Der christliche Mann in seinem Glauben und Leben. Von P . Matthias von Bremscheid, Priester aus dem Kapuzinerorden. Dritte Auflage. Mit kirchlicher Approbation und Erlaubniß der Ordensoberen. Mainz Verlag von Franz Kirchheim. 1901. Druck von Joh. Falk III. Söhne, Mainz. Imprimi permittitur. Moguntiae, die 28. Junii 1887.              C. A. OHLER, Can. Cap. eccl. cath. Mog. et Cons. Eccl. Permittimus, ut opusculum cui titulus: „Der christliche Mann in seinem Glauben und Leben“ , servatis de jure servandis, denuo typis mandetur . Romae, die 10. Junii 1901. Fr. Bernardus ab Andermatt        Min. Gener. Ord. Capuc. Vorwort Die günstige Beurtheilung, welche meine beiden Schriften „Die christliche Familie“ und „Die sociale Bedeutung der katholischen Kirche“ gefunden, hat mich ermuthigt, ein Wort auch an unsere christlichen Männer zu richten. Ist es immer wichtig, daß ge- rade die Männer ihre Pflichten gewissenhaft erfüllen, so ist dies doch in unseren Tagen, wo ein so heißer Kampf gegen die Religion und die höheren Güter der Gesellschaft geführt wird, doppelt wichtig und nothwendig. Möge dieses Büchlein nun dazu bei- tragen, daß der eine oder andere Mann Christus und seiner Kirche um so treuer anhange und mit heiliger Begeisterung Gutes wirke auf dem Posten und in dem Kreise, in den Gott ihn gestellt hat. Ich hatte bei Abfassung desselben nicht Ungläubige, sondern gläubige Christen im Auge, die im Glauben und christlichen Leben nur gestärkt und gehoben wer- den sollten. Daß einigemal ein und derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen hervorgehoben wird, ließ sich nicht vermeiden, wird aber auch um so weniger auffallen und störend wirken, da das Ganze ja nicht auf einmal gelesen werden soll. Der Mann, welcher seine Pflichten liebt und in Demuth ringt, sie treu und gewissenhaft zu erfüllen, läßt sich gerne wiederholt an dieselben erinnern. So möge denn Gott, der Geber alles Guten, diese Zeilen reichlich segnen auf die Fürbitte des heiligen Joseph, des Patrones und schönsten Vorbildes unserer christ- lichen Männer. Dieburg , am hohen Fronleichnamsfeste 1887. Der Verfasser. Inhaltsverzeichniß. Seite I. Der Mann und die Religion 1 II. Unser Glaube an Gott 28 III. Wir sind für die Ewigkeit erschaffen 52 IV. Jesus Christus – unser Gott 67 V. Die wunderbare Größe der katholischen Kirche 90 VI. Der Sonntag in seiner Bedeutung 124 VII. Der Mann und die Menschenfurcht 150 VIII. Der christliche Mann in der Familie 171 IX. Der Mann und die Unmäßigkeit 205 X. Der Mann und das Geld 228 I. Der Mann und die Religion. Ueberall, wo es sich um wichtige und große Dinge handelt, sehen wir den Mann an der Spitze stehen. Drohen einem Lande große Gefahren von einem äußeren Feinde, so regt sich mächtig in der Brust des Mannes die Liebe und Begeisterung für das Vaterland; er verläßt das Theuerste, was er hienieden besitzt, Vater und Mutter, Frau und Kind, greift zum Schwerte und zieht muthig in den Kampf gegen den verderbendrohen- den Feind. Die Männer retten in dieser Zeit der Ge- fahr das Vaterland und bewahren es durch ihren Muth, durch ihre Strapazen, durch ihr Schwert und Blut vor Schmach und namenlosem Elende. Aber auch zur Zeit des Friedens sind es die Männer, die überall ein- greifen, wo es sich darum handelt, große Thaten zu vollbringen und Segen zu verbreiten. Männer sind es, die im Namen und mit der Auctorität Gottes die Völker lenken und regieren; Männer sind es, die im Rathe der Fürsten sitzen und ihnen mit ihrer Einsicht und Erfahrung zur Seite stehen; Männer sind es, die in unseren hohen und niederen Schulen die Wissenschaften lehren; möch- ten sie es auch nur immer im rechten Geiste thun. Männer sind es, in deren Händen gewöhnlich die In- dustrie ruht und die durch ihre nützlichen Erfindungen, man möchte sagen, die Länder näher an einander ge- rückt haben; Männer, die selbst dem stürmischen, unbe- zähmbaren Meere Trotz bieten und dasselbe zwingen, ihre Schiffe, reich beladen mit Waaren, in fremde Län- der zu tragen. Ueberall stehen so die Männer an der Spitze; überall geben sie den Ton an, üben sie ihre Herrschaft aus. So ist es auch recht; so will es der Schöpfer. Darum hat er die Männerwelt ausgestattet mit Einsicht und Verstand, mit Muth und Kraft, mit Thatendrang und Energie. Nur ein Gebiet gibt es, wo viele, ja unzählig viele Männer nicht an der Spitze stehen, nicht den An- dern mit ihrem eifrigen Beispiele vorangehen wollen. Und doch ist die Pflege dieses Gebietes so enorm wich- tig für den einzelnen Menschen und die ganze Gesell- schaft. Was ist das für ein Gebiet? Es ist die Reli- gion. Es ist ein höchst verhängnißvoller Irrthum, wenn man glaubt, die Männer brauchten sich um Religion nicht viel zu kümmern. Alle höheren Güter der Gesell- schaft werden durch diesen Irrthum geschädigt. Gerade die Männer sollen viel auf Religion halten. Sind die Männer treu unserer heiligen Religion ergeben, so ist das ein reicher Gewinn für sie selbst, für die Familie, für Kirche und Staat . 1. Es ist zunächst ein reicher Gewinn für die Männer selbst, wenn sie treu unserer heiligen Religion er- geben sind. 1. Es ist nur zu bekannt, daß auch die Männer ihre Leidenschaften und zwar starke, heftige, glühende Leidenschaften besitzen können. Wollte man dies leugnen, jeden Tag würde uns die Erfahrung Beweise dafür bieten. Sie würde uns heute einen Mann zeigen, den die Leidenschaft des Zornes ganz und gar beherrscht, der bei jeder kleinen Unannehmlichkeit gleich aufbraust, Feuer und Flamme wird und so seinen Angehörigen manche bittere Stunden bereitet. Morgen würde sie uns auf einen Mann hinweisen, der dem niedrigsten und schmutzigsten Geize ergeben ist und darum seiner Gattin, seinen Kindern, ja sich selbst nicht einmal die nothwendige Nahrung und Kleidung gönnt. Hier würde sie auf einen Mann aufmerksam machen, welcher von einer unreinen Leidenschaft gefesselt ist und die eheliche Treue, die er in feierlicher Stunde am Altare gelobt hat, schnöde bricht und dadurch namenloses Weh in das Herz seiner treuen Lebensgefährtin hineinsenkt. Dort würde sie uns einen Mann zeigen, der nur thörichten Unsinn redet und sich benimmt wie ein verstandloser Knabe, weil er in Folge seiner Trunkenheit keines ver- nünftigen Gedankens mehr fähig ist. Also Leiden- schaften können die Männer besitzen. Unser eigenes Herz und die Erfahrung sagen uns das jeden Tag. Macht nun aber die Leidenschaft, die unbezähmte Leidenschaft den Mann glücklich, hebt und adelt sie ihn? Wer in der ganzen Welt möchte das behaupten? Hat je die Unmäßigkeit, die Trunksucht einen Mann glück- lich gemacht und ihm Ehre und Würde verliehen? Nein; bis in den Staub der Straße, bis unter das unvernünftige Thier erniedrigt sie die Männer. Hat je die Unlauterkeit Heil und Frieden dem Herzen des Mannes geschenkt? Nein, mit Unrath und Schmutz, mit Oede und Leere, mit Unfrieden und Verwirrung füllt sie es an. Jede Leidenschaft treibt ihre scharfen Dorne in das Herz des Mannes und macht seinen Lebensweg zu einem Dornenweg; jede Leidenschaft reißt dem Manne die Herrscherkrone, das Diadem seiner Würde, mit dem der Schöpfer ihn geschmückt hat, vom Haupte und macht ihn zum Sclaven. „ Wer Sünde thut, ist ein Sclave der Sünde “ (Joh. 8, 34). Will der Mann nun vernünftig sein, will er wahre Selbstliebe besitzen, so muß er Alles achten und hoch- schätzen, was ihm die Leidenschaft überwinden hilft. Das thut aber vor Allem unsere heilige Religion. Ist es denn nicht unsere heilige Religion, die uns beständig ermahnt, daß wir wachen über unser Inneres, daß wir streiten gegen unsere bösen Neigungen, daß wir ja keinen Frieden mit denselben schließen? Ist es nicht unsere heilige Religion, die uns darum so oft erinnert an die tief ernsten christlichen Wahrheiten, an die Heilig- keit und Gerechtigkeit Gottes, an Tod, Gericht und Ewigkeit, und die, um uns anzuspornen zum beharrlichen Kampfe gegen das Böse in unserem Innern, uns be- ständig hinweist auf das hehre, vollkommene Leben Jesu und das Beispiel der Heiligen, die auch zu kämpfen hatten wie wir, aber mit Gottes Gnade herrliche Siege davon trugen und nun für alle Ewigkeit mit der himmlischen Krone geschmückt sind? Ist es nicht unsere heilige Religion, unsere theuere Kirche, die uns nicht bloß zum Kampfe ermahnt und aufmuntert, sondern auch durch ihre reichen Gnadenmittel, besonders durch ihre heiligen Sakramente himmlische Kraft und Stärke in unser schwaches, zaghaftes und wankelmüthiges Herz hineinsenkt, die uns ermunternd und stärkend zur Seite steht, uns lenkt und leitet in diesem Kampfesleben? So hat die Kirche tausend und tausend Jünglinge und Männer vor großen Verirrungen bewahrt und tausend und tausend andere von ihren Verirrungen wieder zurückgebracht. Ein christlicher Mann, der wirklich Reli- gion besitzt, nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich, ist nie und nimmer ein willenloser Sclave seiner Leiden- schaften. Er mag wohl manche Schwierigkeiten und An- fechtungen zu bestehen, manche harte Kämpfe durchzu- machen haben, aber er kämpft doch wirklich und schließt keinen Frieden mit seinen bösen Neigungen. Und hat er im Kampfe etwa eine Wunde erhalten, so weiß er in seinem heiligen Glauben Heilmittel für dieselbe zu finden. 2. Unsere christliche Religion veredelt und stärkt ferner den Charakter des Mannes . Unter Charakter versteht man die durch die Energie des Willens erworbene Gesinnungs- und Handlungsweise, die das ganze Seelenleben beherrscht und unerschütterlich gleichmüßig bleibt. Besonders vom Manne erwartet man einen edlen und festen Charakter. Mag er noch so herrliche Talente, noch so schöne Kenntnisse besitzen, ist er aber ein grundsatz- und charakterloser Mann, so wird er nie seine Stellung ganz ausfüllen, so wird statt Segen nur zu leicht Fluch und Verderben von seinem Leben und Wirken ausgehen. Der Mann darf wahr- haftig nicht gleich sein dem Schilfrohr oder dem nied- rigen Weidenbusche, den der Wind behandelt, wie er will, und der sich tief, möglichst tief beugt, wenn nur ein kleiner Sturm über ihn hinfährt; er soll vielmehr der starken, kräftigen Eiche ähnlich sein, die eine Zierde unserer deutschen Wälder ist. Die Eiche ist kein nied- riges Gestrüpp; sie erhebt frei und frank ihre Krone in die Höhe, gegen Himmel und zur Sonne empor. So soll auch der Mann mit seinem Denken und Wollen nicht im Staube kriechen, sondern frei und frank, ohne alle Scheu und Furcht mit seinem ganzen Leben in die Höhe, nach Gott und dem Himmel emporstreben. Die Eiche steht stark und unerschütterlich fest da. Stürme und Unwetter ziehen Tage lang über sie dahin, toben wild um ihre herrliche Krone, schütteln und rütteln zornig an ihren Blättern und Zweigen, doch der mäch- tige Stamm der Eiche steht ruhig und unbeweglich da wie an einem stillen und schönen Sommermorgen; er läßt sich nicht beugen und entwurzeln, nur tiefer in den Boden senkt er in allen Stürmen seine Wurzeln. So soll auch der christliche Mann dastehen; er soll fest bleiben in seinen guten Grundsätzen und unerschütterlich treu halten zur erkannten guten Sache, auch bei Hinder- nissen und Chikanen, auch bei Beleidigungen und Ver- folgungen, auch in Stürmen und Unwettern. Aber bei aller Stärke und Festigkeit ist die große, kräftige Eiche doch ein gar lieber und freundlicher Baum. An ihren Blättern trägt sie keine scharfen Dornen und Stacheln, welche die Hand verletzen und blutig verwunden; die Eicheln, die sie hervorbringt, sind nicht der Art groß und schwer, daß man ihr herabfallen zu fürchten hätte. Sie breitet ihre grünen Aeste weit aus und winkt mit denselben dem müden Wanderer, zu kommen und in ihrem kühlen Schatten auszuruhen; sie schützt ihn wie vor den sengenden Strahlen der Sonne, so auch vor Sturm und Hagelwetter. Das Alles ist ein Bild des echten, wahren Mannes, der bei aller Entschiedenheit und Festigkeit in seinen Grundsätzen, bei aller Zähig- keit und Energie in seinem Handeln kein herzloser Tyrann, kein wilder störrischer Mensch ist, sondern theilnehmend und freundlich, liebevoll und zuvorkommend sich zeigt und so durch sein Leben und Wirken weithin Glück und Freude, Heil und Segen verbreitet. Nun frage ich: Besitzt nicht gerade unsere christliche Religion die Fähigkeit, in dieser Weise den Charakter des Mannes zu veredeln, ihm Stärke und Festigkeit zu geben und ihm zugleich alles Rauhe und Herbe zu nehmen? Unser heiliger Glaube leitet den Mann ja an, das Gute unter allen Umständen zu thun, mag es ihm nun Anerkennung oder Haß, Lob oder Tadel eintragen. Er leitet ihn an, bei seinem Thun und Lassen nicht auf die Gunst launenhafter Menschen hin- zusehen, sondern auf das Wohlgefallen des ewigen, un- veränderlichen Gottes, der ihn nach dem Tode richten wird. Unser Glaube ruft ihm die ernsten Worte unseres göttlichen Heilandes zu: „ Wer sich mei- ner und meiner Lehre schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit “ (Luk. 9, 26) und die andern Worte des Apostelfürsten: „ Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen “ (Apostelgesch. 5, 29). Mit dieser Auf- forderung zur Festigkeit verbindet unsere Kirche dann die Gnade Gottes; sie legt in den Sakramenten himm- lische Kraft in das schwache und unstete Menschenherz, daß es stark und fest, muthig und ausdauernd werde. Darum ist der christliche Mann, der wahrhaft Religion besitzt, keine leichte Wetterfahne, die sich von Außen ihre Richtung geben läßt, ist nicht wie Espenlaub, das bei jedem leichten Windhauche zittert, sondern er gleicht dem unbeweglichen Berge Sion, wie es in einem Psalme so schön heißt. Zum Beweise dafür könnte man hin- weisen auf die zahllosen Märtyrer, die nicht durch die Qualen der Folter, nicht durch die Flammen der Scheiterhaufen, nicht durch die Wuth der wilden Thiere in ihrer Ueberzeugung sich beirren ließen; man könnte aufmerksam machen auf so viele Bekenner der früheren Zeiten, die um der guten Sache willen manche Drang- salen erduldeten, freudig in den Kerker gingen oder in die harte Verbannung wanderten. Doch der Kürze halber will ich bloß mit wenigen Worten auf zwei Männer hinweisen, die in gar schwieriger Lage eine ganz seltene Charakterfestigkeit an den Tag gelegt haben. Der eine war Thomas Morus, welcher bekanntlich unter Heinrich VIII. in England lebte. Er war nach dem Könige der angesehenste Mann im ganzen Lande; er besaß die schönsten Anlagen des Geistes und des Herzens und verwaltete in vortrefflicher Weise das hohe Amt eines Reichskanzlers. Doch noch herrlicher stand er da durch seine christliche Frömmigkeit, durch seine unbeugsame Standhaftigkeit im katholischen Glauben und seine unverletzte Treue gegen Gott und seine hei- lige Kirche. Nichts konnte ihn wankend machen in dieser Treue, nicht der Zorn und die Drohungen seines Königs, nicht die Versuche seiner nächsten Angehörigen, nicht die Bitten und Thränen seiner Gattin, nicht lange und schwere Kerkerhaft, nicht ein harter und grausamer Tod. Mit dem Krucifixe in der Hand schritt er muthig auf das Blutgerüst, blickte ruhig auf die versammelte Menschenmenge, zu welcher er mit fester Stimme die Worte sprach: „Ich sterbe als treuer Unterthan des Königs im echten katholischen Glauben. Betet für mich.“ Dann band er sich selbst das Tuch um die Augen, kniete nieder, legte sein Haupt auf den Block und bat scherzend den Scharfrichter, so lange zu warten, bis er seinen Bart bei Seite geschoben; denn dieser habe doch keinen Ver- rath begangen. Mit solchem Muthe und solcher Ruhe starb dieser große Mann für seine katholische Ueberzeugung. Der andere Mann, von dem ich noch sprechen wollte, war kein Laie, sondern ein Priester, geschmückt mit der höchsten Würde des Priesterthums; es ist Papst Pius VII. Von Natur ans war dieser Papst sehr zur Nachgiebigkeit geneigt; auch nicht die geringste Spur von Schroffheit und Härte fand sich in seinem Charakter vor. Und doch welche Festigkeit und Unbeugsamkeit hat er an den Tag gelegt und zwar einem Manne gegenüber, vor dem ganz Europa zitterte, auf dessen Wink die Kronen den Königen vom Haupte fielen. Pius VII. mit dem sanften, milden, nachgiebigen Cha- rakter zeigte keine Schwäche und keine Furcht vor dem mächtigen und siegreichen Manne des Schwertes und der Schlachten, vor Napoleon 1. Muß er auch fort aus dem geliebten Rom, wird er auch in die Ver- bannung geführt, thut nichts, er fügt sich nicht der ungerechten Forderung des gefürchteten Welteroberers. Der christliche Glaube hatte den schwachen Papst stark und unüberwindlich, hatte den milden Pius zu einem Manne von Stahl und Eisen gemacht. Doch der Mann darf, soll sein Charakter ein voll- kommener sein, nicht bloß fest und unbeugsam, nicht bloß Stahl und Eisen sein, sondern muß mit der Stärke und Festigkeit Freundlichkeit, Sanftmuth und Liebe verbinden. Auch dazu verhilft ihm unsere hei- lige Religion, wenn er nur ernstlich sich von derselben beeinflussen läßt. Sie mahnt ihn ja, den Zorn und sein aufbrausendes Wesen zu bekämpfen und sanft- müthig zu sein, weil die Sanftmüthigen vom Herrn selig gepriesen werden; Beleidigungen lehrt sie ihn ver- gessen und verzeihen, damit er von Gott auch Ver- zeihung seiner Sünden erlange; täglich läßt sie ihn beten: „ Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern .“ Sie sagt ihm, daß er bei Widerwärtigkeiten nicht gegen Gott murren, unter der Last des Kreuzes sich nicht ausbäumen darf, sondern dasselbe dem göttlichen Hei- land in Geduld und Ergebung nachtragen soll gemäß seiner Aufforderung: „ Wer mir nachfolgen will , der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach .“ Und damit der Mann dazu um so eher und um so besser im Stande sei, weist die Kirche ihn hin auf die glän- zende Krone der Vergeltung, die ihm dereinst im Him- mel zu Theil wird, wenn er sich hier auf Erden recht in der Selbstverleugnung geübt hat; sie faltet ihm seine kräftigen Hände und lehrt ihn zum allmächtigen Gott um Gnade und Stärke bitten; sie führt ihn zum Mahle der göttlichen Liebe, auf daß er in der heiligen Communion beim sanftmüthigen Herzen Jesu sich Kraft hole zum Kampfe gegen sein heftiges und leicht auf- flammendes Temperament. Hat nicht auf diese Weise unsere Kirche zahllos viele Männer wahrhaft veredelt, indem sie ihnen die ganze Stärke und Festigkeit eines männlichen Charakters gelassen, ja noch vermehrt und erhöht, dann aber dieselbe gemildert und verklärt hat durch Demuth, Sanftmuth und tägliche Selbstverleug- nung? Wer denkt hier nicht an den hl. Paulus, der einst auf dem Wege nach Damaskus vor Wuth schnaubte wie ein wildes Ungeheuer und gleich einem hungrigen Tiger nach Menschenblut lechzte, durch die Religion Jesu aber zu jenem großen Weltapostel mit dem weiten, liebevollen Herzen sich heranbildete, der Allen Alles wurde, um Alle für Christus und den Himmel zu gewinnen, der wie eine Mutter mit den Traurigen weinte und wie ein Kind sich freute mit den Fröhlichen? Wer denkt hier nicht an den bekannten lieben heil. Franz von Sales, der trotz seiner großen natürlichen Heftigkeit durch seinen christlichen Glauben eine ganz seltene und wunderbare Sanftmuth sich an- eignete, und an den heil. Vinzenz von Paul, der von Natur herb, finster und abstoßend war, aber in dem Christentum die Kraft fand, sich selbst vollständig zu überwinden und jener weltberühmte Engel der christlichen Nächstenliebe zu werden, dessen Schöpfungen der Barm- herzigkeit zur Stunde noch tausend und tausend Men- schenherzen, die von Kummer und Schmerz verwundet sind, Trost und Linderung bieten? O daß wir Männer es doch recht erfaßten, wie viel wir durch unsere Reli- gion für Veredelung und Stärkung unseres Charakters gewinnen könnten! Dann müßte bald die Klage ver- stummen, daß die edlen und festen Charaktere in der Männerwelt immer seltener werden in unseren Tagen. Denn nur dadurch, daß so viele Männer sich lossagen von Gott, dem allzeit Unveränderlichen und der ewigen Liebe, fallen sie ihrer eigenen Schwäche und Selbstsucht anheim und wird ihr inneres Wesen und ihr äußeres Leben immer grundsatzloser und gemeiner. Nur Gott, nur seine Wahrheit, seine Liebe und seine Gnade machen uns wahrhaft groß, wahrhaft stark und edel, bilden uns zu Männern im besten Sinne des Wortes. 3. Es steht nach dem Gesagten fest, daß der Mann für sein ganzes Leben und Wirken durch den christlichen Glauben nur Vieles gewinnen kann. Wie nun aber, wenn es mit seinem irdischen Leben zu Ende geht, wenn das Herz des kräftigen Mannes, das jetzt so frisch und lebensfroh schlägt, in namenloser Todes- angst zittert und bebt, und sein Haupt, das jetzt so kühn und stolz in die Welt hinausschaut, schwach und todesmüde auf dem Kissen des Sterbebettes liegt? Was soll ihm dann in diesem ernstesten und wichtigsten Augenblicke Muth, Kraft und Zuversicht geben? Nicht die Ehrenstelle, die er mühsam in der Gesellschaft er- klommen, nicht das einträgliche Geschäft dem er Jahre lang vorgestanden, nicht das Geld und Gut, das er auf alle nur mögliche Weise sich erworben hat. Alles das verliert seinen Glanz beim Lichte der Sterbekerze, verliert seinen Zauber, wenn Gott sich erhebt, um mit dem Manne in's Gericht zu gehen. „ Reichthümer nützen nichts am Tage des Gerichtes, aber Gerechtigkeit befreit vom Tode “ (Spr. Sal. 11, 4). Ja, die Gerechtigkeit, ein wahrhaft religiö- ses Leben befreit vom Tode, vom ewigen Tode. Hat der christliche Mann in seinem Leben sich den Glauben als das kostbarste Kleinod sorgfältig bewahrt und nach den Vorschriften dieses Glaubens Gott treu gedient, dann kann er auf dem Sterbebette mit Freuden auf seine Vergangenheit zurückschauen und mit Hoffnung und Zuversicht seinem Richter entgegengehen. John Caroll von Carollton, ein großer edler Mann und Charakter, ein tüchtiger Jurist, der alle einem ameri- kanischen Bürger offenstehenden Ehrenposten bekleidet hatte, war ein eifriger, praktischer Katholik. Als er nun dem Tode nahe war und seine Kinder und Enkel sein Sterbebett umstanden, sprach er zu ihnen: „Ich habe 96 Jahre gelebt; ich war beständig gesund, war ge- segnet mit Reichthum, Glück, Ansehen, Sympathie von Seiten des Volkes und mit Allem, was die Welt ge- ben kann. Doch was mich am meisten jetzt tröstet, ist das Bewußtsein, daß ich stets meinen religiösen Ver- pflichtungen nachgekommen bin, daß ich stets aufrichtig bemüht war, meinem Gott treu zu dienen.“ Männer, die ihr diese Zeilen leset, möget ihr einst alle mit einer ähnlichen Zuversicht dem Tode in's An- gesicht schauen und vor euern ewigen Richter hintreten können! 2. Es ist ferner für die ganze Familie ein großer Gewinn, wenn der Mann treu unserer heiligen Reli- gion ergeben ist. Der Mann ist das Haupt der Familie. Ist das Haupt krank, so können die stärksten Arme und die besten Füße diesen Schaden dem Körper nicht ersetzen; sind die Funktionen des Gehirns gestört und ist das Haupt dem Wahnsinn verfallen, so ist der ganze Mensch nicht mehr zurechnungsfähig, sein ganzes Denken und Handeln und Leben hat für ihn und für Andere seine Bedeutung verloren. Welch' eine Wohl- that dagegen ist für den Menschen, für sein Leben und Wirken ein gesundes Haupt, ein klarer, tüchtiger Kopf! Aehnlich ist es auch mit der Bedeutung des Hauptes in der Familie. Krankt dieses Haupt in sittlicher und religiöser Beziehung, d. h. ist der Mann schlecht und verdorben, will er von Gott und seiner Religion nichts wissen, so ist das ein Unglück für die Familie, das man nicht genug beweinen kann; überaus nachtheilig und traurig für alle Glieder sind die Folgen eines solchen Unglückes. Glücklich dagegen die Familie, an deren Spitze ein Haupt, ein Mann nach dem Herzen Gottes steht, ein Mann, der Allen im Hause voran- leuchtet durch seine Treue gegen Gott und seine Kirche, durch seine Treue in Erfüllung all' seiner Pflichten. Unberechenbar ist der Segen, der von ihm über sein ganzes Haus ausgeht. 1. Es gewinnt zunächst durch die Religiosität des Mannes seine Gattin und zwar zuerst für ihr eigenes religiöse Leben. Ein Jeder, der auch nur ober- flächlich in's Leben geschaut, weiß, wie wichtig es ist, daß gerade die Frau des Hauses, die Mutter der Kinder einer Familie tief religiös und wahrhaft fromm sei. Eine solche Frau und Mutter ist für den Mann eine besorgte und liebevolle Lebensgefährtin, die ihm treu und beglückend zur Seite steht, ist für die Kinder wie ein sichtbarer Schutzengel, der für ihr zeitliches und ewiges Wohl Sorge trägt, ist für das ganze Haus wie ein höheres, übernatürliches Wesen, das für Alle und für Alles Interesse besitzt. Von ihr sagt selbst der heilige Geist in der Schrift: „ Gnade über Gnade ist ein heiliges und schamhaftes Weib “ (Sir. 26, 19). Das wissen selbst Männer, die für ihre eigene Person sich nicht viel um Religion kümmern; gern führen sie die Worte im Munde: Die Religion ist gut für die Frauen. Daher kommt es auch oft vor, daß solche irreligiöse Männer ihre eigenen Töchter Klosterfrauen zur Erziehung übergeben. Sie haben es mehr wie einmal erfahren, daß ein Weib ohne Reli- gion ein Weib ohne sittlichen Halt, ohne Opfergeist und ohne Tugend, daß es eine Plage und ein Ver- derben für den Mann und die Kinder, für die Familie und die Gesellschaft ist. Ja, die Religion besitzt eine hohe Bedeutung für das weibliche Geschlecht. Das weibliche Geschlecht aber, die Frauen und Jung- frauen werden nicht auf die Dauer wahrhaft religiös bleiben, werden nicht auf die Dauer durch gediegene Frömmigkeit reichen Segen verbreiten, wenn die Männerwelt mehr und mehr der Religion entfremdet wird. Zum Beweise dafür kann ich mich einfach auf die tägliche Erfahrung berufen. Da lebt eine Jung- frau, die alles Lob verdient; sie kommt eifrig ihren religiösen Pflichten nach und fühlt sich glücklich dabei; sie ist wirklich tugendhaft; man kann ihr keinen Vor- wurf machen. Eines Tages nun tritt sie mit einem jungen Manne zum Brautaltare, um mit ihm den Ehebund zu schließen. Sie ist im Augenblicke von dem besten Willen beseelt; sie hat die schönsten Vorsätze ge- faßt. Doch wartet nur zehn Jahre und ihr werdet sie kaum mehr wieder erkennen. Ihr religiöser Eifer ist geschwunden; das Gebet bereitet ihr keine Freude mehr; sie macht sich kein Gewissen mehr daraus, am Sonn- tage aus den leichtfertigsten Gründen die heilige Messe zu versäumen; ja die Unglückliche ist vielleicht so weit gekommen, daß sie über religiöse Ceremonien und Ge- bräuche, über Gebet und Frömmigkeit höhnt und spottet. Woher nun diese Veränderung? Der junge Mann, dem sie vor Jahren in seliger Hoffnung am Altare ihre zitternde Hand zum Lebensbunde gereicht, war innerlich der christlichen Religion entfremdet. Er hatte das seiner Braut sorgfältig zu verbergen verstanden; doch bald nach der Eheschließung macht er kein Ge- heimniß mehr daraus. Es war für die junge Frau, als sie dies zum erstenmale erfuhr, ein großer Schmerz; sie besaß sogar den Muth, ihm liebevolle Vorstellung darüber zu machen. Ein verächtliches Lächeln und eine spöttische Bemerkung war die Antwort, und als sie nach einiger Zeit bei passender Gelegenheit wiederum eine schüchterne Mahnung an ihn wagte, wurde sie kurz und scharf abgewiesen. Seitdem hat sie nie mehr einen ähnlichen Versuch gemacht; sie wollte ihrem Manne nicht mehr lästig fallen. Ihr Schmerz über seine Irreligio- sität nahm nach und nach ab; ihr eigener Eifer wurde mit jedem Monate schwächer; aus falscher Liebe zum Manne unterließ sie bald diese, bald jene religiöse Uebung und schließlich denkt und lebt sie wie er. Ja weil das Weib von Natur schwächer ist als der Mann, blickt es gern zu ihm wie zu einer Auctorität auf, denkt gern wie er, lebt und handelt gern nach seinem Wohlgefallen. Sind darum die Männer irreli- giös, so werden auch die Frauen mit der Zeit sicher träg und gleichgiltig in Bezug auf ihre religiösen Pflichten. Treten dagegen die Männer überall mit Eifer ein für Gott und seine heilige Sache, erweisen sie sich als gute, treue Söhne der Kirche, dann wird das weibliche Geschlecht nicht bloß in gewöhnlicher Weise religiös sein, sondern es wird einen besondern Eifer für Gott und die Tugend an den Tag legen. Ganz mit Recht sagt der bekannte Kolping: „Die Männer müssen wir zuerst haben, die Frauen kommen dann von selbst.“ Die Frau gewinnt ferner durch die Religiosität des Mannes an Liebe zu demselben. Der Mann verlangt Liebe von seiner Gattin, wahre, treue, opferwillige Liebe. Wahre Liebe aber setzt Achtung und Hochschätzung voraus. Ohne diese ist die Liebe nur ein Strohfeuer, das bald erlischt und von dem nur etwas kalte Asche übrig bleibt. Will der Mann, daß seine Gattin ihn bis zum Lebensende liebe, so muß er dafür sorgen, daß er ihr nie Ursache gebe, ihn zu verachten, sondern daß sie stets mit Hochachtung zu ihm aufschaue. Nun frage ich aber alle christlichen Männer: Müssen euere Frauen euch nicht überaus hochachten, wenn sie sehen, daß ihr im Guten feststeht wie der Fels im Meere, daß ihr durch Nichts, nicht durch freisinnige Kameraden, nicht durch Zeitschriften und Tagesblätter, nicht durch Lügen und Verleumdungen, nicht durch Verheißungen und Drohungen euch irgend wie beirren lasset, wenn sie täglich sehen, wie ihr treu und gewissenhaft den Weg der Pflicht und der Tugend wandelt? Werden dann nicht euere Frauen mit großer Bewunderung, mit inniger Liebe, ja mit freudigem Stolze zu euch ausblicken? Denn die christliche Gattin liebt um so stärker und inniger ihren Gatten, je mehr sie hoffen darf, dereinst auch in ewiger Liebe dort oben im Himmel mit ihm vereinigt zu werden. Aber auch die andere Frage stelle ich an die christlichen Männer: Kann man sich noch wundern, daß aus so vielen Ehen die wahre Liebe und der goldene Frieden geschwunden, daß so manche Frauen keine Achtung und keine rechte Liebe mehr zu ihren Männern fühlen, da diese Männer in ihrem Herzen keine Faser mehr für ihren unend- lichen Gott besitzen, da sie Tag für Tag durch ihre Gottlosigkeit, durch ihr niedriges und gemeines Denken und Handeln sich als ehrlos und verachtungswürdig hinstellen? Seid und bleibt tugendhafte und tief religiöse Männer, und ihr werdet alle Tage eueres Lebens den ersten Platz der Achtung und der Liebe in dem Herzen euerer Gattin einnehmen. Noch ein dritter Nutzen geht aus der Religiosität des Mannes für das Weib hervor. Sie wird um so freudiger und besser ihren wichtigen Beruf erfüllen, je tüchtiger und religiöser ihr Mann ist. Zwar ist der Beruf des Weibes ein mehr stiller und bescheidener als der des Mannes; aber gerade von diesem ruhigen, stillen und bescheidenen Wirken fließt eine ganze Fülle von Segen auf die Familie und die Gesellschaft. Oft steht still und unscheinbar eine Blume auf der Wiese oder am einsamen Waldwege; sie besitzt keine Farben- pracht, keinen duftenden Wohlgeruch, keine auffallende Größe; darum beachtet sie der Wanderer nicht und tritt sie mit Füßen. Und doch ist diese stille, unschein- bare Blume viel werthvoller als manche andere, die in großer Farbenpracht am Fenster der Vornehmen steht und die Blicke der Vorübergehenden auf sich zieht; denn sie besitzt eine Heilkraft, die schon vielen Kranken die kostbare Gesundheit wieder geschenkt hat. Nicht immer ist das, was am meisten in die Augen fällt, auch das Bedeutendste und Einflußreichste. Obgleich ein ruhiger und stiller, ist der Beruf des Weibes in der Familie ein äußerst wichtiger. Doch der Segen, der von dem- selben ausgeht, ist um so größer, je freudiger und opferwilliger das Weib seinen Pflichten nachkommt. Werden die Frauen aber nicht dann um so eher treu ihrem Berufe entsprechen und all' die vielen Mühen und Beschwerden, die derselbe mit sich bringt, gern und willig auf sich nehmen, wenn ihre Männer wirklich wahre, ganze Männer sind, Männer, welche die Religion wirklich geläutert und veredelt hat und noch beständig zum Guten aneifert? Dann werden die Frauen ihr höchstes Glück darin finden, für solche Männer und ihre Kinder leben und sich opfern zu können. Mancher Mann könnte so leicht glücklich, recht glücklich in seiner Familie leben, wenn er nur einmal ernstlich anfangen wollte, ein eifriger Christ und treuer Sohn der Kirche zu sein; aber der Arme weiß in seiner Blindheit nicht, was ihm zum Heile dient. 2. Eine große Wohlthat ist ferner die Religiosität des Mannes, des Vaters für die Kinder . Für die Erziehung der Kinder ist zunächst von Bedeutung, daß beide Eltern, Vater und Mutter, in Einheit zusammen- wirken. Nie wird ein großes, schönes, bequemes Wohn- haus entstehen, wenn die Arbeiter nicht nach einem einheitlichen Plane bauen, wenn der eine die Steine so legt, der andere aber wieder anders. So kann auch nur dann aus den Kindern etwas Rechtes werden, wenn Vater und Mutter in Einheit mit einander leben und wirken, zumal wenn sie im Wichtigsten, in der Religion, mit einander harmoniren. Wie kann die Erziehung der Kinder gedeihen, wenn der Vater durch seinen Unglauben oder durch das Beispiel der religiösen Gleichgültigkeit niederreißt, was eine brave Mutter mit Mühe aufgebaut hat? Wie kann man das eine gute und glückliche Erziehung nennen, wenn die Mutter mit ihren christlichen Bestrebungen allein dasteht, wenn die Kinder nicht gehoben und getragen werden durch das erbauende Beispiel des Vaters? Gerade das Leben des Vaters soll der erziehenden Thätigkeit der Mutter Halt und Stütze, Kraft und Auctorität verleihen; gerade das Beispiel des Vaters soll gleichsam die sichere, starke Mauer sein, an der die Kinder, besonders die Söhne hoffnungsvoll heranwachsen, wie der Epheu an der festen Burgmauer sich emporrangt. Das gute herrliche Beispiel eines tüchtigen christlichen Vaters ist für die Kinder mehr werth als ein großes Vermögen, das er ihnen hinterläßt. Ein berühmter, weiser Mann des Alterthums wurde ungerecht verfolgt, seines Vermögens beraubt und in den Kerker geworfen, in dem er längere Zeit schmachtete; endlich kam es mit ihm zum Sterben. Seine An- gehörigen durften ihn noch einmal vor seinem Tode besuchen; schluchzend und weinend standen in tiefem Schmerze die Kinder um das ärmliche Sterbelager des geliebten Vaters. Auch diesem floß das Herz über vor Kummer und Weh; besonders hart war es ihm, daß er seine theuern Kinder so arm zurücklassen, daß er ihnen nichts als Erbe schenken konnte. Doch bald faßte er sich wieder und sprach: „O meine Lieben, ich ver- mache euch das Bild meines Lebens.“ Glücklich, zehn- mal glücklich die Kinder, die einen Vater besitzen, dessen Leben für sie immer der Spiegel und das Vorbild eines wahrhaft christlichen und Gott wohlgefälligen Lebens sein kann; er hinterläßt ihnen eine bessere und schönere Erbschaft, als wenn er einem jeden von ihnen zehntausend Pfund Gold hinterlassen hätte. Noch Eines sollten die christlichen Männer und Väter nicht vergessen. Ein Vater, der treu und ge- wissenhaft seine religiösen Pflichten erfüllt und in jeder Beziehung ein tugendhaftes Leben führt, zieht dadurch den Segen Gottes auf seine Kinder herab. Das ist eine Wahrheit, die uns durch das untrügliche Wort der heiligen Schrift bezeugt wird. „ Ich bin der Herr , dein Gott, ein starker eifernder Gott, der die Missethaten der Väter bis in das dritte und vierte Geschlecht an den Kindern straft , bei denen, die mich hassen, der aber Barm- herzigkeit erweist bis in das tausendste Glied an denen, die mich lieben und meine Gebote halten “ (II Mos, 20, 5-6). „ Generatio rectorum benedicetur “ „ Die Nachkommenschaft der gerechten Väter wird gesegnet werden “ (Ps. 111). Sind das nicht Worte, die einen tiefen und mächtigen Eindruck auf das Herz eines jeden christlichen Vaters machen und ihn nachhaltig anspornen sollten, mit allem Eifer nach christlicher Tugend und Vollkommenheit zu streben? Denn wo ist auf Erden ein Vater, der nicht gerne seine Kinder, für die er lebt und arbeitet, vom Himmel gesegnet und zwar reichlich gesegnet sehen möchte? Und ist es nicht das tröstlichste Bewußtsein, das einen Vater im Alter be- seelen kann, wenn er sieht, daß seine Kinder auf all' ihren Lebenswegen vom Segen Gottes begleitet werden? 3. Sind die Männer eifrig in Erfüllung ihrer reli- giösen Pflichten, so ist das endlich ein reicher Gewinn für Kirche und Staat . Nur in aller Kürze wollen wir das betrachten. Die Kirche ist eine göttliche Anstalt, und als solche verdankt sie ihre Kraft dem göttlichen Heilande, der ihr Stifter und unsichtbares Oberhaupt ist und sie durch den heiligen Geist wunderbar erhält und regiert. Nicht von großen Männern hat sie in Zeiten schwerer Drangsale und blutiger Verfolgungen ihre unüberwindliche Stärke erhalten, die sie siegreich und verjüngt aus allen Ge- fahren und Kämpfen herausgeführt hat. Nur zu oft waren es im Gegentheil gerade die Männer und zwar die angesehensten, die einflußreichsten, die mächtigsten Männer, die in wüthendem Hasse gegen die Kirche an- stürmten und sie vom Erdboden vertilgen wollten. Durch göttliche Kraft also und nicht durch den Beistand und die Hilfe der Menschen besteht die Kirche. Doch die Kirche ist auch eine menschliche, sie ist eine gottmensch- liche Anstalt; als solche kann sie durch Menschen Manches gewinnen oder verlieren. Ein reicher Gewinn nun ist es für sie, wenn die Männer ihr treu ergeben sind und sich auszeichnen durch ihren religiösen Eifer. Die Kirche gewinnt dadurch zunächst an Freuden . Eine irdische Mutter freut sich, wenn ihre Töchter sich auszeichnen durch ein gutes Betragen und ihr stets Liebe und kindliche Anhänglichkeit bewahren; doch ihre Freude ist besonders groß, wenn die Söhne, welche draußen in der verführerischen Welt leben und dort tausend und tausend Gefahren ausgesetzt sind, trotzdem mit den Töchtern wetteifern in ernstem Tugendstreben und treuer Ergebenheit gegen die Mutter. Aehnlich ist es auch mit unserer heiligen Kirche. Sie empfindet eine innige Freude über die Frömmigkeit der Frauen und Jungfrauen; sie weiß ja, wie viel Gutes sie derselben zu danken hat. Doch noch größer ist ihre Wonne, höher schlägt in mütterlicher Freude ihr Herz, wenn sie sieht, daß ihre Söhne, daß die Männer mitten in einer christusfeindlichen Welt mit Begeisterung ihr ergeben sind, daß sie überall sich bewähren als gute, eifrige Katholiken. Das ist besonders in ernsten, schweren Tagen für sie ein Trost, der sie für manche Bitterkeit und manchen Schmerz entschädigt. Die Kirche gewinnt ferner durch die Religiosität der Männer an Ehren vor der Welt. Vortreffliche Söhne winden allein schon durch ihr Leben den schönsten Ehrenkranz um das Haupt der Mutter. Nach Jahrtausenden steht die maccabäische Mutter noch vor uns im hellsten und schönsten Glanze der Ehre und des Ruhmes wegen ihrer herrlichen Heldensöhne. So sind auch tüchtige Männer, die ihre religiösen und anderen Pflichten gewissenhaft erfüllen, die größte Ehre für ihre geistige Mutter, die heilige Kirche, sind ihre beste Lob- und Vertheidigungsrede, die uns in leben- digem Beispiele ihre göttliche Schönheit und Kraft zeigt. Ein heil. Ludwig, der durch seine Frömmigkeit und segensreiche Regierung den französischen Königs- thron so sehr zierte, ein Thomas Morus, der in Folge seiner religiösen Gesinnung eine ganz seltene Pflicht- treue und Charakterstärke an den Tag legte, jeder Beamte, jeder Kaufmann, ja jeder einfacher Hand- werker und Fabrikarbeiter, der als eifriger Katholik freudig und gewissenhaft allen Obliegenheiten seines schweren Standes nachkommt, ist ein größeres Lob, eine größere Ehre für die Kirche als all' die herrlichen Tempel, die sie gebaut, als all' die Denkmale der Kunst und Wissenschaft, mit denen sie die Gesellschaft bereichert hat. Endlich gewinnt die Kirche durch die Religiosität der Männer auch an segensreichem Einfluß in der Gesellschaft. Die Männer haben überall die Zügel der Herrschaft in den Händen; sie nehmen überall die einflußreichen Stellungen ein. Sind sie nun von gutem Geiste und Streben beseelt, wie viel Herrliches können sie dann wirken als Fürsten, als Beamte, als Lehrer, als Väter, als Meister, als einfache Bürger? Wie viel Gutes aber unterbleibt auch und wie viel Unheil und Verderben wird angerichtet, wenn die Männer nicht sind, wie sie sein sollen, wenn sie sich abkehren von Gott und seiner heiligen Kirche? Daher kommt das ganze Elend unserer Zeit, auch das des Staates. Männer, deren Namen nicht bloß irgendwo in einem Taufbuche steht, sondern die wahrhaft religiös sind und sich darum in ihrem Thun und Lassen wirklich von christlichen Grundsätzen leiten lassen, sind die besten und zuverlässigsten Stützen des Staates. Um des Gewissens willen und aus Liebe zu Gott entsprechen sie freudig den Anforderungen ihres Amtes, ihrer Stellung. Vor jeglicher Ungerechtigkeit und Verletzung der öffent- lichen Zucht und Ordnung schrecken sie zurück, weil über ihnen das Auge eines Gottes wacht, der Alles sieht und Alles vor sein Gericht zieht. In ihrem Fürsten sehen sie mit dem Auge des Glaubens den Stellvertreter des unend- lichen Gottes und sind ihm wie einem Vater ergeben. Besitzt dagegen der Mann keine Religion, ist die Wacht des Gewissens in seinem Innern erstorben, so ist er zu jeglicher Ungerechtigkeit und jeglichem Verrathe fähig. Heute schimpft er in animirter Gesellschaft mit vollem Munde über die laxe Moral der Jesuiten und schon vielleicht Morgen thut er mit beiden Händen einen kühnen Griff in die Staatskasse und sucht mit einer großen Summe schleunigst das Weite. Heute heuchelt er gegen seinen Fürsten treueste Ergebenheit und viel- leicht Morgen schon nimmt er Theil an einem revolu- tionären Komplotte. Nur die Rücksicht auf den größeren Gewinn, auf das blinkende Gold, auf die Partei, der er angehört, wird für ihn maßgebend sein; alles Andere ist ihm feil lind verkäuflich, besitzt für ihn keinen Werth. Im August 1885 starb in Haag Staatsminister Moddermann. Derselbe war ein gläubiger Protestant, aber ohne allen Fanatismus und rechtlich durch und durch. Vor der katholischen Kirche, die ob ihrer Frei- heit in seinem Vaterlande herrliche Blüthen entfaltet, hatte er eine große Hochachtung. Eines Tages kam ein Rechtscandidat zu ihm und bat um eine Anstellung im Staatsdienste. Moddermann fragte ihn: „Welcher Con- fession gehören Sie an?“ Der junge Mann ant- wortete: „Ich bin eigentlich katholisch, aber darauf kommt es mir nicht weiter an.“ „Was?“ sagte Modder- mann mit Strenge und sprang auf, „Sie wissen es nicht zu schätzen, was es heißt, in der katholischen Kirche geboren und erzogen zu sein? Ich habe für Sie keine Anstellung; wer seinem Gott nicht treu dient, dient auch seinem Könige nicht treu.“ Obgleich der betreffende Jurist aus einer sehr angesehenen katholischen Familie Amsterdams stammte, hat er unter dem Ministerium Moddermann nie eine Anstellung erhalten. Leider haben nicht immer alle Minister eine ähn- liche Anschauung und ähnliche Grundsätze besessen und leider erkennen noch zur Stunde viele Männer es nicht, wie verderblich für die Männerwelt und alle gesell- schaftlichen Verhältnisse es sein muß, wenn gerade die Jünglinge und Männer sich dem Christenthum immer mehr und mehr entfremden. II. Unser Glaube an Gott. „Gott und genug!“ sagt einer unserer sinnigen alten Kernsprüche. „Weiß ich, wie Jemand zu Gott steht, dann weiß ich Alles. Ich weiß, was er denkt, was er will, ich weiß, was er werth ist, und das ist genug. Wo Gott nicht haushält, da sichern tausend Riegel nicht. Ist Gott im Schiff, dann führen es auch die Stürme zum Hafen... Ob Bettler oder Fürst, ob Haus oder Staat, ob Schule oder Heer, ob Kloster oder Gesellschaft, für Alle und überall und immer gibt es nur eine Bedingung des Gedeihens: Mit Gott den Anfang, mit Gott das Ende. Alles mit Gott, Alles für Gott, Alles zu Gott P . Weiß , Natur und Uebernatur. S. 225 u. 227. .“ Diese schönen Worte eines neueren Schriftstellers sind jedem wahrhaft christlichem Manne ganz aus dem Herzen gesprochen; es kommt ihm Alles darauf an, daß seine Beziehung zu Gott eine gute und richtige ist. Wohl ist es ihm bekannt, daß es in unseren Tagen leider viel Männer gibt, die nach Gott, ihrem Schöpfer und höchsten Herrn, nichts mehr fragen, ja sogar sein Dasein frech leugnen und über die, welche noch fest an dasselbe glauben, spotten; aber er weiß auch, daß dies nur solche Männer sind, die alle Ursache haben Gott zu fürchten. Schon der heil. Augustinus hat gesagt: „Niemand leugnet Gott, als der, den es freue, wenn kein Gott wäre.“ „Ich möchte,“ spricht La Brugère, „einen nüchtern, mäßigen, gerechten, keuschen Mann finden, der die Existenz Gottes und die Un- sterblichkeit der Seele leugnete; dieser wenigstens würde unparteiisch sein; aber einen solchen Mann gibt es nicht Nach Hettinger , Beweis des Christenthums, B. 1. S. 122. .“ Durch das Gerede solcher Menschen läßt sich der christliche Mann nicht beirren. Er glaubt uner- schütterlich fest an das Dasein eines unendlichen Gottes; er ehrt ihn als seinen höchsten Herrn, liebt ihn als seinen besten Vater und strebt nach ihm als seinem letzten Ziel und Ende. 1. 1. Wir glauben unerschütterlich fest an einen un- endlichen Gott und sind bereit für diesen Glauben unser Leben hinzugeben; denn wir finden Gott überall in den Geschöpfen außer uns . Es ist ein un- umstößliches Gesetz unserer Vernunft, daß es keine Er- scheinung ohne hinreichenden Grund, keine Wirkung ohne hinreichende Ursache geben kann. Gibt man uns ein herrliches Buch, das uns in Staunen setzt durch seine schönen, erhabenen Gedanken, seine schlagenden Beweise, seine glühende und hinreißende Sprache, so fragen wir gleich nach Demjenigen, der dieses bewun- derte Buch versaßt hat. Halten wir es für möglich und denkbar, daß dasselbe durch bloßen Zufall entstan- den sei? ist uns folgende Erklärung seiner Entstehung annehmbar? Eines Tages wehte der Wind eine große Anzahl weißer Blätter zusammen; sie waren ganz un- beschrieben; kein Mensch nahm eine Feder, um nur ein einziges Wort darauf zu schreiben. Ein Knabe ging zufällig mit seinem vollen Tintenfasse vorüber, stürzte zufällig, als er bei den weißen Blättern ankam, sein Tintenfaß zerbrach, dessen schwarzer Inhalt ergoß sich schleunigst auf die Papierblätter und siehe, in wenigen Augenblicken war das herrliche Buch vollendet. Denn die Tinte vertheilte sich von selbst auf die einzelnen Blätter, doch nicht als häßliche Flecken und Kleckse, sondern als schöne Buchstaben. Von diesen waren die einen größer, die anderen kleiner; doch ein jeder fand von selbst seine rechte Stelle, so daß Alles in der schönsten Weise harmonirt; es paßt Buchstabe zu Buch- stabe, Wort zu Wort, Zeile zu Zeile, Blatt zu Blatt. Nirgends ist die geringste Störung, nirgends die kleinste Unrichtigkeit zu entdecken. So ist ohne allen Plan, ohne alle Ueberlegung eines vernünftigen Menschen, bloß durch Zufall das schöne Buch mit seinen groß- artigen Gedanken und seiner klassischen Sprache ent- standen. Wollte Jemand im Ernste uns eine solche Erklärung geben, so würden wir ihn für einen Thoren und Wahnsinnigen halten, der wohl in's Irrenhaus, aber nicht in die Gesellschaft vernünftiger Menschen gehörte. Jedes, auch das kleinste Buch setzt einen Ver- fasser voraus, der gedacht, nach einem Plane gearbeitet hat; durch Zufall ist, seitdem die Welt steht, noch keine einzige Zeile in einem Buche entstanden. Und da sollte die ganze Welt mit ihrer wunderbaren Ordnung das bloße Werk des Zufalles sein? Wie klein und winzig ist der bunte Schmetterling, dem die muntere Kinderschaar nacheilt, um ihn zu saugen. Und doch gibt es an dem kleinsten und un- scheinbarsten Schmetterlinge, wenn man ihn, sein Leben und körperliche Beschaffenheit bis in's Kleinste studirt, mehr Kunst, mehr Weisheit anzustaunen, als an dem großartigen Dome zu Köln. Alle Künstler, alle Ge- lehrten, alle Machthaber der ganzen Welt mit all' ihrem Wissen und Können besitzen zu wenig Einsicht, Weis- heit und Macht, um nur einen einzigen Schmetterling, ja was sage ich, nicht einmal einen einzigen Flügel des Schmetterlings hervorzubringen. Nun denket ein- mal an die zahllos vielen Insekten, an all' die Arten von großen und kleinen Thieren, die im Wasser, auf der Erde und unter der Erde leben, denket an all' die Bäume, groß und klein, die grünen und Früchte tragen, überall findet ihr bis in's allerkleinste Detail eine wunderbare Ordnung und Zweckmäßigkeit. Dann erhebet in nächtlicher Stille eueren Blick gegen Himmel. In welcher Pracht erscheint euch da das Sternenheer. All' diese zahllosen Sterne der Milchstraße, die ihr mit dem gewöhnlichen Auge gar nicht bemerken könnt, sind Weltkörper, von denen wohl die meisten größer sind, wie die Erde, die wir bewohnen. All' diese ungeheuer großen und schweren Weltkörper schweben frei im uner- meßlichen Himmelsraume; ein jeder hat seine bestimmte Bahn, die er seit Jahrtausenden durcheilt und zwar mit einer festen Regelmäßigkeit, wie sie kaum sicherer im besten Uhrwerke beobachtet wird. Kein Mensch kann je, wenn er auch Tausende von Jahren lebte, all' die groß- artigen Wunder der Ordnung, Zweckmäßigkeit und Weisheit, die sich in der Schöpfung finden, nur all- nähernd, ich sage nicht begreifen, sondern nur wahrnehmen. Und das Alles sollte sein Dasein der todten Materie und blinden Kraft zu danken haben? All' diese wunderbare Harmonie und Ordnung, gegen welche alle menschlichen Kunstwerke verschwindend klein und winzig sind, wie der Tropfen Wasser am Eimer im Vergleiche zum unermeß- lichen Meere, sollte durch bloßen Zufall entstanden sein? Das kann nur Unverstand und Blindheit behaupten. Treffend redet der bekannte Jesuitenpater Hammer- stein Hammerstein, Edgar. S. 14 f. seinen Edgar in folgender Weise an: „Jetzt be- trachten Sie die Welt. Welche Entstehungsart steht ihr an der Stirn geschrieben? Die planlose oder die ein- heitlich geplante? Wie kommt es, daß jedes Insekt, jeder Wurm, jedes Säugethier feine entsprechende Nah- rung findet? Woher kommt der Feldmaus ihr Instinkt, den gesammelten Körnern den Keim abzubeißen, so daß sie nicht auswachsen? Wer bewirkt, daß das Männchen des Hirschkäfers als Larve sich eine doppelt so große Höhle, als das gleich große Weibchen, ausgräbt? Weiß es etwa, daß ihm, anders als dem Weibchen, später sein großes Geweih wächst, und daß es hierfür dieses Raumes bedarf? Wer lehrt das Weibchen des Kuckucks die Nester insektenfressender Vögel von den übrigen unterscheiden, so daß es nur in jene seine Eier legt, deren Inhaber später sein Junges mit der richtigen Nah- rung versehen? Wie kommt es, daß die merkwürdig gemischte atmosphärische Luft den Athmungsorganen der ganzen Thierwelt entspricht, und daß von den buchstäb- lich unendlich vielen möglichen Combinationen verschie- dener Gase gerade die wirklich vorhandene sich findet, in welcher wir existiren können? Wie kommt es, daß wir auf der Erde gerade die uns zuträgliche Temperatur, die unsern Kräften entsprechende Anziehungskraft, den unserem Organismus dienlichen Luftdruck antreffen, und nicht etwa einige tausend Grad Reaumur, daß uns nicht ein Gewicht von 100 Zentnern, wie das auf manchen Himmelskörpern der Fall wäre, zu Boden zieht, daß wir nicht zerquetscht werden von einem hundertfachen Druck der Atmosphäre? Woher kommt der merkwürdige Kreis- lauf des Wassers, welches als Regen die Pflanzenwelt tränkt, einsickert, als Quelle uns und den Thieren, ge- reinigt und mit zuträglichen Mineralien versetzt, aus dem Felsen hervorsprudelt, in den Bächen und Flüssen den Fischen ihren Aufenthaltsort bietet, dem Meere zu- strömt, durch die Sonnenstrahlen verdunstet, Wolken bildet und als Regen wieder herabfällt? Woher kommt es, daß das Wasser, eine vereinzelt dastehende Aus- nahme – nicht dichter wird bei größerer Abkühlung, vielmehr seine größte Dichtigkeit, mithin sein größtes Gewicht 4 Grad über Null hat? Folgt es der allge- meinen Regel, so würde das Eis nicht auf dem Wasser schwimmen, sondern untersinken; die Meere gefrören zu Eisklötzen, und bald könnte vor Kälte kein Mensch mehr auf Erden leben. Wie kommt es endlich, daß die leb- losen Mineralien in so scharf mathematischen Krystallen sich zusammen gruppiren? „Wenn Sie das Alles für Zufall erklären, dann sage ich Ihnen mit demselben und noch mit größerem Recht: Goethe's Faust ist nichts als Fliegendreck; Goethe hat nie die Idee zu demselben gefaßt; vielmehr hatte er zufällig mehrere Bogen weißen Papiers in seinem Zimmer liegen, und in seiner Abwesenheit waren die Fliegen so glücklich, durch ihre schwarzen Zeichnungen gerade die Buchstaben, Verse und Scenen des Faust hervorzubringen. Das nenne ich eine „wissenschaftliche“ Erklärung des Faust. Dagegen aus der Existenz dieser Dichtung schließen zu wollen, daß es einmal einen Dichter gegeben, welcher den Faust geplant habe, das stände ebenso sehr mit der „modernen Wissenschaft“ in Widerspruch, als aus der wunderbaren Harmonie der Welt das Dasein eines Schöpfers zu folgern.“ Vollständig berechtigt ist der beißende Hohn und Spott, den P . Hammerstein in den letzten Worten über die „moderne Wissenschaft“ ausspricht. Einer solchen unphilosophischen Wissenschaft gegenüber stimmen wir frohlockend ein in die Worte des königlichen Sängers: „ Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände. Ein Tag überbringt dem andern das Wort, und eine Nacht mel- det der andern die Kunde; über die ganze Erde geht aus ihr Schall und bis an die Grenzen des Erdkreises ihr Wort .“ (Ps. 18.) 2. Wir glauben unerschütterlich fest an das Dasein Gottes und sind, wäre es nothwendig, gern bereit, Gut und Blut für diesen Glauben hinzugeben; denn wir finden ja Gott im Innern des Men- schen selbst . Die Stimme unseres Gewissens legt Zeugniß ab von seiner unbestechlichen Heiligkeit und seiner unbegrenzten Macht. König Konstanz ließ seinen eigenen Bruder Theodosius, einen frommen Diakon, ermorden und zwar an dem nämlichen Tage, wo ihm derselbe den Kelch mit dem hochheiligen Blute Christi gereicht hatte. Von dieser Stunde an verfolgt ihn Tag und Nacht eine schreckliche Angst. Wohin er geht, immer scheint es ihm, als sehe er seinen Bruder in der Diakonenkleidung vor sich, wie er ihm einen Becher voll Blut darreicht mit den Worten: „Trinke, Bruder, trinke.“ Um Ruhe zu finden für sein angst- gequältes Herz, zieht er von einer großen Stadt zur andern, flieht von Konstantinopel nach Italien, aber Alles ist umsonst; die innere Richterstimme schweigt nirgends. – Theodorich, König der Ostgothen, hatte den edlen Symmachus schuldlos hinrichten lassen. Da begab er sich eines Tages, daß man ihm zur Abend- tafel einen Fischkopf von ungewöhnlicher Größe vorsetzte. Der König nimmt ihn wahr, wird bleich, springt mit einem Schrei des Entsetzens auf und ruft: „Ich sehe den Kopf des Symmachus, sehe seine funkelnden Augen, sehe die Zähne, die mich zerfleischen wollen; fort, fort von hier.“ Wie wahnsinnig stürzt der König aus dem Speisesaale, wirft sich, an allen Gliedern vor Angst zitternd, auf sein Bett und nach drei Tagen ist er, der mächtige und angesehene Gothenkönig, eine kalte Leiche. Wir alle kennen die Geschichte des großen und sonst so tugendhaften Königs David. Sein Leben bietet den klarsten Beweis, daß auch die besten Menschen tief fallen können, wenn sie anfangen, unvorsichtig zu wan- deln, den Gefahren nicht mehr nach Kräften aus- zuweichen und insbesondere die Augen nicht mehr zu beherrschen. So ist David zu seinem schweren Falle gekommen, hat seine Seele befleckt mit einer zweifachen schweren Schuld, wurde ein Ehebrecher und Mörder. Doch die Strafe sollte auch ihm nicht ausbleiben; sein Gewissen erhebt sich mit furchtbarer Macht gegen ihn. Unter seiner glänzenden Herrscherkrone und seinem königlichen Purpur schlägt ein Herz, das nicht mehr zur Ruhe und zum Frieden kommen kann. Klagend gesteht er selbst: „ Kein Friede ist mehr in mei- nen Gebeinen vor dem Angesichte meiner Sünden; denn meine Missethaten haben mein Haupt überstiegen und gleich einer schweren Bürde lasten sie auf mir “ (Ps. 37). Diese drei Männer, welche von inneren Gewissens- bissen fürchterlich gequält wurden, waren mächtige Könige; sie trugen ein Szepter in ihrer Hand und eine goldene Krone auf ihrem Haupte. Tausende und Tausende in ihren Reihen schmeichelten ihnen, sagten ihnen nur Angenehmes; Niemand konnte sie vor einen irdischen Richterstuhl citiren. Sie selbst sind die höchsten Richter in ihren Ländern; die Verbrecher zittern vor ihnen; denn sie wissen, daß von dem Richterspruch derselben ihr Leben oder ihr Tod abhängt. Warum zittern und beben diese mächtigen und gekrönten Männer nun selbst? Warum preßt sich ihr Herz zusammen vor Furcht und Schrecken? Kein Henkerbeil bedroht sie ja; die unschuldig Gemordeten können ihnen auch nichts anhaben, denn sie befinden sich im Reiche der Todten. Noch einmal die Frage: Woher denn bei diesen ge- krönten Verbrechern die namenlose Angst, die sie nicht loswerden können? Ein Richter, ein unsichtbarer Richter, der im Innern des Menschen seinen Sitz auf- geschlagen, ein Richter, der sich vor keiner irdischen Macht fürchtet, der sich nicht durch dm Glanz des Goldes bestechen und durch Lüge und Schmeichelei täuschen läßt, ein Richter mit göttlichem Ansehen hat sich gegen sie erhoben und mit strafender Macht ihnen ihre Verbrechen vorgehalten. Sie, die großen und gefürchteten Gewalt- haber dieser Erde, fühlen sich unaussprechlich klein und schwach vor diesem Richter; sie zittern vor ihm als arme Sünder. Dieser Richter ist das Gewissen. Das Gewissen ist nicht erschaffen durch menschliche Willkür, nicht durch Vorurtheile der Erziehung; es ist nicht das Werk der Menschen. Denn was die Menschen schaffen, dauert nur wenige Tage und Jahre, das Gewissen dagegen ist immer und überall. Mögen die Weltansichten wechseln, mögen alte Gewohnheiten vor neuen zurücktreten, mögen große politische und sociale Veränderungen bei den Völkern stattfinden, der Richter im Innern bleibt, das Gewissen weicht nicht von seinem Throne. Mag man unter europäischer oder asiatischer oder gar keiner Gesetzgebung leben, überall findet sich jener unsichtbare Gesetzgeber und furchtlose Richter, der gewisse Handlungen als gut und gerecht, andere dagegen als bös und ungerecht, der Mord und Diebstahl als Unthaten bezeichnet, die strenge Strafen verdienen. Nein, das Gewissen kommt nicht vom Menschen selbst; es ist im Menschen ohne des Menschen Thun; es ist im Menschen gegen den Menschen. Und doch sinkt er alsbald auf die Stufe unvernünftiger Thiere, wenn er dasselbe in sich ertödten will. Das Gewissen ist die Stimme Gottes, des unendlich Heiligen und Gerechten; das Gewissen sagt uns: Es gibt ein unendlich heiliges, gerechtes, allgegenwärtiges, allsehendes unsichtbares Wesen, das unsere Herzen gebildet hat, ein Wesen, vor dem alle Menschen, auch die mächtigsten und höchst- gestellten, auch die reichsten und angesehensten Rechenschaft ablegen müssen über ihr ganzes Leben. Das Gewissen ist unerklärlich ohne das Dasein Gottes, ohne die Existenz eines höchsten Richters über alle Menschen. Mit Recht sagt darum schon der heidnische Philosoph Seneca: „Ganz nahe bei dir ist Gott; er ist mit dir und in dir; ja ein heiliger Geist thront in uns, ein Beobachter und Wächter über Gutes und Böses.“ 3. Wir glauben unerschütterlich fest an das Da- sein Gottes; wir finden ja Gott überall in der Geschichte der Menschheit . „Gehen wir hin nach allen Richtungen der bewohnten Erde, durchstreifen wir die Steppen der asiatischen Hochebene, schlagen wir unsere Wohnung auf bei den wilden Stämmen der Ureinwohner von Amerika, gehen wir hinauf bis zum Eispol, dringen wir hinein in die glühende Sandwüste des inneren Afrika, überall, wo nur ein menschliches Wesen athmet, wenn auch noch so verwildert, da erhebt sich sein Auge nach Oben; überall, wo eine menschliche Intelligenz denkt, wenn auch auf der niedrigsten Stufe der Entwickelung, da hat sie Gedanken des Göttlichen; wo immer ein menschliches Herz schlägt, da wird es durchschauert von Ahnungen des Ewigen. Und wo eine menschliche Sprache tönt, wenn auch noch so arm und noch so rauh, da hat sie doch ein Wort, das Gott nennt. Und gehen wir in gleicher Weise zurück durch alle Jahr- hunderte der Geschichte, so bewährt sich uns ein Wort, das schon vor zweitausend Jahren Cicero gesprochen: Kein Volk ist so roh und so wild, daß es nicht den Glauben an einen Gott hätte , wenn es gleich sein Wesen nicht kennt . Seit- dem sind Amerika, Australien entdeckt und durchforscht worden, unzählige neue Völker sind eingetreten in die Geschichte. Sein Wort steht unerschüttert, nur noch mehr ward seitdem es bekräftigt. So viele Jahr- tausende der Geschichte, so viele Beweise für dessen Wahrheit. „Es ist dies eine universelle, unbestreitbare That- sache; und eben darum kann sie nur Wahrheit ent- halten; denn Dasjenige, worin die Natur Aller übereinstimmt, kann nicht falsch sein , sagt der bereits angeführte Schriftsteller. Noch gründ- licher aber beweist der hl. Thomas diesen Satz: „Was Alle gemeinsam aussprechen,“ sagt er, „dies kann un- möglich falsch sein. Denn eine irrige Meinung ist eine Schwäche des Geistes, ein Fehler desselben, kommt demnach nicht aus dessen Wesen. Sie ist darum nur zufällig eingetreten; was aber zufällig da ist, das kann unmöglich immer und überall sein . Einer kann einen irrigen, krankhaften Geschmack haben in sinnlichen Dingen, aber nicht Alle. Eben so wenig kann das Urtheil, das Alle in religiös-sittlichen Dingen aussprechen, falsch sein“ Hettinger , Beweis des Christenthums. I. S. 112 ff. . Doch vielleicht ist der Glaube an Gott nur die Wirkung der Furcht gewesen, welche gewaltige Natur- erscheinungen, wie Blitz und Donner, Sturm und Erd- beben manchen Menschen einflößen? Aber haben denn bloß schüchterne Kinder, furchtsame Frauen, haben bloß Unwissende und Kleinmüthige an Gott geglaubt? Waren es nicht gerade die besten und muthigsten Männer, die größten Naturforscher, die tiefsten und gelehrtesten Philosophen, welche den Glauben an das Dasein Gottes hegten? Bei ihnen kann doch unmöglich kindische Furcht diesen Glauben erzeugt haben. Zudem ist die religiöse Furcht ganz verschieden von jener sinnlichen Furcht, welche Manche bei gewaltigen Naturerscheinungen em- pfinden; die religiöse Furcht ist Ehrfurcht , sie ist heilige Gottesfurcht. Und die Religion ist nicht bloß Furcht Gottes, sie ist vor Allem Liebe zu Gott . Die größten und edelsten Thaten, zu denen die Religion an- gespornt, die reichsten Ströme von Segen, welche sie über die Gesellschaft ausgebreitet hat, sind hervorge- gangen aus jener innigen und starken Liebe zu Gott, welche sie im Herzen der Menschen anzündete. Was hat diese Liebe zu thun mit jener feigen Furcht, welche Kinder und Frauen bei Blitz und Donner an den Tag legen? Doch dann haben vielleicht die Priester und Staats- männer den Glauben an das Dasein Gottes erfunden, sind sie die Urheber der Religion gewesen? Die Priester sollen die Religion erfunden haben! Ist das nicht eine lächerliche Behauptung? Hat denn der Zimmer- mann das Holz, das er verarbeitet, selbst erfunden oder geschaffen? Unmöglich. Die Arbeit des Zimmermannes setzt nothwendig die Existenz des Holzes voraus. Ohne Holz, das vorher existirt, kann man nicht an einen Zimmermann denken. Haben etwa die Eisenbahn- beamten die Eisenbahn erfunden? Ist das nicht eine lächerliche Frage? Konnte es denn Eisenbahnbeamte geben, ehe die Eisenbahn da war? So ist es auch in unserem Falle. Das Amt des Priesters setzt noth- wendig den Glauben an das Dasein Gottes voraus; es kann unmöglich einen Priester geben ohne Religion, die vor ihm existirt; denn er ist einfach nur Diener der Religion. Aber dann sind die Staatsmänner und Gesetzgeber die Urheber der Religion gewesen! Doch welche Staatsmänner waren es? wie heißen ihre Namen? wo und wann haben sie gelebt? durch welchen glücklichen Zufall verfielen sie alle auf diese Idee? Wie war es ihnen möglich, eine Lehre, welche die Leidenschaften zügelt und schwere Pflichten auflegt, den Menschen annehmbar zu machen? Wie kam es, daß sie nicht bloß die Unwissenden, sondern auch die weisesten und selbstständigsten Männer täuschen konnten? Auf all' diese Fragen hat man keine Antwort. Wohl erzählt die Geschichte bis hinauf zu Tubalkain die Anfänge der wich- tigeren Künste und Gewerbe; aber von einer ursprüng- lichen Religionserfindung hat sie noch keine Silbe berichtet. Zwar haben die besten und berühmtesten Gesetzgeber, wie Minos, Solon, Lykurg, Numa bei ihren staatlichen Verordnungen Rücksicht auf die Religion genommen und hauptsächlich dadurch ihre Gesetzgebung heilsam und segensreich gemacht. Aber beweist nicht gerade diese Thatsache, daß das religiöse Gefühl nicht etwas Neues war, sondern tief und lebendig und allgemein in den Gemüthern lebte? Beweist nicht gerade diese That- sache, daß der Glaube an Gott die Grundlage der Gesellschaft sei und zwar der Art, daß auf die Dauer ein menschenwürdiges Leben unter uns unmöglich wird ohne den Glauben an Gott? Das führt uns zu einem neuen Gedanken, den wir noch für einige Augenblicke betrachten wollen. 4. Wir glauben unerschütterlich fest an das Dasein eines unendlichen Gottes; denn wir finden, daß die Anerkennung Gottes ein wahres Bedürfniß für die menschliche Gesellschaft ist . Was für ein großes Gebäude das Fundament, das ist für die Menschheit der Glaube an Gott. Ohne Fundament ist ein Bau nicht dauerhaft, wird er in den Stürmen und Unwettern nicht lange Stand halten. Mögen die Steine noch so fest und hart sein, mag der Baumeister sonst seine Aufgabe noch so gut gelöst haben, mag die innere Einrichtung noch so schön und bequem sein, das Alles ist nicht im Stande, das Fundament zu ersetzen; ohne Fundament wird der herrliche, bequeme Bau eines Tages krachend zusammenstürzen und vielleicht die Ein- wohner im Schutt begraben. Ein großer Bau ohne Fundament ist die Gesellschaft ohne den Glauben an Gott. Alle höhern Güter, welche die Menschen hoch- schätzen, alle Bedingungen, die sie zu ihrem Wohle bedürfen, hängen von diesem Glauben ab. Ohne den Glauben an Gott gibt es keine Sitt- lichkeit . Sollen wir sittlich gut leben und handeln, so müssen wir vor Allem einen wesentlichen Unterschied zwischen Gut und Schlecht, zwischen Recht und Unrecht anerkennen. Das ist die erste und allernothwendigste Bedingung, ohne welche die Sittlichkeit ganz undenkbar ist. Wenn es aber keinen Gott, keinen unendlich heiligen und gerechten, keinen allwissenden Gott gibt, dann gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Gut und Bös, dann braucht der Mensch bei all' seinem Thun und Lassen nur nach dem Einen zu fragen, ob die betreffende Sache oder Handlung ihm angenehm oder unangenehm, ob sie ihm Schmerz oder Freude, Schaden oder Nutzen bringe. Er hat das Recht, die entsetzlichsten Thaten zu verrichten, Thaten, deren bloßer Name uns schon mit Schrecken erfüllt, wenn er sich von denselben nur Vergnügen oder irgend einen Vor- theil versprechen kann. Er mag ruhig sein Messer in Menschenblut tauchen und kalt seine nächsten An- gehörigen umbringen, er mag herzlos arme Wittwen und Waisen in's größte Unglück stürzen, mag frech die heiligsten und wichtigsten Versprechen und Eid- schwüre brechen, er hat ein Recht dazu, wenn ihm diese Unthaten nur Freude machen oder irgend einen Vortheil bringen und er dabei so klug zu Werke geht, daß ihm die Polizei nichts anhaben kann. Sind das nicht schauerliche Grundsätze? Wohin müßte es kommen mit der Gesellschaft, wenn dieselben sich allgemein Bahn brechen sollten? Würde dann nicht bald bei den wilden Thieren des Waldes mehr Ordnung herrschen als bei den Menschen, die Vernunft und freien Willen besitzen? Ohne den Glauben an Gott gibt es keine Auc- torität . Gibt es keinen unendlichen Gott, der mich richten wird, dann hat kein Mensch, auch nicht der allermächtigste der ganzen Welt, ein begründetes Recht, meiner Freiheit Schranken zu setzen und mir Vor- schriften und Gesetze zu geben. Ich brauche dann Niemand über mir anzuerkennen, brauche durchaus nicht mich dem Willen derer zu unterwerfen, die sich in lügen- hafter Weise als meine Vorgesetzte bezeichnen. Ich brauche ja dann keinem ewigen, unendlich heiligen und gerechten Richter Rechenschaft abzulegen, brauche keine Strafe jen- seits des Grabes zu fürchten, warum soll ich also nicht thun, was mir beliebt? Und sage man mir nicht: Aber so verlangt es die Ordnung in der menschlichen Gesellschaft, daß die Einen den Andern sich willig unterwerfen. Doch was liegt mir an dieser Ordnung, welche nur Andere erfunden und eingeführt haben, um sich ihre eigenen Interesse zu sichern. Was die An- dern sind, das bin ich auch; ich kümmere mich nicht um ihre Ordnung, wenn es so meine Sinnlichkeit, mein Vergnügen, mein Vortheil erheischt. – Dagegen läßt sich nichts einwenden, wenn man keinen Gott über sich anerkennt. Muß aber nicht bei solchen Grundsätzen Alles wanken und schwanken? Muß nicht der ganze Organismus der menschlichen Gesellschaft über den Haufen stürzen? Muß nicht das schöne, segensvolle Verhältnis, wie es jetzt zwischen der Obrigkeit und den Unterthanen, zwischen den Vorgesetzten und den Unter- gebenen, zwischen den Eltern und Kindern zu Recht besteht, sich auflösen und überall die wildeste Unordnung eintreten? Möchten doch die, welche es angeht, es nie vergessen, daß es ohne den Glauben an Gott auf die Dauer keine Achtung vor der Auctorität geben kann, und darum mit Ernst dem Unglauben entgegentreten, der sich vielfach in der Presse und auf manchen Cathedern geltend macht! Ohne den Glauben an Gott gibt es kein ge- sichertes Eigenthum . Die alten Deutschen hatten ein schönes Sprüchwort, das schon an der Spitze dieser Abhandlung steht; es heißt: „Wo Gott nicht haus- hält, da sichern tausend Riegel nicht.“ Unsere Zeit fängt an, den Beweis zu diesem Worte zu liefern. Die alte deutsche Treue und Ehrlichkeit, welche sprich- wörtlich war, schwindet immer mehr, ja man hat kaum mehr einen Begriff von derselben; Betrug, Diebstahl und der Schwindel auf allen Gebieten des Lebens nehmen mit jedem Jahre zu. Der Eid, der sonst das Recht und das Eigenthum schützte, hat vielfach seine Heiligkeit bei uns verloren. Wie leichtsinnig werden falsche Eide geschworen, werden Eide gebrochen? Mußte es aber nicht so kommen? Wenn man keinen allwissen- den und allgerechten Gott mehr anerkennt, wenn man über den Glauben an sein Dasein öffentlich spottet, wenn Professoren selbst in Gegenwart von königlichen Ministern ruhig ihren Unglauben auskramen dürfen, kann man sich denn da noch wundern, daß der Betrug und jegliche Art von Ungerechtigkeit immer allgemeiner werden, allgemeiner werden trotz der verdoppelten An- zahl der Polizeidiener und trotz der vermehrten und vergrößerten Gefängnisse? Kann man sich da wundern, daß man nur den einen Grundsatz noch zu kennen scheint: Erwerbe dir auf jede nur mögliche Weise; doch sei so klug, der Polizei nicht in die Hände zu fallen, um der Gefängnißstrafe zu entgehen. „Wo Gott nicht haushält, da sichern tausend Riegel nicht,“ sichern auch tausend Gefäng- nisse, tausend Polizeidiener nicht; ja da muß man fürchten, daß die Wächter der Ordnung, die Richter und Beamten, mit der Zeit selbst die ersten Diebe und Betrüger werden. Doch genug; das Gesagte mag genügen, um zu zeigen, daß die Anerkennung Gottes ein wahres Be- dürfniß für die Menschheit ist, daß es für uns Alle, für Haus und Staat, für Schule und Heer, für Arm und Reich nur eine Bedingung des Heiles gibt, nämlich der gläubige Aufblick zu unserem Gott im Himmel. Möchte das doch unsere Zeit sich recht zu Herzen nehmen, unsere Zeit, die so reich ist an Noth und Elend, an Verwirrung und Unordnung, an Sünden und Lastern, unsere Zeit, die des Friedens, der inneren Stärke und Heilung so sehr bedarf. Möchten doch vor Allem unsere Männer in diesen ernsten Tagen ihr richtiges Verhältniß zu Gott erfassen und darnach ihr Leben einrichten! Das wäre Heil und Rettung für uns und unsere Zeit. Welches ist denn nun dies unser Ver- hältniß zu Gott? 2. 1. Gott, zu dem wir gläubig aufschauen, ist unser höchster Herr . Ihm gehört die ganze Welt; er hat Alles in's Dasein gerufen durch die Allmacht seines Wortes. Von ihm sind wir abhängig, ganz und gar in jeder Beziehung, alle Tage unseres Lebens, in jedem Augenblicke einer jeden Stunde. Seiner Allmacht kann sich kein Mensch entbinden, auch der reichste, mächtigste und angesehenste nicht. Er ist ein Herr über alle Herren; der höchste und einflußreichste Herr der ganzen Welt ist vor ihm nichts als ein geringer, armer Diener. Auch er hat alle Ursache zu ihm zu sprechen: „ Herr, Du bist groß und herrlich in Deiner Kraft und Nie- mand kann Dir widerstehen “ (Judith 16, 16). Ist aber Gott unser höchster Herr, dann liegt uns als Dienern die Pflicht ob, seinen heiligen Willen zu erfüllen und ihm treu und freudig zu dienen. Wie gewissenhaft vollzieht manchmal ein guter Diener die Befehle und Wünsche seines irdischen Herrn! wie treu ist er ihm ergeben! wie sehr darauf bedacht, durch willigen Gehorsam und Fleiß sich seine Zufriedenheit zu erwerben! Am frühen Morgen steht er auf von seinem einfachen Lager, um an seine mühsame Arbeit zu gehen, die fortdauert bis zum späten Abend, wo schon längst der letzte Strahl der Sonne von den Bergen gewichen ist. Mit solcher Treue und Gewissenhaftig- keit dient man sein ganzes Leben einem irdischen Herrn, dessen Leib doch nach wenigen Jahren in's Grab gelegt wird und dort zu Staub und Asche vermodert. Wie treu und eifrig solltest darum du, christlicher Mann, deinem Gott im Himmel dienen, deinem höchsten Herrn, dem selbst die erhabensten Geister des Himmels mit schnellster, vollkommenster Bereitwilligkeit gehorchen, deinem höchsten Herrn, der dein ganzes Leben in seiner allmächtigen Hand hält und von dem deine ganze Ewigkeit abhängt! Sollte es dir zu viel sein, ein paar Jahre deine bösen Neigungen ernstlich zu bekämpfen, um als seinen treuen Diener dich zu bewähren! zu viel, seinen heiligen zehn Geboten, deren Erfüllung uns schon hienieden glücklich macht, gewissenhaft zu entsprechen! „ Fürchtet den Herrn und dienet ihm aus vollkommenem und aufrichtigem Herzen “ (Josue 24, 14). So hat einst vor Jahrtausenden ein herrlicher Mann gesprochen, Josue, der Gott mit außergewöhnlicher Treue gedient hat. Suche ihm wenigstens ähnlich zu werden. 2. Gott, zu dem wir gläubig aufschauen, ist ferner unser liebevollster Vater . Das ist eine höchst wichtige Wahrheit, die wir oft beherzigen sollten. „Vater unser, der du bist in dem Himmel,“ so hat uns schon die theuere Mutter beten gelehrt, indem sie uns dabei die kleinen Händchen faltete. Ja, Gott ist unser Vater. Ihm haben wir mehr unser Leben zu verdanken als unserm leiblichen Vater. Er will uns ein größeres Erbe schenken, als es der reichste irdische Vater seinem Kinde geben kann. Er liebt uns unendlich mehr, als der beste Vater hienieden seinen einzigen Sohn, seine einzige Tochter lieben kann. Wie innig und stark ist manchmal die Liebe eines guten, braven Vaters zu seinen Kindern! Keine Arbeit ist ihm zu viel, keine Mühe zu schwer, keine Entbehrung zu hart und zu groß; zu Allem ist er bereit, um die Kinder für Zeit und Ewigkeit glücklich zu machen. Und doch liebt unser himmlischer Vater uns mehr als alle irdischen Väter zusammen ihre Kinder lieben können; er liebt uns mit ewiger, mit unendlicher Liebe. In dieser seiner Liebe hat er uns mit zahllosen Wohlthaten überhäuft. Erhebe, christlicher Mann, in einer klaren, stillen Nacht dein Auge gen Himmel und zähle all' die Sterne, die mild und freundlich am Firmament leuchten oder gehe am hellen Tage an das Ufer des majestä- tischen Meeres und zähle die Sandkörner, die dort liegen und dem Meere wehren, sich über das Land zu ergießen. Es ist dir unmöglich; ebenso wenig kannst du all' die Wohlthaten zählen, mit denen dein Vater im Himmel dich beschenkt hat. In jedem Augenblicke hat er uns an Leib und Seele mit Wohlthaten über- häuft. So oft haben wir ihn in unserer Undankbar- keit beleidigt, und dennoch verfolgte er uns auf Schritt und Tritt mit seiner göttlichen Liebe. Sollten wir nicht einmal anfangen, diesen Vater zu lieben, zu lieben mit allen Kräften unseres kleinen Herzens! Wo ist der Sohn, dessen Herz nicht warm wird, wenn er an all' das Gute denkt, das er seinem vorzüglichen Vater zu danken hat? Und da sollten wir kalt und gleichgiltig sein gegen unsern unendlich guten Vater dort oben im Himmel; da sollten wir es über uns bringen, Wochen, Monate, ja vielleicht selbst Jahre lang in schweren Sünden zu leben und ihm als treulose Söhne gewisser- maßen in sein väterliches Angesicht zu schlagen! Nein, nein; das wäre der kalten und schwarzen Undankbar- keit doch zu viel! 3. Endlich ist Gott, um nur noch dies Eine kurz hervorzuheben, unser letztes Ziel und Ende , will selbst unser ewiger Lohn im Himmel sein. Einst hat er zu seinem treuen Diener, dem Patriarchen Abraham, gesprochen: „ Ich bin dein überaus großer Lohn “ (I. Mos. 15, 1). Dieses Wort soll einem Jeden von uns gelten. Wenn wir am Ende unseres Lebens angekommen sind, wenn wir ausge- rungen, ausgekämpft und ausgelitten haben, dann will er die Krone der ewigen Herrlichkeit auf unser Haupt setzen, will uns Antheil nehmen lassen an seiner eige- nen Seligkeit, will uns beglücken mit der übergroßen Wonne der Liebe seines göttlichen Herzens; er will, wenn ich so sagen darf, der Busen sein, an dem wir ausruhen von unsern Kämpfen und Mühen. Wenn wir das recht bedächten, dann müßte gewiß bald unser Verhalten gegen Gott ein anderes werden. Man muß es ja gestehen, daß Viele aus uns sich gegen Gott fast ähnlich benehmen, wie ein stolzer und habsüchtiger Mann sich gegen einen armen Bettler an der Straße benimmt. Er verachtet ihn, würdigt ihn keines freund- lichen Wortes, blickt ihn kaum an. Gibt er ihm vielleicht auch ab und zu einen Pfennig, so geschieht es nur mit Kälte und Unwillen. Aehnlich machen es Viele mit dem unendlichen Gott. Sie verachten ihn, gehen kalt an ihm vorüber und beklagen sich über seine Forde- rungen; sie wollen ihm nicht das kleine, winzige Almosen ihres Dienstes und ihrer Liebe schenken. Ach die Armen, wie sind sie zu bedauern! Wenn Der- jenige, welchen sie im Leben wie einen Bettler ver- achtet haben, sie durch den Tod vor seinen Richterstuhl fordert und dort als ewiger, heiliger und gerechter Gott über ihre ganze Ewigkeit entscheidet, wie werden sie dann ihre Blindheit, ihren Undank und ihre Untreue bereuen! Aber dann wird es zu spät sein. III. Wir sind für die Ewigkeit erschaffen. Eine junge Dame war ganz weltlich und gleich- giltig gegen das Heil ihrer Seele geworden. Sie be- saß, wie das bei Leuten dieser Art nur zu oft der Fall ist, keinen Sinn für die einfachen und ruhigen Arbei- ten der stillen Familie. Sie wußte nicht, welch' hohe Bedeutung dieser Sinn für häusliches Leben und Ar- beiten bei den Frauen und Jungfrauen besitzt, auch dann, wenn sie den sogenannten besseren Ständen an- gehören. Darum schlief sie am Morgen bis spät in den hellen Tag hinein, machte dann ihre Toilette und brachte die Nachmittage und Abende in munterer Gesellschaft und beim Spiele zu. Sie hatte ein Dienst- mädchen, das ihr treu ergeben war und mit großer Willigkeit und Pünktlichkeit alle Pflichten seines schweren Berufes erfüllte. Dasselbe war sehr religiös und schöpfte aus seinem heiligen Glauben Kraft und Freu- digkeit für die Mühen und Arbeiten seines Standes. Eines Abends nun kam die Dame, wie gewöhnlich, ziemlich spät nach Hause und fand auf dem Tische ein geöffnetes Buch, in welchem ihr braves Dienstmädchen eben eine Betrachtung gelesen hatte. Sie warf einen flüchtigen Blick hinein und merkte sofort, daß es ein christliches Erbauungsbuch war und sprach darum: „O du arme, melancholische Seele! wie kann es dir doch Freude machen, in einem solchen Buche zu lesen.“ Dann ging sie zur Ruhe, konnte aber nicht einschlafen. Gedanken ganz ungewöhnlicher Art gingen ihr durch den Kopf, endlich fing sie an, bitterlich zu weinen. Die gute Dienerin hörte es, begab sich zu ihr und frug mit treuer Besorgniß, was ihr fehle. Da brach sie von neuem in Thränen aus und gab dann nach einigen Augenblicken zur Antwort: „Ach, ich habe in deinem Buche ein Wort gelesen, das mir keine Ruhe mehr läßt, das Wort „Ewigkeit“ . Der Gedanke an die Ewigkeit hatte sie erfaßt und bewirkte nun ihre vollständige Bekehrung. Sie erkannte jetzt auf einmal, wie ihr Leben ein durchaus unchristliches und zweckloses sei, entsagte den gefährlichen Vergnügungen und erbaute in Zukunft Alle durch ihr christliches Tugendbeispiel. Nicht minder wie dieser Weltdame kann es dem kräftigen Manne nur vom größten Nutzen sein, wenn er zuweilen von dem ganzen Ernste des Gedankens an die Ewigkeit sich durchdringen läßt, wenn er manchmal in ruhiger Stunde vor Gott überlegt, daß er eine ewige Bestimmung hat. 1. Christlicher Mann, du bist für die Ewigkeit erschaffen. Du sollst dir durch dein Leben hienieden eine glückliche Ewigkeit jenseits des Grabes verdienen. Nicht Ehre, nicht Reichthum, nicht sinnliche Freude ist das Ziel, für welches du erschaffen bist, sondern dein Ziel ist Gott und seine ewige Seligkeit. Daran er- innert dich der untrügliche Mund des gött- lichen Heilandes , wenn er spricht: „ Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet !“ Was nützt es ihm, wenn er alle Güter und Reichthümer der Welt, wenn er alle Ehren und die Gunst der Großen und Mächtigen der Erde sich erwirbt, aber für seine unsterbliche Seele keine Sorge trägt und darum für alle Ewigkeit unglücklich wird. Um Güter, die nur immer und ewig besitzen und die uns Niemand rauben kann, sollen wir uns vor allem bemühen; darum mahnt der göttliche Heiland weiter: „ Sammelt euch nicht Schätze, welche die Diebe ausgraben und Rost und Motten verzehren, sondern sammelt Euch Schätze für den Himmel .“ Um uns die ewige Seligkeit des Himmels zu sichern, müssen wir zu jedem Opfer bereit sein, müssen wir uns entschließen, eine böse Ge- legenheit zur Sünde, mag sie unserem Herzen noch so theuer sein, entschieden aufzugeben; darum spricht er: „ Wenn dich deine Hand oder dein Fuß ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist dir besser, verstümmelt in das ewige Leben einzugehen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer verstoßen zu werden .“ Und was der Heiland gelehrt, das verkündigt überall ohne Furcht und Zagen seine heilige Kirche. Zu dem Fürsten wie zum Bett- ler, zu dem Reichen wie zu dem Armen spricht sie: Nicht für den Tand und Flitter dieser Welt bist du erschaffen, sondern für größere und bessere Güter, die du eine ganze Ewigkeit besitzen sollst. Tag für Tag, ja Stunde für Stunde betet sie auf dem weiten Erden- runde mit millionenstimmigem Munde: „Ich glaube an ein ewiges Leben.“ Und was die Kirche glaubt und betet, das haben mit tiefster Ueberzeugung geglaubt die zahllos vielen heiligen Männer und Frauen des Christenthums, deren Herz rein und edel war, und die mit dem Glanze ihrer Tugend die Erde erleuchtet und mit dem Segen ihrer Werke die Mit- und Nachwelt erfreut haben. Und wo es heute noch Christen gibt, die vor Sünde und Laster zurückschrecken und mit Ernst nach Tugend streben und ihre Berufspflichten gewissen- haft erfüllen, da blicken sie glaubensfest auf zum Him- mel und schöpfen aus dem Gedanken an die ewige Seligkeit Kraft zum Kampfe gegen die Leidenschaften und zur Beharrlichkeit im Guten. Ueberall dagegen, wo Sünde und Gemeinheit ihren Thron aufgeschlagen, wo den Ehemännern das Gebot der ehelichen Treue eine Last ist, die sie in ihrer Verkommenheit abschüt- teln, wo die Jugend durch Ausschweifungen aller Art die schönste Zeit des Lebens entweiht und schändet, da und nur da lehnt sich der Mensch auf gegen den Glau- ben an eine ewige Bestimmung, da und nur da möchte er den Affen umarmen und ihn als seinen Urahnen begrüßen mit den Worten: „Ich bin nicht mehr wie du.“ Dich, christlicher Mann, wird das thörichte Ge- rede solcher Männer nicht im mindesten beirren; das Wort deines göttlichen Heilandes und seiner heiligen Kirche, dieser erhabenen und großartigen Anstalt, wie die Welt keine zweite je gesehen, das Wort und der Glaube der Heiligen und treuen Christen steht dir höher, unendlich höher als das Wort eines Ehebrechers und einer verstandlosen und ausschweifenden Jugend. 2. Du bist mehr wie die Blume, die auf der Wiese steht, mehr wie der Wurm, der im Staube kriecht. Die Hand des Kindes bricht die Blume ab, wirft sie, nachdem es einige Augenblicke mit ihr ge- spielt, hin und die Blume verdorrt. Du trittst den Wurm auf dem Wege mit Füßen, er krümmt sich vor Schmerz einigemal, dann stirbt er und sein Leben ist für immer verschwunden. Du selbst aber wirst fortleben auch nach deinem leiblichen Tode, du wirst in die Ewig- keit eingehen, um dort, je nach deiner sittlichen Beschaffen- heit, entweder ein Leben beständiger Freuden oder ein Leben immer andauernder Qualen zu führen. Das ist die Antwort, welche wir erhalten, wenn wir nach der religiösen Ueberzeugung der Völker fragen . Ueberall bei allen Völkern der Geschichte stoßen wir auf den Glauben an ein Fortleben nach dem Tode. Hier ist man der Meinung, daß die abgeschiedenen Seelen vor den Richterstuhl des unerbittlichen Minos und Rhadamantus geführt werden, und daß die Gerechten in das Elysium eingehen, während die Gottlosen in den Tartarus geworfen werden. Dort finden wir die Sitte, daß man für die Verstorbenen Opfer darbringt und religiöse Feierlichkeiten veranstaltet in dem Glauben, den Todten dadurch im Jenseits zu nützen. Bei den Chinesen sehen wir, daß man den hingeschiedenen Ahnen Altäre baut und ihr Andenken heiligt und in Ehren hält, bei den Indiern und Peruanen, daß die Frauen sich selbst dem Tode weihen, um dem verstorbenen Manne und Familienvater in eine andere Welt zu folgen. Das Alles zeugt doch offenbar von dem Glau- ben, daß von den hingeschiedenen mehr übrig bleibe, als eine Hand voll Staub und Moder, daß dieselben jenseits des Grabes ein anderes neues Leben führen. Und man kann auch nicht sagen, dies sei bloß der Glaube der ungebildeten Menge gewesen. Gerade die Gebildetsten im Heidenthum sprechen diesen Glauben offen aus und zeichnen oft die Schrecken und Qualen der Gottlosen in der Ewigkeit mit so grellen Farben, wie sie wohl selten oder nie ein christlicher Prediger oder Schriftsteller geschildert hat. Man denke doch nur an Virgil, dessen Gedichte wir noch heute bewundern. In dem sechsten Buche seiner Aeneide spricht er mit wahr- haft erschütternden Worten von den Qualen der Ver- worfenen und sagt dann zum Schlusse: „Wenn auch unzählige Zungen ich hätt' und unzählige Lippen, Eiserne Stimme dazu, doch könnte ich nimmer beschreiben, Was für Qualen der Böse dort trägt zur Strafe des Lasters.“ Die berühmtesten Philosophen Griechenlands, wie Pythagoras, Sokrates und Plato sprechen denselben Glauben aus, und Cato, der bekannte Römer, ruft, beseelt von demselben begeistert aus: „O glücklicher Tag, an welchem ich diese Erde verlasse, um mich zur himm- lischen Versammlung der Geister, die mir vorangegangen sind, zu erheben.“ Ein Glaube, der allgemein bei allen, auch den verschiedensten und entferntesten Völkern ver- breitet ist, kann kein Irrthum, keine Täuschung sein, muß auf Wahrheit beruhen; er ist dem Menschenge- schlechte von Gott mit in's Leben gegeben. 3. Christlicher Mann! nicht für die kurze Zeit dieses Lebens, nicht für den Staub und die Scholle bist du erschaffen, sondern für Höheres, für eine wahre und ewig dauernde Glückseligkeit. Das sagt uns die eigene Vernunft . Der Mensch will glücklich sein, vollkommen glücklich, beständig glücklich. Das ist der mächtige Zug in seinem Innern, den er nicht unter- drücken kann. Dieses Sehnen finden wir bei allen Menschen, nicht bloß beim Fürsten, dessen Haupt eine goldene Krone schmückt, sondern auch bei dem armen Manne in der zerfallenen Hütte, bei dem vor Kälte zitternden Bettler am Wege. Dieses Sehnen ist uns mit unserer menschlichen Natur, also von dem Schöpfer selbst gegeben worden. Gott aber konnte es uns nur aus Liebe und Weisheit geben; denn seine unendliche Wesenheit schließt jegliche, auch die geringste Bosheit und Thorheit aus. Hat er aber nur aus Güte und Weisheit diese unauslöschliche Sehnsucht nach bestän- diger Glückseligkeit uns geschenkt, so hat er dies nur gethan, damit sie auch befriedigt werde. Sonst wäre dieselbe ja nur der beständige Henker des armen Men- schen, und dieser, das große Meisterwerk der irdischen Schöpfung, stände weit unter dem unernünftigen Thiere, das von einem solchen Sehnen nichts weiß. Nun wird aber dieses mächtige Sehnen nach dauernder und allseitiger Glückseligkeit hier auf dieser Erde nicht be- friedigt. Finden wir ja überall unruhige, schmerzer- füllte, sorgenvolle Herzen, überall ein hastiges Jagen nach Glück und doch so wenig glückliche Menschen. Von allen Seiten tönt uns das salomonische Wort der getäuschten Hoffnung entgegen: „ O Eitelkeit der Eitelkeit und Alles ist Eitelkeit .“ Wir wollen hier noch die schönen Worte des schon mehrfach erwähnten Hettinger A. a. O. S. 365. anführen: „Wo ist das Glück? Wir nennen es, wir suchen nach ihm, darum kann es uns nicht gänzlich unbekannt, nicht völlig Fremdling auf Erden sein. Es erscheint auf Erden, es begleitet uns einen Augenblick durch's Leben, dann verschwindet es wieder – du weißt nicht, woher es gekommen, wohin es gegangen. Wer dürfte so un- dankbar sein zu sagen, das Glück ist mir nie er- schienen. Doch es währt nur einen Augenblick, dann flieht es wieder, ein Sonnenblick, der jetzt durch die Wolken fällt und jetzt sich wieder verbirgt. Der Mensch aber will glücklich sein nicht für einen Augenblick, er will ein Glück, das immer währt und nie endet. Und selbst wäre es dauernd, es wäre doch nicht das volle Glück. Denn alles irdische Glück befriedigt nur eine Seite, eine Richtung unseres Wesens, immer bleibt der tiefste Grund der Seele in Nacht gehüllt, wie das Dunkel noch immer über den Thälern liegt am Morgen, sind auch die Spitzen der Berge von der Sonne be- leuchtet. Das irdische Glück ist nicht allseitig und nicht bis in's innerste Mark des Lebens dringend, es vergoldet nur die äußeren Ränder der Seele, es wirft sein Licht nur nach einer Seite hin, so daß die Schatten nur noch mehr hervortreten. Darum diese Wehmuth mitten im Glück; gerade wo es viel ge- währt, fühlt der Mensch erst recht, wie wenig es ge- wesen, und wie bald auch dieses Wenige schwindet. Das wahre Glück muß allseitig sein, das wahre Glück muß ewig währen. Nur im Unendlichen wohnt das Glück, das allseitig, ewig, unendlich befriedigt; nur ewiges Glück ist wahres Glück. So gewiß der Mensch diese Sehnsucht in sich trägt, so gewiß muß ihr Befriedigung werden; denn die Stimme der Natur führt nicht irre, es ist die Stimme Gottes selbst, der sie gebildet.“ Nur in der Ewigkeit kann dieses Sehnen des Menschen nach wahrem und beständigem Glück ge- stillt werden und darum muß es eine Ewigkeit für ihn geben; Gott, der unendlich Vollkommene, kann nicht als herzloser Tyrann dieses Sehnen ihm zur bestän- digen Qual und Täuschung anerschaffen haben. 4. Es gibt eine Ewigkeit. Dort wird strenge Gerechtigkeit geübt; dort wird die Tugend ihren Lohn, das Laster seine Strafe erhalten. Das sagen uns die Thaten, Handlungen und Schicksale der Menschen auf dieser Erde . Es ist doch sicher ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen einem Men- schenmörder, der im Walde den Reisenden anfällt, ihm seinen Dolch in's Herz stößt und dann mit dessen Baarschaft davoneilt, und einer barmherzigen Schwester, die am Bette eines Pestkranken, von dem die eigene Gattin und die eigenen Kinder geflohen sind, sitzt und ihn mit aller Liebe und Sorgfalt pflegt, ohne auf die Gefahr für ihre eigene zarte Gesundheit zu achten. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen einem jungen Menschen, der ein Sclave und ein Spielball seiner Leidenschaften ist und sich und Andere, an denen er zum Verführer wird, in's Verderben und Elend stürzt, und einer reinen, keuschen Jungfrau, die in allen Versuchungen und Gefahren, auch in den stärksten und verlockendsten, eine unbesiegbare Kraft an den Tag legt, die in ihrer unversehrten Unschuld dasteht wie eine liebliche Blume des Himmels und im schwachen Fleische fast mehr ein englisches als ein menschliches Leben führt. Es ist überhaupt ein himmelweiter Unterschied zwischen Tugend und Laster. Die Tugend verdient großen, himmlischen Lohn, das Laster dagegen, wenn es nicht bereut und gesühnt wird, schwere, ewige Strafe. Es ist billig und angemessen, daß Gott, ein Vater, der ewig lebt und unendlich große und herrliche Reichthümer besitzt, seine guten und treuen Kinder auch ewig an seiner Seligkeit und seinen himmlischen Gü- tern Antheil nehmen läßt; aber ebenso ist es auch billig und recht, daß die unbereute schwere Sünde, die schwere Beleidigung eines unendlichen Gottes, die schwere Beleidigung eines unbegreiflich liebevollen und gütigen Vaters und die schnöde Verachtung des höch- sten Gutes mit ewigen Strafen, mit ewiger Trennung von ihm gezüchtigt werde. Wird nun in diesem Leben die Tugend immer entsprechend belohnt und das Laster gebührend gestraft? Durchaus nicht. Erhebt nicht oft das Laster stolz und ungestraft das Haupt? genießt es nicht oft alle Freiheit und alle Freuden? steht es nicht oft in Ehren und Ansehen, während die Tugend unter der Last des schweren Kreuzes einherwankt, von der Gottlosigkeit verfolgt und nur zu oft nach irdischem Begriffe auch überwunden wird? Fällt nicht der fromme Abel, der Trost und die Freude seiner Eltern, unter der mörderischen Hand seines bösen Bruders? Wird nicht David, der Mann nach dem Herzen Gottes, von Saul mit unversöhnlichem Hasse verfolgt? Weil also hienieden in diesem Leben die Tugend nicht nach Ver- dienst belohnt und das Laster nicht nach Gebühr gestraft wird und auch nicht gestraft werden kann, so muß es eine Ewigkeit geben, wo die Tugend ihre Krone und das Laster seine gebührende Strafe erhält. Das ver- langt die ewig unbeugsame Gerechtigkeit des unendlichen Gottes. 5. Es gibt eine Ewigkeit; an der Schwelle der- selben erwartet dich ein unendlich gerechter Richter, der das nicht gesühnte Laster ewig straft, dagegen die Tu- gend und die guten Werke ewig belohnt. Der Glaube an diese Wahrheit wird dringend verlangt von der Ordnung und dem Wohle der ganzen Gesellschaft . Die Menschheit kommt ohne denselben nicht zurecht. Gibt es keine Ewigkeit, dann gibt es für uns nur eine Weisheit, nur ein Ziel, nämlich die kurze Zeit unseres Lebens mit möglichst vielen Freuden und Genüssen anzufüllen. Das Vergnügen und nur das Vergnügen ist dann einzig und allein unseres Strebens werth. Gibt es keinen Himmel und keine Hölle, dann ihr Menschen alle wetteifert mit einander im Genusse, stoßet einen Jeden unbarmherzig zu Bo- den, der euch irgendwie in euern Freuden und Ver- gnügen stören will; dann, ihre Söhne, erwürget herzlos den Vater, der euern Genüssen Schranken setzen will, und ihr genußsüchtigen, entarteten Töchter, warum habet ihr noch Geduld mit der Mutter, die mit schmerz- erfülltem Herzen und mit Thränen in den Augen euch ansteht, den Weg der Sünde zu verlassen? Nieder mit der Mutter; mag sie auch noch so viel Liebe an euch verschwendet haben, sie hat ein todeswürdiges Verbrechen begangen; denn sie hat euch zurückhalten wollen von euern Vergnügen. Darum weg mit ihr; ihr braucht euch nicht länger von ihren Thränen und Bitten be- lästigen zu lassen. Gibt es keine Ewigkeit, dann über- haupt weg mit allen Schranken und Gesetzen, weg mit jeder Obrigkeit, mag sie heißen wie sie will, weg mit allen Fürsten, mögen sie vorgeben, auch noch so rechtlich den Thron bestiegen zu haben. Nichts, durch- aus gar Nichts soll mich binden; nur ein Recht erkenne ich an, nämlich das Recht, zu genießen, nur zu genießen, überall zu genießen, das Recht, in Menschengestalt ein freies Thier zu sein. Was müßte aus der Menschheit werden bei solchen Anschauungen? Wie wäre da ein menschenwürdiges Leben denkbar? Nur durch die Ewigkeit hat die Zeit, hat das irdische Leben Werth und Bedeutung für uns; nur durch den Glauben an die Ewigkeit ist die Ordnung und der Bestand der menschlichen Gesellschaft gesichert. Dieser Glaube ist das starke, feste Fundament, auf dem das Wohl der Menschen beruht, ist die Quelle, von der ein großer, reicher Strom von Segen über alle Völker und Länder ausgeht, ist gleichsam ein heiliger Berg Sinai, von dem die Gesetze der Tugend und Gerechtig- keit in die Welt hinaus leuchten. Wehe, wenn dieser Glaube unter uns zu ersterben anfängt; denn dann muß sich Alles in Nacht und Dunkel hüllen; Barbarei, thierische Grausamkeit und unmenschliche Sitten müssen sich überall geltend machen und das irdische Leben wird zu einer tauben Blüthe ohne allen Werth. 6. Als Thomas Morus, der berühmte Glaubens- held des sechzehnten Jahrhunderts, lange in schwerer Kerkerhaft schmachten mußte, weil er nicht auf Wunsch seines ehebrecherischen Königs dem katholischen Glauben entsagen wollte, machten einige seiner Verwandten alle Versuche, ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Fürsten zu bestimmen. Doch alle Vorstellungen scheiterten an seiner Standhaftigkeit. Zuletzt erschien sogar die eigene Gattin mit den deutlichen Spuren des bittersten Schmerzes und Kummers im Angesichte. Sie erinnerte ihn an die glücklichen Jahre, die sie mit einander verlebt hätten, an die hoffnungsvollen Kinder, die ihre ge- meinschaftliche Freude seien, an den unerträglichen Schmerz, der ihr und den Kindern durch seinen bevor- stehenden Tod bereitet würde; endlich bat sie ihn unter einem Strome von Thränen und mit den zärtlichsten Worten, doch wenigstens aus Mitleiden mit ihr und seinen Kindern dem Befehle des Königs zu willfahren, um noch länger in Glück und Ansehen mit einander leben zu können. Auch Morus wurde beim Anblick des großen Schmerzes seiner zärtlich geliebten Gattin tief gerührt und der Gedanke an die nahe Trennung von ihr und seinen Kindern machte ihm das Herz zittern. Doch er wankte nicht in seiner Treue gegen Gott und die heilige Kirche. Fest und ernst schaute er seine Gattin an und sprach: „Wie lange glaubst du wohl, daß dieses Ansehen, dieses glückliche Zusammen- leben noch dauern werde, wenn ich dem ungerechten Befehle des Königs entspreche?“ „O noch zwanzig, auch noch mehr Jahre,“ sagte sie freudig erregt. Doch mit heiligem Ernste und unerschütterlicher Festigkeit gab Morus zur Antwort: „Geh', thörichte Käuferin! willst du denn eine ewig dauernde Ehre und eine unendliche Glückseligkeit einem schnöden Glücke von zwanzig Jahren aufopfern? Bewahre mich Gott vor einem so thörichten Tausche. Lieber will ich Alles verlieren als meine ewige Seligkeit; denn 'was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet?'“ Mit diesen schönen, echt christlichen Worten war die versuchende Eva für immer abgewiesen. Du, lieber christlicher Mann, wirst wohl nie in dieser Weise, wie der berühmte Glaubensheld von Eng- land, versucht werden; doch auch dir bleibt die Ver- suchung nicht aus. Hier tritt an dich eine Versuchung für deinen Glauben und deine kirchliche Gesinnung, dort eine Gefahr für die Reinheit des Herzens und die Treue, die du einst feierlich deinem Eheweibe am Altare versprochen hast; anderswo lockt und reizt dich ein reicher Gewinn, den du leicht und unbestraft machen könntest, zur Verletzung der christlichen Gerechtigkeit. In all' diesen und ähnlichen Gefahren denke an den hohen Ernst der Ewigkeit, denke an die ewigen Freuden, die dir zu Theil werden, wenn du standhaft bleibst im Guten, an die ewigen Qualen, die du dir verdienst, wenn du der Versuchung nachgibst und eine schwere Sünde begehst. Denke und erwäge, wie du allezeit gleichsam vor den Pforten der Ewigkeit stehst, indem der Tod an jedem Orte und in jedem Augen- blicke seine eisige Hand an dich legen und dich vor den Richterstuhl deines Gottes stellen kann. Auch dann, wenn zuweilen dein religiöser Eifer erlahmen will, ermuntere dich zur Beharrlichkeit und zu neuem Eifer im Dienste Gottes durch den Gedanken an die ewige Seligkeit und Herrlichkeit im Himmel, die ja um so größer sein wird, je eifriger du hienieden deinem Herrn und Gott gedient hast und je treuer du warst in Erfüllung deiner Berufspflichten. IV. Jesus Christus – unser Gott. Jesus Christus ist der von den Propheten ver- heißene göttliche Messias. Nur an ihm haben sich ihre verschiedenen Weissagungen alle ganz genau erfüllt. Er ist, um nur Einiges anzuführen, zu Bethlehem im Lande Juda geboren, wie der Prophet Michäus es schon vor Jahrhunderten verkündigte, und zwar in der Zeit geboren, die Daniel längst vorausgeschaut. Er hat sein öffentliches Leben und Lehramt ausgezeichnet durch Sanftmuth und Milde, durch große Zeichen und Wunder, wie es die Propheten schon lange vorher ge- schildert hatten; er wurde treulos verrathen, verkauft, gegeißelt, mit Essig getränkt und starb zwischen zwei Missethätern; nach seinem Tode wurden seine Kleider vertheilt und über sein Gewand das Loos geworfen. Alles geschah, wie es vor langer Zeit heilige und er- leuchtete Männer im Auftrage Gottes dem israelitischen Volke geweissagt hatten. Menschen konnten aus sich das nicht vorauswissen und noch weniger konnte ein Mensch aus eigener Kraft all' diese verschiedenen Um- stände und Thatsachen in seinem Leben zur Erfüllung bringen. Jesus Christus steht vor uns im steckenlos reinen, hellstrahlenden Glanze seines Tugendlebens. Selbst das schärfste Auge seiner Todfeinde konnte an ihm nicht einmal den Schatten einer Sünde erspähen. Welche Demuth nehmen wir an ihm wahr bei den größten Lobpreisungen? welche Sanftmuth und Milde in allen Lebenslagen? welche himmlische Ruhe und Gelassenheit bei allen Verfolgungen und Kränkungen? welche un- überwindliche Geduld in den größten Leiden auf dem Calvarienberge? welche heldenmüthige Liebe in seinem erhabenen Herzen, da er noch sterbend am Kreuze für seine bittersten Feinde betet? Und wie bewundernswerth ist der beständige Gleichmuth seiner Seele? Er bleibt immer derselbe, ob man ihn lobt oder tadelt, ob man ihn ehrt oder schmäht, ob man ihn steinigen oder zum Könige ausrufen will; immer derselbe, ob eine große Menge ihn jubelnd umwogt und ihr Hosanna erschallen läßt, oder ob sie in arger Verblendung ihn dem Straßenräuber und Menschenmörder Barabbas nachsetzt und mit wildem Wuthgeschrei seine Kreuzigung ver- langt. Selbst der Unglaube sieht sich genöthigt, Christus als einen Idealmenschen zu betrachten, über den Nie- mand hinauskommen könne. Sokrates ist bekanntlich oft hoch gerühmt und gepriesen worden wegen seiner Tugend und Weisheit, und doch behauptet sogar ein Rousseau, daß zwischen Christus und Sokrates gerade- zu ein himmelweiter Unterschied sei, wenn er sagt: „Des Sokrates Leben und Tod ist das eines Weisen, das Leben und der Tod Jesu ist das eines Gottes.“ Und doch wäre dieser vollkommenste und edelste der Menschen in dem Falle, daß unser Glaube an seine Gottheit trügerisch wäre, der infamste Lügner und der gemeinste Heuchler und Betrüger, den je die Erde ge- sehen; denn er hat ja wiederholt und in der feier- lichsten Weise sich für den ewigen, wesensgleichen Sohn des lebendigen Gottes ausgegeben. Nein, nein; Christus kann kein teuflischer Betrüger gewesen sein. Dagegen protestirt sein ganz heiliges und göttliches Leben, protestirt unsere Vernunft, die ihn der gemeinsten Lüge und des wahnsinnigsten Stolzes unfähig halten muß, protestirt der große und reiche Segen, die hohe Kultur und Civilisation, welche die christlichen Völker dem Glauben an seine Gottheit zu danken haben. Jesus Christus ist als großer Wunderthäter durch das Leben gegangen. Er hat Blinden, die seit vielen Jahren, ja von Geburt an des Augenlichtes beraubt waren, sehend gemacht, hat wunderbar Tausende von Männern und Frauen, die ihm ohne Nahrung in die Wüste gefolgt waren, mit einigen wenigen Broden ge- sättigt, hat Kranke aller Art, an denen berühmte Aerzte Jahre lang vergebens ihre Kunst versucht, voll- ständig geheilt und zwar geheilt durch ein paar Worte, die sein Mund sprach. Er hat den Jüngling von Naim, den man zu Grabe trug, und den Lazarus von Bethanien, der schon im Felsengrabe schlummerte, durch einen bloßen Machtbefehl in's Leben zurückgerufen. Selbst dem ungestümen, wilden Meere, das von ge- waltigen Stürmen heftig und stark gepeitscht wurde, hat er Ruhe geboten, und augenblicklich legten sich die hoch aufgethürmten Wogen. Sogar seine größten Feinde und Widersacher haben es nicht gewagt, seine Wunder in Abrede zu stellen, ein Beweis, daß sie über allen Zweifel erhaben waren. Wunder, göttliche Thaten kann nur Gott verrichten, oder wem Gott die Macht dazu verleiht. Diese Macht konnte er aber un- möglich Christus verleihen, wenn derselbe sich fälschlich für den wesensgleichen Sohn Gottes ausgab. Denn dann hätte Gott, die ewige Wahrheit und die unend- liche Heiligkeit, die Lüge des infamsten Betrügers und Gotteslästerers bestätigt und in Schutz genommen. Das aber ist absolut unmöglich. Darum beugen wir mit vollem Recht vor Christus unsere Knie und beten ihn an als unseren höchsten Herrn und Gott. Jesus Christus steht in der Weltgeschichte da als der Gründer des mächtigsten Reiches. Er, dessen Wiege eine arme, kalte Krippe und dessen Sterbebett ein hartes, nacktes Kreuz war, er, der so wenig von den irdischen Gütern besaß, daß er die Vögel des Himmels und die Füchse des Waldes reicher nennen mußte als sich selbst, hat ein Reich gegründet so groß und um- fangreich, so mächtig und tief in die Menschheit ein- dringend, wie nie, seitdem die Welt steht, Könige und Kaiser ein solches gründen konnten, mochte ihnen auch die größten und schlagfertigsten Heere zu Gebote stehen und mochten sie selbst und ihre Soldaten auch den un- erschrockensten Muth und die zäheste Tapferkeit und über- legendste Klugheit besitzen. Und gegen dieses Reich Jesu hat sich die ganze Welt erhoben, um es vom Erd- boden zu vertilgen. Mächtige Fürsten und listige Philo- sophen, fanatische Götzenpriester und wüthende Volks- massen haben sich miteinander verbunden, um es un- barmherzig zu Grunde zu richten. Doch mächtiger als alle Regenten und Staatsmänner, als alle Philosophen und Gelehrte, als alle Götzenpriester und rasende Volks- haufen war der arme, verachtete, wundgeschlagene Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupte, dem Spottmantel um die Schultern und dem zerbrechlichen Schilfrohre in der müden, zitternden Hand. Die Macht und Weis- heit der ganzen Hölle und Welt konnte ihn nicht be- siegen, weil in ihm die Fülle der Gottheit wohnt. Doch noch mehr. Selbst das persönliche Schicksal, wenn man sich bei Jesus so ausdrücken darf, das ihn nach seinem Tode traf, zeigt uns klar, daß wir es bei ihm nicht mit einem bloßen Menschen, sondern mit Gott zu thun haben. Nie ist je ein Mensch nach seinem Tode so geliebt, so gehaßt worden und hat solchen Ruhm erlangt, wie Jesus Christus. Das wollen wir in diesem Kapitel etwas näher betrachten. 1. Nie ist ein Mensch nach seinem Tode so geliebt worden wie Jesus Christus . – Wir haben ein Sprichwort, das sagt: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Zur Ehre der Menschheit darf man wohl behaupten, daß dieses Wort sich nicht immer im strengen buchstäblichen Sinne erfüllt, aber nichts desto weniger wird es nur zu oft im Leben bestätigt; besonders aber ist es allgemeine Erfahrung, daß der Tod, das Grab, dem Menschen die Liebe raubt. Wie Viele, die früher allgemein beliebt und von Freunden förmlich um- schwärmt waren, sind wenige Jahre nach dem Tode fast ganz vergessen, selbst im engsten Kreise der Freunde. Selten wird ihr Name genannt; man hat neue Freunde, und darum gedenkt man nur selten der hingeschiedenen. Werden nicht manchmal selbst Diejenigen, mit welchen man durch die innigsten Bande vereinigt war, bald nach dem Tode vergessen? Geschieht das nicht selbst bei Vater und Mutter, die doch alle Liebe an die Kinder verschwendet? Die Thränen, welche man an ihrem frischen Grabe in bitterstem Schmerze weint, fließen bald nicht mehr. Die Kinder werden von den Mühen und Sorgen des Lebens in Anspruch genommen, oder die Welt mit ihren Annehmlichkeiten und Zerstreuungen übt ihren Einfluß auf sie aus, und so wird der Schmerz der trauernden Liebe nach und nach ruhiger, und wenn man auch den theueren Eltern ein gutes Andenken be- wahrt, so hat doch das Grab ihnen die Frische und Wärme der zärtlichen Liebe genommen, die sie bei den Kindern genossen. Wer von uns wird wohl noch fünfzig oder hundert Jahre nach seinem Tode hier auf Erden geliebt werden? Wer von uns wird, wenn seine Gebeine nur mehr eine Hand voll Staub und Asche sind, sich noch in den Herzen derer, die ihn nie gekannt, neue Liebe erwerben? Wer wird dann bei den Bewohnern der großen und industriereichen Städte von Amerika oder bei den Wilden in den Wäldern Afrika's eine große Eroberung der Herzen bewirken, so daß dieselben mit freudiger Begeisterung die größten Opfer für ihn bringen? Sicher Niemand. Ohne Prophet zu sein, kann man das mit der größten Gewißheit voraussagen. Denn das Grab raubt uns die Liebe und bringt uns Vergessenheit. Nur bei Jesus Christus ist es anders. In seinem irdischen Leben ist er verhältnißmäßig wenig geliebt worden. Er war der Mildeste, Sanftmüthigste und Liebenswürdigste unter den Menschen; überall ver- richtete er Werke der Barmherzigkeit und kennzeichnete all seine Schritte mit Wohlthaten; eine gewisse über- irdische Schönheit und ein himmlischer Zauber war über sein ganzes Wesen, Leben und Wirken ausgebreitet, und doch fand er wenig Liebe. Nur Wenige liebten ihn wahrhaft und beharrlich; nur eine kleine Schaar Jünger hielt zu ihm, und auch diese scheinen aus bloß irdischen Hoffnungen ihm gefolgt zu sein. Nur aus Selbstsucht liebten sie ihn; zur Zeit der Gefahr flohen sie und wollten nicht für seine Anhänger gelten. Einer von seinen Aposteln, Judas mit Namen, hat ihn sogar ver- rathen und um einige wenige Silberlinge an seine grimmigsten Feinde verkauft. Und als dann Jesus aus Calvaria am Kreuze schmerzlich verblutete, war die große Stadt am Fuße des Calvarienberges kalt und ge- fühllos; nur wenige Thränen wurden um ihn geweint; nur wenige Herzen fühlten warme und innige Theil- nahme für sein schreckliches Leiden und qualvolles Sterben. Die Meisten sind herzlich froh, daß er aus dem Wege geräumt ist oder kümmern sich gar nicht um sein trauriges Ende und gehen nur ihren täglichen Ge- schäften nach, als ob gar nichts Besonderes vorgefallen wäre. Wird nicht ein solcher Mann bald ganz ver- gessen sein? nach fünfzig Jahren, um hoch zu greifen, wird wohl kein Herz mehr auf dieser Erde schlagen, in dem noch ein Funke von Liebe zu ihm glüht? Man sollte es glauben. Und doch ist es ganz anders ge- kommen. „ Wenn ich am Kreuze erhöht sein werde , will ich Alles an mich ziehen .“ Diese Worte Jesu, die nur Gott sprechen konnte, haben sich wunder- bar nach seinem Tode erfüllt. Seine Jünger, die doch früher so glaubens- und liebearm, so feige und ohne alle Begeisterung für den Herrn sich gezeigt hatten, scheinen auf einmal ganz andere Männer geworden zu sein. In ihrem herzen hat sich ein Feuer der Liebe zu Jesus entzündet, das sie nicht rasten und ruhen läßt. Sie eilen hinaus in alle Welt, um seine Lehre den Völkern zu verkünden. Sie scheuen nicht zurück vor den Gefahren des Meeres; sie bangen nicht vor Kerker und Folter; freudig unterziehen sie sich den größten Beschwerden und den schmerzlichsten Drangsalen und Verfolgungen; jubelnd sterben sie für den Namen Jesu. Niemand kann in ihnen mehr die feigen und selbst- süchtigen Jünger von früher erkennen. Doch noch mehr. Dem Heilande, der im Leben so wenig geliebt worden, wird, nachdem er am Holze der Schmach des schmerzlichsten Todes gestorben, auch von Andern, die ihn nie gesehen und nie ein Wort mit ihm gesprochen, eine Liebe zu Theil, wie sie nie ein geschaffenes Wesen hienieden empfangen hat, und zwar in allen Ländern der Erde und zu allen Zeiten. Wer denkt hier nicht an die zahllos vielen Martyrer der ersten christlichen Jahrhunderte, die freudig Gut und Blut für Jesus zum Opfer gebracht haben? Und das waren oft Solche, die in der Welt die glänzendste Stellung einnahmen und das schönste Glück besaßen oder doch sicher hoffen durften. Im Anfange des vierten Jahrhunderts lebte in der herrlichen Weltstadt Rom eine blühende Jungfrau, die Tochter von sehr reichen und vornehmen Eltern. Der Sohn des Statthalters Prokopius faßte eine innige Neigung zu derselben und warb um ihr Herz und ihre Hand. Dieser Braut- bewerber konnte ihr Paläste, Lustgärten, Landhäuser und Alles versprechen, was die Welt bieten kann und die Menschen hochschätzen. Doch die hochherzige Jungfrau achtet auf Alles nicht und weist den hoch- angesehenen Bewerber mit folgenden entschiedenen Worten ab: „Weiche von mir, du Speise des Todes; ich bin schon von einem Anderen erkoren, der mir einen viel schöneren Schmuck gegeben und weit vornehmer ist an Abkunft und Würde. Er zeigte mir unvergleichliche Schätze, die er mir geben werde, wenn ich ihm treu bleibe. Sein Herz ist weit edler, seine Macht weit größer, sein Anblick weit schöner; seine Stimme ist so lieblich und seine Liebe so süß. Wenn ich ihn liebe, bin ich keusch; wenn ich ihn berühre, bleibe ich rein; wenn ich ihm mich vermähle, bleibe ich Jungfrau. Ihm bewahre ich die Treue, ihm allein gebe ich mich ohne Rückhalt hin.“ Wer war denn dieser Bräutigam, von dem die vornehme Jungfrau in so glühender Be- geisterung spricht und für den sie Alles aufopfern will, was sonst die Menschen mit heißer Begierde erstreben? Es war Jesus Christus, der vor beinahe drei Jahr- hunderten in einem verachteten Lande gelebt und mit Wunden übersäet am Kreuze gehangen und an ihm des schmählichsten Todes gestorben war. Für ihn hat Agnes die größten Güter und das verlockendste Glück zum Opfer gebracht; für ihn ist sie in den schmerz- lichen Martyrtod gegangen. Einige Jahre früher, im Jahre 288, stand in dem- selben Rom ein stattlicher, kräftiger Jüngling vor dem Weltbeherrscher Diocletian. Er trägt den Waffenrock; überaus edel sind seine Gesichtszüge; aus seinem Auge blitzt Muth und kriegerische Tapferkeit; er besitzt schöne Kenntnisse, große Umsicht und Klugheit und herrliche Eigenschaften des Herzens, die ihn zum Liebling des Kaisers gemacht, der ihn bei jeder Gelegenheit mit Gunstbezeugungen überhäuft. Von den Soldaten, über die der tapfere Jüngling den Oberbefehl hat, ist er fast abgöttisch verehrt und sie werden ihn vielleicht eines Tages zum Kaiser ausrufen. Doch auf dies Alles ver- zichtet Sebastianus; theuerer als die Gunst des Kaisers, als die begeisterte Verehrung seiner Soldaten und die Aussicht auf die höchsten Ehrenstellen dieser Welt ist ihm die Liebe des armen, gekreuzigten Jesu, der vor langer Zeit auf Golgatha gestorben ist. Freudig und jubelnd geht er für ihn in den bittern Tod. Seit dieser Zeit sind viele Jahrhunderte vergangen. Zahllos viele Menschen haben seitdem gelebt und haben sich einige Jahre der innigen Liebe ihrer Mitmenschen erfreut. Dann sind sie gestorben und in's Grab ge- stiegen, und auf der ganzen weiten Welt ist kein Herz mehr, welches noch das leiseste Gefühl der Zuneigung für sie empfindet. Aber Jesus Christus wird noch heute wie vor Jahrhunderten geliebt und zwar geliebt mit einer innigen, starken und beharrlichen Liebe, die zu den schwersten Opfern befähigt. Hier wandelt eine ein- fache, demüthige Person durch die Straßen einer volk- reichen Stadt. Sie hat Eile und schaut nicht auf die Pracht der Häuser und der schönen Läden; sie achtet kaum auf die Vorübergehenden, die ihr theils ehrer- bietig, theils höhnisch Platz machen. Wohin eilt denn diese Jungfrau? Vielleicht in die Arme einer liebenden Mutter, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen, oder in eine frohe Gesellschaft von theueren Freundinnen, wo sie einige vergnügte Stunden zubringen will? O nein; sie eilt in ein ödes, dumpfes, enges Zimmer, wo ein verlassener Pestkranker dem Tode nahe ist. Ihn pflegt sie mit unerschrockenem Heldenmuthe und mit der treuesten Sorgfalt, obgleich sie merkt, das das Gift der Krankheit auch bereits ihren eigenen Körper erfaßt hat, und man sie vielleicht selbst in wenigen Tagen zu Grabe trägt. Woher hat sie diesen Opfersinn? für wen nimmt sie muthig und freudig all' diese Mühen, Entbehrungen und Lebensgefahren auf sich, sie, die doch einer vor- nehmen Familie entstammt, und der die Welt lachend zu Füßen lag und die glänzendsten Anerbietungen machte? Auf der Brust trägt sie ein Kreuz aus ein- fachem Metall. Dieses Kreuz gibt uns die Antwort. Aus Liebe zu Jesus Christus hat die barmherzige Schwester ihren schweren Beruf erwählt und aus Liebe zu ihm erträgt sie ihr Leben lang mit Freudigkeit die harten Entbehrungen und Opfer desselben. Dort steht am Ufer des Meeres ein junger, gut talentirter Mann, der, wie man ihm gesagt hat, in der Welt sein Glück machen könnte. Er hat soeben der theueren Mutter, deren Liebling er war, zum letzten Male die Hand gedrückt, hat unter Thränen von seinem guten Vater und seinen Geschwistern Abschied genommen. Jetzt steht er im Begriffe, das Schiff zu besteigen, über den stürmischen Ocean zu fahren und sich in ein weit entlegenes, unbekanntes Land zu begeben, wo noch wilde Sitten herrschen und Menschen den falschen Göttern geschlachtet und geopfert werden. Er geht nicht hin, um dort Handelsgeschäfte zu machen und mit großen Reich- thümern zurückzukehren oder um sich durch geographische Forschungen in der Gelehrtenwelt einen berühmten Namen zu machen. Die einzige irdische Aussicht, welche er hat, ist die, daß er eines Tages im Walde von den Heiden überfallen wird, und sie ihm mit ihren Streit- äxten den Kopf spalten. Nein, nicht die Hoffnung auf Geld oder Ruhm bestimmt ihn, die Heimath und Alles, was ihm in ihr theuer ist, zu verlassen, sondern die Liebe zu Jesus Christus, der eines Tages nach der heiligen Communion leise und doch deutlich zu ihm gesprochen: Gehe zu den Heiden und verkündige ihnen meinen Namen. Das Wort genügte, um ihn für alle Opfer zu begeistern, die der Beruf eines Missionars von ihm verlangt. So wird Jesus Christus noch heute geliebt und zwar mit einer Liebe, wie sie nie einem sterblichen Menschen zu Theil geworden. Noch heute bringt man für ihn die allergrößten Opfer, während für die viel- gepriesenen Männer des Alterthums nicht das geringste Opfer mehr gebracht wird. Das kommt daher, daß diese berühmten Männer, welche ehemals so viel Auf- sehen erregten, nur schwache, sterbliche Wesen waren, die verwelkten und verschwanden, wie die Blumen auf unseren Feldern. Der Heiland dagegen, Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit, ist der wesensgleiche Sohn des göttlichen Vaters, unendlich vollkommen wie der Vater, unendlich und ewig liebenswürdig wie der Vater. Nur dies allein erklärt genügend die ganz einzig dastehende Thatsache. Im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts saß ein weltbekannter Mann als Gefangener auf einer ein- samen Insel. Wohl selten oder vielleicht nie hat ein Feldherr eine solche Zaubermacht über seine Soldaten ausgeübt wie er. Ein Wort, ja ein Blick von ihm genügte, um in den Herzen derselben das Feuer der Begeisterung hoch anzufachen, so daß sie mit Muth sich in's dichte Kampfgewühl stürzten. Sieg auf Sieg krönte überall sein Kämpfen und Streiten. Durch sein seltenes Genie, sein unerhörtes Glück und seine glänzen- den Siege bahnte er sich den Weg zu dem französischen Kaiserthrone und war dann eine Zeit lang der mäch- tigste Mann Europa's; selbst bis in andere Welttheile hatte sich der Schrecken von ihm verbreitet. In seinem Uebermuthe nun legte er auch seine Hand an die ge- heiligte Person des Papstes, des sichtbaren Stellver- treters Jesu Christi auf Erden. Das war sein Unglück. Nun gefiel es Gott, seinen Siegeslauf zu hemmen und sein Scepter zu zerbrechen. Er wehte ihn, möchte ich sagen, mit dem Hauche seines Mundes weg von dem kaiserlichen Throne in Frankreich und setzte ihn als Ge- fangenen auf eine einsame Insel. Es war Napoleon I. Hier dachte er darüber nach, was er einst gewesen und was er vermocht hatte und was er jetzt sei und jetzt vermöge. So wurden die Gedanken seines gewaltigen Geistes, die früher nur auf Eroberungskriege gerichtet waren, auch religiösen Betrachtungen zugewandt. Eines Tages nun, wiederum vertieft in solche Erwägungen, sprach er zu den wenigen Gefährten seiner Verbannung: „Das größte Wunder Jesu ist unstreitig die Herr- schaft seiner Liebe. Ihm allein ist es geglückt, das Herz der Menschen bis zum Unsichtbaren zu er- heben, bis zum Opfer des Zeitlichen; er allein hat, indem er diese Aufopferung schuf, ein Band zwischen dem Himmel und der Erde geknüpft. Das ist es, was ich am meisten bewundere, und was uns die Gottheit Christi absolut beweist. Ich habe einst Massen in Leidenschaft versetzt, so daß sie für mich starben. Aber jetzt, wo ich auf St. Helena bin, an- geschmiedet an diesen Felsen, wer liefert Schlachten und erwirbt Reiche für mich? Denkt man an mich? Wer regt sich in Europa für mich? Wer ist mir treu geblieben? Das ist das Schicksal der großen Männer, der Cäsar und Alexander; man vergißt uns, und der Name eines Eroberers und eines Kaisers ist dann weiter nichts mehr als ein Thema für eine Schulaufgabe. – Noch einige Augenblicke und ich sterbe vor der Zeit, und mein Leichnam wird die Speise der Würmer sein. Das ist das sehr nahe Schicksal des großen Napoleon. Welch' ein Abgrund zwischen meinem tiefen Elend und dem ewigen Reiche Jesu Christi, welcher heute noch ge- predigt, geliebt, gelobt, angebetet wird und fortlebt in der ganzen Welt. Heißt das sterben? Oder heißt das nicht viel mehr leben. Ja der Tod Christi ist der Tod eines Gottmenschen.“ Das ist das Urtheil der denkenden Vernunft, die Stimme der Wahrheit. 2. Nie ist ein Mensch nach seinem Tode so gehaßt worden wie Jesus Christus . Du lieber christlicher Mann magst vielleicht deine Feinde haben, die dich bitter hassen, die durch Lügen, Ver- leumdungen und Chikanen aller Art dir zu schaden suchen. Vergiß nur nicht, daß du ein Christ bist und deinem Feinde verzeihen mußt, wenn du Verzeihung deiner Sünden von Gott erlangen willst. Doch magst du auch jetzt Feinde haben, die von Haß gegen dich erfüllt sind; dein Tod wird diesen Haß abkühlen und vermindern. Deine Feinde werden vielleicht nach einiger Zeit sich über sich selbst wundern, daß sie dir so lange abgeneigt sein konnten und mit Anerkennung und Lob von deinen guten Eigenschaften und Verdiensten sprechen. Das aber ist ganz sicher, hundert Jahre nach deinem Tode wird auf der ganzen weiten Erde kein einziges Herz mehr sich finden, in dem der Haß gegen dich noch glüht. Kein Europäer, noch weniger aber ein Amerikaner oder Afrikaner wird dir zürnen und fluchen. Noch eher und sicherer als die Liebe raubt uns das Grab den Haß der Menschen. Nur bei Jesus Christus ist es auch hier wieder anders. Er wurde wüthend gehaßt zur Zeit seines Lebens. Es haßten ihn die Schriftgelehrten und Pharisäer, die in ihrem Neide es nicht ertragen konnten, daß Viele gerne seine Predigten hörten, und die ihm deshalb überall Fallstricke zu legen suchten. Es haßte ihn eine große Anzahl Juden, die nur einen Messias wollten, der ihnen irdische Macht und Herrlichkeit bringen sollte. Es haßten ihn viele gottlose und verkommene Menschen, die seine reine Sittenlehre nicht ertragen konnten. Es haßte ihn selbst einer aus der Zwölfzahl der bevorzugten Jünger und vollbrachte an ihm die boshafteste und schwärzeste That, indem er ihn an seine Todfeinde aus- lieferte. Welch' höllischer Haß gegen Christus glühte in vielen Herzen am ersten blutigen Charfreitage, da man ihn mit dem schweren Kreuze auf der wunden Schulter unter Hohn und Spott aus der Stadt hinaus- trieb und ihn dann auf dem Calvarienberge mit eisernen Nägeln an dieses Kreuz anheftete! Aber nachdem nun der Heiland an diesem Holze der Schmach ver- blutet, nachdem er im Tode sein dornumflochtenes Haupt auf die Schulter gesenkt und seinen Geist ausgehaucht hat, wird doch die Flamme des Hasses gegen ihn sinken und nach und nach ganz ersterben? Man sollte es meinen; aber es kam anders. Der Haß gegen ihn erstarb nicht, sondern erfaßte immer mehr Herzen und stieg bis zu einer unbegreiflichen Höhe. Schon sind zwei Jahrhunderte nach seinem schmerz- lichen Tode verflossen und im ganzen römischen Reiche besitzt der Haß gegen Christus noch seine lebendige Frische und Gluth. Alles ist in größter Aufregung, der Kaiser, die Präfecten, die Richter, die Philosophen, die Götzenpriester, die Masse des Volkes. Ihr Auge sprüht Feuer; die Gluth des wildesten Zornes lodert auf ihrem Angesichte; eine Fluth von Flüchen und Verwünschungen strömt von ihren Lippen. Alles muß herhalten, um ihren Haß und ihre Rachsucht zu be- friedigen. Die Fluthen des Meeres müssen die Opfer dieses Zornes aufnehmen und in ihren Tiefen begraben; die Zähne der wilden Thiere müssen sie zerreißen; die Flammen der Scheiterhaufen müssen sie verzehren. Nicht genug Henkersknechte mit ihren Mordinstrumenten können sich einstellen, um sie zu martern. Woher nun diese Aufregung? Woher diese Wuth und Raserei? Wem gilt dieselbe? Es ist Jesus Christus, gegen den dieser wüthende Haß tobt. Und doch ist dieser Jesus Christus vor zwei Jahrhunderten gestorben und zwar in einem weit entlegenen Lande. Ist das nicht äußerst sonderbar? Doch ist es nicht noch sonderbarer, daß seit dieser Zeit mehr wie tausend Jahre verflossen sind, der Haß gegen Christus aber noch immer fortlebt? Gibt es denn nicht Menschen unter uns, die beim bloßen Ge- danken an den Gekreuzigten und seine Lehre in Auf- regung gerathen? Menschen, die beim Anblicke eines Dieners, eines Priesters Jesu Christi ihre Wuth kaum bemeistern können und auf offener Straße in Flüche und Verwünschungen ausbrechen? Menschen, die den Namen der Kirche Jesu nicht hören können, ohne daß sie vor Zorn fast an allen Gliedern zittern? Ist das nicht eine auffallende Erscheinung? Es hat manche große Verbrecher in früheren Jahr- hunderten gegeben, die Missethat auf Missethat häuften und ihr langes Leben mit Lastern anfüllten, wahre Ungeheuer und Scheusale, die nur zu leben schienen, um am Ruine der Gesellschaft zu arbeiten. Die Ge- schichte hat uns herzlose, unmenschliche Tyrannen gezeigt, die ihr Volk entsetzlich grausam behandelten, die kalt und lachend über die Leichen ihrer Unterthanen hin- schritten. Niemand haßt sie mehr; Niemand hat ihret- wegen eine schlaflose Nacht. Warum wird denn allein Jesus, der Gekreuzigte, noch gehaßt, er, der doch nur Wohlthaten spendend durch's Leben ging und der mit seinem Segen die ganze Welt erfüllt hat, er, der doch selbst von denen, die nicht seine Jünger, vielmehr seine Gegner sind, als der Weise von Nazareth, als der große Menschenfreund bezeichnet wird? Warum wird er heute nach achtzehn Jahr- hunderten noch gehaßt und zwar so wüthend und hart- näckig gehaßt, während man die grausamsten Tyrannen und Würger der Völker von ehedem heute nicht mehr haßt? Dafür gibt es nur eine Erklärung, nämlich die Gottheit Jesu Christi. Weil das Diadem der Gottheit von seinem Haupte leuchtet, weil er als Gott von sich sagen konnte: „ Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben ,“ darum der glühende und unersättliche Haß gegen ihn durch alle Zeiten. Jesus Christus ist die Wahrheit; darum sucht Satan, der Vater der Lüge, diese Wahrheit zu verdunkeln und sie der Feindschaft und dem Hasse der Menschen preis- zugeben. Jesus Christus ist unser Weg, der uns zum Heile führt, ist unser wahres Leben, das uns ewig beglücken will; darum haßt ihn Satan, der Widersacher des Menschengeschlechtes, und sucht uns von ihm abwendig zu machen, um uns auf dem Wege des Verderbens dem ewigen Tode zu überantworten. Das ist die einzige richtige Lösung des großen Räthsels in der Weltgeschichte. Christlicher Mann! Gerade dieser grimmige Haß der Hölle und der Gottlosen dieser Welt gegen Jesus Christus muß dich bestimmen, ihn als deinen Herrn und Gott, der dich unendlich liebt, mit allen Kräften deines Herzens und deiner Seele innig und stark zu lieben. Denn nicht ein Mensch, sondern nur der un- endlich heilige und gerechte Gott kann von der Hölle und der Welt in so glühender und beständig andauern- den Weise gehaßt werden. 3. Obgleich nie ein Mensch nach seinem Tode so wüthend und beharrlich gehaßt worden ist, so hat doch Niemand einen so großen Ruhm erlangt wie Jesus Christus . Ruhm und Liebe sind zwei verschiedene Dinge. Jemand kann berühmt sein, ohne besonders geliebt zu werden. – Bei den gewöhnlichen Menschen schwindet mit ihrem Tode auch gar oft und sehr bald die Ehre und der Ruhm, dessen sie während des Lebens sich erfreuten. Wie oft ereignet es sich, daß Männer, die im Leben ein großes Ansehen ge- nossen und die man bei jeder Gelegenheit bis zu den Sternen erhob, bald nach dem Tode in allgemeine Vergessenheit gerathen. Es ist, als ob auch ihr Ruhm mit ihrem Leichnam zu Grabe getragen und dort unter dem Erdhügel begraben worden sei. Im allergünstigsten Falle wird ihr Name noch in einem Geschichtswerke erwähnt, und muß sich eine verhältnißmäßig nur kleine Anzahl Menschen, die sich trotz aller Mühe des Ge- schichtsprofessors kaum momentan für sie begeistern können, abplagen mit dem Studium ihres Lebens und ihrer Thaten. Sonst aber sind sie ganz vergessen. Und doch, was bietet man nicht Alles beim Tode eines solchen angesehenen Mannes auf, um seinen Ruhm in vollem Glanze zu erhalten und noch zu erhöhen. Man spricht in überschwenglichen Ausdrücken von dem uner- setzlichen Verluste, der die Wissenschaft, den Staat und die ganze Gesellschaft durch den Tod dieses Mannes getroffen. Aus weiter Ferne reisen hochgestellte Männer hin, um an seinem Begräbnisse Theil zu nehmen; man hält ihm eine Grabrede, die ihn als das Ideal eines Mannes hinstellt, die von ihm sagt, daß er Jahre lang die Seele großer Unternehmungen gewesen, daß mit ihm eine Hauptzierde der Menschheit in's Grab sinke, doch er werde fortleben im Andenken der spätesten Geschlechter. Dann setzt man ihm einen Grabstein, der mit goldenen Buchstaben seine hohen Titel und seine vorzüglichsten Thaten der Welt ver- kündet; schließlich tritt noch ein Comité zur Errichtung eines Ehrendenkmals des Gestorbenen zusammen. Doch was geschieht? Es sind vielleicht kaum dreißig oder vierzig Jahre verflossen, und die Inschrift des Grabes ist vom Regen und Wetter verwischt und Niemand läßt sie erneuern. An dem Denkmal bleibt kaum mehr ein Reisender neugierig stehen und sucht mit Mühe seine Lettern zu entziffern. Der Ruhm des ehemals so sehr Gefeierten ist fast ganz erloschen; ja vielleicht hat sich eine Menge scharfer Kritiker gefunden, die sein ganzes Leben und Handeln nicht mit Unrecht ver- urtheilen und klar nachweisen, daß die Triebfeder seiner Unternehmungen in seiner enormen Selbstsucht oder in einer anderen Leidenschaft zu suchen ist. Sic transit gloria mundi . So vergeht der Ruhm der Welt. Wie ganz anders auch hier wieder bei unserm göttlichen Heilande! In seinem Leben und bei seinem Tode erscheint er als der Geringste und Verachtetste der Menschen. In dem Winkel eines armen, zerfallenen Stalles wird er geboren; bis zum dreißigsten Jahre lebte und arbeitete er als unbekannter Zimmermann in einem kleinen, verachteten Städtchen. In der kurzen Zeit seines öffentlichen Lebens mußte er das Brod der Armuth essen, das ihm mildthätige Hände darreichten. Sein Tod endlich ist in die tiefste Schmach eingehüllt; er stirbt auf Golgatha, der Schädelstätte, wo die Ver- brecher hingerichtet wurden; er stirbt in einer Gesell- schaft, die für ihn die größte Schmach sein sollte, nämlich in der Mitte zwischen zwei Straßenräubern; er stirbt mit der Dornenkrone auf dem Haupte, die noch mehr eine Schmach–, als eine Schmerzenskrone war; er stirbt am verachteten Holze des Kreuzes, und das galt in der damaligen Welt als die allertiefste Schmach. Und wie armselig und ruhmlos war dann sein Be- gräbniß! Es ist ohne alle Ehre, ohne allen Glanz und Pomp, gering und arm wie das des elendesten Bett- lers. In ein fremdes Grab legt man die zerschlagenen Glieder; kaum sind sechs oder sieben Personen dabei anwesend; keine herrliche Lobrede wird gehalten; Alles schweigt, nur wird das Schweigen unterbrochen von dem Schluchzen der armen Mutter des Verachteten. Das ist Alles. Wird ein solcher Mann nicht nach fünfzig Jahren ganz vergessen, ganz unbekannt sein? Wird man aber auch dann noch einmal seinen Namen nennen, so wird man doch nur mit Verachtung von ihm reden, als von dem Mann der tiefsten Ernied- rigung und der größten Schmach? Man kann, menschlich betrachtet, keine andere Erwartung haben. Und doch ist es ganz anders gekommen. Nie ist einem Menschen so viel Ruhm, so große Ehre und Verherrlichung zu Theil geworden, wie der Heiland sie nach seinem Tode empfangen hat. Nie ist ein Name mit solcher Ehrfurcht ausgesprochen worden, wie der seinige. Wer zählt all' die Millionen Christen, die es sich zur größten Ehre rechneten, seiner heiligen Sache ergeben zu sein? wer all' die Gesänge und Lieder, die sein Lob und seine Ehre verkündet haben? wer all' die Altäre und herrlichen Tempel, die seiner Ehre und seiner Anbetung erbaut worden sind? Und während ich jetzt diese schwachen Zeilen zu seiner geringen Verherr- lichung niederschreibe, liegen Tausende und Tausende im Staube auf den Knieen, um ihm den Tribut gött- licher Ehre zu zollen, und ertönt überall von den Lippen der süße Gruß: „Gelobt sei Jesus Christus, in Ewigkeit. Amen.“ Das kommt daher, weil er „Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott“ , weil er „der König der ewigen Glorie“ , „ rex aeternae gloriae “ ist. Auch wir beide, christlicher Mann, wollen, ehe wir in diesem Kapitel von einander scheiden, in den Staub uns niederknieen, um Jesus Christus als unseren höchsten Herrn und Gott mit der ganzen Inbrunst unseres Herzens anzubeten, wollen ihm die Treue, die wir ihm einst bei der Taufe und der ersten heiligen Communion gelobt, wieder erneuern und darum sprechen: „Jesus, dir lebe ich; Jesus, dir sterbe ich; Jesus, dein bin ich todt und lebendig. Amen.“ V. Die wunderbare Größe der katho- lischen Kirche. Auf einzelnen Bergen am schönen Rheinstrome oder in anderen Gegenden Deutschlands stehen die Ruinen alter Burgen. Manche Reisende steigen mühsam die Anhöhen hinauf, um die Reste vergangener Herrlichkeit und Macht in Augenschein zu nehmen. Nichts ent- geht ihrem Blicke. Die dicken Mauern, die wenigstens theilweise bis jetzt allen Stürmen Trotz geboten, die schweren Steine, die sich hier und da abgelöst haben, die Oeffnungen an der Mauer, die vielleicht von der letzten Belagerung herrühren, der Epheu, der sich bis zu einer ansehnlichen Höhe emporgerankt hat, selbst die unscheinbaren Blumen, die sich in oder auf der Mauer befinden, Alles wird betrachtet. Während das Auge dies Alles beobachtet, staunt der Geist über die Leistungs- fähigkeit der Menschen, die hier auf steiler Höhe einst ein so riesiges Werk aufgeführt, staunt über die Festig- keit der Mauern, die trotz der Stürme, die seit Jahr- hunderten über sie hingezogen sind, immer noch stark und kräftig dastehen. Man wundert sich über das, was menschlicher Fleiß und menschliche Ausdauer zu schaffen im Stande sind. Und doch ist ja die frühere Herrlichkeit und Pracht dahin; kein ernster Burgherr schreitet mehr gravitätisch einher; keine stolzen Frauen lustwandeln mehr auf den schön angelegten Pfaden; keine munteren Kinder tummeln sich mehr im Spiele herum; in den Rittersälen finden keine Berathungen oder Festlichteiten mehr statt. Alles ist ruhig, öde und leer; kein Leben herrscht mehr dort. Nur ein Raubvogel hat sich sein Nest in der Mauer gebaut und kleine Insekten schwirren durch die verlassenen Räume. Wahrhaftig; mehr wie Bewunderung ist trauriger Ernst und Wehmuth über die Vergänglichkeit alles Irdischen an dieser Stelle berechtigt. Auch ich möchte im Geiste meine Leser in diesem Kapitel vor einen alten Riesenbau, aber einen Bau geistiger Art hinführen, auf daß sie sich denselben in seiner Kraft und Herrlichkeit etwas näher anschauen. Er ist älter als die älteste, längst zerfallene Burg in Deutschland. Entsetzliche Stürme und Unwetter sind über ihn im Laufe der Zeiten dahin gezogen und haben gewaltig an ihm gerüttelt; Schlag auf Schlag, einer stärker und schrecklicher als der andere, sind gegen ihn geführt worden. Und doch steht er nicht als große Ruine vor uns, sondern ist noch so fest und riesig stark, als ob er erst vor einem Jahrzehnt gebaut worden wäre. In diesem Riesenbau herrscht noch zur Stunde das regste Leben und geht noch ein Einfluß von ihm auf die Menschheit aus, so mächtig, so all- gemein und so tief eindringend, wie er nie von einer königlichen Burg ausgegangen ist. Dieser Riesenbau ist unsere heilige katholische Kirche. Möge die Betrach- tung ihrer wunderbaren Größe und Erhabenheit uns in der Anhänglichkeit und treuen Liebe zu derselben stärken. 1. Wunderbar groß erscheint uns die hei- lige Kirche in ihrer Gründung und Aus- breitung . „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie Alles halten, was ich euch befohlen habe“ (Matth. 28, 19). Durch diese Worte, die einst Christus an elf Männer richtete, ist der Auftrag ausgesprochen, sein Reich, die Kirche, unter den verschiedensten Völkern auszubreiten. Nie ist ein Befehl hier auf Erden ertheilt worden, der einen so schwierigen Auftrag enthielt, wie dieser. Der Auftrag will, daß die kleine Schaar Jünger die ganze Welt sich erobere, daß sie den heidnischen Götzendienst stürze, und doch besaß dieser Götzendienst das Ansehen eines hohen Alterthums; er war geschützt durch die Macht und die Waffen der Könige und der Heere; er war eng verbunden mit dem Staatswesen der stärksten Völker. Man betrachtete die heidnischen Gottheiten als diejenigen, denen man die Größe und Macht des Staates zu verdanken habe. Feldherrn und Kaiser opferten ihnen ihre Lorbeeren, die sie durch ihren Beistand er- rungen zu haben glaubten. Der Auftrag will, daß statt dieser gefeierten Götter Jesus von Nazareth, der bis zum dreißigsten Jahre in einer armen Werkstätte Hobel und Säge führte, der während den drei Jahren seines öffentlichen Lebens mit Schmach überhäuft und schließlich auf Golgatha zwischen zwei Mördern an's Kreuz geschlagen wurde, daß dieser verachtete und ge- kreuzigte Mann als der wahre Gott, als der Schöpfer Himmels und der Erde den gebildeten und stolzen Griechen und Römern und den übrigen heidnischen Völkern gepredigt und von ihnen über Alles verehrt und geliebt werde, so daß sie bereit seien, für ihn Alles, selbst Blut und Leben hinzugeben. Der Auftrag will, daß man die mächtigen Römer, die feinen Griechen und die übrigen Heiden anleite, auf das bloße Wort des Gekreuzigten hin und aus Liebe zu ihm die liebsten Neigungen des Herzens zu bekämpfen, daß man die Hochmüthigen bewege, sich selbst zu verachten, die Habsüchtigen, ihr Herz von den irdischen Gütern los- zuschälen und barmherzig zu sein, die Sinnlichen und Unkeuschen, die theuern Fesseln ihrer Sünden zu brechen und ihr Fleisch sammt seinen Lüsten zu kreuzigen. Welche heftige Widersprüche werden solche Lehren und Anforderungen überall hervorrufen? auf welch' unüber- windliche Abneigung und welch' flammenden Zorn muß eine solche Predigt überall stoßen, zumal bei Völkern, die stolz waren auf ihre Macht und Bildung, auf ihre glänzenden Siege und großartigen Eroberungen, und die sich jeglicher Ausschweifung hingaben? Doch der Auftrag scheint uns noch um so schwie- riger, ja muß uns, bloß menschlich betrachtet, als ab- solut unausführbar vorkommen, wenn man die kleine Anzahl Männer betrachtet, denen derselbe ertheilt wird. Sind es vielleicht Söhne von mächtigen Fürsten oder berühmten Staatsmännern und Feldherrn, die über große Summen Geld oder über Millionen tapferer Soldaten verfügen; Männer, denen allein schon ihre vornehme Abkunft ein hohes Ansehen und bedeutenden Einfluß sichert? Nein; es sind ja Söhne armer Eltern, die kaum in einem kleinen Städtchen oder Marktflecken gekannt sind. Weder Gold noch Silber noch anderes Geld tragen sie in ihren Gürteln; ohne alles Besitz- thum ziehen sie arm hinaus in die Welt, einzig und allein angewiesen auf die Barmherzigkeit ihrer Mit- menschen. Wie dürfen diese Bettler sich träumen lassen, die Welt zu erobern? Aber dann haben diese Männer vielleicht in Athen oder in andern berühmten Städten tiefe Studien ge- macht, sich großartige Kenntnisse und eine herrliche Rednergabe angeeignet und dürfen darum hoffen, daß sie durch die Erhabenheit ihrer Gedanken und die Schönheit ihrer Sprache Alle begeistern und für ihre Sache einnehmen werden? Nein; nicht in gelehrten Schulen haben sie Jahre lang zugebracht, nicht zu den Füßen eines Plato oder Seneka oder Cicero haben sie gesessen, sondern kaum waren sie erwachsen, so mußten sie schon zum Ruder greifen und auf den Fischerkähnen ganz gewöhnliche Arbeiten verrichten. Doch dann haben sich diese armen und ungelehrten Männer, die Christus zur Eroberung der Welt hinaus- sandte, wenigstens von Jugend an durch großen Helden- muth, der vor keiner Gefahr und vor keinem Hinder- niß zurückschreckte, besonders ausgezeichnet und waren dadurch wohl zu einem so schwierigen Unternehmen befähigt? Ja, herrliche Helden, die bei der Gefangen- nehmung ihres Meisters feige die Flucht ergreifen und von denen einer und zwar ihr Hauptanführer vor einer geringen Magd mit einem Eidschwure ihn verleugnet. Fürwahr, Niemand konnte nach menschlicher Berechnung unfähiger erscheinen, ein so großartiger Werk in's Leben zu rufen. Nichts, gar Nichts besaßen diese Männer, was ihnen irgendwie Erfolg versprechen konnte, kein Geld, keine Wissenschaft, keine Rednergabe, keine Ver- bindung mit angesehenen und reichen Männern, keine Heere, kein Schwert. Alles an ihnen sagt uns viel- mehr: Nicht ein einziges kleine Dorf werden diese Männer für ihre Sache erobern, geschweige denn ganze Städte und Länder; nicht hundert arme Taglöhner und Handwerker werden sie für sich gewinnen, geschweige denn die Gelehrten und Reichen und die Fürsten auf den Thronen. Nach zehn Jahren wird die ganze Welt über die Thorheit lachen, daß sie die Welt erobern und erneuern wollten. Und doch wie wunderbar! Was die mächtigsten Könige, die tapfersten Helden und die größten Gelehrten alle zusammen nicht zu Stande gebracht hätten, haben diese schlichten, armen, ungelehrten Fischer zu Stande gebracht und zwar zu Stande gebracht in kurzer Zeit, und obgleich Alles, was irgendwie Macht und Einfluß besaß, sich gegen sie erhob und sie dem schmerzlichsten Tode überantwortete. Diese geringen, besitzlosen Männer, die früher sich in Jerusalem ganz verloren und sich aus Furcht in einem Oberzimmer verborgen hatten, zählten nach kaum zwei Jahrzehnten schon ihre Eroberungen nur nach Völkern und schrieben Briefe an ganze Gegenden und Nationen, an die Galater, Epheser, Philipper, Colosser, Thessalonicher, Römer und Hebräer. Schon Justin konnte sagen: „Es gibt kein Volk, weder unter Barbaren, noch Griechen, noch irgend eines andern bekannten Stammes, mögen sie auf Karren oder in Zelten wohnen oder als Nomaden durch die Wüste schweifen, es gibt kein Volk, unter welchem nicht im Namen Jesu, des Gekreuzigten, Ge- bete und Danksagungen dem Vater und Schöpfer des Weltalls dargebracht werden.“ Nie hat die Geschichte eine zweite ähnliche Thatsache gesehen, daß ein die Welt umspannendes und die Menschheit bis in alle Verhältnisse durchdringendes Werk in so kurzer Zeit von so schwachen Männern unter den größten Schwierig- keiten vollbracht worden wäre. Hier müssen wir ge- stehen: Nur dem Allmächtigen war es möglich, mit so äußerst geringen Kräften das Großartigste zu wirken. Hier haben wir das Werk des unendlichen Gottes, nicht aber das der sterblichen Menschen. 2. Wunderbar groß erscheint unsere heilige katholische Küche in ihrer Erhaltung . In einer weiten Ebene steht ein schwaches Kind, eine zarte Jungfrau. Kein Berg, ja nicht einmal ein Baum findet sich dort, der ihr Schutz bieten könnte. Nicht kriegerischer Muth leuchtet aus ihren Augen, sondern nur Friedensliebe und schüchterne Bescheidenheit. Nie trug sie ein blankes Schwert oder eine scharfe, spitze Lanze, nie nahm sie Antheil an einem heißen Kampfe. So steht sie waffen- los und ohne menschlichen Schutz in der weiten Ebene. Da auf einmal stürmen Feinde von allen Seiten auf sie los, herzlose, unmenschliche Feinde mit gewaltiger Körperkraft, an Krieg und Kampf gewohnt, mit den sichersten Mordwaffen versehen. Sie schlagen unbarm- herzig auf die Arme; ein wuchtiger Schlag folgt dem andern, nicht bloß Minuten, sondern Stunden, ja Tage lang. Muß die schwache, unbewaffnete Jungfrau nicht bald unter den Streichen der grausamen Unmenschen zusammensinken und unter den größten Schmerzen ihren Geist aushauchen, muß nicht ihr Leib in tausend Stücke zerschlagen und zerrissen werden? Wenn es aber dennoch nicht geschieht, wenn sie, je mehr man sie schlägt, um so größer, stärker und schöner wird und schließlich ihre wilden, kräftigen Gegner ohnmächtig zu Boden sinken, während sie zu einem starken Riesen herangewachsen ist, muß man dann nicht gestehen, daß hier eine höhere Kraft im Spiele ist, daß sich hier die Allmacht Gottes geltend macht? Diese schwache, diese waffenlose und doch wunder- bar starke Jungfrau ist unsere heilige Kirche, diese reine Braut Jesu Christi. Noch war sie ganz schwach und klein und schon standen starke Riesen mit gezücktem Schwerte an ihrer Wiege, aber nicht, um sie zu schützen, sondern um es in ihr Herz zu bohren. Immer heftiger werden die Verfolgungen der Kirche, immer größer die Blutbäche der Christen; Millionen werden unter den größten Qualen hingerichtet; der römische Adler erhebt ein Wuthgeschrei gegen die junge Kirche, so stark und mächtig, daß es in allen Welttheilen vernommen wird. Bildung und Rohheit, Macht und List, das scharfe Schwert und die giftige Feder, Thron und Lehr- stuhl, Heere von Soldaten und Schaaren heidnischer Priester, Hölle und Welt, Alles vereinigt sich zum Kampfe gegen die Kirche. In zehn langen, blutigen, überaus grausamen Verfolgungen suchen die mächtigen Welt- beherrscher Roms mit allen Mitteln sie zu vernichten und vom Erdboden verschwinden zu machen. Und in allen diesen Verfolgungen steht die Kirche da ohne irdische Hilfe. Sie hat keine Heere, die für sie in den Kampf gehen, keine verbündeten Fürsten und Könige, die ihr den geringsten Beistand leisten; sie hat keine anderen Waffen als ihre Thränen und Seufzer, als ihre Geduld und ihr Gebet, als ihre Schwäche und Schmach, ihre Wunden und ihr Blut. Muß da die arme, schwache Kirche nicht unterliegen? Muß sie nicht elend erdrückt werden von der Riesenmacht der römi- schen Weltbeherrscher? Man kann es nicht anders er- warten, und oft glaubten auch diese grausamen Dränger selbst ihr Ziel schon ganz erreicht zu haben. Diocletian, welcher die letzte und blutigste Verfolgung gegen die christliche Kirche hervorgerufen hatte, meinte eine voll- ständige Niederlage derselben herbeigeführt zu haben. In seiner Siegesfreude ließ er Münzen prägen, die auf der einen Seite sein Bild und seinen Namen, auf der andern Seite aber die Inschrift tragen: „Nach Vertilgung des Christenthums.“ Die Präfecten, die Philosophen und das ganze heidnische Volk frohlockten und jubelten; überall sang man Spottlieder auf die todtgeglaubte Kirche. Doch auch diesmal war wie früher die Siegesfreude eitle Täuschung. Wohl war die Kirche arg bedrängt und geschwächt; die Zahl ihrer Gläubigen war klein geworden; nur in Schlupfwinkeln und unter der Erde konnte sie die heiligen Geheimnisse feiern, aber dem Tode war sie nicht verfallen. So kräftig pulsirte noch das Leben durch die Adern ihres gräßlich verwundeten und schon todt geglaubten Körpers, daß sie wenige Jahre später ihren eigentlichen Siegeslauf über das römische Reich und die ganze Erde antreten konnte. Kaiser Diocletian lebte noch und lustwandelte zu Salona in seinem Garten, als Papst Sylvester aus den Katakomben an's Tageslicht trat und Kaiser Con- stantin das Christentum als die Staatsreligion öffent- lich anerkannte. Doch die Hölle ruhte nicht. Als die äußern Feinde der Kirche das Vergebliche ihrer Bemühungen einsahen und darum das Schwert aus der Hand sinken ließen, suchte sie im Innern der Kirche selbst die größten Verwirrungen hervorzurufen. Es entstand die große Häresie des Arius, der dann später noch andere folgten. Furchtbar war das Verderben, das der stolze Arius in der Kirche anrichtete. Seine Irrlehre betraf das Wichtigste im ganzen Christenthum, die Gottheit unseres theuersten Heilandes. Reißend schnell breitete sie sich über ganz Europa, Nord-Afrika und einige Theile Asiens aus. Sie blühte eine Zeit lang unter dem Schutze mehrerer aufeinander folgenden Kaiser. Von den Bischofssitzen wurden die rechtmäßigen Hirten ver- drängt und arianische Kreaturen ihnen zu Nachfolgern gegeben. Die Kirche, welche siegreich aus den Ver- folgungen der römischen Weltmacht hervorgegangen war, schien dem Gifte des Arianismus erliegen zu müssen; die Irrlehrer glaubten schon, für immer den Sieg über die Kirche errungen zu haben. Doch sie täuschten sich. Die riesenstarke Häresie des Arius wurde bald geschwächt durch innere Scheidungen und dann später hinweggefegt durch andere Irrthümer, die in ihre Fußstapfen traten. Doch die gelästerte, gehaßte und schwer geschädigte Kirche erstarkte in ihrer Gotteskraft, sie gewann immer mehr Seelen für Christus und erfüllte die Welt mit ihrem Segen. Dann kam die Völkerwanderung. Die Gothen und Vandalen, die Hunnen, Westgothen, Longobarden und andere barbarische Volksstämme drangen aus dem Norden in das römische Reich ein und verwüsteten die schönsten Gegenden. Sie plünderten die Städte, machten die Tempel dem Erdboden gleich, Ruinen und Ver- wüstungen bezeichneten ihren Weg. Die ganze alt- römische Cultur wurde in Trümmer gelegt, alle Ord- nung des privaten und öffentlichen Lebens umgestoßen. Müßte da nicht auch die Kirche gleich den andern Institutionen zu Grunde gehen und unter dem eisernen Schritte dieser Barbaren zertreten werden? „Man hätte es glauben sollen. Doch die Kirche ging nicht unter. Im Gegentheil. Von Rom als ihrem Mittelpunkte aus, drang sie in den Schooß dieser barbarischen Völker vor, und wie sie ehedem die heid- nische Welt ungeachtet aller Hindernisse an sich gezogen, so trug sie den Samen christlichen Glaubens und christ- licher Sitte auch zu diesen barbarischen Völkern und erzog sie zum christlichen Glauben und zum christlichen Leben. Groß, ja furchtbar waren die Hindernisse, welche der wilde, barbarische Geist dieser Völker ihrer Christianisirung entgegensetzte, aber die Lebenskraft der Kirche war stark genug, um auch diese Hindernisse zu besiegen und den christlichen Geist gerade bei diesen Völkern, allerdings nach langem Kampfe zu reicher Entfaltung zu bringen. Das ist groß, das ist wunderbar. „Es kam die große Revolution des sechzehnten Jahrhunderts. Begleitet von dem Geschrei wilden Hasses gegen die Kirche und ihre Vorsteher lösten sich in vielen Ländern alle Bande der Ordnung; ganze Völker wurden in den Abfall von der Kirche hineingerissen, Priester und Ordensleute strömten in hellen Haufen der neuen Lehre zu; die Kirche schien an das Ende ihrer Tage gekommen zu sein; die Führer der Revo- lution triumphirten bereits, als ob die Existenz der Kirche nur mehr nach Jahren zu rechnen sei. „Aber es kam anders. Mit riesiger Kraft erhob sich die Kirche wieder, sie schied die faul gewordenen Glieder aus ihrem Organismus aus und entfaltete ihr Leben zu neuer Blüthe. Das Concil von Trient proklamirte laut die alte Lehre der Kirche im Gegen- satz zu den häretischen Neuerungen und führte jene Reformen ein, welche das Bedürfniß der Zeit erheischte. Und was die Kirche in Europa an Mitgliedern ver- loren, das wurde durch die sich nun entfaltende groß- artige Missionsthätigkeit bei den wilden und heid- nischen Völkern wieder gewonnen. Die unverwüstliche und wunderbare Lebenskraft der Kirche hatte sich auf's Neue bewährt Stöckl , Das Christenthum und die modernen Irrthümer. S. 204 f. .“ Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts erhob sich die ungläubige Philosophie gegen die Kirche. In einer Unzahl von gottlosen Schriften zog man alles Heilige und Ehrwürdige in den Koth. Die bestehenden Ein- richtungen in der Kirche übergoß man bald mit Hohn und Spott, bald suchte man sie durch bittern Tadel gehässig zu machen; die höchsten Wahrheiten zog man hier nur in Zweifel, dort leugnete man sie förmlich. Die gottlosen Grundsätze der sogenannten Naturreligion, des Materialismus und der Gottesleugnung wurden bald offen, bald versteckt gepredigt. Die Erfolge der Philosophen waren groß. Schon jubelten sie in Voraus- sehung ihres gänzlichen Triumphes über die Kirche. Voltaire schrieb an einen Freund: „Ich bin's nun müde, immer hören zu müssen, zwölf Menschen hätten es fertig gebracht, die katholische Religion zu stiften. Ich werde beweisen, daß einer hinreicht, sie zu ver- nichten.“ Und in einem anderen Briefe prophezeite er: „Nach zwanzig Jahren soll der Galiläer verloren sein.“ Der arme Prophet! Nach zwanzig Jahren, gerade an demselben Tage, an dem er einst in gottloser Wuth diese Worte geschrieben, lag Voltaire auf dem Sterbebette, gefoltert in seinem Herzen von den Peinen rasender Verzweiflung; die geschmähte und verfolgte Kirche aber lag nicht am Sterben, sondern die ewig jugendliche, weil göttliche Kraft ihres Stifters lebte noch frisch in ihr und bald mußte man sie um Hilfe anflehen, um Frankreich aus den schrecklichen Wirren, in welche die gottlosen Philosophen es gestürzt hatten, zu befreien und es vor dem Untergang zu be- wahren. Aehnlich wie Voltaire hat einige Jahrzehnte später auch Napoleon I. sich als falschen Propheten bewährt. Diesem siegreichen Eroberer und mächtigen Kaiser lag Alles daran, den Papst Pius VII., als er im Jahre 1804 in Paris anwesend war, für seine Zwecke zu gewinnen. Er ließ es darum nicht an Aufmerksam- keiten gegen ihn, nicht an Schmeicheleien, nicht an Versprechungen, aber schließlich auch nicht an Drohungen fehlen. Eines Tages hatte Napoleon ihm wieder in schwunghafter Rede die größten Verheißungen gemacht; der Papst hörte Alles mit Ruhe an und antwortete zum Schlusse nur mit dem einen Worte: „Comödiant!“ – „Was,“ rief, jähzornig aufspringend, der Kaiser wüthend aus, „ich ein Comödiant? Pfaffe! nun ist es aus mit uns!“ Heftig und schnaubend auf- und ab- gehend, ergriff er das auf dem Tische stehende Kunst- werk von Mosaik, das die Peterskirche in Rom vor- stellte, und vor den ruhig dasitzenden Papst hintretend, warf er es in Stücke zur Erde mit den donnernden Worten: „Siehst du, so werde ich nun dich, deinen Stuhl, deine Kirche und dein Reich zerschmettern; der Tag des Zornes ist über dich ausgebrochen.“ – Der heilige Vater aber sprach in derselben feierlichen Hal- tung, mit derselben Ruhe und Festigkeit wie das erste- mal wieder nur ein Wort, aber das Wort: „Tragö- diant!“ und verließ dann das Zimmer. Und wirklich, der gefürchtete Eroberer, der so vielen Fürsten die Krone vom Haupte genommen, war machtlos gegen die Kirche und den alten, schwachen Papst. Der mäch- tige Kaiser Napoleon mußte nach wenigen Jahren als einflußloser, verstoßener Gefangener auf eine einsame Insel wandern, während der von ihm bedrohte Pius ruhig im Vatikan zu Rom lebte und starb. Auf die Gegenwart brauche ich kaum aufmerksam zu machen. Wir selbst haben es ja miterlebt, wie man Alles, Lüge, Verleumdung, Gewalt und Verfol- gung aufgeboten hat, um die Wirksamkeit der Kirche lahm zu legen, um sie zu vernichten und aus der Welt zu schaffen; wir selbst haben es erlebt, daß man die Ordensleute aus ihren Klöstern vertrieben und aus dem Vaterlande verbannt, daß man die Priester und Bischöfe wie gemeine Verbrecher in's Gefängniß geführt hat; wir selbst haben es erlebt, wie man kein Mittel unversucht ließ, um das Volk vom Clerus, den Clerus von den Bischöfen und die Bischöfe vom Papste zu trennen und so eine Theilung und Spaltung in der Kirche hervorzurufen, die ihr den Untergang bereiten mußte. Aber wir haben auch die unüberwindliche Macht und Lebenskraft der Kirche gesehen; denn wir haben ja erlebt, daß trotz der furchtbaren Bemühungen der Gegner das Band der Einheit sich enger und fester um Volk, Priester, Bischöfe und Papst geschlungen hat, daß die treue Anhänglichkeit der Katholiken an die Kirche gewachsen und das Ansehen des Papstes in Rom gestiegen ist. Diese Lebenskraft der Kirche in allen Gefahren und Drangsalen ist wunderbar, ist göttlich. Was die Menschen schaffen, vergeht. Die Schulen, die sie gründen, bestehen selten zwei oder drei Jahrhunderte, wenn auch die gelehrtesten und angesehensten Männer sie in's Leben rufen; die Paläste, die sie bauen, werden im Laufe der Zeit schwer von Sturm und Regen ge- schädigt und verfallen; die Fürstenthrone, die sie auf- richten, werden morsch und zerbrechen in Stücke; die mächtigsten Reiche, die man mit den größten Mühen fest zusammenkittet, werden auseinander gerissen und elend zerstückelt. Alles vergeht, Alles altert und wirb schwach, nur die Kirche besteht, nur die Kirche wankt nicht. Während Alles um sie herum in Trümmer fällt, steht sie ruhig und fest, hoffnungsvoll und un- überwindlich da in allen Stürmen, die tobend um und über sie rasen. 3. Wunderbar groß erscheint uns ferner die katholische Kirche durch die Einheit, die wir in ihr wahrnehmen . – „ Quot capita, tot sensus . Wie viel Köpf', so viel Sinn'.“ Ueberall finden wir Ver- schiedenheit und Widersprüche der Ansichten und Wechsel der Meinungen. Es liegt im menschlichen Herzen die Neigung, seine eigenen abweichenden Gedanken den An- sichten Anderer entgegenzusetzen. Daher platzen die Geister so leicht auf einander los, daher so viel Disput und Uneinigkeit unter den Menschen. Wo finden wir Einheit, beständige und unveränderliche Einheit des Gedankens und der Ueberzeugung? Vielleicht bei den Gelehrten, die bloß dem natürlichen Lichte der Vernunft folgen? Wie wenige unter ihnen stimmen mit ein- ander überein? Was der Eine als die höchste Wahrheit preist, das verwirft der Andere als Thorheit. Heute erhebt man diese Meinung, dieses System bis zu den Sternen und morgen findet man, daß es unhaltbar sei. Heute geht nichts über den Philosophen X. und wer zu ihm nicht hält, hat keine Geltung in der ge- lehrten Welt; doch morgen schon fängt sein Ansehen zu erbleichen an und statt dessen erregt der Philosoph Y. allgemeine Bewunderung, der dann übermorgen dem Z. seine Stelle abtreten muß. Die gelehrtesten Männer, die tiefsten Denker, die größten Genie's sind nicht im Stande, eine dauernde Schule zu gründen und eine beständige Einheit der Lehre hervorzurufen. Mit Wuth bekämpfen sie sich gegenseitig und verdrängen einander wie auf dem stürmischen Meere eine Woge die andere verdrängt. Mit Recht hat der bekannte Hegel einst ge- sagt: „Auf jedes neu auftauchende philosophische System lassen sich die Worte, die einst Petrus zu Saphira sprach, anwenden: 'Die Füße derer, die dich begraben, stehen schon vor der Thür''.“ Finden wir denn diese Einheit und diesen unver- änderlichen Bestand der Lehre vielleicht bei jenen christ- lichen Genossenschaften, die sich von der katholischen Kirche getrennt haben? Das gerade Gegentheil. Wie viele von diesen Secten, die bei ihrem Entstehen viel Aufsehen machten, sind längst von der Erde verschwunden; hätte uns die Kirchengeschichte ihre Namen nicht auf- bewahrt, so wüßten wir heute nichts mehr von ihnen. Andere dagegen, die noch bestehen, haben wiederholt ihren inneren Lehrgehalt gewechselt. Bald haben sie an dieser Lehre herumgemodelt, bald jene Wahrheit gänzlich fallen gelassen oder mit bitterer Befehdung wieder in neue verschiedene Secten sich getheilt. Der ehemals viel gefeierte Schleiermacher sagt von dem Protestantismus seiner Zeit: „In der gegenwärtigen Lage des Christentums dürfen wir es nicht als all- gemein eingestanden voraussetzen, was in den frommen Erregungen der Christenheit das Wesentliche sei oder nicht. Der Streit hierüber ist in der protestantischen Kirche so groß, daß, was Einigen die Hauptsache im Christentum scheint, Andere für bloße Hülle halten, und Das, was diese wiederum für das Wesentliche ausgeben, jenen so dürftig erscheint, daß sie meinen, es lohne nicht, das Christenthum um deßwillen für etwas zu halten Der christliche Glaube, Th. I. S. 15 u. 16. 1. Ausg. .“ Wahrhaftig ein trauriges Geständniß von einem Hauptvertreter dieser christlichen Genossen- schaft, und doch ist es seit dieser Zeit nicht besser ge- worden in derselben bezüglich der Disharmonie im Glauben und in der Lehre. Nur eine einzige Anstalt gewahrt unser Auge auf dem ganzen Erdenrunde, welche eine wunderbare Ein- heit und Beständigkeit aufweisen kann. Das ist die katholische Kirche. Sie ist nicht von gestern, stammt nicht aus dem sechzehnten Jahrhundert, sondern zählt jetzt schon bald neunzehn Jahrhunderte. Sie bildet nicht bloß eine kleine Schule von hundert Männern, sondern ihre Mitgliederzahl beträgt über zweihundert Millionen, unter denen sich viele Männer befinden, die sich den tiefsten Forschungen hingegeben und den reichsten Schatz von Kenntnissen sich gesammelt. Sie zählt zu ihren Anhängern Völker von den verschiedensten Sprachen, Gebräuchen und Sitten, Völker, die sich in politischen Dingen oft widersprochen und die blutigsten Kriege mit einander geführt haben. Und doch überall und zu allen Zeiten diese großartige Einheit im Glauben und in der Lehre! Steigen wir im Geiste in die Katakomben, in diese unterirdischen Grabstätten und Gänge, in welche die Kirche in den ersten drei Jahrhunderten vor der Wuth der Tyrannen sich flüchten mußte, so finden wir dort in unverkennbaren Zeichen, in Symbolen und Bildern oder gar in ausdrücklichen Worten jene großen christ- lichen Wahrheiten ausgesprochen, die uns heute noch von der Kanzel vorgetragen werden. Und gehen wir in die Schule zu den großen christlichen Meistern, den erhabenen Kirchenlehrern der frühern Jahrhunderte und forschen wir in ihren Schriften, so können wir uns überzeugen, daß damals die katholische Kirche dieselben Lehren verkündete und dieselben Sakramente spendete wie heute. Diese Entdeckung hat ja schon manche Andersgläubige, besonders in England aus der Schule der Puseyten, in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeführt; ich erinnere nur an den berühmten Faber, an Newmann und Manning, die dann nach ihrer Kon- version so segensreich in England gewirkt haben. Was die Kirche bei uns in Deutschland lehrt, ganz dasselbe lehrt sie auch in Italien, in Frankreich und England; was wir in Europa glauben, ganz dasselbe glauben die Katholiken in Asien, Afrika und in dem industriereichen Amerika. Am Mississippi und an der Donau, am Ganges und am Nile, an dem Tiber und an der Themse, überall erkennen die Katholiken den- selben Papst als ihr Oberhaupt an, überall wird das- selbe Opfer auf den Altären Gott dargebracht, überall werden dieselben Sakramente gespendet, werden die- selben christlichen Wahrheiten gepredigt. Auch heute noch gelten die schönen Worte des heil. Irenäus: „Ob- gleich durch die ganze Welt zerstreut, bewahrt doch die Kirche treulich die verkündete Heilslehre, als bewohnte sie nur ein Haus; glaubt überall dasselbe, als hätte sie nur eine Seele; lehrt allenthalben ganz überein- stimmend, als hätte sie nur einen Mund. Obschon die Sprachen verschieden sind, ist doch der Inhalt der ver- kündeten Lehre überall ein und derselbe Adv. haeres lib. 1. § 2. n. 16. .“ Ist das nicht wunderbar, diese großartige Einheit inmitten einer Welt von Widersprüchen, voll Dishar- monien und Wechseln und Unbeständigkeiten aller Art? Und erscheint dies nicht noch wunderbarer, wenn man bedenkt, was die Welt nicht Alles aufgeboten hat, um die Einheit der Kirche zu zerreißen? War es nicht diese Einheit, gegen welche fast alle Angriffe der Gegner sich richteten? Haben nicht alle Irrlehrer und alle Schismatiker sie zu vernichten gestrebt? Haben nicht manchmal die glänzendsten Geister, selbst angesehene Diener des Heiligthums, Priester und Bischöfe verwegen ihre Hand an dieses Band der Einheit gelegt, um es zu zerreißen? Doch Alles war umsonst. Während Alles in Verwirrung gerieth, während Streit und Uneinigkeit in alle Familien, in alle Schulen und alle Völker ihren Einzug hielten, hat die Kirche zu allen Zeiten und an allen Orten sich ihre weltumspannende Einheit bewahrt. Das ist wunderbar und göttlich, das ist das Siegel der Wahrheit, welches die Kirche auf ihrer Stirne trägt. 4. Wunderbar groß erscheint uns die katholische Kirche durch ihre Heiligkeit . Die Kirche ist heilig; denn sie ist begründet von Jesus Christus, dem Heiligsten der Heiligen, dem Urquell aller Heiligkeit, welcher selbst vor seine erbittertsten Feinde mit der Frage hintreten konnte: „Wer von euch kann mich einer Sünde be- schuldigen.“ Er, der unendlich Heilige, lebt nach seiner eigenen Verheißung durch alle Jahrhunderte bis zum Ende der Zeiten in der Kirche; er ist und bleibt ihr unsichtbares Haupt, von dem all' ihr Leben, ihre Kraft und ihr Segen ausströmt. Die Kirche ist heilig; denn sie hat vom göttlichen Heiland die Bestimmung und Aufgabe erhalten, die Menschen zur Tugend und Heiligkeit anzuleiten. Dieser ihrer Aufgabe ist sie auch immer treu nachgekommen und sucht sie auch heute noch ganz gewissenhaft zu entsprechen. Immer noch ruft sie uns mit Nachdruck die Worte Jesu zu: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5, 48). Immer noch verkündigt sie mit großem Eifer die er- habenen Lehren, die der göttliche Heiland uns geoffen- bart, und die uns zum ernsten Streben nach christlicher Tugend und Vollkommenheit anspornen sollen. Immer noch feiert sie auf ihren Altären das hochheilige Meß- opfer und spendet die heiligen Sacramente und senkt durch sie in die Seele des würdigen Empfängers über- natürliche Kraft, die ihn aufrecht hält in den Ver- suchungen und stärkt zum Tugendkampfe. Mitten in einer Welt, die von Heiligkeit nichts wissen will, die in ihren Zeitungen und Schriften, durch ihre Bilder und Statuen, auf ihren Bühnen und vielfach selbst auf ihren Kathedern das Laster verherrlicht und ihm Weih- rauch streut, mitten in einer Welt, die der Gottlosig- keit ihre Ehrensäulen baut und Feste auf Feste feiert, welche die Leidenschaften entfesseln, fährt die Kirche un- ermüdet fort, die Seelen zur Heiligkeit zu mahnen, sie zur Heiligkeit zu erziehen und in derselben immer mehr zu vervollkommnen. Und Dank dem göttlichen Leben, das in den Adern der Kirche fließt, hat ihre Bemühung auch immer Er- folg gehabt. Zwar war sie nicht im Stande, all' ihre Glieder zur Heiligkeit zu führen; denn die Glieder der Kirche besitzen freien Willen und können mit diesem der Aufforderung und Bemühung ihrer Kirche Wider- stand leisten. Die Kirche war immer und bleibt immer der Acker, auf welchem neben dem Weizen auch das Unkraut wuchert, das Netz, in dem neben den guten Fischen auch schlechte sich befinden. So hat es der göttliche Heiland ja selbst vorausgesagt. Aber un- zählig ist auch die Schaar der Heiligen, welche die Kirche von den ersten Tagen ihres Bestehens an bis auf unsere Zeit hervorgebracht hat. Man denke nur an die endlosen Reihen der heiligen Martyrer, welche mit der größten Unerschrockenheit die größten Qualen für Christus erduldeten, an die großen heiligen Väter und Lehrer, an einen Augustinus, einen Athanasius, einen Hieronymus, einen Thomas von Aquin, einen Bonaventura und andere Männer, welche die Welt er- leuchteten mit dem Lichte und Glanze ihrer tiefen und ausgebreiteten Wissenschaft und dabei die Demuth und liebenswürdige Einfalt eines unschuldigen Kindes be- saßen. Man denke an jene herrlichen Ordensstifter, die mit wunderbarer Macht ihre Zeit beeinflußten und Schöpfungen hervorriefen, von denen Ströme des Segens auf die Menschheit ausgingen und die selbst wieder viele Heiligen erzeugten. Man braucht ja nur einen heiligen Benedict, einen heiligen Dominikus, einen heiligen Franziscus von Assisi, einen heiligen Vincentius von Paula, einen heiligen Franz von Sales, einen heiligen Ignatius und einen heiligen Alphonsus zu nennen. Man denke an die vielen, vielen heiligen Frauen und Jungfrauen, denen die Welt lachend zu Füßen lag und das sonst oft so sehr gesuchte Glück freiwillig anbot, die aber aus Liebe zu Jesus auf Alles verzichteten, um in den stillen, verschlossenen Mauern eines Klosters ein Leben beständiger Selbst- verleugnung und Armuth zu führen oder in dumpfen Hütten die verlassenen Kranken aufzusuchen und zu Pflegen. Aus jedem Material, wenn man sich hier so aus- drücken kann, hat die Kirche sich ihre heiligen gebildet, nicht bloß aus jenen Jünglingen und Jungfrauen, die noch unberührt waren vom giftigen Hauche der Sünde, sondern auch aus jenen Seelen, in denen die Leiden- schaften Jahre lang ihre schrecklichen Verheerungen an- gerichtet hatten; nicht bloß aus den frommen Mönchen, die nach einer strengen Ordensregel lebten und von den meisten Gefahren der Welt durch ihr Kloster abge- schnitten waren, sondern auch aus Königen und Fürsten, die auf glänzendem Thron saßen, ein weites Reich be- herrschten und mitten im Treiben und Getümmel der Welt lebten, auch aus Soldaten, die in vielen Schlachten große Kühnheit und einen unerschrockenen Muth an den Tag gelegt hatten; nicht bloß aus Männern, die auf ruhiger Flur hinter dem Pfluge einhergingen oder die in stiller Werkstätte arbeiteten, sondern auch aus jenen, welche verwickelte Staatsgeschäfte zu leiten hatten oder sich den tiefsten und gründlichsten Forschungen hingaben. In allen Ständen der Gesellschaft hat die Kirche sich ihre Heiligen erzogen. Mächtige Fürsten waren der heilige Ludwig von Frankreich, der heilige Eduard von England, der heilige Ferdinand von Spanien, der heilige Heinrich von Deutschland; tapfere Soldaten die Heiligen Sebastianus, Quirinus und Vitalis, Gordius und Marcellus; scharfsinnige Philo- sophen die Heiligen Justinus, Augustinus, Anselmus, Thomas und Bonaventura. Der heilige Guido war ein Kaufmann, der heilige Symphorianus ein Bild- hauer, Florus ein Goldschmied, Crispinus ein Schuh- macher, Rualfundus ein Kellner, Isidor ein Bauer, Leonhard ein Hirt, Adrianus ein Gärtner. Auch noch in unseren Tagen, wo die Kirche doch mit so vielen und großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, fährt sie fort, überall in den verschiedensten Lebens- stellungen eine heldenmüthige Tugend zu erzeugen, welche der ersten christlichen Zeit würdig wäre. Sterben nicht noch alljährlich in China, Korea und anderen heidnischen Ländern katholische Missionäre muthig für Christus den qualvollsten Martertod? Verlassen nicht immer noch fromme katholische Priester Vaterland und Familie, um in fremden Ländern unter unsäglichen Mühen das Evangelium Jesu zu verkünden? Haben nicht in den Tagen des sogenannten Kulturkampfes unsere deutschen Bischöfe und Priester für die Freiheit der Kirche freudig lange Kerkerhaft erduldet, ähnlich den heiligen und glorreichen Bekennern früherer Jahrhunderte? Wer kennt nicht unsere gottgeweihten Jungfrauen, die Schwestern ver- schiedener Orden, die am Schmerzenslager der verlassenen Kranken wachen, oder welche herabgekommene Personen ihres Geschlechtes vom Leben der Schande zurückrufen und sie wieder unter den veredelnden Einfluß der Religion bringen, oder welche arme Kinder von ihrer Unwissenheit befreien und sie die Kenntniß der Liebe Gottes lehren? Es sind oft Jungfrauen, die den höchsten Ständen angehörten und in der Welt das schönste Glück genießen konnten. Und gibt es, um zur Laienwelt überzugehen, nicht fast noch in jeder Gemeinde der katholischen Welt Männer und Frauen, welche eine glühende Frömmigkeit und großen Eifer für alles Gute besitzen, die ihre manchmal so schweren Berufsarbeiten mit bewunderungswürdiger Treue erfüllen und ihr hartes, lang andauerndes Kreuz mit vollkommener Ergebung in Gottes Willen ertragen? Mag auch die Welt sich um sie nicht kümmern, Gott und die Engel schauen mit innigem Wohlgefallen auf diese schlichten und demüthigen Seelen herab, die ein in Christo verborgenes Tugend- leben führen, sie leuchten von der dunkeln, kalten Erde zum Himmel empor wie helle, freundliche Sterne. 5. Wunderbar groß erscheint uns endlich die katholische Kirche durch den reichen Segen , den sie den Völ- kern im Laufe der Jahrhunderte hat zu Theil werden lassen. Ueberallhin erstreckt sich der belebende Einfluß der Sonne, die ihre milden Strahlen über Berg und Thal nach allen Seiten ausgießt. Ihr haben wir die Herrlichkeit und Pracht unserer Felder, Wiesen und Wälder im Frühjahre, ihr die schöne, labende Frucht im Herbste zu danken. Der Wurm, der im Staube der Straße sich langsam fortbewegt, und der Adler, welcher in seinem kühnen Fluge in eine Höhe steigt, wohin ihm unser Auge kaum folgen kann, die kleine Blume, die am Rande des Baches steht, und die mächtige Eiche, die den stärksten Stürmen Trotz bietet, Alles steht unter dem gewaltigen Einflusse der Sonne. Aehnlich ist es mit der christlichen Gesellschaft unserer heiligen Kirche gegenüber. Die Kirche ist die Sonne der Geister, die überallhin den reichsten Segen gespendet hat und noch beständig spendet. Das Kind und der Greis, das Weib und der Mann, der Herr wie der Diener, der König wie der Unterthan, der Reiche wie der Arme, der Staat und die Gemeinde wie die Familie, alle Menschen und alle Institutionen der christ- lichen Gesellschaft sind der katholischen Kirche zum Danke verpflichtet für all' die vielen und großen Wohlthaten, welche dieselbe ihnen und der ganzen Menschheit nur in irdischer Beziehung gespendet hat. War es denn nicht unsere Kirche, die stets einen ernsten, heiligen Kampf gegen die Sünden und Leidenschaften, welche so viel Verderben über die Menschen bringen, geführt hat? Sie lehrt uns ja die Sünde als das größte Uebel der Welt betrachten, weil sie eine Beleidigung des unend- lichen Gottes ist; sie leitet uns an, in dem Augenblicke der Gefahr und der Versuchung zu denken an das strenge Gericht, das uns nach dem Tode bevorsteht und über unsere ganze Ewigkeit entscheiden wird, und zu Gott unserem Vater im Himmel um Hilfe und Beistand zu flehen. War es nicht unsere heilige Kirche, welche die Familie, die je nach ihrer Beschaffenheit großen Segen oder schweres Unheil für die Gesellschaft in ihrem Schooße birgt, in der besten und erfolgreichsten Weise beeinflußt hat? Sie hat ihr ja durch ihre Lehre von der Einheit, Unauflöslichkeit und sakramentalen Heilig- keit der Ehe ihre Festigkeit, ihren Frieden und ihre hohe Würde, die sie im Heidenthume verloren hatte, wieder zurückgegeben. Sie hat alle Glieder der Familie, den Mann und seine Gattin, den Vater und die Mutter, die Kinder und die Dienstboten in das richtige Verhältniß zu einander gesetzt, hat sie umschlungen mit dem Bande christlicher Liebe und Treue, hat sie aufgemuntert, Tag für Tag ihre gegenseitigen Berufspflichten gewissenhaft zu erfüllen. So ist denn die Familie unter der Pflege der Kirche zu einer Stätte des Glückes, der Freude und der Tugend umgestaltet worden. War es nicht unsere heilige Kirche, die auch dem Staate das sicherste Fundament und die kräftigste Stütze geboten hat? Sie mahnt und lehrt ja die Unterthanen, in ihren Regenten und Vorgesetzten die Stellvertreter Gottes zu ehren und ihnen um des Gewissens willen, wie der Welt- apostel Paulus sich ausdrückt, willigen Gehorsam zu leisten. Sie fordert aber auch die Vorgesetzten auf, gegen ihre Untergebenen wie Väter, die nur das Beste derselben wollen, sich zu benehmen und ihr wichtiges Amt treu zu verwalten, als solche, die einst einem unendlich höhern Herrn Rechenschaft ablegen müssen. Auf diese Weise hat sie der Auctorität Liebe und Verehrung erworben, hat aber auch das Wohl und die Würde der Untergebenen zu sichern gesucht und dadurch für das Heil beider Theile am besten gesorgt. War es ferner nicht unsere heilige Kirche, welche die Lage der armen, wie Thiere behandelten Sclaven verbessert und ihre Ketten gelöst, welche überall die Gesetze der Menschlichkeit und christlichen Liebe proc- lamirt, überall Anstalten der Wohlthätigkeit in's Leben gerufen hat, so daß ihre Geschichte mit Recht eine Geschichte der Barmherzigkeit genannt werden kann? War es nicht endlich unsere Kirche, welche uns in Zeiten wilder Barbarei in ihren stillen Klöstern die wissenschaftlichen Schätze des Alterthums gerettet, welche die ersten Schulen und Universitäten gegründet, nicht die Kirche, welche besonders in Deutschland den Ackerbau, die Obstzucht und das Handwerk mit Liebe gepflegt und zu ihrer Blüthe so vieles beigetragen, nicht die Kirche, der manche unserer schönen und be- rühmten Städte ihre Entstehung und ihren Ruhm zu danken haben? Wahrhaftig, es hat nie ein Fürsten- thron auf unserer Erde gestanden, von dem so viel Segen über die Völker ausgeströmt ist wie von dem päpstlichen Throne in Rom; es hat nie eine Anstalt hier auf Erden existirt, die so mächtig, so wohlthätig und heilsam auf die menschliche Gesellschaft gewirkt hat, wie unsere heilige katholische Kirche. Die Geschichte bezeugt es: Je mehr ein Volk sich willig und demüthig unter ihren segensreichen Einfluß stellt, desto mehr sichert es sein wahres Wohl; je mehr es aber stolz und trotzig ihrer Lehre und ihren Gnaden sich entzieht, desto mehr und desto schneller bahnt es sein eigenes Ver- derben an. 6. Diese Kirche nun, deren wunderbare Größe und Erhabenheit wir anstaunen müssen, steht dir, lieber christlicher Mann, nicht fremd gegenüber; sie ist für dich keine kalte, strenge Herrin, sondern die beste Mutter , welche dir eine innige Liebe und Sorgfalt zuwendet, und der du die größten Wohlthaten zu danken hast Gleich beim Eintritt in die Welt hat sie dich durch die heilige Taufe wiedergeboren zu einem neuen, gottähn- lichen Leben. Kaum war das Licht der Vernunft in dir aufgedämmert, so hat sie deine Seele fort und fort genährt mit heilsamer Lehre, hat dich zur Erkenntniß deines Gottes geführt und die Liebe zu Jesus in dein Herz hineingesenkt. Dann hat sie dich mit mütter- licher Freude und mit festlichem Gepränge zum ersten Male zum Tische des Herrn geführt und dir das Brod der Engel, den hochheiligsten Leib Jesu Christi in der heiligen Communion dargereicht, damit dein inneres Gnadenleben gestärkt werde. Als dann für dich die Zeit der Versuchungen und Kämpfe begann, als du im Begriffe standest, in die gefahrvolle Welt hinauszutreten, da legte in ihrem Namen der Bischof dir die Hände auf, salbte dich mit Chrisam und betete über dich, daß der heilige Geist dich stärke und dir die Gnade verleihe, den Glauben treu zu bewahren und gewissenhaft nach seinen Vorschriften zu leben. Doch du warst vielleicht so unglücklich, den vielfachen Gefahren und Versuchungen von Seiten des höllischen Widersachers, der Welt und deiner eigenen bösen Lust zu unterliegen. Da war es denn wieder die Kirche, deine geistige Mutter, die dich aufrichtete vom schweren Falle, dich im Sakra- mente der Buße wieder mit Gott aussöhnte und dir innere Kraft und Gnade schenkte zum neuen, glücklicheren Kampfe gegen die Sünde. Und so hat sie es in ihrer unergründlichen, gottähnlichen Milde und Langmuth immer gethan, so oft du armer Sünder mit reu- müthigem Herzen zu ihr zurückgekehrt bist. Sie hat dann später deinen Ehebund eingesegnet. Als du mit deiner dir auserkorenen Lebensgefährtin vor dem ge- heiligten Altare knieetest, da hat sie innigen Antheil an deinem Glücke genommen und in ihrer mütterlichen Liebe zu Gott gesteht, daß er euch und euere Nachkommen reichlich segnen möge. Stehst du einst am Rande des Grabes, verkündet dir eine schwere Krankheit dein nahes Lebensende, so wird ihre Liebe und Sorge für dich nur noch größer und inniger. Sie tröstet dich in deinen Leiden und Schmerzen durch ihren Priester, den sie an dein Sterbelager entsendet; sie stärkt dich durch die hoch- heilige Wegzehrung zum letzten entscheidenden Kampfe; sie reinigt dich durch das heilige Sakrament der Oelung von allen Mängeln und Ueberbleibseln der Sünde, damit du mit Hoffnung und Zuversicht vor deinen Richter hintreten kannst. Ringst du dann mit dem Tode und liegst du in den letzten Zügen, so ruft sie in wahrhaft ergreifenden Worten zum dreieinigen Gott und zu den Engeln und Heiligen des Himmels um Gnade und Barmherzigkeit für dich. Bist du endlich gestorben, so legt sie deinen Leich- nam unter heiligen und bedeutungsvollen Ceremonien und Gebeten in die geweihte Erde und pflanzt auf dem Grab das heilige Kreuz, das Zeichen unserer Hoffnung und unseres Heiles; doch in ihrem Herzen lebt das Andenken an dich und die Liebe zu dir noch fort. Nach Jahren, wo du vielleicht von den theuersten Angehörigen schon ganz vergessen bist und sonst Niemand deiner mehr gedenkt, legt die Kirche noch täglich am Altare beim hochheiligen Meßopfer Fürbitte für dich ein und steht zu Gott, er möge dir das ewige Licht leuchten lassen und dir die ewige Ruhe schenken. Ist das nicht die beste, die treueste, die liebevollste Mutter? Sollten wir einer solchen Mutter nicht willigen Gehorsam und tiefe Ehrfurcht freudig ent- gegenbringen? Sollte ihr Wille nicht unser Wille, ihre Wonne nicht unsere Wonne, ihr Schmerz aber und die Schmach, die man ihr zufügt, nicht auch unser Schmerz und unsere Schmach sein? Sollte nicht jede Faser unseres Herzens ihr in treuester Liebe angehören? Als die große Kaiserin Maria Theresia, allerwärts umdrängt von Feinden, nirgends mehr eine sichere Stätte hatte, trat sie, geschmückt mit der Krone des heiligen Stephan und umgürtet mit dessen Schwerte, in jugend- licher Schönheit ihren erstgeborenen Sohn auf den Armen tragend, in die ungarische Reichsversammlung zu Preß- burg, schilderte den Abgeordneten mit rührenden Worten ihre große Bedrängniß und flehte sie um ihre Hilfe an. Wie ein Mann erhoben sich nun die hochherzigen, heldenmüthigen Männer Ungarns, nahmen ihr Schwert aus der Scheide und riefen begeistert: „ Moriamur pro regina nostra Maria Theresia ! Wir wollen sterben für unsere Königin Maria Theresia!“ Diese Männer haben treu ihr Wort gehalten und Oesterreich mit Gottes Hilfe vor großem Unglück bewahrt. So wollen auch wir, theuere Männer, die ihr diese Zeilen leset, um unsere heilige katholische Kirche uns schaaren wie ein Mann. Ihr haben wir mehr zu danken wie der liebevollsten irdischen Mutter; sie hat der ganzen christlichen Gesellschaft mehr Wohlthaten, größeren Segen zugewendet, als dies je eine Fürstin ihrem Volke gethan. Groß ist die Anzahl und Stärke ihrer Feinde. Männer des Unglaubens erheben sich überall zum Kampfe, zum erbitterten Kampfe gegen unsere erhabene Mutterkönigin. Darum wollen wir als ihre wackeren Söhne uns ganz in den Dienst unserer heiligen Kirche, dieser Tochter des Himmels, stellen. Ihrer Liebe, ihrer Ehre und ihrem Rechte sei unsere ganze Manneskraft, unser ganzes Herz geschenkt. Die Liebe zur Kirche ist ja das Kennzeichen der Kinder Gottes. VI. Der Sonntag in seiner Bedeutung. Der beliebte Volksschriftsteller P . Hattler S. J . schreibt in seinem „Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit“ , Bd. II.: „Da fährt ein Schiff reich mit Waaren beladen seinen nassen Weg dahin auf ruhiger See. Der Wind bläst in die Segel; das Wasser weicht schweigend zu beiden Seiten aus; die Schiffer sind fröh- lich und munterer Dinge und singen lustige Lieder und essen und trinken oder tanzen sogar. Der Kaufmann, dem die kostbaren Waaren angehören, rechnet schon im Stillen den Gewinn aus, den er davon machen wird. Aber auf einmal mitten in der raschen Fahrt bekommt das Schiff einen gewaltigen Stoß; ein Todesschrei fährt aus Aller Mund; noch wenige Minuten und das Schiff geht auseinander. Es ist angerannt an verborgenes, spitzes Gestein, das die Wellen fast hintertückisch ver- deckt haben. Oder es ist nahe am Ufer auf den Sand aufgesessen und sitzt fest und sie kommen nicht mehr weiter. „Gerade so ist es mit der Arbeit am Sonntage. Ein oberflächlicher Kopf zählt die Kreuzer, die ihm diese Arbeit einbringt, und er findet, daß es monatlich und jährlich so und so viel Gewinn verschafft. Und dabei bleibt er stehen und meint, das Geschäft gehe ganz gut, weil er jetzt so viel Geld mehr hat als früher, wo er den Sonntag gehalten und geheiligt hat. Aber der einfältige blöde Mensch sieht nicht die Klippen, auf die er mit vollen Segeln hinsteuert; er sieht nicht, wie still und unscheinbar sein Geschäft Schaden leidet, der mit- unter das Zehnfache des Sonntagsgewinnes ist. Das weise Sprüchlein aber sagt: „Was du thust, thu mit Bedacht, Und gib fein auf den Ausgang acht.“ „Der Ausgang der Sonntagsentheiligung ist nicht schwer zu prophezeien für Leute, die Ohren haben zu hören und Verstand es zu verstehen. Aber der Geld- narr hat keines von Beiden; für vernünftige Menschen aber sage ich also: Wer ist denn klüger, gescheidter und vorsichtiger, Gott der Herr oder der Mensch, sei er Schuster, Schneider, Fabriksherr oder Professor? Offen- bar Gott der Herr. Und wer von beiden weiß denn also gründlicher, was dem Menschen besser ist, Sonn- tagsruhe oder Sonntagsarbeit? Natürlich doch Gott der Herr.“ Dieser eine Gedanke sollte schon hinreichen, jeden Christen von der Entheiligung des Sonntags abzuhalten. Doch da jetzt leider immer mehr am Sonntage ge- arbeitet wird, und die Vergnügungssucht immer mehr an den Gott geweihten Tagen ihr Unwesen treibt, so ist es heilsam, ja nothwendig, unsere Männerwelt etwas näher auf das große Verderben hinzuweisen, welches die Ent- heiligung des Sonntags für die christliche Gesellschaft mit sich bringt. Hier kommt es ja auch wieder auf die Männer an. Halten unsere Männer den Sonntag gut und wird darum derselbe für sie eine Quelle höhern Segens, dann wird der Tag des Herrn sicher allgemein heilig gehalten und wird seine Feier ohne allen Zweifel den reichsten Nutzen für die ganze Gesellschaft bringen. 1. Die Entheiligung des Sonntags führt mit der Zeit den Untergang der christlichen Religion herbei. Es wird von einzelnen heidnischen Richtern er- zählt, daß sie zu dem Christen, der wegen seines Glaubens angeklagt vor ihrem Tribunal stand, sprachen: „Ich frage dich nicht, ob du ein Christ bist, sondern, ob du den Sonntag beobachtest.“ Wurde diese Frage ver- neint, so genügte das vollständig diesen Feinden der christlichen Religion. Sie glaubten, ein Solcher, der den Sonntag nicht halte, könne unmöglich ein treuer Jünger Christi sein. Diesen Richtern kann man ein klares Urtheil nicht absprechen. Ein Christ, der den Sonntag gewohnheitsmäßig entheiligt, muß innerlich seiner heiligen Religion ganz untreu werden; er ver- fällt der Religionslosigkeit. Sollen wir Religion haben, so müssen wir vor Allem unsere Religion, müssen die Wahrheiten, die Gott uns geoffenbart hat, kennen. Wer den Werth eines Edelsteines nicht kennt, ist gleichgiltig gegen den- selben, läßt ihn unbeachtet im Staube liegen. Wer seine Religion nicht kennt, kann unmöglich ihren über- aus hohen Werth richtig beurtheilen, und so muß ihm dieselbe nach und nach eine ganz gleich giltige Sache werden. Wenn wir nun den Sonntag nach Absicht der Kirche heiligen, dem Gottesdienst mit Andacht beiwohnen, das Wort Gottes mit Aufmerksamkeit anhören und dazu am Nachmittag oder Abend noch in einem guten Buche lesen, dann lernen wir unsern Glauben immer besser kennen, dringen immer tiefer ein in seine er- habenen Wahrheiten. An unserm Geiste ziehen im Laufe des Kirchenjahres all die großen Geheimnisse der Religion vorüber. Jetzt knieen wir vor dem göttlichen Kinde in der Krippe und beten es demüthig an; dann betrachten wir mit Staunen sein verborgenes Leben in dem kleinen Hause und in der armen Werkstätte zu Nazareth und lernen dort Tugenden, die für das ge- sellschaftliche Leben so eminent wichtig sind; ein anderes- mal hören wir den göttlichen Lehrer, wie er uns bald mahnt zur wahren Nächstenliebe, bald warnt vor der falschen Gerechtigkeit; dann wird unser Auge hingerichtet auf das schmerzliche Leiden, das Jesus zu unserer Er- lösung am Kreuze erduldete, oder wir sind Zeugen seiner Auferstehung oder wir sehen im Geiste schon voraus, wie er einst in Herrlichkeit und Majestät kommt, zu richten die Lebendigen und die Todten. Wir werden innig vertraut mit all den hehren christlichen Wahr- heiten, die unserm Verstande himmlisches Licht und unserm Willen höhere übernatürliche Kraft schenken. Der Glaube wird uns theuer, wir lieben ihn als unser kostbarstes Kleinod. Wenn wir dagegen den Sonntag nicht heiligen, uns an demselben nicht kümmern um das Wort Gottes, um Predigt, Christenlehre und die Belehrung durch ein gutes Buch, müssen dann nicht die religiösen Kenntnisse immer dürftiger, müssen uns dann nicht mit jedem Jahre die christlichen Wahrheiten unbekannter werden? Das zeigt ja auch nur zu oft die tägliche Erfahrung. Wie mangelhaft sind manchmal die religiösen Kenntnisse jener Männer, die den Sonntag nicht mehr heilig halten? Sie wissen oft nicht mehr, was man zu thun hat, um gut zu beichten; sie kennen oft nicht mehr die hohe Bedeutung und den unendlichen Werth des hoch- heiligen Meßopfers und der heiligen Communion; ja viele von ihnen sind nicht mehr im Stande, die zehn Gebote Gottes oder die fünf Gebote der Kirche herzu- sagen. Muß nicht durch solche krasse Unwissenheit der Glaube sehr geschädigt werden? Sollen wir wirklich Religion haben, so ist es mit der Kenntniß des Glaubens nicht genug. Die Religion hat nicht bloß ihren Sitz im Kopfe, sondern eben so sehr, ja noch mehr im Willen und Herzen. Wir müssen mit unserem Willen zu Gott in Lebensverkehr treten; wir müssen ihn loben, ihn anbeten, ihn lieben, ihm danken, ihn anstehen um neue Gnaden und Wohlthaten. Das thun wir vorzüglich am Sonntage. Wenn wir an diesem Tage von unseren irdischen Geschäften ausruhen, den Staub der Erde gleichsam von unserem Herzen abschütteln, im Festkleide in unsere Kirchen wallen und dort im Staube knieend mit Inbrunst des Herzens beten oder in heiliger Freude Gott unsere Loblieder singen, dann wird unsere innige Beziehung, unsere Liebe zu ihm immer wieder erneuert; wir werden wieder recht lebendig bewußt, daß wir seine theuren Kinder sind und dieses Bewußtsein ist auch für das Herz des kräftigen Mannes ein heller Sonnenschein, der ihm Friede und Freude bringt. Wenn man dagegen in der Woche wenig an Gott denkt und dann auch am Sonntag von Gebet, von Besuch der Kirche, von Acten der Liebe Gottes nichts wissen will, muß dann nicht das innige Band, das den Menschen mit ihm verbindet, immer mehr gelockert werden? muß dann nicht der Glaube immer mehr im Herzen des Christen ersterben? Ja dann kommt es bald so weit, daß der Mann seinen allmächtigen Gott ganz vergißt, daß er dahin lebt, als ob es für ihn keinen Schöpfer, keinen Erlöser, keinen dereinstigen Richter gäbe. Der Mann, der trotz seiner Kraft doch nur ein schwaches Staubgebilde ist, das heute sein Haupt hoch trägt und morgen als kalte, starre Leiche regungslos daliegt, will sich selbst sein Gott sein; ganz eingenommen von seinen vermeintlichen Vorzügen und Leistungen, betet er seine eigene Armseligkeit an und verlangt auch von Andern Anbetung derselben. Sollen wir wirklich Religion haben, soll sie unser Inneres ganz durchdringen, unser Herz veredeln und herrliche Früchte in demselben hervorbringen, so muß oft und warm die Gnade Gottes in unser Inneres hineinleuchten. Ohne das Gnadenlicht von Oben kann der Glaube sich nicht in uns erhalten, kann er nicht zur herrlichen Blüthe sich entwickeln. Schauet in eine Felsenschlucht, in die nie oder äußerst selten ein Sonnen- strahl hineinfällt. Wird euer Auge vielleicht erfreut durch den Anblick schöner Blumen oder euer Ohr er- götzt durch lieblichen Gesang munterer Vögel, die sich hier mit Vorliebe aufhalten? Nein; ihr schauet dort keine Blume, kein üppiges Grün, keine schön gefiederten Sänger; nur Kälte, nur Finsterniß, nur Tod starrt euch entgegen. Aehnlich ist es mit dem Menschenherzen, das sich dem Lichte der Gnade Gottes verschließt. Mag sein Schlag auch noch so kräftig und gesund sein, im Innern findet sich doch kein Leben, das Gott erfreut und Bedeutung hat für den Himmel. Wenn nun der Mann in der Woche fast nur an das Irdische denkt, nur für den Staub, nur für die Arbeiten seines Ge- schäftes lebt und dann auch nicht einmal am Sonntag sein Herz für Gott und für den Himmel erschließt, wie kann dann die Gnade von Oben in dieses Herz ein- dringen, wie es mit ihrem göttlichen Lichte und ihrer himmlischen Wärme beleben? Und so muß denn die Religion, die ja vor Allem innere Lebensverbindung mit Gott ist, in dem Herzen eines Mannes, der oft den Sonntag entheiligt, immer mehr verkümmern; ein solcher Mann wird ohne Gott, ohne seine Liebe, ohne seine Gnade dahinleben, und groß ist die Gefahr, daß er auch ohne Gott dahinstirbt. Doch man sagt: Man kann ja aber auch an den Wochentagen an Gott denken, ihn lieben und zu ihm beten; man kann also Religion haben, ohne gerade den Sonntag sich dazu zu nehmen. Nur Eines will ich darauf antworten. Es ist wahr, man kann, ja man soll auch an den Wochentagen Gott Verehrung und Liebe darbringen; doch wer dies am Sonntage, am Tage des Herrn nicht thut, wird es an anderen Tagen um so weniger thun. Da feiert in einer Familie ein alter ehrwürdiger Vater ein schönes Fest. Dieser Tag ist seinem Herzen sehr theuer, weil er ihn erinnert an so viele Wohlthaten, die Gott ihm gespendet. Das wissen seine Kinder und Angehörigen; daher haben sie schon Wochen lang Vorbereitungen zur würdigen Feier des- selben getroffen. Kaum ist der Tag angebrochen, so herrscht schon reges Leben im Hause; alle Glieder des- selben befinden sich in freudiger Stimmung; sie er- scheinen im besten Festtagskleide vor dem Vater und bringen ihm ihre sinnigen Gaben und die herzlichsten Glückwünsche dar; ihm eine Freude zu bereiten macht sie glücklich. Nur ein Sohn macht eine Ausnahme; er überreicht dem Vater keine Gabe; kein Glückwunsch kommt über seine Lippen, keine Freude und Theilnahme findet sich in seinem Herzen. Er kümmert sich an diesem Tage gar nicht um den Vater, und wenn er ihm einmal zufällig begegnet, dann hat er keinen freundlichen Gruß für ihn, sondern nur eine finstere Miene und harte, kränkende Worte. Glaubst du nun, mein lieber Leser, daß dieser Sohn, der den Festtag seines Vaters entehrt durch sein pietätloses Betragen gegen denselben, ihm an andern Tagen um so größere Freude macht, und seine übrigen Brüder übertrifft an Liebe und Ehr- furcht gegen den Vater? Wird er nicht vielmehr zu anderer Zeit noch herzloser, kälter und roher gegen den- selben sein? So sind auch Männer, die am Sonntage, am Tage des Herrn, es sich nicht angelegen sein lassen, Gott nach dem Wunsche und der Vorschrift der Kirche zu ehren, an den übrigen Tagen noch gleichgiltiger gegen ihn; sie werden immer undankbarer, herzloser und roher gegen ihren Vater im Himmel; alle Liebe zu ihm, alles religiöse Leben erstirbt nach und nach in ihrem Herzen. So hängt denn die Blüthe und der gute Stand der christlichen Religion ganz eng zusammen mit der treuen Haltung des Sonntages. Man kann immer finden, daß ein Volk in dem Grade irreligiös und gottlos ist, als es den Tag des Herrn entheiligt. Das hat der Feind Gottes und der Menschen schon vor Jahrtausenden erkannt und darum den Gottlosen den Rath gegeben: „Lasset uns abschaffen alle Festtage des Herrn im ganzen Lande“ (Ps. 73). Nur ein Volk, das den Sonntag noch heilig hält, ist ein gutes, frommes und christliches Volk. 2. Durch die Entheiligung des Sonntags wird die Sittlichkeit untergraben . Um sitt- lich gut zu sein, dazu ist mehr nothwendig als eine starke Körperkraft und großer natürlicher Muth. Es kann Jemand körperlich ein Riese sein, kann mit un- erschrockenem Muthe in einer heißen Schlacht kämpfen und den glänzendsten Sieg über den mächtigsten äußern Feind davon tragen und doch dabei ganz sittlich schwach und elend, ein feiger Sclave seiner inneren Leidenschaften sein. Auch der Reichthum und Besitz eines großen Vermögens ist nicht im Stande, den Menschen sittlich gut zu machen. Es kann Jemand in einem goldenen Palast wohnen und viele Millionen besitzen und dabei schlechter und verkommener sein als ein Straßenräuber, der keine eigene Hütte hat, als ein gemeiner Ver- brecher, der im Zuchthause sich befindet. Dem Gelde wohnt keine veredelnde, keine sittlich hebende Kraft inne; es drängt vielmehr den Menschen gar leicht auf ge- fährliche Bahnen, wenn er keinen festen sittlichen und religiösen Halt besitzt. Zur Erlangung sittlicher Güte genügt auch nicht Bildung und Wissenschaft. Es kann Jemand in seinem Kopfe die reichsten und schönsten Kenntnisse, in seinem Herzen aber eine wahrhaft höllische Bosheit haben. Die bloße Wissenschaft führt den Menschen nur zu oft auf die windigen Höhen der Eitelkeit und des Stolzes, von welchen man gar leicht in den Sumpf der Unsittlichkeit hinabstürzt. Soll der Christ auf die Dauer, unter allen Um- ständen und Verhältnissen sittlich gut, wahrhaft tugend- haft sein und bleiben, so muß er sich eine zarte Ge- wissenhaftigkeit, eine große Liebe zur Tugend und eine höhere sittliche Kraft aneignen und zu bewahren suchen. Er muß seine Pflichten kennen, muß wissen, was er zu thun, was zu unterlassen hat; muß wissen, warum er Dies thun, Jenes unterlassen soll. Er muß seinen Blick und sein Herz zum unendlich heiligen und vollkommenen Gott erheben, der die Quelle alles Guten, der Grund jeder sittlichen Vorschrift, der Richter und Bestrafer jeder Sünde, der Belohner, ja der Lohn selbst für jegliche Tugend und treue Pflichterfüllung ist. Er muß seinen schwachen und wankelmüthigen Willen stärken durch die göttliche Gnade, daß er auch in Augen- blicken, wo die Reize der Sinnlichkeit sein Herz bethören wollen, in Stunden ernster Gefahr, wo Lust und Ge- winn ihm lockend vorschweben, der Tugend und Pflicht treu bleibt. Denn in solchen kritischen Augenblicken ist die Kraft des eigenen Willens nur ein schwaches Schilfrohr, das zerbricht, wenn man sich auf dasselbe stützen will. Wenn der christliche Mann nach Vorschrift der Kirche den Sonntag heiligt, dann wird er dadurch an- geleitet zu einem sittlich guten Leben. Durch Predigt und Christenlehre wird er unterrichtet über seine Pflichten gegen Gott, gegen sich selbst und seine Mitmenschen und werden ihm die kräftigsten Beweggründe zur Tugend und zur Meidung der Sünde an's Herz ge- legt. Durch andächtiges Gebet, durch fromme Anhörung der heiligen Messe und durch den guten Empfang der heiligen Sakramente wird er mit himmlischer Kraft ausgerüstet, Stand zu halten in den Schwierigkeiten, Versuchungen und Gefahren, die sich dem christlichen Leben entgegensehen. „Wo dagegen soll der Mensch die höhere Erkennt- niß Gottes und seines letzten Zieles schöpfen, wo die in der Jugend erlangte im Gedächtnisse wieder auf- frischen, wo soll er die übernatürlichen Beweggründe, die Sünde zu meiden und die Tugend zu üben, kennen und zur Richtschnur seines Lebens machen lernen, wenn er Jahr aus Jahr ein durch Arbeiten am Sonntage sich abhalten läßt, die Predigt und christliche Lehre an- zuhören, wenn er des Sonntags wie an den übrigen Wochentagen sein ganzes Sinnen und Trachten dem Irdischen zuwendet? Wo soll sein Geist zu Gott und den himmlischen Gütern sich emporschwingen, wenn er die Schwellen des Hauses Gottes nicht mehr betritt? Wo soll er Wuth und Kraft finden zum Widerstande in den Versuchungen, wenn er auch am Sonntage ob der Arbeit das Gebet versäumt, wenn er Jahre lang das Brod der Starken nicht mehr genießt? Wenn nun aber dem Menschen diese höhere Erkenntniß und Kräf- tigung abgeht, wenn anderseits die Feinde seines Heiles ihm allenthalben Schlingen legen; wenn er sich selbst aus freiem Antriebe immer tiefer in's Zeitliche, in die Sinnengüter und Sinnengenüsse versenkt, wie wäre da ein christlich tugendhafter Wandel möglich? Muß ein Solcher nicht von Tag zu Tag tiefer in die Knecht- schaft der Sinne und der Sünde fallen? muß er nicht mehr und mehr Schwierigkeit empfinden, sich aus dem Wuste der vergänglichen Dinge herauszuarbeiten? muß er endlich nicht gleichsam zum Thiere werden, das nur für das Sinnliche Augen hat? Da kann von einem tugendhaften christlichen Leben keine Rede mehr sein und ebenso wenig von einem genügsamen, glücklichen Leben. – Die Erde besitzt nicht Güter genug, um die gebieterischen Leidenschaften eines solchen Menschen zu befriedigen, und er besitzt nicht Kraft genug, den un- gestümen Andrang derselben zurückzuweisen. Seine eigenen Ausschweifungen, leidenschaftliche Menschen, wie er Einer ist, bereiten ihm tausend Sorgen, Kämpfe, Verdemüthigungen und Leiden; dabei ist sein Herz leer vom Troste der Religion, voll von unaussprechlicher Bitterkeit. Gott sucht ihn mit Verlust der zeitlichen Güter, mit Krankheit und Schmerzen heim; er weiß diese Heimsuchung weder mit Ergebung anzunehmen noch mit Geduld zu ertragen; er läuft Gefahr sich der Verzweiflung in die Arme zu werfen Deharbe , Erklärung des katholischen Katechis- mus, B. III. S. 243 f. .“ Wie viele Männer unserer Tage könnten aus eigener traurigen Erfahrung das Gesagte bestätigen? Sie sind immer sittlich elender geworden; das edel Menschliche ist immer mehr aus ihrem Herzen geschwunden, dagegen das wilde Thier der Leidenschaft immer größer, immer mächtiger, immer ungestümer geworden, so daß sie schließlich fast den Glauben an die Möglichkeit der Tugend verloren haben, und das Alles, weil sie seit Jahren gewohn- heitsmäßig vom Segen des Sonntags sich losgesagt, weil sie diesen hehren, bedeutungsvollen Tag durch Arbeit, durch Ausschweifungen und Sünden aller Art entheiligt haben. Sie wollten nichts von Gott, nichts von dem ihm geweihten Tage, nichts von seiner Liebe und seinem Dienste wissen; darum hat auch Gott sich von ihnen mit seiner Gnade entfernt und sie den Neigungen und Gelüsten ihres verdorbenen Herzens überlassen. So mußten sie denn immer tiefer sinken in ihrem sitt- lichen Elende. 3. Die Entheiligung des Sonntags schlägt dem christlichen Familienleben schwere Wunden . Klein ist die Familie als Gesellschaft, aber dennoch überaus groß ihre sociale Bedeutung für die Menschheit. Der Staat erhält von ihr seine Bürger, seine Unterthanen und Vorgesetzten. Sind die Familien schlecht und verdorben, so ist der ganze Staat corrum- pirt. Mag dann derselbe auch ein Heer besitzen, dessen Soldaten geschickt die besten Mordwaffen zu handhaben verstehen, mag er nach Außen auch große Handels- verbindungen unterhalten und bedeutenden politischen Einfluß ausüben, so ist doch im Innern Alles morsch, faul und unhaltbar und auch der äußere Glanz und die äußere Macht wird nicht von langer Dauer sein. Auch der Ruhm und die segensreiche Wirksamkeit unserer heiligen Kirche hängt eng zusammen mit der sitt- lichen Beschaffenheit der christlichen Familie. Fast um- sonst verkündigen wir Prediger das Wort Gottes, fast umsonst verwalten wir Beichtväter unser wichtiges Amt im Beichtstuhle, fast umsonst ist alle eifrige Bemühung eines Seelsorgers in seiner Gemeinde, wenn man das christliche Leben in den Familien vernachlässigt, wenn nicht die Eltern, die Träger des Familienlebens, durch treue Pflichterfüllung die Priester und Seelsorger unterstützen. Noch mehr aber als Staat und Kirche ist der einzelne Mensch mit der Familie verwachsen. Ob derselbe später sich durch Tugend oder Laster auszeichnet, ob er zum Heile oder Verderben der Gesellschaft wirkt, ob er ewig selig wird oder ewig verloren geht, das hängt zum großen Theile von der Familie ab, in welcher er geboren wird und seine erste Erziehung er- hält. Weil nun die Familie eine so hohe Bedeutung hat, darum ist es ein furchtbares und folgenschweres Vergehen, die Familie zu verderben, sie ihrer Würde, ihrer Heiligkeit und ihres Segens zu berauben. Das geschieht nun aber durch die gewohnheitsmäßige Ent- heiligung des Sonntages. Soll die Familie den angegebenen großen und heilsamen Einfluß ausüben, so ist vor Allem ein Zweifaches nothwendig. Erstens muß sie ein ge- schlossenes Ganze bilden; es muß Liebe, Eintracht und Friede in derselben herrschen. Ist das nicht der Fall, so verfehlt sie ihren hohen Beruf; kein Segen, sondern Unheil geht dann von ihr aus; sie ist kein Bild des Himmels, sondern der Hölle mit ihrer Zwietracht und Unordnung. Das Haus, das du, christlicher Mann, mit deinen Angehörigen bewohnst, wird von der Ein- heit zusammengehalten; ein Stein ist schön und passend an den anderen gefügt; eine Mauer schließt sich ruhig und nachgiebig an die andere an. Nur durch diese Einheit und Harmonie kann ein Gebäude entstehen, in dem sich wohnen läßt. Das ist ein Bild, wie es auch im Innern des Hauses, in der Familie bestellt sein soll. Alles kommt in Unordnung; kein christliches Leben, keine gute Erziehung der Kinder ist möglich, wenn Friede und Einheit aus der Familie schwinden. „ Ein jedes Haus, das wider sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen “ (Matth. 12, 25). Das Andere, dessen die Familie dringend bedarf, um ihre hohe Aufgabe zu lösen, ist die Religion, ist die Gottesfurcht. „ Hältst du dich nicht bestän- dig in der Furcht Gottes, so wird dein Haus bald zerstört sein “ (Jes. Sir. 27, 4). Ist der Friede in einer Familie der Mauer, so ist die Religion dem schützenden Dache des Hauses zu ver- gleichen. In einem Hause ohne Dach kann man auf die Dauer nicht wohnen. So lange im Sommer die Nächte warm sind und die Sonne am Tage hell und freundlich leuchtet, kann man in demselben sich wohl und behaglich fühlen, kann einige Wochen in demselben zubringen, ohne besondern Schaden an der Gesundheit zu erleiden. Wehen dagegen rauhe und starke Stürme und kommen die langen Nächte mit ihrer Kälte und der harte Winter mit feinem Schnee und Eise, dann werden alsbald die Einwohner eines solchen Hauses schwer erkranken und elend zu Grunde gehen. Aehnlich ist es mit einer Familie, in welcher keine Religion herrscht. So lange man jung und gesund ist, so lange die erste leidenschaftliche Liebe noch andauert und man Alles in Ueberfluß besitzt, mag man sich glücklich wähnen, mag man lachen, scherzen und fröhliche Feste in einem solchen Hause veranstalten. Doch ist man an einander gewohnt, hat man täglich zu leiden von den gegenseitigen Fehlern und Unvollkommenheiten, stellt Krankheit, Noth und anderes Kreuz sich ein oder wird die eheliche Treue durch eine reizende Versuchung auf die Probe gestellt und sollen vor Allem die Kinder gut und tugendhaft erzogen werden, so daß man später keinen Kummer und keine Schande an ihnen erlebt, so ist man in einem solchen religionslosen Hause rath- und thatlos; man macht Fehler auf Fehler; mit jedem Tage wächst das Unheil und die Verwirrung; man fühlt sich um so unzufriedener und unglücklicher, je fröhlicher und leichtsinniger man früher in den Tag hineinlebte. Nein, ohne Religion, ohne Gott läßt sich kein gutes, glückliches und segensvolles Familienleben gründen. Friede und Religiosität nun, diese beiden höchsten Güter der christlichen Familie, werden durch eine gute Sonntagsfeier kräftig gepflegt und geschützt. Wenn am Sonntage Vater und Mutter mit einander zur Kirche wallen, dort ihre gemeinschaftlichen Anliegen Gott vor- tragen und gegenseitig für einander beten, wenn beide von Zeit zu Zeit gemeinschaftlich zum Tische des Herrn hinzutreten und in der heiligen Communion den gött- lichen Heiland, den Urheber und Bringer des wahren Friedens, empfangen, wenn die Kinder dieses herrliche Beispiel der Eltern nachahmen und mit heiligem Ver- langen in das Haus Gottes eilen, um sich dort zu er- bauen und für ihre theuern Eltern und Geschwister zu beten, wenn außerdem die Eltern zu Hause am Nachmittage noch in einer Erbauungsstunde zu den Kin- dern von göttlichen Dingen sprechen und mit ihnen beten und wenn man dann, nachdem man Gott gegeben, was Gottes ist, im häuslichen Kreise auch gemeinschaftlich eine unschuldige Freude und Erholung sich gestattet, müssen dann nicht in einer solchen Familie die Herzen immer inniger und fester mit einander verbunden, müssen nicht Eintracht und Zufriedenheit stets unge- stört erhalten werden, müssen dann nicht Religion und christliches Leben sich immer schöner entwickeln und Tugenden zur Blüthe bringen, welche so Vieles zum Heil und Wohl der Familie beitragen? Fällt dagegen die christliche Sonntagsfeier weg, dann fehlt das kräftigste Mittel, Einheit und Religio- sität in der Familie zu bewahren. Wie geht es denn gewöhnlich in einem Hause zu, in welchem man um die Heiligung des Sonntags sich nicht mehr kümmert? Der Vater, den die Kinder in der Woche vielleicht nicht viel gesehen haben, weil er meistens von seinen Ge- schäften in Anspruch genommen war, denkt an kein Gebet; er arbeitet den ganzen Vormittag oder über- läßt sich dem Schlafe und der Ruhe; am Nachmittage verläßt er bald die Familie, um sich im Wirthshause bei leichtsinnigen Kameraden dem Spiele und der Un- mäßigkeit hinzugeben; am späten Abend oder nach Mitternacht kehrt er polternd und fluchend zurück, in einem Zustande, der ihm alle Achtung seiner Kinder rauben muß. Die Mutter sitzt zu Haus und überläßt sich ihren finstern und ärgerlichen Gedanken und Stimmungen; sie fühlt es, daß sie immer mehr alle Liebe zum Manne und alle Freude an ihrem Berufe verliert; oder sie sucht sich zu entschädigen für ihre vermeintlichen Opfer und wirft sich auch der Vergnügungssucht in die Arme. So wird sie denn ihrer erhabenen und wich- tigen Aufgabe in der Familie immer untreuer; ja nur zu oft wird dadurch bei manchen Frauen der erste Grund zu großen Verirrungen gelegt. Und die Kinder? Sie werden nur zu sehr beeinflußt durch das verderb- liche Beispiel ihrer pflichtvergessenen Eltern; auch für sie wird der Sonntag kein Tag innerer Erneuerung, kein Tag, wo sie sich wieder aufmuntern zum Kampfe gegen die bösen Neigungen und zur treuer Pflicht- erfüllung, sondern nur ein Tag des Leichtsinnes, der Gefahren und der Sünde. Sie zerstreuen sich nach allen Richtungen hin, die Söhne hierhin, die Töchter dort- hin und jagen ihren Vergnügen nach, die gewöhnlich nicht unschuldiger Natur sind. Kann man sich bei diesem Stande der Dinge noch wundern, daß die zu- sammenhaltenden Mauern und das schützende Dach eines solchen Hauses einstürzen, ich will sagen, daß Religion und Friede aus demselben schwinden? Kann man sich wundern, daß dort die Herzen einander mehr und mehr entfremdet werden, daß Zank und Streitigkeiten sich immer öfter einstellen? kann man sich wundern, daß die Kinder von Hochachtung, Ehrfurcht und Liebe gegen die Eltern kaum mehr einen Begriff haben, daß die Söhne, vielleicht sogar die Töchter schon mit siebzehn oder achtzehn Jahren ganz ungläubig sind und Reden führen, die alles Schlimme von ihnen befürchten lassen? Nein; denn so mußte es kommen. Wollt ihr, christ- liche Männer, daß euere Familien Stätten der Tugend und der Zufriedenheit seien, so haltet mit all' eueren Hausangehörigen gewissenhaft fest an der Heiligung der Sonn- und der von der Kirche angeordneten Feiertage. 4. Die Sonntagsentheiligung untergräbt den zeitlichen Wohlstand . Gerade des Geldes und des irdischen Wohlstandes wegen entheiligt man vielfach den Sonntag. Fraget den Arbeiter, der am Sonntagmorgen wie an einem gewöhnlichen Werktage in seiner Werkstätte schafft, warum er dies thue, so wird er euch antworten: Ich muß Geld verdienen, um meine zahlreiche Familie zu ernähren. Drückt Jemand sein Erstaunen aus über den regen öffentlichen Ver- kehr, der sich am Sonntage in unsern Städten zeigt, über die Eisenbahnzüge, die an diesem Tage die ver- schiedenartigsten Handelsproducte weiter befördern, so sagt man ihm: das fordert unsere fortgeschrittene In- dustrie; das ist nothwendig im Interesse des öffentlichen Wohlstandes. Doch das ist nur lügenhaftes Gerede. In England blüht bekanntlich Handel und Industrie noch mehr wie bei uns und doch wird in diesem Lande der Sonntag streng gehalten. Noch nie ist ein Volk durch Sonntagsschändung wohlhabender geworden. Blicket nur hin auf Frankreich. Im Jahre 1850 hat ein französischer Schriftsteller nachgewiesen, daß von der Zeit an, wo die Sonntagsentheiligung in Frankreich ziemlich allgemein wurde, auch der Wohlstand in diesem schönen und fruchtbaren Lande bedeutend gesunken ist. Im vorigen Jahrhunderte, zu einer Zeit, wo man noch in christlicher Weise treu am Sonntage festhielt, zählte Frankreich bei 26 Millionen Seelen nur 4 Millionen Arme, dagegen im Jahre 1850 bei 35 Millionen Seelen 7 Millionen Arme. Und wie viel Unheil hat seitdem dieses Land erlitten in socialer und politischer Beziehung? wie groß war die Verwirrung und der Fluch, den ihm die revolutionären Ideen gebracht haben? wie oft ist es schmählich betrogen und aus- gebeutet worden von Staatsmännern, die nicht das Beste des Landes, sondern nur den eigenen persönlichen Vortheil suchten? Doch wir brauchen nicht auf Frankreich hinzuschauen; wir können im eigenen Vaterlande bleiben. Seit ein paar Jahrzehnten wird auch bei uns vielfach der Sonn- tag nicht mehr in der strengen Weise geheiligt wie früher. Viele, sehr viele Christen, besonders in den großen Städten, gehen am Tage des Herrn nicht mehr in die Kirche, hören nicht mehr das Wort Gottes und wohnen nicht mehr dem hochheiligen Meßopfer bei, dagegen arbeiten sie wie am Werktage oder stürzen sich haltlos in den Strudel der Zerstreuungen und Ver- gnügen. Sind wir nun seit dieser Zeit glücklicher und zufriedener geworden? Hat sich der Wohlstand bei uns gehoben? Das Gegentheil ist eingetreten. In er- schreckender Weise hat die Noth und das Elend immer weitere Kreise erfaßt, ist immer drückender geworden und hat so eine sociale Unzufriedenheit erzeugt, welcher die Staatsmänner angstvoll und rathlos gegenüberstehen. Und doch waren alle Hände thätig, hat man alle Naturkräfte ausgebeutet, hat man tausend und tausend Maschinen in Bewegung gesetzt und sind fort und fort zahllose Eisenbahnzüge mit Blitzesschnelle durch unsere Länder dahingeeilt; Alles geschah im Interesse des Geldes und des Erwerbes; Alles hat man gethan, um die Völker durch einen allgemeinen Wohlstand zu be- glücken. Nur Eines hat man vergessen, daß nämlich an Gottes Segen Alles gelegen sei, wie dies die Ueberzeugung unserer Vorfahren war. „ Wenn der Herr das Haus nicht baut, so arbeiten Jene, die daran bauen, umsonst “ (Ps. 126). Den Segen Gottes aber mußte man verscherzen durch die Entweihung der Tage des Herrn. Zudem ist durch diese Entweihung eine Vergnügungssucht, eine Unmäßig- keit, ein sittlicher Leichtsinn, eine Gewissenlosigkeit und Blindheit in Bezug auf die Eheschließung in unserem Volke großgezogen worden, die nothwendig das all- gemeine Wohl untergraben müssen. Denn der zeitliche Wohlstand ist ebenso sehr, ja noch mehr von sittlichen Eigenschaften bedingt, als von der Fruchtbarkeit des Bodens, als von dem Gelde, das man verdient. 5. Endlich führt die Entheiligung des Sonntags, wenn sie allgemein wird, mit der Zeit den Untergang des Staates herbei . Ich brauche hier bloß die Hauptsätze des vorhin Gesagten zu wiederholen. Die Sonntagsentheiligung untergräbt die Religion. Wie kann aber ein Staat auf die Dauer bestehen, wenn seine Bürger keine Religion haben? Selbst der berühmte Redner und Staatsmann des Heidenthums, Cicero, behauptet, es sei eher möglich eine Stadt in die Luft zu bauen, als einen Staat ohne Religion zu gründen. Mit welchem Rechte kann man z. B. erwarten, daß die Auctorität des Fürsten oder seiner Beamten noch in Ehren und Ansehen stehe, wenn man die Auctorität Gottes und seiner Kirche schnöde verachtet und mit Füßen tritt? Das geschieht aber, wenn man die Tage des Herrn entweiht. Die Sonntagsentheiligung bewirkt mit der Zeit eine allgemeine Korruption der Sitten. Wie kann aber ein Staat auf die Dauer bestehen, wenn seine Unterthanen kein anderes Streben mehr kennen, als zu erwerben, als zu genießen und immer mehr zu genießen. Müssen dann nicht die besten und edelsten Kräfte eines Volkes immer mehr verzehrt, muß es nicht immer mehr entnervt und verweichlicht, nicht immer elender und thierischer werden? So ist selbst der Staat der alten Römer, die doch so herrliche Natur- anlagen besaßen und mit ihrer Kraft und Tapferkeit sich die Welt erobert hatten, morsch und faul geworden, so daß er zusammenbrach unter den Schlägen der Völkerwanderung. Die Sonntagsentheiligung verdirbt dann weiter, wie wir gesehen haben, die Familie. Sind aber die Familien entchristlicht, sind sie nur Stätten der Pflichtvergessenheit, der Sünde und Unzu- friedenheit, dann strömt aus ihnen Jahr für Jahr wie aus unzähligen Quellen immer neues Gift, neues Verderben über die Staaten. An Ehrlichkeit und Redlichkeit der Bürger ist dann nicht mehr zu denken und die Beamten, die Wächter der Gerechtigkeit und Ordnung, werden selbst bald käuflich und jeder Dieberei fähig sein. Aus schlechten Familien kann der Staat nur schlechte Unterthanen und schlechte Beamten er- halten. Die Sonntagsentheiligung untergräbt endlich den zeitlichen Wohlstand eines Volkes, weil sie ihm den Segen Gottes entzieht und sittliche Eigenschaften in ihm erzeugt, die zur leichtsinnigen Verschwendung der irdischen Güter führen müssen. Daß aber der zeit- liche Wohlstand für das staatliche Leben von großer Wichtigkeit sei, gestehen selbst solche Staatsmänner ein, welche für den Werth der höhern Güter eines Volkes kein Auge und kein Herz besitzen. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die gewissen- hafte Feier der Tage des Herrn sehr Vieles zum Heile und Wohle der Staaten beitragen kann. Das haben die weisesten Staatsmänner auch zu allen Zeiten er- kannt und darum durch strenge Gesetze auf eine echt christliche Sonntagsfeier hingewirkt. Und merkwürdig ist es, daß unter diesen gerade jene, die im Kriege als wackere Helden das blanke Schwert vortrefflich zu handhaben verstanden, im Frieden oft als die christ- lichsten Fürsten sich zeigten. Ich erinnere nur an den weltberühmten Constantin, der nach Eusebius die Abhaltung von militärischen Uebungen am Sonntage streng verbot, und an Kaiser Theodosius den Großen, den glorreichen Besieger der Gothen, welcher die Auf- führung von Schauspielen am Sonntage untersagte. Nur noch ein Mann sei erwähnt, der uns Deutschen viel näher steht. Er ist vielleicht der allergrößte Staats- mann, der je für Deutschlands Wohl gewirkt hat. In der Schlacht blitzte gar gewaltig und schrecklich das Schwert in seiner Hand; er kannte keine Furcht und kein Bangen in den größten Gefahren. Aber noch herrlicher und bewunderungswürdiger erscheint uns dieser seltene Mann durch sein weises und großartiges Wirken für die Befestigung der inneren Zustände seines Reiches. Dieses Reich erstreckte sich vom Ebro bis an die Elbe, von Neapel bis an die Nordsee. Aber überall schuf dieser Riesengeist Friede und Ordnung, überall regierte er mit Kraft und staunenswerther Weisheit, überall zeigte er sich als klugen Gesetzgeber und warmen Freund der Kunst und Wissenschaft. Dafür hat das deutsche Volk ihm auch ein dankbares Andenken bewahrt, hat Jahrhunderte lang ihn mit Begeisterung in Sagen und Liedern gefeiert und noch heute besitzt sein Name einen lieblichen Wohlklang für uns. Unser Held und herrliche Staatsmann ist Karl der Große. Dieser Mann mit seinem Scharfblick, seinem Herrschertalent und seiner reichen Erfahrung war der Ueberzeugung, daß die genaue christliche Haltung des Sonntags für seine Völker vom größten Segen wäre. Darum sah er überall mit großer Strenge darauf, daß dieser Tag auch wirklich ein Tag des Herrn war, daß man ihn nicht der Arbeit und dem Vergnügen widmete, daß man fleißig und gewissenhaft dem Gottesdienste beiwohnte. Wer an Sonn- und Feiertagen weltliche Zusammenkünfte veranstaltete, mußte eine große Geldsumme als Strafe bezahlen. Sehr zu wünschen wäre es, wenn alle christlichen Staatsmänner unserer Zeit eine ähnliche Einsicht und Strenge besäßen. Die Bedeutung des Sonntags ist also, mein lieber Leser, eine überaus große für die ganze christliche Ge- sellschaft. Darum sollten gerade die Männer Alles aufbieten, um denselben nach dem Wunsche der Kirche treu zu halten. Sind die Männer hierin wieder recht gewissenhaft, dann wird dieser Tag bald wieder all- gemein ein Tag des Gebetes, ein Tag der Frömmigkeit und Tugend, ein Tag wahrer Freude und überreichen Segens für alle Christen. Mache es dir darum zum festen, unumstößlichen Lebensgesetz, den Sonntag nie zu entweihen durch verbotene Arbeit, Sünde und Aus- schweifung. Nur im Nothfalle, wo du es nicht ohne sehr großen Nachtheil vermeiden kannst, magst du die dringend nothwendige Arbeit verrichten oder von Anderen verrichten lassen. An den andern sechs Tagen der Woche sei sehr fleißig und erfülle deine Berufspflichten treu, wie es einem christlichen Manne geziemt, aber am Sonntage ruhe aus von deinen Arbeiten. Wohne gewissenhaft dem heiligen Meß- opfer bei, wenn möglich, dem Hochamte in deiner Pfarrkirche; höre demüthig und aufmerksam auf das Wort Gottes, das dir in der Predigt und Christenlehre verkündigt wird. Wie schön und erbauend ist es, wenn auch am Nachmittage viele Männer beim Gottesdienste sich einfinden. In einer Pfarrgemeinde, wo dies der Fall ist, muß ein guter, ja ein vorzüglicher Geist herrschen. Lese am Nachmittage zu Hause auch noch in einem guten Buche, besprich das Gelesene oder das in der Predigt und Christenlehre Gehörte mit deinen Kindern; du selbst wirst nach Jahren den großen Nutzen einer solchen christlichen Uebung erfahren. Gestatte dir dann auch im Schooße deiner Familie eine angemessene Er- holung und Zerstreuung und verbreite Freude im Kreise der Deinigen durch erheiternde und erbauliche Gespräche. Vergiß es nie in deinem Leben: das sind die schönsten und heilsamsten Freuden und Vergnügen für dich, die du im trauten Kreise deiner Angehörigen genießest. VII. Der Mann und die Menschenfurcht. Man hat oft über Kinder gelacht, die sich vor Gespenster fürchten. Doch es gibt auch viele, leider sehr viele Männer, die vor einem Gespenste große Angst haben; es sind manchmal Männer mit großen Bärten, mit kräftigen Fäusten und Riesenschultern, oder Männer, die große Bildung und Wissenschaft besitzen oder in Amt und Würde stehen. Ja, es gibt ein Gespenst, das vielen Männern hundertmal erscheint, das ihnen eine entsetzliche Furcht einjagt, das sie tausendmal zum Bösen verleitet und vom Guten abhält, ein Gespenst, das heut zu Tage in der Männerwelt so viel herum- geistert und schreckliches Unheil in derselben anrichtet. Dieses furchtbare Gespenst ist die Menschenfurcht, die ungeordnete und sündhafte Begierde, den Menschen zu gefallen oder die niedrige Besorgniß, den Menschen zu mißfallen. Man will es mit Niemand verderben, bei Niemand anstoßen und von Niemand irgendwie ab- fällig beurtheilt werden. Darum stellt man sich immer die Frage: was werden die Leute dazu sagen. Und so unterläßt man denn oft aus feiger Rücksicht auf Andere die wichtigsten Pflichten oder thut Dinge, gegen welche das Gewissen entschieden Einsprache erheben muß. Wie oft schämt man sich, dem Gottesdienste beizuwohnen, am Beichtstuhle oder am Tische des Herrn zu erscheinen, an einem guten Unternehmen Theil zu nehmen und einem nützlichen Vereine beizutreten, bloß aus Furcht vor dem Gespenste: was werden die Leute dazu sagen? Und doch ist diese feige Menschenfurcht erstens eines Christen, zweitens eines Mannes und drittens unserer Zeit unwürdig. 1. Die Menschenfurcht ist eines Christen höchst unwürdig . Der wahre Christ fürchtet Gott mehr als die Menschen; er lebt und handelt nach der Mah- nung der heiligen Schrift: „ Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch “ (Pred. 12, 13). Hat ein Unterthan Audienz bei seinem Fürsten, so schenkt er dem Diener, der ihn ein- führt, nicht die Hauptaufmerksamkeit; ihm erweist er nicht die größte Ehre, sondern doch offenbar seinem Könige. An dem Wohlwollen des Königs liegt ihm ja viel mehr, als an dem des Dieners. Aehnlich denkt und handelt der wahre Christ. Auf Gott sieht er vor Allem hin; Gottes Wohlgefallen sich zu er- werben, ist seine Hauptsorge. Er weiß ja, daß Gott sein höchster Herr ist, dem er Alles zu danken hat; er weiß, daß er nach wenigen Jahren oder vielleicht schon Tagen vor ihm als seinem gerechten Richter stehen wird, um über all' seine freiwilligen Gedanken, Worte und Hand- lungen Rechenschaft abzulegen, daß dann von demselben das entscheidende Urtheil über seine ganze Ewigkeit ge- fällt wird. Dagegen weiß er auch, daß die Menschen nur schwache Geschöpfe sind, die heute leben und morgen in's Grab sinken; er weiß, daß auch der mächtigste und angesehenste Mann Gott gegenüber unendlich schwach und klein ist, daß von seiner ganzen Macht und Herrlich- keit nach Jahren nur eine Hand voll Staub übrig bleibt. Der ehrwürdige P . Clemens Hoffbauer wollte eines Tages einem vornehmen Herrn, der von sich und seinem Ansehen etwas zu viel eingenommen war, zeigen, was der Mensch sei. Er bückte sich zur Erde, nahm ein wenig Staub in die Hand, hielt ihm dieselbe vor das Angesicht und sprach mit ernstem Nachdruck: „Sehen Sie, das ist der Mensch, eine Hand voll Staub.“ Was ist eine Hand voll Staub im Vergleiche zur ganzen Erde mit ihren großen Ebenen, Hügeln und Bergen? Wie verschwindend klein ist sie gegenüber den zahllosen und unermeßlichen Weltkörpern, die seit Jahrtausenden mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit ihre Bahnen im Himmelsraume wandeln? Wie unendlich winzig und klein muß sie aber erst sein gegenüber dem allweisen und allmächtigen Gott, der dies Alles durch seinen Willen in's Dasein gerufen hat und noch beständig erhält? Diesen unendlichen Gott fürchtet der wahre Christ, aber den schwachen, kleinen Menschen, die Hand voll Staub fürchtet er nicht. Aus feiger Rücksicht auf ihn und seinen faden Spott wird er seiner Pflicht nicht untreu; ihn trifft nicht der Tadel des Propheten Isaias: „ Wer bist du, daß du dich fürchtest vor sterblichen Menschen, vor Menschenkindern , die wie Gras verdorren? Und des Herrn deines Schöpfers hast du vergessen, der die Himmel ausgespannt und die Erde ge- gründet hat “ (Is. 51, 12 f.). Die Menschenfurcht ist dann ferner eines Christen unwürdig, weil er bei der heiligen Taufe und Firmung sich feierlich unter die Fahne Jesu Christi gestellt, weil er damals geschworen hat, daß er immer und unter allen Verhältnissen bis zum letzten Hauche seines Lebens treu zu Jesus Christus und seiner heiligen und wich- tigen Sache halten werde. Oft ist die Fahne eines irdischen Königs mit Muth und Tapferkeit im Kriege vertheidigt worden. Mancher Soldat wollte lieber unter vielen schmerzlichen Wunden sein Leben preisgeben, als die Fahne seines Fürsten an die Feinde ausliefern. Ja es ist schon vorgekommen, daß ein Soldat, der die Fahne nicht mehr retten konnte, diese sich um den Leib band, um wenigstens in derselben zu sterben. Das ist eine Liebe und Begeisterung für den irdischen König, die alle Anerkennung und alles Lob verdient. Doch wenn wir die Sache im rechten Lichte be- trachten, so müssen wir Christen mit ähnlicher, ja noch weit größerer Begeisterung für die Fahne, d. h. für die heilige Sache Jesu Christi eintreten. Ist er ja ein König, mit dem kein anderer Fürst, auch der beste und liebenswürdigste nicht, in Vergleich kommen kann. Ist ja seine Sache eine so hehre und erhabene, eine so gerechte und gute, eine so heilsame und nothwendige, wie die keines andern Königs; sie geht alle Menschen an, sie umspannt Zeit und Ewigkeit. Sollten wir darum für diese heilige und erhabene Sache nicht wenigstens mit demselben Muthe, mit derselben Uner- schrockenheit eintreten, mit der ein Soldat die Fahne seines Fürsten vertheidigt? sollten wir nicht bereit sein, wenn nothwendig, den letzten Blutstropfen für sie hin- zugeben? Diese Begeisterung und Furchtlosigkeit erwar- tet der göttliche Heiland von Allen, die Christen sein wollen. Wenn wir mit unerschrockenem Muthe und beharrlicher Festigkeit zu ihm halten, dann will er einst durch die ganze Ewigkeit uns als seine treuen Jünger belohnen; haben wir aber feige seiner Sache uns geschämt, dann wird er einst als Richter unsere Menschenfurcht an den Pranger stellen und ernstlich bestrafen. „ Wer mich vor den Menschen be- kennt, den will ich auch bekennen vor meinem Vater, der im Himmel ist; wer mich aber vor den Menschen verleugnet , den will ich auch vor meinem Vater ver- leugnen, der im Himmel ist “ (Matth. 10, 32). Die Menschenfurcht ist eines katholischen Christen höchst unwürdig; denn er braucht sich wahrhaf- tig der Kirche nicht zu schämen, der er an- gehört . Man hat noch nie erfahren, daß ein starker und gesunder Mann sich seiner Kraft und Lebensfülle geschämt hat, wenn er einem Menschen begegnete, wel- cher den Keim einer zehrenden Krankheit in sich trug. Man hat noch nie gesehen, daß ein Mann mit geraden und gesunden Gliedern schamroth wurde, wenn er einen andern sah, der nur mit Beihilfe von Krücken sich weiter bewegte. Noch nie hat ein vernünftiger Mensch es sich zur Schande angerechnet, daß er einer guten, vorzüglichen Familie angehört, in der Tugend und Rechtschaffenheit erblich ist. Im Gegentheil, man freut sich darüber, dankt Gott für diese große Gnade und bedauert alle Jene, die das große Unglück haben, einer verkom- menen Familie zu entstammen. Man schämt sich über- haupt, so lange man Verstand hat, nie einer guten Sache. Steht dieser Grundsatz fest und wird er von allen vernünftigen Menschen als richtig anerkannt, haben wir Katholiken dann Ursache, uns unserer heiligen Kirche zu schämen, die selbst nach dem Urtheile un- parteiischer Andersgläubigen so Großartiges und Herr- liches gewirkt hat zum Heile und Segen der Mensch- heit; unserer Kirche, die von den heftigsten Stürmen nicht niedergeworfen wurde, sondern aus allen, auch den größten Verfolgungen, immer siegreich, immer ver- jüngt und neu gestärkt hervorging, während Alles um sie herum in Trümmer sankt, auch die Throne der mächtigsten Herrscher? haben wir Ursache, uns unserer Kirche zu schämen, die da zu allen Zeiten eine große Anzahl der edelsten, besten und weisesten Menschen als ihre treuesten Kinder aufzählen konnte, die stets eine stattliche Anzahl großer Tugendhelden und Wohlthäter der menschlichen Gesellschaft erzeugt hat? Ja wahrhaf- tig, sich einer solchen Kirche zu schämen, ist Unverstand und unbegreifliche Thorheit. Auch der Kirche im Mittelalter brauchen wir uns nicht zu schämen. So lange das kasernenbauende neun- zehnte Jahrhundert nicht im Stande ist, so großartige Kunstwerke in's Leben zu rufen, wie dies das Mittel- alter in seinen herrlichen Domen gethan hat, und so lange es die wundervollen Schöpfungen jener Zeit kaum mit aller Mühe erhalten kann, hat es keine Ur- sache, mit stolzer Verachtung auf das Mittelalter herab- zublicken und ihm Finsterniß zum Vorwurfe zu machen. War nicht auch im Mittelalter die Kirche die geistige Sonne, von der Cultur und Civilisation, Bildung und milde, christliche Sitten für die Menschheit ausgingen? Auf welch' niedriger Stufe der Bildung und Gesittung ständen wir heute noch, wenn nicht damals die Kirche bildend und veredelnd auf die naturkräftigen Völker Deutschlands als Lehrerin und Führerin eingewirkt, wenn die Kirche nicht damals in den Zeiten blutiger Kriege und verheerender Raubzüge die wissenschaftlichen Schätze des Alterthums in ihren Klöstern und Schulen uns aufbewahrt hätte? Und wie wir uns der Kirche selbst nicht zu schämen brauchen, so auch nicht des christlichen Lebens, zu dem sie uns anleitet. Sie lehrt uns, Gott, den unendlich Liebenswürdigen, über Alles lieben und zu ihm als unserm höchsten Herrn und größten Wohlthäter in De- muth und Dankbarkeit beten; sie lehrt und mahnt uns immer wieder, dem Nächsten gegenüber liebevoll, freundlich und geduldig zu sein und gegen die Armen und Nothleidenden ein barmherziges Herz und eine offene, wohlthätige Hand zu haben; sie spornt uns be- ständig an, unsere eigenen bösen Neigungen zu be- kämpfen und den Versuchungen Widerstand zu leisten, damit wir nicht dem Laster und den Leidenschaften anheimfallen; sie hält uns an, durch den öftern Em- pfang der heiligen Sakramente uns mit himmlischen, übernatürlichen Kräften zu stärken, damit wir um so sicherer tugendhaft wandeln und all' unsern Pflichten gewissenhaft entsprechen. Sind das Dinge, deren man sich schämen muß? Ist alles dies nicht viel mehr dazu angethan, uns bei Gott und allen vernünftigen Men- schen Ehre und Achtung zu erwerben? Erst recht braucht man sich aber der Kirche und ihrer Lehren und des Lebens, zu dem sie uns anleitet, nicht zu schämen jenen Menschen gegenüber, die über Religion und Frömmigkeit spotten. Denn was sind dies gewöhnlich für Menschen? Die Erfahrung sagt, daß es fast immer nur Leute sind, die ein rohes Herz besitzen, Leute, die keinen Sinn und keine Begeisterung für höheres und Göttliches besitzen, Leute, die meistens groben sinnlichen Ausschweifungen ergeben, Jünglinge, welche Sclaven der Unkeuschheit sind, Männer, denen die eheliche Treue nicht mehr heilig ist. Der schon einmal genannte P . Hattler S. J . meint ganz mit Recht, daß Männer, welche gegen die Religion und die Kirche spotten und lügen, in ihrem Herzen einen Düngerhaufen haben und daß die Lügen und Spott- reden nur die stinkende Ausdünstung von demselben sind. Vor Jahren veranstalteten einige abgestandene Ka- tholiken in Paris am Charfreitage ein Spottfleischessen, bei dem es natürlich an hohnreden auf den gekreuzig- ten Heiland und seine Kirche nicht fehlte. Ein be- rühmter Schriftsteller und Journalist von Paris, Louis Veuillot, brachte in seiner vielgelesenen Zeitung auch die Nachricht von diesem gotteslästerischen Spottfleisch- essen, knüpfte aber daran die kleine vortreffliche Be- merkung: „Bei diesem Essen gab es Schweinsfüße und zwar nicht bloß auf dem Tische, sondern auch unter demselben.“ Der Mann hat seine Leute gekannt. Ist es nun nicht eine Schmach für den Katholiken, Men- schen dieser Art gegenüber sich seines Glaubens und der christlichen Gebräuche zu schämen? Die Menschenfurcht erscheint endlich eines katho- lischen Christen höchst unwürdig, wenn man hinschaut auf seine muthigen Vorgänger im Glauben. In einer altadeligen Familie hält man viel auf die Ehre und das Andenken der Ahnen. Haben sich dieselben in früheren Jahrhunderten ausgezeichnet durch große That- kraft und heldenmüthige Tapferkeit, so spricht man noch jetzt gern von ihnen, nennt mit großer Achtung ihren Namen und erzählt gern von ihren Thaten. Das soll durchaus nicht getadelt werden. Aber wenn nun bei den Nachkommen dieser Helden sich Feigheit und Käuflichkeit zeigt, dann ist das um so entehrender für sie. Wir alle gehören als Christen einer großen Adels- familie an. Der Adel, der uns schmückt, ist der be- rühmteste, den es geben kann. Wir sind Kinder des unendlichen Gottes im Himmel; er ist unser Vater. Täglich falten wir unsere Hände und beten nach An- leitung des göttlichen Heilandes zu ihm: „Vater unser, der Du bist in dem Himmel.“ Aber vergessen wir es nicht, wir gehören einem Heldengeschlechte an; un- sere Vorfahren im Glauben waren unerschrockene, muthige Bekenner Jesu Christi. Denken wir nur einen Augenblick an die Christen in den ersten Jahrhunder- ten. Da stehen sie vor dem Richterstuhle des mäch- tigen römischen Kaisers. Er verlangt, daß sie ihrem Glauben untreu werden und vor dem Standbilde des Jupiter Weihrauch anzünden, zum Zeichen, daß sie ihn anbeten. Folgen sie der Aufforderung des Kaisers, so will er sie mit seiner Gunst, mit Ehren und irdischen Gütern überhäufen; folgen sie aber nicht, bleiben sie dem göttlichen Heilande treu, so hetzt man wilde Thiere auf sie, die sie grausam zerreißen oder hat tausend Werkzeuge in Bereitschaft, um sie an allen Gliedern in der schmerzlichsten Weise zu martern und sie dem qualvollsten Tode zu überliefern. Das Alles wissen sie und doch schüchtert sie die Drohung des Kaisers nicht ein; sie zittern und beben nicht beim Anblicke der Tiger, des Scheiterhaufens und der Marterwerkzeuge; muthig und freudig erdulden sie Alles für Jesus und seine heilige Sache. Solche Helden waren unsere Vor- fahren im Glauben, und da sollten wir uns fürchten vor dem Hohnlachen, den faden Spottreden einiger leichtsinnigen und verkommenen Menschen, sollten unsern heiligsten Pflichten untreu werden, weil wir die spötti- schen Bemerkungen irgend eines Ehebrechers nicht er- tragen können! Das wäre doch zu feige und zu schmachvoll, wäre ein zu großer Gegensatz zwischen Jenen und uns! 2. Die Menschenfurcht ist ferner eines Mannes äußerst unwürdig. Zu Ehren der Frauen und Jung- frauen muß man gestehen, daß sie im religiösen Leben sich von der Menschen furcht gewöhnlich weniger beein- flussen lassen, wie die Männerwelt. Und doch ist die feige Menschenfurcht gerade für die Männer so entehrend. Von einem Manne erwartet man, daß er denkt, daß er nicht von leichtsinnigem Gerede, nicht von thörich- tem Geschwätz, sondern von wichtigen Gründen in sei- nem Thun und Lassen sich bestimmen läßt. Darum sagt der große Weltapostel von sich selbst: „Als ich noch ein Kind war, dachte ich wie ein Kind; nachdem ich aber ein Mann geworden, legte ich das Kindische ab.“ (1 Cor. 13, 11.) Wenn wir hören, daß die Wilden von den Europäern werthloses, gefärbtes Glas annehmen und dafür sehr kostbare Diamanten hingeben, so sagen wir gleich: Nun diese armen Menschen stehen noch auf den Stufen der Kindheit; sie wissen noch nicht zu unterscheiden und zu urtheilen, wie es Männer thun sollen. Ja Männer sollen denken, sollen den Verstand, mit dem Gott sie ausgerüstet, gebrauchen und in ihrem Handeln von vernünftigen Gründen sich bestimmen lassen. Das thut aber ein Mann nicht, der an der Menschenfurcht krank ist und darum nur nach dem Ge- rede anderer Leute sich richtet. Heißt das z. B. als Mann denken und sich als Mann von der gesunden Vernunft leiten lassen, wenn Jemand wohl einsieht, daß diese oder jene Gesellschaft ihm sehr nachtheilig und ge- fährlich ist, sie aber dennoch nicht meidet, bloß aus Furcht vor einigen spöttischen Bemerkungen, die er sonst vielleicht hören müßte? Heißt das als Mann sich von der gesunden Vernunft bestimmen lassen, wenn Jemand, obgleich er weiß, was er von der Kirche, ihren Lehren und Gebräuchen zu halten hat, dennoch so spricht und sich benimmt, als stehe er der Kirche innerlich fremd und achte sie nicht, und wenn er das bloß deshalb thut, weil andere leichtsinnige und innerlich verkommene Männer thöricht und gottlos über die Kirche und ihr Wirken reden? Ist das nicht höchst unmännlich? wo bleibt den da noch die gesunde Vernunft? Von einem Manne erwartet man ferner, daß er in Allem sich gleich bleibe, daß er nicht bei jeder Gelegenheit seine Ansichten ändere. Das wäre sonst ein Beweis, daß er überhaupt keine festen Grundsätze und keine sichere Ueberzeugung hätte. Wohl kann jeder Mann irren; sieht er dann seinen Irrthum ein und ist er demüthig genug, ihn einzugestehen und sich be- lehren zu lassen, so verdient das großes Lob; denn dem echten Manne geht die Wahrheit über Alles. Aber mir nichts dir nichts seine Ansichten ändern, wie April- wetter sich ändert, oder doch so reden, als hätte man sie geändert, das ist unmännlich, ja das ist eine Schmach für den Mann. Das thut aber der Mann, welcher immer von der feigen Rücksicht auf Andere sich leiten läßt. Ist er in dieser Stunde in Gesellschaft von guten, eifrigen Katholiken, so spricht er begeistert über kirch- liche Angelegenheiten; nach seinen Reden sollte man meinen, er sei bereit, für die gute Sache die größten Opfer zu bringen. Doch kommt er in der folgenden Stunde mit abgestandenen Katholiken oder mit Anders- gläubigen zusammen, so stimmt er ein in all die Lügen und Verdächtigungen, welche man dort gegen die katho- lische Kirche vorbringt, und spricht, als hätte er im- mer eine solche Ansicht von ihr gehabt. Morgens be- grüßt er in einer gut katholischen Familie einen be- kannten Priester freundlich und ehrfurchtsvoll und drückt und schüttelt ihm mehrmals kräftig und herzlich die Hand. Doch am Nachmittage desselben Tages geht er mit einigen unchristlichen Männern spazieren und be- gegnet demselben Priester, mit dem er vor einigen Stunden so freundlich gesprochen hat; aber jetzt scheint er ihn gar nicht mehr zu kennen; er benimmt sich, als hätte er ihn nie in seinem ganzen Leben gesehen. Ist das nicht ein Verhalten, dessen sich ein Jeder, der noch auf den Namen eines Mannes Anspruch machen will, schämen sollte? Unsere deutsche Sprache bezeichnet solche Männer darum auch mit höchst verächtlichen Namen, mit Namen, die zum Theile aus dem Thierreiche ent- lehnt sind, oder die auf eine gemeine, ganz entehrende Handlungsweise hinweisen. Sie sind allgemein bekannt; ich brauche sie nicht anzuführen. Von einem Manne erwartet man ferner, daß er Muth und Entschiedenheit besitze. Gott hat in das Herz des Mannes eine gewisse Unerschrockenheit gelegt. In allen Sprachen heißt darum eine muthige That auch eine männliche That. Und der Weltapostel mahnt die Korinther: „ Handelt als Männer und seid stark .“ (1 Cor. 16, 13.) Ja der Mann darf nicht gleich sein der widerstandslosen Wetterfahne, die von jedem leichten Winde sich die Richtung geben läßt; er darf keine schwache Drahtpuppe sein, die das kleinste Kind durch eine leise Berührung in jede beliebige Be- wegung setzt. Der Mann muß vielmehr an Kraft und Stärke ähnlich sein der festen Eiche. Mag der Sturm noch so gewaltig um dieselbe toben und sie rütteln und schütteln, daß alle Aeste und Blätter zittern, der gewaltige Stamm der Eiche zittert nicht; er steht fest und unbeweglich da, mögen auch die schlanken Tannen um sie herum entwurzelt oder zerbrochen werden, als wenn es nur leichte Stäbe wären. Aehnlich soll auch der Mann unerschrocken festhalten an dem einmal er- kannten Guten, soll feststehen in der Treue gegen seinen Herrn und Gott, mögen die Stürme um ihn herum noch so heftig entbrennen und mögen noch so viele schwachen Geister wankend und untreu werden. Dann ist er ein wahrer, ein echter Mann, der Allen, selbst seinen Gegnern Achtung abnöthigt. Ist dagegen schon eine spöttische Miene, eine thörichte Bemerkung von faden Schwätzern im Stande, ihn in Schrecken zu bringen und seiner Pflicht untreu zu machen, dann mag er nur den Ehrennamen „Mann“ ablegen; denn er ist nur ein feiges, schwaches Kind und mag er auch vier- zig Jahre alt und so groß und stark sein wie der Riese Goliath. Er zeigt sich feiger und thörichter als selbst das unvernünftige Thier. Im Sommer oder Herbste wo das Obst und die Früchte reifen, kann man zuweilen wahrnehmen, daß Gärtner oder Ackersleute einen Strohmann in den Gar- ten oder auf das Feld hinausstellen. Man will den Vögeln Furcht einjagen und sie verscheuchen. Darum gibt man einer solchen Gestalt gerne eine möglichst phantastische Kopfbedeckung und einen schweren drohen- den Stab oder eine lange Gerte in die Hand. Doch die Furcht und Angst der Vögel dauert nicht lange: sie merken bald, daß nicht viel hinter der ganzen Sache steckt; nach einiger Zeit kommen sie kühn und dreist herbeigeflogen und setzen sich der schrecklichen Gestalt auf's Haupt. Die Auslegung von diesem Gleichniß mögen sich die Männer selbst machen; nur die eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken, daß es wahr- haftig für unsere Männer keine Ehre ist, wenn sie, die doch mit Vernunft und Verstand begabt sind, an Thor- heit und erbärmlicher Feigheit unsere kleinen und ver- nunftlosen Vöglein übertreffen. Von einem Manne erwartet man endlich, daß er treu und gewissenhaft seine Berufspflichten erfüllt . Der Mann steht überall an der Spitze, an der Spitze des Staates, an der Spitze der Kirche, an der Spitze der Gemeinde, an der Spitze der Familie. Wissenschaft und Handel, Kunst und Handwerk liegt meistens in seiner Hand. Ueberaus Vieles und Großes hat Gott ihm an- vertraut. Darum ist es so wichtig und so heilsam für Kirche, Staat und Familie, wenn die Männer mit großer Treue ihren Pflichten nachkommen. Dagegen rührt auch fast alles Unheil und Verderben daher, daß die Männer vielfach den hohen Ernst ihres Berufes nicht erfassen und ihre wichtigsten Obliegenheiten vernachlässigen. Von Männern nun, die aus eitler, nichtiger Men- schenfurcht ihre religiösen Pflichten versäumen, darf man nicht erwarten, daß sie nach allen Seiten hin ihre übrigen Pflichten treu erfüllen. Denn wer seinem Gott im Himmel untreu ist und sein gegebenes Versprechen nicht hält, wird auch den Menschen gegenüber nicht treu sein, besonders aber dann nicht, wenn er von seiner Untreue sich einen Vortheil verspricht. Wird ein Mann, der wegen einer erbärmlichen Kleinigkeit, aus feiger Rücksicht auf Andere seinen unendlichen Gott, der ihn doch richten und über seine ganze Ewigkeit entscheiden wird, beleidigt, im Stande sein, für seine Mitmenschen große Opfer zu bringen, wird er mit all seinen Kräften. Sorgen und Arbeiten freudig für das Wohl und Heil Anderer eintreten? Sicher nicht. Ein Christ dagegen, der seinem Herrn und Gott treu dient und gewissenhaft seine religiösen Pflichten erfüllt trotz der Schwierigkeiten, die sich ihm dabei in den Weg stellen und trotz des Hohnes und Spottes, den er deshalb zu ertragen hat, wird auch gewissenhaft seinen übrigen Berufspflichten entsprechen; denn er weiß, daß er darüber einst strenge Rechenschaft ablegen muß; er weiß, daß der göttliche Heiland kein Wohlgefallen an seinen religiösen Uebungen hat, wenn er in schuldbarer Weise seine Berufspflichten vernachlässigt. Ein Christ, der wohl Gott, aber nicht die Menschen fürchtet, wird der fleißigste und zuver- lässigste Arbeiter, wird der treueste Familienvater, wird der beste und ergebenste Bürger, wird der gewissen- hafteste Beamte sein. Das war auch die Ueberzeugung des Constantius Chlorus, des Vaters Constantins des Großen. Derselbe war, obgleich selbst noch ein Heide, den Christen sehr gewogen und hatte manche derselben in seinen Hofdienst genommen. Eines Tages nun wollte er diese prüfen; er ließ sie darum in einem großen Saale zusammen- kommen und eröffnete ihnen in feierlicher und ernster Weise, daß er sie aus seinem Dienste entlassen wolle, wenn sie nicht dem Christenthume entsagten. Für den Augenblick entstand eine allgemeine Bestürzung unter den christlichen Beamten und Dienern des Palastes. Einige waren schwach genug und zeigten sich bereit, dem Wunsche ihres Fürsten zu entsprechen. Doch die Meisten blieben standhaft; sie erklärten mit Festigkeit, daß sie noch weiter gerne ihrem irdischen Herrscher treu gedient hätten; da er aber diese Forderung an sie stelle, müßten sie seinen Dienst verlassen; denn sie wollten lieber Alles erdulden, als ihrem Gott und Heiland un- treu werden. Diese standhafte Treue seiner christlichen Diener gefiel dem Constantius Chlorus sehr; er lobte sie wegen derselben und erklärte sich mit Freuden be- reit, sie auch in Zukunft an seinem Hofe zu behalten. Die Männer dagegen, die aus schwacher Rücksicht auf ihn ihrer Religion untreu werden wollten, entließ er augenblicklich aus seinem Dienste mit der trefflichen Bemerkung: „ Wer gegen seinen Gott treulos ist, auf den kann man sich nicht verlassen ; er wird unter Umständen noch treuloser sein gegen seinen irdischen Fürsten .“ Wahr- haft herrliche Worte! Wenn die Wahrheit, die in den- selben ausgesprochen ist, allgemein anerkannt würde und wenn all unsere Männer, hoch- und niedergestellte, dar- nach lebten und handelten, dann sähe es ganz anders bei uns aus und hätten wir nicht Ursache, über die große Charakterlosigkeit der Männerwelt zu klagen. 3. Endlich ist die Menschenfurcht auch unserer Zeit unwürdig . Nur zwei Gedanken will ich hier kurz be- rühren. Unsere Zeit will eine Zeit der Freiheit sein. Die Menschen unserer Tage wollen vielfach das so heilsame und nothwendige Joch der Auctorität nicht mehr tragen; sie dürsten, rufen und schreien nach Frei- heit. Das Wort „Freiheit“ ist eine Art Zaubermacht geworden, die bethörend und verlockend auf zahllose Herzen und Köpfe einwirkt. Dieser ungeordnete Hang nach zügelloser Freiheit ist eine große Gefahr für die Gegenwart. Für eine solche freiheitsliebende Zeit nun paßt doch gar schlecht die Menschenfurcht. Mit der Freiheit ver- trägt sich am allerwenigsten die Sclaverei. Wer aber der Menschenfurcht ergeben ist, lebt in der Sclaverei. Ein Solcher mag wohl keine Sclavenketten und kein Sclavenkleid tragen; er mag selbst in Ehren und An- sehen stehen, mag sogar eine Fürstenkrone auf seinem Haupte tragen, er ist doch ein Sclave. Er ist der Sclave, der feige und schwache Sclave Aller, aus Rücksicht auf welche er seine Pflichten nicht erfüllt, der erbärmliche Sclave eines Jeden, dessen Unwillen und Spott er so ängstlich fürchtet. Ist es nicht son- derbar, daß es in unserer Zeit, in der Alles nach Freiheit dürstet, so viele Sclaven gibt, daß die schwache Menschenfurcht eine so allgemeine und grausame Herr- schaft ausübt? Das ist eine gerechte Strafe des Himmels. Weil man nicht mehr der freie Diener des unendlichen Gottes und der freie Sohn seiner heiligen Kirche sein will, ist man der unfreie und speichelleckende Sclave unwürdiger Menschen geworden. Unsere Zeit ist zweitens eine Zeit des Kampfes . Es ist ein ernster und gewaltiger Geisterkampf ausge- brochen, in welchem der sinnliche und gottlose Unglaube und die ganze Macht der Hölle wüthet gegen das Christentum, ein ernster Kampf, in dem es sich um unsere höchsten Güter, um unsere ewige Seligkeit, um unsern heiligen Glauben, um die christlichen Sitten, um all' den großen irdischen Segen handelt, den das Christentum der Menschheit gebracht hat. Eine Zeit des Kampfes ist vor Allem eine Zeit, wo Muth und Entschiedenheit nothwendig ist. Wenn ein Volk in einem gefahrvollen Kampfe mit einem mächtigen äußern Feinde keinen Muth, keine Begeiste- rung, keinen Opfersinn mehr zeigt, dann wird es sicher unterliegen und ist auch eines Sieges nicht mehr werth. Aehnlich ist es in dem großen geistigen Kampfe un- serer Tage. Zeigen wir uns schwach und feige in demselben, ist schon ein fades Gerede, ein freches Hohn- lachen, ein stolzes Achselzucken im Stande, uns außer Fassung zu bringen, wahrhaftig, dann sind wir des Sieges nicht mehr werth, dann wird der Unglaube und der Haß gegen Christus und seine Kirche zum großen Schaden der Familie und des Staates immer mehr Boden unter uns gewinnen und der heilsame Einfluß des Christenthums sich immer mehr verlieren. Was uns in unsern Tagen noththut, ist vor Allem festes und muthiges Eintreten für Gott und seine heilige Sache, ist der unüberwindliche Maccha- bäergeist . Unter dem gottlosen König Antiochus IV. war für die Kinder Israels eine Zeit schwerer Prüfung und Drangsal eingetreten. Er hatte es abgesehen auf Ver- nichtung ihrer Religion und es sah damals in der That traurig genug aus beim auserwählten Volke. Doch da erhoben sich, von heiliger Begeisterung erfüllt, die edlen Macchabäer, ein Eleazar, ein Mathathias, ein Judas und Andere. Sie waren entschlossen, lieber Alles zu erdulden, als dem Gesetze des Herrn untreu zu werden. Und mochten auch manche von den Israe- liten abfallen oder viele im Kampfe ihr Leben ver- lieren, der Muth und die feste Entschiedenheit der Macchabäer haben den Sieg davon getragen. Sind unsere katholischen Männer der Gegenwart jenen edlen Helden des Alterthums ähnlich, treten sie mit ruhiger, aber fester Entschiedenheit ein für die hehre Sache Jesu Christi und seiner Kirche, zeigen sie durch ihr gutes christliches Leben, daß sie die Lehren und Gnadenmittel, die der göttliche Heiland uns gebracht, überaus hoch- schätzen, dann muß sich der Sieg an die Fahne Jesu Christi knüpfen, dann müssen nothwendig unsere reli- giösen und socialen Verhältnisse einen neuen heilsamen Aufschwung erleben. Darum, theuere Männer, seid keine Schläfer, keine schwachen Feiglinge, keine lauen, trägen Christen, die sich für Höheres nicht begeistern können, sondern seid Männer mit muthigem, uner- schrockenem Herzen, Männer, die mit unentwegter Treue festhalten an Gott und seiner heiligen Sache, Männer, die sich durch nichts beirren lassen in der gewissenhaften und allseitigen Erfüllung ihrer Pflichten. „ Handelt als Männer und seid stark .“ VIII. Der christliche Mann in der Familie. A. Kolping, der bekannte Gründer des katholischen Gesellenvereins, war immer der Meinung, sein Verein werde schon dann allein überaus segensreich wirken, wenn er dazu beitrage, daß viele der Jünglinge, die sich ihm anschlössen, gute christliche Familien gründeten. Darum hielt er auch öfter in seiner packenden Weise Vorträge über den Ehestand, die Vorbereitung zu demselben in ehrlicher Bekanntschaft, die nothwendigen Eigenschaften des jungen Mannes und seiner Verlobten, die Rein- heit und Züchtigkeit des Verhältnisses und Alles, was in dieses Kapitel einschlägt. Immer wieder betonte er mit Nachdruck die hohe Bedeutung der wahrhaft christlichen Familie. „Das Familienleben und sein Wohlstand,“ so sprach er einst, ist wichtiger als alle Wissenschaft der Gelehrten, als alle Kunst großer Geister, als alle Macht der Mächtigen, als alle Politik. Predigt und erziehet an Einzelnen, so viel ihr wollt: wenn das Familienleben die gute Aussaat nicht in Schutz und Pflege nimmt, wird euere aufgewandte Mühe meist wie Wasser im Sande verrinnen. Zer- brecht euch die Köpfe über die beste Staatsmaschine, wie ihr wollt; ersinnt Gesetze, welche in ihrer klugen Berechnung das ganze Alterthum beschämen: so lange nicht ein tüchtiges Familienleben eine tüchtige bürger- liche Gesinnung und Tugend erzeugt und erzieht, den Geist erweckt, in dem euere Gesetze erst Leben em- pfangen, werdet ihr Wasser in ein Sieb tragen. Ja, ich weiß nicht, ob für das Gedeihen der Religion noch Hoffnung übrig ist, wenn diese kostbare Gottesgabe nicht in dem keuschen Schooße tüchtiger Familien ge- hegt und bewahrt wird Adolph Kolping, der Gesellenvater. Ein Lebens- bild von S. G. Schäffer. S. 127. .“ Weil demnach die Familie eine so große Bedeutung hat und der Mann an der Spitze derselben steht, so ist es billig, seine diesbezüg- lichen Pflichten etwas näher in's Auge zu fassen. Be- trachten wir ihn darum in seiner Stellung als Gatte, als Vater und als Hausherr. 1. Ueberaus wichtig ist die Stellung der Frau in der Familie, sie ist gleichsam das Herz derselben. Ist dieses Herz nun ein gutes, vorzügliches, so geht von demselben ein reicher Strom von Segen und Glück aus über das ganze Haus. Darum spricht auch der heilige Geist an verschiedenen Stellen der heiligen Schrift mit dem größten Lob von dem tugendhaften Weibe; er sagt unter Anderem: „Gnade über Gnade ist ein heiliges und züchtiges Weib. Glücklich ist der Mann einer guten Frau; die Zahl seiner Jahre wird verdoppelt. Die Anmuth einer sorgsamen Frau ergötzt ihren Mann und gibt Mark seinem Gebeine. Wie der Welt die aufgehende Sonne in Gottes Höhen, so ge- reicht die Schönheit einer tugendhaften Frau zur Zierde ihres Hauses.“ Von der bösen und schlechten Frau dagegen spricht derselbe heilige Geist in den schärfsten Ausdrücken des Tadels: „Alle Bosheit,“ sagt er, „ist erträglich, nur nicht Weiberbosheit. Kein größerer Zorn als Weiber- zorn. Bei einem eifersüchtigen Weibe ist die Zunge eine Geißel; sie plaudert bei Allen, theilt Allen ihre Klagen mit; sie ist wie ein schlecht aufgelegtes Joch; wer nach ihr greift, erfasset einen Scorpion. Besser ist es, in der Wüste wohnen, als mit einem zänkischen und zornmüthigen Weibe.“ Je nach der Beschaffenheit der Frau also gereicht sie dem Manne zur Freude oder zur Qual, zum Glück oder zu namenlosem Unglück, zum Segen oder zum Fluche. Darum soll der junge christliche Mann klug und vorsichtig zu Werke gehen in der Wahl seiner Lebensgefährtin. Dies um so mehr, weil der Ehebund, wenn er einmal giltig geschlossen, nicht mehr gelöst werden kann, bis der Tod mit seiner kalten Hand die Eheleute von einander trennt. Darum soll der Jüng- ling bei dieser Wahl sich nicht blenden lassen durch äußere Reize vergänglicher Schönheit und den goldenen Glanz der klingenden Münze. Tugend und Frömmig- keit, häusliche Tüchtigkeit und die guten Eigenschaften des Charakters soll er bei dieser hochwichtigen Ange- legenheit besonders in's Auge fassen; er soll durch an- dächtiges Gebet bei Gott und dann auch bei seinen Eltern oder andern verständigen und wirklich christlichen Menschen sich guten Rath einholen. Hat er aber seine Wahl getroffen und mit seiner Lebensgefährtin nach kirchlicher Vorschrift vor dem Altare den Ehebund ein- gegangen, dann muß er auch fest entschlossen sein, als Gatte seine ernsten Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen. All' diese Pflichten lassen sich im Grunde genommen zurückführen auf die Pflicht der wahren, beharrlichen, von der christlichen Religion geläuterten und geheiligten Liebe. Diese wahre, christliche Liebe zu seiner Gattin ver- langt zunächst Gott vom Manne. Denn so schreibt er durch seinen Weltapostel: „ Männer, liebet euere Frauen, wie auch Christus seine Kirche ge- liebt und sich selbst für sie hingegeben hat “ (Ephes. 5, 25). Welch' ein erhabenes Vorbild für die christlichen Männer! Wie warm und innig, wie stark und beharrlich, wie rein und heilig, wie opferwillig und hingebend hat Christus seine Kirche geliebt und liebt sie noch beständig! Sein kostbares Blut hat er für sie bis zum letzten Tropfen am harten Holze des Kreuzes dahin gegeben; aus Liebe zur Kirche und ihren Kindern weilt er unaufhörlich Tag und Nacht in unsern kleinen und armen Tabernakeln; täglich wendet er ihr im hochheiligen Meßopfer und in den Sakramenten die Verdienste und Gnaden zu, die er durch sein bitteres Leiden und Sterben für sie erwor- ben; zu allen Zeiten vertheidigt und beschützt er sie gegen die gewaltigen Angriffe des Satans und seiner Helfershelfer hier auf Erden; immerdar zeigt er sich langmüthig und geduldig gegen die Schwächen und Armseligleiten, die sich in der Kirche geltend machen durch die Schuld der Menschen. Eine ähnliche Liebe, so will es Gott, soll der christliche Mann zu seiner Gattin tragen. Eine wahre und beharrliche christliche Liebe zu seiner Gattin verlangt von dem Manne das Verhält- niß, in welchem er zu derselben steht. Er hat ihr diese Liebe wiederholt versprochen, versprochen in Worten, die ihn binden mit der schweren Verpflichtung eines hochheiligen Eides, versprochen in feierlichster Weise an den Stufen des Altares in jenem ernsten Augenblicke, als er ihr seine Hand reichte zum unauflöslichen Ehe- bunde. Da hat er ihr versprochen, alle Tage seines Lebens ihr der beste und treueste Freund zu sein, als solcher für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu be- glücken. Und seine Gattin hat seinetwegen Vater und Mutter verlassen, von denen sie täglich Beweise zärt- licher Liebe erhielt; sie hat ihr ganzes Leben ihm an- vertraut, ihr ganzes Herz ihm geschenkt; sie lebt nur für ihn und seine Kinder ; für ihn und sie will sie sorgen mit allen Kräften ihrer Seele. Wäre es da nicht unchristlich, ja nicht unmenschlich, wenn nicht der Mann auch seinerseits mit unverbrüchlicher Treue und Liebe ihr ergeben sein wollte. Wahre und beharrliche christliche Liebe zu seiner Gattin verlangt endlich vom Manne sein eigenes Glück und das Wohl seiner ganzen Familie. Zeigt der Mann sich kalt und lieblos gegen seine Frau, dann wird auch diese nach und nach ihre Liebe zu ihm verlieren. Ist aber die Liebe aus der Ehe geschwunden, dann zieht Unfriede und Verwirrung aller Art in die Familie ein. Das Leben wird dann zur Last, jedes Kreuz doppelt, ja zehnmal schwerer; auf dem ganzen Hause ruht der Fluch des Himmels; es wachsen Kinder heran, die den Eltern nur Kummer und Verdruß bereiten. Aller Glanz, alles Geld, alle Reichthümer, alle Ehrenstellen, alle Vergnügungen und Festlichkeiten können die Liebe, können den Frieden nicht ersetzen. Nur wo Liebe und Frieden in der Familie herrschen, ist man zufrieden und glücklich. Darum soll der Mann seiner Frau die versprochene christliche Liebe stets treu bewahren. Liebt aber der christliche Ehemann seine Gattin in wahrer, Gott wohlgefälliger Weise, dann läßt er sie ihre religiösen Pflichten gewissenhaft erfüllen; ja er selbst eifert sie, wenn es nothwendig sein sollte, noch dazu an. Er sieht es gern, wenn sie ihre täglichen Gebete regelmäßig verrichtet, wenn sie, sofern es die häuslichen Arbeiten möglich machen, auch an Werk- tagen dem Gottesdienste beiwohnt, wenn sie oft und gut die heiligen Sakramente empfängt. Denn er ist der Ueberzeugung, daß die solide und erleuchtete Fröm- migkeit seiner Frau ihm selbst, seinen Kindern und der ganzen Familie den größten Nutzen bringt. Ganz mit Recht wird ja in der heiligen Schrift das fromme und religiöse Weib mit einem Weinstocke, der seinen Eigen- thümer mit reicher und köstlicher Frucht erfreut, ver- glichen. Und ein deutscher Kirchenfürst, Cardinal Diepen- brock, hat einst den schönen und wahren Ausspruch ge- than: „Wo Gott in dem Herzen einer Gattin und Mutter sich einen Altar gebaut, da ist das ganze Haus eine Kirche.“ Die wahre christliche Liebe zu seiner Gattin wird den Mann ferner bestimmen, freundlich, gefällig und zuvorkommend gegen dieselbe zu sein. „Die Liebe ist gütig,“ sagt mit Recht der Weltapostel. Sie will ja beglücken. Das aber geschieht nur durch Wohlwollen, nur durch Freundlichkeit und wahre Herzensgüte. Wie manche Familien wären stets Stätten des lieblichsten Friedens und des schönsten Glückes geblieben, wie manche Frauen hätten stets freudig mit der größten Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten erfüllt und sich für die Ihrigen aufgeopfert, wenn die Männer es immer verstanden hätten, Selbstbeherrschung zu üben und liebe- voll und sanftmüdig ihrer Lebensgefährtin zu begegnen. Darum soll der Mann in seinem Benehmen und Reden Alles vermeiden, was Härte und Gefühllosigkeit gegen sie an den Tag legen könnte. Ein liebevoller Gatte wird auch gern jede Gelegenheit benützen, seiner Gattin eine Freude zu bereiten. Ab und zu, namentlich am Namenstag und andern festlichen Tagen, macht er ihr ein Geschenk, wie es ihm seine Vermögens- verhältnisse erlauben. Solche Zeichen der Aufmerk- samkeit sind, mögen es auch an sich nur Kleinig- keiten sein, sehr dazu angethan, das Band der Liebe und des Friedens enger um die Herzen der Eheleute zu schlingen. Liebt der Mann wahrhaft in christlicher Weise seine Frau, so wird er auch Geduld und Nachsicht üben mit ihren Fehlern und Unvollkommenheiten. Alles heftige Aufbrausen, alles Toben und Schimpfen kann hier nur verderben, die Sache nur schlimmer machen. Wirft man einen harten Stein auf einen andern, so gibt es ein starkes Getöse und die Feuerfunken sprühen nach allen Seiten; wirft man aber einen harten Stein in weiche, zarte Wolle, so hört man kaum sein Auffallen und sieht keinen einzigen Feuerfunken auffahren. Aehn- lich ist es auch in unserem Falle. Mit fünf ruhigen Worten erreicht der vernünftige Mann zehnmal mehr bei seiner Gattin, als der aufbrausende Hitzkopf durch eine lange Schimpfrede von einer halben Stunde. „Ein gutes Wort findet einen guten Ort.“ Und der heil. Franz von Sales sagt: „Mit einem einzigen Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem großen Faß Essig.“ „Ist deine Gattin unbesonnen, schwatzhaft, streit- süchtig, zornig u. s. w., dann soll es dein ernstes Streben sein, sie auf bessere Wege zu bringen. Das kann aber nur geschehen auf dem Wege der Geduld, Sanftmuth und Güte. Einen Brand löscht man nicht dadurch aus, daß man neuen Brennstoff herbeiträgt, Oel in's Feuer gießt. Menschen sind Menschen, ein jeder hat seine schwache Seite und so wird es auch nicht ausbleiben, daß die Sonne ehelicher Eintracht ab und zu umwölkt wird von kleineren Mißhelligkeiten und Streitigkeiten; da darf aber die Sonne niemals unter- gehen über einem derartigen Hauskrieg. Knarrt eine Thüre in ihren Angeln, so wird gleich ein wenig Oel aufgegossen und die Thüre wieder in leichten Gang ge- bracht. Treten Zwistigkeiten im Ehestande zu Tage, so stille sie gleich durch das Oel der Liebe. Du magst im Rechte sein oder nicht, reiche der Gattin ohne Vor- würfe die Hand der Versöhnung. Wenn dein Stolz sich dagegen empören will, so denke daran, daß du der Gattin den Ring gerade an jenen Finger gesteckt, von wo aus eine Ader zu ihrem Herzen, dem Sitze der Liebe geht. Indem du dich selbst überwunden, wirst du zugleich das Herz deiner Gattin überwinden, und sie wird sich ein andermal beeilen, zuerst die ver- söhnende Hand zu bieten. Die Liebe sucht gemeinsam Leid wie Freud zu tragen. Wahrhaft liebende Eheleute müssen wie zwei Augen sein, von denen das eine im- mer hinblickt, wohin das andere sich wendet. Der Mann als der Stärkere muß auch die größere Last übernehmen, und kann er das Leid der Gattin nicht abnehmen, dann wird er wenigstens Alles aufbieten, ihr Trost zu spenden, ihr Leid zu lindern, wo und wie er kann Kompaß für den verheiratheten Arbeiter. S. 12. .“ Besitzt der Mann eine wahre christliche Liebe zu seiner Gattin, dann trägt er gewissenhaft Sorge für ihren leiblichen Unterhalt, sucht sie standesgemäß zu er- nähren und zu kleiden. Das betrachtet er als eine ernste und heilige Pflicht. In diesem Sinne schreibt der heil. Chrysostomus: „Der Mann soll für sein Weib sorgen, wie auch Christus für seine Kirche gesorgt hat; er weigere sich dessen nicht, wenn er auch um ihret- willen alles Erdenkliche leiden müßte.“ Und schon lange vor ihm hatte der Weltapostel gesprochen: „Die Männer sollen ihre Weiber lieben wie ihre eigenen Leiber. Nie- mand aber hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Kirche.“ Darum trägt der christliche Mann mit freudiger Auf- merksamkeit und Anstrengung Sorge für die angemessene Nahrung, standesmäßige Kleidung und den sonstigen Lebensbedarf seiner Frau. Besonders aber zu gewissen Zeiten und wann dieselbe krank und leidend ist, wird er mit noch größerer Liebe und Zuvorkommenheit für sie besorgt sein. Betrachtet man die anderen Geschöpfe, so muß man staunen, wie selbst das vernunftlose Thier für sein Weibchen und seine Jungen sorgt. Wer von uns hat nicht schon die liebe Schwalbe oder andere Vöglein mit Freude und Bewunderung in dieser Beziehung beob- achtet? Sollte es da möglich sein, daß der Mensch nicht thue, was selbst das Thier nicht unterläßt? Und doch gibt es leider nur zu viele Männer, die hier in schwerer Weise ihre Pflicht vernachlässigen, Männer, die sich der Trägheit ergeben und nicht mit Fleiß und Um- sicht ihren Geschäften nachgehen, Männer, deren Frau und Kinder zu Haus Noth leiden, während sie im Wirthshause sitzen, essen und trinken und in Unmäßig- keit und Spielsucht vergeuden, was sie für den Haus- halt verwenden sollten. Ein solcher Mann ist ein mein- eidiger Betrüger seiner Frau. Sie hat ihm ihre Frei- heit, ihre Güter und ihre Jungfrauschaft zum Opfer gebracht. Dafür hat er ihr am Altare Gottes geschwo- ren, daß er für sie sorgen werde, so lange er lebe, und nun tritt er diesen heiligen Eidschwur mit Füßen. Ein solcher Mann ist ein roher, herzloser Mensch, der sich wohl sein läßt, während seine Gattin zu Hause vor Jammer und Kummer fast verschmachtet; er ist ein grausames Ungeheuer, viel grausamer als Tiger und Löwen, welche für ihre Weibchen und Jungen sorgen, während er Weib und Kinder hungrig und nackt sieht und sich ihrer doch nicht erbarmt. Ihm gelten sicher die ernsten Worte des heil. Paulus: „ Wenn Jemand für die Seinigen und besonders für die Hausgenossen nicht Sorge trägt, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger als ein Heide .“ Diese verantwortungsvolle Pflichtverletzung kommt leider nur zu oft vor in unseren Tagen, wo der starke Wirthshausbesuch von Seiten der Männerwelt so sehr überhand genommen hat. Möchten es unsere Männer doch bald allgemein wieder begreifen, wie diese Unsitte ihnen selbst und ihren Familien mit der Zeit äußerst nachtheilig werden muß; möchten sie es erkennen, wie sie sich durch dieselbe der schönsten, reinsten und heil- samsten Freuden berauben; denn diese genießt der Mann nicht draußen in der zechenden Gesellschaft leichtsinniger Kameraden, sondern zu Hause in trautem Kreise seiner theuren Angehörigen. Liebt der Mann seine Frau wirklich in rechter Weise, dann genießt er auch seine Erholung am liebsten in der Familie an ihrer Seite; es drängt ihn nicht hinaus in die dumpfe und schwüle Wirthshausatmosphäre. Die christliche Liebe zu seiner Gattin wird endlich den Mann bestimmen, derselben unverbrüchlich die eheliche Treue zu bewahren . Der Ehebruch ist eine schwere Verletzung jenes feierlichen Versprechens, das der Mann seiner Frau im Angesichte Gottes und der Kirche gemacht. Der Ehebrecher zerreißt das hei- ligste Band, das nach Gottes Anordnung die mensch- liche Gesellschaft einigt und verbindet; er verübt das größte Unrecht gegen seine Gattin und fügt ihr die tiefste Kränkung zu; er zerstört den häuslichen Frieden, hindert eine gute Erziehung der Kinder, zerrüttet das Glück der ganzen Familie und trägt seinerseits Alles dazu bei, daß die Scheu vor dem Laster unter den Christen schwindet; er entwürdigt sich selbst gar tief und setzt sich der größten Gefahr aus, ewig verloren zugehen. „ Täuschet euch nicht! Ehebrecher werden das Reich Gottes nicht besitzen .“ (1 Cor. 6, 9.) Der christliche Mann schreckt vor dieser Sünde zurück, wie vor der Hölle selbst. Er wird sich darum keine ungeziemende Freiheit gegen eine andere Person erlauben, keinen Scherz und keine Vertraulich- keit. Nur seiner Gattin, sonst Niemanden, gibt er Be- weise zärtlicher Liebe. Selbst jeden Gedanken dieser Art und jede erwachende Neigung wird er sofort mit Entschiedenheit abweisen und bekämpfen, eingedenk der Worte Christi: „ Ein Jeder, der ein Weib mit Begierde ansieht, hat in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen .“ (Matth. 5, 28.) 2. Wer sieht es der kleinen, unscheinbaren Knospe am dornigen Strauche an, daß sie die herrliche Rose in sich birgt, welche uns durch ihre Schönheit und ihren Wohlgeruch erfreut und so oft als die Königin der Blumen gepriesen worden ist? Wer sieht es dem winzigen Kerne, den ein leichter Hauch des Mundes von der Hand wegweht, an, daß in ihm der prächtige Baum mit seinem umfangreichen Stamme, seinen kräftigen Zweigen, seinen grünen Blättern, seinen weißen Blüthen und kostbaren Früchten enthalten ist? Aehnlich kann auch unser leibliches Auge den unendlich hohen Werth des kleinen Kindes, das schwach in der Wiege liegt und ganz auf die Liebe und Hilfe der Mutter angewiesen ist, nicht schauen, können wir nicht ahnen, was Gott in seiner Barmherzigkeit und Güte aus dem winzigen Geschöpfe machen, was er später durch dasselbe in Kirche oder Staat wirken will. Aus dem kleinen Knäblein Moses, das einst im Binsenkörblein weinte, ist der große Gottesmann ge- worden, dessen Einfluß sich auf Jahrtausende erstreckte. Eueren Kindern, christliche Väter, ist eine so hohe und wichtige Aufgabe von Gott nicht zugedacht; sie werden vielleicht auch keine der ersten Stellen im Staate und in der Kirche einnehmen; doch sollen sie recht- schaffene Menschen, gute Bürger und eifrige Christen werden. Ein braver, tugendhafter Christ aber ist im- mer ein großer Segen für die Menschheit, mag er auch nur ein schlichter, stiller Handwerker sein. Doch ab- gesehen davon ist ein jedes euerer Kinder an sich selbst ein überaus kostbares Geschenk des Himmels; denn es trägt an seiner unsterblichen Seele das Ebenbild seines Schöpfers, ja es ist selbst ein Kind des unendlichen Gottes, das er weit mehr liebt, als ihr es lieben könnt, und das er dereinst mit ewiger Freude und Wonne beglücken will. Wahrhaft christliche Väter werden da- rum nicht bloß mit Freude, sondern auch mit einer gewissen Ehrfurcht durchdrungen, wenn sie liebend ihr Kind anschauen. Von dem heil. Leonidas, dem Vater des großen und gelehrten Origenes, wird erzählt, daß er zuweilen die Brust dieses seines Sohnes, während er schlief, als eine Wohnstätte des heiligen Geistes küßte. Weil euere Kinder in den Augen Gottes so kostbar sind und von ihm eine so erhabene Bestimmung erhal- ten haben, müßt ihr, Väter, vor Allem darauf bedacht sein, daß ihr eueren Kindern eine gute christliche Er- ziehung angedeihen lasset. Ist es aber wirklich für euch eine ernste Herzensangelegenheit, daß euere Kinder gut und tugendhaft werden, so müßt ihr ihnen zunächst selbst ein gutes Beispiel geben. Ich stelle das an die Spitze, weil es das Wichtigste ist bei der Erziehung. Ein Sprichwort sagt: „Worte bewegen, Beispiele reißen hin.“ Der heil. Cyprian macht die schöne Bemerkung: „Die Werke haben auch ihre Zunge, und sie sind noch weit beredter als der Mund.“ Dann wendet er sich an die Eltern und spricht: „Euere Kinder werden mehr auf das Acht haben, was ihr thut, als auf das, was ihr redet.“ Und ein anderer Kirchenvater sagt: „Die Kinder lernen mehr durch das gute Beispiel, als durch viele Worte.“ Besonders wichtig ist aber für die Kinder das Bei- spiel des Vaters, weil derselbe vor ihnen dasteht als der Träger einer höheren, von Gott ihm geschenkten Auctorität, zu dem sie mit großer Ehrfurcht aufschauen. An dem herrlichen Beispiele eines vorzüglichen Vaters wachsen darum die Kinder empor und gedeihen gut, wie der Epheu sich an der festen Mauer emporrankt und in die Höhe strebt. Ist dagegen das Beispiel des Vaters ein schlechtes und unchristliches, so sind nur zu oft alle Bestrebungen einer guten Mutter fast nutzlos, besonders aber bei den Söhnen, die gar zu leicht in die Fußstapfen des Vaters eintreten. Man kann sich darüber auch nicht wundern. Wie sollen die Kinder das Schelten und Fluchen nicht lernen, wenn sie hören, wie der Vater bei jeder kleinsten Unannehmlichkeit wie ein Besessener mit Fluchworten um sich wirft? Wie können sie eingezogen, züchtig und ehrbar bleiben, wenn der Vater unkeusche oder zweideutige Reden führt und sich gerne in Gegenwart der Kinder rühmt, wie lustig und flott er in seiner Jugend gewesen sei, wie bunt er es getrieben habe? Kann man von den Kindern, be- sonders von den Söhnen später erwarten, daß sie mit großem Eifer ihre religiösen Pflichten erfüllen, wenn sie den Vater nie beten, selten in die Kirche, nie zur Beicht und Communion gehen sehen? Wie sollen sie den Geistlichen achten und ehren, wenn sie bei jeder Gelegen- heit den Vater über Papst, Bischöfe und Priester schim- pfen hören? Wie sollen sie artig und höflich werden, wenn sie nichts als Roheiten und Grobheiten sehen? wie friedliebend, wenn der Vater immer zankt und streitet mit der Mutter und mit den Nachbarn in Un- einigkeit lebt? Wie sollen die Söhne an Zucht und Ordnung, an Selbstbeherrschung und Mäßigkeit sich ge- wöhnen, wenn der Vater ein gar eifriger und begeisterter Besucher des Wirthshauses ist und sehr häufig zur Un- zeit und mit einem Rausche nach Hause kommt? Wollt ihr Väter, daß euere Kinder später sich bewähren als gute und eifrige Christen, so gehet ihnen vor Allem mit einem guten Beispiele voran; erfüllet vor ihren Augen treu euere Pflichten gegen Gott, gegen die heilige Kirche und die Mitmenschen; zeiget euch als eifrige, gewissenhafte Christen, welche die Sonn- und Feiertage heilig halten, die regelmäßig beten und oft und gut die heiligen Sakramente empfangen. Sollen wir Alle unser Licht leuchten lassen vor den Menschen, so gilt dies um so mehr von euch Vätern den eigenen Kindern gegen- über, „damit sie euere guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist.“ Ihr christlichen Väter müßt dann ferner darauf sehen, daß euere Kinder unsere heilige Religion gründlich kennen und üben lernen . Religiöse Unwissenheit ist sehr nachtheilig und gefährlich; sie ist die Ursache, daß zahllos viele Christen sich um ihre religiösen Pflichten wenig kümmern, daß sie aus den Gnadenmitteln der Kirche nur ganz geringen Nutzen schöpfen; sie ist die Ursache, daß Viele von allerlei ge- fährlichen Irrthümern und unchristlichen Grundsätzen sich umstricken lassen und nach und nach ihrer Kirche innerlich und vielleicht auch äußerlich untreu werden. Solche, die ihre Religion nicht kennen gelernt haben, werden manchmal schon durch thörichte, nichtssagende Redensarten, durch die oberflächlichsten Einwände irre geführt und im Glauben wankend. Darum thut eine gründliche Kenntniß der christlichen Religion noth, zu- mal in unserer Zeit, wo so manche Tagesblätter, illu- strirte und nichtillustrirte Zeitschriften und pikant ge- schriebene Romane allerlei Vorurtheile und Verdäch- tigungen gegen unsere heilige Kirche und allerlei Ent- stellungen und Verzerrungen ihrer Lehren und Gebräuche zu Tage fördern, die dann von Tausenden und Tausen- den mit wahrem Heißhunger verschlungen werden. In einer solchen Zeit müssen die Kinder schon im zartesten Alter mit Gott und seiner heiligen Religion bekannt gemacht werden. Sie sollen so früh als möglich ihren Vater im Himmel kennen lernen; sollen wissen, wer sie erschaffen und wer sie erlöst hat; sollen wissen, warum sie in dieser Welt sind und was aus ihnen dereinst werden wird; sollen wissen, daß sie einen Schutzengel bei sich haben, der sie überall begleitet und beschützt; sollen wissen, daß Gott überall gegenwärtig ist, Alles sieht und hört und einst uns richten wird. Man muß sie frühzeitig bekannt machen mit dem heiligen Willen Gottes und wie sie vor seinem Angesichte wohlgefällig leben sollen. Man muß sie zum andächtigen Gebete und zum guten Besuche des Gottesdienstes, zur jeglichen Tugend, zum Glauben, zur Hoffnung und Liebe Gottes, zur Eintracht, Ungezogenheit und Reinigkeit anleiten, ehe das Unkraut der Sünde ihr zartes Herz eingenom- men und verdorben hat. Hat so der Vater mit der Mutter beim Kinde das religiöse Fundament gelegt, dann ist später dem Seelsorger seine Aufgabe bedeutend erleichtert; er wird dann mit um so größerer Freude und mit reichlicherem Erfolge weiter bauen; doch muß der Vater demselben stets zur Seite stehen, die Kinder strenge zum regelmäßigen Besuche der Christenlehre an- halten, das Lernen der Katechismusfragen überwachen und nach Kräften dieselben zu erklären suchen. Das sollte eine Lieblingsbeschäftigung, sollte eine süße Erholung sein für einen christlichen Vater, dem das Wohl und Gedeihen seiner Kinder wirklich am Herzen liegt. Der Sonntag mit seinem langen Nachmittage und so mancher freie Abend, den man jetzt leider im Wirthshause zubringt, wäre gewiß eine passende Zeit für diesen Unterricht und diese Anleitung. Wie viel Segen und Wonne würde eine solche schöne Uebung den Kindern und den Eltern selbst bringen. Möchten darum doch alle Väter den Unterricht ihrer Kinder sich sehr angelegen sein lassen; dann wird an ihnen Gott auch seine Ver- heißung erfüllen: „ Unterweise deinen Sohn, so wird er dich ergötzen und Wonne gewähren deiner Seele “ (Spr. Sal. 29, 17). Der Vater soll ferner seine Kinder an pünkt- lichen Gehorsam gewöhnen. Ohne Gehorsam gibt es keine wahre Erziehung. Sehr zu bedauern ist ein Kind, das in der Jugend keinen Gehorsam gelernt hat. Es wird später der Spielball seiner Launen und Lei- denschaften sein, wird in keiner ernsten Lebenslage sich zurechtfinden und glücklich sein, wird nie einen starken und guten Charakter erhalten. Mangel an Ernst und Festigkeit bei der Erziehung, zu große Schwäche und Nachgiebigkeit, die das Kind nicht zum pünktlichen Gehorsam anleitet, macht eine gediegene Charakterbil- dung unmöglich. Mit Recht sagt ein bekannter Schrift- steller unserer Tage: „Ein Erzieher, der nur Worte und nicht auch Kraft hat, um seine Lehre durchzusetzen, ist das Verderben dessen, den er bilden soll. Darum finden wir so wenige Charaktere auf der Erde, weil so wenige das Glück hatten, einen Meister zu finden, der das Herz von Grund aus kannte und der es nicht bloß verstand, sondern der auch die Kraft besaß, unerbitt- lich alle Verderbnisse der Natur, auf die er hingewie- sen, in der That bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen und von dort auszutreiben. Wie soll ein gerader Charakter aus der Verschrobenheit heraus- wachsen, die unserm Herzen fast wie natürlich wird, sobald es sich gehen läßt, wenn nicht eine feste Hand uns die Wohlthat erweist, uns gerade zu biegen? Wie ein fester Charakter ohne eine Zucht, die ihre Zwecke kennt, und die uns mit fester Hand, trotz aller unserer Versuche zu entkommen, auf dasselbe hinlenkt P . Weiß , Apologie des Christenthums vom Standpunkte der Sittenlehre. III, S. 709. ?“ Darum muß der Vater immer mit Nachdruck und Ernst darauf bestehen, daß sein Kind willigen Gehorsam leiste und zwar auf das erste Wort . Will es nicht hören, nicht gehorsam sein, dann muß er strafen und, wenn nothwendig, die Zuchtruthe gebrauchen. Alle falsche Nachsicht gereicht hier nur zum Nachtheile des Kindes. „ Wer die Ruthe spart, hasset seinen Sohn ; wer ihn aber liebt, hält ihn beständig in der Zucht “ (Sprüchw. 13, 24). Der Vater soll aber auch nur dann strafen, wenn das Kind wirklich eine Strafe verdient hat; er soll darauf achten, daß die Strafe auch gerecht sei, und sich vor aller Partei- lichkeit beim Strafen sehr hüten. Ferner soll er dabei alles Schimpfen und Fluchen sorgfältigst vermeiden und überhaupt nicht in der ersten Aufregung des Zornes strafen. Die Züchtigung soll das Kind bessern; das wird aber nur dann geschehen, wenn es sich sagen muß, daß der Vater es nicht aus Rachsucht, sondern nur aus wahrer Liebe straft. Der Vater muß dann weiter stets ein wach- sames Auge auf die Kinder, auf ihre Neigungen und Fehler, auf ihr Betragen und ihren Umgang haben . Ein Gärtner wacht über seine Blumen und Pflanzen; er wehrt den schäd- lichen Insekten, schneidet die üppigen Auswüchse ab und jätet das Unkraut zeitig aus, damit seine Blumen keinen Schaden leiden. Ein Hirt wacht mit großer Sorgfalt über seine Heerde, daß kein Schäflein ver- loren gehe oder irgendwie beschädigt werde. Sollte da ein christlicher Vater nicht noch viel wachsamer sein bezüglich seiner theueren Kinder, damit sie keinen Scha- den erleiden an ihrer unsterblichen Seele, damit ihr Glaube und ihre Unschuld nicht in Gefahr kommen? Wie besorgt sind gewöhnlich die Väter für die Ge- sundheit des leiblichen Lebens ihrer Kinder? Bei jeder nur etwas bedenklichen Krankheit derselben gerathen sie in große Besorgniß; sie nehmen die Hilfe der tüchtig- sten Aerzte in Anspruch; keine Mühe, kein Opfer an Zeit und Geld ist ihnen zu viel. Das soll nicht ge- tadelt werden, im Gegentheil diese Sorgfalt verdient so lange sie vernünftig bleibt, nur Lob und Anerken- nung. Aber, christliche Väter, ist die unsterbliche Seele mit ihrer erhabenen Bestimmung und dem himmlischen Schmuck der heiligmachenden Gnade nicht unendlich mehr werth als der Leib, diese Handvoll Staub? Ist die ewige Seligkeit des Himmels nicht unendlich höher anzuschlagen, als die wenigen und kurzen Jahre dieses flüchtigen Lebens, die zudem noch meistens mehr Kummer und Leid mit sich bringen als Freude und Wonne? Darum muß euere Sorge und Wachsamkeit für die Seele eueres Kindes größer sein als für seinen Leib; ihr müßt sorgfältig Acht haben auf die entstehenden bösen Neigungen desselben, auf die Art und Weise, wie es mit seinen Geschwistern verkehrt, auf die Kinder und erwachsenen Personen, mit denen es umgeht, auf die Orte, die es besucht, auf die Bücher, Bilder und Zeitungen, die ihm in die Hände kommen. Sind dann euere Kinder erwachsen, so darf euere Wachsamkeit nicht aufhören; ihr müßt sie vielmehr verdoppeln; es kann euch ja unmöglich unbekannt sein, daß gerade der erwachsenen Jugend noch mehr und noch größere Gefahren von Innen und von Außen drohen. Vor Allem sollt ihr darauf sehen, daß euere erwachsene Söhne und Töchter in keinen Dienst, in keine Werkstätte, in kein Geschäft, in keine Familie kommen und keinen Umgang haben, wodurch ihre Unschuld und ihr Glaube ernstlich gefährdet ist; ihr sollt darauf sehen, daß sie nicht zu früh eine Be- kanntschaft, ein Verhältniß anfangen oder nicht mit Personen, die einem verschiedenen Glaubensbekenntniß angehören oder sonst keine Aussicht bieten zu einer christlichen, tugendhaften und glücklichen Ehe. Auch sollt ihr darauf achten, daß euere erwachsenen Kinder mit Eifer und Gewissenhaftigkeit ihren religiösen Pflichten nachkommen, und müßt, wenn es nothwendig sein sollte, mit euerer ganzen väterlichen Auctorität darauf dringen. Dies gilt besonders auch eueren Söhnen gegenüber, die sonst vielleicht in eine Richtung hinein- kommen, welche ihnen für ihr ganzes späteres Leben und für die Ewigkeit äußerst nachtheilig werden könnte. Ihr dürft da nie denken, meine Kinder sind erwachsen; sie müssen wissen, was sie zu thun haben; ich brauche mich darum nicht zu kümmern. Das ist grundfalsch; ihr seid und bleibt die Väter, die von Gott gesetzten Hüter und Wächter euerer Kinder und werdet dereinst zur strengen Rechenschaft gezogen werden über dieses euer Wächteramt. Endlich soll der christliche Vater fleißig für seine Kinder beten. Steht der gläubige Christ vor einem wichtigen Unternehmen, dessen glücklicher Ausgang viel zum Wohle seiner Familie beitragen kann, so betet er mit Eifer und empfiehlt wiederholt die Angelegenheit der Güte Gottes. Kann es nun aber ein wichtigeres Anliegen für den christlichen Vater geben als die gute Erziehung seiner Kinder? Hängt nicht von dieser in ganz besonderer Weise das Heil und Glück seiner Fa- milie ab? Ist nicht sein eigenes zeitliches und ewiges Wohl eng mit ihr verbunden? Darum soll derselbe täglich regelmäßig für seine Kinder beten, soll eifrig zu Gott flehen, daß all' die Sorgfalt und Mühe, welche auf die gute Erziehung seiner Kinder verwendet wird, von ihm reichlich gesegnet werde. Denn auch hier gelten die beherzigenswerthen Worte der heiligen Schrift: „ Wenn der Herr das Haus nicht baut, ar- beiten die Bauleute umsonst, und wenn der Herr die Stadt nicht behütet, wachen die Hüter umsonst .“ (Ps. 126, 1.) Ein schönes Beispiel hat in dieser Beziehung den Vätern der berühmte und fromme Graf Friedrich Leo- pold von Stolberg gegeben, der von sich schreibt: „Es ist mein tägliches inbrünstiges Gebet und ich setze mich nicht eher an die Arbeit hin, als bis ich dieses Gebet verrichtet habe, daß meine Kinder mir die ernste Ver- antwortung meiner Sterbestunde erleichtern, daß sie in all' ihrem Sinnen und Thun nur die Ehre Gottes und das Heil ihrer Seele vor Augen haben, daß sie Jesum Christum und seine heilige Kirche über Alles lieb haben und dem Nächsten in Demuth vor Gott so viel Gutes erweisen, als in ihren Kräften steht. Und diese Pflicht des Gebetes für die Kinder tritt mir be- sonders lebhaft vor die Seele an den jährlich wieder- kehrenden Gedenktagen, an den lieblichen einfachen Familienfesten, die wir gemeinsam feiern und auf die ich mich stets schon im Voraus freue, wie groß auch bei uns die Zahl dieser jährlichen Gedenktage ist.“ Wenn der christliche Vater in der angegebenen Weise seine Pflichten gewissenhaft erfüllt und die Mutter treu in ihrem wichtigen Amte unterstützt, dann darf er hoffen, daß die Sorgfalt, die sie auf die Er- ziehung der Kinder verwenden, auch noch in unseren Tagen, wo der Jugend doch so viele Gefahren von mancher Seite drohen, mit dem schönsten und glück- lichsten Erfolge gekrönt wird, daß an ihrer Seite Kin- der heranwachsen, welche ihre Freude, ihre Wonne und ihr Trost im Leben und in der ernsten Todes- stunde sein werden. 3. Der christliche Mann wird sein Haus am besten regieren, wenn er sich an den alten Spruch hält: „ Steh früh auf; zu Gott blick' auf; die Hand thu' auf .“ Eine wahrhaft goldene Hausregel, deren Befolgung für die Familie den größten Nutzen bringen muß. „ Steh' früh auf .“ Mit diesen Worten wird auf die Arbeitsamkeit, auf die Treue und Gewissen- haftigkeit hingewiesen, mit der man in der christlichen Familie den Berufspflichten entsprechen soll. Wer gern früh aufsteht, überwindet sich gern, arbeitet gern, ist an freudige und geregelte Thätigkeit gewöhnt. Darum sagt das Sprichwort: „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Wer dagegen am Morgen gerne lange schläft und sich träger Ruhe überläßt, geht auch während des Tages gewöhnlich jeder Selbstüberwindung und An- strengung aus dem Wege, ist mit einem Worte ein Müßiggänger. Die Arbeitsamkeit nun hat eine hohe Bedeutung für die Familie. Sie begründet zunächst einen gewissen Wohlstand in derselben, während Trägheit Noth und Elend herbeiführt. „Du Träger, wie lange willst du schlafen? Wann willst du aufstehen vom Schlafe? Du wirst noch ein wenig schlafen, ein wenig schlum- mern, ein wenig die Hände zusammenlegen, um zu ruhen. Und unterdessen wird die Armuth zu dir kom- men wie ein Reisiger und der Mangel wie ein be- waffneter Mann.“ (Sprüchw. 6, 9-12.) Wie viele Familien gibt es, die in einem gewissen Wohlstand leben könnten, nun aber täglich mit Noth und Elend aller Art zu kämpfen haben, weil man in denselben alle ernste Anstrengung flieht, weil Trägheit und schlaffe Saumseligkeit hier zu Hause sind? Wie viele Familien, die ehedem wohlhabend und angesehen waren und einen großen Einfluß ausübten, sind von ihrer Höhe und ihrem Glanze herabgesunken, weil träge Nachkommen, welche die Arbeit für eine Schmach hiel- ten, das Erbe tüchtiger und thätiger Vorfahren ange- treten hatten? Fleiß und Arbeitsamkeit bewirkt ferner Zufrieden- heit in der Familie. Die reichste Quelle der Zufrie- denheit ist nicht draußen zu suchen, nicht auf hohen Bergen, die man besucht, um auf ihnen eine ent- zückende Fernsicht zu genießen, nicht in herrlichen Wäl- dern, die uns mächtig ansprechen durch ihre Schönheit und das rege Leben der Vögel und Insecten, das wir in ihnen bewundern, am wenigsten aber im Wirthshause, in dem man sich bis in die späte Nacht der Ver- gnügungssucht überläßt uns mit leichtsinnigen Freun- den über nichtssagende oder gar böse und sündhafte Dinge unterhält. Die Hauptquelle der Zufriedenheit entspringt und fließt im Innern des Menschen, in dem süßen Bewußtsein ernster und treuer Pflichterfüllung. Fraget euch doch einmal selbst, ihr christlichen Männer: Wann waret ihr denn am glücklichsten und zufrieden- sten? Nicht an jenem Abende, an welchem ihr euch in aller Wahrheit sagen durftet, daß ihr in jeder Beziehung wacker euere Schuldigkeit gethan und euere Kräfte für das Wohl euerer Angehörigen geopfert? War es an einem solchen Abend nicht so ruhig und friedevoll in euerem Innern, wie am nächtlichen Sternenhimmel, von dem friedlich die Millionen Sterne in das Dunkel der Nacht hineinleuchten? Die Arbeitsamkeit befördert endlich in der Familie das christliche Tugendleben . Der arbeitsame Mensch wird weniger versucht wie der träge; denn sein Sinnen und Denken ist auf die Arbeit und andere nützliche Dinge gerichtet; er lebt weniger in bösen Ge- legenheiten; er hat keine Zeit und auch keine Lust, schlechte Gesellschaften zu besuchen; denn seine Berufs- arbeiten nehmen ihn ganz in Anspruch und bewahren ihn vor manchen Gefahren. Der arbeitsame Mensch ist, wenn er dennoch versucht wird, was ja keinem Sterblichen ausbleibt, viel stärker und entschiedener im Kampfe; denn er ist an Selbstüberwindung ge- wohnt, sein Wille ist gekräftigt und gestählt. Darum findet man in einer Familie, wo rege Thätigkeit herrscht, wo fleißige Eltern an der Spitze des Hauses stehen und fleißige Kinder in ihre Fußstapfen treten, viel mehr Zucht, Ordnung und Tugend, als in einer Familie, wo ein träger Vater und eine nachlässige Mutter leben und deren Kinder von Jugend an Scheu vor ernster Arbeit haben. Ein solches Haus kann nur eine Stätte der Unordnung und der Sünde sein. Denn „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Wasser, das in träger Ruhe stille steht, wird trübe, unrein und faul; es verbreitet einen sehr unangenehmen Geruch und sehr leicht sammeln sich in ihm ekel- haftes Gewürm und allerlei häßliche Thiere, mögen auch am Ufer üppiges Grün und schöne Blumen sich finden. Ganz anders dagegen verhält es sich mit der Quelle, die sich mühsam und doch munter mit lieb- lichem Gemurmel ihren Weg sucht durch felsiges Ge- stein und durch das Dickicht des Waldes und schnell und eilig durch die Ebene stießt. Ihr Wasser ist silber- hell und klar; es wird immer größer, indem es immer neue Wasser aufnimmt, es erfrischt die Blumen der Wiesen, fördert das Wachsthum des Getreides und bringt überall Nutzen und Gedeihen. Da haben wir ein ansprechendes Bild von dem reichen Segen der Arbeitsamkeit. Diesen Segen sucht der wahrhaft christliche Mann seinem Hause zuzuwenden. Darum geht er Allen mit dem schönsten Beispiele des Fleißes voran; die Arbeit ist ihm eine Lust und Freude; vom frühen Morgen bis zum späten Abend findet man ihn in Thätigkeit; nichts versäumt er; nichts entgeht seiner Aufmerksamkeit; Alles geschieht in Ordnung und mit Ueberlegung, aber auch in christlicher guter Absicht; denn er heiligt seine Arbeit durch die gute Meinung und macht sie so gleichsam zum Gebet und Gottesdienste. Ueber seine Lippen kommt kein Fluchwort, sondern still und ruhig erträgt er die Beschwerden des mühesamen Tagewerkes und opfert sie dem lieben Gott auf. Und wie er selbst freudig seine Arbeiten gewissenhaft erfüllt, so spornt er zu gleichem Eifer auch seine Angehörigen an, seine Gattin, daß sie mit Treue und Liebe ihre häuslichen Arbeiten verrichtet, die Kinder, daß sie fleißig ihre Aufgaben für Schule und christlichen Unterricht lernen und außer der nothwendigen Erholungszeit nach ihren Kräften zu Haus sich nützlich beschäftigen, die Dienst- boten und andern Arbeiter, daß sie von dem, was ihnen aufgetragen wird, nichts versäumen, sondern es gut und pünktlich erfüllen. Das Alles sucht er zu erreichen durch sein eigenes Beispiel und durch einen gewissen milden Ernst, der wohl, wo es nothwendig wird, mit ruhigem Nachdruck und mit Festigkeit auf- treten kann, aber nie in Härte und Tyrannei ausartet. „ Zu Gott blick' auf .“ Mit diesen Worten ist auf die Gottesfurcht, auf die Religiosität der Familie hingewiesen. Sie ist der größte Schatz und der schönste Schmuck eines christlichen Hauses. Wie der eigentliche Werth und die wahre Schönheit des Menschen nicht im Aeußern, nicht in der Hautfarbe, nicht in körperlicher Wohlgestalt, nicht in kostbaren Kleidern und dergleichen Dingen besteht, sondern in der inneren Harmonie, in den guten Eigenschaften des Herzens und dem Gnadenleben der Seele, so ist es ähn- lich auch mit einem christlichen Hause. Nicht die Größe und Höhe desselben, nicht seine Lage in der ersten und schönsten Straße einer großen Stadt, nicht feine Möbel, glänzende Spiegel und Bilder mit goldenen Rahmen, sondern die Zufriedenheit, die im Innern wohnt, die Tugend, die man da übt, die gesunde und echte Frömmigkeit und Religiosität, die dort herrscht, sie bilden den wahren Reichthum und Schmuck eines christlichen Hauses und machen es wunderschön und werthvoll in den Augen Gottes und weiser Menschen, die nicht Alles nach dem Staube schätzen und beur- theilen. Mag ein solches Haus auch klein und niedrig sein und nur für wenige Personen Platz haben, mag es auch in einem weit entlegenen Thale stehen und mögen seine Bewohner auch nie ein Dampfschiff oder eine Eisenbahn gesehen haben, das kleine Häuschen ist doch schöner, reicher und glücklicher, als mancher glän- zende Palast, in dem keine Gottesfurcht herrscht. In einem wahrhaft religiösen Hause liebt man Gott; nichts aber veredelt und beglückt das Menschen- herz so sehr wie die Liebe zu Gott. Weil man Gott nicht beleidigen will, meidet man dort mit Sorgfalt die Sünde, die ja so viele Familien in Unordnung bringt und unglücklich macht. In einem solchen Hause wohnt beglückende Liebe und Einigkeit; denn die Herzen sind in Gott mit einander geeinigt und man liebt sich, weil man sich gegenseitig achtet und hochschätzt. Dort kennen die Eltern keine größere Sorge und keine wich- tigere Angelegenheit, als ihre Kinder von frühester Jugend an, fromm und tugendhaft zu erziehen, und die Kinder ihrerseits blicken mit treuester Liebe und Ehrfurcht zu den Eltern auf als den Stellvertretern Gottes und ihren größten irdischen Wohlthätern und bringen ihnen willigen und pünktlichen Gehorsam ent- gegen. Dort wird durch die Religion die Freude ver- edelt und versüßt, das Kreuz und der Schmerz gemil- dert und zu einer Quelle reicher Verdienste für den Himmel und das ernste Sterbebett verklärt durch das Licht der Ewigkeit. Diesen werthvollen Schatz der Religiosität sucht der christliche Mann seiner Familie um jeden Preis zu er- halten. Er weiß, daß er als Hausherr nach Gottes Absicht gleichsam der Hohepriester in seinem Hause ist und daß ihm darum die strenge Pflicht obliegt, die Interessen Jesu und seiner Kirche in demselben zu vertreten. Er selbst leuchtet darum Allen voran durch treue Erfüllung seiner religiösen Pflichten; er betet regelmäßig, besucht gewissenhaft an Sonn- und Fest- tagen die heilige Messe und Predigt und empfängt oft und gut die heiligen Sakramente. Aber er sieht auch darauf, daß all' seine Angehörigen ihren diesbezüglichen Pflichten fleißig nachkommen und bemerkt er hierin bei Jemand Nachlässigkeit, so wird dieselbe von ihm gerügt und der Säumige mit Ernst zu größerem Eifer aufgefordert. Er hält viel darauf, daß in seiner Familie das gemeinsame Gebet in Uebung bleibt und er selbst nimmt, wenn es ihm nur möglich ist, an demselben theil; ebenso sieht er es gern, daß ein oder das andere Familienglied auch am Werktage der heiligen Messe beiwohnt, wenn es die Arbeiten und Geschäfte erlauben; denn er ist der festen Ueberzeugung, daß dies kein Nachtheil für sein Hauswesen sei, son- dern demselben den Segen Gottes bringe. Mit heiliger Strenge wehrt er jeder sittlichen Gefahr in seinem Hause; er duldet keine Dienstboten, Gesellen und Ar- beiter, die ein böses Beispiel geben und durch ihre Reden, ihre Grundsätze und ihr Betragen auf den guten christlichen Geist seiner Familie nachtheilig ein- wirken könnten. Darum ist er wachsam und schreitet mit Entschiedenheit ein, wo es noththut. O wären doch all' unsere Männer und Väter solche Hausherren, wie gut wäre es dann bald überall mit den Familien bestellt, wie würden Tugend und christliche Sitten in denselben herrlich aufblühen zum Heile der Menschheit! Als der große deutsche Kaiser Rudolph von Habs- burg, dessen Regierung für unser Vaterland eine lange Zeit des Friedens und Glückes brachte, gekrönt werden sollte, war kein Scepter zugegen. Doch der Kaiser kam deshalb nicht in Verlegenheit; er nahm das Kruzifix, welches auf dem Tische stand, und sprach begeistert: „Das soll mein Scepter sein.“ So stand er da, der fromme, muthige und herrliche Kaiser, die funkelnde Krone auf dem Haupte, das Kreuz in der starken Hand. Und er, der gläubig und andächtig zum Kreuze auf- schaute und seine Völker nach der Lehre des Gekreu- zigten lenkte, hat gut, überaus segensreich unser Deutsch- land regiert. Mit ähnlichem Segen wird auch jeder Familienvater sein Haus regieren, der das Kreuz zu seinem Panier erwählt und durch Wort, That und Beispiel die Seinigen zur Treue gegen Jesus Christus anleitet. Tugend, Friede und Glück werden unter der Leitung und Führung eines solchen Hausherrn aufblühen. „ Die Hand thu' auf .“ Mit diesen Worten wird der Familie die christliche Wohlthätigkeit empfohlen. Eine kluge und geregelte Wohlthätigkeit bringt dem zeitlichen Wohlstand durchaus keinen Nachtheil. Ein Landmann geht im Frühjahr über seinen Acker hin und wirft mit voller Hand verschwenderisch Getreide um sich. Da tritt ein Wanderer an ihn heran und spricht: „Willst du denn durchaus verarmen? Wozu denn diese leichtsinnige Verschleuderung deiner vielen Fruchtkörner? Nimm sie doch und trage sie in die Mühle, damit du dir kräftiges Brod aus denselben be- reiten kannst.“ Aber der Landmann sieht den Sprecher erstaunt an und erwiedert: „Schweige, du unwissender Mensch, und sei nicht gar zu besorgt um mich. Von jedem Samenkorne, das ich jetzt ausstreue, hoffe ich eine dreißig–, vierzig–, ja fünfzigfältige Frucht zu ernten. Schon sehe ich im Geiste die blühenden Halme, die herrlich wogende Saat, die reichen, vollen Garben, die ich freudig in meine Scheune fahren werde.“ Aehnlich ist es auch mit dem Almosen, das Jemand nach seinen Vermögensverhältnissen aus Liebe zu Gott dem darbenden Mitmenschen reicht. Es bringt dem Wohlthäter und seiner Familie den Segen Gottes. „ Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber von einem Bittenden sich wegwendet, der wird Mangel leiden .“ (Sprüchw. 28, 27.) Und der heil. Franz von Sales sagt: „Schon in diesem Leben wird man durch Almosen einen großen Nutzen erhalten theils an Gütern, theils an Gesundheit, theils an andern Dingen.“ Der wahrhaft christliche Familienvater glaubt an die Verheißung des Segens, die Gott der Barmherzig- keit gegeben, und weiß, daß diese Tugend dem gött- lichen Heilande besonders angenehm ist, und er darum dem Wohlthätigen seine Huld und ein gnädiges Ge- richt versprochen hat. Deshalb sieht er darauf, daß diese schöne, echt christliche Tugend in seinem Hause fleißig geübt wird. Sonst ist er sparsam, hütet sich sorgfältig vor nutzlosen und verschwenderischen Aus- gaben, aber wo es gilt, einen armen und verlassenen Kranken zu unterstützen, einem dürftigen Waisenkinde zu einer gediegenen Erziehung zu verhelfen oder zu einem nützlichen Zwecke eine Unterstützung zu bieten, da hat er ein mitleidiges Herz und eine offene Hand und reicht gern seine Gabe, um fremdem Elend zu steuern. Seine Gattin kennt diesen seinen christlichen Sinn, freut sich darüber und steht ihm nicht nach im Wohlwollen gegen Arme und Nothleidende. So freut sich denn Gott im Himmel über die Mitglieder einer solchen Familie, in der man seine freigebige Güte nachzuahmen sucht, und bei Allen, mit denen sie zu- sammenkommen, finden sie Liebe und Vertrauen; denn das ist ja dem Wohlwollen eigen, daß es sich die Herzen erobert. „Steh' früh auf; zu Gott blick' auf; die Hand thu' auf.“ Das sind in der That drei goldene Regeln für das christliche Familienleben. Befolgt der Mann dieselbe gewissenhaft mit seinen Angehörigen, so werden sie für sein Haus drei mächtige Pfeiler, die dasselbe stützen und aufrecht halten selbst in brausenden Stürmen. IX. Der Mann und die Unmäßigkeit. Das Meer wird zuweilen vom Sturme in große Aufregung und Unruhe gebracht. Hoch, sehr hoch gehen dann seine Wogen; das Schiff, das nach einem fernen Lande hinsteuert, wird hin und her geworfen, als wäre es nur ein leichtes Brett. Jetzt wird es von einer Welle in die Höhe gehoben, um in wenigen Augen- blicken von einer andern in die Tiefe gestürzt zu werden. Oft schon hat das Meer in diesem aufgeregten und empörten Zustande große Schiffe zu Grunde ge- richtet, hat die Passagiere und all' die Schätze, welche sie mit sich führten, in seine Tiefe begraben. Manchen Vater, der drei oder vier unversorgte Kinder hinter- ließ, oder manchen Sohn, der in kindlicher Liebe für seine betagten Eltern noch viele Jahre fleißig arbeiten und sorgen wollte, hat es um das Leben gebracht und so großen Kummer und schweres Unglück in viele Familien hineingetragen. Doch wie schrecklich auch das Meer, vom Sturme gepeitscht wüthen und toben, wie viele und große Opfer es auch in solchem Zustande verlangen und wie trauriges Unheil es bereiten mag, viel größer, ja unvergleichlich größer ist das Verderben, das andere Flüssigkeiten verursachen, Flüssigkeiten, die nicht vom Sturme hin und her getrieben werden, son- dern die ruhig und schön im Glase perlen, Flüssig- keiten, die nicht im Stande sind, Schiffe zu tragen, sondern in kleinen Quantitäten auf den Tischen der Menschen stehen. Das sind die geistigen Getränke, der Wein, das Bier und vor allem der Branntwein. Die Unmäßigkeit im Genusse der geistigen Getränke hat sicher schon viel größeres Unheil angerichtet, als das große, unermeßliche Meer, mochte es im Sturme auch noch so sehr wüthen. Zum Lobe des weiblichen Geschlechtes kann man wohl sagen, daß bei ihm diese Unmäßigkeit fast gar nicht vorkommt; es gibt ja Ausnahmen, die dann auch um so trauriger sind. Doch im Allgemeinen ist das weibliche Geschlecht mäßig und hat einen großen Ab- scheu vor der Trunksucht, das männliche dagegen ist es, welches sich gewöhnlich diesem Laster ergibt. Darum lohnt es sich wohl der Mühe, jetzt über diesen Gegen- stand eine Erwägung anzustellen, um so mehr, da leider in unseren Tagen die Unmäßigkeit im Trinken bei der Männerwelt immer mehr zunimmt. 1. Christliche Männer, ihr seid Menschen ; durch die Unmäßigkeit im Trinken aber entehrt ihr euere menschliche Würde . Es ist wahr, der Mensch ist gefallen; er steht nicht mehr auf der Höhe, auf welcher er einst gestanden. Seine Erkenntniß ist verdunkelt und leicht dem Irrthum zu- gänglich, sein Wille zum Bösen geneigt von frühester Jugend an. Und doch ist er auch jetzt noch der König der sichtbaren Schöpfung, die erhabenste Kreatur auf unserer Erde. Sein Verstand kann eindringen in die Tiefen der Wissenschaft, kann die Bahnen der Himmels- körper berechnen, der Natur ihre Geheimnisse, ihre ver- borgenen Gesetze ablauschen, kann sich große Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen und mit diesen dann Staunenswerthes zu Stande bringen. Er gibt dem Blitze seine Bahn an, beherrscht das ungestüme Meer und benützt die Dampfkraft, um mit größter Schnellig- keit durch die Länder hinzufahren. Wie sein Verstand, so ist auch sein freier Wille noch immer eine herrliche Gabe, mit der er Großes und Tüchtiges wirken kann. Wenn auch die meisten Menschen nicht die Fähigkeit und Gelegenheit besitzen, Thaten zu verrichten, die allgemeine Bewunderung hervorrufen, so ist es doch auch etwas sehr Großes und Schönes, wenn der gewöhnliche Mann jeden Tag mit frischer Kraft und Unverdrossenheit an die Erfüllung seiner Berufsarbeiten geht, wenn er un- gekannt und unbeachtet auf seinem bescheidenen Posten treu seine Pflicht thut und das Gute nach Kräften fördert. Ja der Mensch ist der König der sichtbaren Schöpfung. Schön und wahr sagt von ihm der fürst- liche Sänger und Prophet David: „ Du hast ihn , o Herr, nur wenig unter die Engel ernie- drigt, mit Herrlichkeit und Ehre ihn ge- krönt und ihn gesetzt über die Werke deiner Hände. Alles hast du seinen Füßen unter- worfen, Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die Thiere des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, welche die Wege des Meeres wandeln .“ (Ps. 8, 6-9.) Diese hohe menschliche Würde nun wird durch die Trunksucht tief erniedrigt. Da hat ein Mann stunden- lang im Wirthshause gesessen und, wie man sich aus- zudrücken pflegt, zu tief in's Glas geschaut. Endlich erhebt er sich, sucht die Thüre und tritt unsicher auf die Straße hinaus. Betrachtet ihn, wie er dahin wankt, jetzt nach rechts, dann nach links. Gott hat diesem Manne Vernunft und Verstand gegeben, damit er denken und überlegen könne. Doch jetzt ist derselbe nicht im Stande, einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen; Alles geht ihm wirr und bunt im Kopfe herum, fast noch schlimmer wie bei einem Wahnsinnigen. Der Schöpfer hat ihm die Sprache verliehen, eine herrliche Gabe, die den Menschen vor den Thieren so sehr aus- zeichnet; doch die stotternde Zunge des Betrunkenen kann nur unarticulirte Laute hervorbringen, oder spricht thörichte Worte wie ein verstandloser Knabe, oder schreit und brüllt wie ein unvernünftiges Thier. Er hat ein Herz vom Schöpfer erhalten, das Gott lieben und warm und begeistert für das Gute und Edle schlagen soll; doch dazu ist es jetzt durchaus nicht mehr fähig, nur das Niedrige und Gemeine, nur das Wüste und grob Sinnliche kann noch seine rohen Gefühle aufrütteln und selbst dieser wird er sich jetzt kaum mehr bewußt. Ist dieser Mann, der kein vernünftiges Wort mehr reden kann, der nicht weiß, was er denkt und will, der nicht mehr Herr über seine eigenen Füße ist, und unsicher hin und her wankt, nicht ein wahrer Hohn auf die Menschheit? Hat er nicht das königliche Diadem seiner menschlichen Würde verächtlich in den Staub getreten? Und doch – man muß es Gott laut und mit Schmerz klagen – gibt es viele Männer und Jünglinge, die sich oft, vielleicht jede Woche, durch ihre Trunkenheit so tief erniedrigen. 2. Ihr, christliche Männer, seid ferner Kinder Gottes; die Unmäßigkeit im Trinken aber geziemt sich sicher nicht für ein Kind des unendlichen Gottes . Gott hat euch in der heiligen Taufe zu seinen Kindern angenommen, euerer Seele ein höheres, übernatürliches, ja in gewissem Sinne göttliches Leben geschenkt. Als Vater liebt er euch un- endlich mehr, inniger und stärker, als der beste irdische Vater seinen einzigen Sohn lieben kann; er will euch nach euerem Tode ein viel schöneres und reicheres Erbe im Himmel schenken, als der reichste Millionär hienieden seinem einzigen Kinde hinterlassen kann. Welch' eine Ehre, welch' ein Glück, das Kind eines so erhabenen und vollkommenen, eines so guten und liebenswürdigen, eines so reichen und mächtigen Vaters zu sein! Ja, Männer, vergesset es nie, daß ihr Kinder, Söhne des himmlischen Vaters seid, und daß euere liebe Mutter mit Recht euch schon in den ersten Lebensjahren die kleinen Händchen gefaltet und zu Gott beten gelehrt hat: „Vater unser, der du bist in dem Himmel.“ Ein Kind nun darf dem Vater keine Unehre machen durch ein unwürdiges Verhalten; es soll vielmehr sich so betragen, wie es dem Range und der Würde des Vaters entspricht. Darum darf sich der Sohn eines Fürsten nicht wie ein gemeiner Bettler oder Landstreicher herumtreiben. Die Geschichte erzählt von einem Polen- könige Boleslaus, er habe das Bild seines Vaters auf der Brust getragen, und dasselbe, so oft er ein wich- tiges Geschäft unternommen, liebend angeschaut und die Worte gesprochen: „Fern sei es von mir, daß ich etwas thue, was deiner unwürdig wäre.“ Aehnlich sollen auch wir Gott, unserem himmlischen Vater gegenüber gesinnt sein. Wie sehr verfehlt sich dagegen nun ein Mann, der sich der Unmäßigkeit ergibt? Ist es für ein Kind des unendlichen Gottes nicht höchst ungeziemend, sich in einen Zustand zu versetzen, in dem es nicht mehr vernünftig denken kann, nicht mehr Herr ist über seine Zunge und seine Füße und zum Gegenstand des Spottes wird für die muthwillige Straßenjugend? Ein Kind soll seinem Vater Freude bereiten. Die Freude des Vaters macht das Glück des guten Kindes aus. Um den Vater zu erfreuen, sucht es vor Allem seinen Willen treu und gewissenhaft zu erfüllen. Be- fiehlt er ihm etwas, so vollzieht es den Befehl in der pünktlichsten Weise; verbietet er ihm etwas, so fügt es sich wiederum gern und unterläßt die Sache. Ja es geht noch weiter; nicht bloß der ausgesprochene Wille des Vaters ist ihm heilig und theuer, sondern auch seine Wünsche, die er nur andeutend zu erkennen gibt. Diese zu verwirklichen, bereitet dem guten Kinde gerade die größte Freude. Sollten wir nicht auch unserm besten, liebevollsten Vater, nämlich unserem Gott im Himmel gegenüber so gesinnt sein? Sollten wir nicht unser größtes Glück darein setzen, seinen heiligen Willen, seine Gebote gewissenhaft zu erfüllen und ihm so als gute Kinder große Freude zu bereiten? Nichts ist billiger und angemessener als dies. Nun denket wieder an den unmäßigen und trunk- süchtigen Mann. Kein Gebot seines himmlischen Vaters ist ihm heilig und eine Schranke für seine unersättliche Neigung; zunächst sicher nicht das erste Gebot. Denn an der Anbetung Gottes, am Gebete hat er keine Freude, unterläßt es unzähligemal und wenn er betet, dann ist es gewöhnlich nur ein leeres und gedankenloses Lippen- gebet. Ebensowenig ist ihm das zweite und dritte Ge- bot heilig. Es ist ja alltägliche Erfahrung, daß solche unmäßige Männer über Alles lästern, was dem Men- schen theuer und ehrwürdig sein soll; die schrecklichsten Flüche und Gotteslästerungen kommen über ihre ent- weihte und gottlose Zunge; bei jeder Gelegenheit ver- heißen sie sich und schwören falsch und unnöthiger Weise. Und sind es nicht besonders die unmäßigen und trunk- süchtigen Männer, die den Sonntag, den Tag des Herrn, entehren und schänden? Am Sonntage vor Allem sollten sie Gott den Tribut ihrer Liebe und An- betung darbringen, und an keinem Tage der Woche lästern und beleidigen sie ihn so sehr wie an diesem. Am Sonntage wenigstens sollten sie ihrer unsterblichen Seele sich erbarmen und sich wieder in dem Vorsatze erneuern, für ihr ewiges Heil eifrig Sorge zu tragen, und gerade an diesem Tage arbeiten und verstricken sie ihre arme Seele immer mehr in Sünde und sittliches Elend hinein. Der hehre, heilige Sonntag, der für uns und die ganze Gesellschaft ein reicher Segen und eine große Wohlthat ist, wird für diese Männer zum Fluche und Verderben, ein Tag der Sünde und des Satans, nicht ein Tag des Herrn und seiner Liebe. – Wie das dritte, so ist dem Trunksüchtigen auch das vierte Gebot nicht heilig. Kann ein Kind den Eltern mehr Kummer und Verdruß machen, kann es dieselben undankbarer und roher behandeln, als dies gewöhnlich ein trunksüchtiger Sohn thut? Ist es nicht schon oft vorgekommen, daß ein solcher an die eigenen Eltern die Hand angelegt, daß er den eigenen Vater oder die eigene Mutter blutig geschlagen hat? Das Laster der Trunksucht ertödtet mit der Zeit alle edlen kindlichen Gefühle in dem Herzen des Sohnes. So könnte man alle zehn Gebote Gottes durchgehen und zeigen, wie der Unmäßige gewöhnlich mit allen auf feindlichem Fuß steht; man könnte insbesondere auch zeigen, wie derselbe gar leicht das sechste Gebot übertritt und der Unkeuschheit anheimfällt, gemäß dem Worte der heiligen Schrift: „ Berauschet euch nicht mit Wein (mit geistigen Getränken); denn darin liegt Unkeusch- heit “ Ephes. 5, 13.) Doch das Alles würde uns zu weit führen; aber die eine Frage müssen wir noch stellen: Wenn der Trunksüchtige durch seine Leidenschaft dazu gebracht wird, daß er fast alle Gebote Gottes ver- achtet und mit Füßen tritt, darf er dann sich noch als ein treues, gutes Kind dieses Gottes betrachten? muß er nicht vielmehr sich selbst sagen: Ich bin ein un- gerathener und schlechter Sohn des liebevollsten und liebenswürdigsten Vaters; wenn ich sterbe, habe ich ein strenges Gericht von ihm zu fürchten. 3. Christliche Männer, ihr seid Mitglieder der katholischen Kirche; euere Unmäßigkeit bereitet derselben nur Unehre und Schande . Ihr gehört dem großen Reiche Gottes an, das über die ganze Erde verbreitet ist, der heiligen Kirche, die der menschlichen Gesellschaft so viele und hohe Güter ver- mittelt hat, der wir den größten Theil unserer Bildung und Civilisation zu danken haben. Daß ihr derselben angehört, ist für euch selbst das größte Glück. Denn die heilige Kirche hat euch durch das Sakrament der Taufe das höhere, übernatürliche Leben geschenkt, ohne welches der Mensch nicht die ewige Seligkeit erlangen kann. Durch ihre Lehren und Wahrheiten gibt sie euch Licht, daß ihr den rechten Weg zum letzten Ziele er- kennet, Licht, daß ihr euch nicht in die Irre führen lasset durch Lüge, falsche Grundsätze und täuschende Trugschlüsse. Durch ihre Gnadenmittel gibt sie euch Kraft, daß ihr nicht wanket in den Stürmen des Lebens, daß ihr nicht unterlieget in den Versuchungen, die an euch herantreten, daß ihr schnell und kräftig wieder aufstehet, wenn ihr gefallen seid und euern Gott beleidigt habet. Die Kirche ist euere sichere und zuverlässige Lehrerin, euere treueste Führerin, euere liebevollste Mutter in allen Lagen eueres Lebens. Und geht es mit diesem irdischen Leben zu Ende, lieget ihr schwach und krank dem Tode nahe auf dem Sterbebette, in diesem ernsten Augenblicke, wo kein Mensch uns helfen kann, zeigt sich im schönsten Lichte die Liebe unserer besorgten Mutter, der heiligen Kirche. Noch einmal erhebt sie ihre Hände, um uns loszusprechen von allen Sünden; noch einmal nährt und erquickt sie unsere Seele mit dem Brode der Engel, und dann stärkt sie uns für den entscheidenden Kampf durch das Sakrament der heiligen Oelung. Ja, die Kirche liebt uns unaussprechlich und ist be- ständig für unser wahres und ewiges Wohl besorgt, sie ist nach Gott unsere größte Wohlthäterin hier auf Erden. Die Liebe der Kirche verlangt unsere Gegenliebe, ihre Wohlthaten unsere Dankbarkeit. Darum soll der christliche Mann ihr mit vorzüglicher Treue ergeben sein, soll sich bemühen, durch Wort und That, vor Allem aber durch ein tugendhaftes Leben ihr Freude und Trost zu bereiten und ihre Ehre und ihr Ansehen in wirk- samster Weise zu befördern, „ Halte deine Mutter in Ehren alle Tage deines Lebens “ (Tob. 4, 3.) Diese Worte der heiligen Schrift gelten auch in Bezug auf unsere geistige Mutter, die heilige Kirche. Ja, christliche Männer, ehret, achtet und liebet diese euere Mutter alle Tage eueres Lebens, besonders aber in Tagen, wo dieselbe den Hohn der Gottlosen und große Bedrängniß zu erdulden hat. Da müßt ihr mit Begeisterung für ihre Ehre eintreten, vor Allem aber durch ein wahrhaft christliches Leben und darum in euerem Betragen Alles vermeiden, was ihr irgendwie zur Schande gereichen könnte. Ein unmäßiger katholischer Mann aber, der sich oft durch seine Trunkenheit für eine Zeit lang des Lichtes seiner Vernunft beraubt und sich selbst unter die ver- nunftlosen Geschöpfe erniedrigt, häuft er nicht Unehre und Schande auf seine Kirche? Trägt er seinerseits nicht wesentlich dazu bei, daß sie an Achtung und An- sehen bei den Andersgläubigen verliert, daß ihre Lehren, Gnadenmittel, frommen Gebräuche und Gewohnheiten von denselben gering geschätzt werden? Mag ein sol- cher Katholik auch zuweilen in feuriger Rede und mit begeisterten Worten seine Kirche vertheidigen, sein Leben dient doch nur dazu, ihr Ansehen zu untergraben. Allerdings trifft die Kirche hier gar keine Schuld; sie verdammt ja die Leidenschaft, sie warnt vor derselben und bietet ihre Schutzmittel an. Wollten unsere Männer auf die Stimme der Kirche hören, dann gäbe es keine Trunkenbolde unter uns, dann hätten wir nicht zu klagen über den zu frühen, zu häufigen und zu langen Wirthshausbesuch in unserer Zeit. Doch die Welt ist nun einmal ungerecht in ihrem Urtheil über die Kirche und zieht deshalb gar zu gerne aus dem Leben einzelner Katholiken ihre lieblosen und falschen Schlüsse gegen die Kirche selbst. Darum sollten nun unsere katholischen Männer um so mehr darauf bedacht sein, aus ihrem Leben Alles fern zu halten, was den Tadel der Gegner herausfordern könnte; sie sollten um so mehr sich bemühen, ein arbeitsames, mäßiges, nüch- ternes und wahrhaft christliches Leben zu führen. Dann wären sie die beste Apologie, die wirksamste Ver- theidigung unserer theuern Kirche; ihre Ehre und ihre segensreiche Macht würde im schönsten Glanze erscheinen und ihren Lästerern wäre der Mund geschlossen. „Haltet euere Mutter in Ehren alle Tage eueres Lebens.“ 4. Christliche Männer, ihr seid Unter- thanen, Bürger eines bestimmten Staates ; Unmäßigkeit und Trunksucht aber tragen nur dazu bei, das Wohl desselben zu unter- graben . Auch dem Staate haben wir Vieles zu ver- danken. Daß wir in Ruhe und Sicherheit leben, daß nicht Jedermann unser Eigenthum und unsere Rechte angreift und verletzt, daß nicht ohne weiteres ein Nach- barvolk unsere gesegneten Ebenen und Fluren mit Krieg überzieht und in den herrlichen Gauen unseres Vater- landes schreckliche Verheerungen anrichtet, daß Handel und Wissenschaft bei uns in Blüthe stehen, das Alles und noch manches Andere haben wir zum großen Theile einem geordneten Staatswesen zu danken. „Wo kein Regent ist, da geht ein Volk unter.“ (Sprüchw. 11, 14.) Täglich genießt ein Jeder von uns die Wohlthaten des Staates. Das legt uns aber auch Pflichten gegen den- selben auf. Wir alle mit einander sollen das Wohl des Staates fördern helfen und müssen darum auch der Trunksucht bei uns und bei Andern entgegenarbeiten, weil dieselbe das Wohl des Staates untergräbt. Das Wohl des Staates verlangt, daß wir unsere Berufspflichten treu und gewissenhaft erfüllen und daß man sich in der Jugend mit großem Fleiße auf seinen Beruf vorbereitet. Ist es nun nicht gerade die Unmäßigkeit im Trinken, die eine Unzahl von Männern zur Untreue im Berufe, zur gänzlichen oder theilweisen Vernachlässigung ihrer Standespflichten veranlaßt? Ist es nicht die Unmäßigkeit, die so viele Jünglinge ab- hält, sich sorgfältig auf ihren zukünftigen Beruf vorzu- bereiten, sich die nothwendigen Kenntnisse und die ent- sprechende Tüchtigkeit anzueignen, durch die sie später sich um die Menschheit sehr verdient machen könnten? Sie haben vielleicht herrliche Anlagen, große Fähigkeiten, bringen es aber trotzdem zu nichts, weil sie schon früh der Unmäßigkeit im Trinken sich ergaben. Nur an Eines sei hier erinnert. Welch' ein großer Nachtheil für den Staat und die ganze Gesellschaft ist es, daß auf den Universitäten viele unserer Studenten Jahre lang dem unmäßigen Biergenuß fröhnen, statt mit Ernst und Gewissenhaftigkeit sich den Studien zu widmen? Das Wohl des Staates verlangt ferner von uns, daß wir nach Kräften die Sittlichkeit, die guten christ- lichen Sitten zu befördern suchen. Macht sich das Laster überall breit, scheut die Sittenlosigkeit nicht mehr das Tageslicht und die Oeffentlichkeit, so werden die gesell- schaftlichen Verhältnisse bald morsch und faul. Mag auch noch ein gewisser äußerer Glanz und Schliff ober- flächliche Geister täuschen, das Ganze ist doch nur Fäul- niß, nur Sumpf, dem vergiftender Pestgeruch entsteigt. Wie man aber auf einen Sumpf kein festes Haus bauen kann, so auch nicht auf Zucht- und Sittenlosigkeit das Wohl des Staates. Ist es nun aber nicht wieder die Unmäßigkeit, die der Sittenlosigkeit Thür und Thor öffnet? Ist eine unmäßige, trunksüchtige Jugend nicht gewöhnlich auch allen Ausschweifungen ergeben? Sind es nicht unsere unmäßigen Männer, die durch ihre schamlosen Reden, durch ihre sündhaften Freiheiten und nur zu oft auch durch ihre unerlaubte Beziehung zu anderen Personen die öffentliche Sittlichkeit zu Grunde richten helfen? Noch Eines bezüglich des Staatswohles sei kurz er- wähnt. Wollen wir mitarbeiten zum Besten des Staates, so muß uns auch der materielle Wohlstand des Volkes am Herzen gelegen sein. Derselbe ist von großer Wichtigkeit für die Zufriedenheit, die Ordnung und das äußere Glück eines Volkes, ja kann sogar Vieles zur Erhaltung und Hebung seiner Sittlichkeit beitragen. Die Unmäßigkeit im Trinken nun ist die größte Feindin des Wohlstandes. Ein altes Sprich- wort sagt schon: „ Der tägliche Gläserklang ist des Wohlstands Grabgesang .“ Die meisten meiner Leser kennen wahrscheinlich Familien, die früher wohlhabend und glücklich waren, durch die Trunksucht des Mannes aber in Armuth und großes Elend ge- sunken sind; sie kennen Familien, in denen ganz gut ein gewisser Wohlstand herrschen könnte, wenn nicht das Wirthshausleben einen großen Theil des wöchent- lichen Arbeitslohnes verschlingen würde. Muß denn nicht in eine Familie von drei oder vier Kindern Noth und Armuth ihren Einzug halten, wenn der Vater, ein Handwerker oder Taglöhner oder niederer Beamter, täg- lich oder doch öfter in der Woche eine für seine Ver- hältnisse ziemlich hohe Summe Geldes für geistige Ge- tränke verausgabt? „ Operarius ebriosus non locu- pletabitur . Ein trunksüchtiger Arbeiter ge- langt nicht zu Wohlstand .“ (Jes. Sir. 19, 1.) Ein berühmter Arzt, Dr . Baer, der die Menschen und die Gesellschaft gründlich kennen gelernt hat, sagt: „Die Trunksucht ist ein Haupthinderniß für die Beseitigung der bereits vorhandenen Armuth und eine der häufigsten Ursachen für die Entstehung derselben.“ Und es war ein weises Wort, welches einst ein deutscher König, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, gesprochen: „Ich würde es für den größten Segen meiner Regierung halten, wenn während derselben die Branntweinsteuer auf Null herab- sänke, wenn sie gar nichts mehr eintragen würde.“ 5. Die meisten von euch, verehrte christliche Männer, sind Familienväter. Diese wich- tige Stellung, soll sie ganz und segens- reich ausgefüllt werden, verträgt sich durch- aus nicht mit der Unmäßigkeit . Mancher Unmäßige und Trunkenbold ist Gatte. Seine Gattin hegte einst in früheren Jahren die frohe Hoffnung, später an seiner Seite ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen; sie hat in dieser Hoffnung Vater und Mutter verlassen; sie hat ihm ihre Jugend und Schön- heit, ihr Herz und ihre Liebe, ihre Kräfte und Arbeiten, ja man kann sagen, ihr ganzes Leben geschenkt. Er hat ihr dafür versprochen, sie glücklich zu machen, für sie zu sorgen wie für seinen eigenen Augapfel; er hat in jugendlicher Begeisterung ihr ewige Treue geschworen und zum Zeichen dieser Treue ihr einen goldenen Ring gegeben; dann hat er endlich am Altare ihr seine Hand zum Lebensbunde gereicht und sich feierlich vor Himmel und Erde verpflichtet, sie als seine Lebensgefährtin stets zu lieben und ihr ein treuer christlicher Gatte zu sein. Doch was thut nur zu oft der unmäßige und trunksüchtige Mann? All' diese feierlichen Versprechen und Schwüre der Treue und Liebe bricht er; all' seine Pflichten, die ihm Gott gegen seine Gattin auferlegt, tritt er rücksichtslos mit Füßen. Die, welche er lieben sollte wie sein eigenes Leben, behandelt er hart und roh wie ein Tyrann. Wer kann all' die herzlosen Worte zählen, mit denen er sie beschimpft? Wer all' die Seufzer, all' die bittern Klagen, all' die heißen Thränen, die er ihr erpreßt? Wie viele Frauen solcher Männer sind vor Kummer und Verdruß früh alt und kränklich geworden und vor der Zeit in's Grab ge- stiegen? Ja mancher trunksüchtige Mann ist der Mörder seines Weibes geworden, wenn er sie auch nicht erdrosselt oder mit dem Messer durchbohrt hat. Aber auch selbst diese entsetzlichen Fälle sind schon im Zustande der Trunkenheit vorgekommen. Mancher Unmäßige und Trunkenbold ist Vater. Drei, vier oder noch mehr Kinder mit frischen Wangen und leuchtenden Augen tummeln sich munter und froh in seinem Hause und Hofe herum. Er ist nach Gott die Ursache ihres Lebens. Indem er aber die Ursache ihres Daseins geworden, hat er auch große und ernste Pflichten gegen sie übernommen. Er soll nach Kräften dafür sorgen, daß sie gesund und stark werden, daß sie in der Jugend etwas Tüchtiges lernen und so später als gute, brauchbare Menschen sich im Leben bewähren. Es soll vor Allem sein ernstes Bestreben sein, daß sie in Unschuld und Tugend heranwachsen, daß sie, als eifrige und gute Christen, auch die begründete Hoffnung haben, dermaleinst in die ewigen Freuden des Himmels einzugehen. Ist er wirklich ein treuer und guter Vater, so wird er vor keiner Mühe und Anstrengung, vor keiner Selbstüberwindung und keinem Opfer zurück- schrecken, wo es sich um das wahre Wohl des Kindes handelt; er wird viel für dasselbe beten, wird es lehren und unterweisen, wird über dasselbe wachen und es mahnen, wird es zurechtweisen und strafen, wo es noth- wendig ist, wird aber vor Allem aus seinem eigenen Leben Alles fern halten, was dem Kinde ein böses Beispiel geben und ihm die Achtung vor dem Vater rauben könnte. Doch was thun unmäßige und trunksüchtige Väter? Ich will hier nicht daran erinnern, wie solche manch- mal das Leben des Kindes schon im Keime vergiften und verderben; denn nach dem Zeugnisse tüchtiger Aerzte und der täglichen Erfahrung kommt es gar häufig vor, daß die Kinder von Vätern, die der Trunksucht ergeben sind, schwach und kränklich werden und oft schon im frühen Alter sterben, oder daß dieselben an Blödsinn leiden oder zur Geistesstörung und zum Wahn- sinn hinneigen. Doch davon will ich schweigen. Wie viele unmäßige Väter gibt es aber, die so pflicht- vergessen und grausam sind, daß sie einen großen Theil ihres Arbeitslohnes leichtsinnig im Wirthshause ver- prassen und nicht für ihre armen Kinder Sorge tragen? Wie viele unmäßige und herzlose Väter, deren Kinder ohne hinreichende Nahrung und Kleidung aufwachsen, kein gutes Handwerk oder tüchtiges Geschäft erlernen können und darum später immer mit Noth und Elend zu kämpfen haben, weil sie, die pflichtvergessenen Väter, so viel Geld für sich und ihre durstige Zunge verausgaben? Wie viele unmäßige Väter, die, statt ihren Kindern in Allem als gute Christen voranzu- leuchten, ihnen Tag für Tag ein schlechtes Beispiel geben, z. B. in ihrer Gegenwart fluchen, Gott lästern, gegen Religion und Priester schimpfen? Ach, die armen, armen Kinder, wie sehr sind sie zu bedauern! Aber welche furchtbare Verantwortung ziehen solche herzlose, solche unnatürliche und grausame Väter sich zu für den ernsten Tag ihres Gerichtes! Mancher Unmäßige und Trunkenbold ist der Vor- steher, das Haupt einer Familie. Hier in seiner Familie sollte und könnte er viel Gutes und Großes wirken. Er sollte der treue Wächter, sollte ein zuverlässiger Führer für Alle, sollte die Stütze, die Freude, ja der Stolz des ganzen Hauses sein. Von seinem Leben und seiner Thätigkeit sollte ein reicher Segen ausgehen für die gesammte Familie. Doch nun ist er in der That der Kummer und das Kreuz, die Schande und Last, das Unheil und Verderben derselben. Ganz mit Recht sagt die heilige Schrift: „ Wer angenehm ist bei Trinkgelagen, der läßt Schmach in seiner Wohnung zurück .“ (Sprüchw. 12, 11.) In der Familie könnte und sollte der Mann seine schönsten und reinsten Freuden genießen. Ja, ihr christ- lichen Männer, die Freuden, die eine gute Familie euch bietet, sind reiner, erquickender und größer, als die Er- holung und die Vergnügen, die ihr draußen genießet. Die Liebe und Aufmerksamkeit, die eine treue Gattin gegen euch an den Tag legt, die Erweise der Verehrung und Anhänglichkeit, mit denen brave Kinder euch über- häufen, das zwanglose, liebevolle Geplauder mit denen, die euerem Herzen am nächsten stehen, das Bewußtsein durch euer Verweilen und euere Erholung in der Familie den Angehörigen Freude zu bereiten, die innige, friedliche Zusammengehörigkeit, die euch so eng mit einander verbindet, sollte all' dies euch nicht hundert- mal mehr beglücken, als das lange, schädliche und un- natürliche Verweilen im Wirthshause, als die so häufig wiederkehrende Unmäßigkeit im Trinken? Um all' diese erlaubten, reinen und wahrhaft beglückenden Freuden betrügen sich in unsern Tagen unzählig viele Männer, die ihre Erholung nur außerhalb ihres eigenen Hauses suchen. Für sich und ihre ganze Familie eröffnen sie damit eine Quelle reicher Bitterkeit. Sie selbst kommen nach und nach dahin, daß sie fast unfähig werden, reine und wahre Freuden zu genießen. Möchte darum unsere Männerwelt doch wieder mehr für die Familie leben und dort mehr ihre Erholung zu genießen suchen. 6. Zum Schlusse sei hier der Wichtigkeit der Sache wegen noch ein Punkt eigens erwähnt, obgleich an einer andern Stelle schon seiner hätte gedacht werden können. Ihr christlichen Männer, seid berufen, der- einst im Himmel ewig selig zu werden ; durch Trunksucht aber setzt ihr euch der größten Gefahr aus, diese ewige Seligkeit zu verlieren . Daß wir nach diesem kurzen, mühe- und sorgenvollen Leben in den Himmel kommen, das ist doch die Hauptsache. Was kann es uns schließlich nützen, daß wir uns große Reichthümer oder Ehren erworben, daß wir ein paar Jahre hindurch manche Freuden und Vergnügen genossen, wenn wir dann nach dem Tode eingehen in eine unglückselige Ewigkeit. Nun sagt aber der Weltapostel Paulus: „ Täuschet euch nicht, Trunkenbolde werden das Reich Gottes nicht besitzen .“ (1 Kor. 6, 10.) Daß der unmäßige, trunksüchtige Mann in großer Gefahr lebt, ewig verloren zu gehen, begreifen wir, wenn wir bedenken, daß derselbe, wie schon gezeigt wor- den, gewöhnlich so viele Sünden begeht, daß er sich sehr leicht fast gegen alle Gebote Gottes verfehlt. Wir begreifen das, wenn wir bedenken, daß gerade die Trunk- sucht mit der Zeit eine furchtbar große Macht auf den menschlichen Willen ausübt und darum eine gründliche und beharrliche Bekehrung sehr erschwert. Alle Sün- der, selbst die Unkeuschen, bekehren sich eher und leich- ter als der Trunksüchtige. Er hat wohl zuweilen Augen- blicke, in denen er klar das Verderben seiner bösen Gewohnheit erkennt; er sieht ein, daß er sich selbst und seinen Angehörigen das Leben zur Last und Qual macht; er weint bittere Thränen, verspricht ernstliche Besserung, ja schwört, von jetzt an sicher seiner Leidenschaft zu ent- sagen. Doch der Arme weiß in diesem Moment nichts von seiner schmachvollen Sclaverei, in welcher er sich befindet. Bald tritt die Leidenschaft mit ihrer gebie- terischen Forderung wieder an ihn heran, und so kann man ihn, der heute unter Schwüren Besserung ver- spricht, schon morgen wieder betrunken sehen. Christliche Männer, die ihr dieser Leidenschaft schon ergeben seid oder die ihr doch begonnen habet, euch der- selben zu ergeben, bietet Alles auf, euch ihren starken Fesseln zu entwinden. Schwer mag es wohl sein, doch unmöglich nicht. Versprechet heute auf den Knieen euerem Gott und Erlöser fest und entschieden, Herr über diese Leidenschaft zu werden, koste es, was es wolle. Achtet doch auf die bittende Stimme der Gattin und der Kinder, denen ihr bis jetzt so viel Kummer und Verdruß bereitet habet. Achtet doch auf die mahnende und stehende Stimme eueres Heilandes, der für das Heil euerer Seele so unaussprechlich Vieles gearbeitet und gelitten, der am blutigen Stamme des Kreuzes gerade euerer Trunksucht wegen den brennendsten Durst erduldet hat. Nehmet euere Zuflucht zum Ge- bete, empfanget oft und gut die heiligen Sakramente, vor Allem aber meidet jede Gelegenheit , in euere Sünden zurückzufallen, und mit der Gnade Gottes wird es euch dann schon möglich, die harten und drückenden Fesseln euerer Leidenschaft zu brechen und wieder mäßige und nüchterne Männer zu werden. Ihr aber, die ihr noch nicht der sündhaften Ge- wohnheit des unmäßigen Trinkens ergeben seid, fasset den festen, unwiderruflichen Vorsatz, auch in Zukunft vorsichtig zu wandeln und darum nicht zu oft und zu lange das Wirthshaus zu besuchen. Der zu starke Wirthshausbesuch von Seiten der Männerwelt ist ein großes Unheil und Verderben für unsere Zeit. Daß ein Mann, wenn er in der ganzen Woche fleißig ge- arbeitet, am Sonntage sich für eine Stunde in guter Gesellschaft bei einem Glase Bier oder Wein eine Er- holung gestattet, dagegen hat wohl Niemand etwas ein- zuwenden. Aber wenn so Viele jeden Abend oder doch mehrmal in der Woche stundenlang mit leichtsinnigen Kameraden im Wirthshause zusammen sitzen und trinken, so kann dies nur Böses mit sich führen. Unsere Männer und Jünglinge fallen dadurch der Vergnügungssucht und dem Leichtsinne anheim; ihr Charakter, ihr reli- giöser Sinn und ihre Berufsfreudigkeit werden mit der Zeit sehr geschädigt; die Familien erleiden große Ein- buße an innerer Zusammengehörigkeit, Liebe, Friede und Wohlstand. Darum, christliche Männer, erkennet euere Pflicht und euer Heil, lernet euch wieder beherrschen und einschränken, lernet wieder euere Freude und Er- holung im Kreise euerer Angehörigen in der eigenen Familie genießen. Dann wird sie erquickend für Leib und Seele, nützlich für Zeit und Ewigkeit. X. Der Mann und das Geld. „Geld regiert die Welt.“ Ein anderes Sprich- wort sagt: „Das Geld, was stumm ist, Macht g'rad, was krumm ist, Und klug, was dumm ist.“ Ja das Geld spielt eine große und wichtige Rolle in der menschlichen Gesellschaft; es hängt so eng zu- sammen mit manchen Erscheinungen auf dem religiösen und sittlichen Gebiete und übt bei Vielen einen so be- deutenden Einfluß auf ihre unsterbliche Seele, daß auch ein Ordensmann, der so glücklich ist, für seine eigene Person keinen einzigen Pfennig erwerben und besitzen zu dürfen, doch zu seinen Zuhörern und Lesern von der Bedeutung und dem Gebrauche des Geldes sprechen soll. Der Werth des Geldes wird von Vielen über- schätzt, aber auch von Manchen unterschätzt. Das sei der Gegenstand, den wir in diesem letzten Kapitel mit einander erwägen. 1. Viele Männer überschätzen den Werth des Geldes . Das Geld ist ihnen Alles: es ist ihr erster Gedanke am Morgen und ihr letzter am Abend; es schwebt ihnen vor in ihren Träumen während der Nacht. Das Geld besitzt ihre ganze Liebe. Nichts auf der weiten Welt ist ihnen theuerer als das Geld; sie lieben es mehr als ihr eigenes Leben, für das sie nur ganz kümmerlich sorgen. Geld ist das Ziel all' ihrer Pläne und Arbeiten; Geld, immer mehr Geld zu erwerben, das ist der einzige Zweck ihrer vielen Sorgen und Unternehmungen, mit denen sie sich beschäftigen, der Schweißtropfen, die so reichlich von ihrer Stirne fallen. Geld ist ihr einziger Stolz. Nur wer Geld besitzt, gilt etwas bei ihnen, hat Werth in ihren Augen. Darum blähen sie sich auf und sind hochmüthig, weil sie Geld besitzen, und sehen mit Ver- achtung auf Andere herab, die arm sind. Das Geld allein kann ihnen Freude und Wonne bereiten. Nichts ist im Stande, ihr Herz in so freudige Aufwallung zu bringen, als die Nachricht von einem bedeutenden Geld- gewinne; aber anderseits kann ihnen auch nichts so viel Schmerz und Trauer verursachen, als Geldverlust. Er kann sie völlig außer Fassung bringen und ihnen die schwärzesten Gedanken und Absichten nahe legen, mag dieser Verlust nach ihren Vermögensverhältnissen auch nicht besonders groß sein. Ja mehr wie einmal ist es vorgekommen, daß selbst Millionäre in einem solchen Falle Hand an's eigene Leben gelegt haben, obgleich sie trotz des Geldverlustes noch reiche Millionäre geblieben waren. Die unordentliche Geldliebe nun bringt, wenn sie all- gemein wird, der menschlichen Gesellschaft große Nachtheile. Sie untergräbt zunächst das religiöse Leben . Unsere heilige Religion verlangt, daß wir zuerst und vor Allem darnach streben, Gott zu lieben, ihm treu zu dienen und so uns die ewige Seligkeit zu sichern. Der göttliche Heiland richtet ja an uns alle die Mahnung: „ Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles Uebrige wird euch zugegeben werden .“ Die Geldliebe aber verlangt, daß man vor Allem seine Sorgen und Mühen dem Gelde zuwende. Unsere heilige Religion weist uns be- ständig auf das Beispiel unseres göttlichen Heilandes hin, der arm in einem Stalle geboren wurde, arm bis zum dreißigsten Jahre im Hause zu Nazareth lebte, arm während seiner öffentlichen Lehrtätigkeit von den Gaben barmherziger Menschen lebte, arm, äußerst arm am nackten Stamme des Kreuzes starb und arm in ein fremdes Grab gebettet wurde. Mit diesem Hin- weis will sie uns dringend auffordern, doch ja nicht unser Herz an das Geld und die irdischen Güter zu hängen, sondern an Güter, die Werth und Bedeutung haben für eine ganze Ewigkeit. Eine solche Sprache, eine solche Zumuthung ist der Geldliebe lästig; sie hat keinen Sinn für derartige Dinge. Darum meidet sie gern das Wort Gottes, sie hat keine Liebe zum Gottes- dienst, keinen Eifer für das Gebet, keine Treue in Haltung der Gebote Gottes und der Kirche. Das Geld ist der Gott des Geldmannes, ist das goldene Kalb, vor dem er anbetend auf den Knieen liegt. Das Geld zählen und betrachten, das ist sein Gebet und Gottes- dienst; die Tage, an denen er viel Geld einnimmt, das sind seine Festtage, die sein Herz in eine freudig ge- hobene Stimmung bringen. Ein reicher Mann, dessen Leben den Gütern dieser Welt gewidmet war, kam zum Sterben. Wie nicht selten, hatte man auch zu diesem Kranken den Priester erst in den letzten Augenblicken gerufen. Der Priester bot ihm die Tröstungen der heiligen Religion an. Doch der Kranke verachtete sie, wie er es im Leben gethan hatte. Der Priester sprach vom nahen Tode, von dem bevorstehenden Gerichte und der ewigen Vergeltung. Doch der Kranke blieb verstockt. Der Priester bat, be- schwor und drängte ihn mit aller Liebe und Geduld, sich an Gott zu wenden und auf seine Barmherzigkeit zu vertrauen. Da auf einmal begehrte der Kranke, man solle ihm sein Geld bringen. Man hoffte jetzt, er werde damit Anordnungen treffen, die zum Heile seiner Seele gereichten. Doch das war eine arge Täuschung. Der sterbende Geldmann nahm eine Münze, hob sie an seine Lippen, küßte sie und sprach: „Du bist mein Gott; auf dich setze ich meine Hoffnung.“ Bei diesen Worten hauchte er seine unglückliche Seele aus. Das Geld war sein Götze im Leben gewesen und blieb es im Tode. „ Der habsüchtige ist ein Götzen- diener .“ (Ephes. 5, 5.) Daß eine solche Gesinnung der Tod des christlichen Glaubens und Lebens ist, liegt auf der Hand. Die unordentliche Geldliebe untergräbt ferner die Gerechtigkeit und Wahrhaftig- keit . Weil der Geldmann nur darauf bedacht ist, Geld zu erwerben und reicher zu werden, so schreckt er gewöhnlich vor keinem Mittel zurück, wenn er nur seinen Zweck erreicht und der Strafe des weltlichen Ge- richtes zu entgehen hofft. Ein altes Sprichwort sagt: „Ein goldener Hammer sprengt eiserne Thore.“ Und König Philipp von Macedonien hat einst den Ausspruch gethan: „Keine Burg ist so verschlossen, daß ein mit Gold beladenes Maulthier sie nicht einnehmen könne.“ Ja dieser heidnische König scheint noch eine viel zu gute Meinung gehabt zu haben von den Männern, die das Gold unordentlich lieben. Denn bei Solchen ist nicht ein mit schwerem Gold beladenes Maulthier noth- wendig, um im Herzen die Festung des Gerechtigkeits- sinnes zu erobern, sondern viel weniger genügt dazu; manchmal sind schon ein paar Mark oder Groschen, ja selbst Pfennige dazu hinreichend. Gibt es nicht Männer, die von ihrer Geldliebe sich wegen eines kleinen Vor- theiles zur Ungerechtigkeit, zum Betrug oder Diebstahl bestimmen lassen; gibt es nicht Männer, die zur Lüge ihre Zuflucht nehmen, wenn sie dadurch nur drei oder vier Pfennige gewinnen können? Muß auf diese Weise nicht nach und nach aller Sinn für Wahrheit und Ge- rechtigkeit unter dem Volke schwinden? Wie traurig ist es aber bestellt um ein Volk, wenn diese beiden Grund- pfeiler der gesellschaftlichen Ordnung wanken, wenn kaum ein Bruder dem andern mehr trauen darf? Die Ueberschätzung des Geldes und die unordentliche Liebe zu demselben ertödtet die christliche Nächstenliebe in der Gesell- schaft . Wie schön wäre es, wenn echt christliche Nächstenliebe und Theilnahme für einander allgemein unter uns wohnte; wie herrlich, wenn wir alle mit einander eine große, glückliche Gottesfamilie bildeten, aus der Zank und Streit, Zwietracht und Uneinigkeit gänzlich verbannt wären? Hier ist es nun auch wieder die Geldliebe, die vielfach störend und äußerst nach- theilig wirkt. Sie macht das Herz hart und kalt, wie das Metall ist, welches man liebt. Wie oft erzeugt sie flammenden Haß und bitteren Neid, der nur auf Unheil und Verderben sinnt? Wie viele Feindschaften ruft sie hervor, die dann Jahre lang unterhalten wer- den? Wie viele Prozesse veranlaßt sie, die falsche Eid- schwüre und viele andere schwere Sünden im Gefolge haben? Ja verscheucht sie nicht von dort jegliche Nächstenliebe, wo man sie doch vor Allem erwarten sollte? Jeder nur etwas edel angelegte Mensch wird gerührt und ist zur Abhilfe bereit, wenn er seinen Nebenmenschen in großer Verlegenheit bemerkt, wenn er die Thräne der Wittwe oder ein armes Kind vor Kälte und Hunger zittern sieht. Nur der Geldmann bleibt kalt und herzlos bei diesem Anblicke; doch ich irre, auch sein Herz wird mächtig ergriffen, aber nicht von Schmerz und Mitleiden, sondern von teuflischer Lust und Freude; denn er hofft die Noth und die Ver- legenheit seines armen Mitmenschen auszubeuten, um für sich einen Geldgewinn zu machen. Sollte nicht Liebe und Einigkeit zwischen Geschwistern herrschen, die doch so eng mit einander verbunden sind? Dasselbe Blut fließt in ihren Adern; sie haben in einem und demselben Hause ihre Jugend zugebracht; eine und dieselbe Mutter hat ihre Liebe an sie ver- schwendet, hat sie mit Gott bekannt gemacht und zu ihm beten gelehrt; ein und derselbe Vater hat für sie seine Schweißtropfen vergossen und seine Kräfte und seine Gesundheit für sie zum Opfer gebracht. Doch die herzlose Geldliebe zerreißt dieses schöne Band, das die Geschwister mit einander vereinigen soll. Kaum sind die Thränen, die man am Grabe der kürzlich verstorbenen Eltern geweint hat, getrocknet, so bricht schon Zank und Streit aus zwischen Brüdern und Schwestern, weil man glaubt, bei der Erbschaft um einige Mark be- nachtheiligt worden zu sein. Sollte nicht wahre Liebe, nicht eine edle Neigung des Herzens den Ehebund schließen? Doch da will ein junger Mann, der das Geld unordentlich liebt, in den Ehestand treten. Worauf richtet er nun seine Aufmerksam- keit bei der Wahl seiner Lebensgefährtin? Vielleicht auf Frömmigkeit, auf Sittsamkeit und Bescheidenheit, auf einen guten, sanften und doch gediegenen Charak- ter? Nein, das ist ihm Nebensache. Geld ist der Magnet, der ihn anzieht. Wenn seine Braut nur so und so viele Tausende mit in den Ehestand bringt, dann ist er zufrieden und überlegt nicht weiter, ob er später auch mit ihr glücklich und tugendhaft leben könne. Er heirathet mehr das Geld, als die Person. Und befindet er sich im Ehestand, so bleibt ihm auch das Geld theuerer als Frau und Kinder. Er sorgt vielleicht nicht für ihren standesmäßigen Lebensunterhalt, ja läßt sie darben und Mangel leiden, um nur die Freude zu haben, eine größere Summe Geldes zählen zu können. Weil demnach die unordentliche Geldliebe die Reli- giosität, den Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit und die christliche Nächstenliebe ertödtet, so leuchtet ein, wie verderblich und nachtheilig sie für den einzelnen Men- schen und die ganze Gesellschaft ist. Wir begreifen des- halb das strenge „Wehe“ , das der göttliche Heiland und nach ihm die heiligen Lehrer über eine solche Ge- sinnung aussprechen; wir begreifen, ein wie großes Hin- derniß dieselbe sein muß für die Erreichung der ewigen Seligkeit. „ Kindlein, wie schwer ist es, daß die, welche ihr Vertrauen auf das Geld setzen, in das Reich Gottes eingehen !“ (Mark. 10, 24.) Darum müßt ihr, christliche Männer, euch hüten, euer Herz an das Geld zu hängen. Vergesset ja nicht, daß ihr nach kurzer Zeit Alles im Tode verlassen müßt. Möget ihr Tausende und Tausende, ja Millionen durch eueren Fleiß und euere Speculationen euch erworben haben, der Tod wird euch Alles bis auf den letzten Pfennig entreißen und euch arm machen, wie den ge- ringsten Bettler, der seine magere, zitternde Hand um ein Almosen nach euch ausgestreckt hat. Vergesset nicht, daß alles Geld im Gerichte nach dem Tode euch gar nichts nützen wird. Das Sprichwort mag wohl sagen: „Geld regiert die Welt“ ; aber Geld regiert sicher nicht die Ewigkeit. Menschen mögen wohl den Geldbesitzern schmeicheln und ihre Fehler übersehen, ja sogar noch loben; sie mögen mit Rücksicht auf das Geld derselben Recht und Billigkeit verleugnen, bei dem Richter nach dem Tode, bei Gott ist das sicher nicht der Fall. Er wird mit derselben ewig unbeugsamen Gerechtigkeit den mächtigsten Monarchen und den reichsten Millionär richten, wie den ärmsten Bettler mit zerrissenem Kleide, der keinen einzigen Pfennig sein Eigenthum nennen konnte. „ All ihr Gold und Silber wird ihnen nichts nützen am Tage des Zornes des Herrn .“ (Sophon. 1, 18.) Sorget dafür, daß ihr an diesem Tage, daß ihr im Gerichte vor Gott bestehen könnt. Möget ihr immerhin durch geregelten Fleiß und mit gerechten Mitteln euch irdische Güter erwerben und so den Kindern ein euerem Stande entsprechendes Erbe hinterlassen; das ist euere Pflicht und Schuldigkeit. Doch vor Allem richtet euere Aufmerksamkeit und euer Streben dahin, durch ein gutes christliches Leben euch Schätze und Reichthümer für die Ewigkeit zu erwerben; denn „ was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet ?“ (Matth. 16, 26.) 2. Viele Männer unterschätzen aber auch den Werth des Geldes . Auch ein guter, eifriger Christ, der mit Ernst nach den ewigen Gütern strebt, kann und darf sagen: Das Geld hat einen hohen Werth. Zwar ist es an und für sich nur glänzender Staub; doch durch die Schätzung der Menschen erhält es Werth und Bedeutung. In den meisten Fällen wird ohne Geld nicht viel Großes erreicht. Gewiß ist für die Gesellschaft die Pflege der Wissenschaft sehr wichtig; doch will man die Wissenschaft wirksam fördern, so geht das nicht ohne Geld. Man braucht Geld, um wissen- schaftliche Anstalten zu gründen, Geld, um die Lehrer und Professoren hinreichend zu besolden, daß sie frei und ohne andere Sorgen sich den Studien widmen, Geld, um die Bücher berühmter Männer anzu- schaffen, Geld, um neue Werke, die Frucht lang- jähriger Arbeiten und Forschungen, der Oeffentlich- keit zu übergeben. Ohne Geld gerathen Wissenschaft und Bildung bald in Rückgang und Verfall. Aehnlich ist es mit Handel und Industrie, ähnlich mit der Ver- waltung und Regierung eines Landes, ähnlich auch mit der Familie. Ohne Geld kommt man in derselben nicht zurecht. Man braucht Geld für die täglichen Bedürf- nisse, für Nahrung, Kleidung, für die Einrichtung des Hauses, für die Kinder, welche für ihr späteres Leben etwas Tüchtiges lernen sollen. Welche wichtige Dienste erst leistet das Geld, wenn eine Krankheit ihren Ein- zug in die Familie hält, wenn z. B. der kranke Vater Wochen oder Monate lang arbeitsunfähig wird? Wie überaus traurig ist es dann in einem solchen Hause bestellt, wenn man nicht früher in besseren Tagen sich durch Sparsamkeit eine Summe Geldes zurückge- legt hat? Ja noch höher haben wir den Werth des Geldes anzuschlagen. Selbst wo es sich um übernatürliche Güter, wo es sich um das Reich Gottes und das heil der unsterblichen Seelen handelt, hat das Geld seine große Bedeutung. Unsere heilige Kirche gründet gerne Spitäler, in denen nicht bloß für den Leib, sondern auch für die Seele der Kranken und Altersschwachen Sorge getragen wird; sie baut gerne Waisenhäuser, in denen arme Kinder, die früh Vater und Mutter ver- loren haben, eine gute, gediegene christliche Er- ziehung erhalten und so zu tüchtigen, braven Menschen herangebildet werden, arme Kinder, die ohne diese Er- ziehung im Waisenhause vielleicht als verkommene Sub- jecte die Geißel der Menschheit geworden wären. Um aber Spitäler und Waisenhäuser erbauen, um Kranke und Verlassene pflegen, um arme Kinder unterrichten und erziehen zu können, muß die Kirche Geld besitzen, bedarf sie, die man ihrer Güter beraubt hat, der mil- den Gaben ihrer barmherzigen Kinder. Unsere Kirche sendet gerne ihre glaubensmuthigen Missionäre zu den heidnischen Völkern, um ihnen das himmlische Licht des Evangeliums zu bringen. Die Missionäre müssen Kirchen und Kapellen errichten, müssen Schulen und Anstalten der christlichen Liebe gründen, damit das Christenthum festen Boden gewinne im Lande heidnischer Finsterniß. Das Alles bringen sie nicht zu Stande ohne Geld, mögen sie für ihre Person auch noch so tüchtige Männer und heilige Priester sein. Und wie viel Gutes kann der einzelne Christ, der vom Geiste Jesu beseelt ist, mit seinem Gelde wirken? wie viele Verdienste sich sammeln für die Ewigkeit durch seine Almosen, die er in die Hände der Armen und Nothleidenden fließen läßt, durch seine Spenden, die er zu guten, wohlthätigen Zwecken hingibt? So gereicht das Geld, das Viele in's Verderben bringt, ihm zum Heile und verhilft ihm zu einem gnädigen Gerichte; denn „ die Barmherzigkeit ist erhaben über das Gericht “ . (Jacob. 2, 13.) Und der göttliche Heiland selbst sagt: „ Machet euch Freunde mit- telst des ungerechten Mammons, damit , wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen .“ (Luk. 16, 9.) So muß man also gestehen, daß das Geld einen hohen Werth besitzt und nach dem Willen Gottes zu Erreichung edler und guter Zwecke dienen soll. Doch wie Viele gibt es in der christlichen Männerwelt, die von dieser großen Bedeutung des Geldes keine Ahnung zu haben scheinen? Wie viele Jünglinge, die es leicht- sinnig verschwenden, als wäre es leere Spreu und nich- tiger Straßenstaub? Man denke nur an die vielen und großen Ausgaben für das Wirthshaus, für Ver- gnügen und Thorheiten, denen man sich überläßt? Wie manche junge Leute haben durch diese Nichtachtung und Verschwendung des Geldes ihr späteres Lebensglück verscherzt? Wie viele Männer und Väter in unseren Tagen, die sich desselben Fehlers schuldig machen? Weil sie eine Familie zu ernähren und für die Zu- kunft ihrer Kinder zu sorgen haben, besitzt für sie das Geld einen doppelt hohen Werth und sollten gerade sie die Worte der heiligen Schrift recht beherzigen und gewissenhaft erfüllen: „ Was du ausgibst, das zähle und wäge .“ (Sprüchw. 42, 7.) Und doch wie leichtsinnig und unchristlich gehen sie mit dem Gelde um? Wie viel verausgaben sie von ihrem Arbeits- lohne und ihren Einkünften für die Befriedigung ihrer unabgetödteten Leidenschaften, für ihre Erholung und Zerstreuung? Wie viel wird in ihren Familien ver- schwendet für Tand und Flitter? Doch noch mehr Männer gibt es, die den höheren Werth des Geldes nicht kennen, den Werth, welchen es für die Seele, die Ewigkeit und das Reich Gottes be- sitzt. Kännten sie diesen Werth, dann würden sie mehr Werke der christlichen Barmherzigkeit verrichten; sie würden bessere Beiträge für die Missionen, für christ- liche Vereine, für wohlthätige Anstalten und Kirchen- bauten geben; sie würden sich dann mehr einschränken in ihren Bedürfnissen, weniger Ausgaben machen für Wein und Bier, für Tabak und Cigarren und der- gleichen Dinge. Möchten auch in dieser Beziehung unsere Männer wieder christlich denken und handeln; möchten sie einerseits den Werth des Geldes nicht über- schätzen, aber auch anderseits nicht unterschätzen; denn Beides ist verderblich und unchristlich.