Johann Bernhard Muͤllers, Koͤnigl. Schwedischen Drag. Capitain, Leben und Gewohnheiten Der OSTIACKEN, Eines Volcks, das biß unter dem Polo Arctio wohnet, wie selbiges aus dem Heydenthum in diesen Zeiten zur Christl. Griechischen Religion gebracht, Mit etlichen curieusen Anmerckungen Vom Koͤnigreich Siberien Und seinem Freto Nassovio oder Weigats , Jn der Gefangenschafft daselbst beschrieben und anjetzo mit einer Vorrede versehen. BERLJN, Bey Christoph Gottlieb N icolai , 1726. Vorbericht. O B man zwar da- fuͤr halten solte, daß der bewohnte Erd-Creiß nach gerade so genau durchkrochen, daß wenigstens in unserem Eu- ropa kein Volck mehr uͤbrig, welches uns nicht bekannt sey, und aus dem abgoͤtti- schen Heydenthum errettet worden; So wird der ge- neigte Leser doch in dieser cu- )( 2 rieu- Vorbericht. rieusen Beschreibung ein sol- ches Exempel finden, daran man nicht sonder Verwunde- rung das Gegentheil siehet. Denn hieꝛin weꝛden die bißhe- ro gar unbekandten Ostia- cken , ein besonderes Volck des wilden Siberiens, welches einen grossen Theil der Ein- wohner dieses weitlaͤufftigen Reiches ausmachet, nicht al- lein nach allen Umstaͤnden sehr sorgfaͤltig beschrieben, sondern es wird auch ein kur- tzer Bericht ertheilet, wie sie anno 1712. nachdem sie schon vorhero der Regierung Jhro Czaa- Vorbericht. Czaarischen Maj. einverlei- bet worden, zum Christlichen Glauben angewiesen. Der Autor , so ein gelehrter Schwedischer Offici rer, hat sehr gute Gelegenheit gehabt, dieses Volcks wegen sich ge- nau zu erkundigen, und giebt deßwegen von allem Merck- wuͤrdigen desto sichere Nach- richt. Das gantze Werck ist in vier Capitel verfasset, von welchen das erste die Gegend von Siberien, woselbst die Ostiacken ihren Auffenthalt haben, deutlich beschꝛeibet, und von ihrem Nahmen, Uhr- )( 3 sprung, Vorbericht. sprung, Sprache und Gestalt uns kuͤrtzlich berichtet. Jhre wunderbahre Lebens - Art wird hiernechst im andern Capitel ausfuͤhrlich gezeiget, und mit ihrer Erziehung, Speise, Wohnung, Fuhr- werck, Kleidung, Regierung, Kranckheit, Ehestand und Begraͤbniß gar merckwuͤrdig erlaͤutert. Von ihrer Religi- on und ungeheurem Goͤtzen- dienst, ihren seltsamen Goͤ- tzen-Bildern, und derselben ungewoͤhnlichen Verehrung und Beschimpffung, ihren Pfaffen, Wahrsagen, Opf- fern, Eydschwuͤren und der- glei- Vorbericht. gleichen Seltenheiten, findet man das dritte Capitel ange- fuͤllet. Worauf endlich das vierdte den Anfang ihrer Bekehrung zur Christlichen Griechischen Religion kuͤrtz- lich anzeiget. Dieses alles ist voller merckwuͤrdigen Din- gen, welche sowohl in der Hi- storia natur ali als curiosa ih- ren Platz behaupten koͤnnen, wovon die Beschreibung des greßlichen Thieres, so die Ein- wohner Siberiens Mamont nennen sollen, ein Beweiß seyn mag. So ist auch was sonderliches, daß dieses un- )( 4 wis- Vorbericht. wissende Volck die alte Mey- nung von der Metempsy- chosi , oder der Seelen Wan- derschafft in unterschiedliche Leiber, so fest eingesogen, daß sie deßfalls einem erschlage- nen Baͤren gar sonderbahre Abbitte thun, und ihn um Vergebung bitten, daß Sie den Pfeil abgedruckt, der ihn getroffen. Dergl. ist auch zu verwundern, daß keine Wild- nis bey diesen Leuten die See- le so sehr verwildern koͤnnen, daß Sie nicht die Hoffnung eines kuͤnfftigen Lebens uͤbrig behalten, woraus man ge- nug- Vorbericht. nugsam siehet, daß solches Licht in der Natur selbst sehr tieff muͤsse gegruͤndet seyn. Wie sehr interessi ret aber die Menschen von Natur bey ih- rem Gottesdienst insgemein zu seyn pflegen, und wie Sie deßfalls mit ihrem Schoͤpffer umgehen, kan man aus der Historie dieses Volcks gar deutlich aufdecken. Denn der Autor erzehlt von ihnen, daß Sie ihren Scheitan und Fisch-Goͤtzen, wenn er ihnen auf vorhergegangenes Bit- ten sofort keinen reichen Fisch- Fang bescheret, sehr uͤbel tra- )( 5 ctiret Vorbericht. ctiret, ihn heßlich ausgeschol- ten, hart gepeitschet, und in ein garstig Loch geworffen, biß Sie wieder einen guten Fang gethan haͤtten, da Sie ihn wieder hervor suchten. Eben so sind die meisten Men- schen auf subtile Weise gegen den lebendigen GOtt gear- tet, daß sie ihn im Gluͤck und Wohlstand ehꝛen, aber im Un- gluͤcke und Mangel nur wider ihn murren wollen. Doch der geneigte Leser wird bey Durchlesung dieses kleinen Tractats noch mehres finden, so ihn zu mancherley Nachsin- nen Vorbericht. nen wird anleiten koͤnnen. Weil aber zugleich an diesem Volck ein lebendiges Exem- pel des menschlichen Elendes, darin er von Natur und ausser dem wahren Erkaͤnntnis GOttes stecket, zu sehen ist, so wird der Nutzen dieser Histo- rischen Beschreibung so viel groͤsser seyn, wenn man dar- aus Gelegenheit nehmen wiꝛd, sich zu desto mehꝛer Veꝛ- gnuͤgsamkeit zu gewehnen, je tausendmahl mehr commodi- te man fuͤr diesen armseeligen Leuten hat, wenn man auch nur im Bauren- und Bett- ler- Vorbericht. ler-Stande leben solte. Da man denn auch siehet, wie nunmehro diesem blinden Volck einiges Licht in der Christlichen Religion aufge- gangen, so kan man der wun- derbahren goͤttlichen Fuͤrse- hung tieffes Geheimniß zu- gleich bewundern, daß endlich auch zu diesem Ende der Er- den die Fuͤsse der Boten kom- men, die des HErrn Nahmen predigen, und in diesem fin- stern Winckel der Welt die heydnische Goͤtzen verstoͤhren, und des Teuffels Werck zu nichte machen muͤssen. Wir wuͤn- Vorbericht. wuͤnschen bald mehrere Nach- richt von dem guten Fort- gang dieser Sachen zu ver- nehmen; indessen der geneigte Leser dieses zu seinem Seegen gebrauchen, und in GOtt jederzeit vergnuͤgt le- ben wolle. Das Das erste Capitel. Von der Beschaffenheit des Koͤnig-Reichs Siberien/ und dem Herkommen der Ostiacken. § 1. E S haben sich bißhero keine frembde/ und gar wenig einhei- mische Scribenten unterwunden/ so wenig von dem gantzen Siberi- en/ als insonderheit von diesem Volcke/ das unter einem so rauhen Climate sich eingenestet hat/ eine particulaire Nachricht zu geben; Geschweige daß bey der Ostiacki schen Nation, die weder vom lesen oder schreiben etwas weiß/ einige Ur kunden ihres Alterthums und De- rivation ihres Geschlechtes selten anzutreffen seyn. Die Schuld liegt vermuthlich daran, A daß daß die Einheimische von einem so kalten und wuͤsten Orte ihnen nicht haben die Muͤhe neh- men wollen, eine Beschreibung aufzusetzen/ und denen Fremden hat diese Laͤnder zu besuchen so wohl die Erlaubniß/ als die Lust zu einer so un- lustigen peregrination gefehlet. Doch wuͤrde es der Muͤhe wol wehrt seyn/ einige Eigen- schafften von dieser Gegend und dem darin woh- nenden Volcke/ der curieusen Welt zu entde- cken/ bey diesen Ereigungen/ da einem solchen armseligen Volcke das Licht des Evangelii am Abend der Welt zu scheinen beginnet. §. 2. Das Koͤnigreich Siberien mit der Nordlichen und Nord-Ostlichẽ Seite der Welt- Kugel/ von dem 55. grad. latit. anzurechnen/ von deꝛ Haupt-Stadt biß an die Zonam frigidam Se- ptentrionalem, wo man bißheꝛo nicht weiteꝛ kom- men koͤnnen, beschließt gegen Morgen Mangasea, wo die Samogiten und Svetohci leben/ Suruchan \& c. und endiget sich an Kamschatki, einem Lande das vor 20. Jahren ohngefehr entdecket/ und dem Rußischen Reiche unterwuͤrffig gemacht wor- den. An der Mittaͤglichen Seite graͤntzet die letzte Stadt Jerkutski an dem Chinesi schen Rei- che. Gegen Abend endiget es sich an dem Mon- galen, Ajakai schen/ Kontaisi schen (welche beyde letztere von ihren 2. Puissancen Ajuka und Kon- tai sch die Benennung haben) und Buchari schen Tartarn, die dem Kontai sch unterwuͤrffig. Die letztere werden vor kluge und civilisirt e Leute ge- halten/ halten/ und sollen der Lebens-Art der Chinesi- schen in allem sehr nahe kommen. §. 3. Ein alter Rußischer Anonymus, giebt von Siberien en general diesen Bericht/ welches im Teutschen uͤbersetzet folgender massen lau- tet: Siberien ist eine mitternaͤchtliche Seite, und liegt von Moscau 2000. Wuͤrst. Die viele und hohe steinerne Gebuͤrge/ so sich biß unter die Wolcken strecken/ scheiden dis Koͤnigreich und Rußland von einander. Diese Berge sind durch GOttes Fuͤrsehung wie eine Mauer beve- stiget, und wachsen darauf allerhand Baͤume/ Cedern und dergleichen. Die Einwohner fan- gen Thiere von unterschiedener Art, zur Beklei- dung und Zierath vor die Menschen. Die/ welche sie zur Kleidung gebrauchen, sind Elende/ Rehe, Hirsche, Haasen. Zum Zierath aber/ Bieber/ Vielfrasse/ Grauwercke/ Zobeln/ Fuͤchse und deꝛgleichen. Aus obgedachten Bergen und Felsen fliessen auch heraus viele Stroͤme/ deren einige in Rußland, einige aber in Siberien fallen. Und ist es kein geringes Wunder/ daß aus so hohen Felsen so grosse Stroͤme und so suͤsses Wasser quellen koͤnne/ die eine Menge von allerhand Fischen in sich beschliessen. Der erste Strom so in Siberien fließt, heist Tura, seine Bewohner sind die Vogulitzen, die ihre eigene Sprache haben/ und den Teuffel in ihren Goͤtzen anbeten; der andere Strom heist Tagill, der dritte Nitza, und kommen die drey Stroͤme in einer Muͤndung zusammen. Der Ort aber A 2 wo wo sie zusammen stossen/ heist noch immer Tura, biß er in die Tobol faͤllt/ und da wohnen die Tar- tarn. Tobol faͤllt in die Irtis, Irtis aber in den grossen Obi. An diesen Stroͤmen wohnen viele Heydnische Tartarn, Calmucken, Mongalen, die Piejaga, Horda, Ostiacken, Samogiten und dergleichen Heyden/ die von GOtt nicht wissen. Die Tartarn sind Mahometi sch, die Calmucken aber halten ein Gesetz, welches die Eltern denen Kindern vorschreiben/ den rechten Grund weiß keiner hievon/ massen keine Schrifft bey ihnen gefunden wird. Die Piejaga, Horda, Ostia- cken und Samogiten beten die Abgoͤtter an/ sie leben sonder Gesetze/ opffern und bringen denen selbst gemachten Goͤtzen Gaben/ und bilden sich ein/ daß sie von denen Goͤtzen den Auffenthalt ih- rer Nothdurfft und Nahrung haben. Sie essen auch nicht was menschlich ist/ sondern roh Fleisch/ und Aaß von allerhand Thieren unge- kocht/ Graß und Wurtzeln/ sie wissen von keinem Brodt/ und trincken Blut wie Wasser. Der grosse Strohm Obi laufft in die Guba Manga- sea. Die Guba hat eine Oeffnung/ und laufft im grossen Oceano um/ und bey dieser Muͤndung sind grosse Eyß-Berge von alters her/ und thau- et die Sonne selbige nimmer auf/ sondern wer- den denn und wenn vom Winde erschuͤttert, es kan auch niemand dahin kommen/ daher alles unbekannt ist. (biß hieher der Anonymus. ) §. 4. Ob nun Siberien von Anfange diesen Nahmen gefuͤhret/ kan man nicht eigentlich wis- sen. sen. Dis aber melden etliche Scribenten, daß ein Siberi scher Fuͤrst/ Nahmens Mahmet, ihm an dem Fluß Irtis habe eine Stadt erbaut/ die er Sibir genannt, welches auf Tartari sch so viel heissen soll, als die vornehmste/ und sey nachge- hends das gantze Land unter dem Nahmen Sibe- rien betitult. §. 5. Von den Regierungen dieser Fuͤrsten/ hat man hin und wieder folgende Nachricht. An dem Flusse Ischim, der in die Irtis faͤllt/ regierte ein Czaar oder Koͤnig/ Nahmens On, Mahometi- scher Religion. Zingidi ein gemeiner Unter- than/ war mit seiner Regierung nicht zu frieden/ sondern brachte das gemeine Volck auf seine Seite; Er jagte den Koͤnig On von Land und Leuten/ und bemeisterte in kurtzen sich des Koͤnig- reichs/ nachdem er On erwuͤrget hatte. Er fuͤhrte seine Regierung gar gluͤcklich, und wie ihm nach wenig Jahren berichtet wurde/ daß des ermordeten Ons Sohn Taibuga, vermittels der Flucht echapi ret sey/ und bey denen Untertha- nen sich unbekannt aufhielte/ nahm er ihn mit Hoͤfflichkeit auf/ und beschenckte ihn mit einem Fuͤrstenthum. Taibuga blieb einige Jahre bey Hofe/ gewann des Zingidi Gnade durch seine gute Auffuͤhrung/ solcher gestalt/ daß er ihm auch eine Armée anzufuͤhren vertrauete. Womit dieser junge Herr sich die Irtis hinauf nach dem Obi Fluß begab/ und nach erhaltenem Siege mit grossem Raube bey Zingidi sich wieder einfunde. Hierdurch setzte er sich bey dem Koͤ- A 3 nige nige in solchen Credit, daß er ihm auch erlaubte zu wohnen/ wo es ihm beliebte. Sothanen Vorschlag schlug Taibuga nicht aus/ sondern begab sich mit seinem Hauffen und Angehoͤrigen an den Fluß Tura, bauete ihm eine Stadt, und nannte sie Onzingiddin, auf demselbigen Platz/ wo Tumeen heutiges Tages stehet. § 6. Zingiddin starb ohne Erben/ und ließ das Reich dem Taibuga. Diesem folgte sein Sohn Chod, nach Chod dessen Sohn Mar, Mar verheyrathete sich mit des Casani schen Koͤniges Upaks Schwester/ welcher den Mar mit Krieg uͤberzog/ sein Reich einnahm/ und sich in Siberien niederließ. Er regierte viele Jahr/ biß die beyde Soͤhne des Mar, Nahmens Obder und Jerbelak natuͤrlichen Todes sturben/ und des Obders Sohn Mahmet ihm eine Macht zu wege brach- te/ womit er den Casani schen Upak uͤbern Hauf- fen warff/ ihm das Leben nahm/ und die Stadt Onzingiddin, die Taibuga an der Tura ge- bauet/ schleiffete. Er begab sich auch weiter in Siberien, und bauete ihm eine Stadt an dem Flusse Irtis, die er Sibir nannte/ welche nachge- hends von den Russen besser angelegt und Tobolski genannt wurde. Jhm folgete Jerbe- laks Sohn/ Agy sch. Diesem Mahmets Sohn/ Kusim, dessen Soͤhne waren Götiger und Bek- bula, welche von dem Czaaren Kutsium, einem Fuͤrsten der Kosaki schen Horden, getoͤdtet wur- den. §. 7. Kutsium nahm das gantze Siberien ein/ und und nannte sich ersten Koͤnig davon. Seine Re- ligion war Mahometi sch. Er hatte nicht lange dem Reiche vorgestanden, als ein Hettmann oder Befehlshaber, Nahmens Germak Thimophe- witz, (welcher eine Zeitlang mit seinen Cossaken laͤnast der Wolga streiffete/ und von seiner Czaa- ri schen Majest. Jwan Wasiliovvitz in solche Enge getrieben wurde/ daß nachdem unterschiedene seiner Leute im Raub ertappt, und zur Justice ge- zogen wurden, er selbst aber mit 540 Cossaken nach Solikamski die Flucht genommen hatte, und von dorten in Siberien sich begeben) mit seinen Cossaken den Kutsium in unterschiedenen Hand- Gemengen uͤbern Hauffen warff/ und von Land und Leuten verjagte. Weil aber dieser Germak selbiges Koͤnigreich zu maintenir en unvermoͤ- gend zu seyn sich urtheilete/ auch ohnedem eine Aussoͤhnung bey seiner Czaari schen Majest. ver- langte/ uͤbertrug er dem Rußischen Scept er ver- mittelst seiner Gesandten dis Reich/ und erhielte sein Propos. Das Koͤnigreich aber wurde mit etlichen Russen besetzt/ und durch Woivvoden re- gieret, Tumen und Tobolski in bessern Stand gesetzt/ und diese Nahmen ihnen beygeleget. §. 8. Das Land an sich selbsten ist reich an Minerali en und Metall en/ insonderheit von Kupffer und Eisen/ das Kupffer wird an vielen Oertern in schoͤnen Handsteinen gefunden/ so die Natur zu Tage austreibt. Weil aber noch keine Anstalt gemacht ist/ zu ordentlicher Be- reit und Einrichtung der Bergwercke/ als ha- A 4 ben ben die Einwohner auch noch zur Zeit wenig Nu- tzen davon; Eisen aber wie auch Stahl hat man hier zur Gnuͤge/ und von ziemlicher Guͤte. Es sind auch hin und wieder gute Anzeigungen von Silber-Ertz, wie dann zu Argun Se . Groß-Czaarische Majestaͤt schon ein Werck an- legen lassen, wie viel aber die jaͤhrliche Aus beu- te sich betraͤgt/ kan man noch eigentlich nicht wissen/ weil das Werck zu seiner perfection noch nicht gediehen. §. 9 Jn den hohen Gebuͤrgen bey Werka - turia findet man sehr viel Crystall/ welches viel haͤrter als an andern Oertern Europæ, und dem unechten Jaspis ziemlich gleich ist. Der O - bi wirfft allerhand saubere Steine an seinem Uf- fer aus, worunter man klare und durchsichtige/ rothe und weise Steine findet/ denen Agath en nicht ungleich. Die Russen graben darinnen Blumen und Figur en/ und fassen selbige in ihre Ringe. §. 10. Unter vielen andern curieus en Merck- wuͤrdigkeiten/ so meines Wissens sonst an kei- nem andern Ort in der Welt gefunden wer- den/ als in Siberien alleine/ ist insonderheit das von denen Einwohnern so genandte Mamont, welches hieselbst an vielen Orten in der Erden gefunden wird. Es siehet fast in allen Stuͤcken dem Helffenbein gleich an Farbe und Wachs- thum/ man findet es mehrentheils an sandich- ten Oertern. Viele von denen Einwohnern hal- halten es vor Elephanten Zaͤhne/ so seit der Suͤndfluth in der Erden gelegen. Einige der Unsrigen meynen/ es sey das bekandte Ebur fos- sile, und also ein Gewaͤchs der Erden, wie ich denn lange in derselben Opinion auch gestanden. Noch finden sich viele welche vorgeben/ es waͤ- ren Hoͤrner eines in den sumpfichten Hoͤlen und Loͤchern der Erden lebenden sehr grossen Thie- res/ welches im Schlamm seine Nahrung haͤt- te/ und mit diesen Hoͤrnern den Koht und die Erde von sich wegarbeite/ wenn es aber also unterdessen in eine sandichte Gegend kaͤme/ koͤnte es wegen des stets nachschiessenden San- des/ und seiner ungeheuren Groͤsse sich nicht wie- der umwenden, sondern es muͤste also bestecken bleiben und verrecken. Jch habe viele gespro- chen/ welche hinter Beresova in den Speluncken des hohen Gebuͤrges dergleichen Thiere gesehen zu haben hoch betheuren/ deren Gestalt sie sehr abscheulich beschreiben/ nehmlich sie sollen 4. à 5. Arschin hoch/ und ohngefehr 3. Faden lang seyn. Graulicht von Haaren/ eines laͤnglich- ten Kopffes/ und einer sehr breiten Stirn, an der Seiten derselben/ sollen diesem die Hoͤrner gleich uͤber die Augen siehen/ doch so/ daß sie dieselben von einer Seite zur andern bewegen/ und Creutzweise uͤber einander schieben koͤnnen. Jm Gehen sollen sie sich sehr lang strecken/ auch wiederum kurtz zusammen ziehen koͤnnen. Jh- re Beine sollen nach advenant im Wachsthum seyn/ wie die Baͤren-Fuͤsse; Bey allen diesen A 5 Er- Erzehlungen ist dennoch ungewiß/ was man davon eigentlich glauben solle/ weil diese Nation sich keine Muͤhe giebt/ der Wahrheit recht nach- zuforschen/ wie sie leicht thun koͤnte/ auch auf keine Curiosite groß achtet/ wo sie keinen son- derbahren grossen Nutzen dabey findet/ woran sie hart gebunden seyn. Daß es aber keine E- lephanten-Zaͤhne seyn koͤnnen, erhellet daraus/ weil in diesem Lande dergleichen Thiere gantz unbekannt sind/ auch wegen des kalten Climatis, darin nicht seyn koͤnnen/ diese Zaͤhne oder Hoͤr- ner aber an den kaltesten Oertern in Siberien, als bey Jakutski, Beresova, Obder, Mangajea, am meisten gesunden werden . Noch laͤcherli- cher ist es zu glauben/ daß sie Zeit der Suͤnd- fluth daselbst in der Erden gelegen haben; Daß es auch das bekandte Ebur fossile, oder ein in der Erden von der Natur operirt es Gewaͤchs seyn solte, haͤtte wol mehr wahrscheinliches an sich. Denn so bezeiget ja auch die taͤgliche Erfahrung/ daß die Erde ein gleiches in ihrem Schooße bil- de/ was sie ober sich tragen und ernaͤhren muͤs- se/ und findet man in Engeland und Sicilien, daß die Einwohner aus Mangel des Waldes/ das Holtz aus der Erden graben/ weiches von Jahr zu Jahr/ in der Erde zuwaͤchst/ auch fin- det man Kohlen in der Erde/ imgleichen Saltz in und auf derselben. Und warum koͤnte die sinnreiche Natur nicht eben ein Helffenbein o- der Knochen an diesen Oertern so wol als an- dern hervor bringen. Alleine die wunderlichen Merck- Merckmahle von diesem beschriebenen Thiere/ werffen auch diese raison uͤbern Hauffen/ denn weil man offt solche Hoͤrner findet/ die an der Erden noch gantz blutig seyn/ auch durchgehends an allen die Wurtzel hohl/ und mit solcher Ma- terie angefuͤllet/ wie ein verstocktes Blut, eini- ge mahl auch die Hirnscheitel und Kinnbacken mit unglaublichen Backen-Zaͤhnen dabey gefun- den worden, von denen man schwer zu urtheilen/ ob sie von Knochen oder Stein, oder keinem der selben/ sondern eine unbekannte Materie seyn/ und habe ich vielmahlen/ nebst unterschiedenen meinen mitgefangenen Cameraden dergleichen Backen-Zaͤhne gesehen, die uͤber 20. à 24. Pfund und noch mehr koͤnten wiegen. Man findet von gedachten Hoͤrnern einige/ so uͤber 80. biß 90. Pfund schwer sind. Die Einwoh- ner wissen davon allerhand Arbeit zu machen/ und ist solches in allen Stuͤcken unserm Elfenbein gleich/ nur daß es viel sproͤder ist, auch leicht seine weise Farbe veraͤndert und gelb wird/ wann es ins Wasser oder Hitze kommt. § 11. Das unvergleichliche Muscus - Thier macht sich oͤffters uͤber die Graͤntzen Siberiens; Es soll von der Groͤsse eines Rehes seyn, und erzehlet man von ihm/ daß unterweilen in der Brunst fuͤr gar zu hefftiger Geilheit ihm der Nabel springet, daß das Blut haͤuffig heraus fliesse/ alsdeñ die Waͤlder von dem angenehmsten Geruch angefuͤllet werden. Und ist der Mus- cus- Sack nicht ein Testicul dieses Thieres/ wie biß- bißhero der irrige Wahn gewesen/ sondern sein Nabel ist eigentlich die Behaͤltnis dieses treffli- chen parfums. §. 12. Noch wird hieselbst auf den hoͤchsten Gebuͤrgen und Felsen ein seltzames Mineral gefunden, so sie Kamine Masla Stein-Butter nennen, dieses schwitzet bey der Sonnen- Waͤrme aus solchen Feisen/ und setzet sich wie ein weißgelber Kalch an dieselbe an; Es dis- solvir et sich im Wasser wie ein ander Saltz, und hat einen vitrioli schen sehr astringiren den Ge- schmack/ man will ihm viele Wuͤrckung zu- schreiben, und bedienen sich hiesige Einwohner dessen in vielen Kranckheiten/ sonderlich in der dissenterie, wiewol es unserm Magen nicht so gar wohl bekommen duͤrffte, auch meines Wis- sens von denen Unsrigen nicht gebraucht worden. Daß aber die Russen gefaͤhrlichere Mittel brau- chen/ siehet man daraus, daß sie in ihren Fran- tzosen- Curen, den Mercurium sublimatum essen/ entweder ohne Vehiculo, oder auch in einem sau- ren Brey von Habermehl gekocht/ und auf die Kranichs-Augen einen starcken Eßig giessen/ den sie eine Zeitlang in der Waͤrme stehen las- sen/ wovon sie denen mit dieser Kranckheit infi- cirt en einen Trunck alle Tage geben/ welcher von solcher Wuͤrckung ist, daß er alle Schaͤrf- fe aus den Knochen und dem Gebluͤthe ziehet/ und in einigen Wochen die Patienten gluͤcklich curir et; Es greifft dieser Trunck die Leute so an/ als wenn sie 2. à 3. Stunden starck be- soffen soffen waͤren; Nehmen sie aber zu viel/ so em- pfinden sie gleich Zerruttung/ als waͤren sie von der Schweren Noth geplaget, die ihnen Fuͤsse und Haͤnde zusammen ziehet/ welches aber ein Glaß Brandtwein wieder stillet. Dabey brauchen sie gar keine Diæt, sondern gehen wenn dieser paroxismus vorbey/ wieder in die freye Lufft. §. 13. Wir wenden uns zur Ostiacki schen Nation, die sich anfaͤngt 3. Tage-Reise von der Haupt-Stadt Tobolski in Siberien, und brei- tet sich aus laͤngst dem Fluß Irtis, wo er in den Obi faͤllt, von dannen theilet sie sich gegen er- wehnten Obi biß Natim, der andere Theil er- streckt sich laͤngst mit demselbigen Flusse bey Sa- maroff, Ketskoi, Kasim, Beresova, und so weiter biß an die Guba oder Golfo, von der Guba aber an das bekandte Fretum Weigats o- der Nassovium. Dis Volck breitet sich aus bey den haͤuffigen Fluͤssen/ die in den Obi gegen Abend fallen, als Conda, Lappinsesva, Sob und dergleichen; An der Conda haben sie zu Nachbahren die Vogulitzen, und bey dem freto gegen Morgen die Samogit en. § 14. Der Obi ist einer von den groͤssesten und notabelsten Fluͤssen Europæ, zumahlen die Geographi insgemein die Graͤntzen Europæ ge- gen Norden an diesem Fluß zu seyn gesetzet. Er giebt nicht allein die reichlichste Nahrung denen Ostiacken, sondern versorget auch mit seinen mañigfaltigen Sorten von Fischen einen grossen Theil Theil der Einwohner Siberiens. Seine Ufer umgiebt mehrentheils ein dicker Wald/ und fin- det man selten eine Flaͤche/ er macht hin und wie- der eine ziemliche Anzahl kleiner Insuln, die we- der bebauet noch bewohnet sind. Zuforderst fliesset er in einen Golfo, den die Russen Guba- tassavskoja nennen §. 15. Diese Guba ist eine Zusammenstos- sung vieler Fluͤsse/ welches Wort im Sclavoni- schen eigentlich diese Bedeutung hat. Und fließt nicht allein darin die Obi, sondern auch die Teusse, Nadim, Pu r und Tass. Sie ist uͤber- aus groß, und wie man davor haͤlt/ wol einige 100. Meilen lang, und wol 20. Meilen/ wie wol an allen Orten nicht gleich/ breit. Die grosse Kaͤlte laͤst nicht zu/ daß im Sommer die Eyßschollen schmeltzen/ sondern sie fliessen auf dem Wasser. Selbige verursachen auch, daß man mit Fahrzeugen nicht wohl auf der Guba fahren koͤnne/ zumahlen das Eyß sich an die so genannten Strussen ziehet/ und wenn man be- muͤhet ist die Schollen mit langen Stangen ab- zustossen/ so ziehen sich andere an der andern Seite so fest wieder an, daß es fast unmuͤglich scheinet weiter fortzugehen/ zu dem ist der Grund dieser See uͤberall leimicht und mora- stig/ und wenn die Arbeiter mit langen Stan- gen/ wo sie Grund finden/ das Fahrzeug fort- stossen/ so haͤlt der zaͤhe Leim die Stangen im Ausziehen so fest/ daß es eben so weit zuruͤcke gehet/ als es durch das von sich stossen ist avan- cirt cirt gewesen. Jnsgemein zerscheitert die Strus- sen der gewoͤhnliche Sturm/ und ist es sehr ge- faͤhrlich sich auf diese Guba zu wagen. §. 16. An dem Flusse Pass, 4. Tage-Reisen/ bevor er in die Guba faͤllt/ liegt die Stadt Stara Mangasea, deren Einwohner Griechischer Re- ligion, und sich Suetolobi nennen. Jhre Le- bens-Art ist sehr schlecht/ und wissen sie von kei- nem Brodte/ woferne es ihnen von andern Oer- tern mit der groͤsten Muͤhe und Gefahr nicht zu- gefuͤhret wird. Jhre Speise sind Fische/ die sie entweder roh weg essen, oder auch auftruck- nen/ und trincken Fisch-Thran/ oder das Was- ser aus der Guba. §. 17. Diese miserable und harte Lebens- Art/ hat den Einwohnern von Stara Manga- sea alle Lust benommen/ laͤnger den elenden Ort zu bewohnen/ wannenhero sie ihn verlassen/ und nach der Oestlichen Seite auf dem festen Lande ihnen eine andere Stadt erbauet, die sie Nova Mangasea nennen. Doch sind die Leute nicht so gaͤntzlich weggegangen/ daß nicht etliche sol- ten uͤbrig geblieben seyn/ die noch heutiges Ta- ges mehr erwehnten Ort bewohnen/ und das Elend bauen. Den Winter uͤber koͤnnen sie mit ihren Hunden oder Rennthieren uͤberall wo sie wollen, auch auf die Guba fahren, zu- mahlen an dieser Seite ihnen keine Berge ver- hindern/ ausser daß sie vor denen wilden Thie- ren sich behutsam in acht nehmen muͤssen. Jm- gleichen kan es sich auch begeben, daß sie auf dem dem Eyse ein Sturm uͤbereilet/ welcher die Gu- ba auf bricht und fliessend macht. Die Russen for- dern auch des Winters vor ihre hohe Landes-O- brigkeit die Contribution gemeiniglich ein/ und waͤre es ihnen sehr profitabel, wenn sie mit Schlitten, oder im Sommer mit Fahrzeugen/ Korn und Mehl dahin bringen koͤnten. §. 18. Aus der Guba nimmt der Obi seinen Einfluß in die Meeres-Enge/ oder das so ge- nannte Fretum Weigats oder Nassovium. Diß Fretum aber hat die Natur auf beyden Sei- ten mit hohen Felsen, die continuir lich mit Schnee und Eyß bedecket, eingefasset/ welcher Felß nach der gemeinen Relation, uͤber 100. Meil Weges lang seyn soll/ und gleichsam vor dem Pol zur Balance des Centri der Erden liege. §. 19. Jenseit dem Freto siehet man das neue Land/ oder wie es auf Rußisch heist, Nova Zembla. Es ist die von denen Hollaͤndern be- titulirte Insul Weigats, und lieget gerade gegen uͤber/ wo der Obi ins Mare glaciale faͤllt. Die Ostiacken und Samogiten wagen sich etliche mahl uͤber die hohen Felsen nach dem Lande/ und schlagen daselbst Elende und Rennthiere. Sie muͤssen aber sehr behutsam des Winters sich in acht nehmen/ zumahlen wo sie mercken/ daß der Wind von Nova Zembla, und also aus Norden wehen wolle, welches/ wenn sie es aus gewissen Merckmahlen abnehmen, so ist es nicht rath- sam sich laͤnger auf dem flachen Felde zu verwei- len/ sondern muͤssen Grufft und Hoͤhlen suchen/ wor- worinnen sie sich so lange verstecken und vor dem Winde bewahren/ biß er nachgelassen und ein andrer Wind zu wehen angefangen. Sind sie aber so ungluͤcklich daß sie keine Hoͤhle so fort antreffen koͤnnen/ so toͤdtet sie der rauhe Wind/ und geschicht es also daß sie nicht groß nach Nova Zembla zu gehen sich hazardir en/ ge- stalt die wenigsten davon wieder zuruͤck kommen. Ob aber auf diesen Lande Menschen wohnen kan man von ihnen keinen rechten Grund erfah- ren; Einige wollen Menschen darauf gesehen haben, womit sie doch nicht geredet, sondern selbige nur von weiten erblicket. Andere aber halten diesen das Gegentheil/ und behaupten/ daß Menschen wegen den toͤdtenden Nord- Winde daselbst nicht leben koͤnnen. §. 20. Gleichwie nun die Sonne ihre Wuͤr- ckung zwischen diesen Felsen nimmer haben kan/ zumahl das Clima an sich selbsten kalt/ und unter der Zona frigida Septentrionali lieget/ so ist leicht zu ermessen/ daß das Eyß darinnen nim- mer schmeltze/ sondern Winter und Sommer daure/ es sey dann, daß im Sommer der star- cke Wind/ wenn er das f retum durchstreichen kan/ selbiges aufreisse. Das aus dem Obi in das Eyß-Meer fallende Wasser erstarret gleich- sam in dieser Enge/ und bleibt die Hoͤhe des Eyßes einerley/ da doch sonsten zu vermuthen/ daß Jaͤhrlich durch die Gewaͤsser des Obi, und andern darinn fallenden Stroͤhmen/ das Eyß im- mer hoͤher und hoͤher werden solte/ und weil dis B von von Erschaffung der Welt gedauert, waͤre zu schliessen/ daß das Wasser im freto laͤngst hoͤ- her als das in Obi waͤre geworden/ und also aus dem freto wieder in den Obi nunmehro zu- ruͤck gehen muͤssen. Hiervon wissen diese Leute raison zu geben/ gleichwohl gestehen sie, daß der Wind das auf den Bergen liegende Eyß er- schuͤttere/ und das in dem freto sich befindende oͤffters eine Borste und Grube gewinne. Dieß ist meines Erachtens ein Zeichen/ daß das Wasser im freto, oder so genandten Eyß-Meere einen nahen Abfluß aber/ und entweder bey oder ohnweit denselben ein Schlund seyn muͤsse/ der das Wasser zu sich schlinge, wie man dann in dem grossen Welt-Meere/ sowohl als anderen Seen dergleichen Strudel uͤberall findet. Wenn nun das Eyß sich oben haͤufft/ so schmel- tzet das untere auf eine unempfindliche Art im- mer weg. Welches man damit probir et/ wenn man ein Stuͤck Eyß an einem Faden im Wasser herunter laͤst/ so zerschmeltzet es/ und einen erfrornen Fisch thauet man mit kaltem Wasser wieder auf/ denn so wenig der Frost wegen dem unterirrdischen Feuer in der Erde tieff hinein dringen kan/ so wenig kan auch das Eyß sich oben so haͤuffen, daß eben dieß Feuer sel- biges unten nicht fliessend machen solle. Wenn nun das Wasser unten abfliest/ und das Eyß sei- ne Haltung verliehret/ bauet es sich wieder auf der surface des gefallenen Wassers, und ver- ursachet durch dieß Sincken und unterm Weg- schmel- schmeltzen/ daß das fretum weder seichter noch hoͤher werden koͤnne. Und ist ja nicht eben noͤ- thig zu statuir en/ daß unter dem Polo Arctico muͤsse der Euripus seyn/ der alle Gewaͤsser ein- schlucke, hingegen der Antarcticus selbiges wie- der ausgebe/ weilen die hin und wieder sich be- findende Strudell zu der Abfliessung der Ge- waͤsser genug seyn koͤnnten. Zudem hat man ja die Nachricht/ daß man bereits weit naͤher an dem Polo, als dieß fretum liegt/ gewesen/ nemlich an der andern Seiten von Nova Zem - bla, da man von einem so grossen Voragine nichts remarquir et. So ist ja auch an der Ame- rikanischen Seite das Fretum Davisii und nicht weit davon des Hudjonis hoch genug an Polo, es hindert aber die Reisende nichts mehr/ als Eyß und Kaͤlte/ daß sie den Weg weiter fortse- tzen koͤnnen. Von dem grossen Strudell und an sich Ziehen an Polo weiß keiner/ wie es aber muͤglich daß man ausser dem freto Weigats naͤ- her an dem Pol kom̃en koͤñen/ massen man daselbst Wasser u. kein continent finde ist wohl die raison, daß in solchen Engen die Bewegung des Was- sers nicht so sonderlich seyn koͤnne; Wo aber Be- wegung da ist Waͤrme/ wo keine Bewegung da ist Erstarrung und also Eyß und keine Auffdau- ung. Zu dem haben die Engen eine Haltung vom Lande/ und empfinden keine innwendige Trennung/ ohne zu der Zeit/ wenn der Wind recht auf die Enge streicht/ und also einen Riß und Erschuͤtterung macht/ und wenn dieß Was- B 2 ser ser unten faͤllt welches man an den Stroͤhmen bemercken kan. §. 21. Weil der Wind von Nova Zembla fast mehrentheils wehet/ so machet er die Lufft der daselbst bewohnten Oerter so rauh und strenge daß auch in Tobolski unter dem 57. gr. und eini- gen Minuten keine Baum-Fruͤchte wachsen/ noch in und bey Beresova unter dem 60. und 6 2 . grad die geringste Garten-Frucht zur perfection kom- men kan/ weder das Land faͤhig ist mit Korn gebauet zu werden. Weßfalls die in denen Staͤd- ten wohnende Russen sich in der Zeit mit benoͤh- tigtem Korn auf ein gantzes Jahr von andere Oerter zu proviantir en sorgfaͤltig seyn muͤssen/ da man doch bey Stockholm das Land nicht al- lein wohl bebauet findet, sondern das schoͤnste Obst und allerley Garten-Fruͤchte haben kan. §. 22. Woher diese grosse Veraͤnderung bey gleicher und mehrer Distance vom Polo ge- schehe/ davon ist wohl der strenge Wind von No- va Zembla und denen Eyß-Bergen schuld, wel- cher des Commers gar offt wehet/ und die in Linea recta liegende Laͤnder/ wo das Land platt und von keinen grossen Bergen umgeben wird/ durchstreichen und kalt machen kan; Dahinge- gen die Nordliche Seite Schwedens mit ho- hen Gebuͤrgen umfast und in Linea parallela die Krafft des Windes aufgehalten und dissipi- ret wird. Daß aber auch um Abo, welches im 61. grad, und weiter zum Polo an selbiger Seite biß 63. à 64. gradus Berge gebe, darinnen man man Silber-Ertz annoch finde, und das Land seine Frucht gar reichlich bringe/ muß wohl am meisten daß unterirrdische Feuer verursachen/ welches vielleicht unter den festen Wurtzeln der hohen Berge einige Aushoͤhlungen findet und durchstreichet/ und naͤher an die Croͤste der Er- den sich hebet, um so viel staͤrckere Ausdaͤmpf- fungen der innerlichen Hitze der Erden zu ver- ursachen, und durch die Zeit allerley Gewaͤch- se zu befordern/ welches im Gegentheil an die- sem Orthe viel tieffer nach dem Centro sich len- cken muß entweder denen Meeres Strudelln ei- ne passage zu lassen/ oder dem Durchbruch des- selben durch die loͤcherichte oder undichte Erde zu wehren. Daß aber das unterirrdische Feuer sich insgemein zu denen Bergen ziehe/ und auch nicht nach der Kaͤlte frage, probir en so viel Feu- erspeyende Berge/ insonderheit der Hecla in kalten Groͤnlande/ welche Feuerspeyende Ber- ge dem Igni Subterraneo gleichsam Lufft geben, damit es nicht im Bauche der Erden ersticke. §. 23. Durch dieses macht die Natur in dem Freto dem Einfluße des Obi eine Oeffnung und hoͤhlet sich der Fluß auf beyden Seiten, daß der Strohm einfliessen koͤnne. Wenn nun das Fruͤh-Jahr trocken/ und das von den andern Stroͤhmen einfliessende Eyß eher zerschmeltzen kan biß es an die Hoͤhlung des Freti stoͤst/ so sind die Stroͤhme desselben Jahres gantz seichte/ nemlich der Obi, Irdis, Conda, Dosva und dergleichen ; Jst aber das Fruͤh-Jahr naß und B 3 kalt/ kalt, so setzet sich das aufflauffende und haͤuf- fende Eyß vor dem Einflusse, und thauet das Wasser solcher Gestalt/ daß an allen Oertern sich die Gewaͤsser ergiessen und die niedrige Laͤn- der uͤberschwemmen. §. 24. Jndem nun dieses rauhe und wilde Land sehr wenig Lust und Muth erwecket, selbi- ges zu besuchen/ als haben die Ostiacken von de- nen/ so noch dahin gekommen, den Goͤtzen- dienst mit dem Christl. zu veraͤndern sich bereden lassen. Zumahlen aus denen Uhrkunden etli- cher alten Schrifften beweißlich ist/ daß dieß Volck in der Landschafft Veliki Perma bey Soli- kamski gewohnet habe/ woselbst der alte Bi- schoff Stephanus die Heyden zur Christlichen Re- ligion gebracht/ unter welchen einige selbige an- genommen und im Lande geblieben/ andere aber ihre Wohnung und Sitz verlassen und sich in diesen rauhen Oertern versteckt haben/ wel- ches dann aus ihre Sprache leicht abzunehmen/ die annoch mit der Permi schen in vielen uͤberein kommt; Bey Tobolski und Narim aber we- gen der daselbst wohnenden Tartarn gemischt ist/ allein von denen die bey dem Freto wohnen und von Werkaturien, laͤngst den Felsen gera- de uͤber gangen, eine naͤhere Ubereinstimmung beybehalten worden. §. 25. Die Russen nennen dieß Volck Osti- ackii, gleichsam Ostiancki uͤbrig gebliebene/ der Rest eines verloffenen Volcks. Sie selbst aber haben den Nahmen ihrer Vorfahren veraͤndert/ und und heissen sie Contischi oder Contica, und den District welchen sie bewohnen Gandimich, wel- che Woͤrter in ihrer Sprache nicht die geringste Bedeutung haben/ daß sie aber sich nicht Per- miski oder Permianer nennen/ sondern ihren Nahmen veraͤndert, moͤchte wohl die Furcht Ursache gewesen seyn/ massen sie sich unbekandt machen wollen, daß sie auch weder nachgefragt noch aufgesucht werden moͤchten. §. 26. Jhre Sprache ist von der Samogiti- schen und Vagolit schen gaͤntzlich unterschieden/ und ohngeachtet sie selbige zu Nachbahren ha- ben, so kan doch keiner den andern ohne Ver- dolmetschung verstehen Es finden sich auch gar wenige Lateinische Woͤrter darinnen/ als: Juva hilff/ Nemen fuͤr Nomen der Nahme/ und noch mehrere Ostlaͤndische die sehr wenig zer- stuͤmmelt, vornehmlich ist die Benennung der Zahlen einerley/ als üx eins/ kaks zwey/ kolm drey/ und so ferner. Was nun diese so weit von einander gelegene Voͤlcker in denen vergan- genen Zeiten vor Commerce unter sich gehabt/ daß von ihren Sprachen ein Ruͤckstaͤndiges die- ser Nation geblieben, ist wegen Mangel der aufgezeichneten Nachrichten unmuͤglich nachzu- forschen. §. 27. Die Positur des Leibes dieses Volcks ist mittelmaͤßig/ und findet man gar selten große Leute unter ihnen/ ihr Ansehen ist wohlgestalt gleich andern Europæern, ohne daß etlichen die miserable Kleidung verunzieꝛet, die sie wegẽ gꝛos- B 4 ser ser Duͤrfftigkeit und eigener Nachlaͤßigkeit ih- nen nicht verbessern koͤnnen. Jhre Nachbah- ren sind von ungestalten Gesichtern/ wiewohl sie doch denen heßlichen Calmucken nicht glei- chen. Das andere Capittel. Von der Lebens-Art der Ostiacken. §. 1. W Ann ihnen Kinder zur Welt gebohren werden/ hat sich der Vater entweder bey denen Russen eines Nahmens womit er sein Kind benennen will, erkundiget: Jm entstehenden Fall aber, legt er ihm den Nahmen von denjenigen Thieren bey/ welche ihm zur selbigen Zeit zu erst begegnen/ und weil ihre gantze Viehzucht in Hunden und Rennthieren bestehet/ so tꝛifft es sich gemeiniglich daß die Benennung von ihnen genommen werde. Dahero sich viele Sabatski, Hunde nennen. An- dere aber haben die Gewohnheit die Kinder nach der Ordnung ihrer Gebuhrt, wie sie jung ge- worden zu nennen, den aͤltesten/ mittlern und juͤngsten/ den vierdten/ fuͤnfften und wie sie die Reihe trifft. Haben aber die Kinder einen na- tuͤrlichen Fehl/ daß sie entweder lahm/ uͤbersich- tig/ tig/ pockengruͤbig, mit rothen oder weissen Koͤ- pfen und dergleichen sind/ so werden sie auch hie- durch in der Benennung distinguir et. §. 2. Gleich wie nun diese Leute von keiner Wissenschafft/ freyen Kuͤnsten, noch vom Lesen und Schreiben etwas wissen/ sondern in Statu Naturali leben/ so ist leicht zu erachten/ daß we- der Sitten-Lehren noch Statuten selbige unter sich verbindlich machen; Ausser daß eine allge- meine Gewohnheit durch oͤfftere Wiederhoh- lung gleichsam ihnen ein Gesetze giebet, und das allgemeine Recht der Natur ihnen was recht und billig zur Conservation ihrer menschlichen Societe eindruͤcket/ worauff sie dann um desto fester halten/ je mehr die natuͤrliche Schande sie davon abzutreten/ auf eine verborgene Weise abhaͤlt. §. 3. Hieraus ist leicht zu ermessen, welcher gestalt die Erziehung der Kinder von ihren El- tern geschaͤhe. Ein Adler fuͤhrt seine Jungen auff eine genereuse Arth zur Sonnen an/ die Kraͤhe aber gewehnt die ihrigen zur niedrigen Flucht. Zu keinen Kuͤnsten und hohen Wissen- schafften/ auch nicht einmahl zu einen Handwer- cke kan der Vater seinen Sohn bequemen/ weil ihm alles dieses gaͤntzlich unbekant/ sondern uͤbt ihn von Jugend auff zum Fischfang/ Bogen schiessen/ die Wildnuͤsse durchzusuchen/ Thiere zu erschlagen/ und dergleichen damit er geschickt sey/ sich selbst hinfuͤhro in diesen muͤhseligen Stande zu ernaͤhren. Den Sommer fangen B 5 sie sie so viel Fische/ die sie aufftrucknen/ als sie des Winters uͤber benoͤthiget zu seyn erachten/ im Winter aber gehen sie mit ihren Hunden in den dicken Wald, woselbst sie Zobel/ Hermeline/ Fuͤchse/ Baͤhre/ Elende, Rennthiere, Bieber, Grauwercke und dergleichen fangen und erschla- gen. Wovon sie der hohen Landes-Obrigkeit ein gewisses Contingent jaͤhrlich zahlen/ und den Rest an derselben gegen einen gesetzten Preiß erlegen/ oder auch sonsten an privat- Leuten die- jenige Wahren, deren Vereusserung ihnen ver- goͤnt, verhandeln. §. 4. Jhre Speise bestehet mehrentheils aus Fischen, welche ihnen der Obi und die darinnen sich ergiessende Stroͤhme reichlich mittheilen. Die allerwenigsten essen Brodt und Saltz, ge- stalt der meiste Theil unter ihnen so unvermoͤ- gend ist/ daß er ihm diese so nothwendige Lebens- Mittel nicht anschaffen kan, woferne sie gleich an etlichen Oertern zu bekommen waͤren; sondern muß sich mit ungesaltzenen Fischen behelffen/ wel- che an stat Brodts und Zukost sind. Des Win- ters fangen sie Voͤgel und erschlagen Rennthie- re/ die ihnen zur Speise gleichfalls dienen. Des Sommers nehmen sie die wilden Gaͤnse und Endten aus, welche in den Suͤmpffen und Tei- chen hieselbst in grosser Anzahl nesten. Sie bemercken ihre Zeit wenn die Alten ihre Federn fallen lassen/ und die jungen noch nicht fliegen koͤnnen. Mit keinen andern Tranck stillen sie ihren Durst, als mit dem Wasser aus dem Flus- Flusse, welches sie mit einer Bircken-Burcke schoͤpffen. Faͤllen sie aber ein Wild es sey von welcher Gattung es wolle/ oder sie schlachten Rennthiere/ Pferde und was sie sonsten attrapi- ren/ so saͤttigen sie sich mit dem warmen Bluthe. Jedennoch wann sie sich reche delectir en wollen/ so tauchen sie ein stuͤck Fisch im Fisch-Trahn/ und nehmen auch wohl gar einen guten Trunck da- von/ uͤber alles aber lieben sie den Chinesi schen Char oder Toback/ und zwar rauchen sie ihn nicht wie andere Nationen, die den Rauch wieder von sich blasen; Sondern sie nehmen zuvor etwas Wasser im Munde/ und nachdem sie sich zur Erden gesetzt, schlucken sie den angezogenen Rauch herunter/ welcher sie nach etlichen Zuͤgen gantz benimt/ biß sie mit verstelleten Geberden wieder zu sich selbsten kommen und einen Schleim von sich werffen. Solche Ubung wiederhohlen sie des tages so offt es ihnen be- liebt, und sie von erwehnten Char einen Vor- rath haben; Auch brauchen denselben nicht al- lein die Maͤnner, sondern auch die Weiber/ und gewehnen ihn ihren Kindern von Jugend auff an, weil er gleichsam an stat der Medicin dienet/ die den tranichten Fisch-Schleim ziemlicher massen ihnen wieder abzapfft. §. 5. Jhre Wohnungen sind kleine viereck- ichte Huͤtten von Strauch aufgebauet/ und mit Bircken-Burcke belegt, der den Regen und Schnee abhaͤlt. An denen Waͤnden nehmen sie ihre Schlaff-Stellen/ mitten ein ist der Feu- er- er-Heerd, darauf sie continuir lich Strauch brennen/ um der Kaͤlte sich zu erwehren. Jhr Hauß-Geraͤth bestehet aus Kannen/ Netzen/ Pfeil und Bogen/ und denen Geschirn von Bir- cken-Burcke woraus sie essen und trincken. Bey einigen trifft man zur Zeit ein Beil, viele aber haben das auch nicht/ sondern behelffen sich mit Messern/ von keiner Vieh-Zucht wissen sie/ son- dern ihre Hunde sind ihre Waͤchter, dieselbe nehmen sie mit auff der Jacht, und speisen sie mit Fischen. Die Armuth druͤckt sie auf beyden Seiten/ und wo ja einige vor reich unter ihnen passir en, so bestehet der eingebildete Reichthum in der Menge der Rennthiere, deren etliche bey tausend halten. Die miserable Wohnungen veraͤndern sie/ wann es ihnen beliebt/ und in sol- chen Wildnuͤssen da es andern Leuten zu leben unmoͤglich waͤre, woselbst sie im Schnee und Eyße ihnen unterweilen Gruͤffte hauen, darinnen sie sich vor der hefftigen Kälte præservir en/ im Sommer aber leben sie an den Uffern der Fluͤsse/ damit sie den Fisch-Fang mit groͤsserer Commo- dite abwarten koͤnnen. Dieses hin- und her- Ziehen ist ihnen gar nicht beschwerlich/ weil sie an allen beliebigen Oertern bequeme Materien zur Auffsetzung neuer Jurthen finden/ und ihre Meublen mit leichter Muͤhe von einem Orte zum andern unter der Anfuͤhrung der vergesellschaff- teten Armuth bringen koͤnnen. §. 6. Die Hunde und Rennthiere dienen ih- nen an stat der Pferde/ sie spannen 6. à 12. Hun- de/ de/ wann es geschwinde gehen soll/ vor einen Schlitten, und reisen damit in der groͤsten Ge- schwindigkeit von einem Orte zum andern. Die Schlitten sind 4. à 5. Ellen lang und eine hal- be breit, man kan sie mit einer Hand auffheben/ denn die Sohlen darunter nicht ein Zoll breit duͤck, und die Lehnungen noch duͤnner. Es ist nicht leicht zu glauben was diese Hunde/ welche von der Groͤsse als in Teutschland die Bauer- und Fleischer-Hunde/ vor Kraͤffte zu ziehen und vor Geschickligkeit solche Schlitten fortzubringen haben. Die Passagiers koͤnnen aus Mangel der Pferde (die auch ohne dem bey dem grossen Schnee auf diesem Wege nicht geschickt seyn,) kein ander Vorspann als Hunde und Reñthiere haben/ ihre bey sich habende Sachen packen sie auff diesen Schlitten/ und legen sich mit Renn- thier-Haͤuten oder andern Peltzen wohl verwah- ret oben darauff; Die Hunde aber wissen ihren Weg biß zur Abloͤsung/ woferne aber der Jam oder die Abloͤsung allzuweit und die Hunde er- muͤden/ legen sie sich vor den Schlitten nieder/ alsdenn futtert man sie mit Fische/ und wann sie sich gesaͤttiget und ausgeruhet/ setzen sie ihren Weg unter steten Heulen und Bellen biß zum erwehnten Jam fort woselbst der frische Vor- spann parat stehet. §. 7. Einige Ostiacken und sonderlich die Samogaiten fahren auch des Sommers mit Rennthieren/ allermassen sie ihr Fahrzeug, das einen Schlitten nicht ungleich siehet/ mit Renn- thier thier-Haͤuten unten beziehen, forne aber wo es an dem Grasse stoͤst die glatte Haut vom Bei- ne setzen/ daß es desto leichter ohne sonderlichen Aufenthalt fortgehe; Kommen sie an einen Fluß, so schwimmt das Rennthier uͤber und zie- het hinter sich her dieß beschriebene Fahrzeug. §. 8. Von der Erde/ die aus ihrem Schoos- se Menschen und Vieh sonst ernaͤhret, wissen ihnen diese Leute gar keinen Nutzen zu machen/ ausser daß etliche die wilden Wurtzelln/ welche das unfruchtbahre Land bey der grossen Kaͤlte noch hervor bringen kan/ ausgraben und sich damit saͤttigen. Der Ackerbau ist ihnen gantz unbekandt/ wegen der Viehzucht leben sie gantz unbekuͤmmert/ und halten weder Kuͤhe noch Pferde, weder Schaafe noch Huͤner/ welche von ihren Hunden bald angepackt und zerrissen werden duͤrfften. Wie dann solches die taͤgliche Erfahrung bey denen Russen, die in denen Staͤdten wohnen, lehret, und derglei- chen Hunde zu ihrer Nothdurfft halten muͤssen/ denen ihre Kuͤhe gar oͤffter auf dem Felde ange- fallen und zerrissen werden. §. 9. Das weibliche Geschlecht hat in Er- mangelung des Flachses wenige Ubung. Doch aber wissen sie die Nessel auf gleiche Weise wie das Flachs zu handthieren/ und ihnen Leinwand daraus zu wuͤrcken/ welches sie zu Umhaͤnge auf ihre Lagerstelle sich bedienen/ damit sie sich des Sommers der Muͤcken erwehren, wofuͤr sie sonst unmuͤglich in denen Waͤldern Friede haͤt- haͤtten, sie brauchen auch selbiges Leinwand/ ohngeachtet es sehr steiff/ zu Hembden und Tuͤchern auf ihren Koͤpffen. Die Hembden be- nehen sie laͤngst der Brust mit allerhand Far- ben/ imgleichen die Tuͤcher so sie auf dem Kopff tragen/ und ist diese Ausstaffierung bey ihnen sonderlich beliebt. §. 10. Jhre Kleider nehen sie von Fischhaͤu- ten zusammen/ welche sie von denen Hechten/ Quappen und andern Fischen abziehen, und so lange zusammen lappen/ biß sie Rock, Hosen/ Struͤmpffe, Wams und Socken daraus for- mir en, sie ziehen auch die Haͤute von Schwa- nen/ wilden Gaͤnsen/ Endten und Raub-Voͤ- geln/ die ihnen dienlich zu seyn beduͤncken/ her- unter/ und nehen davon Peltze/ sammt anderen benoͤthigten Bekleidungen. Wann ein Ostia- ker einer Muͤtze bedarff/ faͤngt er ihm einen Wey- he oder andern Raub-Vogel/ zieht ihm die Haut ab/ setzet selbige an statt der Muͤtze auf den Kopff. Des Winters aber verhuͤllen sie sich gemeiniglich in Rennthier- oder Elends-Haͤuten/ die sie gedoppelt anziehen. Der Oberrock ist von einem Stuͤcke und bedeckt die Fuͤsse, den Leib/ den Kopff und Nacken vor der strengen Kaͤlte/ die Weiber sind auf gleiche Art beklei- det, ausser daß sie bunte ausgenehete Tuͤcher, wie erwehnt/ auf den Haͤuptern/ laͤngst denen Gesichtern hangen haben/ die sie vor einen frem- den und Unbekannten/ damit sie nicht in dem Gesichte gesehen werden, nicht aufheben duͤrf- fen/ fen/ welches so wohl Junge als Alten obser- vir en, und vor ein Zeichen der weiblichen Zucht und Ehrbarkeit halten. Die vornehmsten Weiber verhuͤllen sich mit Damasch oder Ki- taick, nachdem sie es vermoͤgend sind anzuschaf- fen. §. 11. Die menschliche Gesellschafft kan nimmer so eingeschrenckt seyn/ daß die allgemei- ne Unvollkommenheiten einen Umgang und Handel mit einen Frembden nicht erfordern sol- ten. Die weise Natur hat ihre Gaben gar duͤrfftig mitgetheilet/ damit sie denenselbigen Menschen desto groͤsseren Anlaß zur Unterhal- tung der Societe und Verbindung des mensch- lichen Geschlechtes gaͤbe/ hingegen alle Læsion aufs aͤusserste zu fliehen recommandire. Da- hero was sie dem einen vergoͤnnt/ dem andern versagt hat/ auf daß der eine des andern Huͤlf- fe jederzeit beduͤrfftig sey. Auf gleiche Weise verbindet auch eben die grosse Duͤrfftigkeit diese Leute, daß sie durch den Umgang mit Frembden ihren Nothwendigkeiten Rath schaffen muͤssen. Weilen sie aber auch kein Pfand aufzusetzen ha- ben/ und weder Schreiben noch Lesen, wie be- reits erwehnt/ verstehen/ vermittelst welchen sie einen Contract aufrichten/ oder mit einer Hand- schrifft sich verbindlich machen koͤnnten, so bren- nen sie ihnen auf den Haͤnden allerhand Merck- mahle, Figur en der Voͤgel oder auch besondre Puncte/ welche sie denen Creditor en als ein Zeichen/ wobey er sie gewiß kennen und wieder fin- finden werde/ zeigen. Haben sie sich abeꝛ entweder in die Haͤnde geschnitten/ gehauen oder ein Mahl im Gesichte/ so zeigen sie bey Schliessung des Contracts die Wundmahlen auf/ und setzen gleichsam dieselbe zum Unterpfande; Jmmit- telst ruͤhmt man sie, daß sie solche Verpflichtun- gen fest halten/ und auf bestimmten Termin ent- weder mit Fischen/ Rauchwercken/ oder auch mit Gelde die gemachte Schuld bezahlen, und alsdenn ihre Marquen wieder aufzeigen, als neh- men sie ihre zu Pfande gesetzte Versicherung wieder zuruͤck/ und annullirt en ihre Verbindung. Die Weiber brauchen die Figur en auf den Haͤn- den so sehr, daß sie es auch fuͤr eine Schoͤnheit und Zierlichkeit halten/ wann selbige uͤberall blau angelauffen und marquir et seyn. §. 12. Ausser der hohen Landes-Obrigkeit/ welche die Volck mit Woiwoden regieret/ und den aufgelegten tribut einfordern laͤst/ haben sie unter sich keinen sonderlichen Unterscheid der Staͤnde; Etliche/ die was mehr seyn wollen als die andern/ und wenig mehres einzubrocken haben/ nennen sie Knesen. Sie massen sich ei- ner Herrschafft uͤber einen gewissen Strohm an/ werden aber von denen andern gar wenig und bißweilen gar nicht respectir et/ weil sie weder Urtheil noch Recht bey ihnen suchen, noch die- se sie vermittelst einigen Statut en verbindlich ma- chen duͤrffen/ und hat ein jeder Hauß-Vater die Inspection uͤber seine Haußhaltung. Woferne aber enorme Excesse solten begangen werden/ C su- suchen sie die Entscheidungen bey denen Woi- woden, oder auch bey ihren Goͤtzen-Pfaffen, welche unter dem Schein einer ihnen vom Schei- tan oder dem Abgotte gegebenen Ausschlag die Streitigkeiten schlichten; Was massen sie aber vermittelst des Eydes ihre Streitigkeiten ab- thun/ wird in folgendem Capittel erwehnet wer- den. §. 13. Ein solches irregulieres Leben kan nichts andeꝛs als eine Verwirꝛung in allen ihꝛem Thun verursachen. Denn gleichwie die Gese- tze die Unbaͤndigkeit der zum Boͤsen geneigten Menschen im Zaum halten/ massen dieselben zu allem Verbohtenen die angebohrne Neigung zie- het/ so oͤffnet ein Stand sonder Gesetze denen Lastern Thor und Riegel/ und die ungestraffte Gewohnheit zu suͤndigen bahnet den schaͤndli- chen Luͤsten den breiten Weg zu allem Ubertreten/ daß auch das natuͤrliche einwohnende Gesetze mit seinen innerlichen Bestraffungen kein Gehoͤr mehr findet. Wie vormahls das Roͤmische Volck auf ihre gar zu grosse Freyheit pochte/ und ihm einbildete/ daß es sonder Gesetze und Obrigkeit leben koͤnte, tꝛat ein Redneꝛ pro rostris, und bejammerte einen Krancken, dem der Magen verdorben/ und keine Speise mehr zu sich zu neh- men vermoͤgte. Die andere Glieder haͤtten sich seiner Faulheit halber beschweret/ der Kopff habe dem faulen Magen/ der sich von einem Or- the zum andern tragen liesse, und nichts zu ver- richten schiene, in etlichen Tagen nicht die Spei- se se goͤnnen, die Fuͤsse seiner Nahrung halber sich nicht ruͤhren/ noch die Haͤnde durch ihre Arbeit ihm etwas verdienen wollen; Zuletzt waͤre der Magen wegen Hunger eingeschrumpelt, die saͤmtliche Glieder aber waͤren auch krafftloß geworden/ weilen sie ihren Safft und Zuschub von demselben nicht weiter haben koͤnnen. Da rieff das Volck: Es haͤtten die Glieder des Lei- bes thoͤricht gehandelt/ und muͤsse man den Ma- gen fuͤr allen Dingen wieder zurecht helffen, woferne der Mensch wieder genesen solte. Nach- dem aber die Application auf die krancke Roͤmi- sche Republique gemacht, und der Magen mit denen Gesetzen und der Obrigkeit/ die Glieder aber mit dem Volcke in Comparaison gezogen wurden/ aͤnderte dis kluge Volck die unan- staͤndige Begierden zur F eyheit An einer viel gefaͤhrlichern Etats . Kranckheit liegt dis arm- seelige Volck/ massen sie ihren vorgenommenen Willen sonder Scheu vollbringen/ und die un- umschraͤnckte Begierden ersaͤttigen nach der Masse des Geluͤstens; Weßfalls die Zerruͤttun- gen in allem ihren Thun Meister spielen/ daß es ihnen nicht moͤglich auf einen gruͤnen Zweig, wie man sagt/ zu kommen/ woferne nicht die Annehmung der Christlichen Religion und die dabey eingerichtete Veranstaltungen derer Me- tropoliten, welche sie zu einem eingeschrenckten Leben verbinden/ ein besseres fruchten wird. §. 14. Dis ist wohl eigentlich die Ursache ih- res grossen Mangels und Duͤrfftigkeit/ und da- C 2 her her geschicht es auch, weil sie den Leib nicht or- dentlich in acht nehmen/ sondern allerhand un- gesunde tranichte Getraͤncke und Speisen genies- sen, daß sie mit denen Scorbuti schen Kranckhei- ten/ die dem Aussatze nicht ungleich/ so hart in- ficirt sind, daß auch ihrer viele bey lebendigem Leibe verzehret werden. Die angebohrne Lie- be zu sich selbsten und seiner Erhaltung pflegt bey andern Menschen zum aller sensiblesten in diesem Fall zu seyn; Gestalt sie auch keine Mittel unge- pruͤfft lassen, wodurch sie die Faͤulnisse abschaf- fen/ und den krancken Leib vor andern Zufaͤllen ihnen præservir en. Allein man trifft auch dis bey ihnen nicht/ sondern wann sich eine solche Kranckheit aͤussert/ daß der Fuß/ Ruͤcken oder auch ein ander Theil des Leibes/ auch gar das Gesicht zu faulen beginnet, so lassen sie es so lan- ge wegfressen/ bis das Fleisch an den Knochen verzehret worden/ und der Mensch nicht wei- ter leben mag. Die Hunde lecken sonst ihre Schwaͤren aus/ und die andere unvernuͤnfftige Thiere suchen ihnen auf dem Felde ein Kraut zu ihrer Heilung; Aber diese entschuldigen ihre Nachlaͤßigkeit in der Conservation des Leibes mit der finstern Unwissenheit/ daß sie keine Be- lehrung von ihren Eltern gehabt, die sich bis an ihr Ende mit solchen Kranckheiten geschleppt/ vielweniger haͤtten sie es von andern erfahren koͤnnen, wie dieser Kranckheit abzuhelffen/ wei- len sie nicht sonderlich mit ihnen conversirt en. §. 15. Woferne nun die Liebe auf Reinlich- keit keit und Schoͤnheit alle ihre Neigung wuͤrffe/ so wuͤrde das Volck von dieser an sich ziehenden passion gar nichts wissen, allein es ist mehr als zu gewiß, daß sie sich auch in der Unreinigkeit ersaͤttige/ und ihren Brand in der Garstigkeit selbsten abkuͤhle. Diese Nation kan zwar nicht ungestalt genannt werden, wie im vorhergehen- den erwehnt; Sondern ihre Gestalt gleichet de- nen andern Europæern, doch bey dem weibli- chen Geschlechte findet sich die Schoͤnheit nicht so gar. Doch macht ihre elende Lebens-Arth, die duͤrfftige Bekleidung/ und die fressende Kranckheit den mehrern Theil gantz unange- nehm zu lieben/ und wuͤrde man hieraus schlies- sen/ daß ein auf beschriebene Weise conditio- nirt er Mann oder Weib sonder seinen Ehegat- ten leben muͤsse; Allein die blinde Liebe per- suadir et diesem Volcke/ daß der Mann nicht mit einem/ sondern vielen Weibern seine Lust buͤssen koͤnne/ wannenhero sie ihnen gemeiniglich eine Alte/ die der Haußhaltung vorstehet/ und eine Junge zum Beyschlaff zugesellen. §. 16. Wann der Braͤutigam bey der Braut Vater seine Anwerbung verrichten laͤst, so ca- pitulir en die Abgeordneten mit selbigem so lange/ biß sie des Preises einig werden/ und wird ge- meiniglich der Vater nicht unter 100. Rubeln fordern; Der Braͤutigam gehet den Kauff ein/ und rechnet seinen Kahn auf 30. Rubel/ seinen Hund, den er dem Schwieger-Vater angiebt, 20 und noch mehr, biß er so weit von dieser Bet- C 3 teley teley zusammen wardir et/ als die prætension und der gesetzte Kauff gewesen. Damit ist der Schwieger-Vater zufrieden/ und verspricht die Braut auf einen gewissen Termin zu lieffern. Waͤhrender Zeit daß diese Verliebten noch ge- trennet, darff der Braͤutigam seine Braut en particulier nicht besuchen, will er aber denen Schwieger-Eltern aufwarten, geht er ruͤck- lings zur Thuͤr hinein/ und darff auch nicht mit freyen/ sondern abgewandten Augen vor selbi- ge treten/ zum Zeichen des respects und der tief- fen Submission, gleich als waͤre er/ wie ein an- genommener Sohn/ nicht wuͤrdig/ mit geradem Angesicht diese seine neue Eltern anzureden/ es muͤsse denn von hinten zu geschehen. §. 17. Wann nun die Abliefferung vor sich geht/ uͤbergiebt der Vater seine Tochter mit der recommendation, daß sie eine bestaͤndige Freundschafft unter sich halten, und wie Mann und Weib sich lieben moͤgen. Jmmittelst præ- sentir en die/ so etwas zum Besten haben/ ihren Gaͤsten einen Trunck schlechten Brandtweins. Die Knesen als die Vornehmsten/ bekleiden ihre Toͤchter/ wo sie es vermoͤgend sind/ im roh- ten Tuch, wie die Tartern ; Bey denen andern fuͤhrt die Armuth insgemein die Wirthschafft/ der Hunger macht ihnen den leckernden Appe- tit und die Duͤrfftigkeit beschmuͤckt die Geliebten mit dem Gewandt der Bloͤsse. Es observir et dis Volck auch nicht/ nach aller Voͤlcker Recht/ das weibliche Geschlecht/ nachdem es Mann- bahr bahr geworden/ auszusteuren/ sondern sie ge- ben ihre Toͤchter von 7. biß 8. Jahren von sich/ damit sie von Jugend auf zu den Ubungen der Liebe gewohnt/ und denen Maͤnnern nach ihren humeuren auferzogen werden. §. 18. Solte aber dem Manne sein Weib eckelhafftig werden/ so verstost er dieselbe/ und nimmt eine andre; Doch sieht man/ daß die na- tuͤrliche Triebe des eingepflantzeten Gesetzes ih- re Wuͤrckungen haben/ ohngeachtet die wieder- strebende Neigungen sich zu dem Verbohtenen ohne Unterlaß ziehen. Die eingefuͤhrte Ge- wohnheit dieser Nation ist sehr loͤblich/ daß sie nicht allein ihre Kindbetterinen eine Zeitlang in eineꝛ a parten Huͤtten bleiben lassen/ biß sie wieder genesen, sondern es darff auch der Mann sein Weib nicht besuchen, so lange sie ihre Zeit hat/ gestalt selbige sich auch in ermeldeter Huͤtte biß zur Reinigung aufhaͤlt. §. 19. Die Zeit der Gebuhrt æstimir en die Weiber gar nicht, und scheinets als gebaͤhren sie ohne Schmertzen. Es arrivirt ihnen gar offt, daß sie im Winter von einem Orthe zum andern ziehen/ wann nun keine Jurthe auf der Naͤhe/ und die Commoditæt fuͤr der Gebaͤhrerin keines weges zu finden, so verrichtet sie das Jhrige im gehen/ verscharret die Gebuhrt im Schnee/ damit sie hart/ und der Kaͤlte jugendlich gewohnt werde/ biß sie anfaͤngt zu weinen/ alsdenn steckt sie selbige im Busem, und vollfuͤhrt mit den an- dern ihren Weg. Kommt sie aber zu dem Ort/ C 4 wo wo sie ihre Huͤtten aufschlagen, so bleibt sie in einer besondern, und darff weder der Mann/ noch irgend ein Fremder/ ausser ein altes Weib/ das ihr die Handreichung thut/ zu sie gehen, biß 4. a 5. Wochen vollbracht, so wird ein lan- ges Feuer in der Mitten der Huͤtten gemacht/ daruͤber die Kindbetterin dreymahl springt/ durch welche Spruͤnge sie gereiniget zu seyn ih- nen einbilden/ nach solchen Ceremonien begiebt sie sich wieder zum Manne, der sie nebst dem Kinde wieder aufnimmt/ oder auch nach seinem Belieben verstoͤst. Es koͤnnen diese Leute un- gemein die Kaͤlte vertragen, und ist es zu ver- wundern, daß sie in dem kalten Fruͤhjahr und Herbst, wie wohl der Sommer wegen des ste- tig wehenden Nord-Windes, herbe und frostig/ mit der elenden Bekleidung von Fisch-Haͤuten sich behelffen koͤnnen. §. 20. Daß sie zum Waffen und Kriege zu fuͤhren in denen vorigen Zeiten nicht muͤssen un- geschickt gewesen seyn/ ist leicht aus ihrer wilden Lebens-Art abzumessen. Von Jugend auf ge- woͤhnen sie sich zu den muͤhsamsten Travaillen, und ihre gantze Ubung bestehet in Bogen schies- sen und wilde Thiere zu faͤllen. Es finden sich auch hin und wieder einige marquen ihrer vori- gen bravoure ; Denn die Einwohner von Bereso- va ihre Stadt mit Pallisaden vor ihren Anfaͤllen vor Zeiten haben umgeben muͤssen/ und erzehlet man, daß sie oͤffters ihre abgenommene Posses- sion durch einige muhtiche Unterwindungen ha- ben ben wieder behaupten wollen. So meldet auch vorangezogener Anonymus hin und wieder von einigen tapfferen Entreprisen, womit sie nicht einen schlechten Dienst in denen alten Zei- ten denen Heydnischen Koͤnigen erwiesen, in derer Alliance sie damahls gestanden. Die Vor- nehmen unter ihnen/ sonderlich die so genannten Knesen, halten noch heutiges Tages ihre Pantzer und einen außerlesenen Bogen und Pfeil in der Verwahrung, und ob gleich ihre Hauß- meu- blen von schlechtem Werth, so fuͤhren sie doch diese in allen ihren peregrinationen mit herum. §. 21. Diese unbestaͤndige Wallfahrten/ die von keiner Ruhe wissen/ sind ohne Zweiffel in denen Wildnuͤssen/ wo die grausamsten Thie- re ihre Wohnungen haben/ und von ihnen ste- tig aufgesuchet werden, nicht sonder Gefahr des Lebens; Dahero bey ihnen es nichts seltsames/ daß sie von Baͤhren zerrissen und erwuͤrget wer- den/ oder sonst durch einige fatale Zufaͤlle um ihr Leben kommen. Sterben sie sonst ihres na- tuͤrlichen Todes/ so verscharren die Nachgeblie- bene sie in der Erde, des Winters aber im Schnee/ und werffen der Verstorbenen Pfeile und Bogen/ Beil und Messer mit hinein; Wo sie aber so reich/ daß sie in ihrem Haußgerath Toͤpffe oder Kessel gehabt/ so verscharren sie auch dieselbe mit ihnen. Dis ist eine uhralte Gewohnheit/ die sie von den vorigen Voͤlckern, so sich Tschut nennten/ und nunmehro erloschen und ausgestorben/ beybehalten. Selbiges C 5 Volck Volck hat um Samaroff Narim und der Orthen sich ausgebreitet gehabt/ und nahmen diese Leuthe/ als sie aus Perma kahmen/ unter sie zu wohnen auf; Man siehet auch noch heutiges Ta- ges die Rudera von ihren Schantzen bey Sama- roff, und in denen Gegenden/ wo sie vorhin ge- wohnet. Die Ostiacken haben ihre alte Goͤ- tzen/ die diese Voͤlcker aus China ihnen ver- schafft/ von ihnen geerbet/ nunmehro aber ist dis gantze Volck so ausgegangen/ daß kaum die Spuhr mehr davon. Die Ursache/ daß sie denen Verstorbenen die Pantzer und Haußgerath mit in die Grufft werffen/ ist die eitle Einbildung/ die sie glauben macht/ daß sie in der andern Welt bey denen Goͤttern allerley Haußgerath und Kriegs-Zuruͤstungen noͤthig haͤtten. Sonderlich gebrauchten sie die Toͤpf- fe und Schuͤssel dazu/ daß sie ihnen in der an- dern Welt ihre Speise darin kochen koͤnten/ wenn sie bey ihren Goͤttern zur Mahlzeit nicht invitir et waͤren/ und sey solcher Haußgerath daselbst nicht gar wol zu bekommen, man muͤste ihn denn theuer anschaffen. §. 22. Sonsten wissen sie von dem Zustan- de des Menschen nach dem Tode nichts/ ausser daß es aus den vorigen Umstaͤnden schiene/ daß die Vernunfft die Unsterblichkeit der Seelen ih- nen gleichwohl kund mache. Gleichwie sie aber in allen ihren Wuͤrckungen im Geistlichen blind und verfinstert, so stellt sie den Menschen die Beschaffenheit des andern Lebens in denen blos- sen sen Wolluͤsten und Ergoͤtzlichkeiten des Leibes vor. Welche difficultæt en nur wenige aus de- nen vorigen Welt- Weisen uͤberstiegen/ und durch muͤhsahmes Speculir en die Unsterblichkeit der Seelen in dem andern Leben ausgesonnen haben. Das 3te Capittel. Von der Religion und dem Goͤtzendienst der Ostiacken . § 1. D Er Goͤtzendienst war bey denen Grie- chen/ Roͤmern und andern civilisirt en Heyden/ eine blosse Erfindung der Ge- waltigen/ vermittelst welcher sie das ge- meine Volck desto besser im Zaum hielten/ und ihre Ausschweiffungen unter dem Mantel des Aberglaubens bedecken konten. Gestalt sie ih- nen denn sothanen Dienst nach Beschaffenheit und dem Interesse ihres Etats formirt en. Es ist nicht zu glauben/ daß so viele kluge Leute denen albernen Fabeln von denen Goͤttern/ die bald wie Moͤrder/ bald wie Hurer und Ehebrecher und andere Ubelthaͤter aufgefuͤhret wurden/ Glauben beygemessen/ und sie als wahrhafftige Goͤtter erkannt haben. Dem Volcke aber mu- ste ein Wahn uͤberredet werden/ der sie desto besser im Zaum hielte. Massen denn der Con- cept cept von der Religion eine maͤchtige Stuͤtze ist/ worauf die Welt sich fusset, und wie das Leben selbst defendir et werden muß. So wusten auch ihre Philosophen gar wohl, daß Holtz und Steine ihnen nichts koͤnten gewehren/ und daß ein gemachtes Bild weder eine vergeltende/ noch straffende Krafft in sich haͤtte. Das thoͤrichte Volck aber hatte so weites Nachdencken nicht/ sondern bildete ihm ein/ es muͤsse der Creatur/ sie moͤchte ein Leben in sich hegen/ oder auch gar lebloß seyn, von welcher sie einen Nutzen ver- muhteten, eine Erkaͤnntlichkeit erwiesen werden. Dahero man in den ersten Zeiten die vornehmste Abgoͤtterey an der Sonnen, oder an dem/ was einem Vortheil schaffe/ bemerckte. Und hier- zu ist die blendende Liebe Schuld/ die auch durch den Glantz des Goldes die Jsraeliten, das Volck GOttes/ zur Abgoͤtterey verfuͤhrete. §. 2. Unsere einfaͤltige Ostiacken sind biß hieher eben dieser Blendung gefolget/ weßfalls sie ihnen theils selbst einige Goͤtzen aus Holtz ge- bildet/ theils aber einige aus Ertz gegossen/ die sie von ihren Vorfahren/ wie erwehnt/ so sich Tschut nannten, geerbet/ welchen sie die Ehre der Anbetung erwiesen/ ihnen opfferten/ und ihre Huͤlffe in allerhand Begebenheiten ver- langten. §. 3. Bey denen beruͤhmten Voͤlckern im Heydenthum wuste des Kuͤnstlers Hand die Goͤtzen nicht sauber genug zu bilden/ massen die allerberuͤhmteste Bildhauer/ Steinmetzen/ Ertz- Ertzgiesser und Mahler aufgesucht wurden/ die alle ihre Geschicklichkeit in der Bildung eines Goͤtzens anzubringen suchten. Hier aber hau- et ein jeder ihm nach Belieben seinen Goͤtzen aus/ schafft ihn wieder ab/ und zerstuͤmmelt ihn/ oder wirfft ihn gar ins Feuer/ wie seine Phan- tasie es ihm uͤberredet. Es war aber solches insgemein ein Klotz/ woran sie oben eine Runde/ wie eines Menschen-Kopff/ ausgehauen/ und ihm eine abgeschmackte Naase/ nebst einer Ker- be in die Quaͤre, die den Mund bedeuten solte, formir et hatten. §. 4. Die von ihren Vorfahren geerbte wa- ren meist von Ertz in der Figur einer Ganß/ ei- ner Jungfer mit ausgestrecktem Arm, einer Schlangen und dergleichen/ selbige waren kuͤnstlich genug gegossen/ und scheinet/ daß sie von denen ingenieus en Chinesern an sie gekom- men seyn muͤssen. Andere aber haben gar keine Gestalt; Denn es war ein dicker laͤnglichter Klotz auf der Erde gelegt, mit allerhand Lum- pen und Zeug bewunden, oben auf lag ein Stuͤck vom abgebrochenen Spiegel, welches von der Sonnen/ wann sie schiene/ einen Schim- mer von sich gab. §. 5. Sothane Abgoͤtter stellen sie auf erha- bene und nach Gelegenheit des Ortes lustige Berge/ setzen sie insgemein in ein Haͤußgen vom Holtz im dicken Walde/ wonebenst eine klei- nere Huͤtte stehet/ darinnen sie die Knochen vom Geschlachteten zusammen tragen. Jedennoch fin- findet man in der Arth der Verehrung nichtes regulieres ; Denn gleichwie bey denen Civilisir- ten Heydnischen Voͤlckern gewisse Stunden des Tages/ oder auch wohl gantze Tage denen Ab- goͤttern zum Dienste gewidmet waren, so rich- ten hingegen diese Leute ihre Andacht nach eige- nem Interesse ein/ wann die Noth es erfordert, oder die Liebe zum Gewinst sie anspornet/ als- denn flehen sie erst die Goͤtzen an/ um Erhaltung des Verlangten/ oder auch um Errettung aus der obhandenen Gefahr; Gleichwohl treiben auch die Pfaffen das Volck an zum Goͤtzendien- ste/ und bestraffen mit hefftigen Worten ihre Schlaͤffrigkeit und Unterlassung, wozu sie diese persuasion gebrauchen/ als haͤtten sie von denen Goͤttern den muͤndlichen Befehl erhalten/ daß sie ihre Verehr- und Anruffung fleißiger ver- richteten, und die erzuͤrneten Goͤtzen mit etwas Leinwand, Dammasch und anderen Bekleidun- gen wieder versoͤhnen/ oder ein Thier zum Opf- fer schlachten solten. §. 6. Zu denen Pfaffen erwehlen sie eigent- lich keine gewisse Persohnen/ sondern ein jeder Haußvater oder der Aelteste von der Familie, welcher ihm einen Klotz verfertiget/ nahm ihm selber die Muͤhe, vor den Goͤtzendienst zu sorgen/ und die gewoͤhnliche Ceremonien zu verrichten: gestalt mit dem grauen Alter insgemein die Liebe zur Heiligkeit und dem Geitze zu wachsen pflegt/ wann die wolluͤstige Liebe auszutrocknen begin- net/ im Fall aber dieser solcher Unternehmun- gen gen sich ungeschickt zu seyn bedeucht/ finden sich auch solche Leuthe/ die aus Liebe zum Schmaro- tzen zu diesem Handwercke sich erbiethen/ und durch oͤfftere Practicir ung sich gleichsam signali- sir et haben. Jhre Geschicklichkeit bestehet dar- innen/ daß sie aus vollem Halse/ was von den Goͤtzen begehret wird/ bey der Opfferung aus- schreyen/ bey denen Wahrsagungen mit grosser Standhafftigkeit das Tractament des Satans ausstehen/ und nachgehends dem thoͤrichten Volcke allerhand Fabeln und Gauckelspiehle von der erhaltenen Antwort ausschwatzen koͤn- nen. §. 7. Selbiges Wahrsagen verrichten sie nach der gemeinen Erzehlung folgender massen: Der Goͤtzen-Diener wirfft sich gebunden auf der Erde nieder/ erwartend mit verstellten Ge- behrden die Besitzung des Satans/ der ihm zu- kuͤnfftige Dinge auf die ihm gegebene Fragen verkuͤndigen/ einen Orth zeigen/ wo ein pre- ticus es Wild zu fangen/ oder auch denen Streit-Sachen eine abhelffliche Masse geben solle. Waͤhrender Zeit stehen die/ welche die Wahrsagungen verlangen/ mit continuirli chem Heulen, und klingen auf den Becken und an- dern Geschirren/ die ein Getoͤs von sich geben/ um ihn herum, biß sich ein blauer Dunst/ wel- cher vor den wahrsagenden Geist von ihnen ge- halten wird/ weiset/ die Umstehenden ausein- ander jagt/ den Satans Diener ergreifft und nieder wirfft/ nachdem er ihn in die Hoͤhe geho- ben; ben; Da er mittlerweile so uͤbel zugerichtet wird, daß er in der Leblosigkeit einer Stunden lang und noch laͤnger sich quaͤlen muß/ biß er zu voͤlligen Kraͤfften kommen/ alsdenn er seinen Clienten die erhaltene Antwort vorschwatzt und einen betruͤglichen Bescheid auf ihre neugierige Fragen giebt. §. 8. Wie schlecht aber dieser unflaͤthige Geist die arme Einfaͤltige belohne/ und wie er ihnen so theuer vor der Luͤgen die Wahrheit ver- kauffe/ ist leicht zu ermessen/ weil jenes sein E- lement ist/ womit er die gantze Welt benebelt/ vor dieser aber erschrickt/ weil ihre Bloͤsse ihm seinen verdammlichen Zustand und den Ab- grund seiner Argheit aufdecket. Eine Zeitlang hatte der boͤse Geist denen Goͤtzen-Dienern ein- gegeben/ daß die, welche in der Gegend Sama- roff und Beresova ihren Verbleib haben/ ihm Pferde zum Opffer schaffen solten/ welchem nach- zukommen sie mit der groͤsten Muͤhe und uner- traͤglichen Unkosten ihnen Pferde angeschafft/ bis sie aller Mittel entbloͤst/ so tieff sich in Schulden gesetzt/ daß viele zuletzt ihre alte Lum- pen auf dem Leibe nicht behalten/ sondern mit ihrem groͤsten Schaden gewahr worden/ was vor eine betriegliche Absicht unter einer sothanen Opfferung stecke. §. 9. Allein wie betrieglich der Dienst des Satans/ so gefaͤhrlich ist er auch; Er fuͤhrt zu- vor die Menschen auf das schluͤpfferige so weit, daß sie sonder Quaal und Plage so leicht nicht von von ihm loß werden. Doch mercken sie den Betrug gleichwol/ und lehret ihnen ihr beyge- brachter Sch a de am Ende/ was sie vor einen Gast an ihm haben/ diese arme Leute/ so lange sie sich bey ihm befragten/ wurden zum oͤfftern betrogen, und wann sie meynten/ daß nach der Aussage des Pfaffen an angewiesenen Oertern das verlangte Wild/ oder die Menge der Fische anzutreffen; so bemuͤheten sie sich aufs hoͤchste in der Nachsuchung, funden aber gemeiniglich nichts. Welcher Betrug sie zur revange auf- munterte, peitschten und pruͤgeiten ihre ausge- hauene Goͤtzen gewaltig bey der Zuruͤckkunfft, biß sie den Betrug genug ressentirt zu haben ver- meynten; nachdem der Zorn voruͤber/ soͤhneten sie sich wieder aus, hiengen ihm einen Umhang von oben beschriebenem Zeuge an/ und nahmen es nach Belieben/ wann er wieder kein Wort gehalten; Es geschahe aber hiedurch/ daß sie mit boͤsen Kranckheiten geplagt, und entweder sie selbst, oder auch ihre Kinder aufs grausamste gefoltert wurden. §. 10. Die Ehrerbietung gegen die mit eige- nen Haͤnden gemachte Goͤtzen schiene nicht son- derlich zu seyn/ die oͤffentliche aber verehrten sie en general vielmehr/ und schafften sie nicht nach Belieben ab, sondern wurden als bewaͤhrte Goͤtzen von Tag zu Tage beybehalten. So war auch das Vertrauen viel groͤsser zu denen Alten/ denn sie bildeten ihnen ein, es haͤtte das Ertz oder der halb verfaulte Klotz mit denen un- D denck- dencklichen Jahren auch unerforschliche Weiß- heit geschoͤpffet/ und muͤsse also was unsterbli- ches bey ihnen seyn/ je weniger man von ihrer Verwesung in so verjahrter Zeit vernommen. Denen Kindern wurden auch diese zum aller- meisten von ihren Eltern angepriesen/ gestalt sie von der Furcht und Liebe zu ihrem Schoͤpffer/ als rude Voͤlcker wenig wusten, und das Licht der Natur solches denen Klugen und Nachfor- schenden im Heydenthum nur entdecket/ wes- falls die Philosophi durch tieffes Nachsinnen erst ergruͤndeten/ daß der Schoͤpffer von der Creatur aus Danckbarkeit zu lieben und zu fuͤrchten sey/ wie dann sothane Liebe in der Na- tur gegruͤndet, und in der Schoͤpffung dem Menschen einpflantzt worden; Welcher gestalt aber/ daß die Pflicht und der Dienst muͤsse ein- gerichtet seyn, koͤnte ihnen die verarmete Ver- nunfft nicht anweisen/ denn jemehr man selbige zum Geistlichen fuͤhret/ je blinder und tunckler sie anzutreffen ist/ die Affect en aber scheinen zu der Erkaͤnntniß und Nachforschung im Geistli- chen gar gefesselt zu seyn, solchergestalt/ daß sie mit aller Macht zu solcher Betrachtung anzu- treiben/ und der Mensch von ihm selbsten die Widerstrebung abzuhalten nicht faͤhig sey. §. 11. Zudem ist des Menschen Neigung so abgeschmackt/ daß er zur Zeit der Gefahr/ oder obhandenen Schadens/ nicht eben zu den bewehrten Mitteln, sondern auch zu dem ge- ringsten Leblosen, natuͤrlicher Weise lauffe, dem er er sein Vertrauen widmet/ wenn er von selbi- gem nur eine Huͤlffe/ seiner persuasion nach/ ver- muthend seyn kan. Dahero man taͤglich erfaͤh- ret, daß auch Christen aus einer unanstaͤndlichen Neugierigkeit kuͤnfftiges zu wissen/ oder damit sie einer Gefahr zu entrinnen/ oder auch zu ihrem Nutzen gelangen/ so weit verfallen/ daß sie die Wahrsager befragen/ auf Geschrey der Voͤ- gel und leere Traͤume acht geben/ ja wenn es muͤglich/ bey sothanen aͤngstlichem Zustande eine Veraͤnderung nach ihrem Wunsch zu erlangen, bey den Leblosen selbst Huͤlffe suchen wuͤrden. Und ob es gleich nicht allezeit auf eine grobe Weise geschicht, weil sie die natuͤrliche Schan- de im Gewissen der Grobheit bezuͤchtiget/ und ihnen zum Zeichen ihres Unfugs die Roͤhte auf den Wangen mahlet/ so kan sie es doch nicht verwehren/ daß er auf eine subtilere Arth das Vertrauen von seinem Schoͤpffer zu den Huͤlflo- sen Creaturen/ und duͤrfftigen Deutungen o- der Zeichen wende, imgleichen/ daß er durch puncten, die eine bebende Hand aufs Papier wirfft/ eine Consequence der kuͤnfftigen Bege- benheit zu erzwingen versuche/ in welcher Fin- sterniß so viele kluge Koͤpffe stecken. §. 12. Nun scheint zwar/ daß der vernuͤnfftige Mensch/ dem der weise Schoͤpffer eine gesunde Vernunfft eingepflantzt/ wo ihn seine Augen und Sinnen nicht betriegen/ den Schluß machen wer- de: daß/ so fern die Vernunfft mit der Sache selbst beschaͤfftig seyn, und kein Gedancke auf der Man- nigfaltigkeit der puncten ausschweiffen/ noch die D 2 Hand/ Hand, wo sie anfangen und endigen solle/ anfuͤh- ren muͤsse, (wo eꝛ andeꝛs ein richtiges facit haben will) der impetus animalis oder der Trieb/ den der Mensch mit dem Vieh sonder Wuͤrckung der vernuͤnfftigen Seelen gleich hat/ (zum E- xempel, daß er den Arm ausstreckt/ ehe er ihn gedenckt auszustrecken/ daß er den Fuß/ ehe er gedenckt, zum gehen aussetze/ und dergleichen) die Hand alleine ruͤhre/ und die Consequence nicht aus der Wuͤrckung der vernuͤnfftigen See- len/ die zur Fuͤhrung der Hand nichtes beytra- gen/ sondern aus einem Viehischen Triebe her- geleitet werde, also sein Vertrauen auf was Unvernuͤnfftiges setze/ das ihm den Ausschlag seiner Begierden geben solle. Jmgleichen daß Holtz/ Stein/ oder Ertz/ was er selbsten oder andere zu seiner itzigen Gestalt mit grosser Muͤ- he verholffen/ ihm als ein unvermoͤgendes sich selbst nicht bilden/ auch keiner Huͤlffe gewehren koͤnne; Anbey daß die Schlaͤge die er dem Ab- gotte zufuͤgt, von dem Leblosen nicht gefuͤhlet, man muͤsse ihm denn einbilden, daß der Satan, oder eine im Goͤtzen wohnende Krafft/ selbige leide. Allein so sagt auch die Vernunfft/ daß ein geistliches Wesen eine solche Leidenschafft zu empfinden nicht geschickt sey. Dahero er eine vergebliche Arbeit thaͤte/ und sich nur selbst be- truͤge. §. 13. Wer erfähret aber nicht in seinem gantzen Leben/ daß wir armselige Menschen al- len Fleiß anwenden/ wie wir uns zum inventi- euse sten betruͤgen/ und mit einem leeren Winde der der schmeichelnden Hoffnung/ unsere truͤbe Ge- dancken aus einander zu jagen emsig seyn? Weßfalls wir das Wahrscheinliche vor dem wahrhafftigen Gute erwehlen. Und dis ruͤhrt daher, daß die Vernunfft in sich selbst verfin- stert/ die strebende Begierden in der Jrre tap- pen/ die suͤsse Einbildung aber/ auch das schaͤdli- che/ als wann es noch so tauglich waͤre/ anneh- me. Dahero considerir et der irrige Mensch nicht, von wem er Huͤlffe haben koͤnne, sondern folgt seiner Einbildung/ greifft zum Schatten/ und laͤst das Wesen fahren. §. 14. Bey dem Opffer brauchen sie folgen- de Ceremonien: Sie bringen entweder leben- dige Fische vor den Abgott/ legen sie eine Zeit- lang vor ihm nieder, kochen sie nachgehends ab/ und fressen sie selbst auf/ nur beschmieren sie das Maul des Goͤtzen mit dem Fisch-Fett/ oder sie præsentir en ihm die mehr erwehnte Kleidungen, und verhuͤllen den Klotz damit; andere bringen zum Opffer Rennthiere oder Elende/ und die, so die Tartern zu Nachbahren haben/ Pferde/ welche die arme Leute anschaffen muͤssen. Sel- biges Thier bringen sie lebendig vor den Goͤtzen/ alsdenn binden sie ihm die Fuͤsse/ die Pfaffen schreyen aus vollem Halse was ihr Begehren/ und zu welchem Zweck sie das Opffer bringen. Unter waͤhrenden solchem Singen stehet einer mit ausgespantem Bogen und aufgelegtem Schosse bey dem Opffer/ und druckt selbigen nicht ehe loß/ biß der Pfaffe nach vollendetem D 3 Ge- Gesange ihm den ersten Schlag vor den Kopff gegeben/ der dritte wirfft ihm einen Spieß in den Bauch/ und wann sie es solcher gestalt getoͤdtet/ nehmen sie das Pferd beym Schwantz/ und zie- hen es 3. mahl um den Goͤtzen/ das Bluth zapf- fen sie vom Hertzen ab in ein darzu geweyhetes Gefaͤsse/ besprengen damit ihre Huͤtten, sauf- fen auch selbst davon, und mit dem Rest be- schmieren sie das Maul des Goͤtzen. Die Haut des geschlachteten Viehes hangen sie zum Zier- raht auf Baͤume, mit dem Kopff/ Schwantz und Fuͤssen/ das Fleisch kochen sie, und verzehren es mit der groͤsten Freude/ singen dabey aller- hand leichtfertige Lieder/ und beschmieren letzlich wieder das Maul des Goͤtzen mit dem Fette des Geschlachteten. Was sie nicht verzehren koͤn- nen/ nehmen sie mit nach Hause/ verehren es an ihre Nachbarn/ oder geben es ihren Wei- bern zu fressen/ die nicht mit bey der Opfferung gewesen/ der Haußgoͤtze bekommt auch zuwei- len ein fettes Maul davon. Nachdem die Mahlzeit vollbracht, schlagen sie mit Stecken in die Lufft/ und schreyen wieder aus vollem Hal- se/ womit sie den getractirten Geist des Goͤtzen wieder nach der Lufft convoyr en/ und ihm gleichsam dancken/ daß er mit ihrem tractament verlieb nehmen wollen. §. 15. Wann der Mann seinen Weibern abgestorben/ und sie sonderlich beweisen wol- len/ wie schmertzlich der Tod ihres Geliebten ihnen gewesen/ machen sie ihnen einen Abgott/ zie- ziehen ihm die Bekleidung des Verstorbenen an, und nehmen selbigen des Nachts in ihre Ar- men/ des Tages aber stellen sie ihn vor ihre Au- gen/ und beweinen in der Gestalt des Goͤtzen ih- ren verstorbenen Mann. Dis continuir en sie ein gantzes Jahr, und wann selbiges verflossen/ nehmen sie die Kleider und umgewundene Lum- pen wieder zuruͤck/ und werffen den Goͤtzen biß auf eine kuͤnfftige Benoͤhtigung bey sei- te. Woferne aber diese Ceremonien von etli- chen Weibern nicht so streng in acht genommen werden/ halten die andern sie vor leichtfertig/ und blamir en sie, daß sie ihrem Manne bey Leb- zeiten untreu gewesen/ und nicht nach Gebuͤhr geliebt haben. §. 16. Nachdem sie einen Baͤren erschla- gen/ ziehen sie ihm die Haut ab/ hangen sie bey dem Goͤtzen/ auf einen erhahenen Baum, und thun derselbigen eine grosse Verehrung an/ ent- schuldigen sich mit einem lauten Geplaͤr und ver- stelltem Klagen/ daß sie nicht Schuld an seinem Tode/ sie haͤtten das Eisen/ womit er getoͤdtet/ nicht geschmiedet, noch den Pfeil gefiedert/ es waͤren auch nicht ihre/ sondern fremder Voͤ- gel Federn/ die die Flucht des Pfeiles so schnell gemacht/ sie bitten um Vergebung, daß sie nur den Pfeil abgedruͤckt, der ihn getroffen. Die Ursache dieser Excuse ist die Furcht/ die sie ih- nen einbilden/ es koͤnne die vernuͤnfftige Seele des Baͤren ihnen in den Waͤldern/ noch scha- den, und muͤsten sie sich bey Zeiten mit der See- D 4 len len aussoͤhnen/ daß sie den Coͤrper zu raͤumen ihr angemuhtet/ woferne sie nicht von ihr ange- tastet und beschaͤdiget seyn wolten. §. 17. Werden sie der hohen Landes-Obrig- keit an den ver ordinirt en Woiwoden den Eyd der Treue zu schweren angehalten/ so fuͤhrt man sie auf die Gerichts-Stube/ und legt ihnen vor eine Baͤren-Haut und Beil, imgleichen præ- sentir et man ihnen ein Stuͤck Brodt auf einem Messer zu essen/ dabey huldigen sie mit folgen- den formali en: Woferne ich meiner hohen Lan- des-Obrigkeit biß an mein Ende nicht getreu seyn solte/ sondern mit Wissen und Willen ob- truͤnnig wuͤrde/ meine mir auferlegte Pflicht richtig abzutragen mir entzoͤge/ und sonsten auf irgend eine Weise mich gegen der hohen Ma- jestaͤt verbreche/ so soll dieser Baͤr in denen Waͤldern mich zerreissen/ dis Brodt das ich ge- niesse/ im Halse bestecken bleiben, dis Messer mich toͤdten/ und dis Beil meinen Kopff herun- ter hauen. §. 18. Unter ihnen selbsten/ wann eine Streitigkeit soll geschlichtet werden, erwehlen sie von beyden Parthen einige Schieds-Leute, welchen sie ihre strittige Sachen vortragen/ und wann sie wegen zweifelhaffter Umstaͤnde zur end- lichen Entscheidung nicht kommen koͤnnen, wird einem von ihnen, nach Gutduͤncken der Arbitran- ten/ der Eyd aufgelegt/ den sie folgender Gestalt lesten: Es wird zuvor der Schwerende zum Goͤtzen gefuͤhret/ und wegen des Meineydes eꝛnst- lich lich vermahnt, anbey stellen sie ihm die Exempel des gestrafften Meineyds vor/ hernach wird ihm ein Messer gegeben, womit er dem Goͤtzen die Nase beschneidet/ imgleichen ein Beil/ mit welchem er in denselben hauet, mit diesen Ex- pressionen: Woferne ich unrecht in dieser Streit-Sache schwere, und nicht die reine Wahrheit bekenne/ so will ich auf gleiche Wei- se, daß mir meine Nase abgeschnitten werde, oder verfaule/ daß dis Beil/ womit ich den Hieb verrichte/ mich gleicher Gestalt zerstuͤm- le/ daß der Baͤr im Walde mich zerreisse/ und das Ungluͤck an allen Orthen mich verfolge. §. 19. Eben diese Ceremonien gebrauchen sie auch, wann der Zeuge bewaͤhren soll/ was ihm in der Sache bekannt. Und ob gleich eini- ge von der Boßheit gewesen/ daß sie entweder falsch vor einem andern gezeuget, oder ihnen mit Unrecht entweder an- oder etwas abgeschworen/ so ist ihnen die Straffe so fort darauf gefolget/ daß sie GOttes Gericht handgreiflich erkennen/ wie ernsthafft er den Meineyd straffe/ und der Luͤ- gen feind sey. Unter andern Exempeln ist sehr merckwuͤrdig/ daß einer von diesem Volcke leichtfertiger Weise oͤffters geschworen/ und ob- gleich sein Meineyd durch die Laͤnge der Zeit ent- deckt geworden/ hat er sich doch wenig wegen der Straffe, die er ihm selbst bey Verrichtung des Eydes angewuͤnschet/ bekuͤmmert/ zumah- len selbige ihn in seinem Leben nicht getroffen. Nachdem er aber Anno 1713. gestorben/ und D 5 von von seinen Befreundten am Ufer im Sande tieff verscharrt geworden, hat sich ein Baͤr gar oͤffters gewiesen/ welcher denen andern Leuten keinen Schaden zugefuͤget/ auch von der Viel- heit der Hunde nicht hat koͤnnen abgetrieben werden/ immittelst aber die Stelle des Be- grabenen nachgespuͤhrt/ biß er selbige dis Jahr im Ausgange Julii gefunden, den Coͤrper aus der tieffen Erden ausgekratzet, und ihm das Gesichte/ in welches er den Scheitan bey geleiste- tem Eyde oͤffter gehauen/ samt den Haͤnden/ womit er den Hieb vollfuͤhret/ abgefressen/ nachgehends aber sich niemahlen wieder gewie- sen hat. Die Leuthe/ welche auf der Naͤhe ihre Jurthen hatten/ erzehlten dem Metropoliten in meinem Beyseyn diese Umstaͤnde/ mit der groͤ- sten Bestuͤrtzung/ und weilen sie im 1713. Jahr bereits getaufft waren/ in dem vorigen Stande aber solche fremde Begebenheiten nicht erlebet hatten/ schienen sie daruͤber ziemlich confus zu seyn. §. 20. Die Anzahl der Goͤtzen oder Schei- r anen ist unmoͤglich zu berechnen, weil ein jeder ihm seinen particulair en bildet/ auch die Wei- ber in ihren Jurthen a parte Hauß-Goͤtzen hat- ten, als sie noch im Heydenthum lebten/ doch waren in allem nur 3. die sie vor die bewehrtesten hielten. Zwey stunden neben einander in den Biehorki schen Jurthen oder Huͤtten, davon der eine/ welcher keinen Nahmen hatte/ der aller- vornehmste von sie allen war. Diesem Abgott tha- thaten sie die groͤste Ehre an/ und lieffen zu ihm/ seine Huͤlffe in allen Begebenheiten zu erbitten. Seine Gestalt kan man wohl nicht eigentlich be- schreiben/ weiln diß blinde Volck aus Furcht/ daß er nicht verbrandt wuͤrde, ihn aus dem Wege geschafft, als sie den Bericht erhielten/ daß der Ertz-Bischoff, der sie auf allergnaͤdig- sten Befehl Jhro Czaarischen Majeste tauffen solte, in der Naͤhe waͤre. Doch bemercken sie ihn in ihren Erzehlungen folgender massen: Er sey aus Holtz/ auf eine/ nach ihrer Gewohnheit/ rude Arth/ sonder Leib gebildet, und eine Figur eines Menschen-Kopffs am Ende des Klotzes ausgehauen gewesen/ den Klotz selbsten haͤtten sie mit einem rothen Kleide behangen/ woran auch andre ihre Lumpen und Stuͤcke/ die sie die- sem Scheitan widmen wollen/ gehefftet. Auf dem Kopffe aber sey ihm eine Muͤtze mit einem kostbahren Brehm von Fuchsschwaͤntzen besetzt gewesen. §. 21. Der andere Scheitan, so nechst bey ihm stunde/ war eine Ganß aus Ertz gegossen, mit ausgebreiteten Fluͤgeln; sie wurde lange nicht so hoch æstimir et als der vorige, ohngeach- tet er aus Ertz war/ denn der Hoͤltzerne war aͤl- ter, und also verstaͤndiger und probirt er, als die Ganß, zudem hatte sie nur Inspection uͤber Enten/ Gaͤnse und ander Feder-Vieh/ welche Herrschafft nicht eben von grosser Consequence . Wenn sie nun appetit hatten wilde Gaͤnse zu es- sen, so opfferten sie der Ganß, oder versprachen ihr/ ihr/ wenn sie durch ihre Huͤlffe Feder-Vieh er- haschen koͤnnen/ ein fettes Maul von dem ge- fangenen zu machen, gestalt sie glauben/ es ja- ge ihnen die Ganß das Feder-Wild zu. Jm- gleichen daß sie uͤber die schlechte Zobeln zu sa- gen haben, und selbige ihnen zu lieffern vermoͤ- gend waͤre; Es haͤtten aber die naͤchst beyste- hende die Herrschafft uͤber ihr ( die Ganß) und commendire sie nach seinem Willen: Auch muͤ- ste sie sich fertig halten/ wenn er Lust zu prome- nir en haͤtte/ so setzte er sich auf ihre Fluͤgel, und begebe sich an den Orth, dahin er verlange. §. 22. Den dritten betitulirten sie mit dem Nahmen Starick Obskii, der Obische, Alte. Er stund dismahl gegen dem Flecken Samaroff uͤber/ und hatte er zwey Wohnungen, die eine war Samaroff, die andere bey dem Ausfluß/ wie erwehnet/ unweit der Jurthis in dem Obi. Sie veraͤnderten alle 3. Jahr sein Behaͤltnis/ und nachdem er 3. Jahr bey Samaroff gestanden, fuͤhrten sie ihn in einem a parten Bohte/ ihrer Arth nach mit grossen Solennitæt en zu der andern Huͤtten/ die am Obi stunde. Diesen glaubten sie einen Goͤtzen der Fische zu seyn/ zumahlen er alle Fische aus dem Meer in den Obi und ihnen zufuͤhren koͤnne. Er war hoͤltzern, und hatte ei- nen grossen Ruͤssel mit Eisen beschlagen, welches die Bedeutung hatte/ daß er da- mit koͤnne die Fische aus dem Meer zu dem Obi ziehen. Auf dem Kopffe stunden ihm 2. kleine Hoͤrner/ Augen aber hat er von Glaß/ was dis dieß zu bedeuten/ wissen sie selbst nicht zu de- monstrir en; Bey ihm legten sie ihre Pantzer/ die den Sieg/ welchen er uͤber alle Meer-Goͤt- ter erhalten/ vorstellen/ und daß kein groͤsser Goͤtze auf dem Meer ohne ihn regiere. Wenn das Eyß begunte zu brechen/ und die Stroͤhme sich ergossen, kamen sie zum haͤuffigsten zu die- sem Scheitan, ein jeder der sich aufmachte/ Fisch zu fangen/ bate/ daß er ihm einen guten Fang gewehren/ und die Fische aus dem Meer nach seinem Willen leiten wolle. Es geschehen diese Bitten nicht allezeit mit einer Demuth, sondern sie erpochten auch von ihm die Gewehrung/ massen ein Klotz keinem so leicht eine Furcht ein- jaget, zudem alle ihre Verehrungen aus purem Interesse geschahen/ ausser welchem sie nimmer- mehr zu den Goͤtzen lauffen wuͤrden. Doch war solches Pochen gleichwohl mit einem Schein der Demuth untereinander Abwechse- lungs Weise vermischt/ welchen die Liebe zum Gewinst/ nach der Groͤsse ihres hefftigen Ver- langens/ wuͤrckte; waren sie denn so gluͤcklich/ daß sie eine Menge der Fische hatten beschlossen und gefangen/ so bildeten sie ihnen ein, selbiges waͤre durch ihr Pochen und ernstliches Bitten erstritten. Die Erstlinge/ sonderlich wenn sie einen Fisch fiengen/ den sie Nelm nennen/ und dem Lachse gar nahe kommt, brachten sie dem Stara Obskii zum Opffer: Sie selbsten ge- nossen zwar der Fische/ allein mit dem Fisch-Fett beschmierten sie ihm den Mund und die Lippen, da- dahero alle die Scheitanen, ob sie wohl nicht so hoch von ihnen æstimir et wurden, man sie doch mit beschmutzten und glaͤntzenden Maͤulern an- antraff/ und ein jeglicher mit schmutzigem Mun- de aus der Huͤtten guckte. §. 23. Nach aufgehobenem Panquet schlu- gen sie mit Stoͤcken, nach Gewohnheit in die Lufft, und convoyrt en den Geist wieder nach sei- nem Element . Wenn sie aber ungluͤcklich in ihrem Fangen waren, und nach offenem Was- ser so fort nicht nach ihrem Willen von denen Fi- schen aus dem Meer erhielten/ bunden sie dem Goͤtzen einen Strick am Halß/ und wurffen ihn in ein unflaͤtiges Loch/ peitschten ihn zuvor/ und worffen mit unempfindlichen Schelt-Woͤr- tern um sich/ daß er entweder geschlaffen/ wie er von ihnen sey angeruffen worden/ oder daß er nicht mehr zum Goͤtzen tauge/ vielleicht daß ihm die Kraͤffte mit den Jahren abnehmen/ ihren Vor-Eltern haͤtte er noch grosse Dienste gethan/ nun wuͤrde er faul und unvermoͤgend. Sie spo- lirten ihn auch aller Bekleidung, und ruͤckten ihm auf/ daß sie gleichwohl in grossen Hunger und Mangel seiner verbosten Nachlaͤßigkeit hal- ber gerahten waͤren. Jn solchem Loche wurde er so lange arrestir et gehalten, und mit den schmaͤlichsten und unverdaulichsten Worten zu- gesetzt/ biß sie von ohngefehr nach der Jahrzeit die Fische aus dem Meer wieder fiengen, als- denn vergassen sie alles zugewandte Hertzeleid, nahmen den geschimpfften Goͤtzen wieder aus der der garstigen Verwahrung/ wuschen ihn ab/ und nachdem sie ihn mit den ordinair en Be- kleidungen behangen/ setzten sie ihn an den ge- woͤhnlichen Orth/ und gaben ihm auch wohl zur Versoͤhnung ein fettes Maul. Das 4te Capittel. Von dem Anfange der Be- kehrung der Ostiacken zur Christli- chen Griechischen Reli- gion \&c . §. 1. J N solchem bejammerden Zustande lebten diese Leute bißhero/ und schiene fast kei- ne Huͤlffe zu seyn/ vermittelst welcher ihnen die Augen geoͤffnet wuͤrden/ daß sie von dem Satan zu GOtt koͤnten gefuͤhret werden. Das Reich China erregte dem Fran- cisco Xaverio den appetit, daselbst bey gelehrten und scharffsinnigen Leuten das Werck der Be- kehrung zu treiben/ und seinen Nachkoͤmmlin- gen Kloͤster zu stifften; Allein er wolte sich nicht bemuͤhen, die angelegensten Oerter der Welt durchzukriechen/ und die in denen Wildnissen irrende Schaffe aufzusuchen. Das Land ist viel zu unlustig/ der herbe Nord-Wind allzu- kalt/ kalt/ und die Armuth der elenden Einwohner, samt den grassir enden freßigen Kranckheiten/ benehmen allen appetit, daß also ein jeder fro- stig seyn wuͤrde/ diese unlustige Reise zu wagen/ und um den Schaden Josephs bekuͤmmert zu seyn. Dennoch gefiehl es dem grossen GOtt ein Werckzeug auszuruͤsten/ daß diese muͤhseli- ge Menschen zur andern Erkaͤnntniß gebracht wurden. §. 2. Jn der Haupt-Stadt Siberiens war dazumahl Ertz-Bischoff/ Seine Eminenz, der Hoch Ehrwuͤrdige und Hoͤchstandaͤchtige P. Phi- lotæus; Seibiger hatte im Anfang seiner geistli- chen Wuͤrde einen sonderlichen innerlichen An- trieb, die Herumliegende zum Christlichen Glau- ben zu bringen; Wannenhero er ihm angele- gen seyn ließ/ seine Missionarios nach den Mon- galen und ihrem vornehmsten Priester Kutuchta zu senden; Wobey er ihnen adsociirte zwey seiner Bedienten/ die die Mongal sche Les- und Schreib- Arth nebst der Sprache lernen solten. §. 3. Kutuchta wird von denen Mongalen, Contaisi schen, Ajukai schen und Buchari schen Voͤlckern/ als ihr Hoherpiester hoch und heilig gehalten; eine Menge Soldaten begleiteten ihn/ gleichwie auch seine Pfaffen/ die sie La- maen nennen/ ihm zur Hand gehen. Diese Heyden sind eben solche Goͤtzen-Diener/ wie die meisten Chineser und Jndianer, derer obrister Pfaffe genannt wird Dalailama, der wie ein Ertz- Ertz-Bischoff und oberster Priester dem Ku- tuchta, als seinem Bischoff, vor einiger Zeit ein Gesetz/ und zu diesen Voͤlckern/ weil er die Menge allein zu bestreiten sich unfaͤhig geur- theilet/ gesandt, doch so/ daß er seine Depen- dence von ihm hatte, welcher Kutuchta aber vor kurtzer Zeit sich entzogen/ und sich nunmehro von dem Volck als ein obrister Priester vereh- ren laͤst. Dalailama hat seinen Verbleib aus- serhalb der Chinesi schen Mauer/ jenseit der letz- ten Rußischen Stadt Selinga; und an der an- dern Seite einer See/ die sie Baikæ More nen- nen. §. 4. Gleichwie nun die Mongalen sich nicht an einem Orte aufhalten/ sondern des Win- ters in Gezelten von Filtz, die sie Woiloken nennen/ des Sommers aber in Seyden und Sammeten leben/ und selbige an beliebigen Oer- tern aufschlagen/ also ihre Lager-Staͤte und Wohnungen taͤglich oder nach Verfliessung ei- niger Zeit veraͤndern; So hat auch Kutuchta keinen gewissen Ort zu seiner Residence, son- dern ziehet hin mit trefflichen Gezeltern, und einer ansehnlichen Menge seiner Solda- ten/ wo er seinem Gutduͤncken nach einen lusti- gen Ort antrifft/ er fuͤhrt die gewoͤhnliche Ab- goͤtter, und sonderlich die, welche das Volck am hoͤchsten verehrt/ mit sich/ und setzet selbige in a parte Gezelter. E §. 5. §. 5. Das gemeine Volck bildet sich ein/ daß er sich alle neue Mond verjuͤngere/ bey denen alten Vor-Eltern. Allein die Missio- narii des Metropoliten erwehnen/ daß weil sie sonderliche Liebe von ihm genossen/ und die audience nach Verlangen haben koͤnnen/ sie es eigentlich remarquir et/ daß er biß zum al- ten Mond seinen grauen Bahrt wachsen lasse/ und ein falsches klatterichtes Haar/ das ihm eine alte Gestalt mache, im alten Mond auf- setze/ so bald aber das neue Licht zu scheinen be- ginnet/ den alten Bahrt abschneide/ und sich im Gesichte roth und weiß/ gleich dem weib- lichen Geschlechte in Rußland, schmincke und anmahle. Sie statuir en Metemplychosin Pythagoricam, und glauben/ daß des Men- schen Seele nach dem Tode in ein Thier o- der Menschen wieder einziehe, weßfalls sie nicht gerne einen Vogel oder ander Thier er- schlagen/ aus Furcht/ sie moͤchten ihre Vor- Eltern in ihnen ertoͤdten; Woferne sie aber der Creatur gleichwohl das Leben nehmen, haben sie die Absicht, die Seele avancir en zu machen; sonsten ziehe des Menschen Seele, wenn er in seinem Leben schweinisch gewest, in ein Schwein wieder ein u. s. w. biß sie sich durch vielfaͤltige Veraͤnderung endlich einen Menschen zu beziehen geschickt mache. Die von mehrerm Nachsinnen/ halten eigentlich nicht dafuͤr/ daß die Seele aus einem Coͤrper in in den andern fahre/ sondern die Wuͤrckun- gen derselben; Des Kutuchtæ Seele aber zie- he von einem Kutuchta zum andern/ solcher Gestalt/ daß/ weil noch bey seinen Lebzeiten ein ander, der ihm succedir en soll/ erwehlet wird/ und ihm jederzeit zum nechsten ist/ die Kraͤffte und Eigenschafften der Seele des Alten/ dem jungen Nachfolger/ nach seinem Tode wieder einverleibt werden, und des Jungen Seele durch den Umgang mit dem Alten bey seinem Leben bequem gemacht werde, den Verstand und die Gemuͤths-Gaben nach seinem Tode desto besser zu fassen und zu beherbergen. §. 6. Wenn er sich dem Volck zeiget/ er- hebt er sich unter dem Schall so vieler Trom- peten und Paucken nach einem praͤchtigen Sammeten Gezelte/ worinnen ein erhabenes Kuͤssen mit vielen niedrigen an der Runde ste- het. Wenn er sich umkehret zum sitzen/ und seinen Platz eingenommen/ hoͤren die Paucken und Trompeten auf/ und setzen sich seine Prie- ster oder Lamaen bey ihm in der Runde. Diesem jetzigen Kutuchta sitzt seine Schwester, die auch eine Lama geworden/ und gantz kahl beschoren nach Arth der Lamaen, zur Rechten/ die uͤbrige Lamaen werffen ein Kraut/ das wir Post nennen/ auf ihre Rauchfaͤsser/ und be- raͤuchern erstlich den Goͤtzen, nachgehends den Kutuchta, und ferner das Volck/ letzlich brin- E 2 gen gen sie das Rauchfaß vor den obersten Prie- ster, und die Vornehmsten von ihrem Orden setzen sieben Schalen des feinsten Porcellains vor den Goͤtzen/ und sieben vor ihn; Sel- bige sind gefuͤllet mit weisem Honig/ Zucker/ Meth/ Brandtwein/ Thee, Milch und Wein/ oder in der Stelle legen sie eingemachte can- disirt e Sachen. Das Volck rufft dabey mit lauter Stimme: Ge Gen Kutuchta, d.i. Kutuch- ta ist ein heller Paradies. §. 7. Unter andern Fragen, die er den Missionarien gethan, ist diese ziemlich laͤcher- lich/ (Erbarmens wuͤrdig) daß er von ihnen begehret zu wissen/ die Zahl derer die gestorben waͤren/ sie haben ihm aber versetzt: Daß sie von ihm zu wissen verlangten die Zahl derer die noch lebten. Worauf er geantwortet/ er koͤn- te es nicht wissen/ massen die Welt sehr groß sey, und in diesem Augenblick, daß er die Zahl determinir e, koͤnten wieder welche gebohren werden. Die Missionaires hatten replicir et: Es waͤre einerley Beschaffenheit mit denen die gestorben waͤren: Womit er zufrieden ge- west. §. 8. Nachdem nun diese Bemuͤhung seinen vorgesetzten Zweck nicht erreichte, und der Metropolit in seinem Alter die Regierung des Ertz-Bischoffthums ablegte/ hingegen sei- nen Stand in eines Einsiedlers verwandelte/ war war er intentionirt, sich nach dem Kiovi schen Klo- ster, welchem er seine Jugend gewidmet ge- habt, zu verfuͤgen/ und daselbst sein Leben zu beschliessen. Allein er wurde durch den Durchl. Fuͤrsten und Gouverneuren Siberiens, Knees Matphei Petrowitz Gagarin beweglich ersucht, dis sein Gouvernement sobald nicht zu quittir en/ sondern eine Zeitlang sich daselbst noch aufzuhalten; Diesem leutseligen Herrn/ der durch sein genereuses Gemuͤth ihm einen je- den verbindlich gemacht/ zu willfahren/ bat er ihm die Freyheit aus/ die Ostiacken aus dem Heydenthum zu seiner Religion zu bringen. Welches ihm denn um desto mehr gewaͤhret wurde/ je mehr die Absicht Jhro Groß-Czaa- rischen Majestaͤt dahin geziehlet gewesen. § 9. Dieses Vornehmen ins Werck zu setzen, war keine fertige Arbeit, vielweniger ge- ziemte es sich mit gestieffelten Evangelisten/ wie heutiges Tages die Gewohnheit zu refor- mir en/ sondern er begab sich mit einigen Geistlichen an die Oerter/ da sie ihre vor- nehmste Abgoͤtter stehen hatten: Und weil das Volck daselbst zusammen kam/ zeigte er ihnen die grosse Thorheit, ein hoͤltzernes Bild zu ehren/ und wieß sie auf den warhafftigen GOTT/ dem allein die Anbetung zukaͤme. §. 10. Ob nun gleich der Dienst des Sa- tans in seinen Kindern muͤhsam und schaͤdlich, E 3 so so suchen sie gleichwol ihren gefaͤhrlichen Zu- stand und die Kranckheit der Seelen nicht zu changir en/ ohngeachtet die einfaͤltige Men- schen den Betrug des Boͤsewichts mehr als zu wohl erkennen/ sondern defendir en ihre Blindheit, wie ihr Leben selbst, allermassen die Liebe zum Alterthum ihnen die Veraͤnde- rung nicht zulaͤst/ als die ihnen weiß macht, es haͤtten gleichwol ihre Vaͤter und Vor-Vaͤ- ter von undencklichen Jahren keinem andern geopffert/ noch angebetet/ haͤtten sich auch ziemlich wohl/ ihrer Einbildung nach/ dabey be- funden. (Derselbige Greuel haͤngt uns/ die wir wollen Christen seyn/ ziemlich an/ daß wir uns auch nach der Vorfahren Exempel richten wollen, und zwar nach ihrer Boß- heit; Wuͤrden wir aber solches fahren lassen/ und ein neues Leben anfangen/ so moͤchte uns bald geholffen werden.) Der Dienst des Schei- tans waͤre ihnen zum besten gewohnt/ und sey es ihnen zutraͤglicher/ daß sie bey dem/ was sie von Jugend auf gesehen und gehoͤret/ verbleiben/ als eine solche Veraͤnderung er- wehlen/ darinnen sie den Zustand ihrer Vor- fahren gefaͤhrlich, und ihre Seelen verdammt halten muͤsten. (ist eben die Antwort so ge- meiniglich von denen Maul-Christen auf treue Warnung/ das Leben zu aͤndern/ erfolget) Solche und dergleichen Entschuldigungen setz- ten sie denen Ermahnungen des Metropoliten ent- entgegen/ und resolvirt en sich zuletzt ihr Le- ben lieber dabey zu zusetzen/ als das gering- ste von ihren vorigen Gewohnheiten zu ver- geben. §. 11. Der Anfang wurde gemacht Anno 1712. bey Samaroff, woselbst sie ihren Fisch- Goͤtzen, den sie/ wie erwehnt Starick Obskoi nannten, vor dißmahl siehen hatten/ das Volck war zu allen Beredungen taub, und wolte von keiner Veraͤnderung, vielweniger von der Abschaffung ihres uhralten Goͤtzens/ der ihnen und ihren Vaͤtern die Menge der Fische verschafft/ den sie auch mit schimpfli- chen und heßlichen Tractamenten zu ihrem Willen bringen konten/ wissen, vielmehr verbunden sie sich mit Gewalt und Aufsetzung ihres Lebens ihn beyzubehalten. Gleichwie aber das menschliche Gemuͤth denen Verneu- erungen nicht so gar abhold/ so fiengen sie all- gemaͤchlich an in ihren Neigungen zweiffelhafft zu werden, und aufmercksamer die Vermah- nungen anzuhoͤren. Dahero sie es denn end- lich geschehen liessen/ daß ihr Goͤtze dem Feuer geopffert und verbrandt wurde. §. 12. Damit sie aber auch dis Ungeheu- er nicht so platterdinges quittir ten/ sondern von ihm gleichwol ein Andencken behielten, machten einige unter ihnen ein falsches Ge- schrey ruchtbar/ als haͤtten sie vermerckt/ daß E 4 ein ein weisser Schwan im Feuer/ worinnen das Abendtheuer verbrandt wurde, sich haͤtte se- hen lassen/ selbiger waͤre mit der Flamme im Rauch in die Lufft geflogen/ und dis waͤre der Geist/ den sie und ihre Vorfahren in dem ungeschickten Klotze verehret haͤtten. Weiln aber von dem Gefolge des Metropoliten kei- ner das geringste davon remarquir et/ und wie die Sache weiter nachgefraget wurde, auch die Uhrheber dieser Fabel kaum wolten zu er- kennen geben, so wurde der leere Wahn de- nen einfaͤltigen Leuten desto eher benommen, je kuͤrtzer Fuͤsse die Luͤgen zu haben pfleget. §. 13. Doch war dis Feuer so bald nicht gestillet, als die weiter abgelegene sich fester vornahmen, ihre liebe Goͤtzen vor so schlech- ten Preiß nicht von sich zu lassen, sondern mit gesamter Hand abzuwehren/ daß dem heili- gen Alterthum keine Gewalt geschaͤhe/ und hierzu wurden sie veranlasset durch einige Pfaffen aus ihrem Mittel/ welche bey ihrem Wahrsagen vom Scheitan die Vertroͤstung erhielten, daß sie sich nur freymuͤthig zur Ge- genwehr stellen moͤchten/ auch spargirt en sie/ es haͤtte der Scheitan selbst vor acht Tagen, vor des Metropoliten Ankunfft aus dem Klo- tze geredet/ und sie ermahnet/ daß sie sich nicht ergeben, sondern fest an ihm sich halten solten/ er selbst wolle sich wohl defendir en/ und und alle Unternehmungen der Christen Krafft- loß machen. Es war der Bischoff, nachdem er die vorigen auf gedachte Art besaͤnfftiget, und den Alten von dem Obi Strohm ver- brandt/ weiter hinaus biß an die Schorhau- sche Jurthen avancir et, woselbst er diesen Ab- gott antraff/ welcher solcher gestalt das Volck instigir et haben solte. Selbiges versammle- te sich zu einer gewaltsamen Unternehmung/ allein sie wurden durch die Motiv en dieses Mannes in kurtzem zu solchen Gedancken ge- bracht, daß sie zuliessen/ auch diesen Goͤtzen dem Feuer zu widmen. §. 14. Der Weg wurde weiter nach einem Kloster fortgesetzt, welches den Nahmen Kotskoi hat/ daselbst hatte vor Zeiten ein reicher Ostiack gewohnet/ welcher nachgehends zur Rußischen Kirche sich bekant. Umb selbiges Kloster wohne- ten etliche wenige Russen/ die meisten aber wa- ren Ostiacken, und dem Heydenthum zugethan; Diese ließ der Bischoff zu sich kommen/ und un- terwiese sie in den Lehr-Setzen seiner Religion, hingegen zeigte er ihnen den gefaͤhrlichen Dienst, welchen sie dem Satan erwiesen, worinnen ihre arme Seele periclitir te, was hingegen vor ein ewiges Leben, die, welche Christo anhiengen/ zu gewarten haͤtten; Es fand sich unter ihnen ein Knees, Nahmens Alatscho, welcher seinen Uhrsprung aus der uhralten Familie derer Be- E 5 fehls- fehlshaber dieses Volcks herfuͤhrete/ dieser hatte der Ermahnung des Bischoffs/ weil er ziemlich Rußisch verstunde/ eine Zeit lang mit grosser Auffmercksamkeit zugehoͤret/ und wurde in sei- nem Gewissen so uͤberzeuget, daß er umb mehre- re Information und Erleuchtung anhielte. Es gab ihm der Metropolit unter andern auch zu verstehen/ daß die gantze Rußische Nation auch vor Zeiten in dem Heydenthum auch gleicher Gestalt gesteckt haͤtte/ und von dem Uladimiro waͤhrender seiner Regierung alle Goͤtzen in Kiov zu erst abgeschafft und verbrandt worden/ daher nahm er sich vor/ die Beschaffenheit dieser ange- priesenen Umstaͤnde besser zu pruͤfen, und eine Reise nach Kiov zu wagen/ daselbst die Graͤber der verstorbenen und von ihnen hochgeachteten Heiligen/ derer Gebeine sie vor unverweßlich ausgeben/ zu besehen. Welche Reise er auch sofort ins Werck setzte/ nachdem er sich nebst sei- nen Angehoͤrigen tauffen lassen. §. 15. Das Jahr verlieff mit diesen Bege- benheiten/ und der kalte Winter ließ nicht zu, den Weg vor dis mahl weiter fortzusetzen. Wan- nenhero der Bischoff auff die Reise sich begab/ und zu dem folgenden Jahre die Veranstaltung machte/ seine Intention zum endlichen Zweck zu bringen, nachdem er diß Jahr nicht mehr dann 10. biß 11. Seelen getaufft. Welcher gestalt im Jahr 1713. \& 1714. uͤber 5000. 5000. Menschen von dieser Nation getaufft worden/ und wie es durch sonderliche Schickung GOttes arrivir te/ daß diese Leute/ die meistens in der Wildniß leben, in diesen Jahren eben bey- sammen gewest/ da man selbige sonsten in 10. Jahren nicht haͤtte sammlen koͤnnen/ wird auff eine bequemere Zeit dem geneigten Leser zu communicir en verspahret. GOTT allein die Ehre.