Gut ! So nehme ich die Feder und schreibe bei den langen Winterabenden den dritten und letzten Teil , so wahr ich Walther heiße . Der Herr Verleger ist es zufrieden : Und wenn der es zufrieden ist , so ist der größte Berg überstiegen . Das großgünstige Publikum wird sagen : Hm ! Wenn es weiter nichts ist ! Es sind jetzt schwere Zeiten . Walther will sich das Geldchen mitnehmen . Wenn er nur seine Sache nicht gar zu schlecht macht , so ist uns ein geschwätziger Gastwirt eben so willkommen , als ein geschwätziges altes Weib . Aber die gestrengen Herren Rezensenten , Zeitungsschreiber und so fort , von denen ich meinen jungen Herrn in seiner Krankheit immer vorgesungen habe : Gott wohl uns befreien vom Rezensenten-Mord ! Was werden die sagen , daß ein schlechter Gastwirt ein Buch schreiben will ? Meinetwegen , was sie wollen . Sie können doch nichts eher sagen , als bis das Buch heraus ist ! Und wenn es heraus ist und ich gerate nur nicht etwan mit meinem Herrn Verleger in einen Prozeß , daß er seine Ware nicht los werden kann , wie ich mir ein Exempel habe erzählen lassen , das sich in M * " soll ereignet haben : so lache ich , was ich lachen kann und trinke mit meinem Herrn Verleger ein Gläsern : Auf guten Absatz zur Oster-Messe ! Nachdem ich es also gleich auf der zweiten Seite meines Buches so weit gebracht habe , daß ich ohne Furcht und Grauen frisch hinter einander wegschreiben kann : so will ich nur vor allen Dingen dem geneigten Leser kund und zu wissen tun , womit ich ihn für seine zwölf Groschen zu bewirten gedenke . Haben ihm die Speisen gut geschmeckt , die er bisher für sein Geld genossen hat , so wird er auch für diesmal zufrieden sein : denn ich werde nichts neues , auch nichts anders auftischen , als was bisher aufgetragen worden ist . Es wäre denn , daß die Gerüchte vom Trakteur allzulange Aussenbelieben und die Gäste allzuhungrig wären : denn da wäre freilich kein anderer Rat , als daß ich meinen eigenen Speisekeller auftäte und da ist eben nicht viel sonderliches anzutreffen , als ein wenig gesunde Hausmannskost , die delikaten Zungen nicht so recht behagen möchte . Hat ihm aber das bisherige Traktament nicht recht angestanden : Sind ihm die Gerüchte zu ausländisch oder zu leicht oder zu schlecht gekocht oder sonst zu schlecht zugerichtet gewesen , so daß er wünschte , er hätte sein Geld sonst wo verzehrt : So wird ihm das jetzige gewiß nicht um ein Haar besser anstehn und dann kann ich nichts weiter tun , als die Schultern zucken und sagen : Es tut mir leid , mein lieber Herr ! daß es Ihnen nicht schmecken will . Ich wollte Ihnen gern was besseres geben , wenn ich_es nur hätte ! Nun zur Sache ! Mein junger Herr ist fort : Über alle Berge fort , und wer weiß , ob ich ihn in meinem Leben wiedersehe . Etwan vor vier Wochen kam ein Brief an ihn . Ich merkte es gleich , daß die Aufschrift von einem Frauenzimmer war : aber das hätte ich mir in meinem Leben nicht träumen lassen , daß er sich sollte bewegen lassen , Leipzig so geschwind zu verlassen , an daß er von allen Seiten , wie mit Ketten angeschmiedet war . Ich gab ihm den Brief , als er eben höchst vergnügt nach Hause kam und mir im Triumphe zurief : Es ist nur ein Leipzig auf der Welt ! Er nahm ihn hin , laß ihn in einem Angenblike durch und seine Augen brannten für Freude . Adieu , mein lieber , braver Walther , sagte er und drückte mir die Hand ! Was soll das bedeuten , sagte ich ? " Ich muß heute noch fort ! Da lesen Sie diesen Brief ! " Ich nahm ihn und laß , so viel ich mich erinnern kann , wie folget : Mein Erretter , Ich habe Ihnen schon unendlich viel zu verdanken : allein ich will Ihnen noch mehr zu verdanken haben . Verlassen Sie Leipzig auf einige Wochen und eilen Sie zu Ihrer dankbaren Freundin . Sie ist in einer Verlegenheit , aus der sie niemand befreien kann , als Sie selbst . Kommen Sie , mein Freund ! Kommen Sie bald . Ich werde von morgen an eine Vorpost an das Leipziger Tor stellen , die Sie nach meiner Wohnung bringen soll ; Schließen Sie daraus auf meine Ungeduld , Sie zu sehen und zu sprechen und glauben Sie , daß , wenn es in meinem Vermögen stünde , ich Sie den Augenblick , auch wider Ihren Willen , aus Leipzig nach Bautzen herüber zaubern würde . Das ist ein gefährlicher , verfänglicher Brief , sagte ich ! Nehmen Sie sich in Acht . Gut , sagte mein junger Herr : So reise ich bloß deswegen nach Bautzen , um Ihnen zu zeigen , daß er nichts weniger , als gefährlich und verfänglich war : Und kurz und gut , in einer Stande war er reisefertig . Er ließ mir ein paar Abschiedsbrieschen an seine Freunde zurück , die ich bestellen sollte , gab mir Kommission , daß ich alle Briefe auf der Post auffangen sollte , die an ihn kämen und versprach mir , alles Haarklein zu schreiben , was ihm begegnen würde . So schieden wir uns von einander : Er mit funkelnden , und ich mit nassen Augen , und es hätte nicht viel gefehlt , so hätte es mich geärgert , daß er nicht auch ein Tränchen vergoß : Aber ich dachte bei mir selber : Mag es doch gut sein ! Jetzund kann er nur für Freude nicht zum Weinen kommen : aber zu einer jeden anderen Zeit würde er_es wahrlich getan haben . Einige Tage nach einander kam mir mein Gasthof verzweifelt leer vor . Nunmehr fühlte ich_es erst recht , wie lieb ich meinen jungen Herrn gehabt hatte , da ich ihn nicht mehr genießen konnte . Es ist doch ein schnurriges Ding um die Freundschaft ! Sie bekümmert sich nicht den Kuckuck um Stand und Würden . Mein junger Herr war doch , wo mir recht ist , eines Magisters Sohn und ich bin nichts weiter als eines Gastwirts Sohn : aber wir hatten uns doch so lieb , als ob wir alle beide Magister oder Gastwirtssöhne gewesen wären Eben so wenig fragt sie nach dem Alter . Ich war gerade noch einmal so alt , als mein inger Herr : aber was verschlug uns das ? Aber was das allerseltseltsamste ist , so übersieht sie auch die Fehler und Mängel , wenn sie auch noch so ärgerlich darüber sein sollte . Mein junger Herr hatte vieles , vieles an mir auszusetzen : Einmal war ich ihm zu unbarmherzig ; dann wieder zu barmherzig : Einmal schalt er auf meine Höflichkeit ; dann wieder auf meine Unhöflichkeit , wie alles dieses in den ersten zwei Teilen der empfindsamen Reisen weiter und ausführlicher zu lesen ist : Aber ich konnte doch nicht auf ihn böse werden . Doch ! Ein einziges Mal wurde ich es : Aber wie lange währte es ? Mein junger Herr hatte ganz verzweifelte Kunstgriffe , einen wieder gut zu machen : Der Himmel weiß , wo er sie her hatte . Aus Büchern schwerlich ! Er muß sie einem Advokaten oder sonst einem pfiffigen Kopfe abgemerkt haben : Sonst ist_es unbegreiflich ! Aber nur weiter im Texte ! Ich hatte an meinem jungen Herrn ebenfalls vieles , vieles auszusetzen . Mit dem Gelde ging er mir ganz verzweifelt locker um und ich weiß nicht , wo das hinaus will , wenn es so fortgeht . zwanzig tausend Taler ist viel : Aber wenn hier einer und dort einer und hier ein Paar und dort wieder ein Paar immer in Eins weg davon abzwacken , ohne daß man sie auf die Finger schlägt , und was das ärgste ist , wenn mein junger Herr so fortfährt , wie er es bisher getan hat , sein Geld , wie Samen , auszusäen , so ist er in ein paar Jahren wieder der arme Schelm , der er in seinem zehnten Jahre war . So war er mir auch zu leichtsinnig , zu unüberlegt , zu unbedachtsam . Er dachte mir gar nicht gehörig in die Zukunft hinaus . Zwar wehrte er sich seiner Haut , wie ein Mann , wenn ich ihn manchmal um dieser Fehler Willen ein bisschen koram nahm . Es ist , als wenn ich ihn sprechen hörte : Aber sagen Sie mir doch , Herr Walther ! Woher mag es wohl kommen , daß Leute von meinen Glücksumständen unglücklich und elend sind ? Nicht etwan daher , daß sie eben so schwersinnig sind , als ich leichtsinnig bin ? Nicht etwan daher , daß sie eben so viel überlegen und bedenken , als ich nicht überlege und bedenke ? Nicht etwan daher , daß sie ihre Augen nach der Zukunft weit aufsperren , da ich sie hingegen sorgfältig zuschließe ? Mit diesen und dergleichen Reden trieb er mich oft so in die Enge , daß ich nicht wußte , wo aus noch ein : aber ich blieb doch bei meinem Sagen und ich weiß gewiß , ich wäre nicht dabei geblieben , wenn ich Unrecht gehabt hätte . Auch das gefiel mir gar nicht an meinem jungen Herrn , daß er den Leuten so gerade hin alles Liebes und Gutes zutraute . Die Welt ist so arg , wie die Hölle , nur daß sie nicht brennt : Das ist mein Wahlspruch und ich habe bis diese Stunde noch keine Ursache gefunden , ihn für falsch und lügenhaft zu halten . Es ist , leider ! nicht gut : aber vernünftig ist es wahrhaftig , daß man zu itzigen Zeiten den Leuten alles Böse und Arges zutraut , bis man sie von innen und außen kennt . Das war nun gar nichts für meinen jungen Herrn ! " Bleiben Sie mir mit solchen abscheulichen Grundsätzen vom Leibe . Es gibt eine Menge guter Menschen in der Welt : Nur nachgeforscht ! Nur aufgesucht ! So wird man sie finden . Freilich liegen sie nicht , wie Steine auf der Straße da : aber doch gewiß , wie Edelgesteine auf dem Riesengebürge . ( Mein junger Herr ist ein Schlesier . ) Hier einer ! zehn Schritte weiter noch einer ! Daneben noch einer ! Aber man muß sie kennen . Der Rubin springt nicht gleich in die Augen ! Er will unter einer dicken Schale gesucht sein . Mit solchen kostbaren Reden , während welcher gemeiniglich eine Kanonade verächtlicher und grimmiger Blicke auf mich abgefeuert wurde , suchte er mich von seiner Menge guter Menschen zu überführen : aber ich weiß gewiß und wahrhaftig , wenn er bei meinem Nachbar anfangen und so von Haus zu Haus ganz Leipzig durchsuchen sollte - Doch ich will meiner Vaterstadt nichts Böses nachsagen ! Ich habe ohnehin noch eins und das andere von meinem jungen Herrn nachzuholen : als , z. E. daß er sich so wenig aus dem Gerede der Leute machte und gerade das tat , was kein anderer Mensch an seiner Stelle würde getan haben , darüber habe ich mich oft was ehrliches geärgert . Wenn ich zu ihm sagte : Ich bitte Sie um alles in der Welt , tun Sie das und das nicht ! Die ganze Stadt wird über Sie lachen : " So wird die ganze Stadt nicht gescheut sein , gab er mir ganz trotzig zur Antwort . Wenn ich zu ihm sagte : Pfui , schämen Sie sich ! die Leute sehen_es : so fragte er mich : Was für Leute ? Je , sagte ich : die Leute ! Sie werden wohl wissen , was man Leute nennt ! " Ich will aber wissen , was für Leute ? " Da stand ich , wie Butter an der Sonne : denn nun merkte ich schon , wo er hinaus wollte . Hätte ich gesagt : Narren ! so hätte er mir zur Antwort gegeben : Sie mögens sehen ! Hätte ich aber gesagt : Kluge ! " Die mögen es noch weit eher sehen . " Aus diesem wenigen wird ein hochgeneigtes Publikum ersehen , daß mein junger Herr zu denen Leuten gehört , mit denen , wie das Sprichwort sagt , nichts auf der Welt anzufangen ist . Eigensinnig war er eben nicht , und wenn es darauf ankam , so konnte ich ihn mit ein paar Worten so geschmeidig machen , daß man ihm hätte um den Finger wickeln können : aber in manchen Stücken war er auch so hartnäckig , daß einem alle Geduld verging . Seine Freiheit , die er , ich weiß selbst nicht warum , seine moralische Freiheit nannte , steckte ihm Tag und Nacht im Kopfe und was nun , nach seiner Meinung , dawider war , dazu und davon konnte ihn kein Mensch bringen . Bei dem allen aber war ich ihm doch in der Seele gut und ich werde zeitlebens mit Vergnügen daran denken , daß er mein Gast gewesen ist . Ich übersah ihm seine Fehler , so viele ihrer waren und er machte es mit mir eben so : Darum konnte ich mich nicht enthalten , die Freundschaft ein schnurriges Ding zu nennen und eins und das andere davon zu schwatzen . Mein junger Herr hielt sein Wort , als ein braver Mann und schickte mir etwan zehn Tage nach seiner Abreise einen mächtig langen Brief , den ich von Wort zu Wort abschreiben und zum Drucke befördern werde . " Betrogen , Herr Walther ! Betrogen ! Ihr Mißtrauen ist , wie gewöhnlich , ungegründet gewesen . Der Brief , der mich von Leipzig abrief , war ein Brief der reichen Freude - ein Brief , fern von Trug und List - kurz ein Brief von der armen verführten Karoline , die Sie kennen und der Sie gewiß nunmehr die Hochachtung doppelt erweisen werden , die Sie ihr bisher versagt haben . Lassen Sie sich nur erzählen ! Ich kam den Tag nach meiner Abreise gegen Abend bei Bautzen an , ohne von irgend etwas gequält worden zu sein , als von Neugier . Karoline hatte ihr Wort richtig gehalten . Etwan zwanzig Schritte vor dem Leipziger Tore kam ein schlechtgekleideter einfältigscheinender Kerl auf mich zu , nahm seine Mütze unter den Arm und sagte : Mit Gunst , daß ich fragen darf ! Kommt der Herr von Leipzig ? Ich hatte genug und sagte ihm , ich wäre der rechte . Nun das ist mir lieb , sagte er : Der halbe Gulden war geschwind verdient ! Der Postillion fuhr fort und der arme Kerl mußte aus Leibeskräften hinter dem Wagen herrennen . Ich ließ bei dem ersten dem besten Gasthofe stille halten und so bald ich mit meinem Postillion in Richtigkeit war , überließ ich mich der Anführung meines Töffels , mit einer so süßen , zärtlichen Empfindung , Herr Wirt ! und mit einer so sanften , temperierten Wallung des Bluts , die ich in dem freudenreichen Leipzig doch nur ein einziges Mal gehabt habe und die schon allein der Reise wert war . Ich sehe Sie jetzt im Geiste den Kopf mächtig schütteln und eine alberne Mine der Unbegreiflichkeit machen . Ganz natürlich lache ich darüber und erzähle weiter . Mein Kerl führte mich vor ein kleines , allerliebstes Häusern , das ich mir bei dem ersten Anblicke zu meinem immerwährenden Aufenthalte wünschte . Wenn Sie wollen , so können Sie daraus untrüglich auf die Lage desselben schließen . Die Türe war schon verschlossen : aber sie wurde bald von einer artigen sächsischen Grisette geöffnet , die mir ziemlich neugierig unter die Augen leuchtete . Doch die Ungeduld zu erzählen , so wie sie , die Ungeduld zu hören , reißt mich über alle die kleineren Vorfälle mit sich fort ! Ich trat in Karolinens Zimmer . Sie war ganz allein . Ach , er ist es , er ist es , rief sie mir entgegen und schlug für Freuden in die Hände : Sein Sie mir tausendmal willkommen , mein Schutzengel ! mein - Aber nein ! Ich will diese Szene durch meine Erzählung nicht verderben . Sie empfinden doch das lange nicht dabei , was Sie , auch bei Ihren 46 Jahren , noch dabei empfinden könnten : Und wo ich mich nicht sehr irre , machen Sie wohl gar Glossen dazu ! " Nun , bei meiner Ehre ! Die muß mit Ihrer Scham schon ziemlich zu Rande sein , daß sie einem Menschen so frech entgegen laufen kann , der ihre ganze Schande weiß . " Nicht wahr , Herr Wirt ! Das sind ungefähr Ihre Gedanken ? Sie müßten Ihren sauberen Maximen auf einmal den Abschied gegeben haben : sonst ist_es richtig . Aber lassen Sie sich nur immer sein geduldig zu recht weisen und merken Sie sich , was ich Ihnen jetzt sagen werde : Eine unverhoffte Freude geht über alles , unterdrückt alles , vergißt alles , wenigstens ein paar Minuten , so lange noch die ganze Flamme lodert . Hätte sich Karoline gar nicht vor mir geschämt , so hätte mich leicht meine Reise gereuen können . Hätte sie sich aber gleich bei meinem Eintritte vor mir geschämt ; Wäre sie mir mit niedergeschlagenen Augen oder mit der Hand vor dem Gesichte entgegen gekommen , so würde ich sie für eine Komödiantin gehalten haben und so wäre es auf das vorige hinausgelaufen : Aber so , wie sie es machte , war es in aller Absicht natürlich und jedes Wort , jede Mine bestärkte mich in der guten Meinung , die ich immer von ihr gehabt habe . Kaum waren die heftigen , ungestümen Regungen der Freude vorüber , so wendete sie ihr Gesicht von mir weg und fing an zu stammeln und zu weinen . " Ach ! - ich muß mich schämen - mich vor Ihnen sehen zu lassen - meine Schande - meine Verwirrung " Ich ließ sie nicht weiter zu Worten kommen und ich glaube gewiß , das hätten Sie bei aller Ihrer Hartherzigkeit auch getan . Sie mußte mir mit Hand und Mund versprechen , daß sie , so lange ich bei ihr wäre , nicht eine Silbe weiter davon gedenken wollte . Aber ums Himmels Willen erzählen Sie diesen Umstand ja keiner lebendigen Seele : Sonst muß ich wieder den Vorwurf hören , ich hätte Karolinen an der Erkenntnis ihres Vergehens verhindert ! Die Verlegenheit , von der mir Karoline geschrieben hatte , wurde erst nach dem Abendessen auf das Tapet gebracht . Ich wünschte , daß ich Ihnen unser Gespräch darüber von Wort zu Wort mitteilen könnte : Ich weiß gewiß , Sie würden um die Gegend ihres Herzens gewisse Regungen fühlen , die ich Sie zur Ehre des menschlichen Herzens , nur gar zu gern fühlen sehe . Ich will versuchen ! " Aber ist es Ihnen denn nicht recht schwer geworden , sagte Karoline , sich so plötzlich von Ihrem lieben Leipzig zu trennen ? " Was sollte mir schwer werden , wenn es darauf ankommt , Karolinen aus einer Verlegenheit zu reißen ! " Ach , seufzte sie und sah mich mit jammervollen Augen an , Arme Karoline ! Was ist Ihnen ? Ist Ihre Verlegenheit so groß ? " Ach ja , sagte sie , Ich bedaure Sie von ganzer Seele . Aber Sie haben mir ja geschrieben , daß ich im Stande wäre , Sie aus dieser Verlegenheit zu befreien ! O so sagen Sie mir nur gleich alles . Ich will alles tun , alles wagen , was nur irgend in meinem Vermögen steht . " Ach , mein alter , ehrlicher Vormund ! , , Was wollen Sie mit Ihrem Vormunde ? Sagen Sie ? Hat er Ihnen was zu Leide getan ? Will er Sie um Ihr Vermögen bringen ? " O Nein ! Er hat mir nichts zu Leide getan : aber ich ihm - ich ihm - Sie ? Was könnte ihm Karoline zu Leide getan haben ? " Ich habe ihn hintergangen . Ich habe ihm die Wahrheit verhält . Der redliche Alte weiß noch nicht ein Wort von meinen schändlichen Ausschweifungen Ich habe ihm bloß gesagt , daß ich in Leipzig von der Untreue meines Liebhabers sichere Nachricht erhalten hätte und daß ich mich nie mit ihm verbinden würde . Er hat mir auf mein Wort geglaubt und nun kann ich ihm vor Scham und Verwirrung nicht unter die Augen gehen . Jeder Blick von ihm ist ein Schwert in meine Seele . So oft er mich , nach seiner Art , freundlich auf die Schultern klopft , und mich seine liebe , fromme Karoline nennt , so möchte ich vor Schmerz in die Erde sinken , Grämen Sie sich nicht , gute Karoline ! Dem Übel ist abzuhelfen . Wenn Ihr Vormund wirklich der brave , ehrliche Mann ist , wie Sie mir ihn beschreiben - " Ja , das ist er , Nun so will ich bald mit ihm fertig werden . Ich will ihm alles geradehin erzählen , was ich von Ihnen weiß ; Ich will ihn bei seiner Liebe zu Karolinen fest halten . O schicken Sie mich heute noch zu ihm hin , damit ich Sie heute noch aus Ihrer Verwirrung reiße . " Ach , lieber Freund ! Wenn das alles wäre ! aber - Nur Herz gefaßt ! Es wird alles gut gehen . Sagen Sie nur - " Mein Vormund , weil er in den Gedanken steht , daß mein Herz ganz frei ist , will mich an einen jungen Menschen verheiraten , Er will Sie doch nicht mit Gewalt dazu zwingen ? " Nein : aber - ich kann nicht Nein sagen , ohne meine Schande zu gestehen , Was ist es denn für ein junger Mensch ? " Ein Kaufmann , der sich vor kurzem durch Hilfe meines Vormunds etabliert hat und der sein ganzes Herz besitzt , , Wissen Sie gewiß , daß Sie von diesem jungen Manne geliebt werden ? " Noch habe ich keine Ursache , daran zu zweifeln , Aber - Ich werde Ihnen jetzt eine Frage unmittelbar ans Herz legen - Aber - Lieben Sie ihn ? " Ja - ich fühle es - ich liebe ihn , Hier schwieg ich einen Augenblick still , um die Verlegenheiten der armen Karoline unter einen Gesichtspunkt zu fassen . Wie mir dabei zu Mute war , das können Sie leicht ermessen . Ich hatte mich so gut , als durch ein Gelübde anheischig gemacht , sie aus allen ihren Nöten zu befreien : aber aus solchen ? Wer konnte das vorhersehen ! - Glauben Sie wobl , fragte ich Karolinen nach einiger Überlegung , daß Ihr Liebhaber Sie stark genug liebt , um Ihnen Ihre Fehltritte zu übersehen , wenn er sie erfahren sollte ? " Nein ! Das kann ich nicht glauben . Er ist noch so unschuldig , wie er aus den Händen der Natur hervorgegangen ist . Er wird mich verachten und wie eine Schlange fliehen , wenn er hört , daß ich es nicht mehr bin , Das ist noch nicht ausgemacht . Wer weiß ? - Was meinen Sie ? Soll ich ihm den ganzen Handel entdecken ? Ich will alle meine Beredsamkeit zusammennehmen - " Ach , Sie wagen zu viel - zu viel - Er wird mich gewiß verachten - und gleichwohl - Es ist kein ander Mittel übrig - ich kann ihn nicht hintergehen - Er muß alles wissen - alles , Dieses alles wurde mit einem so kläglichen , ganz von Schmerz durchdrungenen Tone ausgesprochen , daß ich erschrocken zusammenfuhr . Es fiel mir ein , daß mir Karoline vielleicht noch kaum die Hälfte ihres Kummers entdeckt haben könnte , und ich schauderte schon im voraus für dem , was sie mir noch entdecken würde . - Was muß er denn noch mehr wissen , fragte ich sie ? " Ich bin von meinem Verführer noch nicht los , Wie ? Noch nicht los ? Sie lieben ihn ja nicht mehr ! " Nein ! " Nun gut ! So sind Sie ja frei ! Der Niederträchtige liebt Sie gewiß auch nicht . " Ach ! " Dieses , mit einem Strome von Tränen , mit Händeringen , mit heftigem Schlucksen begleitete Ach , brachte mich um alle meine Fassung . Karoline ! rief ich : Liebe , unglückliche Karoline ! Quälen Sie mich nicht - Quälen Sie sich nicht ! Sagen Sie mir alles , was Sie auf dem Herzen haben ! Sie müssen es mir sagen ! " Ich sterbe vor Scham - Ich bitte Sie - Ersparen Sie mir - Erraten Sie , , O Himmel ! Sie sind doch nicht etwan - " Ja , unterbrach sie mich mit den heftigsten Bewegungen des Schmerzes - Ja - Ich bin schwanger - Der Räuber meiner Ehre - Ja , ich bin von ihm schwanger , Wie ist Ihnen Herr Wirt ? Was regt sich in Ihrem Herzen ? Was fühlen Sie für die arme , unglückliche Karoline ? Schreiben Sie mir alles Haarklein ! Was ich für Sie fühle ist mir nicht genug . Ich wollte gern , daß Sie und alle meine Freunde und alle Welt mit dem armen Mädchen das aufrichtigste Mitleiden empfänden . Warum ich das will , das weiß ich selbst nicht recht : aber das weiß ich , daß Karolinens Unglück mein ganzes Herz weg hat und daß ich nicht eher ruhen werde , bis ich sie daraus gerettet habe . Es ist mir schon gelungen , einen kleinen Grund dazu zu legen . Ich bin bei dem Vormunde gewesen . Er ist gewonnen ! glücklich gewonnen ! Doch davon muß ich Ihnen mehr erzählen . Ich verließ Karolinen so ruhig , als sie es bei dem ersten Ausbruche eines so lange geheim gehaltenen Kummers durch die wohlgemeinten , aber mißlichen Versprechungen eines Freundes werden konnte und begab mich ziemlich spät nach meinem Gasthofe . Sobald ich den Morgen herangeseufzt hatte , machte ich mich auf den Weg : denn Karoline hatte mir gesagt , ich könnte ihren alten Vormund so früh sprechen , als ich wollte . Ich wurde ohne Umstände in sein Zimmer geführt und ich traf ihn eben bei seinem Thetische an . Es war ein kleiner , allerliebster , weisköpfigter Mann , dem die Grundehrlichkeit aus den Augen leuchtete . Sein erster Blick weissagte mir , daß ich nicht vergebens von ihm weggehen würde , und der gute Morgen , den er mir entgegen rief , indem er mir zugleich freundlich seine Hand bot , machte meine Hoffnung zur Zuversicht . Ich mußte mich neben ihn auf das Kanapee setzen und eine Tasse Tee annehmen . So wenig ich nun Ursache hatte , bei einem solchen Manne verlegen zu sein , wie ich meinen Antrag machen wollte : sosehr war ich es doch , als er mit einer ihm ganz eigenen Art , die ihn mir immer werter machte , zu mir fakte : Nun was bringen Sie mir denn Gutes ? Denn was gutes muß es wohl sein : Ich sehe Sie nicht dafür an , daß Sie mir was böses bringen sollten . Ich wußte nicht , sollte ich Ja , oder Nein , oder gar nichts sagen oder vielmehr , ich war gar nicht im Stande , nur ein Wort aufzubringen : so sehr hatte mich dieser unerwartete Einfall verwirrt gemacht . Der gute Alte merkte es . " Haben Sie etwan ein Anliegen an mich ? , Ja , sagte ich : Ein sehr großes . " Sagen Sie nur frei heraus ! Wenn es in meinem Vermögen steht : Warum sollte ich Ihnen nicht so gut , wie jedem anderen dienen ? Sagen sie mir : sind Sie aus der Stadt ? , Nein ! Ich komme von Leipzig . " Von Leipzig ? O da können Sie mir vielleicht von einem gewissen jungen Rosenfeld Auskunft geben ! " Das kann ich , mein lieber Herr ! Nur bedaure ich von Herzen , daß die Nachrichten eben nicht die besten - " Ich weiß schon ! Ich weiß schon ! Es ist ein liederlicher Bursche ! " Wenn nur das alles wäre ! Aber ich weiß , daß er erst vor kurzem ein junges , unschuldiges , liebenswürdiges Mädchen verführt hat - " O der Bösewicht ! " Und , sobald er ihrer überdrüssig gewesen , hat er sie in ein Haus bringen lassen , das ich nicht nennen mag . " Das ist entsetzlich , himmelschreiend ! Und die Obrigkeit hat dem Buben nicht seinen verdienten Lohn gegeben ? , O mein guter , alter Herr ! Wenn die Obrigkeit alles wüßte - " Aber nehmen Sie mir_es nicht übel , mein junger Mensch ! Wenn Sie es gewußt haben , so hätten Sie es auch angeben sollen . " Ich habe es erst erfahren , da es schon zu spät war . " Wie so , zu spät ? " Das gute Mädchen war schon aus dem schändlichen Hause erlöst und wieder aus Leipzig weggereist , als ich es erfuhr . Hier fingen dem guten , alten Manne an , die Augen aufzugehen . " Was sagen Sie ? Sie ist wieder aus Leipzig weggereist ? Wohin denn ? " Das kann ich nicht gewiß sagen : Aber mich dünkt , ich habe mir sagen lassen , sie wäre hier aus der Stadt . " Gott im Himmel , rief der alte ehrliche Mann , sprang von seinem Sitze auf und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen - Ach , meine Karoline ! Meine Karoline ! Mit tausend Freuden hätte ich alles dahin geben wollen , wenn ich dem redlichen Greise dieses Schrecken hätte ersparen können : Aber Sie werden mir selber das Zeugnis geben müssen , daß ich es auf keine andere Art anfangen konnte - Ich setzte , oder vielmehr , ich mußte meine Verstellung noch einige Zeit fortsetzen , so sehr ich auch für Verlangen brannte , mich zu entdecken . Mein guter Greis , sagte ich : Was ist Ihnen ? Was sagen Sie von Karolinen ? Ich bedaure , wenn ich - " Ach ! Sie sind ein Bote des Unglücks ! Ach meine Karoline ! Was hast du gemacht ? Was hast du angerichtet ? " Darf ich nicht wissen , wer diese Karoline ist ? " Ach es ist mein Kind ? , , Ihr Kind ? " Nein ! Nicht mein Kind ! Aber ich habe sie geliebt , wie mein Kind ! Das weiß der allwissende Gott ! Ach ! und ich muß auf meine alten Tage solches Herzeleid an ihr erleben ! O wie wünschte ich , daß Sie da gewesen wären - daß Sie ihn hätten sehen mögen : So könnten Sie sich doch rühmen , daß Sie in Ihrem leben einmal recht aus Herzensgrunde geweint hätten ! Sie sind also ein Anverwandter von ihr , fuhr ich fort und die Tränen liefen mir heiß über die Wangen herab ? " Nein , sagte er : Ich bin ihr Vormund ! Aber ich habe kein Kind mehr am Leben : und was ich sie nur auf der Welt lieb haben konnte , das habe ich sie lieb gehabt . Aber , mein lieber , alter Herr ! Wollen Sie sie nun nicht mehr lieb haben , da sie Ihrer Liebe am meisten bedarf ? " Ich weiß nicht - Ich kann nicht böse auf sie sein : und doch hat sie es tausendmal verdient . Was hat sie mir nicht alles weiß gemacht ? Aber ich hätte es merken können , daß es mit ihr nicht richtig ist . Sie hat mir nicht ein einzigesmal dreist in die Augen sehen können , seit sie von Leipzig zurück ist . " Ein sicheres Merkmal , mein lieber Herr ! daß ihr ihr Fehltritt leid ist . Ihre Scham ist der stärkste Beweis , daß alle Schuld ihrer Verführung auf den Verführer zurückfällt . " Wenn ich_es nur glauben könnte : aber sie weiß es ja doch , daß ich sie , wie meine eigene Seele lieb habe und daß ich meinem Nächsten einen menschlichen Fehltritt gern zu gute halte . Warum hat sie mich denn so belogen , daß ich ihre Streiche erst von fremden Leuten erfahren muß ? , Guter Greis , sagte ich und drückte ihm lächelnd die Hand : Ich bin nicht so fremd , als Sie vielleicht denken . Jetzt hatte ich den Augenblick erhascht , wo ich mich recht a propos entdecken konnte . Der ehrliche Greis erheiterte sein betrübtes Gesicht . " Was sagen Sie da ? Ich wüßte doch nicht , daß ich Sie in meinem Leben gesehen hätte . Das ist wohl wahr : Aber gleichwohl - " Sind Sie etwan einer von meinen weitläufigen Anverwandten in Leipzig ? , Nein : Aber gleichwohl - " Nun , Sie müssen einen alten Mann nicht mit Ungewißheit martern . " Ich kenne Karolinen . Der gute alte Mann schüttelte den Kopf und ich sah es ihm an , daß er zweifelhaft war , wie er dieses Kennen auslegen sollte . Ich setzte also gleich hinzu : Ich bin ein Freund von Karolinen und komme ausdrücklich zu Ihnen , um Ihnen das zu sagen , was sie sich vor Scham Ihnen nicht zu sagen getraute . Die Ungewißheit des Greises , was er aus mir und aus meiner Freundschaft gegen Karolinen machen sollte , nahm sichtbar zu und ich gab mir mit Fleiß noch nicht die geringste Mühe , sie zu zerstreuen . Ich mag gar zu gern , die Redlichkeit und Aufrichtigkeit in allen ihren Wendungen und Falten sehen und hier hatte ich gerade einmal die seltene Gelegenheit , meinen Wunsch zu befriedigen . Sollte ich sie wohl aus der Hand lassen ? " Junger Mensch , sagte er : Nehmen Sie mir_es nicht übel ! Wenn Sie bloß deswegen hergekommen sind , mir , altem Manne Herzeleid zu machen und mich bei der Nase herum zu führen : so wünschte ich lieber , Sie wären gar nicht gekommen . Nicht wahr , Herr Wirt ! Diese geradeswegs aus dem Herzen kommende Versicherung wäre Ihnen auch lieber gewesen , als tausend Süssigkeiten , die , wer weiß woher , nur nicht aus dem Herzen entsprungen sind ? Ich beantwortete sie damit , daß ich das Billet , welches mir Karoline nach Leipzig geschickt hatte , aus der Tasche zog und es ihm gab . Sie sind ein braver , ehrlicher Mann , sagte ich : Aber ich möchte mir auch nicht gern den Ruhm nehmen lassen , daß ich es bin . Hier lesen Sie ! Er laß , schielte im Lesen einigemal nach mir , und sobald er fertig war , ging er mit offenen Armen auf mich zu . " O sein Sie mir tausendmal willkommen , mein lieber junger Mensch ! Sagen Sie : womit kann ich Ihnen dienen ? Ich will Ihnen alles reichlich vergelten , was Sie an meiner Karoline getan haben . Ich habe nichts getan , als was die Menschlichkeit von mir forderte . Ein glücklicher Zufall , eine gewisse Ahnung , ein geheimer Zug , ich weiß selbst nicht , was es alles war , führten mich in das Haus , wohin der niederträchtige Rosenfeld die arme Karoline hatte bringen lassen . Ich sah sie und auf den ersten Blick hatte sie mein ganzes Mitleiden weg . Ich fragte sie , ob sie aus diesem Hause befreit sein wollte ? Sie bat mich mit Tränen darum . Wie hätte ich ein solches Ungeheuer sein und ihre Bitte nicht erfüllen können ! Ich nahm sie in meiner Kutsche mit nach der Stadt und noch denselben Tag reiste sie von Leipzig weg . " Gott sei_es gedankt , daß es noch so glücklich abgelaufen ist . Wie leicht hätte ich nicht gar um meine Karoline kommen können ! Das hätte ich auf meine alten Tage nicht ertragen . Aber , lieber Gott ! Bin ich nicht eben so schlimm dran ? , Daran lassen Sie uns jetzt nicht denken . Es wird alles gut gehen , wenn Sie nur erst erlauben wollen , daß sich Karoline Ihnen zu Füßen werfen und um Vergebung bitten darf . In diesem Augenblicke trat Karoline selbst ins Zimmer . Ihre artige Grisette hatte mich zu ihrem Vormunde gehen sehen und ihr davon Nachricht gegeben . Nach ihrer Rechnung blieb ich zu lange aus : Sie nahm also alle ihre Herzhaftigkeit zusammen und kam selbst . Allein alle ihre Herzhaftigkeit reichte nicht weiter , als vor das Zimmer und so , wie sie den ersten Schritt berein tat , zitterte und bebte die arme Seele so heftig , daß ich ihr entgegen gehen und sie halten mußte . " Arme Karoline ! Armes Kind ! rief ihr der Greis entgegen : Was hast du gemacht ? " , Karoline zerfloß in Tränen , indem sie sich ihrem Vormunde näherte und seine Hand ergriff , um sie zu küssen . Mein Vater , stammelte sie - verzeihen Sie - Lassen Sie sich mein Unglück zu Herzen gehen ! Liebe Karoline ! unterbrach ich sie : Er hat Ihnen schon verziehen ! " Ja , sprach der Greis und warf sich ihr kraftlos in die Armen - Ja ! Ich habe Dir ziepen - Ich habe Dich zu lieb - Du bist und bleibst meine Tochter - aber ich zittre für Dich - Du weißt , was ich mit Dir vorhatte ! Ich weiß es auch , sagte ich : aber ich fürchte noch nichts für Karolinen . Lassen Sie uns einander nur gemeinschaftliche Hände blieten und vor allen Dingen Karolinen aus aller Verbindung mit ihrem schändlichen Verführer reißen . Mein Rat wäre : Karoline schriebe an ihn ! " Ach , das kann ich nicht , sagte sie , Ich werde Ihnen die Hand führen , sagte ich - " Aber , was wollen wir ihm schreiben ? , Viel Böses , liebe Karoline ! Viel Böses , Wir müssen uns unbarmherziger und grausamer gegen ihn anstellen , wie die Tiger - " Werden Sie das können ? , Ja , ich werde es . Ich will schon mit meinem Herzen einen Akkord zu treffen wissen , daß es , einer unglücklichen Freundin zu gefallen , meinem Kopfe erlaubt , ein Gespinst von schrecklichen Vorwürfen und Drohungen zusammen zu weben . " Der arme Rosenfeld ! Wenn er sich nur nicht den Brief allzusehr zu Herzen nimmt - und wohl gar verzweifelt ! " Dafür bin ich Ihnen Bürge ! Der Mann , der ihm den Brief überbringen soll , läßt niemanden verzweifeln . Doch ich brauche Ihnen nicht ein Wort weiter zu sagen ! Hier , mein lieber Walther ! ist der Brief selber , den sie gehörig zusiegeln und an den Bösewicht bestellen sollen : Doch nicht bloß bestellen ! Ich beschwöre Sie bei aller Ihrer Klugbeit , bei aller Ihrer Freundschaft gegen mich und bei allem Mitleiden , was Sie gegen die unglückliche Karoline empfinden : Gehen Sie nicht eher aus Rosenfelds Zimmer , bis Sie ein Schreiben von ihm in Händen haben . Es ist uns allen unendlich daran gelegen . Meine Ehre , Ihre eigene Ehre ist hier im Spiele : Denn Sie müssen wissen , daß ich dem guten Alten von einem Freunde vorgesagt habe , der mein ganzes Vertrauen besitzt und der nicht eher ruhig sein wird , bis er die Sache nach unserem Wünsche eingelenkt hat : Und dieser Freund , mein lieber Walther ! sind Sie selbst . Genug für einen rechtschaffenen Manne , der noch keinen seiner Freunde im Stiche gelassen hat und am allerwenigsten seinen redlichen S** Dieser Brief ging mir durch die Seele , wie ein Schwert . Ich war ganz voll von Mitleiden gegen das arme , verführte Mädchen und ganz voll von Freude , daß ich auch etwas dazu beitragen sollte , den armen Teufel aus ihrer Not zu befreien . Mit dem Briefe an den schurkischen Rosenfeld tat ich , was mir war befohlen worden : Ich siegelte ihn zu und machte mich damit auf den Weg . Es ist mir lieb , daß ich einem Hochgeneigten Publikum eine Abschrift vorlegen kann , die ich davon genommen habe . Räuber meiner Ehre , Wo soll ich die Kraft hernehmen , an Dich zu schreiben ! Wie werde ich , voll von Scham und Reue und Verzweiflung , die Feder halten können ! Und doch brenne ich , vor Begierde - nicht an Dich zu schreiben , sondern Dich zu verfluchen , meinen ganzen Haß und meine ganze Verachtung gegen Dich auszuschütten , Dich , wenn es möglich ist , mit den bittersten , beissendsten Vorwürfen zu quälen und den ganzen Rest Deines Lebens so elend zu machen , als Du den meinigen gemacht hast - Sage mir , welchem bösen Geiste lerntest Du den unseligen Vorsatz ab , mich , nachdem Du mich meiner Ehre beraubt hattest , in das Haus der Schande und des Lasters bringen zu lassen ? Und welchem Fürsten der Hölle hast Du es zu verdanken , daß Du Dich vielleicht jetzt noch - doch was sage ich vielleicht ? - daß Du Dich jetzt noch Deines mehr als mörderischen Anschlages freuen und gegen Unsinnige Deines Gelichters rühmen kannst ? Sei stolz ! Triumphiere ! Du lässt den Barbaren Ynkle weit unter Dir . Er verkaufte seine schwangere Yariko nur an einen Sklavenhändler : Du verkauftest Deine schwangere Karoline an das Laster selbst . Jene verlor nur ihre Freiheit : Ich verlor alle Möglichkeit , zur Tugend zurückzukehren . Aber wisse , Schändlicher ! Ich bin gerettet . Der Gott , der seinen Donner bereit hält , Dich zu zerschmettern , hat gütig auf ein gemißhandeltes Geschöpf herabgesehen - hat mir einen Schutzengel gesandt , der mich Dir aus dem Rachen gerissen hat . Ich bin frei . Ich bin wieder in meiner Vaterstadt . Ich habe meinem Vormunde alles entdeckt und er hat mir verziehen . Ich biete alles wider Dich auf . Ich schärfe alle Pfeile selbst , die Dich treffen sollen : Und Sie werden Dich treffen - tief treffen . Meine Schande ist gewiß : Dein Unglück soll es auch sein . Zwar bist Du bereits unglücklich genug . Eine himmelschreiende Schuld liegt auf Deinem Gewissen : Aber ich will sie noch schwerer machen . Ich will Dich der Obrigkeit in die Hände liefern . Du sollst ehrlos , mit einem V. auf der Stirn , von Stadt zu Stadt , von Haus zu Haus herumgejagt werden . Wer Dich sieht , soll Dich verabscheuen . Wer von Dir spricht , soll Dich verabscheuen . Wer Deinen Namen nennen hört , soll Dich verabscheuen . Wer meine Schande vernimmt , soll Dich verabscheuen und Dir fluchen und von Dir sagen : Er leidet , was seine Taten wert sind . So rächet sich an Ihrem Verführer Karoline . Wäre auch dieser Brief noch einmal so toll gewesen , so hätte ich doch Herz genug im Leibe gehabt , Briefträger zu sein . Einem Bösewichte muß man so schreiben : Sonst denkt er , man spaßet nur ! Kurz und gut , ich ging mit dem Briefe zu Rosenfelde mit dem festen Entschluss , mich meiner Haut tapfer zu wehren , wenn es zum Handgemenge kommen sollte . Was da vorging und wie ich meine Sachen machte , das wird der geneigte Leser aus folgendem Briefe mit mehreren ersehen . Mein lieber junger Herr , Werfen Sie mir nun noch einmal meine Hartherzigkeit vor , wenn Sie Luft haben ! Dieser Brief , den ich jetzt schreibe und der andere , den ich Ihnen anbei schicke , wird Ihnen doch endlich einmal die Augen auftun . Ich bin bei Rosenfelde gewesen und ich habe ihm glücklich einen Brief abgelockt , wie Sie ihn nur wünschen können . Gleich anfangs muß ich Ihnen nur sagen : Rosenfeld ist kein so gar arger Bösewicht , wie man es von Rechtswegen aus seiner Schandtat schließen kann . Wissen Sie , wie er mir vorkommt ? Wie ein Besoffener . Er taumelt in seiner Wollust herum und sieht weder Himmel noch Erde . Dabei ist er ganz abscheulich leckerhaft . Kaum hat er eine Sache recht gekostet , so ekelt ihm schon davor und er will wieder etwas anders . Sehen Sie , so hat er es auch mit der armen Karoline gemacht . Der Himmel bewahre mich , daß ich ihn entschuldigen sollte ! Er ist ein Bösewicht und bleibt ein Bösewicht : Aber ich meine nur , er würde vielleicht seine Schandtat unterlassen haben , wenn ihm jemand vorgestellt hätte , wie groß sie wäre . Das , was ich Ihnen jetzund erzählen werde , wird Sie vollends überführen , daß ich nicht gelogen habe . Rosenfeld hatte eben eine hübsche Dirne bei sich , als ich zu ihm kam , und war recht in seiner Wonne . Ich sagte ihm mit einer ziemlich gleichgültigen Mine , daß ich ihm einen Brief brächte : und zugleich sah ich das Mädchen an , gleichsam als wollte ich sagen : Sei sie so gut , Jungfer ! und packe sie sich . Aber sie hatte weder Augen , noch Ohren ! Rosenfeld nahm den Brief in die Hand und das junge Ding trödelte immer in der Stube herum und stellte sich , als hätte sie , wer weiß was , zu verrichten : Aber ich machte der Pauke bald ein Loch ! Herr Rosenfeld , sagte ich : Bei dem Briefe werden Sie wohl allein sein müssen . Wie so , sagte er ? Wo ist er her ? Aus Bautzen , sagte ich . Dieses Wort war für Rosenfelde ein Donnerschlag . Er ließ den Brief an die Erde fallen und wurde blaß wie der Tod . Ach , daß Gott ! sagte er . Das Mädchen tat einen lauten Schrei und drückte Rosenfelde in die Armen : Aber ich war so hart , wie Stein . Pfui , sagte ich , indem ich den Brief aufhob ; Sie sind ein Student und stellen sich so albern an ! Lesen Sie diesen Brief : Dazu ist er geschrieben . Nein , sagte er und zitterte über den ganzen Leib : Aus Bautzen lese ich keine Briefe . So müssen Sie auch keine Mädchen aus Bautzen verführen , sagte ich und lehnte mich großmächtig auf meinen Stock . Ach , daß Gott ! schrie der Hasenfuß von neuem und wollte vor Angst aus der Haut fahren . Das Mädchen drückte ihn wieder mächtig an sich : allein für diesmal ließ sie es nicht dabei bewenden , sondern schüttelte eine ganze Ladung von Schimpfwörtern über mich aus und das so geschwind , daß ich dachte , ihre Zunge müßte in Stücken gehen . Ich ließ mich nicht irre machen und sagte ganz höhnisch zu ihr : Höre sie , Jungfer , oder was sie sonst ist ! sie hat zwar ein sehr gutes , dauerhaftes Mäulchen , so viel ich vernehmen kann : aber ich dächte doch , sie schonte sich etwas . Das Mädchen wurde nun erst recht böse und drohte , sie wollte um Hilfe Schreien und das ganze Haus zusammenrufen und ich sollte nicht lebendig herauskommen : aber da traf sie mich eben recht . Unterstehe sie sich , sagte ich , und gebe sie nur einen Laut von sich ! Es soll ihr übel bekommen : Das schwöre ich ihr . Gut , sagte sie : Das will ich sehen , das will ich sehen ! Sie ließ ihren Herrn Rosenfeld gehen , lief fort und schmiß die Türe mit Donnern und Krachen hinter sich zu . Und was meinen Sie wohl , daß ich tat ? Ich spielte den Herrn im Hause , zog den Schlüssel aus der Türe und verriegelte sie noch dazu inwendig . Nun laß sie kommen , dachte ich ! Eher müssen sie die Türe einschlagen , ehe ich sie hereinlasse . Indessen hatte sich Rosenfeld auf einen Stuhl geworfen und stand dem Ansehen nach schon mit einem Fuße im Grabe . Nun sind wir allein , Herr Rosenfeld , sagte ich : Machen Sie fort und lesen Sie den Brief ; ich muß Antwort haben . Lassen Sie mich , sagte er und gebärdete sich über alle Maße jämmerlich - und gehen Sie , wo Sie hergekommen sind . Das werde ich wohl bleiben lassen , sagte ich : Machen Sie , daß Sie zum Lesen kommen oder ich breche auf und lese vor . Geben Sie her , sagte er und riß mir den Brief aus der Hand : aber das war noch lange nicht das Ende ! Er wollte nun mit dem Briefe in sein Kabinett und er hätte sich gewiß darin verschlossen und kein Mensch hätte ihn herausgebracht , wenn ich es hätte geschehen lassen : aber ich hielt den verzagten Tropf bei dem Ärmel . Das ist nichts , sagte ich : Sie müssen den Brief in meiner Gegenwart lesen . Ich habe Order und davon weiche ich nicht einen Daumbreit ab . Endlich und endlich , als er alle Passagen , sich aus meinen Klauen zu retten , abgeschnitten sah , laß er : aber ein solches Lesen müssen Sie sich , in alle Ewigkeit nicht vor stellen können . Wer es nicht gewußt hätte , hätte wahrhaftig geglaubt , er läse ein Todesurteil : so verzweifelt stellte er sich an ; so blaß sah er aus ; so ein kalter Schweiß lief ihm über die Stirn ; solche Stöße gab es ihm ans Herz . Er konnte auch wirklich den Brief nicht weiter lesen , als bis auf die Stelle von der Obrigkeit : Da war es ganz aus mit ihm . Aber wie ich Ihnen schon gesagt habe , ich war so hart , wie Stein . Falle nur immer in Ohnmacht , dachte ich ! Ich will dich schon durch den Schluß des Briefes aufwecken : und eine tücheige Strafpredigt obendrein , soll Dich schon munter erhalten . Ich laß also den Brief vollends zu Ende und hernach fing ich meine Predigt an . Pfui , sagte ich : Was haben Sie für einen schlechten Streiche begangen ! Ein gutes , ehrliches Mädchen erst um seine Unschuld zu bringen und sie hernach ins - " Ach , daß Gott ! Ich bin verloren - Ich bin verloren , Und das mit Recht . Man kann es der Obrigkeit nicht verdenken , wenn sie ein für allemal ein Exempel statuiert ! Hier warf sich der arme Sünder vor mir auf die Knie nieder . " Ach , helfen Sie mir ! - Helfen Sie mir ! - Ich bitte Sie um Gottes Willen ! " Aber da brach mir mein steinhartes Herz mit einemmal ! Ich hätte ihn nicht vor mir auf den Knien sehen und noch unbarmherzig gegen ihn sein können , und wenn es meinen Gasthof gekostet hätte . Es ist wahr , dachte ich bei mir selbst : Er ist ein Schurke ; aber der Schurke ist doch ein Mensch und wenn ich nun auch mit dem Schurken kein Mitleiden haben kann , so muß ich es doch mit dem Menschen haben . Ja doch ! Ja ! Ich will Ihnen gern helfen . Wenn ich nur wüßte , wie ? Versuchen Sie es nur mit einem Briefe . Schreiben Sie an Karolinen ! " Ach , ich darf nicht - ich kann nicht - sie wird meinen Brief nicht lesen , Dafür lassen Sie mich sorgen . Tun Sie ihr nur eine recht wehmütige Abbitte ! Vielleicht ! Es setzte noch viele krumme Sprünge , ehe ich ihn zum Schreiben brachte : Endlich aber ging es doch . Ich versprach ihm , daß ich den Brief bestellen wollte und sagte , er möchte nur unterdessen ganz ruhig sein und sich für nichts fürchten . Er sagte mir tausendfachen Dank und suchte sogar nach Gelde : aber ich sagte ihm , er möchte es nur stecken lassen . Als ich eben die Türe in die Hand nehmen und gehen wollte , so ging es mit einemmal Husch über die Treppe herunter ! Das war ganz gewiß das Mädchen , die die ganze Zeit über gehorcht hatte . Das konnte ich ihr nun endlich wohl gönnen , ob ich gleich nicht üble Lust gehabt hätte , ihr vor meinem Weggehen noch eine Sottise unter die Augen zu sagen ! Nun ich habe das Meinige getan ! Tun Sie nun auch das Ihrige und arbeiten Sie mit Händen und Füßen , daß die arme Karoline aus ihrer Not kommt : und hernach schreiben Sie mir nur wieder hübsch alles . Weiter weiß ich Ihnen für diesmal nichts zu melden , als daß ich wieder in der Komödie gewesen bin und daß ich steif und feste dabei bleibe , daß es gar keine Kunst ist , Komödien zu schreiben . Ich weiß wohl , Sie werden sagen : Nun , das muß wahr sein ! Der Walther bleibt doch in alle Ewigkeit Walther ! Aber Mag_es ! Wenn ich in meinen Grillen Walther bleibe , so bleibe ich auch gewiß in meiner Freundschaft gegen Sie von nun an bis ins Grab Walther . Anbei folgt der Angstbrief ! Ein groß Teil ist von mir , und es würde also nicht so übel sein , wenn ich das Meinige unterstriche : allein ich denke , ein großgünstiges Publikum wird nun schon meinen Stelum ohne Striche erkennen können ! Unglückliche Karoline , Ich werfe mich mit den bittersten Tränen zu Ihren Füßen und flehe um Gnade und Erbarmung . Ich weiß , daß ich alles verdient habe : Ich bin ein Schurke gewesen : Ich habe Sie um Ihr kostbares Gut , um Ihre Tugend gebracht und so oft ich daran denke , möchte ich mir fünfzig Prügel geben lassen . Fällt mir aber der unsinnige Einfall auf das Herz , den mir der Teufel eingegeben hat , Sie , bejammernswürdige Karoline , ins Haus der Schande zu schicken , so bin ich allemal in Versuchung , meinem unglücklichen Leben ein Ende zu machen und mich selbst auf der Stelle zu erstechen : und wer weiß , was schon geschehen wäre , wenn nicht der Gastwirt Herr Walther mir Trost und Mut eingesprochen hätte . Ach , haben Sie Gnade mit mir ! Lassen Sie sich mein Unglück und meine Verzweifelung zu Herzen gehen ! Es ist wahr , ich habe als ein Hundsfott an Ihnen gehandelt : aber sein Sie gegen mich großmütig ! Übergeben Sie mich nicht der grausamen Obrigkeit , für deren Namen ich schon über und über zittere ! Mein Unglück kann Sie nicht glücklich machen : aber Ihre Großmut kann mich glücklich machen . Bedenken Sie , daß wenn ich mein Verbrechen ungeschehen machen könnte , ich es diesen Augenblick mit meinem Blute ungeschehen machen wollte : Oder dürfte ich Elender mich unterstehen , so wollte ich Karolinen meine Hand anbieten - Pfui , was habe ich geschrieden ? Ich verdiene keinen Finger von Karolinen , geschweige ihre ganze Hand . Ich bin unwürdig , Vater des Kindes zu sein , das ich gezeugt habe - Ach bei diesem Gedanken fließen meine Tränen , wie ein Strom ! Ich bin nicht mehr der wollüstige Rosenfeld : ich bin jetzt der mit Furcht , Gewissensbissen und Reue angefüllte Rosenfeld , der sich Ihnen aufs neue zu Füßen wirft und um Gnade flehet . Dürfte ich etwas zur Entschuldigung meines Verbrechens anführen , so wäre es dieses , daß ich es nicht für mich , sondern auf den gottlosen , vermaledeiten Rat eines Mädchens getan habe , die mich schon seit langer Zeit in ihrem Netze verstrickt hält - Doch ich darf mich durchaus nicht entschuldigen ! Ich - Ich allein habe Karolinen ins Unglück gestürzt - Ich habe es alles auf meinem Gewissen - O wie drückt es ! Ich bin schon gestraft , schon gebrandmarkt genug . Großmütige Karoline ! Lassen Sie sich erweichen und fügen Sie zu meinen Leiden nicht noch mehrere hinzu . Ich will mich freiwillig von Ihrem Angesichte verbannen : Sie sollen in Ihrem Leben den Erzverführer Rosenfeld nicht wiedersehen . Der Gott , der auf mich zürnet , sei Ihnen gnädig ! Leben Sie wohl ! Karoline ist unglücklich , aber noch weit unglücklicher ist Rosenfeld . Diese Briefe fertigte ich mit einem reitenden Boten ab , der mir aber nichts weiter zurückbrachte , als diese paar Zeilen : Haben Sie Dank , mein lieber Walther ! Bald will ich Ihnen schreiben , was Ihre Bemühungen gefruchtet haben . Jetzt schicke ich Ihnen nur einen Brief , den Sie gehörig besorgen werden . Adieu . Einen Brief ? Wider alle Gewohnheit meines jungen Herrn sehr sauber geschrieben : aber versiegelt , daß ihn Walther nicht lesen sollte . Haha ! Zebedäus Walther war nicht so dumm und gab den Brief aus den Händen , ohne ihn gelesen und abgeschrieben zu haben . Hier ist er ! Teuerste , Meinem Herzen ewig werte Freundin , Noch einmal will ich in dem süßen vertraulichen Tone mit Dir sprechen , in dem ich so oft und so brüderlich mit Dir sprach - Noch einmal müssen es mir Deine Eltern und Dein Bräutigam erlauben , daß ich Dich Freundin meiner Seele , Schwester , Du nenne - Noch einmal musst Du das für mich empfinden , was Du , in der Blüte unserer Bekanntschaft , für mich empfandest : und dann nie wieder Morgen , meine Beste ! Morgen führt man Dich zur Traue ? Wünschtest Du mich wohl zum Zeugen Deiner Verbindung ? Ich glaube , ja . Dein unschuldiges Herz würde gewiß nicht , einen Schlag mehr für mich klopfen , als es nach der strengsten Tugend klopfen dürfte . Deine schönen Augen würden , wie zuvor , vertrauliche Blicke in die meinigen senden und anstatt sich durch das Klagen derselben zu einem sträflichen Mitleiden verführen zu lassen , diesen Klagen selbst Einhalt tun - Dein Kuß , Deine Umarmung , Dein ganzes Herz wäre für Deinen Bräutigam : Für mich wäre heiße Freundschaft , Versicherung , daß Du mich eben so glücklich gemacht haben würdest , wie Deinen Geliebten , wenn Doch nein ! Das würdest Du mich nun nicht mehr versichert haben . Vormals , da der Befehl Deines Vaters und die Tugend Deines Liebhabers erst die Liebe in Deinem Herzen gepflanzt hatte - vormals konntest Du das : Jetzt aber , da sie in die Höhe geschossen , Blätter gewonnen , reif geworden , jetzt ist keine Versicherung mehr für mich . Dank sei es meinem günstigen Geschicke , das mich aus Leipzig weggerufen hat . Glaube mir , ich hätte bei Deiner Hochzeit eine so alberne Rolle gespielt , als ich noch nie gespielt habe - und um desto alberner , weil ich es vorhergesehen und mich doch dazu gedrungen haben würde , ein zeuge Deiner Verbindung zu sein . Ich kenne mich - und ich sehe mich jetzt in aller meiner Albernheit . " Den Abend vor Deiner Hochzeit lange Selbstgespräche - lange Chrien über das Thema : Man muß sich in sein Schicksal zu finden wissen und dann fröhlich eingeschlafen . Den Morgen früh aufgestanden - nochmalige Repetition der gestrigen Lektion - Vermeintliche Standhaftigkeit und folglich sogleich nach dem Hochzeithause gewandert . Bei der Ankunft unwillkürliche Verwirrung - verkehrte Komplimente - niedergeschlagene Augen . Bei der Trauerrede steigendes Herzklopfen - scheinbare Aufmerksamkeit bei einer ungemeßenen Ausschweifung der Einbildungskraft - Mit unter ein erstickter Seufzer . Bei der priesterlichen Einsegnung , beim Geben der Hände - ein Donnerschlag ans Herz ; Urplötzlich aus aller Fassung ; Bald blaß , bald rot ; Bald geweint Wie gefällt Dir dieses kleine Verzeichnis ? Und wie würde es Dir gefallen haben , wenn die letzte Hälfte Stück vor Stück vor Deinen Augen geschehen wäre ? Aber so , wie es das Schicksal nun gefügt hat , ist es in aller Absicht recht . Abwesend von Dir habe ich so ziemlich Kälte genug , an Deine Verbindung zu denken : und Wärme - im Überflusse , Dir dazu Glück zu wünschen . Lebe dann ewig wohl , o Rahel ! Du Lust meines Lebens . Mit Dir entflieht mein liebster Wunsch , mein heißes Verlangen , Meine süßeste Freude . So etwas habe ich einmal irgendwo gelesen und ich muß mir nicht wenig Gewalt antun , die tote Rahel nicht in die lebendige Braut zu verwandeln : aber ich tue mir Gewalt an . Lebe glücklich , meine Beste ! Der Schutzengel der Unschuld bleibe mit Dir ! Dein Ehestand sei ein Paradies ! Das wenige Unkraut , was hier und dar in die Höhe schießt , sei an jedem Abende bis auf die Wurzel verwelkt ! Nur eine Tochter wie Du , nur einen Sohn , wie Dein Bräutigam - so hast Du Dich schon un sterblich um die Welt verdient gemacht : Und Du , glücklicher Jüngling ! Mache Dich Deines Glückes ganz würdig . Halb bist Du es schon : Ganz kannst Du es nur durch lebenslange gleich treue Liebe werden . Werde es also ! Und Sie , besten Eltern der besten Tochter ! Genießen Sie das Glück Ihrer Tochter zwiefach : denn Sie haben es gegründet - Und wenn Sie sich im Taumel der Freude noch eine Tochter wünschen : so wünschen Sie auch dieser Tochter einen Gatten , Namens - - . Dieser Wunsch sei und bleibe die Entschädigung für das vergebens gehoffte Glück Ihres etc . etc . Mit diesem Briefe war es nun freilich nicht so gefährlich als mit dem an Rosenfelde : wiewohl wenn der Herr Bräutigam so eifersüchtig gewesen wäre , als ich und mancher anderer an seiner Stelle , so würde Zebedäus Walther für seine Mühe doch immer ein schlechtes Trinkgeld bekommen haben . Meine Braut Du zu nennen : das wäre nimmermehr gut abgelaufen ! Ich glaube , ich hätte den Ehecontrakt auf der Stelle zerrissen und wenn mir der saubere Herr Dusager in den Wurf gekommen wäre : ich hätte ihn treffen wollen . Doch weiter von der Sache zu reden : so siegelte ich den Brief wieder zu und trug ihn an Ort und Stelle . Den Tag nach der Hochzeit kam die Antwort . Ich war gleich wieder darüber her und schrieb mit vieler Verwunderung ab , wie folget : Denn , wie gesagt , ich hätte meine Braut nicht Du nennen lassen ! Teuerster , auch meinem Herzen ewig werter Freund , Du bist brav ! Mag doch mein kleiner , lieber Mann hinter meinem Rücken stehen und mir über die Schultern gucken : So bist Du doch brav ! Mir war immer , als ob ich vor meiner Heirat noch einen Brief von Dir bekommen sollte und es ist mir sehr lieb gewesen , daß ich ihn bekommen habe . Dein Glückwunsch - ich muß es Dir nur sagen - ist mir unter allen , die mir sind gemacht worden , und die sind nicht zu zählen , der liebste gewesen . Die anderen habe ich kaum einmal recht angehört : Sie waren meistenteils nur nach Gewohnheit des Festes und gingen weder von , noch zu Herzen : Aber der Deinige kam aus der Tiefe Deines Herzens und ging auch in die Tiefe des meinigen . Es ist mir auch verschiedenes dabei eingefallen , was ich Dir alles schreiben muß ! Wenn mir der Himmel eine Tochter gibt - Doch erst muß ich Dir Glückwunsch für Glückwunsch geben ! Irgendwo ist ein Mädchen , ganz für Dich geschaffen : verständig wie ein Orakel , tugendhaft , wie Gellert , lächelnd wie Aurora , unschuldig wie der kleine Yorick , zärtlich wie Julie . Ihre Hand ist frei . Bald mußt Du sie auf Deinen Reisen in ihrem Irgendwo antreffen , sie lieben und Dich auf ewig mit ihr verbinden . Schenkt sie Dir dann einen Sohn , wie Du und mir gibt der Himmel eine Tochter , so soll aus den Kinderchen ein Paar werden . Das ist mein Projekt und mein Kopf ist schon so voll davon , daß ich gestern Nacht davon geträumt habe . Ich wollte Dir auch meinen ganzen Traum erzählen , wenn ich Dir nicht noch so viele andere Dinge zu sagen hätte . Ich bin nun Frau : Und trotz des festesten Vorsatzes , nicht um ein Haarbreit anders zu werden , bin ich es doch schon ein gut Teil geworden . Der Ehestand muß wohl eine eigene Atmosphäre haben , die die jungen Mädchen gleich bei ihrem Eintritte durchdringt und umschafft . Ich bin ernsthafter , als jemals . Mein Papa und alle freuen sich ausnehmend darüber : aber mir ist nicht wohl bei der Sache zu Mute . Ich wünschte , ich wäre noch das flatternde , hüpfende , singende , unbekümmerte Geschöpf , das ich unter Deinen Augen war : tändelnd , wie ein Kind , aber auch so glücklich , wie ein Kind . Geschwind muß ich Dir von meinem lieben Manne etwas erzählen , weil es mir eben einfällt . Ich wollte ihm Deinen Brief vorlesen : aber er ließ es durchaus nicht geschehen . Er blieb dabei , daß er Dich und mich genug kennte , um uns nichts Böses zuzutrauen . Auch die Antwort an Dich will er nicht lesen . Ich soll durchaus mit meiner Feder nach meinem Gefallen schalten und walten und es hätte nicht viel gefehlt , so wäre dieser Artikel mit in die Ehepakten gesetzt worden . Was meinst Du ? Das hat er gewiß den Franzosen abgelernt , die er bei allen Gelegenheiten wegen ihres gesunden Ehestandes , wie er zu sagen pflegt , rühmt und als ein Muster der Nachahmung anpreist . Meinetwegen ! Was ihm gefällt , gefällt auch mir : Und so leicht es mir , die ich nie in Frankreich gewesen bin , sein würde , ihm wer weiß was für Nebenabsichten schuld zu geben , so wenig bin ich doch aufgelegt , es zu tun . Das ich Dich zum Hochzeitgaste gewünscht habe , hast Du richtig erraten : aber daß Du Dir so wenig zutrauen solltest , hätte ich nicht geglaubt . Eben kommt meine Mama . Sie hat Deinen Brief gelesen und so sehr sie anfangs den Kopf dazu schüttelte , so gut wurde sie am Ende . Sie sagt , sie hätte den Wunsch , auf den Du einen so hohen Preis setztest , nicht einmal - schon hundertmal getan und sie würde ihn gewiß noch öfter tun : so lieb hätte sie Dich . Aber das werde ich nicht zugeben ! Nein , Nein , gute Mama ! Sie müssen in meinen Wunsch willigen ! Der ist ja weit besser , als der ihrige ; und entschädigt von beiden Teilen weit mehr . Doch meine Mama ist nicht ohne Ursache gekommen . Ich soll das Schreiben liegen lassen und mit ihr , wer weiß wohin gehen : aber erst will ich meinen Brief an Dich schließen und Dir sagen : daß du unter allen meinen Freunden der liebste bist und stets bleiben wirst ; daß ich nie ohne innigliche Freude hören und lesen werde , daß es Dir wohlgeht ; daß unser ganzes Haus Dich immer als einen seiner nächsten Angehörigen betrachten wird ; daß meine Tochter - Du weist schon ! Und dann sehen wir uns doch wieder ? Ich will es nun einem hochgeneigte Publikum anheim stellen , ob ich nicht Recht gehabt habe , von Eifersucht zu sprechen ? Eine junge Ehefrau einen solchen Brief ? Aber da sieht man , was das Herumreisen anrichtet : Ich meine nur das , in fremde Länder . Wäre der Herr Bräutigam nicht nach Frankreich gewesen , er würde wohl eifersüchtiger sein : aber man komme nur dahin , da kann man seine deutschen Sitten und Gewohnheiten bald los werden . Doch ich will mich nicht zur Unzeit ereifern ! Ich möchte sonst hernach ins Zittern kommen und nicht schreiben können : Und ich habe doch wieder einen mächtigen Brief abzuschreiben . Nämlich ich fertigte diesen Brief der jungen Frau sogleich ab und der zurückkommende Bote brachte mir einen Brief , den ein hochgeneigtes Publikum , denke ich , von Wort zu Wort lesen wird . Es stehen Dinge darinnen ! Kurz , man muß sie selber lesen . Mein lieber Walther , ( Springen Sie , so hoch Sie können ! Schwenken Sie statt der Fahne Ihre graue Mütze um den Kopf ! stecken Sie ein Siegesfeuer - auf Ihrem Herde an ! Schiessen Sie aus Ihren zerplatzten Blaserohre eine Tonkugel in die Luft ! Alles für heller lauterer Freude : Denn Karoline ist glücklich ! Sie bekommt Ihren lieben Berthold ! Er liebt sie ! Meine Mühe ist nicht fruchtlos gewesen , und ich kann nun Bautzen im Triumphe verlassen ! Ich werde es auch bald verlassen und dieser Brief , den ich Ihnen jetzt schreibe , ist der letzte ! Sobald ich Karolinens Vormund nicht nur von allem unterrichtet , sondern auch ganz für seine Mündel gewonnen hatte : so sehnte ich mich herzlich , Bertholden zu sehen . Er kam ungerufen , als wir noch beisammen waren und zum Glück war es schon verabredet , unter welchem Charakter ich mich ihm darstellen wollte : unter dem Charakter eines weitläufigen Anverwandten aus Leipzig . Als solchen , empfing mich Berthold mit vieler Freundlichkeit : aber auch mit ungemeiner Blödigkeit und Zurückhaltung . Sein erstes Kompliment verriet mir einen Menschen von einer kleinstädtischen Erziehung - ein gutes , einfältiges Schaf , das alle junge Leute aus der Stadt für nichts viel besseres , als Wölfe hielt . Bei einem Haare hätte ich mich durch diese Erscheinung von meinem ganzen Vorhaben abschrecken lassen : allein ein Blick von Karolinen auf ihren blöden Berthold , der ihr selbst in seiner Blödigkeit zu gefallen schien , machte mir von neuem Mut , und ich überlegte bei mir selbst , wie ich mich unvermerkt in sein Herz einschleichen könnte , eben als er den ehrlichen Alten in einen Winkel zog , um ihn meinetwegen auszufragen . Der Alte mußte ihm nicht nur viel gutes von mir gesagt , sondern dieses gute mußte auch auf den jungen Menschen starken Eindruck gemacht haben : denn er kehrte nach einigen Minuten mit dem Alten zurück , sah mich mit einer ganz neuen Art von Augen an - Er schien mich zu bewundern und sich von ganzem Herzen meine Freundschaft zu wünschen : aber auch zu zweifeln , ob ich mich nicht vielleicht zu vornehm dünken würde , sein Freund zu sein - Ich umarmte ihn ohne viele Umstände , versicherte ihn , daß er auf den ersten Blick einen großen Teil meines Herzens weg hätte - Mein ganzes Herz durfte ich nicht sagen : Das hätte er unfehlbar für eine Schmeichelei angenommen - Ich setzte hinzu : So lange ich in Bautzen wäre , würde ich mich vorzüglich an seinen Umgang halten . Er war in Verlegenheit um eine Antwort : Nicht als ob ihn allzustarke Empfindungen sprachlos gemacht hätten , sondern weil es die Natur der Blödigkeit mit sich bringt , daß man auch seine natürlichsten Empfindungen bei aller Anstrengung nicht in Worten von sich geben kann . Ich half ihm auf die Spur . Sie wollen mich also zu Ihrem Freunde haben , sagte ich ? O ja , sagte er , wenn ich Ihnen nur gut genug bin . Sie sind ein Gelehrter - Was sagen Sie da , unter brach ich ihn ? Das sollen Sie den Gelehrten gewiß abbitten , daß Sie sie für so stolz halten . Der junge Mensch lächelte . Nein , fuhr ich fort : So gewiß ich kein Gelehrter bin , so gewiß sind Sie mir nicht nur gut genug , sondern sehr gut und ich verspreche Ihnen , wir wollen , die kurze Zeit , die ich mich in Bautzen aufhalten werde , wie Brüder zusammenleben . Das war , dünkt mich , ein sehr guter Anfang , auf den ich sogleich weiter fortbaute , indem ich den jungen Menschen bat , er möchte mit mir eine kleine Lustreise nach Dresden tun . So begierig ich sonst war , Dresden zu sehen , so wenig kam doch jetzt diese Begierde in Betrachtung . Ich wollte bloß den jungen Berthold auf eine gute Art in meine Gewalt bekommen - doch nicht bloß dieses . Spannen Sie , Herr Walther ! auf das , was nun kommt ! Ich wollte auch Karolinen auf ein paar Tage nicht sehen . Ich hatte mich mit ihr auf den Fuß einer gewissen Vertraulichkeit gesetzt , die ich in Bertholds Gegenwart gänzlich verleugnen mußte , um die Rolle eines kalten Anverwandten zu behaupten , und noch mehr um diesen jungen Menschen nicht im mindesten eifersüchtig zu machen - Und wie mir aller zwang unausstehlich ist , so war es mir auch dieser . Ich machte mich also mit Bertholden , der sich nicht lange bitten ließ , auf den Weg nach Dresden . Unterwegs nahm ich mein bisschen Kenntnis des menschlichen Herzens zusammen und fing an , meinen jungen Reisegefährten auszuhorchen . Ich bemerkte an ihm nicht sowohl Tugend im eigentlichen Verstande , als vielmehr einen mächtigen Ekel für dem Laster , der sehr weit ging und nicht nur auf den Lasterhaften selbst , sondern auch auf den verführten fiel . So bald ich wußte , was ich wissen wollte , lenkte ich das Gespräch auf Leipzig und vorzüglich auf die ausgelassene Lebensart der Akademisten . Ich erzählte ihm die Geschichte zwischen Karolinen und Rosenfelde , als eine , die sich erst vor einigen Wochen zugetragen hätte ; Ich unterließ nicht , die erdichtete Wilhelmine fleißig mit Karolinen zu vergleichen , um Bertholden ganz in das Interesse zu ziehen . Ich richtete es so ein , daß alle Schuld und aller Abscheu auf Rosenfelde fallen mußte und mitten im Erzählen , beobachtete ich jede Mine , jede Bewegung , die Berthold dabei machte . Sie , mein lieber Walther ! werden wohl Bertholds Betragen schon wissen ! Als ein Mann , der das Komödienschreiben für keine Kunst hält , kann es Ihnen nicht verborgen sein , wie Berthold seinem Charakter gemäß handelt . Ich will Ihnen also nur sagen , was nach der Erzählung geschah . Was meinen Sie zu dieser Geschichte , fragte ich Bertholden ? " Es ist Schade um Wilhelmminen , sagte er ! Sie wird nun gewiß keinen Mann bekommen . , Das wollte ich eben nicht sagen , antwortete ich mit einiger Bestürzung ! Ein Niederträchtiger unseres Geschlechts hat sie ins Verderben Gestürze : Ein Großmütiger unseres Geschlechts wird sie wieder herausreissen ! Das hoffe ich . Berthold lächelte . " Ich möchte Sie wohl etwas fragen , sagte er , wenn Sie es mir nur nicht übel nehmen . Fragen Sie , was Sie wollen , sagte ich . " Wollten Sie wohl dieser Großmütige sein , sagte er ? " Warum nicht , gab ich ihm zur Antwort ? Mein ganzes Geschlecht würde es mir danken . " Das wohl , sagte er : Aber , Ich weiß , was Sie mit Ihrem Aber wollen . Sie meinen das Urteil der Welt ! Aber , dem Himmel sei Dank , ich habe schon gelernt , mich darüber wegzusetzen . Berthold schüttelte den Kopf . " Das meine ich nicht , sagte er . Ich meine , ob Sie wohl ein Mädchen lieben könnten , die einen ganzen Monat in einem so schändlichen Hause gewesen ist ? " Warum nicht , sagte ich ? Sie war es ja nicht durch ihre Schuld . " Aber sie war es doch . " Aber doch nicht durch Ihre Schuld . Berthold schüttelte den Kopf und schwieg . " Aber , fuhr er nach einem Augenblicke fort - ich weiß nicht , ob Ihnen so zu Mute ist , wie mir - aber ich fühle so etwas Widerstehendes , , Das fühlen Sie jetzt : Aber sie sollten nur Wilhelmminen selbst sehen ! Sie sollten nur sehen , wie sie vor Scham sich nicht getraut , die Augen aufzuschlagen - " Das würde etwas helfen : aber nicht viel . Dies , mein lieber Walther ! war unser ewiges Thema auf unserer Hin- und Herreise . Mit aller Mühe , die ich mir gab , konnte ich Bertholden nicht weiter , als zu dem Geständnisse bringen : Das Mädchen verdiente immer noch einen Mann ; wahrscheinlich würde sie auch einen Mann glücklich machen , wenn sie in der Tat so wäre , wie ich sie beschrieben hätte : aber gegen den Besitz von Karolinen wäre dieses gar nichts . Habe ich mir jemals einen guten Rat von Ihnen gewünscht , so war es jetzt . Meine ganze Weisheit war zu Ende und ich sah nun kein ander Mittel übrig , als den guten alten Vormund anzuspannen . Ich wußte , daß ihn Berthold als seinen Vater verehrte , und so wie ich den Plan gemacht hatte , konnten die Reden des Alten keinen anderen , als den allertiefsten Eindruck auf den Jüngling machen . Der redliche Alte war auch sogleich willig , seine Rolle zu spielen , wiewohl es für seine grauen Haare eine sehr schmerzliche Rolle war . Er sollte nämlich - Doch hier ist die ganze Szene , wie sie mir Berthold wieder erzählt hat . Gleich den Tag nach unserer Rückreise von Dresden ließ der Alte Bertholden zu sich kommen . " Mein lieber Sohn , sagte er zu ihm : Glaubst Du , daß ich Dich lieb habe ? " Berthold küßte ihm die Hand . Ja , sagte er : Wie könnte ich daran zweifeln ? " Glaubst Du auch , daß es mich in der Seele schmerzt , wenn ich mich genötigt sehe , Dir Herzeleid zu machen ? " Berthold wurde bestürzt . Was sagen Sie ? Wenn Sie sich genötigt sehen , mir Herzeleid zu machen ? Das können Sie nicht . Sie sind zu zärtlich . Wer weiß , was Sie für Herzeleid ansehen . " Wollte Gott ! " Mein Vater ! Was ist Ihnen ? Was haben Sie auf dem Herzen ? Sagen Sie mir alles ! Ich will alles ertragen , wenn es Ihnen nur nicht Schmerzen macht ! " Du wirst mich für Deinen Feind halten . Ich ? Sie für meinen Feind ? O glauben Sie das nicht . Befehlen Sie mir , was Sie wollen - es sei so hart , als es wolle - Sie sollen sehen ! " Es betrifft Karolinen ! " Meine Karoline ? O da wird es mir gewiß kein Herzeleid machen . " Wenn ich Dir aber sage , daß ich von Herzen wünschte , Du möchtest Karolinen nicht so sehr lieben , als Du sie zu lieben scheinst ! , Hier wurde Bertholds Stirn finster - seine Augen wild und streng - Die Ehrfurcht , die er stets für den ehrlichen Alten gehabt hatte , verließ ihn . Er sprang von seinem Sitze auf : Ich werde sie aber lieben , sagte er , und von Tage zu Tage mehr lieben - und wenn sich mir alle Welt widersetzte - Ich sehe , ich werde hintergangen Dieses hintergangen sollte mir gelten . Der arme Berthold stellte sich in der ersten Hitze seiner Leidenschaft vor , ich wäre sein Nebenbuhler und was noch mehr ist sein Nebenbuhler Rosenfeld , von dem er etwas gehört , aber bis jetzt nichts geglaubt hatte . Er glaubte , ich hätte ehemals zu einer Heirat mit Karolinen Lust bezeigt : Weil ich aber auf der Akademie aus der Art geschlagen wäre , so hätte der alte Vormund den Anschlag gefaßt , ihm Karolinen zu geben . Nun ich mich aber selbst zeigte und entweder meiner Streiche Willen um Vergebung gebeten oder sie gänzlich geleugnet hätte , nun sollte er hintangesetzt werden und Karoline meine sein : Diese Grille , die in einem Augenblicke gemacht war , erfüllte Bertholds Herz mit Abneigung , wo nicht gar mit Haß gegen seinen Vormund und mich , da sie hingegen seine Liebe gegen Karolinen nur noch mehr entflammte , die er in seinem Herzen von dieser ganzem Kabale freisprach . Der Alte fiel Bertholden in die Rede , sobald er von hintergehen anfing . Mein Sohn , sagte er mit einer Stimme , die Berthold bei aller seiner gegenwärtigen Wildheit für keine Verstellung halten konnte : Mein Sohn ! Ich bitte Dich , mache Dir nicht selbst Kummer und Sorge . Du wirst nicht hintergangen , weder von mir , noch von Karolinen - Glaubst Du wohl , daß man bei diesem grauen Haare noch hintergehen kann ? " Diese rührende Frage brachte Bertholds verirrten Geist wieder zu sich selbst . Er sah die grauen Haare seines alten Vaters und seine Grille , entfloh eben so plötzlich , als sie gekommen war . An ihre Stelle trat Scham und Verwirrung . Vergeben Sie mir , sagte er : Ich habe es nicht so böse gemeint - Ich glaubte nur , Sie wollten Karolinen - aus guten Gründen - einem anderen geben . " Nein , mein lieber Sohn , sagte der Alte : Es soll sie kein anderer Mensch auf Erden haben - " Als ich ! Als ich ! rief Berthold mit der größten Begeisterung eines Verliebten : Nun so bin ich ja glücklich ! So kann mir kein Herzeleid begegnen . Hier traten dem ehrlichen Alten die Tränen in die Augen : allein ohne sich von ihnen zur Wehmut hinreissen zu lassen , nahm er vielmehr alle Standhaftigkeit des Geistes zusammen . " Fasse Dich , mein Sohn ! sagte er . Auch Du kannst sie nicht besitzen : Sie wird nie heyrahen . " Wie Bertholden bei diesen Worten zu Mute gewesen , das konnte er mir selbst nicht sagen . Nur daran erinnerte er sich , daß ihm die Zunge gelähmt war . Der redliche Alte setzte noch dieses hinzu : " Und wenn Du Deine Glückseligkeit lieb hast , mein Sohn ! so frage nie danach aus welcher Quelle Dein Unglück herrührt . Das würde nur noch eine neue Marter für Dich sein ! Nun war Berthold der Ohnmacht sehr nahe . Er sah , er hörte nicht mehr und sein ganzes Bewußtsein erstreckte sich nur noch auf den Namen Karoline , den er öfters mit einem verzweifelnden Tone ausrief . Er warf sich vor seinem alten Vater auf die Knie , sprang wieder auf , schalt ihn grausam und unbarmherzig , dann schmeichelte er ihm wieder : und endlich tat er dasjenige , was ihm bei seiner Verzweifelung sehr natürlich war : Er ging zu Karolinen . Hier eröffnete er eine neue Szene des Schmerzens und der Verzweifelung . Meine Karoline , schrie er mit einer verzweifelnden Stimme , sobald er in das Zimmer trat - Die Tränen überschwemmten sein Gesicht und er sank kraftlos auf den nächsten Stuhl . Karoline hätte für Schrecken in die Erde sinken mögen ; so bestürzt war sie , ungeachtet sie alle Minuten einen Auftritt , von der Art erwarten mußte . Ihre ganze Liebe vereinigte sich nun in einen Punkt . Noch nie hatte sie Bertholden umarmt : Noch nie hatte sie ihn den Ihrigen genannt : Jetzt tat sie beides . Mein Berthold , sagte sie und vermischte ihre Tränen mit den seinigen : Beruhigen Sie sich ! Was ist Ihnen widerfahren ? Berthold hörte weder auf die tröstliche Anrede , noch auf die Frage : In seinen Ohren tönte nichts , als das Mein , welches sein höchster , aber noch bis jetzt unbefriedigter Wunsch war . Ist_es möglich , rief er und seine Augen glühten mitten in den Tränen vor Freude ? Sie nennen mich Ihren Berthold ? Nicht wahr , liebste Karoline ! Sie haben mich so genannt ? O nennen Sie mich noch einmal , noch tausendmal so ! Karoline hatte nicht vorhergesehen , daß Berthold seine Gedanken bloß auf das Mein richten würde , welches ihr die Liebe entrissen hatte . Die ungestüme Bitte Ihres Liebhabers setzte sie daher in große Verlegenheit . Ihr Herz schmachtete sie zu befriedigen und alles übrige gebot , sie unbefriedigt zu lassen . O lassen Sie uns jetzt nicht daran denken , sagte sie ! Erzählen Sie mir nur - Nein , nein , fiel er ihr in die Rede - Ich bitte Sie ! Ich beschwöre ! Nennen Sie mich noch einmal den Ihrigen : So ist mein Leiden zu Ende . Mein grausamer Vater hat mir gesagt , ich könnte meine Karoline nicht besitzen : aber wenn Sie mich nur den Ihrigen nennen , so will ich Sie besitzen und wenn sich die ganze Welt dagegen empören sollte - O meine Karoline lassen Sie sich erbitten ! Jemehr Bertholds Herz durch die Hoffnung gestärkt wurde , daß Karoline seine schmeichelnden Bitten erhören und ihn den Ihrigen nennen würde : desto_mehr wurde Karolinens Herz beklemmt . Die Versicherungen Ihres Geliebten waren für sie Dolche . Die Furcht ihn zu verlieren , so bald er ihre Geheimnisse erfahren würde , bemächtigte sich ihrer . Es wurde ihr finster vor den Augen ; Sie reichte Bertholden ihre Arme , der ein lautes Geschrei erhob und sie in einen Lehnstuhl setzte . Sie war nicht ganz ohnmächtig geworden , allein sie stand an dem Rande der Ohnmacht . Berthold umarmte sie ganz außer sich und schien ihre Seele nicht aus seinen Händen lassen zu wollen . Meine Karoline ! Mehr konnte er nicht sagen . Die arme Karoline , die nach und nach ihrer Zunge wieder mächtig wurde , sagte mit einer schwachen Stimme : Lassen Sie mich - wenn Sie mich - lieb haben - Aber - Sie können - mich nicht lieb haben - Ein neuer Donnerschlag in Bertholds Ohren ! Noch heftiger , als er ihn in seines Vaters Hause gehört hatte . Er warf sich zu Karolinens Füßen : Ich Sie nicht lieb haben ? O Gott ! Ich schwöre Ihnen aber - bei dem Himmel - bei allem , was heilig ist - Ich habe Sie lieb - Ich liebe nichts , als meine Karoline - Ich wollte mein Leben tausendmal für sie lassen - Ach ! Wie können Sie daran zweifeln ? Karoline zog ihn sannst in die Höhe , oder vielmehr , sie machte eine sanfte Bewegung , es zu tun : denn es wirklich zu tun , hatte sie keine Kraft . Stehen Sie auf , sagte sie - Ich zweifele nicht - daß Sie mich lieben - Aber - ich bin unwürdig - die Ihrige zu sein . Hier ging der Kampf des Herzens von neuem an . Nein , schrie Berthold : Bei Gott ! Wie - Ich bin unwürdig , der Ihrige zu sein - O lassen Sie einen Gedanken fahren , der mich bis zur Erde niederbeugt ! Hören Sie mich , liebster Berthold ! sagte Karoline : Ich habe ein Geheimnis auf dem Herzen . Ich bin zu schwach , es Ihnen zu entdecken . Gehen Sie zu Ihrem Freunde S*** Er wird es Ihnen sagen . Leben Sie wohl ! Hier ging sie in ihr Kabinett , um sich der Verzweifelung ganz zu überlassen , die , ungeachtet der Standhaftigkeit , mit der sie die letzten Worte ausgesprochen hatte , an ihrem Herzen nagte . Berthold sah ihr , ich weiß nicht , soll ich sagen , gedankenvoll oder gedankenlos nach . Er blieb noch lange auf einem Flecke stehen , ohne zu wissen , ob er seiner Karoline ins Kabinett folgen oder zu mir gehen sollte : Endlich aber entschloß er sich zu dem letzteren . Er nahm Hut und Stock , klopfte ganz leise an Karolinens Kabinett : doch weil er keine Antwort bekam , so hielt er dieses für einen Wink zu gehen ; rief ganz leise : Leben Sie wohl , meine Karoline und kam sogleich zu mir . Sie irren sich , mein lieber Walther ! wenn Sie vielleicht den Auftritt zwischen Berthold und mir für weniger schmerzhaft halten , als die beiden vorigen . Es ist wahr , zur Betrübnis war der arme Schelm schon eingeweiht : allein was war alle bieherige Betrübnis gegen diejenige , die ich ihm nun erst durch Entdeckung des Geheimnisses machen sollte ! Sie denken etwan , sie könne doch nimmermehr so groß gewesen sein , da Berthold auf unserer Dresdner Reise sich deutlich genug erklärt habe , daß man ein unschuldig verführtes Mädchen lieben könne : Wie falsch ! Berthold ließ sich zwar auf unserer Reise durch meine Reden hinreissen , Mitleiden gegen die erdichtete Wilhelmine zu fühlen : allein ich merkte doch mehr als zu deutlich , daß seine ganze Liebe gegen Karolinen auf der Vorstellung von ihrer unbefleckten Tugend beruhte und daß sie , wenn diese Vorstellung wegfiele , plötzlich einstürzen würde . Das glaubte ich zwar , daß sie auch ohne diese Vorstellung , von neuen könnte gegründet werden : allein mit welcher unsäglichen Mühe ! Doch , ich muß eilen , Ihnen das Ende zu erzählen , wenn mein Brief nicht ein Buch werden soll . Berthold kam mit einem zerstörten und wilden Gesichte zu mir . Ich bin unglücklich , sagte er : Ich soll meine Karoline nicht besitzen . Sie hat mich zu Ihnen geschickt . Ich soll von Ihnen ein gewisses Geheimnis erfahren . Ich kann nicht erraten , was das sein soll ! Verschonen Sie mich , sagte ich ! Lassen Sie mich dieses Geheimnis auf immer verschweigen . Es macht Sie nur noch unglücklicher ! Noch unglücklicher , rief er ? Ich antwortete ihm - mit einem teilnehmenden Seufzer - Berthold schwieg einen Augenblick und sah mich starr an . entdecken Sie mir , sagte er , wie Sie zu dem Geheimnisse kommen , von dem mir Karoline gesagt hat ! " Das kann ich nicht , ohne Ihnen das Geheimnis selbst zu sagen , So sagen Sie mir_es , wenn Sie mein Freund sind - Sind Sie aber auch mein Freund , setzte er mit einem merklichen Mißtrauen hinzu ? " Ja , sagte ich und schloß ihn fest in meine Armen , So sagen Sie ! " Sie werden vor Schmerz zerspringen ! , Aber ich werde doch meine Karoline besitzen ? - Nun ? Sie schweigen ? Werde ich sie nicht besitzen ? Wer will mir sie denn rauben ? " Ein grausames Schicksal . Wissen Sie noch , was ich Ihnen auf unserer Reise nach Dresden von einer gewissen Wilhelmine erzählte ? " Wilhelmine ? Ja ! Ich besinne mich ! Wie kommt das hierher ? " Fassen Sie sich , liebster Freund ! Wilhelmine und Karoline sind eine Person , , Hier überlasse ich es Ihnen , zu bedenken , wie den armen Berthold zu Mute sein mochte . Beschreiben kann ich es nicht , und wenn ich mit meiner Hand tausend Federn zugleich führen könnte . So viel sah ich , daß ihm das Blut in den Adern erstarrte , daß er so blaß wurde , wie eine Leiche und daß ihm selbst die Lunge ihren Dienst versagte . Ich wollte ihn aus seiner Fühllosigkeit reißen ; Ich redete ihm freundlich zu : aber er hörte nichts , sah steif vor sich auf die Erde , sprang auf einmal plötzlich auf und ging . Ich wollte ihn halten : Er ließ es nicht geschehen . Ich warf mich den Augenblick in meine Kleider und eilte ihm nach : aber er war nirgends zu sehen , Ich eilte zu Karolinen : Er war nicht da . Ich flog zu dem alten Vormunde : Auch da war er nicht . Mir wurde bange : Nicht als ob ich einen Selbstmord befürchtet hätte - Den befürchte ich bei einem Menschen nie - sondern , weil ich besorgte , Berthold möchte entfliehen . Ich setzte mich sogleich zu Pferde : Denn was konnte ich anders mutmaßen , als daß Berthold ein Pferd genommen und sich auf den Weg gemacht hätte ? Bald wurde meine Mutmassung zur Gewißheit . Berthold war durch das Leipziger Tor geritten : aber wohin ? das konnte mir niemand sagen . Ich durchkreuzte die Gegend 4 bis 5 Stunden , ohne nur einen Schatten von Bertholden zu erblicken und kehrte , mit der größten Betrübnis , nach der Stadt zurück . Was sollte ich nun Karolinen und ihrem Vormunde sagen ? Noch wußten sie es nicht einmal , daß Berthold fort wäre , und ich sollte ihnen noch dazu sagen , daß ich ihm vergebens nachgeeilt wäre ! Ich weiß am besten , mit welchem Herzklopfen ich bei meiner Zurückkunft zu Karolinen ging . Es war immer noch aus zweien Übeln das kleinste ! Sollte ich Karolinen , die sich , seit dem Berthold sie verlassen hatte , mit der grausamsten Furcht und Erwartung quälen mußte , noch länger in diesem traurigen Zustande lassen ? Das war das allerärgste ! Sind Sie da , rief sie mir mit einer jammernden Stimme entgegen ? Was bringen Sie mir für Nachrichten ? " Traurige , liebe Karoline ! Ich habe Berholden das Geheimnis entdeckt . Er erschrak , wie Sie leicht denken können ! " Und verabscheut mich nun ? O sagen Sie mir alles ! verhehlen Sie mir nichts ! " Er ist jetzt in der ersten Betäubung . Wenn nur erst ein paar Tage verstrichen sind , Wo ist er denn ? Warum ist er denn nicht zu mir gekommen ? Doch was sollte er bei mir ? Er wird mich nun nicht mehr sehen wollen ! O ich Unglückliche ! Wo ist er denn ? " Ich weiß es nicht . Er ist weggeritten ! , Gott ! " Ich wollte ihn begleiten : aber er verbat es . Ganz gewiß will er sich seinen Gedanken allein überlassen . Machen Sie sich keine ängstlichen Vorstellungen ! Die Liebe wird ihn bald zurückbringen , Grausamer Freund ! Sie spotten meiner . Berthold liebt mich nicht mehr ! Er kann mich nicht mehr lieben ! " Aber bedenken Sie ! Würde wohl meine Erzählung einen so starken Eindruck auf ihn gemacht haben , wenn er Sie nicht so stark liebte ? , Machen Sie mir keine Hoffnung ! Ich mache mir selbst keine ! Mein Entschluß ist schon halb gefast . Ich will mich der Welt entziehen , und in irgend einem Frauenzimmerstifte den Rest meiner Tage zubringen . " Übereilen Sie sich nicht , liebe Karoline ! " Bald werde ich nun auch der Spott meiner Vaterstadt werden ! Vielleicht ist meine Schwangerschaft schon bekannt . " Wie könnte sie das ? , Nun so muß es doch bald geschehen und dann sterbe ich vor Scham und Schande . O Rosenfeld ! Rosenfeld ! Was hast du angerichtet ? " Entreissen Sie sich diesen traurigen Gedanken und lassen Sie uns diesen Abend zu Ihrem Vormunde gehen . Der arme Mann stirb sonst vor Gram und Sorgen ! " Karoline ließ sich durch meine Bitte bewegen und ging mit mir zu dem ehrlichen Alten . Karoline brachte es nun in allem Ernste auf das Tapet , daß sie sich in ein Stift begeben und ihr Leben eheloß beschließen wollte . Sie stellte ihrem Vormunde vor , daß Berthold sie nun verachtete , daß ihre Schwangerschaft sie nicht nur um ihren guten Namen , sondern auch um alle Möglichkeit einer glücklichen Heirat brächte - Die Wunde des ehrlichen Alten fing von neuem an zu bluten - Er sagte , er könnte seine Karoline eben so wenig verachtet sehen , als sie verlieren - Ich sollte ihm einen Rat geben ! Ich ! Mitten in dieser Verlegenheit ereignete sich etwas , worauf wir uns am wenigsten gefast gemacht hatten . Es war mir gelungen , sowohl Karolinen , als den Vormund wegen Bertholds Reise sicher zu machen . Sie bildeten sich ein , er wäre vielleicht nach Dresden geritten - würde , wenn der Sturm vorüber wäre , sich schon wieder einfinden und ich selbst fing an , dieses zu glauben . Plötzlich wurde an unsere Türe geklopft und Berthold stand vor uns . Er stutzte , als er uns beisammen sah und machte Mine wieder fortzugehen : Allein ich hielt ihn fest ! Dem Himmel sei tausendmal Dank , sagte ich , daß Sie wieder da sind ! Was habe ich nicht um Ihretwillen für Angst ausgestanden . Wo haben Sie denn gesteckt ? Ich bin Ihnen auf dem Fuße nachgeritten : aber es war kein Berthold zu hören und zu sehen . Willkommen , Willkommen , rief ihm der Alte entgegen : Allein ohne diesen Gruß zurückzugeben , sagte mir Berthold ins Ohr : Helfen Sie mir nur , liebster Freund ! daß ich Karolinen einige Augenblicke allein sprechen kann . Das war erwünscht ! Ich gab ihm einen Wink , ging hin zu dem alten Vormunde , nahm ihn bei der Hand und führte ihn in ein Nebenzimmer . Daß ich horchte , können Sie sich leicht vorstellen : aber was ich erhorchte , möchte wohl Herr Zebedäus Walther ohne meine Erzählung nicht erraten können . Mir kam es vor , als ginge Berthold zitternd und bebend auf Karolinen zu . " Meine Karoline , sagte er - Nach einer kleinen Pause : Meine unglückliche Karoline , Mein Berthold , gab ihm Karoline mit beklemm ter Brust zur Antwort - Aber Nein - Sie sind nicht mein Berthold - Nennen Sie mich nicht Ihre Karoline - Sie zerreißen nur mein Herz ! " O meine Karoline ! Was soll ich Ihnen sagen ? Ich liebe Sie - noch über alles ! Ich glaube es - Mein Herz sagt es , daß Sie an allen unschuldig sind : aber wären Sie nur ganz unschuldig - . . Berthold , sagte Karoline hierauf mit einer männlicheren und gesetzteren Stimme : Hören Sie ! Ich bin unglücklich - nicht ganz ohne meine Schuld : aber was ich verschuldet habe , war menschliche Übereilung . Ich kann nicht die Ihrige sein und will nun keines anderen Menschen sein . Helfen Sie nur meinen Vormund bewegen , daß er mich von sich läßt ! Ich will fort von hier - so weit ich nur kann . " Was verlangen Sie von mir ? Sie wollen fort ? Wo soll denn ich bleiben ? , Sie sollen in den Armen eines würdigeren , oder wenigstens nicht so unglücklichen Mädchens bleiben , als ich bin . " Martern Sie mich nicht ! Ich kann kein ander Mädchen auf Erden lieben , als meine Karoline : und doch werden ich und meine Karoline unglücklich sein , Nein ! Das werden wir nicht sein ! Ich allein werde es sein ! Berthold wird mich bald vergessen und eine unschuldigere lieben ! " Ich Sie vergessen ? Gott strafe mich , wenn ich Sie vergesse , Berthold ! Sie bedenken nicht , was Sie tun . Sie zünden die Liebe in meinem Herzen an , die Sie auslöschen sollten . " Halten Sie ein , Karoline ! und lassen Sie uns ernstliche Entschlüsse fassen . Ich frage Sie - als wäre Gott zugegen - Ist das alles wahr , was mir mein Freund von Ihrer Leipziger Geschichte erzählt hat ? " Ja , Berthold ! Nur wissen Sie noch nicht alles . Er hat selbst den stärksten Anteil an meiner Geschichte . Er hat mich aus dem Hause des Lasters befreit ! Und daher rührt unsere Bekanntschaft . " Es ist nicht möglich ! Er ! Er ! Und das haben Sie mir so lange verschwiegen ? " Er wollte es : Was konnte ich tun ? " Wieder ein Stein vom Herzen ! Ich muß Ihnen nur meine Schwachheit gestehen : Ich hin oft auf meinen Freund eifersüchtig gewesen ! , Das hätten Sie nicht Ursache gehabt . " Ich sehe es nun wohl und ich will es ihm abbitten ! Aber lassen Sie uns vorizt weiter sprechen , liebste Karoline ! Versprechen Sie mir , daß Sie mich glücklich machen wollen ? Sie können es ? , , Nein , Berthold ! Ich wünschte es ! Ich wollte ! Aber ich kann nicht . Der Gedanke an meine unglückliche Geschichte - " Den werde ich unterdrücken , das schwöre ich Ihnen ! " Sie setzen mich in die größte Verlegenheit . Bedenken Sie nur ! Ich trage ein fremdes Kind unter meinem Herzen ? , " Es soll meine sein ! Ich will es das meinige nennen . O sagen Sie mir , ob Sie mich lieben , ob Sie mich glücklich machen wollen ? , Aber - " Keine Ausflüchte ! Wollen Sie , liebste Karoline ? " Ja : aber - " Wollen Sie mir auch folgen , wo ich hingehen werde ? Sie sehen wohl : Hier können wir nicht bleiben . Ich will mich mit Erlaubnis meines Pflegevaters anderswo etablieren ! , Berthold ! Die Freude will mich töten . Wie kann ich mir bei meinen Umständen auf ein solches Glück Rechnung machen ! " Gut , Sie sind entschlossen ! Geben Sie mir Ihre Hand ! Hier ist die meinige ! - Mein Vater , mein Freund , rief er laut , und wir kamen sogleich aus dem Kabinette hervor . Sein Sie Zeugen , sagte er , von meiner Verbindung mit Karolinen ! Ich bin auf ewig der Ihrige . Welche Freude war nun der unsrigen gleich ! Der redliche Alte wurde auf der Stelle zum Jünglinge - er versprach Bertholden , daß er ihn aus seinem Vermögen etablieren wollte , wo es ihm selbst gefällig wäre - Kurz , die traurige Geschichte , die uns so lange am Herzen genagt hatte , nahm das glücklichste Ende . Freuen Sie sich , lieber Walther ! und danken Sie mir , daß ich mir die Mühe genommen habe , Ihnen alles der Länge nach zu erzählen . Die Erzählung hat mir selbst Vergnügen gemacht : sonst würde ich sie doch nicht so gedehnt haben . Ich bin noch nicht entschlossen , wo ich nun hinreisen werde : aber wegreisen werde ich bald - Ich habe mich in Dresden nach dem rechtschaffenen Landprediger , von dem ich Ihnen so viel gutes erzählt habe , halb tot gefragt : aber , leider ! nichts von ihm erfahren können . Haha ! Ich muß lachen . Sie bleiben also noch dabei , daß es keine Kunst ist , Komödien zu machen . Das wußte ich wohl , daß Sie in Ihren Grillen durch die Zeit eher bestärkt , als davon abgebracht werden ! Aber , wenn ich bitten darf : Machen Sie doch einmal ein Pröbchen und schicken Sie es mir zu ! Ich verspreche Ihnen , Sie sollen es wohl durchstrichen wieder zurückbekommen . Sie haben mir_es immer nicht glauben wollen , daß dasjenige , was am leichtesten scheint , gerade am schwersten ist : Nun so versuchen Sie es auf Ihre eigene Unkosten ! Ich werde hierbei eine neue Gelegenheit gewinnen , den Herrn Zebedäus Walther von ganzem Herzen auszulachen . Leben Sie wohl ! Was ? Mich auszulachen ? Gut , das wollen wir sehen ! Die Reihe des Auslachens kann auch mich treffen . Kurz und gut , ich bin steif und fest überzeugt , daß das Komödienmachen gar keine Kunst ist . Ein jeder Gastwirt im Lande , der nur irgend ein bisschen Nahrung und Zulauf von Fremden hat , muß das können . Es gehen in Gasthöfen solche Streiche aller Art vor , daß man nur zusehen darf , wenn man Komödien daraus machen will . Ich habe unter anderen eine Geschichte im Kopfe , die sich in meinem jetzigen Gasthofe zugetragen hat . Damals lebte mein Vater seliger noch und ich war nur noch ein kleines Bübchen : aber er hat mir die Geschichte mehr als einmal erzählt . Ich scheue mich nicht , sie sogar einem großgünstigen Publikum vorzulegen : denn , wie gesagt , ich Zimmere eine Komödie daraus , oder ich will nicht Walther heißen . Sie soll auch gar nicht possenhaft , sondern recht ordentlich , recht gesetzt sein und Sie , mein junger Herr ! sollen , wenn die Sache glücklich abläuft , pro poena wieder nach Leipzig kommen . Es war einmal ein Edelmann , der hatte ein junges Weib : ein Weib , das jeder lieb gewann , gleich schön an Seele und Leib . Sappelot , was habe ich geschrieben ? Das sind ja gar Verse ! Hilf Himmel , Walther ! Wirst du auf deine alten Tage ein Narr oder ein Poet ? Es war einmal - Wahrhaftig es sind Verse ! Nun so bewahre mir der Himmel meinen Gasthof . Ich habe immer gehört , die Poeten müßten schlechterdings arm sein : So wird es wohl mit meinem bisschen Vermögen bald zu Ende gehen ! Aber mag_es ! Die Freude muß ich mir doch machen , die vier Verschen ordentlich hinzusetzen , damit ein jeder sieht , daß es wirklich Verse sind ! Es war einmal ein Edelmann , der hatte ein junges Weib : Ein Weib , das jeder lieb gewann , gleich schön an Seele und Leib . Wäre das nicht eine Fürstenlust , wenn ich die ganze Erzählung in Versen herausbringen könnte ? Laß sehen ! zwei volle Jahre hatte er sie mehr , wie sich selbst geliebt : Recht gut : Aber wie nun weiter ! Geliebt - geübt - zerstiebt - betrübt ! Verzweifelt ! Hier will es schon nicht gehen ! Nun das erste das beste ! Noch hatte ihre Ehe nie ein Ehekreuz betrübt . Betrübt will mir gar nicht gefallen : aber warum sind nicht mehr Reime auf geliebt ! Ein Bubenstück verübt wäre angegangen : aber wie reimt sich der König Salomo und mein Gasthof ? Allein , ehe sich_es ein Mensch versah , war alle Freude aus ! Hört , wie so plötzlich dies geschah und werdet weiser draus . Das heißt mit einer Klappe zwei Fliegen totschlagen ! Ich brauchte einen Reim auf sah . Halt , dachte ich : Du kannst ja eine Anrede an deine lieben Mitbürger hinzusetzen : Eine gute Warnung ist nie überflüssig ! Gleich war der Reim da ! Einst legte sich die Edelfrau bei guter Zeit zur Ruhe . Die holden Augen zu ! wäre wohl das gewöhnlichste : aber ich weiß nicht - es behagt mit nicht so recht ! Ich will lieber so setzen : Der Kopf tat weh der armen Frau : Denn das hat die Edelfrau wirklich auf Treue und Glauben ausgesagt ! Darum legt sie sich zur Ruhe . Aus zweien Übeln das kleinste ! Lieber mag sich die Edelfrau zweimal zur Ruhe legen , als daß sie nur einmal die holden Augen zutut . Nach zehn - Es wird nicht viel drüber gewesen sein - - kam der Mann erst nach , des Schreibens herzlich satt . Was folgt daraus ? Willkommen war ihm Schlafgemach und weiche Lagerstatt . Nun , wahrhaftig ! Entweder ich bin behext , oder ich kann hexen . In meinem Leben habe ich keinen Vers gemacht : und auf einmal fließen sie mir so schön von der Faust weg , wie dem Herrn Professor Gottsched , seliger . Aber ich fürchte , es wird wohl nicht lange dauern ! Doch , als er eben schlafen will , rauscht etwas im Gemach . Was ist das , schreit er ? Ich wüßte nicht , wie er anders hätte schreien sollen : Aber - Nur noch 3 Silben ! Ei , Ei ! - schreit er ? - Gleich ist_es still und läßt auf einmal nach . glücklich ertappt ! Nicht nur die Verse , sondern , wo mir recht ist , sogar einen Kunstgriff bei dem Versemachen . Wenn ein Reim fehlt , so muß man nur recht herzhaft ausholen - als wenn man mit einem Steine ein Nest auf dem Dache einwerfen wollte . Gleich kommt der Reim ! Er horcht : Ganz natürlich ! Doch weil er nichts mehr hört , legt er sich auf sein Ohr : Ein anderer würde gesagt haben , auf seine Ohren : aber , wo ich nicht meinen Verstand verloren habe , so kann man sich nur auf ein Ohr legen . Ob es übrigens , das rechte oder linke gewesen , mögen die Herren Rezensenten mit einander ausmachen Und auszuschlafen ungestört nimmt er sich ernstlich vor . Aber hier ist meine Kunst zu Ende ! Ich bringe keine Zeile weiter heraus und ich bin auch für diesmal mit mir selber mehr als zu wohl zufrieden . In einem Atem - ist das übrig genug ! Den Rest will ich schon nachholen , wenn ich einmal ein Glas Wein getrunken habe . Jetzt will ich nur auf einen gescheuten und vernünftigen Titel miner Komödie denken . Ich dächte unmaßgeblich : Die unschuldige Ehebrecherin oder Viel Lärmen um Nichts . die Personen sind : Der Edelmann und seine Frau ! Er ist tot und ich könnte also seinen Namen immerhin nennen : aber ich will doch lieber einen erdichteten Namen annehmen . Er mag Taubenhain heißen ! Also : Der Herr von Taubenhain . Die Frau von Taubenhain . Johann , der Bediente des Herrn von Taubenhain . Lottchen , das Kammerkätzchen der Frau von Taubenhain . Nun mein Vater ! Gott gebe ihm heute einen guten Tag ! Es war ein braver Mann , bis auf ein paar kleine Narrheiten , von denen kein Mensch frei ist . Ich denke , es ist keine Sünde dabei , daß ich ihn in einer Komödie vorkommen lasse ! Hat er doch nichts Böses darin vor , wie der geneigte Leser bald sehen wird . Also : Herr Walther , der Gastwirt und Marthe , seine Magd . Das sind die Personen alle , die nun ihr Spiel zusammen machen sollen . Der Schauplatz ist oben auf meinem Saale , und damit der geneigte Leser sogleich auf demselbigen , wie zu Hause ist , so will ich einen kleinen Grundriß davon beifügen . Nummer 1 bedeutet das Zimmer , wo die gnädige Frau mit ihrem Kammerkätzchen logiert . Grade gegen über , auf Nummer 2 logiert der Herr von Taubenhain mit seinem Kammerdiener . Nummer 3 ist ein Tisch , nebst einigen Stühlen . Nummer 4 ist eine Klingel , die an die Wand befestiget ist und unten herab geht . Mein Vater , der ein sehr ordentlicher Mann war , hat sie bloß für die Fremden machen lassen . Nummer 5 geht die Treppe herab . Die Geschichte trug sich gerade in der Ostermesse zu und ich weiß es noch recht wohl , wie ich vor der gnädigen Frau und dem gnädigen Herrn meine kleine Mütze abnahm , als sie sich auf die Rückreise nach ihrem Gute machten . Früh , um die Zeit , wenn die Fremden aufzustehn pflegen , ging der Tanz los . Lottchen und Johann machten den Anfang , so wie ich ihn jetzt mache . Erster Auftritt . Lottchen und Johann . Lottchen , ( ein hübsches ordentliches Mädchen , wie mir mein Vater immer sagte , die gar nicht so naseweiß war , wie die anderen Kammermädchens ) kommt aus ihrem Zimmer und geht nach der Klingel . Es versteht sich , nicht ohne Ursache : Sie will für ihre Herrschaft Kaffee herausklingeln . Johann kommt in eben der Verrichtung aus seines Herrn Zimmer und klingelt auch . Ganz natürlich kriegen Johann und Lottchen einander zu sehen : sie machen aber beide große , große Augen , stehen da , wie die Narren , und wundern sich halb zu Tode . Wenn das vorbei ist , fangen sie folgendes Gespräch an : 1. Wie ist mir ? Wen sehe ich ? Wache ich oder träume ich ? Johann ! Mein lieber Johann ! J. ( fällt Lottchen vor Freuden in die Armen , und tut , als ob er sie tot drücken wollte ) Mein liebstes Lottchen ! Mein allerliebstes Lottchen ! Finde ich Dich endlich wieder , nachdem ich Dich ein ganzes , langes , halbes Jahr nicht mit einem Auge gesehen habe ? ( Nun stößt er eine ganze Menge Fragen in einem Odem hinter einander aus . ) Sage mit nur , wo kommst Du her ? Was machst Du ? Hast Du mich auch noch lieb ? Ist Deine Frau bei Dir ? Bist Du schon lange hier ? Wirst Du noch lange hier bleiben ? ( Nun wieder in die Armen gefallen ) Mein allerliebstes Lottchen ! 1. Lieber Johann ! Laß mich nur vor Verwunderung zu mir selber kommen . Sage mir doch wie kommst denn Du hierher ? J. Wie sonst , als mit meinem Herrn ? L. Wo ist denn Dein Herr ? J. Hier in diesem Zimmer . Aber , mein liebes Herzens Lottchen , wie kommst denn Du hierher ? L. Je mit meiner Frau . J. Wo ist sie denn ? L. Hier in diesem Zimmer. J. Das ist zum Totwundern , zum Totwundern ! L. Nun , sage mir nur , was macht denn Dein Herr ? J. Der liegt noch in tiefem Schlafe . Wir sind gestern Abend um zehn angekommen und der närrische Kerl vom Wirte hat uns mit seinem infamen Trödeln nicht eher schlafen gehen lassen , als um Mitternacht. L . Aber , wo habt ihr denn das ganze halbe Jahr gesteckt ? J. Allenthalben , liebes Lottchen ! Allenthalben . Wir sind gewesen in Potsdam , in Berlin , in Dresden , die kleinen Nester ungerechnet und nun kommen wir nach Leipzig zur Ostermesse. L . Aber , mein Gott ! Johann , was hat denn Deinen Herrn bewogen , meine brave , rechtschaffene Frau so lange Zeit zu verlassen und mit Dir in der Welt herumzuschwärmen ? J. Ja , das mußt Du mich nicht fragen , liebes Lottchen ! Du weißt ja , wie er ist . Man kriegt ja nichts aus ihm heraus , man mag_es anfangen , wie man will . So viel habe ich wohl gemerkt , daß ihm etwas in dem Kopfe stecken muß , was ich nicht darin haben möchte . L. Nun , was denn ? J. O Du kannst es gar nicht glauben , wie melancholisch er jetzund ist . Seitdem wir von euch weg sind , sind wir doch , Gottlob ! in allen möglichen Gesellschaften herumgelaufen . Wir haben keinen Ball , kein Konzert , keine Oper , keine Komödie versäumt . Wie sind Dir alle Tage in einem Fiaker Strass auf , Strass ab gefahren , daß es gerasselt hat . Wir haben Dir alle Paläs in Berlin und Potsdam inwendig und auswendig besehen . Alle das Zeug , ich weiß selbst nicht , wie es heißt , die Bildergalerien und die Naturalienkabinette und - kurz alles , alles haben wir begafft : allein das hat bei meinem Herrn alles nicht das geringste geholfen . So lange er unter fremden Leuten ist , so lange geht es noch zur Not : allein so bald er allein ist , so geht das liebe Leben an . Da sitzt er und sieht immer auf einen Fleck vor sich hin . Er spricht nicht ein Sterbenswort und wenn er ja einmal eins herausstößt , so ist_es , als ob man die leibhaftige Verzweifelung sprechen hörte ; und - das ist nun wahrhaftig zum Erbarmen , was er seufzt ! Das geht nur immer ( Es ist Jammerschade , daß ich_es nicht mit Buchstaben ausdrücken kann , wie Johann seinem Herrn nachgeseift hat . Nachmachen kann ich_es ganz unvergleichlich , ohne mich zu rühmen . ) 1. Und Du hast noch Mitleiden mit ihm ? J. Ja wohl ! Wenn er seufzt , so gibt es bei mir allemal ein Echo . L. ( böse ) Das Echo würde bald schweigen . wenn Du meine arme , abgemergelte Frau sehen solltest . Sie sieht sich gar nicht mehr ähnlich : so sehr hat sie der Gram und der Kummer angegriffen . Sie hat so viel Tränen geweint , daß Dein Herr der unglücklichste Mensch auf dem ganzen Erdboden sein müßte , wenn sie alle mit einander um Rache schrien . J. ( wundert sich ) Um Rache ? Was willst Du denn mit der Rache ? Ist es denn ein Verbrechen , einmal ein halbes Jährchen von Hause wegzubleiben und sich in der großen Welt umzusehen ? L. Also weißt Du gar nicht das geringste , was Dein böser , gottloser Herr - J. ( fällt Lottchen hitzig in die Rede ) Was sagst Du , Lottchen ! Mein böser , gottloser Herr ? L. Ja , Dein böser , gottloser Herr ! Er hat meiner Frau weiß gemacht , er müßte einen von seinen Anverwandten in Thüringen besuchen : Höchstens in 14 Tagen wollte er ganz gewiß wiederkommen . Ich habe den Abschied nicht mit angesehen : Aber meine Frau klagte es mir gleich nach eurer Abreise , daß ihr Gemahl so kaltsinnig gegen sie gewesen wäre , daß er sich ordentlich hätte zwingen müssen , ihr den Abschiedskuß zu geben , daß er mit einem zornigen und verächtlichen Blicke fortgegangen wäre , der ihr in der Seele weh getan hätte . Du kannst Dir leicht vorstellen , wie wir die 14 Tage zugebracht haben . Ich hatte alle Mühe von der Welt meine Frau nur so halb und halb zufrieden zu stellen . Ich machte ihr weiß , ihr Gemahl hätte ganz gewiß in Thüringen verdrußliche Geschäfte abzutun , von denen er ihr mit allem Fleisse nichts hätte sagen wollen , um sie nicht zu betrüben . Gnädige Frau , sagte ich : Machen Sie sich nur gar keine Sorge . Der Herr von Taubenhain wird schon zu rechter Zeit wiederkommen . Nun waren die 14 Tage um . Meine Frau wartete mit Schmerzen auf ihren Gemahl : aber ihr kamt nicht . Ich speiste sie immer wieder mit leerer Hoffnung ab . Schon wieder 14 Tage vorbei und ihr kamt noch nicht . Ach , nun wollte meine Frau verzweifeln . Es war alles vergebens , ich mochte sagen , was ich wollte . Sie fiel in eine hitzige Krankheit und mehr als zwanzigmal ( Hier mag wohl Lottchen ein bisschen dazu geweint haben ) dachte ich , sie würde ihren Geist aufgeben müssen . J. Arme Frau ! Armes liebes Lottchen ! L. Ja , Gott weiß , was wir ausgestanden haben . Ich mußte in ihrem Rahmen nach Thüringen schreiben : aber da war kein Herr von Taubenhain zu hören und zu sehen . Ich schrieb an alle Anverwandte , wo nur irgend eine Möglichkeit da war , daß ihr euch hättet aufhalten können : Aber auch nicht eine Silbe Nachricht . Nun stelle Dir einmal vor , Johann , wie mir zu Mute sein mochte , wenn ich ihr alle die leeren Briefe vorlesen mußte J. Sage mir nichts mehr , Lottchen ! Es geht mir schon durch Mark und Bein : Aber Deine Frau ist doch nun wider gesund ? 1. Sie denkt es , die gute Frau : aber sie ist es wahrhaftig noch nicht . Der Dokter sagte ihr ein , zwei , dreimal : Gnädige Frau ! Ich bitte Sie , halten Sie sich ja noch einen Monat oder ein paar zu Hause ! Die Frühlingsluft ist schädlich ! Allein sie ließ sich nicht halten . " Ich muß sort ! Ich muß meinem Taubenhain nach ! Ich muß ihn wiederhaben , und wenn ich ihn in allen Enden der Erden auch suchen sollte ! Du mußt mit , Lottchen ! Wir wollen nach Leipzig ! Vielleicht ist er da ! " J. Nun so möchte ich doch ewig wissen , was meinem Herrn in seinen - bald hätte ich gesagt , tollen Kopf gefahren ist , daß er eine so brave , rechtschaffene Frau im Stiche läßt . Höre , Lottchen ! Ich bin kein Kavalier : aber wenn aus uns beiden noch ein Pärchen wird , so schwöre ich Dir im voraus auf Kavalierparole : In meinem Leben lasse ich Dich nicht im Stiche ! Es wäre denn , daß Du mir - ( Hier macht Johann auf der Stirn ein gewisses Zeichen , vor dem der Himmel einen jeden christlichen Ehemann bewahren möge ! ) Du verstehst mich wohl ! - Halt , Lottchen ! Mir fällt was ein ! - ( heimlich ) Sollte nicht etwan Deine Frau - ich meine nur so - L. Schweige , wenn Du mich lieb hast , und unterstehe Dich nicht meine Frau in einen so miederträchtigen Verdacht zu ziehen . Ich kenne sie und ich setze den Augenblick mein Leben für ihre Tugend zu Pfande. J. Ei , Ei , Lottchen ! Das ist viel gewagt . 1. Genug , ich habe Proben. J. Das glaube ich gut und gern ! Ich habe immer nichts als gutes an ihr gesehen und von ihr gehört und ich wollte selber darauf schwören , daß sie hundert Meilen im Umkreise die beste Frau eines Mannes ist : Aber - L. ( fein höhnisch ) Höre , Johann ! Nun merke ich , daß Du gereist bist . J. Ja , das bin ich , Lottchen ! zwar eben nicht allzuweit : aber ich habe doch manches gesehen und gehört . Glaube mir , der Schein betrügt oft ganz verzweifelt ! Deine Frau L. ( ärgerlich ) Du kränkst mich , Johann ! In der Seele kränkst Du mich , wenn Du so sprichst . Ich schwöre Dir_es zu : Meine Frau ist nicht nur treu , sondern ein wahrhaftiges Muster der Treue . O was würde sie sich für ein Gewissen daraus machen , einem jeden anderen , außer ihrem Gemahle , nur so viel zu erlauben . Siehst Du , Johann , so habe ich sie zwei ganzer Jahre lang kennen lernen und ich müßte entweder ganz blind oder meine Frau müßte ein Teufel in menschlicher Gestalt sein , wenn ich mich irren sollte . Du weißt es ja selbst , wie zufrieden und vergnügt die beiden Eheleute seit ihrer Heirat miteinander gelebt haben ! Es war ja nur ein Herz und eine Seele ! Aber auf einmal , ehe man eine Hand umdreht , hat alle Freude ein Ende . ( noch ärgerlicher ) So sage doch , wer ist denn sonst daran Schuld , als Dein böser , gottloser Herr ? J. ( wirft sich in die Brust und gibt sich ein Ansehn ) Sei stille Lottchen ! und sprich mir nicht so . Mein Herr ist ein braver , rechtschaffener Kavalier ! So habe ich ihn auf unserer Reise kennen gelernt . Hätte er seine Gemahlin deswegen verlassen , weil er sie satt wäre : O was hätte er nicht allenthalben für herrliche Gelegenheit gehabt , seinen Appetit zu stillen . In Berlin , Lottchen ! da gibt_es Mädchen - O es geht gar nichts drüber ! Und das sind rechte gutherzige Mädchen - Sie sind gar nicht so närrisch stolz und widerspenstig , als wohl an anderen Orten . Aber ich sage Dir , Lottchen ! Mein Herr hat keine mit einem Finger angerührt . Ich habe es mit meinen Augen gesehen , daß große , vornehme Damen - und Damen , ja bei meiner Treue ! aufs allerwenigste so schön , wie Deine Frau : die haben ihm nachgestellt , aber er hat sie schmachten lassen . L. O freilich ! Was ist Dein Herr nicht alles für ein Mann ! J. Nun kurzum , Du magst denken und sagen , was Du willst : Mein Herr ist doch ein braver , rechtschaffener Mann , dem kein Mensch auf Erden was Böses nachsagen kann - L. Ausser daß er seiner Frau davon gelaufen , und sie in das größte Elend gestürzt hat . Johann , Johann ! Bald werde ich aus einem anderen Tone mit Dir sprechen , wenn Du ein solches Verbrechen noch länger vertheidigest. J . Werde nur nicht böse , liebes Lottchen ! Du verteidigst ja auch Deine Frau . L. Ich müßte ein niederträchtiges Mensch sein , wenn ich sie nicht verteidigen wollte . J. Und ich ein niederträchtiger Kerl , wenn ich meinen Herrn nicht verteidigen wollte . L. Das ist nicht auszustehn ! J. Laß es nur gut sein , Lottchen ! Nun muß die Sache bald ans Tageblicht kommen . Sobald ich zu meinem Herrn sage : Die Frau von Taubenhain ist da , so muß es sich gleich auf seiner Stirn zeigen , wie die Kommerkien stehen . Sage Du_es nur Deiner Frau : Oder soll ich_es ihr etwan selber sagen ? L. Nein , Johann ! das ist meine Sache . Ich werde ohnehin das Ding sehr gescheut anfangen müssen : Sonst könnte es leicht kommen , daß meine Frau vor allzugroßer Freude wieder krank würde . Ich werde - ( Sie tut , als ob sie sich worauf besinnt ) Doch ich will schon sehen , wie ich es mache . Adieu , Johann ! ( Sie wirft ihm einen Kuß zu ) J. Nein , Nein , Lottchen ! Solche Küsse statuiere ich nicht . Ich muß solche haben . ( Er gibt ihr einen ) Adieu ! Mache Deine Sache gut . ( Lottchen geht ab und so ist der erste Auftritt glücklich zu Ende . Freilich ist er ein wenig lang : Aber wer kann sich helfen ? Wenn nun die Leutchen einander so viel zu sagen haben ! ) Nun : Der zweite Auftritt . Johann allein . ( Es kann nicht fehlen , er muß noch dies und jenes in den Bart gemurmelt haben , ehe er zu seinem Herrn gegangen ist und das kann nichts auf der Welt gewesen sein , als was nun folget : ) Nun , das nenne ich doch Fata ! Kauderwelscher , als ich sie das ganze halbe Jahr gehabt habe . Hier ist der Mann ! Dort ist die Frau ! Er ist jung : Sie ist auch jung ! Er ist reich : Sie ist auch reich ! Er ist schön : Sie ist noch schöner ! Er hat sie lieb : Sie hat ihn noch lieber ! Er ist ihr treu : Sie ist ihm noch treuer ! Und dennoch ist er ihr fortgelaufen und sie kommt ihm nachgereist ! Er ist unglücklich und sie ist unglücklich . Er ist an der Seele krank und sie an Leib und Seele zugleich ! Das reime mir eine Christenseele zusammen . Ich bin nur neugierig , wie sich mein Herr anstellen wird , wenn ich zu ihm sagen werde : Die Frau von Taubenhain ist hier ! Das bin ich nur neugierig ! ( Johann geht ab . ) Nun ist der Saal leer und nun ist es auch gerade die allerhöchste Zeit , daß der Kaffee gebracht wird . Im Dritten Auftritte erscheinen also Walther und Marthe . Nun denke ich doch , ein hochgeneigtes Publikum wird mir zutrauen , daß ich meinen Vater gekannt habe ; und auch meines Vaters Magd , das gute , ehrliche Tier ! Von diesem Auftritte wird es also nichts ganz schlechtes erwarten . Also - Mein Vater kommt mit Marthen die Treppe herauf . Es versteht sich , daß er vorangeht : Denn so gebührt und geziemt es sich . Marthe folgt ihm mit zwei Kaffeservicen nach ; eins für den gnädigen Herrn , das andere für die gnädige Frau. W. Da setze hin auf den Tisch ! ( Auf Nummer 3 ) Hübsch neden einander ! Ordentlich ! Wie es sich gebührt und geziemt ! M. J. Herr Walther ! Sie werden sich ja nicht mit dem Kaffezeuge schleppen . W. Höre , Marthe ! So mußt Du nicht reden . Du verstehst den Kuckuck , was zur Ordnung gehört und was sich gebührt und geziemt . Vornehme Leute muß der Wirt selbst bedienen ! Merke Dir das , Marthe ! Es gehört zur Ordnung und Ordnung hilft Haushalten. M. Ich möchte aber gern die gnädige Frau in diesem Zimmer sehen ! Lassen Sie mich nur das Kaffezeug hereintragen . W. Du sollst aber nicht , sage ich Dir ! Das wäre schöne Ordnung , wenn Leute von Stande von einer Magd sollten bedient werden. M. Wenn_es weiter nichts ist ! W . Nun , kurzum , es gebührt und geziemt sich nicht ! Mache , daß Du fortkommst , damit Dich niemand auf dem Saale zu Gesichte kriegt ! M. Aber , Herr Walther ! Wenn ich Sie nun recht sehr bitte ! Ich habe gestern Mittag die gnädige Frau so halb und halb gesehen und wenn ich nicht , Gott verzeih mir_es ! den Star gehabt habe , so ist_es richtig die Frau von Taubenhain . W. Wer ? M. Je , die Frau von Taubenhain , meine gewesene Frau. W. Das wäre ! M. Darum eben , Herr Walther ! möchte ich gern hinein , damit ich es gewiß weiß . W. Ja , Marthe - Das wird schwerlich angehen ! M. Was wird_es nicht angehen ? Ein Gesinde wird ja wohl seine gewesene Herrschaft besuchen können ! Lassen Sie mich nur ! ( Sie will nach dem Kaffezeuge greifen : aber da kommt sie schön an ! ) W . Nun nicht so hitzig , Marthe ! Nur erst die Sache gehörig überlegt und erwogen , wie es sich gebührt und geziemt ! Wenn sie es nun nicht wäre und du kämst nun so , wie Du da bist , ins Zimmer der gnädigen Herrschaft hereingetappst ! Mein ganzer Gasthof käme in Schimpf und Schande ! Da würde es heißen : Der Walther ist doch ein rechter alter Esel ! Er versteht nicht einmal , was sich gebührt und geziemt. M. Das ist doch ein ewiges Gebühren und Geziemen . W.. Marthe , sprich mir nicht so naseweiß ! Du bist Gesinde und ich bin Herrschaft und es gebührt und geziemt sich durchaus nicht , daß ein Gesinde mit seiner Herrschaft so spricht . Wenn Du es gewiß weißt , daß es die Frau von Taubenhain ist - M. ( verstellt sich ) Ja , Herr Walther ! Ich weiß es gewiß ! W. Du sagtest ja aber , Du wolltest erst sehen ! M. Nein , Nein , Herr Walther ! Ich habe mich nun besonnen . Es kann kein Mensch auf Erden sein , als die Frau von Taubenhain . Lassen Sie mich nur ! ( Sie greisst wider nach dem Kaffezeuge : aber es wird nicht statuieret . ) W. Je willst Du Dich den Augenblick trollen ? Du sollst mir gleich heruntergehen und Dich vom Kopfe bis auf die Füße ordentlich anziehen , wie es sich gebührt und geziemt . Hernach sollst Du zu mir kommen und wenn ich sehe , daß alles recht sitzt , denn will ich einen Kniff machen , Marthe ! Der soll sich gewaschen haben. M. Nun ? W . Denn will ich zur gnädigen Frau gehen und fragen , ob sie untertänigst etwas zu befehlen hat. M. Das ist ein rechter Kniff ! W. J Du dumme Marthe , so höre doch nur ! Jetzt kommt das Kniffige erst recht ! Siebst Du ? Wenn hernach die gnädige Frau sagt : Ja , Herr Wirt ! ich habe dies und das und dies und jenes zu befehlen , so mache ich einen tiefen Reverenz und sage : Aber , gnädige Frau , darf ich mich wohl untertänigst unterstehen , Ihnen dies und das und dieses und jenes durch meine schlechte Magd zu übersenden ? M. Was ? Ich wäre eine schlechte Magd ? Geben Sie mir mein Lohn , Herr Walther ! Ich mag nicht mehr bei Ihnen dienen . Wenn ich Ihnen zu schlecht bin , so sind sie mir auch zu schlecht . W. ( fängt mächtig an zu lachen ) Haha ! Nun das ist zum Totlachen , zum Totlachen ! - ( Auf einmal aber nimmt er sein herrschaftliches Wesen an ) Aber Marthe ! Ein Wort im Ernste . Schämst Du Dich denn nicht , daß Du es noch nicht einmal besser weißt , was sich gebührt und geziemt ? Es geht nun schon in den siebenden Monat hinein , daß Du bei mir Dienst . Es ist ja wahrhaftig Sünde und Schande ! M. Kurz und gut , wenn ich Ihnen zu schlecht bin , so sind Sie mir auch zu schlecht - Daß Sie es nur wissen ! Ich kann zehn Herrschaften kriegen . W. Marthe , Marthe , Je so sei doch nur gescheut und besinne Dich ! Wenn Du nun z. E. der gnädigen Herrschaft den Kaffee bringen solltest : wolltest Du denn so grob sein und gerade zu sagen : Da ist der Kaffee ! M. J warum denn nicht ? W . Das ist zum Tollwerden ! O Du ungelehriges , ungeschicktes Mensch Du ! M. Wie soll ich denn sagen ? W. Schlecht sollst Du sagen ! Mit einem schlechten Kaffee ! Mit einem schlechten Butterbrote ! Mit einem schlechten Nachtlager ! Mit einer schlechten Suppe . M. Gut , daß ich das weiß . Wenn mich also jemand fragt : Marthe , wo Dienst Du ? So werde ich sagen , bei einem schlechten Gastwirte . ( Sie will vor Lachen bersten . ) W . Das ist nun wieder ein anders . Siehst Du , Marthe , das hängt so zusammen ! ( Beiseite ) Das ist ein vertrackter Streiche ! ( Laut ) Lache nur nicht so , Marthe , sage ich Dir ! Das gebührt und geziemt sich durchaus nicht . ( Er hält ein wenig inne : aber Marthe lacht immer fort ) Höre , Marthe , ich werfe Dich den Augenblick die Treppe herunter , wo Du Dich nicht packst . ( Marthe lauft fort : Drauf spricht er für sich ) Die Here die ! Hätte sie mich nicht bei einem Haare mit meinen eigenen Worten geschlagen ! ( Nun greift er endlich nach dem Kaffee , der ganz gewiß schon eisekalt ist : aber das war nun einmal seine Art so ! Wenn er in das Kapitel von dem Gebühren und Geziemen kam , so konme er sich nie wieder herausfinden . Auch jetzund trägt er das Kaffezeug noch nicht ins Zimmer , sondern setzt es gleich wieder weg , weil ihm was einfällt ) Blicks ! Das ist ein fataler Streiche ! ( Er schreit die Treppe herunter ) Marthe ! Marthe ! M. ( kommt zurück ) Nun , was gibt_es ? W. Höre , Marthe ! = ( Pumps ! da fällt ihm noch was ein ) Daß Dich der Kuckuck ! Noch einen dummen Streiche ! Gehe mir den Augenblick wieder herunter ! ( Marthe geht fort oder brummt fort , wie man es nennen will . Kaum aber ist sie die Treppe herunter , so geht mein Vater an die Klingel und klingelt Marthen wieder herauf ! War ich nicht ein rechter Esel ! ( spricht er unterdessen bei sich selbst ) Da hängt die Klingel und ich denke nicht einmal dran ! M. ( kommt zurück ) Nun , der Henker ! was ist es denn schon wieder ? W. Marthe , sprich mir nicht vom Henker , oder es wird nicht gut . Du hast ohnehin noch etwas bei mir im Fasse : Warum kamst Du denn , als ich Dich rief ? M. Nun so höre nur eine Christenseele , was das für eine Frage ist ! Je eben darum kam ich , weil ich Sie schreien hörte . W. Du hättest aber nicht so dumm sein und kommen sollen . Ich habe Dir_es schon hundertmal gesagt und nun sage ich Dir_es zum hundert und erstenmal : Wenn jemand klingelt , so sollst Du kommen ! Sonst aber nicht : Denn dazu ist die Klingel und so gebührt und geziemt es sich in einem ordentlichen Gasthofe ! Es war auch ein dummer Streiche von mir , daß ich Dich rief : aber ich hatte wichtigere Dinge im Kopfe - Höre , Marthe ! weißt Du nicht , wer vorhin zuerst nach dem Kaffee geklingelt hat , der Herr oder die Dame ? M. Was weiß ich_es ! W . Das habe ich wohl gedacht , daß Du es nicht wissen würdest . Es hat mir geschwant ! Da Sitze ich nun zwischen zwei Stühlen und weiß nicht , was ich tun oder lassen soll. M. Je , so geben Sie nur der gnädigen Frau den Kaffee zuerst ! W . Aber wenn nun der gnädige Herr zuerst geklingelt hätte . Da würde was schönes herauskommen . Das ist ein verdammter Streiche ! Mir ist Himmelangst ! Ich wüßte nicht , was ich darum gäbe , wenn ich_es erfahren könnte , wer zuerst geklingelt hat ! ( Er schweigt einen Augenblick still und wischt sich unterdessen den Angstschweiß vom Gesichte ) Höre , Marthe ! Ging die Klingel das erstemal sehr stark ? ( Mein Vater denkt die Sache auf eine recht kniffige Art herauszubringen : denn denkt er , das Kammermädchen muß doch wohl ehrbarer und leiser klingeln , als der Kammerdiener . Aber Marthe , die des ganzen Krames satt hat , führt ihn doch irre ) M. ( ärgerlich ) Ja freilich ! W. O so ist es des Herrn Bedienter gewesen ! Ja , Ja , der ist es gewesen . Nun bin ich auf einmal aus aller meiner Noth. Habe Dank , Marthe , daß Du mir drauf geholfen hast ! Ich will Dich auch bei der gnädigen Frau anmelden . Mache nur , daß Du Dich anziehst ! Fix ! Hurtig ! ( Marthe geht ab . ) In Parendesis ! Nun sind die ersten drei Auftritte vorbei und doch ist der Herr und die Frau von Taubenhain noch nicht zum Vorscheine gekommen . Aber nur Geduld ! Alles zu seiner Zeit ! Sie haben sich alle beide erst aus den Federn gemacht : Sie werden nun bald kommen . Vierter Auftritt . Walther und Johann . ( Walther nimmt nun das eine Kaffeezeug und weil ihm das Maul nimmer stille steht , so murmelt er unterwegs , als er nach dem Zimmer des Herrn von Taubenhain zugeht , folgendergestalt : ) Bei einem einzigen Haare hätte ich im üblen Ruf kommen können , daß ich nicht wüßte , was sich gebührte und geziemte : Denn wer zuerst geklingelt hat , muß zuerst bedient werden , es mag Herr oder Dame sein . ( Das habe ich noch vergessen zu sagen , daß mein Vater , mit der Mütze unter dem Arme und üverhaupt mit vielen Zeremonien auf das Zimmer des Herrn von Taubenhain zugeht . Er klopft sehr ehrerbietig an und Johann öffnet die Türe ) Mein lieber Herr Kammerdiener ! Hier nehme ich - J. Gebe er nur her ! Hurtig ! Hurtig ! ( Er nimmt den Kaffee , trägt ihn ins Zimmer und macht die Türe hinter sich zu ) W. zu untertänigstem Befehle ! ( betroffen ) Es soll nicht viel fehlen , so bin ich in Ungnade gefallen , daß ich den Kaffee nicht eher gebracht habe : Aber was kann denn ich davor ? Hätte die dumme Marthe gewußt , was sich gebührte und geziemte , so hätte ich ihr nicht to lange den Text lesen dürfen ! Da gehe hin , Marthe , und mache es mit dem gnädigen Herrn aus . Ich wasche meine Häute in Unschuld ! Doch ich muß nur machen , daß ich nicht ano dem Regen in die Traufe falle ! Fünfter Auftritt . Walther , Lottchen und die Frau von Taubenhayn. W. ( Er geht mit dem anderen Kaffezeuge und mit noch größeren Zeremonien an das Zimmer der Frau von Taubenhain und klopft an . Lottchen macht auf . ) Ich nehme mir die Freiheit , Ihre Gnaden untertänigst mit einem schlechten Kaffee aufzuwarten . L. Gebe er nur her , Herr Wirt ! W. ( zur Frau von Taubenhain , die er durch die offene Türe ins Zimmer erblickt ) Haben Euer Gnaden sonst noch was zu befehlen ? Fr. v. T. ( im Zimmer ) Ein wenig Morgenbrot ! W. zu untertänigstem Befehle . Aber ( hier fällt es ihm ein , was er Marthen versprochen hat ) Darf ich mich wohl unterstehen , denselben für diesmal mein schlechtes Morgenbrot durch meine schlechte Magd zu übersenden ? F. v. T. Das ist einerlei ! W . Nun so werde ich gleich die Ehre und das Glück haben , Denselben untertänigst aufwarten zu lassen . Fr. v. T. Keine Komplimente ( Sie tritt an die Türe ) W . Zu Deren untertänigstem Befehle . ( Er geht rücklings , wie ein Seiler , doch mit etwas mehr Komplimenten ab. ) Sechster Auftritt . Lottchen und die Frau von Taubenhain . ( Da ist sie ja schon ! Aber ich muß wohl bekennen , daß mir für diesem Auftritte etwas bange ist . Edelmännisch kann ich sprechen : darauf pariere ich : Aber Edelweibisch - das habe ich noch nicht versucht ! Je nun - wir wollen sehen ! Ein großgünstiges Publikum erinnere sich nur an das , was Lottchen im ersten Auftritte zu Johannen sagte : Sie würde ihrer Frau die Ankunft ihres Gemahls auf eine sehr listige Art beibringen müssen . ) L . Sehen Sie , gnädige Frau ! da wohnt der fremde Herr , ( Sie zeigt auf das Zimmer des Herrn von Taubenhain ) der Ihnen von Ihrem Gemahle Nachricht geben wird . Hier auf diesem Flecke habe ich seinen Bedienten gesprochen ! F. v. T . Dem Himmel sei Dank ! tausendmal Dank , daß ich meinem Glücke so nahe bin ! Komme , liebes Lottchen ! Ich muß Dich noch einmal umarmen ! Du hast mir eine allzugute Nachricht gebracht . Weißt Du denn wohl , daß ich nun wieder ganz gesund bin ? Weißt Du das ? 1. Ich wünsche es von ganzem Herzen. Fr. v. T. Hm ! Bloß wünschen ? Siehst Du es denn nicht ? So sieh mich doch nur an ! Merkst Du wohl noch eine Spur von Gram auf meinem Gesichte ? Fangen meine blassen Wangen nicht schon wieder an zu blühen ? Bin ich nicht munter , vergnügt , fröhlich ? Sage Lottchen ! L. Ja , gnädige Frau ! Sie sind es : aber - vielleicht allzufrüh ! Fr. v. T. Was sagst Du ? 1. Ich fürchte , ich fürchte - Fr. v. T. Du sollst aber nichts fürchten ! L. O wie gern wollte ich es : aber - Fr. v. T. Garstiges Lottchen ! Du bringst mich um meine ganze Freude . ( freundlich ) Oder spaßest Du etwan nur ? Nicht wahr , Lottchen ! Du fürchtest nichte ? Sieh mir einmal recht starr in die Augen . ( Lottchen tut es : aber sie kann ihre Ängstlichkeit nicht verbergen und dieses macht der Frau von Taubenhain selber bange ) Lottchen ! Lottchen ! Was ist Dir ? Was fehlt Dir ? Warum siehst Du so ängstlich aus ? Nun fürchte ich auch ! Sage ! Sage ! L. Sie quälen sich auch gar zu gern ! Meine Augen - Ich wüßte nicht , daß sie jetzt ängstlicher aussehen sollten , als sonst ! Fr. v. T. Nein , nein , Du hast mich hintergangen ! Du hast mir nicht die reine Wahrheit gesagt ! Gestehe ! 1. Sie machen mir Angst und bange , gnädige Frau ! Fr. v. T. ( mit einer weinerlichen Stimme ) Ja , ich merke nun schon ! Du hast traurige Nachrichten von meinem Taubenhain . Es ahndet mir ! Du willst mir sie nicht sagen : aber Du sollst ! Du mußt ! Ach ! Ein neues Unglück ! Mein armer Taubenhain ! Was ist ihm begegnet ? Gestehe es Lottchen ! Den Augenblick gestehe es ! L. Ich bitte Sie um des Himmels Willen , gnädige Frau ! Beruhigen Sie sich ! Ihrem Gemahle ist nichts begegnet - wahrhaftig nichts . Fr. v. T. Nein , Lottchen ! Nun glaube ich Dir_es nicht . Wenn meinem Taubenhain nichts begegnet wäre , so würdest Du vorhin nicht so ängstlich ausgesehen haben. L . Wenn ich Sie aber versichere , daß Ihr Gemahl so frisch und gesund ist , wie ich ! Fr. v. T. ( in einer freudigen Bestürzung ) Was sagst Du Lottchen ! Woher weißt Du das ? Hat Dir das der Bediente gesagt ? O wenn das wahr wäre , Lottchen ! Lottchen ! 1. Ja , gnädige Frau ! Es ist wahr . Ihr Gemahl ist nicht nur frisch und gesund , sondern er ist auch nicht weit von hier . Fr. v. T. ( außer sich ) Nicht weit von hier ? Wo ist er ? Wo ist er ? Komme ! wir wollen ihm den Augenblick entgegen fahren ! Wir wollen ihn einholen ! L. Aber , gnädige Frau ! Ich bitte Sie ums Himmels Willen : vergessen Sie es denn ganz und gar , was Ihnen Ihr Dokter befohlen hat ? Sie sollen sich für allen starken Gemütsbewegungen in Acht nehmen , oder Sie sind ein Kind des Todes ! Fr. v. T. Wie kannst Du mich doch jetzt mit dem Dokter quälen ? Von meinem Taubenhain ist jetzt die Rede ! den sollst Du mir verschaffen ! Du weißt , wo er ist ! 1. Ja , doch , gnädige Frau ! Sie sollen ihn haben ! Ganz gewiß sollen Sie ihn haben : aber nur unter einer Bedingung ! Fr. v. T. Hier hast Du meine Hand , Lottchen ! Fordere , was Du willst ! Ich gehe alles ein ! Ich gebe Dir alles , was Du haben willst ! Brauchst Du Geld ? Hier hast Du meine Börse ! Hier - L. Nichts von alle dem , gnädige Frau ! Sie müssen mir versprechen , daß Sie Ihre Freude mäßigen wollen . Sie werden sonst wahrhaftig wieder krank ! F. v. T. Topp , liebes Lottchen ! ( Sie gibt Lottchen die Hand ) 1. Aber Sie müssen auch gewiß Ihr Wort halten ! Fr. v. T. ( in der größten Hitze der Ungeduld ) Ja doch ! Ja doch ! L. Nun noch eins , gnädige Frau . Versprechen Sie mir , daß Sie Ihren Gemahl nicht eher sprechen wollen , bis - Fr. v. T. Bis wenn ? Nein , Lottchen ! daß werde ich Dir nicht versprechen . Das kannst Du nicht von mir verlangen ! L. Glauben Sie wohl , gnädige Frau ! daß ich es von Herzen gut mit Ihnen meine ? Fr. v. T. Ja , Ja , Du meinst es gut : aber eben darum mußt Du mir meinen Taubenhain auf der Stelle wiederschaffen . L. Aber sagen Sie mir : Wäre es Ihnen nicht lieb , wenn Sie erst wüßten , wie er gegen Sie gesinnt ist ? F. v. T. Das weiß ich schon ! Mein Herz sagt es mir ! L. Ach das Herz ! Fr. v. T. Nein Lottchen ! das meinige betrügt mich nicht ! Mein Taubenhain liebt mich gewiß noch ! Du wirst es sehen . L. ( für sich ) So ist denn alles vergebens ! Fr. v. T. ( die das letzte Wort gehört hat ) Nein , Lottchen , es ist nicht vergebens : Nimmermehr vergebens ! L. ( die nun wohl einsieht , daß mit Ihrer Frau nichts anzufangen ist ) Nun wissen Sie was , gnädige Frau ? So will ich Sie nur vor allen Dingen vollends ankleiden . Hernach will ich sehen , daß ich den Bedienten noch einmal auffischen kann und hernach wollen wir - Fr. v. T. ( voller Freuden ) Meinem Taubenhain entgegenfahren ? Meinem Taubenhain ? L. Nicht doch , gnädige Frau ! Fr. v. T. ( kehrt sich an nichts ) O Freude ! O Entzücken ! L. Wir wollen ihm aber nicht entgegenfahren Er soll zu uns kommen ! Fr. v. T. ( bizig ) Nein , Lottchen ! durchaus nicht . Wir wollen ihm entgegenfahren ! Wir wollen ihn einholen ! Bestelle nur den Wagen und mache , daß Du mit dem Bedienten sprichst . Nur bleibe mir nicht lange weg ! Hörst Du , Lottchen ? L. ( Hier will die Fr. v. T. gehen : aber Lottchen hält sie zurück ) Halten Sie doch , gnädige Frau ! Ich muß ja mit . Ich muß Sie ja vollends anziehen . Fr. v. T. Nein , nein ! Ich will mich allein anziehen ! Bleibe ! L. J Gnädige Frau ! Ich bitte Sie - Sie werden ja nicht ! . Fr. v. T. Ich werde aber ! Dir zum Possen werde ich ! Wir wollen einmal sehen , wer am ersten fertig ist , ich oder Du. L . Wenn Sie denn durchaus wollen ! Hier ist der Schlüssel ! Es liegt alles im Kabinette beisammen . Fr. v. T. Nur her , Lottchen ! Nur her . Mache nur , daß Du mit dem Bedienten sprichst . Hörst Du ? L. Ja doch ! Ja ! ( die Frau von T. geht ab . ) Siebenter Auftritt . Lottchen allein . Was doch die Liebe für ein ausgelassenes , wunderliches , närrisches Ding ist ! Meine Frau freuet sich halb zu Tode und sie hat es wahrhaftig noch nicht Ursache . Ich denke immer , es wird noch manchen harten Stoß setzen , ehe sich die arme Frau wird freuen können . Der Himmel gebe nur - ( Lottchen hört ein Geräusch und erschrickt ) Was ist das ? Was geht vor ? ( Sie horcht gegen das Zimmer des Herrn von Taubenhain ) Gott , was höre ich ? ( Sie geht furchtsam ein paar Schritte näher ) Was für ein Tumult ! ( Noch näher ) Er geht zornig auf und nieder ! Er ruft ! ( Sie prallt zurück . ) Achter Auftritt . Lottchen und Johann. J. ( stürzt sich wie toll und rasend nach der Klingel : im zurückgehen sieht er Lottchen ) Bist Du da , Lottchen ! Ach , ums Himmels Willen ! L. Gott im Himmel ! Was soll das bedeuten ? J. Ach , ich habe es meinem Herrn gesagt , daß Deine Frau da ist . Er will nicht einen Augenblick länger im Hause bleiben . Er will fort . Er will sie weder sehen noch sprechen . Eben will er mit dem Wirte zusammenrechnen . Er tobe und lärmt . O hätte ich daß gewußt , ich hätte kein Wort gesagt . L. Ach , das kostet meiner armen Frau das Leben . J. Dem Himmel sei_es geklagt : aber ich bin unschuldig ! wie die Sonne am Himmel - L. Gerechter Gott ! was will daraus werden ? J. Ich weiß es nicht : Gott weiß es . Aber , liebstes Lottchen ! Ich muß fort zu meinem Herrn : Ich soll und muß einpacken . L. Ich bitte Dich um alles in der Welt : Verlaß mich nicht ! Gib mir einen guten Rat , was ich anfangen soll ! J. Ich kann nicht , Lottchen ! Ich kann nicht ! Ich muß fort . Lebe wohl . ( Er geht ab . ) In Parendesis ! Ein hochgeneigtes Publikum wird nun wohl ersehen , daß das Lustspiel , was ich demselben geziemend übergebe , nicht zu den ganz lustigen gehört , sondern daß auch mit unter ein Tränchen vorkommt . Ich hätte leicht unter dem Haufen von Geschichten , die sich in meinem Gasthofe ereignet haben , eine andere nehmen können : aber ich weiß , mein junger Herr liebt das weinerliche , und da ich das ganze Ding bloß ihm zum Possen Aufsätze , so habe ich nicht umhin gekonnt , gerade die Geschichte von der unschuldigen Ehebrecherin zu nehmen . Es folgt nun in der Reihe der : Neunte Auftritt . Lottchen allein und hernach Walther. L. ( Nachdem sie ihrem Johann einige Augenblicke mit unverwandten Augen nachgesehen , schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen ) Grosser Gott im Himmel ! ( Nach einer kleinen Pause , mit heftigem Schluchzen ) Ach meine arme Frau ! Meine arme Frau ! Ich kann mich nicht vor ihr sehen lassen ! Ich kann sie nicht unter die Erde bringen ! ( Unter diesen Reden taumelt sie bis an das Ende des Saales und wirft sich auf einen Stuhl ) Aber ist es nicht eben so schlimm , wenn ich sie in der Ungewißheit stecken lasse ? Sie muß es ja doch erfahren ! ( Nach einem kleinen Weilchen springt sie plötzlich auf ) Was tue ich ? Gehe ich , oder bleibe ich ? ( Sie geht zitternd und bebend nach dem Zimmer ihrer Frau zu , bebt aber vor der Türe zurück ) Nein ! Es ist mir unmöglich ! Das Herz will mir vor Angst zerspringen : Ich kann nicht : ( Sie geht zurück und wirft sich wieder auf den Stuhl ) Ach meine arme , unglückliche Frau ! ( Sie springt wieder auf und weint bitterlich ) Sterben wird sie - Sterben ! ( Indem hört sie meinen Vater die Treppe herauf kommen : Sie erschrickt ) Ach , es kommt jemand ! Ich kann mich nicht sehen lassen . ( Sie tritt an die Wand zwischen der Treppe und dem Zimmer des Herrn von Taubenhain . ) W . ( Er geht , ohne Lottchen zu bemerken , mit starken Kopfschütteln nach der Klingel ) Ei , Ei , Ei ! ( Indem schleicht sich Lottchen hinter seinem Rücken die Treppe herab . Mein Vater hört das Geräusch , kehrt sich um , erblickt sie noch und ruft ihr nach : ) Guten Morgen , guten Morgen , Jungferchen ! Wohlgeschlafen , ist mir_es lieb zu vernehmen . Nun , will Sie ein bisschen frische Luft schöpfen ? L. ( auf der Treppe ) Ja , Herr Wirt ! W . Das ist mir lieb und angenehm : ( Jetzt kehrt er sich wieder um , fängt sein Kopfschütteln von vorne an und befühlt die Klingel oben und unten ) Aber , Monsieur Bedienter ! Höre er nur ! Das steht mir gar nicht an , daß er mir mit meiner Klingel so tölpisch umgeht . Das gebührt und geziemt sich gar nicht , wenn er_es wissen will ! Er wird mir gewiß keine andere machen lassen und daß ich deswegen bei dem gnädigen Herrn klagen sollte , das gebührt und geziemt sich auch nicht . Es wird wohl was sehr notwendiges sein ! Wir wollen doch hören . zehnter Auftritt . Walther und der ( längsterwünschte ) Herr von Taubenhain . W. ( er klopft an das Zimmer des Herrn von Taubenhain . ) Hr. v. T. ( kommt aus seinem Zimmer ) Ist er es , Herr Wirt ! Gut , ich habe ihn rufen lassen . Mache er mir gleich die Rechnung . Ich will fort . W. ( der sich einbildet - doch ich will nichts sagen . ) Ach , ich bin verloren ! Ich bin ein unglücklicher , geschlagener Mensch ! O haben Sie Gnade mit mir ! vergeben Sie mir ! Ich bin nicht Schuld ! Marthe ist an allem Schuld . Ich habe es dem Mensch zehn , zwanzigmal gesagt : Je so mache doch , daß der Kaffee fertig wird ! Aber sie trödelte immer in eins weg . Lassen Sie mich_es und meinen Gasthof nicht entgelten , gnädiger Herr ! Ich will Ihnen meine Marthe ausliefern . Sie mögen mit ihr machen , was Sie wollen : Und wenn Sie ihr 50 Prügel geben lassen , es soll kein Hahn über sie krähen . Hr. v. T. ( kurz und gut ) Er ist nicht gescheut ! W . Ich kann es Ihnen nicht verdenken , gnädiger Herr ! wenn Sie auf mich schelten : aber ich schwöre es Ihnen hoch und teuer , daß bloß Marthe - Hr. v. T . Er ist ein Narr , sage ich ihm ! Was geht mich seine Marthe an ? Genug , ich finde es für gut , in einem anderen Gasthofe zu logieren . Hat er was dawider einzuwenden ? W. beileibe nicht , gnädiger Herr ! Das würde sich für mich sehr schlecht gebühren und geziemen . Hr. v. T. Nun so mache er die Rechnung ! W . Den Augenblick ! zu hohem Befehle ! Also , daß ich mich unterstehe zu fragen : Sind Euer Gnaden nicht auf meine Wenigkeit ungehalten ? Hr. v. T. Nein ! W. Untertänigsten Dank ! Ich darf also auch nicht befürchten , daß Ihre Gnaden mich und meinen schlechten Gasthof in üblen Ruf bringen werden ; gleichsam , als wüßte unser einer nicht , was sich gebührte und geziemte ! Hr. v. T. Nein , sage ich ihm ! W . Nun so hat alles seine Ordnung : denn jede Herrschaft kann ihr Geld verzehren , wo sie will und es gebührt und geziemt sich nicht , jemanden aufzuhalten . Ich weiß wohl , es gibt Gastwirte , die ihre Gäste respektive halb mit Gewalt zurückhalten : aber das sind dumme Kerls , die nicht den Kuckuck verstehen , was sich gebührt und - Hr. v. T. zum Henker mache er , daß er fortkommt oder - W . Ich gebe schon , gnädiger Herr ! Ich gehe schon . Marthe soll mir den Augenblick nach Postpapiere laufen , damit ich die Rechnung wachen kann . Ich werde doch noch Hamburger Federspulen im Vorrate haben ! Eilfter Auftritt . Die Vorigen und Johann , der aus seines Herrn Zimmer einen Koffer geschleppt bringt . W . Nur her damit , Nur her damit ! Ich will ihn schon heruntertransportieren . ( Sie schleppen beide den Koffer bis an die Treppe . ) Herr Kammerdiener ! Nur eine kleine Frage . Wie tituliert man denn den gnädigen Herrn ? J. Jetzt ist_es nicht Zeit , danach zu fragen . W . Nur ein kleines Augenblickchen , Herr Kammerdiener ! Nur ein ganz kleines ! Ich habe meine Schreibetafel bei mir . Es ist um Ehre und Schande Willen ! Ich soll die Rechnung machen und da könnte ich leicht noch zu guter letzt in Ungnade fallen , wenn ich - J. Gehe er zum Teufel ! W. Ei , Ei , das gebührt und geziemt sich gar nicht , so zu sprechen . Hr. v. T. Johann ! J. Gnädiger Herr ! W. ( fast zu gleicher Zeit ) Ich gehe schon ! Ich gehe schon ! ( Er schleppt den Koffer die Treppe herunter . ) Zwölfte Szene . Der Herr von Taubenhain und Johann. Hr. v. T. Komme her ! J. Was befehlen Sie ? Hr. v. T . Nicht wahr , Du hältst mich für einen Barbaren , für einen Tyrannen ? J. ( verwirrt ) Ich , gnädiger Herr ? Ich Sie ? Wie können Sie so fragen ? Hr. v. T. Ich habe vorhin im Zimmer so etwas auf Deiner Stirn gelesen . J. Vergeben Sie mir , gnädiger Herr ! für dieses Mal werden Sie sich wohl geirrt haben . H. v. T . Aber was denkst Du denn , daß ich meine Frau nicht sehen will ? J. ( gleichgültig ) Nichts , gnädiger Herr ! Ich habe keinen Beruf etwas darüber zu denken . Hr. v. T. Wenn ich Dir aber den Beruf dazu gebe . J. So werden Sie mir erlauben , daß ich ihn nicht annehme . Hr. v. T. Warum nicht ? J. Weil Sie mein Herr sind . Hr. v. T. Wenn ich Dir aber als Herr befehle , frei zu reden ! J. So muß ich gehorchen . Hr. v. T. Nun gut ! Also was sagst Du dazu , daß ich meine Frau fliehe ? J. Daß Sie Ursachen dazu haben müssen , die ich nicht zu wissen brauche . Hr. v. T. Gut , ich habe Dir diese Ursachen bisher um meiner Frauen Ehre Willen verschwiegen : jetzt aber muß ich sie Dir um meiner eigenen Ehre Willen entdecken . Wisse also ! Meine Frau ist mir untreu ! J. ( erschrickt ) Was höre ich ? Die Frau von Taubenhain ? Ihnen untreu ? Nimmermehr ! Es ist nicht möglich ! Hr. v. T. Genug ich sage Dir : Sie ist mir untreu ! Du kannst mir zutrauen , daß ich eine Sache von der mein Glück und Unglück abhängt , selber untersucht haben werde . J. Die Frau von Taubenhain ! Meine gnädige Frau ! Ich kann es immer noch nicht glauben ! Sie ist zu gut ! Sie liebt Sie zu sehr ! Hr. v. T. zu sehr , sagst Du ? - Und ich sage Dir : Mit diesen meinen Augen habe ich den Ehebrecher aus ihrem Schlafzimmer gehen sehen - Hast Du genug ? J. Unmöglich , Unmöglich ! Soweit vergeht sich die Frau von Taubenhain nicht . ( Bei dieser Verteidigung muß man es Johannen an der Nase ansehen können , daß ihm sonst noch was am Herzen liegt , als die gnädige Frau - und das ist sein Lottchen . Nämlich , er denkt so bei sich selber : Kann die brave , rechtschaffene Frau von Taubenhain untreu werden , so kann es auch Lottchen . Nun hat er aber für Hörner einen ganz gewaltigen Abscheu : deswegen verteidigt er die Frau von Taubenhain so tapfer ; Eigentlich aber gilt alles seinem Lottchen . Das ist nun , ohne mich zu rühmen , so eine Anmerkung , die wohl schwerlich ein anderer Gastwirt hätte machen können , als Zebedäus Walther . ) H. v. T. Meinst Du , daß ich gesunde Augen habe ? J. Ja - aber - es wäre doch ein möglicher Fall - Hr. v. T. ( hitzig ) zeige mir einen , Johann ! zeige mir einen ! ( In seiner ordentlichen Sprache : Doch ich habe ja noch nichts davon gesagt ! Nun also , sie ist - die Sprache eines eifersüchtigen Mannes , der Stein und Bein schwört , daß ihm seine Frau untreu ist , der Stein und Bein schwört , daß er seine Frau nicht mehr liebt und der ihr doch noch insgeheim herzlich gut ist ; Sie ist - Sie ist - recht so , wie ich mir sie vorstellen und nicht beschreiben kann ) doch ich habe Dir die nähern Umstände noch nicht erzählt ! Erinnere Dich an den Abend vor unserer Abreise . Da war es , als sich die Schlange von Weibe krank stellte und schon um 8 Uhr zu Bette ging . Sie wußte , daß ich ihr vor 11 Uhr nicht nachkommen konnte und das machte sie sich zu nutze ! Ich kam endlich . Ich legte mich zu Bette . Meine Frau stellte sich , als ob sie schliefe . Gut , ich ließ sie schlafen , ob ich gleich selbst kein Auge zutun konnte . Etwan eine halbe Stunde darauf hörte ich hinter meiner Frauen Bette ein Geräusch . Ich fuhr auf : da war es wider still . Es währte nicht lange , so rauschte es wieder . Diesmal aber blieb ich ruhig liegen , um doch zu sehen , was daraus werden wollte . Nun stelle Dir vor ! Doch Du kannst Dir nichts vorstellen ; Kein Mensch auf Erden kann es sich vorstellen , wie mir in diesem entsetzlichen Augenblicke zu Mute war . Hinter meiner Frauen Bette kroch ein schlechtgekleideter Kerl auf den Zehn hervor , schlich sich stillschweigend an die Türe , machte sie ohne das geringste Geräusche auf und ging weg . Meinst Du , daß ich Kraft genug hatte , ihm nachzufolgen ? Ich lag auf meinem Bette , wie angedonnert . Sinnen und Gedanken vergingen mir . Ich wußte nicht , war ich auf Erden oder in der Hölle . Endlich stand ich auf und ging in mein Zimmer . Was ich da ausgestanden , das läßt sich mit Menschenzungen nicht beschreiben . Wohl zehnmal nahm ich mir vor , meine Wut in dem Blute meiner Gemahlin zu kühlen , für die ich eine Stunde zuvor das meinige mit Freuden vergossen hätte : allein es war mir unmöglich . Endlich , nach tausend gemachten Projekten entschloß ich mich , sie zu verlassen , die Schändliche ! und wenn ich sie erst ganz aus meinem Herzen verbannt hätte , mich von ihr scheiden zu lassen . - Du zitterst , Johann ! Ich erzähle Dir ja nur meine Geschichte ! Wenn der Zuhörer zittern will , was soll denn der beschimpfte , geschändete Ehemann tun ? J. Ich bin vor Schrecken und Entsetzen außer mir . Wer hätte das gedacht ? Die Frau von Taubenhain ? Die Frau von Taubenhain ! Hr. v. T. Nun ersinne einmal mögliche Fälle , wenn Du kannst ! Ich fordre Dich heraus ! J. Ich weiß nicht , was ich sagen soll . Wenn ich mich an Ihre Stelle setze , so fühle ich , ich würde eben das geglaubt haben , was Sie glauben , aber es wäre doch möglich - H. v. T. Was wäre möglich ? J. Wie , wenn ein Dieb - Hr. v. T. ( höhnisch ) Ein artiger Dieb , der sich hinter das Ehrbette versteckt und wenn er glaubt , daß der Mann eingeschlafen ist , sich aus dem Staube macht ! Wenn Deine übrigen möglichen Fälle nicht besser Stich halten . J. Wie schwer wird es mir , die Frau von Taubenhain für schuldig zu halten . Hr. v. T. Johann ! denkst Du , daß es mir leichter geworden ist ? J. Aber wenn Sie nun Ihren Fehltritt bereut und das tut sie gewiß - Hr. v. T. So denkst Du , soll ich ihr wieder in die Armen laufen ? In die Armen einer schändlichen Ehebrecherin , die unter der Larve der strengsten Tugend so teuflisch betrügen kann ? Die sich vielleicht in eben dem Augenblicke , da ich mein Leben für sie hingegeben hätte , mit einem schlechten Kerle über ihren Pinsel von Manne lustig machte ? O laß mich den verwünschten Gedanken nicht zu Ende bringen ! Dreizehnter Auftritt . Die vorigen beiden und Lottchen. L . ( Sie kommt die Treppe herauf und sieht sogleich den Herrn von Taubenhain ) Ha , da ist er ! - Ach , gnädiger Herr ! Wenn Sie nur noch einen Funken von Mitleiden besitzen - Wenn Sie die gnädige Frau jemals geliebt haben - Ich bitte Sie - Ich beschwöre Sie , gnädiger Herr - zu Ihren Füßen ( Sie wirft sich auf die Knie ) Söhnen Sie sich mit der gnädigen Frau aus oder glauben Sie gewiß und wahrhaftig , daß Sie sie ums Leben bringen . ( Anbei geweint und geschluchzt , wie es der Inhalt von selbst zeigt ) Hr. v. T. ( läßt es wohl bleiben , daß er sie sollte aufstehen heißen : sondern spricht bei sich selbst ganz zufrieden ) Sie spielt ihre Rolle gut ! J. ( hat mehr Mitleiden ) Stehe nur auf , liebes Lottchen ! Ich kann Dich unmöglich knien sehen . ( Er ergreift sie mit beiden Händen , um sie in die Höhe zu ziehen : allein sie zieht ihn nach sich , daß er mit ihr und neben ihr knien muß . ) L. Komme , mein lieber Johann ! Hilf mir den gnädigen Herrn erbitten ! Laß uns nicht eher von seinen Füßen weggehen , bis wir ihn erweicht haben . Ach , gnädiger Herr ! ( Sie will seine Knie umarmen ) H. v. T. ( tritt einen Schritt zurück ) Ich merke , Lotchen ! Du bist bei meiner Frau in die Schule gegangen : aber es soll Dir nicht gelingen . Schone nur Deine Knie und stehe auf ! L. ( springt erschrocken in die Höhe : Johann auch . ) Gott ! was höre ich ? Sie spotten meiner ? Sie sprechen mit Gift und Galle gegen mich ? Was für eine unglückliche Veränderung muß mit Ihrem Herzen vorgegangen sein ? Hr. v. T. Du hasts erraten L. Ich erstaune ! Hr. v. T. ( immer höhnisch ) Das wundert mich ! Als Kammermädchen Deiner Frau solltest Du eben nicht erstaunen . L. ( in der größten Hitze ) Sie töten mich ! Was sind das für schreckliche Reden ? Sagen Sie ! Sage Du , Johann ! Du liebst mich ! Was ist es ? J. ( ängstlich ) Deine Frau - Ach ich kann es Dir nicht sagen ! L. Meine Frau ? Was willst Du mit meiner Frau ? Was soll meine Frau begangen haben , das Du nur nicht sagen könntest ! J. ( noch ängstlich ) Ach , Deine Frau - Nein es ist unmöglich ! Ich kann es Dir nicht sagen . Hr. v. T. Nun so will ich es Dir sagen ! Höre wohl zu : Deine Frau ist eine Ehebrecherin L. ( halb rasend ) Entsetzen ! Tod ! Verderben ! Meine Frau eine Ehebrecherin ! Den Gedanken hat Ihnen der Satan eingegeben ! Niederträchtiger ! Elender ! Nichtswürdiger ! Hr. v. T. Schweige , Spizbübin ! Oder lerne vor mir zittern . L. Ich für Ihnen zittern ? Für einem Bösewichte ? Hier ist meine Brust ! Durchbohren Sie sie ! Hier ist sie ! Einen Mord kann Ihnen der Himmel vergeben : Aber einen so entsetzlichen , himmelschreienden Verdacht gegen Ihre Gemahlin , gegen die Tugend , gegen die Keuschheit selbst , den kann er Ihnen nimmermehr vergeben , nimmermehr J. Ich bitte Dich um alles in der Welt , liebstes Lottchen ! Erbose Dich nicht so ! Du meinst es Seelengut , Lottchen : aber Du irrest Dich. L. Wer ? Ich ? Worin irre ich mich ? Niederträchtiger , meschanter Mensch ! Auch Du unterstehst Dich - Hr. v. T. ( zu Johannen ) Laß die Närrin austoben ! Wir wollen gehen ! Hier hast Du Geld ! Bezahle dem Wirte die Rechnung und damit fort ! L. ( kommt nun zu sich selber ) Nein ! das heißt die Bosheit auf den höchsten Gipfel treiben ! Bleiben Sie ! Bleiben Sie ! Meine Frau ist unschuldig ! Johann , halte doch Deinen Herrn auf ! Rede ihm doch zu ! Meine Frau ist unschuldig ! Sie hat nichts getan . J. Gnädiger Herr ! Ich bitte Sie mit Tränen : Besinnen Sie sich ! Hr. v. T. Was soll ich mich besinnen ? Soll ich den Reden eines bestochenen Kammermädchens Gehör geben ? J. Sie ist nicht bestochen ! das schwöre ich Ihnen bei dem Himmel ! Sie hat mir erst kurz zuvor beteuert , sie wollte ihr Leben für die Tugend Ihrer Frau zu Pfande setzen . Hr. v. T. Das heißt , sie spielt ihre Rolle gut . L. Wer spielt seine Rolle gut ? Ich ? Hier vor dem Angesichte Gottes schwöre ich Ihnen : Ich spiele keine Rolle ! Keine - als die Rolle eines rechtschaffenen Kammermädchens , die ihre Herrschaft liebt , die die Tugend Ihrer Frau gegen die entsetzlichen Beschuldigungen Ihres Gemahls verteidiget : Hr. v. T. Verteidiget ? Du hättest Deine Frau verteidiget ? Wenn das Rasen einer Furie verteidigen heißt , so hast Du sie freilich verteidiget . L. Sie verlangen also , daß ich meine Frau gegen einen unsinnigen Verdacht - Hr. v. T. Den unsinnigen Verdacht laß nur weg . Es ist Gewißheit , sage ich Dir - und wenn Du es noch nicht hören willst , so will ich Dir_es in die Ohren donnern ! Mit diesen meinen gesunden Augen , die , so lange sie offen stehen , keinem Irrtume unterworfen sind , habe ich den Ehebrecher aus meinem Schlafzimmer gehen sehen . - Wie wird Dir , Lottchen ? Schlägt Dir etwan Dein Gewissen ? Du hast ihn doch helfen hereinpraktizieren : Nicht wahr ? L. Ich höre : Aber wenn Sie die Mine eines Menschen kennen , der stolz auf sein gutes Gewissen ist , so sehen Sie die meinige . Hr. v. T. ( Er sieht Lottchen in dieser Mine einen Augenblick aufmerksam an ) Gut , ich kenne sie . Du bist unschuldig . Um desto größer ist das Verbrechen Deiner Frau , die ihre geheimen Sünden auch so gar vor Dir verborgen hat. L. ( kehrt das Blatt um ) Nein , gnädiger Herr ! Ich bin nicht unschuldig ! Ich bin die Verbrecherin . Strafen Sie mich , so viel Sie wollen ! Nur schonen Sie Ihre arme , kranke Gemahlin . Sie hat nichts getan : Bei Gott im Himmel ! Sie hat nichts getan ! Hr. v. T. Einfältiges Ding ! denkst Du mich mit diesem armseligen Geschwätze zu hintergehen ? Ich weiß , was ich weiß und hier in Deiner Gegenwart fasse ich meinen letzten und äußersten Entschluß , nie wider meiner unwürdigen Gemahlin vor Augen zu kommen . Unsere Ehescheidung - ( Kauen hat er das Wort aus dem Munde , so kommt die Frau von Taubenhain , die nun mit ihrem Staate fertig ist , munter und vergnügt aus ihrem Zimmer geflattert . Also : Der Vierzehnte Auftritt . Die Vorigen und die Frau von Taubenhain . ( Aber nun wünschte ich mir wohl auf einen Augenblick des Herrn seinen Kopf , der die Mienen von Barnhelm gemacht hat . Bei meiner Ehre ! Das sollte ein Auftritt werden , der sich gewaschen hätte . Die Anlage dazu ist da : aber ob sie nicht Zebedäus Walther verderben wird - Es wird sich zeigen ! ) Fr. v. T. ( indem sie aus ihrem Zimmer kommt ) Nun bin ich fertig . ( Sie werden alle mit einander wie vom Blitze gerührt . Die Frau von Taubenhain bleibt unbeweglich stehen , sieht einen nach dem anderen an , behält aber ganz natürlich ihren Taubenhain allein im Auge . Die Freude leuchtet ihr aus den Augen und bricht endlich in folgende , zerstreute Worte aus : ) Wo bin ich ? - Lottchen - Lottchen - Halte mich - Die Freude - Die Freude - Taubenhain ! Mein Taubenhain ! Bist Du es ? Mein liebster , liebster Taubenhain ! ( Sie geht auf ihn zu und will ihn in ihre Armen schließen , aber er tritt zurück , ohne sie mit einem Auge anzusehen . Sie versucht es noch einmal : aber er tritt zurück , ohne sie mit einem Auge anzusehen . Sie versucht es noch einmal : aber er stößt sie mit ziemlichen Unwillen zurück . ) Hr. v. T. Weg , Madam ! Fr. v. T. ( Sie wird darüber bestürzt , und glaubt , es sei nicht ihr Gemahl . ) Lottchen ! Was hast Du angerichtet ? Das ist ja nicht mein Taubenhayn. L. ( mit den bittersten Tränen ) Ja , leider ! ist er es. Fr. v. T. ( Sie sieht ihren Gemahl nochmals recht aufmerksam an . ) Ja , er ist es - er ist es ! Nun kenne ich ihn . Aber - er kennt mich nicht mehr - oder will mich nicht kennen , der kleine Bösewicht ! - Ja , Ja , so ist_es ! - Aber er soll mich bald kennen lernen - ( Sie stellt sich in einiger Entfernung gegen ihn über und spricht so zärtlich , daß es einem Stein bewegen möchte : ) Mein bester , liebster , zärtlichster Taubenhain ! Hr. v. T. ( er schlägt , wie zuvor , die Augen nieder und antwortet nicht eine Silbe . ) Fr. v. T. ( Sie tritt einen Schritt oder was näher und spricht noch zärtlicher : ) Mein verlorener , mein wiedergefundener Gemahl ! ( Drauf geht sie von neuem auf ihn zu und will ihn umarmen : er stößt sie aber noch härter von sich . ) Hr. v. T. Weg , Madam ! sage ich Ihnen. Fr. v. T. ( erschrocken ) Ihnen ? Ihnen ? Was soll das bedeuten ? Sind wir so unbekannt . Hr. v. T. Wir sind es geworden und wollen es bald noch mehr werden . Fr. v. T. ( noch erschrockener ) Lottchen ! Ach , Lottchen ! Höre nur ! Höre nur ! L. Herr von Taubenhain ! Ich beschwöre Sie bei den Strafgerichten Gottes : Schonen Sie meine arme , schwache Frau ! unterdrücken Sie Ihren entsetzlichen Verdacht ! Fr. v. T. Ach ! - Ach ! - Was sagst Du von Verdachte ? Hr. v. T. ( für sich ) Wie fremd sie sich stellen kann ! Fr. v. T. Mein Taubenhain hat mich in Verdachte ? Schrecklich ! Schrecklich ! - Aber nein ! Er kann nicht . Er weiß es ! Er muß es wissen , daß ich nur einen lieben kann . Hr. v. T. ( höhnisch ) Nur einen ? ( In seiner ordentlichen Sprache ) Doch ja ! Nur einen . Nur Schade , daß ich das Unglück gehabt habe , nicht dieser Eine zu sein . Fr. v. T. Was sagt mein Taubenhain ? Ich weiß nicht ! Ich verstehe nicht ! Meine Gedanken vergehen mir. L . ( Sie nimmt ihre Frau unter den Arm und führt sie auf einen Stuhl ) Ach , liebste Madam ! Ihr Gemahl hat Sie in einem schrecklichen Verdacht . Sie sollen ihm untreu sein - Ach ich kann es nicht aussagen . Fr. v. T. Sage es ! Den Augenblick sage es mir ! L. Sie sollen - Ach ! Sie sollen - Es ist unerhört ! - die Ehe - gebrochen haben . ( In eben diesem Augenblicke steht die Frau von Taubenhain von ihrem Stuhle auf - mit einem Anstande , den ich mir recht gut vorstellen kann , der sich auch auf dem Theater ganz inkomparabel ausnehmen müßte , den ich aber nicht beschreiben kann und wenn es mein Leben kostete . Eben so wenig kann ich es beschreiben , in welchem Tone sie folgende Worte ausspricht : ) Fr. v. T. Entsezlich ! Und das hat mein Taubenhain gesagt ? ( Sie geht auf ihn zu ) Und das hast Du gesagt ? Du ? Du ? Hr. v. T. ( spottet ihr nach ) Und das haben Sie getan ? Sie ? Sie ? Fr. v. T. ( ohne sich irre machen zu lassen , in einem mitleidigen , gerührten Tone ) Armer , unglücklicher Mann ! Und wie lange hast Du Dich mit diesem grausamen Verdachte gequält ? Hr. v. T. Madam , ich verbitte einmal für allemal alle Vertraulichkeit. Fr. v. T. ( standhaft ) Gut , ich gehorche . Also , mein Herr von Taubenhain ! Sie sind ein Mann von Ehre . Lassen Sie sich_es gefallen , mich einige Augenblicke für den Advokaten Ihrer Gemahlin anzusehen und beantworten Sie mir einige Fragen . Wie lange hegen Sie gegen Ihre Gemahlin den grausamen Verdacht - Hr. v. T. Weiß das die Frau Gemahlin nicht selber ? Fr. v. T. ( unschuldig ) Nein , mein Herr ! Hr. v. T. Ich zerspringe - Fr. v. T. Und wenn sie es auch wüßte , so hat sie noch nicht Zeit gehabt , es Ihrem Advokaten zu sagen . Ich bitte um Antwort . Wie lange ist es ? Hr. v. T . So lange , als ich in meinem und Ihrem Schlafzimmer den Ehebrecher gesehen habe . Fr. v. T. ( höchst erschrocken ) Gott stehe mir bei ! ( Sie fasset sich wieder ) Und wenn war das ? Hr. v. T. zum Teufel , Madam ! Stellen Sie sich nicht so fremd . F. v. T. Ich beschwöre Sie bei den Pflichten , die Sie auch Ihrem ärgsten Feinde schuldig sind . Sagen Sie mir , wenn ? Hr. v. T. Die Nacht vor meiner Abreise. Fr. v. T. Und was haben Sie da gesehen ? Hr. v. T. Beim Himmel ! Ich will es nicht hundertmal wiederholen . Ich habe genug gesehen , um Sie auf ewig zu fliehen , um auf ewig das Ehebette zu verabscheuen , daß Sie - wer weiß , wie oft - mit einem anderen geteilt heeen . F. v. T. Mein Taubenhain ! Hr. v. T. Unterstehen Sie sich nicht weiter , das Wort mein über Ihre Lippen zu bringen Fr. v. T. Mein Taubenhain ! Hr. v. T. Kaum kann ich mich halten Fr. v. T. Ich bin unschuldig ! Hr. v. T. Boßhafte Lügnerin ! Fr. v. T. Ich bin unschuldig . Erwarte Sie nicht , daß ich meine Unschuld mit Schwüren verteidige . Sie würden mir doch nicht glauben und sich nur noch mehr versündigen . Das einzige widerhohle ich Ihnen : Ich bin unschuldig und Gott , der Allmächtige , wird meine Unschuld an den Tag bringen . Sie wollen mich verlassen ? Auf immer verlassen ? Gut , ich spreche Sie von allen Pflichten los , die Sie mir als Gemahl schuldig sind . Leben Sie wohl ! Ich werde Tag und Nacht für Sie beten , daß es Ihnen wohl gehe . Komme , Lotchen ! Wir wollen gehen . L. ( weinend ) Ach , wohin denn ? F. v. T. In unser Zimmer . Wir wollen gleich zu unserer Abreise Anstalt machen . Ich bin nun Witwe , Lottchen und ich will nach meinem Wittwensize . Du sollst bis an meinen Tod bei mir bleiben und mir die Stelle meines verlorenen Gemahls ersetzen . Du sollst mir die Augen zudrücken und meine Erbin sein . Leben Sie wohl , ewig wohl ! ( Sie macht eine Verbeugung gegen den Herrn von Taubenhain und geht mit Lottchen ab , die mit den Augen von Johannen Abschied nimmt , der ebenfalls vor Schmerz zerspringen will . ) Wie mir zu Mute gewesen ist , indem ich diesen Auftritt zu Papiere gebracht habe , will ich nicht sagen . So etwas habe ich noch niemals gefühlt : Und wenn ein hochgeneigtes Publikum beim Lesen dieses Auftritts nur die Hälfte , nur das Viertel davon fühlt , so will ich_es aller Welt in die Augen sagen , daß ich ein Meisterstück gemacht habe . Ich eile zum : Fünfzehnten Auftritte . Der Herr von Taubenhain und Johann. Hr. v. T. ( Er sieht seiner Gemahlin , ganz außer sich , nach ) Wie wird mir ? Wie ist mir ? Welch eine Angst ! Welch ein ungestümes Herzklopfen ! Ich zittre - Mir ist , als hätte ich ein Centnerschweres Verbrechen begangen ! - Wenn sie unschuldig wäre ! o Gott , wenn sie unschuldig wäre ! - ( hitzig ) Aber Nein ! Sie ist nicht unschuldig ! Sie kann nicht unschuldig sein . J. Mein liebster Herr ! Beruhigen Sie sich ! Hr. v. T. Ha , bist Du da ? Sage , Johann ! Ist meine Frau unschuldig ? J. Ich weiß es nicht , gnädiger Herr ! Hr. v. T. Du mußt es wissen ! Sage mir_es den Augenblick ! J. Fast muß ich es glauben . Hr. v. T. entsetzlich ! Unglücklicher ! Du hältst sie für unschuldig ? J. Nein , mein Herr ! Wenn Sie sie noch nicht dafür halten können , so kann ich sie auch nicht dafür halten . Hr. v. T. Gut , so tue es ! Ich kann sie nicht dafür halten . Sie ist ein Teufel ! Das ist ihre Unschuld , und ich well nicht eher ruhrn , bis sie mehr alle Ihre Schandtaten mit Ihrem eigenen Munde bekannt hat . ( Er geht ins Zimmer seiner Gemahlin . ) Sechzehnter Auftritt . Johann und hernach Marthe. J. ( Er sieht seinem Herrn ängstlich nach ) Das sei Gott im Himmel geklagt ! Mein Herr unglücklich ! Meine Frau unglücklich ! Mein Lottchen unglücklich ! Ach ! ( Hier erfolgt ein langer Seufzer . Indessen kommt Marthe , in völligem Staate , wie ihr mein Vater befohlen hat und bringt das Morgenbrot . Sie sieht Johannen . ) M. Je das ist ja wohl gar Herr Johann , der Kammerdiener ! ( Sie setzt das Morgenbrot auf den Tisch ) Nun ist_es richtig , daß die Frau von Taubenhain da ist ! - Schönen guten Morgen , Herr Johann ! Nun wie geht_es denn noch ? Ist er denn auch noch hübsch frisch und gesund ? Hebe , was sieht er mich denn so groß an ? Kennt er mich denn nicht mehr ? Ich bin ja Marthe . O ich weiß noch die liebe Zeit , wo ich ihm manchen Kaffee gekocht habe . J. Bist Du mit Deiner Frau hergekommen ? M. Mit meiner Frau ? Ach , die Frau von Taubenhain ist jetzt nicht mehr meine Frau . Ich diene bei Herr Walthern. J. Wie lange ist das her ? M. Es wird nun bald ein halbes Jahr voll sein . Aber Herr Johann ! Was fehlt Ihm denn ? Warum sieht er denn so grämisch aus ? Er war ja sonst immer so freundlich und so aufgeräumt ! ( Johann seufzt ) Je das Gott erbarm ! Er seufzt ja gar . Was fehlt ihm denn ? Was ist ihm denn widerfahren ? J. Ach , mir fehlt nichts : Aber mein Herr und meine Frau - Hast Du denn noch nichts in der Stadt davon gehört ? M. Je wovon denn ? Ich weiß kein Sterbens Wort. J . Mein Herr will sich von seiner Frau scheiden lassen. M. Das wäre entsetzlich ! Je weswegen denn ? J. Das darf ich Dir nicht sagen. M. Was wird er mir_es nicht sagen können ! Ich dächte , das sollte er noch von alten Zeiten her wissen , daß ich nichts ausklatsche . Sage er_es immer . J. Mein Herr hat seine Frau im Verdachte , daß sie ihm untreu ist. M. Nimmermehr ! Er wird ja nicht toll sein ! J. Ja Du gute Marthe ! Er hat_es nur , leider , mit Augen gesehn. M. Daß ist erstaunend ! J . Nicht anders ! Er hat hinter seiner Frauen Bette einen Kerl gesehen. M. ( Will aus der Haut fahren ) Der Himmel stehe mir bei ! Ach , ich bin verloren ! Ach , lieber Herr Johann ! Nehme er sich meiner an : Sonst muß ich aufs Zuchthaus . Ich will gern alles gestehen ! Helfe er mir nur , daß ich mit einer gelinden Strafe davon komme . Ich bin an allem Schuld ! Ich will mich der gnädigen Frau zu Füßen werfen - Siebzehnter Auftritt . Die Vorigen und Walther . W. Je Marthe , Je Du Blixmarthe ! ( dies schreit er schon , indem er mit der Rechnung in der Hand die Treppe heraufgelaufen kommt . ) Was hast Du denn hier oben auf dem Saale zu spektakeln ? - Was hat sie gemacht , Herr Kammerdiener ! Ich will es wissen - Warte nur , ich will Dir schon geben , was sich gebührt und geziemt - ( zu Johannen ) Nur frei heraus ! J. Hat er die Rechnung gemacht , Herr Wirt ? W. ( ganz freundlich ) zu dienen ! Ich denke doch , daß es so recht sein wird . Ich habe den Titel nur so aus dem Kopfe gemacht : " An den Hochwohledelgebohrnen , tugendsamen , Erenfesten , Hochgelahrten und Hochweisen Herrn Herrn von Taubenhain , et_cetera , et_cetera , , J. ( verbeisst das Lachen ) Schon gut , schon gut. W. ( liest weiter ) Erbe : Lehn : und Gerichtsherrn auf et_cetera , et_cetera - J. Recht sehr gut ! Behalte er nur seine Rechnung noch . Mein Herr wird sich wohl anders besinnen . W. Je , das wäre ja ganz vortrefflich ! ganz unvergleichlich ! J. Wie gesagt ! W . Nun , das freut mich von ganzem Herzen . Da will ich nur gleich wieder herunterlaufen und es den Leuten sagen , daß sie des gnädigen Herrn seinen Koffer nicht wegtragen . ( Er geht ) Das ist ja vortrefflich ! ( Er kehrt wider um ) Adieu , Adieu , Herr Kammerdiener ! Ich bitte nicht übel zu deuten : Bei einem Hare hätte ich_es vergessen . J. Ganz und gar nicht. W. ( Er sieht , daß das Morgenbrot noch auf dem Tische steht . ) Aber - Je Du ungeschickte , dumme Marthe Du ! Da steht ja das Morgenbrot für die gnädige Herrschaft noch auf dem Tische . Ist das recht , he ? Gebührt und geziemt sich das wohl ? J. Es ist nichts daran gelegen . Jetzt hat kein Mensch Appetit zu essen . W. Wenn schon , Herr Kammerdiener ! Es gebührt und geziemt sich doch nicht . J. Genug , ich nehme alle Verantwortung auf mich W . Denn ist es ein anders . O ich lasse mich wohl bedeuten , wie es sich gebührt - J . Wo er nicht bald geht , so laufen ihm die Leute mit dem Koffer fort , ehe er sich_es versieht . W . Das sollen sie wohl bleiben lassen . ( Er läuft geschwind die Treppe herab . ) Achtzehnter Auftritt . Johann und Marthe. J. Gottlob , daß er endlich einmal fort ist . Marthe ! Erzähle mir den Augenblick - M. Ach daß Gott im Himmel erbarm ! Wie wird mir_es gehen ! J. So heule doch nicht , einfältiges Tier ! Es hat Dir ja noch niemand was zu Leide getan . Nun was hast Du denn , so sage doch ! M. Ach , ich bin an allem Schuld ! J. Ich sehe wohl , ich muß nur der Pauke ein Loch machen . ( Er klopft stark an das Zimmer der Frau von Taubenhain . ) Neunzehnter Auftritt . Die Vorigen , Lottchen ; hernach die Frau von Taubenhain und der Herr von Taubenhayn. L . ( Sie kommt geschwind aus ihrem Zimmer ) Was ist_es ? M. ( Sie stürzt sich auf die Knie ) Ach , gnädige Frau ! haben Sie Gnade mit einer armen , unglücklichen Magd ! L. Himmel ! Was soll das bedeuten ? ( Sie ruft ) Gnädige Frau ! Gnädige Frau ! Fr. v. T. ( kommt aus ihrem Zimmer ) Was ist_es ? M. ( noch immer auf den Knien ) Ach , gnädige Frau ! Haben Sie Gnade mit einer armen , unglücklichen Magd ! F. v. T. Marthe , bist Du es ? M. Ach ja , gnädige Frau ! ( Indem tritt auch der Herr von Taubenbain heraus . ) Ach daß Gott ! Ach , gnädiger Herr ! Erbarmen Sie sich . Ich bin an allem Ihrem Unglück . Schuld : Aber erbarmen Sie sich nur und haben Sie Gnade mit mir , Hr. v. T. Mensch , was willst Du ? M. Ach , Herr Johann hat mir gesagt , daß Sie sich von der gnädigen Frau wollten scheiden lassen und daß Sie hinter Ihrem Bette einen Kerl gesehen hätten - Ach haben Sie Gnade mit mir ! Hr. v. T. ( wütend ) Den Augenblick gestehe es ! Was war das für ein Kerl oder ich massakriere Dich auf der Stelle ! M. Ach , gnädiger Herr ! Es ist Töffel gewesen . Hr. v. T. Töffel ? - Töffel ? - Ich gratuliere , Madam ! Fr. v. T. ( ohne sich an diese Höhnerei zu kehren ) Stehe auf , Marthe ! und erzähle alles Haarklein . Es soll Dir nicht das geringste widerfahren ! Sage nur alles , was Du weist ! M. ( steht auf ) Ach , gnädige Frau ! Sie sind gar zu gut . Ich habe Ihnen so viel Kummer und Herzeleid gemacht - Fr. v. T. Stille davon ! Jetzt sollst Du erzählen. M. Je nun , gnädige Frau ! Sie werden wohl Toffeln kennen , des alten Drescher Valentins seinen Sohn . Weil ich bei Ihnen auf dem Edelhofe war , da ist er mir immer in eins weg nachgelaufen und hat mich gar nicht mit Friede gelassen , und wie nun unser eins ist , daß man auch gern einmal seinen eigenen Herd haben will , so habe ich mich endlich mit ihm in ein christliches Eheverlöbnis eingelassen : Und danach setzte er mir immer zu , daß ich ihn einmal in meine Schlafkammer sollte kommen lassen , aber ich wollte immer nicht . Das weiß der liebe Himmel , daß ich nicht wollte ! Aber wie nun das Zeter-Mannsvolk ist , das läßt nicht nach , man mag sich wehren , wie man will . Fr. v. T. Nur weiter ! M. Da habe ich mich endlich übertölpeln lassen ! denn unser eines hat ja doch auch Fleisch und Blut , und wir waren ja doch schon so gut , wie Eheleute. Fr. v. T. Recht , Marthe ! Nur immer weiter ! M. Ja , Sie können mir_es glauben , gnädige Frau ! Ich habe Toffeln meine Schlafkammer auf ein Haar beschrieben : Ich dächte , er hätte sie blindlings finden müssen . Ich habe ihm gesagt , im zweiten Stockwerke , gleich wenn man die Treppe herauf kommt , rechter Hand : aber der ungeschickte Kerl der ! Hätte ich mir das in meinem Leben träumen lassen , daß er_es nicht wissen würde , welches das erste oder zweite Stockwerk wäre ? Kurzum , was habe ich zu tun ? Ich praktiziere ihn gegen Abend in die Küche und da muß er so lange Katz aushalten , bis nach dem Glockenschlage zehn , bis alles auf dem ganzen Edelhofe tot ist : Und danach läuft der Tölpel in seiner Blindheit ins erste Stockwerk und kommt also unglücklicherweise in Ihr Schlafzimmer . Sobald er herein ist , merkt er Unrat und will ausziehen : Aber da kommt eben der gnädige Herr und da weiß sich der arme Teufel nicht anders zu raten und zu helfen , als daß er sich hinter das Bette versteckt . Er hat mir_es erzählt , daß er rechte Angst ausgestanden hat . Er hat über eine halbe Stunde gesessen , wie ein armer Sünder und sich nicht gerührt und immer den Atem an sich gehalten . Endlich und endlich als er bei sich selber denkt : Nun muß doch wohl der gnädige Herr eingeschlafen sein ! so kommt er in aller Still hinter dem Bette hervorgekrochen und macht , daß er nur wieder in die Küche kommt : Und da hat er die ganze , sinkende Nacht gefroren , wie ein armer Hund und ich habe auch die ganze Nacht vor Himmelangst kein Auge zutun können ; Denn ich dachte immer : Nun wo bleibt denn Töffel ? Hernach den folgenden Morgen , da ging die Katerjagd erst recht an : Denn ich stand mit dem frühesten auf und weil ich herunter in die Küche kam , da fluchte und wetterte Töffel ganz abscheulich auf mich , daß ich ihn bei der Nase herumgeführt hätte und er wollte in seinem Leben nichts mehr mit mir zu tun haben . Ja , gnädige Frau ! Es hätte nicht viel gefehlt , so hätte er mich gar geschlagen : so bitterböse war er . Hernach erzählte er mir denn , wie es ihm gegangen wäre und da bin ich erschrocken , daß ich flugs hätte mögen in die Erde sinken . Ich schlug immer die Hände über dem Kopfe zusammen . Ach , es hat mir geahndet , daß da nichts gutes heraus kommen würde ! Töffel , sagte zwar immer : Je , es hat ja weiter nichts auf sich ! Hat mich doch niemand gesehen . Aber ich dachte : Nein ! hier ist nicht gut sein . Kommt es heraus , so bist Du geliefert : Und kurz und gut , ich nahm in aller Geschwindigkeit meine gebackenen Birnen zusammen und lief über alle Berge fort : Und da bin ich nun hernach bei Herr Waltern in Dienste gegangen . Aber , mein Gott im Himmel ! Wer hätte das gedacht , daß ich und Töffel solch Unglück anrichten sollten ! Fr. v. T. Marthe ! Ist das alles wahr ? M. Ja , gnädige Frau. Fr. v. T. Auch gewiß ? M. Ganz gewiß und wahrhaftig , gnädige Frau ! Ich will_es alle Stunden vor der weltlichen Obrigkeit beschweren und danach können Sie ja auch Toffeln selber vornehmen , wenn Sie wollen . Fr. v. T. Es ist gut , Marthe ! Jetzt kannst Du gehen : Wenn wir Dich nötig haben , wollen wir Dich wider rufen lassen. M. ( fängt wider an zu heulen ) Aber , gnädige Frau ! Wenn ich nur nicht aufs Zuchthaus muß ! Fr. v. T. Sei nur ruhig und gehe ! Es soll Dir nichts widerfahren . J. ( zu Marthen ) So packe Dich doch nur , dummes Tier ! Du hörst ja , daß alles gut ist . ( Marthe geht ab . ) zwanzigster und letzter Auftritt . Die Vorigen. Fr. v. T. ( Sie geht nun mit einem fröhlichen Gesichte , wie man leicht ermessen kann , auf ihrem Gemahl zu , der die ganze Zeit über wie versteinert gestanden hat und noch steht . ) Mein Taubenhain ! ( Es erfolgt keine Antwort . Sie tritt ganz nahe an ihn heran und sieht ihm in die Augen ) Mein Taubenhain ! ( Noch keine Antwort . Sie fährt ihm mit ihrer Hand so sanft als möglich über die Backen . ) Mein Taubenhain ! Bin ich nun unschuldig ? ( Der Herr von Taubenhain fängt an zu taumeln und fällt bei einem Haare die Länge lang auf den Saal . Ich denke doch , ein jeder wird mich verstehen , wie das zugeht . Es wandelt ihn nämlich , weil ihn der Gram und der Kummer so stark angegriffen und weil er nun einsieht , wie sehr er seiner lieben Frau Unrecht getan , eine Art von Ohnmacht an . Die Frau von Taubenhain erhebt sogleich ein Geschrei ) Ach Himmel ! Er stirbt ! Er stirbt ! ( Sie fängt ihn in ihre Armen auf : Lottchen und Johann springen zu und helfen ihn halten . Die Frau von Taubenhain schreit : ) Hilfe , Hilfe ! ( Johann holt einen Stuhl herbei und setzt seinen Herrn darauf : Lottchen kriegt aus ihrer Ficke ein Gläsern Ungarisch Wasser und hält es ihm vor die Nase . Unterdessen ruft die Frau von Taubenhain immer noch ganz verzweifelnd : ) Mein Taubenhain ! Mein Taubenhain ! Mein Gemahl ! Erwache ! Erwache ! L. Machen Sie sich keine Sorge , gnädige Frau ! Es hat keine Gefahr. Fr. v. T. Mein Taubenhain ! - ( freudig ) Ha , er regt sich ! Sprich , Sprich ! Hr. v. T. ( Er schlägt die Augen auf , sieht sich allenthalben wild um und spricht mit einer gedämpften Stimme ) Wie ist mir ? Wo bin ich ? Fr. v. T. Bei mir bist Du , liebster Gemahl ! Bei mir und nun immer bei mir. Hr. v. T. Lassen Sie mich ! ( Er versucht aufzustehen : sinkt aber wider zurück auf den Stuhl ) Fr. v. T. Nein , mein Geliebter ! Ich lasse Dich nicht . Ich lasse Dich nicht. Hr. v. T. Ich muß - Ich muß - ( Er reißt sich von der Frau von Taubenhain los und steht vom Stuhle auf . ) Fr. v. T. ( ergreift ihn wider ) Nimmermehr ! Nimmermehr ! Hr. v. T. ( reißt sich wieder los ) Rühren Sie mich nicht an ! Ich bin ein Unglücklicher ! Ein Elender ! Nicht wert - Hassen Sie mich ! verabscheuen Sie mich : Fr. v. T. Armer , unglücklicher Mann ! Willst Du noch nicht aufhören Dich zu quälen ? Hr. v. T. ( Er schlägt sich wütend vor die Stirn ) O ich abscheulicher Bösewicht ! Fr. v. T. Du tötest mich ! Liebster Gemahl ! Beruhige Dich ! Ich liebe Dich ! Über alles liebe ich Dich ! Aber Du mußt mich auch wieder lieben . Hr. v. T. Ich Sie lieben ? Ich ? - Soll ein Teufel einen Engel lieben ? O ich Unmensch ! Was habe ich getan ? Konnte ich Unsinniger nicht vorher untersuchen ? Fr. v. T. Ich bitte Dich ! Ich flehe Dich ! Hr. v. T. Nein ! Ich muß fort - Ich bin nicht wert - Ich muß fort . ( Er will fortgehen : Aber Lottchen und Johann treten ihm in den Weg ) L. und J. ( zugleich ) Ach gnädiger Herr ! Hr. v. T. Ha , seid ihr auch da , um meine Qual vollzumachen ? L. und J. Nein , Gnädiger Herr ! Wir möchten sie gern endigen ! Lassen Sie sich erbitten . Fr. v. T. ( außer sich ) Mein Taubenhain ! Ich sterbe vor Deinen Augen , wenn Du mich nicht erhörst - wenn Du mich nicht liebst ! Hr. v. T. ( wagt es endlich ganz furchtsam , seine Gemahlin von der Seite anzublicken . ) Fr. v. T. ( ist darüber ganz entzückt . ) Nun lebe ich wieder auf . Mein Taubenhain sieht mich an ! Lottchen , er sieht mich an ! Hr. v. T. ( ganz von Reue durchdrungen und mit tränenden Augen , die er noch immer von der Seite auf seine Gemahlin richtet ) Unschuldige , reine , englische Seele ! Fr. v. T. O liebster , liebster Taubenhain ! Hr. v. T. Kannst Du wohl einem Verbrecher , wie ich bin , vergeben ? Fr. v. T. Ja , liebster Gemahl ! Es ist alles vergessen . Ich denke nicht mehr daran . Du bist unschuldig . Komme in meine Armen ! Hr. v. T. Nein , Verehrungswürdige ! Diese Stellung schickt sich besser für mich ( Er fällt vor seiner Gemahlin auf ein Knie nieder . ) Fr. v. T. Stehe auf , liebster Taubenhain ! ( Sie reicht ihm beide Hände : Er ergreift sie und legt sich voll Wehmut mit dem Kopfe darauf ) Nein , Nein ! Du sollst aufstehen ( sie zieht ihn in die Höhe ) und mich in Deine Armen - ( Sie umarmen einander mit einem Feuer , das sich nur sehen , nicht beschreiben läßt . ) J. ( fängt nun auch Feuer ) O liebes , liebes Lottchen ! Eine solche Umarmung ist unter Brüdern eine halbe Welt wert . L. Sage nur bald eine ganze ! J. Auch das , Herzens Lottchen ! Wohl noch mehr ! Fr. v. T. ( noch in den Armen Ihres Gemahls ) Mein liebster Gemahl ! " O wie reichlich werde ich für mein kurzes Leiden belohnt ! Welche Wonne ! Hr. v. T. O meine unaussprechlich beleidigte Gemahlin ! Wie soll ich das Unrecht wieder gut machen - Fr. v. T. Durch Liebe , mein Taubenhain ! Durch Liebe ! Ich will heute im Triumphe mit Dir nach Hause fahren und an Deiner Seite die glücklichste auf Erden sein - Hr. v. T. ( als stünde er vor dem Altare ) So gelobe ich Dir denn hier vor den Augen Gottes : Mein ganzes Leben - Meine ganze Seele - O ich weiß selbst nicht - Ich kann nicht Fr. v. T. ( der dieses Stammeln mehr behagt , als die schönste Rede ) Ich glaube Dir , mein Taubenhain ! Ohne Schwor und Gelübde - L. ( geht mit niedergeschlagenen Augen zur Frau von Taubenhain ) Gnädige Frau ! Fr. v. T. Was willst Du , liebes Lottchen ! Willst Du mir Glück wünschen ? L. ( weil sie darum gefragt wird , so sagt sie : ) Ja - und Sie um Vergebung bitten . ( das ist das Eigentliche . ) Fr. von T. Weswegen ? Mich ? L. Ich habe vorhin in der Hitze einige Worte wider den gnädigen Herrn ausgestoßen - Fr. v. T. ( sehr ernsthaft ) Lottchen ! Ist das wahr ? Hr. v. T. ( macht der Sache gleich ein Ende ) Du willst also , daß ich für Scham und Reue vergehen soll ? L. ( macht einen tiefen Knicks ) O Sie sind die Güte selber ! ( und damit verfügt sie sich wieder zu Johannen ) Fr. v. T. ( lächelnd ) Nun , das war bald abgetan ! Noch eins von der Art ! - Wirst Du denn auch wohl der ehrlichen Marthe vergeben , mein lieber Taubenhain ? Hr. v. T . Ob ich ihr vergeben werde ? Fr. v. T. Gut , so nehme ich sie wieder in meine Dienste . Aber mein lieber Taubenhain , wenn Du nur das geringste dawider hast - Hr. v. T. Nein , meine teuerste Gemahlin ! Ihr Anblick wird mich stets an den unglücklichsten und glücklichsten meiner Tage , an heute erinnern . Fr. v. T. Vortrefflicher Gemahl , komme ! Wir wollen den Augenblick zu unserer Abreise Anstalt machen , damit wir ihn auf das feierlichste begehen können . ( Sie legt ihren Arm um ihren Gemahl und geht mit ihm in ihr Zimmer ab . ) J. ( macht es mit Lottchen eben so ) Komme , liebes Lottchen ! Wir müssen auch dabei sein . Aber sage einmal : War das nicht ein Lärmen um Nichts ? Finis . Ich bin jetzt fast eben so dran , wie ehemals , als ich noch als Schüler in Tertia saß und alle halbe Jahr mein Dokimastikum machen mußte - eben so , als wenn mein Dokimastikum in Gegenwart der Schulinspektoren , der Schulmonarchen und aller meiner Mitschüler die Musterung passieren sollte und ich zwischen Furcht und Hoffnung da stand , entweder eine Prämie zu bekommen oder von einem Haufen ausgelassener Buben ausgezischt zu werden : So stehe ich auch jetzt da ! Aber doch mit etwas weniger Furcht für dem Auszischen . Das macht , ich bleibe doch immer ein guter Gastwirt , wenn ich auch eine schlechte Komödie gemacht hätte , da ich hingegen kein guter Schüler blieb , wenn mein Dokimastikum gar zu elend war . Habe ich doch nun an meinen jungen Herrn mein Meuten gekühlt . Habe ich ihm doch nun gezeigt , daß es keine Kunst ist , Komödien zu machen ! Was will ich mehr ? Ich fahre nun in der Geschichte fort und mache mich geschickt , etwas zu erzählen , was der geneigte Leser so leicht nicht vermuten wird . Ich habe einen Gast bei mir gehabt , der mir lieber ist , als alle Gäste , die ich jemals gehabt habe : einen Gast , den alle meine Leser kennen und verehren : den Mann , welchen zu sehen ich so lange schon vor Verlangen lichterloh gebrannt habe : Kurz den würdigen Landprediger , der mit meinem jungen Herrn auf der Post gefahren ist . Dieser brave Mann ist von seiner Reise über Leipzig zurück gekommen , um meinen jungen Herrn aufzusuchen und noch einmal zu sprechen . Weil er ihn aber nicht bei mir gefunden , so ist er nur eine Nacht bei mir geblieben und wieder nach Hause gereist . Ich bin ihm fast nicht von der Seite weggekommen , außer wenn er mich bat , daß ich ihn allein lassen möchte . Ich hätte ihm gern sein theologisches Unglück abgefragt : aber so keck ich sonst bin , so feige war ich gegen diesen Mann , der - Himmel und Erde ! Hier bringt mir meine Magd ein kleines , geschriebenes , zusammengeheftetes Büchelchen , das sie in dem Zimmer gefunden , wo der brave , rechtschaffene Mann logiert hat . Es ist von ihm ! von ihm selbst ! Es ist sein Tagebuch ! Ich lasse alles stehen und liegen , um es geschwind durchzulaufen - - - - - Nun ist es geschehen ! Ich habe gefunden , was ich wünschte . Nur noch einen kleinen Zwist mit meinem Gewissen ! Es will durchaus nicht zugeben , daß ich dieses Diarium drucken lasse . Es soll mit aller Gewalt Sünde sein ! Aber nein , es ist durchaus keine Sünde : oder wenn ja etwas dabei ist , so ist es doch nicht der Rede wert . Genug , es muß einem jeden daran gelegen sein und im Vertrauen , es wird auch manchem nützlich und den meisten angenehm sein , das Tagebuch eines rechtschaffenen Predigers kennen zu lernen , der den geraden Weg zum Himmel geht und führt ! Bin ich doch auf die rechtmässigste Art dazu gekommen ! Er hat es verloren : Meine Magd findet es : Sie bringt es ihrem Herrn : Dieser liest es : Es gefällt ihm : Er schwört Stein und Bein , daß es anderen auch gefällt : Er läßt es also drucken ! Eins fließt aus dem anderen und auf die natürlichste Art von der Welt . Wie könnte dabei Sünde sein ! Es ungelesen lassen oder ungelesen wieder zurück schicken , das sollte meine Pflicht sein ? Umgekehrt , umgekehrt ! Das wäre Sünde gewesen , was auch der rechtschaffene Landprediger dagegen einwenden mag . So klug werde ich ja doch sein und Personalien weglassen ! Nur bloß das Marks - Hier ist es ! Mein Tagebuch . Jahr 17- - 10 März . Ich trete heute mein Amt an . Herr stärke mich ! Ein heiliger Schauer ergreift mich ! Ich falle Dir zu Füßen - Ich habe mein Amt angetreten . zum erstenmal habe ich zu meiner Gemeine , als Lehrer geredet und , Gott gebe es ! nicht ohne Nachdruck geredet . Ich sprach , wie mich dünkt , nicht bloß mit dem Munde , sondern mit dem vollen Ausdrucke eines gerührten Herzens , das am liebsten durch Gebärden spricht . So möchte ich immer sprechen . Irre mich nicht , so bemerkte ich bei denen , die mir am nächsten saßen , sympathetische Bewegungen mit den meinigen : Aber vielleicht sympathisierten diese meine Zuhörer bloß mit der Person des Redners ! Vielleicht lassen Sie es bloß bei einem : " Das ist ein schöner Redner ! Das war eine schöne Predigt ! " bewenden ! Und dann wäre mein ganzer Vortrag eine klingende Schelle ! Gleichwohl lehrt mich die Natur mit Affekt reden ! So werde ich also meine Gemeine insbesondere belehren müssen , daß sie es nicht bloß bei dem Anhören , auch nicht bloß ben dem Gefallen bewenden läßt ! Sie muß über die Predigt nachdenken und praktisch räsonnieren lernen : Und dazu muß ich den Schwächeren die Anleitung selber geben ! Morgen werde ich den Anfang dazu machen . 12 März . Zum erstenmal einen Kranken besucht ! Ich fühle , daß dieses meine Lieblingsbeschäftigung werden wird ! Bei dem Krankenbette glaube ich jener Welt um ein großes näher zu sein , als auf der Kanzel . Mein erster Kranker wird des Todes der Gerechten sterben ! Es ist ein Greis , der mich bloß deswegen rufen ließ , um seine Kinder zu trösten , die über sein herannahendes Ende verzweifeln wollen : Und doch hinterläßt er ihnen großes Vermögen ! Den 14 März . Ich habe diesen kranken Greis sterben sehen und mir sein Bild unauslöschlich in meine Seele geprägt . So laß mich auch sterben , o Gott ! So laß mich auch sterben , o Gott ! So laß mich auch zu meinen Kindern sagen : Lebt wohl , Kinder ! Wir sehen uns wieder ! 15 März . Ich habe einen Jüngling von 19 Jahren überzeugt , daß er auch sterben könne . Bei dieser Gelegenheit habe ich den Entschluß gefaßt , meine Argumente , so oft als nur immer möglich , aus Erfahrung , entweder ganz allein zu führen , oder doch jedesmal zu unterstützen . Vergebens stellte ich diesem Jünglinge die Zerbrechlichkeit unserer sterblichen Hütte aus Schrift und Vernunft vor ! Er gab mir die Wahrheit zu und leugnete heimlich die Möglichkeit ihrer Applikation auf sich . In der Angst nahm ich zu Beispielen meine Zuflucht . Ich erzählte ihm den schleunigen Tod eines meiner Freunde auf der Akademie . Auch er , sagte ich , hielt es für unmöglich , im neunzehnten Jahre zu sterben : und ich : mein Freund ! fuhr ich fort , wie er mich hier sieht , habe ihn drei Tage darauf , auf diesen meinen Schultern zu Grabe getragen . Diese Worte waren Spieße und Nägel in das Herz meines Kranken und nun war er von der Möglichkeit seines Todes überzeugt . 16 März . Ich werde meinen Schulmeister in die Schule nehmen müssen . Halb mit Mitleiden , halb mit Unwillen habe ich seine Lehrart angehört ! Alles mechanisch ! Alles für das Gedächtnis ! Nichts für den Verstand ! Noch weniger für das Herz ! Und doch arbeitet er mehr , als er Kräfte hat - und verdient weit weniger , als er arbeitet . Ich muß mit ihm Mitleiden haben ! Aber noch mehr mit seinen Untergebenen . - So will ich mich denn der Arbeit selbst unterziehen ! Alle Tage eine Stunde ist eine Kleinigkeit . Ich vertrödelte sie vielleicht bei einem Buche oder bei noch etwas schlechterem ! 29 März . Dieser Tag ist für mich einer der glücklichsten meines Lebens . An ihm habe ich das gesehen , was ich in den Stunden der Neugierde schon so oft zu sehen gewünscht habe - wovon ich mir einbildete , daß ich es vergebens suchen würde , und welches zu suchen ich mir doch fest vornahm : Dich , meine Willhelmine , habe ich gesehen . Eine Stunde zuvor kannte ich Dich nicht ! Eine Stunde darauf liebte ich Dich schon mit dem Vorsatze Dich immer zu lieben . Wie wunderbar ! Ich , der ich nie geliebt - nur immer gesehen und übersehn habe , liebe zum erstenmal so rasch ! Und doch kann ich diesen raschen Schritt nicht für leichtsinnig erklären , selbst bei der kältesten Überlegung nicht ! Was zeigte mir meine Wilhelmine , in einem Augenblicke , in dem sie nicht glauben konnte , von mir bemerkt zu werden ? Ein Herz voll Scham über die Laster ihres Vaters : Ein Herz voll Bereitwilligkeit alle seine Fehler zum Besten zu kehren : Ein Herz voll Liebe für seine , nur gar zu kleine , gute Seite ! Wer diese Tugenden hat , der hat sie alle ! Gottlose Eltern sind verdammt , ungehorsame Kinder zu haben ; Diese wird einst an jenem Tage die allgewaltige Macht böser Beispiele entschuldigen , wenn jene schon büßen werden : Aber wenn durch Gottes gnädige Fügung in dem Schoße lasterhafter Eltern ein gehorsamer Sohn oder eine gehorsame Tochter aufwächst , so haschet ihr nach , Jünglinge ! Haschet ihm nach ! Jungfrauen ! Ihr werdet einen tugendhaften Gatten an ihm und an ihr finden , wie ich ihn an Wilhelmminen gefunden zu haben glaube - nicht glaube - fühle . Ich habe mich ihr noch nicht entdeckt , außer durch kleine Verrätereien meines Heezens , durch Blicke ; aber ich werde mich ihr entdecken - noch heute ! Ich will an sie schreiben : An ihren Vater muß ich ! Muß ich ! Es ist unglücklich , an einem Vater irgend etwas müssen ! Wie wollte ich ihn verehren , hätte er seiner Tochter Herz und machte mich zu seinem Schwiegersohne ! Aber er hat es nicht - und vielleicht schlägt er mir seine Tochter ganz und gar ab , wenn mein Brief nicht nach seinem Geschmacke ist ! Soll ich ihn nach seinem Geschmacke machen ? Nein , Wilhelmine ! Bei der Liebe zu Dir : Ich will ihn in meinem Geschmacke machen , ihm ohne Umschweife die Geschichte meines Herzens erzählen und um Dich anhalten : Dich aber will ich meine glückliche Entdeckung - nur von ferne merken lassen : Mehr darf ich nicht ! Dann aber mit eben so viel Worten Dir sagen , daß ich Dich liebe und stets lieben werde . Dein Herz ist noch nicht verschenkt : Du wirst mich wieder lieben ! 7 April . Bald wäre ich in dem Entschluss , mich zu verheiraten , wankend gemacht worden . Heute sah ich eine junge , blühende Ehefrau im Wochenbette sterben . Der hinterlassene Ehemann war der Raserei nahe . Mein Trost , aller Welt Trost , Gottes Trost selbst war für ihn kein Trost . Er liebte sie also zu sehr und vielleicht strafte ihn Gott eben darum mit dem Tode seiner Gattin ! Aber kann ich nicht noch leichter in eben den Fehler fallen ? Und falle ich auch nicht darein , ist nicht meine Liebe zu Wilhelmminen schon jetzt so stark , daß , wenn sie in diesem Augenblicke stürbe , ich ohnmächtig vom Stuhle herabsinken würde ? Und besitze ich sie erst , kenne ich erst ihre Seele ganz , hat mich erst die Macht der Gewohnheit an sie gefesselt : Was soll alsdann geschehen ? 8 April. Weg mit allen zweifeln ! Wer ein Schiff zu bauen hat , fragt nicht , untersucht nicht , fürchtet nicht , daß es vielleicht auf der ersten Fahrt untergehen möge . Genug , er braucht es : Also baut er_es . Wenn es die Winde an die Klippen schleudern und in Stücken werfen werden , das überläßt er dem Herrn der Winde . Also auch ich ! 14 April . Endlich habe ich den Tag herangeschmachtet , den der liebe Wohlstand so lange ver schoben - den Tag des Ja oder Neins . Noch liegt mein Glück oder Unglück jenseits zweier Siegel Aber es soll bald diesseits kommen - Wilhelmine ist mein ! O Wonne ! Aber ihr Vater ist mein Vater ! Das schmerzt ! Das ist meiner Gemeine anstößig ! Und folglich - Nämlich in dem Falle , wenn der Anstoß von mir gerade zu gegeben und durch Vorstellungen nicht gehoben werden könnte ! Aber ich will ihn heben und er wird sich heben lassen . Ich will meine Wilhelmine in der ganzen Gemeine bekannt machen ! Ein jeder und eine jede , die ihres Verstandes mächtig sind , sollen meine Wahl billigen und es mir zum Verdienst anrechnen , daß ich sie den Klauen eines unwürdigen Vaters entrissen habe ! Aber was wird sie selbst dabei leiden , diese arme Tochter , wenn man sie bewundern wird , daß sie so gut und rein aus einem bösen Hause gekommen - wenn man sie darum noch mehr lieben wird ; weil sie die Tochter eines lasterhaften Vaters ist ! Und was werde ich leiden und sie selbst leiden machen , wenn mein Amt mich bisweilen nötigen wird , den Lieblingelastern ihres Vaters den Krieg anzukündigen ! Mit welchem beklemmten Herzen werde ich da reden , und mit welchem beklemmten Herzen wird sie mich hören ! Ich sehe traurige Auftritte in meinem Ehestande vorher . Verminderten sie meine Liebe zu Wilhelmminen nur um einen Gedanken , gleich wollte ich es für einen Wink ansehen , Wilhelmminen gar nicht zu besitzen : aber sie vermindern sie nicht . Gott , unsere Liebe und ein wenig Klugheit werden uns durch alle diese traurige Auftritte glücklich hindurch helfen ! 20 April . Ich merke , meine Predigten sind zu lang . Heute sah ich einen meiner aufmerksamsten Zuhörer ungeduldig werden , die Augen von mir wegwenden und gähnen . Schade , daß es unseren Sitten zuwider ist , in der Predigt kleine Pausen von einigen oder nur einer Minute zu machen ! Der Vernunft ist es gewiß nicht zuwider und mit der Erfahrung stimmt es auf das genaueste überein , die mich gelehrt hat , daß die Aufmerksamkeit im strengsten Verstande , die Aufmerksamkeit , die sich vor allen fremden Gedanken verwahrt , bei Köpfen , die des Denkens nicht ganz gewohnt , wie Gelehrte , aber auch nicht ganz ungewohnt sind , wie Bauern , höchstens eine halbe Stunde - bei dem niedrigsten Haufen aber kaum eine Viertelstunde dauert . Diese Pausen , dünkt mich , wären ein vortreffliches Mittel , den Zuhörern eine Predigt ganz in die Seele zu bringen . Ich will die Sache weiter überlegen ! 1 Mai . Ich werde den Vorsatz aufgeben müssen , den ich mit in mein Amt brachte , in der neueren Gelehrsamkeit ja nicht zurückzubleiben . Meine Arbeiten häufen sich und ihnen muß alle Gelehrsamkeit nachstehen . Der Frühling ruft mich in meinen Garten ! Ich höre seinen Ruf und vergesse darüber den Ruf des Meßkatalogus und der Journale . Aber so werde ich für einen Idioten ausgescholten werden ? Es sei . In diesem Punkte will ich den erleuchteten Engländern beitreten ! Das Fach , worin Unwissenheit Sünde ist - Das Fach , worin ich einen jeden Fehler zu verantworten habe : Kurz das Fach eines Lehrers der Religion in einer Dorfgemeine will ich nach allen Kräften studieren ! In allen übrigen Fächern will ich vorsätzlich unwissend bleiben . Auf alle diese Fragen : " Haben Sie nicht dies neue Produkt des menschlichen Witzes , des menschlichen Verstandes oder der Kritik gelesen ? , will ich , ohne zu erröten und ohne erröten zu dürfen , Nein antworten . " Ich habe iz ein großes , weitläufiges Buch vor mir , ( das soll meine Antwort sein ) was ich mit der größten Aufmerksamkeit lesen muß , Was für ein Buch , wird mich vielleicht die Neugier fragen ? " Meine Gemeine , werde ich sagen , , Beschämt wird der Fragende in sich selbst kehren : Oder wenn er ja mit einer neuen Frage oder mit einem Vorschlage angezogen kommt - Etwan mit diesem : " O mein Herr ! Da will ich Ihnen ein vortreffliches Buch vorschlagen , was erst diese Messe erschienen ist ! , so mag er diese meine Antwort hören und beherzigen : Vergeben Sie ! Ich möchte gern aus der Quelle schöpfen : 3 Mai . Ich muß mein Klavier ungestimmt lassen , damit ich mich allmählich an die Disharmonien meines Schulmeisters gewöhne , mit denen er alle Sonntage auf einer kläglichen Orgel meine Ohren peiniget. 5 Mai . Den ersten Verdruß gehabt ! Ein trunkener Bauer ist vor meinem Hause mit großem Geschrei vorbei getaumelt . Ich will ihn nüchtern werden lassen und dann in Gegenwart seiner Freunde beschämen . Ich will sein Weib antreiben , ihn durch die Bande der Liebe zu Hause fest zu halten , daß er nicht wieder in das Haus der Trunkenheit geht . Dem Gastwirte will ich vorstellen , welche ein elender Profit das ist , den man dadurch gewinnt , daß man seine Gäste sich um ihren Verstand saufen läßt . Der trunkene Bauer ist selbst bei mir gewesen , hat mich um Verzeihung gebeten - noch mehr aber darum , daß ich ihn in der nächsten Predigt nicht abkanzeln möchte ! Es muß also sonst in dieser Gemeine Mode gewesen sein , nicht nur die Laster , sondern die Lasterhaften selbst abzukanzeln und aus der Furcht des trunkenen Bauers schließe ich , daß es ein kräftiges Mittel gewesen ist , die Lasterhaften zu beschämen . Aber weg mit diesem Mittel ! Die Kanzel ist mir zu heilig , als daß ich sie zum Gerichtsplatze der Lasterhaften machen sollte . 20 Mai . Der Tag meiner Verlobung mit Wilbelminen - ein eben so süßer , als saurer Tag . Ihr Vater soff sich vor meinen und ihren Augen um seinen Verstand und forderte mich mit den unedelsten ausdrücken zu einem gleichen Verhalten auf ! Wilhelmine ging beiseite und weinte . Ich folgte ihr und weinte mit . Aber mein ist sie nun : Auf ewig mein ! Ich habe mich in dem Schlusse von dem Gehorsam eines Kindes gegen einen gottlosen Vater , auf alle anderen Tugenden nicht geirrt . Auch ist sie in den weiblichen Künsten nicht ungeschickt ! Ich werde mit ihr die Lasten dieses Lebens tragen , ohne daß sie mich sonderlich auf die Schultern drücken . Aber ihr Vater ! Wie soll ich mich gegen ihn betragen , daß ich mir seinen Haß nicht zuziehe ? Zwar der Haß gegen mich würde den Haß gegen seine Tochter voraussetzen : Aber , gebe Gott , daß ich lüge ! Er scheint mir dazu fähig zu sein . Jetzt hält er mich noch für blöde , und um deswillen übersieht er_es mir , daß ich nicht in seine Laster willige : Aber wenn er mich nun nötiget , ihm ohne Scheu zu sagen , daß er ein Bösewicht ist - Er ist stolz - Er wird mich und sein Kind verfolgen : Doch - In allen meinen Taten Laß ich den Höchsten raten ! 1 Junis . Es sind einige Arme in meiner Gemeine : Ich muß ihr Vater sein . Ich werde nachrechnen , wie viel sie bedürfen und meine Gemeine zu einer Kollekte zu bewegen suchen . Ich will selbst das erste Scherflein in den Gotteskasten werfen ! 10 Junis . Meine Schulstunden sind nun schon für mich die süßesten meines Amts . Eltern und Kinder lieben mich , daß ich mir Mühe gebe , ihre Seelen zu bilden und diese Bildung ist sich doch schon selbst Belohnung ! Meine Kinder fangen an zu denken , die Schönheiten der Natur zu fühlen , die Werke Gottes zu bewundern : Sie sehen mich als ihr Orakel an und fragen mich bei allen Kleinigkeiten um Rat und ich finde wahres Vergnügen daran , zu werden wie die Kinder . Ich muß auf ein Lesebuch für sie bedacht sein ! 12 Junis . Viel Glück ! Ein Bauer ist bei mir gewesen und hat mir einen Zweifel wider meine Predigt gemacht . Gewiß ich habe aufmerksame Zuhörer ! 16 Junis . Wehe mir ! Ein reisender Handwerksbursche hat im Gasthofe den Freigeist gespielt und die Bauern zu überreden gesucht , daß die Bibel gar nicht ein so altes Buch wäre , als sie sich einbildeten . Sie wäre nicht älter , als die Buchdruckerkunst und diese nicht älter , als Doktor Faust , und dieser nicht älter , als ein paar hundert Jahr , wie er_es selber in Heidelberg gehört hätte . O Wahnwiz , o Wahnwitz ! Gleichwohl werde ich gegen diesen Wahnwitz ernsthafte Anstalten machen müssen . Was dem Starken nicht schadet , schadet doch dem Schwachen ! Ich werde über das Altertum der heiligen Schrift , zusammengenommen mit ihrer Göttlichkeit , eine Rede halten . Ich werde die Geschichte der Schreibekunst und des Druckens , nicht minder die Geschichte der Bibelübersetzungen nicht unberührt lassen dürfen , so wenig auch diese Materien auf die Kanzel gehören ! So bald es das Bedürfnis der Gemeine ist , sobald gehört es darauf . 17 Junis . Meine Einsamkeit fängt mir an beschwerlich zu werden . Ich bin ein Beweis von der Geselligkeit der menschlichen Natur ! Aber bald wird meine Einöde in ein Paradies verwandelt werden . 5 Julius . Mein Hochzeittag ! Der zweite nach dem Tage meiner Geburt : aber der freudigste unter allen . Meine Willhelmine dankt es mir nun , daß ich sie aus ihres Vaters Hause erlöst habe . Sie fängt an , wie eine Rose im Tale aufzublühen . Der Gram über ihren Vater verzehrt sich allmählich im Genusse der Freuden . Ich glaube , sie wird sogar noch schön werden ! Aber sie sei es nicht , sie werde es auch nicht , sie sei häßlich , wie Frau Thersites , so liebe ich sie doch . 20 Julius . Mein Schwiegervater hat mich besucht und meine Vorhersehung ist erfüllt . Er ist durch mich und um meinetwillen , mein und seines eigenen Kindes , Feind geworden . Er forderte von mir mit vielem Ungestüm die Nahrung seines verwöhnten Gaumens . Ich konnte sie ihm nicht geben , weil ich sie nicht hatte , noch wollte ich sie ihm geben , wenn ich sie auch gehabt hätte , noch durfte ich sie ihm hohlen lassen , um nicht meiner Gemeine Anstoß zu geben . Dieses brachte ihn auf . Er verlangte von mir unbedingten Gehorsam , weil ich sein Sohn wäre , und ich erklärte ihm gerade zu , daß ich ihm , so wie er jetzt wäre , nicht für meinen Vater erkennen könnte . Er wurde halb rasend und wollte sich an seiner Tochter vergreifen . Ich nahm sie in meinen Schutz und drohte , ihn aus dem Hause zu werfen . So wurde das Feuer angezündet ! Er fuhr in der größten Hitze , ohne Abschied , fort . Gott weiß es , was daraus entstehen wird ! 25 Julius . Es ist ein Kandidat bei mir gewesen , der mich , armen Landprediger , nicht wenig in die Enge getrieben hat . Er sprach von allem ! Vom Kennikot und Buddeus und Moßheim und Götze . Er wollte alle ihre Schriften gelesen haben und fällte von allen ein positives Urteil : Entweder : Es ist ein vortrefflicher Mann , oder : Es ist ein Stümper in der Theologie ! Er nannte mir ein Heer von Auslegern , alter und neuer Zeiten - Die neueren Streitigkeiten unter den Kritikern wußte er alle auf ein Haar - Kurz , ich mochte gelesen haben , was ich wollte , so hatte er_es auch gelesen ! Ich war schon im Begriffe , der Kanzel zu einer so seltenen Akquisition Glück zu wünschen , als er mir frei gestand , ein Buch hätte er noch nicht Zeit gehabt im Zusammenhänge zu lesen : Die Bibel ! So nehme ich denn meine Gratulation zurück und kondoliere ! 1 August . Ich wünschte , daß sich ein guter Kopf unter uns Deutschen entschließen möchte , für das Landvolk zu arbeiten . Ein junger , aufgeweckter Bauersmann brachte mit heute Gellerts Fabeln und Erzählungen zurück , die ich ihm gelehnt hatte ; Als ich ihn fragte , was ihm am besten gefallen hätte , so nannte er mir sogleich : Die Bauern und der Amtmann , der Informator , der junge Drescher , ein guter dummer Bauerknabe , kurz , alle Fabeln und Erzählungen , die auf ihn , als Bauer unmittelbare Beziehung haben und bat mich auf das treuherzigste , ihn mehr dergleichen hübsches Zeug lesen zu lassen . Aber wo soll ich es hernehmen . Gellerts letzter und zweiter Brief - ein paar Briefe von Rabnern - ein Lied von Hagedorn - und zum Teil die Jagdlust Heinrich des 4ten ist alles , was ich weiß ! Ich kann es den geschmeidigen Dichtern , die sich in alle Gesichtspunkte zu setzen wissen - manchmal in sehr schlechte - in den Gesichtspunkt eines Säufers , eines Epikurs u. s. f. nicht vergeben , daß sie sich nicht auch einmal in den Gesichtspunkt eines ehrlichen , zwar kurzsichtigen , aber doch sehenden , zwar einfältigen , aber desto redlicheren Bauers setzen . Warum liefern sie uns nicht : Fabeln und Erzählungen für das gemeine Volk : Briefe zur Bildung des Landvolks : Bauerlieder ? Woran liegt es ? Sollte sich etwan kein Verleger finden ? Ich denke immer , wenn sonst der Versuch nicht mißlänge , so könnte ein Verleger ohne Risiko die Hälfte der Exemplare für die Städte drucken lassen . Es gibt , wie man mich versichert , in mancher großen Stadt , eine schöne Menge Landvolks ! Oder hält man vielleicht diese Dichtungsarten für unmöglich ? Sie sind ja schon alle einzeln vorhanden ! Oder für schwer ? Dem Genie ist nichts mögliches zu schwer . Oder für zu unedel für einen denkenden Kopf ? Wollte der Himmel , gewisse andere Dichtungsarten wären es nicht , die schon manchen denkenden Kopf beschäftigt haben . Oder glaubt man vielleicht , daß das Landleben nicht Stoff genug zu Fabeln , Briefen und Liedern darbot ? Stoff die Menge ! Nur freilich liegt er den Städtedichtern nicht nahe genug . Sie müssen selbst einige Zeit auf dem Lande wohnen und die ganze Denk- und Handlungsart , des Bauern studieren , sich eine Menge von Dorfhistorien erzählen lassen , und darunter eine Auswahl Tressen : Vor allen Dingen aber die ihnen größtenteils unbekannte , natürliche , nervichte , treuherzige Sprache des Bauern erlernen und dann einmal von der Höhe des Beifalls und der Bewunderung herabsteigen und mit der kleinen Ehre vorlieb nehmen , Bauern genützt zu haben . Hätte ich nur Kopfs genug , wie gern wollte ich der Dichter meiner Bauern werden ! Indessen - zu Briefen ! Es kommt auf einen Versuch an : Sieht ihn doch niemand als ich ! Gürge , des Schulzen Sohn an Rosinen , eines armen Gärtners Tochter . Nun , Rosine ! Es bleibt also dabei , daß ich heute auf den Nachmittag zu Deinem Vater komme und ordentlicher Weise um Dich anhalte . Mit meinem Alten habe ich rechte Not gehabt , ehe ich ihn herumgebracht habe . Er wollte Dir anfänglich gar nichts wissen und hören , weil ich sagte , daß ich Dich freien wollte . Er schalt mich einen Esel über den anderen , daß ich ein solches blutarmes Ding heiraten wollte , wie Du wärst , und er möchte in Deiner Eltern ihre Freundschaft nicht kommen : Denn er wäre der Schulze im Dorfe und ich sollte mich auch was schämen , daß ich meine Nase nicht höher trüge : Ich könnte wohl bei dem Pachter anfragen und er gäbe mir seine Tochter mit tausend Freuden . Siehst Du , das hat mein Vater gesagt : Aber ich habe mich hinter dem Schulmeister gesteckt und ihm ein Biergeld gegeben . Der hat denn meinen Vater auf andere Gedanken gebracht . Er brummt zwar noch immer mit unter : aber er wird_es wohl satt kriegen . Genug , auf den Nachmittag komme ich herunter zu euch und bringe mein Wort an . Dein Vater wird doch Grütze im Kopfe haben , denke ich ! Eines Schulzen Sohn möchte nun wohl sobald nicht wieder kommen . Putze Dich nur ein bisschen an , Rosine ! Denn Du weißt wohl , ich heirate Dich bloß auf Dein hübsches Gesichte und auf Dein hübsches Ansehen . Weiter ist bei euch nichts zu Brüdern : Und wenn ich nicht selber Geld und Geldeswert hätte , so könnte aus uns beiden nichts werden . Aber siehst Du , so wirst Du auf einmal zum reichen Weibe und noch dazu Frau Schulzen . Das hast Du alles mir zu danken ! Nun , wie gesagt : Mache Dich nur unterdessen gefaßt . Ich will nur erst ein paar Bissen essen ! Hernach will ich mich anziehen und hernach komme ich zu Dir . Viel Glück derweil ! Rosine an Gürgen . Gebe er sich nur keine Mühe , Herr Gürge , und bleibe er hübsch zu Hause . Ich mag seine Frau nicht werden , daß er_es nur weiß , und wenn sein Vater ein Edelmann wäre . Tut er doch so dicke , als wenn er , wer weiß was , wäre ! Und sein Vater auch . Wenn er in meiner Eltern Freundschaft nicht kommen will , so will ich in seine auch nicht kommen . Meine Eltern lasse ich nicht verachten . Sind sie gleich nicht reich , so sind sie doch ehrliche Leute . Haben wir doch , Gottlob ! bis jetzt ohne euch leben können : So werden wir_es ja auch noch weiter können . Daß ich nicht ein Narr wäre und ließe mich auf mein hübsches Gesicht heiraten ! Wenn ich nun das bisschen Hübschigkeit verlöre : Nicht wahr , dann Stöße er mich nicht gern mit dem Fuße fort ? Nein , Nein , heirate er , wen er will , nur mich nicht . Lieber will ich Zeit meines Lebens bei meinen Eltern bleiben und ihnen mit Rat und Tat an die Hand gehen , als daß ich ihn zum Manne haben wollte . Gehe er doch zu Pachters Tochter , wenn er sie kriegen kann ! Versuche er_es doch . Sie wird ihm die Türe weisen , wenn er_es wissen will . Ich kenne sie besser . Sie kann das meschante Dicketun eben so wenig leiden , wie ich . Das ärgert mich nur , daß ich ihn vor 8 Tagen auf der Kirmiß nicht gleich abgeführt habe ! Ich dachte in meinem Sinne , weil er mir von heiraten vorschwatzte , er schäkerte nur und ich wollte die Lust nicht verderben : Darum ließ ich Sein Geschwätze zu einem Ohr hereingehen und zum anderen wider heraus . Aber hätte ich das gewußt , daß es sein Ernst wäre : Ich hätte ihm ganz anders antworten wollen . Denn sieht er , wenn er auch nicht so hoffärtig wäre , wie er_es denn ist : so möchte ich ihn doch nicht haben . Denn warum ? Gleich und gleich gesellt sich gern . Weil ich arm bin , so will ich auch nur einen armen haben : denn kann er mir_es nicht vorwerfen , daß er mich reich gemacht hat : Satt Brot wollen wir doch wohl verdienen , wenn er nur so arbeiten kann , wie ich : Und viel mehr braucht man auf dem Dorfe nicht . Es hat mich auch schon einer auf dem Korne : aber ich werde es ihm nicht gerade auf die Nase binden , wer_es ist . Mein Vater ist ihm gut und meine Mutter auch und ich kann ihn auch leiden : Aber ihn kann ich nun gar nicht leiden , daß er_es weiß und damit hat er seinen Bescheid . Adieu ! 2 August . Ich lese die beiden vorhergehenden Briefe durch und finde sie gar nicht so , wie ich sie wünsche . Sie sind moralisch : aber sie sind es nicht genug . Ich will es auf eine andere Art versuchen ! Christel an seine Eltern . Hättet ihr mich nur gar nicht in die Stadt geschickt ! Ich kann es nicht gewohnt werden , ich mag_es anfangen , wie ich will . Es ist immer ein Getobe und ein Gelärme , daß man sein eigenes Wort nicht vernehmen kann : Und auf unserem Dorfe : Ach ! da war_es immer so hübsch stille und so ruhig . Ich möchte weinen , wenn ich daran denke ! Ihr habt mir immer gesagt , daß die Stadtleute so höflich sind . Das ist mir eine liebe Höflichkeit ! Es sieht mich keiner über die Schultern an . Wenn ich sie Grüße , so danken sie mir nicht , oder lachen mich wohl gar aus . Wenn ich auf der Straße gehe , da heißt es alle Augenblicke : Aus dem Wege , Schurke ! Kurz , ich kann_es euch nicht beschreiben , wie grob sie einem begegnen . Und wenn das nur noch alles wäre ! Aber da bin ich den Sonntag in der Kirche gewesen . Ja , ihr mögt mir_es glauben oder nicht : Es ging euch nicht viel besser zu , als in einer Schenke . Da liefen sie ein und aus , wie sie wollten und hernach standen sie wieder und hatten die Filze auf , als wenn sie sich die Köpfe erfrieren wollten und plauderten und plauderten : Ja , ich war so böse , daß ich hätte mit Prügeln drein schlagen mögen . Nein , da lobe ich mir unseren Gottesdienst . Wir danken den lieben Gott , daß die Woche vorbei ist , daß wir nun auch wieder einmal Gottes Wort hören können : und wenn wir unseren Herrn Pfarre sehen , so sitzen wir still und haben Respekt vor ihm : denn er ist Gottes Diener ! Aber das ist alles noch nichts . Ihr denkt doch , ihr habt mich auf die Schule getan , daß ich was lernen soll : Aber ihr werdets sehen ! Von der Bibel wissen sie euch fast gar nichts . Manchmal lesen sie wohl ein Kapitel , aber das schnattern sie so geschwind , wie die Gänse : Und hingegen mit dem lateinischen , da quälen sie einen halb zu Tode . Ich muß alle Tage auswendig lernen , daß mir der Kopf platzen möchte und ich weiß bis diese Stunde nicht , wozu mir_es helfen soll . Aber das ist alles noch nichts ! Wenn ich_es euch erst erzählen sollte , was in der Stadt Böses geschieht : ihr würdet euch des Todes wundern . Bald hat einer gestohlen ! Bald schlagen sie sich bis aufs Blut ! Bald höre ich die Leute fluchen , daß mir die Ohren wehe tun ! Bald ist dies , bald ist das . Nein , da lobe ich mir unser Dorf . Solche grobe Sünder gibt es bei uns nicht : und wenn auch hier und da einer ist , Je nun , lieber Gott ! War doch unter des Herrn Christus seinen Jüngeren auch einer ein Teufel . Ich denke nun so in meinem Sinne : Das ist nun einmal mit den Menschen nicht anders . Wir sind allzumal Sünder ! Aber soviel Unheil , als hier ausgeübt wird : das ist schlechterdings unerhört ! Nein , liebe Eltern ! Bei euch ist_es besser ! Ihr seid hübsche , ordentliche , christliche Leute ! Bei euch habe ich in einer Stunde mehr Gutes gesehen , als ich hier vielleicht in 4 Wochen sehen werde . Ich möchte lieber wieder nach Hause kommen : denn da ich doch nichts weiter werden soll , als ein Handwerksmann oder ein Kunstverständiger , so dächte ich , könnte ich in unserer Dorfschule eben so viel lernen . Doch wie ihr wollt ! Ich bin euer Sohn und ich muß euch folgen . Lebt wohl ! Noch nicht nach meinem Geschmacke ! Ich sehe wohl und fühle es , daß es leichter ist , ein Ding zu projektieren , als auszuführen . Oder fehlt es mir vielleicht noch an hinlänglicher Erfahrung ? Ich glaube es fast ! Gut , so mag diese Idee noch einige Jahre unausgeführt bleiben . Kommt Zeit , kommt Rat ! 3 August . Noch ein Embryo von einem Projekte ! Könnte man nicht auch durch Gespräche den Bauer belehren ? Warum nicht ? Man müßte nur eine Materie herein legen , die der Ausarbeitung wert wäre : Man müßte die redenden Personen in einer gemeinen und alltäglichen Situation darstellen : Man müßte ihnen nur recht viel Bon sens in den Mund legen , durch den man eben so strenge Beweise führen kann , als durch die tiefsinnigste Philosophie ! Gut : Ich bemerke , daß meine und vielleicht alle Bauern ihre Steuern und Gaben mit Unwillen und Zwang hingeben . Sie betrachten es als ein Geld , das sie gerade zu zum Fenster hinaus werfen müßten . Der Landesherr kann weder , noch braucht er seinen Untertanen anzuzeigen , wozu er die von ihnen empfangenen Steuern und Gaben anwendet : Gleichwohl scheinen sie so etwas zu verlangen , oder wenigstens , scheint es , als ob ihr Unmut dadurch vertrieben werden kann , wenn man ihnen anzeigt , daß sie ihre Steuern zu ihrem eigenen Besten hingeben . Wie wäre es also , wenn ich ein kleines , tröstliches Gespräch über diese Materie versuchte und es , als eine fremde Arbeit , in meiner Gemeine herumgehen ließe ? Ad arma ! K. Wohin , wohin , Gevatter ! So rund vorbei ! N. Viel Glück ! Gevatter ! Ich trage da eben meine Steuern in die Schenke ! K . So wartet nur einen kleinen Augenblick ich gehe mit . - Nun , das Geld , was ich hier habe , geht nun wieder flöten ! Ich habe mir_es sauer genug verdient : aber nun Holz der Kuckuck auf einmal ! N. Wie denn so , Gevatter ! K. Je , es sind die Steuern. M. Haha , ich muß lachen ! vor ein paar Tagen redete ich auch noch so : aber ich bin gestern beim Herrn Pastor gewesen , der hat mir den Star gestochen ! Wißt ihrs wohl ? Wir sind alle mit einander Narren , wenn wir uns so ungebärdig anstellen , daß wir ein paar lumpige Groschen Steuern und Gaben an unseren gnädigen Landesherrn geben sollen . K. Gevatter , wie ist euch , daß ihr auf einmal so sprecht ? N. Je , wie wird mir sein ? Recht herzlich gut . Ich wollte lieber einen baren Taler entbehren , als daß ich gestern nicht beim Herrn Pastor gewesen wäre K. Warum denn das ? R. Hört , Gevatter ! Er hat mir Dinge gesagt ! Ich habe Maul und Nase aufgesperrt , als ich sie hörte : und es war alles so wahrhaftig wahr , als wenn es von Wort zu Wort aus einem Buche abgeschrieben wäre . K. Nun , was war es denn ? So sagt_es doch ! R. Je , das kann ich euch nicht so hersagen ! Wenn ihr mich um dies und jenes fraget , so dächte ich wohl , daß ich euch keine Antwort schuldig bleiben würde . K. Seid doch nicht wunderlich , Gevatter ! Wie kann ich euch denn fragen ? Ich weiß ja nicht , was er gesagt hat. R. Nun , hört nur , Gevatter ! Da sagte er zum Exempel : Unser Landesvater müßte uns verteidigen , wenn Not an den Mann ginge . Darum müßte er auch immer eine Armee auf den Beinen haben , und die kostete ein ganz schmähliches Geld . Da wären 100000 Taler weg , wie nichts ! K. Seid ihr gescheut , Gevatter ? Wo wollte er denn mit so viel Gelde hin ? Ich dächte , wenn ich so viel hätte , dafür könnte ich mir ein Land , so groß wie unseres , mit Soldaten und alles ankaufen. R. Ihr redet , wie ihrs versteht , Gevatter ! Aber laßt euch nur zu rechte weisen . Ihr denkt , weil ihr in eurem Leben keine 100000 Taler beisammen gesehen habt , so könnt ihr wer weiß was damit ausrichten : aber fangt nur einmal an und kauft Soldaten davon , da werdet ihr sehen , wie weit es kleckt . Die Soldaten sind euch eine verzweifelte teure Ware . K. J , was wollten sie denn viel kosten ? Ich weiß ja wohl auch , was die Lehnung austrägt . Mit ein paar Talern behelfen sich ihrer Sechs ihre 5 Tage. N. Nun ja , das ist nun wieder so in den Tag hinein geredet ! Grade , als wenn der Soldat weiter nichts brauchte , als das bisschen Lehnung . Braucht er denn keine Montur , keine Schuhe und Strümpfe , keinen Degen , keine Flinte , Gevatter ? He ? Und was denkt ihr denn , daß eine Flinte kostet ? Aber das ist euch noch gar nichts . K. Nun , was wird da herauskommen ! N. Ich dächte , ihr müßtet mit Händen greifen . Hat denn unser gnädige Landesherr keine Offiziere und denkt ihr denn , daß ein Offizier nicht mehr kostet , als ein Gemeiner ? Hört , Gevatter ! Ich habe einmal einen gesehen und ich dächte , seine Montur und alles , was er so um sich hatte , müßte an die 50 Taler gekostet haben . Nun rechnet einmal nach ! Aber das ist euch alles noch gar nichts . K. Was werdet ihr nun wieder zu Markte bringen ? R. Hört doch , hat denn unser Herr keine Kavallerie ? Und was denkt ihr denn , das euch Mann und Pferd kostet ? An die 200 Taler . K. Ihr meint doch eine Schwadron ? N. Ihr Narr , ihr ! Ein einziger Mann und ein einziges Pferd kostet an die 200 Taler , mit Küraß und alles . Da seht ihrs , was wir für dumme Schöpse sind , wenn wir so ins Wesen hinein räsonnieren ! K. Gevatter , ihr wollt mir wohl nur was weiß machen ? N. Warum nicht gar ? Was hätte ich denn davon ? Ich will euch wohl noch ganz andere Dinge sagen . Ihr habt doch einmal eine Kanone gesehen ? K. Ja , Gevatter ! Ich habe einmal eine vor einer Schmiede stehen sehen. N. Was denkt ihr denn wohl , daß ein solches Ding kostet ? K . Ich schätze es so an die 10 bis 12 Thaler. N. Da kommt ihr schöne an ! Ich sage euch , es kostet bis an die Hunderte : Denn hört nur wundershalber ! Mancher Schuß kostet allein an die 5 Taler . Das hat mir der Herr Pastor vorgerechnet : Die Kugel so viel , das Pulver so und so viel ! Kurz das steigt euch ganz entsetzlich ins Geld. K. Wenn es der Herr Pastor nicht gesagt hätte , Gevatter ! so schölte ich euch gerade zu Lügen : aber so muß es wohl wahr sein . Aber wenn nun das Soldatenwesen so vertracktes Geld kostet : Je nun , so schaffte ich meine ganze Armee ab , wenn ich wie der gnädige Landesherr wäre . Es ist ja jetzt Ruhe und Friede ! R. Das sagte ich auch zu unserem Herrn Pastor ! Aber er schüttelte den Kopf ganz gewaltig dazu . Denn seht nur , Gevatter ! Die großen Herrn haben zu itziger Zeit alle große , mächtige Armeen auf den Beinen : Da muß ein Landesvater immer auf seiner Hut stehen . Läßt er seine Soldaten aus einander geben , so geht es : Hast du nicht gesehen ! da kommen sie von allen Ecken und Enden heran und plündern uns unser Land rein aus . Wie würde euch das schmecken ? K. Je , die großen Herrn müssen einander hübsch zufrieden lassen. N. Ja freilich , sollte es so sein : aber es ist nun nicht so ? Und hernach - Ja was wollte ich denn sagen - Ja - Wenn unser gnädiger Landesherr seine Soldaten wollte auseinander gehen lassen und es würde über kurz oder lang wieder Krieg : Hernach müßte er wieder von vorne anfangen und sie exerzieren lernen , und wenn sie nun so lange auf der Bärenhaut gelegen hätten , das würde ein schöner Feldzug werden ! Das wäre gerade so , als wenn wir beide in den Krieg ziehen sollten : wie würden wir uns nur mit unseren Flinten anstellen ! K. Gevatter , ihr habt recht ! Ich sehe es nun wohl ein , daß unser gnädiger Landesherr Geld braucht , und daß es recht und billig ist , daß wir Steuern und Gaben geben : Aber es ist nur so grausam viel ! R. Es ist gar nicht viel , sage ich euch ! Ich will euch noch ganz andere Rechnungen vorlegen . Rechnet nur nach , was der Landesherr für eine Menge Bedienten ernähren muß ! Da sind die Justitienbedienten , die Recht und Gerechtigkeit verwalten ! Da sind die Kammerbedienten , die Zollbedienten und wer weiß , wie sie alle heißen - und hernach am Hofe die Minister ! Denkt ihr denn , daß die Herren alle von der Luft leben können ! die zehren alle auf unseres Herrn Kosten : und da gehört ein Geldbeutel dazu , so groß wie ein Kornsack ! K. Wahr und wahrhaftig , Gevatter ! Ihr seid nicht dumm. N. Das denke ich auch , Gevatter ! O ich will euch wohl noch mehr sagen : Denn jetzund ist meine Zunge erst recht im Gange ! Unser Herr Landesvater muß doch auch ein bisschen Staat machen , damit man sieht , es ist unser Landesvater ! Und überhaupt , wie es heißt : Ein jeder nach seinem Stande ! K . Das läßt sich alles hören ! R. Er muß in Essen und Trinken was aufgehen lassen , er mag wollen oder nicht : Denn seht nur , es sind am Hofe immer fremde Herrn aus anderen Ländern . Was würden die sagen , wenn sie heim kämen und sie wären von unserem gnädigen Herrn nicht recht nach der Dauer traktiert worden ? Pfui , würden sie sagen : In dem Lande geht_es verzweifelt hungrig zu . Nun seht ihr , das gehört also mit zur Ehre und Reputation : und darauf halten wir Bauern ja schon große Stücken . Da muß ja unser gnädiger Landesherr auch drauf halten . K. Recht gut gegeben , Gevatter ! Ist mir doch auf einmal ganz leicht ums Herz geworden . Ich glaube , ich trage nun meine Steuern mit Freuden in die Schenke ! N. Recht so , Gevatter ! Seinem Landesherrn muß man gehorchen . Das steht in der Schrift und der Herr Pastor hat mir_es gestern recht schön ausgelegt . Aber hört nur , ich will euch noch was sagen ! Unser gnädiger Landesherr muß auch immer einen Notpfennig in Paratschaft liegen haben : denn es kommen manchmal Fälle , wo er in einem Huy Geld braucht , und wenn er_es nicht gleich bei Wege hat , so siehts schlimm aus . Seht ihr , das heißt die Schatzkammer : und die ist bloß zu unserem Besten angelegt . K. Daran habe ich nun auch wieder nicht gedacht ! So ist_es , wenn man nach nichts fragt ! Nun , nun , ist mir_es doch lieb , daß ihr mir aus dem Traume geholfen habt , Gevatter ! Ich will meinem Nachbar nun auch aus dem Traume helfen : denn der schmält auch immer , wenn er seine Gaben abtragen soll . Kommt nur , Gevatter ! Ihr sollt auch bei mir ein Glas Bier zu Gute haben . 4 August . Dank sei dem Schöpfer , daß er in unsere Natur die Kraft gelegt hat , durch eine Reihe angenehmer Gedanken eine Reihe schmerzhafter Empfindungen , ich will nicht sagen , zu unterdrücken , aber doch gewiß zu vermindern und ihnen ihre ursprüngliche Schärfe zu benehmen . Über dem Raffinieren über die Mittel und Wege , dem Verstande eines Bauern beizukommen , vergesse ich mein häusliches Unglück ! Armes , braves Weib ! Wie soll ich die Wunden heilen , die dir dein Vater geschlagen hat ! Wie soll ich dich wieder mit ihm aussöhnen ! Du siehst , er will nicht versöhnt sein ! zwei Briefe hat er uns unerbrochen zurückgeschickt : , Er wird uns den dritten und vierten eben so zurückschicken ! Aber wie , wenn wir selber zu ihm reisten ! Du scheinst es zu wünschen und ich habe bei deinen Wünschen keine Bedenklichkeit . Wohlan also ! Zu ihm ! Vielleicht bricht sein Herz , wenn er seine Kinder zu sich kommen sieht , um es ihm abzubitten , daß - er sie beleidiget hat . 6 August . Alles vergebens ! Wir sind von der Türe abgewiesen : Er hat uns nicht vor sich gelassen . Herz , was empfindest du bei diesem Streiche ? It es Angst , oder Unwillen über die zugefügte Beleidigung , oder ein böses Bewußtsein , daß du mit solchem Ungestüm schlägst ? Sei ruhig , wenigstens ruhiger ! Du hast Dir nichts vorzuwerfen ! Laß sein , daß aus einer rechtschaffenen Handlung tragische Folgen entstanden sind . Sie hängen mit ihr auf gar keine notwendige Art zusammen - Denn welche Verwandtschaft ist zwischen Haß und Liebe , und Liebe war es doch , die uns den Haß unseres Vaters zugezogen hat : Liebe zu Gott und zu ihm , daß ich mich weigerte , ihn in elendem Getränke seine Vernunft ersäufen zu lassen ; Liebe zu dir , meine teuerste Gattin ! daß ich dich gegen die Mißhandlung deines Vaters in Schutz nahm - Und wie leicht ist es nicht unserem Gotte , die unglücklichen Folgen , die mit dem , was ich getan habe , nur so schwach zusammenhängen , ganz davon zu trennen ! Aber deine Schmerzen beste Gattin ! dein Gram , deine Tränen , daß du von dem Angesichte desjenigen verstoßen sein sollst , dem du dein Leben schuldig bist : Die , die ! Ich sollte sie auch ertragen ! Ich habe sie eben so wenig verschuldet , sondern nur veranlaßt : Aber hier bin ich Mensch ! - Wie ? - Ja , das will ich tun . Ich will alle Stärke meines Geistes , allen Witz und Scharfsinn aufbieten und zusammennehmen , und an dich schreiben ! Die Trostgründe für Dich sind nicht schwer zu finden : Aber sie in gerader Linie in dein Herz zu führen , das vermag nur meine Feder . Im Trösten muß man nicht durch Tränen , am allerwenigsten durch Tränen einer Gattin unterbrochen werden ! Du sollst den Brief auf deiner Toilette finden und mein getreues Tagebuch soll es aufzeichnen , welche Wirkungen er auf deine Seele gemacht hat ! 12 August . Meine Bauern wollen mich durchaus zu ihrem Ehestandsconsulenten haben ! Ein gefährlicher Posten . Frage doch dein Herz , junger Bauer ! wen du heiraten sollst , nicht deinen Pastor ! Doch ich darf und kann mir das gute Zutrauen , das du gegen mich äußerst , nicht verscherzen . Es ist ein falsches Zutrauen ! Was hat die Ehestandskasuisterey mit der Theologie zu schaffen ? Oder wie bin ich , der ich dir sagen kann , was in der heiligen Schrift steht und nicht steht , im Stande , die zu sagen , ob du , wenn du Micken heiratest , eine glückliche Ehe mit ihr führen wirst oder nicht ? Dazu gehört Wahrsagergeist ! Dennoch muß ich dir irgend etwas auf den Weg geben , was wie ein guter Rat aussieht , damit du mich nicht weder für ungelehrt und ungeschickt , noch für undienstfertig ansiehst . Also vor allen Dingen : Bist Du Micken gut ? Ja . Denkst Du ihr auch immer gut zu bleiben ? O Ja . Du kennst sie also wohl schon lange her ? O Ja . Nun wie ist sie denn ? Hihi . Du willst sagen , sie ist sehr hübsch ? J ja . Ihr Vater gibt ihr auch was mit ? O Ja . Nun das ist recht gut ! Aber was hat sie denn sonst für Eigenschaften ? Ist sie auch hübsch sittsam , hübsch tugendsam ? Ja , Herr Pastor ! Ist sie auch flink zum Arbeiten ? O Ja . Ist sie Dir auch gut ? O recht sehr . Gut , so wage es auf Deine Gefahr ! Aber sage ja nicht , daß ich Dir zur Heirat geraten habe . Das wäre ein Schema ! Nun Micken auch vorgenommen . Mieke , ich höre , Du wirst mich bald zur Hochzeit bitten : Nicht wahr ? Hehehe . Sei nur nicht verschämt und sage mir_es , ob Du zu Steffens Gürgen Lust hast ? Hehehe . Nun Du lachst , das ist so gut , als ob Du ja sagtest : Nicht wahr ? Hehehe . Aber höre nur , Mieke : Bist Du denn auch Gürgen gut ? Ja oder Nein ? O Ja , Herr Pastor . Wirst Du ihm auch immer gut sein ? Wenn es Gottes Wille ist . Daran zweifele nicht . Es muß nur auch Dein Wille sein . Aber Mieke , Mieke ! Gürge ist ein wilder Bursche : Nimm Dich in Acht , daß er Dich nicht einmal schlägt ! Hehe , Herr Pastor ! Sie haben mich wohl nur zum Besten . Also meinst Du , daß er Dich nicht schlagen wird ? O Nein . Aber Mieke ! Der Ehestand ist ein Vogelbauer ! Ist man einmal gefangen , so kommt man nicht wieder heraus ! Wenn schon . Wirst Du auch Dein Ehestandskreuze tragen ? O Ja , lieber Herr Pastor . Nun , so heirate auf Deine Gefahr , aber sage ja nicht , daß ich Dir zur Heirat geraten habe . 4 August . Ich wünschte , daß meine Bauern nicht so zänkisch wären , oder daß ich sie weniger zänkisch machen könnte . Die Leidenschaften , die sie zum Zanken antreiben , sind nun auf einmal nicht auszurotten : aber wie , wenn sich eine Situation erdenken ließe , wo alle ihre zänkischen Leidenschaften schweigen müßten ! Gut ich spreche mit Ihnen . Ich erzähle Ihnen , daß die Einwohner der Städte gewisse Zusammenkünfte unter einander haben , bei denen es bloß darauf abgesehen ist , das Band der menschlichen Gesellschaft zu erhalten . Ich rühme ihnen diese Zusammenkünfte und lasse mich merken , daß es mir lieb sein würde , wenn sie auch wöchent lich eine unter sich anstellten . Allein ich werde sie nicht ohne Gesetze lassen , denen sie sich auch leicht unterwerfen werden , wenn sie hören , daß es die Einwohner der Städte eben so halten . Es müssen gewisse kleine Geldstrafen festgesetzt werden auf Fluchen , Schwören , Schimpfen , Grobheiten und besonders auf das Zanken ; Nur notdürftiges Getränk muß gegeben werden ; Der klügste im Dorfe muß quasi Praefes sein und über Ordnung halten ; Er muß folglich auch die Strafen einfordern . Wer sich weigert , sie zu geben , verliert eben dadurch das Recht , ein Mitglied der Gesellschaft zu sein . Es werden nur solche zu Mitgliedern angenommen , die über ihrer Arbeit nichts versäumen . Die Beschäftigung soll Lesen und Diskuriren sein . Ich werde die Zeitungen und ein paar Landkarten hergeben : und damit mir meine Bauern nicht politische Kannengiesser werden , so werde ich sie selbst in ihrer Gesellschaft besuchen . Zwar nicht als ein ordentliches Mitglied , ( das kann ich wohl nicht ohne der Würde meines Amts und meinem Ansehen etwas zu vergeben , so gern ich auch wollte ) aber doch gewiß recht oft . Sie sollen eine Geographie oben ein haben und alle Kupfer von Städten , die ich nur irgend auftreiben kann : Und damit es an nichts gebricht , so will ich mir selber die Mühe geben , einen armen Bauerknaben , der sehr gute Fähigkeiten besitzt , etwas Deklamieren zu lehren . Dieser kleine Bursche mag alsdann der Vorleser der Gesellschaft sein : Es versteht sich für eine kleine Belohnung , die ihm bei seiner Armut sehr wohl tun wird . Ich verspreche mir viel von dieser projektierten Gesellschaft . Das wenigste , was sie stiftet , ist die Erhaltung der Einigkeit und das Ende des Zankens : Ich habe in der Stadt bemerkt , daß Leute , deren Charakter eben nicht der beste war , und die sich eben kein Bedenken machten , ihrem Nächsten Schaden zu tun , denjenigen nicht das gerinaste zu Leide taten , mit denen sie öfter zusammenkommen mußten . Sollte es bei den Bauern anders sein ? Allein ich verspreche mir noch mehr : Auch das Ende oder doch wenigstens die Verminderung bäurischer Ungezogenheiten . Werden die Bauern das Fluchen , Schwören r. c. welches sie , wie ich sicher weiß , unter gewissen Umständen für gar keine Sünde halten : Werden sie es nur erst aus Furcht für der Strafe unterlassen , oder auch nicht einmal vor Aufmerksamkeit auf die politischen Händel haben tun können , so werden sie allmählich ein feineres Gefühl annehmen : Und ich werde nicht ermangeln , ihnen das Gesittete des Stadtlebens vorzumalen . Welch ein reizendes Projekt habe ich nicht ersonnen ! Nur für mich reizend und vielleicht für einen oder den anderen meiner Mitbrüder : Für die feinere Welt aber nicht anders , als äußerst ekelhaft ! Wie würde sie die Nase rümpfen , wenn sie es lesen sollte ! Aber ich werde dafür sorgen , daß sie es nie liest : Und wenn ich ja durch irgend einen Zufall dich , mein getreues Tagebuch , verlieren soll , so wünsche ich , du magst in die Hände eines Würzkrämers fallen , der dich unmittelbar in seinem Laden braucht . 7 August . Ich habe einen garstigen Handel beizulegen . Ein Mann hat seine Frau geschlagen und , was das ärgste , ein Mann , von dem man sagt , er glaubte das Recht zu haben , seine Frau zu schlagen . Die Frau hat ihn bei mir verklagt und besteht darauf , daß ich ihn soll rufen lassen . Ich werde für diesmal meine ganze Weisheit nötig haben und ich fürchte , ich fürchte - sie reicht nicht zu . Ja : Sie hat zugereicht ! Dank sei es dem , der sie mir verliehen hat . Der Bauer kam mit einem halben Räuschen zu mir : Es ist eine nicht auszurottende Gewohnheit der Bauern , sich Kurage zu trinken , wenn sie vor Gericht gefordert werden . Betrunken war er nicht ; Sonst hätte ich ihn mit einem derben Verweise fortgeschickt und auf eine nüchternere Stunde wieder zu mir bestellt : Aber das sah ich ihm an , daß er Mut genug hatte , mir Dinge zu sagen , die er ohne ein Gläsern nicht würde gesagt haben . Die Frau hatte ich auf ihre Bitte in ein Nebenzimmer gebracht , damit sie die ganze Verteidigung ihres Mannes anhören könnte . Ein Gespräch von der Art ist nicht alltäglich : Ich will es mir aufzeichnen ! Ich . Wie geht_es euch , Nachbar ? ( Schon die Frage machte den Mann verwirrt . Er hatte sich eingebildet , ich würde ihn sogleich mit Verweisen in Empfang nehmen und sich vermutlich auf die Antwort gefaßt gemacht : Da dieses nicht geschah , so war er auch auf einmal um seine ganze Kurage . ) N. Je wie sollte_es gehen , Herr Pastor ! ( antwortete er mir mit einer nicht geringen Scham und Verwirrung . ) Ich . Gut ? Nun das freut mich ! Aber eurer Frau soll es ja nicht gut gehen , wie ich höre. N. Ja , Herr Pastor ! Wir haben nur so einen kleinen Handel mit einander gehabt . Ich . Also ist es doch wahr , was ich gehört habe ? Das hätte ich nicht geglaubt , Nachbar ! Ich habe immer ein gutes Vertrauen zu euch gehabt : Ich hätte nimmermehr gedacht , daß ihr eurer Frau was zu leide tun würdet. N. Ach , Herr Pastor ! Sie kennen nur mein Weib nicht . Sie ist in den Grund nichts nutze . Ich . Schämt euch was , Nachbar ! daß ihr von eurer Frau so redet . Sie ist ein gutes , braves Weib , so viel ich weiß. N. Kurzum , Herr Pastor ! Nehmen Sie mir_es nicht vor übel ! Ich muß sie besser kennen . Es ist gar nicht mit ihr auszukommen . Wenn ich ihr was befehle , so hat sie auch allemal was dawider einzuwenden . Ich . Ist das wahr , Nachbar ? N. Wahr und wahrhaftig , Herr Pastor ! Ich werde ja Sie nichts vorschwatzen . Kurzum , sie will mir nicht Gehorsam sein : und ich bin doch nun von Gott und Rechtswegen ihr Herr und Mann und da werde ich freilich auch hitzig , wenn_es so geht . ( Aus diesen Worten des Bauern fiel mir auf einmal der ganze Status controversiae in die Ahnen . Hätte er gesagt : Mann und Herr , so würde ich nichts bemerkt haben : Aber da er sagte , Herr und Mann und , da er auf das Wort Herr einen nicht geringen Akzent legte , so fiel es mir sogleich ein , ob nicht vielleicht der Mann in einem hohen , gebieterischen Tone sprechen möchte , den seine Frau durchaus nicht vertragen könnte , und ob dies nicht vielleicht die ganze Quelle ihrer Streitigkeit sein möchte . ) Ich . Mein lieber Nachbar ! Ihr verlangt vielleicht von eurer Frau zu viel Gehorsam und erweist ihr dagegen zu wenig Liebe . N. Kurzum , ich tue was recht und billig ist und mein Weib tut es nicht : Denn ich bin ihr Herr . Das hat mir der vorige Herr Pastor , Gott habe ihn selig ! vor dem heiligen Altare vorgelesen und hernach steht es auch in der Schrift : Die Weiber sein untertan ihren Männern . Und also muß mir mein Weib auch untertan sein , oder es geht nicht gut . Ich . Ihr seid ein braver Mann , mein lieber Nachbar ! daß ihr euch nach der heiligen Schrift richtet : aber ihr müßt sie auch recht verstehen . Soll ich euch erklären , was das heißen soll : Er soll ihr Herr sein ? N. Meinetwegen , Herr Pastor ! Ich . Das heißt : Der Mann soll mehr : Verstand und Klugheit und Überlegung besitzen , als seine Frau ; Er soll ihr befehlen , weil er die Sache besser versteht , als sie ; Er soll für ihr Bestes sorgen ; Er soll ihr mit Rat und Tat an die Hand gehen ; Er soll sie liebreich ermahnen , und wenn sie etwas verbracht hat , so soll er sie liebreich bestrafen : Denn er ist Fleisch von ihrem Fleische und Bein von ihren Beinen - Ihr schüttelt den Kopf , Nachbar ! Seid ihr nicht meiner Meinung ? N. Ja , fürwahr , Herr Pastor ! Wenn Sie_es nicht wären , so dächte ich , Sie machten sich nur einen Spaß mit mir ! Ich habe Zeitlebens gedacht , der Mann der kann mit seiner Frau schalten und walten wie er will : denn dafür ist sie seine Frau und er ist ihr Herr - und wenn_es nicht in Gutem gehen will , so geht_es mit Gewalt . Ich . Nicht doch , Nachbar ! So müßt ihr nicht sprechen . Eure Frau ist nicht eure Magd . Sie ist eure Gehilfin , die euch der liebe Gott zugeführt hat und die euch dieses kurze Leben angenehm machen soll. N. Ja , sie macht mir_es schön angenehm ! Ich . Daran seid ihr ganz gewiß selber schuld . Sie hat mir geklagt , daß ihr ihr immer so grob begegnetet und das könnte sie nicht vertragen. N. J , daß ich ein Narr wäre und machte ihr erst lange Krazfüsse ! Ich . Das habt ihr nicht nötig ! Man kann ja doch wohl gegen jemanden höflich und artig sein , ohne große Komplimente zu machen . Ich dächte , ich wollte wetten , eure Frau trüge euch auf den Händen , wenn ihr ein wenig sauberer mit ihr umginget . Versucht es nur einmal ! N. Nein , Herr Pastor ! Das ist mir zu politisch . Wenn ich dem Weibe einmal nachgebe , so habe ich das Seil über die Hörner , und hernach ist sie Herr im Hause . Ich . Glaubt das nicht , Nachbar ! Dazu ist euch eure Frau viel zu gut : Und , seht nur , wenn man Unrecht hat , so muß man hübsch nachgeben . Ihr müßt eurer Frau heute noch die Schläge abbitten ! N. Aber , Herr Pastor ! Ich habe sie ja wahrhaftig nur angerührt . Ich habe sie nicht einmal recht getroffen , weil ich nach ihr schlug . Ich . Das tut nichts zur Sache ! Die Schande tut ihr mehr wehe , als die Schläge . Macht nicht Umstände und entschließt euch ! N. Aber wahrhaftig , Herr Pastor - Ich . Ihr wollt nicht : Gut ! Frau Nachbarin , komme sie doch ein wenig zu uns ! - Könnt ihr wohl eurer Frau recht dreist in die Augen sehen ? Könnt ihr sie wohl weinen sehen , ohne daß es euch auch ein paar Tränen kosten sollte ? Hier wurde das harte Herz des Bauern auf einmal weich . Er ergriff seine Frau bei der Hand , tat herzliche Abbitte , versprach , sein Herrenrecht nie wieder zu mißbrauchen und wird , wo Gott will , sein Wort halten . 18 August . Entsetzen ! Welche himmelschreiende Entdeckung habe ich gemacht ! Weib meiner Seele : Nun sehe ich die Quelle deines Grame , deines blassen Gesichts , deiner Tränen ! Wer hat diesen verruchten Brief geschrieben ? Du , mein Schwiegervater ? Du wigelst Deine Tochter gegen ihren Mann auf ? Du streust Haß und Eisersucht in ihr gütiges , liebendes Herz ? Du willst mich durch Deine eigene Tochter unglücklich machen , da Du mich durch mich selbst nicht unglücklich machen kannst ? O Sanftmut , verlaß mich nicht ! Bewahre mich für dem Jachzorne , der mein Blut in die ungestümste Wallung setzt ! - Ist es möglich , die boßhafteste Lüge , die je erdacht worden , so wahrscheinlich zu machen ! Armes Weib ! Nun wundere ich mich nicht , wenn dich der Gram vor meinen Augen verzehrt , ohne daß ihn meine Bitten und Tröstungen stillen können . Du kannst mich nicht lieben , so lange du Deinem Vater Gehör gibst - und diesem Gehör zu geben , ist deine Pflicht : allein du mußt auch mir Gehör geben . Ich werde dich von meiner Unschuld überzeugen : Ich werde deine ungegründete Eifersucht ausrotten : Ich werde dich daran erinnern , daß dein Vater - mich hasset , mich unglücklich zu machen sucht und daß sein Zorn keine Grenzen hat - Es wird dir wehe tun : aber bei Gott ! Du bist mir mehr schuldig , als deinem Vater . Wohl mir ! Meine Gattin ist von meiner Unschuld überzeugt . Sie willigt ein , daß ich an ihren Vater schreiben und ihm , wenn es möglich ist , das Gewissen rühren soll . Ein trauriges , aber ein notwendiges Geschäfte ! Gott segne es ! 10 September . Ein neues , furchtbares , schreckliches Ungewitter ! Ich bin - klagt . Ich werde zur R - - gezogen . Gut ! ich erscheine mit - - 8 Oktober . Triumph ! Die Unschuld hat obgesiegt . Man hat meine redlichen Absichten nicht verkannt und ich bin glücklich ! Hier ist das Lied zu Ende ! Mehr kann und will ich von diesem merkwürdigen Tagebuche nicht abschreiben : denn ich bin politisch , wie Thomas der Pachter . zu dem habe ich auch den braven Landprediger von ganzem Herzen lieb und möchte nicht gern seine Heimlichkeiten verraten . Genug , daß ich mich doch in so weit zwischen ihm und dem neugierigen Leser ins Mittel geschlagen habe , der so gern sein theologisches Unglück hätte wissen mögen ! Nun kann er_es doch erraten . Aber ich muß mich nun auch einmal für allemal recht satt lachen ! Es geht nun schon mit meinen Schreibereien bergab - immer auf die 21 Bogen los , ohne daß ich bis jetzt noch viel dabei gedacht hätte . Ob es wohl mit den anderen Herrn Bücherschreibern eben so ist ! So wäre ja wahrhaftig keine bequemere Sache auf der Welt , als mein jetziges Metier und ich möchte fast Zeit meines Lebens dabei bleiben . Ich habe wieder einen schönen , langen Brief von meinem jungen Herrn liegen , der mir auch wieder einen Bogen , wie nichtanfüllen soll . Da ist er ! Mein lieber Walther , Ich wünschte von Herzen , Sie nur eine Stunde bei mir zu haben : So wollte ich Ihnen alles weit besser erzählen , was ich Ihnen Kraft meines Versprechens schreiben muß - und Kraft meiner jetzigen Verwirrung schlecht schreiben werde . Es geht jetzt eine Menge Unglücks in meinem Kopfe herum - mein eigenes ist es nicht : denn das , wissen Sie wohl , geht immer gerade durch meinen Kopf hindurch - es ist fremdes , dem ich gern abhelfen möchte und , wo Gott will , wenigstens zum Teil abhelfen werde : Aber ehe ihm abgeholfen ist , bin ich zu allem auf der Welt unfähig . Nehmen Sie also mit diesem Mischmasch von Erzählung vorlieb ! Ich schwamm noch in Bautzen in Freude und Entzücken , oder vielmehr ich fing erst an , darin zu schwimmen , als ich an einem Abende nach der Post ging , um mich , nach , ich weiß nicht was , zu erkundigen . Ich guckte wie gewöhnlich erst durch das Fenster und sah dem Sekretär zu , der einen ganzen Haufen von Briefen wie Karten unter einander mischte - nicht ohne einen heimlichen neidischen Gedanken , an seiner Stelle zu sein : denn Sie wissen wohl noch meine seltsame Grille in Punkto des Brieferbrechens . Stellen Sie sich meine Verwunderung vor , als ich unter dem Haufen eine Aufschrift an mich erblickte , unter welcher a Leipsic stand . Mit der größten Hitze der Ungeduld stürzte ich mich in die Stube und ohne weitere Umstände forderte ich meinen Brief . Ich bin S** sagte ich . Ich habe nichts dawider , sagte der Sekretär : aber der Brief ist nach Leipzig addreßirt ; Er muß also auch nach Leipzig gehen . Aber wenn ich nun nicht in Leipzig bin , sagte ich , sondern hier in Bautzen leibhaftig vor Ihren Augen stehe , so daß der Brief gerade zu an mich addreßirt werden kann - Der Sekretär lächelte und ließ sich auf meine Bitte bewegen , mir mein Eigentum gegen das Franco bis Leipzig auszuliefern . Raten Sie ums Himmelswillen , von wem der Brief war ! von dem reichen Kaufmanne aus D , meinem ehemaligen großen Wohltäter , den ich fast ganz vergessen hatte , dessen Bild mir aber nun auf einmal mit Frau und Haus und allem wieder vor den Augen stand . Ich zerriß ihn mehr , als daß ich ihn sollte erbrochen haben und laß : Mein liebster Sohn , Darf ich Dich noch so nennen , so darf ich Dich gewiß auch bitten , sobald als möglich zu mir zu kommen und mich , Deinen ehemaligen Pflegevater zu besuchen . Ich bin krank und werde vielleicht bald das Zeitliche gesegnen . Vor meinem Ende möchte ich Dich gern noch einmal sprechen und Dir das Unrecht abbitten , das ich Dir zugefügt habe . Ich erwarte Dich und wenn ich Dich ja vergebens erwarte , so nehme ich bis auf jenes leben von Dir Abschied . Lebe wohl , mein liebster Sohn ! Lebe wohl . Ich sterbe mit den zärtlichsten Gesinnungen eines Vaters . Sie kennen mich , lieber Walther ! und wissen , was ein Brief wie dieser für Eindruck auf mich machen kann . Ich glaube , wenn ich auch eben im Begriffe gewesen wäre , den Ehesegen über mich sprechen zu hören , ich hätte ihn vor der Hand verbeten und mich zu meinem Vater auf die Reise gemacht - wenn nämlich die Post schon auf mich gelauert hätte : Sonst , versteht es sich , würde die Liebe über alle , auch die natürlichsten Neigungen , den Rang behauptet haben . Mein Abschied war bald gemacht . Ein dreimaliges : Leben Sie wohl , mit einer proportionierten Anzahl von Tränen versetzt - und damit fort ! Was ich unterwegs ge macht , oder gedacht habe , weiß ich selbst nicht mehr - und so weit ich es weiß , wissen Sie es auch . Genug ich kam nach meiner Ungeduld gerechnet , ziemlich spät , nach meiner Uhr aber ziemlich früh in D an und lief spornstreichs nach meinem Hause - Lassen Sie mich_es immer noch so nennen , lieber Walther und lachen Sie mich nicht darum aus ! Es bringt mir zu viel Vergnügen , es noch , wie ehemals , mein Haus zu nennen . Sie werden mir_es auch nie glauben , mit welchem unersättlichen Auge ich es ansah , wie sich die alte Liebe zu demselben auf einmal aus der Tiefe meiner Seele hervormachte , mit welchen funkelnden Augen ich nach der Gegend des Zimmers hinsah , auf welchem ich mein zehntes bis achtzehntes Jahr verlebt hatte und - nicht zu vergessen - welchen tiefen Reverenz ich dem alten ehrwürdigen Schulgebäude machte , in dessen halbverfallenen Mauern ich fast von A B C an bis an die Grenzen der Akademie hinaufgestiegen war , wo ich als Knabe oft gesessen , oft gespielt , oft Unfug grtrieben , oft ertappt worden und bisweilen Schläge bekommen - ( denn als mit einem erklärten Pflegesohne eines sehr reichen Mannes , verfuhr man mit mir sehr säuberlich und schlug mich nur um großer Verbrechen Willen , z. B. wenn ich meine Seite Vokabeln nicht gelernt hatte , oder wenn ich Dies nach der dritten deklinierte ) - immer aber vergnügt und in meiner Idee glücklicher gewesen , als eine ganze Reihe von Königen , von denen ich in der Historie laß . Bei dem Eintritte in das Haus konnte ich mich eines lauten Gelächters nicht enthalten . Mir war , als sähe ich den Bedienten , der mich vor etwan 14 Jahren von der Treppe herab so vornehm anschnarchte , der Länge nach vor Augen - Ich erinnerte mich an meinen großen Hut und an den kleinen Trotzkopf , der darunter steckte - Insbesondere auch an den Tausche , den ich dem Bedienten vorschlug , mir für meinen Hut den seinigen zu geben : und so war es mir unmöglich , ernsthaft zu bleiben . Noch auf der obersten Stufe hatte ich das Lachen nicht weit im Rücken : Als ich aber das Zimmer vor mir sah , wo es mir gelungen war , durch die eindringliche Sprache der Natur , das Herz eines Mannes zu rühren , über welches der Überfluß und die Sorglosigkeit eine dicke Rinde gezogen hatten - als ich überdachte , daß in diesem Zimmer der Grundstein meines Glücks auf dieser Erde gelegt worden wäre , so ging das Lachen in ein gerührtes Lächeln über : Ich faltete meine Hände und hielt auf dieser obersten Stufe der Treppe Gottesdienst . Meine Stille machte mich auch auf die Stille aufmerksam , die in dem Zimmer herrschte : Mich dünkte , es war keine lebendige Seele darin : Weder Bedienter , noch Magd , die sonst auf das geringste Geräusch bei der Hand waren , ließen sich iz sehen : und doch war es früh um 10 Uhr . Dieser kleine Umstand ließ mich sogleich auf eine große Veränderung in meinem Hause schließen . Ein dunkler Gedanke von Unglück stieg in meiner Seele auf und so dunkel er auch war , so war er doch der richtige . Ich nahte mich dem Zimmer mit bangem Herzen : aber es steckte kein Schlüssel . Grosser Gott ! dachte ich : Sollte er vielleicht gar schon tot sein ? - Aber der Brief ist ja keine 5 Tage alt - Und so ging ich , ich weiß selbst nicht in welcher Verbindung mit meinen vorhergehenden Gedanken , nach meinem ehemaligen Zimmer . Je näher ich ihm kam desto weiter entfernten sich die Ahnungen von dem Tode meines Wohltäters . Ich mußte in dieses geliebte Zimmer hinein ; Ich mußte es sehen ; Ich mochte nun darin antreffen , wen ich wollte , so war es doch beschlossen , ich wollte mich darin auf ein Viertelstündigen niedersetzen . Ich klopfte an und ging hinein . Eine unbekannte , artige Dame , mit einem kleinen Kinde auf dem Arme , kam mir fast bis an die Türe entgegen . Ich grüßte sie , ohne mich für dem Unbekannten zu Entsetzen , mit aller Freundlichkeit , die ich ihrer offenen und heiteren Mine schuldig war . Verzeihen Sie , sagte ich - Um Vergebung , sagte sie : Wen habe ich die Ehre zu sprechen ? Einen Fremden , der in diesem Hause 8 seiner schönsten Jahre zugebracht hat . Auf diesem Zimmer , Madam ! habe ich ehemals gewohnt und ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen , es zu besuchen . Erlauben Sie mir , daß ich mich recht satt daran sehen darf - Von Herzen gern , sagte sie - Das kleine Tischchen , auf dem ich ehemals meine Langens Grammatik und meinen Muzelus und meine Colloquia und weiterhin meinen Cicero und mein griechisch Testament vor mir liegen hatte , stand noch an seinem alten Orte . Wie von einem Magnete gezogen , näherte ich mich ihm und legte meine Hand darauf - Mich dünkte , sie hatte nie auf dem feinsten Samt so weich gelegen - Dieses sanfte Gefühl teilte sich meinen Augen mit und ich ließ eine Träne nach der anderen fallen . Die artige Dame wurde durch dieses seltsame Schauspiel mir näher gezogen , trat zu mir und sagte in einem vertraulichen und gütigen Tone : Sie weinen ? Ich sah sie an und - Himmel ! Auch aus ihren Augen flossen Tränen - Gütige Dame , sagte ich : Wenn Ihnen bloß die Sympathie diese Tränen ablockt , so besitzen Sie das empfindlichste Herz , was je in einem Busen geschlagen hat - und da sei Gott vor , daß es nicht Unglück ist , was Sie mit mir zu weinen zwingt - Ich danke Ihnen für Ihr Mitleiden , sagte sie , indem das kleine Kind , was sie auf den Armen trug , mit seinen kleinen roten Wangen ihre Tränen abwischte - Mein Zustand ist freilich nicht der glücklichste ; Ich habe einen zärtlichen , lieben Mann , der von 12 Monaten nur 6 bei mir zubringen kann . So oft er mich verläßt , treten wir gemeinschaftlich an dieses kleine Tischchen und schwören uns ewige Liebe und Treue . Sie können also leicht denken , daß ich bei diesem kleinen Tischchen keine Tränen kann vergießen sehen , ohne die meinigen darein zu mischen - Ich schwieg - zu schwach meine Empfindungen durch Worte auszudrücken . Ich glaube , wenn man einmal in der Laune zu weinen ist , so ist auch ein ganz fremdes Unglück im Stande , einen bis zur Erde zu beugen . Die Lage des armen Weibes , die ihren zärtlichen , lieben Mann nur halb besaß und , wie mich dünkte , fast glücklicher war , wenn sie ihn nicht besaß - denn da konnte sie sich mit der Hoffnung aufrichten , ihn wiederzusehen - als wenn sie ihn besaß - denn da mußte sie stets den schrecklichen Augenblick der Trennung vor sich sehen - Diese traurige Lage stellte sich mir in einer solchen Düsterheit vor Augen - Der Gedanke : Wie , wenn diese Lage die Deinige wäre , oder es einst würde ? bemächtigte sich meiner so stark , daß ich des Trostes derjenigen bedurfte , die ich hätte trösten sollen : Allein eine Kleinigkeit gab meiner Seele schleunig eine andere Richtung . Das kleine Kind , was die Dame auf dem Arme trug , langte mit seiner kleinen Hand nach meinen Rockknöpfen . Ich trat näher - Das Kind freute sich über meine Knöpfe und sein Lächeln erheiterte mich und die Mutter wieder auf . Kleiner , niedlicher Engel , sagte ich darauf zu dem Kinde : Könntest Du doch Deiner Mutter nur einen ganz kleinen Teil Deiner Freuden abgeben ! Ist es Ihr einziges , Madam ? Ja , sagte sie : Mein einziges Kind und meine einzige Freude . Wenn mein Mann nicht zu Hause ist , dann lebe ich bloß für dasselbe . Es kommt nicht einen Augenblick aus meinen Augen . Es steht mit mir auf und geht mit mir zu Bette : Und so bemerke ich es fast nicht einmal , daß ich mehr Witwe , als Frau bin . Ich fühlte in mir einen starken Hang , mich noch lange mit dieser liebenswürdigen Dame zu unterhalten : allein da unser bisheriges Gespräch nur eine bloße Episode war , die mit der Haupthandlung nur sehr zufällig zusammenhing - Da mir die gute Dame ihre Umstände so offenherzig entdeckt hatte , so war es auch Pflicht ihr die meinigen zu entdecken . Wie glücklich sind Sie , sagte ich - mitten in Ihrem Unglücke ! Aber eine Dame von Ihrem Charakter müßte gar nicht unglücklich sein - und mein Herz weissaget Ihnen eine Zeit , wo sie gar nicht mehr unglücklich sein werden ! Sie werden Ihren Gemahl noch ganz besitzen : Das verspreche ich mir von der Vorsehung ! Gott gebe es , sagte sie - Ja , er gebe es , sagte ich - Doch ich muß mich losreissen - Ich danke Ihnen unendlich für das himmlische Vergnügen Ihres Gesprächs : Es wird mir unvergeßlich sein ! Eigentlich kam ich nur hierher , um mich an die Freuden meiner Kinderjahre zu erinnern . Ich habe mich daran erinnert : Jetzt muß ich zu meinem Pflegevater eilen . Sein ordentliches Wohnzimmer war vorhin verschlossen - Um Vergebung , sagte die Dame : von wem sprechen Sie ? Von dem Besitzer dieses Hauses , dem Kaufmanne - Das ist Ihr Pflegevater gewesen ? So bedauere ich Sie von Herzen - Madam ! - Sie werden ihn in den kläglichsten Umständen antreffen . Dieses Haus gehört nicht mehr sein . Es ist verkauft . Seine Frau hat ihn verlassen und an seinem Unglücke keinen Anteil genommen . Jetzt höre ich , ist er krank - Womit soll ich mein Schrecken und Erstaunen vergleichen . Mit nichts - es ist nicht zu vergleichen . Die Dame sah mir_es an , daß sie mein Herz tödlich verwundet hatte : Und weil sie entweder eine wirkliche Philosophin war , oder weil ihr weiblicher Mutterwitz so gut , als männliche Philosophie war , so brachte sie mich sogleich in Bewegung - Immer das beste Mittel , das Schrecken los zu werden . Eilen Sie geschwind zu ihm , sagte sie - Sie werden ihm bei seinem Elende willkommen sein , wie ein Engel vom Himmel ! Er wohnt in dem kleinen Häusern vor dem Tore , wo ehemals sein Gärtner gewohnt hat - Ich gehe , Madam ! sagte ich : Leben sie wohl ! - und so ging ich , nachdem ich dem kleinen Kinde noch ein : Adieu ! zurückgerufen hatte . Ich war in diesem kleinen Häusern unzähligemal gewesen - hatte mir unzähligemal von dem Gärtner Blumen geben lassen und ich würde es gewiß aus alter Affektion besucht haben : Aber wenn mir jemand gesagt hätte , ich würde bei meinem ersten Besuche , statt Blumen soviel Dornen betreten , den würde ich gewiß einen Narren oder einen Propheten geheißen haben ! So etwas vorauszusehen , mußte man entweder gar keinen oder allen Verstand haben : Nicht wahr , lieber Walther ? ( Mit Erlaubnis ! Mein junger Herr Gelehrter : Hierin bin ich nun gar nicht ihrer Meinung . So was voraus zu sehen , brauchte es nichts weiter , als Gastwirtsverstand ! Ein Verschwender muß endlich arm werden : und das war Ihr Herr Wohltäter , aller Beschreibung nach , ob Sie es gleich niemals haben gestehen wollen : und daß Sie es niemals haben gestehen wollen , geht gar sehr natürlich zu . Erstlich war es ihr Wohltäter und also konnten sie nicht anders , als ihn loben : Und zum zweiten , wie das Sprichwort sagt : Eine Krähe hakt der anderen die Augen nicht aus . Sie werden mich wohl verstehen . Walther . ) Ich trat , wie Sie leicht denken können , mit beklemmten Herzen über die Schwelle . Die Schritte , die ich dem Elende entgegen tue , sind für mich immer saure Schritte , selbst wenn ich die Mittel mitbringe , dem Elende abzuhelfen . Ich ging unangemeldet und unangeklopft in die Gärtnerstube . Vielleicht hatte meine plötzliche Erscheinung meinen kranken Vater erschreckt : Sein Schlaf ersparte ihm dieses Schrecken . Ich sah ihn in einem schlechten Bette , mit einem ausgezehrten und sich fast gar nicht mehr ähnlichen Gesichte , und verdorrten Händen liegen . Neben seinem Bette stand ein kleiner , hölzerner Tisch , mit einigen Arzneien besetzt , Gellerts Trostgründe wider ein sieches Leben mit eingeschlossen , die ich auch mit unter die Arzneien verrechne . Ich sah ihn gleich bei meinem Eintritte in die Stube schlafen : deswegen näherte ich mich dem Bette ganz leise und sah meinen schlafenden Vater mit unverwandten Augen an . Er schlief dem Ansehen nach sehr ruhig : aber es war auch nur dem Ansehen nach . Seine Seele arbeitete an einem Traume , davon ich der Gegenstand war . Ich hatte meine Hand auf das Deckbette gelegt , um ihm desto gerader ins Gesicht sehen zu können : Auf ein Mal kehrte er seinen Kopf um , fuhr mit seiner Hand nach der meinigen , ergriff sie und schrie : Mein Sohn ! Bist Du da ? Bist Du da ? Und in dem Augenblicke erwachte er auch und richtete seine Augen starr auf mich . So war denn freilich dem Schrecken am allerbesten vorgebeugt : denn ein Träumender , der bei seinem Erwachen seinen süßen Traum erfüllt und den geliebten Gegenstand vor sich stehen sieht , erschrickt wahrlich nicht - kann nicht erschrecken : Denn in dem Augenblicke , da er es könnte , in dem ersten Augenblicke des Erwachens kann er Empfindung und Phantasie noch nicht von einander unterscheiden , und in den nachherigen Augenblicken - könnte er es zwar : aber wer wollte erschrecken , eine angenehme Phantasie mit einer angenehmen Empfindung verwechselt zu sehen ! Mein Vater wischte sich nach dem ersten starren Blicke auf mich , die Augen ein , zwei , dreimal - machte sie bald groß , bald klein - sah nach dem Fenster - wollte seine Hand aus der meinigen wegnehmen : allein der Widerstand , den ich tat , lehrte ihn , daß er mit einem Phantasma von Fleisch und Blut zu tun hatte . Er richtete sich ein wenig in die Höhe . Ist_es möglich , sagte er mit einer langsamen , kreischenden Stimme , doch mit einer sehr aufgeheiterten Mine Mein Sohn ! Bist Du es ? Mein Sohn ! Rede ! - Hier ging es mir , wie es mir schon sehr oft gegangen ist : Ich konnte mich der Wehmut nicht erwehren , - Weil ich von Natur etwas mitleidig bin . Kaum hatte ich_es heraus gesagt , daß ich es wäre , so fing ich an zu weinen - mein Vater mir nach - Denn was tut der Unglückliche wohl lieber , als weinen ? Und erst nach reichlichen 5 Minuten , als wir uns satt geweint hatten , ging unser Gespräch an . Ich hätte mir eher des Himmels Einfall vermutet , als Sie in solchen Umständen anzutreffen , sagte ich - Sie schrieben mir doch in Ihrem Briefe nichts ! - " Mein guter Sohn , ich tat das mit Vorbedacht . Ich wollte Dich nicht durch so traurige Nachrichten abschrecken , zu mir zu kommen . , O mein guter Vater , das würde nur meine Reise beschleunigt haben . Aber sagen Sie mir , wenn es ohne Alteration geschehen kann , wie kommen Sie in diese unglücklichen Umstände ? " Bloß durch meine eigene Schuld . " Ich bitte Sie - Klagen Sie sich nicht ohne Ursache an - " Nein , mein Sohn ! Ich weiß wohl , was ich sage . Ich bin nun zur Erkenntnis meiner selbst ge kommen und ich kann die Schuld meines Elendes niemanden zuschreiben , als mir selber . Mein Stolz , meine Verschwendung , mein Aufwand , der Vermögen weit überschritt - Du wirst Dich noch erinnern , wie es zu Deiner Zeit in meinem Hause zuging . " Aber sollten Sie denn ganz allein daran Schuld gewesen sein - sollten nicht vielleicht auch andere " Nein , mein Sohn ! Ich weiß , was Du damit sagen willst . Meine Frau war dem Staate und der Eitelkeit auch sehr ergeben : aber das hätte ich als Mann hindern können und sollen - und da ich es nicht getan habe , so liegt die Schuld auf mir . Mein Vermögen ging vor einem Jahre zu Grunde - Aber vor allen Dingen , lieber Sohn ! vergib mit , daß ich Dich unschuldig in Verdacht gezogen habe . O martern Sie mich nicht mit Vergeben . Ich habe Ihnen nichts zu vergeben , mein Wohltäter ! Genug , daß Sie meine Unschuld einsehen . " Ja , mein Sohn ! Ich bin davon auf eine sehr wunderliche Art überführt worden . Eben das Kammermädchen , die meine Frau so schwarz bei mir abgemalt und das Feuer der Eifersucht so heftig bei mir angezündet hatte , daß es mit nichts zu löschen schien - Eben diese half mir aus dem Traume . Ich ertappte sie einstmals in einem Gespräch mit meinem Bedienten . Ich hörte sie mit vernehme Lichen Worten zu ihm sagen : Es täte ihr leid , daß sie die Sache so weit getrieben hätte ; Sie wünsche lieber , daß sie gar nichts gesagt hätte ; Sie hätte nicht geglaubt , daß es ihrer Frau so gar schlimm gehen würde . Mehr brauchte ich nicht , um hinter die Wahrheit zu kommen . Ich ließ Kammermädchen und Bedienten kommen . Ich zwang sie , eines nach den anderen , zu bekennen und so erfuhr ich , daß meine Frau unschuldig und auch nicht unschuldig war , daß ich ihr Unrecht getan und auch nicht Unrecht getan hatte - Du wirst mich wohl verstehen ! Es ist eine ärgerliche Geschichte , an die ich nicht gern mehr denke . Ich ließ meine Frau aus ihrem bisherigen Arreste los : allein das Leben , was wir nach der Zeit mit einander führten , war weit ärger , als hätten wir beide im Arrest gesessen . Ich konnte sie nicht ansehen , ohne ihr Vorwürfe , entweder durch Blicke oder durch Worte zu machen : Sie mich auch nicht , ohne ein gleiches zu tun . Unsere Herzen waren ganz von einander abgewandt . Ich betrachtete sie als eine Untreue und sie mich als einen Tyrannen . Mitten unter diesen unglücklichen Streitigkeiten näherte sich das Ende aller meiner Pracht und Verschwendung . Ich sollte für meinen Stolz gedemütigt werden - Ich habe ihn Dich auch empfinden lassen . " Ich beschwöre Sie , bei allem , was Sie lieben : Nicht solche Erinnerungen ! Sie sind mir tödliche Stiche in mein Herz ! " Nicht also , mein Sohn ! Ich will und muß frei von mir sprechen . Wer zur Tugend zurückkehren will , muß sich des Geständnisses nicht schämen daß er ehemals lasterhaft gewesen ist . Ich bin es gewesen : aber , Gott helfe mir ! Ich will es nicht mehr sein . Weiter ! Es brach ein Konkurs über mein Vermögen aus . Ich konnte ihn vorhersehn : Aber was sieht wohl der Blinde vorher ? War es doch so weit mit mir gekommen , daß ich nicht mehr wußte , wer mir schuldig war , wem ich schuldig war - Meine Kaufmannsdiener sahen meine Nachlässigkeit und ahmten sie nach , doch , versteht es sich , mit gehöriger Provision für sich . An eben dem Tage , da der Konkurs ausbrach , brach auch noch ein anderes Unglück aus . Meine Frau , die meinen Fall sah , fand nun die bequemste Gelegenheit , sich wegen ihrer ehemaligen Gefangenschaft an mir zu rächen . Sie rettete ihr Vermögen aus dem Schiffbrüche und reiste nach Z** da ich indes , von meinen Gläubigern auf der Flucht eingeholt , im Turme sitzen mußte . Hier hatte ich Zeit genug zur Erkenntnis meiner selbst zu kommen . Armer , bedauerswürdiger Vater , sagte ich - " Still davon ! Ich bin nicht zu bedauern . Ich bedauere mich auch selbst nicht , sondern gratuliere mir vielmehr zu meinem Elende . Es hat mich klug und weise gemacht und nun ich es gewohnt bin , trage ich es ohne Murren , laß Dir nur daß Ende erzählen ! Der Prozeß um mein Vermögen dauerte ein halbes Jahr . Zu Ende desselben wurde ich aus meinem Gefängnisse losgelassen und es blieb mir nun von allem meinem Vermögen nichts als dieses Gärtnerhäusern , welches mir die Barmherzigkeit meiner Gläubiger noch zum Eigentume ließ . Ich bezog es , um allen meinen Mitbürgern zum schrecklichen Exempel zu dienen und ich hoffe zu Gott , daß sich mancher an meinem Unglücke spiegeln wird . Ich habe Dir schon lange schreiben wollen , aber ich habe immer nicht gewußt , wohin ich den Brief addreßiren sollte : Denn seitdem ich Dir Deine beiden Briefe unerbrochen zurückgeschickt , habe ich nicht das geringste von Dir gehört . Als ich aber vor einigen Wochen in eine tödliche Krankheit verfiel , so konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen , Dich , wenn es möglich wäre , noch einmal zu sehen und zu sprechen - und so schickte ich Dir den Brief , den Du auch , Gottlob ! noch eher empfangen hast , als ich es nur wünschen konnte . Ich bin nun ruhig und wenn Du einige Zeit bei mir bleibst , so hoffe ich , Du sollst mir die Augen zudrücken . " Denken Sie sich das übrige hinzu , lieber Walther ! Und das können Sie sehr leicht , Sie , der Sie mir mehr , als einmal bis auf den Grund meines Herzens gesehen haben . Es liegen mir jetzt zwei Dinge mächtig am Herzen . Ich will gegen meinen ehemaligen Wohltäter erkenntlich sein . Ich habe an meinen Vormund - So kann ich ihn wohl nennen , den Freund , der meine geerbten Patzen besorgt - An den habe ich geschrieben . Er soll einen Wechsel nach Leipzig an die Gebrüdere F* ausstellen , und Sie sollen das Geld , Kraft der beigelegten Vollmacht , in Empfang nehmen und mir mit einem Expressen zuschicken . Eilen Sie damit , so sehr Sie können : Alsdann will ich einen Versuch machen , die Untreue , die ihren unglücklichen Mann im Stiche gelassen hat , wieder auf gute Wege zu bringen . Ich reise in einer Stunde nach Z** und vor großer Ungeduld kann ich Ihnen nichts weiter schreiben , als daß ich etc . Um der guten Ordnung Willen füge ich sogleich den Brief bei , den ich von Z** aus erhalten habe . Mein lieber Walther , Es ist mir gelungen ! glücklich bin ich . Ich - habe meinem Wohltäter seine Frau wieder zugeführt und sobald er von seiner Krankheit genesen ist , verläßt er sein Gärtnerhäusern und reißt mit ihr nach Z** um mit ihr einen ganz neuen Ehestand anzufangen , von dem ich mir weit mehr Vergnügen verspreche , als von dem ersten . Wenn ich so lange hier bleibe , so werde ich bei ihrer Quas : Hochzeit sein und mich als den Stifter derselben nicht wenig kitzeln . Wie ich das gemacht habe , meinen Sie ? Ich habe sie bei Ihrem rechten Ende angefaßt ? Verstehen Sie mich nur ! Nicht bei dem Ende , wo ich sie ehemals nicht - denn das ist meiner Rechnung nach das Linke , wiewohl es anderer Rechnung nach das Rechte sein mag . Also nicht bei diesem ! Sondern - wie gesagt , bei dem Rechten . Sie sollen es aus der Erzählung selbst abnehmen , welches es ist . Erst aber muß ich Ihnen sagen , daß sich die Ungetreue bei einer Schwester aufhielt , die eine Witwe und ein recht gutes Weib war . Sie schien mir von der geschmeidigen , gefügigen Gemütsart zu sein , die man hier und dar , wiewohl ziemlich selten bei den Schönen antrifft - am meisten aber noch bei denen , von denen einer unserer Dichter sagt , sie wären ein wenig zu dumm und ein wenig zu fette . Bei den Hagern sucht man sie vergebens ! So schlecht sich also auch im Durchschnitte genommen zwei Schwestern , die noch dazu ihre Männer gehabt haben , mit einander zu vertragen pflegen : So gut vertrugen sich doch diese beiden . Meine ehemalige Wohltäterin war die älteste und als solche führte sie das Zepter , dem sich die andere , als jüngste , ohne Widerstand unterwarf . Sie erstaunte nicht wenig , mich , ihren fast ganz vergessenen Sohn bei sich zu sehen und ihre Schwester ermangelte nicht zur Gesellschaft mitzuerstaunen . Ich ließ mich anfangs nichts merken , weswegen ich gekommen war , sondern erwartete erst einen günstigen Augenblick , mit ihr allein zu sprechen : Als ich aber die Geschmeidigkeit der Schwester bemerkte , so glaubte ich , ich könnte vielleicht auch diese zu meinen Absichten gebrauchen - und so wagte ich es , in beider Gegenwart nach dem rechten Ende von Madam zu langen . Sie sind also , sagte die geschmeidige Witwe , der kleine , liebe Sohn , der ehemals bei meiner Schwester und bei meinem Bruder in der Kost gewesen ist ! Nun das freut mich von Herzen , daß ich Sie kennen lerne . Meine Schwester hat mir recht viel von Ihnen erzählt . Es muß Ihnen seit der Zeit wohl recht gut gegangen sein - und daß es sich gerade so artig fügen muß , daß Sie zu uns kommen und uns besuchen . Meine Schwester hat schon immer gedacht , Sie wären gar aus der Welt : Je nun , ist es doch recht hübsch , daß Sie noch drinnen sind . Sie werden uns gewiß recht viel zu erzählen haben . Nun setzen Sie sich nur nieder und kramen Sie alles aus ! Wir wollen recht zuhören - Nicht wahr , Schwester ? Ich . Ich werde die Ehre haben , Ihnen alle meine Schicksale zu erzählen , wenn es Ihnen beliebt liebt , anzuhören : aber erlauben Sie mir , daß ich meine Verwunderung an den Tag lege - Ich habe mir sagen lassen Madam wären nicht mehr - Die Witwe . Haben Sie es schon gehört ? Ja , es ist freilich in kurzem ganz anders geworden , wie es denn manchmal in der Welt zu gehen pflegt . Gewiß , Sie werden sich nicht wenig gewundert haben . Ich hätte Sie wohl sehen mögen , was Sie für ein Gesicht gemacht haben , als Sie es zum erstenmal hörten , daß meine Schwester und Ihr Mann von einander sind . Ich . Ich muß gestehen , daß es mir nicht wenig nahe geht , daß diejenigen Personen , die ich so hochschätze und deren Wohltaten mir unvergeßlich bleiben werden , sich in einer so traurigen Lage befinden sollen . Die Witwe . Nun das muß wahr sein , Sie sprechen wie ein Geistlicher . Ich wollte Ihnen ganze Stunden lang zuhören ! Es ist doch gar zu gut , daß noch Mitleiden in der Welt ist . Freilich ist es wohl ein wenig selten : aber es ist doch noch hier und dar manche barmherzige Seele . Ja , Ja ! Es ist freilich nicht gut , daß meine Schwester nicht mehr bei Ihrem Manne ist : Denn Ehen werden im Himmel geschlossen ! Und was Gott zusammengefügt hat , soll der Mensch nicht scheiden ! Aber , wenn_es nun einmal nicht anders ist - Es hat nun einmal so sein sollen ! Ich . Noch dazu habe ich gehört , daß mein ehemaliger Wohltäter sich in der äußersten Armut befindet - aber das kann ich nicht glauben ! Madame sind viel zu großmütig , als daß Sie den sollten darben lassen , den Sie sonst Ihrer Umarmung - Ihres Ehebettes gewürdigt haben . Nicht wahr , Madame ! - Oder noch lieber , Mama ! Wenn ich Sie noch so nennen darf - Nicht wahr , der arme Mann befindet er sich nicht in der äußersten Armut ? Sie könnten das nicht zugeben - Unmöglich ! Schweigen Sie nicht so lange - Ich muß allein mit Ihnen reden ! Schwester ! Du wirst mich verstehen ! Die Witwe . Je , liebes Schwesterchen ! Laß mich immer mit zuhören - Ich will nicht - Ich kann nicht - Die Witwe . Nun denn ist es freilich was anders . Werde nur nicht böse : Ich gehe schon ! Ich . Vor allen Dingen " Wissen Sie , wo ich herkomme ? Von Ihrem armen , kranken Gemahle ! Es ist nicht möglich ! - Und ich komme mit dem festesten Vorsatze , nicht eher von ihnen wegzugehen , bis ich Sie wieder mit ihm ausgesöhnt habe ! Ich weiß , ich kann mich auf Ihr gütiges , menschenfreundliches Herz verlassen - Sie haben einen Schritt getan , den Sie mit nichts auf der Welt verantworten können - Sie hätten Ihren Mann nicht verlassen sollen - Junger Mensch ! Was haben Sie für ein Recht , mir Vorwürfe zu machen ? - Ich mache Ihnen keine ! Ihr eigenes Herz macht sie Ihnen . überlegen Sie nur ! Sie leben im Überflusse und er - verschmachtet im Elende . Es ist seine eigene Schuld ! Warum hat er mich so sklavisch traktiert ? - Aber erinneen Sie sich nur , wodurch Sie diese Härte veranlaßt haben ? Setzen Sie sich an seine Stelle ! Sein Sie eben so eisersüchtig , wie Er - Sie und ich würden es nicht besser gemacht haben ! Nein , Madame ! Die Strafe ist zu hart - Die meinige war auch zu hart - Wenn schon ! Wir sollen uns nicht rächen ! Am wenigsten alsdann , wenn uns das Unglück schon gerächt hat . Ihr Gemahl war durch den Verlust seines Vermögens bestraft genug - Wie edel hätten Sie ihn jetzt bestrafen können , wenn Sie Ihr Vermögen mit ihm geteilt hätten ! O gewiß Sie hätten ihn auf immer gewonnen . Es könnte wohl sein : aber jetzt ist es zu spät - O Nein ! Eine edle Handlung ist nie zu spät . Entschliessen Sie sich ! Machen Sie mit einemmal alles gut , was Sie - Ersparen Sie mir die Erinnerung an meine ehemaligen Torheiten ! - Ich wollte , ich könnte : aber eben um dieser Willen haben Sie die größte Verbindlichkeit auf sich - so wie ich die größte Verbindlichkeit auf mir habe - Ich werde mir_es Zeit meines Lebens vorwerfen müssen , daß ich in Ihrem Hause meine Erziehung genossen habe - Wäre ich nie in Ihr Haus gekommen , so wäre alles das nicht - Sie haben sich nichts vorzuwerfen ! - Wie wünschte ich es : aber ich kann mich , leider , des Gedankens nicht erwehren , daß ich an einer Ehetrennung Schuld bin : Und ich sollte nicht alles tun , alles anwenden , um dieses Gedankens leßzuwerden ? O ich bitte Sie - ich beschwöre Sie - Machen Sie mir das Herz nicht schwer ! Alles , was ich tun kann , ist dieses , daß ich mich meines Mannes annehme . Ich will ihm Geld schicken - Das ist zu wenig ! Was hat das Geld ohne die Person für einen Wert ? Ich sehe vorher : Er nimmt es entweder gar nicht an , oder er nimmt es mit Seufzen an - Die Barmherzigkeit einer Person , die man liebt - ich meine die bloße Barmherzigkeit und die wäre es doch bei Ihnen : denn sonst täten Sie mehr - O gewiß , sie tut mehr wehe , als Unbarmherzigkeit - Lassen Sie sich erbitten ! - Ich kann mich nicht entschließen ! Ich kann mich dem Urteile der Welt nicht Preis geben - Vergeben Sie - Sie wissen nicht , was Sie sagen ! Sie haben sich dem Urteile der Welt schon mehr als zu sehr Preis gegeben . Was wird die Welt von einer Frau urteilen , die ihren Mann nur geliebt hat , da er reich war und ihn nun nicht mehr liebt , da er arm ist - Die zwar sein Glück mit ihm geteilt hat , aber die sein Unglück nicht mit ihm teilen will ! Welche harte Urteile wird man nicht von Ihnen fällen , daß Sie Ihr Vermögen in Ruhe und Friede verzehren , da indessen Ihr Gemahl in einer elenden Gärtnerhütte vor Hunger schmachtet ! Aber wie günstig wird nicht die Welt von Ihnen urteilen , wenn Sie Ihr Unrecht durch eine großmütige Handlung auf einmal wieder gut machen - Wenn Sie Ihren Gemahl freiwillig wieder aufsuchen , ihn aus seinem Elende erretten , ihn glücklich machen - O gewiß ! Das ganze schöne Geschlecht wird sich Glück wünschen , eine so gütige , großmütige Dame aufweisen zu können ! Ein jeder Mund wird zu Ihrem Lobe - Halten Sie ein ! Ihre Reden durchbohren mein Herz ! Ich will sehen , was ich tun kann - Nein , Nein ! Nicht erst sehen ! Geschwind entschließen ist bei großmütigen Handlungen das Beste - Aber mein Mann wird mich nun auch seine Rache empfinden lassen . Hat er mich einmal wieder in seiner Gewalt , so - Bilden Sie sich das nicht ein . Ihr Gemahl ist der beste , vernünftigste Mann von der Welt geworden . Er hat mir ein so offenherziges Geständnis seiner Torheiten getan , daß ich darauf schwören wollte , er wird nie wieder in die Versuchung geraten , sie zu begehen . Sein Stolz ist gedemütigt : Er wird nie wieder zu Kräften kommen . Sein ganzes Betragen ist sanft und leutselig . Er erkennt , daß er einzig und allein an seinem Elende Schuld ist und er will durchaus nicht das geringste auf Sie kommen lassen . Bedenken Sie das ! - Hat er das ausdrücklich gesagt ? - Ausdrücklich ! - So liebt er mich also noch ? - Er haßt Sie nicht - Was urteilt er denn von mir ? - Er urteilt gar nicht von Ihnen - Der arme Mann ! - Wollte Gott ! dieser Seufzer käme aus dem Innersten Ihres Herzens ! - Das können Sie glauben - Auch das können Sie glauben , daß ich jetzt zum erstenmal wahre Hochachtung gegen ihn fühle und daß ich mir von unserer zweiten Vereinigung weit mehr verspreche , als von der ersten - Aber - Nun keine Aber mehr ! Sie sind auf dem besten Wege von der Welt : Entfernen Sie sich ja nicht wieder davon ! - Nein , das will ich nicht : Aber ich verlange , daß mein Mann die ersten Schritte tut - Welche Zeremonien ! - Es sind keine Zeremonien ! Er hat mich zuerst beleidiget : Ohne Abbitte kommt er nicht davon - Madame ! wenn das die Denkungsart des schönen Geschlechts überhaupt ist , die sie jetzt an den Tag legen , so - - Sind wir ein wenig schwer zum Abbitten zu bewegen ! Je nun , das ist nun einmal unser Fehler ! Ihr Geschlecht ist mit den seinigen auch im Überflusse versehen - Aber doch gewiß nicht mit dem , daß wir uns abzubitten schämen , wenn wir Unrecht haben - Ich will nicht hoffen , daß dieses der Fall bei mir ist ! - Verzeihen Sie , wenn ich zu frei rede - Ich kann mir keine größere Ungerechtigkeit vorstellen , als daß man demjenigen , dem man mehr schuldig ist , als Vater und Mutter , weniger leistet , als einem Unbekannten - Immer Predigen ! Immer Moralisieren ! - Und sich nach nichts richten wollen , Madame ! Doch nein , Sie haben mir versprochen - und Sie werden auch gewiß Ihr Wort halten - Unter dieser Bedingung : sonst nicht ! - Aber bedenken Sie nur , wie Ihnen eine Abbitte von der Art gefallen würde : Liebe Frau ! vergib mir , daß - Du mich durch Deine Untreue in Harnisch gejagt hast ; Laß es gut sein , daß - Du mich bei meinem Unglücke verlassen , mir Dein Vermögen entzogen , mich im Gefängnisse hast schmachten lassen . Du hattest mir zwar geschworen , Du wolltest mich nicht verlassen , so wahr Dir Gott helfe : Aber - Laß es nur gut sein ! - Grausamer , schweigen Sie ! Aus Ihrem Munde gehen Dreischneidige Schwerter - Und mein Mund ist jetzt der Mund der Wahrheit ! Entschliessen Sie sich - Ja doch , Ja ! - Aber entschließen Sie sich freiwillig und mit mehrerer Freudigkeit ! Eine gute Handlung verliert viel von ihrem Werte , wenn man mit finsterer Stirn dran geht - Ich wüßte nicht , wo ich jetzt die Freudigkeit hernehmen sollte : In der Tat nicht - Das will ich Ihnen gleich sagen ! Stellen Sie sich einmal vor : Jetzt führen wir zusammen zu unserem armen Unglücklichen ! Er vermutete unsere Ankunft nicht - und er vermutet sie ganz gewiß nicht : Ich bin Bürge ! Sie träten in das elende Gärtnerhäusern . Schon der Anblick des Elendes würde Sie bis zu Tränen rühren : Doch das wäre noch nichts ! Sie träten dann mit mir in die Stube - vor das Bette Ihres Gemahls - reichten ihm die Hand - ließen Tränen der Reue und Zärtlichkeit fallen - sprächen zu ihm : Liebster Mann ! Wirst Du mir auch vergeben ? Kannst Du mir auch vergeben ? Ich komme zu Dir , um Dich aus Deinem Elende zu reißen - Nein , ich kann es nicht aussprechen ! Kaum vorstellen kann ich mir_es , wie entzückt der rechtschaffene Maun sein würde , wie sich auf einmal seine Seele aufheitern würde , wie gerührt er Ihnen die Hand küssen würde - Schmeichler ! Was malen Sie mir da für eine angenehme Szene ! - O Ja , ich bin ein Schmeichler ! Das muß mir jedermann nachsagen - Nun für diesesmähl habe ich alles hingenommen , was Sie mir gesagt haben ! zu einer anderen Zeit würde es vielleicht nicht geschehen sein - O gewiß , es würde zu einer jeden Zeit geschehen sein ! Die Wahrheit findet bei dem schönen Geschlecht immer Gehör - Nun diesmal werden Sie es doch nicht leugnen wollen , daß Sie eine recht vorsätzliche Schmeichelei gemacht haben - Ganz gewiß werde ich es auch diesmal leugnen - Die Witwe . Lassen Sie sich nicht stören , lieben Kinderchen . Ich gehe nur durch die Stube . Ich bin mit meinem Hauswesen beschäftigt , wie Martha - Ich . Madame , ich bitte gehorsamst - Bleiben Sie bei uns - Helfen Sie mir Ihn Frau Schwester in einem wichtigen Entschluss befestigen . Sie will wieder zu Ihrem Manne ! Die Witwe . Liebes Schwesterchen , ist das Dein Ernst ? O das ist ja ganz vortrefflich . Das ist immer mein Wunsch gewesen : Ich habe es nur nicht heraussagen mögen . Denn wofür sind denn Mann und Weib , als daß sie miteinander leben - Nur nicht so zuversichtlich gesprochen , Schwester ! Es ist noch gar nicht unterschrieben - Ich . Allerdings ist es unterschrieben - Die Witwe . O zeigen Sie mir_es doch , zum Spaß - Nun was lachst Du denn , Schwester ! Hihi , Du bist ja heute recht aufgeräumt . Ja , Ja , nun merke ich_es schon , es hat seine Richtigkeit . Nun , nun , ich will auch bei eurer zweiten Hochzeit nicht wegbleiben . Seit dem mein Mann - Gott habe ihn selig ! Es war ein gar zu guter Mann , so fromm , wie ein Lamm - Ich wünschte , daß Sie ihn gekannt hätten ! Ich weiß auch gar nicht , wie es gekommen ist , daß es sich nicht ein einzigesmal hat schicken wollen , daß wir mit einander zu meiner Schwester gekommen sind , weil Sie noch bei Ihr gewesen sind . Wir habens immer Willens gehabt : aber wie es denn nun in der Welt geht - Machen Sie das übrige selbst dazu , mein Herr Komödienschreiber ! Nach der Anlage , die Sie in Ihrer Ehebrecherin gezeigt haben , kann es Ihnen gar nicht schwer fallen . Im Ernste gesprochen : Ganz schlecht haben Sie Ihre Sache nicht gemacht , und für einen Gastwirt sind Sie gewiß der einzige im Land : , der von seinen Gästen so starken Profit zu ziehen weiß - für seinen Beutel und für seinen Kopf ! Ihr Vater ist ein sehr komischer Mann : Schade , daß sie ihm nur als eine Nebenrolle haben brauchen können . Als solche hat er schon zu viel zu tun ! Johann und Lottchen haben einen Fehler - nicht an sich : den Fehler gegen ihre Herrschaften so unerträglich naseweiß zu sein , als es gemeiniglich zu meinem großen Ärger die Theaterbedienten und Zofen sind ! Es gefällt mir , daß sie sich in die Sachen Ihrer Herrschaft nicht weiter mischen , als es diese erlaubt ! Lottchens Raserei fließt nicht geradezu aus der Natur : aber sie kann doch mit der Natur vereinigt werden - Kurz , das übersehe ich ! Aber daß Lottchen und Johann einander in der ersten Szene ihre Schicksale erzählen , - ist zwar drollig genug durch die Klingel eingeleitet ; Das eine weiß auch noch nicht , was dem anderen begegnet ist : Aber dennoch glaube ich und fühle ich , daß diese Erzählung auf dem Theater ganz verzweifelt langweilig ausfallen möchte . Hier hätten Sie lieber einen Schwenk von Ihrer Art anbringen sollen ! Der Herr von Taubenhain handelt nach Proportion der anderen Personen ein bisschen zu wenig ! Zwar wüßte ich nicht , was er mehr hätte handeln sollen : Aber Sie sollten es wissen ! Die Frau von Taubenhain ist - vielleicht ohne Ihr Wissen - eine Kopie der Minna von Barnhelm geworden . Diese reist ihrem Bräutigam nach : Jene ihrem Manne . Diese weiß nicht , daß sie mit Ihrem Geliebten in einem Gasthofe wohnt : Jene weiß es eben so wenig . Diese glaubt mit Ihrem Geliebten Ihr ganzes Glück gefunden zu haben : Jene auch . Diese wird in Ihrer Meinung hintergangen : Jene auch . Diese räumt alle Hindernisse aus dem Wege , und wird glücklich : Jene auch . Eine sehr sichtbare Ähnlichkeit , die jedermann Nachahmung nennen wird , und die den Wert ihres kleinen Versuches um ein großes herabsetzt , wenn auch die Ähnlichkeit noch so wenig gesucht sein sollte ! Marthe - spricht gut und ich glanbe fast , man wird ihre lange Erzählung anhören , ohne zu gähnen . Aber nun - Ist es wohl natürlich , daß der Herr von Taubenhain , dem seine Frau zwei Jahre hindurch nicht den geringsten Argwohn der Untreue gegeben hat , sie nun um einer so seltsamen Erscheinung Willen , ohne alle weitere Untersuchung für schuldig erkennt ? Sind wir Deutschen so unsinnig eifersichtig ? wehte der Herr von Taubenhain ein Italiener , ehe bien ? Aber ein Deutscher , Herr Walther ! Wollten Sie wohl so blindeifersüchtig gegen Ihre Frau gewesen sein ? Und überdem - Ist es wohl jemals auf dem Theater erhört , daß man eine Handlung entwickelt , die vor einem halben Jahre ist verwickelt worden ? Fragen Sie einmal nach und sagen Sie mir Bescheid ! Indessen schicke ich Ihnen Ihr Manuskript mit großem Danke zurück . Einzelne Szenen haben mir viel Vergnügen gemacht und ich gestehe Ihnen , daß Sie mir meine spöttische Herausforderung mit der besten Münze von der Welt bezahlt haben - Machen Sie nur , daß mein Wechsel kommt ! Ich dächte , er müßte schon da sein . Adieu ! Sei dir der Himmel gnädig , du armer Schelm ! Du armer Schelm ! Du lebst ohne Kummer und ohne Sorgen und weist nicht , daß Du um dein ganzes Vermögen gekommen bist . In meinem ganzen Leben ist mir nichts so nahe gegangen ! Ich habe oft sagen hören : Der und jener ist arm , wie eine Fledermaus geworden , aber ich habe auch oft dazu gelacht . Jetzt vergeht mir alles Lachen ! Ich habe den unglücklichen Brief in Händen , den mein armer , unglücklicher junger Herr von seinem gelehrten Freunde und zugleich Bankier erhalten hat . Es ist nur noch gut , daß ich ihn zuerst bekommen habe , so kann ich doch wenigstens noch ein kleines Trostschreiben beilegen ! Aber , lieber Gott ! wo soll ich ize das Trösten hernehmen können ? Ich weiß nicht , steht mein Kopf auf dem Rumpfe , oder habe ich ihn unter dem Arme : Da werde ich schöne trösten ! Vielleicht wenn ich mit ein paar Schnurren anfinge , so machte hernach das Unglück nicht so großen Eindruck : aber das sind auch nur Possen ! Kurz , ich muß es versuchen und es darauf ankommen lassen , wie es wird ! Mein lieber junger Herr , Wissen Sie was ? Es ist Ihnen ein sehr dummer und naseweiser Streiche begegnet . Wenn ich wüßte , daß Sie sich viel aus dem Gelde machten , so vertuschte ich den ganzen Handel vor Ihnen , so gut ich könnte und hülfe mir mit ein paar Lügen davon : aber da ich weiß , daß sie sich aus dem Gelde nichts machen , wie es sich gebührt und geziemt , wie es die Herren Gelehrten , so viel ich weiß , von jeher getan haben , so kann ich es Ihnen wohl gerade zu sagen . Ihr Wechsel , den Sie mir zu besorgen gegeben haben , ist kaduk . erschrecken Sie nur nicht ! 1000 Taler mehr oder weniger muß bei Ihnen gar nichts ausmachen , wenn Sie ein echter Gelehrter sein wollen . Freilich ist es mir nicht lieb , daß er durch mich kaduk gegangen ist ! Ich wünschte wahr und wahrhaftig , daß dieses Schicksal einen anderen , als mich getroffen hätte : Aber wenno nun einmal hat sein sollen , so ist es doch immer noch besser , ich bin_es , als wäre es ein anderer . Die Schläge , die ich durch Unachtsamkeit verdient habe , werden ja doch aus alter Freundschaft und Bekanntschaft nicht allzustark sein ! Bedenken Sie nur . Ihr Wechsel kommt zu rechter Zeit glücklich an . Ich nehme ihn und gehe damit , wie Sie mir_es befohlen hatten - Denn wenn ich gefahren oder geritten wäre , so wäre es vielleicht besser gewesen - Also , ich gehe damit zu den beiden Herren , die ihn mir auszahlen sollen . Nun kann ich Sie auf meine Ehre , auf meines Schneiders Ehre , auf aller Welt Ehre versichern , daß ich immer ganze Taschen habe , in Rock , Weste , und Beinkleidern , daß ich die Löcher überhaupt in den Tod nicht leiden kann und wenn ich ja einmal eins habe , so wissen Sie ja wohl - Der Meister Schneider ist mein Gevatter . Was konnte ich also anders denken , als daß mein Wechsel in der besten Verwahrung von der Welt wäre ! Mit dem Schnupftuche habe ich ihn auch nicht herausgezogen , so viel ich mich erinnern kann : Entfallen ist er mir auch nicht - Doch damit ich nur zur Sache komme , oder noch lieber , sobald als möglich wieder herauskomme , denn sie ist verzweifelt kritisch - So ging ich also zu den beiden Herrn Kaufleuten und da brauchte ich denn ganz natürlich den Wechsel und weil ich ihn in die Tasche gesteckt hatte , so wollte ich ihn auch wieder da herausnehmen . Das würde ein jeder anderer an meiner Stelle getan haben : Sie selber ! Und doch war das gerade der Schritt zu meinem Unglücke : denn indem ich nach dem Wechsel lange , ist er nicht mehr da . Ich sachte , Ich suchte - Verzeih mir_es der Himmel , ich glaube , ich fluchte auch mit unter ; aber durch alles Reden und Seufzen und durch allen Angstschweiß wurde kein neuer Wechsel : und was das ärgste war , so wäre ich bei einem Haare um Ehre und Reputation gekommen , die mir hundertmal mehr am Herzen liegt als alles Geld . Denken Sie nur ! Ich stehe schon vor dem Kaufmanne und habe es ihm schon gesagt , daß er mir einen Wechsel auszahlen soll , als mir eben das Unglück arriviert - Nun möchte ich nur ewig wissen , wie der Wechsel aus meiner Tasche gekommen ist ! Der Kaufmann stand da , als ob er einen Narren vor sich hätte , wie es denn auch wohl wahr war und also machte ich nur , daß ich fortkam - Ich suchte den ganzen Weg herunter , den ich gegangen war : Nichts ! Ich fragte alle Leute , die mir begegneten , ob sie nicht ein Papier , so und so , gefunden hätten : Nichts ! Ich lief nach Hause Und suchte in allen Ecken und Enden : Nichts ! Nach einer guten Stunde lief ich wieder zu dem Kaufmanne Und wollte es ihm wenigstens sagen , daß ich einen Wechsel verloren hätte , damit er sich danach richten könnte : Aber nun denken Sie erst einmal , ob ich nicht hätte rasend werden mögen ! Ein verdammter , fataler Kerl , dem ich wünsche , daß er heute noch an den 1000 Talern ersticken mag - Ja ! Ich will ihn beheren lassen ! Es ist eine Zigeunerin hier und auch ein Weiser Mann . Kurz , er soll nicht eher Ruhe haben ; Es soll ihn so lange kneipen und reißen und stoßen , bis er sich selbst angegeben hat - Und wenn er zu mir kommt , dann will ich ihm erst eine Tracht Prügel zuzählen , und hernach soll ihm der Hausknecht eine zuzählen , und hernach soll ihm Marthe 100 bare Nasenstüver zuzählen - Warte nur , du Spitzbube ! Das Stehlen soll dir schon auf einandermal vergehen . überlegen Sie_es nur : so hat er mich hinters Licht geführt ! Doch ich habe es Ihnen ja noch nicht erzählt , wie es mir gegangen ist . Weil ich also das zweitemal zum Kaufmanne komme , so sagt er mir : Ob ich gescheut wäre ? Mein Kerl wäre schon da gewesen und hätte gegen Auslieferung des Wechsels das Geld in Empfang genommen : Nun ich weiß am allerbesten , wie mir zu Mute war , als ich das hörte ! Armer , lieber Herr - und noch ärmerer ( Schelm , Walther ! wenn du nicht Gnade findest . Es tut mir in der Seele weh : aber wie gesagt : Ich tröste mich damit , daß Sie sich aus dem Gelde nichts machen . Sie haben mir das hundertmal gesagt und ich glaube es Ihnen auch recht gern . Denn was ist doch alles Geld und aller Reichtum ? Du - ist es , wie Paul Werner sagt und da hat er völlig recht dran . Wenn ich auch heute noch alle mein Hab und Gut verlöre , wenn mir mein Gasthof mit Vieh und Möbeln und allem Plunder verbrennte und ich behielt nichts auf der Welt übrig , als die Jacke , die ich auf dem Leibe trage , so wollte ich doch kein Narr sein und verzweifeln . Ich machte es , wie jener Bauer , wärmte mich an den Bränden meines Hauses und lachte ! Was hat man doch wohl im Unglücke besseres , als Lachen und einen guten Freund ! Den hätte ich denn an Ihnen . Sie würden mich gewiß nicht betteln lassen . Wenn Sie von Ihrer reichen Erbschaft nur noch einen Kreuzer hätten , so gäben Sie mir gewiß die Hälfte davon ab : Und gewiß und wahrhaftig , ich machte es auch so , wenn Sie einmal , wie es denn immer ein möglicher Fall ist , um ihr Vermögen kämen . A propos , haben Sie noch nichts gehört ? Es soll in L**k ein sehr starker Bankerut vorgefallen sein . Ich wünsche nur , daß Sie nicht mögen darin verwickelt sein . zwar wenn es auch wäre - Ich nehme nur so den Fall - Was wäre es denn weiter ? Arm oder reich , daß muß Ihnen fast einerlei sein , da Sie beides schon zweimal gewesen sind . Sie haben mir sogar gesagt , Sie hätten sich bei Ihrer Armut besser befunden , als bei Ihrem Reichtume : Was scheren Sie sich also ums Geld ? Ich glaube wahrhaftig , ich könnte es sicherlich probieren und es Ihnen geradehin sagen , daß Ihre Vettertaler den Weg alles Fleisches gegangen sind : Sie lachten nur dazu ! Nun so tun Sie es denn . Sein Sie standhaft ! Sie haben oft gelacht , wo kein Mensch an Ihrer Stelle Mut genug gehabt haben würde , zu lachen : Tun Sie mir_es diesmal zu gefallen und lassen Sie sich von der Nachricht nicht niederschlagen , die ich Ihnen schreiben muß ! Alles Ihr Geld ist Heidie ! Ihr alter Vetter muß es Ihnen nicht gegönnt haben , oder er hat etwan einen Teufel abgeschickt , daß er_es ihm in die Hölle nachbringen soll , weil er gehört hat , daß sie so locker damit umgehen : Kurzum fort ist es ! Denken Sie ums Himmelswillen nicht , daß ich darüber lache , weil ich so herzlich wünsche , daß Sie darüber lachen mögen ! Mir ist es gar nicht lächerlich : aber für Sie wäre es der allerbeste Rat auf der Welt , es wäre Ihnen lächerlich ! Tun Sie Ihr möglichstes und geben Sie sich zufrieden ! Not werden Sie nimmermehr leiden dürfen : Denn Not macht erfinderisch und hernach - Lebt denn nicht Zebedäus Walther noch ? Nun sollen Sie sehen , ob ich Ihr Freund bin oder nicht . Brauchen Sie was ? Pumps , da ist es ! Wollen Se noch mehr ? Da ist es ! Ich habe keine Kinder ! Und wenn ich auch Kinder hätte , so würde ich Ihnen doch das Geld geben und hernach , wenn ich einmal mit Tode abginge , wollte ich Ihnen meine Kinder auf den Hals schicken - nicht daß Sie Ihnen das Geld wiedergeben sollten , sondern daß Sie sie die Kunst lehren sollten , die Armut zu ertragen . Doch ich habe nun schon Einleitung genug gemacht : Lesen Sie nur immer den inliegenden Brief ! Mein junger Freund , Sind Sie nicht schon zweimal arm und glücklich gewesen ? Wo ich mich nicht irre , Ja : Nun so muß es Sie gar nicht erschrecken , gar nicht aus Ihrer Fassung bringen , wenn ich Ihnen sage , Sie sind es zum Drittenmal . Ihre ganze Erbschaft ist nicht mehr Ihre und durch alle meine Bemühungen habe ich durchaus nichts retten können . So lange Ihr Vetter den unreinen Dunst des Geizes um sich verbreitete , so lange wagte es niemand , sich seinen Anverwandten zu nennen . So bald er aber in die Erde verscharrt war , sobald sich der liebliche Geruch der goldenen Hinterlassenschaft auszubreiten anfing , kam von ferne her ein Bastard Ihres Vetters mit heißhungrigen Ansprüchen auf die Hinterlassenschaft . Seine Mutter ist wirklich die ehemalige Frau Ihres Vetters . Sie hat ihn erst nach der Ehescheidung geboren , und - nicht spät genug , um alle Möglichkeit aufzuheben , daß Ihr Vetter sein Vater sein kann . Kurz , die Gesetze können nicht anders , als ihn zum Erben erklären und das Testament Ihres Vetters umstoßen . Ich selbst habe schon freiwillig das Haus geräumt , welches Sie mir in Ihrem Traume geschenkt haben . Im Traume ? Ja , mein Freund ! Lassen Sie uns bei dieser Idee Stäben bleiben . Ihre ganze Erbschaft war ein Traum . Mein Brief weckt Sie aus Ihrem Schlummer auf : Sie werden sich anfangs die Augen verwundernd reiben , aber Sie werden nicht über den Verlust erträumter Güter in Wut geraten . Der Traum war süß ! Es sei . Was ist_es denn mehr , einmal aus einem süßen Traume gerissen zu werden ? Darüber zürnt kein Weiser mit dem , der ihn wohlmeinend aufweckte . Sie verlieren - Lassen Sie einmal sehen , was ? Die Möglichkeit , ihre Lustreise fortzusetzen , Freund ! zu Ihrer Erholung sind Sie schon genug gereist , und nachdem ich Ihnen dieses mit allem Ernste der Freundschaft gesagt habe , würden Sie gewiß Ihre Lustreise ohnehin aufgegeben haben . zur Erforschung der menschlichen Natur würden Sie sich mit 20 und noch mehreren tausend Talern nicht satt gereist haben - und diesen Endzweck können Sie sehr leicht in einem Stande , dem Sie sich widmen , beiher erreichen - Überdies - Doch dieser Schade ist zu klein , als daß ich seine Größe zeigen könnte . Was verlieren Sie nun noch mehr ? Überfluß . Aber ist denn der Verlust des Überflusses ein wahrer Verlust ? Nur derjenige dünkt mich , der wirklich entbehrt , dem wirklich mangelt , der hat verloren . Nur der , der um seinen Rock kommt , den er auf dem Leibe trägt , kann sagen : Ich habe verloren ! Nicht aber der , der um einen Ballen Zeug gebracht wird , aus dem er sich zwanzig andere Röcke hätte können machen lassen , der aber übrigens seinen Rock , wie vor auf dem Leibe behält - Der Verlust des Überflusses geht nur auf die Zukunft - und diese ist nicht unser : folglich auch der Verlust Ihrer Güter nicht unser . Glauben Sie mir : Darben werden Sie nie . Sie sind ein sehr reges Geschöpf : Ihre eigene Kraft wird Sie ernähren . Was verlieren Sie weiter ? Eine ansehnliche Bibliothek . Diese will ich unter den wirklichen Verlust verrechnen , denn sie war schon so gut , wie angeschafft : Aber was ist es denn nun mehr ? Sie werden dafür die wenigen Bücher , die Sie sich von Zeit zu Zeit anschaffen , desto fleißiger lesen - mehr für sich selbst denken - weniger irren und weniger zweifeln . Ist das nicht eher Gewinn als Verlust ? Aber Sie verlieren auch ein sehr schätzbares und recht göttliches Vermögen , das Vermögen wohlzutun . Darüber bedaure ich Sie - und nur allein darüber : Allein , mein Freund ! haben Sie mich nicht schon längst eben darüber bedauert ? Ich kann nicht wohl tun ! Nur wohl handeln , nur wohl wünschen kann ich . Den Rest überlasse ich unserer aller Wohltäter ! Ich bin bei dieser Denkungsart ruhig und glücklich : Können Sie es nicht auch sein ? Nun dieses ist das Unglück alle , was ich Ihnen hier vorgerechnet habe . Das ist in der Tat nicht viel - genau genommen gar nichts . Alles , was Sie vor der Hand nötig haben , um sich in das plötzliche Ihrer Glücksveränderung zu finden , ist der Umgang eines Freundes . Kommen Sie zu mir , sobald Sie können ! Ich will Sie mit offenen Armen erwarten . Wie bald sollen Sie in meiner , meiner Frauen und meiner Kinder Gesellschaft bekennen müssen , daß nur das Glück ist , was man sich selbst macht - nur das , was durch keine zugefallene oder geschwundene Erbschaft alteriert werden kann . Hören Sie : Sie sollen kommen und mir sagen , daß Sie mich von ganzem Herzen lieben , so oft ich Sie versichere , ich sei ganz der Ihrige . Nun sehen Sie nur , lieber junger Herr ! Was das für ein hübscher , artiger Brief ist ! Der Herr hat es Ihnen ja Pfennig für Pfennig vorgerechnet , daß Sie gar nichts verloren haben : Sie werden_es ihm ja doch glauben ! Aber ich will ihm die Ehre nicht allein lassen , Sie bei Ihrer Armut zufrieden zu stellen . Ich will das meinige auch tun , als ein rechtschaffener Kerl ! Hören Sie nur : Da habe ich alleweil ein kleines , hübsches Büchelchen ! Der Titelbogen fehlt nur daran . Da steht allerhand schnakisches , philosophisches Zeug darin , was Sie bei Ihren Umständen recht gut gebrauchen können . Hören Sie nur ! Die Gesundheit und ein aufgeräumtes Gemüt sind die einzigen wahren Güter . Suchet dieselben zu erhalten und verachtet alles Übrige . Ist das nicht kurz und gut ? Ist es nicht die pure , lautere Wahrheit ? Nun , Gottlob ! Gesund sind Sie ja . Aufgeräumt auch - für sich und für zehn andere mit . Sappelot ! Was wollen Sie denn mehr ? Schade doch was für allen Plunder von Gelde . Das macht ja wahrhaftig nur ungesund , an Leib und an der Seele , wie wir denn der Exempel bei hunderten vor uns haben . Aber weiter im Texte ! Ich genieße soviel Gutes : Warum sollte ich mich über etwas Böses beschweren ? Nicht recht hübsch ? Nicht recht artig ? Ich denke immer , Sie werden nun einmal in aller Stille das Gute nachrechnen , was Sie genießen - Gesundheit der Seele - Gesundheit des Leibes - Eins , zwei , drei Freundinnen , die Sie lieben , und hernach - Eins , zwei , drei , ich weiß selbst nicht , wie viel Freunde , die es mit Ihnen gut meinen und die Sie wahr und wahrhaftig nicht werden Not leiden lassen - Nicht zu vergessen , Ihr Klavier , das Ihnen schon manches Gute erwiesen hat und das Ihnen gewiß auch in Ihrer Armut noch wohl klingen wird - Ist das nicht viel ? Noch mehr ! Wie viele gibt es nicht , die an meiner Stelle sich glücklich schätzen und mich darum beneiden würden ? Ja , Sie mögen mir_es glauben oder nicht - Ich will Sie Ihnen bei Hunderten bringen , die alle , einer wie der andere , aus Herzens Grunde sagen sollen : Ach wenn ich nur an seiner Stelle wäre ! Wenn ich nur so aufgeräumt wäre ! Wenn ich mich nur so gut durch die Welt durchfressen könnte , wie er ! - Bloß auf meiner Straße , dächte ich , wollte ich an die Fünfzig auftreiben : Und Sie wollten sich bei dem Verluste Ihrer Erbschaft , auf der ganz gewiß der Unsegen ruht , ungebärdig anstellen ? Nimmermehr - oder ich halte in meinem Leben nichts mehr von Ihnen ! Ihr müsset in diesem Leben keine zu große Glückseligkeit erwarten : Die menschliche Natur ist Ihrer nicht fähig . Das ist eine güldene Regel ! Ich hätte sie Ihnen auch gewiß mit goldenen Buchstaben geschrieben , wenn ich meinen Farbenkasten noch hätte . Doch Sie werden sie wohl vorher schon wissen und lange gewußt haben , wo Sie sie nur nicht etwan schon über den leidigen Mammon ausgeschwitzt haben und denn wünschte ich , Sie hätten nicht einen roten Heller geerbt ! Ich begehre reich zu sein . Warum ? Damit ich mir viele schöne Sachen anschaffen kann , Häuser , Gärten , Kutsche , Pferde etc . etc . Die Natur bietet mir aber allenthalben Sachen an , die weit schöner sind und mir nichts kosten . Wenn ich nur sie zu genießen weiß , werden sie mir hinreichend sein . Wenn ich dieses aber nicht kann , so werde ich eben so wenig die Reichtümer zu genießen wissen . Nun will ich zwar eben nicht sagen , daß Sie gar nicht gewußt hätten , Ihren Reichtum gehörig zu gebrauchen . zum Aufheben haben Sie ihn nicht gebraucht : Das muß Ihnen der Feind nachsagen ! Aber , offenherzig , sind Sie nicht ein bisschen ein Verschwender ? Haben Sie mir nicht selbst Hundertmal mit Lachen gesagt , Sie wollten noch die liebe Zeit erleben , da Sie von Ihren 20000 Talern nur noch 20000 Pfennige hätten ? Gut ! Bleiben Sie der Meinung ! Stellen Sie sich vor , die liebe Zeit wäre nun da , wie sie es denn auch wirklich ist , und bleiben Sie so aufgeräumten Gemüts , als Sie es sich vorgenommen haben , so hat alles seine Richtigkeit . Das einzige fürchte ich , wird Ihnen zu Kopfe steigen , das diejenigen , die Sie reich gekannt haben , Sie nunmehr , da Sie wieder zum armen Schelmen geworden sind , auslachen , verachten , und verspotten werden - Aber Nein ! Auch das kann Ihnen bei Ihrer Denkungsart keinen Kummer machen . Sie haben die Narren von jeher reden lassen , was sie gewollt haben : Geben Sie Ihnen dieses Privilegium von neuen ! Wollen Sie nun bald lachen ? Ich denke , wenn Sie nur meinen und Ihres Freundes Brief nicht gleich vor Ärger weggeworfen haben , so sollen Sie ziemlich nahe daran sein . Aber ich will Sie noch näher bringen ! Ich weiß , eine gute Schnurre ist bei Ihnen nicht verloren . Haben Sie sich ehemals mit dem schnurrigen Tristram Shandy in Ihren Korrektornöten getröstet , so sollen Sie sich auch jetzt mit Ihrem schnurrigen Zebedäus Walther trösten . Er hat einen Streiche aller Streiche gemacht ! Er läßt den dritten Teil Ihrer Reisebeschreibung drucken . - Herr hilf ! Fahren Sie doch nicht so auf ! Werden Sie doch nicht gleich so ärgerlich ! Was Sie nicht getan haben , haben Sie ja auch nicht zu verantworten ! Und was ich getan habe , will ich schon verantworten : Das ist meine Sorge ! Ich lasse in meinen Namen auf den Titel setzen : Parbleu , Monsieur , was gehen Sie an , wie ik spielen ? Genug , der Herr Verleger wollte einen dritten Teil haben . Sie wollten keinen machen . Nun bedenken Sie einmal , was jetzt vor schlechte , elende Zeiten sind ! Wenn man auch alles anschreibt , was fremde Herrschaften verzehren und auch alles , was sie nicht verzehren , so kommt doch kein ordentlicher Profit heraus . Man muß ja also wohl ein gelehrtes Handwerk ergreifen und irgend sehen , wie man das liebe Leben durchbringt ! Deswegen habe auch ich die Feder ergriffen , nun es mit der Kreide nicht mehr gehen will . Ich habe geschrieben , was nur die Feder hat laufen wollen . Ich habe alle Briefe erbrochen , die mir zu Händen gekommen sind - Ihre und andere . Ich habe trotz dem größten Gelehrten , geraubt und geplündert , und ich stehe eben wieder im Begriffe , eine Streiferei zu tun . Es ist ein Brief an Sie angekommen . Sie sollen ihn richtig haben : Aber nicht eher , bis ich für mein hochgeneigtes Publikum gehörige vidimierte Abschrift genommen habe . Sehen Sie , jetzt spreche ich schon aus einem ganz anderen Tone ! Sie sind Autor : O ich auch , wenn Sie es nicht übel nehmen wollen . Ich will Ihnen Ihren Ruhm nicht allein lassen : sondern auch etwas davon abhaben . Aber was dem einen recht ist , ist dem anderen billig ! Ich will auch den Tadel ehrlich mit Ihnen teilen und wenn Sie mir ein gut Wort geben , so nehme ich ihn ganz allein auf mich . Nun das kann ich nicht leugnen , sehen möchte ich Sie jetzt ! Es muß in Ihrem Gesichte ein so allerliebster Mischmasch von Lachen , Weinen , Verdruß und dergleichen zu sehen sein , daß ich glaube , Herr Öser nähme sich die Mühe und malte Ihr Porträt - und ich hinge es hernach oben auf meinen Saal und lachte alle Tage meine richtige Stunde darüber ! Nun , Nun , gehaben Sie sich nur für diesmal fein wohl ! Merken Sie sich hübsch alles , was ich Ihnen geschrieben habe : und wie gesagt , wenn Sie Geld brauchen , so denken Sie hübsch dran , daß ich welches habe und daß in meinem Gelde mehr Segen steckt , als in alle dem Quarge , um den Sie gekommen sind . Schreiben Sie mir hübsch bald Antwort und wenn Sie zu Ihrem Freunde reisen , so können Sie sich ja den kleinen Umweg machen und unterwegs wieder bei mir ansprechen . Adieu ! Nun das muß ich aufrichtig gestehen : Auf diesen Brief tue ich mir etwas zu gute ! Es ist sonst nicht meine Sache , daß ich mich selber lobe : aber wenn doch auch die Sache so handgreiflich ist , so , dächte ich , könnte man ja wohl auch einmal ein Wörtchen von sich selbst fliegen lassen ! Ich pariere , mein Brief bleibt nicht ohne Wirkung ! Ich kenne meinen jungen Herrn gar zu gut . So groß auch das Unglück ist , das ihm begegnet ist ; so sehr es ihn schmerzen wird , nicht mehr im Überflusse zu leben : so wird doch ganz gewiß sein lustiges Temperament sein Spiel haben . Es wird ihn im Lesen meines Briefes nicht einmal recht zum Unmut kommen lassen : In den Augen werden ihm die Tränen stehen und auf dem Munde das Lachen - Doch ich besinne mich Ich habe kein Papier mehr zu verschleudern ! Hier sind die beiden Briefe an meinen jungen Herrn ! Einer : Lieber Bruder , Ließ meinen Brief zuerst - Ja zuerst ! Es ist mir zu Mute , als ob er Dich in einem mißvergnügten Augenblicke antreffen würde und dann heitert er Dich ganz gewiß wieder auf . Weißt Du was ? Ich bin verliebt - sterblich eben nicht , aber doch ganz gewiß recht eigentlich verliebt . Es freut mich in der Seele , daß ich Dich jetzt zu meinem Vertrauten habe und daß ich Dir alle kleine Narrenspößchen , die ich gemacht habe , recht von Herzen weg beichten kann . Ob allen Verliebten so ums Herz ist , wie mir , das weiß ich nicht : aber daß mir so zu Mute ist , als ob mir meine Liebe , ohne einen Vertrauten zu haben , viele Langeweile machen würde , das weiß ich wohl . Zum Glücke bin ich nicht in dem Falle . Ich habe der Vertrauten Drei ! Das bist Du , meine Mutter und Monsieur , mein Geliebter : Und von allen Drei , glaube ich , werde ich gegen Dich am offenherzigsten sein . Mit Mon sieur - sind wir noch nicht so weit , daß wir ihm schon unsere Schwachheiten gestehen sollten ; vor meiner Mutter schäme ich mich , wenn ich Schwachheiten gestehen soll : Aber Dir kann ich , will ich alles gestehen . Das macht , Du bist selbst die offenherzigste Seele von der Welt : Und eine offenherzige Seele macht die andere . Höre also ! Sobald ich und meine Mutter mit einander in unserem Städtchen angelangt waren , so wurde auch meine Geschichte gar bald von einem Ende zum anderen ausposaunt . Ich glaube , sie muß auf ihrer Reise von Haus zu Haus , von Mund zu Munde noch einmal so abenteuerlich geworden sein , als sie an sich selber ist : Sonst wäre es mir unbegreiflich , daß die Leute von einer so unbändigen Neugier geplagt wurden , mich zu sehen . So oft ich auf der Straße ging , so flogen alle Fenster auf , und alle Köpfe flogen heraus - Auf der Straße blieb eine Menge Maulaffen stehen , die sich so dumm anstellten , als hätten sie in ihrem Leben kein Mädchen von meiner Art gesehen . In unserem Hause ging keine Stunde vorbei , wo nicht dieser und jener und diese und jene mich aus der Stube herausvexierte , um mich zu begaffen : Kurz , es kann Zeitlebens kein Mensch so viel von der Neugierde erlitten haben , als ich . Nun höre nur Wundershalber , wie es mir gegangen ist ! Ich und meine Mutter saßen einmal an einem Morgen beisammen und sprachen von Dir . Da kam ein noch ziemlich junger Mensch im Mantel und Kragen - aber so häßlich , so häßlich , daß ich es Dir nicht sagen kann - Der kam geradeswegs zu uns ! Nun muß ich Dir aber gleich im Voraus sagen , daß der gedachte junge Mensch , so häßlich er auch war , doch etwas sehr anzügliches in seiner Mine , etwas sehr hübsches in seinen Augen und übrigens eine große ansehnliche Taille hatte , die gar nicht häßlich war ! Dieser nun kam mit einem sehr treuherzigen Wesen auf meine Mutter zu und bat sie um Erlaubnis , mit ihr etwas im Vertrauen zu sprechen . Meine Mutter schlug es ihm nicht ab und ging sogleich mit ihm ins Kabinett , um doch zu hören ! Aber das rätst Du in alle Ewigkeit nicht , was er zu ihr sagt . " Ich bin ein Geistlicher , sagte er , der vor kurzen ins Amt getreten ist . Ich suche eine Gehilfin , de um mich sei : aber ich bin zu sehr von meiner Häßlichkeit überzeugt , als daß ich sie mit gehöriger Zuversicht suchen könnte . Ihre Tochter , meine recht schaffen Frau , hat mir gefallen , und wenn sie sich entschließen könnte , mich auf mein häßliches Gesicht zu nehmen , so könnte aus uns ein recht gutes Paar werden . Was meinen Sie ? Wollen Sie die Sache überlegen oder wollen Sie mir sogleich im Namen Ihrer Tochter das Körbchen geben ? , So sagte er , Brüderchen ! und diesmal wurde ich für mein Horchen nicht wenig bestraft . Die Verwunderung machte mich ganz lachen ! Mit Kummer und Not konnte ich von der Wand bis auf meinen Sitz zurückgehen . Wie ich aber im Gesichte aussah , das weiß mein Spiegel am besten ! Als wäre ich im Angesichte der ganzen Welt beschämt worden . Ich rieb und wischte , was ich konnte : Aber ich konnte meine Verwirrung durchaus nicht verwischen . Zum Glück ging es meiner Mutter nicht viel besser . Sie blieb die Antwort auch etwas lange schuldig , und so gewann ich ein paar Augenblicke Zeit , mich zu erholen . Aber was Halfs Sobald der Fremde mit meiner Mutter ausgeredet hatte , sobald er mich bei seinem Eintritte ins Zimmer in die Augen faßte , so wurde ich auch wieder so rot , wie ein Scharlach . Meine Mutter begegnete ihm mit vieler Höflichkeit , ließ ihn niedersetzen , fragte ihn nach diesem und jenem . Er antwortete auf alles , als ein Mensch , der gar nichts häßliches an sich hätte , sah mich mitten in seinem Diskurse öfter und aufmerksamer an , als es Not gewesen wäre und als es der Zusammenhäng mit sich brachte - Kurz ich merkte aus allen Umständen , daß es ihm Ernst wäre . zum Glück oder Unglück mußte meine Mutter uns allein lassen . Das hatte ich befürchtet und auch gewünscht - Es war mir lieb und auch nicht lieb - Siehst Du , Bruder ! Ein so offenherziges Geständnis kann ich nur Dir allein tun . Sobald meine Mutter allein war , nahm mich der Fremde bei der Hand - Was sollte ich machen ? Ich ließ es geschehen ! Mademoiselle , sagte er - erschrecken Sie nicht , wenn ich Ihnen sage , daß ich Sie liebe - Himmel ! Wie erschrak ich ! - erschrecken Sie nicht , sagte er nochmals - Ich bin nicht so ungestüm , als ich häßlich bin - Ich werde Ihre Hand deswegen nicht fahren lassen , wenn Sie mir auch sagten , Sie könnten mich jetzt und in alle Ewigkeit nicht lieben - Wir blieben darum doch gute Freunde ! Aber ist es Ihnen möglich , so sagen Sie es nicht - Mein Inneres ist nicht häßlich - Darauf gebe ich Ihnen mein Wort und ich habe von Ihrer Mutter die Erlaubnis , mich Ihnen auf allen meinen Seiten bekannt zu machen . Mein Herr , sagte ich - Ihr Antrag - kommt mir so unerwartet - daß ich - Ich weiß in der Tat nicht - wie ich zu Ihrer Bekanntschaft - Es ist wahr , Mademoiselle , sagte er : Ich habe Sie freilich nur ein einzigesmal gesehen : aber dieses einzigemal habe ich Sie auch aufmerksamer gesehen , als zwanzigmal zusammengenommen ! Ich verstehe mich etwas auf die Gesichtsbildung . Die Ihrige verrät eine sehr gute Seele : Das ist für mich genug , um aus allen Kräften nach Ihrem besitze zu streben - und das gute , was die Stadt von Ihrer Mutter sagt - " Erlauben Sie , mein Herr : Ich fange jetzt erst an , mit meiner guten Mutter bekannt zu werden - Ich habe das Unglück gehabt , lange Zeit ihre Tochter zu sein , ohne es zu wissen - " Ich habe es gehört : aber ich weiß auch , daß Sie in Leipzig in einer recht guten Familie gewesen sind - " Ja - dem Himmel sei Dank ! In der besten Familie unter der Sonne - Ich habe so viel Gutes genossen - , Und so viel Gutes gelernt , ( fiel mir der häßliche Mann ins Wort - aber sah mich dabei mit so schmeichelnden , treuherzigen , liebreichen Augen an , daß ich ihm gut werden mußte - Ja gewiß , ich mußte es : Freier Wille ist es unmöglich gewesen ) als Sie brauchen , um mich glücklich zu machen - Denke nur , lieber Bruder ! Mit welcher Dreistigkeit der ungestüme Mann zu mir redete . Gleich vom Heiraten ! Mußte mich das nicht verwirrt machen ? Nun in diesem Tone fuhr er in eins fort ! Ich sehe es Ihnen an , Mademoiselle ! sagte er : Meine Dreistigkeit macht sie verwirrt - Aber bedenken Sie ! Ich bin unausstehlich häßlich ! - " Vergeben Sie , sagte ich - " Nein , Nein ! Es ist die Wahrheit . Mein Spiegel hält mir meine Häßlichkeit alle Tage vor und Predigt mir genug - " Ich bitte Sie , mein Herr ! Sie machen mich immer mehr verwirrt - Ich weiß nicht mehr - Ich glaube es , Mademoiselle ! Es muß Ihnen äußerst fremd vorkommen , eine Mannsperson auf ihr Gesicht so schimpfen zu hören . Es ist unserem Geselchte sonst eben nicht eigen ! Aber bei mir , Mademoiselle ! ist es zu sichtbar - Und wenn ich auch die Eitelkeit selber wäre , so könnte ich mich nicht anders , als für häßlich halten . Sehen Sie nur diese verunglückten Züge - " Verschonen Sie mich - Ich bitte Sie ums Himmels Willen - Ich wollte es Ihnen nur recht deutlich machen , Mademoiselle , daß ich bei meiner Häßlichka um ein gut Teil dreister sein muß , als andere meines Geschlechts , die sich mit keinem so verzerrten Gesichte placken dürfen ! Sehen Sie ! Da ich bei aller meiner Häßlichkeit doch eine sehr zärtliche Seele besitze und also auch gern mich mit einem Mädchen verbinden möchte , die mir meine Zärtlichkeit erwiderte - Bedenken Sie , wie schlecht ich wegkommen würde , wenn ich bei meinen verliebten Unternehmungen zaghaft zu Werke gehen wollte ! Ich muß Sturm laufen ! Ich muß gleich die Erklärung vorausschicken , daß ich mich selbst für häßlich halte : daß ich aber gleichwohl zu einem glücklichen Ehestande geschaffen bin - O könnten Sie sich überwinden , Mademoiselle ! Können Sie es ? Sagen Sie aufrichtig : Können Sie es ? Was sollte ich sagen , lieber Bruder ! Einen häßlichen Mann , der aber gleich bei seinem ersten Auftritte so viel gutes Herz , so viel Zärtlichkeit , so wenig Eigenliebe , so viel gutes Zutrauen zu mir blicken ließ - Wer könnte den hassen ! Noch mehr , wer könnte ihn nicht ein wenig lieben ! Ich glaube , wenn alle häßliche Mannspersonen ihre Sachen bei uns so anfingen , wie sie dieser anfing : Gewiß , sie fänden eben so gut geneigtes Gehör , als die mit den schönsten Gesichtern . Weißt Du , was ich ihm zur Antwort gab ? " Ich setze den Wert einer Mannsperson nie in ihr Gesicht " So bin ich glücklich , rief er ! Dem Himmel sei Dank ! So bin ich glücklich ! Sie stoßen sich nicht an mein Gesicht - " Schließen Sie ja nicht zu viel - " Nein , Nein ! Ich schließe nicht zu viel ! Nur was recht ist ! Hier hätte ich mich beinahe des Lachens nicht enthalten können . Läßt sich wohl etwas Drolligteeres gedenken , als ein solcher Schluß ! Aber um Dich und mich nicht länger aufzuhalten , so wisse : Es ist mit uns beiden völlig richtig ! Wir werden ein Paar ! Ich werde Landpriesterin und meine Mutter begleitet mich ! Und wo Du nicht auf meine Hochzeit kommst und alles stehen und liegen lässt - so sage nicht , daß ich Deine Schwester bin ! Sage nicht , daß ich Dich je lieb gehabt habe ! Noch eins ! Ich verlange auch von Dir ein Hochzeitpräsent - Und ein ganz eigenes ! Du kannst mir_es geben , wenn Du nur willst ! Mein zukünftiger Mann könnte mir_es auch geben : Aber ich habe nun meine Ursachen , warum ich es gerade von Dir haben will . Ich habe da in einem Romane eine Stelle gefunden , die recht für mich geschrieben zu sein scheint , die mir auch recht gut gefällt , die ich auch beinahe nicht anders als für wahr halten kann : Und gleichwohl ! Das ist sie ! " Eine Predigers Frau spielt in Beziehung auf das weibliche Geschlecht eine eben so wichtige Rolle , als ein Prediger in Beziehung auf das männliche und in Beziehung auf seine Gemeine überhaupt . Ist sie ein Weib , wie der größte Haufen der Weiber ist : Herrschsüchtig , oder eitel , oder schwatzhaft u. s. w. ( Man lese hierüber nach Joachim Rachels Böse Sieben ) Ist sie eine schlechte Mutter gegen ihre Kinder , oder eine schlechte Frau gegen ihr Gesinde : So wird sich ihr schlechtes Beispiel auf das weibliche Geschlecht in ihrer Gemeine fortpflanzen und unersetzlichen Schaden anrichten . Ihr Mann mag sich alsdann auf der Kanzel noch so viele Mühe geben die Weiber von ihren Lieblingstorheiten abzubringen : Alles wird vergebens sein . Der Gedanke : Des Predigers Frau macht es nicht besser , wird alle Ermahnungen , alle Vorstellungen durchaus zu Schanden machen . Ist sie hingegen eine Zierde ihres Geschlechts : Wohnt Tugend in ihrer Brust : Ist sie , wie die Schrift sagt , mit Scham und Zucht geschmückt , so wird sie eine nachdrückliche Lehrerin ihres Geschlechts und sie wirkt gewiß durch ihr Beispiel mehr , als der Mann durch seine Predigten . Siehst Du , lieber Bruder ! Über diese Stelle verlange ich Deine Meinung zu wissen - und zwar recht ausführlich ! Das weiß ich wohl , daß ein jeder Mensch verbunden ist , anderen gute Beispiele zu geben , aber daß eine Priesterfrau dazu mehr verbunden sein soll , als andere Frauen , daran habe ich niemals gedacht : Und nach dieser Stelle zu urteilen , sieht es doch fast aus , als ob es wahr wäre . Setze also nur immer eine kleine Abhandlung , oder einen hübsch langen Brief darüber auf und mache mir damit ein Präsent auf meine Hochzeit . Aber schicken mußt Du mir_es ja nicht , sondern , wie gesagt , selbst bringen , selbst in die Hände geben - Deswegen nehme ich auch in diesem Briefe nur ganz kurz von Dir Abschied : Bis auf Wiedersehen ! Der andere : Mein lieber Sohn , Ich will nur immer den alten Titel beibehalten , den Du so gerne hörest und den ich Dir so gerne gebe . Mein lieber Sohn ! Ich bin immer noch Deine gute , redliche Mutter , die keinen Tag vorbei gehen läßt , ohne an Dich zu denken und ich weiß gewiß , Du denkst auch manchmal an mich . Es ist mir jetzund recht wohl , da ich das Glück meiner Tochter vor Augen sehe . Sie wird Dir wohl alles recht ausführlich geschrieben haben ! Ich will Dir nur sagen , daß es mir eine ungemeine Freude ist , daß ich meine alten Tage auf dem Lande beschließen kann . Ich weiß nicht , es ist , als ob man in der Stadt gar nicht recht mit Ruhe und Friede an den Tod denken könnte . Auf dem Lande , denke ich , will ich es noch einmal so gut können Mein Schwiegersohn ist ein rechter braver Mann , den ich so lieb habe , wie Dich . Er wird es ma an nichts fehlen lassen und so werde ich meine Todesstunde heranbringen , ohne es einmal recht zu merken : Ich habe letzthin einen bösen , garstigen Traum von Dir gehabt . Es kam mir vor , Du stündest vor einem Manne mit einem Papiere in der Hand , das wie ein Wechsel aussah . Indem Du dem Manne das Papier überreichen wolltest , kam ein anderer und riß es Dir aus der Hand und damit fort . Du liefest ihm nach , aber Du konntest ihn nicht einholen . Ich bin eben nicht abergläubisch : aber ich habe schon oft Träume gehabt , die mir und anderen etwas bedeutet haben . Es könnte wohl sein , daß Dir ein kleines Unglück begegnet wäre oder noch bevorstünde ! Je nun : Was sagt unser lieber Gellert ? Wir leben nicht auf Erden um glücklich hier zu werden . Doch ja ! Wir können auch schon hier glücklich werden , wenn wir nur unser Glück da suchen , wo es zu finden ist . Ich mag mich jetzund wohl glücklich nennen ! Mein einziges Kind wird nun bald versorgt werden : Nun habe ich keine Sorgen auf dieser Welt mehr . Noch einen Wunsch habe ich ! Ich möchte Dich gern auf meiner Tochter Hochzeit sehen . Doch sie wird Dir_es wohl selber nahe genug gelegt haben . Komme also nur , lieber Sohn ! wer weiß , siehst Du mich auf dieser Welt noch mehr , als ein einzigesmal . Lebe wohl ! Nun Glück auf den Weg , diesen vier herzbrechenden Briefen , von denen einer immer mehr an die Seele geht , als der andere . Bis die Antwort einlauft , will ich mit einem hochgeehrten Publikum noch dieses und jenes schwatzen ! Mein junger Herr hat mir da allerhand Einwürfe wider meine Komödie gemacht , von denen wohl einer oder andere wahr sein mag : aber alle sind sie es gewiß nicht . Ich soll da die Minna von Barnhelm nachgeahmt haben ! Zum Kuckuck , wie kann man denn nachahmen , wenn man Dinge aufs Theater bringt , die sich wirklich zugetragen haben ? Was kann denn ich dafür , daß die Frau von Taubenhain eine eben so brave Frau ist , als die Minna ein braves Mädchen ? Was kann denn ich dafür , daß sie ihrem Manne nachreist , so wie diese ihrem Bräutigam ? Ich dächte doch so unmaßgeblich , zum Nachreisen hatte Madame noch eher Recht , als Mademoiselle . Ja , wenn ich das ganze Stück aus meinem eigenen Gehirne erfunden hätte , so könnte es wohl sein - aber dawider protestiere ich für den ganzen hochgeneigten Publikum ! Ein anderer Einwurf ist nun auch so so : Ob die Eifersucht des Herrn von Taubenhain wohl einem Deutschen natürlich ist ? Ja wohl ist sie ihm natürlich , oder ich müßte kein Deutscher sein . Sappelot , wenn ich an des Herrn von Taubenhain Stelle gewesen wäre und ich hätte hinter meiner Frauen Bette einen Kerl gesehen - Ich wäre toll und rasend geworden ; Ich hätte in dem Schlosse einen Lärm angefangen , daß das ganze Dorf zusammengelaufen wäre . Möchte doch meine Frau vorhin noch so tugendhaft gewesen sein , so hätte ich sie doch in der Hitze Nickel etc . und wer weiß , was sonst noch geheißen . Das wäre mir natürlich gewesen : aber das war nun dem Herrn von Taubenhain nicht natürlich . Meine Hitze geht allemal nach außen : Die seinige ging nach innen . Meine Flamme schlägt über sich und macht ein Geprassel , daß einem die Ohren wehe tun : Aber seine Flamme glüht in aller Stille weg und ist bei alledem so heiß , als meine nur immer sein kann . Eines ist so natürlich , als das andere . Was fragt der Mensch in der Hitze nach dem Vergangenen ? Da sieht wohl , denke ich , ein jeder bloß aufs Gegenwärtige . Freilich wäre es besser , wenn wir_es nicht so machten : Aber die Welt ist nun einmal für allemal ein großes Narrenhaus ! Wer kann sie anders machen ? Bei dieser Gelegenheit kann ich mich nicht enthalten , ein Projekt auszukramen , das mir letzthin einmal bei einer Pfeife Tabak einfiel und das auch vielleicht nicht mehr wert ist , als eine Pfeife Tabak : Indessen - hören läßt es sich immer : und wenn ich der Mann wäre , der den Projekten den Nachdruck geben könnte , so glaube ich immer , dieses müßte mir gelingen . Die Malerei ist doch eine Kunst ? Nun Ja ! Das gibt mir ein jeder zu ! Die Tragödien- und Komödienmacherei ist doch auch eine ? Richtig ! Nun gibt es doch Malerschulen ? O Ja ! Und rechte schöne ! Gut , so müßte es auch Theaterschulen geben ! Das ist mein Projekt - und es ist ein vernünftiges Projekt , oder ich will nicht Walther heißen . Zum - ! Die Komödien und Tragödienschreiber können ja unmöglich wie Schwämme aus der Erde wachsen ! Freilich in gewisser Absicht müssen sie wohl . Sie müssen ihre Geschicklichkeit aus Mutterleibe mitbringen . Das Spaßmachen muß ihnen eben so natürlich sein , wie dem Vogel das Fliegen : Aber sie können doch weder Komödien noch Tragödien aus Mutterleibe mitbringen . Die müssen sie erst machen lernen - und wenn man etwas soll machen lernen , so muß man einen Lehrmeister haben : Und also sollen und müssen von Rechtswegen Theaterschulen sein . Mich wundert gar nicht , daß wir so wenig gute deutsche Komödien haben : denn ob ich gleich nur ein Gastwirt bin , so habe ich doch soviel Iudicium in meinem Kopfe , daß ich einsehe , der guten deutschen Komödien sind sehr wenig - Aber wie gesagt , mich wundert gar nicht . Denn wenn nun einmal ein junger Mensch auftritt und etwas theatralisches zu Markte bringt , so fallen die Kunstrichter über ihn her , peitschen ihn bis aufs Blut und jagen ihn mit Schimpf und Schande fort : den armen gepeitschten Herrn Autor tut das wehe . Er schreibt entweder in seinem Leben nichts wieder oder er denkt in seinem Herzen : Ihr seid alle mit einander nicht gescheut - und schreibt solche erbärmliche Komödien , als seine erste war , immer in einem Atem fort , ohne sich an die ganze Welt zu kehren . In beiden Fällen kommt das Theater zu kurz ! Aber wäre nun husch in Deutschland eine Theaterschule , so könnten sie solche junge Herrchen frequentieren . Anstatt ihre Lehrburschenstücke drucken zu lassen , könnten sie sie ihrem Meister zeigen und ihm zu Fidibus geben , wenn sie nichts taugten . Taugten sie etwas , so könnten sie sie korrigieren lassen : So müßten wir ja wahrhaftig in 10 , 20 Jahren Komödien haben , die Hände und Füße hätten ! Hätten die Herren Schüler noch überdies ein wenig Ambition , so daß ein jeder immer wünschte und trachtete , den anderen zu übertreffen , so müßte es mit unrechten Dingen zugehen , wenn aus einer solchen Theaterschule nichts ordentliches herauskäme ! Aber , Herr Walther , Hochedlen ! der Sie so gut von Theaterschulen schwatzen können : Sein Sie doch so geneigt und nennen uns einen oder den anderen Mann , den Sie zum Meister der gedachten Schule vorschlagen könnten ! O warum nicht ? Ich bin sogleich erbötig ! Herr L und Herr W** " beide ausgelernte Meister in ihrer Kunst ! O was würden sie für Schüler heranziehen ! Was würden unter ihrer Aufsicht und durch ihren guten Rat für Meisterstücke zur Welt kommen ! Aber wo sollen denn die Schüler herkommen ? Sie werden schon herkommen ! Nur erst die Schule errichtet . Schüler werden sich von selbst finden . Da wird ein lustiger , dort ein trauriger , dort ein ernsthafter Kopf aufstehen und in die Schule gehen , und wenn auch schon nicht ein so großer Meister , doch gewiß auch ein Meister werden ! So wahr ich Walther heiße : Wenn die Theaterschule hier errichtet würde , ich liefe , ganz Leipzig zum Spektakel hinein und probierte , was ich noch auf meine alten Tage vor mich bringen könnte . Was die Schüler machen sollen ? Das läßt sich an den Fingern abzählen ! Sie sollen mit dem Kleinen anfangen und mit dem großen aufhören . Erst Gespräche - Erst ganz klei ne - dann große - dann Nachspiele ! Wir haben ohnehin wenig oder gar keine - dann immer weiter - Stücke von 3 bis 5 Akten . Haben Sie einmal ein gut Stück gemacht , so mögen sie die Schule verlassen : denn nun werden sie sich schon allein forthelfen . Aber sollen Sie denn immer arbeiten ? Ums Himmels Willen nicht . Bloß nach Lust und Belieben ! Sie sollen sich brav mit Menschen bekannt machen : Von Rechtswegen müßten sie in allen Familien Zutritt haben , so wie die Maler zu allen schönen Kindern . Es könnte auch nicht schaden , wenn sie bisweilen die Gasthöfe besuchten - Der meinige steht , im voraus bei Tag und bei Nacht zu Diensten . Ich denke , ich habe es deutlich gemacht , daß der Gasthof ein Ort ist , wo man Materie genug zu Komödien einsammeln kann . Sie müssen den Menschen hübsch bis auf den Grund des Herzens sehen lernen - Ie , das ist mein Projekt ! Und so gewiß es , so lange die Welt steht nicht zu Stande kommen wird , so gewiß ist doch eine Theaterschule nicht unmöglicher zu errichten , als eine Malerschule - so gewiß würden aus jener eben so gut Meister hervorgehen , wie aus dieser - so gewiß würde jene von eben dem Nutzen für das werte Vaterland sein , als diese . Das denke ich , Zebedäus Walther ! - Weg mit allen Projekten ! Da ist der Brief von meinem jungen Herrn ! " Ja - Dich habe ich zwar da in der Hand : Aber wenn ich nur auch die Kraft hätte , dich zu halten - Also an Sie soll ich schreiben , mein lieber Walther ! An Sie selbst ? Oder ist es nur ein bloßer Traum gewesen , daß Sie an mich geschrieben haben - daß ich wieder arm und unglücklich bin - Aber da steht es ja mit deutlichen Worten : Sie sind es zum drittenmal ! Grausam ! Grausam ! zum erstenmal ist nichts . Arm sein ist so gut , wie reich sein , wenn man reich sein nicht kennt . Dem armen , der nichts kennt als reines Quellwasser , kitzelt dieses Quellwasser die Zunge eben so sehr und inniglich , als dem Reichen sein Tokajer : Aber erst reich sein - erst den Überfluß gewohnt werden - und dann ein - zwei *- dreimal arm werden , das ist grausam , grausam ! Muß ich armes Geschöpf gerade gut genug sein , bald von der Höhe ins Tal , bald vom Tale ans die Höhe herab und herauf geschleudert zu werden . Ich habe keinen Schritt getan , um reich zu werden . Ohne alle mein zutun - ohne mein Wissen , Vermuten bin ich es geworden : aber dann hätte ich es auch bleiben sollen - Sollen - Es sollte vieles sein , vieles anders sein . Aus diesem Kapitel werde ich wohl meine Klage und mein Murren nicht führen dürfen : denn das geht bis ins Unendliche - Vielmehr - Ebendarum , weil ich zu meinem Gelde gekommen war , wie die blinde Henne zu - ich weiß selbst nicht was , so hätte ich_es auch denken können , daß ich auf eben die Art wieder darum kommen würde - und wenn ich es nicht gedacht habe , so ist es ein Zeichen , daß mich das Geld schon um meinen halben Verstand gebracht hatte . Doch ich werde nun Musse genug haben , wider dazu zu kommen - Dem Himmel sei Dank , daß fast alles um mich her glücklich ist - Ha ! das war ein vernünfiger Gedanke ! Kann ich noch vernünftig den ken ? Kann ich_es noch , Freund Walther ? So habe ich Hoffnung , daß ich ruhig werden werde . Aber einen vernünftigen Gedanken muß man ausdenken Wer ist glücklich ? - Meine Mutter und ihre Tochter - Mein Wohltäter und seine Frau - In Bautzen steht alles noch wohl - In Leipzig auch - sowohl auf dem Johanniskirchhofe , als in der Familie meiner kleinen Naiven - Ich allein , der ich sie alle mit einander als eine Familie und mich als einen Anverwandten betrachte , obgleich das Blut nichts davon weiß - Ich allein bin unglücklich ! Nun das ist bei alledem nicht so gar arg ! Unter so vielen Personen nur einer unglücklich - und noch dazu nur von außen - Das geht in dieser Welt wohl an - ist sogar schon mehr , als man in dieser Welt durch die Bank antrifft ! Aber wie gesagt , was mich schmerzt , ist dieses , daß mich das Glück ordentlich zum Besten hat und mit mir , wie mit einem kleinen Kinde spielt - " Da hast Du was , mein Engelchen ! Nimm hin ! - " Das Kind nimmt es - und freut sich - und freut sich halb tot - " Nein , du mußt mir_es wieder hergeben ! Das ist nicht für Dich - " Das Kind gibt es hin und weint und schreit - Sobald es stille ist und den Plunder schon ganz aus den Gedanken hat , so : " Nun da hast Du es wieder , mein Engelchen ! Es war nur mein Spaß ! " Das ist mein Text gewesen von Jugend an ! So hat das Glück mit mir gespielt , so lange ich vor mich denken kann : und wenn ich länger lebe , wie ich es denn kann - Himmel ! Was wird es noch für närrische Streiche mit mir vornehmen ! - Ha - Allmählich wird mir leicht ums Herz ! Das Schreiben tut gut ! Doch wohl mehr das Denken , als das Schreiben - So hat mir doch das einfältige Glück das Beste lassen müssen : Mein Denken ! So habe ich ja in mir eine stete Quelle der Glückseligkeit - und eine Quelle , die kein Bastard bei der Obrigkeit , als die seinige in Beschlag nehmen kann . Nun ist mir etwas wohl , mein lieber Zebedäus Walther ! Wie lange - weiß ich nicht : aber doch jetzt - und bis zu Ende meines Briefes , hoffe ich - Bei Ihrem und meines Freundes Briefe habe ich mich sehr albern gebärdet - Bald gelacht - bald mit den zähnen geknirscht - Bald eine mürrische , bittere Träne vergossen - Bald wieder gelacht und vor Ärger mit dem Fussel gestampft , daß ich lachen mußte - Schreiben Sie ums Himmels Willen keinem Menschen einen solchen Brief mehr ! Das ist der gerade Weg einem anderen verrückt zu machen - Ein anderer als ich , hätte auch ihren Brief gar nicht zu Ende gelesen Denn wer läßt sich wohl gern in seinem Verdruß und Ärger stören ? Aber , guter Freund ! Ich merkte gleich , wo sie hinauswollten , als sie mit der schönen Lehre von der Verachtung des Geldes anfingen . Das ist die gewöhnliche Captatio benevolenteae - Doch das verstehen Sie nicht und ich mag es Ihnen nicht übersetzen - kann es auch nicht - Sie müssen einen Unterschied machen , lieber Walther ! Bei der Verachtung des Geldes - Ich verachte das Geld überhaupt - das heißt : ich halte es für eins der schlechtesten Mittel sein Glück zu machen - Man hat Exempel die Menge von unglücklichen Geldkasten - Kurz , ich strebe nicht nach dem besitze von Reichtümern : Aber wenn mir die Reichtümer ohne mein zutun zugeworfen werden , so setze ich allerdings darin einen großen Wert - und wenn sie mir , ebenfalls ohne mem zutun , wider genommen werden , so nenne ich das allerdings einen Verlust , einen großen Verlust - der schmerzlich , recht sehr schmerzlich ist - Es ist nicht leicht und für einen jungen Menschen , wie ich bin , unendlich schwer , die Rolle eines unachtsamen Verschwenders ( Ich bekenne und leugne nicht ) mit der Rolle eines achtsamen Sparers zu vertauschen . Ehe ich mich wieder darin finde , wird mancher Tropfen der Ungeduld auf meiner Stirn stehen - und wenn ich dieses bedenke , so geht meine Munterkeit , so wie mein Geld , den Weg alles Fleisches . Wäre mein alter Vetter doch nie reich gewesen ! Oder mein Freund hätte mich ihm nie empfohlen ? Oder es wäre ihm nie eingefallen , mich zum Erben einzusetzen ? Oder , du elender Bastard ! wärest einen Monat später in die Welt gekommen ? So dürfte ich nicht , wie der Fuchs ohne Schwanz , einherziehen , so hätten meine Mitbürger nichts zu lachen , nichts zu schaden frohlocken - Und wer weiß , wie Monsieur Bastard sein Geld anwendet ! vielleicht pflanzet er bloß den Geiz seines Vaters fort - und um dieser Absicht Willen mußte ich hintennach stehen ? Ich , der ich eine ganze lange Reihe der schönsten Vorsätze hatte , die ich gewiß - ganz gewiß ausgeführt hätte - Oder vielleicht war es noch ärger - Die Mutter schickt den Jungen nah Gelde , damit sie es mit Ihren Galanen durchbringen kann - - Pfui , was habe ich geschrieben ! Verleumdungen , Ungerechtigkeiten - was weiß ich_es ! Du elender Bastard ? Du armer Bastard hätte es heißen sollen . Gewiß er ist arm - er braucht das Geld nötiger , als ich . Wie würde ihn nicht ohne dasselbe seine zweifelhafte Geburt verfolgen ! Und ich wünsche sie noch einen Monat später ? - Daß ich mich nicht in die Augen schlage ! Verdient habe ich_es ! Woher weiß ich_es denn , daß er den Geiz seines Vaters fortpflanzen wird ? Darf ein Vernünftiger auf ein Vielleicht bauen ? Oder , wenn er es darf , wird er nicht so bauen müssen : Vielleicht wendet er seinen Reichtum besser an , als ich - Vielleicht hat er noch weit bessere Vorsätze und noch weit mehr Überlegung , sie auszuführen , als ich - Wie ungleich bin ich mir ! Vorhin einen so vernünftigen Gedanken - Wer weiß auch , war er_es ! Doch in ! - Dem Himmel sei Dank , daß fast alles um mich her glücklich ist ! Gut , daß es mir einfällt ! Ich habe im zählen eine glückliche vergessen ! Raten Sie einmal , wen ? Die brave Frau , die ich auf meinem ehemaligen Zimmer antraf - Sie hat ihren Mann wieder und kann ihn nun auf immer genießen ! Ich habe sie besucht ! Sie hat mir für meine günstige Weissagung oder vielmehr für ihre glückliche Erfüllung die Hand gedrückt ! Um diesen Händedruk verschmerze ich schon ein Kapital . Mein Wohltäter ist wieder gesund : Die Freude über die Aussöhnung mit seiner Gattin hat ihn in einem Nun geheilt . Sie scheint ihn nun in der Tat recht brünstig zu lieben , so wie er sie ! Alles ist vergeben und vergessen . Es geht nächster Tages nach z**- Ich soll mit : aber Nein ! Ich will fort . Ich will zu meinem Freunde nach L fliehen . Selbst meine Mutter , meine Schwester sollen mich nicht mit einem Auge sehen . Ich würde nur den Verlust meines Vermögens ausplaudern und sie dadurch unglücklich machen . Nein ! Aus meinem Munde soll ihn niemand der Meinigen erfahren . Nach L will ich - und ums Himmels Willen nicht über Leipzig . Ich denke , Sie sollen mir keine Vorwürfe machen ! Was soll ich in Leipzig , wenn ich mit der Erzählung meines Unglücks niemanden lästig werden will ? zu dem jungen , zärtlichen Weibchen und zu ihrem lieben Manne und zu ihren braven Eltern müßte ich ja doch geben - und das , sehen Sie wohl , kann ich nicht , will ich nicht . Machen Sie sich also nur gefast , mich auf dieser Welt nie wieder zu sehen ! Guter , ehrlicher Walther ! Dank für alles ! Besonders für Ihre Anbietung , mich mit Gelde zu unterstützen . Glauben Sie mir : Schon damals , als ich noch bei Ihnen war , traute ich Ihnen diese Freundschaft zu , ob ich sie Ihnen gleich bisweilen aus Mutwillen absprach . Ich habe noch so viel , als ich zu meiner Reise brauche : Für das Übrige wird der sorgen , der den jungen Raben ihr Futter gibt . Ich werde mich mit meiner Reise nicht übereilen , sondern sie ganz gemächlich tun . Unterwegs werde ich fleißig nachfragen , ob es Menschen gibt , die bei einem ähnlichen Schicksale mit dem meinigen , sich zu trösten wissen und wie sie das machen ? Und so wie ich sonst nach Empfindungen gehascht habe , will ich jetzt nach Elend haschen . Ich denke , es soll mir an Gegenständen nicht fehlen - und da ich einmal meine kleinen Begebenheiten gern schriftlich Aufsätze , so sollen Sie auch von dieser meiner Reise alles haarklein erfahren - Aber eben fällt mir_es ein ! - Freund , Freund ! Was haben Sie für einen seltsamen , wunderlichen , närrischen Streiche gemacht ? Meine Briefe drucken zu lassen ! Sehen Sie , wenn ich Sie nicht um Ihrer guten Seite Willen so lieb hätte , um Ihnen alles zu vergeben , es sei auch , was es wolle : Dieses vergäbe ich Ihnen gewiß nicht ! Sie nehmen nichts auf Ihr Risiko : Über Sie wird man lachen und mich wird man tadeln ! Doch das ist noch das wenigste ! Sie bedenken nicht , unter welchen Meisterstücken des menschlichen Verstandes und Witzes , dieser armselige , zusammengestoppelte Teil Reisen auftreten wird ! Und welche klägliche Figur wird er alsdann machen ? Ernstlich - Ich bin böse auf Sie , und käme ich nach Leipzig , ich würde Ihnen einen gewaltigen Text lesen ! Doch es ist geschehen ! Lassen Sie die paar Briefe , die ich Ihnen noch schicken werde , abdrucken und damit Finis ! Aber das bitte ich Sie : Mir ja kein Exemplar ! Ich mag nicht noch mehr Ärger und Verdruß haben , als schon - Leben Sie wohl ! Ich bin nicht böse . Sie sind ein braver , rechtschaffener Mann ! Selbst wenn Sie nur Streiche spielen . Über mein Unglück will ich mich wohl nach und nach selbst beruhigen ! Es währt keine 8 Tage , so haben Sie wieder einen Brief von mir . Bei meinem Wohltäter wende ich vor , ich wollte auf meiner Schwester Hochzeit : Ich muß mich weglügen , anders geht es nicht ! Leben Sie wohl ! Welch ein Brief ! So hatte ich ihn nicht vermutet ! Aber nun vermute ich : Der Verlust der Erbschaft wird aus meinem jungen Herrn einen ganz anderen Menschen machen . Nicht einen ganz anderen : Denn das wäre Schade : Aber Dach in manchen Stücken ganz anders . Er wird lustig und aufgeräumt bleiben , wünsche ich von Herzen : aber er wird seine Lustigkeit so - wie sage ich doch ? - so mehr in seine Gewalt bekommen . Er wird du überflüssige Ende von seinem Leichtsinne verliehen und nur so viel davon übrig behalten , als da nötig ist , um ohne Sorge und Kummer zu leben . Er wird nun auf das zukünftige denken lernen - O nein , lieber Herzensfreund ! Ich möchte mich der Augenblick auf die Post setzen und zu Ihnen fahren , um Ihnen einmal die Hand recht satt zu drücken ! Eins ! Und um Ihnen rechte herbe Vorwürfe zu machen , daß Sie mein Geld nicht haben wollen ! O Sie sollen es schon noch nehmen - Und wenn ich acht Tage auf einen Schwenk sinnen soll , es Ihnen beizubringen , so sollen Sie es ganz gewiß noch nehmen ! Um sind die 8 Tage und da ist der Brief ! Lieber Walther , ( Ich habe mich doch in meinem letzten Briefe unglücklich genannt ? Ich tue einen herzlichen Widerruf . Ich bin es nicht . Ich bin glücklich - glücklicher als ich es zu sein verdiene . Gestern habe ich einen kleinen Anfang gemacht , Unglückliche kennen zu lernen . Ein Soldat - Noch habe ich sein Bild vor Augen ! Ein alter , ehrwürdiger , abgedankter Soldat sprach mich , als ich eben auf der Post zum Tore herausfuhr , um ein Almosen an : aber auf eine Art - Denken Sie nur , wie mir zu Mute sein mochte . Sie sind doch ein Mensch , rief er mir mit einer harten Stimme und mit einer finsteren Stirn zu , als ich bei ihm vorbeifuhr - Ich wußte nicht , wie mir geschah - hieß den Postillion halten und fragte , was er wollte ? - Sie sind doch ein Mensch , rief er zum zweitenmal mit eben der Stimme und mit eben der kriegerischen Mine - Ja , mein Freund ! sagte ich - Und ich bin doch auch einer , sprach er in eben dem Tone - Ja , sagte ich - Nun so nehmen Sie sich meiner an , sagte er - Da sehen Sie ! Hier streckte er mir den rechten Arm entgegen - ohne Hand - Himmel ! Welch eine Appellation an die Barmherzigkeit der Menschen ! Ich dächte , wo nur noch ein Funken davon vorhanden wäre , so müßte er auf einen solchen Schlag herausspringen ! - Fahre er nur zu , Postillion , sagte ich , indem ich vom Wagen stieg : Ich will schon nachkommen . Nehmen Sie es nicht übel , mein Herr ! sagte der Soldat , daß ich so hart mit Ihnen gesprochen habe . Es ist heute das erstemal , daß ich bettle ; Bisher habe ich es noch nicht nötig gehabt : aber jetzt treibt mich die Not dazu . Leider , ist nur kein Barmherzigkeit unter den Menschen ! Es sind eben zwei Kutschen mit vornehmen Leuten bei mir vorbei gefahren . Ich habe sie alle beide angesprochen : aber ich habe nicht einen roten Heller bekommen : Darüber bin ich böse geworden - und wenn ich auch bei Ihnen vergebens gebettelt hätte , so würde ich mir meinen alten Säbel ins Herz gestoßen haben . Lieber so , als verhungert ! So sei es dem Himmel gedankt , sagte ich , daß ich zu rechter Zeit gekommen bin , um ihn zu retten . Hat er nichts zu versäumen ? " Nein , Nun so gehe er mit mir . Ich kann ihm zwar nicht viel geben : Jetzt bin ich selbst arm - Wäre er vor ein paar Wochen zu mir gekommen , so wäre es für ihn besser gewesen - Aber wer weiß , wie es der Himmel fügt . Was ich ihm nicht geben kann , das kann ich doch vielleicht für ihn erbetteln ! Erbetteln ? - Bei diesem Worte machte der Soldat ungemein große Augen - und ich glaube , Sie machen sie wohl selbst , mein lieber Walther ! Sie hätten schwerlich den Mut für einen Bettler , der nicht kräftig genug für sich betteln kann , etwas zu erbetteln : Aber bedenken Sie , wie gut das sein würde , wenn dieses Vice- Betteln eingeführt würde - wenn ein jeder Mensch von irgend einiger Extraktion sich zum Vize-Bettler eines armen Teufels oder einer ganzen armen Familie aufwürfe und bei seinen Anverwandten , Freunden , Gönnern , Bekannten etc . sein Wort führte - Den Bettler kann man ohne Schande abweisen , wenigstens glaubt man_es : Den Vice- Bettler könnte man nicht abweisen - Der Bettler darf sein Elend nicht ausführlich vorstellen - zwar er darf es : aber wer hört ihn ? Der Vice- Bettler hingegen dürfte es - Den Bettler flieht man - oder vielmehr man flieht seine Lumpen - Schlecht genug : aber es ist nun einmal so ! Den Vize-Bettler könnte man aus dieser Ursache nicht fliehen - O gewiß ein guter Vice Bettler wäre eben so gut , als der beste Armenvorsteher ! Aber wer wird sich dazu für schlecht - oder gut genug halten ? Erbetteln ? - Pfui ist die allgemeine Antwort , die ein jeder darauf gibt und so ist mein Vorschlag in den Wind geschrieben und gedruckt . So oder nicht viel anders mußte sich der arme Soldat die Sache vorstellen , weil er bei meiner Anerbietung so große Augen machte : Indessen ließ ihn der Ton , den ich auf alles lege , was mir von Herzen geht , nicht im geringsten zweifeln , es sei wenigstens mein Ernst . Sie sind auch gar zu gutherzig , sagte er - Das macht , ich bin selbst unglücklich - aber freilich , noch nicht so unglücklich , wie er - Armer Mann ! Wie ist er denn um seine Hand gekommen ? Eine Lumpen- Kartätsche hat sie heiße mitgehen . Eine Lumpen-Kartätsche ? sagte ich - O was send ihr Soldaten für Leute ! Wenn ihr von einer verlorenen Hand , so kalt und verächtlich sprechen könnt , so wißt ihr gar nichts von Unglück . O mein guter Herr , sagte er - Eine Hand mehr oder weniger ist auch im Kriege gar nichts . Wenn nun das Stück Kette , was mir meine Hand mitnahm , ein paar Hände breit tiefer gekommen wäre und hätte mir meine Beine mitgenommen : Wäre das nicht noch ärger ? Ein kalter Schauder fuhr mir durch alle meine Glieder , als er das sagte - Der Rumpf ohne Beine stand mir vor Augen - und mein Haar sträubte sich beim Anblicke desselben in die Höhe - Ja , Herr , fuhr der Soldat fort , da ich zu schwach war , ihm auf seine Frage zu antworten - Ein Schlachtfeld sollten sie einmal sehen - und so etwan eine Stunde nach der Bataille darauf herum marschieren ! Da würden Sie Blessuren sehen , die etwas mehr zu bedeuten haben - und auch ein bisschen mehr wehe tun , als diese da . Hier fing er an , mir eine Beschreibung von diesen mehrbedeutenden Blessuren zu machen - Ich wünschte , daß alle diejenigen , die sich für unglücklich halten , sie hätten hören mögen - Wie würden sie sich ihrer nichtigen Klagen schämen ! Ich bin nicht unglücklich : Darauf will ich nun schwören ! So weit hat mich der Soldat gebracht . Mitten unter seiner gräßlichen Erzählung langten wir in einem kleinen Städtchen an , wo ich mein Vice- Bettleramt anzutreten gedachte . Ich ließ den Soldaten nicht von meiner Seite , ohne zu bedenken , daß ich dadurch das ganze Städtchen irre machte , ob der Soldat mein Gefangener oder ich der Seinige wäre . Der Burgermeister war meine erste Frage . Man sagte mir seine Wohnung und ich ging mit meinen Soldaten herzhaft darauf zu . Ich ließ ihn vor der Türe stehen und sachte das Zimmer des Herrn vom Hause . Eine Magd kam mir aus einer Küche entgegen geschossen und sagte uns , er wäre nicht zu Hause - Aber die gestrenge Frau ist doch zu Hause ? Ja , sagte sie - Nun so tue sie mir den Gefallen und melde sie mich bei der gestrengen Frau ! Die Magd ging sogleich in die Stube , vor der ich stand und meldete mich so laut an , daß ich ein jedes Wort vernehmen konnte . Frau Burgermeisterin , sagte sie - Es ist ein fremder Herr draußen - in einem grünen Kleide - in einer roten Weste - er ist noch sehr jung - ich schätze ihn etliche zwanzig Jahr - er trägt sein eigen Haar - er hat hübsche rote Backen und ist so höflich - so höflich - er sagte zu mir : Jungferchen ! Tue sie mir nur den Gefallen und melde sie mich bei der gestrengen Frau Denken sie nur bei der gestrengen Frau - Ist das nicht recht hübsch ? Er fragte gleich , ob die gestrenge Frau nicht zu Hause wäre - O es ist ein gar zu höflicher Herr ! Wer weiß , was er bei Ihnen will - Herr Jemine , sagte die gestrenge Frau : Wenn ich doch gleich angezogen wäre ! Wie jung ist er ? J , etliche zwanzig Jahre - wo er sie noch ist - Und trägt seine eigenen Haare ? Ja , Ja , und rechte schöne lange Haare So gehe nur den Augenblick und hohle mir meine rote Kontusche von der Kammer und sage nur , zu dem fremden Herrn , er möchte sich nur ein klein wenig gedulden : Die gestrenge Frau würde gleich fertig sein - Hörst du ? Die Magd brachte mir sogleich dieses Kompliment , das ich schon gehört hatte - Wenn sich nur die gestrenge Frau meinetwegen nicht etwan Ungelegenheit machten , sagte ich - Es sollte mir sehr leid tun - Ich muß mich schämen , daß ich der gestrengen Frau so unordentlich unter die Augen trete - Aber ich hoffe , die gestrenge Frau wird mich entschuldigen : Ich komme von der Reise - Die Magd lief gleich wieder in ihrer Frauen Stube zurück Hören Sie nur , Frau Burgermeisterin , sagte sie - Der fremde Herr kommt von der Reise - Er sagte mir , ich möchte nur zu der gestrengen Frau sagen , daß sich die gestrenge Frau ja keine Ungelegenheit machten - Denn das sollte ihm herzlich leid tun - er sagte einmal über das andere gestrenge Frau - er ist gar zu höflich - J , Herr Jemine , sagte sie , machst Du mir doch eine ordentliche Freude ! Gut , nun soll mich die Stadtschreiberin auch gestrenge Frau nennen - Hohle mir nur die Kontusche - Hörst Du ? J , was brauchen Sie denn nun die Kontusche ? Sie sind ja doch gestrenge Frau . Es ist wahr , sagte sie - Nun sage nur zu dem fremden Herrn - Er muß es ja doch wenigstens wissen , wegen der Kontusche - Sonst denkt er , ich habe keine - Sagen Sie es ihm nur selber , Frau Bur - Gestrenge Frau wollte ich sagen - Nun , ich will ihm die Türe aufmachen - Nicht ? Ja , Ja , mache nur auf - Aber erst hättest Du wohl ein bisschen auskehren mögen - J das währt ja zu lange - Knacks , ging die Türe auf . Gestrenge Frau , sagte ich , indem ich herein trat und eine sehr tiefe Verbeugung machte - Ihre Dienerin , sagte sie - Nehmen Sie es nur ja nicht übel , daß ich meine Kontusche nicht anhabe - Ich dachte nicht , daß ich heute Besuch bekommen würde - O die Kontusche ist ganz überflüssig - Man sieht es Ihnen ja doch wohl an , daß Sie die Frau Gemahlin des gestrengen Herrn Burgermeisters sind - Hier erfolgte ein verschämtes Hihi und eine Verbeugung - Ich höre , der Herr Gemahl sind nicht zu Hause , fuhr ich fort - Nein , sagte sie : Mein Herr Gemahl ist auf dem Rathause : Ich denke aber , er wird gleich nach Hause kommen - Sie haben gewiß was an ihn zu bestellen - Ja , gestrenge Frau ! Ich wollte mich unterstehen , dem gestrengen Herrn Gemahle einen armen Soldaten zu empfehlen , der mich unterwegs angesprochen hat - Der Herr Burgermeister Hochedelgebohrnen - ( Hier erfolgten ein paar so dankbarer Augen , als hätte ich der Frau Burgermeisterin ein Präsent mit Brabanter Spitzen gemacht ) - - sind weit und breit als ein Vater der Armen bekannt - . Sie sind gar zu gütig , sagte sie - Ich bin im voraus überzeugt , Sie werden sich des armen Schelmen erbarmen - besonders wenn die gestrenge Frau die Güte für mich haben und ein gut Wort bei dem Herrn Gemahle einlegen wollen - Ich weiß , wie viel Sie über den Herrn Gemahl vermögen - Sie sind gar zu gütig , sagte sie - Ja , Gott sei Dank ! Wir leben in unserem Ehestande zusammen , wie Kinder - Wir haben uns nun schon in die 15 Jahre : Aber es ist auch noch nicht ein böses Wort unter uns vorgefallen - Was ich will , das will auch er - Das bin ich überzeugt , sagte ich - Deswegen habe ich auch nicht ermangeln wollen , mich an die gestrenge Frau zu wenden , ob ich gleich hörte , daß der Herr Gemahl nicht zu Haufen wären - Ich dachte , es wäre eins - Ja , Ja , sagte sie - Sie können sich darauf verlassen - Wir wollen schon für ihn sorgen - Ach Herr Jemine ! Nehmen Sie es ja nicht übel - Ich habe Sie noch nicht niedersitzen heißen - Setzen Sie sich ! - Nicht eher , als bis sich die gestrenge Frau werden niedergelassen haben - Sie sind gar zu galant - Ich weiß meine Schuldigkeit - Nun wenn Sie es denn so haben wollen - Aber mit Erlaubnis : Wie ist denn der Soldat zu Ihnen gekommen ? - Ganz von ungefähr - Ich fuhr auf der Post bei ihm vorbei und sah , daß er nur eine Hand hatte - Ach , Herr Jemine ! Nur eine Hand ? Je welche fehlt ihm denn , die rechte oder die linke ? Es ist die rechte . Herr Jemine ! Die rechte Hand ? Je wie ist er denn darum gekommen ? Sie ist ihm im Kriege abgeschossen worden . Im Kriege ? Ach , daß doch gar kein Krieg in der Welt wäre Nun mit dieser Deklamation auf den Krieg will ich sie verschonen , mein lieber Walther , und Ihnen nur das Ende vom Liede erzählen . Wir waren bereits vom Kriege auf den Frieden , vom Frieden auf die schlechten Zeiten , von den itzigen schlechten Zeiten auf die ehemaligen guten und wer weiß worauf sonst noch gekommen , als der Herr Burgenmeister Hochedelgebohrnen nach Hause kam und seine Ankunft sogleich durch einen recht burgermeisterlichen Lärm ankündigte . Er hatte meinen ehrlichen Soldaten unten vor seinem Hause angetroffen und ihn trotzig gefragt , wer er wäre ? Dieser hatte ihm eben so trotzig geantwortet , er wäre ein Soldat . Was er wollte ? Hierauf hatte der Soldat nichts weiter getan , als seinen rechten Arm ohne Hand vorgezeigt . Der Herr Burgermeister hatte sich in diese Appellation , die gar nicht in forma war , nicht finden können oder war wohl gar ein wenig aus seiner Fassung gebracht worden - Kurz er kam sogleich die Treppe herauf , machte die Türe auf und fragte : Was ist das für ein Kerl da unten ? Madame ging ihm sogleich entgegen - und er nahm , als er mich erblickte , seinen Hut ab - Mein lieber Herr Gemahl , sagte sie - Hier der fremde Herr hat ein Anliegen an Dich - Ich soll ein gut Wort für ihn einlegen - Er sagte , der gestrenge Herr Burgermeister würden von der Güte sein und für den armen Soldaten sorgen - Du wärest weit und breit bekannt , sagte er - Ja , fiel ich ihr in die Rede - Gestrenger Herr ! Ich weiß , daß Ihre Polizeianstalten weit besser sind , als die in den großen Städten und daß Sie auf meine untertänige Bitte sich ein Vergnügen daraus machen , für einen armen Teufel zu sorgen , der nur eine Hand hat - Er will nicht auf das Armenhaus - Er will nur Arbeit haben ; und ob er gleich nur eine Hand hat , so sagt er , könnte er doch mit den Schultern arbeiten - Ich hoffe , gestrenger Herr ! Sie werden es Ihrer Frau Gemahlin zu Gefallen tun - Ach ja , mein Kind , tue mir_es nur zu Gefallen - Du weißt wohl ! Nun , nun , mein Kind , sagte er : Man muß eine Sache erst gehörig überlegen - Was ist es denn für ein Kerl ? Ein sehr braver Kerl , sagte ich , der es tausendmal verdient hätte , daß ihn seine Vaterstadt ernährte : Aber , leider ! Die Polizeianstalten - Sie werden wissen , mein gestrenger Herr ! wie schlecht sie meistenteils in großen Städten sein . Ich wünschte , daß mancher , den ich recht gut kenne , zu Ihnen in die Schule ginge - Hier fing der Herr Burgermeister an zu lachen - Nun , es sei darum , sagte er ! Ihnen und meiner Frau zu Gefallen - Ich hielt mich noch einige Zeit bei dem Herrn Burgermeister und bei der gestrengen Frau aufnahm darauf von Ihnen den höflichsten Abschied - und von dem alten , ehrlichen Soldaten , den beherztesten - Er blieb gleich da - drückte mir für Dankbarkeit die Hand fast entzwei und sagte mit , nun wolle er nicht wieder verzweifeln - Nun für diesmal , muß ich selbst gestehen , habe ich die Barmherzigkeit der Menschen ein wenig links angefaßt : Aber dafür war ich auch auf der Reise ! Das Sicherste war hier das Beste ! Ein andermal will ich es mehr rechter_Hand tun . Das ist meine erste Avantüre - Sobald ich wieder eine habe , so sollen Sie sie wissen ! Indessen gebe ich Ihnen die teuerste Versicherung - Meine Taler sind ganz vergessen ! Ich kann ohne sie vergnügt und zufrieden sein . Nächstens ein mehreres Adieu ! Lieber Walther , Also hat er doch ihr Herz ein wenig erschüttert - Der alte rauhe Soldat , mit einer Hand ? Es freut mich von Herzen . Wir Menschen verhalten uns in einer gewissen Absicht umgekehrt wie die Bäume . Je fester diese in ihrem Boden stehen - Desto besser . Je lockerer wir - Desto besser . Unsere Tugend besteht darin , daß wir uns leicht erschüttern lassen , so wie jener , nicht leicht erschüttert zu werden . Lassen Sie sich nur immer noch einmal - und nicht bloß ein wenig - stark und ganz erschüttern : Es wird Ihnen gewiß gut tun ! Der alte Soldat ist nichts - Auch er ist nicht unglücklich ! Er hungerte , es ist wahr : Aber wie oft mochte er wohl schon im Felde gehungert haben ! Die Vorüberfahrenden wollten mit ihm keine Barmherzigkeit haben - Auch hart und kränkend : Aber wie oft mochte man schon mit ihm keine Barmherzigkeit gehabt haben ! Kurz das ist nichts - Ich habe eine Unglückliche gesehen - Er komme , wer sich mit ihr zu messen getraut - Er komme und gehe beschämt zurück und sage : Nein ! So unglücklich bin ich nicht ! Ich danke es meinem guten Geschicke tausendmal , daß es mich diese Unglückliche hat kennen lernen ! Der Eindruck , den sie auf mich gemacht hat , wird nie verlöschen - ist unauslöschlich . So oft sich ihr Bild meiner Seele darstellt , so oft scheu mir die Welt so klein , so verächtlich - alles Glück so abgeschmackt - alle Freude so albern , als ich immer gewünscht habe , daß es mir scheinen möchte , als es mir aber noch nie geschienen hat . Ich war schon viele Meilen auf meiner Reise weiter fortgerückt , ohne das geringste Merkwürdige gesehen oder gehört zu haben , als ich aus Verdruß und Langeweile , nicht weit von einem Marktflecken , wie es mir vorkam , vom Postwagen abstieg und zu Fuße nachschlich . Die schlechten Häuser , die ich erblickte , zogen meine Augen ganz natürlich an sich - Ich dachte , ob nicht vielleicht in ihnen mehr Glückseligkeit und Tugend wohnen möchte , als in den großen , großen Pallästen - Diesem Gedanken zu folge betrachtete ich eine Hütte nach der anderen - Bald aber erblickte ich etwas weiter vor mir einen weiblichen Kopf aus einem mit Papier beklebten Fenster heraussehen - Der Kopf wandte sich nach der Gegend zu , wo ich herkam - und siehe : Es war ein weißes Frauensgesicht - mit einer schlechten Haube auf dem Kopfe , an deren Stelle aber etwas besseres und modischeres zu gehören schien - Ein rotes , gesundes Dorfgesicht würde mich gar nicht in Verwunderung gesetzt haben : Aber ein weißes - wo kam das hierher ? Meine Neugierde erwachte - Ich machte allmählich kürzere und langsamere Schritte , um hinter die Sache zu kommen - Ich dachte , ich wollte sie bloß mit meinen Augen zusammenbuchstabieren : Aber das weiße Gesicht wendete sich gar bald wieder von mit weg , so daß ich nichts weiter davon sah , als die eine Wange - Ich verlängerte meine Schritte um nichts - Das würde mich , dachte ich , um den ganzen Aublik bringen - Und so kam ich dem weißen Gesichte bald gegen über - Ich blickte nach ihm : Aber es blickte nicht wieder nach mir - Ich war schon vorüber , als es einen ganz kleinen , schüchternen Seitenblick nach mir tat , den ich aber ganz auffaßte - Gleich darauf verließ das weiße Gesicht das Fenster gänzlich und ich konnte nun von der Avantüre denken , was ich wollte . Ich blieb mitten auf dem Wege stehen - Ein weißes , junges , blasses Gesicht - dem Anscheine nach aus der großen Welt , ( dachte ich bei mir selbst ) wie kommt das in dieses elende Haus ? Das muß ich wissen - Aber wozu ? Vielleicht ist die Ursache sehr alltäglich - Mag sein , ich muß es wissen - Und so ging ich gerade an das Haus und klopfte an . Ein stierer , schwarzer : aber doch eben nicht grausam scheinender Mann - den ich , so obenhin betrachtet , zu irgend einem Metier rechnete , wobei man die Barmherzigkeit bisweilen verleugnen muß - kam zur Türe heraus . Was soll_es sein ? Mein Freund - Er muß es mir nur nicht übel nehmen - Auslachen mag er mich immer . Wer ist denn das Frauenzimmer , die aus seine Stube zum Fenster heraussah ? Etwan seine Tochter ? Er muß nicht denken , daß ich Absichten auf sie habe - Ich bin nur neugierig - Der Mann lachte - Sie sind wohl ein Fremder , mein Herr ? Ja , sagte ich - Nun , das höre ich aus Ihren Reden - Wie so ? Sie würden sonst bei meiner Seele nicht zu mir kommen . Warum denn nicht ? Wissen Sie denn , wer ich bin ? Nun ? Ich bin der Gerichtsdiener . Immerhin ! Ein Gerichtsdiener ist so gut ein Mensch , wie andere - Das macht bei mir keinen Unterschied . Nun , nun : Aber wissen Sie denn auch , wer die ist , die zum Fenster herausgesehen hat ? Nun ? Eine Missetäterin . Gott ! Sie hat ein Kind umgebracht ! Allmächtiger Gott ! Nun werden Sie wohl genug haben , denke ich - Viel Glück ! Der Mann ging fort und ließ mich vor seiner Türe in der tiefsten Gedankenlosigkeit stehen . Ich hatte mir immer einmal gewünscht , einen Missetäter oder eine Missetäterin zu sprechen - Ich glaubte immer , und ich glaube es auch noch , daß ein Gespräch mit solchen Personen unter gewissen Umständen lehrreicher und nützlicher wäre , als irgend ein Gespräch in einem Staatszimmer - Jetzt hatte ich die Gelegenheit : aber sie kam mir zu unerwartet - sie überfiel mich zu plötzlich - Kaum aber war ich meiner wiederum selbst mächtig , so stand auch der Entschluß fest , diese Unglückliche zu sprechen . Ich klopfte den finsteren Mann noch einmal heraus - Ich habe noch nicht genug , mein Freund , sagte ich - Ich möchte wohl diese unglückliche Person selbst sprechen - Will er mich wohl für Geld und gute Worte einlassen ? Das kann wohl geschehen - Hier machte er mir die Türe auf - und ich war schon im Begriff , ins Gefängnis zu gehen , als mir eine Bedenklichkeit einfiel - Aber , mein Freund , die arme Seele wird vielleicht erschrecken , wenn eine ganz unbekannte Mannsperson zu ihr hereintritt - Das wird nicht viel zu sagen haben ! Besucht sie denn bisweilen jemand ? Keine lebendige Seele ! Das ist kläglich ! - So melde er mich lieber erst bei ihr an - Sage er , ich wäre ein Fremder : Aber ich wäre eines Jeden Unglücklichen Bruder ! Sie möchte sich nicht vor mir scheuen - J , sie wird sich auch nicht scheuen ! Besser ist besser ! Sage er_es ihr lieber vorher - Der Gerichtsdiener ging herein - kam bald wieder heraus und sagte mir , ich sollte kommen - Ich kam auch : aber der Himmel weiß , mit welchem Herzklopfen , mit welcher Angst - Das Gefängnis , in das ich hereinzutreten glaubte , war nicht ein eigentliches Gefängnis , sondern die ordentliche Wohnstube des Gerichtsdieners , in der die arme Seele die Erlaubnis hatte , sich den Tag über aufzuhalten - Freilich nicht viel von einem Gefängnisse unterschieden - Die hölzernen Wände waren schwarz - Die Decke drohte mir alle Augenblicke auf den Kopf zu fallen - Wenig Licht - Dieses fiel bloß durch ein paar kleine , halb aus Glas , halb aus Papier zusammengeklebten Fenster - Ein paar elende , hölzerne Schemel und eine Ofenbank waren die Meubeln alle - Ich hätte über den Anblick , bloß dieser Stube erschrecken können , wenn er mir neu gewesen wäre : aber so habe ich ihn schon öfter gesehen - Aber nun die arme Seele selber ! Sie war schlecht gekleidet - vom Kopf bis auf die Füße - nicht bis zum Ekel : Aber doch so weit , daß man sehen konnte , alles was sie anhatte , hatte ihr die karge Barmherzigkeit der Menschen zugeworfen - Sie war sehr mager - nicht groß - Ihr Gesicht , hatte viele regelmässige Züge und sie mußte ehemals nicht schlecht ausgesehen haben : aber , so wie sie jetzt war , waren ihre blauen Augen so matt , als wollten sie jeden Augenblick im Tode brechen - Ihre Wangen waren eingefallen - Ihre Farbe war die Farbe des eingewurzelten Grames und Kummers - Ihre Mine war aus Schmerz und Gelassenheit zusammengesetzt - Sie saß bei meinem Eintritte auf einem der hölzernen Stühle und schlug die Augen nieder - Ich ging mit meinem pochenden Herzen auf sie zu - stellte mich - nicht vor sie hin , sondern ihr zur Seiten - schwieg lange und sah bloß - Dann nahm ich sie bei der Hand - Ich schäme mich gar nicht , Ihnen dieses zu sagen , Herr Walther ! Sie werden zwar nach Ihrer Art viel daran auszusetzen finden - Die Haut wird Ihnen dafür schaudern - Sie würden es in alle Ewigkeit nicht getan haben - Es sei : Genug mein Herz fand , in dem Augenblicke , da ich es tat , nichts daran auszusetzen - Mehr brauche ich nicht , um meine Handlungen aller Welt zu erzählen . Armes , unglückliches Mädchen ! sagte ich - Ich bedaure Dich von ganzer Seele - Das Mädchen schlug ihre Augen auf und sch mich an - ich glaube , um mich stillschweigend zu fragen , ob es mir mit meinem Vorgeben Ernst wäre - denn sobald sie meine Augen gesehen hatte , die voller Tränen standen , so schlug sie die ihrigen wieder nieder , drückte mir die Hand und seufzte - Wollte Gott , fuhr ich fort , ich könnte Dir einen Teil Deiner schweren Last abnehmen ! - Oder kann ich vielleicht ? Soll ich Dich zu trösten suchen ? - Oder willst Du Dir nicht lieber das Herz durch Erzählung Deines Unglücks erleichtern ? O tue es - Ich schwöre Dir , ich will den besten Gebrauch davon machen - Aber nein ! die Erzählung würde nur Dein schon zu sehr gemartertes Herz noch mehr martern - Ach , sagte sie mit trauriger und langsamen Stimme - Mein Herz ist seiner Martern schon gewohnt - Es ist nun schon ein Jahr , daß ich in diesem Kerker Sitze - Grosser Gott ! Ein Jahr ! - Ein Jahrhundert kann nicht länger sein , als dies Jahr ! - Und ganz allein ? - Es hat mich niemand besucht - Der Name Kindermörderin ist ein Donnerschlag in die Ohren des Frommen und Gottlosen - Ich wundere mich , daß ein ganz Fremder sich überwindet , mich zu besuchen - Gott sei Dank ! Es hat mich keine Überwindung gekostet - Unglückliche zu besuchen muß ein rechtschaffenes Herz keine Überwindung kosten , und wenn sie in den tiefsten Kerker verschlossen wären - Aber sage mir , armes , unglückliches Geschöpf ! Sage mir ohne Scheu - wie bist Du so tief gesunken ? Warne mich , Unglückliche ! Vielleicht könnte ich auch sinken - Du scheinst mir ehemals höher gestanden zu haben . Sage - Es war eine Zeit , wo ich fromm war - Wenigstens bin ich von frommen Eltern und , so lange ich bei meinen Eltern war , bin ich ihnen immer Gehorsam gewesen - Leben Sie noch ? Ja - Ist_es möglich ? Ich bete alle Tage zu Gott , daß er sie mag sterben lassen - Es ist ein schreckliches Gebet : aber ich glaube , ich tue wohl daran und Gott wird mich erhören . Seit meinem Verbrechen sind sie gewiß die unglücklichsten Eltern unter der Sonne - Als sie bei mir waren - Himmel ! Sie sind hier gewesen ? - Ja - der Vater und die Mutter - Ich habe mich mit ihnen ausgeweint - Meine Augen sind nun vertrocknet - Ich kann nicht mit weinen - Kläglich ! Über alle Massen kläglich ! Wenn ich daran denke - Gott ! - Mein Mutter konnte vor Heulen und Schluchzen nichts weiter heraus bringen , als : Meine Tochter ! Meine Tochter ! - Mehr als einmal fiel sie in Ohnmacht und sie mußte zuletzt mit Gewalt von mir gerissen werden - Und mein Vater - verfluchte mich - und dann umarmte er mich wieder - und dann wieder Fluch - und dann wieder Segen - Nun ich weiß es , Gott weiß es am besten , was das für ein Tag war - Arme Seele ! Quäle Dich nicht mit so tödlichen Erinnerungen - Gott wird Deinen Eltern Barmherzigkeit schenken ! Erzähle mir nur , wer sie sind - Mein Vater ist ein Pachter - ein sehr rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann - Meine Mutter gab ihm in keiner Tugend etwas nach - Ich bin ihr einziges Kind - Mein Vater kam durch eine Menge von Unglücksfällen um sein Vermögen und ich sah mich genötigt , mein Brot zu suchen - O hätte ich bei meinem Vater gehungert - Wäre ich lieber Hungers gestorben , als daß ich einen Schritt aus seinem Hause tat ! Gutes Mädchen , in dem Schritte aus Deines Vaters Hause ist nichts böses - Ja - aber er hat doch zu allem Gelegenheit gegeben - Ach meine Mutter - Wie schwer wurde es Dir , mich von Dir zu lassen - O hätte doch mein Vater Deinem Traume Gehör gegeben ! - Was für einem Traume ? - Meiner Mutter träumte den Tag vor meiner Abreise : Sie sähe mich in Gesellschaft eines jungen Menschen , der mir viele Schmeicheleien machte - Er sagte mir einmal über das andere etwas ins Ohr : Aber ich schüttelte immer den Kopf dazu - Endlich aber nähme er mich unter den Arm und wollte mich in ein Nebenzimmer führen - Er machte die Türe auf - ich träte herein : allein hinter der Türe spränge ein Kerl mit einem bloßen Schwerte hervor , der mir den Kopf abhiebe - Ha , welch ein gräßlicher Traum ! - Und diesen Traum ließest Du Dich nicht Schrecken ? Ohne die elenden Kunstgriffe eines , der sich meinen Liebhaber nennte , wäre er mir wahrlich nie aus dem Sinne gekommen - Dafür strafe ihn Gott - diesen abscheulichen Liebhaber ! Nicht also - Nicht also ! Gott wird ihn richten , das hoffe ich - Er wird mich auch gelinder richten , als ihn - Auch das hoffe ich - Aber Gott wird ihm auch die Augen eröffnen ! - Wenn auch noch nicht jetzt - doch einst auf dem Sterbebette - Aber wer ist denn dieses Ungeheuer ? Ich lernte ihn in dem Hause kennen , in dem ich meinen Unterhalt genoß - Es war bei einer adeligen Herrschaft , wo er Haushofmeister war - Meine Mutter hatte mir ihn nach dem Leben beschrieben , noch ehe ich ihn mit einem Auge zu sehen bekam - So wie er war , hatte sie ihn im Traume gesehen ! Das ist seltsam ! überaus seltsam ! So oft sie an mich schrieb , warnte sie mich auch und erinnerte mich an ihren schrecklichen Traum - Ihre Erinnerungen waren auch anfangs nicht vergebens . Ob ich gleich bei mir selbst dachte , ein Traum wäre nur immer ein Traum , so konnte ich mich doch kaum eines geheimen Schauders erwehren , so oft ich den Haushofmeister sah . Überdem war die gnädige Frau , deren Kammermädchen ich war , eine sehr strenge und exemplarische Dame - Sie nahm mich oft ingeheim vor und warnte mich vor den Verführungen des männlichen Geschlechts - Sie stellte mir vor , welche Schande auf uns armen Mädchen ruhte , wenn wir schwach genug wären , den Liebkosungen unserer Verführer nachzugeben - Kurz , es war eine Zeit , wo ich meiner Tugend so gewiß zu sein glaubte , als ich jetzt meiner Schande gewiß bin - Und doch bist Du es nicht gewesen ? O so ist es mit aller Tugend aus - so ist es nicht möglich , sich tugendhaft zu erhalten - Ja - es ist möglich - hinterher sehe ich wohl ein , woran ich es habe fehlen lassen und was ich hätte tun sollen , um den Fallstricken meines Verführers zu entgehen - Leider ! bin ich nur zu spät klug geworden - Aber sage mir ums Himmels Willen : Wie ist es diesem Teufel gelungen , sich einen Weg in Dein Herz zu bahnen ? - Wie es ihm immer gelingt - durch List , Verstellung , Schmeichelei - Was weiß ich_es ? - Er sah mich gleich bei meiner Ankunft mit nicht gleichgültigen Augen - Ich begegnete ihm mit mehr als Kaltsinn - mit Verachtung , und daran tat ich schon nicht recht ! Durch Verachtung - das hätte ich voraus wissen können - bringt man die Mannspersonen nur auf - Haben sie vorher ihre Liebe nur , als ein Nebenwerk getrieben , so setzen sie jetzt ihren Kopf auf , nehmen Ränke und Betrug zu Hilfe und so gelingt es ihnen - Welch ein schreckliches Bild von meinem Geschlecht , zu dem ich , leider ! die Achseln zucken muß - Er ließ sich also durch Verachtung nicht abweisen ? O nein - er wurde nur dadurch dreister . Bei der ersten Gelegenheit , da er mit mir allein war , fing er an eine Menge Schmeicheleien und Tändeleien auszukramen - Ich tat , als hörte ich sie nicht - Dann machte ich ihm Vorwürfe - begegnete ihm hart und nachdrücklich - floh ihn : Aber alles vergebens - Er schlich mir immer wieder nach , sagte mir einmal über das andere vor , wie Liebe er mich hätte , wie glücklich er mich machen wollte , wenn ich mich entschließen könnte , ihn zu lieben - Mein Herz war immer noch mein und ich erinnere mich , daß ich ihm das eine Mal recht ernstlich drohte , wenn er nicht aufhörte , mich zu verfolgen , so würde ich mich genötigt sehen , ihn bei meiner gnädigen Frau zu verklagen - Da bat er mich , da beschwor er mich mit Tränen , ich sollte es nicht tun , ich sollte ihn nicht unglücklich machen - Wenn ich denn durchaus den redlichen Versicherungen seiner Liebe nicht trauen wollte , so wollte er sich Mübe geben , sich selbst zu überwinden - Ach der Lügner ! Er tat es also nicht ? Weit gefehlt ! Nachdem er mich nur davon abgebracht hatte , daß ich ihn verklagen wollte , so nahm er eine andere Larve an . Er stellte sich , als ob er mit der größten Mühe von der Welt seine Liebe zu mir bekämpfte - Er ging stets tiefsinnig und niedergeschlagen umher - Die gnädige Frau fragte ihn oft : Was ihm fehlte ? Er antwortete immer : Nichts - aber so oft er konnte , gab er mir durch einen kläglichen Blick zu verstehen , daß er unendlich viel litte und daß bloß ich an seinem Leiden Schuld wäre - Und nun , nun geriet mein Herz in Gefahr ! Nun hätte ich entweder meiner Frau alles entdecken - oder noch besser , ich hätte auf der Stelle ihr Haus verlassen sollen - Das war das einzige Mittel , mich zu retten ! Mein Vater und meine Mutter würden mich mit Freuden aufgenommen haben , wenn ich um einer solchen Ursache Willen zu ihnen zurückgekommen wäre : aber - ich war verblendet ! Es fing allmählich in meinem Herzen sich etwas an zu regen , was ich für Mitleiden , für bloßes unschuldiges Mitleiden hielt - Ach , es war die Liebe ! Unglückliche , Unglückliche ! So wie Du verführt worden bist , würde sich wahrlich auch ein Engel in menschlicher Gestalt verführen lassen . Ein solcher Teufel - Ja , er hat mich hintergangen , grausam hintergangen - Einmal kam er mit einem erkünstelten , matten , kranken Wesen zu mir - warf sich auf einen Stuhl und tat einen tiefen Seufzer - Ich fragte ihn , was ihm fehlte ? Sie wissen es , sagte er , und Sie allein können mir auch nur helfen - Die Liebe zu Ihnen hat mich krank gemacht und wird mich unter die Erde bringen , wenn Sie mich nicht erhören - Ich war bei diesen Reden in der äußersten Augst - Ich wollte Ihnen gern helfen , sagte ich : aber lieben kann ich Sie nicht - Ich kann gar nicht lieben - Kaum hatte ich es gesagt , so stellte er sich , als würde er ohnmächtig - Ich erschrak , als hätte ich ein Verbrechen begangen , schrie , rieb ihn und brachte ihn in einigen Minuten wieder zu sich - Bin ich sträflich ? Nein , Nein ! Er allein ist sträflich - der Satan ! Gott verzeihe es ihm ! - Darin , dünkt mich , habe ich mir nichts vorzuwerfen , daß ich seine verstellte Ohnmacht für eine wirkliche hielt , daß ich glaubte , ich müßte alles mögliche tun , um seine wankende Gesundheit wieder herzustellen und daß ich Mitleiden mit ihm fühlte - Ich würde eine schlechte Kreatur gewesen sein , wenn ich das nicht getan hätte - Gleichwohl war das der erste Schritt zu meinem jetzigen Unglücke ! Kaum hatte er sich von seiner Ohnmacht erholt , so fing er stärker als jemals an , in mich zu dringen , daß ich ihn lieben sollte - Er schwor mir seine Liebe in den zärtlichsten ausdrücken - Was sollte ich tun ? Was konnte ich anders tun ? Ich gestand ihm , daß er mir nicht gleichgültig wäre - Daß seine Liebe zu mir in meinem Herzen Mitleiden erregt hätte . Er war für Entzücken außer sich - drang noch weiter in mich , daß ich ihm ewige Liebe schwören sollte , so wie er mir sie geschworen hatte : allein dazu ließ ich mich durchaus nicht bringen - Ich sagte ihm , er sollte sich damit begnügen , daß er mich so weit verführt hätte - und um mich nicht weiter mit ihm einlassen zu dürfen , verließ ich ihn unter dem ersten , dem besten Vorwande. Gut - alles gut : aber offenherzig zu reden - daß ich ihn liebte , hätte ich mich durch alle Ohmachten nicht verführen lassen , zu gestehen - Nichts weiter als Mitleiden ! So will es die strengste Tugend ! O es reute mich auch bald , daß ich es getan hatte . Sobald ich das , was vorgefallen war , bei mir selbst überlegte - daß ich mir ein Liebesgeständnis hatte ablocken lassen - ohne Wissen meiner Eltern - ohne Wissen meiner Herrschaft - mit einem Menschen , von dem ich nicht wußte , ob er im Stande war , eine Frau zu ernähren , sobald reute es mich . Ich nahm mir fest vor , alles geschehene ungeschehen zu machen - Ich schrieb an ihn und erklärte ihm ernstlich , daß ich mich ohne Vorwissen seiner Eltern , meiner Eltern und unserer beider Herrschaft in nichts einlassen würde - Das Schreiben war wohl nicht strafbar ! - Keineswegs ! Das Mündliche würde mehr Böses , als Gutes gestiftet haben . Und was war denn die Antwort ? Wollte Gott , sie wäre auch schriftlich gewesen : Aber der Verführer verließ sich auf seine Künste , die er mit seiner Person zu spielen wußte , mehr , als auf seine Feder . Er kam zu mit - Wenn es weiter nichts ist , sagte er , so sind wir schon so gut , wie Eheleute - Von Seiten meiner Eltern habe ich freie Wahl - Die Ihrigen werden gewiß auch keine Schwierigkeiten machen - Und was hat uns denn die gnädige Frau zu befehlen . Das wäre doch schlimm , wenn sie auch Frau von unseren Herzen sein sollte . Nein , meine Geliebte ! Lernen Sie etwas stolzer von sich denken . Ehen werden im Himmel geschlossen : Menschen haben darein gar nichts zu reden . Wenn die Herzen einig sind , so ist der Befehl des Himmels vollzogen - In diesem Tone fuhr der Räuber meiner Ehre alle Tage fort - Um ihn , wo möglich , noch von mir abzuwehren , erzählte ich ihm den Traum meiner Mutter : allein er lachte mich nur aus , spottete meiner und meiner Mutter , daß wir so abergläubisch sein und auf Träume bauen könnten - und so eilte ich mit jedem Tage meinem Verderben näher ! Nun mein Herr , sagte der Gerichtsdiener , werden Sie sich nun bald müde geredet haben ? Noch nicht , mein Freund , sagte ich - Ich weiß noch wenig oder nichts - Nun , nun , sagte er : Nur fort geredet ! Lange muß es nicht mehr dauern - Erzähle nur weiter , gute Seele ! Du bist im Kerker glücklicher , als manche im Pallaste - Was soll ich weiter erzählen ? So bald mein Verführer nur einmal in meinem Herzen festen Fuß gefaßt hatte , so griff er immer weiter um sich - Unter dem Vorwande , daß ich seine Braut wäre , daß unsere gänzliche Verbindung nur noch durch einen kleinen Umstand verzögert würde , verführte er mich von Karesse zu Karesse - In seiner Sprache waren sie alle unschuldig - ja einmal suchte er mir sogar zu beweisen , daß sie Pflicht wären : Aber hier empörte sich aufs neue der Überrest meiner Tugend - Ich sagte es ihm ins Gesicht , daß er ein Verführer wäre , der seinen Verstand bloß dazu anwendete , mich um den meinigen zu bringen - Kaum merkte er , daß es mir in der Tat Ernst war , so kroch er wieder zum Kreuze - gab seinen ganzen Beweis für einen weitgetriebenen Scherz aus und versprach mir , nie so etwas wieder zu sagen . Und Du ließest Dich damit hintergehen , gutherziges Geschöpf ? - Wie konnte ich anders ? - Ach , wäre ich nur nicht noch ärger hintergangen worden : Aber ich wurde es - Mein Verführer brachte mir , um , wie er sagte , meinen Geschmack zu bilden , allerhand Bücher - Romanen und Gedichte - Die ersten , die er mir brachte , konnte ich alle lesen , ohne zu erröten : Aber bald folgten solche , die ich wegwerfen mußte - Ich stellte ihn zur Rede - Er spottete über meinen schlechten Geschmack - sagte mir , daß die Bücher , die er mir gebracht hätte , von ganz Deutschland mit dem innigsten Vergnügen gelesen würden - daß ihre Verfasser für die witzigsten Köpfe gehalten würden - Ich weiß selbst nicht mehr , was er alles hervorsuchte , um mich auf seine schmutzigen Bücher begierig zu machen - Als ich immer noch nicht hören wollte , laß er mit selbst daraus vor und so oft ich errötete , wußte er irgend etwas , um mich fest zu halten - Da hat er mir unter anderen aus einem gewissen Rost vorgelesen - Gott habe ihn selig ! - Er hat durch seine Schriften manches junge , unschuldige Herz verführen helfen : Aber er hat es auf seinem Sterbebette bereut - So will ich ihm nicht fluchen ! - Hernach habe ich auch gewisse Erzählungen lesen müssen - nicht Marmontels ! Die sind sehr artig - Nein , andere - Wie heißen sie doch gleich ? Eben derselbe Verfasser hat noch mehr dergleichen geschrieben - O ich kenne ihn schon ! Ich kenne ihn schon ! Nun diese Bücher zusammengenommen , haben mir den Rest gegeben . Sie entzündeten in mir ein heftiges , ungestümes Feuer - hatte ich diese Bücher erst weggeworfen , so konnte ich sie jetzt nicht satt genug lesen - Meine sittsamen Augen wurden jetzt frei und coquet - Jetzt hatte mein Verführer seinen Endzweck erreicht - Nun brachte er mich ohne sonderliche Mühe dahin , wohin er mich haben wollte - Ach , Gott ! verzeihe mir , daß ich so schwach gewesen bin - Er hat Dir verziehen , arme Seele ! das kannst Du gewiß glauben - Ich hoffe es - Ich habe mich nicht mutwillig ins Laster gestürzt - Ich bin fast mit Gewalt darein verwickelt worden - Ich habe mich gesträubt : aber ich konnte nicht länger - Das nur geht mir durch die Seele , daß ich meinen Eltern nicht geschrieben habe ! Das ist mein größtes Verbrechen ! - zwar , wie gesagt , ich hätte es tun müssen , ehe der Fehltritt geschehen war : denn hernach war es zu spät - Nun war ich nicht mehr mein eigen - Nun war ich bloß meines Verführers . An Gott , an meine Eltern , an Tugend wurde nun nicht weiter gedacht - bloß an ihn - Es war auch nun nicht mehr die Frage von meiner Heirat - O wie wahr , was ich irgendwo gelesen habe ! Laß dich den Teufel bei einem Haare fassen - und du bist sein auf ewig - Ausser , wenn Du so , wie ich in den Kerker gehen mußt , wo Du alle Menschheit müssest ausgezogen haben , wenn Du nicht zur Reue zurückkehren wolltest ! - - Ich war nun schwanger und nun ging auch die Strafe meiner Sünden an - Die Furcht für der Schande , für meinen Eltern , sie meiner Herrschaft quälten mich Tag und Nacht unaussprechlich - Ich entdeckte es meinem Verführer : aber er sprach von nichts , als leeren Einbildungen und es gelang ihm durch seine lügenhaften Reden , von denen sich kein Mensch eine Vorstellung machen kann , als wer sie selbst gehört hat , es gelang ihm , mich auf lange Zeit sicher zu machen - Bald aber war die Sache nicht mehr zu verbergen - Ich hätte vor Angst unter die Erde sinken mögen - Ich ging zu ihm , fiel vor ihm auf die Knie , beschwor ihn bei Himmel und Hölle , sich meiner auzunehmen - Er behauptete immer noch , es wäre bloße Einbildung : Als ich aber darüber in den äußersten Affekt geriet , so versprach er , er wollte alle Anstalten machen , mich an irgend einen Ort zu bringen und sich mit mir trauen zu lassen - Er reiste auch wirklich weg : Aber - ach ! er kam nicht wieder . Gar nicht wieder ? Ja - aber zu spät - Als er kam , war das Kind schon zur Welt geboren - und auch - umgebracht . Umgebracht ? Ich entsetze mich - Sage mir , Mädchen ! die Du so viel Verstand zu besitzen scheinst - die Du sogar fromm und tugendhaft gewesen bist - und auch jetzt wieder bist - Sage mir , wie konntest Du an Dein eigenes Kind Hand anlegen ? Wie konntest Du das ? Erstarrte Dir nicht die Hand , indem Du sie nach der Mordtat ausstrecktest ? Nicht ? Ich weiß selbst nicht , wie es zugegangen ist - Ausser mir war ich - Das einzige weiß ich ! Vor Verzweiflung , von meinem Liebhaber verlassen zu sein - Vor Furcht der Schande , die mir jetzt noch tausendmal größer vorkam , als sonst - Ein jedes Geräusch , das ich hörte - brachte mich beinahe in Ohnmacht - Ich wußte nicht , wohin ich mein Kind verbergen sollte - Gott ! Gott ! Sei mir gnädig ! - Mein Verbrechen ist mir leid und ich will es gern auf dem Rabensteine büßen . entsetzlich ! auf dem Rabensteine ? - Mir schaudert ! Du , Du , Verführer ! Du solltest darauf - Ihn wird Gott richten - Mich müssen die Menschen richten ! Nur das tut wehe , ein ganzes Jahr zwischen Furcht des Todes und Hoffnung zum Leben zu sitzen - Ich wünschte , mein Schicksal würde nun bald entschieden ! In desem Kerker habe ich , Gottlob ! der Welt entsagen lernen - und das Todesurteil - Erschüttern wird es mich freilich - Es erschüttert mich schon - aber ich hoffe zu Gott , daß er mir Kraft geben wird , mich wieder aufzurichten - Ich denke , ich will ohne Führer dem Tode entgegen gehen - In diesem Augenblicke trat der Gerichtsdiener wieder berein - Mein Herr , sagte er : Machen Sie , daß Sie fortkommen - Es ist ein anderer Herr draußen , den die Neugier auch plagt und zwei auf einmal , darf ich nicht wegen - Ich könnte Verdruß haben - Wer ist es denn ? - Da habe ich nichts nach zu fragen - Genug , er hat mich bezahlt ! Ich will ihn aber auch bezahlen , wenn er mich noch daläßt - Nun - Noch auf eine kleine Viertelstunde ! Aber länger nicht ! Indem machte er die Türe auf und ließ den anderen Fremden herein - Der Fremde lief mit vielem Ungestüm auf die arme Missetäterin zu und fiel ihr um den Hals - Gott ! Wer war es ? Wer konnte es anders sein , als ihr Liebhaber selbst ? - Ich wußte nicht , wie mir geschah - So sehr ich wider ihn aufgebracht gewesen war , so wenig war ich es nun - Er überschwemmte sie mit seinen Tränen - Meine Charlotte ! Meine liebste , unglückliche Charlotte , rief er aus - Vergib - vergib - Ha , bist Du es , sagte sie und riß sich aus seinen Armen - Du , Verführer , Räuber meiner Ehre ! Er schloß sie von neuem in seine Armen - Ja , sagte er , ich bin_es - Nein , ich bin_es nicht - Ich bin der reuende Verbrecher - Ich komme zu Dir - will mit Dir leben oder sterben - bei Gott ! leben oder sterben - Ach , meine Charlotte ! Unglücklicher , wo kommst Du her ? Was weiß ich_es ? Dein Bild verfolgt mich allenthalben - Schon seit 3 Monaten habe ich Tag und Nacht keine Ruhe gehabt - Ich bin herum geirrt - Ich habe zu Dir kommen müssen - müssen , und mein Schicksal sei auch , welches es wolle , so will ich bei Dir bleiben - Hier in diesem Gefängnisse - und Dich nicht verlassen - nie verlassen - Ach , Charlotte ! Vergib mir nur - Vergib mir nur - Bitte Gott um Vergebung , sagte sie - Ach - Erst muß mir der sichtbare vergeben , ehe ich glauben kann , daß mir der unsichtbare vergeben wird - Vergib mir , teuerste Charlotte ! So lieb Dir Deine Seligkeit ist - Nun ja , ich vergebe Dir , sagte sie - Und liebe mich , fuhr er fort - Aber wie kannst Du doch jetzt von Liebe sprechen ? - Ich lieben ? Gottlob , daß ich die Liebe habe verabscheuen lernen , die an allem meinem Unglücke Schuld ist - Sie soll aber von nun an Dein Glück machen - Höre , liebste Charlotte ! Ich habe ein Projekt - Ein Engel muß es mir eingegeben haben - Ich will unserem Landesherrn einen Fußfall tun - Er ist die Gnade selbst - Ich will ihm alles haarklein erzählen - Ich will ihn für Dich und mich um Vergebung bitten - Glaube mir , ich komme nicht unerhört zurück ! Ich gehe nicht von seinen Füßen - Eher mag er mich töten lassen , ehe ich unerhört weggehe - Gewiß - Unglücklicher ! Und mit solchen leeren Hoffnungen willst Du mir die Ruhe meiner Seele rauben ? Ich bin schon auf meinen Tod gefaßt - und Du willst die Liebe zum Leben wieder in mir rege machen ? O wärest Du gar nicht zu mir gekommen - Schweige , liebste Charlotte ! Das ist die Sprache der Verzweifelung - Ich sage Dir - mein Herz sagt es mir - mein Projekt gelingt - Du wirst noch meine Gattin - Der Dich in den Kerker gestürzt hat , wird Dich auch wieder herausreissen - Aber , glaubst Du denn , daß unser Landesherr ein Verbrechen wie das meinige , wird ungestraft hingehen lassen ? Nein - aber ich werde ihn fußfällig bitten , daß er Dich und mich mit Landesverweisung straft - So geschieht seiner Gerechtigkeit Genüge und wir sind glücklich - glücklich ! Wie kann ich glücklich sein , wenn mir das Bild meines getöteten Kindes , immer vor Augen schwebte ? - Du hast es nicht getötet ! Es war schon tot ! - Aber ich habe es doch töten wollen - Und wenn ich es auch hätte leben sehen , so würde ich es doch getötet haben - Das habe ich vor Gericht gestanden ! Wenn schon ! Der Landesherr wird mit Deiner Angst - mit Deiner Verwirrung - mit Deiner Jugend Mitleiden haben - Ich werde darauf anfragen , daß Du selbst vor ihm erscheinen darfst - O gewiß , Du wirst ihn rühren ! Ich werde ihn rühren ! Wir werden noch glücklich - Wollte Gott ! Doch nein - Unglücklicher ! Du machst den Wunsch zu leben in mir rege - und ich muß doch sterben ! muß doch sterben ! - Nein , Du mußt nicht - Du sollst nicht - Ich mache mich gleich auf den Weg - Hoffe nur , liebste Charlotte ! Bete nur ! In drei Tagen bin ich wieder bei Dir - mit der glücklichsten Nachricht , die - Hier wurde der Haushofmeister durch einen kleinen Tumult unterbrochen , der vor dem Hause des Gerichtsdieners entstand - Es kamen vier bis fünf Personen , die sich vor der Türe laut genug mit dem Gerichtsdiener zankten , daß er 2 Fremde eingelassen hätte - Sie fragten ihn : Wer wir wären ? - Er sagte , er wüßte es nicht - Sie befahlen ihm : Er sollte uns heißen fortgehen Er kam mit einem gebieterischen Wesen herein Fort , schrie er : Den Augenblick fort ! Ich weiche nicht von dannen , sagte der Haushofmeister - Ohne Umstände , sagte der Gerichtsdiener und wollte Gewalt brauchen - Der Haushofmeister stieß ihn aber ziemlich unsanft von sich - Sogleich trat ein ansehnlicher Mann herein - Was ist das , sagte er ? Warum wollen Sie nicht fort ? Wer sind Sie ? - Ich bin der Haushofmeister , sagte er - Also der Vater des umgebrachten Kindes , sagte er mit einem bitteren Tone - und der Mörder dieser unglücklichen Person ? Das bin ich nicht , rief der Haushofmeister - Nicht ? Nicht ? Und wir kommen eben ihr im Namen unseres gnädigsten Landesfürsten das Todesurteil anzukündigen . Hier lege ich meine Feder nieder - Sie ist zu schwach , diese Szene zu beschreiben - Ich sah die arme Missetäterin für Schrecken niederfallen - Den Haushofmeister ohnmächtig werden - Was mir widerfahren ist , wie ich aus dem Hause herausgekommen bin , weiß ich nicht - werde ich mich auch nie erinnern können - nie - Und nun , lieben Leser , nun sind wir , was wir vielleicht noch nicht vermutet hätten - am Ende . Herr Zebedäus Walther hat es für gut befunden , abzutreten und mir den Platz zu überlassen , der ich mit Ihnen noch so viel zu schwatzen habe , daß ich nicht gleich weiß , wovon ich anfangen soll . Hören Sie mich nur noch einmal - Dieses Weges komme ich gewiß nie wieder . Fürs erste - danke ich Ihnen recht ernstlich für die geneigte Aufnahme meines ersten Händewerks . Ich hatte mir wenig oder gar keine Rechnung drauf gemacht - und wir allebeide , mein Verleger und ich , würden , im Falle meine Schreiberei gleich die erste Ostermesse Makulatur geworden wäre , ein jeder zu sich selbst gesagt haben : Warum war ich ein Narr und verlegte es ? - Warum war ich ein Narr und ließ es verlegen ? - Und damit wäre das Lied zu Ende gewesen . Ihre Nachsicht , lieben Leser , hat es dazu nicht kommen lassen - Ich will nicht sagen Ihre Einsicht . Hätten Sie dieser streng folgen wollen , so würden Sie mein Buch höchstens gelesen , aber nicht gekauft haben . Diese Nachsicht ist es eigentlich , wofür ich Ihnen so großen Dank sage . zwar haben mir einige unter Ihnen sie , wo nicht gänzlich versagt , doch mit der äußersten Mühe widerfahren lassen : Aber wehe dem Autor , der sich nicht darauf gefaßt macht - auch wohl noch auf etwas Ärgers gefaßt macht . Die gelehrte Welt , in dem weitläuftigsten Verstande genommen , ist eine Republik - Demokratischer Form - Ein jeder kann nachsehen oder nicht nachsehen , wie er will . Im ganzen genommen bin ich - muß ich mit der Aufnahme meines Buches überaus zufrieden sein , und ich bin es , ohne das geringste Ingredienz von Stolze . Wie könnte ich auch auf etwas stolz sein , das seiner Natur nach , weder der Ehre noch der Schande fähig ist ? Wo ich mich nicht sehr irre , habe ich den Kauf meines Buches größtenteils der Jugend zu danken , die auf allen Seiten desselben hervorschimmert - und die Jugend hat , wie der Frühling , nun einmal für allemal etwar , das alle Welt an sich lockt - Könnte ich wohl darauf stolz sein ? Fürs zweite - halte ich es für Pflicht , mich am Ende meiner Schrift einmal für allemal über das Ganze zu erklären . Ich sehe einen Zeitpunkt als möglich vorher , wo es mich gereuen kann , Empfindsame Reisen geschrieben zu haben - " Was uns im zwanzigsten Jahre lebhaft und erlaubt vorkommt , das scheint uns im vierzigsten töricht und unanständig . " So schreibt ein Haller - und macht die Applikation davon auf das vortreffliche Gedicht : Des Tages Licht hat sich verdunkelt - Sollte ich das vierzigste oder nur das dreissigste Jahr erleben : Wird es mir nicht eben so ergehen ? Ein Gellert wünscht auf seinem Sterbebette nicht von allen seinen Schriften geschrieben zu haben , aus sehr seine geistlichen Oden und Lieder - Dieser Wunsch muß für mich eine starke Warnung sein - Wer weiß verdamme ich nicht einst mit der festesten Überzeugung diese meine ganze Schrift ? Wer weiß , mache ich mir_es nicht zum Verbrechen , daß ich in derselben bloß das Vergnügen meiner Leser zur Hauptabsicht , den Ruzen zur Nebenabsicht gemacht habe ? Wer weiß , quält mich nicht diese und jene leichtsinnige Stelle , die vielleicht nicht moralisch strenge genug ist ? Wer weiß martert mich nicht der Gedanke , der Jugend Anlaß zum Zeitverderb , zur Wollust , zum Leichtsinne und zu noch mehreren Lastern gegeben zu haben ? zwar das weiß ich und darauf lebe und sterbe ich , daß mein Sterbehette nie das Sterbebette eines Rosts sein wird . Ich habe die sinnlich grobe Wollust nirgends empfohlen , nirgends dazu aufgefordert , nirgends dazu Anweisung gegeben , sie nirgends poetisch ausgemalt - Ich habe nirgends epikuräisirt - Das bin ich mir so stark und so wahrhaftig bewußt , daß ich hoffen kann , es stets zu bleiben - Ich bin dieser Art von Schriften so Gram , daß ich mich nicht enthalten kann , gewisse Lieder im Geschmacke des Grekourt , die erst vor kurzem ohne Namen des Autors zum Vorscheine gekommen sind und wie die Pest in der Finsternis herumschleichen , hier - ob es gleich gar nicht der Ort dazu ist - ohne mich für den möglich nachteiligen Folgen meines Urteils zu fürchten - für das abscheulichste Buch zu erklären , was ich je gesehen und geblättert habe - Es ist möglich , daß es noch abscheulichere gibt , aber , wie gesagt , ich habe noch keines gesehen - Dergleichen Schrift stürzt unsere ohnehin weichliche Jugend ohne Rückhalt ins Verderben - macht , wenn sie , welches Gott verhüte ! bekannter werden sollte , vielleicht mehr Hurer und Onaniten , als das beste Buch unter der Sonne gute Gedanken erweckt - Ein Wieland muß sich für beschimpft halten , daß ihm ein solcher Gräuel dediziert wird - Alles dieses , sage ich mit derjenigen Freiheit , die ein jeder Schrifesteller hat - und insbesondere mit der noch größeren , mit der man von Anonymischen Schriften urteilen kann - Oder will sich der Autor vielleicht nennen ? Will er sich vielleicht von mir für beleidigt halten ? Gut , er nenne sich - Ich getraue mir , ihn so weit zu bringen , daß er seine Schrift mit der größten Angst seines Herzens aufkaufen und verbrennen soll - Das getraue ich mir , wenn anders Wahrheit auf ihn noch Eindruck machen kann . Hiervon bin ich , dem Himmel sei Dank ! ganz frei - Ich kann eher hoffen , daß der Wollüstling mein Buch wegwerfen wird , weil es ihm zu keusch ist , als daß er_es lesen sollte , weil es ihm in seinen Kram paßte - Und dennoch ! - werde ich mir vielleicht einst Vorwürfe machen , daß ich zufälligerweise böse Gedanken , böse Handlungen veranlaßt habe - Ich habe einigemal die Tugend bis an den Rand des Lasters geführt - Meine Absicht dabei war gut - Aber wird nicht vielleicht die Einbildungskraft mancher meiner Leser davon Anlaß genommen haben , auf üppige und wollüstige Ideen zu fallen ? Wird nicht vielleicht mancher Jüngling sich aus meinem Buche ein leichtfinniges Moral-System erbaut haben ? Wird man nicht vielleicht größtenteils unter der lachenden , schäkernden Larve mein ernsthafteres Gesicht verkennen ? - Sollte dieses geschehen oder geschehen sein , so müßte ich freilich wünschen , nie Empfindsame Reisen geschrieben zu haben - Doch , was geschrieben ist , ist geschrieben ! Alles , was jetzt noch in meinem Vermögen steht , werde ich tun , um allen zufälligen Schaden meiner Schrift vorzubeugen . Ich bitte einen jeden meiner Leser auf das an gelegentlichste , meine Reisen stets als ein Werk eines drei , bis vier und zwanzig jährigen Jünglings und folglich , nach Proportion , als das fehlerhafteste anzuseben , was von 1771 bis 1772 aus der Presse gekommen ist - Ich habe mein Alter offenherzig entdeckt - und wenn irgend etwas im Stande ist , mich zu entschuldigen , sowohl in Absicht des Vorsatzes zu schreiben , als auch in Absicht des Geschriebenen selber , so ist es dieses mein Alter . Was können unreife 24 Jahre Gutes hervorbringen ? Guten Willen vielleicht im Überflusse : Aber nicht eben so gute Tat . Aus diesem Gesichtpunkte bitte ich - verlange ich - forder ich , von einem jeden meiner Leser betrachtet zu werden . Weiter - bitte ich auch einem jeden meiner Leser recht angelegentlich , diese meine Schrift nie anders , als ein Extemporale anzusehen , wie sie es denn auch in der Tat und Wahrheit ist - Von den ersten beiden Teilen habe ich es öffentlich erklärt - Ich tue es nun auch von dem dritten - Ich habe auf seine Ausarbeitung nicht mehr Zeit verwandt , als ungefähr 160 Stunden . Muß nicht aus einer so flüchtigen Feder , wie die meinige , ungemein viel elendes , schlechtes und unausstehliches geflossen sein ? Kann wohl das Eilen , das nie etwas Gutes bringt , bei mir viel Gutes gebracht haben ? - Um nur ein Beispiel zu geben : Ich hatte in dem ersten Teile eine sehr anzügliche Stelle einfließen lassen - ebenfalls in der größten Eile . Sie wurde untergeschlagen - und Dank sei es meinem guten Geschicke , daß sie es ist . Kaum acht Tage nachher schämte ich mich ihrer so sehr , daß ich viel Geld darum gegeben haben würde , sie nie geschrieben zu haben - Ich erlaube Ihnen also nicht nur , lieben Leser , sondern ich ersuche Sie darum , alle diejenigen Stellen , von denen Sie einzusehen glauben , daß ich sie bei mehrerer Langsamkeit und Überlegung nicht würde geschrieben haben , in Gedanken zu konfiszieren - Ich gebe sie mit Freuden Preis ! Weiter - will ich auch meine Schrift stets nur als eine Nachahmung von Sternes Reisen angesehen wissen - inklusive den Tristram Shandy - und als solche hat sie gewiß , wenige oder gar keine Schönheiten des Originals - aber alle seine Fehler an sich . Es war eine Zeit , wo ich für den Tristram enthusiastisch eingenommen war - Ich bin es auch noch zur Genüge : Aber Sonnenfels und Riedel haben mein heißes Blut doch etwas abgekühlt . Ich fange nun an , Fehler zu erblicken - Fehler , die ich nicht hätte nachahmen sollen . Von seinem Vater - wenn es auch nur ein eingebildeter , selbstgeschaffener Vater ist - Narrheiten zu erzählen und sich darüber zu küzeln - ist mir nun am Tristram und an meinen Reisen unausstehlich . Der große Nahme Vater schließt alle Spöttereien schlechterdings aus - Daran habe ich nicht gut getan . Ich habe zwar in den 2 Teile S. 117 von meinem wahren Vater gesprochen : aber wer weiß haben meine Leser , auf diese Stelle gehörig gemerkt ! Wer weiß machen sie nicht bei sich selbst den Schluß : Wer von einem erdichteten Vater spöttisch sprechen kann , kann es auch wohl von einem wahren ! Aber nein , lieben Leser ! das kann ich nicht - Ich spreche ein anders von meinem Vater , als so : Er ist nur ein Bauer schlichtweg - Aber ich will lieber sein Sohn und ein Bauernsohn , als eines anderen Sohn und ein Königssohn sein - und meine Mutter - O sie ist die Güte selbst - Eine kreuzbrave Frau , eine kreuzbrave Frau ! An diese Stelle halten Sie sich und nicht an jene schlechte Nachahmung eines schlechten Originals . Noch weiter - Dieses geht insbesondere meine jungen Leser an - Ich habe mich Ihnen als Jüngling dargestellt : aber , ums Himmels Willen nicht als ein Muster eines Jünglings . erblicken Sie in meinem Porträte Züge , die nichts taugen , so wenden Sie Ihr Gesicht davon weg oder fällen Sie doch wenigstens bei sich selbst das Urteil , daß es schlechte Züge sind . Wenn Sie mich , mit meiner vorgeblichen Erbschaft so verschwenderisch umgehen sehen , so schildere ich mich Ihnen als einen Jüngling , wie er ist , nicht wie er sein sollte . Wenn Sie mich sagen hören , ich wollte lieber in 10000 Bastille gehen , als daß ich die Welt ein Jammertal heißen sollte , so erinnern Sie sich , daß ich dieses nur schreibe - nur jetzt schreibe - nur jetzt denke - und daß ich es bei mehrerer Erfahrung gewiß nicht wieder denken werde . Wenn ich der Unbedachtsamkeit eine Lobrede halte und dagegen die Bedachtsamkeit der Alten auslache , so denken Sie daran , daß ich mich selbst mehr als einmal unbedachtsam geheißen habe und daß diese ganze Lobrede wohl auch nichts weiter sein dürfte , als Unbedachtsamkeit . Kurz , lesen Sie mein Buch mit einem skeptischen Geiste , mit dem Sie ohnehin jeden Roman lesen sollten - so bin ich für allen Schaden sicher . Mit dieser Ermahnung könnte ich jetzt füglich abbrechen : aber um nichts zu unterlassen , was den baldigen Untergang meiner Reisen - meines Extemporale - beschleunigen kann , und um den Kunstrichtern eine Mühe zu ersparen , die so ungern an das kritisieren der Romane gehen , will ich einen Versuch machen - Gut oder schlecht , daß ist nun einerlei - Unparteiisch soll er sein , dafür hafte ich ! Empfindsame Reisen durch Deutschland - Durch Deutschland ? Nimmermehr ! Es ist ja nur durch Leipzig , Bautzen und noch ein paar ungenannte Orte : Machen die zusammen Deutschland aus ? Als eine Nachahmung von Sternen sollten sie auch ein Versuch über die menschliche Natur und über die individuelle Art der Deutschen sein : Wo sind sie es ? Ein Roman sind sie - Nichts weiter ! Der Charakter der Deutschen ist nirgends kenntlich gezeichnet , so wie Sterne den Charakter der Franzosen und Engländer kenntlich gezeichnet hat - Und wie konnte er auch von einem 24 jährigen Köpfen gezeichnet werden , das nur 50 Meilen unterwegs gewesen ist - und sich noch dazu weder zur Rechten noch zur Linken viel umgesehen hat , weil es damals noch nicht von dem Einfalle besessen war , Reisen zu schreiben . Indessen - ein Roman sind sie doch , und als solcher müssen Sie auch beurteilt werden . In welcher Manier aber ? In Richardsons ? Oder Fieldings ? zum Teil in dieser , zum Teile in jener , zum Teile in keiner von beiden : Ein untrügliches Merkmal , daß nur ein Jüngling diesen Roman geschrieben haben kann . Einige Charaktere sind a la Richardson - so gut , daß sie nur in der Welt der Romanen an ihrer rechten Stelle sind - Einige Charaktere sind à la Fielding , aus dem gemeinen Leben hergenommen - Dem ganzen aber fehlt ein ordentlicher zusammenhängender Plan , und in sofern ist es weder à la Richardson , noch a la Fielding . Nicht übel ! Aber Sterne hatte ja bei seinen Reisen auch keinen Plan ? Die Begebenheiten , die er erzählt , hängen ja auch nur durch die allgemeinen Bande des Orts und der Zeit zusammen ? Recht gut : Aber Sterne ersetzte den Mangel des Plans dadurch tausendfach , daß er die menschlichen Herzen auf ein Haar anatomierte - uns bald mit dieser , bald mit jener schönen Seele bekannt machte - uns so sehr mit uns selbst beschäftigte , daß wir nicht Zeit behielten , nach den Plane zu fragen . Aber bei Dir , gutes Nachahmarchen ! behalten wir Zeit im Übersinn danach zu fragen - Je nun - So ist meine Reise ein Empfindsamer Roman - So braucht es doch keines Plans ! Ein Empfindsamer Roman ? Ein schönes Ungeheuer ! Aber auch das - Der Plan soll Dir geschenkt sein : Du wirst ohnehin noch genug zu bezahlen haben ! Es kommt hier auf folgende Stücke an : Auf Erfindung der empfindsamen Begebenheiten - auf Charaktere - auf Erzählung - auf Sentiments - von jedem etwas ! Doch es geht vor der Reise eine lange - 90 Seiten lange Lebensgeschichte vorher - Das soll Tristrammisch sein ! Aber , gutes Kind , das ist gerade am untristammischsten ! Schlecht erfunden - schlecht zusammenhängend , und nicht sonderlich erzählt ! Großvater , Vater , Mutter , ( besonders ihre Anwerbung ) Wohltäter , Wohltäterinnen , Vetter - größtenteils Karikatur ! Oder Abgedroschen ! Der Reichspostereuter hat Dir wohl nicht Unrecht getan , und von der ganzen Avantgarde , ist wohl schwerlich etwas zu verdauen , als : Eine gute moralische Stelle S. 21. " Gleichwohl wollte ich um alles in der Welt das Unglück nicht von der Erde verbannen u. s.w . - Der arme , zehnjährige Junge - Die gutherzige Bekerin - Das Gespräch des armen Jungen mit dem reichen Kaufmanne , dem man wohl schwerlich Natur absprechen kann - Das übrige ist beinahe unter aller Kritik - Die ersten Seiten sind handgreifliche Nachahmung - Das Gespräch des Philosophen und der Witwe schlechter , als langweilig - Die 22 , 23 , 24 und 25 Seite , um Gespenster damit zu verjagen - Kurz Allee schlecht - in kleinerem oder größerem Grade - Nun die Reise selbst ! Der Entschluß dazu wird S. 97 gefaßt . zur Not geht er an ! Er enthält wenigstens mit unter gute Sentiments , ob gleich auch manches Platte darin vorkommt - und manches Undelikate , das man schwerlich wird verdauen können , wenn man nicht den Tristram oder Hudibras gelesen hat : Aber dafür folgen nun auch unmittelbar auf einander beinahe volle 18 Seiten , die schlechterdings für einen Mann oder Dame von feinem Geschmacke nicht auszuhalten sind - die , wie Yoricks Perücke über und unter aller Kritik sind. S. 100 . Wo reise ich hin ? Was brauchte da lange herumgefragt zu werden ? Es stand ja schon auf dem Titelblatte : Reisen durch Deutschland ! Und warum mußte denn gerade die Reise durch Deutschland auf Unkosten aller anderen Reisen erhoben werden ? Sollte es sich denn schlechterdings nicht der Mühe verlohnen , nach Frankreich , England , Italien zu reisen ? Sollte England durchaus nichts für einen Empfindsamen Deutschen sein ? Ich denke immer , wer nur sonst Herz und Augen nach England mitbrächte , sollte immer genug zu empfinden und zu sehen bekommen - Aber weiter ! S. 102. Deutschland . Der Reichspostereuter hat unter diesen Abschnitt bereits das Motto gesetzt : Welch ungesundes Geschwätz ! Und er hat sich wohl nicht geirrt . Die Deutschen sollten keinen Nationalcharakter haben ? Auch Niet einen Pfeifenstiel davon ? Das wäre doch schlimm ! Die Engländer und Franzosen hingegen sollten einen Charakter haben , den man spielend mit 2 Worten ausdrücken könnte ? Ei , seht doch ! Nur gut , daß noch dabei steht : Doch , ich kann mich irren - Ja , ein klein wenig ist hier geirrt - S. 103 . Die Landkarte - Wozu die ? Wozu ein schales Räsonnement von einer Menge Städte , die man nie mit einem Auge gesehen hat ? Wenn nun doch einmal Leipzig erwählt werden sollte , wozu die anderen Städte , die nicht erwählt werden sollten ? Das ist sehr im Postillengeschmacke z. B. über den Text : Und Petrus tat seinen Mund auf - Der Mund Petri 1 ) Was er nicht gewesen 4 . Kein Huren-Mund b . Kein Sauf-Mund e. Kein Lügen-Mund d. Kein Lästermund e. Kein Prahl-Mund etc . 2 ) Was er gewesen ein Wahr-Mund - Überdem kann man gewiß in einer jeden Stadt - groß oder klein - Hansestadt oder nicht Hansestadt - Leipzig oder nicht Leipzig den Empfindsamen spielen , wenn man nur sonst einen hinlänglichen Vorrat von Empfindsamkeit und Weltkenntnis besitzt : Aber weiter ! S. 105. Heideldum . Kläglich ! überaus kläglich - Es sollte mich nicht wundern , wenn manche Leser bei dieser Stelle ungeduldig geworden wären und das ganze Buch weggeworfen hätten - Von einem ist es zuverlässig , daß er beinahe vor Lachen darüber erstickt wäre - Es ist eben derselbe , über den ich auch einmal beinahe vor Lachen erstickt wäre , weil er behauptete , es wäre jemand ein geschickter und gelehrter Mensch : Denn er schriebe : S-o-n Son , und nicht S-o-h-n Sohn ! S. 111 . Die Dedikation an Yorick - geht an , einige Auswachse des wilden Witzes ungerechnet. S. 114 - 116 . Die Grille von den Schutzgeistern und Teufeln - ist als eine Grille betrachtet immer gut genug - wenigstens hat man ihrer unendlich schlechtere , mit und ohne Namen - Endlich folgt die Reise nach Leipzig S. 118 . Sie fängt sich mit einer Deklamation wider die Einsamkeit an , die eben nicht sehr erbaulich ist . Die Einsamkeit ist schlechterdings eine Temperamentssache - oder genauer zu reden , der Hang oder Abscheu danach ist es - Sie ist arg für Dich , nicht aber für tausend andere - Nun die erste sein sollende empfindsame Begebenheit ! Mit dem rechtschaffenen Landprediger - Aber hier ist entsetzlich viel Dunkelheit gelassen ! Sie kann und darf auch nie aufgeklärt werden ! Alles also , was von dieser ganzen Begebenheit zu gebrauchen ist , ist der Charakter des Landpredigers - und an diesen wird wohl nicht sehr viel auszusetzen sein ! Ich sage dieses mit aller Trockenheit der Überzeugung - und wenn ich mich auch einst jedes Wortes meiner Reisen schämen sollte , so werde ich mich dieses Landpredigers nie schämen - nie , denke ich , Ursache haben , nichts gereuen zu lassen , was ich von ihm im ersten und dritten Teile geschrieben habe . zwar das Tagebuch könnte tausendmal besser sein - aber auch , so wie es ist , nehme ich es getrost auf mein Gewissen . Unzufriedener bin ich mit seinem Antipoden , dem Landprediger , dessen S. 173 u. s.w. gedacht wird . Eine Abkanzelung ist durchaus nichts Empfindsames - Eben so wenig die ganze Postschreibergeschichte . Das Beste davon ist die Stelle , S. 147 : Du , der Du unter 400 Nächten etc . Erst S. 169 kommt die erste Empfindsame Geschichte : Mit dem armen , epileptischen Mädchen - Ich gebe dem Reichspostereuter den Umstand Preis , den er , obgleich viel zu plump , daran tadelt : Aber diesen Umstand abgeändert , sollte man wohl dessen Geschichte das Empfindsame , Rührende und Moralische absprechen können ? Ich rechne das Ende dazu von S. 287 - 302 , wo ich jedoch den Brief des Epileptischen Mädchens für nicht natürlich genug erkläre ! Worauf ich aber dabei am meisten stolz bin , ist dieses , daß ich bei dieser Erzählung nicht Nachahmer bin . Sie ist mein eigen - und ich habe nicht Lust , mir sie so wohlfeil nehmen zu lassen . Ich weiß auch von vielen meiner Leser , daß Sie sie sehr fest halten ! S. 185 . Das Komödienhaus - S. 210 . Das Parterre - enthält nicht viel Empfindsames : aber ich denke doch auch gewiß nichts böses , nichts anstößiges . Nur ist die eine empfindsame Situation mehr leicht berührt , als erzählt - Ich meine , die S. 213 . Es wäre allerdings der Mühe wert gewesen , dem Gange der Empfindungen nachzuspüren - bei einem leicht zu rührenden Herzen , die in ihrem ganzen Leben keine Tragödie gehört hat und nun die erste hört - Nun die Spazierfahrt oder Das garstige Ding S. 229 . Ich habe Urteile über diese Geschichte gehört , die mir das Haar zu Berge gesträubt haben . Ein Theologe ? Untersteht sich , schämt sich nicht von einem Hurenhause zu schreiben ? Pfui ! Aber Du , der Du so sagst , ließ , ließ , ließ ! Was habe ich davon geschrieben ? Was ist meine Absicht , die Jugend dahinein oder da heraus zu führen ? Jedes unkeusche , schlüpfrige Wort , jeder unmoralische Gedanke , werde an mir auf das nachdrücklichste gerügt ! Ich unterwerfe mich freiwillig ! Der Artikel La Naive enthält von meiner Seite viel gut gemeintes - Ich wollte darin den Charakter eines Mädchens bilden , an den die besten Eltern , der beste Lehrmeister Gellert und die beste Mutter Natur gleichen Anteil haben Aber ein solcher Charakter war über meine Kräfte ! Ich habe ihn wo nicht ganz verpfuscht , doch gewiß nicht rein ausgemahlt. S. 302 . Die Wallfahrt nach Gellerts Grab - - mag übrigens so schlecht sein , wie sie will , so ist sie doch nicht unmoralisch und so wie sie mit der Erscheinung der gutherzigen Bekerin verknüpft wird , vielleicht - auszuhalten . Das ist der Erste Teil , der , substractis subtradeudis , kaum , kaum 100 gute Seiten enthält . Der zweite - ist gewiß schlechter als der erste - zwar nicht so voll von groben Fehlern - mein Witz ist mir nicht so oft mit dem Verstande davon gelaufen , wie im Ersten - aber desto leerer an Empfindungen . Fast lauter Räsonnement lauter Ausschweifung - gar keine Geschichte - Ausser der gutherzigen Bekerin , die ihre Rolle fortspielt - Ausser der Totengräbergeschichte , von S. 128 u. s. w. - Ausser der Duell- und Türkengeschichte , an der jedoch noch eine ganze Menge zu verbessern stünde , enthält er nichts als ein Gewebe von Unwahrscheinlichkeiten , das sich von S. 140 bis 195 erstreckt . Mit diesen habe ich nichts mehr zu schaffen - Ich mag es auch nicht einmal mehr ansehen und seine Fehler aufsuchen - Die Stelle S. 45 würde ich nicht zum zweitenmal schreiben - Die Parenthese von S. 76 bis 77 nehme ich ganz zurück - Es ist mir darin eine sehr mögliche Mißdeutung gezeigt worden , die ich beim Schreiben nicht vorhergesehen habe und nun befürchten muß - Genug , ich nehme sie zurück - Der Artikel von der tragischen Operette ist Gewäsche - Vielleicht könnte ich einst eine liefern : Aber , ich glaube doch meine Zeit besser anwenden zu können - Fort zum dritten Teile ! Aber von diesem bin ich wohl noch nicht im Stande mein Urteil zu fällen - Er ist für mich noch zu neu - Ich klebe noch zu sehr daran - Dieses aber weiß ich jetzt schon , daß er weit moralischer ist , als der zweite - Daß er mit weniger Unbändigkeit geschrieben ist als der erste - Wie der Einfall mit Herr Zebedäus Waltern gefallen wird , muß ich erwarten ! Ich denke , seine Sprache habe ich getroffen , wenn es auch weiter nichts ist - Aber freilich führt dieser Einfall unvermeidlich eine verzweifelte Langeweile mit sich - An Herr Waltern und von Herr Waltern , und wieder an Herr Waltern , was gar nicht an ihn gehört - Überdem schwatzt Herr Walther oft über seinen Horizont - Das Lustspielchen z. E. so schlecht es auch ist , so gewiß war es über seine Kräfte ! Gut , daß ich noch einmal an dieses Ding denke . Ich habe es schon kritisiert : aber jetzt würde ich es noch strenger kritisieren - Es hat , dünkt mich , nicht mehr , als 2 gute hervorstehende Szenen , aber auch 2 recht gute , auf die ich gegen den größten Kenner des Theaters pariere - Die letzte , und die , ich weiß selbst nicht , die wie vielte , kurz diese , wo die Frau von Taubenhain zuerst ihren Gemahl erblickt - In diesen wird man , denke ich , die Natur nicht verkennen ! Wären alle übrigen Szenen von gleichem Gehalte - ich wüßte nicht , was ich darum gäbe : aber so sind es nichts , als Monologen - Episoden - Erzählungen , so daß dies kleine Stück nie sein Glück auf dem Theater machen kann , machen wird - An der Sprache wird nicht viel zu tadeln sein ! Ich denke , die Sprache des gemeinen Lebens größtenteils in meiner Gewalt zu haben : Aber wo ist das Gedankenreiche , das die Sprache des Theaters über die Fadsprache des gemeinen Lebens erheben soll - oder sich vielmehr mit ihr vereinigen soll ? Wo ist das Gedankenreiche , das Lessing allen theatralischen Dichtern so angelegentlich empfiehlt und das der neidische Mann nur für sich allein behält ? - Aber ich werde vielleicht durch dieses kleine Lustspiel wieder Ärgernis gegeben haben ! Ein Theologe ein Lustspiel ? Himmel , welche Vermessenheit ! Und noch dazu eine unschuldige Ehebrecherin ? In die Hölle mit solche Bubens , daß sie brennen , wie ein Talglicht ! Nun , nun , recht gern : Nur bitte ich , mich an Gellerts - an meines lieben Gellerts Seite brennen zu lassen , Der auch Lustspiele geschrieben hat - Und nun , meine lieben Leser ! Lasse ich alles noch übrige stehen und liegen und - nehme von Ihnen Abschied ! Leben Sie wohl ! Haben Sie Dank ! Bleiben Sie mir , aller meiner Fehler ungeachtet , geneigt ! Wir sehen uns über kurz oder lang wieder - das hat seine Richtigkeit - nur auf einem anderen Wege und ich möchte doch gern , daß sie mich bei unserer schierstkünftigen Zusammenkunft gleich auf den ersten Blick wiederkennten - Merken Sie sich nur die Haupttraits , so können Sie nicht fehlen - Ich bin stets mit aller Aufrichtigkeit Magdeburg den 25 April 1772 . Ihr dankbarer Freund Schummel .