Asyle von Thyestes erzeugt. Aber er hatte ge¬ schworen, seinen Vater an dem Atreus und dessen Kin¬ dern zu rächen. Das erste vollführte er bald, nachdem die Brüder zusammen nach Mycene zurückgekehrt waren. Ihre Freundschaft war dort von kurzer Dauer gewesen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen. Da erbot sich Aegisthus trügerischer Weise dem Oheim, indem er sich über den Gräuel seiner Geburt entrüstet stellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker eingelassen, verabredete er mit seinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein blutiges Schwert, und als dieser, über den geglaubten Tod des Bruders fröhlich, am Meeresufer ein Dankopfer anstellte, stieß ihm Aegisthus dasselbe Schwert in den Leib, Thyestes kam aus seiner Haft hervor und bemächtigte sich auf kurze Zeit des brüderlichen Reiches; aber der älteste Sohn des Atreus, Agamemnon, stellte ihm nach und rächte mit dem Schwert an ihm des Vaters Mord. Aegisthus blieb verschont, er ward von den Göttern zum Fluche des Geschlechtes aufgehoben und regierte als König in dem alten Antheile seines Vaters im südlichen Lande. Wie nun Agamemnon in den Krieg vor Troja ge¬ zogen war, und seine Gemahlin Klytämnestra, über die Opferung ihrer Tochter Iphigenia grollend, im tiefen Mutterschmerze zu Hause saß, da däuchte dem Aegis¬ thus die rechte Zeit gekommen, auch dem Atriden mit seiner Rache zu nahen. Er erschien im Königspallaste zu Mycene, und der Wunsch, am unmenschlichen Gat¬ ten sich zu rächen, gab sie nach langem Widerstreben der Verführung des Bösewichts preis, daß sie als mit einem zweiten Gemahle Pallast und Reich Agamemnons mit ihm theilte. Von ihrem rechtmäßigen Gatten lebten in dessen Hause damals drei Geschwister der entrückten Iphigenia: ihr zunächst am Alter die kluge Jungfrau Elektra, eine jüngere Schwester Chrysothemis, und ein kleiner Knabe, Orestes. Vor ihren Augen nahm Aegis¬ thus von dem Ehebund und Pallaste des Vaters Besitz. Das frevelnde Paar, als sich der Kampf vor Troja zu seinem Ende neigte, war jetzt nur darauf bedacht, daß der heimkehrende Agamemnon mit seiner furchtbaren Kriegerschaar sie nicht unvorbereitet überraschen möchte. Seit Jahren war auf den Zinnen des Pallastes ein Wächter aufgestellt, dem ein nächtliches Fackelzeichen von der Meergränze des Landes her die Nachricht von der Eroberung Troja's und der Ankunft des Königes geben sollte. War die Kunde einmal gekommen, so sollte es an Zurüstungen nicht fehlen, dem König Agamemnon einen festlichen Empfang zu bereiten und ihn in die Falle zu locken, noch bevor er den wahren Zustand der Dinge in seiner Heimat erführe. Endlich erglänzte die Fackel bei Nacht. Der Wäch¬ ter eilte von der Zinne herab und meldete der Herrin das erblickte Zeichen. Mit Ungeduld erwarteten Klytäm¬ nestra und ihr Buhle den Morgen; und die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als schon ein Herold, von dem heimkehrenden König abgesandt, mit Oliven¬ zweigen sein Haupt beschattend, auf den Pallast von Mycene zugeschritten kam. Die Königin ging ihm mit verstellter Freundlichkeit entgegen. Doch sorgte sie, daß der Bote sich im Königshause nicht umsehen konnte, und als dieser in einer langen Erzählung seiner Siegesfreude Luft machen wollte, unterbrach sie ihn hastig und sprach: „Bemühe dich nicht, am besten werde ich das Alles aus dem Munde meines königlichen Gemahles selbst er¬ fahren. Kehre zurück und beschleunige seinen Weg. Sage ihm, wie erwünscht er mir und der Stadt komme, und daß ich selbst mich zum Aufbruch anschicken werde, ihn nicht nur als meinen verehrten und geliebten Gatten, sondern auch als den herrlichen Eroberer einer weltbe¬ rühmten Stadt nach Würden zu empfangen.“ Agamemnons Ende. Als der König Agamemnon im Sturme von dem Vorgebirge Malea zurückgeworfen worden war, trieb ihn der Wind mit seinem Schiffzuge nach dem südlichen Gestade des Landes, wo einst sein Oheim Thyestes ge¬ herrscht hatte, und jetzt der Fürstensitz des Aegisthus war. Er warf die Anker aus und wartete günstigen Fahrwind in einer sicheren Hafenbucht ab. Ausgeschickte Kund¬ schafter brachten ihm die Nachricht, daß der König des Landes, Aegisthus, mit seiner Gemahlin Klytämnestra, seit diese von Aulis zurückgekehrt, in nachbarlicher Freund¬ schaft gelebt habe, ja daß derselbe, schon seit geraumer Zeit nach Mycene berufen, in der Königin Namen das Reich Agamemnons verwalte. Der Völkerfürst erfreute sich dieser Nachricht und suchte nichts Arges darunter. Er dankte den Göttern, daß der alte Rachegeist aus seinem Hause verschwunden sey. Ihm selbst, der so viel Griechen- und Barbarenblut vor Troja nothgedrungen vergossen hatte, war der Durst nach Blutrache ver¬ gangen, und sein Inneres dachte nicht daran, den Mör¬ der seines Vaters, der doch selbst nur gerechte Rache genommen hatte, zu strafen. Auch das Herz seiner Ge¬ mahlin glaubte er durch den langen Zeitraum beschwich¬ tiget. Unter fröhlichen Hoffnungen lichtete er die Anker bei günstigem Wind und lief mit seinen Kriegern wohl¬ behalten in den Hafen seiner Heimat ein. Sobald er hier den Göttern ein Dankopfer für Rettung und beglückte Fahrt am Ufer dargebracht hatte, folgte er mit seiner Kriegerschaar dem abgesandten Herold. Vor der Stadt Mycene kam ihm das gesammte Volk, seinen Vetter Aegisthus, der im ganzen Lande als könig¬ licher Verwalter des Reiches galt, an der Spitze, ent¬ gegen. Alsdann erschien auch, von den Frauen ihres Hauses begleitet und von den streng bewachten Kindern umgeben, die Königin Klytämnestra. Wie man bei er¬ heuchelter Freude pflegt, empfing sie den Gemahl mit allen ersinnlichen Ehrenbezeugungen und mit übertriebener Ehrfurcht, ja statt ihn zu umfangen, warf sie sich vor ihm auf die Kniee nieder und ergoß sich in Glückwün¬ schungen und Lobsprüchen. Agamemnon aber eilte freu¬ dig auf sie zu, erhob sie vom Boden, umarmte sie und sprach: „Was denkst du, Leda's Tochter, daß du, wie eine Sklavin den Barbarenherrn, fußfällig im Staube dich wälzend, mich empfängst? und was sollen diese herrlichen gestickten Teppiche, die unter meinen Fußtritt gebreitet sind? So empfängt man unsterbliche Götter und nicht sterbliche schwache Menschen. Ehre mich so, daß die Himmlischen mich nicht beneiden!“ Nachdem er die Gattin so begrüßt und die Kinder umarmt und geküßt, wandte er sich um zu Aegisthus, der mit den Häuptlingen der Stadt seitwärts stand, reichte ihm brüderlich die Hand und sagte ihm freund¬ lichen Dank für die sorgfältige Verwaltung des Landes. Dann löste er die Riemen seiner Schuhe und ging bar¬ fuß über das kostbare Gewebe der Teppiche durch die ganze Stadt bis zu seinem Pallaste. In seinem Gefolge befand sich auch Kassandra, die weissagende Tochter des Priamus, die in der Beute dem Völkerfürsten, der sie von den ruchlosen Händen Ajax des Lokrers befreit hatte, zu Theil geworden war. Sie saß mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenen Augen auf einem hohen, auch mit anderer Beute beladenen Wagen. Als Klytämnestra die edle Gestalt der Jungfrau gewahr wurde, überschlich sie ein Gefühl der Eifersucht, zu welchem sie freilich am wenigsten berechtigt war, gewaltiger aber noch befiel sie ein Schrecken, als sie den Namen der Gefangenen er¬ kundet und erfahren hatte, daß sie die wahrsagende Priesterin der Pallas in ihrem durch Ehebruch entweih¬ ten Hause beherbergen sollte. Die höchste Gefahr däuchte ihr deswegen, länger mit ihrem verruchten Vorhaben zu zögern, und schnell war ihr arglistiger Entschluß gefaßt, die fremde Jungfrau auf eine Stunde mit dem Gatten zu verderben. Doch verbarg sie sorgfältig ihr Inneres vor der Seherin, und als der ganze Zug vor dem Kö¬ nigspallaste zu Mycene angekommen war, trat sie freund¬ lich zu dem Wagen und rief ihr zu: „Steige herab, traurige Jungfrau, und gib dem Verdrusse Abschied! Mußte doch selbst Alkmene's unbezwinglicher Sohn, Her¬ kules, einst in die Knechtschaft wandern und sein Haupt unter das Joch einer fremden Herrin beugen! Wem das Schicksal einen solchen Zwang zugedacht hat, der darf sich glücklich preisen, wenn er unter Herren kommt, bei denen alter Reichthum zu Hause ist, denn wer das Glück erst kurz und unverhofft geerntet hat, pflegt hart und übermüthig gegen Knechte zu seyn. Sey getrost, du sollst Alles bei uns erhalten, was billig ist!“ Kassandra veränderte ihre Miene nicht bei diesen Worten, lange blieb sie ohne Regung auf dem Stuhl ihres Wagens sitzen, die Dienerinnen mußten sie nöthi¬ gen, ihren Platz zu verlassen. Endlich sprang sie vom Sitze, wie ein gescheuchtes Wild, ihr Herz wußte Alles, was ihr bevorstand, sie war gewiß, daß der Schluß des Schicksals nicht zu ändern sey; und, hätte sie ihn ändern können, sie hätte doch der Rachegöttin den Feind ihres Volkes nicht entziehen wollen, und weil er doch ihr Retter war, so verdroß es sie nicht, mit ihm zu sterben. Im Pallaste wurden der Fürst Agamemnon und alle mit ihm Angekommenen durch Zurüstungen zu einem prächtigen Gastmahle getäuscht. Bei diesem Mahle hätte er von den gedungenen Knechten des Aegisthus wie ein Stier an der Krippe erschlagen werden sollen. Die Ankunft der Wahrsagerin aber bestimmte die Königin und ihren Ehebrecher, die Entscheidung nicht auf diesen Hinterhalt auszusetzen, sondern rascher und einsamer zu Werke zu gehen. Agamemnon, von der Fahrt ermüdet, und vom Wege durch das Land nach der Stadt bestäubt, verlangte nach einem erquicklichen Bade, und Klytämnestra erklärte ihm mit liebreicher Zuvorkommenheit, daß sie dieses Be¬ dürfniß längst vorhergesehen und daß ein warmes Bad für ihn bereit gehalten sey. Der König betrat ahnungs¬ los das Badegewölbe seines Pallastes, legte Panzer, Waffen und alle Gewande ab, und bestieg wehrlos und entkleidet den Badebehälter. Da brachen Aegisthus und Klytämnestra aus ihrem Verstecke hervor, warfen ihm ein festgewundenes Netz über den Leib und durchbohrten ihn mit wiederholten Dolchstichen. Sein Hülferuf drang aus dem unterirdischen Gemache, wo die Bäder sich befanden, nicht hinauf in den obern Pallast. Unmittel¬ bar nachher ward Kassandra, die einsam durch die dun¬ keln Vorhallen des Königspallastes hin und her irrte, niedergemacht. Sobald die doppelte Unthat geschehen war, gedach¬ ten die Mörder, auf ihren Anhang vertrauend, sie nicht länger zu verbergen. Die beiden Leichname wurden im Pallaste ausgestellt; Klytämnestra berief die Häupter der Stadt und sprach ohne Rückhalt und ohne Scheu: „Ver¬ arget mir, Freunde, meine bisherige Verstellung nicht. Ich habe dem Todfeinde meines Hauses, dem Mörder meines geliebtesten Kindes seine Blutschuld nicht anders bezahlen können; ja ich habe ihn ins Netz gelockt, wie einen Fisch habe ich ihn gefangen; mit drei Dolchstichen, im Namen des unterirdischen Pluto geführt, habe ich meine Tochter gerächt. Es ist Agamemnon, mein Gatte, von meiner eigenen Hand umgebracht, ich läugne es nicht. Hat er doch, als handelte es sich von dem Tode eines Schlachtviehes, sein eigenes Kind, mir das liebste, geopfert, um mit meinem Mutterschmerze die thracischen Winde zu besänftigen. Verdiente ein solcher Frevler zu leben, verdiente er ein so schönes, ein so frommes Land zu beherrschen? Ist's nicht gerechter, daß Aegisthus euch befehle, der keinen Kindermord auf dem Gewissen hat, der in Atreus und im Atriden nur Erbfeinde seines Vaters gerächt hat? Ja es ist billig, daß ich ihm die Hand reiche, daß ich Pallast und Thron mit ihm theile, der das Werk der beleidigten Mutterliebe, das Werk der Gerechtigkeit mir vollbringen half. Er ist ein Schild meiner Kühnheit; so lang er und sein Anhang mich be¬ schützt, wird Niemand es wagen, mich wegen meiner That zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Was diese Sklavin betrifft“ (mit diesen Worten deutete sie auf Kassandra's Leichnam) „so war sie die Buhlerin des Treulosen; sie hat die Strafe des Ehebruchs erlitten, und soll den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen werden.“ Die Häupter der Stadt blieben auf diese Rede stumm. An Gegenwehr war nicht zu denken: Die Be¬ waffneten des Aegisthus umgaben den Pallast; Waffen¬ geklirr ertönte und drohende Laute ließen sich hören. Die Krieger Agamemnons, deren eine weit kleinere Schaar aus dem männervertilgenden Kriege von Troja heimge¬ kehrt war, waren in der Stadt zerstreut und hatten sorglos die Waffen von sich gelegt. Der wilde Anhang des Aegisthus durchzog die Stadt in voller Rüstung und metzelte Jeden nieder, der gegen den gräßlichen Mord seines Fürsten sich auflehnte. Die Frevler versäumten auch nichts, ihre Herrschaft zu befestigen. Alle Ehrenstellen, alle Kriegsämter wurden unter ihre treusten Anhänger vertheilt. Die Töchter Agamemnons betrachteten sie als gefahrlose Weiber; aber zu spät fiel ihnen ein, daß in dem jungen Orestes, dem jüngsten Kinde Agamemnons und Klytämnestra's, dem Vater ein Rächer nachwachse. Obgleich er kaum zwölfjährig war, hätten sie ihn doch gerne getödtet, um sich von aller Furcht der Strafe zu befreien. Aber seine kluge Schwester Elektra, besonnener als die Mör¬ der, hatte sogleich nach der That Sorge für ihn getragen, und ihn heimlich dem Sklaven, dem seine Aufsicht an¬ vertraut war, übergeben. Dieser hatte ihn nach Phanote im Lande Phocis gebracht, und ihn dort als ein heiliges Unterpfand dem befreundeten Könige Strophius über¬ geben, der sein zweiter Vater wurde und ihn mit seinem eigenen Sohne Pylades sorgfältig erzog. Agamemnon gerächt. Elektra führte inzwischen im Königspallaste ihres ermordeten Vaters das traurigste Leben, und nur die Hoffnung, ihren Bruder einst, zum Manne herange¬ wachsen, als Rächer in den väterlichen Hallen erscheinen zu sehen, fristete ihr kummervolles Daseyn. Von der Mutter wurde ihr die bitterste Feindschaft zu Theil; im eigenen Stammhause mußte sie mit den Mördern ihres Vaters wohnen und ihnen in Allem unterwürfig seyn; auf sie kam es an, ob sie darben, oder den nothdürftigen Unterhalt empfangen sollte. Auf dem Thron Agamem¬ nons sah sie den Aegisthus in königlicher Herrlichkeit sitzen, sah ihn in dessen schönste Gewande, welche die Vorrathskammern des Pallastes füllten, gekleidet, ein¬ hergehen, und den Schutzgöttern des Hauses an derselben Stelle Trankopfer spenden, wo er seinen Blutsverwandten ermordet hatte. Sie war Zeuge der zärtlichen Vertrau¬ lichkeit, mit welcher die freche Mutter den Besudelten behandelte; denn diese, mit Lächeln über das hinschlü¬ pfend, was sie Gräuliches begangen hatte, ordnete all¬ jährlich Festreigen an dem Tage an, an welchem sie den Gatten trügerisch dahingewürgt, und brachte noch dazu den Rettungsgöttern jeden Monat reichliche Schlachtopfer dar. Die Jungfrau verzehrte sich bei diesem empörenden Anblicke in geheimem Gram, denn es war ihr nicht einmal frei zu weinen vergönnt, so sehr ihr Herz darnach begehrte. „Was weinst du, Gott¬ verhaßte,“ rief ihr die Mutter zornig zu, so oft sie dieselbe in Thränen fand, „starb denn dir allein der Vater? hat denn kein Sterblicher zu trauern als du? Möchtest du doch in deinem thörichten Jammer schmählich vergehen!“ Zuweilen ward ihr böses Gewissen durch ein eitles Gerücht aufgeschreckt, als sey Orestes aus der Fremde im Anzug; dann wüthete sie am rückhaltlosesten gegen die unglückliche Tochter. „Nun, wäre es nicht deine Schuld,“ rief sie ihr zu, „wenn er käme? Bist nicht du es, die ihn aus meiner Hand hinweggestohlen und heimlich davongeschickt hat? Doch wirst du dich deiner Anschläge nicht freuen; der verdiente Lohn ereilt dich, ehe du es denkst!“ In solchen Scheltworten stand ihr dann der verworfene Gatte Aegisthus bei, und vor beider Flüchen verbarg sich Elektra in die dunkelste Kammer des Hauses. Jahre waren so dahingeschwunden, während welcher sie unaufhörlich auf die Erscheinung ihres Bruders Orestes harrte, denn dieser hatte bei seiner Flucht, so jung er war, doch der Schwester das Versprechen hinterlassen, zur rechten Zeit, wenn er Manneskraft in seinem Arme mitbringen könnte, da zu seyn. Jetzt aber zögerte der längst herangereifte Jüngling so lange, und die nahen wie die fernen Hoffnungen erloschen allmählig in dem trostlosen Herzen der trauernden Jungfrau. Bei ihrer jüngeren Schwester Chrysothemis, die nun auch längst herangewachsen war, aber nicht das männliche Gemüth Elektra's besaß, fand die treue Toch¬ ter Agamemnons keine Unterstützung ihrer Plane, und wenig Trost in ihrem Schmerz. Doch geschah dieß nicht aus Gefühllosigkeit, sondern nur aus Schwäche des weiblichen Herzens. Chrysothemis gehorchte der Mutter und widersetzte sich nicht halsstarrig ihren Be¬ fehlen wie Elektra. So kam sie denn auch eines Tages mit Opfergeräthe und Grabesspende für Verstorbene im Auftrage der Mutter vor das Thor des Pallastes ge¬ gangen und trat der Schwester hier in den Weg. Elektra schalt sie über diesen Gehorsam und fand es schnöde, daß ein Kind solchen Mannes des Vaters vergessen und der ruchlosen Mutter stets gedenken könne. „Willst du denn,“ erwiederte ihr Chrysothemis, „so lange Zeit hin¬ durch niemals lernen, Schwester, leerem Grame dich nicht fruchtlos hinzugeben? Glaube nur, daß mich auch kränkt, was ich sehe, und nur aus Noth ziehe ich mein Segel ein. Dich aber, dieß vernahm ich von den Grau¬ samen, wollen sie, wenn du nicht aufhörst zu klagen, ferne von dem Elternhause in einen tiefen Kerker werfen, wo du den Strahl der Sonne niemals wieder schauen sollst. Bedenke dieß, und gib nicht mir die Schuld, wenn jene Noth einbricht!“ — „Mögen sie es thun,“ antwortete Elektra stolz und kalt, „mir ist am wohlsten, wenn ich recht ferne von euch Allen bin! Aber wem bringst du dieses Opfer da, Schwester?“ — „Es ist von der Mutter unserm verstorbenen Vater bestimmt,“ — „Wie, für den Ermordeten?“ rief Elektra staunend. „Sprich, was bringt sie auf solche Gedanken?“ — „Ein nächtliches Schreckbild,“ erwiederte die jüngere Schwe¬ ster. „Sie hat, so geht die Sage, unsern Vater im Traume geschaut, wie er den Herrscherstab, den er einst trug und jetzt Aegisthus trägt, in unserm Hause ergriff und in die Erde pflanzte. Diesem entsproßte alsobald ein Baum mit Aesten und üppigen Zweigen, der über ganz Mycene seinen Schatten verbreitete. Durch dieses Traumbild geschreckt und zu banger Furcht aufgeregt, schickt sie mich heute, wo Aegisthus nicht zu Hause ist, des Vaters Geist mit diesem Grabesopfer zu versöhnen.“ — „Theure Schwester,“ sprach Elektra auf einmal in bittendem Tone, „ferne sey, daß die Spende des feind¬ seligen Weibes das Grab unseres Vaters berühre! Gib das Opfer den Winden, vergrab' es tief in den Sand, wo auch kein Theilchen davon die Ruhestätte unsers Va¬ ters erreichen könne. Meinst du, der Todte im Grabe werde das Weihgeschenk seiner Mörderin frohen Muthes empfangen? Wirf du vielmehr Alles hin, schneide dir und mir ein paar Locken des Haupthaares ab und bring ihm dieses unser demüthiges Haar und meinen Gürtel da, das Einzige was ich habe, als wohlgefälliges Opfer dar. Wirf dich dazu nieder und flehe zu ihm, daß er aus dem Erdenschooß als Beistand gegen unsere Feinde heraufsteige, daß der stolze Fußtritt seines Sohnes Orestes bald erschalle und seine Mörder niedertrete. Dann wollen wir sein Grab mit reicheren Opfern schmücken!“ Chry¬ sothemis, zum erstenmale von der Rede der Schwester ergriffen, versprach zu gehorchen, und eilte mit dem Opfer der Mutter hinaus ins Freie. Sie hatte sich noch nicht lange entfernt, so kam Klytämnestra aus den innern Hallen des Pallastes und fing in gewohnter Weise auf ihre ältere Tochter zu schmähen an: „Du bist heute wieder ganz ausgelassen, scheint es, Elektra, weil Aegisthus, der dich doch sonst in Schranken hielt, heute fort ist. Schämst du dich nicht, anders als es einer sittsamen Jungfrau geziemt, den Deinen zur Schande vor das Thor zu gehen und mich da wohl bei den aus- und eingehenden Mägden zu verklagen? Schwab , das klass. Alterthum. III . 2 Nimmst du noch immer den Vater zum Vorwande deiner Anklage, daß er durch mich gestorben sey? Nun wohl, ich läugne diese That nicht, aber nicht ich allein bin es, die sie verrichtete, die Göttin der Gerechtigkeit stand mir zur Seite; und auf ihre Seite solltest auch du treten, wenn du vernünftig wärest. Erfrechte sich nicht dieser dein Vater, den du unaufhörlich beweinst, allein im ganzen Volke, deine Schwester sich und Menelaus zum Vortheil hinzuopfern? Ist ein solcher Vater nicht schänd¬ lich und sinnlos? Würde der Todten gewährt zu sprechen, gewiß sie würde mir Recht geben! Ob aber du, Thö¬ rin, mich schiltst, das gilt mir gleich.“ „Höre mich an,“ erwiderte Elektra, „Du gestehst meines Vaters Mord. Das ist Schande genug, mag dieser Mord nun gerecht gewesen seyn oder nicht. Aber nicht um der Gerechtigkeit willen hast du ihn erschlagen! Die Schmeichelei des schnöden Mannes trieb dich dazu, der dich jetzt besitzt. Mein Vater opferte fürs Heer und nicht für sich, nicht für Menelaus. Widerstrebend, gezwungen that er es, dem Volke zu lieb. Und wenn er es für sich, wenn er es für seinen Bruder gethan hätte, mußte er deßwegen von deiner Hand sterben? mußtest du deinen Mordgenossen zum Gemahl nehmen, und die allerschimpflichste That auf die allerverruchteste folgen lassen? oder heißest du das vielleicht auch Ver¬ geltung für den Opfertod deines Kindes?“ — „Schnöde Brut,“ rief Klytämnestra zornglühend ihr entgegen, „bei der Königin Diana! du büßest mir diesen Trotz, ist nur erst Aegisthus zurückgekommen. Wirst du dein Geschrei einstellen und mich ruhig opfern lassen?“ Klytämnestra wandte sich von der Tochter ab und trat an den Altar des Apollo, der vor dem Pallaste wie vor allen Häusern der Griechen aufgestellt war, Haus und Straße zu behüten. Das Opfer, das sie dar¬ brachte, war bestimmt, den Gott der Weissagungen wegen des Traumgesichtes zu versöhnen, das ihr in der letzten Schreckensnacht im Schlafe vorgekommen war. Und es schien als wolle der Gott sie erhören. Noch hatte sie nicht ausgeopfert, als ein fremder Mann auf die sie begleitenden Dienerinnen zuschritt und nach der Königswohnung des Aegisthus sich erkundigte. Von diesen an die Fürstin des Hauses gewiesen, beugte er die Kniee vor ihr und sprach: „Heil dir, o Königin, ich bin gekommen, dir ein willkommenes Wort von dei¬ nem und deines Gemahles Freunde zu verkündigen. Mich sendet der König Strophius aus Phanote: es starb Orestes; damit ist mein Auftrag zu Ende.“ „Dieß Wort ist mein Tod,“ seufzte Elektra und sank an den Stufen des Pallastes nieder. „Was sagst du, Freund,“ sprach hastig Klytämnestra, den Altar mit einem Sprunge verlassend. „Kümmere dich nicht um jene Närrin dort! Erzähle mir, erzähle!“ „Dein Sohn Orestes,“ hub jener an, „von Ruhm¬ begier getrieben, war nach Delphi zu den heiligen Spielen gekommen. Als der Herold den Anfang des Wettlaufes verkündigte, so trat er herein in den Kreis, eine glän¬ zende Gestalt, von Allen angestaunt. Ehe man ihn recht seinen Anlauf nehmen sah, dem Wind oder dem Blitze gleich, war er am Ziele und trug den Siegespreis davon. Ja, so viel der Kampfrichter Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Renn¬ bahn, erschallte jedesmal als Name des Siegers, 2 * Orestes, der Sohn Agamemnons, des Vö lkerfürsten vor Troja. Dieß war der Anfang seiner Wettkämpfe. Aber, wenn ihn die höhere Gewalt der Götter irre macht, so entgeht auch der Stärkste seinem Loose nicht. Denn als nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten Rosse seinen Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle. Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene Rosse¬ lenker aus Libyen erschienen. Auf sie folgte Orestes als der Fünfte, mit thessalischen Rossen; dann, mit einem Viergespann von Braunen, kam ein Ae olier; als siebenter ein Wettrenner aus Magnesia, der Achte ein Kämpfer aus Aenia mit schönen Schimmeln, beide Thracier, aus Athen ein Neunter, und zuletzt auf dem zehenten Wagen saß ein Böotier. Nun schüttelten die Kampfrichter die Loose, die Wagen wurden in der Ordnung aufgestellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin jagten sie alle, die Zügel schwingend und den Rossen Muth ein¬ rufend. Das Erz der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner sparte die Geissel. Hinter jedem Wagen schnaubten schon die Rosse eines andern. Bereits lenkte der Aenianer der letzten Säule zu und drängte, sein linkes Roß straff am Zügel haltend, die Nabe dorthin, während er das rechte, das Nebenroß, frei laufen ließ. Anfangs flogen auch die Wagen alle aufrecht dahin, bis die hartmäuligen Pferde des Aenianers scheu wurden und gegen den Wagen des Libyers anrannten. Durch diesen Einen Fehler gerieth Alles in Verwirrung, Wa¬ gen stürzten an Wagen, und bald war das Feld mit Trümmern bedeckt. Nur der kluge Athener wich seitwärts, hemmte seine Rosse, und ließ im innern Kreise den Strudel der Wagen sich in einander wühlen. Hinter diesem drein kommend trieb als der letzte Orestes seine Rosse an. Wie dieser nun Alles gestürzt und in Unord¬ nung und den Athener allein noch übrig sieht, klatscht er mit der Peitsche seinem Viergespann ins Ohr, und so fährt bald, beide Führer im Sitz aufrecht und vor¬ gelehnt, das kühne Paar mit einander in die Wette. Orestes war auf der langen Bahn auch wirklich glück¬ lich vorwärts gekommen, und ließ, auf dieß sein Glück vertrauend, allmählig mit dem Zügel nach. Da wandte sich sein linkes Roß, bog um, und streifte kaum merklich die letzte Säule der Bahn. Und doch war der Stoß so groß, daß die Nabe mitten durch brach, der Arme vom Wagensitze glitt, und an seinem Zaume dahinge¬ schleift wurde. Als er auf den Boden sank, flogen seine Rosse in wilder Flucht durch die Bahn; das Volk jam¬ merte laut auf, denn der schöne Jüngling wurde bald am Boden hingeschleift, bald streckte er seine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker selbst mit Mühe sein Gespann und lösten den Geschleiften ab, der so mit Blut befleckt, so entstellt war, daß selbst seine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der Leichnam wurde sofort schleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordnete aus Phocis bringen in einer klei¬ nen Urne von Erz den jämmerlichen Ueberrest seines stattlichen Leibes, damit sein Vaterland ihm ein Grab gönne!“ Der Bote endete: Klytämnestra aber fühlte sich von widersprechenden Gefühlen bewegt; sie sollte sich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen; aber doch regte sich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderstehlicher Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorglosigkeit, dem sie sich mit dieser Nachricht end¬ lich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von Einem Gefühle, dem gränzenlosesten Jammer besessen, und machte diesem in lauten Wehklagen Luft. „Wohin soll ich fliehen,“ rief sie, als Klytämnestra mit dem Fremdling aus Phocis in den Pallast gegangen war, „jetzt erst bin ich einsam, jetzt erst des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienstmagd der ab¬ scheulichsten Menschen, der Mörder meines Vaters seyn! Aber nein, unter demselben Dache mit ihnen will ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich selbst hinaus vor das Thor dieses Pallastes, und komme draußen im Elend um. Zürnt einer der Hausbewohner darob? wohl, er gehe heraus und tödte mich! das Leben kann mich nur kränken, und der Tod muß mich erfreuen!“ Allmählig verstummte ihre Klage und sie versank in ein dumpfes Brüten. Wohl mochte sie stundenlang so in sich vertieft auf der Marmortreppe am Eingange des Pallastes, den Kopf auf den Schooß gelegt, gesessen haben, als auf einmal ihre junge Schwester Chrysothe¬ mis voll Freude daher gejagt kam und nach keinem An¬ stande fragend, mit einem Jubelruf die Schwester aus ihrem brütenden Kummer weckte. „Orestes ist gekommen,“ rief sie; „er ist so leibhaftig da, wie du mich selbst hier vor dir siehest!“ Elektra richtete ihr Haupt auf, blickte die Schwester mit weitaufgerissenen Augen an, und sprach endlich: „Redest du im Wahnsinn, Schwester, und willst meiner und deiner Leiden spotten?“ — „Ich melde, was ich gefunden,“ sprudelte Chrysothemis heraus, lachend und weinend zugleich. „Höre, wie ich auf die Spur der Wahrheit kam. Als ich an das überwachsene Grab unsers Vaters kam, da sah ich auf der Höhe Spuren einer frischen Opferspende von Milch, und zu¬ gleich seine Ruhestätte mit mancherlei Blumen bekränzt. Staunend und ängstlich durchspähete ich den Ort, und als ich Niemand gewahr wurde, wagte ich es, weiter zu forschen. Da entdeckte ich am Rande des Grabmals eine frisch abgeschnittene Locke. Auf einmal steigt in meiner Seele, ich weiß nicht wie, das Bild unseres fernen Bruders Orestes auf, und mich ergreift eine Ahnung, daß er, nur er es sey, von welchem diese Spur herrühre. Unter heimlichen Freudenthränen greife ich nach der Locke, und hier bringe ich sie. Sie muß, sie muß von des Bruders Haupte geschnitten seyn!“ Elektra blieb bei dieser unsicheren Kunde unglaubig sitzen, und schüttelte das Haupt. „Ich bedaure dich deiner thörichten Leichtgläubigkeit wegen,“ sprach sie, „du weißest nicht, was ich weiß.“ Und nun erzählte sie der Schwester die ganze Botschaft des Phociers, so daß der armen Chrysothemis, die sich von Wort zu Wort mehr um ihre Hoffnung betrogen fand, nichts übrig blieb, als in den Weheruf Elektra's mit einzustimmen. „Ohne Zweifel,“ sagte Elektra, „rührt die Locke von irgend einem theilnehmenden Freunde her, der dem jämmerlich umge¬ kommenen Bruder am Grabe des ermordeten Vaters ein Andenken stiften wollte!“ Und doch hatte sich die Hel¬ denjungfrau unter diesen Gesprächen wieder ermannt und machte der Schwester den Vorschlag: da die letzte Hoff¬ nung, den Vater durch die Hand des Sohnes zu rächen, mit Orestes erloschen sey, die große That gemeinschaftlich mit ihr selbst zu vollführen, und den Missethäter Aegis¬ thus zu tödten. „Besinne dich,“ sprach sie, „du hast das Leben und sein Glück lieb, Chrysothemis! Nun hoffe nur nicht, daß Aegisthus je gestatten werde, daß wir uns vermählen, und des Agamemnons Geschlecht, ihm und den Seinigen zur Rache, aus uns erneut hervor¬ sprosse. Willst du aber meinem Rathschlage gehorchen, so verdienst du dir den Ruhm der Treue um Vater und Bruder, wirst in Zukunft frei herangewachsen leben, wirst durch einen würdigen Ehebund beglückt werden. Denn wer sähe sich nicht gerne nach einer so edlen Toch¬ ter um? dazu wird alle Welt uns zwei Geschwister prei¬ sen, am Festmahl und in der Volksversammlung werden wir für unsere Mannesthat nichts als Ehre ärnten! da¬ rum folge mir, du Liebe! hilf dem Vater, dem Bruder; rette mich, rette dich selbst aus der Noth! Bedenke doch, wie ein schimpfliches Leben Edelgeborene schändet!“ Aber Chrysothemis fand den Vorschlag der plötzlich begeisterten Schwester unvorsichtig, unklug, unausführ¬ bar. „Auf was vertrauest du denn,“ fragte sie. „Hast du Männerfaust und bist nicht ein Weib? Stehest du nicht den mächtigsten Feinden, deren Glück von Tage zu Tage sich fester begründet, gegenüber? Wahr ists, wir leiden Hartes; aber, siehe zu, daß wir uns nicht noch Unerträglicheres zuziehen. Einen schönen Ruf können wir freilich gewinnen; aber nur durch einen schmählichen Tod! Und vielleicht ist Sterben nicht das Schlimmste, und es würde uns noch Schnöderes zu Theil als der Tod. Drum, ehe wir so rettungslos verderben, laß dich erflehen, Schwester, bezwing' deinen Unmuth! Was du mir anver¬ traut hast, will ich als das tiefste Geheimniß bewahren!“ „Deine Rede überrascht mich nicht,“ erwiederte mit einem tiefen Seufzer Elektra. „Ich wußte wohl, daß du meinen Vorschlag weit von dir werfen würdest. So muß ich denn ganz allein, mit eigenen Händen, an das Werk gehen. Wohl, es ist auch so recht!“ Weinend umschlang sie Chrysothemis. Aber die hohe Jungfrau blieb unerbittlich. „Geh,“ sprach sie kalt, „zeige nur Alles deiner Mutter an.“ Und als die Schwester wei¬ nend den Kopf schüttelte und davon ging, so rief sie ihr nach: „Geh, geh! nie werde ich deinem Tritte folgen!“ Sie saß noch immer unbeweglich auf der Schwelle des Pallastes, als zwei junge Männer in der Begleitung anderer mit einer Todtenurne dahergeschritten kamen. Der schönste und blühendste von ihnen wandte sich an Elektra, fragte nach der Wohnung des Königes Aegis¬ thus, und gab sich als einen der Abgesandten aus Pho¬ cis kund. Da sprang Elektra auf, und streckte die Hände nach der Urne aus. „Bei den Göttern, Fremdling!“ rief sie, „wenn Ihn dieß Gefäß verhüllet, so gieb es mir, auf daß ich mit seiner Asche den ganzen, unglück¬ seligen Stamm bejammere!“ „Wer sie auch seyn mag,“ sprach der Jüngling, die Jungfrau aufmerksamer betrachtend, „gebet ihr die Urne. Sicherlich hegt sie keine Feindschaft gegen den Todten, ist vielmehr eine Freundin, oder gar ein ihm anverwandtes Blut!“ Elektra faßte die Urne mit beiden Händen, drückte sie wieder und immer wieder ans Herz, und rief dazu in unverhaltenem Jammerton: „O du Ueberrest des geliebtesten Menschen! Wie mit ganz an¬ derer Hoffnung habe ich dich ausgesandt und begrüße dich jetzt, da du so zurückkehrest! Wär' ich doch lieber gestorben, anstatt dich in die Ferne hinaus zu senden; dann wärest du an demselben Tage am Grabe des Va¬ ters als Schlachtopfer gesunken, wärest nicht in der Verbannung umgekommen und von Fremdlingshänden bestattet worden! So war denn all meine Pflege, all meine süße Mühe umsonst! Das Alles ist mit dir ge¬ storben; der Vater ist todt, ich selbst bin todt, seitdem du nicht mehr lebst: die Feinde lachen, unsere Raben¬ mutter tobt in wilder Lust, denn jetzt fürchtet sie keine heimliche Rachebotschaften, an mich von dir gerichtet, mehr. Ach, nähmest du mich doch mit auf in deine Urne; ich bin vernichtet, laß mich dein Nichts mit dir theilen!“ Als die Jungfrau so jammerte, konnte sich der Jüngling, der an der Spitze der Gesandten stand, nicht länger halten und seine Zunge nicht mehr zwingen. „Ists möglich,“ rief er, „diese Jammergestalt soll Elektra's edles Bild seyn? O gottlos, o frevelhaft entstellter Leib! Wer hat dich so zugerichtet?“ — Elektra blickte ihn ver¬ wundert an, und sprach: „Das macht, ich muß, den Mör¬ dern meines Vaters dienen, gezwungen von der verruch¬ ten Mutter, und mit der Asche in dieser Urne ist alle meine Hoffnung dahin!“ — „Stell' diesen Aschenkrug weg!“ rief der Jüngling mit thränenerstickter Stimme, und als Elektra sich weigerte und die Urne fester ans Herz drückte, da sprach er weiter: „weg mit der leeren Urne, es ist ja Alles nur Schein!“ da schleuderte die Jungfrau das Gefäß von sich und rief in Verzweiflung: „Wehe mir! wo ist sein Grab denn?“ — „Nirgends,“ war die Antwort des Jünglings; „den Lebendigen wird kein Grab gemacht!“ — „So lebt er, lebt er?“ — „Er lebt, wenn anders ich selbst vom Lebenshauch beseelt bin; ich bin Orestes, bin dein Bruder, erkenne mich an die¬ sem Mahlzeichen, mit dem der Vater mich am Arme gezeichnet! Glaubst du nun, daß ich lebe?“ — „O Lichtstrahl in der Nacht!“ rief Elektra und lag in seinen Armen. In diesem Augenblicke kam der Mann aus dem Pallaste, welcher der Königin die falsche Todesbotschaft aus Phocis überbracht hatte; es war der Pfleger des jungen Orestes, dem einst Elektra selbst den Knaben über¬ geben, und der ihn auf ihren Befehl ins Land der Pho¬ cier geleitet hatte. Als er mit kurzen Worten der Jung¬ frau dieses kund that, reichte sie ihm erfreut die Hand und sprach: „O du einziger Retter dieses Hauses! Welchen Dienst haben mir diese theuren Hände, diese treu bemüh¬ ten Füße geleistet! Wie verbargst du dich so lange un¬ entdeckt? Wie habt ihr doch Alles angelegt und verab¬ redet?“ — Aber der Pfleger stand ihren ungestümen Fragen nicht Rede. „Es wird die Zeit kommen, da ich dir Alles mit Gemächlichkeit erzählen kann, edle Königs¬ tochter! Jetzt aber drängt die Stunde zum Angriff, zur Rache! Noch ist Klytämnestra allein im Hause, noch bewacht sie kein Mann drinnen; denn Aegisth verweilt noch in der Ferne! wenn ihr aber noch einen Augenblick zögert, so habt ihr mit Vielen und Ueberlegenen den Kampf zu wagen!“ Orestes stimmte ein und eilte mit seinem treuen Freunde Pylades, dem Sohne des Königes Strophius aus Phocis, der an seiner Seite gekommen war, und mit allen andern Begleitern in den Pallast, und Elektra, nachdem sie flehend den Altar Apollo's umfaßt hatte, folgte ihnen. — Wenige Minuten waren verflossen, als Aegisthus zurückkehrend in den Pallast trat, und hastig nach den Phociern fragte, die, wie er unterwegs vernommen, die Freudenbotschaft von Orestes Tode gebracht hätten. Die erste, die ihm im Innern des Königshauses begegnete, war Elektra und er richtete mit höhnendem Uebermuth auch an sie die Frage: „Sprich, du Hochfahrende, wo sind die Fremdlinge, die deine Hoffnung vernichtet ha¬ ben?“ Elektra unterdrückte ihr Gefühl und antwortete ruhig: „Nun, sie sind drinnen, ihrer lieben Wirthin zugeführt!“ „Und melden sie,“ fuhr er fort, „auch wahr¬ haftig seinen Untergang?“ — „O ja,“ erwiederte Elektra, „nicht nur dieß, sondern sie haben ihn selbst bei sich.“ — „Das ist das erste erfreuliche Wort, das ich von deinen Lippen höre!“ sprach hohnlachend Aegisthus: „doch, siehe, da bringen sie ja den Todten schon!“ Frohlockend ging er dem Orestes und seinen Beglei¬ tern entgegen, die einen verhüllten Leichnam aus dem Innern des Pallastes in die Vorhalle trugen. „O froher Anblick,“ rief der König und heftete seine gierigen Augen darauf, „hebet schnell die Decke auf; laßt mich ihn des Anstands halber beklagen; es ist ja doch verwandtes Blut!“ So sprach er spottend. Orestes aber entgegnete: „Erhebe du selbst die Decke, Herrscher! dir allein ge¬ bührt es, liebevoll zu sehen und zu begrüßen, was unter dieser Hülle liegt!“ — „Wohl, antwortete Aegisthus, aber ruf' auch Klytämnestra herbei, daß sie schaue, was sie gerne sehen wird.“ — „Klytämnestra ist nicht ferne,“ rief Orestes. Indem lüftete der König die Decke, und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zurück: nicht die Leiche des Orestes, wie er gehofft hatte — der blutige Leichnam Klytämnestra's zeigte sich seinen Blicken. „Weh mir,“ schrie er, „in welcher Männer Netze bin ich Un¬ glückseliger gerathen?“ Orestes aber donnerte ihn mit tiefer Stimme an: „Weißest du denn nicht schon lange, daß du zu Lebendigen als zu Todten sprachest? Siehest du nicht, daß Orestes, der Rächer seines Vaters, vor dir steht?“ — „Laß mich reden!“ sprach zusammenge¬ sunken Aegisthus. Aber Elektra beschwor den Bruder ihn nicht anzuhören. Verstummend stießen ihn die Ankömm¬ linge hinein in den Pallast, und an demselben Orte, wo er einst den König Agamemnon in Bade gemordet, fiel Aegisthus wie ein Opferthier, unter den Streichen des Rächers. Orestes und die Eumeniden. Orestes hatte, als er die Rachepflicht für den Va¬ ter an der Mutter und ihrem Buhlen übte, nach dem Willen der Götter selbst gehandelt und ein Orakel des Apollo hatte ihm befohlen zu thun, was er gethan. Aber die Frömmigkeit gegen den Vater hatte ihn zum Mörder an der Mutter gemacht. Nach der That erwachte die Kindesliebe in seiner Brust und der durch eine andere Na¬ turpflicht gebotene Frevel gegen die Natur, den er im gräßlichen Zwiespalte der Pflichten begangen hatte, ließ ihn den Rächerinnen solcher Frevel, den Erinnyen oder Rachegöttinnen (Furien) anheimfallen, welche die Griechen aus Furcht auch die Eumeniden, das heißt, die Gnädigen, oder: „die uns gnädig seyn mögen,“ benannten. Töchter der Nacht und schwarz wie diese, von entsetzlicher Gestalt, übermenschlich groß, mit blutigen Augen, Schlangen in den Haaren, Fackeln in der einen Hand, in der andern aus Schlangen geflochtene Geißeln, verfolgten sie den Muttermörder auf jedem Schritt und Tritt, und sandten ihm ins Herz die nagenden Gewissensbisse und die quä¬ lendste Reue. Sogleich nach der That jagten ihn die Eumeniden fort vom Schauplatze derselben, und als ein wahnsinniger Flüchtling verließ er die wieder gefundenen Schwestern, das Vaterhaus Mycene und sein Vaterland. In dieser Noth blieb ihm sein treuer Freund Pylades, den er in einem Augenblicke der Besinnung mit seiner Schwester Elektra verlobt hatte, redlich zur Seite, kehrte nicht in seine Heimath Phocis und zu seinem Vater Strophius zurück, sondern theilte alle Wanderungen in der Irre mit seinem wahnsinnig gewordenen Freunde. Außer die¬ ser treuen Seele hatte Orestes keinen menschlichen Be¬ schützer in seinem Elend. Aber der Gott, der ihm die Rache befohlen hatte, Apollo, war bald sichtbar, bald unsichtbar an seiner Seite und wehrte die ungestüm nachdringenden Erinnyen wenigstens vom Leibe des Ver¬ folgten ab. Auch sein Geist wurde ruhiger, wenn der Gott in der Nähe war. So waren die Flüchtlinge auf ihren langen Irr¬ fahrten endlich ins Gebiet von Delphi gekommen, und Orestes hatte im Tempel des Apollo selbst, dessen Zutritt den Erinnyen verwehrt war, eine Freistätte für den Au¬ genblick gefunden. Der Gott stand mitleidig zu seiner Seite, wie er auf dem Aestrich des Heiligthums ausge¬ streckt, von Müdigkeit und Gewissensangst abgemattet, ge¬ stützt auf seinen Freund Pylades, ausruhte, und sprach ihm Hoffnung und Muth mit den Worten ein: „Unglück¬ licher Sohn, sey getrost. Ich werde dich nicht verrathen; mag ich nahe, oder ferne seyn, so bin ich dein Wächter, und nie werde ich deinen Feindinnen feige weichen! Du siehest auch, wie dort draussen die grauenvollen, alten Mägde, deren Umgang Götter, Menschen und selbst Thiere scheuen, die sonst tief drunten in den Finsternissen des Tartarus wohnen, vom bleiernen Schlafe durch mich ge¬ bändiget, meinem Tempel ferne liegen. Dennoch verlaß dich nicht auf ihren Schlummer; er wird nicht lange dauern, denn mir ist immer nur kurze Macht über die greisen Göttinnen vom Schicksale verliehen. Deßwegen mußt du bald wieder auf die Flucht; doch sollst du nicht länger ohne Ziel umher irren. Richte vielmehr deine Schritte nach Athen, der ehrwürdigen alten Stadt mei¬ ner Schwester Pallas Athene; dort will ich dir für ein gerechtes Gericht sorgen, vor welchem du deine Stimme erheben und deine gute Sache vertheidigen kannst. Keine Furcht soll dich darum bekümmern; ich selbst scheide jetzt von dir, aber mein Bruder Hermes (Merkurius) wird dich bewachen und sorgen, daß mein Schützling nicht verletzt werde.“ So sprach Apollo. Noch bevor er jedoch seinen Tempel und den Orestes verließ, war das Schattenbild Klytämnestra's im Traum vor die Seelen der schlum¬ mernden Rachegöttinnen getreten, und hatte ihnen die zornigen Worte zugehaucht: „Ists auch recht, daß ihr schlafet? Bin ich so ganz von Euch verlassen, daß ich ungerächt in der Nacht der Unterwelt umherirren muß? Das Gräßlichste habe ich von meinen nächsten Bluts¬ verwandten erduldet, und kein Gott zürnt darüber, daß ich von den Händen des eignen Sohnes ermordet ge¬ fallen bin? Wie viele Trankopfer, von meiner Hand euch ausgegossen, habt ihr geschlürft, wie viele nächt¬ liche Mahle habe ich euch aufgetischt. Das Alles tretet ihr jetzt mit Füßen, und eure Beute lasset ihr entrinnen, wie ein Reh, das mitten aus den Netzen davon hüpft! Höret mich, ihr Unterirdischen! Ich bins, Klytämnestra, die ihr zu rächen geschworen, und die sich jetzt in euren Traum einmischt, an euren Schwur euch zu erinnern.“ Die schwarzen Göttinnen konnten des Zauberschla¬ fes nicht so bald los werden, sie fuhren fort tief auf¬ zuschnarchen, und erst die lauten Worte des Schattens, die in ihren Traum hineintönten: „Orestes, der Mutter¬ mörder, entgeht euch!“ rüttelten sie endlich aus dem Schlummer empor. Eine erweckte die andere, wie wilde Thiere sprangen sie vom Lager auf, und ohne Scheu stürmten sie in den Tempel Apollo's selbst hinein, und hatten schon die Schwelle überschritten: „Jupitersohn,“ schrien sie ihm entgegen, „du bist ein Betrüger! du junger Gott trittst die alten Göttinnen, die Töchter der Nacht, mit Füßen, du wagst es, uns diesen Götterverächter und Mutterfeind vorzuenthalten, du hast ihn uns gestohlen, und willst doch ein Gott seyn! Ist das auch vor den Göttern Recht?“ Apollo dagegen trieb die nächtlichen Göttinnen mit scheltenden Worten aus seinem sonnigen Heiligthum: „Fort von dieser Schwelle,“ rief er, „ihr Greuelhaften! Ihr gehört in die Höhle der Löwen, wo Blut geschlürft wird, ihr Scherginnen des Schicksals, und nicht in den heiligen und reinen Sitz eines Orakels!“ Vergebens beriefen sich die Rachegöttinnen auf ihr Recht und ihr Amt. Der Gott erklärte den Verfolgten für seinen Schützling, weil er in seinem Auftrag als der fromme Sohn seines Vaters Agamemnon gehandelt, und ver¬ trieb die Eumeniden von der Schwelle seines Tempels, daß sie, die Macht des Gottes fürchtend, weit rückwärts flohen. Dann übergab er den Orestes mit seinem Freunde der Obhut Merkurs, des Gottes, in dessen Schutze die Wanderer stehen, und kehrte in den Olymp zurück. Die beiden Freunde aber schlugen, wie der Gott ihnen be¬ fohlen hatte, den Weg nach Athen ein, während die Erinnyen ihnen, aus Scheu vor der goldenen Ruthe des Götterboten, nur aus der Ferne zu folgen wagten. All¬ mählig jedoch wurden sie kühner; und als die beiden Freunde glücklich in der Stadt Pallas Athene's ange¬ kommen waren, heftete sich ihnen die Schaar der Rä¬ cherinnen dicht an die Fersen und kaum war Orestes mit seinem Freund im Tempel der Athene (Minerva) angekommen, so stürmte auch schon der grauenvolle Chor durch die offenen Pforten desselben herein. Orestes hatte sich vor der Bildsäule der Göttin niedergeworfen, streckte seine offenen Arme betend nach ihr aus und rief in der heftigsten Aufregung seines Ge¬ müthes: „Königin Athene, auf Apollo's Befehl komme ich zu dir. Nimm einen Angeklagten gnädig auf, dessen Hände nicht mit unschuldigem Blute befleckt sind, und der doch müde ist von ungerechter Flucht und abgestumpft vom Flehen in fremden Häusern. Ueber Städte und Einöden komme ich daher, gehorsam dem Orakel deines Bruders, liege hier in deinem Tempel und vor deinem Bilde, und erwarte deinen Richterspruch, o Göttin!“ Nun erhob auch der Chor der Furien, die hinter ihm herannaheten, seine Stimme, und schrie: „Wir sind dir Schwab , das klass. Alterthum III . 3 auf der Spur, Verbrecher! Wie der Hund dem ver¬ wundeten Rehbock, sind wir deinen Fußstapfen gefolgt, die von Blute triefen! Du sollst kein Asyl finden, Mut¬ termörder! dein rothes Blut wollen wir dir aus den Gliedern saugen, und dann das blasse Schattenbild mit uns hinunter in den Tartarus führen! Nicht Apollo's, nicht Athene's Gewalt soll dich von der ewigen Qual befreien! Mein Wild bist du, mir genährt, für meinen Altar bestimmt! Auf, Schwestern, laßt ihn uns mit unsrem Reigen umtanzen und seine beschwichtigte Seele durch unsre Gesänge zu neuem Wahnsinn aufregen!“ Und schon wollten sie ihr furchtbares Lied anstim¬ men, als plötzlich ein überirdisches Licht den Tempel durchleuchtete, die Bildsäule verschwunden war, und an ihrer Stelle die lebendige Göttin Athene stand, mit ern¬ sten blauen Augen auf die Menge herniederblickend, die ihre Tempelhallen füllte, und den unsterblichen Mund zu der himmlischen Rede erschließend. „Wer hat sich in mein Heiligthum gedrängt,“ sprach die Göttin, „während ich am Skamander von den Gebeten der abziehenden Griechen gerufen, das Beuteloos mir betrachte, das die frommen Söhne des Theseus opfernd mir dort hinterließen? Was für ungewohnte Gäste muß ich in meinem Tempel gewahren? Ein Fremdling hält meinen Altar umfaßt, und Weiber, keinem gezeugten Sterblichen ähnlich, haben sich in drohender Stellung hinter ihn geschaart. Redet, wer seyd ihr alle und was wollet ihr?“ Orestes, von Furcht und Zittern sprachlos, lag noch immer auf dem Boden, die Erinnyen aber standen unverzagt hinter ihm, und nahmen das Wort. „Jupiters Tochter,“ sprachen sie, „ohne Umschweif sollst du Alles aus unsrem Munde hören. Wir sind die Töchter der schwarzen Nacht, und Furien nennt man uns drunten zu Hause!“ — „Wohl kenne ich euer Geschlecht,“ sprach Minerva, „und euer Ruf ist oft schon zu mir gedrungen. Ihr seyd die Rächerinnen des Meineids und des Ver¬ wandtenmordes: was kann euch in mein reines Tem¬ pelhaus führen?“ „Dieser Mensch, der hier zu deinen Füßen deinen Altar durch seine Gegenwart besudelt!“ sprachen sie. „Er hat seine eigene Mutter erschlagen. Richte du selbst ihn, wir werden dein Urtheil ehren, denn wir wissen, du bist eine strenge und gerechte Göttin!“ „Wenn ihr mir denn den Richterspruch übertraget,“ antwortete Pallas Athene, „so sprich du zuerst, Fremd¬ ling, was kannst du gegen die Aussagen dieser Unter¬ irdischen vorbringen? Nenne mir zuerst dein Vaterland, dein Geschlecht und dein Schicksal, und alsdann reinige dich von dem Frevel, der dir Schuld gegeben wird. Solches gestatte ich dir, weil du vor meinem Altare knieend liegst, und ihn als demüthiger Schützling um¬ fasset hältst! Auf alles Jenes aber antworte mir ohne Gefährde!“ Jetzt erst wagte Orestes den Blick vom Boden zu erheben, richtete sich auf, doch so, daß er immer noch vor der Göttin auf den Knieen lag, und sprach: „Kö¬ nigin Athene! Vor allen Dingen sey dir die Besorg¬ niß um dein Heiligthum benommen! Ich habe keinen unsühnbaren Mord begangen; ich umfange deinen Altar nicht mit unsauberen Händen! Ich bin gebürtig aus Argos, und du kennst meinen Vater wohl. Es ist Aga¬ 3 * memnon, der Völkerfürst, der Führer der griechischen Flotte vor Troja, mit dem du selbst Ilios herrliche Veste zerstöret hast. Dieser, nach Hause zurückgekehrt, ist keines ehrlichen Todes gestorben, sondern meine Mutter, die mit dem fremden Manne buhlte, hat ihn in ein trüge¬ risches Netz gewickelt und umgebracht; das Bad war der Zeuge seines Mordes. Da bin ich nach langer Zeit, der ich seitdem in der Verbannung gelebt, zurück gekom¬ men ins Vaterland, und habe den Vater gerächt, und, ich läugne es nicht, habe des geliebten Vaters Mord mit Mord an der Mutter gerächt. Und zu dieser That hat dein eigener Bruder Apollo mich aufgemuntert und sein Orakel hat mir mit großer Seelenqual gedroht, wenn ich die Mörder meines Vaters nicht bestrafte. Nun sollst du Schiedsrichterin seyn, o Göttin, ob ich mit Recht oder Unrecht gehandelt. Auch ich unterwerfe mich deinem Richterspruch!“ Die Göttin schwieg eine Weile nachdenklich; dann sprach sie: „Die Sache, die entschieden werden soll, ist freilich so dunkel, daß ein menschliches Gericht nicht damit fertig würde; darum, obwohl ich sterbliche Richter für sie wählen will, ist es doch gut, daß ihr euch mit eurem Rechtsstreit an eine Unsterbliche gewendet. Denn ich selbst will das Gericht versammeln, in meinem Tempel den Vorsitz führen und bei schwankendem Urtheile den Ausschlag geben. Inzwischen soll dieser Fremdling unter meinem Schirm unangetastet in unsrer Stadt leben. Ihr aber, finstre, unerbittliche Göttinnen! beflecket diesen Bo¬ den nicht ohne Noth mit eurer Gegenwart. Gehet hinab in eure unterirdische Behausung und erscheinet nicht eher wieder in diesem Tempel, bis der anberaumte Tag des Gerichtes herbeigekommen seyn wird. Einstweilen sammle jede Partie Zeugen und Beweise: ich selbst aber will die besten Männer dieser Stadt, die meinen Namen führt, auslesen, und zur Aburtheilung dieses Streites bestellen.“ Nachdem die Göttin sodann den Tag des abzuhal¬ tenden Gerichtes festgesetzt hatte, wurden die Parteien aus dem Tempel entlassen. Die Rachegöttinnen gehorch¬ ten dem Ausspruche Minerva's ohne Murren, ihre Schaar verließ den Boden von Athen und sie stiegen wieder zur Unterwelt hinab; Orestes mit seinem Freunde wurde von den Bürgern Athens gastlich aufgenommen und verpflegt. Als der Gerichtstag erschienen war, berief ein He¬ rold die auserwählten Bürger der Stadt auf einen Hügel vor derselben, der dem Mars oder Ares heilig war, und deßwegen der Areopag oder Aresberg hieß, wo die Göt¬ tin in Person ihrer harrte und Klägerinnen und Ange¬ klagter bereits sich eingefunden hatten. Aber noch ein Dritter war erschienen und stand dem Angeklagten zur Seite. Es war der Gott Apollo. Als die Erinnyen diesen erblickten, erschracken sie und riefen zornig: „Kö¬ nig Apollo, kümmere du dich um deine eigenen Ange¬ legenheiten! Sprich, was hast du hier zu schaffen?“ — „Dieser Mann,“ erwiederte der Gott, „ist mein Schützling, der in meinem Tempel zu Delphi sich in meinen Schirm begeben, und ich habe ihn von dem vergossenen Blut entsündigt. Darum ist es billig, daß ich ihm beistehe; und so bin ich denn erschienen, einentheils für ihn zu zeugen, aiderntheils als sein Anwalt vor dem ehr¬ würdigen heimlichen Gerichte dieser Stadt, das meine himmlische Schwester Athene in ihrem Tempel versammelt hat, aufzutreten. Denn ich bin es, der ihm den Mord der Mutter, als eine fromme, den Göttern wohlgefäl¬ lige That, angerathen hat!“ Mit solchen Worten trat der Gott seinem Schützling noch näher. Die Göttin erklärte nun das Gericht für eröffnet und forderte die Erinnyen auf, ihre Klage vor¬ zubringen. „Wir werden kurz seyn,“ nahm die Aelteste unter ihnen, als Sprecherin, das Wort. „Angeklagter! beantworte uns Frage um Frage: Hast du deine Mutter umgebracht oder läugnest du's?“ —„Ich läugne nicht,“ sprach Orestes, doch erblaßte er bei der Frage. — „So sprich, wie hast du's vollbracht?“ — „Ich habe ihr,“ antwortete der Angeklagte, „das Schwert in die Kehle gebohrt.“ — „Auf wessen Rath und Anstiften hast du es gethan?“ — „Der hier neben mir steht,“ erwiederte Orestes, „der Gott hat mirs durch einen Orakelspruch befohlen; und er ist da, mir dieß zu bezeugen.“ Darauf vertheidigte sich der Angeklagte kürzlich gegen die Richter, daß er in Klytämnestra nicht mehr die Mutter, sondern nur die Mörderin des Vaters gesehen, und Apollo als Anwalt ließ eine längere und beredtere Vertheidigung folgen. Die Rachegöttinnen blieben auch nicht stumm, und wenn der Gott mit schwarzen Farben den Mord des Gatten den Richtern vor Augen gestellt, so schilderten sie dagegen mit giftig funkelnden Augen den Frevel des Muttermordes. Und als ihre Rede zu Ende war, sagte die Sprecherin: „Jetzt haben wir alle unsre Pfeile aus dem Köcher versendet; wir wollen ruhig erwarten, wie die Richter urtheilen werden!“ Minerva hieß die Stimmsteine, jedem einen schwarzen für die Schuld, einen weißen für die Unschuld des Beklagten, unter die Richter vertheilen, die Urne, in welche die Steine zu legen waren, wurde in der Mitte des umzäunten Platzes aufgestellt und ehe die Richter sich zum Abstimmen anschickten, sprach die Göttin noch von der erhöhten Stelle herab, auf welcher sie als Vorsitze¬ rin des Gerichtes ihren Thronsessel eingenommen hatte, indem sie sich aus demselben erhob und in ihrer ganzen himmlischen Hoheit dastand: „Höret diese Bestimmung der Gründerin eurer Stadt, Bürger von Athen! jetzt wo ihr den ersten Streit wegen vergossenen Blutes richtet! Für alle Folgezeit soll dieser Gerichtshof in euren Mauern bestehen. Hier auf diesem heiligen Marshügel, wo einst im Amazonenkriege gegen Theseus die feindlichen Hel¬ dinnen ihr Lager hatten und dem Gotte des Krieges ihr Opfer darbrachten, soll, nach dem Orte benannt, der Areopag sein Blutgericht halten, und durch fromme Scheu die Bürger Tag und Nacht zurückschrecken. Aus den heiligsten Männern der Stadt gebildet stifte ich ihn, unzugänglich dem Gewinne, ehrwürdig, streng, einen wachsamen Schutz für die Schlafenden im ganzen Lande. Ihr alle Einwohner sollet seine Würde scheuen und ihn schirmen als eine heilsame Stütze einer Stadt, wie kein anderes Volk in Griechenland oder unter den Ausländern sie besitzt. Dieß sey für die Zukunft verordnet. Nun aber, ihr Richter, erhebet euch, scheuet euren Eid, und leget zur Entscheidung des Streites eure Stimmen in die Urne nieder!“ Schweigend erhuben sich die Richter von den Sitzen und traten einer um den andern an die Urne, und die Stimmsteine rollten nach einander hinein. Als Alle abgestimmt hatten, traten auserlesene, durch einen Eid verpflichtete Bürger hinzu und zählten die schwarzen und die weißen Steine ab. Da befand es sich, daß die Zahl beider gleich war, und die Entscheidung der vorsitzenden Göttin zukam, wie sie sich im Beginne des Gerichtes dieselbe vorbehalten hatte. Athene stand abermals von ihrem Sitze auf und sprach: „Ich bin von keiner Mut¬ ter geboren, bin das alleinige Kind meines Vaters Ju¬ piter und aus seiner Stirne entsprungen, eine männliche Jungfrau, des Ehebundes unkundig, doch die geborne Beschützerin der Männer. Ich werde nicht auf die Seite des Weibes treten, das seinen Ehegatten freventlich er¬ schlagen hat, dem schnöden Buhlen zu gefallen. Nach meines Herzens Meinung hat Orestes wohl gethan, er hat nicht die Mutter umgebracht, sondern die Mörderin des Vaters. Er siege!“ Damit verließ sie den Rich¬ terstuhl, ergriff einen weißen Stimmstein und fügte ihn den andern weißen Steinen hinzu. „Dieser Mann,“ sprach sie sodann feierlich, auf ihren Thron zurückgekehrt, „ist durch Stimmenmehrzahl von dem Vorwurf ungerechten Mordes freigesprochen!“ Als das Urtheil gefällt war, bat Orestes die Göt¬ tin um das Wort und sprach in tiefer Bewegung seines Herzens: „O Pallas Athene, die du mein Geschlecht und mich des Vaterlands Beraubten gerettet hast, in ganz Griechenland wird man deine Wohlthat preisen und sagen: So wohnet denn jener Argiver wieder in der Väter Pallast, erhalten durch die Gerechtigkeit Mi¬ nerva's, und Apollo's, und des Göttervaters, ohne dessen Willen auch das nicht geschehen wäre. Ich aber ziehe heim, diesem Land und Volke schwörend, daß für ewige Zeiten kein Argiver kommen soll, die frommen Athener zu bekriegen! Ja wenn lange nach meinem Tode einer meiner Landsleute es wagen wollte, diesen meinen Eid zu verletzen, so wird von der Väter Gruft aus noch mein Geist ihn strafen und ihm Unheil auf den Weg senden, daß er seine verfluchten Plane gegen diese Stadt nicht ausführen kann. Lebe denn wohl, du erhabene Beschützerin des Rechtes, und du, frommes Volk der Athener; möge dir in jedem Kriege und in allen Dingen Sieg und Heil zu Theile werden!“ Unter solchen Segenswünschen verließ Orestes den heiligen Hügel des Mars, geleitet von seinem Freunde, der während des ganzen Gerichts nicht von seiner Seite gewichen war; die Rachegöttinnen wagten es nicht, ge¬ gen den Spruch der Göttin sich an dem Freigesprochenen zu vergreifen, auch scheueten sie die Gegenwart Apollo's, der bereit war, den Ausspruch des Gerichtes aufrecht zu erhalten. Aber die Sprecherin des Chores stand von dem Sitze der Klägerinnen auf und in übermensch¬ licher Größe dem Gott und der Göttin als ebenbürtig entgegenstehend, ließ sie, mit der rauhen Stimme der Töch¬ ter der Nacht, ihre trotzige Einsprache gegen das Urtheil also vernehmen: „Wehe uns, die uralten Gesetze habt ihr zu Boden getreten, ihr jüngeren Götter, habt sie uns älteren Göttern aus den Händen gerungen! Ver¬ achtet, machtlos zürnend stehen wir da. Doch soll euch euer Urtheil gereuen, ihr Athener! Alles Gift unsres erzürnten Herzens werden wir über diesen Boden aus¬ schütten, wo die Gerechtigkeit verachtet worden ist. Der Fraß soll über alle Pflanzen, das Verderben über alles Leben kommen; mit Unfruchtbarkeit und Pest wollen wir Land und Stadt heimsuchen, wir, die gekränkten, die beschimpften Göttinnen der Nacht!“ Als Apollo diesen fürchterlichen Fluch vernahm, trat er ins Mittel und sprach besänftigend zu den mäch¬ tigen Göttinnen: „Folget mir, ihr Gnädigen! Zürnet nicht allzusehr über das gefällte Urtheil! Seyd ihr doch nicht besiegt worden; aus der Urne ist die gleiche Zahl schwarzer und weißer Steine hervorgegangen; das Gericht ist nicht zu eurer Schmach ausgefallen, nur die Barm¬ herzigkeit hat gesiegt, nur die Billigkeit hat den Ange¬ klagten, der zwischen zwei heiligen Pflichten wählen und eine von beiden verletzen mußte, gerettet! Und das haben wir Götter gethan, nicht die Richter dieses Landes; und Jupiter hat es gut geheißen! Darum lasset euren Grimm nicht an dem unschuldigen Volke aus. Verspreche ich euch doch in seinem Namen, daß ihr ein Heiligthum und einen würdigen Sitz in seinem Lande erhalten sollet, daß ihr auf glänzenden Altären der gerechten Stadt euren Sitz nehmen werdet, verehrt als die unerbittlichen Göttinnen gerechter Rache von allen Bürgern dieser Stadt!“ Diese Versicherung bekräftigte auch Athene selbst: „Glaubet mir, ehrwürdige Göttinnen,“ setzte sie hinzu, „wenn ihr in einem andern Lande euren Sitz aufschla¬ get, daß euch das gereuen, daß ihr euch nach dem verschmähten sehnen werdet. Die Bürger dieser Stadt sind bereit euch in hohen Ehren zu halten: Chöre von Männern und Frauen werden euren Ruhm feiern, neben dem Tempel des vergötterten Königes Erechtheus sollt ihr ein geweihetes Heiligthum erhalten! Kein Haus wird gesegnet seyn, das euch nicht verehrt!“ Solche Versprechungen besänftigten allmählich den Zorn der strengen Rachegöttinnen, sie gelobten ihren gnädigen Sitz in dem Lande zu nehmen, fühlten sich hoch geehrt, daß sie gleich Athenen und Apollo Altäre und Heiligthum in der berühmtesten Stadt besitzen soll¬ ten, Vergl. B. 1. S. 329. und endlich wurde ihr Sinn so milde, daß sie auch ihrerseits das feierliche Versprechen vor den anwe¬ senden Göttern ablegten, die Stadt zu schirmen, böse Wetter, Sonnenstich, giftige Seuchen von ihrem Gebiete abzuhalten, die Herden des Landes zu schirmen, den Bund der Ehen zu segnen, und im Einverständnisse mit ihren Halbschwestern, den Parzen oder Schicksalsgöttin¬ nen, das Wohl des ganzen Landes auf alle Weise zu befördern. Ja sie wünschten dem ganzen Volke ewige Eintracht und holden Frieden, und ihr schwarzer Chor brach unter Danksagungen des himmlischen Geschwister¬ paares auf, und verließ von der ganzen Einwohnerschaft unter Lobgesängen begleitet den Areopag und die Stadt. Iphigenia zu Tauri. Von Athen hatten sich die beiden Freunde, Orestes und Pylades, der erste nun wieder von seiner Schwer¬ muth genesen, nach Delphi zu dem Orakel Apollo's gewendet und dort fragte Orestes den Gott, was er weiter über ihn beschlossen hätte. Der Spruch der Prie¬ sterin lautete dahin, daß der Königssohn von Mycene die Endschaft seiner Noth erreichen sollte, wenn er nach den Gränzen der taurischen Halbinsel, in die Nachbar¬ schaft der Scythen, sich begeben hätte, wo Apollo's Schwester Diana oder Artemis ein Heiligthum besitze. Dort sollte er das Bildniß der Göttin, das nach der Sage dieses Barbarenvolkes vom Himmel gefallen war und daselbst verehrt wurde, durch List oder andere Mittel rauben und, nach bestandenem Wagestück, dasselbe nach Athen verpflanzen, denn die Göttin sehne sich nach mil¬ derem Himmelsstriche und griechischen Anbetern, und ihr gefalle das Barbarenland nicht mehr. Wäre dieses glücklich vollführt, so solle der landesflüchtige Jüngling am Ziele seiner Noth stehen. Pylades verließ seinen Freund auch auf dieser rau¬ hen Wanderung nach einem gefahrvollen Ziele nicht. Denn das Volk der Taurier war ein wilder Menschen¬ stamm, der die an seiner Hufe Gestrandeten und andere Fremde der Jungfrau Artemis zu opfern pflegte. Den gefangenen Feinden hieben sie den Kopf ab, steckten ihn an einer Stange über den Rauchfang ihrer Hütten, und bestellten ihn so zum Wächter ihres Hauses, der Alles von der Höhe herab für sie überschauen sollte. Die Ursache, warum das Orakel den Orestes in dieses wilde Land unter den grausamen Völkerstamm sandte, war aber diese. Als Agamemnons und Klytäm¬ nestra's Tochter auf Anrathen des griechischen Sehers Kalchas, im Angesichte der Griechen, am Strande von Aulis geopfert werden sollte, und der Todesstreich ge¬ fallen war, der eine Hindin anstatt der Jungfrau ge¬ troffen hatte, B. II . S. 44. da stahl die erbarmungsvolle Göttin Artemis das Mägdlein aus den Blicken der Griechen weg, und trug sie durch das Lichtmeer des Himmels auf ihren Armen über Meer und Land nach diesem Tau¬ rien, und ließ sie hier in ihrem eigenen Tempel nieder. Dort fand sie der König des Barbarenvolkes, Thoas mit Namen, und bestellte sie zur Priesterin des Dianen¬ tempels, wo sie im Dienste der Göttin des fürchterlichen Brauches pflegen, und, wie die alte Sitte des rohen Landes heischte, jeden Fremdling, dessen Fuß dieß Ufer betrat, — und meistens waren es Landsleute von ihr, Griechen, die dieses jammervolle Loos traf, — der Landesgöttin opfern mußte. Indessen hatte sie nur das Todesopfer einzuweihen. Niedrigere Diener der Göttin mußten dasselbe sodann in das Heiligthum hinein zur grausen Schlachtbank schleppen. Jahre schon hatte die Jungfrau ihres traurigen Amtes wartend, übrigens hochgehalten vom Könige und um ihrer milden, griechischen Sitte und ihrer eigenthüm¬ lichen Liebenswürdigkeit willen verehrt vom Volke, fern von der Heimath und gänzlich unbekannt mit den Ge¬ schicken ihres Hauses, vertrauert, als es ihr einsmals in der Nachtruhe träumte, sie wohne fern von diesem Barbarenstrand im heimathlichen Argos, und schlafe von den Sklavinnen des Elternhauses umringt. Da fing auf einmal der Rücken der Erde zu beben und zu zittern an, und ihr war, als flöhe sie aus dem Pallaste, stände draußen und müßte sehen und hören, wie das Dach des Hauses zu wanken begann, und der ganze Säulenbau bis auf den Grund erschüttert, zu Boden rasselte. Ein einziger Pfeiler — so dünkte ihr — vom väterlichen Hause blieb übrig. Mit einemmal bekam dieser Pfeiler Menschengestalt, aus dem Säulenknauf wurde ein Haupt, von blondem Haupthaar umwachsen, und dieses fing an in vernehmlichen Lauten zu reden, deren Inhalt jedoch der Jungfrau entfallen war, als sie wieder erwachte. Im Traum aber geschah es noch, daß sie, ihrem Frem¬ denmord befehlenden Amte getreu, den Menschen, der ein Pfeiler ihres Vaterhauses gewesen war, als zum Tode bestimmt, mit dem Weihwasser besprengte, und dazu bitterlich weinen mußte, bis sie der Traum verließ. Am Morgen, der auf dieselbe Nacht folgte, war Orestes mit seinem Freunde Pylades am taurischen Ufer¬ strande ans Land gestiegen und beide schritten auf den Tempel der Artemis zu. Bald standen sie vor dem Bar¬ barengebäude, das eher einem Zwinger, denn einem Götterhause glich, und blickten staunend an dem hohen Mauerringe empor. Endlich brach Orestes das Schwei¬ gen. „Du treuer Freund,“ sprach er, „der auch dieses Weges Gefahr mit mir getheilt hat, was fangen wir an? Wollen wir den Treppenkranz, der sich um den Tempel schlingt, erklimmen? Aber wenn wir droben sind, werden wir nicht in dem unbekannten Gebäude wie in einem Labyrinthe umhertappen? Und werden nicht eherne Schlösser uns den Zugang zu den Gemächern verschließen? Würden wir aber, indem wir Einlaß suchen, indem wir öffnen, an dem Thore von den Wachen, die ohne Zweifel bei dem Heiligthum aufgestellt sind, erhascht, so sind wir des Todes. Denn das wissen wir ja, daß Griechenmord den Altar dieser unerbittlichen, Göttin unaufhörlich bespritzt! darum, wäre es nicht ge¬ rathener, zu dem Schiffe zurückzukehren, dessen Segel uns hierher gebracht hat?“ „Ey,“ erwiederte Pylades, „das wäre wahrlich das erstemal, daß wir mit einander die Flucht ergriffen! Heilig soll uns der Ausspruch Apollo's seyn! doch, wahr ists, fort müssen wir von diesem Tempel! das Klügste ist, wir verbergen uns in den dunkeln Grotten, die das Meer bespült, ferne von unsrem Fahrzeug, damit Keiner, der es erblickt, dem Herrscher dieses Landes von uns melden könne, und wir nicht von Waffengewalt, die ge¬ gen uns ausgesendet wird, übermannt werden. Wenn aber dann die Nacht anbricht, dann laß uns frisch ans Werk schreiten. Die Lage des Tempels kennen wir nun schon; irgend eine List wird uns ins Innere des Tem¬ pelraumes führen, und haben wir das Götterbild einmal auf den Armen, so ist mir vor dem Rückwege nicht mehr bange. Tapfre stürzen sich muthig in die Gefahr! haben wir rudernd nicht einen unermeßlichen Weg zu¬ rückgelegt? Nun wäre es doch schmählich, wenn wir am Ziele umkehrten, und ohne die Beute, die der Gott uns bezeichnet hat, heimkehrten!“ „Wohlgesprochen,“ rief Orestes, „es geschehe, wie du räthst! Wir wollen uns verbergen, bis der Tag vor¬ über ist, die Nacht kröne unser Werk!“ Die Sonne stand schon höher am Himmel, als auf die Priesterin Diana's, die an der Schwelle ihres Tem¬ pels stand, ein Rinderhirte, der mit schnellen Schritten vom Meergestade herbeigeeilt kam, zuschritt. Er brachte die Meldung, daß ein Paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer gelandet seyen. „Bereite nur, erhabene Priesterin,“ sprach er, „je eher je lieber das heilige Wasserbad, und schicke dich zu dem Werke an!“ — „Was für Landsleute sind die Fremdlinge?“ fragte Iphigenia traurig. — „Griechen,“ erwiederte der Hirt; „weiter wissen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt, und daß sie unsre Gefangenen sind.“ — „Laßt hören,“ fragte die Prie¬ sterin weiter, „wo geschah's, und wie singet ihr sie?“ — „Wir badeten eben,“ erzählte der Hirt, „unsre Rin¬ der im Meere, und warfen eins ums andere in das Wasser, das strömend durch die Felsen fällt, welche man die Symplejaden heißt. Es findet sich dort ein hohler, durch¬ brochener, stets vom Wasser beschäumter Felssturz, eine Grotte für die Schneckenfischer. Hier gewahrte ein Hirte von unsrer Schaar ein paar Jünglingsgestal¬ ten, und sie kamen ihm so schön vor, daß er sie für Götter hielt, und vor ihnen niederfallen wollte. Ein anderer aber, der neben ihm stand, ein frecher ungläu¬ biger Mensch, war nicht so thöricht; er lachte, als er seinen Kameraden die Knie beugen sah, und sprach: „Siehest du denn nicht, daß es schiffbrüchige Seeleute sind, die sich in jene Felsenkluft gelagert haben, um sich zu verbergen, weil sie voll Angst von dem Gebrauche gehört haben, daß wir hier zu Lande die Fremden, die an unsern Strand gerathen, zu opfern pflegen!“ Diese Rede gefiel der Mehrzahl, und wir schickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge zu der Felskluft heraus, schüttelte sein Haupt und warf es wild umher, Arme und Hände schlotterten ihm; laut aufstöhnend, vom Wahnsinne ge¬ packt, rief er: „„Pylades, Pylades! siehest du dort nicht die schwarze Jägerin, den Drachen aus dem Ha¬ des, wie sie mich zu morden begehrt, wie sie mit den wilden Schlangen züngelnd auf mich zufährt? Und das die andre, die Feuerathmende, die hat ja meine eigene Mutter im Arm, und drohet sie auf mich zu schleudern! Weh mir! Sie erwürgt mich! Wie soll ich ihr entflie¬ hen?““ Von allen diesen Schreckbildern, fuhr der Hirte fort, war weit und breit nichts zu sehen, sondern er hielt wohl das Gebrüll der Rinder und das Hundegebell für Stimmen der Furien. Uns aber faßte alle ein Schre¬ cken, zumal da der Fremdling sein Schwert von der Seite zog und sich wie rasend auf die Rinderschaar warf, und ihnen das Eisen in die Bäuche stieß, daß sich bald die Meeresfluth roth färbte. Endlich ermannten wir uns, bliesen mit unsern Muscheln das Landvolk zusam¬ men und nahten uns den bewaffneten Fremdlingen in einem geschlossenen Haufen. Der Rasende, den die Zu¬ ckungen des Wahnsinns allmählig verlassen hatten, stürzte nun, am Mund von Schaume triefend, zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleu¬ dern, während sein Genosse ihm den Schaum abwischte und seinen eigenen Mantel ihm gewandt um den Leib schlug. Bald aber sprang der Darniedergeworfene mit vollem Bewußtseyn wieder auf und wehrte sich seines Lebens. Zuletzt jedoch mußten sie der Ueberzahl weichen, wir umschlossen sie in einem Kreise; die wiederholten Steinwürfe machten, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Kniee ermattet zu Boden sanken. Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten sie zu Thoas, dem Beherrscher des Landes. Dieser hatte sie kaum zu Gesichte bekommen, als er auch schon befahl, die Gefangenen dir als Todesopfer zuzusenden. Flehe nur, o Jungfrau, daß du recht viel solche Fremdlinge abzuschlachten bekommst, denn es scheinen recht herrliche Schwab , das klass. Alterthum. III . 4 Griechen zu seyn. Tödtest du Solcher Viele, so büßt Griechenland deine Todesangst nach Gebühr und du bist gerächt dafür, daß sie dich in der Bucht von Aulis um¬ bringen wollten!“ Der Hirte schwieg und erwartete die Befehle der Richterin, die ihm auch wirklich auftrug, die Fremd¬ linge zu holen. Als sich Iphigenia allein sah, sprach sie zu sich selber: O mein Herz, sonst warest du doch immer barmherzig gegen die Fremdlinge, schenktest gerne deinen Stammesgenossen eine Thräne, so oft dir grie¬ chische Männer in die Hände fielen! Nun aber seit der Traum dieser Nacht mir die bittre Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Orestes das Licht der Sonne nicht mehr sieht — nun sollet ihr Alle, die ihr nahet, mich grausam finden! Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde schlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter war! O, nie ver¬ gesse ich diese Schreckenszeit! Ja wenn Jupiter mir mit frischen Winden den Mörder Menelaus einmal herbei¬ führen wollte, und die trügerische Helena —“ Sie ward in ihrem Selbstgespräch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen, die ihr in Fesseln vorgeführt wurden. Als sie dieselben kommen sah, rief sie ihren Führern entgegen: „Lasset den Fremden die Hände frei; die heilige Weihe, die sie empfangen sollen, spricht sie von allen Banden los! Dann gehet in den Tempel und bestellet Alles, was dieser Fall erfordert!“ Hierauf wandte sie sich zu den Gefangenen und redete sie an: „Sprechet, wer ist euer Vater, eure Mutter, wer eure Schwester, wenn ihr eine habt, die jetzt eines so schmucken, stattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt stehen soll? Woher kommet ihr, bejam¬ mernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu diesen Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren; denn jetzt geht eure Fahrt hinunter ins Schat¬ tenreich!“ Ihr erwiederte Orestes: „Wer du auch immer seyest, o Weib, was beklagst du uns? Wer das Henkerbeil schwingt, dem steht es übel an, sein Opfer zu trösten, ehe er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoff¬ nung droht, dem will auch das Jammern nicht geziemen! Keine Thränen, weder von dir noch von uns! Laß das Geschick ergehen!“ „Welcher von euch beiden ist Pylades? das lasset mich zuerst wissen!“ fragte nun die Priesterin. „Dieser hier!“ sprach Orestes, indem er auf seinen Freund hin¬ deutete. — „Seyd ihr Brüder?“ — „Durch Liebe,“ antwortete Orestes, „nicht durch Geburt!“ — „Wie hei¬ ßest denn aber du?“ „Nenne mich einen Elenden,“ erwiederte er, „am besten ists, ich sterbe namenlos; dann werd' ich doch nicht zum Gespötte!“ — Die Priesterin verdroß sein Trotz und sie drang in ihn, ihm wenigstens seine Vaterstadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die Glieder und sie rief heftig: „Bei den Göttern, Freund, stammst du wirklich dorther?“ — „Ja,“ sprach Orestes, „von Mycene, wo mein Haus einst beglückt war.“ — „Wenn du von Argos kommst, Fremdling,“ fuhr Iphigenia mit gespannter Er¬ wartung fort, „so bringst du wohl auch Nachrichten von Troja mit? Ists wahr, daß es spurlos vertilgt ist? Kam Helena zurück?“ — „Ja, beides ist so, wie du fragst!“ 4 * — „Wie gehts dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des Atreus?“ — Orestes schau¬ derte bei dieser Frage: „Ich weiß nicht,“ rief er mit abgewandtem Haupte. „Sprich mir von diesem Gegen¬ stande nicht, o Weib!“ Aber Iphigenia bat ihn mit so wei¬ cher flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht zu wider¬ stehen vermochte. „Er ist todt,“ sprach er, „durch die Gemahlin starb er grausenhaften Todes!“ Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Priesterin Diana's. Doch faßte sie sich und fragte weiter: „Sprich nur das noch! lebt des armen Mannes Weib?„ — „Nicht mehr,“ war die Antwort, „ihr eigener Sohn hat ihr den Tod ge¬ geben, er übernahm das Rächeramt für seinen ermordeten Vater: doch gehet es ihm schlimm dafür!“ — „Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons?“ — „Zwei Töch¬ ter, Elektra und Chrysothemis.“ — „Und was weiß man von der Aeltesten, die geschlachtet ward?“ — „Daß eine Hindin an ihrer Statt starb, sie selbst aber spurlos verschwunden ist. Auch sie ist wohl schon lange todt!“ — „Lebt der Sohn des Gemordeten noch?“ fragte die Jungfrau ängstlich. „Ja,“ sprach Orestes, „doch im Elend, vertrieben, überall und nirgends!“ — „O trü¬ gerische Träume, weichet!“ seufzte Iphigenia vor sich hin. Dann hieß sie die Diener sich entfernen, und als sie mit den Griechen allein war, sprach sie flüsternd zu ihnen! „Vernehmet etwas, Freunde, das zu eurem und meinem Vortheile dient, wenn wir einig sind. Ich will dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimath Mycene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willst!“ — „Ich mag mich nicht retten, ohne den Freund,“ antwortete Orestes; „ich bin ein Unglücklicher, von dem er nicht gewichen ist. Wie sollte ich Ihn in der Todesnoth verlassen?“ — „Edler, brü¬ derlich gesinnter Freund!“ rief die Jungfrau. „O wäre mein Bruder, wie du! denn wisset, Fremdlinge, auch ich habe einen Bruder, nur daß er ferne aus meinen Augen ist. — Aber beide kann ich euch nicht entlassen: das duldet der König nimmermehr. Stirb denn du, und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt besorgt — mir gilt es gleich!“ — „Wer wird mich opfern?“ fragte Orestes. „Ich selbst; auf Befehl der Göttin,“ antwortete Iphigenia. — „Wie, du, das schwache Mädchen, schwingst auf Männer dein Schwert?“ — „Nein, ich benetze nur mit dem Weihwasser deine Locken! Die Tempeldiener sinds, die das Schlachtbeil schwingen! Dein verbranntes Gebein empfängt sodann ein Felsenschild.“ — „O daß mich meine Schwester be¬ stattete,“ seufzte Orestes. — „Das ist freilich nicht möglich,“ sagte die Jungfrau gerührt, „wenn deine Schwester im fernen Argos weilt. Doch, lieber Lands¬ mann, sorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen mit Oele löschen, und mit Honig beträufeln, und deine Gruft ausschmücken, als wäre ich deine leibliche Schwester! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuschrift an die Meinen zu bestellen!“ Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt sich Pylades nicht länger: „Nein,“ rief er, „bei deinem Tode leben kann ich nicht! diese Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen, wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phocis und Argos würden mich der Feigheit zeihen. Alle Welt — denn böse ist die Welt — würde sagen, ich, um die Heimath mir zu gewinnen, hätte dich ver¬ rathen, dich getödtet, dir nach dem Reich, nach dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schwester Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls also will ich, muß ich mit dir sterben!“ Orestes wollte nichts von diesem Entschlusse hören, und noch stritten sie, als Iphigenia, das beschriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als sie den Empfänger Py¬ lades schwören lassen, daß er den Brief gewiß den Ih¬ rigen abliefern wolle und dagegen geschworen, ihn zu retten, besann sich die Jungfrau, und, auf den Fall, daß das Schreiben durch irgend einen Unglücksfall von der See verschlungen würde, während der Ueberbringer mit dem Leben davonkäme, wollte sie ihm den Inhalt überdieß auch noch mündlich mittheilen, „Melde,“ sprach sie, „dem Orestes, dem Sohne des Agamemnon: Iphi¬ genia, die in Aulis vom Opferheerde entrückt wurde, lebt, und bestellet an dich, was folgt.“ — „Was höre ich,“ fiel ihr Orestes ins Wort, „wo ist sie? steht sie von den Todten auf?“ — „Hier steht sie,“ sagte die Priesterin, „doch, störe mich nicht!“ — „„Lieber Bruder Orestes! ehe ich sterbe, hole mich aus der fernen Bar¬ barei nach Argos; erlöse mich vom Opferheerd, an dem ich im Dienste der Göttin die Fremdlinge morden muß. Thust du es nicht, Orestes, so seyen du und dein Haus verflucht!““ Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm und gegen den Freund gewendet und ihm den Brief überreichend, ausrief: „Ja, ich will den Eid auf der Stelle halten, den ich geleistet. Da nimm, Orestes, ich händige dir das Schreiben ein, welches die Schwester Iphigenie dir überschickt.“ Orestes warf es auf den Boden und umschlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, sie konnte es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innersten Geschichte des Atridenhauses ihn ihr als denjenigen beglaubigten, der er von Pylades bezeichnet ward. „O Geliebtester,“ rief die Jungfrau jetzt, „denn das bist du und nichts Anderes, du der Meine, der Meine, der Einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend! Wie ju¬ gendlich zart warest du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend, sorglos und glücklich! Ja, glück¬ lich, wie wir beide in diesem Augenblick es sind.“ — Doch Orestes war schon zur Besinnung gekommen und sein Antlitz hatte sich umwölkt. „Freilich sind wir jetzt glücklich,“ sprach er, „aber wie lange wird es währen? Ist nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß?“ Auch Iphigenia bedachte sich voll Unruhe: „Was ersinne ich nun,“ sagte sie bebend, „wie erlöse ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürsten, wie sende ich dich frei vom Tode nach Argos zurück, daß du nicht mit samt deinem Freunde am Opferheerde dem Stahl erliegen mußt? Aber schnell, ehe der Herr dieses Reiches, ungeduldig über den ver¬ zögerten Tod der Gefangenen, erscheint, erzähle mir, Bruder, und verschweige mir nichts von den entsetzlichen Ereignissen in unsrem unglücklichen Hause.“ Orestes meldete ihr mit gedrängten Worten Alles, wie es sich begeben, und schloß das Fürchterliche mit einer guten Kunde, mit der Verlobung Elektra's und seines Freundes. Während der Erzählung hatte sich die Jungfrau, so ganz sie Ohr war, doch auch mit der Rettung ihres geliebten Bruders im Geiste beschäftigt, und zuletzt hatte sich ihr ein glücklicher Gedanke dar¬ geboten. „Ich habe,“ rief sie, „endlich, dünkt mir, den rechten Weg erdacht. Dein Seelenleiden, das sich bei eurer Gefangennehmung am Strande noch einmal regte, soll mir zum Vorwande bei dem König dienen. Du kommest, sage ich ihm, wie denn dieß die Wahrheit ist, als Muttermörder von Argos. Deßwegen seyest du unrein und noch nicht entsündiget, um als angenehmes Opfer der Göttin dargebracht zu werden. Erst müsse ein Wasserbad im Meere die Blutspur abwaschen, welche deinem Leibe noch von dem entsetzlichen Mord anklebe. Und weil du, im Tempel der Göttin dargestellt, ihr Bild als Schutzflehender berührt habest, so sey auch dieses verunreinigt worden, und bedürfe einer Reinigung in der Meeresfluth. Da nun mir, der Priesterin, allein ver¬ gönnt ist, das heilige Bildniß zu berühren, so trage ich selbst dasselbe auf meinen Armen und in eurer Begleitung (denn auch dich, Pylades, nenne ich als Theilhaber der Blutschuld, wie du es denn auch in der That warest) an den Meeresstrand, dort wo euer Schiff in der Bucht versteckt vor Anker liegt. Dieß Alles soll durch Ueber¬ redung des Königes geschehen, denn hintergehen ließe sich der Wachsame nicht. Das weitre Gelingen des Planes, wenn wir einmal am Schiff angekommen sind, ist eure Sache, ihr Freunde!“ Dieß Alles war zwischen den Geschwistern und ih¬ rem Freund im Vorhofe des Tempels verhandelt worden, ferne von den Dienern und Wachen. Jetzt wurden die Gefangenen den Aufsehern wieder übergeben und Iphi¬ genia führte sie in das Innere des Tempels. Nicht lange darauf erschien Thoas, der König des Landes mit einem ansehnlichen Gefolge und fragte nach der Tempelwächterin, denn der Verzug gefiel ihm nicht, und er konnte nicht begreifen, warum die Leiber der Fremdlinge nicht schon lange auf den Hochaltären der Göttin brannten. Wie er nun eben vor dem Tempel angekommen war, trat Iphigenia zu den Pforten desselben heraus und trug die Bildsäule der Göttin auf den Armen. „Was ist das, Agamemnons Tochter,“ rief der König erstaunt, „warum trägst du dieses Götterbild von dem heiligen Gestelle in deinen Armen fort?“ — „Es ist Abscheuliches geschehen, o Fürst!“ erwiederte die Priesterin mit bewegter Miene, „die Opfer, die am Strande erjagt worden, sind nicht rein; das Standbild der Göttin, als sie sich ihm näher¬ ten, es schutzflehend zu umfangen, drehte sich freiwillig auf seinem Sitze und schloß die Augenlieder. Wisse, dieses Paar hat Grausenhaftes verübt.“ Und nun er¬ zählte sie dem Könige, was im Wesentlichen Wahrheit war, und stellte das Verlangen an ihn, die Fremdlinge samt dem Bilde entsündigen zu dürfen. Um ihn recht sicher zu machen, verlangte sie, daß die Fremden wieder gefesselt würden, und ihre Häupter als Frevler vor dem Strahl der Sonne verhüllt; auch begehrte sie Sklaven zur Sicherheit, die im Gefolge des Königs erschienen waren. Nach der Stadt — auch dieß hatte die Jung¬ frau schlau in ihrem Sinne ausgedacht — sollte der Fürst einen Boten senden, der den Bürgern befehle, sich, bis die Entsündigung vorüber sey, innerhalb der Mauern zu halten, um von der alles verpestenden Blutschuld nicht angesteckt zu werden. Der König selbst sollte in ihrer Abwesenheit im Tempel bleiben, und für die Ausräucherung des gesammten Gewölbes besorgt seyn, damit die Prie¬ sterin dasselbe nach ihrer Rückkehr gereinigt wieder¬ finde. Sobald die Fremden aus dem Thore des Tem¬ pels träten, sollte der König sein Antlitz ins Gewand hüllen, damit der Gräuel sich ihm nicht mittheilen könnte. „Und wenn es dir,“ schloß die Priesterin ihren Antrag, „auch dünken sollte, als säumte ich lang am Meeres¬ strande: werde darum nicht ungeduldig, o Herrscher; bedenke, welchen großen und besteckenden Frevel es zu entsündigen gilt!“ Der König willigte in Alles und verhüllte sich das Haupt, als bald darauf Orestes und Pylades aus dem Tempel geführt wurden, und es währte nicht lange, so war Iphigenia mit den Gefangenen und einigen Tra¬ banten des Königes auf dem Wege zum Meeresufer aus dem Gesichtskreise des Tempels verschwunden. Thoas begab sich in das Innere desselben, und ließ dort die von der Priesterin gebotene Räucherung vornehmen, die bei der Größe des Gebäudes eine geraume Zeit erforderte. Nach mehreren Stunden kam ein Bote vom Meeres¬ ufer daher geeilt. „Treulose Weiberseelen!“ fluchte er vor sich hin, als er erhitzt und keuchend vor der Tempel¬ pforte stand und an das verschlossene Thor pochte. „Holla, ihr, Leute drinnen,“ schrie er, „öffnet die Rie¬ gel; thut dem Herrn zu wissen, daß ich als Ueberbringer schlimmer Neuigkeit vor dem Thore stehe!“ Die Thür¬ flügel öffneten sich, und Thoas selbst trat aus dem Tempel. „Wer ist's,“ sprach er, „der mit seinem Lärm den Frieden dieses heiligen Hauses zu stören sich herausnimmt?“ — „Vernimm, o König, welche Botschaft ich dir bringe,“ hub der Diener an. „Die Priesterin des Tempels, dieses Griechenweib, ist mitsamt den Fremden und dem Standbild unserer erhabenen Schutzgöttin aus dem Lande entronnen! das ganze Entsündigungsfest war eine Lüge!“ — „Was sagst du?“ rief der König, der Unmögliches zu hören glaubte. „Welcher böse Geist hat dieses Weib ergriffen? Wer ist es, mit dem sie flieht?“ — „Ihr Bruder Orestes,“ erwiederte der Bote, „derselbe, den sie hier dem Opfertode geweiht zu haben schien. Hör' die ganze Geschichte, und dann sinne auf Mittel, wie wir die Flüchtigen verfolgen und beifahen, denn ihre Fahrt ist lang und dein Speer kann sie schon noch er¬ reichen! Als wir ans Gestade des Oceans gelangt waren, wo das Schiff des Orestes vor Anker lag, winkte Iphigenia uns, die wir die Fremdlinge in Fesseln daher¬ führten, Halt zu machen, damit wir dem heiligen Brand¬ opfer und der beschlossenen Feier fern blieben. Sie selbst nahm den Fremden die Fesseln ab, hieß sie vorangehen, und trug sie, ihnen folgend. Zwar schien uns dieses schon etwas verdächtig, indessen glaubten deine Diener, o Herr, es sich doch gefallen lassen zu müssen. Hierauf, damit es schien, als würde mit der Sühnungshandlung wirklich der Anfang gemacht, sang die Priesterin Zauber¬ formeln ab, und sprach in fremden Weisen allerlei Gebete. Wir aber hatten uns gelagert und harrten. Endlich kam uns der Gedanke, das entfesselte Paar könnte die wehrlose Frau getödtet haben und entsprungen seyn. Wir machten uns daher auf, und eilten der Felsenbucht zu, die uns den Anblick der Priesterin und der Fremdlinge entzogen hatte. Als wir dicht an den Felsenstrand ge¬ langt waren, sahen wir ein Griechenschiff auf dem Was¬ serspiegel schwebend, und an fünfzig Ruderer auf seinen Bänken; am Hintertheile des Schiffes, noch auf dem Ufer, standen die beiden Fremden, der Fesseln entledigt; die Einen lichteten die Anker und hängten sie ein, Andere schlugen Zugbrücken, wanden an den Tauen, ließen Lei¬ tern für die Fremdlinge nieder. Da besannen wir uns denn freilich nicht länger; wir hatten das ganze Trug¬ gewebe vor uns, und ergriffen das Weib, das auch noch am Strande verweilte. Orestes aber, sein Geschlecht und Vorhaben laut verkündend, wehrte sich mit Pylades für seine Schwester, die wir schleifend zwingen wollten, uns zu folgen. Da weder wir noch die Fremdlinge Schwer¬ ter hatten, so setzte es einen hartnäckigen Faustkampf. Indessen zwangen uns die Griechenjünglinge zum Rück¬ zuge, da auch die Schützen vom Hintertheile des Schiffes uns mit Pfeilen aus der Ferne scharf zusetzten. Zu gleicher Zeit warf eine mächtige Meereswoge das Schiff ans Land, und es fehlte wenig, so wäre es gescheitert. Da nahm Orestes Iphigenien auf den Arm, die selbst das Bild auf den Armen trug, sprang ins Wasser und schnell die Leiter des Schiffes hinan. Dort legte er die Schwester mit samt dem Himmelsbilde Dianens auf dem Verdecke nieder. Ihm nach war Pylades gesprungen, und als Alle glücklich im Schiffe sich befanden, brach das Schiffsvolk in dumpfen Jubel aus, und ruderte frisch durch die salzige Fluth. So lange das Schiff durch die Hafenbucht fuhr, glitt es in sanftem Laufe dahin; als es aber in die offene See gelangt war, sauste ein mäch¬ tiger Windstoß auf dasselbe herein und trieb es, trotz aller Anstrengungen der Ruderer, an das Gestade zurück. Da sprang Agamemnons Tochter flehend empor und rief laut: „Tochter Latona's, jungfräuliche Artemis, du selbst verlangtest ja durch das Orakel deines Bruders Apollo nach Griechenland, rette mich mit dir, mich, deine Priesterin, dorthin, und vergieb mir den kühnen Betrug, den ich mir gegen den Beherrscher dieses Landes erlaubt habe, dem ich gezwungen so lange dienen mußte. Du selbst ja hast auch einen Bruder und liebst ihn, du Himmlische! drum sich auch unsere Geschwisterliebe gnädig an!“ Zu diesem Gebete der Jungfrau stimmten, die entblößten Arme ums Ruder geschlungen, die Schiffer alle den stehenden Gesang, Päan genannt, an, wie ihnen befohlen ward. Dennoch trieb das Schiff immer mehr an den Strand, und ich bin geradenweges hierher geeilt, um dir zu melden, was sich am Ufer dort begeben. Darum sende du nur auf der Stelle Fangstricke und Fesseln ans Gestade; denn wenn das brausende Meer nicht bald ruhig wird, so ist den Fremdlingen jeder Weg zur Flucht versperrt. Der Meeresgott Poseidon (Neptun) denkt mit Zorn an die Zerstörung seiner Lieblingsstadt Troja zurück; er ist ein Feind aller Griechen und des Atridengeschlechts insbesondere. So wird er denn, wenn mich nicht Alles trügt, die Kinder Agamemnons heute in deine Gewalt geben!“ Mit Ungeduld hatte der König Thoas das Ende des langen Berichtes abgewartet, und ließ nun auf der Stelle an alle Bewohner seines rauhen Küstenlandes den Befehl ergehen, die Rosse aufzuzäumen, dem Meeres¬ strande zuzusprengen, das Griechenschiff, wenn es durch die Wellen ans Land geschleudert wäre, zu fassen und unter dem Beistande der Göttin Artemis die flüchtigen Verbrecher einzufangen. Das Fahrzeug sollte mit allen Ruderern versenkt werden, die beiden Fremdlinge aber mit der treulosen Priesterin wollte er vom schroffsten Felsen ins Meer hinabstürzen, oder bei lebendigem Leib mit dem Pfahle spießen lassen. Und schon jagte er an der Spitze seines reisigen Volkes dem Meeresufer zu, als plötzlich eine himmlische Erscheinung den Zug hemmte, und den König wider Willen stille zu stehen zwang. Pallas Athene, die er¬ habene Göttin, war es, deren Riesengestalt von einer lichten Wolke umgeben, über der Erde schwebend, dem Heereszug den Weg vertrat und deren Götterstimme wie Donner über die Häupter der Taurier hinrollte: „Wo¬ hin, wohin jagest du, König Thoas, erhitzt und athem¬ los mit deinem Volke? Schenke den Worten einer Göttin Gehör! Laß die Haufen deines Heeres ruhen, laß meine Schützlinge frei abziehen! Das Verhängniß selbst hat, durch den Ausspruch Apollo's, den Orestes hierher ge¬ rufen, daß er, von den Furien befreit, seine Schwester ins Vaterland zurückgeleite, und das heilige Bildniß der Artemis in meine geliebte Statt Athen bringe, wohin sie selbst begehret hat! Die Flüchtlinge trägt deßwegen Poseidon, der Meeresgott, mir zulieb auf unbewegter Meeresfläche in ihrem Ruderschiffe dahin, und Orestes wird in Athen der Taurischen Artemis Bild in einem heiligen Hain und neuen, herrlichen Tempel aufstellen, und Iphigenia wird auch dort ihre Priesterin seyn, dort sterben, dort ihre fürstliche Gruft finden. Du, o Thoas, und du Volk der Taurier, gönnt ihnen Allen ihr Ge¬ schick und zürnet nicht!“ Der König Thoas war ein frommer Verehrer der Götter. Er warf sich vor der Erscheinung nieder, und sprach anbetend: „O Pallas Athene! Wer Götterwort vernimmt und sein Ohr nicht ihm zuneiget, der denkt verkehrt. Kampf mit allmächtigen Göttern bringt keine Ehre. Mögen deine Schützlinge mit dem Bildniß der Göttin ziehen, wohin sie sollen, mögen sie das Bild glücklich in deinem Reiche aufstellen. Ich senke meine Lanze vor den Göttern. Laßt uns umwenden, und in die Mauern unserer Stadt zurückkehren.“ Es geschah, wie Athene verkündet hatte. Die Tau¬ rische Artemis erhielt ihren Tempel und behielt ihre Prie¬ sterin Iphigenia in Athen. Orestes setzte sich zu Mycene als beglückter König auf den Thron seiner Väter, und gewann mit der einzigen, lieblichen Tochter des Mene¬ laus und der Helena, Hermione, die vergebens an Neopto¬ lemus, den Sohn des Achilles, verlobt worden war, und die ihm der Bräutigam mit Verlust seines eigenen Lebens lassen mußte, auch das Königreich Sparta, und zuvor noch hatte er Argos erobert. So besaß er ein mächtige¬ res Reich, als je sein Vater besessen. Seine Schwester Elektra setzte ihr Gemahl Pylades auf den Thron von Phocis. Chrysothemis starb unvermählt; Orestes selbst erreichte ein Alter von neunzig Jahren. Da regte sich der alte, erlöschende Fluch der Tantaliden noch einmal: eine Schlange stach ihn in die Ferse, daß er starb. Zweites Buch. Odysseus. Erster Theil. Telemach und die Freier. — Telemach bei Nestor. — Telemach zu Sparta. — Verschwörung der Freier. — Odysseus scheidet von Kalypso und scheitert im Sturm. Nausikaa. — Odysseus bei den Phäaken. — Odysseus erzählt den Phäaken seine Irrfahrten. (Cikonen, Lotophagen, Cyklopen, Polyphem.) — Odysseus erzählt (Der Schlauch des Aeolus. Die Lästrygonen. Circe.) — Odysseus er¬ zählt weiter. (Das Schattenreich.) — Odysseus erzählt weiter. (Die Sirenen. Scylla und Charybdis. Thrinakia und die Heerden des Son¬ nengottes. Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso.) — Odysseus verab¬ schiedet sich von den Phäaken. Schwab , das klass. Alterthum. III . 5 Telemach und die Freier. Die Heimkehr der Griechen von Troja war voll¬ bracht, und, so viele der Helden den Schlachten während des Krieges oder dem Sturm auf der Heimfahrt entronnen waren, befanden sich jetzt zu Hause glücklich oder un¬ glücklich. Nur Odysseus, der Sohn des Laertes, Ithaka's Fürst, war noch auf der Irrfahrt und von einem selt¬ samen Schicksale betroffen. Nach mancherlei Abenteuern, saß er in der Ferne auf einer rauhen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel, mit Namen Ogygia, wo ihn eine hohe Nymphe, die Göttin Kalypso, die Tochter des Atlas, in ihrer Grotte gefangen hielt, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber blieb der zurückgelassenen Gattin, der edlen Pe¬ nelope, treu; und endlich jammerte sein auch die Götter im Olymp; nur Neptunus oder Poseidon, der Gott des Meeres, der alte Feind der Griechen, zürnte auch diesem Helden unversöhnlich, und wenn er ihn nicht zu vertilgen wagte, so legte er seiner Heimfahrt doch allenthalben Hindernisse in den Weg, und trieb ihn in der Irre umher. Und so war er es auch, der ihn an jene unwirthliche Insel geworfen hatte. Nun aber wurde doch im Rathe der Himmlischen beschlossen, daß Odysseus aus den Banden der Inselfürstin Kalypso befreit werden sollte. Auf die Fürbitte Minerva's wurde Hermes (Merkur), der Götterbote, nach dem ogy¬ gischen Eilande geschickt, um der schönen Nymphe den unwiderruflichen Rathschluß Jupiters zu verkündigen, daß dem Dulder die Wiederkehr in seine Heimath bestimmt sey. Athene selbst (Minerva) band sich die am¬ brosischen, goldenen Sohlen unter die Füße, womit sie über Wasser und Land dahinschwebt, nahm ihre mächtige Lanze, mit der gediegenen, scharfen Spitze von Erz, mit welcher sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, zur Hand, schwang sich stürmend von dem felsigen Gipfel des Olympus herab, und bald stand sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, am Palaste des fernen Odysseus, vor der Schwelle des Hofes, da wo der Weg zum hohen Thore des Königs¬ hauses führte. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und die Lanze in der Hand glich sie dem tapfern Mentes, dem Könige der Taphier. Im Hause des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, die Tochter Ikarions, blieb mit ihrem jungen Sohne Telemach nicht lange Meister in dem verlassenen Palaste. Als Odysseus, nachdem sich längst die Nachricht von Troja's Fall und von der Rückkehr der andern Helden verbreitet hatte, allein nicht heimkehrte, verbreitete sich allmählig mit im¬ mer größerer Sicherheit die Sage von seinem Tode, und es fanden sich aus der Insel Ithaka selbst, auf welcher noch andere mächtige und reiche Leute ausser dem Fürsten Odysseus wohnten, nicht weniger als zwölf, und von der benachbarten Insel Same vier und zwanzig, von Zazynth zwanzig, ja von Dulichium zwei und fünfzig Freier mit einem Herold, einem Sänger, zween geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope ein, die, unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Wittwe zu werben, Alle im Hause und vom Gute des abwesen¬ den Fürsten zehrten und den frechesten Uebermuth trieben; und dieses Unwesen hatte nun schon über drei Jahre gewährt. Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Freier eben an der Pforte des Hauses mit Steineschieben beschäftigt, und diejenigen, die nicht gerade den Stein schoben, lagen auf den Häuten von Rindern hingestreckt, die sie selbst dem Odysseus aus den Ställen genommen und geschlachtet hatten. Herolde und aufwartende Diener eilten hin und her; die einen misch¬ ten in gewaltigen Krügen den Wein unter das Wasser, andere säuberten die umhergestellten Tische mit Schwäm¬ men, und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch. Der Sohn des Hauses, Telemachus selbst, saß mit einem Herzen voll Betrübniß unter den Freiern, und gedachte an seinen herrlichen Vater, ob er nicht endlich käme, die Schaaren der Frechen zu zerstreuen und sich wieder in den Besitz seiner Habe zu setzen. Wie er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs erblickte, eilte er ihr an der Pforte entgegen, faßte die Rechte des vermeintlichen Gast¬ freundes, und hieß ihn willkommen. Als sie Beide in den gewölbten Saal des Palastes eingetreten waren, und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand, zu den Lanzen des Odysseus gelehnt hatte, führte Telemachus seinen Gast zu Tische an einen Thronsessel mit schön gewirktem Polster, hieß ihn sitzen und schob ihm einen Schemel unter die Füße; er selbst stellte seinen Sessel neben den seinen; eine Dienerin brachte in goldener Kanne Waschwasser für die Hände des Fremdlings; die ehrbare Schaffnerin trug Brod und Fleisch herbei, sein Diener zerlegte die Speisen, und um die goldenen gefüll¬ ten Becher wandelte, Wein einschenkend, der Herold. Bald darauf traten auch einer um den andern die Freier ein, und setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel; die Herolde besprengten ihnen die Hände, die Mägde reichten ihnen Brod in Körben, die Diener füllten ihnen den Becher bis zum Rand, und sie machten sich, als kämen sie nicht eben vom Schmause, über das leckere Mahl her. Dann gelüstete sie nach Reigentanz und Gesang, der Herold reichte dem Sänger Phemius die zierliche Harfe, und dieser, von den trotzigen Freiern gezwungen, schlug die Saiten an und begann den herzerfreuenden Gesang. Während nun diese dem Liede horchten, neigte Telemach sein Haupt nahe an das seines Gastes und flüsterte der verwandelten Göttin in's Ohr: „Wirst du mir, lieber Gastfreund, was ich dir sage, nicht verargen? Siehst du, wie diese Menschen hier fremdes Gut ohne Ersatz verprassen? das Gut meines Vaters, dessen Ge¬ bein vielleicht am Meeresstrand im Regen modert, oder auf den Wellen umhergetrieben wird? Er kommt wohl nicht wieder heim, sie zu strafen! — Aber du sage mir, edler Fremdling, wer bist du, wo hausest du, wo deine Eltern? Bist du vielleicht schon vom Vater her unser Gastfreund?“ — „Ich bin,“ erwiederte Minerva, „Men¬ tes, der Sohn des Anchialus, und beherrsche die Insel Taphos; ich kam zu Schiffe hierher um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen Großvater Laertes, den Greis, der, wie man sagt, ferne von der Stadt, in Kummer auf dem Lande sich abhärmt: er wird dir sagen, daß unsere Häuser seit der Altväter Zeiten in Gastfreundschaft mit einander leben. Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater sey wieder daheim. Dem ist nun freilich nicht so; aber doch lebt er gewiß noch; er ist wohl irgendwo an eine wilde Insel verschlagen und wird mit Zwang dort festgehalten. Ja, mir sagt es mein weissagender Sinn, er weilt nicht lange mehr, er macht sich bald los, und kehret heim! Du bist doch deines Vaters leiblicher Sohn, lieber Telemachus. Wie du ihm am Haupte, zumal an den freundlichen Augen gleichest! Denn wisse, ich habe deinen Vater gekannt, ehe er gen Troja fuhr. Seitdem sah ich ihn nicht mehr. Doch, sage mir, was ist denn das für ein Gewühl in deinem Hause? Feierst du denn ein Gastmahl, oder ein Hochzeitfest?“ Telemach antwortete mit einem Seufzer: „Ach lie¬ ber Gastfreund, ehemals mochte wohl unser Haus angesehen und begütert heißen; jetzt ist es anders; alle diese Män¬ ner aus der Nachbarschaft, die du hier siehest, umwerben meine Mutter, und verzehren unser Gut. Sie selbst kann eine verabscheute Wiedervermählung nicht abschlagen und nicht vollziehen. Zudessen verwüsten diese Schlem¬ mer mein Haus und in Kurzem werden sie mich selbst umbringen!“ Mit zornigem Schmerz antwortete die Göttin: „Wehe, wie sehr bedarfst du des Vaters, Jüng¬ ling! Wohl empfehle ich dir, zu bedenken, wie du diesen lästigen Schwarm aus dem Palaste fortdrängest! Laß mich dir einen Rath geben. Morgen erhebe dich unter ihnen, und heiße sie, einen Jeglichen in das Seinige, sich zerstreuen; deiner Mutter aber sage: wenn ihr eigenes Herz nach einer Vermählung begehrt, so soll sie in den Palast ihres königlichen Vaters heimkehren, dort mag die Hochzeit angeordnet, mag die Brautgabe bereitet werden. Du selbst aber rüste das beste Schiff, das du hast, mit zwanzig Ruderern aus, und begieb dich auf den Weg, den lange abwesenden Vater zu suchen. Zuerst gehe nach Pylos im Lande Elis, frage dort den ehrwürdigen Greis Nestor; erfährst du da nichts, so wende dich nach Sparta zum Helden Menelaus, denn dieser ist der letzte von den Grie¬ chen, der heimgekehrt ist. Hörst du vielleicht dort, daß dein Vater lebe, daß er wiederkehre; nun dann ertrag' es noch ein Jahr. Vernimmst du aber, daß er gestorben sey: alsdann kehre heim, opfre Todtenopfer und erricht' ihm ein Denkmal. Findest du die Freier noch immer in deinem Hause, so sinne darauf, wie du sie durch List oder öffentlich tödtest. Bist du doch nicht mehr unmündig und dem Knabenalter längst entwachsen! Hörest du nicht, welchen Ruhm der Jüngling Orestes unter den Menschen geärntet hat, daß er seines Vaters Mörder, Aegisthus, erschlagen? Du bist so groß und stattlich; halte dich wohl; mach' daß auch dich einst spätere Geschlechter loben!“ Telemach dankte dem Gastfreunde für seinen guten Rath und seine väter¬ liche Gesinnung, und da dieser sich zum Aufbruch an¬ schickte, wollte er ihm ein Gastgeschenk mit auf den Weg geben; der verstellte Mentes versprach aber wieder zu kommen und auf dem Rückweg es abzuholen. Dann enteilte die Göttin und verschwand; denn wie ein Vogel durchflog sie den Kamin, Telemach staunte über dem Verschwinden des Fremden tief in der Seele; er ahnte, daß es ein Gott gewesen, und sann in sich ge¬ kehrt seinem Rathe nach. Im Saale dauerte indessen Saitenspiel und Gesang fort: der Sänger meldete die traurige Heimfahrt der Griechen von Troja, und alle Freier horchten. Droben im Söller saß inzwischen die einsame Penelope, und der Hall des Liedes drang zu ihr empor. Da stieg auch sie mit zwo Dienerinnen die Stufen ihrer hohen Woh¬ nung herab und trat zu den Freiern in den Saal ein, doch in einen dichten Schleier gehüllt; eine der Mägde stand ihr zur Seite, und weinend begann sie, zu Phemius dem Sänger gewendet: „Du weißest ja sonst viele herz¬ erquickende Lieder, guter Sänger! Erfreue sie damit; aber diesen Jammergesang, der mir beständig das Herz im Busen quält, den laß ruhen! Gedenke ich doch auch ohne das beständig des Manne, dessen Ruhm durch ganz Griechenland reicht, und der noch immer nicht heimgekehrt ist!“ — Aber Telemach redete freundlich zu der Mutter: „Tadle doch den lieblichen Sänger nicht, daß er uns mit dem erfreut, was ihm gerade das Herz entzündet. Nicht den Sängern, Jupitern müssen wir Schuld geben, der ihnen die Lieder eingiebt, und sie begeistert, wie er will! Laß ihn deßwegen immerhin das Leid der Danaer besingen! Odysseus ist es ja nicht allein, der den Tag der Wiederkehr verlor; wie viel andere Griechen sind untergegangen! Du selbst, liebe Mutter, kehr' ins Frauengemach zurück, besorge dort deine Ge¬ schäfte, die Spindel und den Webestuhl, und leite das Tagwerk deiner Frauen! Das Wort gebührt den Män¬ nern und vor allem mir, der ich die Herrschaft im Hause zu führen habe.“ Penelope verwunderte sich über die verständige und bestimmte Rede des Knaben, den sie früher nie so hatte sprechen hören, und der auf einmal zum Jüngling gereift schien; sie kehrte nach dem Söller zurück und be¬ weinte dort ihren Gemahl in der Einsamkeit. Den Freiern aber, die zu toben und beim Becher Muthwill zu treiben anfingen, trat Telemachus auch entgegen, und rief in die Versammlung hinein: „Freuet euch immerhin beim Mahle, ihr Freier! aber lärmet mir nicht so! denn das ist eine Lust, dem Sänger in Stille zuzuhorchen! Mor¬ gen wollen wir Rathsversammlung halten; da will ich euch frank und frei den Vorschlag machen, nach Hause zu gehen, denn es ist Zeit, daß ihr euch an eurer eigenen Habe wärmet, und nicht des fremden Mannes Erbgut vollends aufzehret!“ Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie solche Reden hörten, und konnten über die entschlossenen Worte des Jünglings nicht genug staunen. Aber von seinem Vorschlage, zum Vater Penelope's Ikarion zu wandern, wollten sie nichts hören, und zankten sich trotzig mit ihm herum. Endlich brachen sie auf und auch Telemach ging zur Ruhe. Am andern Morgen sprang er zeitig vom Lager, kleidete sich an und hängte das Schwert um die Schul¬ tern. Dann trat er aus der Kammer hervor und gebot den Herolden, die Versammlung der Bürger zu berufen und lud auch die Freier zu derselben ein. Als das Volk sich gedrängt eingefunden hatte, erschien der Fürstensohn, die Lanze in der Hand; Pallas Athene hatte seiner Ge¬ stalt Hoheit und Anmuth verliehen, so daß alles Volk den Kommenden anstaunte. Selbst die Greise machten ihm ehrerbietig Platz, und er setzte sich auf den Stuhl seines Vaters Odysseus. Da erhub zuerst der Held Aegyptius, von Alter gebückt und reich an Erfahrung, er, dessen ältester Sohn Antiphus schon mit Odysseus vor Troja gezogen war und erst auf dem Rückwege ver¬ unglückte, dessen zweiter Sohn Eurynomus mit unter den Freiern sich befand, während die zwei jüngsten Söhne noch des Vaters Geschäfte zu Hause betrieben, sich in der Volksversammlung und sprach: „Seit Odysseus fort ist, sind wir nicht versammelt gewesen. Wem ist denn auf einmal eingefallen, uns zusammen zu berufen? Ist es ein älterer Mann, oder ein jüngerer, und welches Bedürfniß treibt ihn? Hörte er etwa Kunde von einem heranziehenden Kriegsheere? Oder hat er einen Antrag zum Besten des Landes zu machen? Nun, gewiß ist es ein Biedermann, der also gehandelt hat; Jupiter segne ihn, was er auch im Herzen vorhaben mag!“ Telemach erfreute sich des glücklichen Vorzeichens, das in diesen Worten lag, erhub sich von seinem Stuhle und sprach, mitten unter die Versammlung eintretend, nach¬ dem der Herold Pisenor ihm das Scepter gereicht, in¬ dem er sich zuerst dem greisen Aegyptius zuwandte: „Edler Greis! der Mann, der euch berufen hat, ist nicht ferne: ich bins, denn der Kummer und die Sorge bedrängen mich. Erst habe ich meinen trefflichen Vater, euren Beherrscher, verloren, und jetzt stürzt mein Haus ins Verderben, und alle meine Habe geht in Trümmer! Mit unerwünschter Bewerbung sieht sich meine Mutter Penelope von Freiern umdrängt. Diese sträuben sich, meinem Vorschlage sich zu fügen und bei der Mutter Vater Ikarion um die Tochter zu werben. Nein, von Tag zu Tage wenden sie sich an unser Haus, opfern Rinder zum Mahle, halten bei unsern Schafen und Zie¬ gen Schmaus, und trinken mir den funkelnden Wein ohne Scheu aus dem Keller. Was vermag ich gegen so viele? Erkennet doch selbst, ihr Freier, euer Unrecht, habt auch Scheu vor Andern, vor der Nachbarschaft, bebet endlich vor der Rache der Götter! Wann hat euch mein Vater beleidigt, wann habe ich selbst euch Schaden zugefügt, dessen Ersatz ihr von mir zu nehmen berechtigt wäret? So aber ladet ihr mir unverdienten Schmerz auf die Seele!“ So sprach Telemachus, vergoß Thränen dazu und warf zornig seinen Scepter auf die Erde. Die Freier saßen schweigend umher und keiner, ausser Antinous, dem Sohne des Eupithes, wagte es, ihm ein heftiges Wort auf seine Rede zu erwiedern. Dieser aber erhub sich und rief laut: „Trotziger Jüngling, welche Schmähung erlaubst du dich gegen uns? Nicht die Freier haben alles das verschuldet, sondern deine eigene Mutter, die ränkevolle! Drei Jahre, und bald das vierte, sind dahin, und immer noch spottet sie des Wunsches des Achajer. Allen verheißt sie Gunst, bald diesem bald jenem Manne sendet sie Botschaft zu; aber im Herzen denkt sie ganz anders. Wohl durchschauen wir ihre List. In ihrer Kam¬ mer hat sie ein großes Gewebe angefangen und zur Ver¬ sammlung der Freier hat sie gesprochen: Ihr Jünglinge, wartet mit der Entscheidung und der Hochzeit nur so lange, bis ich das Leichengewand für meines Gemahles alten Vater Laertes fertig gewirkt habe, daß, wenn er der¬ einst stirbt, keine Griechin mich tadeln kann, wenn der an¬ gesehene Mann als Leiche nicht festlich eingekleidet da läge! Mit diesem frommen Vorwande gewann sie unsere Herzen. Nun saß sie auch wirklich den Tag über da, und wirkte an ihrem großen Gewebe, in der Nacht aber beim Kerzenlichte, da trennte sie heimlich Alles wieder auf, was sie am Tage gewoben hatte. So entging sie unsern Aufforderungen drei Jahre lang und täuschte edle Griechensöhne. Eine der Dienerinnen, welche sie Nachts belauscht hatte, hat uns dieses hinterbracht, und so über¬ raschten wir sie selbst, während sie damit beschäftigt war, ihr Gewebe zu zertrennen. Darauf nöthigten wir sie, das Werk zu vollenden. So geben wir dir denn zur Antwort, Telemachus, daß dir allerdings vergönnt seyn soll, die Mutter hinweg und zu ihrem Vater zu senden; aber du sollst ihr auch gebieten, sich Demjenigen zu ver¬ mählen, den ihr Vater auslesen wird, oder den sie sich selbst erwählt. Wenn sie aber die edlen Griechen noch länger verhöhnt, und mit ihrem Truggewebe betrügen will, so zehren wir auch noch länger von deinem Gute, und nicht eher weichen wir von deinem Heerde und be¬ geben uns an den unsrigen, als bis deine Mutter einen Gatten gewählt hat.“ Darauf antwortete Telemach: „Antinous, mit Zwang kann ich meine Mutter nicht aus dem Hause verstoßen, sie, die mich geboren und erzogen hat, mag nun mein Vater noch leben oder todt seyn. Weder Ikarion, ihr Vater, noch die Götter könnten ein solches Verfahren billigen. Nein, wenn ihr selbst noch Gefühl für Recht und Unrecht habt, so verlasset mein Haus, und besorget euch eure Gastmahle anderswo, oder verzehret wenigstens eure eigene Habe und lasset die Bewirthung im Kreise herumgehen. Wenn es euch aber behaglicher dünkt, das Erbe eines einzelnen Mannes ohne Wiedererstattung zu verschlingen — nun, so thut es! Ich aber werde die Ewigen laut anflehen, daß mir Jupiter zur wohlverdien¬ ten Bezahlung an euch verhelfe!“ Während Telemach so sprach, schickte ihm Jupiter ein Himmelszeichen. Zwei Adler des Gebirges schweb¬ ten mit ausgebreiteten Schwingen herab aus den Lüften und um einander her: als sie der Versammlung über den Häuptern waren, schauten sie drohend herab, und fingen dann an, sich selbst mit den Klauen Hals und Kopf zu zerkratzen, dann erhoben sie sich wieder und stürmten rechts hin über Ithaka's Stadt. Dieß deutete der an¬ wesende greise Vogelschauer Halitherses auf großes Ver¬ derben, das den Freiern drohe. Denn noch am Leben sey Odysseus und nahe schon, und der Tod sey allen jenen Männern bereitet. Aber der Freier Eurymachus, des Polybus Sohn, spottete des Zeichens und sagte: „Geh' du nach Hause und verkündige deinen eigenen Kindern ihr Geschick, alberner Greis! Uns wirst du nicht bethören. Viel Vögel fliegen unter den Strahlen der Sonne herum, aber nicht alle bedeuten etwas! Gewisser ist nichts, als daß Odysseus in der Ferne starb!“ Uebri¬ gens beharrten die Freier auf ihrem Ansinnen, daß die Mutter Telemachs selbst das Haus verlassen, zu ihrem Vater Ikarion ziehen und dort wählen solle. Da drang Telemachus nicht weiter in sie, sondern er begehrte vom Volke nur ein schnellsegelndes Schiff und zwanzig Ruderer, um zu Pylos und zu Sparta nach dem verschollenen Vater zu fragen. Lebe der, so wollte auch Telemach noch ein Jahr zusehen; sey er todt, so möge ein anderer die Mutter nehmen. Jetzt erhub sich Mentor, der Freund und Altersgenosse des Odysseus, dem dieser, in den Kampf vor Troja ziehend, die Sorge des Hauses anvertraut hatte, daß er, unter der Ober¬ aufsicht seines Vaters Laertes, Alles in Ordnung erhielte. Dieser ereiferte sich zornig gegen die Freier und rief: „Kein Wunder, wenn ein Scepter tragender König Recht und Billigkeit vergäße, stets zürnte und grausam frevelte: verdienen es die Menschen doch nicht anders! Wer in diesem Kreise gedenkt jetzt noch des freundlichen väter¬ lichen Herrschers Odysseus? Prassen doch diese Freier ungestraft von seinem Gute! Und nicht ihnen verdenke ich es, die da im Wahne handeln, als kehre Odysseus nicht wieder! Aber dem andern Volke verarg' ichs, das stumm dasitzt und zuschauen mag, und auch nicht mit einem Wörtchen es versucht, die frevelnden Freier im Zaum zu halten, so überlegen es ihnen an Zahl ist!“ Aber Leokritus, einer der frechsten Freier, spottete des Scheltenden und sprach: „Laß immerhin den Odys¬ seus kommen, du alter Schadenfroh; wir wollen sehen, ob er mit uns fertig wird, wenn er uns bei'm Mahle überrascht! Und glaubet mir nur, Penelope selbst, so sehr sie nach ihm zu schmachten scheint, würde seiner Ankunft sich am wenigsten freuen. Mög' ihn das böse Verhängniß vertilgen! Nun, laßt uns scheiden, ihr Männer! Mögen Mentor und der alte Vogelschauer Halitherses die Reise des Knaben Telemachus beschleu¬ nigen. Aber, was wollen wir wetten, er sitzt noch nach Wochen hier unter uns, und erspäht sich hier in Ithaka selbst die Botschaft nach seinem Vater. Nimmermehr vollendet er die Reise!“ Lärmend trennten sich die Freier und die ganze Volksversammlung that, ohne einen Beschluß gefaßt zu haben, das Gleiche. Jeder ging in seine Wohnung, und die Freier lagerten sich wieder im Palaste des Odysseus. Telemach bei Nestor. Telemach ging hinab ans Meergestade, und, die Hände in der Fluth waschend, rief er zu dem unbekann¬ ten Gotte, der Tags zuvor in Menschengestalt bei ihm in seiner Wohnung erschienen war. Da nahete ihm Pallas Athene, dem Freunde seines Vaters, Mentor, an Gestalt und Stimme ähnlich, und sprach: „Telemach, wenn du hinfort nicht zaghaft und besinnungslos seyn willst, wenn der Geist deines Vaters, des klugen Odysseus, nicht ganz von dir gewichen ist, so hoffe ich, daß du deinen Entschluß ausführest! Ich bin der alte Freund deines Vaters, ich will dir für ein schnelles Schiff sorgen, und dich selber begleiten!“ Telemach, der nicht anders glaubte, als daß Mentor selbst zu ihm geredet, eilte entschlossen nach Hause; auf dem Wege begegnete er dem jungen Freier Antinous, der ihm lachend die Hand hinbot und sprach: „Unbändiger, trotziger Jüngling, zürne nicht län¬ ger! Lieber geschmaust und getrunken mit uns, wie bis¬ her! Laß die Bürger für deine Reise sorgen, und wenn sie dir Schiff und Mannschaft gerüstet haben, dann magst du meinethalben nach Pylos fahren!“ Aber Telemach erwiederte: „Nein, Antinous, es ist mir unmöglich, län¬ ger schweigend mit euch ausschweifenden Männern am Mahle zu sitzen! Ich bin kein Knabe mehr; ihr habt es hinfort mit einem muthigen Manne zu thun, mag ich nun gen Pylos fahren, oder auf unsrem Eilande ver¬ bleiben! Aber ich will gehen, und nichts soll mir die beschlossene Fahrt vereiteln!“ So sprechend, zog er leicht seine Hand aus der Hand des Freiers und eilte in die Vorrathskammer seines Vaters hinab, wo Gold und Erz in Haufen lag, kostbare Gewande im Kasten ruhten, Krüge voll duftigen Oeles und Fässer mit balsamischem Weine gefüllt an die Mauer gelehnt umherstanden. Hier fand er die wachsame Schaffnerin Eurykl é a, schloß hinter sich die Pforte riegelfest, und sprach zu ihr: „Mütterchen! Geschwind schöpf' und fülle mir zwölf Henkelkrüge mit Wein und spünde sie wohl mit Deckeln, schütte mir auch zwanzig Maaße feingemahlenen Mehls in Schläuche, und rüste Alles zusammen auf einen Haufen. Denn vor Nacht noch, wenn die Mutter schon im Schlafgemach ist, komme ich, und hohle Alles ab. Erst nach zwölf Tagen, oder wenn sie mich selbst vermißt, darfst du ihr sagen, daß ich fort bin, den Vater zu suchen!“ Weinend schwur ihm dieses die gute Schaffnerin zu, und that wie er befohlen. Indessen hatte Minerva selbst Telemachs Gestalt angenommen, Genossen für die Reise geworben und von einem reichen Bürger, No ë mon, ein Schiff zur Reise ge¬ borgt. Dann betäubte sie den Sinn der Freier, daß ihnen die Becher aus den Händen fielen, und ein tiefer Schlummer, wie Berauschten zu geschehen pflegt, sich ihrer bemächtigte. Endlich nahm sie Mentors Gestalt wieder an, gesellte sich zu Telemach, und ermunterte ihn, die Fahrt nicht länger zu verschieben. Bald standen beide am Meere, fanden dort die Genossen, ließen die Zehrung zu Schiffe bringen und bestiegen das Fahrzeug. Als die Woge schon um den Kiel schlug und der Wind die Segel schwellte, brachten sie den Göttern ein Trankopfer dar und fuhren bei günstiger Luft die ganze Nachtpfeil¬ schnell dahin. Schwab , das klass. Alterthum. III . 6 Mit Sonnenaufgang lag Nestors Stadt Pylos vor den Augen der Schiffenden. Dort brachte gerade das Volk in neun Rotten geschaart dem Meeresgotte neun schwarze Stiere zum Opfer dar; verbrannte sie dem Gott und schmauste von den Ueberbleibseln. Da landeten die Männer aus Ithaka, und Telemach, von Athene als Mentor geführt und zu keckem Gruße aufgemuntert, eilte unter die Versammlung des pylischen Volkes. Hier saß Nestor mit seinen Söhnen: Freunde rüsteten das Mahl, Diener steckten das Fleisch an Spieße und brieten es. Als nun die Pylier Fremdlinge ans Ufer steigen und herannahen sahen, eilten sie ihnen sogleich in dichten Haufen entgegen, boten ihnen die Hände zum Gruß, und nöthigten den Telemach und seinen Führer zu sitzen. Insbesondere ergriff sie Pisistratus, der Sohn Nestors, beide bei der Hand, nöthigte sie freundlich am Gastmahl Theil zu nehmen, und wies ihnen am Ufersande des Meeres auf dickwolligen Fließen zwischen seinem Vater Nestor und seinem Bruder Thrasymedes den Ehrensitz an. Dann legte er ihnen von dem besten Fleische vor, füllte zwei goldene Becher mit Wein, trank ihnen unter Hand¬ schlag zu, und sprach zu der verstellten Athene: „Bring dem Poseidon das Trankopfer mit Gebet, o Fremdling, und laß auch deinen jüngeren Freund also thun! Bedürfen doch alle Sterbliche der Götter!“ Athene nahm den Be¬ cher, flehte vom Meeresgotte Segen auf Nestor, seine Söhne und alle Pylier herab, und bat um Vollendung dessen, weßwegen Telemach zu Meere dahergekommen. Dann schüttete sie von dem Trank zu Boden, und hieß ihren jungen Begleiter ein Gleiches thun. Darauf wandte man sich zu Trank und Speise, und als Hunger und Durst gestillt waren, begann der greise Nestor das freundliche Gespräch, und forschte nach dem Geschlecht und der Absicht der Fremden. Telemach beant¬ wortete ihm Beides, und als er auf seinen Vater Odysseus reden gekommen war, sprach er mit Seufzen: „Verge¬ bens suchten wir bisher sein Schicksal zu erkunden. Wir wissen nicht, kam er auf dem Festlande von Feinden um, oder hat ihn die Brandung des Meeres verschlungen. Darum flehe ich dich, mir seinen traurigen Tod zu ver¬ kündigen, magst du nun Augenzeuge gewesen seyn, oder ihn nur von einem Wanderer vernommen haben. Schone mich nicht aus Mitleid, sondern erzähle mir nur Alles getreulich!“ „Lieber Jüngling,“ antwortete Nestor, „weil du jener Zeit der Trübsal gedenkst, so höre Alles, wie es ergangen.“ Der Alte holte dann nach Greisensitte weit aus, meldete von dem Tode der größten Helden noch unter Iliums Mauern selbst, von dem Hader der beiden Atriden, endlich von seiner eigenen Rückfahrt; aber von Odysseus wußte er so wenig als der fragende Telemach selbst. Dagegen erzählte er ihm weitläufig den Tod Aga¬ memnons zu Mycene und die Rache des Orestes. End¬ lich rieth er ihm nach Sparta zum Fürsten Menelaus zu gehen, der erst neulich von fern entlegenen Menschen, an deren Küste ihn der Sturm verschleudert, zurückgekehrt sey. Da dieser am längsten unter allen Griechenhelden auf der Fahrt gewesen, sey es auch am ehesten glaublich, daß er irgendwo etwas von dem Geschicke des Odysseus vernommen. Athene billigte als Mentor den Vorschlag und er¬ wiederte hierauf: „der Abend ist unter unsern Gesprächen 6* eingebrochen; erlaube jetzt, o lieber Greis, meinem jun¬ gen Freunde, dich in deinen Pallast zu begleiten und dort zu ruhen. Ich selbst will nach unsrem Schiffe sehen, und meine Genossen ermuntern, alles Nöthige anzuordnen. Dann will ich mein Nachtlager auch daselbst nehmen. Am andern Morgen fahre ich dann zum Volk der Kau¬ konen, wo ich eine Schuld einzufordern habe. Meinen Freund Telemach aber sende du selbst“ — Nestor hatte dieß so angeboten — „mit deinem Sohne auf einem wohlgezimmerten Wagen, mit deinen leichtfüßigsten Rossen bespannt, nach Sparta.“ So sprach Minerva, und siehe da, pötzlich ver¬ wandelte sie sich in einen Adler und flog empor zum Himmel. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor ergriff den Jüngling Telemachus bei der Hand und sprach: „du darfst nicht verzagen und nicht trostlos werden, mein Lieber, da schon in deiner Jugend beschirmende Götter dich begleiten! Denn kein Anderer war dein Ge¬ nosse als Jupiters Tochter, Athene, die auch deinen tapfern Vater vor allen andern Argivern immer besonders geehrt hat!“ Dann richtete der Greis ein frommes Gebet an die Göttin, gelobte ihr ein jähriges Rind am andern Morgen zu opfern, und führte mit Söhnen und Eidamen seinen Gast zur Nachtruhe nach Pylos in den Königs¬ palast. Hier wurde noch einmal ein Trankopfer dar¬ gebracht und ein Umtrunk gethan. Alsdann begab sich ein jeder zur Ruhe. Telemach erhielt seine Lagerstatt in einem zierlichen Bettgestelle unter der hohen Halle des Hauses und neben ihm legte sich der tapfere Pisi¬ stratus, Nestors Sohn, zur Ruhe. Kaum schimmerte die Morgenröthe in den Palast, so erhob sich der rüstige Greis Nestor vom Lager, trat vor die Schwelle und setzte sich auf die schönen weißen Marmorquadern nieder, die als Ruhesitze an den Flü¬ gelthoren des Palastes angebracht waren, und wo schon vor Alters sein Vater Neleus oft gesessen. Um ihn versammelten sich seine sechs Söhne und der letzte, Pisi¬ stratus, brachte auch den Gast aus Ithaka mit, der den König Nestor begrüßte, dann aber die Versammlung wieder verließ. Nun wurde die Kuh herbeigeholt, die Nestor als Opfer der Athene gelobt hatte; der Gold¬ schmied Laerkes wurde gerufen, der die Hörner des Rinds vergolden mußte, die Mägde im Palast rüsteten ein Festmahl, setzten Stühle, brachten Holz und frisches Wasser herbei. Vom Schiffe heraus kamen Telemachs Freunde. Die Söhne Nestors führten die Kuh an den vergoldeten Hörnern herbei, ein anderer trug Wasser¬ becken und Opfergerste herbei, der Vierte brachte die Axt, das Opfer zu schlachten, ein Fünfter hielt die Schale hin, um das Blut des Thieres aufzufangen. Als das Opferthier den Streich mit der Axt erhalten hatte, schlachtete es unter dem Flehen der Gemahlin und der Töchter Nestors der sechste Sohn Pisistratus. Die besten Stücke wurden der Göttin verbrannt und dunkler Wein darauf geschüttet; das übrige ward an Spieße gesteckt und gebraten. Telemach war bei dem Opfer nicht zugegen gewe¬ sen, er hatte sich entfernt, um sich von der Reise im warmen Bade zu erholen, und trat jetzt in den schönen Leibrock gekleidet und in einen prächtigen Mantel gehüllt unter die Versammelten wieder ein. Nun setzte man sich zum Schmaus und Becher und nach dem fröhlichen Mahle schirrte man die schönsten Rosse vor den Wagen, der den jungen Gastfreund nach Sparta bringen sollte. Die Schaffnerin legte Brod, Wein und andere Speisen hinein, und Telemach bestieg den Wagensitz. Neben ihn setzte sich Pisistratus in den Sessel, faßte die Zügel und schwang treibend die Geißel. Die Rosse flogen dahin; bald lag die Stadt Pylos hinter ihnen und den ganzen Tag ging es im Fluge fort, ohne daß die Thiere zu ruhen begehrten. Als die Sonne sich zum Untergang neigte und die Pfade schattiger wurden, kamen sie nach der Stadt Pherä, wo ein edler Griechenheld, Namens Diokles, der Sohn des Orsilochus, hauste. Dieser nahm die reisenden Für¬ stensöhne gastlich auf und sie ruheten in seiner Burg die Nacht über. Am andern Morgen fuhren sie weiter durch üppiges Waizenfeld und endlich mit dem Abendschatten kamen sie zu der großen, zwischen Bergen gelegenen Stadt Lacedämon oder Sparta. Telemach zu Sparta. Freunde und Nachbarn umgaben den Fürsten Me¬ nelaus zu Sparta im Pallaste beim fröhlichen Schmause; ein Sänger rührte die Harfe im dichten Gedränge; zwei Gaukler machten lustige Sprünge im Kreise; der Beherr¬ scher des Landes feierte das doppelte Verlobungsfest zweier Kinder, der lieblichen Hermione, Helena's Tochter, die damals dem muthigen Sohne des Achilles, Neoptolemus, als Braut entgegengesandt werden sollte, und eines Sohnes von einem Nebenweibe, Megapenthes, den er einer edeln Spartanerin verlobte. Unter diesem Getümmel hielten am Thore der Königsburg Telemach und Pisistratus mit ihrem Wagen, und ein Krieger des Menelaus, der sie zuerst erblickte, meldete dem Fürsten die Ankunft der Frem¬ den, und fragte an, ob die Rosse abgespannt, oder die Fremden, wegen der festlichen Feier im Hause, einer Herberge zur Bewirthung zugewiesen werden sollten. „Ey, Held Eteoneus,“ antwortete ihm Menelaus ärger¬ lich, „du warst doch sonst nie ein Thor; heute aber redest du wie ein Kind! Wie viele Gastfreundschaft habe ich selbst bei andern Menschen genossen; und ich sollte um irgend einer Ursache willen Fremdlinge von meinem Heerd abweisen? Hurtig die Rosse abgespannt, und die Männer zum Gastmahl hereingeführt!“ Der Krieger verließ eilends mit vielen Dienern den Saal, und die schäumenden Rosse wurden vom Wagenjoch abgelöst, und vor reichlichen Haber an die Krippe im Stalle ge¬ stellt, auch der Wagen wurde eingethan. Die Gäste wurden in den herrlichen Pallast geführt, und ihnen der Staub des Weges durch ein erquickendes Bad ab¬ gewaschen. Dann wurden sie dem Könige Menelaus zu¬ geführt und nahmen an seiner Seite beim köstlichen Mahle Platz. Staunend betrachtete sich Telemach die Pracht des Palastes und der Bewirthung und flüsterte seinem Freunde ins Ohr: „Sieh nur, Pisistratus, das Erz, das rings in dem gewölbten Saale glänzt, das Gold und Silber, das schimmernde Elfenbein! Welch unend¬ licher Schatz! Jupiters Pallast auf dem Olymp kann nicht herrlicher seyn! Mich erfüllt dieser Anblick mit Staunen!“ Telemach hatte nicht so leise gesprochen, daß Menelaus nicht die letzten Worte vernommen hätte. „Lieben Söhne,“ sagte er daher lächelnd, „mit Jupiter wetteifre kein Sterblicher! Sein Palast ist unvergäng¬ lich, und all sein Besitz! Aber das ist wahr; unter den Menschen wird sich nicht leicht einer mit mir im Reich¬ thume messen können, habe ich ihn doch auch nach vielen Leiden und Irrfahrten eingethan und brauchte acht Jahre, bis ich wohlbehalten in der Heimath wieder ankam. Auf Cypern, in Phönicien, in Aegypten, Aethiopien, Libyen bin ich gewesen. Das ist ein Land, ihr Freunde! Dort kommen die Lämmer gleich mit Hörnern auf die Welt; die Schafe werfen dreimal des Jahres, und nie fehlt es dem Herrn und dem Hirten an Fleisch, Milch und Käse! Während ich mir in diesen Landen viel kostbare Habe sammelte, hat mir zu Mycene ein Anderer den Bruder erschlagen, ein Meuchelmörder, durch die List seines treulosen Weibes so daß ich bei all meinem Besitze doch nicht recht fröhlich herrschen kann! Doch, das habt ihr wohl Alles schon von euren Vätern ver¬ nommen, wer sie auch seyn mögen! Und gerne wär' ich mit dem Drittel meines Gutes zufrieden, wenn nur die Männer noch lebten, die vor Troja gefallen sind; Und doch — keinen von ihnen betraure ich so innig, als Einen, der mir Schlaf und Speise verleidet, wenn ich sein gedenke! Denn so viel erduldete doch kein anderer Grieche, als Odysseus! Und nun weiß ich nicht einmal, ob er lebt oder todt ist! Vielleicht trauern um ihn längst sein alter Vater Laertes, und seine züchtige Gemahlin Penelope, und sein junger Sohn Telemachus, der noch ein Säugling war, als er ihn verließ.“ So sprach Menelaus und, ohne es zu wollen, machte er dem Telemach das Herz so weichmüthig, daß ihm die Thränen von den Wimpern herabrollten, und er den Purpurmantel mit beiden Händen fest vor die Augen drücken mußte. Dem Könige Sparta's blieb dieß nicht verborgen und er erkannte in dem Jüngling alsbald den Sohn des Odysseus. Indessen wandelte auch die Fürstin Helena aus ihrem duftenden Frauengemache hervor, einer Göttin an Schönheit gleich; sie umringten anmuthige Dienerinnen: die eine stellte ihr den Sessel hin; eine andere breitete den wollenen Teppich unter; die dritte brachte ihr einen silbernen Korb, das Gastgeschenk der Königin von Theben in Aegypten; er war mit gesponnenem Garne gefüllt, und die volle Spindel lag darüber. So setzte sich die Königin auf den Sessel, stellte die Füße auf den Sche¬ mel, und begann ihren Gemahl neugierig nach dem Geschlechte der neuangekommenen Männer zu fragen. „Sah ich doch auf der Welt noch keinen Menschen, der dem hochgesinnten Odysseus so ähnlich wäre, wie der Eine der Jünglinge hier!“ So sprach sie leise zu ihrem Gemahl, und dieser antwortete ihr: „Auch mir, o Frau, kommt es so vor. Füße, Hände, Blicke der Augen, Haupt- und Scheitelhaare, Alles ist dasselbe an Beiden! Auch tropften dem Jüngling bittere Zähren von den Wimpern, als ich vorhin unserer Noth und des Odysseus gedachte!“ Pisistratus, Telemachs Begleiter, vernahm diese Reden und sagte laut: „Du redest recht, König Mene¬ laus, dieser ist des Odysseus Sohn, Telemachus; er aber ist zu bescheiden, dreist mit dir zu sprechen. Ihn hat mit mir Nestor, mein Vater, gesandt, denn er hofft von dir Nachricht von seinem Vater zu erhalten.“ — „Ihr Götter,“ rief nun Menelaus aus, „so ist wirklich der Sohn des geliebtesten Mannes mein Gast, des Mannes, dem ich selbst so gerne alle Liebe erwiesen hätte, wenn er auf der Heimkehr in meinem Hause einspräche!“ Als nun der König fortfuhr so sehnlich von seinem alten Freunde zu reden, da mußten alle weinen, Helena und Telemach und Menelaus selbst, und auch Nestors Sohn weinte, denn er mußte an seinen Bruder Antilo¬ chus denken, der vor Troja, seinen Vater rettend, gefallen war. Endlich bedachten sie, daß es fruchtlos und nicht heilsam sey, dem Gram beim Abendschmause nachzuhän¬ gen, und wollten, nachdem die Diener ihnen mit Wasser die Hände besprengt, alle zur Nachtruhe aufbrechen. He¬ lena aber, die als Jupiters Tochter in allerlei Wunder¬ künsten erfahren war, warf noch vorher schnell in den letzten Becher Weins, den sie tranken, ein Mittel, das allen Kummer und die Erinnerung an alle Leiden aus der Seele vertilgte. Wenn ein Mensch von dieser Mi¬ schung trank, so benetzte ihm den ganzen Tag über keine Thräne die Wangen, und wären ihm Vater und Mut¬ ter gestorben, wären ihm Sohn oder Bruder vor seinen Augen vom Schwert des Feindes durchbohrt worden. Da wurden sie alle fröhlich und sprachen noch lange in die Nacht hinein. Endlich wurde den Gästen ihr Bett von prächtigen Purpurpolstern und Teppichdecken unter der Halle bereitet; Menelaus und Helena aber begaben sich in das Innere des Pallastes. Am andern Morgen fragte der Fürst seine Gastfreunde über die Absicht ihrer Reise weiter aus, und vernahm, wie es zu Ithaka, im Hause seines Freundes Odysseus, stehe. Als er hörte, wie sich die Freier dort gebärdeten, rief er entrüstet aus: „Ha, die Elenden, die im Lager des gewaltigen Mannes zu ruhen gedenken! Wie der Löwe zurückkommt, dem eine Hindin ihre Jungen ins Nest gelegt hat, während er im grünen Thale weidet, wird Odysseus kommen und ihnen ein Ende voll Ent¬ setzen bereiten! denn wisse, was mir in Aegypten der Meeresgott Proteus von ihm geweissagt hat, als er, in mancherlei Gestalten verwandelt, endlich von mir ge¬ bunden und gezwungen ward, die Schicksale der heim¬ kehrenden Griechenhelden mir kund zu thun. „„Den Odysseus,““ sprach der Gott, „„sah ich im Geist auf einer einsamen Insel Thränen der Sehnsucht vergießen. Dort hält ihn die Nymphe Kalypso mit Gewalt zurück, und ihm gebricht's an Schiffen und Ruderern um in die Heimath zurückzukehren.““ Nun weißest du Alles, lie¬ ber Jüngling, was ich dir über deinen Vater zu berichten vermag. Bleib nun noch ein eilf oder zwölf Tage bei uns, dann will ich dich mit köstlichen Geschenken ent¬ lassen.“ Aber Telemach dankte und ließ sich nicht zurück¬ halten. Nun schenkte ihm Menelaus einen silbernen Mischkrug mit goldenem Rande von unvergleichlich schö¬ ner Arbeit, ein Werk des kunstreichen Gottes Hephästus selbst, und ein köstliches Frühmahl von Ziegen und Scha¬ fen wurde dem Abschied nehmenden Gastfreunde bereitet. Verschwörung der Freier. Während dieß in Pylos und in Sparta vorging, freuten sich auf der Insel Ithaka die Freier von Tag zu Tag im Palaste des Odysseus, wie zuvor, und er¬ götzten sich mit Scheibenschießen, Speerwürfen und an¬ deren Spielen. Einst, als nur Antinous und Eurymachus, die vornehmsten und schmucksten unter ihnen, seitwärts vom Spiele saßen, trat zu diesen Noëmon, der Sohn des Phronios, und sprach zu ihnen: „Können wir etwa vermuthen, ihr Freier, wann Telemachus von Pylos zurückkehrt? das Schiff, auf dem er fährt, habe ich ihm geliehen, und jetzt brauche ich es selbst, um damit nach Elis zu segeln, wo ich mir aus meinem Stutengarten gern ein Roß holte, um es zu zähmen und zuzurichten.“ Die beiden anderen staunten. Sie hatten gar nichts von der Abfahrt des Jünglings gewußt, sondern gemeint, er habe sich auf seine Besitzungen im Lande, auf seine Ziegenweiden, und zu seinen Schweineheerden begeben. Sie meinten er habe Noëmons Schiff mit Gewalt ge¬ nommen und fuhren zornig auf. Dieser aber besänftigte sie und sprach: „Ich selbst habe es ihm willig gegeben. Wer hätte auch einem bekümmerten Mann es versagen können? das wäre gar zu hart gewesen! Zudem folgten ihm die edel¬ sten Jünglinge, und als Führer trat Mentor mit ihm ins Schiff — oder war es vielleicht ein Gott, der dessen Gestalt angenommen; denn ich meine den Helden noch am gestrigen Morgen hier gesehen zu haben!“ So sprach Noëmon, verließ die Freier und ging zurück in seines Vaters Haus. Diese aber wurden bestürzt und unmuthig bei der unerwarteten Nachricht. Sie standen von ihren Sitzen auf und traten mitten unter die Andern, die eben, vom Kampfspiele ruhend, im Kreise gelagert saßen. Zürnend vor Aerger stellte sich Antinous unter sie und sprach mit funkelnden Augen: „Dieser Telemach hat ein großes Werk unternommen, trotzig ist er auf die Fahrt ge¬ gangen, an die wir nimmermehr glauben wollten! Möge ihn Jupiter vertilgen, ehe er uns Schaden zufügt! Drum, wenn ihr mir einen Schnellsegler und zwanzig Ruderer schaffen wollt, ihr Freunde, so laure ich ihm auf der Meerstraße, die Ithaka von Samos trennt, auf und seine Entdeckungsreise soll mit Schrecken endigen!“ Alle riefen dem Sprecher Beifall zu, und versprachen ihm Alles zu verschaffen, was er bedürfte. Dann brachen die Freier auf und zogen sich von Spiel und Rath in den Palast zurück. Aber ihre Berathschlagung war nicht unbelauscht geblieben. Medon, der Herold, der im Herzen den schänd¬ lichen Freiern längst abhold war, obgleich er in ihren Diensten stand, der ausserhalb des Hofes, doch nahe genug gestanden, hatte jedes Wörtchen gehört, das An¬ tinous sprach. Er eilte nach den Gemächern Penelope's und erzählte seiner Herrin Alles, was er vernommen. Herz und Knie erbebten der Fürstin, als sie die böse Kunde gehört, und lange blieb sie sprachlos; der Athem stockte ihr, und ihre Augen waren mit Thränen gefüllt. Spät erst begann sie: „Herold! Warum reiset aber auch mein Sohn? Ist ihm nicht genug, daß sein Vater untergegangen ist? Soll der Name unseres Hauses ganz von der Erde vertilgt werden?“ Und da Medon ihr keinen Aufschluß zu geben vermochte, sank sie weinend an der Schwelle ihres Gemaches nieder und rings um schluchzten die Mägde mit ihr. „Warum ist er auch auf die Fahrt gegangen, ohne es mir zu sagen! Gewiß hätte ich ihn auf bessere Gedanken gebracht! Rufe mir doch eine den alten Knecht des Hauses, Dolios, daß er gehe und dem greisen Laertes dieß Alles melde! Vielleicht daß der alte Mann einen Rath in seinem erfahrenen Herzen findet!“ Da that Euryklea, die alte Schaffnerin, ihren Mund auf und sprach: „Und wenn du mich tödtest, Herrin! ich will dirs nicht verhehlen. Ich selbst habe um Alles gewußt; ich reichte ihm, was er begehrte; aber ich mußte ihm einen Eidschwur thun, vor dem zwölften Tage, oder ehe du ihn selbst vermißtest, nichts von seiner Reise zu melden. Jetzt aber rathe ich dir, dich gebadet und geschmückt auf den Söller mit deinen Dienerinnen zu begeben, und Athene, Jupiters Tochter, um ihren göttlichen Schutz für deinen Sohn anzuflehen.“ Penelope gehorchte dem Rathe der Greisin, und legte sich nach dem feierlichen Gebet ungegessen und kummervoll schlafen. Da sandte ihr Athene im Traum das Gebilde ihrer Schwester Iphthime, die Gemahlin des Helden Eumelos, die ihr Trost einsprach und die Wiederkehr ihres Sohnes verkündigte. „Sey getrost,“ sprach sie, „deinen Sohn begleitet eine Führerin, um die ihn andere Männer beneiden dürften. Pallas Athene selbst ist an seiner Seite; sie wird ihn gegen die Freier schirmen; sie hat auch mich dir zugesandt.“ So redete die Gestalt und verschwand an der verschlossenen Thüre. Penelope erwachte aus dem Schlummer voll Freudigkeit und Muth. Sie baute auf den Wahrheit verkündenden Morgentraum. Inzwischen hatten die Freier ungehindert ihr Schiff gerüstet und Antinous hatte es mit zwanzig tapferen Ru¬ derern bestiegen. Mitten in der Meerstraße, welche die Inseln Ithaka und Same trennt, lag ein Felseneiland voll schroffer Klippen. Auf dieses steuerten sie los und legten sich dort in einen lauernden Hinterhalt. Odysseus scheidet von Kalypso, und scheitert im Sturm. Jupiters Bote, Merkur, schwang sich aus dem Aether in's Meer, eilte wie eine Möwe durch die Wogen, und kam, wie in der Götterversammlung beschlossen worden war, auf Ogygia, der Insel Kalypso's, an. Auch fand er die schöngelockte Nymphe wirklich zu Hause. Auf dem Heerd brannte eine lodernde Flamme, und der Dunst des gespaltenen, brennenden Zedernholzes wallte würzig über das Eiland hin. Kalypso aber sang mit klangreicher Stimme in der Kammer und wirkte dazu mit goldener Spule ein herrliches Gewebe. Die Grotte, in welcher ihre Gemächer waren, beschattete ein grünender Hayn mit Erlen, Pappeln und Zypressen, in welchen bunte Vögel nisteten, Habichte, Eulen und Krähen. Auch ein Weinstock breitete sich über das Felsengewölbe aus, voll reifender Trauben, die aus dichtem Laube hervorblickten. Vier Quellen entsprangen in der Nähe und schlängelten sich nachbarlich dahin und dorthin; von ihnen bewässert grünten schwellende Wiesen mit Veilchen, Eppich und andern Kräutern und Blumen durchsäet. Der Götterbote bewunderte die liebliche Lage der Nymphenwohnung, dann wandelte er in die geräumige Kluft. Kalypso erblickte den Nahenden und erkannte ihn auch alsbald: denn so ferne sie auch von einander woh¬ nen mögen, so sind sich doch die ewigen Götter von Gestalt nicht unbekannt. Den Odysseus fand jedoch Mer¬ kur nicht zu Hause. Er saß, wie er gewohnt war, jammernd am Gestade, und schaute mit Thränen in den Augen auf das öde Meer sehnsüchtig hinaus. Als Kalypso die Botschaft des Gottes vernahm, den sie voll Herzlichkeit empfangen hatte, stutzte sie und sprach endlich: „O ihr grausamen, eifersüchtigen Götter! duldet ihrs denn gar nicht, daß eine Unsterbliche sich einen Sterblichen zum lieben Gemahl erkiese? Verarget ihr mir den Umgang mit dem Manne, den ich vom Tode gerettet habe, als er, an den geborstenen Kiel seines Schiffes sich schmiegend, an meine Küste geschleudert ward? Alle seine tapfern Freunde waren in den Ab¬ grund versunken; sein Schiff hatte der Blitz getroffen; einsam schwamm er auf den Trümmern einher. Ich empfing den armen Schiffbrüchigen freundlich, stärkte ihn mit Nahrung, ja ich verhieß ihm zuletzt, ihm Un¬ sterblichkeit und ewige Jugend zu verleihen. Doch weil gegen Jupiters Rath keine Ausflucht etwas vermag — so mag er denn wieder hinaus fahren auf das unend¬ liche Meer. Nur muthet mir nicht zu, daß ich ihn selbst fortschicke; fehlt es doch meinen Schiffen an Beman¬ nung und an Rudergeräthe! Doch soll es ihm an meinem guten Rathe nicht fehlen, daß er ganz unversehrt das Ufer seines Heimathlandes erreiche.“ Hermes (Merkur) war mit dieser Antwort wohl zufrieden und enteilte wieder zum Olymp. Kalypso ging selbst an den Meeresstrand, wo der trauernde Odysseus saß, trat nahe zu ihm hinan und sprach: „Armer Freund, dein Leben darf dir nicht fürder in Schwermuth dahin¬ schwinden. Ich entlasse dich. Auf, mächtige Balken gehauen, mit Erz zum Floß gefügt, und mit hohen Brettern umsäumt! Allerlei Labsal, Wasser, Wein und Speise lege ich dir selbst hinein, versehe dich mit Ge¬ wanden, sende günstigen Wind vom Lande; mögen dich die Götter glücklich in die Heimath geleiten!“ Mißtrauisch blickte Odysseus die Göttin an und sprach: „Gewiß, du sinnest auf etwas ganz anderes, schöne Nymphe! Nimmermehr besteige ich einen Floß, wenn du mir nicht den großen Göttereid schwörest, daß du mir nicht irgend ein Uebel zum Schaden ausgedacht hast!“ Aber Kalypso lächelte, und, sanft mit der Hand ihn streichelnd, antwortete sie: „Aengstige dich nicht mit solchen eiteln Gedanken! Die Erde, der Himmel und der Styx seyen meine Zeugen, daß ich nichts Böses mit dir vorhabe! Ich rathe dir das, was ich mir selbst in der Noth ausdenken würde!“ Mit diesen Worten ging sie voran, Odysseus folgte, und in der Grotte nahm sie noch den zärtlichsten Abschied von ihm. Bald war der Floß gezimmert, und am fünften Tage schwoll das Segel des Odysseus im Winde. Er selbst saß am Ruder und steuerte kunsterfahren durch die Fluth. Kein Schlaf kam ihm über die Augen, beständig blickte er nach den Himmelsgestirnen und richtete sich nach Schwab , das klass. Alterthum III . 7 den Zeichen, die ihm Kalypso beim Scheiden angegeben hatte. So fuhr er siebzehn Tage durch das Meer. Am achtzehnten erschienen ihm endlich die dunklen Gebirge des phäakischen Landes, das sich ihm entgegenstreckte, und trübe dalag, wie ein Schild im dunkeln Meere. Jetzt aber ward ihn Poseidon gewahr, der eben von den Aethiopen heimkehrte und über die Berge der Solymer hinschritt. Er hatte der letzten Rathsversammlung der Götter nicht beigewohnt, und merkte, daß diese seine Entfernung benutzt hatten, den Odysseus aus der Schlinge zu ziehen. „Nun,“ sprach er bei sich selbst, „er soll mir doch noch Jammers genug erfahren !“ Und jetzt ver¬ sammelte er die Wolken, regte das Meer mit dem Drei¬ zack auf, und rief die Orkane zum Kampfe mit einander herbei, so daß Meer und Erde ganz in Dunkel gehüllt wurden. Alle Winde pfiffen um den Floß des Odysseus her, daß diesem Herz und Kniee zitterten, und er zu jam¬ mern anfing, daß er den Tod nicht von den Speeren der Trojaner gefunden. Als er noch so seufzte, rauschte eine Welle von oben herab, und der Floß gerieth in einen Wirbel: er selbst taumelte weit von dem erschütter¬ ten Fahrzeug, das Ruder fuhr ihm aus der Hand, der Floß war in Stücke gegangen; Mastbaum und Segel¬ stangen trieben da und dort über das tobende Meer hin. Odysseus aber war in die Brandung untergetaucht, und das nasse Gewand zog ihn immer tiefer hinab. Endlich kam er wieder empor, spie das Salzwasser, das er ge¬ schluckt hatte, aus, und schwamm den Trümmern des Flosses nach, deren größtes Stück er endlich auch glücklich erreichte und sich mitten darauf niederließ. Wie er nun auf dem zerrissenen Flosse dahintrieb, gleich einer Distel im Winde, da erblickte ihn die Meeresgöttin Leukothea, und es erbarmte sie des armen Dulders. Wie ein Wasserhuhn flog sie aus dem Strudel empor, setzte sich auf das Gebälk und sprach zu ihm: „Laß dir rathen, Odysseus! Zieh dein Gewand aus, überlaß den Floß dem Sturm; schnell, umgürte dich hier mit meinem Schleier unter der Brust, und dann verachte schwim¬ mend alle Schrecken des Meers!“ Odysseus nahm den Schleier; die Göttin verschwand, und, obgleich er der Erscheinung mißtraute, so gehorchte er dem Rathe doch. Während Neptun ihm die wildeste Woge sandte, daß das Bruchstück des Flosses ganz auseinanderging, setzte er sich, wie ein Reiter, auf einen einzelnen Balken, zog das lange beschwerende Gewand, das Kalypso ihm geschenkt hatte, aus, und sprang mit dem Schleier umgürtet in die Fluth. Poseidon schüttelte ernsthaft das Haupt, als er den entschlossenen Mann den Sprung wagen sah und sprach: „So irre denn durch die Meeresfluth, von Jammer um¬ ringt! Gewiß, du sollst das Elend noch satt kriegen!“ Mit diesen Worten verließ der Gott die See und zog sich nach seinem Palaste zurück. Odysseus wogte nun noch zwei Tage und Nächte auf der See umher; da erblickte er endlich ein waldiges Ufer, wo die Brandung an Klippen donnerte, und eine hochschwellende Woge trug ihn, ehe er einen Entschluß fassen konnte, von selbst dem Gestade entgegen. Mit beiden Händen umfaßte er eine Klippe; aber, siehe da eine Woge kam und schleu¬ derte ihn wieder ins Meer zurück. Er suchte sein Heil nun wieder im Schwimmen und fand endlich ein beque¬ mes, seichtes Ufer und eine sichere Bucht, wo ein kleiner 7 * Fluß sich ins Meer ergoß. Hier flehte er zum Gotte dieses Stromes, der ihn hörte, das Wasser besänftigte und ihm möglich machte, schwimmend das Land zu erreichen. Ohne Stimme und Athem sank er auf den Boden, aus Mund und Nase strömte ihm das Meerwasser, und, erstarrt von der fürchterlichen Anstrengung, sank er in eine Ohnmacht. Als er wieder aufzuathmen anfing und das Bewußtseyn ihm zurückkehrte, löste er sich den Schleier der Göttin Leukothea dankbar ab und warf ihn in die Wellen zurück, daß ihn die Geberin wieder erfassen konnte; dann warf er sich unter die Binsen nieder und küßte die wiedergewonnene Erde. Den nackten Mann fror und die Nachtluft wehte schneidend von Morgen her. Er beschloß den Hügel hinanzugehen, und sich in die nahe Waldung zu bergen. Hier fand er ein Lager unter zwei verschlungenen dichten Olivenbäumen, einem wilden und einem zahmen, die so dick belaubt waren, daß kein Wind, kein Regen und kein Sonnenstrahl sie je durch¬ drang. Dort häufte sich Odysseus von der Menge ge¬ fallener Baumblätter ein Lager, legte sich mitten hinein, und deckte sich wieder mit Blättern zu. Ein erquickender Schlaf ergoß sich bald über seine Augenlieder und ließ ihn alles überstandene und bevorstehende Leid vergessen. Nausikaa. Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf über¬ wältigt im Walde lag, war seine Beschützerin Athene lieb¬ reich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phäa¬ ken, auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen Alcinous, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach Nausikaa's auf, der jungfräulichen Tochter des Königes, die an Schönheit und Anmuth einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene nahte sich dem Lager der Jungfrau leise, wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten, und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: „Ei du träges Mädchen, wie wird dich doch die Mutter schelten! Hast du auch gar nicht für deine schönen Gewande gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst, und für die Jünglinge, die deine Brautführer seyn werden! Wie soll es dann werden? Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröthe, sie zu waschen: ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwin¬ der fertig wirst. Du bleibst doch nicht lange mehr unver¬ mählt; werben doch schon lange die Edelsten unter dem Volke um die schöne Königstochter!“ Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager, und suchte die Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß am Heerde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rath der angesehensten Phäaken bestellt, und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende Tochter bei der Hand und sprach schmei¬ chelnd: „Väterchen, willst du mir nicht einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewande zur Wäsche nach dem Flusse führen kann. Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt es, in reinen Kleidern im Rathe dazusitzen! So wollen auch deine fünf Söhne, von welchen drei noch unvermählt sind, be¬ ständig in frischgewaschener Kleidung umhergehen, und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch Alles auf mir!“ So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke, das mochte die Blöde sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es doch, und sprach: „Geh, mein Kind, ein geräumiger Korb¬ wagen und Maulthiere sollen dir nicht versagt seyn; be¬ fiehl den Knechten nur anzuspannen!“ Nun trug die Jungfrau die feinen Gewande aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte Wein in einem Schlauche, Brod und Gemüse hinzu, und als sich Nau¬ sikaa in den Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Oelflasche mit, sich zugleich mit den dienenden Jung¬ frauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Thiere mit den Dienerinnen dem anmuthi¬ gen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann, ließen die Maulthiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewande am Waschplatz in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt, und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet, wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bil¬ deten. Alsdann erfrischten sich die Mädchen selbst im Bade und nachdem sie sich mit duftigem Oele gesalbt, verzehrten sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche an den Sonnen¬ strahlen getrocknet wäre. Nach dem Frühstücke erlustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte, ab¬ gelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt und edlem Angesichte vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen thaten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte, und das Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus, dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, er¬ wachte. Horchend richtete er sich auf und sprach zu sich selber: „In welcher Menschen Gebiet bin ich ge¬ kommen? Bin ich unter wilde Räuberhorden gerathen? Doch deucht mir, ich hörte lustige Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellennymphen! Da bin ich doch wohl in der Nähe von gesitteten Menschenkindern!“ So sprach er zu sich, und indem er mit der ner¬ vichten Rechten aus dem verwachsenen Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und seine Blöße damit be¬ deckte, tauchte er aus dem Dickicht hervor, und, von der Noth gedrängt, erschien er wie ein wilder Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeres¬ schlamm noch ganz entstellt: die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich, die einen da, die andern dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades. Nur die Tochter des Alcinous blieb stehen; Athene hatte ihr Muth ins Herz eingeflößt, und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie der Jungfrau umfassen, oder aus ehrerbie¬ tiger Ferne sie anflehen sollte, ihm ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt das Letztere für ziemlicher und rief ihr daher von Weitem zu: „Seyest du eine Göttin oder eine Jung¬ frau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin, so achte ich dich Dianen gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche, so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf zum Reigentanz einher¬ schreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich von der Insel Ogygia abgefahren bin; vom Sturm ergriffen wurde ich auf dem Meer umhergeworfen, und endlich als Schiff¬ brüchiger an diese Küste geschleudert, die ich nicht kenne, wo mich Niemand kennt! Erbarme dich mein; gieb mir eine Bedeckung für meinen Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben, was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus, und Frieden und Eintracht dazu!“ Nausikaa erwiederte auf diese Anrede: „Fremdling, du scheinst mir kein schlechter und kein thörichter Mann zu seyn. Da du dich an mich und mein Land gewen¬ det hast, soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen, und den Namen unseres Volkes sagen. Phäaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst bin die Tochter des hohen Königes Alcinous.“ So sprach sie und rief die dienenden Mädchen, indem sie ihnen Muth einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hin¬ zuzutreten. Endlich gehorchten sie der Fürstin, und nach¬ dem sich Odysseus an einem versteckten Orte des Ufers gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewanden hervorsuchten, zur Bedeckung in das Ge¬ büsch. Als der Held sich den Schmutz vom Leibe ge¬ waschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin Athene, daß er schöner und völliger von Gestalt anzu¬ schauen war; von dem Scheitel goß sie ihm schön ge¬ ringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmuth. So in Schönheit strahlend trat er aus dem Ufergebüsche und setzte sich seitwärts von den Jungfrauen. Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Stau¬ nen und begann zu ihren Begleiterinnen: „Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen muß mit ihm seyn und hat ihn jetzt in das Land der Phäa¬ ken gebracht. Wie unansehnlich erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!“ Dieß geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung. Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewanden wieder bedeckt, die Maul¬ thiere vorgespannt und Nausikaa nahm auf dem Wa¬ gensitz ihren Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem Wagen folgen. „Dieß thue,“ sprach sie freundlich zu ihm, „so lang es durch Wiesen und Aecker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer umschließt sie, ihre beiden Seiten — denn sie liegt ganz am Meere — schließt ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch ihr Marktplatz und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher, Ruder und andere Schiffgeräthe bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher und Bogen machen sich unsere Phäa¬ ken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute, das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling, vermeide ich gerne das lose Ge¬ schwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermüthig; da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: Was folgt doch der Nausikaa für ein schöner, großer Fremd¬ ling? Wo fand sie doch den auf? Er wird sicher¬ lich ihr Gemahl! Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor der öffentlichen Vermählung! Drum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der Athene heilig ist, und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein wenig; nur so lange, bis du anneh¬ men kannst, daß wir in der Stadt angekommen sind; dann folg' uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht aus den andern Häusern heraus¬ kennen. Dort umfasse die Kniee meiner Mutter; denn wenn sie dir wohl will, so darfst du sicher seyn, deiner Väter Heimath wieder zu schauen!“ So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen da¬ hin, doch langsam, daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hayn Athene's blieb dann der Held zu¬ rück und betete stehend zu Minerva, seiner Beschirmerin. Athene hörte ihn auch, nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon, und erschien ihm deßwegen nicht öffentlich in dem fremden Lande. Odysseus bei den Phäaken. Die Jungfrau war schon in dem Palast ihres Va¬ ters angekommen, als Odysseus den heiligen Hayn ver¬ ließ, und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug. Athene entzog ihm auch jetzt ihre Hülfe nicht. Daß kein muthwilliger Phäake den wehrlosen Wanderer krän¬ ken konnte, verbreitete sie, für ihn selbst unbemerkt, rings um ihn her Nacht, und ganz nahe vor den Thoren konnte sie es doch nicht lassen, ihm in sichtbarer Gestalt als ein junges Phäakenmädchen, den Wasserkrug an der Hand, zu begegnen. „Töchterchen,“ redete der Held sie an, „willst du nur nicht den Weg zur Wohnung des Königes Alcinous zeigen? Ich bin ein verirrter Fremd¬ ling, komme aus fernen Landen und kenne hier Nie¬ mand!“ — „Recht gerne, guter Vater,“ sagte die Göttin in Mädchengestalt, „mein ehrlicher Vater wohnt ganz nahe dabei! Aber geh nur ganz stille mit mir: die Leute sind hier den Fremden nicht sonderlich gewogen; das kecke Leben zur See macht sie trotzig!“ Unter die¬ sen Worten ging Athene schnell voran, und Odysseus folgte, aber kein Phäake wurde ihn gewahr. Gemäch¬ lich konnte er den Hafen, die Schiffe, die gethürmten Mauern der Stadt anstaunen; endlich sprach Minerva: „Dieß ist, fremder Vater, das Haus des Alcinous, wandle nur getrost hinein; dem muthigen Manne ge¬ lingt Alles! Doch eins laß mich dir sagen: suche vor allen Dingen die Königin auf. Sie heißt Arete, und ist die Nichte ihres eigenen Gemahls. Der vorige Kö¬ nig nämlich, Nausithous, ein Sohn Poseidons und der Periböa, der Tochter des Gigantenbeherrschers Eury¬ medon, hinterließ zwei Söhne, unsern König, Alcinous, und einen andern, Rhexenor. Der letztere lebte nicht lange und hinterließ eine einzige Tochter; und dieß ist unsere Königin Arete. Alcinous ehrt sie, wie nur irgend ein Weib auf der Erde geehrt werden kann, und ebenso verehrt sie auch alles Volk, denn sie ist voll Verstandes und Geistes, und weiß selbst Männerzwiste mit ihrer Weisheit zu entscheiden. Wenn du sie gewinnen kannst, so sey getrost.“ So sprach die verstellte Göttin und enteilte. Odysseus stand stille in Betrachtung des herrlichen Palastes ver¬ sunken. Das hochragende Haus strahlte wie die Sonne. Tief hinein von der Schwelle erstreckten sich nach beiden Seiten Wände von gediegenem Erz, mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die innere Wohnung verschloß eine goldene Pforte; die Pfosten, auf eherner Grundlage ruhend, waren von Silber mit silbernem Kranze, der Ring an der Pforte war von Gold; goldene und silberne Hunde, ein Werk Vulkans, standen rechts und links, wie Wächter der Königswohnung, aufgepflanzt. Als er in den Saal gekommen war, sah er ringsum Sessel mit fein¬ gewirkten Teppichen bedeckt, auf welchen die Fürsten der Phäaken bei'm Königsmahle zu sitzen pflegten; denn die¬ ses Volk liebte beständig Speise und Trank. Auf hohen Gestellen standen goldene Bildsäulen, Jünglinge vorstel¬ lend, mit brennenden Fackeln in der ausgestreckten Hand, welche bei'm nächtlichen Schmause den Gästen leuchteten. Fünfzig Dienerinnen waren durch den Palast des Kö¬ niges verbreitet; die einen mahlten auf der Handmühle Getreide, die andern woben, noch andere wirbelten sitzend die Spindel. Die Weiber sind dort so gute Weberinnen, wie die Männer Schiffsleute. Außerhalb des Hofes brei¬ tete sich ein Garten aus, eine Hube ins Gevierte, mit einer Ringmauer umgeben und mit Bäumen voll der saf¬ tigsten Birnen, Feigen und Granaten, Oliven und Aepfel bepflanzt; diese trugen Sommer und Winter, denn immer wehte warme Westluft im Phäakenlande; so daß zu glei¬ cher Zeit an den einen Bäumen Blüthen prangten, an den andern Früchte hingen. Daneben streckte sich auf ebenem Boden eine Weinpflanzung hin, wo ein Theil der Trauben im Sonnenstrahle kochten, andere der Win¬ zer schon schnitt, wieder andere erst als Herlinge aus der Blüthe schwollen und noch andere sich allmählig färbten. Am andern Ende des Gartens dehnten sich schön geordnete Beete voll duftender Blumen; auch flossen in dem Raume zwei Quellen: die eine durchschlängelte den Garten, die andere quoll unter der Schwelle des Hofes am hohen Palaste selbst; und aus ihr schöpften sich die Bürger ihr Wasser. Nachdem Odysseus alle die Herrlichkeiten eine gute Weile bewundert, betrat er den Palast und eilte nach dem Saale des Königes. Hier waren die vornehmen Phäaken zu einem Schmause versammelt. Weil aber der Tag sich neigte, gedachten sie des Schlafes, und spen¬ deten eben am Schlusse des Mahles dem Hermes ein Trankopfer. Odysseus durchwandelte noch in Nebel ge¬ hüllt ihre Reihen, bis er vor dem Königspaar angelangt war. Da zerfloß auf Athene's Wink das Dunkel um ihn her; er warf sich vor der Königin Arete schutzflehend nieder, umfing ihre Kniee und rief: „O Arete, Rexenors hohe Tochter, flehend liege ich vor dir und deinem Ge¬ mahl! Mögen die Götter euch Heil und Leben schenken, so gewiß ihr mir, dem Verirrten, Wiederkehr in die Hei¬ math bereitet! denn ferne von den Meinigen streife ich schon lange in der Verbannung umher!“ So sprach der Held und setzte sich am Heerd in die Asche nieder, neben dem brennenden Feuer. Die Phäaken schwiegen alle bei dem unerwarteten Anblicke staunend; bis endlich der graue, welterfahrere Held Echeneos, der älteste unter den Gästen, das Schweigen brach und vor der Versamm¬ lung zu dem Könige gewendet, also begann: „Fürwahr, Alcinous, es ziemt sich nicht, daß irgendwo auf der Erde ein Fremdling in der Asche sitze. Gewiß denken meine Mitgäste, wie ich, und erwarten nur deinen Befehl. Laß darum den Fremden auf einem der schmucken Sessel gleich uns Platz nehmen und erhebe ihn aus dem Staub! Die Herolde sollen neuen Wein mischen, daß wir dem Jupiter, dem Beschirmer des Gastrechts, auch noch ein Trankopfer bringen; und die Schaffnerin mag den neuen Gast mit Speise und Trank laben!“ Diese Rede gefiel dem guten König; er nahm den Helden selbst bei der Hand, erhub ihn und führte ihn zu einem Sessel an seiner eigenen Seite, indem der Lieb¬ ling des Königes selbst, sein Sohn Laodamas, ihm Platz machen mußte. Auch sonst geschah alles, wie Eche¬ neos gerathen, und Odysseus schmauste geehrt in der Mitte der Helden. Als das Opfer dem Jupiter darge¬ bracht war, erhub sich die Versammlung und der König lud alle Gäste auf den andern Tag zu einem gleichen Freudenmahle ein. Dem Fremdling aber, ohne auch nur nach seinem Namen und Geschlechte zu fragen, versprach er, nach gastlicher Beherbergung, sichere Entsendung nach der Heimath. Als er aber den Helden, den Athene noch immer mit einem Schimmer überirdischer Hoheit umgeben hatte, näher betrachtete, da setzte er noch hinzu: „Soll¬ test du aber einer der Unsterblichen seyn, welche ja manch¬ mal in sichtbarer Gestalt die Menschen bei ihren Festen besuchen: — dann freilich bedarfst du unserer Beihülfe nicht, und es ist an uns, dich um deinen Schutz zu bitten!“ „Denke doch das nicht in deinem Herzen,“ ant¬ wortete Odysseus dem Könige beschämt, „gleiche ich doch an Wuchs und Gestalt nicht den unsterblichen Göttern sondern bin ein Sterblicher wie ihr Alle es seyd! Ja wenn ihr einen Menschen kennet, der euch auf Erden der unglückseligste deucht, so nehme ich es mit seiner Trübsal auf! Und so dachte ich denn auch jetzt an nichts anders, als meinen Hunger an eurem Tisch zu stillen, und ihr konntet auch daran wohl sehen, daß ich ein recht armer, sterblicher Mensch bin!“ Als die Gäste den Saal verlassen hatten und das Königspaar allein mit dem Fremdling im Saale zurück¬ geblieben war, betrachtete Arete die schön gewirkten Klei¬ der des Mannes, Mantel und Leibrock, erkannte darin ihr eigenes Gewebe und sprach: „Zuerst muß ich dich nun doch fragen, o Fremdling, woher und wer du bist und wer dir diese Gewande gegeben hat? Sagtest du nicht, daß du auf dem Meere umherirrend hierher ge¬ kommen seyest?“ Odysseus antwortete hierauf mit einer getreuen Erzählung seiner Abentheuer auf Ogygia bei Kalypso und seiner traurigen, letzten Fahrt, und verschwieg zuletzt auch die Begegnung Nausikaa's und ihren Edel¬ muth nicht. „Nun, das ist schon recht von meiner Tochter ge¬ handelt,“ sprach, als die Erzählung zu Ende war, lächelnd Alcinous; „aber eine Pflicht hat sie doch vergessen: dich sogleich mit den Dienerinnen selbst in unser Haus zu führen!“ — „Hüte dich, o König,“ antwortete Odysseus, „deine treffliche Tochter deßwegen zu tadeln. War sie doch bereit, so zu handeln, wie du meinst; und ich selbst weigerte mich, aus Blödigkeit; denn ich fürchtete, du könntest ein Aergerniß daran nehmen; wir Menschen¬ kinder sind alle so gar argwöhnisch!“ — „Nun, ich bin nicht ohne Ursache zum Jähzorn geneigt,“ antwortete ihm der König; „indessen ist Ordnung in allen Dingen gut. Aber wenn doch die Götter es fügen wollten, daß ein Mann wie du meine Tochter zur Gemahlin begehrte; wie gerne wollte ich dir Haus und Besitzungen gewäh¬ ren, wenn du bei uns bliebest! doch mit Zwang will ich Niemand bei mir halten, und morgen noch sollst du freies Geleite von mir bekommen; ich gebe dir Schiff und Ruderer wohin du fahren willst, und wäre deine Hei¬ math so weit, als die entfernteste Insel, nach welcher wir Schiffahrt treiben!“ Odysseus vernahm dieses Versprechen mit innigem Danke, verabschiedete sich von seinen königlichen Wirthen und erholte sich auf weichem Nachtlager von allen er¬ duldeten Mühseligkeiten. Am andern Morgen in aller Frühe berief der Kö¬ nig Alcinous das Volk zu einer Versammlung auf den Marktplatz der Stadt; sein Gast mußte ihn dorthin be¬ gleiten, da setzten sich beide neben einander auf zwei schön behauene Steine. Inzwischen durchwandelte die Göttin Athene, in einen Herold verwandelt, die Straßen der Stadt und trieb die Häupter des Volkes an, der Versammlung beizuwohnen. Endlich füllten sich die Gänge und Sitze des Marktes mit den zusammenströmenden Bürgern. Alle schauten mit Bewunderung auf den Sohn des Laertes, dem Minerva, seine Beschirmerin, immer noch eine überirdische Hoheit in Wuchs und Gestalt verliehen hatte. Alsdann empfahl der König in einer feierlichen Rede dem Volke den Fremdling, und ermunterte dasselbe ihm ein gutes Ruderschiff mit zweiundfünfzig phäakischen Jünglingen zur Verfügung zu stellen. Zu¬ gleich lud er die anwesenden Häupter des Volkes zu einem Festmahle, das dem Fremden zu Ehren gegeben werden sollte, in seinen Palast ein und befahl auch den De¬ modokus zu berufen, den göttlichen Sänger, dem Apollo Schwab , das klass. Alterthum. III . 8 die Gabe des Liedes verliehen hatte und der mit seinem begeisterten Gesange das Herz der Gäste erfreuen sollte. Nachdem die Volksversammlung aufgehoben war, rüsteten die Jünglinge, wie ihnen befohlen war, das Schiff, brachten Mast und Segel hinein, hängten die Ruder in lederne Schleifen und spannten die Segeltücher auf. Dann begaben sie sich in den Palast des Königes. Hier waren Hallen, Höfe und Säle schon voll von Ge¬ ladenen, denn Jung und Alt hatte sich eingefunden. Zwölf Schafe, acht Schweine und zwei Stiere waren für das Mahl geschlachtet worden, und der liebliche Festschmaus dampfte schon. Auch den Sänger führte der Herold herbei, dem die Muse Gutes und Böses be¬ scheert hatte; das Licht der Augen hatte sie ihm genom¬ men, dafür aber das Herz ihm mit lichten Gesängen aufgehellt. Diesem stellte der Herold einen Sessel an der Säule des Saales, mitten unter den Gästen; da¬ rauf hängte er über dem Haupte des Sängers die Harfe an einen Nagel, und führte ihm die Hand, daß der Blinde sie finden konnte. Vor ihn hin stellte er einen Tisch mit dem Speisekorb und dem immer vollen Becher, daß er nach Herzenslust trinken konnte. Wie nun das Mahl vorüber war, hub der Sänger sein Lied an aus den schon damals berühmt gewordenen Heldenliedern von Troja. Der Inhalt seines Gesanges aber war der Streit zweier Helden, deren Name auf Aller Lippen war, des Achilles und des Odysseus. Als unser Held seinen Namen nennen und im Liede feiern hörte, mußte er das Haupt im Gewande verber¬ gen, damit man die Thräne nicht gewahr würde, die sich ihm aus den Augen stahl. So oft der Sänger schwieg, enthüllte er sein Gesicht und griff zum Becher. Wenn aber das Lied von neuem begann, verhüllte er sein Haupt wieder. Keiner bemerkte es, als der ihm zunächst sitzende König, der ihn tief aufseufzen hörte. Er hieß daher dem Gesang ein Ende machen, und befahl den Fremdling auch durch Kampfspiele zu ehren. „Unser Gast,“ sprach er, „soll auch den Seinigen zu Hause melden kön¬ nen, wie wir Phäaken es im Faustkampf, Ringen, Sprung und Wettlauf allen Sterblichen zuvorthun!“ So wurde das Mahl aufgehoben und die Phäaken folgten dem Rufe ihres Königs. Eilend begab sich Alles auf den Markt. Dort erhoben sich eine Menge edler Jünglinge; darunter auch drei Söhne des Alcinous selbst, Laodamas, Ha¬ lius und Klytoneus. Diese drei maßen sich zuerst mit einander im Wettlauf, auf einer Sandbahn, die sich vor ihnen weithin erstreckte. Auf dieser flogen sie auf ein gegebenes Zeichen stürmend dahin, und durchstäubten das Gefilde; Klytoneus war es, der den andern es bald zuvor that und das Ziel als Sieger erreichte. Dann wurde der Ringkampf versucht; in diesem siegte der junge Held Euryalus; darauf kamen die Springer; hier zeigte sich der Phäake Amphialus als den Ueberlegenen; im Scheibenschwingen gewann es Clareus, endlich im Faust¬ kampfe Laodamas der Königssohn. Dieser erhob sich jetzt in der Versammlung der Jünglinge und sprach: „Freunde, wir sollten doch auch erforschen, ob der Fremdling etwas von unsern Kämpfen versteht. Gestalt, Schenkel und Füße versprechen nichts Schlechtes, seine Arme sind nervicht, sein Nacken ist voll Kraft, sein Wuchs ist mächtig. Und scheint er gleich von Gram und Elend gebrochen, so mangelt es 8 * ihm doch noch nicht an Jugendstärke!“ — „Du hast recht,“ sprach jetzt Euryalus, „darum gehe hin, o Fürst, und fordre ihn selbst zum Wettstreite auf!“ Laodamas that dieses mit freundlichen, höflichen Worten. Doch Odysseus erwiederte: „Verlanget ihr das von mir, mich zu kränken, ihr Jünglinge? Die Trübsal nagt an mir, und keine Lust zum Wettkampfe bewegt mein Herz! Ich habe genug gestrebt und erduldet, und jetzt verlangt mich nach nichts Anderem, als nach der Heimkehr in mein Vaterland!“ Laodamas antwortete ihm unwillig: „Fürwahr, Fremdling, du gebärdest dich nicht wie ein Mann, der sich aufs Kämpfen versteht; du magst wohl ein Schiffshauptmann und zugleich Kaufherr seyn, so ein Waarenmäkler; als ein Held erscheinst du nicht.“ Odysseus runzelte bei diesem Worte die Stirne und sprach: „Das ist keine feine Rede, mein Freund, und du erscheinst als ein recht trotziger Junge. Verleihen doch die Göt¬ ter nicht einem und demselben Manne die Gaben der Schönheit und Anmuth und das Geschenk der Beredt¬ samkeit und der Weisheit; mancher ist von unansehnli¬ cher Gestalt, aber seinen Worten ist ein Reiz verliehen, daß alle, die sie hören, davon entzückt werden; und auch ein Solcher ragt in der Volksversammlung hervor, und man ehrt ihn, wie einen Unsterblichen. Dagegen sieht oft einer aus, wie ein Gott, und an seinen Worten ist wenig Witz. Dennoch bin ich kein Neuling im Wett¬ kampfe, und als ich meiner Jugend und meinem Arme noch vertrauen konnte, nahm ich es mit den Tüchtigsten auf. Jetzt haben mich Schlachten und Stürme freilich heruntergebracht. Doch, du hast mich herausgefordert, und ich wills auch so versuchen!“ So sprach Odysseus und erhub sich vom Sitz, ohne den Mantel abzulegen. Er ergriff eine Scheibe, größer, dicker und schwerer, als die, nach welchen die Phäaken¬ jünglinge zu langen pflegten, und warf sie kräftig, daß der Stein laut hinsauste; unter seinem Schwunge bückten sich die umherstehenden Phäaken, und er flog weit über das Ziel hinaus. Schnell machte Athene, in einen Phä¬ aken verstellt, das Zeichen, wo der Stein gefallen war, und sprach: „Dein Zeichen soll auch ein Blinder erken¬ nen, Mann, so weit liegt es von allen andern ab! In die¬ sem Kampfe bist du sicher, nie besiegt zu werden!“ Odysseus freute sich, daß er einen so guten Freund im Volke ge¬ funden habe, und sprach mit leichterem Herzen: „Nun, ihr Jünglinge, schleudert mir dorthin nach, wie ihr es vermöget! Und ihr, die ihr mich so schwer beleidigt habt, kommt her und versuchet euch mit mir in welchem Kampfe ihr wollet; ich werde keinem ausweichen! Mit jedem will ich kämpfen, nur nicht mit Laodamas, denn wer stritte auch gerne mit dem, der ihn bewirthet? Besonders gut verstehe ichs, den Bogen zu spannen, und wenn viele Genossen mit mir in die Wette schößen, ich wäre doch der erste, der meinen Mann mit dem Pfeil träfe. Nur Einen kenne ich, den Griechen Philoktetes; der hat es mir oft zuvorgethan vor Troja, so oft wir uns dort im Schiffe übten! Auch mit dem Wurfspieße treffe ich nicht weniger sicher und schieße so weit, wie ein Anderer mit dem Pfeile. Nur im Wettlaufe, da möchte vielleicht ein Anderer es mir zuvorthun, selbst unter euch; denn das stürmische Meer hat mir viel Kraft genommen, zumal da ich Tage lang ohne Nahrung auf meinem Fahrzeuge saß.“ Als die Jünglinge dieses vernahmen, verstummten sie alle, nur der König nahm das Wort und sagte: „Wohl hast du uns deine Tüchtigkeit enthüllt, o Fremd¬ ling, und hinfort soll dich kein Mensch mehr wegen dei¬ ner Stärke tadeln. Wenn du nun daheim bei Gattin und Kindern sitzest, so denk' auch an unsre Mannlichkeit zurück. Als Faustkämpfer und Ringer thun wir uns freilich nicht hervor, aber im Wettlaufe siegen wir, und auf die Schifffahrt verstehen wir uns auch. Schmaus, Saitenspiel, Reigentanz — darin sind wir auch Meister; den schönsten Schmuck, das lindeste Bad, das weichste Lager — die findet man bei uns! Auf denn, ihr Tänzer, ihr Schifflenker, ihr Läufer, ihr Sänger! zeigt euch vor dem Fremdlinge, daß er zu Hause etwas von euch zu erzählen hat. Und bringet auch die Harfe des Demo¬ dokus her.“ Sogleich machte sich ein Herold auf und schaffte die Harfe herbei. Neun auserwählte Kampf¬ ordner ebneten den Raum für den Tanz und umzirkten die Schaubühne. Ein Spielmann stellte sich mit der Harfe in die Mitte, und der Tanz der blühendsten Jüng¬ linge begann; im schönsten Takte, im raschesten Schwunge hoben sie ihre Füße. Odysseus selbst mußte staunen; er hatte noch nie so behenden und anmuthigen Tanz gesehen. Dazu sang der Sänger ein liebliches Lied von den heitersten Geschichten aus dem Leben der Götter. Nachdem der Reigentanz lange genug gedauert, hieß der König seinen Sohn Laodamas und den geschmeidigen Halius den Einzeltanz mit einander aufführen; denn mit ihnen wagte es Niemand, sich zu messen. Diese nahmen einen zierlichen purpurrothen Ball zur Hand, und der eine schwang ihn, indem er sich rücklings dazu beugte, hoch in die Luft empor: der andere, emporspringend, fing ihn, ehe er wieder mit den Füßen auf den Boden trat, schwebend in der Luft auf. Dann tanzten sie in leichten, wechselnden Schwenkungen um einander her, und andere Jünglinge, die im Kreise umherstanden, klatschten mit den Händen dazu. Odysseus wandte sich bewundernd zu dem Könige und sprach: „In der That, Alcinous, du kannst dich der geschicktesten Tänzer auf dem ganzen Erdboden rühmen. In dieser Kunst habt ihr eures Gleichen nicht!“ Alcinous that sich auf dieses Urtheil nicht wenig zu gute. „Höret ihrs,“ rief er seinen Phäaken zu, „wie der Fremdling über uns ur¬ theilt? Er ist doch ein sehr verständiger Mann, und er verdient es wohl, daß wir ihm auch ein ansehnliches Gastgeschenk reichen. Wohlan! zwölf der Fürsten des Landes, und ich selbst der dreizehnte, sollen ihm jeder einen Mantel und einen Leibrock herbeibringen und zu dem ein Pfund des köstlichsten Goldes. Das wollen wir ihm zu einer großen Gabe vereint schenken, damit er mit fröhlichem Herzen von uns scheide. Und außerdem soll Euryalus es versuchen, mit freundlichen Worten ihn ganz mit uns auszusöhnen.“ Alle Phäaken riefen ihm Beifall zu. Ein Herold ging, die Geschenke zu sammeln. Euryalus nahm sein Schwert mit silbernem Heft und elfenbeinerner Scheide, übergab es dem Gaste und sprach dazu: „Väterchen, haben wir ein tränkendes Wort gegen dich fallen lassen, so sollen es die Winde verwehen! dir aber mögen die Götter fröhliche Heimfahrt verleihen! Heil und Freude dir!“ — „Auch dir,“ antwortete Odys¬ seus, „möge dich deine Gabe nie reuen!“ Mit diesem Wort hängte er sich das schmucke Schwert um die Schulter. Es war um Sonnenuntergang, als die Geschenke ankamen, und alle vor der Königin niedergelegt wurden. Sie hieß Alcinous auch noch eine zierliche Lade für die Gewande herbeischaffen; darein wurden die Gaben gelegt und für Odysseus in den Palast getragen. Dort fügte der König, der sich mit der ganzen Gesellschaft in seine Wohnung begeben hatte, noch andere Gaben an köst¬ lichen Gewanden hinzu, und außerdem ein herrliches goldenes Gefäß. Dem Gaste wurde ein Bad bereitet, indem zeigte ihm die Königin selbst alle die köstlichen Geschenke in der offenen Lade und sprach dazu: „Be¬ trachte dir den Deckel selbst genau und verschließe die Lade, daß dich ja keiner, wenn du etwa schläfst, wäh¬ rend der Heimfahrt beraube, und die schöne Kiste da¬ vontrage!“ Odysseus schlug den Deckel sorgfältig ein, und verschloß die Lade mit einem vielfach verschlungenen Knoten; dann erquickte er sich im warmen Bade, und wollte nun wieder in die Gesellschaft der zu Schmaus und Trunk niedergesessenen Männer zurückkehren. Da fand er vor dem Thürpfosten des Saales beim Eingang in denselben die holdselige Jungfrau Nausikaa stehen, welche er seit seinem Einzuge in die Stadt nicht mehr erblickt hatte, und welche seither züchtiglich und ferne von den Männerfesten im Frauengemache verschlossen gelebt; nun aber wollte sie zum Abschiede den edeln Gast auch noch einmal begrüßen. Nachdem sie einen langen bewundern¬ den Blick auf die edle Heldengestalt des Mannes gewor¬ fen, sprach sie endlich, indem sie den Hineintretenden sanft aufhielt: „Heil dir und Segen, edler Gast! Ge¬ denke meiner auch im Lande deiner Väter, da du mir ja doch dein Leben verdankest!“ Gerührt antwortete ihr Odysseus: „Du edle Nausikaa, wenn mich Jupiter den Tag der Heimkunft erleben läßt, so werde ich dich, meine Retterin, täglich wie eine Gottheit anflehen!“ Mit die¬ sen Worten betrat er den Saal wieder und setzte sich an der Seite des Königes nieder. Hier waren die Diener eben damit beschäftigt, das Fleisch zu zerlegen und den Wein aus den großen Mischkrügen in die Becher ein¬ zuschenken. Auch der blinde Sänger Demodokus wurde wieder eingeführt und nahm seinen alten Platz an der Mittelsäule des Saales ein. Da winkte Odysseus dem Herold, schnitt vom Rücken des vor ihm liegenden ge¬ bratenen Schweines das beste Stück ab, streckte es ihm auf einer Platte hin und sagte: „Herold, reich dem Sänger dieses Fleisch; obgleich ich selbst in der Ver¬ bannung bin, so möchte ich ihm doch gerne etwas Liebes erweisen. Stehen doch die Sänger bei dem ganzen Menschengeschlecht in Achtung, weil die Muse selbst sie den Gesang gelehrt hat und mit ihrer Huld über ihnen waltet.“ Dankbar empfing der blinde Sänger die Gabe. Nach dem Mahle wandte sich Odysseus noch ein¬ mal an Demodokus: „Ich preise dich vor andern Sterb¬ lichen, lieber Sänger!“ sprach er zu ihm, „daß dich Apollo oder die Muse so schöne Lieder gelehret hat! Wie lebendig und genau du das Schicksal der griechischen Helden zu schildern verstehst, als hättest du Alles mit angesehen und mit angehört! Fahre nun fort, und sing' uns auch noch die schöne Mähr vom hölzernen Rosse und was Odysseus dabei gethan hat!“ Der Sänger ge¬ horchte freudig und Alles lauschte seinem Gesange. Als der Held so seine Thaten preisen hörte, mußte er wieder heimlich weinen, und nur Alcinous bemerkte es. Er gebot daher dem Sänger Stillschweigen und sprach im Kreise der Phäaken: „Besser ists, die Harfe ruhet nun; denn wahrlich, ihr Freunde, nicht Jedermann zur Lust singt der Sänger jene Mähre. Seit wir am Mahle sitzen und das Lied ertönt, hört unser schwermüthiger Gast nicht auf, seinem Grame nachzuhängen, und wir streben vergebens ihn zu erheitern. Und doch muß einem fühlenden Manne ein Gast so lieb seyn, wie ein Bruder. Nun denn, Fremdling, so sag' uns redlich, wer sind deine Eltern, welches ist dein Vaterland? Einen Namen führt doch jeder Mensch, sey er von edler oder von ge¬ ringer Abkunft! dein Land müssen wir ohnedem wissen und deine Geburtsstadt, wenn dich meine Phäaken heim¬ bringen sollen. Weiter brauchen sie nichts; sie bedürfen auch der Piloten nicht: haben sie nur den Namen des Orts, so finden sie die Fahrt durch Nacht und Nebel!“ Auf diese freundliche Rede erwiederte der Held eben so liebreich: „Glaube doch ja nicht, edler König, daß euer Sänger mich nicht ergötze! Vielmehr ist es eine Wonne, einem solchen zuzuhören, wenn er seine götter¬ gleiche Stimme vernehmen läßt, und ich weiß mir nichts Angenehmeres, als wenn ein ganzes Volk bei festlicher Freude horchend am Munde eines Sängers hängt, wäh¬ rend die Gäste in langen Reihen sitzen, vor jedem sein Tisch voll Brods und Fleisches steht, und der Schenk fleißig mit dem Kruge bei den Bechern kreist! Ihr aber wün¬ schet meine Leiden von mir zu vernehmen, ihr lieben Gastfreunde; da werde ich noch tiefer in Kummer und Gram versinken. Denn wo soll ich anfangen und womit enden? — Doch, höret vor allen Dingen mein Geschlecht und mein Vaterland!“ Odysseus erzählt den Phäaken seine Irrfahrten. Cikonen. Lotophagen. Cyklopen. Polyphen. „Ich bin Odysseus, der Sohn des Laertes; die Menschen kennen mich und der Ruhm meiner Klugheit ist über die Erde verbreitet. Auf der sonnigen Insel Ithaka wohne ich, in deren Mitte sich das waldige Ge¬ birge Neriton erhebt; rings umher liegen viele kleinere bewohnte Eilande, Same, Dulichium, Zazynthus. Meine Heimath ist zwar rauh; doch nähret sie frische Männer, und das Vaterland ist einem jeden das Süßeste! Wohlan nun, vernehmet von meiner unglückseligen Heim¬ fahrt von der trojanischen Küste! Von Ilium weg trug mich der Wind nach der Cikonenstadt Imarus, die ich mit meinen Genossen eroberte. Die Männer vertilgten wir; die Frauen samt der andern Beute wurden ver¬ theilt. Nach meinem Rathe hätten wir uns nun eilig davongemacht. Aber meine unbesonnenen Begleiter blie¬ ben schwelgend bei der Beute sitzen, und die entflohenen Cikonen, durch ihre landeinwärts wohnenden Brüder ver¬ stärkt, überfielen uns beim Schmaus am Gestade. Die Uebermacht siegte. Sechs Freunde von jedem unsrer Schiffe blieben auf dem Platze, wir andern entgingen dem Tode nur durch schleunige Flucht. Also steuerten wir weiter westwärts, froh der To¬ desgefahr entronnen zu seyn, aber von Herzen traurig über den Tod unserer Genossen. Da sandte Jupiter uns einen Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht; mit gesenkten Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel eingezogen hatten, krach¬ ten die Stangen zusammen und die Segeltücher zerrissen in Stücke. Endlich arbeiteten wir uns ans Gestade und lagen dort zwei Tage und Nächte vor Anker, bis wir die Masten wieder aufgerüstet und neue Segel aufgespannt hatten. Wir steuerten nun wieder vorwärts und hatten alle Hoffnung, bald in die Heimath zu gelangen, wäre nicht, eben als wir ums Vorgebirge Malea, an der Südspitze der Pelopsinsel von Griechenland, herumschiff¬ ten, der Wind plötzlich in Nord umgeschlagen und hätte uns seitwärts in die offene See hineingetrieben. Da wurden wir nun neun Tage vom Sturm herumgeschleu¬ dert; am zehnten gelangten wir ans Ufer der Lotopha¬ gen, die sich von nichts als Lotosfrucht nähren. Hier stiegen wir ans Gestade und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten wir zwei unserer Freunde auf Kund¬ schaft aus, und ein Herold mußte sie begleiten. Diese gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen, und wurden von diesem gutmüthigen Volke, dem es nicht in den Sinn kam, etwas zu unserem Verderben zu unter¬ nehmen, auf das freundlichste empfangen. Aber die Frucht des Lotos, welche sie ihnen zu kosten gaben, hat eine ganz eigenthümliche Wirkung, Sie ist süßer als Honig, und wer von ihr kostet, der will nicht mehr von der Heimkehr wissen, sondern immer in dem Lande blei¬ ben. So mußten wir denn auch unsre Genossen auf¬ suchen und, während sie weinten und widerstrebten, mit Gewalt nach den Schiffen zurückführen. Auf unsrer weiteren Fahrt kamen wir nun zu dem wildlebenden grausamen Volke der Cyklopen. Diese bauen das Land gar nicht, sondern überlassen alles den Göttern. Auch wächst wirklich dort alle mögliche Nahrung ohne Zuthat des Pflanzers und Ackermanns: Waizen, Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben; und Ju¬ piter giebt in mildem Regen seinen Segen dazu. Auch halten sie keine Gesetze, treten in keine Rathsversamm¬ lung zusammen; sondern alle wohnen auf den felsigten Gebirgshöhen, rings in gewölbten Erdhöhlen; da richtet sich der Cyklop, wie er mag, mit Weibern und Kindern ein; übrigens bekümmert sich keiner um den andern. Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung vom Cy¬ klopenlande, erstreckt sich eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstet, hier sorglos grasen. Kein Mensch wohnt darauf; die Cyklopen selbst, die den Schiffbau nicht verstehen, kommen auch nicht dahin. Bewohner könnten sich die Insel leicht zum blü¬ bendsten Lande umschaffen, denn der Boden ist höchst fruchtbar: feuchte, schwellende Wiesen breiten sich über den Strand aus, das unbenützte Ackerfeld ist locker, der Boden fett; die gelegensten Hügel böten sich dem Wein¬ bau dar. Auch ist ein vor allen Winden geschirmter Hafen da, so sicher, daß man die Schiffe weder anzu¬ binden noch vor Anker zu legen braucht. Der Bucht zugekehrt quillt das reinste Wasser perlend ans der Fel¬ senkluft, und grünende Pappeln stehen rings umher. Dorthin geleitete ein schirmender Gott unsre Schiffe in der dunkeln Nacht. Als der Morgen anbrach, betraten wir das Eiland, und erlegten auf fröhlicher Jagd so viele Ziegen, daß ich jedem meiner zwölf Schiffe ihrer neune zutheilen konnte, und noch ihrer zehen für mich behielt. Da saßen wir denn am lieblichen Ufer den ganzen Tag und thaten uns bis zum späten Abend recht gütlich mit dem frischen Ziegenfleisch und altem Weine, den wir in der Cikonenstadt erbeutet hatten und in Henkelkrügen mit uns führten. Am andern Morgen wandelte mich die Lust an, das gegenüberliegende Land, von dessen Bewohnern, den Cy¬ klopen, wie sie geartet seyen, ich noch nicht wußte, aus¬ zukundschaften; ich fuhr daher mit vielen Genossen auf meinem Schiffe hinüber. Als wir dort landeten, sahen wir am äußersten Meeresstrand eine hochgewölbte Felsen¬ kluft, ganz mit Lorbeergesträuch überschattet, wo sich viele Schafe und Ziegen zu lagern pflegten; ringsum¬ her war von eingerammelten Steinen und hohen Fichten und Eichen ein Gehege erbaut. In dieser Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt, der die Heerde einsam auf entfernten Weiden umhertrieb, nie mit Andern, auch nicht mit Seinesgleichen, umging und immer nur auf boshaften Frevel sann. Das war eben ein Cyklop. Während wir nun das Gestade mit den Augen muster¬ ten, wurden wir alles dieses gewahr. Da wählte ich mir zwölf der tapfersten Freunde aus, hieß die übrigen an Bord bleiben und mir das Schiff bewahren, und nahm einen ledernen Schlauch voll des besten Weines zu mir, den mir ein Priester Apollo's in der Cikonen¬ stadt Ismaros geschenkt hatte, weil wir seiner und seines Hauses geschont. Diesen nebst guter Reisekost in einem Korbe trugen wir, und gedachten damit den Mann zu kirren, der schon auf den ersten Anblick unbändig und keinem Gesetz unterworfen erschien. Als wir bei der Felskluft angekommen waren, fan¬ den wir ihn selbst nicht zu Hause, denn er war bei seinen Heerden auf der Weide. Wir traten ohne weiteres in die Höhle ein, und wunderten uns über die innere Einrichtung. Da standen Körbe von mächtigen Käse¬ laiben strotzend umher; in den Ställen, die in der Grotte angebracht waren, stand es gedrängt voll von Lämmern und jungen Ziegen, und jede Gattung war besonders eingesperrt. Körbe lagen umher, Kübel voll Molken, Bütten, Eimer zum Melken. Anfangs drangen die Ge¬ nossen in mich, von dem Käse zu nehmen, so viel wir könnten, und uns davon zu machen, oder Lämmer und Ziegen nach unserem Schiffe hinzutreiben, und dann wie¬ der zu unsern Freunden nach der Insel hinüberzusteuern. Hätte ich ihrem Rathe doch gefolgt! Aber ich war allzu begierig, den seltsamen Bewohner der Höhle zu schauen, und wollte lieber ein Gastgeschenk erwarten als mit einem Raube von dannen ziehen. Deßwegen zünde¬ ten wir ein Feuer an und opferten. Dann nahmen wir ein Weniges von dem Käse und aßen. Nun warteten wir, bis der Hausherr heimkäme. Endlich nahete er, auf seinen Riesenschultern eine ungeheure Last trockenen Scheiterholzes tragend, das er gesammelt, um sich sein Abendmahl damit zu kochen. Er warf sie zu Boden, daß es fürchterlich krachte und wir alle vor Angst zusammen fuhren und uns in den äußer¬ sten Winkel der Grotte versteckten. Da sahen wir denn, wie er seine fette Heerde in die Kluft eintrieb, doch nur die, welche er wollte; Widder und Böcke blieben draußen in dem eingehegten Vorhofe. Nun rollte er ein mäch¬ tiges Felsstück vor den Eingang, das zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle hätten schaffen können. Dann setzte er sich gemächlich auf den Boden, melkte der Reihe nach die Schafe und Ziegen, legte die säugenden ans Euter, machte die eine Hälfte der Milch mit Lab gerinnen, formte Käse daraus, und stellte sie in Körben zum Trocknen hin; die andere Hälfte ver¬ wahrte er in großen Geschirren; denn das war sein täglicher Trunk. Wie er mit Allem fertig war, machte er sich ein Feuer an, und nun geschah es, daß er uns in unserem Winkel erblickte. Auch wir sahen jetzt erst seine gräßliche Riesengestalt genau. Er hatte wie alle Cyklopen nur ein einziges funkelndes Auge in der Stirn, Beine wie tausendjährige Eichenstämme und Arme und Hände groß und stark genug, um mit Granitblöcken Ball zu spielen. „Wer seyd ihr, Fremdlinge!“ fuhr er uns mit sei¬ ner rauhen Stimme an, die klang, wie ein Donner im Gebirge, „woher kommt ihr über das Meer gefahren? Ist die Seeräuberei euer Geschäft, oder was treibt ihr?“ Bei dem Gebrüll bebte uns das Herz im Leibe. Doch nahm ich mich zusammen und erwiederte: „Ach nein; wir sind Griechen, kommen von der Zerstörung Troja's zurück, und haben uns während der Heimfahrt auf dem Meere verirrt. So nahen wir deinen Knieen und flehen dich um Schutz und eine Gabe an. Ja, scheue die Götter, lieber Mann! und erhöre uns. Denn Jupiter beschirmt die Schutzflehenden und rächt ihre Mißhandlung!“ Aber der Cyklop erwiederte mit gräßlichem Lachen: „du bist ein rechter Thor, o Fremdling, und weissest nicht, mit wem du es zu thun hast! Meinst du wir kümmern uns um die Götter und ihre Rache? Was gilt den Cyklopen Zeus der Donnerer und alle Götter mit ein¬ ander! Sind wir doch viel vortrefflicher als sie! Wills mein eigen Herz nicht, so schone ich weder dich noch deine Freunde! Aber sage mir jetzt, wo du das Schiff geborgen hast, auf welchem du hergekommen bist? Wo liegt es vor Anker, nah oder ferne?“ So fragte der Cyklop voll Arglist, ich aber war bald mit einer schlauen Erfindung bei der Hand. „Mein Schiff, guter Mann,“ antwortete ich, „hat der Erderschütterer Poseidon nicht weit von eurem Ufer an die Klippen geworfen und zer¬ trümmert; ich allein mit diesen zwölf Gesellen bin ent¬ ronnen!“ Auf diese Rede antwortete das Ungeheuer gar nicht, sondern streckte nur seine Riesenhände aus, packte zwei meiner Genossen, und schlug sie, wie junge Hunde, zu Boden, daß ihr Blut und Gehirn auf die Erde spritzte. Dann zerhackte er sie Glied für Glied zur Abend¬ kost und fraß sich an ihnen satt, wie ein Löwe in den Bergen. Eingeweide, Fleisch, ja das Mark mitsammt den Knochen verzehrte er. Wir aber streckten die Hände zu Jupiter empor, und jammerten laut über die Frevelthat. Nachdem sich das Unthier seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht, warf er sich der Länge nach in der Höhle zu Boden, und nun besann ich mich, ob ich nicht auf ihn losgehen und ihm das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber in die Seite stoßen sollte. Aber schnell bedachte ich mich eines Bessern. Denn was hätte uns das geholfen? Wer hätte uns den unerme߬ lichen Stein von der Höhle gewälzt? Wir hätten zu¬ letzt alle des jämmerlichsten Todes sterben müssen. De߬ wegen ließen wir ihn schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als dieser erschienen und der Cyklop aufgestanden war, zündete er wieder ein Feuer an und fing an zu melken. Als er Alles beendigt, packte Schwab , das klass. Altherthum. III . 9 er wieder zwei meiner Begleiter, und verzehrte sie zu unserem Entsetzen, wie das erstemal, zum Frühstück. Dann trieb er die feiste Heerde aus der Höhle, nach¬ dem er den Fels abgehoben, ging selbst mit hinaus und pflanzte den Stein wieder davor, wie man den Deckel auf den Köcher setzt. Wir hörten ihn mit gellendem Pfeifen seine Heerde in die Berge treiben; wir aber blie¬ ben in der Todesangst zurück und jeder erwartete, daß das nächstemal die Reihe, gefressen zu werden, an ihn kommen werde. Ich selbst bewegte fortwährend Entwürfe der Rache in meinem Herzen, wie ich es angreifen sollte, dem Ungeheuer zn vergelten. Endlich kam mir ein Ge¬ danke, der nicht übel war. Drinnen im Stalle lag die mächtige Keule des Cyklopen aus grünem Olivenholz; er hatte sie sich abgehauen, um sie zu tragen, wenn sie dürre geworden wäre; uns erschien sie an Länge und Dicke dem Mast eines großen Schiffes gleich. Von die¬ ser Keule hieb ich mir einen Pfahl von der Dicke, wie ein Arm ihn umspannen kann, reichte denselben den Freun¬ den und hieß sie ihn glatt schaben, dann schärfte ich ihn oben ganz spitz und brannte ihn in der Flamme hart. Diesen Pfahl verbarg ich mit aller Sorgfalt im Miste, dessen es haufenweise in der Höhle gab. Dann loosten meine Genossen, wer es wagen sollte, den Brandpfahl dem Ungeheuer mit mir ins Auge zu drehen, wenn er im Schlummer läge. Es traf gerade die vier tapfersten der Freunde, die ich mir selbst ausgewählt hätte, und der fünfte war ich. Am Abend kam der gräßliche Hirte mit seiner Heerde heim. Dießmal ließ er nichts im Vorhof, sondern trieb alles mit einander in die Höhle; vielleicht argwöhnte er etwas, oder schickte es auch, wie ihr bald hören werdet, ein Gott zu unsern Gunsten so. Uebrigens fügte er, wie bisher, den Stein wieder in die Oeffnung, that Alles wie sonst, und fraß auch zwei aus unserer Mitte. In¬ zwischen hatte ich eine hölzerne Kanne mit dem dunkeln Wein aus meinem Schlauche gefüllt, näherte mich dem Ungeheuer und sprach: „Da, nimm Cyklop, und trink! auf Menschenfleisch schmeckt der Wein vortrefflich. Du sollst auch erfahren, was für ein köstliches Getränk wir auf unserem Schiffe führten. Ich brachte ihn mit, um ihn dir zu spenden, wenn du Erbarmen mit uns trügest und uns heim ließest. Aber du bist ja ein ganz entsetz¬ licher Wüthrich; wie mag dich künftig ein anderer Mensch besuchen! Nein, du bist nicht billig mit uns verfahren!“ Der Cyklop nahm die Kanne ohne ein Wort zu verlieren und leerte sie mit durstigen Zügen; man sah ihm das Entzücken an, in welches ihn die Süssigkeit und Kraft des Trankes versetzte. Als er fertig war, sprach er zum erstenmale freundlich: „Fremdling, gieb mir noch eins zu trinken; und sage mir auch, wie du heißest, da¬ mit ich dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk er¬ freuen kann. Denn auch wir haben Wein hier zu Lande, wir Cyklopen. Damit du aber auch erfahrest, wen du vor dir hast, so wisse: Polyphemus ist mein Name.“ So sprach der Cyklop, und gerne gab ich ihm von Neuem zu trinken. Ja, dreimal schenkte ich ihm die Kanne voll, und dreimal lehrte er sie in der Dummheit. Als ihm der Wein die Besinnung zu umnebeln anfing, sprach ich schlauer Weise: „Meinen Namen willst du wissen, Cy¬ klop? Ich habe einen seltsamen Namen. Ich heiße der Niemand ; alle Welt nennt mich Niemand , Mutter, 9 * Vater hießen mich so und bei allen meinen Freunden bin ich so geheißen.“ Darauf antwortete der Cyklop: „Nun sollst du auch dein Gastgeschenk erhalten; den Niemand , den verzehre ich zuletzt nach allen seinen Schiffsgenossen, Bist du mit der Gabe zufrieden, Niemand?“ Diese letzten Worte lallte der Cyklop nur noch, lehnte sich rückwärts und taumelte bald ganz zu Boden. Mit gekrümmtem, feisten Nacken dehnte er sich schnar¬ chend im Rausch, ja Wein und Menschenfleisch brach er in der Trunkenheit aus seinem Schlunde heraus. Jetzt steckte ich schnell den Pfahl in die glimmende Asche, bis er Feuer fing, und als er schon Funken sprühte, zog ich ihn heraus und mit den vier Freunden, die das Loos getroffen hatte, stießen wir ihm die Spitze tief ins Auge hinab, und ich, in die Höhe gerichtet, drehte den Pfahl, wie ein Zimmermann einen Schiffsbalken durchbohrt. Wimpern und Augenbraunen versengte die Gluth bis auf die Wurzeln, daß es prasselte, und sein erlöschendes Auge zischte, wie heißes Eisen im Wasser. Grauenvoll heulte der Verletzte auf, so laut, daß die Höhle von dem Ge¬ brüll wiederhallte; und wir, vor Angst bebend, flüchteten in den äußersten Winkel der Grotte. Polyphem riß sich indessen den Pfahl aus der Au¬ genhöhle, von dem das Blut triefend herunterrann; er schleuderte ihn weit von sich, und tobte wie ein Unsin¬ niger. Dann erhub er ein neues Zettergeschrei und rief seine Stammesbrüder, die Cyklopen, herbei, die im Ge¬ birge umherwohnten. Diese kamen von allen Seiten her¬ an, umstellten die Höhle und wollten wissen, was ihrem Bruder geschehen sey. Er aber brüllte aus der Höhle heraus: „Niemand, Niemand bringt mich um, ihr Freunde! Niemand thut es mit Arglist!“ Als die Cyklopen das hörten, sprachen sie: „Nun, wenn Niemand dir etwas zu Leide thut, wenn dich keine Seele angreift, was schreiest du denn so? Du bist wohl krank; aber gegen Krankheit haben wir Cyklopen keine Mittel!“ So schrieen sie und eilten wieder davon. Mir aber lachte das Herz im Leibe. Der blinde Cyklop tappte indessen in seiner Höhle umher, immer noch vor Schmerzen winselnd. Er nahm den Felsstein vom Eingange, setzte sich dann unter die Pforte, und tastete mit den Händen umher, um einen Jeden von uns zu fangen, der Lust hätte, mit den Schafen zu entwischen; denn er hielt mich so einfältig, daß ich es auf diese Weise angreifen würde. Ich aber kam inzwischen an tausenderlei Planen herum, bis ich den rechten ausfindig machte. Es standen nämlich ge¬ mästete Widder mit dem dichtesten Fließe um uns her, gar groß und stattlich. Die verband ich ganz geheim mit den Ruthen des Weidengeflechtes, auf welchem der Cy¬ klop schlief, je drei und drei; und der mittlere trug unter seinem Bauche immer einen von uns Männern, der sich an seiner Wolle festhielt, indessen die beiden andern Wid¬ der rechts und links, die heimliche Last beschirmend, ein¬ hertrollten. Ich selber wählte den stattlichsten Bock, der hoch über alle andern hervorragte. Ihn faßte ich am Rücken, wälzte mich unter seinen Bauch und hielt die Hände fest in den gekräuselten Wollenflocken gedreht. So unter den Widdern hängend erwarteten wir mit unter¬ drückten Seufzern den Morgen, Er kam; und die männ¬ liche Heerde sprang zuerst hüpfend aus der Höhle auf die Weide. Nur die Weibchen blöckten noch mit strotzenden Eutern in den Ställen. Ihr geplagter Herr betastete jedem Widder, der hinausging, sorgfältig den Rücken, ob kein Flüchtling darauf sitze; an den Bauch und meine List dachte er in seiner Dummheit nicht. Nun wandelte auch mein Bock langsam zur Felsenpforte, schwerbeladen mit Wolle, noch schwerer mit mir, der ich unter allerlei Ge¬ danken mich dahintragen ließ. Auch ihn streichelte Po¬ lyphemus und sprach: „Gutes Widderchen, was trabst du so langsam hinter der übrigen Heerde aus der Höhle heraus? Du leidest ja sonst nicht, daß andere Schafe dir vorangehen; du bist sonst immer der erste bei den Wiesblumen und am Bach, und Abends der allererste wieder im Stalle? Betrübt dich das ausgebrannte Auge deines Herrn? Ja, hättest du Gedanken und Sprache, wie ich, gewiß, du sagtest mir, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt: dann sollte mir sein Gehirn von der Höhlenwand spritzen, und mein Herz wieder froh werden vom Leide, das der Niemand über mich gebracht!“ So sprach der Cyklop und ließ den Widder auch hinausgehen. Und nun waren wir alle draußen. So wie wir ein wenig von der Felskluft entfernt waren, machte ich mich zuerst von meinem Bocke los, und löste dann auch meine Freunde ab. Wir waren unsrer leider nur noch sieben, umarmten uns mit herzlicher Freude und jammerten um die Verlorenen. Doch winkte ich ihnen, daß keiner laut weinen, sondern daß sie mit den geraubten Widdern sich schnell nach unsern Schiffen mit mir aufmachen sollten. Erst als wir wieder auf unsern Ruderbänken saßen und durch die Wogen dahin schifften, auf einen Heroldsruf vom Ufer entfernt, schrie ich dem am Uferhügel mit seiner Heerde bergwärts hinan klim¬ menden Cyklopen meine Spottrede zu: „Nun, Cyklop, du hast doch keines schlechten Mannes Begleiter in dei¬ ner Höhle gefressen! Endlich sind dir deine Frevelthaten vergolten worden, und du hast die Strafe Jupiters und der Götter empfunden!“ Als der Wütherich dieses hörte, wurde sein Grimm noch viel größer. Er riß einen ganzen Felsblock aus dem Gebirge heraus, und warf ihn nach unserem Schiffe. Auch hatte er so gut gezielt, daß er das Ende unseres Steuerruders nur um ein Weniges verfehlte. Aber von dem niederstürzenden Blocke schwoll die Fluth an und die rückwärts wallende Brandung riß unser Schiff wieder ans Gestade zurück. Mit aller Gewalt mußten wir die Ruder anstrengen, um dem Ungeheuer aufs neue zu ent¬ fliehen und vorwärts zu kommen. Nun fing ich aber¬ mals an zu rufen, obgleich mich die Freunde, die einen zweiten Wurf befürchteten, mit Gewalt abhalten wollten. „Höre, Cyklop,“ schrie ich, „wenn dich je einmal ein Menschenkind fragt, wer dir dein Auge geblendet, so sollst du eine bessere Antwort geben, als du sie deinen Cyklopen ertheilt hast! Sag' ihm nur: der Zerstörer Troja's, Odysseus, hat mich geblendet, der Sohn des Laertes, der auf der Insel Ithaka wohnt!“ So rief ich. Heulend schrie der Cyklop herüber: „Wehe mir! So hat sich denn die alte Weissagung an mir erfüllt! Denn einst befand sich unter uns ein Wahrsager mit Namen Telemus, des Eurytus Sohn, welcher hier im Lande der Cyklopen alt geworden ist. Dieser hat mir gewahr¬ sagt, daß ich dereinst durch Odysseus das Gesicht ver¬ lieren sollte. Da meinte ich dann immer, es sollte ein stattlicher Kerl daher kommen, so groß und stark, wie ich selber einer bin, und sollte sich mit mir im Kampfe messen. Und nun ist dieser Wicht gekommen, dieser Weich¬ ling, hat mich mit Weine berückt und mir im Rausch das Auge geblendet! Aber komm doch wieder, Odysseus! Dießmal will ich dich als Gast bewirthen, will dir vom Meeresgott sicheres Geleite erflehen, denn, wisse, ich bin der Sohn Poseidons. Auch kann nur er, und kein Anderer, mich heilen!“ Jetzt aber fing er an zu seinem Vater Neptunus zu beten, daß er mir die Heimkehr nicht vergönnen solle. „Und kehrt er jemals zurück,“ endete er, „so sey es wenigstens so spät, so unglücklich, so verlassen als möglich, auf einem fremden Schiffe, nicht auf dem eigenen; und zu Hause treffe er nichts als Elend an!“ So betete er, und ich glaube, der finstere Gott hat ihn gehört. Auch ergriff er einen zweiten, noch viel grö¬ ßeren Felsblock und schleuderte ihn uns nach. Auch die߬ mal verfehlte er uns nur um ein Weniges. Doch wider¬ standen wir dem Gegenstoße der Fluth und ruderten getrost vorwärts. Bald waren wir auch wieder bei der Insel angekommen, wo die übrigen Schiffe geborgen in der Bucht lagen und die Freunde, schon lange traurig am Strande gelagert, uns erwarteten. Sie empfingen uns, als wir anlandeten, mit einem lauten Freudenrufe. Als wir ans Land gestiegen, war unser erstes Geschäft, die Heerde des Cyklopen, die wir geraubt hatten, unter unsere Freunde zu vertheilen. Den Widder jedoch, unter dessen Bauche ich entflohen war, schenkten mir meine Genossen im voraus von der Beute. Denselben brachte ich sogleich dem Jupiter zum Opfer dar, und verbrannte ihm die Schenkel des Thieres. Der Gott verschmähte jedoch das Opfer und ließ sich von uns nicht versöhnen. Sein Beschluß war, daß unsere Schiffe alle, und außer mir auch alle meine Freunde, untergehen sollten. Doch davon hatten wir keine Ahnung. Wir saßen vielmehr den ganzen Tag, bis die Sonne ins Meer sank, vergnügt bei einander, schmausten und tranken, als wären wir aller Sorgen ledig. Dann legten wir uns am Strande zum Schlummer nieder und schliefen beim Wogenschlage ein. Sobald jedoch der Himmel sich wieder röthete, saßen wir auch schon alle auf unsern Schiffen und ruder¬ ten weiter, der Heimath entgegen.“ Odysseus erzählt weiter. Der Schlauch des Aeolus. Die Lästrygonen. Circe. „Hierauf,“ fuhr Odysseus fort, „gelangten wir an eine Insel, welche Aeolus, der Sohn des Hippotes, ein vertrauter Freund der Götter, bewohnte. Dieses Eiland war schwimmend in der Fluth; eine eherne Mauer umgab dasselbe mit starrendem Erz und ihre Grundlage war ein glatter Fels, der rings um das Inselland herumlief. Dieser Aeolus hatte in seinem Palaste sechs Söhne und sechs Töchter, und feierte mit ihnen und der Gattin alle Tage ein Fest. Der gute Fürst beherbergte uns einen ganzen Monat, und befragte uns recht eifrig über Troja, die Macht der Griechen und ihre Heimkehr. Ueber alles dieses gab ich ihm genaue Auskunft, und als ich ihn endlich bat, unsere Heimfahrt zu befördern, bezeigte er sich in Allem höchst willig, und schenkte uns einen dickaufgeschwollenen Schlauch, aus der Haut eines neun¬ jährigen Stiers bereitet. In diesem waren sämmtliche Winde eingeschlossen, die über die Erde dahin zu wehen pflegen; denn Aeolus war vom Vater Jupiter zum Ver¬ walter der Winde bestellt, und hatte die Macht empfan¬ gen, welche Winde er wollte, los zu lassen, und ihnen wieder Ruhe zu gebieten. Er selbst nun band uns den Schlauch mit einem glänzenden Seile von Silberfaden in meinem Schiffe fest und schnürte ihn so zusammen, daß auch nicht die kleinste Luft herauskonnte. Doch hatte er sich darum der Winde nicht ganz entäußert, vielmehr von allen Gattungen noch genug zu Hause. Das zeigte er sogleich. Denn als wir uns eingeschifft hatten, ließ er unsern Schiffen den sanftesten Westwind nachwehen, der uns schnell und leicht in die Heimath bringen sollte. Aber es wurde uns nicht so gut, sondern unsere eigene Thorheit brachte uns in großes Unglück. Schon segelten wir neun Tage und Nächte lang auf dem Meere vorwärts, und in der zehnten Nacht waren wir so nahe an meiner Heimathinsel Ithaka, daß wir die Wachtfeuer des Ufers erblicken konnten. Da mußte mich müden Mann der Schlummer beschleichen, denn ich hatte mich unaufhörlich damit beschäftigt, das Segel meines Schiffes zu stellen, um desto schneller das Vaterland zu erreichen, und dieses Geschäft mochte ich keinem Andern anvertrauen. Während ich nun schlief, spannen meine Schiffsgesellen ein Gespräch darüber an, was wohl in dem Schlauch sein möchte, welchen mir der König Aeolus zum Gastgeschenke gegeben hätte. Da zeigte sich, daß sie alle in dem Wahn befangen waren, ich führe Silbers und Goldes genug in dem Sacke bei mir, und endlich fing einer der Lüsternsten also an: „Der Odysseus ist doch auch überall hoch geachtet und geehrt! Wie viel Beute hat er nicht nur von Troja mit hinweggebracht. Und wir, die wir alle die näm¬ lichen Gefahren und Mühseligkeiten ausgestanden haben, wir kehren sämmtlich mit leeren Händen in die Heimath zurück! Jetzt hat ihm Aeolus auch vollends einen Sack voll Silbers und Goldes gegeben! Wie wär's, wenn wir hineinguckten und auch erführen, wie viel Schätze da drinnen verborgen sind?“ Dieser böse Rath leuchtete den übrigen Gesellen sogleich ein. Der Schlauch wurde aufgelöst, und kaum war das Band los, so brausten alle Winde mit einander daraus hervor, und die Winds¬ braut riß alle unsre Schiffe wieder hinaus in die offene See. Ich selbst fuhr über dem Brausen aus dem Schlafe empor. Als ich das Unglück sah, das angerückt war, überlegte ich einen Augenblick bei mir, ob ich nicht lieber über Bord springen und mich in dem Abgrund begraben sollte. Doch faßte ich mich wieder, und beschloß zu bleiben, und alles, was da kommen könnte, zu ertragen. Die Wuth der Orkane warf uns an die Insel des Aeo¬ lus zurück. Hier ließ ich die Meinigen auf den Schif¬ fen und eilte mit einem einzigen Freund und dem Herolde in die Burg des Fürsten, den ich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern gerade beim Mittagsmahle traf. Sie staunten alle nicht wenig über unsre Zurückkunft, als sie aber vollends die Ursache vernahmen, erhob sich der Verwalter der Winde zornig von seinem Sitze und rief mir entgegen: „Verruchter Mensch, offenbar verfolgt dich die Rache der Götter! Einen solchen darf ich weder beherbergen noch geleiten! Geh mir aus dem Hause, Verworfener!“ Mit diesem Fluche jagte er mich, den Seufzenden, von dannen, und schwermuthsvoll schifften wir weiter. Meinen Gesellen schwand aller Muth beim Ruder; es war schon wieder der siebente Tag vergangen, und nirgends wollte sich ein Land zeigen. Endlich kamen wir an eine Küste und zu einer thurmreichen Stadt. Die letztere hieß Telepylus, und war der Sitz der Lästrygonen. Das Alles wußten wir jedoch noch nicht und von der Stadt erblickten wir auch nichts. Der Hafen, in welchen wir einfuhren, war vor¬ trefflich, enggeschlossen und von allen Seiten durch schroffe Felsen geschirmt, so daß das Gewässer in der Bucht stets ruhig und wellenlos war. Ich knüpfte mein Schiff zuerst im Hafen an, erklomm das felsige Ufer, und schaute mich auf den Steinzacken, nach der Landseite gewendet, um. Nirgends entdeckte ich gebautes Feld, keinen Ackers¬ mann, keine Stiere. Nur Rauch, wie von einer großen Stadt, sah ich gen Himmel aufsteigen. Da schickte ich zur Erkundigung zwei auserlesene Freunde voraus mit einem Herold. Diese stiegen ans Land und fanden bald einen Weg, der über eine Waldung der Anhöhen jenem Rauche zuging und sie endlich in die Nähe der Stadt führte. Vor dieser begegneten sie einer wasserschöpfenden Jungfrau, der rüstigen Tochter des Lästrygonenköniges Antiphates. Sie stieg eben zu der Quelle Artacia hinab, wo die Einwohner ihr Wasser holten. Das Mädchen, über dessen Größe sie sich nicht genug wundern konnten, bezeichnete ihnen freundlich ihres Vaters Wohnung und gab ihnen die gewünschte Auskunft über Land, Stadt und Beherrscher. Als sie nun aber in die Stadt und an den Palast kamen, so erstarrten sie erst vor Entsetzen. Da stand die Gemahlin des Lästrygonenköniges vor ihnen, so riesengroß, wie der Gipfel eines Berges. Denn die Lästrygonen waren Riesen und Menschenfresser. Auch rief die Königin sogleich ihrem Gemahl und dieser griff zum Gruße nach dem einen der Gesandten und befahl sogleich, ihn für sich zum Abendessen zuzurüsten. Die zwei andern nahmen in der Todesangst die Flucht nach den Schiffen. Der König aber rief brüllend die ganze Stadt unter die Waffen, und über tausend Lästrygonen, lauter Riesen, den Giganten ähnlich, kamen heraus und schleuderten große Feldsteine nach uns, so daß man auf den Schiffen nichts als das Geschrei Sterbender und das Zusammenkrachen der getroffenen Schiffsbalken hörte. Nur mein eigenes Schiff war von mir hinter einem Felsen so angebunden worden, daß es die Steine nicht treffen konnten. Als nun die übrigen Schiffe am Ver¬ sinken waren, nahm ich von ihrer Mannschaft in dasselbe auf, so viel meiner Freunde noch unverletzt waren, und entrann mit ihnen auf meinem Schiffe unversehrt aus dem Hafen. Die andern Fahrzeuge alle versanken mit einer Unzahl Todter und Sterbender in den Abgrund. Nun fuhren wir auf dem einzigen Schiffe zusam¬ mengedrängt weiter und kamen wieder an eine Insel mit Namen Aeäa. Hier wohnte eine sehr schöne Halb¬ göttin, die Tochter des Sonnengottes und der Oceanus¬ tochter Perse, und Schwester des Königes Aretes. Sie hieß Circe und hatte einen herrlichen Palast auf der Insel. Wir aber wußten nichts von ihr. Wir fuhren in eine Bucht der Insel ein, legten unser Schiff vor Anker, und lagerten uns, müde von der Anstrengung, voll Verdruß und Betrübniß, im Ufergrase. Am dritten Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze be¬ wehrt, auf, das Land auszukundschaften. Endlich ward ich einen Rauch gewahr, und dieser stieg aus Circe's Palast auf. Doch ging ich nicht sogleich auf die Spur los, sondern durch frühere Gefahren gewitzigt kehrte ich erst zu meinen Freunden zurück und sandte Späher aus. Wir hatten auch alle schon lange keine genügende Nahrung zu uns genommen. Da erbarmte sich auf meinem Rückwege der Götter einer über uns, und schickte mir einen Hirsch mit hohem Geweih in den Weg, der durstig aus dem Walde zum Bache hinunter in raschen Sätzen stürzte. Ich erschoß ihn im Laufe, indem ich ihn mit meiner Lanze mitten in den Rückgrat traf, daß sie unten am Bauche wieder hervordrang. Dann zog ich die Lanze, mit dem Fuß auf das Thier gestemmt, aus der Wunde, machte mir ein Seil von Weidenruthen, band es dem Wild um die Füße und trug es so um den Nacken gehängt zu dem Schiffe, indem ich mich, bei der unge¬ wohnten Last, unter dem Gehen auf meine Lanze stützen mußte. Meine Begleiter fuhren freudig empor, als sie die schöne Waldbeute auf meinen Schultern erblickten. Geschwind wurde das Thier geschlachtet, und ein Festschmaus an¬ gestellt, indem man, was von Brod und Wein zu fin¬ den war, auf dem Schiffe zusammensuchte. Nun meldete ich ihnen von dem Rauche, den ich entdeckt hatte. Aber meine Freunde wurden ganz muthlos, denn alle mußten an die Höhle des Cyklopen und den Hafen des Lästry¬ gonenköniges denken, wo uns die Hoffnung beidemal so grausam irre geführt hatte. Ich allein blieb muthig unter ihren Thränen. Ich theilte alle meine Genossen, so viel ihrer mir geblieben waren, in zwei Schaaren und gab der einen mich selbst, der andern den Eurylo¬ chus zu Anführern. Dann schüttelten wir Loose in einem ehernen Helme. Das Loos traf den Eurylochus, und er mußte sich sofort mit zweiundzwanzig Genossen, die ihm nur unter Seufzern folgten, auf den Weg machen, nach der Seite, von welcher ich den Rauch hatte auf¬ steigen sehen. Diese Schaar fand bald den herrlich aus behauenen Steinen aufgeführten Palast der Göttin Circe in einem anmuthigen Thale der Insel versteckt. Wie staunten aber meine Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor der Pforte des Wohnhauses Wölfe mit spitzigem Gebiß und Löwen mit zottigen Mähnen umherwandeln sahen. Voll Angst erblickten sie die gräßlichen Ungeheuer und dachten schon darauf, wie sie sich aus dem unheim¬ lichen Orte durch die schleunigste Flucht retten möchten. Aber schon waren sie umringt von den wilden Thieren. Diese thaten ihnen jedoch nichts zu leide, stürzten auch nicht, wie solche Bestien pflegen, mit einem Satze auf sie zu, sondern sie näherten sich ihnen langsam und schmei¬ chelnd, und trugen ihre langen Schweife wedelnd auf¬ gerichtet, wie Hunde, wenn sie dem Herrn entgegen gehen, der ihnen gute Bissen von einem Schmause mit¬ bringt. Es waren dieß, wie wir nachher erfuhren, lauter durch die Zauberkünste Circe's verwandelte Menschen. Da die Thiere ihnen nichts anhatten, faßten meine Freunde wieder Muth und näherten sich der Pforte des Palastes. Aus diesem hörten sie die wohlklingende Stimme Circe's, die eine vortreffliche Sängerin war, erschallen. Sie sang zu ihrer Arbeit; denn sie saß eben über dem Gewebe eines großen wundervollen Gewandes, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen. Der erste, der einen Blick in den Palast geworfen hatte und sich dieses An¬ blicks erfreute, war der Held Polites, der mir besonders befreundet war. Auf seinen Rath riefen unsre Freunde die Bewohnerin heraus, und sie erschien auch wirklich freundlich an der Pforte und nöthigte alle Angekomme¬ nen herein, mit Ausnahme ihres Führers Eurylochus, der ein besonnener Mann war, und, durch die früheren Vorfälle gewarnt, irgend einen Betrug witterte. Die Andern führte Circe gar holdselig in ihren Palast ein und hieß sie auf hohen, schmucken Sesseln Platz nehmen. Alsdann brachte man Käse, Mehl, Honig und süßen pramnischen Wein herbei, woraus ein Gericht köstlicher Kuchen von Circe geknetet wurde; während dieser Arbeit aber mischte sie unvermerkt unheilbringende Säfte unter den Teig, welche die Armen von Sinnen bringen und sie ihres Vaterlandes vergessen machen sollten. Und wirklich wurden sie alle mit einander, so wie sie von der verführerischen Speise gekostet hatten, in borstige Schweine verwandelt, fingen an zu grunzen, und wur¬ den von der Zauberin sammt und sonders in die Kofen getrieben. Hier ließ ihnen Circe statt der köstlichen Bissen Steineicheln und Kornellen, wie andern Schwei¬ nen, zur Nahrung vorwerfen. Eurylochus hatte von weitem das Alles zum Theile mit angesehen, zum Theile geschlossen. Er eilte, was er nur konnte, zu unsrem Schiffe zurück, um das schreckliche Schicksal unsrer Freunde mir und den Zurückgebliebenen zu verkündigen. Als er aber bei uns ankam, konnte er anfangs kein einziges Wort hervorbringen, weil ihm die entsetzliche Angst noch immer die Sprache raubte; aus seinen Augen stürzten Thränen und seine Seele war ganz in Jammer versenkt. Wie wir nun alle voll Verwunderung in ihn drangen zu sprechen, fand er endlich Worte und erzählte das jämmerliche Schicksal der andern Freunde. Auf diese Schreckensbotschaft warf ich augenblicks mir das Schwert um die Schultern und den Bogen darüber, dann befahl ich ihm, mich auf der Stelle den Weg nach dem Palaste zu führen. Er aber umschlang mir mit beiden Armen die Knie und flehte mich an, zurück bleiben zu dürfen, und selbst zurück zu bleiben. „Glaube mir,“ schluchzte er, „du kehrest weder selbst um, noch bringst du Einen der verlorenen Freunde zurück. O laß uns von diesem verwünschten Strande fliehen!“ Ihm nun erlaubte ich zu bleiben; ich selbst aber gehorchte der Nothwendigkeit und ging. Auf dem Wege begegnete mir ein blühender Jüngling, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt und streckte mir den goldenen Stab entgegen, an welchem ich Hermes, den Boten der Himmlischen, erkannte. Er faßte mich freundlich bei der Hand und sprach: „Armer, was rennest du so, aller Gegend unkundig, durch das Waldgebirg? Deine Freunde sind bei der Zauberin Circe in Schweine¬ ställe gesperrt. Willst du gehen, sie zu erlösen? Eher wirst auch du zu den Andern gesteckt werden! Nun wohl, ich will dir ein Mittel an die Hand geben, dich zu be¬ wahren. Wenn du dieses Heilkraut bei dir trägst,“ (und mit diesen Worten grub er eine schwarze Wurzel mit milchweißer Blüthe aus dem Boden, und nannte sie Schwab , das klass. Alterthum. III . 10 mir Moly,) „so vermag ihr Betrug nicht dir zu schaden. Sie wird dir nämlich ein süßes Weinmuß bereiten, und ihre Zaubersäfte darein mengen. Dieses Kraut aber wird sie verhindern, dich in ein Vieh zu verwandeln. Wenn sie dich dann mit ihrem langen Zauberstabe berührt, so reiß du dir nur dein scharfes Schwert von der Hüfte, und renn' auf sie los, als wolltest du sie ermorden. Dann zwingst du ihr leicht einen heiligen Eid ab, daß sie kei¬ nerlei Tücke an dir üben wolle. Du magst alsdann ohne Gefahr bei ihr wohnen und ihr in Allem zu Willen seyn, und wenn ihr vertraut geworden seyd, wird sie dir auch deine Bitte nicht abschlagen und dir deine Freunde zurückgeben!“ So sprach Hermes und verließ mich, in den Olymp zurückkehrend. Ich selbst eilte unruhig und nachdenklich dem Palaste der Zauberin entgegen. Auf meinen Ruf öffnete sie die Pforte und hieß mich freundlich herein¬ treten, was ich, obwohl mit einem Herzen voll Ingrimm, auch that. Nun führte sie mich zu einem herrlichen Thronsessel, rückte mir einen Schemel unter die Füße, und mengte sofort in goldener Schale wirklich ihr Wein¬ muß. Sie konnte kaum erwarten, bis ich es ausgeleert, und ohne im mindesten an meiner Verwandlung, die auf der Stelle eintreten würde, zu zweifeln, berührte sie mich mit ihrem Stabe, und sprach: „fort mit dir in den Schweinestall, zu deinen Freunden!“ Ich aber riß das Schwert von der Seite und rannte wie mordbegierig auf die Zauberin ein. Nun schrie sie laut auf, warf sich zu Boden und umfaßte meine Kniee, indem sie mir jammernd entgegenrief: „Wehe mir! Wer bist du, Ge¬ waltiger, den mein Trank nicht zu verwandeln vermag? Noch kein anderer Sterblicher hat der Stärke meines Zaubers widerstanden. Bist du vielleicht der erfindungs¬ reiche Odysseus selbst, dessen Ankunft, wenn er von Troja zurückkehrte, mir Hermes schon lange geweissagt hat? Wenn du es bist, so stecke dein Schwert in die Scheide, und laß uns Freunde werden!“ Ich aber veränderte meine drohende Stellung nicht, und antwortete: „Wie kannst du verlangen, Circe, daß ich mich freundlich ge¬ gen dich erweisen soll, da du meine Begleiter in deinem Hause zu Schweinen umgewandelt hast? Muß ich nicht vermuthen, daß du nur darum dich so zuvorkommend gegen mich beträgst, um auch meinem Leibe irgend ein Leid anzuthun? Ich kann nur alsdann dein Freund werden, wenn du mir einen heiligen Eid schwörst, mir auf keinerlei Weise schaden zu wollen!“ Die Göttin be¬ schwur auf der Stelle, was ich verlangte, und nun war auch ich zufrieden und überließ mich sorglos der Nacht¬ ruhe. Früh Morgens waren vier Dienerinnen, lauter schöne und edelgeborene Nymphen, damit beschäftigt, die Säle ihrer Herrin in Ordnung zu bringen. Die eine bedeckte die Thronsessel mit herrlichen purpurnen Polstern, eine zweite stellte silberne Tische vor die Sessel und setzte goldene Körbe darauf, die dritte mischte in einem silbernen Kruge den Wein und vertheilte goldene Becher auf den Tischen umher; von der vierten endlich wurde frisches Quellwasser herbeigetragen, der Kessel auf den Dreifuß gesetzt und die Glut darunter geschürt, bis das Wasser kochte. Dieses mußte mir zu einem erquickenden Bade dienen, und als ich darauf gesalbt und angekleidet war, sollte ich in Circe's Gesellschaft das Morgenmahl 10 * genießen. Aber obgleich reichliche Speisen vor mir auf meinem Tische standen, streckte ich doch nicht die Hände darnach aus, sondern saß, schweigend und kummervoll meiner schönen Wirthin gegenüber. Als diese mich end¬ lich nach der Ursache meines stummen Grames fragte, da sprach ich: „Welcher Mann, der noch ein Gefühl für Recht und Billigkeit hat, könnte sich auch an Speise und Trank erfreuen, so lange er seine Freunde im Elende weiß? Wenn du willst, daß ich mit Lust bei dir geniessen soll, so laß mich meine lieben Genossen mit Augen sehen!“ Circe ließ sich nicht lange bitten, sie verließ das Gemach, ihren Zauberstab in der Hand, Draußen schloß sie die Thüre des Kofens auf, und trieb alle meine Freunde heraus, die mich, der ich inzwischen auch her¬ beigekommen war, in der Gestalt neunjähriger Schweine umwimmelten. Nun ging sie bei allen umher und be¬ strich jeden mit einem andern Safte. Auf einmal schäl¬ ten sie sich nun aus der borstigen Hülle und wurden alle zu Männern und zwar jünger und schöner, als sie vorher gewesen waren. Freudig eilten sie auf mich zu und reichten mir dir Hände; als sie aber ihres elenden Schicksals gedachten, fingen sie alle zu weinen und zu jammern an. Die Göttin sprach darauf schmeichelnd zu mir: „Nun, lieber Held, habe ich ja deinen Willen gethan. Thu' du nun mir auch den Gefallen, und laß dein Schiff ans Ufer ziehen, birg seine Ladung in den Felsengrotten des Ufers und laß es dir dann mit deinen lieben Genossen wohl bei mir seyn!“ Ihre Schmeichelrede gewann mein Herz. Ich suchte das Schiff und die zurückgebliebenen Freunde auf, die mich schon lange für todt beklagt hatten und nun mit Freudenthränen auf mich zustürzten. Als ich ihnen den Vorschlag machte, das Schiff ans Ufer zu ziehen und bei der Göttin einzukehren, zeigten sich auch sogleich alle willig, nur Eurylochus wehrte die Genossen ab und sprach zu ihnen: „Habt ihr denn ein gar so großes Ver¬ langen nach eurem Verderben, daß ihr in den Palast der Zauberin eingehen wollt, die uns Alle in Löwen, Wölfe und Schweine verwandeln und zwingen wird, in dieser scheußlichen Gestalt ihr Haus zu hüten? Wie ist der Cyklop mit unsern Freunden umgegangen, als der Unverstand des Odysseus uns ihm in die Hände gelie¬ fert?“ Als ich diese Schmähung hörte, empfand ich einige Lust in mir, das Schwert zu ziehen und ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, obgleich er nahe mit mir verwandt war. Die Freunde sahen die Bewegung, die ich machte, fielen mir in den Arm und brachten mich zur Besinnung. Nun brachen wir Alle auf, und Eurylochus selbst, durch meine Drohung erschreckt, weigerte sich nicht zu folgen. Inzwischen hatte Circe unsre Freunde gebadet, mit Oele gesalbt und herrlich bekleidet, und wir fanden sie Alle ganz fröhlich beim Schmaus versammelt. Da war ein Weinen und Umarmen und Begrüßen! Die Göttin sprach Allen Muth ein und that uns so viel Liebes, daß wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und das ganze Jahr über bei ihr blieben. Wie aber nun das Jahr zu Ende ging, riefen mich meine Be¬ gleiter und ermahnten mich, endlich der Heimkehr einge¬ denk zu seyn. Sie bewegten mir auch mit ihrer Rede das Herz, und noch an demselben Abend umfaßte ich Circe's Kniee und flehte sie an, Wort zu halten, und mich, wie sie mir anfangs gelobt hatte, zur Heimath zu entsenden. Die Zauberin antwortete: „Du hast recht, Odysseus; es geziemt mir nicht, dich länger mit Zwang bei mir zu halten, aber bevor du heim kommst, müßt ihr doch noch einen Umweg machen. Ihr müßt das Reich des Hades oder Pluto, und der Persephone oder Proserpina, das Schattenreich besuchen, und die Seele des blinden Greisen, des thebanischen Propheten Tiresias um die Zukunft befragen; denn diesem ist auch im Tode noch sein voller Geist und die Sehergabe durch Pro¬ serpina's Gunst verblieben; die Seelen der andern Todten sind alle nur wandelnden Schatten gleich.“ Als ich diesen Beschluß vernahm, fing ich zu wei¬ nen und zu jammern an; mir graute vor der Behausung der Todten und ich fragte, wer mich denn geleiten sollte, denn eine Schifffahrt in die Unterwelt hat noch kein Sterb¬ licher bei Leibes Leben unternommen. „Laß dich die Sorge um das Geleite deines Schiffes nicht bekümmern,“ antwortete mir die Göttin, „richte nur getrost den Mast in die Höhe, und spanne die Segel aus! Der Nordwind wird euch schon hintreiben; bist du einmal am Gestade des Oceanus, des Stromes, der die Erde umgürtet, so landest du an einem niedrigen Ufer, wo du Erlen, Pap¬ peln und Weidenbäume beisammen erblickst. Dieß ist der Hayn Persephone's; dort ist auch der Eingang in die Unterwelt. Hier, in einem Thale bei einem Felsen, wo die schwarzen Ströme Pyriphlegeton und Kocytus, der letztere ein Arm des Styx, sich in den Acheron oder die Unterwelt stürzen, wirst du eine Kluft finden, durch welche der Weg in das Schattenreich geht. Da gräbst du eine Grube und bringst den abgeschiedenen Seelen ein Todtenopfer von Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar, gelobst ihnen auch ein Schlachtopfer, wenn du nach Ithaka heimkommst, und noch außerdem dem Tiresias einen schwarzen Widder; dann opferst du noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und blickst dem vereinigten Strome durch die Kluft in die Tiefe nach, während deine Genossen die Thiere den Göttern verbrennen und zu ihnen beten. Da werden dir die Seelen der Todten erscheinen und die Luftgebilde werden herauf ans Licht zu dringen begehren, und von dem Blute der Todtenopfer kosten wollen. Du aber wehrest sie mit dem Schwerte ab und erlaubst ihnen nicht, näher zu gehen, bis du den Tiresias befragt hast. Denn dieser wird bald herannahen und dir auch über deine Heimfahrt Aufschluß geben.“ Diese Rede tröstete mich einigermaßen. Am andern Morgen versammelte ich meine Freunde und wollte sie zum Aufbruche mahnen. Nun hatte sich einer von ihnen, mit Namen Elpenor, der jüngste von Allen, aber weder besonders muthig noch sehr verständig, vom süßen Weine Circe's trunken, von den Freunden entfernt und, um küh¬ lere Luft zu athmen, auf dem platten Dache des Palastes gelagert. Dort war er am vorigen Abend eingeschlum¬ mert und hatte die Nacht über in ungestörtem Schlafe gelegen. Als er nun durch das Gewühl der sich erhe¬ benden und zur Versammlung eilenden Freunde plötzlich aufgeweckt wurde, fuhr er empor und vergaß in der Betäubung, wo er war; anstatt sich zur Treppe zu wenden, taumelte er über das Dach hinaus und fiel den hohen Palast herunter, so daß ihm das Genick zer¬ brach und sein Geist auf der Stelle zum Hades fuhr. Ich aber sammelte meine Begleiter um mich her und sprach: „Ihr meinet nun wohl, theure Freunde, nun gehe es geraden Weges ins liebe Vaterland? Aber ach, dem ist leider nicht so; die Göttin Circe hat uns eine ganz andere Fahrt vorgeschrieben. Wir sollen hinunter in das schreckliche Reich des Hades, und dort die Seele des thebanischen Sehers Tiresias wegen unserer Heim¬ fahrt befragen!“ Als meine Genossen dieses hörten, da brach ihnen fast das Herz vor Kummer; sie jammerten laut und rauften sich die Haare aus. Aber ihre Klage half ihnen nichts. Ich befahl ihnen aufzubrechen, und mit mir zum Schiffe zu wandeln. Circe war uns vor¬ ausgeeilt, sie hatte die zwei Opferschafe uns ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch uns mit Honig, Wein und Mehl für das Opfer reichlich versorgt. Als wir ankamen, schlüpfte sie mit einem stummen Abschieds¬ gruße leicht an uns vorüber. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast und die Segel, und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke. Ein günstiger Fahrwind, den uns Circe schickte, blies in die Segel und bald waren wir wieder auf der hohen See.“ Odysseus erzählt weiter. Das Schattenreich. „Die Sonne tauchte ins Meer,“ fuhr Odysseus nach einer Pause fort den horchenden Phäaken zu er¬ zählen, „als wir von einem wunderbaren Fahrwinde vorwärts getrieben, am Ende der Welt beim Gestade der Cimmerier, das in ewigem Nebel liegt und von den Sonnenstrahlen niemals beleuchtet wird, am Strome Oceanus, der die Welt umgürtet, anlangten. Wir kamen an den Fels und die Zusammenströmung der Todtenflüsse, wie es uns Circe bezeichnet hatte, und opferten ganz nach ihrer Vorschrift. So wie das Blut aus den Gur¬ geln der Schafe in die Grube floß, tauchten tief aus der Unterwelt die Seelen der Abgeschiedenen nach der Felsenkluft empor, in welcher wir uns, den Strom zur Seite, befanden. Jünglinge und Greise, Jungfrauen und Kinder kamen, auch viele Helden mit klaffenden Wunden und in blutbesudelten Rüstungen; schaaren¬ weise, mit hohlem, grausenvollen Stöhnen umflatterten sie, nach Art der Schatten, die Opfergrube, so daß mich ein Entsetzen ankam. Schnell ermahnte ich die Genossen, nach Circe's Rath die geopferten Schafe zu verbrennen und zu den Göttern zu flehen. Ich selbst riß das Schwert von der Hüfte, und wehrte den Luftgebilden, vom Opfer¬ blute zu lecken, bevor ich den Tiresias befragt hätte. Zu allererst nun nahte sich mir die Seele unsres Freundes Elpenor, dessen Leib noch unbegraben in Circe's Wohnung lag. Mit Thränen im Auge klagte mir der Schatten sein Verhängniß, und beschwor mich, nach der Insel Aeäa zurückzufahren und ihm ein ehrliches Begräb¬ nis, angedeihen zu lassen. Ich versprach es ihm und das Schattenbild lagerte sich mir gegenüber. So saßen wir in wehmüthigem Gespräche, dort die Schattengestalt, hier ich, das Schwert quer über dem Opferblute haltend. Bald gesellte sich zu uns auch die Mutter des Verstor¬ benen, Antiklea, die ich noch lebendig verlassen hatte, als ich gegen Ilios aufbrach. Sie sah mich bittend und schmerzlich an und entfernte sich endlich mit dem Sohne. Nun erschien die Seele des Thebaners Tiresias, einen goldenen Stab in der Rechten. Er erkannte mich sogleich und hub an: „Edler Sohn des Laertes, was trieb dich, das Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort des Entsetzens zu besuchen? Aber ziehe nur dein gezück¬ tes Schwert von der Grube zurück, damit ich von dem Opferblute trinke und so in den Stand gesetzt werde, dir dein Schicksal zu weissagen.“ Ich wich bei diesem Worte von der Grube und stieß mein Schwert in die Scheide. Nun trank der Schatten von dem schwarzen Blut und fing alsbald zu wahrsagen an: „Du forschest bei mir, Odysseus, nach einer fröhlichen Heimkehr ins Vaterland; aber ein Gott wird sie dir schwer machen, und du kannst dich der Hand des Erderschütterers nicht entziehen. Du hast ihn schwer dadurch beleidigt, daß du seinem Sohne Polyphemus das Auge geblendet hast. Dennoch soll dir die Rückkehr nicht ganz abgeschnitten seyn; halte nur dein und deiner Genossen Herz im Zaume. Zuerst landet ihr auf der Insel Thrinakia: wenn ihr dort die heiligen Rinder und Schafe des Sonnengottes unberührt lasset, so dürfte euch die Heimfahrt wohl ge¬ lingen. Verletzet ihr sie aber, dann weissage ich deinem Schiff und deinen Freunden Verderben. Wenn du selbst auch entrinnest, so kommst du spät, elend und einsam nach Hause, auf einem fremden Schiff. Auch dort fin¬ dest du nur Jammer; übermüthige Männer, die dein Gut verprassen und um dein Weib Penelope freien. Wenn du diese, sey es mit List oder Gewalt, bezwungen und getödtet, und ruhiges Glück dir lange gelächelt hat, so nimm, doch erst am Abende deines Lebens, dein Ruder auf die Schulter und wandere immer fort und fort, bis du zu Menschen kommst, die das Meer nicht kennen, keine Schiffe haben, ihre Speise mit keinem Salze würzen. Und wenn dir dort in der Fremde ein Wanderer be¬ gegnet, und dir sagt, du tragest des Worflers Schaufel auf dem Rücken, dann stoße das Ruder in die Erde, bring dem Poseidon ein Opfer und wandre wieder heim. Endlich wird dich, während dein Reich blühet, ein fried¬ licher Greisentod auf dem Meere hinwegnehmen.“ Dieß war der Inhalt seiner Weissagung. Ich dankte dem Seher, aber ein neuer Gegenstand, der sich mir zeigte, legte mir eine Frage auf die Zunge. „Was sehe ich dort?“ sprach ich zu ihm. „Das ist ja der Schatten meiner Mutter! Wie stumm sitzt sie am Opferblute, ohne ihren Sohn anzuschauen! Wie mache ich es, ehrwür¬ diger Greis, daß sie mich erkenne?“ — „Vergönne ihr nur,“ erwiederte der Seher, „vom Opferblute zu trin¬ ken, so wird sie ihr Schweigen bald brechen.“ Da wich ich von der Grube mit dem Schwerte zurück und die Mutter trank. Urplötzlich erkannte sie mich, heftete ihr thränendes Auge auf mich und sprach: „Lieber Sohn, wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Haben dich der Ocean und die andern furchtbaren Ströme nicht gehindert? Irrest du noch immer seit Troja's Fall um¬ her und kommst nicht von deiner Heimath Ithaka?“ Nachdem ich ihr hierüber Aufschluß gegeben hatte, be¬ fragte ich die Mutter über ihren Tod, denn ich hatte sie lebend verlassen, als ich gen Troja zog. Auch wie es sonst bei uns zu Hause stehe, fragte ich sie mit pochendem Herzen. Und der Schatten erwiederte: „Deine Gattin, nach der du so ängstlich fragst, weilt in deinem Hause mit unerschütterlicher Treue, und Tag und Nacht weint sie um dich. Deinen Szepter führt kein anderer, sondern dein Sohn Telemachus verwaltet dein Gut. Dein Vater Laertes hat sichs auf's Land zurückgezogen, und kommt nie mehr in die Stadt; dort schläft er nicht in einer Fürstenkammer, nicht in einem weichen Bette; neben dem Heerdfeuer liegt er, wie andere Knechte, auf dem Stroh, in ein schlechtes Kleid gehüllt, den ganzen Win¬ ter über; im Sommer bettet er sich unter freiem Him¬ mel auf ein Bündel Reisig; und das Alles thut er aus Jammer über dein Geschick. Ich selbst bin dem Gram über dich, mein lieber Sohn, erlegen, und keine Krank¬ heit hat mich dahingerafft.“ So sprach sie und machte mich vor Sehnsucht er¬ beben. Als ich sie aber in die Arme schließen wollte, zerstob sie wie ein Traumbild. Nun kamen andere Schat¬ ten daher, viele Gattinnen berühmter Helden. Sie tranken alle von dem Opferblute und erzählten mir ihre Geschicke. Als die Frauen nacheinander wieder verschwunden waren, ward mir ein Anblick zu Theil, der mir das Herz im Busen bewegte. Es kam nämlich die Seele des Völker¬ fürsten Agamemnon heran. Schwermüthig bewegte sich der große Schatten nach der Opfergrube und trank von dem Blute. Da blickte er auf, erkannte mich und fing zu weinen an. Vergebens streckte er die Hände aus, mich zu erreichen; in den Gliedern war keine Spannkraft; er sank zurück zur Ferne und antwortete von dort aus auf meine sehnlichen Fragen: „Edler Odysseus,“ sprach er, „mich hat nicht, wie du wähnst, der Zorn des Mee¬ resgottes verderbt, nicht Feinde auf der Veste haben mich bezwungen. Wie man den Stier an der Krippe erschlägt, hat mich mein Weib Klytämnestra mit ihrem Buhlen Aegisthus im Bade erschlagen, mich, der ich nach Hause voll Sehnsucht nach Frau und Kindern gekommen war. Darum rathe ich dir, Odysseus, zeige dich nicht allzugefällig gegen die Gattin, vertrau' ihr aus Zärtlichkeit nicht ein jegliches Geheimniß an. Doch du hast ein verständiges und tugendhaftes Weib, du Glücklicher! Und das Knäblein, das an ihrer Brust lag, als wir Griechenland verließen, dein Telemachus, wird, als Jüngling, voll herzlicher, voll kindlicher Liebe seinen Vater empfangen. Mein ruchloses Weib hat mir nicht einmal gegönnt, die Augen an dem Anblicke meines Sohnes zu laben, bevor sie mich ermordete! Dennoch rathe ich dir, heimlich und nicht öffentlich, am Gestade Ithaka's zu landen: denn es ist doch keinem Weibe zu trauen!“ Mit diesem finstern Worte wandte sich der Schatten um, und verschwand. Nun kamen die Seelen des Achilles und seines Freundes Patroklus, des Antilochus und des großen Ajax. Zuerst trank Achilles, erkannte mich und staunte. Ich erzählte ihm warum ich gekommen. Als ich aber den berühmtesten Griechen auch im Hades, als Gebieter der Geister, selig pries, erwiederte er mißmuthig: „Sprich mir nichts Tröstliches vom Tode, Odysseus! Lieber wollte ich als Taglöhner auf Erden das Feld be¬ stellen, ohne Eigenthum und Erbe, als über die sämmt¬ liche Schaar der Todten herrschen!“ Dann mußte ich ihm vom Heldenleben seines Sohnes Neoptolemus erzäh¬ len, und als er viel Gutes und Rühmliches über ihn vernommen, wandelte der erhabene Schatten zufriedenen und mächtigen Schrittes der Tiefe wieder zu und verlor sich in derselben. Auch die andern Seelen der Abgeschiedenen, die in¬ zwischen von dem Blute getrunken hatten, standen mir nun Rede. Nur der Schatten des Ajax, den ich einst im Streit um die Waffen des Achilles besiegt und der sich deßwegen entleibt hatte, stellte sich seitwärts und zürnte. Mit sanften Worten redete ich ihn an: „Telamons Sohn, kannst du denn auch im Tode den Unmuth nicht ver¬ gessen, in welchen dich die Rüstung des Achilles versetzt hat, welche die Götter den Argivern doch nur zum Fluche bestimmt hatten? Denn durch sie bist du, der ein Thurm war in der Feldschlacht, dahingesunken, daß wir dich nächst Achilles bejammern mußten. Doch ist keiner von uns an deinem Tode schuldig; es war ein Ver¬ hängniß, das dir und uns Jupiter zugesandt hat. Darum, edler Fürst, bezwinge dein Gemüth, nahe mir, rede mit mir!“ Aber der Schatten antwortete nichts, sondern ging ins Dunkel zu andern abgeschiedenen Seelen. Nun erblickte ich auch die Schatten längst verstor¬ bener Helden: den Todtenrichter Minos; den gewaltigen Jäger Orion, welcher die Keule in der Hand, Schatten¬ bilder von Luchsen und Löwen aufscheuchte; den Tityus, dem für seine Frevel zwei Geier, von jeder Seite einer, an der Leber fraßen; den Tantalus, der dürstend mitten im Wasser stand, daß es ihm das Kinn bespülte, aber so oft er trinken wollte, wich die Welle zurück und ver¬ siegte, daß der schwarze Boden zu seinen Füßen sichtbar wurde; auch ragten Bäume voll Früchten über sein Haupt herein, voll Birnen, Feigen, Granaten, Oliven, Aepfeln: — wenn er aber, der Hungernde, sie mit den Händen haschen wollte, da schwang der Sturm die Aeste aufwärts den Wolken zu, und seine Hand griff in die leere Luft. Auch den Sisyphus sah ich, den vergebliche Pein ab¬ quälte: er war bemüht, ein großes Felsenstück einen Berg empor zu schieben; angestemmt, mit Händen und Füßen arbeitete er sich ab, und wälzte den Stein die Berghöhe hinauf. So oft er aber schon glaubte ihn auf dem Gipfel droben zu haben, glitt ihm das Felsstück aus den Händen und rollte schändlicher Weise den Berg hinunter. Da begann denn seine Anstrengung von neuem: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern, und das Haupt hüllte eine Wolke von Staub ein. Ihm zunächst stand der Schatten des Herkules, doch nur sein Schatten, denn er selbst lebt als Gemahl der Jugend¬ göttin ein seliges Leben unter den Olympischen. Sein Schatten aber stand, finster, wie die Nacht, hielt den Pfeil auf der Bogensehne und blickte schrecklich umher, als wollte er ihn eben gegen den Feind abschnellen. Ein prächtiges Wehrgehenk, mit allerlei Thiergestalten ge¬ schmückt, hing ihm über die Schultern. Auch er verschwand, und nun kam noch ein ganzes Gedräng anderer Heldenseelen. Gerne hätte ich den Theseus und seinen Freund Pirithous herauserkannt. Aber bei dem grausenvollen Getöse der unzähligen Schaaren kam mich plötzlich eine solche Furcht an, als streckte mir die Meduse ihr Gorgonenhaupt entgegen. Eilig verließ ich mit meinen Genossen die Kluft und wandte mich wie¬ der zum Gestade des Aeanus und zu unsrem Schiffe zu. Dann segelten wir, wie ich es dem Schatten Elpenors versprochen hatte, nach Circe's Insel zurück.“ Odysseus erzählt weiter. Die Sirenen. Scylla und Charybdis. Thrinakia und die Heerden des Sonnengottes. Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso. „Nachdem wir die Gebeine unsres verunglückten Ge¬ nossen,“ fuhr Odysseus fort, „auf der Insel Aeäa ver¬ brannt und zur Erde bestattet, auch dem Todten einen Grabhügel aufgehäuft hatten und eine Denksäule darauf gesetzt, und von Circe sehr freundlich empfangen und bewirthet worden waren, fuhren wir, von ihr vor allerlei Gefahren gewarnt und reichlich mit Lebensmitteln ver¬ sorgt, weiter. Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Circe geweissagt, erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nym¬ phen, die jedermann bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauber¬ lieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hin¬ überlocken läßt, ist ein Kind des Todes, und man sieht deßwegen an ihrem Ufer moderndes Gebein genug umherliegen. Bei der Insel dieser verführerischen Nym¬ phen angekommen, hielt unser Schiff stille, denn der Fahrwind, der uns bisher gelinde vorwärts getrieben, hörte mit einemmal auf zu wehen, und das Gewässer schimmerte wie ein Spiegel. Meine Begleiter nahmen die Segel von den Stangen, falteten sie zusammen, legten sie im Schiffe nieder, und setzten sich ans Ruder, um das Schiff so vorwärts zu bringen. Ich aber gedachte an das Wort, das Circe, die mir dieses Alles voraus¬ sagte, gesprochen hatte. „Wenn du an die Insel der Si¬ renen kommst und ihr Gesang euch droht, so verkleide die Ohren deiner Freunde mit Wachs, daß sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl, daß man dich, an Händen und Füßen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile schnüren!“ Daran dachte ich jetzt, zerschnitt eine große Wachs¬ scheibe und knetete sie mit meinen nervichten Fingern; das weiche Wachs strich ich sodann meinen Reisegenossen in die Ohren. Sie aber banden mich auf mein Geheiß aufrecht unten an den Mast; dann setzten sie sich wie¬ der an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vor¬ wärts. Als die Sirenen dieses heranschwimmen sahen, standen sie in der Gestalt reizender Mägdlein am Ufer und stimmten mit wundersüßer Kehle ihren hellen Gesang an, der also lautete: Komm, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achajer, Lenke das Schiff ans Land, um unsere Stimme zu hören. Denn noch ruderte Keiner vorbei im dunklen Schiffe, Eh' er aus unserem Munde die Honigstimme gehöret: Jener sodann kehrt fröhlich zurück, und Mehreres wissend. Denn wir wissen dir Alles, wie viel in den Ebenen Troja's Argos Söhn' und die Troer vom Rath der Götter geduldet, Alles was irgend geschah auf der vielernährenden Erde. So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde sie zu hören; ich winkte meinen Freunden mit dem Kopfe, mich loszubinden. Aber sie mit ihren tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher Schwab , das klass. Alterthum III . 11 auf's Ruder und zwei von ihnen, Eurylochus und Peri¬ medes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnür¬ ten auch die alten fester zusammen. Erst als wir glück¬ lich vorüber gesteuert und ganz ausser dem Bereiche der Sirenenstimmen waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren und mir lösten sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharr¬ lichkeit. Kaum waren wir etwas vorwärts gerudert, als ich von ferne Wasserstaub und eine mächtige Brandung ge¬ wahr wurde. Das war die Charybdis, ein täglich drei¬ mal unter einem Fels hervorquellender und wieder zurück¬ wallender Strudel, der jedes Schiff verschlingt, das in seinen Rachen geräth. Meinen Begleitern fuhren die Ruder vor Schrecken aus der Hand; sie flossen dem Strome nach, und das Schiff stand stille. Ich selbst sprang von meinem Sitze auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Manne gehend, Muth ein. „Lieben Freunde,“ sagte ich, „wir sind ja keine Neulinge in den Gefahren. Was auch kommen mag, ein größeres Leid als in der Höhle des Cyklopen, kann uns nicht betreffen; und doch half euch dort meine Klugheit hinaus. Drum, gehorchet mir nur Alle. Bleibt fest auf euren Bänken sitzen, und schlaget muthig mit den Ru¬ dern“ — denn sie hatten sie wieder gefangen — „auf die Brandung los. Ich denke, Jupiter hilft uns durch schleunige Flucht aus dieser Noth. Du aber, Steuer¬ mann, nimm alle deine Besinnung zusammen und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung so gut du kannst! Arbeite dich an den Fels hin, damit du nicht in den Strudel gerathest!“ So hatte ich die Freunde vor dem Strudel Charybdis gewarnt, von welchen mir Circe erzählt hatte; aber von dem Ungeheuer Scylla, das gegenüber drohete, schwieg ich noch weislich; ich fürchtete, die Genossen möchten mir vor Schrecken wieder die Ruder fahren lassen, und sich im innern Schiffsraume zusammendrängen. Eines andern Gebotes hatte ich jedoch vergessen, das Circe mir auch gegeben. Sie hatte mir nämlich ver¬ boten, mich zum Kampfe mit diesem Ungeheuer zu rüsten; ich hüllte mich aber in meine volle Waffenrüstung, nahm zwei Speere in die Hand und stellte mich so auf's Verdeck, um dem herankommenden Ungeheuer zu begegnen. Aber obgleich mir die Augen vom Umherschauen schmerz¬ ten, konnte sie mein Blick doch nicht entdecken, und so fuhr ich denn voll Todesangst in den immer enger wer¬ denden Meerschlund hinein. Diese Scylla hatte mir Circe so geschildert: „Sie ist kein sterblicher Gegner, vielmehr ein unsterbliches Unheil, und Tapferkeit vermag nichts gegen sie; die einzige Rettung ist, ihr zu entfliehen. Sie wohnt gegenüber der Charybdis in einem sein spitzes Haupt in die Wolken streckenden Fels, ewig von dunkelem Gewölk umfangen, von keinem Sonnenstrahl erleuchtet, und ganz aus glattem Gesteine aufgethürmt. Mitten in diesem Fels ist eine Höhle, schwarz wie die Nacht, in dieser haust die Scylla, und giebt ihre Gegenwart nur durch ein fürchterliches Bellen kund, welches über die Fluth herüber hallt, wie das Geschrei eines neugebornen Hundes. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmliche Füße und sechs Schlangenhälse, auf jedem derselben grinst ein scheu߬ licher Kopf mit drei dichten Reihen von Zähnen, die sie 11 * flätscht, ihre Opfer zu zermalmen; halb ist sie einwärts in die Felskluft hinabgesenkt, ihre Häupter aber streckt sie schnappend aus dem Abgrunde hervor und fischt nach Seehunden, Delphinen und wohl auch größern Thieren des Meeres. Noch nie hat sich ein Schiff gerühmt, ohne Verlust an ihr vorübergekommen zu seyn; gewöhn¬ lich hat sie, ehe sichs der Schiffer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie aus dem Schiff geraubt hat.“ Dieses Bild hatte ich vor meiner Seele und spähte vergebens umher. Indessen waren wir mit dem Schiffe ganz nahe an die Charybdis gerathen, die die Meeres¬ fluth mit ihrem gierigen Rachen einschlürfte, und wieder herausspie; die brauste wie ein Kessel über dem Feuer, und weißer Schaum flog empor, so lange sie die Fluth herausbrach; wenn sie dann die Woge wieder hinunter schluckte, senkte sich das trübe Wassergemisch ganz in die Tiefe, der Fels donnerte und man konnte in einen Ab¬ grund von schwarzem Schlamm hinuntersehen. Während nun unsere Blicke mit starrem Entsetzen auf dieses Schau¬ spiel gerichtet waren, und unwillkürlich mit dem Schiffe zur Linken auswichen, waren wir unversehens plötzlich der bisher nicht entdeckten Scylla zu nahe gekommen und ihre Rachen hatten auf Einen Zug sechs meiner tapfer¬ sten Genossen vom Bord hinweggeschnappt; ich sah sie mit schwebenden Händen und Füßen zwischen den Zäh¬ nen des Ungeheuers hoch in die Lüfte gezückt; noch aus seinen Rachen herauf riefen sie mich hülfeflehend bei Namen: einen Augenblick darauf waren sie zermalmt. So viel ich auf meiner Irrfahrt erduldet habe, ein jam¬ mervollerer Anblick ist mir nicht geworden! Jetzt aber waren wir auch glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und den Felsen der Scylla hin¬ durch, die von der Sonne glänzende Insel Thrinakia lag vor uns, und noch auf dem Meere hörten wir das Gebrüll der heiligen Rinder des Sonnengottes und das Blöcken seiner Schafe. Durch so viel Unglück gewitzigt, dachte ich auf der Stelle an die Warnung des blinden Tiresias in der Unterwelt und kündigte den Genossen an, daß er und Circe mich gewarnt, die Insel des Helios zu fliehen, weil uns dort noch das allerjämmerlichste Schicksal bedrohe. Diese Erklärung betrübte meine Be¬ gleiter über die Maßen, und Eurylochus sagte ärgerlich: „Du bist doch ein grausamer Mann, Odysseus, ganz von Stahl, und hast kein Gelenk' im Nacken! Wie, willst du im Ernst uns, den von Anstrengung und Er¬ müdung Entkräftigten nicht gönnen, einen Fuß ans Land zu setzen und uns auf dieser Insel mit Speise und Trank zu erquicken; sondern blindlings sollen wir in der Stille der Nacht hinausfahren durch die schwarzen Meer¬ einöden? Wenn nun plötzlich im Dunkel der unbändige Südwind, oder der pfeifende West herangewirbelt käme! Laß uns wenigstens diese finstere Nacht am Ufer ver¬ passen, das uns so gastlich zuwinkt!“ Wie ich diesen Widerspruch hören mußte, da merkte ich wohl, daß ein feindseliger Gott Böses über uns be¬ schlossen hatte. Ich sagte daher nur: „Eurylochus, es ist keine Kunst, mich abzuzwingen, den einzelnen Mann eurer so viele. So gebe ich euch denn nach. Aber einen heiligen Schwur müßt ihr mir thun, dem Sonnengott kein Rind oder auch nur ein Schaf abzuschlachten, wenn ihr etwa seine Heerden ansichtig werden solltet. Begnüge sich vielmehr jeder mit der Kost, mit der uns die gute Circe versorgt hat!“ Diesen Eid leisteten mir Alle willig; darauf ließen wir das Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser in die gesalzene Fluth ergoß. Alle stiegen aus dem Schiff, und es währte nicht lange, so war das Nachtessen bereit. Nach dem Mahle bewein¬ ten wir die Freunde, welche von der Scylla verschlungen worden waren, aber mitten unter den Thränen über¬ wältigte uns müde Seefahrer der Schlummer. Es mochte noch ein Drittel der Nacht übrig seyn, als Jupiter einen entsetzlichen Sturm sandte, so daß wir mit der Morgenröthe eilig unser Fahrzeug in eine Meer¬ grotte in Sicherheit brachten. Noch einmal warnte ich die Genossen vor dem Rindermorde, denn bei der unge¬ stümen Witterung sahen wir einem längeren Aufenthalte auf der Insel entgegen. Auch verweilten wir wirklich einen vollen Monat allda, weil beständiger Südwind blies, der nur auf kurze Zeit mit dem Ostwind abwech¬ selte; es war uns aber einer entgegen, wie der andere. So lange von Circe's Vorrath noch Speise und Wein übrig war, hatte es keine Noth. Als wir aber alle Nah¬ rung aufgezehrt hatten und der Hunger bei uns sich ein¬ stellte, gingen meine Begleiter anfangs auf den Fisch- und Vogelfang aus, und ich selbst machte auch einen Ausflug längs dem Ufer, ob mir kein Gott oder kein Sterblicher begegnen möchte, der mir einen Ausweg aus dieser Noth anzeigte. Als ich weit genug von den Freun¬ den entfernt war, und mich ganz in der Einsamkeit sah, wusch ich meine Hände, um sie rein emporstrecken zu können, in der Fluth, warf mich demüthig auf die Kniee und flehte zu allen Göttern um Rettung. Sie aber schickten mir einen wohlthätigen Schlummer. Während ich nun so ferne war, erhob sich Eury¬ lochus unter meinen Begleitern, und gab ihnen einen verderblichen Rath: „Hört mein Wort,“ sprach er, „schwer¬ bedrängte Freunde. Zwar ist jeder Tod den Menschen schreckhaft, aber das entsetzlichste Geschick ist doch der Hungertod! Wohlan, was bedenken wir uns, die schön¬ sten von den Rindern des Helios den Göttern zu opfern, und uns am übrigbleibenden Fleische zu sättigen? Sind wir nur glücklich nach Ithaka gekommen, so wollen wir ihn schon versöhnen, und ihm einen herrlichen Tempel bauen, auch köstliche Weihgeschenke darin aufstellen. Schickt er uns aber im augenblicklichen Zorn einen Sturm zu und bohrt unser Schiff in den Grund — nun, so will ich lieber in einem Augenblick meinen Athem in die Fluthen verhauchen, als so jämmerlich auf dieser einsamen Insel verschmachten!“ Dieß Wort gefiel meinen hungrigen Genossen. So¬ gleich machten sie sich auf, trieben die allerbesten Rinder von der Heerde des Sonnengottes herbei, die in der Nähe weideten, und nachdem sie zu den Göttern gefleht, schlachteten sie dieselben, weideten sie aus, und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden den Unsterblichen dar. Wein zum Trankopfer hatten sie kei¬ nen, weil aller längst verzehrt war; die Eingeweide und Schenkel wurden daher nur mit Quellwasser besprengt. Die reichlichen Ueberreste steckten sie an Spieße und eben setzten sie sich zum Mahle, als ich — dem die Götter den Schlaf wieder von den Augenliedern geschüttelt — herankam und mir der Opferduft schon von weitem entgegendampfte. Da jammerte ich zum Himmel empor: „O Vater Jupiter und ihr andern Himmlischen! Zum Fluche habt ihr mich in Schlummer gesenkt. Denn wel¬ cher That haben sich meine Freunde vermessen, während ich schlief!“ Inzwischen war dem Sonnengotte durch eine die¬ nende Göttin schon die Nachricht von dem großen Frevel zugekommen, der an seinem Heiligthume verübt worden war. Zornig trat er in den Kreis der Olympischen und klagte ihnen die Unbill. Jupiter selbst fuhr zürnend von seinem Throne auf, als er Solches hörte, zumal da Helios drohte, den Sonnenwagen zum Hades hinabzulen¬ ken und der Erde nicht mehr zu leuchten, wenn die Verbrecher nicht zur vollen Strafe gezogen würden. „Leuchte du,“ sagte zu ihm Zeus, „immerhin den Göt¬ tern und den Menschen, Helios, ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald mit meinem Donnerkeil treffen, daß es in Trümmer gehe und zerschmettert in den Ab¬ grund versinke!“ Diese Worte Jupiters hat mir die edle Göttin Kalypso gemeldet, die es durch ihren Freund, den Götterboten Hermes erfahren hat. Als ich nun bei dem Schiffe und den Genossen an¬ gekommen, fuhr ich sie an und schalt sie im tiefsten Unmuth. Leider aber war Alles zu spät, und die Rinder lagen geschlachtet vor mir. Aber entsetzliche Wunderzei¬ chen bezeugten den geschehenen Frevel; die Häute krochen umher, als wären sie lebendig, das rohe und gebratene Fleisch an den Spießen brüllte wie Rinder zu brüllen pflegen. Doch meine hungrigen Begleiter kehrten sich daran nicht. Sechs Tage hinter einander schmausten sie. Erst am siebenten Tage, als alles Ungewitter vorüber schien, stiegen wir wieder zu Schiffe, und fuhren in die offene See hinaus. Als wir dahin steuerten, und das Land schon längst aus den Augen verloren hatten, breitete Jupiter ein schwarzblaues Gewölk gerade über unsere Häupter aus, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich brach ein wüthender Orkan aus Westen auf uns los, beide Taue des Mastbaumes zerrissen, daß derselbe krachend rückwärts sank, und alles Geräthe auf das Schiff goß. Die ganze Last stürzte dem am Steuerende sitzenden Piloten auf den Kopf und zerknirschte ihm den Schädel, so daß er wie ein Taucher ins Meer hinabsank und die Wellen den Leichnam ver¬ schlangen. Jetzt fuhr ein Blitz mit krachendem Donner auf das Schiff hernieder und durchschmetterte es, daß es voll von Schwefeldampf wurde. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug, wie schwimmende Krähen und zappelten um das Schiff her, wogten auf und nieder, und versanken endlich Alle. Bald war ich ganz allein auf dem Schiffe und irrte darauf umher, bis die Flan¬ ken sich vom Kiel ablösten; der liegende Mastbaum krachte vollends hernieder auf den entblösten Kiel, und so fuhr das offene Wrak dahin. Ich hatte indessen die Besin¬ nung nicht verloren, ergriff ein ledernes Seil, das noch an dem Mast herunterhing und band damit Mast und Kiel zusammen. Dann setzte ich mich darauf und ließ mich in der Götter Namen von dem tobenden Sturme dahinschleudern. Endlich hörte der Orkan zu wüthen auf und der West legte sich; darüber erhub sich aber der Südwind, und versetzte mich in neue Angst; denn nun war ich in Gefahr der Scylla und Charybdis wieder zugetrieben zu werden. Und dieß geschah auch: der Morgen dämmerte kaum, als ich Scylla's spitzen Säulenfels gewahr wurde und die gräßliche aus- und einsprudelnde Charybdis ge¬ genüber erblickte. Diese verschlang, als ich bei ihr an¬ gekommen war, augenblicklich mit ihrem Strudel den Mast; ich selbst ergriff die Aeste eines von ihrem Fels überhan¬ genden Feigenbaums, schmiegte mich daran und hing da in der freien Luft, wie eine Fledermaus. So schwebte ich über der Charybdis bodenlos, bis Mast und Kiel aus ihrem Schlunde wieder hervorsprudelten. Diesen Augenblick ersah ich, war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz und ruderte nun auf dem schmalen Kiele mit den Händen auf dem Wirbel fort. Dennoch wäre ich verloren gewesen, wenn Jupiters Gnade meine Balken nicht von dem Fels der Scylla abgelenkt, und glück¬ lich aus dem durchwogten Felsenschlunde herausgeleitet hätte. Neun Tage trieb ich nun noch auf der See umher; in der zehnten Nacht brachten mich gnädige Götter end¬ lich auf Kalypso's Insel, Ogygia. Diese hehre Göttin pflegte und erquickte mich . . . . doch warum will ich euch davon erzählen? Habe ich doch schon gestern, dir, edler König, und deiner Gemahlin dieß mein letztes Abenteuer berichtet!“ Odysseus verabschiedet sich von den Phäaken. Odysseus schwieg und ruhte von seiner langen Er¬ zählung aus. Die Phäaken, die mit Entzücken zugehört, waren Alle noch in seine Rede versunken und schwiegen auch. Endlich brach Alcinous das Stillschweigen und sprach: „Heil dir, edelster der Gäste, den mein Königs¬ haus jemals aufgenommen hat! da du in meiner Wohnung eingekehrt bist, so hoffe ich, du werdest nicht mehr vom rechten Wege in die Heimath abirren und bald im Hause deiner Väter alles Elend, das du erduldet hast, vergessen! Höret nun auch ihr, lieben Freunde und be¬ ständige Gäste meines Palastes! In einer schönen Lade liegen bereits herrliche Kleidungsstücke für unsern edeln Gast bereit, dazu künstlich gearbeitetes Gold, und man¬ ches andre Geschenk, das ich und die Fürsten unter euch ihm bestimmt haben. Hierzu füge ein jeder von uns noch einen großen Dreifuß und ein Becken. Die Volksversammlung wird uns für diese großen Geschenke, die freilich dem Einzelnen schwer fallen würden, genü¬ gend entschädigen!“ Allen gefiel diese Rede, und die Versammlung der Gäste wurde aufgehoben. Am andern Morgen brachten die Phäaken sämtliche Erz-Geschenke auf das Schiff, und Alcinous selbst stellte Alles sorgfältig unter die Bänke‚ damit die Ruderer nicht dadurch gehindert würden. Hierauf kehrten Alle mit einander in den Palast des Königes zurück und dort wurde das Abschiedsmahl gerü¬ stet. Nach dem Opfer, das Jupitern von dem geschlach¬ teten Rinde dargebracht wurde, begann der Festschmaus, und der von allem Volk hochgeehrte blinde Sänger De¬ modokus sang herrliche Lieder dazu. Odysseus aber war mit seiner Seele nicht gegen¬ wärtig. Oft schaute er durch die Fenster des Saales nach dem Stand der Sonne und wünschte sehnlich ihren Untergang, so sehnlich wie einen Bauern, der den ganzen Tag über den Pflug über seinen Acker gelenkt hat, nach der Abendkost verlangt. Und endlich sprach er ohne Scheu zu seinen königlichen Wirth: „Gepriesener Held Alcinous, geuß das Trankopfer aus, und entlasse mich! du hast ja schon gethan, was meines Herzens Wunsch ist. Die Geschenke liegen auf meinem Schiffe, die Fahrt ist bereit. Mögen die Himmlischen dich segnen; möge ich mein Weib untadelhaft zu Hause finden und Kind, Ver¬ wandte und Freunde wohlbehalten!“ In seinen Wunsch stimmten alle Phäaken laut und von Herzen ein. Alcinous befahl dem Herolde Ponto¬ nous, allen Gästen umher die Becher noch einmal zu füllen. Nun stand jeder von seinem Sitze auf und wie auf Einen Wink brachten sie das Trankopfer für ihres Gastes glückselige Rückkehr den olympischen Göttern dar. Da erhub sich Odysseus, reichte seinen Becher der Königin Arete und sprach: „Lebe wohl für immer, hohe Königin, bis dich Alter und Tod, die allen Men¬ schen bevorstehen, langsam beschleichen! Ich kehre jetzt heim. Freue du dich zu Hause deiner Kinder, deines Volks, und deines edeln Gemahls!“ So sprach Odysseus und verließ die Schwelle des Palastes. Auf des Königes Befehl, der ihm scheidend die Hand mit herzlichem Drucke gereicht, geleitete ihn ein Herold, und auf Arete's Geheiß drei Dienerinnen bis ans Schiff. Die eine trug die schönen Gewande, Mantel und Leibrock, die andere die verschlossene Lade, die dritte Speise und Wein. Alles wurde wohl im Schiffe geborgen. Auf dem Verdeck aber wurde ein zottiges Fell und Leinwand darüber ausgebreitet. Da stieg Odys¬ seus schweigend ein und legte sich darauf zum Schlummer nieder. Die Ruderer setzten sich auf die Bänke. Das Schiff ward losgebunden, und wogte fröhlich unter dem Schlage der Ruder dahin. Drittes Buch. Odysseus. Zweiter Theil. Odysseus kommt nach Ithaka. — Odysseus bei dem Sauhirten. — Telemach verläßt Sparta. — Gespräche beim Sauhirten. — Telemach kommt heim. — Odysseus giebt sich dem Sohne zu er¬ kennen. — Vorgänge in der Stadt und im Palast. — Odysseus als Bettler im Saal. — Odysseus und der Bettler Irus. — Pe¬ nelope vor den Freiern. — Odysseus abermals verhöhnt. — Odysseus mit Telemach und Penelope allein. — Die Nacht und der Morgen im Palaste. — Der Festschmaus. — Der Wettkampf mit dem Bo¬ gen. — Odysseus entdeckt sich den guten Hirten. — Die Rache. — Bestrafung der Mägde. — Odysseus und Penelope. — Odysseus und Laertes. — Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt. — Der Sieg des Odysseus. — Odysseus kommt nach Ithaka. Der Schlummer des Odysseus war süß, aber auch so tief wie der Tod. Das Schiff aber flog schnell und sicher dahin, wie ein Wagen mit vier Hengsten durch die Ebene, oder wie ein Habicht durch die Luft fliegt. Es war als wüßte es, welch einen Schatz es an dem Manne trage, der in Klugheit mit den Himmlischen wetteiferte, und mehr Leiden erduldet hatte, als irgend ein Sterblicher. Jetzt aber hatte er im ruhigsten Schlafe Alles vergessen, was er jemals in Schlachten und auf den Meereswellen Herbes erfahren. Als der Morgenstern am Himmel stand und den Tag ankündigte, steuerte das Schiff in vollem Laufe schon auf die Insel Ithaka zu, und bald lief es in die sichere Bucht ein, welche dem Meeresgotte Forkys ge¬ widmet war. Zwei Landspitzen mit gezackten Felsen laufen hier zu beiden Seiten in das Meer hinaus und bilden für die Schiffe einen sicheren Hafen. Im Mittelpunkte der Bucht stand ein schattiger Oelbaum, und neben demselben war eine liebliche Grotte, in deren tiefer Dämmerung Meernymphen ihren Wohnsitz hatten. In derselben standen steinerne Krüge und Urnen gereiht, in welchen Bienen Honig bereiteten; auch Webstühle von Stein konnte man da sehen, mit purpurnen Fäden bezogen, welche die Nymphen zu wundervollen Gewanden woben. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die einen gedoppelten Eingang hatte, gegen Mitternacht für die Menschen, gegen Mittag eine ver¬ borgene Pforte für die unsterblichen Nymphen, welche nie ein Sterblicher betrat. Bei dieser Höhle landeten die Phäaken, hoben den schlummernden Odysseus mit samt Teppich und Polster aus dem Schiff, und legten ihn vor der Grotte unter dem Oelbaum im Sande nieder. Hierauf wur¬ den auch alle die Gaben ausgeschifft, welche ihm Alcinous und seine Fürsten als Geschenke mitgegeben, und sie leg¬ ten Alles sorgfältig seitwärts vom Wege, damit nicht etwa ein vorübergehender Wanderer den Fortschlummern¬ den berauben möchte. Den Helden aus dem Schlafe zu wecken wagten sie nicht, denn derselbe däuchte ihnen von den Göttern selbst ihm zugesendet. Hierauf setzten sie sich wieder ans Ruder und fuhren ihrer Heimath zu. Aber der Meeresgott Poseidon grollte den Phäaken, daß sie mit Hülfe der Pallas ihm seine Beute entrissen hätten, und erbat sich vom Göttervater die Erlaubniß, an ihrem Schiff Rache nehmen zu dürfen. Dieser gönnte sie ihm, und als das Schiff der Insel Scheria, dem Lande der Phäaken, schon ganz nahe war, und mit vollen Segeln einherwogte, stieg Poseidon aus den Wel¬ len empor, schlug es mit der flachen Hand, und ver¬ schwand wieder in der Flut. Das Schiff aber mit Allem was darauf war, wurde plötzlich in einen Felsen ver¬ wandelt, und wurzelte im Meeresboden fest. Die Phäaken, welche auf die Nachricht, daß ihre Landsleute zurückkom¬ men, nach dem Strande geeilt waren, konnten nicht genug staunen, als das Schiff, welches eben noch in vollem Fluge begriffen war, plötzlich in seinem Laufe gehemmt, stille stand. Aber Alcinous erhob sich in der Versammlung und sprach: „Weh uns, gewiß erfüllt sich jetzt an uns die uralte Weissagung, von welcher mir mein Vater erzählt hat. Poseidon, sagte mir dieser, zürne uns in seinem Herzen, daß wir, die gewandten Schiffer, jeden Fremdling glücklich in seine Heimath brin¬ gen. Einst aber werde ein phäakisches Schiff, das auch von einer solchen Begleitung heimkehre, von ihm am Ufer versteinert werden, und unsre Stadt als ein Felskamm umziehen. Darum wollen wir in Zukunft uns nicht mehr einfallen lassen, den Fremden das Geleite zu geben, die als Schutzflehende in unsre Stadt kommen; dem zür¬ nenden Meeresgott aber wollen wir zwölf Stiere opfern, damit er sich erbarme und unsre Stadt nicht ganz mit einem Gebirge von Felsen einschließe.“ Die Phäaken erschracken, als sie dieses hörten, und rüsteten sich in aller Eile zu dem Opfer. An Ithaka's Strande war Odysseus indessen vom Schlummer erwacht, aber, so lange schon von der Hei¬ math entfernt, erkannte er sie nicht mehr. Zudem hatte Pallas Athene um ihn selbst einen Nebel gebildet, damit er unkenntlich würde, und seine Gattin und Mitbürger ihn nicht früher zu erkennen vermöchten, ehe die Freier durch seine Hand ihre Missethat gebüßt hätten. So er¬ schien denn jetzt dem Helden Alles, die geschlängelten Pfade, die Meeresbuchten, die himmelan ragenden Fel¬ sen, die Bäume mit ihren hohen Wipfeln, in fremder Gestalt. Er fuhr vom Boden auf, blickte bang umher, schlug sich an die Stirne und rief wehklagend: „Ich Unglückseliger, in welche neue Fremde bin ich wieder gekommen, unter welche Unholde von Menschen? wohin rette ich mich mit dem geschenkten Gute? Wär' ich doch bei dem Volke der Phäaken geblieben, wo ich so freundlich Schwab, das klass. Alterthum. III . 12 gepflegt worden bin! Jetzt aber haben sie mich frei¬ lich auch verrathen: sie versprachen, mich nach Ithaka zu führen, und haben mich hier in dem fremden Lande ausgesetzt. Vergelte es ihnen Jupiter der Rächer! Ge¬ wiß haben sie mir auch von meinem Gute gestohlen!“ Der Held blickte sich um, sah Dreifüße, Becken, Gold, Kleider, Alles in bester Ordnung umher stehen und liegen, fing an zu mustern und zu zählen: und siehe da, ihm mangelte nichts. Als er nun nachdenklich und die Heimath betrauernd am Strande umherirrte, gesellte sich zu ihm die Göttin Athene in Gestalt eines zarten Jünglings, eines Schafhirten, aber wie ein Königssohn mit feinen Gewanden angethan, schönen Sohlen an den Füßen und einem Spieß in der Hand. Odysseus war froh, einem Menschen zu begegnen, und fragte ihn mit freundlichen Worten, auf welchem Gebiet er sich befinde, ob es ein Festland oder eine Insel sey. „Du mußt aus der Ferne daher kommen,“ antwortete die Göttin, „wenn du erst nach dem Namen dieses Landes zu fragen brauchst. Ich versichere dich, man kennt es im Westen und im Osten. Zwar ist es gebirgig, und Rosse kann man hier keine tummeln, wie im Argiverlande; arm ist es aber deßwegen nicht; Wein und Getreide gedeiht herrlich. Ziegen und Rinder hat es in Menge, dazu die schönsten Waldungen, und Quellwasser genug. Auch durch seine Bewohner ist es berühmt worden. Frage nur das tro¬ janische Land, das doch ferne genug ist, das wird dir etwas von der Insel Ithaka zu erzählen wissen!“ Wie herzlich froh war Odysseus, als er den Namen seines Vaterlandes nennen hörte! Doch hütete er sich wohl, sich dem vermeintlichen Hirten sogleich zu erkennen zu geben. Er stellte sich, als käme er mit der Hälfte seines Gutes von Creta, der fernen Insel her, wo er die andere Hälfte seinen Söhnen zurückgelassen. Mord, an dem Räuber seiner Habe verübt, habe ihn genöthigt, sich aus der Heimath zu flüchten. So erzählte er eine weit¬ läufige Fabel. Als er zu Ende war, lächelte Pallas Athene, fuhr ihm streichelnd über die Wange und verwan¬ delte sich plötzlich in eine schöne, schlanke Jungfrau. „Wahrhaftig,“ sprach sie zu ihm, „das müßte ein Aus¬ bund von Schlauheit seyn, der dich in Listen besiegte, und wenn es auch eine Gottheit wäre! Selbst im eige¬ nen Lande legst du die Verstellung nicht ab! Doch, reden wir nicht länger davon; bist du doch der Klügste aller Sterblichen, wie ich die Einsichtsvollste unter den Göt¬ tern. Mich hast du aber doch nicht erkannt, hast nicht geahnt, daß ich auch zuletzt noch in allen Gefahren neben dir stand, und dir die Liebe des Phäakenvolkes zu Wege brachte. Jetzt aber bin ich gekommen, um dir das geschenkte Gut verbergen zu helfen, zugleich um dir zu sagen, was für Prüfungen dich im eigenen Palaste erwarten und Rath darüber mit dir zu pflegen.“ Staunend blickte Odysseus an der Göttin empor und antwortete ihr: „Wie sollte auch ein Sterblicher dich erkennen, erhabene Tochter Jupiters, wenn du in allerlei Gestalten verkleidet ihm begegnest! Habe ich dich doch nicht mehr in deiner eigenen Gestalt gesehen, seit Troja zerstört ward, nur daß du im Phäakenlande dich mir zu erkennen gegeben und mir den Weg in die Stadt gezeigt. Jetzt aber beschwöre ich dich bei deinem Vater: sage mir, ist's wirklich wahr, daß ich im geliebten Va¬ terlande bin, und tröstest du mein Herz nicht mit einer 12 * Täuschung?“ „Ueberzeuge dich mit deinen eigenen Augen,“ antwortete Minerva, „erkennst du nicht die Bucht des Forkys, den Oelbaum dort, die Nymphengrotte, wo du so manche Sühnopfer dargebracht hast, und jenes finstere Waldgebirg, es ist ja das dir wohlbekannte Neriton!“ So sprach Athene und zerstreute schnell den Nebel vor den Augen des Helden, daß das Heimathland klar vor ihm lag. Erfreut warf sich Odysseus auf die mütterliche Erde nieder, sie zu küssen, und betete zu den Nymphen, den Schutzgöttinnen des Ortes, wo er stand. Hierauf half ihm die Göttin die Habe, die er mitgebracht hatte, in der Felskluft verbergen, und als Alles wohl versteckt und ein Stein davor gewälzt war, setzten sich Göttin und Held unter den Olivenbaum, und berathschlagten über den Untergang der Freier, von deren frechen Wer¬ bungen in seinem eigenen Hause, so wie von der Treue seiner Gattin, Athene ihrem Schützling ausführlichen Bericht erstattete. „Wehe mir,“ rief Odysseus, als er Alles vernommen, „hättest du mir nicht alle diese Um¬ stände verkündigt, gnädige Göttin, so hätte mich zu Hause ein eben so schmählicher Tod erwartet, wie den Agamemnon in Mycene. Wenn aber du mir ernstlich deine Hülfe gewährest, so fürchte ich, der einzelne Mann, selbst dreihundert Feinde nicht.“ Hierauf erwiederte die Göttin: „Sey getrost, mein Freund, nimmermehr werde ich dich versäumen. Vor allen Dingen will ich dafür sorgen, daß kein Mensch auf diesem Eilande dich erkenne. Das Fleisch um deine stattlichen Glieder soll zusammenschrumpfen, dein braunes Haar vom Haupte schwinden; deinen Leib hülle ich in einen Kittel, in welchem Jedermann dich nur mit Abscheu betrachtet; deine stralenden Augen mach' ich blöde: so daß du nicht nur den Freiern, sondern auch deinem Weib und deinem Sohne ganz entstellt erscheinest. Zuerst nun heiße ich dich deinen redlichsten Unterthan aufsuchen, den Hirten, der die Schweine bewacht, und mit treuer Seele an dir hängt. Bei der Quelle Arethusa am Ko¬ rarfelsen wirst du ihn finden, wie er seine Heerde hütet; dort setzest du dich zu ihm und erkundigst dich nach Al¬ lem, was zu Hause vorgeht. Unterdessen eile ich nach Sparta und rufe deinen lieben Sohn Telemachus zurück, der dort beim Fürsten Menelaus nach deinem Schicksale geforscht hat.“ „Ei, warum hast du ihm nicht lieber Alles gleich gesagt,“ fragte Odysseus etwas ärgerlich, „da dir doch Alles bekannt war? sollte etwa auch er im Elend auf dem Ocean umherirren gleich mir, während Fremde sein Gut verpraßten?“ Aber die Göttin sprach ihm Muth und Trost ein und sagte: „Aengstige dich nicht um deinen Sohn, mein Lieber! ich selbst habe ihn ge¬ leitet, und meine Absicht bei seiner Reise war, den Jüng¬ ling in der Fremde zu bilden und ihn sich Ruhm gewin¬ nen zu lassen, damit auch er den Freiern als ein Mann entgegentreten könnte. Auch drückt ihn keineswegs ein Leiden; ruhig sitzt er im Palaste des Menelaus, und nichts, was sein Herz nur wünschen mag, fehlt ihm. Es ist wahr, die Freier haben ihm zu Schiffe einen Hinterhalt gestellt und sind darauf gefaßt, ihn umzu¬ bringen, bevor er die Heimath wieder erreicht. Ich aber fürchte nichts für ihn. Ehe dieß geschieht, wird noch viele von den Freiern selbst der Boden decken!“ So sprach die Göttin und berührte den Helden leicht mit ihrem Stab, worauf ihm sogleich die Glieder zusam¬ menschrumpften, und er in einen zerlumpten, schmutzigen Bettler verwandelt wurde. Sie reichte ihm den Bettel¬ stab, nebst einem garstigen geflickten Ranzen an einem geflochtenen Tragbande, und verschwand. Odysseus bei dem Sauhirten. In dieser Gestalt wandelte der ganz unkenntlich ge¬ machte Held über die Höhen des Waldgebirges hin, nach der Stelle, die ihm seine Beschützerin bezeichnet hatte, und wo er wirklich den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumäus antraf. Er fand diesen auf der Hochebene des Gebirges, wo er seiner Heerde ringsum aus schweren Steinen, die er selbst herbeigeschleppt, ein Gehege gebaut und es mit Hagedorn umpflanzt hatte. Innerhalb desselben standen, einer an dem andern, zwölf Kofen, in deren jedem fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt lagen; die männlichen, in weit geringerer Anzahl, ruhten außerhalb der Ställe. Von diesen ließen nämlich die Freier Tag für Tag dem Sauhirten einen gemästeten Eber zu ihren Schmäusen abfordern, und es waren ihrer nur noch dreihundert sechzig. Die Heerde bewachten vier Hunde, die so wild aussahen, wie rei¬ ßende Wölfe. Der Sauhirt war gerade damit beschäftigt, sich schönes Stierleder zu Sohlen zu schneiden, seine Knechte hatten sich Alle zerstreut: drei waren mit den ausgetrie¬ benen Schweinen auf der Weide; ein Vierter war nach der Stadt geschickt worden, um den übermüthigen Freiern das verlangte Mastschwein zu bringen. Die Hunde wurden zuerst den herannahenden Odysseus gewahr und stürzten bellend auf ihn los; dieser legte den Stab aus der Hand und setzte sich. Gewiß hätte er nun in seinem eigenen Gehöfte die Schmach erfahren müssen, von seinen Hunden angefallen zu werden, wenn der Sauhirt nicht aus der Thüre seiner Hütte hervor¬ geeilt und, das Sohlenleder aus den Händen lassend, den Thieren Einhalt gethan und sie mit Steinen aus einander gescheucht hätte. Dann wandte er sich zu seinem Herrn, den er für einen Bettler hielt und sprach: „Wahr¬ haftig, es hätte wenig gefehlt, o Greis, so hätten dich die Hunde zerfleischt, und du hättest mir zu der Trübsal, die ich schon habe, noch weitern Kummer bereitet! Ist es doch genug, daß ich hülflos um meinen armen, fernen Herrn jammern muß. Hier sitze ich und mäste seine fettesten Schweine für andere Leute zum Schmaus, wäh¬ rend er selbst vielleicht im Elende nicht einmal ein Stück¬ chen trockenes Brod zu verzehren hat und in der Fremde herumirrt, wenn er anders das Tageslicht noch sieht! Komm in die Hütte, armer Mann, und laß dich mit Wein und Speise erquicken, und wenn du satt bist, sage mir, von wannen du bist und was für Gram du erduldet hast, daß du so gar jämmerlich aussiehst!“ Beide betraten die Hütte, der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsfell, darüber und hieß ihn sich niederlassen. Als Odysseus dankbar seine Freude über einen so gütigen Empfang aussprach, antwortete ihm Eumäus: „Sieh, Alter! Man soll keinen Gast verschmähen, auch den geringsten nicht. Meine Gabe ist freilich nur klein. Wäre mein guter Herr zu Hause geblieben, so hätte ich es wohl noch besser; Haus, Gut und Weib hätte er mir gegeben, und ich könnte Fremdlinge anders bewirthen! Nun aber ist er zu Grunde gegangen. Möchte doch Helena's Stamm im Unheil vergehen, die so viele Tapfere ins Verderben gestürzt!“ So sprach der Sauhirt, umschlang sich seinen Leib¬ rock mit dem Gürtel und ging hin zu den Kofen, wo ihm die Ferkel schaarenweise lagen. Von denen nahm er zwei, und schlachtete sie zur Bewirthung seines Gastes, zerschnitt das Fleisch, steckte es an Spieße, bestreute es mit weißem Mehl, und legte das Gebratene frisch an den Spießen dem Gaste vor. In eine hölzerne Kanne goß er aus dem Kruge süßen alten Wein, setzte sich dem Fremdling gegenüber und sagte: „Iß nun, fremder Mann, so gut wir es haben! Es ist eben Ferkelfleisch, denn die Mastschweine essen mir die Freier weg, diese gewaltthätigen Menschen, die weniger Götterfurcht im Herzen haben, als die frechsten Seeräuber! Wahrschein¬ lich haben sie von dem Tode meines Herren Kunde, daß sie um seine Gattin gar nicht werben, wie andere Leute, sondern niemals zu den Ihrigen heimkehrend, in aller Ruhe fremdes Gut verprassen. Tag und Nacht schlachten sie nicht ein- und zwei-, nein mehreremal, und leeren dazu ein Weinfaß ums andere. Ach, mein Herr war so reich, wie zwanzig andere zusammen! Zwölf Rinderheerden, eben so viele Schaf-, Schweine- und Ziegenheerden besitzt er auf dem Lande, die ihm theils Hirten, theils Mieth¬ linge versehen. In dieser Gegend allein sind eilf Zie¬ genheerden, welche wackre Männer hüten: auch sie müssen den Freiern alle Tage den auserlesensten Geisbock ablie¬ fern. Ich bin sein Oberhirt über die Schweine, auch ich muß Tag für Tag den besten Eber auswählen, und den unersättlichen Schwelgern zusenden!“ Während der Hirt so sprach, verschlang Odysseus, wie einer der nicht denkt, was er thut, hastig das Fleisch und trark den Wein in raschen Zügen, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Geist war ganz mit der Rache be¬ schäftigt, die er an den Freiern zu nehmen vorhatte. Als er satt gegessen und getrunken, und der Hirt ihm den Becher noch einmal voll gefüllt, trank er ihm freundlich zu und sprach: „Bezeichne mir doch deinen Herrn näher, lieber Freund! Es wäre gar nicht unmöglich, daß ich ihn kennte, und irgendwo einmal begegnet hätte; denn ich bin gar weit in der Fremde herumgekommen!“ Aber der Sauhirt antwortete ihm ganz unglaubig: „Meinst du, wir werden einem umherirrenden Manne, der uns von unserm Herrn etwas erzählen will, so leicht Glau¬ ben beimessen? Wie oft ist es schon geschehen, daß Landfahrer, die nach einer Pflege verlangten, vor meine Herrin und ihren Sohn gekommen sind, und sie mit ihren Mährchen über unsern armen Herrn bis zu Thrä¬ nen gerührt haben, bis man ihnen Mantel und Leibrock dargereicht und sie wohl bewirthet hatte. Ihm aber haben gewiß Hunde und Vögel schon lange das Fleisch von den Gebeinen verzehrt, oder die Fische haben's gefressen, und die nackten Knochen liegen am Kieselstrande. Ach, nimmermehr bekomme ich einen so gütigen Herrn, er war gar zu freundlich, gar zu liebreich. Wenn ich an ihn denke, ist mir gar nicht, als dächte ich an meinen Ge¬ bieter, sondern wie ein älterer Bruder steht er mir vor der Seele.“ „Nun, mein Lieber,“ antwortete ihm Odysseus, „weil dein ungläubiges Herz so zuversichtlich seine Rück¬ kehr läugnet, so sage ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kommt. Meinen Lohn, den Mantel und Leib¬ rock verlange ich erst, wenn er da ist; denn so entblößt ich bin, mit einer Fabel möchte ich mir nichts verdienen, ich hasse die Lügner bis auf den Tod. So höre denn, was ich dir bei Jupiter, bei diesem deinem gastlichen Tische, und bei dem Heerde des Odysseus schwöre: wann dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu beschweren.“ „O Greis,“ erwiderte Eumäus, „ich werde dir so wenig den Lohn für deine Botschaft zu entrichten haben, als Odysseus nach Hause zurückkehrt. Fasle nicht, trinke ruhig deinen Wein, und sprich von etwas Anderem. Deinen Eid laß gut seyn! Von Odysseus hoffe ich nichts mehr; mir macht jetzt nur sein Sohn Telemach Sorge; in ihm hoffte ich einst an Leib und Seele den Vater wieder zu schauen. Aber ein Gott oder Mensch hat ihm den Sinn bethört: er ist gen Pylos gefahren, um nach dem Vater zu forschen; unterdessen legten sich die Freier zu Schiff in einen Hin¬ terhalt, und werden mit ihm den letzten Sprößling vom uralten Stamme des Akrisius vertilgen. Doch, erzähle du, Greis, mir jetzt dein eigenes Leiden, wer bist du, und was brachte dich nach Ithaka?“ Odysseus machte sich den Scherz, und erzählte dem Sauhirten ein langes Mährchen, in dem er sich für den verarmten Sohn eines reichen Mannes von der Insel Kreta ausgab, und die buntesten Abenteuer von sich erzählte. Auch den Krieg vor Troja hatte er mit¬ gemacht, und den Odysseus dort kennen gelernt. Auf der Heimkehr verschlug ihn der Sturm an die Küste der Thesproten, bei deren Könige er wieder etwas von Odysseus vernommen haben wollte. Dieser sey der Gast jenes Fürsten gewesen und habe ihn kurz vor der An¬ kunft des Bettlers verlassen, um zu Dodona beim Orakel den Rathschluß Jupiters zu vernehmen. Als er mit dem langen Gewebe seiner Lügen zu Ende war, sprach der Sauhirt ganz gerührt: „Unglück¬ licher Fremdling, wie hast du mir das Herz im Leibe aufgeregt, indem du mir deine mühseligen Irrfahrten so ausführlich geschildert! nur eines glaube ich dir nicht: nämlich das, was du mir von Odysseus sagst. Was brauchst du auch so in den Wind hinein zu lügen! Mir ist es ganz entleidet, nach meinem Herrn umherzufragen und zu forschen, seit mich ein Aetolier angelogen hat, der wegen eines Todtschlags flüchtig, in mein Gehege kam, und mir betheuerte, daß er selbst ihn auf der Insel Kreta bei Idomeneus seine vom Sturm zerschmetterten Schiffe ausbessernd und ergänzend angetroffen habe. Im Sommer, oder doch im Herbste, komme er mit seinen Genossen und unendlichem Gute gewiß zurück. Darum, du Unglücklicher, bemühe dich nicht, meine Gunst durch solche Lügen erschmeicheln zu wollen, das Gastrecht ist dir ja ohnedem gesichert.“ „Guter Hirt,“ antwortete Odysseus, „ich will dir einen Vergleich vorschlagen. Wenn jener wirklich zurück¬ kommt, so sollst du mich mit Mantel und Leibrock nach Dulichium entlassen, wohin mein Herz verlangt; kommt aber dein Herr nicht heim, so hetze die Knechte gegen mich, daß sie mich von einer Felsenspitze ins Meer stür¬ zen, damit andern Bettlern die Lust zu lügen vergeht.“ „Ei, das wäre ein schöner Ruhm für mich,“ fiel ihm der Sauhirt in die Rede, „wenn ich meinen Gast, den ich in die Hütte geführt und bewirthet habe, hintendrein erschlüge! Da könnte ich ja in meinem Leben nicht mehr zu Jupiter beten! Doch das Abendessen wird bald her¬ ankommen, und es ist an der Zeit, daß meine Knechte heimkehren, dann wollen wir wieder fröhlich seyn.“ Wirk¬ lich kamen auch bald darauf die Schweine mit ihren Hütern herbei und wurden grunsend in die Kofen getrie¬ ben. Jetzo befahl der Hirt, ein fünfjähriges Mastschwein zur Ehre seines Gastes zu schlachten. Ein Theil wurde unter Gebet den Nymphen und dem Gotte Hermes ge¬ opfert, einen andern reichte er den Hütern, das beste Rückenstück wurde seinem Gaste zu Theil, obgleich er in seinen Augen nur ein Bettler war. Das rührte den Odysseus in der Seele, und er rief dankbar aus: „Möge dich, guter Eumäus, Jupiter so lieben, wie du mich, der in solcher Gestalt zu dir kam, geehrt hast.“ Der Sauhirt sprach ihm freundlich zum Mahle zu, und während sie sich fröhlich in der Hütte sättigten, bedeckten draußen Wolken den Mond, der Westwind sauste, und bald ergoß sich der Regen in Strömen. Den Helden fing es in seinen Bettlerlumpen zu frieren an, und um den Hirten zu versuchen, ob er in seiner Aufmerksamkeit so weit gehen würde, ihm seinen warmen Mantel abzutreten, fing er wieder an, ein recht erlogenes Mährchen zu erzählen. „Höret mich,“ sprach er, „Eumäus, und ihr andern Hirten! Der gute Wein bethört mich nun einmal, zu schwatzen, und entlockt mir Worte, die vielleicht besser verschwiegen blieben. Als wir einst vor Troja uns in einen Hinterhalt gelegt, wir drei, Odysseus, Menelaus und ich, mit einer Schaar von Kriegern, schmiegten wir uns, der Burg gegenüber, zwi¬ schen Rohr und Sumpf, unter unsre Rüstungen, und es wurde Nacht. Der Nordwind kam mit einem Schnee¬ gestöber, und bald hatte der Frost unsre Schilde mit einem Rande von Glatteis umzogen. Den beiden Andern that dieses nicht viel, sie hatten sich in ihre Mäntel ge¬ wickelt, und schlummerten, von der Kälte unangefochten, unter ihren Schilden. Ich dagegen hatte beim Weggehen unbedachtsamer Weise meinen Mantel den Freunden zu¬ rückgelassen, denn auf eine solche Kälte hatte ich keines¬ wegs gerechnet, sondern war nur im Gürtel und mit dem Schilde ausgegangen. Nun war noch ein Drittel von der Nacht übrig, und die Morgenkälte am schnei¬ dendsten. Da stieß ich endlich meinen Nachbar, den schlafenden Odysseus, mit dem Ellbogen an, und ermun¬ terte ihn mit den Worten: Du, wenn die Nacht noch lange währt, so bringt mich der Frost um. Ein böser Dämon hat mich verführt, im bloßen Rocke ohne Mantel zu gehen! Wie das Odysseus hörte, der bekanntlich ein Mann, zum Rath so gut wie zur Schlacht war, so flü¬ sterte er mir zu: Still, daß kein Achaier uns hört; dir soll bald geholfen seyn! Dann richtete er sich vom Lager auf, stützte sein Haupt auf den Ellbogen und rief über die Schläfer hin: Freunde, die Götter haben mir einen warnenden Traum gesendet: wir haben uns zu weit von den Schiffen entfernt, will nicht einer gehen, und dem Agamemnon die Aufforderung bringen, uns noch mehr Streitgenossen zu schicken? Auf diese Worte sprang einer unsrer Krieger, Thoas, der Sohn des Andrämon, dienst¬ bereit vom Boden auf, legte seinen Mantel von sich, und eilte zu den Schiffen. Ich aber wickelte mich behaglich in denselben und schlief nun getrost bis zur Morgenröthe. Ja, wär' ich noch der junge stattliche Mann wie da¬ mals, so würde mir, aus Liebe wie aus Scheu, wohl auch irgend ein Sauhirt im Gehege hier seinen Mantel zum Schirme gegen den Nachtfrost leihen. Jetzt kümmert sich freilich kein Mensch in meinen Lumpen um mich!“ „Das ist ein schönes Gleichniß,“ sagte Eumäus lachend, „das du uns da erzählt hast, Fremdling, drum soll es dir auch jetzt weder an Kleidung, noch an irgend etwas Anderem mangeln. Morgen mußt du freilich wie¬ der mit deinen Lumpen fürlieb nehmen; denn wir selbst haben nichts Uebriges zum Anlegen, wenn aber der Sohn des Odysseus glücklich heimkehren sollte, so wird er dich ganz gewiß mit Mantel und Leibrock beschenken, und dich geleiten lassen, wohin du wünschest.“ So sprechend erhob sich Eumäus, und bereitete seinem Gaste nicht weit vom Feuerherd ein Bett, das er ihm aus Schaf¬ pelzen und Ziegenhäuten zurecht machte, und nachdem sich Odysseus darauf niedergelegt, deckte er ihn mit einem dichten großen Mantel zu, den er selbst bei den heftigen Winterstürmen anzuziehen pflegte. So lag denn der Held warm gebettet, und schickte sich zum Schlummer an; neben ihm legten sich auch die Knechte zum Schlafe nieder; aber Eumäus wählte sein Nachtlager nicht in der Hütte, denn er mochte nicht entfernt von seinen Schweinen schlafen; er nahm viel¬ mehr die Waffen zur Hand und begab sich hinaus zu den Ställen, das Schwert um die Schulter gegürtet und in einen dichten Mantel gehüllt. Auch ein zottiges Ziegenfell nahm er mit zur Unterlage, und in der Hand trug er einen scharfen Spieß, Hunde und Männer, die etwa herannahen könnten, damit zu schrecken. So legte er sich, vor dem schneidenden Nordwinde geschirmt, vor die Kofen seiner Schweine. Odysseus war noch nicht eingeschlafen, als der Sauhirt in diesem Aufzuge die Hütte verließ. Er blickte ihm theilnehmend nach und freute sich innerlich im Herzen, einen so ehrlichen und getreuen Knecht zu besitzen, der das Gut seines Herrn, den er längst für verloren hielt, mit so gewissenhafter Sorgfalt verwaltete. In diesem Gefühl überließ sich der Held dem erquicklichen Schlummer. Telemach verläßt Sparta. Pallas Athene, die Göttin, wandelte inzwischen nach Sparta, und fand dort die beiden Jünglinge aus Pylus und aus Ithaka bei dem Fürsten Menelaus auf ihr Nachtlager hingestreckt. Pisistratus, der Sohn des Nestor, lag in süßem Schlafe; den Telemach aber labte kein Schlummer. Er wachte die ganze Nacht hindurch aus Bekümmerniß über das Schicksal seines Vaters. Da sah er auf einmal die Tochter Jupiters vor seinem Bette stehen, die also zu ihm sprach: „Du thust nicht wohl daran, Telemachus, fern von deinem Hause dich in der Irre umherzutreiben, während in deinem Palaste zügel¬ lose Männer dein Gut unter sich vertheilen. Wohlan, bitte den Fürsten Menelaus unverzüglich um die Heim¬ fahrt, ehe deine Mutter eine Beute der Freier wird. Denn bereits stürmen Vater und Brüder auf sie ein und verlangen, daß sie den Eurymachus zum Gemahl erkiese, der allerdings mit seinen Geschenken alle Andern über¬ troffen hat, und sich noch zu reichlicherer Bräutigams¬ gabe erbietet. Wenn sie aber diesen wählt, dann magst du selbst zusehen, wie es dir ergehen wird! Eile daher zurück, und im schlimmsten Fall übergieb deine Güter einer getreuen Dienerin, bis dir die Götter einmal eine würdige Gemahlin bescheren. Aber noch eines vernimm: in der Meerenge zwischen Ithaka und Same liegen die tapfersten Freier in einem Hinterhalte, und sind dazu ge¬ rüstet, dich umzubringen, ehe du dein Vaterland wieder erreichest. Steure deswegen fern von den andern Inseln und fahre nur in der Nacht: für guten Wind wird ein Gott sorgen. Hast du sodann das nächste Ufer von Ithaka erreicht, so sende deine Genossen alle sogleich nach der Stadt, du selbst aber begieb dich vor allen Din¬ gen zu den treuen Hirten, der deine Schweine bewacht; bei ihm bleibst du bis an den Morgen, und von dort aus meldest du der Mutter Penelope deine glückliche Zu¬ rückkunft aus Pylos!“ Nachdem sie also gesprochen, flog die Göttin wieder zum Olymp empor. Telemach aber weckte den Sohn Nestors, indem er ihn mit dem Fuß an die Ferse stieß, und rief: „Wach auf, Pisistratus, schirre die Rosse vor den Wagen, und laß uns die Heimfahrt beginnen.“ „Wie,“ antwortete der Sohn Nestors noch im halben Schlummer, „wir werden doch im Dunkel der Nacht nicht auf die Fahrt gehen wollen? Warte doch, bis der Morgen kommt: dann legt uns der König Menelaus schöne Geschenke in den Wagensessel und entläßt uns mit freundlichen Abschiedsworten.“ Während sie so noch länger miteinander über die Abreise unterhandelten, er¬ schien die Morgenröthe, und Menelaus erhub sich noch vor den Jünglingen von dem Lager. Als ihn Telemachus in der Ferne durch die Halle wandeln sah, warf er sich schnell in seinen Leibrock, schlug den Mantel um die Schultern, trat zu dem Fürsten und bat ihn um Ent¬ lassung in die Heimath. Freundlich entgegnete ihm Me¬ nelaus: „Lieber Gast, ich bin weit entfernt, dich länger aufhalten zu wollen, wenn du dich nach Hause sehnest. Ich selbst kann den Wirth nur tadeln, der durch lästige Freundschaft sich gegen seinen Gastfreund als ein Feind beweist. Es ist eben so arg, einen Eilenden aufzuhalten, als einen Zögernden an die Heimkehr zu erinnern. Warte nur so lange, bis ich dir Geschenke in den Wagen ge¬ legt, und die Weiber dir einen Schmaus bereitet haben.“ „Edler Fürst,“ antwortete Telemachus, „ich wünsche nur deßwegen heimzukehren, um nicht, während ich nach dem Vater forsche, selbst zu Grunde zu gehen: denn es war¬ ten allerlei Gefahren auf mich, und im väterlichen Palaste wird mein Erbgut aufgezehrt.“ Als Menelaus dieses hörte, sorgte er in aller Eile für das Mahl, und ver¬ fügte sich mit Helena und Megapenthes in die Vorraths¬ kammer. Hier suchte er selbst einen goldenen Becher heraus, seinem Sohne Megapenthes gab er einen schönen Schwab , das klass. Alterthum. III . 13 silbernen Krug zu tragen, und aus dem Kasten suchte Helena das unterste ihrer selbstgewirkten Gewande her¬ vor, welches das schönste und größte von allen war. Mit diesen Gaben kehrten sie zu dem Gastfreunde zurück; Menelaus reichte ihm den Becher, sein Sohn stellte den Krug vor ihm auf, und Helena ging mit ihrem Gewand in den Händen ihm entgegen und sprach: „Nimm dieses Geschenk, lieber Sohn, als ein Andenken aus der Hand Helena's: am Hochzeittage soll es deine junge Braut tragen; bis dahin mag es im Gemache deiner Mutter liegen. Du aber kehre mit fröhlichem Herzen in das Haus deiner Väter zurück.“ Telemach empfing die Gaben mit ehrerbietigem Danke, und sein Freund Pisistratus legte sie, jedes Einzelne be¬ wundernd, im Wagenkorbe nieder. Dann führte Mene¬ laus die Gäste noch einmal in seinen Saal, und der Abschiedsimbiß wurde genossen. Als sie schon auf dem Wagen saßen, trat Menelaus, mit einem vollen Becher in der Rechten, noch einmal vor die Rosse, brachte zu glücklicher Abfahrt den Unsterblichen eine Opferspende dar, trank mit einem Handschlage den Jünglingen zu, sagte ihnen Lebewohl, und gab ihnen einen Gruß an seinen greisen Freund Nestor auf. Während Telemach noch dankte und seinen Wunsch aussprach, den Vater Odysseus im Palaste heimgekehrt zu treffen, und ihm von des Menelaus Gastfreundschaft Bericht abstatten zu kön¬ nen: siehe da flog ein Adler, mit einer zahmen Gans aus dem Hofe in den Klauen, von schreienden Männern und Weibern verfolgt, rechts her gerade vor die Rosse der Jünglinge. Alle freuten sich über dieses Zeichen, Helena aber sprach: „Höret meine Weissagung, ihr Freunde! wie der Adler, aus seinem Nest im Gebirge gekommen, die Gans weggerafft hat, die sich vom Fett unsrer Woh¬ nung mästete: so wird Odysseus nach langer Irrfahrt und Qual als Rächer in die Heimath zurückkehren, oder ist schon zurückgekehrt, den gemästeten Freiern zum Ver¬ derben!“ „Geb' es Jupiter so,“ antwortete Telemach, „dann, edle Fürstin, will ich dich zu Hause stets wie eine Göttin anflehen.“ Und nun eilten die beiden Gäste mit dem Wagen davon. Am Abend übernachteten sie, gastreich gepflegt, wieder in der Burg bei dem gütigen Helden Diokles zu Pherä, und am zweiten Tage erreichten sie glücklich die Stadt Pylos. Aber ehe sie hineinfuhren, wandte sich Telemach bittend an seinen jungen Freund: „Lieber Pi¬ sistratus,“ sprach er, „so befreundet unsere Väter sind, so innig diese Fahrt uns beide vereinigt hat: verarge mir's nicht, wenn ich die Stadt nicht betreten will, daß dein greiser Vater mich nicht aus lauter Liebe mit Zwang in seiner Wohnung zurückhalte, denn du weißest ja selbst, wie sehr ich meine Heimkehr beschleunigen muß.“ Pisistratus fand sein Gesuch natürlich, lenkte mit seinen Rossen an der Stadt vorüber, und brachte den Freund geradenwegs an den Strand zu seinem Schiffe. Hier nahm er recht herzlichen Abschied von seinem Freunde und sprach: „Besteige nur rasch dein Schiff und fahre davon; denn erführe mein Vater, daß du da bist, er würde gewiß selbst kommen und dich nöthigen, in seinem Palast einzukehren.“ Telemach gehorchte seinen Worten, die Genossen bestiegen das Schiff und setzten sich auf die Ruderbänke, er selbst aber stellte sich noch auf dem Strande hinten an das Steuerruder des Schiffes und 13 * brachte seiner Beschützerin Athene unter Gebet ein Opfer dar. Während er dieß that, näherte sich ein Mann mit hastigen Schritten dem äußersten Ufer, streckte seine Hände nach Telemach aus und rief: „Bei deinem Opfer, Jüng¬ ling, bei den Göttern und bei der Wohlfahrt deines Hauptes und der Deinigen flehe ich zu dir: sage mir, wer du bist und wo du wohnest.“ Als Telemach ihm Alles der Wahrheit nach kurz zugerufen, fuhr er fort zu bitten: „Auch ich bin auf der Wanderschaft begriffen. Ich bin der Seher Theoklymenus, mein Geschlecht stammt aus Pylos, ich selbst aber hausete zu Argos. Dort hab' ich im Streit und Jähzorn einen Mann aus mächtigem Geschlecht erschlagen, und bin seinen Brüdern und Ver¬ wandten, die mir den Tod geschworen haben, entronnen. Hinfort bleibt mir nichts übrig, als wie ein Verbannter durch die Welt zu irren. Du aber, guter Jüngling, be¬ trachte mich als einen Schutzflehenden und laß mich zu dir ins Schiff, denn meine Verfolger sind mir auf den Fersen!“ Telemach, der einen milden Sinn hatte, nahm den Fremdling gern in sein Schiff auf, und versprach ihm, auch in Ithaka für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Er empfing zuerst den Speer aus den Händen des Fremden, und legte ihn auf's Verdeck nieder; dann bestieg er selbst mit dem Seher das Schiff und setzte sich mit ihm an das Steuerende; die Seile, mit welchen das Fahrzeug am Gestade angebunden war, wurden abgelöst, der Mast aus Fichtenholz in die mittlere Vertiefung des Schiff¬ bodens gestellt und hoch aufgerichtet, die weißen Segel mit Riemen an den Stangen aufgespannt, und unter dem Sausen des günstigsten Windes flog das Schiff davon. Gespräche bei'm Sauhirten. In der Hütte des Sauhirten zu Ithaka saß Odysseus mit Eumäus und den andern Hirten am Abende dieses Tages vergnüglich bei der Nachtkost, und um ihn zu versuchen, wie lang er ihm wohl Herberge gönnen werde, sprach er nach dem Essen zu seinem Wirth: „Morgen, mein Freund, will ich an meinem Bettelstab in die Stadt gehen, um euch nicht länger beschwerlich zu fallen. Da rathe mir denn, und gieb mir einen Be¬ gleiter mit, der mir den Weg zeige, denn ich will in der Götter Namen die Stadt durchirren und sehen, wo ich ein wenig Wein und Brod erhalte. Auch möchte ich gern in den Palast des Königs Odysseus gehen und dort seiner Gemahlin Penelope sagen, was ich von ihm weiß. Am Ende würde ich auch den Freiern gegen Unterkunft und Speise meine Dienste anbieten; verstehe ich mich doch trefflich auf's Holzspalten, Feueranmachen, Bratspießwenden, Speisevorlegen und Weinvertheilen, und auf andere derlei Geschäfte, wie sie Vornehme von den Geringern zu fordern pflegen.“ Aber der Sauhirt run¬ zelte die Stirn und erwiederte: „Gast, was kommt dir für ein Gedanke in den Sinn, willst du dich ganz ins Verderben stürzen? meinst du, die trotzigen Freier wer¬ den nach deinen Diensten lüstern seyn? Die haben ganz andere Diener, als du einer wärest! Jünglinge in den zierlichsten Kleidern, mit blühendem Antlitze, das Haupt von Salben duftend, stehen ihnen zu Gebot und bedie¬ nen die prächtigen Tische, welche stets mit Fleisch, Brod und Wein belastet sind. Bleib du bei uns, wo deine Gesellschaft weder mir noch den Meinigen beschwerlich ist, und warte auf den guten Sohn des Odysseus, der dich mit aller Nothdurft wohl versorgen wird!“ Odysseus nahm das Anerbieten dankbar an und bat darauf den Hirten, ihm auch zu erzählen, wie es den Eltern seines Herrn gehe, ob sie noch leben, oder schon in den Hades hinabgestiegen seyen. „Laertes, der Vater, lebt noch,“ antwortete ihm Eumäus, „aber er beweint untröstlich den entfernten Sohn und die Gattin, die der Gram um den Verlorenen umgebracht hat. Auch ich muß diese gute Frau beweinen; ist doch sie es, die mich mit ihrer Tochter Ktimene fast wie einen Sohn aufge¬ zogen hat. Als später die Tochter nach Samos ver¬ mählt wurde, stattete mich die Mutter reichlich aus und schickte mich hierher auf's Land. Jetzt muß ich freilich Vieles entbehren, und nähre mich so gut ich kann von meinem Amte hier. Penelope, die jetzige Königin, kann nichts für mich thun; sie ist von den Freiern umgeben und bewacht, und ein ehrlicher Diener kann gar nicht bis zu ihr durchdringen.“ „Guter Sauhirt,“ fragte Odysseus weiter, „woher stammest du denn, und wie bist du in den Dienst dieses Hauses gekommen?“ Der Hirt schenkte seinem Gaste den Becher wieder voll und erwie¬ derte: „Trink, mein guter Alter, und laß dich die lange Geschichte nicht verdrießen, hier zwingt uns ja Niemand, früh zu Bette zu gehen, und wir können die ganze Nacht durch schwatzen. Dort über Ortygia hin liegt eine nicht sonderlich bevölkerte, aber fruchtbare und gesunde Insel mit Namen Syria, mit zwei Städten. Ueber beide herrschte als mächtiger Fürst mein Vater Ktesius, der Sohn des Ormenos. Als ich noch ein kleiner Knabe war, landeten dort trügerische Seefahrer aus Phönizien, die allerlei niedliche Waaren auf ihrem Schiffe zum Verkauf mitbrachten, und lang an unsrer Küste blieben. Nun hatten wir damals ein phönizisches Weib, schön und schlank von Gestalt, die mein Vater als Sklavin erstan¬ den hatte, und die wegen ihrer kunstreichen Arbeiten sehr beliebt war, in unserer Wohnung. Diese wurde mit einem der phönizischen Krämer, ihrer Landsleute, ver¬ traut, und hängte ihr Herz an ihn. Der Schiffer versprach ihr, sie mit sich als seine Gattin in seine und ihre Hei¬ math nach Sidon zu bringen, und die treulose Sklavin gelobte ihm dagegen, aus meines Vaters Hause nicht nur die Hände voll Gold als Fährlohn mitzubringen, sondern auch noch etwas Besseres. Ich erziehe nämlich, sagte sie, den kleinen Sohn des Fürsten, er ist schon recht gescheut für sein Alter, und läuft so mit, wenn ich Gänge außer dem Hause zu machen habe. Diesen bringe ich euch auf das Schiff, und ihr werdet keinen kleinen Gewinn von ihm machen. So sprach das falsche Weib und ging nach dem Palaste zurück, als wenn nichts geschehen wäre; denn die Kaufleute verweilten noch ein ganzes Jahr auf der Insel. Als sie sich endlich mit dem schwer beladenen Schiffe zur Heimfahrt rüsteten, erschien ein listiger Mann mit einem goldenen Halsbande im Palaste meines Va¬ ters, und bot es zum Verkauf an. Mutter und Mägde umstanden ihn im Saal, faßten es Eine um die Andere mit der Hand, musterten es mit den Augen, feilschten um den Preis. Während dessen gab der Mann (denn es war ein Bote der Phönizier) dem Weib einen heim¬ lichen Wink. Kaum hatte er das Haus verlassen, so nahm diese mich an der Hand und entführte mich aus dem Palast. Im Vorsaal fand sie Tische und Becher für Gäste des Vaters aus der Rathsversammlung ge¬ rüstet. Da sah ich, wie sie schnell drei goldene Gefäße hinwegnahm und im Wurf ihres Gewandes verbarg; in meiner Einfalt besann ich mich nicht darüber, sondern folgte ihr. Die Sonne war eben am Untergehen, als wir im Hafen anlangten und mit der übrigen Mann¬ schaft das Schiff bestiegen. Wir fuhren mit günstigem Winde ab und mochten etwa sechs Tage lang gesteuert seyn, als das verräthe¬ rische Weib, vom Pfeile Diana's, wie man sagt, ge¬ troffen, plötzlich im Schiffsraume todt zu Boden fiel, wie ein Seehuhn, das der Jäger geschossen. Man warf sie über Bord den Fischen zur Beute und ich kleines Kind blieb allein, ohne einen Menschen, der sich meiner an¬ genommen hätte, auf dem Schiffe. Die Phönizier aber landeten endlich in Ithaka, wo mich der alte Laertes von den Kaufleuten erhandelte. Auf diese Weise habe ich zuerst unsre Insel mit Augen gesehen.“ „Nun,“ sprach Odysseus, „du darfst doch nicht ganz unzufrieden mit deinem Schicksale seyn, denn Ju¬ piter hat dir zu dem Bösen doch auch Gutes bescheert, und einem freundlichen Mann in die Hand gegeben, der es dir an nichts fehlen ließ, und auf dessen Gute du noch immer in Gemächlichkeit lebst! Ich Armer dagegen irre in beständiger Verbannung umher!“ Unter solchen Gesprächen war ihnen die Nacht fast ganz dahingegangen und sie schliefen nur noch weniges, bis die anbrechende Morgenröthe sie weckte. Telemach kommt heim. An demselben Morgen landete Telemach mit seinen Begleitern an Ithaka's Gestade. Dem Rathe Minerva's gehorchend, hieß er diese ohne Verzug nach der Stadt fortrudern, versprach ihnen am andern Morgen durch ein fröhliches Mahl den Dank für die Reise zu be¬ zahlen, und schickte sich zum Wege nach den Hirten an. „Aber wo soll ich hingehen, mein Sohn,“ fragte den Scheidenden Theoklymenus, „wer in der Stadt wird mich aufnehmen? soll ich etwa geradenweges auf den Palast deiner Mutter zugehen?“ „Hätte unser Haus,“ antwortete Telemach, „ein anderes Ansehen, als es gegen¬ wärtig hat, so würde ich dir unbedenklich dazu rathen, so aber würdest du von den Freiern doch nicht vorge¬ lassen, und meine Mutter webt im einsamsten Gemache des Hauses an einem Gewande. Da wäre es noch klüger, dich in das Haus des Eurymachus zu begeben, der ein Sohn des in Ithaka hoch angesehenen Mannes, des Polybus, und der erste unter denen ist, die sich um meine Mutter bewerben!“ Während er noch redete, flog ein Habicht mit einer Taube vorüber, deren Gefieder er berupfte. Da führte der Seher den Jüngling bei der Hand auf die Seite und sagte ihm ins Ohr: „Sohn, wenn meine Kunst mich nicht ganz täuscht, so gilt dieses Zeichen deinem Hause. Nie wird ein anderes Geschlecht auf Ithaka walten: ihr seyd die ewigen Beherrscher die¬ ses Landes!“ Ehe nun Telemach von Theoklymenus Abschied nahm, empfahl er diesen noch seinem vertrautesten Freunde, dem Piräus, dem Sohne des Klytius, daß er den Fremdling in seine eigene Wohnung aufnehmen und liebreich pflegen möchte, bis Telemach in die Stadt käme. Dann schied er, und die Genossen fuhren weiter. Inzwischen rüsteten Odysseus und der Sauhirt in der Hütte das Frühstück und die Knechte trieben die Schweine hinaus. Als sie behaglich beim Mahle saßen, ließen sich draußen Fußtritte hören und die Hunde wurden laut, doch ohne zu bellen; sie schienen vielmehr einem Herankommenden zu schmeicheln. „Gewiß,“ sagte Odysseus zu dem Hirten, „besucht dich ein Freund oder Bekann¬ ter: denn gegen Fremde geberden sich deine Hunde ganz anders, das hab' ich erfahren!“ Das Wort war noch nicht ganz ausgeredet, als sein lieber Sohn Telemach unter der Hüttenthüre stand. Der Sauhirt ließ das Trinkgeschirr vor freudiger Be¬ stürzung aus der Hand sinken, eilte seinem jungen Herrn entgegen, umschlang ihn, und bedeckte ihm weinend Antlitz, Augen und Hände mit seinen Küssen, als wäre er vom Tode erstanden. Ein alter Vater kann seinen einzigen spätgeborenen Sohn, wenn dieser nach zehn Jahren aus der Fremde kommt, nicht herzlicher bewillkommnen. Jener trat erst über die Schwelle, als er von seinem Diener vernommen, daß in der Mutter Hause nichts Neues vor¬ gefallen sey. Dann übergab er dem Hirten seine Lanze und ging in die Hütte. Sein Vater Odysseus wollte dem Hereintretenden auf seinem Sitze Platz machen, Telemach aber hielt ihn und sagte freundlich: „Bleib nur sitzen, Fremdling, der Mann da wird mir schon meinen Platz anweisen.“ Inzwischen bereitete Eu¬ mäus seinem jungen Herrn ein weiches Polster aus grü¬ nem Laube, darüber er einen Schafpelz deckte. Nun setzte sich Telemach zu den Beiden, und der Sauhirt tischte eine Schüssel mit gebratenem Fleische auf, stellte den Brodkorb dazu, und mischte in der hölzernen Kanne den Wein. So schmausten sie alle drei zusammen. Da fragte denn Telemach den Diener nach dem Fremdlinge, und dieser brachte kürzlich vor, was Odysseus an ihn hingefabelt. „Er hat sich jetzt,“ beschloß er seine Ant¬ wort, „aus einem thesprotischen Schiffe geflüchtet und kam in mein Gehege; ich gebe ihn dir in die Hände, thue mit ihm, wie du willst.“ „Dein Wort ängstet mich,“ erwiederte Telemach, „wie kann ich den Mann in meinem Hause, so wie es dort aussieht, beschirmen? behalte du ihn lieber hier; ich will ihm Rock und Mantel auf den Leib, Beschuhung an die Füße, und um die Lenden ein zweischneidiges Schwert schicken, auch Speise genug, damit er dir und deinen Knechten nicht beschwer¬ lich falle. Nur kann ich nicht darein willigen, daß er sich unter die Freier begebe, denn diese schalten und walten gar zu frech im Hause, selbst ein gewaltiger Mann vermöchte nichts gegen sie.“ Odysseus der Bettler drückte seine Verwunderung darüber aus, daß die Freier, dem Sohne des Hauses zum Trotze, sich so viele Unarten herausnehmen dürften. „Haßt dich denn etwa,“ fragte er den Telemach, „das Volk, oder liegst du mit Brüdern im Streite, oder gibst du dich von freien Stücken so tief herunter? Wär' ich so jung wie du und der Sohn des Odysseus, oder gar er selber — käme zurück (denn noch ist ja die Hoffnung dazu noch nicht ganz verloren!) eher sollte mir ein Frem¬ der den Kopf von der Schulter hauen, ja lieber wollte ich in meinem eigenen Hause sterben, als daß ich so schändliche Thaten länger mit anschaute!“ Darauf antwortete Telemach: „Nein, lieber Gast, das Volk haßt mich nicht; auch habe ich keine Brüder, die mich anfeindeten, ich bin das einzige Kind im Hause; aber feindselig gesinnte Männer von allen Inseln umher und von Ithaka selbst werben in Unzahl um meine Mut¬ ter. Sie weicht ihnen aus, ohne ihnen wehren zu kön¬ nen, und in Kurzem wird mein Haus und Gut verwü¬ stet seyn.“ Dann wandte er sich zu dem Sauhirten und sprach: „Du aber, Väterchen, thu' mir den Gefal¬ len und eile hinein in die Stadt zu Penelope meiner Mutter, und sag' ihr, daß ich da bin, doch so, daß es ja kein Freier vernimmt.“ „Soll ich,“ fragte Eu¬ mäus, „nicht den Umweg über deinen Großvater Laertes machen, und ihm deine Heimkehr auch zu wissen thun? Seitdem du nach Pylos gefahren bist, erzählen sie, habe er keine Speise und keinen Trank mehr genossen, und nicht mehr nach den Feldarbeiten gesehen, in beständiger Betrübniß sitze er dort, von den Gliedern schwinde ihm das Fleisch.“ „So betrübt es ist,“ antwortete Telemach, „so kann ich dich doch den Umweg nicht machen lassen. Nicht bald genug kann mir die Mutter wissen, daß ich wieder gekommen bin!“ So sprach er und trieb den Diener an. Der Sauhirt langte sich seine Sohlen hervor, band sie sich unter die Füße, griff zu seiner Lanze und eilte fort. Odysseus gibt sich dem Sohne zu erkennen. Pallas Athene, die Göttin, hatte nur den Augen¬ blick abgewartet, wo Eumäus die Hütte verlassen haben würde. Da erschien sie unter der Thüre in Gestalt einer schönen Jungfrau, doch nicht dem Telemach sichtbar, sondern nur seinem Vater und den Hunden; diese aber bellten nicht, sondern verkrochen sich winselnd nach der andern Seite des Hofes. Dem Odysseus winkte die Göttin; er verstand ihr Gebot und verließ auf der Stelle die Hütte. An der Hofmauer fand er seine Beschützerin stehen, die zu ihm sprach: „Jetzt, Odysseus, brauchst du dich nicht länger vor dem Sohne zu verbergen. Beide mit einander möget ihr zum Verderben der Freier in die Stadt eingehen. Ich selbst werde euch auch nicht lange fehlen; denn ich brenne vor Begierde, diese Frevler zu bekämpfen!“ So sprach die Göttin und berührte den Bettler mit ihrem goldenen Stab. Da war ein Wunder zu sehen. Mantel und Leibrock wie früher umgab des Helden sich verjüngende Gestalt wieder; sein Wuchs strebte empor, sein Antlitz bräunte sich, die Wangen wurden voller, die Haare dicht, und um das Kinn sproßte wieder das gekräuselte schwarze Barthaar. Nach¬ dem sie solches vollbracht hatte, verschwand Athene. Als Odysseus wieder in die Hütte eintrat, sah ihn der Sohn mit Staunen an, glaubte einen Gott zu erblicken, und mit abgewandten Augen sprach er: „Fremd¬ ling, du siehst ganz anders aus als vorhin; andre Kleider hast du an; deine ganze Gestalt ist verwandelt, du bist fürwahr einer der Himmlischen! laß dir opfern und schone unser.“ — „Nein, ich bin kein Gott,“ rief Odys¬ seus, „erkenne mich doch, Kind, ich bin ja dein Vater, um den du dich so viel gegrämt hast!“ Die so lange gewaltsam gehemmten Thränen stürzten ihm bei diesen Worten aus den Augen; er eilte auf den Sohn zu und umfing ihn unter Küssen. Aber Telemach konnte es noch immer nicht glauben. „Nein, nein,“ rief er, „du bist nicht mein Vater Odysseus, ein böser Dämon täuscht mich, damit ich nur noch tiefer ins Leid versinke. Wie vermöchte sich auch ein Mensch aus eigener Kraft so zu verwandeln!“ „Staune doch den heimkehrenden Vater nicht so gränzenlos an, lieber Sohn,“ erwiederte Odys¬ seus, „ich bin es, der nach zwanzig Jahren in die Hei¬ math zurückkommt, und kein Anderer. Das Wunder ist ein Werk der Göttin Athene, sie hat mich so umgeschaf¬ fen, daß ich bald als ein Bettler einhergehe, bald als ein Jüngling; denn den Göttern wird es leicht, einen Sterblichen bald zu erniedrigen, bald zu erhöhen.“ So sprach Odysseus und setzte sich. Jetzt erst wagte es der Jüngling, unter heißen Thränen seinen Vater zu umschlingen; in beiden regte sich der lange Gram, sie fingen an laut zu weinen, und ihre Klage tönte so herz¬ zerreissend, wie der Ruf der Vögel, denen man ihre Jungen geraubt hat, ehe sie flügg geworden sind. Als sie sich genug ausgeweint, fragte endlich Telemach den Vater, auf welchem Wege er in die Heimath gekommen sey, und nachdem ihm der Vater Bescheid gegeben, sagte der Letztere: „Und jetzt bin ich da, mein Sohn, auf Athene's Befehl, daß wir uns über den Mord unserer Feinde berathen. Nenne mir die Freier der Reihe nach, daß ich wisse, wie viel ihrer sind, und ob wir beide allein zu ihrer Bekämpfung hinreichen, oder ob wir uns nach Bundesgenossen umsehen sollen.“ „Ich habe zwar immer von deinem Ruhme gehört, mein Vater,“ erwie¬ derte Telemach, „und daß dein Arm so stark sey, wie dein Rath verständig. Das aber war ein stolzes Wort, und nimmermehr vermöchten wir zwei etwas gegen so Viele. Es sind ihrer nicht nur zehn oder zwanzig, es sind viel viel mehr: aus Dulichium allein zweiund¬ fünfzig der muthigsten Jünglinge, mit sechs Dienern; aus Same vierundzwanzig, aus Zacynth zwanzig, aus Ithaka selbst zwölf. Mit ihnen sind der Herold Medon, ein Sänger und zwei Köche. Darum, wenn es möglich ist, laß uns auf weitere Vertheidiger denken.“ — „Be¬ denke,“ sprach Odysseus darauf, „daß Athene und Jupiter unsere Bundesgenossen sind, die, wenn sich einmal in meinem Palaste der Krieg erhoben hat, uns nicht lange werden auf ihre Hülfe warten lassen. Du selbst nun, lieber Sohn, geh mit dem nächsten Morgen in die Stadt zurück, und setze dich unter die Freier, als wäre nichts geschehen. Mich wird der Sauhirt, nachdem ich wieder zum greisen Bettler umgestaltet worden bin, dir nachführen. Welchen Schimpf sie alsdann mir auch im Saale anthun mögen, und wenn sie nach mir werfen und mich an den Füßen über die Schwelle ziehen, du mußt dein Herz bezähmen und es ertragen. Mit Worten magst du sie zu besänftigen suchen; aber sie werden dir nicht folgen: denn ihr Verderben ist beschlossen. Auf einen Wink von mir wirst du sodann die Rüstungen, die wir im Saale umherhängen haben, in einer der obern Kammern des Hauses verbergen. Vermissen sie die Freier und fragen darnach, so sagst du nur, du habest sie wegschaffen lassen, weil sie vom Rauche des Kamines geschwärzt, den Glanz, mit dem sie unter Odys¬ seus geschimmert, verloren haben, Für uns beide lässest du nur zwei Schwerter, zwei Speere und zwei stier¬ lederne Schilde zurück, damit wir sie zum Kampf ergreifen können, wenn Jene, in der Verblendung, die ihnen die Götter senden werden, sich an uns wagen. Uebrigens darf kein Mensch vernehmen, daß Odysseus zurückgekehrt ist, selbst Laertes, selbst der Sauhirt nicht, ja nicht ein¬ mal Penelope, deine Mutter. Unterdessen wollen wir unsere Dienstmannen und das Gesinde prüfen, wer davon uns noch ehrt und fürchtet, und wer unser vergessen hat und dich verachtet.“ — „Lieber Vater,“ erwiederte Te¬ lemach, „du sollst mich gewiß nicht nachlässig finden; aber ich glaube nicht, daß die Prüfung viel helfen wird. Es währt gar zu lange, bis du im Lande umhergehst, um jeden Einzelnen auszuforschen, indessen Jene dir im Palaste gemächlich dein Gut verprassen. Zwar die Weiber im Hause auszukundschaften, das will ich selbst übernehmen, aber die Männer in den einzelnen Höfen — das versparen wir lieber für die Zukunft, wenn wir einmal im Palaste Meister sind.“ Odysseus gab seinem Sohne Recht und freute sich über seine Besonnenheit. Vorgänge in der Stadt und im Palast. Das Schiff, das den Telemach und seine Genossen von Pylos nach Ithaka gebracht hatte, war inzwischen im Hafen der Stadt angekommen, und die Begleiter des Königssohnes hatten einen Herold zu seiner Mutter Pe¬ nelope gesendet, um ihr die Botschaft von der Heimkehr des Sohnes zu überbringen. Mit derselben Nachricht kam gleichzeitig der Sauhirt vom Lande her, und beide trafen sich im Hause des Königes. Da sagte der Herold zu Penelope laut vor allen Dienerinnen: „Dein Sohn, o Königin, ist wiedergekommen.“ Eumäus aber sagte ihr im Geheim und ohne Zeugen, was ihm sein junger Herr aufgetragen hatte, insbesondere, daß sie durch eine Schaffnerin seinem Großvater Laertes die fröhliche Bot¬ schaft auch zukommen lassen möchte. Als der Sauhirt Alles ausgerichtet, eilte er wieder heim zu seinen Schwei¬ nen. Die Freier aber erfuhren die kurze Nachricht von der Heimkehr Telemachs, die der Herold gebracht hatte, durch die treulosen Dienerinnen. Unmuthig setzten sie sich zusammen auf die Bänke vor dem Thor, und Eu¬ rymachus sprach hier in der Versammlung: „Das hätten wir doch nimmermehr gedacht, daß der Knabe diese Fahrt so trotzig vollenden würde. Laßt uns nur geschwind ein Schiff ausrüsten, einen Schnellsegler, unsern Freunden im Seehinterhalte die Botschaft zu bringen, daß sie ver¬ gebens auf ihn warten und nur wieder umkehren dürfen.“ Während Eurymachus sprach, hatte ein anderer Schwab , das klass. Alterthum. III . 14 Freier, Amphinomus, das Gesicht umgewandt und einen Blick auf den Hafen der Stadt geworfen, den man von dem Vorhofe des Palastes aus mit den Augen erreichen konnte. Er sah das Schiff, in welchem sich diejenigen der Freier befanden, die auf den Hinterhalt ausgefahren waren, wie es eben mit vollen Segeln in den Hafen einlief. „Es bedarf keiner Botschaft um unsere Freunde,“ rief er, „hier sind sie ja schon; sey es, daß ein Gott sie von Telemachs Heimkehr benachrichtiget hat, sey es, daß er ihnen entkommen ist, und sie ihn nicht einzuholen vermochten.“ Die Freier erhoben sich und eilten nach dem Meeresstrande. Dann begaben sie sich mit den Neuangekommenen auf den Markt, wo sie Niemand sonst aus dem Volke zuließen, sondern ihre abgesonderte Versammlung veranstalteten. Hier trat der Anführer der Ausrüstung, der Freier Antinous, unter den Anwesenden auf und sprach: „Wir sind nicht Schuld, daß der Mann uns entronnen ist, ihr Freunde! Späher um Späher hatten wir den Tag über auf den Höhen des Gestades aufgestellt, und wenn die Sonne untergegangen war, blieben wir nie die Nacht über auf dem Lande, sondern wir kreuzten beständig auf der Meerenge und waren nur darauf bedacht, den Telemachus zu erhaschen und in aller Stille umzubringen. Ihn aber muß einer der Unsterblichen heimgeleitet haben; denn nicht einmal sein Schiff ist uns zu Gesichte gekommen! Dafür wollen wir ihm hier in der Stadt selbst den Untergang bereiten. Denn der Jüngling wird klug und wächst uns allmählig über den Kopf. Auch das Volk wird uns am Ende aufsäßig: bringt er es unter die Leute, daß wir ihm auflauerten, ihn zu morden, so fallen sie am Ende über uns her und jagen uns aus dem Lande. Ehe dieß ge¬ schieht, laßt uns ihn aus dem Wege räumen: in seine Besitzungen theilen wir uns; den Palast lassen wir der Mutter und ihrem künftigen Gemahl. Gefällt euch aber mein Gedanke nicht, wollt ihr ihn leben und im Besitze seiner Güter lassen: nun, dann wollen wir ihm auch die Habe nicht länger verzehren, dann laßt einen Jeden von seiner eigenen Heimath aus um die Fürstin sich mit Brautgeschenken bewerben, und sie wähle den, der ihr am meisten gibt und vom Schicksale begünstigt wird!“ Als er seine Rede geendigt hatte, entstand ein langes Schweigen unter den Freiern. Endlich erhob sich Am¬ phinomus, der Sohn des Nisus, aus Dulichium, der edelste und bestgesinnte unter den Freiern, der sich durch seine klugen Reden auch der Königin Penelope am meisten zu empfehlen wußte, und sagte seine Meinung in der Versammlung. „Freunde,“ sprach er, „ich möchte doch nicht, daß wir den Telemach heimlich ums Leben bräch¬ ten! Es ist doch etwas Gräßliches, ein ganzes Königs¬ geschlecht im letzten Sprößlinge zu morden. Laßt uns lieber vorher die Götter befragen: erfolgt ein günstiger Ausspruch Jupiters, so bin ich selbst bereit ihn zu tödten; verwehren es uns die Götter, so rathe ich euch, von dem Gedanken abzustehen.“ Diese Rede gefiel den Freiern wohl; sie schoben ihren Plan auf und kehrten in den Palast zurück. Auch dießmal hatte sie ihr Herold Medon, der heimliche An¬ hänger Penelope's, belauscht und der Königin von Allem Nachricht gegeben. Diese eilte, jedoch dicht verschleiert, mit ihren Dienerinnen in den Saal zu den Freiern hinab und redete in heftiger Gemüthsbewegung den Urheber 14 * des tückischen Vorschlages also an: „Antinous, du frecher Unheilstifter, mit Unrecht rühmt dich Ithakas Volk als den verständigsten unter deinen Genossen; nie bist du das gewesen. Du verachtest die Stimme der Unglücklichen, auf welche doch Jupiter selbst horcht, und bist verwegen genug, auf den Tod meines Sohnes Telemach zu sinnen. Erinnerst du dich nicht mehr, wie dein Vater Eupithes, von seinen Feinden verfolgt, weil er Seeräuberei gegen unsere Verbündeten getrieben, schutzflehend in unser Haus geflohen kam? Seine Verfolger wollten ihn tödten und ihm das Herz aus dem Leibe reißen; Odysseus aber war es, der die Tobenden abhielt und besänftigte. Und du, sein Sohn, willst zum Danke das Gut des Odys¬ seus verschwenden, wirbst um seine Gattin, und willst sein einziges Kind ermorden? Du thätest besser daran, auch die Andern von solchem Frevel abzuhalten.“ Statt seiner antwortete Eurymachus: „Edle Pene¬ lope, sey nicht bekümmert um das Leben deines Sohnes. Nie, so lange ich lebe, wird es ein Mann wagen, Hand an ihn zu legen. Hat doch auch mich Odysseus manch¬ mal als Kind auf den Knieen gewiegt und mir einen guten Bissen in den Mund gegeben! Deßwegen ist mir auch sein Sohn der geliebteste unter allen Menschen, den Tod soll er nicht zu fürchten haben, wenigstens nicht von den Freiern: kommt er von Gott, dann kann ihm freilich Niemand ausweichen!“ So sprach der Falsche mit der freundlichsten Miene, im Herzen aber sann er auf nichts als Verderben. Penelope kehrte wieder in ihr Frauengemach zurück, warf sich aufs Lager und weinte um ihren Gemahl, bis ihr der Schlummer die Augen zudrückte. Telemach, Odysseus und Eumäus kommen in die Stadt. An demselben Abende kam der Sauhirt in seine Hütte zurück, während Odysseus und sein Sohn Tele¬ mach gerade damit beschäftigt waren, ein geschlachtetes Schwein zur Nachtkost zuzubereiten. Der erstere, vom Stab Athenes berührt, war bereits wieder zum zerlump¬ ten Bettler eingeschrumpft, daß Eumäus ihn nicht zu erkennen vermochte. „Kommst du endlich, Sauhirt,“ rief dem Eintretenden Telemach zuerst entgegen, „und was bringst du Neues aus Ithaka? Lauern die Freier noch immer auf mich, oder sind sie von ihrem Hinter¬ halte zurück?“ Eumäus meldete ihm, was er von den beiden Schiffen gesehen, und Telemach winkte vergnügt lächelnd seinem Vater, doch so, daß es der Sauhirt nicht bemerkte. Nun schmausten sie traulich mit einan¬ der alle drei und legten sich dann zur Ruhe. Am andern Morgen frühe gürtete sich Telemach, nach der Stadt zu gehen, und sprach zu Eumäus: „Al¬ ter, ich muß jetzt nach der Mutter sehen. Du selbst komm nach mit diesem armen Fremdling, daß er sich in den Häusern umher seine Brosamen und seinen Wein erstehe; ich kann unmöglich aller Welt Last auf mich laden und habe genug an meinem eigenen Kummer zu tragen. Hält sich der Greis dadurch für beleidigt, desto schlimmer für ihn!“ Odysseus, der sich über die geschickte Verstellung seines Sohnes im Herzen nicht genug wun¬ dern konnte, sagte nun auch seinerseits: „Lieber Jüngling, ich selbst begehre nicht länger hier zu bleiben; ein Bettler bringt sich in der Stadt immer besser fort, als auf dem Lande. Geh' du denn immerhin, und wenn ich mich in meinen Lumpen noch ein wenig am Feuer gewärmt habe und die Luft milder geworden ist — denn die Stadt ist, wie man mir sagt, weit von hier entfernt, — so mag dein Diener da mich begleiten.“ Nun eilte Telemach in die Stadt. Es war noch ziemlich früh am Tage, als er vor seinem Palaste an¬ kam, und die Freier hatten sich noch nicht eingefunden. Er lehnte seine Lanze an eine Säule des Einganges und schritt über die steinerne Schwelle in den Saal. Hier war die Schaffnerin Euriklea damit beschäftigt, die statt¬ lichen Thronsessel mit schönen Vließen zu bedecken. Als sie den Jüngling ansichtig ward, eilte sie mit Freuden¬ thränen auf ihn zu und hieß ihn willkommen; auch die andern Mägde umringten ihn und küßten ihm Hände und Schultern. Jetzt trat auch seine Mutter Penelope aus der Kammer, schlank wie Artemis und schön wie Aphrodite. Weinend schloß sie ihren Sohn in die Arme und küßte ihm Antlitz und Augen. „Kommst du, kommst du, mein süßes Leben,“ rief sie schluchzend, „nimmer¬ mehr hoffte ich, dich wiederzusehen, seit du heimlich und ohne meinen Willen nach Pylos geschifft warst, um Er¬ kundigung vom lieben Vater einzuziehen! Nun sage mir doch, was bringst du für Nachrichten, liebes Kind?“ „Ach Mutter,“ antwortete Telemach, der seine wahren Gefühle mit Gewalt in den Busen zurückdrängen mußte, „rege mir, der ich selbst eben erst dem Verderben ent¬ flohen bin, den Gram um den Vater nicht wieder auf. Bade du dich jetzt, lege reine Gewande an, und gelobe droben in dem Söller mit deinen Jungfrauen den Göttern köstliche Dankopfer, wenn sie einst uns die Vergeltung gönnen. Ich selbst will zum Markte hingehen, um einen Fremdling ins Haus zu führen, der mich auf der Fahrt begleitet hat, und dessen Pflege ich bis zur eigenen Wie¬ derkehr einem Freunde anempfohlen habe.“ Penelope folgte seinem Rath, und Telemach eilte, den Speer in der Hand, von seinen Hunden begleitet, auf den Markt. Athene hatte ihm besondere Anmuth verliehen, daß den Kommenden alle Bürger anstaunten, und auch die Freier versammelten sich sogleich um ihn und sagten ihm viel Schönes ins Angesicht, während sie im Herzen über ihren bösen Entwürfen brüteten. Telemach verweilte jedoch nicht in ihrem Gedränge. Er setzte sich zu drei alten Freunden seines Vaters, Mentor, Antiphus und Halitherses, und erzählte ihnen, was er durfte. Jetzt führte auch Piräus seinen Gastfreund Theoklymenus an der Hand daher und Telemach begrüßte beide; Piräus aber wandte sich an seinen Freund und sprach: „Lieber Telemach, schicke doch auf der Stelle Dienerinnen in mein Haus, daß sie die Geschenke in Empfang nehmen, die dir Menelaus mitgegeben hat.“ „Freund,“ erwie¬ derte Telemach, „die Sachen liegen besser bei dir. Wissen wir doch noch nicht, welche Wendung die Sache nimmt. Fall' ich von dem Meuchelmorde der Freier und theilen sie mein Erbgut, so gönne ich jene köstlichen Gaben dir besser als ihnen; strafe dagegen ich sie mit dem Unter¬ gange, dann komm du und bringe fröhlich dem Fröhlichen jene Schätze!“ So sprach Telemach, faßte den landesflüchtigen Seher Theoklymenus bei der Hand und führte ihn vom Markte weg in seinen Palast. Dort nahmen beide ein erquickendes Bad, und genossen in Penelopes Gesellschaft, welche ihnen gegenüber an der zierlichen Spindel saß, das Frühstück im Saal. Da sprach denn die Mutter Telemachs traurig zu ihrem Sohne: „Eigentlich thu' ich besser daran, Telemach, zum Söller hinaufzusteigen und dort einsam das Lager zu benetzen wie bisher; denn dir gefällt es ja doch nicht, mir zu erzählen, was du vom heimfahrenden Vater gehört hast.“ „Liebe Mutter,“ antwortete Telemach, „gerne will ich dir Alles der Wahrheit nach verkündigen, was ich vernommen habe, wenn es nur Tröstlicheres wäre! So liebreich mich der greise Nestor zu Pylos aufnahm, so wußte er mir doch gar nichts vom Vater zu melden; aber er sendete mich mit seinem eigenen Sohne zu Wagen gen Sparta. Dort ward ich von dem großen Helden Menelaus gastlich aufgenommen, und sah auch die Königin Helena, um welche Trojaner und Griechen so Vieles erduldet haben. Hier erfuhr ich endlich Weniges vom geliebten Vater, was dem Fürsten Menelaus der Meergott Proteus in Aegypten mitgetheilt hatte. Dieser hatte ihn auf der Insel Ogygia in Kummer versunken gesehen. Dort hält den Odysseus die Nymphe Kalypso wider Willen in ihrer Grotte zurück und es fehlt ihm an Schiffen und Rude¬ rern, um die Heimath zu erreichen.“ Als der Seher Theoklymenus die Fürstin bei dieser Nachricht sehr bewegt sah, unterbrach er seinen Gastfreund und sagte: „Königin, dieser weiß nicht Alles. Vernimm du meine Weissagung: fürwahr, Odysseus sitzt bereits irgendwo im Gefilde seiner Heimath, oder er schleicht heimlich umher, auf das Verderben der Freier sinnend! Dieß hat mir ein Vogelzeichen gesagt, das ich deinem Sohn auf der Stelle so gedeutet habe.“ — „Möchte sich dein Wort erfüllen, edler Gast,“ antwortete Penelope mit einem Seufzer, „mein Dank dafür sollte nicht aus¬ bleiben.“ Während diese drei sich so im Wechselgespräch un¬ terhielten, freuten sich die Freier vor dem Palaste auf dem Pflaster des Hofes wie gewöhnlich mit Scheiben¬ schießen und Speerwerfen, und brachen endlich auf die Erinnerung des Herolds zum Mittagsmahl ins Innere des Palastes auf. Unterdessen hatten sich in der Hütte des Eumäus auch dieser und sein Gast zum Weg in die Stadt angeschickt: Odysseus der Bettler hatte den hä߬ lichen geflickten Ranzen umgeworfen, und der Sauhirt ihm den Stab in die Hand gegeben. So wanderten beide dahin und überließen das Gehöft den Knechten und Hunden zur Bewachung. Sie waren schon an dem Stadtbrunnen angekommen, der von den Vorfahren des Odysseus schön in den Felsen gefaßt worden war; ein Pappelhain war in die Runde gepflanzt, und aus den Steinen sprang der hohe helle Wasserstrahl. Hier er¬ reichte sie Melanthius der Hirte mit zwei Knechten, der den Freiern die besten Ziegen aus der Heerde zum Schmaus in die Stadt hinein trieb. Als dieser das wandernde Paar erblikte, fing er laut an zu schimpfen. „Wahr¬ haftig, da heißt es recht, ein Taugenichts führt den andern, und gleich zu gleich gesellt sich gern. Wohin führst du den heißhungrigen Bettler, verdammter Sau¬ hirt, daß er an den Thürpfosten müßig stehe und um Brocken bettle? Gäbest du ihn mir zum Hüter meines Gehegs, daß er die Ställe ausfegte und den Zicklein Laub vorwärfe, so könnte er, mit Ziegenkäse gefüttert, noch Fleisch um seine dürren Lenden sich wachsen sehen! Aber freilich, er hat nichts gelernt, er kann nichts, als sich den gefräßigen Bauch füllen.“ So rief Jener und gab ihm in der Bosheit einen Fersentritt in die Hüfte; aber Odysseus wich nicht aus dem Fußsteig. Im Her¬ zen besann er sich freilich, ob er ihm nicht mit seinem Stab einen Streich über das Haupt versetzen sollte, daß er nicht mehr aufstände; aber er bezwang sein Herz und duldete die Schmach. Eumäus hingegen schalt den Unverschämten ins Gesicht und sprach, nach dem Brun¬ nen gewendet: „Ihr heiligen Quellnymphen, Jupiters Töchter! hat euch jemals Odysseus köstliche Opfer dar¬ gebracht, so gewähret mir meine Bitte, daß endlich ein¬ mal der Held Odysseus heimkehre! Er würde diesem trotzigen Müßiggänger den Uebermuth bald vertreiben; ist ein solcher doch der unbrauchbarste Hirte von der Welt, und versteht nichts, als den ganzen Tag in der Stadt herumzulungern!“ „Du Hund,“ erwiederte Me¬ lanthius schimpfend, „du wärest werth, daß man dich auf den Inseln drüben als Sklave verkaufte und ein gutes Stück Geld aus dir löste. Möchte doch der Bo¬ gen Apollo's oder der Dolch der Freier deinen Telemach treffen, auf welchen du pochest, daß er zu Grunde ginge wie sein Vater!“ Mit solchen Scheltworten ging er an ihnen vorüber und setzte sich im Palaste mitten unter die Freier, gerade dem Eurymachus gegenüber, an die Tafel; denn diese hatten ihn gern und theilten ihm stets von ihrem Schmause mit. Jetzt waren auch Odysseus und der Sauhirt vor dem Königspalast angekommen. Als jener sein Haus nach so langer langer Zeit wieder erblickte, bewegte sich ihm das Herz im Leibe; er faßte seinen Begleiter an der Hand und sprach: „Fürwahr, Eumäus, das muß die Wohnung des Odysseus seyn! welch ein Palast, welch eine Reihe von Gemächern! Wie wohl umschlossen ist der Vorhof mit Mauern und mit Zinnen; welch mäch¬ tige Thorflügel bilden den Eingang; wahrlich diese Burg ist unbezwinglich! Auch merke ich wohl, daß viele Menschen da drinnen ein Gastmahl begehen; duftet es doch bis zu uns heraus von Speisen, und die Harfe des Sängers, der den Schmaus mit seinen Liedern würzt, schallt aus dem Saale hervor!“ Sie berathschlagten nun mit einander und beschlossen, daß der Sauhirt vorangehen und sich für den Odysseus im Saal umsehen, dieser aber so lange vor dem Thor warten sollte. Während sie noch miteinander sprachen, erhub ein alter Haushund an der Thüre Haupt und Ohren von seinem Lager. Er hieß Argos; Odysseus selbst hatte ihn noch aufgezogen, ehe er gen Troja schiffte. Er begleitete sonst die Männer auf die Jagd, jetzt aber lag er, im Alter verachtet, vor der Thüre auf einem Düngerhaufen, mit Ungeziefer bedeckt. Als dieser den Odysseus bemerkte, schien er ihn trotz der Verkleidung zu kennen, er senkte die Ohren und wedelte mit dem Schwanz; aber näher herangehen konnte er vor Schwäche nicht mehr. Odysseus wischte sich heimlich eine Thräne aus dem Auge, als er es bemerkte; dann sprach er, seinen Schmerz verhehlend, zu dem Sauhirten: „Der Hund, der hier auf dem Miste liegt, scheint ein¬ mal so übel nicht gewesen zu seyn, man sieht es seinem Wuchse noch an!“ „Freilich,“ erwiederte Eumäus, „er war der liebste Jagdhund meines unglücklichen Herrn; da hättest du ihn in den waldigen Thälern sehen sollen, wie weidlich er durchs Gestrüppe dem Wild nachspürte! Jetzt aber, seit sein Herr dahin ist, liegt er hier ver¬ achtet, und die Mägde geben ihm nicht einmal das nöthige Futter!“ Mit diesen Worten ging der Sauhirt in den Pa¬ last; der Hund aber, nachdem er im zwanzigsten Jahre seinen Herrn wiedergesehen, senkte seinen Kopf und starb. Odysseus als Bettler im Saal. Im Innern des Hauses wurde Telemach zuerst den Sauhirten gewahr und rief ihn heran. Eumäus schaute sich vorsichtig um, ergriff den leeren Stuhl, auf welchem der Fleischzerleger vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich auf einen Wink an den Tisch seines Herrn, diesem gegenüber, wo ihm sofort der Herold Fleisch und Brod reichte. Bald nach ihm wankte auch Odysseus der Bettler am Stabe herein und setzte sich innerhalb der Pforte auf die Schwelle von Eschenholz nieder, an den einen der schön geschnitzten Thürpfosten aus Cypressen¬ holz gelehnt. Sobald Telemach ihn erblickte, langte er aus dem vor ihm stehendem Korb ein ganzes Brod, nahm dazu eine Hand voll Fleisch, und gab beides dem Sau¬ hirten mit den Worten: „Hier, mein Freund, reiche diese Gaben dem Fremdling, und sag' ihm, er soll sich der Scham entschlagen, und bei den Freiern herum¬ betteln!“ Odysseus empfing die Gabe segnend mit beiden Händen, legte sie sich vor die Füße auf seinen Ranzen und fing an zu essen. Das ganze Mahl über hatte der Sänger Phemius die Gäste mit seinem Lied ergötzt; jetzt schwieg er, und man hörte nur noch den wilden Lärm der Schmausenden durch den Saal. In diesem Augen¬ blicke näherte sich die Göttin Athene unsichtbar dem Odysseus und trieb ihn an, Brocken von den Freiern einzusammeln, um die billiger Denkenden von den rohen unterscheiden zu lernen. Aber dennoch war ihnen Allen miteinander das Verderben von der Göttin zugedacht: es sollte nur Einer milderen Todes sterben, als der Andere. Odysseus befolgte das Geheiß der Göttin, er ging stehend von Mann zu Mann und streckte seine Hand hin, so geläufig, als wäre er seit lange den Bettel ge¬ wohnt. Manche zeigten sich mitleidig und gaben ihm, und es entstand ein Fragen unter den Freiern, woher der Mann wohl kommen möge. Da sagte zu ihnen der Ziegenhirt Melanthius: „Ich habe den Burschen zuvor schon gesehen: der Sauhirt hat ihn herein gebracht!“ Diesen fuhr jetzt der Freier Antinous zornig an: „Du berüchtigter Sauhirt, sag' uns, warum hast du diesen Menschen in die Stadt geführt? Haben wir nicht Land¬ streicher genug, daß du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppst?“ „Harter Mann,“ antwortete Eu¬ mäus gelassen, „den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns durch seine Lieder erfreut, sie Alle beruft man wetteifernd in die Paläste der Großen; den Bettler hat Niemand berufen: er kommt von selber; aber man stößt ihn auch nicht hinaus! Und das soll auch diesem nicht geschehen, so lange Penelope und Telemachus dieß Haus bewohnen.“ Aber Telemach hieß ihn schweigen und sagte: „Bemühe dich mit keiner Antwort, Eu¬ mäus, du kennst ja die böse Gewohnheit dieses Man¬ nes, Andere zu beleidigen. Dir aber, Antinous, sage ich: du bist nicht mein Vormünder, daß du mir gebie¬ ten dürftest, diesen Fremdling aus dem Hause zu treiben. Gieb ihm vielmehr und schone meines Gutes nicht! Aber freilich, du willst lieber selbst verzehren, als Andern geben!“ „Siehe da, wie der trotzige Knabe mich schmäht,“ rief Antinous dagegen, „wollte jeder Freier diesem Bettler eine Gabe reichen, er brauchte drei Monate lang das Haus nicht wieder zu betreten!“ Damit ergriff er sei¬ nen Fußschemel, und als Odysseus auf seinem Rückwege zu der Schwelle eben an ihm vorüberging, und auch ihn noch um eine Gabe anflehte, wobei er von langen Bettlerfahrten durch Aegypten und Cypern ihm vorjam¬ merte, rief dieser unwillig: „Welch ein Dämon hat uns diesen zudringlichen Schmarotzer gesandt! Weiche von meinem Tisch, daß ich dir dein Aegypten und Cypern nicht gesegne!“ Und als Odysseus murrend sich zurück¬ zog, warf ihm Antinous den Fußschemel nach, daß die¬ ser ihm rechts auf die Schulter fuhr, dicht ans Hals¬ gelenk. Odysseus stand unverrückt wie ein Fels und schüttelte schweigend sein Haupt, voll von Entwürfen. Dann kehrte er zur Schwelle zurück, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen zu Boden, und klagte niedersitzend den Freiern die Kränkung, die ihm Antinous angethan. Dieser aber rief dem Bettler zu: „Schweig' und friß, du Fremd¬ ling, oder packe dich, sonst zieht man dich an Hand und Fuß über die Schwelle, daß dir die Glieder bluten!“ Diese Rohheit empörte selbst die Freier; einer aus ihnen erhub sich und sprach: „Antinous, du hast nicht wohl daran gethan, den Unglücklichen zu werfen. Wie nun, wenn es ein Himmelsbote wäre, der Menschen¬ gestalt angenommen? denn solches geschieht ja manch¬ mal!“ Aber Antinous achtete nicht auf diese Warnung. Telemach selbst sah schweigend die Mißhandlung seines Vaters, und drängte seinen Ingrimm in den Busen zurück. In ihrem Frauengemache konnte Penelope durch die offenen Fenster Alles vernehmen, was im Saale geschah. So hörte sie auch, wie es dem Bettler dort erging und empfand Mitleiden mit ihm. Sie ließ in der Stille den Sauhirten zu sich hereinrufen und befahl ihm, jenen kommen zu heißen. „Vielleicht,“ setzte sie hinzu, „weiß er mir etwas von meinem Gemahl zu berichten, oder hat ihn gar selbst gesehen, denn er scheint weit in der Welt umhergewandert zu seyn.“ „Ja,“ antwortete Eu¬ mäus, „wenn die Freier schweigen und hören möchten, er könnte Vieles erzählen. Drei Tage schon beherberge ich ihn, und seine Berichte entzücken mein Herz, als wären sie das Lied eines Sängers. Er ist von Kreta, und mit deinem Gemahl, wie er behauptet, durch väter¬ liches Gastrecht verbunden. Und so will er denn auch wissen, daß Odysseus gegenwärtig im Lande der Thes¬ proter lebe, und nächstens mit vielem Gute heimkehren werde.“ „Geh,“ sagte Penelope bewegt, „rufe den Fremdling herbei, daß er mir selbst erzähle! Diese üppi¬ gen Freier! Es fehlt uns nur ein Mann, wie Odysseus war; käme dieser, so würden er und Telemach den Trotzigen bald vergelten!“ Als sie so sprach, nieste eben Telemachus im Saale so laut, daß das Gewölbe wie¬ derhallte. Penelope mußte lächeln und sprach zum Sau¬ hirten: „Hörst du, wie mein Sohn mir zuniest, ist das nicht eine gute Vorbedeutung? rufe mir geschwind den Fremdling herbei!“ Eumäus meldete dem Bettler den Befehl Penelope's, dieser aber erwiederte: „Wie gerne möchte ich der Kö¬ nigin erzählen, was ich von Odysseus weiß; und ich weiß viel von ihm: aber das Betragen der Freier flößt mir Besorgniß ein. Eben jetzt, wo ich durch den Wurf des bösen Mannes dort so schwer gekränkt worden bin, hat sich weder Telemach noch ein Anderer meiner ange¬ nommen. Darum soll Penelope für jetzt ihr Verlangen bewältigen, bis die Sonne untergegangen ist, dann soll sie mich an ihren Heerd sitzen lassen, denn mich friert in meinen Lumpen: so will ich ihr alles Mögliche erzählen.“ So begierig Penelope auf den Fremdling war, so konnte sie seinen Gründen doch nicht Unrecht geben, und be¬ schloß, sich zu gedulden. Eumäus kehrte unter das Gewühl der Freier zurück und flüsterte seinem jungen Herrn ins Ohr: „Ich will mich jetzt wieder nach meinem Gehege aufmachen, Herr, sorge du hier für das Nöthige, zumal aber für dich selbst, und sey vor jeder Gefahr auf der Hut, welche von Sei¬ ten der arglistigen Freier dich bedrohen könnte.“ Auf die Bitte Telemachs verweilte jedoch der Sauhirt noch bei Tische, bis es Abend geworden war; dann brach er auf und versprach, am frühen Morgen mit auserlesenen Schweinen wieder zu kommen. Odysseus und der Bettler Irus. Die Freier waren noch immer beisammen, als ein berüchtigter Bettler aus der Stadt in den Saal trat, ein ungeheurer Vielfraß, groß von Gestalt, aber ohne alle Leibeskraft; von Haus aus hieß er Arnäus, aber die Jugend der Stadt nannte ihn mit einem Unnamen, Irus, was einen Boten bezeichnete, denn er pflegte um Lohn Botendienste zu thun. Die Eifersucht führte ihn herbei, denn er hatte von einem Nebenbuhler gehört, und so kam er heran, den Odysseus aus seinem eigenen Hause zu vertreiben. „Weiche von der Thüre, Greis,“ rief er beim Eintreten, „siehst du nicht, wie mir Alles mit den Augen zuwinkt, dich am Fuß hinauszuschleppen? Geh freiwillig und zwinge mich nicht dazu!“ Finster blickte ihn Odysseus an und sprach: „Die Schwelle hat Raum für uns beide. Du scheinst mir arm zu seyn wie ich. Beneide mich nicht, wie ich selbst dir deinen Antheil gönne. Reize meinen Zorn nicht und fordere mich nicht zum Faustkampf heraus: so alt ich bin, so möchten dir doch bald Brust und Lippen bluten, und das Haus dürfte morgen Ruhe vor dir haben.“ Jetzt fing Irus nur noch ärger zu poltern an: „Was schwatzest du da, Fresser,“ sprach er, „was plauderst du wie ein Hökerweib? Ein paar Streiche von mir rechts und links sollen dir Backen und Maul zerschmettern, daß dir die Zähne auf den Bo¬ den fallen wie aus einem Schweinsrüssel. Hast du Lust, es mit einem Jüngling aufzunehmen, wie ich einer bin?“ Schwab , das klass. Alterthum III . 15 Mit lautem Lachen kehrten sich die Freier dem ha¬ dernden Paare zu, und Antinous sprach: „Wisset ihr was, Freunde, sehet ihr dort die Blutwürste, in Ziegen¬ magen gefüllt, auf den Kohlen braten? Diese laßt uns den beiden edeln Streitern als Kampfpreis aussetzen: wer von beiden Sieger ist, nehme sich davon, so viel er mag, und kein anderer Bettler außer ihm soll ins Künftige diesen Saal betreten!“ Allen Freiern gefiel diese Rede. Odysseus indessen stellte sich zaghaft, als ein vom Elend entkräfteter Greis; er verlangte zum Voraus das Versprechen von den Freiern, daß sie sich mit ihren jugendlichen Händen nicht zu Gunsten des Irus in den Kampf einlassen wollten. Sie gelobten ihm dieses willig, und auch Telemach stand auf und sprach: „Fremdling, wenn du es vermagst, so bemeistere Jenen immerhin. Ich bin der Wirth, und wer dich verletzt, der hat es mit mir zu thun.“ Die Freier alle nickten diesen Worten Beifall zu. Odysseus gürtete sein Gewand und stülpte die Ermel auf. Da erschienen (denn unvermerkt verherrlichte Athene seinen Wuchs) nervige Schenkel und Arme, mächtige Schultern und Brust, so daß die Freier staunen mußten, und Nach¬ bar zum Nachbar sprach: „Welche Lenden der Greis aus seinen Lumpen hervorstreckt! Wahrlich, dem armen Irus wird es übel gehen.“ Dieser fing auch an zu zagen; die Diener mußten ihn mit Gewalt umgürten, und seine Gelenke schlotterten. Antinous, der ganz Anderes von diesem Wettkampf erwartet hatte, wurde voll Aergers und sprach: „Großsprecher, wärest du nie geboren, daß du vor dem kraftlosen Greis erbebest! Ich sage dir, wenn du besiegt wirst, so wanderst du mir zu Schiffe nach Epirus zum König Echetus, dem Schrecken aller Menschen: der wird dir Nase und Ohren abschneiden und sie den Hunden vorwerfen!“ So schrie Antinous, Jenem aber zitterten die Glieder nur noch mehr. Den¬ noch führte man ihn hervor, und beide erhuben ihre Hände zum Kampf. Odysseus besann sich einen Augen¬ blick, ob er den Elenden mit einem einzigen Streiche tödten sollte, oder ihm nur einen sanften Schlag ver¬ setzen, um keinen Argwohn bei den Freiern zu erwecken. Das letztere schien ihm klüger, und so gab er ihm denn, als beide hintereinander gekommen waren und Irus ihn mit der Faust rechts auf die Schulter getroffen hatte, nur eine leichte Schlappe hinter das Ohr. Dennoch zerbrach er ihm den Knochen, daß das Blut aus dem Munde schoß, und Irus sich zähneklappend und zappelnd auf dem Bo¬ den wand. Unter unbändigem Lachen und Klatschen der Freier zog ihn Odysseus weg von der Pforte, zum Vor¬ hof und zum Hauptthore hinaus, lehnte ihn an die Hof¬ mauer, und indem er ihm den Stab in die Hände gab, sprach er spottend: „Da bleib' du sitzen auf der Stelle, und verscheuche Hunde und Schweine!“ Dann kehrte er in den Saal zurück und setzte sich mit seinem Ranzen wieder auf die Schwelle. Sein Sieg hatte den Freiern Achtung eingeflößt, sie kamen lachend zu ihm her, reichten ihm die Hände und sprachen: „Mögen dir Jupiter und die Götter geben, was du begehrest, Fremdling, daß du uns den über¬ lästigen Burschen zur Ruhe gebracht hast, der nun zum König Echetus wandern mag!“ Odysseus ließ sich den Wunsch als ein gutes Vorzeichen gefallen. Antinous selbst legte ihm einen mächtigen Ziegenmagen vor, der 15 * mit Fett und Blut gefüllt war, Amphinomus aber brachte zwei Brode aus dem Korb herbei, füllte einen Becher mit Wein, und trank ihn unter Handschlag dem Sieger zu, indem er sagte: „Auf dein Wohlergehen, fremder Vater, mögest du künftig von aller Trübsal frei seyn!“ Odysseus blickte ihm ernsthaft ins Auge und erwiederte: „Amphinomus, du scheinst mir ein recht verständiger Jüngling zu seyn, und bist eines angesehenen Mannes Kind. Nimm dir mein Wort zu Herzen! Es giebt nichts Eitleres und Unbeständigeres auf Erden, als der Mensch ist; so lang ihn die Götter begünstigen, meint er, die Zukunft könne ihm nichts Böses bringen; und wenn nun das Traurige kommt, so findet er keinen Muth in sich, es zu ertragen. Ich selbst habe das erfahren, und habe, im Vertrauen auf meine Jugendstärke, in glücklichen Tagen auch manches gethan, was ich nicht hätte sollen. Drum warne ich einen Jeden, im Uebermuthe nicht zu freveln, und rathe ihm, die Gaben der Götter in Demuth zu empfangen. So ist es auch nicht klug, daß die Freier sich jetzt so trotzig geberden, und der Gattin des Mannes so viel Schmach anthun, der schwer¬ lich lange mehr von seiner Heimath entfernt, der viel¬ leicht so nahe ist! Möge dich, Amphinomus, ein guter Dämon aus dem Hause hinwegführen, ehe du Jenem begegnest!“ So sprach Odysseus, goß eine Spende aus, trank und gab dann den Becher dem Jüngling zurück. Der Freier senkte nachdenklich sein Haupt, und schritt betrübt durch den Saal, als ahnete ihm etwas Schlim¬ mes. Dennoch entrann er dem Verhängnisse nicht, das ihm Athene bestimmt hatte. Penelope vor den Freiern. Jetzt legte es Pallas Athene der Königin in die Seele, vor den Freiern zu erscheinen, einem Jeden von ihnen sein Herz recht mit Sehnsucht zu füllen, und sich durch ihr Betragen vor dem Gemahl, dessen Gegenwart sie freilich noch nicht ahnte, und vor ihrem Sohne Te¬ lemach im vollen Glanz ihrer Seelenhoheit und ihrer Treue zu zeigen. Die alte vertraute Schaffnerin billigte ihren Entschluß: „Geh nur, Tochter,“ sprach sie, „und berathe deinen Sohn mit einem Worte zur rechten Zeit: aber nicht so, wie du jetzt bist, deine schönen Wangen von Thränen entstellt, mußt du hinuntergehen; sondern bade und salbe dich zuvor, und alsdann zeige dich den Freiern.“ Aber Penelope antwortete kopfschüttelnd: „Muthe mir das nicht zu, gute Alte; alle Lust mich zu schmücken, ist mir vergangen, seit mein Gemahl mit seinen Schiffen gen Troja fuhr. Aber rufe mir meine Dienerinnen Au¬ tonoe und Hippodamia, daß sie im Saale mir zur Seite stehen; denn unbegleitet zu den Männern hinabzugehen verbietet mir ja die Schaam.“ Während Eurynome die Schaffnerin mit diesem Auftrage sich entfernte, versenkte Athene die Gattin des Odysseus auf Augenblicke in einen süßen Schlummer, daß sie sich sanft in ihrem Sessel streckte, und verlieh ihr die Gaben überirdischer Schönheit; das Gesicht wusch sie ihr mit Ambrosia, womit sich Aphrodite zu salben pflegt, wenn sie mit den Grazien den Reigen führen will; ihren Wuchs machte sie höher und voller; ihre Haut ließ sie wie Elfenbein schimmern. Dann verschwand die Göttin wieder; die beiden Mägde kamen mit Ge¬ räusch hereingeeilt, Penelope erwachte aus ihrem Schlum¬ mer, rieb sich die Augen und sprach: „Ei wie sanft habe ich geschlafen, möchten mir die Götter nur auf der Stelle einen so sanften Tod senden, daß ich mich nicht länger um meinen Gemahl härmen und im Hause Kum¬ mer ausstehen müßte!“ Mit diesen Worten erhub sie sich aus dem Sessel und stieg aus den obern Gemächern des Palastes zu den Freiern hinab. Dort stand sie in der Pforte des gewölbten Saales still, die Wangen mit dem Schleier umhüllt, in jugendlicher Schönheit; zu beiden Seiten stand sittsamlich eine Dienerin. Als die Freier sie sahen, schlug ihnen Allen das Herz im Leibe, und jeder wünschte und gelobte sich, sie als Gattin heim¬ zuführen. Die Königin aber wandte sich an ihren Sohn und sprach: „Telemach, ich erkenne dich nicht, fürwahr, schon als Knabe zeigtest du mehr Verstand denn jetzt, wo du groß und schön, wie der Sohn des edelsten Man¬ nes vor mir stehst! Welche That hast du so eben im Saale begehen lassen? Hast geduldet, daß ein armer Fremdling, der in unserer Behausung Ruhe suchte, auf's Unwürdigste gekränkt worden ist? Das muß uns ja vor allen Menschen Schande bringen!“ „Ich verarge dir deinen Eifer nicht, gute Mutter,“ erwiederte hierauf Telemach, „auch fehlt es mir nicht an der Erkenntniß des Rechten, aber diese feindseligen Männer, die um mich her sitzen, betäuben mich ganz, und nirgends finde ich einen, der mich unterstützte. Doch ist der Kampf des Fremden mit Irus gar nicht ausgegangen, wie es die Freier wünschten, möchten diese doch eben so gezwun¬ gen ihr Haupt hängen lassen, wie jener Elende draußen an der Schwelle des Hofes dasitzt!“ Telemach hatte dieses so gesprochen, daß die Freier es nicht hören konnten, Eurymachus aber rief ganz trunken von dem Anblicke der reizenden Königin: „Ikarius Tochter, wenn dich alle Achajer in ganz Griechenland sehen könnten, wahrhaftig es erschienen morgen noch viel mehr Freier zum Schmause, so weit übertriffst du alle Weiber an Gestalt und Geist!“ „Ach Eurymachus,“ antwortete Penelope, „meine Schönheit ist dahin, seit mein Gemahl mit den Griechen gen Troja fuhr! Käme er wieder zurück und beschirmte mein Leben, ja dann möchte ich wieder aufblühen; jetzt aber traure ich. Ach, als Odysseus das Ufer verließ, und mir zuletzt die Hand reichte, da sprach er: Liebes Weib, die Griechen werden, denk' ich, wohl nicht alle gesund von Troja heimkehren: die Tro¬ janer sollen des Streites kundige Männer seyn, treffliche Speerschleuderer, Bogenschützen, Wagenlenker. So weiß denn auch ich nicht, ob mein Dämon mich zurückführen, oder dort wegraffen wird. Beschicke du Alles im Haus, und sorge mir für Vater und Mutter wo möglich noch zärtlicher, als du bisher gethan hast. Und wenn dein Sohn herangewachsen ist, und ich nicht mehr heimkehre, dann magst du dich vermählen, wenn du willst, und unsre Wohnung verlassen. So sprach er, und nun wird Alles wahr! Weh mir, der entsetzliche Tag der Hoch¬ zeit naht heran, und unter welchem Kummer gehe ich ihm entgegen! Denn diese Freier da haben ganz andere Sitte, als man sonst bei Brautbewerbern findet. Wenn Andere eines ansehnlichen Mannes Tochter zum Weibe begehren, so bringen sie Rinder und Schafe zum Schmause mit, und Geschenke für die Braut, und verprassen nicht fremdes Gut ohne alle Entschädigung!“ Mit inniger Lust hörte Odysseus diese klugen Worte. Für die Freier übernahm Antinous die Antwort und er¬ wiederte: „Edle Königin, gern wird dir Jeder von uns die köstlichsten Gaben darbringen, und wir bitten dich, entziehe dich unsern Geschenken nicht. Aber in unsere Heimath kehren wir nicht zurück, bis du dir den Bräu¬ tigam aus unserer Mitte auserkoren hast.“ Alle Freier stimmten in diese Rede ein. Diener wurden abgeschickt, und bald kamen die Geschenke heran. Für Antinous wurde ein gewirktes buntes Gewand, an dem zwölf gol¬ dene Spangen hinabliefen, die mit schön gebogenen Haken in die Schlußringe eingriffen, herbeigebracht; für Eury¬ machus ein kunstvolles goldenes Brustgeschmeide, mit anderem edlen Metall eingelegt, das wie die Sonne strahlte; für Eurydamas ein Paar Ohrenringe, jeder in drei Diamanten spielend; aus Pisanders Palast wurde ein Halsband voll der köstlichsten Kleinode dahergetra¬ gen, und so reichte ihr auch Jeder der andern Freier ein besonderes Geschenk dar. Dienerinnen des Hauses kamen, nahmen die Geschenke in Empfang, und Penelope stieg mit denselben wieder in den Söller empor. Odysseus abermals verhöhnt. Die Freier vergnügten sich jetzt, bis der Abend her¬ einbrach, im Tanze, und schwärmten ganz ausgelassen. Als es dunkel wurde, stellten die Mägde drei Feuer¬ lampen zur Beleuchtung im Saale umher, und legten getrocknete Scheiter, mit Kienspänen gemischt, hinein. Während sie nun in die Wette die Glut anfachten, ge¬ sellte sich Odysseus zu ihnen und sagte: „Ihr Mägde des Odysseus, des allzu lange abwesenden Herrn, höret, euch ziemete besser, droben bei eurer ehrwürdigen Fürstin zu sitzen, die Spindel zu drehen und Wolle zu kämmen. Für das Feuer im Saale lasset mich sorgen! Und blieben die Freier bis zum hellen Morgen da, ich will nicht müde werden; ich bin ans Dulden gewöhnt!“ Die Mägde sahen einander an und schlugen ein Ge¬ lächter auf. Endlich sprach eine junge schöne Dienerin, Melantho, welche von Penelope wie ein Kind aufge¬ zogen worden, die aber jetzt mit dem Freier Eurymachus in schändlichem Einverständnisse lebte, die frechen Schmäh¬ worte: „Du elender Bettler, du bist ein rechter Narr, daß du nicht in eine Schmiedeesse, oder andere Herberge schlafen gehest, und hier, wo so viel edlere Männer sind als du, uns Gesetze vorschreiben willst. Sprichst du im Rausche, oder bist du beständig ein solcher Thor? oder schwindelt dir, weil du den Irus besiegt hast? Nimm dich in Acht, daß nicht ein Besserer sich erhebt, dir Rechts und Links mit derber Hand das Haupt zerschlägt, und dich von Blute triefend aus dem Palaste verstößt!“ „Hündin,“ antwortete Odysseus finster, „ich gehe, deine frechen Worte dem Telemach zu melden, daß er dich in Stücke zerhaue.“ Die Mägde meinten, er habe im Ernste geredet, und sein Wort scheuchte sie auseinander, daß sie mit bebenden Knieen aus dem Saale flohen. Nun stellte sich Odysseus selbst ans Geschirr, fachte die Flammen an, und hing seinen Rachegedanken nach. Athene aber spornte das Herz der üppigen Freier zum kränkenden Spott, und Eurymachus sagte zu seinen Gesellen, daß ein lautes Gelächter entstand: „Der Mann ist wahr¬ haftig als eine lebendige Leuchte von einem Gott in diesen Saal geschickt worden: schimmert nicht sein Kahlkopf, auf dem auch kein einziges Härchen mehr zu erblicken ist, gerade wie eine Fackel?“ Und zu Odysseus gewen¬ det, sprach er: „Hör’ Bursche, hättest du nicht Lust, dich mir zum Knechte zu verdingen, mir auf meinen Gütern die Dornen einzusammeln und Bäume zu pflan¬ zen? an Kost und Nahrung sollte dir's nicht gebrechen. Aber ich merke wohl, du bettelst lieber, und füllst dir deinen Bauch mit Almosen, was keinen Schweiß kostet.“ „Eurymachus,“ antwortete Odysseus mit fester Stimme, „ich wollte es wäre Frühling und wir mähten mit ein¬ ander in die Wette Gras auf der Wiese, du hieltest die Sense und ich hielte sie, und beide müßten wir nüchtern bis spät in die Nacht arbeiten: es sollte sich zeigen, wer es länger aushielte! Ober ich wollte, wir ständen beide an der Pflugschaar: du solltest sehen, wie ich die Furche in Einem Zug durchschnitte! Oder es wäre Krieg und ich trüge Schild und Helm, dazu zwei Lanzen; du soll¬ test sehen, ob ich nicht in den vordersten Reihen kämpfte, und gewiß, es fiele dir nicht ein, mich höhnend an mei¬ nen Magen zu erinnern! Trotziger Mensch, du dünkest dich groß und gewaltig zu seyn, weil du dich nur erst mit Wenigen, und dazu nicht mit den Edelsten gemessen hast; aber wenn einmal Odysseus in die Heimath zu¬ rückkäme, da möchten dir bald diese Hallen, so weit sie der Werkmeister gebaut hat, zu eng werden für die Flucht!“ Jetzt wurde Eurymachus erst recht grimmig. „Elen¬ der,“ schrie er, „empfang auf der Stelle den Lohn für deine trunkenen Reden!“ Mit diesem Zuruf schleuderte er einen Fußschemel nach Odysseus, dieser aber warf sich zu den Knieen des Amphinomus nieder, daß der Sche¬ mel über ihm hin, und dem Mundschenken an die rechte Hand fuhr, so daß diesem die Weinkanne mit hellem Klang auf den Boden rollte, er selbst aber mit einem Schrei rückwärts zu Boden fiel. Die Freier lärmten indessen fort und fluchten dem Fremdlinge, daß er eine solche Störung in ihre Freuden bringe, bis Telemach höflich, aber bestimmt seine Gäste einlud, sich zur Nachtruhe zu begeben. Da erhub sich Amphinomus in der Versammlung und sprach: „Ihr habt billige Worte vernommen, meine Freunde, wider¬ setzet euch ihnen nicht; auch den Fremdling soll Niemand hinfort, weder ihr, noch ein Diener im Palaste, mit Wort oder Werken kränken! Füllet die Becher noch ein¬ mal zur Opferspende, und dann laßt uns nach Hause wandeln. Der Fremdling aber bleibe hier unter dem Schutze des Telemachus, an dessen Heerd er sich geflüch¬ tet hat.“ Es geschah, wie Amphinomus gerathen hatte, und bald verließen die Freier den Saal. Odysseus mit Telemach und Penelope allein. Im Saale standen jetzt nur noch Odysseus und sein Sohn. „Geschwind laß uns jetzt die Rüstungen verwahren,“ sagte jener zu diesem. Telemach aber rief die Schaffnerin heraus und sagte: „Mütterchen, halte mir die Mägde drinn' zurück, bis ich des Vaters Waffen aus dem be¬ ständigen Dampf in die Kammer getragen.“ „Schon recht,“ antwortete Euryklea, „daß du endlich auch ein¬ mal darauf denkst, des Hauses zu warten und dein Gut zu beschirmen, Sohn! Aber wer soll dir die Fackel vor¬ tragen, wenn ich keine Dienerin mit dir gehen lassen darf?“ „Der Fremdling dort,“ erwiederte Telemach lächelnd, „wer aus meinem Brodkorb ißt, darf mir nicht müssig stehen!“ Nun trugen Vater und Sohn die Helme, die Schilde, die Lanzen, Alles mit einander in die Kam¬ mer, und vor ihnen her schritt mit goldener Lampe Pallas Athene, und verbreitete Licht überall. „Welch ein Wunder, sagte Telemach leise zum Vater, „wie schim¬ mern die Wände des Hauses! wie deutlich sehe ich jede Vertiefung, jeden Fichtenbalken, jede Säule, und Alles leuchtet wie Feuer! Fürwahr es muß ein Gott bei uns seyn, ein Himmelsbewohner!“ „Sey stille, Sohn,“ ant¬ wortete ihm Odysseus, „und forsche nicht, das ist so der Brauch der Unsterblichen. Lege dich jetzt schlafen, ich selbst will noch ein Weniges aufbleiben, und Mutter und Dienerinnen auf die Probe stellen.“ Telemach entfernte sich, und Penelope trat jetzt aus ihrer Kammer, schön wie Artemis und Aphrodite. Sie stellte sich ihren eigenen, köstlich mit Silber und Elfen¬ bein ausgelegten Sessel zum Feuer, und setzte sich auf den Schafspelz, der ihn bedeckte. Dann kam eine Schaar von Mägden, die räumten Brod und Becher von den Tischen, stellten diese selbst bei Seite und sorgten aufs Neue für Beleuchtung und Heizung des Saales in den Geschirren. Hier geschah es, daß Melantho den Odysseus zum zwei¬ tenmale höhnte. „Fremdling,“ sagte sie, „du wirst doch nicht die Nacht über dableiben und im Palaste herum¬ lungern wollen? Begnüge dich mit dem Genossenen, und geh auf der Stelle aus der Thüre hinaus, wenn nicht dieser Feuerbrand dir nachfliegen soll!“ Odysseus schaute sie finster an und entgegnete: „Unbegreifliche, warum bist du so erbittert auf mich? weil ich in Lum¬ pen gehe und bettle? Ist das nicht das gemeinsame Schicksal aller Umherirrenden? Einst war auch ich glück¬ lich, wohnte im reichen Hause, gab dem wandernden Fremdling, wie auch sein Aussehen seyn mochte, was er bedurfte. Auch Diener und Dienerinnen hatte ich genug; doch das Alles hat mir Jupiter genommen. Bedenke, Weib, daß es dir auch so gehen könnte; wie, wenn die Fürstin einmal dir ernstlich zürnete? wenn gar Odysseus heimkäme? Noch ist die Hoffnung dazu nicht ganz ver¬ schwunden! Oder wenn Telemach, der kein Kind mehr ist, an seiner Stelle handelte?“ Penelope hörte, was der Bettler sprach, und schalt die übermüthige Dienerin: „Schamloses Weib, ich kenne deine schlechte Seele wohl, und weiß, was du thust; du sollst es mir mit deinem Kopfe büßen! Hast du doch selbst von mir gehört, daß ich den Fremdling ehre, und ihn in meinen eigenen Gemächern über den Gemahl be¬ fragen will, und dennoch wagst du's, denselben zu ver¬ höhnen!“ Melantho schlich eingeschüchtert davon, die Schaffnerin mußte dem Bettler einen Stuhl hinstellen, und nun begann Penelope das Gespräch: „Vor allen Dingen, Fremdling,“ sagte sie, „nenne mir dein Haus und Geschlecht.“ „Königin,“ antwortete Odysseus, „du bist eine untadelhafte Frau, auch deines Gatten Ruhm ist groß; dein Volk, dein Land hat ein gutes Lob. Du aber frage mich nach Allem, nur nicht nach meinem Geschlecht und nach meiner Heimath, ich habe zu viel Weh erduldet, als daß ich daran erinnert werden dürfte. Wenn ich es aufzählen sollte, so müßte ich trostlos kla¬ gen, und würde von den Dienerinnen, oder gar von dir selber mit Recht gescholten.“ Hierauf fuhr Penelope fort: „Du siehest, Fremdling, daß es auch mir nicht besser ergangen ist, seit mein geliebter Gemahl mich ver¬ lassen hat. Du kannst die Männer selbst zählen, die um mich werben und mich bedrängen, und denen ich seit drei Jahren durch eine List entgangen bin, die ich jetzt nicht mehr fortsetzen kann.“ Damit erzählte sie ihm von ihrem Gewebe, und wie der Betrug durch die Mägde entdeckt worden war. „Hinfort kann ich,“ endete sie, „der Vermählung nicht mehr ausweichen; meine Eltern drängen mich, mein Sohn zürnt über die Ver¬ schwendung seines Erbguts. So siehst du, wie es mir ergeht. Nun wohlan, verschweige mir auch dein Ge¬ schlecht nicht, Mann, du bist doch nicht der fabelhaften Eiche oder dem Felsen entsprossen!“ „Wenn du mich nöthigest,“ erwiederte Odysseus, „so will ich es dir wohl sagen.“ Und nun fing der Schalk an, sein altes Lügenmährchen von Kreta zu erzählen. Dieses sah der Wahrheit so ähnlich, daß Penelope in Thränen zerfloß, und es den Odysseus im innersten Herzen erbarmte. Dennoch standen ihm die Augensterne wie Horn oder Eisen unbeweglich unter den Augenliedern, und er war besonnen genug, die Thränen zurückzuhalten. Als die Königin lange genug geweint, begann sie von Neuem: „Jetzt muß ich dich doch auch ein wenig pfrüfen, Fremdling, ob es wirklich wahr ist, wie du erzählest, daß du meinen Gemahl in deinem Hause bewirthet hast. Sage mir doch, welches Gewand er trug, wie er aus¬ sah, wie sein Gefolge war.“ „Du verlangst etwas Schwe¬ res nach so langer Trennung,“ erwiederte Odysseus, „denn es geht nun ins zwanzigste Jahr, daß der Held bei uns auf Kreta landete. Doch soviel ich mich erinnere, war sein Kleid zwiefach, purpurn, von langer Wolle, eine goldene Spange daran, die mit doppelten Röhren schloß; vorn war ein prächtiges Stickwerk angebracht, ein Rehlein, das zwischen den Vorderklauen eines Hun¬ des zappelte; unter dein Purpurmantel schaute der feinste schneeweiße Leibrock hervor. Ein bucklichter Herold mit einem Lockenhaar und braunem Gesichte, Namens Eury¬ bates, folgte ihm.“ Von Neuem mußte die Königin weinen, denn alle Zeichen trafen genau ein. Odysseus tröstete sie mit einem neuen Mährchen, in das er jedoch manche Wahrheit einmischte, von seiner Landung auf Thrinakia, und seinem Aufenthalt im Lande der Phäaken. Das Alles wollte der Bettler vom Könige der Thespro¬ ten wissen, wo Odysseus vor seiner Reise zum Orakel nach Dodona sich zuletzt aufgehalten, und große Schätze hinterlegt habe, die der Bettler selbst gesehen zu haben vorgab. Somit sey seine Rückkunft so gut als gewiß. Aber seine Worte vermochten Penelope nicht zu über¬ zeugen. „Mir ahnet im Geiste,“ sprach sie mit gesenktem Haupte, „daß das niemals geschehen wird.“ Sie wollte nun den Mägden befehlen, dem Fremdling die Füße zu waschen, und ihm ein gutes warmes Lager zu bereiten. Odysseus schlug jedoch den Dienst von den verhaßten Dienerinnen aus, und wollte nicht anders denn wie bisher auf schlechtem Stroh liegen. „Nur wenn du ein altes redliches Mütterchen hast, Königin,“ sprach er, „das so viel im Leben duldete, wie ich selbst, das mag mir die Füße waschen.“ „Nun so erhebe dich, ehrliche Euryklea,“ rief Penelope, „wasche diesem da die Füße, der gerade so alt ist, wie dein Herr. Ach,“ sagte sie mit einem Blick auf den Bettler, „solche Füße, solche Hände hat vielleicht jetzt auch Odysseus, pflegen doch die Menschen im Unglück frühe zu altern!“ Die alte Schaffnerin weinte bei diesen Worten, und als sie sich anschickte, dem Fremdlinge die Füße zu waschen, und ihn nun schärfer ins Auge faßte, da sprach sie: „Es haben uns schon viele Fremdlinge besucht, aber dem Odysseus so ähnlich an Stimme, Gestalt und Füßen, wie du, ist mir noch nie ein Mensch erschienen!“ „Ja das haben Alle gesagt, die uns beide gesehen,“ antwor¬ tete Odysseus gleichgültig, während er am Feuerheerde saß, und sie die zum Fußwaschen bestimmte Wanne mit kaltem und kochendem Wasser mischend füllte. Als sie sich an die Arbeit machte, rückte Odysseus vorsichtig in's Dunkel, denn er hatte von seiner frühen Jugend her über dem rechten Kniee eine tiefe Narbe, wo ihm ein¬ mal aus einer Jagd ein Eber mit dem Zahne seitwärts ins Fleisch gefahren war. An diesem Maal fürchtete Odysseus von der Alten erkannt zu werden, und rückte deßwegen mit den Füßen aus dem Licht. Aber es war vergebens. Sowie die Schaffnerin mit den flachen Händen über die Stelle fuhr, erkannte sie die Narbe unter dem Druck und ließ vor Freude und Schrecken das Bein in die Wanne gleiten, daß das Erz klang und das Wasser überspritzte. Athem und Stimme stockten ihr, und ihr Auge füllte sich mit Thränen. Endlich faßte sie den Helden beim Knie: „Odysseus, mein Sohn, wahrlich, du bist es,“ rief sie, „ich habe es mit Hän¬ den gegriffen.“ Aber Odysseus drückte ihr mit seiner Rechten die Kehle zu, mit der Linken zog er sie an sich und flüsterte: „Mütterchen, willst du mich verderben? Du redest freilich wahr, aber noch darf es kein Mensch im Palaste wissen! Schweigst du nicht, und es gelingt mir, die Freier zu bezwingen, so erwartet dich dasselbe Schicksal, wie die gottlosen Mägde.“ „Welch ein Wort sprichst du da,“ antwortete die Schaffnerin ruhig, als er ihr die Kehle wieder losgelassen, „weißt du nicht, daß mein Herz fest ist wie Fels und Eisen, hüte dich nur vor den andern Mägden im Palaste! ich will dir Alle nennen, die dich verachten.“ „Es braucht das nicht,“ sprach Odysseus, „ich kenne sie schon, und du darfst ruhig seyn!“ Inzwischen hatte Euryklea ein zweites Fußbad geholt, denn das erste war ganz ver¬ schüttet. Nachdem er nun wohl gebadet und gesalbt war, besprach sich Penelope noch eine Weile mit ihm. „Mein Geist schwankt hin und her,“ sagte sie, „guter Fremd¬ ling, ob ich bei meinem Sohne bleiben soll, aus Scheu vor meinem Gemahl, der ja doch vielleicht noch lebt, und für jenen unser Gut verwalten, oder ob mich der edelste unter den Freiern, der die herrlichste Brautgabe bietet, heimführen soll. So lange Telemach noch ein Kind war, ließ mich seine Jugend nicht heirathen; nun er aber das Jünglingsalter erreicht hat, wünscht er selbst, daß ich aus dem Hause gehe, weil sein Erbgut sonst doch nur vollends verschwelgt wird. — Aber jetzt Schwab, das klass. Alterthum. III . 16 erkläre mir auch noch einen Traum, lieber Mann, da du doch so klug zu seyn scheinst. Ich habe zwanzig Gänse im Hause, und sehe ihnen immer mit Lust zu, wie sie ihren Waizen, mit Wasser gemischt, fressen. Da träumt mir nun, ein Adler komme vom Gebirge her, und breche meinen Gänsen die Hälse; alle lagen gemordet, wild durcheinander im Palast, der Raubvogel aber schwang sich in die Lüfte. Ich fing laut an zu schluchzen, und träumte weiter. Mir war, als kämen die Frauen aus der Nachbarschaft, mich in meinem Grame zu trösten. Auf einmal kehrte auch der Adler zurück, setzte sich auf das Gesimse, und fing an, mit Menschenstimme zu reden: Sey getrost, sprach er, Ikarius Tochter, das ist ein Gesicht und kein Traum: die Freier sind die Gänse, ich selbst, der ich ein Adler war, bin Odysseus, ich bin zurückgekommen, alle Freier umzubringen. So sprach der Vogel und ich wachte auf. Sogleich ging ich, nach meinen Gänsen zu schauen, aber diese standen ganz ruhig am Trog und fraßen.“ — „Fürstin,“ erwiederte der ver¬ steckte Bettler, „es ist gewiß so, wie dir Odysseus im Traume sagte, das Gesicht kann gar keine andere Bedeutung haben: er wird kommen, und kein Freier wird am Leben bleiben.“ Aber Penelope seufzte und sprach: „Träume sind doch nur Schäume, und morgen kommt der entsetzliche Tag, der mich vom Hause des Odysseus scheiden wird. Da will ich den Wettkampf bestimmen; mein Gemahl pflegte manchmal zwölf Aexte hintereinander aufzustellen; dann trat er in die Ferne zurück, und schnellte den Pfeil vom Bogen durch alle zwölf hin¬ durch. Wer nun von den Freiern dieses Kunststück mit des Odysseus Bogen, den ich immer noch aufbewahre, vollbringt, dem will ich folgen.“ „Thue das, ehrwür¬ dige Königin,“ sprach Odysseus entschlossen, „bestimme morgen auf der Stelle den Wettkampf: denn eher kommt dir Odysseus, als daß jene seinen Bogen spannen, und durch die zwölf Löcher der Aexte den Pfeil schnellen.“ Die Nacht und der Morgen im Palaste. Die Königin sagte dem Fremdling gute Nacht, Odysseus begab sich in den Vorsaal, wo ihm Euryklea ein Bett bereitet hatte, das er sich gefallen ließ. Ueber eine ungegerbte Stierhaut waren Schafspelze zum Lager gebreitet, und den Liegenden deckte ein Mantel zu. Lang wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager; die schändli¬ chen Mägde, die mit den Freiern zuhielten, stürmten unter Scherz und Gelächter an ihm vorüber, daß sie ihm das Herz im Innersten empörten. Aber der Held schlug an seine Brust, strafte sich selbst und sprach im Geiste: „Duld' es, mein Herz, hast du doch schon Här¬ teres ertragen! Weißest du nicht mehr, wie du beim Cy¬ klopen saßest, und ihm zusehen mußtest, wie das Unge¬ heuer deine Genossen fraß? Dulde!“ So bezwang er sein Herz; doch warf er sich noch lange hin und her und sann auf Rache gegen die Freier, als sich auf ein¬ mal Athene in Jungfrauengestalt über sein Haupt neigte, und seinen bangen Gedanken, wie er über so Viele Meister werden sollte, mit den Worten ein Ziel setzte: „Kleinmüthiger, verläßt man sich doch schon auf einen geringeren Freund, auf einen Sterblichen, der nicht so 16 * reich an Rathschluß und an Kraft ist; ich aber bin eine Göttin, und beschirme dich in jeder Gefahr; und wenn dich fünfzig Schaaren voll Mordlust umringten, dennoch würdest du es hinausführen! Ueberlaß dich im¬ merhin dem Schlummer, denn endlich tauchst du aus der Trübsal auf.“ So sprach sie und bedeckte ihm die Augenlieder mit süßem Schlaf. Penelope ihrerseits erwachte nach einem kurzen Schlummer, setzte sich aufrecht in ihrem Bette hin und fing laut an zu weinen. Unter Thränen richtete sie ihr Gebet an die Göttin Artemis: „Jupiters heilige Tochter,“ rief sie flehend, „träfe doch auf der Stelle dein Pfeil mein Herz, oder raffte mich ein Sturmwind hinweg und wärfe mich ans fernste Ufer des Oceanus, ehe ich meinem Gemahl Odysseus untreu werden und mich dem schlechteren Manne vermählen muß! Erträglich ist das Leiden, wenn man den Tag durchweint, und doch die Nacht über Ruhe hat; mich aber peinigt ein Dämon selbst im Schlafe mit den schmerzlichsten Träumen! So war mir im Augenblicke noch, als stände mein Gatte mir zur Seite, herrlich von Gestalt, ganz wie er mit dem Kriegsheere von dannen zog, und mein Herz war voll Freude, denn ich meinte zuversichtlich, daß es Wahr¬ heit sey!“ So schluchzte Penelope, und Odysseus vernahm die Stimme der Weinenden. Es war ihm ganz bange vor der Zeit erkannt zu werden. Eilig raffte er sich auf, verließ den Palast, und unter freiem Himmel betete er zu Jupiter um ein günstiges Zeichen für seine Plane. Da erschien ein gewaltiges Licht am Himmel, und ein plötzlicher Donner rollte über dem Palaste hin. In der nahen Mühle des Palastes hielt eine Müllerin still, die die ganze Nacht durch gemahlen, blickte zum Himmel empor und rief: „Wie doch Jupiter donnert, und ist weit und breit kein Gewölk zu sehen! er hat wohl irgend einem Sterblichen ein Zeichen gewährt! O Vater der Götter und Menschen, möchtest du auch meinen Wunsch erfüllen, und die verfluchten Freier vertilgen, die mich Tag und Nacht in der Mühle das Mehl zu ihren Schmäu¬ sen bereiten lassen!“ Odysseus freute sich der guten Vor¬ bedeutung, und kehrte in den Palast zurück. Hier wurde es allmählig laut, die Mägde kamen und zündeten das Feuer auf dem Heerd an; Telemach warf sich in die Kleider, trat an die Schwelle der Frauen¬ gemächer, und rief der Schaffnerin mit verstellten Wor¬ ten: „Mütterchen, habt ihr den Gast auch mit Speise und Lager geehrt, oder liegt er unbeachtet da? Die Mutter scheint mir ganz die Besinnung verloren zu haben, daß sie den schlechten Freiern so viel Ehre erweist, und den besseren Mann ungeehrt läßt!“ „Du thust meiner Herrin Unrecht,“ antwortete Euryklea, „der Fremdling trank so lange und so viel Wein, als ihm beliebte, und Speise verlangte er auch keine mehr. Man bot ihm ein köstliches Lager an, aber er verschmähte es, mit Mühe ließ er sich ein schlechteres gefallen.“ Nun eilte Telemach, von seinen Hunden begleitet, auf den Markt in die Volksversammlung. Die Schaff¬ nerin aber befahl den Mägden, Alles zu dem bevorste¬ denden Schmause des Neumondfestes zuzubereiten, und nun legten die Einen purpurne Teppiche auf die schmu¬ cken Sessel, Andere scheuerten die Tische mit Schwäm¬ men, wieder Andere reinigten die Mischkrüge und die Becher, und ihrer zwanzig eilten an den Quellbrunnen, Wasser zu schöpfen. Auch die Diener der Freier kamen heran, und spalteten Holz in der Vorhalle. Der Sau¬ hirt kam mit den fettesten Schweinen herbei, und grüßte seinen alten Gast aufs Freundlichste. Melanthius mit zwei Gaishirten, brachte die auserlesensten Ziegen, die von den Knechten in der Halle angebunden wurden. Dieser sprach im Vorübergehen zu Odysseus mit höhni¬ schem Ton: „Alter Bettler, bist du immer noch da, und weichst nicht von der Thüre? wir nehmen wahrschein¬ lich nicht Abschied von einander, bevor du meine Fäuste gekostet! Gibt es denn gar keine andere Schmäuse, denen du nachzuziehen hast?“ Odysseus erwiederte auf diese Schmähworte nichts, sondern schüttelte nur das Haupt. Nun betrat ein ehrlicher Mann den Palast: es war Philötius, der den Freiern ein Rind und gemästete Ziegen zu Schiffe herbeigebracht hatte. Dieser sprach im Vorübergehen zu dem Sauhirten: „Eumäus, wer ist doch der Fremdling, der jüngst in dieses Haus kam? er gleicht an Gestalt ganz und gar unserm König Odysseus. Geschieht es doch wohl, daß das Elend auch einmal Könige zu Bettlern umgestaltet!“ Dann nahte er sich dem verkleideten Helden mit einem Handschlage und sprach: „Fremder Vater, so unglücklich du scheinest, so möge es dir wenigstens in Zukunft wohl ergehen! Mich überlief der Schweiß, als ich dich sah, und Thrä¬ nen traten mir in die Augen, denn ich mußte an Odys¬ seus gedenken, der jetzt wohl auch, in Lumpen gehüllt, in der Welt umherirrt, wenn er anders noch lebt! Schon als Jüngling hat er mich zum Hüter seiner Rinder ge¬ macht, deren Zucht vortrefflich gedeiht, leider aber muß ich sie Andern zum Schmause daherführen! Auch wäre ich längst vor Aerger aus diesem Lande geflohen, wenn ich nicht immer noch hoffte, Odysseus kehre dereinst zurück, und jage diesen Schwarm auseinander.“ „Kuh¬ hirt,“ erwiederte ihm Odysseus, „du scheinst kein schlechter Mann zu seyn; ja beim Jupiter schwöre ich dir, heute noch, und so lange du im Palaste bist, kehrt Odysseus heim, und deine Augen werden es schauen, wie er die Freier abschlachtet!“ „Möchte Jupiter es wahr machen,“ sagte der Rinderhirt, „meine Hände sollten auch dabei nicht feiern!“ Der Festschmaus. Die Freier, nachdem sie in ihrer Versammlung sich über Telemachs Ermordung besprochen, kamen allmählig auch im Palaste an. Sie legten ihre Mäntel ab, die Thiere wurden geschlachtet, gebraten und vertheilt; Die¬ ner mischten den Wein in Krügen, der Sauhirt reichte die Becher umher, Philötius in zierlichen Körben die Brode, den Wein schenkte Melanthius, und das allge¬ meine Mahl begann. Den Odysseus setzte Telemachus absichtlich an die Schwelle des Saales auf einen schlechteren Stuhl, und stellte einen armseligen Tisch davor. Hier ließ er ihm gebratenes Eingeweide auftragen, füllte seinen Becher mit Wein, und sprach: „Hier schmause ruhig, und ich rathe Niemanden, dich zu schmähen!“ Antinous selbst ermahnte seine Freunde, den Fremdling gewähren zu lassen, denn er merkte wohl, daß derselbe unter Jupiters Schutz stehe; aber Athene stachelte die Freier heimlich zum Spott. Es war unter ihnen ein schlechtgesinnter Mann, mit Namen Ktesippus, aus der Insel Same: „Ihr Freier, höret,“ sprach dieser mit höhnischem Lächeln, „zwar hat der Fremdling längst seinen Antheil, so gut wie wir selber, und es wäre auch nicht recht, wenn Telemach einen so vornehmen Gast überginge! Doch will ich ihm noch ein besonderes Gastgeschenk verehren, er mag die Schaffnerin damit bezahlen, die ihm den Schmutz vom Leibe gewaschen hat!“ So höhnend zog er einen Kuhfuß aus dem Korbe, und schleuderte ihn mit seiner nervigten Hand nach dem Bettler. Aber Odysseus beugte mit dem Haupte aus und drängte den Zorn mit einem gräßlichen Lächeln in die Brust zurück; der Knochen fuhr an die Mauer. Jetzt stand Telemach auf und rief: „Schätze dich glücklich, Ktesippus, daß du den Fremdling nicht getrof¬ fen hast: wäre es geschehen, ich hätte dir die Lanze durch den Leib gestoßen, und dein Vater hätte dir eine Leichenfeier statt der Hochzeit rüsten können! Drum er¬ laube sich keiner mehr eine Ungebühr in meiner Woh¬ nung, lieber bringet mich selbst um, als daß ihr die Fremdlinge beleidiget, es wäre mir auch besser, zu ster¬ ben, als immer so schändliche Thaten mit anzusehen!” Alle verstummten, als sie so ernstliche Worte hörten; endlich stand Agelaus, der Sohn des Damastrus, unter ihnen auf und sprach: „Telemach hat recht! Aber er und seine Mutter sollen jetzt ein Wort in Güte mit sich reden lassen. So lange noch irgend eine Hoffnung vorhanden war, daß Odysseus jemals in seine Heimath zurückkeh¬ ren könne, so war es begreiflich, wenn man die Freier hinhielt. Jetzt aber ist es keinem Zweifel unterworfen, daß jener niemals zurückkommt. Wohlan denn, Tele¬ mach, tritt zu deiner Mutter, bestimme sie, den edel¬ sten unter uns Freiern, und der die meisten Gaben bie¬ tet, zu wählen, damit du selbst hinfort ungeschmälert dein väterliches Erbe genießen kannst!“ Telemach erhob sich von seinem Sitz und sprach: „Beim Jupiter! auch ich verzögere die Wahl nicht länger, vielmehr spreche ich schon lange der Mutter zu, sich einen von ihren Bewerbern zu erwählen. Nur mit Ge¬ walt werde ich sie nie aus dem Hause treiben.“ Diese Worte Telemachs wurden mit einem unbändigen Ge¬ lächter von den Freiern aufgenommen, denn schon ver¬ wirrte Pallas Athene ihren Geist, daß sie grinsend ihre Gesichter verzerrten; auch aßen sie das Fleisch halb roh und blutig hinein, plötzlich füllten sich ihre Augen mit Thränen, und sie gingen von der größten Ausgelassen¬ heit zur tiefsten Schwermuth über. Dieß alles bemerkte der Seher Theoklymenus wohl. „Was ist euch,“ sprach er, „ihr Armen? eure Häupter sind ja wie in Nacht ge¬ hüllt, eure Augen sind voll Wassers, und aus eurem Munde tönen Wehklagen! Und was schaue ich, an allen Wänden trieft Blut, Halle und Vorhof wimmeln von Gestalten des Hades, und die Sonne am Himmel ist ausgelöscht!“ Die Freier aber verfielen wieder in ihre vorige Lustigkeit, und fingen aus Leibeskräften zu lachen an. Endlich sprach Eurymachus zu den Andern: „Dieser Fremdling, der sich erst seit kurzem in unserer Mitte befindet, ist wahrhaftig ein rechter Narr. Schnell, ihr Diener: wenn er hier im Saale nichts als Nacht sieht, so führt ihn hinaus auf Straße und Markt!“ „Ich brauche deine Begleiter nicht, Eurymachus,“ ant¬ wortete Theoklymenus entrüstet, indem er aufstand. „Au¬ gen, Ohren und Füße gesund, ist bei mir der Verstand noch auf dem rechten Platz; ich gehe von selbst, denn der Geist weissagt mir das Unheil, das euch naht, und dem keiner von euch entflieht.“ So sprach er und verließ eilig den Palast, ging zu Piräus, seinem vorigen Gastfreund, und fand bei diesem die freundlichste Auf¬ nahme. Die Freier aber fuhren fort, den Telemach zu verhöhnen. „Schlechtere Gäste, als du, Telemach,“ sprach einer von ihnen, „hat doch kein Mensch in der Welt beherbergt: einen ausgehungerten Bettler, und einen Narren, der wahrsagt! Wahrhaftig, du solltest mit ihnen durch Griechenland reisen, und sie für Geld auf den Märkten sehen lassen!“ Telemach schwieg und schickte seinem Vater einen Blick zu, denn er erwartete nur das Zeichen, um loszubrechen. Der Wettkampf mit dem Bogen. Jetzt war auch Penelope's Zeit gekommen. Sie nahm einen schönen Schlüssel aus Erz mit elfenbeinernen Griffe zur Hand, eilte damit, von Dienerinnen be¬ gleitet, in eine ferne Hinterkammer, wo allerlei kost¬ bare Geräthe des Königs Odysseus aus Erz, Gold und Eisen aufbewahrt waren. Unter andern lag hier auch sein Bogen, und der Köcher voller Pfeile, beides Geschenke eines lacedämonischen Gastfreundes. Als Pene¬ lope die Pforte aufgeschlossen, schob sie die Riegel zurück. Diese krachten, wie ein Stier im Felde brüllt, die Thür¬ flügel öffneten sich, und Penelope trat ein und musterte die Kästen, wo Kleider und Geräthe verwahrt lagen. Da fand sie auch Bogen und Köcher an einem Nagel hängen, streckte sich und nahm beide herab. Der Schmerz überwältigte sie, sie warf sich auf einen Stuhl, und Bogen und Köcher auf dem Schooße, saß sie lang in Thränen da. Endlich erhob sie sich; die Waffen wur¬ den in eine Lade gelegt, mit welcher ihr die Dienerinnen folgten. So trat sie mitten unter die Freier in den Saal, ließ Stille gebieten, und sprach: „Wohlan, ihr Freier, wer mich erwerben will, der gürte sich, es gilt jetzt einen Wettkampf! Hier ist der große Bogen meines erhabenen Gemahls: wer ihn am leichtesten spannt, und durch die Löcher von zwölf hintereinander aufgestellten Aexten hinschnellt, dem will ich folgen als seine Gemah¬ lin, will diesen Palast meines ersten Gatten mit ihm verlassen.“ Hierauf befahl sie dem Sauhirten, den Freiern Bogen und Pfeile vorzulegen. Weinend empfing Eumäus die Waffen aus der Lade, und breitete sie vor den Kämpfern aus; und auch der Rinderhirt weinte. Das ärgerte den Antinous. „Dumme Bauern,“ schalt er, „was macht ihr mit euren Thränen unserer Königin das Herz schwer! Sättigt euch beim Mahle, oder weinet vor der Thüre draußen! Wir aber, ihr Freier, wollen uns an den schweren Wettstreit machen; denn diesen Bogen da zu spannen, dünkt mir gar nichts Leichtes. Unter uns Allen ist kein Mann wie Odysseus, ich erinnere mich seiner noch wohl, obgleich ich damals noch ein kleiner Knabe war, und kaum reden konnte!“ So sprach Antinous, im Herzen aber dachte er sich die Bogensehne schon gespannt, und den Pfeil durch die Aexte hindurch¬ geflogen. Ihm aber war der erste Pfeil aus der Hand des Odysseus beschieden. Jetzo stand Telemach auf und sprach: „Fürwahr Jupiter hat mir meinen Verstand genommen! Meine Mutter erklärt sich bereit, dieses Haus zu verlassen und einem Freier zu folgen, und ich lache dazu. Wohlan, ihr Freier, ihr waget den Wettkampf um ein Weib, wie in ganz Griechenland keines mehr ist. Doch das wisset ihr selbst, und ich brauche meine Mutter euch nicht zu loben. Drum ohne Zögern den Bogen gespannt! hätte ich doch selbst Lust, mich im Wettkampf zu ver¬ suchen; dann, wenn ich euch besiegte, würde mir die Mutter das Haus nicht verlassen!“ So sprach er, warf Purpurmantel und Schwert von der Schulter, zog eine Furche durch den Estrich des Saales, bohrte die Aexte, eine um die andere in den Boden, und stampfte die Erde wieder fest. Alle Zuschauer bewun¬ derten seine Kraft und Pünktlichkeit. Dann griff er selbst nach dem Bogen und stellte sich damit auf die Schwelle. Dreimal versuchte er, den Bogen zu spannen, dreimal versagte ihm die Kraft. Nun zog er die Sehne zum viertenmal an, und jetzt wäre es ihm gelungen; aber ein Wink des Vaters hielt ihn mitten in der An¬ strengung zurück. „Ihr Götter,“ rief er, „entweder bin ich ein Schwächling, oder noch zu jung, und nicht im Stand, einen Beleidiger von mir abzuwehren! So ver¬ sucht es denn ihr Andern, die ihr kräftiger seyd als ich!“ Also sprechend, lehnte er Bogen und Pfeil an den Thür¬ pfosten, und setzte sich wieder nieder auf den Thron¬ sessel, von dem er aufgestanden war. Mit triumphirender Miene erhob sich jetzt Antinous und sprach: „Auf denn, ihr Freunde, fangt an dort hinten, von der Linken zur Rechten, wie der Weinschenke den Umgang hält!“ Da stand zuerst Leiodes auf, der ihr Opferer war, und immer zu hinterst im Winkel am großen Mischkruge saß; er war der einzige, dem der Unfug der Freier zuwider war, und der die ganze Rotte haßte. Dieser trat in die Schwelle und bemühte sich ver¬ gebens, den Bogen zu spannen. „Thu' es ein Anderer,“ rief er, indem er die Hände schlaff herabsinken ließ, „ich bin der Rechte nicht! und vielleicht ist keiner in der Runde, der es vermag.“ Mit diesen Worten lehnte er Bogen und Köcher an den Pfosten. Aber Antinous schalt ihn und sprach: „Das ist eine ärgerliche Rede, Leiodes, weil Du ihn nicht spannen kannst, soll es auch kein Anderer vermögen? Auf, Melanthius,“ sagte er dann zum Ziegenhirten, „zünd' ein Feuer an, stell' uns den Sessel davor, und bring uns eine tüchtige Scheibe Speck aus der Kammer, da wollen wir den ausgedörr¬ ten Bogen wärmen und salben, dann soll es besser gehen!“ Es geschah, wie er befohlen, aber es war vergebens. Umsonst bemühte sich ein Freier nach dem andern, den Bogen zu spannen. Zuletzt waren nur noch die beiden tapfersten, Antinous und Eurymachus, übrig. Odysseus entdeckt sich den guten Hirten. Nun geschah es, daß sich beim Hinausgehen aus dem Palaste der Rinderhirt und der Sauhirt begegneten, und ihnen folgte auf dem Fuße der Held Odysseus. Als sie Pforte und Vorhof hinter sich hatten, holte er jene ein, und sprach zu ihnen leise und vertraulich: „Ihr Freunde, ich möchte wohl ein Wort mit euch reden, wenn ich mich auf euch verlassen kann; sonst schwiege ich lieber. Wie wär' es, wenn den Odysseus jetzt plötz¬ lich ein Gott aus der Fremde zurückführte? würdet ihr die Freier vertheidigen, oder ihn? redet unverhohlen, ganz wie es euch ums Herz ist.“ „O Jupiter im Olymp,“ rief der Rinderhirt zuerst, „wenn mir dieser Wunsch ge¬ währt würde, wenn der Held käme! du solltest sehen, wie sich meine Arme regen würden!“ Ebenso flehte Eumäus zu allen Göttern, daß sie dem Odysseus Heim¬ kehr verleihen möchten. Als nun dieser ihres Herzens Gesinnung erkannt hatte, da sprach er: „Nun denn, ihr Kinder, so ver¬ nehmt's: ich selber bin Odysseus! Nach unsäglichen Leiden komme ich im zwanzigsten Jahr zurück in meine Heimath, und ich sehe, daß ich euch beiden willkommen bin, euch allein unter allem Gesinde; denn keinen unter Allen hörte ich jemals um meine Wiederkehr zu den Göttern flehen. Dafür will ich auch jedem von euch, wenn ich die Freier bezwungen habe, ein Weib geben, Aecker schenken, Häuser bauen, ganz nahe bei meinem Hause, und Telemach soll euch behandeln wie seine leib¬ lichen Brüder. Damit ihr aber an der Wahrheit mei¬ ner Aussage nicht zweifelt, so erkennet hier die Narbe von jener Wunde, die der Eber dem Knaben auf der Jagd beigebracht hat.“ Damit schob er die Lumpen sei¬ nes Kleides auseinander, und entblöste die große Narbe. Jetzt fingen die beiden Hirten zu weinen an, umschlangen ihren Gebieter; küßten ihm Gesicht und Schultern. Auch Odysseus küßte die treuen Knechte, dann aber sprach er: „Hänget eurem Grame nicht nach, lieben Freunde, daß uns Keiner im Palast verrathe. Auch wollen wir Alle nur einzeln, Einer nach dem Andern hineingehen. Dann werden es die Freier nicht gestatten wollen, daß auch mir Bogen und Köcher gereicht werde; du aber, Eu¬ mäus, wandle nur keck mit dem Bogen durch den Saal und reiche mir ihn. Zugleich befiehlst du den Weibern, die Pforten des Hintergemachs fest zu verriegeln; und wenn man auch inwendig im Saale Lärmen von Män¬ nerstimmen und Stöhnen hört, so soll sich keine aus der Thüre wagen, sondern ruhig bei der Arbeit verharren. Dir aber, treuer Philötius, sey das Hofthor anvertraut: riegle es fest zu, und binde das Seil ums Schloß.“ Nach dieser Weisung begab sich Odysseus in den Saal zurück, und die Hirten folgten ihm, einer um den andern. Eurymachus drehte jetzt eben den Bogen uner¬ müdet über dem Feuer um, aber es gelang ihm nicht, die Sehne zu spannen, und unmuthig seufzend sprach er: „Ei wie kränkt es mich! Nicht so sehr um Penelope's Hand gräme ich mich: denn es giebt der Griechinnen noch genug in Ithaka und anderwärts; sondern daß wir gegen den Helden Odysseus so ganz kraftlos erscheinen sollen; darüber werden uns die Enkel noch verspotten!“ Antinous aber wies den Freund zurecht und sagte: „Rede nicht so, Eurymachus, es feiert heute das Volk ein großes Fest: da ziemt es eigentlich gar nicht, den Bogen zu spannen. Laßt uns das Geschoß hinweglegen, und wieder eins trinken; die Aexte mögen immerhin im Saale stehen bleiben, dann opfern wir morgen dem Apollo und vollbringen den Bogenkampf!“ Jetzt wandte sich Odysseus an die Freier und sprach: „Ihr thut wohl daran, heute zu rasten: morgen wird euch hoffentlich Apollo der Fernhintreffer Sieg verleihen. Einstweilen gestattet mir es, den Bogen zu erproben, und zu versuchen, ob in den elenden Gliedern noch etwas von der alten Kraft geblieben ist.“ „Fremdling,“ fuhr Antinous bei diesen Worten des Helden auf, „bist du ganz von Sinnen? bethört dich der Wein? willst du Hader beginnen, wie der Centaure auf der Hochzeit des Pirithous? Bedenke, daß dieser zuerst das Verderben selbst fand, so soll auch dich das Unheil treffen, sobald du den Bogen spannst, und du wirst keinen Fürsprecher mehr unter uns finden!“ Nun mischte sich auch Pe¬ nelope in den Streit. „Antinous,“ sprach sie mit sanfter Stimme, „wie unziemlich wäre es, den Fremdling vom Wettkampf ausschließen zu wollen! Fürchtest du etwa, wenn es dem Bettler gelänge, den Bogen zu spannen, er würde mich als Gattin heimführen? Schwerlich macht er sich selbst diese Hoffnung. Bekümmere sich nur deßwegen keiner von euch in seinem Herzen! Das wäre ja unmöglich, unmöglich!“ „Nicht das fürchten wir, o Königin,“ antwortete ihr Eurymachus hierauf; „nein! sondern wir fürchten nur die Nachrede bei den Griechen, daß nur schlechte Männer, von denen keiner vermocht hat, den Bogen des unsterblichen Helden zu spannen, um seine Gattin geworben haben: zuletzt aber sey ein Bettler aus der Fremde gekommen, der habe den Bogen ohne Anstrengung gespannt, und durch die Aexte ge¬ schossen!“ „Der Fremdling ist nicht so schlecht, als ihr wähnet,“ sprach darauf Penelope; „sehet ihn nur recht an, wie groß und gedrungen sein Gliederbau ist! Auch er rühmt sich eines edlen Mannes als Erzeugers. So gebet ihm denn den Bogen: spannt er ihn, so soll er nichts weiter von mir haben, als Mantel und Leibrock, Speer und Schwert, und Sohlen unter die Füße. Da¬ mit mag er hinziehen, wohin sein Herz begehrt.“ Nun fiel Telemachus ein und sagte: „Mutter, über den Bogen hat kein Achaier zu gebieten, als ich, und keiner soll mich mit Gewalt davon abhalten, und wollte ich ihn dem Fremdling auf der Stelle schenken, damit in die weite Welt zu gehen. Du aber, Mutter, geh' in dein Frauengemach zu Webestuhl und Spindel, das Geschoß gebührt den Männern.“ Staunend fügte sich Penelope der entschlossenen Rede des verständigen Sohns. Und nun brachte der Sauhirt den Bogen, während die Freier ein wüthendes Geschrei erhoben: „Wohin mit dem Geschoß, du Rasender? Juckt es dich, von deinen eigenen Hunden bei den Schweineställen zerrissen zu wer¬ den?“ Erschrocken legte er den Bogen von sich; aber Telemach rief mit drohender Stimme: „Hierher mit dem Bogen, Alter, du hast nur Einem zu gehorchen, sonst jage ich dich mit Steinen hinaus, obgleich ich der Jün¬ gere bin. Wäre ich nur den Freiern überlegen, wie ich dir es bin!“ Die Freier lachten, und ließen von ihrem Schwab , das klass. Alterthum. III . 17 Zorne nach. Der Sauhirt reichte dem Bettler den Bo¬ gen, dann befahl er der Schaffnerin, die Pforten des Hintergemachs zu verriegeln, und Philötius eilte aus dem Palaste und verschloß sorgfältig die Pforte des Vorhofs. Odysseus aber beschaute sich den Bogen von allen Seiten, ob in der langen Zeit die Würmer nicht das Holz zernagt hätten, und sonst etwas an ihm gebräche; und unter den Freiern sprach wohl ein Nachbar zu dem andern: „Der Mann scheint sich auf den Bogen nicht übel zu verstehen! Hat er wohl selbst einen ähnlichen zu Hause, oder will er sich einen darnach bilden? Seht doch, wie ihn der Landstreicher in den Händen hin und her dreht!“ Nachdem Odysseus den gewaltigen Bogen von allen Seiten geprüft, spannte er ihn nur leichthin, wie der Sänger die Saiten eines Lautenspiels; griff mit der rechten Hand in die Sehne und versuchte ihre Spann¬ kraft. Diese gab einen hellen Ton von sich, wie das Zwitschern der Schwalbe. Die Freier alle durchzuckte ein Schmerz, und sie erblaßten. Jupiter aber donnerte vom Himmel mit heilvoller Vorbedeutung. Da faßte Odysseus muthig den Pfeil, der auf dem Tische aus dem Köcher geschüttet, vor ihm lag, faßte den Bogen, zog die Sehne und die Kerbe, und schnellte, mit sicherem Auge zielend, den aufgelegten Pfeil ab. Keine Axt verfehlte der Schuß: der Pfeil flog vom vordersten Oehr hindurch bis aus dem letzten. Dann sprach der Held: „Nun, der Fremdling in deinem Palaste hat dir keine Schande gebracht, Telemachus! meine Kraft ist noch ungeschwächt, so sehr mich die Freier verhöhnt haben. Jetzt aber ist es Zeit, daß wir den Achaiern den Abendschmaus geben, noch eh' es Nacht wird, dann folge Lautenspiel und Gesang, und was sonst noch das festliche Mahl erfreuen mag.“ Mit diesem Worte gab Odysseus seinem Sohne den heimlichen Wink. Schnell warf sich dieser sein Schwert um, griff zum Speer, und stellte sich gewappnet neben den Stuhl seines Vaters. Die Rache. Da streifte sich Odysseus die Lumpen rückwärts von den Armen, und Bogen und Köcher voll Geschossen in der Hand, sprang er auf die hohe Schwelle, hier schüt¬ tete er sich die Pfeile vor seinen Füßen aus, und rief in die Versammlung hinab: „Der erste Wettkampf wäre nun vollbracht, ihr Freier! nun folgt der zweite; und jetzt wähle ich mir ein Ziel, wie es noch kein Schütze getroffen hat; und doch gedenke ich es nicht zu verfehlen.“ So sprach er, und zielte mit dem Bogen auf Antinous. Dieser hob eben den gehenkelten goldenen Pokal, und führte ihn ahnungslos zum Munde. Da fuhr ihm der Pfeil des Odysseus in die Gurgel, daß die Spitze aus dem Genick hervordrang. Der Becher entstürzte seiner Hand; dem Erschossenen fuhr ein dicker Blutstrahl aus der Nase, und während er zur Seite sank, stieß er den Tisch sammt den Speisen mit dem Fuße um, daß diese auf den Boden rollten. Als die Freier den Fallenden gewahrten, sprangen sie tobend von ihren Thronsesseln 17 * auf; rings durchforschten sie die Wände des Saales nach Waffen: aber da war kein Speer und kein Schild zu sehen. Nun machten sie sich mit grimmigen Schelt¬ worten Luft: „Was schießest du auf Männer, verfluch¬ ter Fremdling? Unsern edelsten Genossen hast du getöd¬ tet. Aber es ist dein letzter Schuß gewesen, und bald werden dich die Geyer fressen.“ Sie meinten nämlich, er habe ihn, ohne es zu wollen, getroffen, und ahneten nicht, daß sie Alle das gleiche Schicksal bedrohe. Odysseus aber rief mit donnernder Stimme zu ihnen herunter: „Ihr Hunde, ihr meinet, ich komme nimmermehr von Troja zurück: deßwegen verschwelgtet ihr mein Gut, ver¬ führtet mein Gesinde, warbet bei meinem Leben um mein eigenes Weib, scheutet Götter und Menschen nicht! Jetzt aber ist die Stunde eures Verderbens gekommen!“ Wie sie solches hörten, wurden die Freier bleich, und Entsetzen ergriff sie. Jeder sah sich schweigend um, wie er entfliehen möchte; nur Eurymachus faßte sich und sprach: „Wenn du wirklich Odysseus der Ithaker bist, so hast du ein Recht, uns zu schelten, denn es ist viel Unziemliches im Palast und auf dem Lande geschehen. Aber der, der an Allein schuldig war, liegt ja bereits von deinem Pfeil erschossen. Denn Antinons ist's, der das Alles angestiftet hat, und zwar warb er nicht ein¬ mal ernstlich um deine Gemahlin, sondern er selbst wollte König in Ithaka werden, und gedachte deinen Sohn heimlich zu ermorden. Doch der hat ja nun sein Theil: du aber schone deiner Stammesgenossen; laß dich ver¬ söhnen! Jeder von uns soll dir zwanzig Rinder zum Ersatz für das Verzehrte bringen, auch Erz und Gold, so viel dein Herz verlangt, bis wir dich wieder günstig gemacht haben!“ „Nein, Eurymachus,“ antwortete Odysseus finster, „und wenn ihr mir all euer Erbgut bötet, und noch mehr, ich werde nicht ruhen, bis ihr mir Alle mit dem Tod eure Missethaten gebüßt habt. Thut was ihr wollt, kämpfet oder fliehet, Keiner wird mir entrinnen!“ Herz und Knie zitterte den Freiern. Noch einmal sprach Eurymachus, und zwar jetzt zu seinen Freunden: „Lieben Männer, dieses Mannes Hände wird Niemand mehr aufhalten, ziehet die Schwerter, wehrt sein Geschoß mit den Tischen ab: alsdann werfen wir uns auf ihn selber, suchen ihn von der Schwelle zu verdrängen; dann zerstreuen wir uns durch die Stadt und rufen unsere Freunde auf.“ So sprach er, zog sein Schwert aus der Scheide, und sprang mit gräßlichem Geschrei empor. Da durchbohrte ihm der Pfeil des Helden die Leber; das Schwert sank ihm aus der Hand, er wälzte sich mit sammt dem Tische zu Boden, warf Speisen und Becher zur Erde, und schlug mit der Stirne auf den Estrich. Den Sessel stampfte er mit den Füßen hinweg; es waren die letzten Zuckungen, und er lag todt auf dem Boden. Nun stürmte Amphinomus gegen Odysseus hinan, um sich mit dem Schwerte Bahn durch den Eingang zu machen. Aber diesen erreichte Telemachs Speer im Rücken zwischen den Schultern, so daß er vorn aus der Brust hervordrang, und der Getroffene auf das Angesicht zu Boden fiel. Telemach entzog sich nach dieser That dem Gewühle der Freier durch einen Sprung, und stellte sich zu seinem Vater auf die Schwelle, dem er einen Schild, zwei Lanzen und einen ehernen Helm zubrachte. Dann eilte er selbst zur Thüre hinaus, und in die Rüstkammer. Hier suchte er für sich und die Freunde noch weitere vier Schilde, acht Lanzen und vier Helme mit wallen¬ dem Roßschweif aus. Damit waffneten sie sich, er und die beiden treuen Hirten. Die vierte Rüstung brachten sie dem Odysseus, und so standen nun alle Vier neben einander. So lange dieser noch Pfeile hatte, streckte er mit jedem Schuß einen Freier darnieder, daß sie übereinander taumelten. Dann lehnte er den Bogen an den Thür¬ pfosten, warf sich eilig den vierfachen Schild über die Schultern, setzte sich den Helm auf's Haupt, dessen Busch fürchterlich nickte, und faßte dann zwei mächtige Lanzen. In dem Saale war noch eine Seitenpforte an¬ gebracht, die in einen Gang führte, der in die Haus¬ flur auslief. Die Oeffnung der Pforte war aber eng und faßte nur einen einzigen Mann. Dieses Pförtchen hatte Odysseus dem Eumäus zur Hut anvertraut; nun aber, da jener seine Stelle verlassen, sich zu waffnen, blieb es unbewacht. Einer von den Freiern, Agelaus, bemerkte dieses. „Wie wäre es,“ rief er, „Freunde, wenn wir uns durch die Seitenpforte flüchteten, und so in die Stadt gelangten, um das Volk aufzuwiegeln, dann hätte der Mann bald ausgewüthet!“ „Sey kein Thor,“ sagte Melanthius zu ihm, der Ziegenhirt, der in der Nähe stand, und auf der Seite der Freier war, „Pforte und Gang sind so enge, daß nur ein einzelner Mann hindurch kann, und wenn sich von jenen Vieren nur Einer davor stellt, so wehrt er uns Allen. Laß lieber mich unbemerkt hinausschlüpfen, so hol' ich euch Waffen genug vom Söller.“ Dieß that der Ziegenhirt, und kam auf wiederholte Gänge mit zwölf Schilden, und ebenso vielen Helmen und Lanzen zurück. Unerwartet sah Odysseus seine Feinde mit Rüstungen umhüllt, und lange Speere in den Händen bewegend. Er erschrak und sprach zu seinem Sohne Telemach: „Das hat uns eine der falschen Mägde, oder der arge Gaishirt zuge¬ richtet!“ „Ach, Vater, ich bin selbst daran schuld,“ erwiederte Telemach, „ich habe vorhin, als ich die Waffen holte, die Thüre der Rüstkammer in der Eile nur ange¬ lehnt.“ Der Sauhirt eilte nun hinauf zur Kammer, um sie zu verschließen. Durch die offene Thüre sah er, wie drin schon wieder der Gaishirt stand, weitere Waffen zu holen. Er eilte mit dieser Nachricht nach der Schwelle zurück. „Soll ich mich des Schalks bemächtigen?“ fragte er seinen Herrn. „Ja,“ erwiederte dieser, „nimm den Rinderhirten mit, überfallet ihn in der Kammer, drehet ihm Hände und Füße auf den Rücken, und hänget ihn mit einem starken Seil an die Mittelsäule der Kammer, daß er in Qualen harre. Dann schließet die Thüre zu, und kehret zurück.“ Die Hirten gehorchten. Sie beschlichen den Falschen, wie er eben im Winkel der Kammer nach Waffen umherspähte. Als er wieder zu der Schwelle kam, in der einen Hand einen Helm, in der andern einen alten verschimmelnte Schild, packten sie ihn, warfen den Schreienden zu Boden, fesselten ihm Hände und Füße auf dem Rücken, knüpften an einen Haken der Decke ein langes Seil, schlangen es um sei¬ nen Leib, und zogen ihn an der Säule bis dicht an die Balken empor. „Wir haben dich sanft gebettet,“ sprach der Sauhirt, „schlaf wohl!“ Nun verschlossen sie die Pforte, und kehrten auf ihre Posten zu den Helden zurück. Unverhofft gesellte sich zu den Vieren ein fünfter Streiter: es war Athene in Mentors Gestalt, und Odys¬ seus erkannte die Göttin freudig. Als die Freier den neuen Kämpfer bemerkten, rief Agelaus zornig hinauf: „Mentor, ich sage dir, laß dich durch Odysseus nicht verleiten, die Freier zu bekriegen, sonst ermorden wir mit Vater und Sohn auch dich und dein ganzes Haus.“ Athene enbrannte bei diesen Worten, sie spornte den Odysseus an und sprach: „Dein Muth scheint mir nicht mehr derselbe zu seyn, Freund, wie du ihn zehn Jahre lang vor Troja bewiesest. Durch deinen Rath sank diese Stadt: und nun, wo es gilt, in deiner eigenen Hei¬ math Palast und Gut zu vertheidigen, zagest du den Freiern gegenüber?“ So sprach sie, seinen Muth an¬ zufeuern, für ihn zu streiten gedachte sie nicht. Denn plötzlich schwang sie sich in Vogelgestalt empor, und saß, einer Schwalbe gleich, auf dem rußigen Gebälk der Decke. „Mentor ist wieder hinweggegangen, der Prahler,“ rief Agelaus seinen Freunden zu, „die Viere sind wieder allein. Laßt uns nun den Kampf wohl überlegen; nicht Alle zugleich werfet eure Lanzen, sondern ihr Sechse da zuerst; und zielet mir fein Alle nur auf Odysseus: liegt er nur erst, so kümmern uns die Andern wenig!“ Aber Athene vereitelte ihnen den gewaltigen Wurf: des einen Lanze durchbohrte den Pfosten; des andern fuhr in die Thür, andern blieb sie in der Wand stecken. Jetzt rief Odysseus seinen Freunden zu: „Wohl gezielt und ge¬ schossen!“ und alle Vier schickten ihre Lanzen ab, und keiner fehlte: Odysseus traf den Demoptolemus, Tele¬ mach den Euryades, den Elatus der Sauhirt, der Rin¬ derhirt den Pisander, welche miteinander in den Staub sanken. Einen Augenblick flüchteten sich die noch übrigen Freier in den äußersten Winkel des Saals: bald aber wagten sie sich wieder hervor und zogen die Speere aus den Leichnamen. Dann schoßen sie neue Lanzen ab; die meisten fehlten wieder, nur der Speer des Amphimedon streifte dem Telemach die Knöchelhaut an der einen Hand, und des Ktesippus Lanze ritzte dem Sauhirten die Schul¬ ter über dem Schild. Beide wurden zum Lohne von den Verletzten durch Lanzenwürfe getödtet, und der Sau¬ hirt begleitete seinen Wurf mit den Worten: „Nimm dieß, du Lästerer, für den Kuhfuß, mit dem du meinen Herrn beschenktest, als er noch im Saale bettelte.“ Den Eurydamas hatte der Wurf des Odysseus nie¬ dergestreckt. Jetzt erstach er mit der Lanze Agelaus, den Sohn des Damaster; Telemach jagte dem Leokritus den Speer durch den Bauch; Athene schüttelte ihren verderb¬ lichen Aegisschild von der Decke herab, und jagte den Freiern Entsetzen ein, daß sie wie Kinder, von der Bremse gestochen, oder wie kleine Vögel vor den Klauen des Habichts, im Saale hin und her irrten. Odysseus und seine Freunde waren von der Schwelle herabgesprungen, und durchwütheten mit Morden den Saal, daß überall Schädel krachten, Röcheln sich erhob, und der Boden von Blute floß. Einer der Freier, Leiodes, warf sich dem Odysseus zu Füßen, umklammerte seine Knie und rief: „Erbarme dich! nie habe ich Muthwillen in deinem Hause getrie¬ ben, habe die Andern gezähmt, aber sie folgten mir nicht! Ich bin ihr Opferer und habe nichts gethan, soll ich denn auch fallen?“ „Wenn du ihr Opferer bist,“ erwiederte Odysseus finster, „so hast du wenigstens für sie gebetet!“ und nun raffte er das Schwert des Agelaus, das dieser im Tode sinken lassen, vom Boden auf, und hieb dem Leiodes, während er noch flehte, das Haupt vom Nacken, daß es in den Staub hinrollte. Nahe an der Seitenpforte stand der Sänger Phe¬ mius, die Harfe in den Händen. Er überlegte in der Todesangst, ob er sich durch das Pförtchen in den Hof zu retten suchen, oder die Kniee des Odysseus umfassen sollte. Endlich entschloß er sich zu dem Letztern, legte die Harfe zwischen dem Mischkrug und Sessel zu Boden, und warf sich vor Odysseus nieder. „Erbarme dich meiner,“ rief er, seine Kniee umschlingend, „du selbst bereuetest es, wenn du den Sänger erschlagen hättest, der Götter und Menschen mit seinem Lied erfreut. Ich bin der Lehrling eines Gottes, und wie einen Gott will ich dich im Gesange feiern! Dein Sohn kann es mir bezeugen, daß ich nicht freiwillig hierherkam, daß sie mich gezwungen haben, zu singen!“ Odysseus hob das Schwert, doch zögerte er; da sprang Telemach herzu und rief: „Halt, Vater, verwunde mir diesen nicht, er ist unschuldig; auch den Herold Medon, wenn er nicht schon von den Hirten oder dir ermordet ist, laß uns verschonen, er hat mich schon als Kind im Hause so sorglich gepflegt, und wollte uns immer wohl.“ Medon, der, in eine frische Rinderhaut gehüllt, unter seinem Sessel verborgen lag, hörte die Fürbitte, wickelte sich los, und lag bald dem Telemach flehend zu Füßen. Da mußte der finstere Held Odysseus lächeln, und sprach: „Seyd getrost, ihr Beide, Sänger und Herold, Tele¬ machs Bitte schützt euch. Gehet hinaus und verkündiget den Menschen, wie viel besser es sey, gerecht, als treu¬ los zu handeln. Die zwei eilten aus dem Saale, und setzten sich, noch immer vor Todesangst zitternd, im Vorhofe nieder. Bestrafung der Mägde. Odysseus blickte umher, und sah keinen lebenden Feind mehr. Sie lagen hingestreckt in Menge, wie Fische, die der Fischer aus dem Netz geschüttet. Da ließ Odys¬ seus durch seinen Sohn die Schaffnerin berufen. Sie fand ihren Herrn unter den Leichen wie einen Löwen stehen, der Stiere zerrissen hat, dem der Rachen und die Brust von schwarzem Blute triefen, und dessen Auge funkelt. So stand Odysseus, an Händen und Füßen mit Blut bedeckt. Frohlockend jauchzte die Schaffnerin, denn der Anblick war groß und fürchterlich. „Freue dich, Mutter,“ rief ihr der Held ernsthaft entgegen, „aber jauchze nicht: kein Sterblicher soll über Erschlagene jubeln! Diese hier hat das Gericht der Götter gefället, nicht ich. Jetzt aber nenne mir die Weiber des Palasts: welche mich verachtet haben, welche treu geblieben sind.“ „Es sind fünfzig Dienerinnen im Hause,“ antwortete Euryklea, „die wir Kleiderwirken, Wollekämmen, das Hauswesen bestellen gelehrt haben. Von diesen haben sich zwölfe von euch abgewendet, und weder mir, noch Penelope gehorcht, denn dem Sohn überließ die Mutter das Regiment über die Mägde nicht. — Nun aber laß mich meine schlummernde Herrin erwecken, o König, und ihr die Freudenbotschaft verkünden.“ „Wecke jene noch nicht,“ antwortete Odysseus, „sondern schicke mir die zwölf treulosen Mägde herunter.“ Euryklea gehorchte, und zitternd erschienen die Dienerinnen. Da rief Odys¬ seus seinen Sohn und die treuen Hirten zu sich heran, und sprach: „Traget nun die Leichname hinaus, und heißet die Weiber Hand anlegen. Dann heißet sie die Sessel und Tische mit Schwämmen säubern, und den ganzen Saal reinigen. Wenn dieß geschehen ist, führt mir die Mägde hinaus zwischen Küche und Hofmauer, und machet sie Alle mit dem Schwerte nieder, daß ihnen der Muthwill ausgetrieben wird, dem sie sich mit den Freiern überlassen haben!“ Wehklagend und weinend sammelten sich die Weiber auf einen Haufen, aber Odys¬ seus trieb sie zum Werke und war hinter ihnen her, bis sie die Todten hinausgetragen, Sessel und Tische gesäu¬ bert, den Estrich reingeschaufelt und den Unrath vor die Thüre geschleppt hatten. Dann wurden sie von den Hirten zum Palaste hinaus, zwischen Küche und Hof¬ mauer gedrängt, wo kein Ausweg war. Und nun sprach Telemachus: Diese schändlichen Weiber, die mein und meiner Mutter Haupt verunehrt haben, sollen keines ehr¬ lichen Todes sterben!“ Mit diesen Worten knüpfte er von Pfeiler zu Pfeiler, das Küchengewölbe entlang, ein ausgespanntes Seil, und bald hingen die Mägde, mit der Schlinge um den Hals, alle zwölf neben einander, wie ein Zug Drosseln im Netze, und zappelten nur noch eine kurze Weile mit den Füßen in der Luft. Jetzt wurde auch der boshafte Ziegenhirt Melan¬ thius über den Vorhof herbeigeschleppt und in Stücke gehauen. Als Telemach und die Hirten dieß vollbracht hatten, war das Werk der Rache beendigt, und sie kehrten zu Odysseus in den Saal zurück. Hierauf befahl Odysseus der Schaffnerin Euryklea, Glut und Schwefel auf einer Pfanne zu bringen, und Saal, Haus und Vorhof zu durchräuchern. Noch ehe sie aber dieses Geschäft vornahm, brachte sie ihrem kö¬ niglichen Herrn Mantel und Leibrock. „Du sollst mir,“ sprach sie, „lieber Sohn, und unser Aller Herr, nicht mehr so mit Lumpen bedeckt im Saale dastehen, du, die herrliche Heldengestalt. Das wäre ja ganz unziemlich.“ Odysseus aber ließ die Kleider noch liegen, und hieß die Alte an ihr Geschäft gehen. Während diese nun den Saal und das ganze Haus durchräucherte, rief sie auch die treu gebliebenen Dienerinnen herbei. Diese drängten sich bald um ihren geliebten Herrn, hießen ihn mit Freuden¬ thränen willkommen, drückten ihr Angesicht auf seine Hände, und konnten sich mit Küssen nicht ersättigen. Odysseus aber weinte und schluchzte vor Freuden; denn jetzt erkannte er, wer ihm treu geblieben war. Odysseus und Penelope. Als das Mütterchen mit der Räucherung fertig war, stieg es empor zum Söller, um jetzt endlich der gelieb¬ ten Herrin zu verkündigen, daß ihr Gemahl Odysseus es sey und kein Anderer, der in die Heimath zurückgekom¬ men. Die Füße der Alten trippelten hurtig, aber die Kniee versagten ihr beinahe. So trat sie vor das Lager Penelope's, und, die Schlummernde weckend, sprach sie: „Liebe Tochter, erwache, du sollst mit deinen eigenen Augen dasjenige sehen, worauf du von Tag zu Tage gewartet hast: Odysseus ist daheim; Odysseus ist endlich im Palaste! Er hat die trotzigen Freier, die dich so sehr geängstigt, die seine Habe verzehrten, die seinen Sohn beschimpften — er hat sie erschlagen!“ Penelope rieb sich den Schlummer aus den Augen und sagte: „Mütterchen, du bist eine Thörin; die Götter haben dich mit Blödsinn geschlagen. Was weckst du mich mit deiner lügenhaften Botschaft aus dem sanftesten Schlummer? Seit Odysseus ausgefahren ist, habe ich nicht mehr so fest geschlafen! Hätte mich eine Andere mit diesem Mährchen getäuscht, ich würde sie nicht nur mit scheltenden Worten fortschicken; und auch dich schützt nur dein Alter; aber auf der Stelle geh' mir hinunter in den Saal.“ „Tochter, spotte nicht,“ entgegnete die Schaffnerin, „der Fremdling ist's, der Bettler, dessen Alle im Saale spotteten. Dein Sohn Telemach wußte es längst, aber er sollte das Geheimniß verbergen, bis Rache an den Freiern genommen war.“ Als sie solches hörte, sprang die Fürstin vom Lager, und schmiegte sich an die Alte, und unter einem Strome von Thränen sprach sie: „Mütterchen, wenn du wirklich die Wahrheit redest, wenn Odysseus wirklich im Palast ist: sage mir, wie bewältigte er die Freier, die zahllos versammelten?“ „Ich selber habe es weder gesehen noch gehört,“ antwortete Euryklea, „denn wir Frauen saßen voll Angst in den festverschlossenen Gemächern; aber das Aechzen hörte ich wohl; und als mich endlich dein Sohn herbeirief, da fand ich deinen Gemahl dastehen, von Leichen umringt; denn die Freier alle lagen auf dem Boden übereinander gestreckt. So blutig er anzuschauen war, er hätte dir doch gefallen, Tochter; jetzt aber liegen die Leichname alle weit draußen vor der Hofpforte; das ganze Haus ist von mir mit reinigendem Schwefel durchräuchert worden: du kannst ohne alles Grauen hin¬ absteigen.“ „Alte, ich kann es immer noch nicht glau¬ ben,“ sprach Penelope, „es ist ein Unsterblicher, der die Freier erschlagen hat. Aber Odysseus — ach nein, der ist ferne, der ist nicht mehr am Leben!“ „Ungläubiges Herz,“ entgegnete kopfschüttelnd die Schaffnerin, „so will ich dir noch ein untrüglicheres Zeichen angeben. Du kennst ja die Narbe, die von des Ebers Zahne herrührt; nun damals, als ich auf deinen Befehl dem Bettler die Füße wusch, da erkannte ich sie, und wollte dirs auf der Stelle verkündigen: aber er schnürte mir die Gurgel zu und litt es nicht.“ „So laß uns denn hinabgehen,“ sagte Penelope, vor Furcht und Hoffnung zitternd; und so stiegen sie beide mit einander hinab in den Saal und schritten über die Schwelle. Hier setzte sich Penelope, ohne ein Wort zu reden, im Glanze des Heerdfeuers dem Odysseus gegenüber. Er selbst saß an der Säule mit gesenkten Augen, und wartete auf ihr Wort. Aber Staunen und Zweifel machte die Königin stumm: bald glaubte sie sein Angesicht zu erkennen, bald deuchte es ihr wieder fremd, und ihre Augen ruhten nur auf den Lumpen des Bettlers. Endlich trat Telemach zur Mut¬ ter, und sprach halb lächelnd, halb scheltend: „Böse Mutter, wie kannst du so unempfindlich bleiben? Setze dich doch zum Vater, forsche, frage! Welches andere Weib, wenn ihr Gatte nach so viel Jammer im zwanzigsten Jahre heimkehrt, würde sich so geberden! Hast du denn allein statt des Herzens einen Stein im Busen?“ „Ach lieber Sohn,“ erwiederte Penelope, „ich bin in Staunen verloren; ich kann ihn nicht anreden, ich kann ihn nicht fragen, ich kann ihm nicht gerade ins Angesicht schauen! Und doch ist er es wirklich, er ists, mein Odysseus, er ist zurückgekommen in sein Haus! Doch werden wir einander schon erkennen, und viel siche¬ rer, denn wir haben geheime Zeichen, die Niemand sonst be¬ kannt sind.“ Da wandte sich Odysseus mit sanftem Lächeln an seinen Sohn und sprach: „Laß die Mutter immerhin mich versuchen; sie verachtet mich, weil ich in so gar häßliche Lumpen gehüllt bin. Nun wir wollen sehen, wie wir sie überzeugen. Jetzt aber thut anderes noth. Wer auch nur einen einzigen Mann aus dem Volke ge¬ tödtet hat, der flieht Haus und Heimath, auch wenn jener nur wenige Rächer hinterläßt. Wir aber haben die Stützen des Landes, die edelsten Jünglinge der Insel und der Nach¬ barschaft erschlagen, was thun wir?“ „Vater,“ sagte Te¬ lemach, „da mußt du allein sorgen. Du giltst in aller Welt für den klügsten Rathgeber.“ „So will ich euch denn sagen,“ erwiederte Odysseus, „was ich für das Klügste halte. Du, die Hirten, Alles was im Hause ist, ihr nehmet vor allen Dingen ein Bad und schmücket euch aufs allerbeste; auch die Mägde kleiden sich in ihre besten Gewande; der Sänger aber nimmt die Harfe zur Hand, und spielt uns Allen einen Reihentanz auf. Wer dann über die Straße geht, wer in der Nähe wohnt, meint nicht anders, als das Fest dauere noch fort im Hause, und so verbreitet sich wohl das Gerücht von der Ermordung der Freier nicht eher in der Stadt, als bis wir unsere Besitzungen auf dem Lande erreicht haben; dann wird uns ein Gott eingeben, was weiter zu thun ist.“ Bald ertönte das ganze Haus von Harfenspiel, Gesang und Tanz. Auf der Straße sammelten sich die Einwohner und sprachen zu einander: „Nun ist kein Zweifel! Penelope hat sich wieder geheirathet, und im Palaste wird das Vermählungsfest gefeiert. Die böse Frau, konnte sie nicht erwarten, bis der Gemahl ihrer Jugend zurückgekehrt wäre?“ Endlich gegen Abend verlief sich das Volk. Odysseus hatte sich in dieser Zeit gebadet und gesalbt. Athene aber goß ihm jetzt wieder Anmuth um das Haupt; sein dunkles Haar umringelte in vollem Wuchse den Scheitel, und einem Unsterblichen gleich stieg er aus der Badwanne. So trat er in den Saal und setzte sich wieder in seinen Thronsessel, der Gemahlin gegenüber. „Seltsame Frau,“ sprach er, „die Götter haben dir doch ein fühlloses Herz verliehen, kein anderes Weib wird so hartnäckig ihren Gatten vei¬ läugnen, wenn er im zwanzigsten Jahre nach so viel Trübsal heimkehrt. So wende ich mich denn an dich, Euryklea, Mütterchen, daß du mir irgendwo mein Lager bereitest; denn diese hier hat ein eisernes Herz in der Brust!“ „Unbegreiflicher Mann,“ sprach jetzt Penelope, „nicht Stolz, nicht Verachtung, kein ähnliches Gefühl hält mich von dir zurück; ich weiß noch recht gut, wie du aussahest, als du Ithaka zu Schiffe verließest. Wohl denn, Euryklea bereite ihm das Lager, außerhalb des Schlafgemachs, richte es wohl zu mit Vließen, Mänteln und Teppichen.“ Schwab , das klass. Alterthum. III . 18 So versuchte Penelope ihren Gemahl, Odysseus aber blickte unwillig auf und sprach: „Das war ein kränkendes Wort, Frau, meine Bettstelle vermag kein Sterblicher zu verrücken, und wenn er alle Jugendkräfte anstrengte. Ich selbst habe mir die Lade gezimmert, und es ist ein großes Geheimniß daran. Mitten auf dem Platze, wo wir den Palast anlegten, stand im blühendsten Saft ein schattiger Olivenbaum, und war wie eine Säule gewachsen. Da ließ ich die Wohnung so anlegen, daß derselbe innerhalb des Schlafgemaches zu stehen kam. Als nun die Kammer schön aus Steinen erbaut und die Decke von Holz zierlich gebohnt war, kappte ich die Krone des Oelbaumes ab, den Stamm fing ich an von der Wurzel aus zu behauen und zu glätten. So bildete ich scharf nach der Richtschnur den Fuß des Bettes, und meißelte dieses selbst bis zur Voll¬ endung aus; dann wurde die Lagerstatt von mir künst¬ lich mit Gold, Silber und Elfenbein durchwirkt, und von starker Stierhaut Riemen darin für die Betten aus¬ gespannt. Dieß ist unser Lager, Penelope! ob es noch steht, weiß ich nicht, wer es aber anders gestellt hat, der mußte den Oelbaum von seiner Wurzel trennen.“ Die Kniee zitterten der Königin, als sie das Zei¬ chen erkannte. Weinend erhob sie sich vom Stuhle, lief auf ihren Gatten zu, umschlang ihm den Hals mit offe¬ nen Armen, küßte sein Haupt und küßte es wieder, und begann: „Odysseus, du bist ja immer so gut, so voll Verstandes gewesen, zürne mir nicht! Die ewigen Götter haben Leid über uns verhängt, weil es ihnen zu selig däuchte, wenn wir unser junges Leben in Eintracht miteinander verbringen, und auf sanftem Wege dem Alter nahen sollten. Du mußt mir nicht gram seyn, daß ich dich nicht auf der Stelle zärtlich willkommen geheißen habe. Mein armes Herz war in beständiger Angst, es möchte mich irgend ein schlauer Betrüger täuschen. Jetzt, nachdem du mir genannt hast, was kein Sterb¬ licher außer dir und mir und unserer alten Pförtnerin Ak¬ toris, die mir aus dem väterlichen Hause hieher gefolgt ist, wußte, jetzt ist mein hartes Herz besiegt und überzeugt!„ Die halbe Nacht verging den Gatten unter gegen¬ seitiger Erzählung des unendlichen Elendes, das sie beide in den zwanzig verflossenen Jahren erduldet, und der Königin kam kein Schlaf in die Augenlieder, bis ihr Gemahl von allen seinen Irrfahrten ihr den ausführlich¬ sten Bericht abgestattet hatte. Endlich begab sich Alles im Palaste zur erwünschten Ruhe, und suchte Erholung von den erschütternden Be¬ gebenheiten des Tages. Odysseus und Laertes. Am andern Morgen hatte sich Odysseus in aller Frühe reisefertig gemacht. „Liebes Weib,“ sprach er zu Penelope, „wir beide haben bisher den Becher des Lei¬ dens bis zur Neige geleert, du mein Ausbleiben bewei¬ nend, ich durch Jupiter und andere Götter von der Heimkehr ins Vaterland abgehalten. Jetzt, nachdem wir beide wieder vereinigt sind, unsere Herrschaft, unser Be¬ sitz uns wieder gesichert ist, sorge du für alles Gut, das mir im Palaste noch geblieben ist. Was die Freier in 18 * ihrer Ueppigkeit uns verpraßt haben, das werden uns theils die Geschenke, mit welchen sie zuletzt ihre Bewer¬ bung unterstützt haben, theils Raub und Gaben, die ich aus der Fremde mitbringe, reichlich ersetzen, so daß unsere Meierhöfe bald wieder gefüllt seyn werden. Ich selbst aber will mich jetzt auf das Landgut hinaus be¬ geben, wo mein guter alter Vater mich schon so lange betrauert. Ich rathe dir aber, da das Gerücht von der Ermordung der Freier sich doch allmählig in der Stadt verbreiten muß, daß du mit deinen Dienerinnen dich in die Frauengemächer zurückziehest, und Niemand Gelegenheit gebest, dich zu schauen und zu befragen.“ So sprach Odysseus, warf sich sein Schwert um die Schulter, und weckte nun auch seinen Sohn Tele¬ mach und die beiden Hirten, die sofort alle drei auf seinen Befehl gleichfalls die Waffen ergriffen, und mit dem ersten Frühlichte, den Helden an der Spitze, durch die Stadt eilten. Ihre Beschirmerin aber, Pallas Athene, hüllte die Wandelnden in einen dichten Nebel, so daß kein einziger Bewohner der Stadt sie erkannte. Es dauerte nicht allzu lange, so hatten die vier Wanderer den lieblich gelegenen, wohl geordneten Mei¬ erhof des greisen Laertes erreicht. Es war eines der ersten Güter, das der Vater des Odysseus zum Ererb¬ ten an sich gebracht hatte. In der Mitte des Hofes lag, von Wirthschaftsgebäuden umringt, das Wohnhaus. Hier aßen und schliefen die Knechte, die ihm das Feld bestellten. Eben daselbst wohnte auch eine alte Sicili¬ erin, die auf dem einsamen Landgute den alten Mann mit größter Sorgfalt pflegte. Als sie nun vor der Wohnung standen, sprach Odysseus zum Sohn und zu den Hirten: „Betretet ihr einstweilen das Haus und schlachtet ein auserlesenes Mastschwein für unser Mit¬ tagsmahl. Ich selbst will aufs Feld hinaus gehen, wo der gute Vater ohne Zweifel bei der Arbeit ist, und ihn auf die Probe stellen, ob er mich wohl noch erkennt. Es wird nicht lange währen, so kehre ich mit ihm zu¬ rück, und wir feiern dann zusammen das fröhliche Mahl.“ Odysseus reichte seinen Genossen Schwert und Speer, und diese wandten sich der Wohnung zu. Er nun schlug den Weg nach den Pflanzungen seines Vaters ein, und kam zuerst durch den Wurzgar¬ ten. Vergebens sah er sich hier nach dem Oberknechte Dolius, seinen Söhnen und den übrigen Knechten um. Sie waren Alle ins Feld hinausgegangen, um Dorn¬ sträucher zu suchen, und damit die Einfriedigung um die Baumpflanzung herzustellen. Als der König in dieser letzteren angekommen war, fand er endlich den alten Vater selbst, zwischen den schönen Reihengängen seiner Bäume stehend, wie er eben beschäftigt war, ein kleines Bäumchen umzugraben. Der Greis sah einem alten Knechte nicht unähnlich: er hatte einen groben, schmutzi¬ gen, an vielen Stellen geflickten Leibrock an; um die Beine trug er ein paar alte Felle von Ochsenleder, um sich damit gegen die Dornen zu schützen; an den Hän¬ den Handschuhe; auf dem Kopf eine Mütze von Gais¬ fell. Als Odysseus seinen Vater in diesem elenden Aufzuge erblickte, gebeugt vom Alter, die Spuren des tiefsten Kummers auf dem Gesichte, mußte sich der Held vor Schmerz an den Stamm eines Birnbaums lehnen, und weinte bitterlich. Am liebsten hätte er den Vater unter Küssen umarmt, und ihm auf einmal gesagt, daß er sein Sohn, und ins Land der Väter zurückgekehrt sey. Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auch den Vater auszuforschen, und mit leisem Tadel sein Herz auf die Probe zu stellen. So trat er denn während der Greis mit gebücktem Haupte eifrig die Erde um den jungen Baumsproß auflockerte, diesem näher und begann also: „Greis, du scheinst dich recht gut auf den Gartenbau zu verstehen. Reben, Oliven-, Feigen-, Birn- und Aepfelbäume, alle sind aufs beste gepflegt; auch den Blumen- und Gemüßbeeten fehlt es nirgends an der nöthigen Sorge. Aber an Einem fehlt es dir doch, und nimm es mir nicht übel, daß ich dirs ehrlich sage: du selbst scheinst nicht gehörig gepflegt zu werden, Alter, daß du in solchem Schmutz und so häßlicher Kleidung einhergehest! Von deinem Herrn ist das nicht wohlge¬ than. Auch scheint mir deine eigene Trägheit nicht an dieser Behandlung schuld zu seyn. Betrachtet man deine Gestalt und Größe, so findet sich gar nichts knechti¬ sches an dir, du hast vielmehr ein königliches Ansehen; ein Mann wie du verdiente es, gebadet und wohlgespeist auszuruhen, wie man's den Alten gönnen mag. So sage mir doch, wer ist dein Herr, und für wen bestellst du diesen Garten? Und ist dieses Land wirklich Ithaka, wie mir ein Mann, dem ich eben begegnete, gesagt hat? es war übrigens ein unfreundlicher Mensch; er antwor¬ tete mir nicht einmal, als ich ihn fragte, ob der Gast¬ freund noch lebe, den ich hier besuchen will. In meiner Heimath habe ich nämlich vor langer Zeit einen Mann be¬ herbergt, — es ist noch nie ein lieberer Gast über meine Schwelle gekommen. Dieser stammte von Ithaka und er¬ zählte mir, daß er ein Sohn des Königs Laertes sey; ich bewirthete den werthen Freund aufs allerbeste und reichte ihm ein stattliches Ehrengeschenk, als er von mir schied: sieben Talente des feinsten Goldes, einen silbernen Krug mit den schönsten Blumengewinden vom selben Metall, zwölf Teppiche, ebensoviele Leibröcke und Mäntel, und vier schmucke kunstbegabte Mägde, die er sich selbst auslesen durfte.“ So fabelte der erfindungsreiche Odysseus. Sein Va¬ ter aber hatte bei dieser Nachricht das Haupt vom Boden aufgerichtet; Thränen waren ihm in die Augen getreten, und er sprach: „Freilich, guter Fremdling, bist du in das Land gekommen, nach welchem du frägst. Aber es wohnen muthwillige, frevelhafte Menschen darin, die du mit allen deinen Geschenken nicht zu ersättigen vermöchtest. Der Mann, welchen du suchst, ist nicht mehr da. Hättest du ihn noch lebend auf Ithaka getroffen, o wie reichlich hätte er deine schönen Geschenke dir vergolten! Aber sage mir, wie lang ist es her, daß dein unglücklicher Gastfreund, mein Sohn, dich besucht hat? Denn er ist es gewesen, mein armer Sohn, der jetzt vielleicht irgendwo im tiefen Meeresgrunde liegt, oder dessen Fleisch die wilden Thiere und die Raubvögel verzehrt haben. Nicht die Eltern haben ihm das Todtenhemde angezogen, nicht seine edle Gattin Penelope hat schluchzend am Bette des Gatten geweint und ihm die Augen zugedrückt! Aber wer und woher bist denn du, wo ist dein Schiff, wo sind deine Genossen? Oder kamst du auf einem ge¬ dungenen Fahrzeug als Reisender, und bist allein an unserm Ufer ausgestiegen?“ „Ich will dir nichts vorenthalten, edler Greis,“ antwortete Odysseus, „ich bin Eperitus, der Sohn des Aphitas aus Alibas; ein Sturm hat mich wider Wil¬ len von Sikanien an euer Gestade getrieben, wo mein Schiff nicht ferne von der Stadt vor Anker liegt. Fünf Jahre sind's, daß dein Sohn Odysseus meine Heimath verlassen hat. Er gieng fröhlichen Muthes, und Glücks¬ vögel begleiteten ihn. Wir gedachten uns noch oft als Gastfreunde zu sehen, und uns gegenseitig schöne Gaben zu verehren.“ Dem alten Laertes wurde es Nacht vor den Au¬ gen, mit beiden Händen langte er nach der schwarzen Erde, streute sie sich auf sein schneeweißes Haupt, und fing laut zu jammern an. Jetzt wallte dem Sohn das Herz über; der Athem wollte ihm die Brust zersprengen: er stürzte auf seinen Vater zu, umschlang ihn unter Küssen und rief: „Ich selbst bin es, Vater, ich selbst, nach welchem du frägst! im zwanzigsten Jahre bin ich in die Heimath zurückgekommen. Trockne deine Thränen, gib allem Jammer Abschied, denn ich sage dir's kurz: alle Freier habe ich in unserem Palaste erschlagen!“ Staunend blickte ihn Laertes an, und rief endlich laut aus: „Wenn du wirklich Odysseus, wenn du mein heimgekehrter Sohn bist, so gib mir ein unzweifelhaftes Zeichen, auf daß ich glaube!“ „Vor allen Dingen,“ erwiederte Odysseus, „sieh hier die Narbe, lieber Vater, die von der Wunde des Ebers auf jener Jagd herrührt, als ihr mich selbst, du und die Mutter, zu ihrem guten alten Vater Autolykus schicktet, daß ich die Gaben, die er mir einst verheißen hatte, bei ihm abhohlen sollte. Aber du sollst auch noch ein zweites Zeichen haben: ich will dir die Bäume zeigen, die du mir einst geschenkt hast. Denn als ich noch ein kleines Kind war, und dich in den Garten begleitete, da gingen wir zwischen den Rei¬ hen umher, und du zeigtest und benanntest mir die ver¬ schiedenen Gattungen. Dreizehn Birnbäume hast du mir geschenkt, zehn Aepfelbäume, vierzig kleine Feigenbäume und fünfzig Weinreben dazu, die jeden Herbst voll prächtiger Trauben stehen müssen.“ Der Greis konnte nicht mehr zweifeln, er sank am Herzen seines Sohnes in Ohnmacht. Dieser hielt ihn aufrecht in den nervigen Armen. Endlich, als sein Bewußtseyn zurückgekehrt war, rief er mit lauter Stimme: „Jupiter und ihr Götter alle, ja ihr lebet noch, sonst wären die Freier nicht bestraft worden! Aber jetzt ängstigt mich eine neue Sorge um dich, mein Sohn. Die edelsten Häuser in Ithaka und den Inseln sind durch dich verwaist: die Stadt, die ganze Nachbarschaft wird sich gegen dich erheben.“ „Sey guten Muthes, lieber Vater,“ sprach Odysseus, „und laß dich das jetzt nicht bekümmern. Folge mir zu deinem Wohnhause, dort harren schon dein Enkel Telemach, der Rinderhirt und der Sauhirt, und haben uns das Morgenessen bereitet.“ So gingen sie beide zusammen in das Landhaus, wo sie den Telemach und die Hirten schon mit Zerle¬ gung des Fleisches beschäftigt fanden, und der rothe Festwein eingeschenkt in den Pokalen perlte. Noch vor dem Schmause wurde Laertes auf Veranstaltung seiner treuen alten Dienerin gebadet und gesalbt, und legte zum erstenmale nach langen Jahren wieder sein schönes fürstliches Gewand an. Während er sich damit beklei¬ dete, nahte sich ihm unsichtbar die Göttin Pallas Athene, und verlieh auch dem Greise aufrechten Wuchs und Hoheit der Gestalt. Als er wieder zu den Andern ein¬ trat, blickte sein Sohn Odisseus verwundert an ihm empor und sprach: „Vater, sicherlich hat einer der un¬ sterblichen Götter dir Gestalt und Wuchs verherrlicht!“ „Ja, bei allen Göttern,“ sagte Laertes, „wäre ich, wie ich mich heute verjüngt und kräftig fühle, gestern bei dir im Saale gestanden und hätte an deiner Seite ge¬ kämpft: fürwahr, es wäre mancher Freier sterbend vor mir ins Kniee gesunken!“ So wechselten sie miteinander freudige Gespräche, und setzten sich endlich Alle ums Mahl. Jetzt kam auch der alte Meier Dolius sammt seinen Söhnen, müde von der Feldarbeit, zurück. Ueber die Schwelle getreten, sahen sie den König Odysseus dasitzen, erkannten ihn und standen staunend, wie in den Boden gewurzelt. Odysseus aber redete ihnen freundlich zu: „Geschwind Alter, setze dich mit deinen Söhnen zu uns ans Mahl, wir harren schon lang auf euch! nehmt euch ein ander¬ mal Zeit zum Staunen.“ Da eilte Dolius mit ausge¬ breiteten Armen auf den Helden zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. „Lieber Herr, Heil dir und Segen,“ rief er, „nachdem du unser Aller Wunsch er¬ füllt hast, und endlich heimgekommen bist! Sage mir, weiß es Penelope schon, oder sollen wir ihr Botschaft zukommen lassen?“ „Sie weiß Alles,“ antwortete Odysseus, „du darfst dich nicht bemühen.“ Da setzte sich Dolius zum Mahle; seine Söhne drängten sich um Odysseus, drückten ihm die Hände und hießen ihn will¬ kommen; dann nahmen auch sie an der Seite ihres Vaters Platz, und Alles schmauste fröhlich zusammen. Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt. In der Stadt Ithaka eilte inzwischen das Gerücht durch alle Straßen und verkündigte das grausame Ver¬ hängniß, das die Freier getroffen hatte. Von allen Seiten her drängten sich jetzt die Blutsverwanden der Gefallenen nach dem Palaste des Odysseus, wo sie an einer abgelegenen und abgesonderten Stelle des Hofes die Leichname der Ihrigen aufgeschichtet fanden. Unter lauten Wehklagen, darein sich Drohungen mischten, tru¬ gen sie die Todten, ein Jeder den Seinigen hinaus, und bestatteten sie: die aber aus andern Städten und Inseln waren, wurden auf schnellen Fischerkähnen in ihre Heimath gesendet. Dann versammelten sich die Väter, Brüder und Anverwandten der Freier insgesammt auf dem Markte, und in der zahlreichen Volksversamm¬ lung trat Eupithes auf. Dieß war der Vater des An¬ tinous, des jugendlichsten und trotzigsten Freiers, des ersten, der von Odysseus Pfeile gefallen war. Der Vater war ein mächtiger, hochangesehener noch rüstiger Mann, dem unheilbarer Schmerz um den Tod seines Sohnes an der Seele nagte. Dieser vergoß Thränen vor dem Volke und sprach: „Freunde, gedenket an das mannichfaltige Unglück, das der Mann, den ich vor euch verklage, über Ithaka und die Nachbarstädte gebracht hat! Vor zwanzig Jahren entführte er uns so viele und so tapfere Männer auf seinen Schiffen; verlor die Schiffe, verlor die Genossen. Endlich allein wieder heimgekehrt, hat er die edelsten Jünglinge unseres Volksstamms erschlagen. Auf denn, ehe sich der Verbrecher hinüber auf die Pe¬ lopsinsel nach Pylos oder Elis rettet, folget ihm nach, ergreifet ihn! Wir könnten sonst vor Schmach die Augen nicht wieder aufschlagen. Ja für unsere spätesten Ge¬ schlechter wär' es noch eine Schande, wenn wir, ihre Ahnen, die Mörder unserer leiblichen Söhne und Brü¬ der nicht bestraft hätten. Ich wenigstens könnte nicht mehr mit gutem Gewissen leben: über ein kurzes, so zöge der Schatten des Sohnes mich zu sich hinab! Darum ihnen nach, wenn ihr Männer seyd! greifen wir Vater und Sohn, ehe sie uns übers Meer entrinnen!“ Erbarmen ergriff die ganze Versammlung, als sie den Mann unter Thränen also reden hörten. In diesem Augenblicke kamen aus dem Palaste des Königes Phe¬ mius der Sänger und der Herold Medon gewandelt, und traten auf dem Markt in den Kreis der Versam¬ melten. Die Männer staunten nicht wenig, die beiden längst auch verloren geachteten noch am Leben zu sehen. Hierauf erbat sich Medon der Herold das Wort, und sprach zu dem versammelten Volk: „Männer von Ithaka, höret meine Rede. Was Odysseus vollbracht hat, das hat er, ich kann es euch beschwören, nicht ohne den Rathschluß der Unsterblichen vollendet. Ich selbst habe den Gott gesehen, der ihm in Mentors Gestalt immer zur Seite war, und bald dem Odysseus das Herz kräf¬ tigte, bald umher tobend im Saale, die Besinnung der Freier zerrüttete. Das Werk dieses Gottes ist es, daß sie sterbend über einander taumelten.“ Eutsetzen ergriff das versammelte Volk, als es den Herold so sprechen hörte. Als der erste Eindruck vorüber war, nahm ein ergrauter Held, Halitherses, der Sohn Mastors, der allein unter Allen auf die Vergangen¬ heit zurückzublicken und hinüber zu schauen in die Zu¬ kunft verstand, in der Versammlung das Wort, und sprach: „Höret, ihr Einwohner von Ithaka, was ich euch zu Gemüthe führen will. Ihr selbst seyd schuld an Allem, was geschehen ist. Warum waret ihr so träge, warum habt ihr meinen und Mentors Rath nicht befolgt, und habt eure üppigen Söhne nicht im Zaume gehalten, als sie Tag für Tag hingingen, dem abwesenden Manne sein Gut verpraßten, und unwürdige Forderungen an seine Gemahlin richteten, als käme er nimmermehr zurück? Ihr selbst habt euch Alles dasjenige zuzuschreiben, was jetzt im Palaste vorgefallen ist. Und wenn ihr klug seyd, so werdet ihr mit nichten den Mann verfolgen, der sich nur der Feinde seines Hauses erwehrt hat. Thut ihr es, so komme das Unheil über euch, das ihr euch selbst herbeiziehet.“ Halitherses trat unter das Volk zurück, und unter der Versammlung entstand Getümmel und Zwiespalt. Die eine Hälfte erhob sich zornig und stürmisch, die andere beharrte bei der Berathung. Die aufgeregte Hälfte hielt es mit den Vorschlägen des Eupithes; dieser Theil der Bürger warf sich in die Rüstungen, kam auf dem Blach¬ felde vor der Stadt zusammen, und nun stellte sich Eu¬ pithes an die Spitze der Heerschaar und machte sich mit ihr auf, den Tod seines Sohnes und der andern Freier zu rächen. Sobald Pallas Athene vom Olymp herab den Aus¬ zug dieses Haufens gewahr wurde, trat sie vor ihren Vater Jupiter und sprach: „Herr der Götter, eröffne mir, mit welchem Rathe deine Weisheit sich trägt. Willst du die ruhigen Einwohner Ithaka's durch Krieg und Zwietracht züchtigen, oder gedenkst du den Streit beider Parteien im Frieden beizulegen?“ „Was willst du schon Beschlossenes erforschen, Tochter!“ antwortete Jupiter, „hast du nicht selbst mit meinem Willen den Beschluß gefaßt und vollzogen, daß Odysseus endlich als ein Rächer in seine Heimath zurückkehre? Nachdem dir dieß gewährt worden ist, so thue auch ferner, was dir gefällt; willst du aber mein Gutdünken wissen, so ist es dieses: nachdem Odysseus die Freier gestraft hat, werde ein heiliger Bund beschworen, und er sey und bleibe ihr König für immer. Uns aber laß dafür sorgen, daß aus dem Geist aller Betheiligten die Ermordung ihrer Söhne und ihrer Brüder vertilgt werde; gegenseitige Liebe soll unter Allen herrschen wie zuvor; Einigkeit und Wohlstand sollen unerschüttert bleiben.“ Jupiters Entscheidung war der Göttin hochwillkom¬ men. Sie verließ das Felsenhaupt des Olymp, durch¬ flog die Luft, und ließ sich auf der Insel Ithaka nieder. Der Sieg des Odysseus. Auf dem Landgute des Laertes war das Mahl vor¬ über. Sie saßen noch um den Tisch gelagert, als der Held nachdenklich zu seinen Freunden sprach: „Mir däucht, unsere Gegner werden in der Stadt auch nicht gefeiert haben, und es dürfte nicht überflüssig seyn, wenn einer aus dem Hause sich aufmachte, die Straße auszukundschaften.“ Auf der Stelle stand einer von den Söhnen des Dolius auf und ging, seinem Worte gehorsam, über die Schwelle des Hauses. Er brauchte sich nicht weiter von der Wohnung zu entfernen, denn er sah einen gewaltigen Heerhaufen im vollem Anmarsche begriffen. Erschrocken kehrte er zu den versammelten Freun¬ den in den Saal des Hauses zurück und rief: „Sie kommen, Odysseus, sie kommen, sie sind ganz in der Nähe! Werft euch eilig in die Rüstungen.“ Da fuh¬ ren die Tafelnden vom Tische auf, und hüllten sich augenblicklich in ihre Waffen. Es waren Odysseus, sein Sohn und die Hirten zu vieren, und sechs Söhne des Dolius, endlich, so grauköpfig sie waren, Dolius und Laertes selbst. Auch sie hatten sich gerüstet und gegürtet. Odysseus stellte sich an die Spitze, und der kleine Trupp trat aus der Pforte des Hauses hervor. Kaum waren sie im Freien, als sich in Mentors Gestalt der gewaltigste Bundesgenosse zu ihnen gesellte, die erhabene Göttin Pallas Athene. Dieser Anblick er¬ füllte den Helden Odysseus, der sie auf der Stelle er¬ kannte, mit der freudigsten Hoffnung. „Telemach,“ sprach er zu seinem Sohn, „erfülle jetzt die Erwartungen, die dein Vater von dir hegt. Zeige dich in der Schlacht da, wo die tapfersten Männer fechten, und mache dei¬ nem Stamm Ehre, der sich von jeher durch Tapferkeit und Muth unter allen Sterblichen ausgezeichnet hat.“ „Kannst du nach der Schlacht mit den Freiern an mei¬ ner Kampflust noch zweifeln, Vater?“ erwiederte Tele¬ mach. „Du wirst sehen, daß ich deinen Stamm nicht schände!“ Solcher Worte freute sich Laertes, der Vater und Großvater. „Welch ein Tag ist dieß, ihr Götter,“ rief er, „wie frohlockt mein Herz! Einen Wettkampf der Tapferkeit beginnen ihrer drei: Vater, Sohn und Enkel!“ Da nahte Pallas Athene dem Greis, und flü¬ sterte ihm ins Ohr: „Sohn des Akrisius, mir lieb vor allen deinen Streitgenossen, richte dein Gebet an Jupi¬ ter und Jupiters Tochter: dann wage einen kühnen Lan¬ zenschwung.“ So sprach Athene und erfüllte die Brust des Alten mit Muth. Er flehte zu Zeus und Athene, und sandte die Lanze ab. Der Wurf des Laertes fehlte nicht: er traf das Helmvisir des feindlichen Anführers Eupithes, und dieses vermochte den kräftig geschwunge¬ nen Speer nicht zu hemmen, er durchbohrte die Wange des Feindes, und der Vater des Antinous rasselte mit seinen Waffen getödtet in den Staub. Odysseus aber, und Telemach und alle ihre Genossen wütheten im Vor¬ derkampfe mit Schwert und Lanze, und sie hätten alle Feinde vertilgt, und keiner hätte die Heimath wiederge¬ schaut, wenn nicht plötzlich Pallas Athene ihre Götter¬ stimme hätte ertönen lassen, und ihr lauter Zuruf alle Streiter mitten im Kampfe gehemmt hätte. „Laßt ab, ihr Ithaker, laßt ab,“ rief sie, „vom unseligen Kriege; schonet Menschenblut und trennet euch!“ Entsetzen ergriff die Herangekommenen bei diesem Donnerlaute, die Waffen fielen den Erschrockenenen aus der Hand und rollten auf die Erde, wie vom Sturm¬ wind umgewendet drehten sich die Feinde und flohen der Stadt zu, nur darauf bedacht, ihr Leben zu retten. Odysseus und die Seinigen aber waren beim Rufe der Bundesgenossin nicht erschrocken: hoch schwangen sie Lan¬ zen und Schwerter, und Odysseus flog an der Spitze der Verfolgenden, fürchterlich schreiend vorwärts, wie ein Adler, der einem Raube zustürzt. Vor ihnen allen her aber zog wie im Gewitterflug Athene, noch immer in Mentors Gestalt. Doch Jupiters Befehl sollte erfüllt, und der Friede nicht länger gestört werden, sein Blitz schlug vor der Göttin in den Boden, und die Unsterbliche selbst bebte vor dem Strahle zurück. „Sohn des Laertes,“ sprach sie, zu Odysseus rückwärts gewendet, „jetzt laß ab vom Kampfe, bezähme dein Herz, du möchtest dem allmäch¬ tigen Donnerer mißfallen!“ Mit williger Seele ge¬ horchten Odysseus und seine Schaar, und Athene zog mit ihnen Allen in die Stadt zurück, und auf den Marktplatz von Ithaka. Herolde wurden ausge¬ sendet und alles Volk zur Versammlung entboten. Und nun erfüllte sich Jupiters Versprechen; aus allen Herzen war der Groll gewichen. An Gestalt und Stimme Mentorn ähnlich, erneuerte Pallas Athene selbst zwischen Odysseus und den Häuptern der Stadt und Gegend den Bund des ewigen Landfriedens, und diese huldigten mit dem gesammten Volke dem Helden als ihrem König und Schutzherrn. Jubelnde Schaaren begleiteten ihn nach dem Palaste zurück, aus welchem ihm Penelope, zu wel¬ cher der Ruf des Sieges und des Friedens gedrungen war, mit allen ihren Dienerinnen, bekränzt und festlich ge¬ schmückt, entgegen trat. Lange glückliche Jahre verlebte das wieder vereinigte Gattenpaar. Erst in später Zeit erfüllte sich an Odysseus, was ihm einst Tiresias in der Unterwelt von seinen letzten Schicksalen geweissagt hatte. Schwab , das klass. Alterthum III . 19 Viertes Buch. Aeneas. Erster Theil. Aeneas verläßt die trojanische Küste. — Den Flüchtlingen wird Italien versprochen. — Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien. — Aeneas an der Küste Italiens. Sicilien und der Cyklopenstrand. Tod des Anchises. — Aeneas nach Karthago verschlagen. — Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohn. — Aeneas in Karthago. — Dido und Aeneas. — Dido's Liebe bethört den Aeneas. — Aeneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago. — 19 * Aeneas verläßt die trojanische Küste. Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand, geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Aeneas dem Brande seiner eroberten Vaterstadt entronnen S. Bd. II . S. 421—422. , und am Fuße des Idagebirges, wo dieses in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandros angekommen. Hier sammelten sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder, lauter un¬ glückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter seiner Anführung eine neue Heimath auf¬ zusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hülfe der geretteten und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner, der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst gab das Zeichen zum Aufbruch, und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl. Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimathküste loßrißen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge ver¬ schwunden. Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an dem Gestade Thraciens, das vor Zeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König Lykurgus beherrscht ha te, dessen jetzige Bewohner aber, so lange der Staat der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft mit die¬ sen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dieß Verhältniß eine grausame Störung erlitten, denn als das Glück von Troja zu wanken begann, und Ajax der Te¬ lamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streif¬ zug zur See gegen die mit Priamus verbündeten Thra¬ cier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der treu¬ lose König des Landes, den jungen Sohn des trojani¬ schen Königs, Polydorus, den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Troja's und vor den Augen des Vaters gesteinigt. S. Bd. II . S. 75–84. Doch Aeneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen war. Voll Freude, eine wirthliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen Freun¬ den das Land, und ohne von den Eingebornen gehindert zu werden, schritten sie zu einer Niederlassung, und leg¬ ten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren ruhi¬ gem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten, und welcher Aeneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach den Na¬ men Aenos beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen, und brachte Jupiter dem Göt¬ tervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untad¬ lichen Stier am Gestade zum Opfer. In der Nähe be¬ fand sich ein lustiger Hügel, auf welchem Kornellen und Myrthen in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Aeneas begeben, um die frisch er¬ richteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken. Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und floßen auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte. Angstvoll warf sich Aeneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes, und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thracischen Fluren, die Schrecken ab¬ zuwenden, mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft ein drittes Bäum¬ chen, und mit dem Knie auf dem Boden gestemmt, ver¬ suchte er, es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen, und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach: „Was quälest du mich, unglücklicher Aeneas? meine Seele wohnt in diesem Boden, in den Wurzeln und Aesten dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungs¬ los spielte. Ich bin dein Namensgenosse, dein Verwandter, Aeneas, bin Polydorus, der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verrathen und vor deinen Augen unter Troja's Mauern zerschmet¬ tert ward. Mein Gebein ist von mitleidigen Thraciern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden. Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir und allen Trojanern mit Unheil droht, denn noch herrscht das Geschlecht des Verräthers in diesem Lande.“ Als Aeneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen zurück und meldete das Ge¬ sicht zuerst seinem Vater, und dann den andern Häuptlingen des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte des entweihten Gastrechts zu ver¬ lassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt, und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Todtenfest gefeiert, schoben die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit ihnen den Ha¬ fen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus, und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern Inseln, ein wunder¬ liebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten emporhob. Seine Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen, und Apollo war auf ihr geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen, und sie in der Mitte der Cykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den Stür¬ men trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht, und waren gastliche, gute Leute. Dorthin steuerte Aeneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe, und dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen ent¬ gegen, und erkannte in dem greisen Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Ae¬ neas und seine Genossen in die Mauern aufgenommen, und wallfahrteten vor allem andern in den alterhümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Aeneas warf sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Haus Apollo's nieder, und betete mit aufgehobenen Händen: „Gib uns, du großer Beschützer des trojanischen Volkes, ein eigenes Haus, gönn' uns eine bleibende Stadt; laß das Geschlecht dei¬ ner Schützlinge nicht aussterben, hilf ihnen ein zweites Troja gründen! Sprich, wer soll unser Führer seyn? wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unsern Seelen!“ Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain, der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar erbebte, und aus den offenen Hallen des Tem¬ pels ertönte vom Dreifuße das Orakel heraus: „Aus¬ dauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schooß eines Landes zurück, das schon den Stamm eurer Ahn¬ herren getragen hat. Eure alte Mutter suchet ihr auf: von dort aus wird das Haus des Aeneas in seinen spä¬ testen Enkeln alle Länder der Erde beherrschen.“ Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demü¬ thig zur Erde niedergeworfen. Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander, von welchem Lande wohl Apollo spreche, und wo den Irrenden eine neue Heimath winke. Als sie so untereinander berathschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises, der Vater des Aeneas, der in die Kunden der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme: „Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes,“ sprach er, „eure Hoffnungen deuten. Mitten im inselreich¬ sten Meere liegt eine Insel, aus welcher Jupiter, der Göttervater selbst abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes. Und wie Troja's Hauptgebirg, heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch dieses Inselland zieht, das Idagebirg. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser Stammvater Teucer ins troische Land gekommen seyn, dorther all unser Götterdienst stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollo's Befehl, lasset uns ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzuweit, schickt uns Jupiter Fahrwind, so befindet sich unsere Flotte am drit¬ ten Morgen im Angesichte der Insel Kreta.“ Den Flüchtlingen wird Italien versprochen. Ueber diese Deutung waren die Auswanderer hoch erfreut. Ehe sie wieder zu Schiffe gingen, schlachteten sie dem Meeresgotte Neptunus (Poseidon) und dem Apollo, der sie mit seinem Orakel getröstet hatte, jedem einen Stier, und den mächtigsten Winden Lämmer, dem wilden Sturm ein schwarzes, dem sanften Zephyr ein weißes. Dann verließen sie den Hafen von Delos, und ihre Schiffe durchflogen mit dem günstigsten Fahr¬ winde die Wellen; es war das Inselmeer der Cykladen, das Gewässer schien ganz von Eilanden zu wimmeln, die da und dort mit ihren schneeweißen Marmorfelsen aus den Fluten stiegen. Der heiterste Himmel begünstigte die Fahrt; in die Wette steuerten die Fahrzeuge dahin, und von allen Seiten ertönte fröhliches Geschrei der Schif¬ fenden: „Auf, ihr Freunde, Kreta gesucht, das theure Heimathland unserer Väter aufgefunden!“ Am dritten Morgen hatte die Flotte wirklich, wie es von Anchises vorausgesagt worden war, den lachen¬ den Strand der Insel Kreta erreicht, und als die Flücht¬ linge ausgeschifft waren, und sich von den Einwohnern wohl aufgenommen sahen, fing Aeneas abermals mit großer Begierde die ersehnten Mauern einer Pflanzstadt zu gründen an. Die Flotte war ans Ufer gezogen, und unter den fleißigen Händen der Pflanzer stiegen bald Mauern und Häuser empor, und sie fingen an sich wohnlich einzurichten. Nach Pergamus, der Burg von Troja, gab Aeneas der neuen Stadt den Namen Per¬ gamus, und auch sie erhielt ihre gesonderte Burg auf einem Hügel. Schon beschäftigte sich die Pflanzung mit den ersten bürgerlichen Einrichtungen; unter dem jungen Volke der Auswanderer wurden Ehen geschlossen, Aecker wurden vertheilt, und die Häupter des Volks traten zu¬ sammen und beriethen sich über die Gesetze des erneuten Volkes: da bedrohte ein neues Unglück die armen Flücht¬ linge mit gänzlichem Verderben. Ein glutheißer Sommer brannte ringsum die Felder aus, ohne Nahrung erkrankte die Saat, Gras und Kräuter verdorrten, auf den Bäu¬ men verwelkten die Blüthen ohne Früchte; ein schreck¬ liches Sterben riß unter den Menschen selbst ein, und was der Tod verschonte, das schleppte sieche Leiber her¬ um. Auf einer Versammlung, in welcher der zusammen¬ schmelzende Haufen über seine trostlose Lage berathschlagte, stand Anchises mit bekümmertem Herzen auf und rieth seinen Unglücksgefährten, die Schiffe wieder zu besteigen, rückwärts nach dem Cykladenmeere zu steuern, und wieder auf der Insel Delos das Orakel dieses Gottes um gnä¬ digen Aufschluß anzuflehen, wohin sie die Schifffahrt ferner zu richten hätten, und welches Ziel ihrer Noth bestimmt sey. Diesem Rathe trat das gesammte Volk bei, und sie beschloßen, alles bewegliche Eigenthum auf die Schiffe zurückzubringen, sobald dieses geschehen sey, die Anker zu lichten, und die fast vollendete Stadt zu verlassen. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, und unter fortdauerndem Elende die letzte Nacht herankam, welche sie unter Kreta's unglücklichem Himmel zuzubringen ge¬ dachten, lag Aeneas, müde von Sorgen, und doch schlaf¬ los, auf seinem Bette, und sein Geist brütete in der stil¬ len Finsterniß. Jetzt stellte sich ein plötzliches Gesicht seinen Augen dar. Der Vollmond brach eben aus den Wolken und erhellte mit seinen Strahlen die Räume sei¬ nes Schlafgemachs. Da schienen in voller Beleuchtung hart vor dem Liegenden die heiligen Hausgötter der Troja¬ ner, die er aus dem wüthenden Feuer seiner Vaterstadt gerettet hatte, zu stehen. Ihr Mund that sich auf, ihre nie vernommene Stimme sprach zu ihm, und was sie redeten, waren Worte des Trostes: „Apollo selbst,“ so lautete ihre Rede, „schickt uns in deine Behausung. Du sollst uns vertrauen: wir, die wir aus dem Brande Troja's dir folgten, und auf deiner Flotte mit dir durch die stürmische Meeresfluth gefahren sind, wir werden deinem Geschlecht einen Wohnsitz finden, den Ruhm dei¬ ner Enkel verherrlichen, und ihrer Stadt die Herrschaft der Welt verleihen. Du selbst bist dazu erkoren, deinen großen Nachkommen diesen Sitz vorzubereiten, und darfst deßwegen die langen Beschwerden der Flucht nicht scheuen. Freilich, den Ort, wo du dich jetzt angesiedelt, mußt du verlassen, nicht dieses Ufer hat der delische Apollo gemeint, nicht auf Kreta solltest du dich anbauen; nein, weit von hier liegt das Land, auf welches dich der Göt¬ terspruch hinweißt, die Griechen nennen es Hesperien: es ist ein uraltes Land, mächtig durch die Waffen seiner Bewohner, reich durch den Segen seines Bodens. Seine ersten Bewohner hießen Önotrier, von den jüngern soll es jetzt Italien genannt werden, und das Volk Italer¬ volk, nach dem Namen eines einheimischen Königes Italus. Dieß ist der Sitz, der euch von euren Ahnen her gehört, dorther stammen eure Väter Dardanus und Jasius, die ältesten Begründer eueres Geschlechts. Wohlan, mach' dich auf, melde deinem betagten Vater fröhlich dieses unzweifelhafte Wort, Italien soll er aufsuchen: die Gefilde Kreta's verweigert euch Jupiter.“ Ein kalter Angstschweiß hatte den Helden überlau¬ fen, so lange die Götter vor ihm standen und sprachen; doch als sie verschwunden waren, fühlte er sich von ih¬ ren Worten wunderbar getröstet, raffte sich vom Lager auf, streckte die flachen Hände betend, wie die Alten pflegten, gen Himmel empor, und brachte auf seinem Hausheerde den heimischen Göttern ein Trankopfer dar. Nachdem dieses fröhlich vollbracht war, eilte Aeneas zu seinem alten Vater, und meldete ihm ausführlich das Nachtgesicht. Diesem gingen die Augen des Geistes auf: er erkannte den doppelten Ursprung der Trojaner, den einen von Dardanus, den andern von Teucer, und sah nun wohl ein, daß er in der Verwechslung der beiden alten Stammländer sich getäuscht habe. „Lieber Sohn,“ sprach er, „jetzt erst erinnere ich mich, daß die Seherin Kassandra allein es war, welche mir das Geschick der Zukunft richtig geweissagt hat. Sie verkündigte unserem Geschlecht ein Land, welches sie bald Hesperien, bald Italien benannte. Das geschah aber, als Troja noch lange stand, und wer dachte damals im Ernste daran, daß jemals teukrische Männer ihre Heimath verlassen, und nach den fernen Küsten Hesperiens auswandern würden? ja, wer achtete damals überhaupt nur auf die Reden Kassandra's, die für eine Närrin und keine Sehe¬ rin galt! Jetzt aber laßt uns dem Wort Apollo's nach¬ geben, und auf seine Warnung dem besseren Winke folgen.“ So sprach Anchises. Inzwischen hatte sich das Volk zur beschlossenen Abfahrt nach Delos versammelt; als es nun die neue Weisung der Götter vernommen, brach es in einen lauten Jubel aus. Alles rüstete sich; nur we¬ nige Kranke und Genesende blieben in der neugegründe¬ ten Pflanzstadt zurück. Durch sie wurde die neue Ansie¬ delung der Trojaner erhalten; glücklichere Zeiten kamen, die kleinen Ueberbleibsel vermehrten sich, und in späten Tagen blühte auf der Insel Kreta noch Pergamus die Troerstadt. Die Andern aber richteten die Segel, und bald steuerte die Flotte wieder auf der hohen See. Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien. Als kein Land mehr sichtbar, und rings herum nur Himmel und Gewässer war, sammelte sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm herbeiführte, und die Woge fing in schwar¬ zer Finsterniß zu schauern an. Sofort brachten Orkane das Meer in Aufruhr, Berge von Fluthen stiegen auf, die Flotte ward auseinander geworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüll¬ ten Alles in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei stern¬ lose Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte, Palinurus, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden, und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahr¬ zeuge zugetrieben wurden. Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählig, ein fernes Gebirg zeigte sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden den geschwundenen Muth wieder: als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen sich über die Ruder, und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten Meeresschaum. Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln an, die sich im großen ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber. Es war ein unwirthliches, durch schauerliche Bewohner ver¬ rufenes Land. Die Harpyien, die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königes Phineus verlassen hatten, und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich an¬ zuschauen waren. An den Händen hatten sie Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten, und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem sie erschienen. Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich un¬ bekannten Ufers hatten Aeneas und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden. Der erste Anblick des Ge¬ stades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Heerden von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern: sie fuhren mit dem Schwert unter das Vieh, brachten Jupiter und den Göttern ein Schlachtopfer dar, und setzten sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber des Mahles noch nicht lange, als sie plötzlich von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturm¬ winde herbeigeführt, erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran herum, und besudelten Alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allent¬ halben ertönte ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäu¬ men eingeschlossen war. Hier zündeten sie Feuer auf neuen Rasenaltären an, und stellten auch ihr Mahl wie¬ der auf. Aber aus den heimlichsten Winkeln, und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder derselbe sausende Schwarm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute, und befleckte das Mahl auf alle Weise. Aeneas und die Seinigen griffen endlich zu dem letzten Mittel, sie verbargen ihre Schwerter und Schilde rings¬ umher im Gras, und als die häßlichen Vögel sich wie¬ der im Schwarme herniedersenkten und die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten es, die Unthiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihren Rücken fest: eilige Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück, und überall Spuren voll Unflaths. Nur eine von den Harpyien, Celäno mit Namen, setzte sich auf den höchsten Felsen, und brach in die prophetischen Fluchworte aus: „Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr trojanischen Fremdlinge? müßt ihr uns unschuldigen Harpyien auch noch aus dem Heimathlande vertreiben? Nun so höret die Prophezeihung, die mir Phöbus an¬ vertraut hat, und die ich euch als Rachegöttin verkündige. Ihr fahret nach Italien, ihr werdet es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen: aber nicht eher um¬ gebet ihr die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen Tischen zu nagen, und dieselben aufzu¬ zehren.“ So sprach sie, schwang die Fittige, und floh in die Waldung zurück. Den Trojanern erstarrte das Blut in den Adern vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln, oder mit mäch¬ tigen Göttinnen zu thun. Endlich hob der Vater Anchi¬ ses seine Hände flehend gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann rieth er Schwab , das klass. Alterthum. III . 20 seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen. Aeneas an der Küste Italiens. Sicilien und der Cyklopenstrand. Tod des Anchises. Nach langen Irrfahrten und mancherlei Abentheuern erschien endlich eine niedrige Küste mit dämmernden Hü¬ geln aus der Ferne. „Italien,“ rief zuerst der Held Achates, der das Land vor den Andern erblickt hatte. „Italien!“ riefen einfallend unter Freudengeschrei die ju¬ belnden Genossen. Der Greis Anchises bekränzte einen geräumigen Becher und füllte ihn bis zum Rande mit Wein. Auf dem Hinterverdecke stehend, flehte er die Meeresgötter um günstigen Wind und leichte Fahrt an. Auch wehte wirklich die erbetene Luft kräftiger, immer näher flogen sie einem sich vor ihren Augen erschließen¬ den Hafen, und von einem Hügel des Landes winkte ihnen ein schöner Minerventempel. Vertrauensvoll roll¬ ten sie die Segel zusammen, und drängten die Schiffe nach dem Strande. Der Hafen bildete, von der östlichen Brandung des Meeres ausgehöhlt, einen Bogen, an vorgelagerten Klippen spritzte die Meerfluth schäumend auf, eine Mauer gethürmter Felsen senkte rechts und links ihre Arme ins Meer herab, und der Tempel, in der Mitte der Bucht gelegen, trat in den Hintergrund. Hier erblickten sie am Gestade als erstes Vorzeichen vier schnee¬ weiße Rosse, die hier und dort im tiefen Grase weideten. „Rosse bedeuten Krieg,“ rief Anchises aus, „mit Kriege droht uns dieses Land, so gastlich es aussieht. Laßt uns Minerva, die auf uns herniederblickt, anbeten, und eilig mit unsern Schiffen umkehren!“ Sie thaten nach dem Rathe des Alten, und flogen zurück in das Meer. Nun schifften sie an mancherlei Küstenländern vorüber, immer dem Süden zu, vorbei am Meerbusen von Tarent, an der Stadt Kroton mit ihrem Junostempel, an dem klippenvollen Skylation. Schon tauchte aus der fernen Fluth Sicilien mit seinem Aetna, schon von Weitem hörten sie jetzt ein gewaltiges Tosen des Meeres, Brandung um die Felsen, am Gestade ge¬ brochenen Laut: aus tiefem Abgrunde sprudelte die Fluth empor, und Sand unter Wasserschaum stäubte in die Luft. „Das ist die Charybdis,“ rief der länderkundige Anchises, „das gräßliche Felsenriff. Werft euch an die Ruder, Gefährten, reißet uns aus der Todesgefahr.“ Eifrig lenkten Alle mit den Schiffen zur Linken um, Pa¬ linurus mit dem krachenden Schiffschnabel voran. Bald flogen die Schiffe aus den Wölbungen des Strudels zu den Wolken empor, und wenn die Wogen verrollten, versanken sie wie in die Unterwelt, und dieß geschah zu dreien Malen. Als sie der Gefahr glücklich entronnen waren, geriethen sie, aller Bahn unkundig, an den Strand der Cyklopen, wo ein geräumiger Hafen sie auf¬ nahm. In ihrer Nähe hörten sie hier den feuerspeienden Berg Aetna donnern, der bald schwarzes Gewölk, Pech¬ qualm und glühende Asche in die Luft emporwirbelt, bald das Eingeweide des Berges, Steine und geschmolzene Felsen hinaufschleudert, und vom untersten Grunde aus brausend siedet. Der Leib des Giganten Enceladus, vom Blitze Jupiters versengt, soll hier in den Gründen der Erde liegen, und der mächtige Aetna, über denselben 20 * geworfen, sende, sagt man, den Flammenhauch des Riesen aus seinem Schlund empor; so oft jener, unter der drückenden Last ermattet, seine Seite wechselt, bebt die ganze Insel von dumpfer Erschütterung, und ein Rauch hüllt den Himmel in seinen Schleier. Aeneas und seine Genossen waren bei Nacht an die Insel verschlagen worden, und der Berg war ihnen noch dazu von Wäldern verdeckt. Auch umzog den verfinster¬ ten Himmel ein dickes Gewölk, und hinter seinen Schich¬ ten verbargen sich der Mond und die Sterne. So hörten sie die ganze Nacht hindurch nur das fürchterliche Tosen, ohne die Ursache desselben errathen zu können. Als der Morgenstern am Himmel stand, und Aurora die Schat¬ ten vertrieb, sahen die Flüchtlinge, die sich am Strande gelagert, einen fremden seltsamen Mann, ganz in Lum¬ pen gehüllt, ein rechtes Jammerbild des Elendes, plötz¬ lich aus den Wäldern hervortreten, und die Hände flehend nach ihnen zu dem Ufer ausstrecken. Abscheulicher Schmutz entstellte ihn, die Fetzen seines Gewandes waren mit Dornen zusammengeheftet, sein langes verwirrtes Bart¬ haar flog im Winde. Uebrigens erkannte man auch in diesem jämmerlichen Aufzuge noch den Griechen, der einst vor Troja gekämpft hatte. Als dieser in der Ferne tro¬ janische Rüstungen sah, stutzte er einen Augenblick und hemmte schüchtern seine Schritte. Bald aber rannte er entschlossen wieder vorwärts zum Ufer, und flehte wei¬ nend zu den Ankömmlingen hinüber: „Bei den Gestirnen, bei den Göttern, beim Himmelslichte beschwöre ich euch, Trojaner, nehmet mich fort mit euch, wohin es auch gehen mag! Ich weiß wohl, ich bin einer vom Danaer¬ heer, ich habe eure Stadt befehdet, habe sie zerstören helfen. Nun, seyd ihr unversöhnlich, so reißet mich in Stücke, und versenkt mich im tiefsten Wasser: wird mir so doch der Trost zu Theil, von Menschenhänden zu ster¬ ben!“ So sprach der Unglückliche, umfaßte die Kniee des Helden Aeneas und schmiegte sich fest an ihn an. Da ermahnten ihn Alle, sein Geschlecht, seinen Namen, sein Schicksal zu melden, und der ehrwürdige Greis An¬ chises reichte ihm selbst die Hand, und nöthigte ihn, vom Boden aufzustehen. Allmählig erholte sich der Arme von der Furcht. „Ich stamme,“ begann er, „aus Ithaka, und war ein Genosse des erfahrungsreichen Helden Odys¬ seus. Achemenides ist mein Name: weil mein Vater Adamastus arm war, entschloß ich mich, mit gegen Troja zu ziehen. Es war mein Unheil; den Gefahren des Krieges glücklich entronnen, wurde ich hier in der scheu߬ lichen Höhle des Cyklopen, als Odysseus und meine an¬ dern Begleiter, so viele der Menschenfresser noch nicht geopfert hatte, die Höhle mit List verließen, krank und elend in einem Winkel der Kluft liegend, vergessen. Ich hatte es mit angesehen, wie das Ungethüm von meinen armen Freunden ein Paar ums andere verschlang, und mit Hand angelegt, als der einäugige Riese von Odys¬ seus im Rausche geblendet ward. Ich selbst bin nur durch ein Wunder aus seiner Höhle entkommen; aber, umringt vom ungeschlachten Volke der Cyklopen, brachte ich seit vielen Tagen mein Leben in Hunger und Todes¬ angst hin. Auch ihr, unglückliche Fremde, wenn ihr nicht die Beute dieses abscheulichen Riesenvolkes werden wollet (denn gleich Polyphem irren über hundert in diesem un¬ wirthlichen Gebirg umher), auch ihr besteiget eilig die Schiffe wieder, und löset die Seile vom Strand! Drei Monate sind es, daß ich zwischen Höhlen und Wildlagern mein Leben fortschleppe, mich von der ärmlichen Kost der Waldbeeren und Wurzeln ernährend, stets auf der Lauer vor dem Riesengeschlechte, vor dessen tosenden Tritten und brüllenden Stimmen ich erbebe. Da sah ich diese Flotte dem Ufer nahen; ihr mich zu ergeben, brach ich auf, wessen sie auch seyn mochte.“ Kaum hatte er dieses gesprochen, als die Trojaner auch schon auf der Höhe des Berges den Cyklopen Po¬ lyphem gewahr wurden, den unförmlichen Riesen mit dem geblendeten Auge, einen behauenen Fichtenstamm als Stock in der Hand, inmitten seiner Schafheerde, seines einzigen Trostes im Unglück, einherschlendernd. Am Meere angekommen, ging er mitten in die Fluthen hinein, die ihm doch noch nicht einmal bis an die Hüfte gingen. Hier bückte er sich, und wusch aus dem ausgestochenen Auge das immer noch fließende Blut, stöhnend und zähne¬ knirschend. Bei diesem gräßlichen Anblicke beschleunigten die Trojaner ihre Flucht, nahmen den bejammernswür¬ digen Flüchtling, obgleich er ihr Stammfeind war und ihre Stadt hatte zerstören helfen, mit sich zu Schiffe, und hieben stillschweigend die Seile ab. Jetzt vernahm der Riese den Ruderschlag und wandte seine Schritte, noch immer in der Fluth, dem Schalle des Geräusches zu. Mit Mühe entging das letzte Schiff seinen haschen¬ den Händen, und als er vergebens in die Luft griff, erhob er ein so ungeheures Gebrüll, daß die Klüfte des Aetna wie von einem langen Donner wiederhallten, und das ganze Cyklopengeschlecht, in den hohen Bergen aus¬ gestört, zum Gestade herabgerannt kam. Wie lustige Eichen oder Cypressen ragten ihre Häupter gen Himmel, und sie schickten der absegelnden Flotte drohende Blicke nach. Um der Scylla und Charybdis zu entgehen, segelte diese rückwärts, längs dem Gestade der Insel hin, von Achemenides berathen, der diesen Weg früher mit Odys¬ seus zurückgelegt hatte. Auf dieser Fahrt traf den Aeneas ein großer Schmerz. Sein greiser Vater Anchises, von den Anstrengungen, Gefahren und Schrecken der Reise ermattet, sollte Italien, das gelobte Land seiner Sehn¬ sucht, nicht mehr erreichen. Er wurde zusehends schwä¬ cher, seine Sinne schwanden, seine Zunge erlahmte, und ohne nur ein Lebewohl sagen zu können, gab er in den Armen seines Sohnes den Geist auf, als sie eben in den Hafen der sicilianischen Stadt Trepanum eingelaufen waren. Die trojanischen Flüchtlinge veranstalteten dem ehr¬ würdigen Vater ihres Führers ein feierliches Leichen¬ begängniß. Doch hing Aeneas nicht lange der Trauer nach. Die Verheißung der Götter trieb ihn, das Volk, welches sich ihn zum Beschützer erkoren hatte, dem Lande der Ahnen entgegenzuführen, und das versprochene Reich dort zu gründen. Aeneas nach Karthago verschlagen. Kaum hatte die Flotte Sicilien aus dem Gesichte, und segelte fröhlich auf der hohen See dahin, als Juno (Here), die alte Feindin der Trojaner, die vom Olymp auf den Schiffszug herniederblickte, bei sich selber sprach: „Wie, sollte mein Beginnen auf halbem Wege stehen bleiben? sollte Troja nicht ganz zerstört, sein Volk und Königsgeschlecht nicht mit der Wurzel vertilgt seyn? Soll dieser Eidam des Priamus, soll sein Enkel wirklich von Italien Besitz nehmen? Konnte nicht Pallas die heim¬ kehrende Flotte der Griechen auseinanderschlagen, und mit Orkanen das Meer durchwühlen, nur um die Schuld Ajax des Lokrers zu rächen: und ich, die Königin der Götter, Jupiters Gemahlin und Schwester, soll dieses eine Volk Jahre lang vergebens bekämpfen?“ Solche Gedanken bewegte sie in ihrem zornigen Herzen, und eilte in das Gebiet der Stürme, nach der Grotte des Aeolus, des Königs der Winde. Auf ihren Befehl und ihre Bitten, mit reizenden Versprechungen gemischt, ließ dieser sämmtliche Winde aus ihrem Verschlosse los; diese stürz¬ ten wie Heere zur Feldschlacht heraus, wirbelten durch die Länder, legten sich, Ost und Süd, West und Nord, zugleich auf das Meer, und reizten die Wogen gegen einander auf, in deren Mitte die Flotte des Trojaners schwamm. Ein Jammergeschrei erhob sich unter den Männern, die Taue rasselten, während Blitz auf Blitz zückte, und die Donner durch den Himmel rollten. Aeneas pries in diesem Augenblicke alle diejenigen glücklich, die unter Troja's Mauern zu seiner Vertheidigung gefallen waren, er beneidete seine Freunde Sarpedon und Hektor um den Tod durch die Hand des Tydiden und des großen Achilles. Aber seine Seufzer verwehte der Nord¬ orkan, der die Segel der Schiffe nach vorn riß, und diese selbst auf fürchterlichen Wasserbergen bis in die Wolken schleuderte. Die Ruder zerbrachen, die Meer¬ fluth brach ein, und die Schiffe legten sich wie sterbend auf die Seite. Drei von den Fahrzeugen schleuderte der Südwind auf verborgene Klippen, drei stieß der Ostwind von der hohen See auf seichte Sandbänke; auf eines, das lycische Bundesgenossen mit ihrem Führer Orontes trug, wälzte sich eine ungeheure Welle nieder, und warf den Steuermann kopfüber ins Meer; dann drehte der Wir¬ bel das Schiff dreimal in der Runde herum, und der Abgrund verschlang es. Auch das mächtige Schiff des Ilioneus und Achates, das Schiff des Abas und Aletes überwältigte der Sturm, und das Meerwasser drang durch die lockern Fugen der Planken ein. Jetzt endlich nahm der Meeresgott Neptunus von dem brausenden Aufruhr Kunde, und wunderte sich über die losgelassenen Orkane. Er erhob aus den wilden Wo¬ gen sein ruhiges Haupt, und schaute sich ringsum. Da erblickte er das Geschwader des Aeneas allenthalben im Meere zerstreut, und die Schiffe seiner Lieblinge, der Trojaner, von den Wogen bedeckt und in Regengüssen gehüllt. Auf der Stelle erkannte er den Groll und die Ränke seiner Schwester Juno, rief den Ost und West gebietrisch zu sich her, und sprach zu ihnen: „Was für ein Trotz hat euer freches Geschlecht ergriffen, so ohne meinen Befehl Himmel und Meer untereinander zu mi¬ schen, und die Wogen bis an die Sterne zu thürmen? ich will euch! — Doch für diesmal sey eure einzige Strafe, die Meeresfluth auf der Stelle zu verlassen; geht und sagt eurem Herrn, nicht ihm sey der Dreizack und die Herrschaft über die See verliehen worden, sondern mir; ihm gehören Felsen und Grotten, wo euer Gemach ist; dort mag er in verschlossenem Kerker über euch herr¬ schen, bis man euch braucht!“ So sprach er, und unter dem Sprechen glättete er die schwellenden Wogen, verscheuchte die geballten Wol¬ ken und erheiterte die Luft, daß die Sonne wieder schien. Seine Meeresgötter mußten die Schiffe, die zwischen Klippen gerathen waren, von den zackigen Felsen hinweg¬ drängen; er selbst hob die auf den Sandbänken aufsitzen¬ den mit seinem Dreizacke, wie mit einem Hebel, und machte sie wieder flott; dann gleitete er auf seinem Wa¬ gen, von Seerossen gezogen, leicht über den Saum der Fluth hin, und das Getöse des Meeres schwieg überall, wohin der Gott mit verhängtem Zügel die Rosse lenkte, und einen Blick über die Wasser warf, wie bei einem Volksaufruhr der gemeine Pöbel, der voll Trotzes mit fliegenden Fackeln und Steinen umhertobte, plötzlich schweigt und horchend ausblickt, wenn ein Mann von Tugend und Verdienst erscheint. Die müden Seefahrer saher eine Küste vor sich liegen, rafften ihre Kräfte zusammen, und steuerten dem Lande entgegen. Es war Afrika's Gestade. Bald nahm sie ein sicherer Port auf. Auf der einen Seite sonnige Wälder auf sanften Hügeln, auf der andern ein Gehölz voll schwarzer Schatten an steiler Höhe, im Hintergrunde der Bucht eine Felsengrotte mit Quellen und Moosbän¬ ken. Dorthin fuhr mit seinen sieben Schiffen, dieß war der ganze Ueberrest der Flotte, der Held Aeneas. Die Trojaner stiegen aus und lagerten sich in ihren triefen¬ den Gewanden dem Ufer entlang. Der Held Achates schlug an einem Kiesel Feuer, fing de Gluth in trockenen Blättern auf, nährte sie mit dürrem Reisig, und fachte sie durch Schwingen zur Flamme an Dann wurde das Bäckergeräthe und das vom Wasser halb verdorbene Getreide aus den Schiffen ausgeladen, und das gerettete Korn mit dem Mühlsteine zermalmt. Unterdessen erstieg Aeneas klimmend einen Felsen mit seinem treuen Waffenträger Achates, und ließ oben die Blicke über die weite Meeresfläche hinschweifen, ob er nichts von den vom Sturme verschlagenen Schiffen er¬ blicken könnte, vom Antheus, vom Kapys mit den Fahr¬ zeugen der Phrygier, von der Flagge des Kaikus; aber kein Schiff begegnete seinem Blick: nur drei Hirsche sah er unten am Strande, denen eine ganze Heerde folgte, deren Nachzügler bis tief in ein Thal hinein weideten. Schnell ließ er sich Bogen und Pfeile reichen und streckte den Führer der Heerde nieder, einen Hirsch mit hochästi¬ gem Geweih; und er ruhte nicht, bis er sieben Thiere erlegt hatte, soviel als die Zahl seiner Schiffe war. Dann kehrte er zur Bucht zurück; die Beute ward ein¬ geholt und unter die Freunde vertheilt. Auch stattliche Krüge mit Wein ließ Aeneas aus den Schiffen herbei¬ holen, die ein Gastfreund an der sicilischen Küste ihm geschenkt, und mit dem süßen Tranke flößte er Trost in ihre kummervollen Herzen. „Freunde,“ sprach er, „sind wir doch lange mit Trübsal vertraut, selbst mit größerer als diese gegenwärtige ist, darum laßt uns hoffen, daß ein Gott auch ihr ein Ende machen werde. Rufet nur den alten Muth zurück; in später Zeit werdet ihr euch mit großer Lust an alle diese Leiden erinnern. Denkt nur daran, daß das Ziel so vieler Noth und Gefahr Italien ist, daß uns dort unser Geschick ruhige Sitze zeigt, daß dort ein zweites Troja emporblühen wird!“ Der Held sprach freilich diese Hoffnungsworte mit kummervollem Herzen, und er mußte seinen tiefen Schmerz gewaltsam in die Seele zurückdrängen. Indessen schlach¬ teten und brieten die Genossen das Wildpret, und lab¬ ten sich an Schmaus und Wein, über die verlorenen Genossen zwischen Furcht und Hoffnung getheilt sich unterhaltend. Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohne. Auf der Zinne des Olymp stand Jupiter der Göt¬ tervater und heftete die Blicke, die über Meer und Land und Völker geflogen waren, endlich auf die afrikanische Küste, in das libysche Reich der Königin Dido, wo eben Aeneas gelandet hatte. Zu dem Sinnenden trat seine Tochter Venus, in ihren glänzenden Augen schwam¬ men Thränen, und sie sprach traurig: „Was hat dir mein Aeneas gethan, allmächtiger Beherscher der Men¬ schen und der Götter, daß ihm, nachdem er schon so viel Unheil erduldet hat, der ganze Erdkreis um Italiens willen verschlossen wird? Hast du nicht selbst mir ver¬ heißen, daß dorther aus dem erneuerten Blute des trojanischen Stammvaters im Laufe der Jahre dereinst das Römervolk kommen und die Herrschaft über Land und Meer erhalten sollte? Nur diese Verheißung söhnte mich mit dem Falle Troja's aus; was hat deinen Sinn so auf einmal verwandelt?“ Der Vater lächelte die Göttin huldvoll an, herzte sie mit einem Kuß, und sprach mit dem Blicke, mit welchem er die Wolken vom Himmel verscheucht: „Sey getrost, Töchterchen, das Loos deiner Schützlinge bleibt unver¬ rückt. Laviniums Mauern in Italien werden sich erhe¬ ben, in mächtigem Kriege wird Aeneas dort siegen, trotzige Völker bändigen, Gesetz und Ordnung gründen. Drei Jahre wird er in Latium herrschen, sein Sohn Askanius oder Julius wird den Sitz der Herrschaft von Lavinium nach Alba longa verlegen. Drei Jahr¬ hunderte wird dort das Geschlecht des Priamus auf dem Throne sitzen, bis eine Priesterin der Vesta aus dem Königshause dem Kriegsgott Zwillingsknaben gebiert. Von diesen wird Romulus, von einer Wölfin gesäugt, seinem Vater Mars neue Mauern bauen, und der Stifter des Römervolks werden. Die Römer aber mache ich zu Herren der Welt, und ihrer Herrschaft sey kein Ziel gesetzt. Juno selbst, welche deinen Sohn jetzo quält, wird sich mit diesen seinen Enkeln versöhnen, und sie mit mir begünstigen, und der größte Römer wird ein Nachkomme des Julus seyn und Julius heißen. Sein Ruhm wird zu den Sternen sich erheben, er selbst, dein Nachkomme, Tochter, wird in den Himmel unter die Götter aufgenommen werden. Unter den Menschen aber wird nach beendigten Kriegen der ewige Friede wohnen, eiserne Riegel werden die Pforten der Zwietracht schließen, die, mit hundert Ketten gefesselt, vergebens mit den blutigen Zähnen knirschen wird.“ So sprach Jupiter und sandte sofort seinen Sohn, den Götterboten Merkur (Hermes) nach Karthago, um dort den Trojanern gastliche Herberge zu bereiten. Dieses Land war ein uralter Sitz phönizischer Pflanzer, und Juno beschirmte das Reich mit besonderer Huld. Ihre Rüstung, ihr Wagen waren dort aufbewahrt, und längst war es Wunsch und Bestreben der Göttin, hier ein Welt¬ reich zu begründen. Jetzt aber beherrschte dieses libysche Reich Dido, die Wittwe des Phöniziers Sychäus, welche hier die neue Stadt und Burg Karthago erbaut hatte. — Am andern Morgen machte sich Aeneas, nur von seinem Freund Achates begleitet, zwei Wurfspieße in der Hand, auf, um das neue Land zu erforschen, an dessen Gestade ihn der Sturm geworfen hatte. Da be¬ gegnete ihm mitten im Walde seine Mutter Venus in Gestalt einer bewaffneten Jägerin, wie Sparta's Jung¬ frauen sich zu tragen pflegen: ein Bogen hing ihr über den Schultern, das Haar flatterte frei in den Lüften, das leichte Gewand war bis ans Knie aufgeschürzt. „Sagt mir doch, ihr Jünglinge,“ so redete sie die schreitenden Helden an, „habt ihr keine meiner Gespielinnen gesehen, in Luchspelz gekleidet, mit übergehängtem Köcher?“ „Nein,“ entgegnete ihr Aeneas, „aber wer bist du, Jungfrau? in deinem Antlitz und deiner Stimme ist etwas Uebermenschliches, bist du eine Nymphe, bist du eine Göttin? Doch, wer du auch seyest: sag uns, in wel¬ chem Lande sind wir? Der Sturm hat uns an dieses Gestade verschlagen, und wir irren schon lang in der Welt umher.“ Hierauf erwiederte Venus lächelnd: „Wir tyrischen Mädchen pflegen uns immer so zu tra¬ gen, und ich bin darum nicht Apollo's Schwester, weil du mich mit dem Köcher bewaffnet siehst. Du bist unter Tyriern, Fremdling, in einem Reiche der Phönizier, in der Nähe von Agenors Stadt; dennoch ist der Welt¬ theil, in welchem du dich befindest, Afrika, das Land ist libysch, und das Volk wild und kriegerisch. Eine Königin herrscht über uns, Dido; auch sie stammt aus Tyrus, und war dort die geliebte Gattin des reichen Phöniziers Sychäus. Aber ihr Bruder Pygmalion, der König von Tyrus, ein unmenschlicher Tyrann, haßte den Schwager, und um die Liebe der Schwester unbe¬ kümmert, erschlug er ihren Gatten, geblendet von Gold¬ gier, heimlich am Altare der Götter. Der blasse Schat¬ ten des Gemordeten erschien seiner Gemahlin im Traume, mit einer tiefen Schwertwunde in der Brust, und ent¬ schleierte ihr das geheime Verbrechen; er rieth ihr zu schleuniger Flucht aus dem Vaterlande, und bezeichnete ihr die unterirdische Stelle, wo der alte verborgene Reichthum des Königs, Silber und Gold, ihre Fahrt zu unterstützen, bereit läge. Dido folgte seinem Winke; der Tyrannenhaß sammelte viele Gefährten um sie. Was von Schiffen bereit lag, wurde mit dem Golde des kar¬ gen Pygmalion angefüllt. So gelangten sie an die Küste Afrikas und an den Ort, wo du jetzt bald die gewaltigen Mauern der neuen Stadt Karthago, und ihre himmelansteigende Burg erblicken wirst. Hier erkaufte sie Anfangs nur ein Stück Landes, welches Byrsa oder Stierhaut genannt wurde, nach der That. Denn sie verlangte nur soviel Feldes, als sie mit einer Stierhaut zu umspannen vermöchte. Diese Haut aber schnitt sie in so dünne Riemen, daß dieselbe den ganzen Raum einschloß, den jetzt Byrsa, die Burg Karthago's, einnimmt. Von dort aus erwarb sie mit ihren Schätzen immer größeres Gebiet, und ihr königlicher Geist grün¬ dete das mächtige Reich, das sie jetzt beherrscht. Nun wißt ihr, wo ihr seyd, ihr Männer. Aber wer seyd denn ihr, woher kommt ihr und wohin wandert ihr?“ Mit diesen Fragen veranlaßte die Göttin eine rührende Erzählung seines Schicksals aus dem Munde ihres Sohnes, dessen Klage sie jedoch bald unterbrach: „Wenn meine Eltern mich nicht umsonst die Deutung des Vo¬ gelflugs gelehrt haben“, sagte sie, „so verkündige ich dir die Rettung deiner verschlagenen Schiffe, und die Rückkehr deiner Freunde. Denn ich sah am offenen Himmel in freudigem Zuge zwölf Schwäne fliegend, die kurz zuvor ein Adler, der Vogel Jupiters, ausein¬ ander gescheucht hatte. In langem Zuge suchten sie theils das Land zu gewinnen, theils schwebten sie schon über dem gewonnenen: so erreichten auch deine Genossen schon zum Theile den Hafen, zum Theil nähern sie sich ihm mit vollen Segeln. Du aber geh immerhin auf dem betretenen Pfade fort.“ So sprach die Jungfrau und wandte sich um. Ihr rosiger Nacken erglänzte von überirdischem Licht, ihre ambrosischen Locken verbreiteten einen himmlischen Wohlgeruch, ihr Kleid wallte blendend zu den Fersen hernieder, ihre Gestalt erschien übermensch¬ lich, ihr ganzer Weggang verkündigte die Göttin. Jetzt erkannte Aeneas plötzlich seine Mutter, und rief die Fliehende vergebens zurück. Diese aber umhüllte die Wanderer mit einer dichten Umkleidung von Nebel, daß Niemand sie schauen und ihre Absichten erforschen könnte. Sie selbst schwebte hoch durch die Lüfte nach ihrem Lieblingssitze Paphos. Aeneas in Karthago. Die beiden Wanderer gingen rüstig im Nebel dahin, immer dem Fußpfade nach. Bald hatten sie den Hügel erstiegen, der sich hoch über die Stadt erhob, und auf die gegenüberstehende Burg hinuntersah. Mit Staunen betrachtete Aeneas den stolzen Königsbau, der sich da erhob, wo früher nur armselige Bauernhütten gestanden hatten, die hohe steinerne Pforte der Stadt, die breiten gepflasterten Straßen, den Lärm und das Gewühl darin. Noch aber wurde an der Stadt gebaut, die Tyrier be¬ trieben das Werk mit allem Eifer: die Einen waren mit den Stadtmauern beschäftigt, die Andern mit der Vollendung der Burg, zu deren Höhen sie Quadersteine emporwälzten; Viele bezeichneten mit Furchen erst den Platz, auf welchem sich ihr Haus erheben sollte. Der größere Theil der Einwohnerschaft war auf dem Markt¬ platze versammelt, wählte den Senat und die Richter des Volks, und berathschlagte über die Gesetze des neuen Staates. Noch Andere gruben bereits an den Häfen, Andere legten den Grund zu einem Theater, und hieben dazu mächtige Säulen als Zierden der künftigen Bühne aus dem Felsen. Das Ganze war anzusehen wie ein Bienenschwarm, der eben schwärmt. In ihrem Nebelgewande geborgen, befanden sich Aeneas und sein Begleiter bald in der Mitte des be¬ schäftigten Volkes, und gingen unerkannt hindurch. Mit¬ ten in der Stadt befand sich ein schöner Hain, voll Schwab , das klass. Alterthum. 21 des kühlsten Schattens, wo, nach langen Stürmen und Meerfahrten, die Phönizier oder Pöner zuerst ein Glückszeichen, das ihnen Juno sandte, ausgegraben hatten, ein Pferdshaupt, wodurch ihnen Kriegsglück und Nah¬ rung vorbedeutet ward. Hier baute die Königin Dido der Juno einen prächtigen Tempel; Stufen, Thorpfosten und Thürflügel, Alles war von Erz. In diesem Haine faßte sich der Held Aeneas erst wieder einen getrosten Muth, und gab sich in seiner verzweifelten Lage kühneren Gedanken der Hoffnung hin. Denn während er sich in dem herrlichen Tempel umschaute und über die präch¬ tigen Kunstwerke, die sich darin befanden, staunte, stieß er auf eine Reihe von Wandgemälden, in welchen die Schlachten Troja's dargestellt waren. Priamus, die Atriden, Achilles, Rhesus und Diomed, fliehende Grie¬ chen, und wieder Trojaner, der Knabe Troilus, von seinen Pferden geschleift, Trojanerinnen mit fliegen¬ dem Haar im Tempel der Pallas, Hektors geschleppte Leiche, Pentesilea mit ihren Amazonen, Alles erkannte der Held Aeneas, ja am Ende entdeckte er auch sich selbst, wie er von der Mauer herab den ungeheuren Stein auf die Feinde schleudert. Während er dieses Alles unter Schmerz und Lust mit Verwunderung sich beschaute, nahte die Königin Dido selbst, im höchsten Glanze jugendlicher Schönheit, von einem großen Gefolge tyrischer Jünglinge umgeben, dem Tempel. Unter der Wölbung des Portales setzte sie sich, von Bewaffneten umringt, auf einen hohen Thron, und theilte dem Volke, das sich um sie versam¬ melte, theils nach billiger Schätzung, theils durch's Loos die Arbeiten in der neuen Stadt aus, sprach Recht, gab Gesetze. Da sahen Aeneas und Achates plötzlich mitten in dem Gewühle ihre verloren geachteten Freunde und Genossen, den Serestus, den Kleanthus, und viele andere Teukrer, welche der Sturm von ihnen getrennt und an andere Küsten verschlagen hatte. Freude und Angst ergriff sie bei diesem Anblick: sie glühten vor Be¬ gierde, ihnen die Rechte zu traulichem Handschlage zu reichen, und doch machte sie das Unbegreifliche der Sache wieder irre: sie hielten deßwegen in ihrem Ne¬ belgewölke an sich und warteten zu, ob sie nicht im Ver¬ lauf der Dinge das Schicksal der Freunde aus ihrem eigenen Munde erfahren würden. Denn es waren, wie sie sahen, auserwählte Männer von jedem Schiffe. Auch drängten sie sich bald aus der Menge hervor, traten in die Vorhalle des Tempels ein, und als ihnen das Wort von der Königin vergönnt wurde, hob ihr Führer Ilio¬ neus zu sprechen an: „Edle Königin, wir sind arme Trojaner, die der Sturm von Meer zu Meere geschleu¬ dert hat. Wir richteten den Lauf unserer Flotte nach dem fernen Italien, als ein unvermutheter Orkan uns unter die Klippen schleuderte, wo viele unserer Schiffe ohne Zweifel zu Grunde gegangen sind. Die Ueber¬ bleibsel der Flotte haben euer Gestade erreicht. Aber was sind das für Menschen, unter die wir gerathen sind? welches Barbarenvolk duldet solche Gebräuche? Man verwehrt uns, den Strand zu betreten, man droht mit Kriege, mit Verbrennung unserer Schiffe. Wenn ihr von Menschlichkeit nichts wisset, so scheuet doch wenigstens die Götter! Aeneas war unser Führer — es gibt keinen größeren und frömmern Helden! Wenn das Schicksal uns diesen Mann erhalten hat, so wird 21 * euch der Dienst, den ihr uns erweiset, niemals gereuen. Darum gestattet uns, die lecken Schiffe ans Land zu ziehen, in euren Wäldern Schiffsbalken zu zimmern und Ruder zu verfertigen. Finden wir unsern König und unsre Freunde wieder, dann dürfte uns wohl die Fahrt nach dem verheißenen Italien glücken. Hat aber ihn die libysche Fluth verschlungen, und ist unsere Hoffnung dahin, nun dann gib uns wenigstens sicheres Geleite, mächtige Königin, daß wir zu unserem Gastfreunde am sicilischen Strande, von dem wir herkommen, wieder zu¬ rückkehren können.“ Die Königin senkte vor den Männern den Blick auf die Erde und antwortete kurz: „Verbannet die Angst aus euren Herzen, Trojaner, mein Schicksal ist so hart, mein Reich ist so jung, daß ich genöthigt bin, die Gränzen des Landes ringsumher durch strenge Wachen sicher zu stellen. Troja's Stadt aber und ihr unglück¬ liches Volk, ihre Helden, ihren Waffenruhm, ihre fürch¬ terliche Zerstörung kennen wir gar wohl. Unsre Stadt ist nicht so abgelegen, daß sie nichts von ihrem Schick¬ sale wüßte; unsre Herzen sind nicht so unempfindlich, daß es uns nicht rührte. Möget ihr euch denn Hesperien zum Wohnsitz erwählen, oder Siciliens Insel: in beiden Fällen getröstet euch meiner Hülfe, ich will euch mit allem Nöthigen versehen, und in Frieden ziehen lassen; es wäre denn, daß ihr euch lieber hier im Lande an¬ siedeln wolltet! Wollet ihr das, so steht euch frei, eine Stadt zu gründen, und meine Gesetze sollen euch densel¬ ben Schutz verleihen, wie meinen eigenen Unterthanen. Was euren König betrifft, so sende ich auf der Stelle sichere Männer an meine Ufer und im Lande umher, um ihn auszuspähen, ob er nicht, irgendwo gestrandet, in Wäldern oder in Städten umherirrt.“ Die beiden Helden in der Wolke brannten vor Be¬ gierde, den Nebel zu durchbrechen, als sie solches hörten. „Hörst du es, Sohn der Göttin,“ flüsterte zuerst Achates seinem erhabenen Freunde zu, „die Schiffe, die Freunde Alle sind gerettet; nur Einer fehlt, den wir selbst ins Meer sinken sahen; sonst entspricht Alles den Verheißungen deiner Mutter.“ Kaum war dieses gesprochen, als die Nebelwolke sich von selbst theilte und in den offenen Aether verschwand. Da stand nun Aeneas im heiteren Lichte, wie ein Gott an Schultern und Haupte glän¬ zend: seine Mutter hatte ihm schönes wallendes Locken¬ haar auf Haupt, das Purpurlicht der Jugend auf die Wangen, und in das heitere Auge den Strahl der Huld gezaubert. Wie ein Wunder stand er vor Allen da, wandte sich zur Königin und sprach: „Da bin ich, nach dem ihr verlanget, aus den Wellen Libyens gerettet, ich der Trojaner Aeneas! Edle, großmüthige Königin, die du die Trümmer deines unglücklichen Volkes erbarmungs¬ voll in deine Stadt aufgenommen hast, keiner von allen Trojanern, die über die ganze Erde zerstreut sind, kann dir würdigen Dank bezahlen; mögen dir die Himmli¬ schen vergelten! Selig sind die Eltern, die dich gezeugt haben! so lange die Erde stehet, wird dein Name bei uns von Ruhme strahlen, welches Land uns auch rufen mag!“ So sprach Aeneas und eilte auf seine Freunde zu, die Rechte, die Linke ihnen in die Wette darreichend. Als sich Dido vom ersten Erstaunen erholt hatte, sprach sie: „Sohn der Göttin, welches Schicksal verfolgt dich durch solche Gefahren? Du bist also jener Aeneas, welchen einst Anchises, dem Trojaner, die erhabene Göt¬ tin Venus an den Wellen des Simois geboren hat! Wohl hab' ich Vieles von den Schicksalen deines Ge¬ schlechts und deines Volkes, von meinem Vater Belus vernommen. Als dieser in Cypern kriegte, kam der Ar¬ giver Teuker, Telamons Sohn, zu ihm, der dort nach dem trojanischen Krieg eine Niederlassung gegründet hatte; dieser erzählte viel von euren Heldenthaten. Er war zwar euer Feind im Kriege, aber zugleich euer Bluts¬ verwandter, denn auch er rühmte sich, vom alten Geschlechte der Teukrer abzustammen; seine Mutter Hesione, welche Telamon als eine Kriegsgefangene vom seinem Freunde Herkules zum Geschenk erhalten hatte, war eine Tochter des trojanischen Königs Laomedon. Nun aber, ihr Männer, tretet getrost in unsere Häuser ein, auch ich bin eine Verbannte, auch ich fand nach langen Mühsalen erst in diesem Lande Ruhe. Ich bin wohl vertraut mit dem Jammer, und verstehe mich auf den Beistand Unglücklicher.“ So sprach Dido, und führte den Helden unverzüg¬ lich in ihren Palast, auch ordnete sie in allen Tempeln ein prächtiges Opferfest an. Das Innere der Burg wurde mit königlichem Prunke ausgeschmückt, und in den schönsten Sälen des Palastes ein Festmahl zugerüstet. Kunstvolle Purpurteppiche prangten überall, schweres Silber belastete die Tische, goldene Pokale mit erhabener Kunstarbeit schimmerten allenthalben. Indessen ließ dem edlen Aeneas seine Vaterliebe keine Ruhe; er schickte den treuen Diener Achates schleunig zu der Flotte, dem Knaben Askanius die frohe Botschaft zu verkündigen, und ihn selbst herbeizuführen. Auch allerlei Ehrengeschenke, die er aus dem Schutthaufen Troja's gerettet, befahl er herbeizubringen: einen präch¬ tigen Mantel mit goldgewirkten Bildern, den Schleier Helena's, ein Wundergeschenk ihrer Mutter Leda, den sie aus Sparta mitgebracht, den Scepter der Ilione, der ältesten Tochter des Priamus, ein Halsgeschmeide von Perlen, und eine Krone, von Gold und Edelsteinen glänzend. Mit diesen Aufträgen eilte Achates nach den Schiffen. Dido und Aeneas. Aber die himmlische Mutter des Helden war nicht beruhigt über sein Schicksal, sie fürchtete die doppelzüngigen Tyrer und das betrügliche Königshaus. Auch daß Juno, die Todfeindin des Aeneas, Schutzgöttin des Landes war, machte ihr schwere Sorge. Sie sann deßwegen auf eine ganz neue List. Ihr Sohn, der Liebesgott, sollte die Gestalt des Knaben Askanius annehmen, und an seiner Stelle in Karthago's Hofburg erscheinen. Würde nun Dido den holden Jungen beim königlichen Schmause auf den Schooß nehmen, und ihn harmlos herzen und küssen, so sollte ihr Amor das heimliche Feuer und bethörende Gift der Liebe einhauchen. Der Liebesgott gehorchte dem Gebote seiner Mutter, er entledigte sich in aller Eile seiner Flügel, und wandelte in Kurzem, vergnügt über die Rolle, die er zu spielen hatte, dem kleinen Julus oder Askanius täuschend ähn¬ lich, an der Hand des Achates, der keinen Betrug ahnte, der Königsstadt entgegen. Den wahren Askanius hatte Venus im Schlummer in ihr eigenes Gebiet, in den Hain Idalia's, entführt, und ihn dort in duftenden Majo¬ ran unter kühle Schatten gelegt. Als Achates mit dem kleinen Gott an der Hand in Karthago's Burg eintraf, hatte sich die Königin schon auf einem goldenen, mit köstlichen Teppichen ge¬ polsterten Throngestelle in der Mitte des Saales nieder¬ gelassen; Aeneas und die trojanischen Helden kamen von allen Seiten herbei, und lagerten sich die Tische entlang auf purpurne Polster; Diener boten Reinigungswasser und Handtücher herum, und langten das Brod aus den Körben hervor; fünfzig Mägde standen in langen Rei¬ hen in der Küche, vor den dampfenden Speisen an flam¬ menden Heerden; andere hundert Mägde und eben so viele schmucke Diener thürmten die Gerichte auf den Tischen umher, und stellten die goldenen Becher vor die Gäste. Auch die Tyrier kamen jetzt schaarenweise her¬ bei, und lagerten sich auf das Gebot ihrer Königin an den Tafeln. Die Geschenke des Aeneas wurden herum¬ gegeben und bewundert. Dann richteten sich aller Blicke auf den kleinen vermeintlichen Julus, der mit heuchleri¬ schen Umarmungen sich an den Hals seines Vaters warf, seinen Mund mit Küssen bedeckte, und wunderkluge Worte dazu sprach. Die arme Dido besonders, die schon von dem Gott ihrem Verderben geweiht war, konnte ihr Ge¬ müth gar nicht sättigen, und blickte bald den Knaben, bald die Geschenke mit immer funkelnderen Augen an. Der kleine Liebesgott riß sich endlich von dem erheuchel¬ ten Vater los und eilte auf die Königin zu. Diese nahm ihn arglos auf die Arme, blickte ihn liebreich an und herzte ihn zärtlich, ohne zu ahnen, welch ein mächtiger Gott sich ihr anschmiege. Amor aber, den listigen Be¬ fehlen seiner Mutter gehorsam, verwischte allmählig das Bild des verstorbenen Gemahls in ihrem Geist, und reizte die erstorbenen Gefühle ihrer Brust zu neuer leben¬ diger Neigung. Der Schmaus ging zu Ende, die Gerichte wurden von den Tafeln genommen, gewaltige Weinkrüge aufge¬ stellt, und die Becher aufs Neue gefüllt. Lautes Rau¬ schen wälzte sich durch die Säle des Palastes; die Nacht war herbeigekommen, und flammende Kronleuchter hingen von dem goldenen Deckengetäfel herunter. Jetzt ließ sich Dido die herrlichste Schaale, schwer von Gold und Edel¬ steinen, reichen, und füllte sie bis zum Rande mit Wein; sie war längst der Mundbecher aller tyrischen Könige. Diese hielt die Königin, von ihrem Throne sich erhebend, hoch in der Rechten, und in diesem Augenblicke ver¬ stummte der Lärm in den Sälen des Palastes. „Jupiter,“ sprach sie mit feierlicher Stimme, „mächtiger Beschirmer des Gastrechtes, laß diesen Tag den Tyriern und unsern trojanischen Freunden günstig seyn, und unsere späten Enkel mögen desselben noch mit Lust gedenken! Auch du, Freudengeber Bacchus, auch du, huldreiche Juno, sey mit uns!“ So sprechend, goß sie das Trankopfer auf den Tisch aus, nippte dann von der goldenen Schaale selbst, und bot sie dem tyrischen Häuptlinge, der ihr zu¬ nächst saß. Nun machte der Pokal bei Tyriern und Trojanern die Runde, und derweil sang ein lockiger Sän¬ ger zur goldenen Zither sinnvolle Lieder vom Ursprunge der Welt, der Menschen und der Thiere. Als der Ge¬ sang zu Ende war, hing Dido an dem Munde des erzählenden Aeneas, vernahm seine Schicksale mit pochen¬ dem Herzen, und schlürfte in langen Zügen das Gift der süßen Liebe ein. Dido's Liebe bethört den Aeneas. Die Mienen, die Worte des Helden gruben sich der Königin tief ins Herz. Als die Gäste den Palast längst verlassen hatten, und sie wenige schlaflose Stunden auf ihrem Lager zugebracht, suchte sie das Gemach ihrer ge¬ liebten Schwester und vertrautesten Freundin Anna auf, und begann dieser ihr ganzes Herz aufzuschließen. „Schwester Anna,“ sprach sie, „mich ängstigen wunder¬ bare Träume. Welch ein seltener Gast hat unsere Woh¬ nungen betreten, welche Waffen, welcher Muth, welche Blicke! Man sieht ihm wohl an, daß er von den Göt¬ tern abstammt! Und welches Geschick hat er erfahren, welche Kriege durchgekämpft, welche Fahrten bestanden! Wahrhaftig, Schwester, wenn ich nicht unwiderruflich beschlossen hätte, mich durch das Band der Ehe keinem Manne mehr zu gesellen, seit der Tod mich um meine Erstlingsliebe betrogen hat: dieser einzigen Schwäche könnte ich vielleicht unterliegen. Aber eher soll mich die Erde verschlingen, eher der Blitz mich treffen, ehe ich meinem ermordeten Gemahl die Treue breche; er hat meine Liebe mit sich fortgenommen, er behalte sie auch im Grabe!“ Thränen erstickten ihre Stimme, und sie vermochte nicht weiter zu sprechen. Ihre Schwester blickte sie mitleidig an, und erwiederte: „Dido, ich liebe dich mehr als mein Leben, willst du deine holde Jugend denn ganz im Wittwengram verjammern? meinst du, der Staub deines Gatten kümmre sich um deine Entsagung? kommt es dir denn gar nicht in den Sinn, in welchem Gebiete du hausest, daß du auf der einen Seite von kriegerischen Gätulen, von un¬ bändigen Numiderstämmen, von ungastlichen Sandbänken, auf der andern Seite von wasserlosen Wüsten eingeschlos¬ sen bist? Und welche Kriege drohen dir von Tyrus her, von deinem unversöhnlichen Bruder? Glaube mir, durch Gunst unserer Schutzgöttin Juno ist es geschehen, daß die trojanischen Schiffe hier gelandet sind. Schwester, wie mächtig würde unsere Stadt, wie mächtig das Reich durch eine solche Vermählung werden! Wie wird sich der Ruhm der Pöner steigern, von den Waffen der Troja¬ ner begleitet. Sey klug, liebe Schwester, opfere den Göttern, stelle Gastgebote an, umstricke die Helden mit Zögerungen aller Art, so lange ihre Flotte noch zerschellt ist, und die Winde den Schiffenden zuwider sind.“ Anna entflammte mit diesen Worten Dido's glühende Seele noch mehr, und schläferte alle Scheu in ihrem Herzen ein. Sie gingen zusammen in die Tempel und opferten den Göttern. Dann führte Dido den geliebten Helden durch ihre Stadt, zeigte ihm den sidonischen Kö¬ nigsglanz, und feierte ihrem Gast zu Ehren ein neues Mahl; wieder herzte sie den Askanius, das Ebenbild seines Vaters, wieder konnte sie nicht satt werden, den Helden von Troja's Leiden erzählen zu hören. Dieß Alles war der Göttermutter Juno vom Olymp herab nicht entgangen. Der rechte Zeitpunkt, den Helden für immer um das verheißene Italien zu betrügen, und das Volk der Trojaner in fremden Stämmen sich ver¬ lieren zu lassen, schien ihr gekommen. Sie suchte ihre Tochter Venus auf, und begann heftig, doch freundlich zu ihr: „Wahrhaftig, du und dein Knabe, ihr habt einen schönen Sieg davon getragen! Doch wozu noch länge¬ ren Hader? Laß' uns ein Ehebündniß, und damit ewi¬ gen Frieden schließen! Du hast, was du mit ganzer Seele suchtest: Dido glüht von Liebe zu Aeneas. Wohlan! laß' uns die Völker verschmelzen, sie mag dem trojanischen Gatten dienen, und die Tyrier sollen seine Hochzeitgabe seyn.“ Venus merkte die heimliche Absicht der Heuchlerin wohl; sie erwiederte aber ganz willfährig: „Wie könnte ich so thöricht seyn, dir dieses zu verweigern, Mutter? wie könnte ich es wagen wollen, in endlosem Kampfe mich mit dir zu messen? Ich fürchte nur, Jupiter möchte den Verein beider Völker nicht gestatten. Doch, du bist ja seine Gemahlin, dir ziemt es, sein Herz durch Bitten geneigt zu machen. Was du zuwege bringst, ist mir recht.“ „Laß das meine Sorge seyn,“ erwiederte Juno vergnügt, „vor allen Dingen muß der Bund geschlossen werden. Laß mich nur die Geschicke lenken, Geschehenem wird Jupiter seine Billigung nicht versagen.“ Zustim¬ mend und freundlich nickte Cythere, aber im Herzen spot¬ tete sie des Betrugs. Am nächsten Morgen veranstaltete die Königin eine große Jagd, ihren fremden Gästen zu Ehren. Auser¬ lesene Jünglinge mit Schlingen, Netzen, breiten Jagd¬ spießen, von Reitern und Spürhunden begleitet, verließen die Thore. Vor dem Palaste stand der Zelter der Königin, mit Gold geschmückt und mit Purpurdecken behangen, und käute muthig an seinem beschäumten Gebiß; an der Pforte harrten die Pönerfürsten. Endlich trat Dido her¬ aus, umdrängt von großem Jagdgefolge; sie trug ein bunt gesticktes sidonisches Jägerkleid; darüber einen mit goldener Schnalle aufgeschürzten Purpurrock; ein goldenes Diadem umschlang ihre Stirne, und von der Schulter hing ihr der goldene Köcher. Vier Trojaner waren in ihrem Zuge, darunter auch der muntere Julus. Endlich schloß sich der Schönste von Allen, Aeneas, mit seinem vertrautesten Helden ebenfalls der Begleitung an. Als die Gesellschaft das Gebirg erreicht hatte, zer¬ streute sie sich bald auf der unwegsamen Wildbahn; von den Felsenkuppen sah man bald Gemsen über die Hügel her stürzen; auf der andern Seite verließen Hirsche in stäubender Flucht ihre Berge, drängten sich in bange Haufen zusammen, und durchrannten die offenen Felder. Mitten im Thale tummelte der Knabe Julus oder As¬ kanius sein muthiges Pferd, und flog damit bald an diesen, bald an jenen Jägern vorüber; das schüchterne Wild war ihm viel zu gering, immer hoffte er, es werde ein schäumender Eber angelaufen kommen, oder ein Löwe mit gelber Mähne hinter dem Hügel hervorschreiten. Die Jäger waren so ganz in ihre Lust vertieft, daß sie nicht merkten, wie der Himmel sich zu verdunkeln be¬ gann, und das drohende Ungewitter, das sich in den Wolken zusammenzog, erst entdeckten, als der Wind durch die Bäume sauste, und plötzlich Regen und Hagel her¬ niederströmte. Tyrier und Trojaner suchten, zerstreut und verirrt, durch Felder und Wälder sich verschiedenen Schutz vor dem Unwetter. Während nun angeschwollene Wald¬ ströme von den Bergen stürzten, und ein Zufluchtsort vom andern vereinzelt und abgeschnitten wurde, fanden sich durch Juno's Veranstaltung die Königin Dido und der Trojanerheld Aeneas zugleich in der nämlichen Grotte zusammen, um vor dem immer tobenderen Ungewitter Schutz zu finden. Mit dem Aufruhre der Natur, beim Leuchten der Blitze und dem Krachen des Donners ent¬ fesselte sich auch die bisher zurückgehaltene Neigung der Königin; sie vergaß aller weiblichen Scheu, und gestand dem Helden ihre glühende Liebe. Da schwanden dem bethörten Aeneas die göttlichen Verheißungen, er erwie¬ derte ihre Zärlichkeit und versiegelte mit einem leichtsin¬ nigen Schwur die Ausbrüche ihrer Leidenschaft. Aeneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago. Das Ungewitter war vorüber, die Jagdgesellschaft hatte sich wieder zusammen gefunden, und Aeneas kehrte an Dido's Seite nach der Stadt und in den Palast zu¬ rück. Ein Freudenfest folgte auf das andere, keiner Abfahrt ward gedacht, und der Winter kam heran. Jetzt machte sich Fama, die Göttin des Gerüchtes, auf und durchflog die Städte Libyens. Diese, ein We¬ sen von seltsam beweglicher Gestalt, ist die Tochter der Mutter Erde, und die jüngste Schwester der Giganten. So oft sie aus ihrer Verborgenheit hervorgeht, ist sie Anfangs ganz klein und schüchtern, aber im Fortschreiten wächst sie an Kräften und Größe, erhebt sich bald in die Lüfte; und während ihre Füße über den Boden gleiten, verbirgt sich ihr Scheitel in den Wolken. Ihre Gestalt ist gräßlich, ihr Haupt ganz mit Flaumfedern bedeckt, so viel Federn, so viel funkelnde Augen darunter, so viel Zungen und Mäuler, die nie schweigen, so viel immer gespitzte Ohren. Nachts stiegt sie zwischen Erd' und Himmel einher, rauscht durch die Schatten, und nie schließen sich ihre Augenlieder zum Schlummer. Den Tag über aber lauscht sie hingekauert, bald am Giebel der Häuser, bald auf den Zinnen der Thürme, und schreckt Stadt und Land mit ihrem krächzenden Rufe, und es ist ihr einerlei, ob sie Wahrheit verkündet, oder Lug und Betrug meldet. Dieses häßliche Wesen füllte auch jetzt mit mancher¬ lei Gerüchten die Länder Afrika's an, und erzählte scha¬ denfroh Alles durcheinander, was geschah und nicht ge¬ schah: Ein Fremdling sey gekommen, ein Mann aus trojanischem Geschlecht, Aeneas mit Namen, diesen habe sich die reizende Königin Dido zum Gemahl erkoren; sie vergesse der Sorge für ihre Herrschaft, die Zügel der Regierung entgleiten ihren Händen, und das Paar durch¬ schwelge in Pracht und Ueppigkeit den Winter. Solche Sagen ließ die häßliche Göttin durch den Mund des Volkes gehen. Dann richtete sie ihren Lauf plötzlich nach Numidien zu dem Könige Jarbas, dessen Hand kürzlich von Dido verschmäht worden war. Diesem entflammte sie das gekränkte Herz durch ihre Zuflüsterungen zum wildesten Grimme. Er war ein Sohn Jupiters und einer libyschen Nymphe, und hatte seinem Vater hundert prächtige Tempel in Numidien erbaut, wo stets geschäf¬ tige Priester opferten, und die Pforten immer mit Blu¬ men bekränzt waren. Dieser, von dem bitteren Gerüchte in Wuth versetzt, warf sich jetzt vor die Altäre, und flehte mit rückwärts gehobenen Händen zum Himmel empor: „Allmächtiger Zeus, dem die maurischen Völker alle dienen, siehest du das und sendest deinen Blitz nicht? Ein landflüchtiges Weib, das für Geld sich ein Städt¬ chen gegründet hat, der ich in meinem Gebiete das Ufer zum Pflügen, das Land zum Beherrschen verliehen habe, ein solches Weib hat trotzig meine Hand verschmäht, ergibt sich dem glatten Trojaner und läßt den Weichling meines Raubes genießen? Und wir sind solche Thoren, und hören nicht auf, in deinen Tempel dir Geschenke darzubringen, und glauben an deine Weltregierung!“ So betete er und faßte seines Vaters Altar. Ju¬ piter hörte ihn, und richtete seinen Blick vom Olymp auf Karthago. Dann berief er seinen Sohn Merkurius. „Was hat Aeneas,“ sprach er zornig, „im feindlichen Lande zu schaffen? Nicht dazu habe ich ihn zweimal den Waffen der Griechen, und so oft den Stürmen entrissen. Rom soll er mir gründen! Auf der Stelle soll er da¬ von schiffen, ich will's! und das sollst du ihm von mir verkünden,“ Wie ein Vogel durcheilte der Gott mit seinen fliegenden Sohlen die Luft; bald war er in Karthago, und fand hier den Helden Aeneas, wie er eben den Bau neuer Paläste überwachte. Sein Schwert funkelte von Edelsteinen; sein Mantel, den Dido selbst gefertigt, glühte von Purpur; er glich vom Kopf bis zur Sohle einem tyrischen Fürsten, und nicht mehr einem Trojaner. Da stellte sich Merkur, allen Andern unsicht¬ bar, neben ihn, und schalt ihm ins Ohr: „Weibersklave, hier stehest du, deiner Bestimmung und deines Reiches vergessend, und bauest einer Fremden die Stadt! Weißest du nichts mehr von deinem Sohn Askanius, und von der Römerherrschaft, die du gründen sollst? Wisse, Ju¬ piter sendet mich vom Olymp, dich zu strafen, dich fort¬ zutreiben!“ Der Gott war entflogen, ehe sich Aeneas von seiner Betäubung erholen konnte, aber das Göttergebot hallte in seiner Seele nach, und gestattete ihm nicht mehr an Anderes zu denken, als an schleunige Flucht. Nachdem er seinen Vorsatz von allen Seiten geprüft und erwogen, berief er seine vertrautesten Genossen zu sich an einen einsamen Ort, und befahl ihnen, in aller Stille die Flotte zu rüsten, die Genossen am Strande zu versammeln, die Waffen in Bereitschaft zu halten, aber die Ursache dieses neuen Beginnens aufs Vorsichtigste zu verheimlichen. Er selbst wolle, noch bevor Dido den vom Himmel er¬ zwungenen Treubruch ahne, die günstigste Stunde aus¬ spähen, um ihr so mild als möglich den Beschluß des Schicksals beizubringen. Aber wer kann sich vor einem liebenden Herzen verbergen? Die Königin merkte den Betrug; war sie doch schon bange, als Alles noch sicher war. Jetzt hatte ihr die tückische Fama gemeldet, daß die Trojaner ihre Flotte rüsten und die Abfahrt betreiben. Wie wahnsin¬ nig irrte sie in den Straßen ihrer Stadt umher, und endlich trat sie vor ihren Geliebten selbst, und sprach zu ihm: „Treuloser, du hofftest dein Verbrechen mir zu ver¬ hehlen, und dich schweigend aus meinem Lande zu schlei¬ chen, meine Liebe, meine Hand, mein Tod kann dich nicht zurückhalten? Mitten im Winter betreibst du die Fahrt, Grausamer, und willst dich lieber den Nord¬ winden in den Arm werfen, als in meinen Armen ruhen? Schwab, das klass. Alterthum. III . 22 Warum fliehest du mich, Aeneas? Bei diesen Thränen, bei deinem Handschlag, bei unserer begonnenen Ehe be¬ schwöre ich dich, wenn ich Gutes um dich verdient habe, wenn etwas an Dido dir süß war, so ändere deine Ge¬ sinnung, so erbarme dich meines sinkenden Hauses; um deinetwillen hassen mich die Völker Libyens, ja die Tyrier selbst, um deinetwillen habe ich der Zucht entsagt, die mich unsterblich machte. Gastfreund, denn Gatte bist du nicht mehr, wem läßest du die Sterbende zurück? Soll ich warten, bis mein Bruder Pygmalion meine Mauern stürmt, bis der Numidier Jarbas mich in die Gefangen¬ schaft führt?“ So sprach die verzweifelnde Dido. Aeneas aber, von Jupiter gewarnt, zeigte keine Regung in seinem Blicke, und preßte den Kummer ins Herz zurück. End¬ lich erwiederte er kurz: „So lange ich mich selbst kenne, Königin, so lange mein Geist in diesen Gliedern sich regt, werde ich Dido's Wohlthaten nicht vergessen. Glaube nicht, daß ich mich wie ein Dieb davonstehlen wollte; wir sind nicht vermählt, ich habe nie die Braut¬ fackel angesprochen, nicht zu solchem Bunde bin ich zu dir gekommen. Erlaubte mir das Geschick, nach freier Wahl mein Leben einzurichten, so würde ich zuerst die geliebte Heimath Troja und des Priamus Haus wieder aufrichten; aber nach Italien heißt mich Apollo steuern, dort ist mein Herz und mein Schatz, dort ist mein Va¬ terland. Darf ich meinen Sohn um das verheißene Reich betrügen? Jupiter selbst verbietet es mir; Merkur, sein Bote, ist mir leibhaftig erschienen. Deßwegen quäle dich und mich nicht länger mit Klagen; nicht freiwillig suche ich Italien auf!“ Seitwärts gewendet, blickte schon lange die Königin den Redenden an, ließ die Augen rollen, maß ihn schwei¬ gend von der Sohle bis zum Scheitel, und brach endlich in die Worte der Entrüstung aus: „Keine Göttin hat dich geboren, nicht Dardanus ist dein Ahn, aus den Felsen des Kaukasus bist du entsprossen, hyrkanische Tiger haben dich gesäugt! Hat er bei meinen Thränen auch geseufzt? Hat er nur das Auge verwendet, die Liebende beweint, bedauert? Als Bettler an den Strand geworfen, habe ich ihn aufgenommen, die Flotte, die Genossen aus dem Rachen des Todes ihm zurückgegeben, ihn zu meines Thrones Gemeinschaft erhoben: und nun schützt er ein Orakel des Apollo, nun gar die Ankunft eines Götter¬ boten vor, und einen Befehl der Himmlischen, als ob diesen der Treubruch am Herzen läge! Nun wohl, ich streite nicht, ich halte dich nicht, suche dein Italien im Sturm! Wenn es noch Götter gibt, wird meine Rache dich in den Klippen finden! Mein Schatten zieht dir nach, und wenn du büßest, werd' ich es in der Tiefe des Hades vernehmen!“ Athem und Stimme versagten der Unglücklichen, und sie wurde von den Armen ihrer Dienerinnen aufgefangen. Wohl fühlte sich Aeneas versucht, den Kummer Dido's durch liebreichen Trost zu lindern, und seine eigene große Liebe zu der Königin bewegte ihm den Geist, doch vermochte sie nicht ihn wankend zu machen; er blieb dem Gebote der Götter treu und wanderte nach seiner Flotte. Diese war bald segelfertig, und Dido mußte es von der Zinne ihrer Burg mit ansehen, wie das Ufer von den Abziehenden wimmelte. „Anna,“ sprach sie zur herbeigerufenen Schwester, „siehest du das 22 * Getümmel längs des ganzen Gestades? hörst du die Segel in den Lüften schwirren, siehst du, wie die Schif¬ fer die Verdecke bekränzen? Ach, hätte ich das geahnt, ich würde es auch zu ertragen vermögen! Jetzt aber bitte ich dich Schwester, thu' es mir Armen zu lieb'; dich hat ja der Verräther immer geehrt, hat dir seine geheimsten Gefühle anvertraut: geh' zu ihm, Schwester, rede den stolzen Feind mit unterthänigen Worten an. Frag' ihn, ob ich denn eine Griechin sey, die zu Aulis Troja's Untergang mitbeschworen habe, ob ich die Asche seines Vaters Anchises frevelnd in die Lüfte gestreut, daß er solche Rache an mir zu nehmen beschlossen? Heiß' ihn wenigstens bessere Zeit zur Flucht, günstigere Winde erwarten; ich verlange ja nicht, daß er auf Italien verzichte; ich will nur eine Frist für meine wahnsinnige Liebe, will nur Muße, bis ich mein Schicksal begreifen und trauen gelernt habe!“ Also flehete sie und die geängstigte Schwester ging und trug dem Helden die Thränen Dido's noch einmal vor. Ihn aber vermochte kein Menschenwort ferner zu erweichen; ein Gott verschloß dem gefühlvollen Manne das sonst jedem Schmerz offene Ohr. Wie wenn die Nordwinde den uralten Stamm einer Eiche, von beiden Seiten her ihn fassend, auszuwühlen sich abmühen: die Wipfel rauschen, der Stamm bebt, fallende Blätter decken den Boden; sie aber haftet fest im Felsenboden und so hoch ihr Scheitel in die Luft ragt, so tief streckt sie ihre Wurzeln hinunter in die Tiefe — gerade so wurde der Held von den beiden Schwestern mit Bitten bedrängt, und er fühlte auch in seinem edlen Herzen alle die Qualen; aber er blieb unbeweglich, wie die Eiche. Jetzt erst erkannte Dido den Willen des Schicksals und wünschte sich den Tod; ja, sie mochte den Himmel über sich nicht mehr sehen. Noch mehr bestärkte sie in ihrem Entschlusse zu sterben, das schreckliche Zeichen, das ihr der Himmel beim neuesten Opfer vor Augen stellte, wo der aus der Schaale gegossene helle Wein sich in schwarzes Blut verwandelte. Dieses Vorzeichen erzählte sie Niemand, selbst der Schwester nicht. Seitdem dachte sie nur darauf, wie sie alle die Ihrigen täuschen und sich auf die sicherste Weise den Untergang bereiten könnte. Deßwegen trat sie mit heiterer Miene, Hoffnung in den Augen und das gräßliche Vorhaben sorgfältig verbergend, vor die Schwester und sprach: „Preise mich glücklich, liebe Anna! Ich habe ein Mittel gefunden, das mir den Treulosen entweder zurückgeben, oder mich von meiner Liebe befreien muß. Eine Aethioperin, die in den Hes¬ peridengärten des Tempels dieser Göttinnen pflegt, ist hier und verspricht mir durch ihren Zaubergesang, ent¬ weder das Herz des Geliebten zu gewinnen, oder mein eigenes der Liebe los und ledig zu machen. Sie hat aber dazu gewisse Gebräuche vorgeschrieben: nun nehme ich selbst in einer Sache, die mich so nahe betrifft, nicht gerne meine Zuflucht zu magischen Künsten, deßwegen beschwöre ich dich, liebste Schwester, errichte mir, wie die Zauberin vorgeschrieben, im innern Schloßhofe heim¬ lich einen Scheiterhaufen, lege darauf die Waffen des ungetreuen Mannes, die er in seinem Gemache zurück¬ gelassen hat, seine Gewande, die Betten seines Lagers. Alle Ueberbleibsel des Schändlichen möchte ich vertilgen und überdem ordnet es die Priesterin so an.“ Dido sprach und verstummte, indem Todtenblässe sich über ihr Antlitz verbreitete. Ihre Schwester Anna muthmaßte indessen nicht, daß sich hinter tiefem seltsa¬ men und neuen Opfergebrauch ein Gedanke des Selbst¬ mords verstecke; sie ahnte nicht, von welcher Raserei das Gemüth ihrer Schwester ergriffen sey; auch befürchtete sie nichts Schlimmeres als beim Tode des ersten Ge¬ mahls ihrer Schwester, des Tyriers Sychäus, und ging sich ihres Auftrags zu entledigen. Sobald aber der Holzstoß sich in die Luft erhob, aus Kien und Eichenholz aufgeschichtet, erschien die Kö¬ nigin selbst, bekränzte ihn mit Cypressenzweigen und zog Blumenketten rings um ihn her. Dann legte sie Schwert, Gewande und Bildniß des Aeneas darauf, und ringsum standen Altäre aufgerichtet. Die fremde Seherin mit fliegendem Haare, rief alle Götter der Unterwelt an, und goß einen eigenen Höllentrank auf den brennenden Schei¬ terhaufen aus; Kräuter, die mit Eicheln im Monden¬ schein abgemäht worden waren, wurden darauf geworfen und noch allerlei Beschwörungen vorgenommen. Dann kehrte die trauernde Königin zur letzten Nachtruhe auf Erden in ihren Palast zurück. Aeneas lag indessen, nachdem die Abfahrt beschlos¬ sen war, auf dem Hinterverdecke des Schiffes, dem Schlum¬ mer hingegeben. Da erschien ihm noch einmal der Gott Merkurius im Traume und schien ihn zu ermahnen: „Sohn der Göttin, wie kannst du in so gefährlicher Lage schlummern? Siehest du nicht, wie viele Gefahren dich umringen? Hörst du die günstigen Westwinde nicht sausen? Betrug, gräßliche Frevel der Nachgier wälzt die verlassene Königin in ihrem Herzen! Wirst du nicht fliehen, so lange du noch kannst?“ Erschrocken sprang der Held vom Lager auf und trieb die Genossen zur schleunigen Flucht an. Die Morgenröthe war inzwischen angebrochen, die Königin hatte den Söller bestiegen, sah den Strand leer und die Flotte mit schwellenden Segeln auf der hohen See. Schmerzvoll schlug sie mit der Hand an ihre Brust, raufte sich die blonden Locken aus, und nach langem Wehklagen rief sie ihre Amme Barce, und befahl ihre theure Schwester Anna herbeizurufen. Sobald sie sich allein sah stürmte sie in den innern Hof der Burg und bestieg vom Taumel des Wahnsinns getrieben das hohe Gerüst, auf welchem das Schwert ihres treulosen Ge¬ liebten lag; dieses zog sie aus der Scheide, warf sich auf das Bett und die Kleider des Helden, die zu oberst ausgebreitet lagen, und sprach von dem hohen Holzstoße herab in die einsamen Lüfte die Abschiedsworte: „Ihr süßen Ueberbleibsel glücklicherer Tage, nehmet dieß Leben von mir, erlöset mich von aller Betrübniß! Dido hat ausgelebt, hat den vorgeschriebenen Lauf des Schicksals geendigt. Nicht als ein kleiner Schatten wird sie zur Unterwelt hinabsteigen! Ich habe eine herrliche Stadt gegründet, habe Mauern erblickt, von mir aufgebaute habe meinen Gemahl Sychäus gerächt, meinen feindsee¬ ligen Bruder bestraft! In Allem wäre ich glücklich ge¬ wesen, hätte der Trojaner mit seiner Flotte nicht an Li¬ byens Küste gelandet!“ — Sie konnte vor Schmerz nicht weiter sprechen, drückte ihr Gesicht in den Pfuhl und stieß sich das Schwert in die Brust. Auf ihr Stöhnen eilten ihre Dienerinnen aus dem Palast und sahen sie zusammengesunken, den Stahl von Blut geröthet, die Hände bespritzt. Lautes Jammergeschrei tönte durch die Gemächer und tobte durch die er¬ schütterte Stadt. Mitten im Laufe — denn sie war auf den Ruf der Alten mit dem letzten Opfergeräthe her¬ beigeeilt — vernahm Anna die entsetzliche That. Sie schlug sich die Brust mit den Fäusten, zerfleischte mit den Nägeln ihr Antlitz und stürzte durch das Gedränge des sich sammelnden Volkes in den Hof der Königsburg hinab. „Schwester, Schwester!“ rief sie der Sterbenden schon von weitem zu, „was hast du gethan, wie hast du mich betrogen? Warum hast du mich nicht zur Gefähr¬ tin deines Todes erkohren? du hast mich doch getödtet; das Volk, deine Väter, die ganze Stadt hast du ge¬ mordet!“ Unter solchen Wehklagen erstieg sie die Stu¬ fen des Holzstoßes, und umarmte die kaum noch Athem holende Schwester, die mit Mühe den Blick erhob und deren schwarze Wunde aufs Neue zu bluten anfing. Drei¬ mal strebte sie vergebens sich aufzurichten und hauchte zusammengesunken den Geist in den Armen der Schwester aus. Fünftes Buch. Aeneas. Zweiter Theil. Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. La¬ vinia. — Diese dem Aeneas zugesagt. — Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner. — Ausbruch des Krie¬ ges. Aeneas sucht bei Evander Hülfe. — Turnus beim Lager der Trojaner. — Nisus und Euryalus. — Sturm des Turnus abge¬ schlagen. — Aeneas kommt ins Lager zurück. — Aeneas und Tur¬ nus kämpfen. Turnus tödtet den Pallas. — Turnus von Juno ge¬ rettet. — Lausus und Mezentius von Aeneas erschlagen. Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia. Aeneas mußte das Ende Dido's, das sein Leicht¬ sinn herbeigeführt hatte, obgleich ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach Sicilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig aufgenommen wurde, und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin Juno's, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte, daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen ret¬ tete Jupiter durch einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein Vater An¬ chises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber und unkriegerischen Greise in Sicilien zurückzulassen: er selbst solle mit dem Kern der Mannschaft nach Italien segeln. Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirthes die Stadt Acesta in Sicilien und vervölkerte sie mit den Greisen und den alten Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen, Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Dießmal gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und blaue¬ sten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische Gott des Schlafes hatte sich von dem am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen des Aethers herabgesenkt, und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem wachsa¬ men Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Ver¬ deck am Steuer saß: „Sohn des Jasius,“ sprach er leise zu ihm, „siehest du nicht, wie das Meer die Flotte selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, end¬ lich einmal auch ein Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten Augen der steten Arbeit, komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!“ Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben und sprach: „Was sprichst du? Ich soll das tückische Ele¬ ment nicht kennen, wenn es Ruhe heuchelt, und ihm ver¬ trauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern Himmels hintergangen hat!“ So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte ihm in einem Zweige ein paar Tropfen vom Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich schloßen sich seine Augen. Da nickte er über das Verdeck, daß es zusammenbrach, der Gott gab ihm einen Stoß und Palinurus stürzte mit samt dem Steuer kopfüber in die Wellen. Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme Steuermann und rief umsonst, ver¬ sinkend, die Hülfe seiner schlafenden Genossen an. Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versproche¬ nen Schutze des Meergottes, auch ohne Steuermann ih¬ ren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Er fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Cajeta. Damals hatte er diesen Namen noch nicht, und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme des Helden, welche Cajeta hieß, nach der Landung hier starb, und ehe der Zug weiter ging, an dem Orte feier¬ lich beigesetzt wurde. Dann begab sich Aeneas noch ein¬ mal mit seinen Gefährten zu Schiffe und gelangte glück¬ lich in den Hafen von Osia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach der Tiber¬ strom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten den Hain. Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden, war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder beherrschte ein schon alternder König, mit Namen Lati¬ nus, ein Sohn des Faunus und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor Allen der schönste aller Jünglinge, der Sohn Daunus des Rutulerköniges und ihn begünstigte die Mutter Lavinia's, die Königin Amata, vor allen Andern. Aber schreckhafte Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen und dem Phöbus ge¬ weiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bie¬ nenschwarm, der mit lautem Gesumse durch die heitere Lust herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der ganze Schwarm, wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter. Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach: „Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus Einer Himmelsgegend nach Einer Himmelsgegend, und sehe ihn zu oberst in dieser Burg herrschen!“ Und wiederum geschah ein neues Zei¬ chen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater am Altare stand, und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen glühe, und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Gluth durch den ganzen Palast. Das wurde nun vol¬ lends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten: zwar Lavinia selbst — so lautete die Deutung der Seher — gehe einem herrlichen Geschick und großen Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte dar¬ über das Orakel seines Vaters Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herr¬ schaft der ganzen Welt bestimmt sey. — Am Tibergestade streckte sich der gelandete Aeneas mit seinem Sohne Julus und den übrigen Trojanerfür¬ sten unter einem hohen, schattigen Baume nieder, und bereitete ein Mahl. In der Eile nahmen sie sich nicht einmal die Mühe, das Geräthe aus den Schiffen her¬ beizuholen, sondern sie buken breite Weizenkuchen, die ih¬ nen statt der Tische und Teller dienten, und auf welchen sie die Speisen ausbreiteten. Als der kleine Verrath, den sie mit zu Lande gebracht, verzehrt und ihr Hunger noch nicht gestillt war, ergriffen sie Teller und Tische von Weizenmehl und bissen rüstig ein. Da sagte der kleine Julus lachend: „Wir verzehren ja unsere eigenen Tische!“ Dieser Scherz fiel Allen mit schwerem entscheidenden Ge¬ wicht ins Ohr. Freudig sprang Aeneas vom Boden auf und rief: „Heil dir, du fremdes Land! du bist's, das mir vom Geschicke verheißene! Auf heitre Weise wird erfüllt, was uns die Harpie Celäno als etwas Entsetzliches prophezeit hatte. Der Hunger werde uns an unbekannten Gestaden, so krächzte sie, nöthigen, die eigenen Tische zu verzehren. Wohlan denn, es ist ge¬ schehen, der Spruch hat sich erfüllt, von dem auch mein Vater Anchises mir geweissagt hatte. Wenn dieses ge¬ schieht, sprach er, dann ist das Ende der Mühseligkeiten da, dann bauet Häuser!“ Jetzt erkundigten sich die Fremdlinge, welche, das fruchlbare Land durchstreifend, bald auf Wohnungen stießen, nach dem Volk und Könige des Landes und schnell ward eine Gesandtschaft an Latinus, den König der Laurenter beschlossen. Lavinia dem Aeneas zugesagt. Der Sohn des Anchises wählte aus allen Schiffen des Geschwaders die ausgezeichnetsten Männer, hundert an der Zahl, als Redner oder Gesandte, die an den Laurenterkönig abgeschickt werden sollten. Diese traten, bebänderte Oelzweige, gleich Schutzflehenden, in den Händen, die Reise an und gelangten bald in die Stadt der Latiner. Vor der Stadt tummelte sich die Jugend Latiums zu Wagen und Roß, andere vergnügten sich mit Wurfspießwerfen und Bogenschießen, mit Faustkampf und Wettrennen. Als nun die fremden Gesandten kamen, eilte ein Bote zu Roß in die Stadt voran und brachte dem alten Könige die unerwartete Botschaft, daß eine Schaar großer, herrlicher Männer friedlich herannahe. Dieser befahl sogleich, sie in seine Wohnung zu rufen und versammelte alle die Seinigen um den Thron seiner Ahnen. Der Palast des Königs war groß und herrlich, in der obersten Burg der Stadt gelegen. Hundert Säulen trugen ihn, und ein heiliger Hain umringte ihn mit hohen, Ehrfurcht gebietenden Bäumen. Im Innern des¬ selben saß auf einem hohen Throne Latinus und beschied die Trojaner vor sich. Als sie eingetreten waren, sprach er mit freundlichem Angesichte: „Euer Geschlecht ist mir nicht unbekannt, ihr Dardaniden, und ihr waret mir ver¬ kündiget, noch als ihr lang auf dem Meere umherirrtet. Möget ihr nun durch Stürme hieher verschlagen, oder absichtlich gekommen seyn! wisset, daß ihr an keiner ungastlichen Küste gelandet habt. Verkennet in uns Latinern nicht das harmlose Geschlecht des Saturnus, das ohne Zwang und Gesetz Billigkeit übt, und den alten, frommen Gebräuchen des Gottes mit edler Freiheit folgt! Auch erinnere ich mich wohl noch (obgleich die Sage durch viele Jahrhunderte verdunkelt ist), daß euer Ahn¬ herr Dardanus aus dieser unserer Gegend abstammen solle.“ Ihm erwiederte Ilioneus, der von Allen zum Sprecher ausersehen war: „Kein Orkan hat uns an dein Gestade genöthigt, erhabener Sohn des Faunus, kein Gestirn hat uns in der Richtung des Weges ge¬ täuscht! Mit freiem Willen erreichten wir dein Ufer, und bewußte Absicht hat uns an dasselbe geführt. Wir sind aus einem herrlichen Reiche vertrieben worden, und der Erzvater unseres Geschlechtes ist Jupiter selbst. Auch unser Fürst und Anführer Aeneas, der Sohn der Göttin Venus, ist Jupiters Enkel, und er selbst ist es, der uns in deinen Palast gesendet hat. Den Sturm, der Troja niedergerissen, kennt alle Welt; auch dir ist er nicht un¬ bekannt geblieben. Dieser Verwüstung sind wir entflohen und flehen euch um einen Fleck an, wo wir die Götter unserer Heimath aufstellen können, um ein sicheres Ufer, um Wasser und Luft, die ein gemeinsames Gut aller Sterblichen sind! Es wird Italien nie gereuen, Troja in seinen Schooß aufgenommen zu haben. Stammt doch Dardanus von hier, und ruft uns hierher zurück. Auch trieb uns ein besonderes Gebot der Götter, dieses Land aufzusuchen. Damit du aber erkennest, o König, daß wir in Wahrheit diejenigen sind, für welche wir uns aus¬ geben, so verehrt dir unser Führer Aeneas die Geschenke, Schwab , das klass. Alterthum. III . 23 die wir für dich mitgebracht haben, und die freilich nur kleine Ueberbleibsel aus Troja's Brande sind: diesen goldenen Pokal, aus welchem der Vater unseres Helden, Anchises, sein Trankopfer zu verrichten pflegte; dieß Ge¬ wand des hohen Königs Priamus, das er trug, wenn er dem zusammengerufenen Volke Recht sprach, endlich seinen heiligen Kopfschmuck, seinen Scepter und andere Gewande, ein kunstvolles Werk trojanischer Frauen¬ hände!“ Während Ilioneus sprach, hatte der alte König Latinus die Augen unbeweglich zu Boden gesenkt, wie ein tief Nachdenkender: er gab wenig auf die herrlichen Geschenke Achtung, welche die Gesandten vor den Stu¬ fen seines Thrones ausbreiteten: wohl bewegte er in seinem Herzen den Orakelspruch seines Vaters Faunus. Auf einmal wurde ihm klar, dieser und kein Anderer sey der verheißene Bräutigam seiner Tochter, dieser zur ge¬ meinschaftlichen Beherrschung des Reiches ausersehen; aus ihm werde das Geschlecht aufsprießen, das bestimmt sey, über die ganze Erde zu herrschen. Da erheiterte sich seine Miene, er richtete sein Haupt auf und sprach: „Mögen die Götter unser Werk und ihre Verheißung segnen. Ich gewähre eure Wünsche, Trojaner, und eure Geschenke nehme ich an. Nur soll Aeneas selbst zu mir kommen, und sich vor dem Angesicht eines Freundes nicht scheuen. Ihr aber überbringet ihm mein Anerbieten. Mein ist eine einzige Tochter, die mir das Orakel mei¬ nes Vaters, verbunden mit andern Wunderzeichen, nicht vergönnt, einem einheimischen Manne zu vermählen. Aus dem Auslande soll mir, nach der Weissagung, der Gatte meiner Tochter kommen.“ Nachdem er so gesprochen, ließ der alte König aus seinem herrlichen Marstall, in welchem an hohen Krip¬ pen dreihundert der schmucksten Rosse standen, für jeden Trojaner ein mit Purpur gedecktes Pferd herbeiführen; goldene Ketten hingen den Rossen bis an die Brust her¬ ab, das Geschirr und der Zaum ihres Mundes war von Gold. Dem Aeneas selbst aber sandte er einen Wagen samt einem Doppelgespann, schnaubende Rosse aus un¬ sterblichem Saamen gezeugt. Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner. Dieses Glück des Aeneas konnte seine Feindin Juno nicht mit gleichgültigen Augen betrachten. Sie rief die Furie Alekto aus der Unterwelt herauf, um die Eintracht im Keime zu zerstören. Diese schwebte zuerst nach La¬ tium und nahm Besitz von dem stillen Gemache der Amata; sie warf der Königin, der ohnedem schon peinliche Sorgen über das Herannahen der Trojaner und die er¬ sehnte Vermählung ihrer Tochter Lavinia mit dem Ru¬ tulerfürsten Turnus das Herz zernagten, heimlich aus ihrem Schlangenhaare eine der Nattern auf die Brust, damit sie von diesem Scheusal angefressen, das ganze Haus in Verwirrung bringe. Die Schlange verwandelte sich sofort in Amata's goldenen Halsring, in ihren lan¬ gen Schleier, ihr Lockengeschmeide und durchschlüpfte und umirrte ihr so alle Glieder. Zu gleicher Zeit träu¬ felte sie unvermerkt ihr Gift auf die Haut, und dieses fing an den Leib zu durchrieseln. So lang es noch nicht bis ins Mark der Gebeine durchgedrungen war, 23 * zeigte sich noch nicht seine volle Wirkung; es äußerte sich nicht anders, als wie natürliche Gemüthsbewegungen sich zu offenbaren pflegen: Amata fing an zu weinen und über die Vermählung iher Tochter zu klagen: „Grausa¬ mer Gatte,“ sagte sie zu sich selbst, „du hast weder mit mir noch mit deiner Tochter Mitleid! Wo ist deine frü¬ here Sorge um die Deinigen, wo das heilige Wort, das du so oft deinem Blutsverwandten Turnus gegeben hast? An heimathlose Flüchtlinge verschenkst du unser Kind!“ Solche Klagen richtete sie auch an ihren Gemahl selbst. Aber als sie ihn fest und unwiderruflich auf sei¬ nem Beschlusse beharren sah, da erst durchströmte sie das Schlangengift der Furie ganz und sie tobte wie wahn¬ sinnig durch die Stadt. Nun war Alekto zufrieden, und hatte hier das Werk, das ihr Juno aufgetragen, voll¬ bracht. Sofort schwang sie sich in die Hauptstadt der Rutuler, welche die Geliebte Jupiters, Danae, gegründet haben soll, und die von Alters her den Namen Ardea führte. Hier fand sie im Innersten des Königspalastes den Fürsten Turnus in tiefem Schlafe. Da legte Alekto ihre Furienkleider ab, und nahm die Gestalt eines alten Weibes an, mit häßlichen Runzeln auf der Stirne und unter dem Schleier hervorquellenden grauen Haaren, um welche sich ein Olivenzweig schlang, so daß sie ganz und gar der greisen Kalybe, der Tempelpriesterin Juno's glich. In dieser Gestalt trat sie vor den schlummernden Jüngling und sprach: „Ist es auch möglich, Turnus, kannst du ohne Zorn es mit ansehen, wie alle deine Hoffnung vereitelt und der Scepter der dich erwartete, an trojanische Landfahrer verschenkt wird? Mich sendet Juno selbst zu dir: du sollst dein Volk waffnen, sollst zum freudigen Kampf aus den Thoren ziehen, am Strande den Phrygiern ihre bunten Schiffe verbrennen und sie selbst vertilgen!“ Lachend erwiederte im Traume der Jüngling: „Alte! daß die Trojanerflotte in die Tiber eingelaufen ist, und Juno meiner gedenkt, wußte ich schon längst, das andere sind Schreckbilder, mit denen dich dein Alter quält. Warte du der Götterbilder und des Tem¬ pels. Krieg und Frieden laß den Mann betreiben!“ Die Furie durchbebte ein Zorn bei diesen Worten, und der Jüngling empfand ihren Schauer auf der Stelle. Er hörte das Zischen ihrer Hydern, sein Blick erstarrte und er wollte noch mehreres erwiedern, als die nächt¬ liche Gestalt, plötzlich übermenschlich groß geworden, den Aufgerichteten mit einem Stoß aufs Lager zurückwarf, aus dem Haare zwei Schlangen hervorzog, mit ihnen, wie mit einer Peitsche zu klatschen anfing und dazu mit schäumendem Munde sprach: „Meinst du noch, ich sey ein verschimmeltes altes Weib, und verstehe mich nicht auf den Zwist der Könige? Erkenne die Rachegöttin in mir, die Krieg und Tod in ihrer Hand trägt!“ In die¬ sem Augenblicke warf sie ihre Fackel, die der Jüngling in ihrer Furienhand geschwungen sah, ihm auf die offen¬ liegende Brust, so daß der schwarze, qualmende Brand sich fest in sein Fleisch heftete. Seine Glieder und Ge¬ beine überströmte ein Schweiß. „Waffen!“ schnaubte er noch in der Besinnungslosigkeit des Schlafes; Waffen suchte er erwacht in seinem Bette, erstanden in seinem Hause; rasende Kriegswuth tobte in seiner Brust, wie die Welle in einem siedenden Kessel unter dem Reisig¬ feuer aufhüpft. Sobald der Morgen angebrochen war, beschickte er die Häuptlinge seines Volkes, und hieß sie zu den Waffen gegen den treulosen König Latinus grei¬ fen, und sich zum Kampfe gegen Beide, Latiner und Trojaner, rüsten. Während so Turnus den Muth seiner Landsleute stachelte, flog die Furie zuletzt auch noch an den Tiber¬ strand, wo Julus mit seinen Begleitern, in den dichten Uferwäldern eben dem Wild auf die Jagd nachging. Hier beseelte Alekto die Spürhunde mit plötzlicher Wuth, berührte ihre Nasen mit dem bekannten Geruch und jagte sie ganz hitzig einem Hirsche nach. Dieses Wild war besonders herrlich und von Geweihen hoch: die Knaben des Tyrrhus, welcher der Oberhirte über die Heerden des Königs Latinus war, hüteten sein; denn er war vom Euter seiner Mutter weggenommen und in den Wäldern des Königs aufgefüttert worden. Die Tochter des Tyrrhus, Silvia, hatte das Thier ganz an ihre Befehle gewöhnt, sie kämmte es, wusch es in lauterer Waldquelle und schmückte seine Hörner mit weichen Blu¬ menkränzen; es ließ sich willig von ihr streicheln, war an den Tisch seines Herrn gewöhnt, irrte frei in den Wäldern umher und stellte sich jeden Abend freiwillig in der Wohnung des königlichen Hüters. Auf die Spur dieses schönen zahmen Hirsches führte die Furie des Askanius Rüden, während er eben den heißen Ufersand, nach Kühlung begehrend, verlassen hatte und den Tiberstrom hinabschwamm. Askanius faßte das herrliche Wild ins Auge, drückte den Pfeil vom Bogen ab und sandte ihn tief in das Gedärme des Thieres. Der verwundete Hirsch fuhr aus dem Wasser, kam blutig zum wohlbekannten Hause seines Herrn, schleppte sich ächzend in den Stall, und erfüllte, wie ein um Mitleid Flehender, das ganze Haus mit Gewinsel an. Jam¬ mernd entdeckte zuerst Silvia ihren Liebling, und rief mit lautem Geschrei die Bauern der Umgegend zu Hülfe. Diese kamen mit angebrannten Pfählen und Keulen be¬ waffnet: Tyrrhus selbst rief seinen Gesellen herbei, der just eine stämmige Eiche mit dem Beil spaltete; und als Alekto den rechten Zeitpunkt ersehen, stellte sie sich auf den Giebel des Hofgebäudes und ließ durch das ge¬ wundene Horn den lauten Hirtenruf in die Gegend hin¬ austönen. Von allen Seiten strömte jetzt tobendes Bauernvolk herbei, aber auch dem Askanius kam die trojanische Mannschaft zu Hülfe. Bald waren es auf der andern Seite auch nicht mehr blos mit Prügeln bewaffnete Haufen; es hatten sich zwei ordentliche Schlacht¬ reihen gebildet: Schwerter wurden gezogen, Bogen ge¬ spannt. Der erste Pfeilschuß von Seiten der jagenden Tro¬ janer, die sich gegen die anstürmenden Feinde zur Wehr setzten, traf den ältesten Sohn des Tyrrhus, Almo, in die Kehle, daß ihm Stimme und Leben zugleich schwand. Nun begann ein allgemeines Gemetzel unter den Hirten. Der ehrlichste und begüterste Bauer in ganz Latium, der alte Galäsus, der fünf Rinder- und fünf Schaafheerden besaß, und hundert Pflüge über seine Aecker gehen hatte, war aus den Schaaren des Bauernvolkes hervorgetreten, um den Frieden zu vermitteln; aber er wurde nicht an¬ gehört und ein Pfeilregen bedeckte ihn, unter dem er ster¬ bend erlag. Jetzt stürzten die überwältigten Hirten aus dem Kampfe in die Stadt, und trugen ihre Erschlagenen, den Almo, den Galäsus und viele Andere wehklagend durch die Thore. Sie riefen die Götter laut um Hülfe an, eilten auf den Königspalast zu und versammelten sich um Latinus, ihren Herrn. Auch Turnus fand sich schreiend und tobend ein, mit der lauten Anklage, daß die Herrschaft des Landes an die Trojaner verrathen werde. So umringten sie Alle, in Klagen und Lärm wetteifernd, die Königsburg des Alten. Dieser aber stand unbeweglich, wie ein Fels im Meere. Dennoch vermochte er dem blinden Toben in die Länge nicht Widerstand zu leisten. „Wehe mir,“ rief er endlich, „ich fühl' es wohl, uns reißt der Sturm fort. Armes Volk, du wirst gegen den Willen der Götter kämpfend, diesen Frevel mit deinem eigenen Blute büßen! Auch du Tur¬ nus, wirst dem Strafgerichte des Himmels nicht ent¬ gehen! Ich aber glaubte schon im Hafen zu seyn, und hoffte in Ruhe zu enden, nun gönnt ihr mir nicht ein¬ mal einen friedlichen Tod!“ Der Götterkönigin Juno, der Feindin Troja's, dauerte der Verzug zu lange. In der Latinerstadt stand ein Tempel des Krieges mit zwiefachen Pfosten, von hundert ehernen Riegeln verschlossen; sein Hüter ist Janus, der uralte Städtegott der Latiner. Wenn die Häupter des Volkes blutigen Kampf auf Leben und Tod beschließen, so öffnet der König selbst im feierlichen Kriegsgewande die knarrenden Pfosten. Die¬ ses zu thun, ermahnte das Volk jetzt auch seinen König Latinus, er aber weigerte sich dieses gräßlichen Dienstes und verbarg sich in die tiefste Einsamkeit seines Palastes. Da schwang sich Juno selbst vom Himmel hernieder, stieß mit eigener Götterhand an die widerstrebenden Pfo¬ sten, drehte die Angeln, und donnernd fuhren die eher¬ nen Pforten des Kriegstempels auseinander. Ausbruch des Krieges. Aeneas sucht bei Evander Hülfe. Ganz Italien, so ruhig und friedsam es vorher war, gerieth in plötzlichen Brand. In allen Häusern wurden die Schilde geglättet, die Speere gespitzt, die Aexte am Schleifstein gewetzt; die Trompeten riefen zum Marsche, die Fahnen flatterten. Alle Männer griffen zu den Waffen, die Einen zogen zu Fuß ins Feld, die Andern wirbelten hoch zu Rosse den Staub des Weges auf; Streitwagen flogen hinter schnaubenden Pferden daher, die Ebenen glänzten von Gold und Eisen, von Panzer und Schwert. Aus allen Städten Hesperiens kamen die ersten Sprö߬ linge der alten Heldengeschlechter hervor, deren Ahnen zum Theile Götter und Göttersöhne waren. Unter den ersten schritt in männlicher Schönheit Turnus voran, seine herrlichen Waffen in der Hand, um einen ganzen Scheitel über die Andern hervorragend. Ein dreifa¬ cher Busch wehte von seinem Helm, auf dessen Kup¬ pel die glutathmende Chimära abgebildet war; auf sei¬ nem Schilde war in getriebener Arbeit Io abgebildet, wie sie eben zur Kuh wird, und ihr Hüter Argos und ihr Vater Inachus ihr den Strom aus der Urne gießt. Hinter Turnus und seine Helden drängten sich die La¬ tiner und Rutuler, Aurunker, Sikaner und eine Menge ausonischer Völkerschaften; beschildete Fußgänger, vor Allen Mezentius mit seinem Sohne Lausus, Aventinus, der Sohn des Herkules und der Rhea, Katillus und Koras, die Brüder des Tiburtus aus Tibur und viele Andere; dann kam die Reiterei der Volsker, schimmernd in Erzpanzern, geführt von ihrer jungfräulichen Fürstin Kamilla. Diese hatte ihre weiblichen Hände nie an Minervas Rocken und Webstuhl gewöhnt, im rauhen Männerkampfe war sie aufgewachsen, auf ihrem flüch¬ tigen Rosse hatte sie mit den Winden in die Wette laufen gelernt; sie flog so luftig dahin, daß sie über die Saatflur gesprengt wäre, ohne ein Hälmchen zu rühren, ohne eine Aehre zu verletzen, und über die Meerfluth, ohne die Sohlen zu netzen. Alt und Jung blickte ihr verwundert nach, wie sie mit ihrer Schaar durch Städte und Dörfer zog, den königlichen Purpur über die runden Schultern geworfen, das reiche Haar mit einer goldnen Nadel aufgebunden, Köcher und Bogen auf der Achsel, und die scharfe Lanze in der Hand. Diese gewaltigen Kriegsrüstungen erfüllten den Aeneas und seine Trojaner mit schweren Sorgen. Da erschien jenem im Traume der Flußgott Tiberinus, und stieg in meerblauem Kleide, die Haare mit einem Schilf¬ kranze beschattet, zwischen Pappelstauden in Greisenge¬ stalt aus dem Strom empor. „Göttlicher Held,“ sprach er, „verzage nicht. Der Groll der Himmlischen gegen dich ist verschwunden. Damit du nicht wähnest, ein nichtiges Traumbild zu schauen, will ich dir ein Zeichen sagen. Unter den Eichen des Ufers wirst du ein großes Mutterschwein liegend finden, das dreißig Frischlinge ge¬ boren hat: dort ist die Stelle, wo nach dreißig Jahren dein Sohn Askanius die verheißene Stadt Alba, Roms Mutterstadt, gründen wird. Für jetzt aber merke, wie du dich gegen die Gefahr zu schützen hast, die dich bedroht. Nicht weit von hier, im Tuskerlande, haben sich arkadische Pelasger, vom alten Könige Pallas ab¬ stammend, unter ihrem Fürsten Evander angesiedelt, und auf einem hohen Hügel die Stadt Pallanteum, nach dem Namen ihres Ahnherrn gegründet. Ob es gleich Griechen sind, so darfst du sie doch nicht scheuen, denn es sind unversöhnliche Feinde des Latinervolks. Mit die¬ sen sollst du dich verbünden, und sie werden deine Kampf¬ genossen werden. Opfere der Göttermutter Juno, sobald du erwachst, und überwinde ihren Zorn durch Demuth. Alsdann begieb dich auf den Weg zu Evander.“ Der Gott verschwand, und der erwachte Aeneas befolgte seinen Rath. Zwei Schiffe wurden aus der Flotte herausgewählt und mit auserlesenen Freunden be¬ mannt. Noch ehe der Held mit ihnen abging, erfüllte sich das verkündigte Zeichen. Am Saume des Waldes, unter einer mächtigen Eiche, schneeweiß schimmernd, er¬ blickte man ein Schwein mit dreißig Jungen. Der Mah¬ nung des Stromgottes eingedenk, opferte Aeneas die Mutter und ihre ganze Zucht der mächtigen Göttin Juno, und versöhnte durch ein so herrliches Opfer ihr grollendes Herz. Dann schiffte er sich auf der Tiber ein, die, von dem Flußgotte gebändigt, glatt und eben dalag, wie der Spiegel eines Landsees. Die Wellen selbst staunten und der Uferwald wunderte sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne Ruderschlag heraufziehen sahen. Jene aber fuhren Tag und Nacht durch lange Krümmungen zwischen grünenden Hainen auf dem spiegelhellen Was¬ ser dahin. Endlich am andern Morgen sahen sie von ferne Mauern, Häuser und eine Burg auf hohem Berge schimmern. Sogleich drehten sie ihre Schiffschnäbel dem Lande zu, wo der Berg, auf welchem die Stadt Pallanteum gelegen war, sich mit seinem Fuße in den Fluß verlor. Es war gerade der Tag, an welchem der Arkadier¬ könig Evander, seinen Sohn Pallas an der Seite, mit dem kleinen Rathe seiner Stadt und den angesehensten Jünglingen, in einem benachbarten Haine dem Herkules ein feierliches Opfer darbrachte. Der Weihrauch und das Blut dampfte auf den Altären, und das Opfermahl hatte schon begonnen. Als nun die Arkadier die hohen Schiffe zwischen den dunkeln Uferwäldern unter leisem Ruderschlage herbeischwimmen sahen, erschracken sie vor dem plötzlichen Anblicke, und wollten den Schmaus ver¬ lassen. Doch der muthige Jüngling Pallas verbot ihnen, das Fest zu unterbrechen, er selbst ergriff seine Lanze, flog ihnen entgegen, und rief noch vom Hügel hinab: „Was führte euch auf diese ungewohnte Bahn, ihr Männer, woher seyd ihr? wohin trachtet ihr? Bringet ihr uns Krieg oder Frieden?“ Aeneas antwortete von dem hohen Verdecke seines Schiffes, indem er das Zei¬ chen des Friedens, den Olivenzweig, hoch in der ausge¬ streckten Rechten hielt: „Trojaner siehest du, Jüngling, Männer, zum Kampfe mit den Latinern gerüstet, welche uns Flüchtlinge mit Waffengewalt aus ihrem Lande vertreiben wollen. Wir kommen zum Könige Evander, um ihn um sein Bündniß und um Hülfe zu bitten.“ Als Pallas den großen Trojanernamen hörte, staunte er, und rief in freudiger Bestürzung: „Willkommen, Gast, wer du auch seyest, tritt immerhin vor meinen Vater, und nimm in unserer Wohnung fürlieb!“ Pallas hatte den Ausgestiegenen mit traulichem Handschlage begrüßt, und bald wiederholte der Held sein Gesuch vor dem Könige der Arkadier, ohne jedoch sich selbst zu nennen. Jener aber hatte Augen, Angesicht und Gestalt des Redenden lang mit Schärfe gemustert, und erwiederte endlich: „Wie gern nehme ich dich auf, tapferer Sohn Troja's, dein Geschlecht, dein Name verbirgt sich mir nicht. Wort, Stimme und Ge¬ stalt deines großen Vaters Anchises steigt wieder in mei¬ ner Seele auf; wohl entsinne ich mich noch des Helden Priamus, als er, mit seinen Helden auf der Fahrt gen Salamis, das Reich seiner Schwester Hesione, der Ge¬ mahlin Telamons, zu besuchen, auch durch unser Arka¬ dien gezogen kam. Mir sproßte damals der erste Flaum um die jungen Wangen, und mit Ehrfurcht betrachtete ich den König und die Häupter seines Volkes, vor Allen aber den herrlichen Anchises. Ich konnte mein Verlan¬ gen nicht bezähmen, ihn anzureden und ihm meine Rechte darzubieten. Er folgte mir als Gastfreund in unsere Wohnung, und beim Abschied verehrte er mir Köcher und Pfeile, ein golddurchwirktes Kriegsgewand, und zwei vergoldete Zäume, herrliche Gaben, die jetzt mein Sohn Pallas besitzt. Darum dürfet ihr euch zum Voraus als meine Verbündete betrachten, und morgen frühe schon sollt ihr, verstärkt durch unsern Beistand, nach eurem Lager zurückkehren. Unterdessen begehet mit uns dieses schöne Jahresfest, das wir nicht verschieben dürfen.“ So sprach er, hieß die aufgeräumten Becher und Speisen wieder zurückbringen, und die Trojaner auf den Rasenbänken Platz nehmen: den Aeneas selbst aber führte er zu einem herrlichen gepolsterten Sessel aus Ahorn, über dem ein zottiges Löwenfell gebreitet war. Der Priester des Altares und auserlesene Jünglinge brachten geröstete Stücke der Stiere herbei, häuften das Brod in Körben auf, und reichten in die Wette Wein herum. Den reichlichen Schmaus würzte der König Evan¬ der mit einer schönen Erzählung von der Veranlassung dieses Opfers, indem er mit den Fingern seinen Gästen eine Felsenkluft wies, in welcher der gräßliche Halb¬ mensch Kakus, der Sohn des Vulkanus, gehaust, der dem Herkules die erbeutete Rinderheerde des Riesen Ge¬ riones stahl, und von Herkules bezwungen wurde. Für den Sieg über dieses Unthier brachten die dankba¬ ren Arkadier noch immer dem Herkules, als Schutzgotte der Gegend, ein Jahresopfer dar. Ueber dieser Erzählung war der Abend herange¬ rückt, und nach vollendetem Opfer begaben sich Alle in die Stadt. Diese war nur klein, wer hätte ahnen können, daß einst die Weltstadt Rom an ihrer Stelle stehen sollte? die Arkadier waren ein ländliches Hirten¬ volk, und hatten aus ihrer Heimath keine Schätze mit¬ gebracht. Aber Muth und nervige Arme konnten sie den Trojanern zum Beistand anbieten. Deßwegen gefiel es dem Aeneas doch in dem Hause Evanders, das mehr einer Hütte denn einem Palaste glich, und er sank auf einem weichen Blätterlager, über welche das zottige Fell eines Bären gebreitet war, in sanften Schlummer. Der Schild des Aeneas. Mittlerweile ging Vulkanus, von seiner Gattin Ve¬ nus durch Bitten getrieben, in die Aetnakluft der Cyklopen, die Waffen des Aeneas, die ihm den Sieg über die La¬ tiner verschaffen sollten, zu schmieden. Er nahte sich der donnernden Höhle, die ganz von Feueressen durchflammt war. Gewaltige Schläge auf dem Ambos stöhnten wiederhallend weit hinaus in die Ferne, im Gewölbe sprühten zischende Stahlschlacken, und aus den Oefen ath¬ mete unaufhörliche Glut. Dort in der weiten Kluft schmie¬ deten das Eisen Tag und Nacht hindurch, mit aufgestülpten Aermeln, die rußigen Cyklopen, Brontes, Steropes und Pyrakmon, mit unzähligen Knechten. Die Einen waren gerade an einem halbfertigen Blitzstrahl, der mit zwölf Zacken geschmiedet wurde, und sie schweißten eben die drei Hagelspitzen, die drei Regenspitzen, die drei Glut¬ spitzen und die drei Sturmwindspitzen daran, und misch¬ ten Flamme, Donnergeroll und Entsetzen darunter. Die Andern verfertigten dem Mars Räder und Wagen, wie¬ der Andere aus Gold und Drachenschuppen den glatten Aegisschild der Pallas mit dem Medusenhaupte. „Weg mit Allem,“ rief Vulkanus, in die Höhle tretend, „auf Anderes eure Gedanken gerichtet, ihr Cy¬ klopen ! dem tapfersten Manne sollt ihr jetzt seine Kriegs¬ waffen schmieden; da gilt es Kraft, Kunst und Erfah¬ rung: an's Werk ohne Verzug!“ Die Cyklopen kann¬ ten schon die kurzangebundene Weise ihres Herrn, und machten sich rasch an die Arbeit. Bald floß das Erz und Gold in Bächen, in den Oefen zerschmolz der Stahl. Ein gewaltiger Schild wurde geformt, und Scheiben auf Scheiben siebenfach geschmiedet; Einige setzten die Blas¬ bälge in Bewegung; Andere verkühlten das zischende Erz im Löschtroge. Dann wurde die Masse mit der Zange umgedreht, und die Hämmernden schwangen die Arme im Takt, und schlugen auf den Ambos, daß die Höhle schmetterte. Am andern Morgen übergab der greise Evander, der nicht selbst mit in den Krieg ziehen konnte, vierhun¬ dert arkadische Reiter, dazu den Trost und die Hoffnung seines Alters, seinen eigenen Sohn Pallas, dem schei¬ denden Gastfreunde, und beschenkte noch ausserdem alle seine Trojaner mit Rossen, den Aeneas selbst mit dem herrlichsten, das ein gelbes Löwenfell bedeckte, und des¬ sen Klauen vergoldet waren. Dann ergriff Evander die Hand seines abziehenden Sohnes, drückte sie an seine Brust, und sprach unter Thränen: „Ach, daß mir Ju¬ piter die vergangenen Lebensjahre zurückbrächte, und ich wäre, wie ich einst unter Präneste's Mauern war, als ich den König Herilus, der drei Leben von seiner Mut¬ ter, der Nymphe, mitbekommen hatte, dreimal in den Or¬ kus hinabschickte, bis er nicht mehr wiederkam! Jetzt kann ich nichts, als dich und unsern Freund den Göt¬ tern empfehlen, mögen sie mich erhören, mögen sie dir fröhliche Wiederkehr bereiten! Möge mir kein Schreckens¬ bote je das Ohr verwunden!“ Mit diesem Abschiede sank der greise Vater zusammen, und wurde von den Dienern in die Wohnung zurückgetragen. Die Reiter aber zogen aus den offenen Thoren, mit ihnen Aeneas und ein Theil der trojanischen Mannschaft, den andern hatte der Held mit den Schiffen auf dem Strome zurückgehen lassen. Als sie in einem ent¬ legenen Thale zwischen finsteren Tannenwaldungen ange¬ kommen waren, und, vom langen Zuge ermüdet, ihrer Rosse und der eigenen Leiber pflegten, und Aeneas an einem kühlenden Waldwasser, abgesondert von der ganzen übri¬ gen Schaar, unter einer Eiche sich gelagert, ersah seine Mutter Venus den günstigen Augenblick, senkte sich mit den frischgeschmiedeten Waffen aus dem Gewölke des Aethers hernieder, legte sie dem Sohne zu Füßen, machte sich diesem sichtbar, und sprach: „Schau her, Kind, welch ein Geschenk dir die Gunst meines Gemahls be¬ reitet hat. Jetzt darfst du dich nicht mehr besinnen, die stolzesten Laurenter, ja den wilden Rutuler Turnus selbst zum Kampfe herauszufordern.“ Aeneas staunte. Bese¬ ligt von der Gegenwart seiner göttlichen Mutter und der großen Ehre, konnte er sich an dem funkelnden Waffen¬ geschmeide gar nicht satt sehen, und wendete bald den buschigen Helm, bald das gediegene Schwert, bald den Erzpanzer, der röthlich wie Blut, oder wie die Sonne durch Wolken strahlend, glühte, bald die goldenen Bein¬ schienen und den schlanken Speer in seinen Händen um. Am längsten aber verweilten seine Blicke auf dem kunst¬ reichen, mit unerschöpflicher Bilderpracht in erhabener Arbeit übersäeten Schild. Auf diesem hatte der Gott des Feuers eine ganze Reihe von Begebenheiten abgebildet, in welche sich Aeneas vergebens mit seiner Beschauung vertiefte, denn es waren die Schicksale und Triumphe der Römer, des Volkes, das erst in später Zukunft dem Stamme seines Sohnes Julus entsprossen sollte. In der Mitte des Schildes war eine Wölfin abgebildet, der Schwab , das klass. Alterthum. III . 24 Zwillingsknaben am Euter hingen, zu welchen sie liebkosend ihren Hals zurückbeugte, und die sie mit der Zunge be¬ leckte. Jeder Knabe aus unserer Zeit hätte dem Aeneas sagen können, daß die Kinder Romulus und Remus hießen. Dann war eine Stadt abgebildet, wo im hohen Theater von kräftigen Männerhänden Frauen als ein Raub davongetragen wurden; es war Rom und der Raub der Sabinerinnen; dann vor Jupiters Altar zwei bewaffnete Herrscher mit Sühnopfern und mit Bundes¬ schalen in der Hand: Romulus und Tatius. Nicht ferne davon schleifte ein König mit seinem Viergespann einen Verbrecher zu Tode: Tullus Hostilius den falschen Metius. Auf einer halbabgebrochenen Brücke stand ein¬ äugig ein Vertheidiger, und durch den Strom schwamm eine Jungfrau, indeß ein zorniger Kriegerkönig am jen¬ seitigen Ufer thronte; es waren Kokles, Klölia und Por¬ sena der Etrusker. Auf einer hohen Burg mit Palästen und Tempeln stand ein bewaffneter Wächter, und silberne Gänse flatterten durch goldene Hallen, während am Fuße des Berges Barbaren auf der Lauer standen: Man¬ lius und die Gallier. Und so kam eine Geschichte um die andere, bis auf Katilina, Kato, Cäsar und Augustus herab. Unkundig aller dieser Dinge, freute sich Aenas des Schildes, wie ein Kind sich des Bilderbuches freut, dann kleidete er sich in die himmlischen Waffen, faßte den Schild mit der Linken, und im Gefühle hohen Göt¬ terschutzes mischte er sich wieder in den Zug der Sei¬ nigen. Turnus im Lager der Trojaner. Während dieß in Tuscien vorging, schickte Juno, deren Groll gegen Aeneas doch noch nicht gedämpft war, ihre Botin Iris zu dem Rutuler Turnus. Diese mel¬ dete dem Anführer der Feinde, daß Aeneas sein Lager, seine Genossen, seine Flotte verlassen und sich nach dem Reich Evanders gewendet habe, und befahl ihm, das trojanische Lager zu stürmen. Turnus folgte auf der Stelle dem Ruf. Der Held Messapus voran, Tyrr¬ hus und seine Söhne in der Hinterhut, mit dem Kerne des Heeres Turnus selbst, zogen sie durchs offene Feld nach dem Gestade der Tiber. Plötzlich sah Kaikus, der Wächter der vordersten trojanischen Warte, ein dunkles Staubgewölke vom Felde wirbelnd aufsteigen. „Brüder,“ rief er rückwärts gewendet, „es verfinstert ein nahender Schwarm die Luft, Waffen herbei, schnell auf die Lager¬ mauern, der Feind ist da!“ Auf diese Nachricht stürzten die auf dem Felde zerstreuten Trojaner durch alle Thore ins Lager zurück, und sammelten sich, wie es Aeneas für unvorhergesehene Fälle scheidend befohlen hatte, auf den Schanzen und Mauern, obgleich sie Scham und Zorn vielmehr zum offenen Gefechte getrieben hätte. Sie sperrten also die Thore, und vollzogen in allem die Ge¬ bote ihres Führers, indem sie den Feind auf den Zinnen und in den hohlen Thürmen erwarteten. Turnus aber eilte dem Heere, das ihm zu langsam vorwärts ging, mit zwanzig auserlesenen Reitern voran, 24 * und erschien, auf einem thracischen gefleckten Schimmel, unvermuthet vor den Mauern des Lagers. „Wer wagt sich zuerst an den Feind?“ fragte er, rückwärts gewen¬ det, seine kleine Schaar, und schleuderte seinen Wurfspieß durch die Lüfte hinan. Jubelnd thaten seine Genossen ein Gleiches und höhnten die feigen Trojanerseelen, die sich hinter ihren Mauern verschanzt hielten, und es nicht wagten, ins Feld zum offenen Kampfe herabzusteigen. Indessen spähte Turnus hoch zu Roß, den goldenen Helm mit dem rothen Federbusch auf dem Haupte, ringsum die Mauern des Lagers aus, und suchte einen unbemerkten Zugang. Es schnaubt ein Wolf bei Wind und Regen die halbe Nacht hindurch, um den vollen Schaafstall her¬ um, und ergrimmt über das Blöcken der Schaafe und Lämmer, die drinnen in Sicherheit sitzen. Endlich fiel ihm die Flotte ins Auge, die, ganz von Dämmen und Wellen umgeben, sich geborgen an die eine Seite des Lagers lehnte. Jauchzend ermahnte er seine Freunde, diese in Brand zu stecken, ergriff selbst zuerst die flam¬ mende Fackel und sofort bewehrte sich die gesammte Jugend des allmählig nachgerückten Heeres mit Feuer¬ bränden, die von den Heerden der benachbarten Hütten geraubt worden waren. Und unfehlbar wäre nun die Flotte der Trojaner verbrannt worden, wenn nicht ein göttliches Wunder das Feuer von den Schiffen abge¬ wendet hätte. Schon damals nämlich, als Aeneas am Fuße des Idagebirges die Flotte zimmerte, die ihn in das fremde Land tragen sollte, flehte Cybele, die Mutter aller Götter, zum allmächtigen Zeus: „Sohn, gib mir, was ich von dir verlange! Ich habe dem dardanischen Manne, der einer Flotte bedurfte, willig meinen schönen Hain von Ahornbäumen und Kiefern fällen lassen. Nun aber ängstet mich die Sorge, meine geliebten Bäume, zu Schiffen umgewandelt, möchten ein Raub der Stürme werden. Darum erhöre meine Bitte, laß es dem Holz zu Gute kommen, daß es auf dem Ida gewachsen ist, und schütze die Schiffe vor aller Gefahr.“ „Das kann ich nicht,“ erwiederte Jupiter, „ich vermag dem von sterb¬ lichen Händen Erbauten nicht Unsterblichkeit auf Erden zu verleihen, doch was ich für sie thun kann, das will ich. So viel ihrer, ausgedient, das Ziel und den Hafen Ausoniens erreichen, die will ich von der sterblichen Form befreien und wie die Töchter des Nereus sollen sie als Göttinnen des Meeres ein seliges Leben in den Fluthen führen.“ Dieses Wort ging jetzt in Erfüllung. Als Turnus den Brand in die Schiffe werfen wollte, verbreitete sich von Morgen her ein Strahlengewölk über den Himmel, und ein grauenvoller Schall aus den Lüften durchlief die Schaaren der Trojaner und der Rutuler. „Bemühet euch nicht so ängstlich,“ rief es, „ihr Trojaner, meine Schiffe zu schirmen. Eher wird Turnus das Meer verbrennen, als sie! Ihr aber, Schiffe, schwimmet erlöst dahin, seyd Meeresgöttinnen, die Mutter der Götter will es so!“ Bei diesem Worte wurden die Schiffe plötzlich lebendig, zerrissen jedes seine Seile, mit welchen sie angebunden waren, tauchten mit den Schnäbeln wie Delphine ins Meer unter, und schwammen, wieder aufgetaucht, in Ge¬ stalt schöner Jungfrauen durch die Meeresfluth. Ent¬ setzen ergriff die Rutuler. Messapus, ihr vorderster Führer, schreckte mit scheuem Gespann auf seinem Wa¬ gen zusammen, ja der Tiberstrom selbst zog sich mit seinen Wellen schaudernd vom Meere zurück. Nur der tollkühne Turnus ließ die Hoffnung noch nicht fahren. „Merket ihr nicht, Freunde!“ sprach er, „daß dieses Wunder allein gegen die Trojaner gerichtet ist? Jupiter selbst hat ihnen ihre Hülfe entrissen, alle Hoffnung zur Heimkehr ist ihnen mit der Verwandlung ihrer Schiffe abgeschnitten, und die Rutuler brauchen keine Feuerbrände mehr! Das Land aber ist in unsern Händen. Tausende in ganz Italien waffnen sich für uns. Mich ängstigen keine Göttersprüche und Verheißungen, deren sie sich rühmen. Auch mir ist mein Schicksal bestimmt, und es lautet auf Vertilgung dieses verruchten Geschlechtes mit dem Schwerte!“ Auch mit der That blieb Turnus so unverdrossen, wie mit dem Worte. Dem Messapus wurde das Ge¬ schäft übertragen, die Thore mit Kriegern zu umstellen, und die Wälle rings mit Feuern zu umzingeln, und unter ihm versahen unter vierzehn auserlesenen Haupt¬ leuten je hundert Jünglinge, schimmernd von Gold und mit rothbebuschten Helmen, den Dienst. Diese machten einander ablösend die Runde und die Feiernden lagerten sich ins Gras und thaten sich beim Weinkruge gütlich. Die Trojaner von ihren Wällen herab schauten dieses und hielten die Zinnen auf's vorsichtigste mit Bewaff¬ neten besetzt. Nicht ohne Besorgniß umwandelten sie die Thore, versahen die Bollwerke mit Brücken, und brach¬ ten den nöthigen Vorrath von Geschoßen herbei. Das Ganze leitete Mnestheus und Serestus, welche Aeneas vor seiner Abfahrt über das Lager gesetzt hatte. Und so wachte denn das ganze Heer innerhalb der Lagermauern. Nisus und Euryalus. Unter dem trojanischen Heere befanden sich zwei kühne Jünglinge: Nisus und Euryalus. Nisus, ein Sohn des Hyrtalus, einer der besten Speerwerfer und Pfeilschützen, hatte sich aus dem Idagebirge an den auswandernden Helden angeschlossen. Euryalus war der schönste unter allen teukrischen Knaben, und der erste Flaum der Jugend sproßte ihm um die Wangen. Beide waren durch die innigste Freundschaft verbunden, stürzten sich immer zusammen in die Schlacht, und hüteten auch jetzt eines der Thore, nebeneinander Wache haltend. „Ich möchte doch wissen,“ fing da zuerst Nisus an, „ob die Götter uns diese Thatenlust in der Seele auf¬ wecken oder ob seine blinde Begier einem Jeden der Gott ist! Mir ist diese träge Ruhe lästig, und schon lange treibt mich der Geist, etwas Rechtes zu unterneh¬ men. Sieh, wie sich die Rutuler ihrem blinden Ver¬ trauen hingeben! Nur hier und da glänzt um die Mauern ein Feuer, fast alle liegen von Wein und Schlafe begraben da, und das tiefste Schweigen herrscht ringsum. So vernimm denn, Freund, welcher Gedanke in mir auf¬ gestiegen ist. Alle unter uns, Volk und Väter verlan¬ gen, daß Aeneas herbeigerufen werde, und daß man ihm zu dem Ende sichere Boten zuschicke, die uns Kunde von ihm zurückbringen. Wenn man nun dir dem Zu¬ rückbleibenden verspräche, was ich für dich fordern will, — denn mir genügt an der Ehre —: was meinst du? Ich könnte am Fuße des Hügels dort den Weg nach dem Tuskerlande und den Berg von Pallanteum wohl finden!“ Euryalus wurde von Staunen bei dem Vorschlage seines Freundes ergriffen, denn auch ihn beseelte jugend¬ liche Ruhmbegierde. „Also wolltest du,“ sprach er zu seinem feurigen Genossen, „mich, den unbärtigen Kna¬ ben, als Theilnehmer an der herrlichen That verschmähen? Wie könnte ich auch dich allein in eine solche Gefahr hinauslassen! Nein, so hat mich mein Vater Opheltes nicht erzogen, und auch du hast mich bisher nicht so kennen gelernt. Auch ich achte das Leben gering, und erkaufe willig mit ihm den Ruhm!“ „Nie habe ich so etwas von dir befürchtet,“ erwiederte Nisus, „aber wenn mich irgend ein Unfall, oder ein Gott, wie es bei solchen Entschlüssen wohl zu gehen pflegt, ins Ver¬ derben risse, so wünschte ich, daß du mich überlebest. Deine Jugend ist des Lebens werther, als ich. Auch hätte ich gern einen, der meinen Leichnam, aus der Schlacht gerettet, oder mit Lösegeld erkauft, in den Bo¬ den verscharrt, oder wenn dieß Glück mir nicht beschie¬ den wäre, wenigstens dem Abwesenden ein Todtenopfer brächte und einen Denkstein errichtete. Wie könnt' ich auch deiner armen Mutter, die allein von so vielen Müttern es verschmäht hat, in Sicilien zurückzubleiben, und dir auf die weite Wanderung gefolgt ist, so bitteren Schmerz bereiten?“ Aber Euryalus erwiederte: „Du hältst mir umsonst nichtige Beweggründe vor, mein Vor¬ satz ist unerschütterlich, laß uns eilen.“ So sprach er, und weckte sogleich die nächsten Wachtposten, die zur Ablösung bestimmt waren. Nachdem sie diesen das Wächteramt übertragen hatten, eilten sie beide vor den hohen Rath der Trojaner. Denn die Fürsten des Heeres be¬ riethen sich bis tief in die Nacht hinein über die wich¬ tigsten Angelegenheiten der neuen Pflanzung. Während sie nun mitten im Lager, an die Speere gelehnt und auf die Schilde gestützt, im Kreise standen, und Rath darüber pflogen, was zu beginnen sey, und wer dem Aeneas die Nachricht zu bringen hätte, da baten Nisus und Euryalus herbeigeeilt um augenblicklichen Zutritt in die Versammlung. Askanius, der an seines Vaters Stelle, so jung er war, im Rathe saß, hieß die Unge¬ duldigen eintreten, und Nisus als den älteren zuerst reden. „Höret uns günstig an,“ sprach dieser zu den Helden, „und messet, was wir euch vorschlagen, nicht nach den Jahren ab. Wir haben die Gegend ausge¬ kundschaftet. Dort, am Scheidewege des Thores, das wir bewachen, in der Nähe des Meeres, finden sich Lücken in den Wachtfeuern der Feinde: dort ist Raum, um sich durchzuschleichen. Wenn ihr uns erlaubet, das Glück zu benutzen, so wollen wir als Boten zu Aeneas gehen, und ihr sollt uns bald mit Begleitern und mit Beute zurückkehren sehen.“ Mit Bewunderung vernahmen die Helden den Ent¬ schluß der Jünglinge. „Nun, ihr Götter,“ rief Aletes, der Ergrauteste unter ihnen aus, „ihr seyd noch nicht geson¬ nen, die Trojaner zu vertilgen, da ihr uns so ent¬ schlossene Jünglingsherzen erwecket!“ So sprach er, und legte seine Hände auf Beider Schultern. Dann rief der zarte Jüngling Askanius: „ Guter Nisus, lieber Euryalus, in euren Schooß lege ich mein Glück und meine Hoffnung, lasset mich meinen Vater wieder schauen! Wenn er zurück ist, ängstigt mich nichts mehr. Zwei silberne Becher, zwei köstliche Dreifüße, zwei Talente Goldes, den schönen alten Krug, den Dido meinem Vater geschenkt hat, das Alles sollt ihr jetzt schon haben, und wenn wir siegen, noch viel mehr. Hast du das herrliche Roß gesehen, Nisus, das Turnus reitet, und seine goldene Rüstung? Sie seyen dein. Zwölf Gefangene wird euch mein Vater verleihen, Männer mit vollen Waffenrüstungen, und Frauen, und vom Felde des La¬ tinus herrliche Güter. „Du aber,“ so sprach er zu Eu¬ ryalus gewendet, „verehrter Jüngling, dessen Jugend meine Jahre nachstreben, dich begrüße ich schon jetzt von ganzem Herzen als Kampfgenossen und unzertrennlichen Freund.“ Darauf nahm Euryalus das Wort: „Es soll kein Tag kommen,“ sprach er, „an dem ich mich mei¬ nes tapfern Entschlusses unwürdig zeige. Aber vor allen Geschenken bitte ich dich um eines, Julus. Meine Mutter, vom alten Königsgeschlechte des Priamus stam¬ mend wie du, hat sich nicht abhalten lassen, mit mir auszuwandern, und ich verlasse sie ohne Abschied, denn ich könnte ihren Thränen nicht widerstehen. Nimm du dich der Verlassenen an, tröste sie in der Noth, wenn das Schicksal mich nicht zurückkehren läßt!“ In der Seele des Askanius erwachte bei diesen Worten die Liebe zum Vater noch heftiger, er fing laut zu weinen an, und versprach ihm unter Thränen Alles. Auch die Helden ergriff tiefe Rührung; Mnestheus zog sich die Löwenhaut von der Schulter, und warf sie dem Nisus um; Aletes tauschte mit ihm den Helm, und Euryalus empfing aus der Hand des Julus sein eigenes Schwert mit goldenem Griff, in der Scheide von Elfenbein. So gewaffnet wurden sie von allen Edeln, Jüng¬ lingen und Greisen, bis ans Thor begleitet. Bald wa¬ ren sie über die Gräben hinaus, und kamen im Dunkel der Nacht an die schlafenden Posten der Rutuler. Diese lagen voll Trunks und Schlafes, zerstreut auf dem Ra¬ sen, zwischen Wagenrädern, Riemen und umherlie¬ genden Waffen. „Die Gelegenheit ruft,“ sprach Nisus leise zu seinem jungen Freund, „halte du mir den Rücken frei, ich will dir aufräumen, und uns eine Gasse machen.“ Während er so mit gedämpfter Stimme sprach, hieb er den ersten Wächter, den Vogelschauer des Königs Tur¬ nus, Rhamnes, der aus voller Kehle schnarchend dalag, sammt drei sorglosen Knechten nieder; dann den Waffen¬ träger des Remus, den er mitten unter seinen Rossen überraschte, und ihm den gesenkten Hals abhieb, und dann den Herrn selbst. Auch Euryalus war nicht müßig; beide tobten wie Löwen in den Hürden, und richteten ein furchtbares Gemetzel unter den Wächtern an. Ja, Euryalus drang schon bis zu den Wachtfeuern des Ru¬ tulerfeldherrn Messapus vor, die im Verglimmen waren, und dessen angebundene Wagenrosse gemächlich das Gras abweideten. Aber Nisus rief ihn zurück. „Siehst du nicht,“ sprach er warnend, „daß das Morgenlicht schon anzubrechen droht? Rache ist ja geübt und Bahn ge¬ brochen.“ So ließen sie auch alle Beute liegen, und Euryalus nahm nur den Pferdeschmuck des Rhamnes mit, und schlang sich seinen Schwertgurt um die Schul¬ ter; auch setzte er sich freudig den bebuschten Helm des Messapus aufs Haupt, den er bei den vordersten Wacht¬ feuern aufgelesen, und der ihm gerade paßte. Darauf verließen sie das feindliche Lager, und gewannen das Freie. Aber um dieselbe Zeit zogen aus der Latinerstraße dreihundert Reiter mit Schilden unter ihrem Führer Volscens, welche dem Fürsten Turnus Botschaft vom Könige zu bringen hatten, dieser Straße. Sie waren schon ganz nahe am Lagerwall, als sie von ferne die beiden eilenden Gestalten bemerkten, und im dämmernden Frührothe den unbesorgten Euryalus der erbeutete Helm mit seinem tückischen Schimmer verrieth. „Bewaffnete Männer,“ schrie Volscens bei diesem Anblicke, „wo eilet ihr hin?“ Jene antworteten nicht, sondern flüch¬ teten sich in den Wald, und vertrauten auf die Däm¬ merung. Aber die Reiter, der Nebenwege kundig, warfen sich in das Gehölz, und versperrten alle Ausgänge mit Wachen. Der Wald war mit dichten Eichen und wil¬ den Gesträuchen bewachsen, und kaum sichtbar schimmerte der Fußpfad durch das Dickicht. Den Euryalus hemmte die Beute, und die Furcht täuschte ihn über die Rich¬ tung des Weges. Nisus aber entkam glücklich aus dem Wald, und eilte schon sorglos auf die Seen zu, die später den Namen Albanersee erhielten. Jetzt erst stand er stille, und sah sich vergebens nach dem fehlenden Freunde um. „Euryalus,“ rief er wehklagend, „wo bist du, Armer, wo find' ich dich?“ und nun warf er sich aufs Neue in den verworrenen Wald. Dort ver¬ nahm er bald Rossegestampf, Lärm, und die Trompeten der Nachhut, und es währte nicht lange, so ward er das ganze Reitergeschwader ansichtig, das den über¬ mannten Euryalus mit sich fortschleppte. Was sollte er thun? welche Hoffnung war, den armen Jüngling zu befreien? sollte er sie aufgeben, und sich den Tod in den starrenden Schwertern suchen? Er hielt inne, dann drehte er mit zurückgebogenem Arme plötzlich den Speer empor, und zum Mond emporblickend, der blaß am morgend¬ lichen Himmel stand, betete er: „Luna, Beschützerin der Wälder, Latona's Tochter, wenn dir je mein Vater für mich geopfert, wenn ich selbst je dir meine Jagd¬ beute geweiht, lenke meinen Speer, und laß diese Rotte mich zerstreuen!“ So sprach er, und schleuderte mit Leibeskraft seine Lanze. Diese drang dem abgekehrten Rutuler Sulmo in den Rücken und zur Brust heraus, daß er sich zuckend auf dem Boden wälzte. Erschrocken schauten sich die Reiter in der Runde um. Da flog das zweite Geschoß des Nisus, und durchbohrte einen andern Rutuler, dem Tagus, knirschend beide Schläfe. Volscens, der Anführer der Reiter, gerieth in Wuth, denn nirgends erblickte er den Speerschwinger; grimmig rief er: „So bezahle denn du mir mit deinem Blute für beide!“ und ging mit emblöstem Schwerte auf den Eu¬ ryalus los. Vor Entsetzen schreiend, brach Nisus jetzt aus seinem Verstecke hervor. „Ich bin der Thäter,“ rief er, „auf mich nur richtet eure Schwerter, der ganze Betrug rührt von mir her! Ich schwör' es euch, dieser ist unschuldig, nur Liebe zum unglücklichen Freund war sein Vergehen!“ Sein Rufen kam zu spät, Vols¬ cens hatte dem Knaben schon das Schwert durch die Brust gestoßen, dieser wälzte sich im Tode, die schönen Glieder überströmte das Blut, und sein Hals neigte sich auf die Schultern, wie eine purpurne Blume, vom Pfluge durchschnitten, dahinsinkt, wie ein blühender Mohnstengel sein vom Regen belastetes Haupt zur Erde senkt. Da warf sich Nisus in den Feind, stieß den Andrang der Reiter rechts und links zurück, ging gerade auf den Führer Volscens los, und bohrte sein blitzendes Schwert in des schreienden Feindes Mund, daß er sterbend vom Rosse fiel. Dann warf er sich über den Leib seines getödteten Freundes, und ruhte, ganz von den Geschossen der Reiter durchbohrt, über dem Leichnam im Frieden des Todes. Die Reiterschaar zog den erschlagenen Feinden die Rüstung ab, trug ihre Leichname mit dem ihres Anführers Volcens in das Lager des Turnus, und bald mußten die Trojaner von den Thürmen ihres Lagers herab mit Grausen die von schwarzem Blute noch triefen¬ den gespießten Köpfe der beiden Jünglinge schauen, die sie mit so zuversichtlichen Hoffnungen entlassen hatten. Die Kunde des Unglücks verschonte auch die Mutter des Euryalus nicht. Sie wurde von ihr am Webestuhl über der Tagesarbeit getroffen. Da entrollte das Schifflein ihren Händen, sie zerraufte sich das Haar, sie rannte nach dem Walle in die vordersten Reihen der Streiter, keine Gefahr achtend, und brach in ein Klagegeheul aus, daß es die festesten Krieger erschütterte. Unter vielen Thränen befahl endlich Julus und mit ihm der weise Ilioneus zwei alten Helden, sie aus den Reihen der Männer hinwegzuziehen und unter ihren Armen in die Wohnung zu geleiten. Sturm des Turnus abgeschlagen. Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhub sich in dem ganzen Lager, und der Wiederhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor; mühten sich, die Gräben auszufüllen und die Schan¬ zen einzureißen, und schon legten sie an den Stellen, wo die Verfechter des Lagers dünner auf den Zinnen stan¬ den, die Sturmleiter an die Mauern. Die Trojaner dagegen, durch die lange Vertheidigung ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohl geübt, verstreuten Geschosse aller Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schild¬ dächer, und stießen die Emporkletternden mit Spießen darnieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern, und versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzu¬ treiben. Endlich richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Thurm, der durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern, strengten sich die Rutuler in die Wette an: die Trojaner aber vertheidigten ihn, indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schie߬ scharten Pfeile hinunter schnellten. Endlich schleuderte Tur¬ nus eine Brandfackel, die, an die Seite des Thurmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Vertheidiger sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend setzte sich der Thurm zu Boden. Die Einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen durch¬ bohrt, die Andern spießten sich in die Trümmer des Hol¬ zes; und Viele von denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von den Schaaren des Turnus umringt, und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Trojaner der Zudrängenden. Der Knabe Askanius, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester gefreit hatte, und, auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die Trojaner jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts. Julus wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollo selbst, dem alten Waffenträger seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich, in den Weg, und sprach: „Sohn des Aeneas, Dir ge¬ nüge, daß du Einen Helden ungestraft erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollo dir vergönnt, für jetzt aber meide den Krieg!“ Die Fürsten Iliums er¬ kannten die Gegenwart des Gottes, und hielten den Julus vom weitern Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das Gefecht, und der Schlachtruf tönte um die äussersten Bollwerke der Mauer fort. Als die innerhalb der Thore aufgestellten trojanischen Wächter hörten und sahen, wie ihre Freunde draußen so muthig und kraftvoll kämpften, faßten Pandarus und Bithias, die Söhne Alkanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn an¬ vertraute Thor zu öffnen, und im Uebermuthe den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen in¬ wendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren hohen Helmen nickten die Feder¬ büsche. Als die Rutuler die Thorftügel offen sahen, stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden, mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen der beiden Jünglinge, oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Thore hinausgetrieben. Jetzt wagten die Trojaner, sich schon in dichtern Schaaren zusammenzurotten, ein regelmäßigeres Handge¬ menge entspann sich, und die Rutuler wurden rückwärts gedrängt. Als Turnus, der auf einer andern Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorne ge¬ spornt, mit einer auserlesenen Schaar von Kriegern her¬ bei, und warf sich über eine Bahn von trojanischen Leichen auf das geöffnete Lagerthor. Seine mächtige Lanze aus der Ferne geschleudert, durchbohrte den Bithias, daß der Boden von seinen fallenden Riesengliedern bebte, und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die Trojaner flohen zurück in das Thor und nach drängten sich die siegenden Rutuler. Da faßte Pandarus mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders, die Thorflügel in ihren Angeln, und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in die Wölbung zurück, daß das Thor verschlossen war, und viele Trojaner im Gefechte draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt, zu¬ rückblieben. Aber der Unbesonnene hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich befand, wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzens erkannten die Trojaner das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandarus, ein Riese wie er, erschrack nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines Bruders, stellte er sich ihm ent¬ gegen und rief: „Hier bist du nicht im Palaste der Schwiegermutter, schmachtender Bräutigam, im Feindes¬ lager stehst du, und wirst nicht wieder hinauskommen!“ Schwab , das klass. Alterthum III ., 25 Turnus lächelte nur, und erwiederte ganz ruhig: „Bind' an, wenn du es wagst, und beginne nur den Zweikampf: und wenn du ein Hektor wärest, so sollst du deinen Achil¬ les finden!“ Pandarus schleuderte darauf seinen Wurf¬ spieß ab, in dem die Rinde noch mit allen Knoten saß; aber Juno lenkte das Geschoß ab, und die Lanze flog in den Thorflügel. Jetzt bäumte sich Turnus und schwang sein Schwert: „Diesem Streiche wirst du nicht entfliehen,“ schrie er, und spaltete ihm die Schläfe mitten durch die Stirne, daß das Haupt in gleiche Theile zerhauen, dem Zusammensinkenden von den Schultern herunterhing. Zitternd stäubten die Trojaner auseinander; und wäre dem Sieger jetzt der Gedanke gekommen, das Thor wieder zu öffnen und seine Freunde hereinzulassen, so wäre es um die neue Ansiedlung Troja's geschehen ge¬ wesen. So aber ließ er sich von der Mordlust bethören, und drang von Sieg zu Siege mit den Seinen immer tiefer in das Innere des Lagers ein. Schon war die Verwirrung bis zu Serestus und Mnestheus gedrungen, die in der Mitte der Mauern befehligten. Da brachte zuerst Mnestheus die fliehenden Freunde mit den Worten zur Besinnung: „Wohin wendet ihr euch, Unsinnige, was für andere Mauern, was für andere Burgen be¬ sitzet ihr? Soll ein einziger Mann, ringsumschlossen von euren Wällen, ungestraft ein solches Gemetzel unter euch anrichten? Habt ihr euer Vaterland, euren Führer Ae¬ neas, die Götter eurer Heimath so schamlos vergessen?“ Mit solchen Reden beschämte und kräftigte er die Fliehen¬ den, daß sie in eine dichte Rotte zusammengedrängt, wie¬ der Stand hielten. Den Turnus hatte der siegreiche Kampf selbst allmählig ermüdet. Zum Thore zurückzu¬ dringen konnte er nicht mehr hoffen; so kämpfte er sich mühsam vorwärts, wo das Lager ohne Mauern an den Fluß grenzte. An den Sandbänken des Stromes ange¬ langt, zog er sich mit schnelleren Schritten, doch noch ohne Flucht, zurück, und wenn ihm der Feind zu nahe auf dem Leib kam, trieb er ihn immer noch siegreich mit dem Schwerte zurück. Nun flogen aus der Ferne von allen Seiten Geschosse nach ihm, von den anpral¬ lenden Steinen erklang sein Helm, der Busch war zer¬ fetzt, der Schild steckte voll Speere und ward so schwer, daß seine Linke ihn kaum mehr zu halten vermochte. In diesem Augenblicke stürmte auch Mnestheus in blitzenden Waffen auf ihn zu, und wie flüssiges Pech rannte ihm der Schweiß über den Leib. So war er fechtend am Rande des Flusses angekommen. Da zum erstenmale kehrte Turnus dem Feinde den Rücken, und warf sich in voller Rüstung in die Wogen des Tiberstroms. Die¬ ser nahm den Kommenden willig auf, und trug ihn mit sanften Wellen aus dem Bereiche des Lagers an's Ge¬ stade, wo er bald, von Blut und Staube rein gewaschen, bei den Seinigen ankam. Aeneas kommt ins Lager zurück. Jupiter hatte in einer Götterversammlung die Klagen seiner Gemahlin Juno und die Fürbitten seiner Tochter Venus angehört, und beschlossen, ohne Einmischung der Himmlischen, Alles dem Schicksale zu überlassen, und so dauerte denn die Belagerung der trojanischen Niederlas¬ 25 * sung, und der Kampf der Rutuler und Trojaner um die Mauern fort. Inzwischen war Aeneas, mit seiner Heeresabthei¬ lung und der arkadischen Reiterei, in der blühenden tus¬ kischen Stadt Agylla angekommen. Diese hatte ihren grausamen König Mezentius vertrieben, und da der Ver¬ jagte zu Turnus entflohen war, so lebten die Bewohner der Stadt in tödtlicher Feindschaft mit Rutulern und Latinern. Deßwegen wurde Aeneas von dem jetzigen Beherrscher derselben, dem Könige Tarchon, sobald er ihm Geschlecht und Namen gemeldet, und ihm von den Kriegsrüstungen des Turnus und Mezentius erzählt hatte, mit offenen Armen aufgenommen. Der König vereinigte nicht nur die eigene Streitmacht mit ihm, son¬ dern rief auch alle hetrurischen Bundesstädte zur Theil¬ nahme an dem Kampfe auf. Es währte nicht lange, so sah sich der Trojaner an der Spitze einer furchtbaren Flotte, und segelte, nachdem er arkadische und tuskische Reiter auf dem Landwege vorangeschickt hatte, mit dreißig Schiffen von der hetrurischen Meeresküste ab. Wie er nun in der Nacht aus Vorsicht selber am Steuer saß, und den Lauf seines Schiffes, dem die andern folgten, regierte, umringte ihn auf einmal ein Chor tanzender Nymphen. Es waren die Schiffe der Trojaner, welche Cybele, um sie von den Brandfackeln des Turnus zu retten, jüngst an der Mündung der Tiber verwandelt hatte. Sie erkannten, belebt und beseelt, ihren Herrn; die beredteste faßte sein Schiff mit der Rechten, ragte mit dem Rücken aus dem Wasser hervor, streichelte be¬ sänftigend die Fluth mit der Linken und sprach: „Wachst du, Göttersohn? O wache, und laß den Wind in die Segel blasen! Wir sind Fichten vom Idagebirge, deine treuen Schiffe, jetzt durch Cybele's Erbarmen dem Brande der Rutuler entzogen und in Meeresgöttinnen umge¬ wandelt. Eile, Freund, dein Sohn Askanius, von Wall und Graben umschlossen, ist von den Rutulern belagert, und der Kampf tobt um seine Mauern. Deine Reiter zwar sind angekommen und stehen nicht ferne vom Lager, aber Turnus weiß es, und ist entschlossen, Kriegsvolk zwischen sie und das Lager zu werfen. Auf denn, be¬ flügle deinen Lauf! wenn der Tag anbricht, wirst du in der Tibermündung seyn; dann ergreife den funkelnden Goldschild, den Vulkanus dir gab, und strecke ihn dem Lager deiner Genossen entgegen. Sey getrost, der mor¬ gende Tag wird dir Sieg verleihen!“ So sprach sie, und gab im Hinuntertauchen dem Hinterverdecke des Schiffes einen Stoß, daß es schneller als Lanzen und Pfeile durch die Wellen fuhr. Als hätten sie Flügel, eilten dem Feldherrnschiff auch die andern Schiffe nach, und mit dem ersten Morgenlichte hatte der Sohn des Anchises sein Lager im Angesicht. Da gedachte er des Befehls der Nymphe; er ergriff seinen flammen¬ den Schild, stellte sich damit aufs Vorderverdeck, hielt ihn mit der Linken hoch in die Lüfte, und streckte ihn seinen Freunden entgegen. Wie eine Sonne, die aus den Fluthen taucht, schien er den Trojanern, die den Schiffs¬ zug vom Walle herab gewahr wurden, entgegen. Sie erhoben ein Jubelgeschrei, und ihre Lanzenwürfe verdop¬ pelten sich. Die Rutuler und ihre Führer begriffen von dieser plötzlichen Begeisterung der Feinde nichts, bis sie auf einmal hinter sich das Meer von Segeln angefüllt, und eine Flotte an den Strand laufen sahen. Da leuchtete ihnen wie ein blutrother Komet, oder wie der pest¬ drohende Syrius, Aeneas im Schmucke seiner Götter¬ waffen entgegen: seine Helmkuppel strahlte wie ein Brand, Glut entströmte dem Federbusch, die goldene Schildbuckel spie weit und breit Feuerstrahlen aus. Dennoch verließ den tollkühnen Turnus das Selbst¬ vertrauen nicht, er hoffte den landenden Feinden den Strand durch Schnelligkeit abzugewinnen, und sie vom Ufer zu verdringen. „Die Stunde ist gekommen,“ rief er den Seinen zu, „die ihr so sehnlich herbeigewünscht habt. Jetzt könnt ihr eure Gegner zermalmen, der Kriegsgott selbst hat sie euch in die Hand gelegt. Denkt eurer Weiber und Kinder, setzt den Thaten eurer Väter die Krone auf! So lange die Schritte der Ausgestiege¬ nen noch schwanken, so lange sie noch straucheln, em¬ pfanget sie am Strande! Das Glück begünstigt die Kühnen!“ Indessen wurden die landenden Trojaner und ihre Bundesgenossen aus dem Schiffe des Aeneas theils auf Brücken ans Land gesetzt, theils schwangen sie sich mit Hülfe der Ruder an dasselbe, oder ließen sich von den rückprallenden Wellen ans Ufer tragen. Der König Tarchon aber, der mit der übrigen Flotte folgte, beschaute sich das Ufer und ersah sich eine Stelle, wo das Meer in der Mündung des Flusses nicht mit gebrochenen Wo¬ gen rauschte, nicht aus der Tiefe gährte, sondern sich frei dem flachen Ufersande zuwälzte. Dorthin befahl er Plötzlich die Schiffsschnäbel zu drehen und rief seinen Ge¬ nossen zu: „Jetzt, meine Freunde, rudert frisch drauf los, bohrt euch mit den Kielen eine Furche ins Feindesland, mag das Schiff auch scheitern, wenn es nur den Strand gewonnen hat!“ Die Etrusker, wie sie solches hörten, ruderten drauf los und trieben die beschäumten Schiffe vorwärts, bis die Schnäbel das Trockene erreicht, und alle Kiele unversehrt im Sande aufsaßen, nur Tarchons eigenes Schiff nicht. Dieses blieb an einer schrägen Sandbank hängen, die sich unter den Fluthen hinzog; lange schwankte es und bot den Wellen Trotz. Endlich brach das Getäfel auseinander, und schüttete die ganze Ladung seiner Männer mitten in die Fluth aus, unter zerbrochene Ruder und umherwogende Balken hinein. Nur mit Mühe rettete sich Tarchon mit den Seinigen an's Land. Aeneas und Turnus kämpfen. Turnus tödtet den Pallas. Als Turnus die Feinde gelandet sah, stand er von der Belagerung ab, raffte sein Heer in Eile zusammen, stellte es längs dem Gestade auf, und ließ die Hörner zum Angriff blasen. Auch Aeneas hatte die Seinigen, Trojaner und Bundesgenossen, geordnet und warf sich zuerst, um den Kampf spielend zu beginnen, auf die Schaaren des latinischen Hirtenvolkes, und richtete un¬ ter ihnen eine große Niederlage an. Dann wandte er sich gegen die Helden der Feinde selbst, und in erbitter¬ tem Streite wurde bald von beiden Seiten gefochten. Heer stieß an Heer, Fuß hing an Fuß, Mann drängte sich an Mann, und lange schwankte die Schlacht. Seitwärts vom Hauptkampfe, wo ein Waldstrom Felsen in den Weg gewälzt und entwurzelte Bäume am Ufer umher zerstreut hatte, kämpfte Pallas, der junge Sohn des Königs Evander, mit seinen Arkadiern. Der unebene Boden erlaubte diesen nicht, sich der Pferde zu bedienen, und weil sie des Fußkampfes nicht gewohnt wa¬ ren, boten sie endlich den eindringenden Latinern und Rutulern den Rücken. Nur allmählig brachte der Zuruf ihres jungen Führers sie wieder zum Stehen. „Bei dem Ruhm und bei den Siegen meines Vaters, bei meiner eigenen Hoffnung beschwöre ich euch, ihr Männer,“ schrie er, „haltet Stand, vertraut euren Ar¬ men, und nicht euren Füßen! Wir haben keine Wahl, entweder vorwärts ins trojanische Lager, oder rückwärts in die See!“ Mit diesen Worten führte er sie auf's Neue gegen den Feind, und focht wie ein junger Löwe, indem er mit Lanze und Schwert, bald diesen, bald jenen niederstreckte. Nun sammelte sich die Streitkraft seiner Genossen wieder gedrängt um ihn her, und Schritt für Schritt gewannen die Arkadier wieder Boden, bis ihnen Lausus, der heldenmüthige Sohn des Mezentius, Einhalt that. Die Arkadier zogen sich auf ihre Freunde, die Etrusker und Trojaner zurück, aber unter allen wüthete der italische Held mit seinen tödtlichen Streichen. End¬ lich sahen sich Lausus und Pallas einander gegenüber, beide Jünglinge, an Alter wenig verschieden, beide herr¬ lich von Gestalt, beide frühem Tod in diesem Treffen vorbestimmt. Doch sollte keiner von des andern Hand fallen: denn beide erwartete das Verhängniß unter den Händen eines größeren Feindes. Turnus, der mit seinem Streitwagen das Heer durch¬ flog, erblickte das Paar, wie sie eben voll Kampflust auf¬ einander losgingen. „Halt,“ rief er von seinem Wagen herab, „ich allein will mit Pallas kämpfen, mir allein ist sein Leben bestimmt: möchte sein Vater Evander doch zuschauen!“ Verwundert richtete der Jüngling den spä¬ henden Blick nach der Stelle, von der herab der trotzige Ruf erschollen war; dann maß er sich seinen neuen Gegner mit großen Augen, und rief endlich muthig zu ihm empor: „Entweder erbeute ich heute eine Feldherrn¬ rüstung, oder einen rühmlichen Tod; in beides wird mein Vater sich ergeben, darum spare dein Drohen!“ So sprach er und schritt in die Mitte der Gasse hervor, die des Turnus Zuruf eröffnet hatte. Auch Turnus sprang von seinem Doppelgespann, wie ein Löwe herbeifliegt, wenn er ferne vom Berg herab einen kämpfenden Stier in der Ebene erblickt hat. Als Pallas ihn auf Schu߬ weite vor sich sah, schleuderte er den Speer mit aller seiner Jugendkraft ab, und riß sofort das Schwert aus der Scheide. Der Lanzenwurf war gut gezielt, er durch¬ brach dem Turnus den Rand des Schildes, seinen Rie¬ senleib aber streifte er nur. Jetzt wiegte Turnus lange seinen Wurfspieß mit der scharfen Eisenspitze, und sprach dazu: „Nun merk' auf, ob mein Geschoß nicht besser durchdringt.“ Dann flog sein Speer, und fuhr dem Jünglinge durch Schild, Panzer und Busen bis tief ins Herz. Vergebens zog dieser den Speer noch warm aus der Wunde, die Seele entfloh mit dem strömenden Blute, und er sank todt unter den rasselnden Waffen auf den Boden. Turnus setzte den linken Fuß auf den Todten, löste ihm den schönen Gürtel vom Leibe, auf welchem der Centaurenkampf in getriebenem Golde abgebildet war; „das Grab,“ sprach er dann, „verweigere ich dem Jüng¬ linge nicht: bringet ihn immerhin seinem Vater Evander, ihr Arkadier!“ So sprach Turnus und flog auf seinen Streitwagen zurück. Wehklagend trugen die Arkadier ihren erschlagenen Königssohn aus der Schlacht, und Etrusker und Trojaner, von den vordringenden Rutulern gemäht, zogen sich ihnen in verworrener Flucht nach. Zu Aeneas, der auf einem andern Flügel des Hee¬ res focht, kam die Botschaft vom Weichen der Seinigen. Da raffte sich der Held mit den muthigsten Genossen auf, brach sich mit dem Schwert eine breite Bahn durch den Feind und suchte den Turnus. Vor seinen Augen schwebte ihm Evanders gastlicher Tisch und der holde Jüngling Pallas, der ihm mit so vielen Vaterthränen anvertraut worden war. Schmerz und Rachelust erfüllten seine Heldenbrust. Vier Söhne des Sulmo, vier Söhne des Ufens griff er lebendig aus den Feinden heraus, und ließ sie aus der Schlacht führen, um als Sühnopfer für Pallas zu bluten. Keinen Mann, keinen flehenden Jüng¬ ling schonte er, der dem Rasenden in den Weg trat, welcher wie ein brausender Bergstrom oder die nächtliche Windsbraut wüthete. Zu gleicher Zeit brach der Jüng¬ ling Askanius mit den eingeschlossenen Trojanern, den günstigen Zeitpunkt ersehend, aus dem Lager hervor. Turnus von Juno gerettet. Lausus und Mezentius von Aeneas erschlagen. Die Rutuler wären verloren gewesen, wenn nicht Juno den Göttervater im Olymp demüthig um die Er¬ laubniß angefleht hätte, Turnus ihren Führer, aus der Hand des Aeneas zu retten und der Schlacht zu ent¬ führen. „Verlangst du nur Verzug seines Todes,“ sprach Jupiter, „so mag es immerhin seyn! Wenn du aber damit das Schicksal des ganzen Krieges zu ändern ver¬ meinst, so hegest du eine vergebliche Hoffnung.“ Wei¬ nend erwiederte Juno: „O daß dein Herz mir gewährte, was dein Mund mir verweigert! Soll mein unschuldiger Schützling so traurig endigen? Doch ich danke dir schon für den Aufschub; vielleicht lenket dich deine Milde doch noch auf gnädigeren Beschluß!“ Juno, von Gewölken umgürtet, ließ sich vom Sturm durch die Lüfte tragen, und hatte bald das Lager der Laurenter erreicht. Hier schuf sie aus einer hohlen Wolke ein wesenloses Schattengebild, das an Gestalt dem Hel¬ den Aeneas täuschend ähnlich war, bekleidete es mit einem Schatten von Panzer, Schild und Helm, der herrlichen Rüstung des Göttersohnes nachgebildet, ver¬ lieh ihm den Schritt des Wandelnden, und, ohne seinen Geist, den Hall seiner Stimme. So flog die Gestalt dahin, wie ein Traumbild, das unsere Sinne trügt, mischte sich unter die vordersten Reihen der Kämpfenden, reizte den Turnus mit Geschoßen und forderte ihn zum Kampfe heraus. Turnus eilte der Gestalt entgegen und warf die Lanze nach ihr, da wandte jene den Tritt und bot ihm den Rücken. Mit gezogenem Schwerte, unter höhnischem Rufe, folgte Turnus, und merkte nicht, daß er schon die Schlachtlinie verlassen hatte. Zunächst am Strande lag eines der hetrurischen Schiffe, dorthin warf sich das fliehende Bild des Aeneas, und schien sich za¬ gend in seine Schlupfwinkel zu verbergen. Nicht langsamer folgte Turnus, sprang über die Brücke, und faßte Fuß auf dem Vorderverdeck. Jetzt hatte Juno ihren Zweck erreicht. Kaum hatte Turnus den Bord berührt, so riß sie das Seil ab, und ließ das Schiff von der gerade zurückrollenden Ebbe hinaus in den See tragen. Inzwischen tobte der rechte Aeneas im Kampfe fort, und begehrte umsonst nach dem entfernten Feind. Sein Schattenbild aber verließ den Winkel, in dem es sich geborgen, und flatterte, von Turnus ungesehen, in die Luft. Als dieser seinen Feind nicht fand, und vom Mee¬ reswirbel dahingerissen wurde, schaute er nach dem Lande zurück, rathlos und ohne Dank für seine Rettung. „All¬ mächtiger Vater,“ rief er, die Hände gen Himmel er¬ hend, „hieltest du mich so großer Schande würdig, wolltest du mich so hart bestrafen? Alle meine Freunde habe ich im grausamen Todeskampfe zurückgelassen: wie kehr' ich zu ihnen zurück? O daß der Meeresabgrund sich unter mir aufthäte, daß die Winde mein Schiff an einer Klippe zerschellten!“ Erst gedachte er sich ins Schwert zu stürzen, und hatte es schon aus der Scheide gezogen, doch ein Versuch, zu den Seinigen zurückzukehren, däuchte ihm für diese selbst ersprießlicher, und so sprang er, ge¬ waffnet wie er war, ins Meer. Aber Juno trieb die Wellen ihm entgegen. Der Strom nahm ihn mit sich fort, und erst bei seiner Vaterstadt Ardea spülten ihn die Wellen ans Land. Die Schlacht vor den Lagermauern wüthete fort. Die Trojaner waren im Vortheile und jauchzten. Aber der vertriebene König von Agylla, der Etrusker Mezen¬ tius, der wildeste Bundesgenosse der Rutuler, der bisher bei der Hinterhut gehalten hatte, brach jetzt vor, und stürzte sich auf die Feinde. Als die Etrusker ihren Todfeind herankommen sahen, stürmten sie in ihrem alten Hasse Alle auf den Einen los, und bedrängten ihn von allen Seiten mit ihren Geschossen. Er aber stand wie ein Fels im Meere fest, streckte Etrusker und Phryger, wer ihm nahte, zu Boden. Bald war der Kampf wie¬ der ins Gleiche gesetzt; schon konnten sich die Trojaner nicht mehr Sieger nennen. Mezentius hatte eine Gasse in die Feinde gebrochen, und furchtbar schritt seine hohe Gestalt in den mächtigen Waffen einher. Da ward Aeneas, der inzwischen auf der andern Seite des Tref¬ fens getobt hatte, den furchtbaren Feind aus der Ferne gewahr, ließ plötzlich vom Gefechte ab, und kehrte sich ihm entgegen. Dieser aber hemmte seinen Schritt auf Schußweite von seinem Feind, ergriff mit der Linken die Hand seines Sohnes Lausus, der ihm schon lang an der Seite gestritten hatte, hob mit der Rechten den Wurf¬ spieß, schwenkte ihn in den Lüften, und rief: „Wohlan du mein Arm, der du von jeher mein Gott warst, denn ich kenne keinen andern, und du mein Speer, jetzt gilts! Du aber, mein Sohn Lausus, sollst das lebendige Sie¬ geszeichen über diesen Räuber werden, wenn du mir in der erbeuteten Prachtrüstung desselben prangest!“ Nun warf er den zischenden Wurfspieß seinem Gegner zu; dieser aber prallte vom Schilde des Aeneas zurück und traf den Antores, einen edlen argivischen Auswanderer, der mit Evander nach Italien gekommen war, und nun zusammensinkend seinem fernen griechischen Vaterlande einen Seufzer der Sehnsucht zuschickte. Darauf schleu¬ derte auch Aeneas seinen Speer ab. Dieser durchbohrte den dreifachen Erzschild des Feindes, und fuhr diesem in die Weiche. Als Aeneas das Blut des Etruskers fließen sah, riß er erfreut sein Schwert von der Hüfte und drang wüthend auf den Bebenden ein. Gespießt von der Lanze und entkräftet zog sich Mezentius mit dem durch¬ bohrten Schilde zurück. Thränen rollten seinem guten Sohne Lausus aus den Augen, als er den Vater ver¬ wundet sah; er brach mit seinem Schilde vor, und lief dem Trojaner, der schon mit seiner Rechten zum tödt¬ lichen Streich ausholte, unter die drohende Klinge, in¬ dem er dem Vater den Schild vorhielt. Ihm folgten seine Genossen mit großem Geschrei, und alle schleuderten Geschosse, so daß Aeneas mitten in seinem Grimm stille¬ halten und sich mit seinem Schilde bedecken mußte. Von Lanzen umhagelt, rief er dem Lausus zu: „Wahnsinniger, was rennest du in den Tod? Deine Liebe betrügt dich über deine Kräfte!“ Als aber Lausus nicht wich, ver¬ doppelte sich der Grimm des Helden, und nun rannte ihm Aeneas das Schwert, tief eintauchend, mitten durch den Leib, das den Weg ohne Mühe durch den leichten Schild und den goldgestickten Rock des Jünglings, das Kunstwerk der zärtlichen Mutter, gefunden hatte. Aber als Aeneas in das erbleichende Antlitz des sterbenden Knaben sah, da erbarmte ihn sein, und das Bild der kindlichen Liebe durchbebte sein eigenes Vaterherz. Er reckte die Hand nach dem Sinkenden aus und rief: „Un¬ glückseliger Jüngling, du hättest eine bessere Gabe von mir für dein rühmliches Thun verdient! Deine leichte Rüstung und dein Goldkleid, dessen du dich freutest, soll nicht von dir genommen werden. Wie du bist, sollst du bei deinen Vätern schlafen dürfen, und so wenigstens sollst du inne werden, daß du einem großmüthigen Feind erlegen bist!“ So sprach Aeneas, hob ihn selbst von der Erde empor, daß das schmucke Lockenhaar nicht von Staub und Blute besudelt würde, und ermahnte seine erschrockenen Genossen, den Leichnam in Empfang zu nehmen. Der verwundete Mezentius hatte sich indessen an den Tiberstrand gerettet, und stillte, an einen Uferbaum gelehnt, das Blut seiner Wunde mit dem Wasser des Flusses. Sein eherner Helm hing an einem Aste, seine schwere Rüstung lag im Grase, junge, erlesene Streit¬ genossen standen um ihn her, er selbst, schwach und keu¬ chend, stützte sich das Haupt mit der Hand, und sein hangender Bart fiel ihm auf die Brust herab. Gar oft fragte er nach seinem Sohne Lausus, viele Boten sandte er, die ihn herbeirufen, die ihm seines geängsteten Vaters Befehle bringen sollten. Da nahte sich die weinende Schaar der Freunde, die den entseelten Jüngling mit seiner klaffenden Brustwunde auf dem Schilde dahertrugen. Mezentius, Unheil vorahnend, verstand ihr Wehklagen schon in der Ferne. Als sie angekommen waren, streute er Staub auf sein graues Haar, streckte die Hände gen Himmel, und klammerte sie dann um den Leichnam. „Ist's möglich,“ rief er, „geliebter Sohn, konnte mich die Lebenslust so bethören, daß ich dich statt meiner in die Hand des Feindes rennen ließ? muß dein Tod mein Leben seyn? Wehe mir, jetzt erst wird mir die Ver¬ bannung aus dem Etruskerlande zur unerträglichen Qual! Jetzt erst fühle ich meine Wunde! Ist's möglich, daß ich noch lebe, daß ich das Tageslicht und die Menschen nicht verlasse? Aber ich will sie verlassen!“ Mit diesen Worten richtete er sich auf bis zur kranken Hüfte, und so tief die Wunde saß, verlangte er doch sein Roß. Dieß war seine Lust, dieß war sein Trost: noch aus allen Gefechten hatte es ihn siegreich zurückgetragen. Auch das Streitroß schien über den Jammer seines Herrn zu trauern, es stand mit gesenktem Haupte da, und die Mähne floß regungslos über den Hals. „Wir haben lange gelebt, guter Rhöbus,“ redete der wunde Held sein Pferd an, „wenn irgend etwas auf der Erde lang ist; aber heute noch wirst du als Sieger mit mir den Lausus rächen, und Haupt und Rüstung des Mörders blutig heimtragen, oder wir fallen mit einander, denn du wirst, hoff' ich, keinen Trojaner tragen wollen!“ Schnell waffnete sich der Greis, so gut es die Wunde erlaubte, wieder; das Erz des Helmes umleuchtete sein Haupt, der Roßschweif flatterte in den Lüften, seine Hand hielt ein Bündel Speere; so trug ihn Schmerz, Wahn¬ sinn und Muth hoch zu Rosse wieder in die Schlacht. „Das gebe Jupiter und Apollo,“ rief Aeneas er¬ freut, als er den Gegner wieder auf sich zu kommen sah, „daß du den Zweikampf mit mir erneurest!“ Und nun eilte er ihm mit gehobenem Speer entgegen. Mezentius rief dagegen: „Glaubst du mich noch schrecken zu kön¬ nen, nachdem du mir den Sohn entrissen hast? Ich fürchte den Tod nicht, ich frage nach keinem Gott, ster¬ ben will ich, aber dir sende ich zuvor diese Gabe!“ Sprachs und sandte einen ersten Speer nach seinem Feind, und einen zweiten und einen dritten, indem er ihn dreimal dazu mit seinem Roß umkreiste. Aeneas drehte seinen Schild nach den Würfen, und fing die Geschosse, eins um das andere mit der goldnen Schutz¬ waffe auf. Dann brach er hervor und schleuderte seine eigene Lanze dem Streitrosse des Feindes in die Schläfe. Das Thier bäumte sich, streckte seine Vorderhufen in die Lüfte, schüttelte den Reiter ab, und deckte ihn fallend mit dem Rücken. Ein Schrei stieg aus den beiden Hee¬ ren gen Himmel. Aeneas aber flog herbei, riß das Schwert aus der Scheide, und rief höhnend: „Wo ist nun der wilde Mezentius, wohin hat sich der Trotzende verkrochen?“ „Grausamer,“ seufzte der Gefallene vom Boden empor, „spottest du mein im Tode noch? sterb' ich doch den edeln Tod in der Schlacht! Nur um Eine Gunst bitte ich dich; gönne meinem Leib die Decke des Bodens; du weißest, daß mich wilder Haß alter Unter¬ thanen umringt: wehre ihre Wuth von mir ab, gönne mir Ein Grab mit meinem Kind!“ So sprach er und reichte den Hals dem Schwerte des Feindes dar, sein Blut strömte auf die Rüstung und sein Leben war dahin. Schwab , das klass. Alterthum. 26 Sechstes Buch. Aeneas. Dritter Theil. Waffenstillstand. — Volksversammlung der Latiner. — Neue Schlacht. Kamilla fällt. — Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedensbruch. Aeneas meuchlerisch verwundet. — Aeneas geheilt. Neue Schlacht. Sturm auf die Stadt. — Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende. — 26 * Waffenstillstand. Die Morgenröthe stand über dem Schlachtfelde, das die Trojaner als Sieger inne hatten. Aeneas richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen Eiche, von dem alle Aeste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung des Feldherrn Mezentius bekleidet: rechts wurden der blutige bebuschte Helm, die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild, und an sei¬ nem Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesammte Haufe der trojanischen Führer drängte sich um das Denkmal, und Aeneas weihte die Beute unter feierlichem Flehen dem Schlachtengott. Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Acötes, der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schaar von Dienern und theilnehmenden Trojanern und Trojanerinnen mit aufgelöstem Haar umstand, und der in einer bedeck¬ ten Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Aeneas durch die Pforte trat, erhob sich lautes Stöhnen, alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte von Jammer. Wie nun Aeneas das Haupt des Pallas, mit dem blassen Angesichte, auf dem Polster erblickte, und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da rief er, indem ihm die Thränen aus den Augen hervorquollen: „Unglückseliger Knabe, hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen, und als Sieger in die Heimath zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater Evander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte, und sprach: Hüte dich, du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk! Weh' uns, vielleicht bringt in diesem Augen¬ blicke dein Vater den Göttern Gelübde für dich dar, in welchem wir deinen Leichnam bestatten!“ So sprach er weinend, und befahl, die Leiche auf ein Geflecht von Eichenzweigen zu legen und ins Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf einem hohen Grashügel mit¬ sammt der Tragbahre niedergelassen, und lag da nun wie ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthen¬ blüthe, von welcher Schönheit und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Aeneas selbst brachte zwei purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewande, von Dido's eigener Hand gewirkt, herbei: in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Todte sei¬ nem Vater nach Pallanteum zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlossen sich erbeutete Gefangene, Pferde mit Waffen beladen, Acötes, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Aethon, das Streitroß des Königs¬ sohnes an, das mit gesenktem Kopf einherschritt, und Thränen vergoß wie ein Mensch. Dann kamen die Für¬ sten der Etrusker und Arkadier, und ein Trauergefolge von Trojanern, alle mit gesenkten Waffen. Aeneas sah dem Zuge der Begleitenden nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Todten ein letztes Lebewohl zu, und kehrte wieder in das Lager zurück. Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Oelzweigen in der Hand angekommen, und flehten um die Erlaubniß, die Leiber der Ihrigen bestatten zu dürfen. Diesen erwiederte Aeneas voll Huld, indem er ihnen ihre Bitte sogleich gewährte: „Welche Verblen¬ dung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft ver¬ schmähen lassen, und in diesen großen Krieg verwickelt! Ihr begehret Frieden für eure Todten? wie gerne ge¬ währte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich ge¬ wiß eurem Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses, nur euer König hat unsern Bund verschmäht, und sich lieber den Waffen des Turnus anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Trojaner durchaus nicht in dem Lande dulden, nun so werfe er sich in seine Rüstung und kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann Recht, wem ein Gott und seine Faust das Leben verleiht. Jetzt aber gehet, und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen.“ Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Trojanerfürsten hörten, sahen sie, schweigend vor Staunen, einander an. Endlich sprach der greise Dran¬ ces, von jeher ein Feind des Turnus: „Held von Troja, was soll ich mehr an dir bewundern, deine kriegerische Tugend, oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkünden, und, wenn es möglich ist, den König Latinus mit dir zu versöhnen.“ Alle Gesandte bestätigten diese Rede mit ihrem Beifallrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun schweiften im Schutze desselben Latiner und Trojaner durcheinander ungefährdet auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche der Axt; die Eiche, die Ceder, die Buche wurde mit Keulen gespalten, und seufzende Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu. Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Evander gedrungen, die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte. Unaussprechliche Niedergeschlagenheit be¬ mächtigte sich des Königes und aller Bürger. Leichen¬ fackeln in der Hand, stürzten die Arkadier zu den Tho¬ ren hinaus, und, vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der andern Seite kam ihnen die weh¬ klagende Schaar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen. Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häu¬ ser der Stadt zukommen sahen, erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König Evander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schaar entgegen, und als die Tragbahr niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes, und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abge¬ brochenen Worten des Jammers den Lauf. Volksversammlung der Latiner. Trojaner und Latiner hatten ihre Todten unter Thrä¬ nen und Opfern bestattet, die lauteste Wehklage und längste Betrübniß aber war bei den Letztern. Trauernde Mütter, Wittwen, Schwestern, Knaben, ihrer Väter beraubt, irrten durch die Stadt umher, verfluchten den Krieg und das Eheverlöbniß des Turnus. Diese Stim¬ mung verstärkte noch der Abgesandte Drances, indem er versicherte, daß nur Turnus von Aeneas verlangt, nur er zur Entscheidung des Krieges durch einen Zweikampf herausgefordert werde. Auf der andern Seite wurde auch Turnus von der entgegengesetzten Meinung eifrig verthei¬ digt, ihn deckte der mächtige Name der Königin Amata; sein eigener Ruhm und die errungenen Siege verherr¬ lichten ihn in den Augen des Volkes. Die Niedergeschlagenheit der Latiner vermehrte in¬ dessen eine Botschaft, durch welche eine lang gehegte Hoffnung vereitelt wurde. Im untern Theile Ita¬ liens, in Daunien, saß, auf der Rückkehr von Troja durch die Nachstellungen seiner treulosen Gattin von sei¬ ner Heimath Aetolien zurückgehalten, der große Griechen¬ held Diomedes, der Sohn des Tydeus, und hatte dort die Stadt Argyripa gegründet. Gleich beim Ausbruche des Krieges hatte Turnus zu diesem alten Feinde der Trojaner einen Rutulerhelden, Namens Venulus, abge¬ schickt, welcher demselben meldete, daß Trojaner, von Aeneas, dem Schwiegersohne des Königs Priamus an¬ geführt, im Latinerlande sich festgesetzt haben, und ein zweites Troja gründen wollen. Gegen diese verhaßten Ankömmlinge hatte Turnus die Hülfe des Königes Dio¬ medes verlangt. Mitten in jener Aufregung nun kam Venulus, der Botschafter des Turnus, aus der griechi¬ schen Pflanzstadt des Diomedes zurück und brachte keine günstige Antwort mit. Damit war die letzte Hoffnung des alten Königes Latinus verschwunden. Niedergebeugt von Kummer, berief er die Häupter des Volkes zu einer großen Versammlung in seinem Königspalast, setzte sich mit düsterer Stirne auf seinen Herrscherthron, und hieß den zurückgekommenen Boten mit seinen Begleitern Be¬ richt erstatten. „Bürger,“ begann hier Venulus, „wir sahen den Helden Diomedes und die Pflanzstadt der Argiver, unter den Eichenwäldern des Berges Garganus auf der schö¬ nen Anhöhe gelegen. Als wir ihm Namen und Heimath gesagt, unsre Geschenke vor ihm ausgebreitet und ihm gemeldet hatten, wer uns mit Krieg heimsuche, erwie¬ derte uns der große Fürst mit freundlichem Angesichte: O ihr glücklichen Völker Ausoniens, ihr unter der Obhut des guten Saturnus lebenden, welch' ein Schicksal stört auch euch aus der Ruhe auf? Wir Sieger Troja's sind die elendesten unter allen Sterblichen! Selbst Priamus müßte uns bemitleiden, wenn er schaute, wie schwer wir unsern Uebermuth büßen müssen. Der Lokrer Ajax hat im Meere sein Grab gefunden; Agamemnon liegt im eigenen Haus erschlagen; Menelaus irrt in Egypten um¬ her; Ulysses zitterte vor den Cyklopen. Auch mir haben die Götter die Wiederkehr in meine Heimath mißgönnt; erlasset mir die Erzählung! Ich bin kein Mann des Glückes mehr, seit ich es gewagt habe, die unsterbliche Venus im Kampfe zu verwunden! Darum reizet mich nicht zu neuen Gefechten! Seit Troja gefallen ist, bin ich kein Feind der Trojaner mehr, denke auch nicht mit Freuden an das Uebel zurück, das ich ihnen zugefügt. Die Geschenke, die ihr mir von Hause bringet, über¬ reichet sie dem Aeneas! Ich habe mich im Kampfe mit ihm gemessen: glaubet mir's, er ist ein gewaltiger Mann, wenn er sich mit seinem Schild emporbäumt und im Wir¬ bel die Lanze dreht! Wären nach Hektors Tode noch zwei Männer wie er in Troja gewesen, so hätte die Welt nichts von unserm Siege zu erzählen. Darum, bietet die Hände zum Frieden, so lange es noch Zeit ist: seinen Waffen seyd ihr nicht gewachsen.“ Als Venulus seinen Bericht geendigt hatte, entstand ein murrendes Tosen in der Volksversammlung, wie ein Gießbach durch Felsen rauscht. Wie die bewegten Lippen endlich stille wurden, sprach der König Latinus von sei¬ nem hohen Throne herab: „Wir führen einen unglück¬ seligen Krieg, ihr Bürger, mit unbezwinglichen Männern, mit einem Göttergeschlecht. Beherziget deßwegen, was ich euch verkünden will. Nicht ferne von der Tiber, gegen Abend, besitze ich ein altes Gebiet, von Rutulern und Aurunkern bebaut und beweidet, und von Fichten¬ bergen begränzt. Dieses will ich den Trojanern abtreten, und sie zu Reichsgenossen aufnehmen: dort mögen sie sich ansiedeln und die verheißene Stadt begründen. Ziehen sie es aber vor, ein anderes Land aufzusuchen, so wollen wir ihnen Erz, Schiffsbauzeug und Hände darreichen, um sich fünfzig Ruderschiffe zu bereiten und auszurüsten. Außerdem sollen hundert Gesandte aus den edelsten Ge¬ schlechtern von Latium sich aufmachen, mit Friedens¬ zweigen in der Hand, und ihnen Gold, Elfenbein, und Mantel und Thron als Reichskleinodien darbringen.“ Da stand der alte Drances in der Versammlung auf, ein reicher beredter Mann, obwohl kein Held im Kampfe mehr, der seit langer Zeit den Ruhm des Tur¬ nus mit Scheelsucht betrachtete, und rief: „Vortrefflicher König, es fehlt nur Eines noch! Du solltest zu den herrlichen Geschenken, die Du den Trojanern zu senden befiehlst, auch noch die Hand deiner Tochter Lavinia hinzufügen, und so den Frieden mit einem ewigen Bund versiegeln!“ Jetzt entbrannte das Herz dem Turnus, der eben erst von seiner Vaterstadt zurückgekehrt, sich unter die Volksversammlung gemischt hatte. Aus der tiefsten Brust emporathmend, rief er: „O Drances, so oft der Krieg Fäuste verlangt, bist du mit der Zunge da! Jetzt aber gilt es nicht, den Rathsaal mit Worten anzufüllen: die Feinde umringen unsere Stadt, gefochten will es seyn! Was wird uns der Aetolier Diomedes und seine Pflanzstadt helfen, wenn unser eigener Arm wenn Latium, wenn ganz Volskerland, das sich für uns erhoben hat, es nicht vermag? Wenn es sich aber nur um meine Seele handelt, die ist euch längst ge¬ weiht; wenn es wahr ist, daß Aeneas mich allein heraus¬ fordert, ich bin Turnus, er soll mich finden!“ Während die Latiner so sich über die Lage ihres Reichs zankten, kam Aeneas mit seinem ganzen Ge¬ folge heran, und plötzlich stürmte die Botschaft durch den Palast, daß Trojaner und Etrusker vom Tiber¬ strome hergezogen kommen. Neue Schlacht. Kamilla fällt. Die Versammlung stäubte auseinander, aus der ganzen Stadt warf sich Alles in Hast auf die Mauern. Die Stadtthore wurden mit Gräben verschanzt, Steine wurden aufgehäuft, Pallisaden in den Boden gerammelt, das Schlachthorn schmetterte, Mütter und Männer stell¬ ten sich in bunten Reihen auf den Mauerkranz. Auf einem hohen Wagen fuhr die Königin Amata, und an ihrer Seite ihre Tochter Lavinia, die Ursache so vielen Leides, ihre reizenden Augen auf den Boden gesenkt, durch den Schwarm der Frauen nach der Burg der Stadt, um dort im Tempel der Minerva Gebet und Opfer darzubringen. Turnus selbst gürtete sich eilig zum Kampfe. Bald starrte er im schuppigen Erzharnische, legte sich die Gold¬ schienen an die Beine, und schnallte sich das Schwert an die Seite. Dann setzte er sich den goldenen Helm aufs Haupt, und eilte, funkelnd vom Kopfe bis auf die Sohlen, und frohlockend in Siegeshoffnung, von der Königsburg hinab. Unter dem Thore begegnete ihm Kamilla, hinter sich den Zug ihrer Volsker. Als sie den Helden erblickte, sprang die jungfräuliche Königin vom Rosse, und ihr folgte das ganze Geschwader. Dann sprach sie zu dem Rutulerfürsten: „Turnus, wenn an¬ ders ein Starker mit Recht auf sich selbst vertraut, so ge¬ lobe ich heute, die Schaar des Aeneas zu bestehen, und mich allein mit meinen volskischen Reitern ihm entgegenzu¬ werfen.“ Solch Anerbieten war dem Helden willkommen. „Dieser Muth,“ erwiederte er, „erhebt dich, o Jung¬ frau, hoch über dein Geschlecht und in den Rath der Männer. Von nun an sollst du die ganze Kriegsarbeit mit mir theilen. Meine Späher melden mir, daß Aeneas seine leichten Reitergeschwader vorausgesandt hat, er selbst mit dem schweren Heerhaufen schreitet über den Bergrücken auf die Stadt zu. Dort will ich ihm in einem waldumwachsenen Hohlweg einen Hinterhalt be¬ reiten und beide Schlünde des engen Pfades mit Krie¬ gern besetzen. Du dagegen sollst die etruskischen Reiter mit deiner Reiterei empfangen, und ich gebe dir den Helden Messapus mit den latischen Geschwadern bei. Die Oberfeldherrnschaft aber sey dir selbst anvertraut, unvergleichliche Jungfrau!“ Nach diesen Anordnungen ging Turnus seinen eige¬ nen Weg. Durch ein enges Thal mit vielen Krüm¬ mungen, das von beiden Seiten eine schwarze Bergwand voll Waldes begränzte, führte ein schmaler Fußpfad. Drüberhin, zuoberst auf dem Bergesgipfel, lag, zwischen Wäldern verborgen ein ebnes Feld, wo sich ein sicherer Hinterhalt aufstellen ließ, und von wo aus man nach Belieben rechts oder links angreifen oder aber von der Höhe herab Steine ins Thal hernieder wälzen konnte. Dorthin zog Turnus mit seinen Schaaren und lagerte sich auf der Höhe und in den Wälderschluchten. Während dieses geschah, rückten die Trojaner und ihre etruskischen Bundesgenossen mit den Reitergeschwa¬ dern immer näher an die Mauern. Die Rosse brausten durch die Ebene, eine eiserne Saat von Spiessen starrte, und die Felder schienen von den erhobenen Waffen zu brennen. Gegenüber erschienen die Latiner, Messapus mit seinem Bruder Korax an der Spitze, und die Rei¬ terei der Volsker von Kamilla angeführt. Als die Heere einander auf Speerwurfs Weite nahe gekommen waren, standen sie einen Augenblick still und brachen dann plötz¬ lich mit Geschrei hervor, ermunterten ihre Rosse und von allen Seiten flogen Geschosse wie Schneeflocken, so daß die Luft ganz verdunkelt wurde. Sobald die feindlichen Schaaren Speer gegen Speer mit einander kriegten, fing die Schlachtordnung der Latiner zu wan¬ ken an, sie warfen bald die Schilde auf den Rücken, und lenkten ihre Rosse nach der Stadt hin. Aber ihre Flucht war nur verstellt; sobald sie bei den Mauern an¬ gekommen waren, drehten sie sich wieder, und warfen sich, wie die Ebbe, die in die Fluth umschlägt, mit er¬ neutem Feldgeschrei auf die verfolgenden Etrusker, die nun ihrerseits wieder zurückwichen. So ging es zwei¬ mal, und erst das drittemal wurde das Treffen zur stehenden Schlacht, wo Alle sich unter einander mengten und Mann sich Mann zum Kampfe auswählte. Jetzt erscholl bald ein Geächze von Sterbenden; Waffen und Leichen wälzten sich im Blutbade, halblebende Rosse la¬ gen unter Leichnamen vermischt und andere bäumten sich über ihren abgeworfenen Reitern. Mitten im Morde frohlockte, einer Amazone gleich gekleidet und aufgeschürzt, die Volskerin Kamilla, sandte bald Pfeile vom Bogen, bald schlanke Lanzen mit der Hand, bald griff sie zur Streitaxt und auf ihrer Schul¬ ter schallte klirrend ihr goldener Köcher. Wenn sie auch einmal mit ihrem Rosse umlenkte, und weichend über den Plan hinflog, so wendete sie doch noch den Bogen rückwärts und schickte im Fliehen noch einen Pfeil ab. Ein auserlesenes Gefolge von tapfern Jungfrauen um¬ gab sie, Lavina, Tulla und Tarpeja, welche sie sich selbst zur Gesellschaft auserkoren hatte und die in Krieg und Frieden ihre treuen Begleiterinnen waren. Eine Menge Phrygier stürzten unter ihren Würfen und Strei¬ chen. Endlich begegnete ihr im Kampf auch einer der tapfersten Apeninnenbewohner, als sie eben dem kühnen Orsilochus durch den Helm das Haupt gespalten hatte, der streitbare Sohn des Aunus, ein Ligurier. Der Anblick der furchtbaren Jungfrau schreckte ihn, und als er sah, daß es ihm nicht mehr möglich war, dem Kampfe zu ent¬ rinnen, und die ihn bedrängende Feindin abzulenken, sann er auf eine neue List und rief: „Was ist es denn so ein Großes, wenn ein Weib sich einem tapfern Rosse anvertraut! Entsag' einmal dem flüchtigen Umherschweifen, steige von deinem Pferde, und versuche den Kampf mit mir auf ebenem Boden, dann wollen wir sehen, ob dein windiges Prahlen Stand hält!“ Diese Worte waren ein Stachel in das Herz der Jungfrau, sie übergab ihrer nächsten Gefährtin das Pferd, und stellte sich dem Jünglinge, nur mit Schwert und Schild bewaffnet, zum gleichen Fußkampfe. Der Jüngling aber glaubte seinen Betrug gelungen; ohne abzusteigen gab er seinem Pferde die Sporen, und ergriff mit umgewandtem Zügel die Flucht. „Betrüger!“ rief die Heldin, als sie ihn fliehen sah, „du sollst die Künste deiner Heimath umsonst ver¬ sucht haben, und deine List wird dich nicht zum schelmi¬ schen Aeneas zurückbringen!“ Zugleich eilte sie mit geflü¬ gelten Sohlen dem Rosse voran, fiel ihm in die Zügel, und stieß von vorn dem Reiter das Schwert in den Leib. Aber auch auf der Gegenseite erhob sich ein gewal¬ tiger Held, der Etruskerkönig Tarcho. Dieser trieb bald zu Rosse weichende Schaaren vor sich her, belobte die Seinigen mit ermunterndem Zurufe, nannte jeden mit Namen, frischte die Zurückgedrängten zu neuem Kampfe auf, und trieb unbekümmert um den Tod sein Roß mitten in die Schlacht hinein. Hier stieß er auf den Venulus, dem er sich stürmisch entgegenwarf, ihn vom Pferde riß und mit der rechten Hand umschlingend auf seinem eigenen Rosse im Flug davon trug. Mit Blicken und Geschrei folgten die staunenden Latiner dem Eilenden, der im Laufe seinem Feind mit dem abgebrochenen Schafte seiner eigenen Lanze zwischen die Fugen der Rüstung eine Todeswunde zn versetzen strebte. Venulus aber erwehrte sich des Streichs und hielt die Hand vor die Kehle. So war das Paar an¬ zuschauen wie ein Adler, der eine geraubte Schlange durch die Luft entführt; das blutende Thier ringelt sich, bäumt sich immer höher und zischt mit dem Munde; der Vogel aber läßt es nicht aus dem krummen Schnabel fahren und peitscht die Lüfte mit seinen Flügeln. Dem Glück und Beispiel ihres Führers folgten die Etrusker, und stürmten wieder muthiger voran. Auch Kamilla fand einen kühnen Gegner in den Reihen der Etrusker. Der Held Arruns schwärmte mit seinem Speer um die rasche Amazone her, und wich ihr nicht von der Seite, nach welcher Stelle des Treffens die Wuth sie auch führen mochte. Nun verfolgte Kamil¬ la gerade den phrygischen Cypele'spriester Chloreus, dessen schuppiger Erzpanzer mit goldenem Geflechte wie ein ge¬ fiedertes Gewand sich um seinen Leib legte, und den ein Schwab, das klass. Alterthum. III . 27 Ueberwurf von dunklem Purpur bedeckte. Ein goldner Helm strahlte auf seinem Haupte, ein Köcher aus Gold tönte um seine Schultern und vom Bogen schoß er die schärfsten Pfeile. Sein ausländisches Waffengeschmeide machte die volskische Jungfrau lüstern, und sie verfolgte ihn, sey es um die trojanische Wehr als Siegesbeute in einem italischen Tempel aufzuhängen, sey es um selbst in dem erbeuteten Golde zu prangen. Als sie nun ganz mit Sinn und Blick auf diesen Feind gerichtet war, und den Arruns aus den Augen gelassen hatte, schnellte dieser zu Apollo flehend, daß er die Schmach der verbündeten Waffen tilgen, und auch ihn nicht einem Weib unter¬ liegen lassen wolle, plötzlich und unversehens den Speer. Phöbus nickte ihm den halben Wunsch zu. Die umringen¬ den Volsker hörten die Lanze daher rauschen und suchten mit den Augen ihre Königin. Sie selbst aber dachte an nichts, bis ihr das Geschoß in der Brust haftete und ihr jungfräuliches Blut aus der Wunde drang. Zitternd eilte die Schaar ihrer Gefährtinnen herbei und sie fa߬ ten ihre Herrin in den Armen auf. Arruns aber, über seine eigene That wie erschrocken, entfloh vor Freude und Furcht bebend, wie ein Wolf, nachdem er einen Farren oder einen Hasen erwürgt hat, noch ehe die Pfeile ihn verfolgen, plötzlich vom Wege abweicht und mit eingezogenem Schweif sich in die Waldungen flüchtet. Gerade so stahl sich Arruns hinweg und mischte sich hastig fliehend unter die Reiter. Kamilla aber zog ster¬ bend an dem Eisen, dessen Spitze ihr eine tiefe Wunde in die Rippen gewühlt hatte, ihre Augen brachen, der Purpur der Wangen wich von ihrem Angesichte. Mit schwachem Athem sprach sie zu Akka, der liebsten ihrer Gespielinnen: „Fleuch, du liebe, und überbring dem Turnus meine letzten Befehle, denn um mich her wird Alles Nacht: Er soll hinfort den Kampf leiten und die Stadt vor den Trojanern beschützen!“ So sprach sie, ließ die Zügel fahren, und glitt, noch immer widerstrebend, vom Rosse auf den Boden herab, neigte dann Haupt und Hals und verschied. Die Volsker erhoben ein Geschrei der Verzweiflung bei ihrem Tode, und nach ihrem Fall entbrannte die Schlacht noch wilder. Da traf auch den Mörder Kamilla's, den Etrusker Arruns ein Pfeil von unsichtbarer Hand abgeschos¬ sen; es war Diana's Schuß, die ihre geliebte Jägerin rächte. Die Freunde des Getödteten schritten zum fortlau¬ fenden Kampf über seinen Leichnam und dieser blieb vergessen im Staube liegen. Nach dem Tode der Führerin be¬ gann nun zuerst das Reitergeschwader Kamilla's zu flie¬ hen, darauf auch die Rutuler. Alle flogen mit abge¬ spannten Bogen, die Rosse antreibend, über das Blach¬ feld hin. Eine schwarze Wirbelwolke von Staub wälzte sich den Stadtmauern entgegen, von den Zinnen stieg ein Jammergeschrei der Mütter in die Lüfte; und bald waren die Thore von den nachfolgenden Schaaren fast zugleich mit den Feinden erreicht und unter Gemetzel drangen die Sieger in die Stadt ein. An andern Stel¬ len wurden von den verzweifelten Bürgern die Stadtpforten vor den Flüchtenden geschlossen und diese, zu den Feinden hinausgesperrt, erlagen den Geschossen der siegreichen Feinde vor den Thoren. Unterdessen drang die Schreckenskunde auch zu Turnus in das dunkle Waldthal, denn Akka suchte ihn in seinem Hinterhalte auf und brachte ihm von dem Tod 27 * ihrer Herrin und der verlornen Schlacht unzweifelhafte Nachricht. Von Wuth und Schmerz im Innersten zer¬ rissen verließ dieser auf der Stelle das Gehölz und stürmte nach der Ebene hinab. Kaum hatte er seinen Versteck verlassen, als Aeneas vom Gebirge her in die Schluch¬ ten des Thales mit den Seinigen sorglos eingedrungen kam und bald aus der finstern Waldung heraustretend auf der Ebene vor der Stadt sichtbar wurde. Da sah er den Heerhaufen des Turnus vor sich her ziehen. Auch dieser hörte Heeresritt und Roßgeschnaube hinter sich, erkannte umgewandt den grimmigen Aeneas und stellte sich in Schlachtordnung ihm gegenüber auf. Wäre nicht die Sonne schon im Sinken gewesen, auf der Stelle hätten beide Heere den Kampf der letzten Entscheidung ausgefochten. Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedens¬ bruch. Aeneas meuchlerisch verwundet. Als Turnus sah, daß die Latiner, von den Feinden gedemüthigt, ihre Blicke alle auf ihn allein richteten, und ihn an sein Versprechen zu erinnern schienen, überflog eine Schaamröthe sein Gesicht und sein Herz schlug ihm wieder stolzer in der Brust. Wie ein verwundeter Löwe sich wieder ernstlich zur Wehr setzt, die zottige Mähne fröhlich schüttelt und den Speer des Jägers, der ihm im Leibe sitzt, zerbricht, mit den blutigen Zähnen dazu knirschend, so entbrannte der Ungestüm des hohen Jüng¬ lings wieder. Er trat vor seinen Schwiegervater Lati¬ nus und sprach: „An mir soll der Verzug nicht liegen, wenn nur die feigen Trojaner ihr gegebenes Wort nicht brechen! Laß' Opferthiere herbeischaffen, Vater, und schließe den Bund. Entweder schickt mein Arm heute noch den asiatischen Flüchtling zum Orkus hinunter, und rächt unsere Schande, oder ich erliege seinem Schwert und er mag deine Tochter Lavinia als Gattin heimführen!“ Ihm antwortete Latinus mit ruhigem Herzen: „Je mehr du an trotziger Tapferkeit Alle besiegest, hochherziger Jüngling, desto mehr ist es meine Pflicht, dich zu be¬ rathen, und Glücksfälle des sorgfältig zu überlegen! Von Daunus deinem Vater her ist ein großes Reich dein, und du hast ihm manche Stadt durch Eroberung hinzugefügt! Gold und Gunst wird dir durch Latinus zu Theil. Latium hat noch genug andere Bräute, die auch nicht unedlen Stammes sind. Laß mich dir die ganze Wahrheit sagen, so schmerzlich sie dir auch seyn mag. Einem von den vorigen Freiern meine Tochter zu geben, verhinderte mich der Warnungs¬ spruch von Göttern und Menschen, dir zu Lieb aber, getrieben durch die Verwandtschaft, durch die Thränen meiner Gemahlin, überwand ich alle Zweifel, nahm dich zum Eidam an, und habe mich in diesen ungeseg¬ neten Krieg eingelassen. Unser Schicksal siehest du. Du allein stehest dem Frieden im Wege. Entsage meiner Tochter und verlange nicht von mir, das erst auf den zweifelhaften Ausgang eines Zweikampfes ankommen zu lassen, was du mir sogleich als Gewißheit zu gewähren vermagst! Denk' an das ungetreue Kriegsglück! Erbarme dich auch deines bejahrten Vaters, den der Gram um dich in deiner Vaterstadt Ardea verzehrt.“ Aber keine Worte vermochten den Rutuler umzu¬ stimmen, ja er wurde durch diese sanfte Rede nur noch wilder gestimmt. Nicht einmal die Bitten, die Thränen und Umarmungen der Königin wirkten auf sein Herz. Da kam endlich, von den Wehklagen ihrer Mutter aufgeschreckt, auch seine Braut Lavinia herbeigeeilt. Thränen rannen ihr über die heißen Wangen, und die große Verschämtheit jagte ihr Glut über das Angesicht. Wie Elfenbein von Purpur überlaufen, wie Lilienschnee von Rosen angeschimmert — so spielten die Farben auf ihrem jungfräulichen Antlitz. Turnus heftete einen Blick auf die Geliebte, und seine Gedanken verwirrten sich einen Augenblick; aber die Hoffnung, den verhaßten Nebenbuhler zu besiegen, entflammte ihn noch mehr zum Streit und er sprach zu der Königin gewendet: „Mut¬ ter, ich bitte dich, verfolge mich nicht mit deinen Thränen, mit deiner bangen Ahnung; Turnus hat keine Wahl mehr!“ dann rief er einen seiner Streitgenossen und sagte zu ihm: „Du, Idmon, eile zum trojanischen Führer, und verkündige ihm ein Wort, das ihn nicht freuen wird. Er soll am nächsten Morgen seine Troja¬ ner nicht zum Streite führen, wie ich meine Rutuler nicht: wir lassen die Heere von allem Streite ruhen, aber wir beide, sobald die Sonne am Himmel aufge¬ gangen ist, wollen mit unserem Blute den Krieg ent¬ scheiden, nur auf diese Weise soll das Schlachtfeld be¬ stimmen, wem Lavinia als Gattin folgen wird.“ Nun ließ Turnus, ins Innere der Burg zurückge¬ kehrt, seine schneeweißen, windschnellen Rosse vorführen, wappnete sich, ergriff die unbesiegte Lanze und übte sich mit rollenden Augen in spielendem Stoß. Auch Aeneas, mit der Botschaft des Rutulerfürsten zufrieden, wappnete sich mit seiner göttlichen Rüstung. Kaum be¬ strahlte der Tag die höchsten Gipfel der Berge mit frühem Sonnenlichte, als schon Rutuler und Trojaner vor den Mauern der mächtigen Latinerstadt das Feld für den Zweikampf ihrer Feldherrn abmaßen und in der Mitte den gemeinsamen Göttern Rasenaltäre aufbauten. Wasser und Feuer zum Opfer, Kränze für die Priester, Thiere und Altäre wurden herbeigebracht. Dann ergoß sich das gesammte Volk der Italer aus den Tho¬ ren der Stadt; von der andern Seite eilte das verbün¬ dete Heer der Trojaner und Etrusker herbei. Auf ein gegebenes Zeichen zog sich jeder auf seinen Platz zurück und ein geräumiges Feld blieb zum Kampfe offen. Die Krieger stießen ihre Spieße in die Erde und lehnten die Schilde an. Aus der Stadt strömte jetzt auch noch unbewaffneter Pöbel heraus, selbst schwache Mütter und gebückte Greise. Innerhalb der Stadt besetzten sich Thürme und Dächer mit Zuschauern und auf den höch¬ sten Thoren saßen der Schaulustigen genug. Jetzt nahten die Könige: Latinus kam auf einem vierspännigen Prunkwagen einhergefahren; von seiner Stirne blitzte ein Diadem mit zwölf goldenen Strahlen, zum Zeichen, daß er vom Sonnengotte abstamme. Tur¬ nus erschien mit einem Zwiegespann von weißen Rossen, zwei Wurfspieße in der Hand schüttelnd. Auf der an¬ dern Seite eilte aus dem trojanischen Lager Aeneas her¬ vor, und seine Rüstung samt Schild strahlte wie Ster¬ nenschimmer; an seiner Seite ging Askanius, sein kräftig heranblühender Sohn. Dann brachte ein Priester in reinem Gewande ein borstiges Ferkel und ein langwol¬ liges Lamm, und stellte die Thiere an die brennenden Altäre. Die Fürsten wandten sich mit ihrem Angesichte der aufgegangenen Sonne zu, streuten gesalzenes Mehl auf die Opfer, schoren ihnen die Scheitel mit dem Stahle, und goßen das Dankopfer auf die Altäre. Dann beschworen dort Aeneas, hier Latinus mit feierlichen Gebeten den Ver¬ trag: würde Aeneas besiegt, so sollten die Trojaner unter Julus Latium auf der Stelle räumen, und nach Pallan¬ teum, der Stadt Evanders, sich zurückziehen; wäre der Sieg sein, so sollten sich Italer und Trojaner, jedes Volk frei und selbstständig, vereinigen, Latinus herrschen, Aeneas die Tochter des Königs gewinnen und eine Stadt sich und seinem Volke bauen und nach ihrem Namen Lavinia nennen. Den Rutulern erschien längst der Kampf als ein ungleicher: ihre Herzen gährten ungeduldig, und der Ausgang däuchte ihnen, bei des Aeneas überwiegender Heldenkraft, sehr unsicher. Ihre Sorge vermehrte sich, als sie ihren Führer Turnus mit bleichem Antlitz und eingefallenen Wangen schweigend vortreten und mit gesenktem Haupte vor dem Altare stehen sahen. Seiner Schwester Juturna entgingen diese Eindrücke nicht; sie, eine unsterbliche Nymphe, verwandelte sich schnell in die Gestalt des Helden Camers, der durch mächtige Ahnen und eigene Thaten in großem Ansehen bei dem Rutu¬ lervolke stand, und mischte sich mitten unter das Heer. „Rutuler,“ flüsterte sie da, „schämt ihr euch nicht, für euch viele streitbaren Männer, die ihr so gut kämpfen könnet, nur eine einzige Seele dem Tode darzubieten? Sind wir unsern Gegnern etwa an Kräften nicht gewachsen? Zählet einmal Trojaner, Arkadier und Etrus¬ ker: ihr werdet finden, daß, wenn wir uns Mann gegen Mann schlagen wollten, kaum Jeder von uns Rutulern und Latinern seinen Gegner finden würde! Turnus freilich wird zu den Göttern, an deren Altar er sich weiht, ruhmvoll emporsteigen, wenn er fällt; wir aber werden unser Vaterland verlieren, um trotzigen Zwingherren dienstbar zu seyn: und es geschieht uns Recht; warum saßen wir auch unthätig hier im Grase, während wir hätten kämpfen können!“ So sprach Juturna und sie that noch mehr. Sie schickte den Italern ein sinnbethörendes, günstiges Vor¬ zeichen vom Himmel. Ein Goldadler Jupiters schwebte durch den lichten Aether, scheuchte das Ufergevögel des Stromes auf, schwang sich dann plötzlich zu den Wellen hinab, und packte mit den Klauen den schönsten Schwan. Die Rutuler sahen staunend zum Himmel auf, wo alle die Vögel in einem luftverdunkelnden Schwarm, von der Flucht umgewendet, plötzlich ihren Feind, den Adler, der sich mit seiner Beute dem Himmelsgewölbe zuschwang, verfolgten, bis dieser durch die Uebermacht bezwungen, und seine Last erschöpft, den Raub aus den Klauen fahren und in den Fluß fallen ließ, dann sich wieder emporschwang, und in den Lüften verschwand. Rutuler und Latiner begrü߬ ten diese Erscheinung mit Freudengeschrei, legten die Hand an den Schwertgriff und lauschten ihrem Seher Tolum¬ nius, der ihnen das Zeichen günstig deutete, und sie zu den Waffen greifen hieß. Zugleich warf er selbst zu¬ erst sein Geschoß auf die gegenüberstehenden Feinde, daß es zischend die Luft durchfuhr. Ein Lärm erhob sich, Verwirrung kam in alle Reihen, alle Herzen geriethen in Aufruhr. Ihm gegenüber standen nämlich neun schöne, schlanke Brüder, Söhne des Arkadiers Gylippus und einer einzigen edlen etruskischen Mutter. Einem von diesen stattlichen Jünglingen war der Speer des Tolumnius an der Gürtelschnalle mitten durch den Leib geflogen und hatte ihn in den Sand hingestreckt. Die acht Brüder des Gefallenen, von Schmerz um den Bruder entbrannt, schwangen ihre Lanzen, zückten ihre Schwerter; gegen sie stürzte sich die Macht der Rutuler. Nun brachen alle Arkadier, Trojaner und Etrusker los. Die Altäre wurden vom Gedränge zerwühlt, ein Sturm von Pfei¬ len durchlief die Luft, ein eiserner Speerhagel ergoß sich, Latinus selbst floh mit den Götterbildern, durch den Bruch des Bündnisses vertrieben; die Einen schirrten ihre Wagen an, die andern schwangen sich aufs Roß, und andere stürzten sich mit gezogenen Schwertern ins Handgemenge. Ein fürchterliches Morden erhob sich. Aeneas aber streckte die unbewehrte Rechte gen Himmel, warf sich unverhüllten Hauptes mitten unter die Seinigen und rief: „Wo rennet ihr hin, Freunde, wel¬ che plötzliche Zwietracht hat sich erhoben? Hemmt doch eure Wuth; der Bund ist ja geschlossen, die Bedingun¬ gen sind festgesetzt. Wer hindert uns Führer am Kampf?“ Aber indem er noch sprach, schwirrte von unbekannter Hand ein Pfeil daher, und verwundet mußte der Held den Kampfplatz verlassen. So wie Turnus sah, daß Aeneas den Platz räumte, und die Führer der Trojaner in Verwirrung geriethen, verlangte er Pferde und Waffen, schwang sich auf den Wagen, lenkte die Zügel in die Schlacht, und richtete mit seinen Speeren Verheerung unter den Feinden an, oder zermalmte sie unter seinen Rädern. Während er so auf dem Schlachtfelde Leichen auf Leichen häufte, brachten Mnestheus und Achates im Geleite des Aska¬ nius den verwundeten Aeneas ins Lager zurück, blutend und Schritt für Schritt auf seinen Speer gestützt. Ver¬ gebens strengte er sich an, den im Leibe haftenden Pfeil am zerbrochenen Rohre herauszuziehen; er verlangte, daß die Wunde ausgeschnitten werde: Japis, der Arzt, erschien; auf seinen Speer gestützt stand vor ihm der Held, unbewegt unter seinen weinenden Genossen. Der Alte aber, in der Heilkunst wohlerfahren, brauchte kein gewaltsames Mittel, sondern suchte mit wirksamen Heil¬ kräutern den Pfeil in der Wunde locker zu machen, faßte das Eisen mit packender Zange, rüttelte mit der Hand an dem Rohr; doch alle seine Kunst war nicht vermö¬ gend, das Geschoß herauszuziehen. Und während er sich vergebens abmühte, sah man schon die Staubwolke der feindlichen Reiter, dichte Geschosse fielen bereits ins Lager und das Geschrei der Kämpfenden näherte sich. Aeneas geheilt. Neue Schlacht. Sturm auf die Stadt. Da erbarmte sich Venus ihres gefährdeten Sohnes. Sie pflückte auf dem Idagebirge der Insel Aetna das herrliche Kraut Diktamnum mit seinen saftigen Blättern und purpurnen Blumen, brachte es, in eine dichte Wolke gehüllt, ins Lager herbei, und träufelte von seinem Safte heimlich und Allen ungesehen in den Kessel, in welchem die Heilkräuter des Arztes brodelten, dazu mischte sie noch Tropfen Ambrosias und das duftende Panaceenkraut. Japis ahnete hiervon nichts, aber als er noch einmal die Wunde mit seinem Kräutersafte wusch, siehe da ent¬ floh plötzlich der Schmerz aus dem Leibe des Helden, zu innerst in der Wunde versiegte das Blut; der Pfeil folgte von selbst und zwanglos der berührenden Hand und fiel aus dem Leibe heraus. Sichtlich waren dem geheilten Aeneas die Kräfte zurückgekehrt. „Was zögert ihr?“ rief der Arzt ganz „schnell dem Helden die Waffen gebracht! das ist nicht aus mensch¬ licher Macht, nicht nach den Gesetzen der Heilkunst er¬ folgt, das hat ein Größerer gethan, denn ich, und zu größeren Thaten treibt er dich an, o König!“ Aeneas, nach Kampfe lechzend, legte schnell Schie¬ nen und Panzer an, zürnte allem Verzug und war froh, als er endlich den Helm auf dem Haupte sitzen hatte, und den Speer in den Händen schwang. In voller Waffenrüstung umarmte er seinen Sohn Askanius, küßte ihn streifend durch das Helmgitter und sprach: „Lerne von mir die Tapferkeit, mein Kind, und die wahre Be¬ harrlichkeit, das Glück aber lerne von Andern!“ Dann schritt die gewaltige Heldengestalt aus den Lagerthoren; Antheus und Mnestheus mit dichter Reiterschaar dräng¬ ten sich ihm nach; alles Volk strömte aus dem Lager und ein wolkiger Staub verkündigte dem Turnus die Nahenden. Ein Schauder lief ihm durch Mark und Beine. Auch seine Schwester Juturna wandte sich mit ihm bebend vor Furcht, zur Flucht, und bald tobte der Trojanerheld in der Schlacht wie eine Windsbraut. Da fiel auch der Seher Tolumnius, der zuerst das Geschoß in die Reihen der Feinde geschleudert hatte. Die Halbgöttin Juturna aber stieß auf ihrer Flucht den Metiskus, den Wagenlenker ihres Bruders, vom Sitze, schwang sich in seiner Gestalt selbst zum Bruder empor, ergriff die Zügel, und schwirrte nun mit ihm wie eine Schwalbe mitten durch den Feind, bald da, bald dort ihn zeigend, dann wieder abwegs ihn führend, so daß Niemand ihn zum Kampf einholen konnte. Auf allen Wendungen verfolgte Aeneas den Flüchtigen, blieb ihm unaufhörlich auf der Spur und rief ihn durch zersprengte Geschwader von Feinden aus der Ferne zum Kampf herbei. So oft er aber nahe kam, drehte Juturna den Wagen auf die Seite, und ermüdete durch seine Beu¬ gungen den vergebens nachfolgenden Helden. Nun rannte der Latiner Mesapus, der eben zwei Speere in der Lin¬ ken wiegte, herbei, und schleuderte einen davon mit sicherem Schwunge dem Trojaner entgegen. Aeneas stand stille, sammelte sich in die Rüstung und bückte sich ins Knie. Der Speer fuhr über ihn hin, doch so, daß er ihm den Helmbusch vom Scheitel stieß. Da rief Aeneas die Götter zu Zeugen des gebrochenen Bundes auf und stürzte sich zum schonungslosen Morde tief unter die Feinde. Dann legte ihm seine Mutter Venus den Anschlag ins Herz, ohne Verzug seine Streitmacht seitwärts zu wenden und die Latiner durch unerwartete Noth in Ver¬ wirrung zu setzen. Während er den dahin rollenden Wagen des Turnus noch immer verfolgte, fiel sein Blick auf die Mauern, und er sah sich die Stadt an, die noch immer unberührt vom Kriege, verschont und in Ruhe dalag. Plötzlich rief er seine Helden Mnestheus, Sergestus und Serestus herbei und besetzte die Höhen; das übrige Trojanerheer zog den Helden nach, und drängte sich, ohne Schilde und Lanzen niederzulegen, in einem Kreis um seinen Führer. Da stand nun Aeneas in der Mitte und sprach von einer Erhöhung herab: „Zögert nicht, meine Befehle zu erfüllen. Jupiter steht auf unserer Seite. Wenn die Feinde sich nicht heute unterwerfen, so stürze ich die Stadt des Latinus und mache ihre rauchenden Giebel dem Boden gleich! Soll ich etwa warten, bis es dem Turnus beliebt, den Kampf mit mir zu bestehen? Nein, hier, vor euch liegt das Ziel des Krieges; eilet mit Fackeln herbei, mahnet sie mit Flammen an ihr Bünd¬ niß!“ So sprach er und sein ganzes Heer bildete auf der Stelle einen Keil und drängte sich in dichter Masse der Stadt zu; die Sturmleitern werden angelegt, Fackel¬ brände leuchten, an den Thoren tobt der Sturm und fallen die Wachen; Pfeile und Lanzen stiegen über die Mauern. Vor Allen im Heere hob Aeneas seine Rechte hoch gen Himmel, wälzte alle Schuld auf den König Latinus und rief die Götter zu Zeugen des gebrochenen Bündnisses an. Unter den geängsteten Bürgern entstand Zwietracht: die Einen verlangten, man sollte die Stadt den Troja¬ nern aufthun, die Thore entangeln, den König Latinus selbst zurückrufen und zum Abschlusse des Friedens zwin¬ gen: andere schleppten Waffen herbei und sannen auf die Vertheidigung der Mauern. Die Königin Amata, als sie vom Dache des Palastes aus den Feind heran¬ nahen sah, die Mauern erstürmt, Brände auf die Häu¬ ser geworfen, nirgends den Turnus oder sonst ein Rutulerheer den Feinden entgegengestellt: klagte sich selbst laut als die Urheberin alles dieses Unheiles an, zerriß sich ihr Purpurgewand und erhenkte sich am Deckenge¬ bälk ihres Frauengemachs. Als die Frauen der Latiner dieses Ende ihrer Herrin vernommen hatten, tönte ein lautes Jammern aus den Gemächern. Lavinia, ihre Tochter, raufte sich die goldenen Locken aus und zerschlug sich Brust und Wangen. Bald verbreitete sich der Ruf der Trauer durch die ganze Stadt; Latinus, der jam¬ mervolle Gatte, zerriß sein Gewand und jammerte durch den Palast, sich selbst anklagend, daß er den Trojaner nicht sogleich in die Stadt aufgenommen und sich zum Eidam auserkoren habe. Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt. Ende. Turnus setzte indessen auf dem äussersten Plane des Schlachtfeldes noch wenigen Fliehenden nach, aber seine Rosse liefen allmählig langsamer und müder. Da scholl ihm von Ferne aus der zerrütteten Stadt verworrenes Geschrei und Getöse entgegen, und er fing an zu ahnen, daß dort sich ein großes Unglück ereignet haben müsse. Er fiel der Schwester, die noch immer in Gestalt des Wagenlenkers Metiskus neben ihm im Wagen saß, in die Zügel, zog sie an und hielt in dumpfer Betäubung die Rosse zurück. Juturna aber sprach ärgerlich zu ihm: „Was besinnst du dich, Turnus, willst du auf der Bahn des Sieges stille stehen? Hier laß uns die Tro¬ janer verfolgen, für die Vertheidigung der Häuser mögen Andere sorgen!“ Turnus blickte sie lange staunend an und sprach: „So hab' ich mich doch nicht getäuscht! Mir war längst, als wenn nicht mein Wagenlenker Me¬ tiskus mir zur Seite säße, sondern, als wenn du es wärest, geliebte Schwester! Ja, ich habe dich schon er¬ kannt, als deine List das Bündniß der Könige trennte! Auch jetzt verbirgst du dich mir umsonst, o Göttliche! Aber sage mir, wer sandte dich vom Olympus herab und hieß dich um meinetwillen die Beschwerden der Sterblichen erdulden? Bist du etwa dazu abgesandt, den Tod deines armen Bruders zu schauen? Denn habe ich eine andere Aussicht? Sah ich nicht die edelsten und tapfersten Rutuler um mich her fallen? Nun muß ich es auch noch mit ansehen, daß die Stadt erstürmt und verwüstet wird! Und ich sollte nicht mit meiner Faust die Worte des neidischen Drances widerlegen, sollte schimpflich mich dem Kampfe entziehen? Und mein Land, mein Volk sollte den Turnus fliehen sehen? Ist denn der Tod so etwas gar Unseliges? Ihr Götter der Unter¬ welt, seyd Ihr mir wenigstens geneigt, weil die Neigung der Himmlischen sich von mir abkehrt! Vorwurfslos, ein fleckenfreier Geist, will ich, des Ruhmes meiner Alt¬ vordern werth, zu euch hinuntersteigen!“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, als mitten durch die Feinde auf einem schäumenden Rosse der Ru¬ tuler Saces, dem das Angesicht von einem Pfeilwurfe blutete, herangestürmt kam und den Turnus flehend beim Namen rief: „Komm, Turnus, komm, du bist unsere letzte Hoffnung! Aeneas ist in der Stadt, bedroht die Burg; Feuerbrände fliegen nach den Häusern: der König zweifelt schon, wen er zum Eidam wählen soll; die Königin ist durch eigene Hand gefallen, nur Messapus und Atinas halten das Treffen noch an den Thoren auf.“ Turnus hielt die Rosse wieder an und starrte, zwischen Schaam, Kummer, und rasende Liebe getheilt, in die Weite mit den irren Blicken hinaus. Endlich rollten seine Augen wieder in ihren Kreisen und seine Blicke fielen auf die Latinerstadt. Siehe, dort wallte von Stockwerk zu Stockwerk des höchsten hölzernen Mauerthurmes die Feuer¬ säule des Brandes empor, jenes Thurmes, den er selbst aus riesigen Balken gezimmert, auf Räder gesetzt und durch mächtige Zugbrücken mit der Stadt verbunden hatte. „Jetzt, Schwester,“ rief er, „jetzt besiegt uns das Glück; halte mich nicht länger auf; laß uns folgen, wohin das strenge Geschick mich ruft! Ich bin ent¬ schlossen mit Aeneas zu kämpfen; mag kommen, was da will, ruhmlos sollst du mich nicht sehen!“ So sprach er, sprang vom Wagen auf die Erde, stürzte durch die Lanzen der Feinde dahin und durch¬ brach, die trauernde Schwester zurücklassend, die Schaaren der Trojaner. Wie ein Felsblock, vom Gipfel des Gebirges losgerissen, in die Tiefe hinabrollt, vom Boden emporhüpft, Wälder, Heerden und Männer im Sturze mit sich fortreißt: so stürmte Turnus durch die zersprengten Reitergeschwader heran zu den Stadtmauern, wo der Kampf am dichtesten war, winkte mit der Hand und begann laut zu rufen: „Hört auf zu kämpfen, Ru¬ tuler! Hemmt eure Geschoße, ihr Latiner! Mir allein gebührt sich, mit den Waffen über das Bündniß zu ent¬ scheiden!“ Als die Streitenden dieses hörten, entstand eine Gasse, und Aeneas, der den Ruf des Turnus ver¬ nommen hatte, verließ die Höhen, brach jedes andere Schwab , das klass. Alterthum. III . 28 Geschäft ab, hüpfte vor Freuden auf und rauschte in den schallenden Waffen einher. Der greise Latinus selbst mußte staunen, wie er die zwei gewaltigen Männer, aus zwei verschiedenen Welttheilen stammend, auf einander zu¬ schreiten sah, um den Hader durch das Schwert zu ent¬ scheiden. Jene beiden aber stürzten, wo von den zurückwei¬ chenden Streitern ein offener Platz im Gefilde gelassen war, in reißendem Lauf hervor, warfen die Speere ge¬ geneinander und rannten dann mit Schild und Schwert zum Kampfe an, daß der Grund erbebte. Nun folgte Hieb auf Hieb; die Kämpfenden riefen Glück und Tapferkeit zu Hülfe. Endlich streckte sich Turnus mit ganzem Leibe hervor und langte zuversichtlich, sich bloß gebend, zu einem entscheidenden Schwertstreiche aus. Trojaner und Latiner, in banger Erwartung, schrieen laut auf. Aber die treulose Klinge brach dem Rutuler mitten im Hiebe, und gab ihn preis, wenn er nicht das Heil in der Flucht suchte! Als er nämlich beim Wieder¬ ausbruche des Krieges den Streitwagen bestieg, da hatte Turnus in der Eile an der Stelle seines vom Vater ererbten Wunderschwertes die Klinge seines Wagenlen¬ kers Metiskus ergriffen. Diese hielt ihm auch gut aus, so lange er nur in den Rücken flüchtiger Trojaner ein¬ zuhauen hatte; aber sie war eben doch nur ein menschliches Schwert, und als sie auf der von dem Gotte Vulkanus geschmiedeten Wehr des Helden Aeneas aufzusitzen kam, brach sie ihm wie mürbes Eisen mitten im Streich ent¬ zwei und die Stücke lagen schimmernd im gelben Sande. Nun warf sich Turnus, unsicher kreisend, bald da, bald dorthin auf die Flucht, doch konnte er nicht entrin¬ nen, denn auf zwei Seiten umschloßen ihn die Trojaner in dichtem Gedränge, auf der dritten hemmte seinen Lauf ein Sumpf, und auf der vierten, hinter Latinern und Rutulern, erhoben sich zugangslos die Mauern der Stadt. Auch verfolgte den Fliehenden, obgleich noch von der alten Pfeilwunde entkräftet und im Laufe selbst ermüdet, Aeneas und bedrängte mit dem Fuße den Fuß des Bebenden. Jetzt erst entstand unter den zuschauen¬ den Heeren ein rechtes Geschrei, Ufer und Hügel umher erschollen und donnernd stieg der Ruf zum Himmelsge¬ wölbe empor. Auf der Flucht rief der geängstete Turnus diesem und jenem Rutuler mit Namen zu und verlangte sein eigenes Kampfschwert. Aeneas aber bedrohte Jeden, der ihm nahen würde, mit unausbleiblichem Verderben, und schreckte mit der Drohung, sich auf die Stadt zu werfen und sie zu zerstören, alle Herannahenden zurück. So durchkreisten sie die Bahn fünfmal, denn es galt kein Spiel und keinen geringen Kampfpreis. In einem wilden Oelbaume, der sich in mitten des Kampf¬ platzes befand, und dem Faunus geweiht war, dem die glücklich gelandeten Schiffer hier Weihgeschenke aufzu¬ hängen pflegten, steckte der Speer des Aeneas vom ersten Kampfwurfe her und hatte sich in der Wurzel des Bau¬ mes gefangen. Beim Vorübereilen kam dem trojanischen Helden der Gedanke, seinen Speer herauszuziehen und dem Feind, den er im Laufe nicht einzuholen vermochte, mit der Lanze zu verfolgen. Außer sich vor Schrecken sah dieß Turnus und richtete sein Gebet an den ein¬ heimischen Gott Faunus mit den Worten: „O Faun und gütige Göttin des italischen Bodens, wenn ich euch immer die schuldigen Ehren erwiesen habe, erbarmt euch 28 * meiner jetzt, haltet den Speer des Gegners fest!“ Die Lan¬ desgötter hörten den Flehenden, und Aeneas bemühte sich vergebens, die Lanze aus dem festzusammenhaltenden Holze des zähen Stammes herauszuziehen. Während sich nun der Held hitzig anstemmte und abquälte, rannte die Schwester des Turnus, die Nymphe Juturna, wieder in die Gestalt seines Wagenlenkers Metiskus verwandelt, vor und händigte ihrem Bruder sein rechtes, gefeietes Schwert ein. Ve¬ nus aber, entrüstet, daß einer gewöhnlichen Nymphe ein so kühnes Werk erlaubt seyn sollte, trat auch herbei und half dem Aeneas den Speer aus der tiefen Wurzel hervorziehen. Nun waren beide Kämpfer mit frischen Waffen ver¬ sehen und von neuem Muthe beseelt; beide richteten sich in die Höhe, der eine schwang sein Schwert, der andere bäumte sich mit dem Speer, und so standen sie mit flie¬ gendem Athem einander zum letzten Kampfe gegenüber. Da sprach Jupiter, der aus dem goldenen Gewölke des Olymp dem Streite zusah, zu seiner Gemahlin Juno: „Endigen wir endlich diesen Krieg! Du weißest und be¬ kennest es ja selbst, daß Aeneas vom Geschicke dem Him¬ mel bestimmt sey! Wozu steifest du nun seinen Feind und gibst ihm durch Juturna sein Schwert wieder in die Hand? Du hast die Trojaner über Land und Meer verfolgt, den Krieg entzündet, den Palast in Trauer versenkt, das Brautfest durch Jammer gestört. Weitere Versuche verbiet' ich dir!“ Juno antwortete dem zürnenden Gemahl mit gesenktem Antlitz: „Wider Wil¬ len habe ich, weil dein Befehl mir heilig war, die Erde und den Turnus verlassen. Hätte ich dir nicht gehor¬ chen wollen, so würdest du mich jetzt nicht hier in den Wolken das Unrecht erdulden sehen, sondern ich stände, mit Flammen umgürtet, vorn im Trojanertreffen. Daß ich der Nymphe Juturna gerathen, in der Noth ihrem Bruder beizustehen, ist wahr; aber daß sie ohne mein Zuthun dem Bruder das Schwert gereicht, das schwöre ich dir beim Styx! Auch will ich mich des Kampfes gar nicht mehr annehmen, und bitte dich nur um Eines: Wenn Turnus erlegen ist und Aeneas die Königstoch¬ ter heimführt: zwinge die Latiner nicht, ihren alten Volksnamen aufzugeben und sich Trojaner zu nennen, zwinge sie nicht, ihre Sprache zu vertauschen, nicht, fremde Gewande, Sitten und Gebräuche anzunehmen, laß sie das Volk bleiben, das sie gewesen sind, laß auch den Römerstamm aus italischer Wurzel emporwachsen! Troja aber sey und bleibe gefallen mit samt seinem Namen!“ Lächelnd erwiederte der Göttervater seiner Gemah¬ lin: „Kind des Saturnus, geliebte Schwester, was für Zorneswellen wälzest du noch in deinem Innern? Be¬ zähme doch deinen vergeblichen Groll. Was du begeh¬ rest soll dir ja gewährt seyn. Latium soll Sprache, Sitten und Namen beibehalten. Der Trojaner soll sich mit dem Volke verschmelzen und nur so sich ansiedeln; er soll die Opfergebräuche des Landes annehmen, er soll ganz zum Latiner werden. Die Römer, das neue Ge¬ schlecht, das aus dem vermählten Blute der Italer und Teukrer entstehen wird, sollen das Volk seyn, das dir, o Juno, die meiste Ehre erweisen wird!“ Die Göttin nickte dem Gemahl freudig zu, und änderte, zufriedenge¬ stellt, ihre Gesinnung. Nun dachte Jupiter darauf, die Schwester des Turnus aus dem Kampfe zu entfernen. Drei Zwillings¬ kinder, Töchter der Rache, mit Schlangengürteln und Windesflügeln, Diren genannt, stehen immer vor Jupi¬ ters Throne bereit, und werden von ihm zu den Sterb¬ lichen hinabgesandt, wenn er Seuchen, Krieg und andere Todesnoth unter ihnen erregen will. Eine von diesen schickte Jupiter vom Aether herab, und befahl ihr, der Nymphe als ein unheilbringendes Zeichen zu begegnen. Die Dire flog zur Erde hinab, wie ein Pfeil, und so¬ bald sie die beiden feindlichen Heere erblickte, zog sie sich schnell in die Gestalt eines kleinen Käuzchens zusammen, wie es als Unglücksvogel auf Scheiterhaufen oder ver¬ lassenen Häusergiebeln zu sitzen pflegt. In dieser Gestalt um¬ flatterte die Dire das Angesicht des Turnus, kreiste her¬ nieder zu seinem Schild und schlug auch diesen mit den Fittigen. Dem kämpfenden Helden sträubte sich das Haupthaar und seine Glieder erstarrten bei diesem un¬ heilvollen Anblicke. Juturna aber raufte sich das Haar aus und schlug sich an die Brust, denn sie erkannte die Uebermacht Jupiters und fluchte ihrer eigenen Unsterb¬ lichkeit. Sie bedeckte sich den Leib mit dem grünen Flu¬ thengewande und tauchte verzweifelnd in den nahen Ti¬ berstrom unter. Aeneas drang jetzt heran, schüttelte seinen baum¬ langen Speer voll Wuth und rief dem Gegner zu: „Was zögerst du noch Turnus, was sträubest du dich länger? Nicht zum Wettkampfe haben wir uns vereinigt, sondern zum Waffenkampf! Sammle jetzt, was du von Kunst und Muth besitzest!“ Turnus schüttelte das Haupt und entgegnete: „Nicht deine hitzigen Worte schrecken mich, du Trotziger: mich schreckt das Götterzeichen und die Feindschaft Jupiters!“ Mehr sprach er nicht, sondern faßte einen gewaltigen Stein ins Auge, der neben ihm im Felde lag, und einen Markstein vorstellte. Zwölf Männer, wie sie jetzt sind, würden ihn kaum auf den Nacken heben können. Diesen faßte der Rutulerheld mit der Hand, richtete sich empor und wollte ihn im Laufe gegen den Feind schleudern. Aber er kannte sich selbst nicht mehr, denn er fühlte seine Arme kraftlos, seine Kniee schlottern, sein Blut zu Eis erstarren. Der Felsenstein, durch die leere Luft gewirbelt, erreichte sein Ziel gar nicht, er sank entkräftet auf den Boden, wie man oft im Traume einen Anlauf nimmt, und doch nicht gehen und nicht sprechen kann. Turnus wandte sich unwillkührlich zur Flucht um, und säumte, die Rutuler und die Mauern der Stadt vor sich erblickend, in ver¬ zagender Angst, und den Speerwurf des Feindes erwar¬ tend. Vergebens sah er sich nach seinem Wagen, ver¬ gebens nach der leitenden Schwester um. Auch zauderte der Trojaner nicht und schleuderte aus Leibeskräften die Todeslanze, die wie ein Felsstück vom Geschütze abgesendet, oder wie ein Blitzstrahl daher¬ gesaust kam. Durch Schildrand und Panzer fuhr sie dem Feind in die Hüfte, und getroffen vom Stoße sank der gewaltige Turnus zusammenbrechend ins Knie. Die Rutuler ächzten laut auf, daß die hohe Wal¬ dung umher wiederhallte. Turnus lag gedemüthigt auf dem Boden, streckte flehend seine Rechte zu dem Sieger empor und sprach: „Ich hab' es so verdient; ich ver¬ lange keine Schonung für mich; brauche dein Glück! Aber wenn der Jammer meines Vaters dich zu rühren vermag — er ist mir, was dir Anchises war — so er¬ barme dich des greisen Daunus. Gieb mich — oder, willst du dieses nicht, so gieb meinen entseelten Leib den Meinigen zurück! Ich gebe mich ja besiegt; Lavinia sey dein; setze deinem Haß ein Ziel!“ Aeneas stand ausholend zum Streich, seine Blicke roll¬ ten über den Liegenden hin, doch hielt er die bewehrte Rechte zurück; und schon wollte seine Seele sich zum Mitleid kehren, als er zum Unheil des Besiegten hoch an dessen Schulter das Wehrgehenk des arkadischen Fürstensohnes Pallas erblickte, des holden Jünglings, den Turnus er¬ schlagen hatte. Da entbrannte sein Schmerz und Zorn aufs neue, und schrecklich im Grimme rief er: „Wie? du, den der Raub der Meinigen schmückt, solltest mir entrinnen? Pallas, Pallas opfert dich mit diesem Stoß, und nimmt Rache an dem verfluchten Blut!“ So sprach Aeneas, und tauchte stürmisch sein Schwert in die ihm entgegengestreckte Brust des Feindes. Turnus sank zu Boden; Kälte durchrieselte ihm die Glieder, und unwillig floh sein Schatten aus dem erstarrenden Leibe hinab zur Unterwelt.